1823_Schopenhauer_091 Topic 3

Johanna Schopenhauer

Die Tante

Ein Roman

Even so it was with me, when I was young:

It is the show and seal of nature's truth,

Where love's strong passion is impress'd in youth:

By our remenbrances of days foregone,

Such were our faults; or then we thougt them none.

SHAKESPEARES All's well that ends well.

Act I. Scene III.

Erster Band

Babet und Agathe, zwei sehr hubsche Madchen von sechszehn und siebenzehn Jahren, sassen an einem rauhen Herbstabende, in der trubseligsten Stimmung von der Welt, ganz allein bei einander. Draussen peitschte der Sturm mit lautem Geprassel Regen und Hagel gegen das Fenster des Kabinets, und im Nebenzimmer lag ihre todtkranke Verwandte Vicktorine, die einzige Tochter des reichen Handelsherrn Kleeborn, der seit dem fruhen Tode ihrer Eltern sich als der Bruder ihrer Mutter der armen verwaiseten Kinder vaterlich annahm.

Wenn sie auch der Kranken wegen sich nicht hatten Zwang anthun mussen, so war doch ohnehin, den beiden Madchen nicht so zu Muthe, dass sie wie sonst hatten mit einander um die Wette plaudern mogen; denn seit Jahr und Tag, das heisst, seit sie aus der Pensionsanstalt in das Haus ihres Oheims kamen, waren ihnen zum erstenmale zwei todtlich lange Wochen ohne Ball, ohne Theater, ohne irgend eine Art von Gesellschaft, langsam voruber geschlichen. Daher wussten sie auch gar nichts ordentliches zu reden; am liebsten waren sie aus lauter Langerweile gleich zu Bette gegangen, obgleich es eben erst Abend ward; aber das ging auch nicht an, denn es war an ihnen die Reihe, diese Nacht bei der kranken Kusine zu wachen. Es schamte sich nur eine vor der andern, sonst hatte jede sich gern in einen Winkel hingesetzt, und nach Herzenslust drauf los geweint, so beklommen war ihnen zu Muthe.

Nachdem sie eine feine Weile so trubseelig da gesessen hatten, begannen sie so leise als moglich auf den Fussspitzen nebeneinander in dem kleinen Zimmer umher zu schleichen, bis Babet sehr nachdenklich am Fenster stehen blieb, den zierlichen Finger an die hubsche Nase legte, und nach einer kleinen Pause mit fast heroischem Anstande ausrief: "richtig! der Schwarze!" so dass Agathe daruber, der draussen herrschenden Dunkelheit vergessend, mit dem Kopfchen neugierig gegen das Fenster fuhr. Die Scheiben klirrten, Agathe klagte weinerlich: "Das war recht malizios von dir!" und rieb sich die schmerzende Stirn. "Ich weis gar nicht was du darunter suchst," setzte sie hinzu. "Und ich weis gar nicht was es dich angeht," erwiederte Babet. "So? und hast du mir nicht gesagt?" eiferte Agathe. Babet meinte, das hatte sie eben nicht, und nun gieng der Zwist wieder los, gerade wie gestern Abend, da sich beide blos fur die Langeweile recht tuchtig mit einander herumgestritten hatten.

Manch heisses Thranchen war schon von beiden Seiten geflossen, als Babet endlich heraus schluchzte: "es ist doch zu arg, dass man nun nicht einmal mehr uberlegen darf, was man morgen in der Kirche fur einen Huth aufsetzen will" "Was? Huth aufsetzen?" fragte, schnell sich erheiternd, Agathe, "liebste Babet! ich meinte wahrhaftig, du sahest draussen den Schwarzen, ach du weist ja, wen wir so nennen; den hubschen Lieutenant meinte ich!"

Die unwiederstehlichste Lust zum Lachen hemmte jetzt aufs schnellste den Erguss der Thranen bei beiden Madchen; vergebens tonte gleich einem nahenden Gewitter, das warnende Husten der alten franzosischen Mamsell aus dem Krankenzimmer zu ihnen heruber; sie waren nicht im Stande sich zu fassen. Das Lachen horte nicht auf, selbst als die Mamsell ein sehr ernsthaftes: "fi donc, mes enfants!" zur halbgeoffneten Thure hereinflusterte; sie stopften sich zwar die kleinen Batisttucher in den niedlichen Mund, aber es half wenig. Endlich schmiegten sich alle beide in des Onkels grossen Lehnstuhl hinein, und legten, noch immer kichernd, die Lockenkopfchen dicht aneinander.

Nach und nach war es jetzt im Zimmer beinah ganz dunkel geworden, denn man hatte vergessen ihnen Licht zu bringen; dazu orgelte der Wind im Kamin, und pfiff in schneidenden Tonen durch die langen Gange des weitlauftigen Hauses, so dass den Madchen, trotz dem Lachen, ein kleines Grauen anwandelte. Sie mochten sich weder regen, noch einander loslassen, und fiengen daher lieber an von ihren Herzensangelegenheiten mit einander zu plaudern; denn dieses war so recht ein Stundchen dazu.

"Sage einmal," flusterte Agathe, "geht er denn in die Kirche, wenn du den schwarzen Huth aufsetzest?" "Ei bewahre!" antwortete Babet, "aber er wartet ja alle Sonntage mit den Andern an der Kirchthure, um die Damen zu sehen, die hineingehen; mich grusst er dann immer ganz absonderlich, den schwarzen Huth kennt er aber noch gar nicht an mir, weil der noch neu ist, und er kleidet mich doch am besten, wie du weisst." "Ach Gott! nun habe ich den armen Theodor schon seit acht Tagen nicht gesehen!" setzte Babet mit einem recht klaglichen Seufzer hinzu, "waren nur die Ferien nicht so schnell voruber! wie lange wird es wahren, so muss er wieder nach Gottingen! Das alberne Studiren! Ach und nun ist Montag die neue grosse Oper und Dinstag Ball im Kassino! Was hilft es mir nun, dass ich zum ersten Walzer, zur zwoten Quadrille und zum Kotillion mit ihm engagirt bin? Da haben sie nun alle mich so beneidet! und nun bin ich doch so unglucklich!"

"Ach ja! es ist eine rechte Noth," seufzte Agathe, "und darum will ich mich auch niemals verlieben, all' mein Lebtage nicht." "Ich dachte gar!" rief lachend Babet, "willst du eine alte Jungfer werden wie die Tante?" "Ach die adliche Tante, sprich nur nicht von der!" erwiederte Agathe ganz argerlich. "Ich wollte die sasse wo der Pfeffer wachst, oder wo sie bis jezt gesessen hat. Der Onkel hatte auch nicht nothig gehabt, sie Vicktorinen wegen zu verschreiben, die hatten wir wohl ohne ihre Hulfe gepflegt, und ware auch wohl so gesund geworden. Ich kenne zwar die Tante noch gar nicht." "Ich auch nicht," fiel Babet ein, "aber sie ist mir doch auch eben so fatal als dir. Gieb nur Acht, wie die uns wird behofmeistern wollen, als wenn wir nicht schon mit der Mamsell Noth genug hatten. Und eigentlich ist sie nicht einmal unsere rechte Tante, denn unsere Mutter war doch die leibliche Schwester des Onkels Kleeborn, sie aber ist nur die Schwester seiner seeligen Frau, und obendrein eine Nonne oder so etwas."

"Stiftsdame ist sie," fiel Agathe belehrend ein, "doch wir wollen schon sehen, wie wir mit ihr fertig werden," fuhr sie fort, "lass uns jezt nur wieder auf den Schwarzen kommen. Siehst du, ich thue nur so, als ob ich Theil an ihm nahme, denn man muss in der Welt alles mitmachen, aber ich heurathe ihn nicht, wenn er auch um mich anhalt, das kann ich dir auf Ehre versichern." Hiermit lehnte sich Agathe sehr gravitatisch in den Lehnstuhl zuruck, und that dabei so ernsthaft, dass Babet wieder laut auflachen musste. "Kennst du ihn denn so gut?" fragte diese. "Bewahre!" war die Antwort, "ich meinte nur, wenn ich ihn kennte, und eigentlich kenne ich ihn doch. Du weisst, wie oft wir mit einander getanzt haben, und er ist auch schon zweimal hier nebenan bei Obristens zum Besuch gewesen, da habe ich jedes Wort gehort was er gesagt hat, und ich kann dich versichern, es war alles sehr vernunftig, du kannst es mir glauben." "Warst du denn bei Obristens zum Besuch? Das hast du mir ja noch gar nicht erzahlt," fragte Babet. "Ach nein," antwortete Agathe, "ich hatte nur wegen des Geldbeutels, den ich dem Onkel zu Weihnachten hakkeln will, mit Amelie nothwendig zu sprechen, und da stand ich ein wenig hinter der Thure." "Ja so!" erwiederte Babet bedachtig, "nun ich wollte, mein Theodor machte jezt nur auch bald ein Ende, und sprache mit dem Onkel. Eigentlich hat er auf Ostern ausstudirt, Pfingsten kann er sich examiniren lassen, dann wird er auf Johanni angestellt" "und heurathet dich auf Michaeli, das geht ja alles Quartalweise bei dir," fiel Babet lachend ein.

"Das Fraulein Tante kommt!" rief jezt ein vorubereilender Bediente ins Kabinet hinein, und beide Madchen nahmen sich schnell zusammen, um der Gefurchteten entgegen zu gehen. Sie fanden die Ankommende noch auf der, mit Marmor getafelten Hausflur, von vorleuchtenden Bedienten umgeben, welche sie in die fur sie bereiteten Zimmer fuhren wollten. Es war eine hohe, schlanke, Ehrfurcht gebietende Gestalt, die in dem schwarzen, knapp anschliessenden Reisekleide, mit dem schwarzen Spitzenschleier uber dem dicht anliegenden, weissen Haubchen wirklich ein ziemlich nonnenartiges Ansehen hatte. Die edlen, etwas scharf gezeichneten Zuge des blassen Gesichts trugen noch unverkennbare Spuren ehemaliger seltner Schonheit; die leicht beweglichen feinen Lippen des noch immer schonen Mundes bezeichneten, wie bei Andern das Auge, jede vorubergehende Empfindung mit einem ganz eigenthumlichen Ausdrucke. Die grossen hellblauen Augen hingegen schienen auf den ersten Anblick beinahe farblos und unbedeutend, doch wenn sie, wahrend die Tante sprach, sich belebten, so drang eine solche innere Lebensgluth aus ihnen hervor, dass man sie fur ungewohnlich schon anerkennen musste. Es lag etwas Sudlich-schwarmendes im Aufschlage dieser, noch immer von langen dunkeln Wimpern beschatteten Augen, das an jene herrlichen Darstellungen der Mater dolorosa erinnerte, wie wir sie noch in alten Kirchen zuweilen sehen.

Uebrigens schien die Tante kaum funfzig Jahre zu zahlen, obgleich sie fast zehn Jahre alter war. Die Hand der Zeit hatte die etwas stolze Haltung des hohen Wuchses nicht gebeugt, und das noch immer weiche blonde Haar zeigte nur fast unmerkbare Spuren von Reife des Alters. Die ganze Erscheinung dieser Dame stellte sich als eine jener begunstigten Ausnahmen dar, welche die Zeit zuweilen nur mit mildem schonenden Hauche zu beruhren wagt, um ein seltenes Meisterwerk der Natur so spat als moglich verbluhen zu lassen.

So hatten weder Agathe noch Babet sich die Tante gedacht. Sie begrussten sie angstlich verlegen, und zogen dann so ehrfurchtsvoll hinter ihr drein, um sie in ihre Zimmer zu begleiten, als ware sie eine Konigin. Obgleich Beide nur noch vor wenigen Minuten sehr vorlaut uber sie abgesprochen hatten, so waren sie jetzt doch so befangen, dass sie nur verstohlen es wagten, den prufenden Blick zu ihr und zu einem sehr jungen, sehr schonen und sehr bleichen Madchen zu erheben, das, sichtbar ermattet, auf ihren Arm sich stuzte.

"Der Onkel ist nicht zu Hause, wir wollen ihn aber gleich holen lassen," stotterte Agathe. "Er ist im Kassino, wo er alle Abend sein Parthiechen macht und gewohnlich erst nach Mitternacht zu Hause kommt," setzte Babet, sich ermuthigend, hinzu. "Dort lasst ihn in Ruhe, ich bitte, ich werde morgen ihn sehen, sprach die Tante sehr freundlich, "fur jezt wunsche ich nun Mamsell Virnot zu sprechen, um genau zu erfahren, wie es mit unsrer Vicktorine steht. Euch aber, liebe Nichten denn das seid ihr doch, denke ich?" "Ach ja, Babet und Agathe," riefen beide Madchen im Chor. "Nun denn, liebe Babet und liebe Agathe, euch beiden empfehle ich hier meine Pflegetochter, sie heisst Angelika. Ich bitte euch nicht, sie zu lieben, denn das findet sich gewiss von selbst, nehmt euch nur furs erste ihrer freundlich an, und helft dem armen, reisemuden Kinde zur Ruhe zu kommen." Mitternacht war langst voruber; Vicktorine lag leise athmend im tiefen Schlummer, von dem der noch spat sie besuchende Arzt die heilsamsten Folgen gehofft hatte. Auch Agathe und Babet waren schon vor ein paar Stunden zu Bette geschickt worden, denn die Tante, welche sich von der heutigen sehr kurzen Tagereise gar nicht ermudet fuhlte, hatte darauf bestanden, an ihrer Stelle bei der Kranken zu wachen. Die Jugend, sprach sie zu ihrer alten Freundin Virnot, indem sie fur die beiden schlafrigen Kinder vorbat, die Jugend bedarf zum Gedeihen des Schlafes, wie die erbluhende Pflanze den erquickenden Thau. Anders ist es mit uns, deren Lebenstag sich schon dem Untergange zuneigt, da wird die Natur selbst genugsamer, und lehrt uns, mit den Stunden haushalten, die uns vielleicht nur noch sehr sparsam zugezahlt sind.

So sass sie denn jezt in dem, an das Krankenzimmer stossenden Kabinette, in dem nehmlichen Lehnstuhle, in welchem vor ein paar Stunden Babet und Agathe einander ihren Liebeskummer geklagt hatten, und ihr gegenuber, die beim Schein der verdusterten Lampe emsig strickende Franzosin. Die Thure des Nebenzimmers stand offen, keine Bewegung der Kranken konnte ihren Wachterinnen entgehen, doch sie schlief fest und ruhig.

"Gute Virnot," hob die Tante das leise flusternde Gesprach an, "liebe alte treue Freundin, ich muss diese ersten Augenblicke ungestorten Beisammenseyns benutzen, um Ihnen fur die unsagliche Liebe zu danken, mit der Sie meiner armen Vicktorine sich annehmen."

"Ach das liebe Kind!" erwiederte freudig die Franzosin, "es ist ja, als ware es das meine. Je l'ai vu naitre; diese Arme haben sie von ihrer Kindheit an getragen; wie sollte ich sie nicht lieben? c'est un coeur excellent, ein wenig heftig, ein wenig hochfahrend zuweilen, doch das macht die Jugend; der Grund ist vortrefflich, c'est le vrai portrait de feu Madame sa mere. Wenn ich dagegen Babet und Agathe mit ihr vergleiche! ach Ihro Hochwurden! ces chers Enfants sind ein paar maliziose kleine Kreaturen."

"Nicht doch, gute Virnot," fiel die Tante lachelnd ein, "unartig mogen sie wohl zuweilen seyn, das gebe ich zu, aber nicht boshaft, denn die Jugend ist dies selten oder nie. Doch lassen Sie uns jezt lieber von unsrer Vicktorine sprechen. Es sind nun zwolf Jahre, dass ich weder sie noch ihren Vater gesehen habe, und ich stehe da mitten unter den Meinen, gleich einer Fremden. Dennoch hangt jezt mein ganzes Herz an dem theuern Ebenbilde meiner fruh zur Ruhe gegangenen Schwester, das ich als sechsjahriges Kind verlassen habe, und jezt als achtzehnjahrige Jungfrau wieder finde."

"Und wie sie sich entwickelt hat, cette chere petite Victorine, rief die Guvernante. Belle comme le jour, Madame, je vous assure. In gesunden Tagen war keine von unsern jungen Demoiselles ihr zu vergleichen, sie war die Krone von allen, und jezt, helas!"

"Sie wird es wieder, gute Virnot," trostete die Tante; doch diese seufzte, "ah Madame! ich furchte, der Arzt wird fur unsre Vicktorine nur wenig thun konnen, denn was sie heilen soll, ist in keiner Apotheke zu finden. Hatte sie mir nur vertraut, aber da hat sie geschwiegen und geweint, und geweint und geschwiegen, und nun liegt sie da."

"Liebe Virnot, wie Sie mich erschrecken!" rief die Tante, "ich beschwore Sie, sagen Sie mir alles, was Sie von dem geliebten Kinde wissen oder vermuthen, es sei noch so wenig, noch so unbestimmt. Es ist durchaus nothwendig, dass ich einigermassen vorbereitet sei, ehe ich es versuche, Vicktorinens Vertrauen mir zu gewinnen. Ich hoffe, sie wird zu mir ein Herz fassen, sie wird mich um ihrer Mutter willen lieben, obgleich sie mich nur aus den Briefen kennt, die wir bisher, selten genug, mit einander gewechselt haben. Leider war ich stets mit Vicktorinens Umgebungen zu wenig bekannt, um auf das Gemuth meiner Nichte entscheidend wirken zu konnen. Nur Sie kenne ich in diesem Hause, liebe Virnot, und die Treue, welche Sie so viele Jahre hindurch meiner Schwester und ihrem Kinde bewiesen, alle andern sind mir fremd, sogar Vicktorinens Vater; wir sind in geistiger Hinsicht einander nie naher gekommen. Liebe zu dem einzigen Kinde meiner Schwester konnte allein mich bewegen, seinen dringenden Bitten nachzugeben und die geliebte Einsamkeit meines Stiftes mit dem Leben in dieser gerauschvollen Stadt auf einige Zeit zu vertauschen."

"Et Dieu en soit loue mille fois," rief die ehrliche Virnot; "denn dieses haus bedarf jezt mehr als je an seiner Spitze einer Dame, wie Ihro Hochwurden Gnaden sind, und unsre junge Demoiselle einer Leitung, wie Sie allein ihr gewahren konnen. Ich war ja von jeher nur ihre Bonne. Zwar obgleich ich nicht in Frankreich selbst, sondern nur in der franzosischen Kolonie zu Berlin geboren bin, franzosisch hat sie dennoch von mir gelernt. Madame, elle parle comme une petite parisienne, sie hat so ganz den achten Accent in ihrer Gewalt, eh bien, das sind Gaben von Gott. Dabei hat sie ein gewisses maintien, gewisse Manieren, wie eine kleine Prinzessin. Das alles ist aber doch nicht genug, maintenant qu'elle est une grande Demoiselle, kann ich das liebe Kind doch nicht mehr uberall hinbegleiten, uberdem liegt die ganze Haushaltung auf mir, und so ist es allerdings ein grosses Gluck, dass Ihro Hochwurden Gnaden sich der Noth annehmen wollen."

"Lassen Sie mich vor allen Dingen Sie bitten, liebe Virnot, mich mit dem Titel zu verschonen, den ich ausserhalb meines Stiftes, und besonders hier, ubel angebracht finde; und nun machen Sie mich mit der Noth bekannt, welcher abzuhelfen, hier meine einzige Sorge sein soll;" sprach die Tante.

"Eh bien donc, Madame, vous le voulez," erwiederte die Franzosin, nahm die Brille ab, legte ihr Strickzeug zusammen, und ruckte im Sessel sich zurecht, dann fuhr sie folgendermassen fort. "Au fond, glaube ich, liegt die Schuld wohl grosstentheils am cher Papa. Herr Kleeborn ist zwar ein sehr braver Mann, der sein Kind liebt, wie ein rechtlicher Vater soll und muss. Er lasst es Vicktorinen an nichts fehlen, er halt ihr die theuersten maitres, in allem, was eine solche junge Demoiselle zu lernen hat, sein Haus ist das brillianteste in der Stadt. Ach Ihro Gnaden konnen gar nicht glauben, wie ich mich tummeln muss, bei den ewigen Feten, die wir geben; denn obgleich wir Bedienten die Menge haben, liegt doch alles auf der alten Virnot, mais je le fais de bon coeur. Ja, was ich sagen wollte, um wieder auf unsern Text zu kommen, ja, und eine Garderobe hat unsre jeune Demoiselle, comme une petite Reine, je vous assure, Schmuck und alles, was dazu gehort."

"Nun das alles will indessen nicht viel sagen, Herr Kleeborn besizt ein furstliches Vermogen, Alle an der Borse ziehen den Huth vor ihm ab, und so kann er den Aufwand wohl ertragen. Mais, Madame, entre nous soit dit, das ist nicht immer so gewesen. Es kam einmal eine Zeit, nicht lange vor dem Ableben unsrer seligen Dame, es mogen zehn Jahre und druber sein, das war eine sehr bose Zeit, in der die Stutzen von Europa wankten, wie Herr Kleeborn zu sagen pflegt, wenn jetzt die Rede darauf kommt. Ein eigener Unglucksstern muss damals uber der Handelswelt aufgegangen sein, denn, figurez vous, Madame, in Amsterdam, in London, uberall in den bedeutendsten Handelsstadten fielen die grossten Hauser. Ueberall herrschte Mistrauen, plus de confiance, plus de credit, nulle part. Jeder Tag brachte neue Hiobsposten, und Herr Kleeborn ward immer so bleich, wie hier mein Tuch, ehe er die Briefe, welche an ihn einliefen, im Zimmer von Madame erbrach; denn da trug er sie damals immer hin, weil er sich nicht mehr getraute, sie im Komtoir im Beisein seiner Leute zu eroffnen. Wahrscheinlich furchtete er, sich zur Unzeit zu verrathen, wenn etwa bose Nachrichten kamen. Nun die blieben denn auch nicht aus, und Herr Kleeborn sah sich au bord d'un precipice, wie man zu sagen pflegt. Er war zwar nicht ruinirt, aber er gerieth doch, pour le moment, in sehr dringende Verlegenheit, und nur baares Geld konnte ihn retten, wenn er nicht, wie damals so viele andere, seine Zahlungen suspendiren wollte. Le pauvre homme! Der blosse Gedanke an einen solchen Schritt sezte ihn in Verzweiflung. Meine arme Dame hat in jenen Tagen recht viel mit ihm ausgestanden, denn nur ihr allein vertraute er alles. Ah! comme elle en a pleure!"

"Meine arme Schwester! mir hat sie das alles verschwiegen!" seufzte die Tante. "Das glaube ich," erwiederte die Bonne, "denn sie klagte nie; aber sie hat seitdem wenig frohe Stunden mehr gehabt. Um den Herrn zu trosten, bat sie ihn mit Thranen, sich an ihre reiche Verwandte zu wenden, die sollten ihm helfen. Sie schrieb selbst an den Herrn Grosonkel, der die weitlauftigen Herrschaften in Schlesien besitzt. Auch an alle andere beguterte Mitglieder der Hochadeligen Familie wandten sich beide in dieser Noth, Herr Kleeborn sowohl als Madame; Namen und Reichthumer der hohen Herrschaften sind Ihro Gnaden gewis besser bekannt als mir, mais hier stockte die gutmuthige Erzahlerin, als scheue sie sich weiter zu sprechen, doch ihre Zuhorerin lies nicht ab mit Bitten, bis sie sich entschloss weiter fortzufahren.

"Enfin, Madame, vous le voulez ainsi," fieng sie abermals an, "und so muss ich denn leider bekennen, dass eine abschlagige Antwort der andern folgte, und waren sie auch nicht alle mit dem feinsten menagement abgefasst. Den Zustand meiner beklagenswerthen Dame unter diesen Umstanden, mag ich Ihro Gnaden nicht beschreiben, die Verzweiflung ihres Gemals blieb indessen immer ihr grosster Kummer, an sich dachte sie wenig. Leider aber verschonte sie auch Herr Kleeborn nicht mit Vorwurfen uber das Benehmen ihrer Verwandten, et cependant, Dieu le sait, la pauvre chere femme n'en pouvait rien! Sie trug alles mit der grossten Freundlichkeit, aber ich denke immer, jeder Tag in jener Zeit war ein Nagel zu ihrem Sarg."

Die gute Alte brach bei diesen Worten in Thranen aus, auch ihre Zuhorerin weinte, endlich nahm die Bonne wieder das Wort. "Ah, Madame," seufzte sie, "nous avons bien souffert. Endlich kam Hulfe, wo es der Herr am wenigsten erwartet hatte; ein reiches Amsterdammer Haus, welches schon mit seinem Vater in grossen Verbindungen gestanden hatte, an das er sich aber nicht hatte wenden mogen, weil es ebenfalls bei allen diesen Schlagen nicht verschont geblieben war, schickte Herrn Kleeborn aus eignem Antriebe grosse Summen ein, gab ihm offnen Kredit, zu einer Zeit da der Bruder dem Bruder nicht mehr vertrauen durfte. Herr Kleeborn war nun durch den Edelmuth seiner Handelsfreunde gerettet, er blieb ein wohlbehaltner Mann, und gieng wie ein Konig, mit erhobnem Haupte an der Borse einher, doch meine arme Dame litt darum nicht weniger, denn er warf von diesem Augenblick an einen gewaltigen Hass, nicht nur auf ihre Familie, sondern auf die ganze Noblesse. Er sprach unablassig davon, wie thoricht die Burgerlichen waren, die sich mit Adelichen verbanden, und versicherte, dass er seine Vicktorine lieber Gott, la pauvre petite war damals kaum sieben Jahre alt! dass er sie, sage ich, nie einem andern als einem Kaufmann geben wurde. "Der wahre Kaufmann," pflegte er zu sagen, "hat den achtungswerthesten, nutzlichsten und darum ehrenvollsten Stand erwahlt. Er allein verbindet beide Hemispharen, sein scharfer Blick entdeckt jeden Mangel in den entferntesten Landern, und auf seinen Wink eilen reichbeladene Schiffe von einem Pole zum andern, um diesem Bedurfnis abzuhelfen. Sein Wort, sein Befehl gelten in der neuen Welt wie in der alten, und ein Federzug von ihm sezt hundert Meilen von ihm Millionen Goldes und tausend fleissige Hande in Bewegung." Ne vous etonnez pas, Madame, dass ich dies alles Ihnen so hersagen kann, ich habe die ganze Tirade so viel Hundertmal, fast immer in den nehmlichen Worten wiederholen gehort, dass ich sie endlich wohl auswendig behalten musste. Am Ende dieser Rede sezte Herr Kleeborn gewohnlich hinzu, "lassen Sie einmal einen Reichsgrafen, einen Freiherrn, oder welchen Ihrer edlen Verwandten Sie wollen, es versuchen, Madame, was im Auslande mehr gilt, Ihr uralter, Name, Ihr tausendjahriger Stammbaum, oder meine simple keine funfzig Jahre alte Firma, Martin Nikolaus Kleeborn, von meiner eignen Hand geschrieben. Kaiser und Konige nehmen zu uns ihre Zuflucht, wir mussen allen helfen, aber wenn wir Hulfe brauchen, und sie thorichter Weise bei andern als bei unsers gleichen suchen...." Damit ging denn das alte Lied wieder los, et Madame pleurait! Freilich kam es mir vor, als ob der Herr in der Hauptsache nicht ganz Unrecht haben mochte, aber wozu diese ewigen krankenden Repetitions gegen meine unschuldige Dame? Aussi en avait elle le coeur navre, obgleich sie nie litt, dass ich nur ein Wort daruber sprach. Sie ward endlich dabei des Lebens immer muder und muder, bis sie nach etwa sechs Monaten sich hinlegte und entschlief. Dieu aye pitie de son ame!"

"Eh bien," nahm nach kurzer Pause mit, vor inne

rer Ruhrung noch bebender Stimme, die Bonne wieder das Wort, "eh bien, nun war es an dem Herrn zu weinen, und das hat er denn auch redlich gethan, denn er liebte meine seelige Dame demohnerachtet. Sein Gewissen mochte ihm anfangs wohl manch boses Stundlein machen, wenn er der lezten Zeit gedachte die sie mit ihm verlebt hatte. Doch im Gewuhle der Geschafte gieng das bald voruber. Einige gluckliche Handelsconjuncturen traten bald darauf ein; so nennen sie es nehmlich an der Borse, wenn sie mit ihren Spekulationen viel Geld verdienen. Herr Kleeborn ward mit jedem Jahre immer reicher und reicher, und zulezt der Millionar der er jezt ist. Warend Herr Kleeborn sein Hauswesen immer prachtiger einrichtete, wuchs ebenfalls unsre Vicktorine, seine einzige Erbin, zur schonsten Demoiselle in der Stadt heran. Da gab es bei uns Balle, Concerts, Assemblees, Theatres de Societe; alle angesehenen Fremde, von jedem Range und Stande, sans distinction, fanden dabei Zutritt, et notre chere petite Victorine war wie eine kleine Konigin, au beau milieu de tout cela."

"Armes Kind!" seufzte die Tante. "Ja wohl! stimmte die Bonne mit ein, so ganz allein, dans ce tourbillon, ohne eine chere Maman sie zu souteniren! Indessen muss ich ihr zum Ruhm nachsagen, dass tausend andre junge Demoiselles sich an ihrem Platz ganz anders benommen haben wurden; da ist Mademoiselle Babet par exemple, mais passons la-dessus. Unsre Vicktorine war immer artig und freundlich gegen jedermann, immer sans pretentions. Die Freier blieben denn auch nicht lange aus; manche mochten wohl les beaux yeux de la Cassette de son pere mit in Anschlag bringen, enfin, das ist so der Welt Lauf. Genug Grafen und Barone haben sich um unsre petite Demoiselle beworben, man spricht sogar von einem nahen Verwandten der apanagirten Linie eines regierenden furstlichen Hauses, mais cela reste entre nous."

"Dass Herr Kleeborn an dem Succes seiner schonen Tochter ungemeine Freude hatte, war wohl ganz naturlich, indessen wies er doch alle die vornehmen Parthien, die sich ihr darboten, zwar sehr hoflich, aber doch auch zugleich sehr bestimmt zuruck."

"Er blieb dabei, ihre Hand nur einem Kaufmanne, wie er selbst einer ist, geben zu wollen, und jezt Ihro Gnaden, nous voila arrive au point, jezt sind wir an dem Punkte, will ich sagen "wie denn?" fragte ein wenig ungeduldig die Tante, "an welchem Punkte?" "Nun an dem Punkte," war die Antwort, "von welchem, wie ich glaube die Krankheit Vicktorinens ausgeht. Und gebe Gott, dass ich irre, dass meine Ahnung nicht in Erfullung gehe, mais j'ai un pressentiment bien triste au fond du coeur. Ich furchte, sie fuhlt eine ungluckliche Passion fur einen der grossen vornehmen Herrn, die sich vergeblich um ihre Hand bewarben. Und wenn der cher papa so fortfahrt wie er angefangen hat, so kann sie wie ihre pauvre chere maman ..." "Fassen Sie Muth, gute Virnot, fiel die Tante ein, "furchten Sie nicht gleich das Aergste; ein junges Herz bricht nicht so leicht, weil es immer und gern an der Hofnung halt, und die lasst uns so nicht untergehen. Sagen Sie mir nur vor allen Dingen, kennen Sie den Mann, von dem Sie glauben konnten" "Helas non! ich kenne niemand," seufzte die Bonne. "Wenn Societe da ist," fuhr sie nach einem kleinen Bedenken mit ihrer gewohnten Redseeligkeit fort, "so komme ich nie in den Salon, da habe ich im Hause genug zu thun, c'est la mer a boire. Wahrhaftig, Ihro Gnaden, es thate Noth, dass ich hundert Augen hatte und Flugel dazu. Ich glaube es wohl, liebe Virnot," erwiederte die Tante, "doch sprechen wir von Vicktorinen."

Ah Madame," fieng die Bonne wieder an, "que voulez vous, que je vous en dise? Ich weis nichts weiter, als dass der Papa vor einiger Zeit sie in sein Kabinet rufen liess. Das wunderte mich eben nicht, denn es ist so seine Gewohnheit, wenn er einen neuen Freyer abgewiesen hat, damit Vicktorine doch wisse, wie sie in Zukunft ihr Benehmen gegen den Monsieur en question einrichten soll. Sie blieben wohl eine Stunde bei einander, das war noch nie geschehen. Endlich kam sie zuruck in ihr Zimmer, mais grand Dieu! dans quel etat! Bleich wie eine Sterbende, sag' ich Ihnen, helas! sie sah in dem Augenblick ihrer pauvre maman so ahnlich! Sie schlang ihre beiden lieben schonen Arme um meinen alten Nacken, und weinte so klaglich, wie noch nie seit dem Tode ihrer Mutter. Ich weinte mit, ich wusste zwar nicht, woruber? aber wie konnte ich anders? la pauvre petite me percoit le coeur. Ich versuchte endlich ihr zuzureden, so gut ich es konnte in meiner Unwissenheit von dem, was zwischen ihr und ihrem Vater vorgegangen war, mais, du lieber Gott, was konnte das helfen? Sie horte nicht einmal auf mich. Dabei war sie so heftig, ihre Augen blitzten so wild, ihre Bewegungen waren so egares, ich vergieng bald vor Angst, und wusste nicht, quoi faire. Bald weinte sie, bald stiess sie Klagen und Reden aus, die ich zwar nicht verstand, die ich aber doch nicht anders auslegen kann, que comme j'ai eu l'honneur de le dire a Madame. Das wahrte einige Zeit, sie wankte gleich einem Schatten umher, schrieb viel, weinte noch mehr, bis ein heftiges Fieber ihr Kraft und Besinnung raubte. Seitdem liegt sie da, comme Madame l'a trouvee."

"Heute war ein entscheidender Tag, und der Arzt zufrieden; le bon Dieu en soit beni mille fois. Ich denke, die Gegenwart der chere Tante wird das beste Cordial fur die arme Kranke sein. Wenn sie nur reden wollte! Reden bleibt doch immer der beste Trost!"

Unerachtet der grossen Theilnahme, mit welcher die Tante der guten alten sprachseeligen Franzosin zugehort hatte, konnte sie dennoch bei dieser ihrer lezten Bemerkung ein leichtes Lacheln kaum unterdrucken. Indessen brach der Tag an, die Tante gieng um auszuruhen, und Vicktorine erwachte bald darauf mit allen Anzeigen einer nahen Genesung. Von nun an verlies die Tante Vicktorinen so wenig als moglich. Denn obgleich der Arzt diese fur vollig ausser aller Gefahr erklart hatte, so bedurfte die arme Kranke jezt dennoch einer weit aufmerksamern Pflege als damals, wo sie in dumpfer Bewusstlosigkeit am Scheidewege zwischen Tod und Leben dalag. Nach der Versicherung des Arztes konnte jede, selbst die freudigste Gemuthsbewegung ihr einen, wahrscheinlich todtlichen Ruckfall zuziehen; daher war es der Tante angelegentlichste Sorge, die ununterbrochendste Ruhe in ihrer Nahe zu erhalten und sogar jedes einigermassen interessante, oder auch nur anhaltende Gesprach mit ihr zu vermeiden.

Auch Angelika umschwebte fast unhorbar, gleich einem freundlichen Schutzgeist, das Lager der Kranken, und ohne dabei jemals durch sich ubereilende polternde Hast lastig zu werden, suchte sie jeden Wunsch in ihren Augen zu lesen, um ihn gelassen und zuvorkommend zu erfullen, ehe er noch ausgesprochen ward. Lieben und athmen waren gleichbedeutend fur dieses, nur zu zart besaitete Wesen, aus dessen tiefster Brust jeder Ton des Schmerzes einen wehmuthig verhallenden Nachklang hervor rief, und der Name Angelika hatte fur sie erfunden werden mussen, wenn er nicht schon da gewesen ware, so genau stimmte er zu ihrem Aeussern wie zu ihrem Innern.

Von ihrer fruhsten Kindheit an hatte der armen Angelika die Freude fast nie anders als in fremden Augen gelachelt. An ihrer Wiege wachte nicht mutterliche Liebe, denn ihr Eintritt in das Leben gab der Mutter den Tod und vereinigte diese wieder mit dem geliebten, ihr einige Wochen fruher vorangegangenen Gatten. Die erste Sorge fur das ganz verwaiste Kind fiel also bezahlten Aufsehern zu. Denn Angelika ward, weit entfernt von allen ihren Verwandten, in einer kleinen Stadt, in der Nahe des Rheins geboren, wo ihre Eltern sich erst wenige Monate vorher niedergelassen hatten. Niemand beinahe hatte diese dort anders als dem Namen nach gekannt, selbst der Vormund des armen Kindes wusste wenig von ihnen, und nur der allgemeine Ruf, der diesem braven Manne das Zeugniss strenger Rechtlichkeit gab, hatte Angelikas sterbende Mutter bewogen, ihr ganz verlassnes Neugebohrnes seinem Schutz zu empfehlen. Mit dem besten Willen von der Welt wusste er indessen fur sein armes Mundel nichts besseres zu thun, als es fur ein geringes Kostgeld der Pflege einer, ihm als redlich bekannten Frau zu ubergeben, und indessen den nicht sehr bedeutenden Nachlass der Eltern Angelikas so vortheilhaft als moglich fur sie zu verwalten.

Angelika erreichte ihr achtes Jahr, ohne dass es ihr bei der Frau, der sie anvertraut war, besonders wohl oder ubel ergangen ware, und nun beschloss ihr Vormund, sie nach Frankreich in eine Erziehungsanstalt zu bringen. Denn er fuhlte eine unendliche Vorliebe fur dieses Land, in welchem er seine eigene Jugend verlebt hatte, und war fest uberzeugt, dass ein mittelloses Fraulein wie Angelika sich nur dort die nothigen Talente erwerben konne, um einst als Guvernante furstlicher Kinder, oder als Gesellschafterin einer Dame von hohem Stande ihr Fortkommen in der Welt zu finden.

Die weltberuhmten Erziehungsanstalten in und um Paris waren freilich fur die sehr beschrankten Vermogensumstande Angelikas viel zu kostbar, doch ein in Angouleme wohnender Jugendfreund ihres Vormundes empfahl diesem ein in jener Stadt bestehendes Institut dieser Art nicht nur als sehr wohlfeil, sondern auch als ganz vorzuglich. Der Vormund freute sich hier einen so vortreflichen Ausweg fur sein Mundel gefunden zu haben, und entschloss sich um so eher, es dorthin zu schicken, da sich zufalliger Weise eine vorzuglich gute Gelegenheit ihm darbot, die Kleine in sicherer Begleitung hinzuschaffen.

So musste denn die arme Waise fern vom Vaterlande, in einer der abschreckend schmuzigsten, traurigsten Stadte des sudlichen Frankreichs den schonen, nie wiederkehrenden Fruhling ihres Lebens unter Menschen verleben, denen sie fremd blieb, selbst nachdem sie es gelernt hatte, deren Sprache zu verstehen. In dem Hause, dem sie anvertraut wurde, war alles klosterlicher Zwang, sogar das Vergnugen. Ueber eine ziemlich bedeutende Anzahl aus allen Ecken der Welt, sogar aus Amerika dort zusammengekommner junger Madchen, herrschten drei bis vier Unterguvernantinnen, gleich strengen Zuchtmeisterinnen, und diese selbst standen wiederum unter dem gewaltigen Scepter einer Vorgesezten, die sich fast wie eine Gottheit von ihren Untergebenen sclavisch verehren lies. Die Zoglinge waren mehrentheils alle durch Alter, Vaterland, Sprache, Talent und Gemuthsart wesentlich von einander verschieden, und wurden dennoch vollkommen gleich behandelt; alle waren strengen, angstlichen Formen unterworfen, die einzig erdacht zu sein schienen, jede frohe Regung eines jugendlichen Gemuths zu ersticken.

Die arme Angelika glich hier vollkommen dem Epheu, der, in einen engen Scherben verpflanzt, muhseelig fortvegetirt, und vergebens die schlanken Zweige nach allen Seiten hinstreckt, um einen Gegenstand zu finden, den er liebend umfassen konnte. Ein einziges, ihr namenlos bleibendes Gefuhl unendlicher Sehnsucht bemachtigte sich ihres ganzen Wesens, aber sie fand nicht einmal eine Seele, die es der Muhe werth gehalten hatte, sich von ihr lieben zu lassen. Sie hatte Jugendgenossen, aber keine Jugendfreundin, und uberhaupt niemanden in der weiten Welt, zu dem sie hatte sagen konnen: Dir gehore ich an; oder der auch nur theilnehmend sich ihr zugeneigt hatte.

Die Zeit vergeht indessen dem Glucklichen wie dem Unglucklichen, und so flog sie denn auch an Angelika voruber, und nahm deren freudenarme Kindheit mit sich fort. Wie auf einsamer Alpe die, im nakten Felsen durftig wurzelnde Pflanze oft schoner ihr Haupt erhebt, als ihre im Garten sorgsam gepflegte, glucklichere Schwester, so wuchs auch die Verlassne unter Entbehrungen aller Art und Uebung sehr herber Pflichten, mit ihrem vereinsamten Herzen, nicht minder schon zur Jungfrau heran als eine Gluckliche. Sie hatte das Wort Liebe nie anders als im religiosen Sinn gehort, nie einen Roman gesehen, viel weniger gelesen; sie war nie im Theater gewesen, sah keinen Mann ausser den Lehrern in ihrem Institut, und diese waren alle in ihrem muhseeligen Berufe grau geworden, dankten Gott, wenn die Stunde schlug, die ihnen das Ende ihres peinlichen Tagewerks verkundete. Und dennoch schwebte vor dem innern Sinne der armen Angelika ein namenloses Ideal, das ihre stille Fantasie mit den herrlichsten Eigenschaften zu schmucken wusste. Es verschonte, im Wachen wie im Schlummer ihren Traum, es lieh der ihr ganz unbekannten Welt einen zauberischen Glanz und lehrte dem einsamen Madchen mitten im Zwange seiner verarmten Jugend, alles Entzucken der ungemessensten Aufopferung, der zartesten Anhanglichkeit, ja die ganze unendliche Seeligkeit zweier, Liebe um Liebe hingebender Wesen vorahnend empfinden.

Als Angelika ihr sechzehntes Jahr erreicht hatte, entschloss sich ihr Vormund, sie selbst aus Angouleme abzuholen, um sie nach dem nordlichen Deutschland, in das Haus eines nahen Verwandten ihres verstorbenen Vaters zu geleiten, der es endlich fur gut gefunden hatte, der Existenz seiner Nichte sich zu erinnern. In der Familie desselben sollte sie denn noch ein Jahr lang verweilen, um deutsche Sprache und Sitte zu lernen, ehe sie eine Hofdamenstelle bei einer einsam lebenden verwittweten Furstin antrate, zu welcher ihre Verwandten ihr indessen die Anwartschaft zu verschaffen bemuht gewesen waren. Angelika zitterte vor banger Freude als sie das Haus betrat, in welchem sie zum erstenmal in ihrem Leben Personen finden sollte, die ihren Namen trugen, und an deren Theilnahme sie Anspruch zu haben glaubte. Sie war so fest entschlossen, sie innigst zu lieben; doch auch hier kam gleich beim Empfange ihrem, von heisser Sehnsucht erfullten Gemuthe, die kalteste Berechnung steifer Formlichkeiten entgegen, so dass sie davor zusammenschrack, wie die Sensitive wenn der kalte Hauch des Nordwindes uber sie hinfahrt.

Angelika empfand gleich in der ersten Stunde, welche sie unter ihren Verwandten verlebte, dass sie durch Sprache und Anstand, sogar durch ihre Kleidung ihnen hochstens ein Gegenstand der Duldung, doch nie der Liebe werden konne. Sie stand mitten unter ihnen wie eine Fremde, denn sie schien durch diese Aeusserlichkeiten einem Volke anzugehoren, gegen dessen, alles zertretenden Uebermuth gerade in jenem Momente sich jedes deutsche Herz emporte, jeder waffenfahige Arm sich erhob.

Indessen war Angelika trotz dem aussern Scheine, den man ihr ohne ihr Zuthun aufgedrungen hatte, dennoch sehr weit davon entfernt, Frankreich zu lieben, von dem sie nichts weiter kannte, als die alte dustre Stadt, und in dieser das Haus, wo sie ihre erste Jugendzeit in trubseeliger Beschranktheit hingeschmachtet hatte. Denn alles ubrige war ihr sogar bis auf den Namen davon fremd geblieben.

Sie hatte immer mit heisser Sehnsucht, diesem Grundtone ihres Daseins, an ihrem Vaterlande festgehalten, dessen Bild ihr noch aus ihren Kinderjahren vorschwebte, verherrlicht durch jenen Zauberglanz, mit welchem Entfernung und Entbehren jeden Gegenstand schmucken.

Sie war sogar heimlich bemuht gewesen, ihre Muttersprache nicht ganz zu vergessen, und hatte, gleich einem werthen Heiligthume, ein paar kleine Kinderbuchelchen sorgfaltig aufbewahrt, die sie aus ihrer Geburtsstadt mit sich nach Frankreich gebracht. So lange sie in dem Erziehungsinstitute war, las sie in mancher einsamen Viertelstunde sich selbst aus diesen Buchern laut vor, um nur die sussen vaterlandischen Tone zu horen, und sezte dieses sogar dann noch fort, als der Inhalt ihrer armlichen Bibliothek ihrem hoher entwickelten Geiste schon langst nicht mehr zusagen konnte.

So vorbereitet war es ihr nicht schwer, ihrer Muttersprache bald wieder ganz machtig zu werden. Das ihr bis jezt unbekannte Familienleben im Hause ihrer Verwandten, die herzlichere Sitte ihres Volkes, der Genuss der Natur in einer schonen Gegend, den sie seit ihrer ersten Kindheit entbehren musste, alles dieses vereint, machte ihr Vaterland ihr unendlich theuer, aber sie musste es auch lieben wie sie es liebte, um mit ihrem sanften weichen Gemuthe das Gefuhl des Nazionalhasses zu ertragen, welches damals, unzertrennlich von der Vaterlandsliebe, neben dieser herzog, und sich in allen ihren Umgebungen auf das deutlichste aussprach.

Angelikas Ruckkehr ins Vaterland fiel in jene unvergesliche Zeit, in der ein neu erwachter Heldengeist jede deutsche Brust beseelte. Ein frischer Jugendhauch wehte durch die neu belebte Welt, die so lange unter dem Druck eines Einzigen geseufzet hatte; jedes Herz klopfte in frommer Hoffnung und von allen Seiten eilte Deutschlands streitbare Jugend herbei, und fand bei der gastlichsten Aufnahme in jedem Hause die eben verlassne Heimath wieder.

Auf diese Weise kam auch Ferdinand von Klarenau in das Haus des Barons Sternwald, so hies Angelikas Oheim, bei welchem diese jezt lebte, und in dem einzigen Wesen, das ihr jemals beim ersten Anblicke liebend und vertrauend entgegengetreten war, glaubte das sehnsuchtsvolle Gemuth des so lange vereinsamten Madchens jezt das Urbild ihres Jugendideals gefunden zu haben. Alles zeigte sich ihr von nun an in verschonerndem Lichte, und die Welt erbluhte ihr in nie gesehener Pracht an Ferdinands Hand, denn er war Jungling, Dichter, und Krieger fur Vaterland und Recht. Der freudige Enthusiasmus, der ihn beseelte, theilte auch ihr sich mit; ihr Leben schien ihr jezt erst zu beginnen, und jeder ihrer Athemzuge war ein stilles Dankgebet fur die unendliche Seeligkeit, welche ihr, der Freude ungewohntes Herz kaum zu tragen vermochte.

Da auch die aussern Verhaltnisse die Liebenden begunstigten, so schied Ferdinand aus der geliebten Nahe seiner Angelika als ihr, von ihren Verwandten anerkannter, verlobter Brautigam. Bei seiner Zuruckkunft aus dem Felde sollte ihre Hand den Lohn der Tapferkeit ihm reichen, und die hohe, schone Siegeshoffnung, die aus seinen Augen ihr entgegen stralte, erhob auch sie uber den Schmerz der Scheidestunde, und fuhrte diese linde und leise an Beiden voruber. Ferdinand gieng nun fur die Geliebte zu streiten, Angelika blieb, um fur ihn zu beten.

Als er gieng, kam kein Gedanke daran in das Herz der Armen, dass er gegangen sein konne, um nie wiederzukehren, und doch war es so. Er hatte den Lutzowschen Jagern sich zugesellt, und fand mit diesen seinen tapfern Gesellen im schandlichsten Verrathe den Untergang. Wie er geendet hatte? wusste keiner genau zu berichten; aber er war verschwunden, spurlos, rettungslos, wie so Viele, die mit ihm kampften und fielen.

Gleich einer verstummten Nachtigall, wenn der Fruhling dahin ist, so klagelos, so einsam blieb Angelika zuruck. Ihr ganzes Dasein war von nun an nur ein leises Ach; sie gieng ganz still umher, sie war unendlich freundlich gegen Alle, sie athmete wie sonst, doch jeder Schlag ihres Herzens war ein nie endendes Sterben. Oft dunkte ihr, als musse sie gegen einen bangen Traum ankampfen, dann bat sie Gott mit Thranen: er moge sie erwachen lassen; denn sie konnte an die Wahrheit ihres Elends nicht glauben, bis das heftiger wiederkehrende Weh im Innersten ihrer Brust, sie von neuem fuhlen liess, dass es dennoch so sei, wie es war.

Ihre im Grunde gutmuthigen Verwandten thaten zwar nach ihrer Art alles, was sie vermochten um die Arme zu trosten, doch mit dem besten Willen von der Welt verwundeten sie oft, wo sie zu heilen gedachten. Sie fuhrten sie endlich nach Pyrmont in der Hoffnung, dass das Gewuhl des Badelebens sie zerstreuen wurde, aber sie verflochten sich bald selbst so gewaltig in das allgemeine Treiben der Gesellschaft, dass sie gar nicht bemerken konnten, wie Angelika immer bleicher und stiller ward, je lauter und bunter es in ihrer Nahe zugieng.

Doch gerade hier erbarmte sich endlich ein guter Engel der Leidenden, und fuhrte ihr in Vicktorinens Tante, der Stiftsdame Anna von Falkenhayn, den einzigen Trost zu, der auf Erden fur sie noch zu finden war, den Trost einer weisen, wahrhaft theilnehmenden Freundin. Das allgemeine Mitleid, welches die interessante Erscheinung des bleichen trauernden Madchens jedem einflosste, der es sah, losete sich in Annas edlem Gemuthe gar bald in wahrhaft mutterliche Zuneigung auf, und Angelika erwiederte diese Liebe mit all der Innigkeit, welche von jeher die Lust und die Quaal ihres Lebens gewesen war.

Obgleich Angelika in ihrer stillen Demuth sich nie die leiseste Andeutung von Unzufriedenheit mit ihrer aussern Lage erlaubte, so sah das Fraulein Anna von Falkenhayn doch nur zu bald ein, dass die Umgebungen, in welchen ihre junge Freundin leben musste, einem gebrochenen Herzen durchaus nicht wohlthun konnten. Schon die Art bewies dies, mit der Angelikas Verwandte sich uber das harte Geschick ausliessen, welches diese zarte Pflanze so tief gebeugt hatte. Die Bereitwilligkeit, mit der sie nicht nur das Fraulein, sondern sonst auch noch jedermann, der darnach fragte, zum Vertrauten in dieser Angelegenheit machten, hatte in der That etwas beleidigendes, obgleich sie selbst dieses weder fuhlten, noch wollten; denn sie waren wirklich wohlmeinend und wunschten der armen Angelika zu helfen, nur war sie ihnen von jeher zu ferne geblieben, um von ihnen verstanden zu werden. Endlich entschloss sich Anna von Falkenhayn, vom innigsten Mitleid durchdrungen, zu erbitten, was Angelikas Verwandte ihr mit tausend Freuden gewahrten, um so mehr, da bei der Gemuthsstimmung des armen Madchens und dessen mit jedem Tage tiefer sinkenden Lebenskraft, ohnehin an die Hofdamenstelle nicht mehr gedacht werden durfte. Und so zog sie denn mit ihrer alteren Freundin in deren Heimath, und ward von Letzterer als die Tochter ihres Herzens mit unaussprechlicher Zartheit gepflegt und gewartet wie eine kranke Blume, die man gern wieder aufrichten mochte.

Anna gewann, nach Art aller edlen Frauen, die Leidende immer lieber, je mehr sie fur sie that, und Angelikas Leben hieng dagegen einzig an der wohlthuenden Gegenwart ihrer Beschutzerin. Die Moglichkeit, auch nur wenige Monate fern von dieser leben zu konnen, war ihr undenkbar, und so wurde denn das geliebte Kind bei dem Besuch im Kleebornischen Hause Annas Begleiterin, und theilte freudig mit ihr die liebende Sorge fur Vicktorinen. Nicht nur Vicktorine, deren Genesung mit jedem neuen Tage neue erfreuliche Fortschritte machte, sondern auch alle ubrige Mitglieder der Hausgenossenschaft, empfanden das Wohlthuende der, Ruhe und Ordnung wieder herstellenden Gegenwart der Tante. Die gute alte Virnot wanderte wieder ganz wohlgemuth in gewohnter Geschaftigkeit Trepp' auf, Treppe nieder, ihr Schlusselkorbchen in der Hand, und fuhrte in Kuche und Speisekammer das Regiment uber die zahlreiche, weibliche Dienerschaft.

Auch Babet und Agathe seegneten ihres Theils die Tante und Angelika, weil diese beiden sie der steten Gegenwart in der beengenden Luft des Krankenzimmers uberhoben. Die guten Kinder durften jezt doch wenigstens am Fenster die Vorubergehenden mustern, und da gab es denn einstweilen manches zu besprechen, mitunter auch manchen interessanten Gruss zu erwiedern, denn der schwarze Lieutnant und der blonde Theodor schienen taglich in der Nahe des Kleebornschen Hauses viel zu thun zu haben. Dieser Umstand und die Ueberlegungen, welche man in Hoffnung auf nahe bessre Zeiten, hinsichtlich der Wintergarderobe anzustellen fur nothig fand, gaben unversiegbaren Stoff zur Unterhaltung, so dass furs erste unter den Beiden von Streit oder ubler Laune nicht mehr die Rede sein durfte.

Nur Herr Kleeborn selbst, der alles angewendet hatte, seiner Schwagerin Gegenwart sich zu gewinnen, nur er allein fuhlte sich jezt durch dieselbe einigermassen gedruckt, ohne dieses jedoch jemals sich selbst gestehen zu wollen. Die fast ubertriebne Zartheit, mit der sie die grosste Anspruchslosigkeit, die strengste Diskrezion in allen hauslichen Verhaltnissen beobachtete, ihre mitunter ein wenig altmodisch sich aussernde Vorliebe fur Schicklichkeit und Anstand selbst im engsten Familienleben, machten ihn oft etwas beklommen und verlegen, wenn er der Tante gegenuber sich befand. Es entgieng ihm nicht, wie sie allein durch ihre Personlichkeit nicht nur das ganze Haus, sondern sogar ihn selbst beherrschte, ohne doch jemals irgend etwas, einem Befehl Aehnliches auszusprechen. Alles richtete sich nach ihren Blicken, und jedem, vom Herrn an bis zu dem Geringsten der Dienenden, war es so zu Muthe, als durfte dieses gar nicht anders sein.

"Es ist das verfluchte adlige Vornehmthun," dachte Herr Kleeborn, oder gab sich vielmehr Muhe es zu denken und im Ganzen half ihm dies wenig, denn er gewann dennoch nicht den Muth, mit ihr von Dingen zu reden, uber die sie noch nicht Lust hatte ihn zu horen. Ihr Wunsch war, Vicktorinen erst genauer kennen zu lernen, ehe sie sich auf die Absichten einliess, welche ihr Vater mit dieser etwa haben mochte; Herr Kleeborn hingegen, der die Krankheit seiner Tochter fur gar nicht so bedeutend hielt, hatte Vicktorinens Pflege eigentlich nur als Vorwand zur dringenden Einladung seiner Schwagerin gebraucht; seine eigentliche Absicht dabei war aber, durch die Tante auf Vicktorinen zu wirken, und sie in Gute seinem Willen geneigter zu stimmen. Indessen hielt er ihre Gegenwart nebenher fur hochst nothig, um durch dieselbe den Glanz und die Wurde der vielen Feste zu erhohen, welche Vicktorinens Genesung sowohl, als die zu hoffende Erfullung seiner Plane mit ihr, bald herbeifuhren mussten. Denn nachst dem Gelderwerb liebte Herr Kleeborn nichts so sehr als Glanz und Pracht in seinen Umgebungen; gern wetteiferte er hierin mit den Vornehmsten, und unerachtet seiner laut erklarten Geringschatzung des angebornen Adels, that er sich dennoch in seinem Innern nicht wenig darauf zu gute, eine Dame von dem Range und Ansehen des Frauleins von Falkenhayn unter seine nachsten Verwandten zahlen zu durfen. Er betrachtete oft mit innerm Behagen ihre majestatische Gestalt, den, jede ihrer Bewegungen bezeichnenden vornehmen Anstand und freute sich im voraus auf den Augenblick, wo sie in dem schonen Ordenskleide ihres Stiftes mit dem grossen diamantnen Kreuze, das sie als Probstin desselben trug, in seinem Hause die Honneurs machen wurde. Uebrigens trostete er sich mit dem Glauben, dass aufgeschoben nicht aufgehoben sei, er hoffte, dass nach Vicktorinens volliger Genesung sich schon ein gunstiger Augenblick finden wurde, um die Tante fur sich zu gewinnen, und uberliess sich taglich in vollkommner Gemuthsruhe den gewohnten Erholungen nach vollbrachter Arbeit, die er jezt ausser seinem Hause aufsuchen musste, da ihm das Innere desselben in seinem durch Vicktorinens Krankheit verodeten Zustande wenig Freuden darbieten konnte. Der helle Sonnenschein eines heitern klaren Herbstmorgens, an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand, hatte die Tante mit ihrer Angelika hinaus ins Freie gelockt. Muller, der alte Buchhalter, stand eben in der Hausthure, als beide von ihrem Spaziergange zuruckkehrten, und die Tante beeilte ihre Schritte, um dem Greise, den sie seit ihrer Ankunft im Kleebornischen Hause noch nicht gesehen, ein paar freundliche Worte sagen zu konnen. Sie kannte ihn schon lange und ehrte ihn als einen treuen vieljahrigen Diener des Hauses ihres Schwagers, bei dessen Vater er schon in Ehre und Ansehen gestanden hatte. Als die Damen naher traten, gieng ein junger Mann mit ehrerbietigem Grussen an ihnen voruber, der bis dahin mit Herrn Muller in anscheinend eifrigem Gesprach begriffen gewesen war. Sein Anblick schien der Tante auf eigne Weise aufzufallen, sie sah sichtbar befangen, ihm eine Weile nach, und war sogar etwas bleicher als gewohnlich, als sie die zum Hause fuhrenden Stufen hinauf stieg, so dass Herr Muller sie von einem plotzlichen Unwohlsein ergriffen glaubte, und ihr entgegen eilte, um sie in das zum Empfange der Fremden bestimmte Eintrittszimmer neben dem Komtoir zu fuhren. Dort sezte sich die Tante zwar gleich, erklarte aber dabei, dass sie sich vollkommen wohl befinde, nur habe sie am Krankenbette ihrer Nichte sich der freien Luft entwohnt, die heut, unerachtet des hellen Sonnenscheins, ungewohnlich scharf sei. Beruhigt gieng Angelika zu Vicktorinen hinauf, wahrend die Tante noch unten blieb, um mit Herrn Muller ein paar Minuten zu plaudern.

Wer war der junge Mann? fragte sie einigermassen eifrig, so wie Angelika die Thure hinter sich angezogen hatte. Herr Muller besann sich eine Weile, denn er verstand sie nicht gleich. Der junge Holm, der eben bei mir war, meinen Ihro Gnaden den?" erwiederte er ihr endlich, "ja das ist ein recht lieber, gutherziger junger Mensch. Seit unser Fraulein Vicktorine krank ist, versaumt er nie, alle Tage zweimal zu mir in mein Kabinet zu kommen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, denn von mir erhalt er doch immer umstandlichern Bericht als von den Bedienten. Nun gottlob heute konnte ich ihm recht viel Gutes sagen, er war auch daruber recht erfreut."

"Also wohl ein sehr genauer Freund des Hauses?" fragte die Tante.

"Das nun wohl nicht," war die Antwort, "denn der junge Herr Holm ist noch gar nicht selbst etablirt, und auch sonst eben nicht von Familie, Ihro Gnaden. Niemand wusste, was man aus seinem seeligen Vater machen sollte, denn der war zwar ein Gelehrter, aber weder Jurist noch Mediziner. Er wohnte mit diesem seinem einzigen Sohne lange Jahre hindurch in der Vorstadt, niemand hat ihn sonderlich gekannt, denn er fuhrte ein sehr eingezogenes Leben. Ja du lieber Gott, es ist hier ein sehr theuer Pflaster, und wer nicht reich ist, thut am besten sich ganz still zu verhalten."

"Ist der Vater lange tod?" fragte die Tante wieder, mit sichtbarem Antheil.

"Seit drei Jahren ungefahr," erwiederte Herr Muller. "Der alte Holm soll aber ubrigens ein recht grundgelehrter Mann gewesen sein," sezte er hinzu, "sehr bewandert in der Mathematik und in fremden Sprachen, auch soll er ein Lexicon oder so etwas im Druck herausgegeben haben. Nun, der Sohn artet dem Vater nach, man sagt, er habe auf der Universitat seine Zeit sehr gewissenhaft angewendet. Das wird ihm denn nun auch freilich in seinem jetzigen Stande recht gut zu statten kommen, denn in unsern Tagen kann der Kaufmann nie zu viel wissen, und das Gelehrtsein, oder wenigstens Gelehrtthun ist unter unsern jungen Herrn obendrein Mode."

"Der junge Mann war also nicht von jeher zum Kaufmann bestimmt?" fragte die Tante mit steigendem Interesse.

"Ei was wollte er!" erwiederte der Buchhalter, "nein Ihro Gnaden, der junge Holm ist Doctor Juris, er hat ordentlich studirt. Erst vor kaum anderthalb Jahren hat er umgesattelt, und was das sonderbarste ist, niemand hat fruher die mindeste Neigung zum Kaufmannsstande an ihm bemerkt, das ist so ganz mit einemmal von selbst gekommen. Aber da sieht man recht, wie der Mensch alles kann, was er ernstlich will. Vor zwei Jahren wusste der junge Holm noch keinen Kurs zu berechnen, nicht einmal einen Wechsel ordentlich auszustellen, von Waarenkenntnis war bei ihm vollends gar nicht die Rede, und jezt ist er der Herren Fischer et Compagnie rechte Hand. Geben Ihro Gnaden nur Acht, der macht gewis noch sein Gluck in der Welt." Die Tante, in immer tieferes Nachdenken versinkend, schien auf die lezten Worte des freundlichen Greises kaum zu horen, weshalb dieser denn auch mit gewohnter Ehrerbietung stille schwieg, bis sie, wie aus einem Traume erwachend, die Bemerkung hinwarf, dass der junge Holm doch wohl ofters an den Gesellschaften hier im Hause Antheil nehmen musse, da ihn die Ereignisse in demselben so zu interessiren schienen.

"Ins Komtoir kommt er zwar oft in Geschaften, seit er den Kaufmannsstand erwahlt hat," erwiederte Herr Muller, "sonst aber nie ins Haus, dass ich wusste, ausser ein paarmal bei Konzerten, denn er singt einen herrlichen Tenor. Dass er sich aber so fleissig nach der Gesundheit unsers Frauleins erkundigt, ist dennoch ganz naturlich, da er sie doch einigermassen kennt, die halbe Stadt thut ja dasselbe. Sehen, Ihro Gnaden, hier liegt der Zettel, mit den Namen derer, die nur diesen Morgen nachgefragt haben. Zwei volle Bogen, man kann die Halfte kaum lesen, denn die Bedienten schreiben meistens so schlecht, dass es eine Schande ist. Aber hier sind doch einige zierliche Handschriften, denn die jungen Herren haben fast alle eigenhandig ihre Namen angeschrieben, weil sie gewohnlich selbst kommen, sich nach des Frauleins Befinden zu erkundigen. Sehen Ihro Gnaden, Sir Robert Beverley, John Simpson Esquire, Comte de Beauchamp, Graf Nordhausen, Baron Engestrom, lauter Fremde die an uns addressirt sind."

Angelikas blondes Lockenkopfchen, das diese, uber dem langen Ausbleiben der Tante besorgt, zur Thure herein steckte, machte jezt der Unterhaltung ein Ende.

Anna begab sich zu Vicktorinen, sie fand diese auf ihrem Sopha, von einer Schaar junger, sie besuchender Madchen umlagert, unter denen auch Babet und Agathe nicht fehlten. Alle sprachen zugleich, denn es war von gar interessanten Gegenstanden die Rede, denen aber die Tante keinen Antheil abzugewinnen wusste. Sie sezte sich daher in ihren Lehnstuhl in der fernsten Ecke des Zimmers. Ihre Gedanken flogen zuruck in eine langst dahin geschwundene Vergangenheit, deren Abglanz in diesem Augenblick in ungewohnter Klarheit sie umschwebte. So zaubert ein einziger heller Sonnenblick uns oft mitten im Winter den Fruhling mit allen seinen langst in Staub versunknen Bluthen herbei. Anna gab dem schmerzlich-schonen Traume mit ganzer Seele sich hin; sie forschte nicht weiter, was gerade jezt ihn herbeigerufen haben konne? sie versank immer tiefer in sich selbst, und achtete wenig auf das, was in dem jugendlichen Kreise, in ihrer Nahe laut genug abgehandelt ward.

Die Madchen zahlten indessen die Balle, welche sie in den nachsten Wochen zu hoffen hatten, und jezt waren die Tanzer an der Reihe. "Mit denen sieht es windig aus," seufzte Babet, "wenn nicht etwa der Himmel ein Einsehen hat und frische Zufuhr uns einsendet." "Leider ja," stimmte Amelie, die Tochter des benachbarten Obristen, in diese Klage ein, Theodor geht morgen fort, und auch Baron Sillborn reist nach Wien." "Und Lieutenant Horsten hat nur noch vierzehn Tage Urlaub," rief Lilli dazwischen. So wahrte das Heruber und Hinubersprechen noch eine feine Weile fort, der Gegenstand des Gesprachs beschaftigte alle, so dass keine dabei auf Vicktorinen Acht gab, bis die eben ins Zimmer tretende Angelika durch einen Schrei des Entsezens sie darauf aufmerksam machte, dass die Arme bleich und starr gleich einer Todten in ihre Kissen zuruck gesunken dalag.

Der Aufruhr, der jezt entstand, ist nicht zu beschreiben. Die Madchen liefen vor Angst wie sinnlos durch einander, der Schellenzug riss von dem gewaltigen Sturmlauten; laut schreiend, "bon Dieu! qu'est il donc arrive a ma pauvre petite," sturzte die Bonne herein, und dieser folgte, zum Gluck bald, der schnell herbeigerufne Arzt. Vicktorinens bewusstloser Zustand, den die vielen, ohne Wahl und Zweck angewandten Mittel nur verschlimmerten, ohne dass die vor Schrecken selbst halb todte Tante dem Unheil hatte steuern konnen, wich endlich seinen vernunftigern Anordnungen. Jezt aber hob der wackre Mann auch eine tuchtige Strafpredigt an, wahrend welcher sich indessen die fremden Madchen ganz in der Stille fortschlichen; er schrieb Vicktorinens Zufall einzig dem larmenden Besuche zu, und empfahl nochmals die ungestorteste Ruhe und Stille in der Nahe der Kranken. Babet und Agathe wurden ganzlich aus dem Zimmer derselben verbannt, jeder fremde Besuch hoch verpont, und nur Angelika, fur deren stilles Betragen sich die Tante verburgte, erhielt die Erlaubnis nach wie vor die Sorge fur Vicktorinens Pflege mit ihrer geliebten Wohlthaterin zu theilen. Es war schon spater Abend, und die Tante sass ganz allein an Vicktorinens Bette, als diese aus ihrem unruhigen Schlummer auffahrend, die Vorhange zuruckschlug, und mit angstlicher Hast im ganzen Zimmer umher sah.

"Tante!" flusterte sie leise und beklommen, "Tante, sind wir allein? werden wir es bleiben?" Die Tante versicherte sie dessen, und bat sie, nur ruhig sich zu verhalten. "Ruhig! ruhig!" erwiederte Vicktorine mit ungewohnter Heftigkeit, "gebieten sie doch auch dem Sturm, der eben heulend das Haus umtobt, dass er ruhig sei, oder dem Meere, oder der Flamme, die verzehrend wuthet." "Kind, geliebtes Kind," unterbrach die Tante sie "du richtest dich und mich und uns alle zu Grunde, wenn du so fortfahrst! komm, sei mein gutes Madchen, lege dich wieder, sei geduldig und ich verspreche dir " "Was? " rief Vicktorine "was konnen sie mir versprechen fur mein Leben, Tante, fur die Ruhe meines Lebens, fur all' mein Gluck auf Erden, und vielleicht auch dort! Nein Sie mussen mich horen, Sie mussen jezt mich horen, in dieser Minute, wenn Sie mich nicht wollen wahnsinnig werden lassen. Sie werden mich horen, Sie werden mich retten, denn Sie sind ja die einzige Schwester meiner lieben, lieben Mutter!" Schwer und einzeln rollten grosse Thranen aus Vicktorinens weit offnen starren Augen uber die gluhenden Wangen, auf die krampfhaft zitternde Brust hinab, die Tante hielt schmeichelnd sie umfasst und bat sie in den zartlichsten Worten nur jetzt sich zu schonen. "Ich will dich ja horen, ich will ja alles thun, ich will dich retten, dir helfen, fur dich nur leben" sprach sie, "ich bin ja nur deinetwegen hier, aber halte dich jezt nur ruhig, damit du Krafte gewinnst, spaterhin, Morgen vielleicht" "Spaterhin ist zu spat," rief Vicktorine mit immer steigender Heftigkeit "spaterhin, wenn alles voruber ist, was fur Trost, was fur Hulfe konnen Sie mir dann gewahren, wenn Gott selbst das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen kann. Nein jezt, jezt in dieser Stunde." Vergebens suchte die Tante durch Erinnerung an das Verbot des Arztes sie zum Schweigen, zur Schonung ihrer Krafte, zu bewegen. "Was weis der Arzt, der uberkluge Thor! was wissen sie Alle," rief Vicktorine, "Sie sehen es ja Tante, sie mussen es sehen, ich habe Kraft, aber Schweigen in dieser Stunde vernichtet mich; diese granzenlose Angst kann ich nicht verschliessen, sie zersprengt mir die Brust; Sie mussen mich horen, wenn Sie vom Untergange mich retten wollen."

Vicktorinens immer heisseres Bitten, die zunehmende Fieberglut, die aus ihren Augen blizte, bewogen endlich die Tante, sich mit ihr auf Bedingungen einzulassen, um sie nur einigermassen zu beruhigen. "So sprich denn, meine Vicktorine," bat sie schmeichelnd, "sage mir, was ich in diesem Augenblick thun soll um dich zu beruhigen. Ich will es vollbringen, wenn es zu vollbringen ist, doch was ich nicht jezt gleich wissen muss, das spare fur eine bessre Stunde auf, wenn du ruhiger, kraftiger bist, nur unter dieser Bedingung will ich es wagen, des Arztes Gebot zu uberschreiten und dich reden zu lassen."

"Wohlan denn," rief Vicktorine, "lassen Sie den alten Muller herauf kommen, hier herauf, ins Nebenzimmer dort, und die Thure muss offen stehen, und flustern Sie nicht etwa mit ihm, ich muss alles horen, jedes Wort, das Sie miteinander sprechen; ich will nicht getauscht sein." "Was denn Vicktorine, was willst du wissen?" fragte die Tante. "Ob er nach Odessa geht, o Gott! o Gott! er ist vielleicht schon fort!" rief laut jammernd Vicktorine.

Die Tante erschrack heftig, denn sie glaubte jezt in der That, zum wenigsten eine in fieberhaften Traumen Verlorne vor sich zu haben. "So besinne dich doch, so fasse dich doch, Liebe," redete sie Vicktorinen begutigend zu; "was willst du mit Odessa? was soll der gute alte Muller dort?"

"Wer spricht von dem!" rief zurnend Vicktorine, "Raimund, Tante, Raimund Holm geht nach Odessa, ist vielleicht schon dort! horten Sie es denn nicht? Es klang doch so laut! so furchtbar! mir war, als ob die Decke des Zimmers sich in dem Momente zusammen brechend uber mich herabsenkte, und Sie horten es nicht? Luzie sprach es aus, als die Madchen ihre Tanzer aufzahlten; "der beste von allen," sprach sie, "Holm geht heut oder morgen nach Odessa ab."

Die Tante blickte jezt mit unbeschreiblicher Wehmuth auf das arme Madchen hin, das in wilder Angst sie anstarrte, dann das Gesicht verhullend, "er ist fort! er ist fort! auf ewig fort!" in herzzerschneidenden Klagetonen wimmerte. "Holm ist nicht fort," sprach jezt die Tante, nachdem sie muhsam ihre gewohnte heitre Fassung wieder errungen hatte, "ich habe ihn kurz vor deiner Ohnmacht heut Vormittags gesehen, als er bei Mullern sich nach deinem Befinden erkundigte. Der gute Alte hat mich nachher lange von ihm unterhalten, von seinen lobenswerthen Eigenschaften, von seinen Aussichten in die Zukunft. Odessa ward dabei gar nicht erwahnt und Muller hatte nicht davon geschwiegen, wenn die ganze Reise nicht ein Mahrchen ware. Wer wird auch in dieser Jahreszeit, bei einbrechendem Winter nur daran denken so etwas zu unternehmen!" Vicktorine richtete sich im Bette auf, sie sah der Tante lange und forschend ins Gesicht, dann ergriff sie ihre Hande und druckte sie fest an ihr horbar klopfendes Herz, an ihre heissen Augen, sie bewegte die zitternden Lippen, aber, von ihrem Gefuhl uberwaltigt, vermochte sie es nicht, nur einen Laut hervor zu bringen.

"Du liebes Ebenbild meiner Schwester," sprach die Tante sehr bewegt, "du sollst mich immer nicht nur mild und theilnehmend, sondern auch wahr finden. Armes, armes, Kind! Beruhige dich fur jezt, ich will es auch. Wir wollen Krafte sammeln, denn wir werden beide sie brauchen."

"Ich weis es Tante," erwiederte ihr die jezt zwar minder heftige, aber doch noch immer sehr aufgeregte Vicktorine, "ich weis es. Auch was Ihnen selbst vielleicht noch unbekannt blieb, ist mir es nicht mehr, denn ich weis, warum man Sie, gerade Sie zu mir gerufen hat. Ich kenne Sie nur wenig, liebe Tante, doch weit ich mehr, als ich es sagen kann, mich hingezogen fuhle, Sie gleich einer zweiten Mutter zu ehren und zu lieben, so wage ich es, Sie, bittend, zu warnen. Unternehmen Sie es nicht, zu versuchen, was man von Ihnen fordern wird, denn, ich sage es Ihnen im voraus, Sie und mein Vater konnen zwar das Herz mir brechen, aber nie mich verleiten, der treuen, alles opfernden Liebe unwurdig zu lohnen. Wollen Sie mir nicht glauben, meine Bitte nicht erfullen, nun wohlan, dann versuchen Sie Ihre Ueberredungskunste, die ganze wunderbare Macht, die Ihnen gegeben ward uber die Gemuther Anderer zu herrschen. Mich sollen Sie standhaft finden, nie sollen Sie mich verleiten, die Stimme zu ersticken, die in mir laut uber Recht und Unrecht entscheidet.

Die Tante erwiederte der noch immer unnaturlich Aufgeregten nur wenig, und in den mildesten Ausdrucken, und so gelang es ihr endlich, sie nach und nach einigermassen zu besanftigen. Was ihr indessen Vicktorine an diesem Abend und in den nachst folgenden Tagen nur stuckweise, oft von Gefuhlsergiessungen der Erzahlerin, zuweilen von Gegenbemerkungen der Tante unterbrochen, mittheilen konnte, findet der Leser im folgenden Abschnitt in zusammenhangender Form. Raimund Holm war der Sohn eines Mannes dem wohl anzusehen war, dass wahrend eines nicht sehr langen Lebens die Welt ihm oft und vielfach wehe gethan haben mochte. Mehr noch als sein fruh ergrautes Haar und seine augenscheinlich, durch langen und herben Gram verdusterten Zuge, bezeigte dies die tiefe Abgeschiedenheit, welche er mit einer Art Aengstlichkeit aufsuchte, und die Scheu, mit der er alles floh, was nur von ferne dahin abzwecken konnte, ihn aus seiner Verborgenheit ans Licht zu ziehen.

Der Vielerfahrne kannte das Leben zu gut, um nicht zu wissen, dass man in einer grossen volkreichen Stadt weit unbemerkter und einsamer nach eigenem Plane sein Dasein hinbringen kann, als in einem kleinen Orte, oder selbst auf dem Lande. Denn in Stadtchen und Dorfern zieht jeder neue Ankommling die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich, und jeder gilt fur einen bemerkenswerthen Sonderling, der nicht genau so leben mag, wie alle Uebrige um ihn her. Raimunds Vater wahlte deshalb lieber eine grosse beruhmte Handelsstadt zu seinem Wohnorte, wo er einige zwanzig Jahre hindurch bis an seinen Tod, ein von aller Gesellschaft, fast von aller Bekanntschaft abgesondertes Leben fuhrte, gleich weit entfernt von Durftigkeit und Ueberfluss. Seine feinern Sitten und Lebensgewohnheiten, eine gewisse Eleganz in seinem Aeussern, die niemand, auch in der tiefsten Einsamkeit ablegen kann, der sie von Jugend auf sich aneignete, verriethen indessen, dass er die Welt kannte die er floh, und dass er sogar in ihrem Umgange seine erste Bildung erhalten haben musste.

Durch fruhe Gewohnung theilte er auch seinem Sohn diese Eigenschaften mit, und gab ihm dadurch gewissermassen einen Freibrief fur den kunftigen Eintritt in die Gesellschaft, den viele entbehren, die in der Einsamkeit aufwuchsen, und dessen Mangel dennoch, selbst bei sonst ausgezeichneten und hochbegabten Menschen, die in dieser Hinsicht meistens unerbittliche Welt selten zu ubersehen pflegt.

Des Knaben Erziehung, den er als ganz unmundiges Kind mit sich gebracht hatte, war das einzige Geschaft des Vaters; Kunst und Litteratur die Freude und der Schmuck seines Lebens. Raimund wuchs heran, unter frohlichen muthigen Spielgesellen der frohlichste und muthigste von allen, denn sein Vater, der kein Gluck der Jugend ihn entbehren lassen mochte, versaumte es nicht, neben dem hauslichen Unterrichte, den er ihm selbst ertheilte, ihn auch die offentliche Schule besuchen zu lassen. Ueberhaupt war er weit entfernt von dem Gedanken, seinen Sohn nur fur ein kontemplatives Leben, in steter Entfernung von der Welt, erziehen zu wollen, obgleich er ein solches am fruh einbrechenden Abend seines Lebens fur sich selbst erwahlt hatte. Er wunschte vielmehr ein nutzliches und thatiges Mitglied der Gesellschaft aus ihm zu bilden. Denn wie man erst nach vollbrachter Arbeit den vollen Genuss der Ruhe lernen kann, so lernt man auch nur nach langem Treiben im Gewirre der Welt den hohen Werth der Einsamkeit erst recht empfinden. Dies wusste Raimunds Vater aus eigner Erfahrung.

Des Knaben begluckte Kindheit zog, gleich einem Fruhlingstraum, an ihm voruber und unvermerkt kam so die Zeit herbei, in welcher er zum erstenmale seinen Vater verlassen sollte, um die Universitat zu beziehen.

Nichts stellt den Jungling am Anfang seines ersten Ausflugs in die Welt so fest, so sicher, so kraftig in diese hin, als die fruhere Erziehung an der Seite eines edlen, durch Geist und Gemuth ausgezeichneten Vaters, der, ohne beruhmt zu sein, dennoch durch Lehre und Beispiel ihm stets gegenwartig bleibt, und zu dessen Bilde er sich fluchtet, wenn er im Gedrange der ihm neuen Verhaltnisse des Lebens Rath und Hulfe bedarf. Ein durch den Vater beruhmt gewordner Name ist hingegen beim ersten Eintritte in die Welt wohl eher ein Hindernis zu nennen, denn diese hangt stets am Klange des Worts. Und so wie der schuldlose Sohn eines als unwurdig bekannten Mannes, unerachtet seines eignen Werths und seiner Unschuld, dennoch stets mit tausend Vorurtheilen und Widerwartigkeiten zu kampfen hat, die einzig um seines Namens willen sich uberall ihm entgegen stellen, so tritt auch dem, der sein Leben einem grossen beruhmten Vater verdankt, ein Vorurtheil andrer Art in den Weg. Man verlangt von einem solchen, dass er besser und geistreicher sei, als alle andere seines Gleichen, und zwingt dadurch oft eine gewisse Unsicherheit in sein Wesen hinein, die ihm, mit einem andern Namen geboren, stets ferne geblieben ware.

Raimund hatte das Gluck, auch in dieser Hinsicht ganz frei und ungehindert da zu stehen. Mit der von seinem Vater ihm mitgetheilten Ruhe alter Erfahrung zog er in bluhender rustiger Jugend aus, ein reiner Jungling an Seele und Leib, und kehrte zur bestimmten Zeit eben so ins Vaterhaus wieder zuruck. Im klaren Bewusstsein seines Zwecks hatte er die Universitatsjahre wohl angewendet, doch der Rath seines Vaters bewog ihn, sich einstweilen noch ernstlicher auf das thatige Leben vorzubereiten, theils durch stille Fortsetzung seines Strebens in wissenschaftlicher Hinsicht, theils indem er mit der geselligen Welt sich naher bekannt zu machen suchte, ehe er es wagte, in ihr als Geschaftsmann offentlich aufzutreten. Er knupfte auf den Rath seines Vaters manche erfreuliche Bekanntschaft in der Stadt an, besuchte Gesellschaften, Balle, das Theater, kehrte aber jeden Abend mit gewohnter Liebe und Treue zu seinem Vater zuruck. So strebte er, dessen krankelndes Alter durch Erzahlungen aus jenem bunten Treiben zu erheitern, das der Greis seit mehr als funf und zwanzig Jahren nicht mehr sah, und das er dennoch in den Beschreibungen des Junglings als wenig verandert wieder erkannte. Anfangs schien es, als ob Raimunds Vater in diesem genussreichen Beisammenleben mit seinem Sohne gewissermassen begonne, neue Jugendkraft wieder zu gewinnen; doch leider war dieser freudenverkundende Schein nur das lezte Aufflackern der Lampe vor dem volligen Erloschen. Die langst in den Sturmen des Lebens erschopften Krafte brachen in dieser heitern Stille bald ganzlich zusammen, und Raimund blieb verwaiset und verlassen am Grabe seines Vaters zuruck, ehe noch das zu seiner volligen Ausbildung bestimmte Jahr voruber war.

Dieser Verlust hatte in Raimunds aussrer Lage nichts verandert, denn bei gewohnter Massigkeit sicherte ihm das hinterlassne vaterliche Vermogen zwar keine glanzende, aber dennoch eine vollig unabhangige Existenz. Dagegen fuhlte er in seinem Innern nun die schmerzlichste Oede. Er hatte fur niemanden mehr zu sorgen, niemanden mehr zu erfreuen, keinen einzigen Vertrauten seiner Gedanken und Empfindungen. Und gerade in jener weichen sehnsuchtigen Stimmung, in die uns ein Verlust, wie der seine, so leicht versezt, und der wir so gern nachgeben, trat Vicktorinens glanzend schone Erscheinung zuerst ihm entgegen.

Der beruhmteste Musicklehrer der Stadt hatte nach Zelters preiswurdigem Beispiel einen Singverein errichtet, der sich wochentlich ein paarmal versammlete, und in dem fast alle, die sich dazu eigneten, eifrig Theil nahmen. Raimund, dessen schone Tenor-Stimme dem Stifter der Gesellschaft langst bekannt war, durfte nicht dabei fehlen, und auch Vicktorine behauptete mit Necht den Rang der ersten Sangerin unter den Damen. Dass der erste Tenor und der erste Sopran durch ihr Talent einander naher gebracht wurden, war wohl ganz naturlich; es fehlte Beiden nicht an Anlassen, sich gegenseitig, auch uber andere als blos musikalische Gegenstande auszusprechen, und dabei den inneren Reichthum ihres Geistes vor einander zu entfalten. Raimund hatte schon fruher Vicktorinen zuweilen gesehen und ihre seltene Schonheit bewundert, doch der im Kleebornschen Hause herrschende grosse Ton hielt bis dahin den stolzbescheidenen Jungling davon ab, Zutritt in demselben zu suchen. Und auch jezt, bei naherer Bekanntschaft mit Vicktorinen, vermied er es noch immer, den Schein von Zudringlichkeit dadurch auf sich fallen zu lassen, obgleich Vicktorinens jugendlich schone Gestalt, der dunkle Feuerstrahl ihrer Augen ihm ofter als sonst in wachen Traumen vorschwebte, und der seelenvolle Ton ihrer hellen, glockenreinen Stimme hallte immer noch lange in seiner tiefsten Brust wieder, wenn er schon langst den Singverein verlassen hatte.

Ein glanzender Ball, zu dem auch Raimund geladen war, bot diesem indessen einige Zeit nach Errichtung des Singvereins Gelegenheit, Vicktorinen zum erstenmal im vollen Glanze zu erblicken. Schon bei ihrem Eintritte in den Saal horte er jenes leise Flustern der Bewunderung, den hochsten Triumph der Schonheit, ihr entgegen rauschen, so wie die Wipfel des Waldes sich flusternd regen wenn die Sonne aufgehen will. Dieser schmeichelhafte Ton begleitete sie durch die lange Reihe der grosstentheils schon versammelten Gesellschaft, so wie sie durch den Saal hingieng und verkundete in ihr schon im Voraus die Konigin des Festes.

Raimunds Blick hieng unabwendbar an ihr und belauschte jede ihrer Bewegungen. Noch nie war ihm ein weibliches Wesen von so blendendem Reitze erschienen; ja er glaubte Vicktorinen selbst so zauberisch schon noch nie gesehen zu haben. Ihr sehr reicher Anzug trug, bei aller darin herrschender Pracht, dennoch das Geprage edler kunstloser Einfachheit. Jugendliche Freude leuchtete aus ihren Augen, aus dem sussen Lacheln des lieblichen Mundes und verschonte sie unbeschreiblich. So stand sie in hochster Unbefangenheit da, mitten im dichten Kreise ihrer Bewunderer, lachte mit Diesem, scherzte mit Jenem, und betrug sich vollig wie Jemand welcher der Huldigungen zu gewohnt ist, um darauf noch grossen Werth legen zu konnen. Alle, die sich durch nahere Bekanntschaft nur einigermassen dazu berechtiget glaubten, drangten sich in ihre Nahe; die elegantesten jungen Herren nahten sich ihr ehrerbietig, als ware sie eine Furstin, um einen Tanz von ihr zu erbitten, und jeder beneidete den Glucklichen, dem sie einen zusagte. Sogar die andern Madchen suchten eine Ehre darin, mit Vicktorinen vertraut zu erscheinen, denn es fiel keiner ein, mit ihr wetteifern zu wollen, und alle liebten sie wegen ihrer anspruchslosen, immer gleichen Freundlichkeit.

Raimund sah aus einiger Entfernung dem Gedrange um Vicktorinen zu, und das Herz that ihm dabei weh, er wusste nicht warum? Er versuchte es, dieses bange Gefuhl sich als Mitleid mit dem holden Wesen auszudeuten, das, so umgauckelt, am Ende doch wohl zu Grunde gehen musse; doch fuhlte er bei alle dem auch die Unmoglichkeit, ihr den ihr gebuhrenden Tribut der Bewunderung zu versagen.

Der Tanz begann, und gleich einer Gottin, von ihren Nymfen gefolgt, schwebte Vicktorine am Arm eines fremden Prinzen, der sich unter den anwesenden Gasten befand, dem glanzenden Reigen voran. Alle tanzten, nur ein einziges Madchen blieb unaufgefordert an ihrem Platze; ein junges blodes Kind, das niemand kannte, und dessen beinahe zu einfacher, etwas altmodischer Putz schon von Manchen bespottelt worden war, weil er gegen die Eleganz der ubrigen Tanzerinnen gar zu auffallend abstach. In der peinlichsten Stellung, mit hochgluhenden Wangen, sass die Verlassene da, mit der noch niemand eine Silbe gesprochen hatte; aus den unschuldigen Augen strahlte das gluhendste Verlangen, an der allgemeinen Jugendlust ebenfalls Antheil nehmen zu konnen, und zugleich zuckte angstliche Verlegenheit um den kindlichen Mund, als ob die Arme sich bemuhe Thranen zuruck zu drangen, die das Gefuhl des Zuruckgesetztwerdens ihr eben auszupressen im Begriff war.

Raimund nahm an diesen und einigen folgenden Tanzen nicht Theil. In eine Ecke des Zimmers hingelehnt, verfolgte er jede Bewegung Vicktorinens mit seinen Blicken, und sah zu seinem Erstaunen, wie diese gleich in der ersten Pause dem unbekannten Madchen sich nahte, ein Gesprach mit der augenscheinlich Verlegnen anknupfte, sich eine kleine Weile zu ihr hinsezte, dann, wieder aufstehend, ihren Arm ergriff, und einigemal mit ihr im Saal' auf und abgieng. Im Gewuhle der Gesellschaft verlor er indessen beide bald aus dem Gesicht, und schon begann der bose Argwohn sich in seinem Gemuthe zu regen: als ob Vicktorine, im Ubermuthe des Bewustseins ihrer alles besiegenden Schonheit, mit dem unscheinbaren Madchen vielleicht ein unwurdiges Spiel treibe und es als Folie mit sich herumfuhre, um dadurch den Glanz ihrer eignen Erscheinung zu erhohen. Da rief plotzlich eine sanfte Stimme seinen Namen und weckte ihn aus seinen Traumereien. Er fuhr auf, blickte um sich und dicht neben ihm stand Vicktorine und sah ihn freundlich bittend an.

"Ich mochte Sie wohl um einen Ritterdienst ansprechen, denn Sie sehen mir ganz darnach aus, als ob Sie mir ihn nicht abschlagen wurden," sagte sie mit unbeschreiblicher Anmuth, aber doch ein wenig errothend. "Ich mochte Sie bitten," fuhr sie fort, "den nachsten Tanz mit jener jungen Dame zu tanzen, die eben mit mir durch den Saal gieng. Sie ist der Gesellschaft unbekannt, und unsere jungen Herren sind sammtlich unartig genug, sie dies empfinden zu lassen."

Raimunds frohes Erstaunen bei dieser unerwarteten Anrede erlaubte ihm nicht viel Worte zu machen. Er eilte, vor allen Vicktorinens Wunsch zu erfullen, und nahte sich ihr dann wieder, um von ihr zu erfahren, wer das junge Madchen sei, dessen sie so eifrig sich annahm.

"Ich kenne sie eben so wenig als Sie sie kennen," gab Vicktorine ihm ruhig und einfach zur Antwort. "Indessen sie ist hier fremd, und da ich sie so ganz verlassen da sitzen sah, kam mir der Gedanke: wie mir zu Muthe sein wurde, wenn mir einmal etwas ahnliches wiederfuhre. Da war es denn doch naturlich, dass ich nicht eher ruhen konnte, bis ich sie tanzen sah."

"Aber wie war es moglich, dass Sie, gerade Sie mein Fraulein, sich eine solche Moglichkeit nur denken konnten?" fragte Raimund.

"Und warum sollte ich dies nicht konnen?" erwiederte ihm Vicktorine. "Jene alte menschliche Sitte, dem Fremdling freundlich entgegen zu treten, weil Fremdsein doch wenigstens fur den Moment eine Art Ungluck ist, kam langst aus der Mode, und da konnte es doch geschehen, dass ich an einem Orte, wo ich ganz unbekannt ware, eben so verlassen da sitzen musste als dieses arme Kind. Zu meiner grossen Freude werde ich indessen eben gewahr, dass man sie zum nachsten Tanze wieder auffordert, und nun tanze ich selbst mit verdoppelter Lust, da der Anblick der kleinen Verlassenen mich nicht mehr qualt." "Die Sie gar nicht kennen?" fragte Holm. "Die ich gar nicht kenne. Muss man denn alle Leute kennen?" erwiederte Vicktorine lachend, und hupfte mit ihrem Tanzer davon, der in diesem Augenblick herantrat, um sie zum eben beginnenden Tanze abzuholen.

Nachdem letzterer vollendet war, setzte sich Vicktorine hin um auszuruhen, und Raimund nahte ihr von neuem. "Ich mochte wohl einmal, und ware es auch nur fur eine einzige Stunde, Sie sein, mein Fraulein," sprach er lachelnd, "es ist wohl ein verwegner Wunsch, aber ich kann ihn nicht unterdrucken. Ich mochte wissen, wie jemanden zu Muthe ist, der in der Gewisheit auftritt, mit jedem Lacheln, jedem Blick, Freude und Bewunderung um sich her zu verbreiten."

"Sind Sie nicht kindisch!" rief Vicktorine, recht herzlich lachend. "Das ware ja ein Bewustsein, wie es hochstens eine Prinzessin haben konnte, der man von Jugend auf solch albernes Zeug in den Kopf gesezt hat. Unser einem fallt so etwas gar nicht ein."

"Fraulein, Sie sind zu bescheiden, und wenn ich durfte, so sezte ich gerne hinzu: Sie sind auch in diesem Augenblicke nicht recht aufrichtig gegen sich selbst. Denn wie konnte Ihnen der Eindruck entgehen, den Sie durch ihr blosses Erscheinen uberall hervorbringen!" sprach Raimund.

"Ich bin nicht halb so bescheiden als Sie es vielleicht denken," erwiederte Vicktorine mit einer sehr gefalligen Zutraulichkeit in ihrem Wesen. "Ich ware aber doch eine gar zu alberne Thorin," fuhr sie fort, "wenn ich nicht merkte, wie viel, oder eigentlich wie wenig von dem, was Sie die allgemeine Bewunderung nennen, ich mir selbst zuzuschreiben habe. Ich weis recht gut dass ich ziemlich hasslich und sogar etwas unangenehm sein konnte, ohne dass das Betragen der Gesellschaft gegen mich sonderlich dadurch abgeandert wurde, wenn alles ubrige meiner Existenz, was nicht Ich ist, nur so bliebe wie es ist. Dies sage ich mir recht oft, um hubsch in der Demuth zu bleiben," sezte sie mit einem angenehmen Lacheln hinzu, und eilte mit ihrem sich nahenden Tanzer wieder fort.

Raimund blickte mit einem nie zuvor gekannten Gefuhl ihr nach. Ihre Schonheit, ihr Geist, ihr musikalisches Talent hatten ihn schon oft zu lebhafter Bewunderung hingerissen; doch die Gute, die achte Bescheidenheit, die liebenswurdige Offenheit und Einfachheit ihres Wesens, die er gerade an diesem Abend an ihr entdeckte, wo sie einen Triumph feierte, der tausend andre schwindlich gemacht hatte, zeigten sie ihm im fast uberirdischen Lichte. Den ganzen ubrigen Abend hindurch blieb er in ihrer Nahe, er bat sie um einen Tanz, den sie ihm gleich und gern gewahrte, und schwebte an ihrer Seite, wie von Himmelsflugeln getragen, in nie gekannter Seeligkeit durch den Saal. Bei Tische, wo nur die Damen sassen und die Herren sie bedienten, blieb er ihr gegenuber hinter dem Stuhle des jungen Madchens stehen, das sie in Schutz genommen hatte. Durch Vicktorinens Beispiel dazu bewogen, suchte er das noch immer von der ubrigen Gesellschaft ziemlich vernachlassigte Wesen durch die feinste Aufmerksamkeit uber dessen Verlassenheit zu trosten. Vicktorine lohnte ihm dies von Zeit zu Zeit mit einem freundlichen Lacheln, oder durch ein paar queer uber den Tisch hin ihm zugesprochne Worte, wahrend sie mit unabanderlichem, an Stolz granzenden Gleichmuthe die Huldigungen der jungen Herren hinnahm, die den fremden Prinzen in ihrer Mitte, sich schaarenweise hinter ihrem Stuhle drangten, mit einander wetteifernd um die Ehre, ihr zuweilen einen Teller oder ein Glass Wasser reichen zu durfen.

Im seeligsten Taumel kehrte Raimund vom Balle nach Hause; ihm war die ganze Nacht hindurch, als schwebe er noch immer in einer bezauberten Welt. Er sah Vicktorinen wieder und wieder, sie behandelte ihn von nun an gleich einem alten Bekannten, dem man ohne angstlichen Ruckhalt sich zeigt wie man ist. Jedes Wiedersehen liess ihn tief in das Innere eines reinen Gemuths voll Liebe und Milde blicken, jedes enthullte ihm neue Beweise eines von Natur hellen lebhaften Geistes, reich begabt mit den gunstigsten Anlagen, stets bereit, alles Gute, Hohe und Treffliche in sich aufzunehmen. Die Heftigkeit, zu welcher das Ungewohntsein jedes Widerspruchs sie zuweilen hinriss, die an Eigensinn granzende Festigkeit, mit der sie hielt was sie einmal ergriffen, und achtlos durchzusetzen suchte, was sie fur recht und gut anerkannte, konnte er freilich an ihr nicht entdecken, weil sich ihm dazu keine Gelegenheit bot.

Raimund sah nun in Vicktorinen das Wesen in entzuckend bluhender Jugendfulle, lebend und athmend vor sich stehen, das bis jezt nur, gleich einem unerreichbaren Traumbilde, seiner jugendlichen Fantasie vorgeschwebt hatte. Er fuhlte sich ihr zu eigen furs ganze Leben, um so mehr, da er, ohne zu geckenhafter Einbildung herabzusinken, es sich nach wenigen Tagen nicht mehr verbergen konnte, dass auch Vicktorine ihn ebenfalls vor allen Andern auszeichnete. Ihr susses Errothen, das freudige Aufstrahlen ihrer Augen, wenn er sich nahte, das ihr ganz ungewohnte weiche Beben der Stimme, wenn sie ihn anredete, tausend kleine Zuge in ihrem Benehmen, viel zu zart fur jede Beschreibung, verkundeten ihm sein Gluck lange ehe es ausgesprochen ward. Doch auch diese Stunde, die hochste Bluthe des Lebens, blieb nicht aus; aber wie sie herbeigefuhrt ward, was er sprach, was Vicktorine antwortete, wusste diese der Tante selbst nicht ausfuhrlich zu vertrauen. Die Glucklichen hatten fast wortlos einander verstanden, fast wortlos hatten sie den Bund der Treue furs ganze Leben geschlossen.

Das hochste ihm denkbare Ziel des Gluckes so nahe vor Augen, beschloss Raimund jezt, ohne Aufschub die Kenntnisse, die er sich erworben, im burgerlichen Leben thatig geltend zu machen, und dann bei Vicktorinens Vater um ihre Hand zu werben. Freilich war Kleeborns Abneigung, sie einem andern, als einem Kaufmanne zu geben, zu stadtkundig geworden, als dass Raimund nichts davon hatte erfahren sollen; doch Vicktorine war uberzeugt, oder wollte es sein, dass ihr Vater unter diesem Vorwande nur die Antrage ihrer adlichen Verehrer zu entfernen gesucht habe, weil er nur gegen diese stets einen unbesiegbaren Widerwillen laut aussprach, ohne dabei der andern burgerlichen Stande zu erwahnen. Raimund glaubte Vicktorinen gerne, denn was glaubt hoffende Liebe nicht? In der freien Re chsstadt, in welcher sie lebten, konnte Raimund auf dem Wege, den er einzuschlagen gedachte, zu den hochsten Ehrenstellen gelangen, und er durfte um so eher hoffen alles zu erreichen, was er in dieser Hinsicht wunschen konnte, da er keine bedeutende Mitbewerber um sich sah, die ihm den Preis streitig gemacht hatten. Freilich stand das Ziel, das er zu erreichen streben wollte, ihm noch fern, doch beide, er und Vicktorine, waren nicht nur jung genug um die Zeit ihrer volligen Vereinigung ruhig abwarten zu konnen, sondern auch zu seelig in der Gegenwart, um uber diese nicht gern die Zukunft zu vergessen. Und uberdem, welcher Gluckliche gieng nicht jedem Wechsel seines Zustandes mit einem heimlichen Bangen entgegen, selbst wenn diese Veranderung zu noch Hoherem zu fuhren verheisst!

Bei alle dem verhehlte Raimund es sich nicht, dass sein kleines Vermogen gegen den furstlichen Reichthum, der Vicktorinen einst zufallen sollte, durchaus nicht in Anschlag gebracht werden konne; doch sein heller reiner Sinn war weit uber jene edelmuthig sein wollende Armseeligkeit erhaben, die nicht minder angstlich berechnend als der Eigennutz, das Geld der Geliebten wagt und zahlt, und es hoher stellt als ihre Liebe, um nur, ware es auch auf Kosten ihres Glukkes, mit romanhaft grosmuthiger Entsagung prunken zu konnen.

Vicktorine war sein, sie selbst hatte sich ihm gegeben; auch arm hatte er sie nicht weniger geliebt, und so konnte die Goldmasse, die einst als Eigenthum ihr zufallen sollte, den Werth dieses Geschenks in seinen Augen weder erhohen noch sein Necht daran vermindern. Auch fuhlte er in sich Kraft, Muth und Talent mehr als hinlanglich, um die Geliebte seines Herzens in jedem Falle nicht nur vor Mangel zu schutzen, sondern ihr auch alles zu verschaffen, was man zu einem bequemen, ehrenvollen Leben bedarf. Wie die Welt ihn beurtheilen konne? kam ihm dabei gar nicht in den Sinn, und wenn er auch daran gedacht hatte, sein Vater hatte ihm gelehrt, auf das Gesprach der Leute nicht mehr Werth zu legen, als es verdient, ihm durchaus nie ein entscheidendes Urtheil uber seine Handlungen einzuraumen, wenn es das Gluck eines ganzen Lebens galt.

Wahrend Raimund zum Eintritt in das thatige Leben eines Geschaftsmannes die ernstlichsten Vorkehrungen traf, fasste Vicktorine ihrer Seits den Entschluss, ihm diesen Schritt dadurch zu erleichtern, dass sie ihrer Beider Hoffnung so sicher zu stellen suchte als moglich. Niemand wusste bis jezt um ihre Liebe, denn sie hatte keine einzige jener Vertrauten, die im gewohnlichen Laufe der Dinge in der Madchenwelt eben so unentbehrlich sind, als auf dem franzosischen Theater. Vicktorine hatte nie jenes Bedurfniss gekannt, von sich und ihren Gefuhlen unablassig zu reden oder gar lange Briefe daruber zu schreiben, welches so Viele verlockt, wa hre oder eingebildete Liebesgeschichten an- und auszuspinnen, um nur in den Augen ihrer Vertrauten als die Heldin eines kleinen Romans zu glanzen. Hingegen war aber auch ihrem offnen Gemuth alles Heimlichthun durchaus verhasst, und sie beschloss daher, die erste schickliche Gelegenheit zu ergreifen, um ihrem Vater das stille Geheimniss ihres Herzens zu entdecken, und ihn im Voraus durch Bitten und Grunde fur ihre Liebe zu gewinnen.

Der ihr fur dieses Gestandniss gunstig scheinende Moment blieb nicht lange aus. Sie war mit ihrem Vater allein, und fand ihn in einer sehr freundlichen Stimmung, doch ihr Vertrauen ward leider ganz gegen ihre Erwartung erwiedert.

"So! du hast Romane gelesen, mein Kind, und sie sind dir, wie ich sehe, schlecht bekommen" antwortete ihr Herr Kleeborn, sobald er nur erst begriff was sie meinte, und dies mit einer Art ironischer Gelassenheit, die Vicktorinen, gleich einem Dolchstiche, wehe that. "Doch das thut nichts, es wird sich schon wieder geben, denn du bist noch jung und kannst noch vieles lernen," fuhr er im nemlichen Tone fort. "Du wirst schon mit der Zeit einsehen," sezte er hinzu, "dass die Welt anders aussieht, als es in deinen Buchern steht. Indessen du magst dies bald begreifen, oder spat, oder auch gar nicht, so prage dir wenigstens fest in den Sinn, dass dein Vater nie auf den thorichten Einfall kommen kann, seine der ganzen Welt ruhmlichst bekannte Firma mit seinem Tode erloschen zu lassen, und sein einziges Kind nebst allem, was er mit Muhe und Sorge erworben hat, einem Federhelden zu ubergeben, der ein so betrachtliches Vermogen weder zu verwalten noch zusammen zu halten weis."

Vicktorine wollte hier das Wort nehmen, doch ihr Vater lies sie nicht dazu kommen. "Schlage dir diese und ahnliche Grillen ganzlich aus dem Sinne, Vicktorine," rief er mit zornfunkelndem Blick, vor dem die Erschrockene verstummen musste. "Ich warne dich, auf nichts eigensinnig zu bestehen," fuhr er fort, "denn es hilft dir nichts, ich fordre Gehorsam. Es steht fest wie die Sonne, dass kein Baron, kein Graf, selbst kein Prinz mein Schwiegersohn wird, aber auch kein Schulfuchs, sondern ein tuchtiger Mann meines Standes, des ersten glucklichsten und ehrenvollsten in der Welt, weil er der nutzlichste ist. Uebrigens hast du vergessen, mir den Namen deines Seladons zu nennen. Schweige, ich verlange auch nicht, ihn zu erfahren, weil es mir gleichgultig ist, wie ein arroganter Thor heissen mag. Du weisst jezt meinen Willen; geh' und richte dich darnach."

Die eisige Kalte, mit welcher Herr Kleeborn dieses Urtheil aussprach, und die vollkommenste Gleichgultigkeit gegen dessen sichtbaren Eindruck auf das Gemuth seiner Tochter, mit welcher er dieser sich zu entfernen winkte, uberzeugten Vicktorinen nur zu sehr von dem Vergeblichen jedes Versuches, den strengen Richter zu erweichen. Ueberdem war es ihr in diesem Augenblick' unmoglich, noch langer in seiner Gegenwart zu verweilen, so ergriffen fuhlte sie sich von der ganz unerwarteten Aufnahme, die ihr herzliches Vertrauen gefunden hatte.

Mit unbeschreiblich-schmerzhaftem Erschrecken ward sie jezt den von ihr nie zuvor geahneten Ernst des Schicksals der Menschen gewahr, das nie vergisst, auch seinen Gunstlingen Dornen unter die Rosen zu streuen, die scheinbar den Weg bedecken. Bis jezt war jeder Wunsch, selbst jede schnell vorubergehende Madchenlaune der Verwohnten in Erfullung gegangen, nichts war ihr jemals verwehrt oder abgeschlagen worden, und nun pressten Schmerz, Zorn und bange Furcht vor der Zukunft ihr heissbrennende Thranen aus den Augen, die bis diese Stunde nur freudiges Lacheln oder Thranen des Mitleids gekannt hatten.

Jezt erst fuhlte sie ganz, was Raimund ihr war; sie hatte ihn sogar nie zuvor so innig geliebt, als in diesem Moment, wo sie zum erstenmale die Moglichkeit sich dachte, von ihm getrennt werden zu konnen. Ihre Thranen trockneten, indem sie sich gelobte, der unbeugsamen Gewalt ihr starkes Herz voll Liebe und ihren festen feurigen Muth entgegen zu stellen. Endlich ergriff sie ohne weiteres Bedenken die Feder, um dem Geliebten das zwischen ihr und ihrem Vater Vorgegangene umstandlich und offen darzustellen. Ihre Worte trugen das Geprage einer leidenschaftlichen Gluth, welche ihr bis jezt stets fremd geblieben war, und die ein zuvor von ihr nie gekanntes Gefuhl erlittnen Unrechts in ihr entzundet hatte. Sie dachte nicht daran, ihre Worte zu wahlen, sie ward immer begeisterter, je langer sie schrieb, und zulezt schien ihr nichts ausdrucksvoll und gluhend genug, um nur dem Freunde ihres Herzens Vertrauen in ihre Liebe und Treue einzuflossen, ihn im voraus uber alles das zu trosten, was ihrem Glucke sich entgegen stellen konnte und ihm den starken Muth mitzutheilen, von dem sie sich selbst in diesem Momente durchdrungen fuhlte.

"Ich bin dein, Raimund," schrieb sie nach vollen

deter Erzahlung des Vorgangs zwischen ihr und ihrem Vater; "ich bin dein und bleibe es und warst du weit uber dem Meer, und leuchteten dir in einem andern Welttheil andre Sterne als mir, und gienge dir in dem Augenblick fern von mir die Sonne auf, in welchem ich sie sinken sehe. Die Mitternacht wurde dann auch mein Morgen sein, den Tag wurde ich vertraumen, und nur in der Nacht leben, wenn ich wusste dass du des Lichtes dich freutest und deiner Vicktorine liebend gedachtest. Habe nur Vertrauen zu mir, denn nichts kann von dir mich wenden, nicht Bitten, nicht Drohen, nicht die Macht der Zeit, viel weniger die sterbliche Gewalt."

"O konnte ich diese goldnen Ketten abstreifen, die ich jezt so herzlich verachte. Konnte ich mit dir in verborgener Mittelmassigkeit leben, fur dich arbeiten und entbehren! Du denkst vielleicht, deine vom Gluck verwohnte Vicktorine spreche nur so leichthin von Entbehrungen, die sie nicht kennt, ohne einen Begriff damit zu verbinden; aber glaube mir, mein Freund, ich weis was ich damit sage. Ich weis wohl, dass anfangs mir verzognem Kinde Durftigkeit scheinen wurde, was Andre als seltnen Ueberfluss hoch halten; ich weis, dass meine Erziehung mir leider schwere Fesseln angelegt hat, und dass ich gewissermassen von neuem leben lernen musste, wenn ich aus dem Gleise hinaustrate, an welches ich von meiner Geburt an gewohnt bin. Ich leugne das Opfer nicht ab, das ich damit brachte, aber bedenke auch, welches unnennbare Wonnegefuhl es sein musste, durch irgend ein Opfer und ware es das hochste, die Seeligkeit zu erringen, an der Hand des Geliebten durchs Leben zu gehen! Durch dich, mit dir immer hoher zu streben zum Urquell alles Guten und Wahren und Schonen!"

"Ich bin nicht fur den Schmerz gebohren, das weis ich seit heute, da ich zuerst ihn empfand; er erdruckt mich, er vernichtet mich, und nur im Sonnenscheine des Glucks kann alles das Gute, welches in mir, wie in jedem lebenden Geschopfe liegt, zur vollen Bluthe sich entfalten. Und wo ist Gluck fur mich als bei Dir?"

"Doch fahre hin, schoner Traum vor dem was sein konnte, ich muss Dir entsagen, denn ich darf meinen Vater nicht ohne seine Einwilligung verlassen, wenn ich Raimunds und des Gluckes werth bleiben will, dem ich so nah zu sein hoffte, und das jezt in so ungemessner Ferne vor mir steht. Ich werde meinem Vater gehorchen wie ich that seit ich lebe, mit heissen, bittern Thranen schreibe ich dies nieder, doch ohne Kampf mit mir selbst. Ich werde seinen Wunschen entgegen eilen, und jeder seiner Winke sei mir Befehl, in allem, wo er mir gebieten darf. Ach alles, alles will ich thun, alles, alles leiden, hingeben, entbehren, nur Dich zu lieben, wolle er mir nicht verwehren, er darf es nicht, er kann es nicht, so wenig als er mir verbiethen kann zu athmen. Die Hand, die meines Herzens Schlag schuf und erhalt, legte auch den Keim dieser Liebe gleich bei seinem Entstehen in dies nehmliche Herz; mein Dasein ist mit dem Deinen innigst verflochten, es lasst sich nicht losreissen, dies nur versuchen, hiess sundigen, es ware geistiger Selbstmord, darum bin und bleibe ich dein, nahe oder ferne, gleich viel."

"Wahrend ich Dir schreibe, Geliebter! kam Trost in meine Seele. Wie konnte es anders sein, Du warst ja bei mir und ich fuhlte Deine liebende Nahe! Raimund, noch bluht uns die Gegenwart, wir werden uns sehen, uns sprechen wie zuvor, und sind durch gemeinschaftliche Sorge nur noch inniger vereint. Mein Vater hat mir nicht geboten, den Umgang mit Dir aufzuheben, er kennt nicht einmal den Namen des Mannes, dem seine Tochter auf ewig angehort, anfangs lies er mir nicht Zeit ihn zu nennen, spater hielt er es nicht der Muhe werth, darnach zu fragen. So leichthin behandelt er das Herz, das Gluck seines Kindes! Doch auch hierin liegt Trost; ich darf den Vater nun noch nicht grausam schelten, denn er weis ja nicht, was er mir thut; vielleicht ware er sonst milder, er hat mich ja immer geliebt?"

