1821_Schopenhauer_090 Topic 3

Einbildung lachelnd ausrief: Was denke ich weiter an ihn, er ist jetzt fern von hier und ich sehe ihn in meinem Leben nicht wieder. Aber in ihrem Herzen behauptete eine dem Wunsch sehr gleichende Ahnung das Gegentheil, und diese traf fruher ein, als sie hoffen konnte, denn der Fremde war Ottokar. Ein ungeheures Larmen im Hause erweckte Gabrielen am ersten Morgen in ihrem neuen Aufenthalt. Thuren wurden auf- und zugeschlagen, Treppen und Vorsale drohnten von den Tritten der hin und her laufenden Bedienten und Handwerker, es war ein Hammern, ein Fluchen, ein Rufen und Schelten, als sey eine feindliche Armee eingeruckt und das Haus dem Abendfeste zu Ehren in volligem Aufruhr.

Gabriele schmiegte sich vor dem ungewohnten Getose wie ein schuchternes Vogelchen in eine Ecke, bis die Stunde schlug, in der sie der Tante ihren Morgenbesuch abstatten musste. Mit Erstaunen begegnete sie auf der Treppe dem wohlbekannten Herrn Lorenz, schwer belastet mit einem Korbe voll der auserlesensten Blumen. Seine Erscheinung freute sie, als ein Beweis, dass sie nicht irrte, indem sie in Ottokarn den Unbekannten aus dem Gasthofe wieder zu finden glaubte. Aber als sie weiterhin ihn selbst durch die halb geoffnete Thure eines Zimmers erblickte, und dadurch die Gewissheit erhielt, mit ihm in Einem Hause zu leben, ihn alle Tage zu sehen und zu horen, da bemachtigte sich ihrer ein freudig-angstliches Gefuhl. Es war ein Gluck fur sie, dass die Grafin, zu beschaftigt mit Anordnungen fur den Abend, Gabrielens Eintritt kaum bemerkte und noch weniger ihr hochst befangnes Wesen. Kurz, aber freundlich entliess die Tante sie gleich in der ersten Minute, und gab ihr nur noch die Weisung mit auf den Weg, sich zu Aurelien zu begeben, die sie in ihrem Zimmer finden wurde, umringt von Freundinnen, welche heut mit einander in Geschenken zu ihrem zwanzigsten Geburtstage wetteiferten.

Den Geburtstag hatte die arme Gabriele ganz vergessen, und ein Geschenk fur die gefurchtete Kusine setzte sie in die hochste Verlegenheit. Sie eilte zuruck in ihr Zimmer, ergriff ohne grosse Wahl eine ihrer besten Zeichnungen und betrat damit athemlos die Schwelle des zierlichen Zimmers, in welchem Aurelia in frischer, einfacher Morgentracht, schon wie der junge Tag, vor einem grossen Tische stand, auf dem alles ausgebreitet lag was die Mode in unsern Tagen kostliches und elegantes zum Schmuck der Jugend erfand. Eine Schaar junger Madchen half ihr alle die Geschenke bewundern, mustern und ordnen, mitten unter ihnen stand Ottokar mit sichtbarer Freude an dem jugendlichen Wesen und Treiben. Die seltensten, schonsten Blumen aller Jahreszeiten und Zonen bluheten und dufteten an Wanden und Fenstern. Gabriele erkannte die Bluthen auf den ersten Blick fur die nehmlichen, welche Lorenz vorhin an ihr voruber trug.

Da kommt unser kleiner Eigensinn von gestern Abend, rief Aurelie, als sie Gabrielen erblickte, und trat freundlich der Verlegnen entgegen, die es kaum wagen mochte, ihr bescheidnes Geschenk neben allen jenen Herrlichkeiten zu zeigen. Das ist ja leibhaftig die Gespensterburg deines Vaters, fuhr Aurelia fort, indem sie die Zeichnung besah; so nimmt sie sich vortrefflich aus, aber behute mich der Himmel davor, sie in der Wirklichkeit wieder zu sehen! Gemalt sind die alten Schlosser ganz allerliebst; auch auf dem Theater oder in Romanen mag ich sie wohl leiden, besonders wenn ganz erschrecklich wundersame Begebenheiten sich darin zutragen, aber sitzt man selbst in solch einem alten Neste und lebt so allein fort, ohne etwas zu erleben, dann thate man besser, vor Graun und Langeweile zu sterben. Ich wundre mich wirklich, dass ich wahrend der zwei Tage im Schloss Aarheim noch mit dem Leben davon kam. Es ist eine betrubte Existenz; danke Gott, liebes Kind, dass du ihr entronnen und bei uns bist, du warst dort auch so eine Art von Kauzlein in den krausen alten Thurmen geworden; Anlagen hast du dazu, sprach sie lachelnd, indem sie Gabrielen umarmte und sie dann allen ihren gegenwartigen Freundinnen der Reihe nach vorstellte.

Die Menge der Namen rauschte an Gabrielens Ohr voruber, ohne dass sie einen zu fassen vermochte, nur fiel es ihr auf, dass auch die Grafin Eugenia sich unter den Gluck wunschenden Freundinnen befand. Diese hier zu sehen, hatte sie nach der Scene des gestrigen Abends nicht erwartet, noch weniger in so anscheinend vertrautem Verhaltniss mit Aurelien. Alle die jungen Damen waren gegen Gabrielen sehr zuvorkommend freundlich; aber diese blieb verlegen, sie hasste sich selbst in diesem Moment wegen ihrer Unbehulflichkeit, die sie doch nicht abzuwerfen vermochte. Ihre Banglichkeit stieg mit jeder Minute, denn sie sah, dass Ottokar ihre Zeichnung aufmerksam betrachtete; und als er nun vollends die geistreich kuhne und dennoch vollendete Ausfuhrung derselben lobte, und sich mit der Frage nach dem Namen des Kunstlers an sie wendete, da konnte Gabriele vor gewaltigem Herzklopfen kaum ihre eigne Antwort horen, dass sie selbst unter Anleitung ihrer Mutter sie gezeichnet habe. Er sprach noch einige lobende Worte und verliess bald darauf die Gesellschaft.

Gabriele langte bei ihrer Dalling mit dem Gefuhl an, als sey eine hochst wichtige Begebenheit vorgefallen, etwas ganz Unerhortes geschehen, das sie der Einzigen kund thun musse, die noch in der Welt Theil an ihrem Schicksal nahm; und dennoch wusste sie nichts zu sagen, was sich nicht in der Erzahlung hochst gewohnlich ausgenommen hatte. Eine nie gefuhlte Unruhe trieb sie rastlos umher. Wenn sie ihres ungeschickten Benehmens gegen Aureliens Freundinnen gedachte, wenn sie sich errinnerte, wie jene von ihrem Aeussern und ihrem Betragen irre gefuhrt, sie wie ein Kind behandelt hatten, dem man freundlich thut, damit es nur nicht weine; dann verging sie fast in der furchterlichen Qual, sich ihrer selbst zu schamen, denn sie konnte es sich nicht verhehlen, dass sie grosstentheils durch eigne Schuld in diesem Lichte erschienen war. Ottokars Lob ihrer Zeichnung vermochte nicht, sie zu trosten, sie glaubte eine Spur unglaubigen Lachelns an ihm bemerkt zu haben, da sie sich selbst nannte, als er nach dem Namen des Kunstlers gefragt hatte, und diess krankte sie noch tiefer als alles ubrige. Frau Dalling selbst war in diesem Moment uber die auf den folgenden Morgen bestimmte Trennung von dem Liebling ihres Herzens zu betrubt, als dass sie fahig gewesen ware, Gabrielen Trost und Muth einzusprechen, sie verstand sogar den Kummer und das beklommne, unruhige Wesen derselben nicht, sondern schrieb alles dem Gefuhl zu, von dem sie selbst niedergebeugt ward. Und so wusste die gute Frau nichts bessres zu thun, als Gabrielen recht mutterlich in ihre Arme zu schliessen und herzlich mit ihr zu weinen, da diese, von innerm Weh uberwunden, zuletzt in heisse, bittre Thranen ausbrach.

Gabriele errang auch diessmal ihre gewohnte Fassung zuerst wieder. "Ich will nicht mehr weinen," sprach sie, trocknete ihre Augen und richtete sich hoch auf. "Lass mich jetzt von dir Abschied nehmen, liebe Dalling," setzte sie hinzu, "jetzt in dieser ruhigen Stunde, nicht heute Abend, wenn ich erschopft aus der Gesellschaft komme, nicht morgen fruh im Gerausch des Einpackens und der Abreise. Du gehst mit Tagesanbruch von mir, geleite dich Gott, du meine einzige Freundin in dieser Welt, grusse meine Berge, meine Baume, meine Blumen; ich war unter ihnen sehr glucklich, aber auch hier werde ich nicht unglucklich seyn, der Gedanke an meine Mutter wird mich vor Unrecht behuten, und alles andre ist zu ertragen. Noch bin ich hier fremd, noch ist mir alles ungewohnt, und der Abstand zwischen jetzt und ehemals ist sehr gross; aber ich werde mich eingewohnen und lernen, was mir noch fehlt, um in diesen neuen Verhaltnissen mich zurecht zu finden. Mein Vater schickte mich her, um mich fur die Welt zu bilden; sage ihm, dass ich ihm gehorsam seyn und alles thun werde, seinen Wunsch zu erfullen so viel ich es vermag. Und nun nimm meinen Dank fur deine unaussprechliche Liebe und Treue. Sehnen werde ich mich immer nach dir, aber glaube nur, ich weiss es, ich finde auch hier ein Wesen, das ich lieben kann, und bin dann glucklich; lass diess nochmals dir zum Troste gesagt seyn, wenn du im Schloss Aarheim sorgend meiner gedenkst." Bei aller ihrer muhsam errungnen Fassung sah Gabriele dennoch mit Zittern der Stunde entgegen, in welcher sie sich am Abend zur Gesellschaft begeben musste; sie furchtete neue Verlegenheiten, neue Demuthigungen, ohnerachtet sie sich fest vorgenommen hatte, ihre scheue Blodigkeit so viel moglich zu besiegen. Kein Zureden Aureliens und ihrer Kammerjungfern, sogar nicht das Zurnen der Tante hatten sie bewegen konnen, in ihrer, die tiefste Trauer bezeichnenden Kleidung etwas abzuandern. Selbst dem Bitten ihrer lieben Frau Dalling hatte sie widerstanden, die durch die Wichtigkeit, welche man der Sache gab, in ihrer eignen Ansicht wankend geworden war. "So geh denn, eigensinniges Kind!" entschied endlich die Tante, des Streitens mude, "geh wie du willst und verdanke dir es selbst, wenn du ausgelacht wirst."

Die vielen Lichter, die emsig hin und her laufenden Diener, die glanzende Versammlung in der langen Reihe prachtig dekorirter Zimmer erregten in Gabrielen jene Art Bangigkeit, welche wohl einen Jeden beim ersten Eintritt in die Welt ergreift, der auch nicht so klosterlich aufwuchs wie sie. Giebt es doch viele in der Gesellschaft, denen diess Gefuhl zeitlebens bleibt, selbst aus den hohern Standen, die fur abstossend stolz gelten, wahrend sie nur verlegen sind. Wenige von den Gegenwartigen bemerkten Gabrielens Eintritt in den Saal, aber diese Wenigen staunten beim Anblick des bleichen, der Kindheit kaum entwachsenen Madchens im langen schwarzwollnen Trauerkleide, dem tief hinunter wallenden Kreppschleier, mit der breiten, die Stirne bedeckenden Schneppe, unter der sich nur einige ihrer wie Gold glanzenden reichen Locken hervordrangten. Der Tante Prophezeihung ward nicht erfullt, niemanden fiel es ein, zu lachen, aber jedermann wich ihr mit einer Art Aengstlichkeit aus, denn diese dunkle Erscheinung mitten im festlichen Glanze hatte wirklich etwas Geisterartiges. Vergebens blickte Gabriele um sich her und suchte in dem Gewuhl, ein bekanntes Gesicht heraus zu finden, sie erblickte keines; selbst die Grafin und Aurelia waren nicht gegenwartig, der Anzug fur die Tableaus hielt sie entfernt. Eine schone Frau mittleren Alters vertrat die Stelle der Frau vom Hause beim Empfang der Gesellschaft. Gabriele fuhlte sich machtig von ihr angezogen, sie glaubte, in ihr eine entfernte Aehnlichkeit mit ihrer Mutter zu finden und konnte kaum den Blick von ihr wenden, aber sie kannte sie nicht und wagte es daher auch nicht, sich ihr zu nahern.

So stand Gabriele lange ganz allein, sah, wie uberall Gruppen von Bekannten sich bildeten, wie einzelne Paare einander aufsuchten und sich im eifrigen Gesprach von den ubrigen absonderten. Niemand suchte sie, niemand hatte ihr etwas freundliches zu sagen, sie war und blieb einsam mitten in der grossen Versammlung und ward daruber recht innerlich betrubt. Der Gedanke, wie sie eigentlich eben so verlassen in der ganzen Welt dastehe als hier in der Gesellschaft, fiel mit lastender Schwere auf ihr nach Liebe sich sehnendes Gemuth. Schon war sie im Begriff, sich von alle den Glucklichern zuruckzuziehn und in ihr einsames Zimmer zu schleichen, als sie ihre Hand ergriffen fuhlte. Es war der freundliche altliche Mann, dessen unerwartete Anrede sie am vergangnen Abende so erschreckt hatte, und der ihr jetzt den Arm bot, um sie im Gefolge der ubrigen Gesellschaft in das zu den Tableaus bestimmte Zimmer zu fuhren.

Eine von Haydns herrlichsten Symphonieen verkundete dort das nahe Aufrauschen des die Darstellung noch verhullenden Vorhangs. Nie zuvor hatte Gabriele den Einklang vieler Instrumente zugleich gehort, er ergriff sie mit seinem allgewaltigen Zauber, vor welchem alles Beengende von ihr abzufallen schien. Die Tone trugen sie weit weg auf unsichtbaren Flugeln in ihr magisches Reich, sie sprachen mit ihr von ihrer Vergangenheit, von allem, was ehemals sie begluckt hatte, und hauchten ihr neue Freude am Leben und frischen Jugendmuth ein. Die Dammrung in dem nur durch die Lichter der Nebenzimmer schwacherleuchteten Saal erlaubte es ihr, ungehindert sich ihrem Gefuhl zu uberlassen; ihr Fuhrer war neben ihrem Sitz stehen geblieben; mit dankbarem Vertrauen blickte sie zu ihm auf und entdeckte im nehmlichen Moment dicht neben ihm Ottokars hohe Gestalt, der sie begrussend sich gegen sie verbeugte.

Ein Gruss im gewohnlichen Gange des Lebens ist gar wenig, aber unendlich viel fur den, der vereinzelt in einer grossen Gesellschaft, mit dem Gefuhl der Verlassenheit dasteht; dies Zeichen des Bemerktwerdens, gerade von ihm, gab Gabrielen ein so trostendes Selbstbewusstseyn, dass sie dadurch beruhigt, in den Stand gesetzt ward, sich des eben beginnenden Schauspiels wirklich theilnehmend zu erfreuen.

Tante Kleopatra nahm sich auf ihrem koniglichen Thron zum Bewundern gut aus. Mit aller ersinnlichen Grazie hielt sie die reiche Perle uber den Becher, und hatte keine Ahnung von den Anmerkungen, die links und rechts unter den Zuschauern hingeflustert wurden. Dreimal senkte sich der Vorhang, dreimal musste er auf lautes Bitten der Anwesenden sich wieder heben, die alle behaupteten, des herrlichen Anblicks gar nicht mude werden zu konnen.

Am entzucktesten stellte sich die Grafin Eugenia, ihr Beifall war der rauschendste und kannte weder Maass noch Ziel, wahrend sie zu gleicher Zeit tausend witzigboshafte Einfalle uber die herbstliche Kleopatra und ihren das Schmuckkastchen tragenden Edelknaben den jungen Herren zuflusterte, die dicht zusammengedrangt hinter ihrem Stuhle standen, ihr aufs kraftigste applaudiren halfen, und dabei jedes ihrer Worte mit allen Zeichen des Beifalls von ihren Lippen gierig auffingen. Sie sass so nahe bei der von ihr ganz ubersehenen Gabriele, dass diese keine Sylbe von dem, was sie sprach, verlieren konnte; auch manches andre spottende Wort einiger der ubrigen Anwesenden traf deren Ohr und kontrastirte so sehr mit der, von allen laut ausgesprochnen Bewunderung, dass Gabriele ein innres Grausen uber die Falschheit der Menschen empfand, unter denen sie leben sollte. Ihr war zu Muthe, als sey sie unter gespenstische Larven gefallen, die im nachsten Moment sich umwandeln und in eigenthumlicher, furchterlicher Gestalt dastehen mussten. Wie nach Rettung sah sie angstlich um sich her.

"Seyn sie ruhig, liebes Fraulein!" flusterte eine leise Stimme ihr zu," auch ich sehe und hore, was Sie emport, aber es ist nicht so bose, als Sie in ihrer Unschuld es glauben." Verwundert blickte Gabriele auf und sah ihren Fuhrer, der noch immer neben ihr stand. Seine Gegenwart erschien ihr in diesem Moment wie ein Trost vom Himmel. "Die Welt," fuhr der freundliche Mann mit mildem Lacheln fort, indem er zu ihr sich hinabbeugte, "die Welt ist leider lange nicht so gut, als Sie in ihrer Unerfahrenheit es vielleicht noch vor acht Tagen glaubten, aber auch wahrlich lange nicht so arg, als sie jetzt Ihnen vorkommen muss. Diese kleinen Bosheiten, vor denen Sie sich in diesem Augenblick mit Recht entsetzen, werden Ihnen in kurzem ziemlich harmlos scheinen, wenn Sie diese Menschen und ihr wahres Meinen erst naher kennen, denn in der That diese Einfalle haben keinen Zweck und erreichen auch keinen, wie den, fur den Moment als witzig bewundert zu werden. Sie werden sich daran gewohnen und sie endlich ganz gleichgultig betrachten." "Nie! nie!" rief Gabriele so laut, dass sie selbst daruber erschrak, besonders da sie gewahr ward, dass der noch immer in ihrer Nahe sich befindende Ottokar dadurch aufmerksam auf ihr Gesprach gemacht ward. "Gewiss!" erwiederte ihr Fuhrer leise und beschwichtigend, indem er zugleich auf den sich wieder hebenden Vorhang hinwies.

Mehrere Tableaus folgten dem der Kleopatra, alle wurden laut gepriesen und leise bekrittelt, bis ganz zuletzt Aurelia in wahrhaft himmlischer Glorie als Raphaels Jardiniere erschien. Die Kinder standen so anmuthig da, sie selbst war in dieser Stellung mit gesenktem Auge so hinreissend schon, dass sogar der Neid verstummen musste. Ein einziger Athemzug der Bewunderung sauselte durch die Stille des glanzenden Kreises und loste sich erst spat in lauten Beifall auf. Gabrielens fur Freude glanzendes Auge traf auf Ottokarn, Dieser starrte vorgebeugt, wie in Bewunderung verloren, noch immer den Vorhang an, welcher schon lange die holde Erscheinung verhullt hatte. Als sich Ottokar endlich wandte, traf sein Blick auf Gabrielen, er lachelte ihr in theilnehmendem Entzucken wie einer Bekannten zu, und dieser kleine Zufall durchstromte sie mit Empfindungen, die sie zu verstehen weit entfernt war.

Die Gesellschaft vertheilte sich wieder in den Nebenzimmern, um dort die Damen des Hauses nebst den ubrigen bei den Tableaus beschaftigt gewesenen Personen zu erwarten und nochmals mit Bewunderung und Dank zu uberschutten. Gabriele blieb mit ihrem Begleiter beinah allein in dem dammernden Saal, und er benutzte diese Pause, um sich ihr als einen Maler zu erkennen zu geben, dessen bedeutender Name im neuern Gebiet der Kunst ihr schon ruhmlichst bekannt war. Signor Ernesto hatte man ihn der Landessitte gemass in Italien genannt, wo jeder Zuname dem Taufnamen weichen muss, und diese Benennung blieb ihm auch in der Gesellschaft, seitdem er vor kurzem nach einem, viele Jahre langen Aufenthalt in Rom, wieder in sein deutsches Vaterland zuruckkehrte.

"Ich war gestern bei Ihrer Ankunft zugegen, mein theures Fraulein," sprach Ernesto weiter zu Gabrielen, "ich erkannte in Ihnen beim ersten Blick das Ebenbild Ihrer Mutter; so wie Sie jetzt vor mir stehen, so sah ich sie einst in Rom, jugendlich bluhend, mit glanzendem Auge vor den hohen Wundern der unsterblichen Kunst. Mir ward das seltene Gluck, ihr Begleiter auf ihren Wanderungen durch die Konigin der Stadte, ihr erster Lehrer in der bildenden Kunst zu seyn; ich werde auch Ihr Lehrer, Gabriele, ich habe mich schon gestern bei der Grafin dazu erboten, sobald ich den Zweck Ihres hiesigen Aufenthaltes vernahm. Schlagen Sie es mir nicht ab, Sie brauchen einen vaterlichen Freund zu Schutz und Rath, der will ich Ihnen werden, und ich kann es nur, wenn der Unterricht im Zeichnen mir Gelegenheit verschafft, Sie taglich ohne aussre Storung zu sehen. Mir ist bei Ihrem Anblick," fuhr er fort, weil Gabriele schweigend ihm zuhorte, "mir ist, als hatte ich in Ihnen eine geliebte Tochter gefunden, als ware der schone Fruhling meines Lebens zuruckgekehrt, als stunde Auguste und mit ihr Roms alte Herrlichkeit wieder vor meinem frischen jugendlichen Sinn. Und darum will ich auch vaterlich um Sie sorgen, Sie leiten auf dem unbekannten, gefahrlichen Pfade in der Ihnen so fremden Welt, wenn Sie mich nicht zuruckweisen."

Ernesto hatte noch lange fortsprechen konnen, ohne dass er von ihr unterbrochen worden ware, sie vermochte sogar kaum, ihm zu antworten, aber ihr beredtes Auge sagte ihm alles, was in ihrem tiefbewegten Gemuthe vorging. Nicht mehr allein und verlassen, hatte sie jetzt einen Freund ihrer Mutter zur Seite, der auch ihr wie ein Bekannter aus fruheren Tagen erschien. Mit Entzucken fuhlte sie diess, und alles, was sie umgab, zeigte sich ihr in einem neuen, schonern Licht, die Tante, Aurelia, die ganze Gesellschaft, zu der sie jetzt, von Ernesto begleitet, wie ein frohliches Kind an der Hand seines Vaters zuruckkehrte.

Die Grafin und Aurelia standen mitten in einem dichten Kreise von Bewunderern, die sie mit den ausschweifendsten Lobspruchen uberstromten. Nur muhsam gelang es Gabrielen, bis zu ihnen sich durchzuwinden, und ihr Staunen beim Anblick der rosig bluhenden, Freude strahlenden Tante war fast noch grosser als gestern. Die Grafin benutzte die Gelegenheit, ihre Nichte vielen der eben anwesenden Damen vorzustellen, eine Ceremonie, welche noch vor einer Stunde Gabrielen sehr verlegen gemacht hatte, uber die sie aber jetzt, durch Ernestos Gegenwart ermuthigt, mit grosser Fassung und leidlichem Anstande hinauskam. Die Reihe traf endlich auch die Dame, welche vorhin, wahrend der Abwesenheit der Grafin, die Stelle derselben beim Empfange der Gesellschaft vertreten hatte, und deren Aehnlichkeit mit ihrer Mutter Gabrielen jetzt, da sie sie in der Nahe sah, mit einer unendlichen Wehmuth erfullte. Die Grafin Rosenberg nannte sie Frau von Willnangen, eine nahe Verwandte ihres verstorbenen Gemahls. Gabriele erstarrte beinah, als sie diesen Namen hier horte, den ihre Mutter ihr nur in Stunden des engsten Vertrauens als den Namen ihres verlornen Jugendfreundes genannt hatte. Aengstlich suchte sie wieder, in Ernestos Nahe zu gelangen, um von ihm zu erfragen, in welchem Verhaltniss diese Frau mit Ferdinand von Willnangen gestanden haben mochte, den er gewiss auch gekannt hatte, aber ein Chor von Damen hielt ihn umlagert und machte es ihr unmoglich.

Ein Konzert begann jetzt, die letzte Stunde vor der Abendtafel auszufullen, nach welcher ein Ball die Freuden des Tages beschliessen sollte. Die rauschende Symphonie hatte vorhin Gabrielen auf machtigen Wogen in eine andere Welt versetzt; jetzt versenkte ein Quartett, von Meistern meisterhaft durchgefuhrt, sie ganz in sich selbst, die Tone verstummten endlich, aber sie hallten noch in ihrem Innern wieder, und sie sass da, ihnen lauschend, als sie plotzlich von neuem sich erhoben und eine einzige Stimme, voller, reiner als alle, sie ubertonte. Gabriele blickte auf und sah Ottokar neben Aurelien am Pianoforte stehen. Beide sangen mit einander ein italienisches Duett, voll Sehnsucht und Liebe. Gabriele kannte es, sie hatte es einigemal mit ihrer Mutter gesungen, in ihrem Innern sang sie auch jetzt es mit, und ihr ganzes Wesen verschwebte im sussesten Verein mit Ottokars Tonen. Die Verzierungen und Manieren, welche nach der neueren Weise Aurelie der einfachen Melodie anhangte, schienen Gabrielen ein fast frevelhaft storendes Beginnen, obgleich sie ihre Kunst, so wie ihre sehr schone Stimme, bewundern musste. Ihr Leben hatte sie in der Minute freudig hingegeben, um an Aureliens Stelle so neben Ottokar zu stehen, und doch fuhlte sie in der nachsten, wie unmoglich es ihr seyn wurde, nur einen Ton hervorzubringen.

"Leidvoll und freudvoll" eilte Gabriele gleich nach dem Konzert hinauf in ihr stilles Zimmer, zu welchem spater, wie aus weiter Ferne, die frohe Tanzmusik heruber tonte. Ihr Herz war ubervoll von allen Ereignissen dieses bangen und freudigen Abends, zu voll zur Mittheilung; nur Ernestos Erscheinung blieb ihr ganz klar, und diese war ein grosser Trost fur die um das Kind ihrer innigsten Liebe mutterlich besorgte Frau Dalling. Mit schwerem, sorgenvollem Herzen war am folgenden Morgen Frau Dalling beim Anbruch des Tages von ihrer Gabriele geschieden, und diese suchte nun mit der neuen, ihr von der Tante zugegebenen Kammerjungfer sich einigermaassen zu befreunden. Es war ihr unmoglich, gegen die hubsche, zierlicher als sie selbst geputzte Annette den Ton der Gebieterin anzunehmen, und Annette konnte sich auch nicht sogleich in die freundliche Art ihrer neuen Herrschaft finden, die gar nichts zu ersinnen wusste, was sie ihr hatte befehlen konnen. So waren beide ein Paar Stunden in ziemlicher Verlegenheit einander gegenuber geblieben, als Ernestos fruher Besuch, der erste, den Gabriele je erhielt, der Noth endlich ein Ende machte.

"Ich erscheine in dieser unschicklich fruhen und deshalb visitenfreien Stunde, um Sie zu zwei Freundinnen zu geleiten, die mit offnen Armen und Herzen Sie erwarten," sprach Ernesto; "Frau von Willnangen sendet mich." "Frau von Willnangen?" unterbrach ihn Gabriele, aufs neue von dem Namen heftig aufgeregt; "hore ich recht? wirklich Willnangen? um Gotteswillen! wer ist diese Frau, die meiner Mutter so ahnlich sieht? Ist sie mit Ferdinand von Willnangen verwandt? Gewiss, Sie kannten auch diesen Ferdinand." "Wohl kannte ich auch ihn," erwiederte Ernesto, von truben Erinnerungen sichtbar bewegt. "Frau von Willnangen," fuhr er fort, "ist die Mutter seiner Tochter, eines lieben Madchens, das wohl verdient, ihre schwesterliche Freundin zu werden." "O Auguste! meine liebe, liebe Mutter!" rief tief erschuttert, in fast betender Stellung, Gabriele, "auch dorthin verfolgt dich unerbittlich dein Geschick! Der selige Geist deines Freundes hat dich auf deinem stillen Lebenswege nicht schutzend umschwebt, wie du fromm es wahntest, er geleitete dich nicht aus der bittern Stunde deines Scheidens zur frohen Ewigkeit, die keine Trennung kennt; Ferdinand lebt, er war dir nah, und vergass deiner, die du wie ein Heiligthum sein Andenken in treuer Brust bewahrtest! So lieben Manner," fuhr sie mit zurnendem Ernst fort; "treue Liebe wohnt nur im Herzen der Frauen und bleibt dort ihr eigner, einziger Lohn. So lehrte mich meine Mutter mit Recht; wer darf noch hoffen, sie ausser sich zu finden, wenn diese Frau vergessen werden konnte!"

Mit theilnehmendem Staunen blickte Ernesto auf das schwarmende, sich seinem Gefuhl ganz uberlassende Madchen. "Ich mag Ihren schonen Glauben von unsern Erwartungen jenseits nicht storen, wenn er auch nicht ganz der meinige ist," sprach er endlich mit sehr bewegter Stimme, indem er ihre gefalteten Hande sanft ergriff. "Erlauben es die Gesetze jenes Landes, von dessen dunkeln Granzen noch nie ein Wandrer zuruckkehrte, der uns Kunde brachte, so empfing Ferdinands seliger Geist Augusten beim Scheiden aus dieser Welt, so umschwebte er sie schutzend schon lange vorher auf ihrem Lebenspfad, denn seit mehreren Jahren verliess er dieses Leben, in welchem sein Geschick ihn rastlos umhertrieb und nur spate Ruhe ihm vergonnte. Ich fuhre Sie jetzt zu seiner Witwe, die gestern hocherfreut in Ihnen die Tochter der Frau erblickte, deren Andenken, ohne dass sie jemals sie sah, ihr dennoch heilig ist, weil es der Mann, den sie liebte, stets im Herzen trug. Sie glaubt es nicht besser ehren zu konnen, als indem sie Gabrielen mutterliche Liebe entgegen tragt; doch wahnt sie deshalb nicht, ihr jemals Augustens Verlust ersetzen zu konnen. Das reine, stille Gemuth dieser seltnen Frau war stets zu demuthig, dies sogar bei Ferdinanden zu hoffen, und ohne alles neidische Streben begnugte sie sich immer damit, sein Leben durch Liebe zu erheitern, mit ihm zu trauern, wenn Wehmuth uber verlornes Jugendgluck in ihm erwachte und ihm die Gegenwart trubte. Kommen Sie, Gabriele," fuhr Ernesto eifriger fort, "folgen Sie mir in das Haus der Frau von Willnangen, Sie werden einen dem Andenken Ihrer Mutter geweihten Tempel betreten. Die Blumen, die sie vor allen liebte, werden dort noch immer sorgsam gepflegt, ihr Bild ist noch immer der geehrteste Schmuck des Hauses, ich malte es heimlich in Rom fur mich und konnte Ferdinands ungestumen Bitten eine Kopie davon nicht versagen; Ferdinands Tochter erhielt bei ihrer Geburt den ihm so theuren Namen Auguste. Glauben Sie mir, Sie werden dort heimisch seyn wie unter verwandten Freunden; vielleicht auch dort uberzeugt werden, dass treue Liebe in der starkern Brust des Mannes oft nur um so sichrer wohnt, als in dem weicheren Herzen der Frauen," setzte er lachelnd hinzu.

Was Ernesto von Ferdinands spaterem Geschick Gabrielen noch ferner mittheilte, lasst sich in wenig Worte fassen. Auf eine ihm unerklarbare Weise von der Geliebten getrennt, wahrte es beinahe ein Jahr, ehe er den ganzen Umfang seines Unglucks erkannte, und trostende Hoffnungen begleiteten ihn lange von Land zu Land. Augustens Vater leitete fortwahrend mit unsichtbarer Hand sein Geschick; er hatte den Zweck erreicht, ihn auf immer von seiner Tochter zu trennen, und war ubrigens nicht weniger als sonst fur das zeitliche Gluck seines ehemaligen Pfleglings besorgt. Er glaubte sogar, ihm gewissermaassen Ersatz schuldig zu seyn, und ebnete deshalb, so viel er es konnte, Ferdinands Weg auf der einmal angetretnen Laufbahn seines Strebens, ohne dass dieser es ahnete. Bis Konstantinopel hatte er ihn zu bringen gewusst, als der Tod ihn in Schweden ubereilte. An der sudlichsten Granze von Europa erfuhr Ferdinand sehr spat aus den Zeitungen die Nachricht von dem Hinscheiden seines ehemaligen Beschutzers, und die weite Entfernung, in der er sich von jenem nordlichen Lande befand, vernichtete den Erfolg jedes schriftlichen Versuches, Augusten, die dort verschwunden war, wieder aufzufinden. Er eilte selbst nach Schweden, sobald seine Verhaltnisse es ihm moglich machten, aber vergebens suchte er aufs angstlichste eine Spur von ihr. In der Residenz war Augustens vorubereilende Erscheinung langst vergessen, in dem kleinen Stadtchen, in welchem ihr Vater starb, hatte niemand sie gekannt; nur wenige erinnerten sich ihrer Existenz, keiner wusste nur von ferne anzudeuten, wohin sie sich gewendet haben konne, und in der tiefen Einsamkeit, in welcher sie auf dem Landgute ihrer Tante damals lebte, war und blieb sie ihm verloren.

Ferdinand fuhrte von nun an ein trubes, unstates Leben, ewig suchend nach dem Gluck seiner Jugend und nimmer es findend, bis das Fruchtlose seines Strebens ihm endlich die Ahnung von Augustens Tod zur Gewissheit machte. Jetzt beschwichtigten allmahlich wehmuthige Sehnsucht und fromme Hoffnung den wuthenden Schmerz in seinem Innern und wandelten ihn in stille Trauer. Seine aussere Lage befriedigte ubrigens alles, was er sonst vom Leben noch wunschen mochte, denn er war durch Thatigkeit und Treue im Dienst seines Fursten zu einer bedeutenden Stelle in seinem Vaterlande gelangt. Still und trube lebte er seine Tage hin, bis er einst von ungefahr ein Fraulein Rosenberg erblickte, dessen auffallende Aehnlichkeit mit der Verlornen alle alte Wunden in seinem Innern wieder erneute.

Zuerst fuhlte er sich von dieser Aehnlichkeit bald unwiderstehlich angezogen, bald schmerzlich zuruckgestossen. Sie war Auguste und war es doch nicht, aber bei naherer Bekanntschaft fand er in ihr ein mildtrostendes Wesen, das einzige, dem er je die traurige Geschichte seiner Jugend vertrauen mochte. Des Frauleins innige Theilnahme an seinem Schmerz, ihre demuthige Verehrung Augustens fesselten ihn immer mehr an ihre Nahe, sie gab ihm den einzigen Trost, der ihm noch werden konnte, und bald kam es dahin, dass kein Tag verging, ohne dass er sie zu sehen suchte.

In zarter Frauen-Brust wandelt sich die Theilnahme

an den Leiden eines Freundes nur zu leicht in ein gluhenderes Gefuhl, und Ferdinand konnte sich endlich nicht mehr die Art des Eindrucks verhehlen, den er und seine Schmerzen auf das Herz seiner jungen Freundin gemacht hatten. Er fuhlte zugleich, dass sein der Liebe erstorbnes Gemuth dennoch des Trostes inniger, vertrauensvoller Freundschaft nicht mehr entbehren konnte, nachdem es dessen gewohnt geworden war, und so bat er das Fraulein: sein durch tiefen Gram und ewige Sehnsucht getrubtes Daseyn mit ihm zu theilen, ohne sie uber die Art seiner Empfindungen fur sie zu tauschen, indem er ihr seine Hand bot.

Der schone Verein alles opfernder Liebe und treu

er, inniger Freundschaft, wahrte kaum ein Jahr; Ferdinand starb, und Familienverhaltnisse bestimmten seine Witwe, den Ort ihres bisherigen Aufenthalts mit der Stadt zu vertauschen, in welcher fast alle ihre Verwandten wohnten, und wo Gabriele sie fand. Frau von Willnangen lebte dort mit ihrer Tochter nicht mitten im Strudel der grossen Welt, aber doch auch nicht ganz von ihr abgesondert, sie war nicht reich, aber ihre aussre Lage erlaubte ihr, sich keinen wirklichen Lebensgenuss zu versagen, und ihre anspruchlose Bildung, die milde Wurde in ihrem ganzen Wesen zogen bald einen kleinen Kreis auserwahlter Freunde um sie her, in dessen Mitte sie sich zu wohl befand, um sich nach rauschendern Freuden zu sehnen. Nur selten erschien sie in grossern Gesellschaften und stets ungern.

Die Grafin Rosenberg ehrte in ihr die nahe Verwandte ihres verstorbenen Gemahls, lieben konnte sie sie nicht, dazu war ihr ganzes Wesen zu sehr von dem der Frau von Willnangen verschieden, und eigentlich sahen beide Damen einander nur selten. Aber da die allgemeine Achtung Frau von Willnangen vor allen Andern auszeichnete, so fuhlte die Grafin sich dadurch bewogen, bei jeder offentlichen Gelegenheit mit der nahen Verbindung zu prunken, in welcher sie sich gegenseitig befanden. Deshalb hatte sie sie auch gebeten, bei dem Feste die Honneurs des Hauses zu machen, so lange sie selbst abwesend seyn musste, und da es Aureliens Geburtstage zu Ehren angestellt war, so mochte ihr Frau von Willnangen diese Bitte nicht abschlagen.

Gabriele betrat mit hochbewegter Brust an Ernestos Hand das Haus, in welchem alles, besonders die Besitzerin desselben, sie auf das lebhafteste an ihre Mutter erinnerte. Der freundliche Empfang, der ihr ward, that ihrem, in den letzten Tagen so vielfaltig verletzten Gemuth unendlich wohl, und jede Spur der scheuen Blodigkeit, die im Hause der Tante sie angstlich beklemmt hatte, verschwand vor ihm. Die prunklose, aber bequem-zierliche Einrichtung der Zimmer versetzte sie ganz in die frohe Zeit ihrer ersten Jugend zuruck; alles deutete darin auf heitern Lebensgenuss, auf Fleiss und Kunstliebe der Bewohner, alles war so, wie sie es bei ihrer Mutter zu sehen gewohnt gewesen war. Ihr ward in diesen Umgebungen, als ob sie nach einer langen Abwesenheit wieder zu Hause angekommen ware, und mit wahrer kindlichen Freude horte sie die Einladung, recht oft, wenn es moglich ware taglich, zu kommen, und jede freie Stunde bei der Frau von Willnangen und ihrer Tochter in ruhiger Gemuthlichkeit zuzubringen.

Der erste Anblick der achtzehnjahrigen Auguste eignete sich durchaus nicht dazu, die Herzen mit Sturm zu erobern. Ihr Aeusseres zeichnete sich nur durch eine hohe, regelmassig schlanke Gestalt aus, und ihr Gesicht war nichts weniger als schon, so lange sie schwieg; aber der Geist, der es belebte, sobald sie sprach, der Ausdruck, den die klaren, grossen Augen dann gewannen, gaben ihr einen ganz eignen Reiz, sie fesselten die Herzen wie die Blicke, man sah Augusten eben so gern sprechen, als man sie horte, und wurde endlich beinah verleitet, sie schon zu finden. Bei dem neuen Gefuhl, sich von einem jungen, ihr ahnlichen Wesen liebevoll umfangen zu sehen, ging Gabrielen in nie zuvor empfundner Freude das Herz auf; ein Vorgefuhl jugendlich vertraulicher Freundschaft bemachtigte sich ihrer, und glucklicher, als sie es je seit dem Tode ihrer Mutter gewesen war, verliess sie das Haus der Frau von Willnangen mit dem festen Entschluss, sobald als moglich dahin zuruckzukehren. Gabrielens Tante war eine der Frauen, wie man in grossen Stadten so viele findet, die mit wahrem Heldenmuth allen ihren Neigungen geradezu entgegen handeln, sobald der eben herrschende Ton es gebeut. Funfzig Jahre fruher geboren, hatte sie, schwimmend in Moschus- und Ambra-Duft, mit aller damals ublichen Ziererei einer franzosischen petite maitresse uber Vapeurs geklagt, in Gesellschaft Gold gezupft, oder Trisett gespielt, und ihr Haus ware eine Menagerie von Schoosshundchen und Papageyen gewesen. Die Zeiten, in denen so etwas galt, sind aber voruber gezogen, und Kunst und Wissenschaft jetzt bei uns an der Tagesordnung. So sah sich die Grafin gezwungen, sich zur eifrigen Beschutzerin derselben aufzuwerfen, wenn sie sich in dem Kreise, den sie die Welt nannte, geltend machen wollte, und die Langeweile nicht zu achten, welche sie dabei empfand.

Im Grunde waren ihr die Figuren in den Modejournalen weit lieber, als alle Raphaele und Kunstgesprache, von denen sie nichts verstand; die Donaunixe oder Rochus Pumpernickel ergotzten sie weit mehr auf der Buhne als Gothe oder Schiller, bei denen sie immerfort heimlich durch die Nase gahnen musste; und obgleich in ihrem Kabinette alle unsre vorzuglichsten Dichter in goldigem Einbande hinter Spiegelglas strahlten, so griff sie doch ganz in der Stille nur nach Cramer, Spiess und deren Nachfolgern, wenn Migrane oder eine seltne einsame Stunde ihr ein Buch in die Hand spielten. Dennoch wusste sie durch stete Anstrengung, geleitet von einem angebornen Taktgefuhl, diesen ihr eignen Geschmack so kunstlich zu verbergen, dass niemand merken konnte, wie sehr alles, wonach sie im Aeussern strebte, ihr im Innern zuwider war. Man konnte lange mit ihr umgehen, und dennoch darauf schworen, sie sey geistreich und unterrichtet. Sie wusste sehr gut, wenn es im Theater Zeit war den Kopf verachtlich wegzuwenden, oder auch in Extase zu gerathen, und in ihrem. Gesprach vermisste man keinen technischen Kunstausdruck, kein einziges der vielen neuen Worte, mit welchen unsre Poeten und Kunstjunger die deutsche Sprache neuerdings bereicherten; sie hatte sich alle durch den Umgang zu eigen gemacht. Es geschah wohl dann und wann, dass sie sich in der Anwendung derselben ein wenig vergriff, aber doch immer selten genug, um nicht auffallend zu werden. In zweifelhaften Fallen half sie sich mit einem Ach! oder Oh! die jedermann auslegen konnte, wie er wollte, und ubrigens hutete sie sich gar sehr, uber irgend ein neues Kunsterzeugniss ihre Meinung voreilig an den Tag zu legen, sondern wartete bescheiden, bis jemand aus der Gesellschaft, auf dessen Ansicht sie sich verlassen konnte, ihr zu einem sichern Urtheil verhalf.

Mit aller dieser Anstrengung war es ihr wirklich gelungen, ihren Zweck zu erreichen. Das Haus der Grafin Rosenberg galt allgemein fur das angenehmste in der Stadt, dem alles zustromte, was fur geistreich und gebildet geachtet seyn wollte, oder auch es wirklich war. Es wimmelte bei ihr von fremden Kunstlern, Gelehrten und schonen Geistern, und eine Addresse an die Grafin schien den mehresten dieser Ankommlinge nicht minder nothwendig als ein Reisepass. Wer keine mitbrachte, den wusste sie auf andre Weise sich zufuhren zu lassen, denn sie ware untrostlich gewesen, wenn ein beruhmter Mann das Weichbild der Stadt betreten hatte, ohne uber ihre Schwelle zu gehen. Freilich schlich sich auch mancher bloss titularschone Geist unter der Menge mit ein, denn an Auswahl war hier nicht zu denken; aber alle vereint brachten doch den Reiz einer mannigfaltigern Unterhaltung, eines geistigern Lebens in die Gesellschaft, als man in andern grossen Zirkeln zu finden gewohnt ist, und selbst sehr ausgezeichnete Manner besuchten gern den Vereinigungs-Punkt, der ihnen hier geboten ward. Ueberdem verstand die Grafin die Kunst, eine sehr angenehme Wirthin zu seyn. Mit anscheinender Sorglosigkeit uberliess sie es jedem, nach Gefallen seine Unterhaltung zu wahlen, und trachtete nur ganz unmerklich dahin, dass es nie an Stoff dazu mangle. Den feinen Takt echter Geselligkeit hatte lange Gewohnheit ihr zur zweiten Natur gemacht, und jedermann fuhlte sich in ihrem Hause frei und behaglich.

Ernesto war der tagliche Gast desselben. Fruher zog ihn heiterer Hang zu Geselligkeit dahin, spater die Sorge um Gabrielen. Den Gedanken, auch auf Aurelien vortheilhaft zu wirken, den ihre Schonheit zuerst in ihm erregte, gab er auf, sobald er mit gewohntem Scharfblick sie und ihre Mutter durchschaute. Sein durchaus rechtliches Benehmen, sein heller Geist, seine Kenntnisse, vor allem die ihm eigne heitre Unterhaltungsgabe und sein frohlicher, wenn auch zuweilen etwas kaustischer Witz erwarben ihm allgemeine Achtung und Liebe. Fast immer war er der von Allen gesuchte Mittelpunkt der Gesellschaft, um so mehr, da er bei seiner Genugsamkeit und strengen Massigkeit sich von jedermann unabhangig erhielt, und sich nie dahin bringen liess, seiner Wurde in etwas zu vergeben.

Die Grafin fuhlte den ganzen Werth seiner Gegenwart in ihrem Kreise, und strebte auf alle Weise, sich solche zu erhalten, obgleich ihr dabei zuweilen etwas unheimlich zu Muthe wurde. Ernesto war beinah der einzige Mensch, der ihr imponirte, sie fuhlte sich gezwungen, ihn zu ehren und sich, sobald er es ernstlich wollte, seinem Willen in manchen Dingen zu fugen. Deshalb wagte sie es auch nicht, ihm zu widersprechen, als er sich ziemlich eigenmachtig gewissermaassen zu Gabrielens Vormund aufwarf. Die Grafin musste es ihm sogar Dank wissen, dass er es unternahm, den mannigfaltigen Unterricht zu leiten, welchen Gabriele zufolge des Willens ihres Vaters in der Stadt erhalten sollte, denn er entledigte sie dadurch einer grossen Last, die sie ubereilt sich aufgeladen hatte, ohne die dabei vorwaltenden Schwierigkeiten und Muhn gehorig zu bedenken. Sie bat ihn, nur vor allem die ersten Wochen eifrigst zu benutzen, in denen Gabrielens tiefe Trauer, welche diese nicht vor der bestimmten Zeit ablegen wollte, deren eigentliche Einfuhrung in die Welt noch verzogerte, und uberliess alles ubrige recht gern seinem bessern Wissen und Wollen. Erwunschteres konnte fur Gabrielen nichts geschehen, als dass sie Ernestos Fuhrung ubergeben ward, und von ihm geleitet begann ihr Leben bei der Tante sehr bald, sich beruhigend und erfreulich fur sie zu ordnen. Bei der Grafin und Aurelien brach der Tag wenigstens drei Stunden spater an als bei ihr; Toilette und Visiten raubten diesen Damen alle ubrige Zeit vor der Mittagstafel, es konnte ihnen daher nicht einfallen, Gabrielens Lehrstunden und Uebungen zu unterbrechen, und diese behielt also die vollkommenste Musse fur s i e und fur Ernesto, der jeden Morgen mehrere Stunden mit Zeichnen und im Gesprach bei ihr verweilte.

Er sowohl, als die Lehrer, welche er fur sie gewahlt hatte, staunten nicht wenig bei der Entdeckung, welche Fortschritte Gabriele schon fruher bei ihrer Mutter in alle dem gemacht hatte, was sie ihr von den ersten Anfangsgrunden an lehren zu mussen geglaubt hatten, und mehrere von ihnen befanden sich wirklich mit dieser Schulerin in einiger Verlegenheit. Im gewohnlichen Sinn des Wortes konnte Gabrielens Erziehung wirklich fur mehr als vollendet gelten, aber die Gelegenheit zu fernern Fortschritten und Uebung im schon Erlernten war ihr zu willkommen, um sie nicht aufs beste zu benutzen. Uebrigens gewohnte sie sich durch den Umgang mit ihren Lehrern immer mehr an den mit der Welt, und diese hingegen nahmen wieder recht gern den muhelos erworbenen Ruhm an, in unbegreiflich kurzer Zeit ihre Schulerin so weit gebracht zu haben.

Mit allen lebte Gabriele in der vollkommensten gegenseitigen Zufriedenheit, ausser mit ihrem Singmeister, einem sehr vorzuglichen Kunstler, der aber von der neuen italienischen Methode bezaubert war. Er bestand darauf, ihre ungewohnlich reine biegsame Stimme an alle die immer wiederkehrenden Verzierungen und Manieren zu gewohnen, mit welchen jetzt manche unsrer beruhmtesten Sanger und Sangerinnen auf Kosten der Melodie und des Ausdrucks ihren Gesang oft so uberladen, dass der ursprungliche Gedanke des Komponisten eigentlich ganz dabei zu Grunde geht und nur noch das Tempo und die Worte eine grosse Arie von der andern unterscheiden. Gabriele hingegen war von ihrer Mutter nach der altern reinern Methode unterrichtet, sie suchte nur, den echten Sinn des Gesanges einfach, wahr und gefuhlvoll so wiederzugeben, als der Meister, der ihn niederschrieb, ihn sich dachte, und wollte sich auf keine Weise zu jenen kunstlichen Schnorkeleien bequemen. Dies gab Anlass zu unzahligen ziemlich lebhaften Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Lehrer, bei welchen aber Gabriele nie von ihrer Ueberzeugung abweichen wollte. Glauben Sie, sprach sie zu ihm, dass Gluck oder Mozart diese krausen Laufer, diese Vorschlage und Triller nicht hatten vorschreiben konnen und es auch nicht gethan haben wurden, wenn sie sie fur zweckmassig hielten? Niemanden fallt es je beim Vorlesen ein, sich an Gothen oder Schillern durch den eigenmachtigen Zusatz nur eines einzigen Wortes zu versundigen. Sollten die Meister der Tonkunst, die so klar ohne Worte zu uns zu sprechen wissen, dass wir sie deutlich verstehen, uns weniger heilig seyn? Vergebens bekampfte der Musikmeister diese Meinung seiner Schulerin mit allen nur ersinnlichen Gegengrunden, keiner derselben schien ihr bedeutend genug, um ihre eigne Ueberzeugung umzustossen.

Ernesto war zufallig einmal Zeuge eines solchen Zwistes, und da der erzurnte Sanger ihn endlich zum Schiedsrichter aufrief, so erklarte dieser sich mit wenigen Einschrankungen fur Gabrielen. Dies beendete wenigstens den Streit, aber der Lehrer seufzte doch jedesmal uber den Eigensinn seiner sonst so gelehrigen Schulerin, wenn er gezwungen sich ihrem Willen fugen musste.

Eigensinnig! So hatten auch die Tante und Aurelie sie mehreremale genannt, und dennoch war sie es nicht. Gabriele scheute nur das Unrecht, und war in ihrem Gemuthe bei aller ihrer Furchtsamkeit fest genug, um sich durch keine Ueberredung von dem abwenden zu lassen, was sie fur das Rechte anerkannte, sobald sie aber ihren Irrthum einsah, war auch niemand bereitwilliger, ihn abzulegen, und Ernestos welterfahrnem, klarem Sinne gelang es immer, sie zum Bessern zu leiten.

Eines Morgens traf sie dieser in sehr lebhaftem Gesprach mit ihrer Kammerjungfer. Er furchtete, in einer wichtigen Toilettenangelegenheit zu storen, und wollte eben bescheiden sich zuruckziehn, als er zu seiner grossen Verwunderung entdeckte, dass die Rede von nichts geringerem sey, als von Alexanders des Grossen Zug nach Indien.

"Um Gotteswillen, was hat die kleine, hubsche Annette mit dem grossen krummhalsigen Alexander zu thun?" fragte Ernesto, so wie er mit Gabrielen allein war. Lachelnd erzahlte ihm diese, wie sie das Madchen bei allen Stunden ihres eignen Unterrichts habe im Zimmer mit seiner Handarbeit bleiben heissen, und wie es anfangs aus Langerweile, endlich mit wirklicher Theilnahme, eifrig zugehort und vieles gelernt und behalten habe. In freien Stunden machte es sich Gabriele jetzt zum angenehmen Geschaft, die oberflachlichen Bruchstucke, welche Annette, oft nur halb gehort, auffasste, in ihrem Kopfchen zu ordnen, und sie grundlicher zu unterrichten. Jugendliche Freude am Lehren des eben Erlernten mochten an diesem Unternehmen wohl vielen Theil haben, mehr aber noch der Wunsch, dem artigen Madchen nutzlich zu seyn, das mit grosser Liebe an seiner jungen Gebieterin hing, und sich dabei als eine ausserst gelehrige Schulerin bewies.

"Sie glauben da etwas recht Vortreffliches zu stiften, liebe Gabriele," sprach Ernesto zu seiner jungen Freundin, "ich aber furchte, Sie bereiten dem armen Madchen eine traurige Zukunft. Lassen Sie sich freundlich von mir warnen und an Annettens einstige Bestimmung errinnern. Wahrscheinlich wird sie die Frau eines Handwerkers, wenn es hoch kommt eines Kramers oder eines untergeordneten Beamten; hoheres darf sie nicht erwarten, und heirathen wird sie doch wollen, denn das will jedes Madchen. Und nun denken Sie sich Annetten mit der geistigen Bildung, die Sie ihr zu geben im Begriff stehen, ein Paar Kinder um sie her, eine grosse Wasche im Hause, und auf dem Heerde das Mittagsmahl fur ihren Mann und vielleicht fur noch ein Dutzend Gehulfen bei seinem Gewerbe!"

"Und warum sollte ich sie mir so nicht denken konnen?" unterbrach ihn ziemlich lebhaft Gabriele; "warum sollte diese geistige Bildung sie in der Uebung ihrer Pflicht hindern? Sagt man mir doch, es stunden oft die geistreichsten Manner in Aemtern, welche ihrem Genius gerade entgegen streben, ohne dass weder ihre Pflicht noch ihr Talent darunter leiden."

"Sie vergessen, oder vielmehr Sie wissen noch nicht, liebe Gabriele, wie viel gunstiger das Loos der Manner als das der Frauen fiel," erwiederte Ernesto; "wie viel Freiheit Jenen ausser dem Hause bleibt, und wie schneckenartig diese das ihrige immer mit sich herumtragen mussen, wenn Reichthum sie nicht von den druckendsten Banden befreit. Sie kennen den Mittelstand nicht," fuhr er fort; "Ihr vornehmen Leute kennt ihn uberhaupt alle nicht; bittre Armuth, das hochste Elend, so wie alle Extreme kann Eure Fantasie Euch allenfalls malen, Mitleid fuhrt Euch auch wohl ein paarmal in Eurem Leben in Hutten, aus denen Ihr mit einer Hand voll Eures uberflussigen Goldes alle Noth verbannt, aber das beschrankte Wesen von Menschen, welche einen sogenannten kleinen Haushalt fuhren mussen, bleibt Euch ewig verborgen. Ich aber kenne es, denn Kunstler und Handwerker sind einander im Leben naher verwandt, als unser Hochmuth es eingestehen will. Schutteln Sie nicht so vornehm das Kopfchen, liebe Gabriele, es bleibt dennoch wahr, beide haben gleiche Hulfsmittel und oft gleiche Noth. Von dieser bezwungen, sinkt der Kunstler in unsern Tagen nicht selten zum Handwerker herab, dafur aber erstanden auch in fruhern Zeiten viele grosse Meister aus der engen Werkstatt des Handwerkers."

"Aber gerade den Mittelstand dachte ich mir immer als den glucklichsten," wandte Gabriele, das Gesprach wieder zurucklenkend, ein. "Mann und Frau, jeder auf seine Weise, bringen den Tag im emsigen Bemuhen fur das Wohl der Ihrigen zu. Die Ruhestunden fuhren sie Abends wieder zusammen, sie erzahlen einander die Geschichte ihres wohlgelungenen Tagewerks, und vergessen alle Muhe des Lebens beim gemeinschaftlichen Lesen eines Buchs, das ihren Geist aus dem Werkeltags-Staub wieder erhebt. Bei Musik, im geistreich erheiternden Gesprach, beim Zauber der Poesie, schwinden ihnen die Feierstunden, und jedes geht am folgenden Morgen frisch und frohlich an die Arbeit und freut sich den ganzen Tag uber auf den Abend."

"Sie malen da ein Bild, das Ihrer Fantasie alle Ehre macht," sprach lachelnd Ernesto; "leider aber ist es im wirklichen Leben ganz anders. Wenn Sie die hohere Klasse des Mittelstandes meinen, zu welcher der reiche, angesehne, grosse Kaufmann, der wohlhabende, auf den ersten Stellen stehende Beamte gehoren, so haben sie Recht, dort ist es zuweilen so, und konnte es immer seyn. Aber zu den niedrigern Klassen, in welchen Annette einst leben wird, passt dieses nicht. Konnen Sie sich wirklich einen Schneider oder Tischler denken, der das Leben fuhrte, welches sie eben geschildert haben? und setzen sie selbst den Fall, dass Annette einen untergeordneten Beamten oder einen Landprediger heirathete. Was diese Manner auf Universitaten an geistiger Bildung vielleicht gewannen, geht gewohnlich in uberhaufter Arbeit und Nahrungssorgen wieder zu Grunde, was sie von geistiger Unterhaltung brauchen, gewahren ihnen die politischen Welthandel, und Abends verlangt der abgemattete Mann nur nach einer guten Suppe, wahrend die Frau ihrerseits auch froh ist, wenn sie die Kinder erst zur Ruhe weiss."

"Meine arme Annette!" rief Gabriele dazwischen. "Und nun die Frau Basen, die Frau Gevattern," fuhr Ernesto fort, "von diesen Leuten hat ein hochgebornes Fraulein, wie Sie sind, keinen Begriff. Familienbande sind im eigentlichen Burgerstande viel fester und dabei weiter umfassend als in dem Ihrigen. Was mit einander in irgend einem Grad von Verwandtschaft steht, muss an Ehrentagen und bei Kaffeevisiten zusammen kommen, da gilt keine Ausnahme. Und nun denken Sie sich die hochgebildete Annette in einer solchen Gesellschaft. Die gelehrte Frau Meisterin, welche franzosisch und italienisch kann, von den Griechen und Romern zu reden weiss, und dabei vielleicht einmal den Festkuchen verbrennen liess, wie wurde es ihr ergehen! wie musste ihr selbst in diesen Umgebungen zu Muthe werden! und welche Qual ware es fur sie, den ewig unbefriedigten Hang zum Hohern, zum geistig Schonen mit sich herum zu tragen, wahrend sie den ganzen Tag arbeiten musste, um ihr Hauswesen zu beschicken, und bei noch unerwachsenen Kindern selbst Nachts auf keine sicher ruhige Stunde rechnen konnte. Ihr Mann mag sie noch so herzlich lieben, er mag noch so gut und brav in seiner Art seyn, er wird doch in geistiger Hinsicht immer tief unter ihr stehen, und oft gar nicht wissen, was sie meint, wenn sie von etwas anderm, als dem ganz Alltaglichen mit ihm zu sprechen versucht."

"So sehe ich denn keine Rettung fur meine arme Annette, als dass sie immer bei mir bleibt," rief schmerzlich bewegt Gabriele. "Nichts hat je mein innigstes Mitleid mehr erregt," fuhr sie fort, "als wenn ich las, wie Jean Paul das vernahte, verwaschne, verkochte Leben der armen Weiber schildert, die nur einmal im sonnenhellen kurzen Tage der Liebe ihr Haupt erhoben, und dann mit beraubtem Herzen auf ewig in die Tiefe versinken. Ich hoffte, es konne in der Wirklichkeit anders seyn, Sie, Ernesto, lehren mich das Gegentheil, ich traue Ihrem erfahrnen, weltklugen Sinn, aber ich mochte daruber weinen, dass der grosste Theil meines Geschlechts so elend seyn muss."

"Sie gehen in Ihrem Eifer wieder zu weit, gute Gabriele," sprach Ernesto, "gerade wie an jenem ersten Abend bei den Tableaus. Erinnern Sie sich noch, wie Sie um einiger unschuldig-boshafter Anmerkungen willen die ganze Gesellschaft fur lauter maskirte Tigerkatzen ansahen? und doch haben Sie jetzt schon gefunden, dass ich Recht hatte, indem ich Sie versicherte, dass jene Leute wirklich so ubel nicht sind, und dass sie, ihrer Lust am Medisiren unbeschadet, fur Ungluckliche nicht nur einen Dukaten in der Hand, sondern sogar eine Thrane im Auge in Bereitschaft halten, wenn man ihnen den Jammer nur recht deutlich zu machen versteht. So wie damals die Verderbniss der Welt, so denken Sie sich jetzt das Ungluck, sich nicht auf Ihre Weise des Lebens freuen zu konnen, wieder viel zu gross. Und nehmen Sie denn die Mutterfreuden, welche eine Handwerkers-Frau eben so gut empfindet als eine Grafin, fur gar nichts? fur nichts das Gelingen in ihrem Hauswesen? die treuherzige, ehrliche Liebe eines guten, wenn gleich nicht geistig gebildeten Mannes? Selbst bei Ihrem Jean Paul konnen Sie des Trostes genug finden; gegen die eine Stelle, welche Sie anfuhrten, will ich Ihnen zwanzig andere zeigen, wo er die Freuden dieser Frauen an schonen neuen Hauben und Kleidern, an festlichen Gastereien, an einem wohleingerichteten Hausstande eben so wahr schildert, als ihr muhseliges Alltagsleben. Rauben Sie Ihrer Annette nur nicht die Fahigkeit, an dem Gluck sich genugen zu lassen, das ihrem Stande gebuhrt. Entbehrt sie die Freuden hoherer Bildung, so entgeht sie auch vielen aus ihr entspringenden Schmerzen, und es ist noch immer nicht entschieden, wohin die Wage sich neigt."

"Soll ich sie denn so ganz ohne allen Unterricht lassen?" fragte Gabriele. "Lehren Sie sie richtig deutsch schreiben und sprechen," war Ernestos Antwort, "aber um des Himmelswillen keine fremden Sprachen, die sie nur dazu bringen konnten, sich uber ihres gleichen zu erheben. Annette wird in Deutschland leben und sterben, und sollte ein seltenes Geschick sie ins Ausland versetzen, so lehrt Noth nicht nur beten sondern auch englisch und franzosisch. Lassen Sie ihr artiges Stimmchen mit den Waldvogeln um die Wette singen, aber wie diese, ohne Noten und ohne Guitarre, Mann und Kinder werden sich an ihren Liedern doch ergotzen. Von Alexander dem Grossen und seines gleichen braucht sie vollends keine Sylbe zu wissen, um eine thatige, freundliche Hausfrau zu werden, deshalb kann sie aber doch Sonntags manches gute Buch beim Strickstrumpf lesen, das ihren literarischen Horizont nicht ubersteigt, und wenn es seyn muss bey Lafontaines ruhrenden Geschichten ihr bitter-susses Thranchen weinen, obgleich ich ihr gerade diese am wenigsten anpreisen mochte."

"Aber Annette hat doch so viel Anlagen," wandte halb besiegt Gabriele ein.

"Sie ist auch hubsch und wohlgewachsen," erwiederte schnell Ernesto. "Wollen Sie sie deshalb in die kostbarsten, feinsten Stoffe kleiden, die eine schone Gestalt am vortheilhaftesten bezeichnen? Liebe Gabriele!" fuhr er fort, "alle Welt schreit jetzt uber den alles entnervenden aussern Luxus, in unsrer der hochsten Kraft bedurftigen Zeit, ich aber halte den geistigen Luxus fur weit gefahrlicher; mir graut weit mehr, wenn ich die Tochter unsrer wohlhabenden Handwerker in franzosische Schulen, als wenn ich ihre Mutter in gestickten Kleidern gehen sehe. Schone Kleider lassen sich allenfalls erwerben und bezahlen, wie aber setzt man ein durch halbes Wissen verdrehtes Kopfchen wieder zurechte?"

"Und doch redeten Sie noch gestern Abend bei der Tante allem Luxus gar sehr das Wort," wandte lachelnd Gabriele ein.

"Das that ich und werde es immer thun," antwortete Ernesto, "aber nur bei denen, welche Zeit und Geld genug dazu haben. Alles, was wir zu besitzen streben, ohne es zu brauchen, ist Luxus, aber in unsern Tagen ist vieles Bedurfniss geworden, was noch vor dreissig Jahren Luxus war. Auch sprach ich jetzt gar nicht vom ausseren Luxus, denn jedes Kind weiss, dass wir ohne ihn wieder zum eichelnessenden Naturzustande unsrer Vorfahren herabsanken. Ich spreche vom innerlichen, geistigen, den sollen und mussen die Reichen freilich treiben. Was wurde sonst aus Autoren, Verlegern und aus Kunstlern, wenn niemand ein Buch oder ein Kunstwerk kaufte, als wer Freude und Genuss davon hat? Sehen Sie nur ihre Tante an, die treibt den rechten geistigen Luxus, und ich kann sie darum nicht genug loben und ehren, denn sie hat Geld und Zeit im Ueberfluss. Fur sich bedarf sie weder Bucher noch Kunstwerke, weder Gelehrte noch Kunstler zum Umgange, im Gegentheil sie sind ihr alle recht lastig, dennoch kauft sie die erstern, bereitet den zweiten ein angenehmes Daseyn, und ahnet nicht einmal, wie viel Gutes sie damit stiftet. Aber eine Frau des arbeitenden Mittelstandes darf ihr das nicht nachthun. Wenn eine solche Bildchen malt, Guitarre spielt und Lekture treibt, so verschwendet sie wenigstens die Zeit, welche ihrem Haushalt gehort, und oft kostlicher als Gold ist; obendrein bereitet sie sich eine traurige Existenz, weil sie gegen ihren, ihr bestimmten Kreis anstrebt, von welchem sie sich doch nicht losreissen kann. Darum, liebe Gabriele, bitte ich Sie nochmals, versuchen Sie es nicht, aus einer niedlichen Wiesenblume eine Prachtpflanze zu ziehen, die in dem rauhen Klima zu Grunde gehen musste, in welchem sie in ihrem naturlichen Zustande recht ergotzlich bluht! Lehren Sie Annetten weder franzosisch noch italienisch, und sagen Sie ihr kein Wort mehr von Alexander dem Grossen."

Gabriele versprach endlich, ihrem erfahrnen Freunde zu folgen, obgleich mit innerm Widerstreben, denn er hatte nur ihren Verstand aber nicht ihr Gemuth besiegt; obendrein erschwerten ihr sowohl Annettens Eitelkeit, als ihre wirkliche Lust am Lernen diesen Entschluss, aber sie blieb ihm treu, nicht nur weil sie es versprochen hatte, sondern auch weil sie einsah, dass es wirklich so besser sey. Ottokar blieb noch immer Gabrielens Hausgenosse. Als den Sohn eines entferntlebenden, aber mit ihrem Gemahl innigst verbunden gewesenen Freundes, hatte die Grafin Rosenberg ihn dringend eingeladen, in ihrem sehr geraumigen Hause bei ihr zu wohnen, so lange er in der Stadt verweilen musste, in welcher er seine nahe Anstellung zu einem Gesandtschaftsposten erwartete. Aus den wenigen zu seinem dortigen Aufenthalt bestimmt gewesenen Wochen wurden Monate, ohne dass weder er noch seine gastlichen Freundinnen es zu bemerken schienen. Ottokar befand sich zu wohl in ihrer Nahe, um uber dieses Zogern der Entscheidung seines Schicksals in Ungeduld zu gerathen. Die Grafin sowohl als Aurelia hatten ebenfalls ihre eignen triftigen Grunde, ihn gerne bei sich zu sehen, und so lebten alle drei in grosser Zufriedenheit neben einander hin, ohne die Tage zu zahlen.

In der ersten Zeit sah Gabriele Ottokarn weit seltner, als sie es im Stillen gehofft und gefurchtet hatte, denn der geselligen Abende im Hause ihrer Tante gab es jetzt sehr wenige.

In grossen Stadten tritt zwar nie eine ganzliche Ebbe der Vergnugungen ein, aber oft eine alles mit sich fortreissende Fluth, wahrend welcher Feste an Feste sich reihen, und die Zahl der Tage fur alle kaum hinreichen will. Solch eine Fluth fiel gerade in die Zeit, wo Gabriele noch nicht offentlich erschien. Balle, grosse Soupers, auffallende theatralische Neuigkeiten zogen die Grafin und ihre Tochter an jedem Abende aus dem Hause, ohne ihnen Zeit fur ihre eignen Zirkel zu lassen, und auch Ottokar ward von dem Strome mit fortgerissen. Gabrielen entging dadurch jede Gelegenheit, ihn anders als an der Mittagstafel zu sehen, und auch an dieser vermisste sie ihn oft. Sowohl seine personliche Liebenswurdigkeit, als seine aussern Verhaltnisse zogen ihm vielfaltige Einladungen in andern Hausern zu, und die Grafin hielt ihn nie davon zuruck, solche anzunehmen. Sie blieb auch in Hinsicht seiner ihrem Systeme treu: keinen ihrer Gaste in seiner Freiheit zu beschranken, denn Erfahrung hatte sie gelehrt, dass diess der sicherste Weg sey, sie immer fester an sich zu binden.

Mit gewaltigem Herzklopfen horte Gabriele jedesmal die Stunde schlagen, welche sie in den Speisesaal rief; ihre sonst ziemlich uberwundne angstliche Blodigkeit kehrte dann mit verdoppelter Gewalt zuruck, und nur heimlich wagte es ihr Blick, unter den Anwesenden nach Ottokar zu suchen. Stumm und traurig nahm sie ihren Platz ein, wenn er abwesend war; die Unterhaltung rauschte unbeachtet an ihr voruber, und nur Aureliens lustiger Uebermuth versuchte es zuweilen, sie hinein zu verflechten. Die Uebrigen, mit Stadtgesprachen beschaftigt, schienen fast gar nicht sie zu bemerken. Ohnehin war die Gesellschaft nie zahlreich, die Grafin liebte keine Diners, sie schimmerte lieber bei Kerzenschein, und auch Ernesto war ein seltner Gast an ihrem Tische.

Ganz anders aber gestaltete sich die Unterhaltung, wenn sie durch Ottokars Gegenwart belebt ward. Mit Entzucken sah dann Gabriele, wie alles in seiner Nahe sich veredelte, wenn sie auch dabei bald hochroth ergluhte, bald bluthenweiss erblasste, und ihr Herz sich zitternd in ihrer Brust bewegte. Es konnte ihr nicht entgehen, dass Alle strebten, sich vor ihm vom Gemeinen entfernt zu halten, und ihn offenbar als den Ersten unter sich anerkannten, obgleich er mit der anspruchlosesten Bescheidenheit sich uber keinen zu erheben suchte. Sein Platz an der runden Tafel zwischen der Grafin und Aurelien war dem von Gabrielen gerade gegenuber. Ihr entging fast kein einziges seiner Worte, und wenn er im Gesprach sich gegen seine Nachbarinnen wendete, so konnte sie dem freundlichen Strahlen seiner Augen, dem anmuthigen Spiel seiner Gesichtszuge zusehen, ohne dass jemand es bemerkte. Oft wunschte sie recht sehnlich, dass er auch an sie mit freundlichen Worten sich wenden moge, und wenn er es that, so raubte susses Erschrecken ihr den Athem zur Antwort. Ottokar konnte nicht umhin, ihre ewige Verlegenheit zu bemerken, er sah, dass sie auch mit den ubrigen Anwesenden nur dann sprach, wenn sie gefragt ward, und immer in moglichst wenigen Worten. Er schrieb ihr Benehmen einzig der unuberwindlichen Furchtsamkeit zu, die er an einem so jungen, in der tiefsten Einsamkeit erzogenen Madchen sehr naturlich fand, und begnugte sich endlich, aus Mitleid mit ihrer Angst, sie nur mit einem freundlichen Lacheln zu begrussen, ohne sie ferner durch Anreden in Verlegenheit zu setzen.

Gabriele bemerkte diess, ohne zu wissen, ob sie sich daruber freue oder betrube. Immer mehr verstummte sie in seinem Beiseyn und strebte nur, nichts von dem zu verlieren, was er zu den Uebrigen sprach. Ihr war dabei, als ob er dennoch nur sie damit meine, als wenn nur sie den Sinn seiner Rede vollkommen verstunde, weil nur sie so an jedem seiner Worte hing, denn die andern konnten doch manches zuweilen achtlos uberhoren. Jeder seiner Gedanken war wie aus ihrer tiefsten Seele herausgesprochen, bei jedem vorkommenden Gegenstande fuhlte sie im voraus, wie er sich daruber aussern wurde, und doch war und blieb sie die Einzige, zu der er niemals mit Worten sich wendete.

Trafe er mich nur einmal im Zimmer allein! dann musste er doch zu mir reden, ich hatte gewiss dann auch den Muth, ihm zu antworten, und alles ware anders! So dachte sie oft, wahrend alles blieb wie es war.

Auch wusste sie nicht, was denn eigentlich anders werden solle. Ihre Wunsche, ihre Hoffnungen schwammen formlos vor ihrem sonst so klaren Sinn, aber tief in ihrem Gemuth herrschte eine unaussprechliche Sehnsucht nach jenem seligen Moment, ohne dass ihr nur von ferne der Gedanke kam, ihn auf irgend eine Weise herbeifuhren zu wollen.

Keiner von denen, welche sie kannte, schien ihr wurdig, an Ottokars Seite zu stehen, selbst Ernesto nicht, in dessen hellem, scharfem Blick sie die milde Gute oft vermisste, durch welche Ottokar ihr vor Allen liebenswerth erschien, und so stieg dieser nach jedem Wiedersehen immer hoher in ihrer Verehrung, und ihr Anerkennen seines seltnen Werthes ward immer demuthiger.

In ihrem einsamen Zimmer rief sie sich jedes seiner Worte, jede seiner Bewegungen zuruck, aber sie vermochte es nie, vor andern seinen Namen zu nennen, selbst nicht vor der sich immer fester an sie schliessenden Auguste von Willnangen. Es betrubte sie, sie schalt sich undankbar, wenn es ihr unmoglich war, das herzliche Vertrauen im gleichen Maass zu erwiedern, mit welchem diese, madchenhaft traulich, sie auf den tiefsten Grund ihres Herzens blicken liess. Aber sie war an das Leben mit einem Wesen gewohnt, das ohne Worte sie verstand, und dessen jetzt ruhendes Herz sonst mit dem ihrigen in stetem Einklange schlug, wie zwei gleichgestimmte Saiten, die nur eines Hauches bedurfen, um zugleich im namlichen Tone zu erbeben. Es blieb ihr unbegreiflich, dass nicht Ernesto, Frau von Willnangen, deren Tochter, dass nicht alle nur von Ottokar sprachen, dass sie ihn nicht alle als den Einzigen, Seltnen laut anerkannten, wie er ihr schon beim ersten Anblick auf der Reise erschienen war. Aber da jedermann schwieg, so verstummte auch sie.

Nur in der stillen Nacht ergoss sich ihr volles Herz in dem Tagebuche, welches sie schon fruh zu fuhren gewohnt worden war, und in welchem sie von jeher alles Merkwurdige aus ihrem aussern und innern Leben oft nur in kurzen Satzen niederschrieb. Oft glaubte sie bei dieser einsamen Beschaftigung, die beseligende Nahe des Geistes ihrer Mutter zu fuhlen, der ihrer Ueberzeugung nach, als schutzender Engel sie umschwebte. Dann redete sie die Mutter als noch lebend an, ihr und den Blattern ihres Tagebuchs vertraute sie allein das gluhende Gefuhl, welches sie jetzt allmachtig beherrschte, dem sie immer wehrloser sich hingab, weil sie es nicht erkannte. Ottokar ward gar bald durch das Schreiben von ihm zum Geschopf ihrer jugendlichen Fantasie, zu einem himmlischen Gebilde; er stand in einer Glorie vor ihrem Sinne, zu welcher sie ihm selbst die Strahlen lieh, ohne sich dessen bewusst zu werden.

Alles, was wir in der Einsamkeit dem Papier vertrauen, ubt dadurch tausendfache Gewalt an uns, Liebe, Freude, vor allem der Schmerz. Wir selbst scharfen bei dieser stillen Beschaftigung jeden Stachel des Lebens, wir drucken ihn immer tiefer in das wunde Herz, wahrend wir uns alles verhehlen, was ihn sanftigen konnte. Und so kommen wir bald dahin, in fruchtlosem Mitleid mit uns selbst zu vergehen, und kein Strahl aus der helleren Wirklichkeit erleuchtet mehr die sternlose Nacht, die wir selbst immer dichter und dichter um uns und unser Geschick ziehen.

So war es auch mit Gabrielen; aber keiner von den Wenigen, die an ihr Theil nahmen, konnte vor dieser Gefahr sie warnen, denn allen blieb sogar das Daseyn ihres Tagebuchs ein Geheimniss und musste seiner Natur nach es bleiben. Alle Abende, an denen Feste und Lustbarkeiten ihre Hausgenossen entfernt hielten, brachte Gabriele bei der Frau von Willnangen zu. Das Gefuhl, mit welchem die edle Frau zuerst der Tochter Augustens entgegen kam, hatte sich bald in wahrhaft mutterliche Liebe zu dem verwaisten Madchen umgewandelt, und oft betrachtete sie es mit angstlicher Sorge. Ihrem tief eindringenden Blick entging es nicht, dass Gabriele von einer einzigen, vielleicht ihr ganzes kunftiges Daseyn bestimmenden Empfindung beherrscht ward, aber vergebens strebte sie, den Gegenstand ihrer jugendlichen Neigung zu entdecken, denn bis jetzt hatte sie in Ottokars Gegenwart sie fast nie gesehen, auch kannte Frau von Willnangen Letztern ohnehin nur oberflachlich, da er so ganz zu den nachsten Umgebungen der Grafin Rosenberg gehorte. Ahnendes Vorgefuhl liess sie wenig Erfreuliches fur Gabrielens Zukunft hoffen, desto fester aber begrundete sich der Vorsatz in ihrem Gemuth, dieses so vereinzelt und hulflos dastehende anmuthige Wesen in keinem des Trostes bedurfenden Moment zu verlassen, und bei Gabrielen, wie ehemals bei Ferdinand, an die Stelle der fruh verklarten Auguste zu treten, so viel die Moglichkeit diess erlaubte.

Im nahern Umgang mit ihrer welterfahrnen Freundin ward Gabrielens Blick in das Leben allmahlich immer mehr erweitert. Blieb sie allein mit ihr und Augusten, so verlebte sie Abende, wahrend welchen sie sich in ihre fruhere Zeit auf Schloss Aarheim wieder versetzt glaubte. Musik, gemeinschaftliches Lesen, vertraulich heitres Gesprach und Uebung mancher weiblichen Kunst liehen den Stunden dann Flugel. Oft aber erweiterte sich auch der kleine Kreis durch das Hinzukommen mehrerer Freunde der Frau von Willnangen, und freie, frohe Mittheilung belebte dann die kleine Gesellschaft. Gabriele fuhlte sich in ihr weit heimischer als im Hause ihrer Tante, aber sie vermochte es doch noch nicht, ihr zuruckhaltendes Wesen im Beiseyn Mehrerer ganz abzulegen, und blieb darum gewohnlich nur eine stumme, wenn gleich frohlich theilnehmende Zuhorerin.

So verging der Anfang des Winters; immer naher kam das neue Jahr, welches bestimmt war, Gabrielen diesen stilleren Freuden zu entreissen, um sie in grossere Zirkel einzufuhren. Sie sah ihm deshalb mit bangem Widerstreben entgegen.

Eines Abends ward die Gesellschaft weit grosser und glanzender als gewohnlich, viele, die sonst mitten im Gerausch lebten und selten Frau von Willnangen besuchten, traten nach und nach in ihr Zimmer, denn ein ungewohnlich spat anfangender Ball liess ihnen zufallig den Abend frei, und sie benutzten diese Gelegenheit, sich vorher hier zu versammeln, wo sie die Frau vom Hause immer zu finden gewiss waren. Unter mehreren Personen, welche Gabriele schon im Hause ihrer Tante gesehen hatte, erkannte diese vorzuglich die Grafin Eugenia und den jungen Mann, welcher den Antonius vorgestellt hatte; ganz zuletzt kam auch Ernesto hinzu und mit ihm Ottokar.

Frau von Willnangen wurde Gabrielens Erschrekken bei Ottokars Eintritt, ihr hohes Errothen und eben so plotzliches Erbleichen gewahr, und das bis dahin vergebens gesuchte Geheimniss des jungen Herzens lag nun entschleiert vor ihrem Blick. Ihre Ansicht von Gabrielens Zukunft klarte sich auf, denn ohne Ottokarn genau zu kennen, wusste sie doch genug von ihm, um ihn gunstig zu beurtheilen. Zum erstenmal fiel es ihr ein, dass er und Gabriele in e i n e m Hause lebten; dass die ihr eigne Liebenswurdigkeit bei diesem steten Zusammenseyn sich ihm offenbaren musse; und dass auch er von ihr sich bald machtig angezogen fuhlen wurde, schien ihr gewiss. Sie beschloss daher, von nun an Ottokarn genauer zu beobachten, und keine Gelegenheit dazu entschlupfen zu lassen. Der Gedanke, Gabrielen recht bald unter dem Schutz, am liebenden Herzen eines edlen Mannes zu sehen, war ihr zu trostend, zu erfreulich, als dass sie sich nicht hatte geneigt fuhlen sollen, auf das Thatigste dazu mitzuwirken, sobald die Gelegenheit sich darbot. Furs erste aber wollte sie sich auf blosses Bemerken beschranken.

Das Gesprach wandte sich diesen Abend sehr bald wieder auf die Tableaus bei der Grafin Rosenberg. Als die ersten und bis jetzt einzigen, welche man hier gesehen hatte, waren diese Darstellungen noch unvergesslich, und in den Gesellschaften ward viel heruber und hinuber, preisend und tadelnd, daruber gesprochen. Grafin Eugenia fand es seit jenem Feste fur gut, uberall so wie hier, als die erklarteste Widersacherin dieses neuen geselligen Vergnugens aufzutreten. "Ich war herzlich froh," sprach sie, "als ich einen schicklichen Vorwand ersonnen hatte, mich von der Theilnahme davon loszumachen. Nie hatte ich es ausgehalten; mich bewegungslos von mehr als hundert Augen anstarren zu lassen, dazu gehort ein Grad von Muth, welchen ich mich wenigstens nicht ruhmen darf zu besitzen."

"Und doch waren Sie so gutig, uns auf unserm Privattheater recht oft durch ihre Erscheinung zu entzukken," wandte mit einer hoflichen Verbeugung der Antonius jenes Abends ein. "Das ist ja ganz etwas anderes," erwiederte Eugenia, "dort auf den Bretern bin ich nicht mehr ich, die Dichtung, die Kunst reissen mich hin, ich sehe die Zuschauer und ihre Blicke nicht mehr. Ueberdem gehort ein gewisses Talent dazu, um auf der Buhne aufzutreten; aber schon geputzt einige Minuten bewegungslos dastehen, kann jedes Ganschen vom Lande, wenn es nur hubsch ist."

"Vor allen Dingen ist der hohe Grad von Eitelkeit und Leichtsinn wohl zu erwagen, welcher dazu gehort, sich in fantastischer, oft unanstandiger, ja sogar heidnischer Kleidung zur allgemeinen Bewunderung hinzustellen," sprach langsam bedachtig ein Fraulein Silberhain. Diese junge Dame stand schon seit einiger Zeit auf der zweiten Granze ihres Lebensfruhlings. Fruher war sie eine Naturphilosophin, jetzt wandte sie sich zur Frommigkeit, weil diese moderner ist, aber sie hatte Schelling und Thomas a Kempis in ihrem Kopfchen noch nicht recht zu einigen gewusst, und warf daher Redensarten aus b e i d e n im Gesprach verwirrt und wunderlich durcheinander. Uebrigens hing ein fein gearbeites Kruzifix an einer goldenen Kette von ihrem Halse herab, ein zweites krummte sich sehr widerwartig zu einem Ringe an ihrer Hand, und ihre gemessenen Worte drangten sich muhsam durch die kaum geoffneten, fast regungslosen Lippen.

"Ich begreife nicht wie man um so nichtigen Zweck seine Identitat zu opfern vermag," fuhr Fraulein Silberhain in ihrer Rede fort, "wie kann ein in seinen tiefsten Tiefen vom Hochsten erfulltes Gemuth so ganz dieses vergessen und dem prunkenden Schimmer irrdischer Verganglichkeit huldigen! Die Stille des Gemuths, das beseligende Gefuhl dessen, was unser Eins und Alles seyn soll, mussen ja in der aus Tand und fluchtigen Glanz entstehenden Verblendung auf lange von uns weichen, und der verirrte Sinn braucht vielleicht viele Monate, ehe er wieder zur anschauenden Klarheit gelangt."

"Hatte ich nur einen recht schonen turkischen Shawl gehabt, ich ware fur mein Leben gern dabei gewesen, wenn ich auch nur ein ganz unbedeutendes Nebenpersonchen hatte vorstellen sollen; und was wetten wir? mein frommes, gelehrtes Schwesterchen wurde sich unter dieser Bedingung auch wohl dazu haben bewegen lassen," rief uberlaut das sehr junge Fraulein Fanny Silberhain, indem es sich lachend hinter Gabrielen vor den zurnenden Blicken der viel altern Schwester verbarg.

"Allerdings," sprach ein ansehnlicher, schwarz gekleideter Mann, "allerdings wusste ich wenigstens keine bessre Gelegenheit, um sowohl jene kostbaren Hullen als uberhaupt alle Pracht der Gewander und auch korperliche Vorzuge ins schonste Licht zu stellen, als solche Tableaus. Bei Maskeraden verlieren die ausgesuchtesten Masken sich im Gewuhl, und obendrein verhullen die hasslichen Larven das Gesicht, hier aber wird uns der ungestorteste Genuss der Anschauung des Schonen, verbunden mit der aesthetischen Freude an dem Kunstwerk, welches, gleichsam ins Leben gerufen, vor uns tritt."

"Echte Freude an der Kunst ist allemal religios, hier aber, Herr Professor! sehe ich nur die traurige Erscheinung ungebandigten Weltsinns und unverhullter Eitelkeit," sprach, sanftmuthig zurnend, das Fraulein mit dem Kruzifix.

"Erlauben Sie indessen, meine Gnadige!" erwiederte der Professor, "dass ich Sie daran erinnere, wie untrennbar die Neigung zur Eitelkeit von jeder hohern Natur ist, die man die organische zu nennen pflegt; bemerkt man sie doch sogar an einigen der edleren Thiergattungen. Sie ganz ausrotten zu wollen, ware eben so vergeblich als schadlich, so wie alles, was gegen die Natur anstrebt. Es ist vielleicht unschicklich, hier den nackten Wilden als Beweis, wie tief der Hang zum Putz in unserem Wesen liegt, anzufuhren, der sich tattowirt und mit grellen Farben bemalt um sich zu verschonern, aber blicken Sie nur um sich her, Sie finden bei Reichen und Armen dasselbe, nur anders gestaltet. Dass man sich, schon geschmuckt, auch Andern gerne zeigt, ist ebenfalls naturlich und war es vom Anbeginn der Welt. Damals, als Weichlichkeit und Prachtliebe das alte Rom seinem Untergange naher fuhrten, war es unter den vornehmen Romerinnen gebrauchlich, sich, wenn sie einander besuchten, nicht nur auf das herrlichste zu schmucken, sondern sich auch durch ihre Sklavinnen mehrere reiche Gewander und Schmuck nachtragen zu lassen, die sie im Hause der den Besuch empfangenden Dame alsdann sich anlegen liessen, wie Sie alle, meine Gnadigen, aus der weltberuhmten Anekdote der Mutter der Grachen langst wissen werden. Man behauptet, dass diese Sitte auch unter den, allen mannlichen Augen verborgen lebenden, vornehmen Frauen des Orients noch heut zu Tage im Schwange sey. Aber wie armlich, wie unbequem, wie ungrazios selbst erscheint diese Art von Schaustellung gegen eine Reihe von Tableaus, welche die glucklichste Wahl unter den Kostums aller Volker, aller Jahrhunderte frei lassen. Die Pracht der Steine und der Gewander erscheint in ihnen nur als das begleitende Attribut der Schonheit, des geistreichen Ausdrucks und der anmuthigsten Stellungen, und wir konnen es in der That der Grafin Rosenberg nicht genug verdanken, dass sie mit diesem erhohten Genuss uns bekannt machte."

"In welchen wunderlichen Zeiten leben wir! ein Professor muss gegen Damen die Eitelkeit in Schutz nehmen!" rief ein alter Herr.

"Mich dunkt, wir leben in einer in dieser Hinsicht recht verstandigen Zeit, in welcher man endlich einmal aufhort, die Frauen allein eines Fehlers zu beschuldigen, den ich am liebsten eine Tugend nennen mochte," erwiederte schnell Ottokar. "Wir Manner mogen uns noch so weise anstellen," fuhr er lachelnd fort, "wir sind eben so wenig frei von ihm als die Frauen, und ich danke Gott dafur. Der Hang zum Gefallen erscheint mir als die Wurze des geselligen Lebens, als die Wurzel aller seiner Freuden und Tugenden, die ohne ihn zu Grunde gehen mussten. Man thate ja am besten, in Hohlen und Walder zu ziehen, wenn niemand mehr das Bestreben zeigen wollte, liebenswurdig zu erscheinen, und sogar durch den blossen Anblick zu gefallen."

"Sollte denn aus diesen Tableaus, uber welche wir so viel streiten, nicht auch fur die Kunst manches Gute entstehen konnen?" fragte Auguste von Willnangen.

"Dochwohl nur, indem sie mehr Theilnahme an ihr und ihren Erzeugnissen aufregen," erwiederte Ottokar, "sonst glaube ich nicht, dass sie in dieser Hinsicht von grossem Nutzen sind. Sie bleiben doch nur die Kopie einer Kopie der Natur, und zwar eine unvollkommne, denn vieles muss aus jedem Gemalde hier wegbleiben, das doch durchaus dazu gehort, die Hintergrunde, die Architekturen, die Landschaften, das Gewolk."

"Eine angenehme, gesellige Unterhaltung zur Abwechselung mit den ewigen Charaden und Sprichwortern scheinen sie mir doch wenigstens zu bieten," sprach Frau von Willnangen, "auch hoffe ich, sollen sie dazu beitragen, die unseligen Jeux d'esprit aus der Gesellschaft zu verbannen, in welchen der arme Geist so gemartert wird, um zu erscheinen, dass er sich endlich ganz in Langeweile auflost. Nur thut es mir leid, dass die Vorbereitungen zu Tableaus fur die kurze Dauer ihrer Erscheinung zu viel Zeit und Muhe kosten."

"Alles lasst sich vereinfachen," erwiederte Ernesto, "und ich getraue mir mit sehr wenigen Vorrichtungen, ganz aus dem Stegreif, dennoch manches Ergotzliche in dieser Art Ihnen vorzufuhren. Wir brauchen zum Beispiel nur diese Flugelthur auszuheben, einen Vorhang vorzuhangen, eine grosse spanische Wand dahinter zu stellen, und wir haben das Lokal dazu. Einige grosse Lampen, oder ein Paar Dutzend zu einer Fackel vereinigte Wachslichter, und die Beleuchtung ist fertig. Schminke und etliche falsche Barte fur die Herren sind bald herbeigeschafft, und wenn die Damen ihre schonen Schawls zur Garderobe herleihen wollen, so lasst sich mit diesen wenigen Requisiten schon manch guter und glanzender Effekt hervorbringen. Auch fur die Kunst selbst konnte auf diese Weise Bedeutendes geschehen, wenn die Gesellschaft einem Kunstler erlaubte, mit ihrer Hulfe nicht bloss schon vorhandene Gemalde nachzubilden, sondern seine eignen Gedanken, die oft noch beinah formlos ihm vorschweben, auszufuhren. Manches erfreuliche Kunstwerk konnte diesem Spiele seine Entstehung verdanken, wenn ein talentvoller Kunstler auf diese Weise gleichsam ein Vorbild von dem sahe, was er auszufuhren Willens ist; der Zufall wurde manches ordnen, manches in ihm erwecken, an das er ausserdem nie gedacht hatte, und der aus solchen Proben fur die Kunst entstehende Gewinn konnte leicht unschatzbar werden."

Kaum hatte Ernesto geendet, als schon Auguste von Willnangen und Fanny Silberhain frohlich aufsprangen und ihn mit Bitten besturmten, gleich auf der Stelle eine solche Darstellung anzuordnen. Ottokar, Antonius und der grosste Theil der Gesellschaft, selbst Frau von Willnangen nicht ausgenommen, vereinigten ihre Bitten mit jenen, und Ernesto musste dem allgemeinen Wunsche nachgeben; nur that er es mit der Bedingung, dass es ihm erlaubt sey, seine Figuranten selbst zu wahlen. Fanny sammelte sogleich aufs eifrigste alle Shawls ein und wahlte dabei in Gedanken den glanzendsten unter ihnen fur sich aus; Auguste besorgte aufs schnellste alles ubrige und trug noch eine Menge zweckdienliche Sachen herbei, die von fruhern Maskenanzugen und kleinen theatralischen Vorstellungen her, sich noch in der Garderobe vorfanden. In weniger als einer halben Stunde war alles zum Anfangen der Vorstellungen in Bereitschaft. Mehrere Tableaus folgten nun einander, ernste und heitere, im mannigfaltigen Wechsel, denn Ernesto war unerschopflich im Erfinden, und Ottokar sowohl als der Professor standen ihm bei der Anordnung treulich bei. Die ganze Gesellschaft gerieth in eine so frohliche Stimmung, dass Alle die Wagen uberhorten welche allmahlich, herbeirasselten, um sie zu einem glanzenderen Feste abzuholen. Nur Fraulein Silberhain sass ernst in sich gekehrt, und wies im voraus alle Einladungen zur thatigen Theilnahme unerbittlich ab, ehe noch eine an sie gelangte. Grafin Eugenia hingegen hatte eine Weile zugesehen; da es aber Ernesto nicht einfallen wollte, ihr eine Rolle anzubieten, winkte sie Antonius herbei, der eben mussig dastand. Leise flusterte sie ihm den Auftrag zu, Ernesto auf nicht auffallende Weise an sie zu erinnern, und ihm zu verstehen zu geben, dass sie in einem so kleinen, aus lauter Freunden bestehenden Zirkel ihren Widerwillen wohl uberwinden werde, und nothigen Falles sich entschliessen konne, etwa als Grazie oder Muse aufzutreten. Antonius erklarte ihr sein Entzucken uber diesen Auftrag, versicherte, nicht mit Worten ausdrucken zu konnen, wie geehrt er sich durch dieses holde Vertrauen in seine Geschicklichkeit fuhle, und flog in das Nebenzimmer, um ihren Befehl zu vollbringen. Leider aber gelang es ihm durchaus nicht, Ernesto nur auf eine Minute allein habhaft zu werden, es kam ihm sogar vor, als ob dieser ihm geflissentlich ausweiche. Vielleicht hatte Ernesto wirklich von dem ausgesprochenen Wunsch der Grafin etwas gemerkt, und vermied mit Vorbedacht die Gelegenheit, ihn an sich kommen zu lassen, vielleicht lag aber auch die Schuld an der gar zu hoflichen Unbeholfenheit des Abgesandten; genug, Eugenia blieb den ganzen Abend unangefochten als Zuschauerin, und war die erste, welche die laute Bemerkung machte, dass die zum Anfange des Balls bestimmte Stunde schon langst geschlagen habe.

Gedankenvoll sass Frau von Willnangen dicht neben Gabrielen in der fernsten Ecke des Zimmers. Sie sah, wie jene jedem Tone Ottokars lauschte, wie ihr Auge entzuckt auf ihm ruhte so oft er in den Tableaus erschien, und das unruhige, fast horbare Klopfen des jungen Herzens erregte so tiefes Mitgefuhl, so bange Sorge in ihrem Gemuth, dass sie fast eben so sehr als Gabriele selbst erschrak, als Ernesto plotzlich vor beiden stand, und sie zur thatigen Theilnahme an dem Tableau aufforderte, welches fur heute die Reihe derselben beschliessen sollte. Doch bald fasste sie sich wieder und stand mit gewohnter Freundlichkeit auf, um ihm mit ihrer jungen Freundin in das Nebenzimmer zu folgen. Gabrielens Hand zuckte in der ihrigen, ihr Blick bat, sie frei zu lassen, doch er ward nicht erhort, und Ernesto erinnerte sie mit komischer Feierlichkeit an das ihm zugestandne Recht, seine Figuranten nach Belieben wahlen zu durfen.

Das Tableau stellte die Nacht vor, die ihren dunkelblauen Sternenschleier uber ihre Kinder, den Schlaf und den Tod, ausgebreitet halt. Der Frau von Willnangen hohe Gestalt, der ruhige, milde Ausdruck ihres noch immer schonen Gesichts eignete sich ganz zum Bilde einer stillen, heitern Sommernacht. Zu ihren Fussen schlummerten zwei liebliche, blonde Genien, der eine war mit Mohnblumen geschmuckt, der andre, mit der ausgeloschten Fackel, trug einen Kranz von Zypressen. Bunte, fantastische Traumgestalten drangten sich hinter ihr, unter ihnen stand Gabriele, als ein truber, Unheil verkundender Traum, in ihren langen, schwarzen Schleier gehullt, unter welchem die goldglanzenden Locken tief herabrollten. Beim Lampenlicht, mitten unter rosenwangigen, schimmernden Gestalten schien sie, ohne alle Schminke noch blasser als sonst. Sie glich Pygmalions Meisterwerk bei der ersten Regung des erwachenden Lebens. So gluhend strahlte ihr dunkles Auge aus dem Marmorgesicht, denn ihr Blick traf auf Ottokarn, der in einiger Entfernung in ihrem Anschaun verloren stand.

Alle Anwesende erklarten einstimmig dieses Tableau fur die Krone von allen, welche dieser genussreiche Abend an ihnen voruber gefuhrt hatte.

"Ich stimme gern mit Ihnen ein," sprach Ernesto, "denn die Erfindung dieser Gruppe ist nicht mein, ich habe nur die Traume hinzugefugt. Ich bildete sie nach einer Zeichnung meines leider viel zu fruh unter der Pyramide des Cestus zur Ruhe gegangenen Freundes, Carstens," fuhr er mit bewegter Stimme fort. "Lange fesselte ihn ein trubes Missgeschick, das wie ein boser Zauber auf seinem Leben ruhte und ihn verhinderte, aus dem Reich der Formen in das der Farben zu dringen. Und da es endlich uberwunden war, da sein hoher Genuss die Flugel freier zu regen begann, da entschwand er uns ganz. Die Kunst wird ewig um ihren Liebling trauern, um so mehr, da jetzt ein dem seinen ganz entgegen gesetztes verderbliches Streben unter ihren Jungern taglich herrschender wird."

Die Gesellschaft musste nun ernstlich zum Aufbruch eilen, denn das Stampfen der Pferde unter den Fenstern mahnte sie immer lauter. In dem dadurch entstehenden Gewimmel fand sich Gabriele plotzlich neben Ottokar. Er beugte sich freundlich zu ihr herab und ergriff ihre zitternde Hand. "Ich furchte keine bosen Traume mehr," flusterte er ihr zu, "seit ich die Vorbedeutung des Unglucks so anmuthig erscheinen sah." Der fortwogende Strom der Gesellschaft riss ihn im namlichen Moment fort, ohne dass Gabriele zur Antwort Zeit gewann.

Aus Gabrielens Tagebuche.

Ich furchte keinen bosen Traum mehr, seit mir die Vorbedeutung des Unglucks so anmuthig erschien! Sprach er nicht so? Warum musste ich auch dieses Mal, nur stumm mich verneigend, vor ihm stehen und vermochte nicht, ihm zu antworten? Ach, weil ich bin, was ich zu seyn schien, weil mein ganzes Daseyn ein schwerer, banger Traum ist! Immer ringe ich nach dem Erwachen; bin ich einst erwacht, dann, Ottokar, dann werde ich zu dir sprechen, dich fragen, dir antworten konnen, und, gewiss! du wirst mich verstehen. Wie oft versuchte ich es schon, sein Bild auf dem Papier fest zu halten! aber ich ermude im fruchtlosen Streben. Ja, wenn ich mit den Zugen seines Gesichts auch die unbeschreibliche Harmonie in seinem ganzen Wesen wiederzugeben vermochte! Er ist immer er selbst! ganz und ungetheilt er selbst, in jeder seiner Bewegungen, in jedem seiner Worte, im Scherz wie im Ernst! Nur er, einzig er kann so dastehen, so sprechen, so aussehen, und doch ist es nicht seine Gestalt allein, die ihn vor allen auszeichnet, es ist der Einklang, die Uebereinstimmung in seiner ganzen Erscheinung. Wo lebt der Kunstler, der diese darzustellen vermoge? Ohne sie bleiben meine Bilder leblos und starr, bei aller ubrigen Aehnlichkeit gleichen sie Wachsbildern, die das Leben ungeschickt nachaffen wollen, und ich muss sie vernichten, denn sie erregen mir Grauen. Nichts wollen, nichts wissen, nichts wunschen als Lieben, sich selbst vergessen im Gluck des geliebten Wesens, ohne Erwiederung zu hoffen oder zu wunschen, stellt uns den Engeln gleich, ist Vorgefuhl himmlischen Glucks! So lehrtest du mich, meine Mutter! Warum bin ich denn nicht glucklich? Warum treibt unerklarliche Unruhe mich rastlos umher? Warum beklemmt meine Brust ein Wunschen, ein etwas Erwarten von der nachsten Minute, fur das ich sogar nicht einen Namen habe? Konnte ich nur einmal recht Grosses, recht Schweres fur ihn vollbringen, ohne dass er ahnete, von wo es aus ginge. Konnte ich, ungesehen von ihm, ein trubes Geschick, ein grosses Unheil von seinem geliebten Haupte auf das meinige lenken und dann, in mich geschmiegt und still aus meinem Dunkel hinauf zu ihm blicken und mich in seinem freudigen Lacheln sonnen. Dann, dunkt mich, ware ich ruhig und glucklich fur mein ganzes ubriges Leben. Nie werde ich mich daruber trosten, dass meine Mutter starb, ohne ihn gesehen zu haben. Ach hattest du Verklarte ihn gekannt, wie lieb ware er dir geworden! Wie glucklich ich im Anschaun von euch geliebten Beiden! Arme Pflanzen, die sie verstiess, weil ihr verbluht seyd, wie will ich euch pflegen und lieben! Ich fand sie heute alle im Vorsaal, die schonen Blumen, welche Ottokar Aurelien an ihrem Geburtstage schenkte; verdorrt, losgerissen von ihren Staben, mit Staub bedeckt, erkannte ich sie kaum. "Sie taugen nur noch zum Wegwerfen," sprach Aurelia, "sie sind verbluht." "Ja," setzte sie mit komischem Pathos hinzu, "sieh hier, gutes Kind, das Bild der Verganglichkeit aller Dinge, und nimm dir ein Beispiel daran. Alles Fleisch vergeht wie Heu, singt die christliche Gemeine, darum vertraume deine Bluthenzeit nicht, sie kehrt dir so wenig wieder als diesen armen Strauchen, die Anton alsobald wegschaffen soll." "Liebe Aurelia," erwiederte ich, "mit uns ist es wie es ist, aber diese Blumen konnen wirklich wieder bluhen, nimm sie nur wieder in dein Zimmer, trage sie an die Sonne, begiesse sie." "Allerliebste Gabriele, thu du das selbst, ich schenke sie dir", unterbrach mich Aurelia, und machte mir nach ihrer lustigen Art einen tiefen Knicks. Ich erschrak; "aber du hast sie von Ottokar," stammelte ich, und fuhlte dabei, wie ich roth ward; weiss ich doch nicht ob vor Freuden uber die Blumen oder vor Verdruss, dass ich Aurelien an ihren Geber erinnern musste. "Mag er mir frische Blumen schicken, wenn er will, dass sein Andenken bei mir grune und bluhe," antwortete sie lachelnd; "seit ich nicht mehr vierzehn Jahre alt bin, bewahre ich nichts langer auf, als es des Bewahrens werth ist. Damals freilich, da hatte ich auch ein Heumagazin von gedorrten Rosen, Vergissmeinnicht und sonst noch allerlei Grunlichkeiten, so gut wie eine von euch zarten Seelen, wie ich aber einmal gewahr ward, dass ich alle das Zeug sogar nicht zum Krauterkissen bei Zahnweh brauchen konnte, warf ich es zum Fenster hinaus." Ottokar weiss, dass ich seine Blumen besitze, er hat Aurelien meine Zeichnung dafur geraubt und auf sein Zimmer getragen, gewiss nur im Scherz, gewiss er giebt sie ihr wieder. Warum hat mich denn Annettens Erzahlung dieses unbedeutenden Umstandes so erschreckt? Warum strebe ich jetzt so angstlich, mir diese Zeichnung Zug fur Zug recht deutlich zu denken? Er wird sie ja doch nicht behalten. Wenn er unglucklich wurde! Nein diese Moglichkeit kann ich mir nicht denken. Nicht einmal die, dass ich oder andre es in seiner Nahe seyn konnten. Ihm gegenuber, seinem freundlich hellen Blick gegenuber, muss ja das Ungluck eine so stille ruhrende Gestalt annehmen, dass es zur schmerzlich sussen Freude sich daruber umwandelt. Sonst nannte Frau von Willnangen nie Ottokars Namen, jetzt hore ich ihn taglich aus dem Munde der geliebten Frau und lausche mit Freuden seinem Lobe. Wahrend Gewohnheit und Arbeit mich zu Hause in meinem Zimmer festhalten, bringt er die Morgen bei ihr und Augusten zu. Meine Freundinnen streben auf vielfache Weise, mich zu einem Besuche zur namlichen Zeit zu veranlassen, ohne jedoch mich geradezu einzuladen, und oft regt sich auch in mir der Wunsch, ihren Winken folgen zu durfen, aber ein innres Widerstreben halt dennoch mich zuruck. Abends singt mir Auguste die Lieder, welche er ihr brachte, ihre Mutter giebt mir fast wortlich den Inhalt ihrer Gesprache mit ihm. Ich bewundre die Freiheit des Geistes, welche es ihr moglich macht, sich mit ihm so in Rede und Gegenrede zu verstandigen, denn in seiner Nahe wird mein ganzes Wesen nur ein Spiegel des seinen. Ich wollte, ich konnte dichten, oder komponiren; oft ist es mir, als musse ich beides konnen, aber vergebens suche ich Worte oder Tone fur das, was ich so gerne singen oder sagen mochte. Auch in meinen Buchern, in meinen Dichtern, finde ich nicht, was ich suche, nirgends, was auf ihn passte. Alle Gestalten, welche sie mir vorfuhren, sind nicht wie er, mild und hoch, kraftig und bescheiden. Er hat meine Zeichnung behalten, sie hangt uber seinem Schreibtisch, freilich als ein Geschenk Aureliens. Ernesto sah sie bei ihm. Ich bin daruber froh wie ein Kind, ich mochte sagen, ich fuhle mich geehrt, so wie sonst, wenn die geliebte Mutter irgend eine Arbeit von mir sich zum Gebrauch aneignete. Wenn er die Zeichnung ansieht, muss er nicht zuweilen meiner gedenken? Heute Abend war ich zeitiger als gewohnlich zu Frau von Willnangen gegangen, ich fand die liebe Frau allein mit Augusten, trube und traurig schien ein schmerzliches Andenken schwerer als sonst auf ihrem Gemuthe zu lasten. Sie bat uns, etwas zu singen, und wir wahlten das himmlische Duett aus Pars Sargino, das mir von jeher wie die Sprache klingt, in welcher Engel einander sagen, wie sie sich lieben. Dolce dell' anima, fing ich an; speme e diletto di questo cor, und meine Seele schwebte auf den sussen Tonen himmelan. Da erscholl es dicht hinter mir, dolce dell' anima, es war nicht Augustens Stimme, es war seine, seine! unbemerkt von mir war er ins Zimmer und an Augustens Stelle getreten. Ich wagte nicht, mich umzusehen, aber ich hatte den unbegreiflichen Muth, fortzusingen, la pura fiamma che m'arde in petto! Ich fuhlte mir das Herz in der Brust, jeden Puls meines Lebens erzittern, aber meine Stimme bebte nicht, ich wusste kaum, dass ich sang, die Tone stromten unwillkurlich aus meiner tiefsten Brust, aus dem Herzen meines Herzens, und ich horte mich selbst wie die Stimme eines Dritten. Athemlos, bewustlos sogar, stand ich da, als das Duett geendet war, und konnte nichts als mich tiefer und immer tiefer vor Ottokar neigen, wahrend er zu mir sprach. Auguste sagt, er habe viel zum Lobe meiner Stimme, meines einfachen Vortrags gesagt; ich weiss es nicht, ich habe sogar nicht gesehen, wie er sich bald darauf entfernte. Als er fort war, schloss mich Frau von Willnangen mit verdoppelter Zartlichkeit in ihre Arme, Augustens schones Auge blitzte freudig, beide waren den ganzen Abend unerschopflich in seinem Lobe, in Erzahlungen kleiner Zuge von ihm. Zu jeder andern Zeit hatte diese Unterhaltung mich sehr glucklich gemacht, jetzt konnte ich kaum darauf achten. Ja Musik ist die Sprache seliger Geister, das weiss ich jetzt mit Ueberzeugung, in Tonen konnte ich ihm singen, wofur ich nimmer Worte fande, und der Nachhall dieser Stunde wird mein ganzes kommendes Leben durchtonen. Einmal, nur einmal mochte ich doch Aurelia seyn, neben ihm sitzen, ihn ansehen, und mit ihm sprechen konnen wie sie. Es war mein Stolz und meine Freude, mit Ottokar, wenn gleich ihm unbewusst, ein Geheimniss zu theilen, etwas, allen andern Verborgnes von ihm zu wissen, daher vertraute ich keiner lebenden Seele die Geschichte unsers ersten Zusammentreffens. So lange ich allein darum wusste, wahnte ich, sie sey ein unsichtbares Band, das mich allein vor allen andern mit ihm vereinte. Nun ist es zerrissen. Woran ich Wochen und Monde hindurch in der Stille mich freute, ist die Neuigkeit des Tages geworden und geht entstellt von Mund zu Mund. Die ganze ungewohnlich zahlreiche Gesellschaft, Aurelien an der Spitze, stromte mir heut entgegen, so wie ich den Speisesaal betrat, nur Ottokar blieb in der Ferne. Mein Blick sucht immer ihn zuerst, ich bemerkte einen leisen Zug des Unmuths auf seinem Gesicht, ein vielleicht nur meinem Auge sichtbares schnell wieder verfliegendes, zorniges Errothen. Erstarrt blieb ich in der Thure stehen, Aurelia und alle Uebrige mochten lange mit Fragen und Redensarten in mich hineingesturmt haben, ehe ich nur begriff, wovon eigentlich die Rede sey. Ich sah nur Ottokar in dieser mir unerklarlichen Bewegung. Ernesto, der, sonst um diese Stunde ein seltner Gast, bei uns ist, kam mir zu Hulfe. Seit meinem ersten Eintritt in dieses Haus ist er mir immer nah, so bald ich seiner bedarf. Wie er es anfing, weiss ich nicht, ich war zu aufgeregt, um es zu bemerken, aber der ganze gesellige Knauel drehte sich bald von uns ab, um Aurelien her, und ich stand mit Ernesto allein im Fenster. Hier erfuhr ich von ihm, dass Ottokars Kammerdiener Aureliens Kammerjungfer erzahlt habe, wie sein Herr eine arme alte Frau unterweges in den Wagen genommen habe, auch dass ich damals mit ihnen in einem Gasthofe wohnend, die Geschichte mit grosser Theilnahme gehort und durch Frau Dalling mich naher darnach erkundigt habe, denn obgleich Lorenz mich nicht zu Gesichte bekam, so hatte er diese doch dort gesehen und hier wiedererkannt. Die Jungfer hatte nichts angelegentlicheres zu thun, als ihrer Gebieterin bei der nachsten Gelegenheit diese Anekdote wieder zuzutragen. "Sie konnen denken," fuhr Ernesto fort, "wie willkommen ein solcher Stoff Aurelien seyn muss, um ihren nie zu ermudenden Muthwillen daran auszulassen. Gonnen Sie ihr die Freude, folgen Sie Ottokars Beispiel und lachen Sie mit, anstatt sich daruber zu argern. Die Tante trat zu uns, anscheinend recht frohlich, aber in ihren Augen zuckte doch eine gewisse Unruhe, sie vermochte nicht ganz die Furcht zu verbergen, dass Aurelia den Scherz zu weit treiben konne; der lustige Tumult in dieser und Ottokars Nahe ward immer grosser und lauter, die Tante immer angstlicher und freundlicher, und mir ward das Herz schwer und schwerer mit jeder Minute. Mehrere Spottbilder, mit erklarenden Knittelversen, alle von Aurelien selbst, nur zu geistreich erfunden und ausgefuhrt, hatten bisher die Gesellschaft ergotzt, endlich gelangten sie auch zu uns. Ottokar war darauf als Don Quixotte dargestellt, wie er seine durch Zauberkunste in die Gestalt einer alten hasslichen Frau verkappte Dulcinea von Toloso in eine Schenke bringt, die er fur ein Kastell ansieht. Auf einem andern Blatt erscheint er als ein Schafer, der eine zur Bettlerin verwandelte Fee vom Tode befreit, und gleich darneben, wie er zum Danke dafur in einen wunderschonen Prinzen mit Krone und Scepter verwandelt wird. Dann sahen wir ihn auch in Hofgalla, die Bettlerin am Arm, und mich im Hintergrunde, ganz in Extase vor Ruhrung und Bewunderung, neben mir eine ganze Reihe nassgeweinter Schnupftucher auf einer Leine zum Trocknen aufgehangt. Ottokar selbst naherte sich uns und betrachtete diese Ergiessungen einer nichts schonenden, ubermuthigen Laune mit beifalligem Lacheln. "Wir sind diesesmal Leidensgefahrten, liebes Fraulein," sprach er, indem er sich freundlich zu mir neigte, wahrend ich, errothend vor Zorn und Verlegenheit, nicht wusste, wohin ich die Blicke wenden sollte. "Sie sehen so ernsthaft aus, thun Sie das nicht, nehmen Sie einen geselligen Scherz nicht hoher auf, als er aufgenommen seyn will," setzte er leiser, fast bittend, hinzu. Alles schwamm vor meinen Augen bei dem unerwarteten Gluck, einen von ihm ausgesprochnen Wunsch erfullen zu konnen. Ich hatte Aurelien, auf die ich eben erst zurnte, jetzt mit Freuden an mein Herz gedruckt, weil sie die Veranlassung dazu lieh, und ich hoffe, dass jede Spur des Unmuths in diesem Moment eben so von meiner Stirne schwand wie aus meinem Herzen. Um meiner Zufriedenheit die Krone aufzusetzen, sammelte Ernesto die Zeichnungen alle sorgfaltig zusammen und legte sie in seine Schreibetafel, mit der Erklarung, dass er sie als das gelungenste Werk seiner Schulerin aufbewahren wolle, und weder die Bitten der Gesellschaft noch Aureliens Zurnen konnten ihn bewegen, sie wieder herauszugeben.

Der einmal angestimmte Ton wollte bei Tische noch nicht gleich verhallen, aber Ernesto und Ottokar bemeisterten sich des Gesprachs, die Tante unterstutzte sie auf das kraftigste, und so nahm es bald eine fur mich erfreulichere Wendung, die ich mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgte. Ottokars Blick gleitete warend dem Gesprach oft von dem neben mir sitzenden Ernesto auf mich herab, ich sah es nicht, denn meine Augen senken sich immer vor den seinen, aber ich fuhlte seinen Blick wie einen Sonnenstrahl in meinem Innern.

Jetzt bin ich allein, und das durch Ottokars Nahe unterdruckte bittre Gefuhl regt sich von neuem in meiner Brust. Ach ich furchte die Spottsucht, die flache Charakterlosigkeit der Gesellschaft um mich her wird auch mich noch ergreifen. Am besten war es wohl fur mich, ich ginge. Aber wohin? Arme Gabriele, wohin? Wo er nicht ist? Freilich werden Tage kommen, an denen ich ihn nicht sehe, vielleicht ein Tag, der von ihm auf dieses ganze Leben mich scheidet, aber soll ich denn schon jetzt dem Licht der Sonne mich entziehn, weil vielleicht bald die Nacht herein brechen wird? Mit dem neuen Jahre war endlich der Zeitpunkt erschienen, der eine ganzliche Umanderung in Gabrielens, ihr allmahlich lieb gewordnen Lebensweise hervorbrachte. Von nun an ward sie die bestandige Begleiterin ihrer Tante durch die ganze lange bunte Reihe von Lustbarkeiten, welche das Karneval in der grossen, lebenslustigen Stadt herbeifuhrte. Balle, Soirees, Schauspiele aller Art raubten ihr jeden Abend, und die Zurustungen zu diesen verkummerten ihr manche Morgenstunde, die sie sonst andern Beschaftigungen zu widmen gewohnt war.

Mit aller Kraft ihres Geistes suchte sie jetzt die angstliche Blodigkeit zu uberwinden, welche ihre ersten Schritte in der Gesellschaft so unsicher gemacht hatte. Es gelang ihr nach und nach. Das Blendende der Erscheinungen, das betaubende Gerausch verloren allmahlich die Gewalt, ihr zu imponiren, ihre Existenz in der Welt ward mit jedem Tage angenehmer und obgleich sie sich oft nach den stillen, genussreichen Abenden sehnte, welche sie sonst bei Frau von Willnangen zu verleben gewohnt war, so gab es doch auch oft Stunden, in denen sie sich recht jugendlich heiter an dem bunten Leben ergotzte.

Dennoch war ihre Erscheinung in demselben nichts weniger als brilliant. Als eine nahe Verwandte der von allen gefeierten Grafin Rosenberg, in deren Begleitung sie uberall erschien, verfehlte man zwar nicht, ihr die Aufmerksamkeit zu erzeigen, zu welcher dieses Verhaltniss sie berechtigte; aber eigentlich betrachtete man sie doch noch immer als ein halbes Kind, und sie hatte gewiss an manchem Abend die Reihe der ungestort gahnenden Opfer der Sozietat vermehrt, welche man in allen Salons-Ecken sitzen sieht, ware nicht Ernesto ihr treuer Beschutzer geblieben, und hatte nicht Frau von Willnangen diesen Winter der gewohnten Ruhe weit oftrer als sonst entsagt, um ihren Liebling in so ungewohnten Verhaltnissen nicht ganz verlassen zu wissen.

Ottokar sah Gabrielen jetzt taglich, ohne dass beide einander deswegen viel naher gekommen waren. Er zeichnete sie nicht minder als Aurelien aus, durch tausend kleine Aufmerksamkeiten, die er, als der Gast der Grafin, ihnen vor andern schuldig zu seyn glaubte, ubrigens aber blieb ihr gegenseitiges Verhaltniss fremd und abgemessen wie zuvor.

Nur selten, besonders aber am Neujahrsabende, bei ihrem Eintritt in die grosse Welt, hatte er ihr einige Theilnahme gezeigt. Die Grafin feierte den Schluss des festlichen Tages mit einem Ball, den sie den jungern Bekannten Aureliens gab. Einsam und vergessen sass Gabriele lange in einer Ecke des Tanzsaales. Sie gedachte der Neujahrsabende, welche sie als frohliches Kind an der Hand der Mutter in den hohen, dustern Salen von Schloss Aarheim verlebt hatte. Die Tanzmusik tonte nur wie aus weiter Ferne in ihre Traume, als Ottokar plotzlich vor ihr stand und ihr seine Hand bot, um auch sie den frohlichen Reihen zuzufuhren. Es war der erste festliche Tanz ihres Lebens, ihr schwindelte, noch ehe sie den Tanzplatz betrat. Ottokar merkte ihr Schwanken, schrieb es ihrer gewohnten Furchtsamkeit zu, und umfasste sie nur um so fester, um sie vor jedem moglichen Zufall zu sichern. Gabriele fuhlte den Druck seines Arms, das Sauseln feines Athems in ihren Locken, sie sah sein freundliches Auge ganz nahe auf sie herabblitzen und schwebte, an ihn gelehnt, wie auf geflugelten Sohlen durch den weiten Saal, so leicht, so anmuthig, dass selbst die Tante ihr freundlich Beifall zunickte. Mit ihm so durch das Leben! Der Gedanke flog zum ersten Mal wie ein Pfeil, in stechendem Schmerz, durch ihr Innres; ein unendlich betrubendes Gefuhl bewegte sie fast bis zum Weinen, und noch nie hatte sie sich so vereinzelt, so ganz verlassen gefuhlt, als da Ottokar nach beendigtem Walzer sie zu einem Sitz fuhrte und sie dann mit einer stummen Verbeugung verliess, um sich eine andre Tanzerin zu wahlen. Eines Abends, in einer grossen Gesellschaft, wandte sich das Gesprach auf den echt spanischen Fandango. Aurelie war eben in sehr glanzender Laune, und so bedurfte es nicht grosser Ueberredungskraft, um sie zu bewegen, ihn zu tanzen, obgleich die musikalische Begleitung, ausser dem Tambourin und den Kastagnetten, nur noch aus einem Pianoforte bestehen konnte, und an einen Mittanzer gar nicht zu denken war.

"Du kennst die Figuren des Fandango, ich weiss es vom Tanzmeister," sprach Aurelia zu Gabrielen, indem sie die sich vergeblich Straubende in die Mitte des Saales mit sich fortzog; "ubrigens," setzte sie noch, wie ihr zum Troste hinzu, indem sie ihr die Kastagnetten aufzwang, "ubrigens hat es wenig zu bedeuten, wer neben mirherhupft."

Die mehresten der Anwesenden, sogar die Grafin, blickten mit mitleidiger Besorgniss auf die arme Gabriele, die beinahe zitternd, mit niedergeschlagnen Augen dastand, wahrend ein dichter Kreis von Zuschauern sich um sie und ihre Kusine bildete. Endlich sah sie auf, ihr erster Blick fiel auf Ottokar, der neben Ernesto stand, und sie mit angstlicher Theilnahme betrachtete. Unfern von beiden winkte ihr Frau von Willnangen Muth zu, und nie war diese Gabrielen der verlornen Mutter so tauschend ahnlich erschienen. Der Anblick der befreundeten Gestalten, die ersten Takte der ihr bekannten Musik, aus welcher ihr Erinnerungen an ihre gluckliche Kindheit wiederhallten, begeisterten sie; die Gewalt, mit der sie ihre Aengstlichkeit niederzukampfen suchte, verknupft mit dem lebhaften Wunsche, die durch ihr Gelingen zu erfreuen, welche ihr wohlwollten, versetzten sie in eine Art von Extase. Wider alles Erwarten gelang es ihr, mit unnachahmlicher Grazie auch den kunstlichsten Wendungen Aureliens zu folgen, die jetzt in vollem Ernst mit der eben Verachteten zu wetteifern begann.

Wie ein weisser Schmetterling die prachtvoll erbluhte Centifolie umflattert, so schwebte die kleine Silfidengestalt um die hohe schone Aurelia her. Der Anblick war wirklich entzuckend, lauter, rauschender Beifall ubertonte fast das Pianoforte; nach beendetem Tanze drangte sich alles, um beide mit Lob- und Dankspruchen zu uberschutten, vorzuglich aber Gabrielen; denn ein unerwartet neu entdecktes Talent gilt immer mehr als ein langst bekanntes. Frau von Willnangen, Ernesto, Ottokar sogar, erhoben Gabrielen bis in die Wolken, andre folgten diesen anerkannten Koriphaen des guten Geschmacks, sogar die Grafin erklarte sich fur stolz auf ihre liebe Nichte und umarmte sie mit grosser Zartlichkeit. So ward das Unerhorte herbei gefuhrt, dass Aurelia wirklich zu ihrem eignen hochsten Erstaunen ein paar Minuten lang um der kleinen Kusine willen vergessen und verlassen dastand, und diese Erfahrung war ihr nicht weniger neu, als Gabrielen, die der allgemeinen, laut ausgesprochnen Bewunderung. Mit dem Scharfblick besorgter Mutterliebe bewachte Frau von Willnangen Ottokars Benehmen gegen Gabrielen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Nichts war ihrem genauen Aufmerken entgangen, weder jenes festere Umfangen ihres Lieblings beim ersten Tanze in der Neujahrsnacht, noch sein Besorgtseyn um Gabrielen, als Aurelia sie zum Fandango hinzog. Freudig hatte sie gesehen, mit welchem Entzucken er hierauf jeden ihrer Schritte mit den Augen verfolgte, zuletzt in laute Bewunderung ausbrach und sich allen Andern vordrangte, um der Erste zu seyn, der ihr fur das Allen gewahrte Vergnugen seinen Dank aussprach.

Auch in Ottokars ubrigem Betragen gegen Gabrielen glaubte sie, wenn gleich nicht leidenschaftliche Liebe, doch ein stilles Hinneigen zu ihr zu erblicken, denn Wunsch und Hoffnung sind zu nahe verwandt, als dass sie im Laufe des Lebens nicht oft sollten eins fur das andere gehalten werden. Frau von Willnangen gewohnte sich nach und nach, alle die kleinen Aufmerksamkeiten mit in ihre Waage zu legen, durch welche Ottokar die Hausgenossin, die nahe Verwandte seiner Gastfreundin, vor andern auszeichnete. Sie sah, mit welcher zarten Schonung und zugleich mit welcher Gewandtheit er so manche kleine, Gabrielen drohende Verlegenheit von dieser abzuwenden wusste; sie legte alles zum Vortheil ihrer Wunsche aus, und wahrhaft mutterliche Liebe verleitete sie endlich zu Missgriffen, welche bei der welterfahrnen, klugen Frau sich nur durch dieses vorherrschende Gefuhl entschuldigen lassen.

Zu diesen Missgriffen gehorte, dass sie nicht nur es nie vermied, mit Gabrielen uber alle jene ihr bedeutend dunkenden Zufalligkeiten in Ottokars Benehmen gegen sie zu sprechen, sondern sie sogar aufmerksam darauf machte, und sie ihr aus einem Gesichtspunkt zeigte, der fur Gabrielens Ruhe durchaus gefahrlich werden musste. Augustens ewig heitre Fantasie, ihre warme Anhanglichkeit an Gabrielen verleiteten auch diese, das Gemalde einer Zukunft vollends auszumalen, welche keine von ihnen mit deutlichen Worten zu nennen wagte, die aber Mutter und Tochter fur jedes andere Gemuth, als Gabrielens, dennoch nur zu deutlich bezeichnet haben wurden. Diese, zu wenig vertraut mit allem, was auf das wirkliche Leben Bezug hat, verlor sich nur mit susser Schwarmerei in die von ihren Freundinnen ihr geoffnete helldunkle Aussicht. In ruhigen, einsamen Stunden strebte sie freilich, zu ihrer ehemaligen Resignazion wieder zu gelangen, und war es sich sogar nicht bewusst, wie weit sie von ihr gewichen sey. Ottokarn zu werden, was er ihr war, diese Moglichkeit hatte sie noch nie mit klaren Worten sich gedacht, aber noch weniger die, dass eine Andre so uber alles von ihm geliebt werden konne. So verwirrten sich ihre Wunsche, ihre Hoffnungen immer mehr, sie vermied sogar, zur Klarheit uber sie zu gelangen, und ihr Tagebuch enthielt von nun an nur die Ergiessungen eines leidenschaftlich aufgeregten Gemuths, das sich scheut, ein Dunkel zu durchdringen, in welches es sich vor sich selbst verhullt. Der Winter zog allmahlig fort, die Tage wurden langer, und im warmeren Sonnenstrahl erglanzten schon die schwellenden Knospen der Baume. An Gabrielens Ruckkehr nach Schloss Aarheim ward indessen nicht gedacht, obgleich der anfanglich dazu bestimmte Zeitpunkt nicht mehr fern war. Der Baron, welcher mit jedem Tage seinem grossen Ziele sich zu nahern glaubte, und deshalb ungestort zu bleiben wunschte, hatte schon fruher die Grafin schriftlich um die Erlaubniss gebeten, den Aufenthalt seiner Tochter bei ihr auf unbestimmte Zeit verlangern zu durfen, und Gabriele war zu sehr von der Gegenwart befangen, als dass sie den Wechsel der Zeiten hatte bemerken konnen. Tage und Monden gingen an ihr voruber, ohne dass sie an die Moglichkeit einer Abanderung in ihren Verhaltnissen gedachte.

Indessen konnte eine um diese Zeit entstehende geheimnissvolle Bewegung im Hause ihrer Tante ihr doch nicht verborgen bleiben, welche auch ausser ihr jedermann bemerkte und niemand verstand; sogar Ernesto nicht, denn die Grafin pflegte nach Art aller Frauen, die in der grossen Welt eine Rolle zu spielen gewohnt sind, ihr eignes Geheimniss sicher zu bewahren, sobald sie es wollte. Sie selbst blieb still und freundlich, wie jemand, der dem Gelingen grosser Plane mit Zuversicht entgegen sieht. Dabei konnte sie indessen es doch nicht lassen, sich zuweilen mit halbverhullten Winken an Gabrielen zu wenden, von denen es schien, als wollten sie dieser eine grosse Freude, ja sogar ein hohes Gluck verkunden.

Aurelia erschien in dieser Zeit strahlender und ubermuthiger als je zuvor, Ottokar war mehr in sich gekehrt, und man bemerkte eine ihm sonst nicht gewohnliche Ungleichheit der Gemuthsstimmung in seinem Betragen. Unter der Dienerschaft herrschte ein immerwahrendes leises Treiben, die Grafin selbst leitete es, es sah aus wie Zubereitungen zu einem prachtigen Feste, oder zu einer grossen Reise, oder zu beiden; niemand von den dabei Beschaftigten wusste es zu erklaren, und alle zerbrachen sich daruber die Kopfe.

Gabriele bemerkte wohl, dass alle diese Erscheinungen auch auf sie Bezug haben mussten, sie sann uber ihre Bedeutung nach, bis sie von der allgemeinen, dumpfen Unruhe qualend ergriffen wurde, und war nach jedem, so in vergeblichem Aufmerken verlebten Tage herzlich froh, wenn der Abend hereinbrach und der gewohnte Kreis sich in den Zimmern der Grafin versammelte, welcher jetzt, nach den vorubergezognen Zerstreuungen des Karnevals, wieder in seine alten Rechte getreten war.

Eines Tages schien die allgemeine Spannung der Hauptpersonen des Hauses auf das hochste gestiegen, noch nie waren die Grafin so geheimnissvoll, Ottokar so ernst in sich gekehrt, Aurelia so ubertrieben lustig gewesen. Allen, welche diesen Tag an der Mittagstafel der Grafin Theil nahmen, fiel dieses unheimliche Wesen bis zum Aengstlichwerden auf. Nichts konnte ihnen daher Erwunschteres kommen, als der fur den Abend verheissne Besuch eines beruhmten Deklamators, denn er versprach nicht nur Schutz gegen die bei dieser Stimmung der Gesellschaft zu befurchtenden Langenweile, sondern auch gegen etwannige Ausbruche einer innern Aufgeregtheit der Gemuther, von der sich jedes ergriffen fuhlte. Unter allen aber freute sich Gabriele daruber; noch nie war ihr Gelegenheit geworden, einen Kunstler dieser Art zu horen, sie hatte uberhaupt keinen Begriff, wie man das, was sie als Deklamation kannte, zum Hauptzweck seines Lebens machen konne, und erwartete daher etwas ganz ausserordentliches von einem sich einzig diesem Zwecke weihenden Kunstler. Alles, was sie jemals von Improvisatoren, von Troubadours, von Barden, die als uberall willkommne Gaste mit ihren Liedern durch die Lander zogen, ja sogar vom Wanderleben Homers gehort und gelesen hatte, kam ihr wieder ins Gedachtniss. Sie erwartete nicht viel Geringeres als alles diess zusammen, und war daher nicht wenig verwundert, als der Erwartete in Gestalt eines hagern, kleinen, schwarzgekleideten, sehr jungen Mannchens hereintrat und der Grafin vorgestellt ward. Seine Ungeduld, sich horen zu lassen, schien nicht minder gross, als die der Anwesenden, ihn zu horen. Er ergriff die erste Gelegenheit, sich anscheinend nachlassig in einen Lehnstuhl zu werfen, und begann mit nicht auffallend angenehmem Sprachton seine Rezitationen.

Es war wunderlich anzusehen, wie er sich angstlich abmuhete, zu deklamiren, ohne dabei zu agiren. Mit der untern Halfte des Korpers gelang es ihm, er sass mit kreuzweis uber einander geschlagnen Beinen wie angebunden auf seinem Sessel, aber die Zuge seines Gesichts, Arme und Hande waren gleichsam wider seinen Willen in ewiger theatralischer Bewegung. Er hatte kein Buch nehmen wollen, weil er behauptete, sich vollkommen auf sein Gedachtniss verlassen zu konnen, diess aber vermehrte die Verlegenheit, in welche ihn die Haltung seiner Hande augenscheinlich versetzte. Freilich hatte er auch eine ganze Bibliothek herbeischaffen mussen, so viele ganz heterogene Dichtungen der heterogensten Dichter liess er im schnellsten Wechsel auf einander folgen. Endlich kam auch Macbeths bekannter Monolog an die Reihe. Schauerliches Schweigen herrschte im Saal, alles horchte seinen dumpfen, geisterartigen Tonen. "Ist das ein Dolch?" rief er mit Macbeths stierem Blick und einem plotzlichen Griff auf den vor ihm stehenden Tisch. "Es ist nur die Lichtschere," flusterte Aurelia, laut genug, um von den nahe Stehenden, wahrscheinlich auch vom Deklamator selbst gehort zu werden, denn sobald dieser den Monolog beendet hatte, erinnerte er sich eines Versprechens, noch diesen Abend in einer andern Gesellschaft zu erscheinen, und eilte davon.

