1820_Ahlefeld_001 Topic 3

Charlotte von Ahlefeld

Erna

Kein Roman

Seiner Koniglichen Hoheit

dem Herrn

Erbgrossherzog zu Sachsen-Weimar

und Eisenach, etc.

ehrerbietig gewidmet.

I

Ein liebes Madchen sollst Du heute kennen lernen, Alexander, sagte die verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen, einem zwanzigjahrigen Husarenoffizier, der aus der Residenz gekommen war, sie in der Landstadt zu besuchen, in der sie wohnte. Das ware eine Parthie fur Dich. Gut, hubsch, sehr verstandig, wohlerzogen und reich liebes Kind, was konntest Du mehr verlangen? Das sind furwahr Eigenschaften, die eine gluckliche Ehe grunden.

Ehe? antwortete Alexander lachend. Dafur, hoffe ich, soll mich der Himmel mein Leben lang bewahren. Nein, Tante, d i e L i e b e ist eine Fruhlingssonne, die das Daseyn warmt, und duftende Blumen hervorlockt d i e E h e aber ein Maienfrost, unter dessen feindseeligem Einfluss sie wieder erstarren. Ungebunden, nur mir selbst angehorend, will ich des Lebens sussen Reiz geniessen, und nie mein Haupt jenem Joche darbieten, dessen Schwere nicht allein die Freiheit, sondern auch das Gluck erdruckt.

So hat die Verdorbenheit grosser Stadte auch D e i n e Grundsatze schon vergiftet, versetzte die Generalin. O Alexander, lass Dich doch nicht irre leiten von der sittenlosen, versunkenen Menge, die der ehrwurdigsten Gefuhle spottet, weil in ihrer kraftlosen Brust kein Raum mehr dafur ist. Eine fruhe Verbindung mit einem achtungswerthen weiblichen Geschopf ware ganz gewiss ein sicheres Mittel, Dich in diesem Schwarm rein Dir selbst zu erhalten soll ich nicht wunschen, dass Du es ergreifen mochtest? Ernestine, oder Erna, wie wir gewohnt sind, sie zu nennen, die ich langst fur Dich im Sinne hatte, ist die einzige Tochter einer meiner Freundinnen, der Frau von Willfried, die das hier unmittelbar an die Stadt granzende Landguth Seedorf bewohnt. Wiewohl noch nicht vierzehn Jahr alt, verspricht dies hoffnungsvolle Kind doch ein Muster weiblicher Liebenswurdigkeit zu werden. Es fehlt ihr nichts bei den vollkommensten, zum Theil schon entwickelten Anlagen, als ein gewisses Selbstvertrauen, das ihre Schuchternheit nicht aufkeimen lasst. Sie ist so bescheiden, so wahrhaft demuthig, dass sie keine Ahnung davon hat, wie viel sie seyn konnte, wollte sie ihren Werth geltend machen. Nur wer sie so genau kennt wie ich, wird sie ganz verstehen, aber sie verdient das Studium ihres Charakters, und wahrlich, es belohnt sich, denn nie wohnte ein reineres, heiligeres Gemuth in einer lieblicheren Hulle.

Sie machen mich ganz neugierig, liebe Tante, unterbrach sie Alexander scherzend. Ich bin ein Freund der jungen Rosenknospen, deren erstes zartes Roth zwischen frischem Fruhlingsgrun hervordammert, und oft in dem Versprechen eines herrlichen Entfaltens schon eben so schon ist, als in der Bluthe selbst. Gern werd' ich mich an dem reizenden Anblick weiden, und will das holde Roschen f u r m i c h bluhen, mich an seinem sussen Duft ergotzen. Aber es a u f e w i g in meinen Lebenskranz winden, nein Tante, das vermag ich nicht, und ware es auch vollig dornenlos, und geradeswegs aus Eden entsprossen.

Leichtsinniger! sprach die Generalin sehr ernst, wenn Du auch s c h e i n b a r oder w i r k l i c h doch hoff ich, nur das e r s t e r e , den Sinn fur Lauterkeit und reine Sitten verloren hast, so wirst Du doch nicht vergessen, welch' hohe Achtung der Unschuld gebuhrt. Ich erwarte daher wenigstens, dass Du d i e T o c h t e r m e i n e r F r e u n d i n nicht zum Spielwerk mannlicher Koketterie und frivoler Eroberungssucht wahlst, und der Ruhe ihres Herzens schonst, wenn Du auch, ihrer Reinheit wegen, sie vielleicht mit Recht zu hoch uber Dir erblickst, um an eine Verbindung mit ihr denken zu mogen.

Alexander sah, dass seine Tante aufgebracht war. Er kusste schmeichelnd ihre Hande, und versicherte ihr mit all der einnehmenden Anmuth, die ihm eigen war, dass seine Aeusserungen bei weitem nicht so ernstlich gemeint seien, als sie ihr schienen, und dass wenn er sich auch noch fur viel zu jung zum Heirathen halte, er doch gewiss ihrer mutterlichen Absicht, so wie den Verdiensten ihres unbekannten Lieblings volle Gerechtigkeit widerfahren lasse.

II

Es gelang ihm, die Erzurnte wieder zu versohnen, denn es war schwer, seiner hinreissenden Freundlichkeit, und seinen liebkosenden Bitten zu widerstehen.

Selten hatte die Natur einen Jungling so verschwenderisch ausgestattet, als ihn, den bei hellem Geist und warmen, raschem Gefuhl die Vorzuge einer bezaubernden Gestalt schmuckten.

Sorgsame Leitung uber die Untiefen und Klippen der grossen Welt hatte gewiss aus ihm einen der trefflichsten Manner gebildet aber schon in der fruhsten Jugend sich selbst uberlassen, und mit offnen Sinnen und ungebundner Freiheit den gerauschvollen Zerstreuungen einer der uppigsten Residenzen Deutschlands hingegeben, war durch die Macht des Beispiels hingerissen die Reinheit seines Gemuths unter den Lockungen der Verfuhrung und der eigenen Sinnlichkeit langst schon verloren gegangen. Nicht die Aegide der Tugend, sondern nur die Feinheit seines Geschmacks schutzte ihn mitten in der Fulle des Leichtsinns und des Uebermuths vor dem Versinken in zugellose Ausschweifungen, die das Bessere im Menschen unwiederbringlich vernichten.

Aus diesem immer verderblicher werdenden Rausch der Sinne, dem er sich mit der ganzen Heftigkeit seines leidenschaftlichen Charakters hingab, wurde, wie seine Tante sehr richtig meinte, eine edle Liebe ihn wohlthatig geweckt haben. Aber dies Gefuhl war ihm bisher noch fremd im Leben geblieben, deshalb konnte er den heiligen Einfluss desselben nicht anerkennen, ja nicht einmal ahnen. Sich dem gauklenden Schmetterlingsschwarm zuzugesellen, der die blendendsten Koketten der Residenz umflatterte und ihm durch die Ueberlegenheit seiner glanzenden und einschmeichlenden Eigenschaften den Rang abzulaufen, um nach erlangtem Siege sich schnell nach einem neuen Gegenstand seines Verlangens umzusehen, war bisher der Cyklus seiner Beschaftigungen und das stete Ziel seiner Bemuhungen gewesen, in dessen Erreichung seine Eitelkeit Befriedigung fand, wenn auch das Herz leer blieb. Ihn erwarmte bei so unwurdigen Unternehmungen nicht jene reine Flamme wahrer Empfindung, die selbst Verirrungen adelt, welche sich auf ihre Innigkeit grunden, sondern es war ein eingeheitztes Feuer, mit dem er sich und andern in thorichter Verblendung weis machte, dass er gluhe, wahrend er eigentlich sehr oft nur kalte Geringschatzung fuhlte.