Es war der erste Brief, den Vicktorine jemals an Raimund geschrieben hatte, und sie sendete ihn verborgen in einem Pakete Musikalien an ihn ab, ohne dadurch Argwohn zu erregen; denn der Singverein veranlasste oft solche Sendungen.

Dass Raimund das Schreiben erhalten habe, war nicht zu bezweifeln, doch viele Tage vergiengen, ohne dass er ihr antwortete. Vergebens hoffte Vicktorine im Singverein ihn zu treffen, vergebens suchte ihr Auge ihn auf der Promenade, im Konzert, im Theater, er fehlte uberall, wo sie sonst gewohnt war, wenigstens aus der Ferne seinen Gruss zu erwiedern. Sie vergieng beinahe vor innrer Unruhe; tausend, immer abentheuerlicher werdende Besorgnisse drangten sich ihr auf und fullten ihre Fantasie mit Schreckbildern. Und doch war jeder Versuch, aus dieser beangstigten Lage zu kommen, ihr unmoglich, denn es fehlte ihr der Muth, nur Raimunds Namen zu nennen, vielweniger mochte sie es wagen, bei Bekannten nach ihm sich zu erkundigen. Endlich nach mehreren, in unaussprechlicher Bangigkeit verlebten Tagen erhielt auch sie ein Paket Musikalien, sie erbrach es mit zitternder Hand, es enthielt das, wonach sie so lange sich gesehnt, einen Brief des Geliebten. Raimund schrieb:

"Du, meine Vicktorine! Du, deren schone Seele so wahr, so gluhend es empfindet, welche Seeligkeit es sei, der Liebe alles zu opfern, freue Dich mit Deinem Freunde, dass er der Gluckliche ist, dem die strenge Pflicht erlaubt, was sie Dir verbietet."

"Ja, ich habe im festen, heiligen Vertrauen auf Dich alles von mir geworfen; meine Aussichten fur die Zukunft, meine Plane, die ganze bisherige Tendenz meines Lebens; sogar meiner Unabhangigkeit habe ich, fur einige Zeit wenigstens, entsagt, um nur die Hoffnung mir zu gewinnen, Dich mir einst erwerben zu konnen; denn seit zwei Tagen arbeite ich im Komtoir des Kommerzienraths Fischer, dessen Sohn, wie Du weist, einer meiner Universitatsfreunde ist."

"Du erbleichst, Dein schones Auge fullen Thranen und bange Furcht bemeistert sich Deiner, indem Du dieses liesest. Fasse Muth, meine Vicktorine, zage nicht, zweifle auch nicht; ich habe den Schritt, den ich that, wohl uberlegt. Um dieses zu konnen, vermied ich es sogar in diesen Tagen, Dich zu sehen, denn ich wollte den wichtigen Kampf mit mir ganz allein in ungestorter Stille auskampfen; ich schrieb Dir nicht, bis ich, mit mir selbst vollig einig, Dir sagen konnte: das habe ich gethan, statt Dir zu melden: das gedenke ich zu thun. Ich bin nicht minder offen als Du; ich werde es gegen Dich immer so sein, und darum will ich nicht einmal das Dir verhehlen, dass auch ich nicht ohne Schmerz von allem Gewohnten mich losreissen und die von meinem Vater fur mich gewahlte Bahn verlassen konnte, um mich in das Gewirre und Getreibe einer Welt zu werfen, die nie die meine war. Doch glaube mir: ich bin unfahig, je zu bereuen, was ich nur nach vielfacher Ueberlegung unternahm, und werde gewiss von nun an alle Pflichten des an sich ehrenwerthen Standes erfullen, den ich selbst mir erwahlte, ja den ich mir erwahlen musste, um gegen mich selbst gerecht zu sein."

"Theure Vicktorine, ich habe mich in dieser Zeit sehr strenge gepruft, ich bin mit mir selbst offen zu Werke gegangen, was so schwer ist; denn wen tauscht man lieber und leichter, als sich selbst? Auch Dich will ich nicht tauschen, und so gestehe ich Dir offen, dass ich jezt weis: ich konnte ohne Dich das Leben zwar tragen, aber ich fuhle auch, dass ich mich alsdann dazu anschicken musste, wie zu einer nachtlichen Winterreise ohne Warme und Licht, denn Du, Vicktorine, bist die Sonne meines Daseins, das ich ohne Dich kraftlos, in Dunkelheit hinschleppen musste. Darum schilt mich nicht, dass ich that was ich musste; beneide mich auch nicht, dass ich durfte was Du nicht darfst, und vor allem, tadle Deinen Vater nicht, dessen wohlgemeinter, und im rechten Lichte gesehen, auch wohl motivirter Wille mir es moglich machte, Dir durch mehr als Worte zu zeigen was Du mir bist."

"Kann es Dich beruhigen, und ich hoffe es wird es, so vernimm, dass ich schon jezt einsehe, wie ich zu meinem jezigen Berufe, bei meinen, freilich zu anderm Zwecke erworbnen Kenntnissen nicht viel mehr brauchen werde als Gewohnung und dabei Aneignung des ihm eigenthumlichen, mechanischen Theils desselben, den gewohnlich Knaben in fruher Jugend schon erlernen. Alles dies dunkt mir indessen zum Theil nicht schwer zu begreifen, zum Theil werde ich dessen uberhoben. Was dem Knaben als Zentnerlast erscheint, ist ja uberdem dem reifen Manne ein Spiel. Und ware es auch anders, was kann mir lastig dunken, wenn ich den Blick dem Ziele zuwende, zu dem ich strebe."

Leidvoll und Freudvoll versank Vicktorine in sich selbst, als sie dieses las. Das Opfer, welches Raimund ihr gebracht, erfullte ihr Gemuth nicht mit Liebe, nicht mit Bewunderung, aber mit einem aus beiden zusammengesezten namenlosen Gefuhl: als sie ihr Wesen so ganz mit dem seinen verschlungen, dass nur Tod sie von ihm reissen konne. Die Liebenden sahen sich wieder; ihr erstes Wiedersehen war ein schmerzlich-entzuckender Augenblick; auch ward ihnen von nun an nur selten das Gluck, mehr, als Blicke oder ein paar fluchtig hingeworfene Worte mit einander wechseln zu konnen; denn Beide fuhlten jezt mehr wie je die Nothwendigkeit, ihr Geheimniss den Augen der neugierigen Welt zu verbergen. Sie vermieden deshalb auf das gewissenhafteste jede Unvorsichtigkeit in ihrem Betragen, durch die das Heiligthum ihrer Herzen unberufnen Beobachtern hatte verrathen werden konnen.

So vergieng ihnen ein Jahr und druber in der Seeligkeit des reinsten Bewustseins vertrauensvoller inniger Liebe. Das jungen Holm rasch ausgefuhrter Entschluss war bei seinem Alter, bei seinen Kenntnissen in einem andern Fache, bei seinen Aussichten in eine ihm offen stehende ehrenvolle Zukunft zu beispiellos, als dass er nicht selbst in dieser grossen Stadt dadurch hatte Aufsehen erregen sollen. Anfangs war daruber, als uber eine grosse Thorheit viel gesprochen und gespottelt worden, spaterhin aber begann Raimund, sich ganz auf eine entgegengesezte Weise bemerkbar zu machen. Man fuhlte sich gezwungen, die Leichtigkeit zu bewundern, mit welcher der Neuling Schwierigkeiten uberwand, die denen unuberwindlich geschienen hatten, welche, von Jugend auf zum Kaufmannsstande erzogen, es fur unmoglich hielten, sich ohne diesen Vortheil in Geschaften solcher Art zurecht finden zu konnen. Raimunds sehr ausgebreitete Kenntnis fremder Sprachen, die Geschicklichkeit, mit der er den bedeutendsten Theil der Korrespondenz seines Hauses zu fuhren wusste, und mehr noch als alles dies, der Scharfblick und die Berechnung der Umstande, durch welche er dasselbe zu einigen sehr vortheilhaft ausfallenden Spekulazionen veranlasst hatte, erwarben ihm allgemeine Achtung an der Borse. Man wusste, dass er ohne alle Belohnung an Gelde im Fischerschen Komtoir arbeite, aber die angesehnsten Hauser hatten gern um jeden Preis einen solchen Gehulfen sich erworben, der, ohne die Lehrjahre uberstanden zu haben, gleich als Meister auftrat. Jeder profezeyete in ihm einen kunftigen Stern erster Grosse in der handelnden Welt, wenn das Gluck ihn nur so begunstigen wolle, als seine Kenntnisse und sein Fleiss es verdienten. Sogar Herr Kleeborn erwahnte seiner einigemal uber Tische, und mit grossem Lobe. Vicktorine getraute sich dabei kaum, die Augen von ihrem Teller zu erheben, und ihr laut pochendes Herz wollte vor banger Freude zerspringen, denn ein ganz eignes schlaues Lacheln ihres Vaters, indem er den Namen Holm auffallend betonte, verrieth ihr nicht nur seine Bekanntschaft mit ihrem Geheimniss, sondern sie glaubte auch mit Sicherheit, Plane zu ihrem kunftigen Gluck darin lesen zu durfen.

Ganz unbefangen und ahnungslos folgte sie daher dem Ruf ihres Vaters, als dieser sie, wie er zuweilen that, zu sich in sein Kabinet beschied. Hochstens erwartete sie wieder einmal von einem abgewiesenen Heurathsantrage horen zu mussen, und sie erschrack daher schon ein wenig, als Herr Kleeborn mit ganz sonderbarer, etwas feierlicher Freundlichkeit ihr entgegen trat, ihre Hand ergriff, und sie nothigte, sich zu ihm auf das Sofa zu setzen.

"Vicktorine," begann er nach einer kleinen Pause, seine wahrscheinlich vorher einstudirte Rede, "Vicktorine, Du bist mein einziges Kind, und Du weist, wie es von jeher mein hochster Wunsch war, Dein wahres Gluck nach bester Einsicht und Kraft zu begrunden. Viele Jahre hindurch habe ich Tag und Nacht fur Dich gesorgt und gearbeitet, darum ist es jezt an Dir, mich fur alle meine Sorge und Muhe zu belohnen. Nun, ich muss es Dir zum Ruhm nachsagen, Du warst ein folgsames Kind, und hast Dir nie die mindeste Einwendung gegen meinen Willen erlaubt, wenn ich Antrage abwies, die ich fur Dich als unpassend erkannte, indem ich mit meinem wohlerworbnen Golde weder alte Adelsbriefe auffrischen, noch verschuldete Guter einlosen lassen mag. Nun! des Vaters Seegen erbaut den Kindern Hauser, und auch meiner hat Dir eins gebaut, denn ich habe Dich rufen lassen, um Dir anzukundigen, dass Du endlich die Braut eines wurdigen Mannes meines Standes bist, eines Kaufmanns recht nach meinem Herzen, der"

"Herr Holm ist im Komtoir," rief jezt Jemand zur Thur herein. "Herr Holm!" wiederholte Kleeborn nachdenklich fur sich hin, Vicktorine bebte an allen Gliedern. "Es ist gut so, und vielleicht um so besser," sezte jezt Kleeborn nach kurzem Ueberlegen halblaut hinzu; dann wandte er sich zu Vicktorinen: "Geschafte gehen allem vor, mein Kind wie Du weist, doch Du bleibst hier, es ist gleich abgethan, und wir sprechen hernach weiter." "Lassen Sie den jungen Holm nur herein treten," sagte er zu dem, der ihn gemeldet hatte. Dieser gieng sogleich, den Befehl zu vollstrekken und nach wenig Sekunden stand Raimund vor Vicktorinen. Sein erster Blick fiel auf sie, er sah sie fast besinnungslos da sitzen und errothete sichtbar, doch suchte er sich schnell wieder zu fassen, und richtete wirklich seinen Auftrag an Herrn Kleeborn mit moglichster Klarheit aus; anfangs freilich mit etwas unsicherer, nach und nach aber mit immer fester werdender Stimme. Es war von einer sehr bedeutenden Unternehmung die Rede, zu welcher Holm den Plan entworfen hatte, und zu deren Ausfuhrung Herr Kleeborn mit dem Herrn Fischer zusammentreten wollte. Er gieng daruber mit Raimunden in sehr weitlauftige Unterhandlungen ein, lobte mehrmals die helle, bestimmte Ansicht des jungen Mannes, und betrug sich im Ganzen so freundlich und hoflich gegen ihn, dass Vicktorine sich nicht nur allmahlig von ihrer Ueberraschung erholte, sondern sogar begann, in ihrem Gemuthe den kuhnsten Hoffnungen Raum zu geben.

Der Gegenstand des Gesprachs der Beiden war nun erschopft und Holm machte Miene sich entfernen zu wollen, doch Kleeborn hielt ihn fest. "Ehe Sie gehen, lieber Herr Holm," sprach er, "will ich Ihnen doch einen Beweis meiner Achtung fur Ihre Person geben; Sie sollen der erste sein, der meiner Tochter als der Braut des Sir Charles Wissmann seinen Gluckwunsch bringt. Ihr Brautigam ist hollandischer Konsul in London und der Sohn des beruhmten Amsterdammer Hauses dieses Namens, das Ihnen gewis ruhmlichst bekannt sein wird. Seit mehr als zehn Jahren bin ich diesem Hause so hoch verpflichtet, dass ich nur auf diese Weise meine Schuld einigermassen abtragen kann."

Raimund stand jezt unbeweglich und bleich gleich einer Marmorbuste da. Es war ihm als ob bei dieser unerwarteten Anrede die Sinne ihm vergiengen; auch Vicktorine starrte mit gefalteten bebenden Handen und mit weit offnen Augen athemlos vor sich hin. Sie sprang vom Sofa auf. "Vater!" rief sie, "Vater, was soll dieser grausame Scherz?" Die Stimme versagte ihr, sie verstummte, sichtbarlich zitternd vor innerer angstlicher Bewegung.

"Scherz, mein Kind?" erwiederte Kleeborn mit erzwungnem Gleichmuth, "ei! ei! Vicktorine, seit wenn kennst Du mich denn von dieser spashaften Seite? Dass ich mit ernsten Dingen nicht gewohnt bin zu scherzen, konntest Du doch wissen. Frage nur hier Herrn Holm, das Haus Deines Schwiegervaters in Amsterdam ist ihm gewis bekannt."

"Sie scherzen nicht? Vater," rief jezt Vicktorine, sich und alles in ihrer Verzweiflung vergessend. "Sie scherzen nicht? Und dieser furchterliche Hohn o Vater! ich habe Ihnen ja nichts verschwiegen, Sie konnten mein Herz" Kleeborn unterbrach sie. "Madchenherzen sind Modeartikel, auf die kein vernunftiger und gewis kein solider Mann sich einlasst," erwiederte er ihr, noch immer sehr gleichmuthig. "Uebrigens," sezte er hinzu, "will ich hoffen, dass Dein Herz kein rebellisches, sondern ein gehorsames Herz ist, wie es sich fur meine Tochter ziemt. Von Deinen Gestandnissen aber, die Du mir gemacht haben willst, weis ich kein Wort, und auch Du thust am besten, sie ebenfalls zu vergessen".

"Vater, o mein Vater," rief Vicktorine angstlich flehend, "Sie wussten um meine Liebe. Horen Sie auf, mich auf diese Weise zu angstigen, ich habe Ihnen ja nichts verborgen, und wenn Sie auch Grunde vielleicht hatten, den Namen des Mannes, den ich liebe, nicht von mir nennen horen zu wollen, so konnten Sie ihn aus Raimunds seltnem Entschluss doch errathen; ja Sie haben ihn errathen; besinnen Sie sich doch, lieber Vater, Sie haben ihn errathen" "Das ich nicht wusste," fiel Kleeborn, noch immer sehr kalt und gelassen ein, "ich gab mich nie sonderlich mit Rathseln ab, doch weis ich lange, dass junge Madchen sich mit eingebildeten Liebesgeschichten die Zeit vertreiben, wenn es mit den Puppen nicht mehr recht fort will, denn jedes Alter will sein Spielwerk. Doch, Du Vicktorine, solltest die Kinderschuhe endlich ausgetreten haben, und ich bitte, dass es von heute an geschehe, wenns nicht schon geschehen ist."

Mit hochfliegender Brust, bleich und stumm vor Entsetzen, stand Vicktorine im gewaltsamen Kampfe ihres Innern da, wahrend ihr Vater sich jezt vornehm hoflich an Raimund wandte. "Von Ihnen, Herr Holm," sprach er zu diesem, "und von Ihrem Verstande hege ich eine zu gute Meinung, als dass ich nicht glauben durfte, dass Sie von jeher eingesehen haben werden wie weder Ihre jetzige Lage, noch Ihre derzeitigen Vermogensumstande Sie fur jezt berechtigen konnen, auf die Hand eines Madchens, wie die einzige Tochter von Martin Nicolaus Kleeborn eines ist, Anspruche zu machen." Hier wollte Raimund antworten, doch der Alte lies ihn nicht zum Worte. "Ich will Sie mit dieser meiner Aeusserung keinesweges zurucksetzen, lieber Herr Holm," sprach er noch immer in ziemlich hoflichem Tone; "im Gegentheil, ich kenne Sie als einen sehr soliden und geschickten jungen Mann, der einst gewis noch in der Welt sein Gluck machen wird. Viele haben mit weit Wenigerm angefangen als Sie und sind jezt Millionare. Ihr Gluck bluht noch, und wenn ich in Zukunft Ihnen irgendwo dienen kann, soll es gern geschehen, denn ich helfe gern jungen Leuten fort. Aber fur jezt nun Sie wissen es ja auch, kunftig ist nicht heut, und man pfluckt nicht Bluthen sondern Fruchte."

Raimund hatte allmahlig wahrend dieses Vorganges seine Fassung wieder errungen." Je langer Kleeborn sprach, je hoher richtete er sich aus seiner vorigen, durch Schrecken und Verlegenheit gebeugten Stellung wieder empor, so dass er zulezt mit fast koniglichem Anstande vor seinem Widersacher stand, und ihm so fest ins Auge sah, dass Kleeborn jezt seinerseits dadurch in einige Verlegenheit gerieth und unwillkuhrlich das Gesicht von ihm abwandte.

"Ich weis, wer und was ich bin, und es bedarf keiner Erinnerung von Ihnen, Herr Kleeborn, um mich in den mir gebuhrenden Schranken zu halten," erwiederte Raimund jezt, zwar mit gemassigtem, aber dennoch sehr festem, ernsten Tone. "Ja, ich gestehe es," fuhr er fort, "und ich bin stolz darauf, es Ihnen und der ganzen Welt zu bekennen, dass ich Vicktorinen mehr liebe als mich, als mein Gluck, als mein Leben. Doch verstehen Sie mich recht, nur sie liebe ich, nur nach ihrem Besitze strebe ich, nicht nach dem Vermogen ihres Vaters, dessen ich Gottlob nicht zu meinem Glucke bedarf."

"Ich habe Sie ausreden lassen, und erbitte mir die namliche Gefalligkeit jezt von Ihnen," setzte Raimund hinzu, da er bemerkte, dass der Alte ihm etwas erwiedern wollte. "Es kann Ihnen nicht unbekannt sein," fuhr er fort, "dass, ware ich dem Stande getreu geblieben, zu dem ich erzogen ward, ich die sichre Aussicht hatte, Ihrer Tochter mit meiner Hand ein vielleicht glanzendes, oder doch gewis ein unabhangiges und ehrenvolles Loos bieten zu konnen. Doch ich verlies diese Bahn, um auf eine Weise zu dem hochsten Ziele meiner Wunsche zu gelangen, die auch Ihnen gefallen, und sogar mit der Zeit Ihnen nutzlich werden konnte. Ich wunschte, dem Vater Vicktorinens durch ein nicht unbedeutendes Opfer meine Liebe zu seiner Tochter zu beweisen, und zugleich durch meinen angestrengtesten Fleiss ihm spaterhin ein sorgloses, muhloses Alter....

"So? Ey das ist ja recht schon und lobenswerth," fiel Kleeborn jezt noch immer ein wenig verlegen ein, denn das edle feste Benehmen des jungen Mannes imponirte ihm doch einigermassen, und uberdem mochten auch Rucksichten auf das eben gesprochene, wichtige Geschaft ihn bewegen, denselben mit einiger Schonung zu behandeln. "Ja sehen Sie" fuhr er daher ziemlich freundlich fort, "das ist wie gesagt recht lobenswerth und schon. Nun Sie werden es mir gewis noch selbst einst verdanken, dass ich so gleichsam die unschuldige Ursache war, Sie auf den rechten Weg zu bringen, denn Sie sind zum Kaufmann geboren. Und wie gesagt, wenn ich gleich Ihre Offerte wegen meiner Tochter diesmal nicht annehmen kann, so bin ich doch stets geneigt, Ihnen in Zukunft mit meinem guten Rath' oder auch sonst zu dienen, denn wir bleiben doch gute Freunde, da ich von Ihrer Rechtschaffenheit hoffe, dass Sie nicht hinter meinem Rucken etwas unternehmen werden, um mein einziges Kind zum Ungehorsam zu verleiten."

Holm, ohne ihm zu antworten, wandte sich Vicktorinen zu, die, einer Sterbenden ahnlich, in der leidenschaftlichsten Bewegung vergebens nach Athem rang. "Theures, unaussprechlich geliebtes Wesen," sprach er, und druckte ihre Hand an sein hochschlagendes Herz, Vicktorine, Du Licht meiner Augen, Du Leben meines Lebens, zurne mir nicht, dass ich jezt Deine Freiheit Dir wieder gebe; ich wollte Dich verdienen, doch erschleichen will ich Dich nicht; entscheide uber Dich selbst und, wenn Du es vermagst, so folge dem Willen Deines Vaters; lass den Gedanken an mein kunftiges Geschick auf Deinen Entschluss keinen Einfluss haben. Dein Gluck ist das meine, Dein Bild kann mir niemand rauben, und eine Zukunft giebt es nicht mehr fur dieses Herz, das hinfort nur in der Vergangenheit lebt. Ich bleibe Dein, denn ich kann nicht anders, doch Du

"Raimund! Raimund!" schrie Vicktorine mit konvulsivischer Heftigkeit laut auf; sie sturzte zum erstenmal sich in seine Arme, an seine Brust, sie umschlang seinen Nacken mit furchtbarer Angstgeberde, und sank dann vor ihrem Vater nieder, dessen Knie sie fest umklammerte. "Vater!" rief sie, "konnen Sie mich, Ihr einziges Kind so sehen und nicht sich erbarmen! konnen Sie diesen edelsten der Menschen horen und nicht an Ihre Brust ihn schliessen, und nicht Gott danken, dass er ihr Sohn sein will!"

"Romanenheldin! Komediantin! solche Theaterpossen gehen an mir verloren," rief der Vater bleich vor Zorn, mit bebenden Lippen, indem er sich los zu machen strebte. "Also auf du und du? bei Gott das geht weit! Steh' auf! Steh' auf Vicktorine, Du bist und bleibst Charles Wissmanns Braut, denn ich gab mein Wort, und werde es Deiner Narrheit zu gefallen nicht zum erstenmal in meinem Leben brechen. Und Sie junger Herr "

"Vollenden Sie nicht, was Sie sagen wollen! Horen Sie erst meine Erklarung auch," sprach Raimund mit so festem mannlichen Ton, dass Kleeborn sich bewogen fuhlte, ihm nachzugeben. "Dass ich nach diesem nicht mehr daran denken kann, Sie durch Bitten erweichen zu wollen, werden Sie mir zutrauen, dass ich mein Gluck nicht erschleichen will, wiederhole ich Ihnen nochmals."

"Sie werden also hinfort nicht suchen, meine Tochter heimlich zu sehen? Sie wollen ihr nicht schreiben? in Summa, Sie geben alle Ihre Anspruche auf?"

"Ich habe keine Anspruche als an ihr Herz, und nur Vicktorine darf hier entscheiden," erwiederte Raimund.

"Ich bin Du, Du bist ich," rief Vicktorine uberlaut und umschlang ihn nochmals. "Lassen Sie mich, mein Vater," sprach sie mit so wild blitzenden Augen, als dieser eine Bewegung machte, sie von Raimund los zu reissen, dass er erschrocken von ihrer Heftigkeit, zuruck fuhr. "Hore mich, Gott, was ich in Gegenwart meines Vaters gelobe," rief sie, und hob wie zu einem Eidschwur ihre rechte Hand empor. "Ich schwore Treue, unverbruchliche Treue diesem Mann. So wie nichts ihn je aus meinem Herzen reissen kann, so soll nichts je mich bewegen, meine Hand einem Andern zu geben. Und nun lebe wohl," sprach sie, in die hochste Weichheit ubergehend, "lebe wohl, mein Gluck, meine Jugend, meine Seeligkeit auf Erden! Raimund ich bin Dein und bleibe es, darum versprich fur mich was Du willst, ich werde es halten, denn Du bist meine Seele, meine Tugend, Du bist alles! Meineid wirst Du auf mich nicht laden wollen," hauchte sie noch in gebrochenen Tonen hin, und sank wie aufgelost, in seinen Armen zusammen.

"Vicktorine, o meine Vicktorine!" war alles, was Raimund aus gepresster Brust hervor seufzen konnte, und Thranen glanzten in seinen Augen, indem er sie aus seinen Armen auf das Sofa niedersinken lies, ihre Hand behielt er fest in der seinen, indem er ihrem Vater sich zuwandte, der jezt, schaumend beinah, in unthatigem Zorn, dabei stand.

"Sie horten die Erklarung Ihrer Tochter," sprach Raimund mit edlem Anstand' und gemassigtem Ton; "Ich habe hier nach Vicktorinens Willen fur uns beide zu handeln, und so nehmen Sie denn unser beider heiliges Versprechen, dass wir nicht suchen wollen, uns heimlich weder zu sehen noch zu schreiben, so lange Sie es uns verbieten, denn ich hoffe, dass Ihre Behandlung Vicktorinens mir nicht zur Pflicht machen wird, der Geliebten zu Hulfe zu eilen. Wollen Sie noch mehr?" "Ihr sollt euch trennen," schrie Kleeborn, fast unverstandlich vor Wuth.

"Wir trennen uns, bis ein gunstigeres Geschick uns vereint, hier oder dort!" sprach Raimund mit glanzenden Augen. Fest, aber wehmuthig setzte er noch hinzu. "Sein Sie ruhig, alter Mann, wir sind beide nicht fahig Sie zu betrugen." Dann kusste er noch einmal Vicktorinens leblose Hand. "Lebe wohl, lebe wohl, auf lange Zeit!" rief er aus, und verliess das Zimmer. "Und so ist es noch in diesem Augenblick, Tante," sprach Vicktorine am Ende ihrer Erzahlung. "Wir haben Wort gehalten, wir sehen uns nicht, wir schreiben uns nicht, aber die Luft, die mich umweht, bringt mir seinen Gruss, und die Sterne am Himmel sind unsre Vertrauten, denn sie leuchten mir und ihm, ich lese in ihnen, dass er meiner gedenkt, der Abglanz seiner Blicke stralt mir aus ihnen entgegen, das kann mein Vater doch nicht hindern? Nein so weit reicht nicht seine Gewalt; aber auch eben so wenig soll sie dahin reichen, mich zwingen zu konnen, jenem Verhassten meine Hand zu geben, und so auf mein bis jezt schuldloses Gemuth die Sunde des Meineids zu laden. O Tante, sagen Sie ihm nur dieses, wenden Sie Ihre Ueberredungskraft nur dazu an, ihn hiervon zu uberzeugen, damit er aufhore, mich zu zwingen, ihm widerspenstig und pflichtvergessen zu erscheinen, wahrend ich doch nur thue, was ich muss. O nehmen Sie gutig uns Verlassene in Ihren Schutz!" setzte Vicktorine kindlich flehend hinzu.

"Glaubst Du wirklich, es bedurfe Deiner Bitten, damit ich alles, was in meinen Kraften steht, zu Deinem Besten versuche?" erwiederte freundlich die Tante. "Das Nothigste ware freilich erst, auszumitteln, was eigentlich Dein Bestes erfordert, und vor allen Dir beizustehen, damit Du Gewalt genug uber Dich gewinnst, um jene Heftigkeit zu massigen, die spat oder fruh Dich ins Verderben sturzen muss."

"Tante, liebe Tante," fiel Vicktorine ihr ein, "ich bin von Natur nicht heftig, ich war in Raimunds Nahe stets sanft und mild und lenksam wie ein Kind. Aber hier gilt es mehr als mein Leben! Gewis wenn wir nicht fruherem Untergange bestimmt sind, so kommt einst die Zeit, die mich und Raimund hier noch vereint, denn wir beide sind nur zusammen, nur eins durch das andere, alles was wir sein konnen! Nehmen Sie mir ihn, und Sie rauben mir nicht nur mein ganzes Erdengluck, Sie rauben mir das Gefuhl des Rechts, der Tugend, Sie machen mich zu einem Nichts, und in mir, o mein Gott!" rief sie mit unendlicher schmerzhafter Geberde, "o mein Gott, in meinem armen unbedeutenden Ich zerstort ihr das grosse schone Herz meines Freundes! Wer konnte diesen Mord euch vergeben!" setzte sie mit stromenden Augen hinzu und verbarg laut weinend ihr Gesicht.

In diesem Moment trat Angelika hinein, doch da sie die Beiden so bewegt sah, entfernte sie sich sogleich wieder, um durch ihre Gegenwart nicht storend zu werden. Die Tante sah schweigend ihr nach. "Und wie willst Du denn diese milde liebliche Erscheinung Dir erklaren, Vicktorine," fragte sie endlich;" darfst Du Deinen Schmerz dem Ihren gleich stellen? und lebt sie nicht? lachelt sie nicht zuweilen!? und siehst Du nicht sogar in allen ihrem Thun zarte Keime eines neuen, nur anders gestellten Lebens erbluhen? Ach liebes Kind, Gluck und Ungluck gehen an uns voruber, nur das Recht, die Pflicht bestehen, und was diese uns gebieten, lasst sich erfullen. Die Kraft dazu kommt uns, wir wissen nicht wie, obgleich wir es ahnen, und die Bessern unter uns hebt der Schmerz uber sich selbst: und veredelt sie, statt sie nieder zu drucken."

"Tante" rief Vicktorine, "um Gotteswillen, nennen Sie Angelikas armes Dasein Leben? sind denn die Keime neuen Lebens, wie Sie sie nennen, etwas anders, als nimmer aufbluhende Knospen, die zu einer Todtenkrone sich flechten wollen? Konnen Sie so irren? Haben Sie nie gelebt? nie geliebt?"

"Doch wohl vielleicht!" erwiederte die Tante mit einem leisen Seufzer, und brach fur diesen Abend das Gesprach ab. Zu aller ihrer Freunde hochsten Erstaunen, erholte sich Vicktorine unglaublich schnell von dem letzten Stoss, den ihre Gesundheit erlitten hatte.

Man schrieb dieses halbe Wunder zwar dem Arzte zu, doch eigentlich war es die Tante, die den Grund dazu legte, theils indem sie der Kranken durch Herrn Muller die beruhigende Gewisheit zu verschaffen wusste, dass von Raimunds Reise nach Odessa nie ernstlich die Rede gewesen sei, theils indem sie den schweren Druck gewaltsam erzwungnen Schweigens von ihr nahm, und ihr erlaubte, alle Gefuhle ihres, von Angst und Liebe uberstromenden Herzens vor ihr auszuschutten. Im Genuss ihrer freudigen Jugend hatte Vicktorine bis jezt keiner Vertrauten bedurft, und folglich auch keine gefunden, aber sie war auch dabei vom Schicksal zu verwohnt worden, um den Schmerz ebenfalls allein tragen zu konnen. So hatte einzig das gewaltsame Zuruckdrangen des sie allmachtig beherrschenden Gefuhls des Kummers, der Sorge um den Geliebten, sie an den Rand des Grabes gebracht. Jezt aber fand sie in der Tante, was weder die gute, doch beschrankte Virnot, noch eine ihrer Jugendgespielen ihr hatten sein konnen: eine weise, theilnehmende Freundin, die zwar weit davon entfernt blieb, ihr Benehmen durchaus zu billigen, und dieses sogar mit eindringendem Ernst zuweilen ausserte, die aber doch gern und gelassen sie anhorte. Und fur dieses leidenschaftliche Gemuth war das schon eine grosse Erleichterung.

Uebrigens ubte die Tante durch ihre blosse Gegenwart eine Art magnetischer Kraft an Vicktorinen, die in der That wunderbar und seltsam genug war. Sie widersprach ihr wenig, sie fragte noch weniger, sie horte sie meistens nur an. Aber der ernste, durchdringende Blick ihres klaren Auges entflammte Vicktorinen zu immer festeren Beschlussen; dem stummen Widerspruch, den sie oft in den Zugen ihrer Vertrauten zu lesen glaubte, stellte sie ihre geheimsten Gedanken, ihr verborgenstes Empfinden laut entgegen und so lernte sie erst durch dieses, mit unsichtbarer Gewalt erpresste Vertrauen sich und ihr Herz klar erkennen, indem sie dadurch uber vieles erst zum deutlichen Bewusstsein gelangte, was bis dahin nur wortlos ihrem innern Sinne vorgeschwebt hatte.

So kehrte denn nach und nach das gewohnte Leben in den hauslichen Kreis des Kleebornschen Hauses wieder zuruck, und der Herr desselben begann schon, dem Zeitpunct freudig entgegen zu sehen, in welchem Ueberfluss, Pracht und rauschende Gesellschaften seine weiten Sale wieder fullen wurden. Er kam jezt jeden Abend auf eine Stunde in das Wohnzimmer, wo die Tante mit anmuthiger Sitte und gewohnter Heiterkeit am Theetische waltete, um welchen sich schon zuweilen einige vertraute Freunde versammeln durften; er sah mit Vergnugen, wie auf Vicktorinens bleichen Wangen die Farbe der Genesung allmahlig wieder erbluhte, und ihr so lange verdunkeltes Auge wieder im helleren Glanze zu strahlen begann. "Nun, nun, murmelte er dann fur sich hin, es geht wie ich dachte, mit der Zeit wird sich alles geben," und eilte seelenvergnugt dem Spieltische zu, an welchem seine Freunde ihn erwarteten.

Eines Abends, an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand, sprach er kurz ehe er fortgieng sehr viel von einem glanzenden Feste, mit welchem er nachstens die vollige Genesung seiner Tochter zu feiern gedachte, und Babet und Agathe arbeiteten dabei wie nach dem Tackt' an einem neuen Ballputze, den sie nach Angabe der Tante fur sich verfertigten. Der Himmel hieng ihnen dabei voll, lauter Walzer spielenden Geigen, und sie sahen schon im Geiste die kleinen Fuschen unter der dicken blumenreichen Garnirung des kurzen Kleidchens zierliche Triller schlagen.

Angelika ging indessen in liebenswurdiger Geschaftigkeit ab und zu, und suchte jedem, besonders der Tante, nach ihrer Weise etwas Angenehmes zu erzeigen. Der stille Schmerz verklarte dies holdseelige Wesen immer mehr und mehr, und machte es immer freundlicher. Jeder, sogar Herr Kleeborn, fuhlte sich von dem eigenthumlichen Wohlwollen, das Angelika Allen bezeigte, zu ihr gezogen, und empfand gleichsam die Verpflichtung, ihr verlornes Gluck durch verdoppelte Liebe ihr zu ersetzen, so weit dies moglich war. Das dankbare Gemuth des stillen, freundlichen Madchens offnete sich naturlicherweise gern dem trostenden Einflusse dieser uberall ihm entgegen kommenden Neigung, und es fasste wieder Freude am Leben, doch nicht am eignen. In dieses sah Angelika vollkommen, wie in ein fremdes hinein, es war ihr, als gienge sie sich selbst nichts mehr an; nur im Schmerz oder in der Freude Anderer fuhlte sie noch ihr irdisches Dasein und daher war es ihr sehnlichster Wunsch, nur Vicktorinen wieder froh und glucklich zu sehen, deren lebensreiche Natur weder Schmerz noch Entsagung zu tragen wusste.

Bald nach Herrn Kleeborns Entfernung ergriff die Tante ein Buch, wie sie jeden Abend zu thun pflegte, um mit ihrer wohlthuenden sonoren Stimme den jungen Madchen etwas vorzulesen. Sie war Meisterin in dieser Kunst, und die Wahl, die sie unter den vorzuglichsten Dichtern unserer Zeit zu treffen wusste, bezweckte vor allem, das Gemuth ihrer beiden Lieblinge zu beschwichtigen, indem sie den eignen Schmerz im verklarten Lichte der Poesie ihnen zeigte. So offnete sie zugleich die jungen Herzen jenem beseeligenden Einflusse der Kunst, der ihre Lieblinge weit uber irdisches Geschick erhebt, und allein uns lehrt, in stiller Thatigkeit und dennoch duldend, es zu besiegen, und in der eignen Brust einen Himmel uns zu erbauen, den keine Erdenmacht verhullen darf.

Agathe und Babet, die nur den Augenblick mit Ungeduld erwartet hatten, in welchem die Tante ermudet das Buch wieder hinlegen wurde, benutzten jezt diesen, um in ihr Zimmer zu eilen, und sich dort fur das erzwungne beschwerliche Schweigen wahrend der Lekture zu entschadigen, Angelika hingegen holte auf der Tante bittenden Wink ihre Harfe herbei, und hauchte mit susser leiser Stimme folgendes Lied in den Klang der goldenen Saiten. Sie hatte in einer schonen wehmuthigen Stunde, bald nachdem Ferdinand zur Armee gegangen war, es selbst gedichtet, und Worte und Melodie waren zugleich entstanden.

Angelikas Lied

Bricht an der Tag mit seinen hellen Lichtern,

So flucht' ich meiner Liebe heil'gen Schein

Vor all' der bunten, lauten Menge schuchtern

In meines Herzens tief verschlossnen Schrein;

Dort ruht er ungesehen, gluht verborgen,

Bis dass der Abend kommt; dies ist sein Morgen.

Denn, wenn nun dieser zieht die grauen Schatten,

Das Licht sich nach und nach in Dunkel bricht

Bis es im letzten Strahle muss vermatten,

Wenn Nacht sich um die weiten Himmel flicht,

Dann zunde ich im allertiefsten Herzen

Ganz still mir an der stillen Liebe Kerzen.

Sie leuchten freudig mir in meiner Zelle,

Aus herrlicher Vergangenheit herauf;

Sie zeigen auch im Dunkel Hoffnungshelle

Mir meiner Zukunft unenthullten Lauf;

Sie glanzen gehn die muden Augen schlafen

Als Pharus in des Traumes Wunderhafen.

Und diese lichten Traume sollen bluhen

So lang des Lebens Traum mich noch umfangt;

Sie sollen treu auch dahin mit mir ziehen

Wo man zum langen Schlaf' mich eingesenkt.

Nein! D i e s e Flammen konnen nicht vergehen;

An ihnen zundet sich das Auferstehen.

Thranen glanzten in den Augen der Zuhorerinnen, als die Sangerin verstummte, doch ihre Augen blieben klar, ihre Zuge heiter, indem sie aufstand und schweigend die Harfe wieder hinaus trug.

Sobald sie das Zimmer verlassen hatte, warf sich Vicktorine mit uberstromendem Gefuhl' in Annas Arme. "Tante," rief sie, "glauben Sie es nur, ich fuhle die stille Lehre, die Sie durch die Gegenwart dieses schon halbverklarten Engels mir geben wollen, aber kann denn die junge Tanne sich schmiegen und beugen wie der Epheu? liebe, gutige Frau, ich leide in Ihrer Seele wenn ich Ihre Zukunft mir denke, denn ich sehe es, Sie wollen zu der Hohe mich fuhren, auf welcher Angelika, erhoben in ihrer Demuth, schon steht, und Sie werden zu meinem fruhen Grabe mich hinleiten!"

In Thranen schwimmend, verbarg sie jezt ihr Gesicht am Busen der Tante, die, schmeichelnd und liebkosend, sie aufzurichten strebte. "Meine Vicktorine," sprach sie, "mein geliebtes Kind, glaubst Du denn, ich wisse nicht, wie Schmerz oder Freude auf Jeden, seiner eignen Natur nach, verschieden wirken muss? oder denkst Du, ich ware ungerecht genug, Allen Alles zuzumuthen? da doch das Maass und die Art unsrer Kraft so verschieden sind? Nur konnen wir dieses Maass nicht eher erkennen, bis wir erprobt haben, wie weit es reicht. Und deshalb thut es mir immer weh, und macht mich sogar zuweilen unmuthig, was es nicht sollte, wenn ich sagen hore: das kann ich nicht, das ist mir unmoglich. Ach, wir konnen tausendmal mehr, als unsre feigherzige Tragheit uns eingestehen mag, wenn es uns nur mit dem Wollen ein rechter Ernst ist! Ich spreche aus Erfahrung, liebes Kind! oder denkst Du wirklich, weil ich jezt alt bin, ich habe nie jugendlich gefuhlt, nie jugendlich gelitten, wie Du oder Angelika.?"

"Ach Tante, ich glaube es wohl," erwiederte seufzend Vicktorine, "aber Ihre Jugendzeit war anders und besser als die unsere, und auch das Madchenleben, in allen seinen Anforderungen und Begebnissen, war gewiss himmelweit von dem unsern verschieden. Daher kann ich mir recht wohl denken, dass auch Sie fuhlten wie wir, aber ich kann nimmermehr glauben, dass der Schmerz so gewaltsam zerstorend Ihnen nah getreten sei. Seit Sie jung waren, hat sich alles anders gestaltet, und auch wir sind ganz anders ins Leben hingestellt als Sie es waren. Bei Ihnen war Ruhe und Ordnung; wir aber schiffen auf bewegtem Meer, jauchzend werden wir von der hohen Brandung zum Hafen getragen, oder finden, von ihr zerschmettert, am nachsten Felsenriff' unser und unsrer Hoffnungen Grab. Jedes Lebensschiff ist jezt das Spiel der Windesbraut der Zeit, jede Bewegung ist Kampf."

"Die Form mag sich freilich, seit ich jung war, sehr verandert haben," erwiederte die Tante, "aber das innere Wesen der Dinge verandert sich nie, und d e r Glaube ist kindisch, wenn gleich ziemlich allgemein, dass die Welt, weil wir sie betreten, sich durchaus umgestalten musste." Vicktorine schwieg errothend, und jene fuhr, sehr ernst werdend zu reden fort, indem sie auch Angelikas Hand ergriff, welche inzwischen wieder in das Zimmer gekommen war. "Kinder," sprach Tante Anna, "ich bin nicht daran gewohnt, viel von mir selbst zu reden, aber ich liebe Euch mutterlich und habe es in diesen Tagen recht ernstlich bei mir selbst uberlegt: ob ich nicht wohl daran thate wenn ich Euch auch meine Jugend erzahlte. Ich glaube, dass Dein Muth, meine Angelika, vielleicht gestarkt und erhoht wird, wenn Du an meinem Beispiele siehst, dass es ein noch herberes Leid geben kann als das Deine, und dass es dennoch moglich sei es zu tragen und dabei zu leben. Und Du, meine Vicktorine, kannst vielleicht lernen, dass die Liebe in Deinem jungen Herzen noch nicht das hochste Werk des alten Meisters ist, nicht die einzige Axe, um die fur Dich die Welt sich drehen muss, und dass das, was Du dein Ungluck nennst, nicht eine Art von Adelsbrief ist, der vor Andern Dich auszeichnet; denn wir alle wurden geboren zu lieben, zu leiden, und am Ende in stiller, frommer Ergebung unser wahres Gluck zu finden. Den ersten Abend, an welchem wir Drei ruhig und allein bei einander sind, denke ich dieser ernsten Unterhaltung zu weihen, obgleich ich vielleicht nicht ganz gleichgultig und ohne Schmerz daran gehen werde, so manchen langst besiegten bosen Tag noch einmal in der Erinnerung zu durchleben." "Hore Babet," fragte Agathe ihre Schwester, Abends beim Auskleiden, "wie gefallt dir Angelika?" "Ach, geh' mir mit der, die ist mir viel zu mattherzig," erwiederte Babet verdruslich. "Ja es ist wohl wahr, viel Leben hat das arme Ding freilich nicht," erwiederte Agathe mit einem kleinen Achselzucken, aber gut muss man ihr doch sein. Sieh nur, was fur ein grosses Stuck sie mir, wahrend dem Vorlesen, an meiner Garnirung weiter half."

"Die Tante hat doch wirklich viel Geschmack," setzte Agathe nach einer kleinen Pause hinzu, wahrend welcher sie das neue Kleid wohlgefallig betrachtete; "und sie ist dir auch noch sonst gar nicht so ubel als wir anfangs meinten. Denk nur, sie weis alles von mir und dem Lieutnant, und dabei ist das das wunderlichste, dass ich ihr das meiste selbst erzahlt habe; ich begreife noch bis diese Stunde nicht, wie ich dazu gekommen bin."

"So? und was sagte sie denn dazu?" fragte Babet ganz trubseelig, denn sie uberlas eben zum dreissigsten male des blonden Theodors Abschiedskarte, die sie vorhin im Wohnzimmer heimlich vom Spiegel mit weggenommen hatte.

"Ach, es war recht wunderlich," erwiederte Agathe, sie lachte und sagte: "nun mit diesem Herzchen hat es wohl furs erste keine Noth, das nimmt es wohl noch mit einem ganzen Dutzend hubscher Blond- und Schwarz-Kopfe auf. War das nicht recht frivol gesprochen von einer so alten Person? Hernach aber ward sie auch wieder mit einemmale ganz ernsthaft, und gab mir gute Lehren, und sagte mir allerlei daruber, wie ich mich gegen den Schwarzen zu benehmen habe."

"So hat sie Dich doch am Ende recht ausgescholten;" murmelte Babet vor sich hin.

"Gescholten? Ach nein, nicht sehr, nur ein ganz klein bischen," antwortete Agathe, "und Du wirst es kaum glauben, aber es ist doch wahr, sie hat mir ganz von selbst versprochen, dass er zu der ersten Gesellschaft gebeten werden soll die wir geben, und das geht auch recht gut an, denn Visite hat er beim Onkel gemacht, ich habe selbst die Karte gesehen. Und dann soll er auch mich zu Tische fuhren und neben mir sitzen durfen, aber dafur musste ich ihr auch versprechen, ihr nichts von dem zu verheimlichen was unter uns vorgeht."

"Und das hast Du auch gethan?" fragte Babet. "Das wohl nicht," war die Antwort, "ich habe ihr naturlicherweise gesagt, dass ich ihr unmoglich ein jedes Wort wiederklatschen konne, was wir beide miteinander reden, und damit war sie denn auch zufrieden. Sie lachte wieder recht von Herzen, und meinte denn, dass sie das auch gar nicht zu wissen verlange. Ich soll ihr nur nichts vorsatzlich verschweigen, und vor allen Dingen ihr gerade das sagen, wobei mir einfiele, dass ich es nicht gern sagen will. Das habe ich ihr denn endlich auch versprochen, denn ich denke, das kann mir doch einmal nutzlich sein, da sie es doch so gut mit mir meint. Es ist mir auch selbst sogar lieb, dass ich doch jezt jemand Vernunftiges habe, mit dem ich alles uberlegen kann, und der mir guten Rath giebt."

"O du dummes Kind, dann ist ja bei der ganzen Geschichte keine Freude mehr!" seufzte die trauernde Babet, sezte sich verdruslich mit ihrer Karte in eine Ecke, Theodor und die Seeligkeit des letzten Kottillions fielen ihr wieder ein, und sie weinte bitterlich wohl eine Viertelstunde lang, bis sie zulezt daruber vor Betrubnis einschlief. Wenige Tage spater wurde eine neue beruhmte Oper gegeben, und Babet und Agathe erhielten die Erlaubnis, der ersten Vorstellung derselben unter dem Schutze der Mamsell Virnot beizuwohnen. Seit Vicktorinens Krankheit hatten sie dieser Freude entbehrt, also lange genug, um ihr jezt mit Entzucken entgegen zu gehen, und so war denn der einsam ruhige Abend fur die versprochne Lebensgeschichte der Tante gewonnen.

Im Zimmer herrschte mehrere Minuten lang eine fast andachtige Stille, welche weder Angelika, noch Vicktorine unterbrechen mochte; die Tante sah so wehmuthig feierlich aus, indem sie sich, ohne ein Wort zu sprechen, in ihren Armstuhl niederlies. Deshalb verstummten auch beide Madchen, und mochten aus Zartgefuhl es gar nicht wagen, sie durch Worte oder Blicke an ein Versprechen zu erinnern, dessen Erfullung ihr, wie sie selbst gestanden hatte, schmerzlich sein musste. Doch es bedurfte bei ihr keiner Mahnung, denn nach einer kleinen Pause nahm sie, wenn gleich sichtbar beglommen, von selbst das Wort.

"Das ruhige Beieinandersein des heutigen Abends wollen wir benutzen, wie ich es Euch verheissen habe," sprach sie; "aber mir ist doch sonderbar dabei zu Muthe, wahrscheinlich, weil ich nie gewohnt war, von mir selbst viel zu reden."

"Ich wusste von jeher zu viel von der Welt, als dass ich hatte wunschen konnen dass sie viel von mir wissen moge und so seid Ihr denn die ersten, denen ich je von mir und der Geschichte meines Lebens Rechenschaft ablege. Meine Erzahlung wird indessen doch lang sein, denn mein Leben war's. Es war doch auch mitunter recht ode, recht schmerzenvoll, recht arm!" sezte die Tante, von ihrer Erinnerung unwillkuhrlich fortgerissen, hinzu, und sah dabei so trube und schweigend vor sich hin, wie man einem bei sinkender Dammerung sich entfernenden Gegenstande nachblickt.

Angelika ruckte ihr leise naher, Vicktorine, heftig wie gewohnlich, schloss sie in ihre Arme und rief, indem sie mit besorgter Theilnahme ihr ins Gesicht sah: "Tante, liebe Tante, wenn es Sie schmerzt" doch diese wehrte sie freundlich von sich ab.

"Nicht doch," sprach sie, "und ware es auch! Ihr beide seid ja meine geliebten Tochter, und Mutterliebe achtet keiner Schmerzen. Es liegt doch auch wieder gewissermassen etwas Erfreuliches in dem Gefuhle, mit welchem wir am Ende einer langen gefahrvollen Bahn den zuruckgelegten Weg noch einmal uberschauen, und die, welche ihn erst antreten wollen, durch unsre muhsam erworbne Erfahrung zu leiten suchen," sezte die Tante nach einer kleinen Pause mit gefalligem, wenn gleich anfangs etwas erzwungnem Lacheln hinzu. "Was ich Euch erzahlen will, ist ubrigens kein erheiterndes Mahrchen, wie es fur Euern jugendlichen Sinn sich passen mochte, aber mahrchenhaft wird es Euch doch wohl zuweilen vorkommen, wenn Ihr die verfallne Gestalt der alten Tante anseht und sie dabei von jenem Zauber sprechen hort, dessen Nachhall ihr noch immer nicht verklungen ist. Von jenem Zauber," fuhr die Tante mit feuriger Beredsamkeit fort, "von jenem Zauber, der bis in mein spates Alter im Innern mich jung, im Aeussern mich kraftig erhielt; der alle Hyroglifen des Lebens am Ende mir herrlich aufloste, der, wenn gleich erst spat, im Schmerz, wie in der Freude, das hohe Geschenk eines Lebens mich recht wurdigen lehrte, in welchem Gott uns die Liebe zur Begleiterin gab, die am Ende unsers Tagewerks freundlich mild, wie der Abendstern bei sinkender Nacht, uns zur Ruhestatte leuchtet, um uns beim Erwachen wieder zu empfangen."

Vicktorine und Angelika blickten geruhrt auf die Tante. Indem diese so sprach, schien sie vor ihren Augen hoher, schoner, jugendlicher zu werden, denn der erhebende Ausdruck vollkommner, seeliger Ruhe nach langer muhvoller Pilgerfahrt, verbreitete seinen verklarenden Zauberschein uber ihre ganze Gestalt, so dass die Madchen sie kaum wieder erkannten. Wie sie damals, mag vielleicht ein seeliger Geist die eben verlassne Erde und die geliebten Menschen auf ihr, noch einmal uberschauen, eh' er den hohern Flug vollends aufwarts, der ewigen Heimath zuwendet.

"Es ist wunderbar, wie gross und breit und gewaltig die Kluft zwischen ehmals und jezt sich in diesem Momente vor mir ausbreitet, indem ich zuruckblicke in meine Vergangenheit," fuhr die Tante nach einer kleinen Pause sehr ernsthaft und nachsinnend fort. "Es wird in der That fast nothig, dass ich einen Anlauf nehme, wie jeder gern thut, der im Begriffe steht einen grossen Sprung zu wagen; denn wahrlich! es ist ein Riesensatz von dieser Stunde an, bis zu der, in welcher ich mein funfzehntes Jahr antrat. Dass ich auch einmal will funfzehn Jahre alt gewesen sein, kommt Euch wahrscheinlich schon ein wenig sonderbar und unglaublich vor," sezte sie lachelnd hinzu, "aber gewiss, ich war es doch wirklich, obgleich mir dies selbst jezt wie ein Traum dunken will. Euch wird es einst nicht besser gehn, liebe Kinder, freilich wird dann der Hugel, unter dem ich ruhen werde, schon seit langen Jahren eingesunken sein, aber die Zeit kommt doch, und es wird euch auch dann ebenfalls scheinen, als habe sie dennoch Euch ubereilt. Deshalb wollen wir aber fur jezt der Eilenden nicht weiter vorgreifen, denn sie holt uns ohnedem schnell genug ein."

"Seid ruhig, Kinder," sprach die Tante, als beide Madchen mit einem unendlich wehmuthigen Gefuhl' ihre Hande ergriffen, und sie kussten; "seid ruhig, und lasst Euch nicht so von Andeutungen und Bildern erschrecken, welchen man in meinem Alter nur gar zu gern nachhangt, und denen man auch in dem Eurigen nie, wenigstens nicht geflissentlich, aus dem Wege gehen sollte. Und nun bitte ich Euch, stort mich im Verfolg meiner Erzahlung so wenig als moglich durch Einreden jeder Art, und lasst mich furs erste den bewussten Anlauf zum Anfange derselben nehmen, indem ich Euch ein Bild unsers hauslichen und geselligen Lebens leicht hinskizzire, so wie es damals bestand, als ich vor einigen und vierzig Jahren aus der Kinderstube in die Madchenwelt eingefuhrt wurde.

In jener, Euch so ferne liegenden Zeit war das Leben von Euresgleichen beides, reicher, und armer als das Eure. Aermer, unendlich armer an Willkuhr und Freiheit; an Ueberfluss und Mannigfaltigkeit der Vergnugungen reicher; viel reicher an wahrem reinen Genuss; denn eben jener Ueberfluss, dessen Ihr Euch ruhmt, ermudet am Ende, und die Seltenheit war ja von jeher die beste Wurze unsrer Freuden.

Dieses Lob meiner Zeit kommt Euch etwas sofistisch vor? nun so werdet Ihr doch wenigstens gewiss einen zweiten Vorzug fur voll gelten lassen, den Eure Grosmutter vor Euch voraus hatten, und von dem, wie die Welt jezt steht, fast keine Spur ubrig geblieben ist; ich meine hiermit jene allgemeine, zarte Aufmerksamkeit, jene an Ehrfurcht granzende Hochachtung, jene, an die Zeiten alter Chevallerie erinnernde und aus diesen abstammende, ehrerbietige Galanterie, welche damals von allen gebildeten Mannern unserem Geschlechte gezollt ward. Wenn wir einmal in der Gesellschaft erschienen, was freilich weit seltner geschah als jezt, so traten wir gleich kleinen Furstinnen einher, von einem Gefolge umgeben, das jedem unsrer Wunsche mit zuvorkommendem Eifer entgegen flog. Mit Euch, Ihr guten Kinder, dunken sich die jetzigen Manner wenigstens auf gleichem Fuss, und glauben damit schon ein Uebriges fur Euch gethan zu haben. Daran aber seid Ihr selbst schuld, denn Ihr habt Euch auf glattem Boden neben sie hingestellt. Ich mochte uns, in unserem damaligen Verhaltniss zur mannlichen Welt am liebsten mit seltnen Blumen vergleichen, die mit Sorgfalt in einem verschlossnen Gewachshaus' aufbewahrt werden, zu denen man deshalb gern Zutritt zu erhalten sucht, und sie in der Nahe zu bewundern wunscht. Ihr aber wachst und bluht in der Freiheit, vielleicht nur um so uppiger und schoner, aber Ihr steht in einem, aller Welt offnen, lustigen Garten, in welchem man ohne Ruckhalt Euch nahen darf. Was man aber taglich muhelos sehen kann, verliert am Ende den hochsten Reitz, den der Neuheit; man gewohnt sich bald genug, achtlos daran voruber zu wandeln, und leider geht daruber manche kostliche Pflanze unbemerkt zu Grunde, oder wird wohl gar im Gedrange zerknickt und zertreten.

Indessen will ich nicht ableugnen, dass wir Euch um eure jetzige grossere Freiheit wahrscheinlich wurden beneidet haben, wenn wir uns eine solche nur recht lebhaft hatten denken konnen. Das war aber bei unsern beschrankteren Begriffen vom Leben und unsrer, durch unser Verhaltniss herbeigefuhrten furchtsamen Bescheidenheit nicht wohl moglich. Auch muss ich gestehen, dass wir einen grossen Theil unsrer damaligen vornehmen Grandezza mit unsaglichem schmerzlichem Zwange, mit hohen Absatzen an den Schuhen, mit breiten steifen Fischbeinrocken, mit Harnisch ahnlichen Schnurbrusten theuer genug erkaufen mussten. Im vollkommensten Gegensatze mit dem jezt ublichen, war unser Anzug hauptsachlich darauf berechnet, unsre Gestalt bis zum unkenntlichen zu maskiren. Jede von uns war ein wandelndes Rathsel, von der Spitze des kleinen, mit Flittern gestickten Atlas-Kothurns, welchen blitzende Steinschnallen noch verherrlichten, bis zu dem Wipfel des hochaufgethurmten Haarschmucks, der obendrein den ganzen Tag uber unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, weil jeder Luftzug, jede zu rasche Bewegung des Kopfes dem zarten Puderreif' Untergang drohte. Der zartlichste Liebhaber konnte nicht einmal in jener Zeit uber die Farbe der Haare seiner Schonen zu einiger Gewisheit gelangen, denn der gelbe Puder machte die Braune der Blonden ganz ahnlich. Die Kleine hob sich vermittelst hoherer Absatze an den Schuhen zur mittleren Grosse hinauf, und die Wespenartig zusammengeschnurte Taille, die in unbegreifliche Breite ausgehenden Fischbein Rocke gaben Allen die namliche Form, aus welcher kein sterbliches Auge die wahre menschliche Gestalt heraus finden konnte.

Ihr lacht uber die wunderliche Figur, die wir spielten? Ich glaube, ich musste selbst lachen, wenn ich mich noch einmal in meinem damaligen Putz' erblikken sollte, und doch galten die Schonen unter uns deshalb nicht fur minder schon, und die Haslichen gewannen noch bei dieser allgemeinen Vermummung, denn sie giengen in der Maske mit durch, die sich obendrein auf das vollkommenste dazu eignete, kleine Mangel zu verbergen.

Ein sehr karackteristisches Unterscheidungszeichen jener Zeit bestand auch darin, dass wir Alle damals Zeit hatten, zu Allem was uns oblag oder was wir unternehmen wollten zu vollbringen. Die jezt so allgemeine Klage uber Mangel derselben horte ich in meiner Jugend fast nie, und der ganz einfache Grund hiervon war der, dass wir viel mehr zu Hause blieben als die jezige Generazion. Morgenbesuche und Morgenpromenaden waren etwas so Ungewohnliches, dass ich wohl darauf wetten mochte, meine Mutter sei nicht dreimal in ihrem Leben Vormittags ausgegangen, ausser in die Kirche. Indessen mochte ich diese grossre Hauslichkeit meinem Zeitalter nicht ganz zur Tugend anrechnen, eine gewisse unbeholfne Steifheit der Sitten und Gewohnheiten hatte auch Theil daran. Man scheute nichts so sehr, als Bekannten, sogar Freunden sich und sein Haus anders als im vollen Putze zu zeigen. Ein unerwarteter Besuch, der uns im Hauskleide oder bei hauslichen Beschaftigungen uberraschte, erregte gewohnlich eben so viel Verwunderung als Unmuth, und nur eine sehr wichtige Veranlassung konnte einem solchen Ueberfalle zur Entschuldigung dienen.

Dass wir, ohne gegen alle Regeln des Anstandes zu sundigen, weder im Theater, noch auf der Promenade, noch uberhaupt an einem offentlichen Orte ohne einen mannlichen Begleiter erscheinen durften, diente auch gar sehr dazu, uns das Ausgehen zu erschweren. Denn obgleich zu dieser Gewohnheit die zum Dienste der Damen allzeit bereitwillige Galanterie der Manner wahrscheinlich den ersten Anlass gegeben haben mochte, so waren doch die unter ihnen, von welchen wir uns anstandigerweise eskortiren lassen konnten, nicht immer mussig, zuweilen auch nicht gefallig genug, um stets zur Hand zu sein, wenn wir ihrer bedurften. Uebrigens spreche ich hier nur von den Frauen; junge Madchen sezten keinen Fuss auf die Strasse, als unter dem Schutz' ihrer Mutter.

Alles, alles, was uns umgab, Lebloses und Belebtes, strebte damals zu einem gewissen formellen Wesen hin, welches gegen die jetzige zwanglose Lebensweise sehr wundersam absticht. Bei den fein geschnitzten und a quatre couleurs vergoldeten sehr zerbrechlichen Stuhlen unsrer Putzzimmer, war an kein Anlehnen zu denken; die zu den Stuhlen passenden schmalen Kanapees hatten nur die Aehnlichkeit mit unsern jezigen damals noch ganz unbekannten Sofas, dass sie, wie diese, als Ehrenplatz manchen Rangstreit unter den Damen veranlassten, ubrigens boten sie durchaus keine Bequemlichkeit fur die jezt so beliebte liegende Stellung, die damals in gesunden Tagen etwas Unerhortes war.

Auch weis ich nicht, wie man diese mit dem ganzen damaligen Anzuge, dem Reifrocke der gepuderten Frisur hatte vereinigen konnen; wir hielten uns gerade, wie ich noch immer aus alter Gewohnheit thue, und ohne es weiter unbequem zu finden.

Mit dieser korperlich geraden Haltung hieng aber auch, sogar im engsten Familienkreise, ein sehr genaues Beobachten der einmal angenommenen Hoflichkeitsregeln gegen seines Gleichen, und der abgemessensten Ehrfurcht gegen Hohere zusammen, die ich jezt, ich mag es nicht leugnen, zuweilen recht schmerzlich vermisse, weil die jetzige Welt dergleichen als steifes uberflussiges Zeremoniell heut zu Tage verachtet. Die zierliche, vom Tanzmeister zu diesem Zweck erlernte Verneigung an der Thure, mit der ich taglich meine Eltern zuerst begrusste, ehe ich naher trat und jedem von ihnen besonders mit feierlicher Ehrerbietung den guten Morgen bot, wurde jezt freilich lacherlich erscheinen; doch der Mensch ist ein Kind der Gewohnheit, und wem man am Morgen so ehrfurchtsvoll sich nahert, gegen den wird man schwerlich im Laufe des Tages bis zum heftigsten Widerspruch' oder zu andern Unziemlichkeiten sich vergessen, wie doch jezt von Kindern gegen ihre Eltern nur zu oft geschieht. Die Eltern nach jetziger Art Du zu nennen, hatte damals gewiss fur eine Art von Blasphemie gegolten, nur bei ganz kleinen Kindern hochstens ward dieses geduldet, und doch wurden Vater und Mutter gewis nicht weniger geliebt, als jezt. Ich hieng an den meinigen mit so liebevollem reinem Vertrauen, dass ich unmoglich glauben kann, der jezt zwischen Eltern und Kindern herrschende Ton vollkommener Gleichheit hatte dieses Gefuhl erhohen konnen; wohl aber kann ich es nicht ableugnen, dass er in einigen Fallen und mit gewissen Modulazionen mich jezt oft verletzt.

Mein Vater lebte eine lange Reihe von Jahren hindurch in dieser freien Reichsstadt als koniglich ***scher Resident in Ehre und Ansehen. Als der jungere Sohn einer sehr alten Familie, in welcher das Majoratsrecht galt, war er nicht reich, um so weniger, da auch meine Mutter ihm kein bedeutendes Vermogen zugebracht hatte. Die Einkunfte meiner Eltern, verbunden mit der Besoldung meines Vaters, reichten daher nur eben hin, um bei Sparsamkeit und Ordnung mit Anstand davon leben zu konnen; freilich aber gehorte vor funfzig bis sechzig Jahren weit weniger dazu als heut zu Tage. Damals herrschte, selbst in den reichsten Hausern dieser Stadt eine gewisse frugale Massigkeit, die man jezt vielleicht Geitz und Mesquinerie schelten wurde; tausend Erfindungen des Luxus, welche wir ohne Bedenken dem Unentbehrlichen zuzahlen, waren in jener Zeit vollig unbekannt; man wohnte weit enger zusammengedrangt, man brauchte viel weniger Bedienung und hatte durchaus keine kostspieligen Fantasien zu befriedigen.

Bei alle dem aber hielt man dennoch viel auf eine gewisse solide, wenn gleich etwas schwerfallige Pracht, in der Kleidung sowohl, als in allen ubrigen Umgebungen. Wenigstens zweimal im Jahre musste der im alltaglichen Leben sehr massig besetzte Tisch unter der Last des schweren Silbergeschirres, der kostbarsten Weine, der ausgesuchtesten Speisen, sich seufzend beugen, und so viele Gaste, als der Saal nur zu fassen vermochte, sassen im feierlichsten Putze, starrend von Gold und Edelsteinen, um ihn her, alle von dem sorgsamen Herrn des Hauses nach Rang und Wurden auf das gewissenhafteste geordnet. Dieser sowohl, als seine Frau sahen bei einem solchen Feste wie Leute aus, die einer an sich ehrenvollen, aber doch nicht ganz leichten Pflicht sich so gut als moglich zu entledigen suchen, und auch die Gesichter der Gaste zeigten im Ganzen mehr den Ausdruck einer hoflichen Resignazion, als den des Vergnugens; denn an einer dreistundigen Sitzung an der Tafel vermochten doch nur sehr wenige sich wirklich zu erfreuen. Eigentlich war aber auch von geselligen Vergnugungen bei einer solchen formellen Abspeisung nie sonderlich die Rede; niemand machte Anspruche daran und im Ganzen gieng es sehr still dabei her. Die Frauen beobachteten alles, zahlten Schusseln und Assietten, und uberlegten, wie sie bei ihrem eignen nachsten Gastmahle deren noch ein paar mehr anbringen konnten; die Manner assen, tranken, und liessen gegen das Ende der Mahlzeit ihren Witz in Ausbringung schalkhafter Gesundheiten leuchten. Alle aber, die Wirthe wie die Gaste, dankten Gott, wenn wieder einmal ein solches Vergnugen uberstanden war.

So sah es zu jener Zeit mit dem geselligen Vergnugen bei uns aus. Freilich hatte mein Vater im Auslande, besonders in Frankreich, eine leichtere und genusreichere Lebensweise kennen gelernt, doch er fuhlte die Verpflichtung, sich nach den Gebrauchen des Ortes zu richten, in welchem er eine gastlich-freundliche Aufnahme fand; uberdem war er auch zu vernunftig, um gegen den Strom schwimmen zu wollen, was damals noch mit ganz besonderer Schwierigkeit verbunden war. Die Welt war gegen Sonderlinge und Neuerungssuchtige bei weitem nicht so tolerant als jezt, wo in jedem Winkel und auf jeder Schulbank Weltverbesserer mit grandiosen Ansichten sitzen, die alle ihr glaubiges Publikum finden. Jener Ausspruch: "Du Narr willst kluger sein als wir!" mit welchem die ungebildeten Bruder von Gellerts tanzenden Baren diesen aus ihrer Mitte vertrieben, war damals noch in voller Kraft und ganz an der Tagesordnung.

Mein Vater liess es sich also gar nicht beikommen, an der Lebensweise seiner Freunde und Bekannten das mindeste abandern zu wollen; er nahm an ihren Festen willigen Antheil, aber er huthete sich zugleich gar sehr davor, sich mit den reichen Handelsherren, in deren Mitte er lebte, in einen Wettstreit einzulassen, bei dem er entweder mit Schande bestehen, oder sich und die Seinen zu Grunde richten musste. Daher versammelte er in seinem Hause und an seinem mit anstandiger Massigkeit besezten Tische nur immer eine kleine Anzahl mit Auswahl zusammengebetener Gaste und das seltne Talent meiner Mutter, mit sehr Wenigem viel hervorzubringen, machte es uns leicht, diese kleinen Gastmahle ziemlich oft zu wiederholen. Die Ordnungsliebe der theuren Frau, der Scharfblick mit dem sie Alles von ihr mit Sorgfalt Aufbewahrte stets am rechten Orte zu benutzen verstand, gaben bei moglichster Ersparniss unserem Haushalte das Ansehen einer damals hier noch unbekannten Eleganz. Zwar nannte man unsre Lebensweise wohl zuweilen vornehm, aber man verzieh sie uns doch, weil man das Bewusstsein dabei behielt, uns an Reichthum und Pracht zu ubertreffen. Man lebte sogar recht gern mit uns, weil meine Eltern mit dem Ausdrucke des herzlichsten Wohlwollens achte Hoflichkeit und jenen feinen geselligen Tackt verbanden, der uns lehrt, alles zu meiden, was auch den Geringsten in der Gesellschaft verletzen konnte und jedes so zu verstehen wie es gemeint ward. Mein Vater hatte sich diese Eigenschaften fruher im Leben mit der Welt erworben, meiner wahrhaft liebenswurdigen anspruchslosen Mutter waren sie angeboren, und so erfreuten sich beide lange Jahre hindurch der Achtung und Liebe eines, aus ziemlich heterogenen Gestalten zusammengesetzten Kreises, dessen Mittelpunct sie waren, ohne je nach dieser Ehre gestrebt zu haben.

Zwolf Jahre hindurch blieb ich das einzige Kind meiner Eltern, und genoss im Uebermaasse alles Gluck und Ungluck eines solchen, bis deine Mutter, liebe Vicktorine, geboren ward. Ich war von der Natur, sowohl geistig als korperlich mit den glucklichsten Anlagen ausgestattet, und meine Eltern sorgten auf das angelegentlichste fur die fernere Ausbildung derselben; ja ich darf wohl sagen, dass mein Vater, ganz gegen seine sonstige Art, verschwenderisch wurde, sobald es darauf ankam, irgend ein in mir schlummerndes Talent an das Licht zu rufen. So sorgsam er sonst alle neue fortlaufende Ausgaben vorher berechnete, so ernstlich er jede nicht durchaus nothwendige vermied, so sparte er doch nichts, um mir die ersten Lehrer in allem zu verschaffen wozu ich Lust oder Anlagen zeigte. Man hielt mir ganz gegen die damalige Gewohnheit, keine franzosische Gouvernante, ich ward auch in keiner Pensionsanstalt erzogen, denn meine Mutter hatte gegen beide Erziehungsmethoden einen unuberwindlichen Widerwillen, doch meine Eltern ersetzten dies uberschwenglich durch die treue Aufmerksamkeit, mit der sie selbst uber den Unterricht ihres Lieblings wachten.

So machte ich denn in fruher Jugend nicht ganz unbedeutende Fortschritte in der Musick, im Zeichnen und Miniaturmalen, in allem, worin nach der Meinung der jetzigen Zeit ein Madchen unterrichtet werden muss, und schritt damit weit uber die Granze der damals gewohnlichen Begriffe von weiblicher Erziehung hinaus. Diese drehte sich in einem weit engern Kreise herum, und die Kunstubungen eines Madchens jener Zeit beschrankten sich gewohnlich auf ein paar leidlich hergeklimperte Polonaisen, ein paar muhseelig durchgezeichnete Stickmuster hochstens auf ein angstlich getuschtes Landschaftchen nach irgend einem Kupferstiche. Die mir angeborne Leichtigkeit, mit der ich fremde Sprachen erlernte, bewog unter andern meinen Vater, mir auch in der englischen und italienischen Sprache selbst Unterricht zu ertheilen. Franzosisch war ohnehin unsre tagliche Haussprache; sobald wir unter uns allein waren, sprachen wir keine andere, denn dies war damals fast in allen adlichen Familien so der Gebrauch. Mein Vater zog diese Sprache jeder andern vor, weil von ihr zu seiner Zeit nicht nur seine, sondern auch die geistige Bildung aller derer ausgieng, die sich nicht geradezu dem eigentlichen Gelehrtenstande widmen wollten, und die klassischen Schriftsteller der Franzosen blieben ihm zeitlebens die liebsten, ich konnte wohl sagen, die einzigen, die er las. Von der deutschen schonen Litteratur hatte er in seiner Jugend nur wenig kennen gelernt, und dies wenige war ihm nicht erfreulich gewesen, wie es denn auch in jener, truben Gottschedischen Zeit einem Geiste wie dem seinigen nicht zusagen konnte. Daher blieb ihm ein unuberwindliches Vorurtheil gegen alle deutsche Schriftsteller, besonders gegen die deutschen Poeten, welches er mit fast allen damals lebenden, gebildeten Mannern theilte, die darin dem Beispiele Konigs Friedrichs des zweiten folgten. Auch ich lernte deshalb erst spat die Schatze meines eigenen Volcks kennen, obgleich um die Zeit, da ich geboren ward, schon die hellstrahlende Morgenrothe am deutschen Kunsthimmel den glorreichen Tag verkundete, der jezt uns leuchtet.

Mehr als aller meiner ubrigen guten Anlagen erfreute sich mein Vater jenes unserm Geschlechte eignen leichten Auffassungsvermogens, mit dessen Hulfe wir spielend errathen, was die Manner muhsam erlernen, und durch welches ich besonders mich auszeichnete.

Diese den Frauen ganz eigenthumliche Gabe konnte uns fast verleiten, an gute, oder doch wenigstens gut gelaunte Feen zu glauben, die ihren Lieblingen schon in der Wiege eine ganz eigne Gewandtheit verleihen, welche sie fahig macht, von allem fur sie passenden Wissenswerthen sich wenigstens die schimmernde Oberflache anzueignen. Ohne tiefer ins Reich der Wissenschaften einzudringen, oder auch nur eindringen zu wollen, umschwarmen diese vor andern Begunstigten auf leichtem Fittig die Bluthen und lassen den Mannern gern das muhsame Geschaft, im Schweise ihres Angesichts den Wurzeln nachzugraben. Auch sind sie nicht nur fahig, sich zu freuen, wenn kluge Manner reden, weil sie verstehen wie sie's meinen, sondern sie wagen es zuweilen im scherzenden Uebermuth, mit glucklicher Keckheit sich neben diese klugen Manner hinzustellen, und sie durch die ihnen beiwohnende Zauberkraft mitunter selbst ein wenig irre zu machen.

Diese geistige Geschmeidigkeit ist aber dennoch fur die, welche sie besitzen, beiweitem nicht gefahrlos, und sollte nach meiner jetzigen Ansicht wohl eher in Schranken gehalten, als geubt und bewundert werden. Doch mein Vater war hierin andrer Meinung. Ihm galt anspruchslose, heitre Liebenswurdigkeit zu Hause wie in der Welt fur eine der ersten Eigenschaften meines Geschlechts; er hielt dafur, dass wir, um zu dieser zu gelangen, wohl einer hoheren Geistesbildung, aber durchaus keiner Gelehrsamkeit bedurften, die er geneigt war, eher fur ein Hindernis anzusehen. Daher belachelte er mit wahrer Lust meine kleinen wissenschaftlichen Scharlatanerien und lies mich gewahren.

Wahrend meine geistige Entwickelung auf diese Weise meinen Vater ergozte und beschaftigte, sorgte meine gute trefliche Mutter auf seinen Antrieb dafur, mir durch fruhe Gewohnung die moglichste Unabhangigkeit von allen jenen unbedeutenden Kleinigkeiten zu verschaffen, die so oft den ausgezeichnetsten Frauen qualende Fesseln anlegen. So wie ich heranwuchs, brachte sie durch Lehre und Beispiel mich dahin, dass ich weder des Schneiders, noch der Putzmacherin bedurfte. Selbst die Kammerjungfer und den Friseur lernte ich im Fall der Noth entbehren, und das war damals keine Kleinigkeit.

Auf diese Weise glaubte mein Vater, geistig und korperlich am besten fur meine Zukunft mich auszustatten, moge diese mich nun in die Welt fuhren, oder in die Einsamkeit meines Stiftes. Denn schon damals trug ich dieses Ordenskreuz, als Geschenk einer furstlichen Pathe, bei welcher meine Grosmutter einst Hofdame gewesen war, und es gab meinem Vater keine geringe Beruhigung, mich dadurch gegen die Sturme des Lebens einigermassen gesichert zu wissen.

So bluhte ich denn allmahlig heran, im schonsten Verhaltnisse zu meinen Eltern, gleich glucklich in der aussern, wie in meiner mir selbst geschaffnen innern Welt; denn auch diese fehlte mir nicht. Lesen war damals zwar nicht das unentbehrliche Bedurfnis jedes Alters, jedes Geschlechts und jedes Standes, was es jezt ist. Die Mutter mussten sogar noch zuweilen ihre Tochter ermahnen, endlich einmal ein Buch in die Hand zu nehmen, statt dass sie in unsern jetzigen Tagen uber das viele Lesen sich ereifern, und es nicht ganz mit Unrecht einen geschaftigen Mussiggang schelten. Indessen habe ich doch ziemlich fruh angefangen, Romane zu lesen. Mein Vater verbot es mir nicht, wie er denn uberhaupt vom Verbieten nicht viel hielt, aber er bewachte doch die Wahl meiner Lekture, und huthete mich besonders vor den franzosischen Romanen jener Zeit, deren verderbliche Tendenz, unerachtet seiner Vorliebe fur ihre Verfasser, er sich dennoch nicht verbarg.

Indessen war es in meiner Jugend weit schwerer als jezt, sich eine unterhaltende Lekture zu verschaffen. Lesbare, deutsche Romane fanden sich fast eben so selten, als Leihbibliotheken, die man kaum dem Namen nach kannte. Man behalf sich damals aus Noth wie jezt aus Wahl mit Uebersetzungen aus dem Englischen, und ich erinnere mich noch lebhaft des Entzuckens, mit welchem ich im Schranke der Mutter einer meiner Gespielinnen eine lange Reihe Bucher entdeckte, die unter dem Titel einer Landbibliothek eine Anzahl solcher ubersetzten Romane vereinigte.

Hier lernte ich denn unzahlige Lords und Ladies, Sirs und Misses kennen, deren Thaten und Leiden mit der, den Romanschreibern jener Nazion noch bis diese Stunde eignen Breite und Weitschweifigkeit uns bis auf die geringsten Details vorgefuhrt wurden, sogar bis auf die Farbe des Kleides, welches die Heldin oder der Held bei wichtigen Gelegenheiten trugen. Vor allem aber wurden die Hochzeitkleider nicht nur des endlich begluckten Brautpaars, sondern auch die der vornehmsten anwesenden Gaste nie vergessen. Ich las das alles mit einer Wonne, von der ihr Uebersattigten keinen Begriff haben konnt, denn ich war nicht unbeschrankt wie ihr im Gebrauch meiner Zeit. Hatte ich ein solches bandereiches Werk vollendet, so war mir so einsam zu Muthe, als sei ein sehr lieber interessanter, lange da gewesener Besuch wieder abgereist.

Ich freute mich die ganze Woche hindurch auf den Sonntag Nachmittag, wo ich meinem Lieblingsgenusse mich am ungestortesten hingeben durfte, und obgleich ich vor Ungeduld nach der Entwicklung brannte, so las ich doch immer langsamer, wenn ich sah, dass der Band zum Ende sich neigte, um mir dadurch die Freude zu verlangern.

Richardsons Romane entzuckten mich ganz unbeschreiblich, gerade wegen ihrer Weitschweifigkeit, obgleich ich dem Tugendspiegel Sir Charles Grandison keinen sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte und der brillante Bosewicht Lovelace mir tausendmal besser gefiel. Jezt sehe ich wohl ein, dass gerade die Werke dieses beruhmten Schriftstellers sich sehr schlecht dazu eigneten, einem kaum zwolfjahrigen Madchen in die Hande gegeben zu werden, aber sie hatten einmal die allgemeine Stimme fur sich. War doch sogar in England die mehr als zweideutige Pamela dem Volke von der Kanzel als Erbauungsbuch angepriesen worden. Ueberdem verlies mein Vater sich auf meine Unschuld, und das mit Recht; er war uberzeugt, dass ich in meiner glucklichen Unbefangenheit das fur mich Unpassende entweder ubersehen, oder nicht verstehen wurde, und seine Erwartung trog ihn nicht.

Meine jugendliche, oder vielmehr kindische Fantasie blieb indessen bei alle diesem nicht mussig. Mein Kopf war voll von Entfuhrungen, Maskeraden, gewaltsam erzwungner Trauungen, diesen Apparat der damaligen englischen Romanschreiber, die eben wie jezt ihre jungern Bruder, sich immer gern wiederholten und alles so ziemlich uber einen Leisten formten. Das alles suchte ich nun in Gedanken mir selbst anzupassen; mein Held war ein Ungeheuer von Tugend, Tapferkeit, Edelmuth und Liebenswurdigkeit, Grandison und Lovelace in einer Person. Ich selbst war eine hochst gefahrliche Schonheit, die in steter Angst vor den Verfolgungen ihrer wuthenden Anbeter lebte. Bei alle dem aber blieb ich ein gutes Kind, lernte meine Lexionen, strickte meine Strumpfe, nahte meine Wasche, half meiner Mutter im Hauswesen, und niemand sah mir an, welche Wunder in meinem Kopfchen herumspuckten.

Jenes fantastische Spielwerk war nur eine Ergotzlichkeit in mussigen Stunden; mein Held hatte noch gar keine Gestalt und konnte keine haben, denn ich wusste keine ihm zu geben. Da ich noch nicht confirmirt war, so durfte ich noch nicht in der Welt erscheinen und kannte daher nur wenige junge Manner, die aber, welche ich kannte, gefielen mir nicht, hauptsachlich wohl, weil sie von mir noch keine Notiz nahmen.

Die empfindsame Siegwarts-Periode, die bald darauf eintrat, gieng ziemlich spurlos an mir voruber. Zwar versuchte ich es ebenfalls, Vergissmeinnicht zu pflucken, und mit dem bleichen Monde einen Verkehr anzuspinnen, und das gieng auch in so weit recht gut von statten; nur die Leiden machten mir Noth. Ich wusste dem blassen Freunde nichts zu klagen und war zu gesund und ehrlich, um mit Gluck dergleichen erfinden zu konnen. Daher gab ich die ganze Sache bald auf und ward aus einer pinselnden deutschen Romanheldin wieder eine stolze, englische Schonheit.

Einen weit grossern Eindruck als Siegwart machten auf mich Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen, die auch um jene Zeit erschienen. Die theologischen Abhandlungen und Contraversen, welche dieses Buch enthielt, uberschlug ich, das versteht sich von selbst; aber es belustigte mich sehr, zum erstenmal' in meinem Leben gute alte Bekannte in meinen Buchern zu finden. Die englischen Lords und Ladies waren mir niemals wie recht lebendige Personen vorgekommen, obgleich ich es nicht ableugnen mag, dass sie mir vielleicht nur deshalb um so interessanter erschienen, weil meine Fantasie um so freier mit ihnen schalten und walten durfte. Die Herren Puff und Consorten hingegen sah ich zuweilen am Tische meiner Eltern, und gleich Oelenschlagers Correggio, da er das erste niederlandische Bild erblickt, gerieth ich daruber in freudige Verwunderung, dass man auch so etwas malen konne.

Endlich stand ich in meinem vierzehnten Jahre, nahe an der Granze des jungfraulichen Alters; da trubte zum erstenmal die schwere Hand des Unglucks mein frohliches sorgloses Dasein. Ich verlor meine gute, liebe, herrliche Mutter, gerade in dem Zeitpuncte, da ich ihrer milden leitenden Hand am nothigsten bedurft hatte. Sie entschlief sanft und still wie sie lebte. Es raubte sie uns ein schleichendes Uebel, das seit der Geburt meiner Schwester langsam und fast unmerkbar verzehrend, an ihrem Leben genagt hatte, bis sie ohne Klage in sich zusammensank, wahrend wir uns mit den schonsten Hoffnungen ihrer nahen vollkommnen Genesung schmeichelten. Ausser mir vor Schrecken und Schmerz stand ich, ein halbes Kind noch, an ihrem Sarge, in dem nehmlichen Saale, wo wir vor wenig Tagen noch so froh mit ihr gewesen waren, und dessen ringsum schwarzbekleidete Wande ich jezt kaum wieder erkannte. Ich hielt mein armes kleines Schwesterchen auf dem Arme, das in kindlicher Unschuld die vielen Lichter anlachelte, welche zum leztenmal die theure bleiche verstummte Gestalt beleuchteten. Neben mir stand mein trostloser Vater; zum erstenmale sah ich die Thranen eines Mannes, es war mir unbeschreiblich furchtbar, ihn laut weinen zu sehen; wie ein unnaturliches Wunder kam es mir vor und all' mein Blut erstarrte mir in den Adern. Ohnehin eignete sich der ganze Trauerapparat jener Zeit auf das vollkommenste dazu, den innern zerreissenden Schmerz durch die aussere Erscheinung bis zum Unertraglichen zu steigern. Nicht nur der Vater und wir Kinder, auch alle Bedienten des Hauses waren in schwarzen Krepp gehullt, den langnachschleppenden Schleier, die breite schwarze Schneppenbinde, die nur das Gesicht frei lies, durfte ich wahrend der ersten Wochen sogar nicht im Hause ablegen. Bis nach dem Begrabnistage waren alle Fenster des Hauses dicht verschlossen, Wohnzimmer, Treppen und Vorsaal schwarz umhangen, und die schwarz gekleideten Leute alle schlichen mit unhorbarem Tritt, Gespenstern gleich, durch die dustre Dammerung. So wollte es nicht nur unser Schmerz, so wollte es auch die damalige Sitte.

Ach und wenn ich mitten in dieser dustern Pracht das bleiche liebe Gesicht meiner Mutter im Sarge ansah! wie war das Bild des Todes so furchtbar vor meine junge Seele getreten, ich wollte vor Schmerz und Grauen dabei vergehen, ich meinte, nie wieder froh werden zu konnen und ward es doch; denn die Macht der Zeit uberwindet alles, besonders wenn Jugend sie unterstuzt. Ich muss sogar bekennen, dass ich fruher wieder ruhig und heiter ward, als ich mir selbst es gestehen mochte: ich sei es.

Auch mein Vater gewann bald Fassung genug, um seinen Verlust zu ertragen, obgleich er nie lernte ihn zu verschmerzen, denn er hatte meine Mutter unendlich lieb gehabt. Sie selbst mit ihrem reinen weichen Herzen, mit ihrem klaren bescheidnen Sinne war, nach Art der bessern Frauen jener Zeit, stets nur der anmuthigste Nachhall seines freieren kraftigeren Wesens. Ihr Gemal war ihre sichtbare Gottheit auf Erden. Mein Mann hat es gesagt, oder: der Herr hat es befohlen, galten ihr, ersteres in der Gesellschaft, das zweite im Hause, fur Grunde und Ausspruche gegen die, ihrer Meinung nach, kein Vernunftiger etwas einwenden konnte. Und dennoch war sie fern von jeder sklavischen Unterwurfigkeit; es war nur ihrem liebenden Herzen unmoglich, sich etwas Hoheres und Besseres zu denken, als ihren Gatten.

Alle Sorgfalt und Liebe meines Vaters ward von nun an mir doppelt und dreifach zugewendet. Mein kleines Schwesterchen konnte er nur mit stiller Wehmuth betrachten. Es blieb im Hause unter der Aufsicht einer alten Warterin. Diese hatte auch meine hulflose Kindheit einst gepflegt, und sich durch vierundzwanzig jahrige treue Dienste das Recht erworben, als ein Mitglied unserer Familie betrachtet zu werden, dem es zuweilen erlaubt wurde, bei bedeutenden Angelegenheiten derselben ein Wort mit zu reden.

Meine Konfirmazion war durch den Tod meiner Mutter auf einige Monate hinausgeschoben worden und dieser bedeutende Schritt ins Leben wurde, abgesehen von jeder andern hoheren Ansicht desselben, in meinem jetzigen verlassnen und verwaiseten Zustande doppelt wichtig fur mich. Denn von jenem Moment an ward ich nicht nur als ein selbststandiges Mitglied der Gesellschaft betrachtet, ich trat auch zugleich an die Spitze unseres nicht unbedeutenden Haushalts und nahm die Verpflichtung auf mich, hier nach Kraften die Stelle meiner verewigten Mutter zu ersetzen.

Seit ich die Heftigkeit des ersten Schmerzes uber den Verlust meiner Mutter uberwunden hatte, war mir das Unersetzliche derselben nie wieder so herzzerreissend aufgefallen, als in dem Augenblick, da ich nach jener religiosen Feierlichkeit zuerst wieder unser vereinsamtes Haus betrat. Ich sehnte mich ganz unbeschreiblich nach einem Paar mich umfangender Arme, nach einem Herzen, an das ich mit vollem Vertrauen das meine legen konnte, aber ich blieb einsam. Ich befand mich in einer ganz eignen nie zuvor gekannten Stimmung des Gemuths. Dieses war bewegt von der heiligen Handlung, von der ich eben zuruck kam, aber es war nicht in seinen Tiefen ergriffen, es war nicht erwarmt. Der fluchtige, wenn gleich heftige Eindruck, den der heutige Tag auf mich gemacht hatte, musste sogar bald einer eignen Art von Eitelkeit Raum geben, denn ich begann sehr selbstgefallig das eben uberstandne offentliche Examen mir wieder zuruck zu rufen, bei dem ich allen Andern mich uberlegen gezeigt hatte. Denn bei keinem einzigen der biblischen Spruche, die ich auswendig lernen musste, um durch sie die Glaubenslehren zu beweisen, welche meine Lippen bekennten, hatte mir mein Gedachtnis den Dienst versagt; doch leider war auch kein einziger von ihnen bis in mein Herz gedrungen, denn achte Frommigkeit war mir von Jugend auf, selbst dem Begriffe nach, fremd geblieben. Als blosses Gedachtniswerk hatte ich Religion gelernt, wie ich auch Geographie und Geschichte lernte; ihr Geist hatte nie mich durchdrungen, und nie, so lange ich lebte, hatte ich, ausser der Kirche die man zuweilen aus Gewohnheit noch besuchte, von Gott reden gehort.

Liebe Kinder, wundert Euch nicht uber dieses Bekenntnis, sondern beklagt mich, dass meine Jugend leider in jene kalte trostlose Zeit fiel, in der man begann sich der Religion zu schamen. Von jeher bahnte ja Uebertreibung einer andern Uebertreibung ganz entgegengesezter Art den Weg, und so drang denn auch plotzlich aus der dustern Nacht des kurz zuvor herrschenden krassesten Aberglaubens, das grelle Flackerlicht des trostlosesten Unglaubens hervor, den man damals Aufklarung nannte. Was war dabei wohl naturlicher, als dass die vom schnellen Uebergange aus dem Dunkel zu jenem kalten Nordschein geblendete Menge einen andern Irrweg einschlug, als den eben verlassnen, ohne zu ahnen, dass es einen richtigern Pfad geben konne?

Die geistreichsten Manner jener Zeit, mit ihnen mein Vater, liessen von Voltaires kaltem, aber glanzendem Witze sich hinreissen, der das Heiligste mit dem Unheiligsten zugleich schonungslos verspottete. Eine furchtbare Erkaltung der Gemuther nahm immer mehr und mehr uberhand, und Voltaires Anhanger ruhmten sich laut: keine Religion, als die eines rechtlichen Mannes anzuerkennen; la religion d'un honnete homme, wie sie es nannten. Leider gehorte auch mein Vater zu diesen.

Meine wahrhaft fromme, in stiller Einfachheit erzogene Mutter schwieg zu alle dem aus Ergebenheit gegen meinen Vater, dessen Ansichten sie nie widersprach; sie konnte dies um so eher, da man sie ungestort ihren stillen Weg gehen lies. Denn es war Grundsatz jener Aufgeklarten, die Weiber und das Volk bei dem, was sie Irrthumer nannten, so lange zu lassen, als diese darin verharren wollten. In Hinsicht auf mich, trostete sich meine Mutter damit, dass ich den gehorigen Religionsunterricht taglich von einem Kandidaten erhielt, und fur ihre Person begnugte sie sich mit der ihr gelassenen Freiheit, sich ganz still zu entfernen, wenn der franzosirende Witz der Gesellschafter meines Vaters gegen Dinge, die ihr heilig waren, zu hoch ansprudelte.

So trat ich denn als ein recht armes verlassnes Kind ins erweiterte Leben, ohne die Leitung einer verehrten Mutter und ohne den Trost jenes, uber das Irdische und jeden Schmerz desselben uns erhebenden Gefuhls, den das Bewusstsein uns gewahrt, dass wir unter dem Schutze und der Leitung eines machtigen, gutigen, unbegreiflichen Wesens stehen, an welches ich leider nie dachte, obwohl ich im Herzen daran glauben musste. Denn ich war nicht irreligios, ich war nur gar nichts, weil kein Ton um mich her mein armes erstarrtes Herz erweckte und das darin schlummernde Gute ins Leben rief.

Jezt, da ich eine fast sechzigjahrige Matrone bin, werdet Ihr es mir hoffentlich nicht als Eitelkeit auslegen, wenn ich unumwunden gestehe, dass ich vor undenklich langer Zeit sehr schon war. Der Form nach zeigst Du, meine Vicktorine, mir im Spiegel der Erinnerung einigermassen mein Bild; nur zurne nicht, wenn ich behaupte, dass mein langes weiches blondes Haar noch reicher und seidner war, als dein braunes; mein milderstrahlendes blaues Auge vielleicht noch ausdrucksvoller als Dein dunkles, meine Farbe noch blendender als die Deine, mein Wuchs voller und hoher. Genug, ich zeichnete mich, trotz aller Verkruppelungen der damaligen Mode, vor allen meinen Jugendgespielinnen sehr auffallend aus. Seht mich nur recht darauf an, lieben Kinder: so vergeht Glanz und Ehre der Welt.

Mein gutiger Vater fieng jezt an, nicht nur sein Kind mit einiger Eitelkeit zu betrachten, sondern auch mit einem gewissen Stolze, dessen kleine Vorzuge an das Licht zu ziehen, dem nur die vaterliche Liebe zur Entschuldigung dienen konnte. Er hatte meine sanfte anspruchslose Mutter unendlich lieb gehabt, er war an ihrer Seite und durch sie unbeschreiblich glucklich gewesen, und doch liess er von jener Eitelkeit sich verleiten, mich ganz zum Widerspiele dessen ausbilden zu wollen, was sie gewesen war. In seiner Erinnerung wachte wiederum der Fruhling seines Lebens auf, den er in Paris, zum Theil in den Salons jener geistreichen Frauen zugebracht hatte, welche zu seiner Zeit als Ton angebende Regentinnen von ihrem Lehnstuhl' aus, in halb Europa die Geister beherrschten. Madame du Deffant, die geistreiche L'Espinasse, Madame de Tencin, und so viele andere, die damals durch Geist, Witz, Talent und Liebenswurdigkeit ein eignes geistiges Reich mitten im frivolsten Treiben eines immer tiefer sinkenden Volkes errichteten, wer kennt nicht jezt noch ihre Namen? Mein Vater hatte an den Strahlen ihres Geistes gerade in der Zeit sich gesonnt, in der die von jugendlichem Enthusiasm erfullte Brust so leicht und gern jedem schmeichelnden Eindruck sich hingiebt; er hatte sich in den tiefsten Tiefen seines Gemuths so manche herrliche Erinnerung an sie aufbewahrt, welche die vaterliche Liebe ihn jezt mit dem Wesen seiner Tochter verwechseln lies, und so verfuhrte er sich selbst zu dem Plan', alles daran zu setzen, um mich zu einer, jenen beruhmten Damen ahnlichen Erscheinung umzubilden, wenn ich gleich bestimmt schien, in einem weit beschrankteren Kreise zu glanzen. Wenigstens wollte er mir durch Lekture und mundlichen Unterricht eine uber jedes Vorurtheil erhabene Richtung geben, und machte dies von nun an zum Hauptgeschafte seines Lebens. Meine naturlichen Anlagen, vereint mit einer Eitelkeit, welche durch die meines Vaters neu belebt ward und die man in meiner Lage verzeihlich finden wird, unterstuzten ihn bei diesem Unternehmen so kraftig, dass ich in der That nach wenigen Jahren als eine sehr blendende Erscheinung da stand, und durch alle glanzende Eigenschaften eines fur die grosse Welt gebildeten Geistes, durch Witz und schnelle Urtheilskraft nicht minderes Aufsehen erregte, als durch meine, zu immer hoherer Schonheit erbluhende aussere Gestalt.

Madchen und Frauen, mit denen ich bis dahin noch Umgang gehabt hatte, suchten zwar jezt meine Nahe weniger, mieden sie vielleicht gar, weil sie anfiengen sie druckend zu empfinden; doch ich achtete dies wenig, denn auch mir war das Beisammensein im gewohnten Kreise nach und nach langweilig geworden. Nach dem Tode meiner Mutter hatte ohnedem unsre Lebensweise sich, ganz unmerklich, vollig anders gestaltet. Unser Umgang mit so vielen der ersten und angesehensten Familien der Stadt, den ich Euch so eben beschrieben habe, hatte ganz allmahlig von selbst aufgehort, ungefahr wie die Schwingungen des Perpendikels einer ins Stocken gerathenen Uhr, die doch nie so ganz mit einemmal' abbrechen.

Wenn viel Zuhausebleiben hauslich leben heisst, so lebten wir in der That weit hauslicher als da meine Mutter noch mit uns war, denn wir giengen fast nie aus, dafur aber versammelten wir taglich einen, zwar nicht sehr ausgedehnten, aber erwahlten Kreis geistreicher Manner in unserm Hause. Eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft, die meinem Vater unerwartet zugefallen war, machte es uns moglich, dies mit zierlicher Eleganz thun zu konnen, gleich weit entfernt von Ueberfluss und angstlicher Sparsamkeit. Kunstler, Gelehrte, interessante Manner aus jedem Fach, deren diese Stadt noch in diesem Augenblick weit mehrere verbirgt, als man gewohnlich glaubt, waren als tagliche Gaste uns stets willkommen. Viele Fremde schlossen sich diesem Kreise an, ja es hielt sich fast kein Einziger von einiger Bedeutung langer als einen Tag in der Stadt auf, ohne bei uns Zutritt zu suchen. Auch an fremden Kunstlern fast von allen Nazionen fehlte es nicht, die zum Theil durch uns bekannter zu werden hofften, und gern und willig unseren geselligen Abenden durch ihr Talent einen neuen Reiz gewahrten.

Ich hatte mich unterdessen dabei gewohnt, die Honneurs von meines Vaters Hause mit einer Leichtigkeit, einem Anstande zu machen, welche diesen uber allen Ausdruck erfreuten. Alle unsere Gaste lobten mich um die Wette, viele behaupteten geradezu, dass ich an jedem Hofe, sogar in Paris, Aufsehen und Bewunderung erregen musse. Mir schwindelte das junge Kopfchen bei diesem Lobe, doch vor allem begluckte es mich um meines Vaters willen, an dem ich jezt mit ungemessner Liebe hieng. Sein stilles Entzukken uber mein seltnes Gelingen in der Gesellschaft entgieng meinem Scharfblicke nicht, und ich bemerkte recht wohl, wie sein freudig-glanzendes Auge heimlich-triumfirend jede meiner Bewegungen verfolgte. Wenn ich, was oft genug geschah, furchtlos die Stimme erhob, und in gewahlten schon geordneten Phrasen meine entscheidende Meinung uber irgend einen eben besprochenen Gegenstand der schonen Litteratur an den Tag legte, so war es mein Vater allemal, der zuerst die Aufmerksamkeit der Anwesenden mir zuzuwenden suchte. Er horte mir theilnehmender zu, als alle Andere, wenn ich uber irgend einen Satz der damals herrschenden philosophirenden Moral, oder gar der Politik aburtheilte, welche letztere schon damals Freiheit und Gleichheit zu predigen anfieng. Mit beifalligem Lacheln lohnte er es mir, wenn ich mit leichtem stechendem Witz Ungereimtheiten schonungslos verfolgte, oder mich in einen geistreichen Wettkampf einlies, bei dem ich gewohnlich den Sieg davon trug. Meine seltne Gewandheit des Geistes gab mir in solchen Fallen zwar oft eine Art von Ueberlegenheit, doch ofterer noch mochte ich wohl diesen Sieg der damals noch ublichen Hoflichkeit meiner Gegner verdanken, die nach alter Art zu galant waren, um ihn im Ernst' einer Dame streitig machen zu wollen.

So sah ich denn in bluhender, unerfahrner Jugend von einer Schaar von Mannern mich umgeben, die mir alle, ohne Unterschied des Standes oder der Jahre, den Hof machten, jeglicher nach seiner Weise. Ich thronte, gleich einer kleinen Konigin, ohne Nebenbuhlerinnen in ihrer Mitte, denn meine Schwester war noch zu jung, um in unsern Abendgesellschaften zu erscheinen, und meine weiblichen Bekannten hatten sich nach und nach alle ganzlich von mir zuruckgezogen. Ich vermisste sie eben so wenig als ihr Wegbleiben aus unserm Hause mich befremdete, denn ich wusste von meinem Vater, dass meine Vorbilder, die tonangebenden Damen in Paris, zu ihrer Zeit eben so allein mitten in dem Mannerkreise da gestanden als ich jezt.

Die Stelle, welche mein Vater unter den Diplomaten dieser Stadt einnahm, machte es mir freilich bei seltnen festlichen Gelegenheiten zuweilen zur Pflicht, in grossern, aus beiden Geschlechtern zusammengesetzten Gesellschaften zu erscheinen, aber auch in dieser behauptete ich meinen Platz. Ich war hier zu laut und zu allgemein als die Erste in jeder Hinsicht anerkannt, als dass es einer andern hatte einfallen konnen, mir diesen Rang streitig machen zu wollen. Sobald ich ausser dem Hause erschien, umgaben mich die vornehmsten meiner Verehrer gleich einer Wagenburg, und die, welche nicht bis zu mir hindurchdringen konnten, sonnten sich von ferne in meinen Strahlen.

In aller Unschuld ward ich auf diese Weise recht kokett, wenn nehmlich Kokettsein so viel heisst, als ohne Unterschied allen gefallen wollen. Ich wollte dies in der That, aber doch nur, weil ich keinen Mann gesehen hatte, dem ich in meinem Herzen vor allen seines Gleichen hatte den Vorrang einraumen konnen. Alle, die ich kannte, galten mir gleich, aber ich betrachtete sie auch alle wie Unterthanen, von denen mir keiner rebellisch werden, oder gar einer andern Fahne sich zuwenden durfte. Mein eigentlichstes Streben war doch nur, meinem Vater zu gefallen, nicht nur weil er mein Vater, sondern weil er zugleich der edelste geistreichste Mann war, den ich kannte. Ihm anzugehoren, die Freude dieses Greises zu sein, war mein Stolz, und seine mit jedem Tage zunehmende Liebe zu mir mein einziges Gluck. Das Bild seiner Jugend, wie ich mir es dachte, wurde mein Ideal, und ich schlug mehrere Heirathsantrage aus, weil alle diese Manner, die sich um mich bewarben, meinem Vater zu unahnlich waren, als dass ich einen von ihnen hatte der Ehre werth halten konnen, sein Sohn zu heissen. Diese jungen Herren, welche sich um mich her drangten, erschienen mir eigentlich alle in einem etwas klaglichen Lichte. Es entgieng mir nicht, dass nur eine noch ungemessenere Eitelkeit als meine eigne sie an den Stufen meines Thrones versammle; deshalb achtete ich sie im Grunde zu wenig, um auf ihre Huldigungen grossen Werth legen zu konnen; aber es belustigte mich, wenn ich ihre Thorheit zu meiner Unterhaltung benutzte, und sie wie Marionetten behandelte, denen ich nach Belieben Leben und Bewegung verlieh.

Die Zeit vergieng, aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, ohne dass ich es sonderlich gewahr ward, und so hatte ich eben mein zwei und zwanzigstes Jahr vollendet, als mitten in der schonsten Fruhlingszeit alle Welt hier in eine halb angstliche, halb freudige Spannung gerieth, deren unschuldige Ursache die regierende Herzogin von P. war. Diese Furstin sollte auf ihrer Durchreise nach einem Bade mit ihren beiden Prinzessinnen in kurzem bei uns eintreffen, und hatte beschlossen, einige Tage in unserer Stadt zu verweilen, um die Merkwurdigkeiten und vor allem die schonen Umgebungen derselben kennen zu lernen.

Vor vierzig Jahren war das Reisen mit weit grossern Beschwerden verbunden als jezt, wo es einer lustigen Spazierfarth immer ahnlicher wird. Gute Gasthofe waren selten, leidliche Wege noch seltner und Kunststrassen am allerseltensten. Daher blieb fast jeder, der nicht reisen musste, gern zu Hause, und besonders waren reisende Konige und Fursten damals eine seltene Erscheinung.

Alle Fenster in den Strassen, durch welche ein gekrontes Haupt fahren sollte, wurden deshalb lange im voraus in Beschlag genommen, die neugierige Menge drangte sich Kopf an Kopf in dichten Reihen um die furstlichen Wagen her, und alte Leute, denen in ihrer Jugend das Gluck zum Theil worden war, einen Kaiser oder Konig von ferne zu sehen, erzahlten noch Kindern und Kindeskindern davon als von einem merkwurdigen Ereignisse ihres Lebens.

Die blosse Durchreise der Herzogin ware also schon hinreichend gewesen um die ganze Stadt in Bewegung zu bringen, aber nun wollte sie sogar drei Tage in unsrer Mitte verweilen, und glanzende Feste sollten diese Zeit ausfullen, deren Erfindung denen, welche sie anzuordnen hatten, nicht wenig Kopfbrechens verursachte. Der uberall immer steigende Luxus hatte freilich seit den lezten zehn Jahren auch in dieser Stadt sehr zugenommen, und nach und nach war manche bedeutende Abanderung in der fruher gewohnt gewesenen Lebensweise der Einwohner derselben entstanden; doch die Idee von Hoffesten lag den freien Reichsstadtern noch immer zu fern, als dass sie sich sogleich darin hatten finden konnen.

Wahrend die Manner mit Zuziehung meines Vaters daruber rathschlagten, wie sie die Furstin gehorig empfangen und unterhalten konnten, waren die Damen ihrer Seits mit Vorbereitung ihres Putzes zu dieser feierlichen Gelegenheit nicht minder beschaftigt. Ich allein blieb vielleicht die Mussigste in der ganzen Stadt, denn die Sucht auf diese Weise glanzen zu wollen, gehorte nie zu meinen Fehlern. Im stolzen Bewustsein meiner Vorzuge suchte ich vielmehr stets etwas darin, meine von Silberflor, Flittern und Edelsteinen strahlenden Nebenbuhlerinnen im einfach zierlichen Gewande dennoch zu verdunkeln, und ich nahm mir vor, auch diesmal meiner alten Gewohnheit treu zu bleiben. Bei alle dem aber klopfte mir doch das Herz bei dem Gedanken, einer Furstin vorgestellt zu werden. Ware es ein Konig, oder selbst ein Kaiser gewesen, ich hatte zwar auch noch keinen gesehen, aber ich ware wahrscheinlich ruhiger dabei geblieben, denn Kaiser und Konige sind Manner und gegen solche wusste ich mich zu benehmen. Ich durfte sogar hoffen, ihnen eben so wenig zu misfallen, als andern Mannern; aber eine Furstin, und vollends gar eine junge Prinzessin! Der blosse Gedanke an ein solches, mir so ahnliches, und doch wieder auch so unahnliches Wesen flosste, wie etwas Uebernaturliches, mir eine Art angstlicher Scheu ein. Ich zerbrach mir vergebens den Kopf um zu ersinnen, wie einer so von Jugend auf in einer ganz andern Sphare und mit ganz verschiedenen Ansichten aufgewachsenen Prinzessin die Welt und die Verhaltnisse des Lebens, erscheinen konnten, zu denen eine solche Furstin eigentlich gar nicht gehort, und denen sie denn doch auch wieder in gewisser Hinsicht eben so unterworfen ist als jedes andre Madchen.

Der grosse Tag kam endlich heran, die Furstin auch, und ich ward in der Reihe der ersten Damen der Stadt ihr vorgestellt. Ich fuhlte mich bei dieser ganz einfachen Zeremonie so befangen wie nie zuvor in meinem Leben, und argerte mich dabei innerlich uber mich selbst, weil es mir durchaus nicht gelingen wollte, dieses angstliche Gefuhl abzuschutteln. Die Herzogin, eine schone hohe Frau von mutterlichem Ansehen, war die Huld und Freundlichkeit selbst; sie war weit einfacher gekleidet als wir alle und weder Schmuck noch Orden verriethen ihren hohen Stand. Mit jener Leichtigkeit, welche von Jugend an den Furstinnen eingelehrt wird, wandte sie sich an alle Damen der Reihe nach und wusste jeder etwas angenehmes zu sagen. Mich beehrte sie besonders mit freundlichen Fragen nach einigen meiner Verwandten, die sie in fruhern Zeiten gekannt hatte, und ich antwortete ihr so gut ich es konnte; doch meine Stimme bebte dabei, meine Wangen gluhten und meine Augen hafteten unabwendbar am Boden. Unerachtet aller moglichen furstlichen Herablassung, imponirte mir die hohe, uber das ganze Wesen der Herzogin verbreitete, ihr ganz eigenthumliche Wurde, und ihre Kornblumenfarbenen Augen, so mild sie stralten, schienen mir bis in das Innerste meiner Brust dringen zu wollen. Es mochten wohl schon oft solche verlegne Figuren wie ich damals eine war, vor ihr gestanden haben, denn sie schien meinen Zustand zu begreifen und suchte, mitleidig, ihm dadurch abzuhelfen, dass sie mich ihren beiden Tochtern, zwei atherisch-zarten Gestalten zufuhrte. Besonders war die jungste, Prinzessin Mathilde, ein Kind von zwolf Jahren, beinahe unkorperlich wie eine Silphide.

Ich fuhlte die Absicht der Furstin und schamte mich innerlich meines albernen Betragens nur noch mehr, indessen gelangte ich nach und nach durch das Gesprach mit den jungen Damen doch wieder zu leidlicher Fassung, obgleich ich von meiner gewohnten Sicherheit noch immer weit entfernt blieb.

Ich wagte es doch wenigstens, wieder aufzusehen, fuhr aber gleich wieder erschrocken zusammen, denn mein erster Blick fiel in das mit gespannter Aufmerksamkeit auf mich gerichtete Auge eines dicht hinter der Herzogin stehenden jungen Mannes. Er wandte, fast unmerklich errothend, den Blick von mir ab, so wie der meinige ihn traf, und auch ich schlug die Augen wieder nieder, aber ich fuhlte, wie meine Wangen vor dem Strahle seines Blicks in dunkelem Purpur ergluhten. Als ich mich nach einer kleinen Weile unbemerkt wusste, sah ich doch verstohlen wieder hin; es war eine hohe edle Gestalt mit einem sehr ausdrucksvollen schonen ernsten Gesichte. Sein durchaus ruhiger, bescheidener und doch vornehmer Anstand verkundeten in ihm den Mann von Welt und feiner Bildung; ich sah von ihm auf meine zahlreichen, den Saal fullenden Bewunderer, nie hatten sie mir weniger gefallen; alle standen in ehrerbietiger Ferne, einige, noch verlegener als ich, druckten sich an den Wanden herum. Ich wunschte in diesem Augenblick nichts sehnlicher. als zu erfahren, wer der interessante Fremde sei. Aber wo hatte ich den Muth hernehmen wollen darnach zu fragen; ich war mit einemmal ein blodes bescheidnes Kind geworden, und ich kannte mich selbst nicht wieder in dieser Umwandlung.