"Shakespear! ach Shakespear!" rief die Grafin, indem sie sich entzuckt auf dem Sopha zuruck lehnte, und so es vermied, ihr Urtheil uber den Deklamator zu fruhe zu aussern. Beim Shakespeare war sie ihrer Sache gewiss, nicht so bei jenem, obgleich dem in allen Zeitungen Gepriesenen in jeder Pause seines Vortrags von einem grossen Theil der Anwesenden lauter Beifall gezollt worden war. "Wie gross erscheint Shakespear, wo man auch immer ihn antrifft!" fuhr die Grafin fort; "wie sogar nicht zu ertodten! Welch eine Hohe! und welche Tiefe! Wie treten seine Gebilde hinaus in die Wirklichkeit!" "Ich bin nur froh, dass der Deklamator endlich zum Saal hinaus getreten ist," sprach Ernesto ganz gelassen. Erstaunt sah die Grafin ihn an, und war doppelt froh, sich an Shakespeare gehalten zu haben, da nun auch der Professor anfing, Klopstocks Ode, Theone, zu rezitiren. Still auf dem Blatt ruhet das Lied, noch erschrocken Von dem Getos' des Rhapsoden, der es herlas, Unbekannt mit der sanfteren Stimme Laut, und dem volleren Ton. "Die armen Lieder!" sprach lachelnd Auguste, "sie haben nicht einmal ein Blatt, auf dem sie ruhen konnten, er sagte sie auswendig her, und mir ist daher noch immer, als fuhle ich die heimathlosen Geister mich angstlich umschwirren." Antonius wollte wenigstens das grosse Gedachtniss des Deklamators bewundert wissen, konnte aber nicht damit zu Stande kommen, denn Ernesto verdammte gerade diess aus dem KopfeHersagen, als einen der argsten Missgriffe, welche sich der Deklamator hatte zu Schulden kommen lassen, und der Professor trat ihm treulich bei. "Wodurch wird das Lied zum Liede?" sprach dieser; "durch den Rhythmus, den Versbau, die Wahl des Ausdrucks, nicht durch die poetische Idee allein. Mit der strengsten Auswahl wagt der Poet jedes Wort, jede Silbe, uberall sucht er den Geist und die Harmonie aufs genauste zu vereinen, und Gott weiss, wie schwer ihm dieses in unsrer an guten Reimen so armen Sprache oft wird. Verzweifeln musste er, wenn er es anhorte, wie solch ein Deklamator alle seine Muhe vernichtet und die auswendig gelernten Lieder misshandelt! "Das ists ja eben," setzte Ernesto hinzu, "die Herren haben es nur auswendig und nicht inwendig, sonst mussten sie fuhlen, was sie zerstoren, wenn sie hier ein fremdes Wort einschalten, weil das rechte ihrem untreuen Gedachtniss entschlupfte, dort einen falschen Akzent anbringen, oder ein kurzes Wort dehnen, weil sie vom vorhergehenden eine Silbe verschluckten, und nun mit dem Versmaass nicht auskommen. Auch das beste Gedachtniss sichert vor dergleichen nicht. Auf dem Theater verdecken Spiel und theatralische Tauschungsmittel diese Mangel so ziemlich, auch Sangern und Sangerinnen will ich es allenfalls nachsehen, wenn sie unsre Dichter verstummeln, man versteht sie ohnehin nur selten, und wird es also nicht gewahr; aber der Deklamator, der uns den vollkommensten Genuss eines poetischen Werkes verspricht, musste sich nie in den Fall setzen, so fehlen zu konnen."

"Ich wunschte fast, es gabe gar keine Deklamatoren in der Welt," sprach Frau von Willnangen; "wenigstens fuhle ich immer das innigste Mitleid, wenn ich einen jungen Menschen sehe, der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten liess, diesen Weg zu wahlen, um darauf durch die Welt zu kommen."

"Denen jungen Herren, die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen grundlicher Kenntnisse haben, scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem," erwiederte der Professor, "sie denken noch obendrein, etwas Ungemeines fur die Kunst zu thun, wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und pathetisch hersagen, was andre Leute gedichtet haben, und was jeder seit der Erfindung der Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade fur ihn Passende auswahlen kann."

"Dabei sind sie gewohnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst," setzte Ernesto hinzu. Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion, das ist die Frage, die sie nie losen konnen. Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden, hat denn doch immer etwas komisches, abgerechnet, dass es auch dem eigentlichen Begriffe des Deklamirens ganz entgegen steht. Und sich beim Deklamiren im ubrigen ganz ruhig zu verhalten, ist fast unmoglich, oder wird es erzwungen, so kann niemand sich an dem Anblick freuen. Eigentliches Deklamiren mochte ich ganz auf das Theater oder auf die Buhne der Volksredner verweisen, wenn es deren noch ausser den Kanzeln welche gabe; zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber wurde ich blosses Vorlesen mit Ausdruck und Prazision allen Deklamatorien vorziehen."

Es ward uber diesen Gegenstand noch viel hin- und hergestritten, bis Ernesto Gabrielen aufforderte, den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen, was er mit Vorlesen eigentlich meine. Er kannte ihr schones, sorgfaltig von der Mutter gebildetes Talent, und ergriff gern diese, wie jede Gelegenheit, seine junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen, als vielmehr sie von der angstlichen Befangenheit ganzlich zu befreien, von welcher sie noch zuweilen befallen ward. Auch diesesmal gewahrte sie nur mit innerm Zagen seinen Wunsch, uberflog schnell mit den Augen ein Blatt, welches Ernesto ihr reichte, wahrend die Lichter geruckt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete. Sie las zuerst etwas zaghaft, dann aber mit immer steigendem Affekt, immer eindringender, immer wahrer in Ton und Ausdruck, ganz sich und alle um sich her vergessend, wie an jenem Abende, als sie in Ottokars Gegenwart sang: la pura fiamma che m' arde in petto. Kein Hauch regte sich, alle waren an ihren Vortrag wie gebannt, denn man horte, was sie las, war der innigste Ausdruck ihres eigensten Gefuhls, und sie bezwang alle Herzen mit der Wahrheit Gewalt. Sie hatte das Gedicht, welches sie vorlas, zuvor nie gesehen, es war das neueste Erzeugniss eines jungen Poeten von Ernesto's Bekanntschaft.

Hier ist es: O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle Nur einen kurzen, stillen Augenblick! Hier zog mein Tag herauf, so licht, so helle;

O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle!

Vergonnet mir diess arme, einz'ge Gluck!

Ich will nicht um mich schau'n; lasst mich vergessen, Dass eine Zukunft ist, dass Morgen kommt. Was uber heute liegt, ist unermessen, Und uber Nacht zu denken, ist vermessen, Mit Sonst zu sprechen, meinem Herzen frommt. Wenn es der Welt noch einmal tagt, umdichten Mich Gram und Nacht. Dein Bild kann nur allein Die Nacht zur Damm'rung eines Traumes lichten, Und wie ein Traum musst du voruberfluchten, Geflugelt Gluck! dein bin ich, du nicht mein. Der hat ein susses, hold Geschick, empfangen, Wer dich, du zartes Bild! nur einmal sah; Mich hat diess Gluck fur immerdar umfangen, Bist du auch, Klara! weit von mir gegangen; Mein Herz bringt ewig deine Fernen nah. In meiner tiefsten Seele stillen Tiefen

Steh'n deine Worte, rufen nach und nach

Wie Glockentone, die am Tage schliefen,

Vom Abend aufgeweckt, zur Vesper riefen

Das Heiligste in meiner Brust mir wach. Und diese Augen sollten wiedersehen, Was nicht zu dir gehort, was du nicht bist? Es sollten and're Tone mich umwehen? Und deine liebe Stimme mir vergehen? Giebt es solch' Aufersteh'n, was Grab nur ist? Wer horte dich und darf noch Ungluck denken? Noch an das Bose glauben und dich seh'n? Dein liebend Auge konnte Sonnen lenken, Und meinen Stern, den konntest du versenken In ew'ger Trennung namenlose Wehn? Es muss die Zeit hinab zur Zeit wohl gehen, Doch meine Liebe nicht und nicht mein Schmerz; Selbst dieser Schmerz darf nicht die Lieb' umstehen Gewaltsam, rauh; er soll wie Fruhlingswehen Wachrufen, Blumen gleich, ein sehnend Herz. Und wenn der Winter schlafen legt die Blumen alle, Und Herz und Sehnsucht starrt in Grabesfrost, Wenn todtgekuhlt die Blumen, Herzen alle, Dann seh' ich dich allein aus meiner Halle Noch diamanten-strahlend hoch im Ost. Bis dahin lasst an dieser lieben Stelle Mich ruhen meines Lebens Augenblick. Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle;

O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle!

Euch sey die ganze Welt mit ihrem Gluck!!

Wahrend des Lesens waren Gabrielen schon bei der Stelle:

"Es sollten and're Tone mich umwehen?

Und deine liebe Stimme mir vergehen?"

einzelne Thranen in die Augen getreten; sie ward im Fortfahren immer bewegter und bewegter. Bei den Worten: "Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle." versagte ihr die Stimme, und sie strebte vergebens, die beiden letzten Strophen des Liedes zu geben, dieses zu beenden. Erbleichend, verstummend stand sie endlich auf, bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und eilte zum Zimmer hinaus, jede Begleitung durch eine bittende Bewegung der Hand von sich ablehnend.

Ottokar, der zunachst der Thure sich befand, war dennoch unbemerkt bis in den Vorsaal ihr gefolgt, dann fasste er ihre Hand und fuhrte sie zu einem Sitz im Fenster, wahrend er die Bedienten fortschickte, um Annetten herbei zu rufen. Gabriele erbebte sichtbarlich, als sie ihn erkannte; ein Strom von Thranen schaffte ihrem gepressten Herzen Luft, wahrend er, den sorgenden Blick auf sie geheftet, vor ihr stand. "Fraulein," sprach er, indem er noch immer ihre Hand hielt, "liebes Fraulein, Sie haben uns allen einen so hohen Genuss gewahrt, wir alle mussen ihnen so dankbar dafur seyn; was ist es denn, das jetzt Sie so gewaltsam niederdruckt? Zurnen Sie mir nicht," fuhr er fort, da es ihm schien, als wolle Gabriele sich von ihm loswinden, "zurnen Sie mir nicht, dass ich Ihrem Winke nicht gehorchte und Ihnen hierher folgte; dass ich die Besorgniss, mit der ich Ihren schwankenden Schritt bemerkte, nicht unterdruckte. Als ihr Hausgenosse glaubte ich diess wagen zu durfen, und vielleicht, hoffentlich sogar, geben mir die nachsten Tage, vielleicht der morgende schon, das schone Vorrecht, an allem, was Sie betrifft, recht innigen Antheil zu nehmen."

Gabriele horchte bebend auf seine Worte, sie war unfahig, ihm zu antworten, und fuhlte sich zum erstenmal in ihrem Leben einer Ohnmacht nah. Ottokar konnte nichts, als sie unterstutzen, bis die erschrockne Annette kam und sie in ihr Zimmer geleitete. Die Nacht verging Gabrielen unter lautem Herzklopfen, unter tausend wechselnden Ahnungen, Gedanken, halb verstandnen Wunschen. Jedes Wort, das Ottokar am vergangnen Abend zu ihr gesprochen hatte, tonte unaufhorlich in ihrem Innern wieder, jedes war ihr ein Rathsel, dessen Losung sie mit Entzucken und Grauen suchte und nicht fand, bis sie ermattet spat gegen den Morgen in unerquickliche Bewusstlosigkeit versank.

Ihr Erwachen zu einer ungewohnlich spaten Stunde glich ganz dem ersten im Hause ihrer Tante. So wie an jenem Morgen, durchtoseten auch heute Bediente und Handwerker das Haus mit Zurustungen zu einem Feste. Weder Aurelia, noch die Grafin waren den ganzen Morgen uber sichtbar, selbst die Bedienten thaten geheimnissvoll, wenn sie einander auf der Treppe begegneten. Gabriele sass in angstlicher Spannung; unfahig zu jeder sonst gewohnten Beschaftigung, lauschte sie auf jeden Fusstritt, auf jedes Knarren der Thuren in zitternder Unruhe. Sie ahnete das Herannahen einer fur ihr ganzes Leben entscheidenden Stunde, sie ahnete einen Zusammenhang zwischen dieser Stunde und dem, was Ottokar am gestrigen Abende zu ihr gesprochen hatte, ohne doch begreifen zu konnen, wie dieses moglicher Weise seyn konne. Gegen Mittag liess die Grafin ihr sagen, dass sie und Aurelia allein in ihrem Zimmer speisen wurden, zugleich schickte sie ihr einen sehr glanzenden Anzug fur den Abend. Alles dieses so ganz Ungewohnte vermehrte Gabrielens peinliche Unruhe, sie begann weit fruher, als sonst, sich anzukleiden, und zahlte hernach jeden Pendelschlag ihrer Uhr.

Endlich strahlten die Kronleuchter, Equipagen rollten herbei, und schon durchrauschten die Tritte vieler herannahenden Gaste Treppe und Vorsaal, ehe Gabriele sich wirklich entschliessen konnte, den Versammlungs-Saal zu betreten, und eine immer steigende Angst hemmte jeden ihrer Schritte. Unter lautem Herzklopfen blieb sie unfern der Thure stehen; wie durch einen dichten Flor zeigte sich ihr die ganze glanzende Versammlung, welche langs den Wanden des Zimmers einen weiten Kreis bildete. Alle nahe und entferntere Verwandte der Grafin, alle ihre vornehmsten Bekannten waren gegenwartig, nur Frau von Willnangen fehlte, weil eine plotzliche Unpasslichkeit Augustens sie zu Hause hielt, und weder Ernesto, noch irgend einer der Kunstler und Gelehrten, welche sonst das Haus besuchten, waren zugegen. Am obersten Ende des Kreises stand die Grafin, reich und festlich gekleidet, neben ihr Aurelia, im weiss und silbernen Kleide, diamantne Sterne im dunkeln, mit Perlen durchflochtnem Haar; ihr grosses blaues Auge uberschaute die ganze Gesellschaft, so wie etwa eine Konigin ihren Hofstaat ubersieht, ob niemand fehle, und als sie Gabrielen an der Thure gewahrte, winkte sie sie zu sich heran. Uebrigens herrschte tiefe Stille in der Versammlung, man konnte das Picken der Uhren horen, so regungslos erwartend stand alles da. Da trat Ottokar in volliger Hofkleidung aus einem Seitenzimmer in der Nahe der Grafin herein, zum erstenmal sah Gabriele ihn von einem breiten Ordensband umschlungen, und einen blitzenden Stern auf seiner Brust. Mit freundlichem Ernst, etwas bleicher, als sonst, naherte er sich der Grafin, die seine und Aureliens Hand ergreifend, mit wurdevollem Anstande beide einige Schritte vorwarts gegen die Mitte des Kreises fuhrte, und Ottokarn als Aureliens verlobten Brautigam der Gesellschaft vorstellte.

Die Grafin schien sich zu dieser Festlichkeit eine kleine Rede ausgesonnen zu haben, die sie, zwischen Ottokar und Aurelien stehend, mit dem Anstande der Furstin von Messina an die Anwesenden richtete. "Der Wunsch ihrer Vater," sagte sie unter andern, "der Wunsch ihrer Vater, wenn gleich nicht ihr unabanderlicher Wille, bestimmte dieses Paar schon seit Aureliens Geburt fur einander, doch blieb dieses, meinem Willen gemass, beiden ein Geheimniss, bis ich uberzeugt seyn konnte, dass kein innres oder aussres Hinderniss sich ihrer Verbindung entgegenstelle. Die Gnade des Fursten hat auch das letzte beseitigt, indem sie den Grafen in den Stand setzt, seiner Braut mit seiner Hand auch einen meinen Wunschen angemessnen Rang in der Gesellschaft zu bieten; Ottokar erhielt heute seine Ernennung zum Gesandten in Rom, und Aurelia folgt ihm entzuckt in das schone Land, zu welchem schon langst sie, wie jeden Gebildeten, die Sehnsucht zog. Auch ich werde sie dorthin begleiten, und da Graf Ottokars Bestimmung die schnellste Ausfuhrung des langst Vorbereiteten fordert, so wird uns leider das schone Fest des heutigen Tages durch den Schmerz des Abschiednehmens von so werthen Freunden getrubt. Schon morgen verlassen wir die Stadt, in wenig Tagen wird das hochzeitliche Band auf meinem Landgute ganz in der Stille geknupft, und in weniger als einem Monat eilen wir Italien zu, wohin Pflicht, Liebe und Sehnsucht uns rufen. In Jahr und Tag hoffe ich indessen Sie alle hier wieder zu sehen, ich kehre dann mit der festen Ueberzeugung des Glucks meiner Kinder zuruck und hoffe, in Erinnerung und Gegenwart mit meinen Freunden frohe Tage zu verleben. Auch meine Nichte, Gabriele von Aarheim, wird mich begleiten. Ich habe dich von deinem Vater dazu erbeten," sprach sie, in ihrem naturlichen Ton, sich plotzlich zu Gabrielen wendend, "du sollst auch Italien sehen, freue dich recht, Kleine, und wunsche deiner Kusine und ihrem Brautigam Gluck," setzte sie hinzu, indem sie ihr naher zu treten winkte.

Gabriele, welche schon fruher auf Aureliens ersten Wink sich genahert hatte, drangte sich jetzt mit wunderbarem Ungestum durch die Versammlung, welche sich in dem Moment auch in Bewegung setzte, um Aurelien ebenfalls ihre Gluckwunsche zu bringen. Gabriele wankte, als sie der Tante naher kam; im Begriff zu sinken, umfasste sie unwillkurlich das Knie der Grafin, um sich aufrecht zu halten. "Wunderliches Kind, wie sturmisch ist deine Freude! Hier, hier bringe deinen Gluckwunsch an," sprach lachelnd die Grafin, indem sie sie umarmte und dann zu Aurelien und Ottokar wendete. "Gluck! Gluck!" rief Gabriele, athemlos und wie verwildert, sie konnte in augenscheinlicher Bewusstlosigkeit kein anderes Wort hervorbringen, als dieses eine, das sie mehreremale schnell wiederholte. Die Grafin, welche auch in der hochsten Bewegung die feingezogne Linie des hergebracht Schicklichen nie aus den Augen verlor, wurde von dem Aufsehen beunruhigt, welches Gabrielens sonderbares Benehmen unter den Zunachststehenden schon zu erregen begann. Sie schob sie daher mit sanfter Gewalt der Thure zu, durch welche Ottokar hereingetreten war. "Dorthin, dorthin," flusterte sie ihr leise ins Ohr, "erhole dich erst von deiner ausgelassnen Freude, und dann kehre wieder."

Gabriele ging, der Weisung der Tante gehorsam; sie ging und ging, einen endlosen Weg, wie es ihr schien, die Kronleuchter drehten sich in einem wunderlichen Tanz um sie her, die Tapeten und Fussteppiche hoben und senkten sich, sie sah alles und erkannte nichts, bis sie am aussersten Ende der erleuchteten Reihe von Zimmern in einem nur von einer Dammrungslampe erhellten Kabinet auf den Divan sank. Ueber eine Stunde mochte wohl verflossen seyn, seit Gabriele sich von der Gesellschaft entfernte; im freudigen Tumult hatte weiter niemand an sie gedacht, selbst die Grafin nicht, welche jetzt, nachdem die Gratulationen voruber waren, alle Aufmerksamkeit darauf verwandte, die Spieltische zu Jedermanns Zufriedenheit zu ordnen. Aurelia zog sich indessen mit ihren jungern Freundinnen in ihr Zimmer zuruck, Ottokars prachtige Brautgeschenke mit ihnen zu mustern und zu bewundern, und so entstand fur diesen eine Pause in der geselligen Unterhaltung, die ihm in seiner jetzigen Stimmung hochst willkommen war. Er fuhlte dringend das Bedurfniss einiger einsamen, ruhigen Minuten, um sich selbst wieder zu finden. Jede auffallende Abanderung des Gewohnten, und sey sie noch so erwunscht, fuhrt ihre eignen Schauer mit sich, die uns mit unwillkommner Gewalt ergreifen, oft im Momente, wo wir es sogar als Pflicht fuhlen, nur Freude aussern zu durfen. Sogar das hochste Entzukken unverhofften Wiedersehens geliebter Freunde ist im ersten Augenblick ein Schmerz, wir mussen mit jedem Gluck erst Bekanntschaft machen, ehe wir uns dessen recht erfreuen konnen, und wir erschrecken sogar vor unsern eignen Wunschen, wenn sie plotzlich in Erfullung treten.

So ging es auch Ottokar. Ihn schauerte, als er sich nun wirklich an dem Wendepunkt seines Lebens sah, den er doch seit Monden zu erreichen strebte. Oft hatte er den bittersten Unmuth empfunden uber den langsamen Kabinetsgang, der seine Anstellung verzogerte, und jetzt schien ihm alles uberraschend schnell gekommen zu seyn. Er konnte es sich nicht verhehlen, dass das leichte, luftige, freie Schmetterlingsleben durch den heutigen Tag beendet werde. Bande aller Art, ehrenvolle Thatigkeit, ernste Pflichten im hauslichen Leben erwarteten ihn, tausend Rucksichten mussten seinem bisherigen harmlosen Umherschweifen jetzt ein Ende machen, die Bluthenzeit seines Jugendlebens war dahin, und er vermochte es nicht, ohne Schmerz von ihr zu scheiden.

Leise hatte er sich, die hellerleuchteten Sale entlang, neben den eben besetzten Spieltischen durchgeschlichen, ohne dass jemand es bemerkte, ausser der Grafin, die auch heute, wie immer, ihm Freiheit liess zu gehen und zu kommen. Er offnete vorsichtig die Thure des Kabinets, in welches Gabriele sich gefluchtet hatte, und fuhr fast wie vor einer Geistererscheinung zuruck, da er sie beim Schein der schwach leuchtenden Alabasterlampe erblickte, wie sie sich bleich und langsam bei seinem Eintritt vom Divan erhob und ihm ein paar Schritte entgegen trat.

"Sie sind es? Sie sind es wirklich, Ottokar?" redete sie ihn an. "Sie sind es wirklich? ich sehe Sie noch einmal und kann von Ihnen Abschied nehmen? ich darf einmal im Leben zu Ihnen noch sprechen, ehe ich auf immer scheide? Nun so ward doch ein heisser Wunsch im Leben mir gewahrt!"

Ottokar erschrak vor dem zitternd bewegten Ton ihrer Stimme, vor der heftigen Spannung, in der augenscheinlich ihr ganzes Wesen sich befand. Er naherte sich ihr, indem er beschwichtigend ihre bebende Hand ergriff und sie wieder zum Divan zuruckfuhrte. "Sie reden vom Scheiden, vom Abschiednehmen?" sprach er, "liebe theure Gabriele, mit dieser vertraulichen Benennung darf ich jetzt doch Sie anreden? liebe, liebe Gabriele, an Scheiden, an Trennen ist nun gar nicht zu denken. Verstehen Sie jetzt meine Worte von gestern Abend?" fuhr er fort, indem er recht vertraulich sich neben sie setzte. "Giebt der heutige Tag mir nicht ein Recht, an allem, was Sie betrifft, innigen, warmen Antheil zu nehmen?"

Gabriele schwieg, ihre Hand zitterte noch immer in der seinen, schwere Tropfen fielen einzeln aus ihren gesenkten Augen.

"Morgen gehen wir zusammen auf das Land," fuhr Ottokar etwas verlegen fort, da es ihm gar nicht gelingen wollte, sie zur Gegenrede zu bringen. "Morgen auf das Land, und wenig Tage spater durch den bluhenden Fruhling nach Italien. Wie wird diese liebliche weisse Rosenknospe in jenem schonen Garten hold erbluhen!" sprach er, indem er sich zuruckbeugte und Gabrielen mit Wohlgefallen betrachtete. Welche Freude wird es seyn, dort in der Heimath der Kunst alle die Anlagen, die Talente sich bis zur Vollkommenheit entfalten zu sehen, die Ihre zu grosse Bescheidenheit uns jetzt kaum errathen lasst. Wird es mir dort vielleicht gelingen, Ihr Zutrauen zu erwerben? ich ahne schon lange, dass Sie nicht glucklich sind, liebe Gabriele," sprach er, ihre Hand fester fassend, "oft wenn Sie, von mir sich unbemerkt glaubend, am Tisch mir gegenuber sassen, sah ich den Schmerz auf Ihren Lippen beben. Ich weiss es wohl, Ihnen fehlt das hochste Gluck der Jugend, eine liebende Mutter, Geschwister. Nehmen Sie mich, liebe Gabriele, nehmen Sie mich zu ihrem Bruder an, jetzt, da ohnehin Verwandtschaftsbande uns vereinen werden; geben Sie mir ein Recht, mit liebender Sorgfalt um Sie geschaftig zu walten. In dem fremden Lande, wohin wir gehen, so schon es ist, werden wir doch unter uns unbekannten Menschen allein zusammen stehen, die vielleicht gar nicht zu uns passen; aber wir werden uns dafur auch desto fester an einander schliessen und einander um so naher angehoren, je isolirter wir sind. Darum adoptiren Sie mich zum Bruder, ehe die Noth Sie dazu treibt, gewiss, ich will ein recht guter Bruder seyn," setzte er fast scherzend hinzu.

Er schwieg, ihre Antwort erwartend, wahrend sie sichtbar nach Fassung, nach Athem rang; plotzlich richtete sie sich auf und legte auch ihre zweite Hand auf die seinige. Er blickte verwundert, voll Erwartung sie an.

"Ich danke Ihnen, Ottokar," sprach sie, "ich danke Ihnen herzlich; Sie wollen ein krankes Kind mit erfreulichen Bildern zur Ruhe einlullen, aber ich bin nicht krank, ich bin auch kein Kind, ich darf es ja nicht seyn, von jetzt an nicht mehr. Ach ware ich es, und lage tief gebettet bei meiner Mutter!" rief sie schmerzlich, ermannte sich aber gleich wieder. "Sie zeigen mir eine entzuckend schone Aussicht in die Zukunft, Ottokar," fuhr sie fort. "Noch gestern hatte der Gedanke an die Moglichkeit derselben mir ein Traum vom Himmel gedunkt, aber in dieser Stunde fuhle ich, dass ich selbst mir diesen Himmel verschliessen muss. Ottokar, ich nehme hier an dieser Stelle, in dieser Stunde Abschied von Ihnen, ich kann nicht mit Ihnen gehen. Fragen Sie mich nicht: warum?" setzte sie mit bittender Stimme hinzu, "fragen Sie mich nicht: warum.? Es ist mir selbst nicht deutlich, ich vermag nicht, es in klaren Worten vor mir selbst auszusprechen, aber eine Stimme in meinem Herzen ruft laut, dass wir uns hier trennen mussen, und ich darf ihr nicht widerstreben. Ich danke Gott, dass mir vor dem Scheiden der Augenblick wird, nach dem ich Monden lang mich sehne, und auch Muth und Fassung ihn festzuhalten. So scheide ich doch nicht von Ihnen als eine ganz Unbekannte, so nehme ich doch das Bewusstseyn Ihrer Theilnahme an meinem Daseyn mit mir. Sie werden in dem schonen Lande, wohin Sie ziehen, der armen Gabriele nicht vergessen, die hier immer Ihrer gedenken wird, auch wenn machtige Gewasser und himmelhohe Alpen zwischen uns liegen."

In immer steigender Bewegung horte und sah sie Ottokar, so lange sie sprach, immer fester hielt er ihre Hand, immer naher suchte sein Auge das ihre, wahrend die zarte Gestalt, im Schmerz des Scheidens aufgelost, das mude Haupt an seine Brust lehnte, und mit der arglosen Sicherheit eines Kindes verstummend, neben ihm sass. Ihm war, als schwande vor seinen Augen ein dichter Nebel, der ihn bis jetzt verhindert hatte, ein Juweel, nach welchem er lange uberall vergebens suchte, dicht neben sich glanzen zu sehen. "Wie war es moglich," rief er endlich, "dass Sie so lange fast unbemerkt neben mir standen? Ja ich ahnete Ihren hohern Werth, wann ich Sie so jung, so allein, so schweigend, mitten im Wirrwar der ungeselligsten Geselligkeit stehen sah; welche unselige Verblendung, welche eitle Verknupfung unbedeutender Zufalligkeiten hielt mich ab, Sie naher kennen zu lernen! und sollen wir jetzt, da wir uns eben fanden, den herben Schmerz des Scheidens muthwillig auf uns laden, mit dem das Geschick uns dennoch freundlich verschont? Nein, Gabriele, Sie irren, es muss nicht seyn, wir durfen uns nicht trennen. Ich bin Ihr Bruder, Sie selbst mir die geliebteste Schwester, denn Sie konnen mich nicht verschmahen, und auch Aurelia wird der Gegenwart einer liebenden Freundin aus der Heimath in dem fremden Lande doppelt bedurfen.

"Aurelia!" rief beinahe schreiend Gabriele, und verhullte einen Augenblick ihr Gesicht. Dann hob sie gefasster die schonen, durch Thranen lachelnden Augen zu Ottokar auf.

"Nach dieser Stunde darf nichts halbes in unserm Verhaltniss mehr bleiben," sprach sie, "ganz verhullt oder ganz erkannt muss ich von Ihnen scheiden. So bringe ich denn mein Herz Ihnen offen dar und furchte kein Missverstehen. Seit ich zuerst Sie sah, Ottokar, sind Sie ein Theil meines Daseyns, Ihr Gluck ist das meine! Sie legen jetzt Ihr Geschick in Aureliens Hande du liebst Aurelien o liebe sie recht innig, recht treu treue, innige Liebe, alles, sich selbst sogar, opfernde Liebe, bringt uns den Himmel, wenn auch das Herz daruber bricht. Auch Aurelia liebt Sie," fuhr Gabriele nach einer kurzen Pause fort. "Sie liebt Sie, aber jeder Einzelne hat wohl seine eigne Liebe, ihre Weise ist nicht die meine, ich wurde nie sie verstehen, so wenig wie sie mich jemals verstand. Darum muss ich fort, ich wurde in ewiger unendlicher Sorge um dich in deiner Nahe vergehen, ich wurde dich mit mir herabziehn zu meinen angstlichen Zweifeln. Ach schon jetzt suche ich vergebens Worte, um auszusprechen, was doch so klar vor meiner Seele steht, meine Reden verwirren sich unwillkurlich, so wurde ich auch in euer Leben nur Verworrenheit bringen. Darum muss ich zuruck in meine Einsamkeit, meine Nahe ware euch nur unheilbringend. Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht zu meinem Glucke, Ottokar, Sie sind doch immer mit mir, und diese an Thranen und Freuden so reiche Stunde bleibt ewig der hellschimmernde Lichtpunkt meines Lebens, er kann nie verloschen."

"O Gabriele!" rief Ottokar, mit leuchtenden Augen und tiefbewegter Stimme, "Gabriele! warum schlug diese Stunde uns nicht fruher! wie anders konnte alles seyn!" "Sprich diesen Gedanken nicht aus, hute dich, ihn nur auszudenken, rein und treu musst du bleiben, wenn ich nicht im Schmerz um dich vergehen soll," unterbrach ihn Gabriele, in heftiger Bewegung.

"Ich bleibe rein, ich bleibe treu," erwiederte Ottokar, "aber noch bin ich nicht gebunden, noch hat die Kirche nicht" "Ottokar! Ottokar! ich flehe zu dir!" rief Gabriele, in hochster Angst, mit gefaltnen Handen, indem sie vom Divan hinabgleitend fast zu seinen Fussen hinsank.

Ottokar fasste sie schnell in seinen Armen auf; beide sassen einige Minuten sprachlos mit hochpochenden Herzen, Hand in Hand neben einander. "So lass uns wenigstens in dieser entscheidenden Stunde unsers Lebens nichts ubereilen." sprach er endlich mit muhsam errungner Fassung, "hore auch mich an, und dann entscheide du selbst, ich lege willenlos mein Geschick in deine Hande, du kannst kein Unrecht wollen, du reiner Engel des Himmels. Liebe war der susse Traum meiner Jugend, ich trat fruh in die Welt, ich suchte sie, ich fand sie nicht, und so gab ich ihn als unerreichbar auf, den schonen Traum, und bereitete mich, mit freiem Herzen bei der Wahl einer Gemahlin dem Wunsch meines Vaters zu folgen. Fern vom Gerausch der Welt, lebt er in tiefer Einsamkeit. Mit der starren Anhanglichkeit des Alters, klammert er sich an die Vergangenheit, die er so gern wieder zuruckbrachte, und der Gedanke, mich mit der Tochter seines Jugendfreundes verbunden zu sehen, war immer der einzige Plan fur die Zukunft, den er fassen mochte Doch liebt er mich zu sehr, um das Opfer meiner Ruhe zu fordern. Sehen sollte ich sie, Monden lang in ihrer Nahe leben, ehe ich mich erklarte, nur eignes Wollen sollte mich binden, darum sandte er mich hierher. Ich sah sie, Gabriele! wen sollte diese hohe Schonheit nicht blenden? dieser heitre, immer spielende Geist, dieses Talent fur alles, was das Leben verschont? ich glaubte, sie zu lieben, ja ich liebte sie wirklich, wenn unaussprechliches Wohlgefallen an einem reizenden Wesen Liebe genannt werden kann. Wenn mich, wie oft geschah, etwas Befremdendes in ihrem Benehmen auf Augenblicke von ihr zuruckscheuchte, wenn ein Ahnen, ein Sehnen hohern Empfindens mich beschlich, so gedachte ich meines guten alten Vaters und entfernte alles, was mir die Erfullung seines Wunsches hatte erschweren konnen. So lebte ich Monate neben dem reizenden Madchen. War auch sie vom Wunsch unsrer Vater unterrichtet? beobachtete auch sie mich im Stillen? ich wusste es nicht, auch galt es gleich. In jedem Fall war sie zu stolz, mich tauschen zu wollen, sie zeigte sich mir immer, wie sie ist, und achtete es nicht, wenn sie es auch bemerkte, dass sie mir deshalb nicht in jeder Stunde gleich liebenswerth erschien. Vor einigen Wochen brachte mein Vater, Ach! auf mein Bitten, das fruhere Versprechen ihres Gatten bei der Grafin Rosenberg wieder in Anregung. Sie weigerte sich nicht, es zu erneuern, doch unter der Bedingung, dass ich nur dann gegen Aurelien mich erklaren durfe, wenn ich ihr zugleich den Rang, den Glanz bieten konne, der ihren Vorzugen gebuhre. Bis dahin achtete die Grafin weder ihre Tochter noch mich durch dieses Versprechen gebunden und verhehlte es auch nicht, dass mehrere Manner sich um die Hand derselben bewurben. Jetzt, Gabriele, jetzt da ich die Gefahr sah, Aurelien zu verlieren, jetzt erst fuhlte ich mich machtig zu ihr gezogen. Denn Eifersucht gleicht der Liebe, obgleich jene nicht immer diese begleitet, sie ist gar oft nur das Kind gekrankter Eitelkeit. Die von den ausgezeichnetsten Mannern gefeierte Aurelia konnte mein werden, wenn ich sie zu fesseln verstand, diess bannte mich an jeden ihrer Schritte, wahrend ihr Leichtsinn, ihre auch mich nicht schonende Spottlust mich auf die Folter spannten. Endlich vor einigen Tagen kam mit der Gewissheit meiner Ernennung zu der Gesandten-Stelle auch der Tag meiner Erklarung gegen Aurelien. Kalt, gemuthlos, spottend beinahe, gab sie mir das Versprechen, die meine zu werden, und alle Lust am Leben schwand mir in der Minute dahin. Ich fuhlte mit Bewusstseyn, dass dieses kalte, uber alles lachende, mit allem seinen Spott treibende Wesen nie lieben kann. Sie wird mir treu seyn, sie wird mich vielleicht freundlich behandeln, ich will es glauben; aber mehr darf ich nie von ihr hoffen, und alle die schonen Ahnungen hauslichen Glucks, denen ich doch nie ganz hoffnungslos entsagen konnte, sinken mir an ihrer Seite in das Reich der Unmoglichkeit. Mir zum Troste suchte ich mich zu bereden, dass, was ich wunsche, zu schon fur dieses Werkeltagsleben, nur in andern Welten heimisch sey. Ich war gefasst, eine gewohnliche Konvenienz-Heirath einzugehen, und weder mehr noch minder glucklich zu seyn, als alle die Tausende um mich her, und nun, in der letzten Minute, da ich mit halber Freiheit noch athme, kommst du wie eine himmlische Erscheinung, du wunderbares Wesen, und zeigst mir ein Gluck, das mir Verblendeten bis heute noch erreichbar war. Und ware es denn wirklich zu spat? nein! mein guter Engel sandte dich, ich habe dich gefunden, ich gehore zu dir, und bin noch nicht ganz gefesselt. Gabriele, sprich nicht zu rasch unser Urtheil! ein Wink von dir, und meine Fesseln reissen, und" "Ottokar! Ottokar!" rief Gabriele erbleichend und trat einige Schritte von ihm zuruck gefasster naherte sie sich indessen ihm bald wieder. "Wie du mich erschreckst!" sprach sie, "wie du mich erschreckst mit einer mir so fremden Ansicht unserer Zukunft, dass ich es nicht fasse, wie sie dir kommen konnte, dir, dessen Gedanken ich sonst stets lange vorher wusste, ehe du sie aussprachst. Auch ist das, was du sagtest, nicht die wahre Meinung deines Herzens," fuhr sie fort, "du kannst nicht wortbruchig werden, weil kein Schwur dich bindet, du kannst deinem guten Vater nicht die nahe Erfullung seines letzten Wunsches vorspiegeln und dann grausam ihn tauschen, du kannst nicht meiner Tante mit der Schmach ihrer Tochter heimtuckisch dafur lohnen, dass sie ihr Haus zu dem deinen machte und dir vertraute. Ottokar, ich brauche nicht zu entscheiden, du selbst hast entschieden in der rechten Tiefe deines Gemuths, du weisst es wohl, was geschehen muss," setzte sie mit sanftem Weinen hinzu. "Aber ist es denn wirklich so? mussen wir scheiden auf ewig? und du, du Arme, was wird aus dir in den Wusten des Lebens?" rief Ottokar. "Ich bin begluckt," sprach Gabriele, kraftlos auf den Divan hinsinkend, "lass mir nur die Hoffnung, dass du streben willst, mit Aurelien glucklich zu seyn." "Ich will es, Gabriele! ich will alles, was du willst. Guter Gott! wie soll ich es aber anfangen, dich zu vergessen?" erwiederte Ottokar. "Vergiss mich nicht!" bat Gabriele, "lass mich mit dir leben, wie du ewig mit mir leben wirst, vielleicht sehen wir einst uns hier noch wieder, nach langen, langen Jahren, dort finden wir uns gewiss; dorthin wende den Blick," sprach sie mit aufgehobnen Handen, und sank sogleich wieder zuruck.

"Und kein Andenken dieser Stunde gewahrst du mir?" sprach Ottokar. "Du hast meine Zeichnung von Schloss Aarheim, betrachte die alten dustern Mauern, in denen ich von nun an leben werde, denke, dass dein Bild sie mir erhellt, und nun lebe wohl, meine Krafte reichen nicht weiter," sprach Gabriele mit erloschender Stimme.

Ottokar kniete vor ihr hin, mit heissen Thranen netzte er die Hande der jetzt beinahe ganz Bewusstlosen, als eine Tapetenthure sich offnete. Erschrocken fuhr er auf, es war Annette. Von einer unerklarlichen Angst getrieben, hatte sie das ganze Haus durchstreift, um ihre junge Gebieterin zu suchen, nachdem sie vergeblich sich in der Gesellschaft nach ihr umgesehen hatte. Angst leitete ihre Schritte, auch in das an die Gesellschaftssale anstossende Kabinet, und der Zustand, in welchem sie ihre geliebte Herrin dort fand, erschreckte sie so sehr, dass sie kaum Ottokars Gegenwart, noch weniger die an Verzweiflung grenzende Bewegung bemerkte, in welcher er sogleich nach ihrem Eintritt das Kabinet verliess. Es gelang ihm, auf der bis jetzt ihm unbekannt gebliebnen verborgnen Treppe, welche Annetten herbei gefuhrt hatte, sein Zimmer zu erreichen, ohne dass ihn jemand bemerkte. Eben erhaltne Briefe von hochster Wichtigkeit mussten fur diesen Abend sein Nichtwiedererscheinen bei der Gesellschaft entschuldigen, wahrend Gabriele, sanft und schweigend, sich von Annetten in ihr Zimmer fuhren liess. Der starre Blick, das wunderliche Lacheln, das ununterbrochne Schweigen Gabrielens trieben die arme Annette, unerachtet der dunkeln Nacht, auf die Strasse hinaus, um Frau von Willnangen zu Hulfe zu rufen, denn im Hause war alles zu beschaftigt, um auf ihr Bitten zu horen, und glucklicher Weise Augustens Uebelbefinden zu unbedeutend, als dass es Gabrielens mutterliche Freundin hatte abhalten sollen, dem Kinde ihres Herzens zu Hulfe zu eilen. Schon am zweiten Tage nach diesen Ereignissen war alles Leben aus dem sonst so gerauschvollen Hause der Grafin Rosenberg gewichen. Nur in Gabrielens Zimmer waltete und flusterte bange Sorge am Bette der zum Tode Erkrankten. Durch die ubrigen verodeten Gemacher schlichen nur noch ein paar halb invalider Diener, um die Vorhange an den Fenstern herabzulassen und das kostbare Hausgerathe gegen den Staub sorgfaltig zu bewahren. Bald war auch dieses gethan, und die ehemals glanzende Wohnung gewann nach und nach ganz das Ansehen jener verlassnen Schlosser, die man auf Reisen so oft besehen muss, die wie verzauberte Pallaste in einem Feenmahrchen dastehen, und einen unbeschreiblich traurigen Eindruck machen, weil sie mit allem versehen sind, dessen das uppigste Leben nur bedarf, ohne dass eine frohliche lebende Seele zwischen den reichgeschmuckten Wanden athmet.

Kaum hatte die Grafin am Morgen der Verlobung ihrer Tochter die Nachricht von Gabrielens plotzlichem Erkranken vernommen, so ahnete sie mit der ihr in solchen Fallen gewohnlichen Lebhaftigkeit ein bosartiges Nervenfieber in dieser Krankheit. Der Arzt wagte es nicht, sogleich fur oder wider ihre Muthmaassung zu entscheiden, Frau von Willnangen hingegen wunschte, die Pflege ihrer jungen Freundin ganz ungehindert ubernehmen zu konnen, und bemuhte sich daher nicht sonderlich, der Grafin die Furcht vor einer moglichen Gefahr der Ansteckung auszureden. Halb todt vor Angst, konnte diese von dem Momente an keinen andern Gedanken fassen, als wie die Stunde ihrer Abreise auf das Land moglichst zu beschleunigen ware. Alles dazu Nothige war ohnehin schon lange vorbereitet, und es gelang ihr deshalb ohne zu grosse Anstrengung, sich noch im Laufe des Vormittags, begleitet von Ottokar, Aurelien, und Eugenien, auf dem Wege nach ihrem Landgute Rosenhain zu sehen.

Frauen, wie die Grafin, pflegen aus angebornem Instinkt genau zu wissen, was sie zu verhehlen, was sie bekannt zu machen haben. Dieses Gefuhl leitete sie daher auch diesesmal ganz richtig, indem es sie bestimmte, der Krankheit ihrer Nichte gegen Ottokar nicht zu erwahnen. Nichts in der Welt hatte diesen dazu bringen konnen, seine Braut und ihre Mutter zu begleiten, wenn er nur eine Ahnung von der Todesgefahr gehabt hatte, in welcher die ihm eben so schnell Verlorne als Gefundne im Augenblick seiner Abreise schwebte. Indem er seinen Reisewagen bestieg, dachte er nur an sie und die unausweichbare Trennung von ihr. Selbst in dem Unwahrscheinlichen des Vorwandes, mit welchem die Grafin das Zuhausebleiben ihrer Nichte gegen ihn zu beschonigen suchte, wahnte er Gabrielen selbst zu erkennen. In der ungeschickten Art, mit welcher man ihn tauschen wollte, sah er nur ihre reine, jeder Unwahrheit widerstrebende Natur, er ergab sich und schien alles zu glauben, was man ihn glauben machen wollte, weil er dadurch ihrem Willen gemass zu handeln sich bewusst war.

Aurelia wurde vielleicht gar nicht nach Gabrielen gefragt haben, wenn sie nicht zu ihrer grossen Freude bemerkt hatte, dass ein Windspiel, welches sie seit zwei Tagen leidenschaftlich liebte, weit bequemern Platz auf dem Rucksitz des Wagens fand, als sie gehofft hatte. Mit halbem Ohr horte sie auf die Ursachen, die wegen Gabrielens Zuruckbleiben angegeben wurden, und hatte diese, wie ihre Kusine selbst, langst vergessen, ehe sie noch uber die Vorstadt hinaus war. Mehrere lange Tage und langere Nachte lag Gabriele ruhig da, im dumpfen bewusstlosen Schlummer, wenn nicht fieberhafte Traume ihre innre Welt aufregten und mit verworrenen wechselnden Bildern vor ihrem Geiste spielten. Frau von Willnangen hatte diese ganze Zeit uber an dem Bette der geliebten Kranken in banger Besorgniss gewacht und gebetet; nur wenn die hochste Erschopfung aller ihrer Krafte es gebot, wagte sie es, sich einem kurzen unruhigen Schlummer zu uberlassen. Auguste und die treue Annette traten dann mit verdoppelter Sorgfalt an ihren Platz vor dem Krankenbette, von welchem sie ohnehin fast nie sich entfernten.

Dankbar, wenn gleich tiefbetrubt, erkannte es Frau von Willnangen, als eine besonders gutige Fugung der ewigen Vorsicht, dass lauter freundliche Gestalten das kranke Haupt der oft sanft Lachelnden umschwebten, dass keine Schreckenstraume dem Sterbekissen ihrer geliebten Gabriele nahen durften, und die vielleicht nicht entfernte Stunde ihres Scheidens mild und ruhig, wie ihr ganzes ubriges Leben, voruber zu gehen versprach. Sie belauschte mit der angespanntesten Aufmerksamkeit alle Bilder, welche Gabrielens exaltirte Fantasie dieser voruberfuhrte, sie horchte auf jedes verstandliche Wort von den in wilder Fieberhitze gluhenden Lippen. Bald fuhrte diese innige vertraute Gesprache mit der ihr nun zum Schutzgeist gewordnen verklarten Mutter, bald dunkte es ihr, als sey sie wieder ein frohliches Kind im Schloss Aarheim, spiele mit freundlichen Engeln in ihrem eignen Gartchen, unter hohen wunderschonen Blumen. Oft sagte sie ganze Stellen aus Schillers Wallenstein her, besonders aus der Abschieds-Scene zwischen Max und Thekla. Dann sah sie Ottokar, wie von einer langen Reise heimkehrend, und nannte ihn Max und eilte ihm freudig entgegen.

Unter diesen Zustanden war endlich die bange, uber Tod und Leben entscheidende Nacht herangekommen. Ernst und schweigend sass der Arzt am Haupte des Bettes, auf welchem Gabriele gluhend, in schwerem Schlummer und vollig bewusstlos lag. Neben ihm horchte Frau von Willnangen auf jeden Athemzug der Kranken, und erbleichte vor Entsetzen, wenn die Pulse schneller auf einander folgten, oder zuweilen ganzlich auszubleiben schienen. Die arme Annette lag auf dem Fussboden neben dem Bette, und betete in hochster Angst ganz leise vor sich hin; sie war fest uberzeugt, dass auch sie mit ihrem Fraulein aus Jammer uber dasselbe sterben musse. Ernesto und Auguste sassen schweigend neben einander auf dem Sopha, sie zahlten jede Sekunde an dem Picken der Uhr, und wagten es nicht, einander anzublicken, um nicht eines in des andern Gesichte die starren Zuge innrer steigender Hoffnungslosigkeit zu gewahren.

Jetzt schlug die erste Stunde nach Mitternacht. Der Arzt beugte sich mit forschendem Blick uber Gabrielen hin, weil er einer fast unmerklichen Aenderung in ihrem Athmen gewahr ward. Annette richtete sich im nehmlichen Moment auf ihren Knieen von der Erde auf, und blickte starr nach dem Fenster. "Dort fliegt er hin, dort fliegt er hin," flusterte sie so innerlich leise, dass sie kaum die Lippen dabei regte, und zupfte Frau von Willnangen am Kleide, und zeigte dabei auf das Fenster. "Sie ist gerettet," sprach sie darauf in fast unhorbarem Tone zu ihr, die im bangsten Erwarten kaum noch athmete. "Sehen Sie dort?" setzte sie hinzu, immer auf das Fenster zeigend, "dort hoch uber dem Thurme? den kleinen weissen Wolken am Monde voruber? Ach Gott, dort senkt er sich wieder!" rief sie einen Augenblick spater und verhullte schluchzend ihr Gesicht.

Eine bange angstliche Stille herrschte jetzt um Gabrielen, man horte das Summen der Fliegen im Nebenzimmer, den Schwung der Flugel eines Nachtschmetterlings, der um die Lampe flatterte. Da schlug Gabriele plotzlich gross und hell die Augen auf. "Sind sie schon so fruh da? liebe mutterliche Frau?" sprach sie zur Frau von Willnangen, die sie zum erstenmal, seit sie krank ward, wieder erkannte. "Ich habe wohl lange geschlafen, und bin doch noch mude," setzte sie hinzu. Ein mattes Lacheln glitt uber ihr Gesicht, von neuem schlief sie ein, aber die krampfhafte Anspannung in ihren Zugen, die Fieberrothe auf ihren Wangen waren verschwunden; sie lag bleich und schon, gleich einem Marmorbilde jetzt da, und athmete zwar matt aber ruhig. Noch ehe die Sonne aufging, wagte es der Arzt, fur die Erhaltung ihres Lebens zu burgen, wenn man seinen Vorschriften punktlich Folge zu leisten versprache.

Ein Arzt, der solch ein Wort mit fester Zuversicht aussprechen darf, wenn von der Rettung eines heiss geliebten Wesens die Rede ist, steht in dem Momente wie ein gottergleiches Wesen vor uns da. Auch bedarf es wohl solcher Augenblicke, um ihn fur die vielen bittern Stunden zu trosten, in welchen er die Ohnmacht alles menschlichen Wissens anerkennen muss, und die dennoch von seinem wohlthatigen hohen Beruf sich nicht trennen lassen. Ernesto und Frau von Willnangen, Auguste und Annette, alle drangten sich im freudigsten Tumult um den Retter Gabrielens, alle wussten ihrem Dank, ihrem Entzucken keine Worte zu geben. Es war, als habe er jedem von ihnen neues Leben geschenkt, indem er jene trostenden Worte aussprach: Ihr unaussprechliches Gluck kennt nur, wer in einem einzigen entzuckenden Momente den unausweichlich geglaubten Verlust eines uber alles geliebten Wesens von sich abgewendet sah." "Ach! wenn ich nur diess einemal nicht traume," rief zwischendurch Annette; "aber es ist doch gewiss wahr, ich sah ihn fortfliegen, gewiss ich sah es," setzte sie dann ganz leise vor sich hinzu, gleichsam um sich selbst zu beruhigen. "Was sahst du denn fortfliegen? Annettchen," fragte Ernesto, aber sie erwiederte ihm, "dass es in dieser Stunde noch nicht gut sey, davon zu sprechen. Er ist noch nicht weit," setzte sie, betrubt und vorsichtig um sich her blickend, hinzu, "ich sah ihn auf das Haus der Frau von Felsberg sich senken, deren Kinder so krank sind." Und damit nahm sie wieder ihren Platz auf der Erde neben dem Bette ein, legte das Gesicht auf Gabrielens Decke, und wandte kein Auge mehr von ihr ab.

Viele Tage vergingen, ehe Gabriele ihren Freunden anders, als mit unaussprechlich freundlichen Blicken, ihre liebevolle Pflege verdanken konnte, Wochen schwanden hin, ehe sie es vermochte, sich nur wenige Stunden ausser dem Bette zu halten.

In den Armen der Liebe von einer schweren Krankheit zu genesen, ist eine unbeschreiblich ruhrende, heilige Freude, die fur alle erlittene Schmerzen reichlich Entschadigung beut. Das Gefuhl des neu erwachenden Lebens verschont alle Gegenwart, und jeder alte Schmerz wird wenigstens furs erste zuruckgeschoben, dass wir nicht gleich seiner gedenken. Wir selbst sind liebender, als im gewohnlichen Gange des Lebens, und auch von unsern Freunden mehr geliebt. Die nahe Gefahr des Verlustes, der furchtbare Gedanke des Scheidens fur das ganze irdische Daseyn hat uns ihnen theurer gemacht; ihnen ist zu Muthe, als hatten sie zuvor unsern Werth nicht genugsam anerkannt, als hatten sie deshalb ein Unrecht gegen uns gut zu machen, und mussten sich dankbar dafur erweisen, dass wir noch langer unter ihnen weilen wollen. Wir hingegen, mit Sinnen, in der Einsamkeit des Krankenzimmers neugestarkt, wir wissen nicht, wie wir genugsam ihrer grossen Liebe uns erkenntlich beweisen sollen, und jeder kleine Dienst, den sie in unsrer Schwache uns leisten, hat, als Zeuge ihrer treusten Anhanglichkeit, fur uns unschatzbaren Werth.

Und so war es auch mit Gabrielen. Sie fuhlte sich durch die liebevolle Pflege ihrer Freunde hochst begluckt, und die Ereignisse, welche sie auf das Krankenlager geworfen hatten, waren in der ersten Zeit ihres Genesens fast spurlos aus ihrem Gemuthe verloscht. Nur mit der allmahligen Erneuerung ihrer Krafte regte sich eben so allmahlig der alte Schmerz wieder auf, und verflocht sich in den Gang ihres Lebens, jemehr sich dieses der Aussenwelt wieder zuwendete.

Allmahlig war es jetzt vollig Fruhling geworden. Draussen im Garten schwarmten die Vogelchen schon gar lustig, zwischen rothlichen Bluthen ihren kleinen Haushalt beschickend, und die Sonne schien warm und lockend durch die immer bluhenden Rosen auf Gabrielens Fenster. Auch Ottokars Pflanzen trieben wieder Knospen, und Gabriele stand oft vor ihnen, versunken in stilles Nachdenken, aus welchem nur die angestrengtesten Bemuhungen ihrer Freunde sie zu ziehen vermochten.

Eines Morgens hatte sie bis zur Erschopfung ihrer wenigen Krafte bei ihnen verweilt, und sank darauf in den tiefen Schlummer der Ermattung. Ernesto mit Augusten, welche eben zugegen waren, zogen sich in das Nebenzimmer zuruck, um sie nicht durch ihre Gegenwart im Schlafe zu storen. Auch Annette musste mit, denn das treue Kind war durch ihre grosse Liebe zu Gabrielen allen werth geworden, und wurde mehr wie ein zur Familie gehorendes Mitglied derselben, als wie eine um Lohn dienende Kammerjungfer betrachtet.

"Jetzt ist es heller lichter Tag, und fur dein Fraulein ist Gottlob alle Gefahr verschwunden," sing Ernesto an, "jetzt sage uns, liebe Annette! was sahst du fliegen in jener angstlichen und frohen Nacht, die wir mit dem Arzte durchwachten?" Feuerroth warf Annette einen angstlichen Blick auf das Fenster und flusterte dann schnell und leise: "Wen anders als den Todesengel."

"Den Todesengel?" erwiederte Ernesto lachelnd; "den sahst du fliegen? und wie sah er denn aus, dieser Schreckensengel?"

"Ach schrecklich genug," antwortete Annette, "mir graust es noch, wenn ich daran denke, wie er aussah, und doch war er so sehr schon, wie ich noch nichts gesehen habe, kein Mensch auf Erden kann so aussehen. Er ist kein Kind, wie die andern Engel, die in der Kirche und in der gnadigen Grafin ihrem Zimmer abgemalt sind. Er sah aus wie eine sehr schone Frau, die pechschwarzen Locken hingen ihm zu beiden Seiten des todtenbleichen Gesichts lang herab. Dabei sah er recht grasslich, recht grausam ernsthaft aus und uber alle massen traurig und herzlich betrubt, und doch war es auch, als ob er mitleidig ware und sich recht gerne trostlich bezeugen wolle. So flog er mit den breiten dunkeln Flugeln uber das Bette meines Frauleins, bald in weiten Kreisen rings darum her, bald zwischen den Vorhangen unter dem Betthimmel durch. Ich wollte immer die Vorhange zuziehen, aber dann dachte ich, er kommt doch wohl hindurch, und ich sahe nicht, wie er sie zu Tode kusse, denn im Kusse hatte er ihre Seele genommen, das weiss ich gewiss."

"Liebe Annette! mir schaudert jetzt am hellen Tage bei deiner Erzahlung, unmoglich kannst du das gesehen haben, du musstest ja vor Angst und Schrecken bei dem Anblicke von Sinnen kommen," wandte Auguste ein.

"Ich ware auch gewiss dabei von Sinnen gekommen," erwiederte Annette, "wenn nicht die weit grossre Angst um mein Fraulein mich aufrecht erhalten hatte. Er flog ihr immer naher und naher, zuletzt schwebte er so dicht uber sie hin, dass ich jeden Augenblick dachte: jetzt wird er sie kussen, und dann ist sie todt. Ich lag auf der Erde neben ihr, und ruckte recht mit Bedacht mein Gesicht dicht neben ihrem Gesicht, und dachte immer daran, wie ich es so machen konne, dass er mich an der Stelle meines Frauleins kussen solle, oder doch wenigstens mit ihr zugleich. Herr Gott! ich begreife gar nicht, wie Sie alle ihn nur nicht gesehen haben, wie Sie alle nur nicht das angstliche Schwirren in der Luft horten, wenn er so uber meinem armen Fraulein hin und her flog."

"Und wo blieb er denn zuletzt, wo flog er hin?" fragte Ernesto. "Er flog durch das Fenster hinaus," war die Antwort, "wie er durch die Scheiben kam, kann ich nicht beschreiben, er drang hindurch wie der Mondschein, und schwebte noch lange von aussen um die Fenster her. Endlich, Gottlob! endlich flog er ganz fort! Hoch durch die Luft, dicht neben dem Monde hin, ich sah es recht deutlich, wie die dunkeln Flugel durch die weissen Wolken neben dem Monde, wie durch einen Silberflor hindurch schimmerten. Auf einmal senkte er sich nieder; mir stand das Herz still vor Angst; aber er flog weiter und liess sich zuletzt auf dem Hause der Frau von Felsberg herab. Sehen sie wohl dort das grune Thurmchen mit dem weissen Balkon rings herum? man sieht es fast in der ganzen Stadt. Das Thurmchen steht oben auf dem Hause der Frau von Felsberg. Ach Gott! und ihre lieben kranken Kinderchen sind auch beide in derselben Nacht gestorben. Ich habe schon so viel um sie geweint," setzte Annette schluchzend hinzu, indem die hellen Thranen ihr uber die Wangen liefen.

Eine lange Pause entstand, Auguste vermochte es nicht vor Grausen ein Wort aufzubringen, und auch Ernesto fuhlte von der treuherzigen Erzahlung der jungen Engelseherin sich befangner, als ihm lieb zu seyn schien. Endlich wollte er einiges uber die angstliche Wallung sagen, in der sie sich alle wahrend jener Nacht befunden, dann sprach er davon, dass Annette aufgeregter und uberwachter seyn musste, als jeder von ihnen, weil sie allein, vom Anfange der Krankheit Gabrielens an, bis zu jenem entscheidenden Moment, sich keine Stunde ruhigen Schlummers gewahrt hatte. Auch versuchte er, von den wunderlichen Bildern zu sprechen, die unsre Fantasie uns schon auf nachtlichen Reisen oft vorspiegelt, besonders, wenn wir mehrere Nachte hindurch fahren, ohne auszuruhen, aber die Worte standen ihm nicht so zu Gebote wie wohl sonst. "Am besten ist es," sagte er endlich, "wir danken Gott, dass der Furchtbare diessmal voruberzog; sey es auf welche Weise es sey, sichtbar oder unsichtbar, grubeln wir weiter nicht daruber, und huten wir uns, davon zu sprechen, denn solche Gesprache taugen uberall nichts. Vor allen Dingen aber wunsche ich, dass unsre Kranke nie etwas von dieser Erscheinung erfahre." So wie sich Gabriele stark genug dazu fuhlte, trug man Sorge, sie aus ihrer verodeten Wohnung hinweg, in das Haus der Frau von Willnangen zu bringen, wo sie ihre vollige Genesung bequemer abwarten konnte. Ottokars Name war seit seiner Abreise noch von keinem von ihnen genannt worden, und Frau von Willnangen sah nicht ohne Besorgniss dem Augenblick entgegen, wo dieses zum erstenmal geschehen wurde. Bei aller Ueberzeugung, dass Gabrielens Krankheit mit der unerwarteten Erklarung der nahen Vermahlung Ottokars Zusammenhang habe, war sie doch weit entfernt, nur eine Silbe von der wunderbaren Zusammenkunft zu ahnen, welche an jenem Abend zwischen beiden statt gefunden hatte. Sie wusste daher gar nicht, wie sie sich uber Ottokar zu aussern habe, um Gabrielen nicht weh zu thun. Sie war uneins mit sich selbst, wie jeder, der es sich nicht verhehlen kann, dass er von der rechten Bahn abwich, und nun gern wieder gut machen mochte, was er sich gestehen muss verdorben zu haben, wenn es auch in der besten Absicht geschah. Die Verblendung, in welcher sie Gabrielens Neigung stets mehr entflammt hatte, statt sie zu massigen, war ihr jetzt unerklarlich. Sie begriff es nicht, wie ihre im Laufe eines langen Lebens erworbne Welterfahrenheit sie diesesmal so irre gehen liess, aber eben so wenig begriff sie noch immer, wie Ottokar Aurelien wahlen konnte, da Gabriele neben dieser stand. "Habe ich gefehlt," sagte sie sich endlich selbst zum Trost, "so sturzte die herzlichste Liebe zu dem liebenswurdigen Kinde mich in den Irrthum; mag denn diese Liebe, so lang ich lebe, auch streben, wieder gut zu machen, was sie ubel gemacht hat."

Gabrielens Krafte nahmen unter der treuen Pflege ihrer Freunde beinahe mit jedem Tage sichtbar zu. Ihre Jugend, ihr stilles, von jedem innren Vorwurf freies Gemuth, und auch des Fruhlings allbelebende Kraft waren des Arztes machtige Gehulfen. Es hatte fast den Anschein, als ob ihre physische Natur dieses heftigen Stosses bedurft habe, um zur volligen Entwikkelung zu gelangen, so auffallend war die Veranderung, welche jetzt in ihrem Aeussern vorging, und sie fast bis zum Unkenntlichwerden verschonte. Das kindlich runde Gesichtchen gewann jetzt den hohen, edlen Ausdruck vollendeter Jungfraulichkeit, ohne dadurch an jugendlichem Reize zu verlieren; ihre mit jedem Tage hoher erscheinende Gestalt entwickelte sich zu der edelsten Form, und ihrem ganzen Wesen fehlte nur noch der Glanz bluhender Jugendfrische, um aller Augen zu entzucken.

Mit Gabrielens wiederkehrender Gesundheit nahm aber auch der schweigende kalte Ernst zu, mit welchem sie jetzt alles um sich her zu betrachten schien. Eine nachdenkliche, untheilnehmende Stille in ihrem ganzen Benehmen beangstigte Frau von Willnangen weit mehr, als wenn sie sie traurig gesehen hatte. Ihr verging dabei vollig der Muth, endlich eine Erklarung des Vergangnen herbeizufuhren, deren Nothwendigkeit sie anerkannte, obgleich sie vor den moglichen Folgen derselben zitterte. Sie wusste ja nicht, welche Art von Schmerzen sich mit dieser in dem armen getauschten Herzen ihres Lieblings wieder aufs neue, vielleicht zerstorend regen wurden. Vom ersten Moment der Krankheit an hatte sie ihren Pflegling vor allen fremden Besuchen gehutet, nicht allein aus Rucksicht auf arztliche Vorschrift, sondern auch weil sie es gern vermeiden wollte, Ottokars gefurchteten Namen vor unberufnen Zeugen zum erstenmal in Gabrielens Gegenwart nennen zu horen. Im Anfange ward ihr dieses nicht schwer gemacht. Die ubereilte, einer Flucht ahnliche Abreise der Grafin Rosenberg hatte das Gerucht von der in ihrem Hause obwaltenden Gefahr der Ansteckung bis zum Ungeheuern vergrossert. Sogar ihre genausten Bekannten huteten sich, ihm voruber zu gehen, und wahlten lieber Umwege, um nur nicht die verrufne Strasse zu betreten. Doch mit der Zeit verschwand auch diese Furcht, und da Gabriele spaterhin im Hause der Frau von Willnangen sich befand, so drangte sich bald die gewohnliche Schaar von Besuchenden herbei, welche jedes Krankenzimmer fur einen erwunschten Vereinigungspunkt anzusehen pflegt. Keiner von diesen gelangte indessen bis zu Gabrielen; Auguste machte in einem Nebenzimmer die Honneurs, und entschuldigte ihre Freundin mit dem, ausdrucklich gegen Annahme aller Besuche gerichteten Verbote des Arztes. Man liess diese Entschuldigung um so lieber gelten, ohne etwas dagegen einzuwenden, da sich eigentlich niemand fur das Leben oder Sterben des jungen Madchens wirklich interessirte, das bis jetzt eine so wenig bedeutende Rolle in der Gesellschaft gespielt hatte. Nach vielen, in ihrem Krankenzimmer still verlebten Wochen wagte es Gabriele endlich, zum erstenmal ihre Freundinnen an einem warmen Fruhlingsmorgen im eignen Wohnzimmer zu uberraschen. Freudig erschrocken fuhren beide vom Sopha auf, als sie die schone Gestalt am Arme Annettens hereinschweben sahen. Frau von Willnangen hatte sie kaum erkannt, so verandert stand Gabriele jetzt, zum erstenmal ausser dem Halbdunkel des Krankenzimmers, im hellsten Strahl der Morgensonne vor ihr da. Das schone Gesicht mit den blassrothen Wangen sah wunderlieblich aus dem feinen Spitzenhaubchen hervor, unter welchem die lichthellen Locken sich einzeln um die bluthenweisse Stirn hervordrangten. Die dunkeln Augen strahlten in erneutem Jugendglanz, und das in den wenigen Wochen merklich zu kurz gewordne blendend weisse Morgenkleid zeigte die allerzierlichsten Fusschen. "Mein Kind, mein liebliches, schones Kind!" rief Frau von Willnangen, hingerissen von der himmlischen Erscheinung, und druckte unter freudigen Thranen sie an ihre Brust, wahrend Auguste sie zum Sopha hinzog, und beide hernach in der Freude ihres Herzens tausend einander widersprechende Anstalten trafen, um es dem lieben Gast nur recht wohl und bequem zu machen. Endlich sassen sie in traulicher Gemuthlichkeit neben einander, als plotzlich die Thure aufging, und Grafin Eugenia mit dem altesten Fraulein Silberhain unangemeldet hereintraten.

"Nun da sieht man die liebe Kranke doch wieder! Und wie gross geworden! wie schon! man mochte bald verleitet werden, sich ein Fieber von solchen Folgen zu wunschen. Sie sehen ja in der That aus, als konnten sie uns die neueste Kunde aus dem Lande der Seeligen bringen," rief Grafin Eugenia, indem sie die zu ihrem Empfange aufgestandne Gabriele umarmte.

"Auch war meine Gabriele der Himmelsthure nahe genug. Ein Gluck fur uns, dass sie bei Zeiten wieder umkehrte, um noch bei uns zu weilen," erwiederte lachelnd Auguste.

"Achten Sie es wirklich fur ein Gluck wenn der Engel zum Fluge in die ewige Heimath schon die Flugel entfaltet hat, und dann, aufs neue gefesselt von irdischen Banden, sie wieder zusammen legen muss?" fragte Fraulein Silberhain; "ach! wir wissen vielleicht nicht, welch ein Unrecht wir thun," fuhr sie fort, "wenn wir uns der anscheinenden Genesung unsrer Freunde freuen! Was ist denn langeres Leben anders als langeres Harren."

"Liebe Silberhain," fiel Eugenia ein, "Gabriele und wahrscheinlich die mehresten Leute harren doch recht gern, so lange als moglich, denn in den himmlischen Freudensaal kommen wir alle zeitig genug. Aber einer Reise nach Italien entsagen zu mussen, wenn schon beinahe der Wagen vor der Thure steht, das ist ein Ungluck, von dem ich gar nicht begreife, wie man es uberlebt, ohne wenigstens vor Verdruss daruber den Verstand zu verlieren. Armes, armes Kind! warum mussten Sie auch so ganz zur unrechten Zeit von dem bosen Fieber befallen werden! Sie dauern mich ungeheuer, ach! und hatten Sie nur, wie ich, die Glucklichen abfahren gesehen! Ehegestern ging es fort, gleich am fruhen Morgen nach dem Hochzeittage. Das junge Ehepaar fuhr allein, in einem ganz neuen, delizieusen, englischen Wagen; den Platz in der Batarde der Grafin, der Ihnen bestimmt war, nahm Aureliens Bella ein. Das ist pikant, nicht wahr? gewiss niemand darf es Ihnen verdenken, wenn sie ein wenig mit dem Schicksal grollen, es spielt Ihnen warlich diessmal ubel mit."

"Soll ich dich nicht auf dein Zimmer fuhren?" fragte angstlich Auguste; aber Gabriele bestand darauf, da zu bleiben, versicherte, sich sehr wohl zu befinden, und bat die Grafin Eugenia um nahere Nachricht von der Tante und Aurelien.

"Von beiden bringe ich Ihnen tausend Abschiedsgrusse," sprach Eugenia, "ich kam erst gestern Abend von Rosenhain wieder zu Hause, denn einem alten gegenseitigen Versprechen zu Folge, musste ich Aurelien als Brautfuhrerin zum Altar geleiten. Es war recht gut, dass ich gleich mitreisen konnte, da Sie zu Hause bleiben mussten, liebe Gabriele! Die Grafin und Aurelia hatten sich sonst in Rosenhain vielleicht zu oft allein gefuhlt, denn Ottokar machte sich sehr selten. Geschafte und Reiseanstalten hielten ihn fern von uns, sagte man. Ueberhaupt hat er, meiner Meinung nach, als Brautigam an Amabilitat nicht gewonnen; vielleicht kommt das im Ehestande nach. So lange ich jetzt in Rosenhain mit ihm zusammen lebte, war er wenigstens maussader als je mochte ich sagen, wenn ich mich nicht hier vor den strafenden Blicken der Mamma Willnangen furchtete, die von jeher diesem ihrem lieben Schoosskinde in allen seinen Arten und Unarten gefalligst nachzusehen gewohnt ist."

"Schelten Sie den Grafen nicht, weil er nicht leichtsinnig den wichtigsten Schritt seines Lebens vollbrachte," sprach Fraulein Silberhain. "Ach! wer musste nicht in einem solchen Zeitpunkte sich und sein Gemuth in der tiefsten Stille zu heiligen suchen! Lehrt uns nicht die schone Geschichte vom jungen Tobias"

"Ob Ottokar so fromm ist, wie der junge Tobias, oder wie Sie, liebe Silberhain, ihn sich denken, weiss ich nicht;" unterbrach Eugenia das Fraulein! "aber langweilig genug war er wenigstens. Ich schiebe alles diess einzig auf die Luft, die um jene Zeit im Rosenbergschen Hause hochst pernizio's gewesen seyn muss. Unsre liebe kleine Gabriele erkrankte ja auch am Verlobungs-Abend, und Ottokar muss ebenfalls zur nehmlichen Stunde von einem besondern Schwindel ergriffen worden seyn; denn er plantirte beim Soupe nicht nur die Gesellschaft, das hatte noch hingehen mogen, aber auch die zartliche Braut, die neben einem leeren Stuhl sitzen musste. Sein Lorenz erschien zwar, wie wir uns schon an der Tafel rangirten, mit einer sehr lahmen Entschuldigung seines Herrn, der plotzlich hochstwichtige Briefe erhalten haben sollte, aber der naseweise Mensch schnitt zu dieser Entschuldigung ein so pfiffig hamisches Gesicht, dass alle merken mussten, woran sie waren; selbst die, welche nicht wie ich daran dachten, dass Mittwochs keine einzige Post hier eintrifft."

Frau von Willnangen verging fast vor Angst um Gabrielen bei diesem Gesprach, vergebens bemuhte sie sich, ihm eine andere Wendung zu geben, oder doch wenigstens Gabrielen zum Fortgehen zu bewegen. Diese wollte keinen ihrer sie dazu einladenden Winke verstehen, und sowohl Fraulein Silberhains Lust am Fragen, als Eugeniens Lust am Antworten liessen die Unterhaltung nicht fallen, welcher Gabriele mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorte.

"Nie in meinem Leben habe ich eine einer wandelnden Leiche so ahnliche Gestalt gesehen, als Ottokar beim Antritt der Reise nach Rosenhain," sprach Eugenia weiter. "Gewiss! er war sehr krank, denn solche Todtenblasse, solche trube, zugeschwollne Augen, solche Veranderung in allen Zugen finden sich uber Nacht bei keinem Gesunden ein. Auch in Rosenhain wankte er so schattenahnlich umher, dass ich jeden Morgen zu horen furchtete, er sey in der Nacht zum Tode erkrankt. Die Grafin war deshalb in nicht geringerer Besorgniss als ich, allein er hielt sich aufrecht. Uebrigens, wie gesagt, war er am Tage kaum sichtbar, wichtige Arbeiten fesselten ihn in seinem Kabinete, wie es hiess, obgleich ich nicht begreife, was sein Hof jetzt gerade mit Italien, wohin er gesendet wird, so wichtiges zu verhandeln haben kann. Auch die Grafin wunderte sich gewiss im Stillen daruber, aber sie kennen ihre Art, sich zu verbergen, und immer dasselbe Gesicht zu behalten. Mir schien es, die Wahrheit zu sagen, als ob die Depeschen, welche ihn so beschaftigten, von hier oder doch sehr aus der Nahe kamen, denn an Botentagen kam er gar nicht vom Fenster weg, bis er die grun lederne Brieftasche erblickte, und eilte immer, der Erste zu seyn, der sie aufschloss, um sein Packchen herauszunehmen. Ich erkannte sogar einmal, kurz vor der Hochzeit, Ernestos Hand auf der Adresse eines seiner Briefe." "Und Aurelia?" fragte Gabriele.

"Von der lasst sich wenig sagen," erwiederte Eugenia, "Sie kennen ja das frohliche Geschopf. Sie sah nichts, sie merkte nichts, sogar nicht, dass der Hochzeittag von Woche zu Woche, endlich einen ganzen Monat hinaus verschoben ward. Ueber die Freude, einige Offiziere, die in der Nachbarschaft einquartirt waren, zu erobern und auszulachen, und uber die noch grossere, ein paar Landjunker zu mistifiziren, vergass sie Italien und die Hochzeit mit sammt dem Brautigam."

"Sie behandeln das junge Paar zu strenge," sprach endlich Frau von Willnangen, "ich hoffe, sie lieben einander, und wenn gleich keine heftige Leidenschaft"

"Wer leugnet denn, dass sie einander lieben?" unterbrach sie Eugenia ziemlich eifrig, "keines von beiden liess es an Beweisen davon fehlen. Aurelia neckte ihren Ottokar, so wie sie seiner ansichtig ward, und, Sie wissen es ja, nach dem alten Sprichwort liebt sich, was sich neckt. Ottokar gab hingegen seine Zartlichkeit fur seine Braut auf modernere Art zu erkennen. Es war, als ob er alle Modisten, Blumisten und Juweliere, auf zwanzig Meilen in die Runde, mit einem Zauberstabe regiere, so unerschopflich war der Reichthum mannigfaltiger Geschenke, mit welchem er sie uberschuttete. Jeder Morgen brachte ihr irgend eine elegante, oft sehr kostbare Kleinigkeit von ihm, Abends uberraschte er sie durch Nachtmusiken, Feuerwerke, kleine landliche Feten. Welche andere Beweise seiner Liebe konnte Aurelia sich wunschen? zum Gluck besitzt Graf Ottokar ein unerschopfliches Genie fur die Anordnung dergleichen Dinge an seinem Lorenz, aber gut war es doch, dass endlich der Hochzeittag dem allen ein Ende machte, denn die Erfindungen des Kammerdieners wollten doch nicht mehr recht zureichen, um die geistigen und korperlichen Abwesenheiten seines Herrn zu bedecken."

So plauderte Eugenia ungestort fort. Frau von Willnangen, sowohl als Auguste, hatten es aufgeben mussen, sie unterbrechen zu wollen. Ihnen blieb nichts weiter ubrig, als den Eindruck zu beobachten, welchen ihre Erzahlung auf Gabrielen machte, besonders da die Erzahlerin vom Fraulein Silberhain durch noch dringendere Fragen angeregt, sich anschickte, die eigentliche Hochzeitfeier auf das Umstandlichste zu beschreiben.

"Die Trauung geschah in der Dorfkirche, und zwar sehr fruh am Morgen. Beinah mit Sonnenaufgang, denn so hatte es Ottokar gewollt," sprach Eugenia. "Und da er zum erstenmal etwas wollte," fugte sie hinzu, "so staunte man zwar ein wenig uber dieses Ansinnen, liess es aber dennoch gelten, obgleich Aurelia hoch und theuer versicherte, dass sie und wir alle die abscheulichste Migrane vom fruhen Aufstehen davon tragen wurden."

Nun liess sich Eugenia auf eine sehr genaue Beschreibung des prachtigen Negligees von Brussler Spitzen ein, welches die Braut an dem festlichen Morgen getragen hatte, auch der kleinsten Garnierung desselben geschah ehrenvolle Erwahnung, ehe das Betragen des Brautpaars wahrend der Trauung zur Sprache kommen konnte. Eugenia lobte Aureliens sich durchaus gleichbleibende Fassung und ihren vornehmen, man mochte sagen koniglichen Anstand wahrend der Zeremonie, indessen Ottokar bei der endlosen, langweiligen Vorbereitungs-Rede des Pfarres todtenbleich hin- und herschwankte, bis der Moment kam, das feierliche Ja auszusprechen. Da war es denn doch," erzahlte Eugenia weiter, "als ob es ihm einfiel, dass sein Benehmen nicht ganz das eines Menschen sey, der sich am Ziele lang ersehnter Wunsche sieht, und dass es deshalb allen Gegenwartigen als hochst befremdend auffallen musse. Er nahm sich ordentlich mit einem Ruck zusammen," sprach sie, "stand plotzlich aufrecht da, und sein Gesicht belebte sich zu einem Ausdruck, den wir, so lange er in Rosenhain war, an ihm vermisst hatten. Ich muss gestehen, es gab einen Augenblick, wahrend welchem er wieder recht schon war, als er mit glanzenden, himmelwarts gewendeten Augen zum Gewolbe der Kirche aufblickte, und dann, nach einer fast unmerklich kleinen Pause, das verhangnissvolle Ja laut und vernehmlich von sich horen liess. Aber diess Wortchen musste auch wie ein Zauberspruch auf ihn gewirkt haben, denn auf dem Wege aus der Kirche war der steinerne Mann mit einemmal wieder lebendig geworden. So wie wir zu Hause angelangt waren, druckte er zum erstenmal seine Braut an seine Brust, wenigstens sahen wir es zum erstenmal. "Aurelia!" fing er hochst feierlich, ich glaube gar mit Thranen in den Augen an, und hatte wahrscheinlich ein Supplement zu des Pfarrers Rede geliefert, aber Aurelia machte sich bei Zeiten los, versicherte, todtmude zu seyn, und eilte in ihr Zimmer. Gleich darauf schickte sie uns ihre Jungfer mit dem Bedeuten, dass sie nicht eher als bei der Tafel sichtbar werden konne, weil sie durchaus vom fruhen Aufstehen ruhen musse, um nicht den ganzen Tag unwohl zu seyn. Ich gestehe es, wir sowohl als der eben aufgethaute Brautigam blieben bei dieser Erklarung mit recht langen Gesichtern stehen.

"Und wie ausserte sich denn der Brautigam bei dieser Laune seiner Braut?" fragte jetzt Frau von Willnangen.

"Er sagte das klugste, was sich unter solchen Umstanden sagen liess, nehmlich gar nichts, kein einziges Wortchen;" antwortete Eugenia. "Die Grafin, die sich immer zu helfen weiss, ergriff gleich seinen Arm, um mit ihm die Anstalten zur Bewirthung einiger hundert Bauern aus der Umgegend zu besehen, denn der festliche Tag sollte bloss durch ein Volksfest gefeiert werden, da man am folgenden Morgen sehr fruh abzureisen beschlossen hatte. Ottokar ging ganz in die Ideen seiner neuen Schwiegermutter ein, und nahm sich des Empfanges und der Unterhaltung seiner landlichen Gaste mit grossem Eifer an, bis spater, kurz vor der Tafel, die holde Braut ungerufen erschien, und mit ihm im vollen Schmuck, unter dem Vivatrufen der Bauern, durch ihre Reihen zog. "Sehen Sie mich nicht so unruhig, nicht so bekummert an, liebe, theure Frau," sprach Gabriele zur Frau von Willnangen, sobald Eugenia endlich mit ihrer Erzahlung zugleich ihren Besuch beendet und das Zimmer verlassen hatte. "Auch du, meine Auguste, sey getrost! Was angstigt euch denn, ihr lieben Beide?" setzte sie hinzu, indem sie ihre vereinten Hande an ihre Brust druckte, und mit den klaren, treuen Augen zu ihnen aufblickte. Beide umarmten sie schweigend, und Gabriele fuhr fort zu reden.

"Wonach ich lange im Stillen mich sehnte, ist mir in dieser Stunde geworden," sprach sie gleichsam zu sich selbst. "Ich habe Nachricht von ihm, von seinem Leben, seit wir uns trennten, vom Vollbringen dessen, was geschehen musste, alles ist vorbei alles, alles ist vorbei," wiederholte sie und sank in die Kissen des Sophas zuruck. Doch ermannte sie sich sogleich wieder und richtete sich auf, mit der in solchen Momenten ihr eigenthumlichen Kraft. Frau von Willnangen vermochte es nicht, ihr etwas zweckmassiges, oder auch nur zusammenhangendes zu erwiedern, nicht allein, weil sie in zu heftiger Bewegung sich befand, auch ihre Ansichten von Gabrielens Geschick schwebten noch immer in zu verworrener Gestaltung ihr vor. In der Verlegenheit, doch etwas sagen zu mussen, stammelte sie einige Worte von unbegreiflichen Tauschungen, von unerklarlichem Benehmen, doch schnell unterbrach sie Gabriele: "Glauben Sie mir," sprach diese, "keine Tauschung, nichts Unerklarliches liegt zwischen mir und Ottokar; um uns ist alles hell und klar wie das Sonnenlicht. Zwar werden wir auf Erden uns schwerlich wieder sehen, aber dennoch halten wir fest im Glauben an einander. Wir haben uns einmal gefunden, wir haben uns einmal verstanden, und das genugt uns, um nie, in keinem Moment des Lebens an einander irre werden zu konnen."

Die Lebhaftigkeit, mit welcher Gabriele diese Worte sprach, versetzte Frau von Willnangen in die hochste Besorgniss um sie. Sie hatte den Moment, von dem sie so vieles aufgeklart zu sehen hoffte, das bis jetzt ihr dunkel geblieben war, schon lange im Verborgnen herbeigesehnt. Jetzt war er unerwartet ihr erschienen, und sie wunschte beinah noch weit sehnlicher, ihn verschieben zu konnen, war es auch auf immer. Das sturmische Pulsiren des jungen Herzens, das, wie Ruhe suchend, sich im Laufe des Gesprachs an ihre Brust gelehnt hatte, erfullte sie mit Angst um die kaum Genesene. Sie sah mit Entsetzen, wie alles Blut aus diesem armen Herzen in einem Moment auf Gabrielens Wange gluhte, im nachsten in dessen Tiefen zuruckstromte, und nur die bleiche Farbe des Grams auf dem holden Gesichte zuruck blieb. Aber alle Versuche, die ihr jetzt so furchtbar scheinende Unterredung abzubrechen, waren vergeblich.

"Lassen Sie mich jetzt die Brust mir frei sprechen," erwiederte Gabriele ihren Einwendungen; "furchten Sie nicht, dass mir die Krafte dazu fehlen, ich fuhle mich und weiss, dass ich in dieser Stunde es vermag. Es ist mir ein Trost, denn schon lange sehne ich mich, Ihre unsagliche Liebe durch eben so ungemessnes kindliches Vertrauen zu erwiedern. Hernach will ich ruhen, und Sie werden gewiss mit dem kranken Kinde nachsichtig umgehen. Ja! ich liebe Ottokar, und er weiss es, denn in der hochsten Stunde meines Lebens, die mir ewig allein dastehen wird, in Freude und Schmerz, habe ich es ihm gesagt. Wovor erschreckt ihr denn wieder? Gott kennt ja meine Liebe, ich schamte mich ihrer nicht vor ihm, warum sollte ich sie denn dem einzigen Wesen verbergen, das gewiss nach seinem Willen zu mir gehort, wenn wir gleich, durch irdische Verhangnisse eingezwangt, jedes seinen eignen Weg fern von einander gehen mussen. Auch Ottokar liebt mich! wir fanden uns in seligen Schmerzen, in truber Wonne, nur einen Moment, um uns gleich wieder zu trennen; und nun ist es gut. Es ist alles sehr gut!" wiederholte sie nach einer kleinen Pause, und druckte, sanft weinend, Mutter und Tochter fester an sich. Beide weinten verstummend mit ihr.

"Wir sollten eigentlich nicht weinen," sprach Gabriele bald darauf, "ich bin ja nicht unglucklich, ich bin ja nicht beklagenswerth, warum weinen wir denn? ich habe gelebt und geliebt! Beut mir die Zukunft keine Freude mehr, so brauche ich auch dafur sie nicht mehr zu scheuen. Wohin Sie, liebe Mutter! durch Jahre voll Schmerz hingelangten, dahin bin ich in fruher Jugend, in einer kurzen Stunde gekommen; ich bin in ihr alt geworden, und kann nun ohne Furcht uberall hintreten, meine Ruhe ist gesichert. Ein zweiter Schmerz wie dieser droht mir nicht wieder, denn das Herz liebt nur einmal, wie es nur einmal bricht. Es war ein artiges Spiel des Zufalls, dass unter den Blumen, die ich von Ottokar erhielt, auch die Eine sich befindet, welche nur einmal um Mitternacht eine Stunde lang bluht und dann auf immer sich schliesst. Ich erhielt in dieser Blume ein Vorbild meines Geschicks, und von ihm."

"Gabriele, wusstest du, wie diese deine kalte Verzweiflung mich qualt!" rief Frau von Willnangen; was soll, was kann ich thun, um dich davon zu retten? ach ich selbst, ich Unbesonnene, war es ja, welche in deinem jungen Gemuthe Wunsche und Hoffnungen immer mehr entflammte, die ich hatte unterdrucken sollen, die nun dein Verderben sind! Jetzt weiss ich diess, aber damals blendete ich mich selbst. Ich wollte an die Erfullung jener Wunsche und Hoffnungen glauben, weil auch ich sie im Herzen hegte, und du gehst nun an ihnen zu Grunde."

"Wie Sie mich missverstehen, theure Frau!" erwiederte mit wehmuthigem Lacheln Gabriele. "Ich bin ja fern von Verzweiflung, glauben Sie mir, ich bin sogar nicht unglucklich, denn wehmuthige Erinnerungen, tiefgefuhlte Sehnsucht sind ja nicht Ungluck. Verstehen Sie doch alles wortlich, wie ich es Ihnen sage, ich flehe darum, denn wie ich es meine, spreche ich es aus, immer in einfacher Wahrheit. Nie hegte ich die Wunsche, die Hoffnungen, auf welche Sie mit Winken hindeuteten, die ich jetzt erst verstehe. Nie sogar habe ich mit Bewusstseyn mir ihre Moglichkeit gedacht, nie sie empfunden. Ich liebte Ottokar, wie ich athme, wie ich die Sonne, das Leben liebte. Ich vergass bei ihm der Vergangenheit und gedachte keiner Zukunft; ich war glucklich und unglucklich in der Gegenwart, ohne mich weiter um etwas zu kummern. Ja ich will Ihnen nichts verhehlen; nur wie ich Aurelien als seine Braut sah, da erst fiel es mir ein, dass auch auf mich seine Wahl hatte fallen konnen, da erst, liebe Mutter! und legen Sie es mir nicht als Unwahrheit aus, wenn ich sage, ich hatte eingewilligt, wenn er mich gewahlt hatte, wie ich in alles willigen musste, was er so recht aus der Tiefe seines Gemuths wollen konnte, aber es ware ein Opfer gewesen, das ich seinem Wollen brachte. Neidlos sehe ich Aureliens Geschick; ich habe es nie fur mich gewunscht, glauben Sie es mir; segnen will ich sie, sie lieben wie ihn, wenn sie ihn so glucklich macht, wie er es durch eine solche heilige Verbindung werden konnte."

Mit diesen Worten und der Bitte, den Tag ganz allein bleiben zu durfen, zog Gabriele sich in ihr Zimmer zuruck. Dort in der Einsamkeit liess allmahlig die Spannung nach, in welche Eugeniens Erzahlung und das darauf folgende Gesprach mit ihren Freundinnen sie versetzt hatten. Sie versank in tiefes Nachdenken; jedes Wort, jede noch so leise Andeutung Eugeniens gingen nochmals ihrem Geiste voruber; alle waren ihr ein unerschopflicher Quell von Freude und Schmerz, von dem sie zu fuhlen glaubte, dass er ihr ganzes Leben hindurch nicht versiegen konne.

Aus dem von Eugenien nur ganz obenhin erwahnten Umstande, dass sie Ernestos Hand auf einem Briefe an ihn bemerkt habe, ahnete Gabriele, was wirklich geschehen war. Ottokar war auf irgend eine Weise von ihrem Erkranken benachrichtiget worden, er hatte alle Qualen der bangsten, zur Hulfe ohnmachtigen Sorge um sie gelitten, er hatte in martervoller Todesangst um sie gebebt, wahrend sie an den Pforten des Todes in susser Bewusstlosigkeit lag und wahrscheinlich so hinuber geschlummert ware, ohne Schmerzen zu fuhlen. Durch Ernesto hatte er gewusst bestimmte Nachricht von ihr zu erhalten, ohne ihn dennoch zum Vertrauten der Art des Antheils zu machen, den Gabriele in ihm erregte. Als ob Ottokar selbst es ihr gestanden habe, so bestimmt wusste Gabriele jetzt, dass nur Besorgniss um ihr Leben seinen auffallenden Trubsinn veranlasste, uber den Eugenia sich so spottend geaussert hatte; dass nur diese Sorge ihn bewog, den Tag seiner Vermahlung immer weiter hinaus zu schieben, und dass nur die Ueberzeugung, sie sey genesen, ihn ermuthigen konnte, das unvermeidliche Opfer endlich zu bringen, welches fur das ganze Leben ihn von ihr trennte und ihn sogar aus der Luft verbannte, in welcher sie athmete.

Aureliens und ihrer sich immer gleichbleibenden Art sich gegen Ottokar zu benehmen, gedachte Gabriele nur mit tiefem Schmerz; denn alles uberzeugte sie, dass diese kalte, lieblose, spottende Natur sich nie an seiner Seite erwarmen, nie ihn liebend beglucken konne. Daher vermied sie den Gedanken an sie, oder versuchte wenigstens, sich selbst durch die Hoffnung zu tauschen, dass es am Ende ihm doch wohl gelingen konne, die bosen Geister, die sein Gluck verhinderten, durch die seiner hohern Natur eigne Gute zu bannen und die Gefahrtin seines Lebens fur sich zu gewinnen. Wenn alles fehl schlagt, so bleibt ihm der Trost, an den auch ich mich halte, die Ueberzeugung, das Rechte gewollt und vollbracht zu haben, und mein Andenken, setzte sie ganz leise sich zur Beruhigung hinzu. Noch wahrend dem Laufe des Winters hatte Frau von Willnangen den Entschluss gefasst, den grossten Theil des Sommers in den bohmischen Badern zuzubringen. Durch Gabrielens Krankheit war die Ausfuhrung dieses Plans einstweilen in Vergessenheit gerathen; nun sie aber wieder genas, kam er aufs neue zur Sprache. Der Arzt drang sogar darauf, ihn baldmoglichst, und zwar in Gabrielens Begleitung, auszufuhren; er hoffte viel Erfreuliches fur ihre vollige Herstellung, nicht sowohl von den Heilquellen, als von den Zerstreuungen, welche stets im Gefolge einer solchen Reise sind.

Es war durchaus nothwendig, die Erlaubniss des Baron Aarheim zu dieser Reise seiner Tochter einzuholen, und Frau von Willnangen ubernahm es sehr gern, ihn schriftlich darum zu ersuchen. Seine Einwilligung erfolgte sogleich und in den verbindlichsten Ausdrucken; nur war die einzige Bedingung beigefugt, dass Gabriele jede Stunde bereit seyn musse, zu ihrem Vater zu eilen, sobald er ihre Gegenwart verlange.

Nicht ohne Schrecken hatte der Baron die Nachricht vernommen, dass Gabriele mit der Tante nicht hatte nach Italien reisen konnen, denn er furchtete nun jeden Augenblick, sie in seinem alten Bergschlosse eintreffen zu sehen. Diese schickliche Gelegenheit, sie noch einige Zeit von sich entfernt zu halten, uberhob ihn einstweilen jener Sorge, und ward deshalb freudig von ihm ergriffen. Dennoch war er jetzt sehr zufrieden, dass nicht die Alpen zwischen ihm und seiner Tochter als Scheidewand dastunden, weil er seit einigen Tagen dem Ziel seines Strebens ganz nahe zu seyn dachte, so dass er oft die vollige Entschleierung des grossen Geheimnisses von der nachsten Sekunde erwartete.

Seit er so ganz allein, fern von jeder aussern Storung, in Schloss Aarheims dustern Mauern hauste, hatte er sich mit rastloser Leidenschaft, ja bis zur Erschopfung aller seiner Krafte, jenen geheimnissvollen Arbeiten hingegeben. Kein freundliches, lebendes Wesen durfte ihm nahen, der Wechsel der Jahreszeiten ging unbemerkt an ihm voruber, er wusste nicht, ob die Baume grunten oder ob Schnee sie bedeckte; er sah sogar nicht das Licht der Sonne, denn die schweigenden Nachte sagten seinem dunklen Treiben am besten zu. Deshalb schlief er, wenn alles wachte, und wahrend jedes gluckliche Geschopf nach des Tages Last und Lust Ruhe sucht, begann sein angstliches Wirken im dunkeln Kreise der finstern Machte, die kein Sterblicher ungestraft ruft, wenn gleich vielleicht keiner je von ihnen Antwort erhielt.

So verkehrte er die Ordnung der Zeiten. Dennoch verhehlte er sich nicht die bei dieser unnaturlichen Lebensweise fur seine Gesundheit obwaltende Gefahr. Er wusste bestimmt, dass er auf keine lange Reihe von Jahren mehr rechnen durfe, in denen er die Fruchte seiner Arbeit zu geniessen hoffen konne, aber er achtete dieses nicht, denn er strebte nach keinem dauernden Genuss. In nie gesehnem Glanz aus dem Dunkel seiner Ahnenburg hervortreten, sein uraltes Geschlecht aufs neue in seiner Tochter erstehen sehen, aufs neue fur kommende Jahrhunderte der Stifter desselben werden, seine alten Feinde, knirschend vor Neid, in ohnmachtiger Wuth erbleichen sehen, und dann sich hinlegen und sterben; das war es, was er vom Geschick zu erzwingen dachte; und nur der Gedanke, dass irgend einer von denen, welche er hasste, vor dem Gelingen seines grossen Werkes dieses Leben verlassen konne, machte ihn beben.

Nicht weniger, als dieses rastlose Treiben, angstigte ihn ein ewiges Ueberlegen, wie er sein Geheimniss auf das schnellste und vortheilhafteste benutzen konne, sobald es ihm gelungen ware, es ganz zu entschleiern. Sollte er seine Tochter zur Erbin seines durch muhseliges, unablassiges Forschen und tausendfache Opfer erworbnen Wissens einsetzen? sollte er sich daran genugen lassen, ihr noch bei seinem Leben unermessliche Schatze zuzuwenden und sein Geheimniss mit sich in die Gruft seiner Ahnen hinabzunehmen? Diese Zweifel erregten einen nie zu stillenden Zwiespalt in seinem Innern, der, zerstorender, als Wachen und Arbeit, ihn langsam verzehrte. Es war ihm unmoglich, einem weiblichen Wesen den Muth, die Klugheit, ja selbst die Verschwiegenheit zuzutrauen, welche unumganglich dazu gehoren, ein solches Geheimniss nicht nur zu verwalten, sondern auch zu verbergen. Die Gefahren, welche jedem drohen, den die Gewaltgen dieser Erde im Besitz solcher Kenntnisse wahnen, waren ihm nur zu bekannt, und das Geschick Bottchers, des unglucklichen Erfinders des sachsischen Porzellans, trat oft warnend vor seinen Geist. Alle diese Ueberlegungen machten ihn geneigt, sein Geheimniss mit sich sterben zu lassen; dann aber ergriff ihn der Gedanke, wie gross es sey, die Erbin seines Namens, mit dieser machtigsten aller irdischen Gewalten ausgerustet, zuruck zu lassen. Ihn schwindelte, ein neuer Kampf entstand in seinem Gemuth, und so konnte der ungluckliche Greis nimmer zur Ruhe gelangen. Rastlos schwankte er ewig in banger Sorge von einem Entschlusse zum andern und verwachte die langen, endlosen Stunden des Tages auf seinem Lager, bis die Abendsonne die Zinnen seiner Burg rothete und ihn mahnte, aufzustehen, um sein nachtliches Tagewerk zu beginnen. Frau von Willnangen zogerte keinen Augenblick, die Erlaubniss des Barons zu benutzen und die Reise in das Bad anzutreten, denn der Sommer war indessen schon ziemlich weit vorgeruckt, und da der Herbst dem rauheren Klima der Gebirge selten gunstig ist, so hatte sie keine Zeit zu verlieren.

Ernesto suchte und erhielt sehr leicht die Erlaubniss, sich der kleinen Karavane seiner Freundinnen anschliessen zu durfen, welche ihrerseits froh waren, ihn zum Beschutzer auf der Reise zu haben. Nicht Furcht vor der, wahrend der schonen Jahreszeit mit jedem Tag uberhandnehmenden Oede der Stadt hatte ihn zu diesem Entschlusse bewogen, wie Auguste im frohlichen Muthe ihm oft Schuld gab, sondern wahrhaft vaterliche, treue Liebe fur die verwaisete Tochter der Frau, deren Andenken ihm noch immer wie ein hell leuchtender Stern am fernen Horizont seiner langst hinter ihm zuruck gebliebnen Jugend strahlte. Gabrielens Geschick und der Zustand ihres Gemuths waren dem treuen, beobachtenden Freunde nicht verborgen geblieben, obgleich ihm niemand daruber etwas anvertraut hatte.

Zwischen ihm, Frau von Willnangen und auch Gabrielen war sogar eine Art von stillschweigender Uebereinkunft daruber entstanden; man behandelte ihn, als wisse er alles, ohne doch je ausdrucklich irgend eines naheren Umstandes zu erwahnen. Er, der lebenskundige Mann, sah Gabrielens Zustand in weit hellerem Licht, als Frau von Willnangen. Er glaubte Gabrielens Ruhe nicht fur immer zerstort, er hielt sie sogar in diesem Augenblick nicht fur unglucklich. Er wusste, wie der Zauber der Jugend alles, selbst den Schmerz, zu verschonern vermag und ihn zuletzt in das susseste aller Spiele umwandelt, das aber zugleich auch das gefahrlichste ist, weil es dem Gemuthe die Kraft entzieht fur den Ernst des Lebens in spater kommenden Jahren. Die Thranen jener nie wiederkehrenden Fruhlingszeit gleichen den Thau-Tropfen auf der Rosenknospe, sie verhauchen in sussen Duften, so lange der Morgen frisch athmet, aber wenn die gluhenden Strahlen der Mittagssonne sie noch finden, so brennen sie sie atzend zu unzerstorbaren Flecken ein; die entstellten, fruh welkenden Blatter bleiben geschlossen und vermogen es nie, sich in der ihnen von der Natur bestimmten Herrlichkeit zu entfalten.

Uebrigens wusste Ernesto auch, dass der Frauen Herz ewig jung bleibt, wenn gleich ihre Locken unter der Hand der Zeit erbleichen; dass sie immer geneigt bleiben, mit ihren jungern Freundinnen sich aufs neue den Wonnen und Schmerzen hinzugeben, welche einst auch ihren Fruhling erhellten und trubten, und die der Machtspruch des spatern Alters nur entschlummern hiess, aber nicht vernichten konnte. Deshalb furchtete er Frau von Willnangens zu weiche Theilnahme fur Gabrielen, jetzt da diese an dem ihre ganze Zukunft bestimmenden Wendepunkt ihres Lebens stand, und achtete es fur Pflicht, in ihrer Nahe zu bleiben, um sie mit starker vaterlicher Hand zu fassen, zu stutzen, zu leiten, sobald es Noth thate. Die kleine Reise ward in wenigen Tagen, und ohne alle Abenteuer zuruckgelegt. Gabrielens stille Heiterkeit wahrend derselben hatte zwar oft einen hochst wehmuthigen Ausdruck, der aber nie in wilderen Schmerz, in tiefere Trauer ausartete.

Die Reisegesellschaft kam uber Eger nach Karlsbad, und die Gegend in der Nahe dieses ersten Ziels ihrer Reise, besonders aber die mit keinem andern Badeorte zu vergleichende Einfahrt in das Stadtchen selbst, entzuckte sie alle. "Warlich," rief Auguste, "es verlohnt sich der Muhe, alle Jahre nach Karlsbad zu reisen, einzig um darin anzukommen. Ich wollte, ich konnte, so lange wir hier bleiben, wenigstens jede Woche einmal die Freude haben, mich so lustig vom Thurmer anblasen zu horen. wahrend ich am Fuss dieser prachtigen Felsen unter den wilden Rosenbuschen hinrolle und ihre Walder, ihre schimmernde Kreuze, ihre Pyramidenzacken hoch uber mir sehe."

Gabriele lehnte indessen schweigend zum Wagen hinaus, ihr Blick ruhte auf den Felsen, ihre Gedanken flogen der Heimath zu. So, ja eben so umstarrte hohes Gebirge das alte Schloss, in welchem sie das Licht der Sonne zuerst erblickt hatte. Nicht so geschmuckt mit jeder Anmuth der Kultur und einer uppigen Vegetation, aber doch diesem ahnlich, nur beinah enger noch und tiefer, war das stille Thal, in welchem sie an der Hand ihrer Mutter zu wandeln pflegte. Seit sie Schloss Aarheim verliess, war sie immer in der Ebne geblieben, nur ganz von Ferne hatte sie mit der allen im Gebirge gebornen eignen Sehnsucht ihre lieben blauen Berge zu sich heruber schimmern gesehen. Beinahe ein Jahr war vorubergezogen, seit sie von ihnen schied. Ihr war, als kehre sie in diesem Augenblick wieder heim zu ihnen aus der fernen Welt, welche sie mit so wenig Erwartungen betreten hatte, in der sie so unendlich viel fand, was nur noch in der Erinnerung ihr gehorte, und von der sie, ohnerachtet ihrer Jugend, jetzt zu wissen glaubte, dass sie ihr nichts weiter mehr zu bieten habe als ein Grab.

Der wirkliche Eintritt in Karlsbad und in ihre freundliche Wohnung riss sie aus ihren truben Traumen, und Augustens herzliche Freude an allen neuen Umgebungen erweckte auch sie zur Theilnahme. Bald gewahrte sie sich selbst in einer neuen Welt. Die geputzten Brunnengaste, welche an dem wunderschonen lauen Sommerabend unter ihrem Fenster auf- und abgingen, schienen ihr unzahlbar, so dass die grosse lebensreiche Stadt welche sie eben verlassen hatte, ihr wie todt dunkte gegen diesen kleinen, einem Ameisenhaufen ahnlichen Fleck Erde, und sie sich an dem ungewohnten Schauspiel fast eben so sehr ergotzte als Auguste. Der Julimonat, und mit ihm die Zeit, wahrend welcher Karlsbad am glanzendsten erscheint, war uber die Halfte vorubergezogen, als Frau von Willnangen mit ihren Begleitern dort anlangte. Einige furstliche Personen, die bisher einen kleinen Hof gebildet hatten, welcher den vornehmern Brunnengasten einen, alle ubrige ausschliessenden Vereinigungspunkt gewahrte, hatten sich schon zur Nachkur in andere Bader begeben. Taglich sah man lange Reihen mit Koffern hochgepackter grosser Berlinen uber die Wiese ziehen, in welchen vornehme Familien ihnen nacheilten. Dennoch blieb die Gesellschaft noch immer zahlreich genug, um keine Lucke merkbar werden zu lassen, und neue Ankommlinge ersetzten taglich die Stelle der Abreisenden.

Frau von Willnangen besass unter vielen angenehmen Eigenschaften auch die, sich uberall, wohin sie kam, leicht anzusiedeln und heimisch zu werden. Auf Reisen wusste sie dem aller ungemuthlichsten Gasthofszimmer in wenigen Minuten ein wohnliches Ansehen zu geben, ohne dass man sonderlich bemerken konnte, was sie darin verandert habe. Wo sie an fremden Orten langere Zeit blieb, da gewannen alle ihre Umgebungen bald einen so behaglich-hauslichen Anstrich, dass jedem wohl darin ward, dem es erlaubt war, sich ihr zu nahen.

Darum sammelte sich auch in Karlsbad wie uberall ein sehr angenehmer Kreis der Liebenswurdigsten und Gebildetsten um sie her. Es war als ob sie durch einen Zauberspruch alle an sich zoge, die zu diesen gezahlt werden durften, oder als ob sie ein Zeichen an sich truge, an dem die Gleichgestimmten sie erkannten. Dennoch wunderte sich jeder, der sie zum erstenmal sah, wie diese einfache, weder durch jugendlichen Reiz noch glanzenden Witz ausgezeichnete Frau dazu gekommen sey, der Mittelpunkt der Gesellschaft zu werden, so anspruchlos und zuvorkommend war sie in ihrem Betragen gegen Alle.

Gabrielen hatte der Arzt nur ein paar Glaser des Theresienbrunnens, als des schwachsten von allen, zu trinken erlaubt, damit sie sich doch auch mit Ehren in die Reihe der Brunnengaste stellen durfe; denn es ist nichts unangenehmer, als bei einem, Allen gemeinschaftlichen Zweck, allein ausgeschlossen zu bleiben. Fruhes Aufstehen, Bewegung in der vom Duft der Bergkrauter und frischem Waldeshauch erfullten Luft, und vor allem Ruckkehr zu der regelmassigen Lebensart, deren sie wahrend dieses Winters sich hatte entwohnen mussen, waren die eigentlich ihr vom Arzt verordnete Kur, und der Erfolg bewies, dass er in der Wahl nicht geirrt hatte. Gabriele, die jetzt eben ihr siebzehntes Jahr vollendete, bluhte von Tage zu Tage schoner auf. Der Rosenglanz der Gesundheit gab ihr einen neuen Reiz, ohne den fast atherischen Ausdruck zu zerstoren, der von ihrer fruhsten Jugend an sie ausgezeichnet und ihr das Ansehn einer Bewohnerin andrer Welten gegeben hatte. Dabei lag in ihrem freundlichanspruchlosen Wesen etwas so unaussprechlich liebliches, dass jedermann sich zu ihr gezogen fuhlen musste, obgleich der stille Ernst, mit dem sie das Leben nur als Zuschauerin zu betrachten schien, niemanden zu naherer Vertraulichkeit aufforderte. Unter den Reisegesellschaftern der Frau von Willnangen war Ernesto der Einzige, der mit dem Ton und uberhaupt dem Leben in Karlsbad nicht recht zufrieden seyn wollte. Sie selbst war zu oft sowohl hier als an ahnlichen Orten gewesen, um mehr von ihnen zu fordern, als sie ihrer jetzigen Einrichtung nach leisten konnen. Augustens heitre Natur befand sich in ihrer Mutter und Gabrielens Gesellschaft uberall wohl, und diese freute sich zwar der herrlichen Umgegend, war aber in ihrer innern Welt noch zu befangen, um sonst noch Anspruche irgend einer Art an die aussre zu machen.

Anders aber verhielt es sich mit Ernesto. Dieser hatte noch nie zuvor einen Brunnenort besucht, denn zu der Zeit, da er im fruhen Junglingsalter Deutschland verliess, um die Ausbildung seines Talents in Italien zu suchen, war es noch nicht wie jetzt Gebrauch, die Bader als Erholungsorte zu betrachten. Eine Badereise betrachtete man damals als einen grossen Entschluss, und fast immer nur als den letzten Versuch zu genesen, ja der Ausspruch des Arztes, welcher die Kranken dorthin verwies, klang den mehresten von ihnen wie ein halbes Todesurtheil. Daher kannte sie Ernesto nur aus lobpreisenden Aufsatzen in Zeitschriften und hochtonenden, an Ort und Stelle verfertigten Beschreibungen, die ihn freilich weit mehr erwarten liessen, als er fand.

"Wir sitzen hier ganz vortrefflich," sprach er einst in halb unmuthiger, halb zufriedner Stimmung zu der Gesellschaft, die sich an einem warmen Nachmittag, im Schatten der schonen Baume vor dem bohmischen Saal recht hauslich niedergelassen hatte. "Wir sitzen hier ganz vortrefflich. Frau von Willnangen macht die angenehme Wirthin, als ware sie zu Hause, die ubrigen Damen arbeiten an allerliebsten Kleinigkeiten, und wir Manner fuhren weise Gesprache. Uns ist wohl! aber wir bilden doch einen Staat im Staate, und das ist hier nicht recht. Mir wenigstens thut mitten in meiner Gluckseligkeit das Herz weh, wenn ich die einzelnen Paare ansehe, die dort auf der Wiese und hier in den Alleen langweilig und langsam neben einander herschlendern. Da Gott hier fur alle und jede seinen Segen in den Quellen fliessen lasst, so sollten auch wir niemanden von unsern Vergnugungen ausschliessen und alle zusammen darnach streben, dass allgemeine Freude die ganze Brunnengesellschaft zu e i n e r Familie vereine."

Die Gesellschaft, an welche Ernesto diese Worte richtete, bestand ausser den Hausgenossen der Frau von Willnangen noch aus der im nordlichen Deutschland einheimischen Familie des Baron Wallburg. Dieser bewohnte mit seiner Frau, zwei Tochtern und einem Sohne den obern Stock des nehmlichen Hauses, von welchem Frau v. Willnangen die erste Etage inne hatte. Nicht sowohl diese nahe Nachbarschaft, als vielmehr eine gewisse Uebereinstimmung in ihrer Lebensweise hatte beide Familien zuerst einander naher gebracht. Gegenseitiges Gefallen, besonders des jungern Theils derselben, machte sie in kurzer Zeit zu unzertrennlichen Gefahrten in allen der Geselligkeit geweihten Stunden.

General Lichtenfels, ein heitrer Greis, und sein Neffe Adelbert gehorten als fruhere Bekannte des Barons Wallburg mit zu dem kleinen Kreise, in welchem Adelbert der einzige bedeutend Kranke war. Ehrenvoll im Kriege erhaltene, aber ubel geheilte Wunden hatten diesen nach Karlsbad gefuhrt, um Genesung oder doch wenigstens Linderung zu suchen. Im Innern schien er noch schmerzlicher verletzt zu seyn als im Aeussern, denn alle seine Zuge trugen tiefe Spuren eines verzehrenden Kummers. Gewohnlich nahm er nur schweigenden Antheil an der Gesellschaft, und schien gern in Gabrielens Nahe sich zu halten, deren ebenfalls nicht frohliche Stimmung der seinen am besten zusagte. Sein ihn vaterlich liebender und von ihm kindlich verehrter Oheim war einzig ihn zu begleiten, nach Karlsbad gekommen, und es gewahrte einen eignen ruhrenden Anblick, wenn der alte eisgraue aber noch immer rustige Krieger die schone hohe Gestalt des jungern unterstutzte, der, von einer Fusswunde gelahmt, sich nur muhsam und gebeugt fortbewegen konnte. Allwill, ein junger Dichter, und Wollmer, ein ausgezeichneter Tonkunstler, hatten sich auch diessmal, wie gewohnlich, der Gesellschaft angeschlossen. Beide waren wegen ihrer Talente und ihres angenehmen Humors immer hochst willkommen.

Ernestos Klage uber den Mangel allgemeiner Geselligkeit regte sogleich alle Mitglieder des Kreises zum lebhaftesten Widerspruch auf, denn sie befanden sich in dieser Abgeschlossenheit von den ubrigen nicht minder behaglich als im Grunde Ernesto selbst und nahmen sie deshalb gern gegen ihn in Schutz. Auguste und Rosalie von Wallburg uberhauften den italienisirten Signor, wie sie ihn spottend nannten, mit Vorwurfen uber seinen Wankelmuth, der ihn verleite, sich nach andrer Gesellschaft zu sehnen, und die kleine zwolfjahrige Luzie Wallburg sprang gar von der Stelle neben ihm auf, wo sie als seine erklarte Geliebte gewohnlich zu sitzen pflegte, indem sie versicherte, von einem so ungetreuen Liebhaber wollte sie nichts weiter wissen.

Friede und Ruhe wurden indessen bald wieder hergestellt, und Frau von Willnangen nahm den Faden des Gesprachs wieder auf, indem sie Karlsbad gegen Ernestos Tadel vertheidigte. "Kommen Sie nur nach Toplitz, Wiesbaden oder uberall hin," sprach sie, "wo nur gebadet wird und nicht getrunken. Dort, wo Morgens kein Brunnen Gelegenheit zum Bekanntschaftenmachen bietet, dort mag es Ihnen allenfalls erlaubt seyn, uber Isolirung der Einzelnen und alle die tausend Schwierigkeiten zu klagen, die sich jeder nur einigermaassen allgemeineren Geselligkeit entgegenstellen."

"Damit, dass es anderswo noch arger ist, wird aber dem nicht abgeholfen, was ich hier als mangelhaft schelte," erwiederte Ernesto. "Ich bleibe dabei, dass der grosste Theil der Brunnengaste sich in Karlsbad noch immer mehr langweilt, als recht und billig ist, oder selbst bei einem solchen Zusammenfluss von Leuten moglich seyn sollte, die alle nichts zu thun haben, als sich zu belustigen."

"Ich muss hier auf Ernestos Seite treten," nahm der Kapellmeister Wollmer das Wort. "Blicken Sie nur um sich her, die Sonne beginnt zu sinken, langstens in einer Stunde verweiset der Aerzte strenges Gebot uns alle aus der Abendluft unter Dach und Fach, und dennoch werden dann noch vor Schlafengehen ein paar Abendstundchen ubrig bleiben, die wohl jedermann gern auf angenehme Weise in Gesellschaft zubrachte. Sehen sie indessen nur, wie sich schon alles vereinzelt und nach seiner vielleicht ziemlich unbequemen Wohnung hinzieht, wahrend beide Sale leer bleiben, in denen man sich doch recht bequem noch zum erheiternden Gesprach versammeln konnte."

Leo von Wallburg meinte, wenigstens der Balle lobend erwahnen zu durfen, die zweimal die Woche einen allgemeinen Vereinigungspunkt bieten, ward aber von Ernesto schnell unterbrochen. "Geht mir," sprach dieser, "mit euren Ballen, auf welchen niemand tanzt, als wer seine Mittanzer gleich mitbringt. Diese beweisen gerade, wie sehr der Kotterie-Geist hier herrschend ist. Tanzte wohl am verwichnen Sonntag im sachsischen Saal noch irgend eine Seele ausser den verwunscht hubschen Polinnen? und auch sie nur mit den Herren, welche sie auf den Ball gefuhrt hatten. Freilich schweben diese Sarmatinnen wie Grazien einher; aber ringsum an den Wanden des Saals sassen auch deutsche und andre Grazien die Menge in langen Reihen da, ohne dass es einem von den vielen jungen Herren eingefallen ware, sie zum Tanz aufzufordern.

"Eigentlich," nahm der General wieder das Wort, "eigentlich fehlt es uns hier nur an jemanden, der Aufopferung, Geschicklichkeit und Ansehen genug besasse, um sich an die Spitze aller ubrigen stellen zu konnen, und nicht nur bei Festen und Ballen, sondern uberall als Wirth die Honneurs zu machen. Ohne einen solchen Mittelpunkt gedeiht bei uns keine Geselligkeit. Wir Deutsche sind nun einmal bei solchen Gelegenheiten nicht sowohl trage als unbehulflich. Genau wie die Kinder, die wenn sie zum erstenmal zusammen kommen, um mit einander zu spielen, lange verschamt dastehen, einander kaum ansehen, und dabei thun, als lage ihnen im mindesten nichts am Spiel, wahrend sie sich vor innerlicher Ungeduld darnach nicht zu lassen wissen. Da muss durchaus jemand eintreten, der jedem zeigt, was es zu thun hat, um sich zu belustigen, und alle mit linder Gewalt an einander treibt, sonst bleibt jeder fur sich und argert sich dabei uber den Nachbar, der nicht den ersten Schritt thun will."

"Thun Sie diesen ersten Schritt und machen Sie der allgemeinen Noth ein Ende, lieber Herr General," sprach lachelnd Frau von Willnangen; "in jeder Hinsicht eignet sich niemand zu unserm Anfuhrer besser als Sie, und ich bin im voraus uberzeugt, dass jedermann diess dankbar anerkennen wird."

Der General verbeugte sich und fuhr fort zu reden. "In jungern Jahren habe ich oft aus eignem Antrieb es versucht, den Ehrenposten zu bekleiden, den Sie, meine gutige Freundin! mir jetzt wieder zutheilen mochten, dem ich mich aber um keinen Preis wieder unterziehen wurde. In Badern, in Garnisonen oder wo sonst der Zufall eine ungewohnte Zahl Menschen aus den Standen zusammenfuhrt, welchen geselliges Vergnugen Bedurfniss ist, bin ich oft von eigner Lebenslust verleitet worden, mich zum maitre des plaisirs aufzuwerfen, aber lag es an meiner Ungeschicklichkeit oder an etwas anderm, ich weiss nur, es ist mir jedesmal so schlecht bekommen, dass ich noch jetzt nicht ohne Aerger daran denken kann.

"In der That," sprach Baron Wallburg, "das Amt eines Zeremonien- oder wenn sie wollen, VergnugenMeisters ist eines der anerkannt muhseligsten und unbelohnendsten, am Hofe wie in der Stadt, vor allem aber in einer Republik, wie doch jeder Brunnenort eine ist, und ich begreife nicht, wie man anders, als durch den Drang der Umstande dazu gezwungen, sich ihm unterziehen mag."

"Sollten Sie mich auch wieder der Anglomanie beschuldigen, lieber Vater!" sprach Leo, "ich muss hier doch bemerken, dass das Talent der Britten, uberall das komfortabelste zu erfinden, sich auch in dem vorliegenden Fall bewahrt. Bei ihrer, jeder geselligen Verbindung mit Unbekannten noch weit mehr, als wir Deutschen, widerstrebenden Nation trafen sie dennoch den rechten Weg, alle zufrieden zu stellen. In jedem bedeutenden Brunnenort wahlen die Badegaste einen Zeremonienmeister, dessen Anordnungen jeder gern Folge leistet, und der um einen anstandigen Ehrensold fur die gesellige Unterhaltung Aller, wie jedes Einzelnen, unermudlich besorgt ist. So darf dort niemand uber Vernachlassigung oder Langeweile klagen, der diess nicht selbst durch sein Betragen verschuldet."

"Dacht' ichs doch, dass die grosse Erfindung auf etwas Fabrikmassiges hinaus laufen wurde," sprach Baron Wallburg, "denn hoffentlich hat dieser Zeremonienmeister auch Gehulfen, die ihm vorarbeiten, und der Fremde, der amusirt werden soll, geht dabei aus einer Hand in die andre, wie ein englischer Knopf."

"Haben sie nicht auch aus Holz und Stahl vortrefflich gearbeitete Herrn und Damen, die eingeschoben werden, wenn es an lebendigen Tanzern fehlt?" fragte Ernesto.

Die Idee solcher unermudlichen Tanzer erweckte grosses Vergnugen bei dem jungern Theil der Gesellschaft. Vor allem ausserte die kleine Luzie den sehnlichen Wunsch, dass auf dem nachsten Ball deren ein halbes Dutzend, wo moglich in Husarenuniform, erscheinen mochten. Dann, meinte sie, kame auch wohl einmal die Reihe an sie, mit so einem holzernen Husaren zu tanzen, denn die grossen Madchen nahmen ihr die lebendigen Tanzer alle weg.

"Auch ich kenne die Badekonige, denn so pflegt man in England sie zu nennen," nahm endlich der Kapellmeister das Wort, "und ich habe mich wahrend meines vieljahrigen Aufenthalts in jenem Lande zu wohl unter ihrem sanften Scepter befunden, als dass ich mich nicht laut fur sie erklaren sollte. Aus Reisebeschreibungen ist zwar jedermann von den Statuten ihres Reichs unterrichtet, aber den ganzen wohlthatigen Einfluss derselben auf das Badeleben kann nur der ermessen, der wie ich einst zu ihren Unterthanen gezahlt ward."

Noch vieles sprach man, bald lobend, bald tadelnd uber diese englische Einrichtung, deren Einzelheiten selbst dabei sehr umstandlich zur Sprache kamen. "Leo hatte in der That Recht," entschied endlich der General, "und ich wunsche herzlich, recht bald solche Konige auf deutschem Grund und Boden zu begrussen. Ernestos fromme Wunsche konnen wahrscheinlich nur durch ihre Einfuhrung bei uns in Erfullung gehen, aber ich furchte aus mancherlei Grunden, dass sich unendliche Schwierigkeiten ihr entgegen stellen wurden. Indessen kame es auf einen Versuch an, und ware die Brunnenzeit nicht ihrem Ende so nahe, so mochte ich sie wohl, wenigstens als Probestuck, auf einige Wochen in Vorschlag bringen, obgleich ich nicht weiss, wo ich sogleich einen wurdigen Kandidaten zu diesem sehr schweren Posten finden wurde." "Ein Mann von Stande konnte sich doch unmoglich dazu entschliessen," meinte Frau von Wallburg. "Und warum denn nicht? meine gnadige Frau!" erwiederte ihr schnell Ernesto. "Ich halte die Stelle eines solchen Konigs fur recht ehrenvoll, und um so mehr, da nicht gemeine Eigenschaften dazu gehoren, sie mit Wurde zu bekleiden." "Glauben Sie vielleicht, dass die Stelle eines Banquiers am Pharao-Tische, die so mancher Sprossling eines sehr edlen Stammes ausfullt, fur ehrenvoller gelten durfe?" setzte der General lachelnd hinzu.

Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne mahnten jetzt die Gesellschaft zum Aufbruch, doch traf man noch vorher die Verabredung, es an einem der nachsten Abende zu versuchen, ob nicht der grossere Theil der in Karlsbad gegenwartigen Fremden zu einer zahlreicheren Versammlung in einem der Sale zu veranlassen sey, um so vielleicht den Grund zu kunftiger allgemeinerer Geselligkeit zu legen. Niemand wandte gegen diesen Plan etwas ein, ausser Frau von Wallburg. "Ich weiss nicht," sprach sie, "warum wir uns um die Uebrigen, die sich um uns nicht bekummern, so viel Muhe geben wollen, da wir ihrer doch nicht bedurfen, um uns recht wohl zu befinden. Unser Zirkel genugt uns, er ist gross genug, um uns zu amusiren, und wir werden uns da eine Menge Bekanntschaften aufladen, unter denen sich gewiss Leute befinden, die gar nicht zu uns passen, und die uns in Zukunft vielleicht recht lastig und beschwerlich in unserm eignen Hause werden konnen."

Herr von Wallburg trostete indessen seine Frau mit der Versicherung, dass Badebekanntschaften sich nie uber die wenigen Wochen hinaus erstrecken durfen, die man mit einander verlebt, und dass es anerkannt herkommlich sey, auch die genausten dieser Art in seiner Heimath zu ignoriren, sobald man nicht durch eigne Beweggrunde sich veranlasst finde sie fortzusetzen; und so wanderte sie beruhigt mit der ubrigen Gesellschaft ihrer Wohnung zu.

Die letzten, auf eine eigne, gleichsam etwas bezeichnen sollende Weise betonten Worte des Baron Wallburg machten indessen auf Frau von Willnangen einen nichts weniger als angenehmen Eindruck. Sie horte sie mit dem prophezeienden Vorgefuhl, mit welchem der kundige Schiffer bei sonst heiterem Himmel das kleine dunkle Wolkchen am fernsten Horizonte erblickt, welches ihm den nahenden Orkan verkundigt. Ueberhaupt wohnt in vielen Frauen ein Vorahnen dessen, was sie von denen, welchen sie auf ihrem Lebenspfade begegnen, zu erwarten haben, sey es Freude, sey es Schmerz. Liebe oder Feindseligkeit, sie empfinden beide lange im Voraus, ehe sich noch die Person ihrer bewusst wird, in deren Brust diese Empfindungen spater erwachen. Von diesem wunderbaren Gefuhl geleitet, wurde Frau von Willnangen den Umgang mit dem Baron Wallburg und seiner Frau vielleicht ganzlich vermieden haben, aber sie hielt es fur unbillig und thoricht, auf eine Ahnung zu achten, fur welche sich durchaus kein vernunftiger Grund erdenken liess, und uberdem erschien ihr der jungere Theil dieser Familie so liebenswurdig, dass sie um seinetwillen manches ihr minder Angenehme gern ubersehen mochte.

Nicht ohne Wohlgefallen hatte sie das Aufkeimen einer Neigung Leos von Wallburg zu ihrer Tochter bemerkt, deren Erwiederung von Augustens Seite ihr durchaus nicht unerwunscht gekommen ware. Leo zeichnete sich in der That auf eine vortheilhafte Weise vor andern jungen Mannern aus. Mit einem sehr gebildeten Geist und einem angenehmen Aeussern verband er die schatzenswerthesten Eigenschaften des Gemuths, die sich auf das Unverkennbarste bei jeder Gelegenheit, besonders aber im Umgang mit den Seinen ausserten. Und so war es wohl sehr verzeihlich, wenn Frau von Willnangen sich bisweilen sussen, allmahlig zu Wunschen und Hoffnungen ausartenden Traumen vom kunftigen Gluck ihrer Tochter uberliess, besonders da der einstigen Erfullung derselben sich auch im Aeussern nichts entgegen zu stellen schien. Dennoch hutete sie sich wohl, mit Augusten daruber zu sprechen, sie liess das Herz ihrer Tochter ungestort seinen stillen Gang gehen; der Reue Schmerzen, die sie noch immer bei Gabrielens Anblick empfand, lehrten sie jetzt Vorsicht uben, da es vielleicht der ganzen Zukunft ihres geliebten einzigen Kindes galt.

Das vom Baron Wallburg uber die Bade-Bekanntschaften ausgesprochene Urtheil ware vielleicht von ihr unbeachtet geblieben, hatte es sie nicht plotzlich an ein Gesprach erinnert, welches sie mit dem General auf einem einsamen Spaziergange am nehmlichen Morgen gehalten hatte. Er, der immer offen zu Werke zu gehen gewohnt war, hatte mit einer hochst auffallenden Absichtlichkeit die Gelegenheit gesucht, vom Baron Wallburg und dessen Gemahlin zu sprechen. Beide wurden zwar als sehr vorzuglich in jeder Hinsicht von ihm gepriesen, dabei aber zu wiederholten Malen und fast warnend des Ahnenstolzes erwahnt, der in ihrem Vaterland uberall mehr als in irgend einem andern Theile Deutschlands vorherrsche. Auch dieses sonst so liberal gesinnte Paar sollte, nach des Generals Versicherung, in dieser Hinsicht mit unuberwindlichen Vorurtheilen erfullt seyn; nur feine Sitte verhindre es, diese auch im gewohnlichen Leben laut werden zu lassen.

Die Dazwischenkunft des Barons selbst und die ubrigen Zerstreuungen des Tages hatten Frau von Willnangen abgehalten, dieses Gesprach mit dem Ernst zu wurdigen, zu welchem es augenscheinlich des Generals Absicht war, sie zu stimmen. Jetzt aber stand jedes Wort desselben plotzlich wieder vor ihrem Geist, und dabei fiel der Gedanke ihr mit Zentnerschwere auf das Herz, dass Augustens Stammbaum wirklich nicht von der Art sey, um vor strengen Richtern als gultig zu bestehen. Ihr Vater war der Sohn eines sehr angesehenen aber burgerlichen Hauses, seinen spater erworbnen Adel verdankte er nur seinen Verdiensten und dem Range, den er bekleidete. Die lange Reihe von Ahnen, welche Frau v. Willnangen als eine geborne Rosenberg zahlte, vermochte es leider nicht, die ihm fehlenden zu ersetzen.

Frau von Willnangen fuhlte sich bei ihrer Zuhausekunft von diesen Gedanken so verstimmt, dass sie es ausschlug, noch, wie sonst gewohnlich, ein paar Stunden bei der Gesellschaft zu bleiben, und sich vielmehr mit den Ihrigen in ihr Zimmer zuruckzog. Diese Verstimmung theilte sich auch den Uebrigen mit, alle vereinzelten sich, und der Abend nach diesem so frohlich begonnenen Nachmittag, der eine allgemeine Geselligkeit einzufuhren bestimmt schien, war der erste, an dem jedermann sich bestmoglichst zu isoliren strebte. Ein wunderschoner, wenn gleich schwuler Morgen folgte diesem Abend. Die ganze, durch das Hinzutreten mehrerer entfernteren Bekannten sehr vergrosserte Gesellschaft beschloss deshalb, einen langst entworfnen Plan auszufuhren. Das Fruhstuck sollte auf dem hochsten der uber dem schonen Thal thronenden Berge eingenommen werden, neben den drei Kreuzen, die dessen Gipfel bezeichnen. Auch Frau von Willnangen hatte sich mit ihrer Tochter von dem allgemeinen Vergnugen nicht ausschliessen mogen. Ernesto mit der frohlichen Luzie waren als Heerfuhrer an die Spitze der kleinen Schaar gestellt, die singend und jubelnd vom Brunnen weg durch den blinkenden Morgenthau hinzog. Allwill hatte einen eignen Rundgesang fur diese Wallfahrt gedichtet, der Kapellmeister erfand auf der Stelle eine Melodie dazu, diess erhohte die laute Freude, mit der alle sich auf den Weg machten.

Nur Adelbert und Gabriele blieben einsam zuruck. Mit seinem gelahmten Fuss konnte ersterer gar nicht daran denken, eine solche Wanderung zu unternehmen, und Gabriele durfte es auch noch nicht wagen, sich der Ermudung eines so weiten Spazierganges auszusetzen. Nach dem Scheiden der frohlichen Gesellschaft begleitete Adelbert Gabrielen schweigend und langsam zu Hause, aber der Morgen war zu schon, um ihn ganz ungenossen vergehen zu lassen, und so wandten sie sich daher bald den lieblichen Schattengangen zu, die das anmuthige Thal von allen Seiten bekranzen.

Nie zuvor hatten beide Gelegenheit gehabt, so ganz allein mit einander zu seyn. Adelbert fuhlte sich zwar vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an durch die stille sanfte Schwermuth zu ihr hingezogen, die wie ein Schleier uber Gabrielens ganzes Wesen sich verbreitete, und der milde Strahl ihres schonen dunkeln Auges war oft wie ein erwarmendes Licht in seine wunde Brust gedrungen, aber die reine Gute ihres Gemuths und selbst ihre hohe geistige Bildung konnten ihm dennoch nie zuvor, wie jetzt im ungestorten Gesprach mit ihr, in dieser Klarheit sichtbar werden. Auch hatte sie sich ihm noch nie so unaussprechlich freundlich und vertrauend gezeigt.

Beide waren heute durch ahnliche Leiden von der allgemeinen Freude ausgeschlossen geblieben, und Gabriele fuhlte sich dadurch Adelberten gewissermaassen schwesterlich verwandt. Sie neigte sich deshalb zu ihm und sprach mit ihm, wie eine liebende Schwester mit ihrem kranken leidenden Bruder sprechen konnte. Ein wahrhaft und tief verwundetes Gemuth erkennt das andre ohne Worte, daher wusste Gabriele recht wohl, dass Adelbert freundlicher Theilnahme weit bedurftiger sey, als es selbst seine im Aeussern zerstorte Jugendbluthe vermuthen liess, und dass vielleicht nur diese ihn von volligem Untergang in Tiefsinn und Schwermuth erretten konne. Sie wandte sich deshalb unendlich mitleidig zu ihm; alles was sie sagte und that, druckte das Bestreben aus, ihm trostlich zu werden. Ihre ohnehin sanfte melodische Stimme klang wie das Floten einer Nachtigall, denn sie suchte sie noch mehr zu mildern, indem sie zu ihm sprach, und Adelberten ging dabei in lange nicht empfundner Seligkeit das Herz auf.

So in ernstes und vertrauliches Gesprach verloren, wanderten beide langsam neben einander hin, langer und weiter, als sie selbst es bemerkten. An sich unbedeutende Anhohen, die Adelberten aber noch gestern unubersteiglich geschienen hatten, ging er jetzt, seiner Krucke nicht gedenkend, an Gabrielens Seite hinauf und hinab, ohne es zu gewahren. An den Stellen, welche ihr am schwierigsten dunkten, bot sie ihm hulfreich die kleine weisse Hand, und indem er sie beruhrte, war ihm, als ob unsichtbare Engel ihn mit ihren Flugeln unterstutzten. Zwar dachte Gabriele nicht ohne Sorge an den Ruckweg, indem sie neben ihm herging, aber sie vermochte es nicht uber sich zu gewinnen, ihn aus dem augenblicklichen Vergessen seines traurigen Zustandes zu erwecken, und verschwieg daher ihre Besorgnisse.

Endlich erreichten sie den kleinen Tempel, welcher den Namen des Lords Finlater, des Verschonerers dieser Gegend, tragt, und mit ihm die beinahe ausserste Granze der eigentlichen Promenaden. Bei ihrer, ihnen jetzt erst recht fuhlbar werdenden Ermudung und der ungewohnlichen Schwule des Tages war ihnen dieser Ruhepunkt hochst willkommen. Sie setzten sich traulich neben einander und fuhren in dem Gesprache fort, dessen Interesse sie so unvermerkt bis zu diesem, von ihrer Wohnung ziemlich weit abgelegnen Platz hingefuhrt hatte.