So war es sehr naturlich, dass neben der Unschuld seines Herzens auch die gute Meinung unterging, die der Mann durchaus von den Frauen haben muss, wenn er ihnen seine hohere Ausbildung und sein Gluck verdanken soll, und er glaubte, gleich den Gefahrten seiner Luste an keine weibliche Tugend mehr, da es ihm immer noch gelungen war, eine jede, die sich ihm dafur ausgab, zu zerstoren. Er hatte d e n S c h e i n in seiner ganzen Nichtigkeit erforscht, und daruber d e n G l a u b e n a n d i e W a h r h e i t verloren. So sehr er daher auch der Schonheit huldigte, wo er sie fand, so dunkte ihm doch die Glorie der sittlichen Reinheit mit der er sie sehr oft umgeben fand, nur ein gemeines Irrlicht, auf Sumpfen erzeugt, um zu tauschen und zu locken, und er betrachtete es als eine unumganglich nothwendige List, sie scheinbar zu ehren, um mit Hulfe dieser Verstellung und einer erheuchelten Achtung sich seine Eroberungen leichter zu machen, und Maske mit Maske zu vergelten.

III

Die Gesellschaft, welche die Generalin ihrem Neffen zu Ehren eingeladen hatte, und unter der er die ihm von ihrer mutterlichen Fursorge bestimmte Braut finden sollte, fing an sich zu versammeln. Aber so manche Mutter auch mit ihrer bluhenden oder verbluhten Tochter hereintrat durch keine wurden die ausgezeichneten Lobspruche gerechtfertigt, mit welcher seine Tante wenigstens seine Neugier in Hinsicht Erna's Bekanntschaft gereitzt hatte.

Endlich erschien eine bleiche, abgezehrte Matrone, gefuhrt von einem jungen Madchen, das durch die zarteste Sorgfalt im Benehmen, und eine vollig auf ihre kindlichen Pflichten beschrankte Aufmerksamkeit auch ohne Worte aussprach, dass sie die Wurde des Berufes fuhle, ihrer dem Grabe entgegen krankelnden Mutter a l l e s zu seyn.

Dies entsprach allerdings, die Gute und Dankbarkeit ihres Herzens verburgend, der Schilderung, die die Generalin von ihren moralischen Eigenschaften gemacht hatte. Aber s c h o n war sie nicht und doch hatte sie auch ihr Aeusseres als sehr vortheilhaft geruhmt. Er erwartete daher s e i n Ideal jugendlicher Schonheit uppig in der Seele tragend eine volle, feurig in der Fulle der Gesundheit sich dem Leben offnende Bluthe zu sehen, die, wie mit Liebesarmen an jede irrdische Freude sich fest schlingend, nur Frohlichkeit und Muthwillen athmete. Statt dessen erblickte er ein Wesen, zart und atherisch er nannte es mager in dem der leise Uebergang vom Kinde zur Jungfrau noch nicht harmonisch verschmolzen war, und sie demnach weder als das eine noch als die andere erscheinen liess. Dabei einen Ernst, der ihren Jahren so wenig in seinen Augen kleidete, wie der Doctorhut einem Knaben und in dem ganz eigenen Ausdruck ihres Gesichts, auf welchem nicht die Rosen der ersten Jugend, sondern der blasse Mondschein einer fast uberirdischen Verklarung ruhte, stilles Nachdenken, Ruhe und Resignation statt des Aufblitzens uppiger Lebenskraft und kindlicher Heiterkeit, denen er zu begegnen hoffte.

Sie hatte ihre Mutter sanft zu einem Sopha geleitet, und nachdem sie Sorge getragen, sie mit alle den kleinen Bequemlichkeiten zu versehen, die ihre Schwache ihr zum Bedurfniss machten, zog sie sich zu den ubrigen jungen Madchen zuruck, in deren Kreis sie sich so anspruchslos verlor, wie das Veilchen sich im Wiesengrund verbirgt.

Alexanders Augen folgten ihr. Noch immer konnte er die Reize nicht wahrnehmen, die seine Tante als ausgezeichnet erwahnt hatte. Erna war gross fur ihr Alter, aber schneller Wachsthum, schien es, hatte ihrer Gestalt noch nicht gestattet, jene wohlgefallige Rundung zu gewinnen, die zu einem richtigen Ebenmaas gehort. Ihr reiches, castanienbraunes Haar war in Flechten zusammengedrangt, kunstlos um das Haupt gewunden. Dunkler noch contrastirten die hoch gewolbten, schmal geformten Augenbraunen und die langen, einem Trauerschleier gleich den gesenkten Blick verhullenden Wimpern mit der seltenen Weisse ihres Teints, aber es fehlte das warme, frische Roth der belebenden Jugendglut, das nur auf den zarten, fest verschlossenen Lippen anzutreffen war. Ihre Zuge waren fein und edel gebildet, und insbesondere trug die Stirn den Stempel hoher Unschuld und Reinheit doch das Ganze sprach seinen an schimmernden Farbenschmelz und an Flittergold der Kunst gewohnten Sinn so wenig an, wie im bunten Blumenbeet des Fruhlings die farblose Lilie.

Um zu untersuchen, ob seine Tante auch in Hinsicht i h r e s G e i s t e s das von ihr gefallte Urtheil ubertrieben habe, trat er ihr naher, und mit jener Gewandheit und Leichtigkeit, die das immerwahrende Leben in der grossen Welt giebt, wollte er eine Veranlassung suchen, sie anzureden.

Als er nun aber vor ihr stand, und sie das bisher gesenkte Auge erhob, dem seinen begegnend, da begrussten ihn, gleich dammernden Schatten der Vorzeit die langst nicht mehr empfundenen Regungen schuchterner Blodigkeit und sussen Bangens, und er fuhlte sich von ihrem grossen, ruhigen und klaren Blick tief und wunderbar ergriffen.

Solche Augen das konnte er sich nicht ablaugnen, hatte er niemals noch gesehen. Sie trugen den Himmel in ihrer herrlichen Tiefe, und sprachen in lichtheller Klarheit eine Treue, einen Seelenadel, eine Reinheit aus, vor denen selbst sein frivoler Sinn sich beugte.

Doch lange blieb es ihm nicht vergonnt, sich in ihrem Anschauen zu verlieren, denn Verlegenheit, die ihre bleichen Wangen plotzlich mit dem sanften Anhauch einer zarten Rothe farbte, verhullte schnell mit der sussen Nacht der langen Wimpern den Himmelsglanz, der ihm so leuchtend in die Seele drang. Wahrscheinlich hatte Erna von ihrer Mutter die Weisung empfangen, ihn mit besonderer Auszeichnung zu begegnen, und die schwache Frau, die kein Geheimnis vor der geliebten Tochter verbergen konnte, hatte den mit der Generalin fruher besprochenen Plan einer Verbindung zwischen ihr und Alexander, ihr als Perspective ihrer Zukunft gezeigt.

IV

In ihrer Verwirrung fand er sehr bald seinen Muth und seine Gegenwart des Geistes wieder. Es fing seine Eitelkeit an zu interessiren, sich die Entscheidung der Frage zu verschaffen, ob Erna etwas wisse von dem Plan der beiden alten Frauen, oder ob seine Personlichkeit allein sie so sichtbar imponirt habe.

Denn es war nicht zu verkennen, dass sie von seiner Anrede gleichsam electrisirt, alle Fassung verlor, und in ihrer linken, bloden und verlegenen Antwort weniger ihre geistige Beschranktheit als eine tiefe Betroffenheit des Herzens verrieth. Er gonnte ihr Zeit, sich ein wenig zu sammeln, und erneuerte dann wieder seine Versuche, ihr Rede abzugewinnen, aber neues gluhendes Errothen, von leisem Beben und einzelnen abgebrochenen, kaum horbaren Worten begleitet, scheuchten ihn abermals zuruck, und erst als er sich nicht mehr um sie zu bekummern schien, erlangte sie ihre Ruhe und Unbefangenheit wieder.