Der Nachmittag war bestimmt, die Herzogin an einige der schonsten Puncte der Umgegend zu fuhren und sie selbst hatte die Gnade, mich zur Begleitung ihrer Tochter einzuladen. Ich fuhr mit den Prinzessinnen und ihrer Hofmeisterin in einem offenen Wagen, der Fremde ritt neben dem der Herzogin her. Er schien so an ihre Nahe gefesselt, dass er sich von ihr durchaus nicht entfernen durfte, indessen hatte ich doch das Vergnugen, ihn von weitem zu beobachten. Seine schone Gestalt zeigte sich mir zu Pferde auf das allervortheilhafteste, denn es ist ja eine sehr alte Bemerkung, dass fur die Manner das Pferd das ist, was fur uns der Tanzsaal, um darauf korperliche Vorzuge im gunstigsten Lichte geltend zu machen. Mit stiller Freude wurde ich gewahr, dass er sich nach uns umsah, so oft sich die Gelegenheit dazu bot. Ich bemerkte es jedesmal, wenn es geschah, mochte aber um so weniger es wagen, nach seinem Namen zu fragen.

Eine elegante und ausgesuchte Kollazion erwartete die Herzogin nach vollendeter Spazierfahrt, in einem der schonsten Garten in der Nahe der Stadt, und ein brillantes, von einem in diesem Fache beruhmten Kunstler dirigirtes Feuerwerk sollte mit sinkender Nacht die Freuden dieses Tages beschliessen. Fur die Herzogin war zu diesem Zweck dicht am Hause eine grosse, mit einem seidnen Baldachin bedeckte Estrade erbaut worden. Einige Stufen fuhrten von dieser Estrade in den Garten hinunter, und vom Hause aus gelangte man, ebenfalls einige Stufen hinab, durch drei der grossen, bis an den Fussboden reichenden Fenster des in der ersten Etage befindlichen Speisesaals, auf die fur die Herzogin und die Damen bestimmten Platze. Ich fand den meinigen unfern den Prinzessinnen, am Ende der zweiten Reihe von Stuhlen. Das Feuerwerk begann, die laue Sommernacht schien fur ein Vergnugen dieser Art eigends geschaffen zu sein. Dunkle Wolken bedeckten den Horizont, ohne doch mit wahrem Regen zu drohen, und das in bunten feurigen Farben stets wechselnde lustige Strahlenspiel zeigte sich auf diesem dunkeln Hintergrunde, in feenhafter Zauberpracht. Der Anblick der zahllosen geputzten Zuschauer, welche im Garten, um die Estrade her gruppirt, theils sassen, theils standen, erhohte den Reitz des magischen Schauspiels, indem alle die vielen Kopfe sich bald im hellsten Lichte zeigten, bald zurucktretend in das geheimnissvolle Dunkel der Nacht, wieder verschwanden. Das ganze Feuerwerk gieng zur Freude aller Anwesenden ganz vortrefflich von statten; schon zeigte sich die letzte glanzendste Dekorazion, ein im hellsten Brillantfeuer strahlender Saulentempel. Ein feuriger Adler flog zu einem der obern Fenster des Hauses hinaus uber die Estrade weg, um die an dem Tempel angebrachten Namenzuge der hohen Herrschaften anzuzunden, alles war in gespannter froher Erwartung. Doch ehe der Adler noch die Mitte seiner Bahn erreichte, riss einer der Drahte entzwei, an welchen er schwebte, der feurige Klumpen prallte sinkend zuruck, gerade auf den Platz zu, wo die Herzogin sass. Er setzte die seidene Drapperie des Baldachins in Brand, verwundete ein paar Damen und fiel dann mitten in der Estrade zu Boden, wo er, dampfend und zischend und prasselnd, Angst und Gefahr um sich her verbreitete.

Von dem Tumulte, dem Geschrei, dem Entsetzen der Unordnung, worin sich jezt alles aufloste, kann Euch keine menschliche Zunge einen Begriff geben. Man muss so etwas mit erlebt haben, um es sich vorstellen zu konnen. Alle Rucksichten waren im Moment vergessen, jeder dachte nur an sich und die Seinen. Die, welche auf der Estrade sich befanden, sturmten schreiend durcheinander, den in den Speisesaal fuhrenden Zugangen zu. Jeder rief mit uberlauter Stimme die Namen der Seinen, die er im Gedrange zu verlieren furchtete, und alle vermehrten im panischen Schrecken die allgemeine Unordnung und die erst aus dieser hervorgehende Gefahr, welcher ein einziger besonnener Mann hatte zuvorkommen konnen. Mit einem Griffe, der die glimmenden Drapperien herunter gerissen, mit einem Fusstritt, der den Funken spruhenden Adler in den Garten hinab geschleudert hatte, ware alles gethan gewesen. doch daran war jezt nicht mehr zu denken. Die leichten Latten, welche rings um die Estrade eine Art Balustrade gebildet hatten, wurden von denen zertrummert, die aus dem Garten hinauf diese erkletterten, um ihren oben befindlichen Frauen und Tochtern zu Hulfe zu kommen; die Stuhle wurden umgeworfen, einige der Fliehenden fielen uber diese, oder uber die zu dem Hause hinauffuhrenden Stufen, andere stiegen uber die Gefallenen weg. Die Herzogin war zum Gluck gleich im ersten Augenblick ins Haus gefluchtet, zwei Sekunden spater waren schon alle drei Eingange zu diesem von der ihr nachdringenden Menge verstopft, niemand konnte weder ruckwarts, noch vorwarts, und alles das geschah unter durchdringendem betaubendem Geschrei, innerhalb weniger Minuten, ich mochte sagen, in weit kurzerer Zeit, als ich gebraucht habe, Euch von diesem Unfalle zu erzahlen.

Ich selbst behielt zum Glucke kaltes Blut genug, um das Nichtige der gefurchteten und das Bedeutende der aus dieser Furcht entstehenden Gefahr einzusehen, und war deshalb auch so besonnen, dass ich mich nicht, wie die Uebrigen, dem Hause zu zufluchtete. Ich wollte lieber durch einen raschen Sprung seitwarts von der gar nicht hohen Estrade, in das weiche Gras, mich in den dunkeln menschenleeren Theil des mir aus fruherer Zeit sehr wohl bekannten Gartens fluchten, um dort das Ende alles dieses Larmens ruhig abzuwarten. Indem ich aber mein Kleid zusammennahm und mich anschickte herunter zu springen, fuhlte ich mit sanfter Gewalt meine Knie umfasst; erschrocken sah ich nieder und traute meinen eigenen Augen kaum, als ich die arme kleine Prinzessin Mathilde erblickte, die, unfahig sich zu helfen, zwischen den umgeworfenen Stuhlen, auf dem Fussboden der Estrade lag, und, krampfhaft zitternd, mich fest umschlungen hielt. Das arme Kind war gleich anfangs im ersten Schrecke von seiner Mutter abgekommen, es war uber die Stuhle hingefallen, niemand hatte dies gesehen, und da mehreren Personen oblag, fur die Prinzessin zu sorgen, so hatte sich eigentlich in der Verwirrung niemand um sie bekummert, indem jedes sie bei den Andern in Sicherheit glaubte. So war sie denn wirklich der Gefahr ausgesetzt geblieben, im Gedrange erstickt oder ertreten werden zu konnen.

Ohne langes Bedenken nahm ich die zarte Kleine auf, kniete am Rande der Estrade hin, und liess sie mit moglichster Behutsamkeit langsam hinunter in das Gras sinken, dann sprang ich selbst ihr nach; das Getummel und Geschrei oben nahm zu und das Kind lag wie besinnungslos zu meinen Fussen. Eben wollte ich versuchen, es mit Hulfe meines Flakons mit Eau de Luce wieder zu sich selbst zu bringen, als ein furchterliches, lange anhaltendes Knallen mich selbst jezt auf das heftigste erschreckte. Ein Feuerregen umspruhte mich im Nu, Hunderte von feurigen Schlangen flogen zischend und prasselnd nach allen Richtungen durch die Luft, und verbreiteten eine hochst angstliche Helle, die momentan wieder mit dicker Finsternis abwechselte. Eine grosse Menge zerstreut liegender Raketen, welche zu einer gewaltigen Girandole vereint, den Schluss des Feuerwerks hatten verherrlichen sollen, war durch ein Versehen in Brand gerathen. Vermuthlich hatte der Feuerwerker selbst uber die, wahrscheinlich nicht ohne seine Schuld entstandene Verwirrung den Kopf verloren, und so konnte denn dieses zweite Ungluck durch die vielen, mit Fackeln zum Aufsuchen ihrer Herrschaften herumlaufenden Bedienten leicht entstehen. Durch das immer wilder werdende Geschrei uber mir, durch das Knallen der Raketen, durch den fortwahrenden Funkenregen, und die rings um uns niederfallenden brennenden Raketenstocke, war ich jezt selbst so angstlich geworden, dass ich in Gefahr stand, ebenfalls die Besinnung zu verlieren; doch suchte ich mich zu fassen so gut ich konnte. Ich nahm das noch immer halb ohnmachtige Kind in meine Arme, es schien mir in der Angst federleicht. Mir kam der Gedanke, in einen, vom Schauplatze der Verwirrung ziemlich entfernten, mir wohl bekannten Gartensaal uns beide einstweilen in Sicherheit zu bringen; denn schon fielen kalte einzelne Regentropfen herab und der nachtliche Himmel hullte sich in immer schwarzeres Dunkel. Selbst zitternd vor Furcht, trat ich daher jezt mit meiner Burde den Weg nach jenem Gartensaal an, und beeilte meine Schritte so gut ich es konnte. Ich hatte das Kind schon eine ziemliche Strecke weit fortgetragen, als Angst und Eile mich ein paar Stufen vergessen liessen, die auf meinem Wege lagen und zu einer niedriger liegenden Terrasse hinabfuhrten, uber die ich musste. Ich glitt aus, fiel, mit dem Kinde auf meinen Armen, die kleine Treppe hinab, und fuhlte, nach wenigen Minuten, zu meinem unaussprechlichen Schrecken, die Unmoglichkeit aufzustehen und weiter zu gehen.

Im Garten war es jezt sehr dunkel und todtenstill. Das Feuerwerk hatte ausgetobt, und nur wie aus weiter Ferne tonte das die Estrade noch immer umwogende Getose zu mir heruber. Der Regen begann machtiger hernieder zu rauschen und weckte die kleine Prinzessin aus ihrer Ohnmacht. Sie zitterte an allen Gliedern wie ein Espenlaub, doch freute es sie, sich in meinen Armen zu finden. "Fraulein," bat sie unter heissen Thranen, "liebes Fraulein, so stehen Sie doch auf, dass wir zu meiner Mutter kommen," und da sie sah, dass ich nicht aufzustehen vermochte, erhob sie ein lautes klagliches Geschrei nach Hulfe.

Vergebens versuchte ich alles, sie zu beschwichtigen, sie lies sich nicht beruhigen und zitterte dabei immer starker mit konvulsivischer Heftigkeit. Ich versicherte sie, dass alle Gefahr voruber sei, dass der Schmerz in meinem Fusse sich bald geben wurde, dass ich den Weg kenne und sie sicher nach Hause bringen wurde, alles war vergebens. Sie schrie immer lauter und angstlicher, und ich horte dabei die Zahne des armen Kindes vor Angst und Furcht an einander schlagen. Der traurige Zustand der Kleinen gieng mir durch die Seele. Eure Shawls kannte man damals noch nicht, so riss ich dann meine Zirkassienne, eine Art Oberkleid, das damals Mode war, herunter, um das arme Prinzesschen in den starken seidenen Stoff zu hullen und es nur einigermassen vor dem immer dichter fallenden Regen zu schutzen. Dankbar schlang das Kind die zarten schwachen Aermchen um meinen Hals, verbarg leise weinend und schluchzend das Kopfchen an meine Schulter, und schrie dann wieder uberlaut mit verdoppelter Heftigkeit nach Hulfe. Jezt fieng ich an, um uns Beide recht ernstlich besorgt zu werden. Die unnaturliche Heftigkeit der Prinzessin Mathilde angstigte mich unbeschreiblich, die Schmerzen in meinen Fussen nahmen mit jeder Minute zu und wurden fast unleidlich; dazu durchnasste der immer dichter fallende Regen uns beide, besonders aber mich bis auf die Haut. Ihr konnt also denken, wie froh ich war, als ich endlich an der Taxusecke, welche die Terrasse einfasste, auf welcher ich lag, den Wiederschein eines Lichtes erblickte. Auch die Prinzessin ward mit mir zugleich diesen Hoffnungsstrahl gewahr, sie stand auf, wandte sich nach der Richtung, von wo das Licht zu kommen schien, und rief mit einemmal laut jubelnd: "Leuen, lieber Leuen, hieher, hier unten ist Mathilde, hier ist auch das Fraulein, geschwind' uns zu Hulfe, hieher!

Das Gebusch uber mir rauschte, ein Mann sprang von der obern Terrasse zu uns hinab, und beim Schein einer Laterne, die er trug, und die er augenscheinlich irgendwo an einem Hause heruntergerissen haben musste, erkannte ich den Begleiter der Herzogin.

'Gottlob, dass ich Sie finde, Prinzessin!' sprach er ganz ausser Athem; 'wir glaubten alle, Sie schon zu Hause zu finden, und die Herzogin ist jezt Ihretwegen in der qualendsten Todesangst. Kommen Sie, wir mussen eilen, erlauben Sie, dass ich Sie bis an den Wagen trage, damit wir schneller fortkommen.'

'Nein, nein, nein, nein,' rief abwehrend die Kleine, 'sehen Sie doch nur hier, das arme liebe Fraulein Falkenhayn. Sie hat den Fuss gebrochen, weil sie mich forttrug. Ach Gott! ach Gott, sie stirbt; sehen Sie, wie sie mit einemmal bleich wird; sie stirbt ganz gewiss, wenn sie nicht gleich Hulfe bekommt.' Das arme Kind brach von neuem in Thranen aus, warf sich mir, wie ich so da lag, um den Hals; der Fremde aber, der jezt erst meiner gewahr ward, stand, sichtbar erschrocken, dabei, und schien in der ersten Ueberraschung vergebens nach Worten zu suchen.

Es ist lange nicht so arg, als die Prinzessin es glaubt," erwiederte ich, und suchte, unerachtet des ungeheuern Schmerzes in meinem Fusse, ein Lacheln zu erzwingen. 'Ich bin ausgeglitten, ich habe mir den Fuss verstaucht, vielleicht ein wenig verrenkt, aber gebrochen nicht, hoffe ich. Die paar Schritte bis zum Wagen denk' ich recht gut gehen zu konnen,' sprach ich, und bemuhte mich, vom Boden aufzustehen. Herr von Leuen unterstutzte mich, auch die arme kleine Mathilde strengte mitleidig alle ihre schwachen Krafte an, mir zu helfen; doch der Schmerz ward zu heftig, und ich sank mit einem kaum zu unterdruckenden Wehelaut zuruck in das Gras.

'Es geht nicht,' sprach ich, meinen Schmerz moglichst verbergend, 'es geht nicht. Haben Sie nur die Gute, Herr von Leuen, die Prinzessin an den Wagen zu bringen, und mir dann Hulfe zu senden.'

'Nein, nein, nein,' rief Mathilde abermals, und umschlang mich, mich fest umklammernd, als wolle man mit Gewalt sie von mir reissen. 'Nein, Leuen, ich thue es nicht, mag werden was da will, ich kann ja meine gute liebe Beschutzerin hier nicht so allein liegen lassen.'

'Auch ich kann mich nicht dazu entschliessen,' erwiederte von Leuen mit bewegter Stimme. 'Aber was fangen wir an, der Regen wird immer heftiger; was sollen wir thun?'

In diesem Augenblick' erblickte er durch das Gebusch in ziemlicher Ferne Leute mit Fackeln, welche vermuthlich noch immer die Prinzessin suchten. Er rief so laut er es konnte ihnen zu, doch Wind und Regen rauschten, niemand horte ihn, die Lichter entfernten sich wieder und verloren sich zuletzt ganz. Sie aufzusuchen erlaubte die Prinzessin Herrn von Leuen nicht; sie hielt ihn unter Thranen und Bitten fest, und niemand kam zu uns, da man nicht vermuthen konnte, uns in diesem ganz abgelegenen Theile des Gartens zu finden.

'Wenn die Prinzessin gehen konnte, es sind kaum hundert Schritte bis dahin, wo ich den Wagen errufen kann,' fieng Leuen jezt ein wenig verlegen an.

'O ich kann! ich kann!' rief das zitternde Kind, 'mir fehlt nichts, gar nichts, helfen Sie nur, lieber Leuen, helfen Sie nur dem Fraulein. Geben Sie mir die Laterne, ich will sie schon tragen, und nehmen Sie das Fraulein und tragen Sie sie auf den Armen, wie sie mich getragen hat.'

'Die Prinzessin hat Recht; ich bitte, vertrauen Sie sich mir,' sprach jezt Leuen, und obgleich seine merklich zitternde Stimme dabei von innerer Verlegenheit zeugte, so hob er doch, ohne meine Antwort abzuwarten, und ehe ich mich dessen versehen konnte, mit starkem Arme mich empor. Mir vergiengen dabei fast die Sinne, aber was konnte ich thun? Wie ein Kind lag ich in seinen Armen, an seine Brust gedruckt; sein Athem wehte an meiner Wange, ich horte jeden Schlag seines Herzens. Ein unnennbares nie gefuhltes Vertrauen zu dem fremden Manne, dessen Namen ich kaum kannte, kam in dem Augenblick' in meine Seele, und Thranen entquollen meinen Augen, susse Thranen, die ich weinte, ich wusste nicht warum. Er bemerkte mein stilles Weinen. "Sie leiden sehr!" flusterte er mit unbeschreiblich sanfter wohlthuender Stimme mir zu, und ich sah beim Schein der Laterne, welche die Prinzessin trug, dass ein feuchter Schimmer auch sein schones Auge verklarte. Ich vermochte es nicht, seine Frage zu beantworten.

Wir kamen nur sehr langsam vorwarts, denn die arme kleine Mathilde konnte kaum fort, und auch Herr von Leuen eilte nicht, und konnte es auch wohl nicht unter der schweren Last, die er trug.

Endlich ward aber doch der Wagen erreicht, unser Beschutzer setzte sich neben mich, um mich zu unterstutzen und, so viel dies moglich war, die Stosse des Wagens zu mindern, der, seinem Befehl zu Folge, meinetwegen sehr langsam fahren musste. Mathilde setzte sich mir gegenuber, und bestand darauf, meinen kranken Fuss auf ihrem Schoosse zu halten. Dabei plapperte sie in einem fort mit der frohen Geschwatzigkeit eines Kindes, das sich freut, einer grossen Gefahr entronnen zu sein, und uberzeugt ist, etwas hochst Merkwurdiges erlebt zu haben. Sie war bei dem ganzen Vorgange nicht so bewustlos gewesen als ich gedacht hatte, denn sie erzahlte sehr umstandlich, wie ich sie von der Estrade hinunter gelassen habe, und dann ihr nachgesprungen sei, wie ich sie dann weiter getragen, und wie ich zuletzt mein eignes Kleid mir abgerissen habe, um sie in die Schleppe desselben einzuhullen. Als sie diesen Umstand erwahnte, ward ich erst beim Scheine der, den Wagen umgebenden Fackeln den zerstorten Zustand meiner Kleidung gewahr, und alles Blut meines Herzens stieg mir ins Gesicht. Leuen, dessen glanzende Augen bis jezt in einem fort auf mir geruht hatten, bemerkte mein Errothen, auch er wurde roth, wandte den Blick und vermied es von nun an, mich wieder anzusehen bis der Wagen vor dem Hause der Herzogin hielt.

Leicht wie ein Vogel, mit hellem Freudengeschrei flog Prinzessin Mathilde zum Wagen hinaus, die Treppe hinauf in die Arme ihrer Mutter. Ich verlangte zu meinem Vater gebracht zu werden, doch in demselben Augenblicke kam er selbst an den Wagen, und schloss mit liebender Sorge mich in seine Arme. Seine Gesundheit erlaubte ihm nicht mehr, sich der Abendluft auszusetzen, deshalb war er bei dem Feuerwerke nicht gegenwartig gewesen; doch als das ins Fabelhafte vergrosserte Gerucht von dem dabei vorgefallenen Unheil ihm zu Ohren kam, und ich noch immer fort ausblieb, trieb ihn Besorgniss um mich zur Herzogin, wo er mich zu finden hoffte. Beide theilten nun mit einander die Angst um das Schicksal ihrer Kinder und die Sorge fur deren Rettung. Alle Leute, deren sie habhaft werden konnten, wurden ausgeschickt uns zu suchen, doch keiner von allen kam auf den Einfall, uns da zu vermuthen, wo wir uns befanden. Nur Herr von Leuen, der ubrigens die Lokalitat des Gartens gar nicht kannte, ward durch ein gluckliches Ungefahr zu unserer Hulfe herbei gefuhrt. Das sonderbarste war, dass niemand begreifen wollte, wie die Prinzessin Mathilde in diese Verlegenheit hatte gerathen konnen. Und doch war nichts naturlicher. Es ist ja das Schicksal aller, fur deren Bedienung Viele zu sorgen haben, dass sie bei wichtigen unerwarteten Ereignissen gerade am ersten vernachlassigt werden, weil sich stets einer ihrer Diener auf die Punktlichkeit des andern verlasst.

Wahrend die Herzogin sich des Wiedersehens ihres vermissten Kindes erfreute, ward ich in einem ihrer Zimmer auf ein Ruhebette getragen, denn sie wollte es durchaus nicht erlauben, dass ich in diesem leidenden Zustande in die, von der ihrigen ziemlich weit entfernten Wohnung meines Vaters gebracht wurde. Gleich darauf kam sie selbst zu mir, um unter heissen Thranen des Dankes mich fur die Rettung ihrer Tochter zu umarmen. Sie ubertrieb sowohl die Gefahr, in welcher die Prinzessin geschwebt, als die Bewunderung dessen, was ich fur sie gethan hatte, nach der gewohnten Art aller Grossen, die sich nur selten in die kleineren Unfalle des Lebens zu finden wissen, obgleich sie schweres Ungluck oft mit einem Muthe ertragen, der den unsern beschamt. Die Herzogin nannte mich einen, von Gott zu ihrem Schutze gesendeten Engel, und war so unerschopflich im Lobe meines Muthes, meiner Besonnenheit, meiner Selbstopferung, dass ich zuletzt anfieng, mich recht herzlich vor mir selbst zu schamen. Denn was war es denn am Ende, was man so bis in die Wolken erhob? Was hatte ich denn Grosses gethan? Ich hatte Besonnenheit genug gehabt, einigermassen mit Verstand fur meine eigene Person zu sorgen, und war dabei nicht unmenschlich genug gewesen, ein schwaches liebenswurdiges Kind hulflos zu verlassen."

"So wie die Herzogin hinaus gieng, fiengen alle im Zimmer Gegenwartige, von der Hofmeisterin der Prinzessin bis zum Garderobenmadchen hinab, an, auch ihren Theils meinen Edelmuth in noch ubertriebneren Ausdrucken als ihre Furstin bis in die Wolken zu erheben. Alle erzahlten einander zugleich die Wunder, die ich gethan, so dass ich der Sache endlich recht uberdrussig ward, und es versuchte, ihnen meine eigne Ansicht des Vorganges mitzutheilen. Allein ich predigte tauben Ohren. Man ergoss sich jezt sogar in uberlaute Bewunderung meiner Bescheidenheit. Ich schwieg zuletzt, lies geduldig alles uber mich ergehen, und fand bald, dass dies der beste Weg sei, die ungestumen Nachbeter ihrer Furstin endlich zum Schweigen zu bringen.

Inzwischen untersuchte der Leibarzt der Herzogin meinen beschadigten Fuss. Er war, wie ich es vermuthet hatte, nicht gebrochen, aber verrenkt und stark geschwollen. Der Arzt versprach meine vollige Wiederherstellung innerhalb weniger Tage, nur machte er dabei das vollkommenstruhige Verhalten zur unablasslichen Bedingung. So war denn um so weniger an meine Ruckkehr in das Haus meines Vaters zu denken, da obendrein die Herzogin sehr ernstlich darauf bestand, mich unter ihren Augen verpflegen zu lassen.

Ein leichtes Erkaltungsfieber, welches Prinzessin Mathilde von unserem nachtlichen Abentheuer davon getragen, zwang ohnehin die Herzogin, ihren hiesigen Aufenthalt auf unbestimmte Zeit zu verlangern, besonders da auch ihre eigne Gesundheit von der heftigen Gemuthsbewegung jenes Abends gelitten hatte. Sie fuhlte sich matt und erschopft, oder brauchte dies auch vielleicht nur zum Vorwande, um allen anderweitigen Festen auszuweichen, die man ihretwegen noch anordnen wollte.

Auch meine eigne Genesung machte weit langsamere Fortschritte, als der Arzt anfangs gehofft hatte; so blieb ich denn zwei volle Wochen hindurch in der Nahe der Herzogin, und diese Zeit ward zu einem Lichtpunct in meinem Leben, dessen Abglanz noch jezt das Dunkel meiner alten Tage erhellt. Wie durch einen Zauberschlag sah ich mich in eine, mir ganz neue Existenz versezt, alle meine Begriffe von mir und vom Leben erhielten eine andere Richtung, alles, was mich bis dahin theils ergozt, theils geblendet hatte, war, fur den Moment wenigstens, wie vor meinen Augen verschwunden. Ohnerachtet der herablassenden Gute der Furstin, fuhlte ich mich doch in jeder Hinsicht ihr viel zu untergeordnet, als dass es mir hatte einfallen konnen, meine gewohnliche glanzende Rolle in ihrem Beisein fortspielen zu wollen. Auch die ernste stille, beinahe furchtsame Bescheidenheit der altern Prinzessin Ludovika, die nur wenige Jahre junger als ich war, flosste mir eine Zuruckhaltung ein, die ich sonst nicht kannte. Nicht etwa, dass ich ein verstelltes Betragen angenommen hatte, um in diesen Umgebungen anders zu erscheinen wie ich war, nein! ich blieb offen und unverstellt wie immer, aus Charakter, nicht aus Tugend; aber ich folgte nur meiner gewohnten Art, mich vom Augenblicke und von meinen Umgebungen hinreissen zu lassen. Mit der kleinen Mathilde, die leidenschaftlich an mir hieng, ward ich eben sowohl zum spielenden jauchzenden Kinde, als ich in Gegenwart der Herzogin und der Prinzessin Ludovika mir die bescheidne Haltung und das anspruchslose Betragen aneignete, durch welches diese Damen sich auszeichneten. Kein einziger meiner Verehrer hatte in dieser Umwandlung mich als Die wieder erkannt, die ich noch am Morgen vor dem Feuerwerke war, und doch bin ich uberzeugt, nie wahrhaft liebenswurdiger gewesen zu sein, als wahrend meines Aufenthalts in diesem Hause. Ich fuhlte das wohl und freute mich daruber, aber ich war leider noch nicht klug genug, um mir daraus fur mein kunftiges Leben eine Lehre zu nehmen.

Das Reisegefolge der Herzogin war so klein als der hohe Rang dieser Furstin es nur immer erlauben mochte. Ausser dem, zur Bedienung nothwendigen Personal, bestand es nur aus einer Hofdame, die mit der Herzogin von Jugend auf zusammen gelebt hatte, aus der Hofmeisterin der Prinzessinnen, einem Kavalier und dem Leibarzte. Ersterer, Baron Reineck, ein Mann von mittlerem Alter, langte erst am Morgen nach dem Feuerwerke bei seiner Furstin an. Ein ganz unerwarteter Zufall hatte ihm unterwegs eine geliebte, seit vielen Jahren nicht gesehene Schwester entgegen gefuhrt, und die Herzogin erlaubte ihm gern, ein paar Tage mit dieser zuzubringen, um so eher, da Herr von Leuen, den sie zufallig an dem nehmlichen Orte traf, sich erbot, den Dienst seines Freundes Reineck wahrend dessen Abwesenheit zu versehen. Diesen jungen Mann fuhrte sein Weg ohnehin dem nehmlichen Ziele zu, da er Geschafte halber einige Zeit in unsrer Stadt zu verweilen gedachte; die Furstin hatte ihn schon wahrend des vergangenen Winters, den er zum Theil in ihrer Residenz verlebte, als einen sehr angenehmen Gesellschafter kennen gelernt, und sie war mit der Aussicht, ihn einige Tage zum Begleiter zu haben, vollkommen zufrieden. Auch jezt nach der Ruckkehr des Barons Reineck erlaubte sie ihm nicht, eine andere Wohnung als die ihrige zu beziehen, und er musste, ihrer Einladung zufolge, nach wie vor, zu den unsrigen gehoren. Ich darf mich dieses Ausdrucks wohl bedienen, denn auch ich ward in jener glucklichen Zeit dem kleinen Kreise der Herzogin zugezahlt.

Wir alle, die wir zu diesem gehorten, versammelten uns jeden Abend im Zimmer der Furstin, das um diese Zeit unter dem Vorwande des Unwohlseins der kleinen Prinzessin Mathilde, allen andern Besuchen verschlossen blieb. Welche Abende waren das! Wie ungeduldig erwartete ich jedesmal die Stunde, wo die Herzogin von der Tafel zuruckkam, zu der sie taglich einige der Ersten der Stadt einladen lies. Mit welcher Freude sah ich jedesmal die beiden himmellangen Heiducken in ihrer damals ublichen theatralisch-bunten Tracht in meinem Zimmer erscheinen, um mich in meinem Ruhebette zu ihrer Herrin heruber zu tragen.

Die feinste Sitte war in diesem kleinen Abendzirkel vorherrschend, und dennoch blieb aller Zwang, jede von den Grossen dieser Erde sonst unzertrennlich geglaubte Etikette daraus verbannt. Es war der schonste Kommentar zu Tasso's freilich damals noch nicht niedergeschriebenem Ausspruch: 'Willst Du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an.' Jeder von uns trug nach seiner Weise durch Scherz und Ernst, durch Kunst und Talent zur Unterhaltung bei, die Herzogin selbst aber schwebte uber dem Ganzen gleich einem milden, alles belebenden Genius. Nie, weder fruher noch spater, sah ich eine Frau, die mit so anspruchsloser Grazie das Gesprach stets so zu lenken wusste, dass Alle Freude daran hatten; nie sah ich eine, welche die schwere Kunst zuzuhoren so verstanden hatte, wie sie. Sie war die erklarteste Feindin aller jener geselligen Neckereien, die so leicht in bittere Personlichkeiten ausarten, und doch hatte der ungefesselteste Witz freies Spiel, so lange er nur ergotzen und nicht verwunden wollte. Niemand durfte in ihrer Nahe sich zuruckgesezt fuhlen, niemand bedruckt, niemand in seinen Rechten oder auch nur in seinen Empfindungen gekrankt.

Ich staunte meine hohe Meisterin an; sie war so himmelweit von jenen beruhmten Frauen in Paris verschieden, die mein Vater als Muster aller weiblichen Vollkommenheit mir so oft beschrieben und angepriesen hatte. Zum erstenmal kam eine Ahnung davon in meine Seele, dass Jugend, Schonheit, Geist, blendender Witz und die Gabe, uber jeden Stoff interessant reden zu konnen, noch lange nicht alles sind, was wir bedurfen, um liebenswurdig und allgeliebt zu seyn, und dass man mit weit weniger brillantnen Eigenschaften dennoch weit sicherer und dauernder dieses Ziel erreiche, wenn Herzensgute, achtes Wohlwollen und anspruchlose Naturlichkeit aus unserm ganzen Wesen denen entgegen leuchten, die uns nahen.

Bernhard von Leuen stand in unserem kleinen geselligen Verein, als Seele desselben, der Herzogin wurdig zur Seite. Man sah, er war ein Mann, der, unerachtet seiner Jugend, fest und sicher seinen Weg gieng, ohne je, gleich einem Irrenden, bald nach diesem, bald nach jenem zu greifen. Unerachtet seiner sehr vortheilhaften aussern Bildung und ubrigen bedeutenden Vorzugen, lag in seinem Benehmen nicht die leiseste Spur eines Bestrebens, auffallen oder glanzen zu wollen. Der Grundton seines Wesens schien vielmehr eine gewisse ernste Ruhe zu sein, die ihm nie erlaubte, sich irgendwo vorzudrangen; er lies lieber alles an sich kommen, und gieng niemals, auch nur um einen halben Schritt, der Bewunderung entgegen. Hoflich gegen alle, besonders gegen Damen, blieb er doch stets von dem mitunter etwas faden Tone der damaligen jungen und alten Herren entfernt, und erzeugte uns die Ehre oder die Gerechtigkeit, uns wie vernunftige Wesen und nicht wie Kinder zu behandeln. Ohne geradezu witzig zu sein, war er die Zierde jeder bedeutenden Unterhaltung, denn er besass die herrlichste Gabe des Worts, die mir je vorgekommen. So oft irgend ein hohes den Menschen ehrendes Gefuhl ihn dazu begeisterte, riss der ihm eigne Zauber seiner Ueberredungskraft auch den Kaltesten hin. Jeder fuhlte, dass das Unwiderstehliche derselben nicht allein in der sorgsamen Wahl seiner Worte, und nicht in der eigenthumlichen Schonheit des vollen reinen Tons seiner Stimme lag; es lag weit tiefer, denn was er sagte, war nicht blos das Erzeugniss seines hellen Verstandes, es kam recht aus dem Grunde seines schonen Herzens und musste darum wieder zum Herzen gehen. Er war viel gereist; das Schonste und Erhabenste, was diese Erde tragt, hatte er gesehen; ein guter Genius hatte ihn gelehrt, es sich anzueignen fur die Erweiterung seiner Kenntnisse sowohl, als furs praktische Leben, und man sah es ihm an, dass er wohl wusste, was die Welt von ihm und er von der Welt zu fordern habe.

Scheltet mich nicht, dass mein altes Herz sich noch jugendlich warm im Lobe meines Freundes, vielleicht zu wortreich, ergiesst. Er war so wie ich ihn Euch beschreibe, ich sah nie seinesgleichen und werde es nie wieder sehen. Wenn er uns vorlas, was, dem Wunsch der Herzogin gemas, taglich wenigstens eine Stunde lang geschah, wie hieng ich und wie hiengen wir alle dann mit ganzer Seele an seinen Lippen, an dem Ausdrucke seines edlen Gesichts. Durch ihn zuerst lernte ich deutsche Poesie und jenen hohen Wohllaut kennen, dessen unsere, von mir so lange verkannte Sprache fahig ist. Ihr habt nicht vergessen, dass ich bis dahin durch meinen Vater, ausser einigen italienischen und englischen Klassikern, nur hauptsachlich die franzosische Litteratur kennen gelernt hatte. Fast alle unsere deutschen Schriftsteller waren mir fremd geblieben, vor allen, die damals aus langer tiefer Nacht glorreich entstehende Poesie meines Vaterlandes. Die Herzogin sowohl, als Bernhard von Leuen, genossen meine freudige Ueberraschung mit jener wohlwollenden und wohlthuenden Empfindung, mit der wir einen Freund zum erstenmal' an den schonsten Punct einer uns langst bekannten reitzenden Gegend fuhren, oder ihn vor ein ihm noch unbekannt gebliebenes herrliches Kunstwerk hinstellen, und in seinem Entzucken den Moment noch einmal durchleben, in welchem auch wir zum erstenmal' an der Stelle standen, wo er jezt steht.

Das alles ist dahin! und mit einem sehr truben Gefuhle der Wandelbarkeit, des menschlichen Sinnes und aller Grosse und alles Ruhms auf Erden, muss ich es erleben, dass das Wirken jener Manner, deren Namen ewig unser Stolz sein sollte, eigentlich schon jezt an ihren undankbaren Enkeln verloren geht. Wie lange wird es dauern, so ist es ganz vergessen und verschollen, wahrend wir aus Modesucht und Misverstand Handwerksburschen-Lieder aufsuchen und sie als Meisterwerke bewundern und sammeln. Wer in der jezigen leselustigen jungen Welt kennt noch Kleists Fruhling anders, als hochstens vom Horensagen, wahrend jeder nur halb gebildete Englander seinen Thomson beinahe auswendig weis, dessen Andenken neue Auflagen seiner Werke alljahrlich erneuern. Sinkt nicht sogar Klopstock, der vor wenigen Jahren noch unter uns lebte, allmahlig der Vergessenheit zu? Man nennt ihn noch zuweilen aus Gewohnheit, oder aus einer Art von Pietat, aber wie Viele in der jungen Welt kennen mehr von ihm als den Namen? So ists mit Hagedorn, mit Utz, mit Cronegk, mit Haller, mit Holty, mit so vielen, die der Auslander zu unsrer Schande bald besser kennen wird, als wir, wahrend wir mit wahrem Heishunger auf die neuen Erzeugnisse der Zeit, auf Tageblatter und Taschenbucher uns werfen, die schon beim Entstehen den Keim der Verganglichkeit in sich tragen, und auch nicht einmal verlangen, langer zu leben als der Augenblick, durch den und fur den sie entstanden.

Mit einem ganz unnennbaren Gefuhle horte ich einzelne Gesange aus Klopstocks damals unlangst zuerst erschienenem Messias vorlesen, und die Bemerkungen von Leuen und der Herzogin uber das eben Gehorte ergriffen mich nicht weniger wunderbar. S o war ich es nicht gewohnt, dieser heiligen Gegenstande erwahnen zu horen; vieles schien mir sogar unverstandlich, sowohl was sie sagten, als was vorgelesen ward, und doch ergriff mich dabei eine mir selbst unerklarliche, nie zuvor von mir gekannte Ruhrung. Oft fuhlte ich mich uber mich selbst erhoben, und zum erstenmale drang ein erwarmender Strahl jenes Lichtes in mein Gemuth, das jezt der Trost meines Alters ist; indem es die dunkle Bahn sanft erleuchtet, die ich bald werde zu wandeln haben.

So sehr mein Geist und mein Gemuth durch alles dieses angeregt und angesprochen wurde, so muss ich indessen doch gestehen, dass ich nach Madchenart es dennoch nicht unterlassen konnte, das innige Wohlgefallen zu bemerken, mit dem Bernhards Auge auf mir ruhte, so oft er sich unbeachtet glaubte. Ich sah es recht gut, wie er alle die schonsten, zartesten, ergreifendsten Stellen der Poeten, welche er besonders liebte und deshalb auswendig wusste, gerade mir allein durch Blick und Ton zuzueignen schien. Ware mir hiebei noch irgend ein Zweifel ubrig geblieben, so hatte manch heimliches Lacheln der Anwesenden, manche leicht hingeworfene Bemerkung mich in meinen Beobachtungen bestarken mussen. Er war durchaus kein homme aux petits soins, und doch konnte nichts Zarteres erdacht werden, als die. tausend kleinen, fast unmerklichen Aufmerksamkeiten, welche er mir stundlich erwies. Wie oft sah ich ihn erbleichen, wenn zuweilen der Schmerz in meinem Fusse plotzlich auf ein paar Minuten wiederkehrte, und ich mit einem nicht zu unterdruckenden Wehelaut zusammenzuckte! Jene wahrsagende Stimme, die schon seit Anbeginn der Welt in jedem Madchenherzen wohnt und bis ans Ende der Tage darin wohnen wird, sagte auch mir: ich sei geliebt, heiss geliebt von dem seltensten edelsten Manne, vor welchem alle meine ubrigen Anbeter und Bewunderer sammt und sonders in traurige Unbedeutenheit zusammensanken. Auch Bernhard las in meinem Herzen, und ich versuchte es zwar nicht, ihm dieses zu wehren, aber ich gestand mir auch nicht, dass ich es ihm erlaube; sondern ich lies es gleichsam wie achtlos geschehen. Beide waren wir nun uberglucklich im seeligsten Empfinden des ersten, leisen, zarten Verstehens zweier in eins zerfliessender Gemuther. Wir fuhlten es wohl, wir wussten es wohl, was wir eins dem andern waren, aber um die Welt hatten wir es noch nicht aussprechen mogen, denn die erste Liebe lernt nicht sobald Worte finden und kann sie auch entbehren.

O war' ich langer in diesem Verhaltnisse geblieben. Wie ganz anders hatte mein Leben sich gewendet. Doch die Prinzessin Mathilde genas wieder, die Herzogin sezte ihre Reise weiter fort und ich kehrte nach zwei kurzen, mit Flugelschnelle an mir voruber geeilten Wochen, vollig hergestellt, in das Haus meines Vaters, zu meinen alten Umgebungen, zu meiner gewohnten Lebensweise zuruck.

Mir war, als erwache ich aus einem langen schonen Traume, doch auch dies Erwachen hatte sein Angenehmes, und ich weinte nicht wie Kaliban, um wieder einzuschlafen. Hatte ich doch auch in manchen Stunden die Trennung von meinem Vater und vielleicht auch eine gewisse Abhangigkeit vom Willen Anderer, deren ich nicht gewohnt war, wenn nicht schmerzlich, doch wenigstens unbequem gefuhlt; und war Er doch zuruck geblieben, um, wie er gleich anfangs es angekundigt hatte, einige Geschafte hier abzumachen. Bernhard von Leuen lies sich bei meinem Vater einfuhren, dessen Bekanntschaft er schon fruher bei der Herzogin gemacht hatte, und von nun an besuchte er fast taglich unser Haus.

Der gewohnte Kreis unsrer Hausfreunde und Bekannten empfieng mich mit lautem Jubel und tiefer Verehrung in seiner Mitte, als ware ich eine Konigin, die nach langer Abwesenheit in ihre Staaten wieder zuruckkehrt. Der Ton in unserem Hause hatte sich wahrend meiner kurzen Entfernung aus demselben nicht im mindesten verandert. Franzosirende Witzeleien, dreistes, oft zugleich auch unbefugtes Absprechen uber jeden Gegenstand, rucksichtloses, unbarmherziges Verspotten, wenn nicht des Heiligsten selbst, doch dessen, was vielen fur heilig gilt, war bei uns, nach wie vor, an der Tagesordnung. Stundenlang konnte die lebhafteste Unterhaltung sich um ein Nichts herumdrehen, hingegen besprachen auch zuweilen besser unterrichtete Manner, an deren Spitze mein Vater stand, sich klar und verstandig, belehrend und grundlich uber viele der bedeutendsten Gegenstande des Lebens, der Kunst, der Wissenschaft. Die mehresten unter dem jungern Theile der Gesellschaft zogen sich von diesen Gesprachen verstummend zuruck, nur Bernhard nahm stets mit hoherem Interesse Theil daran. Ich hingegen mischte nach alter Gewohnheit mich in alles, es mochte Ernst sein oder Scherz, und fand oft ein ganz eignes Vergnugen darin, alles launenhaft durch einander zu wirren. Denn leider trat die alte Gewohnheit des Lebens bald wieder in ihre Rechte; jeder Tag drangte die Erinnerung an jene bessere, nur zu kurze Zeit, die ich bei der Herzogin verlebt hatte, mehr in den Schatten zuruck, und in den alten Umgebungen ward ich selbst wieder nur zu schnell, was ich fruher gewesen war.

Es wird Euch unglaublich dunken, wenn ich Euch sage, dass ich mit heimlicher Freude das Erschrecken bemerkte, mit welchem von Leuen mich im vaterlichen Hause so ganz verschieden von dem fand, was ich in der Nahe und den Umgebungen der Furstin gewesen war. Doch leider war ich thoricht und verwohnt genug, die sichtbare Bewegung, in die er bei dieser Entdeckung getieth, fur ein Zeichen bewundernder Ueberraschung anzusehen, und mein Betragen ward von nun an mit jedem Tage ubermuthiger und kecker. Neben der Freude an meines Vaters Beifall riss theils die uberlaute Bewunderung unsers Kreises mich hin, theils wollte ich vor Bernhards Augen recht glanzend und liebenswurdig mich zeigen, und so uberbot ich denn mit jedem Tage mich selbst bis zur hochsten Anstrengung meiner geistigen Krafte. Ich witzelte mit Jenem, neckte mich mit diesem, entschied uberall, oft uber Dinge, von denen ich nichts wissen konnte, und lachte mich selbst zuerst aus, wenn ich dabei in grobe Irrthumer verfiel, was wohl zuweilen vorkam.

Ich war nicht verblendet genug, den tiefen leidenschaftlichen Schmerz zu ubersehen, der jezt Bernhards schone Zuge nur zu oft umdusterte, doch ein paar an ihn gerichtete freundliche Worte, wenn er sich dessen am wenigsten versah, ein unbedeutender Vorzug, den ich unerbeten und zuvorkommend ihm vor den Uebrigen einraumte, verfehlten es nie, diesen schmerzlichen Ausdruck seines Gesichts in den der innigsten Liebe umzuwandeln. So glaubte ich, in seinem momentanen Trubsinne nur die Wirkung einer Eifersucht zu sehen, die mir nicht anders als schmeichelhaft sein konnte. Ich fuhlte, wie er mit ganzer Seele an mir hieng, und hatte eine wahrhaft kindische Freude daran, ihn nach Belieben an einem seidenen Faden flattern zu lassen. Ich glaubte weder, dass er diese leichte Fessel zerreissen, noch dass sie ihm drukkend werden konne, denn er schien sie so gern zu tragen, und ich hatte keine Mutter, keinen Freund; gutig und weise genug, um mich aufmerksam darauf zu machen, wie sehr dieser Misbrauch der Gewalt, die ein freundliches Geschick mir uber das edelste Gemuth gegeben, seiner und meiner unwurdig sei.

Indessen verband ich mit diesem wunderlichen Betragen auch noch ganz insgeheim die Absicht, meinem Freunde dadurch mehr gesellige Leichtigkeit anzubilden, das Einzige, was ihm in meinen Augen noch zur Vollkommenheit fehlte. Bei dem grosartigeren, ernster gehaltenen Tone, der in den Umgebungen der Herzogin vorherrschend war, hatte ich an ihm nicht das geringste auszusetzen gefunden; doch in meinem eigenen Kreise erschien er mir jezt oft nicht gewandt genug, und ich war zuweilen in meinem Herzen recht trostlos daruber, wenn ich ihn in dieser Hinsicht von ubrigens ganz unbedeutenden Gesellen ubertroffen zu sehen glaubte. Ich selbst war ja vor allen Dingen brillant, und alles, was zu mir gehoren wollte, musste es auch sein.

Bernhard schien indessen wenig geneigt, sich hierin meinen Wunschen zu fugen, und dem wesenlosen Schimmer nachzujagen, den ich an ihm vermisste. Wie er von jeher gewesen, so blieb er, und wenn die Gekken um ihn her ihr loses Spiel ihm ein wenig zu nahe trieben, so wusste er, schroff und imponirend genug, sich vor ihren Augen zu erheben, um sie in gehoriger Entfernung von sich abzuhalten. Dies war es nun wohl nicht, was ich eigentlich gewollt hatte, doch konnte es mich nicht verdriessen; ich ward nur heimlich um so stolzer auf meinen Freund. Bernhard bemerkte meine Zufriedenheit in solchen Augenblicken, wenn gleich ich sie mir selbst kaum gestand, und diese Entdeckung gab ihm sogar einst den Muth, einen gunstigen Augenblick zu benutzen, um mir uber das Schaale und Zwecklose unsers Treibens recht ernstliche und eindringende Vorstellungen zu machen. 'Wie konnen Sie, theures Fraulein,' sprach er zu mir, 'wie konnen Sie, die Sie so reich begabt sind, an der geistigen Armuth dieser Leute Freude finden? Wie ist es moglich, dass der Wirbel dieser Geselligkeit Sie so hinreisst? Ich selbst, glauben Sie es nur, ich selbst konnte in diesem nichtigen Treiben, dem Sie viel zu nachsichtig sich hingeben, Sie verkennen, wenn jene ersten schonen Tage, die ich in Ihrer Nahe verlebte, mir nicht noch in zu heller Glorie vorschwebten. Nie werde ich jener Zeit vergessen, lassen Sie sie wiederkehren, Sie konnen es, sobald Sie es wollen, sein Sie nur wieder Sie selbst!'

'Das bin ich allemal,' erwiederte ich ihm lachend, 'ein frohliches Geschopf, das wohl zuweilen recht ernsthaft sein mag, das sich aber auch herzlich gerne amusirt, und zum Amusiren schicken die Thoren sich am besten.'

'Sich amusirt,' wiederholte Leuen, ein ganz klein wenig erbittert, 'was heisst denn amusiren? Das Leben zu vergessen suchen, von den Tagen einen dem andern, in nichts sagendem und nichts wollendem Spiel so rasch als moglich nachjagen, damit nur von Keinem eine Spur ubrig bleibe, damit man nur gar nicht zur Besinnung komme. O Fraulein, Sie, die Sie so glucklich sein konnten, indem Sie andere beglucken,' rief er mit hohem Errothen; hingerissen von seinem Gefuhl, und ergriff dabei meine Hand. 'Theure, theure Anna, mogen Sie des Lebens immer, immer sich freuen, das Kostlichste, das es bieten kann, moge es zu Ihrem Ergotzen stets bereit sein; mochten alle Ihre Tage eine ununterbrochene Kette Ihrer wurdigen Freuden werden und' hier stockte er ein wenig, dann sezte er in gelassenem Tone hinzu: 'doch amusiren? Liebes Fraulein, uberlassen Sie diesen nuchternen Rausch allen denen, die nicht minder tief unter Ihnen stehen, als jene Menschen, denen Sie es erlauben, Sie, ihrer Unbedeutenheit unerachtet, zu umflattern.'

'Sehen Sie, von Leuen,' erwiederte ich freundlich, wenn gleich innerlich nicht ganz zufrieden, 'sehen Sie, indem Sie auf das unschuldige Amusiren schelten, sind Sie selbst hochst amusant, denn Sie nehmen fur Ernst, was gar nicht so gemeint ist, und eben das ist ja erst der rechte Spass. Werden Sie denn nie lernen, Ihre Freunde auch unter der Maske zu erkennen?'

'Aber wenn sie tagtaglich immer und ewig in der Maske einher gehen?' erwiederte er.

Ich fiel ihm rasch ein. 'Im Karneval thut man das, und die Jugend ist das Karneval des Lebens. Sein Sie doch zufrieden, dass Sie zu den sehr Wenigen gezahlt werden, in deren Nahe man die Maske gern und recht oft ein wenig luftet. Und nun, Herr Griesgram, kommen Sie an den Flugel, mir Amiets Klagen von unserem Lieblinge Kleist zu akkompagniren. Ich verspreche Ihnen dagegen, den ganzen Abend recht artig zu sein, wenn nehmlich nichts dazwischen kommt, das mich anderes Sinnes machen konnte.' Bernhard folgte mir willig, mit jenen aus Liebe und Zorn zusammengeseztem Ausdrucke in seinen Zugen, den wir so gern als den sichersten Beweis unserer unumschrankten Herrschaft anzusehen uns gewohnen, und ich sang heimlich triumphirend ihm vor: 'Sie fliehet fort, es ist um mich geschehen, ein weiter Raum trennt Lalage von mir.'

Von nun an fielen beinahe alle Tage ahnliche Scenen zwischen uns beiden vor, die von Leuen oft ziemlich kunstlich herbeizufuhren wusste. Oft sah ich das offne Gestandnis seiner Liebe auf seinen Lippen schweben, mein Herz klopfte ihm entgegen, aber ein ganz eignes Gemisch von Stolz, Verlegenheit und madchenhafter Scheu, verbunden mit dem lebendigsten Bewustsein dessen, was ich selbst fur ihn empfand, bewogen mich jedesmal, ihm auf irgend eine Art zu entgehen, und ware es auch nur durch die erste beste Posse gewesen, die mir eben durch den Sinn fuhr. Mein Vater freute sich unserer gegenseitigen, taglich wachsenden Neigung zu einander, die seinem Scharfblicke nicht entgieng; doch hielt er es fur das Gerathenste, nichts, weder dafur noch dagegen, zu unternehmen.

In unserem geselligen Kreise begann man um diese Zeit ebenfalls, mich als die Braut des Herrn von Leuen zu betrachten, obgleich ich jede darauf hinzielende Anspielung nur mit einem stolzen Lacheln beantwortete. Uebrigens horte ich alles an, was man uber diesen Gegenstand sagen mochte, ohne sonderlich weiter daruber zu denken.

Meine Zukunft breitete sich unabsehbar vor mir aus, ich war glucklich in der Gegenwart, der Augenblick erfullte mich so ganz, dass ich alles gehen lies, wie es gieng, ohne Sorge und ohne Vorbedacht.

Bernhards mit jedem Tage zunehmender Ernst, verbunden mit manchem andern Zuge in seinem Benehmen hatte bei einzelnen Gelegenheiten mir wohl einen grossen Kampf in seinem Gemuthe andeuten konnen, doch ich bemerkte nichts davon, oder glaubte nicht daran, und so kam dann der verhangnisvolle Abend herbei, der uber meine Zukunft entschied, ohne dass ich Verblendete seine Nahe vorahnend empfunden hatte.

Ist es denn nicht immer so? Spielen wir nicht immer, achtlos wie Kinder, am Rande eines Abgrundes, wahrend wir der Hand ausweichen oder sie wohl gar unsanft zuruckstossen, die uns vor dem Fall bewahren mochte, weil sie nicht vermeiden kann, uns zuweilen etwas unsanft zu ergreifen.

Unsre gewohnte Gesellschaft war eben eines Abends zahlreicher als gewohnlich versammelt, und das sehr animirte Gesprach drehte sich rasch um einen Gegenstand, welcher damals die ganze hiesige elegante Welt auf das allerlebhafteste beschaftigte. Es galt einem, nach mehrjahrigem Aufenthalte im Auslande eben wieder in der Heimath frisch angelangten jungen Manne. Er hatte sich lange in Paris, sogar auch ein paar Monate in Rom aufgehalten, und eignete sich folglich auf das vollkommenste dazu, in seiner Vaterstadt den Ton anzugeben, was damals fur Seinesgleichen weit leichter war als jezt. In unseren Tagen geht alle Welt auf Reisen, und dies macht uns gegen Weitgereiste viel gleichgultiger, die in meiner Jugend weit mehr galten. Wer Paris, diese damals allgemein anerkannte Konigin aller Stadte, gesehen hatte, erhielt schon allein dadurch ein gewaltiges Uebergewicht in der Gesellschaft, und wer nun vollends in Rom gewesen war und vom Pantoffel des Papstes etwas zu erzahlen wusste, den betrachtete man sogar mit einer eignen Art von ehrfurchtsvoller Scheu als Einen, der Grosses unternommen und vollbracht hatte.

Der junge Wiesenau, so hiess der Vielgereiste, benuzte im vollsten Masse den Vorzug, den dieses Vorurtheil seiner Zeitgenossen ihm gewahrte. Nichts von allem, was er bei uns antraf, konnte, so wie es eben war, vor seinen Augen Gnade finden; er verdammte alles, nannte alles lacherlich, zum Erbarmen, Ekipagen und Hausgerath, Kleidung und Frisur. Dafur aber war er auch eben so unerschopflich als bereitwillig im Angeben der neuesten Pariser Moden, und gieng dabei in die kleinsten Details ein, ohne zu ermuden. Unsre sammtlichen jungen Herren wollten verzweifeln, weil die, Tag und Nacht arbeitenden Handwerker mit aller moglichen Anstrengung dennoch nicht im Stande waren, alles gleich so herbei zu zaubern, wie Wiesenau es hatte; denn der Scepter der Mode regierte vor dreissig bis vierzig Jahren weit despotischer als jezt, und wer im Schnitte der Kleidung oder in der Form seiner Umgebungen nur im geringsten von ihrem neuesten Gesetze abwich, der durfte kaum es wagen, sich sehen zu lassen, wenn er nicht schon fruher auf Eleganz und Modernitat Verzicht geleistet hatte.

Dass auch unter den Damen dies gereiste Wunder gewaltiges Aufsehen erregen musste, versteht sich wohl von selbst. Gluckseelig war die, mit der Herr von Wiesenau sich unterhielt, noch gluckseeliger die, welche auf einige Stunden den leichten Schmetterling zu fesseln wusste. Am allergluckseeligsten aber achtete man einige wenige Beneidenswerthe, denen er eine von ihm mitgebrachte grosse, mit mehreren Anzugen versehene Pariser Modepuppe mittheilte, von der Art, wie sie damals alle Monate von Paris aus an die bedeutendsten Hofe von Europa versendet wurden, und nach deren Muster die von Wiesenau dazu Auserwahlten sich durch Anzug und Kopfputz fast bis zum Unkenntlichen umgestalteten.

Uebrigens galt dieser junge Mann nicht nur im Aeussern fur die Krone aller eleganten Modernitat, er wurde auch allgemein als der witzigste, liebenswurdigste, zierlichste Petitmaitre bewundert, den man seit wenigstens funfzig Jahren gesehen. Jedermann trug sich mit allerliebsten Anekdoten und witzigen Einfallen von ihm herum; nur von Leuen, der ihn fruher im Auslande angetroffen hatte, wollte mit dem allgemeinen Chor der Bewunderer des jungen Herrn nicht recht ubereinstimmen. Er erklarte ihn fur einen faden, dreisten Gecken, den man selbst in den grossen Stadten, welche er besucht hatte, sehr oft zur Zielscheibe des Witzes misbraucht habe, und der nichts weiter verstehe, als auswendig gelernte Melodien Dompfaffenartig abzuleiern.

Ich selbst, die ich den Helden des Tages noch gar nicht gesehen hatte, war in Hinsicht auf ihn ziemlich unpartheyisch gesinnt. Da mir an seiner Modepuppe nichts lag, so hatte er fur mich weit weniger Anziehendes, als fur andere meines Gleichen. Nach allem, was ich von ihm horte, und da ich ohnehin immer gern eine Oppositionsparthey bildete, war ich in meinem Herzen vielmehr geneigt, die Meinung des Herrn von Leuen in Hinsicht auf ihn anzunehmen. Doch er war in dem Augenblick Mode, er war brillant, das lies sich nicht abstreiten, und so beschloss ich denn, ihn furs erste an meinen Siegeswagen ein wenig mitziehen zu lassen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu fande. Diese fand sich, noch ehe ich es erwarten konnte, am nehmlichen Abend, denn einer unsrer Hausfreunde fuhrte an demselben den Vielbesprochnen bei uns ein.

Nur vom Theater aus konnt Ihr, lieben Kinder, jezt eine Idee, und noch dazu nur eine hochst unvollkommene, von dem bekommen, was ein Stutzer jener Zeit eigentlich war; denn, Gottlob, in der Wirklichkeit ist diese Art ganzlich bei uns ausgegangen. Ich wunsche meiner Nachwelt Gluck zu diesem Verluste, denn, obgleich ich das, was an die Stelle jener Karikaturen getreten ist, eben so wenig unbedingt loben mag, so ist doch die Thorheit der jezigen Zeit weniger erniedrigend, wenn gleich vielleicht nicht minder gross. Kaum konnte ich selbst des Lachens mich enthalten, als die verdrehte, gezierte parfumirte Figur des Allbewunderten zuerst, mit unnachahmlicher Grazie tief sich buckend, mir die Hand kusste und dabei mit seinen a la Marechal gepuderten ailes de pigeon nahe an meinem Knie voruber streifte; denn in dieser Uebertreibung hatte ich noch keinen gesehen. Doch das Mannchen hatte in Paris schwatzen gelernt, es hatte mitunter Einfalle, die gar nicht ubel waren, und besass obendrein jenen ubermuthigen Ton oberflachlicher, keine Schonung kennender Persiflage, in die ich nur allzugut einzugehen wusste. So kam es an jenem Abende nur zu bald dahin, dass wir beide in der Gesellschaft die Wortfuhrer machten, denen der Chor der ubrigen in abgemessnen Pausen Beifall zuzurufen und zuzulachen sich begnugte.

Das Gesprach nahm bald eine Wendung, die, wie ich selbst es mir nicht verbergen konnte, meinem Freunde durchaus verhasst war; doch in meinem Uebermuthe lies ich darum nicht davon ab, sondern wetteiferte mit dem neuen Ankommling in unbarmherziger Verspottung alles dessen, was zufolge der damaligen modernen Aufklarung, die franzosirenden Schongeister Vorurtheil nannten; daneben aber ward auch manches abwesende Mitglied der Gesellschaft bei dieser Gelegenheit von unsern Pfeilen nicht verschont.

Erlasst es mir, meine Lieben, Euch die naheren Details eines Gesprachs zu geben, das ich noch immer nur mit tiefem Schmerz Euch wiederholen konnte und das ich so gern vergasse, ohne dass es mir bis diesen Augenblick hatte gelingen wollen, es aus meinem Gedachtnisse zu tilgen.

Die gespannteste Aufmerksamkeit unserer Zuhorer, nur dann und wann von schallendem Gelachter unterbrochen, lohnte unser Bestreben zu glanzen; selbst mein Vater horte lachelnd und wohlgefallig uns zu, wahrend Bernhard immer ernster und schweigsamer ward. Ich sah den verhaltnen Unwillen in seinen dunklen Augen blitzen, ich las den stummen Schmerz uber mein Betragen in seinen Zugen, aber es fiel mir nicht ein, ihn deshalb zu schonen. Meine unseelige Eitelkeit verleitete mich zu dem Versuche, trotz seiner Unzufriedenheit mit mir, seine Bewunderung durch eben das zu ertrotzen, was diese Unzufriedenheit in ihm rege machte, und so trieb ich es immer arger, bis er nicht mehr im Stande war es zu ertragen.

Ich sass in einer Ecke neben dem Kamin, dieses, der Kaminschirm und ein kleiner Tisch, der seitwarts vor mir stand, sonderten mich ein wenig von der Gesellschaft ab, die mir gegenuber einen Halbkreis bildete. Bernhard fand indessen doch einen Weg, ziemlich unbemerkt hinter meinen Armstuhl zu gelangen, und uber die Rucklehne desselben gebeugt, mir die Bitte zuzuflustern, diese wunderliche Unterhaltung doch endlich abzubrechen. Doch vergebens! ich gab mir im Gegentheil das Ansehen, ihn gar nicht zu verstehen. Jezt wurden seine Bitten immer dringender, sie gestalteten sich endlich zu Warnungen um, und hingerissen von der Gluth der Leidenschaft, von seinem emporten Gemuthe und dem Schmerze des Augenblicks, mischte er endlich, ganz ohne es zu wollen, das so lange zuruckgehaltne Gestandnis der gluhendsten innigsten Liebe in das dringendste Flehen um Ruckkehr zu mir selbst und meiner bessern Natur.

Dieser Moment war der hochste Triumph meines Lebens. Jezt hatte ich, was zu erhalten, meine kuhnsten Einbildungen kaum ertraumen konnten. Er, Bernhard von Leuen, musste, mitten im Zorn' uber mich, den stolzen Sinn vor mir beugen, und meine Siegergewalt anerkennen. Doch auch mein Herz wallte in heisser Liebe ihm entgegen, ich hatte die Welt darum hingeben mogen, um in diesem Moment unbelauscht ihm alles gestehen zu durfen, was ich dachte und empfand, und doch trieb mich ein unuberwindlicher Uebermuth, eine wirklich damonische Lust an seiner Quaal, das verhasste Spiel noch immer nicht aufzugeben. Ich war mir ja bewusst, diese Quaalen jeden Augenblick in Entzucken umwandeln zu konnen.

Innerlich zu aufgeregt, um genau zu wissen, was ich that, erschien ich jezt wirklich glanzender, an geistreichen Einfallen unerschopflicher, als je, und Bernhard stand da, bleich und stumm. Kein guter Engel gab es mir in die Seele, aufzuhoren, weil es noch Zeit sei; es war vielmehr, als sei ich, zur Strafe meines Uebermuthes, den dunkeln, unheilbrutenden Machten anheim gefallen, von denen man glauben konnte, dass sie jene kleine Zufalligkeiten leiten, die oft eben so unerwartet als zerstorend in unser Leben treten.

Solch ein Zufall war es gewiss, der, ich weis bis diese Stunde nicht wie es geschah, die Pfeile unseres Witzes gegen Bernhard selbst wendete. In der Art von Bewustlosigkeit, in die mein Benehmen ihn versezt hatte, gaben vielleicht ein paar unbedachte Worte, die er hinwarf, den ersten, wirklich nicht gesuchten Anlass dazu. Doch er war zu erschuttert, zu aufgeregt in den tiefsten Tiefen seines Gemuthes, als dass er es vermocht hatte, wie sonst wohl geschah, den Angriff auf seine Gegner zuruckprallen zu lassen. Das kalte Spiel widerte seinem gluhenden Herzen zu sehr an, als dass er mit Gluck daran hatte Antheil nehmen konnen. Er versuchte zwar, sich zu vertheidigen, aber er verwirrte sich in dem Versuch, und fand zum erstenmale nicht das passende Wort fur das, was er sagen wollte. Ich sah es, seine Verwirrung erhohte das Gefuhl meines Triumphes, hingerissen von der ubermuthigsten Freude, war ich unbesonnen genug, einen seiner Ausdrukke aufzunehmen, dem eine lacherliche Seite sich abgewinnen lies.

Bernhard sah mich an und schwieg ganz fassungslos. D e n Blick vergesse ich nie.

Jezt entstand plotzlich eine allgemeine, unendlich peinliche Stille um mich her. Ich glaubte zu fuhlen, dass man in ihm mich schonen wolle, ich vergass, dass wahrscheinlich keiner der Anwesenden Lust haben konnte, den Scherz gegen den so oft Beneideten fortzusetzen, dessen Ueberlegenheit ein jeder von ihnen oft genug erfahren hatte, um sie zu scheuen. Ich blickte auf und mein boser Damon zeigte mir, wie ein heimlich triumphirendes Lacheln auf allen diesen Gesichtern mir entgegen grinste, und er allein stand, der gewohnten Waffen beraubt, mitten unter dem, mir in diesem Moment unbeschreiblich verhassten Haufen, der sich das Ansehen gab, ihn mitleidig schonen zu wollen,

Jezt begann ich in meinem Gemuthe seinetwegen ganz entsetzlich zu leiden; in diesem furchtbaren Moment, da mir war, als musse ich mich seiner schamen, fuhlte ich zuerst recht tief und eindringend, was er mir war, und mit welch' unbegranzter Liebe ich an ihm hieng.

In bodenloser Verwirrung, in namenloser Quaal, ubermuthig und gedemuthiget zugleich, rastlos getrieben von einer ganz unerklarlichen, an Verzweiflung granzenden grausamen Lust sprach ich noch ein paar Worte.

Lautschallendes, nicht zu unterdruckendes Gelachter aller Umstehenden folgte diesen Worten, und mit unbeschreiblichem Schmerze traf der schneidend-gellende Ton dieses Lachens mein Ohr denn es galt meinem einzigen, in diesem Augenblicke mit fast wahnsinniger Leidenschaft geliebten Freunde, und ich selbst hatte ihn dem Spotte dieser Menschen blosgestellt.

Bernhard stand auf und plotzlich verstummte alles wieder. Er trat vor mir hin, blickte noch einmal mir ins Auge, ergriff meine Hand, die er kusste, und schied ohne ein Wort zu sagen, aus dem Kreise, in welchem mit einemmale eine Todtenstille entstand. Mit vernichtender Gewalt trat jezt der Schmerz in meine Seele; meine Besinnung war hin; ich konnte sagen: mein Leben stand einen Augenblick still. Dann klopften alle meine Pulse mir zu, "du hast ihn verloren, ihn und dich, auf ewig, durch eigne Schuld.

Angelika, Vicktorine, kennt ihr einen Schmerz, der diesem gleichen mag?

Ich wusste nicht mehr, was ich that; mechanisch ergriff ich eine kleine, aber sehr schone Potpourri-Vase von Porzellan, die auf einem kleinen Tische neben mir stand, sie entglitt meinen Handen, ob durch mein Versehen, ob ich sie, vom dumpfen Instinct getrieben, fallen lies, um so die allgemeine Aufmerksamkeit von mir abzulenken, ist mir nie recht klar gewesen. Letzteres war wenigstens die scheinbare Folge davon, denn uber alle Anwesende musste eine dunkle Ahnung des vorgefallenen Unheils gekommen sein, und deshalb waren alle froh, die Gedanken davon abzuziehen.

Mein Erbleichen, mein zitterndes Schwanken, hatte nun doch eine sichtbare Ursache gewonnen, und die Gesellschaft war aus der stummen Verlegenheit, in der sie bis jezt dagestanden, glucklich wieder gerettet. Das Betrachten des zu meinen Fussen zerschmettert daliegenden Amors, der auf der Vase gemalt gewesen war, das Bedauern uber seine Vernichtung gab zu unzahligen galanten Bemerkungen und witzigen Einfallen Anlass, von denen manches Einzelne, trotz seiner Albernheit, mir tief in das Herz schnitt. Indessen hatte durch diesen halben Zufall die Unterhaltung doch eine andere Wendung genommen und ich ward dadurch in den Stand gesetzt, mir fur den ubrigen Theil dieses entsetzlichen Abends die nothige Fassung wieder zu erringen.

Jezt lasst es fur heute genug sein!" sezte die Tante mit leiserer Stimme hinzu, indem sie aus ihrem Armstuhl sich langsam erhob. Sie kusste die in Thranen zerfliessenden Madchen auf die Stirn und heftete lange und bedeutend den seelenvollen Blick ihrer hellen Augen auf beide; man sah, sie wollte noch etwas sagen, wozu die Stimme ihr versagte; dann wandte sie sich freundlich, gieng langsam hinaus, winkte, ihr nicht zu folgen, und kam den Abend nicht wieder zum Vorschein. Anna von Falkenhayn, treu ihrer vieljahrigen Gewohnheit, sass am Morgen nach diesem Abend schon um sieben Uhr vollig angekleidet in ihrem Armstuhl, obgleich es im Kleebornschen Hause, das in dieser Hinsicht von andern grossen Hausern der Stadt keine Ausnahme machte, kaum anfieng, Tag zu werden.

Ihr Auge war trube, ihr Herz war schwer von tausend wehmuthigen und schmerzlichen Erinnerungen. Das blasse Gesicht auf die durchsichtig zarte Hand gestuzt, strebte sie schon lange vergebens ihre Aufmerksamkeit dem vor ihr aufgeschlagen da liegenden Buche zuzuwenden, um mit dessen Hulfe den Nachhall aller der truben und schonen Stunden endlich wieder verklingen zu lassen, den sie selbst am gestrigen Abend aufs neue in ihrem Gemuthe hervorgerufen. Daher war es ihr zwar eine unerwartete, aber durchaus keine angenehme Ueberraschung, als ihr Kammermadchen ihr einen draussen stehenden Fremden meldete, der dringend um Zutritt bei ihr bat. Sie fuhlte sich um so mehr abgeneigt, den ihr zu so ungewohnlicher Zeit zugedachten Besuch zu empfangen, da sie das Madchen vergebens um seinen Namen befragte. "Der junge Herr," erwiederte dieses, "sieht so vornehm in die Welt hinein, dass ich unmoglich zu ihm sagen konnte, mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?"

Mismuthig und verstimmt, war Anna von Falkenhayn schon im Begriff, den ihr etwas uberlastig scheinenden Fremden um einen Besuch zu gelegenerer Zeit bitten zu lassen; doch der plotzliche Gedanke, dass es gerade wegen der so ungewohnlich gewahlten Stunde hier wohl auf mehr als auf eine blosse Visite abgesehen sei, hielt sie davon ab, und um nicht einer Laune zu gefallen, vielleicht eine Gelegenheit zu verlieren, andern hulfreich erscheinen zu konnen, so befahl sie den Fremden hereinzufuhren. Er trat ein, und mit einem ihr selbst unerklarlichen Erschrecken erkannte sie in ihm gleich auf den ersten Anblick den Geliebten ihrer Vicktorine.

So sonderbar verlegen und errothend, als diese Beide, mag wohl nicht leicht beim ersten Zusammentreffen ein Paar einander gegenuber gestanden haben, von dem die Dame wenigstens zweimal so alt war als der Herr. Indessen wahrte diese wunderliche Befangenheit nicht lange; Tante Anna hatte zu viel Gewalt uber sich selbst, um sich nicht schnell von ihr loswinden zu konnen, und nach wenigen Minuten sassen daher sie und Raimund wie ein Paar alte Bekannte ganz traulich einander gegenuber.

Raimund entschuldigte seinen, gegen alle Regeln der Konvenienz streitenden fruhen Besuch, zuvorderst mit seines alten Freundes Muller Versicherung, dass es bei der Hochwurdigen Frau wenigstens zwei Stunden eher Tag werde, als im ubrigen Hause; nachstdem aber mit dem nicht zu unterdruckenden Wunsch sie ungestort, und wo moglich auch unbemerkt sehen zu durfen. Ziemlich verlegen wollte er jezt es versuchen, zur Erklarung seines eigentlichen Anliegens zu schreiten, doch die zuvorkommende Gute seiner Zuhorerin erleichterte ihm dieses dadurch ungemein, dass sie ihm deutlich merken liess, wie Vicktorine sie schon langst zur Vertrauten des stillen Geheimnisses ihrer Liebe eingeweiht habe. So ward denn das Gesprach zwischen beiden sehr bald von jeder beengenden Rucksicht befreit, und sie unterhielten sich ohne weitern Zwang, mit gegenseitigem Vertrauen, von dem was in diesem Augenblick ihrem Herzen am nachsten lag.

Vollkommen ermuthiget durch ihre wurdevolle Freundlichkeit, erklarte Raimund jezt der Tante, wie ein Antrag der Herren Fischer, den er ohne Vicktorinens Beistimmung weder ablehnen noch annehmen konne, ihn hauptsachlich bewogen habe sie um ihre Vermittelung zu ersuchen. Es war von einer langen, mit manchen bedeutenden Gefahren verbundnen Seereise die Rede, die er nach dem Wunsch jener Herren unternehmen sollte, um in einem fremden Welttheile eine sehr wichtige, grossen Gewinn versprechende Unternehmung personlich zu leiten. Unter den vortheilhaftesten Bedingungen sollte bei seiner hoffentlich glucklichen Heimkehr ein bedeutender Antheil an der Handlung dieses sehr geachteten Hauses der Lohn seiner Bemuhungen werden. "Sobald ich den ersten Zorn uberwunden hatte, den Herrn Kleeborns Benehmen in mir aufregen musste," sezte Raimund hinzu, nachdem er der Tante sowohl die Gefahren als den Vortheil erklart hatte, welche bei dieser Unternehmung fur ihn personlich zu erwarten standen; "sobald ich den ersten Zorn uberwunden hatte, das heisst, sobald ich wieder meiner Sinne machtig war, denn mehr bedurfte es nicht, so stand auch der Entschluss felsenfest in mir, unerachtet des ersten Fehlschlagens aller meiner Wunsche, dennoch auf der einmal angetretnen Bahn zu beharren. Der Mann darf ja nicht sich selbst zum Spiel des Zufalls machen, er soll ja nicht blindlings umhertappen, bald ergreifen, bald wieder loslassen, wie Lust und Laune ihn treiben. Er soll vielmehr festhalten an dem was er einmal unternommen, um so doch wenigstens die nie wiederkehrende Zeit aus dem Schiffbruch seiner Hoffnungen zu retten."

"Es freut mich herzlich, Sie so festen Sinnes zu finden," erwiederte Tante Anna, "denn auch Vicktorine," "o gewiss," unterbrach Raimund sie, "ich kenne meine Vicktorine, und nie kann der Schatten eines Zweifels an dieses edle Wesen meinen Blick umdustern. Ich weiss es, Vicktorine halt unabwendbar fest an mir, und jener Fremde, den Herr Kleeborn ihr aufdringen mochte, wird nie ihre Hand erhalten. Aber auch mir wird sie nie angehoren, so lange ihr Vater lebt, um es zu verbieten; denn sie bleibt ihrer Pflicht nicht minder treu als ihrer Liebe. Und so werden wir beide wahrscheinlich in langer nie erfullter Sehnsucht unser Leben vertrauern, wenn nicht ein guter Engel unser Geschick freundlicher wendet. Wie das geschehen konnte, sehe ich Blodsichtiger freilich noch nicht ab," sezte Raimund mit einem leisen Seufzer und getrubten Blicke hinzu.

Anna von Falkenhayn schien nun einmal zur milden Trosterin aller, die ihr nahten, ausersehen zu seyn, und so versuchte sie es denn auch gern, und nicht ohne Gelingen, ihren neuen jungen Freund mit dem Leben und insbesondere mit seinem eignen Geschick zu versohnen. Es musste indessen noch manches sehr ernstlich beleuchtet und erwogen werden, ehe man zu einem festen Entschluss in Hinsicht auf die ihm vorgeschlagene Reise kommen konnte, und Raimund kehrte deshalb noch mehreremal, und immer in der Fruhstunde, zur Tante zuruck. Ihre Nahe sowohl als ihre Personlichkeit ubten auf ihn einen ganz wunderbaren Zauber. Er fuhlte sich unwiderstehlich zu der seltnen Frau hingezogen, die wie das verbindende Element des Lebens zwischen ihm und Vicktorinen stand. Wenn sie so freundlich ihm zusprach, musste er dabei stets an seinen Vater denken, denn so wie sie, hatte, seit er diesen verloren, nie wieder jemand zu ihm gesprochen.

Vor Allem aber erfullte ihn ein ganz eignes Gefuhl susser fast schauerlicher Wehmuth, wenn er sie dabei ansah, und nun in den alternden Zugen des bleichen ernsten Gesichtes die unverkennbarste Aehnlichkeit mit seiner reizenden in voller Jugendpracht bluhenden Geliebten entdeckte. Ihm war dann als lufte die Zukunft den dunkeln Schleier und blicke ernst und geheimnissvoll ihn an, wahrend der eilende vernichtende Schritt der Zeit horbar ihn umrauschte, und ihn ermahnte, das Leben und die Jugend festzuhalten, ehe sie auf immer entschwinden.

Auch der Tante ward der junge Mann immer lieber und lieber, je ofter sie ihn sah, doch nicht etwa weil sie das Innere seines Gemuths dabei naher kennen lernte. Man mochte sagen, sie empfand dies nur, gleich dem Eigenen, und sie beurtheilte ihn daher wie Frauen gewohnlich zu urtheilen pflegen, mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf; was bei der ungemeinen Klarheit ihres Geistes freilich ein seltner Fall war. Alles an ihm, seine ganze Art zu sein, seine Sprache, sein Benehmen, Alles erschien ihr wie der begleitende Ton zu der Melodie ihres innersten Lebens, und war ihr deshalb befreundet und kam ihr wie langst bekannt vor.

"Endlich, meine edle theure Beschutzerin, endlich muss ich doch dazu kommen, einen Entschluss in Hinsicht auf meine Reise zu fassen," schrieb Raimund der Tante eines Morgens, an welchem er abgehalten worden zu ihr zu gehen. "Die Zeit drangt mich," fuhr er fort, "und ich kann es nicht langer auf eine ehrenvolle Art vermeiden, meinen Freunden, die mir zu meinem kunftigen Fortkommen so wohlwollend die Hand bieten, eine genugende Antwort zu ertheilen. Ich habe die ruhige Stille dieser Nacht darauf verwendet, Alles nochmals ernstlich durchzudenken. Der Antrag der Herren Fischer offnet mir die Aussicht auf ein vollig unabhangiges, sogar auf ein glanzendes Loos, das ich wenigstens nach dem Ableben ihres Vaters Vicktorinen werde bieten konnen, selbst wenn dieser den Entschluss fasste, sie, im Fall sie die Meine wird, vollig zu enterben. Vielleicht wird er auch jezt weniger eigensinnig auf die Verbindung mit dem Sohne seines Handelsfreundes bestehen, sobald er mich in der Ferne weiss, und Vicktorinen gluckt es wahrscheinlich um so eher, sich von den Fesseln loszuwinden, mit denen ihr Vater sie umstricken mochte. Fur meine personliche Wohlfahrt bangt mir ubrigens nicht, Vicktorinens Gebet wird mir ein schutzender Engel werden, der jede Gefahr von mir wendet, mit der Menschen oder die Elemente mir drohen konnten.

Und so bitte ich Sie denn nur, Hochwurdige Frau, bringen Sie mir Vicktorinens Erlaubnis zu gehen, und das bald! Der erste Tag der Reise ist ja auch der erste, der uns der Heimkehr naher fuhrt. Und wer kann wissen, ob es nicht wahrend meiner Abwesenheit dem schutzenden Genius unsrer Liebe in Ihrer wurdigen Gestalt gelingt, Alles indessen zu unserm Besten zu wenden."

Unerachtet sie den Grunden ihres jungen Freundes nichts entgegenzustellen wusste, unternahm es die Tante doch nur mit innerem Widerstreben Raimunds Wunsch zu erfullen; sie erschrack beinahe, als Vicktorine weit leichter und gefasster, als sie es hatte erwarten konnen, zu der Entfernung des Geliebten ihre Einwilligung gab. Eigentlich war Vicktorinens lebhafter Geist das ganz Einformige ihres Unglucks, das Qualende des Gefuhls dem Geliebten zugleich so nahe und so fern zu sein, allmahlig so unertraglich geworden, dass jede Abanderung ihrer Lage ihr dagegen wie Gewinn erscheinen musste. Ihre gluhende stets vorwarts strebende Fantasie fand in dem Alltagsleben eines Geschaftsmannes keinen einzigen Punct, von dem aus sie das Bild des Geliebten, der ihr nicht nahen durfte, festhalten konnte. Wo sollten ihre Gedanken ihn suchen? an der Borse? am Schreibepult? im alltaglichen Verkehr mit der handelnden Welt und ihren Gehulfen? "Nein, Tante," rief Vicktorine, "er mag gehen! Mein Seegen, mein Gebet, meine Wunsche begleiten ihn uberall und unablassig. Es ist jezt nicht wie damals, da ich glaubte, dass er aus uberspanntem Edelmuth auf immer nach Odessa fliehen wolle. Er scheidet zwar, doch er entflieht mir nicht. Er geht, wohin die Pflicht die er auf sich genommen ihn ruft, aber er geht um vielleicht glucklicher wiederzukehren. Tausend Meilen oder tausend Schritte sind in unserer Lage das nemliche. Raimund wird in der Ferne mir sogar naher geruckt erscheinen, denn lieber will ich ihn mir doch vorstellen, wie er auf dem Verdeck seines die machtigen Wogen durchschneidenden Schiffes, unter dem tiefblauen Sternenhimmel des Sudens meiner gedenkt, lieber soll mein Geist in fremden Stadten, im Gewuhl des Ankommens oder der Abreise ihn suchen, als hier in der weiten farb- und formlosen Oede des aller-alltaglichsten Lebens, in welcher Alles vor meinen Blicken verschwimmt."

Nur Eines forderte Vicktorine mit ihrer gewohnten Festigkeit noch, und Raimund stimmte mit ihr uberein, sobald er ihre Entscheidung vernommen, und dieses Eine war eine Abschiedsstunde mit Bewilligung des Vaters, unter den Augen der Tante, dieses milden Schutzgeistes ihres Lebens wie ihrer Liebe. Vergebens erschopfte sich Anna in Grunden und Bitten, um die Liebenden zu bewegen, sich selbst diese bittre Stunde zu ersparen. Sie wurde nicht nur uberstimmt, sie musste sogar unternehmen, Herrn Kleeborns Erlaubniss zu dieser Zusammenkunft zu erhalten, denn Raimunds Beredsamkeit ubte eine unwiderstehliche Gewalt uber sie aus.

"Zwingen Sie mich nicht," bat er, "zwingen Sie mich ja nicht, dem Schmerz wie ein Feiger aus dem Wege zu gehen, denn alles Umgehen ist meiner Natur durchaus zuwider und mir im Innersten der Seele verhasst. Was mir auch begegnen mag, ich will ihm fest und gerade ins Auge sehen, und war' es mein Untergang. So viele wunschen sich einen schnellen Tod, ich habe von Kindheit auf ihn gescheut. Wenn ich einst vom Leben scheide, so wunsche ich, dass es mit Bewusstsein geschehe, mein brechendes Auge soll sich noch einmal dankend zu der Sonne, zu den Sternen erheben, die so lange mir leuchteten. Und so will ich auch jezt, ehe ich gehe, um vielleicht nie wiederzukehren, so will ich auch jezt noch einmal in Vicktorinens liebetreue Augen blicken, in diese Sonnen meines bessern Daseins. Wer weis denn, ob sie je mir wieder leuchten werden, denn meine Reise ist weit, und mancherlei Gefahren werden Unheil drohend mir entgegen treten." "Der junge Holm geht in diesen Tagen nach England und von dort nach Westindien, wie ich fur gewis hore," sprach die Tante zu Herrn Kleeborn im gleichgultigsten Ton, den sie nur bei dieser Gelegenheit aufzubringen vermochte. Eigentlich dachte sie nur auf diese Weise ein Gesprach mit ihm anzuknupfen, das zur Erfullung ihres Versprechens leiten konnte, um dessen Vollbringung sie sich eben in nicht geringer Verlegenheit befand, doch Kleeborn fuhr sichtbar erschrocken zusammen, als er sie so ganz gelassen den Namen nennen horte, den er bis jezt noch gar nicht den Muth gehabt hatte, in ihrer Gegenwart auszusprechen. Er starrte in sprachloser Verwunderung sie an, und veranlasste sie dadurch das Gesagte nochmals zu wiederholen. "Holm!" rief er jezt fast jauchzend vor Freuden, "der junge Holm aus dem Hause der Herren Fischer et Compagnie? Nun Gluck auf die Reise! Nein, Fraulein Schwester, eine bessre Nachricht konnten Sie mir im Leben nicht bringen; und wenn Sie mir gesagt hatten, dass ich das grosse Loos in der englischen Lotterie gewonnen habe, es konnte mehr mich nicht erfreuen! Denn uber hauslichen Frieden und das Gluck meines einzigen Kindes geht mir doch nichts in der Welt. Aber was sind Sie eine kluge Dame! Ja ja, ich habe es immer gesagt und gedacht, Sie sind eine Dame, die die Welt kennt. Ich zerbreche mir den Kopf wie ich die verfluchte Geschichte Ihnen schicklich beibringen will, Sie verstehen ja wohl was ich meine, nun und inzwischen gehen Sie so ganz in der Stille hin, wissen Alles, lenken Alles, und fuhren Alles zum Besten. Nun nun, jezt wird sich Alles ja wohl mit der Zeit geben, wenn erst dieser Stein des Anstosses aus dem Wege kommt. Vicktorine wird ja Vernunft annehmen, besonders wenn Sie, Fraulein Schwester" Die Tante unterbrach ihn, um nicht mehr horen zu mussen als ihr lieb war. "Ich habe Herrn Holm erlaubt, in meiner Gegenwart von Vicktorinen Abschied zu nehmen," sprach sie in dem nehmlichen gleichgultigen Ton als vorher, und zugleich mit so gelassner fester Zuversicht, dass Herr Kleeborn daruber ganz stutzig ward, und nicht gleich wusste, was er ihr antworten konne. Die Sicherheit, mit der sie sprach, als konne das gar nicht anders sein, verbunden mit der ehrerbietigen Zuruckhaltung, welche ihre Gegenwart ihm einflosste, erlaubten ihm nicht ihr geradezu zu widersprechen, besonders da sie ihm eben eine so gute Nachricht mitgetheilt hatte. Und doch fuhlte er auch eine grosse Abneigung, seine Einwilligung zu dieser Zusammenkunft der Liebenden ausdrucklich zu geben, wenn er gleich innerlich gewiss war, dass es die lezte sein wurde.

Nach kurzem Bedenken fand er indessen einen Mittelweg, indem er that als habe er die lezten Worte der Tante vollig uberhort. "Ende gut alles gut und Einmal ist keinmal," brummte er endlich halb leise vor sich hin, als er nach einer kleinen Pause gewahr ward, dass seine Schwagerin nicht fur gut fand, noch einige Bewegungsgrunde hinzuzusetzen, die er denn Gelegenheit gehabt hatte zu bestreiten; und damit gieng er ohne weiteres zum Zimmer hinaus in sein Komtoir.

Anna freute sich des leichten Sieges, und war dabei billig genug, nicht mehr zu fordern als sie eben bedurfte, denn sie glaubte, mit dieser stummen Bewilligung konne sie vollig zufrieden sein, und sie ohne alles Bedenken benutzen.

Der Morgen des zu Raimunds Abreise bestimmten Tages brach endlich an, und die Liebenden sahen in den lezten Minuten vor dieser sich wieder, denn so hatten beide es gewollt. Doch welch ein Wiedersehen war das! Wiederfinden und Trennung, Seeligkeit des Himmels und unaussprechlich tiefes Leiden, drangten auf der Spitze eines einzigen kurzen Augenblicks sich zusammen. So granzen in dem Stunden-Dasein der Ephemere die erste Regung des Lebens und das Erstarren des Todes enge an einander.

Seelig und trostlos, ohne Worte und doch unendlich beredt, hielten Raimund und Vicktorine sich umfangen bis die Stunde der Trennung schlug. Die Tante horte den Ton der Glocke, die sie verkundete, sie hatte so lange in sich versunken da gesessen, jezt richtete sie sich auf und ihr Blick fiel zuerst auf Raimund. Ein die Wolken durchbrechender schwacher Sonnenstrahl verklarte in diesem Augenblick die schmerzlich bewegten Zuge seines edeln Gesichts; Anna fuhr wie von einem gewaltsamen Schmerz plotzlich ergriffen schaudernd zusammen, und ihre Hand zuckte unwillkuhrlich nach ihrem Herzen, wahrend ihr Auge mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an Raimunds truber Gestalt hieng. Ein halb unterdruckter Schmerzenslaut drangte sich ihr aus tiefster Brust herauf, sie schwankte erbleichend und drohte zu sinken. Erschrocken eilten Vicktorine und Raimund sie zu unterstutzen und sie aufs Sofa zu geleiten, doch sie erholte sich noch fruher, indem ein Strom von Thranen ihrem bangebeklommnen Herzen Erleichterung zu gewahren schien.

Jezt druckte Raimund noch einmal die vereinten Hande beider ihm so theuren Wesen an seine brennenden Lippen, an seine hochschlagende Brust, und entfernte sich dann schnell. Sie sahen die geliebte Gestalt durch die Thure verschwinden, die sich in langer Zeit nicht, vielleicht nie wieder, ihr offnen sollte. Raimunds Schritte tonten den langen Corridor entlang, immer schwacher, immer mehr aus der Ferne. Vicktorine ohne einen Laut von sich zu geben, horchte dem Ton bis er sich ganz verlor, dann warf sie sich in die geoffneten Arme, an die treue Brust, die fast eben so bewegt als ihre eigene, mit nicht minder heftigem Schmerz zu ringen schien. Das Schreckbild einer weiten gefahrvollen Reise des Geliebten, das vor wenigen Wochen Vicktorinen fast zu Tode geangstigt hatte, war jezt zur Wirklichkeit geworden. So, sagt man, glauben die Perser, dass jedes ausgesprochne Wort zu einem geisterartigen Wesen sich umwandle, welches unablassig so lange die Welt bis an die Pforten des Paradieses durchstreife, bis es zur That sich gestaltet habe.

Indessen war es doch merkwurdig, wie Vicktorine diesen wahrhaften Schmerz mit weit grosserer Fassung ertrug, als jenen ertraumten, der sein Vorbild gewesen war. Dass sie mit Bewusstsein, aus freiem Willen, ihn auf sich genommen, erleichterte ihn ihr vielleicht nicht minder, als die innige Theilnahme ihrer mutterlichen Freundin; vor allem aber erhob die Hoffnung einer aus diesem Opfer entspringenden glucklicheren Zukunft sie uber sich selbst, und wiegte die oft bis zur Ungeduld sich steigernde Sehnsucht wieder zur Ruhe ein, von der sie in einsamen Stunden nur gar zu oft sich ergriffen fuhlte. Ihr korperliches Befinden bedurfte jezt keiner besonderen Pflege mehr, doch ihr Gemuth bedurfte der zartesten Schonung, und diese fand sie nur bei der Tante und ihrer Angelika.

In den stillen gerauschlosen Abendstunden, welche Babet und Agathe jezt oftrer als sonst ausser dem Hause, bei ihren Freundinnen, zubringen durften, gab die Tante den Bitten ihrer beiden Lieblinge gerne nach, und nahm den Faden der Geschichte ihres Lebens dort wieder auf, wo sie am ersten Abende ihn hatte fallen lassen. Wir geben ihre Erzahlung so viel moglich mit ihren eignen Worten, doch ohne der Zwischenreden ihrer Zuhorerinnen oder der mitunter eintretenden Storungen und Pausen weiter zu erwahnen. Fortsetzung der fruheren Lebensgeschichte der Tante. "Schwer und undurchdringlich in ihrer Finsternis lastete die Nacht nach jenem furchtbaren Abende auf mir," sprach Anna von Falkenhayn im Verfolg ihrer Erzahlung. "Sie schien nimmer enden zu wollen und meine brennend heissen thranenlosen Augen erstarrten an ihrer von keinem Stern erhellten Dunkelheit, ohne dass es mir moglich gewesen ware auch nur Minuten lang in trostendem Selbstvergessen sie zu schliessen. Es war die erste Nacht, die ich gefoltert von innern Vorwurfen durchwachte, ihr dusterer Schatten hat sich uber mein ganzes Leben verbreitet und ist nie wieder ganz aus demselben verschwunden. Unzahlige trube schlaflose Nachte sind seitdem dieser ersten gefolgt, doch gottlob keine so ganz trostlose als diese, denn nie war ich wieder so durchaus mit mir selbst zerfallen wie damals.

Vergebens strebte ich an dem sonst mir eignen Stolz mich wieder aufzurichten, vergebens wollte ich eine Thorin mich schelten und die Last leicht zu nehmen suchen, die mich zu erdrucken drohte. Die gluhendste Liebe sprach laut in meinem Herzen, jeder Schlag desselben erhohte das Gefuhl der bittersten, an Selbstverachtung granzenden Reue, und mein ehemaliges eitles Bewusstsein verschwand unter der angestrengtesten Bemuhung es fest zu halten.

Endlich kam der Tag; jedem auch dem unglucklichsten Wesen pflegt er wenigstens fur einen kurzen Moment Muth und Trost zu bringen, und auch ich begann jezt zu hoffen, Bernhard konne so nicht auf immer von mir geschieden sein, oder ich suchte es vielmehr mir selbst wahrscheinlich zu machen, dass ich diese Hoffnung noch hege.

Ich stand auf um nur so schnell als moglich jedes nachtliche Grauen abzustreifen, doch der erste Blick in meinen Spiegel flosste mir neues Entsetzen ein, so schattenahnlich, so bleich und zerstort trat mein Bild aus ihm mir entgegen. Zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich gezwungen, jene kleinen Toilettenkunste zu uben, die ich bis jezt immer mit Verachtung verschmaht hatte, denn ich war zwar fest entschlossen, dem Mann, den ich liebte, mit edler Freimuthigkeit entgegen zu treten, ich wollte ohne Ruckhalt und wahr mein ganzes Herz ihm eroffnen, sogar, im Fall dies nothig wurde, zum Bekenntnis des Gefuhls meiner ubermuthigen Thorheit mich herablassen; aber zu deutlich in meinem Gesichte lesen, was in meinem Gemuth indessen vorgegangen war, das sollte Bernhard denn doch auch nicht.

Der Morgen vergieng grosstentheils uber dieser Beschaftigung, die ich um mich selbst zu tauschen so zogernd als moglich betrieb. Auch spaterhin noch wandte ich alles an, um nur nicht zu bemerken, wie weit der Tag schon vorgeruckt, und dass die Stunde langst voruber sei, in der Bernhard sonst zu kommen pflegte, mein armes Herz schlug aber immer voller und schwerer. Endlich brachte man mir eine nur mit seinem Namen bezeichnete Abschiedskarte, und meinem Vater ein versiegeltes Billet, in welchem Bernhard in ziemlich allgemeinen Ausdrucken fur alle bisher ihm gewahrte Beweise seines Wohlwollens dankte, und auf unbestimmte Zeit Abschied nahm, ohne jedoch das Ziel seiner Reise dabei zu erwahnen. Mein Vater vermied es mich anzusehen, indem er das Billet, so wie er es still fur sich gelesen, mir hinreichte, und nie hat mich etwas tiefer und demuthigender gekrankt.

Ich zog mich bald darauf unter dem gewiss nicht ganz ersonnenen Vorwande korperlichen Uebelbefindens in mein Zimmer zuruck, und verlebte dort ganz allein ein paar stille einsame Tage; denn ich bedurfte dieser gar sehr, um nur einigermassen mich mit mir selbst zu berathen. Nur fort von hier! war das einzige Ziel meiner Gedanken; denn die Gesellschaft wieder zu sehen, in der ich Bernhard vermissen sollte, schien mir unmoglich zu sein. Doch wohin sollte ich mich wenden? ich hatte keine Freundin, sogar nicht einmal eine Bekannte meines Geschlechts, die mir in dieser Verlegenheit Schutz und Obdach hatte gewahren konnen oder wollen; sie waren alle vor dem blendenden Glanz entwichen, mit dem meine Eitelkeit mich bis dahin umgab. Einen Augenblick dachte ich zwar daran, zur Herzogin von P** zu reisen, die beim Abschiede mich mit einer Einladung auf unbestimmte Zeit beehrt hatte; aber wer konnte mir dafur stehen, dass nicht auch Bernhard mit seinem wunden Herzen zu ihr geflohen sei? War es in diesem Fall schicklich, oder auch nur verstandig, den Verdacht auf mich zu laden, als sei ich absichtlich ihm gefolgt? Und gesezt ich fande alles dort wie sonst, nur ihn nicht, wie wollte ich das ertragen! wie alle die Fragen nach ihm! wie sollte ich taglich und stundlich von ihm reden, ihn preisen horen, ohne zu verzweifeln.

Je langer ich uber meine Lage nachdachte, je hoffnungsloser erschien sie mir, so dass ich zulezt wahres Mitleid mit mir selbst empfand. Ich konnte nicht fortleben wie ich bis jezt es gethan, das allein war mir deutlich. Das gewohnte schaale Treiben, das ihn, das Bernhard mir verscheucht hatte, widerte jezt mich unbeschreiblich an, doch wie sollte ich hinaustreten ohne lacherlich zu werden, was mir herber dunkte als selbst der Tod? Meinem Vater, meinem geliebten Vater konnte ich es doch unmoglich zumuthen, meinetwegen Gesellschaften und Gewohnheiten zu entsagen, die Jahre lang seine einzige Freude gewesen waren.

So war denn jeder Ausweg mir verschlossen und ich verzehrte mich vergeblich in fruchtlosem Nachsinnen, wie ich es anfangen konne, die Welt zu verlassen, die noch vor wenigen Tagen, als der Schauplatz meines Triumphs, mir unentbehrlich schien und die mir jezt so furchterlich war. Wahrscheinlich ware meine Gesundheit diesem Zustande endlich unterlegen, wenn er langer gedauert hatte, doch ganz unvermuthet, wie ein vom Himmel gesendeter Bote des Friedens, kam jezt ein Brief, der aller meiner Verlegenheit ein Ende machte. Ich las ihn mit Entzucken und ware doch nur noch vor wenig Tagen trostlos gewesen, wenn ich damals ihn empfangen hatte. Er enthielt nichts anders als eine auf Befehl der Probstin meines Stiftes an mich gerichtete Aufforderung, doch endlich das von mir schon zu lange umgangene Gesez zu erfullen, das mir seit ich mundig war die Verbindlichkeit auferlegte, jahrlich wenigstens einige Monate im Stifte zu verleben; dabei versicherte man mich, dass man mir keine fernere Verzogerung dieser Verpflichtung nachsehen konne, indem dieses schon zu lange geschehen sei.

Mit kaum zu unterdruckender Freude theilte ich dieses Schreiben meinem Vater mit, und zugleich meinen Entschluss, die Verbindlichkeit, zu der man mich aufforderte, sobald als moglich zu erfullen. Der gute Vater widersprach mir nicht, er eilte sogar, alle nothigen Anstalten zu meiner schnellen Abreise zu treffen, aber er war dabei so still, so recht im Herzen traurig, dass es mir durch die Seele gieng. In jedem seiner Blicke, aus seinem ganzen Benehmen gegen mich, sah ich deutlich, dass er nicht nur alles, was in mir vorgieng, errathen hatte, sondern dass auch bange Zweifel in ihm aufstiegen, ob er denn auch wirklich, durch die ausgezeichnete Erziehung, die er mir gegeben, mein wahres Gluck begrundet habe. Diese Besorgnis, die denn doch wohl in jedem Fall zu spat kam, beugte sichtlich ihn nieder, denn wenige sind stark genug, wenn ein Lieblingsplan mislingt, nur die Absicht, nicht den Erfolg, sich zuzurechnen, und nicht zu vergessen, dass wir in unsrer Beschrankung uns damit beruhigen sollten, nur das Beste gewollt zu haben, wenn gleich die Freude des Gelingens uns versagt blieb.

Froh, als entronne ich einem Gefangnis, verlies ich endlich an einem truben Herbstmorgen zum erstenmal das vaterliche Haus, um mich mit meinem Schmerz in die Einsamkeit eines mir ganz fremden Aufenthaltes zu fluchten. Karoline, meine damals zwolfjahrige Schwester, war nach dem Wunsch meines Vaters meine liebe Begleiterin auf der Reise. Unser Weg gieng durch eine reiche uppig-fruchtbare Gegend, die aber wie so manche reizende Madchengestalt durchaus der Jugend des Jahres bedurfte, um zu gefallen. Jezt im Spatherbst, wo der Wind kalt und schneidend uber Stoppelfelder wehte, und im sparlichen gelben Laub der Baume schauerlich rauschte, jezt hatte alles, was ich erblickte, ein dustres unfreundliches Ansehen, ohne die kleinste Spur fruherer Anmuth. Mit nicht zu unterdruckender Aengstlichkeit klammerte meine arme kleine Karoline sich an mich an, als wir endlich mit einbrechendem Abend durch das dunkle niedrige Gewolbe des Thores fuhren, welches den Eingang zu einem ehemaligen Kloster bildete, das jezt einem Theil der Stiftsdamen zur Wohnung diente. Mich selbst sogar kam ein kleiner Schauder an, als wir durch den schon halbdunkeln langen Kreuzgang wanderten, an dessen ausserstem Ende die mir bestimmten Zimmer lagen.

Wir kamen auf diesem Wege an mehreren niedrig gewolbten Thuren vorbei, die in die ehemaligen Klosterzellen zu fuhren schienen. Hinter einer derselben horte ich im Vorbeigehen laute weibliche Stimmen, wie im heftigen Streit; hinter andern schmetterten Kanarienvogel, heisere Mopschen bellten, und Kakadus und Papageien kreischten dazwischen mit widrigem Geschrei.

Karoline hielt mich immer angstlicher am Arm, auch unser Kammermadchen drangte sich so nahe als moglich an uns an, und blickte ganz verschuchtert in alle Ecken, bis eine Thure ganz ahnlich denen, an welchen wir vorbeigekommen, aufgeschlossen ward. Wir standen jezt vor meinem geoffneten Wohnzimmer; die Abendsonne, schon ganz unten am Rande des Horizonts, durchbrach in diesem Moment die schwere graue Wolkendecke, welche den ganzen Tag uber sie verhullt hatte, und leuchtete uns durch die purpurrothen Blatter der das Fenster umrankenden wilden Rebe freundlich ins Gesicht; die hupfenden Schatten der Zweige spielten lustig auf der blassgrunen Wand, alles sah freundlich und bequem aus, so dass wir mit neuem Muth den erquickenden Sonnenstrahl wie ein Zeichen von guter Vorbedeutung annahmen.

Die kleine Wohnung war fur uns geraumig genug; mit sehr wenigem konnte sie recht wohnlich und behaglich eingerichtet werden, und Karoline gieng mit unserm Madchen so eifrig an das Auspacken und Anordnen, als kame es darauf an, uns gleich auf der Stelle hier fur eine ganze Lebenszeit hauslich niederzulassen. Ich aber suchte indessen den einsamsten Winkel auf, um mich ungestort in mich selbst zu versenken.

Die Einsamkeit, in der ich von nun an mehrere Monate zubrachte, war in der That klosterlich zu nennen, und stach fast gewaltsam gegen mein ehemaliges Leben ab. Mein Gefuhl glich in der ersten Zeit jenem beklemmenden Streben nach Besinnung, wie es uns nach einer uberstandnen grossen Gefahr oft noch lange beangstigt; doch nach und nach ward mein Gemuth wieder ruhiger und ich blickte mit klarerem Sinn um mich her.

Mit dem aufrichtigsten Willen auch gegen mich selbst nicht nur wahr, sondern auch gerecht zu sein, uberschaute ich meine Vergangenheit wie meine Zukunft, und wandte Alles daran, um aus diesem, einem Stillstand ahnlichen Ruhepunct meines Lebens die ersprieslichsten Folgen zu ziehen.

Dass keine Zeit, keine Macht der Umstande Bernhards Bild je aus meinem Herzen reissen konne, fuhlte ich schon damals mit voller Ueberzeugung, es musste von nun an ewig darin wohnen wie in einem stillen Heiligthum. Je deutlicher ich das Unrecht einsah, das ich frevelnd an mir selbst uns beiden zugefugt hatte, desto inniger wandte all mein Trachten und Sinnen sich dem schwer beleidigten Freunde zu, um so fester nahm ich mir vor, mich uber mich selbst zu erheben, um seiner wurdiger zu werden. Ich gelobte mir, mich als ihm allein angehorig zu betrachten, selbst wenn ich nie ihn wieder sehen sollte, alles ubrige wollte ich dem Schicksal getrost uberlassen. Heimlich und stille lebte indessen doch die Hoffnung in mir, dass ein gunstiger Stern, oder vielmehr sein eignes Herz, ihn mir wieder zufuhren musse und dann ach ich wagte es nicht uber dieses dann hinaus zu denken.

Meine nachsten Umgebungen uberliessen mich in ziemlich ungestorter Ruhe mir selbst.

Ich widmete regelmassig dem Unterricht meiner Karoline einige Stunden des Tages; die ubrige Zeit brachte das liebenswurdige Kind grosstentheils bei einer benachbarten Familie zu, in welcher sie nicht nur an den Tochtern des Hauses Gespielinnen ihres Alters fand, sondern auch noch ausserdem alle Annehmlichkeiten eines in ruhiger Hauslichkeit hingebrachten stillen Familienlebens kennen und lieben lernte. Ich selbst blieb beinah immer allein in meinem Zimmer, die jungern Stiftsdamen waren fast alle abwesend, um den nahenden Winter bei ihren Verwandten zuzubringen, die zuruckgebliebenen von den altern Damen bekummerten sich wenig um mich. Sobald nur die erste Neubegier mich zu sehen gestillt war, welche meine unerwartet schnelle Ankunft erregt hatte, so kehrten alle recht gern zu ihren gewohnten Vergnugungen, zu ihren Kaffeevisiten, Trissett und l'Hombreparthien wieder zuruck, ohne mir es weiter zu verargen, dass ich keine Lust bezeigte, daran Theil zu nehmen.

So beschrankte sich denn zulezt mein Umgang im Stifte fast einzig auf die Probstin, einer gebornen Stiftsgrafin von ***. Sie war aus einem der altesten und edelsten Hauser in Deutschland, aber ihr innerer Adel hob sie noch weit uber den ihr angebornen Rang und Stand. Ein unheilbares langsam und schmerzlich sie verzehrendes Uebel hielt sie schon Jahre lang fast immer an ihr Lager gefesselt. Ihr schweres Leiden zog mich zuerst zu ihr hin, doch ihre acht-christliche Demuth, die fromme Ergebung in den Willen Gottes, mit der sie ohne Klage, ja fast freudig alles trug, was ihr auferlegt ward, erweckten, wie ich sie naher kennen lernte, mein innigstes bewunderndes Mitgefuhl. Auch ich war so glucklich, mir sehr bald ihre herzlichste Zuneigung zu erwerben, dass sie in jeder schmerzensfreien Stunde mich um sich zu haben wunschte. Ihr Gesprach, die Bucher, grosstentheils religiosen Inhalts, die ich ihr vorlas, vor allem aber das wahrhaft grosse Beispiel dieser Frommen, ihr festes kindliches Vertrauen auf Gott gewann den wohlthuendsten Einfluss auf mein Gemuth, in eben dem Grade wie fruher die kurze Bekanntschaft mit der Herzogin von P*** auf die hohere und angemessenere Bildung meines Geistes eingewirkt hatte.

Nie kann ich es dankbar genug erkennen, dass die Hand, die mein Leben leitete, mich so zur rechten Zeit diesen beiden edlen Frauen zufuhrte; von denen die eine in gewisser Hinsicht vollendete, was die andere begonnen hatte, denn alles, was ich spater geworden bin, alles, was mir in dem Labyrinthe des Lebens Trost und Licht verlieh, verdanke ich hauptsachlich ihnen.

Leidende erkennen einander schnell, und auch meine neuerworbne edle Freundin fuhlte gar bald, dass auch ich nicht glucklich sei, obgleich ich mir eben so wenig eine Klage als sie sich eine Frage erlaubte. Der eigne Schmerz machte sie scharfsichtig genug, um in meinem Herzen wie in einem offnen Buche zu lesen, und sie benutzte den Einfluss, den sie auf dasselbe gewonnen, um mit leiser linder Hand und wahrhaft mutterlicher Sorge dem vom Himmel gesandten Lichte mich zuzufuhren, das auch die Nacht ihrer eignen Leiden zu erhellen vermochte. Ich lernte von ihr Glauben und Hoffen, selbst wenn jeder irdische Trost und jedes irdische Gluck vor unserm enttauschten Blicke im Nichts zerflattern.

Mit bereichertem erhobnen Gemuth, mit muhsam erworbnem aber desto festerem Muth, und mit dem treu gemeinten Torsatz, dem Schein nie wieder das kleinste Opfer zu bringen, verliess ich endlich nach einem Aufenthalte von acht Monaten die mir so lieb gewordne Einsamkeit. Ich eilte zu meinem Vater zuruck, dessen sehr schwankender Gesundheitszustand jezt mehr als jemals der Pflege seiner Kinder bedurfte.

Nachst der Sorge fur die Erhaltung und Erheiterung des ehrwurdigen Greises, den ich leider weit schwacher wieder fand, als ich gefurchtet hatte, war jezt Karolinens fernere Bildung das Hauptgeschaft meines Lebens. Ihre schone Jugendbluthe drang jezt immer lieblicher sich entfaltend aus der Knospe der Kindheit machtig hervor, und ihr Anblick erfreute nicht nur ihren Vater, sondern auch jeden, der ihr nahte. Ich fand zu meiner grossen Beruhigung, dass wahrend meiner Abwesenheit, in der Lebensweise unsers Hauses, eine bedeutende Veranderung vorgegangen sei. Mein Vater hatte bei seiner zunehmenden Kranklichkeit den grossen Kreis, der sich sonst bei uns zu versammeln pflegte, unmoglich zusammenhalten konnen, da in mir die Wirthin des Hauses ihm fehlte, um die Honneurs desselben zu machen. Die Gesellschaft hatte sich also bis auf wenige unserer altern Freunde allmahlig von selbst aufgelost; ein kleinerer gewahlter Kreis, der sich ebenfalls alle Abende um meinen Vater versammelte, war an ihre Stelle getreten; denn dieser war von Jugend auf der Geselligkeit zu gewohnt, um ihr, selbst in seinem jetzigen hohen Alter, ganzlich entsagen zu konnen.

Die Unterhaltung in diesen kleinen Abendgesellschaften war freilich von dem vormals bei uns herrschenden brillanten Ton himmelweit verschieden, doch ich selbst war ja auch in der Zwischenzeit ein anderes Wesen geworden, und daher sehr damit zufrieden, auch ein anderes Leben fuhren zu konnen. Der Gedanke an meinen hoffentlich nicht auf immer verlornen Freund fullte jede Lucke in meinem jetzigen Dasein; oft erweckte ich mich selbst, aus schonen Traumen von einer glucklichern Zeit, in der ich uns beiden alles zu verguten hoffte, was wir durch meine Schuld erlitten; nur sah ich freilich noch nicht ein, welcher gluckliche Zufall diese Zeit herbeifuhren durfe, und verlor mich dann wieder aufs neue im Reich der Moglichkeiten.

Meine ganzliche Unwissenheit in Hinsicht auf alles, was auf Bernhards gegenwartigen Aufenthalt und sein Ergehen Bezug hatte, begann indessen doch mit jedem Tage schmerzlicher mich zu betruben. Seit er uns verliess, war er fur mich wie von der Erde weggehaucht und nie hatte ich nur seinen Namen wieder nennen horen. Mir selbst band ein sehr naturliches Gefuhl die Zunge, wenn ich es einmal unternehmen wollte, nach ihm zu fragen; aber auch mein Vater erwahnte seiner so wenig, als ob er nie ihn gekannt hatte; theils wohl aus Schonung fur mich, doch mehr vielleicht noch aus Verdruss uber uns beide.