Die Unterhaltung war zuerst von der Poesie und dem verschiednen Werth der neuesten Erzeugnisse unsrer Dichter ausgegangen, unmerklich aber hatte sie sich der Liebe und ihren Leiden und Freuden zugewendet. Gabrielens beredtes Auge hatte Adelberten langst eine ungluckliche Liebe als das stille Geheimniss ihres Herzens verrathen, obgleich sie auch nicht auf die leiseste Art darauf hindeutete. Er strebte daher mit der zartesten Schonung, alles zu vermeiden, was ihm das Ansehen geben konnte, als suche er ihr Vertrauen zu erschleichen, oder wolle die nahern Umstande eines Geschicks erspahen, das er nicht umhin konnte, sich dem eigenen ahnlich zu denken. Der Anblick des unaussprechlich anmuthigen und doch so tief verletzten Wesens an seiner Seite stimmte ihn dabei immer wehmuthiger, indem er doch zugleich uber seine eignen Schmerzen fur den Augenblick sich beruhigter fuhlte.

"Nur eines kann ich mir denken, wogegen kein Trost zu finden ware," sprach Gabriele im Verlauf des Gesprachs zu Adelbert. "Trennung, Tod des Geliebten, sind zwar ein unnennbares Weh, das schwache Herz mochte daruber brechen, wenn nicht die Liebe selbst und der schone Hoffnungsstrahl von jenseits es hielten, aber dieser Schmerz reicht doch nicht an jenen, alle Hoffnung, sogar jeden Wunsch nach Trost vernichtenden, fur dessen Moglichkeit ich zuruckbebe. Er heisst Unwerth des Geliebten, Verachten dessen, was wir dennoch lieben mussen. Nein, die menschliche Natur kann diess Entsetzliche nicht ertragen!"

Todtenblasse uberzog bei diesen Worten Adelberts Gesicht, das er im nachsten Moment, krampfhaft zitternd, mit beiden Handen verhullte. "Und doch, mein Fraulein! und doch," stammelte er fast unhorbar. "Sie haben in zwei Worten die traurige Bestimmung meines Daseyns ausgesprochen. Lieben und Verachten! Die menschliche Natur ertragt es wohl, Sie sehen, ich lebe noch."

Gabriele hatte vor Reue daruber vergehen mogen, dass sie ihn, den sie beruhigen und trosten zu wollen sich bewusst war, so unvorsichtig verletzt hatte. Sie fand und suchte kein Wort zu ihrer Entschuldigung, aber Adelbert hob den getrubten Blick zu ihr auf und las in ihrem schimmernden Auge innigere Theilnahme, schmerzlichere Reue, als sie mit aller Beredtsamkeit ihm hatte ausdrucken konnen. Sein Herz offnete sich zum erstenmal wieder nach langer Zeit im Ergusse des reinsten Vertrauens; auch sie fand allmahlig herzliche beschwichtigende Worte fur ihn, und bald vernahm sie die Geschichte seiner glucklich verlebten fruheren Zeit und die Ursache des jetzt ihn zerstorenden Kummers, die er mit der, allen Unglucklichen eignen Umstandlichkeit ihr vertrauend mittheilte. Fruh verwaiset, wuchs Adelbert im Schlosse seines edlen Oheims auf, der das hoffnungsvolle Kind mit wahrhaft vaterlicher Liebe erzog. Zwei Knaben und ein jungeres Madchen, Herminie genannt, theilten mit ihm die Stunden des Unterrichts wie die der Erholung. Sie waren die Kinder einer benachbarten Familie, welche durch enge Bande der Freundschaft mit seinem Oheim von jeher vereinigt, fast immer in seiner Nahe lebte. Adelberts Auge strahlte noch einmal im Wiederschein der untergegangnen Sonne seines Fruhlingslebens, als er jetzt erwahnte, wie schon in fruher Jugend die innigste Liebe zu Herminien ihn zu allem Guten entstammte, wie er stets sich auszuzeichnen strebte, um ihr zu gefallen, und wie auch sie mit unverkennbarer Zartlichkeit an ihm hing. Sein Oheim und Herminiens Eltern blickten lachelnd auf die fruhe Liebe ihrer Kinder, und bauten darauf goldne Plane fur ihre Zukunft. "O ware ich damals gestorben!" rief Adelbert mit schimmernden Augen, "damals in der Morgenrothe des Lebens, die den herrlichsten aller Tage schien verkunden zu wollen, der jetzt mir untergegangen ist in Nacht und Graus."

Die Kinder wuchsen zum Junglingsalter heran; mit diesem erschienen Jahre der Trennung, aber diese sollte ja den Zeitpunkt ewiger Vereinigung herbeifuhren. Adelbert fuhlte die Nothwendigkeit, sich erst fur das Leben zu rusten, sich Eigenschaften zu erwerben, die ihn einst berechtigen konnten, nach dem Preise zu streben, der in rosiger Glorie vor ihm stand. Auch lockte ihn, den in der Einsamkeit erzognen Jungling, die ferne bunte Welt mit alle dem magischen Reiz, durch welchen sie jeden Unerfahrnen blendet, und so bestieg er, ziemlich gefasst, den Reisewagen, der ihn nach einer entfernten Universitat fuhren sollte, wahrend Herminie in wildem Schmerz zu vergehen glaubte. Ein Briefwechsel mit dem Geliebten, zu welchem Eltern und Oheim, nach der feierlichen Verlobung des jungen Paars, ihre Einwilligung gegeben hatten, blieb ihr einziger Trost.

So vergingen drei Jahre. Adelbert verlebte sie unter Arbeit, Sehnsucht und Hoffnung. Herminiens Andenken hielt ihn hoch uber den Strudel wuster Verwilderung, in welchem viele seiner jugendlichen Genossen neben ihm versanken. Herminiens Briefe zu beantworten, sein ganzes Herz ihr offen darzulegen, war die hochste Wonne seines Lebens. Er fuhlte ganz den hohen Zauber, mit der diese Art, uns das Geliebte zu vergegenwartigen, zuweilen sogar das Gluck der wirklichen Gegenwart besiegt. Auge in Auge, macht die Lippen verstummen, aber in der einsamen Beschaftigung mit einem geliebten Wesen reihen sich die Worte zum Ausdruck unsrer innigsten Gefuhle von selbst an einander, und wir vermogen zu schreiben, was wir nimmermehr sagen konnten.

Dennoch nannte Herminie Adelberts Briefe oft kalt und liebeleer, und obgleich sie von allem, was ihn nur auf die entfernteste Weise beruhrte, unterrichtet zu werden verlangte, so konnte sie doch auch oft daruber zurnen, dass er fahig ware, irgend etwas anders zu erwahnen als seine Liebe. "Du kannst Mannigfaltigkeit in deine Briefe bringen," schrieb sie ihm, "du bist ein Mann, du lebst in der Welt. Ich Einsame lebe nur in dir, ich kann nichts denken als dich, darum vergieb, wenn ich langweilig dir nur von dir schreibe; du bist ja meine Welt, von der ich jetzt nur traumen darf."

Endlich war der Zeitpunkt ganz nahe, in welchem Adelbert zu seinem Oheim zuruckkehren sollte, um wenige Wochen spater mit Herminien auf ewig vereint zu werden. Mit kaum zu massigender Ungeduld sah er dem unfernen Tage seiner Abreise von der Universitat entgegen, als ganz unerwartet ein vom General abgesandter Eilbote erschien, mit dem Auftrage, ihn zur moglichsten Beschleunigung seiner Ruckkehr in die Heimath zu mahnen. Dieser an sich hochst willkommne Befehl seines Oheims uberraschte dennoch Adelberten, besonders da der in hochster Eil abgesandte Bote ihn durchaus nichts naheres daruber zu sagen wusste. Adelbert eilte rastlos Tag und Nacht, bis er das Schloss seines Oheims erreichte. Dort fand er den edlen Greis gerustet, um in den Kampf gegen die Feinde zu ziehen, deren Horden damals aufs neue unser Vaterland zerstorend zu uberschwemmen drohten. Ob Adelbert ihn auf diesem Zuge begleiten wurde, blieb nicht die Frage eines einzigen Augenblicks; der General hatte schon alles dazu vorbereitet, der nachste Morgen war zur Abreise bestimmt, und beiden Liebenden blieb nur dieser einzige Abend zum Wiedersehn und zum Scheiden.

Schweigend betrachteten sie einander in der Stunde des Wiedersehns. Mit sussem Errothen schlug Herminie die langen seidnen Augenwimpern nieder vor den liebegluhenden Blicken des hoch und schon vor ihr stehenden, zum Mann heranbluhenden Junglings, wahrend dieser, verloren in Entzucken, den unbegreiflichen Zauber anstaunte, welchen drei kurze Jahre hier geubt hatten. Die Stunde der Trennung schlug unter den heiligsten Schwuren ewiger Liebe in Noth und Tod. Bewusstlos sank Herminie aus Adelberts Armen in die ihrer Mutter, wahrend er die glanzenden Augen seitwarts wendete, indem er sein Ross bestieg, damit keiner der alten Krieger, die mit ihm und seinem Oheim auszogen, die still uber seine Wange hinrollende Thrane gewahren moge.

Von neuem begann der Briefwechsel der Liebenden. Herminie lebte nur mit der Feder in der Hand, Adelbert verwandte fur sie jede freie Minute, bis die immer steigenden Unruhen des Krieges alle Moglichkeit einer freien Mittheilung vernichteten. Ungluck haufte sich auf Ungluck, Jammer auf Jammer.

Nach der Schlacht bei E..... blieb Adelbert unter den Todten liegen, und ward nur durch ein halbes Wunder vom lebendig Begrabenwerden gerettet. Als Kriegsgefangner wurde er in ein Hospital gebracht. Seine Jugendkraft liess ihn die Behandlung der franzosischen Wundarzte uberleben. Nach abgeschlossnem Frieden erschien sein Oheim selbst, ihn abzuholen. Traurig wandten sich beide der Heimath zu, aber die Hoffnung, Herminien dort zu finden, glanzte wie ein heller Stern dem alten wie dem jungen Krieger durch die dunkle Nacht der Trauer, die jede andre Hoffnung ihnen verhullte. "Herminiens sanfte Hand wird unsre Wunden heilen, sie wird kunftig dich fuhren, dich stutzen, armer Adelbert," sprach der General, wenn er den Gelahmten sich muhsam an Krucken forthelfen sah. "Jetzt in einer Stunde sehen wir sie wieder," sprach er endlich.

Aber sie fanden sie nicht. Ihr Schloss war ode und leer, ihre Eltern waren mit ihr, aus Furcht vor den auf dem flachen Lande sich immer weiter verbreitenden Unruhen des Krieges, in eine ziemlich entfernte Residenz gezogen, man wusste nicht, ob und wenn sie wiederkehren wurden.

Nach wenigen, der nothwendigen Erholung vergonnten Stunden, sassen Adelbert und der General wieder im Wagen auf dem Wege zu ihr. Kein Zweifel an Herminiens Treue kam in ihnen auf. Adelbert dachte nur ihre Freude, ihn lebend wieder zu sehen. Dass der Arm, den er noch in der Binde trug, der gelahmte Fuss, das bleiche Gesicht, die nach der langen Krankheit nur sparlich es umwehenden Locken Herminien von ihm zuruckscheuchen konnten, fiel ihm nicht ein. "Sie wird dich um so mehr lieben, jemehr du ihrer Hulfe bedarfst," sprach der General, "denn die Weiber sind alle Engel des Trostes in Menschengestalt, sie sind am glucklichsten, wenn sie etwas zu pflegen und zu heilen haben."

Sie kamen an. Wie wenig glich dieses Wiedersehen dem vorigen! Herminie erbebte, sichtbar erschrocken uber Adelberts Anblick; sie wollte sich uberwinden, man sah deutlich, wie sie sich deshalb Gewalt anthat, aber sie vermochte es doch nicht, den Entstellten anders als mit heissen Thranen, mit bittern Klagen uber dieses Geschick zu empfangen, und keine Sylbe verrieth ein frohes Gefuhl uber sein wunderbar gerettetes Leben. Auch Adelbert fand Herminien verandert. Zwar stand sie im sorgsam gewahlten schimmernden Putz fast reizender noch vor ihm, als da er sie verliess, aber ihre Erscheinung hatte etwas fremdartiges, etwas theatralisches angenommen, wovon bei dem einfachen Landmadchen sonst keine Spur zu finden gewesen war, und Tanzmeister-Kunste suchten die Stelle der naturlichen, alle Herzen gewinnenden Anmuth zu ersetzen, welche ehedem jede ihrer Bewegungen begleitet hatte.

Adelbert ward tief betrubt uber diese, in so kurzer Zeit aus dem Gerausch des Stadtlebens hervorgegangnen Verwandlung der Vielgeliebten, aber er blieb doch noch immer ihr eigen, und trostete sich mit schonen Hoffnungen von der Zukunft. "Gewiss sie kehrt zuruck, gewiss sie wird wieder, was sie war, wenn wir erst dem Gewuhl glucklich entgangen sind, welches jetzt durch seine Neuheit sie betaubt." Mit diesen Worten suchte er oft sich und seinen Oheim zufrieden zu sprechen. Plotzlich aber zerstorte Herminiens Mutter jede Hoffnung, indem sie mit der Erklarung hervortrat, dass ihre Pflicht ihr nicht erlaube, die junge schone Herminie fur ihre ganze Lebenszeit zur Krankenwarterin auf einem Dorfe zu verurtheilen, dass Herminie selbst ihre Kraft einem solchen Opfer nicht gewachsen fuhle, und dass sie deshalb sich gezwungen sahe, das fruher unter gunstigern Aussichten gegebne Versprechen zuruckzunehmen. Adelbert verlor bei dieser Erklarung alle Besinnung, aber der General bestand darauf, sie von Herminien selbst bekraftigen zu horen, und als diess, obgleich unter Thranenstromen und mit vielen schonen Worten, dennoch wirklich geschah, da blieb dem edlen Greise nichts weiter ubrig, als seinen unglucklichen Adelbert an seine vaterliche Brust zu nehmen und mit ihm hinaus zu fahren in die Welt. Wenige Wochen darauf kam die Nachricht, dass Herminie einem der Angesehensten aus Napoleons Gefolge ihre Hand gegeben habe, und sich mit ihm auf dem Wege nach Paris befinde. Nicht in so zusammengedrangter Kurze, sondern in wechselndem Gesprach, belebt durch mehrere Nebenumstande, die hier wegbleiben mussten, hatte Adelbert die Geschichte seiner Leiden Gabrielen anvertraut. Vertieft in klagender und trostender Rede und Gegenrede, mochten beide wohl lange neben einander gesessen haben, ohne den Blick ins Freie zu wenden, als ein heftiger Donnerschlag sie plotzlich aufschreckte. Ein schweres Gewitter war mit der in Gebirgen nicht ungewohnlichen Schnelle, von ihnen unbemerkt, heraufgezogen, und entlud sich jetzt gerade uber ihren Hauptern in schmetternden Donnerschlagen, in unzahligen, einander durchkreuzenden, gelben, zischenden Blitzen. Heulender Sturm durchtosete die Wipfel der Baume, laut krachte der Fall einzelner Tannen durch den Wiederhall des Donners, bis endlich, gleich einem Wolkenbruch, mit wildem Brausen herabstromender Regen den allgemeinen lauten Aufruhr der Natur allmahlig beschwichtigte.

"Und unsre Freunde oben auf dem Gipfel des unwirthbaren Berges, ohne alles Obdach, dem Zorn der Elemente ausgesetzt!" rief klagend Gabriele. "Gewiss sind sie langst im Schutz einer Bauerhutte am Fusse des Berges," erwiederte trostend Adelbert, "das Gewitter konnte sie auf der Hohe, auf welcher sie sich befanden, nicht so hinterrucks uberschleichen als uns. In der That," setzte er nach einem Blick auf seine Uhr etwas verlegen hinzu "in der That, obgleich ich die Moglichkeit davon nicht begreife, aber ich muss glauben, dass alle langst zu Hause angelangt sind und nun um uns in der grossten Sorge schweben, denn die Mittagsstunde ist eigentlich schon lange voruber. Die engelgleiche Gute, mit der Sie, mein Fraulein! einem Unglucklichen den Trost freundlicher Theilnahme gewahrten, hat uns die Stunde vergessen lassen. Wir sind viel langer hier geblieben, als wir es dachten oder eigentlich sollten."

Gabriele blickte angstlich hinaus ins Freie, der Regen stromte zwar minder heftig, aber um so eindringender, Wege und Fusspfade glichen rieselnden Bachen. Sie sprach kein Wort, aber Adelbert bemerkte nur zu deutlich, wie der Gedanke an Frau von Willnangen und Augusten sie mit banger Sorge erfullte. "Was fangen wir nun an?" seufzte sie endlich mit einem Blick auf ihre seidnen Schuhe. "Der Arzt hat mich besonders vor aller Erkaltung gewarnt." "Ach! wie frohlich, wie leicht, liebes Fraulein! hatte ich Sie ehemals auf meinen Armen hinunter getragen!" rief Adelbert, und blickte traurig und finster auf seine Krucke. "Jetzt, ich muss es Ihnen leider gestehen, jetzt konnte ich Sie auf diesen schlupfrig gewordnen Pfaden, ohne eine festere Stutze als diese, nicht einmal hinunter begleiten, selbst wenn der Regen nachliesse. Hatte ich es ahnen konnen, dass ich noch heute die erste Stunde des Trostes, seit ich alles verlor, so bitter bereuen wurde! Aber so will es das jammervolle Loos, das mir zu Theil ward," setzte er im finstersten Unmuth hinzu.

"Briccone maledetto! Verwunschter Taschenspieler! Damn'd Juggler!" erscholl es in diesem Augenblick dicht neben ihnen, und eine wunderliche ganz durchnasste Gestalt schlupfte in den Tempel hinein, ohne die schon Anwesenden sogleich zu bemerken, warf dann einen ungewohnlich dicken keulenartigen Stock von sich und arbeitete darauf mit Zahnen und Nageln an dem Knoten eines Bandes, welches ein kleines braunes Packchen zusammen hielt. Dabei schimpfte der neue Ankommling in einem weg und in verschiednen Sprachen, bald auf den Knoten, bald auf den Regen.

Adelbert und Gabriele betrachteten, hochst verwundert, die sonderbare Gestalt. Nach seinem Aeussern zu urtheilen, hatte man den Fremden fur einen Taschenspieler oder fur den Pagliasso einer herumziehenden Seiltanzerbande halten konnen, und doch lag etwas in der Art, mit der er Adelbert und Gabrielen, ihrer gewahr werdend, begrusste, das eine feinere Bildung verrieth. Seine vom Regen triefende Kleidung bestand aus einer kurzen Jacke und weiten wunderlichen Pantalons von weissem buntstreifigem Leinenzeuge, in Schuhen von gelbbraunem Leder, Kamaschen von Nanking und einem grossen Strohhut mit breitem Rande und flachem Kopf. Eigentlich war er ziemlich treu nach Ebels Vorschrift fur Reisende in der Schweiz gekleidet, was aber hier in Bohmen und zu seiner kurzen gedrangten Gestalt sich sehr lacherlich ausnahm, besonders da er wenigstens funfzig Jahre alt zu seyn schien.

Eines der gewohnlichen Gesprache, wie man sie in ahnlichen Fallen zu fuhren pflegt, entspann sich jetzt zwischen Adelbert und dem Fremden, der dabei unermudet, aber mit allen Zeichen der hochsten Ungeduld, daran arbeitete, den Knoten zu losen, welchen er dabei immerfort und in allen moglichen europaischen Sprachen halb laut vermaledeite.

"Merce di Dio!" rief er endlich, denn der Knoten war plotzlich aufgegangen. "Mais voyez, monsieur! sehen Sie nur, ob es nicht zum Verzweifeln war," sprach er zu Adelberten, der verwundert auf den Inhalt des Packchens blickte; "Vraiement c'etoit fait pour enrager. Gestern lasse ich mir von einem herumreisenden Physiker im Alexandersbad lehren einen Knoten zu schlingen, der fester als alle Schlosser ist, weil er nur der Hand des mit dem Geheimniss Bekannten weicht, ich knupfe meinen Regenmantel, my Patent cloak, den ich immer mit mir trage, auf diese Weise zu, und jetzt, da mich der Platzregen uberrascht, habe ich Ungluckseliger die Losung des Knotens vergessen. Ich habe einen Mantel in der Hand, mit dem ich unter dem Staubbach hingehen konnte, ohne dass mir ein Tropfen Wassers an die Haut kame, und muss mich durchregnen lassen. No it is too bad, too bad; es ist zu toll."

Wahrend der Zeit zog er den Regenmantel von dunnem durchsichtigem Wachstaffet an, setzte eine gleiche von allen Seiten herabhangende Kapuze auf den Kopf, und sah in dieser Vermummung noch viel abentheuerlicher aus als zuvor, fast wie ein in Bernstein inkrustirter Kafer. "Konnte ich mich nur auf das Geheimniss des heillosen Knotens wieder besinnen," murmelte der Fremde vor sich hin, ich muss es doch zufallig getroffen haben, weil er aufsprang." Dabei arbeitete er wieder aufs emsigste und mit grosser Anstrengung an dem dicken Stock, den er beim Eintritt weggeworfen, hernach aber wieder hervorgesucht hatte, bis es ihm gelang, ihn auseinander zu schrauben und in mehrere Stucke zu zerlegen. "Oserois-je Madame, Ihnen diesen Patent Umbrello zum Heimgehen anzubieten?" sprach er zu Gabrielen, indem er ihr einen sehr zerbrechlichen Regenschirm, ebenfalls mit Wachstaffet uberzogen, darreichte, den er aus einem Theil seines Stocks zusammengesetzt hatte. "Avouez, que c'est l' invention la plus belle, la plus commode, enfin es giebt nichts bequemers," sprach er weiter, indem er aus vier dunnen Messingstabchen und einem Stuckchen Leinen eine Art von kleinem Feldstuhl zusammenfugte und Gabrielen nothigte, sich darauf zu setzen. "Sehen Sie," sprach er mit sehr grosser Selbstzufriedenheit, "so trage ich in diesem Stock gleichsam ein kleines Haus mit mir, das mir selbst auf den hochsten Bergen Schutz gegen die Witterung und einen bequemen Ruhesitz gewahrt. Das Futteral, welches Schirm und Sessel beherbergt, dient mir obendrein nicht nur zum Wanderstab, sondern auch zum Fernrohr, wenn ich die dazu gehorigen Glaser hineinschraube, und ich denke nur noch auf eine Vorrichtung, um diesen Stuhl zu einem vollstandigen Fauteuil zu vervollkommnen."

Der Regen horte endlich auf und der wunderliche Fremde erbot sich auf die gutmuthigste Weise, Adelberten auf dem Wege nach Karlsbad zum Fuhrer zu dienen. Dabei bedauerte er nur, dass diesem nicht das gelahmte Bein bis an das Knie abgenommen sey, ohnerachtet ihm Adelbert wiederholt versicherte, dass er hoffe, nicht zeitlebens lahm zu bleiben. "N' importe," sprach der Fremde, "ich konnte Ihnen ein ganz vortreffliches holzernes Bein verschaffen, Sie sollten damit gehen, reiten, sogar tanzen konnen, il n' y a rien de plus beau et de plus commode au monde, indessen kommen Sie nur, ich will Sie gewiss nicht fallen lassen." Adelbert dankte ihm lachelnd, und ausserte zugleich die Besorgniss, dass seine Begleiterin in ihren seidnen Schuhen wohl schwerlich wurde den Weg zu Fuss machen konnen. "Ah Cospetto di bacco!" rief der Fremde, "warum habe ich nicht ein einzigs Paar der Pattens der Dutchess of Devonshire bei mir! Auf diesen zierlichen Kothurnen konnte das Fraulein gerade durch einen Bach gehen, ohne nass zu werden; sie sind die allervortrefflichste Erfindung" "Ich erkenne hochst dankbar Ihre Gute, mit der Sie wunschen mir helfen zu konnen," unterbrach ihn Gabriele. "Da es indessen auf diese Weise nicht moglich ist, so wage ich es, Sie zu bitten, die Meinigen bald moglichst zu beruhigen, die gewiss um mich in der grossten Besorgniss sind. Haben Sie die Gefalligkeit, Frau von Willnangen im steinernen Hause auf der Wiese aufzusuchen, und ihr zu sagen, dass Gabriele von Aarheim"

"Aarheim? Sie sind ein Fraulein von Aarheim? Aarheim? von Schloss Aarheim?" rief im grossten Entzucken der Fremde, "mais permettez que je vous embrasse, mon aimable petite Cousine, ich bin Ihr Vetter, Ihr nachster Verwandter, Moritz von Aarheim, Ihr Vater und ich sind Cousins a la mode de Bretagne. Ihr Aelter-Vater war der Bruder meines Grossvaters. Haben Sie denn nie von mir sprechen gehort?"

"Mein Vater lebt so fern von der Welt," stotterte Gabriele etwas erschrocken. "Es ist wahr, das thut er," erwiederte Moritz von Aarheim, "ich habe ihm einmal vor vielen langen Jahren geschrieben, er hat mich aber keiner Antwort gewurdigt. Mais je ne lui porte pas rancune, seine Tochter ist die Krone unsers alten Geschlechts, and I forgive him. Ich will ihn besuchen, den alten Herrn, ich habe mich schon nach ihm erkundigt, ich hore, er beschaftigt sich mit alchymistischen Untersuchungen der Farbestoffe. Ich habe die gottlichsten Vorschriften zum Farben aus England mitgebracht, auch aus der Turkei habe ich deren mir zu verschaffen gewusst, er soll sie alle haben, er hat zwar auf meinen Brief nicht geantwortet, but I do not care for it, er soll sie doch haben."

So schwatzte Moritz von Aarheim noch lange fort, und legte dabei seine Freude uber Gabrielen in fast allen lebendigen Sprachen an den Tag, bis ihm plotzlich der Nachtheil einfiel, der aus diesem langen Verweilen in der feuchten Luft fur Gabrielens Gesundheit entstehen konnte. So schnell als moglich eilte er nun fort, auch wahrte es nicht lange, bis der General Lichtenfels und Ernesto mit einer Sanfte fur Gabrielen im Tempel anlangten, um das dorthin vom Sturm verschlagne Paar heim zu geleiten. Gabriele fand bei ihrer Nachhausekunft den neuen Vetter so eingewohnt, als ware er Zeit seines Lebens der vertrauteste Freund der Frau von Willnangen gewesen. Alle Tische und Stuhle in ihrem Zimmer waren mit kleinen Modellen und Zeichnungen von neuen Erfindungen belastet, deren Erklarung und Nutzen er dem altern Herrn von Wallburg auf das eifrigste zu demonstriren suchte. Die Damen und Leo hielten sich dabei in einiger Entfernung, um nicht an dem Streite Theil zu nehmen, der sich zwischen jenen beiden schon entsponnen hatte, denn Herr von Wallburg war der abgesagteste Feind aller Neuerungen. Gabrielens Erscheinung machte indessen dem Zwist ein Ende. Moritz von Aarheim liess alles im Stich, um seiner neugefundenen Kusine unter einem halben Dutzend Flaschchen mit Praservativen gegen Erkaltung die Auswahl anzubieten, und suchte auf alle Weise sie zu bewegen, wenigstens aus einem derselben ein paar Tropfen zu nehmen. Sein zudringliches Bitten hatte zwar etwas ungemein Lastiges, so wie im Grunde auch sein ganzes ubriges Betragen, aber es lag auch wieder etwas so ausgezeichnet Gutmuthiges selbst in dieser Zudringlichkeit, dass es Gabrielen wirklich schwer ward, ihm seinen Wunsch nicht zu gewahren.

Mehr aber als alles ubrige war ihr der vertrauliche Ton unangenehm, zu welchem er als ein naher Verwandter gegen sie berechtigt zu seyn glaubte, und es ward ihr beinah unmoglich, sich daran zu gewohnen, noch unmoglicher, ihn zu erwiedern. Nie zuvor war es ihr eingefallen, dass sie, ausser der Grafin Rosenberg und Aurelien, noch Blutsverwandte in der Welt haben konne, nie hatte sie solche nennen horen, und nun kam gerade eine der lacherlichsten Erscheinungen und wollte Familienverbindungen geltend machen, welche sie kaum im Stande war zu begreifen.

Den durchnassten Schweizeranzug hatte Herr von Aarheim zwar abgelegt, und alles, was er jetzt trug, war wirklich so neu und elegant als moglich, aber er sah deshalb nicht minder abenteuerlich aus. Seine Kleidung war wie seine Sprache, allen Nationen abgeborgt; kein Stuck seines Anzugs passte zu den ubrigen, alle aber verdankten der aller neuesten und dabei barocksten Erfindung ihren Ursprung. Auch seine Bewegungen hatten etwas unstates, das mit seinen grauen Haaren und seiner ganzen Gestalt auf eine widerliche Weise kontrastirte. Uebrigens waren die Zuge seines Gesichts nicht unangenehm und wurden zuweilen durch einen gewissen Ausdruck von treuherzigem Wohlwollen sogar recht leidlich. Da er im Gesprach immer von einem Gegenstand zu dem andern uberging, ohne sich und andern zum gehorigen Auffassen eines einzigen Zeit zu lassen, so war sein Umgang hochst ermudend, und der ganze Kreis ware seiner gewiss sehr uberdrussig geworden, wenn er langere Zeit in Karlsbad verweilt hatte. Aber er eilte schon am dritten Tage zum kunstliebenden Scharfrichter nach Eger, den er durchaus sprechen zu mussen behauptete, obgleich er sich augenscheinlich hochst ungern so schnell von Gabrielen trennen mochte. Er verliess sie mit der Erklarung, dass er sie auf Schloss Aarheim wieder zu sehen gedenke, und wollte sich durchaus nicht daran kehren, dass ihr Vater keinen Besuch annahme. Er war auf jeden Fall uberzeugt, dass er ihm mit den englischen und turkischen Farbengeheimnissen willkommen ware, wenn jener auch ihre nahe Verwandtschaft bei der Annahme seines Besuchs nicht in Betracht ziehen wollte. Uebrigens hielt ihn ein innres Zartgefuhl ab, Gabrielen zu gestehen, dass er des Freiherrn nachster Agnat und der kunftige Besitzer von Schloss Aarheim sey, der als solcher doch einigermaassen sich berechtigt glauben konnte, bei seinem Verwandten, den er nie beleidigt hatte, vorgelassen zu werden. Ganz nahe den die Gesellschafts-Sale von Karlsbad umgebenden Alleen steht eine der Madonna geweihte kleine Kapelle zwischen hohen Baumen und dichtem Gebusch. Die Madchen und Frauen der Umgegend schmucken das in ihr wohnende freundliche Muttergottesbild mit dem Schonsten, was sie nur aufzubringen wissen. Nie mangelt es ihm an strahlenden Flittern, an schonen Bandern und Perlen. Frische Blumenstrausse duften jeden Morgen auf dem kleinen Altar, so lange die Jahreszeit diess vergonnt, und an jedem Abend werden helle Kerzen vor dem Bilde angezundet, von denen oft ein funkelnder Strahl durch das dichte Laub bis mitten in die frohlichen Kreise der vornehmen Welt den Weg findet, und auch da manches stille fromme Herz mit heiliger Sehnsucht erfullt. Sobald der Abend hereinbricht, bevolkert sich der kleine Betstuhl vor dem Bilde mit Andachtigen; grosstentheils sind es Weiber und Madchen aus den umliegenden Dorfern, die von der Arbeit kommen und zuvor an dieser heiligen Statte ihr Abendgebet verrichten, ehe sie heimkehren.

Auch Gabriele weilte oft und gern bei der kleinen Kapelle. Wenn fruhere Schmerzen sich wieder regten, wenn Ergebung, Hoffnung und die schwer errungne Ruhe des Gemuths im Gerausch ihr fremder werden wollten, dann fluchtete sie sich hierher und kehrte nach kurzem Verweilen immer mit einer Brust voll Frieden zu ihren Umgebungen zuruck. Die unerwartete Ankunft ihres Vetters, die unruhige Bewegung, in welche alles um sie her wahrend der Zeit seines Dableibens gerieth, und nun zuletzt noch sein sehr tumultuarischer Abschied und seine Abreise machten ihr am Abende nach letzterer eine einsame Stunde hochst wunschenswerth. Ohnehin waren diessmal die Stunden nach Sonnenuntergang zu der jungsthin verabredeten allgemeinen Versammlung in einem der Sale bestimmt, und Gabriele wusste wohl, dass sie alle ihre Freunde beunruhigen und betruben wurde, wenn sie nicht dabei erschien. Daher fluchtete sie sich eben, als die Sonne hinter die Felsen zu sinken begann, zu dem Ort, an welchem sie schon oft Trost und Beruhigung fand, um sich fur das Gerausch der nachsten Stunden in ruhiger Stille zu erholen, zu starken und zu sammeln. Sie traf nur eine einzige, auf ihren Knien in tiefer Andacht hingesunkene Beterin in der Kapelle, und schlich sich leise an die andre aussre Ecke des Betstuhls, um durch ihre Gegenwart so wenig als moglich storend zu werden.

Lange hatte sie sich nicht so durchaus beklommen, so recht innerlich betrubt gefuhlt als heute. Durch Adelberts Erzahlung seines unwurdigen truben Geschicks war nicht nur ihr warmstes Mitgefuhl in Anspruch genommen worden, es hatte solche auch alle ihre eignen Schmerzen und Sorgen wieder angeregt. Ottokars Bild stand seitdem lebendiger als je wieder vor ihrem Geist, begleitet von einer dustern bangen Ahnung, die ihr weder Rast noch Ruhe liess, und sie um so mehr beangstigte, je undeutlicher und verworrner die Vorstellungen waren, durch welche ihr aufgeregtes Gemuth sich mit Grausen erfullte.

In der Kapelle ward ihr indessen bald ruhiger zu Muthe. Die Stille des Orts, die Abendsonne, welche zwischen dem hohen Gezweige der ihn umgebenden Baume hindurch ihre goldnen Lichter auf das Marienbild streute, stimmten sie zu susser seliger Wehmuth. Bald erleichterten Thranen ihr gepresstes Herz, sie weinte recht herzlich, ohne doch eigentlich zu wissen, wem ihre Thranen flossen; aber sie fuhlte, dass sie ihr unendlich wohl thaten.

"Gelobt sey Jesus Christus!" Mit dieser in Karlsbad gewohnlichen Begrussung horte sie sich plotzlich von der Frau angeredet, die vorhin in der Kapelle gebetet hatte und jetzt dicht neben ihr stand. "In Ewigkeit!" erwiederte Gabriele und stand auf, um sie an sich vorbei gehen zu lassen; aber die Frau ging nicht, sondern begrusste Gabrielen nochmals mit dem zweiten, in Karlsbad ublichen Gruss: "Gott schenk Euer Gnaden die Gesundheit!"

"Ich danke euch, gute Frau!" sprach Gabriele, und blickte etwas verwundert auf. Ihr Auge traf in das fromme, stille, halb erloschne Auge eines uralten, armlich, aber hochst reinlich gekleideten Mutterchens mit schneeweissen, glatt gekammten Haaren, das mit unaussprechlicher Freundlichkeit sie betrachtete. "Ihr habt recht andachtig gebetet, fromme alte Mutter! euch muss Gott erhoren; gedenkt auch meiner kunftig in eurem Gebete!" mit diesen Worten reichte Gabriele der Alten eine Gabe.

"Das will ich," antwortete die Frau in einer diesen Gegenden fremden Mundart, "recht herzlich will ich fur Sie beten, aber nicht um ihres Geschenks willen. Doch nehme ich es gern, Sie sind reich und gut, und ich will meinen Urenkelchen eine Freude damit machen."

"Fur diese Urenkelchen habt ihr auch wohl hier gebetet?" fragte Gabriele.

"Alle Tage bete ich fur sie und segne sie," war die Antwort; "aber nicht hier, hier bete ich weder fur mich noch die Meinen, nur fur Einen, den ich nicht einmal zu nennen weiss. Aber Gott kennt ihn und hat den Nahmen in sein Buch geschrieben; Er weiss, wen ich in meiner Einfalt meine, und wird mich wohl erhoren. Liebes gnadiges Fraulein!" fuhr die Alte fort, indem sie sich neben Gabrielen setzte, "halten Sie mirs zu gut. Als ich Sie vorhin so jung, so schon, so vornehm und so reich und doch so herzlich betrubt weinen sah, da konnte ich nicht anders, ich musste mich zu Ihnen stellen und mit Ihnen zu reden suchen. Glauben Sie mir nur, Gott wird seinen Engel senden, Sie zu trosten, wenn es Zeit ist, bleiben Sie nur in der Geduld und in der Hoffnung. Hat er ihn doch auch mir gesendet, als meine Margarethe gestorben war und ich deshalb zu meinem Sohn nach Bohmen wandern musste. Da blieb ich in einem wild fremden Lande, von aller Welt verlassen, in Todesnothen auf freiem Felde liegen, rings um war es Nacht und kalt, ich konnte die Lippen nicht mehr regen und betete nur noch innerlich: "Vater unser, der du bist im Himmel," und er horte mich doch und sandte den Retter."

Freudiges Schrecken durchrieselte Gabrielen bei diesen Worten; sie fragte, die Frau antwortete, und bald fand es sich, dass es so sey, wie sie es geahnt hatte. Es war die nehmliche alte Mutter, welche Ottokar vor ungefahr Jahresfrist vom Verschmachten gerettet hatte. Mit heissen Freuden-Thranen fiel Gabriele ihr um den Hals.

"Er ist Ihnen wohl nahe verwandt?" fragte die Frau.

"Ja wohl verwandt! nahe verwandt!" erwiederte Gabriele," die nassen Augen gen Himmel gerichtet.

"Das hatte ich gleich sehen konnen, dass Sie Schwester und Bruder sind, Sie sind beide so gut und so schon. Sagen Sie Ihrem Bruder doch, wenn Sie ihn sehen, wie seine Wohlthat mir Segen gebracht hat, ich denke, es muss ihn freuen, wenn er es hort. Ueberall fand ich weiterhin gute Seelen, die sich einer armen alten Mutter annahmen, und so habe ich von seinem Gelde so viel erubrigt, dass ich meinem Aloys eine Kuh kaufen konnte. Und nun lebe ich bei ihm und meinen Enkeln und Urenkeln dort unten im Dorfe. Aber alle Abende steige ich hier herauf, sobald es Vesperzeit wird, im Winter und Sommer, im Regen, im Schnee, im Sonnenschein, nichts halt mich ab, denn ich habe ein Gelubde gethan und das will ich halten, so lange Gott mir die Krafte verleiht. Hier bete ich immer einen Rosenkranz fur meinen Erretter und empfehle ihn dem Schutz aller lieben Heiligen, besonders der heiligen Jungfrau, denn so habe ich es gelobt. Lieber Gott, denke ich, er ist zwar ein Engel an Gute, aber doch ein junger, reicher, vornehmer Herr. Da kann es wohl geschehen, dass solch ein junges Blut mitten im Vergnugen einmal das Beten vergisst, und mein einfaltiges Gebet kommt doch aus treuem Herzen, das muss ihm frommen, wo er auch seyn mag."

"Wo er auch seyn mag! wo er auch seyn mag! O gute Mutter, vergiss ja nie dein Gelubde und gedenke auch meiner, wenn du fur ihn den Himmel anrufst!" Mit diesen, in hoher Bewegung ausgesprochnen Worten druckte Gabriele der Alten ihr Taschenbuch mit Bankzetteln in die Hand und eilte mit verhulltem Gesicht ihrer Wohnung zu.

Jetzt war es ihr unmoglich geworden, noch heute den Abendzirkel zu besuchen, und Frau von Willnangen, der sie mit wenigen Worten das Vorgefallne mittheilte, war auch sehr bereit, sie zu entschuldigen. Allein in ihrem Zimmer gab sie sich ganz den Erinnerungen hin, welche der Anblick jener Frau aufs neue belebt hatte. Jede in Ottokar's Nahe verlebte Stunde ging in ihrem Geiste voruber, vor allen die erste, in der sie ihn sah, ohne ihn nennen zu konnen, und dann die letzte entscheidende.

Die Sonne war untergegangen, tiefe Dammerung, gemildert durch das Licht des eben aufsteigenden Mondes, erfullte das Zimmer; noch immer sass Gabriele sinnend und im Aeussern regungslos da, obgleich sie innerlich bei jedem auch noch so leisem Gerausch zusammenzuckte, denn ihr war als durfe sie jetzt auch ihn erwarten, ja als musse Ottokar in der nachsten Sekunde hereintreten, so sehr hatte die Erscheinung der Alten ihr die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht. Annette, die schon lange aus dem Nebenzimmer jede Bewegung ihrer jungen Herrin beobachtet hatte, wagte es endlich, sich ihr zu nahen; mit bittender Geberde legte sie ihr die Harfe in den Arm und kniete dann neben ihr hin.

"Gutes Kind! dein Herz sagt dir, was mir frommt," sprach Gabriele, indem sie liebkosend ihre Locken beruhrte. Dann stimmte sie die Harfe und sang ein Lied, welches Allwill ihr einst auf ihre Veranlassung gedichtet hatte.

Sie sieht mich nicht!

Ich sehe ewig Sie,

Und wenn auch meine Augen einst erblinden,

Mein Geist wird dieses theure Bild doch finden,

Auch wenn ich dahin flieh,

Wo ausglimmt alles Licht.

Sie hort mich nicht!

Ich hore ewig Sie!

Von sussen Lippen flossen Geister-Worte,

Die mich ergriffen, leise Mollakkorde;

D e r Ton erstirbt mir nie,

Wenn auch kein Laut mehr spricht.

Beklagt mich nicht,

Dass ferne, ferne Sie;

Bin ich nicht glucklich, ewig Sie zu lieben?

Mein war Sie, mein fur immer ist geblieben,

Was Leben mir verlieh

Und auch der Tod nicht bricht.

Da offnete sich leise die Thure, und eine im Dunkel kaum erkennbare weibliche Gestalt trat herein, ein paar Schritte brachten sie naher. "Erschrick nicht vor mir, meine Gabriele," sprach eine liebe bekannte Stimme, ein paar Arme breiteten sich aus, und Gabriele sank mit einem freudigen Schrei an das treue Herz ihrer Dalling.

"Kehrt denn alles, alles heute wieder, was fruher mich begluckte? auch du, auch du?" rief sie im frohen Taumel des Wiedersehens, wahrend Frau Dalling mit Erstaunen die unglaubliche Veranderung bemerkte, die in der kurzen Zeit mit Gabrielen vorgegangen war. Statt des kaum der Kindheit entwachsenen, bleichen Madchens, welches sie verlassen hatte, fand sie jetzt Augustens, ihrer Mutter, verklartes, verschonertes Bild in der Pracht eben erbluhender Jungfraulichkeit und wusste kaum, wie sie es anfangen solle, um Gabrielen mit aller der mutterlichen Liebe zu umfangen, die sie im Busen trug, ohne doch die Ehrfurcht zu verletzen, welche diese hohe, schone Erscheinung von ihr zu fordern berechtigt schien. Wahrend die beiden wieder Vereinten im ersten freudigen Taumel ein fast unverstandliches Gesprach mit einander fuhrten und Fragen und Antworten auf die wunderlichste Weise durch einander wirrten, kehrten auch Ernesto, Frau v. Willnangen und Auguste aus der Gesellschaft wieder nach Hause.

Niemand hatte an diesem Abende sonderliche Freuden gefunden. Was der General vorher gesagt hatte, war zum Theil eingetroffen, uberall hatte es an jemanden gefehlt, der es ubernehmen wollte, durch innern Zusammenhang diese Versammlung zu einer Gesellschaft zu bilden. Einige der Anwesenden waren in stummer Unbehulflichkeit neben einander stehen geblieben, andre hatten sich mit ihren Bekannten flusternd berathen, was denn eigentlich hier vorgehen solle, nur wenigen war der feinere geselligere Zweck dieser Zusammenkunft klar geworden, und diese wenigen hatten sich sogleich dem eigentlichen Kreise der Frau von Willnangen anzuschliessen gesucht, ohne sich um die weiter zu bekummern, welche sich in verlegner oder stolzer Entfernung hielten. Ungeduld trieb endlich den Kapellmeister an das verstimmte Fortepiano, Allwill brachte in der Noth gesellige Spiele in Vorschlag, zuletzt wurden glucklicherweise die Musikanten von der ungewohnten Erleuchtung herbeigezogen und spielten ein paar Walzer auf, mit denen die geselligen Freuden dieses Abends sich endigten.

Jubelnd und frohlich, wie ein Kind, fuhrte Gabriele die sorgsame, treue Pflegerin ihrer ersten Jugend ihren Freunden zu, und war nun doppelt froh, bei jenem verungluckten Versuche zur Beforderung der Geselligkeit nicht gegenwartig gewesen zu seyn.

Ein Ungluck weissagendes Gefuhl ergriff Frau von Willnangen, als sie Frau Dalling erblickte, aber sie schwieg davon, denn sie sah deutlich, wie es Gabrielen noch gar nicht eingefallen war, dass diese ihr so liebe Erscheinung ihr dennoch unheilbringend seyn konne. Auch Frau Dalling schien uber das Wiedersehen ihres theuren Kindes den eigentlichen Zweck ihrer Sendung ganz vergessen zu haben. Sie konnte kein Auge von Gabrielen wenden. In der einen Minute schalt sie sich, dass sie die zu ihrer Gebieterin herangewachsene Jungfrau noch immer wie ein Kind behandle, in der nachsten nahm sie sie wieder liebkosend an ihr Herz und nannte sie mit allen den tandelnden Namen, die sie ihr sonst gegeben hatte, als sie sie noch auf ihren Armen trug. So verging die ubrige Abendzeit. Frau Dalling ward spaterhin sichtbar ernst, wie jemand, dem etwas trauriges, das er vergass, plotzlich wieder einfallt; aber ein bittender Wink der Frau von Willnangen bestimmte sie, ihren Liebling noch diese Nacht dem ungestorten Schlummer zu uberlassen, dessen Gabriele nach den mannigfaltigen Begegnissen des Tages augenscheinlich hochst bedurftig war. Erst nachdem diese mit Augusten das Zimmer verlassen hatte, um sich zur Ruhe zu begeben, kam der eigentliche Zweck zur Sprache, welcher Frau Dalling nach Karlsbad gefuhrt hatte. Frau v. Willnangen hatte in ihren Vermuthungen nicht geirrt, sie kam, um Gabrielen auf das schleunigste zu ihrem Vater zu geleiten, der ohne eigentlich gefahrlich krank zu seyn, doch hochst angstlich nach seiner Tochter verlangte. Kurze Zeit vor der Ankunft der Frau Dalling in Karlsbad sass der Baron Aarheim um Mitternacht ganz allein in seinem Laboratorium, so wie er es seit vielen Jahren gewohnt war. Sein starrer Blick ruhte bald auf den Retorten, Glasern und Tiegeln, welche im Ofen am Feuer standen, bald auf mago-kabbalistischen Figuren, die er an der Wand gezeichnet hatte, und aus denen er den Stand der Sterne, und ob es an der Zeit sey, ersehen zu konnen glaubte. Alles sagte ihm, es sey an der Zeit, die Stunde der Vollendung sey gekommen, und ein leises Flustern und Knistern um ihn her bestarkte ihn in diesem Glauben, wahrend es sein zitterndes Erwarten fast bis zur Bewusstlosigkeit steigerte.

Nur nichts vergessen! nur nichts vergessen! musste er immerfort innerlich mit wahrer Todesangst wiederholen, wahrend er mit bebenden Lippen unverstandliche Formeln stammelte, durch welche er die Elementar-Geister zu bandigen oder zu gewinnen gedachte. Unverwandt blickte er jetzt die Gluth im Ofen an, die Flammen regten sich lustig, er sah wunderliche Gestalten in ihnen spielen. Langbartige Menschengesichter nickten ihm aus dem Feuer zu und verzogen sich dann grinsend zur grasslichsten Unform, bis sie in Dampf sich auflosten; glanzend geringelte, blaue und grune Schlangen wanden sich hoch empor und reckten die langen, feuerrothen, dreigespitzten Zungen nach allen Seiten aus, immer hoher und hoher. Aber uber alles sah er ein einziges, riesig grosses Greisenhaupt sich erheben, mit einem langen, schneeweissen Bart und einer wie Rubin gluhenden Krone. So wie der Baron diese Gestalt gewahrte, ward es ihm unmoglich, den Blick von ihr abzuwenden; sein Haar straubte sich in der Angst, mit welcher er sich bemuhte, an alles, fur diese Stunde in seinen Buchern Vorgeschriebne sich zu erinnern, wahrend es ihm immerfort warnend in die Ohren drohnte: Nur nichts vergessen! nur nichts vergessen! Das Riesenhaupt dehnte sich uber den Herd des Ofens hinaus, er sah es, wie ihn begrussend, sich neigen, er sah ganz in der Nahe das grassliche Durcheinanderflimmern aller Zuge desselben, und nun folgte dem Haupte die ganze Gestalt. Der weite, wie aus Feuernebel gewobene Mantel, welcher sie in grosse bauschende Falten verhullte, quoll weit uber den Herd hinaus und begann allmahlig sich im ganzen Gemache zu verbreiten. Der Baron raffte sich mit aller Kraft zusammen, um das Grausen zu uberwinden, was ihn ergriffen hatte, und ward wirklich wieder auf einen Augenblick Meister seiner Gedanken. Er warf einen Blick auf den Herd und gewahrte, dass die Flamme dort zu machtig lodre, er wollte sie dampfen, aber er vermochte nicht, diess allein zu vollbringen. Jetzt breitete sich das FeuernebelGewand des riesenhaften Greises immer weiter aus, der Baron glaubte, ihn immer zurnender auf sich blikken zu sehen, es war, als ob er ihn in die Falten seines Mantels einwickeln und ersticken wolle; er versuchte, sich davon loszuwinden, aber der unkorperliche Stoff liess sich mit Handen nicht erfassen, obgleich er schwer auf ihn druckte.

In der hochsten Noth sucht der Mensch immer den Menschen, auch ohne Hoffnung auf Hulfe, und diese hatte der Baron doch noch nicht aufgegeben. Entschlossen riss er die ins Vorgemach fuhrende Thure auf. "Franz!" rief er mit donnernder Stimme, "Franz!" so hiess der alte Bediente, der einzige, welcher mit ihm diesen Flugel des Schlosses bewohnte und zuweilen bei seinen Arbeiten ihm Handreichung leistete. Keine Antwort erfolgte. Der Baron durchschritt mit festem Tritte das Zimmer. Als er an der andern Thure desselben stand, blickte er sich um und sah mit Entsetzen das feuerrothe Gewand des Greises ihm durch die Thure des Laboratoriums nachquellen. Pfeilschnell sturzte er durch das zweite Zimmer. Ein Blick ruckwarts verrieth ihm abermals, dass das Grassliche ihm immer langsam nachfolge. Er floh in das dritte Zimmer; dort lag Franz auf einem Ruhebette, der Baron erfasste ihn, wollte ihn wach schutteln; umsonst! der siebenzigjahrige treue Diener lag starr und kalt, ob durch einen Schlagfluss plotzlich entseelt? ob nur ohnmachtig oder in tiefem Schlaf begraben? der Baron hatte nicht Zeit, dieses zu untersuchen. Ein furchtbarer Knall schien den Felsen, auf welchem Schloss Aarheim steht, bis in den Grund zu spalten, die alten Mauern erbebten, als sturzten sie zusammen. Der Baron sah das Feuergewand mit Macht hervorquellen, die blauen und grunen Schlangen waren riesengross geworden und wanden sich dazwischen hin und streckten die feuerrothen Zungen nach ihm, als wollten sie ihn durchbohren. Da offnete er im wahnsinnigen Entsetzen auch die aussre Thur, floh auf Flugeln der Angst pfeilschnell hinab in den Hof, und sah nun den ganzen Theil des Gebaudes, den er bewohnt hatte, rettungslos flammend gen Himmel lodern.

Des Barons erste Bewegung war ein Versuch, in wilder Verzweiflung das eigne Leben auf diesem Scheiterhaufen seines Glucks und seiner Hoffnungen zu opfern, aber er fuhlte sich von starken Handen gehalten. Alle Einwohner des Schlosses waren von der heftigen Explosion im nehmlichen Augenblick erweckt worden, und hatten sogleich im ersten Schreck sich in den Hof gefluchtet. Diese seine Diener, von welchen viele ihren Herrn in diesem Moment zum erstenmal erblickten, verhinderten ihn jetzt, den grasslichen Tod in den Flammen zu suchen, welchen der alte Franz vielleicht im nehmlichen Moment, hoffentlich bewusstlos, starb.

Regungslos und ohne alle Besinnung stand nun der Baron, anscheinend ruhig, und blickte wieder in die zischenden, prasselnden Flammen. Im Rauch, im Feuerdampf sah er noch immer das weite ergluhende Gewand des Greises und hoch uber sich dessen drohendes Haupt; der weisse, nebelgleiche Bart wehte, wie der Schweif eines Kometen, weit hin durch die Nacht, im Sturmwinde, den die Flammen erregten. An Rettung des brennenden Flugels war nicht zu denken; es war, als ob er an allen Ecken zugleich sich entzundet habe, er sank in weniger als einer Stunde in sich selbst zusammen; nur die aus Felsen fur eine Ewigkeit aufgethurmten Aussenmauern widerstanden, alles Innere verzehrte die wuthende Feuersbrunst. Nichts blieb von allem, worauf der Baron Schwindel erregende Hoffnungen erbaut hatte, und auch die Gebeine des armen alten Franz vergluhten mit im allgemeinen Untergang, und seine Asche fand ihr Grab in den Trummern.

Mit Anstrengung aller ihrer Krafte gelang es den Bedienten und den Bewohnern des Dorfs, das Hauptgebaude des Schlosses vom Untergange zu retten, aber der Baron schien ihr Bemuhen und ihre Anstalten gar nicht zu bemerken. Ganz still stand er und sah in das Feuer, bis der letzte Balken einsturzte und alles Zerstorbare vernichtet war. Dann wandte er sich und ging mit feierlichem Schritt, begleitet von seinen vornehmsten Dienern, die grosse Treppe im Mittelgebaude hinauf, in das ehemalige Zimmer seiner Gemahlin, das er seit dem Tage ihres Todes nicht wieder betreten hatte. Dort setzte er sich an ein Fenster, der dampfenden Brandstatte gegenuber, und schlug nach kurzem Besinnen ein so furchtbar gellendes Gelachter auf, dass alle, die ihn umgaben, sich fast bis zum Wahnsinn davon erschuttert fuhlten.

Dieser entsetzliche Zustand wahrte mehrere Stunden, kein Arzt war in der Nahe, der ihn zu mildern versuchen konnte. Das Gesicht des unglucklichen Greises verzerrte sich im furchtbarsten Krampfe, seine ermattete Brust hob sich immer gewaltsamer, wahrend das herzzerreissende unaufhaltsame Lachen immer forttonte, bis die erschopfte Natur sich endlich seiner erbarmte und ihn nach und nach in ohnmachtiges Erstarren hinsinken liess, das sich spater in tiefen Schlaf aufloste.

Erst als am Abende dieses Tages die Sonne sank, erwachte der Baron, aber unglaublich verandert. Die ohnehin tiefen Zuge seines Gesichts waren ganz eingesunken, keine Spur mehr von krampfhafter Anstrengung. Er war still und gelassen, jedermann durfte zu ihm kommen, aber er sprach mit niemanden. Ganz in sich gekehrt sass er da, ass und trank, was ihm gereicht ward, und eben nur genug, um das Leben zu fristen, forderte aber nichts. Die Thure seines Zimmers blieb offen stehen, seine Bedienten, seine Bauern, Fremde, die des Wegs vorbei kamen, alles stromte, theils aus Neugier, theils aus Theilnahme, herbei, alles wanderte ungehindert bei ihm aus und ein, er aber achtete auf niemand, obgleich er auch niemand zuruckscheuchte. Seine ganze Haltung war die des tiefsten Nachsinnens uber einen hochst wichtigen Gegenstand. Endlich um Mitternacht rief er Frau Dalling herbei und befahl ihr, in moglichster Eile nach Karlsbad zu reisen, um Gabrielen abzuholen und sie zu ihm zu fuhren. Nach diesem deutlich und bestimmt ausgesprochenen Befehl, versank er wieder in sein voriges Schweigen. Frau Dalling konnte den theilnehmenden Freunden Gabrielens nur den heftigen Schreck uber die ungluckliche Feuersbrunst als die Ursache von des Barons traurigem Zustande angeben, aus welchem der Wunsch, Gabrielen zu sehen, naturlicherweise entspringen musste. Denn von dessen lange gehegten und jetzt so furchtbar zertrummerten Hoffnungen hatte sie noch immer keinen Begriff. Frau von Willnangen und Ernesto hingegen blickten tiefer. Aus dem, was sie von des Barons Aeusserungen und seinem entsetzlichen Anfall nach dem Brande horten, durchschauerte sie die Ahnung eines Geheimnisses, das ihre Angst, Gabrielen in solchen Handen zu wissen, noch um vieles vermehrte. Der Schmerz der Frau von Willnangen uber die plotzliche Trennung von ihrem Lieblinge leidet keine Beschreibung; er uberstieg alle Granzen, wenn sie an das Schicksal dachte, welches die arme Gabriele im Schloss ihres Vaters erwartete, und dabei keine Moglichkeit sah, es zu mildern. Ihre gewohnte Fassung hatte sie ganzlich verlassen. "Was wird aus dem weichen, liebebedurfenden Gemuth in jener starren Umgebung werden!" rief sie mit Augen voll Thranen. "Welche Opfer wird der Mann, der das Herz ihrer Mutter mit kalter Hand zerdrucken konnte, nicht von diesem, seiner Willkur ganz preisgegebnen Geschopf fordern, das wir schutz- und wehrlos ihm ausliefern mussen!"

"Das mussen wir nicht und werden es auch nicht," erwiederte plotzlich nach einigem Sinnen Ernesto, "denn ich begleite Gabrielen. Das Schicksal und mein Herz haben mich einmal zu Gabrielens Vormund, zu ihrem Beschutzer erkoren, ich will es bleiben, solange dieses nur irgend ausfuhrbar ist, ich reise mit ihr.

Beide Frauen horten mit hoher Freude diese Erklarung Ernesto's, nur wagte Frau Dalling einige Zweifel wegen der Aufnahme, die Ernesto im Schloss Aarheim finden wurde. "Vielleicht," sprach sie, "hat sich der Baron wahrend meiner Abwesenheit vollig erholt, und dann kehrt er gewiss zu seiner gewohnten Abgeschiedenheit von allen Menschen zuruck."

"Weiss ich es doch selbst nicht, ob ich mich werde Gabrielens Vater zeigen wollen oder nicht," erwiederte Ernesto; "das mogen die Umstande bestimmen. Ich bleibe auf jedem Fall in ihrer Nahe, ihr Schutz, ihr Freund, ja ich kann sagen ihr eigentlicher Vater, wenn vaterliche Liebe zu diesem Namen berechtigen kann. Sorgen Sie nur, dass Gabriele morgen fruh ihre Bestimmung auf die schonendste Weise erfahrt, und dass sie dann wo moglich in der nehmlichen Stunde abreisen kann. Verkurzen Sie ihr die bittern Stunden des Scheidens, ein langer Abschied ist eine lange Qual, die wir ihren Kraften nicht zumuthen durfen, sie wird sie nothiger brauchen."

"Lassen Sie uns ubrigens das beste hoffen," sprach Ernesto zur Frau von Willnangen, sobald er mit dieser allein war. "Nach dem, was ich von des Barons eigentlichem Geschick ahne, und nach dem, was Frau Dalling von der plotzlichen Veranderung in seinem ganzen Wesen erzahlt, achte ich ihn seiner letzten Stunde sehr nahe, und leider ist der herbste Verlust fur ein gluckliches Kind, unsrer armen Gabriele der hochste Gewinn. Sie, die schon Mutterlose, kann nur glucklich werden, wenn sie auch vaterlos ist. Ich wiederhole es Ihnen, ich bleibe in Schloss Aarheims Nahe, und so wie eine gunstige Veranderung in Gabrielens Lage eintritt, so wie sie der Fesseln entledigt ist, die jetzt sie drucken, nehme ich sie auf und bringe sie in Ihre schutzenden Arme, an Ihr mutterliches Herz. Bis dahin wache ich uber sie, ohne zu wanken oder zu weichen."

"Haben Sie Dank, guter, edler Ernesto!" erwiederte Frau von Willnangen. "Sie wollen mir Trost geben, indem Sie mir die Aussicht fur meine Gabriele zu erheitern suchen, aber mein ahnendes Herz will sich nicht zufrieden sprechen lassen. Sie auch kunftig in Gabrielens Nahe zu wissen, ist freilich viel; es ist das Einzige, woran ich in dieser truben Stunde mich noch halte. Moge ein freundlich Geschick Ihr wohlmeinendes Streben begunstigen! Ich bete mit Inbrunst darum, aber ich furchte, sie ist dennoch von nun an verloren, verloren uns und verloren sich selbst." Mit dem Gefuhl, mit welchem ein halb Erwachter sich vollig von den Fesseln eines angstigenden Traumes loszuwinden strebt, sass Gabriele schon am folgenden Vormittage im Wagen. Unverwandt haftete ihr Blick auf dem raschen Umschwunge der Rader, welche sie einer Bestimmung entgegen fuhrten, von der sie noch vor wenigen Stunden keine Ahnung gehabt hatte. Keiner ihrer Begleiter unterbrach auch nur mit einem einzigen Worte die im Wagen herrschende Stille. Ernesto kannte zu gut das weiche aber auch starke Gemuth seiner Schulerin, um nicht uberzeugt zu seyn, dass sie gewiss aus dem schweren Kampf zwischen ihrem Herzen und ihrem Pflichtgefuhl als Siegerin hervorgehen wurde, wenn man sie nur ungestort sich selbst uberliess. Frau Dalling schwieg, weil unaussprechliches Mitleid mit ihrem geliebten Kinde ihr die Sprache hemmte, und die arme Annette hatte genug mit ihrem eignen Schmerz zu thun; sie weinte ganz in der Stille uber sich sowohl als uber ihre Herrin.

Der Erfolg rechtfertigte Ernesto's Erwartungen von Gabrielen. Nach wenigen Stunden richtete sie sich rasch und muthig auf, wie schon oft in ahnlichen Fallen, und suchte von nun an ihre alte Freundin recht liebkosend und hold fur das bisherige untheilnehmende Verhalten zu entschadigen. Aber der Geist der Freude blieb dennoch fern von der kleinen Reisegesellschaft. Bei aller gegenseitiger Freundlichkeit sass doch jedes Mitglied derselben trube und in sich gekehrt da. Keines vermochte sich des Zieles der Reise zu freuen, wahrend alle sich bestrebten, die eignen Besorgnisse den ubrigen, so viel es nur moglich war, zu verhehlen.

So kam allmahlig der letzte Tag der Reise heran. Der Wagen hielt zur Mittagszeit vor einem Eisenhammer, der schon zu den Besitzungen des Baron Aarheims gehorte.

Das vom ewigen Rauch und Kohlendampf geschwarzte Gebaude steht in einem von oden Felsen eingeengten Thal, oder vielmehr in einer wilden Schlucht, durch deren Mitte ein schaumender Bach uber moosbewachsne Steine hinrauscht. Wenn Mittags die Sonne von ihrem hochsten Standpunkt einige erwarmende Strahlen in diesen, einem Grabe ahnlichen Winkel der Erde herabsendet, dann werfen ein paar halb verdorrte Fichten ihren sparlichen Schatten auf die schwarzen Wellen und auf das moosbedeckte Ufer, die ubrige Zeit des Tages liegt alles farbelos und erstorben da. Nichts belebt diese schauerliche Einode, als das einformige unaufhorliche Klopfen des Hammers, das Schwirren und Tosen der Rader. Wande und Fussboden der engen dunkeln Gemacher des zu dem Eisenhammer gehorenden Hauses drohnen und zittern immerwahrend. Gabriele und Ernesto eilten deshalb sobald als moglich hinaus ins Freie, um diesem angstlichen Aufenthalt zu entgehen, Frau Dalling aber blieb zuruck, um sich bei den Bewohnern desselben nach dem gegenwartigen Befinden des Barons zu erkundigen.

Gleich beim ersten Schritte ausser dem Hause erinnerte sich Gabriele, in fruher Kindheit einmal mit ihrer Mutter hier gewesen zu seyn. Am Bach stand noch die alte halb verfallne Bank, wo sie damals an ihrer Seite mit Epheukranzen gespielt hatte, und zum erstenmal auf dieser Reise bemachtigte sich ihrer ein heimathliches Gefuhl. Mit wehmuthiger Freude ergriff sie Ernesto's Hand, fuhrte ihn zu dem Platzchen, welches die ehemalige Gegenwart der Mutter ihr zum Tempel geheiligt hatte, und setzte sich dort recht vertraulich neben ihn hin.

"Ich furchte, guter Ernesto!" hob sie in grosser Bewegung an, "ich furchte, wir werden sobald nicht wieder eines so traulichen, ungestorten Beisammenseyns uns erfreuen konnen. Umsonst streben wir, es uns zu verbergen, wir mussen scheiden, heute oder morgen, gleichviel. Ich muss mich auch von Ihnen trennen, wie ich mich schon von meiner ewig theuern Willnangen, von meiner geliebten Auguste, von ach! von so Vielem trennen musste, fur das mein kunftiges Leben mir nie Ersatz bieten kann. Vergebens suchten Sie es mir durch ihre Begleitung auf dieser traurigen Reise zu verbergen, wie ich so ganz verlassen von meinen Freunden kunftig seyn werde. Aber ich danke es Ihnen doch, mit dem innigsten Gefuhl, dass Sie es mir mitleidig verbergen wollten. Guter, sorgsamer Freund, treuer Beschutzer meiner verwaisten Jugend, ich danke Ihnen, mehr kann ich nicht."

"Wollen Sie mich denn fortschicken, liebe Gabriele?" fragte Ernesto mit etwas gezwungnem Lacheln. "Ich bin noch gar nicht gesonnen, so bald zu gehen. Meine Meinung war, noch recht lange in ihrer Nahe zu verweilen, oder Sie recht bald in Ihre eigentliche Heimath zu Frau von Willnangen zuruck zu begleiten."

"Guter Ernesto! was hulfe es, wenn ich Sie tauschte, und mir selbst Hoffnungen erregte, die doch nie in Erfullung gehen konnen;" erwiederte Gabriele. "Ich weiss es, ich stehe hier an der Schwelle eines sehr dunkeln, sehr einformigen, und in den Augen der Welt sehr freudenlosen Lebens. Ich muss Sie darauf vorbereiten, ehe Sie die wenigen Stunden zwischen hier und Schloss Aarheim zurucklegen, dass kein Fremder, sogar kein Freund dort gastlich aufgenommen wird. Mein Vater flieht die Menschen, bittre Erfahrungen haben ihn sogar ihren Anblick hassen gelehrt."

"Ich weiss es," unterbrach sie Ernesto, "und habe auch nie darauf gerechnet, von ihm freundlich empfangen zu werden! Dennoch bin ich entschlossen, Sie bis zu ihm zu begleiten. Mein Herz sehnt sich nach dem Orte, wo der Stern meiner Jugend unterging. Ich feiere dort ein theures Andenken und kehre gleich darauf in dieses Thal zuruck. Ich denke im Forsterhause, das dort in der Felsenecke so malerisch liegt, mich hauslich niederzulassen, und Frau Dalling bemuht sich diesen Augenblick, mit meinem kunftigen Hausherrn die deshalb nothigen Verabredungen zu treffen. Ich bleibe so recht sehr in ihrer Nahe, liebe Gabriele, denn wie ich hore, fuhrt ein Fusssteig in weniger als einer Stunde von hier nach Ihrer Burg, wahrend wir auf dem Fahrwege wohl viermal so viel Zeit brauchen werden, wie das zwischen Bergen so oft der Fall ist."

"Hier wollten Sie bleiben? Hier in dieser grassli

chen Wuste? Guter Gott, Ernesto! wie kann ich je eines solchen Opfers mich werth achten!" rief Gabriele.

"Wie leid ist es mir, dass ich diese bewundernden

Ausrufungen nicht verdiene," sprach Ernesto in seinem gewohnlichen humoristischen Ton, "denn ich bin leider nicht halb so edelmuthig, als Sie es sich denken. Schon langst wunschte ich die mir oft geruhmte wilde Pracht dieses Gebirges kennen zu lernen. Ich will hier Studien fur meinen Johannes in der Wuste nach der Natur malen, den ich, wie Sie wissen, schon langst im Sinne trage. Farben, Leinwand, alles habe ich mitgebracht, vielleicht fange ich morgen schon an, denn seit ich diese Felsengegend sah, bin ich uberzeugt, dass ich in der Welt keine bessre Einode fur meinen Heiligen finden kann."

"Sie sollen ihren edlen Willen haben, Ernesto! ich will thun, als merkte ich nicht, wie Sie meinem Dank ausweichen wollen," sprach Gabriele und neigte sich kindlich uber Ernesto's Hand, die sie an ihr Herz druckte. "Aber," fuhr sie fort, und sah mit ihren klaren Augen recht treuherzig zu ihm auf, "nehmen Sie auch die Beruhigung an, die ich mit aller Aufrichtigkeit Ihnen zu geben im Stande bin. Glauben Sie meiner Versicherung, dass ich auch die abgeschiedenste Einsamkeit, zu der mein Vater mich bestimmen kann, fur kein Ungluck halte. Vor Langerweile haben Sie und meine Mutter mich durch die Sorgfalt geschutzt, mit der beide fur meinen Unterricht sorgten; meinem Herzen bleibt Erinnerung und Liebe, die lassen niemand einsam. Ueber alles trostend aber ist mir das Gefuhl, dass ich hier auf dem einzigen Punkte stehe, auf welchen ich in der Welt hingehore. Das einzige Kind eines greisen, krankelnden Vaters darf ja keine andre Freude suchen und kennen, als ihn zu pflegen und die truben Stunden seines Abends zu erheitern."

"Mein Heldenmadchen!" rief Ernesto und strebte vergebens, die tiefe Ruhrung, von der er sich ergriffen fuhlte, unter heiterm Lacheln zu verbergen. "Ich weiss, Gabriele! was Sie zu tragen vermogen," setzte er sehr ernst hinzu, "und darum furchte ich so sehr die edle jugendliche Lust, die Sie verleiten kann, das Schwerste zu wahlen, weil es das Schwerste ist. Wer weiss, zu welchen unerhorten Opfern man Sie in jener finstern Burg auffordern wird! Das in langer Einsamkeit, unter der Last eines freudenlosen Alters verhartete Gemuth Ihres Vaters, wird es sich an Ihrem milden Wesen erwarmen? wird es sich daran nur erfreuen? Gabriele! eine mir selbst unerklarliche Angst verleitet mich in diesem Augenblick, es zu vergessen, dass ich zu der Tochter von ihrem Vater spreche, aber ich kann nicht anders, ich muss Sie bittend warnen. Hier auf dem kalten Boden, wo Ihre Mutter, einsam und verlassen, vor der Zeit hinwelken musste, wird es hier ihrem zarten jugendlichen Ebenbilde, das sie uns hinterliess, besser ergehen?"

"Was furchten Sie denn eigentlich fur mich von meinem Vater? lieber Ernesto!" erwiederte Gabriele. Welches Opfer kann er denn von mir fordern? doch keines, als das der geselligen Freuden und meiner Zeit, die ich ohnehin von nun an einzig ihm weihen muss; ich habe ja nichts anders, das ich ihm darbringen konnte. Beruhigen Sie sich. Das hohe Beispiel meiner Mutter leuchtet mir vor auf der Bahn, die ich betrete. Sie sagen: ich gleiche ihr. O lassen Sie mich in Allem ihr immer ahnlicher werden, selbst in ihrem Geschick, wenn es seyn muss, denn was kann ich Hoheres wunschen, als zu seyn wie sie war."

"Nun so segne dich Gott, du reines Wesen! und behute dich vor gar zu grosser Versuchung, dich selbst zu vergessen!" rief Ernesto, und druckte zum erstenmal Gabrielen an seine Brust. "Nur noch den einzigen Trost gewahren Sie mir, um den ich jetzt Sie bitte, und ich will ruhig seyn," setzte er hinzu. "Versprechen Sie mir feierlich, ohne meinen Rath, ohne mein Mitwissen keinen Ihre Zukunft bestimmenden Schritt zu thun. Versprechen Sie es mir, Gabriele! wenn Sie wirklich glauben, dass ich irgend Dank um Sie verdiene; versprechen Sie es mir, ich muss, ich muss dieses Versprechen von Ihnen erflehen, erzwingen, genug ich muss es erhalten."

"Ich begreife Sie nicht, Ernesto! warlich ich glaube, diese dunkeln Umgebungen, diese schwarzen Felsen erfullen ihre Einbildungskraft mit grauenvollen Bildern," sprach freundlich Gabriele, indem sie ihre Rechte in Ernesto's dargebotne Hand legte. "Hier haben Sie mein feierliches Versprechen, wie Sie es wunschen. Es bedurfte dessen nicht, denn wie konnte ich ohne den Rath meines einzig treuen, erfahrnen Freundes irgend etwas wichtiges fur mich entscheiden, sobald ich so glucklich bin, ihn in meiner Nahe zu wissen. Ich ehre und liebe meinen Vater, wie es die Pflicht dem Kinde gebeut, aber ich kenne ihn wenig; ich habe mich nie in meinem Leben vertrauend ihm genaht. Sein ernstes, Ehrfurcht und Gehorsam gebietendes Ansehen schreckte mich stets von ihm zuruck, und dieser Eindruck ist bleibend. Aber deshalb ruhrt es mich eben so unbeschreiblich, dass er gerade jetzt, da ein Unheil ihn traf, sich meiner erinnert und meine Gegenwart verlangt. Wenn ich mir denke, dass er gestorben seyn konnte, ohne mich wieder gesehen zu haben, dann, Ernesto! dann fuhle ich erst lebendig das Gluck, noch fur ihn thatig seyn zu konnen, ich erkaufe es mit keinem Opfer zu theuer. Das Gefuhl eines Kindes, welches nicht mit d e m Bewusstseyn am Grabe der Eltern steht, nach Kraften alles fur sie gethan zu haben, muss entsetzlich seyn."

Schweigend reichte Ernesto ihr die Hand, um sich mit ihr dem Eisenhammer wieder zuzuwenden, wo schon alles zu ihrer Abfahrt bereit war. Zu Gabrielens grosser Verwunderung war der neu gefundne Vetter, Moritz von Aarheim, der Erste, der ihr in der dunkeln Vorhalle ihres vaterlichen Schlosses entgegen kam. Er bewillkommte sie mit einem Wortschwall, der sich sogar beim babylonischen Thurmbau hatte fuglich horen lassen konnen; auch Ernesto ward mit ungeheuchelter Freude von ihm empfangen, und uberhaupt zeigte sein ganzes Benehmen, wie hochst erwunscht ihm die endliche Ankunft der Erwarteten sey. Dennoch fiel es deshalb diesen nicht weniger auf, ihn hier, und zwar in der Eigenschaft eines gebietenden Herrn zu finden. Als solcher beeiferte er sich, Ernesto ein Zimmer anzuweisen und lud ihn dringend ein, doch ja recht lange zu verweilen. Besonders setzte er Frau Dalling, die ihn gar nicht kannte, in Erstaunen und in Verlegenheit.

Seine Gegenwart im Schlosse des Barons war indessen auf sehr gewohnlichem Wege herbeigefuhrt worden. Nachst seiner Vorliebe fur fremde Sprachen und neue Erfindungen, beschaftigte er sich sehr gern mit Nachforschungen uber die ursprungliche Bildung der Erde, und besass in der That nicht gemeine geologische Kenntnisse. Er hatte sich langst vorgenommen, das Gebirge, in dessen Mitte Schloss Aarheim liegt, mit Hinsicht auf dieses sein Lieblingsfach zu bereisen, und wollte auch bei der Gelegenheit seinen Verwandten einen Besuch abstatten; das zufallige Zusammentreffen mit Gabrielen in Karlsbad bestimmte ihn, diesen Plan sogleich auszufuhren. Nach einem Aufenthalt von ;139;nur wenigen Stunden in Eger,;155; eilte er, sich in die Nahe von Schloss Aarheim zu begeben, und sein wissenschaftliches Forschen hatte ihn in nicht gar zu grosse Entfernung von der Burg seiner Ahnen gefuhrt, als ihm die Kunde von dem Brande daselbst zu Ohren kam, und zwar durch das Gerucht bis ins Ungeheure vergrossert. Er musste furchten, dort keinen Stein mehr auf dem andern zu finden, es war also ganz naturlich, dass er so schnell als moglich sich hinbegab, theils um dem Baron beizustehen, theils um zu retten, was noch zu retten sey, und wenigstens raubbegierigen Handen das zu entreissen, was die Flammen ubrig gelassen haben mochten.

Frau Dalling war schon auf dem Wege nach Karlsbad, als Moritz von Aarheim im Schlosse anlangte. Er fand die Zugbrucke heruntergelassen, das aussere Thor, so wie auch alle innre Thuren des Gebaudes, standen weit offen, und ein Schwall von Menschen drangte sich durch dieselben und auf den Treppen, hinaus und hinein, hinauf und hinab. Niemand schien den Neuangekommnen zu bemerken, er folgte dem Schwarm der Hineinstromenden und gelangte so in das Zimmer des Barons.

Schweigend sass dort die hohe dustre Greisengestalt auf einem grossen altvatrischen Lehnstuhl dicht am Fenster, den starren Blick auf die Brandstatte fest geheftet, kaum noch einem lebenden Wesen mehr ahnlich. Ein paar alte Diener, schweigend wie ihr Gebieter, schienen bei ihm Wache zu halten. Der Baron bemerkte Moritzens Eintritt eben so wenig, als er die Menge unverschamter Neugieriger zu bemerken schien, die unablassig bei ihm aus- und eingingen. Er sass immer gleich finster und gleich regungslos da, wie die alten grauen Standbilder auf den Grabern seiner Ahnen.

Des Barons nachster Verwandter musste bei diesem Anblick die Verbindlichkeit fuhlen, hier thatig einzutreten. Sein erstes Thun war, sich dessen Dienern zu erkennen zu geben; mit ihrer Hulfe die fremden Zudringlichen auszutreiben, einen Boten nach einem geschickten Arzt in das nachste Stadtchen zu senden, und dann die Thore zu schliessen. Dieses vollbracht, begann er, sich der Pflege und Wartung des Barons selbst eifrig anzunehmen, wobei seine Vorliebe fur neue Erfindungen wieder eine glanzende Gelegenheit fand, sich zu zeigen. Diese, und seine den Bedienten beinahe ganz unverstandliche Art sich auszudrucken, fuhrten freilich manchen Missgriff, manches lacherliche Missverstandniss herbei, doch die baldige Ankunft des Arztes verhinderte wenigstens jedes Unheil, welches hatte entstehen konnen.

Ruhe, Stille und starkende Mittel verhalfen dem Baron in unglaublich kurzer Zeit zur volligen Besonnenheit. Verwundert erblickte er bei seinem Erwachen den ihm so lange ganz unbekannt gebliebenen Verwandten, und obendrein mit einer Art Autoritat um ihn geschaftig, welche sich von selbst auf dessen fruheres Nichtbemerktwerden gegrundet hatte.

Der Baron fand in dem sonst so bitter Gehassten jetzt den einzigen Menschen, welcher sich seiner angenommen hatte, wahrend er unfahig war, sich selbst zu helfen. Alle seine ubrigen Umgebungen waren ihm fast nicht minder fremd als dieser neue Ankommling, denn seit Jahren hatte er mit keinem von seinen Dienern gesprochen, ausgenommen mit Frau Dalling und Franz. Jene war abwesend, dieser todt. Moritz von Aarheim uberhob ihn jeder Nothwendigkeit irgend eines Verkehrs mit andern Menschen, der Baron fuhlte diess als wohlthatig und bequem; gern, wenn gleich nicht dankbar, liess er es sich schweigend gefallen, und sein Agnat behielt die Freiheit von ihm ungestort alles im Hause einstweilen nach eigner Ansicht zu ordnen. Nur als dieser, durch schweigende Nachsicht dreist gemacht, einst dem Baron einen Plan zum Wiederaufbau des zerstorten Flugels vorlegen wollte, da gerieth der Greis in eine furchtbare Aufwallung. Seine zurnenden Augen schienen Feuer zu spruhen, seine grauen Locken sich zu strauben, seine ohnehin sehr hohe Gestalt dehnte sich zu fast ubermenschlicher Grosse, wahrend er laut und mit donnernder Stimme in ganz unverstandliche Fluche und Verwunschungen ausbrach. Halb todt vor Schrecken, vor Angst, packte Moritz seine Plane zusammen, suchte den Baron durch das Versprechen zu beruhigen, diesen Punkt nie wieder zu beruhren, und trostete sich im Stillen mit der sichern Aussicht, spatstens in wenigen Jahren hier bauen und einreissen zu konnen, ohne irgend jemand darum zuvor befragen zu mussen.

Wahrend Moritz sogleich nach der Ankunft der Reisenden den armen Ernesto mit einem unertraglichen Wortschwall in dem ihm angewiesnen Zimmer peinigte, schlich die zitternde Gabriele am Arm ihrer Dalling bis an die Thure des Gemachs, in welchem ihr Vater sich befand. Frau Dalling trat allein zu dem Baron herein, um vom Erfolg der Reise ihm Rechenschaft abzulegen und ihn auf Gabrielens Ankunft vorzubereiten, doch er liess sie nicht zum Worte kommen. "Gabriele!" rief er mit gebietendem Ton, "Gabriele!" Bebend, mit ausgebreiteten Armen, uberschritt diese auf den Ruf die Schwelle. Ein grasslicher Schrei des Barons fesselte sie an der Stelle, auf welcher sie stand. "D u !" rief er, "du! was willst d u von mir!" "Sie befahlen ja das Fraulein Gabriele," sprach leise und zitternd Frau Dalling. Der Baron athmete tief auf; "es ist Gabriele," sprach er, sich selbst beruhigend, und blickte nach der Thure, wo diese noch immer bleich und bebend in hochster Unentschlossenheit stand. Aber sein Blick war scheu, die Hand zitterte, mit der er ihr winkte naher zu treten, und seine Lippe bebte, indem er sie zu sich rief. Gabriele eilte herbei und kniete neben ihm hin. "Steh auf! du bist wohl erschrocken?" sprach der Baron, und bemuhte sich, mild zu erscheinen. "Steh auf, ich erkannte dich nicht gleich. Ich glaubte, du warst ich hielt dich fur fur etwas fur jemand anders. Steh auf, gieb mir die Hand. Du bist gewachsen, wie es mir scheint, du bist du gleichst sehr deiner Mutter! ruhe aus, geh zu Bette, morgen, wenn ich aufgestanden bin, gleich nach dem Fruhstuck lasse ich dich rufen. Dann sprechen wir uns, jetzt geh. Geh mein Kind," sprach er endlich und wollte lacheln, aber die starren Muskeln versagten ihm den Dienst, und sein Gesicht verzog sich wunderlich. Am andern Tage war Gabriele schon mit Sonnenaufgang bereit, vor ihrem Vater zu erscheinen, aber der Nachmittag ging voruber, der Abend naherte sich, und noch immer ward sie nicht zu ihm gerufen. Seit er wieder zum Bewusstseyn gekommen war, blieb er alterer Gewohnheit getreu, und lebte nur in der Nacht.

Gabriele hatte volle Musse, an Ernestos Hand das ganze Schloss zu durchwandern, und auch ausser demselben alle die Platze im Garten und Wald aufzusuchen, von welchen ihr vor kaum Jahresfrist das Scheiden so schmerzlich gewesen. Alles war wie damals. Die Blatter der Baume begannen, sich roth, gelb und braun zu farben, ihre wohlgepflegten Blumen bluhten in bunter, herbstlicher Pracht. Ihr zahmes Reh sprang ihr entgegen, sie fand ihre Tauben, ihre Vogel, ihre Hundchen, alle ihre freundlichen lieben Thiere wieder; die treue Anhanglichkeit der Leute im Schlosse hatte fur sie alles gepflegt und ihr aufbewahrt. Alles war wie damals, nur sie selbst war es nicht. Ihr waren die Freuden ihrer Kindheit im Gewirre des Lebens verloren gegangen; abgeschiedne Geister mogen so in Wehmuth den Schauplatz ihres irdischen Lebens betrachten, wie Gabriele den ihres viel zu fruh entschwundenen Fruhlings. Auch Ernesto wandelte stumm und in sich gekehrt an ihrer Seite, trube Erinnerungen druckten auch ihn nieder.

"Am besten ist es, ich gehe heute, ich gehe jetzt gleich und suche meine Einsiedelei zwischen den Felsen auf," sprach plotzlich Ernesto, indem er mit Gabrielen vor der Schlossbrucke stand. "Ich bedarf der Ruhe," fuhr er fort, "ich bedarf der Arbeit; hier komme ich zu keinem von beiden. Auch kann ich es nicht laugnen, dieser Vetter Moritz wird mir allmahlig so lastig, dass ich furchte, mich einst gegen ihn auf eine Art zu vergessen, die dieses, bei aller Lacherlichkeit doch hochst gutmuthige Wesen nicht verdient. Und so leben Sie wohl, Gabriele! gedenken Sie Ihres Versprechens. Ich verlasse Sie jetzt unbesorgt, denn meine Entfernung von Ihnen ist zu gering, um irgend einer Befurchtung Raum zu geben. Auch werde ich schwerlich einen Tag vorubergehen lassen, ohne Sie zu sehen."

Eine unbeschreibliche Traurigkeit ergriff Gabrielen, indem Ernesto sich zum Weggehen wandte, obgleich sie gewiss war, ihn morgen wieder zu sehen. In ihm verlor sie den letzten ihrer Freunde, gleichsam den Reprasentanten aller ihrer Lieben. Ohne je Ottokars Namen vor ihm ausgesprochen zu haben, wusste sie doch, dass sie durch ihn, und allein durch ihn, von dem Fernen Kunde erhalten konne, sobald sie es wolle. Die furchtbare Macht des Augenblicks, die sie in ihrem kurzen Leben schon mehrmals erfahren hatte, fiel ihr schwer aufs Herz, indem sie Ernesto schon tiefer unten am Schlossberge wandeln sah.

"Wenn ich ihn nie wieder sahe! wenn er diese Nacht sturbe, und mit ihm jede Hoffnung, von Ottokar Kunde zu erhalten!" Kaum in Worte gefasst, erfullte sie dieser Gedanke mit unaussprechlicher Angst; von einer unsichtbaren Gewalt getrieben, rief sie, winkte sie. Ernesto sah noch einmal sich nach ihr um, sie flog den Felsen hinab, er eilte wieder hinauf ihr entgegen, und beide trafen an einem uralten steinernen Ruhesitz auf der Halfte des Schlossberges wieder zusammen.

"Ich mochte in meiner Einsamkeit gern aller meiner Freunde recht lebhaft gedenken," sprach athemlos und tief errothend Gabriele. "Die Tante," fuhr sie in grosser Verwirrung fort, "Aurelia, und Ernesto! haben Sie keine Nachricht aus Rom?"

"Den Tag, ehe wir Karlsbad verliessen, erhielt ich Briefe von dort," erwiederte Ernesto und vermied es, Gabrielen anzusehen, um ihre Verwirrung nicht zu steigern. "Aurelia krankelt oder glaubt zu krankeln, die Luft in Rom sagt ihr nicht zu. Sie wird mit ihrer Mutter den Winter in Neapel zubringen, wo es freilich lustiger hergeht als in jenem, der Nemesis und der Vergangenheit geweihten grossen Tempel, in der heiligen Roma, deren Andenken mich noch immer schmerzlich und freudig bewegt. Ottokar fuhrt dort ein schones, ernstes, der Erinnerung geweihtes Leben, unter den Trummern versunkner Grosse, unter den Wundern der Kunst. Ihn umgeben die ausgezeichnetsten Kunstler, welche er gastfrei um sich zu versammlen weiss. Fur jetzt hindern ihn Geschafte daran, die Damen zu begleiten, vielleicht folgt er ihnen spater nach, wenn das neue Jahr in jenen glucklichen Zonen den Fruhling weckt.

Annettens Stimme erscholl jetzt sehr angstlich, sie rufte Gabrielen zu dem Vater und ersparte dieser dadurch die Verlegenheit einer Antwort auf Ernestos Erzahlung. Den widerstrebendsten Gefuhlen hingegeben, stieg sie, auf Annettens Arm gestutzt, stumm und langsam den Felsen hinauf, wahrend Ernesto sich gedankenvoll abwarts wandte.

Noch schuchterner beklommen als in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes bei der Grafin Rosenberg, betrat Gabriele das Zimmer, in welchem ihr Vater sie erwartete. Zu ihrem Erstaunen fand sie ihn von allen ihren Mappen umgeben. Ihre Stickereien, ihre Zeichnungen, ihre geschriebnen Auszuge aus Buchern, ihre Musikalien, alles lag auf einem grossen Tische ausgebreitet vor ihm da. Auch ihre Laute, ihre Harfe, und ein schones Fortepiano, welches einst ihrer Mutter angehorte, waren gestimmt und bereit. Auf des Barons Befehl hatte Frau Dalling alle diese Dinge mussen herbei schaffen lassen, wahrend Gabriele mit Ernesto sich ausser dem Schlosse befand.

Jetzt begann ein formliches Examen, in welchem der Baron mit grosser Aufmerksamkeit und Sachkenntniss Gabrielen prufte. Von allem, was sie fruher und spater erlernt hatte, musste sie ihm Rechenschaft ablegen, von allem verlangte er Proben. Sie musste auf sein Geheiss in fremden Sprachen ihm vorlesen und mit ihm sprechen, sie musste singen, und auf den verschiednen Instrumenten sich horen lassen, welche eben zur Hand waren. Ihre Zeichnungen und andre kunstliche Arbeiten betrachtete und beurtheilte er sehr verstandig, und erforschte auch, wie weit ihr Unterricht in andrer wissenschaftlicher Hinsicht gereicht haben mochte.

Zuerst wagte es Gabriele nur zitternd, auf seine Fragen zu antworten, doch allmahlig gewann sie mehr Muth. Der Baron ausserte zwar keineswegs durch Worte seine Zufriedenheit mit dem, was sie leisten konnte, aber der Eifer, mit welchem er sie prufte, die Aufmerksamkeit, deren er sie wurdigte, bewiesen ihr solche.

Vier Stunden waren auf diese Weise hingebracht worden, Mitternacht war nicht mehr fern, und Gabriele konnte sich vor Erschopfung kaum noch aufrecht erhalten oder die Lippen regen, wahrend ihr Vater noch immer unermudet schien. "Nun ist es genug," sprach er endlich, und machte mit der Hand eine verabschiedende Bewegung. "Ich weiss jetzt, dass du deine Zeit in der Stadt nicht schlecht angewendet hast, du hast viel und vieles gelernt. Ich bin zufrieden mit dir. Ruhe aus, morgen um die nehmliche Stunde lasse ich dich wieder rufen, bis dahin thue, was dir gefallt."

Gabriele vermochte es nicht, sich sogleich zu entfernen; sie blieb stehen, als erwarte sie von ihm noch ein freundliches Wort, wahrend er, in Gedanken verloren, vor sich hinstarrte. Auf ein kleines Gerausch vor der Thure sah er sich um und ward Gabrielen gewahr, die mit bittendem Blicke noch dastand. "Warum gehst du nicht?" fragte er, "du musst die Nachte schlafen, deine Jugend verlangt diess, meine Zeitordnung ist nicht fur dich. Und nun genug," sprach er nochmals mit gebietendem Ton, und winkte wieder mit der Hand, so dass Gabriele sich auf das schnellste entfernte, um ihm nicht widerspenstig zu erscheinen. An der Thure begegnete ihr Moritz von Aarheim, der auf des Barons Einladung kam, um jetzt gegen Mitternacht bei dessen Mittagsessen gegenwartig zu seyn. Ohnerachtet seines unruhigen Hanges zur Thatigkeit und seiner unermudlichen Sprechlust, sass Moritz von Aarheim dennoch wahrend der ganzen Mahlzeit schweigend und stumm dem Baron gegenuber und wartete nur auf eine Frage von diesem, um alsdann durch Antworten ein Gesprach herbei zu fuhren, das er so ohne alle Veranlassung nicht zu beginnen wagte. Des Barons gespenstisches, finsteres Wesen kam ihm unbeschreiblich grauenvoll vor. Und besonders seit jener heftigen Scene, die er bei Erwahnung eines kunftigen Schlossbaues mit ihm gehabt hatte, ging er ihm gern uberall aus dem Wege. Langst ware er abgereist, wenn er nicht Gabrielens Ankunft hatte abwarten wollen, um das Eigenthum seines Verwandten doch nicht wieder ohne alle Aufsicht der Willkuhr der Bedienten zu uberlassen. Seit Gabriele und Frau Dalling in dieser Hinsicht seine Gegenwart uberflussig machten, hatte er nur auf eine Gelegenheit geharrt, sich beim Baron zu beurlauben, um dann sogleich abzureisen. Er hoffte, die Einladung fur diesen Abend, die erste die er erhielt, dazu zu benutzen, und war fest entschlossen, gleich am andern Tage einem Aufenthalt zu entfliehen, der ihm hochst peinlich zu werden begann.

Unter gegenseitigem Schweigen ward die Mahlzeit sehr schnell beendet. Der Baron stand auf, ein Wink von ihm entfernte auf das eiligste die Bedienten. Auch Moritz erhob sich und nahte sich dem Baron, um Abschied zu nehmen, aber dieser schritt feierlich dem Fenster zu, nahm wieder in seinem thronartigen Lehnsessel Platz und heftete, wie gewohnlich, den starren Blick auf die dunkeln, ihm gegenuberliegenden Trummer der Brandstatte. Der Mond war hinter ihnen aufgegangen, sein Licht blinkte durch die hohlen, ausgebrannten Fensterlucken, wahrend die in Schatten gehullten halb zerstorten Mauern scharf und schwarz sich auf dem von leichten Silberwolkchen uberzognen Himmel zeichneten.

In hochster Verlegenheit stand Moritz da, und wusste nicht, wie er es anfangen solle, um die Aufmerksamkeit des Barons auf sich zu ziehen, als dieser von selbst sich nach ihm umwandte. "Bleibt!" rief er ihm zu, indem er gewahrte, dass jener sich abschiednehmend verbeugte! "bleibt, ich habe mit Euch zu reden, Vetter! setzt Euch zu mir. Ich will mein Haus bestellen und dann zur Ruhe, denn ich bin mude." Moritz setzte sich erwartungsvoll auf ein Taburett, dem Baron gegenuber, das jener ihm anwies.

"Ihr seyd mein erster Agnat, darum muss ich an Euch mich wenden," sprach der Baron weiter. "Unterbrecht mich nicht, i c h habe mit Euch zu reden, I h r konnt mir nichts zu sagen haben, antwortet nur, wenn ich frage. Ihr seht dort die Brandstatte; das weite Grab! Wisst Ihr, was dort begraben liegt? wisst Ihr es? Schweigt! Antwortet nicht. Wie kamt Ihr zu dieser Wissenschaft! Doch was Ihr fassen konnt, sollt Ihr erfahren. Wenn ich todt bin, sind diese Burg, diese Guter Euer Eigenthum. Ich hinterlasse nichts weiter. Was sonst noch mein war, liegt auch dort unter jenem Schutthaufen begraben, begraben; Gabriele behalt nichts."

Mit hastiger Gutmuthigkeit und einem Schwall einund auslandischer Worte beeilte sich Moritz von Aarheim, den Baron uber das kunftige Schicksal seiner Tochter zu beruhigen, versprach, wie ein liebender Bruder fur sie zu sorgen, sie in Schloss Aarheim, oder wo sie sonst wolle, wohnen zu lassen, und wurde noch lange fortgesprochen haben, wenn nicht ein Blick auf den Baron ihm plotzlich die Zunge gelahmt hatte. Schrecklich, wie damals, als Moritz des Schlossbaues erwahnt hatte, stand der Alte vor ihm da, sichtbar kampfend mit innerlichem Zorn, der konvulsivisch seine Gesichtszuge verzog und ihm die Sprache hemmte.

"Frecher, eingebildeter Thor!" brach endlich der Baron mit donnernder Stimme los. "Meint Ihr, der Freiherr Aarheim von Schloss Aarheim bettle bei Euch fur seine Tochter? Meint Ihr, der letzte echte Spross des uralten Hauptstamms, zu dessen Nebenzweigen Ihr die Ehre habt Euch rechnen zu durfen, konne von Euch Almosen nehmen?"

Bleich und zitternd stand Moritz von seinem Sitze auf; der Baron war in dieser Minute wirklich furchtbar, doch schien er sich bald wieder zu besanftigen. "Ich sehe," sprach er gelassner, "Ihr habt nicht bedacht, was und zu wem Ihr redetet; auch habe ich nicht mehr Zeit zum Zorn." Mit diesen Worten nahm er wieder seinen Lehnstuhl ein und deutete mit einer Bewegung der Hand dem immer noch bebenden Moritz an, sich ebenfalls wieder zu setzen.

"Ihr wisst jetzt, dass ich Euch nicht zu mir forderte, um von Euch etwas zu bitten. Ihr habt begriffen, dass diess nie der Fall seyn kann?" fragte der Baron. Moritz bejahete es mit einer stummen Verbeugung. " I c h bin es, der E u c h beschenken will," fuhr der Baron fort, "ich biete Euch eine kostlich hohe Gabe, vor wenigen Wochen noch hielt ich sie wohl der Hand eines Fursten werth, und eigentlich ist sie es noch. Ich biete Euch Gabrielen, sie sey Eure Gemahlin. Antwortet noch nicht. Hort mich aus, ehe Ihr redet. Gleich vielen deutschen Furstentochtern, bringt Gabriele ihrem Gemahl keine Aussteuer. Mogen Kramer die bequeme Versorgung ihrer Tochter mit Golde aufwiegen, das reine edle Blut, das in Gabrielens Adern fliesst, uberhebt sie und ihres gleichen diesem elenden Zoll."

Jetzt schwieg der Baron und gab seinem Verwandten ein Zeichen, nun ebenfalls das Wort zu nehmen.

Moritz versuchte es, in allen Sprachen Gabrielens Reize, ihre Talente und sein Gluck bis zu den Sternen zu erheben. Dann aber wagte er es auch, einige bescheidne Zweifel uber sich selbst und sein Werthseyn eines solchen Glucks zu aussern. Er erwahnte mit der grossten Gutmuthigkeit sein Alter und seine Gestalt, als welche zu solchen Hoffnungen ihn keinesweges berechtigen konnten, und ermuthigte sich endlich sogar zu der Erklarung, das ihm dargebotne Gluck, so reizend es sey, dennoch dem Zwange nicht verdanken zu wollen.

"Niemand wird gezwungen, nicht Ihr, nicht Gabriele," erwiederte der Baron. "Dass Gabriele schon ist, weiss ich; ich sah in der Welt wenige, die in dieser Hinsicht mit ihr sich messen durften, keine sah ich, die an Geist, Talent, Bildung ihr nahe kame. Jetzt, nach vierzig Jahren, bei eurer hochgepriesnen Kultur, mag das nun wohl anders seyn. Auch gebe ich Euch Gabrielens Hand nur als Ersatz fur etwas, das ich von Euch fordern will; die Freiherren von Aarheim waren immer gewohnt, kleine Leistungen gross zu lohnen. Gabriele wird nur unter der Bedingung die Eure, dass Ihr mir bei Eurer Ehre versprecht, das zu erfullen, was ich im Moment, da sie fur Euch sich erklart, verlangen werde. Ihr durft es ohne Sorgen. Unrechtes, Entehrendes forderte noch kein Freiherr von Aarheim. Wollt Ihr diese Bedingung eingehen?" Moritz verbeugte sich abermals schweigend, denn aus Furcht, zu beleidigen, wagte er es nicht, den Mund zu offnen.

Der Baron ward jetzt sichtbarlich heitrer, es war, als beginne die Eisrinde um seine Brust sich zu losen. "Vetter, von Euch kann ich nichts bitten und nichts annehmen, das seht Ihr wohl ein, und doch muss mein Wunsch erfullt werden," sprach er gewissermassen mit behaglichem Zutrauen. "Es liegt mir mehr daran, als Ihr und die Welt zu fassen vermogen. Darum biete ich Euch den hochsten Lohn, den ich zu gewahren habe. Ihr werdet mein Sohn, und unser alter Stamm bluht vielleicht glorreich wieder auf. Um Gabrielens Versorgung willen thue ich nichts, fur sie ware auch ohne Euch gesorgt, selbst wenn sie Euch verschmaht, selbst dann!" Hier versank der Baron aufs neue in tiefes Nachsinnen, er blickte unverwandt auf die jetzt vom Monde hell beleuchtete Brandstatte, und ward wieder zusehends dustrer.

"Habt Ihr nie vom Virginius gehort? vom Romer Virginius?" fragte er nach einer ziemlich langen Pause plotzlich mit wunderlich heimlichem Ton.

Moritz von Aarheim eilte, auf diese Frage bejahend zu antworten, und verbreitete sich darauf sehr weitlauftig in Lobpreisungen der Heldenthat des Romers, die er hochlich bewunderte1. "Ultimo pegno d' amor ricevi libertade e morte," rief er endlich aus.

"Ich sehe, Vetter! Ihr habt Euren Alfieri recht gut inne," sprach der Baron, pegno d' amor libertade e morte. Freiheit und Tod: haltet Ihr die wirklich fur Liebespfander, wie Alfieri es dem Virginius in den Mund legt?" Mit diesen Worten zog der Baron ein ganz kleines, hermetisch versiegeltes Flaschchen hervor, das er an einer goldnen Kette um den Hals hangen hatte. "Libertade e morte!" rief er, und hielt das Flaschchen von geschliffnem Krystall hoch gegen das Licht, so dass es in bunten Farben blitzte und funkelte. "Kennt Ihr den diesen Gottheiten geweihten Lorbeer? hier seht Ihr ihn, die Gelehrsamkeit verleumdet ihn zwar und nennt ihn falsch. Er ist der echte! wer ihn errungen hat und ihn zu brauchen weiss, kummert sich weder um Kronen noch Kranze, und trotzt dem Geschick wie den Gebietern der Welt. Virginius war ein Thor, sein blutiger Dolch erregt Entsetzen. Hier bedarf es nur eines balsamisch duftenden Hauches, und Gabriele tritt schmerzlos mit mir die Reise nach jenem Lande der Freiheit an. Nicht blutig, nicht entstellt, ihre Hulle bleibt die Zierde der Welt, so lange das Licht des Tages sie bescheint, die Oberflache der Erde sie tragt."

Mit einem Schrei des Entsetzens warf Moritz von Aarheim sich unwillkurlich auf den Baron und strebte das Flaschchen ihm zu entreissen, doch dieser hielt ihn mit starkem Arm ferne von sich.

"Was wollt Ihr?" sprach er mit blitzenden Augen, "Ihr habt es ja selbst ausgesprochen, Libertade c morte, ultimo pegno d' amor! O ihr armen Thoren! Was steht Ihr denn entzuckt vor Bildern? was preist ihr Thaten? was prahlt Ihr mit Gesinnungen, die Euch mit Entsetzen erfullen, wenn Ihr sie ins wirkliche Leben treten seht? Seyd ruhig, ich gabe Euch gern dieses Flaschchen, denn ich habe mehr dergleichen, wenn so etwas Euch nur anvertraut werden durfte. Seyd ruhig! Eure Person ist sicher, mit Euch hat kein Lorbeer etwas zu schaffen. Erfullt meinen Willen, Gabriele wird die Eure, obgleich es mir leid um sie thut. Ihr ware besser, sie ginge mit mir, ohne zu wissen, wohin die Hand des Vaters sie fuhrt. Ein Hauch, und es ware vorbei mit aller Noth und aller Langenweile, die sie bei Euch erwarten. Doch lebt wohl, beruhigt Euch, wir sehn uns morgen wieder, und nun geht!" Bleich wie ein Todter, bebend vor innerem Grausen, durcheilte Moritz von Aarheim die langen dustern Gange, welche zu seinem Zimmer fuhrten. Kein Schlaf kam die ganze lange Nacht hindurch in seine Augen. Er blieb angekleidet. Unruhig wandelte er auf und ab und trat jeden Augenblick an das Fenster, um zu sehen, ob der Tag noch nicht zu grauen beginne. In dieser Minute blickte er auf zu Gabrielens Zimmer, und sah, wie der ruhige Schimmer ihrer Nachtlampe das Fenster schwach erhellte; in der nachsten horchte er wieder hinaus, ob nicht etwa das Verderben herumschleiche, ob nicht leise Tritte horbar wurden; doch alles blieb stille und ruhig.

Endlich begann der Himmel, sich zu rothen. Moritz schlich sich auf die andre Seite des Schlosses und sah nach den Zimmern des Barons. Dort erloschen nach und nach alle Lichter, zum Zeichen, dass fur jenen jetzt auch die Zeit der Ruhe herbei kame. Nochmals lauschte Moritz, und da alles immerwahrend ruhig blieb, eilte er in den Stall, sattelte selbst sein Pferd und pochte schon beim Aufgang der Sonne an die Thure von Ernesto's bescheidener Wohnung.

Ernestos erstes Empfinden beim Anblick des fruhen Besuchs war Zorn uber die Zudringlichkeit des Lastigen, doch als er ihn naher betrachtete und Unruhe und banges Entsetzen in seinen entstellten bleichen Zugen las, fuhlte er sich selbst von gleichem Gefuhle vorahnend ergriffen.

Moritz begann sogleich, das zwischen ihm und dem Baron Vorgegangne zu erzahlen, aber so verworren, so weitschweifig, so seltsam in Form und Ausdruck, dass Ernesto dabei in todtlicher Ungeduld zu vergehen glaubte. Und doch musste er sich fast jeden Umstand des Gesprachs zwischen Moritzen und dem Baron mehreremale wiederholen lassen, denn was er vernahm, schien ihm so unglaublich, dass er immer meinte, den Erzahler falsch verstanden zu haben.

Recht ehrlich und treuherzig bat Moritz ihn endlich, nach vollendeter Erzahlung, um Beistand mit Rath und That, zu Gabrielens Errettung. "Ich ware der glucklichste Mensch, wenn sie mich heirathen wollte," setzte er in seiner gewohnlichen Art zu reden hinzu. "Ich wollte sie recht gut halten, alles wollte ich aufbieten, was ihr Vergnugen machen konnte. Sie ist es werth, sie ist wie Miltons Eva, all softness and sweet attractive grace. Ich will auch nicht, dass sie mich wie einen jungen amoroso lieben soll, ils sont passe ces jours de fetes, wo ich dergleichen Pratensionen machen konnte, ich weiss es wohl. Aber gut seyn musste sie mir, und mir vor allen. Ich konnte es nicht ertragen, wenn sie als meine Frau jemanden lieber hatte als mich. Auch musste ich sie zufrieden und heiter sehen. Eine empfindsame Dame mit ewigen Thranen in den Augen, eine pleureuse eternelle, will ich nicht um mich haben. Sagen Sie ihr das alles, Signor Ernesto, und fuhlt sie dann keine Abneigung gegen mich, so biete ich ihr mit wahrer Liebe die Hand. Unglucklich aber will ich uns beide nicht machen. Schlagt sie mich aus Eh bien, je m' en consolerai Doch will ich auch dann fur sie noch wie fur eine nahe werthe Verwandte sorgen, sie soll nicht Noth leiden. Aber wie retten wir sie vor der Wuth ihres Vaters, wenn sie mich ausschlagt? Comment la sauver des mains d'un fanatique cruel, qui l' immolera a ses fantaisies? Wollen wir Gabrielen die grausame Gefahr entdecken, in welcher sie von Seiten des eignen Vaters schwebt? Signor Ernesto, reden Sie, schaffen Sie Rath, ich vergehe vor Angst."

"Lassen Sie mir Zeit, das ganz Unerwartete nur zu fassen," sprach Ernesto, "ich hoffe einen Ausweg zu finden."

"What shall we do! What shall we do! was fangen wir an!" rief Moritz in hochster Angst und lief, die Hande ringend, auf und ab. "Ich bitte, sprechen Sie, ich muss zu Hause, der Baron konnte erwachen und oh Dio! ich will gleich fort, ich will sie huten, ihre Thure, sie selbst nicht aus den Augen lassen. Sagen Sie mir nur noch mit einem einzigen Wort, was ich thun soll!"

"Halten Sie zu jeder Stunde Pferde und Wagen bereit, und nun eilen Sie. Ich folge Ihnen sogleich, und gelange auf dem Fusssteige vielleicht noch fruher hin als Sie," sprach endlich Ernesto. "Eilen Sie, und huten Sie sich, Gabrielen etwas zu verrathen, am besten ist es, Sie vermeiden es sogar, mit ihr zu sprechen. Sie konnen sie und die Zugange zu ihr doch im Auge behalten."

"Addio!" rief Moritz, und eilte in vollem Galopp davon, von Herzen froh, einen Auftrag erhalten zu haben, der ihn in Thatigkeit setzte, und seinem angstlichen fruchtlosen Sinnen ein Ende machte. Wahrend dessen durchwanderte Ernesto nachdenkend und langsam sein dunkles Thal, um den Felsensteig zu erreichen, welcher in gerader Linie zum Schlosse hinauffuhrt.

Unwillkurlich verweilte er einige Minuten an der alten moosbedeckten Bank, wo er beim ersten Eintritt in diese dustre Einode mit Gabrielen gesessen hatte. Alles, was damals in schweren, truben Ahnungen vor seinem Geiste schwebte, und ihn so ungewohnlich niederdruckte, lag jetzt im hellsten Licht der nahen Wirklichkeit vor ihm, und weit furchtbarer, als er es sich hatte denken konnen. Frau von Willnangens Worte: "Sie ist verloren sich, verloren uns," tonten unaufhorlich in seinem Innern, wahrend er doch mit aller Anstrengung seines Geistes darauf sinnen musste, Gabrielen wo moglich noch zu retten. Die Gefahr, welche ihrem Leben drohte, schien ihm bei weitem nicht so nah und nicht so gross, als Moritz im ersten Schrecken sie ihm geschildert hatte. Ihm kam sogar der Gedanke nicht unwahrscheinlich vor, dass der halb wahnsinnige Greis in einer bei seiner Gemuthsstimmung nicht ungewohnlichen, boshaft-frohlichen Laune, sich eine Lust daraus gemacht haben konne, den armen Moritz auf diese Weise in Angst zu setzen. Desto entsetzlicher aber war ihm die Gefahr, Gabrielen mit einem bei manchen achtenswerthen Eigenschaften, dennoch hochst widrigen, lacherlichen Wesen, auf lebenslang verbunden zu sehen. Und doch begriff er nicht, wie sie dieser Verbindung wurde entgehen konnen. Woher sollte ihr frommes Gemuth die Kraft gewinnen, dem Befehle, vielleicht gar dem Bitten eines Vaters zu widerstehen, den sie von jeher gewohnt war als den unumschrankten Gebieter ihres Daseyns zu betrachten? Keine Hoffnung, sogar kein Wunsch einer glucklichen Zukunft konnten ihren Muth dazu stahlen, sie achtete ihre Rechnung mit dem irdischen Leben fur geschlossen, denn sie hatte geliebt. Ernesto hatte Gabrielen zu genau beobachtet, um an dieser ihrer Ueberzeugung zu zweifeln. Der Gedanke, dass es mit Bitten, Rathen, Warnen ihm doch vielleicht gelingen konne, sie zur bessern Ansicht des wirklich Rechten und Wahren zu bringen und sie dadurch zur standhaften Weigerung zu ermuthigen, gewahrte ihm ebenfalls wenig Trost, denn wie schauderhaft wurde alsdann doch vielleicht vom eignen Vater ihr Leben bedroht!

Flucht, schnelle Flucht, blieb der einzige Weg. Aber wie die Tochter bewegen, ihren alten Vater wider seinen Willen zu verlassen, und vielleicht seinen Fluch auf sich zu laden! Sollte Erneste ihr entdekken, in welcher entsetzlichen Gefahr ihr Leben bei ihm schwebte? Wahrscheinlich wurde sie ihm nicht Glauben beimessen, und gelange es ihm, sie von der traurigen Wahrheit zu uberzeugen, so musste der Gedanke an solche Grauel ihre ganze Zukunft truben. Wer burgte ihm dafur, dass Gabriele nicht in einem, durch das Gefuhl ihres Unglucks exaltirten Augenblick, den Tod von Vatershanden ohne Widerstreben annahme! Ernesto kannte den Geist unsrer, jedem uberspannten Gefuhl gunstigen Zeit, welcher der Jugend statt froher Thatigkeit, bloss leidende schmerzliche Sehnsucht als Zweck eines Daseyns zeigt, dem das innige Wohlbehagen, die reine Freude am Leben mit jedem Tage sich mehr entfremden.

In diese Ueberlegungen vertieft, war Ernesto dem Schlosse schon ganz nahe gekommen, ohne eine andre Auskunft gefunden zu haben, als die, welche sich im ersten Augenblick ihm dargeboten hatte, die er als zu eigenmachtig verwarf, und welche zuletzt doch ergreifen zu mussen er jetzt befurchtete. Er nahm sich indessen vor, erst die Ueberzeugung zu gewinnen, dass alles wirklich so sey, wie Moritz es ihm vorgestellt hatte, ehe er Anstalten traf, Gabrielen im aussersten Nothfall ohne ihr Vorwissen und ihre Einwilligung vom vaterlichen Schlosse fortzubringen. Moritzen sollte alsdann die Sorge bleiben, den Wahnsinn seines Verwandten gesetzlich anerkennen zu lassen und ihn dadurch unschadlich zu machen.

Ernesto konnte und mochte es sich nicht verbergen, wie viel er durch diesen Eingriff in Gabrielens Schicksal auf das Spiel setzte, aber er sah keine andre Moglichkeit, ihr zu helfen, und musste sogar davor zittern, dass Zufalligkeiten ihm auch diese vereiteln konnten. Moritz von Aarheim war bei Ernestos Ankunft noch eifrig bemuht, sein dampfendes Pferd im Schlosshofe herumfuhren zu lassen, und dem Jokei dabei in eigner Person unter lautem Demonstriren zu zeigen, wie man in England diesen Thieren nach jeder Erhitzung den Kopf und die Ohren mit einem Tuche abreibe. "Sie sehen, wie beschaftigt ich bin," flusterte er geheimnissvoll dem eben Angekommnen zu, "sobald ich nur eine Minute Zeit gewinne, besorge ich die verlangten Pferde und Wagen. Uebrigens schlaft der Baron hoffentlich noch mehrere Stunden, und die Kusine finden Sie mit ihrer Cameriera im Blumengarten."

Schon und heiter wie der Morgen trat Gabriele schon an der Thure des Gartens ihrem Freunde entgegen. Sie trug eine Vase voll malerisch geordneter bunter Herbstblumen. Mit der Linken druckte sie die Vase fester an sich, um sie nicht fallen zu lassen, wahrend sie ihm die Rechte zum Willkommen freundlich entgegen reichte. Die frische Herbstluft hatte ihre Wangen hoher gerothet, ihr Auge strahlte glanzender, Ernesto glaubte, sie noch nie so reizend gesehen zu haben. Beim Anblick des holden Geschopfs, das arglos wie ein Kind am Rande des Verderbens noch lachelnd mit Blumen spielte, ergriff ihn ein unaussprechlich mitleidiges Gefuhl. Woher sollte er Muth gewinnen, den ruhrenden Frieden dieses schuldlosen Wesens durch seine Warnung zu storen, den milden Glanz dieses hellen Auges zu truben? Es ward ihm, als sey er selbst im Begriff, eine frevelhafte That zu uben, als wurde er mitschuldig an ihrem Untergange, wenn er jetzt sprache. Vor ihrem ruhig schonen Anblick verlor er selbst fur den Moment den Glauben an die obwaltende Gefahr, und seine sonst so klare Besonnenheit musste der machtigen Sprache seines Herzens einstweilen weichen.

Seit sie von Frau von Willnangen sich getrennt hatte, war Gabriele noch nicht so frohlich gewesen. Ihr Herz schwamm in Wonne bei der Erinnerung an die theilnehmende Art, mit der ihr Vater am gestrigen Abend sich mit ihr beschaftigt hatte. Sie war entzuckt, wenn sie seiner deutlich ausgesprochnen Zufriedenheit mit ihrem bisherigen Streben gedachte. Freude macht geschwatzig; wortreicher als jemals erzahlte daher Gabriele ihrem Freunde jeden kleinen Umstand des vergangnen Abends, und suchte auch ihm ihre eigne Ueberzeugung mitzutheilen, dass sie von nun an immer hoher in der Gunst ihres Vaters steigen, ihm immer nothwendiger werden musse und wurde.

Ernesto hingegen ward immer muthloser, immer unfahiger, ihr das Entsetzliche zu verkunden, je langer er den frohlichen Ergiessungen ihres reinen Herzens zuhorte. Er litt unbeschreibliche Qual bei dem Gedanken, sie aus ihren Traumen von einem heissersehnten Glucke zum Elend erwecken zu mussen. Schonend sie und sich, verschob er es von Stunde zu Stunde, denn jede Minute, wahrend welcher er noch schwieg, war, seiner Ueberzeugung nach, ihrer kunftigen traurigen Zukunft abgewonnen.

So kam die Zeit des Mittagsmahls heran. Der Gerichtsdirektor war diessmal dabei gegenwartig, denn der Baron hatte ihn zum heutigen Abend auf das Schloss einladen lassen. Und auch ohne diesen wurde das Beiseyn der Bedienten und selbst Moritzens Gegenwart jede freie Mittheilung wahrend der Mahlzeit unmoglich gemacht haben.

So ganz widerwartig, wie heute an dem kleinen Tische dicht neben Gabrielen, war Moritz noch nie ihrem Freunde erschienen; sein lappisches verstecktes Winken, sein geheimnissvoll seyn sollendes Fragen, seine Anspielungen, mit denen er Ernesto, so lange die Mahlzeit wahrte, zu verfolgen nicht aufhorte, machten ihn ganz unertraglich, und dieser war deshalb herzlich froh, als endlich die Tafel aufgehoben ward, und er mit Gabrielen sich wieder allein sah.

Die herbstliche Sonne senkte sich schon dem Felsen zu, die Stunde der fruh eintretenden Dammerung nahte heran, und Ernesto fuhlte mit bitterm Schmerz, dass es jetzt nicht moglich sey, langer zu schweigen. Um Gabrielen zu schonen, auch wohl um selbst Muth zu gewinnen, wendete er zuerst das Gesprach auf Gabrielens Verhaltniss zu Moritz von Aarheim, als Lehnerbe ihres Vaters, und machte gleich die Entdeckung, dass sie durchaus keinen Begriff davon habe. Alles, was er ihr daruber zu sagen fur gut fand, machte auch weiter keinen Eindruck auf sie, als dass es sie an die Zeit erinnerte, in welcher ihr Vater nicht mehr seyn wurde, und sie deshalb ernster und truber stimmte.

"Behalte ich doch Sie, meine Willnangen und meine Auguste, wenn Gott meinen Vater zu sich ruft, dazu Genugsamkeit und Freude an wohlgeordneter Thatigkeit, diese Guter kann kein Gesetz mir rauben," sprach endlich Gabriele. "Moge mir das Gluck, meinen Vater zu pflegen, recht lange gegonnt werden! kommt aber die Zeit, wo ich ihn zu verlieren bestimmt bin, so weiss ich, dass meine Freunde sich um mein kunftiges Fortkommen auf dem Lebenswege weit mehr kummern werden als ich selbst."

"Auch ich ware um Ihre Zukunft unbesorgt, theure Gabriele! wenn nicht die Plane Ihres Vaters mich beangstigten," erwiederte Ernesto; "vielleicht entdeckt er sie Ihnen heute noch" Ein eintretender Diener unterbrach ihn mit der Nachricht, dass der Baron Gabrielen sogleich zu sprechen verlange. Ernesto ward bleich wie ein Sterbender.

"Beinahe zwei Stunden fruher als gestern! Sehen Sie wie er allmahlig meine Gesellschaft lieb gewinnt?" rief frohlockend Gabriele, und bemerkte nicht, in welcher Todesangst ihr Freund vor ihr stand, bis sie im Forteilen sich von ihm fest gehalten fuhlte.

"O Gabriele!" rief er, "Sie wissen nicht! armes, ungluckliches Kind! Sie wissen nicht, wem Sie entgegen gehn, was Sie erwartet! Worauf ich langsam Sie vorbereiten wollte, muss ich jetzt Ihnen ohne Milderung eilend zurufen. Ihr Vater will Sie vermahlen, er will das Unglaublichste, er will an Moritz von Aarheim Sie vermahlen, gerade wegen jener Familienverhaltnisse, die ich eben Ihnen zu erklaren begann. Moritz selbst entdeckte mir diess, er gab mir den Auftrag, Sie vorzubereiten, er ist zu gutmuthig, um Sie dem Zwange verdanken zu wollen."

Gabriele ward bleich, sie zitterte, sie verstummte einige Minuten lang, doch wusste sie sich bald wieder zu fassen. "Dank! Dank Ihnen, Ernesto, fur Ihre Warnung!" sprach sie, "jetzt aber lassen Sie mich, ich darf meinen Vater nicht langer auf mich warten lassen. Ich hoffe, diese Gefahr soll an mir voruber gehen, ich werde meinen Vater gewinnen, er soll ohne mich nicht leben konnen, er soll mich lieben lernen, dann wird er mich nicht verstossen wollen." "Gabriele!" rief Ernesto in hochster Angst, und eilte neben ihr her, die schnell die langen Gallerieen durchstreifte, um zu den Zimmern ihres Vaters zu gelangen. "Gabriele! nur einige Worte noch. Gedenken Sie Ihres Versprechens im Felsenthal, ehren Sie diessmal meinen Rath. Erzurnen Sie Ihren Vater nicht durch Weigerung, wenn er Ihnen seinen Willen kund thut, um Gotteswillen nicht. Bitten Sie um Bedenkzeit, horen Sie mich? um Bedenkzeit. Geloben Sie es mir, um Bedenkzeit zu bitten, ohne irgend eine Abneigung gegen seinen Willen zu aussern, oder ich dringe mit Ihnen in sein Zimmer, werde dann weiter daraus was da wolle;" setzte er wie ausser sich hinzu.

"Ernesto, wie furchterlich sind Sie!" rief Gabriele, und stand einen Augenblick still, ihn betrachtend. Sie sah Thranen in seinen Augen glanzen, sie gewahrte den Ausdruck des angstlichsten Mitleids, der hochsten Unruhe in allen seinen Zugen. "Ich sehe es," sprach sie tief bewegt, "ich sehe es, Ihrer Angst um mich liegt noch ein Geheimniss zum Grunde, das Sie mir nicht entdecken wollen. So bleibe es mir dann verborgen, ich ehre Ihre Grunde, es mir zu verschweigen und traue Ihrer Freundschaft. Ich gelobe, Ihrem Rathe zu folgen, meinen Vater nicht durch Widerspruch zu reizen, ihn um Bedenkzeit zu bitten. Darf ich nun hoffen, Sie beruhigt zu haben?"

Ernesto vermochte vor innrer Bewegung nicht ihr zu antworten. Die dunkeln Mauern von Schloss Aarheim ubten ohnehin an ihm eine Zaubermacht aus, welche seine Geisteskraft lahmte. Er wahnte dort noch Augustens Seufzer zu athmen, die einst ungehort hier verwehten; ferne Tone umschwirrten ihn wie der Wiederhall ihrer langst verklungnen Stimme, und ihre holde Gestalt schien ihm aus jeder Ecke entgegentreten zu wollen. Bei dem schwachen Schimmer einer einsamen Lampe in der hochgewolbten dustern Gallerie, in welcher Gabriele mit ihm sich befand, war es ihm, als sahe er plotzlich neben ihr den Geist ihrer Mutter; er bebte ergriffen zuruck, im nehmlichen Augenblick offnete sich die Thure vom Vorzimmer des Barons, in deren Nahe sich beide befanden, und schlug klingend hinter Gabrielen zu, sobald diese die Schwelle uberschritten hatte.

Ernesto wollte ihr nach, um wenigstens, wenn auch durch eine zweite Thure von ihr getrennt, in ihrer Nahe zu bleiben, aber er horte die Stimme des Barons, der seiner Tochter gebot, ihm in sein Zimmer zu folgen, und dann den innern Riegel vorschob. Auf Flugeln der Angst durcheilte Ernesto jetzt wieder die Gallerieen, um Frau Dalling aufzusuchen, ihr alles zu entdecken und dann wo moglich mit ihrer Hulfe ein Mittel zu finden, der gefurchteten Unterredung zwischen Vater und Tochter ungesehen beizuwohnen. Festlich gekleidet, geschmuckt mit allen Zeichen ehemaliger Wurden und Ehren, war der Baron seiner Tochter bis an die Thure des Vorzimmers entgegen gekommen, die er, wie schon erwahnt ward, hinter ihr verriegelte. Dann schritt er feierlich vor ihr her, nahm seinen gewohnlichen Platz im Lehnstuhl am Fenster ein, und winkte ihr schweigend, sich auf ein Taburet ihm gegenuber zu setzen.

Der Eindruck, welchen seine ganze Gestalt auf sie machte, war heute noch imponirender als ehemals, der Baron schien sogar grosser als sonst, und der versteinerte Ernst aller seiner Zuge beklemmte ihre Brust und raubte ihr den Athem.

"Ich wiederhole die schon gestern dir ertheilte Zusicherung meiner Zufriedenheit mit deinen in der Stadt erworbnen Kenntnissen," hob der Baron nach einer ziemlich langen Pause an, "sie haben mein Erwarten ubertroffen. Wer so fleissig war wie du, hatte wahrscheinlich nicht Zeit, Thorheiten zu begehen. Daher hoffe ich, dass kein innres Hinderniss dich abhalten wird, meine Wunsche zu erfullen, und dass du auch neben so vielem anderm gelernt hast, kindlichen Gehorsam zu uben. Ich bin entschlossen, dich meinem Lehnserben, Moritz von Aarheim, zu vermahlen, doch habe ich ihm versprechen mussen, es dir frei zu stellen, seine Hand auszuschlagen. Entscheide also ohne Zwang: ob du meinem Willen folgen willst oder nicht, so wie du glaubst, dass es recht sey."

Der Baron schwieg, und Gabriele strebte vergebens, ihre zitternden Lippen zur Antwort zu bewegen. Einige Minuten vergingen im schweigenden Kampf mit ihrer innern Angst. "Entscheide!" rief endlich der Baron mit flammenden Augen, und richtete sich hoch in die Hohe.

"Mein Vater," stammelte Gabriele, "wie kann ich so schnell ich flehe nur um Bedenkzeit."

"Bedenkzeit!" wiederholte der Baron, und liess sich langsam wieder nieder, "Bedenkzeit! Thoren, Schwachlinge bedenken sich. Der Tapfre, der Weise, wissen gleich, was sie wollen oder mussen. Doch du bist ein Madchen, und diese Alfanzerei war schon vor vierzig Jahren unter euch Mode, wunderbarbar, dass sie in der langen Zeit nicht wieder abkam. Nun, es sey du hast Bedenkzeit, bleib sitzen, bedenke dich."

Seiner Gewohnheit gemass wandte sich der Baron nach der Brandstatte, eine bange Viertelstunde verging, wahrend welcher Gabriele es nicht wagte, sich zu regen. Endlich kehrte sich der Baron mit fragendem ernstem Blick ihr wieder zu.

"Vater!" rief sie und hob flehend die Augen voll erstarrter Thranen zu ihm auf, "Vater, ich brauche keine Bedenkzeit. Bei Ihnen will ich bleiben! Ihnen allein widme ich mein Leben, Sie pflegen will ich, Ihnen dienen, keine andre Pflicht erkennen, als jedem Ihrer Wunsche zuvorzukommen!"

"Und weigerst dich dennoch, den ersten, welchen ich aussprach, zu erfullen?" erwiederte der Baron und durchbohrte sie fast mit seinen gluhenden Augen.

"Nein, o nein, mein Vater!" erwiederte schnell Gabriele, "ich bitte Sie nur, mich nicht zu verstossen. So lange ich lebe, ist Ihnen mein Daseyn geweiht. Ich kann mich nicht entschliessen, einem Andern anzugehoren als meinem Vater, ich fuhle einzig den Beruf, um Sie zu seyn, so lange mir Gott Ihr Leben erhalt; was spater aus mir wird, macht mir keine Sorge."

"Auch mir sollte es keine machen besser ware es, wenn" murmelte der Baron nur halb horbar vor sich hin, dann versank er wieder in tiefes Nachdenken. Abermals vergingen einige stumme Minuten, dann wandte er sich plotzlich wieder zu Gabrielen.

"Hore mir aufmerksam zu," sprach er. "So viel du davon zu fassen vermagst, will ich dir die Grunde entwickeln, welche mich bestimmen, diese Verbindung zu wunschen. Hernach entscheide. Forderst du dann noch langere Bedenkzeit, so sey sie dir im Voraus gewahrt. Hore mich jetzt.

Unermudetes Forschen, Streben, Arbeiten war mein Leben, so lange du athmest; die Nacht mir Tag. Ich habe Schrecken getrotzt, Gefahren, bei deren blossem Namen dein jugendliches Blut in den Adern erstarren musste. Meine Umgebungen waren Mein Umgang war Nein, ich will deine Sinne nicht durch die Namen jener Schrecklichen verwirren, ich will dich nicht dem Wahnsinn zufuhren. Ich schweige von dem, was ich that, was ich litt, was ich uberwand. Fur dich, Gabriele, fur dich! dich wollte ich erheben, dich erhohen zur Glorreichsten unseres alten Geschlechts! hoch uber alle jene edlen Frauen deiner Ahnen, deren lange Reihe der edelste Schmuck unsers Hauses ist."

Hier schwieg der Baron wieder einige Minuten lang, Gabriele wagte es nicht, sich zu regen. Dann fuhr er mit fast tonloser Stimme fort: "Die doppelte schuppige Schlange, deren gekrontes Haupt in rother Erde sich birgt, war mein, die Konigin ruhte in ihrer Kammer, der Rabe wandelte sich zum hochfliegenden Aar, und ernahrte den in ihrem Schoosse schlummernden grunen Lowen, es nahte sich der Alte, der zwischen den Bergen geht, die rothe und die weisse Lilie prangten in seinen Handen. Da da fort mit der Erinnerung, wie alles vernichtet ward," rief der Baron jetzt laut und furchterlich, "fort es ward vernichtet. Weh mir! ich vergass den Fluch, der auf der funften Zahl ruht, feindliche dunkle Machte, auf mein Verderben lauernd, irrten mich. Freundliche zurnten mir Verloren verloren verloren ist das grosse Spiel."

Mit geschlossnen Augen lehnte sich der Baron jetzt in seinen Lehnstuhl zuruck und lag regungslos da. Gabriele war vor ihm auf die Knie hingesunken; sie blickte in sein farbloses Antlitz, auf seine grauen Haare, welche sparlich die eingefallnen Schlafe umgaben, sie sah die tiefliegenden geschlossnen Augen in ihren weiten Hohlen, von den uberhangenden schneeweissen Augenbraunen beschattet. Er glich so ganz einem Todten, dass der Gedanke sie grausend uberfiel, er konne in diesem Moment gestorben seyn.

"Mein Vater, mein Vater!" rief sie, und wagte es, leise seine Hand zu beruhren; da richtete er, gleich einem Erwachenden, sich wieder auf.

"Du weinst?" sprach er, "du zitterst? weisst du warum? wovor?" Dann blickte er sie eine Weile starr an. "Ich lese in deiner Seele," fuhr er fort, "du glaubst, ich sey wahnsinnig, weil du meine Reden nicht verstehst. Du irrst, hohe Weisheit liegt hinter diesen Bildern, aber ihr hort nur, und vernehmt nicht, e u r e Sinne halt Wahn befangen. Die Vergangenheit enthullte ich dir, so weit ich es durfte. Die Gegenwart, tritt her zu mir ans Fenster, blicke hinaus, dort liegt sie, dort in Trummern. Was diese decken, bleibe ewig verborgen. Fluch der Hand, die es wagt, diesen Schutthaufen zu beruhren!" rief er mit furchtbarem Ton, in hoher aufrechter Stellung, mit flammenden Augen, wie ein Begeisterter. "Fluch dem, der dem Unheil, das dort im dunkeln tiefen Gewolbe sicher ruht, den Weg bahnt zum Licht. Niemand darf dort den Faden finden, ihn wieder aufnehmen, der meiner starken Hand entfiel! denn niemanden darf gelingen, was mir misslang."

"Moritz von Aarheim gebietet hier nach meinem Tode," sprach der Baron nach einer kleinen Pause, wahrend welcher er sich mit Anstrengung zu besanftigen schien. "Sein erstes Thun wird seyn, dort zu graben, zu bauen, zu wuhlen, er selbst hat mir es ins Angesicht gestanden. Du allein kannst mir die Sicherheit jenes Heiligthums auf ewige Zeiten erkaufen, und erkauft muss sie werden. Es gilt der Ruhe meiner Todesstunde, es gilt dem ruhigen Schlaf meiner Gebeine im stillen Grabe, weit, weit, auf Jahrhunderte hinaus! Gabriele, du darfst jetzt nicht ohnmachtig werden, fasse dich, du darfst jetzt nicht die Besinnung verlieren, du musst mich aushoren, denn nie darf ich wieder wie in dieser Stunde zu dir reden."

Mit leisem, wunderlich-heimlichem Tone fuhr der Baron nach kurzem Schweigen in seiner Rede weiter fort. "Kennst du die Geheimnisse der Unterwelt? Wie solltest du! Ich aber wagte es, mit dieser Hand ihren Schleier zu luften. Nicht alle, meine Tochter, nicht alle, die hier entschliefen, ruhen dort in Frieden. Furchtbare Vorhofe fuhren zum finstern Reich, dort in Tophet und Scheol weilen rastlos die Seelen derer, die beunruhigt uber die Zukunft dessen hinubergingen, was sie hier erstrebten. Jede Mitternacht ruft sie herauf, gespenstisch umwandern sie den Gegenstand ihrer Sorge in banger Qual, bis der Morgenhauch sie wieder zur kalten dustern Tiefe scheucht jede Nacht sehe ich dort druben den alten Franz, Sorge um mich lasst ihn nicht ruhen, er hebt das bleiche Haupt aus der Asche, mit langem Todtenfinger winkt er mir zu sich, zu sich, zur jammervollen Wache um das dort Verborgne."

"Ich habe vollendet, du weisst jetzt genug. Ruhe oder Verzweiflung deines Vaters in der letzten Stunde und im Grabe sey das Werk deiner freien Wahl. Bedenk es wohl, es gilt nicht einer Hand voll Tage, die ihr ein Leben nennt, es gilt der Ewigkeit. Meine Todesstunde kann jetzt schlagen, in dieser Minute, aber du hast Bedenkzeit. Willige ein, verwirf, bringe durch thorichtes Zogern das Unheil uber mich, ich breche mein gegebnes Wort nicht, du bist frei, du hast auch Bedenkzeit."