Ob sie nun gleich, trotz der wunderschonen Augen, denen er volle Gerechtigkeit widerfahren liess, weit unter seinen Erwartungen und Wunschen blieb, so schmeichelte es ihm doch, den tiefen Eindruck zu bemerken, den seine Erscheinung auf ein so vollig n e u e s unerfahrenes Herz gemacht hatte, und er beschloss, sich damit zu belustigen.

Um der schuchternen Taube einigermassen Zutrauen einzuflossen, verbarg er die Habichtsklauen seines Leichtsinns, und stellte sich ernst, fromm und sinnig an. Ohne durch seine Nahe ihr leicht bewegtes Gemuth angstlich aufzuregen, wusste er doch die Ueberzeugung wach in ihr zu erhalten, dass seine Aufmerksamkeit theilnehmend mit ihr allein beschaftigt sei, und sie vor allen ihren Gespielinnen auszeichne. Die Verehrung, mit der er ihre Mutter behandelte, und die bescheidne liebliche Art, mit welcher er sie zu unterhalten und zu erheitern strebte, erwarb ihm nicht nur den Beifall der Matrone, sondern flosste auch Erna die vortheilhafteste Meinung von seinem Charakter ein, die den gunstigen Eindruck seiner einnehmenden Gestalt verstarkte. Seine Tante selbst war entzuckt uber sein Betragen, und konnte es kaum erwarten, ihn allein zu sprechen, um ihm ihre Zufriedenheit zu bezeugen, und sein Urtheil uber Erna zu vernehmen.

Alexander hatte durch seine fruhere, ubel aufgenommene Freimuthigkeit erfahren, dass es bedenklich sei, ihr ganz offen seine innersten Gedanken und Gefuhle darzulegen, und da es seine Absicht war, sie nicht abermals zu erzurnen, so unterdruckte er seine satyrischen Bemerkungen, und verbarg ihr, wie lacherlich er das gute Kind in seiner landlichen Unbeholfenheit und Schuchternheit fand.

Er begnugte sich daher, nur im Allgemeinen sich zu aussern, und sehr gemildert und oberflachlich seine wahre Meinung auszudrucken. Gern glaub ich, beste Tante, sagte er, dass in dem Fraulein die Keime aller moglichen Tugenden verborgen liegen, aber es wird schwer halten, sie an's Licht zu befordern, da ihre Blodigkeit doch wirklich alle Granzen ubersteigt. Bei dem sorgsamsten, und gewiss nicht zudringlichen und unzarten Bestreben, mit ihr in irgend eine Art von Beziehung zu kommen, hat mir der heutige muhevolle Abend doch kein anderes Resultat gebracht, als dass ich weiss wie sie errothet. Sie ist fur jetzt, sich und andern, wie mir scheint, noch ein blosses Fragzeichen im Leben, eine mimosa pudica, die bei der leisesten Beruhrung krampfhaft zusammenfahrt, und man sollte glauben, dass eine Monchszelle in Georgien sie erzeugt habe, so gesenkten Hauptes, gleichsam gebeugt, wandelt sie einher. Dort, wo die Monche in nicht vollig vier Fuss hohen Zellen wohnen, um eine demuthige Stellung sich anzugewohnen, mag ein solcher Anstand auch ganz an seinem Platze seyn. Hier aber unter uns in froher Geselligkeit, und fern von aller klosterlichen Disciplin war es vortheilhafter und vernunftiger, wenn sie das pikante Gesichtchen ein wenig erheben wollte besonders, da ein paar Augen es schmucken, wohl werth, dass man in ihren Strahlen sich sonnet.

Die Generalin war vorlaufig mit seiner Charakteristik zufrieden, denn sie musste im Geiste zugeben, dass er Recht hatte. Auch sie fand heute ihre sonst so ruhige Erna so ungewohnlich verschuchtert und verlegen, dass sie sie kaum selbst erkannte. Sie wollte jedoch der Eigenliebe des ohnehin eitlen Junglings nicht durch die Entdeckung schmeicheln, dass s e i n Anblick die Ursach einer so auffallenden Verwandelung sei, und uberliess es der Zeit, und Erna's Reizen des Korpers und der Seele, den Flatterhaften zu fesseln, und mit der Unbehaglichkeit des ersten Empfangs zu versohnen.

V

Die Stadt, in welcher die Generalin lebte, gehorte zwar eben nicht zu den grossten, und war keineswegs frei von den kleinlichen Fehlern eines Tons, der sich oft durch Neugierde und Geschwazzigkeit von dem Pfade edlerer Unterhaltung entfernte, aber an munterer Geselligkeit gab sie der Residenz nichts nach, denn mehrere Beamte, und wohlhabende Honoratioren bildeten mit dem zahlreichen Adel der umliegenden Gegend einen weiten Kreis, der sich sehr oft versammelte, sich vereint des Lebens zu freuen.

Die Generalin war mit allen in gutem Vernehmen, doch ihr liebster Umgang beschrankte sich auf Frau von Willfried, deren ohnehin sanfter Charakter durch die fromme Geduld, mit der sie eine bestandige Kranklichkeit trug, noch weicher und anziehender wurde.

Sie hatten gemeinschaftlich ihre Jugend in der grossen Welt zugebracht, und so manche Erinnerung der Vergangenheit, die jetzt ihre Einsamkeit wurzte, gab ihnen reichen Stoff der Mittheilung im traulichen Beisammenseyn, indem sich durch sie das Andenken jener Zeit ihnen erneuerte.

Ein noch innigeres Band webte aber Erna zwischen ihnen, die gleichsam von z w e i Muttern gepflegt und geliebt, und b e i d e mit Liebe und Gehorsam umfassend, schon in der fruhsten Kindheit ein herrliches Gemuth neben ausgezeichneten Geistesgaben ahnen liess.

Die Generalin hatte keine Kinder, und Alexander, der einzige hinterlassene Sohn ihres fruh verstorbenen Bruders sollte einmal in Zukunft ihr Erbe werden. Doch war diese Verfugung mehr ein Werk der Pflicht als der Neigung, denn sie hatte ihn seit seinem zehnten Jahr aus den Augen verloren, und wenn sie auch von allen Seiten horte, er sei zu einem schonen, frohen, geistreichen Jungling heran gebluht, der allenthalben warmen Antheil erwecke, und wie man zu sagen pflegt Gluck mache, so mischte sich doch auch manche Kunde von seinem Leichtsinn, dem aufbrausenden Ungestum seines Charakters und seinem an Libertinage granzenden Hang zum uppigsten Lebensgenuss als dunkler Schatten in das schimmernde Bild seiner Liebenswurdigkeit, und die Briefe, die sie von Zeit zu Zeit von ihm empfing, bestatigten ihr durch manchen charakteristischen Zug, dass Lob und Tadel uber ihn gegrundet sei.

Einsam, und unbekannt mit Freuden und Gespielen ihres Alters, war Erna neben ihr aufgewachsen, und hatte oft durch ihre stille, sich selbst nicht einmal bewusste Gute, durch ihre Innigkeit und kindliche Hingebung, die nie auf sich, immer nur auf das Wohl anderer, Rucksicht nahm, den Wunsch erregt, dass die Natur sie ihr zur Tochter verliehen haben moge.

Der immer leidende Zustand der Frau von Willfried, hatte ihre Reizbarkeit so unendlich erhoht, ihr Empfindungsvermogen so krankhaft gescharft, dass sie die Entfernung ihres einzigen geliebten Kindes, auch nur auf Stunden, nicht ertragen konnte. Daher, und weil eine tiefe Stille in ihrer Umgebung ihr bei ihren schwachen Nerven Bedurfnis war, wurde Erna ausgeschlossen von den munteren Kreisen anderer Kinder, und ihr Gemuth, das die Sonne des Frohsinns nur selten durchscheinen durfte, neigte sich zu einem unnaturlichen Ernst, an dem es fruher reifte als die eigentliche Bestimmung des Menschen es haben will.