Obgleich wir die Zahl der uns taglich Besuchenden sehr beschrankt hatten, so stand doch unser Haus nach wie vor durchreisenden Fremden noch immer gastfreundlich offen. Meines Vaters grosse und vielfaltige Verbindungen im Auslande schickten uns sehr oft Reisende aus fernen Gegenden zu, und so empfingen wir fast taglich manchen mitunter recht interessanten Besuch, dessen fluchtige Gegenwart unsrer einformigen Hauslichkeit Leben und Wechsel verlieh.

Eines Abends, es mochte wohl beinahe ein Jahr seit Bernhards Entfernung vergangen sein, hatte auf diese Weise der Zufall mehrere Fremde bei uns versammelt, von denen einige durch ihre angenehme Unterhaltungsgabe dem Gesprach einen rascheren Umschwung zu geben wussten. Besonders zeichnete sich einer unter ihnen durch die etwas kurz absprechende Art aus, mit der er Paradoxen einzig deshalb nachzujagen schien, um durch deren Behauptung, wenn nicht die ganze Welt, doch wenigstens den kleinen Theil derselben, der ihm eben zuhorte, in Erstaunen und Bewunderung zu versetzen. Dieser streitbare Held war aber bei alle dem weit weniger unangenehm und uberlastig, als man nach dieser Beschreibung glauben konnte. Er schien nicht bosartig, er hatte das Wort in seiner Gewalt, er zeigte mitunter recht viel Witz und Humor, und war dabei gewandt genug, sobald er gewahr ward, dass er es zu weit getrieben, sich gleich auf der Stelle abmerken zu lassen, wie es ihm mit seinen Behauptungen eigentlich gar kein rechter Ernst sei. Man sah deutlich, dass es hauptsachlich ihm nur um den Larm zu thun war, den seine Redensarten herbei fuhrten; er glich hierin einem Kinde, das mit dem Munde den Trommelschlag uberlaut nachzuahmen sucht, ohne sich weiter etwas dabei zu denken, und so war es denn unmoglich, ihm zu zurnen, obgleich er es mitunter recht arg machte.

Ich weis nicht, wie es zugieng, dass gegen das Ende des Abends das Gesprach sich zulezt um ausgezeichnet edle, mit bedeutenden Aufopferungen vollbrachte Handlungen drehte, von denen beinahe jeder der Anwesenden ein paar Beispiele, zum Theil mit grossem Wortaufwande, der Gesellschaft zum Besten gab. Nichts ist ansteckender, und zugleich dem guten Geist der Konversazion verderblicher, als diese Lust zu erzahlen, die gewohnlich alle ergreift, sobald nur einer den Ton dazu angiebt; und doch ist auch nichts seltner als die Gabe, eine gute Geschichte gut vortragen zu konnen. Auch an jenem Abende hatten wir nur zu oft Gelegenheit, die Wahrheit dieser Bemerkung bestatigt zu finden, und zulezt kam sogar einer der unbarmherzigsten Erzahler an die Reihe; einer von der Art, die nie das Ende der Geschichte finden kann, weil sie bei jedem Wort immer sich selbst wiederholt, um das schon Gesagte noch zu verbessern.

Lothario, so lasst mich den streitsuchtigen Fremden nennen, dessen eigentlichen Namen ich nie recht erfahren habe, weil ich nur dies einemal ihn sah, Lothario liess eine Weile den gewaltigen Wortschwall ziemlich gelassen an sich voruber gehen, in welchem jener Grosmuth und Dankbarkeit und Edelmuth durcheinander wirrte; doch endlich riss ihm die Geduld, besonders da er in unser Aller verlangerten Gesichtern Ueberdruss und Langeweile in deutlichen Zugen lesen mochte. Er sprang auf; 'geht mir,' rief er, in fast klaglichem Ton, indem er auf eine hochst komische Weise die Hande faltete, 'geht mir, ich bitte euch um Gotteswillen! geht mir mit euern verwunschten Tugenden, die beim Lichte besehen nichts sind als Affektazion, Eitelkeit oder wohl gar Ungerechtigkeit, denn die kann man auch an sich selbst uben. Der Mensch trachte doch nur ja vor allen Dingen furs erste gegen sich, wie gegen andere gerecht zu sein, ehe er es sich beikommen lasst, Grosmuth uben zu wollen,' sezte Lothario sehr ernsthaft hinzu. 'Was wir Grosmuth nennen, ist gewohnlich nur verkleideter Uebermuth, gerecht sein aber ist jedem unerlassliche Pflicht, und wem es ein rechter Ernst ist, diese vollkommen und uberall auszuuben, der wird wahrscheinlich lange vorher zu seinen Vatern versammelt werden, ehe er bis zur Erlaubnis grosmuthig sein zu durfen sich durchgearbeitet hat.'

'Mit der Dankbarkeit kommt mir nur vollends gar nicht,' rief Lothario fast uberlaut, als mehrere Stimmen dieses Wort nannten, indem sie gegen ihn sich erhoben. 'Die Dankbarkeit ist eigentlich nichts weiter, als eine schlechte Gewohnheit,' fuhr er fort, 'eigentlich und unter gewissen Modifikazionen konnte man sogar ein Laster sie nennen. Wer von andern sie fordert, ist, um ihn nicht noch jemanden schlimmern zu vergleichen, wenigstens eine Art Sklavenhandler, der mit einer miserablen Gefalligkeit oder mit ein wenig lumpigen Goldes, die Seele dessen, dem er nach seiner Meinung wohlthat, sich auf ewig erkauft zu haben meint; der aber, der sich einem andern auf immer zu eigen giebt, weil dieser ihm einmal irgendwo aus der Flamme half, der ist aufs hoflichste benannt, wenigstens ein Schwachkopf, weil er nicht fuhlt, dass jeder, der eine honette That vollbringt, schon in der Freude daran seinen Lohn dahin nahm.'

Lothario's Worte machten einen unbeschreiblich traurigen Eindruck auf mich, denn sie erinnerten mich lebhaft an eine Zeit, an welche ich jezt nur mit sehr bitterer Empfindung denken konnte, in der auch ich, um genial zu erscheinen, ahnliche aus Wahrheit und Trug zusammengesezte Meinungen aufstellte und eifrig vertheidigte. Indessen erhob sich fast alle Welt gegen ihn, und er hatte alle Hande voll zu thun, um jedem, der ihn angriff, gebuhrend Rede zu stehen. Ohne eigentlich in beleidigende Heftigkeit auszuarten, ward das Disputiren immer lauter und lebhafter, zulezt blieb man bei dem Satz stehen, den alle bekampften und den Lothario gewandt genug zu behaupten suchte: dass es eben so straflich und unrecht sei, aus Partheilichkeit fur andere das eigne Gluck zum Opfer zu bringen, als wenn man um des eignen Nutzens willen andre zu bevortheilen suche.

'Wohlan denn!' rief Lothario endlich aus, da er in Gefahr stand, mit seiner Stimme durch den immer mehr uberhand nehmenden Larmen nicht mehr durchdringen zu konnen. 'Wohlan, ich fordre das Wort! Beinahe ein jeder hat ein Geschichtchen erzahlt, nur ich nicht. Ich bitte um die Erlaubnis, ein einziges Beispiel aufstellen zu durfen, welches meine Behauptung erlautern soll; denn es scheint mir, als wolle man nicht recht verstehen, wie ich es meine. Das Fraulein hier mag dann den Streit entscheiden, in schwierigen Fallen vertraue ich immer gern dem reinen Sinn der Frauen, die ohne viel zu grubeln recht gut wissen, was Recht, was Unrecht sei, weil sie es fuhlen.'

'Es war einmal,' fieng Lothario jezt an, da alle schwiegen um ihn anzuhoren, 'es war einmal ein junger Mann, gesund an Leib und Seele, dabei gut, verstandig unterrichtet, durch das Gerausch der grossen Welt nicht verwohnt, und doch bekannt genug damit, um sich nicht wieder darnach zu sehnen. Genug, ein Mann, wie er sein muss, um den durch lange Vernachlassigung tief gesunknen Zustand ziemlich weitlauftiger Familienguter wieder zu heben, die ihm als dem altesten Sohn seines Vaters, nach dessen unlangst erfolgtem Ableben zugefallen waren.

Der junge Majorats-Herr ward zwar bisher von Familienverhaltnissen und mancherlei andern Rucksichten, abgehalten sich viel um sein Eigenthum zu bekummern, doch endlich langt er, nach vieljahriger Abwesenheit und mannichfachen Reisen, ganz unvermuthet auf seinem ziemlich verfallnen Stammschlosse an, mit dem Vorsatz von nun an der Verbesserung des Zustandes seiner armen verwilderten Bauern, und seiner eigenen nicht weniger vernachlassigten Besitzungen, sich ausschliessend zu weihen. Sehr uberrascht durch dessen Gegenwart, trifft er dort seinen einzigen um mehrere Jahre jungern Bruder an, den er wunderlicher Weise noch gar nicht kannte, und mit dem er bis jezt auch fast in keiner Verbindung gestanden hatte.

Dieser junge eben mundig gewordne Mann hatte einzig deshalb seinen bisherigen Aufenthalt verlassen, um sich in seines altern Bruders Arme zu werfen. Er war der Sohn einer zweiten Gemalin, des Vaters der beiden Bruder, von der sich dieser nach einer sehr kurzen unzufriednen Ehe getrennt hatte, und lebte von seiner fruhesten Kindheit an in Rom, dem Geburtsorte seiner Mutter, wo er in einem Kloster in ihrer Nahe zum geistlichen Stande erzogen ward.

Durch die Bemuhungen eines sehr machtigen Oheims mutterlicher Seite, der als Pralat vom ersten Range, und Liebling des heiligen Vaters, fast alles erreichen konnte, was er wollte, erhielt er indessen schon in seiner Kindheit, ganz gegen Gesetz und Regel, die Anwartschaft auf eine Komthurei des Maltheserordens, und war jezt im Begriff diese anzutreten und zugleich das Ordensgelubde abzulegen.

Die Lage des jungen Herrn war also nichts weniger als beklagenswerth, indem er statt der Tonsur das Maltheserkreuz erhalten sollte, und eigentlich hatte er sich glucklich preisen konnen, aber unglucklicherweise war er verliebt, zum Sterben verliebt! oder bildete sich vielleicht nur ein es zu sein. Ein wunderschones zum Reichsein erzognes und dabei blutarmes Fraulein war die Dame seines Herzens, deren Eltern ihrer Schonheit wegen gewaltig hoch mit ihr hinaus wollten, so wie sie selbst auch, und mit der folglich an ein gluckliches Huttenleben gar nicht zu denken war. Ueberhaupt sollten Verliebte an dergleichen nie denken, wenn sie nicht von Jugend auf daran gewohnt sind. Doch dies nebenher.

Dass der junge Herr also lieber heurathen als Maltheser werden wollte, war wohl naturlich, und dass er seinem Bruder Tag und Nacht seine Liebesklagen vorjammerte, war es auch. Was thut nun der altere Bruder? statt dem jungen angehenden Ritter vernunftig zuzureden, lasst er sich durch die Pinseleien desselben so weichherzig machen, dass er gar nicht einmal recht untersucht, ob diese Liebe acht und vernunftig sei. Er spielt lieber den Grossmuthigen; er tritt alle Rechte seiner Erstgeburt und mit diesen alle seine Besitzungen dem jungern Bruder ab, um ihm dadurch sein Liebchen zu erkaufen, und nimmt an dessen Stelle das Maltheserkreuz und die Komthurei, wozu ihm des Jungern geistlicher Oheim in Rom mit tausend Freuden behulflich ist; freilich fand dieser, aus tausend Grunden, seine Rechnung dabei, wenn er auf diese Weise dem Sohn seiner Schwester zu den reichen Besitzungen verhalf. Die Welt nun nennt diese Handlung grossmuthig, ich nenne sie nicht nur verruckt, sondern auch hochst ungerecht gegen sich und die armen Unterthanen, die von der Natur an den altern Bruder gewiesen waren, um aus ihrem jetzigen ungluckseeligen Zustand zu kommen. In seinem grossmuthigen Paroxismus uberantwortete dieser sie nun einem verliebten Knaben, dessen monchische Erziehung ihn unfahig gemacht hat, fur die armen Leute zu sorgen, und der sich vermuthlich eben so wenig um das bekummern wird, was hier Noth ist, als seine Vorfahren es seit den lezten hundert Jahren gethan haben.

Entscheiden Sie nun, mein Fraulein, ob meine Ansicht die rechte sei,' sezte Lothario jezt mit einer Verbeugung gegen mich hinzu. 'Uebrigens habe ich die Geschichte nicht etwa ersonnen; vor einigen Monaten wohnte ich als Zeuge der feierlichen Uebergabe der Guter bei. Vielleicht kennen sogar einige in der Gesellschaft den Grossmuths-Helden. Er heisst Bernhard von Leuen, und hat sich wie ich hore auch hier eine Zeitlang aufgehalten. Um das Maass seiner Thorheit voll zu machen, gieng er, da ich ihn verliess, nach Venedig, um sich von da nach Valetta einzuschiffen; dort muss er jezt langst angelangt sein; er war Willens, wenigstens einige Jahre in jenem Hauptsitz seines Ordens zu verweilen.'

Alle Anwesenden beinahe hatten Bernhard von Leuen gekannt, und der Antheil, den Lothario's Erzahlung erregte, war so gross und sturmisch, dass die Streitfrage, welche dieselbe herbeigefuhrt hatte, zum Gluck daruber nicht weiter zur Sprache kam.

Wie dankte ich Gott, als ich nach dieser Scene mit mir und meinem Schmerz mich endlich ohne Zeugen befand! Alles, woran ich seit Bernhard mich verliess unablassig gearbeitet hatte, das ganze aus Sehnsucht und Hoffnung kunstlich zusammengesetzte Gebaude meiner Ruhe war nun mit einem Schlage zerstort. Mir war, als brache erst jezt der Schmerz mit allen seinen vernichtenden Folgen gewaltsam auf mich ein, und ich war von neuem unglucklicher, als ich es je zuvor gewesen. Deutlich sah ich ein, wie nun jede Hoffnung moglicher Versohnung, moglicher Vergutung meines Unrechts, sogar die des Wiedersehens, mir auf immer verloren sei. Ich schauderte vor mir selbst, als hatte ich ein Verbrechen begangen, denn ich war es ja, die jene unseelige Reise veranlasste, auf der er den Bruder kennen lernte. Der Schmerz um mich hatte die schone Klarheit seines Geistes zerstort, und ihn zu jenem raschen, vielleicht fur das Gluck seines Bruders nicht einmal nothwendigen Schritte getrieben, der ihn nun aus seinem Vaterlande verbannte, der seine ganze Zukunft umgestaltete, ihn seines Eigenthums beraubte, und ihn ohne Frieden und ohne Freude hinaus in die Irre sandte.

O lasst mich nicht weiter davon sprechen, damit nicht der Geist jener quaalvollen Zeit von neuem uber mich komme! Lasst mich euch nicht vorrechnen, wie viele endlose Tage, Wochen, Jahre, einander folgten, ohne dass ein einziger Tag mir trostlichere Kunde von ihm gebracht hatte!

Die Zeit vergieng unter dem Bemuhen ruhig und glucklich zu scheinen, um meines Vaters willen. Der ehrwurdige Greis neigte sich immer tiefer dem Grabe zu, wahrend meine schone bluhende Schwester immer liebenswurdiger sich entwickelte. Sein Blick ruhte oft mit dem Ausdruck tiefer Sorge auf dem holden Wesen, das in jugendlicher Freudigkeit ihn umflatterte, und wandte sich dann gleichsam bittend mir zu. Es schmerzte mich tief, aber ich durfte diese bittenden Blicke nicht verstehen. Denn wie ware es mir moglich gewesen, unter den zum Theil sehr achtungswerthen Mannern, die sich damals um meine Hand bewarben, einen zu wahlen, wahrend die Erinnerung an Bernhard, die Sorge um ihn, die Reue uber eine nie wiederkehrende Vergangenheit, noch immer meine ganze Seele erfullten! Mein gutiger Vater schonte mich deshalb nicht minder, weil wir nie uber diesen Gegenstand ein Wort mit einander gewechselt hatten; er las deshalb nicht minder deutlich in meinem Herzen und erlaubte sich auch nicht die kleinste Andeutung seines Wunsches, mich vor seinem Tode an der Seite eines edlen Gatten versorgt, und dadurch auch die Zukunft meiner Schwester gesichert zu sehen. Nie kam ein hierauf Bezug habendes Wort uber seine Lippen, aber auch ich wusste, was in seinem Gemuthe vorgieng, und die Quaal meines Daseins ward dadurch noch erhoht, dass ich nicht gewahren konnte, was er so innig zum Besten seiner Kinder wunschte.

Die ganz unerwartet sich erklarende Neigung Deines Vaters, Vicktorine, zu meiner damals kaum funfzehnjahrigen Schwester, machte wider alles Verhoffen unserer Sorge um das liebe Kind ein plotzliches frohliches Ende.

Kleeborn war der einzige Sohn eines der angesehensten Handelsherren der Stadt, welcher von jeher der treueste geliebteste Freund meines Vaters gewesen war. Er hatte so eben die sogenannte grosse Tour durch beinahe ganz Europa zuruckgelegt, welche man damals zur Vollendung der Erziehung eines jungen Mannes seiner Art fur unentbehrlich hielt, und er kehrte jezt heim, um eine Gattin zu wahlen und sich dann in seinem Geburtsorte hauslich niederzulassen. Meiner sehr schonen Schwester frohliches einfaches Wesen zog auch ihn an, wie jeden, der sie sah, und bestimmte ihn vielleicht um so mehr in seiner Wahl, da seine Bekanntschaft mit den Damen des Auslandes wahrscheinlich von der Art gewesen war, dass er den Werth einer solchen Gefahrtin des Lebens durch den Kontrast mit jenen um so hoher zu schatzen gelernt hatte. Karolinens bis jezt ganz frei gebliebenes Herz war stets bereit, Liebe um Liebe zu geben. Sie war noch bei weitem zu jung, um das Wichtige des Schrittes, den sie zu thun aufgefordert ward, in seinem ganzen Umfange zu fuhlen, und so gab sie ohne Widerstreben sogar frohlich ihr Jawort zu dieser Verbindung, da sie sah, welche Freude sie dadurch ihrem Vater bereitete.

Diesem sowohl als dem alten Kleeborn war die Aussicht, das Band der zwischen beiden so lange bestandenen Freundschaft durch die Verbindung ihrer Kinder noch enger knupfen zu konnen, zu erwunscht, als dass irgend ein auf Geburt oder Vermogen Bezug habendes Vorurtheil bei einem von beiden hatten zur Sprache kommen konnen. Beide fuhrten voll der freudigsten Aussichten auf eine gluckliche Zukunft die Verlobten sobald als moglich am Altar einander zu. Die Augen meines Vaters strahlten wahrend der feierlichen Handlung in ungewohntem Glanz; seine ganze Gestalt glich der eines seeligen Verklarten; ach nur zu bald sollte er wirklich zu ihnen gezahlt werden und in das Land einziehen, wo die Sorgen verstummen und keine Thranen mehr sind! Wir alle weinten drei Tage spater an seinem Sarge. Schonend und freundlich hatte der milde Genius des Todes die Fackel umgekehrt, und den geliebten Greis schmerzlos im ruhigen Schlummer seiner Vollendung zugefuhrt.

Ich eilte vom Grabe des Vaters in die mir im Schmerz so lieb gewordene Einsamkeit meines Stiftes zuruck, wo das schwache Lebenslicht meiner edlen Freundin, noch immer kampfend mit dem volligen Erloschen, trube und schwankend fortbrannte. Ich wollte nicht mit meinem Gram zwischen dem neuvermahlten Paar und dem frohlich leuchtenden Glucksstern ihrer jugendlichen Liebe verdusternd eintreten, und war auch uberdem der Ruhe hochst bedurftig. Ohne dass man mich im eigentlichsten Sinne krank nennen konnte, ward doch das leise Hinsinken meiner durch den Schmerz um meinen Vater noch mehr untergrabenen korperlichen Krafte jezt so sichtbar, dass selbst unser Arzt eine einfachere Lebensweise in landlicher Ruhe auf das Dringendste anempfehlen zu mussen glaubte.

Aeussern Frieden fand ich in meiner stillen Wohnung, auch frommen wohlgemeinten Trost an der Seite meiner jezt fast ganz verklarten Freundin. Doch der Schmerz, dem ich nirgend entfliehen konnte, wohnte in meinem Herzen und nagte leise und heimlich an meinem Leben.

Einige Wochen nach meiner Ankunft sass ich in fruher Morgenstunde allein mit mir selbst, versunken in schmerzlichem Nachdenken, aus welchem Rebecke, meine alte Warterin, durch die ihr ungewohnte Hast, mit welcher sie die Thure aufriss, mich aufschreckte. Die treue Seele hieng mit mutterlicher Liebe an mir sowohl als an meiner Schwester, weil sie von unserer Geburt an uns gewartet und gepflegt hatte. Deshalb hatte sie auch, ungeachtet ihres weit vorgeruckten Alters, es sich nicht nehmen lassen, mich in meine Einsamkeit zu begleiten, weil ich, wie sie behauptete, wieder gepflegt werden musse, und niemand das besser verstunde als sie. 'Fraulein Annettchen,' rief sie jezt ganz athemlos, denn so nannte sie mich noch immer von meiner Kindheit her, 'Fraulein Annettchen, wen denken Sie, dass ich eben gesprochen habe, er gieng im Klostergarten spazieren. Herr von Leuen! Er kannte mich gleich wieder, und hatte eine Freude! er hat mich recht uber Sie und Ihr Befinden ausgefragt, ich musste Ihre Fenster ihm zeigen. Die wilde Rebe mit den schonen rothen Blattern hat ihm recht gefallen, er hat sie in eins weg betrachtet und gelobt.'

Guter Gott! wie vermochte ich das Gefuhl Euch zu schildern, mit dem ich gleich einer aus bangem Todesschlaf Erwachenden diese Botschaft vernahm! Ich druckte die gute Alte an meine Brust, ich lachte und weinte in beinahe wahnsinniger Freude. Ich kniete hin und dankte Gott mit lauter Stimme, dass Bernhard noch mein gedenke.

Dann versank ich aufs neue in todtliche Sorge, und ermahnte die gute Rebecke, sich doch ja recht zu bedenken, ob sie sich nicht in der Person geirrt haben konne. Ich liess aufs genaueste mir beschreiben wie er aussah; ich fragte hundertmal, ob er auch gewiss kommen werde; ich konnte es mir noch immer nicht denken, dass er da sei, meinetwegen da sei, dass ich ihn wiedersehen solle.

Rebecke war unermudlich in Wiederholung des mir schon tausendmal Gesagten. Nie, nie habe ich seitdem die treue wieder von mir gelassen; dankbar habe ich kindlich sie Jahre lang gepflegt, bis sie lebensmude in einem sehr hohen Alter in meinen Armen entschlief. Stets dachte ich daran, dass sie es war, die zuerst mir sagte, Bernhard von Leuen ist wieder da.

Nach wenigen Stunden kam er selbst. Ich sah ihn wirklich wieder. Lieben Kinder, ich bin sehr alt und viele viele Jahre liegen zwischen dieser Stunde und jenem Augenblick; doch wenn ich seiner gedenke, so ist mir noch als lege sich mein ergrautes Haar wieder in hellschimmernden Locken um meine Stirn, als beruhre mich ein Lebensstrahl von dort oben, und gebe meine Jugend mir wieder. Wie schon stand ihm die Freude, mich so bluhend wieder zu finden, denn in diesem seeligen Moment lieh das Entzucken meiner sonst verfallnen Gestalt aufs neue den Anschein der Gesundheit und farbte meine bleichen Wangen mit ihrem rosigen Schein.

Bernhard sagte mir, er habe in meiner Vaterstadt vernommen, dass ich an einer wahrscheinlich unheilbaren Auszehrung leide; er gestand mir, dass er die Sorge um mich nicht langer habe tragen konnen, dass er einzig gekommen sei, mich zu sehen, ware es auch nur aus der Ferne. Alles dieses sagte er mir abgebrochen in moglichst kurzen Worten, seine Seele war in seinen Augen. Wir beide sprachen uberhaupt nur wenig bei dieser ersten Zusammenkunft, wir konnten nicht reden, wir konnten nichts als uns freuen, uns beiden war in diesem Moment als sei nie eine betrubende Vergangenheit da gewesen.

Am folgenden Morgen kam er wieder, doch neue Zweifel schienen in ihm erwacht, denn trube und verschlossen stand er vor mir. Ich ertrug diese Veranderung in seinem Betragen mit Gelassenheit und stiller Ergebung, denn ich wusste, ich hatte dies verdient, ich hatte muthwillig sein Zutrauen verscherzt. Doch ich blieb mir gleich, ich dachte und wollte nichts, als offen und unverstellt, ohne List und ohne Hinterhalt mich ihm zeigen wie ich war, so viel ich dies konnte, ohne der Wurde meines Geschlechts etwas zu vergeben, und dadurch seine Achtung aufs neue, wenn gleich auf andre Weise, zu verscherzen.

Am dritten Tage kam er um Abschied zu nehmen. Ich fuhrte ihn zur Probstin, die durch ungewohnliches Leiden entkraftet nicht im Stande gewesen war, ihn fruher zu sehen. Auch jezt fuhlte sie sich noch sehr unwohl, und nur meine dringenden Bitten hatten sie vermocht, meinen Freund bei sich zu empfangen.

Mir lag unendlich viel daran, mir auf diese Weise wenigstens den Trost zu erwerben, zuweilen, wenn er nun ganz von mir geschieden sein wurde, seinen Namen nennen, von ihm reden zu horen, ware es auch im gleichgultigsten Ton; ach und ganz gleichgultig konnte niemand von ihm sprechen, der ihn kannte, das wusste ich wohl.

Ein unerwartetes Geschaft, welches die Probstin, krank wie sie war, nicht selbst berichtigen konnte, und das sie mir deshalb auftrug, zwang mich fast in derselben Minute, ihr Zimmer wieder zu verlassen, in welcher ich Bernhard bei ihr einfuhrte. Es hielt beinah eine Stunde lang mich fest, bei meiner Zuruckkunft fand ich Bernhard wider mein Erwarten noch bei meiner Freundin, doch sein ganzes Wesen erschien mir auffallend anders als zuvor. Eine ihm sonst fremde Hastigkeit in seinen Bewegungen, das ungewohnte Feuer seiner Augen, der mir nur zu wohl bekannte Zug schmerzlicher Ruhrung um seine Lippen, alles sagte mir, dass etwas Ungewohnliches in ihm vorgegangen sein musse, seit ich das Zimmer verliess. Die Probstin lag zwar bleich und erschopft auf ihrem Ruhebette, aber sie lachelte wie eine Seelige mir entgegen, indem sie mich zu sich winkte, mit leiser Stimme mich bat, den Herrn von Leuen fortzufuhren, und sie deshalb mit ihrer krankhaften Schwache bei ihm zu entschuldigen.

Bernhard folgte mir mit auffallender Eile, da ich ihm zum Fortgehen winkte. Sein Arm zitterte, indem er mich die Treppe hinab fuhrte, er war augenscheinlich in heftiger innerer Bewegung, doch ob in einer schmerzlichen oder freudigen, konnte ich noch immer nicht entscheiden.

Kaum war ich mit ihm in meinem Zimmer allein, als der so lange in seiner Brust muhsam verhaltne Sturm losbrach. 'Anna, theure wiedergefundne Anna!' rief er, und betrachtete mich, wie man ein lange schmerzlich vermisstes Kleinod betrachtet, mit zusammengeschlagnen Handen und mit Augen, aus denen das reinste Entzucken leuchtete. 'Ja, Sie sind es,' fuhr er mit tief bewegter Stimme fort, 'Sie sind, was sie immer waren, edel und rein und gut wie ein Engel des Himmels. Ohne zu wissen, was sie that, hat Ihre Freundin den Schleier zerrissen, der Sie so lange mir verhullte, indem sie mit alle der dankbaren innigen Liebe von Ihnen sprach, die sie mit so hohem Rechte fur Sie empfindet. Anna, ich kenne jezt Ihr ganzes engelreines Leben, von dem Augenblick an, da ich Unseeliger aus Ihrer Nahe entfloh. Ich kann fast sagen, ich weiss wie Sie jede Viertelstunde jener langen, langen Zeit zugebracht haben. Was Ihr erstes Wiedersehen in diesen Tagen mich ahnen liess, wogegen ich Verblendeter so lange mich straubte, alles das ist in dieser Stunde zur klarsten Gewissheit mir geworden und ich bin zugleich der Seeligste und Unseeligste auf Erden!'

Lieben Kinder, was soll ich euch noch viel von dem Gesprach zweier in Wonne und Schmerz Verlorner erzahlen. Bernhard bekannte mir wie er mit tief verwundetem Gemuth, ohne Plan, unfahig sogar einen zu ergreifen, auf seinem Schlosse angelangt sei, wo er seinen Bruder ringend mit wilder Verzweifelung antraf. Alles was Lothario grell und widerwartig dargestellt hatte, sah ich jezt durch tausend Umstande gemildert, im schonen Licht der edelsten Aufopferung, durch die er einem liebenden Paar das Gluck, das ihm selbst auf ewig hoffnungslos aus seinem Leben gerissen schien, erkaufen wollte. In Maltha konnte ich nicht langer weilen, sprach er zu mir, eine nicht zu bekampfende Sehnsucht, ahnlich dem Heimweh der Schweitzer, hatte mich ergriffen. Ich musste wieder fort, ich vermochte es nicht, dieses Dasein, in welchem kein Ton aus Ihrem Leben mein Ohr erreichte, langer zu ertragen. Ich nahm Urlaub und ging nach Deutschland zuruck, um mir nur die Gewissheit zu verschaffen, dass Sie lebten, dass Sie glucklich waren. So meinte ich es wenigstens, doch als ich nun wieder mit Ihnen dieselbe Luft athmete, genugte mir dieses nicht mehr; ich musste Sie auch sehen. Anna, wie habe ich Sie wieder gefunden! wie so ganz gleich dem, was Sie in meinen glucklichsten Traumen immer waren!

Leider war auch das Entzucken des gegenwartigen Augenblicks nichts weiter, als ein fluchtiger Traum von Seeligkeit des Himmels, der nur zu fruh der herben Wirklichkeit weichen musste; denn so wie der erste freudige Rausch nachlies, kam auch die Ahnung uber uns, dass wir uns nur gefunden hatten um uns wieder zu verlieren, dass nichts uns bleiben konne, als der feste Glauben, einander stets werth gewesen zu sein und es von neuem ewig zu bleiben. Meine Liebe hatte mein Herz gross gemacht und meinen Muth erhoht, ich vermochte es uber mich, dem Geliebten alles zu gestehen und jedes Unrecht ihm abzubitten. Mein ganzes Herz, alle Tiefen meines Gemuths enthullte ich seinem liebenden Blick. Auch er klagte sich an, und ich genoss die Seeligkeit ihm ebenfalls vergeben zu konnen, wie er mir vergab.

Als wir gelassner wurden, suchten wir unsre Zukunft und unsre jetzige Lage so klar als moglich zu uberschauen, um zu entdecken ob nirgend Rettung fur uns sei, ob denn auch gewiss jede Hoffnung verloren ware das einmal verscherzte Gluck uns wieder zu gewinnen; doch ach! wir mussten, wenn gleich mit tiefem Schmerz, einander gestehen dass wir beide, jeder auf seine Weise, alle Moglichkeit einer nahern Verbindung auf immer von uns gewiesen hatten. Bernhard war katholisch, ich hatte dies fruher nicht gewusst, obgleich er nie ein Geheimniss daraus machte; denn in meiner damaligen granzenlosen Gleichgultigkeit gegen alles was auf Religion Bezug hatte, hielt ich es nie der Muhe werth, mich um dergleichen zu bekummern.

Als Katholik hatte sich Bernhard lebenslanglich dem ehelosen Stande geweiht, indem er das Maltheser Kreuz annahm. Zwar konnte der Pabst sein Ordensgelubde losen, und es ware vielleicht nicht schwer geworden diese Gunst von ihm zu erhalten, doch dann verlor Bernhard auch die Einkunfte seiner Komthurey und war, bis auf eine nicht sehr bedeutende Leibrente, die er sich vorbehalten hatte, ganz arm. Sein Bruder, dem er alles ubrige was er einst besass, abgetreten, war selbst beim besten Willen nicht fahig, ihm Beistand zu gewahren, denn bei der verschwenderischen Lebensweise zu der seine junge, an Pracht und Wohlleben gewohnte Gemalin ihn verfuhrte, war er selbst oft in Verlegenheit und genothigt Schulden zu machen, indem er die Einkunfte seiner ohnehin sehr gesunknen Besitzungen auf Jahre hinaus verpfandete.

Mich, die protestantische Stiftsdame, band zwar kein Gelubde, aber auch mir hatte mein Vater wenig hinterlassen, obgleich die Einkunfte meines kleinen Kapitals, verbunden mit denen meiner Prabende, fur mich hinreichend waren um anstandig davon leben zu konnen. Bernhard schauderte vor dem Gedanken, an seiner Hand mich, die Heissgeliebte, vielleicht in einen bodenlosen Abgrund von Sorgen und Mangel hinabzuziehen, und so blieb uns denn nichts ubrig, als Entsagung. Mein Freund war daruber der Verzweiflung nahe, denn er betrachtete unser trauriges Loos als die Folge einer sonst ganz gegen seinen Karakter streitenden Uebereilung, zu der sein damals von allen Seiten schmerzlich besturmtes Gefuhl ihn hingerissen hatte, und die traurige Gewissheit, dass sein Bruder an der Seite der so theuer erkauften Gattin das gehoffte Gluck bei weitem nicht gefunden habe, raubte ihm vollends jeden Trost. Doch ich, die ich einen weit herbern Schmerz gekannt, ich war begluckt, wenn gleich unter Thranen. Ich wandte alles an, um auch meinem Freunde die wehmuthige Ruhe mitzutheilen, die seit dieser unvergesslichen Stunde mich nie wieder ganz verlassen hat; doch leider widerstand sein Kummer lange Zeit allen meinen Bitten und Vorstellungen.

Bernhard, sprach ich zu ihm, glauben Sie mir, von heute an trage ich nicht nur resignirt, sondern auch mit stiller Freude diese Strafe meines fruheren Leichtsinns. Von nun an ist mein ganzes Leben einzig dem beseeligenden Bewustsein geweiht, Ihnen anzugehoren, und wie auch unser Schicksal sich wenden mag, und wenn wir auch nie wieder wie heute neben einander stehen, wenn ich nach der schmerzlichen Trennung, die uns so nahe bevorsteht, auch nie wieder die geliebte Gestalt meines Freundes wiedersehen soll, so bin und bleibe ich doch in unwandelbarer Treue Ihnen zu eigen und werde nie eines andern sein. Denn wir sind eins auf ewig, und das Gelubde das Sie bindet, fesselt auch mich.

Bernhard erschrack auf das Heftigste, da er diesen Entschluss von mir vernahm; beinahe kniend flehte er mich an, davon abzustehen. 'Sie wissen nicht Anna,' rief er, 'Sie wissen nicht zu welchem Opfer Ihr Edelmuth Sie verleiten will. Noch bluht Ihnen das Leben und die nie wiederkehrende Jugend, o verschleudern Sie nicht beide um eines Unglucklichen willen, der gestraft werden muss, weil er an Sie nicht glauben wollte und im blinden Wahn sich selbst Fesseln schmiedete, die er jezt nicht mehr zerreissen darf. Theure Anna, denken Sie von heute an ich sei gestorben, tragen Sie mein Andenken wie das eines einst geliebten Todten in Ihrem reinen treuen Gemuth, erinnern Sie sich meiner mit stiller Wehmuth wenn Sie glucklich sind, mehr darf und kann ich nicht wollen, aber versprechen Sie mir wenigstens, das Gluck um meinetwillen nicht von sich zu stossen, wenn es in einer Ihrer wurdigen Gestalt sich Ihnen naht, und das wird es gewiss und bald. Ich bin ja der Welt und dem Gluck schon abgestorben, ich bin ja eigentlich nichts weiter mehr als der Leichenstein dessen, was ich einst war.'

Sein inniges Flehen, die Thrane die sein schones Auge umdunkelte, ruhrten mich tief in der Seele, weil er es war der so bat, nicht weil die Grunde die er anfuhrte meinen Vorsatz erschuttert hatten. Ich weinte mit ihm, aber ich blieb fest auf meinem Sinn. Und so schieden wir wieder noch am namlichen Abende von einander, auf lange, lange Zeit. Denn Bernhards Ruckkehr nach Maltha stand unabanderlich fest.

Ich blieb wieder einsam zuruck, doch wie ganz anders war alles gegen ehedem. Bernhards Briefe, obgleich die weite Entfernung sie selten genug machte, wurden von nun an das eigentliche Element meines Lebens, meine ganze Existenz drehte sich einzig um ihren Empfang und um die Freude sie zu beantworten. Jeder neue Jahrestag, den wir so weit von einander entfernt erlebten, fand uns fester verbunden, denn unser ganzes Dasein verzweigte sich, durch die schriftliche Mittheilung aller unsrer innern und aussern Begebnisse auf das wunderbarste in einander, und wenn je zwei Menschen eins genannt zu werden verdienten, so waren wir es.

Zuweilen trennte ich mich auf einige Monate von der mir so lieb gewordnen Einsamkeit, um meine im Gewuhl der Welt lebende Schwester zu besuchen, doch immer kehrte ich voll heisser Sehnsucht zu ihr wieder zuruck, sobald ich dies nur konnte ohne Karolinen wehe zu thun. Wenn ich dann bei meiner Heimkehr die alten Thurme meiner klosterlichen Wohnung wieder von Ferne erblickte, so klopfte mir das Herz in ungestumer Freude, beinahe als ware ich gewiss, ihn dort wieder zu finden, fur den und in dem ich einzig noch lebte; denn ich kannte keine Freude als die Beschaftigung mit ihm, der ich mich nirgend so ungestort ergeben konnte. Die Welt vergass mich allmahlig wie sie alles bald vergisst, und so fuhrte ich ein paar Jahre hindurch ein ernstes ruhiges, ich konnte sogar sagen, ein gluckliches Leben, von wenigen gekannt, von keinem beneidet.

In wilden Kampfen wogte indessen die Welt. Die franzosische Revolution war ausgebrochen, und alles, alles, sowohl im Reich der Ideen als der Wirklichkeit, naherte sich einer furchtbar gewaltsamen Umwalzung, welcher nur wenige sich ganz zu entziehen vermochten. Auch mein Freund hielt es nicht langer aus, dem allen nur aus der Ferne zuzusehen, er konnte das ruhige stille Leben nicht weiter fortfuhren, das bei dem gewaltigen Treiben im ubrigen Theil von Europa, ihm wie Unthatigkeit vorkam, und er wandte alles an, um sich wenigstens auf einige Zeit davon loszumachen.

Er kam zuruck ins Vaterland; vor allem eilte er mich wieder in meiner Einsamkeit aufzusuchen, und wir feierten zum zweitenmal mit entzuckender, wenn gleich wehmuthiger Freude, das Fest des Wiedersehens. Dann zog er wieder fort, hinaus in die wildbewegte Welt, um ihr Treiben mit eigenen Augen und in der Nahe zu beobachten. Der trugerische Schimmer achter Freiheit und hoher Burgertugend, den anfangs die Revolution um sich verbreitete, hatte bei ihrem ersten Erscheinen die edelste Jugend aller Lander verblendet, und auch Bernhard fuhlte sich in der Ferne vom allgemeinen Taumel ergriffen; doch in der Nahe verschwand das Truggebilde gar bald, vor dem richtigen Scharfblick, mit dem die Natur ihn reichlich begabt hatte.

Die verbundeten Machte standen jezt auf, um mit vereinter Kraft die vielkopfige Hyder der wildesten Anarchie in der Geburt zu ersticken, und auch mein Freund gesellte ihrem Heere sich zu, und theilte mit edlen Genossen alles Unheil jener truben verhangnissvollen Zeit.

Tief betrubt eilte er nach dem so traurig beendeten Feldzuge zu mir zuruck. Er suchte und fand Trost und Beruhigung bei mir, dem einzigen Wesen dem er in der Welt noch angehorte; dann wandte er sich wieder ab, um in einen ausgebreiteteren Wirkungskreis zu treten, den die Gnade eines grossen Monarchen ihm bot, welchem er warend jenes merkwurdigen Krieges glucklich genug gewesen war, naher bekannt zu werden. Seine Ordenspflicht, wenn gleich nicht sein Gelubde, wurden in der Zeit so gut wie vernichtet oder doch aufgehoben, denn auch Maltha fiel durch Feigheit und schandlichen Verrath in die Hande der allgemeinen Weltrauber. Vollig frei von dieser Seite begann jezt Bernhard ein sehr bedeutendes, ich darf wohl sagen, ein gewaltiges grosses Leben zu fuhren, zu dessen Forderung er seine vielfachen Verbindungen mit ausgezeichneten und machtigen Zeitgenossen sehr glucklich zu benutzen wusste. Uebrigens bahnten auch sein Geist, seine wissenschaftliche Bildung, seine Lebenserfahrung, das Einnehmende seiner personlichen Erscheinung uberall ihm den Weg.

Auch in meiner aussern Lage war indessen eine bedeutende Veranderung vorgegangen. Nach langem Kampfe endlich von seinen irdischen schmerzlichen Banden entfesselt, hatte der edle reine Geist meiner Freundin der ewigen Heimath sich zugeschwungen. Seit Jahren musste ich unter ihrer Aufsicht alle Pflichten, die ihr als Probstin des Stiftes oblagen, fur sie verwalten, indem ihre grosse Kranklichkeit ihr nicht mehr erlaubte, dies selbst zu thun. Gegen mein Erwarten und ohne mein Zuthun, ward ich nach ihrem Tode erwahlt, als ihre Nachfolgerin ganz an ihre Stelle zu treten und der mir dadurch zufallende Antheil an der Verwaltung der dem Stift angehorenden weitlauftigen Guter, offnete mir ein weites Feld zur Uebung aller meiner geistigen Kraft, und bot mir tausendfache Gelegenheit, Gutes zu wirken.

Mein Freund lebte indessen als auswartiger Gesandte seines Monarchen, abwechselnd an mehreren, zum Theil weit entfernten Hofen, und der blendende Glanz der ihn in seinem jezigen Wirkungskreis umgab, verhullte ihn mir oft. Doch immer blieb er mein auch in der Ferne, immer war ich, und nur ich, die Vertraute seiner Plane, seiner Ansichten, seiner Handlungen, ich darf sagen jedes Gedankens seiner Seele, und zuweilen gelang es mir sogar durch meinen Rath sowohl als auch auf andere Weise ihm nuzlich zu werden.

Die stete, mitunter thatige Theilnahme an Dingen, die gewohnlich weit ausser dem Bereich des Frauenkreises liegen, gab mir mit der Zeit eine bei meinem Geschlechte ungewohnliche Festigkeit des Sinnes, und eine ganz andre Art von Bildung, als es die meiner Umgebungen war. Mit meiner innern Kraft wuchs auch meine Gewalt uber das Gemuth der meisten die mit mir in irgend eine Art von Beruhrung kamen; ich fuhrte ein sehr thatiges Leben, das den heilsamsten Einfluss auf meine Gesundheit hatte, und ich darf sagen, ich habe in der langen Zeit manches Gute zu Stande gebracht. Und warum sollte ich es nicht auch euch gestehen, dass ich Viele und zu ihrem Besten beherrscht habe, die angezogen von meiner Art das Leben zu nehmen sich vertrauungsvoll mir ergaben? Doch mein Freund bewahrte mich vor jedem Uebermuth, denn ich war und blieb stets nur das Echo seines Wesens wie seines Lebens.

Nach einigen Jahren kehrte Bernhard aus dem Auslande zuruck, um in der Nahe des Monarchen dem er diente, eine sehr bedeutende Stelle zu bekleiden. Wir sahen uns wieder, wir trennten uns von neuem und kehrten wieder zu einander zuruck, oft und vielfach im Laufe des Lebens; doch immer fanden wir einander in unveranderter alter Treue wieder, genau so wie wir uns verlassen hatten. Auch brachte ich jezt zuweilen mehrere Monate in Bernhards glanzender Nahe zu, wenn seine Geschafte ihm nicht erlaubten, mich zur gewohnten Zeit in meiner Einsamkeit aufzusuchen.

Bernhard war jezt wieder reich, es lag in seiner Gewalt sein Gelubde losen zu lassen, um mir fur den Rest unsers Lebens die Hand zu bieten, und gerne hatte er auch vor der Welt bekannt, dass sein Dasein in allem Wechsel seines Geschicks stets einzig mir geweiht gewesen sei. Doch wir beide waren indessen alt geworden; es fehlte uns der Muth zu einem raschen Entschluss, und eine seltsame Scheu, von welcher keines von uns sich genaue Rechenschaft abzulegen vermochte, hinderte uns an unserm so lange bestandnen, so lange uns begluckenden Verhaltniss, etwas abzuandern. So vergieng uns wieder ein Jahr nach dem andern, indessen hatten wir wahrscheinlich doch noch dem bei jeder neuen Trennung lebhafter gefuhlten Wunsch nachgegeben, in ungestortem Beisammensein das Ende unsrer Tage vereint abzuwarten da trat der Tod zwischen uns.

Bernhard starb ferne von mir, in der Schweiz, wohin Geschafte seines Herrn ihn gerufen hatten. Mein tiefer Schmerz zog mich hin an sein Grab, dort fand ich Thranen und in diesen die erste Erleichterung fur meine im bittersten Weh erstarrte Brust.

Der Anblick der unbeschreiblich grossen Natur in jenem wundervollen Lande, loste zuerst das eiserne Band, welches mir bis zum Erdrucken das Herz zusammenpresste, und ich glaubte unaufhaltsam mein Leben auf dem Hugel ausweinen zu mussen, der die geliebte Gestalt mir auf immer entzog. Mein erstarrtes Herz ward wieder weich, mein Auge hob sich wieder fromm hoffend mit Ergebung, zu dem Allwaltenden hinauf, der dort auf seinen ewigen Bergen im riesengrossen Bilde der Natur sich den Sterblichen naher offenbaret. Ich blieb lange genug in der Schweiz, um noch Bernhards Todestag an seinem Grabe zu feiern; das sind nun acht Jahre eben heute." Vite! vite mes enfans, geschwinde ans Fenster! Ciel de Dieu quel train! rief Mamsell Virnot, indem sie den Kopf zur halbgeoffneten Thure des Wohnzimmers hinein steckte, ihn aber auch sogleich wieder zuruckzog und davon eilte. Babet und Agathe sassen eben ganz allein am Kamin, mit ihrer Naharbeit emsig beschaftigt. Agathe nach ihrer hastigen Art, warf im Aufspringen den grossen Stickrahmen uber den Haufen, verwickelte sich in die Faden der weit uber den Fussboden sich verbreitenden Seidenrollen, zerriss alles ohne sich weiter darum zu kummern, und eilte das Fenster aufzumachen; denn der immer naher schmetternde Klang vieler unter einander wetteifernder Posthorner lockte sie unwiederstehlich. Auch Babet gesellte sich zu ihr, und beide Madchen sahen nun mit frohlicher Neubegier und weit vorgestrecktem Halse dem nahenden Zuge von Reisenden in gespannter Erwartung entgegen.

"Fenster zu!" donnerte Herr Kleeborn, der eben ins Zimmer trat. "Seid ihr von Sinnen, bei dieser Kalte? wollt ihr die Strasse heitzen? und da liegen auch alle eure Siebensachen auf dem Fussboden umher! Das ist mir eine feine Wirthschaft." "Ach Onkelchen," rief Babet, ohne den Kopf nach ihm umzuwenden, "machen Sie nur geschwinde die Thure zu, damit es nicht so grasslich zieht." "Und schelten Sie nicht so," sezte Agathe hinzu, indem sie lachelnd ihm winkte. "Kommen Sie lieber selbst und helfen uns zusehen, es langen Bereuter an!" "Warum nicht gar Bereuter," sprach Babet mit verachtlichem Achselzucken, "die werden auch im Hotel d'Angleterre logiren! Vornehme Herrschaften sind's!"

Der durch das Geplapper der Madchen wirklich selbst schaulustig gewordne Onkel trat indessen hinter sie, um selbst uber ihre Kopfe wegzusehen, und auch die Tante, mit Vicktorinen und Angelika, die Herrn Kleeborn ins Zimmer gefolgt waren, liessen von dem zunehmenden Getose auf der Strasse sich in das zweite Fenster locken.

Sie erblickten das ganze dem Kleebornschen Hause schrage gegenuber liegende Hotel d'Angleterre in der allergeschaftigsten Bewegung. Von dem Heere seiner Kellner umgeben, stand sogar der sonst sehr vornehm gesinnte Gastwirth in der dritten Posizion vor der Thure seines Hauses, zu den allertiefsten Bucklingen bereit, und das sammtliche Personal schaute mit erwartungsvollen Gesichtern nach der Seite der Strasse hin, von wo der Klang der Posthorner immer lauter und lustiger naher kam. Zur Freude der zahlreich versammelten Strassenjugend fuhrte ein eben vom Pferde gestiegener fantastisch bunt gekleideter Jokey sein dampfendes Thier mit der grossten Gelassenheit in der engen volkreichen Strasse auf und ab, um es verkuhlen zu lassen, wahrend die Hausknechte sich gewaltig abarbeiteten, um einen mit vier Postpferden bespannten, und mit allerlei wunderlich geformten Koffern und Mantelsacken hochbeladnen Packwagen in die Remise zu schaffen. Dieser Packwagen schien augenscheinlich zu einem sehr eleganten ebenfalls vierspannigen Reisewagen zu gehoren, der durch dessen Entfernung erst Platz gewann, vor dem Hotel anzufahren. Zwei junge elegant gekleidete Manner sassen darin, hinten auf einem zu diesem Zweck eingerichteten bequemen Sitz ein Bedienter, vorn auf dem Bock ein glanzender Jager und ein in grellen Farben geputzter Negerknabe. "Das sind sie," flusterten die Madchen einander zu, und stiessen sich nur mit dem Ellenbogen an, ohne einander anzusehen; denn die Fremden, denen der Wirth selbst in tiefster Unterthanigkeit aus dem Wagen half, nahmen alle ihre Aufmerksamkeit in Beschlag. "Ce sont des Mylords anglais," rief die alte Virnot von unten zum Fenster hinauf, denn auch sie hatte sich von der Neugier in die Hausthure locken lassen.

"Ein junger reisender Prinz oder Graf mit seinem Hofmeister," sprach hingegen Herr Kleeborn mit grosser Zuversicht und war schon im Begriff die Madchen vom Fenster wegzujagen und dieses zuzumachen; doch unterliess er es noch einstweilen, da er zu seiner Verwunderung gewahr ward, dass die eben ausgestiegnen Fremden sich nicht ins Haus fuhren liessen, sondern nebst dem Wirth, den Kellnern und den Bedienten vor demselben stehen blieben, als ob sie auf noch jemanden warten mussten. Zugleich ragten in einiger Entfernung mehrere Pferdekopfe und Reuter uber die zahlreichen Haupter der Zuschauer empor, die im Vorbeigehen, wie das bei solchen Gelegenheiten in grossen und in kleinen Stadten immer geschieht, auf der Strasse stehen geblieben waren.

"Hore der Rechte kommt noch, glaube ich," flusterte Babet Agathen zu, "wohl gar ein Konig, und das sind nur seine Minister." "Ach lass mich!" erwiederte Agathe, "sieh lieber auf die Pferde, die dort kommen. Die haben ordentlich Mutzen mit Ohren auf, und Ueberrocke an, und rothe Brillen auf der Nase." "Gewiss sind's am Ende doch Bereuter," jubelte die Kleine, und klatschte vor Freuden in die Hande. "Das ware nun ganz herrlich! es sind so lange keine da gewesen."

Drei in grauen roth verbramten Ueberzugen von oben bis unten dicht verhullte Pferde nahten jetzt von zwei reitenden Stallbedienten gefuhrt, ein stattlicher in einem modernen dunkelfarbigen Ueberrock gekleideter Mann ritt nebenher. "Siehst du, dass ich Recht habe?" frohlockte Agathe, "das ist der Herr der Truppe, und dort im letzten Wagen sitzen wohl die Damen, die zu ihr gehoren. Nicht wahr, Onkelchen, es sind Bereuter?" fragte sie, indem sie sich diesem lachelnd zuwendete. "Fast sieht es mir selbst so aus," erwiederte Kleeborn. "Dann ist es wahrscheinlich Tourniaire, der Mann ist reich, wie man sagt, aber wundern thut es mich doch, dass er hier im ersten Hotel der Stadt absteigt, mit all' den Leuten und Pferden. Das wird ein schones Geld kosten."

"Nun? wer hat nun Recht?" rief jetzt Babet, und bog sich so weit als moglich zum Fenster hinaus. "Wo siehst Du Damen? Der Konig oder der Prinz kommt dort erst selbst in dem wunderschonen grossen Wagen." "Nein, es ist eine Dame in Herrenkleidern, eiferte Agathe, die Bereuterinnen reisen immer so; Du siehst es ja, sie hat den Hund bei sich, und den Affen; die sollen gewiss im Feuerwerk ihre Kunste machen, wie ich das in der Zeitung beschrieben gelesen habe. Die zahmen Hirsche sehe ich noch nicht, die kommen gewiss noch nach, mit dem Uebrigen. Allerliebster bester Onkel, den ersten Tag, wenn die Leute spielen, mussen wir hin! und wie glucklich! nun sehen wir sie alle Tage zweimal mit Musik Parade reiten, wenn sie ausziehen, und wenn sie wiederkommen."

Langsam, wegen der ziemlich engen mit Fussgangern erfullten Strasse, obgleich mit sechs Postpferden bespannt, nahte jetzt ein wirklich sehr schoner zuruckgeschlagener Landauer Wagen, ohne alle Bedienten darauf. Ein einziger junger Mann sass oder lag vielmehr in der allernachlassigsten Stellung in einer Ecke desselben so bequem hingestreckt, als befande er sich zu Hause auf seinem Sofa. Ein prachtiger Pelz von sonderbarem Schnitt verhullte ihn bis an die Ohren, und eine grune Staubbrille, die er trug, lieh seinem blassen, doch nicht unangenehmen Gesicht etwas grauenhaft-gespensterartiges; dabei studirte er mit der grossten Aufmerksamkeit ein Zeitungsblatt, das er in der Hand hielt, ohne nur einmal den Blick davon zu wenden. Neben ihm hatte ein grosser schoner getiegerter Hund seinen Platz, und indem dieser die Vorderpfoten auf die Schultern seines Herrn gelegt hatte, kuckte er so emsig und ehrbar mit in die Zeitung hinein, als ob er etwas davon verstande. Auf dem Rucksitz des Wagens stand ein zierliches mit vergoldetem Gitterwerk geschmucktes Hauschen, doch sein an einer langen Kette in demselben befestigter Bewohner, ein kleiner langgeschwanzter Affe, sass oben auf dem Dache seiner Wohnung, wies den mit lautem Jubel den Wagen umschwarmenden Strassenbuben die Zahne, und warf ihnen alle Ueberbleibsel seiner unterweges gehaltnen Mahlzeiten an die Kopfe, ohne dass sich sein Herr dadurch im mindesten in der Lekture storen lies, bis der Wagen vor dem Hotel d'Angleterre hielt.

Langsam, als erwache er eben vom sussen Schlummer, stieg der Reisende jetzt aus dem Wagen, pfiff seinem Hunde, der ihm auf den Fersen nachfolgte, winkte dem Neger, ihm den Affen nachzutragen, und ging mit stolzem Schritt in den Gasthof hinein, ohne den Wirth und dessen Komplimente nur eines Blickes zu wurdigen. Alle folgten ihm ehrerbietigst, der Wirth, die Bedienten, die Kellner, zuletzt auch die beiden kurz zuvor angekommnen Fremden. Die Pferde wurden fortgefuhrt, die Zuschauer zerstreuten sich, Herr Kleeborn schloss sorgfaltig das Fenster, und das ganze Schauspiel hatte einstweilen sein Ende erreicht.

"Wie Du Dich nun einmal wieder blamirt hast mit Deinen Bereutern," sprach Babet jezt zu Agathen; "das kommt davon, dass Du immer alles besser wissen willst als andre Leute." "Aber wer sagt uns denn gewiss, dass es keine sind," erwiederte ziemlich kleinlaut Agathe, "es konnen doch noch Bereuter sein, aber recht vornehme, die gradezu aus London hergeritten kommen. "Quer uber das mittellandische Meer zu Pferde? nun Du weisst es recht," rief spottisch lachelnd Babet. "Stille, stille, um Gotteswillen," sprach Herr Kleeborn dazwischen, "euer Herr Kandidat mochte auch an Deinen geografischen Kenntnissen wenig Freude haben, wenn er so Dich reden horte. So viel ist indessen gewiss, Bereuter sind das nun einmal nicht. Sollte einer von den englischen Prinzen? Doch die sind ja alle viel alter. Ich weiss was ich thue, ich schicke den Johann hinuber."

Der von seinem Herrn aufs Recognosciren sogleich ausgesandte Bediente kehrte indessen erst zuruck, als Kleeborn und die Seinen sich schon eine ziemliche Weile um den reich besetzten Fruhstucktisch versammelt hatten, den in grossen Handelsstadten das bis in den spaten Abend hinausgeschobne Mittagsmahl zu einer Stunde einfuhrte, die in andern Orten schon langst dem Nachmittage angehort. Man hatte schon lange dem Abgesandten ungeduldig entgegen gesehen, denn die Neugier plagte eigentlich den guten Onkel nicht weniger stark als seine Nichten, doch die Nachrichten, welche Johann mitbrachte, waren bei weitem nicht befriedigend. Etwas sehr vornehmes musse es sein, so viel hatte der Wirth gesagt, weiter aber wusste dieser noch von nichts, als dass die ganze Bel-Etage seines Hauses auf mehrere Wochen in Beschlag genommen worden sei, und dass die in derselben bereits wohnenden Fremden alle uber Hals und Kopf andere Zimmer beziehen mussten, was denn naturlicher Weise ohne grossen Molest nicht abgehe. "Uebrigens," erzahlte Johann weiter, "ubrigens gienge alles im Hotel drunter und druber, und Koch, Kellner und Stubenmadchen liefen insgesammt mit den Kopfen gegeneinander, um die Fremden nebst ihrer Dienerschaft zu befriedigen, indem alle tausenderlei auf einmal verlangten, und jeder etwas anderes.

Agathe und Babet hatten sich indessen dem Fenster wieder genahert, denn der Affe sass druben auch auf der Fensterbank, und eine Menge Leute war aufs neue vor dem Hause versammelt, um die Grimassen des possierlichen kleinen Thieres zu belachen. "Du!" flusterte Agathe, indem sie halb auf den Knien, halb auf einem umgestulpten Fussschemelchen sitzend, ihren Stickrahmen wieder in Ordnung zu bringen suchte, "Du! hore! vielleicht ist es der Konig von Heidi oder wie er heisst, der die sachsische Mamsell heurathen soll, wie man sagt, und der jetzt kommt, um seine Braut abzuholen. Ach wenn er doch den Grafen Limonade oder Schokolade bei sich hatte!" "Dummes Kind, die sind ja alle gestorben," belehrte sie Babet. "Ach wie kann ich von allen Leuten wissen, ob sie leben oder todt sind," erwiederte Agathe, und setzte ergrimmt einer ihr entfliehenden Seidenrolle nach.

"Soviel ist gewiss," sprach nun Babet mit grosser Ueberlegung, nachdem Agathe sich wieder zu ihr gesetzt hatte, "soviel ist gewiss, der Fremde hat zuverlassig und auf jeden Fall Addressen an uns, und denn muss doch der Onkel ihm zu Ehren einen Ball geben, das ist wohl das wenigste, was er fur einen solchen Herrn thun kann." "Nun Gottlob!" rief Agathe und klopfte freudig in die kleinen Hande, "Gottlob, dann kommt doch wieder einmal Leben ins Haus." "Ja," sprach Babet, "aber das sage ich Dir, den rosenfarbnen Crepon zieh ich nicht an, die lange Schmidt hat wieder gerade so ein Kleid. Mein neuer Blonden-Tull muss dazu fertig werden und Du musst mir dabei helfen."

"Wenn es ein Prinz ware, so recht ein wirklicher Prinz!" sprach Agathe sehr bedenklich; "mein Lebtage habe ich noch keinen so recht in der Nahe gesehen. Und wenn er nun gar mit mir tanzte!" "Freilich muss er mit uns tanzen, wir sind ja die Damen vom Hause," verbesserte Babet sie. "Schade nur, dass mein Theodor nicht dabei ist, der kame gewiss vor Eifersucht von Sinnen, wenn er ansehen musste, wie mir der Prinz die Cour macht!" "Ich angstige mich todt, wenn er mit mir tanzt," rief Agathe, "der tanzt gewiss nichts als Francaisen, ware nur Monsieur Michaud wieder da, dass man die Pas ein wenig einuben konnte. "Ist's ein Englander, so tanzt er nur Ekossaisen, aber walzen wird er leider nicht konnen," setzte Babet hinzu.

"Pas de Zephyr," rief jezt Agathe, indem sie vor dem grossen Spiegel mit hochaufgenommenen Rockchen ihre Pas einzuuben versuchte, "tour de bras, en avant! Tournez! rigadon," rief die sich zu ihr gesellende Babet, "allons, tour de poule."

"Tour de Gans, die passt fur euch am besten," rief Herr Kleeborn lachend dazwischen, indem er den beiden Kindern mit Vergnugen zusah; denn sie waren in diesem Augenblick wirklich allerliebst. "Herr Gott, Onkel, der Fremde kommt gerade ins Haus!" rief jetzt Agathe, die eben einen Blick aufs Fenster geworfen hatte. "Es ist ja der Rechte nicht," eiferte Babet. "Wie kannst Du das so genau wissen," erwiederte Agathe. "Allerliebstes, bestes Onkelchen," setzte sie schmeichelnd hinzu, "thun Sie mir den allereinzigsten Gefallen und lassen ihn hier hereinkommen, ich mochte ihn gar zu gerne in der Nahe sehen. Babet vereinigte ihr Bitten mit dem ihrer Schwester, und der Onkel, der sich eben bei seltner guter Laune befand, that was die Kinder von ihm verlangten.

Herr Wilkinson aus London, so hatte der Fremde sich melden lassen, Herr Wilkinson trat herein, und alle erkannten in ihm sogleich einen der beiden Fremden, die in dem ersten Wagen angelangt waren. Es war ein hubscher nach der allerneuesten englischen Mode gekleideter junger Mann, der in der geoffneten Thure sich sehr zierlich mit allen funf Fingern der linken Hand in das Himmelanstraubende Haar fuhr, wahrend er mit der rechten den Huth abnahm, erst die Damen, dann den Herrn des Hauses mit einem sehr graziosen Kopfnicken begrusste und zuletzt zwar mit etwas auslandischem Accent, aber doch in sehr verstandlichem Deutsch seine Rede anhob.

"Sir Charles Wissmann trug mir auf ihn den Damen und Herren Kleeborn hochachtungsvoll zu empfehlen" "Wissmann," rief Kleeborn ganz entzuckt, und schuttelte dem Neuangekommnen recht kraftig die Hand. "Wissmann, ei lieber Herr Wilkinson so sein Sie mir doch tausendmal willkommen! Warum ist er denn nicht gleich bei mir abgestiegen, ich habe ihn doch eingeladen und seine Zimmer stehen bereit. Babet, geh mein Kind, Mamsell Virnot soll aufschliessen und einheizen lassen." Babet stiess Agathen an dass diese gehen solle, doch keine von beiden bewegte sich von der Stelle, denn keine hatte Lust den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit aus den Augen zu verlieren.

"Bemuhen Sie das Fraulein ja nicht," bat Wilkinson indessen, "Sir Charles wunscht die Familie nicht zu derangiren, und da wir ziemlich viel Platz brauchen" "Ich habe Raum genug fur alles," erwiederte Kleeborn; "wahrscheinlich sind Sie des jungen Wissmanns Reisegefahrte. Nun auch fur Sie ist Platz genug da, und Sie sollen mir ebenfalls ein recht werther Gast sein, lieber Herr Wilkinson. Vier Zimmer stehen bereit, damit werden die beiden jungen Herren schon auskommen. Also der junge Mann, der neben Ihnen sass denn wir sahen Sie vor dem Hotel aussteigen, mussen Sie wissen, der junge Mann also ist der Sohn meines alten Freundes? Ey, ey, wer hatte das denken konnen! Nun, nun, und Sie? wahrscheinlich ebenfalls Kaufmann? Sie haben Recht, das ist der erste Stand der Welt."

"Verzeihen Sie," erwiederte der Fremde mit sehr gemessnem Ton, "verzeihen Sie, mein Herr, ich habe das Vergnugen, dem Sir Charles in der Qualitat eines Sekretars attaschirt zu sein, der junge Mensch aber, den ich neben mir im Wagen hatte, dient ihm als sein Homme de Chambre. Eigentlich gehorte auch er auf den Bock, doch auf Reisen, das wissen Sie gewiss, darf man dergleichen so genau nicht nehmen, und uberdem ist Marcellin seinem Herrn so treu ergeben, dass ihm schon deshalb manches nachgesehen wird." Ein halb gepfiffnes, halb geseufztes sehr gedehntes So war Kleeborns erste Antwort, dann setzte er nach einer ziemlichen Pause mit etwas verlangertem Gesicht hinzu, "also ist Wissmann nicht da? kommt auch vielleicht heute nicht?" "Verzeihen Sie," erwiederte Wilkinson abermals, "Sie erwahnten vorhin, dass Sie uns vor dem Hotel aussteigen gesehen haben, nun Sir Charles Landauer folgte dicht hinter meiner Batarde." "Wie? das also? hm hm," erwiederte Kleeborn mit steigender aber nicht sehr frohlicher Verwunderung; "und die Pferde" "Beim Himmel es sind herrliche Thiere!" fiel Wilkinson ein, "wie Sie gewiss unerachtet der Decken bemerkt haben werden. Vor allem der Lichtbraune, Sir Charles eignes Leibpferd. Das muthige Thier lasst sich aber auch von keinem regieren, ausgenommen von seinem Herrn und unserm Stallmeister. Es stammt in gerader Linie von des Herzogs von Bedford beruhmten Hector ab. Orion war sein Vater, der funfmal in Newmarket den Sieg davon trug; die Mutter war Lord Ashfords Molly, die beim letzten Pferderennen in Epsom" "Sehen Sie einmal!" Mit diesem Ausruf unterbrach Kleeborn in ziemlicher Verwirrung den plotzlich beredt gewordnen Sekretar, der eben im besten Zuge war ihn auf das umstandlichste mit den Stammbaumen und allen Heldenthaten der Pferde seines kunftigen Schwiegersohnes bekannt zu machen. "Ey, ey, sehen Sie einmal nun und Herr Wissmann?" "Sir Charles," erwiederte Wilkinson, "Sir Charles hat mir aufgetragen Ihnen und der Familie seine gluckliche Ankunft zu melden. Durch eine eigenhandige Note von ihm ware dies freilich besser und schicklicher geschehen. Doch Domingo hat den Schlussel zu seines Herrn Schreibekassette verlegt, und so sieht dieser sich genothigt, Sie durch mich zu bitten, dass Sie den ihm aufgezwungnen grossen Verstoss gegen die Regel freundlich entschuldigen mogen; gewiss nur die Noth konnte ihn dazu veranlassen, denn die Schreibmaterialien, welche der Wirth herbeibrachte, wurden leider sammtlich total unbrauchbar befunden." "Das wundert mich, der Mann ist doch sonst so ordentlich," erwiederte Kleeborn. "Total unbrauchbar, auf Ehre," wiederholte Wilkinson.

"Uebrigens," sezte er hinzu, "ubrigens bittet Sir Charles um die Erlaubniss sich Ihnen und den Damen noch heute Abend nach dem Mittagsessen vorstellen zu durfen. Er wunscht nur zuvor die Reisekleider abzuwerfen und sich von der Ermudung ein wenig zu erholen. Denn wir sind gewohnt sehr schnell zu reisen und die Wege hier herum sind furchterlich schlecht."

Beladen mit Hoflichkeitsbezeugungen aller Art verlies der Sekretar endlich das Zimmer und Herr Kleeborn gewann nun Zeit, sich von dem Erstaunen uber alles was er vernommen ein wenig zu erholen. Sein Gesicht glich einem Apriltage; in diesem Augenblick glanzte es im hellsten Sonnenschein der Freude, im nachsten schwebten dunkle nahen Sturm verkundende Wolken des Unmuths daruber hin. Leise pfeifend schritt er aus einer Ecke des Zimmers in die andere, wie er immer zu thun pflegte, wenn irgend etwas ihn aus der Fassung gebracht hatte. Alle ubrigen im Zimmer schienen ebenfalls mehr oder weniger gespannt zu seyn. Babet und Agathe standen wie versteinert da, denn der Prinz und der Sekretar, Sir Charles und die Bereuter, wogten mit grossem Tumult in ihren Kopfen herum. Angelika, die an allem bisher Vorgegangenen wenig Theilnahme bezeigte, schlich sich jezt leise zu Vicktorinen hin, und uber die Lehne ihres Stuhls gebeugt, betrachtete sie die geliebte Freundin mit dem Ausdruck inniger und zugleich sorgenvoller Liebe; hingegen Vicktorine selbst, obgleich auffallend bleicher als sonst, sass mit stolz erhabnem Nacken und blitzenden Augen neben der Tante, wie jemand der einem nahen schweren Kampf muthig entgegensieht. Um Anna's feine Lippen schwebte indessen ein fast unmerkliches ein wenig spottisches Lacheln, wahrend ihr klares Auge jede Bewegung von Vicktorinens Vater verfolgte. Dieser mass noch ein paarmal mit grossen Schritten das Zimmer, blieb dann plotzlich vor Vicktorinen stehen als ob er etwas sagen wollte, kehrte eben so plotzlich wieder um, und begann von neuem seine Promenade. Dabei herrschte eine Todtenstille, die niemand der Anwesenden zu unterbrechen wagen mochte.

"Hm, ja," fing Kleeborn endlich halb fur sich, halb zu den andern an, "hm, ja einen Sekretar braucht er als hollandischer Konsul in London, obgleich auf Reisen sollte ich meynen nun die Zeiten haben sich sehr geandert seit ich jung war. Freilich ich bin so nicht gereist, doch wie gesagt, andre Zeiten andre Sitten, und wer einen Ruckhalt hat wie dieser junge Mann, der kann hm." Nun folgte wieder eine neue Pause und eine neue Promenade, dann blieb der Alte abermals vor seiner Tochter stehen. "Vicktorine," begann er, "Du hast vernommen wer angekommen ist, wen wir erwarten wollte ich sagen. Darum dachte ich, mein Kind, Du benutztest noch die Zeit vor Tische um dich ein wenig zu putzen." "Onkelchen, das sollten wir ja wohl auch," rief Babet mit ihrem hellen Stimmchen dazwischen. "Seid Ihr auch noch da?" fuhr Kleeborn sie an, "das konnt Ihr halten wie Ihr wollt, wer denkt an Euch!" Leise wie eine Maus schlich Babet jetzt uber den Teppich weg der Thure zu, winkte Agathen und beide Madchen verschwanden. Auch Angelika folgte ihnen, zufolge einem von der Tante erhaltenen Wink sich ebenfalls zu entfernen.

"Fraulein Schwester," hob Kleeborn jetzt an, indem er sich zu der Tante setzte und ihre Hand ergriff, "liebes Fraulein Schwester, Sie sind eine sehr kluge Dame, das weiss ich, und Sie werden mich daher verstehen wie billig. Dieser junge Mann, den wir vor einer Stunde, freilich mit ziemlich auffallendem Prunk, dort druben ankommen sahen, ist wie ich nun weiss der Sohn eines der ersten Hauser in Amsterdam, dessen Reichthumer ihn allerdings berechtigen mehr Aufwand zu machen als tausend andere nicht durfen. Und ich muss es in einiger Hinsicht sogar loben, dass er beflissen ist gerade hier sich recht glanzend zu zeigen. Ihrer bekannten grossen Einsicht wird es nicht entgehen wie ich dieses meyne, doch zur Sache. Der alte Wissmann hat vor zehn Jahren, da alle Welt mich verlies, Freunde und Verwandte ja Fraulein Schwester, Verwandte, auf die ich rechnen zu durfen wohl befugt war, mein Blut kocht noch wenn ich daran gedenke, doch Sie sind unschuldig daran, Sie konnen nichts dafur Genug Fraulein Schwester, der Vater dieses jungen Mannes hat mir damals mehr als das Leben gerettet selbst du Vicktorine verdankst ihm doch Basta, es ist gottlob alles voruber und mit Ehren uberstanden. So viel ist indessen gewiss, ohne meinen alten Amsterdammer Freund waren wir alle nicht wo wir sind, und ich selbst vielleicht langst doch wie gesagt das ist vorbei. Was aber der Vater an mir that will ich dem Sohne vergelten, das steht so fest wie das Wort eines ehrlichen Mannes es stellen kann, und dass es die Pflicht meines einzigen Kindes sey mir dabei zu helfen, wird wohl niemand mir abstreiten und darum geh, Vicktorine, dich umzukleiden."

"Ich will es thun, wenn Sie durchaus es verlangen," erwiederte Vicktorine, mit bewegterer Stimme als dieser Befehl ihres Vaters es zu erfordern schien, "ich will es thun, aber erlauben Sie mir zu bemerken, dass ich die Ueberzeugung habe, gerade so wie ich hier bin jeden Besuch mit Anstand annehmen zu durfen. Und obgleich ich bereit bin den Sohn eines Freundes, den Sie so hoch stellen, mit aller der Zuvorkommenheit zu empfangen, die mir als Ihre Tochter ziemt, so sehe ich doch nicht recht ein warum ich gerade mit ihm in diesem Punkt eine Ausnahme machen soll." "Eine Ausnahme!" zurnte Kleeborn. "Ja mein Vater, eine Ausnahme," erwiederte Vicktorine bescheiden, aber fest. "Ich bitte Sie recht kindlich, vergessen Sie eben so wenig die Vergangenheit, als ich meine Pflicht gegen Sie je vergessen werde. Mein Wort muss mir nicht minder heilig seyn als Ihnen das Ihre, denn ich bin Ihre Tochter, und ich werde dem Sohne Ihres Freundes die Achtung, die ich als solchem ihm schuldig bin, hauptsachlich dadurch beweisen, dass ich ihn keinen Augenblick uber mich selbst, uber mein Herz, uber meine Lage, uber meinen unabanderlichen Entschluss in Zweifel lasse, sobald er mich in den Fall setzt, mich gegen ihn erklaren zu mussen. Ihnen, mein Vater, ist alles dies kein Geheimniss mehr, daher bitte ich Sie" "Vicktorine," schrie Kleeborn, und sprang mit von Wuth entstellten Zugen auf da trat die Tante beschwichtigend zwischen Vater und Tochter. "Seid Ihr nicht wunderliche Leute!" rief sie lachelnd. "Ich sehe jetzt sehr wohl ein, wovon unter Euch beiden eigentlich die Rede ist; aber denkst Du denn, Vicktorine, dass ein junger Mann von Welt wie dieser, sich gleich in der ersten Stunde wie ein Hochzeitbitter vom Dorfe vor Dich hinstellen und seinen Spruch anheben wird? Und Sie lieber Herr Bruder, Sie sehen es wohl ein, dass Vicktorine noch wie eine kaum vom Tode Genesene betrachtet werden muss. Kranke Kinder werden uberdem immer ein wenig verzogen und brauchen hinterher viele Nachsicht. Daher bitte ich, lassen Sie der Zeit doch ihre Rechte, wir werden ja sehen" "Ja, ja, Sie sprechen sehr vernunftig Fraulein Schwester," erwiederte Kleeborn, augenscheinlich von ihren Worten beruhigt, "Sie haben recht, die Zeit, die Zeit allein wirkt Wunder, und mit der Zeit giebt sich alles, alles, alles findet sich mit der Zeit."

Mit diesem seinem liebsten und gewohnlichsten Trost verlies der alte Herr das Zimmer, und eilte der Borse zu, welche er uber die Begebenheiten dieses Vormittages zum erstenmal in seinem Leben fast vergessen hatte. Schon war das spate, diesmal ziemlich stumm eingenommene Mittagsmahl im Kleebornschen Hause langst voruber und der Abend ruckte mit starken Schritten der Nacht entgegen. Die lange Reihe der Fenster des ersten Stocks im Hotel d' Angleterre schimmerte in fast blendender Erleuchtung, als wurde dort ein grosses Fest gefeiert, wahrend Kleeborn in seinem Hause noch immer und mit steigender Ungeduld in dem zum Empfange der Fremden bestimmten Zimmer auf und abgehend, den ihm angekundigten Besuch vergebens erwartete. "So wollte ich doch!" rief er mit dem Fusse stampfend, als die Glocke zehn schlug, doch in diesem Augenblick ward die Thure aufgerissen, Sir Charles, wie aus dem allerneuesten Modejournal heraus geschnitten, trat ein und die Freude uber seine Gegenwart verscheuchte blitzschnell von der Stirne des alten Herrn jede Spur des vorigen Unmuthes.

Ein halbes Stundchen verging beiden unter gegenseitigen Mittheilungen, ehe sie sich dessen versahen. Doch nun ergriff Herr Kleeborn den Arm seines jungen Freundes, um ihn in das Wohnzimmer seiner Familie zu fuhren. Schon waren sie oben auf dem Vorsaal angelangt, da sturmte der alte Muller hinter ihnen drein die Treppe hinauf, "Herr Kleeborn ein Wort!" rief er athemlos, "eben kommt eine Stafette an Sie; vermuthlich die lange erwartete Nachricht von" "Ey der Tausend!" rief Kleeborn ganz entzuckt, indem er stille stand. "Bester Herr Wissmann," sprach er nach kurzem Bedenken, "Sie verzeihen mir gewiss; in zehn Minuten bin ich wieder bei Ihnen. Nur hier herein unterdessen, Sie finden hier meine Tochter." Mit diesen Worten offnete er eine Thure, schob ohne sich viel umzusehen den jungen Mann ins Wohnzimmer hinein, und eilte, den Kopf voll von dem ihn unten erwartenden Geschaft, zuruck in sein Komtoir. Ohnerachtet der moglichst grossen, aus der vortheilhaftesten Meinung von sich selbst entspringenden Sicherheit, die ihm eigen war, fuhlte Sir Charles sich, wenn gleich vielleicht nicht verlegen, dennoch wenigstens etwas genirt, als er auf so seltsame Weise der ihm bestimmten Braut entgegen geschoben ward. Doch die junge Dame, die er ganz allein im Zimmer antraf, empfing ihn mit so uberraschender Freundlichkeit, dass davor jede Anwandlung dieses ihm sonst ganz fremden Gefuhls, wie Nebel vor der Sonne zerrann. Die Art, mit der man durch zwei schnell auf einander folgende Knixe seinen ersten Gruss erwiederte, die beiden Grubchen mitten in den Pfirsichwangen des etwas verschamt ihn anlachelnden Gesichtchens, und vollends die zuvorkommende Pantomime, mit der man ihn, ohne ein verstandliches Wort hervorbringen zu konnen, zum Sitzen im Sopha nothigte; alles dieses war weit mehr, als es bedurfte, um einen jungen Mann seiner Art wieder zum gewohnten Selbstgefuhle zu verhelfen. Mit aller graziosen Nachlassigkeit eines acht englischen Dandys im grossten Styl warf er sich daher auf den ersten Wink der Schonen neben ihr in eine Sophaecke hin, und betrachtete sie, ohne sich dabei den mindesten Zwang anzuthun, durch seine Brille vom schildkrotenem Kamme, der auf ihren Scheitel die reiche Fulle der lichtbraunen glanzenden Zopfe und Locken zusammenhielt, bis zu der Spitze des netten, verlegen spielenden Fusschens, das die Konturen der grossen Rosen auf dem Fussteppich nachzuzeichnen versuchte. Die zwischen den frischen, etwas aufgeworfnen Lippen hervorglanzenden Perlzahnchen, die schelmisch-lachelnden Augen, das allerliebste Stumpfnaschen, der schwanenweisse Hals, die runden Aermchen mit den kleinen Handen voller Grubchen, kurz das ganze, wie aus Rosen und Schnee zusammengesetzte, runde und dabei doch zierliche Figurchen, gefiel ihm ausnehmend wohl, und immer besser, je langer er hinsah. Endlich wagte es auch seine Nachbarin, den scheuen Blick, dann und wann zu ihm zu erheben. Freilich lies sie ihn anfangs gleich wieder sinken, doch das gab sich allmahlig; sie gewann sogar bald Muth genug um mit naiver Koketterie alle ihre kleinen Kunste vor ihm spielen zu lassen, und that alles mogliche, um sich ihm im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen. Da sie instinctartig fuhlen mochte, dass dieses nicht ohne Erfolg geschah, so waren beide in kurzer Zeit mit sich sowohl, als miteinander, auf das Vollkommenste zufrieden, und vermissten nicht im mindesten die Gegenwart des Herrn Kleeborn, der sie eigentlich einander hatte vorstellen sollen. Freilich drehte sich anfangs das Gesprach nur schneckenartig-langsam um Wege und Wetter und um das Ermudende einer langen Reise im Winter, doch fuhlten beide durchaus keine Langeweile dabei. Als nun vollends die herrlichen Pferde des Sir Charles erwahnt wurden, so gewann auch die Unterhaltung einen lebhafteren Gang, denn man kam auf die naturlichste Weise von der Welt von diesen zu dem allerliebsten Affen, dem interessanten Reisegefahrten seines Herrn. Sir Charles erzahlte einige lustige Anekdoten, in welchen sein Koko die Hauptrolle spielte; das hubsche Kind musste uber diese Geschichtchen lachen, und da ihr das ganz allerliebst stand, so erzahlte Sir Charles immer mehr, und seine Zuhorerin lachte immer herzlicher. Beide dachten gar nicht daran, dieser Unterhaltung mude zu werden, und Sir Charles wurde gewiss, wer weiss wie lange, noch da geblieben seyn, ohne dass es ihm eingefallen ware, fortgehen zu wollen. Doch nach einem halben Stundchen schickte Herr Kleeborn hinauf, lies sein Nichtwiedererscheinen fur diesen Abend durch unerwartete wichtige Geschafte entschuldigen, die ihn bis tief in die Nacht hinein in seinem Komtoir festzuhalten drohten, und dies war nun freilich ein Zeichen zum Aufbruch, dem Sir Charles, wenn gleich ungern, dennoch Folge zu leisten, nicht umhin konnte.

Schon ist sie eigentlich nicht, meine Braut, aber verteufelt hubsch, murmelte er vor sich hin, als er hochst zufrieden, ohne eine Ahnung davon, dass er sich in der Person geirrt haben konne, quer uber die Strasse hinging, um sich in seine Wohnung zu begeben. Nach englischer Sitte hatte er im Laufe des Gesprachs Herrn Kleeborn stets nur bei seinem Namen genannt und ihn nie als den Vater der jungen Dame, zu der er sprach, naher bezeichnet. In Babets Plan denn dass es diese und nicht Vicktorine war, die er im Wohnzimmer antraf, hat man gewiss langst errathen in Babets Plan also, konnte diese Verwechselung freilich nicht liegen, als sie ganz allein im Wohnzimmer blieb, nachdem Anna, Agathe und Vicktorine des langen Wartens mude, sich aus demselben zuruckzogen. Es war ihr nur verdrusslich gewesen, sich so um nichts und wieder nichts geputzt zu haben, deshalb beschloss sie bei sich selbst und ohne ein Wort davon zu sagen, es doch noch ein wenig abzuwarten, ob der Fremde nicht noch kommen sollte, dessen Ankunft am Morgen ihre ganze Neubegier bis zum Peinlichen erregt hatte. Als er nun wirklich da war, und vollends sie fur Vicktorinen hielt, was sie sehr bald bemerkte, schwieg sie anfangs, weil sie in der Verlegenheit nicht wusste wie sie sich ihm zu erkennen geben sollte; doch dieses verlegene Schweigen verwandelte sich mit der Zeit in ein absichtliches, da sie das Wohlgefallen entdeckte, mit welchem der junge Mann sie betrachtete. "Hat er mich doch nicht nach meinem Namen gefragt", dachte sie, und wenn ich ihm nun besser gefalle als Vicktorine, ists meine Schuld? Es ware doch albern von mir, wenn ich ihn gleich zuruckwiese, und am Ende thue ich wohl noch gar Vicktorinen einen Gefallen, denn die scheint ganz etwas anderes im Kopfe zu haben als diesen Sir Charles, den Papa ihr gern zuweisen mochte, wie ich wohl merke.

Voll von der Eroberung, die sie so ganz unverhofft noch am spaten Abend gemacht zu haben glaubte, eilte Babet, gleich nachdem Sir Charles fortgegangen war, zu ihrer Schwester, um ihr dies wichtige Ereigniss mitzutheilen; doch Agathe war schon im Einschlafen begriffen, und bezeigte wenig Theilnahme. "Geh' mir," sprach sie endlich, da Babet gar nicht aufhoren wollte davon zu reden, "geh' mir mit deinem Englander. Wenn es kein Prinz und kein Bereuter ist, so verlange ich gar nichts von ihm zu wissen. Und nimm es mir nicht ubel, aber ich kann es von Dir auch nicht loben, dass Du Dich gleich so mit dem wildfremden Manne einlasst, ohne auch nur ein bischen an deinen Theodor zu denken. Ich konnte so nicht seyn, und wenn er sich sechs Brillen ubereinander aufsetzte. Und nun gute Nacht."

In Babets Kopfchen, wie in ihrem Herzen, wogte es indessen viel zu bunt durch einander, als dass sie sich so hatte zufrieden geben konnen. Sie bedurfte durchaus gleich auf der Stelle einer Vertrauten, und schlich sich also, spat wie es war, zu Vicktorinen, die sie freilich noch wachend fand. Aber zu ihrem grossen Schrecken traf sie auch die Tante noch bei ihr an. Indessen fasste sie sich schnell und war obendrein listig genug, ihr Zusammentreffen mit Sir Charles und dass er sie fur Vicktorinen angesehen habe, als einen lustigen Scherz jetzt zu erzahlen; doch statt des gehofften Beifalls erhielt sie von der Tante nur einen sehr ernsten Verweis uber ihren unvorsichtigen Leichtsinn, und wurde noch obendrein gefragt: was sie denn morgen anzufangen gedenke, wenn Sir Charles die wirkliche Vicktorine sehen und so den ihm gespielten Betrug entdecken wurde? Babet machte sich ohne Antwort ganz trubselig wieder davon, denn dieses war ihr in der Freude ihres Herzens noch gar nicht eingefallen.

Halb argerlich, halb angstlich, denn der Tante letzte Bemerkung hatte sie schwer getroffen, wollte Babet eben wieder den Weg nach ihrem Zimmer eingeschlagen, da horte sie auf dem Gange Angelikas Harfentone durch die stille Nacht. Das Bedurfniss, von dem zu reden, was ihr in diesem Augenblick auf dem Herzen lastete, war zu gross, es trieb sie daher auch noch zu dieser hin, so wenig sie ubrigens auch sonst gewohnt war mit der ernsten Angelika nach Madchenart vertraulich zu verkehren. Im Grunde, dachte sie, ist Angelika doch ein gutes Kind und auch verstandig, vielleicht kann sie mir rathen, was ich morgen anfangen soll, um nicht vor allen Leuten gar zu beschamt da zu stehen. Doch die arme Babet war einmal dazu bestimmt, an diesem Abend durchaus keine Theilnahme finden zu konnen. Das blasse Gesicht auf die Harfe gelehnt, schien Angelika dem raschen Plaudern zwar mit ihrer gewohnten stillen Freundlichkeit zuzuhoren; aber es ging beinahe ganz unverstandlich an ihr voruber. Muhsam und vergebens suchte sie ihren schwermuthigen Traumen sich zu entreissen, denen sie in der Einsamkeit der Nacht sich so gerne uberliess; sie vermochte es nicht einmal, den Sinn von Babets Worten zu fassen, und antwortete ihr so unpassend und abgebrochen, dass diese die Geduld dabei verlor und endlich fortging, um mit ihrem Kopfkissen, dem einzigen Vertrauten, der ihr noch blieb, sich besser zu berathen.

Babet verband eigentlich mit einer sehr lebendigen Phantasie ein eiskaltes Gemuth, wie sich denn das im Leben oft genug zusammen findet. Noch nie war ein wahrhaft ernster Gedanke in ihr aufgekommen, aber sie hatte in ihrer Pensionsanstalt schon ganze Leihbibliotheken erschopft. Langeweile und das Bedurfniss einer Abwechselung in ihrem einformigen Leben hatten damals die Lust, Romane zu lesen, bis zu einer Art von Leidenschaft in ihr gesteigert, und die kleinen Ranke, welche sie anwenden musste, um diese ihre Lieblingsneigung ganz unbemerkt zu befriedigen, erhohte ihre Freude betrachtlich daran. So kam sie denn, den Kopf voll von den abentheuerlichsten Geschichten, als ein nun erwachsenes Madchen, in das glanzende Haus ihres Oheims, und da aus der Sucht, Romane und nichts als Romane lesen zu wollen, gewohnlich auch die, dergleichen zu spielen, entspringt, so sehnte sich Babet jetzt nur vor allem darnach, recht bald zu erleben, was sie oft mit dem innigsten Antheile gelesen hatte. All' ihr Sinnen und Trachten ging nur darauf hin, als die Heldin einer Liebesgeschichte zu glanzen. Der Student Theodor war zufalliger Weise der Erste, der ihr beim Eintritt in die Welt mehr als gewohnliche Aufmerksamkeit bezeigte, und was war daher naturlicher, als dass sie sogleich in diesem ihren Helden gefunden zu haben wahnte. Es fiel ihr gar nicht ein, dass der ebenfalls sehr junge Mann, um nicht ganz mussig zu seyn, nach Art der Mehrsten seines Alters, sie wahrend seines Aufenthaltes in ihrer Nahe zur Dame seines Herzens erwahlt haben konne; sie dachte weiter gar nicht daruber nach, sondern begann im Gegentheil sogleich, einen Roman mit ihm zu spielen, der, so viel Redens sie davon auch gegen Agathen machte, dennoch nur in ihrem Kopfchen seine Existenz fand. Alles ging vortrefflich, so lange die Ferien dauerten, doch diese zogen voruber, Theodor kehrte nach Gottingen zuruck, und der Roman hatte ein Ende. Babet wusste nicht einmal, ob sie den Geliebten jemals wieder sehen wurde, aber er hatte ihr eine noch aufgeregtere Phantasie und eine sehr fuhlbare Oede in ihrem Leben hinterlassen, die sie mit jedem Tage missmuthiger stimmten. Sie suchte zwar noch eine Zeit lang sich mit einer eingebildeten Trauer um den Entfernten hinzuhalten, doch dieses ermudete sie sehr bald; sie bedurfte eines neuen Gegenstandes, um wieder zu einiger Zufriedenheit zu gelangen, und so war ihr Sir Charles in diesem Augenblick eine hochst willkommene Erscheinung. Auch trugen der ihn umgebende Glanz und die Hoffnung, als Siegerin neben der ihr sonst uberall weit vorgezognen Vicktorine in die Schranken zu treten, nicht wenig dazu bei, ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, indem zugleich das Fremdartige seiner Umgebungen sowohl, als seiner Personlichkeit, ihre Phantasie auf alle Weise in Anspruch nahm.

Sir Charles Gestalt eignete sich ubrigens ganz vortrefflich dazu, auf ein Madchen wie Babet den angenehmsten Eindruck zu machen. Man konnte ihn eigentlich einen schonen Mann nennen, obgleich sein ganzes Wesen auf jenen Ueberdruss am Leben hindeutete, den wir in unsern Tagen aus dem fruhen, keine Massigung kennenden Genuss aller Freuden desselben nur zu oft in der bluhendsten Jugendzeit entstehen sehen. Das Erschlaffte in den regelmassigen Zugen seines wirklich angenehmen Gesichts, das unnaturlich Matte in seiner Haltung, dem er durch angenommene modische Gleichgultigkeit gegen Alles ausser sich noch nachzuhelfen strebte, gaben ihm in Babets Augen ein hochst interessantes Ansehen, und machten ihn den Helden aus ihren Romanen vollkommen ahnlich.

In dieser ersten schlaflosen Nacht ihres Lebens dachte sie so lange an ihn und wiederholte sich so lange jedes seiner Worte, jeden seiner Blicke, deren Unbescheidenheit sie nicht gefuhlt hatte, bis sie uberzeugt war, nicht nur ihn zu lieben, sondern auch auf ihn den tiefsten gunstigsten Eindruck gemacht zu haben. Dass er, nicht ohne ihr Zuthun, sie fur Vicktorinen gehalten habe, erschien ihr zuletzt in einem so romantischen Lichte, dass sie sich alle Bemerkungen der Tante daruber aus dem Sinne schlug, die sie kurz vorher so angstlich gemacht hatten. Sie uberzeugte sich zuletzt sogar, bei der morgen zu erwartenden Entdeckung in seinen Augen nur gewinnen zu konnen, und wandte sich nun ihrer Garderobe zu, die sie in Gedanken eine vollstandige Revue passiren lies, um fur den kommenden grossen Tag das Schicklichste daraus zu wahlen, bis sie endlich bei fast anbrechenden Morgen ruhig einschlief, um von Sir Charles und dem neuen Rosa-Kleide zu traumen.

Zweiter Band

Schon seit wenigstens einer Stunde erwartete die zahlreich versammelte Gesellschaft, welche Herr Kleeborn am folgenden Tage zu einem glanzenden Mittagsmahle eingeladen, einzig nur noch den Helden des Festes, Sir Charles, der immer noch ausblieb. Die alte Virnot wandelte unablassig in jener, allen guten Hausfrauen bei ahnlichen Fallen wohlbekannten Verzweiflung, zwischen Speisesaal und Kuche auf und ab, und war nahe daran, bittere Thranen zu vergiessen uber das Misslingen, welches durch diese Verzogerung ihren herrlichsten Vorbereitungen drohte. Herr Kleeborn sah alle funf Minuten nach der Uhr, und die Tante erschopfte vergebens ihre Unterhaltungsgabe, um den Gasten dieses peinliche Erwarten minder auffallend zu machen. Endlich schlug es sieben Uhr, die Flugelthuren flogen auf und Sir Charles trat, gefolgt von seinem Secretar, mit so vornehm-nachlassigem Anstande in den Saal, dass Herr Kleeborn wirklich den Muth verlor, ihm, wie er es sich doch vorgenommen, seinen Verdruss uber die verspatete Erscheinung merken zu lassen. Sir Charles begrusste den Herrn des Hauses nur mit einer stummen Verbeugung, und ging dann, die ganze ubrige Gesellschaft ubersehend, gerade auf Babet los, die, schon geputzt, aber doch ziemlich verlegen, am entgegengesetzten Ende des Saales stand.

Doch Herr Kleeborn ergriff auf halbem Wege seinen Arm. "Hier, Herr Wissmann," sprach er, "hier steht meine Tochter, neben ihrer Tante der hochwurdigen Frau Probstin von Falkenhayn." Sir Charles stutzte, wie Jeder, dem etwas ganz Unerwartetes entgegen kommt; die wurdige Gestalt der Tante machte indessen auch auf ihn den Eindruck, den sie Allen gab; begrusste sie ehrerbietig, und wandte sich dann zu Vicktorinen, die im reichsten Schmucke, wie ihr Vater es verlangt hatte, stolz und hoch, gleich einer Konigin, dastand, und ihn vornehm kalt mit einer sehr abgemessnen Verneigung empfing. Sir Charles Verwunderung stieg sichtbar.

"Ihr altestes Fraulein Tochter?" fragte er endlich Herrn Kleeborn. "Meine einzige," war die Antwort. "Sie wissen es ja, ich habe nur dies eine Kind, und Sie haben ja auch meine Vicktorine schon gestern Abend gesehen. Oder etwa nicht?"

Sir Charles war wirklich fur den Augenblick um eine Antwort verlegen, doch ein Blick auf Babet, die sich indessen dicht hinter die Tante zu schleichen gewusst hatte, setzte den geubten Weltmann schnell ins Klare: denn Babet hob, wie in hochster Angst, ihr Auge bittend zu ihm auf, schlug es aber auch gleich wieder nieder, wahrend die gluhendste Purpurrothe ihren Hals und Gesicht ubergoss.

Zwar glitt bei dieser Entdeckung ein leichtes, halb spottisches Lacheln uber Sir Charles Zuge hin, aber er fuhlte dennoch, dass er hier etwas zu schonen habe, und murmelte daher nur einige unverstandliche Worte, die Herr Kleeborn zum Gluck nicht beachtete, weil eben die Thure des Speisesaals aufging, und die Gesellschaft sich hineinbegab.

"Ich vergass es gestern, dass Aurora immer der Sonne voranzuschreiten pflegt," flusterte Sir Charles Vicktorinen zu, indem er ihr den Arm bot; doch Vicktorine erwiederte ihm keine Sylbe, stumm und kalt liess sie sich von ihm an die Tafel fuhren, und so verlor auch er die Lust, das Gesprach fortzusetzen und schwieg halbbeleidigt, wahrend Babet Gott dankte, dass die Sache noch so leidlich abgelaufen war.

Bei festlichen Mahlzeiten, wie diese, pflegt gewohnlich anfangs in der Gesellschaft eine allgemeine Stille einzutreten, und Sir Charles benutzte diese Zeit, um die ihm wirklich bestimmte Braut, die in aller der graziosen Schroffheit, deren sie, sobald sie es wollte, fahig war, an seiner Seite sass, mit der gleich einer jungen Rose bluhenden Babet zu vergleichen. Letztere hatte es kunstlich genug so einzurichten gewusst, dass sie ihm schrag gegenuber ihren Platz fand. Er konnte es sich zwar nicht verhehlen, dass diese neben Vicktorinens blendender Schonheit zu einem artigen Zofchen herabsank, aber sie gefiel ihm darum nicht minder. Ja, es wandelte ihn sogar eine Art von innerlichem Aerger daruber an, dass sie die Rechte nicht sey, besonders da seine Nachbarin alles, was er sagte, nur mit hoflicher, aber desto zuruckstossender Kalte aufnahm, wahrend jene nicht nur mit angestrengter Aufmerksamkeit jedes seiner Worte belauschte und mit der holdseeligsten Freundlichkeit belachelte, sondern es auch ubrigens an schmachtenden Blicken, bedeutendem Errothen und ahnlichen Zeichen der Theilnahme nicht fehlen liess.

Gegen die Mitte der Mahlzeit belebte sich das Gesprach und ward allgemeiner; zugleich begann auch Herr Kleeborn, sich queer uber den Tisch hin bei Sir Charles nach mehreren seiner alten Freunde in London zu erkundigen, und ihn uber ihr personliches Befinden und ihre hauslichen Zustande zu befragen. Doch er erhielt nur wenige und sehr unbefriedigende Antworten, zuletzt gar die mit vornehmer Kalte sehr lakonisch hingeworfene Versicherung, dass Sir Charles alle diese Herren zwar im Geschaftswege dem Namen nach kenne, aber keinesweges sonst noch mit einem von ihnen in personlicher Verbindung stehe.

Herr Kleeborn schwieg, sichtbar verstimmt, und auch Sir Charles blieb von nun an stumm und verschlossen, bis einer der anwesenden Fremden seiner schonen Pferde erwahnte, die dieser mit Bewunderung im Stalle gesehen hatte. Nun ward er mit einemmal nicht minder lebendig, als gestern sein treuer Wilkinson bei der nehmlichen Veranlassung es geworden war. Er unterhielt die ganze Tafel mit Erzahlungen von englischen Wettrennen und von den bei diesen, auf unglaubliche Weise gewonnenen oder verlornen, bedeutenden Summen. Dazwischen berief er sich immer auf Wilkinson, der nie ermangelte, der Geschichte noch irgend etwas zuzusetzen, um sie noch wunderbarer und merkwurdiger erscheinen zu lassen. Von den Pferden ging er zu den Festen und Assembleen der vornehmen Welt in London uber. Von diesen kam er auf die dortige italienische Oper, und den besondern Verdienst der beruhmtesten Sangerinnen und Tanzerinnen. Ein unaufhaltsamer Strom von Beredsamkeit floss von seinen Lippen, indem er seiner vertrautesten Freunde in London dabei erwahnte, lauter Lords, Counts und Viscounts. Kein einziger plebejer Name entschlupfte ihm, vor allem aber pries er die Herrlichkeiten von Brighton, und sprach mit wahrer Begeisterung von den Freuden, die er dort in der unmittelbaren Nahe des Prinz Regenten selbst wollte genossen haben.

Kleeborns Unmuth stieg sichtbarlich bei den Rodomontaden des jungen Mannes; man sah es ihm an, dass er auf irgend eine Weise ihm Luft machen musste, und ein eignes Gefuhl von Unbehaglichkeit bemachtigte sich dabei allmahlig der ganzen Gesellschaft. "Erlauben Sie mir eine Frage," fing er endlich an, "Sie sprechen immer, als waren Sie ein geborner Englander, und doch als der Sohn meines sehr verehrten Freundes, Jan Peter Wissmann in Amsterdam, sind Sie so viel ich weiss ein Hollander."

"Ei freilich, ist der alte Herr mein Papa," fiel Sir Charles halb lachend ihm ein, denn das viele Reden und der dazwischen reichlich genossne Burgunder schien ihn jetzt ungewohnlich belebt zu haben, "freilich ist der alte Herr mein Papa, den die halbe Welt als eine der bedeutendsten Figuren an der Amsterdamer Borse kennt. Deshalb aber habe ich dennoch die Ehre ein so achter Britte zu seyn als irgend einer, der innerhalb des Glockenschalles von Bowchurch geboren ward. Ich konnte sogar mit der Zeit Lordmajor von London werden, so gut als der Beste in der City, wenn es mir nur moglich ware, im Kohlendampfe dieses schmutzigen, schachernden Theils von London zu leben. Aber ich ziehe es vor, unter meines Gleichen im Westende der Stadt zu wohnen, obgleich ich freilich mein Comptoir in der Nahe der Borse haben muss. Ich scheue den weiten Weg nicht, wenn meine Gegenwart dort nothig ist. In ein paar Stunden lasst sich bekanntlich vieles abthun, und meine braven Pferde bringen mich so schnell hin und zuruck, dass ich oft schon wieder zu Hause bin, noch ehe es bei meinen eleganten Nachbaren Tag wird."

Des Alten Gesicht legte sich in immer ernstere Falten, so dass die Tante anfing, einen formlichen Ausbruch des in ihm aufsteigenden Gewitters zu befurchten, was ihrem feinen Gefuhl fur Schicklichkeit unertraglich gewesen ware, selbst wenn dadurch Vicktorine von Sir Charles Anspruchen auf immer hatte befreit werden konnen. Denn alles, was die feinste Grenze des Anstandes im mindesten verletzen konnte, war ihr durch lange Gewohnheit so widerwartig, dass sie sich oft wie von einem Fieber ergriffen fuhlte, sobald sie nur ahnete: es konne so etwas, selbst von ihr ubrigens vollig gleichgultigen Personen, in ihrem Beiseyn geschehen. Daher trat sie auch hier gleich ins Mittel, und um nur den alten Herrn nicht zum Wort kommen zu lassen, bat sie Sir Charles, ihr doch zu erklaren, wie man zugleich ein Englander und ein Hollander seyn konne?

"Das kann in der That niemand seyn, und ich bin es auch nicht," erwiederte Sir Charles, "denn wie gesagt, ich habe die Ehre einzig Grossbrittanien anzugehoren, und dieses verdanke ich meiner Mutter, die aber dennoch auch nur eine achte, in Rotterdam geborne Hollanderin war. Die gute Dame hatte aber die Gefalligkeit mich auf einem englischen Westindienfahrer das Licht der Welt zum erstenmal erblicken zu lassen; und sie wissen gewiss alle, dass ich dadurch so vollkommen nazionalisirt bin, als ware ich von englischen Eltern mitten in London geboren."

"Das war ja fur Sie ein ungemein gunstiger Zufall," erwiederte ein alter Herr aus der Gesellschaft, den Sir Charles wundersame Erscheinung hochlich zu amusiren schien.

"Freilich, freilich," erwiederte dieser, "aber es hat auch seine melancholische Seite, denn meine Mutter musste das Geschenk, das sie mir machte, mit dem eignen Leben bezahlen. Sie war eben auf der Ruckreise von Jamaika begriffen, wohin sie meinen Vater begleitet hatte, und diese war durch tausend ungunstige Zufalligkeiten beinah bis ins Unglaubliche verlangert worden. Seit sechs und zwanzig Jahren ruht sie nun unter Korallenfelsen im Grunde des atlantischen Meeres, und es war meinem Vater so schmerzlich, sie hinabsenken zu sehen, dass er mich in meiner Kindheit gar nicht um sich haben mochte und mich deshalb in England lies, als er nach Amsterdam zuruckkehrte." "Doch erlauben Sie mir, Madame," setzte Sir Charles, zur Tante gewendet hinzu, "erlauben Sie mir nach englischer Sitte ein Glas Champagner mit Ihnen zu trinken, um diese trubseligen Erinnerungen wieder hinunter zu spulen, die man bei der Tafel am wenigsten aufkommen lassen sollte."

Die Tante versicherte sehr kalt, sie tranke niemals Champagner, Sir Charles leerte seine Glas, und nahm, noch aufgeregter als zuvor, abermals das Wort. "Der sicherste Beweis, dass ich in meinem Vaterlande als achter Englander anerkannt werde," sprach er, "ist der, dass ich im vorigen Jahre in Brighton die Ehre hatte, die ritterliche Wurde zu empfangen, deren in Altengland kein Auslander fahig ist. And now, um mit Sir John Falstaff witzigen Andenkens zu reden, can make any Jane a Lady1, die ihre Hand mir reichen mag." Eine allgemeine Pause entstand jetzt, denn viele mochten schon das Verhaltniss ahnen, in welchem Sir Charles zu dem gastlichen Hause stand, das alle ehrten. Seine letzte Ungezogenheit, neben dem herzlosen Uebermuth, mit welchem er seiner verstorbenen Mutter erwahnt hatte, beruhrte Jedermann auf eine hochst unangenehme Weise, und diese allgemeine Verstimmung fuhrte bald darauf das Aufheben der Tafel herbei.

Nur ein einziges Paar hatte nichts von allem Vorgegangenen bemerkt, und dies war Agathe und der neben ihr sitzende uns schon bekannte Schwarze. Ihr selbst kam seine ganz unverhoffte Gegenwart so unglaublich vor, dass sie oft zu traumen furchtete. Sie hatte weder von seiner ebenfalls am gestrigen Abend erfolgten Ankunft, noch von der Visite, die er am Morgen dem Onkel abstattete, das Mindeste vernommen, und freute sich nur, ungemein vernunftig gewesen zu seyn, da sie ihn unter den Gasten ihres Oheims fand, denn sie hatte bei seinem Anblick nicht laut aufgeschrien.

Der junge Mann war indessen vom Lieutenant zum Rittmeister emporgestiegen und lag nun mit seiner Schwadron in einem nahen Stadtchen in Garnison. Er musste seiner jungen Nachbarin unendlich viel zu berichten haben, denn wahrend der ganzen Mahlzeit flusterte er unaufhorlich mit ihr, doch fuhrte er ganz allein nur das Wort, indem Agathe mit niedergeschlagenen Augen und gluhenden Wangen, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, nur eine aufmerksame Zuhorerin abgab. Zuweilen wagte sie es ganz heimlich und schuchtern, zur Tante hinuber zu sehen, wandte sich aber noch tiefer errothend gleich wieder ab, wenn sie dem klaren scharfsehenden Auge derselben auf halbem Wege begegnete.

Wahrend der Kaffee herumgereicht ward, wagte sie es aber endlich doch, sich in Annas Nahe zu drangen. "Ach Tante!" flusterte sie ihr zu, "ach Tante, was hab' ich Ihnen alles zu sagen!" "Wirklich?" erwiederte diese lachelnd, "und wenn ich dir nun sage, dass ich ohnehin schon alles weiss?" "Herr Gott! Sie haben's gehort, und folglich die andern alle auch!" rief Agathe gewaltig erschrocken. "Das habe ich wohl gedacht, das kommt von der Unbesonnenheit her." "Beruhige Dich, meine besonnene Agathe," erwiederte freundlich die Tante, und streichelte ihr die gluhende Wange, "beruhige Dich, denn ich horte mit den Augen, und die Kunst versteht nicht jedermann." Die Gesellschaft hatte sich zu spat versammelt, um nicht auch sehr spat wieder auseinander zu gehen, daher war fur diesen Abend unter den Mitgliedern der Kleebornschen Familie an keine vertrauliche Mittheilung uber alles Vorgegangene zu denken. Doch am folgenden Vormittage suchte der alte Kleeborn die Tante in ihrem eignen Zimmer auf, was seit dem Tage ihrer Ankunft nicht wieder der Fall gewesen war, und also auf Ungewohnliches deutete. "Fraulein Schwester," rief er noch in der Thure mit einem sehr heitern Gesicht ihr entgegen, "Fraulein Schwester, wenns Gluck gut ist, und Sie es so meynen wie ich, so haben wir zwei Braute im Hause, und konnen an einem Tage zwei Hochzeiten ausrichten. So eben hat der Rittmeister Horst um Agathen bei mir angehalten. Der junge Soldat geht rasch zu Werke wie Sie sehen, aber dabei auch rechtlich, nach der alten Art, wie sichs gehort, und das muss ich loben. Er hat nicht erst, wie ein gewisser Andrer, den ich nicht nennen mag, und von dem auch hoffentlich nie wieder die Rede seyn wird, mit dem Madchen hinter meinem Rucken einen Liebeshandel angesponnen, sondern geht gleich vor die rechte Thure. Ich liebe freilich das Militair eben nicht besonders, ich wurde auch Vicktorinen an keine Uniform weggeben, und steckte selbst ein General darin. Doch mit Agathen ist das ein Anderes, obgleich das Kind ein hubsches Vermogen besitzt."

Die Tante erwahnte Agathens grosse Jugend.

"Freilich ist das Madchen noch blut jung, kaum siebzehn Jahr alt, doch jung gefreit hat keinem gereut," erwiederte Kleeborn. "Auch ist der junge Horst nichts weniger als arm, er ist der Sohn eines wohlhabenden, mir wohl bekannten Kaufmanns in Stettin, und sein altester Bruder setzt die Handlung fort; so ware denn von dieser Seite die Parthie gar nicht ungleich. In seinem Stande kann er es auch noch einmal hoch genug bringen, denn dass er sich brav gehalten, beweist nicht nur sein eisernes Kreuz, sondern auch sein schnelles Avancement. Ich habe ihn also in Gottes Namen auf morgen fruh wiederbestellt, denn er muss den Abend wieder fort, und wenn Agathe ubrigens nicht abgeneigt ware, so dachte ich doch thue ich nichts ohne Ihren Rath, denn Sie sind eine ungemein kluge Dame, daher bitte ich Sie jetzt, mir diesen zu ertheilen, und mir zu sagen, was ich den jungen Menschen morgen antworten soll."

Die Tante fand dieses alles zwar ungemein ubereilt, um so mehr, da Agathens kunftiges Gluck ihr sehr am Herzen lag, denn sie hatte dieses naturliche, gutmuthige Wesen recht mutterlich lieb gewonnen, aber sie sah auch ein, wie wunschenswerth es sey, die Kleine sobald als moglich von Babets verlockender Gesellschaft und zugleich aus dem Hause des Oheims zu entfernen, wo sie ohne alle Aufsicht, mitten im Gerausche eines sehr glanzenden Lebens, tausend Gefahren ausgesetzt bleiben musste. Dem alten Herrn zu rathen, unternahm sie aber deshalb doch nicht; denn sie wusste wohl, dass er wie fast Alle, nur um Rath frug, um dennoch seiner eigenen Ansicht zu folgen; aber sie versprach, was er eigentlich nur von ihr gewollt hatte, nehmlich Agathens Herz zu erforschen. Doch verlangte sie noch zuvor eine Unterredung unter vier Augen mit dem jungen Horst, die Herr Kleeborn auch einzuleiten suchen wollte. Sie hoffte, in dieser doch den Mann etwas naher kennen zu lernen, an dessen Hand sie nicht ohne Bangen ein unverdorbenes liebes Kind dem Ernste des Lebens in so fruher Jugend entgegen gehen sehen konnte.