"Vater, Vater!" rief Gabriele, "kann denn mein Leben nicht das Opfer seyn?"

Hastig griff der Baron an seine Brust, dann liess er die Hand wieder sinken. "Nein," sprach er halb leise, und blickte milder als vorher Gabrielen an.

"Nun denn, ich will nicht angstlich berechnen, was ich meinem Vater opfre, hier bin ich, Ihr Kind! mein Schicksal lege ich in Ihre Hand und murre nicht."

Erschopft an allen Kraften, doch nicht bewusstlos, sank sie mit diesen Worten vor ihm hin.

"Ich danke dir," sprach der Baron, und liess einen Moment seine Hand auf ihrem schon gelockten Haupte wie segnend ruhen; dann hob er Gabrielen sorgsam auf, und setzte sie in seinen Lehnstuhl. "Ermanne dich, fasse Muth, du hast entschieden wie es recht war. Uebrigens geschehe gleich, was geschehen muss; alles ist vorbereitet. Zogern ist Qual, ist Gefahr, und ich bin mude und will zur Ruhe."

Mit diesen Worten zog er die Schelle und ging in das Vorzimmer, um die Thure zu offnen. Athemlos sturzte dort Frau Dalling ihm entgegen, ein lauter Schrei des Schreckens, als sie Gabrielen bleich und regungslos im Lehnstuhl erblickte, verrieth, dass Ernesto ihr alles vertraut habe, was er wusste. Der Baron achtete nicht darauf. "Fuhren Sie Ihr Fraulein auf ihr Zimmer," sprach er, "schmucken Sie die Braut mit dem Hausschmuck, den seit Jahrhunderten jede Braut von Schloss Aarheim an ihrem Ehrentage tragt," fugte er hinzu, indem er ihr ein uraltes Kastchen mit einem goldnen Schlussel ubergab. "In einer Stunde kommt der Brautigam, sie zur Trauung abzuholen."

Matt zum Tode, aber fromm lachelnd wie ein seliger Engel neigte, sich Gabriele vor ihrem Vater, dann wankte sie am Arm der Frau, die einst an der Schwelle des Lebens sie empfing, still hinaus. Ernesto eilte schon im Vorzimmer ihr entgegen. Ein Strom lindernder Thranen machte beim Anblick des treuen Freundes dem armen gepressten Herzen Luft. "Sie hatten Recht," flusterte Gabriele ihm zu, und lehnte das schone bleiche Kopfchen auf seine Schulter, indem sie erschopft auf einen Stuhl sank. Frau Dalling und Ernesto knieten vor ihr hin, sie zu unterstutzen.

"Noch ist Rettung moglich!" sprach Ernesto angstlich und schnell. "Fliehen Sie, alles ist bereit. Frau Dalling begleitet uns, Moritz selbst befordert und beschutzt unsre Flucht, er will Sie nicht dem Zwange verdanken. Keine Pflicht bindet Sie, den Willen eines verwirrten Sinnes zu erfullen, wenn es dem Glucke Ihres ganzen kunftigen Lebens gilt. Kommen Sie, verlieren Sie keine Zeit, Pferde und Wagen stehen unten am Schlossberge, jede Minute ist kostbar, Moritz selbst will hier uns vertreten, wir eilen zur Frau von Willnangen."

"D e r Rath kam nicht aus Ihrer Seele, Ernesto," erwiederte Gabriele sehr ernst und trocknete ihre Thranen. "Wohin konnten Sie mich fuhren, dass nicht der Fluch meines Vaters mich erreichte? dass nicht die Schrecken der eben durchlebten Stunde mich verfolgten, nicht die Angst um einen sterbenden Vater, dem ich den Trost verweigerte, welchen zu geben in meiner Macht stand? Ernesto," setzte sie hinzu, und blickte ihn zutrauend an, indem sie seine beiden Hande fasste, "konnen Sie mir wirklich rathen jetzt zu fliehen?"

"Nein! ich kann es nicht, und du bist verloren," rief Ernesto, "dort in der Freiheit wurde Reue dich verzehren, ich fuhle es. So gehe denn gefasst dem entgegen, was du, reine Seele! als Pflicht anerkennst. Damals, als du diesen furchterlichen Mauern zueiltest, in denen alles Gute und Schone untergehen muss, damals hatten wir, deine Freunde, dich zuruckhalten, dich nicht so unbedacht der Gewalt eines Wahnsinnigen ausliefern, wir hatten seinen Zustand vorher erkunden sollen. Jetzt ist es zu spat," setzte er mit verhulltem Gesicht hinzu. Die zum Schmuck der Braut vom Baron bestimmte Stunde war voruber. Bleich wie ein Marmorbild, keine Spur von Lebenswarme auf Wangen und Lippen, sass Gabriele auf ihrem Sopha, und schauderte bei jedem Gerausch. Nur ihr schwimmendes Auge, die zitternde Bewegung ihres hochklopfenden Herzens, von welcher der diamantne Blumenstrauss an ihrer Brust erbebte, verriethen innres Leben und innern Kampf. Schweigend, aber vergebens, strebte sie wie sonst dem Unvermeidlichen wenigstens ausserlich gefasst entgegen zu treten, ihr unwillkurliches Zittern, ihre Unfahigkeit, sich aufrecht zu erhalten, vermochte sie nicht zu uberwinden.

Ernesto stand bleich wie sie selbst neben ihr, sein Blick ruhte auf den vor alter Zeit in wunderliche Schnorkel gefassten Diamanten, die, zum Brautkranz zusammengefugt, Gabrielens blonde Locken niederdruckten. Plotzlich ergriff ihn der Gedanke, dass dieser nehmliche Kranz wahrscheinlich auch an Augustens Opfertage in ihren Haaren geschimmert hatte, und die Ironie des Zufalls, der hier den kalten schweren Stein statt der weichen lieblichen Myrte erwahlte, erhohte den bittern Schmerz, der ihn, den sonst so ruhigen Mann, in diesem Augenblick der Verzweiflung nahe fuhrte.

"Alle Liebe erstirbt in diesen Mauern," rief er aus, "darum ist auch ihr Symbol daraus verbannt, und spitziger Steine flimmernder Glanz muss dessen Stelle ersetzen. O Gabriele! mogen Sie nie auf Ihrem Lebenswege die Myrte vermissen, die jetzt auch Ihrem Schmucke fehlt, und nie ihr begegnen! Diess ist der einzige Segen, den ich heute Ihnen geben kann, und es klingt wie ein Fluch."

"Ich denke Sie zu verstehen, guter Ernesto, und mochte gern Sie trosten, wenn Sie mir nur glauben wollten," erwiederte sanft und gelassen Gabriele. "Mein Leben ist voruber, wenn Lieben Leben ist. Andern mag Hoffnung strahlen, mein Stern ist Erinnerung, Erinnerung an eine kurze Stunde voll Wonne und Schmerz, die nie mir wiederkehren kann und dennoch ewig mich begluckt. In meinem Herzen ist der Sturm beschwichtigt, um nie wieder zu erwachen, ich weiss es, seit gestern, da ich es vermochte, vor Ihnen den Namen auszusprechen, den ich nie wieder nennen werde, obgleich ich es durfte, denn mein Empfinden ist ruhig und schuldlos. Das Opfer, welches ich meinem Vater bringe, ist daher nicht so gross, als Sie es sich wohl denken. Ich opfre keine Hoffnungen, denn ich hatte keine, kein Gluck der Zukunft, denn mir bluht keins, als in der Liebe meiner Freunde, und d i e bleibt mir. Fur die Freiheit weniger Jahre gewinne ich meines Vaters Ruhe, seinen Segen, und Frieden mit mir selbst. Es werden der Jahre sehr wenige seyn, mir sagt es mein ahnendes Herz, und warum sollte ich um so hohen Preis mit einer Hand voll Tage noch geizen!"

Die Thure offnete sich, Moritz von Aarheim trat herein. Gabriele zuckte bei seinem Anblick krampfhaft zusammen, doch erholte sie bald sich wieder, und ging, gestutzt auf ihre Dalling, ihm einige Schritte entgegen. "Haben Sie den Wunsch meines Vaters erfullt?" fragte sie leise und zitternd.

"Ich habe es. In allen Formen, wie er es verlangte, habe ich gerichtlich mich und meine Nachkommen auf ewige Zeiten verbindlich gemacht, keinen Stein in Schloss Aarheim zu verrucken, weder zu bauen noch einzureissen," erwiederte Moritz in ungewohnter Kurze, denn innre Bewegung und Gabrielens uberirdischer Anblick hemmten den gewohnten Fluss seiner Rede.

"Wollen Sie auch mir eine Bitte gewahren?" fragte Gabriele. Moritz antwortete schweigend mit einer bejahenden Verbeugung. "Nun so versprechen Sie mir, mich nie von meinem Vater zu trennen, solange mir Gott sein Leben erhalt," bat Gabriele, mit unendlich weicher ruhrender Stimme und Geberde.

"Ich verheisse es Ihnen," erwiederte Moritz, "gewahren Sie mir dagegen die Versicherung, dass Sie freiwillig und ohne Zwang mir die Hand reichen."

"Freiwillig, ohne Zwang," wiederholte Gabriele kaum horbar.

"Der Baron erwartet uns," sprach Moritz ebenfalls sehr leise.

Gabriele wankte, indem sie hinausschreiten wollte, Ernesto bot zur rechten Zeit ihr den Arm, um sie vor dem Fall zu schutzen; auf ihn gelehnt, betrat sie die an das Zimmer ihres Vaters grenzende Kapelle des Schlosses.

Dort stand der Baron, neben dem Priester am hellerleuchteten Altar, nur die Bewohner des Schlosses und der Gerichtsdirektor waren als Zeugen gegenwartig, bange Grabesstille herrschte unter allen Anwesenden. Feierlich schritt der Baron dem langsam herannahenden Paare entgegen, er nahm die zitternde Hand der Braut, die so lange auf Ernestos Arm geruht hatte, und schien dabei diesen in der Zerstreuung nicht zu bemerken.

Todesbleiche wechselte mit der Purpurrothe des Zorns in Ernestos Gesicht, wahrend dieses geschah, sein Herz pochte hoch, sein Auge flammte, seine Hand ballte sich wie zum Kampf. Ungehindert hatte indessen die Zeremonie begonnen, welche Gabrielens Schicksal unwiderruflich bestimmte.

Sie ward beendet, alles blieb still, kein frohliches Getummel Gluckwunschender drangte sich um die Neuvermahlten, und wie bewusstlos schwankte Gabriele am Arm ihres Vaters in sein Zimmer. Ernesto folgte mit Moritz von Aarheim, zuletzt Frau Dalling und Annette. Alle ubrigen blieben in der Kapelle zuruck, die Thure derselben, welche in des Barons Zimmer fuhrt, ward geschlossen.

Der Baron trat in seinem Zimmer an das Fenster und blickte hinuber zur Brandstatte; wuthender Sturm durchtobte heulend die schwarzen Trummer. "Dort ist Aufruhr, hier endlich Ruhe," sprach der Baron, und setzte sich auf seinen gewohnten Platz. Gabriele, unfahig sich aufrecht zu erhalten, kniete vor ihm hin. "Dir danke ich diese Ruhe, Gabriele; auch deine Mutter hat viel fur mich gethan," sprach der Baron. "Ich segne dich nochmals, mein Kind," setzte er hochst feierlich hinzu, indem er ihre Stirn mit seiner Hand beruhrte; "auch dich segne ich, mein Sohn Moritz von Aarheim! halte das Kleinod hoch, das ich dir ubergab." Es lag etwas besonders mildes in dem Ton, mit welchem der Baron diese Worte sprach. Ungewohnte Ruhe ebnete die harten Zuge seines Gesichts und machte sie fast unkenntlich. "Jetzt ist mein Haus bestellt. Lebt wohl! ich bin mude und gehe zur Ruhe," sprach er noch, und winkte verabschiedend wie gewohnlich.

Halb getragen von Annetten und ihrer Dalling, schritt Gabriele langsam der Thure zu, Moritz und Ernesto folgte ihr; kaum aber hatten sie die Mitte des sehr geraumigen Zimmers erreicht, als Ernesto den Baron in seinem Lehnstuhl zusammensinken sah, zugleich verbreitete sich ein betaubender mandelartiger Geruch. Alle wandten sich plotzlich wieder dem Baron zu. An seinem Halse hing das kristallne Flaschchen erbrochen an der goldnen Kette herab, er selbst lag regungslos in seinem Lehnstuhl, kein Zweifel war moglich. Im Geiste des Kirschlorbeers hatte er den schnellen schmerzlosen Tod eingeathmet, welchen er einst Gabrielen bestimmte, die einzige Frucht seines jahrelangen, muhseligen, alchymistischen Forschens.

In tiefer Ohnmacht sank Gabriele neben der entseelten Hulle ihres Vaters zu Boden.

Zweiter Theil

Wie dem Blitz der Donner, so schnell war bei der Entscheidung von Gabrielens Geschick die Erfullung dem ersten Drohen der Gefahr auf dem Fusse gefolgt.

Ernesto hatte im Drange der Begebenheiten keinen ruhigen Augenblick gefunden, um Frau von Willnangen auf die Moglichkeit des fast Unglaublichen vorzubereiten, und selbst, nachdem schon alles entschieden war, wahrete es noch mehrere Tage, ehe er Muth und Ruhe des Geistes genug gewinnen konnte, um ihr zu schreiben. Ueberdies stand er nach dem Tode des Barons wirklich ganz allein in der alten grausenvollen Burg, mitten unter einem Haufen verschuchterter, hulfloser Menschen, die alle zu ihm aufblickten, die von ihm berathen und in Thatigkeit gesetzt zu werden verlangten, um nur dadurch ihren eignen Gedanken zu entgehen.

Moritz war zufolge seiner armen, schwachen, an tausend Kleinigkeiten sich anklammernden Natur, im ersten Schrecken ganz unfahig geworden, nur einen einzigen Gedanken klar zu fassen; noch weniger vermochte er, einigermassen zweckdienliche Anstalten zu treffen, wie sie die Umstande heischten. Seine unglaubliche Unbeholfenheit, Gabrielens bewusstloser Zustand, selbst die angstliche mussige Neugier der Bedienten, alles vereinigte sich, die ganze Thatigkeit des einzigen hellen Geistes in Anspruch zu nehmen, der mitten in diesem Wirrwarr fahig geblieben war, fur die Uebrigen zu denken.

Ernestos erste Sorge musste das feierliche Leichenbegangniss des Barons seyn, dessen selbst gewahlte Todesart er um Gabrielens Ruhe willen moglichst zu verheimlichen suchte. Der Uebung dieser traurigen Pflicht folgte des neuen Besitzers festliche Uebernahme der Guter und dem zunachst die Untersuchung der bisherigen sehr nachlassig betriebnen Verwaltung derselben. Ernesto ubernahm gern jedes Geschaft, theils um Gabrielens willen, theils weil er wirklich unausgesetzter Thatigkeit bedurfte, um sich selbst aufrecht zu halten.

Moritz wendete indessen seine Aufmerksamkeit auf unzahlige unbedeutende Kleinigkeiten, die aber alle mit der hochsten Wichtigkeit von ihm betrieben wurden.

Ruhig, keiner Erdennoth sich bewusst, aber krank zum Tode, lag wahrend der Zeit Gabriele in tiefer Betaubung auf ihrem Bette, bis sie nach mehreren Tagen wieder zur Besinnung und ins Leben zuruckgerufen ward. Ihr Erwachen glich dem eines Kindes, das nach einer Nacht voll angstlicher Traume beim ersten Aufschlagen der Augen in das milde treue Antlitz der Mutter blickt. Ihr war, als fande sie sich wieder im Hause der Frau von Willnangen wie bei ihrer ersten Krankheit. Wie damals, sah sie Ernesto und Annette neben ihrem Bette; freundlich reichte sie beiden die Hand und begrusste mit mildem Lacheln den tiefblauen Himmel voll goldner Herbstwolken, in den sie durch ein grosses Fenster, ihrem Bette gegenuber, blicken konnte.

"Ich bin wohl wieder krank gewesen?" sprach sie, "ich habe euch wohl wieder recht viel Sorge gemacht? mir ist auch, als sey ein grosses Ungluck geschehen, aber ich weiss nicht welches? und so habe ich doch wohl nur davon getraumt." Da ging die Thure auf, Moritz trat herein, sein Anblick, seine laute wunderliche Freude uber ihre Besserung, riefen sie plotzlich in helles Bewusstseyn zuruck. Alles, alles, was geschehen war, stand in e i n e m furchterlichen Momente vor ihr, klar wie der Tag, die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Zukunft, alle Schrecken der nachsten Vergangenheit. Sie verbarg das Gesicht in die Kissen, ihre Augen schlossen sich wieder, sehnlich betete sie in ihrem Herzen um neuen Schlummer ohne Erwachen, aber sie ward nicht erhort, ihre Jugendkraft siegte und jeder Tag fuhrte sie von nun an naher der volligen Genesung.

Der Tod ihres Vaters war das einzige Ereigniss, dessen Gabriele sich nicht deutlich erinnerte. Sie selbst hatte ja, fast im nehmlichen Momente als er zusammensank, ebenfalls das Bewusstseyn verloren, und so konnte es Ernestos sorgsamer Freundschaft gelingen, sie nach und nach auf diese traurige Begebenheit vorzubereiten, und vor allem ihr das Entsetzen uber die Todesart des Barons zu ersparen.

Heiss und bitter quollen Gabrielens Thranen als sie endlich vernahm, dass sie ihrem Vater mit allem, was sie ihm opferte, nur ein paar ruhige Minuten hatte erkaufen konnen. Alle ihre, auf dieses Opfer gegrundete Hoffnungen von seiner zufriedenen Zukunft, seinem heitern Alter, seiner Wiederkehr zu den Menschen und zu milderm Gefuhle waren nun verschwunden auf immer; alles, woran sie unter der ungeheuren Last der ubernommenen Pflichten, sich zu halten gehofft, war nun mit ihm zu Grabe getragen. Gabrielen blieb kein Trost als das Bewusstseyn, der heiligen Stimme in ihrem Innern gefolgt zu seyn.

Nach langem Zogern ergriff Ernesto endlich die Feder, um Frau von Willnangen die traurige Geschichte der im Schloss Aarheim verlebten Tage kund zu thun. Das grausenvolle Gesprach zwischen Vater und Tochter, durch welches zuletzt Gabrielens traurige Bestimmung entschieden ward, konnte er ihr fast wortlich mittheilen. Denn als sich der Baron mit seiner Tochter eingeschlossen, hatte Ernesto in der hochsten Angst seine Zuflucht zu Frau Dalling genommen. Zwar war diese nicht im Stande gewesen, ihn in das fest verriegelte Vorzimmer zu bringen, aber sie hatte ihn auf verborgnen Wegen und Treppen zu einem kleinen Behaltniss neben dem Kamine des Barons gefuhrt, von wo aus beide alles deutlich vernehmen konnten, was im Zimmer gesprochen ward. Nachdem Ernesto Gabrielens mutterliche Freundin mit jedem, auch dem kleinsten Umstande bekannt gemacht hatte, der zur Entscheidung ihres Geschickes beitrug, fuhr er in seinem Briefe also weiter fort:

"Alle die Bilder und Rathsel, mit denen der Baron Gabrielen betaubte, der grune Lowe, die schlummernde Konigin, alle bestatigen es mir, dass Forschen nach ubermenschlichen Kenntnissen, besonders nach dem Stein der Weisen ihn dem Untergange zufuhrte. In dem zunachst vergangnen Jahrhundert verfielen manche an Geist ausgezeichnete, bedeutende Manner in den nehmlichen Irrthum und gingen unter wie der Baron. Auch in unsern, jedem verjahrten Unsinn, jeder Schwarmerei so gunstigen Tagen fallt dem Streben nach sogenanntem verborgnem Wissen manches beklagenswerthe Opfer, ohne dass die Welt viel davon erfahrt.

Ich bin zufallig mit der Tendenz und dem Ton der in jenes Fach einschlagenden Schriften wohl bekannt. Mir fiel ein staubiger Wust magokabbalistischer und theosophischer Bucher einst in Italien, beim Aufraumen einer alten Bibliothek, in die Hande. Neugierig durchblatterte ich sie, und vieles ist mir aus ihnen im Gedachtniss geblieben, was mir jetzt das Betragen von Gabrielens Vater erklart. Unter andern entsinne ich mich einer sehr feierlichen Warnung vor der funften Wiederholung eines chemischen Prozesses, der, viermal geubt, jedesmal die Kraft des Steines der Weisen verdoppelt, aber dem, der ihn zum funftenmal wagt, unwiderrufliches Verderben bringt. Diese Warnung erklart mir des Barons Verzweiflung beim Ausbruch der Flamme, sein spateres Klagen uber das Vergessen der funften Zahl, durch die er wahrscheinlich das Unheil sich selbst zugezogen zu haben wahnte. Ich glaube auch die Angst zu verstehen, mit der sein in Wahn versunkner Geist, kampfend zwischen Sehnsucht und Grausen, der Todesstunde entgegen sah. Wer sich solchen Traumereien uberlasst wie dieser ungluckliche Greis es that, der ist auch jeder qualenden Einwirkung des Aberglaubens und vor allem dem Grauen der Gespensterwelt verfallen, welchem auch wohl hellere Geister, in dunkeln Momenten nicht immer glucklich entgegenstreben.

Unter der vor Jahrhunderten schon erbauten Burg Aarheim erstrecken sich unabsehbare, in den Fels selbst hineingehauene feuerfeste Gewolbe. Ich habe sie untersucht, so weit ich vordringen konnte. Nach allen Richtungen hin bilden sich zwei Reihen, unter und uber einander, in bedeutender Tiefe; viele sind verschuttet, viele von den jetzigen Burgbewohnern nie besucht, einige werden von ihnen noch als Keller benutzt. Ich habe erfahren, dass der verstorbene Baron oft Stunden lang in den Gewolben unter dem jetzt abgebrannten Flugel des Schlosses verweilte. Vermuthlich ruht dort manches ihm wichtige Geheimniss, manches Resultat seiner angstlichen muhsamen Arbeit, auch wohl manche Schrift, die auf seiner dunkeln Bahn ihn leitete. Was dort liegt, entzog der schutzende Fels wahrscheinlich den Flammen, aber der Zugang dazu ist beim Einsturz des Gebaudes durch hohe Schutthaufen, durch zertrummerte Mauern und schwere Steine unzuganglich gemacht. Des Barons Blick ruhte stets auf diesen Trummern, sein Sinnen und Trachten ging nur dahin, jede dort begrabene Spur seines Hoffens und Misslingens der Welt zu verbergen. Es war ihm unmoglich, nur einen Augenblick seine Gedanken von diesem Wunsche abzuziehen, der dadurch bei ihm zur fixen Idee geworden. Kein Wunder daher, dass ihm vor der Moglichkeit graus'te, dort noch nach Jahrhunderten gespenstisch Wache zu halten, im Fall er ohne die Gewissheit der Erfullung dieses seines einzigen Wunsches von der Oberwelt scheiden musste. Seine Bucher konnten ihn nur in dieser Angst bestarken; ich erinnere mich in einer solchen Schrift sogar eine formliche Abbildung des Aufenthalts unseliger Geister gesehen zu haben, die, wie jene Schwarmer lehren, ihn allnachtlich mit der Oberwelt vertauschen mussen, bis der letzte Wunsch erfullt ist, der sterbend sie beunruhigte.

Es wird Ihnen unglaublich scheinen, liebe Frau von Willnangen! dass ein Mann, der, wie der Baron, durch Geist, Bildung und Verstand sich einst in der Welt auszeichnete, bis zu dem Glauben an solchen Unsinn sinken konnte; aber Einsamkeit, Ehrgeiz und durch diesen erregtes stetes Hinstreben nach e i n e m Punkte haben wohl noch hellere Geister verdustert. Uebrigens fiel des Barons Jugend in die herzlose, trostlose, jedes hohere Gefuhl austrocknende Zeit von Voltaire und Konsorten, und glauben Sie mir, wer in seiner Jugend sich uber den bon Dieu mockiren lernte, der kommt im spatern Alter leicht dahin, vor dem Teufel zu zittern.

Unerachtet seiner jammervollen Ansicht von unsrer Zukunft jenseits, peinigte den Baron dennoch ein unsaglicher Ueberdruss am Leben, eine ewige Sehnsucht nach der Stunde des Scheidens aus dieser Welt, in welcher alle sein Hoffen zerstort war. Ich danke Gott, dass Gabriele die unselige Verknupfung ihres Geschicks nicht ganz zu ubersehen vermag. Wusste sie, dass sie selbst ihrem Vater das langst erwartete Signal gab, die Burde des Lebens getrost abzuwerfen, unter deren Last er langst seufzte, wusste sie, dass sie sein Todesurtheil sprach, wahrend sie Ruhe und Freude fur den Spatherbst seines Lebens ihm erkaufen wollte, ich glaube sie uberlebte diese Entdeckung nicht. Nur einmal wagte ich die Aeusserung gegen sie, dass vielleicht lebhafte Freude uber die Erfullung seiner Wunsche ihm den Schlagfluss zuzog, an dem sie glaubt, dass er gestorben sey, und ich bereute es bitter, als ich sah, wie gewaltsam erschutternd dieser Gedanke ihr Gemuth ergriff.

Und so habe ich denn das Verderben des liebenswurdigsten Wesens vor meinen Augen bereiten sehen, und durfte es nicht abwenden. Vergebens war meine angstliche Sorge, vergebens dass ich wie Argus sie bewachte! Wie schwach ist die Hand der Freundschaft, um gegen das Schicksal anzukampfen! Ich sah alles und durfte nichts andern, um Gabrielens willen durfte ich es nicht. Ich danke meinem guten Genius, dass er mich mit unsichtbarer Hand im Augenblick der Ausfuhrung von einem Plan zuruckhielt, den die Verzweiflung mir eingegeben hatte, dass ich Gabrielen nicht gewaltsam entfuhrte, wie ich es Willens war, als ich jeden andern Weg der Rettung mir versperrt sah. Umsonst hatte sie den Schmerz gefuhlt, mich einer solchen That fahig zu wissen. Nichts als offenbare Gewalt hatte sie abhalten konnen, zu ihrem Vater zuruck zu gehen und seinem Willen sich zu unterwerfen; ich selbst hatte sie ihm ausliefern oder sie gefangen halten mussen. Ihre Achtung, ihr Vertrauen, jede Moglichkeit ihr in Zukunft als treuer Freund zur Seite zu stehen, hatte ich auf ewig und nutzlos verloren. Wir beide, theure Freundin! wir beide kannten bis jetzt noch nicht die Tiefe und Festigkeit dieses Gemuths, nicht die seltne Kraft, mit der dieses sonst so zarte Geschopf alles zu tragen, allem zu widerstehen weiss, nur nicht dem innern Vorwurf des Unrechts oder auch nur versaumter Pflicht. Bei aller unbeschreiblichen Aehnlichkeit mit dem Engel, der ihr zur Mutter gegeben ward, tragt Gabrielens Wesen doch auch starke Zuge von dem felsenfesten Sinne ihres Vaters, dessen angestammte Geistesgrosse ich, trotz seiner Verfinsterung, anerkennen musste.

Unerachtet des unaussprechlichsten Mitleids, beobachte ich jetzt mit Bewunderung, wie Gabriele den furchtbaren Kampf mit sich selbst besteht. Sie geht gewiss als Siegerin hervor, aber vielleicht sterbend. Schweigend muss ich es sehen, wie sie die Einsamkeit ihres Krankenzimmers benutzt, um mit ihrem armen wunden Herzen fertig zu werden, und sich auf den Weg vorzubereiten, welchen sie kunftig zu gehen hat. Ich darf und kann ihr weder einreden noch rathen; beides darf man uberhaupt so selten, gerade wenn es der Muhe werth ware. Und so ergriff ich heute den ersten besten Anlass, als ich sie eben heitrer als sonst sah, den Wunsch zu aussern, nachstens meine Einsiedelei im Felsenthal aufsuchen zu durfen. Ich gab vor, diese letzten schonen Tage des Spatherbstes zu Studien fur meinen Johannes benutzen zu wollen, aber ich sah deutlich, wie wenig dieses Vorgeben sie tauschte.

Lange ruhte ihr schones dunkles Auge auf mir ehe sie mir antwortete, dann reichte sie lachelnd unter Thranen mir die Hand. 'Wo lebt noch ein Freund, der wie Sie zu kommen und zu gehen und alles zu errathen weiss, was gut ware und nutzlich?' sprach sie. 'Gehen Sie, lieber Ernesto! weil Sie es wollen, setzte sie hinzu, gehen Sie morgen, um wo moglich taglich wieder zu kehren. Es ist freilich nothig, dass ich mich gewohne allein zu stehen, aber nur allmahlig, wie es die Kinder lernen, darum lassen Sie mich nicht mit einemmale ganz ohne Stutze.'

Es blieb mir nicht verborgen, wie die Gewissheit, dass ich nicht mehr stundlicher Augenzeuge von den Lacherlichkeiten Moritzens seyn werde, Gabrielen uber meine Entfernung trostet, obgleich ich mir keine Anmerkung mehr uber ihn erlaubte, seit jenes unselige Band geknupft ward.

Arme, arme Gabriele! Giebt es ein harteres Frauenloos als das, sich des Mannes schamen zu mussen dem man alles aufopferte! Oft ist mir, als ware Augustens Geschick neben ihrem harten starren Gebieter, doch noch dem ihrer unglucklichen Tochter weit vorzuziehen gewesen.

Dieser Moritz, den ich nie mich werde entschliessen konnen Gabrielens Gemahl zu nennen, dieser Moritz geht umher wie einer der nicht weiss, ob ihm ein Konigreich zufiel, oder ob ihm nur davon traume. Noch wage ich es nicht, von seinem Benehmen gegen Gabrielen eine Meinung zu fassen, mich dunkt, es sey unstat und wechselnd, wie seine ganze Erscheinung, bis auf die Sprache sogar. Meine Ueberzeugung, dass er wirklich zu gutmuthig ist, um einem lebenden Geschopf wissentlich wehe zu thun, giebt mir zuweilen einigen Trost, aber leider schmerzt jede unversehens erhaltne Wunde desshalb nicht weniger, weil sie uns ungeschickter Weise und ohne Vorbedacht versetzt ward. Am beunruhigendsten ist mir eine Spur von misstrauischem Wesen, das ich leider an ihm bemerke; vermuthlich ist es das dumpfe Gefuhl eigner Unliebenswurdigkeit, was ihn argwohnisch macht, aber ich furchte davon die schlimmsten Einwirkungen auf Gabrielens kunftige Ruhe." Der gesellige Kreis, zu welchem Frau von Willnangen und Auguste gehorten, weilte noch immer in Karlsbad, obgleich die Brunnenzeit beinahe voruber war, und die Zahl der ubrigen Fremden mit jedem Tag merklich abnahm. Alle, den Kapellmeister und den Dichter mit eingeschlossen, hatten dem General Lichtenfels versprechen mussen, ihn auf sein nur wenige Tagereisen entferntes Gut zu begleiten, um dort die letzten schonen Tage des Spatherbstes mit ihm zuzubringen. Man harrte nur auf bestimmte Nachricht von Gabrielen, von der man noch nichts als ihre Ankunft in Schloss Aarheim erfahren hatte, um dann sogleich die kleine Reise gemeinschaftlich anzutreten.

Frau von Willnangen hatte sich eigentlich gern davon ausgeschlossen, da sie vernahm, dass auch die Familie Wallburg mit von der Parthie seyn wurde, aber sie wusste nicht wie sie dieses anfangen solle, ohne den General durch eine abschlagige Antwort zu kranken, auch furchtete sie durch gewaltsames Eingreifen dem Gluck ihrer Tochter vielleicht in den Weg zu treten.

Augustens sich stets gleichbleibende Heiterkeit, mit der sie Leos augenscheinliche Huldigung sich gefallen liess, ohne ihn weder geflissentlich anzuziehen noch zuruckzustossen, beruhigte sie ebenfalls nicht wenig. Das frohliche Madchen nahm augenscheinlich das Leben noch zu leicht, als dass man ihrer Zukunft wegen hatte ernsten Besorgnissen Raum geben mussen. Mit acht jungfraulicher Grazie wusste sie den Ernst zum Spiel, das Spiel zum Ernst zu wandeln, und, gleich entfernt von Leidenschaftlichkeit und Ziererei, nichts zu gewahren und dennoch gefallig zu erscheinen. Auch verstand es niemand besser als sie, sich herzlich zu bezeigen, ohne doch zur Vertraulichkeit herabzusinken.

Ernestos lange erwarteter Brief langte endlich in Karlsbad an. Der Schmerz der Frau von Willnangen und ihrer Tochter lasst sich mit Worten nicht ausdrukken, als sie nun die Losung von Gabrielens Geschick vernahmen. Sie lasen den Brief wieder und immer wieder, und trauten dabei ihren Sinnen nicht, denn was geschehen war, liess alles, was sie im Augenblick des Scheidens gefurchtet hatten, so weit hinter sich zuruck, dass es ihnen fast unmoglich ward, an solche abentheuerliche und fabelhaft erscheinende Ereignisse zu glauben.

Auguste zerfloss beinah in Thranen, als ihr endlich jedes Bestreben, langer an Gabrielens Ungluck zu zweifeln, misslang. "Ach! ware sie doch damals in unsern Armen gestorben," rief sie, "schmerzlicher als jetzt hatte ich nicht um sie weinen konnen und ihr liebes Bild wurde zeitlebens wie ein trostender Engel mich umschwebt haben. In jeder frohen wie in jeder truben Stunde hatte ich sie in himmlischer seliger Glorie mir gedacht. Jetzt, wenn ich wieder froh werden sollte, muss ich doch mitten in der Freude mich betruben, so oft es mir einfallt, welch ein Leben sie indessen an der Seite jenes verhassten lacherlichen Menschen fuhret, und jeder Schmerz, der mich trifft, wird mir doppelt wehe thun, weil ich immer denken werde: Gabriele ist doch noch tausendmal unglucklicher als ich es je werden kann."

"Frevle nicht mit dem Schicksal, mein armes Kind," sprach Frau von Willnangen, indem sie die weinende Tochter in ihre Arme schloss. "Du weisst eben so wenig, welche Pfeile es fur dich aufbewahren mag, als du im Stande bist, den ganzen Umfang von Gabrielens Elend zu ubersehen. So druckend ihr hausliches Leben an der Seite des ungeliebten, sogar widerwartigen Mannes auch wahrscheinlich seyn wird, es ist doch nicht der hochste Punkt ihres Unglucks. Jedes stille heimliche Opfer lasst sich bringen, das fast Unleidliche lasst sich ertragen, wenn wir es nur den Augen der Welt verheimlichen konnen. Shakspeares "Smiling at grief"2 ist mehr oder weniger das Loos und die Tugend der besten unsers ganzen Geschlechts; wir sind dazu geboren. Nur das Mitleid der Welt ist eine fast unertragliche Last, und doch wird unsre arme Gabriele diese Last tragen mussen, wenn sie sich nicht in Einsamkeit begraben will oder kann."

"Mit Moritz von Aarheim in der Einsamkeit!" rief Auguste.

"Es ist furchtbar, ich gebe es zu," erwiederte Frau von Willnangen, "aber immer doch noch besser, als das Mitleid der guten Freundinnen, die von nun an sich alle berufen fuhlen werden, zu Gabrielen stets wie zu einer Kranken zu sprechen, und sich einbilden, die Stimme immer ein paar Tone hoher nehmen zu mussen, um mit recht klaglichem Laut und Blick zu fragen: wie sie sich denn befinde? Und denke dir Gabrielens Gefuhl in der Gesellschaft, wenn sie bei jeder Plattheit des Menschen, zu dem sie doch nun einmal gehort, unaufhorlich errothen muss; denke dir, wie ihr seyn wird, wenn sie das heimliche verlegne Lacheln der Anwesenden und die angstlich ungeschickte Sorgfalt sich nicht verbergen kann, mit der die Bessern um ihrer willen sich stellen werden, als hatten sie nichts bemerkt! Ich weiss nichts traurigeres als solch ein Loos."

"Und was fangt Gabriele nun mit Ottokars Bild in ihrem Herzen an?" rief Auguste.

"Ich hoffe, sie soll es heilig und treu bewahren in reiner Brust," erwiderte Frau von Willnangen. "Moge sie es immer in d e r Strahlenglorie sehen, in welcher es ihrem jugendlich erwachenden Blicke zuerst erschien, so bleibt es der Schutzgeist ihres Lebens auf einer sehr gefahrvollen Bahn. Meine arme Gabriele ist sehr jung, sehr unerfahren, um in der Welt als Gattin eines Mannes dazustehen, den sie nicht einmal zu lieben vorgeben kann, ohne abgeschmackt oder als Heuchlerin zu erscheinen. Und doch furchte ich nicht wegen dessen fur sie, was die Welt ihr etwa anhaben konnte, ich furchte nur ihr Herz, wenn es erwacht. Moge Ottokars Angedenken es behuten!"

Sobald Frau von Willnangen nur Fassung dazu erringen konnte, eilte sie, die traurige Entscheidung von Gabrielens Schicksal der Gesellschaft mitzutheilen. Alle horten sie zuerst mit Entsetzen und bald mit der innigsten Theilnahme, obgleich mancher Nebenumstand im Betragen des Barons und auch die Art seines Todes ihnen um Gabrielens willen verschwiegen ward. Zorn uber die Bestimmung des liebenswurdigen Wesens war bei dem altern Theil der Gesellschaft das uberwiegende Gefuhl, wahrend Leo und seine Schwestern recht innig mit Augusten trauerten. Herr von Wallburg behauptete, es dem Novitatenkramer, wie er Moritz von Aarheim nannte, gleich angesehen zu haben, dass sein Erscheinen nichts Gutes bedeuten konne; der General ging schweigend, aber heftig bewegt, im Zimmer auf und ab, und stand dann vor Adelbert still, der wie vernichtet, bleich und stumm allein in der fernsten Ecke des Zimmers sass.

"Armer Adelbert!" sprach der General, und strich liebkosend ihm uber die dunklen Locken hin, "ich hoffte freilich, es solle anders kommen!"

Mit hochst schmerzlicher Geberde ergriff Adelbert seines Oheims Hand, druckte sie an seine brennenden Augen, an sein hochschlagendes Herz. "Vater," sprach er, "mein gutiger Vater! ich hoffte nichts, ich wunschte nichts, ach! ich kenne mich ja zu gut, was kann ein Unglucklicher wie ich noch hoffen oder wunschen! Aber ich erfreute mich ihrer Nahe, ihres Anblicks, wie ich der Sterne mich freue, ohne sie zu mir herabziehen zu wollen. Sie war so gut, so trostend gegen mich wie ein Engel des Himmels, und eben weil sie es war, musste sie untergehen. Ich bin es, ich, der sie dem Verderben entgegenfuhrte; die Ueberzeugung davon vernichtet mich, und doch ist es so. Nie hatte Moritz von Aarheim nur ihr Daseyn geahnet, wenn sie nicht mitleidig dort im Tempel neben mir verweilte. Er ware den nehmlichen Abend abgereist, wie er es sich vorgenommen hatte, er ware nimmer bei Lebzeiten des Barons nach Schloss Aarheim gekommen; nur um meinetwillen durfte das Verderben sie uberschleichen. Ich bin vom Schicksal geachtet, niemand darf freundlich mir nahen!" Mit verhulltem Gesicht verliess Adelbert nach diesen Worten das Zimmer, nur Allwill wagte es ihm zu folgen, dessen weiche Natur sich von ihm stets angezogen fuhlte.

Der General sandte noch den nehmlichen Abend einen Eilboten nach Schloss Aarheim, um die Bewohner desselben, nebst Ernesto auf das dringendste zu sich einzuladen. Am folgenden Morgen eilte die ganze Gesellschaft Karlsbad zu verlassen, wo sie nichts mehr fesselte.

Ob Herr von Aarheim die Einladung des Generals annehmen, wie er sie aufnehmen wurde, war die ganze Reise uber der Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung. Viele von der Gesellschaft glaubten nach diesem ersten Schritte sein ganzes kunftiges Betragen gegen Gabrielen in voraus beurtheilen zu konnen, sie bedachten nicht die Unmoglichkeit, bei diesem wankenden formlosen Charakter auch nur von der jetzigen Minute auf die zunachst folgende schliessen zu konnen. Alle blieben indessen voll Erwartung, und die, welchen Gabriele am theuersten war, zitterten heimlich vor dem Gedanken an die erste Stunde des Wiedersehens, so sehnlich sie auch diese herbei wunschen mochten. Das bequeme heitre Schloss des Generals, die schonen Umgebungen im bunten herbstlichen Schmuck, vor allem aber des Eigenthumers ungezwungne edle Gastfreundlichkeit verfehlten nicht, am Ziel der Reise auf die Ankommenden den angenehmsten Eindruck zu machen. Ein moglichst freier Lebensplan, der jedermann zufrieden stellen sollte, kam bald zur Sprache und ward formlich angenommen. Die Manner beschlossen, den Morgen den Freuden der Jagd zu weihen, wahrend es den Frauen uberlassen blieb, sich einzeln in ihren Zimmern oder versammelt im gemeinschaftlichen Gesellschaftssaal, nach eigner Wahl zu beschaftigen, bis die spate Stunde der Mittagstafel Damen und Jager vereinte. Gesellige Freuden, Spiel, Tanz, Musik, gemeinschaftliches Lesen sollten die Abendstunden ausfullen und geladne Gaste aus der nachsten Umgegend zuweilen Mannigfaltigkeit und Abwechselung in die Gesellschaft bringen.

Unter Allwills und des Kapellmeisters Leitung vergingen die ersten Tage grosstentheils in Anordnungen geselliger Feste, und in Proben kleiner theatralischer Kunstleistungen, die gewohnlich mehr Freude gewahren als die Auffuhrung selbst. Letztere ward bis zu Gabrielens Ankunft verschoben, denn der General wunschte Herrn von Aarheim glauben zu lassen, dass alles einzig zu Gabrielens und ihres Gemahls Empfang veranstaltet worden sey. Herrn von Aarheims dadurch geschmeichelte Eitelkeit, hoffte er, wurde ihn dann freundlicher stimmen, und ihn bewegen, Gabrielen recht lange im Kreise ihrer Freunde zu lassen.

Weder die Gemuthsstimmung, noch die Gesundheit Adelberts erlaubte diesem, an dem edlen Waidwerk Theil zu nehmen, welchem die Herren den Morgen uber, alles andre ausschliessend, oblagen. Angezogen von Frau von Willnangens Gute und Augustens traulicher Freundlichkeit, gewohnte er sich daher gar bald, die Stunden des Vormittags grosstentheils im Zimmer dieser Damen, gewohnlich mit ihnen allein zu verleben. Oft war Gabriele der Gegenstand ihres Gesprachs, und Adelbert konnte dann nie aufhoren, den Unstern anzuklagen, welcher ihn, wenn gleich schuldlos, zur ersten Veranlassung ihres traurigen Geschicks machte.

"Mutter!" sprach eines Morgens Auguste, da er eben niedergeschlagener als gewohnlich sich bezeigte, "liebe Mutter! der Rittmeister verdient unser ganzes Vertrauen, ich kann es nicht langer tragen ihn so sich qualen zu sehen. Ich bitte dich, erlaube, dass ich ihm alles sage, was wir aus Ernestos Briefe von den Umstanden wissen, die Gabrielens Vermahlung begleiteten. Was du allen andern mit Recht verhehlst, darf er erfahren, denn gewiss er ist jeder Unbesonnenheit unfahig, die Gabrielens Ruhe gefahrden konnte."

Adelbert blickte verwundert auf Augusten, wie sie mit blitzenden Augen und gluhenden Wangen bei ihrer Mutter fur ihn sich verwendete. "Fraulein!" sprach er endlich, halb lachelnd, halb geruhrt, "Sie wunschen mir Trost zu geben, Sie nehmen Theil an meinem Kummer, o huten Sie sich! auch Sie sind liebenswurdig, jung, ein Engel an Gute, wie ihre Freundin, auch Sie ergreift das Verderben, wenn Sie mit Wohlwollen sich mir nahen."

"Ich wage es darauf," erwiderte lachelnd Auguste, "denn Sie retteten meiner Gabriele das Leben. Ja, das thaten Sie, Herr Rittmeister! und eben so unbewusst, als Sie dem unseligen Moritz sie auslieferten. Wollen Sie uber das letzte verzweifeln, so mussen Sie auch des erstern sich ruhmen. Sagen Sie mir nicht, dass es vielleicht besser sey, Gabriele ware gestorben; im ersten Schmerz dachte ich das auch; aber eigentlich halte ich doch viel vom Leben. Im Leben ist Hoffnung, wer weiss, welche Freuden es Gabrielen noch aufbewahrt, die sie alle dann Ihnen verdanken muss."

Frau von Willnangen hatte indessen Ernestos Brief hervorgesucht. "Ich wage es auf Augustens Verantwortung," sprach sie, indem sie ein Blatt desselben Adelberten hinreichte. "Ja, ich will Ihnen vertrauen, was aus tausend Grunden jedem Andern ein Geheimniss bleiben muss. Der Antheil, den sie an meiner Gabriele nehmen, ist zu innig, als dass ich nicht wunschen sollte Sie von der unverschuldeten Qual zu erlosen. Wissen Sie denn, der eigne Vater hatte Gabrielen dem Tode geweiht; gekrankter Hochmuth brachte den wahnsinnig Verzweiflenden zu dem entsetzlichen Entschlusse, sie, der er keine, ihrer Geburt gemasse Existenz zu sichern wusste, mit sich hinabzuziehen in das Grab. Darum liess er so plotzlich sie zu sich entbieten, und nur durch Moritzens unerwartete Ankunft ward sie gerettet, ohne selbst die entsetzliche Gefahr zu ahnen, in welcher sie geschwebt hatte. Der Baron fand in der Vermahlung des letzten Zweigs des Hauptstammes seines Geschlechts mit dem Erben der Vorrechte desselben den einzig moglichen ehrenvollen Ausweg. Gabriele wurde dem Leben erhalten, wahrend der verfinsterte Geist ihres Vaters allein, freiwillig, hinabstieg ins Reich der Schatten. Lesen Sie hier die Bestatigung des Unglaublichen."

Adelbert las; das lebhafteste Entsetzen malte sich wahrend dessen in seinen Zugen.

"Sind Sie nun uberzeugt?" fragte Auguste, als er schweigend das Blatt zuruckgab, "oder werden Sie noch ferner fortfahren, sich selbst mit fruchtloser Reue zu peinigen?"

"Das sollten wir uberhaupt nie," sprach Frau von Willnangen, "denn wie wenig wissen wir was wir thun, wenn es auf den Erfolg unsrer Thaten ankommt! Wie selten hilft uns unsre Klugheit! Was half es denn, dass Ernesto Gabrielen begleitete? Vermochte er es, sie zu beschutzen? Das Leben geht mit uns seinen gemessenen Gang; wir werden mitgezogen; unsre besten, uberdachtesten Plane scheitern heute am Zufall, unsre Unbesonnenheiten schlagen morgen uns und andern zum Gluck aus. Was hilft es, daruber zu klugeln? Lasst uns nur immer das Gute ernstlich wollen und uben, und uns darein ergeben, wenn es anders wird als wir dachten, oder wenn aus unseren an sich gleichgultigen Handlungen ein unvorhergesehenes Uebel entspringt. Der Zukunft vorgreifen wollen, ist vermessen. Nicht umsonst bietet uns die Vorzeit so manches Beispiel von Orakeln, die gerade das angedrohte Unheil herbeifuhrten, weil die Menschen zu angstlich strebten, ihm auszuweichen." Der Eilbote, welchen der General nach Schloss Aarheim gesandt hatte, kehrte zur rechten Zeit zuruck, und zwar mit einem Danksagungsschreiben des Herrn von Aarheim, sehr zierlich, auf goldnem Papier, mit himmelblauer Tinte geschrieben, in welchem dieser bedauerte, dass Geschafte, tiefe Familientrauer und die noch immer schwankende Gesundheit seiner jungen Gemahlin es ihm unmoglich machten, die an ihn ergangne Einladung anzunehmen.

Alle fuhlten sich durch diese abschlagige Antwort verstimmt, und da unbefriedigte Neugier keinen kleinen Antheil an dieser Verstimmung haben mochte, so sah man sich wenige Tage spater durch die ganz unerwartete Ankunft Ernestos um so freudiger uberrascht.

Die ganze Gesellschaft eilte ihm entgegen, drangte sich an ihn mit tausend Fragen und Erkundigungen nach allem, was Gabrielen betraf, und es bedurfte seiner ganzen bekannten Geistesgewandheit, um dem uberlastigen Forschen schicklich auszuweichen, nicht bald hier zu viel, bald dort zu wenig zu sagen. Mit Noth und Muhe gelang es ihm endlich, eine ruhige Stunde zu erringen, in welcher er vor seinen und Gabrielens innigsten Freundinnen sein volles Herz ungestort ausschutten konnte. Der Schmerz uber alles was vorgegangen war seit sie sich zum letztenmal sahen, erneute sich auf das lebhafteste in dieser traulichen Zusammenkunft, und es wahrte ziemlich lange, ehe Ernesto dazu kommen konnte, von Gabrielens jetziger Lage Bericht zu geben.

"Das unertraglichste bei Gabrielens Geschick, dunkt mir, ist dessen Farblosigkeit," sprach Ernesto. "Ihr Leben gleicht einem jener grauen Tage, wo es weder friert noch regnet, sondern alles in einem dikken handgreiflichen Nebel eingehullt ist, der erkaltend jedes Leben erstarren lasst, ohne es eben zu todten. Blumen und Blatter sind nicht erfroren, nicht verwelkt, nicht erstorben, aber sie sehen aus, als waren sie das alles. Ein rechtschaffner Orkan, in welchem die Welt zittert und splittert, ware mir tausendmal lieber."

"Moritz ist gut," fuhr er im Laufe des Gesprachs fort, "aber es ist nicht die rechte, warme, menschliche Gute, die ihn beseelt; nicht jene Gute, die zum Herzen geht, weil sie recht aus dem Grunde des Herzens kommt, und bei der jedermann wohl wird. Er ist gut, weil er nicht bose ist, er ist nicht bose weil es sich nicht schicken will, weil nichts dabei herauskommt, weil ich weiss, Sie werden mich nicht missverstehen wenn ich es ausspreche weil er nicht den Muth dazu hat, wenn gleichwohl zuweilen die Neigung. Er ist feig, wie alle Narren seiner Art, obwohl ihn dann und wann der Moment hinreisst, wie damals als er dem Baron das Flaschchen mit Kirschlorbeergeist entwinden wollte. Dies scheint indessen die grosste Heldenthat seines Lebens gewesen zu seyn, denn er horte nicht auf davon zu sprechen wenn er mit mir allein war. Ich halte diese Feigheit Moritzens fur dessen gefahrlichste Eigenschaft, denn in ihr ruht der Keim zu tausend andern, als da sind: Misstrauen, Eifersucht, Unwahrheit, Kleinlichkeit, Eigensinn."

"O genug, genug von ihm," rief Auguste, "sprechen Sie uns von unsrer Gabriele."

"Die ist ein Engel, von dem sich eben nichts weiter sagen lasst, wenn man den Erdenklumpen nicht erwahnen darf, an den diese Psyche leider gefesselt ist," war Ernestos Antwort. "Woher das junge Kind den Muth, die Geduld, ja sogar die Lebensklugheit hernimmt, die sie bei jeder Gelegenheit an den Tag legt, ist mir unbegreiflich. Wahrlich ja, ich fange an in ihren kindlichen Glauben einzugehen, dass der Mutter verklarter Geist unsichtbar sie umschwebe und sie leite. Sie erinnern sich, wie nach der Trennung von Ottokar sich ihr ganzes Wesen so gewaltsam emporrang, dass nach uberstandner Lebensgefahr die Genesene, obgleich immer dieselbe, uns damals wie in einem verklarten erhohten Zustande erschien. Jetzt ist sie von jeder Hoffnung auf eine gluckliche Zukunft geschieden, wie damals von dem Gegenstande ihrer stillen Liebe, und zum zweitenmal hat die nehmliche Veranderung mit ihr sich zugetragen, denn zum zweitenmal fuhlt sie sich erhoben und gekraftigt durch das Bewusstseyn des schweren Siegs uber sich selbst. So hoch d i e Gabriele, welche in Karlsbad von Ihnen schied, uber dem furchtsamen, blassen, zitternden Kinde steht, das bei den Tableaus der Grafin Rosenberg zuerst erschien, so hoch erhebt sich die jetzige Gabriele uber jene, die Sie verlassen musste. Auch im Aeussern ist sie verandert. Sie ist grosser, lieblicher, schoner als je. Bescheiden, demuthig sogar, vereint sie mit dem Ausdruck sichrer stiller Ruhe im Gemuth, eine Wurde, einen edlen Anstand, der sogar mir imponirt, und den armen Moritz oft dahin bringt, dass er arger als je alle Sprachen durcheinander jagt, um das rechte Wort zu finden; besonders wenn er ihr etwas anzukundigen hat, von dem er ahnet, dass es ihren Wunschen nicht zusagen mochte, wie zum Beispiel das Ablehnen der Einladung des Generals."

"War es denn nicht moglich ihn zu bewegen, diese anzunehmen?" fragte Auguste.

"Ich glaube, es ware Gabrielen moglich gewesen, aber sie scheint sich Verhaltungs-Regeln vorgeschrieben zu haben, denen ich nicht einzureden wage," war die Antwort. "Ihre ersten Schritte auf der neuen Lebensbahn sind so bestimmt, so sicher, dabei so eigen, dass es Pflicht ist sie ungestort gehen zu lassen. Ihr eignes Vergnugen, jeden Genuss opfert sie Moritzen auf, sobald er den Wunsch davon nur aussert, ohne es der Muhe werth zu achten, ihm merken zu lassen, dass sie ihm ein Opfer bringt. Im Gegentheil, sie ist gerade in solchen Momenten noch freundlicher gegen ihn als sonst. Zu Bitten erniedrigt sie sich nie, denn wen man nicht liebt oder wenigstens achtet, von dem kann ein edler Sinn nichts fur sich erbitten wollen. Gilt es aber ihrem Gefuhle von Recht und Unrecht, dann erklart sie ihre Meinung, ruhig und bescheiden, und halt sie fest, und lasst sich nicht irren, ohne sich weiter mit ihm daruber zu streiten. Freilich habe ich dieses nur einmal erlebt, aber sie ist ja auch noch nicht viel uber einen Monat ihm vermahlt. Herr von Aarheim machte Anstalt sie von Annetten zu trennen, die er bei Frau Dalling in Schloss Aarheim lassen wollte. Er war im Begriffe fur Gabrielen eine Pariser und eine Londoner Kammerfrau zu verschreiben, und kundigte ihr dieses mit grossem Triumf als einen Beweis seiner ungemeinen Sorgfalt fur sie an. Gabriele erklarte ihm mit wenigen Worten, dass Annette ihr zu grosse Beweise der liebevollsten Treue gegeben habe, als dass sie je sie von sich lassen konnte. Die fremde Bedienung verbat sie sich ganzlich, weil dergleichen zu einem deutschen Haushalt nicht passe. Moritz redete sich Stunden lang ausser Athem, um die Kunstfertigkeit und Vortrefflichkeit der auslandischen Kammerfrauen zu beweisen, Gabriele gab alles zu, behauptete aber ganz gelassen, nichts von diesen Talenten nothig zu haben, und Annette bleibt bei ihr nach wie vor."

"Raubt er ihr denn alle Zeit zum Briefwechsel mit ihren Freunden? zur Uebung ihrer Talente? zum Genuss ihrer selbst?" fragte Frau von Willnangen.

"Gottlob nein," sprach Ernesto, "wenigstens nicht fur jetzt, so lange die Marotte vorhalt, die er sich in den Kopf gesetzt hat, seinen Ehestand auf englische Weise zu fuhren. Gabriele gewinnt dadurch unendlich an Freiheit, und fuhlt sich obendrein sehr glucklich, dass diese Art zu leben sie einer Menge lastiger Vertraulichkeiten uberhebt. So fallt es ihnen zum Beispiel gar nicht ein, einander mit Du anzureden. Er nennt sie Madame oder Frau von Aarheim, sie ihn Herr von Aarheim. Da er wie alle Nachahmer die englische Sitte karikirt, so wurde er es hochst unschicklich finden, wenn ein Fremder an ihrer Art mit einander umzugehen merken konnte, dass sie ein verheirathetes Paar sind, und er beeifert sich deshalb, besonders vor Leuten, einer oft hochst lacherlichen formellen Hoflichkeit gegen sie, die ihn immer drei Schritte von ihr entfernt halt. Bei Tische steht sie nach englischem Gebrauch fruher auf als er, um sich in ihr Zimmer zu begeben. Er bleibt dann noch ein Stundchen allein sitzen, knackt Nusse auf, und da er kein Trinker ist, so lasst er seinen Wein vor sich stehen und verrauchen; dabei langweilt er sich furchterlich ohne es zu achten, denn es geschieht a l'angloise. Durch diese Lebensweise gewinnt Gabriele den grossten Theil des Tages fur sich, den sie in ihrem Zimmer bei gewohnten Beschaftigungen zubringt, ohne dass es Herrn von Aarheim oft einfiele, sie durch seine Gegenwart zu unterbrechen. Er ist zufrieden, wenn sie nur bei den Mahlzeiten die Honneurs macht, mehr fordert man ja auch in England von keiner Lady. Leider aber hat diese Nachahmung englischer Sitte uns auch um ihre Gegenwart hier im Schlosse gebracht. Moritz behauptet, ein neuvermahltes Paar durfe wohl gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen, was leider Gabrielens Gesundheit nicht erlaubt hat, aber wahrend der Flitterwochen sich in Gesellschaft zu zeigen, ware unschicklich, undelikat und gemein, und eigentlich musse er sich wundern, wie man ihm nur habe so etwas zumuthen konnen. Ich glaube aber der Ursache seiner Weigerung besser auf den Grund zu sehen, sie heisst Eifersucht, Eifersucht ohne bestimmten Gegenstand, und deshalb um so gefahrlicher. Herr von Aarheim mochte alle Welt von Gabrielen entfernt halten, eigentlich mehr aus Misstrauen in sich als in sie. Seine englischen Grundsatze, welche dem Madchen jede, der Frau keine gesellige Freiheit erlauben, kommen ihm dabei trefflich zu statten. Vor jetzt schwebt indessen obendrein Adelberts Bild, trotz der Narben und des lahmen Fusses ihm als das eines hochst gefahrlichen Nebenbuhlers vor. Unaufhorlich suchte er mich und Gabrielen auf das angstlichste uber ihn auszuforschen, nannte ihn alle Augenblicke und beobachtete dabei Gabrielens Mienen auf eine wirklich lacherliche Art. Uebrigens aber, glaube ich, thut er auch mir die Ehre an, mich fur gefahrlich zu halten, da er mit Gabrielen nach seinen Gutern am Rheine gegangen ist, wo er den Winter zubringen will, ohne mich einzuladen, sie zu begleiten, oder auch nur spaterhin zu besuchen. Im Gegentheil nahm er es als ganz bekannt an, dass ich hieher gehen musste." Die Abende wurden immer langer. Graue Nebel verhullten Tage lang die Sonne und trieben die eifrigsten Waidmanner bei ungewohnt fruher Zeit dem warmen kerzenhellen Versammlungs-Saale zu, wo die gesellige Freude in steter Abwechselung an jedem Abende lebendiger sich regte.

Seit es entschieden war, dass die zur Konigin der Feste bestimmte Gabriele nicht erscheinen wurde, hatte alles einen raschen lebendigen Gang genommen. Zwar war sie weder vergessen, noch war der Antheil gesunken, welchen Freunde und Bekannte an ihrem Geschick nahmen, aber man hatte sich daruber ausgesprochen und wandte nun gerne seine Aufmerksamkeit andern Gegenstanden zu.

Jeder Eindruck verlischt, der nicht taglich erneut wird, vergebens sucht man ihn festzuhalten, vergebens strebt man, sich langer zu freuen oder zu betruben, sobald die Zeit ihre Rechte geltend zu machen beginnt. Selbst Auguste liess oft vom frohlichen Taumel sich hinreissen, obschon sie gleich darauf sich leichtsinnig schalt, so frohlich gewesen zu seyn, wahrend ihre freudenarme Gabriele einsam-traurige Stunden verlebte.

"Sie versundigen sich an der Natur und an sich selbst," erwiderte ihr einst Ernesto auf eine ahnliche Aeusserung, welche sie uber ihre jugendliche Frohlichkeit that. "Wie konnten wir nicht nur den Schmerz, sondern auch die Freude tragen, bliebe ihr Empfinden immer sich gleich? Glauben Sie mir; Niemand von uns uberlebte das zwanzigste Jahr, wenn uns nicht die alles ebnende, alles erleichternde Gewohnung zur trostenden Begleiterin auf dem Lebenswege gegeben ware; lebenssatt, oder mit gebrochnem Herzen sanken wir alle lange vor der Zeit in das Grab."

Im ubrigen Schlosse ging es unterdessen gar frohlich her, und je bunter und lauter das Leben von den aus der ganzen Umgegend herbeistromenden Gasten betrieben wurde, je zufriedner bezeigte sich der General. Mit der zuvorkommendsten Gastfreiheit bot er zu allem die Hand, munterte zur Ausfuhrung jedes Einfalls auf, den irgend einer seiner Gaste zum allgemeinen Vergnugen angab, und ward dabei selbst mit jedem Tage heitrer. Auch die Freude uber Adelberts sichtbares Genesen verjungte augenscheinlich den liebenswurdigen Greis, der mit mehr als vaterlicher Liebe an diesem hing. Seine Augen glanzten, wenn sie auf der Gestalt des geliebten Pflegesohns ruhten, dessen Wange in der Farbe der Gesundheit wieder zu erbluhen begann, und dessen ganzes Wesen von neuem in frischer lebendiger Theilnahme an der Aussenwelt erwachte.

Adelberts Wunden heilten wie durch ein Wunder, der Arm blieb freilich steif, obgleich fast unmerklich, aber der gelahmte Fuss erlaubte ihm schon an Augustens Seite im Polonoisen-Takte den Saal zu durchwandern, und sey es nun die oft belobte Nachwirkung der Brunnenkur, oder die Wirkung des gegenwartigen heitren Lebens, Adelbert behielt bald nicht mehr vom Ansehen eines Kranken als er bedurfte, um von allen Frauleins drei Meilen in der Runde fur hochst interessant erklart zu werden.

Die Zeit, welche man ursprunglich im Schlosse des Generals zu verweilen beschlossen hatte, war unbemerkt langst vorubergezogen und der mit starken Schritten herannahende Winter bestimmte jetzt die Gesellschaft, sehr ernstlich an den Abschied von ihrem freundlichen Wirthe zu denken, sich zur Heimreise zu rusten.

Die Ungewissheit der Frau von Willnangen in Hinsicht auf Leo und Augusten machte dieser indessen manche Sorge. Vergebens hatte sie fortwahrend Beide mit der grossten Aufmerksamkeit beobachtet; Leos Benehmen und Augustens Herz wurden ihr mit jedem Tage rathselhafter, und sie selbst immer unentschiedener, ob es nicht die Pflicht der Mutter heische, Augusten um ihr Verhaltniss zu dem jungen Manne zu befragen, dessen auffallende Weise, sie allen andern vorzuziehen, von der ganzen Gesellschaft als ein Beweis gegenseitigen Verstehens angesehen wurde.

"Wecken Sie keinen Nachtwandler, indem Sie ihn beim Namen rufen," sprach Ernesto, den sie deshalb zu Rathe zog. "Sie gerathen in Gefahr, ihn eben dadurch in den Abgrund zu sturzen, wodurch Sie ihn warnen wollten. Leo ist ein ganz guter Mensch, aber leider gehort er zu jener Legion von Kurmachern, die in der Madchenwelt so viel Unheil stiften. Zum Gluck ist Auguste mit ihrer gegenwartigen Lage zufrieden genug, um keine Veranderung ihres Zustandes herbei zu sehnen. Ich bin uberzeugt, dass Leo keinen tiefen Eindruck auf sie gemacht haben kann, obgleich sie seine Huldigungen sich recht gern gefallen lasst. Bei alle dem ware es aber dennoch moglich, dass sie eine Zeitlang sich einbildete, ihn zu lieben, wenn man durch unnutze Fragen sie auf diese Gedanken brachte; sie konnte in diesem Glauben sogar dahin kommen ihm ihre Hand zu reichen, wenn er sich erklarte und sich fur unglucklich zu halten, wenn er es unterliesse, was aus Furcht vor dem gnadigen Papa und der gnadigen Mama wahrscheinlich geschehen wird."

"Glauben Sie in der That nicht, dass Leo Augusten genug liebt um wenigstens einen Versuch zu wagen, die Beistimmung seiner Eltern zu einer Verbindung mit ihr zu erhalten?" fragte Frau von Willnangen.

"Ich glaube es nicht," erwiderte Ernesto; "denn was konnte ihn bestimmen, fast bis zum Abschiedstage damit zu zogern? Mir scheint es, er gehort zu der Zahl junger Leute, welche wie im Traume umherwandeln, ohne eigentlich zu wissen, was sie wollen. Sie seufzen, sie werfen mit zartlichen Blicken um sich, sie thun bedeutend, alles ohne Plan und Zweck. Dabei sind sie wetterwendisch wie eine Kokette aus dem vorigen Jahrhundert. Heute gluhend, morgen kalt wie Eis, scheinen sie die gestern zur Huldgottin Erhobene kaum noch zu kennen, und sehen gelassen, und eigentlich nicht ohne heimliches Behagen drein, wenn es ihnen gelingt, ein helles Auge zu truben, eine jugendliche Wange erbleichen oder errothen zu machen, und ein unerfahrnes junges Herz in schmerzliche Unruhe zu versetzen."

"Welch ein Bild!" rief Frau von Willnangen. "Ist es moglich, dass Sie Leo von Wallburg dadurch bezeichnen wollen, der noch vor wenigen Wochen in Karlsbad so viel bei Ihnen galt?"

"Was er mir galt, gilt er noch bis auf einen gewissen Punkt," erwiderte Ernesto. "Seit ich hier bin, habe ich um Augusten willen ihn genauer beobachtet, und ihn auf mancher der Ungleichheiten betroffen, welche ich eben rugte. Ich hatte deren wahrscheinlich noch mehrere an ihm erlebt, wenn Augusten von dieser Seite nur etwas anzuhaben gewesen ware; sie blieb aber in vollkommner Ruhe, wenigstens ausserlich, und da musste er das Spiel freilich aufgeben. Uebrigens streite ich ihm keine der vorzuglichen Eigenschaften ab, um derentwillen ich ihn sonst schatzte. Er ist hubsch, artig, gewandt, unterrichtet, als Sohn und Bruder lobenswerth, wahrscheinlich wird er auch einmal ein Ehemann, mit dem eine Frau, die mit ihrer Gluckseligkeit nicht gar zu hoch hinaus will, ein zufriednes Leben fuhren kann. Aber sein Betragen gegen Augusten erklare ich deshalb doch fur unmannlich und unwurdig. Es kann ihm nicht verborgen seyn, dass der Ahnenstolz seiner Eltern sich einer Verbindung mit ihr stets auf das ernstlichste entgegen stellen wird; er fuhlt, dass es ihm an Muth, Kraft und Liebe gebricht, dieses Hinderniss zu bekampfen; er wagt nicht einmal einen Versuch dazu und dennoch strebt er Augustens Herz zu gewinnen und sogar indirekt der Welt weis zu machen, es sey gewonnen, ohne doch sich selbst auf irgend eine Weise verbindlich zu machen. Das ist es, was mich an ihm emport, denn solche Kunste sind verachtlich. Gilt das einfach gegebne Wort dem rechtlichen Manne so viel als ein Eid, so sollte ihm auch jede absichtlich erregte Erwartung so viel gelten als ein Versprechen."

"Das, was Sie uber den jungen Wallburg jetzt aussprachen, habe ich mir immer dunkel gedacht," erwiderte Frau von Willnangen, "aber dabei blieb ich stets in der Ungewissheit, was ich thun konne. Oft glaubte ich den General bitten zu mussen, dass er den jungen Mann geradezu uber sein Verhaltniss zu Augusten zur Rede stellen moge, denn als Mutter dies selbst zu ubernehmen, dazu fehlte es mir an Muth oder an Demuth."

"An beiden wahrscheinlich, und das ist ein rechtes Gluck," erwiderte Ernesto. "Aus solchem Einmischen dritter Personen kommt selten etwas gescheutes heraus, wenn gleich zuweilen eine Heirath, die mich denn immer an Molieres mariage force erinnert, und bei welcher beide Theile sich gewohnlich sehr schlecht befinden."

"Aber wie meinen Sie, dass ich mich jetzt benehme, sowohl gegen Leo als Augusten?" fragte Frau von Willnangen.

"Am besten, Sie benehmen sich gar nicht, sondern lassen alles gehen wie es geht," war die Antwort. "Gonnen Sie Augusten noch die paar Tage hindurch die Freude, sich von Leo adoriren zu lassen, die Trennung kann wohl einen halb erstickten Seufzer kosten, vielleicht wird auch beim Abschied ein Thranchen mit den Augenwimpern zerdruckt werden mussen, aber dabei bleibt es gewiss. In vier Wochen gedenkt sie Leos nur noch als eines vortrefflichen Partners bei Tanz und Spiel, und vermisst ihn hochstens, wenn sie auf der Promenade ihren Shawl selbst tragen muss. Auguste steht zu hoch uber den gewohnlichen Madchen, als dass Leos Koketterie wirklich hatte Eindruck auf ihr Herz machen konnen, und schon ihre ungetrubte Heiterkeit muss Sie hievon uberzeugen. Aber ware dies auch wider Vermuthen geschehen, so wird dieser Eindruck nur um so leichter schwinden, wenn sie niemanden hat, mit dem sie daruber sprechen kann. Glauben Sie mir, die Vertrauten sind oft der Ruhe gefahrlicher, als die Liebhaber selbst. Eine ermahnende Mutter ist auch eine Art von Vertraute, sie nennt doch wenigstens den theuern Namen, und der susse Klang verfehlt selten, die Tochter uber das Tadeln der Mutter zu trosten."

"Wenn ich Sie nicht kennte wie ich Sie kenne, Freund Ernesto," sprach Frau von Willnangen, "so musste ich Sie nach diesen Aeusserungen nicht nur fur hochst frivol, sondern auch fur herzlos und gemuthlos halten. Sind das Ihre Ansichten der Liebe?"

"Der Liebelei," erwiderte Ernesto, "des kalten chinesischen Feuerwerks von ausgeschnittenem Papier, hinter denen man Lampchen stellt, womit die Jugend so gross thut. Glauben Sie mir, nur Wenige sind berufen, den gottlichen Funken in reiner Brust zu hegen, welcher der Ursprung der heiligsten Gefuhle und alles Grossen und Herrlichen ist. Wem dieser einmal sich entzundet, dem verlischt er nie, auch nicht im Sturme des Lebens, auch nicht im Grabesdunkel der Trennung, auch nicht unter dem Schnee des Alters. Aber es giebt auch luftige Irrlichter fur die Menge, welche ihnen nachjagt. Man lauft, man fallt, man verirrt s i c h , verlockt a n d r e , aber am Ende kommt doch alles in eine Art von Ordnung, und wenigstens stirbt die Welt dabei nicht aus." Am vorletzten Abend des Abschiedstages sollte die schon langst angekundigte Auffuhrung eines Lustspiels seyn. Allwill war dessen Verfasser, und das Stuck bestimmt, die lange Reihe der in dem gastlichen Schlosse des Generals genossnen Freuden wurdig zu beschliessen. Zuschauer und Schauspieler sahen dieser Darstellung mit der gespanntesten Erwartung entgegen, welche freilich die vielen Proben und andre Vorkehrungen erregen mussten, mit denen Allwill die ganze Zeit uber gestrebt hatte, die Erscheinung seines Stucks so vollkommen als moglich vorzubereiten.

Zum erstenmal in seinem Leben, wenn gleich nur auf einem Privattheater, sollte dem Dichter die Erfullung seines sehnlichsten Wunsches werden; er sollte die Schopfung seiner Fantasie auf den magischen Bretern ins plastische Leben gerufen sehn. Mit welchem Enthusiasm er daher bei der Anordnung dieses Festes zu Werke ging, ist leicht zu erachten. Jahrelang hatte er gestrebt bis zur lampenhellen Buhne durchzudringen, ohne dass es ihm, trotz der Klagen uber Mangel an guten neuen Komodien, gelungen ware. Ein Schicksal, welches fast alle Dichter mit ihm theilen, die ihre theatralischen Arbeiten nicht eher schwarz auf weiss dem Urtheil der Welt ausliefern mogen, als bis sie sich von der Wirkung uberzeugt haben, welche dieselben an dem Platz machen, fur welchen sie bestimmt wurden.

Das Ausland ist in dieser Hinsicht billiger als wir, selten erscheint dort ein Schauspiel gedruckt, das nicht vorher auf der Buhne die grosse Probe uberstand. Aber unsre Theaterdirekzionen bedenken nicht, dass es eben so unmoglich ist, vor der Auffuhrung uber den theatralischen Werth eines Stucks ein ganz genugendes Urtheil zu fallen, als ohne gehorige Beleuchtung uber den Effekt eines Gemaldes zu entscheiden. Schwerlich wird ein Dichter zur moglichsten Ausbildung seines Talents gelangen konnen, dem diese praktische Erfahrung versagt ward, und der heutige Mangel an guten fur das Theater passenden neuen Schauspielen ist vielleicht grossten Theils nur den Schwierigkeiten zuzuschreiben, die sich zu diesem Zweck dem Dichter uberall entgegenstellen.

Bei Privatbuhnen sind die Proben bei weitem das Ergotzlichste fur die Mitspielenden, das weiss jedermann. Auch Allwill erfuhr es, denn er wollte oft uber die gute Laune seiner Schauspieler verzweifeln. Dafur erklarten ihn diese fur den wunderlichsten, krittlichsten, herrsuchtigsten aller Theaterdirektoren, und zuletzt galt es fur ausgemacht, dass zwei Allwills im Schlosse hauseten, feindliche Zwillingsbruder, die nie zusammen erschienen; der eine, der Dichter, die Liebenswurdigkeit selbst, der andre aber, der Theaterkonig, ein Despot ohne Gleichen, ein heftiger murrischer Kautz, mit dem eben kein Auskommen sey.

Des armen Allwills gute Laune war indessen schon bei der Austheilung der Rollen auf furchterliche Proben gesetzt worden. Es gab dabei unendliche, zum Theil sehr lacherliche Schwierigkeiten, die er aber sich nur zu sehr zu Herzen nahm. Wenigstens dreimal so viel Schauspieler und Schauspielerinnen als man bedurfte, hatten anfangs sich mit grossem Eifer gemeldet, und zuletzt kostete es dennoch nicht geringe Muhe, nur so viele zusammenzubringen, als man nothwendig brauchte, um alle Rollen des Stucks gehorig zu besetzen. An ersten Liebhabern und Liebhaberinnen fehlte es freilich nicht, aber ein redseliges altes Fraulein und einen etwas rauhen invaliden Papa wollte niemand ubernehmen. Einer der besten Freunde des Generals, welcher schon vor dreissig Jahren den Major Tellheim mit dem grossten Beifall gespielt hatte, fuhr im Zorn auf und davon, weil Allwill durchaus den ersten Liebhaber von niemand anders als Leo von Wallburg spielen lassen wollte. Andre, die ebenfalls mit den ihnen zugetheilten Rollen nicht zufrieden waren, folgten dem ehemaligen Tellheim, indem sie sich ganz in der Stille fortschlichen, und Allwill war wirklich in Gefahr, die Auffuhrung seines Stucks hier eben so gut, als ware es ein offentliches Theater, an Rollenneid scheitern zu sehen.

Endlich liess Frau von Grunborn, die Nichte jenes Tellheims, sich durch unablassiges Bitten und Zureden der ubrigen Gesellschaft bewegen, die alte Tante zu ubernehmen; ihrem Beispiele folgten andre, und so kam das Ganze zur allgemeinen Freude allmahlig in anscheinende Ordnung. Frau von Grunborn brutete indessen ganz im Stillen noch uber einen grossen Plan, denn so ganz gutwillig konnte sie sich doch nicht entschliessen, in einer, ihrer Meinung nach, undankbaren Rolle aufzutreten, und bei dem ersten einsamen Spaziergang mit Augusten, den sie herbeizufuhren wusste, nahm sie Gelegenheit, zu versuchen, ob es ihr nicht gelingen konne, diese ihren Wunschen gunstig zu stimmen.

"Sie dauern mich unbeschreiblich, liebes Fraulein von Willnangen," wendete sie das Gesprach nach unendlichen Liebkosungen gegen Augusten, sobald sie weit genug vom Hause entfernt waren um keine Lauscher furchten zu mussen. "Sie dauern mich, Allwills Eigensinn zwingt Sie, die Elise zu spielen, und ich fuhle recht gut, wie entsetzlich es Ihnen seyn muss, vor aller Welt mit Leo von Wallburg zartlich zu thun. Gewiss der Gedanke an die Auffuhrung des Stucks ist Ihnen desshalb recht peinlich, es kann nicht anders seyn, und ich habe es Ihnen schon lange angesehen. Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie liebe, theure Auguste, um Ihnen einen Beweis davon zu geben habe ich ganz in der Stille Ihre Rolle neben der meinen gelernt, und bin nun im Stande, Ihnen einen Tausch anzubieten. Das hatten Sie wohl von Ihrer Nanny nicht erwartet?" setzte sie hinzu, indem sie Augusten feurig umarmte.

Mit dem allergrossten Erstaunen horte Auguste den absurdesten Vorschlag von der Welt aus dem Munde einer Frau, die alt genug war, um ihre Mutter zu seyn, und die nun, schalkhaft lachelnd, in jugendlicher Verschamtheit vor ihr stand. Die Anspielung auf ein naheres Verhaltniss zum jungen Wallburg war ihr freilich so unangenehm als unerwartet, und eine leichte zornige Regung rothete dabei ihre Wangen, bald aber siegte das unbeschreiblich Lacherliche in der ganzen Zumuthung ihrer neuen Freundin, und lachelnd gab sie ihr Gehor, als diese mit der selbstzufriedensten Redseligkeit fortfuhr, ihren Plan weiter aus einander zu setzen.

"Vor allen Dingen," sprach Frau von Grunborn, "mussen wir unsern Rollentausch aller Welt verschweigen, bis zur Stunde der Ausfuhrung, sonst giebt ihn Allwill nimmermehr zu; er hat es sich zu fest in den Kopf gesetzt, dass wir alle seinen Befehlen folgen mussen; steckt er aber erst in seinem Souffleurkasten, so muss er sich schon alles gefallen lassen, was uber seinem Haupte auf der Oberwelt vorgeht. Ich habe mir in den Proben Ihr Spiel genau gemerkt, wenn Sie die Rolle noch ein paar Mal mit mir durchgehen, so wird Herr von Wallburg keinen Unterschied finden, und des Beifalls der Gesellschaft konnen wir gewiss seyn. Auguste ward dem Vorschlage immer geneigter, je langer sie ihm zuhorte. Der Gedanke, wie komisch Leos Verwunderung und Allwills zorniges Schrecken sich ausnehmen mussten, gewann immer mehr lockendes, so dass sie, zuletzt in einem Anfall von Uebermuth, sich wirklich entschloss, in den Tausch zu willigen, und nun, nicht minder eifrig als Frau von Grunborn, selbst sich bemuhte, alles darauf vorzubereiten.

Der lustige Erfolg ubertraf bei weitem Augustens Erwartung. Beide Damen fanden mit leichter Muhe einen Vorwand bis zum Aufrollen des Vorhangs in ihrem Ankleidezimmer allein zu bleiben.

Leo, der mit einem Monolog zuerst die Buhne betrat, erstarrte uber den Anblick der Frau von Grunborn, wie Hamlet indem er den Geist seines Vaters erblickt. Allwill reckte sich lang aus seinem Souffleurkasten empor, und machte Miene, ganz auf das Theater heraufsteigen zu wollen, um wegen des Rollenwechsels Rechenschaft zu fordern, ja selbst die Zuschauer begannen sehr lebhaft zu werden. Frau von Grunborn liess sich indessen von allem was vorging, nicht im mindesten anfechten. Sie hatte ihre Rolle zu gut gelernt, um der Eingebungen des Souffleurs zu bedurfen und besass auch uberdem ziemliche Gewandheit und theatralische Uebung. An Schminke und jugendlichem Putz hatte sie ebenfalls nichts gespart; man sah deutlich wie sie in grosser Herzensfreudigkeit sich selbst Illusion machte, und so war denn die Gesellschaft endlich gutmuthig genug, sich diese ebenfalls gefallen zu lassen und dem Wagestuck ward von allen Seiten applaudirt.

Doch dieser gemassigte Beifall verwandelte sich in ein laut donnerndes Bravo-Rufen, in ein ganz unerhortes Handeklatschen, wie man es in einem Privattheater gar nicht fur moglich halten sollte, als Auguste erschien. Die altmodische Tracht ertheilt jungen Personen immer durch den Kontrast des Scheinenwollen mit dem wirklichen Seyn einen eignen unbeschreiblichen Reiz. Das gepuderte Touppee, die zu beiden Seiten des jugendlichen Gesichtchens tief hineingehende altmodische Dormeuse, aus der die wunderschonen hellen Augen schalkhaft herausblitzten, die schlanke Taille, welche das lange Korsett erst recht versichtbarte, die netten Fusschen in ihren spitzen Hackenschuhen, die man bei der hochaufgeschurzten altfrankischen Zirkassienne deutlich sah, alles dieses verlieh Augustens Erscheinung eine wunderbare Anmuth, von der niemand eine Ahnung haben konnte, der sie nur im gewohnlichen Leben zu sehen gewohnt war. Ihr mit der heitersten Laune aufgefasstes und durchgefuhrtes Spiel liess den Taumel der Bewunderung, den ihr Anblick erregt hatte, gar nicht enden. Alles ward dadurch versohnt. Leo konnte uber den Streich, welchen sie ihm gespielt hatte, nicht langer zurnen, Allwill setzte sich getrostet wieder auf seinem unterirdischen Ehrenposten zurecht, Frau von Grunborn umarmte sie mit anscheinendem Entzucken, sobald sie wieder zwischen die Kulissen trat, und pries uberlaut die eigne Selbstverleugnung, mit der sie Augusten die interessanteste Rolle im Stuck freiwillig abgetreten haben wollte. Je lauter die Freude im Schauspielsaale sich ausserte, je truber ward Adelbert. Kaum vermochte er es uber sich, das Ende eines kleinen Liederspiels abzuwarten, in welchem die scheidenden Gaste unter der Leitung des Kapellmeisters dem gastfreien Hausherren zuletzt ihren Dank brachten. Schmerzlich bewegt verliess er den Saal, sobald er es unbemerkt thun zu konnen glaubte, und erschrak nicht wenig, als mit ihm zugleich auch Auguste durch eine andre Thure in ein an das Theater stossendes Nebenzimmer trat.

Verlegen, wie sonst nie, standen sie da, und keines wagte das andre anzublicken, bis der Abschied zur Sprache kam, der beiden das Herz zusammenpresste.

"Sie gehen," sprach Adelbert, "und in diesem Moment fuhle ich erst, wie sehr Ihre Nahe das Element meines Lebens ward. Erinnerung ist alles, was mir nun ubrig bleibt; ich weiss, um wie viel reicher durch diese mein Daseyn geworden ist, aber wenn mich nun die Sehnsucht ergreift, wie werde ich diese uberwinden? Und wenn ich ihr nachgebe, wenn ich uber Berg und Thal hineile, um wieder einmal in den Strahlen ihrer lieben, gutigen Augen mein Herz zu erwarmen, ach Auguste! wie werde ich dann Sie finden?"

"Ich hoffe wie jetzt," erwiderte Auguste sehr freundlich; "hier nehmen Sie meine Hand darauf, Sie finden mich wie jetzt, und kamen Sie auch erst nach langen Jahren; dann vielleicht um so gewisser, genau so," setzte sie lachelnd mit einem Blick auf ihre Theater-Kleidung hinzu.

"Zwingen Sie mich nicht, mich selbst zu tauschen," sprach Adelbert, und druckte mit trubem Blick ihre ihm dargebotene Hand an seine hochbewegte Brust. "Mein trostender Engel betrat mit Ihnen die Schwelle dieses Hauses, mit Ihnen verlasst er es wieder, ich weiss es. Diese Hand, welche jetzt in der meinen ruht, wird in wenigen Tagen einem Glucklichern gereicht. Leo doch ich missbrauche ihre Nachsicht, verzeihen Sie mir, ich fuhle beschamt, wie unbescheiden ich ward."

"Leo?" rief Auguste und ward dabei feuerroth, "Leo? Nun der zieht ubermorgen jen Norden, wahrend wir dem Suden uns zuwenden, und fast mochte ich wetten, dass ich Sie fruher wieder sahe als ihn."

"Fraulein! ware es moglich! verstehe ich Sie?" fragte Adelbert sehr bewegt. "Ach ich weiss nicht, welch ein boser Damon mich in dieser Stunde zwingt, immer auszusprechen was ich eigentlich verschweigen musste!" Es ist wohl Ihr fremdes Ansehen, was so mich verwirrt," fuhr er, mit trubem Lacheln sie betrachtend, fort. "Sie sind Sie selbst, und sind es auch nicht. Gewiss ware es sundlich vermessen, zu wunschen, Sie waren wirklich, was sie diesen Abend scheinen wollen, aber ich kann den Gedanken daran nicht los werden und einem armen Invaliden ist er wohl zu verzeihen, der so Ihnen naher zu stehen wahnen durfte. Sie sind so reich, dass Sie dennoch bleiben was Sie sind, wenn gleich diese Rosen verbluht waren."

"Hat es wohl je in der Welt einen jungen Mann gegeben, der einem artigen Madchen dreissig Jahre mehr und dazu ein gepudertes Touppee wunscht, bloss um ihr etwas schones zu sagen?" rief Auguste ein wenig gezwungen lachelnd, und wandte sich der Thure zu, in welcher der General ihr plotzlich entgegentrat, um sie zur Gesellschaft abzuholen.

Bei Spiel und Tanz schwarmte man noch bis tief in die Nacht hinein. Es war als ob die Freude jetzt, so nahe vor dem Scheiden, erst recht lebendig werden wollte. Nur Leo irrte verdrusslich und abgesondert von den ubrigen durch die lange Reihe der Zimmer. Seit mehr als einer Stunde vermisste er Augusten, ohne sie eigentlich suchen zu mogen, als Frau von Grunborn zu ihm trat und unter der Behauptung, sie habe Augusten zu einer Quadrille hochst nothig, lachend seinen Arm ergriff, um mit ihm das ganze Schloss nach ihr zu durchstreifen.

Beide gelangten auf ihrer Wanderung an das Vorzimmer der Frau von Willnangen, es ward darin gesprochen, das horte man deutlich, die Thure war nur angelehnt, neugierig blickte Frau von Grunborn durch die Spalte und fuhr im nehmlichen Moment mit einem ganz eigenen Gesicht zuruck, um in grosser Hast ihren Begleiter an ihre Stelle zu schieben.

Leo traute seinen Augen nicht, er erblickte Augusten in Adelberts Armen und neben dieser Gruppe Frau von Willnangen und den General. Eingewurzelt ware er stehen geblieben, hatte nicht Frau von Grunborn ihn wieder mit sich fort zur Gesellschaft gezogen, wo sie jedem, der ihr in den Weg kam, die eben gemachte Entdeckung im strengsten Vertrauen zuflusterte.

Bald wurden aller Blicke forschend dem armen Leo zugewendet, der, von der allgemeinen Aufmerksamkeit gedruckt, verstimmt, erschrocken sogar, es dennoch nicht wagen mochte, sich fruher zu entfernen, als die ubrigen, um niemanden Raum zu lauten Bemerkungen hinter seinem Rucken zu geben. Doch da der General sich unter dem Vorwand eines ihm plotzlich uberkommenen Geschafts entschuldigen liess, so zerstreute sich bald darauf die ganze Gesellschaft.

Tausend unangenehme, einander widerstrebende Empfindungen bemachtigten sich Leos, sobald er in seinem Zimmer allein sich befand, und raubten ihm fur diese Nacht den Schlummer. So wenig es ihm in den Sinn gekommen seyn mochte, sich ernstlich um Augusten zu bewerben, so schien sie ihm doch in diesem Moment unendlich reizend und ihr Besitz hochst wunschenswerth, gerade weil er ihm unerreichbar geworden war. Am meisten aber peinigte ihn Reue uber sein bisheriges Streben, sich vor der Welt den Anschein eines innigern Verhaltnisses mit Augusten zu geben; und die Eitelkeit, welche ihn dazu angetrieben hatte, ward jetzt seine empfindlichste Strafe. Wie oft hatte er nicht Augusten die gleichgultigsten Dinge absichtlich mit einem hochst wichtigen Gesicht zugeflustert! wie oft sich bemuht, dankbar geruhrt auszusehen, wahrend sie mit ihm vom Wetter sprach! Unzahligemal hatte er den unbedeutendsten gegenseitigen Gefalligkeiten ein geheimnissvolles Ansehen zu geben gesucht und gewusst! Alle diese Veranstaltungen, die er mit so grosser Muhe ersonnen und ausgefuhrt hatte, halfen jetzt zu nichts, als ihm in den Augen der Gesellschaft das Ansehen eines Abgewiesenen, Zuruckgesetzten zu geben. Augustens Charakter stand zu hoch, als dass selbst der Neid es hatte wagen mogen, ihn in ein zweideutiges Licht zu stellen. Leo begriff bei so gestellten Dingen, dass ihm keine andere Wahl blieb, als entweder morgen demuthig, wie ein Verstossener, das offentliche Mitleid und den heimlichen Spott der Anwesenden zu ertragen, oder in der Stille sich zu entfernen, ehe es im Schlosse Tag ward. Ein innerer Widerwille, den glucklichen Adelbert zu sehen, trug viel bei, ihn zu der Wahl des letztern zu bestimmen; er hatte die Flamme zu nahe umgaukelt, um nicht jetzt sich von ihr ergriffen zu fuhlen, und furchtete daher, vor den Augen des glucklichen Paars etwas trubselig dazustehen. Nach vorher genommener Rucksprache mit seinen Eltern, machte er sich daher in aller Fruhe auf den Weg. Die Ueberzeugung, dass er aus einem Lande und von Menschen scheide, welche nie wieder zu sehen in seiner Macht stand, und dass kein spottisches Wort aus dieser Ferne in seiner Heimath ihn erreichen konne, war das einzig Trostliche, was er mit sich nahm. Strahlend in einer Freudenglorie, als ware er selbst der begluckte Brautigam, stellte der General am folgenden Morgen die Braut seines Adelberts der Gesellschaft vor. Die herzlichste Theilnahme aller Anwesenden empfing sie mit lauten Gluckwunschen, nur Herr und Frau von Wallburg machten hierin eine Ausnahme, und was sie anscheinend Freundliches sich nicht entbrechen konnten dem Brautpaar zu sagen, war augenscheinlich nur ein Opfer mit kalten Lippen, aus kaltem Herzen der Konvenienz gebracht. Es mag wunderlich scheinen, dass sie, die eine Verbindung Augustens mit ihrem Sohne zwar zuweilen furchteten, aber nie wunschten, und gewiss nur gezwungen sie zugelassen haben wurden, sich jetzt beleidigt fuhlten, weil man es nicht in ihre Macht gestellt hatte, solche auszuschlagen. Sie bildeten sich ein, Augustens Verlobung als ein gegen Leo begangenes Unrecht ansehen zu mussen, eigentlich aber verstimmte sie nur die angeborene Unart mancher Naturen, welche nicht ohne heimlich-neidische Regung einen Andern im Besitz dessen glucklich sehen konnen, was sie selbst verschmahten. Unter dem Vorwande dringender Geschafte, welche ihren Sohn schon gezwungen hatten, bei Tagesanbruch ohne Abschied fortzureisen, beurlaubten auch sie sich noch in der nehmlichen Stunde und eine allgemeine Erkaltung, wie man sie vor weniger Zeit noch nimmer hatte vermuthen konnen, begleitete ihren Abschied.

Der ubrige Theil der Gesellschaft liess sich gerne bewegen, noch einige Tage beisammen zu verweilen, um sich des neuen Ereignisses zu erfreuen, dessen unerwartetes und schnelles Entstehen zu mancher abgesonderten Unterhaltung den Stoff hergeben musste.

Adelberts und Augustens gegenseitiges Wohlgefallen hatte sich indessen weit fruher als Andere und sogar sie selbst es vermutheten in eine herzliche, innige Neigung verwandelt. Verlassen, verrathen, an schweren Wunden geistig und korperlich erkrankt, war Adelbert fruher nur durch seines Oheims vaterliche Liebe uber dem Abgrund der Verzweiflung gehalten worden, der jedem sich offnet, welcher aus goldenen Jugendtraumen plotzlich in einer Welt voll hohnender, treuloser, verachtlicher Larven zu erwachen glaubt. Herminiens Angedenken liess nicht ab, ihn zu verfolgen, es war zu innig mit seinem Daseyn verwoben, er hatte nur sie gekannt, einzig sie. Zu Hause war sie die Sonne seines Fruhlings gewesen, auf der Universitat beflugelte die nahe Hoffnung auf ihren Besitz seinen Fleiss, im Kriege hatte diese Hoffnung ihm Elend, Wunden, tiefgefuhlten Schmerz uber sein zerruttetes Vaterland ertragen helfen. Sie schwand und mit ihr der leitende Stern seines Lebens. Er blickte auf die kurze Laufbahn, die er zuruckgelegt hatte. Ueberall, seit er ins thatige Leben trat, starrte mannichfaches Unrecht, Elend und Verrath ihm entgegen, seine Jugend fiel in eine sehr trostarme Zeit, in der auch die Zukunft sich immer dusterer verhullte. Was blieb ihm daher anders, als jene ungemessene Sehnsucht, zu sterben, welche so leicht die Jugend zu ergreifen und in trube Unthatigkeit zu versenken pflegt! Da strahlte plotzlich Gabrielens mildes Licht in die trube Nacht seiner Schwermuth, er sah, wie fromm, wie ergeben, wie freundlich sie einen grossen Schmerz trug, dessen Daseyn zwar keine Klage verrieth, aber ihr ganzes Wesen bezeugte. Er blickte zu ihr auf, wie zu einem hohern Wesen, wie zu einer Heiligen, der man nur in demuthiger Ferne nachzustreben wagt. Ihr Mitleid, ihre Theilnahme an seinem Geschick nahm er als einen unverdienten Beweis ihrer Huld, bis sie ihm entschwand und Auguste an ihre Stelle trat. Auch diese war freundlich, mild, theilnehmend und voll zarter Schonung. Weniger uberirrdisch als ihre Freundin, schien sie in ihrem frohlichen Jugendglanz ihm naher zu stehen. Ihr anscheinendes Verhaltniss zu Leo von Wallburg beunruhigte ihn nicht, er wahnte sich auf ewig von jedem Anspruch in Liebe und Gluck ausgeschlossen; um so getroster uberliess er sich der sussen Gewohnheit, nur in Augustens Nahe zu leben. Tausend Zufalligkeiten banden mit unsichtbaren Faden ihn immer fester an sie, jeder Tag brachte ihm neue Beweise ihrer zarten Theilnahme an allem, was ihn betraf, besonders ruhrte ihn ihr Bestreben, die Angst um Gabrielens Geschick, das er veranlasst zu haben glaubte, von seiner Seele zu nehmen. So lebten beide uber zwei Monate lang im wechselndem, aber stets freundlichem Verhaltnisse neben einander. Auguste freute sich am Gelingen ihres Strebens, das verfinsterte Gemuth eines edlen Menschen zu erheitern, ihn der Welt und dem Leben wieder zu geben, die so viel Anspruche an ihn hatten; sie gewann ihn lieb, wie Frauen alles lieb gewinnen, dessen sie mit treuer Pflege sich annehmen. Jeder Tag lehrte sie Adelberts schonen, reinen Sinn besser kennen, und Leos wechselndes Benehmen fing an, sie immer weniger zu interessiren. So nahte die Zeit der Trennung, und Adelbert wie Auguste gewahrten erst jetzt, wie viel sie indessen einander geworden waren. Der General hatte, ohne es zu wollen, ihrer Unterredung nach dem Schauspiel zugehort; langst bemerkte er mit innigem Wohlgefallen, aber ganz in der Stille, das Heranbluhen der Erfullung seines sehnlichsten Wunsches, und der jetzige Moment schien ihm gunstig, durch sein Hinzutreten alles zu ordnen und mit klarem Sinn dem jungen Paare in der eignen Erkenntniss seiner selbst zurecht zu helfen.

Und so geschah es denn bald, dass liebend und freudig Auguste ihre Hand abermals in Adelberts legte, um sie ihm nie zu entziehen. Entzuckt druckte dieser das liebliche Wesen an seine Brust, das ihm zum Lohn fur den Kampf um Vaterland und Ehre, die mit Rosen der Liebe durchflochtene Burgerkrone hauslichen Glucks bot. Zwar fuhlte er nicht die flammende Gluth, welche in einem ahnlichen Momente an Herminiens Seite ihn Sinnenverwirrend zu einer Zeit ergriffen hatte, von welcher er jetzt gern den Blick abwandte, ohne sie doch ganz vergessen zu konnen. Er fuhlte sich aber um so glucklicher, je ruhiger er war, denn diese Ruhe nahm er als das Pfand einer heitern segensreichen Zukunft, die aus Augustens seelenvollem Auge ihm lachelnd winkte. Auguste war zu glucklich, um der unlangst verflossenen Tage oft zu gedenken, in welcher Leo sie umflattert hatte, und geschah es ja zuweilen, so erschienen sie ihr wie ein jugendliches Spiel, aus dem zu ihrem eigenen grossen Gluck nicht Ernst geworden war.

Von Frau von Willnangen mutterlicher Freude, von Ernestos Triumph uber den Scharfblick, mit dem er Augustens Herz durchschaut hatte, schweigen wir. In Adelberts Begleitung traten beide mit Augusten froh und hoffnungsreich den Weg in ihre Heimath an, wohin ihnen der General noch vor Ende des Winters zum Hochzeitfeste zu folgen versprach. Ein langer Brief von Gabrielen, der erste ausfuhrliche, begrusste Frau von Willnangen bei ihrer Ankunft zu Hause.

"Ich weiss es," schrieb Gabriele, "ich weiss, Ihr mutterlich liebendes Herz sehnt sich schon lange nach genauer Kunde vom Geschick des armen verwaisten Wesens, das Ihnen so viel, ach so unendlich viel verdankt; aber ich weiss auch, Sie lassen statt aller Entschuldigungen meines bisherigen Schweigens die blosse Versicherung Ihrer Gabriele gelten, dass sie nicht schrieb, weil sie es nicht konnte, weil sie nichts zu schreiben wusste, so sonderbar dieses auch klingen mag.

Den aussern Gang meines Geschicks meldete Ihnen Ernesto; er, der theilnehmende Augenzeuge, vermochte diess weit besser als ich. Schwindelnd, beinahe bewusstlos den widerstrebendsten Gefuhlen zum Raube, war ich vom Wirbel des Lebens fortgerissen worden. Jede schicksalsschwere Minute ubergab mich der ihr folgenden, ich konnte kaum die Gegenstande erkennen, an denen ich vorubergeschleudert ward, bis zur unabanderlichen Entscheidung meiner Zukunft, wahrend jene Minuten sich zu weniger als vier und zwanzig Stunden an einanderreihten.

Sie wissen es, ich that was ich musste, ich duldete, was keine irrdische Macht von mir abzuwenden vermochte, doch am Ziele schwand meine Kraft. Ich ward krank, liebe, gutige Frau! sehr krank. Aus der Betaubung, wahrend welcher meine physischen Krafte sich wieder gesammelt hatten, erwachte ich zum tiefsten Schmerz uber den Tod meines Vaters, ich blickte in meinem Jammer um mich her nach Trost, ich erkannte den treuen Freund Ernesto und Annetten, alles andere aber war mir fremd, wildfremd, ich selbst sogar, ich und meine kunftige Bestimmung. Das Fremde aber soll man nie beurtheilen, bis es zum Bekannten geworden ist, damit spater keine Ungerechtigkeit uns zu Schulden komme. Darum musste Ihre Gabriele wohl schweigen, es wahrte lange, ehe ihr alles klar ward.

Nun bin ich genesen, bin meiner selbst wieder machtig. Ich erkenne mich wieder; mein Gefuhl, mein Seyn, mein Leben, alles was mich umgiebt, ist mir deutlich geworden, so dass ich es nun wagen darf, Ihnen von allem Rechenschaft abzulegen. Vorahnend sehe ich, wie bei Lesung dieser Stelle meines Briefs Ihr Herz hoher schlagt, wie Furcht vor der nachsten Zeile sie ergreift, und Sie Klagen erwarten lasst, welche alle Ihre Gute und Liebe nicht zu stillen vermogen. Nein, geliebte, mutterliche Frau! beruhigen Sie sich, Ihre Gabriele klagt um nichts, als um den Tod ihres Vaters. Der lebensmude Greis ruht im Grabe sanft und still von einem Daseyn aus, das er, ich bin dessen uberzeugt, um keinen Preis wieder aufnahme. Gern und schnell entfloh sein entfesselter Geist zu Regionen des Friedens; darum sollte ich nicht trauern. Aber ich bin eigennutzig und in den Tiefen meines Herzens regt sich der Glaube, dass es meinem Streben gelungen seyn wurde, ihm auch dieses irrdische Daseyn wieder lieb zu machen, ware er mir nur nicht sobald entschwunden. Es dunkt mich oft hart, dass kaum ein einziger Augenblick seiner Zufriedenheit mir zum Lohne meines Gehorsams ward, und oft muss ich gewaltsam mich zusammennehmen, um mich daran zu erinnern, dass ich ja mein eignes Heil bereitete, indem ich ihm gehorchte; dass ein qualvolles Daseyn, innere unausloschliche Vorwurfe mein Loos geworden waren, wenn er in Unfrieden mit mir dieses Leben verlassen hatte.

'Und hast du denn Heil dir bereitet? bist du glucklich? Gabriele!' So hore ich Sie fragen. Glucklich, meine theure Freundin, glucklich ist undenkbar viel! Wer ist denn glucklich? Die Kinder sind es, auch ich war es, da ich ein Kind war. Ich war es auch noch in einem einzigen Thranenund Wonnenreichen Moment, an der ersten Grenze der Jugend, die jetzt in meinem kaum angetretenen achtzehnten Jahr mir schon so fern zu liegen scheint! Und spater, als die segnende Hand meines Vaters meine Stirn beruhrte, sein Dank bis in die tiefste Tiefe meines Gemuths erklang, war ich da nicht auch glucklich? Ja ich erkenne es dankbar, ich war es, wenn gleich nur in seligen Momenten. Mir wurden Lichtpunkte im Leben, wie Wenigen, und damit darf das Kind Ihrer Wahl sich zufrieden gestellt dunken. "Gabriele du weichst der Wahrheit aus, du sprichst von der Vergangenheit, und verhehlst mir die Gegenwart!" Nein geliebteste Frau! ich weiche nicht aus, ehrlich und offen wie immer, will ich Wahrheit Ihnen geben.

Ich bin zufrieden, denn ich bin resignirt, mochte ich sagen, wenn Sie diesen fremdartigen Ausdruck, fur den ich aber in unserer Sprache keinen Ersatz zu finden weiss, nicht in zu trubem Sinne nehmen wollen. Friede mit mir selbst aus reinem Bewusstseyn entsprossen, giebt meinen Tagen Heiterkeit und meinen Nachten Schlaf. Was darf ich mehr wollen? Alle jene Uebungen, jene sussen Beschaftigungen, die ich sonst unter Ihren Augen trieb, fullen auch jetzt in der Einsamkeit meine Stunden vergnuglich aus, mir bleibt Zeit fur alles, was sonst auch mir lieb war. Meine aussern Umgebungen lassen mir nichts zu wunschen ubrig. Eine reiche Kupferstichsammlung, mehrere vorzugliche Gemalde, plastische Kunstwerke, eine in fruhern gunstigern Jahren gesammelte reiche Bibliothek sind der Schmuck unseres Hauses und stehen mir stundlich zu Gebot. Wir wohnen in einer entzuckenden Gegend; mit unaussprechlicher Sehnsucht male ich mir des Fruhlings Erwachen in diesen wunderherrlichen Thalern, auf diesen Rebenhugeln, wenn um sie die grunen Wogen des von Eisesbanden befreiten Stromes den frohlichen Tanz wieder beginnen werden.

Herr von Aarheim (er selbst wunscht es, dass ich stets so ihn nenne) Herr von Aarheim begunstigt freundlich und nachsichtig alle meine kleinen Liebhabereien, er ist wohlwollend, aufmerksam und gutig gegen mich. Ob er manche Sonderbarkeit, die uns bei seinem ersten Anblick von ihm auffiel, theilweise abgelegt hat, oder ob Gewohnheit sie mir weniger auffallend macht, wage ich nicht zu entscheiden; so viel ist gewiss, dass diese seine Angewohnungen sehr selten storend in unser hausliches Leben eintreten, und wo sie es konnten, fuhle ich die Verpflichtung, jeden Misston schonend und zuvorkommend abzuwenden, so viel diess in meiner Macht steht. Auch ohne das Band, durch welches mein Vater in seinen letzten Stunden mich Herrn von Aarheim vereinte, ware er als mein nachster Verwandter zugleich der naturliche Vormund und Beschutzer meiner Jugend gewesen, und als solcher berechtigt, Achtung und Fugung in seinen Willen von mir zu fordern. Meine jetzige Verbindung mit ihm macht mir beides zur heiligsten Pflicht, ich ube sie gern, und seine wohlwollende nachsichtige Art mir zu begegnen, erleichtert mir vieles.

Wahr ist es, wir leben sehr einsam, die Nachbarschaft ist wie ausgestorben, alles nun dem Winter auf dem Lande ausgewichen, dem lustigen Leben in den Stadten zugezogen, nur wir allein von allen Guterbesitzern der Gegend, sind hier geblieben. Doch Sie wissen, Einsamkeit war von jeher die Freundin meiner Jugend, und jetzt bedarf ich ihrer doppelt. Denn ich hatte und habe noch manches mit mir allein abzumachen, wozu ich vieler Zeit bedarf. Herr von Aarheim glaubt auch, es ware gut, wenn ich, ehe ich in die Welt gehe, mich erst in hauslicher Stille an meine jetzigen Pflichten gewohne, und lerne, was kunftig mir obliegen wird zu verwalten. Ich fuhle, wie sehr er Recht hat, und selbst, wenn ich seinen Grunden etwas entgegen zu setzen wusste, wurde ich aus Wahl vermeiden es zu thun, denn das stille Familienleben auf dem Lande hat auch im Winter fur mich grossen Reiz. Sehnte ich mich nur nicht so unaussprechlich und oft nach Ihrer und Augustens lieber Gegenwart! Vermisste ich nur nicht so schmerzlich den heitern belehrenden Umgang Ernestos, des treuen vielerfahrnen Freundes!

Herr von Aarheim gedenkt im nachsten Spatjahre eine Reise nach Italien zu unternehmen. Vielleicht gelingt es mir dann, wahrend der Zeit seiner Abwesenheit mich in Ihrer geliebten Nahe fur die lange Trennung von Ihnen zu entschadigen. Oft wenn mich gar zu sehr nach Ihnen bangt, beschwichtige ich mich selbst mit dieser lieben Aussicht. Es wird mir ja hoffentlich nicht schwer werden, Herrn von Aarheims Zustimmung zu einem Besuche bei Ihnen zu erhalten. Zwar liegt es in seinem Reiseplan, dass ich ihn begleiten soll, aber ich bin entschlossen, dieses nicht zu hun, und ich werde zu Hause bleiben, weil ich es fur besser achte, jetzt noch Ottokars Nahe zu meiden.

Ottokar! Da steht er, der Name, den ich je wieder zu nennen, mir einst auf ewig verbieten zu mussen glaubte, und meine Hand zitterte nicht indem ich ihn jetzt niederschrieb. Dass er dasteht, sey Ihnen Burge meines innern Friedens; es ist der Name des Schutzgeistes meiner jetzigen Ruhe, und der ganzen Zukunft meines Lebens. Jetzt erst verstehe ich die wahre Meinung meiner verewigten Mutter, wenn sie mich lehrte: 'Liebe ist der Quell unaussprechlicher Seligkeit, durch sich allein, ohne Hoffnung, ohne Erwiderung, ohne Wunsch sogar.' Ja wahrlich, in dieser hochsten Reinheit, muss sie die Seligkeit der Engel seyn, die von uns unerkannt, schutzend uns umschweben!

Ich denke Ottokar, und bin versohnt mit allen Ereignissen, die in einer Welt mich treffen konnen, in welcher auch er lebt, um seinetwillen liebe und ertrage ich alle Menschen, die mich in meinem Wirkungskreis beruhren, die guten wie die bosen, die freundlichen wie die widerwartigen. Er ist mir fern, und nie vielleicht sehe ich ihn wieder, aber er lebt, lebt wirklich, ist nicht das Geschopf meiner Fantasie. Dass ich dieses mit Ueberzeugung weiss, beseligt mein Gemuth mit unnennbarem Frieden. In mir regt sich auch nicht der leiseste Wunsch, dass etwas in unserem gegenseitigen Verhaltnisse anders ware als es ist. Darum reise ich nicht nach Italien, denn alles muss so bleiben. Der Schmerz der Trennung ist voruber, und nun halte ich mich an die Seligkeit, ihn gefunden zu haben. Meine Liebe ist ja nur Freude an seinem schonen Daseyn, und diese wird mich begleiten bis an mein Grab, sie wird mich bewahren, rein und treu mich schutzen vor jeder zerstorenden Leidenschaft, sie kann nicht vergehen so lange ich lebe und sie zu erhalten braucht es keines Wiedersehens.

Gewiss, meine liebevolle zweite Mutter! Sie zittern nicht fur Ihr Kind bei diesem Bekenntniss? Zittern Sie nicht! Ohne Errothen darf ich sogar in Herrn von Aarheims Gegenwart Ottokars gedenken, ich durfte es, ware der Mann, dem mein Vater mich verband, zugleich der Gegenstand meiner freien Wahl. Ich kenne den ganzen Umfang der heiligen ernsten Pflicht, die mir auferlegt ward, aber mein Herz schlagt ruhig und zeiht mich keiner Untreue. Vor dem Altare gelobte ich Treue dem Gemahl, gefallige Achtung, Ergebenheit und liebevolle Theilnahme an allem, was ihn beruhrt in Freude und Leid; mehr kann niemand geloben und ich werde halten was ich versprach. Was aber hat dieses Geloben mit dem Gefuhl zu thun, das mein inneres Daseyn mit Ottokar aufs innigste verwebt? Dieses ist nicht von dieser Welt, hat mit ihr so ganz und gar keinen Zusammenhang, dass jede ihrer Einrichtungen es nur entheiligen konnte. Wozu jemals geloben, Ottokar ewig zu lieben? Gelobt man denn zu leben? zu athmen? Das kommt ja alles von selbst, und die Liebe, die ich meine, ist ja nur reines atherisches Leben ohne Absicht, ohne Wollen entstanden, und kann nie vergehen. Wie ich Ottokars, so trug meine Mutter Ferdinands Bild in reiner, treuer Brust, und sie war das Muster der Frauen.

Sie sehen demnach, meine theure zweite Mutter! Sie konnen ruhig seyn um Ihr entferntes Kind. Ich bin zufrieden. Im Aeussern nichts, das tief mich verletzen konnte; im Innern Kraft und Muth, Liebe und Frieden. Was darf der arme Mensch vom Schicksal Hoheres fordern? Ich wende den Blick hinab auf die Tausende, die neidend zu mir heraufblicken, und schaue nicht hinauf zu jenen, denen ein vollerer Freudenkranz, von wenigern Dornen durchflochten, gereicht ward, als mir." Wer einer Feuersbrunst, oder der Raubsucht plundernder Feinde alle seine Habe hingegeben sah, der nimmt, was unverhofft ihm gerettet ward, so dankbar auf, als ware es ein Geschenk. In der ersten Freude uber das schon verloren Geglaubte dunkt man sich anfangs mit dem zehnten Theil seines Eigenthums beinah reicher als vorher im Besitz des ganzen, und nur allmahlig gewohnt man sich wieder, ein jedes gehorig zu wurdigen.

Gleich einem solchen, dem Feuer oder den Feinden entrissnem Kleinode, betrachteten Gabrielens Freundinnen diesen ihren ersten Brief seit ihrer Vermahlung. Mit innerem Zagen und mit widerstrebender Hand hatte Frau von Willnangen ihn entsiegelt; sie furchtete in herzzerschneidenden Klagen ihres Lieblings die traurige Bestatigung aller der truben Ahnungen lesen zu mussen, welche Gabrielens Geschick ihr in den dunkelsten Farben vorspiegelten. Was sie von ihr las, ubertraf daher so ganz ihre Erwartung, dass wenig daran fehlte, sie hatte sich dadurch verleiten lassen, sie glucklich zu preisen. Freilich schwand dieser erste Freudentaumel fruh genug, aber der trostende Eindruck konnte dennoch nicht ganzlich verloschen. Allen den lieben Sorgen, allen den mannigfaltigen Beschaftigungen, welche Augustens Ausstattung und Vermahlung nothwendig machten, unterzog sich Frau von Willnangen von nun an mit weit leichterem Herzen, und auch die junge Braut gab an Adelberts Seite sich dem Gluck unbefangener hin als zuvor. Gabrielens trauernde Gestalt war in manchen Momenten oft wie ein stiller Vorwurf zwischen Augusten und die Freude getreten. Die Ueberzeugung, dass die geliebte Freundin weit weniger beklagenswerth sey, als sie es sich gedacht hatte, schien ihr jetzt erst die rechte Erlaubniss zu geben, es sich selbst zu gestehen wie glucklich sie sich fuhle.

Der General Lichtenfels und Adelbert theilten freudig die Hoffnungen, welchen Frau von Willnangen und ihre Tochter sich so unbedingt uberliessen, nur Ernesto ward sichtbar trube und verstimmt nach Lesung des Briefes, der alle andern beruhigt hatte. Verstummend gab er ihn in die Hande der Frau von Willnangen zuruck, und antwortete nur mit einem halberstickten Seufzer und abgewandtem Blicke ihren, um Bestatigung des eignen frohen Gefuhls bittenden Augen.

Nicht Gabrielens gegenwartige Lage beangstigte so den treuen Beschutzer ihrer Jugend. Er kannte die Elastizitat ihres Gemuths, dessen Kraft zum Guten durch Uebung, auch der schwersten Tugend, nur erhoht, nicht gemindert werden konnte und baute fest darauf. Aber seit er Gabrielens Brief gelesen hatte, vermochte er es nicht ein banges Vorgefuhl kunftigen Unheils von sich abzuschutteln. Er zitterte vor dem Gedanken, sie einst, vielleicht bald die tiefe Einsamkeit verlassen zu sehen, in welcher ihr jetzt alle ihre Tage in steter Dammerung, von lieben Erinnerungen umgaukelt, hinschwanden. Denn Ruhe, ungestorte einformige Ruhe, dieses trube Surrogat des Glucks, waren, seiner Ueberzeugung nach, alles, was die Freunde der armen Gabriele dieser von nun an noch wunschen konnten, damit nichts sie vollig aus dem schonen Traume erwecken moge, den sie, wie er furchtete, schon halb erwacht, sich noch fortzutraumen bemuhte. Es hatte wirklich den Anschein, als ob Ernestos fromme Wunsche fur Gabrielens Ruhe auf das punktlichste in Erfullung gehen sollten, denn sie lebte lange Zeit am schonen Ufer des Rheins, in abgeschiedener, beinahe klosterlicher Einsamkeit. Nie sah man sie ausserhalb des Bezirks der zu ihrem Schlosse gehorenden Gartenanlagen, als in Herrn von Aarheims Gesellschaft, hochstens mochte sie es zuweilen an schonen Abenden wagen, allein oder nur von Annetten begleitet, in ihrer Gondel auf den goldig grunen Wellen des Stroms hinzugleiten. Argwohn und Eifersucht hatten ihrem Gemahle gelehrt, sie von allen Seiten so schlau einzuengen, dass es gar keines ausdrucklichen Verbots von ihm bedurfte, um Gabrielen jede Verbindung mit der Aussenwelt unmoglich zu machen. Dass man in seinem Schlosse nach englischer Sitte die Tageszeiten eintheilte, die Fruhstucksstunde auf den Mittag, die Mittagsstunde auf den Abend verlegte, damit war schon ein grosser Schritt zur Absonderung von der ganzen Nachbarschaft geschehen, der grosste aber dadurch, dass Moritz bei seiner Ankunft unterliess, mit seiner jungen Gemahlin die gewohnten Besuche zu machen, um sie vorzustellen.

Nichts wird strenger und sichrer geahndet, als eine solche absichtliche Verletzung der allgemein hergebrachten Sitte, besonders in kleinen Stadten, oder in einem nachbarlichen Kreise auf dem Lande. Man erklart sich dadurch selbst in die Acht, und alle die, m i t denen n i c h t s e y n zu wollen wir bezeigen, halten sich durch unser Verfahren berechtigt, w i d e r u n s zu seyn.

Die arme Gabriele wurde dieses schwer empfunden haben, hatte ihre naturliche Anspruchslosigkeit sie nicht verhindert zu bemerken, wie man bei allen Gelegenheiten sogar ihre Existenz zu ignoriren beflissen war. Auch das aller unbedeutendste Geschopf kann nicht so total ubersehen werden, als sie es wurde, so oft ein seltner Zufall sie in die Nahe derer brachte, welche Herr von Aarheim ohne ihr Zuthun beleidigt hatte. Dieser fuhlte das zu seiner grossen Krankung sehr deutlich, und strebte durch tausend kleine Kunste es Gabrielen zu verbergen; aber er hatte diese Muhe fuglich sparen konnen, denn Gabriele schien in ihrer Lebensweise nicht die mindeste Abweichung vom allgemein Ueblichen zu finden. Briefe, welche sie von den Freunden ihrer Jugend empfing, oder an sie schrieb, waren in ihrem gleichformig-stillen Leben die einzige Auszeichnung eines Tages vor dem andern und eine unbestimmte susse Sehnsucht bemachtigte sich ihrer allmahlig in dieser ungestorten Einsamkeit. Oft sass sie Stundenlang allein, das bluhende Lockenkopfchen auf die weisse Hand gestutzt, in dammernden Traumen verloren. Hell und einzeln perlten Thranen unter den langen seidnen Augenwimpern hervor, und fielen langsam herab, wie wenn der West eine tropfenschwere Rose wiegt. Ein namenloses susses Weh durchzuckte schmerzlich und freudig ihr volles Herz, dann nannte sie leise Ottokars Namen, und blickte verwundert, gleichsam sie zahlend, auf die Thranen, die ihrem Auge entquollen, sie wusste nicht warum. Zum Gluck wurde Frau von Willnangen und Ernesto durch den Ton, der in Gabrielens Briefen vorzuherrschen begann, auf die jetzige Stimmung ihres Lieblings sehr bald aufmerksam gemacht, und ihre warnende Stimme kam nicht zu spat, um die Traumerin zu erwecken.

Gabriele riss sich mit gewohnter Kraft plotzlich empor. Die Gefahr bei diesem sussen Verlieren in sich selbst entging von nun an ihrem klaren Blicke nicht, noch weniger die Nothwendigkeit, in nutzlicher Thatigkeit Schutz gegen jene Lahmung des Geistes zu suchen, deren leises Heranschleichen sie jetzt deutlich erkannte. Ein wurdiger Gegenstand dieser Thatigkeit zeigte sich ihr, so wie sie nur Gewalt genug uber sich gewann, den Blick auf das ihr Zunachstliegende zu wenden.

Seit Moritz so einsam auf dem Lande lebte, hatte er sich mit seiner gewohnten Oberflachlichkeit auf die praktische Oekonomie geworfen. Und sie bot seiner Vorliebe fur neue Erfindungen ein unubersehbares Feld. Taglich ward etwas Neues unternommen, sein unruhiges, in sich selbst sich zersplitterndes Wesen erlaubte ihm aber nicht, irgend etwas vollenden zu lassen. Was gestern erbaut ward, musste heute wieder eingerissen werden; Menschen und Thiere wurden stundlich von den nothwendigsten Feldarbeiten abgerufen, um zur Frohnung irgend einer momentanen Laune ihres Gebieters ihre Krafte herzuleihen. Die alten treuen Arbeiter, welche an dem Boden, den ihre Urgrossvater schon im Schweisse ihres Angesichts gebaut hatten, sich eine Art von Anrecht erworben zu haben glaubten, straubten sich vergebens gegen dieses Verfahren; vergebens vertheidigten sie ihre alte Art das Land zu bauen mit dem, dem Landmann eignen Widerwillen gegen alle Neuerungen. Die Starrsinnigen wurden des Dienstes entlassen und Fugsamere traten an ihre Stelle. Pfluge und Pfluger, Hirten und Heerden, Pflanzen und Gartner wurden mit unendlichen Kosten aus dem Auslande verschrieben, aus England, aus der Schweiz, aus Spanien sogar. Die Umgegend fullte sich mit fremdartigen Gestalten, Abentheurer aller Art drangten sich herbei, welche Herrn von Aarheim mit den niedrigsten Schmeicheleien zu gewinnen wussten, und die ganze Nachbarschaft sah in stiller Schadenfreude zu, wie er, der sich das Ansehen gab, kluger seyn zu wollen als alle, auf das grobste hintergangen ward.

Alle diese Missbrauche konnten Gabrielen nicht entgehen, sobald sie mit Ernst um sich blickte, und indem sie solche gewahrte, musste sie zugleich die Verpflichtung fuhlen, die gutmuthige Schwache ihres Gemahls nicht langer als unthatige Zuschauerin missbrauchen und verspotten zu lassen. Das Beispiel ihrer Mutter schwebte ihr vor, die mit sanfter Hand und klugem Auge der Verwaltung der Guter von Schloss Aarheim vorgestanden hatte, und das Gefuhl, wie unendlich viel zur Erreichung dieses Vorbilds ihr noch mangle, durfte Augustens Tochter nicht abschrecken, ihm wenigstens von ferne nachzustreben. Zum Gluck fand Gabrielens Unerfahrenheit bald einen verstandigen und treuen Beistand in einem alten Wirthschaftsbeamten, dem einzigen aus der vorigen Zeit, der unter einem wusten Haufen aus allen Theilen Europens zusammen gelaufnen Gesindels noch da stand. Eine Art von Scheu vor seiner durch lange Dienstjahre bewahrten Treue hatte Herrn von Aarheim abgehalten, ihn, gleich den ubrigen alten Dienern zu entlassen.

Die Garten waren der erste Gegenstand, welchen Gabriele unter ihre besondere Obhut nahm. Diess schone Gebiet gehort ohnehin, wenigstens zur Halfte, in das Reich der Frauen, und Herr von Aarheim trug freudig seiner Gemahlin alle vom Gartenbau handelnde Bucher aus seiner Bibliothek selbst herbei, sobald sie nur den Wunsch ausserte, sich mit der Oberaufsicht desselben zu beschaftigen. Der Gedanke, dass Gabriele beginne, an seinen Verbesserungsplanen Theil zu nehmen, entzuckte ihn um so mehr, da seiner Meinung nach gerade der Theil derselben, welchen sie erwahlte, sie immer mehr von der Aussenwelt trennen und in die Nahe des Schlosses bannen musste.

Sie begann ihr neues Geschaft mit dem grossten Eifer zu treiben. Die Tische in ihrem Zimmer waren bald mit Planen zu Gartengebauden, Anlagen und Treibhausern aller Art bedeckt, sie kamen nach und nach unter ihren, durch vieles Zeichnen geubten Augen ins Daseyn und der grosse Garten ward unter ihrer Leitung sehr bald ein Paradies voll Duft und Blumen und Fruchte. Herr von Aarheim, im Entzukken uber das Gedeihen der exotischen Pflanzen, welche er mit grossen Kosten aus fremden Landern hatte kommen lassen, ubersah es gern, dass Gabriele deshalb auch die Einheimischen nicht verbannte und Weinstocken und Obstbaumen nicht minder die ihnen zukommende Pflege angedeihen liess, als dem Pisang oder der Ananas.

So verging das erste Jahr ihrer Ehe. Uebung vermehrte Gabrielens Kraft und Moritz bemerkte mit Erstaunen die ernste Thatigkeit seiner jungen Gemahlin. Die Gewandtheit, die Sicherheit, die Ruhe, mit der sie alles vollbrachte, was sie unternahm, erregten seine Bewunderung, wahrend ihr ganzes Betragen ihm eine Achtung einflosste, vor der das angstliche Misstrauen, mit welchem er sie bisher bewacht hatte, es wenigstens nicht wagte, sich zu zeigen. Seine innere Unruhe, die ihn von jeher rastlos in der Welt nach Neuigkeiten herumjagte, erwachte, so wie er in Hinsicht auf Gabrielen ruhiger zu werden begann, und unwiderstehlicher als je fuhlte er in sich den Wunsch, ihr nachgeben zu durfen. Des okonomischen Steckenpferdes, so wie der landlichen Einsamkeit war er eigentlich langst uberdrussig geworden; nichts konnte ihm daher erwunschteres kommen, als dass Gabriele spaterhin ihre Neigung erklarte, sich nicht allein der Garten, sondern auch der ganzen Verwaltung des Gutes anzunehmen. Er fand die Bereitwilligkeit zu bequem, mit der sie ihn so mancher, ihm jetzt hochst lastigen Sorge uberhob, als dass er sie sich nicht recht gern hatte gefallen lassen sollen, um so mehr, da er sich dabei das Ansehen geben konnte, als erzoge er sich in seiner Gemahlin eine Schulerin seiner ausserordentlichen okonomischen Kenntnisse. Vielleicht war er auch eitel genug, sich dieses selbst einzubilden, wahrend Gabriele, nach dem Rathe ihres redlichen Inspektors allmahlig alle schadliche Neuerungen abstellte, welche Herr von Aarheim eingefuhrt hatte, und nur die bessern beibehielt, ohne dass dieser irgend eine Veranderung bemerkt hatte. Immer sorgloser, fasste er endlich gar den Muth, Gabrielen erst auf Tage, sodann auf Wochen sich selbst zu uberlassen, und zuletzt sie zur unumschrankten Regentin seines Gutes und seines Hauswesens zu machen, wahrend er in den naheliegenden Stadten umherzog, oder sich auf kleinen mineralogischen Reisen in das Geburge vertiefte.

Bald unter dem Vorwande des Heimwehs, bald ganz ohne Abschied in der Stille, verschwanden nun auch nach und nach die fremden Abentheurer, welche Herr von Aarheim fruher um sich her versammelt hatte; eigentlich wohl, weil keiner von ihnen unter der Oberaufsicht des alten Inspektors mehr seine Rechnung fand. Die alten, von ihnen vertriebenen deutschen Gesichter erschienen wieder, doch Herr von Aarheim nahm von allen diesem keine Notiz. Wenn er zuweilen eine Saemaschine oder einen neuerfundenen Pflug in Aktivitat erblickte, war er vollkommen zufrieden, gab sich das Ansehen, als sey er uberzeugt, dass alles noch nach seiner Vorschrift betrieben werde und vermied jede Aufklarung oder Rechenschaft, welche Gabriele ihm zu geben stets bereit war. Sein ewig wechselnder Sinn hatte ihn eigentlich dem Himmel zugefuhrt, indem er ihn der Erde abwendete, und es war nicht sowohl Vertrauen in Gabrielens Kenntnisse, als Ueberdruss und Eckel an seiner ehemaligen Lieblingsbeschaftigung, was zu diesem Benehmen ihn bewog. Quadranten, Globen, Fernglaser aller Art, gaben jetzt seinen Zimmern das Ansehen eines Observatoriums, aus welchem Fellenberg, Thaer und Arthur Young vollig verbannt wurden, denn Astronomie war fur dem Augenblick sein Lieblingsstudium geworden. Diese neue Leidenschaft begann endlich, ihn so machtig zu beherrschen, dass er, der fruher die Reise nach Italien aufgegeben hatte, um Gabrielen nicht zu verlassen, sich jetzt mitten im Kriege nach England schlich, einzig um in Slowe auf Herrschels hohem Sessel in den Luften zu schweben, mit einem Fernglase in dessen kolossalen Tubus zu kuken und dessen neuerfundenen Kometenjager zu bewundern. So waren drei Jahre verstrichen, und Gabriele hatte in steter Einsamkeit, fern von den Freunden ihrer Jugend, ihr zwanzigstes Jahr vollendet, doch war sie durch einen ununterbrochenen Briefwechsel mit Ernesto, Augusten, Frau von Willnangen, sogar mit der guten alten Frau Dalling, die rege Theilnehmerin an allen ihren Leiden und Freuden geblieben. Ja dieser war es eigentlich, welcher noch Abwechselung und Bewegung in den Lauf ihres Lebens zu bringen vermochte, denn ihre eigene Existenz glitt so einformig an ihr voruber, dass das Schwinden der Tage ihr nur durch den Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar werden konnte. Die Zeit, welche sie bei ihrer Tante verlebt hatte, die Tage voll Schmerz und Lust im Hause der Frau von Willnangen, ja selbst Ottokars Bild schwebten nur noch in dammerndem Scheine vor ihrer Seele, wie die Tage der Kindheit vor dem innern Auge des lebensmuden Greises schweben, der liebend noch an ihnen hangt, obgleich er es nicht mehr vermag, sie noch deutlich aus der weiten Ferne zu erkennen. Im ruhigen Bewusstseyn erfullter Pflicht, aufrecht erhalten durch rege Thatigkeit, konnte Gabriele nicht in dumpfe Apathie versinken. Der Anblick der Natur, das Gelingen ihres Strebens, liess sie nicht unergotzt, aber kein frohes, gluckliches Empfinden rothete je ihre Wangen hoher, strahlte in ihrem Blick, oder beschleunigte das ruhige Pulsiren ihres Herzens zu rascheren Schlagen. Sie war ruhig, so ruhig, dass sie fast keinen Wunsch mehr kannte, und dieses Gefuhl theilte sie in ihren Briefen ihren Freunden mit. Ernesto selbst musste endlich aufhoren, fur ihre Zukunft besorgt zu seyn.

So lange Gabrielens Gemahl in England verweilte, setzte sie die eingezogene Lebensweise fort. Gewohnheit hatte sie ihr taglich werther gemacht und bei Moritzens Heimkehr uberraschten diesen uberall Beweise ihres unermudeten, stillen, wohlgeordneten Wirkens. Was er noch von seiner ehemaligen Eifersuchtelei beibehalten haben mochte, verschwand, wie Eis an der Sonne, vor dem ruhigen Blick und der uber das ganze Wesen der schonen Frau ergossenen Wurde, mit der sie freundlich, doch nicht heuchelnd ihm entgegen trat und ihn willkommen hiess. Die englische Manie hatte er ohnehin in England verloren, er kehrte heim, fest entschlossen, einen neuen Lebensplan zu ergreifen; nur schwankte er noch in der Wahl desselben, als bei Gabrielens Anblick ihn ein freudiger Uebermuth ergriff. Er fuhlte plotzlich eine Art von Sehnsucht, vor aller Welt mit dem Gluck glanzen zu konnen, dessen eigentlichen Werth zu wurdigen er doch weit entfernt war. Sein alter Hang, von einem Extrem zum andern zu eilen, ward machtiger in ihm als je zuvor, und er, der noch vor kurzem sogar den Sonnenstrahlen den Anblick seiner Gemahlin gern verwehrt hatte, begann jetzt sehr ernstlich darauf zu denken, wie er sie bereden konne, den kommenden Winter in Paris, mitten im Strudel der grossen Welt mit ihm zu verleben.

Alle seine Gesprache gingen von nun an einzig darauf hinaus, ihren Widerwillen gegen eine solche Veranderung ihres Wohnorts zu bekampfen, und je inniger sie an ihrer Einsamkeit zu hangen schien, je eifriger bezeigte er sich, sie ihr zu entreissen und sie den rauschendsten Vergnugungen wieder zuzufuhren.

Inzwischen wurde Herr von Aarheim in England nicht nur der englischen Lebensweise untreu, sondern auch seiner neuern Leidenschaft der Sternkunde. Der Landwirthschaft mochte er sich nicht wieder zuwenden, und so schwebte er wirklich vakant, wie nach einem alten Glauben die Seelen der ungetauft gestorbenen Kinder, zwischen Himmel und Erde, in todtlicher Langerweile, welche das ewige Disputiren mit Gabrielen uber ihren kunftigen Winteraufenthalt doch nicht ganz zu bannen vermochte. Ein Zufall brachte ihn endlich auf den Gedanken, die Sorge fur Requisitionen, Einquartirungen und andere Kriegsubel, welche mit jedem Tage in der Gegend sich hauften, in eigner Person zu ubernehmen, und darin einen Zeitvertreib zu suchen.

Wie durch ein Wunderwerk, lag bis jetzt sein Schloss, gleich einer glucklichen Insel, mitten in einem sturmischen Meer. Gabriele, welche die Granzen der nachsten Umgebungen ihrer Wohnung selten zu uberschreiten pflegte, hatte noch nie einen der Feinde erblickt, die ringsum, wenn gleich nicht den Krieg selbst, doch manches Unheil und manche der Unruhen herbeifuhrten, welche diesen zu begleiten pflegen. Sie verdankte diese Schonung den wohlgetroffenen Maassregeln ihres Wirthschaftsinspektors, der als Elsasser der franzosischen Sprache kundig genug war, um jede Verhandlung ubernehmen zu konnen, welche das Ausheben der Konscribirten, der Durchmarsch der Armeen und ahnliche Kriegslasten nothwendig machten. Er hatte uberdem ein sehr artiges Jagdhaus zum Empfang der Einquartirungen einrichten lassen, es lag nahe am Schlosse, doch ausser dem Gesichtskreis desselben. Dort nahm er einstweilen selbst seine Wohnung und wusste bald durch freundliches Zuvorkommen, bald durch ernstes, gefasstes Betragen jeden Unfug abzuwenden, welchen der Uebermuth der ungeladenen Gaste hatte stiften konnen.