Es war ihr nicht entgangen, dass man das stete Krankeln ihrer Mutter von den Folgen der schweren Niederkunft ableitete, durch welche ihr das Daseyn gegeben worden war. Diese traurige Entdeckung legte ihrem tief fuhlenden Herzen, das schon durch die unbegranzte Fulle der Mutterliebe, die sie erfuhr, zu der innigsten Dankbarkeit verpflichtet war, das druckende Gewicht eines inneren Vorwurfs auf, dessen Schwere ihr nur eine vollige Aufopferung eigener Freuden und Wunsche, und das Bestreben, g a n z ihren kindlichen Pflichten zu leben, erleichtern konnte.

Diese Tendenz, die ihr als der heiligste Beruf vorschwebte, theilte ihr, indem sie die angebohrene Lebhaftigkeit ihres Innern dampfte und gewissermassen mit einem Flor umhullte, auch in der ausseren Form jene leise Stille mit, die in allen ihren Bewegungen Gerausch zu vermeiden gewohnt, immer nur zu lindern, zu helfen und zu tragen bemuht ist. Wie der Engel der Geduld und der stillen klaglosen Resignation war sie stets um ihre Mutter, und leistete mit zarter liebevoller Hand ihr alle Pflege, die sie bedurfte. Sie wurde in ihrem Beisein unterrichtet, sie las ihr vor sie genoss die frische Luft und die bunten Abwechselungen der Jahreszeiten nur an der Seite der Leidenden, wenn sie statt mit den Lammern der Wiese um die Wette umher zu springen gehaltenen Schrittes sie hinaus fuhrte, um mitten in der bluhenden Natur sie von der Verganglichkeit alles Irrdischen, von ihren Schmerzen und Todesahnungen sprechen zu horen.

So wurde ihr jugendlich knospendes Leben fruh von einer Schwermuth verschattet, die nur durch den stillen Frieden gemildert ward, den das Bewusstseyn erfullter Pflichten gewahrt. Ihre nie ermudende, treue Sorgfalt fur ihre Mutter war ihr der mit inniger Liebe klar erschaute Mittelpunkt, von welchem all' ihr Wollen und Wirken ausging, und zu dem es wieder zuruckkehrte. Wohl dammerten zuweilen in ihrer Seele Ahnungen einer freudigeren Welt auf, als sie rings um sich erblickte, aber ihre Sehnsucht strebte nicht uber die scharf gezogene Granzlinie hin, die sie davon schied und ein stilles Genugen, das sie im Busen trug, versohnte sie fromm und ergeben mit ihrer einformigen und ernsten Existenz.

VI

Ein Ball, der Alexandern zu Ehren gegeben werden sollte, eroffnete seiner Eitelkeit die willkommene Aussicht, zu glanzen, da der Tanz zu den Kunsten gehorte, die er in der hochsten Vollkommenheit sich angeeignet hatte. Seine schone Gestalt, sein edler Anstand, seine jugendliche Leichtigkeit und der ihm gleichsam angeborene Tact bildeten ein Gemisch von Anmuth und mannlicher Grazie in seinem Wesen, das sich in jeder Bewegung so wie in seiner ganzen Haltung aussprach.

Alles war versammelt auch Erna fehlte nicht. Doch vergebens suchte sie sein Blick in der munteren Reihe, als er, der Convenienz folgend, den Ball mit der Tochter des Hauses begann. Sie sass neben ihrer Mutter unter den Zuschauerinnen, und folgte mit denkenden, ruhigen Augen dem bunten Gewuhl ohne sich in seine Kreise zu mischen. Auch ihre Kleidung war ihm auffallend. Verhullt von den Sohlen bis zum Kinn in ein dichtes weisses Gewand, hatte es nur noch eines Schleiers uber das dunkle Haar und das ernste Gesicht bedurft, um sie in eine Bildsaule der Ists umzuwandeln, zu deren Ehrfurcht gebietender Wurde Scherz und Muthwillen sich nicht zu erheben wagten.

Als der erste Tanz geendigt war, nahte er sich ihr, sie zum zweiten aufzufordern. Mit einem ihm freudig scheinenden Errothen nahm Erna seine Bitte auf, jedoch ohne sie zu gewahren. Sie sagte ihm namlich, dass sie nie getanzt, und auch nie Unterricht in dieser Kunst gehabt habe, weil die auf dem Lande so seltene Gelegenheit, sie zu erlernen, sich gerade zu einer Epoche getroffen, als ihre Mutter besonders leidend gewesen sei, daher es ihr sowohl an Zeit als an Lust gemangelt habe.

Da nach dieser Erklarung seine Blicke, so wie seine Unterhaltung sie wieder in jene Verlegenheit versetzten, die ihm in ihrer Seele so peinlich war, so brach er ab, und kehrte zum Tanz zuruck, dessen Freuden er sich mit der ganzen Lebendigkeit seines Charakters uberliess. Von Zeit zu Zeit sagte ihm aber ein Blick, den er auf Erna warf, und dem jedesmal ihr Auge begegnete, das sie dann von dem seinen ergriffen, voll Verwirrung senkte, dass sie, ohne mit ihm zu tanzen, doch nur mit ihm beschaftigt sei.

Er suchte ihr diesen schweigenden Antheil durch manche zarte Aufmerksamkeit zu vergelten, theils, um sich das Wohlwollen seiner Tante zu erhalten, das auf einer freundlichen Hinneigung zu Erna hauptsachlich zu beruhen schien, theils weil es wirklich seiner Eigenliebe schmeichelte, das keimende Interesse zu bemerken, das er, immer zunehmend in dem jungen unerfahrenen Busen erweckte. Die Gesellschaft, welche vielleicht schon vorher von einer vorhabenden Verbindung gehort hatte, die man beabsichtigte, behandelte die Auszeichnung, mit der er ihr begegnete, als den Tribut einer privilegirten Bewerbung, und war bemuht, beiden jene schonenden Rucksichten zu beweisen, durch die man gewohnlich einem angehenden Brautpaar Gelegenheit giebt, sich einander ungestort zu nahern. Kein Wunder, wenn Erna's argloses, zum erstenmal von der Liebe wie von einem sussen Rausch befangenes Herz anfing, dem Traume des Glucks Realisirung zuzutrauen, in den die offenen Mittheilungen ihrer Mutter, die Anspielungen ihrer ganzen Umgebung, und vor allem Alexanders ehrerbietig inniges Betragen sie wiegte.

VII

Auch Frau von Willfried ordnete ein landliches Fest in Seedorf an, Alexandern zu erfreuen, und hier, im gewohnten Kreise, thatig an der Mutter Statt die Pflichten der Hausfrau ausubend, erschien Erna vortheilhafter, als in den Circeln, wo sie als Gast auftrat. Denn hier, in Geschaftigkeit und freundlicher Fursorge sich selbst vergessend, schwand die Verlegenheit welche dort so leicht ihr ihre Unbefangenheit raubte. Haus und Garten waren nicht eben gross, aber der stille Geist der Ordnung, der allenthalben waltete, schien jeden Raum zu erweitern und zu erhellen, und heiter das Gemuth ansprechend, begegneten uberall in sinniger Anordnung dem Auge Spuren des nutzlichen Wirkens und der verschonernden weiblichen Umsicht, die mit Bescheidenheit verbunden dem hauslichen Leben einen so liebenswurdigen Charakter ertheilen. Auch dass Wohlwollen und menschenfreundliche Gute hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten, verrieth unwillkuhrlich der Ton des Ganzen, obgleich Erna sichtbar strebte, die unendliche Innigkeit mit der alle Hausgenossen ihr begegneten, den Blicken der Fremden zu entziehen, da sie ihrer Demuth nicht als ein Zoll, der ihrem inneren Werth gebuhrte, sondern als eine unverdiente Gunst erschien. Menschen und Thiere huldigten hier nur ihr, und zwar nicht als stolze Herrin, von deren gebietender Willkuhr sie abhingen, sondern Milde und Gute umwebten sie gleichsam mit einer Glorie, in deren Strahlen sich Lieb und Zutrauen gerne sonnete.