Kleeborn brachte das Gesprach jetzt auf den jungen Wissmann, und zu Annas Erstaunen schien seine gestrige Unzufriedenheit mit diesem uber Nacht vollig verschwunden zu seyn. "Freilich ist er nicht ganz so, wie ich es erwartete, und es ware mir auch recht lieb, wenn manches anders ware," sprach er. "Das furstliche Ansehen, das er sich zu geben sucht, gefallt mir eben so wenig, als sein ewiges Prahlen mit vornehmen Freunden. Wir sind denn doch auch was wir sind. Auch kann ich es nicht loben, dass er sich gewissermassen schamt, ein Kaufmann zu heissen, und der Aufwand, den er treibt, ist denn doch etwas zu auffallend. Aber er ist noch jung, und Verstand kommt nicht vor Jahren. Ich war auch einmal so ein Springinsfeld. Freilich trieb ich es nicht so arg, aber Sie wissen es selbst, Fraulein Schwester, vor dreissig Jahren waren auch andere Zeiten und andere Sitten, und wenn man Hausvater wird, so legen sich die stolzen Wellen gewohnlich von selbst."

"Ich mag es nicht verhehlen," erwiederte Anna, "der ungemessene Uebermuth des jungen Mannes hat mich tief emport. Obendrein scheint er mir vollig gemuthlos, und ich gebe es Ihnen recht ernstlich zu bedenken, ob Vicktorine an der Seite eines solchen Mannes je hoffen kann, ein frohes Leben zu fuhren, und ob sie je mit ihm die Unfalle wird heitern Muths ertragen konnen, die auch dem Glucklichsten drohen."

"Das giebt sich alles, Fraulein Schwester", fiel Kleeborn ein. "Was Sie von seinem Uebermuth erwahnen, gebe ich zu. Sie sehen, ich bin billig, was wahr ist, lasse ich gelten. Das ist aber Jugendart und vergeht, wenn man alter wird, besonders bei den Hollandern, denn ein solcher ist er doch, trotz seines englischen Ritterthums. In Holland fragt man sogar sprichwortlich von jedem jungen Manne: 'hat er geraset oder will er erst rasen?' Das wird dort wie die Kinderblattern angesehen, die auch ein jeder gehabt haben muss, und ein verstandiger Vater wahlt immer lieber Einen, der schon einige tolle Streiche gemacht hat, als Einen, der von Jugend auf still und vernunftig war; denn bei letzterem steht zu befurchten, dass der Paroxismus in der Ehe nachkommen konnte. Wissmann ist jetzt mitten in demselben begriffen, wir wollen das abwarten. Ich will darum auch auf keine Weise die Erklarung zwischen ihm und Vicktorinen zu beschleunigen suchen; mag er sich erst die Horner noch ein wenig ablaufen. Sie bleiben einander doch gewiss, das lasst sich nicht andern, denn die Parthie ist fur beide zu vortheilhaft, und wir Vater gaben einander unser Wort darauf, das noch keiner von uns jemals gebrochen hat."

In diesem Augenblick trat Vicktorine ins Zimmer, und ihr Vater wandte sich sogleich an sie. "Hore, Vicktorinchen," sprach er, "thue mir den Gefallen und lass das Gesichterschneiden, es hilft Dir zu nichts, und Du weisst, ich kann es nicht leiden. Du thust am besten, wenn Du Dich mit guter Art in Dinge fugst, die sich nicht abandern lassen. Ich frage nicht einmal, ob Wissmann Dir gefallt? aber ich rathe Dir freundschaftlich, ihn Dir gefallen zu lassen, denn er wird Dein Mann, das ist nun einmal gewiss. Wir Vater werden unser Wort nicht brechen, weil unsere Kinder beide, jedes auf seine Weise, vor der Hand noch ein Paar Narren sind, die nicht wissen, was sie wollen." "Lieber Vater," sing Vicktorine bittend an; doch dieser liess sie nicht weiter reden.

"Hilft nichts! hilft nichts!" rief er, "was seyn muss, muss seyn, und Du bist deshalb doch Wissmanns Braut. Indessen braucht das vor der Hand noch Niemand zu wissen als wir. Daher verlange ich einstweilen auch nur, dass Du es bloss im Herzen seyn sollst, ohne den aussern Schein davon anzunehmen, der kommt zeitig genug. Fur jetzt betrage Dich nur freundlich und anstandig gegen Deinen Brautigam, das kommt Dir hernach in der Ehe zu gut. Uebrigens warte alles in Gelassenheit ab, gieb Dir weder durch zu grosse Freundschaft, noch auf andere Weise das Ansehen, als ob Du Dir von ihm eine Erklarung vermuthetest, denn das schickt sich nicht fur eine Tochter von mir. Die Erklarung wird nicht ausbleiben, das versichre ich Dir. Nun, bis auf einen Punkt, der hoffentlich jetzt auf ewig vergessen seyn soll, bin ich ja immer mit Dir zufrieden gewesen, Du hast Dich ja stets so betragen, dass ich Ehre und Freude davon hatte, Du wirst auch jetzt Deinen alten Vater nicht kranken wollen; ich habe ja sonst nichts in der Welt, das mir recht am Herzen lage als Dich. Glaube mir, mein Kind, ich bin nur auf Dein Gluck bedacht und Du wirst es mir gewiss noch einmal danken, wenn Du dies jetzt auch noch nicht einsiehst. Die Jugend ist blind, aber wir Alten sind dafur da, um sie zum Besten zu leiten. Und nicht wahr, Du wirst nicht ferner widerstreben? Meine gute dankbare Vicktorine wird mir auf meine alten Tage dafur Freude machen wollen, dass ich in meinen jungen Tagen stets nur fur sie arbeitete und sorgte?" Der plotzlich ganz ungewohnlich weich gewordne Alte streichelte bei diesen Worten Vicktorinens erbleichende Wange, und verliess dann in sichtbarer Bewegung das Zimmer, wahrend Vicktorine in Thranen ausbrach.

"Tante!" rief sie, "gutige liebe Tante, dieses ist harter als alles! Ich kann, ich kann in der Treue nie wanken noch weichen, aber wie soll ich fest bleiben, wenn mein Vater so zu mir spricht! Wohin ich auch blicken mag, ich sehe nur meinen Untergang."

"Raimund erliegt vielleicht in diesem Augenblick dem Kampf mit dem wilden Elemente, auf dem er schwebt, um einem Lande entgegen zu eilen, in welchem der Tod, in Blumenduft verhullt, ihn erwartet! einem Lande, wo Tausende vor ihm schon beim ersten Schritte Vernichtung einathmeten! Doch bewahrt ihn auch sein Engel mitten in allen Gefahren und fuhrt ihn sicher in die Heimath zuruck, mich findet er nicht mehr, dies sagt mir ein Gefuhl, dem ich umsonst zu widerstreben versuche."

"Vicktorine, wie bist Du plotzlich so muthlos, und gerade jetzt, wo alles sich vereint, um Deinem Hoffen neues Leben zu gewahren?" sprach Tante Anna.

"Ach liebe, liebe Tante," erwiederte Vicktorine, "meine Kraft ist erschopft, und mir ware wahrlich am besten, wenn ich zur Ruhe ging, wo aller Kampf ein Ende hat. So lange mein Vater mich hart und streng seinem Willen beugen wollte, so lange hatte ich den Muth, ihm zu widerstehen und der Stimme meines Herzens zu folgen, die hier laut uber Recht und Unrecht entscheidet. Und warlich, seit ich den herzlosen, kindisch eitlen, eingebildeten Thoren sah, dem ich bestimmt bin, seitdem fuhle ich noch tiefer als zuvor, dass ich sogar um meines Vaters willen hier nicht nachgeben darf; ich durfte es nicht, selbst wenn ich Raimund nie zuvor erblickt hatte, denn mein Vater musste ja seine grauen Haare in Kummer und Reue dereinst zu Grabe tragen, wenn er spaterhin das unausbleibliche Elend mit ansah', das er jetzt, freilich in der besten Absicht, seinem Kinde an der Seite dieses Mannes bereiten mochte. Tante, ich flehe Sie an, reizen Sie den Vater wieder zum Zorne gegen mich auf, so entsetzlich mir dieser auch einst erschien, er allein hat mich aufrecht erhalten, das fuhle ich jetzt. Dem gutigen, dem bittenden Vater kann ich nur mit verschlossener, auf ewig verstummter Lippe widerstreben."

Anna fuhlte unaussprechliches Mitleid fur die arme Vicktorine, deren gegenwartige Stimmung ihr bei diesem Charakter sehr begreiflich war. Sie wandte alles an, um die Klagende wieder zu beruhigen. "Glaube mir," sprach sie, "Dein Zustand ist nicht halb so hoffnungslos, als er es in Deiner jezzigen truben Stimmung Dir erscheint. Halte Dich nur aufrecht, und erschopfe nicht Deine Kraft in nutzloser Klage und ungestumer Heftigkeit. Der letzte Befehl Deines Vaters stellt es Dir ja frei, die zu erwartende Erklarung des Dir bestimmten Brautigams durch kluges Benehmen so lange als moglich zu verzogern, denn Dein Vater selbst wunscht nicht sie fur jetzt zu beschleunigen. Du kannst es, ohne dabei im mindesten den aussern Anstand gegen Sir Charles zu verletzen, wenn Du nur klug und vorsichtig zu Werke gehst, und ich wette, dass der Eigendunkel des wunderlichen Menschen Dir die Rolle, die Du zu spielen hast, noch obendrein sehr erleichtern wird. Mich hat lange nichts so herzlich gefreut als seine abgeschmackte Erscheinung, die so ganz das Widerspiel von dem ist, was Dein Vater erwartete. Ich will Dein Hoffen von der Zukunft nicht zu hoch steigern, ich will fur jetzt Dich nur darauf aufmerksam machen, dass Du Zeit gewonnen hast, und dass es nur von Dir abhangen wird, diese mit Verstand zu benutzen. Lass Dich von ihrem Strome treiben, mein Kind, er fuhrt Dich sicher zum Hafen."

"Zum Hafen! zum Hafen der ewigen Ruhe!" rief Vicktorine mit uberstromenden Augen.

"Dort landen wir einst Alle!" erwiederte die Tante und trocknete ihr liebkosend die Thranen ab. "Dort landen wir einst Alle, aber bis dahin, meine Vicktorine, sollen wir dem Beispiele des erfahrnen Schiffers folgen, der beim Wuthen des Sturmes nicht klagend den tobenden Abgrund anstarrt, der ihn zu verschlingen droht, sondern mit frommem Muth und weiser Thatigkeit sich an das Steuerruder stellt, jeden gunstigen Umstand mit Klugheit benutzt, um sich durch Klippen und Brandung zu winden, und so zuletzt dennoch die Fahrt glucklich beendet. Darum bitte ich Dich, meine Vicktorine, gruble nicht uber das, was Du dein Ungluck nennst, wende lieber den Blick davon ab, denn es wachst vor unsern Augen beangstigend zur Riesengestalt an, je langer wir es betrachten."

"Ich weiss es wohl," setzte die Tante lachelnd hinzu, als Vicktorine durch ihr mildes Zureden wieder ruhiger ward, "ich weiss es wohl, so lange wir jung sind, lieben wir alle den Schmerz und geben uns gern mit einer Art von Wollust ihm hin. Aber das sollten wir nicht, denn er gewinnt dadurch die Macht, seine jede Lebenskraft lahmende Gewalt an uns zu uben. Ihr aber, weit davon entfernt, ihm widerstehen zu wollen, Ihr habt ja nicht einmal an der grossen oder kleinen Plage genug, die ohnehin jeder Tag mit sich bringt, sondern Ihr bewahrt Euch sogar das Andenken alter verjahrter Schmerzen haushalterisch auf, um es zu bestimmten Zeiten wieder hervorzuholen, und Euch an solch' ein marinirtes Ungluck zu halten, wenn eben kein frisches vorhanden ist."

Der wunderliche Vergleich zwang Vicktorinen, ohnerachtet ihrer nassen Augen, ein Lacheln ab, doch wandte sie nichts dagegen ein, und die Tante fuhr fort zu reden. "Wenn wir alter werden," sprach sie, "geben wir gewohnlich dieses gefahrliche Spiel mit unserm innern Frieden von selbst auf. Darum aber sind wir Alten auch heut zu Tage gewohnlich weit heiterer als unsere jungen Tochter. Wir ertragen Schmerz und Verlust mit einer ruhigen Ergebung, welche die Jugend sich gewohnt hat als eine durch die Jahre herbeigefuhrte Stumpfheit des Gefuhles zu verschmahen. Doch auch hierin pflegt sie oft zu irren. Was Ihr an uns Gefuhllosigkeit scheltet, ist meistens die Frucht gereifter Erfahrung. Diese lehrt uns glauben und hoffen, dass wir alle nur verlieren, um Hoheres zu gewinnen, und dass jedes, auch das bitterste Scheiden, auf Wiederfinden deutet, sey es nun hier oder dort." Vicktorine und die Tante wurden bald darauf in das Wohnzimmer abgerufen, wo Sir Charles den Damen einen Morgenbesuch abzustatten wunschte; und so wenig sie auch in diesem Augenblicke zur Frohlichkeit gestimmt seyn mochten, so konnten sie sich dennoch kaum enthalten, laut auf zu lachen, als sie die wunderliche Gruppe erblickten, die sie dort vorfanden.

Mit einem vollig nichtssagenden Gesicht, wie zwischen Schlafen und Wachen, sass, oder lag vielmehr Sir Charles in einem Armstuhle nachlassig hingestreckt; neben ihm aufrecht sitzend sein grosser Hund, dem er mit der rechten Hand die Ohren kraute, und auf seiner linken Schulter sass Koko, der Affe. Dazu hatte er einen hellblauen leinenen Kittel an, zwar von etwas feinerem Stoffe, doch ubrigens ganz so, wie ihn die franzosischen Bauern oder auch die brabanter Fuhrleute tragen. Damals versuchten erst wenige tonangebende Elegants in Paris diese Mode als Morgennegligee der Herren aufzubringen, aber bis nach Deutschland war sie bis dahin noch nicht durchgedrungen, und musste daher doppelt auffallend erscheinen. Domingo, der Negerknabe, stand auf das Schonste geputzt in einem feuerfarbnen Gewande, das mit seinem schwarzen Gesicht den seltsamsten Kontrast bildete, in ehrerbietigster Stellung an der Thure, und hielt eine lange Kette von fein polirtem glanzenden Stahl, deren anderes Ende an Kokos Halsband befestigt war.

Dicht vor Sir Charles stand Babet und reichte mit gezierter Aengstlichkeit dem Affen einzelne in Papier gewickelte Bonbons, die dieser unter tausend Grimassen verzehrte, und jedesmal der Geberin, zum Dank dafur, das Papier an den Kopf warf, woruber diese, laut kichernd, sich halb tod lachen zu mussen versicherte. Sir Charles sah dem kindischen Spiel mit ungemeiner Leutseligkeit gelassen zu, doch nicht so Herr Kleeborn. Dieser stand mit dem Rucken an das Fenster gelehnt und blickte mit einem sehr finstern Gesicht, auf welchem Arger und Hoflichkeit sichtbar miteinander im Kampfe lagen, auf das seltsame Trio, wahrend die neben ihm sitzende Agathe, ganz verschuchtert und kleinlaut, es kaum wagen mochte, die Augen von ihrer Arbeit aufzuschlagen. Man sah deutlich, sie hatte etwas auf dem Herzen, das sie verhinderte, Babets und Kokos lustigem Treiben die Theilnahme zu schenken, die sie in einer andern Stimmung gewiss nicht ermangelt hatte, dabei zu bezeigen.

"Verzeihung," sprach Sir Charles, indem er die Tante und Vicktorinen hereintreten sah, und sich langsam von seinem Armstuhl erhob, "Verzeihung meine Damen, dass ich es wagte diese meine Reisegefahrten hier einzufuhren, aber Fraulein Babet ausserte gestern den lebhaften Wunsch, deren nahere Bekanntschaft zu machen." "Ach und Koko ist so allerliebst!" rief Babet dazwischen, und versuchte es, den noch immer auf der Schulter seines Herrn sitzenden Affen zu streicheln. Doch dieser war eben nicht aufgelegt, Spass zu verstehen, er wies ihr Nagel und Zahne, und stiess dabei ein so unangenehmes gellendes Geschrei aus, dass Babet sehr erschrocken zuruckfuhr.

"Fi-donc, Koko," lallte lachelnd Sir Charles mit grosser Gelassenheit. "Domingo, bringe den unartigen Kleinen nach Hause." Doch der Kleine hatte noch keine Lust hiezu, er biss um sich, zerraufte seinem Herrn die Haare und sprang zuletzt auf Kleeborn los, so schnell, dass Domingo kaum Zeit gewann, ihn von diesem abzuhalten, indem er die Kette kurzer fasste. Der arme Neger hatte wirklich viel Muhe, sich des aufgebrachten Thieres zu bemachtigen, und musste es sich gefallen lassen, tuchtig zerkratzt zu werden, wahrend er es in einem sehr zierlichen Pelzmantel von blauem Sammet einwickelte, um es darin uber die Strasse zu tragen. Der grosse Hund folgte auf Sir Charles Wink ihm von selbst aus dem Zimmer, und dieser sank nun, als ware er von der kleinen Anstrengung hochst ermudet, in seine vorige bequeme Stellung zuruck. "Solche wilde Bestien!" rief jetzt Herr Kleeborn, sehr erfreut, dem so lange muhsam verhaltenen Aerger endlich Luft machen zu konnen, "solche wilde Bestien! den Hals sollte man ihnen umdrehen. Was fur Freude kann man davon haben, sie um sich zu dulden! Hunde lass ich allenfalls noch gelten, Pferde auch, denn die sind doch nutzlich, aber wilde Thiere aus den afrikanischen Waldern"

"Ach, die Welt ist so zahm!" fiel Sir Charles ihm sehr gelassen ein; "das Leben ist so einschlafernd!" setzte er mit gedehntem, halb gahnenden Tone hinzu, "wahrhaftig, ohne meinen kleinen Freund aus den afrikanischen Waldern, wie Sie ihn nennen, wusste ich kaum, wie ich es ertragen sollte. Was man sieht, was man hort, was man geniesst, hat man schon so viele Tausendmal gehort, gesehen und genossen! Koko ist noch der Einzige unter allen meinen Bekannten, der mich zuweilen durch seine Genialitat uberrascht; denn er thut gewohnlich, was ich nicht will, oder wenigstens doch nicht von ihm erwarte. Mungo, mein Hund, ist schon ein halber Mensch und daher viel langweiliger; er ist ehrlich, niedertrachtig, und nach seiner Art auch hoflich; ich dulde ihn nur wegen seiner Anhanglichkeit und weil ich mich nicht damit bemuhen mag, ihn wegzugeben. Ich wollte, er wurde mir einmal gestohlen, aber er kame doch wieder."

Die Tante sah deutlich, wie Kleeborn durch dieses Geschwatz immer verdrusslicher gemacht wurde, und um dem Gesprach eine andere Wendung zu geben, suchte sie es auf des jungen Mannes Reisen, besonders in Frankreich und Italien zu leiten. Dieser, von ihr dazu aufgemuntert, begann jetzt zu erzahlen, und zwar nicht ohne Geist, aber er gahnte dabei oft durch die Nase, machte lange Pausen, verlor den Faden, so dass er nicht mehr wusste, wovon er zuletzt gesprochen hatte und betrug sich vollkommen wie einer, der nur spricht, um nicht vollends einzuschlafen. Alles Sehenswerthe, alles bedeutend Merkwurdige hatte er in den Landern gesehen, die er durchreist war. Nichts war ihm entgangen, aber auch nichts hatte seine Erwartung befriedigt, am wenigsten das, was alle andere Reisende mit Bewunderung erfullte. Dabei sprach er viel von antiken und anderen Kunstwerken, die er in Italien an sich gekauft hatte; vieles, das den Transport nicht gar zu sehr erschwerte, versicherte er mit sich zu fuhren, und erbat sich zugleich die Erlaubniss, es den Damen gelegentlich zeigen zu durfen.

"Es wird mir einigermassen selbst lieb seyn, alle diese Dinge einmal wieder zu sehen, denn seit ich sie acquirirte, habe ich mich nicht wieder darum bekummert," sprach er; "mein Secretair hat sie unter seiner Aufsicht. Mich interessirten sie nur, so lange ich sie nicht besass, wegen der Freude, sie andern wegkaufen zu konnen, die ebenfalls nach ihrem Besitze strebten. Ich betrachte das wie eine Art von Entschadigung fur die Freuden der Jagd, die ich in jenem Lande entbehren musste und die langnasigen romischen Cicerones kamen mir dabei wie treffliche Spurhunde vor. Ubrigens mogen diese Herren mich wohl mitunter ziemlich ruchlos betrogen haben, aber ich scheute die Muhe dieses zu merken, und liess sie lieber machen was sie wollten. Im Grunde ist es doch ein thorigtes Beginnen, sein schones Geld fur altes rostiges Eisenwerk und zerbrochenen Marmor wegzugeben, doch was thut man nicht aus Langeweile! und die athmet man in Italien, besonders in Rom, mit der Luft ein."

Das Gesprach wandte sich zufalligerweise auf Manufakturen und ihre Erzeugnisse. Sir Charles gab auch hier, wie uberall, seinem angeblichen Vaterlande, England, den Vorzug, aber er wusste doch auch uber manches von dieser Art, was er in andern Landern gesehen, ziemlich bestimmte Auskunft zu geben und beantwortete einige Fragen des alten Kleeborn zu dessen grosser Zufriedenheit, so dass dieser allmahlig wieder vollig mit ihm ausgesohnt schien, und die afrikanischen Thiere daruber vergass. Unter andern ruhmte er die Korallenschleiferei in Marseille, und zog dabei ein Schmuckkastchen unter seinem Kittel hervor, welches er als Beweis der hohen Vollkommenheit ihrer Produkte Vicktorinen uberreichte, die bis jetzt an dem Gesprach nur schweigenden Antheil genommen hatte. Es enthielt einen sehr vollstandigen Damenschmuck von ausgesucht schonen geschliffenen Korallen, dessen grosster Werth aber in der ausserordentlich eleganten Fassung derselben bestand.

Vicktorine und die Tante betrachteten und lobten den schimmernden Putz mehr aus Hoflichkeit, als aus wirklichem Wohlgefallen daran, doch Babet, die sich gleich sehr geschaftig herbeidrangte, wurde nicht mude, jedes einzelne Stuck desselben uberlaut bis in die Wolken zu erheben. "Der herrliche Kamm!" rief sie, "ach und das ganz einzige allerliebste JeannettenKreuz! und nun vollends die kostlichen Ohrringe! Nein, daruber geht doch nichts in der Welt!" Sie trieb dieses so lange und so laut, bis Vicktorine sich ihrer schamte und alles wieder in das Kastchen hineinpackte.

Sir Charles ergriff gerade diesen Moment, um auf

zustehen und Vicktorine, da sie ihn im Begriffe sah sich fortzubewegen, bat ihn, seinen Schmuck nicht zu vergessen. "Meinen Schmuck?" fragte er mit dem unbefangensten Gesichte von der Welt, und da sie ihm das jetzt wieder geordnete Kastchen hinreichte, ging er so weit, zu behaupten, es sey nicht das seine, sondern Vicktorinens.

"Nun, in der That," erwiederte Vicktorine mit

etwas spottischem Lacheln, "Sie sind fur einen so jungen Herrn entweder sehr zerstreut, oder Sie verstehen die schwere Kunst aus dem Grunde, mit einem sehr ernsthaftem Gesicht zu scherzen, indem Sie sich stellen, als ob Sie Ihr Eigenthum nicht anerkennen wollten."

"Ich versichre Sie mein Fraulein " fing Sir Char

les an, doch Vicktorine unterbrach ihn.

"Ich bitte," sprach sie sehr stolz, sehr ernst, aber

zugleich auch sehr hoflich, "ich bitte Sie, geben Sie sich nicht weiter Muhe, das kleine Versehen zu entschuldigen; ich bin ohnehin vollkommen uberzeugt, dass Sie nur zerstreut waren, denn es kann mir doch unmoglich in den Sinn kommen, dass Sie fahig waren, in diesem Hause, auf diese Art Scherz treiben zu wollen, und noch weniger, dass es Ihnen einfallen konnte, einem Madchen wie ich bin, ein Geschenk anzubieten."

Sir Charles nahm jetzt anscheinend gleichgultig sein Kastchen zuruck, doch innerlich kochte der Zorn, den Vicktorinens stolzes Benehmen in ihm aufregte.

"Vater, ich berufe mich auf Sie selbst, konnte ich anders? ich, Ihre Tochter?" sprach Vicktorine, sobald Sir Charles zur Thure hinaus war, und ehe noch Kleeborn das zornige Wort aussprechen konnte, das auf seinen Lippen schwebte.

Der Alte mochte auf diese Frage nicht gefasst seyn, die ihn an die Verhaltungsregeln erinnerte, welche er selbst Vicktorinen eben gegeben, und wusste daher nicht gleich, was er ihr antworten solle; er schuttelte daher nur den Kopf und begab sich fort, ohne eine Silbe zu erwiedern; aber zufrieden war er weder mit Vicktorinen, noch mit Sir Charles. Sir Charles lief indessen, gleich einem Wuthenden, in seinem eignen Zimmer auf und ab, und zwar weit schneller, als man es ihm zutrauen konnte, wenn man ihm nur im gewohnlichen Leben sah. "Die stolze Thorin!" rief er aus, "geberdet sie sich nicht, als ware sie Konigin von Spanien, und es thate Noth, dass man auf den Knien zu ihr heranrutschte? Ware sie nur nicht Kleeborns Tochter!" Der Kammerdiener Marcellin, sein Vertrauter, versuchte es zwar, seinen Herrn zu besanftigen, doch lange umsonst. Endlich gab er ihm zu bedenken, ob es denn zur Abwechselung so ubel ware, auch einmal eine Sprode zur Vernunft zu bringen, besonders wenn man sie zu heurathen denke, und Sir Charles, der indessen ausgetobt hatte, fing an, seinen Grunden Gehor zu geben.

"Freilich," erwiederte er, "es liegt etwas pikantes in ihrem Benehmen und uberdem ist sie wunderschon, und der Hochmuth steht ihr nicht ubel, das muss ich ihr lassen. Nun, wir wollen unser Heil versuchen, es ware schade, wenn die Weisheit unsrer Papas bei dieser Gelegenheit zur Thorheit wurde; die alten Knaben haben diesmal zu klug speculirt. Es sey! Diese Donna Diana verlangt einen Don Cesar, wie ich merke. Va! sie soll ihn in mir finden. Wir wollen sehen, ob das Trotzkopfchen sich nicht bandigen lasst."

Um diesen Plan sogleich zur Ausfuhrung zu bringen, ging er noch am namlichen Abende um die Theezeit in das Kleebornsche Haus hinuber und betrug sich gegen Vicktorinen und gegen Alle, als ware gar nichts vorgefallen, das ihm unangenehm beruhrt hatte. Er war sogar ungewohnlich aufmerksam und gesprachig, besonders gegen Babet, und suchte auf eine recht angenehme Art zur Unterhaltung des zahlreichen Kreises junger Madchen beizutragen, welche als Babets und Agathens Freundinnen sich dort versammelt hatten, eigentlich wohl nur, um den Fremden zu sehen, dessen seltsames Wesen schon anfing, Aufsehen zu erregen.

Der Abend neigte sich bereits zum Ende, als Sir Charles noch eine neue Art von Lottospiel in Vorschlag brachte, welchem die Tante sich nicht wohl entgegensetzen konnte, indem alle Ubrigen, ausser Vicktorinen, ihm mit lauter Freude ihren Beifall schenkten. Um nicht wunderlich zu erscheinen, musste sie es daher geschehen lassen, dass Domingo einen grossen Korb voll jener unbedeutenden, bunt bemalten Spielereien herbeibrachte, die jedermann unter dem Namen von Attrappen kennt, welche bei Weihnachtsoder Geburtstags-Geschenken sehr oft zur Verhullung irgend einer artigen Kleinigkeit dienen mussen.

Das Spiel ging vor sich, Sir Charles wusste es mit grosser Feinheit zu leiten, und benahm sich sehr artig dabei; am Ende hatte jede der Anwesenden ein Korbchen, eine Frucht, ein Vogelnest, oder eine ahnliche, aus Pappe gebildete zierliche Kleinigkeit gewonnen, deren Inhalt warscheinlich bedeutender war, als ihre Aussenseite. Doch da die Tante und Vicktorine ihren Gewinnst weglegten, ohne ihn naher zu untersuchen, so folgten auch die Uebrigen diesem Beispiel, weil sie meynten, es schickte sich nicht anders. Nur Babet konnte ihre Neubegier nicht zahmen, und versuchte es, den grossen Ananas, der ihr zu Theil worden war, ein klein wenig zu offnen, ein fast unsichtbarer Wink von Seiten des Sir Charles, der ihr bei ihrer steten Aufmerksamkeit auf diesen nicht entgehen konnte, bewog sie indessen, sogleich wieder davon abzustehen.

Der ganze Korallenschmuck nebst einer betrachtlichen Anzahl ahnlicher zum Theil kostbarer Kleinigkeiten war auf diese Weise ganz unmerklich in der Gesellschaft vertheilt worden; nur Vicktorine fand das Kastchen so sie gewonnen mit Bonbons gefullt, was sie als einen Vorzug betrachtete, obgleich Sir Charles sie dadurch zu kranken gemeint hatte; der Tante aber war eine kleine, von einem italienischen Kunstler sehr brav in Wasserfarben gemalte Ansicht des Vesuvs zugetheilt, mit der sie ebenfalls vollkommen zufrieden war, und dabei bemerkte, dass Sir Charles es sehr wohl verstande, die Linie des Schicklichen nicht zu verletzen, sobald er sich nur die Muhe geben wollte, sie zu berucksichtigen.

Doch nichts glich Babets sturmischem Entzucken, als sie Abends in ihrem Zimmer nicht nur den Kamm, sondern auch die Ohrringe und sogar auch das Kreuzchen, die sie am Morgen so sehnsuchtig betrachtet hatte, in ihrer Ananas fand. Sie schrie vor Freuden laut auf, und hohlte dann sogleich alle Lichter herbei, deren sie habhaft werden konnte, um sich im Spiegel, mit diesen Herrlichkeiten geschmuckt, von allen Seiten und nach allen Richtungen hin zu bewundern. Sie erzahlte dabei so ausfuhrlich und mit so grossem Triumph, wie geschickt Sir Charles es angefangen habe, um ihr absichtlich diesen gewiss grossten Gewinnst in die Hande zu spielen, dass Agathe sie zuletzt bitten musste, doch endlich einmal davon aufzuhoren.

"Ich habe ganz andere wichtigere Dinge zu uberlegen," seufzte die Kleine, und stutzte dabei sehr nachdenklich das sorgenschwere Lockenkopfchen auf die runde weisse Hand; "ich mag nicht einmal nachsehen was in dem Spargelbunde steckt, das ich gewonnen habe, da liegt es noch unberuhrt, denn ach! Babet, denke Dir um Gotteswillen, morgen um diese Zeit soll ich schon eine Braut seyn!"

"Du?" fragte Babet voller Erstaunen, "Du schlafst wohl schon und sprichst halb im Traum?"

"Ach nein, bewahre," erwiederte Agathe, "ich denke nicht an Schlafen. Stell' Dir nur vor, Horst hat heute fruh beim Onkel ordentlich um mich angehalten, er hat es mir gestern uber Tische schon gesagt, dass er es wollte, und er hat auch dem Onkel recht wohl gefallen. Hernach ist er wohl anderthalb Stunden lang mit der Tante allein in ihrem Zimmer geblieben, und er hat auch ihr recht wohl gefallen, besonders, sagt sie, wegen seines ehrlichen und aufrichtigen Wesens, und weil er mich so lieb hat. Nun und hernach hat die Tante auch mich ins Verhor genommen, und dabei ging es scharf her, das kannst Du nur glauben, nun und hernach ach Gott!" rief sie halbweinend, "und hernach soll ich morgen fruh das Jawort geben; der Onkel will es nicht anders, und der Schwarze will auch nicht langer warten, und ich habe noch in meinem Leben keinen Menschen ein Jawort gegeben, und ich weiss gar nicht wie ich das anfangen werde. Ach ware morgen doch erst voruber; ich angstige mich so, Du kannst es gar nicht glauben!"

"Hore," erwiederte Babet mit einem sehr altklugen Gesicht, "ware ich wie Du, und furchtete ich mich so, ich gabe das Jawort nicht und liesse ihn ohne solches abziehen. Solch' eine formliche Heurathsgeschichte konnte mir nun gar nicht gefallen. Das ist ja wie, als der Grossvater die Grossmutter nahm. Es ist viel hubscher, wenn die Leute sagen, die ist noch so jung, und hat doch schon einem Rittmeister den Korb gegeben, denn bekannt muss so etwas doch werden "

"Das ware doch recht schlecht von mir," fiel Agathe ein, "und ich musste mich doch schamen, wenn ich ihn dafur, dass er mich lieb hat, ins Gerede bringen wollte. Und dann, Du weist es ja, mir hat der Schwarze schon lange viel besser als alle Andere gefallen. Wenn ich nur das Jawort nicht geben musste! Nun, der liebe Gott wird mir helfen, und der Mensch kann viel uberstehen."

"Meinetwegen thu' was Du willst," erwiederte jetzt Babet, etwas pikirt, "und denke nur nicht etwa, dass ich mich argre, weil Du eher Braut wirst als ich, obgleich ich dreizehn und einen halben Monat alter bin als Du. Gluck zu, Frau Rittmeisterin, ich denke hoher hinaus, und wer weiss, ob ich Dich dennoch nicht einhole. Man kann zwar nicht im Voraus so genau bestimmen, wie alle Dinge kommen werden, aber ich weiss was ich weiss, und gieb nur Acht, es wird sich noch alles ganz anders machen, als die Leute es sich jetzt denken." Dem mit altreichsstadtischer Formlichkeit in Gegenwart des Onkels und der Tante ausgesprochnen Jawort, mit welchem am folgenden Morgen Agathe unter gewaltigem Herzklopfen den Rittmeister begluckte, folgte bald die feierliche Verlobung des jungen Paares, und Agathe ward die allerreizendste kleine Braut, die man sich denken kann. Anfangs war sie freilich noch sehr schuchtern und angstlich, sie kam sogar ganz von selbst auf den Gedanken, dass sie den Mann doch eigentlich sehr wenig kenne, mit dem sie ihr ganzes Leben hindurch Freude und Leid theilen wollte. Doch Horsts treue herzliche Liebe gab ihr bald die jugendliche Frohlichkeit wieder, die ihr zuerst das Herz des junges Kriegers gewonnen hatte. Der ihr angeborne Muthwille kam wieder auf, und sie verstand es in kurzer Zeit vortrefflich, ihren Rittmeister, der sich dies mit tausend Freuden gefallen liess, auf gut militarisch zu kommandiren. Nebenher trieb sie den ganzen Tag uber ihre gewohnten Kinderpossen, obgleich sie auch wieder dazwischen die zahlreichen Gratulationsvisiten von Freunden und Verwandten mit unendlicher Gravitat anzunehmen wusste. Das ganze Kleebornsche Haus erhielt durch sie einen Anstrich von heiterer Frohlichkeit, die sonst nicht immer darin einheimisch gewesen war, aber die Nahe einer jungen glucklichen Braut besitzt eine eigne, alles belebende Kraft, und selbst die Aeltesten fuhlen sich in ihr gleichsam verjungt; sie gleicht dem Fruhlinge, bei dessen ersten Erscheinen sogar die alte halb abgestorbne Eiche mit jugendlichem Grun sich kleidet und sich ihren Sprosslingen gleichstellt.

Von nun an wandte die Tante alle Liebe und Sorge, deren sie in so hohem Grade fahig war, der jungen Braut in verdoppeltem Maasse zu, indem sie in dieser bei tausend Anlassen, welche ihr neues Verhaltniss herbeifuhrte, ein hochst gluckliches Naturell entdeckte, das nur geringer Nachhulfe und einer Leitung bedurfte, um sich schnell recht erfreulich zu entwickeln. Horst war in seinen Anforderungen an die kunftige Gefahrtin seines Lebens sehr massig; er selbst machte bei einem gesunden hellen Verstande dennoch nur wenig Anspruche an hohere geistige Bildung, und forderte deshalb auch nichts weiter von seiner jungen Braut, als ein treues liebendes Gemuth, heitern Sinn und nie wankendes Vertrauen. Dieses alles fand er in ihr, er war der Mann dazu, es sich zu erhalten, und so schien denn die gluckliche Zukunft des neuverlobten Paares sich mit jedem, Tage fester zu stellen.

In dem alten Kleeborn war indessen die Lust an dem ehemaligen Glanz seines gastfreien Hauses von neuem erwacht, und die weiten Sale desselben mussten von neuem fast taglich von rauschenden Festen widerhallen, denen das junge Brautpaar zum Vorwande diente, obgleich es dabei eigentlich darauf abgesehen war, Vicktorinen und Sir Charles einander naher zu bringen.

Horsts einfacher Sinn hatte ihn dem allen zwar gern aus dem Wege gefuhrt, doch da man ihn jetzt schon als einen nahen Verwandten betrachten konnte, so entdeckte ihm Herr Kleeborn das Verhaltniss, in welchem seiner Meynung nach jene Beiden zu einander standen, und er war dafur gefallig genug, sich einstweilen eine Lebensweise gefallen zu lassen, die ihm eigentlich wenig zusagte. Zum Gluck gewann er dabei seine Agathe nur um so lieber, da er sah, wie sie mitten im glanzendsten Gewuhle dennoch mit ganzer Seele nur an ihn hing, und sobald sich die Gelegenheit dazu bot, fur eine einsame Stunde an seiner Seite gern andern Freuden entsagte.

In diesem nur selten unterbrochenen Taumel des Vergnugens verging der grosste Theil des Winters und der Fruhling nahte bereits, ohne dass sich Kleeborn dennoch durch alle seine kostbaren Anstalten der Vollendung seiner Wunsche nur um einen Schritt naher gebracht sah. Obendrein ward mit der Zeit die halbe Stadt in seine Plane eingeweiht, so gern er diese noch eine Weile verborgen gehalten hatte, und es fehlte nicht an Anspielung darauf, die er freilich nur schweigend, hochstens durch ein schlaues Lacheln beantwortete, die ihm aber doch eigentlich sehr unangenehm waren.

In bedeutenden Handelsstadten wird freilich das Leben etwas liberaler betrieben, als selbst in mancher grossen Residenz, denn in letzterer sind gewohnlich die Stande viel strenger von einander gesondert, und die grosse Stadt zerfallt dadurch in unzahlige kleine. In grossen Handelsstadten hingegen, wo Alle einander mehr oder weniger gleich stehen, und nur der grossere oder geringere Reichthum der Familien einigen Unterschied bildet, i s t dieses weit weniger der Fall, besonders wenn sie zugleich Seestadte sind. Selbst das ganz vom Gewohnlichen Abweichende fallt dort schon darum weit weniger auf, weil die aus allen Ecken der Welt zustromenden Fremden den Augenpunkt der Bewohner einer solchen Stadt erweitern und das Fremdartige ihnen dadurch zum Bekannten wird, weil es beinahe taglich vorkommt. Da es indessen aber wohl keinen Ort in der Welt giebt, aus welchem die Lust, uber Andere zu reden, vollig verbannt ware, so machte auch Vicktorinens Geburtsstadt von dieser Regel keine Ausnahme, und man muss gestehen, dass Sir Charles ihren Bewohnern uberreichen Stoff zur Unterhaltung freiwillig lieferte.

Sein langer Aufenthalt im theuersten Gasthofe, in welchem er mit seiner zahlreichen Dienerschaft furstlichen Aufwand trieb, konnte schon an und fur sich unmoglich ganz unbemerkt bleiben; er wandte aber auch uberdem geflissentlich alle Mittel an, die ihm zu Gebote standen, um die allgemeine Aufmerksamkeit taglich von neuem auf sich zu richten, nicht nur durch seine und seiner Dienerschaft auffallende Kleidung, sondern auch durch sein ganzes ubriges Betragen.

Bald stellte er mit seinen schonen Pferden ein offentliches Wettrennen nach englischer Art an, welches die halbe Stadt herbeizog; bald regierte er als ein achter Pferdebandiger, mit eigener Hand, und auch im Aussern einem Kutscher ahnlich gekleidet, seine vier muthigen Rosse vom Kutschbock aus, und fuhr so seinen im Wagen sitzenden Kammerdiener auf den besuchtesten Promenaden spazieren. Ein Paar Mal liess sogar Babet sich von ihm auf diese Weise im Triumph herumfahren, und neben ihr sass denn in Todesangst mit kaum zu unterdruckendem Angstgeschrei die arme alte Virnot. Denn Vicktorine weigerte sich, unter dem Vorwande unuberwindlicher Furcht, Babet auf solchen Fahrten zu begleiten, und ihr Vater, dem bei dem wilden Treiben selbst nicht wohl zu Muthe war, mochte sie nicht zwingen, diese Furcht zu besiegen. Ein andermal lud Sir Charles alle Welt zu einem Tanz-Fruhstuck ein, das um drei Uhr Nachmittags anfing und gegen Mitternacht endete, oder gab um acht Uhr Abends ein grosses Mittagsessen, zu welchem die seltensten Leckerbissen aus fernen Landen verschrieben und alle Treibhauser mehrere Meilen in der Runde geplundert werden mussten, um den Speisesaal mitten im Winter zu einem bluhenden Fruhlingsgarten umzuschaffen. So brachte fast jeder Tag etwas Neues und bot zur Unterhaltung auf Kosten des Fremden frischen Stoff dar. Am wenigsten war man aber geneigt, ihm sein Benehmen in der Gesellschaft zu verzeihen. Die Tragheit und Gleichgultigkeit, die er so gern zur Schau trug, die anscheinend geflissentliche Verletzung der allergewohnlichsten Regeln der Hoflichkeit, die er sich gelegentlich zu Schulden kommen liess, machten ihn durchaus nicht beliebt, oft aber zum Gegenstand des Spottes, ohne dass seine gewohnte Apathie ihm erlaubt hatte, Notiz davon zu nehmen. So sah man ihn zum Beispiel einst in einem sehr besuchten offentlichen Concert, wo es durchaus an Platz fehlte, in einer der vordersten Reihen seine gewohnte Lieblingsstellung uber zwei Stuhle hingelehnt beibehalten, obgleich mehrere Damen um und neben ihn standen, bis es ihm endlich nach einer halben Stunde beliebte, mitten in einer Cadenz des Virtuosen, wahrend man bei der allgemeinen Stille eine Stecknadel hatte fallen horen konnen, sich mit ziemlichen Gerausche in die Hohe zu richten, den Damen seine Platze zu uberlassen und dabei auszusehen, als erwache er eben aus einem tiefen Traume.

Alles dieses missfiel dem alten Kleeborn gar sehr und machte ihn zuweilen recht missmuthig, vor allem aber verdross es ihm, dass es noch immer zwischen Sir Charles und Vicktorinen zu keiner formlichen Erklarung kommen wollte. Es sah sogar zuweilen aus, als erwarte jener, dass der erste Antrag zu einer nahern Verbindung von Seiten des Vaters seiner Braut an ihn gelangen solle: doch dagegen straubte sich dessen Stolz, und so blieb Alles wie es war. Zwar meynte Kleeborn, Sir Charles formliches Anhalten um Vicktorinens Hand sey eigentlich nur eine blosse Formalitat, da zwischen ihm und dem alten Wissmann, was ihm die Hauptsache war, schon langst verabredet wurde, aber er sah diese Formalitat doch als durchaus nothwendig an. Auch wurde er ihre Verzogerung kaum so lange ertragen haben, wenn nicht zuweilen der Gedanke ihn getrostet hatte, dass Sir Charles sie absichtlich verschiebe, um Vicktorinen mit der Zeit seinen Wunschen geneigter zu stimmen, als sie jetzt es zu seyn bezeigte. So wartete er denn in wunderlicher Selbsttauschung von einem Tage zum andern, ohne eigentlich recht gewahr zu werden, wie aus diesen Tagen Wochen und zuletzt sogar Monate entstanden, die dennoch nicht die geringste Veranderung in der Lage der Dinge herbeifuhrten.

Inzwischen erwartete aber auch Babet taglich, und mit nicht minderer Gewissheit als ihr Oheim, eine Erklarung ahnlicher Art von Seiten des Sir Charles, die gewiss allen Hoffnungen des alten Herrn mit einemmal ein Ende gemacht hatte; und die Nachgiebigkeit, mit der dieser die Launen seines erwahlten Schwiegersohnes ertrug, war in der That nicht weniger zu bewundern, als seine Verblendung gegen Dinge, die dicht unter seinen Augen vorgingen.

Babets Einbildung war freilig sehr geschaftig, doch muss man auch gestehen, dass Sir Charles sich gegen sie auf eine Weise betrug, welche sich ganz dazu eignete, in dem eitlen unerfahrenen Madchen die schmeichelhaftesten Erwartungen zu erregen; besonders war dies der Fall, wenn er sich von Andern unbemerkt glauben konnte. Der Eindruck, den ihre frische Jugendbluthe im ersten Augenblick ihres Zusammentreffens auf ihn gemacht hatte, war nicht so ganz oberflachlich, dass nicht ihre zuvorkommende Freundlichkeit und ihre, ihm oft ganz unbegreifliche Naivetat diesen taglich hatten erneuern und ihn bewegen sollen, ihr gegenuber, alle jene kleinen Kunste mannlicher Koketterie zu uben, die seinesgleichen stets zu Gebote stehen. Er bildete sich sogar ein, nach einem sehr wohldurchdachten Plane dabei zu handeln, indem er glaubte, Vicktorinens Eifersucht erregen und die Stolze demuthigen zu wollen, wahrend es doch eigentlich nur Langeweile und das Bedurfniss einer kleinen Intrike war, die ihn zu diesem Benehmen bewogen. Demohngeachtet stand aber der Vorsatz in ihm fest, sich hier auf keinem Fall zu einer Unvorsichtigkeit hinreissen zu lassen, die fur ihn die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen konnte. Daher suchte er vor allem sich stets so unbestimmt als moglich gegen Babet zu aussern und trachtete hauptsachlich darnach, das Spiel so in seiner Hand zu behalten, dass er es aufgeben konne, sobald er wolle. Er sprach sich daher selten in Worten aus, weit ofter durch Blicke, und hutete sich sorgsam vor allem, was ihn vor der Welt ernstlich kompromittiren konnte. Babet hingegen benahm sich auf ganz entgegengesetzte Weise, und setzte ihn dadurch oft in nicht geringe Verlegenheit. Ihr lag vor allen Dingen daran, der Welt zu zeigen, welch' eine Eroberung sie auf Vicktorinens Kosten gemacht habe. Der stille Triumph war ihr nicht genug, sie verlangte einen offentlichen, und beging dahei unzahlige, oft recht kunstlich berechnete Unvorsichtigkeiten, durch die sie weit mehr errathen liess, als sie eigentlich zu verbergen hatte. Denn sie strebte hauptsachlich nur nach dem Vergnugen, sich von ihren zahlreichen Freundinnen necken, mitunter auch wohl ein wenig beneiden zu lassen, und beides gelang ihr. Bei solchen Gelegenheiten pflegte sie dann Vicktorinen mit wirklich beleidigendem Mitleide zu betrachten, wahrend diese nichts sehnlicher wunschte, als das Spiel sich in Ernst verwandeln zu sehen. Ihre edlere, aller Hinterlist abgeneigte Natur und auch Babets mitunter recht unartiges Betragen, hielten sie freilich davon zuruck, hier die Mittlerin machen zu wollen, aber sie that wenigstens alles, was in ihren Kraften stand, um nichts von dem zu sehen, worauf Babet sie aufmerksam machen wollte, und so wenigstens auf keine Weise dem anscheinenden Verstandnisse jener Beiden in den Weg zu treten.

Ubrigens war Babet so uberzeugt, dass Sir Charles bis zum Sterben in sie verliebt sey, dass sein bisheriges Vermeiden einer formlichen Erklarung dieser Leidenschaft ihr auch nicht die mindeste Unruhe verursachte; sie war im Gegentheil unerschopflich im Bemuhen, taglich neue Grunde dafur zu ersinnen. Hatte er ihr doch gesagt, dass sie unbeschreiblich schon und reizend sey, und was noch mehr war, hatte er sie sogar nicht einigemal seine bezaubernde Lady Betty genannt? was konnte das anders heissen, als dass er sie liebe, und sie folglich durch eine Heirath mit ihm zu einer englischen Lady erheben wolle. Eine Lady! sie wusste selbst nicht, was sie sich darunter dachte, aber es kam ihr doch uber alle Massen romantisch vor, eine englische Lady zu seyn.

Dass dem im langen Leben mit der Welt geubten Scharfblick der Tante von allem diesen nichts entgehen konnte, war wohl naturlich, aber sie kannte auch Babet genau genug, um zu wissen, dass hier jede, selbst eine mit der grossten Schonung ausgesprochene Warnung, wohl manches verschlimmern, jedoch nichts verbessern konnte. Deshalb begnugte sie sich damit, jeden ihrer Schritte treulich zu beobachten, und sie ubrigens ihren Weg gehen zu lassen. Sie stellte sie einer Nachtwandlerin gleich, die man nicht anrufen darf, wenn man sie nicht dem Abgrunde zu treiben will, aber sie versaumte es deshalb dennoch nicht, den Abgrund sorgsam zu umstellen, um sie im Falle der Noth gewaltsam zuruckhalten zu konnen. Dass ubrigens der Schmerz getauschter Liebe der kunftigen Ruhe eines Madchens, wie Babet, nie gefahrlich werden konne, davon war sie ebenfalls auf das Vollkommenste uberzeugt; indessen hoffte sie viel fur sie von der heilsamen Erschutterung des gewiss nicht fernen Moments ihres Erwachens aus dem selbst geschaffnen Traume, und nahm sich fest vor, diesen alsdann recht kraftig zum Besten des verblendeten eitlen Kindes zu benutzen. In diesem von mehreren Seiten hochst gespannten Verhaltnisse war schon eine ziemliche Zeit vergangen, wahrend welcher Allen, die nur die aussere Seite des Lebens in dieser Familie kannten, sie fur hochst glucklich halten mussten, als Vicktorine eines Morgens die Tante in einem ganz ungewohnten Zustande in ihrem Zimmer allein fand. Ihre Hand hielt einen Brief oder vielmehr ein Packet, dessen noch versiegelter Umschlag sie mit tiefen Schmerz, ja fast mit dem Ausdruck geheimen Grauens betrachtete, und alles an ihr deutete auf eine gewaltsame Bewegung in ihrem Innern, uber welche sie nicht Herr zu werden vermochte. Erschrocken eilte Vicktorine auf sie zu, doch der erste Blick auf den Brief in Annas Handen machte auch auf sie den tiefsten Eindruck.

"Tante!" rief sie fast athemlos, "offnen sie den Brief, offnen sie ihn schnell, mein Gott! wie konnte sein Anblick Sie so erschrecken! er ist ja von ihm."

"Von ihm!" wiederholte Anna mit bebender, klangloser Stimme und immer noch hielt sie den Brief fest in ihrer Hand und starrte ihn regungslos mit erloschnen Augen an, bis Vicktorine ihn ihr sanft entzog, das Siegel erbrach und ihn offen wieder in ihre Hande zuruck gab.

"Der Brief ist von Raimund!" rief sie "kennen Sie denn seine Schriftzuge nicht mehr? er ist von ihm, ich darf ihn nicht lesen, doch Sie um Gotteswillen welche schwarze, furchtbare Ahnung hat bei seinem Anblicke sich Ihrer bemeistert! sie ergreift auch mich; mir bebt das Herz in unbestimmter entsetzlicher Angst. Lesen Sie, o lesen Sie! damit ich nur dieser bangen Quaal entrissen werde. Lassen Sie das Unheil uber mich hereinbrechen, es kann in der Nahe so furchtbar nicht seyn als es jetzt schwarz und drohend vor meiner Seele steht. Denn Raimund lebt ja oder ware dieser Brief nach seinem " Vicktorine erbleichte vor dem Gedanken, der sich jetzt ihr aufdrang, und den sie auszusprechen nicht wagte.

Anna hatte sich indessen mit sichtbarer Anstrengung in so weit wieder gefasst, um den Innhalt des aus mehreren engbeschriebnen Bogen bestehenden Pakkets fluchtig uberschauen zu konnen, und jetzt war es an ihr, die bleiche zitternde Vicktorine zu beruhigen.

"Der Brief ist von Raimund," sprach sie hochaufathmend, "jetzt erkenne ich die Hand. Auf der Adresse konnte ich es nicht, die ist franzosisch geschrieben, das sah ich von ihm nie. Sieh her Vicktorine, schrieb er auch das?" setzte sie hinzu, indem sie Vicktorinen den Umschlag hinreichte, "und ist auch dieses sein gewohntes Siegel?"

"Gewiss! gewiss!" rief Vicktorine, "aber der Brief? lebt Raimund? ist er gesund?"

Die Tante las jetzt die letzte Seite des Briefes mit mehr Aufmerksamkeit, als die gewaltsame Bewegung, in der sie sich befunden, es ihr vorhin erlaubt hatte, wahrend Vicktorine, neben ihr hinkniend, den starren Blick auf sie richtete, als wollte sie den Abglanz von Raimunds Worten in ihren Zugen lesen. "Er lebt, er ist gesund, er war im Begriff sich zu seiner fernen Reise einzuschiffen; der Brief ward von ihm vor etwa vierzehn Tagen in Toulon auf die Post gegeben. Jetzt schwimmt Raimund wahrscheinlich schon dem Ziele seiner Bestimmung zu. Darf ich mehr Dir sagen?" fragte Anna, indem sie die Blatter des Briefs wieder ordnete.

"Nein, o nein!" rief Vicktorine, von den Knien sich erhebend, "nein, das Wort, welches Raimund in meinem Namen meinem Vater gab, ist mir heilig, ich darf es auf keine Weise umgehen. Auch nicht mittelbar will ich mich mit ihm in schriftliche Verbindung setzen. Und was brauch ich mehr zu wissen, als dass er lebt. Dieses kleine Wort sagt mir ja alles. Tante! ich lasse Sie mit seinem Briefe allein, ich gehe, um jeder Versuchung zu entfliehen. Ach, Tante! mir ist jetzt wie damals, wenn er am fruhen Morgen zu Ihnen ging; wissen Sie es noch? Wie horchte ich dann auf seine Schritte; unter tausenden hatte ich sie wieder erkannt. Ich horchte und horchte, bis am Ende der langen Gallerie Ihre Thure sich ihm offnete. Wie sehnlich trieb es mich dann oft auch die meinige nur einmal zu offnen, nur einmal einen kurzen Augenblick ihn zu sehen! aber ich widerstand der Versuchung, wie ich auch jetzt ihr widerstehe. Ich gehe, liebe Tante," sprach sie, indem sie der Thure sich zuwandte, "ich gehe und lasse Sie mit ihm allein. Doch in Ihren lieben Augen darf ich hernach doch lesen?" setzte sie wieder umkehrend hinzu, "das darf ich doch? Fragen erlaube ich mir nicht, aber das darf ich doch? und mich freuen, wenn ich lauter Gutes und Liebes darin lese? Ich kann ja nicht anders, liebe Tante. Und nun nehmen Sie Ihren Brief, lesen Sie ihn ja recht, alles was darin steht, er ist so lang, aber ich bitte, lesen Sie ihn zweimal, zweimal wenigstens. Ach ich lernte ihn so gern auswendig."

Die Tante musste endlich die Schwatzerin mit sanfter Gewalt von sich treiben, die immer gehen zu wollen versicherte, und immer blieb. Dann schloss sie sich in ihrem Zimmer ein, liess niemanden vor sich, und, was noch nie geschehen war, sie erschien sogar Mittags nicht bei Tische. So blieb sie den grossten Theil des Tages fur sich allein, den sie mit emsigem Durchsuchen und Ordnen vieler Briefe und Papiere hinbrachte, bis sie gegen Abend Vicktorinen und Angelika zu sich beschied. Heftig wie immer, mit nicht unterdruckender Angst, sturzte Vicktorine auf den ersten Ruf in das Zimmer der Tante, und da ihr diese mit freundlichem Blick entgegen lachelte, so ging sie auch eben so lebhaft von der bangsten Sorge, welche sie den ganzen Tag uber gequalt hatte, zur berauschendsten Freude uber.

Wie ein gluckliches Kind sich an den Busen der Mutter wirft, wenn es am Weinachtsabende durch die noch verschlossene Thure schon die Lichterchen des lang ersehnten Baums blinken sieht, so warf sich Vicktorine in die Arme der Tante.

"Nicht wahr?" flusterte sie schmeichelnd, "alles ist gut, alles ist recht gut, und Ihre bange Ahnung beim ersten Anblicke des Briefs bestatigt sich nicht?"

"Alles ist gut!" erwiederte die Tante merklich bewegt, "alles ist gut, und wird hoffentlich noch sehr gut werden." Damit druckte sie das geliebte Kind fest an ihr Herz, und zog auch Angelika in ihre Arme, die jetzt ebenfalls dicht neben ihr stand und sie mit leuchtendem Blicke betrachtete.

"Anna!" rief Angelika aus, "Anna, wie schon sind Sie in diesem Augenblick! es ist als ob ein eigner Strahl himmlischer Verklarung Sie umleuchtete; Sie sehen aus wie an jenem unvergesslichen Abende, da Sie zuerst den Namen Bernhard uns nannten. Sieh' sie doch nur an, Vicktorine, ist es nicht, als ob unser Schutzengel in sichtbarer Gestalt vor uns stande?"

"Es ist so," erwiederte Vicktorine, indem sie tief und forschend in Annas helle Augen sah, "es ist so, aber ich sehe hier eine grosse Thrane blinken, ich sehe um ihren Mund das Zucken innerer Ruhrung, die sie umsonst hinwegzulacheln sich bemuht. Angelika, unser Schutzengel trauert uber uns! und so ist denn doch nicht alles gut. Liebe, liebe Tante, o reden Sie, was wollen Sie uns verkunden?"

"Nichts Ungluckliches, wahrlich nicht!" erwiederte Anna, "es wird sogar hoffentlich zum Guten fuhren, doch fur den Augenblick wird es auch Euch betruben, wie es mich betrubt, denn ich muss Euch verlassen, wenn gleich nicht auf lange."

Die Madchen starrten sie erbleichend an, und vermochten keine Sylbe zu erwiedern: "Ungern, sehr ungern, meine Vicktorine, lasse ich Dich in der druckenden Lage allein, in der Du so sehr meines Trostes bedarfst," fuhr Anna fort, "und auch von Dir, meine Angelika," setzte sie, noch weicher werdend, hinzu, "auch von Dir mich zu trennen, ist mir sehr schmerzlich; ich werde Deine gewohnte liebe Nahe sehr, sehr vermissen, mein Kind, mein Liebes!" Sie schloss Angelika in ihre Arme, und die Thrane, die schon lange in ihrem Auge gezittert hatte, schimmerte jetzt wie ein Diamant in den blonden Locken des immer bleicher werdenden Madchens. Alle schwiegen.

"Nein! es ist nicht, es darf nicht seyn!" rief endlich Vicktorine. "Es ist so, es muss so seyn!" erwiederte Anna, sanft, aber bestimmt. "Doch fragt mich nicht, warum? denn diese Frage darf ich Euch noch nicht beantworten, ergebt Euch drein, wie ich mich drein ergebe, in wenigen Monaten, vielleicht in wenigen Wochen schon, kehre ich wieder."

"Und ich bleibe verlassen zuruck und mag untergehen; wen kummert das?" rief fast zurnend Vicktorine.

"Dir bleibt Raimunds Angedenken und Deine Liebe; ist das nicht genug? Dir bleibt auch Angelika, wie Du ihr bleibst," erwiederte die Tante mit mildem Ernst. "Und bliebe sie Dir auch nicht; nur der ist verlassen, der sich selbst verlasst. Die Bahn liegt klar und bestimmt vor Dir, die Du zu gehen hast, es ist Deine Schuld, wenn Du von ihr abweichst. Mich ruft ein wichtiges Geschaft, das Niemand ausfuhren kann, als ich allein. Ich kehre mit gewohnter Liebe zu Euch zuruck, sobald ich vollendet habe, was mir jetzt obliegt, und unser Wiedersehen wird freudig und glucklich seyn, dies sagt mir eine innere Stimme, die im Laufe meines Lebens mich selten irre fuhrte."

"Und so darf ich denn nicht wissen, was Sie abruft, in einer Zeit, da nur Ihre Gegenwart mich aufrecht erhalt! Es muss durchaus auch mir verborgen bleiben!" rief die immer noch sehr aufgeregte Vicktorine. "Liebe Tante, ich bin kein Kind mehr, dem man die bittere Arznei in Zucker einwickeln muss, ich kann das Herbste mit Fassung tragen, ich habe dies bewiesen, aber wenn ich es soll, so muss ich aber auch uberzeugt seyn, dass "

"Und welcher Uberzeugung bedarfst Du denn noch, um mir zu vertrauen?" erwiederte Anna jetzt sehr ernsthaft; "bin ich noch nicht weiter mit Dir? bedarf es, damit Du mir Glauben schenkst, noch weitlauftigere Erklarungen unter uns, die ich vermeiden will, wie Du siehst? Glaubst Du, ich handle nur aus Eigensinn so, und nicht weil ich uberzeugt bin, so handeln zu mussen?"

"O Tante! Sie sind strenge aber auch gerecht!" rief jetzt Vicktorine mit uberstromenden Augen. "Ja, theure Frau, ich will, ich muss unbedingt Ihnen vertrauen, ich thue es mit reinem festen Glauben. Doch ist es' meine Schuld, wenn eine finstere Ahnung mich empfinden lasst, wie tief Raimund in alles dieses verflochten ist? Nur jener Brief, der auch Sie diesen Morgen durch seinen blossen Anblick schaudern machte, nur er kann Sie zu diesem unerwarteten Entschlusse bewogen haben. Raimund droht irgend ein Unheil, das Sie abwehren wollen, oder er ist vielleicht dem Ungluck schon verfallen, und Sie wollen retten, wo vielleicht keine Rettung mehr ist."

"Vicktorine!" rief wehmuthig lachelnd die Tante, und drohte ihr mit aufgehobenen Fingern.

Vicktorine verstummte errothend.

"Nicht wahr, Du und Raimund und eure Liebe sind alles," fuhr Anna fort, "und Niemand als Euch Beiden kann etwas begegnen, das der Rede werth ware? Gutes, liebes Kind, ich mochte nie Dir wehe thun, am wenigsten in dieser Stunde, doch der Jugend-Dunkel, der Dich wie alle Deinesgleichen verleitete, Euch weit entfernt von allen Ubrigen auf eine ganz besondere Stufe zu stellen, und alles auf Euch zu beziehen, kann ich selbst jetzt nicht loben; er zieht ja zu traurige Folgen nach sich fur Euer kunftiges Leben. Du weinst, Vicktorine? weine nicht, und nimm wenigstens den Trost von mir an, den einzigen, den ich Dir geben kann, dass, tauschte ich mich auch in der Hoffnung des glucklichen Erfolgs dessen, was ich jetzt zu unternehmen im Begriffe bin, dennoch Deine und Raimunds Lage dadurch nicht im mindesten anders gestellt werden kann, als sie jetzt steht. Und nun lass Dir meine Angelika noch einmal empfohlen seyn; Du liebst sie wie eine Schwester, pflege und schone ihrer, wie Du sie liebst. Auch Dir meine Angelika empfehle ich meine Vicktorine, bleibe ihr mit Deinen still ergebenen frommen Sinn stets zur Seite, verlasse sie nie. Und wenn der Geist des Unmuths sich in ihr zu regen beginnt, was, wahrend ich nicht da bin ihn zu bannen, wohl ofters noch als sonst geschehen mochte, dann, meine Angelika, dann suche Deine milde Liebe ihn zu besanftigen. Lasst mich so Euch wieder finden," setzte sie mit in Thranen glanzenden Augen hinzu, indem sie beide Madchen eines in des andern Arme legte. "Denkt meiner in Liebe, doch nicht in Sorge. Schreiben werde ich selten, nur wenn es nothig werden sollte. Eure Briefe sendet unter meiner Adresse mir in mein Stift, ich werde sie sicher erhalten, aber ich bitte Euch, schreibt auch Ihr mir nur, wenn Ihr mir wirklich etwas zu sagen habt, das ich wissen muss. Wenn ich nichts von Euch hore, werde ich denken, es gehe Euch gut, thut Ihr ein Gleiches, wenn Ihr von mir nichts vernehmt." Vicktorine schwamm in Thranen bei diesem feierlichen Abschiede, doch Angelikas Auge blieb trocken, denn sie weinte schon lange nicht mehr. Sie warf sich nur mit flehender Geberde an den Busen der Tante, und hob schuchtern den bittenden Blick zu ihr empor.

"Mein theures Kind, mein geliebtes holdes Leben," sprach Anna sehr geruhrt, "ich verstehe Deine stumme Sprache, sie trifft mir schmerzlich in das Herz. Aber ich kann auch Dir nur erwiedern, was ich auf Vicktorinens laute Klagen antwortete; es muss so seyn, ich muss auch von Dir auf einige Zeit mich trennen. Ich darf Dich nicht mit mir nehmen. Wollen wir denn beide zugleich die arme Vicktorine verlassen?"

Angelika richtete sich auf, und reichte in schweigender Wehmuth, mit einem unendlich schmerzlichen Lacheln, Vicktorinen die Hand.

"Ich werde schnell reisen, weit schneller als Deine der ungestortesten Ruhe bedurfende Gesundheit es ertragen konnte," setzte Anna jetzt gefasster hinzu, ich werde sogar die mondhellen Nachte benutzen. Das Geschaft, dem ich zueile, wird alle meine Zeit in Anspruch nehmen, Deine mir sonst so liebe Gegenwart, meine Angelika, wurde mir nur qualend werden, weil ich Dich durchaus vernachlassigen musste. So denke ich Dich gesunder und gestarkter hier wieder zu finden, als ich Dich zuruckzubringen hoffen durfte, wenn ich mir es erlaubte, meinem Wunsche zu folgen und Dich mit mir zu nehmen."

Angelika beugte sich schweigend uber die Hand ihrer geliebten Wohlthaterin, und nur ein leiser Seufzer drangte sich unhorbar aus der tiefsten Tiefe ihrer Brust herauf. Sobald die Madchen sie verlassen hatten, befahl Anna, auch den Rittmeister Horst zu rufen, um den wahrend ihrer Abwesenheit auf das Betragen der Schwester seiner Braut aufmerksam zu machen, denn auch diese hielt sie ihrer liebenden Vorsorge nicht unwerth, so weit Babet auch fur jetzt davon entfernt seyn mochte, es dankbar zu erkennen und durch kindliches Vertrauen zu erwiedern. Daher wunschte sie wenigstens, in Agathens kunftigen Gatten dem leichtsinnigen Madchen einen bruderlichen Freund zu hinterlassen, der an ihrer Stelle uber die Unvorsichtige wachte, um sie vor grossen Fehltritten zu bewahren.

Die Nachricht von der Tante nahen Abreise betrubte auch den wackern jungen Mann, der sie nicht minder liebte und ehrte als alle, die ihr nahten. Er horte sehr aufmerksam, was sie in Hinsicht auf Sir Charles und Babet ihm zu sagen fur gut fand, gab ihr aber zugleich zu erkennen, dass auch ihm das Betragen dieser Beiden langst sehr unangenehm aufgefallen sey, und dass er, wie wohl vergebens, es sogar versucht habe, Babet zu warnen.

"Ich mochte wohl freilich dabei," sprach er, "meine Worte nicht ganz genau abgewogen haben, denn das ist nun einmal nicht meine Sache, aber ich bin dafur auch schlecht genug angekommen. Herr Gott, wie hat Sie mich abgefuhrt! Am liebsten hatte ich den jungen Herrn in die Lehre genommen, doch aus Schonung fur eine Familie, deren Gute ich so viel verdanke, wollte ich es vermeiden, Zwiespalt zu stiften; denn ich weiss ja, auf welchem Fusse der Fremde hier im Hause eigentlich steht. Ich verliess mich deshalb lieber auf Sie, gnadige Tante! denn ich sah wohl, wie Sie uberall ein wachsames Auge hielten. Jetzt aber wollen Sie leider fort; nun reisen Sie mit Gott, hochwurdige Frau! wenn es denn nicht anders seyn kann. Ich will ihr Gebot erfullen so gut ich es vermag, und was mir vielleicht an welterfahrner Klugheit dazu abgeht, soll meine treue Wachsamkeit ersetzen. Warnen werde ich nicht mehr, das bestarkt Babet nur in ihrem Eigensinne und ware auf jeden Fall in den Wind gesprochen, aber finden soll sie mich uberall, wo sie mich nicht gern sehen wird, und sie musste es weit kluger anfangen, als es in ihren Kraften stehen mag, wenn sie mich hinter das Licht fuhren wollte."

"Babet ist sehr schlau," erwiederte die Tante. "Thut nichts, sie findet in mir ihren Mann," fiel der Rittmeister ihr lachelnd ein. "Sie haben mir da freilich einen etwas gefahrlichen Vorposten anvertraut, hochwurdige Frau, aber das ist nun einmal Husarendienst, und ich will ihn schon mit Ehren behaupten, sorgen Sie nicht."

"Ich traue Ihnen das Beste zu," sprach Anna, "aber Eines bitte ich nur nicht zu vergessen; Sie durfen weder drein hauen noch drein schiessen nach Husarenart."

"Ei Gott bewahre, wo denken die gnadige Tante hin," erwiederte Horst, recht herzlich lachend, "ich werde ja nicht. Dem Sir Charles soll kein einziges seiner parfumirten Harchen gekrummt werden, wenn er es nicht selbst mit Gewalt an mich bringt, und darnach sieht er mir nicht aus. Aber gnadige Tante, da wir doch nun einmal so vertraulich mit einander sprechen, so mochte ich nur Eines noch Sie fragen, was mir schon lange recht schwer auf dem Herzen liegt. Ist es denn wahr, und ist es denn wirklich Herrn Kleeborns und auch Ihr Wille, dass unsre engelschone und engelgute Vicktorine diesem Strohmanne, diesem englisirten Seekalbe, das mir im Grunde der Seele so zuwider ist wie ich es auszudrucken nicht vermag, dass sie, sage ich, diesem Menschen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert werden soll? Und konnen Sie es vor Gott und Ihrem Gewissen verantworten, wenn Sie das leiden?"

Horst war wahrend dieser Rede ganz roth im Gesichte geworden, und die Tante freute sich herzlich an dem wohlgemeynten Eifer des jungen Mannes, dessen redliches Gemuth sie langst erkannte, und den sie gern als ein sehr achtbares Mitglied der Familie betrachtete. Ohne jedoch zuviel von Vicktorinens Geheimniss zu verrathen, liess sie ihm daher jetzt deutlich merken, dass diese schon langst eine andere, wurdigere Wahl getroffen habe, und gewiss durch offenen Widerstand sich dem Elend entziehen wurde, welches ihr an Sir Charles Hand drohe, wenn nicht fruher vielleicht noch irgend ein glucklicher Zufall sie von ihm befreie.

Die hochste Zufriedenheit leuchtete aus des Rittmeisters ehrlichen Augen, wahrend Anna ihm noch auf das Eindringendste die strengste Verschwiegenheit uber diese Angelegenheit gebot. "Lassen Sie auch meine arme Vicktorine wahrend meiner Abwesenheit Ihrem Schutz empfohlen seyn," setzte sie noch hinzu. "So wie ich Sir Charles Betragen ansehe, hoffe ich, dass nichts geschehen soll, was Vicktorinen auf's Ausserste treiben konnte, wahrend ich nicht da bin, um mich ihrer anzunehmen. Doch wurde Vicktorine gezwungen, der offnen Gewalt ihren festen Muth entgegen zu stellen, dann, lieber Horst, dann stehen Sie ihr bei an meiner Statt. Kleeborn ist nicht bosartiger Natur, doch sein Eigensinn macht ihn in der ersten Hitze zu allem fahig, besonders wenn sein eigenes Interesse dabei mit ins Spiel kommt, wie eben hier. Er liebt seine Tochter von Herzen, doch Reichthum ist in seinen Augen das Hochste auf Erden, und so konnte er wohl dahin kommen, Vicktorinens wahres Gluck ohne Schonung zu vernichten, und dabei dennoch uberzeugt zu bleiben, er handle als ein redlicher Vater, der sein verblendetes widerspenstiges Kind sogar mit Gewalt glucklich zu machen suche."

"Lassen Sie mich vor allen Dingen Ihre liebe schone Hand kussen, dass Sie mich jetzt durch Ihr Vertrauen erst recht zu Ihrem Verwandten eingeweiht haben," erwiederte der Rittmeister, "und seyn Sie ubrigens unbesorgt, Vicktorine ist von heute an meine Schwester. Mir ist das Herz jetzt federleicht, denn nun weiss ich gewiss und mochte mit Leib und Leben mich dafur verburgen, dass der Hans Hasenfuss mein Vetter nicht wird, und hoffentlich auch nicht mein Schwager. Lassen Sie mich nur machen, ich will erst meiner Sache ganz sicher seyn, ehe ich etwas verrathe, aber Sie sollen Freude an mir erleben."

"Horst, wenn Sie eine Unvorsichtigkeit begingen!" rief die einigermassen angstlich gewordene Tante. "Ei bewahre," erwiederte dieser, "doch eine honette Kriegslist ist nicht verboten, und die verlangt ja an und fur sich schon, dass man Vorsicht ubt. Verlassen Sie sich in Gottes Namen auf einen ehrlichen Husaren, der Ihr Zutrauen zu schazzen weiss, und es deshalb auch verdienen will, und reisen Sie ohne weitere Sorge. Vicktorine hat in jedem Fall einen Beistand an mir, der selbst in Noth und Tod zur Seite bleibt, das Ubrige findet sich. Geben Sie Acht, sie wird erlost und ich bin ihr Ritter."

"So?" sprach Agathe, welche in diesem Augenblick den Kopf zur Thur hineinsteckte, um sich nach ihrem Rittmeister umzusehen, den sie ungern lange vermisste. "Nun, da muss ich mich ja auch wohl nach einem andern Ritter umsehen?" setzte sie hinzu, indem sie vollends hineintrat. "Denn Niemand kann, wie bekannt, zweien Herren dienen, und vollends zweien Damen, das geht nun gar nicht an."

Die Lustigkeit, mit der sie diese Worte sprach, ging indessen sehr bald in tiefe Betrubniss uber, da sie von der nahen Abreise der Tante Kunde erhielt. "Ach lass mich," sprach sie zu Horst, der es versuchen wollte, sie zu trosten, "lass mich, Du weisst nicht, was wir alle Beide an ihr verlieren. Mich verlasst mein guter Engel, wenn sie von mir geht. Wer soll mir dann nun zum Guten rathen, und wer mich schelten, wenn ich dummes Zeug mache? Ach! und wer wird mich nun am Hochzeitstage so hubsch anziehen, wie sie es allein nur kann. Sehen Sie, Tante, Sie haben es mir von Anfang an versprochen, und nun lassen Sie mich doch im Stich, und das sage ich Ihnen, wenn Sie mir den Brautkranz nicht aufsetzen, so mag ich lieber gar nicht getraut werden." Die hellen Thranen liefen ihr bei diesen Worten uber das kindlich-rosige Gesicht.

Anna trostete sie liebkosend, so gut sie es vermochte. "Ich lasse Dich auf keinem Fall im Stich', liebe Agathe," sprach sie lachelnd, "trockne nur Deine Thranen. Ich verspreche es Dir, ich putze Dich auf das Schonste am Hochzeitstage, ich setze Dir mit eigener Hand den Kranz auf, und sollte ich in der letzten Stunde vor der Trauung erst ankommen, ich komme, darauf gebe ich Dir mein Wort, Du kennst mich ja, und weisst, ich pflege es nicht zu brechen." Doch alles Zureden half nur wenig, Agathe kusste zwar schmeichelnd die Hande der Tante, aber sie ward den ganzen Abend uber nicht wieder froh, und die Thranen traten ihr in die Augen, so wie sie die geliebte Frau nur ansah.

Kleeborn wendete wenig ein, als die nahe Abreise der Tante auch ihm angekundigt ward, obgleich er sie nicht gern sah, denn das Wort "wichtige Geschafte" war eine Zauberformel fur ihn, die unwiderstehliche Gewalt an ihm ubte, daher liess er sie willig gehen, und bat sie, nur recht bald wieder zu kommen.

Anna hatte sich jeden weitern Abschied ernstlich verboten, und so regte sich, ausser den Bedienten, Niemand im Hause, als am folgenden Morgen ihr Reisewagen in der fruhesten Dammerung vorfuhr, den sie allein mit ihrer Kammerjungfer bestieg. Vicktorine barg, laut weinend, ihr Gesicht in ihre Decke, als sie ihn fortrollen horte, und fuhlte mit unnennbarer Angst sich so einsam und verlassen, wie nie zuvor in ihrem Leben. Auch Angelika ehrte das Gebot ihrer Wohlthaterin und blieb in der letzten Stunde von ihr entfernt, aber sie war doch aufgestanden, und lauschte durch die Fenstervorhange, um die theure Gestalt nur noch einmal zu sehen.

"Du gehst," sprach sie leise, mit gefaltenen Handen und zum Himmel gewandtem Blicke, "Du gehst und mein Auge sieht Dich wohl nie wieder; moge Gottes Seegen Dich begleiten, wohin Du Dich wendest, und moge keine Ahnung davon in Deine Seele kommen, wie leicht und wie schnell, indessen Du fern von mir bist, die Nacht hereinbrechen kann, die mich Dir auf immer verbirgt! Finde bald wieder ein Wesen, dem Du so wohlthatig erscheinen kannst, als Du mir es warst, damit Dir keine Lucke in Deinem schonen Leben fuhlbar werde, wenn ich nun dahin bin, und mogen nur sanfte, keine bitteren Thranen um die arme Angelika Deine lieben Augen fullen, wenn Du am Morgen, wo Du heimkehrst, mich suchest und nicht mehr findest!" Raimund deutete der Tante in seinem Briefe zuerst nur ganz in der Kurze die Stadte und Lander an, welche er besucht hatte, seit er von ihr und Vicktorinen scheiden musste. Er meldete ihr, wie er in London nur wenige Wochen verweilte und dann von Dower nach Calais uberschiffte. Das ganze schone Frankreich, das wohl mit Recht der Garten von Europa genannt zu werden verdient, durchzog er beinahe der Lange nach, um von dort nach Marseille zu gelangen. In den bedeutendsten franzosischen Stadten, durch welche ihn sein Weg fuhrte, musste er bald langere, bald kurzere Zeit verweilen, um manches verworrene, mitunter auch wohl bedeutenden Verlust drohende Geschaft seines Hauses zu ordnen. Das Gluck war ihm dabei gunstig gewesen, er hatte zugleich einige neue, seinem Hause Vortheil versprechende Verbindungen anzuknupfen gewusst, und so war der, unter diesem glucklichen Himmelsstrich ohnehin so kurze Winter an ihm endlich voruber gezogen.

"Stille, stille mein Herz," schrieb Raimund weiter, "stille mein Herz, sprach ich oft ganz leise zu mir selbst, wenn die Ungeduld uber das unruhige, mitunter auch ziemlich schlechte Treiben der Leute um mich her sich gar zu ungestum in mir regen wollte; warte nur bis es Nacht wird und die Welt zur Ruhe geht, dann kommt Deine Zeit. Und war denn nun endlich mein muhseliges Tagewerk vollbracht, dann, hochwurdige Frau, dann eilte ich meinen einsamen vier Wanden mit einer Sehnsucht zu, als erwarte ich dort mit Gewissheit einen recht lieben Besuch zu finden, der mich fur den ganzen langen Tag entschadigen sollte."

"Ich kann Ihnen das freudige Gefuhl nicht beschreiben, mit dem ich an meinen Schreibtisch flog, wenn es nun endlich still um mich geworden war, wenn ich nun Ihnen und Vicktorinen alles erzahlte, was mich den Tag uber erfreut, alles was ich gedacht, alles was ich gesehen hatte. Die schonen Gegenden, durch die mein Weg mich fuhrte, die grossen Uberbleibsel einer gigantischen Vorwelt, deren man in dem sudlichen Theile von Frankreich so viele noch antrifft; alles zeichnete ich auf, regellos, ungeordnet, aber treu; und wenn ich endlich aus Ermudung die Feder niederlegen musste, so war mir zu Muthe, als sey ich bei Ihnen gewesen, bei Ihnen und bei dem Leben meines Lebens, das ich an Ihrer Seite so sicher mir denke, als es das Kind im Arme der Mutter ist."

"Und doch, warum sollte ich es Ihnen verhehlen wollen? es ergreift mich zuweilen ein Gefuhl des Verlassenseyns, wie es nur der arme Verbannte empfinden mag, der in Sibiriens eisigen Wusten sein trostloses Daseyn zwischen Leben und Erstarren kummerlich fristen muss, weit geschieden von der schonen Sonne, die in bessern Tagen und glucklichern Zonen ihm leuchtete. Warum soll ich Ihnen nicht bekennen, es steht oft so schmerzlich klar und lebendig vor meinem Geiste, dass ich es kaum zu ertragen weiss, wie unbegreiflich lange ich nun schon von Ihnen und Vicktorinen geschieden bin; so ganz getrennt, dass auch nicht das leiseste Zeichen ihres Andenkens, kaum Ihres Daseyns mich erreicht. Und dennoch kann ich es nicht lassen, immer von neuem den truben Blick der noch trubern Zukunft zuzuwenden, und, zerrissen von Sehnsucht und Ungeduld, zur Erhohung meiner eigenen Qual, die Zahl der langen, unabsehbar langen Reihe von Tagen im Voraus zu berechnen, die ich alle noch in dieser furchterlichen Abgeschiedenheit werde durchleben mussen."

"Sie sind so mild, Sie zurnen gewiss keinem, der Ihnen vertrauend naht, und so will ich diesem Gestandnisse auch noch das hinzufugen: es gesellt sich zu jenen Qualen oft ein sehr herbes Gefuhl der Reue, der bittersten Reue daruber, dass ich es nie wagte eine Bitte auszusprechen, welche mir in Ihrer Nahe stets auf den Lippen schwebte, die heisse innige Bitte: doch zuweilen, sey es auch noch so selten, in noch so wenigen Zeilen, mir von Sich und Vicktorinen Nachricht zu ertheilen. Ich durfte diese Bitte nicht wagen, weil ich Vicktorinens erzurnten Vater einst versprach, jeder Mittheilung zwischen uns beiden auf unbestimmte Zeit zu entsagen. Die Uberzeugung, dass auch Vicktorine mich ermahnen wurde, dieses Versprechen in keiner Art zu verletzen, bestarkte mich in meinem Schweigen. Denn sind wir nicht Eins? Muss nicht jedes Gefuhl, das in mir laut wird, auch in ihrem Herzen wiederhallen. Wenn ich aber indessen wieder bedachte, dass mich dennoch in Hinsicht auf Sie, hochwurdige Frau! kein Versprechen binde, dann freilich, dann verlor ich doch zuweilen die fein gezogene Linie aus dem Gesichte, die einzig bestimmen konnte, was hier erlaubt sey? was nicht? Sie soll entscheiden, beschloss ich endlich, sie selbst, Anna von Falkenhayn. Halt sie es fur erlaubt, so wird sie gewiss aus eigenem Antriebe mich auffordern, ihr zu schreiben, und sich auch erbieten, mir von Vicktorinen Nachricht zu geben."

"Wie oft, hochwurdige Frau, wie oft lauschte ich damals, als ich noch an jedem Morgen Ihrer wohlthuenden Nahe mich erfreuen durfte, der Erfullung dieses sehnlichsten Wunsches, mit bangbewegtem Herzensschlag entgegen! Wie oft glaubte ich ihr ganz nahe zu seyn, wenn Sie so mutterlich theilnehmend uber die nahe lange Trennung mit mir sprachen! Irrte ich wirklich, wenn ich in jener Zeit auch in Ihren Augen zuweilen den Wunsch zu lesen glaubte, dem armen Scheidenden, der all' sein Hoffen einzig auf Sie gestellt hatte, auch aus der Ferne ein Wort des Trostes sagen zu durfen? Doch Sie schwiegen immer, unabanderlich! Und so ergab ich mich endlich nicht nur darein, den einzigen Trost zu entbehren, welchen nur Sie mir gewahren konnten, sondern ich beschloss auch sogar, Ihnen selbst nie zu schreiben, um mir die hoffnungslose Qual des Erwartens einer Antwort zu ersparen."

"Ohnerachtet dieses festen Entschlusses wage ich es aber doch heute nicht nur freien Muthes Ihnen zu schreiben, sondern auch schon jetzt mein Tagebuch Ihren Handen zu ubergeben, was ich eigentlich erst spater in einer glucklichern Zeit zu thun gedachte, denn ein uber allen Ausdruck erhabenes, aber zugleich auch hochst schauerliches Ereigniss, hat vor kurzem mich von der Nothwendigkeit uberzeugt, vorher mein Haus zu bestellen, ehe ich den Weg betrete, den ich zu wandeln habe. Und so ubergebe ich denn, hochwurdige Frau, im reinsten Vertrauen auf Ihre nachsichtige Milde meinen letzten Willen Ihren Handen, ehe ich Europa verlasse; oder vielmehr, ich gestehe Ihnen, dass ich dieses zum Theil schon fruher gethan habe, ohne dass Sie darum wussten."

"Sie erinnern sich unstreitig einer kleinen Schatulle, die ich kurz vor meiner Abreise Ihnen mit der Bitte ubergab, sie mir aufzubewahren; ich fuge diesem Briefe den Schlussel zu derselben bei, den ich, uberwaltigt vom Schmerze der Abschiedsstunde, Ihnen zu uberreichen vergas. Das kleine Behaltniss verschliesst in sicheren Papieren mein ganzes vaterliches Erbtheil und zugleich auch eine Abschrift meines gerichtlich niedergelegten Testamentes, durch welches alles, was ich besitze, nach meinem Tode Vicktorinens Eigenthum wird. Gegen die Reichthumer, welche das theure Wesen dereinst von seinem Vater zu erwarten hat, muss zwar alles, was ich geben kann, nur als hochst unbedeutend erscheinen, aber es ist dennoch genug, um Vicktorinen uber den Zwang des Lebens zu erheben, der auf ihrem Geschlechte weit schwerer lastet als auf dem unsern. Mein kleines Vermachtniss kann sie vielleicht einst von der harten Nothwendigkeit retten, ihre Neigung jenem Zwange opfern, sich Pflichten aufburden lassen zu mussen, deren Erfullung sie stets als ein stilles Unrecht empfinden wurde, und der Gedanke ist mir unbeschreiblich trostlich, selbst wenn ich nicht mehr bin, der Geliebten das hochste Gut, die Freiheit ihres Gemuths, auf diese Weise sichern zu konnen. Meine letzte Bitte, bis wir uns wiedersehen, ist fur jetzt, dass Sie, hochwurdige Frau, dieses Kastchen eroffnen und mein Tagebuch denen darin schon befindlichen Papieren beilegen."

"Sollte ich nicht wieder kehren, so wird Herr Kleeborn hoffentlich nichts dagegen haben, dass dieses letzte Denkmahl des truben Daseyns eines Menschen, der dann seinen Planen nicht weiter hinderlich seyn kann, in Vicktorinens Handen komme. Ich war bei ihr, als ich es niederschrieb, und vielleicht wird es mir vergonnt, sie trostend zu umschweben, wenn sie einsam, oder an Ihrer Seite mit trubem Blicke diese Ergiessungen des treuliebenden Herzens uberschaut, das nur ihr zu eigen war, so lange der warme Strom des Lebens Regung ihm lieh."

"Auch das Kastchen, in welchem ich meine ganze Habe niederlegte, gehort Vicktorinen, wenn ich nicht mehr bin, und ich bitte die Geliebte, es hochzuhalten, um meines Vaters willen, denn es war ihm werth. So lange der theure Greis noch unter uns wandelte, durfte keine fremde Hand es beruhren und sein brechendes Auge erstarrte in dessen Anblick. Noch denke ich mit tiefem Schmerze daran, wie ich es ihm zum letztenmal hinreichen musste; ich sah deutlich, wie er mit sichtbar peinlicher Anstrengung sich bemuhte, mir etwas daruber zu sagen, doch der Schlagfluss, dessen Wiederholung ihm todlich ward, hatte gleich im ersten Anfange seines plotzlichen Erkrankens ihn der Sprache und zugleich der Kraft zum Schreiben beraubt.

Nach seinem Ableben fand ich bei der sorgfaltigsten Untersuchung nichts weiter in der Schatulle, als die, unser Vermogen betreffenden Dokumente, welche bis diesen Augenblick noch darin aufbewahrt liegen. Und so muss ich denn glauben, dass nur das Kastchen selbst fur ihn als Andenken einer fruheren Zeit hohen Werth hatte, denn der Gedanke an Gold und irrdische Habe konnte unmoglich diesen reinen edlen Geist noch in der letzten Scheidestunde bis zu diesem Grade beunruhigen. So lange ich denken kann, sah ich den geliebten Vater sehr oft im schmerzlichen Kampfe mit wahrscheinlich recht truben Erinnerungen aus seinem fruheren Leben, und dieses bestarkt mich in meinen Muthmassungen von dem Kastchen. Indessen mochte ich es nie wagen, die seltnen Augenblicke, in denen er eines kurzen Vergessens sich erfreute, durch unzeitiges Forschen zu unterbrechen, und so ist mir alles fremd geblieben, was auf seine Jugendgeschichte Bezug haben mochte. Mein eignes Daseyn ist mir sogar gewissermassen ein Rathsel, dessen Auflosung mir indessen wenig Sorge macht. Seit mein Vater nicht mehr ist, kenne ich niemand, der durch Bande des Bluts mir verwandt ware, und sogar das Land, aus dem ich eigentlich stamme, ist mir unbekannt. Denn aus einzelnen Ausserungen, die zuweilen meinem Vater entschlupften, musste ich beinahe vermuthen, dass er kein Deutscher sey, obgleich er der Sitte und Sprache dieses Landes vollkommen machtig war, und auch mich darin erzog."

"Die Bitte: Vicktorinen einstweilen sowohl die Verfugungen, die ich einer ungewissen Zukunft wegen treffen zu mussen glaubte, als uberhaupt den ganzen Inhalt dieses Briefes zu verschweigen, ware gewiss uberflussig."

"Sagen Sie dem geliebten Wesen nur, dass ich lebe, und der Erfullung meiner Pflicht freudigen Muthes entgegen gehe. Dieses ist erlaubt, und mehr braucht es zwischen uns beiden nicht. Und nun vergonnen Sie mir, noch ehe ich von Ihnen scheide, mein Tagebuch zu erganzen, indem ich Ihnen die Ereignisse dieser letzten Tage mittheile. Ich weiss, dass diese auf vielfache Weise Ihr Mitgefuhl in Anspruch nehmen werden, um so mehr, da in Ihnen die Veranlassung zu diesem Schreiben und meiner fruher ausgesprochenen Bitte liegt."

"Ich will mich, hochwurdige Frau! nicht weitlauftig daruber verbreiten, wie wenig erfreulich und unter welchem Drange, mitunter recht unangenehmer Geschafte, ich meine Zeit in Marseille hinbringen musste. Meine einzige Erholung nach jedem muhsam durchkampften Tagewerk war Abends ein Spaziergang, sobald die Sonne sich dem Untergange zuneigte, und am liebsten wallfahrtete ich dann auf ziemlich steilem Pfade dem Gipfel eines, nicht zu weit von der Stadt entfernten Berges zu, um mich dort an der, um diese Stunde vom Meer herruberwehenden Kuhle und der herrlichen Aussicht zu erquicken. Gleich einer Mauerkrone schmuckte hier eine alte Zitadelle mit ihren von Wind und Wetter gebraunten Zinnen und Thurmen den nackten Scheitel des funfhundert Fuss hoch uber dem Meer stolz und kuhn sich erhebenden Felsens, und bildet mit dem dunkeln Blau des daruber sich hinwolbenden Himmels den wunderbarsten Contrast, den ich taglich mit neuer Lust betrachtete. Ganz in ihrer Nahe hat frommer Glaube schon seit undenklicher Zeit eine Kapelle hingebaut, in welcher die heilige Jungfrau unter dem Namen notre Dame de la Garde verehrt wird, und sowohl die Festung als der Felsen selbst werden in der Umgegend nach diesem kleinen Tempel benannt. Wenn ich diese Kapelle besuchte, so ergriff mich sowohl ihre Bestimmung als ihre Lage auf unbeschreiblich ruhrende Weise. Von der hervorragendsten Stelle des Felsens winkt sie dem scheidenden Schiffe den letzten Gruss aus der Heimath noch lange nach, wenn der ubrige Theil der Kuste seinem Auge schon entschwunden ist, und dem Wiederkehrenden leuchtet sie zuerst entgegen, wie ein aus den Wogen auftauchender, Freude und Wiedersehen verkundender Stern, ehe noch das Land selbst seinem Auge sichtbar werden kann. Das sonst als wunderthatig hier verehrte Gnadenbild von gediegenem Silber ward freilich schon damals, als frevelnde Hande jedes Heiligthum ungestraft antasten durften, von den Kurmagnolen entfuhrt; aber der alte fromme Glaube haftet doch noch an der Stelle, die es einst heiligte. Die Seefahrer empfehlen sich vertrauensvoll dem Schutz der notre Dame de la Garde, wenn sie den Hafen verlassen, und rings umher an den Wanden hangen zahllose Dankopfer von denen, die ihrem Beistande Errettung aus der Sklaverei der Barbaren, oder Erhaltung mitten in der drohendsten Gefahr schuldig zu seyn glauben. Morgens und Abends eilen Frauen und Madchen aus der Umgegend hieher die fur ein geliebtes Leben zittern, das im Kampf mit dem wilden Elemente begriffen ist, welches sich hier unabsehbar wie die Ewigkeit vor dem geblendeten Auge ausbreitet. Sie schmucken den kleinen Altar mit frischen Blumen und geweihten Kerzen, und kehren hoffnungsvoll und beruhigt zu ihrem Tagewerk zuruck, wenn sie im brunstigen Gebet den geliebten Mann der machtigen notre Dame de la Garde empfohlen haben. Wie oft stand ich da, gedachte Vicktorinens und suchte in den landlichen Gestalten irgend eine Ahnlichkeit mit dem geliebten Wesen aufzufinden, dessen reines inniges Gebet vielleicht in der nehmlichen Stunde fur mich zum Himmel aufstieg, bis auch mich mein Gefuhl neben die Beterinnen am Fusse des kleinen armlichen Altares hinzog, wenn gleich mein Glaube keiner heiligen Vermittler zwischen mir und Gott bedarf.

Am langsten und liebsten aber pflegte ich hier auf der Terrasse dicht vor der kleinen Zitadelle zu verweilen, von welcher aus sich eine wahrhaft unermessliche Aussicht vor mir ausbreitete, die ich bis jetzt noch keiner andern zu vergleichen weis. Land und Meer, die grosse lebensreiche Stadt mit ihrem Gewuhl, von dem kein Ton bis hier hinaufgelangt, die malerisch geformten Felsen, der Hafen mit seinen vielen fremdartigen, in ihrer Bauart so verschiedenen Schiffen und Fahrzeugen aller Art, die viel tausend kleinen Bastiden ringsumher, welche gleich leuchtenden weissen Punkten hervorglanzen aus ihrem Myrthengestrauch, ihren Olivenbaumen, ihren Pinien; alles dieses zusammen gewahrt hier beim Untergange der Sonne ein Bild, dessen Darstellung weder Pinsel noch Feder unternehmen darf. Und doch fuhlt sich Jeder zu dem Versuche hingerissen und ich selbst muss jetzt gewaltsam mich davon abwenden."

"Hieher, hochwurdige Frau! wallfahrtete ich auch noch am letzten Abende, den ich vor meiner Abreise nach Toulon in Marseille zuzubringen gedachte. Arbeitsmude, geistig erschopft von tausend kleinen nekkenden Widerwartigkeiten, die ich des Tages uber zu bekampfen gehabt hatte, machte ich mich etwas spater als gewohnlich auf den Weg. Die Sonne war schon dem Untergange nahe, und ich bemerkte es kaum, dass ein dunner durchsichtiger Schleier den sonst ewig heitern Himmel wie mit einem Flor zu bedecken begann. Der Weg kam mir ungewohnlich lang vor, der Felsen schien mir steiler als je, kein Luftchen wehte mir Kuhlung zu, wie sonst immer um diese Stunde, wo der Seewind sich aus dem Meere erhebt; eine fur diese Jahreszeit sehr druckende Schwule erschwerte mir das Athmen, und ich empfand eine so ungewohnte lahmende Mattigkeit, dass ich recht froh war, den Felsen endlich erstiegen zu haben."

"Ich eilte sogleich der Terrasse zu, um noch einmal an der kostlichen Aussicht mich zu erfreuen, ehe es dunkel ward, denn unter diesem Himmelsstrich ist die Zeit der Dammerung so kurz, dass die Nacht gleich nach dem Sinken der Sonne ihre Rechte geltend zu machen beginnt. Zugleich wollte ich von dem alten Invaliden Abschied nehmen, der hier oben als Wachter angestellt ist und so lange der Tag wahrt, jedes am Horizonte auftauchende Seegel vermittelst eines grossen Fernrohrs beobachtet, um dessen Ankunft sogleich der Stadt durch Signale kund zu thun, sobald sich nur die Flagge des ankommenden Schiffes erkennen lasst."

"Zwischen mir und dem alten wackern Graukopfe war wahrend meiner oftern Besuche hier oben eine Art freundlichen Verkehrs entstanden, von dem ich ihm ein kleines Andenken zuruckzulassen wunschte. Ich hatte gewissermassen sein Herz gewonnen, weil ich ihm freundlich zuhorte, wenn er mir mit der, alten Franzosen so eignen Redseligkeit, von seiner Jugendzeit erzahlte, die er gleich allen Greisen der jetzigen weit vorzog, von der vormals unter dem unglucklichen Ludwig in Versailles herrschenden Pracht und von der Schonheit und Huld seiner noch unglucklicheren Konigin, die er sogar einmal gesprochen zu haben versicherte, als er eben im Park von Versailles Schildwache stand."

"Der gute Alte pflegte mich sonst immer mit so lauter Freude zu empfangen, als es die alt franzosiche Hoflichkeit ihm nur erlauben mochte, doch heute war auch dieses anders wie sonst. "Kehrt um Herr!" rief er mir schon von weitem zu, sobald er mich ansichtig ward, "geht zuruck, um Gotteswillen was wollt Ihr heute hier oben? Ein furchterliches Unwetter zieht herauf, und Ihr habt von Gluck zu sagen, wenn Ihr noch vor dessen volligem Ausbruche die Stadt erreicht."

"Ich begriff den alten Regnand anfangs nicht, die Luft war vollkommen still, kein Halmchen regte sich; nur der Schleier, der jetzt den ganzen Himmel bedeckte, verdichtete sich unmerklich, aber schnell, und uber dem Meere hin stiegen weissgraue, zackige Wolkengebilde auf. Doch plotzlich veranderte sich alles. Mit wildem angstlichem Geschrei flog jetzt auf einmal ein unzahlbares Heer grosser und kleiner Wasservogel von allen Seiten dem Ufer zu, und suchte mit bangem Geflatter sich in die Hohlen und Spalten der Felsen zu verbergen. Nahe am Strande war das Meer noch still, es war, als ob seine helle, jetzt blassgraue Flache nur innerlich erzitterte, ohne jedoch eigentlich Wellen zu bilden, doch weiterhin in der offnen See thurmte es sich schon Haus hoch, und ein dumpfes schauerliches Getose stieg immer lauter und grausenvoller aus der entsetzlichen Tiefe zu uns herauf."

"Wie kurz vorher die Moven und das ubrige Geflugel dem schutzenden Strande zugeeilt waren, so sah ich jetzt auf den Wogen unzahliche kleine schwarze Punkte in angstlicher Eile ihm zustreben, lauter Fischernachen, die mit Anstrengung aller Krafte das Land zu erreichen suchten. Einer davon schlug nahe am Ufer um, aber die rustigen Fischer retteten sich schwimmend. In einiger Entfernung wandten sich ein Paar grosse Schiffe mit vollen Seegeln durch die kleinen Nachen durch; wie ein Paar Schwane theilten sie in stiller Majestat die schaumenden Wogen und erreichten glucklich den nahen Hafen, ehe der Sturm mit seinem vernichtenden Fittig sie ereilen konnte."

"Die Luft war am Ufer still, aber das bange Grausen, das auf der ganzen Natur ruhte, hatte auch mich ergriffen, und ich stand da und blickte, unfahig mich abzuwenden, den kommenden Schrecken entgegen. Mein alter Freund sass indessen unbeweglich, wie fest gebannt, vor seinem Fernrohr, und obgleich die hereinbrechende Dunkelheit ihm nicht mehr erlauben mochte, weit zu sehen, so starrte er dennoch mit unverkennbarer Angst in die Wasserwuste hinaus, wo der Kampf der Elemente sich immer wilder erhob. Von mir nahm er dabei keine Notiz, nur dass er, ohne es vielleicht selbst zu wissen, dass er es that, mich dann und wann ermahnte, heimzukehren so lange es noch Zeit sey."

"Heulend, pfeifend, brullend, mit grasslichem Tosen brach jetzt der Sturm los, und das Meer antwortete ihm. Bergehoch, mit weissem, hell durch die Dammerung leuchtenden Perlenschaume gekront, thurmte sich am Ufer die Brandung auf, brach am Felsen in sich zusammen, erhob im Momente sich von neuem, und unabsehbar tief gahnte der schwarze furchtbare Abgrund zwischen den immer von neuem wieder erstehenden Wogen. So weit das Auge reichte, siedete das Meer in unbeschreiblicher Wuth, sturzten auf der unermesslichen Flache Berge uber Berge ineinander. Blitze fuhren daher und die ganze Atmosphare stand in Flammen, Donner und Meer brullten um die Wette. Der jetzt ganz schwarze Himmel schien sich in das Meer versenken zu wollen, die gewaltigen Wogen thurmten gegen ihn sich an, als wollten sie, gleich ergrimmten Titanen, mit ihm kampfen, und der Fels, auf dem ich stand, schien in seiner Grundfeste zu erbeben."

"Dichte Finsterniss bedeckte die grausenvolle Scene und erhohte ihre Schrecken. Jetzt zerrissen Blitze von allen Seiten die schwarze Wolkendecke, und bei der, einige Sekunden lang anhaltenden und nach jedesmaligem Verschwinden schnell wiederkehrenden blendenden Helle, entdeckte mein scharfes Auge in nicht zu grosser Entfernung einen dunklern Gegenstand, den eine Woge der andern im grasslichen Spiele zuwarf, der uns bald naher gerollt ward, bald weiter sich entfernte, bald auf drohender Hohe schwebte, bald tief hinab dem entsetzlichen Abgrund zugeschleudert wurde. Es war ein Schiff, allmachtiger Gott! ein Schiff! Wie klein ist alles Menschenwerk gegen die unermessliche Natur! Und was sind wir, die wir uns ruhmen, die Elemente unserem Dienste zu unterjochen!"

"Jetzt begann der Regen in grossen schweren einzelnen Tropfen niederzufallen; beim Scheine der Blitze glanzten diese wie Feuerfunken. Mir kam es nicht in den Sinn, ein schutzendes Dach aufzusuchen, es war mir als gabe es keinen Schutz mehr in der Welt vor dieser vernichtenden Gewalt der Natur. Von Ehrfurcht durchschauert in den tiefsten Tiefen meines Gemuths fuhlte ich mich in der unmittelbaren Gegenwart des Herrn der Welt und ich vermochte es nicht einen andern Gedanken zu fassen, als seine unbegreifliche Grosse und die arme Endlichkeit alles irdischen Beginnens."

"Kommt herein, Herr, verschmaht meine arme Hutte nicht, Ihr werdet unter meinem Dache wenigstens im Trocknen seyn," sprach jetzt mein alter Invalide, und zog mich mit hoflicher Gewalt seiner kleinen, ganz in der Nahe befindlichen Wohnung zu. "Ich sage es Euch vorher, ich habe Euch gewarnt, Herr, aber da war kein Gehor, schalt er recht vaterlich, wahrend er in seinem armlichen Stubchen den durchnassten Rock mir auszog und ihn an das Kamin hing, in welchem er mit einigen Bundeln trockner Weinreben und ein Paar dicht belaubten Zweige der immergrunen Eiche, die hier einheimisch ist, ein hellaufloderndes Feuer anzundete."

"Ich bin das gewohnt," brummte er wahrend dieser Beschaftigung nach seiner gutmuthigen Weise fort; "einem alten Soldaten schadet so etwas nicht leicht, aber Ihr, junger Herr, ich sage Euch, ihr konnt eine Brustentzundung davon tragen. Folgt mir nur wenigstens diesmal, und nehmt einen Tropfen von meinem guten Curacao, das wird Euch wohl thun."

"Ich that alles, was der Alte wollte, liess ihn ungestort um mich herum sein Wesen treiben, und horchte nur auf den Sturm, der immer furchtbarer die Hutte umtobte. Plotzlich vernahm ich, mitten durch den wilden Aufruhr der Elemente, einen von diesen sich unterscheidenden Schall wie von einer, in nicht gar zu weiter Entfernung gelosten Kanone, gleich darauf noch einen, und wieder einen. "Notre Dame de la Garde nehme der armen Seelen sich in Gnaden an! die werden den Morgen schwerlich wiedersehen," seufzte, recht innerlich betrubt, der Alte. "Habt Ihr es gehort, Herr? das waren Nothschusse. Wohl mag das arme Schiff in grosser Noth schweben, aber da ist bei Menschen keine Hulfe. Bei diesem Wetter wagt kein Lootse sich hinaus."

"Ich will hin! rief ich, und griff nach meinem am Feuer hangenden Rock, ich will hinunter, sagt mir wo finde ich die Lootsen, ich will ihnen Gold bieten, vielleicht "

"Bleibt, sage ich Euch, bleibt!" erwiederte der Greis, indem er mich fest hielt, "ich sage Euch, botet Ihr auch Millionen, hier ist nichts zu thun. Die Lootsen wohnen weit von hier, nahe am Hafen, es sind brave Leute darunter, die ihr Leben nicht achten, wenn Hulfe moglich ist. In dieser Nacht aber ware jeder Versuch an das Schiff zu gelangen wirklich Tollheit, und konnte nur zum Untergange fuhren. Solchen Sturm hat niemand seit Menschengedenken erlebt! Ich kenne das Schiff wohl, ich glaube dass es sogar Lootsen am Bord hat, denn seit mehreren Stunden sah ich unter grosser Besorgniss zu, wie es auf der Hohe lavirte. Es ist der Phonix, ein braves Schiff, eines der schonsten und grossten von Marseille. Aber so viel ich durch das Fernrohr sehen konnte, hat es wahrend dieser Reise durch fruhere Sturme schweren Schaden erlitten, denn es konnte sich nicht recht regieren. Sonst hatte es wohl eben so gut noch den Hafen erreicht, wie die Syrene und der Merkur, die Ihr vorhin kurz vor dem vollen Ausbruche des Unwetters einlaufen saht. Horch! sie schiessen wieder und wieder arme Leute! arme Leute! mogen Gott und die Heiligen sie trosten. So dicht vor dem Hafen! es ist ein grausames Geschick."

"Die Thure flog jezt weit auf, und hereinsturzte mit der Geberde einer Verzweiflenden ein junges Madchen, von dem ich mich erinnerte, es sehr oft in der Kapelle beten gesehen zu haben. Wild flog ihr langes rabenschwarzes Haar um das todtenbleiche Gesicht, ihre Kleider waren durchnasst, sie wollte reden, aber der Athem fehlte ihr."

"Suzon, Mamsell Suzon, barmherziger Gott wo kommt Ihr her in dieser Schreckensnacht!" rief der Alte und schlug voller Entsetzen beide Hande zusammen."

"Die Lampe, die Leuchte, Eure Laterne Vater Regnaud "stammelte das arme Madchen, "ich muss hinab an den Strand, hort Ihr das angstliche Nothschiessen denn nicht? ich will hin, ihnen muss Hulfe werden sie mussen gerettet " ihre Knie brachen bei diesen Worten unter ihr zusammen. Vater Regnaud hielt sie im Fallen auf, sie zitterte konvulsivisch, aber sie verlor nicht das Bewusstseyn. Wir standen ihr bei, so gut wir es vermochten, der Alte trug sie in seinen gepolsterten Sorgstuhl neben dem Kamin, rieb ihr die Schlafe mit gebranntem Wasser und versuchte es, ihr ein Paar Tropfen davon einzuflossen. "Armes, armes Kind! seufzte er dazwischen, und eine Thrane zitterte in seinen grauen Wimpern. "Die Ungluckselige! in dieser Nacht den Felsen zu erklimmen, es ist unglaublich! Betet, Mamsell Suzon, betet zu Gott und unsrer lieben Frau fur die armen Leute, sie sind in Gotteshand, hofft auf ihn."

"Gebt mir die Laterne, erwiederte Suzon mit wildem, fast wahnsinnigem Blick, ich sage Euch, ich muss hinab an den Strand! Sie wollte aufstehen, doch sie vermochte es nicht, sie sank halb ohnmachtig zuruck in den Stuhl, und ihre Augen fielen von selbst zu, wie die einer Todmuden. "Ich habe gebetet, so betet niemand wieder," sprach sie leise und immer leiser, "notre Dame de la Garde ich wusste, er kame heut, Euer Signal sie sagtens mir in der Stadt sechs Stunden lag ich am Fusse ihres Altars, sie hat mein Gelubde angenommen, sie winkte mir ich muss hinab, ich rette ihn, notre Dame de la Garde "

"Die arme Suzon sprach die letzten Worte halb im Traume, ihr Kopfchen sank zuruck, ein eignes Lacheln glitt uber das bleiche Gesicht hin, die an das Stuhlkissen gedruckte Wange rothete sich ein wenig, sie athmete leiser und ohnerachtet der innern furchtbaren Angst machte die erschopfte Natur ihre Rechte geltend, indem sie dem armen Kinde kurzes Vergessen aller Noth gewahrte."

"Sie schlaft," flusterte der Alte, und schlug ein Kreuz uber die Schlummernde, dann wollte er auf die Terrasse hinaus, sich umzusehen und ich begleitete ihn. Der Regen hatte aufgehort, der Sturm tobte furchterlicher als zuvor, kaum dass ich seiner Macht widerstehen konnte und mich aufrecht erhielt. Unaufhorliche Blitze gossen noch immer Strome von Feuer uber das siedende Meer aus und noch deutlicher als zuvor erblickten wir bei ihrem Leuchten das ungluckliche Schiff, ringend mit dem Untergange. Dunkle undurchdringliche Grabesnacht umgab uns gleich darauf wieder, und durch die dichte Finsterniss leuchteten einzelne kleine schnell wieder verschwindende Funken zu uns auf; es war das Aufblitzen der Kanonen, durch deren unaufhorliches Abfeuern die verzweifelnde Mannschaft des Phonix noch immer menschliche Hulfe herbeizurufen strebte, aber der Schall verschwand unhorbar und ungehort in dem furchtbaren Aufruhr der Natur."

"Ich konnte mich nicht entschliessen, zuruck in die Hutte zu gehen, und auch der Alte blieb draussen, wahrscheinlich um Suzons herzzerreissenden Anblick auszuweichen. Noch immer besturmte ich ihn mit Bitten und Fragen, um Mittel und Wege, dem augenscheinlich dem Untergange geweihten Schiffe zur Hulfe zu kommen, aber er wies mich unabanderlich ab, wie man ein Kind abweist, das Unmogliches verlangt, obschon das Herz des mit allen diesen Schrekken langst vertrauten Greises fur die ungluckliche Suzon blutete."

"Er sagte mir, sie sey seine Pathe, die Tochter eines armen Fischers, aus einem kleinen Dorfchen nahe am Fusse des Felsens von notre Dame de la Garde; das schonste, sittsamste, anmuthigste Madchen weit und breit umher, von Jugend auf bei Alt und Jung beliebt. Antoine, seit langer Zeit ihr Verlobter, war als Matrose mit dem Phonix ausgegangen, sobald er heimkehrte, sollte die Hochzeit seyn und nun dem alten Mann brach die Stimme vor innerer Bewegung, er vermochte nichts weiter hinzuzusetzen."

"Ich dachte an Vicktorinen und ach! hochwurdige Frau! lassen Sie mich, was ferner sich mit der Unglucklichen begab, was mir das Herz zerriss, indem es mit einem Entsetzen mich erfullte, das immer von neuem wiederkehrt, so oft ich daran denke lassen Sie mich das alles nur noch mit wenigen kurzen Worten andeuten, um Ihrer und meiner zu schonen.

"Wir kehrten in die Hutte zuruck und fanden Suzon nicht mehr. Sie war erwacht, und hatte sich hinter unserem Rucken hinausgeschlichen. Das furchtbare Brausen des Sturms, das wilde Toben der Wogen, bei dem wir nur muhsam, dicht zusammen gedrangt, uns einander verstandlich machen konnten wir hatten ihr Fortgehen nicht bemerkt!"