Herr von Aarheim, seiner alten Weise getreu, alles besser wissen zu wollen, war weit davon entfernt zu begreifen, wie nutzlich diese Einrichtung ihm bis jetzt gewesen sey. Unter dem Vorwande, dass die Gegenwart des Inspektors anderswo nothiger ware, vertrieb er diesen aus dem Jagdschlosse, schlug dann selbst seine Wohnung darin auf und schuf sich ein eigenes System zur Erleichterung der Kriegslasten, sowohl fur die Armee als den Landeigenthumer. Dieses mochte seltsam genug ausgefallen seyn, wenigstens war niemand mit den neuen Einrichtungen zufrieden, deren Ausfuhrung Herr von Aarheim personlich ubernahm, und Unmuth und Streit traten an die Stelle des ehemaligen gegenseitig guten Vernehmens. Endlich kam es sogar so weit, dass Gabriele durch ihr plotzliches Dazwischentreten ihren Gemahl einst von Misshandlungen retten musste, die er anfangs durch Knickerei und Uebermuth, dann durch feiges, angstliches Betragen sich selbst zugezogen hatte. Ihre unerwartete glanzende Erscheinung machte zwar aller Fehde gleich ein Ende, und Moritz war herzlich froh, seine Personlichkeit unverletzt gerettet zu sehen, aber ihn uberlief dabei doch wieder ein kleiner eifersuchtelnder Schauer. Um den neugestifteten Frieden dauerhaft zu grunden, sah Gabriele sich genothigt, die fremden Offiziere jetzt in das Schloss selbst einzuladen. Sie folgten ihr mit allen Zeichen der hochsten Verehrung, kamen mit aller Galanterie ihrer Nation jedem Winke der schonen Frau zuvor, leisteten anscheinend jeder ihrer Aeusserungen den punktlichsten Gehorsam, fanden es aber auch zugleich hochst nothig, das Schloss des Herrn von Aarheim zum Mittelpunkt zu machen, von wo aus sie ihre Geschafte in der Umgegend dirigirten und alle ihre Anstalten deuteten auf einen recht langen Aufenthalt in demselben.

Moritz war zu feig, um gegen diese Einrichtung etwas einzuwenden, aber ihm war dennoch gar nicht wohl dabei zu Muthe. Vor allem qualte seine arme schwache Seele sich mit der Furcht, dass Gabriele bei dieser Gelegenheit sich leicht eine Herrschaft uber ihren Gemahl anmassen konne, welche in ruhigern Zeiten ihr wieder zu entreissen ihm schwer werden mochte. Unfahig, langer diese Besorgnisse zu tragen, kam er endlich auf den Gedanken, ihr, die er jetzt nicht mehr nach Paris zu fuhren verlangte, einen Besuch bei der Frau von Willnangen vorzuschlagen. Eine freudige Aufwallung farbte zum erstenmal seit langer Zeit Gabrielens Wangen und ihre Augen leuchteten vor Entzucken, als sie diesen Vorschlag vernahm. Dankbar ergriff sie ihn; mit der gewohnten ruhigen Einsamkeit hatte der Aufenthalt am Rhein ohnehin seinen hochsten Reiz fur sie verloren; die Anstalten zur Reise wurden daher so schnell als moglich getroffen, das Gut der Barmherzigkeit des Himmels und der Aufsicht des treuen Inspektors empfohlen, und kurze Zeit darauf feierte Gabriele im Arme ihrer Freundinnen eine hochst selige Stunde des Wiedersehens. Nicht in der Stadt, in welcher Frau von Willnangen fruher lebte und wo Ottokars Bild Gabrielen auf jedem Schritt entgegen getreten ware, wurde dieses Wiedersehen gefeiert. Die Gestaltung der Zeit, welche Gabrielen von den schonen Ufern des Rheins verbannte, hatte auch ihre Freundin bewogen, sich mit ihren Kindern auf das Gut des Generals Lichtenfels zuruckzuziehen, und Ernesto den dringenden Bitten, seine Freunde zu begleiten, nicht widerstehen konnen. So lebten alle auf dem schonen Schlosse im frohlichsten Verein, doch nicht wie sonst in rauschenden Festen.

Mit freudestrahlendem Blicke, wenn gleich noch ein wenig bleich, hielt Auguste von dem Sopha, auf welchem sie ruhte, eine kleine, wenige Tage alte Gabriele der Freundin auf ihrem Arme entgegen. Neben ihr lag ein funfzehn Monate alterer rosenwangiger Adelbert und jauchzte laut im lustigen Spiel mit dem Vater. Ein einziger Blick auf die hauslich frohe Gruppe verkundete Gabrielen das stille Gluck dieser Menschen. Und als nun Auguste, nach dem ersten freudigen Verstummen des Wiedersehens, mit froher Redseligkeit die Aehnlichkeit der kleinen Gabriele mit der grossen zu beweisen suchte, als Adelbert seinen Knaben tanzen, lachen und einzelne Tone stammeln liess, um Gabrielen alle erstaunenswurdige Kunste desselben gleich in der ersten Stunde zu zeigen, da perlte eine helle Thrane Gabrielen im Auge und ein leiser Seufzer hob langsam ihren Busen, an welchen sie Augusten fester druckte.

Mitleidig betrachtete Frau von Willnangen ihre Gabriele in diesem Moment, doch bald ergluhte sie fast zornig bei Moritzens Eintritt, der gleich nach der ersten Begrussung die Kleidung der Kinder zu untersuchen und zu tadeln begann, dann eine lange Rede uber die neuesten Arten derselben hielt, welcher niemand zuhoren mochte. Zuletzt verlangte er, alle in das Schloss gehorende Hunde zu sehen, um einen heraus zu finden, der Genie genug besasse zu lernen, wie er vermittelst eines Rades die Wiege des Neugeborenen in Bewegung setzen konne. "Er ist noch wie sonst!" seufzte Ernesto leise vor sich hin und hutete sich schonend, Gabrielens Blicken zu begegnen.

Keine Sylbe uber ihr gegenwartiges Verhaltniss, viel weniger eine Klage entschlupfte beim langern Beisammenseyn Gabrielens Lippen, selbst im vertrautesten Gesprach mit ihren Freunden. Nur uberflog zuweilen ein dunkleres Roth ihre Wangen, wenn Herrn von Aarheims Eigenheiten in zu grellem Lichte sich zeigten, und ihre Worte folgten dann schneller wie gewohnlich auf einander, in dem Bestreben, dem Gesprache, in welchem er zu unvortheilhaft erschien, eine andere Wendung zu geben. Selten misslang ihr dieses und ihre Freunde fuhlten sich oft bewogen es zu bewundern, wie kunstlich sie dann gerade die wenigen Gegenstande zur Sprache zu bringen wusste, uber welche ihr Gemahl mit ertraglicher Sachkenntniss sich zu aussern fahig war. Uebrigens erschien sie ihnen in ihrem ganzen Betragen vollig unverandert, obgleich alle die Unmoglichkeit fuhlten, zu fragen, was sie nicht von selbst gestand und was alle sich doch sehnten zu erfahren. Nicht weil sie in geheimnissvolles Dunkel sich hullte, verloren ihre Freunde den Muth dazu, sondern im Gegentheil, weil ihr ganzes Wesen so krystallhell vor ihnen stand, dass man keine Nachforschung wagen mochte, um es nicht zu truben.

Endlich brach Gabriele selbst zuerst dieses Schweigen. Es war an einem jener dunkelhellen warmen Herbstabende, wo alles zur wehmuthigen Feier einer lieben Vergangenheit uns auffordert. Langsam, von keinem Luftchen beruhrt, sinken die purpurfarbenen und goldenen Blatter einzeln von den Baumen herab und ein seltsames Rauschen flustert in den Wipfeln, wahrend unten auf der Erde die tiefste Stille herrscht. Die Menschen rucken dann naher zusammen und haben einander lieber als sonst, denn alle fuhlen ahnungsvoll die Gewissheit des vielleicht nahen Scheidens und der Verganglichkeit aller Bluthe und aller Pracht.

Gabriele, Frau von Willnangen, Auguste und Ernesto sassen in der Dammerung allein unter den Saulen vor dem Hause. Der General und Adelbert hatten mit dem uberlastigen Moritz schon am fruhen Morgen zu einer Jagdparthie sich begeben, wie sie oft thaten, um den Frauen ein ungestortes Beisammenseyn zu gewahren. Vieles aus der Vergangenheit war unter den Daheimgebliebenen schon den Tag uber leise zur Sprache gekommen und aller Gemuth weicher gestimmt. Da fragte Gabriele plotzlich wie an jenem verhangnissvollen Abend vor ihrer Vermahlung: "Ernesto! haben Sie keine Briefe aus Rom? Weiss Ottokar, welchen Gang das Geschick mit mir nahm?" setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu.

"Er weiss es, er nimmt Theil an Gabrielen, wie Gabriele an ihm. In wenigen Jahren, vielleicht noch fruher, hofft er uns alle wiedersehen zu durfen," erwiderte Ernesto in einiger Bewegung uber die unerwartete Frage. Doch fuhr er bald mit festerer Stimme fort, von Ottokars Lage zu sprechen, und von dem Einflusse des gegenwartigen Ganges der Welt auf diese. Er erzahlte, wie Ottokar fortwahrend in Rom lebe; doch, fur den Augenblick fern von allen offentlichen Geschaften und Verbindungen; wie er seine Zeit einzig seiner Neigung zur Kunst widme und der frohlichen Sorge fur einen lieblichen Knaben, seinem einzigen Kinde.

Die sichtbare Bewegung, in welche Gabriele bei dieser Nachricht gerieth, bestimmte Frau von Willnangen, eine Frage nach Aurelien hinzuwerfen, um ihrer jungen Freundin Zeit zu geben, sich zu fassen. "Aurelia," erwiderte Ernesto, "ist ihrem Gemahl als Mutter seines Sohnes viel werther geworden, ohne dass er desshalb grossere Anspruche an sie machte. Er erlaubt ihr gern, ihren Launen zu folgen, ihren Aufenthalt nach Belieben zu wahlen, wenn sie nur zuweilen zu ihm zuruckkehrt. Dieses thut sie und ist dann freundlich und angenehm, da sie bei Ottokar keinen Widerspruch antrifft. Im ubrigen ist sie sich vollig gleich geblieben. Sie erklart Rom fur ein weites odes Grab, in dem die Gespenster fuglich bei hellem Tage herumwandeln konnten, und behauptet, die Luneburger Haide sey in Anmuth der romischen Campagna bei weitem vorzuziehen. Deshalb lebt sie bald in Neapel, bald in Florenz oder Venedig. Einen Sommer brachte sie in der Schweiz zu, einen Winter in Paris, wo die Grafin Rosenberg nach einem kurzen Besuch in Deutschland, sich fur immer niedergelassen zu haben scheint."

Es ward noch vieles uber Ottokars Leben in Rom gesprochen, von welchem Ernesto manche angenehme Einzelheiten zu erzahlen wusste. Im fernern Laufe des Gesprachs bemerkte Frau von Willnangen bedauernd, wie wenig Aurelia doch eigentlich beitrage, dieses Leben zu verschonern.

"Sie irren, theure Frau," erwiderte schnell Gabriele, "oder vielmehr Sie vergessen, wie liebenswurdig Aurelia erscheinen kann, sobald sie es will, und bei Ottokar, diesem nachsichtigsten aller Menschen, muss sie immer es wollen. Gewiss bemerkt er ihre kleinen Schwachen nur, um durch sie ihr Freude zu bereiten und ist dann zwiefach glucklich in ihrem Ergotzen." Alle hefteten bei diesen Worten aufmerksam und geruhrt den Blick auf Gabrielen. Sie bemerkte es und fuhr mit glanzenden Augen weiter fort. "Ich danke Gott, dass keine neidische Regung je in meinem Gemuthe Raum fand; auch danke ich Ihnen, Ernesto, dass Sie das freundliche Bild Ottokars mit seinem Knaben mir zum Troste hinstellten an meinen einsamen Lebenspfad, dessen einziger Schmuck Mitgefuhl ist und Erinnerung. Jetzt weiss ich, dass alles, was ich je liebte, glucklich ist, dort oben oder hier. Um mich her hat der Sturm ausgetobt, es ist und bleibt jetzt stille. Was kann ich mehr wollen? In meinem Gemuth regt sich kein Wunsch zu einem andern Gluck, ich glaube sogar, dass ich keines andern fahig ware, selbst nicht an Ottokars Seite. Darum bitte ich Euch alle, meine Lieben! seyd in Zukunft ruhig um mich; ich wandle zwar einsam meinen Pfad, aber ich blicke von ihm in die hellerleuchteten Hauser meiner Freunde in Rom und hier, und auch dort hinauf," sprach sie mit einem zu dem eben aufgehenden Abendstern gehobenen Blicke. "Und so," fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, "und so fuhle ich mich weder allein, noch betrubt und verlassen." Ruhe des Himmels leuchtete bei diesen Worten aus Gabrielens Zugen und alle fuhlten sich naher zu ihr hingezogen. Auguste schmiegte mit ihrem Knaben sich an sie, wahrend Frau von Willnangen unter Thranen sie umarmte und Ernesto ihre Hand ergriff und liebend und bewundernd mit glanzenden Augen sie betrachtete.

Moritzens larmende Ankunft scheuchte die Gruppe auseinander, seine Stirne umwolkte sich, so wie er sie erblickte und noch am nehmlichen Abend kundigte er den dritten Tag nach diesem als den zur Abreise unwiderruflich bestimmten an. Es war nicht Eifersucht, was zu diesem plotzlichen Entschluss ihn bewog, aber er vermochte es nicht, die bittere Empfindung niederzukampfen, welche sich allemal seiner bemachtigte, wenn er Gabrielen im kleinen stillen Kreise ihrer Freunde erblickte, in Liebe sie umfassend und von ihnen umfangen. Ein dumpfes Bewusstseyn, wie fremd und fern er selbst ihr bleiben musse, obgleich es ihm vergonnt war, sie die Seine zu nennen, regte ihn stets zu einer Art Ingrimm gegen diese Freunde auf, und unerachtet der Gefalligkeit und Gute, mit der man ihm entgegenkam, ergriff er freudig die erste Veranlassung, ihnen mit Gabrielen zu entfliehen. Am Morgen ihrer Abreise stand Ernesto vor dem Schlosse, unter den nehmlichen Saulen, wo sie vor zwei Abenden noch alle im herzlichen Vereine versammelt waren. Sinnend blickte er dem Wagen nach, in welchem Moritz, triumfirend uber Gabrielens Freunde, sie ihnen entfuhrte, bis auch die letzte Staubwolke seinem Blick entschwand. Dann wandte er sich, schmerzlich aufseufzend, und gewahrte dicht neben sich Frau von Willnangen, die forschend ihn betrachtete.

"Sie sind betrubt," sprach sie, "und ich bin es mit Ihnen, denn seit ich Gabrielens liebe Gestalt in diesen Raumen einmal erblickte, werde ich sie immer um so schmerzlicher vermissen. Da wir aber scheiden mussten, so gereicht es mir doch zum Troste, dass sie nicht mehr allein mit dem langweiligsten Narren der Welt in jenem alten Raubschloss am Rhein hausen wird. Sie geht, wenn gleich nicht einer glucklichen, doch einer heiterern Existenz entgegen, wie ihre Jugend sie fordert. Sie scheinen meiner Meinung nicht zu seyn, Ernesto? Sie der Geselligste, Lebensfrohste unter uns. Ich glaube fast, Sie furchten den Eindruck, welchen die Vergnugungen der Residenz auf Gabrielen machen konnten, und ich gestehe es Ihnen, ich begreife weder Sie noch Ihre Sorgen. Was kann die grosse Welt einem so erprobten Gemuthe, wie das von Gabrielen ist, anhaben? Ach! leider wissen wir es ja, es giebt fur sie weder Hoffnung noch Gefahr; der kurze Fruhling meines armen Kindes ist dahin und wird nie wieder erwachen."

Schweigend stand Ernesto eine Weile da, dann nahm er, nach seiner gewohnten Art, zu einem Gleichniss seine Zuflucht. "Horten Sie nie," sprach er zu seiner Freundin, "horten Sie nie von jenem Baume, dessen beim ersten warmen Fruhlingshauch erscheinende Bluthen mit allen Wundern des fruhen Lenzes sich befreunden? mit Schneeglockchen und Krokus, mit Himmelsschlusseln und Veilchen, und dann verschwinden, wenn die Sonne hoher steigt? Der Sommer findet von ihnen keine Spur mehr, aber neue Bluthen entstehen dann an der Stelle der Verschwundenen, sie sind weniger glanzend, werden aber zu Fruchten, zu sussen oder herben, je nachdem Sonne und Zeit dem Baum es gewahren, der so, nach dem gauckelnden Spiele seines Fruhlings, die Bestimmung seines Daseyns erreicht."

"Das Bild nimmt sich recht artig aus," erwiderte Frau von Willnangen, "aber entweder ist das Gleichniss unpassend oder ich verstehe es eben so wenig als Ihre jetzige Sorge. Sie selbst verwiesen mich ja trostend auf Gabrielens Liebe zu Ottokar, Sie nannten sie den Schutzgeist, welcher durch die Wusten und Steppen ihres Lebenspfades sie begleiten wurde. Wie haben Sie denn nun plotzlich diesen Glauben verloren? Was furchten Sie fur Gabrielens Ruhe, selbst wenn Zeit und Entfernung ihr Gefuhl fur Ottokar gemildert hatten? Kann man denn zweimal lieben, wie Ihr Gleichniss es andeuten zu wollen scheint? und wenn Andere es konnten, kann es ein Wesen wie Gabriele?"

"Nein! warlich nein!" rief Ernesto. "Ward Ottokar einst wahrhaft geliebt von Gabrielen, so liebt sie ihn bis zum letzten Hauch ihres Lebens, und ist durch diese reine Liebe gesichert gegen Schmerz und Reue. Aber so sehr ich auch dagegen mich straube, immer von neuem ergreift mich der Gedanke, den ich fruher nur leise anzudeuten wagte, dass diess Gefuhl fur Ottokar nur des erwachenden geistigen Lebens erstes jugendliches Sich-Loswinden aus den Banden der Kindheit war. Was wir in fruher Jugend die erste Liebe nennen, ist es selten, oder nie. Ist doch auch die Morgenrothe, in aller ihrer Pracht, noch nicht d i e Sonne, welche unsern ganzen Lebenstag erleuchten und erwarmen soll."

Vergebens bestritt Frau von Willnangen diesen Gedanken Ernestos mit allen Grunden, welche ihr Herz und ihr Verstand ihr nur anzugeben vermochten. "Blicken Sie um sich" erwiderte er ihr, "wie viele der zum Gluck nicht zahlreichen Ehen, welche einer sogenannten ersten Liebe ihr Daseyn verdankten, sind wahrhaft glucklich zu nennen? Konnte diess seyn, wie es denn unleugbar ist, wenn nicht hier Tauschung, Missverstehen seiner selbst so leicht, ja fast unausweichbar waren? Lassen Sie es uns zum truben Trost dienen, dass Gabriele vielleicht in Zukunft nicht glucklicher geworden ware als sie jetzt es ist, wenn ein anscheinend gunstigeres Geschick sie an Aureliens Platz gestellt hatte. Ich verkenne nicht Ottokars seltnen Werth, aber die Strahlenglorie musste im Laufe des Lebens vor Gabrielens Blick dennoch schwinden, mit der sie selbst sein geliebtes Haupt sich zur Anbetung schmuckte. Und wenn sie nun vollends vor dem machtigern Glanz einer hohern, Gabrielen naher verwandten Erscheinung hatte erbleichen mussen? und wenn nun diese Erscheinung ihr jetzt auf ihrem neuen Pfade begegnete? Ach! Frau von Willnangen, ich bin nicht Herr uber die bange Vorempfindung, welche mich ergreift! Warum, warum, musste Gabriele ihrer sichern Einsamkeit entrissen werden?!" Gabriele verlebte von nun an einige Jahre, getrennt von ihren Freunden, den Winter in einer grossen lebensreichen Residenz, den Sommer in den besuchtesten Badern. Sobald Moritzens verschrobner Sinn nur den Gedanken aufgefasst hatte, dass alle Huldigungen, welche die Gesellschaft seiner Gemahlin darbringen mochte, auf ihn zuruckfallen mussten, dass jeder ihrer Verehrer nur seinen Triumfzug verherrlichen konne, weil sie ihm allein angehore, so hatte er weder Ruhe noch Rast, bis er Gabrielen auf eine Hohe gestellt hatte, von der sie seiner Ueberzeugung nach alles uberstrahlen musste. Ueberall, wo er langer sich aufhielt, war es seine erste Sorge, ein grosses glanzendes Haus einzurichten. Gabriele musste die Honneurs desselben machen, und Moritz tanzte vor Freude und rieb sich die Hande wund, wenn ihre Vorzuge recht blendend hervortraten. In allen Sprachen posaunte er das Lob seiner Frau, sogar in ihrem Beiseyn, ohne es zu achten, dass die peinlichste Verlegenheit sie in solchen Momenten fast zu Boden druckte. Alles Bitten und Ermahnen von ihrer Seite war an dem eitlen Thoren verschwendet, er blieb bei seiner Weise mit all dem starren Eigensinn eines beschrankten Geistes, und Gabriele fand endlich keinen andern Ausweg, als dem Willen ihres Gemahls zu folgen und nur dabei durch noch einfachere Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit den verhassten Schein eitler Gefallsucht von sich abzuwenden. Es gelang ihr; sogar die Frauen hassten sie nicht, wahrend alle Manner ihr huldigten und ihr Talent fur die Welt bildete sich immer glanzender aus, je langer sie in dieser lebte. Von jener Blodigkeit, mit der sie im Hause der Tante erschien, konnte nicht die Rede seyn, noch weniger aber von jenem dreisten Blick, jenem arroganten Auftreten, die so oft die Stelle fruher ubertriebener Zuruckgezogenheit ausfullen. In kleinen gewahlten Zirkeln wusste Gabriele durch ihr Gesprach mit der hinreissendsten Grazie die Aufmerksamkeit zu fesseln, doch besonders liebenswurdig war sie wenn sie erzahlte; dann lauschte ihr jedes Ohr und Aller Blicke hingen an dem lebendigen Ausdrucke des schonen Gesichts. Aber sie wusste auch ihre glanzenderen Talente vor der Menge geltend zu machen, sobald es erforderlich war. Sie sang, spielte, tanzte, erschien sogar auf Privatbuhnen, gewohnlich weil Herr von Aarheim es wollte, zuweilen aber auch aus wahrer Lust an dem frohlichen geselligen Treiben, das ihr die Tage ihres fruhern Zusammenlebens mit Ottokarn zuruckrief. Moritz genoss bei alle diesem die Gewissheit, der Gemahl der brillantesten Frau in der Residenz zu seyn, mit dem aller behaglichsten Gefuhl, wahrend Gabriele da stand, als ahne sie nichts von der Hohe, zu welcher die allgemeine Bewunderung sie erhob. Auch wagte es niemand, sie unbescheiden darauf aufmerksam zu machen. Bei aller Frische des Jugendglanzes, der sie umstrahlte, gab die seltene Wurde ihres Anstandes ihr etwas matronenhaftes, und so wie man in ihrem sechszehnten Jahr sie uberall fur noch weit junger ansah, so schien jedermann jetzt in ihrem vier und zwanzigsten Jahre geneigt, sie fur alter zu halten als sie war. Oder vielmehr, man dachte weder an Alter noch Jugend bei der nicht weniger Achtung als Liebe einflossenden Erscheinung, fur die es, wie fur die himmlischen, keine Zeitrechnung zu geben schien. Der Winter war voruber, uberall zeigten sich schon die ersten Vorboten des Fruhlings. Bei der Unmoglichkeit, den vielfaltigen Einladungen des Generals Lichtenfels schicklicher Weise langer auszuweichen, hatte sich Moritz endlich entschlossen, mit Gabrielen den Besuch auf dem Landgute desselben zu wiederholen, als Gabrielens Tante, die Grafin Rosenberg, ganz unerwartet in der Residenz eintraf. Napoleons weit aussehende Plane vertrieben sie aus Paris, indem sie letzteres verodeten. In ihrem ehemaligen Wohnorte fand sie ihr Haus von fremden Gasten eingenommen und ihre ehemaligen Zirkel zerstort. Beinah alle ihre Bekannten waren ausgewandert und ihr blieb also keine andere Wahl, als sich einstweilen in einer Stadt niederzulassen, die ihr, bei allen Annehmlichkeiten des geselligen Lebens, die vollkommenste Ruhe und Sicherheit bot.

Die Wahl einer Wohnung, in welcher sie im gewohnten Glanze auftreten konnte, war gleich nach ihrer Ankunft in der Residenz die erste Sorge der Grafin gewesen; ihr zweiter Wunsch war, sich bei Hofe und in der Gesellschaft auf eine auszeichnende Weise eingefuhrt zu sehen. Rang und Reichthum, diese machtigsten Talismane auf Erden, verhalfen ihr zu beiden in unglaublich kurzer Zeit, und kaum waren vierzehn Tage verstrichen, als sich schon in einem der schonsten Hotels alles, was nur auf Eleganz, Ton und Talent Anspruch machte, um sie und ihre Begleiterin, die junge, schone Markise d'Aubincourt versammelte. Von Paris aus, wo sie einander kennen lernten, waren diese beiden Damen unzertrennliche Reisegefahrtinnen geblieben und gedachten jetzt mit vereinten Kraften ein glanzendes Haus zu bilden, das bei ihrem Vermogen und ihren Talenten alle andern in der Residenz zu verdunkeln drohte.

Gegenseitiges Bedurfen hatte gar bald das lockere Band blosser Bekanntschaft enger zusammengezogen, welches anfangs die Grafin und die Markise vereinte. Es ward eine jener Liaisons daraus, wie die Welt deren so manche aufzuweisen hat. Sie mit dem Namen der Freundschaft zu bezeichnen, ware Entweihung. Es kann weder von Liebe noch Achtung bei diesen Vereinen die Rede seyn, aber sie trotzen doch oft Jahre lang manchem Stosse von aussen, ja selbst der langsam auflosenden Gewalt der Zeit, und erhalten dadurch bei aller ihrer Frivolitat einen Anstrich von Ehrwurdigkeit, den sie mit allem Dauernden gemein haben.

Die Grafin hatte bei ihrer Ruckkehr aus Rom nach Deutschland, und auch spater in Paris es sich nicht verbergen konnen, wie sie, unerachtet aller ihrer noch immer anerkannten geselligen Vorzuge, dennoch mit Aurelien einen grossen Theil jener Zaubermacht verloren habe, durch welche sie sonst alles in ihre Nahe zog und fest bannte. Ihr feiner Takt kam ihr bei dieser Entdeckung machtig zu Statten, und weit entfernt, sich durch dieselbe gedehmuthiget zu fuhlen, suchte sie von der nehmlichen Stunde an, wo sie solche gemacht hatte, nach einem Wesen, das fahig war, jene Lucke in ihrer Umgebung auszufullen.

Die Markise d'Aubincourt, eine junge, blendend schone Frau, war in Paris zur nehmlichen Zeit ebenfalls aus ihrer gewohnten Sphare getrieben; ihr Gemahl musste sie verlassen, um seinem Kaiser in weit entfernte Lander zu folgen, und da die franzosische Sitte die strengste Wachterin des aussern Scheines ist, so blieb ihr bei ihrer Jugend keine andere Wahl, als sich entweder wahrend der Abwesenheit des Markis der Welt ganzlich zu entziehen, oder sich unter den Schutz einer altern Frau von Rang und unbescholtenem Ruf zu begeben, in deren Begleitung es ihr allerdings erlaubt war, uberall offentlich zu erscheinen. Was konnte daher diesen beiden Damen wohl erwunschteres kommen, als ihr Zusammentreffen zur Zeit gegenseitiger, vollig ahnlicher Noth? Der Bund zwischen ihnen war bald geschlossen, und da spaterhin Langeweile beide aus Paris vertrieb, so erwarb die Markise noch den Anstrich einer exemplarischen Treue, indem sie sich den Muhseligkeiten der langen Reise aussetzte, einzig, um, wie sie versicherte, ihrem bei den Eisbaren hausenden Gemahle in Deutschland naher zu seyn. In allen Zirkeln, aus Aller Munde vernahmen die Grafin und die Markise, so bald sie ein wenig einheimisch geworden waren, den Namen Gabriele von Aarheim, uberall erscholl ihr Lob, Manner und Frauen klagten uber ihre Abwesenheit. Die Markise begann die Deutschen etwas langweilig zu finden, welche in Gegenwart einer schonen Frau es wagten, einer zweiten auf diese Weise zu erwahnen, wahrend die Grafin die ganze Familie Aarheim in ihrem Gedachtniss die Revue passiren liess, um diese beruhmte Gabriele aufzufinden.

"Unmoglich," sprach sie sehr bedenklich, "unmoglich kann es meine kleine Nichte mit dem blassen Mondscheinsgesichte seyn! In seinem sechzehnten Jahre wusste das arme Kind kaum drei zu zahlen, so entwickelt kann sie sich nicht haben, und doch giebt es meines Wissens keine andere Gabriele in meiner Familie. Vor funf bis sechs Jahren ward mir die Nachricht ihrer Vermahlung mit dem halbverruckten Erben unserer Mannlehnguter mitgetheilt; es ist unmoglich, dass sie es sey."

"Ach Gott! sie wird es wohl seyn," rief klaglich Graf Hippolit, der gegenwartige Verehrer der Markise, "sie wird es seyn, die Mondscheinsdame; sie wird zu allgemein gepriesen, als dass wir viel von ihr erwarten konnten!" "Also Ihre Kusine? liebe Rosenberg, nun ich sterbe vor Neugier, wenn ich nicht bald dieses Wunder der Welt zu Gesichte bekomme!" fiel halb jahnend die Markise ein.

"Ach, wie gerne thate ich das auch," rief lustig Hippolit, "aber mir sind leider schon in der Welt zu viele dergleichen Wunder vorgekommen, die, entschleiert, eigentlich alle sehr gewohnlich und naturlich dastanden. Es ist immer das alte Buch mit einem neuen Titel, das nehmliche Rathsel in ein anderes Gewand eingekleidet, was man uns da zu studiren giebt. Bei alle dem bleibt es aber doch ein Studium, dessen man nie uberdrussig wird, besonders wenn uns, wie hier, jede Stunde mit einer neuen ganz unerhorten Kaprize begluckt." Indem er diess hinzusetzte, wollte er die Hand der Markise an seine Lippen drucken, sie entzog sie ihm aber, heftig und unwillig sich straubend. "Schone Dame," rief Hippolit in seinem Uebermuth, "indem Sie zurnen, beweisen Sie, dass ich Recht habe; die kleine Wuth steht Ihnen so allerliebst, dass ich dadurch leicht verleitet werden konnte, Sie alle Tage halb todt zu argern. Die Versohnungen, die doch auch nicht zu verachten sind, hatte ich dann fur meine Muhe noch obendrein."

Die Markise begann recht ernstlich sich zu erzurnen, doch nicht auf lange; die Grafin warf sich zur Vermittlerin auf, und der Friede war bald geschlossen.

Der glanzende Graf Hippolit, entsprossen aus einem der edelsten Geschlechter in Ungarn, schon wie Apoll, kaum zwanzig Jahre alt, und dabei schon unumschrankter Herr grosser Reichthumer, war allerdings eine Eroberung, welche eine Frau, wie die Markise, sich auf alle Weise zu erhalten streben musste. Auch war es ihr seit dem Moment gelungen, da er in Paris, als ein weitlaufiger Verwandter der Grafin ihr vorgestellt ward. Ihre seltene Schonheit, ihr leichter Sinn, vor allem eine gewisse pickante Ungleichheit in ihrem Betragen entzuckte ihn, und Gewohnheit, Ueberdruss am Wechsel, hatten bis jetzt ihn fest gehalten.

Als die Damen Paris verliessen, wusste er eben nichts besseres zu thun, als ihnen nach Deutschland zu folgen, und bei dieser Gelegenheit spaterhin einen Besuch in seinem Vaterlande und auf seinen Gutern abzustatten. Vor jetzt war er der tagliche Gast in ihrem Hause, ihr steter Begleiter ausser demselben, aber die Strenge, mit welcher die Grafin uber die Gesetze des Anstandes zu wachen gewohnt war, hatte ihn veranlasst, sich eine von ihnen abgesonderte eigene Wohnung zu wahlen.

Ungeachtet seiner frivolen Aussenseite, war Hippolit von Natur zu allem Grossen und Edlen geeignet, aber das Schicksal, welches sein ausseres Leben mit jedem Vorzuge reichlich ausstattete, hatte ihn schon fruh im Innern tief verletzt und sein Entwickeln verhindert. Von einer leichtsinnigen Mutter als funfjahriger Knabe verlassen, von einem durch das Betragen seiner Gattin mit der Welt und dem Leben entzweiten, verbitterten Vater erzogen, war der arme Hippolit um jenes Vertrauen in die Menschen gebracht worden, ohne welches keine Jugendbluthe frohlich gedeiht. Sein ganzes Wesen widerstrebte der strengen klosterlichen Zucht, in welcher er bis in sein funfzehntes Jahr gehalten ward, er fuhlte zur Freude sich geboren, aber jede Jugendlust, wie jede sanftere Regung, ward von der Strenge seiner Zuchtmeister niedergedruckt. Er war zu stolz, die Hulfe der, in ihm ihren kunftigen Herrn schmeichelnden Diener anzunehmen, und seinen Vater zu betrugen, um wenigstens Stundenlang seinem Kerker zu entgehen, aber in ihm wogte ein verzehrendes Feuer, das, weit entfernt sein Herz zu erwarmen, es nur immer enger zusammenzog, wahrend seine Fantasie ihm das Gluck kunftiger Freiheit in den gluhendsten Farben mahlte. Das jedem gutgearteten Kinde eigene Sehnen nach Liebe sprach zwar auch machtig in seiner Brust, aber er druckte es, als seiner unwurdig, nieder, denn wen sollte er lieben? Rings um sich sah er nur fuhllose Strenge oder erbarmliche Kriecherei. Kunftiger Genuss ward ihm die Loosung des Lebens. Worin dieser bestehen sollte, wusste er nicht deutlich sich zu sagen, aber einstweilen gedachte er, die freudenlose Zeit, welche er jetzt verlebte, durch eifriges Bestreben nach Wissen als vorbereitend zu benutzen. Mit dem grossten Eifer verfolgte er daher den Gang der ihm von seinem Vater vorgeschriebenen Studien, jede Stunde bereicherte seinen Geist, aber in seinem Gemuth ward es immer armer, immer mehr erstorben, bis der Zufall den einzigen Bruder seines Vaters in seine Nahe fuhrte. Hippolit war jetzt funfzehn Jahr alt, und zum erstenmal seit seiner fruhesten Kindheit horte er nun wieder mit milden Worten sich anreden. Da brach die Eisrinde, in welcher sein Herz beinahe erstarrt war. Mit der kindlichsten Liebe, mit der innigsten Treue eines jugendlichen Gemuths hing er sich nun an den Oheim, der wie eine himmlische Erscheinung in die Nacht seines Daseyns strahlte und sogar auch die dustere Stimmung seines Vaters milderte, als letzterer plotzlich erkrankte. Ein seit langen Jahren allmahlig heranschleichendes Uebel warf den alten Grafen wenig Monate nach der Ankunft seines Bruders auf das Sterbebette. Bleich und bebend kniete Hippolit neben demselben, als der Vater zum erstenmal liebend und segnend die schwere kalte Todtenhand auf sein lockiges Haupt legte, in den ruhrendsten Ausdrucken den zum Jungling heranreifenden Knaben der Vorsorge seines Oheims empfahl, und dann, getrostet durch dessen heiligstes Versprechen, ihn wie seinen eigenen Sohn zu betrachten, die muden Augen auf ewig schloss.

Der weinende, tief erschutterte Knabe folgte nun dem vom Vater ihm gegebenen Beschutzer seiner Jugend auf dessen Guter, von wo er in Jahresfrist, begleitet von einem Hofmeister, auf eine von seinem Vaterlande Ungarn weit entfernte Universitat gesandt ward. Wahrend er dort, von heissem Durst nach Wissen getrieben, jede Stunde auf das gewissenhafteste anwendete, erhob sein Oheim in seiner Abwesenheit einen Prozess gegen ihn, der ihn um sein vaterliches Erbe bringen sollte. Aller seiner, dem sterbenden Bruder mit in die Ewigkeit gegebenen Versprechen vergessend, jedem menschlichen Gefuhl entsagend, benutzte der Eigennutzige den Leichtsinn der Mutter des Junglings, dem er Vater zu seyn geschworen hatte, um die Aechtheit seiner Geburt anzugreifen, und dann seinen eigenen Sohnen die betrachtlichen Guter desselben zuzuwenden. Der Versuch misslang, er hatte nur die Folge, dass Hippolit etwas fruher als gewohnlich fur mundig erklart ward. Emport bis in den tiefsten Grund seiner Seele, uberzeugter als je von der Erbarmlichkeit der Menschen, ging dieser nun nach vollendeten Studien auf Reisen; die Zeit des Genusses schien ihm gekommen, er war entschlossen, sie zu benutzen. Sein Rang, sein Reichthum, seine glanzende Personlichkeit offneten ihm Herzen und Thuren, er taumelte von einem Vergnugen zum andern, und ubertaubte so den alten bittern Unmuth in seinem Gemuth, der aber dennoch stets von neuem sich regte. Er sah, wie man ihn mit Schmeicheleien uberhaufte, um ihn um so sicherer zu elenden Zwecken zu missbrauchen, aber er verachtete die Menschen und in einzelnen schrecklichen Momenten sich selbst zu sehr, um es der Muhe werth zu achten, dem plumpen Netz entgehen zu wollen, das man ihm stellte. Es genugte ihm, seine sogenannten Freunde zuweilen in wilder Lustigkeit mit bittern Hohn zu misshandeln, und dann mit Ekel sich von den angstlichen Windungen wegzuwenden, in welchen sie strebten, ihn nicht zu verstehen, um nur auf guten Fuss mit ihm bleiben zu durfen.

Auch Frauen kamen uberall dem schonen reichen Junglinge entgegen, kampften unter einander um ihn, mit allen Waffen der Schonheit und Kunst, suchten uberall mit Blumen ihn zu fesseln, und gern vergass er bei ihrer lieblichen Erscheinung alles, was ihn hatte warnen konnen. Noch einmal uberliess er sich Traumen himmlischer Seligkeit, er glaubte sogar zu lieben, aber er ward grausam erweckt. Ohne zu bedenken, wie so ganz ohne Umsicht er sich hingegeben hatte, klagte er jetzt das ganze Geschlecht des Verraths der Einzelnen an und schwur sich selbst, nie wieder die Maske fur Wahrheit zu nehmen. Dem trostlosesten Unglauben zum Raube, vermochte er aber doch nicht, der Freude zu entsagen, sich wissentlich tauschen zu lassen, so lange diess irgend nur moglich war. Bitter lachendes Spotten seiner selbst ubertonte dann oft nur muhsam das Weinen in seiner Brust, wenn ein schoner Traum, den er lange festgehalten hatte, in Nichts zerrann, aber er achtete dessen nicht, auch nicht der bittern Schmerzen, mit denen er jede Regung des Bessern gewaltsam in sich erstickte, um zu seyn wie die Andern. Dennoch sank er nie zum Gemeinen herab, so achtlos er auch dem Treiben der Welt sich hingeben mochte. Was ihn blenden und verfuhren konnte, musste wenigstens den Anstrich des Reinen und Sittlichen zu erhalten streben; denn seine bessere Natur und Reminiszenzen der fruher bei seinem Vater ihm eingepragten strengern Grundsatze hielten ihn noch immer uber den Abgrund empor. "Das Wunder der Welt ist endlich angelangt, wie ich sehe," rief Hippolit freudig aus, indem er die Visitenkarten auf dem Tisch der Grafin musterte und Gabrielens Karte hoch in die Hohe hielt. "Da steht der geheimnissvolle Name des Erzengels, und mein thorigtes Herz erbebt sogar ein wenig bei seinem Anblick! Ich bitte Sie, theuerste Grafin!" fuhr er mit komischen Pathos fort, "ist es die Mondscheinskusine? sagen Sie: nein! ich flehe darum."

"Dass sie die Gabriele ist, die ich meine, weiss ich jetzt gewiss," erwiderte die Grafin, "obgleich ich sie noch nicht gesehen habe; wir verfehlten einander bei unsern gegenseitigen Besuchen, und so bleibt uns nichts ubrig, als die Soiree zu erwarten, mit der wir, wie Sie wissen, morgen hier debutiren wollen."

"Also morgen, morgen ist der grosse, der entscheidende Tag," rief Hippolit, und wendete sich gleich darauf zur Markise mit der Bitte um den zweiten Tanz. "Den ersten," setzte er hinzu, "bin ich so gut als versagt, den tanze ich mit der Wunderdame, meine Ehre duldet es nicht anders, ich muss der erste seyn, mit dem sie auftritt."

"Ich uberlasse Sie ihr mit Vergnugen auf den ersten, den zweiten, den dritten und alle folgende Tanze; ich tanze morgen gar nicht; entweder ich habe Migrane, oder ich habe mir den Fuss verrenkt; ich bin noch nicht entschlossen, welches von beiden," erwiderte die Markise, ein wenig pickirt.

Hippolit blickte lang schweigend und verwundernd sie an. "Wahrhaftig, Markise! ich erkenne Sie nicht mehr," sprach er endlich. "Zum erstenmal sehe ich, dass auch Sie etwas schwerfallig nehmen konnen; doch hoffe ich, Sie werden sich eines bessern besinnen, und allen Erzengeln und Erzengelinnen zum Trotz morgen tanzen, wie immer!"

"Diessmal beliebt es wohl dem Herrn Grafen selbst, sich etwas schwerfallig zu zeigen; denn, um des Himmels willen! wer denkt denn an Ihre Erzengelin?" erwiderte spottend die Markise. "Schon in Paris nahm ich mir vor, morgen krank zu seyn; sehen Sie hier den Beweis davon," fuhr sie fort, indem sie einer Kammerfrau ein Kleid, welches diese eben durch das Zimmer trug, vom Arme nahm und vor dem Grafen entfaltete.

Mit dem grossten Erstaunen erblickte dieser ein ganz einfaches, blendend weisses Gewand, fein und durchsichtig, wie aus Aether gewoben, doch schien es fur eine Riesin bestimmt; es musste, wenn die Markise es trug, nicht nur hinten, sondern auch vorne und von allen Seiten mehrere Ellen lang ihr auf dem Fussboden nachschleppen. "Aber wie in aller Welt wollen Sie es anfangen, in diesem Gewande nur zwei Schritte zu gehen?" rief er endlich.

"Gehen," erwiderte die Markise, und lachte jetzt wirklich recht herzlich, "gehen? Aber, lieber Graf! Sie werden immer schwerfalliger. Wer geht denn, wenn man krank ist?"

"Ach Gott," seufzte Hippolit, "eigentlich fangt es an, mir leid zu thun, dass diese Gabriele morgen erscheint; abwesend gab sie zu so manchem guten Einfall, zu so manchem pickanten Scherze Anlass, und ihre Gegenwart wird gewiss nichts weniger als pickant oder amusant seyn. Ich sehe sie schon im Geiste vor mir mit dem Mondscheinsgesichte, wie sie an der Seite ihres alten Gecken die gestrenge Penelopeya mitten unter den ubermuthigen Freiern zu spielen bemuht ist. Die Maske ist ubrigens schon etwas verbraucht, indessen wenn sie ihr nur halb so gut steht als die Leute es behaupten, so mag es drum seyn. Ich furchte aber, der morgende Triumf unserer schonen Freundin wird kaum der Muhe des Erkampfens werth seyn, obgleich ich diese sehr gering anschlage." Der Abend kam. Die glanzende Reihe kerzenheller Sale fullte sich nach und nach und die Grafin bemuhte sich mit gewohnter Liebenswurdigkeit, die Abwesenheit der Markise mit einer heftigen Migrane zu entschuldigen, welche aber hoffentlich spaterhin zur gewohnten Stunde nachlassen und ihr erlauben wurde, die Gesellschaft, in kleinere Partien getheilt, in ihrem Zimmer wenigstens auf Minuten zu sehen. Hippolit wich beim Empfange der Gaste der Grafin nicht von der Seite. Mit dem Bedeuten, er musse sie errathen, hatte diese es abgeschlagen, ihm Gabrielen gleich bei deren Eintritt bemerkbar zu machen, daher hielt er es fur das sicherste, auf diese Weise seinen Willen durchzusetzen. Indessen war es spat geworden, die Erwartete fehlte noch immer, Graf Hippolit begann aus Verdruss daruber der Grafin allerlei witzig-bittere Muthmassungen uber die Abwesende zuzuflustern, als ein Kreis seiner Bekannten ihn einen Augenblick festhielt, und dadurch ihn von der Grafin trennte, ohne dass er solches bemerkte.

Ein lacherlich modern gekleideter dicker Mann stand mitten im Kreise der jungen Leute, sprach alle Sprachen zugleich und erzahlte, heftig gestikulirend und im volligen Ernste, die Geschichte einer heftigen Leidenschaft, welche vor einigen Jahren eine Nepotessa des Papstes fur ihn gefuhlt hatte. Dabei erwahnte er der mannichfachen Gefahren, deren er sich ausgesetzt gesehen, um ihr und den Verfolgungen ihrer machtigen Verwandten in Rom zu entgehen. Die jungen Herren um ihn her sturmten mit Fragen auf ihn ein; er wusste fur alle eine Antwort, loste alle Zweifel, die man ihm in den Weg warf; das Lachen, der Larmen wurden bald lauter, als man es in einer solchen Assemblee hatte erwarten sollen. Hippolit nahm recht herzlichen Antheil daran, als plotzlich erst ein leises Gefluster, dann ein allmahliges Verstummen in dem Kreise entstand. Die, so den lebhaftesten Antheil an den Neckereien genommen, welche man an dem alten Herrn ausgeubt hatte, begannen, sich leise davon zu schleichen, die ubrigen nahmen sich sichtbar zusammen und standen dann in etwas feierlich verlegener Fassung; alles verkundete den Eintritt einer allgemein geachteten Person. Hippolit suchte mit den Augen den Gegenstand, der diese plotzliche Umstimmung des Tones verursacht haben mochte und erblickte die Grafin, welche eben eine Dame hereinfuhrte, deren anmuthige und doch wurdevolle Haltung und seltne Schonheit ihm gleich in ihr die lang Erwartete errathen liess. Vor dem Zauberton ihrer Stimme, in dem sie einige ihr nahestehende Bekannte anredete, war plotzlich jede Spur wilder Lustigkeit verschwunden. Selbst als der alte dicke Herr mit dem Ausruf: "ma femme, ma petite femme vous voila!" auf sie lossprang, um sie zu begrussen, wagte es niemand, den Mund zu einem spottischen Lacheln zu verziehen. "Die ist es?" flusterte Hippolit der Grafin zu, und diese beantwortete seine Frage, indem sie ihn erst Gabrielen vorstellte und dann ihn mit Adelberten bekannt machte, welcher Geschafte halber Gabrielen und Herrn von Aarheim in die Residenz begleitet hatte.

Hippolit vermochte von nun an nicht, sein Auge von Gabrielen zu verwenden; er sah, wie mehrere Bekannte, Manner und Frauen herbeieilten, um die lang Entbehrte zu begrussen, wie alles um sie sich drangte, als sey mit ihr die Seele der Gesellschaft heimgekehrt.

Moritz wich nicht von der Seite Gabrielens, rieb immerfort freudig die Hande an einander und brach in tausenderlei Redensarten aus, auf welche niemand achtete, obgleich die meisten mit ma femme dit, oder ma femme sait, anfingen. Der leise Schmerz, der dabei in Gabrielens Lippen fast unmerkbar zuckte, die angstliche Rothe, welche, schnell entstehend und entschwindend, ihr Wange, Hals und Busen uberhauchte, entgingen Hippolitens Spaherblick nicht. Eine wunderbar fremde Regung des Mitleids uberschlich ihn dabei und er begann mit einer Art Aengstlichkeit darauf zu sinnen, wie der Lastige auf gute Art aus Gabrielens Kreise zu entfernen sey, um diese in ungestorter Anmuth sich bewegen zu sehen, als sie ihren Gemahl mit wenigen, leicht hingeworfenen Worten auf einige Vasen von seltner Schonheit aus kostbaren Steinarten geformt, aufmerksam machte. Der Tisch, auf welchem diese Vasen standen, war mit farbigem Marmor aller Art ausgelegt, und Moritz fand und benutzte hier ein reiches Feld, auf welchem er mit der einzigen Wissenschaft, welche er wirklich besass, glanzen konnte. Bald gesellten mehrere Sachkundige aus der Gesellschaft sich zu ihm, ein lebhaftes Gesprach entstand, und Gabriele wendete sich sichtbar heiterer ab, um in den Nebenzimmern die ubrige Gesellschaft aufzusuchen.

Sinnend folgte ihr Hippolit mit immer regerem Bemerken. So hatte er sie sich nicht gedacht, nicht so fein, nicht so gewandt, nicht so heiter. Die Melodie ihrer Worte, die Harmonie in allen ihren Bewegungen zogen ihn noch unwiderstehlicher an, als ihre Schonheit.

"Es ist doch nur eine Maske, wie sie alle," dachte er, "aber diese steht ihr vortrefflich und ist so herrlich angepasst, dass schon der Versuch, sie zu luften, Belohnung verdient." Er versuchte es hierauf, Gabrielen anzureden, aber es war, als ob eine ihm fremde Gewalt den gewohnten Fluss seiner Worte hemmte; Gabrielens gerader kalter Blick brachte ihn aus der Fassung; zum erstenmale fuhlte er sich verlegen, und war froh, als die Grafin mit der Bitte erschien: Gabriele moge sie zur Markise begleiten, welche eben etwas besser sich fuhle und den Augenblick kaum erwarten konne, in dem es ihr vergonnt wurde, die geliebte Nichte ihrer Freundin zu umarmen.

Der kleine Zug der zu diesem Besuch Auserwahlten, welchem auch Hippolit sich anschloss, folgte der Grafin durch die ganze lange Enfilade prachtiger Sale, welche, wie es in Paris gebrauchlich ist, mit dem Schlafkabinet der Markise endeten.

Ein reicher seidner Vorhang verhullte noch den Tempel, nachdem schon die Flugelthuren sich geoffnet hatten, aber der berauschende Duft der auserlesensten Aromas des Orients verkundete die Nahe der Gottin. Auch der Vorhang wurde beseitigt und selbst der verwohnte Hippolit stand jetzt geblendet von dem unerwarteten Anblick.

Auf einer Estrade, zu welcher einige, mit prachtigen Teppichen belegte Stufen hinauffuhrten, stand, schimmernd von Gold und Elfenbein, das, der edelsten antiken Form nachgebildete Bette. Eine purpurrothe, mit goldner Stickerei und goldnen Franzen geschmuckte Decke war daruber hingebreitet, auf welcher die Markise in der anmuthigsten Stellung hingegossen ruhte. Ein grosser Spiegel an der Hinterwand desselben, ein anderer an der Decke des Baldachins uber ihrem Haupte, und mehrere, anscheinend vom Ungefahr, aber eigentlich mit sorgfaltiger Wahl im Zimmer geordnete grosse Ankleidespiegel vervielfaltigten die schone Erscheinung, indem sie sie von allen Seiten zeigten. Der Genius des Schweigens von Bronze, den Finger auf die Lippen gedruckt, schien den leicht vom Baldachin herabrollenden Schleier zu heben, der sie zu ver hullen drohte, und bluhende Rosenbusche, Orangenbaumchen, Jasminstrauche, in kostlichen Vasen zu beiden Seiten auf den Stufen der Estrade, gaben der Nische, in welcher das Bette stand, das Ansehen einer Laube aus dem Paradiese der Muhamedaner. Alabasterlampen verbreiteten den zauberhaften Schimmer einer mondhellen Nacht und kleine blauliche Wolkchen krauselten sich, aus Kassoletten aufsteigend, in welchen das ausgesuchteste Raucherwerk brannte. Das Auge irrte geblendet auf alle dem mannichfaltigen Gerathe von kostlichen Holzern, von Krystall, von Marmor und Bronze, welches das Schlafzimmer einer eleganten Pariserin zum glanzendsten Prunkzimmer des Hauses macht.

Mitten in alle dieser Pracht lag die Markise, ganz einfach gekleidet und dennoch alles uberstrahlend. Der wohl berechnete Ueberfluss des fruher erwahnten weissen langen Gewandes, in grosse malerische Falten von Kunstlerhanden geordnet, umschwebte ihre Gestalt, ohne sie neidisch zu verhullen; die schonen Formen schimmerten hindurch, wie der Mond durch Silberwolkchen, die an ihn sich heranzudrangen scheinen. Unter der Brust hielt ein grosser strahlender Rubin das Gewand zusammen, der eine der weiten Aermel, wie von ungefahr zuruckfallend, enthullte einen wunderschonen Arm, auf dem gestutzt, das reizende Kopfchen im lieblichsten Ausdruck der Ermattung ruhte. Eine um den Arm geschmiedete goldne Sentimentskette und einige Perlenschnuren schienen sich abstreifen zu wollen. Den andern Arm bedeckte der Aermel bis zu den zierlichen Fingerspitzen, die, dem Kopfweh zu Ehren, ein Riechflaschchen hielten. Um die hohe Stirne schwebten die glanzendschwarzen Locken in zierlicher Unordnung, nur ein einfaches Band hielt sie und die reichen Flechten zusammen, welche den ganzen Kopfschmuck bildeten. Die Markise war unbeschreiblich reizend in diesen Umgebungen, auch fesselte stummes Erstaunen alles bei ihrem Anblick; nur Hippolit wagte es, sich in ihre Nahe zu schleichen und ihr ein leises "Bravo!" zuzuflustern.

Gabriele ward mit der entzuckendsten Freundlichkeit von ihr empfangen; sie zog sie liebkosend zu sich herab, um sie zu umarmen, und als die hohe, schlanke Gestalt sich zu der auf dem Bette Ruhenden niederbeugte, umschwebte ihr goldnes Haar die dunkeln Locken der Markise wie mit einer Strahlenglorie, wahrend diese mit beiden Lilienarmen den stolzen Marmornacken der geliebten Nichte ihrer Freundin umschlang, und ihr Entzucken daruber in den schmeichelhaftesten Ausdrucken laut verkundete.

Nichts kann einander ungleicher seyn, als beide Frauen in diesem Augenblick. Farbe, Augen, Haare, Ausdruck des Gesichts, nichts von alle dem hatten sie mit einander gemein, und doch war es unmoglich zu entscheiden, welcher von ihnen die Palme der Schonheit gebuhre?

Zu matt fur eine fortgesetzte Konversation, bat die Markise eine wie durch Zufall gegenwartige beruhmte Kunstlerin, die Gesellschaft fur ihre kranke Langweiligkeit durch die Zaubertone ihrer Harfe zu entschadigen. Die Dame liess sich dazu willig finden, denn eigentlich war sie, nach Pariser Sitte, der die Markise in Deutschland treu blieb, um eine bedeutende Summe von letzterer fur den Abend erkauft. Ein griechischer Sessel ward fur sie zu den Fussen des Ruhebettes auf die Estrade gestellt, die grosse goldige Harfe strahlte in ihren Armen, und kaum hatte die Virtuosin mit prufenden Akkorden die Saiten beruhrt, als mehrere wunderschone, fast idealisch gekleidete Kinder aus dem Nebenzimmer herbeieilten, und sich in malerischen Gruppen zwischen den Rosen- und Orangenbaumchen ordneten. Als grosse Lieblinge der Markise hatten sie in deren Wohnzimmer gespielt und waren von den Tonen der Harfe herbeigelockt worden. So wenigstens suchte ihre Beschutzerin das unerwartete Erscheinen mit lachelndem Zorne daruber zu entschuldigen, aber es bedurfte keiner Entschuldigung, denn jedermann fuhlte sich von dem wirklich feenhaften Anblick hingerissen, den die Estrade in diesem Augenblick gewahrte; es war als sahe man die Liebesgottin von Amorinen umflattert.

Endlich ward Ruhe. Der Zirkel war allmahlig grosser geworden; Mehrere, die nicht mit der Grafin gekommen waren, hatten nach und nach sich vor und in dem Kabinette selbst versammelt, dessen Thuren jetzt weit offen standen. Allgemein herrschte die tiefste Stille einer zur Bewunderung bereiten Erwartung; aber kaum hatte die Kunstlerin in leisen Akkorden begonnen, als ein wunderliches fortwahrendes Klirren sie wieder verstummen machte.

Zurnend blickten alle in die Ecke, aus welcher das storende Gerausch zu kommen schien. Dort stand Adelbert, todtenbleich, den stieren Blick auf die Markise geheftet. An allen Gliedern heftig bebend, hielt er sich, anscheinend vollig bewusstlos, an einem Gestelle fest, welches in einer Ecke des Zimmers mit Porzellan beladen stand, sein Zittern theilte sich denen darauf befindlichen Prunkvasen und Tassen mit, alles stiess tonend aneinander, ohne dass Adelbert weder dieses, noch die daraus entstehende Storung gewahr ward. Seine Seele war in seinen Augen, sein Herz klopfte in angstlichen Schlagen gegen seine Brust, als wollte es sie zersprengen, denn mit dem ersten Blick auf die Markise hatte er in ihr Herminien erkannt.

"Adelbert!" rief Gabriele und sprang erschrocken von ihrem Sessel auf, dem Freunde, den sie plotzlich erkrankt glaubte, zu Hulfe zu eilen.

Ein allgemeiner Aufruhr entstand, die Damen drangten sich um die Markise her, welche vor Schreck ohnmachtig zu werden drohte, die Herren fuhrten Adelberten in ein Nebenzimmer, der noch immer bewusstlos mit erstorbnen Augen jedermann anstarrte. Alle umstanden ihn unschlussig, auch Gabriele, die im ersten Schrecken, jede konventionelle Regel vergessend, ihm gefolgt war. Plotzlich erkannte er diese und mit einem erstickten Schrei des Schmerzes ergriff er ihre Hande, druckte sie an seine Augen, unter fast konvulsivischem Beben, wahrend einzelne Tropfen kalt und schwer ihm uber die Wangen rollten.

"Um Gotteswillen einen Wagen, einen Arzt! der Rittmeister ist sehr krank," rief Gabriele wie ausser sich; "er muss gleich zu Hause gebracht werden."

"Liebe Nichte, das ist ja ein entsetzlicher Zufall," sprach die Grafin, welche als Frau vom Hause eben hinzutrat; "doch beruhigen Sie sich, mein Wagen wird angespannt, der Arzt wird gleich hier seyn den Herrn von Lichtenfels zu begleiten, und nun bitte ich, folgen Sie mir zu den ubrigen Damen, beruhigen Sie sich, bitte ich nochmals, fur alles nothige wird gesorgt."

Gabriele war indessen zu aufgeregt um auf alle diese Redensarten zu achten, sie schien im Gegentheil vollig entschlossen, den Rittmeister, der in ihrem Hause wohnte, zu begleiten. Die Grafin stand in peinlicher Verlegenheit und sogar von ihrem Betragen etwas beleidigt, dabei, als plotzlich Moritz, mit dem Geschrei, ma che cosa che cosa? what's the matter? ihr zum Trost erschien, gerade im Momente, als das Bereitseyn des Wagens gemeldet ward.

Die Grafin beeiferte sich Gabrielens Gemahl den Vorgang zu erklaren. "Herr von Lichtenfels ist von einem plotzlichen Schwindel ergriffen," sprach sie, "er braucht schnelle Hulfe, gewiss werden Sie ihn begleiten, und unsre Gabriele wird sich beruhigen, uns ihre Gesellschaft nicht entziehen, wenn sie ihn unter Ihrer Vorsorge weiss."

"Certainement" erwiderte Moritz, und begann in der Kurze die Reichthumer seiner Hausapotheke anzupreisen, die seltensten arcana, die kostbarsten Wunderessenzen gegen Schlagfluss, Schwindel und bosen schnellen Tod. "Sie stehen ihm alle zu Diensten," rief er, "ich freue mich der Gelegenheit ihre Krafte einmal erproben zu konnen. Vous resterez, ma chere!" setzte er, gegen Gabrielen gewendet, etwas scharf und schneidend hinzu, da er bemerkte wie sie dennoch Miene machte ihn begleiten zu wollen.

Hippolit hatte bis jetzt ganz ohne alle aussre Theilnahme, den prufenden Blick auf Gabrielen geheftet, dagestanden; doch jetzt, als er sie besonders bei Erwahnung der Hausapotheke, angstlich noch bleicher werden sah, konnte er einer mitleidigen Regung sich nicht erwehren. Er nahte sich ihr unbemerkt. "Vertrauen Sie mir," flusterte er ihr zu, "ich begleite ihn auch, und verlasse ihn nur unter der Aufsicht des Arztes. Sobald er meiner Gegenwart nicht mehr bedarf, bringe ich Ihnen Nachricht von ihm; von dem Glucklichen, der so Ihre Theilnahme zu gewinnen wusste!" Mit einer leichten Wendung kehrte er sich nach diesen wie im Fluge gesprochnen Worten gegen Adelberten, der sich eben etwas erhohlte, um ihn die Treppe hinunter zu fuhren. Moritz folgte Beiden, immerfort seine Wunderessenzen anpreisend. Die Markise hatte es indessen fur gut befunden, den leichten Schreck bald zu uberwinden, und als Gabriele am Arme der Grafin zu ihr zuruckkehrte, fand sie zwar sie noch immer in der Lage einer Kranken, aber voll Lust und Leben, voll Witz und Laune.

Ein in Paris auf das hochste gebildeter Instinkt lehrte sie, jedesmal den Ton der Unterhaltung der Neigung derer anzupassen, welche sie gewinnen wollte, und eigentlich wollte sie das gewohnlich ohne Unterschied bei allen. Daher war sie witzig, trube, oder auch gefuhlvoll, wie es die Umstande erforderten, oft alles dieses in e i n e r Stunde. Was sie sprach, war selten bedeutend, aber es gewann in ihrem Munde einen eignen Reitz; bei der hochsten Frivolitat verstand sie entweder mit der Naivetat eines Kindes den Schein der unbefangensten Unschuld beizubehalten, oder auch mit glucklicher Keckheit bis an die ausserste Grenze weiblicher Zartheit zu treten, ohne dennoch diese je zu verletzen und so gefiel sie Allen, weil sie Allen Alles zu seyn wusste.

Indessen misslang es ihr diesesmal dennoch Gabrielen an sich zu ziehen, obgleich sie sehr wunschte, durch sie etwas naheres von Adelberts gegenwartiger Lage zu erfahren. Sie hatte ihn auf den ersten Blick eben so wohl wiedererkannt als er sie, aber aus mancherlei Grunden wunschte sie, die fruhere Bekanntschaft mit ihm zu verschweigen und suchte daher, nur ganz von weitem, Gabrielen zu einem Gesprach uber ihn zu bewegen. Doch diese blieb einsilbig, sichtbar befangen, bis endlich Herr von Aarheim und Hippolit mit der Nachricht von Adelberts besserem Befinden anlangten. Ihr Blick erheiterte sich jetzt, sie vermochte es nicht, Hippoliten den Tanz zu versagen, den dieser, von Moritzen unterstutzt, als Botenlohn fur die gunstige Nachricht von ihr erbat. Triumfirend fuhrte er sie in den Saal und alles stromte dem schonen Paare nach, um es walzen zu sehen.

Mit unverstellter Verwunderung sah die Markise sich allmahlig von allen verlassen, ausser von einigen Fraulein, die, durch traurige Erfahrungen gewitzigt, den Tanzsaal gern mieden. Zu diesen gesellten sich noch ein paar alte Damen, welche die gute Gelegenheit sich nicht entgehen lassen wollten, jedes einzelne Stuck des Ameublements im Kabinette recht ungestort zu betrachten und nach den Preisen sich zu erkundigen. Von Mannern war nur Moritz von Aarheim dageblieben. Dieser unterhielt die Gesellschaft sehr lang und breit von Adelberts glucklicher Ehe, von Gabrielens innigem Verhaltniss zu dessen Gemahlin und zur Frau von Willnangen, und wie gewohnlich horte niemand auf ihn, sogar die Markise nicht, obgleich sie diess Gesprach selbst veranlasst hatte.

Tausend Sorgen beschaftigten diese; ihr so kunstlich ersonnenes Krankenkostum begann, sie in die peinlichste Verlegenheit zu setzen, sie hatte in diesem Augenblick gern alles darum gegeben, es wieder los zu seyn, um die Vorgange im Ballsaal mit eignen Augen beobachten zu konnen, aber sie sah doch keine Moglichkeit, es abzuandern, ohne sich lacherlich zu machen. Auch das Zusammentreffen mit Adelberten, den sie nie wieder zu sehen gehofft hatte, beunruhigte sie; Allen, sogar der Grafin Rosenberg, hatte sie den Glauben wenigstens gelassen, dass sie eine geborne Franzosin aus einem grossen Hause sey, die Entdekkung des Gegentheils, das konnte sie sich nicht verhehlen, musste ihr das Ansehen einer Abentheurerin geben; vor allem aber furchtete sie das Bekanntwerden ihrer fruheren Verbindung mit Adelberten. Diesen schnell wieder zu gewinnen, das schien ihr der sicherste Weg um allen moglichen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, und seine aussre Erscheinung konnte sie diesem Plan nur geneigter machen, besonders in diesem Augenblick, da sie Hippolits Benehmen gegen Gabrielen als fur sich hochst beleidigend empfand. Zu ihrem grossen Verdrusse blieb ihr volle Musse allen diesen Betrachtungen nachzuhangen; denn auch die alten Damen hatten sich, nach richtig aufgenommenem Verzeichnisse der im Kabinette enthaltenen Kostbarkeiten, den Spielzimmern zugewendet, Moritz aber war dem Ballsaal zugeeilt, um seinen Theil an dem Triumfe seiner Gemahlin sich zu holen. Nur die verlassnen Fraulein waren da geblieben, und die Markise fuhlte sich auf eine krankende Weise mit ihnen auf gleichen Fuss gestellt. Hippolit, der sonst ausser ihrem Kreise keine gesellige Freude anerkennen wollte, liess sich nicht wieder blicken, vermuthlich huldigte er, wie alle andere, in diesem Augenblick nur jener Gabriele, die ihr immer verhasster ward.

Endlich vermochte es die Markise nicht langer, der peinigenden Ungewissheit zu widerstehen. Bei der Unmoglichkeit, gekleidet wie sie war, bis in den Ballsaal zu gehen, schickte sie die Fraulein auf Kundschaft dorthin aus, aber die armen Kinder kamen nach kurzer Zeit mit dem betrubten Gestandniss zuruck, nichts gesehen zu haben. Es war ihnen unmoglich gewesen, den dichten Kreis von Zuschauern zu durchdringen, in dessen Mitte, wie sie gehort hatten, Gabriele mit dem Grafen Hippolit eben die Gavotte tanzte. Niemand hatte auf ihre Bitten, durchgelassen zu werden, geachtet, denn alle waren zu eifrig mit dem Schauspiele beschaftigt, welches, wie uberlaute, bis in das Kabinett dringende Beifallszeichen jetzt verkundeten, so eben beendet ward.

Allmahlig kamen jetzt auch mehrere Herren und Damen herbei; alle schilderten den eben gehabten Genuss in den lebhaftesten Farben, und bedauerten zwiefach die unselige Krankheit, welche die Markise um den schonsten einzigsten Anblick in der Welt gebracht habe. Da riss dieser endlich der letzte schwache Geduldsfaden, besonders als noch immer weder Gabriele noch Hippolit sich blicken liessen. Die Migrane kehrte plotzlich wieder, und ward bald so unleidlich, dass die Gesellschaft verabschiedet und die Thure des Kabinetts wieder verschlossen werden musste. Innerlich hoffte die Markise, dass ihr Ungetreuer, durch diese Maassregeln beunruhigt, in banger Besorgniss herbeieilen wurde. Sie blieb sogar noch in der einmal gewahlten Attitude, so lastig ihr diese auch zu werden begann, aber umsonst, der Erwartete kam nicht.

Langst schon hatte dieser sich in seine Wohnung zuruckgezogen, wahrend die Markise noch immer auf ihn harrte. Dort sass er in wortlosem Sinnen verloren, und horchte in die Nacht hinaus auf das ferne Rollen einzelner Wagen, wie es allmahlig in den erstorbenen Strassen verhallte. "Morgen, Morgen! Wir werden ja sehen," sprach er endlich leise vor sich hin, und befahl dann seinem Kammerdiener, ihn fruh zu wecken, denn ihm war, als stunde ihm in dem morgenden schon anbrechenden Tage etwas hochst Wichtiges bevor.

Die Nacht verging ihm zwischen Schlaf und Wachen, immer noch schwebte Gabrielens Gestalt, jede ihrer anmuthigen Bewegungen, jedes ihrer noch anmuthigeren Worte ihm vor. In fast nie gefuhlter Wonne war er an ihrer Seite durch den Saal geschwebt, mit ungeheuchelter Bewunderung hatte er in der Gavotte jede malerische Wendung ihrer eleganten Gestalt, den Ausdruck des schonen Gesichts, das Spiel der zierlichsten Fusschen unverwendeten Blickes verfolgt, und da sie spaterhin alles Tanzen verweigerte, hatte er, bis sie die Gesellschaft verliess, den Platz hinter ihrem Stuhle behauptet. Dort lauschte er auf jedes ihrer Worte, und ihr Geist entzuckte ihn nicht minder als ihre Schonheit. Leicht und unbefangen, gleich entfernt von Uebermuth und Ziererei, sah er sie die Lobspruche annehmen und ablehnen, mit denen man von allen Seiten sie uberstromte. Er fand sogar keine Spur von dem sentimentalen steifen Tugendbilde, das seiner Fantasie vorgeschwebt, keine von der Maske, die er abzuziehen sich bereitet hatte. "Sie ist ganz Leben, ganz Natur, Geist und Wahrheit," flusterte er noch im Lauf des Abends der Grafin zu, die ihrerseits auch anfing auf ihre Nichte stolz zu werden, mit grossem Selbstbehagen ihn um seine Meinung von ihr fragte und ihm erzahlte, wie Gabriele von Kindheit an unter ihrer Aufsicht, in ihrem Hause erzogen worden sey.

"Dass sie jenen gluckseligen Adelbert liebt?" sprach Hippolit weiter, "nun Honny soit qui mal y pense! Wer kann es ihr verargen, der die in Eselshaut gebundne Enzyklopadie aller Kunste und Wissenschaften sieht, welche der Himmel, er selbst mag es verantworten warum? ihr zum Gemahl erkohr. Mir ist sie durch diese Liebe nur um so verehrlicher und herrlicher. Ein Weib ohne Liebe ist ein Weib ohne Seele. Sogar die Hassliche wird leidlich wenn sie liebt, die Schone wird dadurch zum Engel verklart. Und dass diese Gabriele es unter ihrer Wurde halt ihre Liebe zu verheimlichen, gefallt mir nun gar uber die Massen, sie heuchelt doch wenigstens nicht wie alle ihres Geschlechts, die etwas zu verschweigen haben was der Muhe verlohnt. Die Grafin war ahnlicher Aeusserungen ihres jungen Schutzlings zu gewohnt, um sich ernstlich daruber zu erzurnen; Ermahnungen aber achtete er nicht, sondern entging ihnen gewohnlich und auch diesesmal durch schnelle Flucht. Wir werden ja sehen, ob es sich mit dem lahmen Helden nicht aufnehmen lasst! dachte er dabei in seinem Herzen. Alle alte Schmerzen regten sich indessen von neuem in Adelberts Brust; Hass, Liebe, Verachtung im furchtbarsten Kampf. Vergebens strebte er das verfuhrerische Bild der Markise aus seiner Fantasie zu verbannen, vergebens rief er zu Augusten wie zu einer Heiligen, Herminia schwebte die ganze Nacht hindurch in all ihrer blendenden Schonheits-Pracht vor seinen aufgeregten Sinnen. So hatte er nie sie gesehen, nie geahnet, dass sie so uber allen Ausdruck entzuckend ihm erscheinen konne. Er bemuhte sich, ihres Leichtsinns, ihrer Treulosigkeit, der unverantwortlichen Art mit der sie ihn verstiess, zu gedenken, er glaubte sie zu hassen, er wahnte sie zu verachten, und doch sah er noch immer die lockende Gestalt, gelagert unter Rosen, von Liebesgottern umschwarmt. Er gedachte der Moglichkeit sie wieder zu sehen, und eine unbeschreibliche Angst bemachtigte sich seiner bei dem Gedanken. Sehnsucht zog ihn zu ihr, Erinnerung in einem blutig zerrissnen Herzen hielt ihn zuruck. Dieser Zustand erreichte eine so peinliche Hohe, dass er endlich, um ihm zu entgehen, den Entschluss fasste zu fliehen, ohne jeden andern Verlust weiter zu achten, der aus dieser Flucht im Laufe der Geschafte, welche ihn hergefuhrt hatten, fur ihn entstehen konnte.

Herzlich froh endlich, der peinigenden Ungewiss

heit entgangen zu seyn, beschloss er nur die schickliche Stunde abzuwarten, um Gabrielen Lebewohl zu sagen, und dann zu eilen, um in Augustens Armen gegen sich selbst Schutz zu finden; doch graute ihm innerlich mit diesem Entschluss in der Seele allein und mussig zu bleiben. Er rief mit Tages Anbruch deshalb seinen Bedienten, gab ihm mehrere auf die nahe Abreise Bezug habende Auftrage, fing selbst an, Papiere zu ordnen und einzupacken, um nur in erzwungner Thatigkeit sein Gefuhl nicht zur Sprache kommen zu lassen, als plotzlich, er begriff selbst nicht recht wie, eine der gestrigen Amorinen, in Gestalt eines artigen kleinen Madchens von etwa zehn Jahren, ihm ein rosenduftendes Zettelchen in die Hand schob, bei dessen Anblick ihm beinahe, wie gestern beim Anblick der Schreiberin desselben, die Sinne vergingen. Das Briefchen war nicht versiegelt, es war nur zusammengedreht, genau wie jene Zettelchen, die Herminia sonst ihm heimlich zuzustecken pflegte, als den Liebenden noch der ganze Tag, den sie im Hause ihrer Aeltern mit einander verlebten, zu kurz war fur alles was sie sich zu sagen hatten. Gedankenlos offnete er das duftende Papier ohne bestimmt zu wissen was er that. Hier der Inhalt desselben.

"Ich will nicht Vergebung, ich will nicht Mitleid, ich will nicht einmal andeuten dass ich zu beiden wohl berechtigt ware. Ich verbanne mich auf ewig aus meinem Vaterlande, die nachste Stunde trifft mich nicht mehr hier. Der verhasste Anblick der armen Herminia soll nicht mehr den Abscheu des Mannes erregen der genug ich reise. Doch einmal, einmal noch mochte ich zum Abschiede die Hand ergreifen, die einst bestimmt war, mich durch das Leben zu geleiten! einmal noch, ehe ich auf immer gehe! Ich weiss es, dieser Wunsch wird mir nicht gewahrt werden, aber ich spreche ihn aus, ich furchte nicht den Schmerz einer Verweigerung, denn ich furchte keine Schmerzen mehr. Marion wurde ungesehen, unbemerkt den Weg zu mir zu leiten wissen, ich wage es nicht noch eine Sylbe hinzuzufugen. Bitten klingt ja wie Hoffnung, Herminia hat seit gestern keine mehr."

Unschlussig starrte Adelbert die lange nicht erblickten, wohlbekannten Schriftzuge an, dann hob er mechanisch den Blick zur Thure, dort stand Marion mit einem schlauen acht franzosischen Kindergesichtchen. Sie machte einen kleinen Knix, schob die nur angelehnte Thure auf, und trippelte, den Blick ruckwarts ihm zugewendet, die Treppe des Seitengebaudes hinab, auf welcher sie zu Adelberts Zimmer gelangt war. Gedankenlos schritt Adelbert ihr nach, uber den Hof; auf der Strasse erwachte er zwar wieder und war im Begriffe umzukehren, aber er bildete sich ein, sich der Feigheit einer solchen Flucht vor der Gefahr schamen zu mussen, und dieses Gefuhl trieb ihn vorwarts. Hippolit hatte indessen die Stunde sehr ungeduldig erwartet, in welcher er Gabrielens Wohnung aufsuchen konnte, um bei Adelberten einen Krankenbesuch abzustatten, und vernahm mit nicht weniger Unmuth als Erstaunen, dass der, welchen er, von Aerzten umgeben, im Bette zu finden geglaubt hatte, schon am fruhen Morgen ausgegangen sey. Niemand wusste, wohin? Hippolit hatte bei diesem Besuche auf irgend einen gunstigen Zufall gerechnet, der ihn bedeutender, als eine blosse zeremonielle Visite, bei Gabrielen Zutritt verschaffen sollte, und verweilte jetzt unschlussig auf der Treppe, daruber nachsinnend, ob es gerathner sey, schon jetzt sich bei ihr melden zu lassen, oder spater wiederzukehren, als Moritz, ihm begegnend, seinen Bedenklichkeiten ein Ende machte, indem er ihn erst auf das freundlichste begrusste und dann sogleich an das Ziel seiner Wunsche fuhrte. Mit unendlichem Bedauern verliess der Baron dort aus Mangel an Zeit Hippolit, nachdem er diesen fur den Mittag eingeladen, denn noch am nehmlichen Morgen hatte er der Auktion eines Naturalienkabinetts, einer Vorlesung uber die Moglichkeit, den Luftballon zu regieren, und einer Opernprobe beizuwohnen. Schoner noch als im festlichen Schmuck des gestrigen Abends trat Gabriele Hippoliten im zierlich einfachen Morgenkleide entgegen. Ihr helles Auge ruhte mit sichtbarem Wohlgefallen auf ihm, ihr schoner Mund lachelte ihn freundlich an, wahrend sie mit ihrer sussen melodischen Stimme fur die ihrem Gastfreunde geleistete Hulfe ihm nochmals dankte. Er, sonst so vorlaut, aller Frauen Gunst so sicher, stand dabei fast unbehulflich da, und suchte vergeblich nach einer passenden Antwort, er furchtete, Gabrielen etwas zu erwidern, weil er sie dann nicht mehr horen wurde, und fuhlte dabei doch mit innerer Angst das Lacherliche seines fortwahrenden Schweigens. Endlich suchte er gewaltsam den Zauber zu zerreissen, der seine Zunge fesselte, er strebte wieder in den gewohnten Ton zu gelangen, mit dem er bis jetzt noch immer bei den Frauen Gluck gemacht hatte, und ward zuletzt aus blosser Verlegenheit zuerst vorlaut, und endlich beinahe unverschamt. Mit erzwungner Bedeutung brachte er ziemlich ungeschickt einige witzig seyn sollende Anspielungen auf den Kranken an, der solcher Theilnahme sich erfreuen konne, sprach dann von der Verpflichtung aller Manner, einem so ausgezeichneten Gunstling des Glucks zu dienen, wenn gleich sie eben dieser Auszeichnung wegen ihn alle todtlich hassen mussten. Das Unziemende solcher verbrauchten Scherzreden, Gabrielen gegenuber, fiel ihm selbst auf und vermehrte seine Verlegenheit; er wollte es mildern, und gerieth immer tiefer hinein, bis sie ihn endlich unterbrach, nachdem sie ihm lange genug, zuletzt recht mitleidig ernsthaft zugehort hatte.

"Ich konnte mich stellen, als verstunde ich Sie nicht," sprach sie, "oder ich konnte Sie auch verstehen, und dann mit gutem Fug und Recht mich erzurnen, und eigentlich sollte ich dieses auch wohl, aber Ihr ganzes Wesen, vor allem Ihre Jugend lassen mich hoffen, dass Sie mir eben eine Lection hersagten, die Ihr Kopf in der Welt, in der Sie bis jetzt lebten, auswendig lernte, von der aber in Ihrem Herzen keine Sylbe steht. Ich freue mich um so mehr der Aussicht, Sie oft und lange in unserm Kreise zu sehen, dem es vielleicht gelingen wird, Ihnen das Leben und auch die Frauen aus einem andern Gesichtspunkt zu zeigen." Hier schwieg sie, gleichsam eine Antwort erwartend, doch Hippolit, hochroth vor Zorn und Scham, vermochte kein Wortchen aufzubringen und suchte nur in seinem Aeussern noch das sonst gewohnte dreiste Selbstbewusstseyn auszudrucken. "Stehen Sie nicht so wie ein zurnender Heros vor mir," setzte daher nach einer kleinen Pause Gabriele lachelnd hinzu, "nehmen Sie lieber meine Aeusserungen, wenn sie Ihnen auch nicht ganz gefallen sollten, so auf, wie ich die Ihrigen, das heisst, mit Duldung."

Gleich nach diesem suchte sie dem Gesprach eine leichtere, gleichgultigere Wendung zu geben, aber es misslang ihr. Hippolit war zu sehr aus dem Gleichgewicht gekommen, um es sogleich wieder zu finden, und ergriff deshalb den ersten schicklichen Augenblick, um seinen Besuch zu beenden.

Von Gabrielen entfernt, fuhlte er mit tiefer Beschamung, dass er wie ein ausgescholtener Schulbube vor ihr dagestanden, vor ihr, die ohne den geringsten Versuch, ihm seine vorgefasste Meinung von dem Verhaltniss zwischen ihr und Adelbert zu benehmen, dennoch, wie vollig gerechtfertigt, stolz und klar sich erhob, und zugleich eine Art Herrschaft uber ihn ubte, zu welcher er sich nicht bewusst war, sie berechtigt zu haben.

Aergerlich und mit dem festen Vorsatze, kalt und unbefangen aufzutreten, stellte er zur Zeit der Mittagstafel zum zweitenmale sich in Gabrielens Zimmer ein, aber er konnte sich die Muhe sparen, denn sie begrusste ihn nur mit einer leichten Verbeugung, und setzte dann sehr lebhaft ihr Gesprach mit einem Fremden fort, der eben aus Rom kam und Ottokarn dort gesehen hatte. Moritz hingegen, der seit gestern eine ganz eigene Zartlichkeit fur Hippoliten gefasst zu haben schien, bemachtigte sich sogleich seiner, um ihm eine Sammlung von Missgeburten zu zeigen, welche er am nehmlichen Morgen in der Auktion gekauft hatte. So ward im einzelnen Gesprach beinahe eine Stunde von der nur aus acht oder neun Personen bestehenden Gesellschaft hingebracht. Gabriele blickte oft auf die Uhr, man erwartete sichtbar noch jemanden. Blas und verstort trat endlich Adelbert herein, beantwortete sehr in der Kurze alle Fragen nach seinem Befinden, schob einige unverstandliche Entschuldigungen seines spaten Erscheinens dazwischen, und versicherte dann wieder, nur der Blumenduft, einzig der Blumenduft im Kabinett der Markise habe ihm gestern den Zufall zugezogen, von dem er sich jetzt vollig hergestellt fuhle.

Hippolit fand an der Tafel neben dem Herrn des Hauses seinen Platz, Gabrielen und Adelberten gegenuber. Letzterer blieb sichtbar verstimmt und Gabriele betrachtete ihn mit augenscheinlicher Besorgniss. Dann aber wendete sie sogleich alle ihre Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu. Jeden und jedes wusste sie an seinen Platz zu stellen, hatte Allen einzeln etwas angenehmes zu sagen oder zu erzeigen; und das auf so naturliche Weise, als musste es so und nicht anders seyn. Sie war die Seele der Unterhaltung ohne damit prunken zu wollen, im Gegentheil, es war, als ob der Abglanz ihrer Anmuth sich auf die verbreitete, welche sie umgaben. Wer ihr nahte, gewann an Liebenswurdigkeit, an Geist, Witz, Verstand, denn sie wusste jeden lichten Funken hervorzulocken, und seit sie in der grossen Welt lebte, war, ausser Hippoliten, vielleicht noch nie jemand anders, als hochst zufrieden mit sich selbst, von ihr geschieden.

Adelbert versank inzwischen in immer truberes Nachsinnen, aus welchem er, sichtbar sich zusammennehmend, auffuhr, wenn man ihn anredete. Moritz hingegen war seelenvergnugt und eine Albernheit jagte die andere aus seinem Munde. Vergebens strebte diessmal Gabriele, das Gesprach abzuandern, Hippolit sah, wie sie alle Kraft ihres Geistes anwendete, um die Schwache des Mannes, dem sie angehorte, zu verdecken, und die Nachtseite des Geschicks der schonen anmuthigen Frau trat plotzlich in all' ihrem hoffnungslosen Dunkel vor seine Seele. "So," dachte er, "so muss das holde Wesen unablassig arbeiten, sich anstrengen, sich qualen lebenslanglich, und warum? Um der Welt zu verbergen, was sie leidet! Um fremden Augen das Unwurdige der Fesseln zu entziehen, die sie zu Boden drucken, und welche nur der Tod losen kann!

Von unsaglichem Mitleide hingerissen, bemuhte er sich von nun an, ihr zu helfen, und gewandt wie er war, gelang es ihm wirklich, den Faden der Unterhaltung behend zu ergreifen, ein Gesprach aufzubringen, welches unter seiner Leitung interessant genug ward, um selbst Moritzen zum Zuhoren zu bewegen. Gabrielens dankbare Zufriedenheit, die er in ihren Augen las, lohnte ihn uberreich, besonders da Moritz ihn einlud, morgen und an jedem Tage, so oft es ihm bequem sey, wiederzukehren; eine Erlaubniss, welche er sich vornahm, recht oft zu benutzen. Mehrere Tage vergingen, wahrend denen Adelbert und Hippolit die Rollen getauscht zu haben schienen. Ersterer war nur selten, und nie in Gabrielens Nahe zu finden, wenn er vermuthen konnte, mit ihr allein zu seyn. Er verliess mit dem fruhesten das Haus, und kehrte nur selten, und spat wieder heim, wahrend Hippolit dort fast jede Stunde des Tages verlebte, und die Markise nie anders, als umringt von fremden Zeugen, im geselligen Kreise sah. Er hatte sein Verhaltniss zu ihr nie bindend gefuhlt und auch sie konnte, nach der stillschweigenden Uebereinkunft der Welt, in der sie zu leben gewohnt war, sich hieruber keine Illusion machen. Jetzt war das Band, welches ihn ihr verknupfte, nicht gelost, es war zergangen vor Gabrielens Erscheinung, wie Sommerwolkchen vor der Sonne in Nichts sich auflosen, und er achtete ubrigens die Markise zu wenig, um ferner nach ihr, noch den Verbindungen zu fragen, die sie jetzt zu schliessen fur gut finden mochte.

Nicht listig absichtlich, sondern vom ehrlichen Wunsche geleitet, Gabrielens Geschick zu erleichtern, hatte Hippolit sich in kurzer Zeit ihrem schwachen Gemahl so lieb und werth zu machen gewusst, dass dieser ihn ungern von der Seite liess, und ihn mit Einladungen besturmte, sein Haus als das seinige anzusehen. Je langer er Gabrielen sah, je deutlicher ward es ihm, dass diese Frau von allen, die er bis jetzt gekannt hatte, sich himmelweit unterschied, und so konnte es ihm nie einfallen, auf gewohnlichem Wege sie zu gewinnen. Auch dachte er nie daran, planlos lebte er in ihrer Nahe fort, strebte auf jede Weise, sich dort zu erhalten, und sann nie daruber nach, warum er ihr nach und nach seine liebsten Gewohnheiten und Neigungen opferte, warum sie mit machtiger Allgewalt ihn zu beherrschen beginne; es war ihm, als musse alles diess so und nicht anders seyn.

Gabrielen konnte es indessen nicht entgehen, wie zart und schonend der ubrigens in allem so rucksichtslos handelnde Jungling es vermied, die Lacherlichkeiten eines Mannes zu bemerken, der alt genug war, um sein Vater seyn zu konnen. Sie sah, wie oft er gegen die Spottlust der ubrigen jungen Leute ihn in Schutz nahm, und ihre holdeste Freundlichkeit lohnte ihm ein Betragen, welches sie fur den untruglichsten Beweis reiner Herzensgute nahm. Der fruhern jugendlichen Unbesonnenheit, mit welcher er in der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft es gewagt hatte, sie zu beleidigen, wurde nicht mehr gedacht; oder wenn es geschah, so schamte Gabriele sich des Ernstes, mit dem sie eine kindische, nichts bedeutende Ungezogenheit gerugt hatte. So gewohnte jeder Tag sie immer mehr an die Gegenwart Hippolits, den sie zuletzt oft im Scherz ihren Edelknaben nannte.

Adelbert hingegen verlebte diese Zeit in stetem Schwanken zwischen Himmel und Holle, bald in der wollustathmenden Nahe der Markise alles ausser ihr vergessend, bald niedergeschmettert von Reue und Selbstverachtung, wenn ein sorgender Blick aus Gabrielens Augen, wie ein Strahl aus der schuldlosen, seligen Heimath ihn traf. Herminia hatte, als er, von Marion gefuhrt, ihr Zimmer betrat, mit unwiderstehlichem Zauber den ganzen vollen Freudenkranz ihrer Beider Jugend neubelebt, in Himmelsfarben gluhend, ihm zu zeigen gewusst. Ohne die fruhere Schuld, welche diesen Kranz zerriss, wegleugnen zu wollen, aber auch ohne Reue daruber in Worten auszudrucken, hatte sie vor dem Beleidigten sich nicht gebeugt. Aber, wahrend sie vorgab, ihm Lebewohl auf ewig zu sagen, musste er wahnen, in ein von Liebe, Reue, Schmerz zerrissenes Gemuth zu blicken, das in kalter Selbstverleugnung sich verloren gab, und nur bedacht schien, sich und seine Qualen ihm zu entziehen. Entschlossen, die Treubruchige mit kalter wortarmer Vergebung verachtend niederzuschmettern, war er gekommen, nur wenige Minuten vergingen, und er lag zu ihren Fussen, sie entschuldigend, gegen ihre eignen Anklagen sie in Schutz nehmend, die jetzt erst laut zu werden begannen. Diese ihre erste Zusammenkunft endete von seiner Seite mit dem feierlichen Versprechen, noch am nehmlichen Abend wiederzukehren, um dann gefasster, mit Bewusstseyn den Augenblick ewiger Trennung zu feiern und so in Zukunft sein Bild liebend vergebend und mild in ihrer Erinnerung leben zu lassen.

Zur unglucklichsten Stunde hielt Adelbert sein Wort. Der vereinte Zauber fruherer Unschuld und jetziger blendend strahlender Schonheit, in Reue, in Verzweiflung, in aller Gluth der hingebendsten Liebe, riss ihn hin, er vergass alles, auch die Augusten geschworne Treue. Ihr bescheidnes Bild trat weit zuruck in den verborgensten Winkel seines Herzens, schmerzlich fuhlte er es dort, ohne es sich selbst zu bekennen.

In bitterer Selbstverachtung gab er von nun an jede Hoffnung der moglichen Ruckkehr zum Bessern auf. Er wollte nur Betaubung und fand sie; er sah und horte nur Herminien, wie sie einzig in seiner Liebe leben und athmen zu konnen schwur, ihre Versicherungen, ihn nie ganz vergessen zu haben, ihr Geloben kunftiger ewiger Treue, er glaubte Alles und Nichts. Im Wahnsinn aussern Sinnenrausches, gefoltert von innern Vorwurfen in jeder Minute helleren Selbstbewusstseyns, mied er aufs geflissentlichste alles, was ihn zu diesem bringen konnte, vor allen Gabrielen.

Herminia hatte bei Adelberts Wiedersehen wirklich eine Regung jener Gefuhle empfunden, die einst ihre Jugend begluckten. Sie sah ihn zum edlen stolzen Manne herangereift, sogar die Narbe uber der Stirn, welche fruher ihr so entsetzlich dunkte, erhob jetzt sein Gesicht, weit davon entfernt, es zu entstellen, zu dem eines Helden. Seine Erschutterung bei ihrem Anblick verrieth ihr die Gewalt, welche sie noch immer uber ihn uben konnte, und Gabrielens unverhohlne Theilnahme an seinem anscheinend plotzlichen Uebelbefinden liessen sie sogleich in dieser eine, wahrscheinlich begluckte Nebenbuhlerin ahnen. Gabrielens von allen gefeierter Name erregte schon ihre Eifersucht ehe sie selbst sie noch sah, jetzt da Hippolit ihr um jener willen untreu zu werden drohte, ward sie ihr ganz unertraglich. Sechs in den gefahrlichsten Umgebungen verlebte Jahre hatten Herminien sehr tief herabgezogen; Wechsel und Intrigue waren in dieser Zeit ihrem leidenschaftlichen Wesen zum Bedurfniss geworden, und unbekannt mit jeder bessern Regung, beurtheilte sie alle und somit auch Gabrielen nach sich. Sie glaubte daher, sich nicht besser an dieser rachen zu konnen, als indem sie Adelberten von ihr abzuwenden und wieder in die alten Fesseln zu ziehen suchte. Zugleich hoffte sie dadurch Hippolits Eifersucht rege zu machen, und so auch ihn wieder zu gewinnen, den sie, ohne ihn zu lieben, dennoch nicht freigeben wollte, besonders nicht an Gabrielen. Alles dieses vereint bestimmte sie zuerst zu jener muhevollen Vorstellung, mit der sie Adelberten umgarnte, aber es ging ihr bald mit dieser Rolle, wie jeder guten Schauspielerin mit der ihrigen, sie gewann sie lieb, so dass sie selbst nicht mehr Tauschung und Wahrheit von einander zu unterscheiden wusste, und das Spiel immer weiter trieb, zuletzt hauptsachlich nur um des Spieles willen.

Nicht mit jener qualenden Empfindung, welche Herminia in ihr erregen wollte, aber doch schmerzlich besorgt, sah Gabriele Adelberten sich taglich ihr mehr entfremden. Sie sah die Angst, die ihn in ihrer Nahe ergriff, sie bemerkte wie geflissentlich er jedes Gesprach mit ihr vermied, ohne errathen zu konnen wodurch sie sein Zutrauen verscherzt habe. Auch zeigte er sich ihr durchaus nicht feindselig, aber ihr Beiseyn ubte uber ihn eine sichtlich vernichtende Gewalt. Das Geschaft, welches ihn in die Residenz gefuhrt hatte, vernachlassigte er durchaus und brachte dennoch fast alle seine Zeit ausser dem Hause zu. Sie begriff nicht, wo? und womit? Bei der Markise traf sie ihn selten, denn sie besuchte diese nur wenn sich dort Gesellschaft versammelte, und dann pflegte Adelbert gewohnlich zu fehlen. Tausend Vermuthungen drangten sich Gabrielen entgegen, doch keine brachte sie der Wahrheit nahe, und ihr Gefuhl widerstrebte jedem heimlichen Nachforschen, aber dieses unerklarliche Betragen des Gemahls ihrer Auguste lastete recht schwer auf ihrem Gemuthe.

Zwischen der Markise und der Grafin Rosenberg war indessen seit Gabrielens Ankunft eine Spannung entstanden welche, und vielleicht bald, in einen formlichen Riss auszuarten drohte. Herminie hasste Gabrielen zu sehr, um diesen Hass nicht auch der Grafin sichtbar werden zu lassen, besonders seit es mit jedem Tage ihr entschiedner wurde, dass Hippolit um jener willen ihr unwiederbringlich verloren sey. Die Grafin hingegen nahm Gabrielen stets in Schutz; sie hatte sie auf ihre Art lieb gewonnen, sie wusste sich nicht wenig damit, dass eine so glanzende Erscheinung aus ihrem Hause ausgegangen, unter ihren Augen gebildet sey. Nichts konnte ihr ein beifalligeres Lacheln ablokken, als wenn man Zuge von Aehnlichkeit zwischen der Tante und der Nichte entdeckt haben wollte; auch konnte sie Gabrielen nicht entbehren, ihre stete Gegenwart machte die geselligen Abende der Grafin zu den gesuchtesten und glanzendsten der Stadt, unerachtet schwache Nerven jetzt sehr oft das Nichterscheinen der Markise entschuldigen mussten; zum Theil, weil diese die Abendstunden lieber mit Adelberten allein zubrachte, mehr aber noch, weil sie das Rivalisiren mit Gabrielen scheute. Ausser sich ware sie gewesen, wenn sie gewusst hatte, wie wenig die Gesellschaft im Salon der Grafin ihre Gegenwart vermisste. Ihr erstes blendendes Auftreten war zwar nicht vergessen, aber man gedachte dessen nur als eines angenehmen und zugleich fremden Schauspiels, welches sich indessen seiner Art nach doch nicht ganz mit deutschem Sinn und deutscher Sitte vereinen liess, wahrend Gabrielens sich stets gleichbleibende anspruchslose Liebenswurdigkeit auf Geist, Sinn und Herz immerwahrend wohlthuend wirkte. Unerachtet der tausend Schwachheiten, zu welchen ungemessne Eigenliebe und Lust zu glanzen die Grafin Rosenberg verfuhren mochten, hielt dennoch niemand fester als sie, an das was sie ihre Grundsatze nannte. Achtung vor ausserem Anstande, Sitte und guten Ruf, diese Kardinal-Tugend vornehmer Leute besass sie in hohem Grade; sie war eine abgesagte Feindin alles offenbaren Unrechts, und Adelberts Verhaltniss zu Herminien musste ihr grosses Missfallen erregen, sobald sie es fur das erkannte, was es war. Hippolits jetziges Benehmen gegen die Markise machte sie zuerst aufmerksam darauf. Sie sah, wie er, der sonst nur in den Blicken der Markise d'Aubincourt zu leben schien, ihr jetzt mit unverkennbarer Kalte begegnete, wie zuvorkommend er Adelberten jedesmal, wenn beide bei ihr zusammentrafen, den Platz neben ihr einraumte, und sie hatte selbst zu lange und in zu mannigfaltigen Verhaltnissen in und mit der Welt gelebt, um nicht, wenn gleich diesesmal ungerechter Weise, den Grund einer so auffallenden Veranderung im Betragen ihrer Hausgenossin zu suchen. Die dunkle Seite desselben blieb ihrem Scharfblick nicht lange verborgen, und granzenloser Zorn ergriff sie bei der Entdeckung, dass die Markise es wage, unter ihren Augen, in ihrem Hause und gleichsam unter ihrem Schutze mit dem Gemahl einer ihrer nachsten Verwandtinnen ein solches Verstandniss zu unterhalten. Hatte die Grafin Rosenberg den ersten Regungen ihres emporten Gemuths zu folgen gewagt, so ware die Markise in der nachsten Stunde durch offentliche Kundmachung ihres Betragens vor der Welt auf das beschamendste bestraft worden; aber sie war von jeher gewohnt, nur mit der aussersten Umsicht vorzuschreiten, und jedes, nicht durch Bewunderung erregte Aufsehen zu scheuen, wie den Tod. Der Familienstolz, welcher einst den Baron von Aarheim so machtig beherrschte, war auch der Brust seiner Schwester nicht fremd, und das Bekenntniss, dass Auguste, ihre Verwandtin, um einer andern willen verlassen werden konnte, schien ihr unwurdig und entehrend. Schmerzlich vermisste sie jetzt Ernestos gewohnte leitende Hand, doch dieser Freund war fern, auf dem Wege nach Italien, wohin Ottokars wiederholte Einladungen ihn zogen, und so blieb der Grafin nichts ubrig, als an seiner Stelle Gabrielen zu Rath und Mitwirkung aufzufordern, um mit ihrer Hulfe die Markise ohne ausseres Aufsehen zu entlarven, zu entfernen, und hernach Adelberten reuig und gebessert Augusten wieder zuzufuhren.

Gabriele stritt lange und heftig mit unglaublichem Erstaunen fur Adelberten, gegen die Beschuldigungen der Grafin, ehe sie sich entschliessen konnte, solche als Wahrheit anzuerkennen, und selbst dann bemuhte sie sich noch, sein Vergehen in gemildertem Lichte zu sehen. Weder sie, noch ihre Tante hatten die leiseste Ahnung davon, dass er in der Markise d'Aubincourt Herminien wieder gefunden habe; um so auffallender musste ihnen diese plotzlich entstandne Leidenschaft erscheinen, aber auch um so leichter die Moglichkeit solche zu besiegen. Adelberts schleunige Entfernung von der gefahrlichen Zauberin, welche ihn umstrickt hielt, schien beiden Frauen nach langem Berathen, das einzige Mittel, ihn wieder zu sich selbst, zu Augusten zuruckzufuhren und der innigste Wunsch dieser wo moglich die uber dem Gluck ihres Lebens schwebende Gefahr ganzlich zu verbergen, bestimmte Gabrielen, sich an Frau von Willnangen zu wenden, um durch diese Adelberts schleunige Zuruckberufung zu bewirken. Denn so sehr sie auch den freundlichen Greis, Adelberts Oheim, liebte und ehrte, so wusste sie dennoch nicht, in wie weit man in einer, fur Augustens Zukunft so wichtigen Sache auf dessen Leitung sich verlassen konne, und durfte demnach es nicht wagen, das Muttergefuhl der geliebten Freundin zu schonen.

Mildernd, begutigend, aber doch eindringend und ernst machte Gabriele sie mit Adelberts trauriger Verirrung so schonend als moglich bekannt. Die Markise zeigte sie ihr, so wie sie ihr selbst erschien, als ein fur den ersten Augenblick hochst einnehmendes blendendes Geschopf, reich an allem was reizt, gefallt und verfuhrt, aber eigentlich doch arm an innerem Werthe, mit keiner einzigen der Eigenschaften begabt, die einst Augusten das Herz ihres Gatten gewannen. Auguste wird ihn wieder gewinnen, setzte Gabriele dieser Beschreibung hinzu. Sie muss ihn wieder gewinnen, um auf ewig ihn zu halten, sobald es uns nur gelingt, ihn dem magischen Kreise dieser neuen Armida zu entrucken, deren Nahe ihn allen seinen Freunden und sich selbst zum Unkenntlichen verwandelt. Um nicht zu angstlich bei diesem Hauptzweck ihres Briefes allein zu verweilen, versuchte es weiterhin Gabriele, der Frau von Willnangen ein heiteres lebendiges Bild ihres jetzigen Lebens und des glanzenden Horizonts zu geben, an welchem sie selbst ein Stern erster Grosse war. "Sie sehen," schrieb sie ferner, "aus ihrer sonst so furchtsamen Gabriele ist nach und nach ein ziemliches Weltkind geworden; doch furchten Sie nicht zu viel fur meinen hauslichen Sinn. Ach liebe liebe Mutter! ich sehne mich oft so, dass mir die Thranen in die Augen treten, nach einer einzigen Stunde, wie ich deren so unzahlig viele bei Ihnen, mit Ihnen, mit Augusten, mit Ernesto verlebt habe. Wissen Sie noch den Abend, wo wir sangen: Dolce dell' anima, speme del mio cor? Wie laut, wie thorigt flatterte damals diess Herz, das jetzt so leise sich regt! Alles ist anders wie in jenen Tagen und doch im Grunde dasselbe. Was je mir theuer war, ist noch das Leben meines Lebens; jede Freude, jedes Gelingen, jeden guten Vorsatz knupfe ich an ein liebes Bild; aber diess Bild glanzt weit, weit von mir in meinem Jugendlande. Ich traume davon, wie schlafende Kinder mit Engelbildern spielen, aus einer fernen, goldnen, himmlischen Heimath, und wenn ich erwache, lachelt der Abglanz des Morgenrothes meines Lebens noch immer freundlich in meinen Werkeltag hinein.

Wirklich, ich komme mit meinen vierundzwanzig Jahren mir oft recht alt, recht matronenhaft vor, und ich glaube, ich erscheine auch Andern so; meinem Zoglinge wenigstens gewiss, denn ich muss es nur bekennen, ich gebe mich jetzt mit der Erziehung ab, und zwar bei einem recht verwarloseten Kinde, das ich dem Untergange entreissen will. Freilich ist es schon einundzwanzig Jahre alt, aber erschrecken Sie nicht daruber, mein Zogling geberdet sich gewohnlich, als zahle er deren kaum sieben; er ist unbandig, ungehorsam und wieder lenksam, folgsam und gut wie es kommt. Er verbindet alle Arten und Unarten eines Kindes mit jeder glanzenden Eigenschaft der reifern Jugend. Denken Sie sich ihn hoch, schlank, schon wie Achill; schmiegsam, biegsam, fast kindliche Grazie in jeder Bewegung, mit dunkeln Locken und schwarzen blitzenden Augen, wie Mignon. So wunderlich wie in seinem Aeussern eint sich der Widerspruch auch in seinem Innern. Er ist stolz, auch wohl hochmuthig verachtend, eitel, argwohnisch, suffisant-ausgelassen und oft recht von Herzen betrubt. Alles das theils durch das Leben, welches er bis jetzt lebte und durch die Leute, mit denen er in Verbindung gerieth, mehr aber noch, wie er mir nicht vertraute, aber errathen liess, durch fruh erlittenen Verrath, Misshandlung und Betrug von Seiten derer, welchen es Pflicht war, ihn zu lieben. Von Natur ist er mild, bescheiden, heiter, vertrauend, jeder Aufopferung fahig, aber diese edleren Eigenschaften treten nur zuweilen hervor, und werden oft verdustert. Er ist sehr unterrichtet, sogar gelehrt wie es mich dunkt. Er weiss von Kunst zu reden, blast die Flote, zeichnet, skizzenhaft aber geistreich. Doch alles diess ist ihm nur ein Erlerntes, er weiss es nicht zu brauchen, er weiss nur damit zu glanzen. Er geht umher wie ein Nachtwandler in eines Konigs Pallast, man muss ihn bei Namen rufen, damit er die Herrlichkeit gewahr werde die ihn umgiebt, aber man muss ihn dabei auch recht sorglich festhalten, um ihn vor dem Falle zu schutzen und auf rechte Bahn zu bringen.

Diess zu versuchen, habe ich mir nun vorgenommen. Ich fand ihn am Scheidewege, oder vielmehr, dass ich es nur gestehe, ich fand ihn schon eine ziemliche Strecke uber die Granze hinaus verlockt. Ein wunderliches Begegnen brachte ihn mir nahe; zuerst war er ungezogen, ich schalt wie billig, er schamte sich etwas ungeschickt, vielleicht zum erstenmale in seinem Leben bei solchem Anlasse, und mitten durch alles dieses blickte so viel Gutes, ja selbst Edles hervor, dass er mein innigstes Bedauern erregte, und ich den Wunsch fuhlen musste, ihm wieder zurecht zu helfen. Die Frauen mogen an seinem Verderben nicht wenig Schuld seyn. Nun es sey gewagt. Vielleicht gelingt es mir, wieder zu erbauen, was Andere meines Geschlechts zerstorten. Hippolit scheint Vertrauen zu mir gefasst zu haben, und das ist schon viel.

Moge es Ihnen ein Beweis seiner Herzensgute

seyn, dass er zu meinem eignen Erstaunen das Wohlwollen meines Gemahls sich in so hohem Grade zu erwerben gewusst hat, dass dieser ihn immer um sich haben mochte, und Hippolit deshalb beinah wie einer unserer Hausgenossen anzusehen ist; nur dass er nicht bei uns wohnt. Manche kleine korperliche Schwache des Alters beginnt, fruh wie mich dunkt, Herrn von Aarheims Daseyn zu truben, ohne dass ich deshalb ernstlich um ihn besorgt zu seyn Ursache hatte. Er ware gewiss weit ofterer leidend und gramlich als er es ist, doch Hippolit macht ihm vieles vergessen, denn er umspielt ihn in Jugendlust und heiterer Lebensfulle. Der allmahlig zum Greise heranalternde Mann scheint oft zu wahnen, er habe in ihm einen lieben Sohn wieder gefunden, der seine grauen Locken ehrt und seine kleinen Schwachheiten schonend ertragt. Wie sehr ich dabei an hauslicher Ruhe und Lebensfreiheit gewinne, werden Sie, die Sie uns so genau kennen, leicht ermessen, und sich nicht daruber wundern, dass Hippolit, in diesem freundlichen Verhaltniss zu uns, mir selbst ein Verwandter zu seyn dunkt, der Anspruch hat an mich, dass ich fur ihn thue was ich kann." Einige Wochen waren nach Absendung dieses Briefes vergangen und Gabriele sah langst der Antwort entgegen, als eines Abends sich ein kleiner gewahlter Kreis zum musikalischen Verein in ihrem Zimmer versammlet hatte.

Umflossen von Licht, Glanz und Schonheit sass die Markise auf dem Divan unter einer strahlenden Girandole von Kristall. Vor ihr stand die reich geschmuckte grosse Pariser Harfe, hinter ihr uber sie hingebeugt Hippolit, dessen Flote die Tone begleitete, welche sie mit Meisterhand dem goldnen Saitengewebe entlockte. Die ganze Gesellschaft im Saal war in der Andacht des Zuhorens und des Anschauns versunken. Nur Adelbert sass einsam und abgewendet in der fernsten Ecke desselben. Mit den so eben verklungenen einfachen Tonen eines alten oft gehorten Liedes hatte Gabriele eine Welt von Schmerz und Sehnsucht in seinem Busen aufgeregt. Die Melodie des Liedes war eine von jenen, welche wie Tone aus der Heimath in uns wiederklingen und den Worten so fest sich anschliessen, dass es unmoglich wird jene ohne diese oder diese ohne jene zu denken. Hier ist das Lied:

Noch einmal muss ich vor Dir stehn,

Noch einmal in Dein Auge sehn

So lieb und klar;

Die Hand, so fest und wahr,

Noch einmal fassen inniglich

Die liebe Hand und Dich und Dich!

Drum wenn ich nur erst bei Dir war',

Dann war' schon alles recht,

Und wenn ich nur erst bei Dir war',

Wie's Gott dann schicken mocht'!

Ich muss Dir sagen noch einmal

All' meine Freud', all' meine Qual;

Du kennst sie beid',

Mein Gluck und auch mein Leid,

Doch ich muss sagen Dir auf's neu

All' meiner Seele Lieb' und Treu!

Drum wenn ich nur erst bei Dir war',

Dann war' schon alles recht,

Und wenn ich nur erst bei Dir war',

Wie's Gott dann schicken mocht'!

Muss horen noch ein einzigmal

Den sussen vollen Glockenschall

Von deiner Stimm',

Denn, ging's mir noch so schlimm,

Wenn sie von deinen Lippen weht

Wird meine Klage still Gebet.

Drum wenn ich nur erst bei Dir war',

Dann war' schon alles recht,

Und wenn ich nur erst bei Dir war',

Wie's Gott dann schicken mocht'!

Will rufen all' mein schmerzlich Gluck

Mir noch ein einzigmal zuruck;

Will lauschen sacht':

Wie du an mich gedacht?

Noch einmal muss auf Erden mein,

Nur einmal noch der Himmel seyn.

Drum wenn ich nur erst bei Dir war',

Dann war' schon alles recht,

Und wenn ich nur erst bei Dir war',

Wie's Gott dann schicken mocht'!

Diesen Worten, diesen Tonen hatte Adelbert unzahligemal im innigsten Gefuhl seines Glucks an Augustens Seite zugehorcht, wenn Gabriele, wie eben jetzt, mit ihrer sussen ruhrenden Stimme sie sang; und nun erfullten sie das Gemuth des einsam Verirrten mit einer unendlichen Sehnsucht nach dem hauslichen glucklichen Heerd. Dabei ward ihm, als trennten weite Meere, unuberwindliche Klufte ihn von den Seinen, als werde er nimmer und nimmer sie wiedersehn. Allmahlig versank er so in immer trostlosere Wehmuth und beachtete weder das Spiel der Markise noch alles was ihn umgab. Ein leises Oeffnen der Thure bewog ihn endlich mechanisch die Augen zu erheben und zu seinem unsaglichen Schrecken erblickte er dicht vor sich die ehrwurdige Gestalt seines, viele Meilen weit entfernt geglaubten Oheims, des Generals Lichtenfels. Blitzschnell fuhr Adelbert bei dem unerwarteten Anblick in die Hohe, er wollte ihn begrussen, aber die Stimme versagte ihm den Dienst; bleich, wie entgeistert, blieb er auf seinem Platze regungslos stehen, den stieren Blick auf den eben Eingetretenen geheftet, der ihn indessen eben so wenig bemerkte, als er selbst von der ganz der Musik zugewendeten Gesellschaft bemerkt ward.

Leise auftretend, durchschritt der General das Zimmer der Lange nach, bis er dicht vor der Markise still stand, nur durch die Harfe von ihr geschieden. Mit immer zorniger werdendem Ernste betrachtete er sie, jede Sekunde uberzeugte ihn immer fester, sie sey wirklich die, fur welche er sie im ersten Augenblicke erkannt hatte, bis endlich eine Pause in der Musik entstand. Die Markise, welche bis dahin ihr Harfenspiel ganz unbefangen fortgesetzt hatte, wendete sich jetzt gegen ihre Zuhorer, um in ihren Augen die dankbarste Bewunderung zu lesen, und ihr erster Blick fiel auf die hohe, drohende Gestalt, die, ganz nahe vor ihr, uber die Harfe weg, sie anstarrte. Gelahmt vom Schrecken bei der unerwarteten Erscheinung, die auch sie nur zu wohl wieder erkannte, fuhlte sie dennoch die dringende Nothwendigkeit, hier ruhig und besonnen zu bleiben. Sogar ein Gedanke der Moglichkeit, unerkannt durchzuschlupfen, fuhr ihr durch den Kopf, wenn sie Fassung genug behielt, ferner fur eine Franzosin zu gelten, deren grosse Aehnlichkeit mit der ehemaligen Braut seines Neffen den General verwirre. Aber ein Seitenblick auf Adelbert, der wie vernichtet da stand, brach ihr den Muth, und als nun vollends der General die wohlbekannte Stimme donnernd erhob, sank sie erbleichend auf dem Divan zuruck, und vermochte es kaum noch, auf ihrem Sitz sich aufrecht zu erhalten.

Erzurnt, tief emport, vom Augenblick hingerissen, vergass der General alle ihm sonst eigne Milde und Schonung und begann eine laute lange Strafpredigt. Der ganze Zusammenhang von Adelberts Verirrung war ihm klar geworden wie der Tag, so wie er in der Markise Herminien wieder fand, und er uberstromte die ihm jetzt zwiefach strafbar Erscheinende mit Fragen, mit Vorwurfen, mit Anklagen, welche den dabei Gegenwartigen ihre fruheren und jetzigen Verhaltnisse in dem allerungunstigsten Licht offenbaren mussten. Die duldende Verlegenheit der Markise galt bei Allen fur das vollkommenste Eingestehen jeder Beschuldigung, besonders da sie in der Angst der fruheren Verstellung vergass, und plotzlich in sehr reinem gelaufigem Deutsch ihren Widersacher zu besanftigen und manche Anklage von sich abzuwenden suchte. Die Scene ward immer verwirrender und Gabriele, die, wenn sie gleich auf diese Art es nicht gewollt hatte, sich doch bewusst war, sie veranlasst zu haben, gerieth in immer druckendere Verlegenheit. Denn jetzt erhob sich auch die Grafin, um die Angeklagte vollends zu zerschmettern.

Mit richtendem Ernst, stolz und hoch wie eine Konigin, betrachtete sie sie einige Sekunden, dann wandte sie sich an Gabrielen mit der laut ausgesprochnen Bitte, ihr zu verzeihen, dass sie, auf beispiellose Art getauscht, sich durch ihre gewohnte arglose Gefalligkeit habe verleiten lassen, eine Dame bei ihr einzufuhren, mit deren Verhaltnissen sie, wie sie jetzt gewahr werde, dazu nicht bekannt genug gewesen sey. Mit einer verbeugenden Bewegung, welche die nehmliche Bitte auch den ubrigen Anwesenden wiederholte, verliess sie alsdann das Zimmer, nur begrusste sie noch vorher die Markise mit einem nachlassig vornehmen: Madame! J'ai l'honneur de Vous saluer und umarmte nochmals ihre verlegen dastehende Nichte.

Auch Adelbert hatte sich fruher, ohne bemerkt zu werden, entfernt.

Jedes Bestreben, dem General Einhalt zu thun, war vergeblich. Mitleidig versuchte es endlich Gabriele, der Markise wenigstens den Weg zur Flucht zu bahnen, aber dieser war nicht zu helfen, sie sass regungslos auf dem Divan, von der einen Seite durch die grosse Harfe eingeengt, von der andern durch den General, der sich selbst immer zorniger sprach, und seinen Anschuldigungen immer schonungslosere Worte gab. Hippolit hatte indessen sich lange fruchtlos bemuht, die bei diesem widerwartigen Vorgange nicht personlich interessirten Zuschauer zum Weggehen zu bewegen, alle bildeten aber einen neugierigen Kreis und niemand hatte die mindeste Lust zu wanken oder zu weichen. Doch jetzt, da die Grafin das Beispiel gab, konnte man sich nicht mehr anstandig weigern, ihr zu folgen. Die Gesellschaft brach also mit ihr auf, und Hippolit ergriff nun das einzige Mittel, das ihm ubrig blieb, um diese unangenehme Scene ganzlich zu beenden. Er nahte sich der Markise, schob die schwere Harfe bei Seite, und unerachtet der General, den er nicht kannte, noch immer fort sprach, bot er ihr den Arm, um sie an ihren Wagen zu geleiten. Doch es schien als ob das Regen der Gesellschaft um sie her, sie plotzlich aus ihrer Bewusstlosigkeit erwecke; sie stand auf, wiess mit einer verachtenden Bewegung Hippolits dargebotnen Arm von sich, und wandte sich dann gegen den General, der nun seiner Seits auch uber das Unerwartete wie verwundert verstummte.

"Ihr Alter, Herr General! giebt Ihnen das Privilegium, unartig zu seyn, daher verzeihe ich Ihnen," sprach Herminia sehr vernehmlich. "Ob Sie aber Ihr heutiges Betragen sich selbst und denen, welche Sie dazu aufreizten, werden verzeihen konnen, das mogen Sie bei kalterem Blute selbst entscheiden. Morgen, wenn Sie das Fieber verschlafen haben, in welches die Ermudung der Reise Sie versetzt hat, werden bei hellerem Bewusstseyn Ihnen vielleicht die Grunde klar werden, welche diese Dame und diesen Herrn veranlasst haben konnen, Sie zu einer Scene zu verschreiben, deren Herbeifuhrung freilich den Forschungsgeist und das savoir faire derselben in der skandalosen Kronick der Stadt ruhmlichst verewigen muss." Mit einem hohnischen Lacheln verbeugte sie sich bei diesen Worten gegen Hippolit und Gabrielen und verliess dann das Zimmer. Hippolit folgte ihr dennoch, um sie sicher bis an den Wagen zu geleiten, wahrend Gabriele beim General blieb, der zornbleich und von der heftigen Gemuthsbewegung erschopft in einen Armsessel gesunken war, aus dem er aber mit dem Ausdruck eines schreckhaften Sichbesinnens bald wieder auffuhr.

"Auguste!" rief er, "Auguste! Dass ich diese vergessen konnte! Aber wie war es moglich, ein solches Zusammentreffen vorauszusehen? Wir meinten es gut, Frau von Willnangen und ich; ungern mochte ich Adelberten vor Beendigung seines Geschaftes von hier abrufen. Augustens Wiedersehen, so hofften wir, sollte schnell die Fesseln der Buhlerin losen. Wer konnte die Moglichkeit denken, in der Markise d'Aubincourt Herminien zu finden?!"

"Um Gotteswillen, wo ist Auguste?" rief Gabriele.

"Die Arme," erwiderte der General, der noch immer seine gewohnliche Fassung nicht wieder gewonnen hatte; "die Arme! Sie weiss von nichts. Auf mein Bitten begleitete sie mich, Adelberten, wie sie glaubt, zu seinem heutigen Geburtstage durch ihre Gegenwart freudig zu uberraschen. Wir vernahmen beim Aussteigen aus dem Wagen, hier sey Konzert, Gott weiss, ich ahnete nichts von der Scene, die nun erfolgt ist. Ich glaubte nicht die Markise in dieser Gesellschaft zu finden. Gut nur, dass Auguste sich nicht in Reisekleidern zeigen mochte."

"Wo ist sie? wo ist sie?" fragte Gabriele noch angstlicher und zog hastig die Klingelschnur, um Annetten herbei zu rufen.

"In Adelberts Zimmer," erwiderte der General, "sie wollte eiligst sich umkleiden."

Pfeilschnell flog jetzt Gabriele, die Freundin aufzusuchen, der General folgte ihr; unten von der Treppe herauf horten sie unterweges Hippolits und Adelberts Stimmen, wie im heftigen Wortwechsel ertonen und auch der Markise Stimme ward vernehmbar.

Zu jeder andern Zeit wurde diess alles Gabrielen sehr beunruhigt haben, jetzt achtete sie kaum darauf und dachte nur an Augusten. Sie fand sie wirklich in Adelberts Zimmer allein, zwar mit allem Geschehenen unbekannt, aber doch zitternd vor einem namenlosen Ungluck, das ihr um so furchtbarer erschien, je weniger sie im Stande war, ihm eine Gestaltung zu geben.

Adelbert war vor einigen Minuten heftig bewegt und, wie sie meinte, freudig uber ihren unvermutheten Besuch in das Zimmer gesturzt. Mit offnen Armen war sie ihm entgegen getreten, er aber hatte mit vorgestreckten Handen sie von sich abgewehrt, hatte furchtbar sie angestarrt und war dann davon geflohen wie ein Verzweifelnder. Auguste war ihm gefolgt, aber er in dem ihr fremden Hause schnell ihr aus dem Gesicht geschwunden. Mit Muhe hatte sie sich in das Zimmer zuruck gefunden, und dann versucht sich zu erholen, um Gabrielen aufsuchen zu konnen, als diese mit dem General zu ihr eintrat. Gabriele kannte das zutrauensvolle Gemuth ihrer Freundin, sie wusste, dass diese liebende, neidlose Brust keinen Funken Eifersucht verbarg, und blickte mit um so herzlicherem Mitgefuhl auf die Arme, die nur vor einem ihr unbekannten aussern Ungluck zitterte, welches ihren Adelbert betroffen zu haben schien, wahrend sie gar nicht daran dachte, dass sie anders als in ihm beklagenswerth seyn konne. Gabrielens erste Sorge war, Augusten unter einem Vorwande aus dem Zimmer zu entfernen, in welchem Adelbert selbst jeden Augenblick uberraschend eintreten konnte. Dann suchte sie die schwere Aufgabe zu losen, Augusten so schonend als moglich mit Adelberts und Herminiens zufalligem Zusammentreffen und dessen Folgen bekannt zu machen. Die Natur hatte Augusten mit Lebensmuth und mit heiterem, alles ebnendem Sinn, diesen zum Gluck des Lebens nothwendigsten Gaben, reichlich ausgestattet und so ware es der sorgenden Freundschaft wohl gelungen, die Bitterkeit des Kelches wenigstens zu mildern, den sie nicht mehr an ihr voruber fuhren durfte, doch Moritzens unseliger Unbedacht vereitelte ihr Bemuhen.

Unbekannt mit allem fruher Vorgefallnen, kehrte er von einem spaten Mannerdiner zuruck und gewahrte mit grosser Verwunderung den ungewohnt zeitigen Aufbruch der bei Gabrielen versammlet gewesenen Gesellschaft, deren Wagen sich eben von seinem Hause aus in alle vier Winde verstreuten. Mit noch grosserem Erstaunen fand er in der Vorhalle die Markise, Adelbert und Hippoliten in heftigem Wortwechsel begriffen. Ohne dessen Entstehen zu kennen, bemuhte er sich, ihn zu schlichten, und sturzte, da dieses misslang, ganz verstort in Gabrielens Zimmer, ohne die Anwesenheit des Generals und Augustens zu bemerken.

"Sono ammazato! sie sind todt oder vielmehr so gut als todt, alle beide! Sie schlagen sich mit Tagesanbruch auf Pistolen, der Rittmeister und Hippolit," rief er aus, und lief wie ein Verruckter im Zimmer umher. Vergebens bemuhten sich der General und Gabriele ihn zum Schweigen oder zu einer bestimmten Erzahlung des Vorganges, den er andeutete, zu bewegen; er fuhr nach seiner unverstandigen Weise fort, die bangsten Befurchtungen zu erregen, ohne sich deutlicher erklaren zu wollen, bis Auguste, freilich bebend und bleich, sich erhob und des Generals Arm ergriff.

"Kommen Sie, Vater!" sprach sie, "zu ihm fuhren Sie mich!"

"Bravissimo!" rief plotzlich sehr freudig Moritz von Aarheim, "das ist ein herrlicher Einfall, mein Wagen steht zum Gluck noch angespannt und ich selbst will Sie zur Frau Markise begleiten. Dort ist er, die gute Dame zog ihn beinahe gewaltsam mit in ihren Wagen, gewiss halt sie ihn bei sich fest, to keep him out of harms way."

"Er folgte Herminien?" rief wie ausser sich der General, und wuthender als je flammte sein Zorn auf. "Ja ich nehme Ihren Wagen, ich will den Ehrlosen bei der Ehrlosen finden!"

Auguste sank an Gabrielens Busen. "Herminia! Und du verschwiegst es mir?" sprach sie leise und fiel dann, nicht ohnmachtig, aber wie zerbrochen an allen Gliedern, auf den Sopha zuruck.

"What shall we do, what shall we do?" wimmerte Moritz in einem fort, nach seiner gewohnten Art in jeder Angst. Der General war indessen zum Zimmer hinausgesturmt, eben rollte der Wagen fort, in welchem er zur Markise fuhr. Moritz kam glucklicher Weise auf den Gedanken, sich ebenfalls aufzumachen, um seinerseits den Grafen Hippolit aufzusuchen, und so erhielt Gabriele endlich eine ruhige Stunde, um mit der innigsten Liebe Augustens Sorge und Schmerz zu beschwichtigen.

Die Zeit verging im truben Gesprache, es ward Mitternacht, schlaflos horchten die Freundinnen auf jeden, durch die immer einsamer werdenden Strassen hinrollenden Wagen, unzahlige mal musste die treue Annette hinaus auf den Balkon, um nachzusehen ob niemand kame? Vergebens. Draussen blieb alles ruhig, und in ihnen ward es immer trostloser und banger.

Schonend, um ihn trauernd, ihn vertretend, wie nur der Schutzengel seines Lebens vor dem ewigen Richter es konnte, hatte indessen Gabriele versucht, Adelberts Verirrung zu entschuldigen, und Hoffnungen einer glucklichern Zukunft zu erregen. Sie hatte es mit einem Herzen zu thun, das ohnehin so bereit war zu vergeben, und der Sieg uber die Vergangenheit ward ihr in dieser Hinsicht nicht schwer. Desto banger aber zitterte Auguste den nachsten Morgenstunden entgegen, die sie, Unheil weissagend, den Himmel schon rothen sah. Gabriele war hier weniger besorgt und bemuhte sich eifrig, der Freundin den Glauben beizubringen, den sie selbst so gern festhielt: dass Herr von Aarheim sich geirrt habe und von gar keinem Streit, der einen blutigen Ausgang drohe, die Rede gewesen seyn konne.

Von jeher war sie fern von allen Stadtsagen und aller Anekdotenjagerei geblieben, ihr ganzes Wesen schlug jeden Versuch nieder, sie mit irgend etwas, diesen schmutzigen Quellen Entfliessendem bekannt zu machen. Daher war Hippolits fruheres Verhaltniss zur Markise ihr ein Geheimniss geblieben und sie begriff wirklich nicht, wie und warum Adelbert mit ihm gerade in diesem Momente so heftig an einander hatte gerathen sollen. Die beleidigenden Worte, mit welchen die Markise das Zimmer verliess, hatte sie als Ausbruche ohnmachtiger Wuth zu wenig geachtet, um sich die Muhe zu geben, sie verstehen zu wollen. Doch wahrend sie auf diese Weise ihre zitternde Freundin zu beruhigen suchte, erhob plotzlich Annette ihre Stimme aus dem dunkeln Winkel, in welchem sie neben Augustens Ruhebette sass, und gab beiden Frauen eine Gewissheit, welche diese so gern entbehrt hatten.

Das treue Madchen war der Liebling ihrer Herrin geblieben und hatte als solcher so manches kleines Vorrecht; unter andern das, an Konzertabenden in einem Nebenzimmer der Musik lauschen zu durfen. Auch an diesem Abende hatte sie diese Erlaubniss benutzt. Aengstlich uber die ihr so ganz ungewohnte Scene, welche die Freuden desselben unterbrach, wollte sie die grosse Treppe hinab, der unerwartet schnelle Aufbruch der Gesellschaft hielt sie auf, und so kam sie in der Vorhalle des Hauses an, als eben der Zwist zwischen Hippolit und Adelberten begann.

"Liebe gnadige Frauen!" sprach Annette, "es schmerzt mich in der Seele, Ihnen Ihren Trost zu benehmen, aber Wahrheit bleibt doch immer das Beste, und so denke ich, muss ich sie Ihnen gestehen, da ich sie weiss. Die beiden gnadigen Herren sind freilich leider in gefahrlichem Zwist gerathen."

Gabriele erschrack nicht weniger uber dieses Gestandniss, als uber Augustens Gegenwart dabei und suchte, so viel sie unbemerkt es konnte, Annetten zum Schweigen zu bringen, aber vergebens. Ein unglucklicher Stern schien heute uber diesem Hause aufgegangen, der jede Schonung vernichtete, und Auguste drang mit so heftigen, ungeduldigen Fragen in das Madchen, dass Gabrielen nichts ubrig blieb, als sie gewahren zu lassen.

"Die Frau Markise," erzahlte Annette, "ging eben ganz hochtrabend durch die Halle und der junge Herr Graf hinter ihr drein; sie sah sich aber gar nicht nach ihm um, sondern nur immer mit steifem Nacken gerade aus, als der Herr Rittmeister neben mir die Treppe hinabsturmte. Er war so todtenbleich und so zerstort, dass ich ohne die Uniform gar nicht gewusst hatte, er sey es. So wollte er neben der Frau Markise zur Thure hinaus, aber sie hielt ihn am Arme fest, trat dicht vor ihm und sah ihm starr und fest in die Augen. Da ward er immer bleicher, und zitterte so, und sah aus wie an dem Abende, als er aus der ersten Gesellschaft bei der Frau Grafin kam. Die Frau Markise sprach franzosisch zu ihm, und weinte dabei, und lehnte den Kopf an seine Schulter vor allen Bedienten! Ich glaubte es nicht, wenn ich es nicht gesehen hatte."

"Und er? und er?" fragte angstlich leise Auguste.

"Nun der Herr Rittmeister stand da und regte sich nicht," war die Antwort; "er trat sogar ein kleines bischen zuruck, wie mir dunkt, aber es half ihm nichts. Die bose Dame, Gott verzeih es mir, aber das ist sie, fasste ihn und drehte ihn plotzlich gegen den jungen Herrn Grafen. Danken Sie diesem Herrn, sprach sie auf einmal auf deutsch, dass er zur Besserung des unartigen Knaben den Herrn Onkel kommen liess, und dann gehen Sie herauf, bitten Sie ab, kussen Sie die Hand die Sie straft, man wird Ihnen am Ende vergeben und Sie werden auf Ihre Art glucklich seyn. Was aus mir wird, aus meiner gemordeten Ehre, gilt Dir gleich und so auch mir. Ja wahrhaftig, sie hat ihn geduzt, und dann weinte sie und lehnte sich wieder an ihn. Da trat der junge Herr Graf heran, kommen Sie, gnadige Frau, sprach er, Sie geben hier ein Schauspiel, dessen Sie morgen sich schamen werden, und so nahm er ihren Arm und wollte sie an den Wagen fuhren, aber sie riss sich los. Soll ich vor Ihren Augen um Ihrerwillen mich misshandeln lassen? rief sie dem Herrn Rittmeister zu. Soll ich den Befehlen dieses Menschen gehorchen, durch dessen Kunste ich morgen das Mahrchen der Stadt seyn werde? und Sie, um den alles dieses geschieht, sehen gelassen zu? Da ward der Herr Rittmeister so feuerroth als er vorher bleich gewesen war; auch Graf Hippolit ward heftig, und unser gnadiger Herr, der eben zur Thure hereintrat, sprach auch darein und wollte sie besanftigen, auf spanisch und italienisch, aber es wollte alles nichts helfen. Der Streit ward immer heftiger und mir wurde so angst dabei, dass ich zuletzt auch nicht mehr vernahm, was sie auf deutsch zu einander sagten, bis der junge Herr Graf endlich gelassener wurde und sich verstandlich machen konnte. Herr Rittmeister, sagte er, lassen Sie uns eine Scene enden, die schon zu lange gewahrt hat und hier doch nicht entschieden werden kann. Morgen bin ich zu jeder Erlauterung bereit. Gut dann, morgen, erwiderte der Rittmeister, und trat ganz nah zu ihm heran und flusterte ihm etwas ins Ohr, worauf der Herr Graf eine bejahende Verbeugung machte, als wolle er sagen, ich bins zufrieden, und dann fortging. Die Frau Markise that nun ganz ohnmachtig und der Herr Rittmeister musste sie begleiten, damit sie nicht allein im Wagen ware. So wurde dann Ruhe, aber gewiss, es war nur zu deutlich zu sehen, die beiden Herren haben so leise nichts gutes mit einander abgemacht."

"Komm" rief Auguste mit erzwungner Ruhe, "jetzt muss ich zu ihm und ware er auch bei ihr, ich muss ihn sehen. Ihr Auge flammte, ihre Bewegungen waren fieberhaft und Gabriele kampfte der Ausfuhrung dieses Gedankens mit aller Macht entgegen. Sie stellte ihr vor, wie misslich und zweckwidrig jedes Einmischen der Frauen bei Mannerstreitigkeiten in der Regel auszufallen pflege, aber sie hatte schwerlich gesiegt, wenn nicht das Rollen eines Wagens in den Hof hinein, Augusten wenigstens fur den Augenblick zuruckgehalten hatte.

Es war der General, der so ganz mit dem Ausdrukke einer guten Botschaft zu den Frauen hineintrat, dass sie alles geschlichtet und jede Besorgniss fur uberwunden achten mussten. Doch was den Oheim so freudig machte, war nur die Gewissheit, dass weder Bitten noch Drohen, weder Thranen noch Grunde Adelberten hatten bewegen konnen, die Markise weiter als bis an die Thure ihrer Wohnung zu begleiten. Die Grafin Rosenberg, bei welcher der General, spat wie es war, Zutritt suchte und die freundlichste Aufnahme fand, hatte als Augenzeugin ihn dessen versichert, uberdem war sein Zorn gegen Adelberten durch diese Dame um vieles gemildert worden. Mit ihrer gewohnten Klugheit hatte sie dem Oheim alle Kunste und Lockungen auf das lebhafteste geschildert, mit welcher Herminia fast unwiderstehlich den Arglosen anzog und festhielt. Die seltne Schonheit der verfuhrerischen Frau, des Neffen fruheres Verhaltniss zu ihr, Augustens Abwesenheit wurde ebenfalls in Anschlag gebracht, und so gelang es ihr, den Oheim halbversohnt mit dem Liebling seines Herzens wieder heimzusenden.