Es sah fast lacherlich aus, als man zu einem Spaziergang sich anschickte, und das Fraulein auf Befehl ihrer Mutter an Alexanders Arm als Wegweiserin den Zug eroffnete, dass der ganze Huhnerhof in Bewegung gerieth, und mit ausgespreiztem Gefieder, schnatternd, krahend, gluchzend und pipend, wie die Verschiedenheit der Naturen nun eben wollte, theils empfangener Wohlthaten eingedenk, theils neue Spenden von Erna's freigebiger Hand erwartend hinter ihr drein lief, bis sie, schnell zuruckeilend, und ein Korbchen mit Waizen holend, die zudringlichen Begleiter seitwarts lockte, um wahrend des augenblicklichen, sinnlichen Genusses, den sie ihnen streute, ungehindert ihren freundlichen Verfolgungen zu entkommen.

Weniger leicht abzuweisen waren die Tauben, die von ihrem Schlage leise in malerischen Schwingungen herabschwebten, ihre Gonnerin umkreiseten, sich ihr auf die Schultern setzten, oder dreist zu ihren Fussen niederliessen, und als sie sanft seitwarts geschoben wurden, sich wieder erhoben, um einige Schritte weiter dasselbe Schauspiel zu erneuern.

Als aber auf dem Gang durchs Dorf die Kinder mit dem gegenseitigen Zuruf: "Fraulein Ernchen kommt" einander gewissermassen das Signal gaben, ihr entgegen zu laufen als jedes ihr eine Patschhand reichen, jedes ihr folgen wollte als Manner und Weiber die Arbeit ruhen liessen, mit herzlichem Grusse ihr entgegen und nachzuschauen als auch die abgelebten Alten aus ihren Hausern traten, sich an der Fruhlingssonne ihres milden Blickes zu erwarmen, ihr freundlich zunickend, ihr Segen nachwunschend da gestand sich Alexander selbst im Stillen ein, dass es ein ungewohnlicher Grad von Gute seyn musste, den eine so allgemeine und innige Anhanglichkeit belohne.

VIII

Demohngeachtet erregte weder diese Gute, noch so manche schone geistige Anlage, die nur der Entwickelung bedurfte, noch auch ihr edles Aeusseres, das weit mehr sich in sich selbst zu verhullen als sich geltend zu machen strebte, den Wunsch in seinem leichtsinnigen Herzen, sie in einer ernsten, ewigen Verbindung sich anzueignen. Methodisch steigerte er durch alle Kunstgriffe der Erfahrung und der mannlichen Coketterie die Neigung, die in ihrer reinen Seele fur ihn erwacht war, und belustigte sich an den naiven, ihm den vollen Reiz der Neuheit gewahrenden Wirkungen seines grausamen Unternehmens, ihre Ruhe zu untergraben und zu einem Opfer seiner Eitelkeit zu machen.

Frau von Willfried eben sowohl als die Generalin getauscht durch die Beflissenheit, mit der er sich um Erna bemuhte, leisteten ihm allen moglichen Vorschub, sich ihr zu nahern. Denn geblendet von ihren Hoffnungen erblickten beide Frauen in allen seinen Aeusserungen so viel Verstand, Charakter, und selbst Gefuhl, dass sie uberzeugt waren, er werde das Gluck ihres Lieblings machen. Die unwillkuhrlichen Ausbruche des Muthwillens, der Frivolitat, und der Satyre, die zuweilen selbst das Heilige nicht verschonte, erschienen ihren bestochenem Urtheil als Auswuchse, die nur das Leben in der verdorbenen grossen Welt ihm angebildet habe, und die eine reinere Umgebung, das Lauterungsbad wahrer Liebe, und dereinst die Wurde ehelicher Verhaltnisse bald genug wieder abschleifen werde. In dieser Voraussetzung erwarteten sie ruhig und freudig seine nahere Erklarung, die seinem Benehmen nach, mit jedem Tage wahrscheinlicher wurde.

Auch Erna, selig gehoben von den Schwingen eines so machtigen, ihr selbst im Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefuhls, sah mit klopfendem Herzen, von ihrer Mutter auf diesen feierlichen Moment vorbereitet, dem Gestandnis des Junglings entgegen, dem sie ihr Ja nicht versagen wollte, da sie ihm bereits ihre innige Neigung geschenkt hatte. Sie gewann allmahlig Vertrauen zu ihm und zu sich selbst. Anfangs, von dem Glanz seiner geschliffenen Aussenseite verblendet, wusste sie nur schuchterne Unterwurfigkeit, blodes Zagen, seinem muntern und sicheren Ton entgegen zu setzen. Sie erschrak, wenn sie den Klang ihrer eigenen Stimme vernahm sie errothete, wenn sein Blick ihr begegnete sie zitterte, wenn er sie anredete. Jetzt wich nach und nach die Verlegenheit, durch die sie sich selbst so gestort und unbequem in ihrem Innern vorkam, einer bescheidenen Zuversicht, die auf die stolze Ueberzeugung sich stutzte, ein so hoch an Geist und Bildung uber ihr stehendes Wesen, wie ihr Alexander erschien, begreifen und fassen zu konnen. Er wusste so unmerklich und leise den kalten Reif der Verschlossenheit von ihrem Gemuth abzustreifen, wusste, indem er sie so oft glucklich errieth, ihren undeutlichen Gedanken Klarheit, ihren dunklen Gefuhlen Licht zu geben, und durch einen im rechten Augenblick gleichsam unwillkuhrlichen Ausbruch einer erkunstelten Begeisterung fur das Gute und Schone, eine hingeworfene, wie dem Innern entschlupfte Floskel der Sentimentalitat, ihre vortheilhafte Meinung von ihm immer fester zu begrunden, dass es sehr naturlich war, wenn ihre Achtung fur ihn mit jedem Tage des Beisammenseyns wuchs, und die zarte Liebe ihres Herzens vertiefte.

IX

Obgleich die Fortschritte, die Alexander so sichtbar in Erna's Neigung machte, ihm manchen Stoff zur ergotzlichen Selbstunterhaltung gab, so druckte ihn, den an schimmernde Zerstreuungen Gewohnten, doch die Einformigkeit des halb landlichen Lebens in dieser kleinen Stadt viel zu sehr, als dass er nicht hatte streben sollen, es so viel er vermochte, mit Abwechselungen zu durchweben.

Es war ihm langst langweilig gewesen, in einer bequemen Kutsche die einzige Bewegung, die Frau von Willfried vertragen konnte ihr und seiner Tante gegenuber, und an Erna's Seite im abgemessenen Tact, den der Arzt vorgeschrieben, durch die schone Gegend zu rollen, und diese schlafrige Parthie durch die Benennung einer Spazierfahrt zu ehren.

Er schlug daher Erna vor, ihr Unterricht im Reiten zu geben, und obgleich ihre Furchtsamkeit vor der ungeheuern Idee zuruckbebte, mit zarter Hand ein so muthiges Thier bandigen und regieren zu sollen, und Mutter sowohl als Tante meinte, sie werde ihre oft geausserte Bangigkeit vor Pferden nicht uberwinden konnen, so willigte sie doch sogleich freundlich ein, als sie vernommen hatte, dass es ihm viel Vergnugen machen werde, ihr Lehrmeister in dieser frohlichen Kunst zu seyn.