"Wir riefen Hulfe herbei, die wenigen Invaliden, welche die Zitadelle bewohnen, vereinten sich mit uns, der Fels, der Weg zur Stadt, die Kapelle, alles ward durchsucht, obgleich die Schrecknisse dieser entsetzlichen Nacht die Nachforschungen eben so gefahrlich als muhsam machten, alles war umsonst und Suzon blieb verloren!"

"Der Morgen graute, das Gewitter verzog, der Sturm legte sich, doch das erzurnte Meer siedete noch immer in innerlicher entsetzlicher Wuth, und die schaumende Brandung tobte weit uber ihre sonst gewohnte Granze am Ufer hin. Da ging endlich die Sonne auf, hell und heiter, als leuchte ihr Strahl nur Glucklichen, die smaragdnen Wellen erglanzten, sie hoben wie im feyerlichen Tanz die schaumgekronten Haupter in unbeschreiblicher Pracht, und warfen im wilden Spiele die dunkeln Trummer des gescheiterten Schiffes einander zu, ein trauriges Zeichen ihres Triumphs uber zerbrechliches Menschenwerk."

"Wie ich zuruck nach Marseille und in meine Wohnung gelangt bin, weiss ich kaum. Das in allen seinem Schrecken uber allen Ausdruck erhaben grosse Schauspiel dieser unvergesslichen Nacht, Suzon, Vicktorine, alles dieses vereint, drangte sich auf dem Wege in meiner Phantasie zu einem einzigen gewaltigen Bilde zusammen."

"Es war mir unmoglich, Marseille, wie ich es mir fruher vorgenommen hatte, schon an diesem Tage zu verlassen, ohne vorher uber das Geschick der armen Suzon und der Mannschaft des so nah' am Hafen gescheiterten Schiffes zu einiger Gewissheit gelangt zu seyn. Alle, alle hatten wahrscheinlich im Zorn des emporten Elements den Untergang gefunden."

"Als am zweiten Morgen nach jener Schreckensnacht das wieder beruhigte Meer sich in seine alten Schranken zuruckzog und die wilde Brandung sich legte, fanden die Fischer mehrere Todte, welche die Wogen dem mutterlichen Boden wieder zugeworfen hatten. Antoine war der erste unter diesen; unfern dem Wohnorte seiner Braut lag er auf einer kleinen Erhohung, halb bedeckt noch von den Wellen, die einzeln uber ihn hinschlugen, und neben ihm seine bis in den Tod getreue Suzon. Kalt, erstarrt, durchnasst, als hatte sie mit ihm die Gefahren des Schiffbruchs getheilt, hielt sie ihn noch immer fest umschlungen, und keine Gewalt vermochte die Liebenden im Tode zu trennen, denen Vereinigung im Leben nicht beschieden war."

"Die Ungluckliche! Nachdem sie aus der Hutte des guten Regnaud entfloh, stieg sie, wie man jetzt vermuthet, einen Fusspfad hinab, der schnurgerade ans Ufer fuhrt. Niemand begreift, wie dieses Wagestuck ihr in dieser entsetzlichen Nacht gelungen seyn kann, denn nur selten mag einer der kuhnsten Bewohner dieser Kuste den fast senkrecht steilen Weg bei hellem Sonnenscheine zu erklimmen. Wahrscheinlich fand sie zuerst beim grauenden Morgen den geliebten Todten, noch umspult von der Brandung, die ihn ans Ufer warf, und ihn wieder mit hinabzureissen drohete. Die erschopften Krafte der Armen vermochten nicht, ihn vollends an das Ufer zu ziehen, und so sank sie neben ihm hin und fand selbst den Tod in dem Bestreben, ihren Geliebten wieder ins Leben zuruckzurufen. Es ist ein Geschick, uber das sich weiter nichts sagen lasst; hier bleibt nichts ubrig, als schweigend in Ehrfurcht zu verstummen."

"Am zweiten Tage, ehe ich den Weg nach Toulon antrat, ging ich hinaus, um das Meer noch einmal zu sehen, doch den Felsen von notre Dame de la Garde mochte ich nicht wieder besteigen. Glanzend wie ein Spiegel, kaum gekrauselt von leicht dahin tanzenden Wellen, lag es vor mir, keine Spur mehr von der furchtbaren Emporung, in der ich es vor kaum acht und vierzig Stunden gesehen hatte. Sinnend verweilte ich lange in seinem Anschauen, alle Schrecknisse jener Nacht gingen nochmals an meinem Geiste voruber, und ich fasste hier zuerst den Entschluss, welchen ich jetzt ausfuhre, indem ich diese Blatter und den Schlussel zu dem Kastchen Ihnen, hochwurdige Frau, ubersende."

"Mein Muth blieb indessen ungebeugt, und ich darf sagen, was ich sah und erlebte, hat ihn vielmehr neu gestarkt, obgleich das harte Geschick der armen Suzon und ihres Geliebten mich noch immer mit tiefer wehmuthiger Trauer erfullt! Drohen doch uberall tausend Gefahren dem armen Leben des Sterblichen, selbst mitten im Kreise der Seinen, auf festem Boden, im sichern Hause. Ist doch die Erde ein weites Grab wie das Meer und jeder Athemzug ein unerforschtes Wunder, das unser Leben von einer Secunde zur andern fristet. Wahrlich, wir mussten entweder immer verzagen, oder immer vertrauen, und ich wahle mir das letztere."

"Am namlichen Tage noch trat ich meine kleine Reise nach Toulon an; ich suchte und fand neue Lebenskraft im Betrachten dieser, von allem mir Gewohnten so ganz abweichenden Pracht der Natur und es gelang mir nach und nach, mich von den dustern Bildern loszureissen, die noch immer auf meine Phantasie eindrangen."

"Alles ist hier anders wie bei uns und doch unendlich reizend; keine Spur jener anmuthigen Frische, die in den schonen Thalern am Ufer der Elbe, des Rheins, der Donau, uns mit so unbeschreiblichem Wohlbehagen erfullt. Weit und breit ist nur wenig Grunes zu entdecken, die Olivenbaume, die in den Steinkluften wurzeln, der Tymian, der Lavendel, alle die viel tausende Krauter, die, wie ein Teppig, sich uber die Felsen hinbreiten, zeigen meistens nur ein einformiges Graublau, welches das dunkle, ans Schwarze granzende Grun der malerischen Pinie nur selten unterbricht, aber ein sussberauschender Duft steigt Abends und Morgens aus ihnen auf. Der Oleander, der Rosmarin wachsen hier, mit der Myrthe vereint, zum hohen baumartigen Strauch heran. Die Tazette, der Goldlack, alle die vielen Blumen, die wir im Norden muhsam pflegen, gedeihen hier in der Wildniss weit uppiger als in unsern Treibhausern. Myriaden von Cikaden klingeln wie mit Silberglockchen vom Morgen zum Abend ihr eintoniges Lied und die malerisch gestalteten Felsen ergluhen im Sonnenschein in einer Farbenpracht, die wir im Norden nicht kennen."

"Da ich erst spat gegen Mittag ausgereist war, so konnte ich Toulon nicht in Einem Tage erreichen, sondern musste in Cujes, einem kleinen, mitten in einem Felsenkessel liegenden Orte ubernachten; dafur ritt ich aber auch schon mit Sonnenaufgang wieder aus, von meinem Bedienten und einem Postillion begleitet, der uns zum Wegweiser diente. Unsere Strasse fuhrte uns anfangs durch ein wunderschones Felsenthal, am Ufer eines lustig rauschenden Bergwassers hin, dem von den Hohen eine Menge kleiner silberhellen Quellen zusturzten, als eilten sie, sich mit ihm zum frohlichen Tanz durch das schone Land hin zu vereinen. Wo nur ein urbares Platzchen sich findet, wachsen hier Mandelbaume, Maulbeerbaume und Reben zwischen dem Gestein; unzahlige Blumen biegen sich neugierig vor, als wollten sie in dem klaren Gewasser sich spiegeln und alles grunt und bluht in uppiger Fruhlingskraft. Doch dieses wahrte nicht lange, die Felsen erhoben sich kuhner, das klare Stromchen verwandelte sich in einen scheltend und sturmend, zwischen engen Ufern daher rollenden Giesbach, und alles um uns gewann einen dusteren, wilderen Charakter, bis zuletzt jede Spur von Vegetation hinter uns zuruckblieb und das enge schauerliche Thal von Oliulles uns aufnahm. In fruheren Zeiten, selbst wahrend der Revolution, war es als der Aufenthalt gefahrlicher Rauberhorden beruchtigt, und auch jetzt hatte man uns ermahnt, es nicht unbewaffnet zu durchziehen. Denn der vieljahrige Krieg hat die Menschen verwildert, und viele, die wahrend desselben heranwuchsen und kein anderes Handwerk als Raub und Plunderung in fernen Landern erlernten, uben dieses jetzt nothgedrungen im eigenen Vaterlande aus, besonders wo sie, gerade wie in diesem Thal, einen Ort finden, der von der Natur selbst zum Schauplatz dunkler Thaten bestimmt scheint."

"Nie sah ich eine furchtbarere Einode! Ein wild verworrenes Labyrinth grausenerregender Klufte und Hohlen offnet sich zu beiden Seiten der dicht am Bergstrom sich hinwindenden Strasse und bietet dem Rauber uberall sichere Zuflucht und Mittel zu entkommen. Zuweilen treten die uberhangenden Felsen so nahe zusammen, dass kaum ein schmaler Himmelsstreif dem Wandrer sichtbar bleibt, und kein belebender Sonnenstrahl in die schauerliche Dammerung hinabzudringen vermag. Hier verstummt alles Leben, kein Vogel singt in dieser furchtbaren Wuste, aus der selbst die genugsame Cikade entflieht, weil auch kein armes Halmchen dem trocknen harten Steine mehr entspriesst."

"Tief in mich selbst versunken, ritt ich eine kleine Strecke voraus, dem einsamen dunkeln Pfad' entlang, wahrend mein Bedienter mit dem Postillion etwas zuruckblieb, um sich von diesen Mordgeschichten erzahlen zu lassen, deren Schauplatz er gerade in die Gegend hin verlegte, in welcher wir uns befanden. Meinem ehrlichen Dubois straubte sich dabei das Haar himmelan, aber er horchte dennoch mit einem Interesse darauf, welches auch gebildetere Naturen, als die seine, nie ganz zu verlaugnen vermogen, und verlangte immer nach einer zweiten furchterregenden Erzahlung, wenn die erste eben zum Schlusse gekommen war."

"So gelangte ich, anscheinend ganz allein, zu einer Stelle im Thal, wo sich die Felsen dem Auge so wunderbar in einander schieben, dass der ruckwarts Schauende eben so wenig begreift, wo er hergekommen ist, als man absehen kann, wo es hinaus will, wenn man den Blick vorwarts wendet. Und gerade in diesem ringsum von steilen Felsenwanden eingeschlossenen Platze sah ich plotzlich in geringer Entfernung aus einer der Seitenklufte zwei mit starken Knutteln bewaffnete Manner hervorspringen, deren verwildertes Ansehen das traurige Gewerbe nur zu deutlich bezeichnete, welches sie hier treiben mochten."

"Wo hinaus?" rief mir der Eine zu, der mir am nachsten stand, und suchte meinem Pferde in den Zugel zu fallen, wahrend der Andere im gestreckten Laufe herbei eilte. Ich hatte indessen im Augenblicke, als ich ihrer ansichtig ward, eines meiner Terzerole hervorgezogen, und feuerte es nur uber ihre Kopfe ab, denn warum sollte ich die armen Teufel zu verletzen suchen? Der Schall vertausendfaltigte sich bis ins Unendliche zwischen diesen Felsenmassen, und was ich dadurch beabsichtigte, war auch im nachsten Augenblick erreicht, denn der Postillion und Dubois bogen um die Ecke; die Rauber flohen in ihre Schlupfwinkel zuruck, sobald sie dieser Beiden gewahr wurden, und verschwanden blitzschnell vor unsern Augen."

"Herr, das waren bose Gaste!" rief der Postillion, "lasst uns eilen, damit wir diese verwunschten Rauberwinkel in den Rucken bekommen. Ich liess mir den Rath gefallen und nun ging es eine Weile so schnell vorwarts, als der, bald steil sich erhebende, bald dem Abgrunde sich zusenkende Weg es nur erlauben wollte. Die Felsen zogen sich in immer wunderbarer sich gestaltende, dustere Klufte zusammen. Plotzlich sprang mein Pferd um die Seite; ich suchte die Ursache seines Scheuwerdens und ward mit Entsetzen einen fast ganz entkleideten wahrscheinlich ermordeten Menschen gewahr, der, halb verborgen, in einer Felsenschlucht unfern dem Wege lag. Schnell sprang ich vom Pferde, um zu untersuchen, ob noch Leben in ihm sey? Dubois Angst stieg zwar bis zum Lacherlichen bei diesem Verweilen an einem so beruchtigten Orte, und auch der Postillion ware gern vorwarts geeilt, doch ich achtete nicht darauf, und da ich beiden in der nachsten Minute die Versicherung ertheilen konnte, dass der Beraubte nicht todt, sondern nur von einem Schlage auf den Kopf betaubt sey, so waren sie auch sogleich bereit, mir in dem Bemuhen, ihn wieder ins Leben zu bringen, beizustehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Ungluckliche den nehmlichen Raubern in die Hande gefallen, denen wir kurz vorher begegneten; Dubois und der Postillion besprachen dieses mit einander sehr weitlauftig, indem sie sich um ihn beschaftigten und zogen daraus den trostlichen Schluss, dass die Rauber deshalb wohl schwerlich sobald sich wieder hieher zuruckwagen wurden."

"Mit welcher Freude ich endlich die erste Regung des wiederkehrenden Lebens in dem Verwundeten wahrnahm, vermag ich nicht zu beschreiben. Nie zuvor hatte ich gefuhlt, was es heisst, ein Menschenleben gerettet zu haben, und ich schrie beinahe laut auf vor Entzucken, als sein Auge sich dem Lichte offnete. Freilich sank er bald darauf, halb ohnmachtig wieder zuruck, doch gelang es uns deshalb vielleicht um so besser, die nothigen Vorkehrungen zu treffen, um ihn mit uns zu fuhren, ohne ihm zu grosse Schmerzen zu verursachen."

"Langsam schritt unser kleine Zug jetzt vorwarts, bis wir den nicht mehr sehr entfernten Ausgang des Thals erreichten. Tausend Gedanken und Empfindungen wogten indessen in meinem Gemuth; Suzon und ihr schmerzliches Geschick standen von neuem vor meinem Geist, und die Ueberzeugung dass nur der Untergang jenes holden liebenden Wesens mich in der rechten Stunde zur Rettung dieses jungen Mannes herbeigefuhrt habe, erfullte mich mit unaussprechlich tiefer Wehmuth. Denn nur um von Suzon noch Kunde zu erhalten, war ich spater von Marseille ausgereist, als ich zuerst es mir vorgesetzt hatte."

"So geht das Leben durch Nacht zum Licht! aus Untergang erwachst neues Entstehen, wie am Horizonte des gestirnten Himmels ein neues Sternbild glorreich sich erhebt, wenn andere nach vollbrachtem Laufe hinabsinken. Die anscheinend unbedeutendste unsrer Handlungen zieht oft eine Kette von Folgen nach sich, bei deren Betrachtung uns, wenn wir den Blick ruckwarts wenden, geheimnissvolle Schauer aus einer unsichtbaren Welt entgegen wehen. Dass ich zu ubelgewahlter Zeit einen Spaziergang unternahm, daran hing, allem menschlichen Absehen nach, das Leben dieses jungen Mannes, nebst allen den nicht zu berechnenden Folgen, die aus seiner Erhaltung, nicht nur fur ihn, sondern fur alle die entstehen konnen, welche mit ihm schon in Verbindung sind oder noch im Laufe der Jahre mit ihm in Verbindung kommen werden. Wie ernst ist das Leben und wie wichtig zugleich, wie abhangig von allem was wir Zufall zu nennen wagen! Man darf daruber nicht zuviel grubeln, aber wie soll man es anfangen, sich dieser Gedanken zu entschlagen, wenn die Veranlassung dazu sich auf solche Weise uns entgegen drangt!"

"Der Anblick der unaussprechlich reizenden Gegend, welche dicht vor jenem Felsenthal mir uberraschend entgegen leuchtete, entriss mich jenen vielleicht zu ernsten Betrachtungen."

"Ich gebe zu, dass der Kontrast mit der eben verlassenen Wuste nicht wenig dazu beigetragen haben mag, mir alles, was ich nun erblickte, in feenartigen Zauberglanze zu zeigen, doch fur den Moment war mir wirklich, als sey ich plotzlich aus den Schlunden des Tartarus in Elisium versetzt, da ich im Dorfchen Oliulles zum erstenmal in meinem Leben die landlichen Hutten von Orangenbaumen umgeben sah, aus denen Hunderte von Nachtigallen uns entgegen sangen, und deren immer grune, im herrlichsten Bluthenschmucke prangende Zweige zugleich unter der schweren Last goldner Fruchte sich beugten."

"Unser Postillion war glucklicher Weise aus diesem Dorfchen geburtig, und so ward es uns nicht schwer, unsern Verwundeten hier einstweilen auf leidliche Weise unterzubringen, bis fur dessen fernere Verpflegung besser gesorgt werden konnte. Ich liess meinen Dubois bei ihm zuruck, und ritt so schnell als moglich dem jetzt nicht mehr weit entfernten Toulon zu, von wo ich sogleich einen Wundarzt und eine Sanfte nach Oliulles absandte. Am nachsten Tage hatte ich schon die Freude, den Unglucklichen in meinem Gasthofe anlangen zu sehen, wo ich fur seine Verpflegung selbst Sorge tragen kann. Bis jetzt liegt er ausserst schwach, beinahe regungslos da, doch seine Wunden sind an sich nicht gefahrlicher Art, und der Arzt hofft mit Gewissheit, er werde genesen. Diese Hoffnung stutzt sich hauptsachlich auf die innere Kraft einer jugendlichen unverdorbenen Natur, welche freilich durch mannigfaches Leiden, vielleicht sogar durch harte schwere Arbeit, untergraben zu seyn scheint, bei sorgsamer Pflege steht aber zu erwarten, dass sie bald wieder die Oberhand uber Fieber und Schmerz gewinnen werde."

"Im Ganzem ist mir dieser noch sehr junge Mann eine hochst rathselhafte Erscheinung. Seine verfallne abgemagerte Gestalt, seine, wenn gleich fein geformten, dennoch hart gewordnen Hande voller Schwulen scheinen freilich zu beweisen, dass ihn bis jetzt das Leben nicht sanft bettete, und doch liegt ein gewisses unbeschreibliches Etwas in seiner sehr edlen Gestalt und mehr noch in seinem Benehmen, sobald er nur einen Augenblick seiner Besinnung machtig wird, welches darauf hindeutet, dass er den gebildeten Standen angehort, die wir die Hoheren zu nennen gewohnt sind."

"Der Arzt verbietet ihm zu sprechen, was seine eigne Schwache ihm ohnehin kaum erlauben mochte; er liegt die grosste Zeit des Tages in einem, an Bewusstlosigkeit granzenden Hinbruten fast ohne ein Zeichen des Lebens, und da die Rauber ihm alles, was er bei sich fuhren mochte, nahmen, so blieb mir nichts, was mich in meinen Vermuthungen uber seine fruheren Verhaltnisse leiten konnte. Gleichwohl ahnet mir zuweilen, er sey vielleicht ein Deutscher und dieser Gedanke erhoht meine Freude uber seine Rettung um ein Grosses. Freilich haben Luft und Sonne sein Gesicht gebraunt, so, dass er sich in dieser Hinsicht durchaus nicht von den Eingebornen des Landes unterscheidet, doch seine Locken sind blond, und einigemal glaubte ich deutlich zu horen, wie er, o mein Gott! seufzte, wenn seine Wunden ihm starker schmerzen mochten."

"Morgen kehre ich nach Marseille zuruck, denn die Geschafte, welche mich dort erwarten, erlauben mir nicht, nur noch einen Tag langer in Toulon zu verweilen. Der Unfall meines Unbekannten hat indessen die Wachsamkeit der hiesigen Polizei nun belebt, Gensd'armes durchstreifen das Thal von Oliulles nach allen Richtungen hin, und die grosse Strasse wenigstens ist in diesem Augenblick vollkommen sicher."

"Mein Unbekannter bleibt indessen unter dem Schutze eines wackern Deutschen, Namens Weiler, dem Chef eines hiesigen bedeutenden Handelshauses zuruck. Denn wo ware eine bedeutende Stadt in Europa, in der man nicht Deutsche antrafe? Auch der Arzt ist einer, wie so viele der geachtetsten Aerzte in Frankreich. Beide ahnen mit mir in dem Unbekannten einen Landsmann, und pflegen deshalb seiner um so mehr mit wahrhaft bruderlicher Theilnahme. Weiler ist sogar entschlossen, ihn in sein Haus aufzunehmen, sobald der Gesundheitszustand des Kranken dieses erlaubt. So weis ich ihn denn gut versorgt und kann leichten Muthes von ihm scheiden; ich lasse ihm meine Adresse und die meines Hauses zuruck und Herr Weiler will sich mit mir vereinen, um ihm die Heimkehr zu den Seinen auf jede Weise zu erleichtern. Und nun leben Sie wohl, hochwurdige Frau, Sie werden jetzt in langer, langer Zeit nicht wieder von mir horen, aber ich weis, Sie vergessen meiner dennoch nicht. Lebe wohl, Geliebte! Vicktorine! Du schones holdes Licht meines Lebens! Lebe wohl mein Vaterland! Europa, lebe wohl! Mein Schiff liegt im Hafen vor Marseille zur Abfahrt bereit. Es ist ein trefflicher Seegler, der Kapitain ein erfahrner verstandiger Seemann. Die Sturme der Tag- und Nachtgleiche sind voruber, und alles weissagt mir eine schnelle gluckliche Fahrt."

"Mein Herz schlagt hoch in Freude, dass ich nun endlich dem mir gesetzten Ziele zueilen darf; die Hoffnung des schonsten Wiedersehens winkt mir durch den Schleier, der die ferne Zukunft verhullt; was ich auf Erden noch zu ordnen hatte, ist jetzt geordnet, und so rufe ich frischen Muthes aus voller Brust: Gluck auf!" Schon das wohlbekannte Wappen, mit welchem dieser Brief gesiegelt war, hatte wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen, in den Augen der Tante die Aehnlichkeit der Schriftzuge auf der Adresse, mit den ihr unvergesslichen, einer langst zu Staub eingesunknen geliebten Hand zu erhohen. Als sie nun vollends auch den kleinen goldnen Schlussel aus seiner Verhullung wickelte, welcher in dem Briefe lag, strahlte ihr ein zweiter heller Lichtschein aus ihrer fernsten Vergangenheit so blendend entgegen, dass sie daruber das Bewusstseyn der Gegenwart verlor. Ihre zitternde Hand vermochte es kaum, den Schlussel fest zu halten; sie betrachtete ihn genauer; er war es, unverkennbar derselbe! Sie druckte beinahe unwillkuhrlich auf eine oben am Griffe angebrachte Rosette, diese wich noch wie ehemals dem leisen Drucke und schob sich zuruck. Anna glaubte zu traumen.

In unbeschreiblicher Bewegung brachte sie jetzt auch das Kastchen herbei, welches Raimund ihrer Bewahrung anvertraut hatte. Ohne es genauer zu betrachten, hatte sie es damals weggestellt, und hatte nicht Raimund jetzt durch sein Schreiben sie dazu berechtiget, so wurde sie es ihm gewiss bei seiner Ruckkunft ganz unberuhrt wieder gegeben haben, ohne dass es ihr je eingefallen ware, die Chatulle aus der Verhullung zu ziehen, die solche von allen Seiten dicht umgab. Mit strahlenden Augen, mit einem Gefuhle ohne Namen, erkannte Anna auf den ersten Blick jetzt das aus seinem Futterale gehobene Kastchen fur das namliche, welches einst Bernhard von Leuen als ein von seiner Mutter ererbtes Familienkleinod mit der grossten Sorgfalt aufbewahrte. Wie oft hatte sie die alte, mit Gold kunstlich eingelegte Arbeit, alle die unendlich feinen Blumen und in einander verschlungnen Zuge mit ihm bewundert, die das Elfenbein schmuckten, aus welchem die Aussenseite dieses kostbaren Behaltnisses bestand! Sie versuchte es, mit dem zierlichen Schlussel zu offnen, das Schloss wich, das Kastchen sprang auf und leuchtend wie sonst, glanzte die Silberplatte ihr entgegen, welche das Innere desselben oben und unten und von allen Seiten bedeckte.

Alle die seeligen Stunden, welche sie im entzukkenden Gefuhle des ersten Aufkeimens reiner jugendlicher Liebe bei der Herzogin von P*** mit Bernhard durchlebte, gingen bei diesem Anblick wieder an ihr voruber, und weit drangten sie die Gegenwart zuruck. Anna glaubte wieder Bernhards leisen Tritt zu horen, als schliche er herbei, als wolle er, wie er einst im frohlichen Scherz gethan, uber ihre Schulter blicken, um in dem kleinen Raume der hellspiegelnden Flache sein Bild mit dem ihrigen zu vereinen.

Wunderbar durch sich selbst getauscht, glaubte sie das Wehen seiner Nahe zu empfinden, unwillkurlich warf sie einen Blick in das Innere des Kastchens doch ach! nicht das Bild des Geliebten, nicht das ihrer eignen langst entschwundnen Jugendbluthe lachelte ihr daraus entgegen sie erblickte nichts weiter als ihre jetzige gealterte Gestalt. Ergriffen von der unnennbaren und doch so menschlichen Trauer um den versunknen Fruhling ihres Lebens, bedeckte sie bei diesem Anblick ihr Gesicht mit beiden Handen, und sank mit einem kaum zu unterdruckenden Schrei des Entsetzens in ihren Armstuhl zuruck, als habe erst in diesem Moment eine feindliche Gewalt ihre Jugendherrlichkeit mit einem Schlage zerstort. Was sie gelitten, was sie verloren, alle langst verjahrten Schmerzen, die sie im Laufe ihres Lebens gefuhlt und uberwunden, drangen jetzt mit unsaglicher, neubelebter Gewalt auf sie ein; das Gefuhl des Alters uberwaltigte sie plotzlich mit seiner ganzen Trostlosigkeit, ihr starkes Gemuth unterlag dem Schmerze uber den entsetzlichen Unterschied zwischen jetzt und damals, als diese namliche Platte das leztemal ihr Bild ihr gezeigt hatte, und sie brach in bittre heisse Thranen aus, wie sie nie wieder sie weinen zu mussen gehofft hatte.

Wir alle, Manner und Frauen, wurden fuhlen, wie Anna damals empfand, durfte das Alter uns so plotzlich nahen, als der Tod, zu unserem Heile es darf; aber die, ihre Kinder immer schonende Natur fuhrt uns glucklicherweise in leisen Uebergangen, von Stufe zu Stufe dem Ziele unmerklich naher, das der bluhendsten Schonheit, wie der unverwustlichsten Jugendkraft, unvermeidlich, wenn gleich meistens unbeachtet gegenuber steht. Annas lang geubte Gewalt uber sich selbst gab ihr indessen bald wieder Kraft genug, um den Inhalt des Kastchens naher zu untersuchen. Sie fand darin alles wie Raimund es ihr geschrieben hatte, eine versiegelte Abschrift seines letzten Willens, und die, sein nicht ganz unbetrachtliches Vermogen betreffenden Documente. Sie nahm alles dieses heraus und bereitete sich nun, die verborgenen Facher des Kastchens zu offnen, von deren Daseyn Raimund nichts wusste, und die auch ihr verborgen geblieben waren, wenn nicht Bernhard von Leuen sie einst zufalliger Weise damit bekannt gemacht hatte. Dabei war sie uberzeugt, dass Raimunds Vater seinem Sohne das Daseyn dieser Facher noch zu entdecken gewunscht hatte und dass nur das schmerzliche Gefuhl, dieses nicht mehr zu vermogen, die letzten Stunden des sterbenden Greises beunruhigt haben mochte. Uebrigens konnte in dem kleinen Behaltnisse diese verborgenen Facher niemand ahnen, der nicht in das Geheimniss eingeweiht war. Denn die mit Gold eingelegte Arbeit, welche die elfenbeinerne Aussenseite fast uber und uber bedeckte, nebst den sehr massiv scheinenden silbernen Platten im Innern desselben waren mehr als hinlanglich, um die Dicke und Schwere des Deckels und Bodens vollkommen zu motiviren.

Abermals schob jetzt Anna am Griff des Schlussels die Rosette zuruck, welche einen kleinen Magnet verbarg, dessen Kraft ein fast unsichtbares, im Innern des Kastchens angebrachtes stahlernes Knopfchen beseitigte und beide, im Deckel und im Boden angebrachte Silberplatten sprangen im namlichen Momente auf, so wie sie die dadurch jetzt sichtbar gewordne Feder beruhrte.

Mehrere Papiere, grosstentheils Briefe, fullten, zierlich zusammengefaltet, beide, so lange verborgen gebliebene Facher des Kastchens aus.

Anna heftete den truben Blick lange darauf, ohne dass sie es wagte, die Papiere zu beruhren, denn ihr scharfes Auge erkannte sogleich in einigen von diesen Bernhard von Leuens Schriftzuge, und ihr war, als wolle der bleiche, langst geschlossene Mund des Todten noch einmal sich offnen um ihr freundlichen Gruss aus einem hoheren Leben zu senden, und ihr wirklich zu entdecken, was ihrem ahnenden Gemuthe schon langst, wenn gleich dunkel und unbestimmt, vorgeschwebt hatte.

Mitten unter den Papieren schimmerte eine kleine Kapsel ihr entgegen; mit zitternder Hand ergriff und offnete sie diese, und fand darin einen Ring mit Bernhards Bildniss. Die edlen Zuge, das seelenvolle Auge, im kleinsten Raum aufs treuste wieder gegeben, ganz so, wie sie zum erstenmal ihn sah, leuchteten ihr in bluhender Jugendfrische entgegen, von blitzenden Diamanten umgeben. Sogar das Kleid schien dasselbe, welches Bernhard von Leuen bei jenem der Herzogin von P*** zu Ehren gegebnen Feuerwerk trug. Das dunkle Behaltniss, welches das schone Miniaturbild so lange aufbewahrte, hatte die Farben vor dem Verbleichen geschutzt, sie strahlten noch im ursprunglichem Glanze, und Anna erkannte mit erhohter Wehmuth die Arbeit eines ehemals beruhmten, jetzt ebenfalls schon langst entschlafnen Kunstlers darin, der vor langen Jahren zu den Hausfreunden ihres Vaters gehort hatte. Sie betrachtete das Kleinod genauer, und unwiderstehlich drang sich ihr die Ueberzeugung auf, dass dieser Ring ihr zum Brautgeschenk bestimmt gewesen sey, ehe ein unseeliges Missverstehen Bernhard von ihr entfernte; denn ihr eigner Namenszug mit dem des Geliebten zierlich verschlungen, war der innern Seite desselben eingegraben. Jener wilde Schmerz, den sie so eben muhsam niedergekampft hatte, erwachte bei dieser Entdeckung nicht wieder, wohl aber bemeisterte sich ihrer ein tiefes Gefuhl inniger Wehmuth, dem sie ohne Widerstand mit schmerzlicher Freude sich hingab. Sie zog ein Gemalde Bernhards hervor, welches sie nie von sich lies, und das ihn so darstellte, wie er war, als er zum letztenmal von ihr Abschied nahm; sie verglich die Greisengestalt mit dem lebenathmenden Bilde seiner Jugend. Noch einmal musste jener silberne Spiegel auch ihre eigne verblichne Gestalt ihr zeigen, und tief ergriffen von der Fluchtigkeit des Traums, den wir Leben nennen, vermochte sie es jetzt, die wohlthatige Hand dankend zu preisen, die auch sie dem Ziele so nahe gefuhrt hatte, wo, wie ihr frommes Hoffen ihr verhiess, Bernhard schon lange ihrer harrte.

Endlich gewann Anna es auch uber sich, den Inhalt der so lange verborgen gebliebnen Papiere zu untersuchen und diese wehmuthig ernste Beschaftigung gab sie allmahlig sich selbst ganz wieder zuruck. Sie fuhlte inniger als je zuvor die Verpflichtung, hier thatig zu werden fur das kunftige Wohl des abwesenden Raimund, den sie von nun an, als von Bernhard selbst ihrer Vorsorge empfohlen, betrachten musste. Deshalb las sie alles, was sie in den verborgenen Fachern vorfand, mit moglichster Aufmerksamkeit und wandte alle Kraft ihres Gemuthes daran, um die mannichfachen Empfindungen zu unterdrucken, welche bei dieser Beschaftigung aufs neue ihre gewohnte Fassung zu zerstohren drohten.

Was sie vorfand, uberzeugte sie von dem Berufe und der Moglichkeit, hier fur Bernhard selbst eintreten, und unsaglich viel Gutes, die geliebte Asche und den theuren, ihr nie verklungnen Namen Ehrendes bewirken zu konnen. Von neuem erwachte in ihr die lange Gewohnheit, sich des Wohles Andrer thatig anzunehmen; alles ubrige von sich weisend, uberliess sie sich einzig dem ernsten Ueberlegen, was hier am ersten zu ergreifen sey, und kam auf diese Weise sehr bald zu dem Entschlusse, die Reise zu unternehmen, welche sie, wie fruher erwahnt ward, am folgenden Morgen wirklich antrat. Nach der Abreise der Tante blieb Anfangs im Kleebornschen Hause alles so ziemlich unverandert, wenigstens dem aussern Anschein nach. Innerlich wurde der alte Herr freilich mit jedem Tage verdrusslicher, und Angelika und Vicktorine empfanden die tiefe Sehnsucht nach der entfernten mutterlichen Freundin immer schmerzlicher. Feste und Lustbarkeiten gingen aber demohnerachtet nicht nur ihren gewohnten Gang, sondern, wie das beim Schluss der Winterfreuden gewohnlich der Fall ist, sie drangten sich in und ubereinander bis zum Ueberdrusse der meisten daran Theilnehmenden. Denn bekanntlich vermag es keiner, der in einem solchen Strudel von Geselligkeit befangen ist, sich ihm in dem Augenblicke zu entziehen, da er seiner mude wird, sondern jeder muss noch eine Weile im gewohnten Kreise sich fortdrehen, wenn gleich ohne Lust und ohne Freude daran, so wie zu rasche Tanzer noch einige Minuten, nachdem die Violinen verstummten, unwillkuhrlich fortwalzen mussen.

Nach einem glanzenden Balle, der bis zum Anbruch des Tages gewahrt hatte, befand sich die ganze Kleebornsche Familie eines Vormittags bei dem sehr verspateten Fruhstuck nach althergebrachter Gewohnheit versammelt. Alle waren mude und lebenssatt, und jeder Einzelne, sogar Babet, labte sich mit stillem Wohlbehagen an der Hoffnung, dass heute wahrscheinlich ein Ruhetag seyn und bleiben wurde. Da trat wider alles Erwarten Sir Charles herein, um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen und fragte zugleich an: ob er das Gluck haben konne, sie den Abend in das Theater zu begleiten, indem eine neue Oper zum erstenmal gegeben werden solle, von der man grosse Erwartungen hege.

Alle blickten voll Erstaunen auf ihn, denn seit langer Zeit hatte man ihn weder zu einer so fruhen Tageszeit noch so auffallend zuvorkommend gesehen. Vicktorine erklarte sich indessen doch fur zu ermudet, um nicht das Zuhausebleiben der Oper vorzuziehen. Agathe stimmte ihr bei, und auf Babets Meynung, dass man gerade im Theater am aller besten ausruhen konne, wurde gar nicht geachtet, denn auch der alte Kleeborn wollte von der neuen Oper nichts wissen, sondern lud Sir Charles ein, den Abend lieber einmal mit ihm und den Seinen im engsten Familienkreise zuzubringen.

"Ich konnte einer so angenehmen Einladung nicht widerstehen, und wenn ich auch ein weit grosseres Vergnugen deshalb aufopfern musste, als ich daran finde, deutsche Musik, von deutschen Kehlen abhaspeln zu horen," erwiederte Sir Charles, der heut einmal durchaus seinen hoflichen Tag zu haben schien. "Ich komme gewiss," setzte er hinzu, "obgleich ich es eigentlich nicht sollte; denn ich muss es nur gestehen, dass ich alle diese Zeit her meine Geschafte ganz unerlaubt vernachlassigt habe. Unter manchen andern ublen Gewohnheiten besitze ich leider auch die, immer nur ruckweise arbeiten zu konnen. Mein Schreibtisch seufzt unter der Last wichtiger Depeschen, die ich langst ausfertigen sollte, der vielen Geschaftsbriefe, die alle unbeantwortet daliegen, mag ich nicht einmal erwahnen. Wilkinson sitzt schon seit sechs Stunden wie angemauert an seinem Pulte, denn ich muss Morgen vor Tagesanbruch zwei Stafetten abfertigen, des heutigen Posttags nicht einmal zu gedenken. Indessen da ich ohnehin entschlossen war, die Nacht durch zu arbeiten, im Fall die Damen sich heute fur das Theater bestimmt hatten, so kann ich nun um so eher dieses kleine Opfer dem unweit grossern Vergnugen darbringen mit Ihnen allein "

Kleeborn hielt es nicht langer aus, er musste hier den Redner unterbrechen, und dabei leuchtete ihm die helle Freude aus den Augen, denn nie zuvor hatte er den jungen Mann so ernsthaft von Geschaften reden horen. Ausser sich vor Vergnugen daruber, begann er jetzt auf das eifrigste, ihn zu ermahnen und zu bitten, doch ja seiner kostbaren Gesundheit zu schonen, und diese gefahrlichen Nachtwachen zu meiden, welche jene sicher und unwiederbringlich zerstohren mussten. Er versicherte, dass er untrostlich seyn wurde, wenn Sir Charles darauf bestande, ihm die Ruhe dieser Nacht aufzuopfern, und so entstand zwischen Beiden eine Art von edelmuthigem Wettstreite, in welchem Sir Charles durchaus die Erlaubniss forderte, den Abend mit der Familie allein zu bringen zu durfen, und der Alte eben so hartnackig dabei blieb, ihm solche auf die freundlichste Weise von der Welt zu versagen. Es wahrte ziemlich lange bis Sir Charles endlich fur gut fand, sich fur uberwunden zu erklaren. "Nun so sey es denn!" seufzte er, und verbeugte sich nicht ohne Anmuth, in komischer Trostlosigkeit, gegen alle in die Runde; "ich gehe, ich armer Verbannter! Aber weil es denn nun einmal so seyn muss und ich Sie alle heute nicht sehen darf, so will ich auch gar nichts sehen, als den Wilkinson und seine verwunschten Schreibereien. Ich schliesse mich von Stunde an in meinem Kabinette ein, bleibe darin bis Morgen fruh, unzuganglich wie eine Auster. Nichts soll mich herauslocken und kame die Catalani selbst vor meine Thure, um mit ihrer Syrenenstimme dieses Wunder zu bewirken."

Sir Charles entfernte sich und Horst folgte ihm auf dem Fusse nach, denn ohne ein Wort darin zu reden, war dieser ein Zeuge des ganzen Vorganges gewesen. Er entschuldigte jetzt ebenfalls sein Nichtwiedererscheinen fur diesen Tag mit wichtigen Geschaften; doch Kleeborn achtete kaum darauf, so entzuckt war er von Sir Charles heutigem Betragen, er wurde nicht mude es zu preisen und die erfreulichsten Schlusse fur die Zukunft daraus zu ziehen, wodurch denn die Unterhaltung eine fur Vicktorinen durchaus nicht erfreuliche Wendung gewann.

Langweilig war der Tag an ihnen allen voruber geschlichen, wie solche Tage es gewohnlich pflegen. Die Theaterstunde nahte heran, und Kleeborn uberlegte eben, ob es nicht dennoch kluger gewesen ware, den fur Arbeit und Vergnugen gleich verdorbnen Abend vollends im Schauspiel gemachlich zu vergahnen, als der Rittmeister Horst ganz unerwartet hereintrat, und mit ihm die Tochter seines Majors, eine Freundin Agathens. Diesem neuen Ankommling zu Ehren ward nun auf des Rittmeisters besonderem Antrieb sogleich beschlossen, dennoch ins Theater zu fahren, obgleich die eigentliche Stunde dazu schon beinahe voruber war. Der alte Kleeborn schien wahrhaft erfreut, einen Anlass gefunden zu haben, der ihn bestimmen konnte, seinen fruher gefassten Entschluss abzuandern, besonders da Horst ihm vertraute, das Fraulein Natalie sey nur wegen der neuen Oper und in Hoffnung auf einen Platz in der Kleebornschen Loge zur Stadt gekommen; denn wie viele alte Herren seiner Art, bezeigte er sich noch immer gerne galant gegen Damen. Babet und Agathe waren ebenfalls sehr zufrieden damit, und nur Vicktorine ausserte den lebhaften Wunsch, bei ihrer Angelika bleiben zu durfen, deren schwache Nerven ihr ein Vergnugen dieser Art nur selten erlaubten. Horst erschrack sichtbar da er dieses vernahm, und fing an, mit solchem Ernst auf ihr Mitgehen zu dringen, dass selbst Angelika sich dadurch bewogen fuhlte, ihre Bitten mit den Seinen zu vereinen. Da Vicktorine sich noch weigerte, stiegen diese Bitten beinahe bis zum angstlichen Flehen, und nahmen nach und nach einen so seltsamen Ton an, dass Vicktorine endlich, gezwungen, ihm nachgab. Der Werth, den er auf eine, ihr so unbedeutend scheinende Gefalligkeit von ihrer Seite zu legen schien, kam ihr indessen doch halb lacherlich vor, und sie konnte es nicht unterlassen, ihn ein wenig damit zu necken; doch als sie ihn dabei genauer ins Auge fasste, erschrack sie beinahe uber den Ausdruck feierlichen Ernstes in seinen Mienen, den er vergebens unter dem Scheine heitrer Unbefangenheit zu verbergen suchte. Es uberlief sie dabei ein heimliches Grausen, das sie sich selbst eben so wenig zu erklaren wusste, als das sonderbare Benehmen ihres sonst immer heitern Freundes, so dass sie daruber endlich in eine Art angstlicher Befangenheit gerieth und nun mehr, als alle die Andern eilte, um nur recht bald in den Wagen und in ihre Loge zu gelangen.

Die Oper war angegangen und in dem fast uberfullten Hause herrschte die grosste Stille unter den Zuschauern. Daher war es wohl naturlich, dass die verspatete, nicht ganz gerauschlose Ankunft so vieler Damen fur den Augenblick einige Aufmerksamkeit erregen musste. Doch diese Aufmerksamkeit schien sich gar nicht wieder der Buhne zuwenden zu wollen, selbst nachdem die unschuldigen Stohrerinnen der allgemeinen Ruhe schon langst ihre Platze eingenommen hatten. Aus allen Ecken waren bewaffnete und unbewaffnete, bekannte und unbekannte Augen auf sie gerichtet, ein tausendstimmiges Zischeln und Flustern ging durch Logen und Parterre, und erfullte das Haus mit einem seltsamen unheimlichen Gerausch, bei dem fast Niemand mehr das, was auf dem Theater vorging, zu beachten schien. Kleeborn selbst wurde auf die unter den Zuschauern herrschende Unruhe aufmerksam; er hatte sich bis jetzt mit einem Bekannten im Hintergrunde der Loge aufgehalten, doch nun trat er vor, und beugte sich weit uber die Brustung derselben hinaus, um die Veranlassung dieser seltsamen Erscheinung zu entdecken, die er weit entfernt war, in seiner Nahe zu suchen. Sorgfaltig musterte er die Logenreihen mit seinem Opernglase, wahrend das Flustern und Lorgniren von allen Seiten zunahm. Doch wer beschreibt sein Erstaunen, als er in einer Loge sich gerade gegenuber eine einzelne junge Dame gewahr wurde, welche durch ihren kostbaren, aber etwas fantastisch uberladnen Anzug sich nicht minder auszeichnete, als durch ihre wirklich blendende Schonheit, und dicht hinter ihr, in seiner gewohnten nachlassigen Stellung uber mehrere Stuhle hingegossen, den Rucken dem Theater zugewendet Sir Charles der ohne weiter auf die Oper noch auf das Publikum zu achten, sich einzig damit zu beschaftigen schien, die Blumen in dem turkischen Shawl seiner schonen Nachbarin sorgfaltig zu zahlen.

Ueber den Anblick dieser Gruppe vergass der alte Herr die noch immer nicht abnehmende Unruhe im Publikum, denn es fiel ihm nicht ein, diese mit jener in Verbindung zu setzen. Er bemuhte sich nur zu errathen: wer wohl die Dame seyn konne, die es heute vermocht hatte, seinen zukunftigen Schwiegersohn aus dem wohlverschlossnen Kabinette hervorzulocken. Eine Fremde musste es seyn, davon war er fest uberzeugt, nicht nur wegen ihrer auffallenden Kleidung, sondern hauptsachlich, weil keine Einheimische einen solchen Verstoss gegen die allgemein angenommene Sitte begehen konnte, sich ganz allein von einem jungen Manne ins Theater begleiten zu lassen. Es that ihm leid um die arme Person, die aus Unbekanntschaft mit der Gewohnheit des Orts sich vielleicht Unannehmlichkeiten aussetzen konnte, und er war schon im Begriff hinuber zu gehen und sie mit ihrem Begleiter in seine eigne Loge abzuholen, als er noch einmal im Hause sich umsah, und nun erst zu seinem grossen Erschrecken gewahr ward, wie alle seine naheren und entfernten Bekannten eigentlich nur ihn zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit machten. Einige sahen mit besorgter Theilnahme ihn an, andre trugen den hamischen Triumph der Schadenfreude im lachelnden Gesicht, die meisten betrachteten ihn mit dem starren Blick neugieriger Erwartung dessen, was zunachst geschehen wurde. Nur das Paar ihm gegenuber schien seiner nicht gewahr zu werden. Die schone Dame hatte alle ihre Aufmerksamkeit der Oper zugewendet, und von Sir Charles war es schwer zu entscheiden, ob er schlafe oder wache.

Kleeborn trat sogleich in den Hintergrund der Loge zuruck, um mit dem Rittmeister Horst, der, an eine Saule gelehnt, mit angestrengter Aufmerksamkeit den ernsten Blick auf jenes Paar geheftet hielt, uber diese seltsame Erscheinung zu sprechen; doch indem klopfte ihm jemand auf die Schulter und eine bekannte Stimme bot ihm einen freundlichen guten Abend.

In grossen Stadten trifft man haufig auf Hagestolze von mittleren Jahren, die in allen sogenannten guten Hausern Eingang finden und uberall sind, einzig, weil sie den Leuten weiss zu machen wissen, dass sie uberall hingehoren. Diese Herren reden uber alles, sind immer mit gutem Rathe bei der Hand, spielen hohes oder niedriges Spiel, wie man will um uberall hinzupassen, und uben unter der Maske treuherzigen Freimuths eine Art von arroganter Vormundschaft uber Jung und Alt, indem sie sich bei allen Gelegenheiten zum Vertrauten aufdringen. Und alles dies nur um sich ihren freien Platz am Tische, im Theater oder bei Landparthien zu sichern. Ein solcher war Doctor Erning, der eben den Vater Kleeborn begrusst hatte.

"Nun was sagen sie zu dem neuen Kometen, der an unserem Horizonte aufgestiegen ist? Wie gefallt Ihnen die schone Rosabelle?" fragte Erning, gleich nach der ersten Begrussung.

Kleeborn war noch zu befangen, um des Doctors Meynung gleich zu verstehen. "Rosabella," wiederholte er ganz tonlos und unwillkuhrlich.

"Nun ja, Rosabella, oder auch Rosaspina," erwiederte Erning lachend, denn so viel ist wohl gewiss, der alte Papa druben in Holland wird sie wenigstens lieber fur einen Dornenstrauch als fur eine Rose erklaren, denn das liebe Sohnchen mag bei ihr viel Wolle sitzen lassen. Aber schon ist sie doch, das muss man ihr lassen, nicht wahr?"

"Ich verstehe Sie nicht," erwiederte Kleeborn mit erzwungner Kalte, obgleich auf seinem Gesichte deutlich zu lesen war, dass er eben anfange, alles recht gut zu verstehen.

"Nun das muss ich sagen!" rief Erning, "Sie allein sollten nicht wissen, was die ganze Stadt seit drei Wochen weis! denn so lange ist es, seit er sie durch seinen Kammerdiener von Paris abholen liess, weil er wahrscheinlich nicht Lust hatte, sie dort langer auf seine Kosten leben zu lassen. Er hat sie in der Vorstadt im Weissischen Gartenhause einlogirt, wo sie sich Frau Grafin nennen lasst. Sie sehen, ich bin von allem genau unterrichtet, also spielen Sie nicht langer den Geheimnissvollen gegen mich. Bei den kleinen Dejeunees, die er dort uns jungen Leuten en petite comite zuweilen giebt, konnen Sie Papachen freilich nicht seyn, aber exquisit sind sie, delizios auf Ehre. Er versteht so etwas anzuordnen, das muss der Neid ihm lassen. Ware nur nicht immer auch der Konig Pharao mit dabei! das verdammte hohe Spiel, ich kann es nun einmal fur den Tod nicht leiden. Doch mit den Wolfen muss man heulen, und er "

"Er! und er! und immer er! was fur ein er?" fuhr Kleeborn jetzt im hochsten Aerger auf. Doch Erning, dem er zu laut ward, zog ihn schnell in den Logengang hinaus und wandte nun alles an, ihn zu beschwichtigen, um dadurch noch grosseres Aufsehen zu vermeiden.

"Zurnen Sie nicht so, lieber alter Freund, wenigstens nicht auf mich, der es wahrhaft gut mit Ihnen meynt," sprach er, "was ist es denn weiter? Jugendstreiche, die haben wir alle gemacht."

"Herr!" rief Kleeborn, immer aufgebrachter, "von was, von wessen Jugendstreichen ist hier denn die Rede? "

"Wahrhaftig, Sie wissen von nichts?" fiel Erning ihm ein; "nein, wie konnte ich das vermuthen, da ich den jungen Mann taglich in Ihrem Hause sah, in welchem er gewissermassen zu Ihrer Familie zu gehoren schien. Bis jetzt war ich fest uberzeugt, dass Sie alles absichtlich ignorirten, da es aber so steht, und Sie die Sache so hoch nehmen mit Klatschereien befasse ich mich nicht, das weis jedermann, aber erfahren mussen Sie es doch, es ist einmal der Sohn Ihres besten Freundes, und wer kann wissen, was fur Sie sonst noch wichtiges darum und daran hangt. Nun so horen Sie denn, ich will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache erzahlen."

Kleeborn musste sich gewaltsam zusammennehmen, um dieses, tropfenweise ihm zugetheilte Gift nur mit einiger Fassung sich aufdringen zu lassen, doch zum Gluck traten jetzt einige seiner bewahrteren Freunde aus den benachbarten Logen hinzu, die das nicht ganz leise mit Erning gepflogene Gesprach zum Theil mit angehort hatten, und diese bekraftigten durch ihr ganz unzweideutiges Zeugniss Ernings Erzahlung, bei deren Anhoren der alte Kleeborn sich jetzt dem ungemessensten Zorne uberliess. Auch Horst hatte sich dem kleinen Kreise zugesellt, und da der tief emporte, schwer beleidigte Alte darauf bestand, sogleich nach Hause zu eilen, nahm der Rittmeister sich nur eben Zeit, die Damen, die seiner sehr richtigen Ansicht nach, ruhig in der Loge verharren mussten, dem Schutze des Doctor Erning zu empfehlen, zu dessen Ehrenamtern dergleichen Auftrage ohnehin gehorten. Dann eilte er dem alten Herrn nach, um ihn wo moglich von gewaltsamen Schritten zuruckzuhalten.

Wahrend dieser Vorgange wollte der Zufall, dass Sir Charles einmal die Augen der Kleebornschen Loge zuwendete, und zu seiner Ehre mussen wir bekennen, dass er wie vernichtet dastand, als er die Gesellschaft in derselben erblickte, und zugleich das spottische Lacheln gewahr wurde, welches auf seine Kosten die Gesichter seiner zahlreich versammelten Bekannten verklarte. Mit einem Gefuhle ohne Namen glaubte er sich verhohnt und absichtlich belauscht. Er sah sich schon zum Stadtmahrchen geworden und zwar auf eine, derjenigen ganz entgegengesetzte Weise, die seiner Eitelkeit sonst so schmeichelhaft gedunkt hatte. Sein erster Entschluss war, die Spotter mit eiserner Stirne zu braviren, doch einem paar tausend Menschen gegenuber ist das ein schwieriges Unternehmen. Er richtete sich zwar hoch empor, und stellte sich an den, am hellsten beleuchteten Platz in der Loge, aber nach einigen Augenblicken wurde ihm diese Lage doch so unertraglich, dass er seiner Dame den Arm bot und ohne auf ihren Wunsch, das Ende der Oper abzuwarten, zu achten, das Schauspielhaus mit ihr verlies.

Vicktorine bewahrte bei dieser Gelegenheit abermals die oft geruhmte Kraft ihres Karakters, indem sie, wenn gleich mit grosser innerer Anstrengung, im Aeussern so ruhig als moglich sich zeigte. Besorgniss, Freude, Mitleid mit der Krankung, die ihr Vater erleiden musste, Furcht vor der nachsten Stunde, in der sie ihn wiedersehen sollte, wogten in ihrem Gemuthe und regten die Ahnung einer nahen bedeutenden Wendung ihres Geschicks in ihr auf. Die Art mit welcher der Rittmeister Horst sie diesen Abend zum Besuche des Theaters beinahe gezwungen hatte, machte ihr den Antheil, den er an diesem seltsamen Zusammentreffen haben mochte, nur zu deutlich, und sie wusste nicht, ob sie ihm denselben verdanken, oder ihn daruber tadeln sollte. Dazwischen qualte sie Ernings Zudringlichkeit, mit der dieser ein Gesprach anzuknupfen versuchte, in welchem er zu erforschen gedachte, welchen Eindruck Sir Charles Betragen auf sie gemacht habe. Es ward ihr nicht leicht, den unverschamten Frager auf wurdige und doch nicht beleidigende Weise in den, ihm gebuhrenden Schranken fest zu halten. Um ihm zu entgehen, suchte sie der Oper alle die Aufmerksamkeit, wenigstens scheinbar zuzuwenden, welche Agathe und das Fraulein Natalie ihr wirklich schenkten.

Die aus allen ihren Himmeln hinabgesturzte Babet zeigte bei weitem nicht so viel Fassung, sondern spielte eine sehr trubseelige Rolle. Unter dem Vorwande unleidlicher Kopfschmerzen hatte sie sich in den Hintergrund der Loge zuruckgezogen, wo ihrem feinem Ohr beinahe keine Silbe von dem Gesprache ihres Oheims mit dem Doctor Erning entging. Helle Thranen, welche sie umsonst zu verhehlen suchte, rollten ihr dabei uber die hochroth ergluhenden Wangen herab, und fielen auf das Kreuzchen von Korallen, das sie auf der Brust trug, das traurige Denkmal schoner Stunden. Das Unternehmen, sich eine Rosabella in die namliche Stadt nachkommen zu lassen, in welcher man die reiche, schone, von Verehrern umlagerte Erbin eines sehr Ehrliebenden und dabei auf den Ruf seines Hauses mit Recht stolzen Mannes zu heirathen gedenkt, granzt so sehr an das Abentheuerliche, dass man es selbst einem so verschrobnen Karakter, wie den des Sir Charles, kaum zutrauen kann, ohne ihn zugleich fur wenigstens halb wahnwitzig zu erklaren. Und doch hatte ihn zu diesem Schritte nur hauptsachlich die Langeweile verleitet, welche Vicktorinens abgemessenes Betragen und Babets, ihm aus tausend Grunden taglich lastiger werdendes Hingeben in ihm erregten. Daneben beleidigte die Verzogerung seiner Vermahlung mit Vicktorinen seinen Stolz auf die empfindlichste Weise, und doch erlaubte eben dieser Stolz ihm nicht, die nothigen Schritte zu thun, welche einzig diese Verbindung herbeifuhren konnten. Auch das Leben in einem zwar glanzenden, aber doch sittlich beschranktem Kreise des hoheren Mittelstandes kam seinen verwohnten Sinnen allmahlig so schaal und abgestanden vor, dass er es ohne anderweitige Zerstreuung nicht langer ertragen zu konnen glaubte. Und so lies er sich wirklich von allen diesen zu einer Handlung verleiten, welcher nicht einmal die heftigste Leidenschaft hatte zur Entschuldigung dienen konnen. Diese war indessen durchaus nicht im Spiele, denn Sir Charles hatte Zeitlebens weder die schone Rosabella, noch irgend ein sterbliches Wesen ausser sich selbst geliebt. Nur die unseelige Neigung, sich stets glanzend zu zeigen und durch Reichthum und personliche Vorzuge alle Andern zu uberbieten, hatten ihn bestimmt, um jeden Preis eine Verbindung mit einer Person anzuknupfen, welche wahrend seines langen Aufenthalts in Paris als eine seltsame und merkwurdige Erscheinung grosses Aufsehen erregte.

Vielleicht war noch nie ein Madchen dieser Art auf einen so sonderbaren Standpunkt in ihrer Welt hingerathen, als eben Rosabella, in dem Augenblicke, da Sir Charles ihre Bekanntschaft machte. Ihre wirklich blendende Schonheit erregte uberall das grosste Aufsehen; im gewohnlichen Leben bezauberte sie alle, die ihr nahten und war stets von Mannern jedes Alters umgeben, welche ihr die hochste Bewunderung zollten. Doch auf dem grossen Operntheater, wo sie unter den Tanzerinnen einen sehr untergeordneten Rang einnahm, herrschte ein seltnes Missgeschick uber sie. Sobald sie die verhangnissvollen Bretter betrat, wollte ihr auch das Unbedeutendste nicht gelingen, sie stand, von aller der ihr sonst eignen Grazie verlassen, wie unkenntlich da, und trotz der angestrengtesten Bemuhungen war es ihr unmoglich, auf der Buhne sich nur als den Schatten von dem zu zeigen, was sie ausser derselben wirklich war. Daher wurde ihr jedesmaliges Auftreten gleichsam das Signal zu einem ganz eignen Kampf unter den Zuschauern; die verhaltnissmassig doch immer nur kleine Zahl ihrer personlichen Verehrer suchte durch lauten Beifall ihren Muth zu erhohn, wahrend das grosse, durch die Leistungen der, in diesem Fach bedeutendsten Kunstler verwohnte Publikum jeden ihrer misslungnen Versuche unbarmherzig rugte. Der Partheigeist, der in Paris bei jeder Gelegenheit erwacht, versaumte nicht, auch hier sich thatig zu bezeigen, und unglucklicher Weise fur die arme Rosabelle war ihre Parthei gewohnlich die schwachste und erlitt schmahliche Niederlagen.

Morgens vergottert, Abends ausgepfiffen, fuhrte Rosabella zwischen der stillen Bewunderung ihrer Verehrer im Hause und dem lauten Tadel des Publikums im Theater, ein wahrhaft trostloses Leben, und so nahm sie Sir Charles Erbieten an, sie in eine andere Lage zu versetzen. Ein ihr von ihm ausgesetztes bedeutendes Jahrgeld half ihr seine, bald darauf erfolgende Abreise nach Deutschland mit grosser Fassung ertragen, aber ihr Herz sehnte sich ewig im Stillen nach den verhangnissvollen Brettern zuruck, die an Allen, welche einmal sie betraten, eine eigne, nie zu losende Zauberkraft uben. Das magische Wort Kabale, dieser machtige Trost aller schlechten Schauspieler und Schauspielerinnen, trostete auch Rosabellen uber ihr bisheriges Mislingen und sie folgte daher mit Entzucken dem von Sir Charles an sie abgeschickten Kammerdiener nach Deutschland, indem sie hoffte, auf den vornehmsten Buhnen dieses, ihr durchaus fremden Landes als Gastspielerin zu glanzen, und in der Ferne als eine der ersten Tanzerinnen die Lorbeeren zu erndten, welche ihr undankbares Vaterland ihr versagte, indem es, ihrer Meynung nach, ihren Werth absichtlich verkenne.

Sir Charles dachte indessen gar nicht daran, diese ihre Hoffnung zu erfullen und sie offentlich auftreten zu lassen, im Gegentheil waren fur ihn die tausend kleinen Ranke und Kunste, die er anwenden musste, um ihr Daseyn zu verbergen, gerade das interessanteste. Rosabella musste es sich daher gleich bei ihrer Ankunft gefallen lassen, in einem ganz abgelegenen, wenn gleich sehr elegant eingerichteten Gartenhause in tiefer Verborgenheit ein durchaus eingezognes Leben zu fuhren, welches ihr gleich in den ersten Tagen die peinlichste Langeweile verursachte. Es wahrte nicht lange, so gahnte sie mit Sir Charles um die Wette, und dieser wusste, um dem verdrusslichen Zustande ein Ende zu machen, keinen bessern Rath, als dass er nach und nach einige seiner naheren Bekannten bei ihr einfuhrte. Rosabella wurde in diesem kleinen Kreise freilich fur eine polnische Grafin ausgegeben, welche, durch Familienrucksichten dazu bewogen, eine Zeit lang in tiefer Verborgenheit zu leben wunschte, aber ihr eigentliches Verhaltniss zu Sir Charles blieb deshalb doch niemanden ein Geheimniss, um so weniger, als seine ungemessne Eitelkeit ihn selbst dazu brachte, es oft sehr deutlich errathen zu lassen. Ohne dass er etwas davon ahnete, ging die Geschichte der schonen Rosabella gar bald wie ein Lauffeuer von Ohr zu Ohr, die halbe Stadt wusste darum, bewunderte die seltne Frechheit des jungen Mannes und war auf den Ausgang begierig; nur Kleeborn horte nichts davon, weil niemand der Erste seyn mochte, ihn davon zu unterrichten, und weil wir auch das, was uns zunachst betrifft, gewohnlich zuletzt zu erfahren pflegen.

Das hohe Spiel, welches Sir Charles in diesem kleinen Kreise seiner Vertrauten einfuhrte, gewahrte zwar ihm einige Zerstreuung, da aber Rosabella keinen Theil daran nahm, so gerieth sie bald in die verdrusslichste Laune, in die ein so verwohntes Wesen nur gerathen kann. Um doch einen Zeitvertreib zu haben, fing sie an, ihren Beschutzer mit tausend Eifersuchteleien zu qualen, besonders in Hinsicht auf seine Braut, die er immer, um sie nur einigermassen zu beruhigen, als ein wahres Fratzenbild ihr beschrieb. Endlich verlangte sie sogar, durch den Augenschein sich zu uberzeugen, dass jene wirklich so hasslich sey, als man sie ihr darstellte, und es gelang ihr, Sir Charles zu dem Versprechen zu bewegen, sie einmal ins Theater zu fuhren, um ihr Vicktorinen von ferne zu zeigen.

Dieser verhangnissvolle Abend, an welchem die neue Oper gegeben ward, schien Sir Charles zur Erfullung eines Versprechens, an welches er zu seinem grossen Ueberdrusse taglich gemahnt ward, ganz auserlesen zu seyn, denn das Gesprach am Morgen hatte ihn fest uberzeugt, es werde niemand aus dem Kleebornschen Hause das Theater besuchen. Er fuhrte also die Schone wirklich hinein, bezeichnete ihr das hasslichste junge Madchen, dessen er in den ersten Rang Logen ansichtig werden konnte, als die ihm bestimmte Braut, und ergotzte sich heimlich an der Wirkung seiner wohl ausgesonnenen List, bis der Anblick der wahren Vicktorine ihn in einen Abgrund von Zorn und Verlegenheit sturzte, in welchem er die sonst gewohnte Fassung vollig verlor.

Er schaumte beinahe vor Wuth, indem er Rosabella den Arm bot und sie, ohne auf ihre Gegenrede zu horen, die Logentreppe mehr hinabriss, als dass er sie gefuhrt hatte. Unten hob er sie wie im Fluge in seinen Wagen und befahl, sie in ihre Wohnung zuruck zu fuhren. Im heftigsten Kampfe mit sich selbst lief er nun noch einigemale unter den Arkaden vor dem Schauspielhause auf und ab, um zu uberlegen, ob es rathsam sey, den Erfolg dieser Begebenheit ruhig abzuwarten, oder gleich jetzt zu dem alten Kleeborn zu gehen, ihm entweder wegen des niedrigen Belauerns seiner Schritte zur Rede zu stellen, oder auch, nachdem nun die Stimmung ware, in der er ihn treffen wurde zu suchen, auf eine gute Art allen Verdacht von sich abzuwenden.

Rosabella fuhr inzwischen nach Hause, ohne recht zu wissen wie ihr geschehen sey, und suchte nur zu begreifen, warum sie die Oper nicht hatte bis ans Ende sehen durfen, was sie recht von Herzen bedauerte. Ihre Hoffnung, auf deutschen Theatern als ein Stern erster Grosse zu glanzen, war durch den Anblick einiger Statistinnen sehr hoch gestiegen, welche an diesem Abend auf ziemlich ungeschickte Weise durch ganz gewohnliche Tanze das fehlende Ballet zu ersetzen gesucht hatten, und Rosabella, fest uberzeugt, dass man in Deutschland nichts besseres kenne, wiegte sich eben in goldenen Traumen von ihrem kunftigen theatralischen Glanz, als Sir Charles, noch immer wie ein Wuthender, zu ihr hineinsturzte, sie mit Vorwurfen und Drohungen uberhaufte, ihr befahl, auf der Stelle zur Abreise sich zu bereiten, und dann wieder in der nachsten Minute ihr verbot, sich nur vom Platze zu bewegen.

Rosabella horte und sah ihm eine Weile ganz verschuchtert zu und war dabei in nicht geringer Angst, denn sie furchtete wirklich, dass ein plotzlicher Unfall ihn seines Verstandes beraubt habe. Doch als mitten im Zorne die Erklarung der Ursache desselben ihm entschlupfte, und er sogar ihr verrieth, wie er sie zu tauschen gemeynt habe, da hielt die lebhafte Franzosin sich nicht langer. Die verzweiflungsvolle Lage ihres Geliebten erschien ihr mit einemmal in einem so komischen Lichte, dass sie daruber in lautes Gelachter ausbrach, welches immer unaufhaltsamer wurde, je mehr Sir Charles sich daruber erzurnte. Selbst nachdem er beim Fortgehen die Thure so unsanft hinter sich zugeschlagen hatte, dass das ganze Haus davon erbebte, lachte Rosabella noch immer fort, und es wahrte sehr lange, ehe sie sich wieder einigermassen zu fassen vermochte. Der Rittmeister erwartete indessen Vicktorinen an der Thure ihres vaterlichen Hauses und trug die Zitternde in der Freude seines ehrlichen Herzens beinahe die Treppe hinauf, ohne diesesmal um seine Agathe sich zu bekummern. "Horst!" flusterte Vicktorine, athemlos vor Furcht, den erzurnten Vater unter die Augen zu treten, "Horst was haben sie angestellt!"

"Befreit habe ich Sie, Kusinchen, mein der Tante gegebenes Wort habe ich geloset," erwiederte er ihr jubelnd, indem er sie ins Wohnzimmer fuhrte, wo sie zu ihrer grossen Beruhigung niemanden antraf als Angelika, die ihr freudig entgegeneilte.

"Du bist befreit, meine Vicktorine, ich hoffe Du bist es und wirst es bleiben," sprach Angelika und druckte sie liebevoll an ihr Herz. "Anna wird, wenn sie heimkehrt, den Trost haben, ihren Liebling frohlicher, hoffnungsreicher wieder zu finden, als sie ihn verliess, ihre Thranen werden schneller versiegen wenn sie O Vicktorine," setzte sie schnell abbrechend hinzu, "ich selbst bin in diesem Augenblicke so seelig, so innig erfreut, vor allem daruber, dass die schwere Wahl von Dir genommen ist, dem Vater widerstreben zu mussen, oder die heilige Treue zu verletzen."

Vicktorinens Augen flossen vor Wehmuth uber, indem sie die Freundin betrachtete, die jetzt plotzlich sehr bleich werdend, in ihre Arme sank, und mit dem Abglanz des Himmels im fast brechenden Blick, zu ihr hinauf sah. Die Arme war unglucklicher Weise Zeuge eines sehr sturmischen Auftritts zwischen Horst und dem alten Kleeborn gewesen, als beide aus dem Theater nach Hause kamen; Schrecken und Furcht hatten sie dabei weit gewaltsamer ergriffen, als ihre schwachen Krafte es zu tragen vermochten und obgleich Horst die erste freie Minute benutzte, um sie zu beruhigen, so vermochte sie es dennoch nur mit der grossten Anstrengung, bis zu Vicktorinens Heimkehr sich aufrecht zu erhalten.

Freundlich wie immer eilte Agathe augenblicklich herbei, sie zu unterstutzen. "Lass mich das mude Kind zur Ruhe bringen," sprach sie, indem sie sorgsam sie fortfuhrte, "uberlasst sie ruhig meiner Pflege, ich wanke und weiche die ganze Nacht nicht von ihr. Horst mag indessen hier der Verkundiger seiner eignen Thaten seyn und den Dank der Dame sich abfordern, der er sich zum Ritter geweiht hat," setzte sie im Herausgehen mit dem ihr eignen schalkhaften Lacheln hinzu.

"Ist es nicht, als sahe man eine geknickte Lilie an eine vollbluhende Zentifolie gelehnt?" sprach Horst, indem er den beiden Madchen nachblickte. "Und Sie, Kusinchen!" setzte er hinzu, indem er sich zu Vicktorinen wandte, die ihrem so lange zusammengepressten Herzen noch immer in Thranen Luft machte, "Sie kommen mir auch gerade wie eine vom Platzregen durchnasste Nachtigal vor, die es gar nicht glauben mag, dass die Sonne wieder scheinen wird, obgleich sie schon durch die Wolken bricht. Gott mag wissen, wie ich heute zu poetischen Vergleichen komme, aber ein Wunder ist es nicht, wenn ich am Ende selbst, unter so seltsamen Leuten auch anfange, etwas seltsam zu werden. Habe ich mich doch wie ein Kind auf den Jubel gefreut, der heute Abend hier unter uns laut werden sollte, und nun wird die Eine ohnmachtig und ich bekomme daruber meine Braut, die einzige recht vernunftige Person unter uns, diesen Abend nicht wieder zu sehen. Die Andre, die vor Allen Ursache hat froh zu seyn, will hier auf den Sopha in Thranen zerfliessen, und unsre kleine Babet dort druben sitzt in einem Eckchen zusammengedruckt und hat Migrane. Ist das die neue gebildete Art sich zu freuen, so bleibe ich bei der alten, die mir weit besser gefallt."

Babet, welche bis jetzt schwer seufzend da sass und bald ihre Ohrringe anfuhlte, bald den Kamm, den sie aus ihren Locken gezogen hatte, mit truben Blicken betrachtete, sprang jetzt auf, ergriff ein Licht, schleuderte auf Horst den wuthendsten Blick, den ihre hubschen blauen Augen nur aufzubringen vermochten, und verlies mit einem halb trotzigen halb weinerlichen "Gute Nacht!" das Zimmer, Vicktorine aber reichte mit bittend freundlicher Gebehrde dem Rittmeister die schone Hand hin, ohne vor innerer Bewegung ein Wort hervorbringen zu konnen.

"Gute, liebe Vicktorine!" sprach Horst, indem er freundlich ihre Hand ergriff, "ich weiss wohl, dass ein junges Madchen die Ereignisse des Lebens mit ganz andern Augen ansieht als ein Husar, ich habe alle mogliche Ehrfurcht vor dem feineren Gefuhle der Frauen und werde es nie wissentlich verletzen, aber jetzt wollte ich doch, sie sprachen zu mir, denn mir wird wahrhaftig allmahlig zu Muthe, als hatte ich ein boses Gewissen, und ich habe es doch mit Allen, besonders mit Ihnen recht gut gemeynt, obgleich es mir jetzt vorkommen will, als hatte ich es Ihnen nicht recht gemacht. Ich bitte Sie, mir zu vergeben, wenn es so ist, obgleich ich nicht begreife wie es damit zugegangen seyn kann."

"Glauben Sie mir," erwiederte jetzt Vicktorine, indem sie mit gewaltsamer Anstrengung sich zusammennahm, "glauben Sie mir, ich fuhle, was ich Ihnen ewig zu verdanken haben werde, aber, guter treuer Freund! verargen Sie es mir nicht, dass ich fur jetzt mich noch nicht so freuen kann wie ich sollte; lassen Sie mir Zeit, mich selbst wieder zu finden. Alles ist mir wie ein Traum, Sie und Angelika sagen: ich sey befreit. Bin ich es denn? wird mein Vater Ach, mein Vater! wie bangt mir vor seinem Wiedersehen! und doch sehne ich mich darnach!"

"Heut," erwiederte Horst, "werden Sie ihn nicht sehen, er wird die halbe Nacht hindurch auf seinem Comtoir vollauf zu thun haben, um den alten Muller, den Sie, liebe Vicktorine, weit mehr zu verdanken haben, als Sie wohl glauben, mit allen Nothigen zu seiner Reise nach Amsterdam auszurusten."

"Muller reist nach Amsterdam!" rief die erstaunte Vicktorine.

"Noch vor Tagesanbruch und obendrein mit Kurierpferden," antwortete Horst. "Er geht, um den alten Wissmann, dem er personlich bekannt ist, uber das Benehmen seines Sohnes weit besser mundlich ins Klare zu setzen, als dieses durch Briefe geschehen konnte. Der alte Herr, der ein sehr wackrer Mann seyn soll, wird gewiss selbst einsehen, dass man unter diesen Umstanden Herrn Kleeborn nicht beschuldigen kann, er nahme sein Wort zuruck, wenn er die Verbindung zwischen Ihnen und Sir Charles wie aufgeloset betrachtet, indem dieser wahrend seines langen Aufenthaltes bei uns noch nicht den geringsten Schritt gethan hat, um ihn an die Erfullung desselben zu erinnern und sich uberdem so betragen, dass dieser Bruch, als durchaus von seiner Seite herruhrend, betrachtet werden muss. Glauben Sie nun, dass es mit Ihrer Befreiung Ernst sey?"

Vicktorine vermochte nur durch freudig bejahende Zeichen zu antworten und winkte ihm, fortzufahren.

"Auf diese Weise," sprach Horst, "wird Ihr Vater der Sorge enthoben, seinem alten Freunde wortbruchig zu erscheinen, und hoffentlich wird auch keine Abanderung in ihrem, durch die Zeit geheiligten, Beiden Ehre und Vortheil bringenden Verhaltniss entstehen. Der gute alte Muller, der Ihnen wie Ihrem ganzen Hause mit unsaglicher Treue und Liebe ergeben ist, war der Erste, der diesen Vorschlag in Anregung brachte, als er den Zorn und zugleich die Verlegenheit Ihres Vaters sah. Denn ich rief ihn mir zur Hulfe und durfte es, da ich wohl weis, in welchem Grade er das Vertrauen seines Herrn durch mehr als dreissigjahrige Dienste sich erworben hat. Ich wunsche, Sie hatten gesehen, wie die Augen des alten Mannes glanzten, indem er versicherte, dass er, trotz seiner Jahre, die Beschwerden der Reise gern auf sich nehmen und wenn es seyn musste Leib und Leben daran setzen wolle, um nur das liebe Fraulein Vicktorine vor einer Verbindung zu bewahren, der er immer mit schweren Herzen entgegengesehen habe. Sogar Herr Kleeborn selbst druckte geruhrt ihm die Hand. Ich kann Ihnen den Trost geben, dass der Schmerz Ihres Vaters uber das Fehlschlagen eines lange gehegten Lieblingsplans sich seit der Aussicht, seinen alten Freund nicht dadurch zu verlieren, sehr gemildert hat. Er hat mir sogar gedankt, dass ich, wenn gleich, wie er glaubt ohne es zu ahnen, die Veranlassung gegeben habe, ihn von der Gegenwart eines Menschen zu befreien, dessen immer unleidlicher werdender Uebermuth ihm taglich unertraglicher wurde, und der nur heute Morgen durch die niedrigste Heuchelei sich ihm zum erstenmal in einem gunstigeren Lichte zu zeigen wusste."

"Also ist es wirklich wahr, und ich bin aller Qual und Sorge, jeder Furcht vor der nachsten Stunde, die oft mich fast zu Boden druckte, uberhoben," sprach Vicktorine hochaufathmend. "Wie kann ich je dieses Ihnen verdanken, denn dass Sie absichtlich die Katastrophe dieses Abends herbeifuhrten, werden Sie mir nicht ableugnen wollen. Und doch! ich ehre Ihren geraden Sinn zu sehr, um auch gegen Sie nicht ganz offen zu seyn, selbst mit Gefahr, Ihnen undankbar zu erscheinen. Lieber guter Horst, musste es denn gerade auf diese Weise geschehen? konnten Sie meinem Vater nicht diese Aufsehen erregende Scene ersparen, die sein Stolz, und das mit Recht, sehr krankend empfinden muss; war es nicht moglich, ihm auf sanftere Weise uber den Unwerth dieses Menschen die Augen zu offnen?"

"So sind die Madchen," erwiederte Horst lachend, "tragt sie auf den Handen bis Rom, und setzt sie am Thore etwas unsanft nieder, und ihr werdet gescholten. Doch Sie sind wenigstens so billig, mich nicht wie einen Spion ungehort zu verdammen, sondern wollen erst ordentlich Kriegsrecht uber mich halten. So horen Sie denn meine Vertheidigung."

"Furs erste will ich nicht laugnen, dass ich heut jeden Schritt unsers gemeinschaftlichen Feindes den ganzen Tag uber bewachte, denn sein gar zu schmiegsames Betragen an diesem Morgen zeigte mir deutlich, dass er etwas im Schilde fuhre. Ich will nicht laugnen, dass Fraulein Natalie ohne mich an die heutige Oper schwerlich gedacht haben wurde, und dass ich es fur eine erlaubte Kriegslist hielt, durch sie das Zusammentreffen im Theater herbeizufuhren, von dem ich fest uberzeugt war, dass es so enden musste, wie, gottlob! geschehen ist. Schon lange wartete ich auf eine solche Gelegenheit, Herrn Kleeborn uber das unsittliche Leben seines erkohrnen Schwiegersohns die Augen zu offnen. Die Ankunft der Tanzerin war mir schon einige Tage vor der Abreise der Tante bekannt geworden, und ich stand eben im Begriff, auch sie davon zu benachrichtigen, als ihr plotzlicher Abschied uns alle uberraschte. Warum sollte ich die letzten Augenblicke, welche die wurdige Dame in unserem Kreise zubrachte, durch eine solche Nachricht beunruhigen, da ich uberzeugt war, alles ohne ihre Hulfe an den Tag bringen zu konnen, besonders da sie mir noch in den letzten Stunden die Ehre erzeigte, mich zum Beschutzer ihrer geliebten Vicktorine zu ernennen?"

"Aber, lieber Freund, konnten Sie denn nicht "

"Ihrem Vater alles erzahlen, nicht wahr?" fiel Horst ein. "Fur mein Leben gern hatte ich das gethan, aber wer stand mir denn dafur, dass Herr Kleeborn mir glauben, dass es jenem listigen Menschen nicht gelingen wurde, sich weiss zu brennen, und dem alten Herrn ein X fur ein U zu machen? Denn wer in der Welt zweifelt nicht gern so lange als moglich an einer Wahrheit, die seinen liebsten Wunschen widerspricht? Am Ende konnte dadurch vielleicht die offentliche Erklarung Ihrer Verbindung nur noch beschleunigt werden. Solchen Kampfen durfte ich Sie nicht aussetzen, ich musste den Augenschein unwiderleglich fur uns sprechen lassen, und den sichersten Weg wahlen, wenn gleich er nicht der angenehmste war."

"Ich fuhle wie sehr Sie Recht haben, und doch kann ich nicht umhin, die Krankung, die mein Vater erduldet hat, schmerzlich zu empfinden. Was sagte er denn, wie benahm er sich?" sprach Vicktorine.

"Danken Sie Gott, dass Sie nichts davon gesehen und gehort haben, "erwiederte der Nittmeister, "und verlangen Sie nicht, es genauer zu erfahren. Dass der Papa anfangs sehr wild war, konnen Sie sich leicht denken; Sie kennen seine heftige, alles Widerspruchs ungewohnte Natur. Es war ein Gluck, dass ich ihn nicht aus den Augen lies, sonst ware er hingegangen, den Sir Charles zur Rede zu stellen, und daraus hatte doch nur sehr Unfreundliches entstehen konnen. Es dauerte lange, ehe ich ihn bereden konnte davon abzustehen. Endlich willigte er ein, als ich ihm vorstellte, dass Sie doch noch nicht formlich versprochen waren, und daher ein solcher Schritt von Seiten Ihres Vaters Sie nur erniedrigen konne. Am schwersten wurde es mir, ihn uber die offentliche Beschimpfung zu beruhigen die er erlitten zu haben glaubte, und ihm begreiflich zu machen, dass niemand beschimpft sey, als Sir Charles selbst: Zum Gluck, kam Muller bald dazu, und half mir den aufgebrachten alten Herrn nach und nach in einem Grade besanftigen, wie ich es selbst sobald nicht erwartet hatte."

"Was wird nun zunachst geschehen?" rief Vicktorine noch immer sehr beklommen. "Wie werde ich morgen meinem Vater finden? Wie wird Sir Charles sich ferner gegen uns benehmen? Ach ware die Tante mir zur Seite, ohne Sie irre ich wie verloren und weis nicht was ich ergreifen soll."

"Ich wollte auch, sie ware bei uns, die wurdige liebe Dame, erwiederte Horst, wenn ich gleich vielleicht Ihnen diesmal in Ihrem Geiste rathen kann. Geduld und Kurage, glauben Sie mir, Kusinchen, damit kommt man in der Welt uberall durch und die Tante selbst vermochte es nicht, Ihnen etwas besseres zu empfehlen. Von dem fremden Narren werden Sie hoffentlich nichts mehr horen oder sehen, denn ich wusste doch nicht, wie er, trotz seiner Frechheit es anfangen wollte, nach einem so offentlichen Scandale sich noch hier im Hause zu zeigen. Und im hochsten Nothfall ist Horst auch noch bei der Hand. Beim Papa wird wohl schlecht Wetter im Kalender stehen, aber wenn das nun auch einige Tage oder Wochen hindurch wahrte "

"Alles, alles will ich mit der kindlichsten Unterwerfung ertragen," fiel Vicktorine lebhaft ein. "Ich weis ja, welch ein lang gehegter Lieblingsplan ihm zu Grunde gegangen ist. Wie sollte ich da nicht alles thun, um meinem Vater zu beweisen, dass ich mit wahrem Schmerze mein Gluck auf Kosten seiner Zufriedenheit erkauft sehe:"

"So ist's Recht," sprach Horst, "die Tante selbst konnte nicht vernunftiger Ihnen rathen. Bleiben Sie dabei, Kusinchen, und lassen Sie fur das Uebrige den lieben Gott sorgen." Alle Fenster der Hauptetage im Hotel d'Angleterre standen am folgenden Morgen weit offen, und man sah deutlich das geschaftige Walten der Besen und Borstwische im Innern der Zimmer, denn Sir Charles und sein ganzes Gefolge waren uber Nacht so vollkommen daraus verschwunden, wie die bunten Bilder einer Laterna-Magika von einer weissen Wand, wenn Licht herein gebracht wird. Keine Spur war von dem ganzen lustigen Treiben ubrig geblieben, nur ein geschaftiger Lohnbedienter galoppirte noch durch die Strassen, um in den angesehensten Hausern der Stadt die zierlichsten mit Sir Charles Namen und p. p. c. bezeichneten Karten auszutheilen, und auch bei Herrn Kleeborn wurde eine ganze Hand voll derselben abgegeben.

So hatte denn auch fur diesesmal der zweite Roman der schmerzlich betrubten Babet sein Ende erreicht, ohne dass ihr weiter etwas davon ubrig geblieben ware, als ein solches buntpapiernes, mit goldnem Rande verziertes Denkmal seeliger Tauschungen, und sie unterlies auch diesesmal nicht, es reichlich mit ihren Thranen zu benetzen, ehe sie es zu Theodors Abschiedskarte legte.

Nach reiflicher Ueberlegung hatte Sir Charles am vorigen Abend es denn doch aufgegeben, Herrn Kleeborn uber sein Erscheinen im Theater zur Rede zu stellen, wie er es anfangs willens gewesen war. Wilkinson und der Kammerdiener, seine beide Vertrauten, fuhlten so gut als er selbst, dass dabei wenig Ehre zu erlangen seyn wurde; sie riethen ihm daher nach Kraften davon ab, und brachten ihn lieber auf den Gedanken, plotzlich die Stadt zu verlassen, um sich auf diese Weise in den Augen des Publikums das Ansehen zu geben, als habe er absichtlich eine Verbindung auf eine so beleidigende Weise abgebrochen, die er, ihrer aussern Vortheile willen, doch im Grunde seines Herzens sehr ungern aufgab und gern wieder angeknupft hatte, wenn dieses nur einigermassen als moglich ihm erschienen ware.

Auch die sogenannte polnische Grafin verschwand mit ihm um die namliche Stunde aus ihrer Wohnung, doch scheint sie sich bald darauf von ihm getrennt zu haben, denn nach wenigen Wochen las man in offentlichen Blattern von ihrem Auftreten als Tanzerin auf einigen der grossten Theater in Deutschland, wo sie indessen auch nicht die erwartete Anerkennung ihres Talents gefunden zu haben schien.

Vicktorine hatte freilich noch eine harte Scene mit ihrem Vater zu bestehen, der sie, was lange nicht geschehen war, in sein Kabinet rufen lies, um ihr anzukundigen, dass ihre Verbindung mit Sir Charles vollig aufgehoben sey. Er unterlies es nicht, sie dabei mit Vorwurfen uber ihr wohlberechnetes kaltes Benehmen gegen diesen zu uberhaufen, welches, wie er ihr Schuld gab, den jungen Mann angereizt habe, sie sowohl als ihren Vater absichtlich zu beleidigen. Vicktorine trug alles mit Geduld, wie sie es sich vorgenommen hatte, und wagte es sogar nicht auch nur eine Silbe ihm entgegen zu stellen, als er sie zuletzt warnte, sich ja nicht durch diesen Vorfall nur um einen halben Schritt einer Verbindung mit dem jungen Holm naher gebracht zu glauben. Er redete sich selbst immer tiefer in seinen Zorn hinein, je langer er sprach und die demuthige Ergebenheit, mit der sie alles uber sich ergehen lies, brachte ihn immer mehr auf, bis er sie endlich entlies, weil er nichts mehr zu sagen wusste und sich obendrein heiser gesprochen hatte.

Die Art, mit der viele der geachtetsten Manner der Stadt gegen Herrn Kleeborn Sir Charles letztes Bekragen erwahnten, trug viel dazu bei, ihn heiterer zu stimmen, und wenigstens den Wahn einer durch dasselbe erlittenen Beschimpfung ihm zu benehmen, aber dennoch vergingen viele Wochen, ehe er es uber sich gewinnen konnte, Vicktorinen mit gewohnter Freundlichkeit zu begegnen. Geschah dieses ja einmal in einem Augengenblicke des Vergessens, so suchte er gewiss im nachsten dieses Versehen durch verdoppelte Harte wieder zu verbessern.

Vicktorine blieb sich in ihrem Betragen immer gleich, und suchte durch die kindlichste Ergebung, und nie ermudende Aufmerksamkeit auf jeden seiner Wunsche, das Herz des Vaters sich wieder zu gewinnen, aber es fielen dennoch taglich neue unangenehme Scenen vor, bei denen niemand mehr litt als die arme Angelika. Liebe und Ruhe waren das Element ihres Daseyns und der zarte Faden, an dem ihr Leben noch schwebte, erzitterte oft im allerschmerzlichsten Mitgefuhle bei jeder stillen Thrane, jedem leisen Seufzer ihrer Vicktorine. Fur den eignen Schmerz hatte sie keine Thranen mehr, sie liebte ihn sogar, denn er erschien ihr jetzt wie ein Engel des Lichts, der sie der Vollendung immer naher fuhrte, doch bei dem Anblicke des getrubten Fruhlings ihrer in voller Jugendherrlichkeit bluhenden Freundin offnete sich von neuem diese Quelle, und stieg oft mit stechendem Schmerze, wie aus der tiefsten Tiefe ihrer Brust, in das verklarte Auge, das lange schon im Vorgefuhl der nahen Himmelsseeligkeit nur zu lacheln gewohnt war. Inhalt einiger der Papiere, welche Anna von Falkenhayn in den verborgenen Fachern des elfenbeinernen Kastchens fand. Bernhard von Leuen an seinen Bruder Albert von Leuen. Gleich nach des Erstern Ankunft auf der Insel

Maltha geschrieben.

Um Dir, guter Albert! meinen letzten Abschiedsgruss zu senden, benutze ich die Ruckkehr des Schiffes, das mich mit dem gunstigsten Winde wie im Fluge von Venedig hierher brachte. In dem freudigen Rausche der jetzt Dich beseeliget, hast Du, Glucklicher! hoffentlich langst schon die einzige Tauschung verschmerzt, welche ich mir jemals gegen Dich erlaubte, indem ich nicht, wie ich Dich glauben lies, von der kleinen Reise nach St*** nochmals zu Dir zuruckkehrte. Warum sollte auch meine ernste, trube Gestalt sich nochmals in das Paradies Eurer jungen Liebe stohrend eindrangen wollen? Wer selbst nicht glucklich ist, meide ja die Gesellschaft der Glucklichen, seine Gegenwart ist unheilbringend, sie wirft erkaltende Schatten in die frisch aufgehende Bluthe des Lebens; denn wer dieser sich recht erfreuen soll, der darf nie daran erinnert werden, wie leicht alles anders seyn konnte, und wie oft zwischen Morgen und Abend eines einzigen Tages die unerwartete Entscheidung eines ganzen Menschenlebens liegt.

Die Kluft zwischen mir und meinem Vaterlande ist jetzt sehr bedeutend, und meine Ruhe, das einzige Gut nach welchem ich streben kann, erfordert, dass ich alles meide, was jene Kluft mir auch nur scheinbar verkleinern konnte. Ich habe viel zu vergessen und wem es damit wahrer Ernst ist, der huthe sich vor dem Schreiben, denn die Feder ist in dieser Hinsicht die gefahrlichste Vertraute. Daher wirst auch Du sogar nur selten Nachricht von mir empfangen, und vielleicht gehen Jahre daruber hin. Was konnte ich Dir auch von mir zu melden haben? Die Geschichte meines Lebens ist hoffentlich abgeschlossen, und was ich uber Dich und Deine Verhaltnisse Dir sagen konnte, wurde doch nichts anders seyn, als Wiederholung der ernsten Bitten und Ermahnungen, die ich Dir wahrend unsers kurzen Beisammenlebens unaufhorlich an das Herz legte. Selbst schon dieser Brief kann beinahe nichts anders als jene Wiederholungen enthalten; bewahre ihn wohl, lies ihn zuweilen wenn Du nach mir und meinem Rathe Dich sehnst, und moge Dir dann seyn, als hortest Du nochmals die warnende Stimme des von der Natur Dir zugegebenen Freundes, der Dich und Dein Gluck im Herzen tragt und tragen wird, wenn gleich seine gegenwartige Stimmung ihm nicht erlaubt, Dir aus der Ferne oft ein Zeichen davon zu senden.

Vor Allem lass mich die dringendste meiner Bitten Dir nochmals vortragen, die Bitte: nie, unter keinen Umstanden die stille Burg unserer Vater mit einem andern Wohnorte zu vertauschen. Wer, wie Du, das hohe Gluck reiner Liebe, die Krone des Lebens errungen hat, der strebe doch ja nach Einsamkeit mit der Geliebten; nur in dieser kann es wachsen und dauernd bestehen, so wie die Alpenrose sich auch nur im reinen Aether ihrer hohen einsamen Berge in all' ihrer Pracht entfalten kann. Albert! bange Sorge um Dich bewegt mein Gemuth. O fliehe die Welt, wenn Du Dein Gluck Dir rein bewahren willst! lass Dich von ihrem Flitterglanze nicht verlocken. Du kennst sie nicht, Du weisst nicht, Du ahnest nicht, wie die edelste Natur, das Meisterwerk des hohen Schopfers, in jenem glanzenden Gewuhle hinabgezogen, entwurdigt werden kann. Ich aber habe es erfahren! Du und Luise, ihr einfachen, frohlichen, harmlosen Kinder, was wolltet ihr dort? Wie konntet ihr beide in Eurer glucklichen Unbefangenheit jemals ungestraft es wagen, Euch jenem schlupfrigen Pfade anzuvertrauen, der selbst den Erfahrnen, von Jugend auf mit ihm Bekannten Verderben und Untergang droht.

Du wirst auf der Burg unserer Vater mit Deiner Luise Dich zwar einsam, doch nicht allein befinden, denn Hunderte gehoren zu Euch, die durch Deine Geburt von der Natur an Dich gewiesen wurden und jetzt hoffend zu Dir hinaufblicken, Du selbst hast freilich im Laufe Deines jungen Lebens noch nichts verbrechen, guter Albert, aber bei aller Deiner Schuldlosigkeit hast Du dennoch vieles gut zu machen, was in fruhern Zeiten Deine Vorfahren verschuldeten, ob gezwungen oder freiwillig? gilt hier gleich. Betrachte in den Dorfern, die zu Deinen Besitzungen gehoren, die armen verfallnen Hutten, den elenden Zustand ihrer mehr als zur Halfte verwilderten Bewohner; dieser Anblick wird Dich besser uber das was Dir obliegt belehren, als Worte es vermochten. Nie wird Langeweile Dir nahen, weil es Dir an Beschaftigung nie fehlen kann, wenn Du mit redlichem Eifer die Plane zur Verbesserung des Zustandes Deiner Guter auszufuhren suchst, die ich Dir vor meiner Abreise zum Theil schriftlich vorlegte; auch Luise wird in heiter verstandiger Thatigkeit Dir zur Seite als Deine Gehulfin sich begluckt fuhlen, und sich nach andern Freuden niemals sehnen.

Ein Name wie der Deine, von Ahn zu Ahn Jahrhunderte hindurch ehrenvoll bis auf Dich herabgefuhrt, ist ein Kleinod, dessen Werth Du nie zu hoch anschlagen kannst, wenn Du dabei die heiligen Verpflichtungen nicht aus den Augen verlierst, welche diese unverdiente Gunst des Schicksals Dir auferlegt. Erinnerst Du Dich noch, wie uns Beiden das Herz aufging, als wir Hand in Hand in der, dem Andenken unsrer Vorfahren gewidmeten Gallerie standen und die lange Reihe ehrwurdiger Gestalten betrachteten, welche vor uns in diesen Raumen walteten? Und doch war der erste unter ihnen, er, der einzige, welcher keine Ahnen aufzuzahlen hatte, bei weitem der Grosste. Denn viel ehrenvoller ist es, der Grunder eines kraftvollen herrlichen Stammes zu seyn, als sich, durch das Verdienst edler Vorfahren gehoben, auf schon gebahntem Wege gemachlich durch die Welt helfen zu lassen.

Doch Dir, mein Bruder! eroffnet sich eine Aussicht, die Ehrenkrone unsers Stammvaters mit ihm einst theilen zu konnen. Zwar bist Du der letzte unsers alten edlen Namens, doch hoffentlich wird er wieder neues Leben gewinnen, und Du stehst einst in der Mitte zwischen der langen Reihe unsrer Vorfahren und einer zahlreich erbluhenden, bis in die spateste Zeit hinab reichenden Nachkommenschaft. Du kannst es erringen, dass einst Deine Urenkel und die Deiner Unterthanen, vorzuglich vor Deinem Bilde gern bewundernd verweilen und dass der Vater, indem er dem Sohne es zeigt, zu ihm spreche: neige dich ehrfurchtsvoll vor diesem Albert, er verlieh dem zu seiner Zeit fast ganz gesunknem Hause der von Leuen neues Leben, er allein erhob es wieder zu seinem ursprunglichen Glanze, indem er Freude und Wohlhabenheit bis in unsre Hutten verbreitete und durch Thatigkeit, Umsicht und weise Sparsamkeit wieder aufbaute, was eine verworrene, unheilbringende, kriegerische Zeit zerstort hatte.

Doch glaube nicht, dass ich verkenne, auf welch' ein schweres Unternehmen ich hier hindeute; oft schon, mein theurer Bruder, wenn Du vergebens nach Dir genugenden Worten suchtest, um Deine granzenlose Dankbarkeit mir auszudrucken, fiel es mir schwer aufs Herz, dass ich durch die Uebertragung der Rechte meiner Erstgeburt Dir weniger als Nichts gewahrte, wenn Du nicht selbst mit rastlosem Eifer Dein Leben daran setzen willst, um Dein Besitzthum wieder zu dem zu erheben, was es vor den Verwustungen des siebenjahrigen Krieges, und der aus den langen Abwesenheiten seiner Eigenthumer entstehenden Verwahrlosung gewesen ist. Einem edlen freien Geiste wird es unendlich leichter, Neues zu schaffen, als Verworrenes, Zerstortes wieder zu ordnen und aufzurichten. Es wollte mir daher oft unbillig erscheinen, dass ich Dir, dem Knabenalter kaum Entwachsenen, eine so schwere Aufgabe aufburden konnte, und einzig die Ueberzeugung, dass ich durch diese Handlung nur der Zeit um einige Jahre zuvoreile, konnte mich daruber beruhigen. Nach dem gewohnlichen Laufe der Natur waren Dir, dem um viele Jahre jungern Bruder, dennoch die Verpflichtungen einst zugefallen, die Du, von mir veranlasst, schon jetzt ubernimmst. Als geistlicher Ritter hattest Du ihnen noch weniger genugen konnen, unser alter edler Name ware mit Dir erloschen und das Eigenthum unsrer Vater, die Sorge fur das Gluck derer, die seit undenklicher Zeit vom Vater auf den Sohn gewohnt waren, dem Schutz eines von Leuen anvertraut zu seyn, ware fremden Handen zugefallen. Da sey Gott vor, dass ich dies zugeben solle, wenn ich es andern kann.

Ich, mein Albert! ich bin vom Schicksal unabwendbar bestimmt, einsam zu leben und zu sterben, ich musste es, und warst Du nie geboren. Sahst Du niemals einen Baum, stark und fest dem aussern Anschein nach, aber an der eigentlichen Wurzel seines Lebens nagt ein heimlicher Wurm, er kann noch eine Weile fortgrunen, doch der Raum um ihn her bleibt ewig ode, und in seinem kalten Schatten sprosst kein junges Leben wieder auf. Sahst Du je einen solchen Baum? Er war das Bild Deines Bruders. Frage mich nicht weiter, ich kann und will keine Deiner Fragen uber diesen Punct beantworten, aber glaube mir, wenn ich mit dem tiefen Ernst eines auf den Tod Verwundeten Dir sage: es ist so.

Lass diesen Ausspruch Dich nicht zu sehr um meinetwillen betruben, denn ich habe einst auch gelebt, ein kurzes aber schones, vom seeligsten Traume hochbeglucktes Leben, doch jetzt ist es dahin. Fur andere kann ich noch wirken, so lange die Sonne mir scheint, fur mich nicht mehr, denn ich habe keinen Wunsch mehr auf Erden, alles, alles ist vorbei. Dass ich aber, indem ich that, was ich fur Recht und nothig erkannte, zugleich Dein und Luisens Gluck erbauen durfte, das ist die letzte Gunst, welche das Geschick mir gewahrte; ich achte sie um so hoher, je weniger ich mir noch einer solchen im Laufe meines Lebens gewartig war.

Sorge auch ubrigens nicht um mich; zwar bin ich bis heut' hier vollig fremd geblieben und weiss Dir uber die hiesige Zustande nichts mitzutheilen, doch Raum fur Thatigkeit giebt es uberall. Ich brauche nur diesen noch, auch hier werde ich ihn entdecken und denke, so mich ganz leidlich von einem Tage zum andern hinuber zu helfen.

Zugleich mit diesem Briefe wird das Dir wohlbekannte Kastchen von Elfenbein Dir eingehandigt werden, welches lange Jahre hindurch in unsrer Familie hochgehalten und bewahrt wurde. Ich sende es Dir zuruck, weil es hier dereinst sehr leicht in fremde Hande fallen konnte; bewahre es wohl und lasse es nie von Dir, behalte es zu meinem Andenken, wenn es Dir dadurch vielleicht lieber werden sollte. Du findest es mit einigen Kleinigkeiten an Schmuck und Seltenheiten angefullt, wie dieses Land sie bietet. Uebergieb diese Deiner Luise in meinem Namen; sie sind an sich beinahe ohne Werth, doch ich hoffe, Luise wird um meinetwillen sie nicht verschmahen.

Den Ring mit meinem Bildniss, den Du jenen Dingen beigefugt findest, bestimme ich Dir, denn ich weiss, es wird Dich freuen, eine so treue Kopie meiner Zuge zu besitzen, doch trage ihn nie an Deiner Hand, und lass' auch Deine Luise dieses nie thun. Eine der schmerzlichsten Erinnerungen knupft sich fur mich an den Anblick dieses Ringes; er darf nie zum Schmucke dienen, da er die Hand nicht schmucken durfte, fur die er ursprunglich bestimmt war. Und nun lebe wohl! Gott erhalte Dir Dein jetziges Gluck und segne Dich mit Kraft und Muth und Ausdauer fur die Bahn, welche Du zu gehen hast.

Albert von Leuen an seinen Bruder Bernhard,

achtzehn Jahre spater geschrieben.

Wenn Du diese Schriftzuge erblickst, mein edler schwer beleidigter Bernhard, so hat die alles ausgleichende Hand des Todes den Muden wirklich zur Ruhe geleitet, den Du schon vor langen Jahren zu den Verstorbenen zahltest. Dem Lebenden musstest Du zurnen, weil er, schwach und verblendet, den Pfad nicht zu halten wusste, den Du so weise als liebevoll ihm bezeichnet hattest; dem Todtgeglaubten hast Du vergeben, dies fuhlte er wohl, darum mochte er Dir nie wieder nahen, im Laufe des truben Daseyns, das er in tiefer Verborgenheit auf Erden noch fortfuhrte, und wahrscheinlich einige Jahre hindurch noch fortfuhren wird.

Dass Du aber dem Bruder gern ein willig Ohr leihen wirst, wenn er, gleichsam aus seinem Grabe herauf, Dir am Ende seiner Bahn Rechenschaft ablegen will, davon bin ich eben so uberzeugt, als dass dieses Bekenntniss seiner Verirrungen wie seiner Leiden ein menschliches Herz bei Dir finden wird; denn auch sie waren menschlich. Kein Verbrechen lastet auf Deinem armen Albert, das glaube fest; der immer wache innere Richter giebt ihm das Zeugniss, dass sein Streben zum Bessern stets redlich war, wenn er gleich leider weder von der Natur noch durch seine Erziehung sich dazu eignete, das zu werden, was Deinem hoheren Geiste aus ihm zu bilden moglich schien.

Und nun lass' mich noch einmal in meinem Leben wie der Bruder zum Bruder aus vollem Herzen zu Dir reden. Der letzte Ruhepunkt, den ich auf Erden zu finden bestimmt war, ist erreicht. Mein Pilgerstab hangt uber dem kleinen Altar meiner Laren, und soll nicht wieder herabgenommen werden, bis er zur Gruft mich begleitet. Doch jetzt lebe ich noch, und ein unwiderstehliches Gefuhl drangt mich zu Dir. Ich, der Verwaiste, Verlassene durch Schuld oder Ungluck, nenne es wie Du willst von allem was mir einst lieb war Verbannte, ich werfe mich an Deine Brust, um Dir zu klagen, wie ich irrte und wie die Strafe jedem meiner Irrthumer auf der Ferse folgte.

Ich muss Dir auch mittheilen was mir gelang, was mich erfreute, und welche Aussicht auf eine, alles ausgleichende Zukunft sich mir eroffnet, indem doch eine Hoffnung mir frohlich erbluht, eine von den vielen, die ich in eitle Truggebilde sich auflosen sah. Es wird nothig diesen Brief hier zu unterbrechen, um dem, was Albert seinem Bruder aus seinem spatern Leben mittheilt, eine kurze Uebersicht der fruhern Ereignisse desselben einzuschalten, die Albert, als Bernharden vollkommen bekannt, ubergehen musste. Zugleich wird dem Leser einiges wieder ins Gedachtniss zuruckgerufen, was schon vorlaufig nur fluchtig erwahnt ist.

Albert wurde bekanntlich in Rom, dem Geburtsorte seiner Mutter, zum geistlichen Stande erzogen, dem er bei den sehr gesunkenen Verhaltnissen seines Hauses ohnehin gewidmet worden ware, selbst wenn seine Eltern sich nicht nach einer kurzen, hochst unglucklichen Ehe wieder von einander getrennt hatten. Doch uberdem offnete der machtige Schutz eines Oheims seiner Mutter dem Knaben eine der allerglanzendsten Aussichten auf der fur ihn gewahlten Bahn, denn als Kardinal und erklarter Liebling des damaligen Pabstes ubte dieser eine fast unumschrankte Gewalt in seinem Wirkungskreise aus. Zwar lies er als ein sehr frommer, den Vorschriften seiner Kirche streng ergebener Geistliche sich nur selten einen Missbrauch seiner Macht zu schulden kommen, dem Nepotismus jedoch, dieser allgemeinen Erbsunde der hoheren romischen Geistlichkeit, vermochte er nicht zu widerstehen und so benutzte er zu Gunsten seines Grossneffen dem ihm verliehenen Einfluss, indem er, mit Umgehung aller Ordensregeln, dem Knaben fast noch in der Wiege die Anwartschaft auf eine bedeutende Komthurey des Maltheserordens zu verschaffen wusste, welche Andre durch jahrelange Anstrengung im Dienste des Ordens sich erst erwerben mussen.

Sobald der Knabe weiblicher Pflege einigermassen entbehren konnte, ward er von seinem vornehmen Beschutzer der mutterlichen Aufsicht entzogen und dem Pater Jeronimo ubergeben, einem sehr gelehrten Benediktiner, der seine eigne Jugend stets in klosterlicher Einsamkeit zugebracht hatte, und mit frommer Scheu die ihm ganz unbekannte Welt als einen Sundenpfuhl betrachtete. Letzterem nicht nahen zu mussen, hielt er fur das grosste Gluck auf Erden.

Albert wuchs an der Seite dieses Greises in so tiefer Einsamkeit auf, als ware er mit ihm durch einen Zauberspruch in die Thebaische Wuste versetzt worden. Er sah beinah nichts und kannte nichts als seinen Lehrer, seine Bucher und die vier engen Wande einer Zelle im Kloster oder des kleinen Zimmers im Pallaste seines Oheims, welche er gemeinschaftlich mit seinem Lehrer bewohnte. Denn Pater Jeronimo theilte seine Zeit zwischen dem Kloster und dem Kardinal, der ihn zu seinem Allmosenier ernannt hatte und ihn hauptsachlich deshalb auch zu Alberts Erzieher erwahlte, um den Knaben weniger aus den Augen verlieren zu mussen.

Albert konnte sich nicht nach Genussen und Freuden sehnen, die er selbst dem Namen nach nicht kannte, aber wie alle von der Natur nicht ganz verwahrlosete Kinder, durstete er nach Beschaftigung, jemehr er heran wuchs, und Jeronimo benutzte dieses, um ihn so fruh als moglich in das Reich der Wissenschaften einzufuhren, dem er selbst alles Gluck seines stillen einformigen Lebens verdankte. Das Talent und die unermudliche Wissbegierde des Knaben entzuckte seinen Lehrer; er brachte es bald dahin, die klassischen Schriftsteller Roms und Griechenlands mit ihm in ihrer Ursprache lesen zu konnen. Zu ihren Dichtern sogar ging er uber, ohne dass es dem in kindlicher Unbefangenheit grau gewordnen Alten einfiel, mit welchen Ahnungen eines, von dem seinen ganz verschiedenen, genussreichen Lebens diese den Knaben erfullen mussten, welcher zum Jungling heranreifte. Wahrend Pater Jeronimo mit trockner Schulgelehrsamkeit seinem Zoglinge die technischen Schonheiten eines seiner Lieblingsdichter auseinander setzte, oder in Vergleichung der verschiedenen Lesarten irgend einer dunklen Stelle sich vertiefte, fuhrte die jugendliche Phantasie den scheinbar Aufmerksamen auf Adlersflugeln weit weg in ein magisches Land, wo alles ihn entzuckte und nichts ihm deutlich war, am wenigsten seine Wunsche und Hoffnungen.

Indessen wurde Albert unter der Leitung seines Lehrers dennoch grundgelehrt. In Athen, im alten Rom, in der Geschichte der Volker, unter den Sternbildern des nachtlichen Himmels, war er vollkommen zu Hause, doch von den Verhaltnissen des wirklichen praktischen Lebens wusste er in seinem zwanzigsten Lebensjahre weit weniger, als ein gewohnlicher Knabe von acht Jahren. Der Kardinal war indessen mit der geistigen Ausbildung seines Grossneffen vollkommen zufrieden, das ubrige, meynte er, wurde zu seiner Zeit schon von selbst sich finden, und er trug kein Bedenken, als Albert das dazu erforderliche Alter erreicht hatte, ihm anzukundigen, dass er zur Reise nach Maltha sich bereit halten solle.

Alberts Mutter war wahrend dieser Zeit in einem Kloster gestorben, dem sie, um den Himmel mit den Verirrungen ihres Lebens zu versohnen, ihr ganzes Vermogen hinterliess. Ihr Sohn war nun einzig aus die Grossmuth des Kardinals angewiesen, der ihn auch sehr freigebig mit allem versah, was er zu seiner Reise bedurfte, ihm sogar erlaubte, durch Deutschland zu gehen und sich in Triest einzuschiffen, weil Albert sehnlichst darnach verlangte, seinen nie gesehenen Bruder kennen zu lernen.

Die Reise selbst, auf die sich Albert, wenn gleich nicht ohne heimliches Bangen, sehr gefreut hatte, erfullte in der Wirklichkeit durchaus nicht seine Erwartungen, besonders nachdem er die Alpen im Rucken hatte. Das laute Treiben und Larmen der im Schweisse ihres Angesichts arbeitenden Menschen, die Noth der Armen, besonders aber die ihm barbarisch klingenden Tone einer ihm vollig unverstandlichen Sprache, machten auf ihn den widrigsten Eindruck. Alles was er sah und horte, kontrastirte so sehr mit seinen goldenen Traumen, dass er einem vertrauten Kammerdiener seines Oheims, welchen ihn dieser zum Begleiter mitgegeben hatte, alle Besorgungen der Reise uberliess, und nur aus dem Wagen stieg, um nachtlich zu ruhen.

Durch diese Art zu reisen geschah es denn, dass er auf seinem vaterlichen Schlosse eben so unbekannt mit der Welt und den Menschen anlangte, wie er von Rom ausgegangen war. Wer ihn sah und horte hatte glauben konnen, es habe ihn ein Wolkenwagen durch die Lufte gefuhrt, ohne je die Erde zu beruhren.

Er traf seinen Bruder nicht auf Leuenstein, man wusste nicht einmal mit Gewissheit zu sagen, wo sich dieser jetzt aufhielt, und der arme Albert fuhlte sich bei dieser Nachricht so verlassen, wie nie zuvor in seinem Leben. Das einzige Erfreuliche fur ihn war, dass er mit dem im Schlosse wohnenden Justiziar sich in franzosischer Sprache leidlich verstandigen konnte, und dass dieser sich ziemlich bereitwillig zeigte, einstweilen fur die Bequemlichkeit des jungen Herrn zu sorgen, bis Bernhard von Leuen von der Ankunft seines Bruders benachrichtigt werden konnte.

Der alte Kammerdiener Giovanno eilte sobald als moglich seiner schonen Heimath wieder zu, ohne auf Alberts Bitten zu achten, denn es schien dem verwohnten Sudlander unmoglich, zwischen den hohen, Waldbewachsnen Bergen langer zu verweilen, in deren Mitte Schloss Leuenstein auf einer bedeutenden Anhohe lag.