"Die Tante ist eine Frau, vor welcher ich alle Achtung habe," sprach er zu Gabrielen, "Welt und Erfahrung haben sie mild und verstandig gemacht. Sie kennt das Leben, und weiss dass Adams Sohne aus groberem Stoffe geformt wurden als ihr, die ihr doch immer den Engeln naher verwandt seyd als uns, nehmlich, wenn ihr einmal etwas taugt. Die Herminien nehme ich aus, die gehoren zu den gefallenen Engeln, vor welchen jeder gute Christ ein Kreuz schlagt. Getrost liebe Nichte! Jugend ist freilich ein strengerer Richter als das Alter, aber ich hoffe doch, der Sunder Adelbert soll Gnade finden wenn er heimkehrt. Und somit gute Nacht. Der heutige Tag hat der Plage genug gehabt, lasst uns Krafte sammeln fur den morgenden, ehe er uns hier uberrascht."

"Und Adelbert? wo ist er?" fragte Gabriele mitleidsvoll, denn Auguste sass da und vermochte keinen Laut aufzubringen.

"Das weiss ich nicht," erwiderte der General, "wie ich hore hat er weder Freunde noch Bekannte, bei denen man ihn vermuthen konnte, und nachdem ich die Grafin verlassen, bin ich nach allen Gasthofen herumgefahren, ihn zu suchen, ich habe schlaftrunkne Portiers und Hausknechte die Menge ins Verhor genommen, aber niemand wollte von ihm etwas wissen. Und wenn ich ihn auch gefunden hatte, was hatte es geholfen? Liebe Frauen, ich will es zugeben, es mag um die Gesetze unsrer Ehre ein barbarisches Ding seyn, aber sie sind fur's erste nicht zu andern. Uebrigens hat er es, wie ich hore, mit einem braven edlen Gegner zu thun, lasst das euern Trost seyn wie er der meinige ist. An das Leben geht es nicht gleich, und ein kleines Andenken an diese Geschichte kann ihm fur die Zukunft ganz gesund seyn, wenn es nicht zu arg kommt."

Die weichen liebenden Herzen der Frauen konnten dieser Ansicht nicht beipflichten, sie schlugen angstlich und ahnungsvoll in immer wachsender Besorgniss, als auch Moritz bei jetzt ganz hellem Tage heimkehrte.

Der Arme bebte im Fieberfrost und musste sogleich zu Bette gebracht werden. Seine Nachforschungen waren nicht glucklicher gewesen als die des Generals. Vergebens hatte er Hippoliten in dessen Wohnung aufgesucht, vergebens war er von Haus zu Haus gefahren, wo er nur eine Spur von ihm zu finden hoffen konnte. Endlich war er bis an die Sternwarte gekommen, wo eben der Professor der Astronomie, den er kannte, hinaufstieg, um eine beim Aufgang der Sonne sich ereignende Finsterniss zu beobachten. So wie die Vorliebe fur die Astronomie von Moritz gewichen war, hatte er auch solchen Beobachtungen entsagt, aber es kam ihm der grosse Gedanke: so wie der Tag anbrache, mit Hulfe eines Teleskops alle Thore der Stadt zu bewachen, um zu entdecken, nach welcher Seite Hippolit und Adelbert sich wenden wurden, ihr feindseliges Vorhaben auszufuhren; denn er vermuthete mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass sie weder in der Stadt noch bei Nacht ihren Zwist ausfechten konnten. Mit heldenmuthiger Standhaftigkeit begann er auf dem Balkon des Observatoriums seine Beobachtungen der Wege so wie der Tag graute, aber der kalte Morgenthau und die oben herrschende Zugluft griffen ihn nach der durchwachten Nacht und der vorhergegangenen Ermudung so an, dass er bald seinen Plan aufgeben und mit einem bedeutenden Erkaltungsfieber sich nach Hause bringen lassen musste. Gleich einer sorglichen Mutter pflegt die Natur ihre leidenden Kinder gern dem allberuhigenden Schlafe in die Arme zu legen, wenn sie sich ausgeweint haben, und auch Auguste war endlich in den schweren todtahnlichen Schlummer volliger Erschopfung gesunken. Trub und gedankenschwer blickte die neben ihrem Bette wachende Gabriele in den draussen hellleuchtenden Morgen hinaus, als Annette leise die Thure offnete, geheimnissvoll und schweigend ihr winkte, und gleich darauf leicht und unhorbar wie eine Elfe auf den Fussspitzen uber den Teppich hineilte und den Platz neben Augusten einnahm, denn ihre Herrin eben verlassen hatte. Gabriele schwankte, einen Augenblick erschrocken, an der Thure, mit fragendem Blick sah sie das Madchen an, aber an dem angstlichen Klopfen ihres eignen Herzens fuhlte sie die Unmoglichkeit, lautlos die traurige Nachricht zu vernehmen, die sie zu horen befurchten musste, und so eilte sie zitternd und stumm die Treppe hinab.

In ihrem Wohnzimmer fand sie Adelberten. Mit dem Ausdrucke der Verzweiflung sank er vor ihr hin, so wie sie hereintrat und umfasste, tief zur Erde gebeugt, ihre Knie. Sie bebte bei seinem Anblick unwillkuhrlich zuruck, eine Ahnung, der sie nicht Worte zu geben sich getraute, druckte ihr Herz bis zum Stillstehen zusammen; angstlich blickte sie auf den Trostlosen, der noch immer vor ihr lag und hatte kaum Krafte genug, ihn aufstehen zu heissen.

"Hier zu den Fussen des Schutzengels, dessen Trost, dessen Hulfe ich auf ewig entsagen muss, lege ich meinen Abschied von jedem Gluck nieder, von jeder Freude, von mir selbst! Ich gehe, gleichviel wohin, ich suche das Elend, ich finde es uberall fern von Augusten, fern von meinen Kindern," sprach kaum verstandlich Adelbert. Dann sprang er auf, trat einige Schritte von Gabrielen zuruck und rief mit wildem Blick und heftig gerungenen Handen: "Nein! nein! es ist nicht moglich. Ich traume, ich will erwachen, ich muss erwachen! Es ist nicht moglich, dass ich selbst mir meinen eignen Himmel so schnode verschlossen habe. Er war ja mein, er ist es noch, ich will erwachen, ich muss erwachen!"

"Sie sind erwacht. Gottlob Sie sind es," sprach jetzt Gabriele mild und gefasst. "Hoffen Sie, haben Sie Vertrauen zu denen die Sie lieben. Das argste ist doch nicht geschehen?" setzte Sie mit unsichrer Stimme hinzu. "Kein Blut hoffe ich? Hippolit?"

"O hoffen Sie nichts gutes mehr von mir," unterbrach sie Adelbert mit vor dem Gesicht gefalteten Handen.

Grausen ergriff Gabrielen bei diesen Worten; abgewendeten Blicks wankte sie der Thure zu, doch er warf sich, sie aufhaltend, ihr in den Weg.

"Nein, ein Morder bin ich nicht," rief er, "doch ist es nicht mein Verdienst dass ich es nicht bin. Augustens guter Engel bewahrte mich; der meine nicht; der hat auf ewig sich von mir gewendet!"

"So lebt Hippolit? Sie schlugen sich nicht?" fragte Gabriele.

"Sein Blut floss, es floss von meiner Hand, ich Rasender! Aber er lebt, er wird leben," rief Adelbert. "Um Augustens Willen wird er leben."

Lange noch fuhr er fort sich bald zu verdammen, bald sein Geschick anzuklagen, wahrend Gabriele, jetzt selbst beruhigter, sich abmuhte, in dem armen umdunkelten Geiste ihres Freundes einen Strahl trostender Hoffnung zu leiten.

"O bewahren Sie alle Ihre Milde, alle Ihren Trost fur Augusten, mich uberlassen Sie dem Untergange," rief er. "Lieben und Verachten! Bezeichnete ich so nicht einst den hochsten Schmerz? Wie wird Auguste ihn tragen? Muss ich denn wunschen, sie moge mein vergessen?"

Gabrielens sanfte Stimme beschwigtigte indessen doch allmahlig seine wilde Leidenschaftlichkeit. Sein Herz erwarmte, sein altes Vertrauen erwachte vor ihrer holdseligen Anmuth, und so gelangte er bald dahin, ihr alles zu bekennen. Und wer erst dazu gekommen ist, vor einem Zweiten sich laut anklagen zu konnen, der beginnt im nehmlichen Moment, halbausgesohnt mit sich selbst, im eignen Herzen sich leise zu entschuldigen. Bittre Beschamung, Reue, unaussprechliche Sehnsucht nach seinem ehemaligen glucklichen Leben hatten ihn aus dem Salon hinaus ins Freie getrieben; bekannte Stimmen, welche auf der Strasse ihm entgegen kamen, bewogen ihn wieder umzukehren, und die stillere Einsamkeit seines abgelegenen Zimmers aufzusuchen. Dort uberraschte ihn geisterhaft Augustens nicht geahnete Gegenwart; mit seinem ganzen Daseyn, sogar mit seinen Sinnen zerfallen, wusste er nicht zu unterscheiden: ob die beschamende Wirklichkeit ihn quale, oder ob Scheinbilder, durch innres Bewusstseyn ins Daseyn gerufen, ihn irrten? Er floh halb wahnsinnig, mit der Hast des wildesten Entsetzens die Treppe wieder hinab, und am Fusse derselben empfingen ihn Herminiens ungebandigter Zorn, ihre schonungslosen Vorwurfe. Ach! er glaubte in jenem Augenblick diese alle zu verdienen, denn sein Herz lag wie Eis in der wild-bewegten Brust; die Tauschung der Sinne war geschwunden und er fuhlte sich zwiefach meineidig, gegen sie wie gegen Augusten. Er hatte die ganze Welt, am liebsten sich selbst in diesem Moment vernichten mogen, in welchem mitten durch den Sturm seines Gemuths noch der zitternde Klagelaut bebte, mit dem Augustens Erscheinung ihm entschwunden war. Hippolits besonnene Klarheit, die sichere Ruhe, mit welcher dieser die schleunige Entfernung der Markise als das zunachst Nothwendigste betrieb, erbitterten den Aufgebrachten noch mehr. In seiner leidenschaftlichen Verworrenheit war ihm alles willkommen, was sich ihm bot, um seiner innern Verzweifelung in verzweiflendem Thun Luft zu machen. Und so ergriff er mit Freuden die jedes Missverstehn ausgleichen sollenden Worte Hippolits als eine formliche Ausforderung, die ihm Gelegenheit geben konnte, alle Schuld gegen Herminien wie gegen Augusten mit Blut zu suhnen.

Im Wagen neben Herminien befiel ihn ein unaussprechliches Grauen vor ihr wie vor dem Damon seines Lebens; vergebens sprach sie ihm zu; er horte ihre Stimme, ohne ihre Worte zu vernehmen, floh, von einem dumpfen Instinkt geleitet, und liess sich nicht halten, so wie sie die Thure ihres Hauses erreicht hatten. Gequalt vom angstlichen Bewusstseyn verdienter Verlassenheit, in wilder Hoffnung auf den folgenden Morgen, irrte er nun heimathlos die ganze Nacht hindurch im Freien umher und strebte nur Hippolits Bild als das eines Feindes festzuhalten. Gleich zerstort von innen und aussen, mit jenem Trotz, welcher das innere Bewusstseyn eines Unrechts, das man nicht anzuerkennen fest entschlossen ist, allemal begleitet, betrat er zur bestimmten Stunde um funf Uhr des Morgens das Zimmer Hippolits, der ruhig und heiter dem Erwarteten entgegen kam.

Ganz anders als der arme Adelbert, hatte dieser die Nacht zugebracht. Zwar war auch sein Blut bei der gestrigen Scene in Wallung gerathen und er hatte deshalb, vom Zorn uberwaltigt, nicht widersprochen, da sein Erbieten zu jeder Erlauterung ganz anders aufgenommen wurde, als er es eigentlich gemeint hatte; doch in der ruhigen Einsamkeit seines Kabinetts ward er bald Herr seines leicht aufbrausenden Sinnes. Der punktliche Gehorsam seines Kammerdieners hatte diese Einsamkeit gegen jeden Angriff, besonders gegen Moritzens Nachfragen zu sichern gewusst und so war Hippolit ungestort im ernsten Kampfe mit sich selbst, fahig geworden, dem feindselig zu ihm Eintretenden freundlich-ernst die Hand entgegen zu reichen.

Adelbert stutzte einen Augenblick bei diesem unerwarteten Empfang, dennoch war er weit von dem Gedanken entfernt, die dargebotne Hand zu ergreifen, die er mit erzwungner Kalte, doch nicht auf beleidigende Art ablehnte.

"Herr Graf!" sprach er, so ruhig als es ihm moglich war, "haben Sie die Gute auch fur mich ein Pferd sattlen zu lassen, denn Sie begreifen wohl, dass ich jetzt das meinige nicht aus Herrn von Aarheims Stall holen lassen kann.

"Alle meine Pferde stehen zu Ihrem Befehl, Sie sollen die Wahl haben, es sind schone Thiere darunter, die Ihnen gewiss gefallen werden;" war Hippolits sehr hofliche Antwort. "Doch ware es nicht besser, den schonen Morgen erst nach der Erlauterung zu geniessen, zu welcher ich gestern mich erbot?"

"Ihr kalter Hohn soll mich nicht aus der Fassung bringen," rief jetzt Adelbert beinahe schaumend vor Wuth. "Kommen Sie dann zu Fuss wenn Sie Ihre Pferde schonen wollen, doch ohne Saumen bitte ich, mich verlangt nach Ihrer sogenannten Erlauterung; mit der schonen Natur halten Sie es spaterhin nach Belieben."

In Hippolits Angesicht flammte bei diesen Worten die gluhende Rothe des Zorns auf, doch gelang es ihm schnell, die vorige Fassung wieder zu gewinnen. "Eben deshalb, weil auch ich keine Zeit zu verlieren wunsche, bitte ich, den Ritt bis nach der Erlauterung, die ich Ihnen versprach, zu verschieben," erwiderte er gelassen. "Nirgend kann ich bequemer sie Ihnen geben als hier."

"Hier?" rief Adelbert, mit wildem zornigem Lachen, "nun meinetwegen auch. Das Zimmer geht nach dem Hofe zu, in dem engen Raume kommen wir vielleicht um so eher zum Zweck. Nun es sey, auch hier. Wo sind Ihre Pistolen? Ich habe keine mitgebracht, mein rechter Arm vermag zwar nicht mehr, den Sabel zu fuhren, mit dem linken aber nehm ich es im Schiessen mit jedem auf."

"Hier sind zwei Paar Pistolen, sie sind alle geladen," sprach Hippolit, indem er sie auf den Tisch legte, dann ging er zur Thure, schloss ab und steckte den Schlussel zu sich. "Sie sehen meine Bereitwilligkeit, alle Ihre Forderungen zu erfullen, Herr Rittmeister! nur eine muss ich bestimmt Ihnen versagen, ich schiesse nicht auf Sie, Sie horen mich denn zuvor an. Dann thun Sie, was Ihnen recht deucht. Lassen Sie mich vollenden was ich zu sagen habe," rief er mit erhobener Stimme, da Adelbert heftig gegen ihn anfuhr, "nur wenige Augenblicke erbitte ich mir, dann konnen Sie, ich wiederhole es, thun was Sie wollen. Einer Dame zu Gefallen wie die Markise d'Aubincourt ist, schlagen sich Manner wie wir beide nicht; dass dem so sey, liegt in der Erlauterung, die ich Ihnen versprach, klar zu Tage. Und sollten wir uns schlagen, um unsre Tapferkeit zu beweisen? Ihre ehrenwerthen Narben, Herr Rittmeister, uberheben Sie dieser Muhe, und obgleich ich leider keine ahnlichen aufzuweisen habe, so verkundet das Gerucht doch zu viel solcher Heldenthaten von mir, wie die ist, zu der Sie mich jetzt auffordern, als dass ich furchten musste, in der Welt fur feig zu gelten, weil ich erklare, mich diessmal nicht schlagen zu wollen."

"Genug, genug der Worte," unterbrach ihn Adelbert. "Die Zeit entflieht und meine Geduld mit ihr. Haben Sie mich gestern gefordert, warum wollen Sie mir heute nicht Rede stehen? Und war Ihr Versprechen einer Erlauterung keine Ausforderung, nun so fordere ich Sie jetzt, weil Sie es wagen, eine Dame zu lastern, die zu schutzen mir, besonders seit dem gestrigen Abend, Pflicht ist. Ihnen gehort jetzt der erste Schuss, ich bin bereit, wahlen Sie, hier sind die Pistolen."

"Nicht eher," rief Hippolit, "bis Sie den Inhalt des Taschenbuchs untersucht haben, welches dort neben den Pistolen liegt; es enthalt die versprochnen Erlauterungen. Und auch dann, ich will Sie nicht betrugen, ich bleibe auf jeden Fall meiner ersten Erklarung treu, ich schiesse nicht auf Sie, ich habe Grunde, es nicht zu thun."

Mit immer steigender, rasender Wuth drang nun Adelbert auf ihn ein, ohne auf ihn zu horen, und wollte ihm ein Pistol aufzwingen, doch Hippolit wehrte ihn ab, indem er bei seiner Erklarung blieb.

"Thun Sie, was Sie wollen," sprach er endlich, "bleiben Sie meinetwegen dabei, wenn Sie es fur Recht halten, meine gestrigen Worte als eine Forderung zu nehmen, der Glaube, es sey so, brachte Sie ja hieher, und ich stelle mich Ihnen, schiessen Sie. Nur geben Sie mir Ihr Ehrenwort, das Zimmer nicht zu verlassen, ehe Sie jenes Taschenbuch untersucht haben, und dann geloben Sie mir, den Inhalt desselben vor jedermann auf ewig zu verschweigen. Gewahren Sie mir das."

Adelbert, vor Zorn bewusstlos, spannte das Pistol. Hippolit stand ihm gegenuber in aufrechter Stellung am Fenster, wahrend Jener der Thure zuflog. Sein Mund sprach unverstandliche Worte, sein Herz klopfte, horbar bewegt vom wildkochenden Blute, Feuerflammen tanzten vor seinen Augen. "Sie wollen es! Sie wollen es!" schrie er, wie einer, der nicht weiss, dass er spricht, und ohne zu zielen druckte er ab.

Hippolit wankte erbleichend, und sank dann in einem neben ihm stehenden Sessel. "Sie halten Ihr durch die That abgelegtes Versprechen, Sie konnen nicht eher hinaus, ich habe den Schlussel und Sie werden keinen Wehrlosen berauben wollen," sprach er mit leiser Stimme, und hob den linken Arm gegen den Tisch, der rechte, uberquellend von Blut, hing bewegungslos herab.

Adelbert stand da wie ein Starrsuchtiger. Fast noch bleicher als der blutende Hippolit, staunte er mit dem Ausdruck volligen Unbewusstseyns ihn an, und hielt dabei das ungluckliche Pistol noch immer in drohender Stellung in die Hohe.

"Fassen Sie sich, erfullen Sie, was ich von Ihnen erbat, Sie sehen, ich blute sehr, und mir kann eher keine Hulfe werden," sprach Hippolit.

Adelbert schien zu erwachen. Mit einem unterdruckten Schrei des Entsetzens flog er auf den Verwundeten zu.

"Dorthin, das Taschenbuch," stammelte dieser fast unverstandlich und wies immerfort nach dem Tische hin, "lassen Sie mich nicht verbluten."

In wilder Hast flog jetzt Adelbert an den Tisch, mit zitternden Handen und unstatem Blicke offnete er das Buch, das Bild Herminiens fiel zuerst ihm entgegen, dann einige Portrate junger Manner, unter ihnen sein eignes, das er ihr gab als er die Universitat bezog, auch Briefe quollen den Bildern nach, doch alles flimmerte vor seinen Augen und draussen wurden Hippolits Diener immer lauter vor der verschlossenen Thure, denn der Knall des Pistols hatte sie herbeigezogen.

"Lassen Sie mich offnen," rief endlich bittend

Adelbert, "ich kann nicht lesen in dieser Angst, ich will es, ich gelobe es, ich will eher nichts anders unternehmen, aber lassen Sie mich jetzt offnen." Hippolit willigte ein.

"Ein Spiel, ein dummes Spiel, wir wussten nicht,

dass sie geladen seyen," stammelte er den erschrocken Eindringenden entgegen und sank dann, vom Blutverlust erschopft, ohnmachtig hin.

Sein Kammerdiener, der zum Gluck zugleich

Wundarzt war, begann jetzt die Wunde zu untersuchen und Adelbert erwartete in stummer Angst mit gesenkten Blicken seinen Ausspruch. Die Verletzung war schmerzhaft, bedeutend, doch nicht gefahrlich, die Kugel war in den Oberarm gedrungen, aber nur der starke Blutverlust konnte Besorgniss erregen. Die Schmerzen des ersten Verbandes erweckten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht; ohne reden zu konnen, reichte er Adelberten die linke Hand, zeigte abermals nach dem Tisch, auf welchem das Taschenbuch lag, und schloss dann ermattet die Augen wieder.

Adelbert versuchte zu halten, was er versprochen hatte, er ergriff das Buch, aber die Luft im Zimmer, der Anblick Hippolits, der mit geschlossnen Augen wie ein Todter auf dem Ruhebett lag, beraubten ihn aller Besinnung; in zitternder Hast, ohne eigentlich zu wissen, was er that, raffte er Buch, Gemalde, Briefe, alles zusammen, und floh damit hinaus, zum Zimmer, zum Hause, zur Stadt hinaus. Erst in der lautlosen Einsamkeit eines abgelegnen, um diese Tageszeit ganz unbesuchten Lustwaldchens fand er sich wieder.

Der gestrige Abend, die darauf zum Theil an dieser nehmlichen Stelle durchwachte lange Nacht, und die eben durchlebten wildbewegten Morgenstunden gingen, nach und nach heller werdend, an ihm voruber; ihn hatte alles ein wuster Traum gedunkt, nur das Taschenbuch, gegen welches sein Herz in heftiger Bewegung anschlug, war ihm ein beangstender Zeuge der Wahrheit. Abermals ergriff und offnete er das Buch; eine heisse Thrane entfiel seinem Auge als er sein Jugendbild betrachtete, dessen reine von keiner Leidenschaft entstellten Zuge ihn mit kindlicher Himmelsseligkeit anlachelten. Es war so wenig ihm noch ahnlich, dass Hippolit ihn wahrscheinlich nie darin wieder erkannt hatte.

"Ja so war ich! Auch sie war so!" seufzte er und verhullte die brennenden Augen im thauigen Grase und weinte laut. Er gedachte jener Zeit, da er, fast noch ein Knabe, diess Bild heimlich malen liess; er gedachte der Freude, mit der Herminia es empfing und wie sie gelobte, allen fremden Augen verborgen, es ewig auf ihrem Herzen zu tragen. Endlich ermannte er sich wieder, und begann nun ernstlich, die im Taschenbuch vorgefundnen Briefe zu untersuchen.

Der erste, der ihm in die Hande fiel, war von Herminien an Hippolit. Er hatte das Geschenk sammtlicher Portrate, das von Adelbert mit eingeschlossen, begleitet. Sie wollte, schrieb sie, durch dieses Opfer Hippoliten, dem Einzigen, den sie geliebt habe und lieben konne, jeden Argwohn benehmen, als ob sie noch in irgend einer Art von Verbindung mit einem jener Manner ware, die sie freilich einst, ehe sie Ihn erblickt, zu lieben geglaubt habe. Mit acht franzosischer Leichtigkeit, unubertrefflichem Witz und hinreissender Lebendigkeit gab sie ihm die Schilderung der moralischen Eigenschaften und Eigenheiten der Originale, als Zugabe zu jenen Portraten. Vor allem aber hielt sie sich lange bei der Geschichte ihrer ersten Liebe auf. Ohne ihn zu nennen, malte sie Adelberten, recht ausgelassen muthwillig, zuerst als eine Art von zartlichem Jocrise, im langen Kinderrock, hernach als sentimentalen, invaliden Bramarbas. Auch sich selbst vergass sie nicht, und spottend schilderte sie sich in ihrer damaligen landlichen Naivitat und Einfalt. Sie wusste dabei doch sehr geschickt sich durch manche liebenswurdige Schwache, durch manches reizende Detail interessant zu zeigen, wahrend sie sich das Ansehen gab, sich uber sich selbst lustig machen zu wollen. Versicherungen ihrer unwandelbaren, ewigen Liebe, fast in den nehmlichen zartlichen Worten, in den nehmlichen Wendungen, deren sie unzahligemal auch gegen Adelberten sich bedient hatte; Eifersuchtleien, Klagen, tausend Neckereien fullten viele Seiten der ubrigen Briefe an Hippoliten an. Andre waren von den Originalen jener Portrate, mit denen sie ehemals in zartlichem Verhaltniss gestanden, die sie mit den Bildnissen zugleich Hippoliten uberliefert hatte. Alle waren so viel Beweise eines sehr frivolen, ja man mochte sagen, eines zugellosen Lebens.

Adelbert mochte bald nicht weiter lesen. Das Unwahre in Herminiens Wesen eckelte ihn unbeschreiblich an; die Thorheit des ungeheuern Opfers, welches er dieser Unwurdigen gebracht hatte, fiel mit Zentnerlast ihm aufs Herz. Er fuhlte sich plotzlich von ihr losgerissen, frei auf ewig. Aber das Gefuhl dieser Freiheit glich dem des Gefangenen, der, dem Kerker entlassen, vor der Thure desselben steht, ohne Heimath, ohne Freund, ohne in der ganzen weiten Welt eine menschliche Seele zu wissen, zu der er sagen durfe, nimm mich auf, denn ich gehore dir an. Leidenschaftlich in allem, auch in der Reue, glaubte er im Uebermaass derselben, dass sein Hauch nie wieder mit der reinen Luft sich einen durfe, in der Auguste, in der seine Kinder athmeten. Er beschloss in seiner Verzweiflung, auf immer aus ihrer Nahe sich zu verbannen, nie wieder sollte der Klang seiner Stimme Augustens Ohr verwunden, nie ihr Auge mit Abscheu von seinem Anblicke sich wenden mussen. Doch so ganz ohne Spur zu verschwinden, ohne alles Lebewohl, ohne allen Segen in die Wusten des Lebens hinaus zu gehen, diese Aufgabe ward seinem liebegewohntem Herzen doch zu schwer, und diess Gefuhl hatte ihn mit allen seinen Klagen zu Gabrielens Fussen gefuhrt.

Noch immer bekampfte diese seinen wilden Schmerz, und wandte, wenn gleich fast hoffnungslos, alles an, ihn von dem Vorsatz zur Flucht abzubringen, als der General Lichtenfels zu ihnen hereintrat. Ernst, wenn gleich nicht zurnend, ruhte sein Blick eine stumme Minute lang auf Adelberten, der vor dem Gefurchteten sich gern in den Mittelpunkt der Erde verborgen hatte; dann aber trat ein feuchter Schimmer in das milder werdende Auge des edlen Greises. "Komm!" sprach er, und schloss den beinahe Widerstrebenden fest an seine Brust. "Komm, hier trug ich den Knaben, hier ruhtest Du wundenmatt, nach ehrenvollem Kampf, dem Tode nah. Hier weintest Du im schonen Schmerz um die gesunknen Hoffnungen Deiner Jugend, hier ist auch jetzt noch Dein Platz. Du warst ja immer das Kind meines Herzens; welcher Vater wird sein Kind von sich stossen, weil es fiel? Komm, ich helfe Dir auf, und dann wollen wir beide frisch ans Werk, um zu retten, zu bessern, wieder herzustellen; Gott wird uns helfen."

Vergebens strebte Adelbert in den Armen des Generals sein ubervolles Herz in verstandlichen Worten vor ihm auszuschutten. "Sey ruhig," sprach dieser, "ich weiss alles, Du hast mir nichts zu bekennen. Ich komme von Deinem edlen Gegner, er leidet viel, doch hoffentlich ohne Gefahr. Nur der heftige Blutverlust kann seine Heilung verzogern, die Kugel hat eine Ader zerrissen und er blieb lange ohne Hulfe."

Adelbert versuchte abermals zu reden, doch der General verhinderte es, indem er nochmals versicherte, die Grafin Rosenberg und Hippolit hatten ihm alles erklart. "Ich kenne den ganzen Umfang Deiner Schuld," sprach er, "aber ich weiss auch was sie mildert. Der Graf wollte freilich anfangs auch mir, wie seinen Leuten, aus eurem Duell ein Geheimniss machen,"

"Duell?" unterbrach jetzt Adelbert den General, "Duell nennt er es? meine That ist Mord, meuchelmorderisch uberfiel ich ihn, der wehrlos vor mir stand"

"Lass das," erwiderte der General, "Du wusstest diesen Morgen eben so wenig was Du thatest, als ich gestern Abend wusste was ich that. Zorn und Ueberraschung sind gefahrliche Feinde, die uns, auf das Mildeste genommen, zu wenigstens dummen Streichen verleiten, deren man hernach Zeitlebens sich zu schamen hat. Das haben wir beide erfahren, ich gestern, Du heute. Jetzt stehe ich aber als Abgesandter des Grafen vor Dir, durch mich fordert er zuruck was er Deiner Ehre vertraute, und erinnert Dich nochmals an das heilige Versprechen ewigen Schweigens uber diesen Gegenstand. Ich lese in Deinen und Frau von Aarheims Blicken, dass Du es bei ihr schon jetzt vergessen hast," sprach nach einer kleinen Pause der General, beide mit prufendem Blick betrachtend. "Es ist nicht recht, aber auch diessmal noch mag der Zustand Deines Gemuths Dich entschuldigen. Unsere edle Freundin ist unfahig, ihre Kenntniss eines solchen Geheimnisses zu missbrauchen, darum ubergieb ihr jetzt getrost das Buch, so kommt es am sichersten in die Hande seines Eigenthumers. Gabriele wird gewiss nicht den reinen Blick mit dessen leidigen Inhalt besudeln wollen. Und nun komm, alles ist bereit, wir gehen mit einander auf Reisen. Unsere hollsteinischen Guter entbehren schon lange unsrer Gegenwart, dort wollen wir hin. Es ist gut, dass Du jetzt Augusten noch nicht wieder siehst; eigentlich verdienst Du es auch noch nicht, also ohne Abschied, Gabriele und Deine Kinder werden Dich indessen schon bei ihr vertreten und Deine Fursprecher seyn."

Gabriele versuchte es, hierin dem General einzureden, doch er verhinderte sie daran mit sanfter Gewalt. "Schone, gute Frau!" sprach er, "ich weiss, im Grunde Ihres Herzens billigen Sie mein Vorhaben, warum denn versuchen, gegen Ihre eigne Ueberzeugung mich eines andern uberreden zu wollen? Wir sollten das nie; es kommt davon so vieles Ueble in der Welt, und dennoch lassen sich auch die Besten und Klugsten unter uns nur zu oft von ihrem Gefuhl dazu hinreissen. Von Ihnen aber weiss ich, dass Sie uber diese Schwache erhaben sind, sobald Sie sich nur recht besinnen wollen. Jetzt lege ich Augustens armes, wundes Herz an das Ihrige, und reise in dieser Hinsicht getrost, Sie werden es zu heilen wissen, wenn es geheilt werden kann. Ich komme von ihr, sie schlaft noch. Armes Kind! Korper und Geist sind todt-mude, denn wir sind zwei Nachte hinter einander durchreiset; ich und ihre Liebe liessen ihr keine Rast, und so wollen wir ihr die Erholung gonnen, welche die Natur gutig ihr gewahrt. Morgen bringt eine Staffette Ihnen die erste Nachricht von uns; Auguste wird sich um Adelberts Geschick beruhigen, wenn sie ihn bei mir weiss. Uebrigens reisen wir Tag und Nacht bis wir uber die Granze hinaus sind, denn die Polizei konnte doch wohl Lust bekommen, sich nach dem von ungefahr losgegangnen Pistol zu erkundigen, darum fort, fort, wir haben keine Zeit zu verlieren."

Mit diesen Worten zog er Adelberten sich nach, der wie im bewusstlosen Traume ihm folgte, Gabriele blieb einsam zuruck. Beinahe nicht minder betaubt als er, starrte sie gedankenlos vor sich hin, bis Annette sie mit der Nachricht ins thatige Leben zuruckrief, dass Auguste erwacht sey und sehnlichst nach ihr verlange. In stiller Ergebung betrachtete Auguste ihr Geschick, so wie allmahlig die Hand der Freundschaft den Schleier sorgsam luftete, der so lange nur in verworrner Gestaltung es ihr gezeigt hatte. Dann aber begann sie auch recht innig in ihre landliche Einsamkeit, zu ihrer Mutter, zu ihren Kindern sich zuruck zu sehnen. Sie hatte noch immer manchen harten Kampf mit ihrem Herzen zu bestehen, so fern auch alle Bitterkeit ihr war und blieb. Mit dem Glauben an Adelberts unerschutterliche Liebe, an seine felsenfeste Treue, war ihr auch die Ruhe verloren gegangen, mit der sie bis dahin der sussen Gewohnheit, glucklich zu seyn, sich hingegeben hatte, ohne weder uber ihr Gluck noch uber die Moglichkeit, dass es anders werden konne, nachzudenken. Es konnte noch alles gut werden, das fuhlte sie, das hoffte sie, darum betete sie mit Inbrunst; doch wie konnte es so werden wie es gewesen war? Und diess Gefuhl musste ihr Gemuth mit einer Sehnsucht, einer stillen Trauer erfullen, welche nur der Anblick ihrer Kinder zu mildern vermochte. In ihnen lebte ja noch der Adelbert, den ihr Herz, trotz alles Gegenstrebens ihres Verstandes, dennoch verloren geben musste.

Adelberts Briefe, voll des Ausdrucks der tiefsten Reue, betrubten ihr Gemuth statt es zu trosten. Die gluhende Leidenschaftlichkeit, mit der er Augusten zu einem engelgleichen Wesen erhob, von dem er in tiefer Selbstzerknirschung nur Mitleid erflehte, wahrend er sich ihrer Liebe und ihrer Achtung auf ewig fur unwerth erklarte, konnte ihre Aussicht in die Zukunft nicht erheitern. Nur des Generals Ansicht ihrer und Adelberts Lage, die er in seinen Briefen ihr offen mittheilte, gewahrten ihr einigen Trost. Sein Ermuntern zum Rechten, Vorstellen dessen, was ihr oblag zu dulden und zu vollbringen, stalten ihren Muth. Ihr Blick erheiterte sich, wenn sie las, wie kraftig er Adelberts, durch fruhen Schmerz entnervtes Gemuth aufzurichten strebe, wie er durch Thatigkeit ihn zu zerstreuen und aus seiner jetzigen trostlosen Versunkenheit wieder empor zu richten suche, und wie er alles anwende, um ihm nur wieder zum Vertrauen in sich selbst zu verhelfen.

"Der Zustand unsrer hiesigen, durch unsre jahrelange Abwesenheit sehr verwahrloseten Besitzungen gewahren ein weites, fast unabsehbares Feld zur Arbeit," schrieb ihr der General, "und somit lasse ich unsern Adelbert vor lauter Thatigkeit kaum zu Athem kommen. Morgens, mit Sonnenaufgang, ziehn wir hinaus in Feld und Wald, Abends giebts zu richten und zu schlichten, nachzurechnen, Papiere zu ordnen, bis in die sinkende Nacht. Da mussen die Grillen ihm verschwinden, denn ihm bleibt keine Zeit weder sie zu fangen noch zu pflegen. Muthig, liebe Auguste! lass Du mich nur gewahren, sobald es Zeit ist, bringe ich ihn gesund und geheilt, von innen und aussen, zu Deinen Fussen hin, und Du gute weiche Seele wirst ihn dann wieder an Deinen Busen nehmen, das weiss ich, und furchte nicht Deine Strenge, sondern nur Deine Milde, die mir ihn wieder verderben konnte."

Augusten nach Lichtenfels zu begleiten, ware Gabrielens sehnlichster Wunsch gewesen, als endlich der Tag der Trennung herbeikam; doch Herrn von Aarheims fortdauernde Kranklichkeit erforderte ihre stete Gegenwart. Seit jener auf der Sternwarte thorigt durchwachten Nacht plagten ihn Rheumatism und alle Uebel, welche diesen Unhold in tausendfacher Gestalt zu begleiten pflegen. Gabrielens mitleidige Geduld vermochte es kaum, alle die mannigfaltigen Wunderlichkeiten und Launen zu ertragen, mit denen der gramlichste und unleidlichste aller Kranken, zu jeder Stunde des Tages, zuweilen auch der Nacht, sie qualte. Die Besuche, welche anfangs uber manche lange Schmerzensstunde ihr hinuberhalfen, blieben nach und nach aus, denn sein boser Humor verscheuchte alle, die nicht, wie Gabriele, durch Pflichtgefuhl gebunden, bei ihm ausharren mussten. Hippolit, der Einzige, der die Langeweile von der Moritz sich hauptsachlich geplagt fuhlte, hatte verscheuchen konnen, befand sich selbst noch leidend. Mehrere Wochen waren seit dem Vorgange zwischen ihm und Adelberten vergangen, und noch immer durfte er das Zimmer nicht verlassen. Gabriele hatte noch in keiner Lage ihres Lebens sich so ganz auf sich selbst zuruckgewiesen gefuhlt, selbst nicht am Rhein, wo frische lebendige Thatigkeit ihre tiefe Einsamkeit erheiterte. Sogar die Tante hatte sie verlassen; um der Markise auszuweichen, war sie am Tage nach der KonzertScene nach einem nicht weit entfernten Badeorte gereist, obgleich noch vor der eigentlichen glanzenden Kurzeit. Ein kaltes hofliches Billet hatte einstweilen Herminien deren Antheil an der gemeinschaftlichen Wohnung aufgekundigt, denn diese war nur im Namen der Grafin Rosenberg dem Eigner abgemiethet worden.

Die Markise aber eilte sich eben nicht, von dieser Aufkundigung Notitz zu nehmen, sondern verweilte noch mehrere Wochen als einzige Bewohnerin des Hauses, in anscheinend vollkommner Ruhe. Sie zeigte wahrend dieser Zeit sich weit oftrer als sonst im Theater und bei andern offentlichen Vergnugungen, auch suchte sie auf andre Weise, durch vielfaltig ausgesendete Einladungen zu glanzenden Festen, die offentliche Meinung irre zu leiten, oder auch zu braviren, doch gelang ihr dieses nur bei sehr wenigen Mitgliedern der Gesellschaft. Obendrein gehorten diese wenigen nicht zu denen, deren Beispiel auf die ubrigen Einfluss haben konnte. Nie hatte es so viel Migranen und Katarrhe in der Residenz gegeben, als an den Abenden, wo die Markise einen recht glanzenden Kreis um sich her zu versammeln gedachte. So musste Sie es bald mude werden, in ihren hell erleuchteten, aber sparlich bevolkerten Salen ihre kleinen Koketterien zu uben, und Unmuth und Ueberdruss bewogen sie endlich, Paris, den einzigen Schauplatz wieder aufzusuchen, auf dem ihre glanzende Erscheinung gehorig gewurdigt werden konnte. Kein sehnender Blick folgte ihr dorthin, wo sie wie ein strahlendes Meteor wieder in den Strudel versank, dem sie, weder sich noch Andern zum Heil, auf kurze Zeit entstiegen war. Mude und erschopft von einer zum grossten Theil am Schmerzenslager ihres Gemahls durchwachten Nacht, sass Gabriele nach kurzem unerfreulichen Schlummer in der Jelangerjelieber-Laube des kleinen Gartens am Hause, dem einzigen Orte, wo es ihr jetzt vergonnt war, des im hochsten Schmucke prangenden Fruhlings sich zu erfreuen. Alles um sie her funkelte und blitzte im Sonnenstrahl von Diamanten, die ein warmer Fruhregen verschwenderisch gestreut hatte; ihre Rosen flammten in hochster Bluthenpracht, fast sichtbar stieg der Opferduft von den Lilien und tausend andern Blumen, die in uppiger Fulle ihre Beete schmuckten, zum Himmel auf, und mischte sich in den noch berauschendern Wohlgeruch der hohen Orangenbaume, die auf dem Rasenplatz vor der Laube lichte Schatten streuten. Endlich einmal entronnen der angstlich beklommenen Atmosphare des dunkeln Zimmers, in der sie jetzt den grossten Theil des Tages, unter dem ungeduldigen Klagen ihres Kranken verleben musste, athmete hier die arme Gabriele mit vollen Zugen neues Leben und Erquickung. Allmahlig uberschlich sie jene stille Sehnsucht, jener wonnige Fruhlingsschmerz, der das Auge mit sussen Thranen fullt und das Herz rascher pulsiren macht. Sie gedachte ihrer ersten Jugend, ferne Gestalten gingen an ihr voruber, und sie versank in immer lieberes Traumen, von ihrer Mutter, von Ernesto, von Ottokar. Dann gedachte sie auch des jungen Freundes, der so keck das Leben daran gesetzt hatte und alle Vorurtheile seiner Jugend, seines Standes, ja das eigne Gemuth mit eigensinniger Entsagung uberwand, um einen ihm fast fremden Mann aus einem gefahrlichen Traume zu erwecken. Diese That Hippolits war ihr immer im romantischen Licht eines Heldenmuths erschienen, den sie sehr geneigt war ubertrieben zu nennen und dessen Aeusserung gerade auf diese Weise in dem feurigen, sonst alle Schranken so gern durchbrechenden Jungling, ihr unerklarlich blieb, so oft sie auch schon daruber nachgedacht haben mochte. Seit seiner Verwundung hatte sie ihn nicht wieder gesehen, doch liess sie taglich mehreremale Nachricht von ihm einziehen, denn Moritz sehnte sich stundlich nach seiner erheiternden Gegenwart, und auch sie vermisste oft ihren Edelknaben.

Ein leichtes Gerausch weckte endlich die Traumerin aus ihrem fast wortlosen Sinnen; sie blickte auf und an einer grossen Zipresse gelehnt, stand dicht vor der Laube Hippolit selbst, die dunkeln blitzenden Augen auf sie geheftet. Das selige Lacheln eines Verklarten umspielte die bleichen Lippen und der Ausdruck langer korperlicher Leiden gaben der sonst so lebenskraftigen jugendlichen Gestalt etwas unbeschreiblich Ruhrendes. Ihn erblicken und mit einem hellen freudigen Ausruf ihm entgegen treten, war das Werk des ersten Moments, wahrend er, wie uberwaltigt von der Seligkeit desselben, vor ihr auf das Knie sank und die Hand, welche sie ihm bewillkommend gereicht hatte, mit Feuerkussen bedeckte.

"So! so! begrusse ich das neue Leben! Hier begrusse ich die Sonne, die ich so lange entbehrte!" rief Hippolit, wie ausser sich vor Entzucken.

"Unvorsichtiger!" schalt freundlich und bewegt

Gabriele, "Sie sind noch krank, Ihre Lippen brennen heiss; wie konnten Sie in diesem Zustande sich auswagen? Wahrlich Sie sind im Fieber, Ihr ganzes Wesen ist so unnaturlich gereizt, ruhen Sie, ich bitte, ruhen Sie aus," sprach sie beinahe angstlich werdend, und bemuhte sich ihm aufzuhelfen.

"Mir ist wohl, mir ist unnennbar wohl, freilich

meinem Arzt entsprungen, und mir ist unaussprechlich wohl," stammelte Hippolit, ward immer bleicher und sank endlich mit geschlossnen Augen in den Sessel, aus welchem Gabriele bei seinem Eintritt aufgesprungen war. Sie wollte fort, sie wollte Hulfe herbeirufen, doch er hielt mit ubernaturlicher Kraft ihre Hand fest umschlossen; auch offnete er nach wenigen Sekunden die Augen wieder, und athmete hoch auf, sichtbar sich erholend.

"Zurnen Sie nicht, schelten Sie nicht," bat er, "dass

ich die schone warme Sonne, den blauen Himmel, nicht langer nur aus dem Fenster ansehen mochte. Ihre Pappeln dort am Bassin sind Schuld. Ganz in der Ferne sehe ich von meinem Zimmer aus ihre Wipfel, das einzige Grun weit umher. Stundenlang habe ich wahrend meiner Krankheit sie betrachtet, sie allein verkundeten mir den Sommer, und wenn der Wind in den schlanken Zweigen spielte war mir, als ob sie von Ihnen mir erzahlen wollten. Heute, heute regten sie sich und nickten und winkten so sehr und die Nachtigall vor meinem Fenster sang so schmerzliche Sehnsucht, es war nicht langer zu ertragen; ich offnete ihr den Kafig und sie und ich, wir flogen beide auf und davon. Hier werde ich genesen, glauben Sie mir es nur, hier athme ich Lebensluft."

Gabriele waltete amsig und arglos geschaftig um ihn her, wahrend er so sich zu entschuldigen suchte, recht wie ein sorgliches Mutterchen um ihr liebes krankes Kind. Sie breitete ihren Shawl an den Zweigen der Laube aus, um ihn gegen das Sommerluftchen zu schutzen, das draussen sanft und linde die Blumen und Bluthen umspielte; aus einem Korbchen mit Orangen, welches zufallig neben ihr stand, wahlte und bereitete sie zu seiner Erquickung die susseste Frucht, dann brachte sie ihm die schonsten Rosen herbei, es war als wolle sie ihn in diesem Moment fur alle Entbehrungen der schonen Tage entschadigen, die der Arme, im dumpfen Zimmer eingekerkert, hatte verleben mussen. Nach Frauen Art vergass sie in ihrer Geschaftigkeit beinahe, wer der Gegenstand ihrer sorgsamen Pflege eigentlich sey und Hippolit sass still und selig da, liess sich alles gefallen und hutete sich wohl, diese schonen Augenblicke durch ein unbedachtes Wort sich zu verkummern.

Inzwischen war unter ihnen beiden doch eine Art von zusammenhangendem Gesprach aufgekommen. Gabriele erzahlte von Augustens jetzigem Leben, und wie alle Hoffnung da sey, dass Adelbert in Liebe und Thatigkeit wieder genesen und zu sich selbst kommen werde.

"Das alles danken wir Ihnen, Ihrem uns Allen unbegreiflichen Heldenmuthe. Sie sind ein Kronenwerther Sieger," sprach sie und blickte mit unbeschreiblicher Freundlichkeit ihn an. "Den schwersten aller Siege, den uber sich selbst, haben Sie errungen. Doch gestehen Sie mir, was konnte Sie bewegen, des Mannes, der mit so unertraglichem Trotz Sie zu beleidigen suchte, mit so fast eigensinnigem Unbedacht zu schonen und Ihr eignes Leben einem Rasenden wehrlos in die Hande zu geben? Adelbert war Ihnen kaum ein Bekannter, und fur einen solchen wagten und ertrugen Sie das Unglaubliche, das fast Unmogliche, um ihn sich und den Seinen, die Sie noch weniger kannten als ihn, am Rande des Unterganges zu retten! Die Welt wird diese That eben so wenig zu wurdigen wissen, als wir, Ihre Freunde, sie verstehen, obgleich wir sie bewundern, wars auch nur der Seltenheit wegen. Gestehen Sie es mir im Vertrauen, lieber Hippolit, was bewog Sie zu diesem ungeheuern, unglaublichen Opfer?"

"Sie fragen im Ernst?" erwiderte gelassen Hippolit. "Konnte ich denn anders? Sie selbst schwebten ja immer zwischen ihm und mir, da musste er ja wohl sicher seyn. Wie hatte ich nach dem Leben des Gemahls einer Frau zielen konnen, die Gabrielen so werth ist, deren Leiden und Freuden sie wie die eignen empfindet! Ware er gefallen, hatte ich ja S i e betrubt."

Eine schone Perl stieg bei dieser unerwarteten Erklarung in Gabrielens helles Auge. Sie wollte sprechen, aber der Athem versagte ihrer bewegten Brust. Lachelnd durch Thranen, wie ein seliger Engel, trat sie endlich ganz nah vor Hippoliten hin, strich mit sanfter Hand ihm die dunklen Locken zuruck und hauchte einen leisen, kaum fuhlbaren Kuss ihm auf die Stirne. Ihre Lippen bewegten sich, im Begriff ihm etwas recht freundliches zu sagen, aber sie bebte erschrocken zuruck da sie ihn ansah. Sein eben noch so bleiches Gesicht flammte in dunkler Purpurrothe, seine Augen blitzten wie verzehrendes Feuer, er machte eine Bewegung, als wolle er sie umfassen, sie an seine ungestum wogende Brust drucken, und riss sich im nehmlichen Moment mit sichtbarer Gewalt von ihr los und floh bis in die fernste Ecke der Laube. Dort warf er sich auf die Knie nieder; sich selbst unbewusst, hatte er den verwundeten Arm aus der ihn stutzenden Binde gezogen, und hob nun in flehender Stellung beide Hande zu ihr auf.

"Nein, nein," rief er wie ausser sich, "diess Uebermaass von Wonne und Schmerz ertragt keine menschliche Brust!" Und nun ergoss sich sein ubervolles Herz im gluhendsten Ausbruch einer Leidenschaft, die in diesem Moment der seligsten Pein, in wuthenden verzehrenden Flammen hell aufloderte und sich nicht mehr bandigen lassen wollte.

Zitternd vor Schrecken blickte ihn Gabriele eine Weile an, ehe sie Fassung genug gewann, ihm zu antworten. "Stehen Sie auf, Graf Hippolit," sprach sie endlich sehr ernst, "vergessen Sie den kranken Arm nicht; wahrlich ich sehe immer mehr, wie Unrecht Sie thaten, schon heut das Haus zu verlassen. Kehren Sie heim, armer Kranker!" setzte sie nach einer kleinen Pause etwas milder hinzu, "ich will es nicht verbergen, Sie haben mich erschreckt, doch das ist schon voruber; die Ruhe wird Ihnen wohlthun, es soll sogleich eine Sanfte geholt werden."

"Gabriele, Gabriele! wenn Sie jetzt mich fortschikken, werde ich Sie nie wieder sehen durfen, ich ahne es," rief Hippolit; "ich verdiene Ihren Zorn; lange, lange habe ich geschwiegen, weil ich ihn furchtete. Glauben Sie mir, ich habe mich bekampft, ich wollte ewig schweigen, kein Hauch, kein Wink sollte das Geheimniss meines Lebens verrathen, damit Sie nur ferner mich um sich dulden mochten, damit ich nur ferner Ihre susse Stimme horen, im Strahl Ihrer lieben Augen den Himmel erblicken konne, ich erlaubte mir ja keinen grossern Wunsch. Ich wollte ja nichts hoffen, nichts erflehen; das wilde Toben hier sollte sich Ihnen nie zeigen. Ein einziger unbewachter Augenblick hat mich verrathen, und nun darf ich nie wieder vor Ihnen erscheinen, ich weiss es wohl, ich bin verbannt!"

Gabriele sprach in milden Worten zu ihm; er horte sie wohl, doch er verstand sie nicht, er konnte nur den Gedanken fassen, sie beleidigt, ihren Zorn erregt zu haben.

"Wie werde ich kunftig leben konnen!" rief er. "Entfernung von Gabrielen ist Tod, ist Holle, das fuhlte ich jeden Abend in meiner Einsamkeit wenn ich Ihre Schwelle verlassen hatte. Und nun gehe ich ganz hoffnungslos, kein Morgen kommt, wo ich mir sagen kann, ich werde Sie wieder sehen. O Gabriele! O gnadige Frau! muss es denn seyn? ich will ja ewig schweigen, ich will ja nichts, als was Sie dem Wurmchen dort auf dem Grashalm, der Mucke hier in der Luft auch gewahren, nur sehen, nur dulden sollen. Sie mich, und wenn gleich nicht freundlich wie sonst, nur ohne Zorn.

Endlich gewann Gabriele einen Augenblick, sich verstandlich zu machen. "Graf Hippolit," sprach sie sehr ruhig gefasst, "Sie verkennen sich und mich, und Ihr eignes Gefuhl. Dass Sie dieses bald selbst einsehen werden, weiss ich gewiss. Fur jetzt bitte ich Sie ernstlich, beruhigen Sie sich, ich zurne nicht, ich vergesse von heut an die wilden Ausbruche, zu welchen gereizte Fantasie den Kranken verleitete; ich wunsche dass auch Sie dieses thun mogen; nur s o allein kann unser ruhiges freundliches Verstehen ungetrubt bleiben. Kehren Sie jetzt heim, und lassen Sie Ihre vollige Widerherstellung einstweilen Ihre erste grosste Sorge seyn. Leben Sie wohl."

"Sagen Sie nur, dass ich Sie wieder sehen werde," flehte Hippolit in demuthiger Entfernung.

"Darf ich denn mit meinem jungen Freunde so streng ins Gericht gehen? kann ich es denn vergessen, dass Sie fur das Gluck meiner Auguste Ihr Leben wagten?" erwiderte ihm Gabriele.

Ein Bedienter unterbrach sie, er kam, um Hippoliten zu Herrn von Aarheim zu rufen. Dieser hatte bei seinem Erwachen dessen Anwesenheit im Garten erfahren und drang nun mit kranklicher Hast darauf, ihn augenblicklich bei sich zu sehen.

"Jetzt? jetzt? in dieser Minute? Nimmermehr! jetzt nicht, jetzt kann ich nicht zu ihm," rief Hippolit, bald ergluhend bald erbleichend.

"Nein, Sie konnen und durfen es auch Ihrer Gesundheit wegen nicht, und ich selbst will dieses ihm erklaren," erwiderte Gabriele, gab dann schnell dem Bedienten Befehl, den Grafen in einer Sanfte nach Hause zu geleiten und ergriff die Gelegenheit, mit leichtem Gruss an ihm voruber zu eilen, um Moritzen uber sein Nichterscheinen zu beruhigen.

Sie verschwand bald unter den Saulen der Vorhalle, und Hippolit starrte noch immer ihr nach. Er fuhlte nicht, dass die Binde wieder um den verwundeten Arm gelegt ward, er merkte kaum, dass man dem Ausgange des Gartens ihn zufuhrte. Nur als er zu Hause in seinem eignen Zimmer, aus den Fenstern desselben, Gabrielens Pappeln wieder ganz in der Ferne erblickte, nur da kam ein lichter Gedanke an die zunachst vergangne Stunde in ihm auf. Ein schnell aufsteigendes Wetter thurmte sich schwarz und drohend hinter Gabrielens Garten am Himmel empor, schon fielen einzelne grosse Regentropfen schwer herab und die schlanken Wipfel der Pappeln beugten sich tief vor dem plotzlich sich erhebenden Gewittersturm. Mit bangem vorahnenden Herzen starrte Hippolit in den Aufruhr der Natur, der uber Gabrielens Wohnung herein brechen zu wollen schien, als die Sonne die Wolken zerriss. Die Regentropfen wandelten sich in glanzend flussiges Silber, und hoch uber den Pappeln wolbte sich prachtig der leichte Farbenbogen des Friedens und der Hoffnung. Mit so anscheinender Kalte Gabriele auch immer die unerwartete Erklarung ihres jungen Freundes aufgenommen haben mochte, in ihrem Innern fuhlte sie sich doch dabei von Mitleid, Schrecken und zurnendem Erstaunen bewegt. Vergebens versuchte sie das ganze unangenehme Ereigniss zu vergessen, sie konnte sich nicht enthalten in der Einsamkeit daruber nachzudenken. Seit Jahren hatte nichts ihre Ruhe in d e m Grade erschuttert, es war ihr als laste seit jener Minute ein innrer Vorwurf auf ihrem Gemuthe und doch war es ihr unmoglich, zu entdecken, wo und wie sie gefehlt habe.

Missmuthig uber dieses beangstigende Empfinden, ergriff sie endlich die Feder, um sich gegen Frau von Willnangen uber den Vorgang auszusprechen der es veranlasste, und so vielleicht auch mit sich selbst daruber ins Reine zu kommen. Doch kaum hatte sie einige Zeilen geschrieben, als sie mit unwilligem Lacheln alles von sich schob und ihren Schreibtisch wieder zuschloss.

"Bin ich nicht thoricht!" sprach sie bei sich selbst. "Musste Frau von Willnangen nicht laut auflachen, wenn sie lase wie ich eifrig ernsthaft, gleich einem sechszehnjahrigen Madchen, ihr in grosser Herzensangst die Liebeserklarung eines kaum dem Knabenalter entwachsenen Junglings mittheile, und sie bitte, in dieser entsetzlichen Noth mir zu rathen? Nein! wahrlich nein! so grossen Larmen wollen wir uber ein solches Flackerfeuer nicht anstellen! Ihre Wangen ergluhten in tiefer Beschamung. Wie war es mir moglich, die brausenden Ausbruche eines exaltirten jugendlichen Sinnes so zu missverstehen?" dachte sie, wahrend sie den angefangnen Brief wieder aus dem Schreibtisch nahm und vernichtete. Weichheit des eben Genesenden, Fruhlingsfreude nach langem Entbehren, liessen ihn sich selbst verkennen; warum denn nicht auch mich? Er wird froh seyn, wenn ich zu vergessen scheine, was ich nur vergessend verzeihen kann, und was er gewiss nie wieder wagen wird in Anregung zu bringen. Hochstens konnte nur durch Widerspruch erregter Eigensinn ihn zur Beharrlichkeit bewegen, und das muss vermieden werden." Herrn von Aarheims Arzt erschien am folgenden Morgen, um Hippoliten die Erlaubniss zu erbitten, ihn am Abend besuchen zu durfen. Moritz suchte seinen Jubel daruber in allen Sprachen, deren er machtig war, auszudrucken und versicherte, nun ebenfalls in den nachsten Tagen wieder ausgehen zu konnen.

"Wir wollen uns damit denn doch nicht ubereilen," erwiderte der Arzt, zu Gabrielen gewendet. Auch dem jungen Grafen ware es sehr gesund, wenn er noch einige Tage daheim bleiben wollte, aber er lasst sich nicht halten und so ist es gerathner, wenn wir ihm das Ausgehen mit gehoriger Sorgfalt erlauben, als dass er uns, wie gestern geschah, entspringt, und unnutzer Weise in Angst versetzt. Ich fand ihn Nachmittags in heftiger fieberhafter Bewegung; auch seine Wunde schien sich wieder entzunden zu wollen, und doch war er augenscheinlich mehr exaltirt als krank. Ich wusste nicht, was ich aus dem wunderbaren Zustand machen sollte und war schon im Begriff, ihn im Verdacht eines bedeutenden Vergehens gegen die ihm vorgeschriebene Diat zu halten, als ich erfuhr, dass er in der Sonnenhitze von einem Ende der Stadt bis zum andern gelaufen sey."

Hippolit erschien gegen Abend. Gabriele war absichtlich bei seiner Ankunft in Moritzens Zimmer zugegen. Er errothete, erbleichte und kam bei ihrem Anblick sichtbar ausser Fassung, doch Moritzens ausgelassene Freude uber das Wiedersehen seines Lieblings uberstimmte alles, und verbarg auch die kleine Verlegenheit, deren Gabriele im ersten Augenblick sich doch nicht ganzlich erwehren konnte. Moritz war an diesem Abend, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, die Seele des kleinen Vereins; er scherzte, lachte uber seine eignen Einfalle, und liess ubrigens niemanden zum Worte kommen. Hippolit bemuhte sich zwar, wie sonst munter und unterhaltend zu erscheinen, aber der Zwang, den er sich dabei anthat, konnte nur einem Beobachter, wie Moritz war, entgehen. Gabriele ward dessen wohl gewahr, sie nahm ihn als Beweis des beschamenden Gefuhls, mit dem er des gestrigen Morgens gedenken mochte, und strebte nur, durch moglichste Unbefangenheit das Andenken einer Scene zu vernichten, die sie am liebsten ganz in Vergessenheit begraben hatte.

Vierzehn Tage vergingen, wahrend welchen Hippolit Gabrielen taglich, doch nie alleine sah. Er selbst schien dieses zu vermeiden und hutete seine Blicke wie seine Worte, so dass sie wiederum gegen ihn, sie wusste selbst kaum wie, in ihren gewohnten zutraulichen Ton gerathen konnte. Seine Genesung vollendete sich in dieser Zeit, und auch Moritz erholte sich genugsam, um Tagelang mit Planen fur den Rest des Sommers sich zu beschaftigen. Jeden Tag wurde eine andere Reise in Vorschlag gebracht, alle Beschreibungen grosser und kleiner Bader, in der Nahe und Ferne, wurden herbeigeschafft, aber es fanden sich immer am Morgen triftige Grunde, das gestern Abend Gewahlte wieder zu verwerfen.

Gabriele hatte allen diesen Berathschlagungen immer sehr gelassen und gleichgultig beigewohnt, bis Moritz eines Morgens mit ganz ungewohnt adeligen und ritterlichen Gesinnungen aufstand, sich zum Fruhstuck bei ihr melden liess, und ihr dabei sehr feierlich erklarte, dass er jeden Edelmann fur einen Thoren achte, der ohne Noth, ferne von dem Sitz seiner Ahnen, im bunten Gewuhl der Menge sich herumstossen lasse, und dass er deshalb gesonnen sey, sich mit ihr innerhalb zweier Tage nach Schloss Aarheim zu begeben, um dort wenigstens bis zum nachsten Winter zu residiren.

Schloss Aarheim wieder zu sehen! Tausend widersprechende Gefuhle wechselten in Gabrielens Gemuth bei diesem Gedanken. Es ward ihr, als harre ihrer in den heiligen Mauern irgend etwas Unerwartetes, etwas Unerhortes. Nicht um die Welt hatte sie eine Sylbe gesprochen und Moritzens Entschluss wankend gemacht, aber sie bebte in angstlicher Freude vor dessen Ausfuhrung.

Mit den altritterlichen Gesinnungen uberkam dem Baron auch ein Anflug von altritterlicher Gastfreiheit. Rechts und links lud er nun Freunde und Bekannte ein, Wochen, ja Monate lang in der Burg seiner Ahnen bei ihm zu weilen. Auch Gabriele musste an Frau von Willnangen schreiben und sie bitten, mit Augusten und den Kindern die noch ubrige Zeit bis zur Heimkehr Adelberts und des Generals bei ihr zuzubringen. Wahrend sie mit diesem Briefe sich beschaftigte, trat Hippolit in ihr Zimmer und zum erstenmal seit dem Morgen in der Laube sah sie sich mit ihm allein.

Niemand hatte in dem, bange und beklommen, in augenscheinlicher Verlegenheit Dastehenden die vorlaute Zierde der elegantesten Zirkel, den dreisten Liebling der glanzendsten Damen wieder zu erkennen vermocht. Er hatte recht ehrlich mit sich gekampft, ob er nicht die Reise nach Aarheim als Anlass ergreifen solle, um sich wenigstens auf einige Zeit von dem Gegenstand einer Leidenschaft zu entfernen, deren Hoffnungslosigkeit sowohl, als deren Unbezwingbarkeit ihm mit jedem Tage fuhlbarer wurde. Schon glaubte er sich Sieger, als Moritzens Einladung ihn von der getraumten Stufe herunterriss. So lange er noch an der Moglichkeit zweifeln konnte, in Gabrielens Nahe, unter ihrem Dache, in der glucklichen Zwangslosigkeit eines landlichen Aufenthalts selige Tage zu verleben, so lange schien es ihm, als konne er entsagen; doch jetzt, da dieses Gluck ihm wirklich so nahe geboten ward, dass er es beinahe ohne Unschicklichkeit nicht von sich weisen durfte, jetzt musste er es ergreifen, und sollte er daruber zu Grunde gehen. Er dachte gar nicht mehr daran, freiwillig darauf resigniren zu konnen, und nur der Zweifel marterte ihn, ob Gabriele ihm erlauben werde, die Einladung anzunehmen.

"Herr von Aarheim hatte die Gute, mich einzuladen," flusterte er angstlich und kaum vernehmbar

"Und Sie furchten die Burggeister? und mochten uns lieber nicht begleiten?" unterbrach ihn Gabriele mit etwas erzwungner guter Laune, denn Hippolits Verlegenheit steckte auch sie an. "Wenn ich Ihnen rathen darf," fuhr sie lachelnd weiter fort, "so uberwinden Sie Ihre Geisterfurcht und begleiten uns; finden Sie dort nicht das Gewohnte, so finden Sie dafur das Ihnen Neue. Die ehrwurdige Burg, das wilde, schone Thal, die Felsen und Hohlen, ja selbst die tiefe Einsamkeit, Aehnliches ist Ihnen vielleicht im Leben noch nicht vorgekommen. An geselliger Abwechselung wird es uns ebenfalls nicht ganzlich fehlen; viele unserer hiesigen Freunde versprachen auf ihrer Ruckkehr aus den bohmischen Badern einige Tage bei uns zuzubringen, und den kurzen Umweg weniger Meilen nicht zu scheuen. Und um Sie nicht ganz mit der Zukunft vertrosten zu mussen, so habe ich auch Hoffnung, mir Ida und Bella von Schoneck von ihrer Mutter zur Begleitung zu erbitten. Die kaum zwei Tagereisen entfernte grosse Stadt, wo ich bei meiner Tante zuerst in der Welt erschien, wird uns hoffentlich ebenfalls manchen angenehmen Besuch fruherer Bekannten zusenden," setzte sie hinzu, da Hippolit noch immer schwieg.

"Wie uber allen Ausdruck gutig ist es, dass Sie sich das Ansehen geben wollen, als wunschten Sie mich zum Mitgehen zu bereden, wahrend ich in Demuth Ihrer Entscheidung harre, ob ich Sie begleiten darf," sprach er endlich, sichtbar erleichtert. "Doch darf ich es gestehen? Dass die Aussicht, von so viel gleichgultigen Besuchern umschwarmt "

"Es wird damit so gar arg nicht werden als Sie es sich denken," unterbrach ihn Gabriele; "wir werden genug der Tage, vielleicht sogar der Wochen frei behalten, um unsre alten Uebungen wieder vorzunehmen; ich wette, es thut damit Noth, denn Sie sind gewiss wahrend Ihrer Krankheit nicht fleissig gewesen; eben so wenig als ich bei der meines Gemahls es seyn konnte. Das mussen wir wieder einbringen. Fur Ihr Landschaftzeichnen bietet mein Thal Ihnen bei jedem Schritt die herrlichsten Punkte. Auch unsere musikalischen Uebungen und vor allem unser Studium der Kunstgeschichte wollen wir mit Eifer wieder vornehmen. So wie wir uns in Schloss Aarheim nur ein wenig eingerichtet haben, sollen Winkelmann und der alte Vasari wieder an die Reihe kommen. Ida und Bella werden gern an alle diesem thatigen Antheil nehmen."

Ziemlich gegen ihre sonstige Art, hatte Gabriele rasch hinter einander weg gesprochen, als ob sie eine Indiskrezion von Hippoliten befurchtete, und ihn deshalb lieber gar nicht zu Worte kommen lassen wollte. Er selbst hingegen war wahrend der Zeit seiner innern Bewegung Meister geworden und so nahm von nun an das Gesprach eine ruhigere Wendung, wahrend dessen beide vereint eine Auswahl unter Buchern, Musikalien und allerlei Kunstgerath trafen, die sie mit nach Schloss Aarheim nehmen wollten. Hippolit schwamm dabei in einem Meer von Wonne, doch hutete er sich gar sehr vor jeder, auch der unmerklichsten Aeusserung seines Empfindens.

Gabriele hatte sich bis jetzt taglich unzahligemal wiederholt, dass nichts lacherlicher seyn konne, als wenn sie jene Erklarung Hippolits fur etwas mehr nehmen wolle als fur jugendliche Uebereilung, in einem durch Zufalligkeiten bis zur Ueberspannung gereizten Zustande. Auch war sie von der Wahrheit dieser Ansicht fest uberzeugt, vielleicht weil sie es seyn wollte, denn wer vermag zu unterscheiden, was ihr selbst immer dunkel blieb? Eine Art angstlicher Uebereilung im Gesprach, die ihr nicht eigen zu seyn pflegte, schien freilich oft, wie eben auch jetzt, geheimes Furchten einer Aufklarung anzudeuten, das denn doch, ihr selbst unbewusst, in einem Winkel ihres Herzens lauschen musste, den sie, aus verzeihlicher Zaghaftigkeit vielleicht, zu ergrunden nicht wagen mochte.

Fern von Allen, welche sie liebte, in der trostlosen Umgebung, zu der das Schicksal sie verurtheilte, hatte sie in Hippoliten endlich eine fur ihr Gemuth wie fur ihren Geist gleich wohlthuende Erscheinung gefunden. Sie konnte nicht ohne die reinste Freude, nicht ohne inniges Wohlwollen den glucklichen Einfluss bemerken, den ihre Leitung und warum sollte sie es sich nicht aussprechen? den ihre Nahe an ihm ubten. Jemehr angebornen Edelsinn, unglaubliche Gute, und andere glanzende Eigenschaften des Geistes und Gemuths er im Umgange mit ihr entfaltete, je deutlicher sah sie mit Schaudern, wie nahe er bei alle diesem dem Untergehen in Eitelkeit, Unglauben und Lieblosigkeit gewesen war. Nie, unter keinen Umstanden, hatte sie ohne den tiefsten Schmerz ihn wieder loslassen, nie ihn dem eitelsten Treiben wieder ubergeben konnen, dem er an ihrer Hand so tapfer sich entwunden hatte. Und nun, nach seinem an Adelberten geubten Edelmuth fuhlte sie noch durch das heilige Band inniger Dankbarkeit sich ihm verpflichtet. Daher fiel es ihr nicht ein, ihm eine strenge Richterin werden zu wollen, daher sah sie so gern in der Unruhe, die ihn in ihrer Nahe ergriff, nur das Bestreben, jedes Erinnern an ein Betragen zu verhuten, dessen er, ihrer Meinung nach, sich jetzt herzlich schamen musste! Und wer mag sie deshalb tadeln? Wer mag es verdammen, dass ihrem reinen Gemuthe nie der Gedanke kam, um einer dem Irrthum verfallnen Minute willen, ihn dem Verderben Preis zu geben? Gabriele war zu rein tugendhaft, um je daran zu denken es seyn zu wollen; daher konnte ihr der Gedanke gar nicht kommen, dass sie hier vielleicht ein Opfer zu bringen habe. Ida und Bella von Schoneck waren ein paar gute, liebe und schone Kinder, deren harmlose Gesellschaft nur dazu dienen konnte, das Einerlei eines zu kleinen Kreises zu unterbrechen, ohne durch grosses Uebergewicht storend zu werden. Bei ihrer in sehr beschrankten Umstanden lebenden Mutter hatten sie nur einsame Tage gesehen, bis Gabriele der armen lebenslustigen Madchen sich annahm und ihnen zu mancher ihrem Alter und ihrem Range angemessenen Freude verhalf, nach der sie bis jetzt sich um so heisser gesehnt hatten je ferner sie ihnen geblieben waren.

Alles neue war ihnen willkommen; daher fanden sie sich am Tage der Abreise mit frohen erwartungsvollen Gesichtern bei Gabrielen ein, um sie nach Schloss Aarheim zu begleiten. Sie fuhren in Gabrielens Wagen. Moritz hatte seinem jungen Freunde einen Platz neben sich in seiner, nach ganz eigner Erfindung erbauten Batarde bestimmt, doch dieser zog es gewohnlich vor, auf einem der schonen Pferde, die er sich nachfuhren liess, bald Gabrielens Wagen zu umschwarmen, bald Morgens einige Stunden fruher aufzubrechen, um die Uebrigen im gemeinschaftlichen Absteigequartier zu empfangen.

Den beiden jungen Madchen zu Gefallen, deren Fantasie sich aus Romanen und Beschreibungen ein himmlisch schones Bild von den Freuden des Badelebens zusammen gesetzt hatte, war der Umweg uber Karlsbad beschlossen worden. Mit dem Gefuhle des frommen Wallfahrers an heiliger Statte, sah Gabriele sich zum zweiten Mal auf diesem Wege, der sie vor sieben Jahren zu dem Wendepunkte ihres Lebens gefuhrt hatte, von welchem die lange Reihe der strengen Entsagungen und der den schwersten Opfern geweihten Tage ausging, die sie seitdem verlebte.

In Karlsbad selbst knupfte sich eine oder die andere frohe oder bittere Erinnerung an jeden ihrer Schritte; in stiller Wehmuth suchte sie jedes Platzchen auf, das irgend ein ihr merkwurdiges Ereigniss bezeichnete; vor allem aber versaumte sie es nicht, in einer stillen feierlichen Abendstunde zur kleinen Marienkapelle im Walde einsam zu wallfahrten, wahrend ihre Begleiterinnen unter Moritzens Schutze sich im sachsischen Saal im lustigen Wirbeltanz drehten.

Es war am Vorabend eines heiligen Festes. Die Betstuhle waren leer, nur ein Kind lag in einem Winkel der Kapelle auf den Knien, wahrend der Sakristan den Altar abstaubte, den morgenden Festputz des Muttergottes-Bildes zurecht legte und die welken Blumen und Kranze wegnahm, um sie durch neue zu ersetzen.

Gabriele sah dem einfaltig-frommen Treiben eine Weile zu, ehe sie ihrer Stimme Festigkeit genug zutraute, um nach der armen alten Frau zu fragen, die sonst um diese Stunde hier zu beten pflegte, und die sie jetzt mit trubem Vorahnen vermisste.

"Die ist bei Gott," erwiderte der Sakristan; "ich kannte sie wohl, sie war eine fromme Frau dort unten aus dem Dorfe; sie hatte ein Gelubde gethan und hielt es redlich, bei Frost und Hitze, im Sonnenschein und Regen. Und so ist sie zum Lohne hier an heiliger Statte vor drei Monaten sanft und selig entschlafen. Wir wollten sie wecken, da es dunkel ward, und sie noch immer auf den Knien wie betend lag, aber sie erwachte nimmermehr auf Erden."

Gabriele zerfloss in Thranen der innigsten Ruhrung, wahrend der Sakristan so sprach. Ottokars Bild stand vor ihr und jedes entschlummerte Gefuhl in ihrem Herzen regte sich machtig und laut; ihr war als seyen die Jahre zwischen jetzt und jenem Abend, wo sie an dieser nehmlichen Stelle gestanden hatte, ganz aus der Reihe der Zeiten getilgt, als sey alles noch wie damals.

Indessen hatte das Kind sich ihnen genahert und wollte mit schuchternem Grusse voruber, als der Sakristan es anhielt. "Das ist ein Urenkelchen der alten frommen Mutter, Ihro Gnaden," sprach er, und klopfte freundlich die vollen bluhenden Wangen des Madchens. "Nun schame dich nicht," fuhr er fort, "du bist ein frommes Kind, Gott und die Heiligen werden deinen Vater und deine Mutter dafur segnen, denn das Gebet frommer Kinder dringt durch die Wolken."

"Ich hab nicht fur Vater und Mutter gebetet," sprach das Kind.

"Nicht fur Vater und Mutter? fur wen denn," fragte der Sakristan.

"Weiss nicht," war die Antwort, "aber die heilge Jungfrau wird schon verstehen, wem es angeht, sprach Aeltermutter selige, und weil Mutter es ihr einmal versprochen hat, da sie krank war, so geht immer Eins von uns zur Vesperzeit hieher und betet wie Aeltermutter sonst, da sie noch lebte."

Gabriele sank auf der Stelle, wo das Kind gebetet hatte, in stiller Ruhrung hin, der Sakristan und das Kind, reichlich von ihr beschenkt, entfernten sich schweigend und ehrfurchtsvoll. Ihr Auge schwamm in sussen Thranen, ihr Herz in seliger Wehmuth. War es Gebet, war es Erinnerung, war es Hoffnung, was ihren Busen in lange nicht gefuhlter Wonne hob, sie wusste es nicht zu unterscheiden, aber sie lag da auf den Knien, in Andacht und Freude verloren, bis die fast zur Dunkelheit gewordne Dammerung sie erweckte. Langsam erhob sie sich und sah dicht hinter sich Hippoliten in ihrem Anblick versunken. Sie wikkelte sich als sie ihn gewahrte, fester in ihren grossen Shawl, den sie wie einen Schleier uber den Kopf nahm, als solle er gegen die Abendkuhle sie schutzen.

Hippolit verstand diese Bewegung, stumm und ehrfurchtsvoll zog er sich zuruck wahrend sie an ihm voruberging und wagte es nicht ihr den Arm zu bieten. Er druckte nur die zuruckflatternde Ecke ihres Shawls demuthig an seine Lippen, ohne dass sie dieses bemerkte und folgte dann von ferne, um sie auf dem Wege nach ihrer Wohnung zu beschutzen.

Wenig Tage darauf verliessen sie Karlsbad.

Dritter Theil

Ihn musst' ich lieben, weil mit ihm mein Leben

Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.

Gothe.

Karlsbad im Rucken, ging die Reise schnell vorwarts. Bald waren die beiden schroff und zackig emporstrebenden Felsen erreicht, die, einander gegenuberstehend, von dieser Seite die Granze der zu Schloss Aarheim gehorenden Landereien bezeichnen, und den, einem Riesenthor ahnlichen Eingang zu dem schauerlichen Felsenthale bilden, in welchem der Eisenhammer liegt.

Im armlichen Geprange, so gut sie es vermochten, mit ihren durftigen Festkleidern geschmuckt, harrten dort die Einwohner des Thals, um die Gutsherrschaft vor allen andern zuerst in ihrem Eigenthum zu begrussen. Die Kinder streuten Blumen, die Alten riefen ein Lebehoch, und Gabrielens uberwallendes Herz erlaubte ihr kaum, im Wagen zu bleiben, wahrend Moritz mit echt spanischer Grandezza da sass, und sich allen moglichen Zwang anthat, um sich nicht an seiner Wurde durch zu freundlichen Dank etwas zu vergeben, zu dem seine angeborne Gutmuthigkeit ihn dennoch trieb. Denn wunderlich genug war es ihm Betragen seines Vorfahren, des alten Barons Aarheim, zum Muster zu nehmen. Gabriele hingegen rief viele der Landleute, welche sie erkannte, bei Namen, erkundigte sich nach ihrem Ergehen, liebkoste die Kinder, und schickte endlich alle beschenkt und glucklich in ihre armen schwarzgeraucherten Hutten zuruck. Dann eilte sie fort aus dem frohen dankbaren Gedrange, um in dem Hause des Forsters Ernestos ehemalige Wohnung aufzusuchen. Ida und Bella begleiteten sie; ihrer gutartigen Neubegier war alles interessant, Moritz folgte ihnen etwas langsamer mit Hippoliten.

Im Gedrange des Lebens, unter ewigen Zerstreuungen hatte Moritz sich der Gewohnheit hingegeben, Gabrielen die Seine zu nennen, ohne weiter daran zu denken wie sie es ward; hier aber rief ihm alles Scenen zuruck, bei deren erneuertem Andenken sein Blut noch erstarrte. Das Knarren der elenden holzernen Treppe des armseligen Hauses erinnerte ihn auf das lebhafteste, wie er am Morgen seines schauerlichen Vermahlungstages Erneston hier aufsuchte, um von ihm Rath und Trost zu erflehen. Ohnerachtet eines gewissen innern Grauens kam ihm doch jene stolze Freude an, die der armseligste Thor am lebhaftesten empfindet, der ein merkwurdiges oder gar gefahrvolles Ereigniss erzahlen kann, in welchem ihm eine Hauptrolle ward. Eben wandte er sich an Hippolit mit einem recht wichtigen Gesicht und allerlei geheimnissreichen Redensarten, die deutlich den Wunsch, befragt zu werden, verriethen, als Ida oben im Hause an das offne Fenster trat, und die Herren antrieb, eilends hinauf zu kommen, weil oben viel Schones zu sehen sey.

Hippolits Aufmerksamkeit beim Eintritt in Ernestos kleinem Stubchen zogen zuerst die weissen Wande an, auf denen er mit kunstreicher Hand allerlei Skizzen von Felsen, Baumgruppen und Gestrauch hochst geistreich mit der Kohle entworfen hatte. Die Fraulein beschaftigten sich indessen mit einer grossen Mappe voll Zeichnungen, welche, wahrscheinlich aus Vergessenheit, in der Schublade des Tisches zuruckgelassen worden war, und Gabriele, das schone Haupt gedankenvoll auf die Hand gestutzt, schaute hinaus auf die dunkeln Felsenspitzen rings umher.

"Mein Gott! welche Aehnlichkeit!" rief plotzlich Ida uberlaut. Moritz und Hippolit naherten sich, die Zeichnung, welche ihr diesen Ausruf abgelockt hatte, zu betrachten, und ihre Aeusserungen, die eher Tadel als Lob anzudeuten schienen, machten auch Gabrielen darauf aufmerksam. Sie trat zu den Uebrigen an den Tisch, doch kaum hatte sie einen Blick auf das Blatt geworfen, so bebte sie mit einem Schrei des Entsetzens zuruck. Sie sah sich selbst. Unverkennbar ahnlich war sie hier als Virginia dargestellt, uber deren schuldlosem Herzen der Vater eben den Dolch gezuckt hielt. Icilius eilte aus der Ferne herbei, naher ein alter Romer im sichtbaren Bestreben, den Streich abzuwenden; unten standen die Worte: Libertade e morte ultimo pegno d'amor. Die Zeichnung war sehr ausgefuhrt, fast ganz vollendet; Virginius trug unverkennbar die Zuge des verstorbnen Freiherrn Aarheim, der zur Hulfe herbeieilende Alte glich Erneston selbst, Icilius war sehr in der Ferne gehalten, doch glaubte Gabriele in ihm eine Aehnlichkeit mit Ottokar zu entdecken.

"Welch eine Darstellung! Wie konnte Ernesto sie ersinnen! rief Gabriele fast zurnend aus, und wendete den Blick mit Grausen von dem Bilde ab; bald aber fasste sie es wieder und betrachtete es mit immer grossrer Theilnahme. Obgleich sie mit der eigentlichen Veranlassung desselben unbekannt geblieben war, so erkannte sie darin doch eine Allegorie auf ihr Leben, die sie schmerzlich beruhren musste. Eine stille Thrane stieg ihr ins Auge, als sie Ottokars nur undeutlich, wie aus einem Nebel hervortretende Gestalt erblickte. Dann betrachtete sie Ernestos Bild, und die in seinen Zugen ausgedruckte schmerzliche Angst erinnerte sie auf das lebhafteste an seine ihr von jeher bewiesene Liebe und Treue. Es fiel ihr ein, dass er wohl nie daran gedacht habe, der Zufall konne ihr die Zeichnung entgegen fuhren, und sie ward ihr jetzt zur wortlosen Klage des fernen Freundes. Immer tiefer sah sie sich hinein und kaum vermochte sie es, den Blick wieder davon abzuwenden.

"Die Aehnlichkeit der Gesichter ist unverkennbar, aber eine weit grossre innre Aehnlichkeit liegt zum Grunde, von der Gabriele nichts ahnet," flusterte Moritz Hippoliten ziemlich horbar zu. Gabriele vernahm die Bemerkung, die sie aus Moritzens Munde zu horen nie erwartet hatte. Unwillkuhrlich suchte ihn ihr Blick, er stand dicht vor ihr und sah sie mit einem so eignen zweideutigen Ausdruck an, dass sie daruber erschrack. Mit zitternden Handen packte sie die Zeichnung nebst allen ubrigen schnell in die Mappe, die sie mit nach Schloss Aarheim nehmen wollte, um sie dort dem Eigenthumer sichrer aufzubewahren; dann eilte sie, das Haus und so bald als moglich auch das Thal zu verlassen.

Durch die Zeichnung sowohl, als durch Moritzens rathselhafte Aeusserungen auf das Hochste gespannt, konnte Hippolit den Augenblick kaum erwarten, wo er mit Herrn von Aarheim im Wagen allein seyn wurde, um diesen mit Fragen und Nachforschungen zu besturmen. Doch Moritzens ungemeine Redseligkeit liess es nicht dazu kommen. Ueber allen Ausdruck vergnugt die Hande in einander reibend, begann er, sobald er sich bequem zurecht gesetzt hatte, von sich zu erzahlen. Er redete von sich und immer von sich und war selig in diesem Bewusstseyn, ohne im mindesten auf den Eindruck zu achten, welchen seine Worte auf seinen Zuhorer machten.

Hippolit ward in diesem Gesprach von allem unterrichtet, was er langst zu erfahren so sehnlich gewunscht hatte; von Gabrielens fruherm Geschick und durch welche sonderbare Verknupfung der Zufalligkeiten sie eben die Gemahlin der Lacherlichsten und Lastigsten aller Karrikaturen geworden war. Von Grausen und unaussprechlichem Mitleid im Innersten der Seele erschuttert, horte er die seltsame Erzahlung an. Es ward ihm nicht ganz klar, welche Mittel der furchtbare Wahnsinnige angewandt haben mochte, um Gabrielen in Moritzens Arme zu treiben, denn Gabrielens Gemahl hatte nie die nahren Umstande von dem letzten, alles entscheidenden Gesprach zwischen Vater und Tochter erfahren durfen. Hippolit fuhlte aber mit fester Ueberzeugung, dass ein unausweichbares Geschick hier gewaltet habe, uber welches nachzudenken, er schaudernd vermied, um seiner Sinne machtig zu bleiben. Plotzlich ergriff ihn der Gedanke, dass Moritz in seiner jetzigen offenherzigen Laune auch Gabrielen hier, an Ort und Stelle, zur Vertrauten dessen machen konne, was ihr ewig verborgen bleiben musste. Er fuhlte im eignen Herzen mit unaussprechlicher Angst, dass sie diesen Moment vielleicht nicht uberleben werde, und begann nun all' seinen Einfluss zu erschopfen, um ihren Gemahl zum Geloben ewigen unverbruchlichen Schweigens uber diesen Gegenstand zu bewegen. Er ging sogar so weit, ihm nicht undeutlich zu verstehen zu geben, wie man doch so ganz eigentlich nicht wissen konne, auf welche Weise der alte Baron im Geisterreiche, dem er doch lebend schon halb angehort habe, eine Indiskrezion uber diesen Punkt aufnehmen durfe.

Dieser Bewegungsgrund wirkte mehr als alle ubrigen, Moritz erbleichte und blickte sehr bedenklich zu den grauen alten Thurmen und zackigen Mauern hinauf, welche wie aus dem Felsen, der sie trug, hervorgewachsen, bei einer Biegung des Weges jetzt zum erstenmal sichtbar wurden.

Auch auf Hippoliten machte der Anblick des alten Gebaudes einen tiefen Eindruck, das ihm, wie von einer unersteiglichen Hohe, entgegenstarrte. Und als er nun vollends Gabrielens Wagen vor sich, in der alle Gegenstande verwirrenden Dammerung, auf dem steilen Wege sich hinaufwinden und dann zum dustern Aussenthor hineinfahren sah, da ward ihm, als versanke sie in einem offnen Grabe.

In der hochgewolbten Eintrittshalle, beleuchtet vom schwankenden Schimmer vieler Fackeln, hatten sich die verlebten Gestalten der einst hier im Dienst von Gabrielens Vater ergrauten alten Diener zum Empfange versammelt. In ihren nach der Farbe des Wappens auf das strengste gewahlten altmodischen Galla-Livreen standen sie ehrfurchtsvoll in eine Reihe geordnet; Frau Dalling an ihrer Spitze. Auch das Haar dieser war weiss geworden und ihre Gestalt hatte sich gebeugt.

Gabriele schwang sich, so wie sie ihrer gewahr ward, ganz allein aus dem Wagen, beinahe ehe er noch hielt, warf sich der geliebten mutterlichen Frau in die Arme, und begrusste sie mit tausend sonst gewohnten kindlichen Schmeichelnamen. Dann wandte sie sich an die alten Diener mit den allerfreundlichsten Worten; sie reichte ihnen die Hande und alle drangten sich, zum Theil knieend, um sie her und kussten unter verworrnen freudigen Ausrufungen bald ihren Shawl, bald den Saum ihres Kleides.

Moritz trat mit dem erhabensten Anstande, den er aufzubringen wusste, herein, aber die freudige Gruppe ward seiner nicht gewahr. Hippolit schauderte zuruck, da er Gabrielen von alle den greisen bleichen Gestalten umgeben sah, die kaum noch dem Leben anzugehoren schienen; er glaubte die geliebte Gestalt schon im Gebiete der Unterirrdischen zu erblicken, wahrend Ida und Bella in einiger Beklommenheit seinen Arm ergriffen, als wurde es ihnen so besser gelingen, das Grausen zu bekampfen, welches der erste Eintritt in das alte wunderlich-dunkle Schloss in ihnen erregte. Unter Gabrielens sorgfaltiger Leitung ward indessen gar bald alles zu Jedermanns Zufriedenheit geordnet. Die Fraulein kamen unter den Schutz der Frau Dalling, und vergassen dort alles Grauen, obgleich das Schloss Ubaldo und andre Reminiszensen aus ihren Romanen, ihnen oft genug in den Sinn kamen. Gabriele bezog wieder die einfachen Zimmer, welche sie von jeher im Schlosse bewohnt hatte. Gute Geister, von denen einst ihre harmlose Kindheit beschutzt worden, umwehten sie auch jetzt dort, und hauchten in seligen Traumen ihr Ruhe und Hoffnung in die jetzt nicht weniger als damals schuldlose Brust.

Auch Hippolit war mit seiner Wohnung zufrieden, denn aus einer Fensterecke derselben konnte er zu Gabrielen hinuber sehen, und Abends zuweilen ihren Schatten belauschen, wenn dieser an den heruntergelassnen Vorhangen voruberstreifte.

Nur Moritz befand sich in einer trubseligen Lage. Er hatte es seiner Wurde angemessen erachtet, die alten Prunkgemacher zu beziehen, welche von seinem Vorfahren zuletzt bewohnt worden waren, und nun ergriff ihn jedesmal eine unuberwindliche Gespensterfurcht, wenn er, besonders Nachts, sich dort allein fand. Ueberall vernahm er ein geisterartiges Rauschen und Rascheln, von den Ruinen der Brandstatte tonten wunderliche Klange zu ihm heruber, und ein paarmal glaubte er sogar im hellen Dammerlichte der Sommernacht den alten Baron auf seinem gewohnten Platz im Lehnstuhl am Fenster, den Ruinen gegenuber, zu erblicken.

Wie alle, die mit sich nicht im Klaren sind, war auch Moritz ein wunderliches Gemisch von Freigeisterei, Vernunftelei und ganz gemeinem Aberglauben. Vergeblich strebte er diesen wegzuspotteln und wegzuraisonniren, immer und ehe er sich dessen versah, ubte derselbe seine Gewalt uber ihn aus, aber um aller Guter der Welt willen hatte er dieses nicht eingestanden. Deshalb konnte er sich auch nicht entschliessen, die ihm so furchtbaren Zimmer mit andern zu vertauschen, obgleich er beinahe in keiner Nacht eines ruhigen Schlafs sich in ihnen erfreute.

Am Tage ging es nicht viel besser, denn da marterte ihn der Anblick der seinen Fenstern gegenuberliegenden Brandstelle. Die Lust, etwas ganz Unerhortes, nie Gesehenes hier aus der Asche entstehen zu lassen, regte sich um so unwiderstehlicher, je enger ihm in dieser Hinsicht die Hande gebunden waren. Sogenannte Nachbarn, von der Neugier meilenweit zu ihm gefuhrt, machten ihm durch ihre Aufforderungen und Vorschlage zum Bauen die Entsagung noch schwerer; denn er mochte nicht gestehen, was ihn eigentlich zuruckhielt. Unzahligemal nahm er den Bauriss, der einst des alten Barons Zorn so heftig erregt, zur Hand, betrachtete ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken, und legte ihn mit angstlichem Frosteln wieder hin. Endlich kam es so weit, dass er sogar Gabrielen fast nie ohne eine geheime widerwartige Regung anblicken mochte, denn alles erinnerte ihn daran, dass er ohne sie hier als unumschrankter Gebieter nach Belieben wurde schalten und walten, einreissen und bauen durfen. Gleich allen erklarten Gunstlingen des Glucks war es ihm unmoglich, nicht gerade das Einzige, was ihm versagt war, fur das Allerwunschenswertheste zu achten. Dieses argerliche Empfinden verleitete ihn nicht selten zu Ungleichheiten im Betragen und ungeduldigen Ausfallen, wie er sich fruher deren nie gegen seine Gemahlin erlaubt hatte. Gabriele wusste indessen diesem allen mit so edler Gelassenheit zu begegnen, ohne sich ihrer Wurde im mindesten dabei zu vergeben, dass Moritz gewohnlich im nachsten Moment uber seine eigne Unart erschrak und sich sichtbar schamte, doch ohne es anerkennen zu wollen.

Niemand beschreibt den wilden Schmerz Hippolits bei solchen Anlassen. Seit er als Hausgenosse Gabrielen in ihren hauslichen Verhaltnissen genauer beobachten konnte, stieg sein Gefuhl fur sie bis zur Anbetung; er hatte sein Leben hinbluten mogen, um ihr einen frohen Augenblick zu erkaufen. Keins der unzahligen Opfer, welche sie ihrer Pflicht taglich brachte, entging seinem Scharfblick. Und wenn sie dann mit ihrem schuldlosen Lacheln, in milder Heiterkeit vor ihm stand, mit Leichtigkeit und Sorgfalt nur auf das Vergnugen ihrer nachsten Umgebungen bedacht schien, so hatte er vor ihr in den Staub sinken mogen, wie vor einer himmlischen Erscheinung.

"Nein! sie ist nicht von dieser Welt!" rief er oft in die schweigende Nacht, wenn er mit sich allein den eben verlebten Tag uberdachte, "sie gehort nicht zu uns. Sie ist ein Engel, der, uns zum Vorbild, einige Zeit unter uns wandeln muss; weder Wonne noch Schmerzen, wie wir sie empfinden, konnen das Gemuth dieser Heiligen beruhren!"

Aengstlicher als je zuvor bewachte er den Sturm in seiner Brust, kein Wort, kein Blick durfte ihn verrathen. Nur wenn er ganz unbeachtet sich glaubte, wagte er es zuweilen, ihr Kleid zu beruhren, eine Blume aufzunehmen, welche sie achtlos liegen liess, oder an den Platz sich hinzuwerfen, den sie eben verlassen hatte. Wenn sie auf Spaziergangen ihren Schawl ihm anvertraute, oder wenn er vollends ihren Gesang mit seiner Flote begleitete; und ihr Hauch an seiner Wange streifte, dann erbebte er in Seligkeit, aber er schwieg und wagte nicht, die Augen zu erheben, damit sie nicht an ihm zu Verrathern wurden.

So vergingen einige Wochen. Am Ende derselben sah Gabriele sich mit ihren beiden jungen Gesellschafterinnen und Hippoliten fast immer allein, denn Moritz, der noch nie eine der unzahligen Thorheiten seines Lebens so schmerzlich bereut hatte, als den Entschluss, nach Schloss Aarheim zu gehen, schamte sich doch, durch seine Abreise vor der dazu bestimmten Zeit, dieses einzugestehen. Er wahlte lieber einen Mittelweg, der seiner Schwache besser zusagte. Er war nie zu Hause, machte Besuche zehn Meilen in die Runde, suchte die in der Umgegend wohnenden Mineralogen auf, und unternahm mit ihnen kleine Reisen; denn fur dieses Lieblingsfach seines Wissens blieb seine Vorliebe bestandig sich gleich. Hippolit begleitete ihn selten, seine Unwissenheit im mineralogischen Fache diente ihm meistens zur Entschuldigung, und da Moritz die gewohnte Erheiterung in seiner Gesellschaft jetzt weder suchte noch fand, so erlaubte er ihm recht gern, zum Schutz und Zeitvertreib der Damen zu Hause zu bleiben. Er that sich noch dabei auf seinen Scharfblick etwas zu gute, der ihm eine entstehende Leidenschaft Hippolits zu der schonen Ida entdecken liess. In besonders aufgeweckten Momenten ermangelte er auch nicht, seinen jungen Freund mit dieser Vermuthung zu necken, und dessen aus andern Grunden sehr verlegnes Laugnen bestarkte ihn in dem Glauben daran, statt ihm denselben zu rauben. Ruhig von innen und aussen, sahe Gabriele den Herbst herannahen. Moritzens Gegenwart trat jetzt sehr selten storend ein und sie zahlte wirklich Tage und Wochen, die ihr ein recht anmuthiges Bild der fruher an der Hand der Mutter verlebten glucklichen Jugend gewahrten. Das Schloss war voll Reliquien jener Zeit. Zeichnungen, Bucher, Musikalien, was nur die geliebte Verklarte beruhrt hatte, ward von Gabrielen zusammengetragen, aufbewahrt, in ihrem Geiste benutzt. Musikalische Uebungen, gemeinschaftliches Zeichnen, geistige Beschaftigungen aller Art, liessen dem kleinen Kreise keine rauschendern Freuden vermissen.

Ida und Bella wurden gar nicht gewahr, in welcher fast ganzlichen Einsamkeit sie sich eigentlich befanden. Ihre Begriffe, ihr Wissen, ihre Ansichten von der Welt und uber das Leben erweiterten sich mit jedem Tage, sie wussten nicht wie? Denn sie erhielten keinen eigentlichen Unterricht, der in der Stadt im Hause ihrer Mutter sie oft bis zum Sterben langweilte. Auch Hippolit, obgleich er im eigentlichen geordneten Wissen sich uber Gabrielen erheben durfte, fuhlte dennoch, wie im Umgange mit ihr alles, was er jemals gelernt hatte, ihm erst zur Wahrheit wurde, weil es in das wirkliche Leben verflochten ward, statt dass es sonst nur kalt und todt ihm eben zur Hand gewesen war, wie etwa ein Lexikon, in welchem man aufsucht, was man fur den Augenblick braucht.

Hatte Gabriele jemals ahnen konnen, wie schwer der junge Freund, an dessen geistigem Entwickeln sie so innig sich freute, fur jede selig mit ihr verlebte Stunde in der Einsamkeit unter den wuthendsten Qualen gluhender, hoffnungsloser Leidenschaft bussen musste! Aber ihrem unbefangnen Sinn kam nie ein solcher Gedanke. Sein durchaus vorsichtiges Benehmen hatte langst jede Erinnerung an jenen unbewachten Augenblick in der Laube verloscht, und wenn auch in seltnen Momenten ein Wort, ein Blick ihm entschlupfte, der sie daran hatte erinnern konnen, so war Gabriele weder eitel noch argwohnisch genug, dieses zu bemerken. Er ward ihr mit jedem Tage lieber, wie aller Frauen wird, was sie sorgsam pflegen und erziehen. Die sichtbare Veredlung seines Wesens, sein eigentliches Selbst war ihr Werk, das musste sie mit freudigem Stolz sich gestehen, und dabei pries sie dankbar die Gelegenheit, die ihr ward, ihm so zu vergelten.

Freilich vergingen Tage, in denen auch Hippolit der Gegenwart sich hingab wie ein Kind, ihm genugte dann, sie zu sehen, zu horen, von ihr angelachelt zu werden. Aber wenn nun Moritz nach einiger Abwesenheit zu Hause kam, wenn dieser es wagte, Gabrielen vertraulich zu begrussen, und nun plotzlich der Damon der tollsten Eifersucht Hippoliten zuflusterte: sie ist sein, des missgeschaffnen, lacherlichen Alten, sein, ganz sein, auf immer! Dann sturmte er fort, hinaus in den Wald, in Klufte, zwischen Felsen, wie ein gejagter Hirsch, der den Pfeil in der wunden Brust mit sich tragt. Oft irrte er in tiefer Nacht zwischen den Ruinen der Brandstelle, kletterte mit Lebensgefahr uber die morschen Mauern und suchte die verschutteten Eingange zu den Gewolben. Ganz verwilderten Sinnes, wollte er schlechterdings die ihm oft beschriebne Riesengestalt des alten Barons dort erblikken.

"Steig herauf!" rief er in halbem Wahnsinn, "steig herauf aus Deinem Steinhaufen, dem Du die Tochter opfertest! Libertade e morte! Gieb uns Leben und Freiheit im Tode! Zieh uns beide hinab! Was soll sie hier mit leerer, kalter Brust langer einsam umherwandeln? Dort wird sie lieben, dort druben, auf ihren heimathlichen Sternen. Mich wird sie lieben, sie muss es, denn ich gehore zu ihr. Mein ganzes Daseyn ist ein Strahl, ein Abglanz ihrer Herrlichkeit, den sie ins Daseyn rief, der ohne sie auf ewig verlosch!"

Moritz horte ihn oft, und verwachte dann eine Angstnacht, die ihn gewohnlich bewog, mit Sonnenaufgang wieder von dannen zu ziehen.

Einst hatte Hippolit die halbe Nacht so in fast wahnwitziger Raserei vertobt. Es war weit nach Mitternacht. An allen Kraften erschopft, sank er zwischen dem Gemauer der Brandstelle hin; seine Wildheit loste sich plotzlich in unsagliche Weichheit auf; ihm war, als zerflosse sein Daseyn in diesem stillen Weh; er mochte sich nicht regen, sondern uberliess sich fast gedankenlos dem angenehmen Gefuhl ganzlicher Ermattung, bis ihm die Sinne schwanden und der Schlaf ihn uberschlich.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erweckten ihn wieder; der kuhle Morgenhauch wehte beruhigend ihn an, er starrte auf seine wunderliche Ruhestatte hin, und begriff nicht sogleich, was ihn hieher gebracht haben konne? Dann begann er, wie immer bei kuhlerem Bewusstseyn, sich seines leidenschaftlichen Unmuths recht herzlich zu schamen, nannte ihn unmannlich, und versprach sich selbst, sich kunftig Gabrielens wurdiger zu betragen.

Noch nie hatte Hippolit sich zu so fruher Tageszeit zwischen den Ruinen befunden. Er blickte um sich, und ihn ergotzte das Spiel der fast noch horizontal fallenden Sonnenstrahlen, die hin und wieder, durch Lucken und Mauerspalten dringend, in einzelnen feurigen Lichtern durch das tiefste Dunkel auf den vom Rauch geschwarzten Mauern glanzten. Er stand in dem Theil des Flugels, der zur Zeit des Brandes, um das Hauptgebaude zu schutzen, grosstentheils eingerissen ward, dicht vor einem der gewolbten Eingange, welche einst zu den Souterrains fuhrten. Einige ziemlich erhaltene steinerne Stufen fuhrten noch in die Tiefe des kellerartigen Gewolbes hinab, doch nur wenige Schritte weiterhin war alles verschuttet. Hippolit blickte in die Tiefe, wo ein blaulich glanzender Punkt seine Aufmerksamkeit erregte; es war als ob der Reflex eines einzelnen Sonnenstrahls dort von einer metallnen Flache zuruckgeworfen wurde. Je langer er hinsah, je wunderlicher schien ihm das seltsame Blinken. Endlich bahnte er sich, nicht ohne Gefahr, den Weg zum Gegenstand seiner Neugier, und stand bald vor einer, in den Fels, welcher dem Gebaude zur Grundlage gedient hatte, eingehauenen kleinen Vertiefung. Spuren einer eisernen Thure, die einst sie verschlossen haben mochte, waren noch sichtbar. Unter Ueberbleibseln zerbrochner Glaser, vermoderter Schriften und Pergamente, welche die Vertiefung anfullten, glanzte noch immer der Schein hervor, und Hippolit zog endlich eine kleine Kapsel von weissem Metall aus dem Wuste. Schmutz und Staub verhinderten ihn, die darauf eingegrabnen Charaktere zu lesen, bis er, in seinem Zimmer angelangt, den sonderbaren Fund bequemer untersuchen konnte.

Das Metall, aus welchem die Kapsel bestand, erkannte er fur Platina. Liberorum Salus stand darauf eingegraben. Von sonderbarem Schaudern ergriffen, schob er sie weit von sich weg, aber die Neugier siegte, er ergriff sie wieder, und ruhte nicht, bis es seinem Bestreben gelang, sie zu offnen. Ein ganz kleines, hermetisch verschlossnes Flaschchen von Bergkrystall funkelte ihm aus dem schwarzen Sammt, mit dem die Kapsel gefuttert war, entgegen; es war wit wenigen ganz hellen Wassertropfen angefullt. Sein Haar straubte sich bei dem Anblick. Alles, was Moritz ihm auf dem Wege vom Eisenhammer nach dem Schlosse vertraut hatte, trat plotzlich in furchtbarer Lebendigkeit vor seine Seele. Ihm war zu Muthe, als stande der beunruhigte Geist hinter ihm, den er im wilden Wahn so oft zur nachtlichen Stunde herbeirief, als beuge die Riesengestalt sich uber ihm weg, um ihm hohnlachend ins Antlitz zu starren. Mit abgewandtem Blick schloss er die Kapsel wieder, vergrub sie tief im verborgensten Fach seines Schreibtisches unter Papieren, und eilte dann hinaus, als folge das Verderben ihm auf dem Fusse. Alles in Schloss Aarheim gewann eine andre Gestalt, so wie der Herbst naher herankam. Gabrielens Zeitordnung ward verstort, zwischen den alten Mauern wimmelte es von modernen geputzten Herren und Damen, lustige Tanzmusik wirbelte Abends durch die hochgewolbten Sale und laute Freude hallte durch alle Gemacher. Die ruckkehrenden Brunnengaste aus Bohmen stellten sich weit zahlreicher ein als man es erwartet hatte, jeder Tag fuhrte neue Besuche herbei, wahrend die fruher Angekommnen sich wieder entfernten. Auch altre Bekannte Gabrielens aus der nachsten Stadt fanden sich ein. Es war ein Leben, ein Treiben, ein Lachen, eine Lustigkeit unter den Leuten, uber die Hippolit zuweilen von Sinnen hatte kommen mogen, der er aber auch in andern Stunden sich wieder recht jugendlich-theilnehmend hingab.

Auch Moritz war mit der neuen Gestaltung der Dinge in seinem Schlosse wohl zufrieden. Wo es so gerauschvoll herging, meinte er, hatten die Geister wohl, wenigstens furs erste, ihre Macht verloren, und so wagte er es, wieder mehr zu Hause zu seyn, um seine Gaste zu empfangen und zu unterhalten.

Ein glanzendes Fest, welches auf einem, ein paar Meilen weit entferntem Gute gefeiert werden sollte, hatte am Vorabende desselben eine ungewohnlich zahlreiche Gesellschaft auf Schloss Aarheim versammelt, die von dort aus in Begleitung der Bewohner desselben sich mit dem fruhesten auf den Weg zum bestimmten Versammlungsorte machen wollte. Grafin Eugenia, der Professor und der sogenannte Antonius, lauter alte Bekannte aus dem Hause der Grafin Rosenberg, kamen spat Abends noch ganz unerwartet an. Eugenia warf sich mit lauten, freudigen Ausrufungen in Gabrielens Arme und betheuerte: seit sie der Letztern Ankunft auf Schloss Aarheim erfahren, habe sie ihrem Gemahl keine ruhige Stunde gegonnt, bis sie ihn bewogen, sie zu ihr zu fuhren. Dann stellte sie den wie gewohnlich verlegen lachelnden Antonius in dieser Qualitat vor. Dieser fing mit vielem Anstand eine schone Rede an, in der er aber unglucklicher Weise sich so verwickelte, dass er zuletzt nicht mehr wusste, wie er daran war und mitten in einem Paragraphen endete ohne zu schliessen. Gabriele achtete nicht sonderlich darauf, und begrusste indessen mit recht herzlicher Freundlichkeit den Professor, den sie schon im Hause ihrer Tante ausgezeichnet hatte. Moritz bemachtigte sich des Antonius als eines alten Bekannten, um ihm, Gott weiss welche Raritaten zu zeigen. Einige der Anwesenden folgten ihnen, andre, unter ihnen Eugenia, ordneten sich in einem geraumigen Pavillon von neuem um den geselligen Theetisch.

Gegen ihre Gewohnheit sah sich indessen Gabriele bald darauf genothigt, ihr wirthliches Amt an diesem Tische an Fraulein Ida abzutreten und die Gesellschaft auf eine kleine Weile zu verlassen. Die Zahl der Fremden im Schlosse war namlich durch den neuen Zuwachs so gross geworden, dass die gute Frau Dalling, trotz der vielen Zimmer in dem weitlaufigen Gebaude, sich dennoch, ohne den Rath ihrer Herrin, nicht zu helfen wusste, um jedermann anstandig und wurdig fur die Nacht unterzubringen. Mit leichtem Schritt eilte Gabriele, ihrem Rufe folgend, durch den hohen Lindengang, der vom Pavillon zum Schlosse fuhrt, und die Zuruckgebliebnen blickten ihr mit heiterem Wohlgefallen nach. An der Thure des Pavillons stand Hippolit, die blitzenden Augen in sprachlosem Entzucken auf die schone Gestalt geheftet, die leicht, wie eine Silfide, vor ihm hinschwebte. Ihr weisses Gewand ward durch das Dunkel des hochgewolbten Bogenganges erhoben, die hie und da durch die Blatter dringenden Sonnenstrahlen bestreuten es mit einzelnen in Rosenglanz brennenden Sternen; die lichten, blonden Locken, goldig im Abendroth schimmernd, umgaben ihr Haupt mit der Glorie einer Heiligen. Zuweilen verschwand sie im tiefern Dunkel vor den sie verfolgenden Blicken, und bald darauf glanzte sie wieder im vollen Sonnenschein wie eine Verklarte, bis sie sich endlich in der dustern Vorhalle des Schlosses vollig verlor.

"Aus Kindern werden Leute, das habe ich lange schon gewusst," rief jetzt Grafin Eugenia, "und doch," fuhr sie fort, "wurde es mir nie einfallen, die kleine, blasse, zimperliche, etwas alberne Gabriele der Grafin Rosenberg in dieser schonen, eleganten Frau von Aarheim wieder zu erkennen, wenn nicht die unwidersprechlichsten Beweise mich uberzeugten, dass sie es wirklich ist. Wie d i e Frau sich ausgebildet hat, so etwas ist mir noch in meinem Leben nicht vorgekommen, es granzt an Wunder. Erinnern Sie sich noch, lieber Professor! wie sie vor sieben oder acht Jahren zitternd, und knixend und halbweinend dazu, bei der Grafin Rosenberg erschien? Sie fiel gerade in die famose Tableaugeschichte hinein, die Sie unmoglich konnen vergessen haben."

"Ja wohl erinnere ich mich dessen genau," erwiderte der Professor, auch kann ich noch immer nicht ohne Bewunderung des Muths gedenken, mit dem das sonst so ubermassig blode Kind sich erdreistete, das ihm Heilige gegen alle Angriffe standhaft zu vertheidigen; ich meine die Trauer um die jungst verstorbne Mutter."

"Der lange schwarze Schlepp, die Pleureusen, die hassliche Schneppe und der Schleier, mit dem sie aussah wie eine Nachteule, das war ja eben der Gipfel aller Abgeschmacktheit," antwortete lachend Eugenia.

"Alle zivilisirten Volker legen um ihre verstorbnen Verwandten Trauer an," sprach der Professor, "und sogar unter den Wilden finden sich Spuren dieses Gebrauches, der denn doch wohl eines tiefern Ursprungs seyn mag, als blos der Mode. Doch davon ist hier nicht die Rede, Gabriele soll in der Sache selbst Unrecht gehabt haben, ihr Wollen war dennoch rein. Ich behaupte nur, dass, so wie sie damals stand, ihre Weigerung, das eigne Gefuhl des Schicklichen dem Willen der Tante zum Opfer zu bringen eine Heldenthat war, deren Werth aber vielleicht nur d e r ganz zu ubersehen vermag, der einst wie sie, angstlich beklommen und allein, in die ihm fremde Welt geworfen ward."

Die Neugier der Gesellschaft war rege geworden, und Eugenia musste erzahlen was sie selbst nur vom Horensagen kannte, denn sie war bei Gabrielens Ankunft im Zimmer der Tante nicht mehr gegenwartig gewesen, wohl aber der Professor, der als strenger Censor uber die Erzahlerin wachte, und jede Uebertreibung oder Unwahrheit ohne Gnade rugte und berichtigte. Hippolit horte Beiden mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu.

"Nun wohl, Sie mogen Recht haben," schloss endlich Eugenia, des Streitens mude, "Sie mogen Recht haben, und Gabriele ausserte schon damals Spuren jener Festigkeit, uberhaupt jenes vernunftigen Ueberlegens, das sie spater bewiess, als sie drei Monate, nachdem sie aus Schmerz uber die Trennung von einem gewissen Herrn hatte sterben wollen, sich plotzlich eines andern bedachte, der Auszehrung, in die sie zu verfallen drohte, und uberhaupt der ganzen traurigen Liebesgeschichte den Abschied gab, und kurz und gut diesen etwas possirlichen Herrn Vetter heirathete, der sie bei alle dem zur reichsten Frau im Lande machte, und auch sonst, wie ich hore, sich ziemlich lenken lasst."

"Grafin! Grafin!" unterbrach sie unwillig der Professor.

"Stille, stille, lieber Freund!" erwiderte Eugenia und druckte ihre Hand auf seine Lippen, "ich weiss was ich weiss, und behaupte nichts, als was ich mit Beweisen belegen kann. Ich war mit dem Rosenbergischen Hause zu genau liirt, als dass mir diese Geschichte hatte verborgen bleiben konnen."

Gabrielens Ruckkehr zur Gesellschaft zwang Euge

nien mitten im Strome ihrer Rede zu verstummen. Alles brach auf um die letzten Stunden des milden Herbstabends noch im Freien zu geniessen. Doch mochte das, was Eugenia noch etwa zu erzahlen haben konnte, nicht fur alle verloren gehen, denn einige der im Pavillon gegenwartig gewesnen Damen bemachtigten sich ihrer mit ungemeinem Eifer, um ihr noch bei Mondenschein die Schonheiten des altvatrischen Schlossgartens zu zeigen.

Auf Hippoliten hatte niemand geachtet; ausser sich

vor Zorn uber die Erzahlerin, deren unverkennbare Bosheit seine ganze Verachtung erregte, unfahig ihr zu glauben, und doch von ihr tief in der Seele verwundet, war er auf seinem Platze stehen geblieben, bis der Professor, der letzte welcher den Pavillon verliess, an ihm voruberging. Mit einem freudigen Auffahren ergriff er diesen am Arm, und zog ihn mit sich fort, ins Schloss hinein. Ein Blick in Hippolits bittendes Auge, und einzelne abgebrochene Worte bewogen den freundlichen Mann, sich ihm unbedingt hinzugeben, und, freilich etwas verwundert uber sein seltsames Benehmen, ihm zu folgen, wohin er ihn fuhren mochte. So wie sie in Hippolits Zimmer angelangt waren begann dieser, noch athemlos von ausserer und innerer Bewegung, dieses sein unziemend erscheinendes Betragen gegen seinen Gast so gut er es vermochte zu entschuldigen. "Es war mir unmoglich," sprach er, "eine Frau welche die Anbetung der ganzen Welt verdient, so lastern zu horen"

"Dann bedurfen Sie bei mir keiner Entschuldigung, Herr Graf," unterbrach ihn der Professor; "konnte ich selbst es doch auch nicht, und liess mich, wie Sie werden bemerkt haben, dadurch verleiten, mitten unter mir ganz Unbekannten als ihr Vertheidiger aufzutreten. Und doch habe ich sie nur als ein halbes Kind gekannt. Jetzt stehe ich wirklich geblendet vor ihr."

"O konnten Sie jetzt erst sie recht kennen lernen! Wurde es Ihnen vergonnt wie mir, ein Augenzeuge ihres Lebens zu seyn!" rief Hippolit, von seinem Gefuhl hingerissen, und der eben aufgehende Mond spiegelte sich in seinem glanzenden, himmelwarts gerichtetem Auge.

Es entstand eine kleine Pause, wahrend welcher der Professor Hippoliten aufmerksam und mit Wohlgefallen betrachtete. Dann nahm dieser gefasster wieder das Wort.

"Mag denn die freudige Empfindung, mit der ich Ihnen zuhorte, mir und meinem Ungestum das Wort reden," sprach er, "und mich auch entschuldigen, dass ich Sie, mit dem ich so zusammentraf, nicht gleich wieder verlassen kann; dass ich sogar es wage, Sie als einen langst gekannten Freund zu betrachten, und mit vielleicht zu jugendlicher Zutraulichkeit Sie um die Gewahrung einer Bitte zu ersuchen."

"Es sollte mich in Erstaunen setzen, wenn ich im Stande ware Ihnen eine zu gewahren, Herr Graf! obgleich ich fuhle, dass ich Ihnen schwerlich eine abschlagen konnte," erwiderte der Professor, indem er Hippoliten freundlich die Hand bot.

"Die Macht der Verlaumdung ist gross," sprach Hippolit verwirrt nach Worten suchend, und mit abgewendetem Gesicht; "sie ist darum so uber allen Ausdruck entsetzlich, weil sie unser Heiligstes untergrabt, ohne dass es moglich ware, ihr entgegen zu arbeiten. Man glaubt ihr nicht, man bauet fest auf seinen Freund, man stosst mit Abscheu jeden aufkeimenden Verdacht von sich, und doch bleibt ein geheimer Stachel tief im Verborgensten der Brust zuruck, und grabt und grabt leis' und unmerklich, bis das alte Vertrauen wankt."

"Versteh' ich Sie, Herr Graf?" unterbrach ihn der Professor, und sah mit weniger freundlichem Blick ihn forschend an. "Ware es moglich? Sie? Wie! Sie? der Sie Gabrielen genau zu kennen vorgeben, Sie konnten die Moglichkeit sich denken, dass elendes Berechnen von Rang und Vermogen sie dahin bringen konnte, sich diesem Herrn von Aarheim zu verkaufen?"

"O sprechen Sie das entsetzliche Wort nicht aus!" rief Hippolit, "schon diess allein ist ein Verbrechen gegen jenes himmlisch reine Wesen! Wie konnten Sie mich so missverstehen! Ich, der ich, und vielleicht besser als sie selbst den schauerlich-dunkeln Weg kenne, den das Schicksal mit Gabrielen nahm, um sie in dieses Elend zu fuhren, ich "

"Ich weiss nichts von den nahern Umstanden, die bei der Vermahlung der Frau von Aarheim sich zugetragen haben mogen, auf die Sie anzuspielen scheinen, und verlange auch nichts davon zu wissen," unterbrach der Professor ihn abermals, noch immer halb erzurnt. "Ich bedarf nichts von alle dem, um uberzeugt zu seyn, dass dieses verachtliche sich selbst Wegwerfen ihr unmoglich war, denn Liebe schutzte sie damals vor jeder Erniedrigung ihrer edlern Natur; eben jene Liebe, welche die Frau Grafin Eugenia in so unwurdigem Lichte zu zeigen sich abmuhte."

Ein unartikulirter Ausruf Hippolits, den er bei diesen Worten nur halb zu unterdrucken vermochte, wurde vom Professor nicht beachtet, der, hingerissen von dem Vergnugen Gabrielen zu vertheidigen, im Feuer seiner Rede fortfuhr.

"Ich war freilich bei Gabrielens Ankunft und bei jener Tableauscene zugegen, dessen die Grafin Eugenia so spottisch erwahnte. Ich pflegte damals immer gern die mir zur Erholung gegonnten Stunden in dem gastfreien Hause und in dem geistreichen Kreise der Grafin Rosenberg zuzubringen. Die kindliche Grazie, das unglaublich schuchterne Wesen des jungen Madchens, bei dem Geiste, der unter den dunkeln Wimpern hervorblitzte, so wie die uber ihr ganzes Wesen ergossene unverkennbare Traurigkeit, machten sie mir gleich in der ersten Stunde hochst interessant. Die ganzliche Verlassenheit, in der sie bald darauf oft mitten in den grossten Gesellschaften, furchtsam in sich gekehrt, dastand, erregte mein innigstes Mitleid; schon wollte ich als vaterlicher Freund ihr mich nahern, aber da entdeckte ich, dass ein Andrer mir zuvorgekommen sey, der in jeder Hinsicht sich freilich besser zu ihrem Beschutzer eignete als ich, ein bedeutender Kunstler und wie ich spaterhin vernahm, ein alter Freund ihrer Mutter."

Hippolit, der bei Erwahnung dieses Freundes sehr aufmerksam geworden war, athmete bei den letzten Worten des Professors hoch auf, mit sichtbar erleichterter Brust, und jener fuhr fort.

"So begnugte ich mich denn, dem Entfalten dieser lieblichen Blume von weitem, ohne thatige Theilnahme zuzusehen. Mit unaussprechlichem Vergnugen beobachtete ich das erste Erwachen des reinsten Herzens, das vielleicht je in einer Madchenbrust geschlagen hat. Es zu erwecken, war einem Manne beschieden, den ich vor allen andern dieses hohen Glucks werth achten musste. Wie oft betrachtete ich mit wahrer Freude das schone Paar, wenn beide der Zufall neben einander gestellt hatte! Er, das Bild mannlicher Hoheit, sie ganz weibliche Anmuth und Bescheidenheit."

"Er ist todt? Er starb?" fragte Hippolit beinahe athemlos.

"Nicht dass ich wusste," erwiderte der Professor, er hat mit letzter Post mir geschrieben. Aber seit Jahren sind sie getrennt, und so viel man menschlicher Weise die Zukunft berechnen kann, sind sie getrennt auf immer. O hatten Sie Gabrielen damals gesehen! Zwar ihre sterbliche Hulle ware dem Schmerz der Trennung beinahe erlegen, doch Psyche hob die glanzenden Flugel, und schwebt noch immer in ewiger Klarheit. Darum, mein junger Freund! tragt diese seltne Frau alles so leicht, was andre erdrucken wurde, sie hat ja das Schwerste fruher uberwunden."

Schweigend erhob sich Hippolit von seinem Sitze, und beantwortete des Professors Bitte, dieses Gesprachs gegen niemanden zu gedenken, nur mit einem Handedruck. Dieser blickte abermals verwundert ihn an und eine leise Ahnung, dass er hier wohl Unheil gestiftet haben konne, wahrend er durch Gabrielens Vertheidigung gegen jeden Argwohn, Gutes zu stiften gedachte, flog ihm durch den Sinn, doch blieb ihm zu keiner Aeusserung hieruber Zeit. Es ward zur Abendtafel gelautet, und Hippolit eilte, noch immer in dusterem Schweigen versunken, an seinem Arm dem jetzt hell erleuchteten Pavillon zu, wo die Gesellschaft eben im Begriff war, an mehrein kleinen Tischen sich zu ordnen.

Gabriele, die den Professor schon langst vermisst hatte, trat ihm an der Thure entgegen, um ihm in ihrer Nahe seinen Platz anzuweisen, und Hippolit nahm diesen Augenblick wahr, um sich, von jedermann unbemerkt, in das dichte wilde Gebusch neben dem Pavillon zu sturzen.

Unfahig, jetzt Gabrielens Anblick zu ertragen, irrte er planlos umher. Auf ungebahntem Wege, zwischen Felsentrummern gelangte er in der tiefen Dunkelheit zum Eisenhammer; uber wustes Gestein, am Rande tiefer Abgrunde hin, hatte er den Weg gefunden, ohne ihn zu suchen. Die Stille der Nacht verdoppelte das drohende Tosen der Rader, das Klopfen des Hammers. Die Gluth im hohen Ofen, um welche schwarze, wie der Unterwelt entstiegene Gestalten sich bewegten, leuchtete mit rothem Schein fernhin durch die Einode; die verdorrten Tannen, die wunderlichen Felsenzacken schienen im flackernden Licht zu gespenstischen Erscheinungen sich umzuwandeln und in seltsamem Tanze auf- und abzuschweben. Jede rege Phantasie musste hier mit grausenvollen Bildern sich erfullen. Hippolit fuhlte den Eindruck, ohne sich dessen deutlich bewusst werden zu konnen. Ermattet an Seele und Leib, warf er sich auf die alte steinerne Bank neben dem Felsbach hin, und uberliess sich dumpfen angstlichen Traumen. Weit nach Mitternacht traf ihn dort der Forster, welcher mit seinen Hunden in den Wald wollte, um nachtlichem Holzfrevel zu wehren. Er erkannte ihn, und fuhrte ihn auf dem kurzesten Wege nach seiner Wohnung, wo er ihn einlud, in Ernestos Stubchen bis zum Morgen zu verweilen; denn es war zu spat geworden, als dass Hippolit noch in das Schloss hatte gelangen konnen, ohne die Halfte von dessen Bewohnern aus dem Schlaf zu storen. Hippolit liess sich schweigend alles gefallen. In der stillen Einsamkeit der einfachen engen vier Wande, zu denen nur aus der Ferne das Drohnen des Hammers, das Rauschen der Wasserbache heruber tonte, kam Hippolit bald wieder zu einigem Besinnen. Doch mit diesem erwachte auch das ganze volle Gefuhl des Schmerzes, der, sein Innres zerreissend, durch Nacht und Wald ihn bis hieher gejagt hatte. Sie hatte geliebt? Sie liebte vielleicht noch! Diese Ueberzeugung ward der Untergang seiner bis zu diesem Augenblicke muhsam errungnen und erhaltnen Herrschaft uber sich selbst. Gabriele, die er sonst gleich einer uber jede Leidenschaft erhabnen Heiligen verehrt hatte, ward ihm jetzt nur zum schonen, liebegluhenden, irrdischen Weibe; die Hohe, auf der sie bis jetzt hoch uber ihm stand, war eingesunken und alle Qualen verzehrender Eifersucht, alle Flammen der gluhendsten Liebe schlugen hochauflodernd, jeder Massigung spottend, uber seinem Haupte zusammen. In dem engen Raum, der ihn umgab, wandelte er rastlos auf und ab, bis er, vom Schwindel ergriffen, auf das Lager sank. Kein Schlaf kam in seine Augen, kein einziger Augenblick Ruhe in die wildbewegte Brust. Er wollte fort, er wollte zu ihr, er wollte hinaus in die weite Welt; ganz mit sich selbst zerfallen, arbeitete er sich planlos und vergebens ab, einen festen Zweck des innern und aussern Strebens zu finden.

Der Morgen graute indessen, die Sonne ging auf, sie stieg immer hoher, ohne dass er von alle dem etwas bemerkt hatte, bis die Frau des Forsters mit freundlichem Morgengruss hereintrat, um ihm ein Fruhstuck zu bringen. Wie ein gefangner Vogel, dem der Kafig geoffnet wird, rauschte er da, ohne sie anzusehen, durch die von ihr offen gelassene Thure, hinaus zum Zimmer, zum Hause hinaus.

Erst auf der Halfte des steilen Weges, der zum Schlosse fuhrt, ward es Hippoliten klar, was ihn so schnell fort und hieher getrieben habe; es war der plotzlich gefasste Entschluss, den Professor zu sprechen und von ihm durch Bitten oder mit Gewalt Namen und Aufenthalt des Mannes zu erpressen, den Gabriele liebte.

Mit diesem Vorhaben beschaftigt, kam er im Schlosshofe an und fand dort alles in ganz ungewohnter Oede und Stille. Nirgends liess ein Einziger von der Schaar von Dienern sich erblicken, die sonst immer dort amsig hin und wieder lief. Die Pferdestalle, die Wagenremisen standen alle offen und leer, das ganze Schloss schien wie ausgestorben.

"Wo kommen der gnadige Herr denn so spat noch her? Die Herrschaften sind schon seit mehr als zwei Stunden nach der Rothenburg gefahren; sie dachten alle, Euer Gnaden waren langst vorausgeritten," rief Hippoliten endlich der Gartner zu, der mit einem grossen Korbe voll Herbstblumen aus dem Garten kam.

Hippolit hatte der heutigen Lustpartie gar nicht weiter gedacht, um derentwillen sich am vergangnen Abend eine so grosse Gesellschaft im Schlosse versammelt hatte. Jetzt beschloss er, freilich mit einigem Widerwillen, den Professor in der Rothenburg selbst aufzusuchen; doch wahrend er sich dazu anschickte, fiel ihm plotzlich ein, dass auch Eugenia dort seyn, dass er auch Gabrielen dort finden werde. Er fuhlte mit unwidersprechlicher Gewissheit, dass es ihm unmoglich sey, sie mit diesem Sturm in der Brust wieder zu sehen, ohne vor all den neugierigen Blicken, ja vor der Frau, die er als ihre grimmige Feindin betrachtete, das heiligste Geheimniss seines Herzens Preis zu geben. Ein neuer Kampf begann in seinem Innern, den endlich der Entschluss endete, statt nach der Rothenburg, nach der Stadt zu reisen, den Professor dort in seiner Wohnung zu erwarten, und sobald er von ihm erfahren, was er wissen wollte, hinaus zu ziehen in die Welt, um den Mann aufzusuchen, dessen Daseyn ihn mit unerhorten Qualen peinigte. Ihn finden wollte er, ihn sehen von Angesicht zu Angesicht. Was dann aber noch ferner geschehen, was aus dieser Zusammenkunft entstehen sollte? dies schwebte ihm nur in dunkeln Bildern vor, die er gar nicht zu beleuchten wagte.

So wie er uber seine nachste Zukunft mit sich im Reinen war, glaubte er sich ruhiger zu fuhlen; korperliche Ermattung nach der wilddurchtobten Nacht schien ihm jetzt Fassung zu seyn. Er bedachte die Ungewissheit seiner Wiederkehr und begann manches aufzuraumen und einzupacken, was er fremden Augen zu entziehen wunschte. Briefe, Gedichte, gluhende Ergusse der ihn verzehrenden Leidenschaft, die er dem Papier anvertraut hatte, alles suchte er zusammen, und mitten unter dieser Beschaftigung rollte ihm die langst vergessne Kapsel von Platina entgegen, welche er einst unter den Ruinen der Brandstatte gefunden hatte.

Kalte Schrecken durchrieselten ihn mit Todesschauern bei diesem Anblick. Sein Herz stand einige Sekunden, und grosse Schweisstropfen perlten auf seiner Stirne, wie auf der Stirne eines Sterbenden. Er sank vor seinem Schreibtisch auf die Knie hin, das stiere Auge haftete an der Kapsel; er las die Inschrift "Liberorum Salus," Rettung der Freien. Er musste sie immer wieder lesen, und vermochte nicht den Blick abzuwenden. Zischende Lichter, die er seitwarts sah, ohne das Haupt zu wenden, blitzten um ihn her; uber sich horte er ein Rauschen wie von machtigen Flugeln, es war das seine Adern durchrieselnde Entsetzen, mit dem das junge Leben sich gegen den furchtbaren Gedanken straubte, der in diesem Moment ihn mit Riesenstarke ergriff. Und dabei musste er innerlich doch immer wiederholen: Liberorum Salus.

Dieser Zustand wahrte indessen nur wenige Minuten, dann stand er auf, fasste und offnete die Kapsel mit fester Hand und hob das funkelnde Flaschchen gen Himmel. "Ich danke dir!" rief er, "wie durch ein Wunder zeigst du mir die rechte Bahn; so sey es denn!" Von diesem Momente stand die Ueberzeugung fest gegrundet in seinem Gemuth, dass nur der selbstgewahlte Tod ihm einen Ausweg offnen konne. Was sollte er ohne Ruhe und Rast die Welt durchirren, um ein Wesen zu suchen, dessen Daseyn ihn in Verzweiflung setzte! Wenn er ihn nun gefunden hatte? Nur blutig konnte dies enden. "Nein! Gabriele soll um ihn nicht weinen! mir, mir gehoren ihre Thranen, wenn gleich ihm ihre Liebe," rief er. "Uns beiden zugleich kann diese Sonne nicht langer scheinen, so wahle ich denn fur sie den kleineren Schmerz und lege ihrer Ruhe mein Leben willig zum Opfer hin."

Mit dem feierlichen Wesen, welches die Jugend im Schmerz so gern annimmt, fuhr er nun fort, Papiere zu vernichten, andre zu versiegeln und an entfernte Verwandte zu addressiren. Er versuchte es mehreremale an Gabrielen zu schreiben, doch dieses uberstieg seine Krafte. Allmahlig uberschlich ihn ein unnennbares Mitleid mit sich selbst, mit tiefer Betrubniss feierte er den Abschied vom schonen, heitern Sonnenlicht. Sein eigner Entschluss erschien ihm als eine unabanderliche aussre Bestimmung; er vergass ganz, dass es nur von ihm abhing, sie abzuwenden. Er hatte ausgetobt, seit dem vergangnen Tage hatten weder Schlaf noch Nahrung ihn erquickt. Er fuhlte kein Bedurfen, aber er war einer volligen Erschopfung aller seiner Krafte nah, und so gab er sich ohne Widerstreben sanftern Gefuhlen hin. Traurig, aber mit festem Willen beschloss er, die Bande langsam zu losen, die ihn noch an das Leben fesselten.

Feierlich und still durchzog er das ganze Schloss, er suchte noch einmal alle die Platze auf, wo er sie gesehen, auf jedem Schritte drangten tausend susse und bittre Erinnerungen sich ihm entgegen. Rings um ihn her herrschte das tiefste Schweigen, kein neugieriges Auge, kein geschaftiger Tritt belastigte ihn storend, denn der Theil der Dienerschaft, welchen die Herrschaft zuruckgelassen hatte, benutzte den seltnen freien Tag, um sich ausserhalb des Schlosses zu vergnugen.

Hippolit gelangte endlich an die Thure zu Gabrielens Zimmern, er fand sie verschlossen und sank, von seinem Gefuhl uberwaltigt, auf der Schwelle nieder. Alle Furien der Verzweiflung erwachten aufs neue in seiner Brust, er ergriff das Flaschchen, im Begriff, es hier zu offnen, aber der Gedanke an Gabrielen, an ihren Schrecken, an den Abscheu, mit dem sie gerade hier vielleicht von seiner entstellten Hulle sich wenden wurde, hielt ihn zuruck. Er riss sich wieder empor, eilte, vor sich selbst fliehend, eine in der Nahe befindliche Treppe hinab, und fand sich erst in einem abgelegnen Seitenhofe wieder, vor dem aussern Eingange zur Kapelle, welche von der andern Seite an die Reihe von Zimmern stiess, die einst der alte Baron und jetzt der gegenwartige Besitzer des Schlosses bewohnte. Ohne sich dessen deutlich bewusst zu seyn, stieg er die Treppe hinauf, die Thure der Kapelle stand offen.

Es war zur herbstlichen Zeit des immer merklicher werdenden Abnehmens der Tage, und die Sonne neigte sich schon dem Untergange zu, obgleich es noch gar nicht spat war. Ihr Strahl brach sich in den mannigfaltigen, gleich reichen Edelsteinen glanzenden Farben der alten Heiligenbilder und Familienwappen, welche, bunt und kunstreich gemalt, die Fenster schmuckten. Purpurrothe Dammerung, mit tiefdunkeln Schatten wechselnd, erfullte das hohe Gewolbe, als Hippolit in die Kapelle trat. Der Altar, hinter welchem die Thure sich offnete, schien erleuchtet. Langsam, von der Feierlichkeit des Ortes besanftigt und erhoben, schritt Hippolit vorwarts und erblickte und traute seinen Augen nicht und glaubte einer uberirdischen Erscheinung gewurdigt zu seyn denn auf den Stufen des Altars lag Gabriele betend, in Andacht versunken.