Schnell wurde nach seiner Angabe ein Reitkleid verfertigt, und wahrend der Tage, die daruber hingingen, war er bemuht, ein kleines, lammfrommes Ross noch gemachlicher fur sie zuzureiten.

Als Erna nun zum erstenmal in dem geschmackvollen Amazonenkleide erschien, das er nach seinen Erinnerungen aus der Residenz angeordnet hatte, wurde er durch die Anmuth mit der sie sich darstellte, uberrascht. Er konnte sich nicht ablaugnen, dass der grosste Theil der Unscheinbarkeit, mit der sie gewohnlich auftrat, eine Folge ihres matronenhaften, vernachlassigten Anzugs war. Der weibliche Korper muss ein schones Oval bilden, wenn er wohlgefallig ins Auge fallen soll, und an diesem Oval durfen ein paar zierliche Fusschen als der Schluss desselben eben so wenig fehlen, wie der Kopf selbst am andern Pole dieser Spharoide.

Nun war aber Erna gewohnlich so verhullt, dass es zu den seltenen Erscheinungen gehorte, wenn hie und da die schnell wieder vom dichten Faltenwurf verdeckte Spitze ihres Schuhs sichtbar wurde, und er hatte schon ofters im Stillen die boshafte Vormuthung gehegt, dass die Natur sie in diesem Punkt stiefmutterlich behandelt haben musse, weil er nicht begreifen konnte, dass Sittsamkeit in einem weiblichen Gemuth die Oberhand uber Eitelkeit und Sucht zu glanzen behaupten konne.

Wie verwundert wurde er daher, als er bei'm ersten Blick der errothenden Erna den Verdacht in Gedanken abbitten musste, dass sie, wie so viele ihres Geschlechts, ohne die mindesten Kosten auf grossem Fuss lebe.

Niemals hatte er so zart geformte, so gleichsam in leiser Anmuth schwebend auftretende Fusschen gesehen, wie die ihrigen. Sie schien in den zierlich geschnurten Stiefeln kaum den Boden zu beruhren. Das sammtne Barret, von hohen Federn umschwankt, gab dem allzubescheidenen, zu sehr an Verschuchterung granzenden Ausdruck ihrer Zuge etwas Kuhnes, das ihr wohl stand, und das eng sich anschmiegende Kleid, dessen lebhafte Farbe gunstig auf das bleiche Gesicht wirkte, verrieth eine Korperform, der nur noch etwas mehr Fulle fehlte, um vollkommen zu sein.

X

Mit wohlgefalligem Lacheln verweilten Mutter und Tante auf der so vortheilhaft veranderten Gestalt, und nachdem Frau von Willfried Alexandern aufs dringendste empfohlen hatte, doch ja ihr geliebtes Kind sorgsam vor allen Schaden zu huten, und es als ein heiliges, seiner Vorsicht anvertrautes Pfand zu betrachten, begann der praktische Unterricht.

Doch schon im allerersten Anfang zeigte sich eine Schwierigkeit. An die Galanterie der grossen Welt gewohnt, die er sich gleichsam wie seine andere Natur angeeignet hatte, hielt Alexander, wie er bei den Schonen der Residenz gewohnt war, seine Hand hin, damit Erna sie als Schemel betrachten, und von ihr sich in den Sattel schwingen mochte.

Das blode Kind weigerte sich aber standhaft, dies zu thun, und zwar mit einer Festigkeit, die sehr von ihrer gewohnlichen still resignirten Nachgiebigkeit abwich. Vergebens versicherte er ihr, dass das so Sitte, und fur sie das Bequemste sei. Ihr ohnehin beklommener Zustand wurde durch sein Zureden nur noch peinlicher, aber dennoch errang er diesmal nicht den Sieg uber ihren festen Willen, und bewegt stand er am Ende ab von seinem Begehren, als Erna mit Thranen in den Augen sagte: "Wie konnt' ich jemals mich entschliessen, auf die Hand zu treten, als sei sie fuhlloser Stein, die sich so gutig fur mein Vergnugen bemuht." Geruhrt uber den wohlwollenden Sinn ihrer Weigerung, dem vielleicht auch ihr selbst unbewusst ein dunkles Gefuhl von madchenhafter Scheu mit zum Grunde lag, drang er nicht mehr in sie, sondern umfasste ehrerbietig ihre schlanke Gestalt, sie aufs Ross zu heben.

Es am Zugel fuhrend, und ihr nun die Regeln aus einander setzend, durch welche es sich am sichersten leiten und beherrschen lasse, fuhlte Erna ihre Bangigkeit allgemach verschwinden. Mit Freudestrahlenden Augen, uber alle bleiche Angst nun erhaben, schaute sie auf ihren Lehrer herab, und dann wieder rings um sich her, kindlich froh und stolz, die Welt gleichsam zu ihren Fussen erblickend. Zum erstenmal in ihrem Leben drang das Bewusstseyn eigner Kraft, die sie bisher nur im Dulden und Tragen geubt hatte, in ihr Gemuth, und es schien ihr in dem heitern Traum ihrer Macht, als entwickele sich jede Bewegung des muntern Thieres, welches sie trug, aus ihrer Willkuhr, die es regierte. Sie horte wenig von dem, was Alexander sagte sie sah nur die liebliche Bewegung seiner bluhenden Lippen nur den Glanz der frohlichen Augen, die wie eine selig in ihr dammernde Ahnung ihr sagte die Planeten waren bestimmt ihrer kunftigen Lebensbahn zu leuchten.

Wirklich ware es schwer gewesen, so vieler mannlicher Schonheit und Anmuth, wie in Alexandern sich vereinigte, den Preis der Vollendung abzustreiten, den selbst ein unpartheiisches Urtheil, wie nicht vielmehr ein von dem Zauber der ersten Liebe befangenes Herz ihm zugestehen musste. Er war, wie Aeschylos so charakteristisch von einem seiner Helden sagt: ein Junglingsmann. Alle einschmeichlenden Reize der Jugend, verbunden mit der Wurde und Sicherheit des Mannes schmuckten mit strahlendem Nimbus sein Wesen, und flossten auch denen, die um die Entweihung seines inneren Lebens wussten, das lebhafteste Interesse fur seine der Natur und der Weltbildung so glucklich gelungene Aussenseite ein.

Dass Erna's Blick, der die Untiefen des menschlichen Herzens zu durchschauen, noch nicht geubt war, da, wo glatter Schimmer ihr entgegen trat, den Spiegel hehrer Seelenreinheit, und wo schlaue Verstellung sich Tauschungen erlaubte, die Lauterkeit eines unverdorbenen, ihrer Achtung wurdigen Gemuths wahrnahm, lag in der Unerfahrenheit ihrer Unschuld, die noch nicht durch Menschenkenntnis getrubt, von sich selbst auf andere schloss. Im tiefsten Herzen vernahm sie den Ruf der ersten Liebe. Alles was bisher ihr Leben beschaftigt und ausgefullt hatte, erblich vor der allmachtigen Flamme, die in ihr aufzulodern begann ihre ganze Vergangenheit schwand in Dammerung wie ein Traum, aus dem sie nur eben erst zur Wirklichkeit erwacht schien dunkle, aber selige Hoffnungen regten sich in ihrem Busen, und es zogen Anklange des Gefuhls durch ihr suss erschuttertes Wesen, als gingen sie von einer Spharenmusik aus, die aus dem Heiligsten der Himmel niederwallte.

XI

Sehr zufrieden mit der Gelehrigkeit seiner holden Schulerin endigte Alexander die erste Lection schnell, um ihre Krafte so wenig wie ihre Geduld zu ermuden.

Am folgenden Tag aber begann der Unterricht von neuen, und Erna sass bereits so fest im Sattel, wusste mit so grazienhafter Leichtigkeit sich im Gleichgewicht zu halten, so muthig und sicher die ihr nun selbst anvertrauten Zugel zu fuhren, dass er ohne Bedenken ihr einen Spazierritt uber die engen Schranken des Gartens hinaus ins Freie vorzuschlagen wagte.