Albert war nun mit einemmale von allen seinen gewohnten Umgebungen getrennt, ohne auch nur den kleinsten Ersatz fur diese gefunden zu haben. Die so lange ersehnte Freiheit, welche ihm jetzt im vollsten Maasse zutheil geworden war, beangstigte den klosterlich erzogenen Jungling statt ihn zu erfreuen, und ihm war ungefahr so zu Muthe, wie es einem Kanarienvogel seyn mag, der dem Kafig, in dem er aufwuchs, unbedachtsam entschlupfte, und nun wie verloren mit ungeubtem Flugelschlage uber Wiesen und Garten angstlich flattert. Die Welt kam ihm so weit und so unheimlich vor, dass er einige Tage dazu brauchte, ehe er nur zu dem Entschlusse kommen konnte, das Schloss zu verlassen und einsame Wanderungen in den romantisch schonen Umgebungen desselben anzustellen. Der Anblick der freien Natur, den er fruher beinah nie genossen hatte, verfehlte indessen nicht, auf ihn den tiefsten Eindruck zu machen; er befreundete sich gar bald mit ihr, denn in ihr fand er zuerst seine Dichter wieder, und seine frische Jugendphantasie wusste beide zu einem entzuckenden Ganzen zu vereinen. Liebegluhend druckte Albert Baume und Blumen an seiner mit susser, namenloser Wehmuth erfullten Brust, ward nicht mude die Nympfe Echo zu wecken, rief der Dryas, ihm aus den Wipfeln ihrer hohen Buchen nur einmal zu erscheinen, und trieb dieses phantastische Spiel bis die sinkende Nacht ihn zwischen die alten dunkeln Mauern seiner vaterlichen Burg wieder zuruckbannte.

In ziemlich weiter Entfernung von dieser war er eines Morgens nicht lange nach seiner Ankunft, seinen Virgil in der Hand, auf einem ihm noch unbekannten Pfad gerathen, der zwischen hohen Gestrauchen am Saume eines, von einem kleinen See begranzten Waldes hinfuhrte, als ein angstliches Rufen um Hulfe ihn plotzlich aus seinen wachen Traumen aufschreckte. Es schien vom See herzukommen, Albert theilte blitzschnell das diesen ihm verbergende Gestrauch, um an das Ufer zu gelangen, und stand im nachsten Momente geblendet vor einer Gottererscheinung.

Galathea mit ihren Gespielinnen! war sein erster Gedanke, als er vier schone junge Madchen kaum zwanzig Schritte vom Ufer in einem kleinen Kahne sitzen sah. Doch bald ward er von ihrer irrdischen Natur uberzeugt, denn so wie sie seiner ansichtig wurden, streckten sie alle unter angstlichen Klagetonen die runden weissen Arme ihm entgegen. Ihnen war das Ruder entglitten, das sie ohnehin schwerlich zu fuhren wussten. Die armen Kinder glaubten wegen einer nicht weit davon liegenden Muhle sich in der dringendsten Todesgefahr zu befinden, obgleich der spiegelhelle, von keinem Luftchen gekrauselte See gerade an dieser Stelle sehr flach war, und der Kahn eigentlich auf dem Sande schon fest sass.

Albert hatte zwar noch nie Gelegenheit gehabt, den Umfang seiner physischen Krafte kennen zu lernen, oder sich durch Behendigkeit und Besonnenheit aus irgend einer Verlegenheit zu ziehen, aber er bedachte sich dennoch keinen Augenblick, sich muthig den Fluthen anzuvertrauen, die ihm kaum bis uber die Fussknochel reichten. Dann ergriff er einen hinter dem Kahn herschwimmenden Strick, der inwendig befestigt, diesen am Ufer anzubinden wahrscheinlich gedient hatte, und zog das Fahrzeug sammt seiner reizenden Last etwas naher ans Land; endlich suchte er grosse Steine zusammen, um den schonen Kindern eine Brucke zu bauen, und so gelang es seinem Bemuhen, sie alle ziemlich trocknen Fusses ans Land zu bringen.

Kaum fuhlten sie festen Boden unter sich, so begannen die vier Madchen alle zugleich, ihrem Erretter mit vielem Wortaufwande und grossem Eifer ihre Dankbarkeit bezeigen zu wollen, doch leider verstand Albert keine Silbe von dem was sie sagten und er hatte dieses auch nicht gekonnt, selbst wenn er der deutschen Sprache vollkommen machtig gewesen ware, denn seine Seele, alle seine Sinne waren in seinen dunkel flammenden Augen, und von der Hand aus, die zum erstenmal in seinem Leben eine Madchenhand beruhrt hatte, stromte ein nie gekanntes verzehrendes Feuer durch sein ganzes Wesen hin. Ergluhend und erbleichend stammelte er einige italienische Worte und verging fast in unerwartetem Entzucken, als Luise, die jungste unter den vier Schwestern, ihm in der namlichen Sprache antwortete. Zum erstenmal, seit der alte Giovanno ihn verlassen hatte, trafen die sussen gewohnten Tone wieder sein Ohr und von Lippen, die selbst der fehlerhaften Aussprache einen ganz eigenthumlichen Reiz zu verleihen wussten. Auch die ubrigen Madchen suchten nun in der Geschwindigkeit das wenige Italienische zusammen, das sie hauptsachlich aus Opernarien erlernt hatten, um mit dem schonen schwarzgelockten Jungling eine Art von Konversation anzuknupfen.

Albert befand sich wie im Traume; so vielem Zauber vermochte er nicht zu widerstehen, um so weniger, da es ihm gar nicht einmal in den Sinn kam, dieses zu wollen. Entzuckt, betaubt, kaum seiner selbst sich bewusst, wandelte er an Luisens Seite durch die schattigen Sternalleen des parkahnlich ausgehauenen Waldes und stand, ehe er sich dessen versah, vor einer zahlreichen, unter den Saulen eines sehr schonen modernen Landhauses versammelten Gesellschaft. Scheu wie ein Reh, ware er gern zuruck in das Gebusch geflohen, aber da war an kein Entrinnen zu denken.

Die Madchen hatten unterwegs seinen Namen von ihm erforscht und stellten ihn unter diesem ihren Eltern vor, indem sie zugleich recht ausfuhrlich die grosse Gefahr, aus welcher der junge Fremde sie errettet hatte, erzahlten, solche bis zum Schauderhaften vergrosserten und nicht unterliessen, Alberts bei dieser Gelegenheit bewiesenen Heldenmuth bis in die Wolken zu erheben. Dies musste einigen der Anwesenden ein leichtes sarkastisches Lacheln entlocken, denn der sehr verlegene Held dieser grossen Begebenheit stand, trotz der uberstandenen Wassersnoth, in vollkommen trockner Kleidung da.

Baron Steinau und seine Gemalin, die Eigenthumer des Schlosses, ermangelten indess nicht, auf die freundlichste Weise von der Welt uber die grosse Verwegenheit ihrer Tochter zu schelten, und deren noch immer verstummenden Erretter mit Danksagungen und Lobspruchen zu uberhaufen, von denen dieser in der Angst seines Herzens keine Silbe verstand. Da Baron Steinau schon fruher von Alberts isolirter Lage auf dem jetzt oden Leuenstein gehort hatte, so lud er ihn in sehr fliessendem Italienisch und auf die einnehmendste Weise ein, bis zur Ankunft des altern Herrn von Leuen bei ihm als seinem nachsten Guthsnachbar zu verweilen, und sich ohne allen Zwang als ein Mitglied seiner Familie zu betrachten.

Albert hatte aus Mangel an Bekanntschaft mit den Formen des geselligen Lebens gar nicht gewusst, wie er es anfangen konne, um eine solche Einladung von sich zu weisen, selbst wenn er dazu geneigt gewesen ware, aber er begriff schon jetzt gar nicht mehr die Moglichkeit zu leben, ohne die holde Luise zu sehen. Tief errothend verbeugte er sich vor dem Baron, ohne weiter ein Wort hervorbringen zu konnen, und so wurden von dieser Stunde an seine Umgebungen, sein Empfinden, seine Gedanken, ja sein ganzes Leben auf eine Weise umgestaltet, die ihm selbst bis zum Unglaublichen wunderbar geschienen hatte, wenn es ihm nur moglich gewesen ware, auf einen einzigen Augenblick aus dem ewigen Freudentaumel, in welchem er schwebte, zur Ruckkehr in sich selbst zu erwachen.

Das Haus des Barons Steinau war in der ganzen Umgegend bei weitem das glanzendste auf viele Meilen in der Runde; die Familie desselben bestand ausser den vier Tochtern noch aus zwei Sohnen, von denen der alteste, ein vollkommen fur die Welt gebildeter junger Mann, mit Albert in gleichem Alter war. Auch der verlobte Brautigam der altesten Tochter war zugegen, und nachstdem vergrosserten noch mehrere fur den ganzen Sommer eingeladene Gaste beiderlei Geschlechts die Gesellschaft.

Die Unterhaltung, in welcher der feinste gesellige Ton vorherrschte, wurde gewohnlich in franzosischer Sprache gefuhrt, in welcher auch Albert sich auszudrucken verstand, doch sprachen Mehrere in dem Zirkel seine Muttersprache und die Tochter des Hauses, vor allen Luise, beeiferten sich, ihm deutsch zu lehren, wobei er im kurzen die auffallendsten Fortschritte machte. Alle, vom Herrn des Hauses, bis zum geringsten der Diener begegneten ihm mit der grossten Aufmerksamkeit, jedes Mitglied der Gesellschaft suchte auf das freundlichste, seinem Mangel an geselliger Gewandheit zu Hulfe zu kommen. Die altern Herrn und Damen nannten ihn lachelnd l'Ingenu, und die anmuthige Naivetat mit welcher der Jungling in die ihm so neue Welt hinein sah, flosste ihrer Seltenheit wegen Allen ein gewisses Interesse fur ihn ein, und machte Jedermann ihm geneigt.

So von Allen begunstigt, so freundlich angezogen von allen Seiten, lebte und athmete Albert doch nur in Luisens Gegenwart allein. Der Funke der gluhendsten Leidenschaft, den ihr erster Anblick in seinem Gemuthe geweckt hatte, schlug bald zur hell lodernden, nicht mehr zu erstickenden Flamme auf. Alles um ihn her trug bei, sie zu nahren und zu vergrossern, besonders der ihm ganz neue Anblick des traulichen Verhaltnisses zwischen Konstanzen, der altesten Schwester, und ihrem verlobten Brautigam. Die machtige Leidenschaft, die aus Alberts Augen blitzte, in jeder seiner Handlungen, jedem seiner Worte unverkennbar sich aussprach, konnte nicht verfehlen, auf das junge Herz der kaum funfzehnjahrigen Luise den tiefsten Eindruck zu machen und bald war sie selbst uberzeugt, nicht minder heftig zu lieben, als sie geliebt wurde. Ihre Eltern, denen dieses unter ihren Augen sich entspinnende Verhaltniss unmoglich entgehen konnte, thaten ihrerseits wenigstens keinen Schritt, um storend dazwischen zu treten. Sie wussten wenig mehr von Alberts personlicher Lage, als dass es der jungere Bruder sey und alles, was der allgemeine Ruf von dem altern verkundete, bestarkte sie in der Hoffnung, dass dieser sich gewiss geneigt finden lassen wurde, Alberts Gluck auf jede Weise zu fordern. Da sie sich uberdem die innere Zerruttung ihres Vermogens nicht fuglich langer selbst verbergen konnten, die mit einer Lebensweise entstanden war, welche die Krafte ihres Vermogens weit uberstieg, so musste jede Aussicht zur Versorgung einer ihrer Tochter ihnen unter diesen Umstanden doppelt willkommen seyn.

Nach mehreren Wochen, welche Albert im gastlichen Hause des Barons Steinau verlebt hatte, langte endlich Bernhard, gleich nach seiner Flucht von der verkannten Geliebten auf Leuenstein an, ohne eine Ahnung von des Bruders Nahe zu haben; denn sowohl die Briefe aus Rom, welche Alberten anmelden sollten, als die Boten, welche von dem Justiziar zu Leuenstein ausgeschickt worden waren, hatten durch ein eigenes Zusammentreffen mehrerer Zufalligkeiten ihn verfehlt.

Bernhards sehr trube Stimmung erlaubte ihm nicht, Alberten personlich in dem ihm ganz fremden Kreise des Barons Steinau aufzusuchen; er begnugte sich, ihm seinen Wagen zu schicken um ihn zu sich holen zu lassen, und dieses war fur den armen Albert ein allerdings sehr gunstiger Zufall. Denn die Verzweiflung, mit welcher dieser die fruher sehnlichst herbei gewunschte Nachricht von der Ankunft seines Bruders so anhorte, als wurde sein eigenes Todesurtheil ihm verkundet, hatte gewiss auf Bernhards, damals ohnehin sehr hart verletztes Gemuth, den traurigsten Eindruck machen mussen. Bleich, zitternd, verstummend im tiefsten Schmerz bestieg Albert endlich den Wagen, und sein Zustand wahrend der kurzen Fahrt war in der That bedauernswurdig zu nennen. Doch seine Quaal stieg bis zum Unertraglichen als er auf Leuenstein angelangt war, und nun den Blick fest an den Boden geheftet, vor dem hohen edlen Manne stand, dem er angehorte, ohne ihn je gesehen oder auch nur seine Personlichkeit sich deutlich gedacht zu haben. Er fuhlte sich erdruckt von Bernhards Nahe, welche das Ende seines kurzen Glucks ihm verkundete; er konnte nicht reden, kaum athmen, und es bedurfte aller der milden Ueberredungskraft, die Bernhard in so hohem Grade besass, um den fast Vernichteten anfangs nur einiges Vertrauen einzuflossen. Doch dieses wuchs von Minute zu Minute, sobald Albert es nur einmal uber sich gewann, die Augen zu dem Bruder aufzuschlagen, der mit unendlicher Liebe und Milde im Blick und Herzen, ihm mit offenen Armen gegenuber stand, und der Brust voll eigener Quaalen vergass, uber dem Bemuhen den Zagenden aufzurichten. Mit uberstromenden Augen warf Albert sich jetzt in diese Arme, an diese Brust, und das Gestandniss seiner hoffnungslosen Leiden, seiner Verzweiflung, ergoss sich unaufhaltsam uber seine Lippen mit jener Gewalt der hinreissendsten Beredsamkeit, die unwiderstehlich das Herz trifft, weil sie tief und wahr aus dem Herzen kommt.

Nie konnte Bernhards Gemuth einem Bekenntnisse dieser Art empfanglicher seyn, als gerade in diesem Augenblick, wo alle Hoffnung auf eigenes Lebensgluck ihm verschwunden war. Alberts und Luisens traurige Lage erregte sein inniges Mitgegefuhl und forderte ihn unwiderstehlich zur Errettung des in der Bluthe der Jugend hoffnungslos untergehenden Paares auf. Was er nach einigen Tagen reiflicher Ueberlegung zu diesem Zwecke mit der edelsten Aufopferung seiner selbst beschloss, ist dem Leser bekannt, und dass nicht blosses, in Schwache ausartendes Mitleid zu diesem Entschlusse ihn bewog, dass andre sehr ernste Ansichten dabei mit vorwalteten, beweist sein oben angefuhrtes Schreiben aus Maltha. Alberts reines Gemuth, sein vielseitig, wenn gleich noch nicht fur das praktische Leben gebildeter Geist, wurden bald mit hoher Freude von seinem Bruder anerkannt; Bernhard benutzte jede Stunde, um, so viel es die Kurze der Zeit erlaubte, seinen Albert zu den Geschaften vorzubereiten, welche kunftig ihm obliegen wurden; diesen hingegen hob der innigste Wunsch, dem edlen Bruder seine Dankbarkeit auszudrucken, weit uber sich selbst empor und verlieh ihm eine fruher nie gekannte kraftige Regsamkeit. Er gelobte mit Entzucken, sein Leben zwischen seiner Luise und der Erfullung der Wunsche seines Bruders zu theilen; er horte mit nie ermudender Aufmerksamkeit auf dessen belehrenden Rath, warf sich mit dem schonen Eifer unverdorbener Jugend in die ihm vorgezeichnete Bahn, und begann mit so viel Ernst, so vieler Anstrengung sie zu verfolgen, dass Bernhard die schonsten Hoffnungen einer ihn und Alle begluckenden Zukunft daraus schopfen musste. Auch das dankbare Gefuhl, mit dem Luise in Bernhard den Grunder ihres ganzen Lebensgluckes verehrte, lasst sich nicht in Worte fassen; sie versprach gleichfalls seinen Rath in allem so zu folgen, als ware es der Befehl eines zu ihrem Heile vom Himmel herabgestiegenen hoheren Wesens. Bernhard war in ihren Augen ein Halbgott, zu dem sie nur mit staunender Bewunderung seiner Grosse hinauf sah, Albert ein Sterblicher; sie fuhlte, dass sie sich jenem nur mit scheuer Ehrfurcht nahen durfe, diesen liebte sie herzlich mit allen seinen Mangeln; doch lasst sich nicht ableugnen, dass ihr letztere nie sichtbarer erschienen, als wenn er der hohen edlen Gestalt seines Bruder gegenuber stand.

Die Vermahlung des jungen Paares ward in Luisens vaterlichem Hause sehr glanzend gefeiert, doch Bernhard mochte mit seinem zerrissenen Gemuth kein Zeuge davon seyn; ohne formlichen Abschied begab er sich einige Tage fruher auf den Weg zu seiner Bestimmung, und Albert und Luise blieben ganz allein in ihrer weitlaufigen alten Burg. Der in geburgigen Gegenden gewohnlich fruher eintretende Herbst scheuchte bald darauf alle Gutsnachbare in die Stadt; auch Baron Steinau mit den Seinen kehrte zum Schauplatz seiner gewohnten Winterfreuden zuruck; Albert aber hielt standhaft an das seinem Bruder geleistete Versprechen, Leuenstein nicht zu verlassen, und auch Luise, die im Rausche der ersten jungen Liebe den Winteraufenthalt auf dem Lande sehr romantisch fand, stimmte freudig ihm bei. Monate vergingen und Albert schwebte noch immer wonnetrunken in einem Meer von Seeligkeit, nur in der Liebe seiner Luise war er seines Daseyns sich bewusst, jede Stunde schien ihm wie aus seinem Leben gerissen, die er ausser dem Bereich ihres seelenvollen Auges, ihres anmuthigen Lachelns zubringen musste; er sah, er dachte nichts als sie, und alles andere rings um ihn her war fur ihn so gut als verloren.

Bernhards Schreiben aus Maltha ruttelte ihn zuerst aus seinen sussen Traumen wieder auf; ein leiser Ausdruck der Unzufriedenheit schien ihm uber die edlen schonen Zuge seines Wohlthaters zu schweben, als er den Ring mit dem Portrat des Bruders betrachtete, und das dunkle Errothen eines nicht ganz freien Bewusstseyns gluhte dabei auf Alberts Wangen. Gewaltsam nahm er sich jetzt zusammen, indem er nochmals sich gelobte, jedes Bedingniss der ihm gewordenen Seeligkeit zu erfullen, um die Erwartungen des edlen Schopfers seines Gluckes in keiner Hinsicht zu tauschen; leider aber fand er jetzt bei dem ersten Versuche, sich der Verbesserung seines jetzigen Eigenthums anzunehmen, Schwierigkeiten, die er, durch Bernhards Nahe gehoben, sich so gross nimmer gedacht hatte. Er verstand es zwar, die Bahnen der Kometen zu berechnen und die Losung keiner noch so verwickelten Aufgabe der hohern Mathematik war ihm zu schwer, aber ihn schwindelte vor den bogenlangen, wahrscheinlich nicht ohne Absicht verworrenen Rechnungen und Tabellen, welche seine Beamten ihm vorlegten, und die Unmoglichkeit sich da hindurch zu finden, schlug seinen Muth fuhlbar nieder.

Mit der praktischen Oeconomie ging es ihm nicht besser; er las mit unerhortem Eifer alles, was uber diesen Gegenstand geschrieben ward, der gerade in dieser Zeit anfing viele der ersten Kopfe, besonders in England zu beschaftigen; doch alle zum Theil sehr kostspieligen Versuche, die er nach jenen Vorschriften anstellte, fielen unglucklich aus, theils weil sie am unrechten Platz angewendet wurden, theils weil man sie nicht mit der gebuhrenden Aufmerksamkeit auszufuhren suchte.

Seine grosse Unerfahrenheit, verbunden mit seinem Mangel an Menschenkenntniss, verleitete ihn auch zu unzahligen Missgriffen anderer Art. Er wandte oft seine ganze Aufmerksamkeit Gegenstanden zu, die an sich wenig bedeuteten und lies daruber das Wichtigere aus der Acht; er entdeckte und bestrafte kleine Betrugereien und ubersah die grobsten Unterschleife, welche dicht unter seinen Augen vorgingen. Weder sein Missgeschick, noch seine eigene Unfahigkeit, am allerwenigsten das aus beiden hervorgehende traurige Resultat, konnte ihm lange verborgen bleiben, und alles dieses vereint beugte ihn tief. Sein ihm angeborner, durch die klosterliche Erziehung noch mehr ausgebildeter Hang zur Schwermuth erwachte von neuem und er wurde mit jedem Tage truber und missmuthiger. Die arme Luise begann unter diesen Umstanden gar bald sich heimlich nach dem frohlichen Leben in dem heitern Hause ihrer Eltern zuruck zu sehnen, denn der Abstand war gar zu gross. Sie seufzte oft recht schmerzlich aus tiefster Brust, wenn sie mit aller ihrer Liebenswurdigkeit dem armen Albert kein Lacheln mehr abzugewinnen vermochte, und ihr sonst immer klares Auge fullten Thranen, wenn er mit trubem Blick sie an seine gramerfullte Brust druckte, statt, wie sonst, sich mit ihr des Lebens in der schonen, sonnenhellen Welt heiteren Sinnes zu freuen.

Albert sah den Kummer der noch immer Heissgeliebten, und fuhlte mit unnennbarem Weh, dass es nicht in seiner Macht stand, ihn vollig zu heben; indessen wollte er es doch versuchen, ihn wenigstens einigermassen zu zerstreuen. Er bemuhte sich ihre kleinen Wunsche zu erforschen, um durch deren Erfullung ihr Leben zu erheitern. Sie liebte die zierliche Eleganz der hauslichen Umgebungen, an die sie in ihrer Eltern Hause von Jugend auf gewohnt worden war, und Albert uberraschte sie freudig mit manchem Geschenk dieser Art. Doch jedes von diesen machte wieder andre Dinge nothwendig, weil es zu dem von alten Zeiten her vorhandenen Gerathe nicht passte; Albert sah sich dadurch unmerklich zu sehr bedeutenden Ausgaben verleitet, denn nach und nach wurde das ganze Schloss mit modernem Hausgerathe versehen, welches mit grossen Kosten aus der ziemlich entfernten Residenz herbeigeschaft werden musste. Das neue Ameublement erforderte auch eine neue Einrichtung der Zimmer; Tapezirer, Maler, Handwerker aller Art wurden verschrieben, uberall ward gehammert, vergoldet, gemalt, bis das von Aussen noch immer uralte Schloss von innen einem Feenpallaste glich, aus dem beinahe jede Spur seiner fruhern ehrwurdigen Alterthumlichkeit verschwunden war.

Alberts Blick trubte sich oft und sein Herz war ihm schwer, wenn er diese, so ganz ausser Bernhards Planen liegende Umwandlung betrachtete, doch Luise lachelte wieder, laut schallte ihr Gesang durch das Haus, wenn sie in liebenswurdiger Geschaftigkeit von einem Zimmer zum andern eilte, um dieses oder jenes Neue anzuordnen; es war ihm unmoglich, den Himmel dieses geliebten Wesens von neuem zu truben, er freute sich ihrer Freude und trug Sorge und Kummer gern allein.

Die tiefe Einsamkeit, in der Luise an der Seite eines stets in Geschaften sich abmuhenden Gatten lebte, machte es allerdings wunschenswerth, ihr eine erheiternde Gesellschaft gewahren zu konnen, und Albert selbst fiel zuerst auf den Gedanken, einige ihrer Jugendfreundinnen einzeln und abwechselnd zu ihr einzuladen. Diesen folgten bald mehrere Besuche, Luisens Eltern versaumten nicht nach und nach alle ihre Bekannten in dem Hause ihrer Tochter einzufuhren, und Albert sah sich bald von dem Gerausche der grossen Welt in seinem eignen Schlosse umringt, das nie aufzusuchen er seinem Bruder feierlich gelobt hatte. Jeder Gedanke an hausliche Stille verschwand vor dem immer mehr sich vergrossernden Schwarme von Besuchenden, die oft wochenlang auf Leuenstein verweilten; Luisens Eltern trugen alles dazu bei, den Ton in Alberts Hause immer hoher zu steigern, ohne dass Albert den Muth hatte, sich diesem Unheil zu widersetzen. Er furchtete Luisen dadurch zu betruben, die ihre Eltern zartlich liebte und in deren Seele keine Ahnung davon kam, dass Baron Steinau es sehr angenehm und bequem finde, bei seiner Tochter eine Lebensweise fortfuhren zu konnen, an welche er gewohnt war und die er selbst im eignen Hause nicht langer ausfuhrbar zu machen vermochte.

Ein zahlloses Heer franzosischer Emigranten uberschwemmte um diese Zeit Deutschland und wusste mit seiner tiefen Verdorbenheit, seiner Frivolitat, seiner Anmassung, aber auch mit seinem unubertrefflichen Talent fur die feinste Geselligkeit sich uberall Eingang zu verschaffen. Auch Alberts Schloss wurde von dieser allgemeinen Landplage nicht verschont, denn Baron Steinau hatte seinem unbesonnenen Betrogen dadurch die Krone aufgesetzt, dass er einige dieser gefahrlichen Gaste als ihm besonders lieb gewordene Hausfreunde bei seinen Kindern einfuhrte, und uberall, wo es nur einem einzigen Emigranten gelungen war festen Fuss zu fassen, folgten bald mehrere nach, die mit unbeschreiblicher Gewandheit in kurzer Zeit dort unumschrankt zu herrschen wussten, wo sie zuerst als ungluckliche Verbannte mitleidige Aufnahme fanden. Vom Morgen bis zum Abend musste Albert jetzt seine junge schone Luise von Marquis und Vicomtes umschwarmt sehen, welche das ganze Schloss umkehrten, um alles auf den Ton der elegantesten Zirkel von Paris oder Versailles umzustimmen. Ihn selbst aber schienen sie wie einen Fremden zu betrachten, dessen dustre Aussenseite freilich sehr schlecht hieher passe, den man aber dulden musse und nicht ganz degoutiren durfe, weil er doch einmal der Gemahl der Dame vom Hause sey. Bei der ihm zur zweiten Natur gewordenen Anspruchslosigkeit verlor Albert in diesen Umgebungen das wenige Selbstvertrauen ganzlich, das er noch besass; er fuhlte sich ungewandt und unbeholfen in der Mitte dieser glanzenden Fremdlinge, die nichts hatten und nichts achteten als den aussern Schein; er konnte es sich nicht ableugnen, dass diese ihn selbst in den Augen seiner Luise verdunkelten und verdunkeln mussten; er glaubte zu sehen wie Luisens Herz sich immer mehr von ihm abwende, und ward leider immer weniger liebenswurdig, je mehr die Ueberzeugung, nicht mehr geliebt zu seyn, in seiner Seele sich festsetzte, wie das leider immer zu geschehen pflegt.

Es braucht wohl nicht besonders erwahnt zu werden, dass Alberts hausliche Lage nicht urplotzlich, sondern allmahlig wahrend dem Laufe mehrerer Jahre diese traurige Umwandlung erlitt. Luise hatte ihm wahrend dieser Zeit mehrere Kinder geboren, von denen nur das alteste, ein Knabe von etwa funf Jahren, am Leben blieb; ein jungerer war erst wenige Wochen alt, als Bernhard zum zweitenmal von Maltha nach Deutschland zuruckkehrte, um sich zu der Armee der alliirten Machte zu begeben, welche zu jener Zeit im Begriff stand, den Feldzug gegen die franzosischen Demokraten zu eroffnen. Damals, wie Bernhard ein Jahr nach seiner Flucht nach Maltha zuruck eilte, um seine heissgeliebte Anna noch einmal wieder zu sehen, als ihm in ihrer Rahe die fruher ungeahnete Grosse des Opfers klar wurde, durch welches er, viel zu voreilig fur die ganze Seeligkeit seines eignen Lebens, das Gluck seines jungern Bruders erkauft hatte, da vermochte er es nicht uber sich, durch den Anblick des jungen glucklichen Paares den eignen Schmerz noch zu erhohen.

Die Zeit hatte diesen Schmerz zwar nicht gemildert, aber Bernhard war durch sie gewohnt worden, ihn mit Fassung zu tragen und so entschloss er sich, einen ziemlich bedeutenden Umweg nicht zu achten, um auf seinem Wege zur Armee den Bruder und die Burg seiner Vater noch einmal zu begrussen, ehe er den grossen Kampfplatz betrat, von welchem nicht wiederzukehren vielen Tausenden bestimmt war.

Als Bernhard die Granze seiner ehemaligen Besitzungen betrat, bemerkte er zuerst mit steigendem Unmuthe, wie schonungslos die Axt noch vor kurzem in den herrlichen Waldungen gewuthet hatte, welche von jeher den grossten Schatz derselben ausmachten. Jahrhunderte hindurch, mitten im wildesten Drange der Zeiten, hatte keiner seiner Vorfahren es gewagt, sie so frevelhaft anzutasten, weil alle sie als eine nie versiegende Quelle von Wohlhabenheit betrachteten, die durchaus verlangte, sorgsam gepflegt und verstandig benutzt zu werden. Sein Unmuth vermehrte sich, indem er weiter ritt und uberall den fruchtbarsten Boden unverantwortlich vernachlassigt sah. Doch als Schaaren halb nackter, hungernder Kinder ihn in den Dorfern bettelnd verfolgten, als er aus den elendsten Hutten, die je ihm vorgekommen waren, bleiche Jammergestalten scheu hervorlauschen sah oder wilde zigeunerartige Gesichter, die, mit dem Geprage dumpfer Rohheit bezeichnet, ihn anstarrten, da hielt er sich nicht mehr, der edelste Zorn schwellte seine schmerzlich bewegte Brust und flammte aus seinen dunkel blitzenden Augen.

"Albert!" rief er beinahe laut, "Albert, leichtsinniger Knabe, haltst du so dein Gelubde? lohnst du mir so fur ein Opfer, dessen wahren Werth niemand ermessen kann, und das von nun an durch deine Schuld wie ein entehrender Flecken auf meinem Leben haften muss!" Er ritt langsamer, um sich nur einigermassen wieder zu bemeistern, ehe er das Schloss erreichte; sein Blick wurde immer dustrer, je naher er ihm kam; doch wer beschreibt sein schmerzliches Erstaunen, als er nun das Innere der Burg seiner Vater betrat. Er schritt durch die lange Gallerie hindurch, von deren Wanden die ehrwurdigen Gestalten seiner Ahnen sonst auf ihn herabzublicken schienen. Diese waren nicht mehr dort, er sah die ihm so unaussprechlich theuren Bilder durch Spiegel, Vergoldungen, blitzende Girandolen und allen Flitter der damaligen Mode verdrangt; sie selbst waren, wenn sie noch existirten, wahrscheinlich in irgend einem dustern abgelegenen Winkel des Schlosses hin verbannt.

Gluhend vom edelsten gerechtesten Zorn, der je in einer menschlichen Brust entbrannte, nahte er dem kerzenhellen grossen Saal, aus welchem eine lustige Janitscharen-Musik ihm entgegen schallte. Hoch und furchtbar wie ein zurnender Apoll blieb Bernhard am Eingange desselben stehen, sein Auge flammte, seine Brust hob sich gewaltsam, indem er die im Walzer sich drehenden Tanzer uberschaute, um Albert und Luise unter ihnen aufzufinden. Niemand achtete auf ihn, niemand bemerkte ihn, denn er hatte seine Ankunft vorher nicht gemeldet, weil er seinen Bruder freudig zu uberraschen gehofft hatte. Da umschlangen ihn plotzlich zwei zitternde Arme, als wolle jemand zu seinen Fussen in den Staub sinken; es war Albert.

Bernhard heftete schweigend den finstern Blick auf ihn, und die in ganzlicher Muthlosigkeit eingesunkene Gestalt des Armen, der Ausdruck tiefen unheilbaren Grams in seinen Zugen, entwaffneten Bernhards Zorn im Augenblick. Er druckte den unglucklichen Bruder an seine feste mannliche Brust. "Albert, mein armer Albert!" sprach er mit dem weichen Ton des tiefsten Mitleids, "was ist mit Dir geschehen?" Albert vermochte nicht zu antworten.

Jetzt kam auch Luise herbei, um ihren Wohlthater mit unverstellter Freude zu begrussen; sie war ganz unbefangen, denn sie hatte keine Ahnung davon, dass Bernhard hier irgend Grund zur Unzufriedenheit finden konne. Sie hatten ja ihr Wort gehalten, denn sie waren, wie er es verlangt, auf Leuenstein geblieben, und Albert muhte sich Tag und Nacht bei seinen Geschaften ab. So ging ihrer Meynung nach alles ganz vortrefflich, denn leider verband Albert mit seinen ubrigen Schwachen auch noch die, Luisen uber die wahren Ursachen seines Kummers nie aufzuklaren, um sie in ihrer Freude nicht zu storen.

Bernhard war jetzt vollkommen Herr seines emporten Gefuhles geworden; er erwiederte Luisens Gruss so freundlich, als es ihm in diesem Augenbicke moglich war, denn er wollte sie nicht ohne Noth verwunden, und war billig genug, aus ihrer frohen Unbefangenheit zu schliessen, dass sie wenigstens nicht absichtlich die Zerstorerin aller seiner Plane fur ihr und seines Bruder Gluck geworden war. Er sah ein, dass sie einem Kinde glich, welches spielend den verzehrenden Feuerbrand in die vollen Scheuern seiner Eltern wirft, ohne zu wissen was es thut.

Am folgenden Tage beobachtete er Luisen aufmerksamer, und seinem im Leben geubten Blick ward es nicht schwer, dieses offene jugendliche Wesen ganz zu durchschauen. Er sah, wie Luise als Gattin ihre Pflicht dadurch auf das vollkommenste zu erfullen glaubte, dass sie ihrem Albert im alltaglichsten Sinne des Wortes die unverbruchlichste Treue bewahrte und ubrigens ihm bei seiner Schwermuth, die sie Verdrusslichkeit nannte, gern so viel als moglich aus dem Wege ging, um ihn nicht durch ihr frohliches Wesen zu reizen oder zu verletzen. Dass sich in der ewigen Zerstreuung, in der sie jetzt lebte, ihr Herz von ihm gewendet habe, schien sie selbst kaum zu wissen. Uebrigens hielt sie sich in der Verwaltung ihres Hauswesens fur eine treffliche Wirthin, weil sie es an nichts fehlen lies, um selbst die verwohntesten ihrer Gaste zu befriedigen, und ein stiller Triumph strahlte aus ihren Augen, wenn irgend einer derselben uberlaut versicherte, bei ihr ware alles delizios, tout comme a Paris. Ihr altestes Kind, ein Knabe von etwa funf Jahren, ward von ihr wie ein Spielzeug betrachtet, das sie zu nicht geringer Unbequemlichkeit der Gesellschaft fast nie von ihrer Seite lies. Das ganze Haus furchtete die Ungezogenheit des kleinen Plagegeistes, nur die Franzosen nicht. Diese futterten ihn mit Bonbon, nannten ihn un charmant petit Lutin, lachten uber seine Unarten und halfen ihm neue ersinnen, alles pour faire rire Madame sa mere. Das jungste Kind kam noch gar nicht in Betracht, es war erst wenige Wochen alt und im Grunde besser versorgt, als alles Uebrige im Hause, denn es hatte eine ausgezeichnet gute Amme, die es recht mutterlich liebte und pflegte.

Bernhard vermochte nicht ohne den tiefsten Schmerz den fast hoffnungslosen Verfall des hauslichen Glucks zu uberschauen, das er so felsenfest gegrundet zu haben vermeynte. Sein Zorn, der sich bei manchen Anlassen stets von neuem wieder in ihm regte, los'te sich jedesmal in tiefes Mitleid auf, wenn er seinen Bruder sah und horte. Unaufgefordert ergriff dieser die erste vertrauliche Stunde, um ihn ganz unumwunden zu gestehen, wie er Leben und Gluck in zweckloser, keine Ruhe kennender Thatigkeit zersplittern, und unerachtet seines angestrengtesten Bemuhens die auf seinen Gutern ruhende Schuldenlast vermehrt habe, statt sie zu vermindern. "Ich weiss, Bernhard," sprach er, "Du bist gerecht, Du wirst meiner Versicherung glauben, dass dieses glanzende Elend, in welchem ich leben muss, mir noch nie auch nur einen genussreichen Augenblick gewahrt hat. Aber durfte ich meiner Luise etwas versagen, das ihr durch meine Schuld getrubtes Daseyn erheitern kann? Ich fuhle es, meine Liebe kann sie nicht mehr beglucken, ich sehe das liebliche Wesen an meiner Seite in Missmuth vergehen, das, hingerissen von meiner wilden Leidenschaftlichkeit, mich zu lieben glaubte und so in jugendlicher Unerfahrenheit sich mir opferte. Taglich fuhle ich, bitter bereuend, wie so ganz verschieden sich ihr Daseyn an der Seite eines andern Mannes gestaltet hatte. Luise bedarf einer festen leitenden Hand, um sich zum Vortrefflichsten zu erheben, und ich bin unfahig, sie ihr zu reichen. Was bin ich? ein durch seine fruhere monchische Erziehung fur das Leben auf ewig Verdorbener. Nie hatte ich es wagen sollen, an mein von Grund aus verfehltes Daseyn das Gluck Anderer knupfen zu wollen, nie hatte ich, von Liebe bethort, mich in Luisens schones Jugendleben eindrangen mussen! schweigend und duldend hatte ich bleiben sollen was ich halb schon war, ein dunkler, einsamer Monch. Luise ware dann glucklich und frei; das Erbtheil unserer Vater, dessen ich unwerth bin, ware in Deinen Handen wieder geworden was es fruher gewesen ist und ich unbeweint und vergessen in meiner stillen Gruft, ruhte ich schon langst von aller der Sehnsucht, von allen den Schmerzen aus, die ich in reiner verschwiegener Brust getragen hatte, bis sie mich hinabzogen. Die Palme des ewigen Friedens ware dort oben schon langst der hohe Lohn meiner Entsagung auf Erden!"

Bernhard horte seinen Bruder ohne alle Unterbrechung schweigend an; seine Klagen drangen bis in die tiefsten Tiefen seines Gemuths, denn sie waren ihm nur der laut werdende Nachhall leiser Vorwurfe, die schon ohnehin zu oft und zu schmerzlich in seinem Innern sich regten. Indessen gewann er es doch uber sich, den Muth des tiefgebeugten Bruders durch ernstes mannliches Zureden furs erste wieder zu erheben und dann ernstlich auf Mittel zu sinnen, um wieder gut zu machen, was noch gut zu machen moglich sey.

Vor allen Dingen suchte Bernhard jetzt Luisens Eltern ohne grosse Umschweife von der eigentlichen Lage Alberts zu unterrichten, und legte es ihnen sehr fest und bestimmt ans Herz, wie es ihre Pflicht sey, durch Rath und Beispiel ihre Kinder auf den rechten Weg zu ihrem Glucke zuruckzuleiten, statt sie zu neuen grossern Verirrungen zu veranlassen, die endlich ihren ganzlichen Untergang herbeifuhren mussten. Doch er fand nur halbes Gehor.

Steinau und seine Frau waren von jeher gewohnt, uber alles Unangenehme leicht hinweg zu schlupfen, und Bernhards sehr ernste Vorstellungen schienen ihnen deshalb, wenn nicht beleidigend, doch wenigstens sehr unbequem. Sie suchten ihnen daher fur den Augenblick zu entgehen und erfanden noch am namlichen Abend einen Vorwand, um zur Stadt zuruckzukehren, wo sie jetzt fur immer ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten; denn ihr eigenes Gut war schon langst in den Handen ihrer Glaubiger und wurde zu deren Besten administrirt.

Einige der Gaste, die mit ihnen gekommen waren, begleiteten sie, die ubrigen folgten ihnen am andern Tage; denn Allen war gleich beim ersten Anblick des ernst umherblickenden Malthesers unheimlich zu Muthe geworden. Selbst die Emigranten bequemten sich, Bernhards ziemlich deutlich ausgedruckte Wunsche zu verstehen und ihm einige ruhige Tage in der Mitte der Seinen zu gewahren. Und so war denn die lange vermisste Ruhe auf Leuenstein wieder eingekehrt und Bernhard hatte Raum gewonnen, den Schleier so schonend als moglich zu heben, der Luisen gegen ihr eigenes und ihres Gatten Wohl verblendete.

Luise horte den ernsten Warner mit grosserer Fassung an als er es erwartet hatte, denn der Eindruck seines fruhern Edelmuths war noch bei weitem nicht in ihrem Gemuthe erloschen. Bernhards Bild schwebte ihr noch immer, selbst wahrend seiner Abwesenheit, als das Ideal aller mannlichen Liebenswurdigkeit, Hoheit und Wurde vor, sie gedachte seiner nie ohne Bewunderung und Verehrung, und nur die strahlende Hohe, auf welcher ihr dankbares Gefuhl ihn stellte, hatte vielleicht fruher das Aufkeimen einer weit zartern innigern Liebe in ihrem Herzen erstickt, als sie je fur Albert empfunden hatte.

Ueberdem war Luise jetzt kaum ein und zwanzig Jahre alt, und in diesem Alter pflegt eine an sich gutgeartete Natur sich nicht leicht gegen die warnende Stimme eines, als wohlwollend anerkannten Freundes zu verharten.

Sanft weinend aber willig gelobte sie daher, dem Rath ihres edlen und weisen Beschutzers nach besten Kraften zu folgen und von der ihr von ihm vorgezeichneten Bahn zum stillen hauslichen Gluck sich hinfort so wenig als moglich wieder abzuwenden. Bernhard wagte zwar nicht, diesem Versprechen unbedingten Glauben zu schenken, aber er war dennoch wenigstens von ihrem guten Willen uberzeugt. Zum zweitenmal legte er in dieser Stunde ihre Hand in die seines Bruders, druckte beide mit glanzenden Augen an seine von tausend verschiedenen Empfindungen besturmte Brust, und wandte sich dann von ihnen, um seine treue Sorge fur ihre glucklichere Zukunft fortzusetzen. Die unabanderlich vorher bestimmte Kurze seines Aufenthalts hatte ihn gleich bei seiner Ankunft auf Leuenstein abgehalten, den Zustand der hochst verworrenen Angelegenheiten seines Bruders genauer zu untersuchen, aber er hatte in seinem Herzen beschlossen, diesem einen erfahrnen wohlgesinnten Freund zuzufuhren, der eben so geschickt als willig sey, sich seiner anzunehmen.

Seine Wahl war dabei auf den Baron Meinau, einer seiner fruheren Jugendfreunde gefallen, der seit wenigen Jahren ein massiges, nur wenige Stunden von Leuenstein entferntes Landgut bewohnte, dessen ursprunglichen Werth er, nach dem Urtheil aller in diesem Fache Erfahrnen, durch Fleiss und wohl angewandte okonomische Kenntnisse wahrend der kurzen Zeit fast verdoppelt hatte. Zu diesem fuhrte Bernhard am letzten Tage seines Aufenthalts in der Burg seiner Vater Albert und Luisen, und schon auf dem Wege fielen ihm die bluhenden Felder, die uppigen Wiesen, die freundlichen Dorfer auf, welche Meinaus Besitzungen vor andern der Nachbarschaft auszeichneten.

Sein alter Freund erkannte ihn sogleich und empfing ihn mit offenen Armen und ungeheuchelter Freude; auch Albert und Luise fanden die freundlichste Aufnahme, und wahrend Frau von Meinau Luisen mit jener anspruchlosen Zuvorkommenheit zu unterhalten suchte, welche sogleich die Herzen gewinnt, fand Bernhard Gelegenheit, dem Baron Meinau in Alberts Beiseyn das wichtige Anliegen zu eroffnen, das ihm besonders am Herzen lag. Er hatte fruher Gelegenheit gehabt, diesem sehr bedeutende Dienste zu leisten, und obgleich er es selbst langst vergessen zu haben schien, so ergriff Meinau doch mit herzlicher Freude die Gelegenheit, die so ganz unerwartet sich ihm bot, um Bernhard durch mehr als Worte zu beweisen, dass er jener Vergangenheit noch immer dankbar gedachte. Er zeigte sich daher sehr bereitwillig, alle Zeit, die er von seinen eigenen Geschaften abmussigen konne, Alberten zu widmen, und versprach diesen uberall durch Rath und That, so viel er dieses vermochte, zu unterstutzen.

Mit sehr erleichtertem Herzen kehrte Bernhard, Albert und Luise nach Leuenstein zuruck und brachten noch einige Stunden im traulichen Gesprache zu, bis der Morgen graute. Dann druckte Bernhard noch einmal seine Lieben an sein Herz, entfernte sich stumm und warf sich auf sein bereit stehendes Pferd, um nun endlich seiner ernsten Bestimmung entgegen zu eilen.

Gleich nach Bernhards Abreise bemuhte sich Baron Meinau, das seinem Freunde gegebene Wort im vollsten Sinne desselben zu erfullen, doch leider stellte ihm die uberall in Alberts Angelegenheiten herrschende Verwirrung Schwierigkeiten dabei entgegen, die er so gross sich nimmer gedacht hatte. Er wandte jede seiner freien Stunden daran, nur furs erste den Betrag der auf den von Leuenschen Gutern ruhenden Schuldenlast zu erforschen, aber es wahrte sehr lange, ehe er nur damit zu Stande kommen konnte, und endlich ward er mit Schrecken gewahr, dass die von Albert in der letzten Zeit aufgenommenen Summen dessen eigne unvollkommene Angabe derselben um mehr als die Halfte uberstiegen. Ueberdem musste diese Schuld sich mit jedem Jahre betrachtlich vermehren, wenn man nicht bald Mittel und Wege fand, einige bosartige Wucherer zu befriedigen, denen Albert theils aus Unerfahrenheit, theils verleitet durch den Rath seines gewissenlosen Justiziars, in die Hande gefallen war.

Meinau sah fur den Augenblick keine Moglichkeit, die dazu nothigen sehr bedeutenden Summen aufzubringen; er konnte es nicht unterlassen, seine daraus entstehende Besorgniss gegen Albert zu aussern, und obgleich er dabei so schonend als moglich verfuhr, so druckte er damit doch den Stachel der Reue immer tiefer in das Herz des Armen, das durch die taglich steigende Gewissheit von Luisens Gleichgultigkeit ohnehin schmerzlich verwundet war, so dass Meinau alle Muhe hatte, seinen Muth nur etwas zu erheben und ihn durch freundliche Trostgrunde vor ganzlicher Hoffnungslosigkeit zu bewahren.

Wahrend der weise wohlmeynende Freund, welchen Bernhard seinen Bruder geschenkt hatte, sich so thatig fur dessen Wohl bemuhte, fuhlte auch seine Gattin sich von ihrem Herzen gezogen ihm zu helfen: denn diese wirklich liebenswerthe Frau war zu gewohnt, ihrem Gatten in allem hulfreich zur Seite zu stehen, als dass sie dieses nicht auch in einer Angelegenheit hatte versuchen sollen, die ihm so sehr am Herzen zu liegen schien. Sie begann daher ganz unvermerkt Luisens sich anzunehmen, gegen die sie mit ihren acht und zwanzig bis dreissig Jahren sich ohnehin recht matronenartig vorkam. Halb scherzend, halb im Ernst suchte sie die junge Frau zu bewegen, der Verwaltung des innern Hausstandes sich mehr als sonst anzunehmen, und da sie ihr hierin uberall mit dem besten Beispiele voranging, so lernte Luise auch bald, wenigstens in der Gegenwart ihrer neuen Freundin, sich ihrer bisherigen Nachlassigkeit zu schamen.

Luise konnte es sich nicht verhehlen, dass Frau von Meinau mit nicht geringern Anspruchen an das Leben in die Welt getreten sey als sie selbst, auch sie hatte vor ihrer Vermahlung im Hause ihrer reichen angesehenen Eltern in der Residenz und sogar am Hofe mitten in den glanzendsten Zirkeln gelebt, deren schonste Zierde sie war; sie hatte Talente und uberhaupt eine weitumfassende geistige Bildung sich erworben, welche Luise nicht besass und klagte dennoch nie uber die Einsamkeit des Landlebens und stand dennoch mit nie ermudender Thatigkeit ihrem Hauswesen und der Erziehung ihrer Kinder vor, ohne je damit prunken zu wollen. Wenn sie Abends an ihrem schonen Wiener Pianoforte, dem einzigen glanzenden Hausgerath das sie besass, ihre Zuhorer bezauberte, oder im kleinen Kreise ihrer Bekannten am Theetisch die Seele der Unterhaltung war, so merkte niemand es ihr an, wie sie den Tag uber in ihrem Haushalte sich beschaftigt hatte und oft selbst mit Hand anlegte, wenn ihr dieses nothig zu werden schien.

Ein zweites Verdienst um Luisen, welches diese ihr noch inniger verdankte, erwarb Frau von Meinau sich dadurch, dass auf ihre Veranlassung das Leben auf dem Lande sich im Laufe der langer werdenden Abende weit freundlicher gestaltete, als Luise erwartet hatte. Keine Woche verging, in der nicht beide Familien wechselseitig einander mehreremale besuchten. Einige Prediger und Beamte aus der Nachbarschaft, Leute von deren Existenz Luise bis jetzt gar keine Notiz genommen hatte, vergrosserten zuweilen mit ihren, zum Theil recht gebildeten Frauen und Tochtern den kleinen Kreis. Musik, gemeinschaftliches Lesen oder erheiterndes Gesprach fullten die langen Abende aus. Luise vergass sehr oft in diesen anspruchslosen Umgebungen der fruheren rauschenden Freuden und entzuckte Alle durch ihre jugendliche Heiterkeit. Doch leider kehrte freilich die alte Leere wieder in ihr Herz zuruck, sobald sie einige Tage mit Albert allein ohne andre Gesellschaft verleben musste. Dann vermochte sie es nicht uber sich, ihre Unzufriedenheit mit ihrer jetzigen Lage ihm zu verbergen, und der arme Albert fluchtete sich gewohnlich in sein einsames Zimmer, um sich dort ungestort und ohne Zeugen dem bittern Schmerze zu uberlassen, der verzehrend und langsam an seinem Leben nagte.

So mochten denn, wechselnd zwischen gute und bose, einige Monate seit Bernhards Abreise hingegangen seyn, als eines Morgens einige Landleute sich auf Leuenstein meldeten, um uber die Verwustungen zu klagen, die ein wilder Eber auf ihren Feldern anrichtete. Schon seit geraumer Zeit waren alle Thiere dieser Art in jenen Gegenden ausgerottet worden, und die Erscheinung eines einzelnen, das sich wahrscheinlich aus einem andern fernen Gebiete hinuber verirrt hatte, setzte gerade ihrer Seltenheit wegen die Leute in um so grossere Angst. Meinau war eben zugegen und rieth eine grosse allgemeine Jagd anzustellen; die ganze Nachbarschaft ward aufgeboten, um das Thier zu erlegen. Alle zogen am fruhsten Morgen des folgenden Tages mit Hunden und Jagern, begleitet von frohlicher Jagdmusik, von Leuenstein aus in den herbstlich gefarbten Wald, an dessen Zweigen nur einzelne Blatter noch gelb und rothlich im Sonnenschein spielten.

Der Mittag nahte heran; Luise hatte mit Hulfe ihrer Freundin alles zum Empfange der wahrscheinlich sehr ermudeten Jager vorbereitet, und beide Frauen sassen nun mit ihrer Arbeit an einem Fenster, von welchem sie die in den Wald ausgehauene lange Allee uberschauen konnten, durch die jene zuruckkommen mussten. "Horch!" rief Luise, "horst Du Hallalli blasen? die Jagd ist aus, sie mussen bald hier seyn."

Frau von Meinau offnete das Fenster. "In der That," sprach sie, "ich hore Hornergetone aus der Ferne. Und wie mild und erquickend die Luft vom Tannenwalde heruberweht! komm Luise, der Tag ist zu schon um ihn ganz im Zimmer zu verleben; lass' uns den Mannern bis zu dem runden Platze entgegen gehen, wo alle die Alleen sich kreuzen; dort konnen wir sie unmoglich verfehlen."

Beide Frauen wandelten nun Arm in Arm durch den Garten dem Walde zu, und hatten den bestimmten Platz bald erreicht, an welchem sie zu verweilen beschlossen. Frau von Meinau vertiefte sich rechts ins Gestrauch, um von den Zweigen einer jungen, noch mit allen ihren Blattern prangenden Eiche einen Kranz fur den Sieger zu flechten; Luise blieb mitten auf dem Platz stehen, und sah einem Eichhornchen zu, das sich mit lustigen Sprungen von einem der hohen, im Sonnenstrahl ergluhenden Tannenwipfel zum andern schwang. Hundegebell und Hornergeton schallten aus der Ferne, die Jagd schien naher zu kommen, ein Schuss fiel und wenige Augenblicke darauf knisterte und rasselte es ungefahr dreissig Schritte vor Luisen im Gestrauch zur linken Hand; der durch eine leichte Wunde zur entsetzlichsten Wuth aufgereizte Eber brach hervor und rannte, schaumend vor Schmerz und Zorn, gerade auf die Wehrlose zu. Sie wollte seitwarts zu ihrer Freundin fliehen, ihr Fuss verwickelte sich in Brombeerranken, die uber ihren Weg sich ausbreiteten, sie fiel und verlor das Bewusstseyn. Der Eber eilte noch immer auf sie zu, schon war er nur wenige Schritte noch von ihr entfernt, sie rettungslos dem greuelvollsten Tode verfallen, als ein Reuter im gestrecktesten Galopp aus einer Seitenallee, welche nach Meinaus Besitzungen fuhrte, sich zwischen sie und das wuthende Thier warf.

Der Eber wandte nun seine Wuth gegen diesen neuen Ankommling, der nur, mit einer Reitgerte bewaffnet, ihr nichts entgegensetzen konnte. Im Nu verwundeten die furchtbaren Hauer des Ungeheuers das edle durch gewaltiges Spornen ohnehin sehr wild gewordene Pferd, dies baumte und uberschlug sich mit seinem Reiter, der unter dasselbe zu liegen kam. Glucklicherweise war ein Theil der Jagd indessen herbeigekommen, zwei gewaltige Saufanger packten den Eber noch gerade im rechten Augenblick, da er seine Wuth an den Unglucklichen auslassen wollte; sie zwangen ihn, sich gegen sie zu wenden, und ein glucklicher Stoss von Meinaus starker Hand machte bald darauf dem Kampfe ein Ende.

Auch Albert kam jetzt herbei, und sah mit unaussprechlichem Entsetzen sein geliebtes Weib bleich und starr wie eine Todte am Boden liegen; er rief tausendmal uberlaut Luisens Namen, warf sich neben sie hin mit der Geberde an Wahnsinn granzender Verzweiflung, und vor Schrecken vollig unfahig, ihr die kleinste Hulfe zu leisten, verlangte er nur mit ihr zu sterben.

Indem eilte auch Frau von Meinau bleich und zitternd herbei. Sie hatte aus der Ferne in Todesangst zugesehen. Selbst kaum im Stande, sich aufrecht zu erhalten, wollte sie die Freundin unterstutzen, welche eben anfing, sich von selbst zu erholen, doch indem sie sich zu ihr beugte, fiel ihr Blick auf Luisens Befreier. Diesen hatten die Jager unterdessen unter seinem Pferde hervorgezogen und er sass mit Blut bedeckt geduldig da, den Rucken an einen Baum gelehnt, von ihm zu Hulfe Eilenden umringt.

"Oskar," schrie sie mit dem tonlosen Schrei des hochsten Entsetzens. "Oskar, o stirb nicht, stirb nicht mein Bruder ohne mich!" Sie warf sich neben ihm in das mit seinem Blute benetzte Gras, zerriss ihr Kleid, um die Kopfwunde zu verbinden, aus der das Blut sein Gesicht uberstromte, umschlang ihn mit ihren Armen und zuckte erschrocken zusammen, da sie gewahrte, wie weh die leiseste Beruhrung ihm that, wahrend er mit halberstorbener Lippe sie zu beruhigen suchte und ihr versicherte, dass er sich durchaus nicht gefahrlich verwundet fuhle.

Die Scene, welche jetzt erfolgte, lasst sich nicht beschreiben. Freude, Schmerz, Erstaunen, Dankbarkeit, bewegten jede Brust und ausserten sich auf tausendfaltige Weise. Luise hatte sich indessen vollkommen wieder erholt, stumm und bleich wie eine Bildsaule kniete sie mit gefaltenen Handen neben dem Verwundeten, den starren Blick so fest auf ihn geheftet, als ware ausser ihm die ganze Welt ihr verschwunden. Albert lag zu seinen Fussen, Thranen uberstromten sein Gesicht. "Engel, zur Rettung eines Engels vom Himmel gesandt," sprach er, "wie soll ich Dir danken! wie Dich nur nennen, der, selbst wehrlos, mit unerhortem Heldenmuthe sich fur eine ihm ganz Unbekannte dem grasslichsten Tode entgegensturzte!" "Ich sah Frauen in Gefahr, da galt kein Bedenken, ich konnte nicht anders," erwiederte Oskar mit schmerzlichem Lacheln und kaum horbarem Ton.

Die Jager hatten indessen unter Meinaus Leitung aus Tannenzweigen eine Art von Trage zusammengezimmert und mit weichem Moose bedeckt, auf welche der Verwundete freilich unter grossen Schmerzen gelegt ward, um ihn nach Leuenstein zu bringen. Alle Manner wetteiferten untereinander, ihn abwechselnd auf den Schultern zu tragen, Luise und Frau von Meinau gingen neben her, ihn zu unterstutzen; so kam langsam, einem Leichenbegangnisse ahnlich, der Zug im Schlosse an, der am Morgen unter Hornerschall frohlich ausgegangen war.

Zum Gluck konnte Oskar sogleich die nothige arztliche Hulfe erhalten, denn Meinau hatte Besonnenheit genug gehabt, um gleich im ersten Augenblick einen reitenden Boten nach einem ziemlich geschickten Wundarzte, der in der Nahe wohnte, auszuschicken. Diesen fanden die Ankommenden schon im Schlosse vor und sein Ausspruch nach dem ersten Verbande gab wenigstens Beruhigung. Weder die Kopfwunde noch die ubrigen Verletzungen, die Oskar beim Sturze mit dem Pferde erlitten, drohten die mindeste Gefahr fur sein Leben; doch freilich war der linke Arm zerbrochen, der rechte verrenkt, die Schmerzen welche er litt waren gross, und Monate mussten wahrscheinlich daruber hingehen, ehe es ihm moglich werden durfte, das Schloss zu verlassen, um sich zu seiner Schwester zu begeben.

Dieser, wenn gleich an sich traurige, doch auch in andrer Hinsicht trostliche Ausspruch eines als geschickt anerkannten Arztes, beruhigte Alle; selbst Frau von Meinau vergass einigermassen uber die Erhaltung ihrer Freundin den Schmerz, den geliebten Bruder nach jahrelanger Trennung so wieder finden zu mussen; nur Albert wollte es kaum wagen in seinem Herzen der Hoffnung Raum zu gewahren. Die Grasslichkeit der Gefahr, in welcher er seine Luise gesehen hatte, schwebte unablasslich in furchtbarer Deutlichkeit vor seiner aufgeregten Phantasie, sein eignes Leben schien ihm jetzt an dem ihres heldenmuthigen Befreiers zu hangen, und er wusste sich vor den entsetzlichen Bildern, die ihn stundlich verfolgten, nicht anders zu retten, als dass er, stets bedacht fur Oskars Erhaltung zu sorgen, auch Luisen ermahnte, der Erfullung dieser heiligen Pflicht sich ausschliesslich zu weihen.

In Luisens weicher Seele steigerte sich nur zu leicht der Enthusiasmus der Dankbarkeit bis zur Leidenschaft hinauf, ja man konnte sagen, dass diese die einzige Leidenschaft sey, welche sie bis dahin wahr und wirklich empfunden hatte. Bernhard erweckte sie zuerst in ihr, aber seine hohere Natur hielt sie ab, ihn anders als aus der Ferne zu verehren. Oskar hingegen stand ihr weit naher und dass er als Kranker stets ihres Beistandes bedurfte, machte ihn ihr mit jedem Tage noch werther. Sie verliess ihn so selten als moglich und wachte uber ihn wie eine Mutter uber den Liebling ihres Herzens. So lange er durch den Verband gehindert wurde, sich seiner Hande bedienen zu konnen, suchte sie mit unglaublicher Aufmerksamkeit auch den kleinsten seiner Wunsche zuvorzukommen, und hiedurch sowohl als durch tausend andere Zufalligkeiten, wie sie das hausliche Leben mit sich fuhrt, entstand zwischen beiden ein zartes, namenloses Verhaltniss, dem sie sich hingaben, ohne weiter daruber zu denken. Ueberdem wurde Frau von Meinau durch ihre hauslichen Pflichten oft abgehalten, sich der Pflege ihres Bruders so anzunehmen, wie sie es wohl gewunscht hatte, und so blieb diese Sorge Luisen grosstentheils allein uberlassen.

Oskars ungeschwachte Jugendkraft beforderte seine Genesung; er durfte weit fruher als man gehofft hatte es wagen, sein Lager und bald auch sein Zimmer zu verlassen und entwickelte nun auch im hauslichen Beisammenseyn die liebenswurdigsten Eigenschaften. Schon seine mannlich schone Gestalt musste auf den ersten Anblick fur ihn einnehmen. Die zwar nicht regelmassig schonen, aber ausdruckvollen Zuge seines sehr angenehmen Gesichts waren der treuste Spiegel jeder Regung seines Gemuths, dabei trug sein ganzes Wesen einen Anstrich von Ritterlichkeit, der ihm ausserordentlich gut stand, und sich besonders in der zartesten Achtung gegen Frauen ausserte. Lebhaft und leicht erregbaren Geistes, riss er alles unwiderstehlich mit sich fort, wenn er in seiner schonen wohlklingenden Sprache uber irgend einen Gegenstand, der ihn innig ergriffen hatte, mit dem Enthusiasmus eines Begeisterten sich ausserte. Mit einem sehr angenehmen sonoren Organ verband er das seltene Talent ein ausgezeichnet guter Vorleser zu seyn, oft auch begleitete seine ruhrende, gerade ans Herz dringende Tenorstimme Luisens ziemlich mittelmassiges Spiel auf der Guitarre, die er selbst zwar meisterhaft zu behandeln wusste, aber mit seinem noch immer gelahmten Arme nicht zu beruhren wagte. Abends erzahlte er zuweilen Luisens altestem Knaben wundersame Mahrchen, die den sonst ewig Unruhigen festbannten und denen selbst die Mutter gern zuhorte.

So verstand er es auf die verschiedenste Weise, sich selbst zu Andrer Freude zu vervielfaltigen und allein durch seine Gegenwart den Geist innerer Unzufriedenheit und Langerweile aus diesem Hause zu bannen, der bis dahin den Frieden desselben so oft getrubt hatte.

Mit immer steigender Zufriedenheit bemerkte Albert den wohlthatigen Einfluss der Gegenwart seines neuen Freundes auf die Gemuthsstimmung seiner Luise. Nie fand er sie mehr in stillen Thranen, wie wohl sonst oft geschehen war, nie klagte sie mehr uber die in Leuenstein herrschende Einsamkeit, kein Zeichen der Unzufriedenheit entschlupfte ihr, wenn ihr arbeitsmuder Gatte Abends mit anscheinendem Mangel an Theilnahme ihr zur Seite sass. Albert sah sie jetzt immer heiter, immer freundlich, mit Augen aus denen Jugend, Gesundheit und kindliche Freude am Leben strahlten. Sie erschien ihrem Gatten vollig so, wie er zuerst im Hause ihrer Eltern sie sah, auch sein Herz ward ihm leichter und ein Nachgefuhl der zu schnell entschwundnen Seeligkeit der ersten Tage ihrer Vereinigung gab auch ihm einen Theil seiner entflohnen Heiterkeit wieder zuruck.

Dass Oskar es war, der diese gluckliche Veranderung seines hauslichen Zustandes herbeifuhrte, fand Albert eben so naturlich, als Luisens Betragen gegen diesen. Ihre grenzenlose Dankbarkeit, ihre Art diese zu aussern, machten ihm die Geliebte nur noch werther, denn er war uberzeugt, dass nie genug fur den geschehen konne, der ihm das hochste Kleinod seines Daseyns mit Gefahr des eignen Lebens erhalten hatte. Oskar stand neben Bernhard in Alberts Herzen; was dieser ihm schenkte hatte jener ihm erhalten; er fuhlte dabei, dass Oskars Liebenswurdigkeit ihn angezogen haben wurde, selbst wenn er ihm nicht alles zu verdanken hatte und war stolz darauf, ihn uberall als den Mittelpunkt des Lebens in seinem Hause betrachtet zu wissen.

Nie kam dabei das niederdruckende Gefuhl des Zuruckgesetztwerdens in Alberts Seele, das ihn so oft der Verzweiflung nahe gebracht hatte, als noch die Fremden in seinem Eigenthume herrschten; denn niemals zeigte Oskar nur eine Spur des Uebermuths, durch welchem jene sich auszeichneten; nie suchte er sich hervorzudrangen und in seinem ganzen Wesen ward auch nicht die mindeste Ahnung der seltnen Eigenschaften sichtbar, die ihn vor Tausenden auszeichneten, ohne dass er den hohen Standpunkt zu bemerken schien, auf welchen Alle ihn stellten.

Der Winter hatte sich indessen sehr fruh und mit fast beispielloser Harte eingestellt; kaum durften vollig Gesunde es ungestraft wagen, sich im Freien der grimmigen Kalte auszusetzen, und der Arzt wiederholte taglich, dass Oskar durchaus noch nicht daran denken konne Leuenstein zu verlassen, so lange der scharfe Frost anhielt. Wie gross musste daher Alberts Erstaunen seyn, als Oskar gerade am kaltesten Tage, den man bis dahin gehabt hatte, mit der Bitte in sein Zimmer trat, ihn sogleich zum Baron Meinau fahren zu lassen, weil er bei diesem einige Zeit zu verweilen Willens sey.

Alberts erster Gedanke war, dass bei seinen Freunden irgend ein Ungluck vorgefallen seyn musse; er betrachtete Oskar genauer, wahrend dieser ihm versicherte, dass dieses keinesweges der Fall sey; er sah ihn ungewohnlich bleich, alle Zuge seines Gesichts deuteten auf eine heftige Bewegung in seinem Innern; sein sonst immer heiteres Auge glanzte im feuchten Schimmer zuruckgedrangter Thranen und seine Lippe zuckte schmerzlich, indem er in kaum verstandlichen Worten die eben ausgesprochene Bitte um Pferde und Wagen nochmals wiederholte.

Albert vermochte nicht, ihm zu antworten, er strengte alle seine Geisteskrafte an um zu errathen, was seinen Freund so heftig ergriffen und ihn zu dem Entschlusse bewogen haben konne, so plotzlich von Leuenstein sich zu entfernen. Er erinnerte sich, dass Oskars ungewohnter Trubsinn ihm schon seit einigen Tagen aufgefallen sey, dass er bemerkt habe, wie dieser ofterer als sonst die Einsamkeit gesucht und besonders Luisen absichtlich zu meiden schien, und nun glaubte er mit einemmal den Schlussel zu dessen jetzigen rathselhaften Benehmen gefunden zu haben.

"Ich sehe wie es ist, Freund Oskar, ich, der ich in meinem Leben nichts errathe, ich durchschaue Sie dennoch diesesmal," rief Albert mit freundlichem Lacheln und ergriff Oskars Hand, die in der seinen zuckte. Dass Oskar immer bleicher ward und sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte, bemerkte Albert nicht, sondern fuhr aus der Fulle seines liebenden argwohnlosen Gemuths zu reden fort. "Es darf nicht seyn," sprach er recht herzlich bittend, "Sie durfen uns noch nicht verlassen und auf diese Weise nun vollends gar nicht. Was zwischen Ihnen und meiner Luise vorgefallen seyn mag, verlange ich nicht zu wissen, aber das weis ich, dass Sie es nicht auf diese Weise aufnehmen wurden, wenn Sie das liebenswurdige Geschopf so kennten als ich. Ich mochte sogar keine der kleinen Launen meiner Luise an ihr vermissen, denn sie ist doch ein Engel der Gute. Ich gehe zu ihr, sie selbst wird eilen, alles wieder gut zu machen, sie selbst wird Sie bitten uns nicht zu verlassen, ich weis, da konnen Sie unmoglich widerstehen."

Albert eilte zu Luisen, ehe Oskar so viel Fassung gewann, ihn daran hindern zu konnen. Er fand sie auf ihrem Sofa in Thranen. Bei seinem Eintritt verhullte sie ihr Gesicht und unterdruckte nur halb einen Schrei des schmerzlichsten Erschreckens.

"Du weisst es also schon, ich sehe es," sprach Albert, "er will fort, in dieser entsetzlichen Kalte, die ihm den Tod geben kann. Das darf nicht seyn, nicht war Luise? Nur Du kannst es hindern. Komm, liebe Luise, sey gut, vergiss was zwischen Euch vorgefallen seyn mag, und hilf mir ihn erbitten. Bezwinge diese kleine Aufwallung, mein geliebtes Weib, denke: er ist der Retter unseres Lebens, ein freundliches Wort von Dir und alles ist wieder gut; komm meine Luise." Albert wollte ihre Hand fassen, doch sie entriss sie ihm mit ungewohnter Heftigkeit, druckte laut schluchzend das Gesicht noch tiefer in die Sofakissen hinein und winkte ihm, abwehrend, fortzugehen.

"O uber die grossen erwachsenen Kinder!" rief Albert halb entrustet, halb traurig, indem er Oskar wieder aufsuchte; er fand ihn vertieft in schmerzlicher Betrachtung vor Luisens Buste stehen und begann nun, ihn mit Bitten zu besturmen, ein Paar Menschen nicht zu verlassen, die in ihm ihren Schutzengel entfliehen sahen. Alles was unbegranzte Dankbarkeit, tiefgefuhlte Hochachtung, innige Freundschaft und der heisseste Wunsch des Gelingens nur eingeben konnen, brachte er mit jener unwiderstehlichen Beredsamkeit vor, die ihm stets eigen war, sobald er von den Regungen seines tiefen Gemuthes sich hinreissen lies. Er beschwor Oskar bei allem, was ihm heilig sey, Luisens vorubergehenden, gewiss nur aus Kranklichkeit entstandenen Unmuth nicht so schwer an ihm und ihr zu ahnden. Er versicherte ihm, dass sie gewiss mit Entzucken dem sich ihr wieder zuwendenden Freunde entgegen eilen und alles daran setzen wurde, um nur den heldenmuthigen Retter ihres Lebens zum Verzeihen und zum Vergessen zu bewegen.

Was auch Oskar ihm einzuwenden versuchte, alles war verloren. Albert horte nicht darauf und ward immer warmer, immer unwiderstehlicher, je langer er sprach, so dass Oskar endlich die Unmoglichkeit fuhlte, sich hier langer in den Schranken zu halten, die er sich gesetzt hatte, um seinen edlen Freund zu schonen.

"Albert! lass ab von mir, ich beschwore Dich," rief er zuletzt in hochster Spannung, hingerissen von seinem Gefuhl, "lass ab von mir, und hore auch mich, Du unerbittlicher Feind Deiner Selbst. Edle, argwohnlose, kindlich reine Seele!" setzte er unendlich weich hinzu, "hore mich endlich an. Ich kann Dich betruben, aber betrugen kann ich Dich nicht. Und musste ich Dein schones Gemuth noch tiefer verwunden, ich kann gegen Dich dennoch nicht unwahr seyn. So erfahre denn durch mich, wovon kein Gedanke in Deine ahnungsfreie Seele kam, ich liebe Luise, Deine Luise, Dein Weib! ich liebe sie mit verzehrender Gluth, ich lebe, ich athme nur in dieser Liebe, die ihr erster Anblick in mir entflammte, und die ich dennoch zu spat mit unsaglichem Schrecken erkannte. Albert, ich kampfe seit vier Tagen den furchterlichsten Kampf mit mir selbst, umsonst, ich liebe nur sie, ich kann nichts denken, nichts fuhlen als diese Liebe. Trennung ist Tod. Ich beschloss zu bleiben, mein Geheimniss in tiefster Brust zu begraben. Ich unseeliger Thor, wie konnte ich ihr zu verbergen hoffen, was mir selbst jetzt offenbar war! Ein ungluckseeliger Zufall entriss mir diesen Morgen ein Gestandniss, das mich Luise weiss alles! Albert, bestehst Du noch darauf mich hier fest halten zu wollen?"

Albert stand regungslos wie eine Bildsaule. "Luise weiss Alles, sagst Du, Alles! Und sie?" hauchte er fast unhorbar, mit kaum bewegter Lippe. "Und sie?" wiederholte er dringender, und sein Auge suchte mit dem Ausdruck unaussprechlicher Angst in Oskars Zugen zu lesen.

"Lass' mich fliehen, drange selbst mich uber Deine Schwelle," rief Oskar in wilder Verzweiflung. "Verbanne mich! lass' mich elend seyn aber schuldlos; drange mich mit Gewalt fort! fort! fort! um Luisenswillen, um Deinetwillen, fort von hier, verstosse mich, verbanne mich." Seine noch nicht ganz wiederhergestellten Krafte verliessen ihn, er sank in einen Sessel und verhullte mit beiden Handen sein Gesicht.

Albert betrachtete ihn eine Weile schweigend und ging dann einigemal mit immer fester werdendem Schritte im Zimmer auf und ab. Dann stand er wieder vor Oskar still und ergriff dessen fast leblose Hand. Als sey ein neuerer, hoherer Geist uber ihn gekommen, so verandert, so erhaben war in diesem Augenblick Alberts Haltung, seine ganze Gestalt; sein Auge strahlte in hoher Verklarung, wie das Auge eines Sterbenden im letzten Momente des scheidenden Lebens, welcher der Erde nicht mehr angehort. Nie zuvor sah er seinem Bruder Bernhard so ahnlich.

"Oskar," fing er mit kaum merklich bewegter Stimme und sehr gemassigtem Tone an, "lieber Oskar, Sie hatten Recht, ich sehe ein, es ist gut dass Sie noch heute Ihre Schwester besuchen, und es soll meine angelegentlichste Sorge seyn, dass dieses ohne Gefahr fur Ihre Gesundheit geschehen konne. Mein edler, hochgeliebter Freund, wir brauchen beide Zeit, um uns selbst wieder zu finden, aber glauben Sie mir nur, alles wird sich ordnen, wir werden beide ruhiger werden und Sie kehren gewiss einst und bald in froherer glucklicherer Stimmung nach Leuenstein zuruck. Oskar, Sie wurdigten mich eines ungemessenen Vertrauens, wo Tausende an Ihrer Stelle doch es ware Beleidigung Sie nur mit jenen zu vergleichen. Wir beide haben in dieser schmerzlich schonen Stunde einander erkannt, auf ewig. Sie wissen jetzt, dass ich Ihres edlen Vertrauens nicht unwerth bin, geben Sie mir den letzten Beweis davon, dass Sie dies glauben, indem Sie nur eine Frage noch mir offen und ohne Ruckhalt beantworten. Weiss ausser mir noch jemand, weiss Meinau oder Ihre Schwester " "Guter Gott, wie ware dies moglich!" rief Oskar, "wie konnte ich Andern gestehen was ich mir selbst kaum gestand!"

"Nun dann," erwiederte Albert, indem er Oskars Hand an seine Brust druckte, "nun dann, so gewahre mir noch die Bitte, auch ferner gegen alle zu schweigen und Deiner Schwester Haus nicht zu verlassen, bis wir beide in der Stimmung sind, mit gefasstem Muth zu uberlegen, welch' ein Entschluss hier zu fassen steht, der uns allen die entwichene Ruhe wiederzugeben vermag. Wir alle drei sind reines Herzens; es wird ein Ausweg sich entdecken lassen, wir haben nichts zu befurchten als in zweckloser Uebereilung die, so uns lieb sind, zu verwunden. Lass' dies uns vermeiden und mogen dann Gott, Zeit und der unbestechbare Richter, den jeder von uns im Busen tragt, uber alles Andere entscheiden."

Alberts seltene, wie durch hohere Eingebung uber ihn gekommene Geistesstarke, welche in des noch tiefer gebeugten Oskars Gegenwart seinen Muth erhob, und ihn in dieser erschutternden Scene aufrecht erhielt, brach zusammen, so wie er sich wieder in seinem einsamen Zimmer allein sah. Er horte den Wagen aus dem Schlosshofe fortrollen, in welchem Oskar sich entfernte, ohne Luisen wieder gesehen zu haben, und ihm war, als gingen die Rader desselben zermalmend uber seine Brust hinweg.

"Dort fahrt er hin," rief Albert, ubermannt vom Schmerze des Augenblicks, "dort fahrt er hin, er, dessen Leben ich beraubte, noch eh' ich ihn sah, und mit ihm verlasst das ganze Gluck des geliebtesten Wesens auf Erden unser verodetes Haus. Niemand bleibt der armen Luise als ich, den sie schon lange nicht mehr liebt, den sie nie lieben konnte, den sie jetzt hassen, verabscheuen muss, seit sie den Einzigen gefunden hat, der ohne mein unseeliges dazwischentraten ihr Leben zu einer Kette von Seeligkeit umgewandelt hatte! Ich bleibe, um taglich, stundlich den Vorwurf ihres Unglucks, ihr tiefes Leiden in ihren Augen zu lesen! Ich Unseeliger habe zwei Wesen getrennt, die der Himmel selbst fur einander bestimmte. Und was habe ich mir gewonnen? Unaussprechlichen Jammer, ewige Reue. Oskar und Luise! wo giebt es ein Paar, diesem zu vergleichen? Sie hatten sich gefunden, sie mussten sich finden. Ohne mich bluhte jetzt Luise in unentweihter voller Jugendpracht ihm entgegen, doch ich, selbstsuchtig und grausam, benutzte die jugendliche Unerfahrenheit des kindlich lieblichen Geschopfs; ich zerstorte in der Knospe die Blume, nun wird sie an meiner Seite dahin welken! O, lage ich ruhig und still in meinem Grabe! Noch ware es nicht zu spat, beiden lacht noch das Leben im Jugendglanz, beide konnten vereint noch glucklich mit einander seyn. Bernhards edler Wille wurde dennoch erfullt, ich habe Sohne, unser alter edler-Name wird in ihnen fortbluhen, und sie wurden unter Oskars Pflege den Unglucklichen nicht vermissen, der ihnen nichts geben konnte als das Leben."

Ergriffen von diesem Gedanken, gefoltert von unbeschreiblichen Quaalen, sank Albert auf die Knie und betete mit Innbrunst um augenblicklichen Tod, den freiwillig zu wahlen fromme Ueberzeugung ihn abhielt. So gluhend, so ernstlich wie er, hat vielleicht kein zum Sterben Verurtheilter jemals um Leben gefleht. Dann sprang er wieder auf, tausend Entschlusse, tausend Gedanken, tausend Moglichkeiten durchkreuzten sich verwirrend in seinem Gemuthe und brachten ihn dem Wahnsinn nah. Nichts ward ihm klar als die Nothwendigkeit, Luisen ihre Freiheit wieder zu geben, und mit dieser die Anwartschaft auf eine gluckliche Zukunft an Oskars Seite. Vergebens strengte er sich an, um eine Moglichkeit zu entdecken dieses vollbringen zu konnen. Scheidung war hier kein Ausweg, denn Luise bekannte sich so wie er selbst zur katholischen Kirche, und diese gestattet in einem solchen Falle keine zweite Verbindung, so lange der erste Gatte noch lebt. Auch der selbst verschuldete traurige Zustand seines Vermogens und seiner von Bernharden ihm anvertrauten Guter fiel ihm ein und erhohte seine Quaal wie seine Unentschlossenheit. So verbrachte er die Stunden des Tages in nutzlosem furchterlichem Kampfe mit sich selbst, bis die fruhe Abenddammerung hereinbrach. "Gott!" rief er endlich in wilder Verzweiflung aus und warf sich mit gerungenen Handen abermals auf den Boden hin, "Gott, Du siehst meinen Jammer! die Bahn liegt vor mir, die ich gehen muss, klar und deutlich uberschaue ich sie, aber der Zugang zu ihr bleibt mir ein nie zu losendes Rathsel. Erleuchte mich! ich habe niemand auf Erden, der in dieser furchtbaren Nacht der Verwirrung die Hand mir bieten konnte, ich habe niemand als Dich! Erhore das bange Flehen Deines verzweiflenden Geschopfs, rufe mich ab aus diesem Labirinthe von Leiden, oder sende mir ein sichtbares Zeichen Deiner Gnade, das mir zum Fuhrer diene in dieser Wuste des Lebens."

In diesem Moment offnete sich die Thure, Albert sprang erschrocken auf. Es war nur einer seiner Diener, der Licht brachte und zugleich ein schwarzgesiegeltes ziemlich starkes Briefpacket ihm uberreichte, welches so eben der Bote von der nachsten Post abgegeben hatte. Mechanisch nahm Albert es an und offnete es, eigentlich nur, um dem Bedienten, der noch einige Augenblicke im Zimmer beschaftigt blieb, seinen heftig bewegten Zustand zu verbergen. Doch einzelne Worte zogen dennoch seine Aufmerksamkeit an, indem er die in dem Packet enthaltenen Papiere ohne eigentlich zu lesen nur fluchtig uberschaute. Er zwang sich aufmerksamer zu lesen, und der Inhalt derselben fesselte ihn endlich ganz. Als er vollendet hatte, rieselte Todeskalte ihm den Nacken hinab, sein Haar straubte sich und die Hand zitterte konvulsivisch, in welcher er die Papiere hoch empor hob. "Du hast mich erhort!" rief er bleich wie ein Sterbender, den starren Blick zum Himmel gerichtet, "Du hast das Zeichen mir gegeben, das ich vielleicht an Deiner Gnade frevelnd mir erflehte. Ich beuge mich tief in den Staub vor Dir, ich folge zitternd aber willig dem Wink Deiner allmachtigen Hand. Nimm das Opfer gnadig an, seegne Luise und Oskar!"

Das Packet, welches Albert gerade in diesem Moment erhielt und das seine aufgeregte Phantasie so wunderbar ergriff, enthielt die Nachricht von dem im hohen Alter erfolgtem Absterben des Kardinals, seines Grossoheims und zugleich die Abschrift von dessen letzten Willen. Der fromme Greis hatte eine Halfte seines wirklich furstlichen Vermogens der Kirche zu wohlthatigen Stiftungen hinterlassen, die zweite Halfte desselben in reiche Legate unter seine Freunde, Verwandte und alte treue Diener vertheilt. Albert war mit einem reichen Vermachtnisse bedacht worden, das beinahe dreimal so viel betrug als die Summe, welche nach Meinaus Berechnung nothig war, um alle seine Schulden zu tilgen.

Eine Anweisung war dem Briefe beigefugt, gegen welche er den vollen Betrag des Vermachtnisses bei einem der ersten Handelshauser in St*** erheben konnte, sobald er sich als der, dem es bestimmt war, legitimirte.

Mit jener an Todeskalte granzenden Fassung, die dem auf den Fluthen des Lebens Mudegetriebenen das Ansehen scheinbarer Ruhe gewahrt, setzte Albert sich hin, um an Luisen zu schreiben, die unter dem Vorwande grosser Nervenschwache an diesem Tage niemanden vor sich lies. Er meldete ihr, dass ein dringendes Geschaft ihn zwinge, morgen in aller Fruhe nach St*** zu reisen. Sie lies ihm mundlich zurucksagen, dass sie sich zu schwach fuhle, um ihn noch vor seiner Abreise zu sehen, dass sie hoffe, er wurde nicht lange ausbleiben und ihn bitte, das jungste Kind nebst seiner Warterin bis B** mitzunehmen, wo ihre Eltern wohnten, indem eine sehr bosartige Blatterepidemie anfange, unten im Dorfe und in der Umgegend Ueberhand zu gewinnen und sie daher wunsche, den Kleinen bei den Grosseltern in Sicherheit zu wissen. Albert horte von diesem allen nur, dass Luise ihn nicht wiedersehen wolle.

Die Nacht ward zum Theil unter dem Einpacken der zu seiner Legitimation nothwendigen Papiere hingebracht. Sein Herz lag tod und schwer in seiner Brust und keine Thrane kam in seine heissbrennenden Augen. Noch einmal zog er durch alle Zimmer seines Schlosses, wie ein rastloser Geist, der weder im Himmel noch auf Erden eine bleibende Statte findet. Der Morgen dammerte, leise offnete Albert die Thure zu Luisens Zimmer, sie schlummerte sanft und horte ihn nicht. Noch einmal betrachtete er die holde Gestalt, wie sie in jugendlicher Anmuth, aufgelost in sussem Vergessen dalag. Tief und schmerzlich, in blutigen Zugen pragte das geliebte Bild sich ihm ins gemarterte Herz fur eine Ewigkeit ein. Er wagte es nur, eine ihrer Locken zu kussen, um sie nicht zu wecken und riss sich dann von ihr los, wie ein Verzweifelnder vom Leben scheidet. Im Wagen versank er anfangs in dumpfes starres Hinbruten und ward es gar nicht gewahr, dass die Warterin, seinen schlummernden Knaben auf dem Schooss, ihm gegenuber sass. Doch als ein flammendes Lichtmeer sich uber Erde und Himmel ergoss, und die spat aufgehende Sonne in ihrer winterlichen Pracht Baume und Felder mit blitzenden Rubinen ubersaete, da wachte auch das Kind auf und streckte, laut jauchzend fur Freude, dem Vater die kleinen Arme liebkosend entgegen. Ein Strom von Thranen sturzte jetzt aus Alberts Augen und erleichterte sein bis zum zerspringen zusammengedrucktes Herz. Er nahm das zarte kleine Wesen in seine Arme, das sich in dem, vor jedem Eindringen der Kalte sorgfaltig geschutzten Wagen sehr behaglich fuhlte, und in seiner wortlosen Sprache seine Freude auszudrukken strebte.

"Dich habe ich noch!" rief Albert; "doch noch ein Wesen das zu mir gehort! Dich gab ein Gott mir zum Troste mit in die verodete Welt. Und willst Du immer mir bleiben? Willst Du mich niemals verlassen?" Das Kind schlang lachelnd ihm beide Aermchen um den Nacken. Es war zu viel fur sein Herz, er gab es der Warterin zuruck und weinte laut.

Ohne Plan fur sich selbst war Albert in die Welt hinausgezogen, nur des Entschlusses sich bewusst, von allem was ihm theuer war zu scheiden. Doch der Anblick seines Kindes gab ihn sich selbst wieder zuruck. In dem rastlosen kummervollen Leben das er bis jetzt gefuhrt hatte, war ihm wenig Raum fur die Beschaftigung mit seinen Kindern geblieben und oft waren ganze Wochen vergangen, ohne dass er sie zu Gesichte bekam. Doch jetzt beim Anblicke dieses wirklich sehr schonen muntern Knaben, der so ganz unerwartet sein Reisegefahrte geworden war, regte sich die Vaterliebe machtig in ihm und erwarmte wohlthatig sein fast erstorbenes Gemuth. Die Reise kam ihm nach dem heftigen Kampfe, der ihr voranging, wie Ausruhen vor und es gelang ihm, sich im Laufe derselben zu sammeln und eine Ansicht dessen zu gewinnen, was jetzt fur ihn am nachsten zu ergreifen sey.

So wie sie B**, dem Wohnorte von Luisens Eltern sich naherten, kundigte er der treuen Renate an, dass er willens sey durch diese Stadt gerade durchzufahren und sie mit dem Knaben noch weiter mit sich zu nehmen. Die gute Frau war damit ausserordentlich zufrieden, indem die Reise dem Kleinen sehr wohl zu bekommen schien und sie sich uberdem von dem Aufenthalt bei der Frau Grossmama nicht viel versprach, die gerade gegen diesen ihren jungsten Enkel niemals grosse Liebe bezeigt hatte.

Nach wenigen Tagen langten die Reisenden glucklich in St*** an, wo Albert zuerst darauf bedacht war, das reiche Geschenk seines erblichenen Wohlthaters sich auszahlen zu lassen, was ohne alle Schwierigkeiten vollbracht wurde. Dann setzte er unter den gehorigen Formalitaten seinen letzten Willen auf und legte ihn gerichtlich nieder, nachdem er eine Abschrift davon nehmen lies, die er an seinen Freund Meinau zu senden Willens war. In diesem Testamente ubertrug er dem Baron Meinau die Vormundschaft uber seinen altesten in Leuenstein zuruckgelassenen Sohn, und bestimmte ein Drittheil der Einkunfte seiner Guter fur die Erziehung desselben, zwei Drittheile aber, nebst der Wohnung in Leuenstein uberlies er seiner Gattin auf Lebenslang, sogar, wie er ausdrukklich hinzusetzte, im Fall sie sich zum zweitenmale vermahlen sollte.

Dem Baron Meinau sandte er, nebst der Abschrift dieses Testaments, eine unumschrankte Vollmacht fur die Zeit in welcher er selbst abwesend ware; zugleich ubermachte er ihm die Halfte der von seinem Oheim ererbten Summe, bat seinen edlen Freund, diese nach bestem Wissen zur Verbesserung seiner Besitzungen anzuwenden, benachrichtigte ihn von dem Absterben des Kardinals und trug ihm zugleich auf, Luisen zu melden, dass er nach Italien zu gehen gedenke, um dort das Grab des vaterlichen Beschutzers seiner Jugend zu besuchen. Er bat sie, ihm zu verzeihen, dass er seinen Sohn mit sich auf die Reise nahme, indem das Kind ihm jetzt zu lieb geworden ware, als dass es ihm unmoglich sey, sich von ihm zu trennen. Der zweiten Halfte der so unverhofft ererbten Summe erwahnte Albert in diesem Briefe nicht, denn diese glaubte er, mit Recht ausschliessend als sein Eigenthum und als das kunftige Erbtheil seines jungern Sohnes betrachten zu konnen; aber er empfahl nochmals seine Luise in den dringendsten, ruhrendsten Ausdrucken dem Schutze seines Freundes und bat ihn zugleich, Oskar seiner unveranderten Liebe und Dankbarkeit zu versichern und ihm zu sagen, dass er fest darauf rechne, ihn bei seiner Heimkehr noch in der Nachbarschaft von Leuenstein anzutreffen.

Der Brief ward versiegelt und abgeschickt, und Albert fuhlte sich von diesem Augenblick an von seiner ganzen Existenz, von allen ihren Freuden und Hoffnungen, von allen ihren Schmerzen und Sorgen auf ewig geschieden, ein heimathloser Wanderer auf Erden. Die Ueberzeugung, jetzt einzig an sich selbst gewiesen zu seyn, ohne eine Seele die ihm nahe genug geblieben ware, um ihm auf seinem ferneren Wege eine leitende Hand zu reichen, gab ihm eine Selbststandigkeit, die er sich nie zugetrauet hatte. Er glich einem Kinde, welches gehen lernt und immer weniger schwankend vorwarts schreitet, sobald es sich nur einmal entschliessen konnte, die Gegenstande loszulassen, an die es bis dahin sich angstlich angeklammert hielt.

Alberts Hauptsorge war jetzt, sein Daseyn Allen, die fruher ihn gekannt hatten, zu verbergen, um sowohl vor den Augen der Welt als derer, die durch engere Bande an ihn gefesselt waren, spurlos zu verschwinden. Unerachtet seiner bisherigen Unerfahrenheit in allem, was zum practischen Leben gehort, gelang es ihm, dieses auf die zweckmassigste Weise auszufuhren. Den einzigen Bedienten, der ihn von Leuenstein aus begleitet hatte, schickte er in St*** unter einem wohl ersonnenen Vorwande zuruck, ehe er noch selbst diese Stadt verliess, um angeblich die Reise nach Rom anzutreten. Unterwegs wandte er sich in gerad entgegengesetzter Richtung von dem Wege ab, von dem man glauben musste, dass er ihn genommen habe; mit grosser Vorsicht verwandelte er seinen alten adlichen Namen, sobald er dieses sicher und unbemerkt wagen durfte, in einem unbekannten burgerlichen und eilte nun, so schnell er konnte, der von Leuenstein entferntesten Gegend in Deutschland zu, das er nicht ohne Noth zu verlassen entschlossen war.

Die treue Renata, die er, so viel dies schicklich und moglich war, in einen Theil seines Geheimnisses einweihte, liess sich leicht bewegen, durch einen heiligen Eid zum ewigen Verschweigen seines wahren Namens und Standes sich zu verbinden, da er ihr gelobte, sie nie von dem Kinde zu trennen, an dem sie mit wahrhaft mutterlicher Zartlichkeit hing, und das von nun an fur das ihre gelten sollte.

Je weiter Albert von dem ehemaligen Schauplatz seines Wirkens und Lebens sich entfernte, je besser gelang es ihm, seine Zukunft in seinem Gemuthe zu ordnen. Seine fruhere, nie ganz erstickte Liebe zur Wissenschaft erwachte wieder, uberdem fuhlte er, dass nur anhaltende ernste Beschaftigung ihn auf die Lange vor Wahnsinn und Verzweiflung bewahren konne, und so beschloss er alles anzuwenden, um sich noch so viel moglich die Kenntnisse zu erwerben, die ihm mangelten, um spaterhin seinen Sohn zu einem wurdigen, nutzlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu bilden und ihn vor den Fehltritten zu bewahren, zu denen seine Unerfahrenheit im Leben ihn selbst verleitet hatte.

Sobald er weit genug sich von Leuenstein entfernt glaubte, miethete er daher Frau Renata in einem artigen, mitten in einer der reizendsten Gegenden belegenen Landhause ein, wo er sie fur eine ihm nah verwandte Wittwe ausgab, welche mit ihrem einzigen Kinde in landlicher Stille zu leben wunsche. Er selbst aber bezog eine damals sehr beruhmte, einige Meilen von jenem Landhause entfernte protestantische Universitat, wo er formlich seine Studien begann, die ihm durch die unter Pater Jeronimos Leitung erhaltene klassische Erziehung sehr erleichtert wurden. Seine Erscheinung fiel an diesem Orte niemanden auf, denn man war es in jener Zeit mehr gewohnt als jetzt, Junglinge erst im reiferen Alter die Universitat beziehen zu sehen; uberdem hatte Albert eben erst sein sechs und zwanzigstes Jahr zuruckgelegt und sah weit junger aus, als er eigentlich war.

Da er beinahe alle Gesellschaft und besonders offentliche Orte mied, so wurde seine Existenz kaum bemerkt. Seine einzige Erholung nach wochenlanger Arbeit schrankte sich auf einen Besuch bei seinem Sohne ein, der unter Renatas treuer Pflege recht munter und kraftig heranwuchs.

In Leuenstein hatte man indessen, wenige Monate nach Alberts Entfernung in der Zeitung die Nachricht gelesen, dass an der italienischen Kuste ein Schiff sammt der ganzen Mannschaft und allen darauf befindlich gewesenen Passagieren zu Grunde gegangen sey. Dabei wurde besonders das Schicksal eines Baron Albert von Leuen mit Bedauern erwahnt, der sich mit seinem Sohne und dessen Warterin in Triest eingeschifft hatte, um dem noch sehr jungen unmundigen Kinde den Uebergang uber die Alpen zu ersparen, und der nun sammt diesen auf so traurige Weise ebenfalls den Tod in den Wellen gefunden hatte.

Welchen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht sowohl auf Luisen als Oskar und den Baron Meinau machen musste, ist leicht zu erachten, doch nichts gleicht Alberts tiefem Seelenleiden, als er bald darauf sich im Namen seiner Frau und seines Freundes Meinau in allen Zeitungen auf das dringendste aufgefordert sah, von seinem Leben und seinem jetzigen Aufenthalte Nachricht zu geben, indem man immer noch hoffe, dass jenes Gerucht von seinem Untergange ungegrundet gewesen sey. Diese Aufforderungen wurden mehrere Monate hindurch immer ruhrender und erschutternder wochentlich wiederholt, und der schwere Kampf zwischen Alberts noch immer unbesiegten treuen Liebe und dem Glauben, dass die Heissgeliebte nur durch seinen anscheinenden Tod das ihr von jeher bestimmt gewesene Gluck finden konne, erhob sich denn jedesmal von neuem in seinem Gemuthe. Die Stimme der Gattin und des Freundes lockten ihn mit unaussprechlicher Lieblichkeit aus der Ferne, oft war er nahe daran, den Schritt zuruckzuthun, durch welchen er Heimath, Namen, ja seine ganze Existenz auf Erden freiwillig hingab, um nur Luise wahrhaft glucklich zu wissen, aber er hielt dennoch fest an der einmal gewonnenen Ueberzeugung: hier standhaft bleiben zu mussen, um nicht aus schnoder Eigenliebe sowohl an Luisen als an dem edlen Retter ihres Lebens unwurdig zu handeln.

Diese qualenden Nachklange aus seinem vergangenen Leben horten endlich auf; doch nun erschien ein volles Jahr nach seiner Abreise von Leuenstein ein Aufruf andrer Art, der ihn von Gerichtswegen ermahnte, sich binnen Jahresfrist zu melden, widrigenfalls er fur todt erklart und seiner Gattin die Erlaubniss ertheilt werden wurde zur zweiten Ehe zu schreiten. Albert schwieg und meldete sich nicht, aber noch schmerzlicher als zuvor fuhlte er sich tief in der Seele verwundet, obgleich er nichts anders bezweckt und erwartet hatte. Noch gewaltsamer traf ihn die, Freunden und Verwandten gewidmete Ankundigung von Oskars und Luisens Vermahlung, die er nach Ablauf des ihm gesetzten Termins ebenfalls in den Zeitungen las. Sie schien ihm der letzte Todesstoss alles seines Hoffens auf Erden, und dennoch hatte er gewahnt, seine Rechnung mit dem Leben ganz abgeschlossen zu haben.

Tief erschuttert sank er aufs Krankenbette, wo er mehrere Wochen hindurch in wohlthatigen Fieberphantasien alles vergass, nur nicht seine Liebe. Als er endlich wieder zum Leben erwachte, schien es ihm selbst, er gehore schon zu den Todten. Wie ein abgeschiedener Geist uberschaute er noch einmal mit jener sussen wehmuthigen Ruhe, die jedes Genesen nach schwerer Krankheit begleitet, den kurzen aber dornenvollen Pfad seiner Vergangenheit, und segnete nun das Geschick, das, indem es ihn aus der Welt stiess, ihm dennoch einen geliebten theuren Zweck seines kunftigen Daseyns mit in die Verborgenheit gab, zu der er sich von nun an verurtheilt sah. Nochmals gelobte er sich, denselben mit treuem Eifer sich zu weihen und in Zukunft nur dem Kinde zu leben, das lachelnd wie ein trostender Engel an seinem Lager stand; das letzte Band das ihn noch an das Leben fesselte und ihn bewog, es muthig zu tragen.

Nachdem Albert vier Jahre auf der Universitat verlebt hatte, sah er die Nothwendigkeit ein, ernstlich darauf zu denken sich endlich einen bleibenden Wohnort zu wahlen, als plotzlich Frau Renata erkrankte und durch ihren bald darauf erfolgten Tod ihn bestimmte, diesen Entschluss zu beschleunigen. Albert weinte schmerzlich bittre Thranen am Grabe der treuen Pflegerin seines Sohnes; sie war die Einzige, die noch zuweilen Luisens Namen ihm nannte, und er fuhlte sich nun durch ihren Verlust noch mehr verwaiset, als je zuvor. Er ermannte sich indessen wieder, nahm seinen Knaben, der jetzt beinahe funf Jahre alt, der weiblichen Pflege allenfalls entbehren konnte, und trat mit ihm, von einem einzigen Diener begleitet eine Reise an, um irgendwo in Deutschland einen Ort aufzufinden, in welchem er zwar in tiefer Verborgenheit, doch dem grossern Wirkungskreise der Welt nahe genug leben konne, um seinen Sohn die Unbekanntschaft mit ihr zu ersparen, die der einzige Grund seines verfehlten Daseyns und aller seiner fruhern Leiden gewesen war. Beschluss des oben abgebrochenen Briefes von Albert

an seinen Bruder Bernhard.

In dieser grossen lebensreichen Handelsstadt, in welcher ich nun schon seit zwolf Jahren einheimisch bin, denke ich auch den Rest meiner Tage vollends abzuspinnen, so lange es Gott gefallt.

Wenn aber nun wirklich meine letzte Thrane geweint, mein letzter Seufzer verhallt ist, und ich vom Fiebertraum des Lebens nun endlich unter dem Rasenhugel ausruhe, den ich unfern meiner bescheidenen Wohnung im duftigen Schatten einer uralten Linde mir langst zum letzten Asyl erwahlt habe, dann, mein Bruder, mein hochgeliebter Bernhard, dann wird ein Dir unbekannter Jungling vor Dich hintreten und Du wirst wahnen, Dich selbst durch ein Wunder wieder in neu erbluhter Jugend zu sehen. Nimm ihn in Deine Arme, an Dein Herz, denn dieser Jungling ist mein Sohn, ist Dein Neffe Bernhard Raimund von Leuen. Vergonnt es die ewige Weisheit, welche das unsichtbare Reich dort druben, wie hier unten das sichtbare allmachtig beherrscht, so umschwebt in jener heiligen Stunde mein entfesselter Geist Euch, theure Beide! und Du fuhlst das Wehen seiner, unbegreifliche aber gewisse Seligkeit verkundenden Nahe. Von jenem Augenblicke an lege ich die Bestimmung des kunftigen Geschicks meines Raimunds in Deine Hande, des einzigen Wesens, das mein sonst so freudenarmes Daseyn durch einen Hoffnungsstrahl zu erheitern vermochte. Raimund entwickelt schon jetzt mit jedem Tage die treffendste Aehnlichkeit mit Dir, mein Bernhard, und tauscht mich nicht die Liebe des Vaters zum Sohne, die so oft und gern unsern Blick verblendet, so ist es nicht nur die edle schone Gestalt, die er von Dir ererbte, sondern es gluht auch ein unsterblicher Funken Deines Geistes in seinem Innern und in seiner Brust schlagt ein Herz, dem Deinen gleich. Liebe mich in ihm, wie ich Dich in ihm immer geliebt habe. Ach sein Anblick allein erleichterte mir den herben Schmerz unserer hoffnungslosen Trennung, und wenn er sprach, drang mir in seiner Stimme der milde trostende Ton der Deinen tief ins Herz, der Stimme, die nie, nie wieder horen zu durfen mein trauriges Loos auf Erden ist.

Mein Sohn bringt das elfenbeinerne Kastchen Dir wieder zuruck, das Du von Maltha aus an mich sandtest. In den nur Dir und mir bekannten geheimen Fachern desselben lege ich diese letzten Bekenntnisse eines schon langst der Welt Abgestorbenen nieder, nebst allem was einst dazu dienen kann, meinem Sohne das Anrecht an den alten edlen Namen zu erhalten, den seine Geburt ihm verlieh. Er selbst kennt sich bis jetzt nur als Raimund Holm, und Dir mein Bruder bleibt es uberlassen zu entscheiden: ob er jemals erfahren soll, welch einem ehrwurdigen Stamme er entsprossen ist, oder ob er noch ferner nur auf sich selbst zuruckgewiesen, als der Sohn eines unbekannten dunkeln Burgers, fur den er sich halt, die Bahn verfolgen soll, fur die ich ihn erzogen habe. Auch auf ihr kann er einst als ein geachtetes, nutzliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft sich Ehre, Ansehn und alles, was man im gewohnlichen Leben Gluck nennt, erwerben; es wird ihm dieses sogar leichter gelingen konnen, als es dem nicht reichen, jungsten Sohne eines alten adlichen Hauses gelingen konnte.

Noch ein Bekenntniss bin ich Dir schuldig und warum sollte ich langer anstehen, es Dir freimuthig abzulegen? Ich habe meinen Sohn im Glauben der Kirche erzogen, die seines Vaters Hause jetzt am nachsten steht. Raimund ist Protestant, ich selbst bin es in meinem Herzen schon seit ich die Universitat verliess, obgleich ich nie offentlich zu jener Kirche uberging. In meinem jetzigen Wohnorte konnte kein ausseres Bedingniss zu einem solchen Schritte mich zwingen, gegen den ich immer eine Abneigung fuhlte, und warum sollte der Mensch das Heiligste was er hat, seinen Glauben, ohne Noth und ohne Beruf den Augen der Welt darlegen wollen? Dich aber, mein Bruder! und Deinen milden vorurtheilsfreien Sinn kenne ich zu gut, um zu furchten dass Du mir zurnen konntest, weil ich hier von der Bahn unsrer Vater und auch von der Deinen abgewichen bin. Du traust mir gewiss zu, dass nur wahre innere Ueberzeugung mich bestimmen konnte, und Du wirst auch meinen Raimund nicht weniger lieben, weil sein Vater bei dessen Erziehung dieser Ueberzeugung gefolgt ist.

Ob Du aber aus Familienrucksichten es nun nicht gerathner finden wirst, Raimund, den ersten Protestanten in unserem Hause, in der Dunkelheit seines burgerlichen Namens verharren zu lassen, daruber vermag ich, aus Unbekanntschaft mit den Grunden, die dabei vorwalten konnten, nicht zu entscheiden. Du wirst wie immer das Beste zu wahlen wissen und ich uberlasse Dich hierin mit der vollkommensten Ruhe Deiner freien Wahl, denn ich weiss, dass Raimunds wahres Gluck nicht von der Veranderung seines Namens abhangig ist. Nur Deiner Liebe bedarf er, wenn er nun ohne mich allein in der Welt steht, nur diese entziehe ihm nicht, und moge er immer, wenn Du es so willst, dem sussen Wahn uberlassen bleiben, dass er sie nur Deinem Herzen verdanke und nie erfahren, dass in diesem auch die Stimme, des Bluts fur ihn spreche.

Indessen konnten aber doch einst Zustande eintreten, die Dich bestimmten Raimund als den, der er seiner Geburt nach ist, in der Welt auftreten zu lassen. Ist dieses jemals der Fall, so beschwore ich Dich, mein Bruder, bei allem was Dir heilig ist, bei Deiner kunftigen Ruhe, bei Deiner Hoffnung auf eine seelige Zukunft: gieb nie zu, nie, unter keiner Bedingung, dass dies geschehe so lange seine Mutter noch lebt. Was wurde aus Luisen, was aus Oskar werden, wenn sie von der Verlangerung meines traurigen Daseyns Kunde bekamen! und wie konnte dieses ihnen dann noch verborgen bleiben, wenn Raimund wieder ans Licht trate? Nein, nein, lasse sie bis an ihr Ende in dem Wahne verharren der sie beseeligt, den ich mit meinem Leben ihnen erkaufte. Alles, alles was ich erstrebte, Luisens innrer Friede, das ganze Gluck ihres Daseyns waren bei einer solchen Entdeckung auf immer verloren. Raimunds Wiedererstehen bote seiner Mutter keinen Ersatz, er war nie das Kind ihrer Liebe, die sich einzig auf ihren Erstgebornen beschrankte und ihre Thranen um ihn, wie die um mich sind langst schon getrocknet.

Ich habe vollendet und scheide jetzt von Dir. Bald, mir sagt es ein unbezwingliches Vorgefuhl meines nahen Scheidens aus dieser Welt, bald, recht bald werden diese Blatter in Deinen Handen seyn. Lass keine bittre Thrane des Schmerzes sie netzen, halte fest an der trostenden Gewissheit: dass sobald Dein Auge auf ihnen ruht, Dein armer lange verbannter Albert endlich durch Nacht und Dunkel zu der ewigen lichthellen Heimath den Weg fand, wo er freudig Deiner harret, um Dich nie wieder zu verlieren. Die Liebe aber, die dann in Deiner Brust aufs neue gewiss fur ihn erwachen wird, beglucke seinen Sohn; sie ist das herrlichste Erbtheil, das sein Vater ihm hinterlassen konnte. Feire zuweilen mit ihm das Andenken Deines Bruders und freue Dich, dass dieser endlich hinuber gelangt ist, ins Land der ewigen Ruhe.

Albert von Leuen.

Alberts Hoffnung hatte ihn abermals getauscht, er musste noch den grossen Schmerz erfahren, seinen Bruder Bernhard zu uberleben, ohne an dessen Grabe weinen zu konnen. Alle verjahrten Schmerzen seines verarmten Lebens erwachten in ihm von neuem bei dieser Todesnachricht; jeder seiner Tage bildete von nun an ein Glied der langen Kette truber Erinnerungen, die Muth und Athem raubend, ihn immer fester umschlang bis an sein Grab.

Es ist schwer zu errathen, was er wahrend seiner ubrigen Lebenszeit bei dieser traurigen Veranderung der Dinge mit den Papieren beabsichtigte, welche er in den elfenbeinernen Kastchen niedergelegt hatte! Sie zu vernichten verhinderte ihn wahrscheinlich jenes heimliche Grauen, das wohl ein jeder bei ahnlichen, wenn gleich vielleicht minder wichtigen Gelegenheiten schon empfand. Denn das geschriebene Wort steht ausser uns und sieht gar fremd und wundersam uns an, als ob Geister die todten Zuge bewachten und mit unsichtbarer Gewalt die Hand fesselten, die schon zum Zerstoren gehoben ward. Aus einigen, in Alberts Nachlass vorgefundenen Papieren scheint hervorzugehen, dass er zuweilen Willens war, sich das Kastchen mit ins Grab geben zu lassen, aus andern aber, dass er mit dem Gedanken umging, es an einem sicheren Orte zu deponiren und dabei einen weit entfernten Zeitpunct, den Luise aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erleben konnte, zu bestimmen, in welchem Raimund es zurucknehmen und eroffnen sollte. So viel ist indessen gewiss, dass der Tod ihn ubereilte, eh' er hieruber mit sich selbst einig geworden war, und dass der fur Raimund so wichtige Inhalt desselben diesem wahrscheinlich auf immer ein Geheimniss geblieben ware, wenn nicht Anna zufalligerweise ihn entdeckt hatte.

Auch Luise uberlebte Bernhard nicht lange, den sie noch immer dankbar verehrte; sie starb wenige Monate spater als ihr erster Gemahl, an den Folgen einer heftigen Erkaltung. Oskar, der jetzt an Leuenstein keine Anspruche mehr hatte, verliess diese Gegend, um in weiter Ferne Vergessenheit eines Glucks zu suchen, dessen er sich nie mit vollem Genusse und ganz reinem Bewusstseyn hatte erfreuen konnen. Denn Alberts bleiche trube Gestalt stieg oft vor seinem innern Sinne auf, und der Gedanke, durch das unzeitige Bekenntniss seiner Liebe zu Luisen den fruhen Untergang dieser edlen, nur zu weichen Natur herbeigefuhrt zu haben, drang sich ihm bei jedem Anlasse auf und liess nie ganz von ihm ab.

Leo Bernhard, Alberts altester Sohn und Meinaus Zogling, blieb also vor der Hand der einzige anerkannte Eigenthumer der weitlauftigen Besitzungen, die unter der Aufsicht seines trefflichen Vormundes und mit Hulfe der betrachtlichen Summen, welche Albert diesem ubermacht hatte, wieder in den bluhendsten Zustand versetzt worden waren. Meinau hatte wahrend seiner langen Vormundschaft mit mehr als vaterlicher Sorgfalt uber die Erziehung des ihm anvertrauten Mundels gewacht, doch kein ganz glucklicher wenn gleich auch kein ganz niederschlagender Erfolg lohnte sein edles Bemuhen. Leo war im Aeussern wie im Innern ganz das Ebenbild seiner Mutter, er besass die ihr eigene Liebenswurdigkeit und Grazie, aber auch die ihr eigene Indolenz, die es ihr von jeher unmoglich gemacht hatte, sich ernst und anhaltend zu beschaftigen. Vergebens strebte Meinau diesem Characterzuge seines Mundels entgegen, Leo blieb wie er war, aber er schenkte wenigstens seinem edlen Pflegevater das innigste Vertrauen, und hing an ihm mit wahrhaft kindlicher Liebe.

Niemals, selbst nachdem er schon seit mehreren Jahren mundig geworden war, konnte Leo zu dem Entschlusse kommen, sich vom Baron Meinau unabhangig zu betrachten und die Verwaltung seines Eigenthums selbst zu ubernehmen. So oft dieser nur Miene machte, ihm von der Fuhrung seiner langen Vormundschaft Rechnung ablegen zu wollen, sturmte Leo mit den dringendsten Bitten auf ihn ein, mit solch einer Zumuthung ihn zu verschonen, wenigstens bis dahin, wo er von einer grossen Reise ins Ausland zuruckgekehrt seyn wurde, die er nachstens zu unternehmen Willens sey.