Langsam erhob sie sich, vom Gerausche seiner Tritte aus ihren Himmeln zuruck gerufen. Ein langes schwarzseidnes Gewand breitete in reichen Falten sich weit um sie her; sie war ungewohnlich bleich, aber ein Schimmer uberirdischer Seligkeit umleuchtete sie, als sie die thranenschweren Wimper hob, und, in der Dammerung ihn nicht gleich erkennend, ihm einige Schritte entgegentrat.

"Sie sind es, Hippolit?" rief sie erschrocken aus. "Was fuhrt so schnell Sie von der Rothenburg zuruck? Ist meinem Gemahl oder sonst jemanden von meinen Freunden dort ein Ungluck widerfahren? Ihr zerstortes Ansehen lasst mich alles befurchten. Um Gotteswillen was ist es? Ich kann alles eher ertragen als diese Ungewissheit, darum bitte ich, sprechen Sie."

Hippolit, vollig unfahig, nur eine Sylbe zu erwidern, zitterte so, dass er sich an einen der den Altar umgebenden Pfeiler festhalten musste, um nicht zu Boden zu sinken.

"Reden Sie, reden Sie," bat Gabriele mit vor Angst fast unhorbarer Stimme und immer bleicher werdend.

"In der Rothenburg ist hoffentlich alles wohl; ich war nicht dort," antwortete ihr endlich leise und bebend Hippolit. Dann sturzte er, von seinem Gefuhl hingerissen, plotzlich vor sie hin, rief laut ihren Namen, verhullte sein Gesicht in den Saum ihres Kleides, und das Flaschchen, welches er bis dahin noch immer krampfhaft festgehalten hatte, entfiel ihm, jedoch ohne zu zerbrechen. Mit lautem schrillenden Tone rollte es uber den Marmorboden hin.

Ein Schrei Gabrielens schreckte Hippoliten auf, er sah sie im Begriffe, zu sinken, und umschlang sie mit seinen Armen; sein Herz pochte horbar, seine Augen gluhten gleich verzehrenden Flammen, seine zitternden Lippen beruhrten ihren Schleier und die goldnen Locken, er druckte sie fest und immer fester an seine schwerathmende Brust. Sie bemerkte nichts von dem allen, ihre Blicke hafteten mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem blinkenden Krystalle, der zu ihren Fussen die Strahlen der Altarlichter zuruckwarf.

"Allmachtiger Gott! was ist das?" rief sie mit zusammengeschlagnen Handen, indem sie sich aus Hippolits Armen wand, ohne sich dessen bewusst zu seyn. "Ich kenne dieses Flaschchen und doch weiss ich nicht mir ist als hatte ich einmal davon getraumt, einen furchterlichen Traum oder mein Vater Heiliger Gott! mein Vater!" rief sie mit so wildem Tone, dass Hippolit davon zusammenschauderte, an allen Gliedern bebend, sie los liess, und mit gestraubtem Haar in die tiefe Dunkelheit am andern Ende der Kapelle hinstarrte, als erwarte er dort dessen dustern Schatten emporsteigen zu sehen.

"Guter Hippolit! ich habe Sie erschreckt," sprach jetzt Gabriele, indem sie sich erholte und sichtbar nach Fassung rang, "ich wollte es nicht, aber Sie selbst sind Schuld daran." Sie setzte sich ermattet auf die Stufen des Altars nieder, das Auge noch immer starr auf das Flaschchen geheftet. Ihn sah sie nicht an, der, verzehrendes Feuer im Blick, wie im Kampfe zwischen Himmel und Holle, uber ihr hing.

"Ich kann meine Augen nicht von dort wenden," sprach sie ernst nachdenkend, "irgend eine entsetzliche Erinnerung knupft sich an diesen Gegenstand, und doch schwebt mir alles so undeutlich vor, so verworren, wie aus einem fruhern Daseyn in einer andern Welt. O ruhren Sie es nicht an!" rief sie heftig, und stand auf und fasste Hippolits Arm, als dieser sich buckte, um das Flaschchen aufzunehmen. "Ruhren Sie es ja nicht an; ich bin wohl schwach und kindisch, aber mir ist, als musse irgend ein entsetzliches Ungluck hereinbrechen, wenn Sie es beruhren als ware der Tod darin verborgen. Der Tod! Mein Gott, mein Gott, wie ist mir denn! Wo habe ich es fruher gesehen? Wo kommt es jetzt denn her?" Bei diesen Worten hob sie den Blick zu Hippoliten auf. In der scheuen Zerstorung, die aus seinen Augen, aus seinem ganzen Wesen hervorleuchtete, schien ihr mit einemmale ein Strahl der Wahrheit aufzugehen.

"Hippolit!" rief sie, "es ist Gift und S i e brachten es hieher! Sagen Sie: nein! Sehen Sie meine Angst um Sie, um Gotteswillen sagen Sie: nein."

Verstummend sank er vor ihr hin und verhullte sein Gesicht.

"Um Gotteswillen sagen Sie: nein," wiederholte sie, an allen Gliedern bebend; "diese Stunde, dieser Ort, Ihr Zuruckbleiben von der Gesellschaft, der Ausdruck Ihrer ganzen Gestalt Was ist Ihnen denn geschehen? Was konnte Sie bewegen? Reden Sie mit mir, vertrauen Sie mir! O Hippolit! D a s konnten Sie mir thun?" rief sie endlich und brach in Thranen aus. "Reden Sie mit mir," bat sie, immer heftiger weinend, indem sie mit aller Kraft den Gebeugten aufzurichten strebte, ihre Thranen fielen auf ihn, sie benetzten seine Hande, sein Gesicht, indem sie ihn zum Aufstehen zu bewegen, sich vergeblich bemuhte.

"O Gabriele!" rief er; "Du weinst um mich! Nach dieser Seligkeit giebts keine mehr fur mich in dieser Welt. Vergieb mir, ich wollte Dich nicht betruben. Segne mich und verlasse mich dann, lass mich zur Ruhe gelangen, ich unterliege dem schweren Kampf, aber ich habe ihn redlich gekampft."

Der Schleier, der bis dahin Gabrielen die Wahrheit verhullt hatte, fiel bei diesen Worten Hippolits von ihren Augen. Sein Anblick, die todtliche Heftigkeit in seinem Wesen, vereint mit der Erinnerung an tausend bis dahin von ihr unbeachtete Zuge, traten plotzlich als unwiderrufliche Beweise seiner Leidenschaft vor ihre Seele. Sie gedachte dabei ihrer ersten Jugendzeit, sie gedachte Ottokars, sie gedachte der eignen fruhern Schmerzen, und fuhlte unaussprechliches Mitleid fur den vom Ungluck nie gebeugten Jungling, der dem wilden Kampf gegen ein Geschick zu unterliegen im Begriff war, welches das sanftre Madchen in stiller Duldung zu tragen gewusst hatte.

"Hippolit!" sprach sie mit unendlich weicher Stimme, "Hippolit! wenn es wahr ist, wenn wirklich ein unseliges Gefuhl, dem ich bis jetzt so gern allen Glauben versagte, Ihre Brust erfullt, wie war es Ihnen moglich, mich so betruben zu wollen? Fiel es Ihnen denn gar nicht ein, was aus mir werden solle, nach solchem Erleben?"

Ein Thranenstrom erleichterte jetzt auch Hippolits Brust; ihm war, als lufte sich damit ein eisernes Band, das bis dahin sie zusammengepresst hielt. Gabrielen zu antworten, vermochte er noch nicht, doch er gab nach, da sie abermals ihn aufzurichten strebte, und setzte sich, ihrem Winke gehorchend, neben sie, auf die Stufen des Altars. Das Flaschchen blinkte immerfort zu ihrer beiden Fussen.

Der Heiligkeit des Orts und seinem edlen Seyn vertrauend, wendete sich Gabriele jetzt ganz zu ihm und fasste seine beiden Hande; sie blickte ihn mit dem vollen Ausdrucke des unendlichen Mitleids, der unsaglichen Besorglichkeit fur ihn an, die in diesem Moment bis zum Zerspringen ihre Brust bewegten.

"Sie glauben mich zu lieben," sprach sie. "Ach! was ist Liebe wohl anders, als der innigste Wunsch, das Geliebte zu beglucken, sey es auch auf Kosten des Theuersten, was wir in dieser Welt besitzen? Und ist denn dieses irdische Daseyn das Hochste, was wir opfern konnen? Ist Leben nicht oft so unendlich schwerer als der Tod?"

Nach diesen Worten erhob sie sich langsam, buckte sich und fasste das Flaschchen, obgleich sie schaudernd zusammenfuhr, indem sie es beruhrte. Schweigend stand sie einen Moment, das betende Auge fromm zum Altar erhoben, und es war, als ob sie hiermit wieder d i e Fassung errungen habe, welche immer zur Zeit der Noth aus ihrem Thun hervorleuchtete. Sie wendete sich mit hohem Ernste zu Hippoliten und uberreichte ihm das Flaschchen.

"Ich weiss, dass ich dieses jetzt Ihnen anvertrauen darf," sprach sie; "ich lege das Gluck, die Ruhe meiner kunftigen Tage hiemit in Ihre Hande. Und nun geleiten Sie mich ins Schloss, wir sind beide erschopft und die Natur fordert ihre Rechte. Morgen seh ich Sie wieder, morgen soll alles Verworrene sich losen. Die Nacht ist duster und schwer, aber die kommende Sonne wird uns Kraft, Muth und Entschluss in die Seele strahlen."

Sie ergriff seine Hand und fuhrte ihn, wie ein Kind, durch die Kapelle zur Thure hin, die in ihres verstorbnen Vaters Zimmer sich offnete, und durch die sie einst, von Ernesto geleitet, zum Traualtar hinwankte. Im Zimmer selbst harrten ihrer Frau Dalling und Annette.

"Ich bringe Dir einen Kranken, den ich Deiner sorgsamsten Pflege empfehle, liebe Dalling," sprach sie mit der Geistesgegenwart, die sie in schweren Momenten sich immer zu erhalten wusste. "Mich soll Annette auf mein Zimmer begleiten, denn auch ich bin der Ruhe hochst bedurftig." Hierauf wendete sie sich zu Hippoliten, reichte ihm nochmals die Hand, und blickte mit ihren klaren treuen Augen ihm Hoffnung und Frieden in das hart verwundete Gemuth. "Gute Nacht," sprach sie, "gedenken Sie meiner in Ihrem Gebet, ich werde Ihrer gedenken. Ich werde den Geist meiner Mutter fur Sie anrufen, der an diesem Tage, an welchem er mich einst verwaist in der Welt zuruckliess, gewiss noch freundlicher als sonst mich umschwebt. Ich werde die Verklarte bitten, dass sie meinen jungen Freund wie mich, in diesen dunkeln Stunden vor nachtlichem Grauen und jedem Unheil behute. Morgen sehen wir uns wieder."

Und so schieden sie. Mit sich allein in der ungestorten Ruhe ihres Zimmers, fuhlte Gabriele erst die zerstorende Gewalt der eben durchlebten erschutternden Stunde. In stiller Betrachtung, in frommen Gebete hatte sie ganz einsam diesen Tag zugebracht, an dem vor acht Jahren der erste Schmerz ihr kindliches Gemuth mit unaussprechlichem Jammer erfullte. Der verklarte Geist ihrer Mutter war damals von irdischen Fesseln befreit, zu hoherem Leben gerufen worden, und was auch Gabriele seitdem Trubes und Schmerzliches erfuhr, so hatte doch nichts den Eindruck dieses ersten Verlustes zu verloschen vermocht. Immer hatte sie sich gesehnt, nur einmal noch den Sterbetag ihrer Mutter in den, durch das stille Walten der Verklarten geheiligten Raumen zu feiern, und der ihr so selten freundliche Zufall schien diesesmal den frommen Wunsch zu begunstigen. Er liess gerade auf diesen Tag das glanzende Verlobungsfest eines jungen Paares aus der Nachbarschaft fallen, und Schloss Aarheim sowohl, als alle Schlosser in der Nahe standen wahrend der zwei Tage verodet da, die auf Schloss Rothenburg in allen erdenklichen Lustbarkeiten dem Brautpaar zu Ehren zugebracht wurden.

Gabriele gehorte nicht zu den Frauen, die mit ihren Empfindungen vor den Augen der Welt Prunk zu treiben suchen. Still und geheim mochte sie das, was ihr heilig war, vor jedem kalten fremden Auge gern bewahren. Daher hatte sie gegen niemanden geaussert, welche ernste Feier an diesem Tage sie von dem Verlobungsfeste entfernt halten wurde. Unter dem Vorwande einer leichten Unpasslichkeit, ward es ihr im letzten Augenblicke nicht schwer bei Herrn von Aarheim ihr Zuhausebleiben zu entschuldigen. Von den ubrigen der Gesellschaft ward sie im gerauschvollen Moment der Abreise, wo eine grosse Anzahl Wagen und Pferde den Hof anfullten, nicht vermisst. Denn jeder, der sie in seiner Nahe nicht erblickte, vermuthete sie bei den Andern. Auch den zuruckgelassenen Bedienten blieb die Anwesenheit ihrer Herrin verborgen, denn Frau Dalling hatte sie, um die ungestorte Einsamkeit Gabrielens zu sichern, alle aus dem Schloss zu entfernen gewusst. Und so herrschte denn an diesem Tage die feierliche Stille einer Karthause, wo sonst alles vom lebendigsten Treiben der Geselligkeit wiederhallte.

Ihrerseits hatte Gabriele, mit sich und ihrem Gemuth beschaftigt, eben so wenig daran gezweifelt, dass Hippolit mit dem Strome der Gesellschaft nach der Rothenburg gezogen sey, als sie am vergangnen Abend sein Wegbleiben von der Gesellschaft bemerkt hatte. Sie war zu gewohnt, ihn vollig als ihren Hausgenossen zu betrachten, um bei solchen Gelegenheiten mit besondrer Rucksicht sich seiner zu erinnern, und da an diesem Abend die ungewohnlich zahlreichen Gaste an mehreren kleinen Tischen soupirten, so konnte es ihr um so weniger auffallen, dass sie in ihrer Nahe seiner nicht gewahr ward.

Um so mehr war es bewundernswerth, dass Gabriele das Schrecken, welches sein Erscheinen in der Kapelle ihr erregen musste, so ertragen konnte, ohne auch nur fur einen Augenblick ihm zu erliegen, besonders da sie sich geistig und korperlich von der ernsten Feier des Tages hochst angegriffen fuhlte. Aus dem Sterbezimmer ihrer Mutter, wo sie den ganzen Tag zugebracht hatte. war sie erst gegen Abend, begleitet von der treuen Pflegerin ihrer Kindheit, zu der unter der Kapelle befindlichen Familiengruft herabgestiegen, um an den Sargen ihrer Aeltern zu beten, die sich hier der langen Reihe derer ihrer Ahnherren anschlossen. Den Ruckweg nahm sie durch die Kapelle, dort wollte sie noch in stiller Andacht vor dem Altare harren, bis die Sonne, welche diesem thranenvollen und hoffnungsseligen Tage geleuchtet hatte, hinter den Felsen sich neigte; und gerade in dieser Stunde war es, wo Hippolits dustere Erscheinung sie so gewaltsam zwang, sich der Erde und dem Leben auf ihr wieder zuzuwenden.

Mitternacht war langst voruber und noch immer zitterten Schrecken und Schmerz in den Nerven der armen Gabriele. Vergebens bemuhte sie sich, auf das morgende entscheidende Gesprach mit Hippoliten sich vorzubereiten; es war ihr unmoglich, irgend etwas daruber zu beschliessen.

"Wahr und treu und schonend will ich seyn, und das Uebrige Dem uberlassen, der heut mich wurdigte, wie durch ein Wunder Hippoliten als Retterin vom Untergange zu erscheinen," sprach sie endlich sich zum Troste.

Immer musste sie indessen des Flaschchens noch gedenken und wohin sie auch die Augen wenden mochte, glaubte sie es sich entgegen blinken zu sehen. Ihr schauderte davor, und doch konnte sie es nicht lassen, mit Nachdenken und Forschen sich zu qualen: wo sie es fruher gesehen haben konne? Glucklicherweise ohne Erfolg. Denn hatte sie sich darauf besonnen, dass gerade ein solches Flaschchen in der Todesstunde ihres Vaters an einer goldnen Kette von seinem Nacken geoffnet herabhing, so ware ihr auch mit einemmale die Art seines Todes klar geworden, und mit dieser Klarheit ein ewig nagender Schmerz in ihr kindlich frommes Gemuth gedrungen. Vielleicht hatte das Bild dieses Flaschchens sich ihr in jenem Moment eingepragt, wo sie von Schmerz, Schrecken und Angst; auch wohl von dem durch das ganze Zimmer sich verbreitenden betaubenden Duft des Kirschlorbeers ergriffen, zu den Fussen ihres sterbenden Vaters ohnmachtig hinsank. Vielleicht war auch die Ahnung einer Vergiftung damals in ihrer Seele entstanden, war in bewusstlosem Zustande, in welchem sie sich wahrend ihrer, gleich darauf folgenden langen Krankheit befand, wieder verloschen, und jetzt durch den Anblick des Flaschchens aufs neue in ihr rege geworden. Vielleicht aber auch hatte der verklarte Geist, dessen Nahe sie den ganzen Tag uber erfleht, und zu empfinden geglaubt, diese Ahnung ihr in die Seele gegeben, um Hippoliten zu retten, und ihr das Gluck zu gewahren, ihn gerettet zu haben. Wer vermag es, hier zu entscheiden? und wer, der es konnte, mochte hart genug seyn, diesen frommen Glauben, den Gabriele endlich freudig ergriff, als thorichten Wahn zu verdammen oder zu verspotten? Hippolits Erwachen aus schwerem betaubendem Schlummer, glich am andern Morgen dem Erwachen aus Grabesdunkel in einer andern Welt. Die ganze Vergangenheit war ihm entschwunden und nur in angstlichen Traumbildern schwebten die zuletzt verlebten Stunden vor seiner Seele. Als er allmahlig zur vollen Besinnung gelangte, wunschte er nun wieder einzuschlafen, um von neuem alles zu vergessen. Mit unendlichem Grausen ergriff es ihn, wie alles jetzt so ganz anders seyn konne, hatte nicht Gabriele ihn wunderbar vor sich selbst errettet. Er bebte mit Entsetzen vor dem geheimnissreichen Schleier der Ewigkeit zuruck, den er gestern im verzweiflungsvollem Erdreisten mit kecker Hand zu luften im Begriffe stand. Dann wendete er den Blick zur Erde. Er sah sich selbst bleich, regungslos erkaltet, entstellt vielleicht zum Unkenntlichen, ein Grausen- nicht Wehmuth erregender Todter, von dem Layen und Geistliche sich fromm bekreuzend den Blick abwandten. Fern, Allen zum Graus in ungeweihte Erde gebettet, hob kein bethrantes Auge von dem niedrigen Hugel sich mit trostender Hoffnung gen Himmel. Freunde und Verwandte konnten nur den Wunsch hegen, ihn sobald als moglich der Vergessenheit zu ubergeben; darum durfte kein Stein mit seinem Namen den Ort bezeichnen, wo man ihn hinlegte.

Hippolit hatte den Tod nie gescheut, oft in jugendlichem Unmuth ihn herbei gerufen, wenn das Leben sich in fruhern Zeiten seinen Wunschen nicht fugen wollte. Spaterhin war er ihm oft dreist entgegen gegangen, wenn er aus keckem Uebermuth, oder um das Lacheln einer schonen Frau, oder wegen ein paar unbedacht hingeworfener Worte seiner Jugendgesellen das Leben wagte, als ware es eine Seifenblase. Doch vor d e r abschreckenden Gestalt, in welcher der Tod j e t z t seiner Fantasie vorschwebte, konnte er nur schaudernd sich abwenden. Das Blinken des krystallnen Flaschchens, das noch auf seinem Tische lag, verwundete ihn mit stechendem Schmerz, und er eilte, es wieder tief und sorgsam zu bewahren, um nur das Entsetzliche nicht mehr zu sehen. Dann bereitete er sich zu der gewunschten und gefurchteten Zusammenkunft, die ihm in den nachsten Morgenstunden bevorstand. Es gelang ihm, eine ruhigere Stimmung zu erringen, und nun begann er, seiner gestrigen Verzweiflung sich herzlich zu schamen. Wie damals, als er zwischen den Ruinen der Brandstatte erwacht war, schalt er auch jetzt sich unmannlich feig, und fuhlte mit tiefer Reue, wie grausam und unwurdig er im Begriff gewesen war, auch Gabrielens Frieden auf immer zu zerstoren, den geringen Antheil hauslichen Glucks, der ihr ward, zu vernichten, und vielleicht selbst ihre Ehre vor der Welt unheilbar zu verwunden.

Endlich ward er zu Gabrielen gerufen. Er wagte es nicht, die Augen zu ihr zu erheben, bis er ihre sanfte ruhrende Stimme horte, mit der sie freundlich ihn begrusste, nach seinem korperlichen Befinden sich erkundigte. Doch als er sie anblickte, war' er beinah in ehrfurchtsvoller Anbetung vor ihr hingesunken. So glaubte er noch nie sie gesehen zu haben. Hoch und hehr, bei aller gewohnten Einfachheit, stand sie vor ihm wie eine Konigin; ihr Auge stralte in ungewohntem Glanz, ihre Wange war hoher gerothet und alle Zuge ihres schonen Gesichts trugen den Ausdruck festen, wenn gleich durch innre Gute gemilderten Ernstes. Hippolit fuhlte in diesem Moment alle seine Wunsche in Demuth und Ergebung untergehen. Mit einer anmuthigen, wenn gleich etwas feierlichen Bewegung der Hand wies sie ihm seinen Platz ihr gegenuber an, einige Minuten vergingen, und keines von ihnen sprach ein Wort; doch Gabrielens Fassung uberwand gar bald dieses verlegne Verstummen.

"Ich habe in vergangner Nacht recht viel, recht besorgt um Sie, Ihrer gedacht, lieber Hippolit!" sprach sie zu ihm. "Ich mochte so gern dazu beitragen, Sie in ungetrubtem Jugendmuthe Ihrem eignen klaren Bewusstseyn wieder zu geben. Dann ware alles gut. Denn ein dustrer unverstandner Wahn hat wunderlich Sie betaubt. Sie verkennen sich, die Welt und das Leben. Es ware wohl die Pflicht der altern erfahrneren Freundin, Ihnen wieder zurecht zu helfen, wusste ich nur, wo zu beginnen!"

"O Gabriele! ich bin Ihrer Sorge nicht werth. Gefuhle, Leidenschaft, Erinnerungen, deren Vorstellungen Ihnen ewig fremd bleiben mussen, nagen an mir, reissen mich hin zu wildem verworrenem Thun; geben Sie mich auf! mir ist nicht zu helfen;" erwiderte schmerzlich Hippolit.

"Wie Sie mich betruben!" rief Gabriele; "nach dem gestrigen Abend"

"Erwahnen Sie ihn nicht, aus Mitleid nicht, ich flehe darum," unterbrach Hippolit sie in heftiger Bewegung. "Die Halfte meines Lebens gabe ich willig, um ihn zuruckzukaufen. Wussten Sie, welche wunderbare Verknupfung unendlicher Zufalligkeiten bis zu diesem Wahnsinn mich trieb! Doch warum mit der truben Erzahlung Sie behelligen? Vergeben Sie dem Unglucklichen; wenn es moglich ist, so vergessen Sie. Furchten Sie nicht Aehnliches von mir, so lange ich meiner Besinnung machtig bleibe. Ich werde harren, ich brauche dem Untergange nicht zu rufen, ich weiss, er wird mich fruh genug ereilen."

"An diesem Morgen des neugeschenkten Lebens hoffte ich Sie anders gestimmt zu finden. Doch gebe ich darum die Hoffnung noch nicht auf, Sie besanftigend zum Bessern zu leiten," erwiderte Gabriele. "Geduld ist die Pflicht der Frauen und der Freunde, ich will gern sie uben, aber uben Sie sie auch, lieber Hippolit. Horen Sie mich an, und ohne Widerstreben, ohne eigenwillig Ihr Gemuth gegen meine Stimme zu verharten."

Hippolit unterbrach hier zwar Gabrielen mit lauten leidenschaftlichen Ausrufungen, doch sie achtete dessen nicht. Ein halb bittender, halb befehlender Blick machte ihn wieder verstummen, und sie fuhr fort zu reden.

"In meiner Sorge um Sie, in meinem Gebet um Erleuchtung, wie Ihnen zu helfen ware, kam mir plotzlich der Gedanke, Ihnen mit meiner Erfahrung zu nutzen. Die Klippen, die ein Freund vor uns bezeichnete, sind leicht vermieden, und der Sieg, den Andre vor unsern Augen errungen, scheint uns nicht mehr unmoglich. Darum will ich allen Bedenklichkeiten entsagen, ich will Ihnen vertrauen was ich noch keinem sterblichen Wesen, so in Worte gefasst, bekannte. Ich gebe Ihnen das theuerste Geheimniss meines Lebens in der Geschichte meines eignen Herzens. Sie sehen, ich achte Sie noch, Sie sind mir noch immer werth, was ich kann, gebe ich Ihnen, Hippolit! und mehr durfen und werden Sie nicht wunschen," setzte sie, ihm freundlich die Hand bietend, hinzu.

Mit hohem Errothen begann sie nun von jener Zeit zu sprechen, da sie, fruh verwaist, in eine ihr ganz fremde Welt versetzt, mit beklommnen Herzen, vereinzelt dastand. Doch Blick und Ton wurden immer lebendiger, als sie deren erwahnte, welche ihr so freundlich entgegen traten, Ernestos, der Frau von Willnangen und ihrer Auguste. Hippolit, ihr gegenubersitzend, blickte mit stummen Entzucken in ihr seelenvolles Gesicht, in ihre klaren Augen, die, wahrend sie sprach, oft mit dem Ausdrucke herzlichen Wohlwollens auf ihm ruhten.

"Ohne Anspruche, geliebt zu werden, betrat ich die Welt," sprach Gabriele, "doch bereit, mit inniger Liebe zu umfassen, was Liebenswerthes und Edles mir nahen werde. Denn achte edle Liebe ist die Bluthe des Lebens; sie bedarf keiner Gegenliebe um zu beglucken, sie ist sich selbst ihr eigner hoher Lohn. So hatte meine Mutter mich gelehrt."

Dann erwahnte Gabriele mit glanzenden Augen Ottokars erstes Erscheinen. Ohne ihn zu nennen, oder sonst auf kenntliche Weise zu bezeichnen, beschrieb sie ihn wie er ihr damals erschienen war und noch immer in ihrer Erinnerung lebte. Mit hinreissender Einfachheit und jungfraulichem Errothen bekannte sie, wie sie zuerst in Demuth neben ihm gestanden hatte, und all ihr Wunschen einzig darauf hinausgegangen war, nur einmal so wie die Andern mit ihm sprechen zu konnen; wie sie zuletzt in ihrem Gemuth doch zu der Ueberzeugung gelangt ware, dass sie allein zu ihm gehore, dass nur sie ihn ganz verstehe, obgleich er nie im Gesprach sich an sie gewendet habe, und wie diess vollig von ihm Uebersehenwerden in verborgnen, schweigenden Nachten oft schmerzlich von ihr beweint worden sey. Dann kam sie zur Beschreibung jener einzigen Stunde, die in aller Seligkeit des Himmels und allem herzzerreissenden Schmerz des Erdenlebens beide auf ewig vereinte, indem sie fur das ganze Erdenleben sie trennte.

"Und so ist es noch jetzt;" setzte Gabriele nach einem kurzen deutungsvollen Schweigen hinzu. "Sieben Jahre sind seit jener Stunde vorubergezogen. Wir sind fur dieses Leben so ganz von einander geschieden, dass in all dieser langen Zeit kein Gruss, kein Blattchen, von uns mit unserm Namen bezeichnet, uber die Kluft hinschwebte, die das Geschick und unser eignes Gefuhl des Rechten zwischen uns zog. Wir sind mit unserm Loose zufrieden. Der irdische Schmerz ist niedergekampft und nur die reine Freude, einander gefunden zu haben, ist uns geblieben. Bei jeder Erdennoth, jedem Zweifel, der im Gewuhle des Lebens sich an mich drangt, hebt und halt mich das Bewusstseyn, dass e r lebt, dass e r kein Gebilde meiner Fantasie ist. Und auch ich ich bin dessen uberzeugt, auch ich erscheine ihm zum Trost, wenn er es bedarf. Weiter haben wir fur dieses Leben keine Wunsche mehr, sogar der, einander hier noch einmal wieder zu sehen, verstummte allmahlig. Doch will ich meinem jungen Freunde nicht bergen, dass die Ruhe, welche jetzt mich beseligt, nur im schweren Kampfe errungen ward. Hippolit! auch Sie sind zu diesem Kampfe berufen und werden siegen."

"Nimmermehr!" rief Hippolit in leidenschaftlichem Schmerz. "Wie konnte ich je dahin gelangen, wo Gabriele in der Glorie einer Heiligen strahlt! Seliger Engel! warum bliebst du nicht in deinen Himmeln? Warum musstest du in dieser entzuckenden Gestalt herabschweben, uns zu verderben?"

"Hippolit! ich wiederhole es, Sie betruben mich mit diesem wilden leidenschaftlichen Wesen; Sie angstigen mich, und es ist wohl besser, ich ende dieses Gesprach, um schriftlich einen vielleicht gunstigern Moment zu treffen," sprach Gabriele sehr ernst, als wolle sie aufstehen und das Zimmer verlassen, doch Hippolits Verzeihung erflehender Blick und sein sichtbares Bestreben, sich zu massigen, bewogen sie, noch zu bleiben.

"Verzeihen Sie mir die Behauptung," sprach endlich Hippolit, "Gabriele, schones engelreines Wesen! was Sie Liebe nennen, ist es nicht. So lieben nicht sterbliche Menschen; wie Sie jenen namenlosen Glucklichen lieben, so lieben selige Geister"

"So lieben Frauen," unterbrach ihn Gabriele, und ihrem Augen leuchteten in verdoppeltem Glanze.

"Wie gern stimmte ich in kindlicher Demuth diesem Ausspruche bei," rief Hippolit und wagte errothend kaum, die Augen aufzuschlagen, aber ich darf gegen Sie nicht falsch seyn," fuhr er fort. "Ich muss es bekennen, ein feindliches Geschick hat schon fruh mich mit der Kehrseite des Lebens bekannt gemacht. Aus Erfahrung, deren ich jetzt nur in tiefer Beschamung gedenke, weiss ich, wie einsam Gabriele auf der Hohe steht, die uber ihr Geschlecht sie erhebt, wie ohne alle Ahnung dessen"

Ein zurnender Ausruf Gabrielens unterbrach ihn. "Furchten Sie nichts!" fuhr er bittend fort; "kein kuhn ausgesprochnes Wort soll Sie beleidigen; moge der Himmel mich noch elender machen, als ich es bin, wenn je die hohe Ehrfurcht mich verlasst, die in Ihrer Nahe mich immer ergreift. Doch wenn Sie je wenn jemals ach! wie fange ich es an, um Ihnen gegenuber, das was ich denke, was ich fuhle, in Worte zu fassen? Wie soll ich Sie erbitten, es nicht Lasterung zu nennen, wenn ich bekenne, dass ich jetzt, von Ihrem holden Vertrauen beruhigt, ihn nicht mehr beneide, dessen nie zuvor geahnetes Daseyn schon gestern die Bosheit Ihrer Feindin und die unbedachte Vertraulichkeit Ihres Freundes mir verriethen. In nie gefuhlten Qualen der Eifersucht jagte es mich in Wahnsinn und Tod."

"Sie sollen ihn auch nicht beneiden, Sie sollen neidlos ihm nacheifern, Sie sind es werth, neben ihm zu stehen," sprach Gabriele mit begutigendem Tone, doch Hippolit fuhr fort, wie nachdenkend vor sich hin, weiter zu sprechen.

"Diess ruhige Gefuhl ware Liebe? Nein, ich wieder

hole es, Gabriele hat nie die Liebe gekannt. O kennten Sie dieses verzehrende Feuer, diess Wunschen ohne Namen und Ziel, diese Unmoglichkeit, anders wo zu athmen, als in der Nahe des Geliebten! O Gabriele, was soll aus mir werden? Was soll mich schutzen vor Wahnsinn und Verzweiflung?" rief er, von seinem Schmerz aufs neue uberwaltigt; "was kann mich retten?"

"Was auch mich und meinen Freund vor Untergang

und Unwurdigkeit schutzte," erwiderte Gabriele fest und mild. Sie fasste die Hand, mit welcher er im wildem Unmuthe sein Gesicht verhullte. "Blicken Sie mich an," sprach sie; "glauben Sie, dass diese Augen nie weinten? Dass nicht auch meine Brust in schlaflosen Nachten nach Trost, nach Hoffnung, nach Beruhigung schmerzlich rang? dass nicht auch er? o Hippolit, ich fordre ja nichts Unmogliches, nur was ich und er auch thaten und trugen."

"Entfernung ist Tod!" rief Hippolit, alle Massigung

vergessend, im wilden Schmerze.

"Und Sie glauben mich zu lieben? Kennt Liebe

denn Trennung? Ist sie nicht ewige Nahe? Giebt es fur sie Raum oder Zeit?" erwiderte ihm Gabriele.

Lange kampfte sie mit ihm, erschopfte Grunde und

Bitten, um ihn zu einem Schritt zu bewegen, den sie im Fall seines unuberwindlichen Widerstandes entschlossen war, selbst zu thun. Mit der Ueberzeugung von Hippolits wirklich leidenschaftlicher Liebe war ihr auch die Nothwendigkeit klar geworden, ihn aus ihrer Nahe zu entfernen. Sie fuhlte unendliches Mitleid mit ihm in ihrem Herzen, es betrubte sie unsaglich, ihn wieder ganz allein seiner leidenschaftlichen Natur uberlassen zu mussen, ihn Rathund Hulflos in die ihm so gefahrliche Welt hinauszustossen. Auch dachte sie nicht ohne ein sehr schmerzliches Gefuhl fur sich selbst an die Trennung von ihm; sie war seiner Gegenwart so gewohnt worden, dass sie kaum wusste, wie sie es anfangen solle, um sich von ihm loszureissen. Der schonste Schmuck ihres jetzigen Lebens ging ihr mit ihm verloren, das konnte sie sich nicht verhehlen, und gestand es auch ihm, offen und wahr. Ihr Mitgefuhl milderte die Wildheit seines Schmerzes und machte ihn fahig, Bitten und Grunden seine Aufmerksamkeit zu schenken. Mit der grossten Zartheit lenkte Gabriele auch seine Blicke auf ihre eigne hausliche Lage, die er nur zu genau kannte, auf die Gefahr, in welche er in unbedachten Augenblicken sie sturzen konnte, dieses Schattenbild von hauslicher Ruhe zu verlieren, das sie bisher muhsam erkampft, mit unzahligen Opfern sich erhalten hatte. Selbst auf das Urtheil der Welt, das man ehren muss, ohne es achten zu konnen, machte sie in leisen Andeutungen ihn aufmerksam. Hippolit war es gewohnt, sie beinahe ohne Worte zu verstehen. Er konnte sich die Wahrheit dessen nicht verhehlen, was sie ihn mehr errathen liess, als dass sie es ausgesprochen hatte, und der Gedanke, ihrer Ruhe diess grosse Opfer zu bringen, ermuthigte ihn. Ihre bittenden Blicke besiegten ihn mehr als ihre Grunde; der gebietenden Herrin hatte er vielleicht noch lange Widerstand geleistet, der mit ihm fuhlenden Freundin musste er nachgeben. Und so gelangte er denn endlich zu dem Entschlusse, zuerst in Ungarn Freunde und Verwandte zu besuchen, seine Guter zu bereisen und dann nach Italien zu gehen. In Jahresfrist sollte er selbst entscheiden, ob er dann siegreich genug aus dem schweren Kampfe mit seinem Herzen hervorgegangen sey, um zu verdienen, wieder in Gabrielens Nahe zu leben.

"Was ich mir und meinem fernen Freunde versagen musste, darf ich Ihnen erlauben," sprach sie zu ihm. "Ich bitte Sie sogar, mir wochentlich zu schreiben. Ich will an allem theilnehmen, was Ihnen begegnet, und auch Sie sollen von mir zuweilen Kunde erhalten, obgleich ich nicht versprechen kann, jeden Ihrer Briefe regelmassig zu beantworten. Der Reisende hat immer leichter schreiben als der, welcher zu Hause bleibt, doch will ich gern freundlich und rathend Ihnen auch aus der Ferne die Hand reichen. Uebrigens vertraue ich Ihrem eignen Gefuhle, ich bin gewiss, Sie werden nur schreiben was ich lesen darf; Sie werden nie mich zwingen, einen Ihrer Briefe ganz unbeantwortet zu lassen, oder wohl gar alle zuletzt uneroffnet zurucksenden zu mussen. Hippolit wird so das Gemuth der Frau nicht verwunden, die ihn so gern und freudig ihren Edelknaben nannte," setzte Gabriele, lachelnd unter Thranen, hinzu, indem sie ihm freundlich die Hand reichte, um so den vielleicht zu streng erscheinenden Ernst zu mildern, mit welchem sie diesen Ausspruch that.

Hippolits endlicher Abschied von der hochgeliebten Frau duldet keine Beschreibung. Schon in der nachsten Stunde sass er auf seinem prachtigen, stolzen Araber, denn er wollte, nach seinen eignen und Gabrielens Wunschen, die noch am nehmlichen Abend von der Rothenburg zuruckkehrende Gesellschaft vermeiden. Als er uber den Schlosshof sprengte, sah er noch einmal zu Gabrielens Fenster auf; sie stand da und winkte ihm das letzte Lebewohl zu. Sein Herz zuckte, als wolle es brechen, da er sie erblickte. Er vermochte es nicht, ihren Gruss zu erwidern, sondern spornte sein edles Ross so, dass es hoch auf sich baumte und dann, wie vom Sturmwind getrieben, mit ihm zum Schlossthor hinaus den steilen Felsweg hinunterflog. Die ihm am Thore nachsehenden Bedienten schrien alle vor Schrecken daruber laut auf; Gabriele lauschte bebend am Fenster, bis die Ruhe, mit welcher sie Alle sich dem Schlosse zuwenden sah, sie uberzeugte, dass jede Gefahr voruber sey und kein Unfall ihren jungen Freund betroffen habe.

Dann wandte sie sich langsam vom Fenster ab, in stille Trauer und in wehmuthigem Andenken versunken. Sowohl Gabriele als Hippolit waren gleich bei der Ankunft auf der Rothenburg von der Gesellschaft vermisst worden, und obgleich Herr von Aarheim seine Gemahlin durch die ihr plotzlich zugestossne Unpasslichkeit sehr umstandlich zu entschuldigen suchte, so fehlte es dennoch nicht an mannigfaltigen Muthmassungen uber den sonderbaren Zufall, der zugleich auch Hippolits Abwesenheit veranlasst habe. Eugenia, mehr vielleicht aus Gewohnheit als aus boser Absicht, trug redlich dazu bei, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft so lange als moglich mit diesem Problem zu beschaftigen; Moritz selbst ward zuletzt dadurch angeregt, doch da niemand in seinem Beiseyn ganz verstandlich sich auszudrucken wagte, so begriff er nicht recht, mas man eigentlich meinen mochte, und die ganze Geschichte machte keinen grossen Eindruck auf ihn. Anders wurde es als er, wenig Stunden nach Hippolits Abreise, wieder zu Hause angelangt war. Hier vernahm er, dass sein junger Freund, durch dringende Ursachen bestimmt, plotzlich nach Ungarn gereist sey, ohne sich vorher bei ihm zu beurlauben. Das halbverstandne Gefluster und Gezische auf der Rothenburg kam ihm wieder in den Sinn, und brachte ihn jetzt auf den albernen Gedanken, seine Gemahlin konne aus wunderlicher Eifersucht den Augenblick benutzt haben, um den einzigen Menschen, dessen Gesellschaft ihn ergotzte, von ihm zu entfernen. So lacherlich diese Vermuthung auch war, so ermangelte er doch nicht, Gabrielen deshalb anzuklagen, und ihr dadurch manche bose Stunde zu machen.

Der Verlust Hippolits und die Verpflichtung, die Fraulein Schoneck wieder in die Arme ihrer Mutter zu geleiten, mussten ihm jetzt zum Vorwande dienen, die Ruckreise nach der Residenz zu beschleunigen.

Ida und Bella gingen mit eben der frohlichen Erwartung dem Gerausch der Stadt entgegen, mit der sie auf die romantische Einsamkeit der alten Burg sich gefreuet hatten. Mit nassem Auge und manchem unterdruckten Seufzer trennte sich Gabriele von dem geliebten Aufenthalte; Moritz hingegen vermaass sich hoch und theuer in seinem Herzen, die Schwelle des alten verwunschten Schlosses nie wieder zu betreten; er fand jedoch fur gut, diesen Vorsatz nicht laut werden zu lassen.

Mit einem sehr unbehaglichen Gefuhle, zu welchem die jetzige Gestaltung ihres hauslichen Verhaltnisses nicht wenig beitragen mochte, betrat Gabriele in der Residenz abermals die gewohnte Bahn im geselligen Leben der grossen Welt. Nie war ihr diese freudenarmer und uninteressanter erschienen, und dennoch durfte sie ihr, um ihres Gemahls willen, nicht entsagen. Letzterer ward mit jedem Tage murrischer und unleidlicher. Gegen die Freude an Gabrielens glanzender Erscheinung in der Welt, hatte die Zeit ihn abgestumpft; er bildete sich nicht mehr ein, die Bewunderung, welche sie uberall erregte, mit ihr zu theilen, und sein ewiges Ausposaunen ihrer Vortrefflichkeit qualte sie nicht, wie wohl ehemals. Dafur machte ihn aber die furchterlichste Langeweile zum unertraglichsten Gesellschafter, bis er durch irgend eine schnell aufgefasste Lieblingsidee wieder angeregt und in Thatigkeit gesetzt ward. Doch als er diese endlich am Spieltisch gefunden hatte, gewahrte sie ihm nur neue Anreizung zum argerlichsten Missmuthe. Sein Verlust an demselben konnte bei seinem grossen Vermogen zwar nicht in Anschlag gebracht werden, aber leider bildete er sich ein, das Geheimniss erfunden zu haben, den Gang des Spiels im Voraus aus mancherlei Nebenumstanden berechnen zu konnen, und das oftere Misslingen seiner muhsamen Kalkulazionen versetzte ihn beinahe an jedem Abende in den allerwiderwartigsten Humor.

Der Briefwechsel mit ihren entfernten Freunden gewahrte Gabrielen wenig Erheiterung ihres jetzigen truben Lebens. Ernesto liess aus Italien selten von sich horen, und Frau von Willnangen mit ihrer Auguste waren selbst des Trostes bedurftig. Denn der General fand fur gut, Adelberten noch immer entfernt zu halten, und beide Frauen fuhrten auf dem Lande, in Sehnsucht und banger Erwartung, ein sehr einformiges Leben. Gabriele hatte ihrer Freundin die Ereignisse nicht mitgetheilt, welche Hippolits Entfernung aus ihrer Nahe herbeifuhrten, denn sie achtete sich nicht berechtigt, das Geheimniss ihres Freundes ohne Noth zu verrathen. Indessen hatte sich doch eine Art Zwang in den Briefwechsel der Freundinnen durch dieses Verschweigen eingeschlichen, den beide fuhlten, ohne sich ihn zu gestehen. Stille Trauer uber den Jungling, den sie gezwungen hinaus in die Verbannung gestossen, waltete noch immer in Gabrielens Gemuth; uberall vermisste sie ihn, und seine Briefe, eigentlich das Tagebuch seines Lebens, waren fast die einzige Unterbrechung ihres bis zum Ueberdruss einformigen Umhertreibens mitten im Gerausche. "Ich muss fort," schrieb Hippolit Gabrielen, wenige Wochen nach seiner Ankunft im Vaterlande, "ich muss fort, ich halte es so nicht langer aus. Ruhe zu hoffen, ware lacherlich; so will ich denn Betaubung suchen. Betaubung andrer Art als mir die glanzenden Feste, die grossen Jagdparthien geben, welche meine Verwandten mir zu Ehren hier anstellen. Wenn sich Abends, von unzahligen Fackeln beleuchtet, unsere oft aus zwanzig und mehr Wagen bestehenden Karavanen von dem Schlosse eines Verwandten, wo wir einige Tage oder Wochen lang hauseten, zu dem Gute eines andern begeben, wo wir uns wieder im nehmlichen Kreise von Lustbarkeiten umherzutreiben gedenken, dann kommt mir unser Zug, dem die Landleute bewundernd nachstaunen, oft wie ein prachtiges Leichenbegangniss vor. Ich horte einmal ein altes einfaches Lied singen, sein Anfang war:"

"Mein Herz, das ist begraben,

Tief und gar weit von hier"

Mein Gedachtniss hat von dem Liede nichts aufbewahrt als diese wenigen Worte, aber ich kann sie nicht wieder los werden. Oft mochte ich meine Verwunderung laut daruber ausdrucken, dass man so viel Umstande mit mir macht, um mich zu ergotzen, aber die guten Leute wissen nicht, dass es eben sowohl Scheinlebende als Scheintodte gibt. Sie ahnen nicht, dass ich mit kalter, hohler Brust unter ihnen herumwandle, weil ich ohngefahr eben so aussehe wie alle andere Menschen, aber 'Mein Herz, das ist begraben tief und gar weit von hier!'

Eine freudige Regung, einen Strahl jugendlichen Lebens, hat mir denn doch das Wiedersehen, oder ich sollte lieber sagen, das Widerfinden, eines ehemaligen Jugendgefahrten hier gewahrt. Auf einer jener glanzenden Familienreisen fuhrte unser Weg dicht neben dem Schlosse meines Oheims vorbei, dem ich als ein Unmundiger vom sterbenden Vater anvertraut ward, und der mich zum Lohne dieses Vertrauens fur einen der Familie aufgedrungnen Bastard erklaren lassen wollte, um mein reiches Erbtheil seinem eignen Sohne zuzuwenden. Seit einem halben Jahre ist der Oheim todt, aber ich mochte selbst den Ort nicht wiedersehen, wo er mit heuchlerischer Freundlichkeit mich umfing, und mich Sohn nannte, wahrend er im Herzen den Plan, mich zu verderben, umhertrug.

Sein Sohn, mein ehemaliger Spielgefahrte, bewohnt jetzt das Gut, ich schlug indessen das Fruhstuck aus, das uns bei ihm erwartete, und bestand darauf, weiter zu fahren. Ich mochte die Brut des heuchlerischen Alten nicht sehen, die durch meinen Raub hatte bereichert werden sollen, und ausserte dieses ganz unverholen. Heute fruh stand Vetter Max vor mir in meinem eignen Zimmer, ehe ich mich dessen versah, und bot mir die Hand zur Versohnung. Ein einziger Blick in sein ehrliches, treuherziges Gesicht entwaffnete mich, und nun hore und sehe ich zu meiner unsaglichen Beschamung, was Max alles fur mich gethan hat. Selbst mit Vernachlassigung seiner eignen Geschafte, hat er Tag und Nacht nur dahin getrachtet, die Ordnung auf meinen Gutern wieder herzustellen; und dass ich, unerachtet der sinnlosen Verschwendung meiner fruhern Jugend, dennoch jetzt weit reicher bin als ich es je zu seyn glaubte, verdanke ich einzig ihm.

'Schweigt davon nur ganz stille,' antwortete mir der gute Max, als ich meinem Danke Worte geben wollte, 'ich that wohl etwas um Euch, mehr aber noch um des Vaters willen. Ich meine, wenn ich jetzt gut zu machen versuche, was er schlecht machen wollte, so soll das seiner armen Seele vielleicht besser frommen als etliche Dutzend Seelenmessen, die wir indessen auch nicht versaumen. Euch aber, Vetter! wenn ich Euch wirklich einen Gefallen that, bitte ich ubrigens, da Ihr doch meines Vaters nicht im Guten gedenken konnt, so thut mir die Liebe, und denkt gar nicht an ihn. Er war doch mein Vater und hatte mich lieb, zu lieb; und das mag leicht sein grosster Fehler gewesen seyn.'

Morgen soll ich ganz allein mit Max heruber reiten, seine Frau und sein Kind zu sehen, er ist einige Jahre alter als ich und schon Hausvater."

Am Abend des folgenden Tages.

"Maxens Kind heisst Gabriele! Gabriele, rief ich, Gabriele! und riss das kleine zweijahrige Madchen vom Arme der Mutter, so wie sie es mir genannt hatte. Ich gluhenden Kussen, es streckte die Aermchen nach mir aus, es lachelte mich an, es wollte mich liebkosen und ich Nein ich darf in diesem Momente nicht weiter schreiben Gabriele! Gabriele! welch ein Zauber liegt in diesem Namen! Er ruft den Himmel und die Holle in meinem Busen wach."

Einige Wochen spater geschrieben.

"Max ruhte nicht, ich musste ihm hieher folgen, zum uralten hochgethurmten Sitze meiner Ahnen, am Fusse der Karpathen. Er meinte: wo ich eigentlich zu Hause sey und hingehore, musse doch endlich jener Trubsinn weichen, der in meiner Nahe sogar ihn, den immer Lebensfrohen, wie ein boser Geist ergreift, und ihn oft so seltsam beangstigt, dass er das Vorgefuhl einer nahen schweren Krankheit zu empfinden glaubt. Und dennoch will der gute treue Freund nicht von mir lassen; mag er denn immerhin meinen einstweiligen Aufenthalt wahlen; ich bin froh, dieser Muhe uberhoben zu seyn, ich gebe mich seiner Leitung hin, und um so lieber, da ich, mit ihm allein, endlich einmal freier athmen kann.

Ehegestern langten wir ziemlich spat gegen Abend hier an. Aus Hutten und Bauerhofen stromte Jung und Alt uns schon auf dem Wege entgegen, mit Kranzen, mit grunen Zweigen, und endlosen gutgemeinten lazwischen, und der Wiederhall aus den nahen Bergen sandte uns das luftige Losknallen der Feuergewehre, zum fernen Donner umgewandelt, zuruck.

Max suchte mit seelenvergnugter Erwartung Freude uber seine wohlgetroffnen Anstalten in meinen Augen zu lesen, wahrend die trostloseste Erinnerung an unsern Einzug in Schloss Aarheim mir das Herz zerriss.

An u n s e r n Einzug! Gabriele! an u n s e r n ! Wie war es moglich, dass dieser Ausdruck jetzt mir entschlupfen konnte? Unser! Die Seligkeit des Himmels umfasste sonst fur mich diess kleine Wort, ich suchte tausendfaltige Gelegenheit, es auszusprechen. Jetzt ists damit vorbei! Ich darf ja mit Gabrielen nichts mehr gemein haben als das Tageslicht. Doch still davon.

Ich stand denn ehegestern eine ziemliche Weile unter den hohen Baumen vor dem Schlosse und war himmelweit von allen jenen Regungen entfernt, die Max in mir zu wecken gehofft hatte. Noch nie hatte ich so verwaist mich gefuhlt als eben hier, in dem von meinen Vatern mir vererbten Eigenthume; noch nie war es mir so schwer aufs Herz gefallen, wie ich doch nirgend und zu niemanden mehr hingehore, seit der Stern meines Lebens mir nicht mehr leuchtet.

Alle diese Menschen blicken hoffend zu mir auf, alle dunken sich, zu mir zu gehoren, sie sind bereit, ihr Wunschen und Klagen und Bitten mir zu vertrauen, und ich will gern geben was ich kann; doch das, was sie eigentlich und mit Recht von mir fordern, vermag ich doch nicht, ihnen zu gewahren. Ich stehe, in Sitte, Kleidung und Sprache ein Fremder, in meinem Vaterlande mitten unter meinem Volke.

Warum liess mein Vater den mutterlosen Knaben nicht hier aufwachsen in diesen alten Mauern, unter diesen Menschen, die so grosse Anspruche an ihn haben? Ich ware dann einfachen Sinnes und doch treu und brav, wie mein Vetter Max; ich nahme, wie er, das Leben arglos hin, ohne grosse Anspruche, wie es gerade kame. Es stande dann gewiss viel besser um meine Ruhe, und doch ergreift mich ein Schauder, wie vor dem Gedanken ewiger Vernichtung, wenn ich es mir recht ausmale, wie es mit mir seyn konnte, wenn Gabriele mir nicht erschienen ware, wenn Kunst, Wissen und jeder verfeinerte Schmuck des Lebens fur mich gar nicht existirten, wenn ich, versunken in farblose Apathie, so hinlebte von einem Tage zum andern, und die Jahre uber mir hinrollten, ohne dass ich es anders als an meinen ergrauenden Haaren gewahr wurde. Nein! nein! ich will fuhlen, dass ich bin, sey es auch nur durch den Schmerz! Doch zuruck zu meiner Erzahlung unsrer Ankunft. Sie wollen ja, ich soll erzahlen.

Immer peinlicher ward das beangstende Gefuhl, das unter meinen jubelnden Unterthanen mich ergriffen hatte. Immer unmoglicher ward es mir, ihrer Freude, die mit jedem Augenblicke lauter sich aussprach, wenigstens auf halbem Wege zu begegnen. Ich weiss was ich gesollt hatte; ich fuhlte recht gut, welche Erwiderung die ruhrende Anhanglichkeit dieser Menschen, wenn auch nur an meinem, durch die Zeit ihnen heilig gewordnen Namen, von mir fordern durfte, und doch furchte ich, theure Gabriele, ich furchte, ich habe mich nicht benommen wie ich sollte. Ich konnte es nicht, weder mich zu freuen, noch Freude zu heucheln vermag ich, und so kam es denn wohl nicht ohne mein Zuthun, dass das muntre Getose um mich her allmahlig verstummte. Alles begann nach und nach, sich mit scheuem Blick, mit unsicherm Verneigen aus meiner Nahe zuruck zu ziehen und endlich sich zu zerstreuen, ehe noch vollige Dammerung eintrat.

Max hat recht ernstlich mein Benehmen getadelt; ich stand beschamt vor ihm und wusste zuletzt nur korperliches Uebelbefinden zu meiner Entschuldigung anzufuhren. Er meint es so gut, und obgleich er mich oft eigensinnig schilt, ist doch sein Herz voll Mitleid mit mir; aber wie konnte er je Wunden schonend behandeln, deren Moglichkeit er nie begreifen wird. Ich bat ihn also nur, bei einem Feste, das ich allen meinen Unterthanen zu geben Willens bin, mich als Wirth zu vertreten. Diess stellte die treue Seele vollig zufrieden, nur musste ich ihm noch versprechen, dabei zu erscheinen, sey es auch nur auf wenige Minuten.

Morgen also. Von Morgen an wird laute Freude drei Tage lang unten durch die weiten Hallen meiner Burg tosend drohnen. Fur mich hoffe ich indessen ein stilles Platzchen zu finden, wohin kein Ton von dorther dringen kann, wo ich allein seyn mag mit meinen lieben Gedanken an ehemals, an Gabrielen. "Sie tanzen, sie singen, sie lachen; wie das ferne Brausen des Meeres, tont es selbst zu dem kleinen runden Eckthurm heruber, in welchen ich mich vor alle dem Larmen gefluchtet habe. Ist das Freude? Die ungebandigste Lustigkeit eines Bauerngelages, so wie die ausgesuchtesten Feste der vornehmen Welt, was sind sie im Grunde anders als Schlachtmusik, die der arme Mensch sich macht, um nur nicht zu sehen und zu horen, wie der vernichtende Arm der Zeit die Sichel fuhrt." "Schon beim ersten Eintritte in dieses Schloss kam alles so bekannt mir vor. Das altmodisch gestickte goldne Laubwerk auf den schweren rothsammtnen Gardinen meines Bettes, die vergoldeten Lowenkopfe, welche meinen Schreibtisch tragen, die hohen geschnitzten Stuhle, die kolossalen unbeweglichen Tische. Mir war, als hatte ich vor langer Zeit das alles schon gesehen, und doch hatte ich dieses Schloss kaum jemals nennen gehort; mein Vater besuchte es nie, so lange ich denken konnte, obgleich es unser Stammhaus ist. Von Unruhe getrieben, durchzog ich heute die lange Reihe unbewohnter Zimmer, die noch in ihrer alterthumlichen verbleichenden Pracht genau so wie schon vor hundert Jahren dastehen. Ein grosser Saal am Ende derselben hielt mich endlich fest. Von seinen Wanden schienen die Bilder meiner Vorfahren aus ihren breiten kunstreich geschnitzten Rahmen auf mich, den letzten truben Sohn ihres Stammes, mitleidig herabzublicken, und ich betrachtete sie der Reihe nach. Zuletzt stand ich beim Bilde meines Vaters still, sein trauriges Alter und die Tage meiner, nicht freudiger bei ihm verlebten Kindheit traten mir vor die Seele. Ich versank in immer tieferes Sinnen, so, dass ich uber die Stimme des alten Kastellans wirklich zusammenfuhr, der, von mir unbemerkt hereingetreten war.

Er ist ein alter fast kindischer Greis, der hier, wo er sein ganzes Leben hinbrachte, in spielender Geschaftigkeit den Tod erwartet. Mit der Redseligkeit des Alters begann er, mir die Geschichte aller Feste und grossen Jagden, welche er zu meines Grossvaters Zeiten hier erlebt hatte, herzuerzahlen, bis ich, um ihn zu unterbrechen, nach einem Bilde fragte, von dessen Existenz der leere Raum neben dem meines Vaters zeugte, und das augenscheinlich aus der Reihe weggenommen war. Der Alte wiegte bedachtig das schneeweisse Haupt, 'ich hab's gerettet,' flusterte er mir endlich zu und offnete dann eine verborgne Tapetenthure in einer Ecke des Saals. Beklemmend schlug mir die schwule eingeschlossne Luft das wohl seit vielen Jahren nicht geoffneten dunkeln Zimmers entgegen, doch trat ich hinein, eigentlich ohne Neugier und ohne zu wissen warum. Der Alte offnete die Fensterladen und ich sah mich in dem Kabinette einer Dame aus der ersten Halfte des vorigen Jahrhunderts. Auf dem mit Spitzen auf verblichner rosenfarbner Seide umkleideten Nachttische schimmerten noch die silbernen mit getriebner Arbeit gezierten Putzkastchen; ein dicht zugezogner Schleier von altmodischen Spizzen verhullte den kleinen ebenfalls in silberne Schnorkel eingefassten Spiegel und seitwarts stand eine reich mit Perlmutter und Elfenbein geschmuckte Wiege, auf deren seidner Decke wohl langst zerfallne Hande mit muhsamer Kunst eine Grafenkrone gestickt hatten.

In ganz eigner Bewegung betrachtete ich die kleine Schlafstatte und die prunkenden Anstalten, welche Mutterliebe und Eitelkeit zum Empfange des hulflosen kleinen Erdenburgers hier getroffen hatten, den das Schicksal spaterhin wohl schwerlich wieder so weich gebettet haben wird, ehe er zu jener Ruhestatte gelangte, die der spanische Dichter die zweite umgekehrte Wiege nennt, und die uns noch tiefern ruhigern Schlaf verheisst. Der Alte machte mich jetzt auf das uber der Wiege hangende Bild einer jugendlich schonen Frau aufmerksam. Sie lachelte mit so bekannten Zugen mich an, dass ich den Blick nicht wieder zu wenden vermochte. Plotzlich fiel es wie ein Schleier mir von den Augen, ich stand vor dem Bilde meiner Mutter, ich erkannte diess Kabinett, in welchem ich, ein gluckliches Kind, bis in mein funftes Jahr neben ihrem dicht daranstossenden Zimmer gewohnt habe. Ich bin in diesem Schlosse geboren, theure Gabriele, ich wusste es nur nicht, aber der Greis sagte es mir jetzt. Es war meine Wiege an der ich stand, in der auch mein Vater, vielleicht mein Grossvater einst ruhten; denn seit einem Jahrhundert wenigstens ist hier nichts verandert worden. Die Morgensonne meines Lebens ging mir plotzlich wieder auf und leuchtete um mich her, so klar, dass ich alles, was mich umgab, in ihrem rosigen Abglanz wieder erkannte. Ich blickte auf zum Bilde meiner Mutter, in ihren Augen schienen mir jetzt Thranen zu glanzen, wie in jener Nacht, da ich, halb erweckt von ihren heissen Kussen, sie weinen sah und mit ihr weinend, wieder einschlief. Am Morgen nach dieser Nacht, erwachte ich das erstemal zum Schmerz der Trennung, der bangsten Sehnsucht nach einem geliebten entschwundnen Wesen.

Die Fenster des Kabinetts gehen in einen kleinen Nebenhof; ich erkannte jetzt auch in ihm die Stelle, wo vor beinahe zwanzig Jahren der Wagen hielt, in welchen ich von ganz fremden Leuten getragen ward und dann still weinend und, banglich neben dem ernsten schweigenden Vater sitzend, von allen Freuden meiner Kindheit Abschied nahm. Ich habe seit jener Nacht meine Mutter nicht wieder gesehen, nie hat man wieder mit mir von ihr gesprochen, und die ungluckliche Ursache unsrer Trennung ist mir nie recht deutlich geworden. Ich weinte lange der Mutter nach, endlich vergass ich sie doch nach Kinderart. Die Liebe blieb aber dennoch in meinem Herzen, und hielt ihr Bild darin fest; darum erkannte ich es in dem Gemalde gleich wieder, so wie dieses mir vor die Augen trat. Es ist das Einzige was von ihr ubrig ist. Dank sey es dem alten treuen Kastellan, der es heimlich gerettet. Alle andere sie darstellenden Gemalde, die sich im Schlosse befanden, wurden nach der Entdeckung ihrer Flucht von uns, auf Befehl meines erzurnten Vaters verbrannt. Der Ungluckliche! Das Eine Bild in seinem Herzen vermochte er doch nicht zu vertilgen, das wie ein unheilbringender Damon ihn uberall hin verfolgte, alle seine Tage trubte, ihn in Lebenshass und Bitterkeit erstarren liess. War es Schuld meiner Mutter, oder ihr Unstern, der hier vorwaltete? Fern von mir sey es, hieruber forschen zu wollen. Sie hat mich einst geliebt, sie hat um mich geweint, diess genugt meinem Herzen. Ich beziehe noch heut mein ehemaliges Kabinett, vielleicht senkt in der Wohnung meiner harmlosen Kindheit sich mir ein Strahl ehemaligen Friedens wieder in das wunde Herz." "Es ist vergebens. Auch hier, wo ich zuerst athmete, wohnt fur mich keine Ruhe! Gabriele, horten Sie je das Mahrchen von jenem Ungluckseligen erzahlen, der seit langen Jahrhunderten rastlos umher wandert, ohne den Tod zu finden, von den Menschen geflohen, in deren Mitte auch ihm grimmiges Schauern erkaltend bis tief in das innerste Herz dringt und dem muden Fusse keine Ruhestatte gonnt? Ich dachte lange nicht mehr daran, aber hier, in diesem Zimmer, wo ich als Kind mit angstlichem Behagen darauf horchte, und es mir immer wieder und wieder erzahlen liess, hier fallt es mir oft recht grausenhaft ein. Von jeher dunkte mir das Geschick dieses Rastlosen ganz uber allen Ausdruck entsetzlich, und nun wandre auch ich so ohne Ruhe und Rast, und wohin ich mich wende, verstore auch ich jedes gluckliche Geschopf. Lachen und Freude verstummen im Dorfe, so wie ich mich zeige; meine Bedienten schleichen leise wie Gespenster um mich her, wenn ihr Dienst oder der Zufall sie in meine Nahe bringt; die alten Leute, welche meinen Grossvater, der stets hier gewohnt, noch gekannt haben, sehen meiner bleichen truben Gestalt bedenklich nach, und flustern einander mitleidige Bemerkungen, oder abentheuerliche Vermuthungen uber mich zu, wenn sie bei meinen einsamen Spaziergangen mir begegnen. Glauben Sie mir es, Gabriele, ich mochte gern Ihrem Willen folgen, ich mochte mich wenigstens zwingen, auszusehen, als nahme ich das Leben wie andre Leute thun; doch kann ich dafur, dass alles, was ich ergreifen musste, um zu seyn, wie jene, mir so schaal, so abgeschmackt vorkommt?" "Jede Noth und jede Freude, jede Tugend und jedes Vergehen der Bewohner meiner Herrschaft, wahrend der ganzen Zeit dass diese mein ist, mochte Max mir jetzt ans Herz legen, und qualt mich dabei unaufhorlich, zu entscheiden, ob ich mit dieser oder jener seiner Einrichtungen zufrieden sey. Dazu wimmelt das Schloss von Nachbarn und Verwandten, die Max zwar allein besucht hat, weil er mit aller freundlichen Gewalt, die er uber mich ubt, es doch nicht vermochte mich mit sich zehn Meilen in die Runde umher zu schleppen. Doch da er mein Hierseyn nicht verschweigen konnte, hat er mein Nichtkommen durch den ublen Zustand meiner Gesundheit zu entschuldigen gesucht, und nun stromt alles in freundlicher Theilnahme herbei, den Kranken zu besuchen. Fremde, nie gesehne Gestalten umschwarmen mich, deren Namen ich zu meiner grossen Beschamung alle Augenblicke verwechsele, und die doch durch Bande der Verwandtschaft oder des fruheren nahen Umgangs mit meinen Eltern, bedeutende Anspruche an mein Vertrauen und meine Zeit zu haben glauben. Nein, wenn es denn so seyn muss, wenn ich denn im Gerausche leben soll, so will ich es doch lieber in einer grossen lebensreichen Stadt, wo ich mitten im Getummel mit meinem tiefen Herzeleid einsam und unbeachtet dastehen kann, und niemand fragt: was fehlt Dir? warum blickst Du so trube? Ich folge den Einladungen meiner Verwandten, ich ziehe mit ihnen in ihren gewohnten Winter-Aufenthalt. Und wenn ich nun dort seyn werde, was denn?"

Aus Hippolits Briefen auf der

Reise durch Deutschland nach der

Schweiz.

"Die Sonne geht auf, die Tage sind so lang. Gottlob! sage ich Abends, nun wird es Nacht, aber die Nacht frommt mir nicht, denn nur die Glucklichen schlafen. Vor der Morgenrothe wecke ich meinen Bedienten, das ganze Haus kommt in Allarm, Pferde mussen herbeigeschafft werden, ein Kourier vorauf, ich habe Eile, fort! fort! nur immer rasch vorwarts. Aber wohin? Die Wege, das Wetter sind entsetzlich, aber nur fort, und wohin? Weiss ich es denn? Gabriele! musste es denn seyn? mussten Sie mich denn verbannen?

Ich will nicht klagen, ich unterwerfe mich Ihrem Willen, und wenn ich nur den Gedanken so recht innig, so recht lebendig zu fassen vermag, dass ich durch diese Unterwerfung vielleicht Ihnen einige trube Minuten erspare, dann segne ich mein Elend.

Ja, unsre Altvater hatten Recht, welche die Fremde das Elend nannten, das fuhle ich. Ich bin in der Fremde; ausgestossen aus meiner sussen Heimath, zu der ich nie wiederkehren werde! und wie elend!" "Nun habe ich es erjagt! Ich habe Ihren Brief noch nicht gelesen, ich kann das Siegel nicht brechen, ich muss Ihnen erst danken; ich habe sie, ich halte sie, die unschatzbaren Zuge, die Gabrielens Hand fur mich niederschrieb. Dieses Papier hat sie beruhrt, ihr Athem wehte druber hin, ihr Auge ruhte darauf; nein ich kann noch nicht lesen, das Gefuhl dieser Seligkeit duldet es nicht." "Ich wusste, dass ich hier das einzige Gluck meines jetzigen Lebens zu finden hoffen durfte, ich warf mich auf das schnellste meiner Pferde, die ich vorausgeschickt hatte, so wie ich die wohl bekannten Thurme von *** erblickte. So sprengte ich zum Thor hinein, die Strasse hinauf vor das Posthaus; ich kenne die Stadt noch von vorigen Zeiten her. Am Ziel ergriff es mich mit todtlicher Angst als ware kein Brief an mich da. Eiseskalte in allen Gliedern, vermochte ich es kaum, eine Karte mit meinem Namen aus meinem Taschenbuch zu nehmen und hinzureichen. Da da o Gabriele! ich erkannte gleich das rosenfarbne Kuvert. Segen uber Sie, tausendfaltigen, dass Sie es wahlten! Welche Masse von Seligkeit ruft dieses gefarbte Papier mir zuruck! Es war Regenwetter gewesen, mehrere Tage lang, und Ida und Bella und ich, wir mussten artig seyn und uns neben Ihnen sitzend mit nutzlichem Fleisse beschaftigen. Ich Ungeschickter, ich konnte nichts brauchbares hervorbringen als diese Briefkuverts, und ward von den Madchen verhohnt, von Ihnen in Schutz genommen, und, o Gabriele! Sie haben die armen bunten Papierschnizzelchen nicht verworfen, Sie haben sie mit sich genommen, und nun fliegt eines davon zu mir heruber, von Ihnen gesandt, ein stummer Bote des Friedens und des Entzuckens.

Ihr Brief ist ernst, er ist mehr als das, wurde ich sagen, durchwehte ihn nicht bei aller anscheinender Strenge die himmlische Gute und Milde, die Sie niemalen verlasst. Ich hatte bei meinen Verwandten noch verweilen, ich hatte uberall im Winter nicht reisen sollen! so war Ihr Wille. Theure Gabriele! hatte ich ihn gekannt, ich hatte ihn erfullt und ware ich auch zu Grunde daruber gegangen. So habe ich in meiner Unwissenheit von meinem Gefuhl mich hinreissen lassen und ware untrostlich, ohne die Ueberzeugung, dass Sie mir selbst wurden geheissen haben fortzureisen, wenn Sie mich und meine Umgebungen in der Nahe gesehen hatten. Nein! mit diesem wunden Herzen konnte Gabriele ihren armen Edelknaben nicht in den wildesten Strudel der Faschingslustbarkeiten sturzen wollen; nicht in jenes Tosen, wo der Schmerz am einsamsten sich fuhlt, wo alle Wunden bluten, mit gluhenden Krallen unnennbares Weh uns packt und halt und nicht loslasst, und fremdes Lachen um uns zum Larvenartigen Grinsen wird, das uns in stummer Angst von Ort zu Ort treibt, aus wusten Traumen uns wach schmettert, bis der furchterliche Kontrast zwischen Aussen und Innen uns zu wahnsinnigem Thun treibt, in welchem wir Betaubung suchen, weil es keine Ruhe mehr auf Erden giebt." "Gottlob! der Winter ist uberlebt, die Baume knospen, die Natur erwacht! Alte liebe Bekannte suchen den armen Verbannten auch in der Fremde auf; die Nachtigallen singen mir auch hier den einen, einen Namen zu, der alle Harmonie der Welt in seinen sussen Tonen vereint. Und die Pappeln! sie wiegen die grunlich goldigen Haupter hoch in der blauen Luft, und flustern mit einander, wie jene am Bassin im kleinen Gartchen o Gabriele, Gabriele, wie selig und wie elend macht mich Erinnerung! Verzeihung, ich wage keine Sylbe mehr. Aber zu Fusse will ich ganz allein die Schweiz durchstreifen, fortwandern, bis ich Abends in todtahnlicher Ermudung hinsinke, und mir im betaubenden Schlummer vielleicht Vergessenheit wird auf wenige Stunden. So will ich das Ziel meiner Verbannung erreichen; Sie wollen es; es sey! Das Meer und machtige Strome und himmelhohe Alpen sollen zwischen uns treten, ich soll sogar der Luft des Landes entsagen, in dem Sie athmen und leben, sogar den mir so lieb gewordenen Tonen Ihrer Sprache. Es sey! Aber Gabriele, es hilft Ihnen nichts! Nachts leuchten mir und Ihnen dieselben Sterne, und wenn ich die Augen schliesse, stehen zwei dunkele, blitzende Sonnen vor mir, und strahlen mild und warm mir bis ins innerste Herz. Sehnsucht spottet des Meers und der Strome und der Alpen, und zaubert ein unaussprechlich anmuthiges Bild auf allen meinen Wegen mir vor. Freilich schwindet es bald wieder, und ach! in welche dunkle hoffnungslose Nacht!"

Aus Konstanz am Bodensee.

"Mir war diesen Morgen so still, so ruhig zu Muthe; aller Jammer der Welt schien sich mir in sanfte Liebesklage auflosen zu wollen. Gewiss, theure Gabriele, auch Sie erlebten solche Stunden, wo jeder Schmerz eine Zeitlang verstummt, wo es wie Feiertag in uns wird und wir beschwichtiget und still in immer lieberes Traumen versinken. So lag auch ich heute fruh in eine Ecke meines Wagens gedruckt; rollte viele Stunden weit uber Berg und Thal, ich weiss selbst nicht wie lange, aber ich mochte mich nicht regen; es war, als ob flusternde Engelstimmchen mir leise zusangen: Bleibe still, sieh dich nicht um, offne die Augen nicht; draussen steht der Schmerz, drum bleibe in dir selbst verhullt.

Endlich hielt der Wagen. Mag er immerhin halten, dachte ich, und strebte in meiner sussen Abgeschiedenheit von der Aussenwelt zu verharren, aber die uberlauten bewundernden Ausrufungen meines Kammerdieners rissen mich wider Willen auf. Ich blickte um mich her, und fand mich zu meinem Erstaunen nur in den allergewohnlichsten Umgebungen, mitten auf dem Marktplatze eines kleinen schwabischen Landstadtchens. Verdrusslich sprang ich zum Wagen heraus, ging einige Schritte vorwarts, und glaubte nun von neuem zu traumen, denn eine Zauberwelt, wie durch Feengunst mir aufgeschlossen, lag bluhend und duftend im Morgenrothe vor meinen geblendeten Augen. Die ganze unabsehbare Reihe der hohen Schweizer-Geburge bis zu den Tyroler-Alpen hinauf, stand in schimmernder Ferne vor mir, gleich himmelsturmenden Riesengebilden, in einen weiten feierlichen Halbkreis geordnet. Ihr Diadem aus ewigem Eise strahlte hell im Sonnenglanz zu mir heruber, wahrend der Morgenschein noch die niedrigen Felsengipfel rothete. An den Seiten der Berge, wo sie den menschlichen Wohnungen sich zuneigen, glaubte ich sogar die grunen Alpenmatten zu entdecken, so nahe schienen mir mit einemmale die Wunder jenes Landes entgegengeruckt, dem Ihr Wollen mich zusendet. In Andacht und Bewunderung verloren, ward mir, als wandle ich in einem heiligen Tempel. Gabriele, ich war recht fromm in dieser Stunde, ich dachte Sie und mich und meine stille trube Zukunft. Die Brust ward mir weit in hoher Zuversicht auf Den, dessen machtige Hand diese Berge pflanzte und halt. Ich fuhlte Muth und Kraft in mir sich neu beleben, und war in dem Momente gerustet, jeder Bestimmung meines Lebens hoffend und vertrauensvoll entgegen zu treten, sey sie auch dustere Verborgenheit und ewiges Schweigen.

O Gabriele, warum konnte diese Stimmung meines Gemuths nicht dauernd bleiben? warum musste sie verschwinden wie der Thau der Wiese vor der hoher steigenden Sonne? Ach! nichts ist dauernd und treu als der Schmerz und die Sehnsucht, das fuhle ich mehr und mehr mit jedem Tage!

Ich war allmahlig in ein offenstehendes duftendes Bluthengartchen seitwarts, dicht neben der Stadt, hineingerathen, ich wusste selbst nicht wie. Von hier aus ubersah ich ganz das tiefe tiefe Thal, das zwischen mir und jenen glanzenden Titanen-Gestalten noch eine weite Kluft bildete. Und welch ein Thal ist diess! Gleich einem herrlich glanzenden Kleinode schimmerte zwischen Wald, Obsthainen und Weinbergen der prachtige Bodensee zu mir herauf, uberall blitzten im Sonnenschein Stadtchen, Kloster, Dorfer, einzelne Wohnungen durch das uppigste Grun. Nie und nirgend sah ich so das Anmuthigste neben dem Erhabnen im zauberhaften Verein, als hier in dem fast unbekannten Stadtchen Heiligenberg.

Rechts dicht neben demselben thront ein ansehnliches weit in die Ferne hin leuchtendes Schloss, auf hohem, fast senkrecht aus der Tiefe aufsteigendem Felsen; es steht unbewohnt da, der Eigenthumer desselben sucht die Freude in London oder Rom oder Paris, genug in der weiten Welt, wo sie so selten sich treffen lasst. O Gabriele, hier mit einem einzigen geliebten Wesen zu wohnen, einsam wie die Gotter, im Angesicht aller dieser Pracht! Mir schwindelt und die Sinne vergehen mir, wenn ich mir recht ausmale, wie das seyn musste. Und wenn ich mir denke, dass ein solches Leben moglich ist, dass es vielleicht schon einmal hier, an dieser nehmlichen Stelle heimisch war! Nein diese Last von Seligkeit ware doch zu viel fur ein sterbliches Daseyn, nur in Verzweiflung wurde es enden, denn was kann der Himmel unserem beschrankten Geiste Hoheres verheissen nach einem solchen Leben auf Erden? Was konnte uber solches Scheiden trosten?

Unten am Ufer des Sees gestaltete sich alles zur hochsten idyllischen Anmuth, was oben so herrlich, so prachtvoll mir erschienen war. In einem kleinen, von einem einzigen Fischerknaben gefuhrten Nachen schiffte ich einsam uber dem Wasser hin, und uberliess meinen Leuten die larmende Sorge fur das Heruberbringen der Pferde und Wagen. Der See war spiegelglatt, nur hie und da tauchten einzelne Wellen auf, spielten ein paar Sekunden lang im Sonnenschein, und verschwanden dann schnell wieder. Die Insel Meinau, das Ziel meiner Schifffahrt, schwamm bald in dem grunen Fruhlingsschmuck ganz nahe vor mir auf der silberhellen Fluth; das kleine Eiland liegt so still vertraut im leuchtenden See, und in immer lichterer Klarheit schwebte Gabrielens schones Bild vor mir hin auf den Wogen! Ich glaubte in seliger Wehmuth zu vergehen.

Plotzlich sang es hell und wunderfremd uber mir in der Luft, und halb flatternd, halb taumelnd sank ein Vogelchen mit muden, hangenden Flugeln zu meinen Fussen in den Kahn hin. Ich nahm das arme kleine Geschopf auf, zu meiner Verwunderung war es ein Kanarienvogel, zahm und furchtlos wie Ihr kleiner Liebling, Gabriele, der mir so oft den guten Morgen entgegen sang. Damals! ach damals! 'Hat auch Dich der Ausflug in die fremde Welt schon ermudet, und Du sehnst Dich zuruck in die warme Heimath?' fragte ich ihn. Das arme Ding neigte das Kopfchen zur Seite, und blickte so klug aus den schwarzen Korallenauglein mich an, als verstande es mich. Wir haben ein langes Gesprach mit einander gefuhrt; Ihr Edelknabe, theure Gabriele, war wieder einmal recht kindisch, aber ich weiss, Sie schelten ihn deshalb nicht.

Wir landeten an der Insel und ich wendete mich, den kleinen Reisegefahrten auf der Hand, den nahen schattenden Baumen zu; da regte er sich, zwitscherte und flog plotzlich auf und davon. Ich blickte besorgt ihm nach und sah jetzt alle Zweige von unzahligen Vogeln seiner Art belebt; sie hatten ihre Nester dort erbaut und waren vollig wie daheim; leider zerstorte ungebeten ein vorubergehendes Madchen die schone Illusion des Augenblicks, die mich in andre Zonen versetzte. Sie erzahlte mir: die Vogel wurden Winters in einem nahen Hause verpflegt, zur Sommerzeit aber liesse man sie frei auf der Insel herumfliegen, da ihre schwachen Flugel es doch nicht vermochten, sie uber den breiten See der Insel fortzutragen. Ich blickte nach dieser Erlauterung mit wahrer Betrubniss die armen kleinen Fremdlinge an, die in ihrer Beschranktheit die ganze Welt sich zu Gebote wahnen. Ach Gabriele, ist es denn mit uns anders? Auch uns halten unsichtbare Bande, und wehe uns, wenn wir den kuhnen Flug uber sie hinaus wagen wollen. Mit gelahmtem Fittig sinken auch wir dann nur zu bald dem lauernden Abgrunde zu, wenn nicht ein seltnes Wunder bei Zeiten uns rettet, wie jenen armen Vogel, den ein glucklicher Zufall uber meinen Nachen wegfuhrte.

Ich wandelte immer weiter und vermied sorgsam die menschlichen Wohnungen dieses kleinen Eilandes. Die hellen Mauern des Schlosses, einer ehemaligen Komthurei des Malteserordens, schimmerten noch durch die Baume; ich wandte mich ab. Lange war mir es nicht sowohl ums Herz gewesen! An der, meinem Landungsplatze entgegengesetzten Seite der Insel warf ich mich ins hohe Ufergras. Niedern Wellen gleich, schlug es uber mich zusammen, ich sah nicht Himmel, nicht Erde, nur grune dichte Dammerung um mich, und leise schlich es uber den Wellen zu meinem Ohr heran, wie fernes Hornertonen. Ich lauschte ihm mit stillem Entzucken.

O Gabriele, da ward diess Tonen immer lauter und lauter. Und Lachen und helles Jauchzen und kurzes, abgerissnes Singen scholl dazwischen. Ich sahe auf. Eine ganze Flotte von Kahnen zeigte sich dicht neben meinem Ruheplatzchen, fast schon im Begriffe, zu landen. Es war ein hochzeitlicher Zug, gewiss, gewiss, ich erkannte den Nachen, der die Braut trug, an den Blumenkranzen, die ihn schmuckten, an den bunten fliegenden Wimpeln. Ich sah sie selbst, Arm in Arm mit dem Geliebten.

Da erwachte der Schmerz und riss mich fort, wie die Furien von Orest. Ich floh gemartert, verwildert vor den freudigen Tonen. In furchtsamer Hast, als folge das Verderben mir auf den Fersen nach, suchte ich nach einem Auswege, um dem Anblicke der Glucklichen zu entkommen; ich fand ihn, in einer Entfernung von wenigen Schritten, wo ein sehr langer schwankender Stieg mich uber den dort schmaleren See zum festen Lande fuhrte. Dort folgte ich dem ersten Wege, der sich mir bot. Nur fort! nur fort! weiter dachte ich nichts, aber kalte Thranen der Verzweiflung fullten mein Auge. So gelangte ich nach Konstanz, ohne es zu wollen oder zu wissen.

Gabriele, Sie behaupteten einst, dass der Schmerz edlere Naturen noch mehr veredelt und erhebt, sie noch milder und gutiger macht, und wer, der Sie und ihr Geschick kennt, mochte daran zweifeln! Warum denn, o warum musste mich der Anblick jener Begluckten so schmerzlich verletzen? Warum jenen Ingrimm in mir erregen, den der gefangene Verbrecher fuhlt, wenn er aus dem Gitterfenster seines kalten Kerkers auf die Glucklichen schaut, die in der warmen, bluhenden Welt in Freiheit sich ergehen? Neid, Hass, und alles diesem Verwandte waren meinem Herzen sonst so fremd! O Gabriele, soll ich auch noch mich verlieren, da ich alles verloren habe was mich begluckte? Ich flehe, lassen Sie mich nicht in mir selbst untergehen; Sie retteten mich von einem furchtbaren Abgrund, lassen Sie mich jetzt nicht wieder sinken, wahrlich nur die Gewissheit, dass Sie Ihre Hand nicht ganz von mir abziehen, dass Sie mich noch Ihrer Sorge werth achten, kann mich noch oben erhalten.

Duster und einsam sitze ich jetzt in dieser dustern oden Stadt. Ich bin noch einmal an den See hinausgegangen, ich blickte hinuber zu jenen jetzt in Nebel verhullten Bergen, die diesen Morgen mir im Sonnenstrahl so freudig entgegen glanzten. Jetzt konnte ich sie nur als die Scheidewand betrachten, die sich, von morgen an, zwischen mir und dem glucklichen Lande erhebt, wo Gabriele athmet. Morgen ergreife ich den Wanderstab, die Schweiz zu durchziehen. Auf einem andern Wege soll mein Wagen mir folgen, ich gehe zu Fuss. Die Entfernung zwischen mir und Ihnen wachst von nun an mir fuhlbarer, mit jedem Schritte, den ich thue. Ich konnte daruber verzweiflen, doch ich befolge auf das Punktlichste Ihren Willen; der Gedanke daran ist ja alles was mir ubrig blieb. Selbst in dem Schmerze, der mir die Seele zerreisst, finde ich eine wilde Freude, denn Sie waren es, Sie Gabriele! die ihn mir auferlegte."

Auf der Grimsel.

"Ich stand heut, wo die Aar die dunkeln Wellen von grasslicher Hohe hinabsturzt. Felsen und Tannen erbeben rings umher, die Axe der Erde schien unter mir sich drohnend umzuwalzen. Wie der Eingang zur Holle, so schwarz und furchterlich gahnt der entsetzliche Schlund am Fusse des Felsen, der die in Schaum, in Staub aufgeloste tobende Wassermasse aufnimmt. Von noch hoherer senkrechter Hohe sturzt sich der Erlebach der Aar nach, rasch wie die Verzweiflung hinab, hinab in den nehmlichen Abgrund, den er, in Miriaden schimmernder Tropfen zertrummert, zuletzt erreicht. Den Kampf der Fluthen dort unten verhullen Dampfwolken jedem sterblichen Auge, aber tausendstimmige Donner verkunden ihn laut den zitternden Felsen rings umher. Ergrimmt fasst der machtige Strom endlich den uberwundnen Bach und schleudert in rasender Wuth die weissen Wogen wieder hinaus aus seiner Grotte, an die gegenuberstehende Felsenwand und hoher hinauf den Wolken zu. Sie zerstauben und sinken in ewigen Nebeldampfen nieder, gepeitscht vom heulenden Sturm, der nie ablasst, hier zu wuthen. Das laute angstliche Geschrei meiner Fuhrer, da ich, vielleicht ein wenig zu verwegen, auf den uberhangenden Felsen hinkletterte, verhallte in diesem Aufruhr der Natur, gleich dem Zirpen einer Heuschrecke. Anbetend, wortlos, sank ich hin; ich ein Atom, ein Nichts in diesen, alle Sinne betaubenden Schrecknissen; und doch fuhlte ich, selbst Angesichts ihrer, Kraft und Muth im gluhenden Herzen, mich uberselig, gleich jenem neidenswerthen Edelknaben, von dem des Dichters unsterbliches Lied uns singt, hinabzusturzen, und, wie er, den grasslichen Kampf auf Tod und Leben mit dem emporten Element dort in der Tiefe zu bestehen, wurde nur auch mir der hohe Preis geboten, den zu erringen, jener endlich unterging."

Aus Mailand.

"Ein Strahl des Trostes ist mir hier geworden, hier wo ich ihn nimmer erwartet hatte. Ich bin nicht mehr so ganz verlassen, allein, denn ich hore Gabrielens geliebten Namen auch von andern Lippen als den meinigen.

Noch einmal, an dem zu meiner Abreise von hier bestimmten Tage, suchte ich das Dominikaner-Kloster neben der Kirche S. Maria delle Grazie auf; ich wollte von Leonardos Meisterwerk den letzten Abschied nehmen, wie von einem Freunde; eigentlich war er mir der einzige, den ich hier hatte und der mit jedem Tage mir immer lieber ward. Ich fliehe in meiner jetzigen Stimmung jede nahere Bekanntschaft mit Menschen; das zwecklose untheilnehmende Umhertreiben in ihrer Mitte verletzt mich auf tausendfache Weise, und ist mir entsetzlich. Aber im stillen Gebiete der freien Natur, im noch stilleren der Kunst, da finde ich Vertraute, und von der stummen Leinwand, von der verblichnen, durch Kerzendampf geschwarzten Wand, blickt es oft trostend mich an. Dann dunkt es mich, als umwehe mich mit lindem Fittig der stille Geist in seinem Heiligthume, der einst hier schaffend waltete, und daruber eine Welt voll Unruhe und Entbehrung gern vergass; als hauche er mir Ergebung und hoheres Hoffen in die wild bewegte Brust. Ach! und wie oft sehe ich mit Entzucken auch von der Leinwand einzelne Zuge d e s Bildes mir entgegenstrahlen, was in unerreichbaren Farben ewig vor meinem innern Sinne schwebt!

Diessmal fand ich das Refektorium der guten Monche nicht unbesucht wie ich es gehofft und gewunscht; ein junger Mensch sass vor dem wundervollen Bilde des heiligen Abendmahls, amsig bemuht, seiner Mappe eine Kontur desselben einzuverleiben. Nun ist mir aber nichts verhasster, als wenn ich dem angstlichen, nuchternen Streben zusehen muss, das, was mich erhebt, begeistert, entzuckt, schwarz auf weiss nach Hause zu tragen, damit man es sicher bei der Hand habe, und es sich haushalterisch auftrocknen und aufbewahren konne zu kunftigem beliebigem Gebrauch. Mag meine, jede Anstrengung hassende Ungeduld, die Sie so oft an mir tadelten, Schuld daran seyn und mich ungerecht machen, ich muss es doch bekennen, mich argert es immer, wenn die Herren und Damen, denen ich auf Reisen begegne, vor den hohen Wundern der Natur, wo sie anbeten oder doch wenigstens geniessen sollten, sich mit einem Blattchen Papier und einem Stuckchen Kreide zurecht setzen, um schulerhaft zu krizeln, was sie in jedem Bilderladen tausendmal besser kaufen konnen, als ihre arme Kunst es hervorzubringen vermag. Auch begreife ich nie, wie der vom achten Geiste belebte Schuler der Kunst dadurch zum Kunstler gebildet werden soll, dass er die Linien, welche die langst in Staub versunkne Hand des hohen Meisters einst zog, muhsam nachzuzirkeln sich abmuht. Mir dunkt, es ware ihm gerathner, wenn er das Ganze im Geist aufzufassen strebte, dann demuthig und doch freudig nach Hause ginge, und im Gefuhl der Schopferkraft, die dem reich begabten Menschen von der Gottheit gegeben ward, selbst versuchte, jenen hohen Vorbildern sich zu nahen, ohne knechtisch sie nachzuahmen.

Voll von diesem Gefuhl, und dazu halb argerlich, hier nicht, wie ich es gehofft hatte, allein zu seyn, naherte ich mich dem Zeichnenden, und sah ziemlich verachtlich, ich will es nur gestehen, ihm uber die Schulter auf seine Zeichnung. Eigentlich war ich nicht ubel geneigt, meinem Verdrusse beim mindesten Anlasse dazu Luft zu machen, als ich ihn deutsch reden horte mit seinem neben ihm stehenden Begleiter, einem altlichen Manne von edler einnehmenden Gestalt, den ich jetzt erst bemerkte.

'Seyd doch froh,' sprach dieser zu dem jungen Kunstler, der sich wohl uber den leider wirklich sehr traurigen Zustand des Gemaldes beklagt haben mochte, 'seyd doch froh, dass die Zeichnung und die Anordnung des Ganzen uns erhalten ward; haltet euch an den Geist des Schopfers, der ja noch immer hier in seinem edelsten Werke waltet, wenn gleich das Korperliche desselben fast nicht minder dahin geschwunden ist, als die Hand, die es schuf. O wie fallt alle Farbenpracht weg, gegen dieses alte edle schmucklose Werk! Nie und nirgend ausser Rafael hat einer diese Einfalt des Herzens mit der hohen apostolischen Wurde so zu einen gewusst!' setzte er halblaut hinzu, in tiefe Betrachtung des Gemaldes verloren. Nach einer kleinen Pause redete er weiter, nicht vor sich, nicht zu uns, gleichsam nur laut denkend, wie man wohl auch laut liest, was uns entzuckt, wenn gleich niemand uns zuhort. Er sprach von der glucklichen Wahl des dargestellten Augenblicks der Handlung, durch welche die Einformigkeit der Anordnung von dreizehn Personen hinter einer langen Tafel glucklich und schicklich vermieden ward. Mild, mit ruhigem Ernst spricht der Herr das bedeutende schwere Wort: 'Einer von denen, so mit mir sind, wird mich verrathen!' Er sieht vor sich nieder, um keinen seiner Junger mit dem Blicke zufallig zu bezeichnen, aber alle fahren, wie von einem Wetterstrahl getroffen, bei diesem Ausspruch ihres Meisters in die Hohe, alle werden in Handlung gesetzt, einige der von ihm am entferntesten Sitzenden suchen sich ihm zu nahern und bilden so die mannigfaltigsten Gruppen. Gesicht, Stellung, Geberde bezeugen die Reinheit und Unschuld eines jeden unter ihnen, doch, nur mit sich beschaftigt, bemerkt keiner den wilden truben Blick des schreckhaft zuruckfahrenden Judas. Nur dem dicht hinter diesem sitzenden Apostel scheint ein vorahnender Gedanke wie ein Blitz durch die Seele zu fahren.

Je langer der Fremde so sprach, je mehr fuhlte ich von ihm mich angezogen. Ich wagte es endlich, ihm einiges zu erwidern und so gelang es mir, ein Gesprach mit ihm anzuknupfen. Von einem Apostel zum andern ubergehend, gab er mir in wenigen treffenden Worten eine kurze Charakteristik eines jeden derselben. Nie zuvor habe ich jemanden uber ein Kunstwerk und uber die Kunst selbst so klar, so bedeutsam, und, bei so tiefer Kenntniss, so anspruchslos reden gehort. Immer lebendiger stieg in mir eine freudige wenn gleich dunkle Ahnung auf, er kam mir so bekannt vor, mir war, als sey in ihm ein alter lang entbehrter Freund mir begegnet, von dem ich nichts vergessen hatte als den Namen. Nennt ihn Ihr Herz Ihnen nicht Gabriele? Der immerfort amsig Zeichnende nannte ihn endlich, obgleich er deutsch mit ihm sprach: 'Signor Ernesto.'

Mit einem lauten Freudenschrei hatte ich mich gern in seine Arme gedrangt, als ich mit diesem Namen ihn nennen horte, doch bei aller Freundlichkeit liegt in seinem klugen dunkelblauen Auge, in einem scharfen Zuge seines Mundes, besonders wenn er halblachelnd spricht, etwas, das gebietet, in seiner Gegenwart sich zu bemeistern. Und so nahm ich mich denn zusammen, zog mein Taschenbuch hervor und uberreichte ihm die Karte, mit welcher Ihre Gute mich fur den Fall eines Zusammentreffens mit ihm ausrustete. O Gabriele! wie hangt alles ewig an Ihnen, was einmal Sie erkannte! Hatten Sie den freudigen Strahl gesehen, der uber das Gesicht des strengen ernsten Mannes sich verbreitete, wahrend er die wenigen von Ihrer Hand an ihn gerichteten Zeilen las! Es war als ob ein heller Abglanz Ihrer eignen Anmuth von der kleinen Karte ausginge und die scharf gezognen Zuge des wurdigen, von Silberlocken umgebnen Antlitzes verklarte.

Als sey auch ihm ein langst vermisster Liebling seines Herzens unverhofft wiedergekehrt, so freudig begrusste Ernesto mich nun. Er ergriff meinen Arm, beurlaubte sich leichthin von dem Zeichnenden, mit dem er, wie ich jetzt sah, in keiner genauern Verbindung stand, und begleitete mich in meinen Gasthof, wo sogleich die Pferde wieder abgesagt und alle Anstalten zum langern Verweilen in Mailand getroffen wurden.

Mir traten die Thranen ins Auge, als er mit mir allein auf meinem Zimmer sich nun recht theilnehmend nach Plan und Zweck meiner jetzigen Reise zu erkundigen begann; freilich nicht eher, als bis er mich uber Sie, Ihr Leben, Ihre nahern Verhaltnisse, Ihre Gesundheit, Ihr Aussehen recht inquisitorisch abgehort hatte. So vaterlich wie er, hat noch keiner zu mir gesprochen; stets war ich Elternlos, von meiner ersten Jugend an, wenn gleich nicht verwaiset durch den Tod. In diesem Augenblick fuhlte ich recht lebendig, welch ein Gluck ich so lange entbehrte, ohne je es gekannt zu haben. Mein Herz schloss sich auf im wahrhaft kindlichen Vertrauen zu dem weiseren, wohlmeinenden Freunde. Sie werden es verzeihen, Gabriele, Sie mussen es verzeihen, wenn, indem ich von Ihnen sprach, Auge und Ton ihm vielleicht mehr als meine Worte gestanden. Wie ware es moglich gewesen, diesen hellen Blick zu tauschen, der mir fuhlbar bis in das tiefste Herz drang! Seit langen Monden zum erstenmal horte ich Ihren Namen, und wie? o Gabriele! Wie ward er ausgesprochen! Jedes Wort Ernestos war der Nachhall meines eignen Gefuhls.

Noch hatte ich keine Stunde mit ihm verlebt, als ich schon vor der Moglichkeit zu zittern begann, dass er, den ich nie wieder zu lassen sehnlichst wunschte, vielleicht auf der Ruckreise ware, nach Deutschland, zu Ihnen Gabriele, zu Ihnen! Doch meine Furcht war vergebens, das zeigte sich bald. Ein bedeutendes Geschaft, das er fur einen Freund hier abzumachen versprach, hatte ihn nach Mailand gefuhrt; es war jetzt vollendet und er im Begriffe nach Florenz zu gehen, wo er den grossten Theil des Sommers zu verleben gedachte.

Nun habe ich mir ihn gewonnen. Ich habe mich fest an ihn geklammert, und er stosst mich nicht zuruck, denn Gabrielens Name ist der Talisman, der ihn mir verbindet.

Langsam will er mit mir noch einmal Italien durchziehen, vielleicht wandern wir bis Syrakus ehe er mir Rom zeigt. Wahrscheinlich komme ich erst im folgenden Jahre dorthin, gegen die Zeit der grossen kirchlichen Feste, welche die Ostertage herbeifuhren.

So habe ich denn wieder eine Bestimmung, der ich entgegen gehe. Ernesto leitet mich wie er will, er nimmt meiner sich an, weil ich von Ihnen gesendet ihm scheine. Er hangt an Ihnen mit Junglingsfeuer und somit auch an allem, was nur auf die entfernteste Weise Ihnen angehort. Wie besorgt ist er um Ihr Wohl! So wie die seine, denke ich mir die Liebe eines Schutzgeistes. Er ist ein seltner Mensch, aber truge er auch keine Spur seines hohen, ungewohnlichen Werthes, so musste ich dennoch seinen Schritten folgen, denn ich kann mit ihm von Gabrielen sprechen und furchte weder Hohn noch Missverstehen."

Aus Florenz.

"Nun weiss ich, wie es dem Schweizer ist, den, fern vom geliebten Vaterlande, ein Ton aus seinen heimathlichen Bergen traf und alle Qualen des Heimwehs uber ihn rief! Ich stand an Ernestos Seite im Garten des Pallastes Boboli, oben auf der hochsten Terrasse. Die Sonne ging unter; als ware der Aetna umgesturzt und schutte alle seine Gluthen aus, so flammte es in Westen und zwischen diesem Abendgolde und dem Aetherblau prangte der Horizont im herrlichsten durchsichtigen Grun, wie ich noch nie es sah. Die fernen Appeninen gluhten dunkel-violet zu uns heruber, zu unsern Fussen glanzte die Stadt, das Schloss, der Garten und das ganze reiche herrliche Thal, welches der Arno durchstromt, alles wie verklart im Lichte der brennenden Himmelspracht. Nur e i n e n solchen Abend hier an Ihrer Seite! ich konnte den Wunsch dem Freunde nicht verhehlen, er theilte ihn mit mir, und ein liebes beruhigendes Gesprach, das nach Schloss Aarheim uns versetzte, hatte sich zwischen uns beiden entsponnen, als plotzlich der Ton Ihrer Stimme, I h r e r Stimme, Gabriele, mein Ohr traf. Was ich rief, was ich that, weiss ich nicht, nur dass Ernesto mich beim Arm ergriff und sehr ernst mich zur Ruhe ermahnte. Diess brachte mich wieder in leidliche aussre Fassung, obgleich ich seine Worte nur halb verstand.

Eine Gesellschaft Herren und Damen, lustwandelnd wie wir, naherte sich uns vom Pavillon her unter lautem Lachen und Gesprach, und immer tonte noch der Klang der sussen Stimme in ihrer Mitte. Ich zitterte, und als ich aufmerksamer hinblickte, glaubte ich zu vergehen. Sie waren es, Sie selbst, Gabriele, Sie traten hervor, Sie eilten auf uns zu. Signor Ernesto! riefen Sie in so bekanntem Ton! und doch waren Sie es nicht. Nein! wo hatte ich meine Augen gehabt? Sobald man die Gestalt genauer betrachtete, war ausser dem Ton der Sprache kein Zug von Aehnlichkeit zwischen Ihnen und der blendendschonen Frau, die jetzt dicht vor mir stand. Diese dunkle Lockenpracht, diess weitgeoffnete hohe blaue Auge voller Blitze, wie verschieden von der lichten Strahlenglorie, die Gabrielens schones Haupt umwallt, von dem sanften Mondlicht der frommen braunen Augen, die, gleich lieben freundlichen Sternen, sussberuhigend uns leuchten? Und dennoch hatte diese Ihnen so ganz entfremdete Erscheinung auch etwas in ihren Bewegungen, dem ich unverwendeten Blicks zusehen musste, weil es eben wie der Ton ihrer Stimme mir Gabrielen vor die Sinne zauberte. Es zog mich an und stiess mich zuruck, entzuckte und betrubte mich, hundertmal in wenigen Minuten.

Nachdem die Dame ziemlich lange mit Ernesto geplaudert, und ich weiss nicht, welche Vernachlassigungen ihm mit scherzhaftem Tone vorgeworfen hatte, wandte sie den fragenden Blick mir zu und Ernesto konnte es nun nicht vermeiden, mich ihr vorzustellen. Er that es mit einer Art von Verlegenheit, die ich bis jetzt noch nie an ihm bemerkt hatte und ich mir nicht zu erklaren weiss. Nach italienischer Sitte nannte er sie mir nur Signora Aurelia und erst da wir wieder allein waren, erfuhr ich, dass sie die Tochter der Grafin Rosenberg und Ihnen nahe verwandt sey. So war mir denn der Zauber der Aehnlichkeit zwischen ihnen beiden durch dieses Familienband erklart. Ihre Kusine ist im Begriffe, mit einer englischen Familie eine Reise nach Griechenland anzutreten, weil ihr in Italien das Klima nicht zusagt. Ihr Gemahl lebt in Rom. "Haben Sie ihn jemals gesehen? Ernesto vermeidet von ihm zu sprechen; es muss eine eigne Bewandtniss mit diesem Menschen haben." "Was Ernesto durch Grunde, Bitten, Zureden nicht erhalten konnte, hat Aurelia ohne ein Wort daruber zu verlieren bewirkt. Ich gehe wieder in die Welt, die ich ewig meiden wollte, besuche Soireen, Akademien, Konversaziones; denn nur da kann ich ungestort in irgend einem Winkel sitzend, mich mit verschlossnen Augen der sussesten Tauschung hingeben, wahrend Aurelia zu den Andern spricht. Ihr selbst mich zu nahen, vermeide ich soviel ich es schicklicher Weise kann, weil sie stets von Gabrielen mit mir sprechen will. Letzthin hat sie einen ganzen Abend hindurch mich uber Sie ausgefragt. Ausgefragt, das ist das rechte Wort fur dieses neugierige, untheilnehmende Auskundschaften. Mir war dabei zu Muthe, als sprache jene Eugenia, die einst mit ahnlichen Redensarten mich dem Abgrunde entgegentrieb, von welchem nur die Hand eines Engels mich retten konnte.

Und doch hat diese Aurelia eine gewisse, mir so liebe Art, den Kopf ein wenig vorzubeugen und dann seitwarts aufzublicken! Im Gesprach hebt sie oft die zarte wunderschone Hand, deren gleichen es nur noch einmal in der Welt giebt, und regt die rosigen Fingerchen so, dass ich nicht mude werden kann, ihr zuzusehen. Oft hore ich ihrer Stimme zu, und strenge mich an, auf ihre Worte nicht zu merken, dann traume ich mir, ein boser Zauber habe Gabrielen in diese Gestalt gebannt, und die Zeit desselben ware nun um; ich blicke auf zu ihr und bei jeder Ihnen abgestohlnen Bewegung wahne ich, jetzt musse die fremde Gestalt verschwinden und meine Sonne mir aufgehen." "Was man so in der Welt liebenswurdig nennt, ist diese Aurelia, sobald sie es seyn will, in hohem Grade. Zu ihrer Ehre sey es gesagt, dass dieses oft der Fall ist, und doch giebt es Momente, in welchen sie mir sogar hassenswerth vorkommt, weil sie nicht Gabriele ist und sich doch unterfangt, ihr ahnlich zu scheinen. Dann graust mir vor ihr, wie vor einem Leben heuchelnden Wachsbilde.

Aber ist es nicht wunderbar, dass Ernesto, ausser der Stimme, welche er allenfalls noch zugiebt, mir jede weitre Aehnlichkeit Aureliens mit Ihnen durchaus ablaugnet? Er sucht sogar, und oft ziemlich auffallend mich von ihr fern zu halten, als furchte er fur mich in ihrer gefahrlichen Nahe. Ahnet er denn gar nicht, dass es nur der Schatten von Gabrielens Schatten ist, was zu ihr mich zieht?"

Aus gleichzeitigen Briefen Ernestos an Frau von

Willnangen.

"Ich weiss es, theure Freundin! Sie lachen uber meine Bedenklichkeiten und Besorgnisse, aber ich lasse es mir gefallen und gebe ohne Widerstreben Ihrem gutmuthigen Spotte mich Preis, wenn ich nur nach gewohnter Art Ihnen vertrauen darf, was Herz und Sinne mir trubt. Und diess ist jetzt Aureliens blendendschone Erscheinung, ungeachtet ihres zuvorkommenden Betragens gegen mich, und des schmeichelnden Klanges ihrer Worte. Ich kann mich nun einmal des peinlichsten Gefuhls in ihrer Nahe nicht erwehren, und seit ein Zufall, den ich durchaus boshaft und unheilbrutend nennen muss, uns hier in Florenz ihr entgegen warf, habe ich innerlich weder Ruhe noch Rast.

Schon seit sie aufhorte ein Kind zu seyn, spurte ich bei ihr etwas Unheimliches, das meinen Unmuth erregte, obgleich ihre aussere Liebenswurdigkeit mir oft recht hinreissend erschien. Jetzt wird dieses Gefuhl lauter in mir als je, ihr Lachen, ihr Scherzen klingen mir wie bittrer, dem Leben gesprochner Hohn, der sich nur in erzwungne Lustigkeit zu verkleiden sucht, und ihr ganzes Wesen hat in meinen Augen etwas so verstortes, unheilweissagendes, dass ich weder mich selbst, noch die, welche ich liebe, in ihrer Nahe wissen mag. Vor allem anstigt es mich, wenn ich Hippoliten, verloren in ihrem Anschauen und in dem Klange ihrer Worte, neben ihr sitzen sehe; dann drangt es mich, ihn von ihr fortzureissen, und musste ich auch mit meinem geliebten Zoglinge von irgend einem Felsen herabspringen, wie einst der weise Mentor mit dem Sohne des Odysseus. Dass es ubrigens mit dem Einflusse dieser neuen Kalypso bei meinem Telemach keine grosse Gefahr hat, weiss ich, gottlob; sie wird ihn mir weder bezaubern noch verhexen, obgleich sie zu beiden wohl Lust und auch Talent hatte, denn er steht zum Glucke unter hoherem Schutze. Ware mir diess auch fruher nicht schon klar geworden, so hatte mir es ein Lied gesagt, welches er sich schrieb mitten in einer rauschenden Gesellschaft, wo Aurelia und andre schone Frauen ihn aufforderten, mehr Theil an der Geselligkeit zu nehmen. Es war an dem Ufer eines kleinen Flusses, wo er sich unter uberhangende Pinien setzte und in seine Schreibtafel die Worte aufzeichnete, die er mir beim Nachhausegehen als Antwort auf die Aufforderung der Damen stumm uberreichte, die ich ihm wortlos zuruckgab und die ich ihn seitdem oft nach einer Melodie singen hore, welche er dazu fand. Ich schliesse die einfachen Worte diesem Briefe bei.

Trotz alle dem suche ich doch absichtlich aber unmerklich die Gelegenheiten zu entfernen, wo Hippolit mit Aurelien zusammentreffen kann; denn der Umgang mit Wesen ihrer Art bringt nichts Gutes, macht Niemanden besser; und darum soll man ihn nach meiner Ueberzeugung meiden, so viel man nur immer kann."

Hippolits Lied.

Lasst mich, ob ich auch still vergluh',

Lasst mich nur stille gehn;

Sie seh' ich spat, Sie seh' ich fruh

Und ewig vor mir stehn.

Was ladet ihr zur Ruh' mich ein?

Sie nahm die Ruh' mir fort;

Und wo Sie ist, da muss ich seyn,

Hier sey es oder dort.

Zurnt diesem armen Herzen nicht,

Es hat nur e i n e n Fehl:

Treu muss es schlagen bis es bricht,

Und hat dess nimmer Hehl.

Lasst mich, ich denke doch nur Sie;

In Ihr nur denke ich;

Ja! ohne Sie war' ich einst nie

Bei Engeln ewiglich.

Im Leben denn und auch im Tod',

Im Himmel, so wie hier,

Im Gluck und in der Trennung Noth

Gehor' ich einzig Ihr.

Fortsetzung von Auszugen aus Briefen Ernestos an

Frau von Willnangen.

"Ich fange an, recht tiefes Mitleid fur diese Aurelia zu empfinden, die denn doch vielleicht etwas vorzugliches und gluckliches hatte werden konnen, ware ihr Gemuth minder verwarloset von Jugend an. Allein dieses Mitleid ist nicht jenes schone, erwarmende Gefuhl, mit dem ich Gabrielens gedenke, Schauder und Widerwillen mischen sich darein, und ich mochte auf immer von einem Wesen mich abwenden konnen, welches so ganz hoffnungslos in sich zerfallen ist, dass kein Gott und kein Sterblicher hier mehr rechten dauernden Trost gewahren kann.

Mit kalter Brust, mit einem Herzen, das nie, weder Liebe noch Hass empfand, das von fruhester Jugend an nur mit der unersattlichsten Eigenliebe erfullt war, stand Aurelia stets in hoher Selbstzufriedenheit da, auf eine Tugend gestutzt, die bei ihr, so wie sie einmal ist, kaum noch den Namen derselben verdient. Wer ihr nahte, huldigte ihrem Geiste, ihrer Schonheit, auch wohl oft nur dem Standpunkte, auf welchen das Schicksal und ihre in Eitelkeit versunkne Mutter sie gestellt hatten, und der Stolzen schien die Welt zu Fussen zu liegen. So sind bis jetzt die Jahre, eines nach dem andern, an ihr vorubergezogen, von ihr unbemerkt. Doch jetzt ist die Zeit des Erwachens endlich gekommen und das, woran sie fruher in ihrem Leben nicht gedacht hatte, erfullt sie mit angstlichem Grausen vor einer Zukunft, der sie doch nicht auszuweichen vermag. Unter dem triumphirenden Lacheln, das sie noch immer beibehalt, sehe ich deutlich ihre innere Herzensangst hervorblicken. Und wissen Sie, wem diese Angst gilt? Dem dreissigsten Geburtstage, dem furchterlichen, der als Schreckbild am Lebenspfade aller Frauen steht, die Aurelien gleichen. Er naht unaufhaltsam mit schnellen Schritten, dieser entsetzliche Tag, denn Aurelia zahlt wenigstens volle vier Jahre mehr als unsre Gabriele, und sie beneidet ihr gewiss keinen der ubrigen Vorzuge so ganz von Herzen als diesen fluchtigsten von allen.

Im Grunde qualt sie sich viel zu fruh, denn nie war ihre aussre Erscheinung brillanter. Auch ist die Klippe, die sie scheut, eigentlich nur im gewohnlichen burgerlichen Kreise des Frauenlebens recht gefahrlich, wo es Tanten und Basen giebt, die uber alle Familienereignisse Buch und Rechnung halten und alle Data nachzuweisen wissen. In d e r Welt, in welcher Aurelia lebt, gleitet man uber alles leichter hin; man ist toleranter; man gewinnt kaum Zeit, an sich selbst zu denken, geschweige an Andre, und jeden, der sich nur geschickt zu benehmen weiss, lasst man gern fur das gelten, wofur er sich geben will. Geist, Witz, Leichtigkeit und Vielseitigkeit im Umgange werden uber alles geschatzt, darum trifft auch die glanzendste Periode im Leben beruhmter schoner Frauen der grossen Welt sehr selten mit ihrer ersten Jugendbluthe zusammen, denn man muss gelebt haben, wenn man sich aufs Leben genugsam verstehen will, um es wie ein Kunstwerk behandeln zu konnen. Aurelia weiss dieses alles so gut und besser als ich, aber sie denkt nicht daran, oder achtet es fur einen traurigen Trost. Sie ist noch immer von einer bewundernden Schar demuthiger Verehrer umgeben, uber die sie nach Lust und Laune unumschrankt gebietet, aber sie fuhlt dennoch ihren Thron unter sich wanken und ich sehe deutlich, wie das trube Vorgefuhl einer dunkeln, freudenarmen Zeit sie Tag und Nacht unablassig qualt und nagt. Mit angstlicher Hast wirft sie sich nun auf alles, wovon sie noch in spatern Jahren Glanz und Bewunderung sich versprechen zu konnen glaubt, auf Musik, Literatur, Kunststudium; sogar Chemie und Astronomie hat sie eine Zeitlang getrieben, weil diese Wissenschaften einmal zufalliger Weise Mode wurden. Ihr mangelt, wie Sie wissen, weder Geist noch Talent zu allem was sie unternehmen mochte, aber sie ist unfahig, irgend etwas sich selbst zum Trost fest zu halten. Ihre rastlose Natur trieb sie von jeher immer von einem zum andern und erlaubt ihr jetzt sogar kaum, langer als einige Monate an dem nehmlichen Orte zu verweilen. Dass sie in manchen Stunden die Unzulanglichkeit eines so zerstuckelten Strebens tief empfindet, vermehrt noch ihr Ungluck auf jede Weise, denn dieses an sich peinigende Gefuhl reizt und erbittert sie innerlich mehr und mehr, und treibt sie zu seltsamen, ihrem Zwecke ganz entgegenarbeitenden Launen.

Manche ihrer Anbeter, welche ihre wirklich zuweilen unwurdigen Misshandlungen nicht ertragen mogen, ziehen sich allmahlig zuruck und dadurch wird das Uebel immer arger. Sie muss mit ungewohnter Anstrengung die so Verlornen durch neue Eroberungen wieder zu ersetzen suchen, und sie treibt diess mit einem Eifer, einer Ungeduld, die deutlich beweisen, wie anschaulich ihr jetzt mit einemmale die Fluchtigkeit der Zeit geworden ist. Die arme Frau gerath dabei oft ausser Athem und Tackt, obgleich nicht jedermann diess gewahr wird.

Dass mein glanzender Hippolit gleich auf ihre Liste kam, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Bei seiner Jugend musste sie ihn fur einen vollkommnen Neuling in der Welt ansehen, und bei dem sichtbaren Eindrucke, den ihr erstes Erscheinen auf ihn machte, hielt sie seine Eroberung fur ein leichtes Kinderspiel. Um so grosser war ihr Erstaunen als sie alle ihre kleinen Kunste an ihm abgleiten sah. Ich bin uberzeugt, dass sie bis diese Stunde noch nicht weiss, wie sie eigentlich mit ihm daran ist, doch eben dieser Zweifel giebt ihm in ihren Augen ein erhohtes seltnes Interesse.

Ich sehe zuweilen mit wahrem Vergnugen dem kleinen Kriege zwischen beiden zu. Allen den haarfeinen Schlingen, die Aurelia mit unendlicher Klugheit und tiefer Berechnung ihm legt, weiss mein junger Held mit so unbefangnem Gesicht und so gewandt aus dem Wege zu gehen, dass es mir oft schwer wird, meinen innern Triumf daruber zu verbergen. Wenn ich ihn aber wiederum in den Assembleen hinter ihrem Sessel stehen sehe, wie er jede ihrer Bewegungen belauscht, jedes ihrer, nicht zu ihm gesprochnen Worte von ihren Lippen wegzuhaschen sucht, und dabei immer tiefer in sich selbst sich verliert, so dass zuletzt ausser Aurelien nichts mehr fur ihn zu existiren scheint, dann werde ich wieder irre, auf Augenblicke wenigstens. Zwar weiss ich, Aureliens Zaubergewalt uber Hippoliten liegt nur in einer nie zuvor von mir bemerkten Familienahnlichkeit mit Gabrielen, die sich erst spater entwickelt haben muss, und uber die er im Stande ist, Stundenlang in Extase zu gerathen, aber solche Aehnlichkeiten haben doch auch ihre Gefahren, und ich wollte, wir oder Aurelia hatten die Terrasse des Gartens Boboli nie gesehen." "Wunschen Sie mir Gluck, liebe Frau von Willnangen, ich athme freier! Aurelia hat heute in aller Fruhe Florenz verlassen, um die grosse, lange beabsichtigte Reise durch Sicilien nach Griechenland endlich anzutreten, und es scheint mir, als ob Hippolit das trugerische Schattenbild Gabrielens, das in der letzten Zeit ihn wohl oftrer betrubt als erfreut haben mag, nicht ungern endlich schwinden sah. Ein kleiner Missgriff, zu welchem Aurelien ihre Unsicherheit in Hinsicht seiner wohl verleitet haben kann, ist wahrscheinlich die nachste Veranlassung dieses plotzlichen Aufbruches gewesen. Vermuthlich ward sie ungeduldig uber seine anscheinende Blodigkeit, die ihn, wie sie meinte, verhinderte eine Bitte auszusprechen, welche sie ihm oft genug so nahe legte, dass ich kaum begreife wie er ihr ausweichen konnte, nehmlich die, sie auf der Reise nach Griechenland begleiten zu durfen. Ihre Ungeduld brachte sie dahin ihm anzubieten, was sie freilich lieber seinen dringenden Bitten zogernd gewahrt hatte, und nun stellen Sie sich das bittre Erstaunen vor, mit dem sie den so furchtsam gehaltenen Jungling das Anerbieten von sich weisen sah, und zwar auf die feinste aber auch bestimmteste Weise! Ich gestehe Ihnen, ich selbst muss dieses feste Entsagen bewundern, denn sowohl die Reise als die Reisegesellschaft konnen schwerlich reizender erdacht werden.

Dass Aurelia nach der ersten bittren Sekunde, die sie benutzte, um sich von ihrem Erstaunen zu erholen, genug Fassung behielt, um aus dem ganzen Anerbieten einen gar nichts sagen wollenden Scherz zu machen, war ihr wohl zuzutrauen, doch scheint sie den Verdruss uber Hippolitens Benehmen recht tief empfunden zu haben. Diess schliesse ich unter andern auch aus der Eile, mit der plotzlich alle so lange vernachlassigte Reiseanstalten betrieben wurden, und aus ihren wiederholten Versicherungen, dass sie die englische Familie, mit der sie schon langst diese Reise verabredet hatte, unmoglich langer auf sich warten lassen konne. In der That hatte sie diese, unter allerlei nichtigen Vorwanden, von einer Woche zur andern hingehalten, und ich musste schon langst die Geduld der guten Leute im Stillen bewundern.

Genug, die Wagen wurden gepackt und sie ist fort! So fahre sie denn hin! Recht glucklich aber wenn es seyn kann, auch recht weit und auf recht lange von uns und auch von meinem Ottokar, auf dessen Frieden ihre Gegenwart doch storender wirkt, als er es sich selbst vielleicht gestehen mag.

Ist es aber nicht entsetzlich, dass dieses durch so viele seltne herrliche Gaben ausgezeichnete Wesen weder glucklich ist noch glucklich macht? Wie weit steht Aurelia in dieser Hinsicht hinter ihrer Mutter, der Grafin Rosenberg, zuruck! so weit, als diese wohl von jeher, selbst in ihren bluhendsten Zeiten, in jeder andern Hinsicht hinter dem zuruckgestanden haben mag, was Aurelia ist und war. Und doch ist die Mutter, selbst jetzt noch, schwerlich weniger gefallsuchtig und eitel als die Tochter, nur aussert sich diese ihre Gefallsucht auf andre Weise. Die Grafin wollte von jeher nicht sowohl bewundert, als gesucht seyn, nicht sowohl blendend erscheinen als liebenswerth, und diess giebt ihr bei allen ihren ubrigen Schwachen einen Anstrich von Gutmuthigkeit, welche jedem wohlthut, der ihr nahen darf. Aurelien hingegen beten selbst ihre allerunterthanigsten Sklaven nur mit Furcht und Zittern an. Sie reizt, sie entzuckt, aber wohl ist noch Keinem bei ihr geworden. Sie fahre hin." "Wunderbar! Dieses Zusammentreffen mit der gefahrlichen Dame, das mir so viel Sorge ohne Noth machte, hat meinen Hippolit mir nur noch inniger verbunden, statt mir ihn zu entfremden. Ich glaubte, je langer ich daruber dachte, seine Verweigerung, Aureliens Einladung zu folgen, zum Theil auf meine eigne Rechnung setzen zu durfen, denn ich war nicht ausdrucklich darin mit einbegriffen gewesen. Ich wollte ihm daruber etwas freundliches sagen, und da gesteht er mir mit der liebenswurdigsten Offenheit, dass ich gar keinen Antheil an dieser seiner Entsagung habe, dass ich sie ihm uberhaupt viel zu hoch anrechne; weil durch eine fruhere Reise mit einer franzosischen Dame ihm jede ahnliche auf Lebenszeit verleidet sey. Mein Erstaunen uber diese unerwartete Entdeckung brachte die Geschichte seines fruhern Lebens zur Sprache. Guter Gott! in welches Labirinth von Gefahren und Verirrungen haben Unbedacht, Eitelkeit, jugendlicher Uebermuth, den zu fruh sich selbst Ueberlassnen gefuhrt! Welch ein Gluck, dass die Folgen einer fruhern streng tugendhaften Erziehung seine, im Grunde doch sehr edle reine Natur, mitten in all der Verworrenheit bei Kraften erhielt, dass es nur einer hulfreichen Hand von aussen bedurfte, um ihn aus dem Sumpfe von Thorheit zu erretten, an dessen Rande er in jugendlicher Unvorsichtigkeit und kindischem Muthwillen herumgauckelte." Dass Gabriele dieser rettende Engel gewesen sey, brauchte Hippolit seinem weltklugen Freunde nicht zu vertrauen, um ihn davon zu uberzeugen. Auch schwiegen beide uber diesen Punkt, aber es entstand zwischen ihnen jenes zarte wortlose Verstehen, das einem wunden Gemuthe so wohl thut. Ernesto machte es sich von nun an zur heiligsten Pflicht, durch ernste Vorstellungen und anhaltendes Beschaftigen mit einem grossen Gegenstande, den ihm mit jedem Tage werther gewordnen Jungling dem muthlosen Schmerz, der trubsinnigen Verworrenheit zu entreissen, in die er nur zu oft noch versank. Der klassische Boden, den sie jetzt langsam durchzogen, bot ihnen Anlass und Stoff zu geisterhebender Betrachtung einer kolossalen Vorwelt, und Ernesto benutzte alles, um seinen Liebling auf das grundlichste und vielseitigste auszubilden. Es wahrte nicht lange, so entdeckte er in ihm einen jener Seltenen, von der Natur Hochbegunstigten, denen das Schwere leicht wird, denen das unerreichbar Scheinende von selbst zufallt, und die ohne Anstrengung, ja beinahe ohne Fleiss, alles Wissenswerthe nicht sowohl erlernen, als es sich aneignen mit Kraft und Geist. Dabei bemerkte er abermals mit grossem Wohlgefallen, wie ihm Hippolits erste fast gelehrte Erziehung kraftig vorgearbeitet habe. Bei jedem Anlass dazu entwickelte dieser Kenntnisse, von deren Besitz er kurz vorher kaum selbst eine Ahnung gehabt haben mochte; weil sie in ihm geschlummert, und nun, durch den Zufall geweckt, wie neu gewonnen ihm erschienen. So knupfte jede mit einander verlebte Stunde beide fester an einander, und Ernestos Blick ruhte oft mit wahrhaft vaterlichem Stolz auf dem geliebten Zogling, der ihn dafur, wie ein liebender Sohn, treu und innig verehrte. Moritz zog indessen von einem Bade in das andre, um seine neuerfundene Theorie des Spieles zu vervollkommnen, jedoch ohne dabei auf Gabrielens Begleitung Anspruche zu machen; eine Schonung, die sie ihm um so herzlicher verdankte, da sie dadurch zu der lange gewunschten Reise zu ihren Freundinnen in Lichtenfels Zeit gewann. Der kleine Kreis, in dessen Mitte sie einst so schone Tage verlebte, fand sich dort wieder ungetrennt beisammen, denn der General hatte Adelberten mit dem Anfange des Fruhlings den Seinigen wieder gegeben.

Alle empfingen Gabrielen, wie man ein lang vermisstes Gluck empfangt, und das Leben ging im Aeussern wieder den lieben gewohnten Gang; doch im Innern war es anders geworden.

Adelbert und Auguste wandelten so still, mit so angstlicher Schonung neben einander her, als waren sie von Todtkranken umgeben. Die Liebe war geblieben, aber das Vertrauen war entflohen, und eben weil es entflohen war, strebten sie sich zutraulicher als je zuvor gegen einander zu bezeigen, um nur keinem geliebten Herzen wehe zu thun. Nur der von allen gleich verehrte Greis, der General Lichtenfels, trat mit gewohnter Sicherheit, frohlich und nichts ahnend unter ihnen auf. Weil keine Klage laut ward, weil aller Blicke ihm lachelten, glaubte er jede Wunde geheilt. Und wenn er auch zuweilen das ehemalige rege Leben unter ihnen vermisste, so schob er dieses auf die zu grosse Einformigkeit, in der sie so lange Zeit hingebracht hatten. Gastfrei, wie in glucklichern Tagen, suchte er diesem bald abzuhelfen; er offnete von neuem sein Haus; Freunde und Bekannte stromten wieder herbei, und aufs neue wurde das fruhere gesellige Treiben in Gang gebracht, das einst Augusten und Adelberten zusammenfuhrte. Alles zeigte sich ihm heiter und frohlich wie damals, und so glaubte er gern an ein Gluck, das er so innig wunschte und so angelegentlich herbeizufuhren sich bemuhte.

In stiller Wehmuth betrachtete indessen Gabriele das zerstorte Lebensgluck ihrer Freunde; obgleich man ihre Ehe nicht eigentlich unglucklich nennen konnte. Nie ward ein Zwiespalt zwischen ihnen laut, vielmehr suchte jedes von ihnen dem unausgesprochnen Wunsche des andern mit geschaftiger Aemsigkeit zuvorzukommen. Mit angstlicher Sorgfalt vermied Auguste jedes Wort, jede Miene, die in ihrem Gemahl den leisesten Argwohn erregen konnten, als gedenke sie noch jener Verirrung, die er so schmerzlich bereute und so streng zu bussen im Begriff gewesen. Adelbert war seinerseits ebenfalls lauter Liebe und Aufmerksamkeit und beide erschienen in der Gesellschaft als Muster des schonsten ehelichen Verhaltnisses. Nur das scharfblickende Auge inniger Freundschaft konnte hier ahnen, dass jenes sonst sie beseligende Empfinden gegenseitigen Glucks, jenes Leben des einen in dem andern, den laut Gepriesnen auf ewig entschwunden sey. Sie liebten sich noch, aber wie Verstossene aus dem Paradiese einer Unschuldswelt sich lieben konnen. Das stille, ruhige, vertrauensvolle Gefuhl war zu einer Art Leidenschaft umgewandelt, die in Momenten des gluhendsten Aufwallens oft in der Tiefe ihres Gemuthes einem verbissenen Hassen glich. Trotz aller Anstrengung konnte Adelbert nie vergessen, dass Auguste ihm v e r g e b e n habe, so wie sie stets daran denken musste, dass sie ihm e t w a s z u v e r g e b e n g e h a b t h a b e . Beide fuhlten den Zwang, auf etwas achten zu mussen, was ihnen sonst nie in den Sinn gekommen war, auf ihr Benehmen gegen einander. Und so geschah es denn oft, dass sie mit ausbrechender Wehmuth sich von einander abwandten, wenn der Zufall sie ohne Zeugen einmal zusammen fuhrte, und sich dann mit wilder Hast mitten im Strudel der Gesellschaft vor dem eignen Herzen zu retten suchten, welches ihnen ihre ehemalige Seligkeit und ihr jetziges Elend laut zurief.

Frau von Willnangen sah anfangs tief bekummert dem Verhaltnisse ihrer Kinder zu, dessen trube Seite ihr nicht entgehen konnte. Bald aber bewahrte sich von neuem ihr gluckliches Talent, stets das Beste zu hoffen; sie gedachte ihrer eignen Ehe an der Seite eines uber alles geliebten Gatten, dem sie mit Freuden ihr Leben weihte, und dadurch unendlich begluckt war, obgleich er ihre gluhende Liebe nicht in eben dem Maass zu erwidern vermochte. Ihre Fantasie spiegelte ihr in dem jetzigen Verhaltnisse ihrer Auguste eine trugerische Aehnlichkeit mit dem eignen fruheren vor, und so kam sie nach und nach zu der beruhigenden Ueberzeugung, dass Zeit und Liebe zu den, mit jedem Tage sich anmuthiger entwickelnden beiden Kindern alles bald wieder auf das Schonste ordnen und beruhigen werde. Sie versuchte es auch, Gabrielen ihren heitern Glauben an die Zukunft mitzutheilen, und diese liess ihr gern den beruhigenden Irrthum, dem sie selbst sich hinzugeben nicht vermochte.

Gabriele durchschaute zu klar die tiefe, nie wieder herzustellende Zerruttung eines einst seltnen Verhaltnisses, das, so wie die Dinge jetzt standen, sich hochstens nur noch zu etwas sehr Gewohnlichem gestalten konnte, zu einer leidlichen Ehe, in der man aus Gewohnheit und um der Kinder willen einander gegenseitig ertragt. Ihr Herz blutete fur Augusten, deren gegenwartiges Loos ihr sogar trauriger als das eigne dunkte, weil der zur Armuth herabgesunkene Reiche weit beklagenswerther ist, als der in Durftigkeit Geborne. Aber sie hutete sich eben so sehr, das Herz ihrer mutterlichen Freundin durch diese ihre eigne Ansicht zu verwunden, als sie jedes Gesprach mit Augusten sorgfaltig vermied, das zu irgend einer Erklarung uber diesen Gegenstand fuhren konnte. Gabriele wusste aus eigner Erfahrung, dass es Seiten im menschlichen Herzen und Verhaltnisse im Leben giebt, welche selbst die zarteste innigste Freundschaft nicht mit einem Hauche zu beruhren wagen darf. Den Schmerz um ihre Freunde abgerechnet, erfreute Gabriele sich indessen doch eines Zustandes, der mit den letzt vergangnen unruhvollen Jahren sehr angenehm kontrastirte. Augustens Kinder waren die Freude ihres Lebens, mit ihnen und in der stillen Beschaftigung mit sich selbst, welche ihr durch das zerstreute Leben in der Residenz so erschwert worden war, brachte sie die erste Halfte des Tages in der ruhigen Einsamkeit ihres Zimmers zu. Der Abend wurde ihren Freunden geschenkt, besonders der Erheiterung des freundlichen Oheims, den sie, seit sie ihn naher kennen gelernt hatte, gleich einer liebenden Tochter verehrte. Die Verlangerung von Moritzens Reise, die sich auf unbestimmte Zeit uber den Winter hinaus ausdehnte, erlaubte ihr, den Bitten ihrer Freunde nachzugeben und bis zu seiner Ruckkehr bei ihnen zu verweilen. Sie that dieses um so lieber, da sie wohl einsah, wie erfreulich ihre Gegenwart den armen Verstorten, wenigstens momentan, den Schein vergangner Gluckseligkeit zuruckgab.

Hippolits Tagebuch-ahnliche Briefe waren ihr jedesmal wie ein lieber Besuch, dem sie immer zur bestimmten Zeit mit froher Erwartung entgegen sah; und auch wenn er nicht schrieb, gedachte sie seiner mit einer eignen Ruhrung. Nie konnte ihr dankbares Gemuth des hochherzigen Junglings zarte Aufopferung vergessen, mit der er ertragen hatte, was seiner kuhnen Natur das Unertraglichste seyn musste, um nur s i e nicht in ihrer Freundin zu betruben. Fur die wilde Leidenschaftlichkeit, der er sich bis zur hochsten Verblendung uberlassen hatte, fand ihre nachsichtsvolle, alles gern ausgleichende Natur von jeher tausend Entschuldigungen und seine jetzigen Briefe bekraftigten diese. Aus jedem derselben leuchtete die hohere Entwickelung seines Geistes unter Ernestos Leitung hervor. Sie sah aus ihnen, wie der bis jetzt nur in seinen Gefuhlen lebende Jungling heranreifte zum festen edlen Manne, der mit hellem Blicke die Welt anschaut, und aufhort, sich und sein Herz fur den Mittelpunkt derselben zu halten. Ihr selbst unbemerkt, regte sich dabei oft der Wunsch baldigen ruhigen Wiedersehens in ihrem Gemuth und ward allmahlig zur sussen Sehnsucht, die ihrem Leben neuen Werth gab. Das Gefuhl, dessen Bekenntniss Hippolits Entfernung veranlasst hatte, schimmerte zwar noch fortwahrend aus seinen Aeusserungen hervor, aber es glich einem goldnen Faden, der das ganze Gewebe seiner jetzigen Existenz zusammenhielt, und es schien, als sahe er es doch als seiner und ihrer unwurdig an, ihr langer nur von sich und seinen Empfindungen zu schreiben. Dabei waren seine Bemerkungen uber Natur und Kunst, uber Welt und Leben, von einer Tiefe und Originalitat, uber die sie oft in freudiges Erstaunen gerieth.