Es war ein wunderschoner Maimorgen. Junges, helles Grun mit Bluthenschnee durchwebt, schmuckte Baume und Gestrauch, und die Nachtigallen mischten den Zauber ihrer Melodieen in den monotonen, und doch so anmuthigen Laut des Kukuks, der, wie sie, den Lenz begrusste. Das Trillern der Lerche in hoher Luft, und das Geschwirr und Sumsen der Insekten, die im warmen Sonnenschein sich freuten, vollendete den Chor der Natur, der noch niemals inniger als jetzt Erna's erregtes Herz angesprochen hatte. Ein heitrer blauer Himmel, ahnlich dem, den sie fur ihre Zukunft sich traumte, spannte sich lachlend uber sie aus, und die dampfenden Felder, und die thaufunkelnden Wiesen, mit vielfarbigen Blumen bedeckt, sandten ihr die sussesten Dufte hinauf, den Rausch ihrer Stimmung noch zu erhohen.

Alexander bemerkte mit Vergnugen, dass seine Nahe immer mehr die starre Rinde der Blodigkeit von Erna's Wesen hinweg schmolz, wie der Schnee im Fruhling von den Hugeln thaut, wenn die Sonne mit Feuerblick auf ihn hernieder sieht. Es kam Leben und Seele in ihre Zuge. Das jugendliche Erwachen ihres Gefuhls, der unverkennbare, unschuldsvolle Wunsch, ihm zu gefallen, der nicht in Kunsten studierter Koketterie, sondern nur in dem aufmerksamen Bestreben, sich seine Meinungen anzueignen, seinem Geschmack zu entsprechen und seine Eigenthumlichkeit aufzufassen, sich verrieth, gab seiner Eitelkeit ein belustigendes Schauspiel, dem wenigstens das Interesse der Neuheit nicht fehlte. Selbst wenn sie oft vergebens suchte, aus ihrer reineren schuldlosen Natur herauszutreten, um sich mit seiner Individualitat zu amalgamiren, deren Verdorbenheit ein schimmernder Firnis uberzog, und es ihr nicht gelingen wollte, gleich ihm zu fuhlen und zu urtheilen, selbst dennoch erblickte sie ihn hoch uber sich, und gab der Beschranktheit ihres eigenen Sinnes die Schuld, wenn sie den seinigen nicht ganz zu begreifen und zu wurdigen wusste.

Heute betrafen ihre Gesprache das Gluck des Landlebens, die Schonheit der Gegend, die stillen Freuden der Wohlthatigkeit. Denn es lag Alexandern daran, sie zutraulicher noch zu stimmen, und das konnte ihm weniger gelingen, wenn er Gegenstande beruhrte, die ihrer Unerfahrenheit fremd waren. Er gab sich die Miene, als ermude ihn der Zwang in einer gerauschvollen Stadt unter betaubenden Zerstreuungen, die wenn sie auch d e n G e i s t momentan zu beschaftigen vermochten, doch das nach edleren Genussen schmachtende Gemuth leer und unbefriedigt liessen leben zu mussen, und druckte die Sehnsucht nach idyllischer Einfachheit der Sitten und nach den Freuden der Hauslichkeit um so lebhafter aus, je entfernter seine Seele davon war, sie wirklich zu empfinden.

Erna hatte noch nie Romane gelesen. Die Sprache derselben, ihr eben so neu als verfuhrerisch, und so ganz ihren innersten Begriffen zusagend, schmeichelte sich von Alexanders, der Verstellung gewohnten Lippen suss und zutraulich in ihr Herz, und ihre Achtung fur ihn nahm in eben dem Grade zu, in welchem ihr schuchternes Wohlwollen, ihr selbst unbewusst, sich zur innigsten Liebe verstarkte.

So kehrte sie von diesem Spazierritt mit erhohter Freudigkeit und Zuversicht, so wie mit verdoppelter Neigung fur ihn, zuruck, und ihre wonnevoll beklommene Brust konnte die Fulle ungewohnter Seligkeit nicht bergen. Tief ergluhend in der schonen Rothe, die zwischen Schaam und Freude schwankt, sank sie in die Arme ihrer Freundin Auguste, die sie bei ihrer Ruckkehr empfing, und flusterte leise und entzuckt ihr ins Ohr: Auguste, wie bin ich glucklich!

XII

Auguste war eine Freundin und Gehulfin des Hauses. Frau von Willfried, der sorgsamsten und ununterbrochensten Pflege bedurfend, hatte sie, ehe Erna allein ihr diese leisten konnte, und um sie ihr spaterhin zu erleichtern, zu sich genommen, und ihr die Aufsicht uber die Dienstboten und das Hauswesen, und Erna's Unterricht in den feineren weiblichen Arbeiten ubertragen.

Auguste, die Tochter eines Predigers, war eine jener zarten, fruh verbluhenden Gestalten, die verschlossen, aber in tiefen Frieden mit sich selbst und andern ihren Lebensweg dahin gehen, ohne dass der aufmerksame Beobachter dem ihre fruheren Verhaltnisse fremd sind, zu entscheiden vermag, ob der Wurm der Kranklichkeit, oder eines durch Ungluck erschutterten Gemuths an ihrer vor der Zeit gewelkten Bluthe nagt.

Hier hatte beides sich vereinigt, sie rasch uber die Granzlinie feuriger, genussvoller Jugend in jenen sinnigen, ruhigen Zustand reiferer Jahre hinuber zu fuhren, in welchem ein weibliches Wesen das leidenschaftliche Getriebe der Welt nicht mehr als eine Buhne des Handelns, sondern nur des Zuschauens betrachtet.

So lag schon in ihrem acht und zwanzigsten Jahr das Daseyn beschlossen, und geendet in seinen innigsten Beziehungen hinter ihr. Doch hatte sie die Schatze eines reinen Gewissens, der Geistesklarheit, und einer nun nicht mehr zu untergrabenden Ruhe aus dem Schiffbruch einer truben Vergangenheit gerettet, und gelassen, klaglos und zufrieden widmete sie sich in stiller Geduld dem ganzen Umfang ihres Berufs, dankbar, dass Frau von Willfrieds Sanftmuth und Erna's himmlische Gute ihren Pfad freundlich ebneten, indem beide ihren sittlichen Werth erkannten, und hoher ehrten, als ihrer Bescheidenheit eigentlich gerecht schien.

Erna zahlte erst sieben Jahr, als Auguste ihre Hausgenossin ward. Sie fuhlte sich schnell mit herzlicher Liebe zu dem holden Kinde hingezogen, das schon fruh in allen seinem Denken und Thun den Keim einer seltenen Vortrefflichkeit ahnen liess, und es ward ihr bald die heiligste und susseste Angelegenheit ihres Lebens ihre Anlagen zu entwickeln, und dem zu wahrer Frommigkeit sich hinneigenden Gemuth die Richtung zu geben, die wie sie aus Erfahrung wusste in allen Freuden und Leiden welche das Schicksal bietet, nur in sich Schutz und Schirm und Gleichgewicht findet.

Sie lehrte sie, mehr durch Beispiel als durch Worte, in Freude an der Natur, in stillen nutzlichen Beschaftigungen und in der Erfullung ihrer Pflichten den Zweck, so wie die Wurze ihres Daseyns suchen. Auch waren Erna's Verhaltnisse ganz geeignet, um mit ihrem Plan im Bunde sie zur ernsten Einkehr in sich selbst, zur fruhen Reife des Geistes, zur sanften Massigung ihrer lebhaften Gefuhle hinzuleiten. Denn die stets leidende Mutter, die gleichsam das ganze Leben ihrer Erna als ein Opfer kindlicher Liebe hinnahm, das ihr gebuhrte, und die das fruh resignirte Kind aus der Sphare frohlicher Jugendlust, die ihren Jahren angemessen war, an den engen Kreis bannte, welcher ihr Schmerzenslager umgab, half durch den Anblick ihres langsamen Dahinschmachtens ihre Phantasie von dem Irrdischen abziehen, und zu jener hoheren Ansicht empor richten, die wie ein Stern in dunkler Nacht den Blick des Geistes aufwarts hebt.