Diese Reise aber ward durch die ubergrosse Zartlichkeit seiner Mutter von einem Jahre zum andern verschoben, und Meinau fuhr indessen fort, sich der Verwaltung der Guter anzunehmen, obgleich sein zunehmendes Alter ihm dieses Geschaft ziemlich zu erschweren begann.

Eigentlich mochte er wohl selbst gewissermassen sich davor furchten, das, was er so muhsam erbaut und eben dieser Muhe wegen lieb gewonnen hatte, unter der Leitung eines gutmuthigen Schwachlings wieder zu Grunde gehen sehen zu mussen.

Indessen schien ein vernichtender Geist uber dem Hause der von Leuen zu walten und es dem Untergange zufuhren zu wollen, denn auch Leo uberlebte nicht lange den Tod seiner Mutter. Der Tag, an dem er seine immer aufgeschobene Reise wirklich antreten wollte, war bestimmt; eine grosse Jagd, zu der die ganze Nachbarschaft eingeladen wurde, sollte den Vorabend derselben feiern. Hornergeton und Hundegebell tonten lustig durch den Wald, wie an jenem verhangnissvollen Tage, an welchem Oskar Luisen von der Wuth des wilden Ebers errettet hatte; doch die allgemein herrschende Freude ward auch diesesmal, und auf noch schrecklichere Weise in Trauer und Angst umgewandelt. Ein unglucklicher Fehlschuss von der Hand eines seiner Jugendfreunde gab dem armen Leo augenblicklichen Tod; er fiel lautlos beinahe auf der namlichen Stelle, wo seine Mutter einst in Todesgefahr geschwebt hatte.

So schien denn nun wirklich der traurige Fall eintreten zu wollen, den Bernhard vorahnend gefurchtet und durch die Vermahlung seines Bruders abzuwenden gehofft hatte. Der Stamm der von Leuen war anscheinend ausgestorben und die jetzt im bluhendsten Zustande sich befindenden grossen Besitzungen desselben standen, in Folge uralter Familienvertrage, im Begriff, einem weit entfernten Zweige desselben zuzufallen, der einen ganz andern Namen fuhrte, in einem ganz andern Theile von Deutschland wohnte und mit den ehemaligen Eigenthumern des Schlosses Leuenstein nie in personlicher Verbindung gestanden hatte. Auch wurde die Uebergabe der Guter in kurzem erfolgt seyn, wenn nicht Baron Meinau, dieser treuste Freund seiner Freunde, sich dem kraftig entgegengesetzt hatte.

Alberts Andenken war nie in Meinaus Herzen erloschen; eine leise Ahnung hatte stets ihn davon abgehalten, der Nachricht von dessem Untergange auf dem Meere unbedingten Glauben zu schenken.

Spaterhin erreichten ihn dunkle Geruchte von Leuten, die den Verlorengeglaubten bald hier bald da in fernen Stadten begegnet seyn wollten und bestarkten ihn in seinem Zweifel an Alberts Tode. Als Oskar, der Bruder seiner Frau, ihm in einer vertrauten Stunde den Inhalt seiner letzten Unterredung mit Albert entdeckte, als endlich Luisens leidenschaftliche Neigung fur den Retter ihres Lebens sich immer deutlicher offenbarte, da gerieth Meinau, bei seiner genauen Kenntniss von Alberts Character, sogar auf Vermuthungen, die ihn das mehr als heldenmuthige Benehmen desselben und dessen Beweggrunde, beinahe ganz der Wahrheit gemass errathen liessen. Er versuchte daher in offentlichen Blattern, dem einzigen Wege dazu der ihm offen stand, den allzu Grossmuthigen durch dringendes Bitten zur Heimkehr zu bewegen. Alles blieb indessen vergebens, Albert schien durchaus bei seinem einmal gefassten Entschlusse verharren zu wollen, und Meinau hielt sich zuletzt in seinem Gewissen fur verpflichtet, ihn nicht weiter auf seinem Wege zu storen. Er schwieg also ebenfalls und setzte sich Oskars und Luisens Vermahlung nicht entgegen, weil er uberzeugt war, dadurch am sichersten in dem hohen Sinn seines edlen Freundes einzugehen, den er bewundernd verehren musste.

Jetzt aber waren die nun alle dahin, welche Albert durch sein Verschwinden zu beglucken gedacht hatte. Ausser dem weit entfernten Oskar lebte niemand mehr, dessen Ruhe durch das Wiedererscheinen des Verschwundenen hatte gestort werden konnen, und keine Rucksichten waren noch vorhanden, welche den Baron Meinau abhalten konnten alles anzuwenden, um das von ihm redlich verwaltete Eigenthum seines Freundes so lange vor fremden Handen zu bewahren, als er selbst nicht von dem Tode des rechtmassigen Eigners uberzeugt ware. Die Zeitung, welche den Schiffbruch gemeldet, hatte nur hochst unbestimmte Nachricht von diesem gegeben, nicht einmal den Namen des Schiffes genannt; und obgleich Albert seit langen Jahren fur todt geachtet wurde, so liess sich wenigstens die Moglichkeit nicht abstreiten, dass sein damals unmundiger Sohn beim Schiffbruch gerettet und noch am Leben sey. Meinau entschloss sich daher, gleich nach dem Tode seines unglucklichen Mundels zu einer Reise in die Residenz, um dort der hochsten Behorde seine Zweifel an dem volligen Erloschen dieses Hauses vorzulegen.

Meinau war personlich in jener Stadt sehr geachtet, es fehlte ihm nicht an bedeutenden Verbindungen und auch das Haus der von Leuen stand dort von jeher im hohen Ansehen. Selbst der Furst hatte nicht ohne Schmerz von dessen Erloschen gehort. Meinau erhielt also ohne grosse Schwierigkeiten den Aufschub der Uebergabe der Guter den er verlangte, bis er von dem Leben oder Sterben Alberts und seines Sohnes genugendere Beweise einziehen konne. Zugleich wurde ihm von hoher Hand die einstweilige Verwaltung der von Leuenschen Besitzungen abermals ubertragen, weil man bei seiner allgemein anerkannten Redlichkeit und Einsicht uberzeugt war, dass sich niemand besser dazu eigne.

Alberts Name erschien jetzt abermals, vereint mit dem seines Sohnes, in allen offentlichen Blattern, selbst in denen des Auslandes. Raimund las unzahligemal die Nachricht von denen im Schlosse Leuenstein so schnell auf einander gefolgten Todesfallen, ohne zu ahnen, dass hier von seiner Mutter und seinem Bruder die Rede sey. Noch weniger kam ein Gedanke daran in seine Seele, dass er selbst der Bernhard Raimund von Leuen seyn konne, der so dringend aufgefordert wurde, von seinem Leben und Aufenthalte Nachricht zu ertheilen.

Auf Meinaus Veranlassung wurden indessen auch in Triest, wo Alberts Schiff ausgelaufen, und an der Kuste, wo es gescheitert seyn sollte, die genaueste Nachfrage angestellt. Die weite Entfernung der Oertlichkeiten, die vielen Jahre, die verstrichen waren, seit jenes Ungluck sich ereignet haben sollte, erschwerten jeden Schritt und es verging eine lange Zeit, ohne dass man nur irgend eine Auskunft erhalten konnte. Eben so wurde auch den Personen vergeblich nachgeforscht, die bald nach Alberts Verschwinden ihm im Auslande begegnet seyn wollten. Nirgends war eine Spur von dem zu finden, was man suchte, aber man stiess auch auf keinen neuen Beweis fur Alberts und Raimunds Untergang. Undurchdringliches Dunkel ruhte uber Beider Geschick.

Durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstande war aber auch der nachste Agnat der von Leuen verschollen und wurde ebenfalls allgemein fur verstorben gehalten, ohne dass seine Erben gultige Beweise seines Ablebens beibringen konnten. Er war wahrend des Befreiungskrieges nach einem Gefechte vermisst worden, aber niemand hatte ihn fallen sehen, niemand ihn auf der Wahlstatt unter den Todten gefunden. Auch nach diesem wurde daher in allen Zeitungen Nachfrage gehalten und auf das dringendste um Nachricht von seinem Tode oder Leben gebeten, doch seine Erben waren in ihren Nachforschungen um nichts glucklicher als Baron Meinau in den seinigen. So gingen ein paar Jahre hin, wahrend denen in dieser wichtigen und verwickelten Sache nichts entschieden wurde. Baron Meinau freute sich dieses Aufschubs und benutzte ihn nach besten Kraften; doch als fortwahrend keine Aussicht fur die Erfullung seiner Wunsche sich zeigen wollte, so begann freilich seine Hoffnung allgemach sehr zu sinken und Ahnungen stiegen in seinem Gemuthe auf, die ihn muthles zu machen drohten.

Wie freudig musste ihn daher ein Kurier uberraschen, der aus dem Stifte von Anna von Falkenhayn an ihn abgesandt, ihm von ihr die Nachricht uberbrachte, dass Bernhard Raimund von Leuen aufgefunden und noch am Leben sey; dass er zwar fur den Augenblick sich in einem fremden Welttheile befinde, jedoch hoffentlich bald wieder nach Europa zuruckkehren werde. Rasch wie ein Jungling, trotz seiner siebenzig Jahre und seiner Silberlocken, warf sich Baron Meinau augenblicklich in den Reisewagen, um zu ihr, die ihm eine so frohe Botschaft sandte, hinzueilen und sich von den nahern Umstanden ihrer Entdeckung unterrichten zu lassen. Zwar hatte er Anna noch nie gesehen, aber aus seines entschlafenen Freundes Bernhards Briefen kannte er sie genugsam, um sie innig zu verehren und von ihrer Theilnahme an dem Hause von Leuen fest uberzeugt zu seyn. Auch Anna ehrte und liebte in ihm den treuen Freund ihres Verklarten, sie wusste dass dieser ihm bis an seinen Tod stets das unbedingteste Vertrauen geschenkt hatte, und sah ihn und seine nahere Bekanntschaft deshalb mit verdoppelter Freude entgegen.

So wie Meinau in Annas Wohnorte angelangt war, eilte diese ihm den Inhalt des elfenbeinernen Kastchens vorzulegen und zu seiner grossten Freude fand er darin Beweise fur Raimunds Anspruche, welche ihm unwiderleglich scheinen mussten. Sogar das Taufzeugniss desselben fehlte nicht, denn Albert hatte in der Nacht, da er von Leuenstein sich auf immer entfernte, dieses zufalliger Weise unter den Documenten mitgenommen, die er damals zu seiner Legitimation als Erbe des Kardinals brauchte. Der Baron und Anna brachten miteinander einige Tage in Berathschlagungen zu uber die Schritte, welche sie wahrend Raimunds Abwesenheit zur Vertheidigung seiner Rechte gemeinschaftlich thun wollten. Auch die Beweise fur seine Geburt wurden dabei nochmals ernstlich erwogen und genau untersucht. Meinau konnte nicht umhin, den seltnen Geist, den geubten Scharfblick zu bewundern, welchen Anna bei dieser Gelegenheit an den Tag legte. Die Leichtigkeit, mit welcher sie bei einem Geschafte, das so weit ausser dem gewohnten Bereich der Frauen lag, das Verworrenste zu durchschauen vermochte, setzte ihn oft in Erstaunen, doch noch weit inniger fuhlte er sich bewegt, wenn der Gedanke an Bernhard sie lebhafter ergriff und sie fur den Augenblick weit weg von dem Gegenstande, der Beide beschaftigte, in das dammernde Reich der Erinnerung zuruckfuhrte. Dann feierte er mit ihr in mancher schonen ernsten Stunde das Andenken des hochgeliebten Freundes, dessen Bild auch er noch immer im treuen Herzen bewahrte. Beide tauschten gegen einander manchen schonen Zug aus seinem Leben aus, und das Gesprach schien nimmer enden zu wollen, bis sie verstummend, vom Gefuhle inniger Wehmuth uberwaltigt, von einander scheiden mussten und Anna sich in ihr einsames Kabinet zuruckzog, um ungesehen zu weinen.

Meinau rustete sich endlich zur Abreise in die Residenz, wohin Anna ihm auf einige Tage zu folgen versprach; denn fur den Augenblick hielten ihre eignen Verpflichtungen sie ab, sich wieder auf lange Zeit von ihrem Stifte zu entfernen. Sie war bereit, sobald dieses nothig wurde, als Zeuge fur Raimund aufzutreten und die wichtigen Verbindungen, in denen sie selbst mit dem regierenden Furstenhause stand, konnten allerdings, wenigstens zur Beschleunigung beitragen.

Uebrigens war sie um ihre Lieben im Kleebornschen Hause unbesorgt. Angelikas Briefe zeugten von ungewohnter Heiterkeit, und Vicktorine, das wusste sie, bedurfte seit der Entfernung des Sir Charles fur den Augenblick ihrer Gegenwart nicht, obgleich diese uber der Tante lange Abwesenheit die bittersten Klagen fuhrte und sie auf das dringendste beschwor, bald wieder zu ihr zuruckzukehren. Die Tante kannte die heftige Natur dieses ihres Lieblings zu gut, um nicht den Entschluss zu fassen, die Entdeckung von Raimunds wahrem Stande und Namen Vicktorinen bis zur volligen Entscheidung seiner Angelegenheiten zu verschweigen. Und dieses war ein Grund mehr, um furs erste deren Nahe zu meiden; denn sie fuhlte wohl, dass es ihr sehr schwer fallen wurde, den unablassigen Fragen und Bitten des geliebten Kindes zu widerstehen. "Fast mochte ich auf meine alte Tage anfangen, recht modern aberglaubig zu werden," rief Meinau der Tante entgegen, als er in ihr Zimmer trat, um sich vor seiner Abreise in die Residenz bei ihr zu beurlauben. "Ich kann es mir beinahe nicht aus dem Sinne bringen, dass es der Schutzgeist des von Leuenschen Hauses gewesen sey, der mich inspirirte die Rechte eines Unsichtbargewordenen zu verfechten, welcher, nach dem Urtheil fast aller vernunftigen Leute, nur in meiner Einbildung noch existiren konnte. Auch war es gewiss nur dieser schutzende Genius, der Ihnen zugleich so ganz zur rechten Zeit das elfenbeinerne Kastchen in die Hande spielte. Ihre wichtige Entdekkung hatte nur um einige Wochen sich verspaten durfen und ich befande mich jetzt in nicht geringer Verlegenheit. Denn wunderbarer Weise ist auch Raimunds nachster, lange vermisster Agnat in diesen Tagen wieder von den Todten erstanden. So eben erhielt ich die Nachricht davon, die zum Gluck uns jetzt ziemlich gleichgultig seyn kann. Ich hoffe, er soll keinen Prozess gegen uns anstellen wollen, und thut er es ja nun so ist das jetzt desto schlimmer fur ihn."

"Wir leben doch in einer wunderlichen Zeit," erwiederte Anna. "Ich habe schon oft daran gedacht, dass es den Romanschreibern in unsern Tagen gar nicht schwer fallen kann, die seltsamsten Verwickelungen zu ersinnen, ohne Furcht der Wahrscheinlichkeit damit zu nahe zu treten. Denn Verlorengehen und Wiederkommen, fur Tod gehalten werden und Wiederauferstehen sind vollkommen an der Tagesordnung in der jetzigen Welt."

"Freilich," antwortete Meinau, "freilich ist die Zeit vorbei, in der man von Tausenden nur mit Gellert sagen durfte: er lebte, nahm ein Weib und starb, um ihren ganzen Lebenslauf beschrieben zu haben. Auch der Unbedeutendste hat in den letzten Jahren etwas erlebt das des Erzahlens werth ist. Man muss leider nur zu viel davon horen und lesen."

"Setzen Sie hinzu," sprach Anna, "dass auch die Meisten mehr Stadte und Lander gesehen haben, als ihre Grosseltern nur recht zu benennen wussten. Wer selbst nie auf Reisen ging, hatte wenigstens zwischen seinen vier Pfahlen uberflussige Gelegenheit, die Bewohner der entferntesten Lander kennen zu lernen. Die Welt kommt mir daruber als recht enge geworden vor, denn Rom, Moskau, London, Paris, Petersburg scheinen uns beinahe dicht vor der Thure zu liegen und wir haben uns gewohnt, die Bewohner dieser Stadte fast wie Gevattersleute und Nachbarskinder anzusehen."

"Jetzt ware es die rechte Zeit fur den Kosmopolitismus, der in unsrer Jugend so Mode war wie vor kurzem die deutschen Rocke," erwiederte Meinau, "aber von der grossen Weltansicht mag niemand mehr etwas wissen, auch sie ist aus der Mode gekommen. Jeder will sich nur auf das Nachste, nur auf seine Landsmannschaft beschranken! Doch lassen wir die Welt zusehen, wie sie mit sich selbst fertig wird und erlauben Sie mir fur jetzt, Ihnen ganz in der Kurze die Abentheuer des zuletzt Wiedererstandenen mitzutheilen, von denen dessen Oheim mir Nachricht giebt. Sie sind an sich seltsam genug, und konnen wohl einiges Interesse fur den armen Klarenau erwecken, gegen dem wir alle beide doch einen kleinen Widerwillen fuhlen, welchen er wahrscheinlich nicht verdient."

Die Tante willigte freundlich ein, indem sie bemerkte, dass sie sich allerdings ein wenig geneigt fuhle, es dem jungen Manne ubel zu nehmen, dass er sich beikommen lasse noch am Leben zu seyn, und Meinau fing seine Erzahlung an:

"Dass Klarenau," sprach er, "sich den Lutzowschen Jagern zugesellte, um gegen den allgemeinen Feind zu Felde zu ziehen, ist Ihnen vielleicht bekannt. Gewiss aber haben Sie es eben so wenig wie ich selbst vergessen, auf welche unwurdige und emporende Weise diese tapfern Verfechter des Vaterlands von dessen Feinden fur Rauberbanden erklart, und mitten im Waffenstillstande uberfallen, ja sogar grossten Theils vernichtet wurden. Klarenau wollte gleich beim ersten Allarm des Ueberfalls sich auf sein Pferd schwingen, der Sattel war in der Eile nicht recht befestigt worden, das sehr muthige Thier baumte sich, er fiel, brach ein Bein, blieb in dem allgemeinen Tumult unbemerkt liegen und gerieth vollig wehrlos in die Gefangenschaft der Feinde, ohne an der Seite seiner tapfern Kampfgenossen sich einen ehrenvollen Tod oder Befreiung erfechten zu konnen."

"Mehrere Monate hindurch wurde er als Kriegsgefangener von einem Lazarethe ins andere geschleppt, ohne dass sein Leben dem unbeschreiblichen Elende erlegen ware, das er dulden musste. Er war zu noch grosserem aufgespart. Sein Fuss heilte bei der schlechtesten Behandlung halb durch ein Wunder und er nebst mehreren seiner Unglucksgefahrten wurden zuletzt nach Frankreich in die Gefangenschaft abgefuhrt. Von den Misshandlungen, der Noth, dem grasslichen Hohn, kurz von allem, was diese Beklagenswerthen auf dem langen Wege durch ein feindliches Land ertragen mussten, schweige ich, um Sie nicht zu wehmuthig zu stimmen, meine Geschichte wird ohnedem noch traurig genug. Die mehrsten Gefangenen starben unterwegs, wo sie in Gefangnisse, in Zuchthausern eingeschlossen wurden, so lange sie nicht wandern mussten; nur einige wenige, und Klarenau unter diesen, langten an ihrem furchterlichen Bestimmungsort, dem Arsenal von Toulon an, in welchem viele tausende von Galeerensclaven jeden Tag die Sonne anklagen, dass sie uber solche Grauel aufgehen mag."

"In diesen Aufenthaltsort fur schwere Verbrecher wurden damals mehrere deutsche Gefangene gesendet, denn man nannte sie Rauber, Brigands, eben weil sie ihr Vaterland von Raubern zu befreien aufgestanden waren."

"Solch unermesslich hartes Loos traf auch Klarenau. Gehullt in elende Lumpen, den kahlgeschornen Kopf mit der rothen platten Mutze bedeckt, die den Galeerensclaven bezeichnet, wurde hier der ungluckliche Jungling von seinen Landsleuten sogleich getrennt."

"Alle Galeerensclaven werden gewohnlich zu zweien und zweien vermittelst einer langen Kette aneinander geschmiedet, und auch er erhielt einen abscheuerregenden Missethater auf diese Weise zum Gefahrten, von dem er jetzt Tag und Nacht unzertrennlich blieb. Trocknes hartes Brod, Wasser, hochstens eine elende Wassersuppe, ist die einzige Nahrung jener Unglucklichen, sie war auch die seine und bei dieser musste er Arbeiten verrichten, wie man sie kaum einem Lastthiere aufburden sollte. Jedem seiner schrecklichen Tage folgte eine noch weit furchtbarere Nacht in dem untern Raume einer der Galeeren, denen alle diese Gefangene jeden Abend zugetrieben werden. In diesem dustern Aufenthalt, den die Holle kaum an Grasslichkeit ubertreffen kann, musste Klarenau, um nachtlich zu ruhen, mit seinem entsetzlichen Gefahrten eine holzerne enge Bank theilen, zusammengeschichtet mit mehreren Hunderten von Elenden, die hinabgesunken zu dumpfer Thierheit oder schaamloser Frechheit hochwurdige Frau, es sind beinahe vierzig Jahre dass ich in meiner Jugend als neugieriger Reisender auch in diesen Abgrund aller Greuel einen Blick geworfen habe, und noch steht das Bild davon unausloschlich in meiner Seele. Ihre Phantasie mag ich nicht damit beflecken, genug ich bin uberzeugt, dass die wegen der Behandlung ihrer Christensclaven so ubel beruchtigten Raubnester an der afrikanischen Kuste, nichts entsetzlicheres aufzuweisen haben konnen."

"Klarenau sank eines Tages unter einer schweren Last, die ihm aufgeburdet worden war, ohnmachtig zusammen, denn seine Krafte waren vollig erschopft. Er wurde fur krank erklart und in eines der fur die Galeerensclaven bestimmten Lazarethe abgefuhrt, einen dumpfen, dustern, grabahnlichen Kerker. Monate lang schmachtete er hier zwischen Leben und Sterben. Paris wurde indessen erobert, Deutschlands Befreiung war erfochten, die Kriegsgefangenen wurden losgegeben, er erfuhr nichts von alle dem und war vergessen. Die wenigen seiner Leidensgefahrten, die in ihrem tiefen Elende diesen grossen Tag erlebten, gedachten bei ihrer Befreiung seiner nicht mehr, oder zahlten auch ihn zu den Todten, den sie seit ihrem ersten Eintritt in diesen Schreckensort nicht wieder sahen."

"Abermals genas Klarenau, unerachtet alles Mangels und Elends, in seinem traurigen Verpflegungsorte. Er wurde wieder an das Tageslicht gelassen, und musste jetzt denen im Arsenal arbeitenden Handwerkern zur Hand gehen, da man ihn fur schwere Arbeiten untauglich fand. Doch blieb er immer noch in Ketten und allnachtlich erwartete ihn noch immer die schreckliche Ruhestatte in der Galeere. Wer er sey, warum er hierher gefuhrt worden, hatten seine durch den taglichen Anblick des hochsten menschlichen Jammers bis zur vollkommensten Gleichgultigkeit verharteten Aufseher langst vergessen oder es nie erfahren. Keine Seele wandte theilnehmend sich ihm zu, und so blieb alles Grosse und Herrliche ihm verborgen, was wahrend seines Aufenthalts im Lazareth die halbe Welt in einen Taumel von freudigem Entzucken versetzt hatte. Hoffnungslos schleppte er noch lange Zeit sein trauriges Daseyn und seine Ketten von einem Tage zum andern, ehe auch ihm die Stunde der Befreiung schlug."

"Doch endlich kam sie heran. Einer der angesehensten Beamten, der uber die grossen hydraulischen Arbeiten im Arsenal die Aufsicht fuhrte, begegnete ihm eines Tages zufalliger Weise. Die Gestalt des Unglucklichen fiel ihm auf, er redete ihn an und erfuhr mit wahrem Entsetzen, wer er sey und wie schuldlos er leide. Der menschenfreundliche Mann eilte sogleich in die Stadt, um die Entdeckung anzuzeigen, dass noch ein Kriegsgefangener, vergessen, auf der Galeere schmachte, und er brachte es wirklich dahin, dass Klarenau schon am folgenden Tage die Jahrelang entbehrte Freiheit wieder erhielt. Sein gutiger Befreier versah ihn nicht nur mit der nothigen Kleidung, sondern auch mit einer kleinen Summe Geldes, die Klarenau zu ersetzen versprach, sobald er die Heimath wieder erreicht habe. Schnell, als gluhe der Weg ihm unter den Sohlen, floh er nun durch Toulon durch, hinaus ins Freie, um nur die Thurme dieser ihm entsetzlichen Stadt nicht langer sehen zu mussen, zu denen er aus seinem tiefen Elende so oft hoffnungslos hinaufgeblickt hatte. Denn ehe er sie aus dem Gesichte verlor, konnte er nicht mit voller Seele an seine wiedererlangte Freiheit glauben."

"Seine Krafte, die dem furchterlichsten Unglucke widerstanden hatten, erlagen dem freudigen Gefuhle, mit dem er sich endlich am Ufer des Meeres, frei wie ein Vogel in der Luft, wiederfand. Mitleidige Fischer nahmen den bis zum umsinken Ermatteten in ihre kleine, von Olivenbaume umschattete Hutte auf, die unerachtet des darin vorherrschenden sudlichen Schmutzes ihm ein Paradies zu seyn dunkte. Er sah sich genothigt, mehrere Monate bei diesen guten Leuten zu verweilen, ehe er sich genugsam erholt hatte, um die weite Reise in das nun befreite Vaterland antreten zu konnen. In dieser Zeit schrieb er mehrere Briefe an seine Verwandte in Deutschland. Die Fischer nahmen sie mit, wenn sie ihre Fische nach Toulon zum Markte trugen, und versprachen sie dort auf die Post zu geben; denn ihn selbst hielt ein unuberwindlicher Abscheu davon zuruck, sich dem Schauplatze seines unvergesslichen Elendes wieder zu nahern, das sich noch immer, so wie er die Augen schloss, in den allergrasslichsten Traumbildern ihm erneuerte. Wahrscheinlich aber mussen seine Hausleute mit dem Bestellen der Briefe nicht recht umzugehen gewusst haben, denn kein einziger hat je den Ort seiner Bestimmung erreicht."

"Klarenaus abgeschorne Locken waren indessen wieder gewachsen, seine Gesundheit erstarkte bei der gesunderen Kost und in der alles belebenden Seeluft, die mit erquickenden Duften beladen ihn umwehte. Mude des Wartens, da noch immer keine Antwort auf seine Briefe kam, ergriff er endlich den Wanderstab und machte sich zu Fuss auf den Weg, ohne zu wissen wie er, selbst bei dieser wohlfeilen Art zu reisen, mit den wenigen Franken auskommen werde, die er von dem durch seinen grossmuthigen Befreier ihm vorgestreckten Gelde noch ubrig behalten hatte. Er verliess sich dabei auf das Gluck, das seit kurzem sich ihm wieder zuwenden zu wollen schien. Es war ihm auch gunstig, wenn gleich es ihm zuerst diese Gunst ein wenig unsanft bewies."

"Der Wanderer war noch nicht weit von Toulon auf dem Wege nach Marseille fortgeschritten, als er sich plotzlich in einer als unsicher beruchtigten Gegend von Raubern umringt sah; ein Schlag auf den Kopf streckte ihn bewusstlos hin, rein ausgeplundert blieb er regungslos liegen, wahrend die Rauber, die ihn fur getodtet halten mussten, mit seiner wenigen Habe entflohen. Wahrscheinlich ware er nie wieder zum Leben erwacht, wenn nicht ein junger deutscher Kaufmann, der zufallig des Weges reisete "

"Ihn mitleidig aufgenommen hatte," fiel hier Anna ein, die so lange mit immer steigender Aufmerksamkeit zugehort hatte. "Dieser Samariter," fuhr sie fort, ohne durch Meinaus Erstaunen sich stohren zu lassen, "dieser mitleidige Samariter liess den Verwundeten furs erste nach dem nahen Dorfchen Oliulles und dann nach Toulon ins Maltheserkreuz tragen, wo er selbst abgestiegen war. Dort pflegte er seiner mit grosser Sorgfalt, bis er selbst nach einigen Tagen wieder abreisen musste; bei seiner Abreise ubergab er ihn einem sehr angesehenen wackern in Toulon etablirten deutschen Kaufmann, Namens Weiler, in dessen Familie der Arme ebenfalls mit Herzlichkeit aufgenommen und mit der grossten Aufmerksamkeit verpflegt wurde, bis er vollig genesen, ausgerustet mit Geld und Empfehlungen "

"Hochwurdige Frau!" unterbrach Meinau sie jetzt, der sich in seiner Verwunderung nicht langer massigen konnte.

"Raimund war es!" rief Anna, helle Freudenthranen im Auge und ohne ihm weiter zum Worte kommen zu lassen. "Raimund Holm, Raimund Bernhard von Leuen!" Sie eilte jetzt, dessen Brief herbeizuholen, und dem Baron die auf dieses Ereigniss Bezug habende Stelle daraus mitzutheilen.

"Nun wahrhaftig, das kommt immer besser!" rief Meinau jetzt frohlich aus, als Anna zu lesen aufgehort hatte. "So ware denn der Roman vollig fertig, nur etwas Liebe muss noch hinein, die findet sich. Der gehorige Edelmuth wird auch am Ende nicht ausbleiben, denn hoffentlich wird doch Klarenau nicht mit dem Erretter seines Lebens einen Process anfangen wollen, um diesen um sein rechtmassig ererbtes Eigenthum zu bringen; und so waren wir ja mit einemmale aller Furcht vor Streit und Aerger entledigt." Der Aufenthalt in Kleeborns sehr schonem Landhause, das er wahrend der Sommerzeit mit den Seinen gewohnlich zu bewohnen pflegte, gewahrte den beiden Freundinnen Angelika und Vicktorine wenigstens ein ruhigeres Daseyn, als das Leben in der Stadt ihnen bieten konnte. An jedem schonen Abende wandelten sie Arm in Arm auf der hohen Terrasse vor dem Hause auf und nieder, bis die sinkende Nacht die weite Aussicht uber Strom und Land und Meer mit ihrem dunkeln Schleier verhullte.

Sehnsuchtsvoll blickte Vicktorine dem majestatischen Laufe der machtigen Schiffe nach, wenn sie auf dem prachtigen breiten Strome, der dicht am Garten voruberfloss, mit geschwellten, von Abendschein gerotheten Seegeln dem lange ersehnten Hafen zueilten. Dann wandte sie seufzend das umdusterte Auge der dammernden Ferne zu, wo der Strom dem Meere sich vereint, bis es' in Thranen uberfloss und Himmel und Erde und Meer in eins ihr verschwammen.

Angelika betrachtete vor allem gerne den tiefblauen Himmel, wenn an ihm ein Stern nach dem andern auftauchte. Auch ihrer muden Brust entrang sich dann manch leiser Seufzer, und ein trubes Lacheln schwebte um die bleiche Wange und den lieblichen festgeschlossenen Mund, der keiner Klage sich mehr offnete. Beide Freundinnen suchten die Heimath ihrer Liebe auf, die eine dort oben, im glanzenden geheimnissvollen Reiche, von Tausenden im ewigen Spharentanz einander umkreisenden fernen Sonnen; die andere zwar noch auf der grunenden bluhenden Erde, aber weit, weit weg, jenseits der immer bewegten Wogen, die, wie der nachtliche Himmel, dem Sterblichen ein Bild der Unendlichkeit sind.

Agathe umflatterte zuweilen die Beiden, so wie ein leichter luftiger Schmetterling frohlich die rothe und die weisse Rose umtanzt, welche die Kunst des Gartners einem einzigen Stocke entbluhen lies. Aber sie wusste doch dabei die zu schonen, welche nicht so glucklich waren als sie selbst, und huthete sich sorgsam davor, sie durch unzeitig angebrachten Scherz zu verletzen. Ihr Lieblingsplatzchen im Garten war eine kleine Anhohe, von der sie den Weg ubersehen konnte, welchen Horst gewohnlich kam, wenn er sie besuchen wollte. Mehr als zehnmal des Tages erstieg sie diese, sogar wenn sie wusste dass er heute unmoglich kommen konne, und war er nun da, so schalt sie ihn tapfer aus, denn er fing gewohnlich an, die Tage und Wochen zu berechnen, die bis zu dem im Herbst angesetzten Hochzeitstage noch vergehen mussten. Die Kleine pflegte bei solchen Gelegenheiten sich gewaltig zu ereifern, was ihr indessen nach ihres Brautigams Urtheil recht allerliebst stand, der daher auch nie unterliess, sie zum Zorne zu reizen.

"Ich habe es Dir schon tausendmal gesagt," sprach sie einst, "dass das eine ganz alberne und unnutze Rechnung ist. Wie kann ich denn heurathen ohne die Tante und wer kann vorher wissen, wenn die kommen wird. Dass sie mir den Kranz aufsetzt und keine andere, das steht nun einmal fest; doch wo sie jetzt stecken mag, wissen die Gotter. Sie schreibt ja nur alle Jubeljahre einmal. Kommen aber wird sie und zur rechten Zeit auch, darauf verlasse Dich, denn sie hat es mir versprochen. Wir konnen schon warten bis sie Zeit dazu hat, denke ich; ein Paar Wochen oder Monate sind ja keine Ewigkeit."

Wahrend dieses Streites hatte Vicktorine ein Zeitungsblatt ergriffen das zufallig dalag, und studirte es sehr emsig und zwar nach achter Madchenart nur die letzte Seite desselben, denn um politische Angelegenheiten bekummerte sie sich nach geschlossenem Frieden nur wenig. Doch seit Raimunds Entfernung interessirten sie die Schiffsnachrichten ungemein, die gewohnlich am Ende der Zeitungen neben den ubrigen Bekanntmachungen ihren Platz finden.

"Meine gute liebe Agathe," sprach Vicktorine jetzt, indem sie das Blatt niederlegte und die kleine Braut recht herzlich umarmte, "liebes, liebes Kind, glaube mir, wir sind beide vergessen. Ich weiss jetzt, dass wichtigere Dinge, Ereignisse, die ihr weit naher am Herzen liegen, die Tante so beschaftigen, dass wir die Hoffnung aufgeben mussen, sie sobald wiederzusehen. Flechte Dir selbst Deinen Kranz und drucke ihn Dir schnell in die Locken, ehe der Sturm ihn Dir entfuhrt. Baue in Zukunft auf niemand als auf Gott und auf Dich selbst."

"Und das alles steht da in der Zeitung!" rief Agathe voller Erstaunen.

"Und obendrein in einer uralten, sieh' nur selbst, vom siebenzehnten April," setzte Horst lachelnd hinzu, der indessen das Blatt aufgenommen hatte. Er fing nun an, es leise zu durchlaufen. "Schiffe angekommen ausgelaufen wir bitten um stille Theilnahme " murmelte er lesend. "Unsre gestern gefeierte Verbindung ja wer erst so weit ware! einem gesunden Madchen beschenkt Hm! da finde ich doch auf Ehre nichts. Doch halt, da ganz unten steht noch etwas mit lateinischen Lettern, das wird es seyn." Mit lauter Stimme las er nun eine jener an Albert und Raimund von Leuen gerichteten Aufforderungen, Nachricht von ihrem Leben und Aufenthalt zu geben, welche Baron Meinau in allen Zeitungen hatte einrucken lassen. Der Inhalt derselben schien ihm aufzufallen, denn er las sie noch ein paar mal vor sich mit grosser Aufmerksamkeit durch, ehe er das Blatt wieder hinlegte.

"Ich verstehe Sie noch immer nicht, liebe Vicktorine," sprach er endlich. "Dass es mehr Leute in der Welt giebt, die Raimund getauft sind, ist langst bekannt, das Einzige auffallende dabei ist nur, dass auch der Vorname des Vaters zutrifft. Vor ein paar Tagen habe ich diesen auf dem Denkmal gelesen, das sein Sohn ihm auf seinem Grabe hat errichten lassen, und dessen schone einfache Form mir im Vorubergehen auffiel. Die Leute sagen: der alte Holm sey ein sonderbarer, sehr ernsthafter Mann gewesen, der etwas eignes, geheimnissvolles in seinem Wesen gehabt habe. Aber mein Gott, Kusinchen, wie bleich Sie werden! habe ich Ihre eignen Gedanken nicht getroffen, so ist ja alles was ich sagte nur ein wunderlicher Einfall, auf den Sie gewissermassen mich selbst gebracht haben."

Vicktorine antwortete wenig, das Gesprach nahm eine andere Wendung, Horst entfernte sich bald darauf, um nach Hause zu reiten, und Agathe begleitete ihn, um ihn zu Pferde steigen zu sehen.

"Angelika," rief Vicktorine, sobald sie mit dieser allein war, "liebe Angelika, welchen Sturm hat dieser Scherz in mir aufgeregt. Mehr als Scherz konnte Horst mit dem, was er sagte, nicht meynen; da er die Geschichte der Tante nicht kennt, so fielen ihm nur die Vornamen derer, welche gesucht werden, und nicht der Name von Leuen auf. Und doch hat er, ohne es zu beabsichtigen, mich in ein Meer von Zweifeln gesturzt. Ahnungen erstehen in mir, denen meine Vernunft sich vergebens widersetzt. Dieses Blatt ist vom siebenzehnten April. Am namlichen Tage erhielt die Tante Raimunds Brief, am namlichen Tage kundigte sie uns ihre schon auf den nachsten Morgen bestimmte Abreise an. War es dieses Blatt, in welchem die Verwandte Ihres Bernhard gesucht werden, oder war es der Brief, was sie zu jenem schnellen Entschlusse bewog? oder errieth Horst, ohne es zu ahnen, die Wahrheit, und Brief und Blatt wirkten vereint zum namlichen Zwecke? Ist Raimund der, den man sucht, und tausend fruher nicht beachtete Umstande drangen sich mir jetzt entgegen, um mich in dieser Ahnung zu bestarken, ist er ein Edelmann, so wird mein Vater bei seinen uns bekannten Grundsatzen um so weniger in unsre Verbindung einwilligen wollen, und ist er es nicht, und kehrt er glucklich zu mir zuruck, wer wird uns dann in Schutz nehmen, wenn Anna es nicht thut? wer bei meinem Vater uns so vertreten, wie sie allein es kann? Sie bleibt uns fern, Anna wird den Bruder, den Neffen ihres Bernhards wiederfinden, die ihrem Herzen weit naher stehen als wir. Wir sind vergessen!"

"Armes, liebes, unruhiges Herz, wie sinnreich bist Du, zu Deiner eigenen Quaal!" unterbrach sie Angelika. "Anna vergisst Dich nicht, das glaube fest. Wie konnte nur je in Deinem eignen treuen Gemuth ein so frevelhafter Gedanke aufkommen?"

Jeder Trost, den Angelika aufbringen konnte, ging indessen an Vicktorinen verloren, denn zufolge ihrer ungeduldigen Natur konnte diese eher alles andere ertragen als Ungewissheit. Die Tante war ihr von jeher der sichtbare Schutzgeist ihrer Liebe gewesen, von ihrer Gegenwart unterstutzt, war Vicktorine fahig zu hoffen; doch nun war nicht nur sie, sondern zugleich mit ihr jede Spur von Raimunds jetzigem Leben ihr verschwunden, und sie fand eine Art grausamer Freude darin, sich ihrem Kummer und jeder Besorglichkeit ohne Schonung gegen sich selbst hinzugeben. Auch die gegenwartige Stimmung ihres Vaters trug in dieser Zeit nicht wenig dazu bei, sie in Angst und Unruhe zu versetzen. Dieser war freilich weit milder und freundlicher gegen sie geworden, als er es bald nach der Auflosung ihres Verhaltnisses zu Sir Charles gewesen war; die Liebe zu seinem einzigen Kinde schien nicht nur in dem Gemuthe des Alten wieder erwacht, sondern sie ausserte sich zuweilen ganz eigen, auf eine Weise, die bei seiner gewohnten Heftigkeit um so ruhrender erschien, je mehr sie gegen die rauhe Behandlung abstach, die Vicktorine fruher von ihm zu erdulden gehabt hatte. Eben diese Veranderung in seinem Wesen, deren Grund sie vergebens zu errathen suchte, erweckte aber in Vicktorinens, dem Vater kindlich ergebenem Gemuthe Besorgnisse, die nicht ganz ungegrundet zu seyn schienen.

Kleeborn war viel bleicher und dabei viel stiller als sonst, auch oft in Gedanken versunken und dabei recht von Herzen betrubt. Der alte Muller kehrte noch immer nicht von Amsterdam zuruck und Vicktorine glaubte zu bemerken, dass ihres Vaters trube Stimmung mit der verlangerten Abwesenheit desselben in Zusammenhang stunde; doch aus leicht zu errathenden Grunden vermied sie es, hieruber eine Frage zu wagen. Die druckendste Schwule hatte einen ganzen langen Sommertag hindurch auf der Natur gelastet, schwere Ungewitter stiegen im Laufe desselben aus allen Himmelsgegenden auf und standen, oft kampfend, einander gegenuber. Die hohen Linden vor dem Hause beugten sich krachend vor des Sturmes Gewalt, vom schwarzumzogenen Himmel sturzten Wolkenbruchen ahnliche Regenstrome herab, gelbe Blitze umspielten die hohen Wipfel der uralten Baume, und die Erde schien in ihren Vesten vor der lauten Stimme des Donners zu erzittern. Dann ward es wieder Friede in der Natur, die kampfenden Elemente schienen versohnt bis neue Wolkengeburge sich aufthurmten, neue Donner diese zerrissen und der eben beendete Kampf sich noch furchtbarer von neuem entflammte.

Doch die Strahlen der dem Untergange sich nahenden Sonne zertheilten endlich den Wolkenschleier, der sie fast den ganzen Tag uber verhullt hatte. Zuruckgerollt zu beiden Seiten, bildete er ein hochgewolbtes, in den gluhendsten Farben prangendes Flammenthor, in dessen Mitte die Siegerin sich langsam dem Horizonte zuneigte. Jede einzelne Woge des breiten majestatisch hinrollenden Stromes prangte in goldigem Purpur, Myriaden zerstreuter Edelsteine blitzten auf der grunen Erde, jedes Blatt, jede Blume, jeder Grashalm glanzte in mehr als koniglicher Pracht, berauschende Dufte entstromten den bluhenden Orangenbaumen auf der Terrasse, den Levkoyenbeeten, den dunkeln Nachtviolen, und druben im Osten strahlten drei Regenbogen dicht neben einander, in so hoher seltner Farbenpracht, dass man nicht unterscheiden konnte, welcher der Abglanz des andern sey. Es war als wollten sie mit jenem westlichen, immer gluhender sich wolbenden Thore wetteifern, unter welchem die Sonne immer tiefer sich senkte.

"O welch ein Abend!" sprach tiefaufathmend Angelika, indem sie, auf Vicktorinens Arm gelehnt, unter die hohen Saulen vor dem Hause hinaustrat. "Lass mich hier Luft schopfen, ich habe den Tag uber ihrer so wenig gehabt, die Brust war mir so enge. Lass mich jetzt in langen Zugen die balsamisch erquickende Kuhle trinken."

Sorgsam fuhrte Vicktorine die aetherisch verklarte Gestalt einem bequemen Sitze unter den Saulen zu und nahm schweigend ihr zur Seite Platz. In Andacht und stiller Bewunderung versunken, blickten beide eine Weile hinaus in die wundervolle Pracht, welche sie umgab.

"Siehst Du im Osten den Bogen des Friedens? der ewigen Hoffnung?" sprach endlich Angelika, "und tauscht mein Auge mich vielleicht es thut es jetzt zuweilen oder sind es wirklich ihrer drei?"

"Es sind ihrer drei," erwiederte Vicktorine, die jetzt mit immer steigender Besorgniss den ungewohnlich strahlenden Glanz der Augen ihrer Freundin gewahr wurde, welche den ganzen Tag uber von der schwulen Luft sehr bedruckt gewesen war.

"Es sind wirklich ihrer drei," wiederholte Anlika. "Wunderbar! nie zuvor habe ich diese seltne Pracht gesehen. Und dort die Sonne! Liebe Vicktorine, welch ein Bild meines kurzen Lebens war dieser Tag. Immer musste ich daran denken. Zuerst der trube beklemmende Morgen. Dann die kurzen Sonnenblicke, der Regen, das Ungewitter, und nun die kostliche himmlische Ruhe dieses glanzerfullten Abends! Sieh', Liebe, ist es nicht als wolle dort im Westen der Himmel sich offnen, und uns einen Blick in das Reich seiner Herrlichkeit gewahren? und die untergehende Sonne, will sie uns nicht nach Osten hinweisen, wo sie noch immer wieder aufgehen wird, wenn sie mir schon lange nicht mehr leuchtet? Nach dem Osten, den sie jetzt, indem sie von uns Abschied nimmt, so uberherrlich mit dem trostlichen Bilde schmuckt, das Gott einst der vor seinem Zorne zagenden Erde gab, und dem Menschen dabei zu hoffen gebot. Und nun kommt bald die milde ernste Nacht mit ihren Sternen am Himmel heraufgezogen. Dann schlummern wir in Frieden und traumen auch wohl."

"Sprich nicht so viel, meine Angelika," bat Vicktorine, "komm, Liebe, komm ins Haus, Du bist matt und erschopft."

"O nein! o nein!" rief Angelika mit ungewohnter Lebhaftigkeit. "Mir ist wohl, unbeschreiblich wohl, mir ist wie noch nie in meinem Leben. Sey nicht besorgt um mich," setzte sie schmeichelnd hinzu, indem sie Vicktorinens Aengstlichkeit bemerkte. "Meynst Du, ich sehe nicht was jetzt Dein liebes Herz beklemmt? Aber lass' Dir nicht bangen, wenn nun jetzt wohl bald auch mein Abend kommt; bangt es mir doch auch nicht, und moge er nur diesem Abende so gleichen, wie mein Leben diesem Tage glich. Ich habe noch nie mit Dir davon gesprochen, doch heute geht mir in Wonne das Herz auf. Bringe der geliebten Anna meinen letzten Gruss und meine gute Nacht, wenn es so weit seyn wird. Sage ihr, dass ich mich nicht gefurchtet habe allein einzuschlafen, sage ihr, dass ich beim Entschlummern mich nicht nach ihr gesehnt habe, denn ich kenne keine Sehnsucht mehr auf Erden. Aber ich freue mich, dass ihre Abwesenheit den einzigen Schmerz mildern wird, den ich mir bewusst bin, ihr jemals gegeben zu haben. Sage ihr auch noch, dass ich sie dort jubelnd empfangen werde, denn wahrscheinlich ist sie die erste unter meinen Lieben, die mir nachfolgen wird."

"Angelika, Du zerreissest mir das Herz," rief Vicktorine, und sank vor ihr hin, und verbarg das von Thranen uberstromte Gesicht in ihrem Schoosse.

"Liebes, liebes Herz, was bewegt Dich denn so?" sprach Angelika und strebte liebkosend, Vicktorinen zum Wiederaufstehen zu bewegen "Was furchtest Du denn heut? Ich sage Dir ja und gewiss es ist so, mir ist in diesem Augenblick so unaussprechlich wohl, wie noch nie in meinem Leben. Ich fuhle wie von Engelsflugeln mich gehoben, als ware die Last des Lebens schon von mir genommen, als brauche ich gar nicht mehr zu athmen, so leicht ist es mir in der Brust, die mir den ganzen Tag uber so enge war. Kannst Du denn wirklich mir nicht wunschen, dass mir immer so seyn moge? kannst Du, Du Herz voll Liebe, Dich freuen, wenn ich noch lange jeden Athemzug mit stechendem Schmerz erringen muss, kannst Du es mir missgonnen dass ich nun bald dort, dort "

Angelika verstummte und sah suss lachelnd mit traumerischen Blick in die goldene Abendpracht hinaus; Vicktorine weinte still und von ihr unbemerkt, ihr zur Seite.

"Es ist seltsam," fing Angelika nach einer kleinen Pause wieder an, "oder ist Dir vielleicht auch so? Mir ist als muste ich etwas hier erwarten jemanden als stande etwas Grosses, Erfreuliches, mir ganz nahe bevor, als Horch!" rief sie, plotzlich von ihrem Sitze sich erhebend, "horch! horst Du nicht? Horst Du die Stimme?"

"Ich hore nichts," erwiederte Vicktorine, "aber Du machst mir unaussprechlich bange; komm liebe Angelika, komm hinein, die Abendluft muss Dir schaden."

"Wunderliches Kind," rief Angelika ein wenig heftig, "ich sage Dir ja, mir ist wohl. Aber den Wagen horst Du doch?"

"Nein doch ja " antwortete Vicktorine, "es ist als kame ein Wagen ganz von ferne den Hugel herab. Aber Du weist, von hieraus konnen wir die Landstrasse nicht sehen, so nahe sie auch am Garten vorbeigeht. Jetzt hore ich das Fahren deutlicher, komm ins Haus, im vorderen Salon, da konnen wir "

"O nein, o nein," rief Angelika sie festhaltend. "Wieder! die Stimme! o mein Gott! Horst Du die Stimme denn nicht? ganz nahe. Die Stimme, die ich nie wieder zu horen meynte. Ganz deutlich horst Du? horst Du?"

"Es ist mein Vater," erwiederte Vicktorine. "Jetzt hore ich es recht gut, der Wagen fahrt in den Hof. Was kann so spat noch ihn aus der Stadt herfuhren? und heut' am Posttage, da pflegt er nie zu kommen."

"Horst Du die Tritte nicht? naher und immer naher und wieder die Stimme!" flusterte athemlos und zitternd Angelika. "Stille, stille, die Tritte die Stimme sein Gang, seine Stimme!"

"Es ist der Vater," sprach Vicktorine.

"Ich bringe Euch einen Fremden, der nach der Tante fragt," sagte Kleeborn, indem er aus dem Hause hervortrat. "Es schien ihm viel daran gelegen, ihren Aufenthalt auf der Stelle zu erfahren, er hat sie in ihrem Stifte aufgesucht und nicht gefunden. Du, Vicktorine, als ihre fleissige Correspondentin, kannst ihm die beste Auskunft geben. Der Abend machte sich schon, die Post hatte nicht viel gebracht, da entschloss ich mich kurz, und fuhr noch mit ihm hinaus."

Wahrend Kleeborn so sprach, trat eine schlanke blasse Gestalt hinter den Saulen hervor. Des Fremden erster Blick fiel auf Angelika. Weit vorgebogen errothend, erbleichend, im schnellsten Wechsel, mit starr auf ihm gehefteten Auge, hielt diese sich zitternd an der Bank fest, von der sie eben aufgestanden war.

Alle Stufen die vom Hause hinabfuhrten mit Blitzesschnelle uberspringend, stand der Fremde im nachsten Momente dicht vor ihr. Ohne Laut, ohne sich zu regen, betrachteten beide einander, all' ihr Leben war in diesem Blick! "Angelika!" rief der Fremde, und, fest umschlungen, sanken beide, eins in den Arm des andern auf die Knie. Angelika schien ohnmachtig zu werden. Der Fremde hielt sie in seinen Armen, als wolle er nimmer und nimmer sie lassen.

"O tragt sie hinein!" rief Vicktorine mit gerungenen Handen in todlicher Angst. "Sie stirbt! sie stirbt! o tragt sie ins Haus."

Kleeborn trat jetzt hinzu und nahm die leichte Last in seine starken Arme. Der Fremde erhob sich mit ihr, aber er liess sie nicht los. Der sehr bewegte Alte trug sie mit der grossten Sorgfalt ins Haus und legte sie auf einen Sofa. Sie lag da wie ein schlafender Engel, keine Spur von Schmerz in den schonen Zugen. Ferdinand von Klarenau, er war der Fremde, kniete neben ihr, wechselnd im Ausdruck furchtbarer Angst und entzuckender Freude hielt er sprachlos den Blick auf sie geheftet.

"Sie regt sich, sie schlagt die Augen auf!" rief Vicktorine.

Der letzte Strahl der sinkenden Sonne umfloss in diesem Augenblicke Ferdinanden und verklarte ihn wunderbar. Angelika betrachtete ihn mit festem ernsten Blick. "Todesengel," flusterte sie, "schoner ernster Bote, kommst Du mich abzurufen in dieser geliebten Gestalt?"

"Angelika, Du lebst! ich lebe! wir haben uns wieder und konnen glucklich noch seyn," rief Ferdinand und druckte sie an seine ungestum wogende Brust.

"Ferdinand!" rief Angelika fast uberlaut. "Mein, mein Ferdinand, ja Du bist es, ja Du lebst. Sie richtete sich auf, sie legte das schone todtenbleiche Gesicht auf seine Schulter, sie umschlang seinen Nacken, fest, fest, mit beiden Armen. Du lebst Ferdinand, Du lebst! Die Wonne o nein sie todtet uns nicht nein, nein, niemand stirbt vor Freude nein man stirbt vor Freude nicht Ferdinand!" hauchte sie zuletzt fast unhorbar. Ihr Haupt sank tiefer, ihre Arme hielten ihn noch immer.

"Sie wird wieder ohnmachtig," rief Vicktorine, und legte mit Hulfe ihres Vaters sie in die Sofakissen zuruck. Vicktorine versuchte alle Mittel, die ihr zu Gebote standen, um Angelika ins Leben zu rufen; Kleeborn eilte hinaus, um den Wagen nach einem Arzte auszuschicken.

"Erwache, Angelika, erwache!" rief Ferdinand mit furchtbarem Tone in Todesangst.

Angelika erwachte nie wieder. Der ungluckliche Klarenau war, so wie er Deutschlands Granze erreichte, zu Angelikas Oheim, dem Baron Sternwald hingeeilt, bei dem er die Geliebte noch zu finden hoffte. Die schlecht verhehlte Verlegenheit, mit der er dort empfangen ward, schien ihm gleich auf nichts Gutes zu deuten; sie entsprang indessen doch nur aus dem beschamenden Gefuhle der Nachlassigkeit, mit der man sich seit langer Zeit um das Geschick einer so nahen Verwandten gar nicht weiter bekummert hatte. Es wahrte lange, ehe man unter einem Haufen alter Papiere die Adresse der Probstin von Falkenhayn auffinden konnte, bei der, wie man versicherte, Angelika sich in diesem Augenblick nur zum Besuche aufhielt. Klarenaus liebevolle Ungeduld liess ihm nicht Zeit, das unwurdige Benehmen von Angelikas Verwandten weiter zu ahnden, er eilte unaufhaltsam den Wohnort der jetzigen Beschutzerin seiner Geliebten aufzusuchen, doch leider fand er Anna nicht daheim, sie war gerade in dieser Zeit in der Residenz, um Raimunds Angelegenheiten zu fordern.

Der einzige Bediente, den Klarenau in ihrer Wohnung zu Gesicht bekam, wusste ihm den Ort nicht mit Bestimmtheit zu nennen, wohin sie gereist sey. Er meinte sie wurde wohl nach ** zu ihrem Schwager, dem reichen Herrn Kleeborn gegangen seyn, denn sein Kamerad, der lange mit ihr dort gewesen sey, habe ihm gesagt, dass sie versprochen habe, im Sommer zur Hochzeit einer ihrer Nichten wiederzukommen. Von Angelika wusste der Bediente gar nichts zu sagen, er war erst seit kurzen in Annas Dienst, und hatte jene weder gesehen noch von ihr gehort. Die Ungeduld, welche Klarenau immer vorwarts zu eilen trieb, ward heftiger; bose Ahnungen kamen hinzu, und so hielt er sich nicht damit auf, an einem Orte, mit dessen Einrichtungen er vollig unbekannt war, nahere Nachrichten einziehen zu wollen. Er schrieb sich Kleeborns Namen auf und reiste Tag und Nacht bis er ** erreichte.

Der fernere traurige Erfolg seiner Nachforschungen ist dem Leser bekannt. Nach Angelika hatte er Herrn Kleeborn gar nicht gefragt, denn die Moglichkeit, sie hier zu finden, fiel ihm nicht ein, und Kleeborn war schon zu gewohnt, sie als ein Mitglied seiner Familie zu betrachten, als dass es ihm hatte in den Sinn kommen konnen, ihrer besonders zu erwahnen.

In unentweihter Schonheit, lachelnd wie ein schlummerndes Kind, mit dem die Engel spielen, lag Angelika von Rosen umgeben, in ihrem Sarge. Tag und Nacht blieb Ferdinand ihr zur Seite, so lange die holde Gestalt noch die Erde schmuckte. Er folgte ihr in stummer Trauer, als sie endlich nach einem ihrer Lieblingsplatze, in einen abgelegenen Theil des Gartens, getragen ward. Unter jungem Rosengebusch und uralten Cypressen hatte ihr Kleeborn hier, auf Vicktorinens instandiges Bitten, die letzte Ruhestatte bereiten lassen. Ferdinand blieb die Nacht hindurch allein an ihrem Hugel. Am folgenden Tage bezog er ein kleines Haus, dicht neben demselben, das sonst wegen seiner herrlichen Aussicht zuweilen zu landlichen Festen gedient hatte, und das Kleeborn ihm willig einraumte. Dort wohnte Klarenau von nun an in ungestorter Einsamkeit, er fuhlte seine in den unerhorten Sturmen seines Lebens erschopften Krafte mit jedem Morgen tiefer sinken, und freute sich der ihm immer naher tretenden Hoffnung, bald neben der Geliebten auszuruhen. Sein Schmerz gewann dadurch jenen stillen ruhrenden Ausdruck, der, weit entfernt von Bitterkeit und Hadern mit Gott und der Welt, auf ein fromm ergebenes Gemuth deutet. Er floh die Gesellschaft, doch nicht die Menschen; oft sass er Stundenlang mit Vicktorinen an Angelikas Hugel und liess sich von dem schonen Zusammenleben der beiden Freundinnen erzahlen, oder er sprach zu Vicktorinen von Raimund und seiner Errettung durch diesen, und von dem sehnlichen Wunsche, ihn noch einmal im Leben zu sehen, dessen Gestalt nur wie ein dunkles Traumbild aus seinen Fieberphantasien ihm vorschwebte. Den wackern Horst und dessen frohliche Braut sah er ebenfalls gern und freute sich des frisch erbluhenden Lebens dieser Beiden; sogar der alte Kleeborn war ihm lieb geworden, denn dieser fuhlte das tiefste Mitleid fur den Armen und trat immer so leise an ihn heran, als befande er sich in einer Kirche.

So ward er allen ein lieber milder Gefahrte, und jeder ehrte seinen Schmerz, weil er auf so edle Weise ihn zu tragen wusste und niemanden durch denselben lastig fiel. Sie besuchten ihn gern an seinem stillen Hugel, zwischen dessen dunklen Cypressen sich unter seiner Leitung ein grosses einfaches Kreuz von weissem Marmor erhob. Nur Babet ging ihm aus dem Wege, aber sie liess es dennoch an schonen ruhrenden Redensarten nicht fehlen, wenn sie so glucklich war, durch Erzahlung seiner traurigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft sich zuwenden zu konnen.

Horst hatte den schweren Auftrag erhalten, der Tante den Verlust ihrer Angelika zu melden, denn Vicktorine vermochte es in den ersten Tagen nicht die Feder zu fuhren. Er suchte auf die schonendste Weise ihr die traurige Nachricht zu verkunden, aber Annas Herz blutete dennoch bei dieser Botschaft aus tausend Wunden.

Mein susses Kind! meine holde weisse Rose! ach warum musste ich fern von Dir seyn, als Du das schone Haupt zum ewigen Schlummer neigtest, schrieb Anna in ihrer Antwort an den Rittmeister. Jetzt erst verstehe ich, was mich immer so vorahnend ergriff, wenn ich den Namen Klarenau nennen horte. Immer musste ich denn aufzufinden suchen, wo ich fruher ihn gehort, was mir ihn merkwurdig gemacht haben konne, und doch kam ich nie daruber zum klaren Bewusstseyn. Ganze Nachte hindurch hat dieser Name mich verfolgt, jetzt weiss ich, dass Baron von Sternwald ihn mir einmal genannt hat, als er Angelikas hartes Geschick mir vertraute. Sie selbst nannte den Geliebten nie so, sie sprach immer nur von Ferdinand, und war von seinem Untergange so fest uberzeugt, dass auch in mir kein Zweifel daran aufkommen konnte. Hatte man mir in dieser Zeit, da ich wegen einer Angelegenheit, in die auch ich verwickelt bin, ihn oft nennen horte, nur ein einzigesmal als Ferdinand von Klarenau ihn bezeichnet, und dabei die lange Reihe seiner ubrigen Vornamen weggelassen, die mich irre machten, ich glaube, dass mein Gedachtniss wieder erwacht ware. Dann hatte ich die arme Angelika auf das Gluck vorbereiten konnen, das ihr so nahe bevorstand, und die uberraschende Freude hatte das weiche, nur an Leiden gewohnte Herz nicht gebrochen. Angelika lebte noch ach wahrscheinlich doch nur, um einige Wochen oder Monate spater die Welt mit bangem Widerstreben, im harten Kampfe zu verlassen, die Ferdinands Liebe ihr erst zum Paradiese umgewandelt hatte!

O meine Angelika! im hochsten Lichtpunkt Deines sonst immer truben Lebens, dem kein zweiter in solcher Herrlichkeit folgen kann, schlang Dein reiner Geist sich hinauf, Dein Herz brach in Wonne! Wer mochte nicht sterben wie Du?

Nach dem, was Sie, lieber Horst, von des armen Klarenau jetzigem Zustande mir schreiben, und dem, was ich sonst noch von seinem fruhern Geschicke erfuhr, darf er hoffen, nicht lange mehr uber den Hugel zu trauern, unter dem das Leben seines Lebens ruht. Seine Leiden wahrend der furchterlichen Gefangenschaft, in der er Jahre lang schmachtete, mussten seine Lebenskraft ohne Rettung untergraben.

Ach, ich weine um meine Angelika und dennoch fiel ihr auch in dieser Hinsicht ein gluckliches Loos.

Du weiche sanfte Seele, wie hattest Du es tragen wollen, den Geliebten zweimal zu uberleben. Der Winter kam heran, doch weder Bitten noch Vorstellungen vermochten es, den armen Klarenau zu bewegen, sich von seinem Cypressenhugel und der kleinen Wohnung in der Nahe desselben zu trennen; seine Freunde mussten sich entschliessen, ihn einsam zuruckzulassen, als sie ihr Haus in der Stadt wieder bezogen.

Agathens Hochzeit war durch den Tod der von allen betrauerten Angelika verschoben worden, selbst Horst hatte sich mit guter Art darin ergeben, denn die ihm eigne Gutmuthigkeit erlaubte ihm nicht, in der Nahe eines so Unglucklichen, wie Klarenau, ein frohliches Fest zu begehen. Jetzt aber wurde, zu Anfange des Winters, der feierliche Tag von Herrn Kleeborn unwiderruflich bestimmt, so viel auch Agathe dagegen einwenden mochte, die durchaus erst die Ankunft der Tante abwarten wollte.

Selbst am Hochzeitsmorgen war indessen Agathe noch fest uberzeugt, dass Anna sich zur rechten Zeit einstellen werde; "denn," sagte sie, "sie hat es einmal versprochen und den Tag weiss sie auch. Glaubt mir nur, sie kommt gewiss und daher konnt ihr es mit dem Anziehen noch immer anstehen lassen, ihr versteht es doch alle nicht wie sie, und wenn die Tante mich heute nicht anziehen soll, so braucht meinetwegen gar nichts daraus zu werden, heute."

Jedoch die Zeit verging, die Stunde der Trauung ruckte immer naher, das um Agathen versammelte Heer der Jugendfreundinnen, das nicht minder zahlreiche der Kammerjungfern wurde immer dringender in seinen Ermahnungen. Schon griff Babet mit sauersusser Miene zu den Myrthen, um den Kranz daraus zu flechten und Agathe wurde recht angstlich und betrubt, weil niemand mehr auf sie horen wollte. Da erscholl mit einemmal ein lautes Freudengeschrei von allen Lippen, alles schwirrte im frohlichsten Aufruhr durcheinander, denn die Tante stand plotzlich mitten unter ihnen. Sprachlos fur Freude und Schmerz lag Vicktorine in ihren Armen, Agathe lachte und weinte in einem Athem und erdruckte die geliebte Frau beinahe mit ihren Liebkosungen.

Anna war mild und freundlich wie immer, sie begrusste alle mit gewohnter Anmuth, doch ihr sonst helles Auge war von Wehmuth getrubt, sie wollte Angelika nicht erwahnen, um die junge Braut nicht zur Traurigkeit zu stimmen, aber es wurde ihr sehr schwer zu verbergen, wie schmerzlich sie in diesem frohen jugendlichen Kreise ihren stillen Liebling vermisse.

"Wer hatte nun Recht?" jubelte Agathe, als die Tante wirklich anfing, das ihr ubertragene Amt zu verwalten; "aber da wollte niemand mir Glauben schenken, nicht einmal Vicktorine. Niemand hier kennt Sie so gut als ich, liebe Tante, denn Sie sehen es selbst, niemand baut so fest auf Sie als Ihre Agathe. Konnte ich Ihnen nur sagen wie lieb ich Sie habe, aber wo die Zeit dazu hernehmen? Erst anziehen, dann getraut werden, dann Ball bis zum hellen lichten Morgen. Ich mache mir heute nicht viel aus dem Tanzen, aber der Onkel und Mamsell Virnot lassen sich das nun einmal nicht nehmen. Und hernach entfuhrt mich der Schwarze auf der Stelle nach B**. Wie werde ich das alles nur uberstehen? Getraut werden ist doch gar zu erschrecklich," schluchzte sie zuletzt, und die hellen Thranen rollten ihr dabei aus den unschuldigen Kinderaugen.

Anna sprach ihr Muth ein und band ihr dabei ihr Hochzeitsgeschenk, eine Schnur der schonsten Perlen, um den runden weissen Hals. Agathe war gleich wieder das frohliche Kind, welches seiner Freude kein Ende wusste, weil die Tante ihr etwas mitgebracht hatte. "Die Perlen sind kostlich, aber meinetwegen konnten es romische Glasperlen seyn, sie waren mir nicht minder lieb," rief sie einmal uber das andere.

"Und ich Arme? was bringen Sie mir?" flusterte leise schmeichelnd Vicktorine.

"Hoffnung und auch sonst noch Manches," antwortete Anna ziemlich ernsthaft. "Du hast aber an mir und meiner Liebe gezweifelt, Vicktorine, darfst Du es laugnen?" Vicktorine kusste errothend mit zitternder Lippe ihre Hand. "Darum musst Du warten bis morgen, heut ist Agathe die Konigin des Tages," setzte Anna freundlicher hinzu.

Das Fest verging, wie solche Feste es pflegen, unter Weinen und Lachen. Der Ball, von dem Kleeborn sich wirklich nicht hatte abbringen lassen wollen, wahrte, bis mit grauendem Morgen der Wagen vorfuhr, der das junge Paar nach Horsts jetzigem Wohnorte bringen sollte. Anna, nebst einem grossen Theil der ubrigen Gesellschaft begleitete die in Thranen schwimmende Agathe und den hocherfreuten Brautigam bis an denselben.

"Ich bin recht froh daruber," sprach Anna zu Kleeborn, nachdem der Wagen fort war, "dass die jungen Leute den vernunftigen Entschluss gefasst haben, sogleich in ihre Hauslichkeit einzuziehen, statt nach der neuesten Mode, sobald sie getraut waren, auf Reisen zu gehen. Die Freude am Wirthshausleben und die Sucht dem Gluck auf der Poststrasse nachjagen zu wollen, gewinnt jetzt unter allen Standen nur zu sehr die Ueberhand; wenn das so fortgeht, so glaube ich, dass nach funfzig Jahren niemand mehr einer eigenen Wohnung bedurfen wird, alles wird immer von Ort zu Ort ziehen, wie die wandernden Tartaren."

"Ach, es geht doch nichts uber das Reisen," rief ein junges Madchen, welches diese Bemerkung mit anhorte und die Thurme seiner Vaterstadt noch nie aus dem Gesichte verloren hatte.

"Nichts als die Freude sich wieder zu Hause zu finden," erwiederte Anna, "aber um dieses zu fuhlen muss man freilich erst gereist seyn." Kleeborn benutzte die erste ruhige Stunde des folgenden Tages zu einer ernsten vertrauten Unterredung mit der Tante, deren unerwartete Ankunft auch ihm sehr willkommen war.

"Ich habe Sie immer als eine ungemein kluge verstandige Dame verehrt," hob er an, "jetzt aber muss ich mehr wie jemals Ihre tiefe Einsicht bewundern. Was ware jetzt aus Vicktorinen geworden, wenn nicht nach Ihrem Rath die Verlobung meiner Tochter mit dem nichtswurdigen Sir Charles sich so verzogert hatte! Ich habe von unserem Muller die traurigsten Nachrichten aus Amsterdam erhalten; mein alter wurdiger Freund Wissmann ist nicht mehr, er ist vor Kummer gestorben." Dem Alten gingen bei diesen Worten die Augen uber, er nahm sich aber zusammen, um der Tante den Inhalt von Mullers Berichten mitzutheilen.

"Von jeher hatte Sir Charles seinen kaufmannischen Geschaften mit der grossten Nachlassigkeit vorgestanden und sie fremden Handen meistens ubertragen. Da aber sein Etablissement in London als ein Nebenzweig des sehr geachteten Hauses seines Vaters in Amsterdam galt, so war das eine Zeit lang so hingegangen, ohne ihm in der offentlichen Meynung sonderlich zu schaden. Wahrend der letzten Jahre, die er auf dem festen Lande zubrachte, hatte indessen sein Hang zur Verschwendung eine an Wahnsinn granzende Hohe erreicht, er trieb mehr als furstlichen Aufwand, und forderte zu diesem immer betrachtlichere Summen. Niemand konnte besser berechnen wohin dieses am Ende fuhren musse, als sein erster Handlungsdiener, und dieser, um die gehoffte Erndte nicht zu verlieren, benutzte den ersten gunstigen Augenblick, und machte mit allem Gelde, dessen er habhaft werden konnte, bei Zeiten sich aus dem Staube, indem er zugleich alles ubrige dem Zufall uberliess. Die nachste Folge davon war, dass Sir Charles Zahlungen plotzlich eingestellt werden mussten und sein Vater, der diese Nachricht ganz unvorbereitet erhielt, sank daruber, von einem Schlagfluss getroffen, auf das Sterbebette hin."

"Muller fand ihn schon sprachlos und ohne Bewusstseyn, das er auch bis an seinen Tod nicht wieder erhielt."

"Es war dem unglucklichen Alten zwar nicht verborgen geblieben, dass sein Sohn ziemlich wild in die Welt hineinlebe und viel Geld brauche, aber er hatte keine Ahnung davon gehabt, dass dieses so weit gehen konne, um dessen volligen Untergang und vielleicht auch den seines Vaters herbeizufuhren. Sein plotzlicher Tod, die enge Verbindung, in der er mit dem Hause seines Sohnes stand, fuhrte in seinen eigenen Angelegenheiten eine Verwirrung herbei, deren vernichtende Folgen nur durch schleuniges Hinzutreten seiner Freunde abgewendet werden konnten, namentlich des alten Muller, der sich hier sogleich fur Herrn Kleeborn thatig bewies. Sir Charles liess wahrend der Zeit nichts von sich sehen und horen, er schien von der Erde wie weggehaucht, aber es ging ein Gerucht, dass er wahrend des Sommers in Spaa und Aachen, unter einem andern Namen, als Spieler von Handwerk aufgetreten sey."

"Ach, liebes Fraulein Schwester," setzte Kleeborn dieser Erzahlung hinzu, "ich bleibe zwar bei alle dem wohlbehalten, aber ich werde doch, von schweren Sorgen gedruckt, in mein Grab gehen. Auf meinem wohlerworbenen Gute muss nach dem Glauben unsrer Vorfahren der Seegen ruhen, denn kein unrecht gewonnener Thaler ist dabei, aber wem soll man heut zu Tage noch vertrauen? Wem werde ich mein Kind und die Frucht meiner vieljahrigen Arbeit einst hinterlassen? Wer soll den Namen ehrenvoll fortfuhren, den ich mit Gottes Hulfe und redlichem Fleisse mir in der Handelswelt erworben habe, und auf den ich eben so viel halte, als ein Edelmann mit sechzehn Ahnen nur auf den seinen halten kann?"

Die Tante wollte ihm einigen Trost geben, aber er war nicht in der Stimmung, darauf zu horen.

"Seit ich alles dieses erlebte," fuhr er fort, "habe ich schon zuweilen daran gedacht, noch bei meinen Lebzeiten alles aufzugeben, mir Guter zu kaufen und auf dem Lande meine Tage zu beschliessen. Aber ich weiss, dass die Ruhe mich todten wurde. Mein Leben ist Arbeit und Arbeit ist mein Leben, Arbeit die ich verstehe und liebe. Und soll ich denn selbst einreissen was ich selbst erbaute? soll ich mein eigner Leichenstein werden? Es ist unmoglich, ich kann es nicht. Ware Vicktorine ein Sohn, ich hatte ihn anders erzogen, als der gute aber schwache Wissmann seinen Taugenichts, und mir ware geholfen; doch auch so ist und bleibt sie meine einzige Hoffnung auf Erden."

"Sie wird diese Hoffnung erfullen, zweifeln Sie nicht daran," erwiederte Anna. "Nur darf der Mensch dem Glucke die Gestalt nie vorschreiben wollen, in der es ihm erscheinen soll, sonst ruft er leicht sein Ungluck herbei. Indessen habe auch ich etwas wichtiges Ihnen mitzutheilen, wozu ich mir Gehor von Ihnen erbitte. Doch zurnen Sie nicht, dass ich gleich anfangs einen Ihnen verhassten Namen nennen muss, der junge Holm "

"Weder er, noch sein Name sind mir verhasst," fiel Kleeborn ein. "Der junge Holm hat sich in der kurzen Zeit zu einem ausserordentlich geschickten und ehrenwerthen Kaufmann ausgebildet. Er ist vor einigen Tagen in Amsterdam eingetroffen, schreibt Muller mir, er tritt dort recht verstandig fur die Herren Fischer ein, die mit dem Wissmannschen Hause fast eben so tief verwickelt sind als ich selbst, und seiner Leitung verdanken wir es grosstentheils, dass der Name meines alten Freundes nicht noch im Grabe mit Schande bedeckt wird. Wie es aber zugehet, dass er eher als sein Schiff nach Europa zuruckgekehrt ist, weiss ich nicht."

Anna gerieth bei der Nachricht, dass Raimund schon in Amsterdam ware, in nicht geringes Erstaunen, doch sie barg dieses so gut sie konnte, und herzlich froh uber die gute Meynung welche Kleeborn eben geaussert hatte, war sie im Begriffe das angefangene Gesprach fortzusetzen.

"Verzeihen Sie, Fraulein Schwester, dass ich Ihnen abermals in die Rede falle," unterbrach Kleeborn sie von neuem. "Aber ich glaube zu sehen wo Sie hinaus wollen, und da muss ich Ihnen zuvorkommen. Der junge Holm kann nie mein Schwiegersohn werden, das musste ich Ihnen sagen, ehe Sie weiter gehen. Ich gestehe es ein, dass er ein junger Mann ist, dessen ausserordentliche Geschicklichkeit in seinem Fache den Mangel an hinreichendem Vermogen allenfalls aufwiegen konnte, aber er ist der Associe der Herren Fischer, sobald er zu Hause wieder anlangt. Mein Schwiegersohn muss meine Geschafte und meinen Namen nach meinem Tode fortfuhren. Mit Wissmann war es so, der ware mit der Zeit hier an meine Stelle getreten, fur dessen Londonner Etablissement war schon ein Andrer bestimmt, ich und das Haus in Amsterdam ach es war ein schoner grosser Plan, ich darf gar nicht daran denken. Nun es ist vorbei! Dass ich aber einer kindischen Liebesgeschichte zu Gefallen so unrechtlich handeln sollte, den Herren Fischer ihren besten Arbeiter abspenstig zu machen, der sich obendrein in ihrem Hause gebildet hat, das werden Sie doch gewiss dem alten Kleeborn nicht zumuthen wollen, der Ihnen wohl zuweilen wie ein wunderlicher Kautz vorkommen mag, der aber doch dabei immer auf Ehre halt, trotz dem ersten Edelmann."

"Horen Sie mich aber endlich einmal an, lieber Kleeborn, was ich Ihnen zu sagen habe ist ganz andrer Art als Sie wohl vermuthen," sprach Anna, indem sie ein grosses Packet Papiere vor sich auf den Tisch hinlegte. Kleeborns gewohnte Ehrfurcht vor allem, was einem Geschafte ahnlich sah, bewog ihn, bei diesem Anblicke ihr alle Aufmerksamkeit zu schenken, die sie nur verlangen konnte; er unterbrach sie nicht ein einzigesmal, wahrend sie Alberts und dessen Sohnes Geschichte ihm theils erzahlte, theils durch Vorlesung einzelner Stellen aus den vor ihr liegenden Papieren ihm deutlicher machte. Zuletzt legte sie ihm noch eine Abschrift der Anerkennungs-Urkunde des Lehnhofes vor, durch welche Raimund Holm als der letzte Zweig der von Leuen in den Besitz des Erbtheils seiner Vater eingesetzt ward, und einen Anschlag seiner jetzt ganz schuldenfreien Guter.

"Sie sehen wohl ein," sprach Anna lachelnd, wahrend Kleeborn die ihm vorgelegten Documente sehr aufmerksam durchging, "Sie sehen wohl ein, dass jetzt von des jungen von Leuen Verbindlichkeiten gegen Herrn Fischer nicht mehr die Rede seyn kann, und auch, dass bei dessen noch immer bestehender treuen Liebe zu Ihrer Tochter kein niedriger Eigennutz im Spiele ist; um so weniger, da das von seinem Vater ererbte Vermogen des jungen Mannes bedeutender ist, als Sie wohl glauben, und ich mich auch jetzt in meinem Gewissen fur verpflichtet halte, ihn zum Erben des grossten Theils meiner Habe einzusetzen. Sie wissen, ich bin wohlhabend, aber ich verdanke dies einem Vermachtnisse des altern Herrn von Leuen, der damals nicht wusste, dass sein Bruder, der Vater dieses Raimunds, noch am Leben sey, welcher sonst dessen naturlicher Erbe gewesen ware."

"Ich sehe, Fraulein Schwester," erwiederte Kleeborn recht freundlich, "dass Sie mir hier eine Parthie fur meine Tochter anbieten, die alles weit ubertrifft, was ich jemals fur das Madchen erwarten konnte. Und dennoch bin ich gezwungen, sie zuruckzuweisen."

Anna erschrack gewaltig uber diese deutlich ausgesprochene Erklarung, doch Kleeborn fuhr ganz gelassen fort zu reden. "Von allem dem Merkwurdigen, was ich heute von Ihnen vernommen habe, hat nichts einen tiefern Eindruck auf mich gemacht, als der Brief jenes Herrn Bernhard von Leuen, der ein sehr respektabler Mann gewesen seyn muss. Was er von den Verpflichtungen schreibt, die von solchen grossen Besitzungen unzertrennlich sind, hat meinen vollkommensten Beifall. Was indessen damals dem Vater galt, muss jetzt dem Sohne gelten, er kann nicht mehr daran denken, Kaufmann bleiben zu wollen. Wenn er rechtlich handeln will, darf er um Vicktorinens willen den ihn angebornen Pflichten nicht entsagen. Zwischen dem Gutsbesitzer und dem Kaufmann darf er sich nicht theilen wollen, denn dieser besonders erfordert einen ganzen Mann, namentlich in unsern Tagen, wo alles auf die Spitze gestellt wird."

"Aber, lieber Herr Bruder, so bedenken Sie doch das Gluck Ihres einzigen Kindes!" rief Anna.

"Glauben Sie nicht," fuhr Kleeborn fort, der einmal ins Reden gekommen war, "glauben Sie nicht, dass ich aus blinder Anhanglichkeit an meinen gewiss nicht ungegrundeten Widerwillen gegen Verbindungen Adliger mit Burgerlichen hier so entscheidend spreche. Keine Regel ohne Ausnahme, pflege ich immer zu sagen, und ware Vicktorine nicht meine einzige Erbin, nun so aber wie die Sache steht ist es unmoglich. Was der alte Herr von Leuen in seinem Briefe uber die Erhaltung seines alten edlen Namens schreibt, ist mir ebenfalls wie aus der Seele gesprochen. Zwar habe ich keine Gallerie von Ahnenbildern aufzuweisen, ich weiss kaum, wer der Vater meines Grossvaters war, aber was nicht ist, kann werden; warum sollte nach hundert oder zweihundert Jahren eine rechtliche burgerliche Familie nicht auch mit Stolz auf ihre Vorfahren zuruck sehen konnen? Wir haben schon der Beispiele. Ich will der Stammvater meines Hauses seyn, so gut als der erste von Leuen es der des seinigen war, den Ihr verstorbener Freund mit Recht uber alle seine Nachfolger erhebt, und der vielleicht von seinem Eltervater weniger wusste als ich von dem meinen. Mein Name, meine Firma durfen nicht untergehen. Vicktorine muss sich darin ergeben."

"Einem Namen, einem blossen Schalle soll die Arme geopfert werden!" rief Anna, hingerissen von ihrem Gefuhl, auch wohl ein wenig vom Zorne gegen sich selbst, weil sie, ohne es zu denken, dem alten Kleeborn die Waffen in die Hande gegeben hatte, die er jetzt ganz unerwartet gegen sie wandte.

"Handelten denn nicht in tausend ahnlichen Fallen Ihre Standesgenossen eben so?" erwiederte Kleeborn ebenfalls etwas gereizt. "Vicktorine aber wird nicht geopfert, Fraulein Schwester. Ich denke Kleeborns Tochter soll auch ferner noch unter Vielen die Wahl haben, wie sie bis jetzt sie gehabt hat, und ich will nichts weiter, als diese Wahl verstandig zu leiten suchen, wie es dem Vater von Rechtswegen zukommt."

Anna fuhlte, dass heftiger Widerspruch den Alten leicht dahin bringen konnte ein Wort auszusprechen, welches er, wie sie ihn kannte, hernach nimmermehr zuruckgenommen hatte. Sie unterdruckte daher den eignen Unmuth, den seine letzten Reden in ihr erweckten.

"Ich raume Ihnen ein," sprach sie, "dass sich fur Ihre Ansicht vieles sagen lasst, ich bin auch weit davon entfernt, das Gefuhl zu tadeln das Sie zu diesen bestimmte. Aber ich bin auch Ihnen und den Ihrigen zu nahe verwandt und zu herzlich zugethan, als dass ich Sie nicht ebenfalls darauf aufmerksam machen sollte, wie leicht und auf welche traurige Weise Sie dennoch das Ziel verfehlen konnen, dass Sie sich gesetzt haben. Vicktorinens Liebe gehort nicht zu jenen phantastischen Einbildungen, mit denen junge Madchen ihres Alters sich zuweilen selbst zu tauschen pflegen. Sie sehen sie alle Tage, darum fallt Ihnen die Veranderung in ihrem Aeussern nicht auf, ich aber bin bei meiner Ankunft daruber erschrocken; sie ist ja nur noch der Schatten von dem, was sie war. Denken Sie an die arme Angelika."

"Sagte ich es doch immer!" rief Kleeborn sichtbar beunruhigt. "Sie hat sich noch bei weitem nicht von ihrer letzten schweren Krankheit erholt. Sie sollte diesen Sommer nach Pyrmont, aber sie wollte nicht, das eigensinnige Ding. Jetzt soll aber doch auch gleich der Arzt gerufen werden!"

"Liessen Sie ihn nicht auch zur armen Angelika rufen?" sprach Anna, "musste er nicht auf Ihren Antrieb Monate lang alle seine Kunst anwenden um sie am Leben zu erhalten? und was hat es geholfen? Zeitlebens werde ich die vaterliche Sorge und Freundlichkeit dankbar erkennen, die Sie dem lieben Kinde erwiesen haben? aber Sie haben dennoch ihr langsames Erloschen mit ansehen mussen. Angelika starb unter ihren Augen am gebrochenen Herzen, ich furchte: Vicktorine ist auf gutem Wege ihr zu folgen, wenn Sie nicht bei Zeiten der Arzt werden, der ihr allein helfen kann."

"Es ist entsetzlich!" rief Kleeborn. "Sonst war doch die verdammte Krankheit mit dem gebrochnen Herzen nur in England zu Hause. Unsre Madchen sind gar nicht wie ihre Mutter, die weinten ihr Gesetzchen, wenn es nicht nach ihren Willen ging und lebten darum doch flott weg."

Anna seufzte recht aus tiefem Herzensgrunde, der Seufzer galt dem Andenken ihrer Schwester.

"Ich muss Ihnen nur gestehen," sprach Kleeborn immer unruhiger werdend, "dass seit dem Tode der guten Angelika mir schon zuweilen ein ahnlicher Gedanke durch den Kopf geflogen ist, wenn ich meine Vicktorine so blass und so betrubt sah. Es hat mir schon manchen Kummer gemacht, versichre ich Sie. Ich will ihr ja aber Zeit lassen, ich will in nichts sie ubereilen. Sie ist ja kaum in den Zwanzigen und war immer kerngesund. Nicht wahr? Sie denken auch, dass sie sich wieder erholen wird?"

Anna regte sich nicht und antwortete keine Silbe. Kleeborn fing an, mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, wie er immer that, wenn er uber irgend etwas mit sich selbst nicht einig werden konnte. Dann stand er vor der Tante still. "Fraulein Schwester," hob er an, "es gabe vielleicht einen Ausweg. Sie sind eine Dame, der ein Mann wohl etwas vertrauen darf. Ich habe Ihnen etwas zu bekennen, das vielleicht Sie sind ich bin ja wie gesagt, es ware moglich, dass ein Ausweg sich fande, wenn Sie, wenn Vicktorine, wollte ich sagen oder vielmehr wenn der junge Holm Ach Gott, es geht doch nicht. Ihnen gerade kann ich es gar nicht sagen, denn ich will es mir noch besser uberlegen, und Sie sollen davon horen, nur jetzt nicht." Hiermit verliess Kleeborn das Zimmer, und Anna blieb in der qualendsten Ungewissheit zuruck. Ein eben ankommender Brief aus Amsterdam erklarte ihr das Rathsel von Raimunds unerwarteter fruher Ruckkehr nach Europa. Horst hatte diese veranlasst; jener Zeitungsartikel, den er zu Anfange des Sommers in Kleeborns Gartenhause las, hatte einen weit tiefern Eindruck auf ihn gemacht, als er sich damals merken lassen mochte. Er fuhlte sich bewogen seinen und Raimunds Freund, den jungern Herrn Fischer, aufzusuchen, um mit diesen sich daruber zu besprechen. Zufalligerweise hatte Anna von Falkenhayn so eben ein starkes Packet zur weitern Beforderung an Raimund eingesandt, und zugleich die Herren Fischer in einem besondern Schreiben gebeten, diesen sobald als moglich nach Europa zuruckzurufen, weil eine wichtige Familienangelegenheit seine baldige Gegenwart erforderlich mache. Dieser Brief, der Zeitungsartikel, die Bewegung, in die Vicktorine uber diesen gerathen war, wusste Horsts naturlicher Scharfsinn so gut mit einander zu kombiniren, dass er dadurch der Wahrheit ziemlich nahe auf die Spur gerieth. Er beschloss, von seinen Vermuthungen gegen Vicktorine nichts zu aussern, aber seine Bitten und Vorstellungen bewogen Herrn Fischer, an Raimund zu schreiben, dass er, wenn er dieses zu seinem eignen Besten fur nothig hielt, die erste Gelegenheit zu seiner Ruckkehr benutzen und die ganzliche Beendigung seines dortigen, von ihm sehr glucklich eingeleiteten Geschaftes einem zuverlassigen Manne ubertragen moge, den man zum Gehulfen ihm mitgegeben hatte.

Ein nach Amsterdam bestimmtes Schiff lag eben in jenem Hafen seegelfertig. Raimund schiffte auf diesem sich augenblicklich ein, und kam nach einer sehr kurzen glucklichen Reise gerade zur rechten Zeit in Amsterdam an, um bei Berichtigung der Wissmannschen Angelegenheiten sich durch wohlangewandte Thatigkeit seinen wohlwollenden Freunden dankbar zu beweisen.

Gluhende, kein Wanken kennende Liebe zu Vicktorinen, innige, wahrhaft kindliche Neigung und Dankbarkeit gegen Anna, sprachen laut aus jeder Zeile in Raimunds Brief, doch die Wendung, die das Geschick wahrend seiner Abwesenheit mit ihm genommen hatte, schien ihn mehr in Erstaunen zu versetzen, als ihn zu beglucken. In dem, was er bei dieser Gelegenheit aus seiner Eltern fruherem Leben erfahren musste, so schonend Anna es ihm auch beigebracht hatte, lag dennoch unendlich viel Schmerzliches und Erschutterndes; die Ungewissheit, welchen Einfluss diese Veranderung seiner Lage auf das kunftige Gelingen seiner sehnlichsten Wunsche haben konne, kam dazu und so war es ihm unmoglich, der Freude sogleich in seinem Herzen Raum zu gewahren.

Auch Vicktorine wurde mehr traurig als erfreut, da Anna ihren unablassigen Bitten und Forschen endlich nachgab, und ihr alles, sogar Raimunds unerwartete Wiederkehr entdeckte. Ihn allen Gefahren einer weiten Seereise glucklich entronnen zu wissen, war ihr freilich ein sehr grosser Trost, aber so ungeduldig sie fruher die Entscheidung ihres Geschicks herbeigewunscht hatte, so angstlich bebte sie jetzt ihr entgegen, da sie glauben musste ihn ganz nahe gegenuber zu stehen. Hoffnung war alles, was die Tante ihr zum Troste geben konnte, aber wir sind nie weniger geneigt, diese zu fassen, als in dem wichtigen Augenblick, wo alles auf dem Spiele steht. Anna selbst war von dem Schmerz uber den Verlust ihrer Angelika zu ergriffen, als dass sie fahig gewesen ware, Vicktorine kraftig wie sonst aufrecht zu erhalten. Ihre einzige, wenn gleich heimliche Freude war an diesem Tage, dass Vicktorine sehr bleich und mit truben Augen bei Tische erschien, und dass Kleeborn daruber Essen und Trinken vergass, mit kaum zu verhehlender Aengstlichkeit sie betrachtete, und dann ganz gegen seine gewohnte Art stumm und in sich gekehrt da sass. Zu der Tante nicht geringem Erstaunen liess Doctor Erning sich am fruhen Morgen des nachsten Tages bei ihr melden; sie war seiner Besuche nicht gewohnt, denn sie hatte sich stets davor gehuthet, mit ihm in nahere Verbindung zu gerathen, daher war sie auch jetzt willens ihn abweisen zu lassen; doch das ist kein Leichtes bei einem Manne seiner Art. Er sah sie durch die Spalte der halb geoffneten Thure in ihrem Armstuhle vollig angekleidet sitzen, und dieses war ihm genug, um sogleich in ihr Zimmer zu dringen, ohne ihre Erlaubniss dazu vorher abzuwarten.

"Ich komme als geheimer Geschaftstrager," rief er gleich beim Eintreten dem sehr ernsten Empfange entgegen, der aus ihren Augen ihm zu drohen schien, "eine Dame wie Sie, hochwurdige Frau, weiss gewiss, dass diese uberall das Vorrecht haben, sich ungestraft etwas uberlastig zu bezeigen."

"So mochte ich mir aber doch vorher Ihr Creditiv ausbitten, ehe wir zur Conferenz schreiten," erwiederte Anna mit sehr gemess'nem Ton.

"Das liegt schon in der Natur der Sache," antwortete Erning, ohne sich dadurch irren zu lassen. "Kleeborn schickt mich in der bewussten Heirathsangelegenheit an Sie ab, hochwurdige Frau. Sie wundern sich daruber? Ja, das ist nun einmal hier zu Lande nicht anders, ohne Erning kann nichts in Ordnung gebracht werden, er muss jung und alt aus der Klemme helfen. Die ehrliche Haut thut es auch gern."

"Ich kann aber doch nicht umhin zu glauben, dass ich mit Herrn Kleeborn so stehe, dass er Ihnen heute diese Muhe hatte fuglich ersparen konnen," erwiederte Anna etwas vornehm.

Erning fand fur gut, dieses nicht zu bemerken. "Ja, sehen Sie," sprach er, "das hat so sein ganz eignes Bewandniss; Kleeborn hat ein ziemlich wunderliches Bekenntniss Ihnen abzulegen und furchtet sich, wenn er dieses in Person wagen wollte, auf seine alten Tage ein wenig albern vor Ihnen dazustehen. Wie das eigentlich zusammen hangt, sollen Sie gleich erfahren, wenn Sie mir erlauben wollen mich zu setzen."

Erning setzte sich, und doch damit er dem Leser nicht eben so lastig falle, als er es der Tante war, mochte es rathsam seyn das, was er bei ihr anzubringen hatte, mit Weglassung seiner eignen Art und Worte in der Kurze zusammen, zu fassen.

Der Hauptpunct davon war die Entdeckung, dass ein ausser der Ehe geborner Sohn des alten Kleeborns am Leben sey, um dessen Daseyn nur wenige Vertraute wussten; dass zu diesen auch Erning gehorte war naturlich, denn diesem blieb so leicht nichts verborgen, was in dem weiten Kreise seiner Bekanntschaften vorgehen mochte. Der junge Vanderbrugge, so hatte Kleeborn seinen Sohn nach dessen Mutter genannt, war um mehrere Jahre alter als Vicktorine, und stets in Holland, wo er geboren, geblieben; seine Mutter, eine Hollanderin, starb bald nach seiner Geburt. Dieser Umstand hatte seinem Vater es sehr leicht gemacht, das Daseyn dieses Kindes verborgen zu halten, aber der fruhe Tod des gutmuthigen, wenn gleich schwachen Geschopfs, welches ihm das Leben gegeben hatte, machte diesem dennoch viele Jahre hindurch manche trube Stunde. Und als spaterhin alle ihm in rechtmassiger Ehe gebornen Sohne nach und nach meistens noch in der Wiege hinwegstarben, und endlich nur die einzige Tochter Vicktorine, die Jungstgeborne, am Leben blieb, so war Kleeborn oft geneigt, dieses Ungluck als ein Verhangniss der strafenden Gerechtigkeit des Himmels anzusehen, der so auf die empfindlichste Weise den Tod jenes armen Madchens an ihm rachen wollte.

Um gut zu machen, was noch gut zu machen moglich sey, nahm Kleeborn sich vor, fur das Kind, das er offentlich nicht anerkennen durfte, wenigstens vaterliche Sorge zu tragen. Der alte Wissmann, sein erprobter vieljahriger Freund, war auch in dieser Angelegenheit sein Vertrauter gewesen, er hatte uber die erste Erziehung des Kleinen die Aufsicht gefuhrt und nahm ihn, da er heranwuchs auf Kleeborns Antrieb in sein Comtoir auf, wo er sich alle Muhe gab, einen tuchtigen und geschickten Kaufmann aus ihm zu bilden. Der beste Erfolg lohnte ihm dafur, er sowohl, als Kleeborn, hatten ihre Freude an den Knaben und als er vollig erwachsen war, beschlossen beide ihn mit der Zeit in London an Sir Charles Stelle zu setzen, um auf diese Weise ihm eine recht gunstige Aussicht fur seine Zukunft zu sichern.

Das ganzliche Fehlschlagen jenes Planes trug viel zu Kleeborns Verdruss uber die Auflosung der zwischen Vicktorinen und Sir Charles beabsichtigten Verbindung bei, und der bald nach diesem eintretende Tod des alten Wissmann, nebst allen daraus entspringenden ubeln Folgen, vermehrten auch in dieser Hinsicht seinen Kummer und seine Sorge.

Muller unterliess es nie, in jedem Briefe die lobenswerthen Eigenschaften des jungen Vanderbrugge auf das ruhmlichste zu erwahnen, und Kleeborn wurde dadurch zugleich erfreut und gekrankt. Sein vaterliches Gefuhl zog ihn zu dem Sohne hin, der in rechtmassiger Ehe erzeugt, sein Trost und seine Freude geworden ware, und es schmerzte ihn tief in der Seele, dass er ihn jetzt dennoch verleugnen musse. So entstand ein ewiger, nie sich losender Zwiespalt in seinem Gemuth und fuhrte endlich auch jene Veranderung in seinem Aeussern herbei, uber die Vicktorine sich fruher so betrubt und geangstiget hatte.

Bei dieser Verworrenheit in seinem Innern war es in der That ein Gluck fur den alten Kleeborn, dass Anna die Besorgniss, Vicktorinen, gleich der armen Angelika, hinsterben zu sehen, in ihm zu erregen gewusst hatte, denn nur diese brachte ihn dahin, endlich einen bestimmten Entschluss fassen zu konnen.

Der Gedanke an die Moglichkeit, seinen Sohn legitimiren zu lassen, den er bis dahin immer von sich gewiesen hatte, so oft er auch in ihm aufstieg, fing an, mehr Wahrscheinlichkeit fur ihn zu gewinnen. Der Anschlag von Raimunds Gutern, den er mit grosser Aufmerksamkeit durchgegangen hatte, uberzeugte ihn, dass es an der Seite eines solchen Gatten Vicktorinen, selbst wenn ihr Vater sie vollig enterbte, dennoch an nichts von alle dem fehlen konne, was seiner Ansicht nach unumganglich zu einem glucklichen Leben gehorte, an Reichthum, Ansehen und Glanz. Um ganz sicher zu gehen liess er den Doctor Erning rufen, um mit diesem seinen vieljahrigen Vertrauten, nochmals alles reiflich zu uberlegen, und so kam er endlich zu dem Entschlusse, der Tante Vorschlage thun zu lassen, welche sie so freudig uberraschten, dass sie anfangs sehr geneigt war, sie fur eine sinnreiche Erfindung des Doctors Erning zu halten. Kleeborn erbot sich, Vicktorinen seine Zustimmung zu ihrer Verbindung mit Raimund nicht langer zu versagen, wenn sie dagegen mit guter Art darein willigen wolle, den jungen Vanderbrugge als ihren Bruder zu betrachten, den er Willens war, in aller Form zu adoptiren, und ihm nicht nur seinen Namen, sondern auch nach seinem Tode die Handlung und die Halfte seines Vermogens zu hinterlassen. Nachstdem sollte Vicktorine sich auch anheischig machen, ihr vaterliches Erbtheil der Handlung nie zu entziehen, und sich mit den Zinsen zu begnugen. Um sie aber dafur zu entschadigen, wunschte er, dass Anna sich bereit finden lasse, sie an Raimunds Stelle zur Erbin einzusetzen, dessen gegrundete Anspruche Kleeborn zwar nicht ableugnete, aber dennoch glaubte, dass dieser zu Gunsten Vicktorinens ihnen entsagen konne, ohne damit ein zu grosses Opfer zu bringen.

Anna fand diese Bedingungen so billig und verstandig, dass sie keinen Augenblick anstand, sie fur sich und im Namen ihrer Schutzlinge dankbar und freudig anzunehmen. Unerbeten gab sie obendrein die Versicherung, niemanden, sogar nicht Raimund und Vicktorinen zu entdecken, wie nahe Kleeborns adoptirter Sohn diesem eigentlich verwandt sey, und so ging Doctor Erning, triumphirend und mit Ruhm bedeckt, davon, um von dem Gelingen seiner Unterhandlungen Bericht abzustatten. Innerlich bedauerte er es nur, nicht mehr Schwierigkeiten dabei vorgefunden zu haben, um sein Verdienst bei deren Besiegung gehorig geltend machen zu konnen.

Die Geschichte neigt sich zum Ende, denn von glucklichen Menschen lasst sich eben so wenig erzahlen, als von einer Seereise, auf welcher man, weder durch Sturme noch andre Widerwartigkeiten belastigt, den erwunschten Haven in Sicherheit und Ruhe erreichte. Muller, Raimund und Vanderbrugge langten nach wenigen Tagen zusammen im Kleebornschen Hause an, und wurden alle drei mit ungeheucheltem Wohlwollen von dem alten Herrn empfangen. Der freudige Taumel, von dem Raimund und Vicktorine bei der, alle ihre Hoffnungen ubertreffenden Entwikkelung ihres Geschicks sich ergriffen fuhlten, der laute Jubel des wackern Horst und seiner Agathe, der Tante ernste, stille, an Wehmuth granzende Freude, alles dieses lasst sich besser und leichter nachempfinden als beschreiben.

Die ersten Fruhlingstage fuhrten in ihrer von tausend schonen Hoffnungen duftenden Reihe auch den Tag herbei, an welchem die Tante einer zweiten, mit jungen Rosen um die Wette bluhenden glucklichen Braut, den Myrthenkranz in die Locken flocht. Sie und alle zum Kleebornschen Hause Gehorende begleiteten das neuvermahlte Paar nach Leuenstein, wo Meinau mit unsaglicher Freude schon lange vorher alle Anstalten zum festlichsten Empfange getroffen hatte.

Schon langst war jener unpassende Flitterputz vollig unscheinbar geworden, mit welchem vor langen Jahren das, durch seine Bauart und sein Alterthum ehrwurdige Schloss auf Luisens Veranstaltung mehr entheiligt als geschmuckt worden. Baron Meinau hatte bei Zeiten dafur gesorgt, diese verblichenen Ueberreste wegraumen zu lassen, sobald nur Raimunds Anspruche an das Erbtheil seiner Vater unwiderleglich erwiesen waren; denn er furchtete durch ihren Anblick in Annas Gemuthe sowohl, als in dem des jetzigen Besitzers zu traurige Erinnerungen zu wecken. Seine, in ihren Silberlocken noch immer liebenswurdige Gattin half ihm bei dem Geschafte die hohen, altvaterlichen Sale und Zimmer auf wurdige Weise wieder bewohnbar herzustellen.

Mit feinem Takt' und richtigem Sinne fur das wahrhaft Schone wussten beide jede Verzierung, jedes Gerathe so zu wahlen, dass nirgend ein schreiender Contrast hervortrat, weder mit der Alterthumlichkeit des Gebaudes, noch mit der Modernitat des jungen Paares, das es bewohnen sollte. Alles Bunte, alles zu Glanzende wurde mit der grossten Sorgfalt vermieden, und die vorherrschenden einfachen Formen der Gegenstande brachten uberall den wohlthuendsten Eindruck hervor.

Jedes Stuck des Ameublements schien genau fur die Stelle gemacht, die es einnahm, und doch traf man nirgend auf Versuche, gothisches Schnitzwerk nachzukunsteln, oder durch Nachahmung der schweren, nicht von der Stelle zu bewegenden Unbehulflichkeit des Hausgerathes unsrer Altvater den Geist einer langst ergrauten Vorzeit wieder herauf bannen zu wollen.

Vor allem aber wurde die lange Reihe der Ahnenbilder aus ihrem Verbannungsorte wieder hervorgesucht, und in ihre alten Rechte eingesetzt. In passenden Rahmen, von hundertjahrigem Staube gereinigt, blickten sie von den hohen Wanden des ursprunglich ihnen geweihten Saales seegnend und freundlich auf das junge Paar herab, mit welchem Leben, Liebe und Freude in die lange verodeten Mauern wieder eingezogen waren. Seit jenen, das Gluck so Vieler begrundendem Tage hat das Schicksal der mehrsten, in diese Erzahlung verflochtenen Personen keine bedeutende oder doch wenigstens keine schmerzliche Veranderung erlitten. Agathe und Horst sind noch immer froh und glucklich und gut wie Kinder, und Horst fuhlt dabei nur die einzige Sorge, dass seine kleine Frau, die er auf den Handen tragt, ihm nicht vor der Zeit zu vernunftig werden moge.

Auch der alte Kleeborn ist sehr glucklich in seinem Sohne, dessen Kenntnisse und Betragen alle Wunsche und Erwartungen des Vaters noch ubertreffen. Der junge Mann nimmt sich der Geschafte seines Hauses mit so vielem Geschick und Eifer an, dass der Alte dadurch Zeit gewinnt, seine Kinder auf Leuenstein zuweilen zu besuchen. Alles, was er dort sieht und hort, gefallt ihm ungemein, wurde ihm aber noch weit besser gefallen, wenn er dabei nur auch die Borse regelmassig besuchen konnte. So aber treibt die Sehnsucht nach dem gewohnten Gewuhl im Verlauf weniger Tage ihn stets wieder in die Heimath zuruck.

Babet ist seit einigen Wochen die verlobte Braut des jungen Kleeborn, doch mit der Geschichte dieser ihrer Liebe liesse keine Octavseite sich anfullen. Es ging dabei so ganz prosaisch zu, wie bei jeder Parthie, welche allen dabei interessirten Personen konvenirt; was sich daruber sagen liesse, steht alles auf der Karte, mit welcher das junge Paar Freunden und Verwandten seine bevorstehende Verbindung ankundigte. Babet ist jedoch uber den Mangel aller romantischen Begebenheiten bei dieser ihrer hoffentlich letzten Liebesgeschichte auf das vollkommenste dadurch getrostet, dass sie in Hinsicht auf Haus, Landsitz, Equipage und der Anzahl ihrer turkischen Shawls keiner Dame in der ganzen Stadt wird nachstehen durfen. Da der junge Kleeborn bei grosser Gutmuthigkeit auch viel Festigkeit des Karakters und einen naturlich richtigen, durchaus nicht ungebildeten Verstand besitzt, so steht zu hoffen, dass diese Ehe so ausfallen werde, wie die mehrsten. Sie wird vermuthlich gerade kein Himmel auf Erden, aber doch auch keine Holle seyn.

Dass Anna gleich nach ihrer Ankunft im Kleebornschen Hause es nicht versaumt hatte, den armen verwaiseten Klarenau am Grabe ihrer Angelika aufzusuchen, dass sie, so lange sie in seiner Nahe verweilte, alle die Zeit ihm schenkte, welche sie nicht der Sorge fur Ratmund und Vicktorinen zuwenden musste, bedurfte wohl nicht noch besonders erwahnt zu werden.

Damals brachte ihre Gegenwart den ersten, wahrhaft wohlthuenden Trost in das Herz des Unglucklichen. Der Anblick Raimunds, welchen er sogleich als seinen Retter wieder erkannte, die Ueberzeugung, dass Vicktorine, die treue geliebte Freundin seiner Verklarten, an der Seite dieses Mannes einer hochst begluckten Zukunft entgegen gehe, erweckte wieder die erste freudige Regung in seinem Gemuthe. Es fiel ihm nicht ein, mit dem Geschicke hadern zu wollen, weil es fur Andere Rosen bluhen liess, von denen er nur die Dornen auf seinem Pfade angetroffen hatte; doch weder die dringendsten Bitten, noch ernste Vorstellungen konnten ihn bewegen, seine Einsamkeit zu verlassen und dem glucklichen Paare nach Leuenstein zu folgen.

"Hier ist meine Heimath, und sie offnet sich mir bald!" war alles, was er den Freunden erwiederte, indem er auf das von jungen Rosen uppig umbluhte Marmorkreuz hinwiess, das aus dem dunklen Schatten von Cypressen hell hervorleuchtete. Seine verfallne Gestalt, das wunderbare Glanzen seiner Augen bestatigte nur zu sehr die Wahrheit dessen, was er aussprach, und Raimund und Vicktorine liessen, tief geruhrt, endlich davon ab, ihn mit ihren Bitten noch langer zu verfolgen.

Jetzt ruht auch er, der in Wusten des Lebens mude getriebene Pilger unter dem Kreuze, im Schatten der Rosen und Cypressen. Der Name Angelika bezeichnete den letzten Hauch seines Lebens, und sein brechendes Auge strahlte im Abglanze der ihm nahenden Himmelsseeligkeit, als er in den Armen des treuen Horst zum ewigen Schlummer es schloss.

Die Tante trat bald nach Vicktorinens Vermahlung von dem Schauplatze ihrer vieljahrigen Thatigkeit ab, auf welchem nur das Bedurfniss, alle ihr verliehene Talente und Krafte nutzlich und ehrenvoll zu uben, sie so lange festgehalten hatte. Von den Damen des Stifts an, denen sie lange Jahre hindurch eine milde weise Freundin und Beratherin gewesen war, bis zu dem geringsten ihrer Untergebenen herab, vernahmen alle mit ungeheucheltem Schmerze ihren Entschluss, das Stift und die Stelle zu verlassen, die sie bisher in demselben ehrenvoll und zu aller Zufriedenheit bekleidet hatte; doch keine wagte es, ein Unrecht darin zu finden, dass sie in den letzten Jahren eines, grosstentheils in Sorge um Anderer Wohl hingebrachten Lebens, von den Muhen desselben endlich auszuruhen wunsche.

Noch einmal wandte sie allen ihren Einfluss daran, eine ihrer wurdige Nachfolgerin an ihrer Stelle als Probstin gewahlt zu sehen, die sich ganz dazu eigne, ihren Verlust minder fuhlbar zu machen; dann schied sie unter den lauten Klagen derer, welche sie zuruckliess und folgte ihrem Herzen, das sie nach Leuenstein zu den Kindern ihrer Wahl machtig hinzog.

Mit einem seltsam aus Wonne und Weh zusammengesetztem Gefuhle naherte sich Anna den alterthumlichen Mauern, in deren weiten Raumen sie einst bestimmt gewesen war, an Bernhards Seite als Herrin zu walten, und der Traum ihres Lebens zog noch einmal in lichten Bildern an ihrer Seele voruber. Die hohen Wipfel der uralten Eichen, unter deren weit hingebreiteten Schatten Bernhard als Kind gespielt hatte, schienen ihr seinen Gruss zuzurauschen; in ahnendem Schauen fuhlte sie seine geistige Nahe uberall, im Hauche der Lufte, im Dufte der bluhenden Linden; jeder ferne Laut klang ihr, als riefe er sie bei Namen, und uberall in den weiten dammernden Salen glaubte sie die geliebte Gestalt hervortreten zu sehen. Das ganze Schloss war ihr ein dem Andenken geweihter Tempel, mit frommer Freude und tief gefuhlter Dankbarkeit preiset sie das Geschick, das ihr erlaubte, die letzten Tage ihres Lebens in ungestorter Ruhe an dieser heiligen Statte zu weilen, wo Bernhards Wiege einst stand. Was ihrem eignen Leben versagt ward, was wahrend ihrer Jugendzeit nur in schonen Traumgebilden ihr vorschweben durfte, alles das sieht die Tante jetzt in dem geliebten Paare sich zur seltensten Wirklichkeit gestalten, zu dessen Wohles Begrundung sich vor kurzem die Stimme geliebter Todten gleichsam noch aus dem Grabe erheben musste. Vicktorine und Raimund stehen vor ihr wie das Spiegelbild ihrer eignen Bluthenzeit; beide entwickeln auch im Aeussern und unter ihren Augen eine, jeden Tag sich auffallender zeigende Aehnlichkeit mit dem, was sie selbst und der edle Bernhard von Leuen einst waren, und im Anblicke des jugendlichen Paares versunken, fuhlt Anna oft Vergangenheit und Gegenwart vor ihrem Geiste in eins zerfliessen.

Zwar naht auch ihr die ernste Zukunft unaufhaltsam, von deren Geheimnissen noch kein Sterblicher Kunde erhielt, aber sie naht ihr so leise, mit so langsam schonendem Fluge, dass niemand von ihren Lieben und sie selbst kaum dieses Herannahen gewahr wird.

Unverandert im Aeussern wie im Innern sieht Anna ihr ohne Grauen entgegen, und so ziehen ihr liebend und geliebt, begluckend und begluckt, von den Tagen einer nach den andern im Genusse vollkommner Ruhe voruber.

"Die Jugend darf im Morgenstrahle der Hoffnung sich sonnen," spricht sie oft zu ihren Kindern, "der Mittag gehort der Gegenwart; im rauschenden Drange der Begebenheiten, bald sengend heiss, bald sanft erwarmend, bald in Wonne, bald in Quaal, geht er auch im Laufe unsers Lebens, wie in dem eines einzelnen Tages so schnell an uns voruber, dass wir im raschen Wechsel kaum aufzuathmen vermogen; doch der milde, sanfte, erquickende Abend ist die Zeit der Alten, denn er allein ist der Erinnerung heilig. Und so wie die sinkende Sonne selbst die dustern Tannen mit einer goldnen Glorie verklart und in rosigen Schimmer sie kleidet, so weiss auch die Erinnerung alle die Wetterwolken, welche unsern Lebensmittag umsturmten, mit goldigen Purpurlichtern zu erhellen. Den Dornen, die einst uns verwundeten, raubt sie mit milder Hand ihren Stachel; wir fuhlen die Schmerzen nicht mehr, wohl aber die Freude, diese einst uberwunden und muthig getragen zu haben."

Fussnoten

1 Ich kann jede Hanne zur Lady erheben.