Ernestos Briefe bestarkten von Zeit zu Zeit ihr frohes Hoffen von der Zukunft ihres jungen Freundes. "Sie sind noch immer die hohe Dame seiner Gedanken, an der er mit der tiefen Verehrung eines achten Chevaliers der Tafelrunde hangt," schrieb er ihr einst. "Leugnen Sie mir nicht ab, obgleich ich auch nicht fordre, dass Sie es mir gestehen sollen, dass ich Ihnen hiemit nichts neues verkunde. Machen Sie es wie er, geben Sie es mir schweigend zu. Weiss ich doch nicht, ob er mehr als ein solches schweigendes Gestandniss auch gegen Sie jemals gewagt hat, obgleich ich es aus dem Stottern wohl schliessen konnte, das ihn allemal befallt, wenn ich der nachsten Veranlassung seiner Reise nach Italien nachforschen will. Nicht minder aus einer gewissen reuigen Wehmuth, die ihn leicht bis zu Thranen bewegt, wenn er der letzten Tage gedenkt, die er in Schloss Aarheim verlebte. Dem sey wie ihm wolle, ich danke den Gottern, fur ihn und mich, dass wir einander fanden. Was ich fur ihn thue, ist alles und nichts; das hohe Gelingen lohnt mir tausendfaltig. Schon und traurig, wie ein Antinous, stand er vor mir bei unserm ersten Zusammentreffen, und erregte schon durch seine aussre Erscheinung das lebhafteste Interesse; aber sein Festhalten an mir, da er mich erkannte, sein Ergeben in meinen Rath, in meine Leitung gewann bald bei dieser seiner rustigen Jugendkraft, etwas so unaussprechlich Ruhrendes, dass ich mich seiner hatte annehmen mussen, und hatte es mich auch das hochste Opfer gekostet. Und so entstand denn eine Verbindung, die mir jetzt gegen das Ende meiner irdischen Laufbahn die hochste Freude gewahrt. Denn was kann belohnender seyn, als der Anblick einer edlen kraftigen Natur, die aus geistiger und irdischer Verirrung mancherlei Art sich tapfer loswindet, und dabei das selige Bewusstseyn, ihr hulfreich und schutzend zur Seite zu stehn. Sie, Gabriele! mogen immer das schone Gefuhl mit mir theilen; Sie haben mir kraftig vorgearbeitet, so kraftig, dass ich oft Sie zu sehen und zu horen glaube, wenn er recht aus dem Herzen spricht oder handelt. Und so ist es billig, dass auch Sie sich Ihres Werks erfreuen mogen." Still und ruhig hatte Ottokar indessen seit mehreren Jahren in Rom gelebt, in selbsterwahlter Zuruckgezogenheit von offentlichen Geschaften und Ehrenbezeugungen, nur mit sich, seinem Knaben, der Natur, der Kunst, und wenigen auserwahlten Freunden. Tausend sehr ernste Erfahrungen hatten ihn endlich uberzeugt, dass nur in der Kunst, entsagen zu konnen, der achte Stein der Weisen verborgen liegt. An Aureliens marmor-glatter und kalter Natur waren alle seine Versuche fruchtlos abgeglitten, sie sich und dem achten Genuss des Lebens zu gewinnen. So hatte er sie denn endlich aufgegeben, und begnugte sich damit, seine Gemahlin nach der von ihr selbst gewahlten Weise das Gluck suchen zu lassen, indem er ihr Geld und Freiheit gab, so viel sie bedurfte oder verlangte. Ersteres machte sein grosses Vermogen und eigne Genugsamkeit ihm moglich, und dass Aurelia ihre unumschrankte Freiheit nie auf eine, seine Ehre verletzende Weise missbrauchen konne, dafur burgte ihm ihr Stolz auf die einzige Frauentugend, die sie eigentlich anerkannte, und zu deren strenger Richterin sie sich uberall aufwarf. Der kleine Herrmann, Ottokars sehr anmuthig heranwachsender Knabe, gewahrte ihm wenigstens einen Theil des hauslichen Glucks, nach dem er sich stets gesehnt und das er leider an Aureliens Seite nie hatte finden konnen. In der Freude uber ihn, vergass er gern alles, was die Welt sonst noch ihm versagt hatte. Er naherte sich jetzt dem Alter, in welchem die Sturme in der Brust, denen er fruher mit Muth und Kraft entgegen kampfen musste, allmahlig von selbst sich beschwichtigen. Seine Jugend lag hinter ihm, wie ein halb schoner, halb angstlicher Traum, aus dem Gabrielens kurze Erscheinung gleich einem hellen Sterne hervorleuchtete. Er gedachte ihrer, wie einer himmlischen Gestalt, die auf irdischem Pfade ihm einst segnend voruberschwebte und von hohern Sfaren Kunde und Gewissheit verlieh.

Von ihrem fernen Leben auf Erden seit jener Stunde wusste er nur wenig. Ernesto hatte immer vermieden, ihm genaueren Bericht davon zu geben; er wollte gern dem ohnehin auf mancherlei Weise Verletzten unnutze Schmerzen ersparen, und konnte es schweigend nur, da er ihm so wenig Erfreuliches zu melden hatte. Ottokar wusste nur dass Gabriele vermahlt sey, dass sie mit diesem Schritte ihrem Vater und ihrer Pflicht ein schweres Opfer freudig und willig gebracht. Diess war ja einst sein eignes Loos auch gewesen, und nach der ihn dafur beseligenden Ruhe seines eignen Bewusstseyns musste er auch sie fur begluckt halten. Freilich vergass er dabei der Verschiedenheit des Verhaltnisses, welches den Frauen das als eine sehr schwere druckende Last aufburdet, was das freie glucklichere Loos der Manner diesen auf tausendfache Weise erleichtert.

So fand ihn Ernesto als er gegen Weihnachten mit seinem jungen Freunde in Rom anlangte. Denn die Reise nach Sicilien war aus mehreren bewegenden Grunden einstweilen aufgegeben. Bis jetzt hatte Ernesto sich von innerem Bangen immer abhalten lassen, Hippoliten mit Ottokar bekannt zu machen. Von diesem Gefuhle geleitet, hatte er sogar die Reise nach Rom so weit hinausgeschoben und Ottokars nur immer in sehr allgemeinen Redensarten gedacht. Eigentlich furchtete er, dass Gabrielens Name, zur Unzeit genannt, bei Beiden Gefuhle und Erinnerungen aufregen, ja vielleicht Scenen herbeifuhren konne, die wenigstens ihrer muhsam errungenen Ruhe neue Gefahr brachten. Doch jetzt musste er sich endlich entschliessen, den Schritt zu wagen, den er nicht langer schicklicher Weise zu vermeiden wusste. Er fuhrte beide einander zu, und hoffte dabei, weil er es wunschte, dass jeder von ihnen das heiligste Geheimniss seiner Brust wohl zu bewahren wissen werde.

Hippolit fuhlte sich gleich in den ersten Minuten ihres Beisammenseyns von Ottokars Erscheinung machtig ergriffen. Kein sterbliches Wesen, selbst Gabriele nicht, hatte sein Herz mit so unaussprechlicher Ergebung, mit so ganz rucksichtsloser reiner Neigung beim ersten Anblick erfullt, als der schone, ernste und dabei so unsaglich milde Mann, aus dessen hell leuchtendem Auge jugendliche Kraft und Warme sprach, wahrend er, ausgerustet mit aller Wurde und allen Vorzugen des reifern Alters vor ihm stand.

Auch Ottokar ward von Hippolits liebenswurdigem und bescheidnem Wesen angezogen, dieser kam ihm, wie ein jungerer Bruder vor, zu dessen vollendeter Bildung mitzuwirken, er mit der lebendigsten Theilnahme sich verpflichtet fuhlte. Und so erbot er sich, mit Ernesto sein steter Begleiter zu allen jenen Wundern der Vorwelt zu werden, welche keine feindliche Macht dem heiligen Boden entfuhren konnte, der eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch sie treu aufbewahrte und aufbewahren wird. Innigst erfreut uber Hippolits reges und richtiges Gefuhl, schwelgte er an seiner Seite im frohen Nachempfinden jener Tage, in denen er selbst zuerst diess klassische Land betrat. Dafur theilte Hippolit Ottokars Freude an dem kleinen Herrmann, der sich sehr schnell gewohnte, ihn als seinen liebsten Spielgefahrten zu betrachten. So ordnete sich bald ein fur Alle sehr genussreiches Zusammenleben; nur Ottokars Nahe schien Hippoliten noch gefehlt zu haben, um ihn ganz auf die Stufe der Bildung zu heben, fur welche seine Natur ihn bestimmte; bei ihm fand er im glucklichsten Verein den wurdevollen Ernst des vollendeten Mannes mit fast weiblich weichem Zartgefuhl auf das innigste verbunden; und wahrend Ernesto Hippolits Geist, dessen Verstand und Wissen mit alle dem Reichthum ausstattete, den er selbst in so hohem Grade besass, wurkte Ottokar nicht minder wohlthatig auf sein Gemuth. Er verhalf ihm zu jener Klarheit in seinem Empfinden, welche er selbst muhsam errungen hatte, und weihte ihn dadurch zu jedem Opfer, jeder Entsagung, welche das Leben im Laufe einer wahrscheinlich sehr langen Zukunft von ihm ferner noch heischen mochte. So waren mehrere Wochen vergangen, wahrend welchen sich Hippolit immer fester an Ottokar anschloss, als dieser zufallig von einer leichten Unpasslichkeit gezwungen ward, einige Tage zu Hause zu bleiben. Hippolit eilte auf die erste Nachricht davon herbei und fand ihn allein, in einem abgelegnen Kabinett, zu welchem sonst jedermann der Zutritt versagt ward, und das auch selbst er noch nie vorher betrat.

Eine einzige Zeichnung uber dem Schreibtisch schmuckte die mit gruner Seide ganz einfach bekleideten Wande des kleinen traulichen Gemachs, sie musste dem Eintretenden gleich in die Augen fallen, und erstarrt, bleich wie ein Sterbender blieb Hippolit wie eingewurzelt vor Gabrielens Abbildung ihrer vaterlichen Burg stehen; dem einzigen Angedenken von ihr, das Ottokar vor jedem fremden Blick hier wie ein Heiligthum aufbewahrte.

Ottokar fuhr, uber den Zustand seines Freundes erschrocken, vom Divan auf, auf welchem er lag. Er musste ihn von einem plotzlichem Uebel befallen glauben und wollte ihm zur Hulfe eilen, als dieser in aller fruheren, muhsam bekampften Heftigkeit seines Wesens in seine Arme sich warf und ihn fest umklammerte.

"Ja Du bist es," rief er, und das Weh eines ganzen Lebens lag in dem schmerzlichen Ton dieser Worte, "Du bist es! Wer anders konnte es seyn als Du? Wie war es moglich, dass ich Dich nicht gleich erkannte! Nun ist mir alles klar, ja nur Dich, nur Dich konnte Gabriele lieben, und nur Du konntest ihr entsagen. O ich Verblendeter! Dass ich erst jetzt dieses weiss!"

Auch Ottokar erstarrte als er diesen Namen von diesen Lippen so nennen horte. "Gabriele!" rief er, "kennst Du Gabrielen? Kennst Du diess Schloss?"

"Ob ich es kenne? ob ich Gabrielen, ob ich Schloss Aarheim kenne?" antwortete Hippolit; seine Augen blitzten und alles Blut aus seinem Herzen farbte die erblichnen Wangen in Purpurglut. Er sprang auf und riss sein Taschenbuch hervor, in welchem er eine kleine Kopie von Ernestos Virginia aufbewahrte, die er auf Schloss Aarheim heimlich zu zeichnen Gelegenheit gefunden hatte. "Sieh her," rief er, "blick her, und Du, Du bist ja Icilius, unverkennbar; mein Gott! wie gehen mir jetzt erst die Augen auf!"

Ottokar betrachtete das Blatt; auch er erbleichte, tief erschuttert, und kaum vermochte die zitternde Hand es fest zu halten; denn eine Ahnung des ganzen Umfanges von Gabrielens traurigem Geschick ging ihm zum erstenmal aus diesen Zugen auf. Mit einer Art Beschamung fuhlte er plotzlich, wie vergleichungsweise glucklich er diese Reihe von Jahren verlebt hatte, wahrend sie den bittersten Kampf mit dem Leben bestand. Schweigend standen beide einige Minuten einander gegenuber, doch dem gepruften festeren Manne gelang es eher, Fassung zu erringen als dem wild bewegten, sturmvollen Herzen des Junglings. Ottokar nahm ihn an seine Brust, wie ein Vater sein liebes verwundetes Kind, er zog ihn zu sich, er sprach ihm liebkosend zu, mit seiner sanften beruhigenden Stimme. Hippolit erkannte die Tone, die einst auch in Gabrielens Herzen wiederhallten, er konnte ihrem Zauber nicht widerstehen, sie beschwichtigten allmahlig das Toben in seinem Innern, und nun begann zwischen beiden edlen Menschen eine Scene des innigsten Vertrauens. Ihre Seelen, alle ihre Gedanken ergossen sich in einander; was nie uber ihre Lippen gekommen war, gestanden sie sich hier, offen, wahr, ohne Ruckhalt, alles tief im Herzen Verborgne kam zur Sprache und diese Stunde, die bei minder Vorzuglichen vielleicht eine ewige Trennung bewirkt hatte, verband sie einander fur Zeit und Ewigkeit.

Den ganzen Tag hindurch liess Ottokar den jetzt ganz Gewonnenen nicht von seiner Seite. Ernesto kam hinzu, es war unmoglich ihm, was vorgegangen, zu verhehlen, und er sah mit freudiger Ruhrung neues, ihm unerwartetes Heil aus einer Entdeckung entstehen, die er nur deshalb so angstlich abzuwenden gesucht hatte, weil die Erfahrung eines langen Lebens unter den Menschen ihn um den Glauben an die hohe Reinheit des Gemuths gebracht hatte, die ihm doch hier, fast am Ende seiner Laufbahn, aus der Brust seiner Lieblinge so hell entgegen strahlte. Ottokar nachzustreben, in allem nur Erreichbaren, war von nun an Hippolits felsenfester Entschluss.

"Sie hat ihn geliebt und er konnte ihr entsagen," sprach er in einer ernsten Stunde des reinsten Vertrauens zu Ernesto. "Auch ich entsage, ich der Ungeliebte, der, hoffnungsloser als je, doch ewig ihr Bild im Herzen tragen muss. Ich kann sie nie gewinnen, nun so sey all' mein Streben, ihrer werth zu werden, wie Ottokar es ist. Kein Laut, kein Blick verrathe von nun an meinen stillen Schmerz, auch Sie Ernesto, ich flehe darum, ehren ihn durch Schweigen."

Andre Plane, andre Hoffnungen reiften indessen in Ottokars edler Brust. Erst jetzt, durch die Zeichnung Ernestos zur Sprache gebracht, hatte er von diesem treuen Freunde vernommen, welche lange Reihe von Entsagungen und Opfern jeden Tag in Gabrielens Leben bis zu dieser Stunde bezeichnete. Seine reuige Wehmuth, wenn er den Abstand zwischen seinem und ihrem Geschick betrachtete, steigerte sich zu einer angstlich druckenden Hohe, ihm war, als habe auch er ihr Ungluck mit verschuldet, und musse jetzt nur suchen, sie zu erretten. In aller unertraglichen Lacherlichkeit und Widerwartigkeit sah er Moritz neben Gabrielen, unablassig wie ein Schreckbild stand dieser vor seiner Fantasie. Er vermochte es nicht, sich von ihm abzuwenden; im Gegentheil ward er nicht mude, Ernesto uber seine Personlichkeit auszufragen, als hoffe er, dennoch endlich etwas zu vernehmen, das ihm Trost zu geben vermochte. Und zuletzt blitzte wirklich wahrend eines solchen Gesprachs wenigstens ein Hoffnung verheissender Strahl in ihm auf.

"Nein," sprach er endlich, sich selbst zum Troste, "die Natur wird nicht ungerecht seyn, sie wird nicht die Lebenszeit des kranklichen Greises bis an die ausserste Granze des menschlichen Lebens hinaus rukken, um die Qual jenes himmlischen Wesens zu verlangern. Gabriele wird frei, vielleicht bald, und wer ware dann des Glucks wurdiger die trube Erfahrung ihres Lebens auszugleichen, jede qualvolle Erinnerung zu verloschen, als dieser seltne Hippolit, mit seiner unendlichen Liebe! An sich selbst dachte Ottokar nicht dabei, von jeher glich sein Gefuhl fur Gabrielen mehr der anbetenden Bewunderung, als irdischer Liebe. Jugendlich schon, fast noch in holder Kindlichkeit, wie sie in jener einzigen unvergesslichen Stunde ihm erschienen war, um schnell wieder zu verschwinden, schwebte ihr Bild noch immer unverandert vor seinem inneren Sinn; es konnte ihm nicht einfallen sich selbst des Glucks noch wurdig zu halten, ihr alle ihre Leiden zu lohnen, sogar wenn ein unerwartetes Geschick die Bande zerreissen sollte, die ihn an Aurelien fesselten, und die er selbst nie eigenmachtig zu losen langst entschlossen war. Die bedeutende Reihe von Jahren die er vor Gabrielen vorauszahlte, hatte ihn jener Zeit zugefuhrt, wo jedes jugendlich-wildaufbrausende Gefuhl in milderes Empfinden ubergegangen ist. Gabrielen noch dereinst glucklich zu wissen, mit dem Bewusstseyn, selbst zu ihrem Gluck beigetragen zu haben, ward ihm jetzt zum vorherrschenden Wunsch, der immer und uberall ihn verfolgte. Hippolits unveranderte mit jedem Tage steigernde Liebe zu ihm, die ganze Liebenswurdigkeit seiner Natur, zogen ihn immer mehr an, er gewohnte sich, ihn nur mit Hinsicht auf Gabrielen zu betrachten. Bald kam er dahin, sich Beide schon jetzt als Eins zu denken, und so machte er es sich zum angelegentlichsten Geschafte, ihm uberall zur Seite zu stehen. Gabrielens Name ward nach jenen ersten Stunden heiligen Vertrauens nie wieder unter ihnen genannt, doch beide lasen ihn oft, eins in des andern Blicken. Auch Ernesto schwieg, und beruhigt durch Hippolits Herrschaft uber sich selbst, gab er sich heiterer wie zuvor, der Freude an den Fortschritten seines Zoglings in allem Edlen, Guten und Schonen hin, ohne weder uber die Vergangenheit noch uber die Zukunft angstlich zu grubeln. An der Seite seiner edlen Freunde, angeregt und ermuthigt durch Ottokars Nahe und Ernestos klaren welterfahrnen Sinn, gelangte Hippolit zu immer sicherer Gewalt uber sich selbst. Das Jahr neigte sich zu Ende, und er fuhlte jetzt im gerechten Vertrauen auf sich, dass er es wagen durfe, Gabrielen um die Erlaubniss zur Ruckkehr zu bitten. Sie hatte sie ihm beim Scheiden unter Bedingungen versprochen, deren Erfullung ihm zwar noch schwer, aber doch nicht mehr unmoglich dunkte.

So schmerzlich auch Ottokar die Trennung fuhlen mochte, bestarkte dieser ihn doch durch seine Zustimmung in diesem Entschluss, und so wagte es Hippolit denn endlich, ihn gegen Gabrielen auszusprechen.

"Furchten Sie keinen neuen Ausbruch jener vernichtenden Leidenschaftlichkeit mehr von mir, deren ich jetzt nur noch mit einem sehr beschamenden Gefuhl gedenken mag," schrieb er ihr. "Sie werden Ihren wilden Edelknaben in nichts wieder erkennen, als in der treusten Anhanglichkeit und unbedingten Ergebung in Ihren Willen. Mogen Sie ihn zum zweitenmal und auf immer verbannen, wenn je ein Wort, ein Blick, ein Athemzug jene truben Tage Ihnen zuruckruft, in denen er mit umdusterten befangnem Sinn alles vergass, was er Gott, sich selbst und Ihnen schuldig ist. Gabriele! seyn Sie wieder mild und gutig, wie Sie es immer waren, Sie konnen es ohne Sorge, ich will ja nichts als in Ihrer Nahe seyn, Sie sehen, Sie horen. Sie selbst sollen bestimmen, wie oft, wie lange? Und wenn Sie mir nur eine Stunde, ja nur wenige Minuten des Tages vergonnen, ich will nicht murren gegen Ihr Gebot, das ich dankbar verehre." Wenige Wochen nach dem Empfange dieses Briefes stand Hippolit selbst vor Gabrielen.

Er fand sie allein in ihrem stillen Zimmer in der Residenz, wohin sie von Lichtenfels zur Pflege ihres Gemahls zuruckkehren musste, der vor einigen Monaten sehr krank von seinen ermudenden Streifereien zu Hause angelangt war. Hippolit wankte zwar, als er Gabrielen zuerst wieder erblickte, doch half ihm die Bewegung, in die sie selbst in diesem Momente gerieth, diess zu verbergen. Ihr Auge strahlte mit ungewohntem Feuer, ein bluhenderes Roth farbte ihre Wangen, ihre Gestalt schien noch atherischer als sonst, die Zeit hatte ihrer Schonheit hoheren Glanz verliehen und mit der ersten Bluthe fruher Jugend ihr keinen Reiz geraubt. So erhob sie sich bei seinem Eintritte von ihrem Sessel und suchte vergebens nach freundlichen Worten, ihn damit zu begrussen. Er wagte es nicht, die Hand zu beruhren, die sie wie unwillkuhrlich ihm halb entgegenreichte, aber sein Herz sprach laut aus seinem gesenkten Blicke, aus der edlen und doch so demuthigen Stellung, in der er vor ihr, wie vor einem Gotterbilde, sich ehrerbietig neigte. Der Edelknabe war zum Manne geworden, zum mannlichschonsten, den ihr Auge je erblickte, aus dessen edlen, rein harmonischen Zugen jede Spur jenes wilden Feuers verschwunden war, von dem sie sonst so oft erschreckt worden. So hatte Ottokar ihren Jugendtraumen vorgeschwebt, jetzt erblickte sie das Traumbild ins Leben gerufen, aber veredelt, verklart, wie sie selbst in ihren fantasiereichsten Stunden es nie sich gedacht hatte.

Beide schwiegen in den ersten Momenten; Hippolit fand zuerst den Muth, diess Schweigen zu brechen. Er brachte Briefe, Zeichnungen, Kameen, Pasten, kleine Mosaiken, die Ernesto ihm fur Gabrielen mitgegeben hatte, und kramte alle die glanzenden Gaben in liebenswurdiger Geschaftigkeit vor ihr auf dem Tische aus.

Von ihnen wendete sich das Gesprach auf sein Leben und seine Reisen in Italien. Er sprach viel von Ernesto, endlich wagte er es, sogar Ottokars Namen zu nennen und Gabrielen manches Angenehme von dessen jetzigem Leben mitzutheilen. Er that es mit etwas unsichrer Stimme und gesenktem Blick; ohne jedoch Ottokars in irgend einer genauern Beziehung zu Gabrielen zu erwahnen. Er sprach von ihm nur als von einem ihm sehr theueren Freunde, dem er unendlich viel verdanke. Es war das letzte schwerste Erproben seiner Standhaftigkeit, das er sich selbst auferlegt. Er hatte darin bestanden, aber jetzt vermochte er auch nicht mehr. Er erhob sich um Abschied zu nehmen, und bat nur noch um die Erlaubniss, zu einer gelegenen Stunde auch Moritzen begrussen zu durfen.

Hippolit hatte wahrend seines Besuchs beinah allein gesprochen, denn Gabriele vermochte es kaum uber sich, dann und wann einige Worte der Schicklichkeit zu Liebe einzuschieben; sie war ganz Auge, ganz Ohr, hingerissen vom lebhaftesten Erstaunen uber die unglaubliche Veranderung, die, in weniger als zwei Jahren, wie durch ein Wunder bewirkt, ihr hier entgegenleuchtete.

In tiefem Nachsinnen und doch fast ohne Worte fur ihre Gedanken, blieb Gabriele lange wie in sich verloren. War das der Hippolit, welcher einst so keck und vorlaut an dieser nemlichen Stelle auftrat? War das der wilde rohe Jungling, dessen ungebandigten Sinn sie unlangst mit so ernster Strenge zurecht zu weisen gezwungen war? Ihr Herz regte sich laut in ungestumen Schlagen, ihre Wangen gluhten vor Freude, meinte sie, uber diese gluckliche Verwandlung. Eine ihr unerklarliche Unruhe hielt sie mitten in diesem frohen Gefuhle befangen, die bei dem Gedanken, ihn am Abend wieder zu sehen, in ihr ein Bangen erregte, wie sie kaum damals es empfunden hatte, als sie, ein Neuling in der Welt, zwischen Furchten und Hoffen Ottokars Gegenwart im Salon ihrer Tante entgegenging.

Endlich am Abend erschien Hippolit in Moritzens Zimmer. Der murrische Kranke empfing ihn mit bittern Vorwurfen uber seine plotzliche Abreise von Schloss Aarheim, die Hippolit mit vieler Sanftmuth ertrug. Bald fuhlte sich Moritz wieder von dem gewohnten Zauber hingerissen, den die Gegenwart seines ehemaligen Lieblings stets an ihm ubte. Er wurde immer freundlicher, zuletzt war alles Unangenehme so weit vergessen, dass er nur aufs neue mit Bitten in ihn drang, sein Haus wie ehemals als sein eignes zu betrachten. Der ihm nun wieder ganz zugeneigte Alte trug ihm sogar eine Wohnung in demselben an, er drang sie ihm fast auf, und Hippolit bedurfte aller seiner Gewandheit im Leben, um diess Anerbieten bescheiden von sich abzuweisen. Er that es, ohne dabei den Blick zu Gabrielen zu erheben, die hocherrothend und schweigend der Verhandlung zuhorte, ohne die mindeste Aeusserung uber sie zu wagen. Sie schamte sich innerlich ihrer Verlegenheit dabei, denn sie glaubte nun fest uberzeugt seyn zu konnen, dass in Hippolits Gemuth keine Spur von jenem Gefuhl mehr lebe, das sie einst zwang, ihn zu verbannen, und doch vermochte sie es nicht uber sich, diese wunderbare, ihr selbst unerklarliche Befangenheit zu besiegen. Von nun an war Hippolit aufs neue Gabrielens taglicher Gast. Sein Betragen blieb sich immer gleich. Immer erschien er gelassen, sanft, freundlich gegen Moritzen; voll inniger Theilnahme und ungeheuchelter Ehrfurcht gegen Gabrielen. Zuweilen fand er sie allein, ofter am Krankensessel ihres Gemahls, der von einem unheilbaren Asthma ergriffen, in manchen Augenblicken Todespein litt, von der er sich aber stets nach einigen qualvollen Minuten schnell wieder erholte. Zufolge des Ausspruchs der Aerzte konnte er noch viele Jahre lang mit diesem Uebel kampfen, ehe es ihn uberwaltigte.

Einst, nicht lange nach seiner Ankunft, uberraschte Hippolit Gabrielen, eben da sie zitternd vor Frost, in der unfreundlichsten Jahreszeit, bei weitgeoffneten Thuren und Fenstern den athemlosen Kranken unterstutzte, der fur seine gequalte Brust nur in der furchterlichsten Zugluft einige Erleichterung fand, und sie dabei in seinem bewusstlosen Zustand fest umklammert hielt. Der Anfall ging voruber und Hippolit gewann Zeit und Kraft, Gabrielen zu betrachten, welche, mitleidige Thranen im schonen Auge, erschopft hinsank.

Sein Herz stand still vor Entsetzen, da ihm in diesem Momente die Gefahr plotzlich entgegenstarrte, der sich dieses zarte Wesen taglich aussetzte. Und fur wen?

Die auf ihren vorher so bleichen Wangen schnell erbluhende tiefe Rothe, das ungewohnte Strahlen ihrer Augen bezeichnete sie seinem vorahnenden Herzen auf einmal als eines jener Opfer, welche der langsam heranschleichende Tod erst mit uberirdischer Schonheit schmuckt, ehe er sie fruh und auf immer erbleichen lasst.

Von ungeheurer Angst getrieben, ergriff er nun die erste einsame Stunde mit ihr, um sie um Schonung fur sich selbst anzuflehen. Es war die erste Bitte, die er seit seiner Ruckkehr aus Italien an sie wagte; wenn sie sie ihm gewahrte, sollte es auch die letzte seyn, diess gelobte er auf das Heiligste. Gabriele konnte sie ihm weder versagen noch gewahren, und Hippolit sah sich dadurch gezwungen, sie von nun an gleich einem theuern Kleinod argwohnisch zu bewachen. Er beschloss, so viel Zeit als moglich in ihrem Hause zuzubringen, entstehe daraus was da wolle, um nur gleich zur Stelle zu seyn, wenn der Kranke so gefahrvollen Beistand verlange. Denn eigensinnig wie immer erklarte dieser, ihn nur von seiner Gemahlin oder Hippoliten annehmen zu wollen.

Die Welt, eigentlicher was man in grossen Stadten die Welt zu nennen pflegt, begann freilich hier und da des glanzenden Fremdlings stete Anwesenheit im Aarheimischen Hause zum Ziel ihrer Bemerkungen zu machen; doch in der Abgeschiedenheit, in welcher Gabriele jetzt lebte, vernahm diese wenig davon. Weniger noch Hippolit. Denn sowohl sein Aeusseres, als die Erinnerung an sein Betragen gegen Adelberten waren ganz dazu geeignet, jedermann den Muth zu einem unziemenden Scherze gegen ihn zu benehmen.

Und so war Hippolit jetzt glucklicher als er es je zu werden gehofft hatte; er war es in der Ueberzeugung, dass es ihm wirklich gelange, zur Erhaltung und Erleichterung des geliebten Wesens beizutragen, fur das er mit Freuden sein Leben hingegeben hatte. Ein freundlicher Stern schien dabei sein Bemuhen zu begunstigen, denn Moritz ward bald darauf scheinbar besser, wie das bei Kranken seiner Art zuweilen wohl auf kurze Zeit geschieht, und er ermangelte nicht, diess einzig der treuen Pflege seines jungen Freundes zuzuschreiben. Seine beangstenden Anfalle verliessen ihn einstweilen fast ganzlich, dafur aber stellte sich seine alte Feindin, die Langeweile, wieder ein, und er machte jetzt weit starkere Anspruche als je zuvor auf Hippolits und Gabrielens Gesellschaft in den Abendstunden.

Um der Unterhaltung eine leidliche Wendung zu geben, trug Hippolit allmahlig alle seine in Italien gesammelten Kunstschatze herbei. Gemalde, Zeichnungen, Kupferstiche, kleine Antiken gaben Moritzens Zimmer gar bald das Ansehen eines Museums. Wunderbarer Weise bildete dieser sich mit einemmale ein, ein grosser Kunstkenner geworden zu seyn; da indessen seine Redseligkeit durch sein Uebel sehr gehemmt ward, so war er weit weniger storend als sonst, und blieb gewohnlich nur ein grosstentheils stummer Zuhorer von dem, was Hippolit und Gabriele mit einander sprachen. Er behauptete indessen sehr ernstlich, diese Unterhaltungen, besonders Hippolits Erzahlungen ungemein ergotzlich zu finden, spielte aber dabei doch mit sich ganz allein eine Schachparthie nach der andern, wie Philadelphia sie in seinem Schachbuche vorschreibt, sammt allen Abanderungen jedes einzelnen Spieles. Triumfirend rief er sein "Matt!" aus, wenn die Weissen gewannen, die er nach seines Meisters Beispiel, der die Schwarzen gewohnlich schlecht spielen lasst, in besondern Schutz genommen hatte. Dabei glaubte er steif und fest, sich den ganzen Abend uber einzig mit der Kunst beschaftigt zu haben.

Hippolits und Gabrielens Unterhaltung gewann durch dieses sonderbare Beisammenseyn einen ganz eignen Reiz, eine fast grossere Freiheit, als waren sie ganz ohne Zeugen gewesen. Moritz vertiefte sich immer mehr in sein Studium des Schachspiels und mischte sich immer weniger in ihr Gesprach. Die Kunstwerke um sie her, und Hippolits in Italien, unter Ernestos Leitung sehr ausfuhrlich geschriebnes Tagebuch gaben ihnen stets neuen unendlichen Stoff.

Gabriele ward in mancher Hinsicht jetzt wirklich die Schulerin ihres Freundes, anstatt dass er sonst in Schloss Aarheim von ihr lernte. Lachelnd erwahnte sie einst gegen ihn dieser seltnen Umwandlung.

"Bin ich nicht alles durch Sie?" erwiderte er ihr. "Sie allein erweckten mich ja zu diesem neuen erhohten Leben. Sie offneten mir ja zuerst das Reich der Kunst und fuhrten mich zur beseligenden Erkenntniss der ewigen Schonheit. O Gabriele, wussten Sie, mit welchem Wonnegefuhl ich mir taglich zuruckrufe, was ich Ihnen alles verdanke! Moge nur ein gunstiges Geschick mir erlauben, Ihnen stets zur Seite zu stehen wie jetzt, um mit jedem Athemzuge Ihnen zu beweisen, dass ich nur fur Sie lebe, fur Sie, die mich allein dem Sonnenlichte und der Hoffnung erhielt."

Ein Monat nach dem andern verging auf diese Weise, und Hippolit fuhlte mit immer tiefrer Ueberzeugung, dass weder Zeit noch Veranderung des Ortes seinem Gemuth in Hinsicht auf Gabrielen eine andre Richtung gegeben habe, noch geben konne. Sie nur thronte, gleich einem Gotterbilde, in seinem Herzen, und die Einsamkeit war noch oft Zeuge seines Schmerzes. Unendliches Mitleid mit ihr, mit sich und auch mit Ottokar hielt manche bange lange Nacht hindurch den Schlummer fern von seinem Lager. Doch er hatte gelobt, sich zu beherrschen, und er fuhrte es mit bewundernswerther Standhaftigkeit aus. Er kam und ging, und kein Wort, kein Blick durfte sein Geheimniss verrathen. Er dachte wohl daran, dass Gabriele auf diese Weise setne fruhere Liebe zu ihr als erloschen, und in ruhige Freundschaft umgewandelt betrachten wurde, aber er war bereit, auch dieses zu tragen, um nur den innern Himmelsfrieden der hochgeliebten Frau nie wieder zu truben. Aechte Liebe und Bescheidenheit gehen stets Hand in Hand. Deshalb kam in Hippolits Seele keine Ahnung von dem, was in qualvoller Seligkeit ihn vielleicht zum Wahnsinn getrieben hatte, ware es von ihm erkannt worden. Ach! jener Himmelsfriede, den er schonen wollte, war langst aus Gabrielens Brust gewichen und entfremdete sich ihr immer mehr und mehr mit jedem Tage, den Hippolit in ihrer Nahe verlebte. Wahrend die unablassige Sorgfalt, mit der er in Gabrielens Gegenwart stets uber sich selbst wachte, ihm keine Zeit liess, sie anders als in Hinsicht auf ihre Zufriedenheit mit ihm zu beobachten, entzuckte ihn zwar die holde Freundlichkeit, mit der sie ihn gewohnlich behandelte, aber er dachte dabei nur daran, sich dieses sein gegenwartiges Gluck zu erhalten, und war weit davon entfernt, zu kuhnern Hoffnungen den Blick zu erheben.

Auch Gabriele blieb Wochen- und Mondenlang sich selbst ein Rathsel, dessen Auflosung sie, ohne sich dessen bewusst zu seyn, immer weiter hinaus schob. Vom Ruckblick auf das fruhere, von ihrer Seite so ruhige reine Verhaltniss zu Hippoliten geblendet, glaubte sie, es sey noch wie ehemals. Sie ahnete nicht, was alles Blut ihres Herzens in heissen tobenden Stromen ihren Wangen zutrieb, wenn sie aus fast unhorbarer Ferne den Ton seiner Stimme, das Nahen seiner Schritte vernahm. Neues, nie zuvor geahnetes Leben war ihr aufgegangen, doch sie erkannte weder dessen Ursprung, noch das Sturmen und Wogen, welches ihre Brust mit sussem Schmerz beklemmte, himmelweit abweichend von jedem fruheren Gefuhl. Fruh, wenn sie erwachte, war Hippolit ihr erster Gedanke, Sehnsucht, ihn wieder zu sehen, ihr erstes Empfinden, und dennoch erschrak sie, und hatte es gern abgewendet, wenn sein Besuch ihr gemeldet ward. War er aber erst da, dann begann ein hohes genussreiches Leben. Seine Worte, seine Aeusserungen entwickelten ihr taglich eine zuvor nicht gekannte Liebenswurdigkeit, eine neue, hohere Achtung fordernde Eigenschaft an dem edlen schonen Manne, der dabei in ungeheuchelter Verehrung sich und jede seiner Handlungen ihrem Willen unterwarf. Sie hing an seinen Blicken, an jeder seiner Bewegungen, alles andre vergessend, bis irgend ein unbedeutender Zufall sie aufschreckte. Verlegen wandte sie sich dann von ihm ab, floh aus seiner Nahe oder suchte ihre, ihr selbst unbegreifliche, tiefe Beschamung hinter irgend einem kleinen Geschaft, das sie plotzlich unternahm, zu verbergen. Zwanzigmal des Tages fuhlte sie sich auf diese Weise von ihm angezogen und fortgetrieben. Sie war von einer Unruhe, einer Unbestimmtheit ergriffen, die sie mit Angst erfullten, die ihr nicht erlaubten, irgend etwas zu unternehmen oder gar zu vollenden, als nur in Bezug auf Hippolit. Jene, ihr eignes Wesen wie die Welt, helluberschauende Klarheit, war fur den Moment ganzlich von ihr gewichen; Gedanken, Empfindungen stiegen in ihr auf, ihr so fremd, dass sie oft sich uberredete: das Herannahen einer bedeutenden Krankheit vorzuempfinden. Ein Zufall musste sie uber sich selbst klar werden lassen, wenn gleich auf schmerzliche Weise. Unerachtet ihres jetzt sehr merklich herannahenden hoheren Alters hing Gabrielens Tante, die Grafin Rosenberg, noch immer mit gewohnter Leidenschaftlichkeit an der Welt, an deren Freuden, und war keinesweges gesonnen, den Platz aufzugeben, den sie in ihr so lange ehrenvoll behauptet hatte. Mehr als je zuvor beruhte jetzt ihr Gluck auf Glanz und Gerausch, denn sie bedurfte beides, um manchem ernsteren Gedanken zu entweichen, der sich zuweilen doch ungerufen ihr entgegendrangte. Ein einziger unbesuchter Assembleeabend in ihrem Hause hatte ihr den Tod geben konnen. Diess fuhlend, und treu ihren fruheren Grundsatzen, suchte sie daher bei Zeiten in dem sie umgebenden Kreise nach einem jungen liebenswurdigen Wesen, das fahig ware, Gabrielens Alle herbeizaubernde Gegenwart i h r einigermaassen zu ersetzen. Denn sie musste leider diesen Winter uber in ihrem Salon Gabrielen vermissen, weil die Pflicht diese an das Krankenzimmer des Gemahls gefesselt hielt.

Der Grafin gewohnter Scharfblick fand gar leicht den geselligen Magnet, welchen sie suchte, in der im uppigsten Jugendreiz eben aufbluhenden Ida von Schoneck, Gabrielens ehemaliger Begleiterin nach Schloss Aarheim. Seltne Schonheit und manches angenehme Talent hatten sich seit jener Zeit auf das schnellste und liebenswurdigste in diesem jungen Madchen entwickelt. Die Grafin konnte keine glucklichere Wahl treffen, denn der ewige Kampf zwischen einem unbegranzten Hange zum Vergnugen und sehr beschrankten hauslichen Verhaltnissen machten die arme Ida zur Gefalligkeit selbst, was auch immer von ihr gefordert werden mochte. Sie verliess das Haus ihrer Mutter und bezog ein Zimmer im Hotel ihrer neuen Beschutzerin.

Alle Stunden, welche Toilette und Gesellschaft ihr ubrig liessen, wurden dort mit unermudetem Eifer auf den Unterricht gewendet, den ihr die Grafin in Musik, Tanz und allen jenen Kunsten geben liess, welche in unsern verfeinerten Tagen den hochsten Schmuck der daruber selbst zur Kunst gewordnen Geselligkeit ausmachen. Von Eitelkeit gespornt, ersetzte der angestrengteste Fleiss, was hie und da die Natur versagt haben mochte, und die einmal der Dunkelheit entrissne, vor kurzem noch so unbedeutende Ida trat ganz unerwartet als eine leuchtende Sonne hervor, deren Glanz alle ihre Umgebungen uberstrahlte. Der Grafin Rosenberg Haus ward durch Ida wieder, was es stets gewesen war, der Mittelpunkt aller guten Gesellschaft in der Residenz, sie selbst schwamm in Seligkeit, und vergotterte beinahe die kleine Zauberin, welche alle diese Wunder bewirkte.

Zwar war Ida himmelweit davon entfernt, Gabriele zu seyn; ihre Talente, ihr Wissen, waren nur ein oberflachlich Erlerntes, auf den Licht-Effekt berechnet; aber eben diese Licht-Effekte hatte sie meisterhaft studirt. Dazu besass sie den Reiz der Neuheit, der frischesten Jugend und obendrein eine seltne Fahigkeit, fremde Liebenswurdigkeit sich anzueignen. Sogar das Mondenlange Zusammenleben mit Gabrielen hatte sie, wenigstens fur das Aeussere, vortheilhaft zu benutzen gewusst, und nichts bezeichnet sie besser, als das franzosische Wort: je ne suis pas la Rose, mais j'ai habite avec elle.

Begleitet von diesem ihrem jungen glanzenden Lieblinge, trat nun die Grafin eines Abends ganz unerwartet in Gabrielens Zimmer ein, um ihre vielgeliebte Nichte einmal wieder zu sehen, nach der sie sich, ihrer Versicherung nach, Mondenlang vergebens gesehnt hatte. Sie erklarte, den ganzen Abend bei ihr bleiben zu wollen und etablirte sich formlich mit ihrer Knotchen-Arbeit auf dem Sopha, um dieses zu beweisen, denn der heutige Tag war eben ein allgemeiner Busstag gewesen, der ohnehin still und mitunter auch wohl langweilig selbst von denen zugebracht werden musste, die wie die Grafin und Ida im ewigen Wechsel des Vergnugens sich herumzudrehen gewohnt sind. Der seltne Besuch der Tante ward von Gabrielen mit gewohnter Holdseligkeit empfangen und auch Idas beinahe ungestume Liebkosungen wurden so von ihr erwidert. Wie entzuckt, warf sich diese ihr in die Arme, und ward nicht mude, ihrer Freude uber dieses lang ersehnte Wiedersehen Worte zu geben.

Mit innigem Wohlgefallen und stiller Bewunderung betrachtete indessen Gabriele das, alle fruhere Erwartungen weit hinter sich lassende Erbluhen des jugendlichen Wesens, das noch in diesem Moment durch ein, bei Hippolits Anblick aufleuchtendes freudiges Strahlen der schonen Augen unendlich reizender ward. Sie liess Ida lachelnd gewahren, wie man einem artig spielenden Kinde den Willen thut, als diese nun mit anmuthiger Geschaftigkeit sich der Verwaltung des Theetisches bemachtigte, dabei die in Schloss Aarheim selig verlebten Tage pries, und uberhaupt alle ihre kleinen Kunste spielen liess, um sich so interessant und liebenswurdig als moglich zu zeigen. In Gabrielens reine Seele kam noch immer keine Ahnung von diesen Kunsten, unerachtet ihre genaue Bekanntschaft mit der Welt sie in dieser Hinsicht wohl hatte einsichtiger machen konnen. Sie aber war zu wahr geblieben, um an das Falsche oder Schlechte zu glauben, ehe Thatsachen davon sie unwidersprechlich uberzeugten. Und so wie sie als sechszehnjahriges Kind die jugendliche frische Farbe ihrer schon damals mehr als vierzigjahrigen Tante bewundert hatte, eben so liess sie sich auch jetzt zehn Jahre spater, von der gutgespielten kindlichen Naivetat eines achtzehnjahrigen Madchens blenden, ohne in ihr die geubte Schauspielerin zu erkennen. Das Vergnugen, mit dem sie dem anmuthigen Wesen zusah, stieg mit jeder Minute, ihr Auge suchte endlich Hippoliten auf, um auch ihn zur Theilnahme daran aufzufordern, doch sie ward gewahr, dass es dessen nicht bedurfe. Fest gebannt, alle seine Aufmerksamkeit ausschliessend dem reizenden Geschopfe zugewendet, sah sie ihn hinter Idas Stuhl stehen, die glanzenden Augen nur auf diese geheftet, und ein ganz eignes stechendes Weh durchbebte in dem Momente ihre Brust.

Ida ward immer lebendiger in ihren Bewegungen und im Gesprache. Die ihr ganz eigne Grazie in all' ihrem Thun wurde immer sichtbarer, und Hippolit gerieth dadurch nach und nach in eine ihm jetzt seltne frohliche Laune. Unter dem Vorwande, ihr wie wohl ehemals in Schloss Aarheim geschah, bei ihrem Geschafte helfen zu wollen, ruckte er sich einen Stuhl dicht neben den ihrigen, verwirrte lachend und schakkernd die Tassen, reichte ihr den Rum statt des Rahms, warf Zucker in die Tassen die dessen nicht bedurften, liess sich von ihr ausschelten ohne sich desshalb zu bessern, und trieb tausend kindische Possen, woruber sie herzlich lachen musste, was ihr uber die Massen wohl stand, und ihn zu immer neuen lustigen Einfallen hinriss.

Die Grafin sah dem artigen Spiele des schonen jungen Paars mit unverhehltem Vergnugen daruber zu, und begann nach Art alternder Frauen, auf diese Stunde Plane fur ihre Ida zu bauen, die sie durch manchen heimlichen Wink auch Gabrielen mitzutheilen versuchte; doch diese war nicht gestimmt, sie zu verstehen.

Mit nie empfundner Angst fuhlte sie in ihren Augen aufsteigende Thranen, sie wollte nach dem Beispiel der Andern den heimlichen Schmerz weglachen, aber es war ihr unmoglich. Je lustiger jene wurden, je ernster ward sie. Zum ersten mal in ihrem Leben dunkte sie sich launig, verdrusslich zu seyn; sie strebte, ihre Verstimmung wenigstens zu verbergen, da sie nicht vermochte sie zu unterdrucken, und zuletzt hielt sie dieses sogar fur uberflussig, denn sie glaubte zu bemerken, dass niemand sie beachte. Hippolit wie die Tante, hatten nur Augen fur Ida, die ihren Muthwillen immer hoher trieb, und dabei immer reizender ward, wahrend Gabriele in immer steigender Angst den Abstand ihres innern Missmuths mit der allgemeinen Stimmung empfand.

Es ist Besorgniss um Moritzen, was so mich qualt, dachte sie endlich, er ist so verlassen, vielleicht schmerzlich leidend, in seinem einsamen Zimmer. Sie wunschte Hippoliten an ihn zu erinnern, aber ein wunderliches Schamen hemmte ihre Worte. Sie dachte darauf, sich selbst auf einige Minuten bei der Tante zu beurlauben um nach ihm zu sehen, aber auch dazu fehlte ihr Entschlossenheit. So kampfte sie eine ziemliche Weile mit sich selbst und ward immer ernster, als der vermeinte Gegenstand ihrer Sorge ihrer Ueberlegung ein ganz unerwartetes Ende brachte, denn Moritz selbst trat in ihr Zimmer, was er lange nicht gewagt hatte.

Heiter und wohl, wie er es seit Monden nicht gewesen, wollte er seine Gemahlin durch diesen Besuch angenehm uberraschen, und ward selbst durch das lustige Treiben uberrascht, in das er hier ganz unerwarteter Weise hineingerieth, und das ihm in diesem seinen Anflug von guter Laune hochst willkommen war.

Die Stunden flogen, der Abend verging ehe man es dachte. Idas naiver Witz zeigte sich unerschopflich, ihre Frohlichkeit unverwustlich, so dass Moritz nach ihrer Entfernung nicht aufhoren konnte, sie und den angenehmen Abend, den sie ihm gewahrt hatte, zu preisen. Er erinnerte sich mit einemmale, schon in Schloss Aarheim eine stille Neigung Hippolits zu dem reizenden Madchen bemerkt zu haben, alle jene alten Neckereien und Anspielungen, mit denen er seinen jungen Freund dort oft genug gelangweilt hatte, wurden wieder hervorgeholt, und mit ernsten Ermahnungen begleitet, das Gluck ja zu ergreifen und festzuhalten, so lange es ihm lachle.

Hippolit erwiderte wenig; er stand da, in angstlicher Verlegenheit, die Moritzens Vermuthungen zu bestatigen schien, und dachte nicht daran, sich gegen Angriffe zu vertheidigen, die er kaum vernahm. Denn er sah Gabrielen bleich und leidend im Sofa hingesunken, ohne sichtbare Theilnahme an dem Geschwatz, in welches Moritzens lange nicht geubte Redseligkeit, uberstromend von Albernheiten, sich ergoss. All sein Sinnen und Denken ging nur dahin, den uberlastigen Schwatzer auf eine schickliche Art zu entfernen, um ihr, die er krank glauben musste, endlich die nothige Ruhe zu verschaffen. Es gelang ihm zuletzt, ihn auf sein Zimmer geleiten zu durfen, aber noch in der Thure wandte Moritz sich um. "Allons Madame" rief er Gabrielen laut lachend zu, "ne faites pas la sainte Nitouche! Mustern Sie nur morgen mit Sonnenaufgang Ihre Mirthen und Rosen zum Brautkranze, ersinnen Sie ein recht elegantes Hochzeits-Cadeau; vous en aurez besoin; sehen Sie nicht hier das leibhafte Brautigamsgesicht? Wie trubselig der arme Teufel da steht! Courage, mon ami! La petite non sara crudele; Courage! faint heart never won fair Lady." Ein langer muhsam verhaltner Strom heisser bittrer Thranen machte Gabrielens gepresstem Herzen Luft, sobald sie sich allein sah. Ernsteres Nachdenken folgte diesem wahrend einer unendlich langen schlaflosen Nacht, bis hell und klar, wie die eben aufgehende Sonne der Abgrund von Ungluck vor ihr lag, an dessen Rande sie bebte, ohne die Moglichkeit, sich abzuwenden.

Ja, sie musste es sich endlich, ohnerachtet alles innern Widerstrebens, selbst gestehen, es war Liebe was sie empfand, heisse gluhende Liebe, die sie jetzt nur an ihren Qualen erkannte, und o wie himmelweit verschieden von jenem Ideale, mit welchem ihre sanfte, der unbedingtesten Hingebung geweihte Mutter schon in fruher Kindheit ihr junges Herz erfullt hatte! Wie fern stand ihr jetzt jener kindliche Glaube, dass Liebe in sich beglucke, und nur das unbedingte Gluck des Geliebten fordere, um dieses irdische Leben zum seligen der Engel zu erheben. Ihr ungestum pochendes Herz, sie konnte es sich nicht ableugnen, es forderte Gegenliebe, Treue, Nahe des Geliebten; ihr Auge verlor sich in undurchdringliches Dunkel, im welchem all' ihr Wunschen, ihr Sehnen, ihr Hoffen unausgesprochen und unaussprechlich verschwebte.

Reuevoll, mit schmerzlich gerungenen Handen, warf sie sich vor dem wehmuthig lachelnden Bilde ihrer Mutter hin, wie vor dem einer Heiligen, und betete zur ihr um Muth, um Kraft und Beistand, sich aus den machtigen Zauberbanden loszuwinden, die sie umstrickt hielten. Sie uberdachte alles fruher mit Hippoliten Erlebte; sein erstes Auftreten bei ihr, die Scene im Gartchen, die spatere in der Kapelle; vergebens! Aus dem Ideal von Hoheit und Schone, das jetzt vor ihr stand, war jede Spur jenes wilden unbesonnenen Knaben gewichen, ihn konnte sie zuruckstossen, doch dieses musste sie lieben, mit all der schwarmerischen Anbetung, die ihr sonst nur als Dichtertraum erschienen war.

Um sich zu retten, rief sie Ottokars Andenken herauf aus ihrem Herzen, es sollte ihr helfen zum Sieg uber eine Leidenschaft, deren verzehrende Glut sie mit Schrecken erfullte. Alle fruhere Erinnerungen ihrer Jugend wurden von ihr hervorgesucht, vor allem jenes Tagebuch, dessen Blatter auch das fluchtigste Empfinden ihres Gemuths wahrend jener Zeit, die sie mit Ottokar verlebte, treu aufbewahrten. Sie wollte sich der Untreue gegen ihn anklagen, sie las, und sah mit Erstaunen, je weiter sie las, dass sie dem ersten geliebten Freunde ihres neuen jugendlichen Herzens nicht untreu sey. Was er ihr gewesen, war er ihr noch immer; der Stern ihres Lebens, zu dem sie ohne Wunsch hinaufblickte in Freude und Leid, dessen blosses Daseyn sie trostete in allem Zweifel, allem Bangen, allem Ueberdrusse ihres freudenarmen Lebens. Zu ihm allein hatte sie sich mit allen ihren Schmerzen fluchten mogen, ohne Furcht ihn zu beleidigen, in aller Zuversicht des reinsten Vertrauens, um von ihm zu lernen, wie man uber sich selbst Macht gewinnt.

Immer klarer ward sie, je weiter sie in ihrem Tagebuche las; sie gewann es uber sich, ihr ganzes Ich als ein Fremdes deutlich zu erkennen, so wie auch den Unterschied zwischen Jetzt und Damals, als sie in eine fremde Welt gestossen ward, noch halb ein Kind, mit jugendlich-neuen Sinnen, das Herz voll Sehnsucht nach Liebe, welche die nur in ihrer Ideenwelt lebende Mutter viel zu fruh in ihr erweckt hatte. Verlassen, unbemerkt, auch wohl verspottet stand sie damals da, ohne Schutz, ohne Sicherheit, in furchtsamer Verlegenheit mitten unter fremden Gestalten, die kalt und achtlos an ihr voruber rauschten, bis er erschien. Er, Ottokar! so hoch uber alle jene Figuranten erhaben, dass sie in ihrer Unerfahrenheit ihn wie eine gottergleiche Erscheinung nur aus der Ferne bewundernd verehrt hatte, war' er ihr nicht zugleich auch der erste Mann gewesen, den sie mild und gutig sah, und hatte sie nicht einzig deshalb sich ihm naher als Alle verwandt wahnen mussen. Ihr durch den Tod einer angebeteten Mutter tief verwundetes Gemuth bedurfte eines Gegenstandes fur die angstlich suchende verwaiste Liebe, von der es uberfloss, und wo war ein wurdigerer zu finden als Ottokar? Sie nahte ihm in fast kindlicher Verehrung, sie wagte es, ihn zu lieben so wie sie ihre Mutter geliebt hatte; und wahnte ihre Bestimmung erfullt. Sie kannte ja keine andre Liebe, und konnte keine kennen als aus ihren Dichtern, deren Gebilde, von ihrer Mutter gewarnt, sie weit entfernt war in der Wirklichkeit zu suchen. Aber auch er schien achtlos an ihr voruberzugehen, wie die ubrigen, der Schmerz daruber tauschte ihr Bewusstseyn, und fuhrte endlich jene feierliche Stunde voll Wonne und Schmerzen herbei, deren Andenken sie bis jetzt in einem schonen Irrthum uber sich selbst erhalten hatte.

Und nun! Zu neuem, nie geahnetem Leben war sie erwacht, zu nie gedachten Schmerzen und Wonnen. Jetzt erst verstand sie ihre Dichter, jetzt erst die Natur um sich her. Eine neue Sprache, neue Begriffe und Ansichten waren mit diesem neuen Leben ihr gewonnen, ihr war, als erhobe sie sich aus langem, traumbewegten Schlummer zum Licht. Mit richterlichem Ernst uberblickte sie ihre Vergangenheit; sie wollte sich schuldig finden, aber sie konnte nie ungerecht seyn, auch nicht gegen sich selbst. Ihr heller Geist hatte endlich den rechten Standpunkt gefunden, und sie gestand sich, einer Gefahr erlegen zu seyn, die sie nicht erkannt hatte, und ihrer Natur nach nicht erkennen konnte. Sie fuhlte sich schuldlos an dem Irrthum ihres reinen, nichts ahnenden Gemuths; sie fuhlte, dass schon ein Grad von Verderbtheit dazu gehort, um ewig sich selbst zu bewachen und Gefahren zu fliehen, deren Moglichkeit wahre Unschuld nie sich denken kann, und ihre unbedachte Sicherheit, die sie nicht verdammen konnte, obgleich sie sie als den Quell ihres Unglucks betrachten musste, flosste ihr Mitleid mit sich selbst ein.

Diess reine Bewusstseyn ermuthigte sie endlich wieder zu der Festigkeit und Kraft des Gemuths, die schon so oft in ihrem Leben ihr aus jener schmerzlichen Versunkenheit emporhalf, in welcher Schwachere untergehen.

"Herr meines Empfindens bin ich nicht, und kann es nicht seyn, doch Herr meiner Handlungen will ich seyn!" sprach sie, und fuhlte sich in dem Momente erhaben uber sich und ihr Geschick.

Den ganzen langen Tag, den sie unter dem Vorwande eines leichten Uebelbefindens ganz einsam in ihrem Zimmer verlebte, verwendete sie zum ernsten Ueberdenken, wie das Unabanderliche wurdig zu bestehen sey. Hippoliten abermals von sich zu entfernen! Wuthender unaussprechlicher Schmerz durchzuckte sie bei dem blossen Gedanken an dieses Opfer, das ihr schwerer als der Tod dunkte, aber sie hielt ihn fest. Doch wie? wie sollte sie ihn entfernen? unter welchem Vorwande? ihn, der durch sein Betragen sie auch nicht auf die entfernteste Weise zu einem solchen Schritte berechtigte, der in inniger ehrfurchtsvoller Ergebung nichts wollte, als in ihrer Nahe athmen; der keine Aufopferung scheute ihr dieses zu beweisen und daneben ihr trubes Leben auf tausendfaltige Weise zu schmucken! Wahrscheinlich hatte er jene jugendliche leidenschaftliche Aufwallung langst auf ewig besiegt, wohl gar vergessen, die er einst fur die Bestimmung seines Lebens hielt, und von deren Daseyn seit seiner Ruckkehr aus Rom, jede Spur in seinem Betragen gegen sie verschwunden war. So verwandelt wie sein ganzes Wesen, war vielleicht auch sein Herz, und nur Mitleid, Dankbarkeit und hoher Edelmuth fesselten ihn noch an sie. Ihre Liebe, die einst das hochste Ideal von Seligkeit ihm schien, wurde jetzt vielleicht nur in wehmuthiger Trauer uber ihre Schwache ihn niederdrucken; und wenn gerade ihre Bitte sich zu entfernen ihm ihr Geheimniss verriethe, wenn er dadurch entdeckte Gabriele vermochte es nicht den Gedanken zu vollenden; mit hohem Errothen, mit dem angstlichsten Gefuhle der tiefsten Beschamung verhullte sie sich vor dem Lichte des Tages, vor sich selbst, und traumte dabei doch eine Minute lang von der Himmelsseligkeit, ihm einmal nur sagen zu durfen: "dich habe ich geliebt!" und dann zu sterben!

Schaudernd wie vor einem Verbrechen, eilte sie, von diesem Gedanken sich loszureissen. Sie wusste es, sie musste leben, sie war bestimmt, den blutigen Pfeil im Busen zu tragen und gleichgultig dazu lachelnd, ihren Weg zu gehen, wenn er gleich zum Untergange fuhrte.

Mit moglichster Gelassenheit begann sie jetzt, uber ihr kunftiges Verhalten gegen Hippoliten nachzudenken; sie wollte eine Richtschnur ihres Lebens in seiner gefahrvollen Nahe ersinnen, und sah bald ein, dass beinah alles bleiben musste wie es war, wenn sie nicht in ihm und vielleicht auch in ihrem Gemahle Aufmerksamkeit, sogar Argwohn erregen wollte. Im Aeussern war so wenig abzuandern, und in ihrem Innern, das fuhlte sie mit Ueberzeugung, konnte es nie anders werden. Trennung von ihm konnte sie zwar vor Verrath ihres heiligsten Geheimnisses bewahren, aber sein Bild stand auf ewig in unverloschlichen Zugen ihrem Herzen eingegraben, und Abwesenheit oder Gegenwart galten hier gleich.

Schnell wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plotzlich der Gedanke: wie wenn auch ihn heilige Pflichten banden! wenn er, glucklich an der Seite eines geliebten Wesens, von selbst sich nach und nach entfernte, und beseligt durch alle die sussesten Bande des hauslichen Lebens, nun immer seltner kame, zuletzt ganz ausbliebe? Tausendmal schoner und reizender als sie gestern Ida gesehen hatte, schwebte diese ihrem Geiste voruber; abermals sah sie Hippolit in Bewunderung des anmuthigen Wesens verloren, der ganze Abend des vergangenen Tages, selbst Moritzens plumpe Scherze und Anspielungen kehrten ihr zuruck, und alle Schmerzen der furchterlichen Nacht, die darauf folgte, wurden wieder in ihrem Busen wach. Ida ward das Gebilde ihrer Fantasie, das sie zu ihrer eignen Qual mit jedem Liebreize verschwenderisch sich schmuckte. Je langer sie es betrachtete, je uberzeugter ward sie, dass nur dieses jugendlich schone Wesen werth sey, den Gegenstand ihrer eignen gluhenden Liebe zu beglucken, dass es fur ihn geschaffen, einzig bestimmt, von ihm geliebt zu seyn. Ein neuer schwerer Kampf erhob sich in ihrem Gemuthe, aber auch aus diesem trat ihr besseres Selbst bald wieder siegreich hervor. Edlen Seelen gilt die schwerste Pflicht oft fur die Einzige, daher ward auch bald in Gabrielens Gemuthe der Entschluss fest: Hippoliten selbst zu einem Schritt aufzufordern, zu welchem ihre Einwilligung zu erbitten, ihm vielleicht der Muth gebrechen mochte. Ihr Gefuhl bei dem Gedanken an die Ausfuhrung dieses Entschlusses lasst sich nicht in Worten aussprechen, aber sie schwelgte in ihrem Schmerz, ohne Linderung zu suchen, als in dem Bewusstseyn, das Rechte erwahlt zu haben, fur sich und fur ihn. Eine zweite, wenn gleich minder sturmisch, doch nicht minder schmerzlich durchwachte Nacht fuhrte endlich den Morgen herbei, den Gabriele dem hochsten Opfer geweiht hatte, das sie der Pflicht und dem Gluck des Hochgeliebten bringen zu mussen glaubte.

Die bangste Sorge um sie, die er ernstlich krank glaubte, trieb indessen Hippoliten lange vor der sonst gewohnten Stunde an Gabrielens Thure. Er war die ganze Nacht hindurch bis zum grauenden Morgen vor ihrem Hause auf- und abgegangen, hatte zu ihren Fenstern hinaufgeblickt und diese mit unaussprechlicher Angst von einem weit helleren Licht erleuchtet gesehen, als die verschleierte nachtliche Lampe geben konnte, deren schwachen Schimmer er in ruhigen Nachten so oft von dieser Stelle aus beobachtet hatte. Er sah an den herabgelassenen grun-seidenen Rouleaus Gabrielens Schatten einigemal voruberschweben; er hielt ihn fur den ihrer, um sie beschaftigten Frauen, und dachte vor ungeduldiger Sorge dabei zu vergehen. Um so freudiger uberraschte ihn jetzt die kaum gehoffte Erlaubniss, sie sehen zu durfen; denn die kurze Trennung eines einzigen Tages dunkte dem Verwohnten, schon unertraglich lange gewahrt zu haben.

Anfangs stockte das Gesprach. Gabriele schwieg oft und lange; sie schien bleich und erschopft, Hippolit glaubte sie noch immer korperlich leidend, und verhielt sich ebenfalls still und in bescheidner Entfernung, um ihr nicht lastig zu werden; er war ja zufrieden, sie nur zu sehen.

Mit der aussersten Anstrengung ihrer geistigen Kraft begann Gabriele endlich, das, was in ihr so sturmisch wogte, ruhig zur Sprache zu bringen. Idas Name glitt zuerst fast unverstandlich uber ihre Lippen, doch nach und nach ermuthigte sie sich. Immer lebhafter werdend, sprach sie endlich von ihr, ihrer Schonheit, ihrer Anmuth, ihren geistigen Vorzugen, wie eine Begeisterte; auch war sie es in diesem Moment durch das Bewusstseyn des mit fast ubermenschlicher Kraft errungnen Sieges uber sich selbst.

Hippolit horte ihr indessen mit lachelndem Beifall zu, wie man etwa die geistreiche Beschreibung eines schonen Gemaldes anhort. Er war so himmelweit davon entfernt, nur eine Ahnung von dem zu haben, was Gabriele mit ihren Worten eigentlich meinte, dass er sogar nur jetzt erst durch sie wieder an Idas liebliche Erscheinung erinnert ward, die ihn zwar wahrend eines fluchtigen Moments recht angenehm beschaftigen konnte, die aber sammt den Ereignissen des mit ihr verlebten Abends, uber der Besorgniss um Gabrielen von ihm ganzlich vergessen worden war. Die unerwartete Gegenwart der Grafin Rosenberg hatte ihn damals wie immer sehr unangenehm beruhrt, denn er ward durch sie stets an Herminien und an einen Abschnitt in seinem Leben erinnert, dessen er nie ohne tiefe Beschamung und Reue gedenken konnte. Bewacht von ihren scharfen stehenden Augen, die ihn immer verfolgten, als wollten sie seine geheimsten Gedanken erspahen, mochte er es in ihrem Beiseyn kaum wagen, Gabrielen anzusehen, doch da er gern unbefangen und heiter erscheinen wollte, so war er daruber in jenen ihm sonst fremden Ton gerathen, in welchen Ida so meisterhaft einzufallen wusste, dass sie ihn viel weiter mit sich fortriss als er es anfangs gemeint hatte.

Jeder von uns hat ja wohl im Leben erfahren, wie leicht man gerade in recht truber Stimmung, um diese zu verbergen, sich den Schein ungewohnter Lustigkeit zu geben sucht, die dann leicht in ein wildes freudenloses Toben ausartet, und spaterhin in nur noch herberen Schmerz sich auflost.

Gabriele, durch Hippolits schweigende Aufmerksamkeit in ihrer Ansicht immer mehr bestarkt, begann indessen immer deutlicher das anzudeuten, was sie meinte, ohne dass Hippolit sie verstand. Und als er endlich denn doch aufmerksam ward, Gabrielen einiges erwiderte, und ihre Antworten ihn immer mehr ins Klare setzten, da suchte er nur den Zweck eines Scherzes aufzufinden, der so ganz dem bittersten Ernste glich, und den er dafur zu nehmen sich doch unmoglich entschliessen konnte. Zum erstenmal erschien Gabriele ihm fremd und unbegreiflich; er gerieth dadurch in eine peinliche Spannung, die sie ebenfalls verkannte, weil auch sie, vom Gange ihrer eignen Ideen hingerissen, ihn nicht mehr verstand. Seine immer steigende Verwirrung, seine unzusammenhangenden Reden schienen ihr ein Bekenntniss, das ihm, sie fuhlte diess in seiner Seele, freilich schwer werden musste, vor ihr auszusprechen. Ihr Herz brach dabei, aber ihre Stimme, ihre Blicke blieben fest, ihre Augen trocken, als sie nun endlich in deutlichen Worten sich erbot, selbst fur ihn bei Ida zu sprechen.

Als ware aus blauer Luft ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschmettert, so, von bleichen Schrecken ergriffen, fuhr Hippolit jetzt von seinem Sessel auf; sie sank vollig erschopft zuruck, und eine bange Pause entstand, wahrend welcher kein Laut den bebenden Lippen beider sich zu entringen vermochte.

"Ist es moglich?" rief endlich Hippolit mit unendlich schmerzlichem Ton und Blick. "Gabriele! was habe ich verbrochen, dass Sie s o mich strafen? Jetzt erst verstehe ich Ihre Meinung; ich werde zum zweitenmal verbannt. Doch weshalb? und warum so? O Gabriele! und warum eben so? Wie ist es moglich, dass ich so ganz und gar keiner Schuld mir bewusst bin, und doch schwer genug gefehlt habe, um d i e s e s zu verdienen? Ich sehe es wohl, gnadige Frau! ich habe Ihre Achtung, mein einziges Gluck verscherzt, denn Sie, Sie sonst so wahr und offen gegen jedermann, Sie sind es nicht mehr gegen mich!"

Vom Schmerz uberwaltigt, wandte sich hier Hippolit mit verhulltem Gesicht von Gabrielen ab, wahrend sie vergebens nach Athem rang zu beruhigenden trostenden Worten.

"Gnadige Frau," begann Hippolit wieder mit einem ganz eignen, an Verzweiflung granzenden Ausdrucke, "ich flehe," rief er halb knieend, "ich flehe darum wie ein Schwerverwundeter um den Tod, sagen Sie mir: ich sey unwurdig in Ihrer Nahe zu athmen, sagen Sie mir, ich soll fort, ich soll aus der Welt, ich will nicht mehr fragen, warum? denn sie konnen nicht ungerecht seyn; aber sagen Sie es mir nur unumwunden, geben Sie es mir nur nicht so zu v e r s t e h e n , nur nicht s o ! O mein Gott, nur nicht s o !"

"Ich wollte ich will Ihr Gluck!" hauchte Gabriele fast unhorbar.

"Mein Gluck!" erwiderte Hippolit, "Sie wollten mein Gluck! und zeigen mir deshalb, dass es noch ein hoheres Ungluck fur mich giebt als das, von Ihnen verbannt zu seyn, ein Ungluck, dessen Moglichkeit ich vor einer Stunde noch nicht ahnen konnte! Gabriele achtet mich nicht mehr ihrer Befehle wurdig, sie will mich nicht ausdrucklich verbannen, sie will mich v e r t r e i b e n . Dagegen freilich ist Verbannung Seligkeit!" rief er, wie ausser sich. Doch mitten im hochsten Sturme seines emporten Gemuths fiel ein Strahl aus Gabrielens jetzt uberquellenden Augen auf ihn und er verstummte. Gefasster naherte er sich ihr nach einigen Augenblicken, und betrachtete sie mit immer steigender Wehmuth.

"Oder ware es moglich? konnten Sie wirklich wahnen?" fragte er jetzt so sanft und leise als er es nur vermochte, "konnten Sie es? Nein es ist unmoglich! eben so unmoglich, als dass Sie zu einer Ehe ohne Liebe mich fuhren, mich zum Heuchler, zum Meineidigen herabwurdigen wollten. Verzeihung, dass ich in dieser Trostlosigkeit einen Gedanken nur zu beruhren wage, der Ihnen so fern steht. Einmal nur noch wurdigen Sie mich Ihres Vertrauens, um meine Zweifel zu losen," setzte er bittend hinzu, "Ihr Schweigen treibt mich sonst dem Wahnsinn entgegen, ich flehe darum, erklaren Sie mir, was meine schwachen Sinne zu begreifen nicht vermogen."

Gabriele sammelte jetzt alle ihre Kraft, um ihm mild und begutigend die zitternde Hand wie zur Versohnung zu reichen. Er hielt sie, doch wagte er es nicht, sie an seine Lippen zu drucken, sein Auge ruhte in angstvoller Erwartung auf dem ihrigen. "Ich wollte Ihr Gluck," wiederholte sie endlich, "ich will es stets, ich werde es immer wollen, moge diess Ihnen genugen, forschen Sie nicht weiter."

"Mein Gluck?" rief er sehr bewegt. "Und wo ist es ausser bei Gabrielen? O lassen Sie es stets nur bleiben wie es war! ich verlange ja nichts Hoheres. Lassen Sie mich nur in Ihrer Nahe, nur taglich Sie sehen, mehr will ich nicht, doch hieran hangt mein Leben."

"Gabriele!" fuhr er nach einer kleinen Pause fort, "Sie sind bewegt, erschopft, und alles in dieser Stunde Vorgegangne ist mir so unbegreiflich! doch ich frage nicht, ich forsche nicht. Nur ein Blick, ein Wink sage mir, dass auch Sie des Gegenstandes dieser Unterredung nie wieder erwahnen wollen, nur diess gewahren Sie mir, und ich bin wieder ruhig."

Mit schmerzlichem Lacheln hob Gabriele das trube Auge zu Hippoliten auf und senkte hocherrothend schnell es wieder.

Ein Blick druckte Hippolits Dank aus. Ruhiger setzte er dann hinzu: "Ich sehe es aus Ihrem Schmerze, ich fuhle es in meiner Brust, es war nicht Gabriele selbst, die vorhin jene entsetzlichen Worte zu mir sprach, aus dieser reinen Seele konnten sie nicht kommen. Ich ahne fremde Einwirkung; vielleicht war es Ihr Gemahl, vielleicht sogar nein ich frage, ich forsche nicht weiter," setzte er schnell hinzu, da er Gabrielens Bewegung bei diesen Worten bemerkte; "ich will sogar jetzt Sie der Ruhe uberlassen, deren Sie so sichtlich bedurfen, ich gehe freudig, denn ich darf zur glucklichen Stunde wieder kommen, und bin nicht verbannt." Der Zustand, in welchem Gabriele nach Hippolits Entfernung allein zuruckblieb, lasst sich kaum in Worte fassen. Lange ruhte sie in jener stillen wehmuthigen Ermattung, der treuen trostenden Nachfolgerin zerreissender Schmerzen, in der wir es nicht wagen, uns zu regen, kaum zu athmen, und nur ganz leise, leise uns sagen: es ist uberstanden!

Vieles war in der That uberstanden. Die Qualen gehassiger, dem Neide und dem Misstrauen doch immer nah verwandter Eifersucht waren aus Gabrielens reiner Brust gewichen; das Opfer, welches sie der Pflicht und dem Glucke des Geliebten mit brechendem Herzen zu bringen bereit gewesen, wurde nicht von ihr gefordert und er war unwandelbar derselbe geblieben, in verschwiegner Liebe, stiller Ergebung und fester Treue! Das freudige Gefuhl ganzlich niederzukampfen, das bei diesem Bewusstseyn unter Schmerzen und Wonnen in ihr rege werden musste, uberstiege wohl jede menschliche Kraft.

D o c h allmahlig gelangte sie zu hellerem Ueberdenken dessen, was die so ganz veranderte Ansicht ihres Verhaltnisses und selbst der nachste Moment von ihr fordern mochten. Sie rief sich mit aller moglichsten Treue ihr Betragen und jedes ihrer Worte wahrend der eben durchlebten erschutternden Scene zuruck, und gewann wirklich die beruhigende Ueberzeugung, sich und ihr Geheimniss Hippoliten auf keine Weise verrathen zu haben. So konnte sie denn mit der Vergangenheit zufrieden seyn; fur die Zukunft blieb ihr kein Ausweg, als nach Hippolits Beispiel ihr Inneres fest zu verschleiern und ubrigens, getreu der Tugend und ihrem eignen innern Gefuhl des Rechten, muthig und getrost auf der gewohnten Bahn fortzugehen. Ihr klarer Sinn erkannte zu gut den Unterschied zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Pflicht und uberspannter Unnatur, als dass sie bei diesem Entschlusse sich der Unwahrheit gegen Hippoliten oder ihren Gemahl hatte zeihen konnen. Und so war sie denn abermals bereit, ihrer eignen Ueberzeugung gefassten Sinnes zu folgen. Jene innere Feigheit, die uns verleitet, einem unausweichbarem Schmerze so lange als moglich aus dem Wege zu gehen, war Gabrielens entschlossnem Gemuth stets fern geblieben, daher gewann sie es auch diesesmal uber sich, Hippoliten noch am Abend des nehmlichen Tages in Moritzens Beiseyn wieder zu sehen. Er fand sie wie sonst, freundlich und mild, wenn gleich ubrigens ermattet und bleich, und war zu glucklich im Gefuhle des alten unzerstorten Verhaltnisses zu ihr, als dass er sich beobachtenden Muthmassungen uber die nachste Vergangenheit hatte hingeben mogen. Beide wandelten eine Weile neben einander so hin, er ohne Hoffen, fast ohne Wunsch, weil jeder seinem der innigsten Ergebung geweihten Gemuthe anmassend dunkte. Sie in aller Wonne des Bewusstseyns, so geliebt zu seyn, in aller Qual eines ewigen fruchtlosen Kampfes mit sich selbst, in ewiger Anstrengung, jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte zu bewachen, um nicht zu verrathen, was ihre bewegte Brust oft bis zum Zerspringen erfullte.

Das Letztere gelang ihr so, dass in Hippolits Seele keine Ahnung dessen kam, was sie ihm verbergen wollte; ihr Geist siegte unter dem heiligen Schutze der Tugend, doch ihre korperliche Kraft erlag der ungeheuern Anstrengung. Moritzens hochst beschwerliche Pflege wahrend seiner langen Krankheit mochte ohnehin ihre sonst so bluhende Gesundheit untergraben haben, sie erkrankte, und die herbeigerufnen Aerzte erklarten ihr Uebel fur um so bedeutender, da man sogar nicht einen Namen dafur sogleich aufzufinden wusste.

Fast zu gleicher Zeit kehrte auch Moritzens peinliches Leiden mit verdoppelter Heftigkeit zuruck, und Hippolit sah sich zwischen beiden Krankenzimmern in einer ganz unbeschreiblichen Lage. Wahrend Herr von Aarheim durch alle die vielen Anspruche an ihn seine Geduld aufs ausserste brachte, hatte Hippolit jede Minute mit einem Tage seines kunftigen Lebens erkaufen mogen, in der es ihm vergonnt gewesen ware, Gabrielen nur aus der Ferne zu sehen. Aber das Herkommen, das man so gern strenge Sitte nennt, hielt unerbittlich Wache an ihrer Thure, und ubergab die angebetete Frau der Pflege gemietheter Hande. Gabriele, in deren Bewunderung sich sonst alles erschopfte, wenn sie, von Glanz und Pracht umgeben, sich zeigte, sie, der sonst uberall die innigsten Freundschaftsversicherungen entgegensturmten, sie fand jetzt in der ganzen grossen volkreichen Stadt keine einzige liebende Seele, die sich ihrer Pflege angenommen hatte. Dass der Tante langst bekannte Scheu vor Krankenzimmern diese und auch Ida von diesem ebenfalls entfernt hielt, versteht sich von selbst; aber auch die treue Annette war nicht zugegen, denn sie lebte jetzt in Lichtenfels, wo sie an einen der dortigen Beamten recht glucklich verheurathet war.

Hippolit schrieb in seiner Todesangst an Ottokar, an Ernesto, an Frau von Willnangen, die er gar nicht kannte, er hatte mit einem einzigen Schrei die ganze Welt zu Hulfe rufen mogen, und musste sich begnugen, an der Thure angstlich zu lauschen, bis der Arzt oder jemand von Gabrielens Bedienung heraustrat und ihm versicherte, dass sie noch athme. Die Aerzte wichen ihm aus, wo sie nur konnten, denn er qualte sie mit Fragen und Bitten, denen sie nichts bestimmtes entgegen zu setzen hatten. Oft wenn es ihm im Hause zu enge ward, lief er hinaus auf die Strasse und starrte hinauf zu denen verodeten Fenstern, aus welchen so manches freundliche Grussen und Winken ihm sonst entgegengelachelt hatte, bis die vorubergehenden Leute stille standen und ihn verwundert angafften. Dann erschrak er beschamt uber seine Unvorsichtigkeit, eilte fort und nahm sich von neuem vor, so lange Gabriele athme, strenge zu halten was er ihr gelobte.

Endlich kam ihm Trost, denn noch ehe die Antwort auf Hippolits Brief zu erwarten gewesen ware, erschien Frau von Willnangen selbst. Sie hatte sich gleich nach dem Empfang desselben in ihren Wagen geworfen. Hippolit empfing sie wie man einen Rettung und Heil verkundenden Engel empfangt; er hatte gern dankbar ihre Knie umfasst, da sie ihm entgegentrat. "Nun wird alles, alles gut, und Gabriele uns wiedergeschenkt!" rief er beinahe jubelnd aus, wahrend er sie bis zur Thure des Zimmers der geliebten Kranken mehr trug als geleitete.

Hippolit hatte mit prophetischem Geist gesprochen. Freude uber das unverhoffte Wiedersehen der theuern Beschutzerin ihrer Jugend, vielleicht auch sorgsamere Pflege von der Hand der Freundschaft ubten an Gabrielen eine hochst wohlthatige Wunderkraft aus, so dass die Aerzte sie nach wenigen Tagen fur gerettet erklaren konnten. Freilich vergingen von nun an noch Wochen, bis sie, vollig hergestellt, das Zimmer verliess, doch Hippoliten war es unter dem Schutze der Frau von Willnangen jetzt zuweilen erlaubt, sie zu sehen, und mehr bedurfte es nicht, um ihm das Leben wieder liebzumachen.

Der Tag, an dem sie am Arme ihrer Freundin zum erstenmal aus ihrem Zimmer hervorging, war ihm ein heiliges Fest. Unwillkurlich beugte er das Knie, als die ruhrende Gestalt, leicht und atherisch, wie eine Auferstandne ihm entgegenschwebte. Sie wollte ein paar freundliche Worte ihm lachelnd sagen, aber der Athem fehlte ihr; nur ein leises Roth, wie der Abglanz, den die vollbluhende Zentifolie auf die neben ihr stehende silberweisse Lilie wirft, uberflog mit einem fluchtigen Hauche das schone Gesicht, wahrend Hippolit, ebenfalls schweigend, die Hand der Frau von Willnangen dankbar an seine Lippen druckte und nur den feuchten glanzenden Blick zu Gabrielen erhob. Gabriele fand ihren Gemahl mit Anstalten zu einer grossen Reise vollauf beschaftigt. Die Bader von Pisa und die warmeren italienischen Lufte waren ihm als einziges Rettungs- und Linderungsmittel verordnet worden, und er hatte Gabrielens Herstellung bis jetzt mit der grossten Ungeduld erwartet, weil er auf ihre Begleitung rechnete. Doch ihre fortdauernde Schwache schien die Moglichkeit derselben auf viele Monate hinausschieben zu wollen, und er, der wenig Zeit zu verlieren hatte, sah sich desshalb durch den Ausspruch der Aerzte genothigt, einstweilen, wenn gleich ungern, darauf zu verzichten. Ein geschickter angehender Arzt, der gerne diese Gelegenheit benutzte, Italien zu sehen, erbot sich indessen, wahrend der Reise die Pflege des Kranken zu ubernehmen, und sein Erbieten wurde um so lieber angenommen, da ihn Moritz schon seit geraumer Zeit als einen vorzuglich heitern Gesellschafter und ausgezeichnet-guten Schachspieler kannte.

Nach der Abreise ihres Gemahls blieb Gabriele in so wunderbar-schwankendem Zustande zuruck, dass Frau von Willnangen es gar nicht wagen mochte, ihre Ruckreise nach Lichtenfels zu den Ihrigen nur zu erwahnen. Zwar war Gabriele eigentlich nicht mehr krank zu nennen, denn kein merkliches Fieber, kein entschieden-schmerzhaftes Empfinden qualte sie am Tage oder raubte ihren Nachten den Schlaf. Ihr Auge strahlte heller als je, ihr ganzes Wesen zeugte von erhohtem innern Leben, aber eine unerhorte Mattigkeit lahmte und hemmte jede, noch so wenig anstrengende Aeusserung desselben, und zwang sie oft Stundenlang, nur mit den Augen zu ihren Lieben zu sprechen. Jeder Tag schien sanft und linde die Losung eines nahen Bandes der gefesselten Psyche zu beginnen, die schon jetzt freier sich bewegte und, halb der ewigen Heimath zugewendet, dem schwindenden Erdenleben noch wie zu guter Letzt alle Liebe und Theilnahme zeigte, die sie ihm noch zuzuwenden vermochte.

Abends sank Gabriele oft wie halb vernichtet hin, wenn die fragelustige Schar gewohnlicher Besuche an ihr vorubergerauscht war, denen sie jetzt wahrend der Entfernung ihres Gemahls wenigstens auf ein paar Stunden des Tages ihre Thure offnen musste, wollte sie um der Welt willen sie nicht auch zugleich Hippoliten verschliessen.

Die Kunst der beruhmtesten Aerzte der Residenz wurde aufgeboten; Frau von Willnangen wachte mit unermudlicher Sorgfalt uber die geliebte Tochter ihres Herzens, und war nur bedacht, Unangenehmes oder Schadliches von ihr zu entfernen. Hippolit brachte alles herbei, war es noch so selten, noch so schwer zu erhalten, was er nur irgend zur Erquickung oder Pflege der geliebten Leidenden ersinnen konnte; doch ihr Zustand blieb immer und unabanderlich derselbe. Fruh, beim ersten Morgengrusse, fand Frau von Willnangen sie oft in wehmuthigem Nachdenken versunken, aber so wie die Freundin sich zeigte, erglanzte ihr Blick wie gewohnlich; sie winkte sie zu sich und lehnte schmeichelnd das Haupt voll lichter Locken an ihre Brust; ein liebseliges Lacheln glitt uber dem bleichen Gesichte hin, wie ein winterlicher Sonnenstrahl uber ein Schneegefilde, und die durchsichtig zarte blendende Hand strich freundlich unter beruhigenden Schmeichelworten jede sorgliche Falte von der Stirne der geliebten mutterlichen Frau. So blieb Gabriele gewohnlich den ganzen Tag uber, bis sie Abends, ganzlich erschopft, dem Schlummer sich zuneigte, stets liebevoll, freundlich und ihren Freunden in heitrer Aufmerksamkeit zugewendet. Nur wenn ihr Blick auf Hippoliten, von ihm ungesehen, ruhen konnte, dann zuckte zuweilen ein schmerzliches, dem Weinen nahverwandtes Lacheln um die sanftgeschlossnen Lippen. Eine angstlich unbestimmte Ahnung ergriff dann oft das Herz der Frau von Willnangen, denn ihrem stets wachen Blicke durfte auch nicht die kleinste Bewegung ihres Lieblings entgehen. Zuweilen stiegen aber auch in solchen Momenten freudigere Hoffnungen in ihr auf, ahnlich denen, welche Ottokar sich zum Troste ersann. Ernestos fruhere Briefe aus Italien hatten die edle Frau langst zur Vertrauten Hippolits gemacht, ohne dass dieser es ahnete, und sie bemerkte jetzt in schweigender Bewunderung, wie treu er seine gluhende Liebe und seine bange Sorge mit gleicher Anstrengung und, wie sie glaubte, auch mit gleichem Glucke Gabrielen zu verbergen suchte. Nur wenn der Zufall die Freundin der Heissgeliebten mit ihm allein zusammenbrachte, dann rief ein einziger zitternder Druck seiner Hand, ein einziger schmerzenvoller Blick ihr seine innere Qual weit deutlicher zu, als Worte es vermocht hatten. Doch blieb jede laute Klage fern von ihm; denn, wo hatte er anfangen sollen und wo enden? Aber das weiche Herz der Frau von Willnangen zerfloss dennoch in Mitleid mit dem Armen. "Lassen Sie uns auf den Fruhling hoffen, guter Graf Hippolit!" sprach sie in solchen Stunden ihm oft zum Troste. "Im Fruhlinge richten alle Blumen sich wieder auf, auch unsre schone Freudenblume wird in ihm wieder erbluhen, lassen Sie uns nur getrost die nahe Zeit erwarten." Der Fruhling kam, mit seiner Herrlichkeit, mit seinem milden belebenden Hauche. Ueberall sprossten neue Blumen, uberall erwachte das schlummernde Leben, aber Gabrielens Zustand blieb sich gleich, ohne alle merkliche Abanderung weder zum Schlimmern noch zum Guten, und die bange angstliche Besorgniss ihrer Freunde stieg peinlicher mit jedem Tage. Endlich kam es dahin, dass den Aerzten nichts ubrig blieb, als die gewohnliche Zuflucht in Fallen, wo ihre Kunst sie verlasst, der Rath: Heil und Genesung in einem ruhig landlichen Aufenthalte und in frischer Waldesluft zu suchen.

"Ja auf dem Lande!" rief, als sie dieses vernahm, Gabriele mit ungewohnter Lebendigkeit. "Ja auf dem Lande, da werde ich genesen; in Schloss Aarheim, wo ich geboren ward! Dorthin liebe Frau von Willnangen, dorthin bringen Sie mich, dort wird es mit mir besser werden, ich weiss es. In den Armen meiner zweiten Mutter werde ich in Schloss Aarheim alles Weh schwinden sehen, und ein neues Leben beginnen!"

Eine eigne Bangigkeit bemachtigte sich der Frau von Willnangen bei diesen, in fast prophetischer Begeisterung ausgesprochnen Worten, so trostlich sie ubrigens klangen, und auch Hippolit, der eben zugegen war, fuhlte sich sonderbar dabei ergriffen. Gabriele bemerkte es, und strebte durch erheiterndes Gesprach den Eindruck wieder zu verloschen, den sie unwillkuhrlich bei ihren Lieben erregt hatte. Sie sprach viel von der wilden ernsten Pracht ihres Geburges und von dem ehrwurdigen Ansehen und Alter ihrer Burg.

"Sie konnen mich jetzt doch nicht verlassen!" setzte sie hinzu, den bittenden Blick zur Frau von Willnangen erhoben. "Sie mussen ja die Wiege ihres Kindes sehen, und den Ort, wo meine Mutter lebte; ach! wie werden meine armen alten Burgbewohner sich wundern und freuen, wenn sie die Nievergessene in ihrem hochverehrten Ebenbilde wieder unter sich wandeln zu sehen glauben werden!"

"Mein Kind, mein herzliebes Kind, meine Gabriele!" rief Frau von Willnangen und nahm sie recht liebend in ihre Arme; "wie konnte ich jetzt von Dir gehen, so lange Du meiner Pflege noch bedarfst? Mogen die Meinigen noch immer mich ein Weilchen entbehren; Auguste hat ihre Kinder und den Oheim, die geben ihr Freude und Beschaftigung, wenn gleich Adelbert, von mancherlei Geschaften behindert, jetzt wenig daheim ist. Ich weiss, sie selbst wurde mich schelten, wenn ich ohne die Gewissheit deiner volligen Genesung zuruck kame."

Beide Frauen vertieften sich nun im Gesprache uber die Vorkehrungen zu dieser kleinen Reise, die sie, von Gabrielens sehnsuchtiger Ungeduld getrieben, gleich in den nachsten Tagen anzutreten beschlossen. Hippolit blieb dabei ein stummer Zuhorer, wahrend Gabrielens hochklopfendes Herz ihr nicht erlaubte, ihm nur einen Blick, vielweniger ein Wort, zuzuwenden. In banger Ungewissheit sprach sie immer fort, sie wusste kaum was, bis Frau von Willnangen, die nur zu gut sie verstand, sie aus dieser Verlegenheit zog.

"Und Sie, Graf Hippolit! wo bleiben Sie?" fragte diese, den freundlichen Blick ihm zugewendet, da Gabriele eben von der Wahl des Fuhrwerks sprach.

"Und ich!" erwiderte er mit einem Ton, in welchem all sein Wunschen, sein Hoffen, sein sehnendes Erwarten lag.

Gabriele fuhlte in den tiefsten Tiefen ihres Herzens diesen Ton wiederhallen. "Mag Frau von Willnangen entscheiden, ob wir in Abwesenheit meines Gemahls den Grafen nach Schloss Aarheim einladen durfen;" fiel sie hoch errothend ein, und wagte es nicht die Augen dabei aufzuschlagen, um durch keinen Blick den Ausspruch der Freundin zu leiten.

"Ich sehe nicht recht ein, warum wir es nicht durften," erwiderte nach sehr kurzem Bedenken Frau von Willnangen, mit moglichster Gleichgultigkeit, und blickte dabei recht amsig auf ihre Arbeit, um beide zu schonen; doch niemand antwortete ihr. Es entstand eine fur den Moment recht druckende Pause, der Frau von Willnangen nur dadurch ein Ende zu machen wusste, dass sie begann, etwas umstandlich ihre Meinung von dem q'uen dira-t-on, und von der Nachgiebigkeit, die man ihm schuldig ist, aus einander zu setzen.

"Diese sogenannte Welt," sprach sie, "der wir von Kind auf so manches schwere Opfer bringen mussen, ist doch beim Lichte besehen, ein sehr schwankendes Kameleonartiges Wesen; jeder von uns hat seine eigne, die Hofdame wie die Schneidersfrau, so wie man sagt, dass auch jeder seinen eignen Regenbogen hat; jeder ehrt nur die seine und ignorirt alle ubrigen, und am Ende lauft es mit allen diesen ideellen Welten, wie mit dem Regenbogen auch, nur auf eine optische Tauschung hinaus. Millionen Regentropfen, von denen ein einzelner doch nur sehr wenig ist, setzen vor unsern Augen das stattliche Fantom zusammen, das im kuhnen Bogen die halbe Erde zu umfassen scheint, und wenn wir die einzelnen Glieder der Menge betrachten, deren gesammtes Urtheil uns so bedeutend dunkt, dass wir es zur Richtschnur unsrer Handlungen erheben, so mochte die Mehrzahl derselben wohl auch nicht viel grossern inneren Gehalt haben als solch ein kleiner farbloser fader Wassertropfen."

"Sie sprechen aus meiner Seele," rief Hippolit mit ungewohnter Lebhaftigkeit. "Warlich ja, Sie haben recht! Wir brauchen nur die Einzelnen recht ernstlich ins Auge zu fassen, die wir, in unsrer Idee zu einem Ganzen versammelt, als Richter uber Gluck und Ungluck anzusehen uns gewohnten, um verachtend, und uber unsre bisherige Verblendung lachend, aus der schimpflichen Knechtschaft zu scheiden."

"Sachte, sachte, junger Freund," erwiderte freundlich wenn gleich mit aufgehobnem drohendem Zeigefinger Frau von Willnangen. "Was ich andeuten wollte, war nicht ganz so gemeint, wie Sie es nehmen. Nie soll man, ohne die ausserste Noth der offentlichen Meinung den Krieg ankundigen. Eine grosse Masse, sie sey zusammengesetzt wie sie wolle, ist immer etwas Furchtbares und hat Anspruche auf unser Nachgeben in billigen Dingen; sie racht sich schwer und sicher, wenn wir es ihr versagen. Indessen muss ich mich aber doch zu dem Glauben bekennen, dass es Falle geben kann, in welchen es erlaubt, sogar billig ist, einmal eine Ausnahme von der grossen Regel zu machen und sich nicht viel um das zu kummern, was die andern etwa sagen mochten. Zum Gluck aber sind diese Falle obendrein gewohnlich solche, bei denen gerade diese aus Leuten zusammengesetzte Welt, trotz ihrer gewohnten Kalte und ziemlicher Absurditat, dennoch zuletzt sich bewogen findet, uns beizustimmen."

Frau von Willnangen schwieg hier, doch da niemand das Gesprach fortzusetzen den Muth bezeigte, nahm sie nach einer kleinen Pause es wieder auf. "Ich glaube," sprach sie, "dass die Frage, ob der Graf uns nach Schloss Aarheim begleiten soll oder nicht, gerade zu jenen Fallen gehort, deren ich eben erwahnte. Man hat sich seit langem schon gewohnt, ihn als zu uns gehorend zu betrachten, man hat sich schon tausend mal daruber so mude gesprochen und gewundert, dass man vielleicht sogar recht erfreut ware, durch sein Hierblieben wahrend wir fortgehen, neuen Anlass zur Verwunderung und zu Muthmassungen zu erhalten. Ueberdem bin ich uberzeugt, dass das, was man uber seinen Besuch auf Schloss Aarheim sagen konnte, so wenig von dem verschieden seyn wird, was man bis jetzt wahrscheinlich schon gesagt hat, dass es deshalb wohl schwerlich der Muhe verlohnen mochte, uns ein Entbehren aufzulegen, welches wir alle Drei doch schmerzlich empfinden mussten."

"Ich bitte, lassen Sie uns in dieser Stunde noch nichts entscheiden," nahm jetzt Gabriele das Wort. "Morgen sind wir ruhiger, dann sehen wir alle heller, was zu thun ist, was nicht? Ich wurde es dann vielleicht am liebsten Hippolits eigner Entscheidung uberlassen, ob er sogleich in diesen Tagen uns begleiten will, oder ob er es fur besser halt spater meiner Einladung zu folgen wenn " eine kleine augenblickliche Schwache verhinderte sie hier zu vollenden und zwang sie Ruhe zu suchen. Ernestos hochst unerwartete erfreuliche Erscheinung machte am folgenden Tage allem Zweifel und allem Berathen uber diesen Gegenstand ein Ende. Er stand plotzlich in der Mitte seiner Freunde, ohne dass einer von ihnen seine nahe Ankunft nur geahnet hatte, denn der Brief, der sie Hippoliten verkunden sollte, war verspatet oder vielleicht verloren; ein gar nicht ungewohnlicher Fall auf den italienischen Posten. Hippolits beangstende Darstellungen von Gabrielens Zustand, vereint mit Ottokars dadurch veranlasster und mit jedem Tage wachsender Besorgniss um sie, hatten ihn aus seinem geliebten Rom getrieben. Er wollte selbst sehen, helfen, retten, trosten wo es Noth that, und nun schien bei seinem lange entbehrtem Anblicke Gabrielen neues Leben zu durchstromen. Sie eilte auf die erste Nachricht seiner Ankunft ihm entgegen, frohlich und leicht, fast wie ehemals; ihre bleichen Wangen rothete die Freude und ihr ganzes Wesen schien mit einemmale alle bange Besorgnisse ihrer Freunde vernichten zu wollen.

Ernesto und Frau von Willnangen erklarten scherzend den Anstand fur vollig abgefunden, jetzt da die Damen nicht mehr nur einen, sondern zwei Manner des Gluckes wurdigten, sie begleiten zu durfen, und Gabriele hatte ihre eignen stillen Grunde, ihren Freunden hierin nicht zu widersprechen.

Die Reise ging vor sich, wenige Tage nach Ernestos Ankunft, und unter den frohesten Hoffnungen, zu denen Gabrielens fortwahrendes Wohlbefinden Alle zu berechtigen schien. Die Luft ihres Geburtsortes, die Ruhe, die Stille, der balsamische Waldeshauch bewirkten augenscheinlich ein Wunder, dessen Anblick alle Bewohner der Burg mit unbeschreiblicher Freude erfullte. Nur Ernesto hatte dem kleinen Kreise dieser durch die innigsten Bande vereinigten Menschen noch gefehlt; mit ihm war erst das rechte Leben unter sie gekommen, im ernsten Scherze und frohem Ernste, in ewig rascher Theilnahme und stetem unterhaltendem Wechsel der sie aufregenden Gegenstande. Ihnen selbst schien ihr Gluck unermesslich. Doch leider sank es nur zu bald wieder, wie alles Gluck dieser Erde.

Gabriele vermochte nur kurze Zeit alle den Wonnen und Schmerzen zu widerstehen, die starker als je zuvor heimlich auf sie einsturmten. Ihre Krafte schwanden eben so schnell, als sie wiedergekehrt waren, und ihre Lieben begannen von neuem, sie und einander mit immer hoffnungsloserem Blicke zu betrachten; besonders Ernesto. Er allein las deutlich in Gabrielens Herzen alles unausgesprochne Weh, unter dessen Last es erlag, und sein eignes drohte vor Schmerz und Reue zu zerspringen, wenn er daran dachte, dass er Jahre vorher mit prophetischem Geiste alles vorhergesagt habe, was jetzt in trauriger Erfullung ihn der Verzweiflung nahe brachte, und dass er doch dabei verblendet genug gewesen sey, um nicht Hippolits Ruckkehr zu Gabrielen aus allen Kraften zu verhindern. Er begriff es nicht, wie es ihm moglich gewesen, spater die Gefahr zu ubersehen, welche die Nahe des schonen liebenswerthen Mannes, verbunden mit seiner heissen, edlen, alles opfernden Liebe ihrem Frieden, ja ihrem Leben bringen musste. Die drei Jahre, welche, wie er wusste, Gabriele mehr zahlte als Hippolit, hatten freilich aus der Ferne ihm ihr Verhaltniss zu diesem verschoben und ihn einem Irrthum zugefuhrt, den Gabriele mit ihm theilte, bis auch sie zu spat ihn erkannte. Das Einzige, woran er sich noch aufrecht zu halten vermochte, waren jetzt Ottokars, auf Moritzens baldigen Tod gebaute Hoffnungen, die er diesem bis jetzt aus Schonung des Freundes nur halb zugegeben hatte. Indessen ward in dieser Zeit das Leben in Schloss Aarheim das ruhrendste und erfreulichste, das schmerzlichste und seligste, das man zu erdenken vermag. Gabriele wandelte unter ihren Lieben wie ein schoner verklarter Geist, der schmerzensfrei nur die Seligkeit empfindet, welche die Gegenwart der geliebtesten Freunde zu gewahren vermag. Niemand wagte es, in ihrem Beiseyn nur durch einen Blick den bangen vorahnenden Schmerz auszusprechen, der allen am Herzen nagte, ja sie vergassen ihn oft, in ihrer erhebenden Nahe. Es war als ob Gabriele jetzt am Rande des Grabes noch die Quintessenz des Lebens geniessen wollte, denn sie sammlete alles, was jemals es ihr verschont hatte, mit zartem Sinn und fern von aller Ziererei um sich her: erheiterndes Gesprach, bildende Kunst, Poesie und Gesang. Sie nahm an allem Theil mit ewig frischem jugendlichem Geist; nichts, was Trauer bezeichnet, keine noch so ferne Andeutung von Scheiden, von Trennung durfte ihr nahen. Ihre innre Heiterkeit stieg mit jedem Tage, je tiefer ihre korperlichen Krafte sanken, ihr ganzes Wesen bezeichnete nur die innigste Liebe zu ihren Freunden und die reinste Freude an dieser schonen Welt. Ihre Blumen, ihre Vogel, alles was schon ihre Kindheit begluckt hatte, musste wieder um sie her gestellt werden, und sie liebte das alles und pflegte es, soviel es ihr moglich war, wie sonst. So genoss sie lachelnd, wie zur Zeit ihrer herrlichsten Bluthe, jede kleinere Freude, welche die Natur beut, und verlor sich in bewunderndem Entzukken vor der hoheren Pracht, die mit unendlichem Reichthum in den wilden Umgebungen ihres Wohnortes sich taglich neu entfaltete.

Hippolit ertrug den Schmerz, den keine Sprache nennen kann, mit unbeschreiblicher Gewalt uber sich selbst. Er ging ganz in den Geist der Hochgeliebten ein, lebte nur in ihr, lachelte wenn sie lachelte, und schien nur von dem Licht ihrer Augen Worte und Bewegung zu empfangen. Nie wich er von ihrer Seite, so lange es ihm vergonnt war, bei ihr zu weilen. Ihr nahe, vermochte er es, sein Herz zusammen zu drukken, und seinen unaussprechlichen Schmerz wie seine gluhende Liebe zu beherrschen; denn Gabrielens heilige Gegenwart erhob ihn uber Tod, Trennung und Grab. Keine Klage kam uber seine Lippen, keine Thrane in seine Augen, bis die Nacht ihn und seinen ausbrechenden Jammer verhullte.

Gabriele bewachte minder angstlich als sonst ihr Benehmen gegen ihn und suchte nicht mehr ganz so wie ehemals ihm den Grund ihres Gemuths zu verschleiern. Manche Ahnung des ganzen Umfangs der unnennbaren Seligkeit, die ihm hier vor seinen Augen unterging, durchschauerte den Armen mit allen Freuden des Himmels und versenkte ihn in selige Traume, aus denen er leider mit dem Gefuhl des Unglucklichen wieder auffuhr, der im Schlafe den Himmel offen sah, und aufgeruttelt zu jahrelanger Pein, im Kerker wieder erwacht.

Nicht minder unaussprechlich als Hippolits Schmerz war auch das tiefe, unsagliche Mitleid, welches Gabriele fur ihn empfand, denn sie fuhlte fur ihn den unendlichen Jammer seines treuen liebenden Herzens. Sie selbst war begluckt in der seligsten Hoffnung, und die nahe Trennung, deren Gewissheit ihr an jedem Morgen deutlicher entgegentrat, erschien ihr nur als ein Schritt aus dem Dunkel zum Lichte, zur sicheren, ewigen Vereinigung, deren nahe Seligkeit sie schon hier vorempfand. Abends, wenn wieder einer ihrer Tage zur Ewigkeit hinabsank, wiederholte sie jetzt in der unbelauschten Einsamkeit ihres Zimmers oft die einfachen Worte eines Liedes, welches sie unter den Papieren ihrer verehrten Mutter gefunden hatte. Hier ist es:

Gabrielens Abendlied.

Zur letzten Tages-Stunde

Flammt goldner noch das Licht,

Spricht mit dem Purpur-Munde;

"Ich gehe schlafen nicht;

Unsichtbar, zu dem Osten

Zieh' ich den Sternen-Pfad;

Auch Du sollst Aether kosten,

Den frisch der Morgen hat."

Wenn all' die Welten schlafen,

So ist's die Lieb', die wacht,

Und landet sie im Hafen,

Sagt sie: "Welt, gute Nacht!"

Ich musste still verschliessen

Was Schmerzreich mich entzuckt,

Was todtlich mich begluckt

In tiefster Brust verschliessen.

Ich musst' im Dunkel gehen

Als hell es draussen war,

Nun Schatten mich umwehen,

Nun wird es licht und klar;

Aus Sonnenschein gewoben

Mein Aether-Kleid so blank,

Die Sprache bald Gesang

In blauen Sfaren droben;

Wo mich der Engel-Flugel

Leicht tragt auf lichtem Steg',

Wo Sonnen sind mein Weg

Fern von der Erde Hugel.

Ich mochte mehr noch singen

Aus meiner tiefsten Brust,

Was Niemand war bewusst,

Es sollten's Tone klingen;

Es mochte mehr noch sagen

Die Lippe treu und bleich,

Doch sieh', es will schon tagen

Herauf aus licht'rem Reich'.

Denn, wenn die Welt geht schlafen,

Ist's Liebe noch, die wacht.

Mein Herz erblickt den Hafen;

Zu tausend gute Nacht.

Fruher schon verdankte Gabriele diesem Liede oft wehmuthigen Trost und erleichternde Thranen; jetzt klangen sie in ihrem Innern wie Jubelgesang, wenn gleich die athemlose Brust ihm nur leise Tone noch zu leihen vermochte.

So lebte sie hin in stiller Freundlichkeit. Nur wenn sie Hippolits gedachte, des Verlassenen, dann wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken an den langen, einsamen, freudenarmen Lebensweg, der von nun an ode und duster sich vor dem Freunde durch eine unabsehbare Wuste hoffnungslos ausdehnen musste; und all ihr Streben ging nun dahin, seine Zukunft ihm wenigstens mit frohen Erinnerungen auszustatten, zu schmucken. Daher zeigte sie sich Hippoliten wie seine stille Ergebung es glorreich verdiente. Sie war ihm die liebendste Schwester, die innigste theilnehmendste Freundin, und jeder Tag brachte ihm neue ruhrende Beweise des reinsten, von keinem irdischen Hauche befleckten Vertrauens. Die Tage schwanden, der Sommer flog voruber, immer tiefer senkte sich die Sonne und der Wald schmuckte sich abermals mit Purpur und Gold. Wieder ging der Sterbetag von Gabrielens Mutter auf, doch diessmal feierte sie ihn in frommer stiller Heiterkeit, gleich einem Feste der Auferstehung, nicht des Todes. Der kalte Stein, der die geliebte Hulle bedeckte, ward nach ihrer Angabe mit einer Fulle reicher Blumenkranze geschmuckt, statt der Zypressen, die sie einst mit frommer Hand gewunden hatte. Von ihr selbst blieben ebenfalls alle ihr sonst an diesem Tage gewohnten aussern Zeichen der Trauer entfernt, und kein langes schwarzes Gewand, kein dichter Kreppschleier verhullte sie. Wie immer in blendendes Weiss gekleidet, sass sie am Abend des festlichen Tages an ihrem gewohnten Platze in einem grossen Bogenfenster; die seitwarts in das Eckzimmer fallenden letzten Strahlen der untergehenden Sonne verklarten ihre blonden Locken zur himmlischen Glorie, genau wie an jenem fur Hippolit unvergesslichen Abende, da dieser fast an der nehmlichen Stelle bewundernd ihr nachsah, als sie den dunkeln Lindengang hinabschwebte. Sie blickte hinaus in die herbstliche Wolkenpracht, die rosig und golden im tief-blauen Aether vergluhte; uberirdisches Lacheln schwebte auf dem verklarten Angesicht, ihr dunkelstrahlendes Auge haftete mit dem Ausdrucke des unaussprechlichsten Entzuckens auf der schimmernden Ferne, als schwebe aus ihr eine geliebte Gestalt herbei, und ihre Lippe regte sich unhorbar leise wie im Gebet.

Ernesto und Frau von Willnangen hatten es nicht vermocht, der heitern Feier dieses Tages langer zuzusehen, deren Deutung sie nur zu wohl verstanden; sie hatten beide sich entfernt, um in gegenseitigen Klagen neue Kraft zu suchen, und niemand war bei Gabrielen geblieben als Hippolit. Schweigend betrachtete er sie, und wagte es kaum zu athmen, um sie nicht zu wekken. Auch er ahnete, von ihrem Gefuhl durchdrungen, welche Gebilde ihrem Auge jetzt voruberschweben mochten; ihm war, als empfinde auch er die Nahe der an diesem Tage zur ewigen Freude eingegangnen Mutter, der halb schon Verklarten, und kalt und geheimnissvoll hauchten Schauer aus einer andern Welt ihn, den Lebenden, an.

Wie ein Engel, der vom Himmel herabschwebt, um Sterblichen von seinen Freuden Kunde und Gewissheit zu geben, wandte Gabriele sich dem geliebten Freunde endlich wieder zu; sein Herz erwarmte sich an ihrem Blick, es war, als wolle sie zu ihm sprechen, als wolle sie irgend etwas wichtiges ihm vertrauen, doch schien sie bald wieder anders entschlossen, und bat ihn nur mit den Augen, ihr die Harfe zu reichen, die seit mehreren Tagen von ihr unberuhrt in einer Ecke lehnte. Hippolit gehorchte wie immer ihrem Winken, und nun begann unter ihren schwachen zarten Handen leise und langsam ein fremdartiges Tonen, gleich dem Nachhall himmlischer Lieder. Endlich erhob sich auch ihre susse Stimme, lieblicher, herzdurchdringender als Hippolit sie jemals gehort hatte, wenn gleich unendlich zart und leise. Es war gleichsam ein innerliches Singen, ein wunderbar-ergreifendes Heraufklingen aus der Tiefe ihres Herzens.

In kurzen abgerissenen Satzen, oft unterbrochen von Harfenklangen, die, der Erdensprache erst Bedeutung gebend, wie zur Erlauterung forttonten, wenn diese wortarm verstummen musste, sang Gabriele ein regelloses Lied, von der Begeisterung des Augenblicks eingegeben.

Nie hatten ihre Freunde diese Gabe der Dichtkunst in ihr vermuthet, die jetzt erst neu in ihr erwacht, der halb schon dem irdischen Leben Entschwebten eine nie zuvor von ihr geubte Sprache lieh. Gleich dem Schwane, der nur dann zum erstenmale mit sussen Klangen die Sterne begrusst, wenn sie zum letztenmale die stille Fluth ihm versilbern, auf welcher er sterbend wogt.

Gabrielens Lied sang alles Hoffen, Sehnen, Erwarten ihrer in Himmelswonne vergehenden Brust. Es waren Worte, es waren Tone, welche der Unsterblichkeit angehoren und der schwache Hauch des Erdenlebens wiederzugeben nicht vermag.

Sie sang, bis sie erbleichend, verstummend in ihren Lehnstuhl erschopft zuruckfiel. Noch eine Weile flusterten die Harfentone, endlich verstummten auch sie. Die zarten Lilienfinger entglitten matt den goldnen Saiten und Gabrielens Auge schloss sich einige Minuten lang wie im Schlummer; doch bald offnete es sich wieder und suchte Ihn, der, zum erstenmal in ihrer Gegenwart vom Schmerz uberwaltigt, in einer Ecke des Zimmers in der trostlosesten Stellung hingesunken war.

"Mein Freund! mein theurer herzlich lieber Freund! warum so?" sprach sie zu ihm. "Ich dachte Muth und Hoffnung in Ihre Seele zu singen, denn ich selbst bin sehr freudig, sehr hoffnungsreich in meinem Gemuthe. Das Leben ist nicht minder kurz als schon, darum sollten wir nie die kostlichen Stunden der Gegenwart in voreiliger Trauer uber eine vielleicht nahe, dunklere Zukunft verschwenden. Denken Sie daran dass ohne Trennung kein Wiedersehen moglich ware. Und welches Wiedersehen erwartet uns dort uber jenen glanzenden Welten, die durch unsre kurze Erdendammerung leuchten!"

Es war zum erstenmale, dass Gabriele auf die Nahe ihres Scheidens so hindeutete. Hippolit glaubte dabei in neuem nie gefuhltem Schmerze zu vergehen, denn das ausgesprochne unheilverkundende Wort ist weit furchtbarer als unsre trubesten Gedanken es seyn konnen. Doch ubte er auch in dieser bangen Stunde die gewohnte Kraft uber sich selbst. Er erhob sich und nahete ihr mit Ergebung in seinen Zugen.

"Das Singen hat mich ein wenig angegriffen, weit mehr als ich es vermuthete," sprach Gabriele sehr freundlich. "Und doch sind wir so ungestort, so traulich beisammen! ich mochte die Zeit nutzen, recht gern, recht viel mit Ihnen reden, auch wohl etwas von Ihnen erbitten; ich werde ganz leise flustern mussen. Doch das thut nichts, setzen Sie sich nur recht nahe zu mir, damit Sie mich verstehen, recht nahe, ich bitte."

Hippolit schauerte vor innerer ihm selbst unerklarlicher Angst, denn er hatte Gabrielen schon weit ermatteter gesehen als sie es in diesem Augenblicke zu seyn schien; aber er nahm sich zusammen, zog ein Taburett aus dem Fenster herbei und setzte sich dicht zu ihren Fussen. Sein Auge ruhte in ihrem, ihre Hand lag kalt und regungslos in der seinen, wahrend sie mit der ihm so bekannten anmuthigen Beugung des schonen Hauptes sich gegen ihn hinneigte, und ganz leise und vertraulich zu ihm sprach.

"Sehen Sie, wie das Abendroth sich noch so glanzend dort in den Fenstern der Kapelle spiegelt? Ist es nicht genau so, wie heute vor vier Jahren "

"Guter Gott, theure Gabriele, an welche Stunde erinnern Sie mich in diesem Momente!" rief Hippolit erbleichend aus, von unwiderstehlichem Grauen und Schrecken ergriffen.

"Ruhig, ruhig, mein Freund!" erwiderte ihn beschwichtigend Gabriele, "Sie konnen ja jener Stunde immer nur mit Dank und Ruhrung gedenken, so wie ich es auch thue. Gott wurdigte mich damals des Glucks, Sie von einer grossen Gefahr zu erretten," setzte sie mit einem durch die Wolken hindurch leuchtenden, zum Himmel gerichteten Blick hinzu. Dann wandte sie sich wieder an ihn, der, mit seinem Gefuhle sichtbar kampfend, jetzt wieder ruhiger da sass. "Die Vorsehung fuhrte Sie damals vom Rande des furchtbarsten Abgrundes, in den wir Verblendete versinken konnen, hin, auf den Weg, der zum neuen, erhohten Daseyn Sie gelangen liess. Gottes Fuhrungen sind unbegreiflich und gutig wie er selbst. Wer hat das anschaulicher erfahren als wir beide? Darum, lieber Hippolit! wollen wir auch nie uns Eigenmachtigkeit oder Widerstand erlauben. Wir wollen immer vertrauen, immer, immer, auch wenn es recht dunkel um uns wird; jeder Nacht folgt ein hell leuchtender Tag, der alles Grauen verscheucht."

Sie schwieg einige Minuten, dann begann sie von neuem. "Vergeben Sie, wenn ich Ihnen wehe that durch die Erinnerung an jenen grossen Wendepunkt ihrer Existenz, von dem alles Gute und Edle und Schone ausgeht, das Sie seitdem sich aneigneten. Ich wollte es nicht, doch was ich von Ihnen bitten wollte, hangt zu genau damit zusammen, und ich bin verlegen und weiss nicht wie ich es aussprechen soll. Jenes Flaschchen, jener Kristall, der damals Ihren Handen entsank, den ich wenige Minuten spater Ihrer Bewahrung anvertraute, bewahren Sie ihn noch? und wo?"

"Ich bewahre ihn, auf meinem Herzen," erwiderte nach kurzem Schweigen Hippolit, mit fast unhorbarem klanglosem Tone.

"Hippolit!" rief Gabriele mit ungewohnter Kraft, und richtete sich plotzlich hoch und ernst in ihrem Sessel empor. "Sie tragen das Entsetzliche auf ihrem Herzen? und seit wenn?"

"Seit seit den letzten Wochen unsers Hierseyns," entgegnete Hippolit, und verhullte sein Gesicht in die weiten Falten ihres herabhangenden Shawls.

"Muth, armer Freund, und Friede Ihrem bangem Herzen," sprach Gabriele, ihre schwachen Hande strebten ihn aufzurichten, und eine warme Thrane sank auf seine Stirne. "Ach Hippolit!" sprach sie mit unendlich sanfter Stimme weiter, wie oft vergessen wir auf den Himmel zu bauen, wenn uns das Leben hier unter die ernste dunkle Seite zuwendet! Darum sollten wir es wo moglich nie in unsere Macht stellen, der gefahrlichen Wirkung des Augenblicks folgen zu konnen. Wir Schwache sollten schon von Ferne der Gefahr ausweichen, die ein einziger unbewachter Moment uber unser Haupt rufen kann. Der Tod," fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, "der Tod ist immer unserm Herzen nah; warum, lieber Hippolit, warum ihn noch auf demselben tragen?"

Hippolit vermochte nicht, ihr zu antworten. Nach einigem Schweigen fuhr sie fort zu reden.

"Jenes furchtbare Flaschchen, ich habe viel daruber nachgedacht und weiss jetzt, dass es ein Eigenthum meines Vaters war. Sie fanden es dort in den Ruinen, die, seinem letzten Wunsch gemass, in sich selbst versinken mussen, mit allem was sie bedecken; ist es nicht so?"

Hippolit bejahte die Frage mit einer stummen Neigung des Hauptes.

"Nichts von allem, was dort auf ewig begraben ward, darf das Licht des Tages wieder bescheinen; so wollte es mein sterbender Vater," fuhr Gabriele fort. "Darum bitte ich Sie mein Freund, ich bitte recht ernstlich, recht dringend, geben Sie der Finsterniss wieder was ihr geweiht ward. Tragen Sie noch heute, noch diesen Abend Ihren schauerlichen Fund zuruck zu jenem geheimnissvollen Gemauer, versenken Sie ihn dort in tiefe, selbst Ihnen unzugangliche Kluft. Dort mag er ruhen, in dem weiten Grabe wo so vieles ruht. Wollen Sie es? Wollen Sie mir die Freude gonnen, den letzten Wunsch meines Vaters auch im kleinsten Punkt erfullt zu sehen?"

"Noch heute, noch in dieser Stunde," erwiderte Hippolit, und druckte seine brennenden Augen auf ihre liebe Hand. "Wie konnte ich je Ihrem ausgesprochnen Willen widerstreben!"

"Dank Ihnen, innigen Dank," erwiderte Gabriele, mit einem fast unfuhlbaren Handedruck. "Sie haben Nachsicht mit meiner Schwache," setzte sie matt lachelnd hinzu, "Sie spotten nicht einer vielleicht kindischen Ehrfurcht gegen den Willen der Todten. Aber das Zuviel ist hier in unserm Dunkel doch noch immer dem Zuwenig vorzuziehen; nicht wahr lieber Hippolit?"

"Gabriele! himmlisches Wesen! nicht diese Engelmilde gegen mich, wenn ich nicht ganz vernichtet werden soll!" rief Hippolit tief erschuttert. "Ich fuhle alles, was Sie mir verbergen und andeuten, vergebens suchen Sie es mir zu verschleiern um auch nur die Idee eines Vorwurfes von Ihnen mir zu ersparen. Jene noch immer roth schimmernden Fenster der Kapelle, Ihre eigne verklarte Gestalt, sogar die Dammerung um uns her rufen mir die Vergangenheit zuruck. Alles ist wie es war, alles heute wie damals! Und doch, wie ist es auch so furchtbar anders! Kindischer Thor der ich war! dass ich damals schon das Ungluck zu kennen wahnte!"

"Sie kannten es damals nicht," fiel Gabriele ein; "und glauben Sie mir, es kommt ein Tag, wo alles, was Ihr Herz heut so schwer belastet, Ihnen eben so erscheinen wird, als jetzt jener Schmerz, der damals Sie in Tod und Verzweiflung jagte, Ihnen erscheint. O mein theurer Hippolit, es kommt eine Stunde, in welcher die Erde mit all ihrem Weh unter uns zusammen sinkt und der Himmel mit seinen Freuden sich uns offnet. Wie leicht, wie klein sehen wir dann alles, was uns vor kurzem noch so schwer, so unubersteiglich gross dunkte! Geloben Sie mir, mein geliebter Freund, geloben Sie mir, diese meine Worte nie zu vergessen. Lieber lieber Hippolit, sie nicht zu vergessen, in keiner noch so dunkeln schweren Stunde Ihres Lebens. Ach Sterben ist oft so viel leichter als Leben! Wer wurfe nicht gern alles, was uns belastet, von sich, um einer geliebten entschwebenden Seele durch alle Himmel zu folgen? Doch mein edler Freund wird das Schwerere wahlen, und es tragen, so lange die ewige Vorsicht es will." Gabriele streckte ihre rechte Hand gegen ihn aus, doch er legte nicht versichernd die seine hinein. Dunkel, fast verzweifelnd starrte sein Blick hinaus in die Dammerung, durch welche die Fenster der Kapelle noch immer im Abendschimmer rothlich erglanzten.

"Undurchdringliche Nacht verhullt uns das Jenseits," sprach jetzt mit bewegter Stimme Gabriele, wir ahnen seine Schrecken wie seine Seligkeit, und es ist verwegen, mit sterblicher Zunge von Gottlichem stammeln zu wollen. Doch den Rand des Grabes vergoldet ein purpurner Schein, der den ewigen herrlichen Ost uns verkundet; er heisst Hoffnung des Wiedersehens! Ach und doch ware es moglich, dass eigenmachtiges Eingreifen in den Willen der Vorsicht eine Kluft risse, die dieses Hoffen vielleicht vernichtet, vielleicht auf Jahrtausende hinausschiebt. Langre Prufung in andern Welten erwartet vielleicht den, der ungerufen diese verlasst. Schrecklich, schrecklich muss es seyn, furchtbar uber alle Beschreibung," sprach sie lauter und heftiger; "es wurde mir den Tod erst zum Tode machen, wenn ich entschlummern musste, ohne die beruhigende Zuversicht, dass alle, die ich liebe, vertrauend, wenn gleich weinend mir nachblicken werden, und dass keines von ihnen sich vom Schmerz zu einem Schritt verleiten lassen wird, der mein Hoffen eines nahen seligen Wiedersehens in der ungemessenen Ewigkeit vernichten konnte."

An allen Kraften erschopft, bleich, leblos beinah, sank Gabriele mit diesen Worten in ihren Sessel zuruck, aber ihr bittendes Auge haftete noch immer mit unaussprechlichem Ausdruck auf Hippoliten.

"Heilige! Verklarte!" rief jetzt dieser, ausser sich vor unaussprechlicher Angst, und warf sich, ihre Knie umfassend, vor ihr nieder. "O entschwebe mir noch nicht! Nimm mein Gelubde mit, dass ich Deinen Willen erfulle, sey es noch so schwer; dass ich keine Kluft ewiger Trennung zwischen uns reissen will. Ja ich will noch leben, weil Du es gebeutst, ich will noch leben und athmen so lange ich kann, auch wenn Du " Thranen erstickten seine Worte. Gabriele vermochte es nicht ihm zu antworten, aber ihre Hande ruhten segnend auf seinem Haupte, ein dankbares Lacheln umspielte ihre Lippen, und ihr gen Himmel gerichtetes glanzendes Auge erhob sich betend fur ihn. Bange, leise, wehmuthig einander zulachelnd, und doch unfahig jeder ausgesprochnen Mittheilung ihres Gefuhls, wandelten in den nachstfolgenden Tagen Gabrielens Freunde neben einander her. Im Schlosse herrschte eine bange schwule Stille, wie vor einem Gewitter, und auch draussen war es so in der Natur. Alle Gipfel ruhten, kein Luftchen spielte in den goldigen Blattern, sie fielen von selbst leise und langsam, man horte das flusternde Rieseln ihres Niedersinkens, weil kein starkerer Ton durch den schweigenden Wald rauschte.

Gabriele blickte taglich aus ihrem Bogenfenster hinaus in die herbstliche Pracht, denn weiter zu gehen verstattete ihr ihre grosse, wenn gleich schmerzlose Mattigkeit nicht mehr. Mit jeder Stunde beinah sahen ihre Freunde die schone Blume bleicher und immer bleicher sich neigen, aber ihr Geist loderte immer sichrer und heller auf, ihre Theilnahme an dem Leben ihrer Freunde entwickelte sich immer freudiger. Diese durften sie jetzt fast gar nicht mehr verlassen, denn sie schien mit jeder Minute des Beisammenseyns noch geizen zu wollen und wendete alle ihr noch immer zu Gebote stehende Liebenswurdigkeit daran, sie alle so lange als moglich in ihrer Nahe festzuhalten. Ihr Auge wandte sich in dem kleinen Kreise mit unaussprechlicher Liebe von einem zum andern. Lachelnd suchte es den treuen Ernesto, der liebenden Freundin Muth und Licht in die Seele zu strahlen; dann ruhte es wehmuthig auf Hippoliten, der, ganz in sich verloren, sich und den Schmerz, und jede Klage, selbst Zukunft und Vergangenheit in ihrem Anblick vergass, wahrend Frau von Willnangen und Ernesto nur mit der muhsamsten Anstrengung aller ihrer Krafte ihrem tiefen Schmerz gebieten konnten.

Gabriele redete in diesen Tagen ungewohnlich viel von Ottokar, und von einer frohen Ahnung seines nahen Wiedersehens nach so langer Trennung. "Ernesto war nur sein Vorlaufer, gebt Acht, unversehens ist er da!" sprach sie mit einer eignen Art von Gewissheit, fur die sie doch selbst keinen rechten Grund anzugeben wusste, denn er hatte nur kurzlich geschrieben, und den Willen, Rom zu verlassen, auf keine Weise geaussert. Am dritten Morgen nach dem Todestage ihrer Mutter liess Gabriele etwas fruher als gewohnlich Hippoliten zu sich entbieten. Er eilte herbei. Alles im Zimmer hatte ein eignes festliches Ansehen. Wolkchen von Wohlgeruchen durchkrauselten es in blaulichem Duft, Gabriele schien auf ihrem gewohnten Sessel im Fenster wie in einer Blumenlaube zu ruhen, denn aller Schmuck des sinkenden Jahres stand in schonen Vasen zierlich um sie her geordnet und Blumen und Fruchte fugten sich im gefalligsten Vereine um ihre Umgebung zu verherrlichen. Die durch die herabgelassnen rothen Vorhange gemilderten Sonnenstrahlen verbreiteten ein lieblich-rosiges Scheinen im ganzen Gemach und liehen auch der bleichen Gabriele noch einmal den fluchtigen Schimmer der Gesundheit. Sie selbst hatte mit mehr als gewohnter Sorgfalt wie zu einem Feste sich schmucken lassen, ihre reichen Zopfe waren zierlicher aufgeflochten, ihre Locken umkrauselten die schone Stirn in gewahlterer Form, und ein weiter, kostbarer Shawl von himmelblauer Farbe umwallte in reichen Falten die im zierlichsten weissen Morgenkleide ruhende schlanke Gestalt. Nie war Gabriele schoner gewesen als in diesem Moment, doch war ihre Schonheit nicht mehr von dieser Welt.

Freundlich winkte sie dem Eintretenden, naher zu kommen. Er that es und sank unwillkurlich zu ihren Fussen hin, in Anbetung und Liebe verloren. Eine eigne Freudigkeit des Herzens hatte sich seiner bei ihrem Anblick bemachtigt, sie leuchtete aus seinen Augen, wahrend er bewundernd die Hochgeliebte betrachtete. "Hippolit," flusterte sie leise, "theurer, geliebter Hippolit! ja ich fuhle es, Sie werden durch ungestumen Schmerz die heiligste schonste Stunde meines Lebens mir nicht storen; sie ist die Krone unsers Daseyns, ihr darf keine andre folgen. Auch gehore ich den Lebenden nicht mehr an; erschrick nicht so uber dieses Wort, erschrick nicht, dass ich gewiss weiss, ich werde die Sonne, die jetzt uns leuchtet, nicht mehr sinken sehen."

Mit einem kaum unterdruckten Schrei fuhr Hippolit in die Hohe, der Thure zu, als wolle er Beistand, Hulfe herbei rufen oder suchen, doch ihre sanfte Gewalt, ihr flehendes Auge und die innre Ueberzeugung, dass jeder Versuch, zu helfen, hier nur qualend misslingen konne, zogen ihn wieder zu ihren Fussen hin. Sein starrendes Auge, sein Beben, sein todtliches Erbleichen machten ihn einem Sterbenden weit ahnlicher als Gabriele es war.

"Erwache, o erwache," rief sie, "geliebtester aller Menschen, erwache und segne mit mir diese Stunde, die den lange gehegten einzigen Wunsch meines Herzens, den Lohn alles meines Strebens mir gewahrt. Die Sterbende darf gestehen, was der Lebenden strenge Pflicht war, tief in der Brust, unter unsaglichen Schmerzen zu vergraben."

Ihr Auge strahlte von neuem himmlischen Feuer, ihre Wangen farbten sich, alle ihre Zuge verklarten sich zu unaussprechlicher Schonheit. "Ja Dich, Dich habe ich geliebt!" sprach sie mit vor Entzucken bebender Stimme, "Dich liebe ich, Dich allein, Du Einziger, Geliebtester, Du mein Hippolit, nur Dich! ich liebe Dich wie Du mich liebst, und lange schon trage ich Dein Bild im Herzen. Ich sterbe, weil ich Dich liebte, ich sterbe begluckt, dass ich nur einmal mein Herz Dir offnen darf, entzuckt, begluckt, und nun lass mich enden. Die Erde beut mir nichts mehr nach dieser Stunde, die alle meine Fesseln zerreisst! Ich darf dem Leben nicht mehr angehoren, aber ich gehore Dein! Dein! von nun an, und an diesen Moment granzt eine wonnevolle Ewigkeit!"

Das seligste Entzucken, der zerreissendste Schmerz, Gabrielens geliebte Stimme rief Hippolit schnell wieder zu klarem Bewusstseyn; in Thranen, Seufzern, Blicken mehr noch als in Worten, tauschten die Liebenden alles Weh und alle Wonnen ihres Daseyns gegen einander aus. Die Stunde, die sie so mit einander zubrachten, gehort nicht ins irdische Leben, keine Vergangenheit, keine Zukunft begranzt sie; sie steht da, einzig, fur sich allein gleich der Ewigkeit, jedem Versuch, sie zu schildern, unerreichbar. Es war stille im Zimmer geworden, ganz still. Ernesto trat leise herein, ihm folgte Frau von Willnangen. Die Geschichte eines grossen unverhofften frohen Ereignisses glanzte in Beider Augen, schwebte sichtbar auf Beider Lippen. Sie fanden Hippoliten auf dem Taburett neben Gabrielens Sessel knieend, ihr Haupt ruhte an seiner Brust, einer ihrer Arme hielt ihn umschlungen, die Hand des andern hielt er in der seinen, ein liebes Lacheln umspielte ihre Lippen, sie schlummerte tief und suss. Hippolit regte sich nicht beim Eintritt seiner Freunde. Sie winkten ihm, sie riefen leise seinen Namen, er achtete nicht darauf oder ward es nicht gewahr. Endlich nahte sich ihm Frau von Willnangen leise und behutsam. "Sie schlaft," flusterte sie, "wie sanft, wie fest, doch auch wie unbequem; sehen Sie, wie ihr Arm, ihre Wange gedruckt werden." Mit diesen Worten versuchte sie es, Gabrielen mit grosser Sorgfalt, wie ein unter Spielen eingeschlummertes Kind, zuruck in die Kissen zu legen. Es gelang. Hippolit liess es ohne Widerstand geschehen, und Gabriele erwachte nicht.

Ernesto nahte und zog Hippoliten in die fernste Ecke des Zimmers, Frau von Willnangen blieb gleich einer uber die Wiege ihres kranken Kindes gebeugten Mutter neben Gabrielen stehen und bewachte ihren Schlummer; Hippolit folgte gelassen dem Freunde, wohin er ihn fuhren wollte.

"Gabrielen steht beim Erwachen eine grosse Erschutterung bevor," flusterte Ernesto Hippoliten mit freudig glanzenden Augen zu. "Da gilt es Vorsicht und die sorgsamste Behutsamkeit. Lieber Hippolit! weiss ich doch kaum wie ich Dir es entdecken soll. Gabrielens Prophezeihung ist eingetroffen, Ottokar ist wirklich da und harrt der Erlaubniss, ihr zu nahen. Was er bringt, wird sie weit spater, nach und nach erfahren mussen; es ist ein Gluck, aber es wird ihr sanftes Gemuth doch verwunden. Ottokar kommt von Pisa. Lieber Hippolit! Moritz ist gestorben, ach! nun kann alles noch sehr gut werden, und "

"Gabriele ist tod!" schrie Frau von Willnangen mit dem klanglosen Tone des wildesten Schreckens, und sank neben ihr hin. Was lasst sich von den Ueberlebenden ferner sagen? Allein, von niemanden gesehen, verweilte Ottokar eine Weile neben der geliebten Todten, der untergesunknen Sonne seiner Jugend; dann schloss er den unglucklichen Freund in seine Arme, der bewusstlos und starr ohne Thranen, ohne einen Laut, kaum noch dem Leben anzugehoren schien. Seinen mit ihm gekommnen Sohn ubergab Ottokar dem treuen Ernesto, und bat ihn, den armen, mit den Weinenden angstlich weinenden Knaben zuruck nach Rom zu begleiten, dort seiner Zuruckkunft zu harren. Er selbst nahm den durchaus in nichts widerstrebenden Hippolit an seine Brust, fuhrte ihn in den noch dastehenden Reisewagen, in welchem er eben gekommen war, und fuhr mit ihm fort, gleichviel wohin.

Man sagt, Ottokar sey nach etwas mehr als Jahresfrist traurig und ganz allein wieder in seinem Hause in Rom angelangt, eben noch fruh genug, um den treuen Ernesto zur Piramide des Cestius zu geleiten.

Fussnoten

1 Nimm das letzte Pfand meiner Liebe

Freiheit und Tod.

Aus Virginia, Trauerspiel von Alfieri.

2 Dem Schmerze lacheln.