Nichts bildet die moralischen Fahigkeiten edler aus, nichts wirkt herrlicher auf das weibliche Gemuth, als wenn es ganz von dem Beruf der Krankenpflege durchdrungen, ihn als eine heilige Pflicht anerkennt und ubt. Sanftmuth, Geduld, frommer Glaube an eine Hand, die jedes Leiden lindert, ware es auch erst jenseits, Ergebung und himmlischer Friede entkeimen der Saat, welche Selbstverlaugnung in den steinigen Boden des Entbehrens streut, und lohnen jeden hingegebenen Genuss der Welt durch die reiche Fulle des Bewusstseyns.

So glaubte Auguste in Erna's Fortschreiten im stillen Versagen bunter Jugendfreuden, und in einer sich selbst vergessenden Thatigkeit die starksten Waffen gegen alle feindlichen Angriffe eines kunftigen Geschicks ihr in die Hand gegeben zu haben, und als sie die sanfte Morgenrothe einer wie sie hoffte glucklichen Neigung in ihrer Seele anbrechen, und diese durch die Wunsche der Familie geheiligt, so wie durch Alexanders auch sie bestechende Aussenseite gerechtfertigt sah, wahnte sie ihren Liebling nahe an der Schwelle des Tempels der hochsten irdischen Gluckseligkeit, und freute sich der immer warmer werdenden Innigkeit, die sie bemerkte.

XIII

Denn ein weibliches, unverdorbenes Wesen, auch wenn es selbst durch ungunstige Erfahrungen nur die Dornen, nicht die Rosen der Liebe gekannt hat, weiss sich dennoch keinen anderen Himmel hienieden zu traumen, als den einer glucklichen ehelichen Verbindung.

Mit treuem Antheil, und freudig geruhrt, nahm sie daher Erna's Gestandnis, dass sie so glucklich sei, als einen Vorboten des noch wichtigeren Bekenntnisses, dass sie liebe, auf, und half ihrer zarten Verschamtheit, ihren mit sich selbst kampfenden, des Ausdrucks ermangelnden Gefuhlen zur Sprache, indem sie sanft ihr entgegen kommend, eigentlich mehr errieth als von ihr erfuhr.

Freilich fehlte noch, um sie als gluckliche Braut zu begrussen, Alexanders formliche Erklarung. Aber war nicht sein ganzes, Erna so sichtbar auszeichnendes Betragen eine ehrerbietig und liebevoll fortgesetzte Bewerbung der nur das entscheidende Wort fehlte, um bindend auf ewig zu seyn? Und oft sprechen Worte nicht so deutlich, als Handlungen, in denen unwillkuhrlich sich die Neigung verrath. Er wusste ja die Absichten seiner Tante und der Frau von Willfried unmoglich hatte er sich bei den Grundsatzen wahrer Ehre, die man an ihm zu bemerken glaubte, dem Schein, in sie einzugehn, geliehen, wenn sie nicht mit den seinigen harmonisch ubereinstimmten.

Und konnte er eine edlere Wahl treffen, als die, die diesen Engel an Gute und Herzlichkeit ihm zur kunftigen Gefahrtin seines Lebens bestimmte? Selbst in conventioneller Hinsicht machte Erna's bedeutendes Vermogen sie zu einer sehr vorzuglichen Parthie, doch seltner noch war der Reichthum ihres Gemuths und ihres Geistes, neben einer Gestalt, die ohne noch zur vollkommenen Schonheit heran gebluht zu seyn, doch schon zu werden versprach, so wie ihre Jugend, und die grosse Biegsamkeit ihres Charakters nicht bezweifeln liess, sie werde leicht und geschickt sich in die kunstlich geschliffenen Formen der grossen Welt fugen lernen, die freilich auf dem Lande ihr fremd geblieben waren.

Alles dies sagte sich Auguste in ihrer innigen Theilnahme an dem kunftigen Loose ihres holden Zoglings vor, und Erna mit dem Segen der warmsten Liebe an ihre Brust druckend, erwartete sie zuversichtlich von den nachsten Tagen die endliche Schurzung des Knotens.

XIV

Was sie noch mehr als alle vorhergegangenen Umstande zu dieser Erwartung berechtigte, war ein Vorfall, der traurige Folgen hatte haben konnen, der aber jetzt nach Erna's Ansichten nur dazu diente, ihr auf eine etwas rauhe Art den Himmel ihrer Zukunft fruher zu offnen.

Alexander, der das ihm anvertraute Amt als Lehrmeister ernst und gewissenhaft verwaltete, fand es nothwendig, dass seine Schulerin sich an mehr als e i n Pferd gewohne, um sicherer in allen den Eigenthumlichkeiten der Reitkunst zu werden.

Nicht ohne ein inneres, weissagendes Vorgefuhl der Gefahr vertauschte daher Erna eines Tages ihr liebes frommes Ross mit seinem schnaubenden Araber, der aber trotz der Fulle des Muthes und Uebermuthes, die aus ihm wieherte, trefflich zugeritten war, und keine Unarten hatte, die die mindeste Besorgnis fur seine zarte Reiterin erregen konnte. Wohlgemuth trabten beide uber die frischen Wiesen dahin, dem kuhlen Walde zu, der mit seinen dammernden Schatten ihnen so einladend winkte. Dort liessen sie die Thiere langsam gehn, und im traulichen Wechselgesprach schwand Erna's leise Furcht, so wie ihre Achtsamkeit auf sich selbst, und auf die Zugel.

Langst hatte gewiss der schlaue Araber gemerkt, dass es nicht Alexanders gewohnte feste, und bandigende Hand sei, die ihn lenke. Daher erlaubte er sich manchen kleinen Seitensprung, den sein Gebieter ihm nicht verstattet hatte, und schuttelte oft brausend die Mahne, den Kopf bald tief zur Erde senkend, bald weit ihn zuruck werfend, und die fein gespitzten Ohren schalkhaft bewegend, als spotte er der sanften Gewalt, die Erna madchenhaft uber ihn ubte.

Alexander, aufmerksam auf die unziemlichen Freiheiten, die er sich nahm, dictirte der allzu nachsichtigen Reiterin eine Strafe fur ihn, so wie eine strengere Beschrankung seiner Willkuhr. Aber der Schlag, den sie auf sein Geheiss mit der Peitsche ihm gab, glich einer leisen, liebkosenden Beruhrung und schreckte den Muthigen nicht. Demungeachtet wurde sie nicht bange. Ihr war, als konne an des Freundes Seite kein Ungluck sie erreichen, und lachlend blickte sie ofterer in sein schimmerndes Auge, als auf den Weg, der durch das von Moos halb versteckte Wurzelgeflecht der Baume, und ein stets Berg auf, Berg ab eine verdoppelte Achtsamkeit gebot. Da erklang tief aus dem dunkelgrunen Hintergrund des Waldes die schwermuthsvolle Liebesklage einer Nachtigall, und eine zweite, ihnen naher, antwortete in sussen, lang gedehnten Accorden den verschwebenden Tonen aus der Ferne, und flothete so lieblich, so herzergreifend, dass sie beide unwillkuhrlich die Rosse anhielten, ihr zuzuhoren.

Ungeduldig scharrte der Araber, der sich nach raschem Gallop sehnte, die Erde auf, und stampfte den Boden Alexander und Erna, in die seelenvollen Melodieen Philomelens vertieft, bemerkten es nicht. Plotzlich fiel dicht neben ihnen ein Schuss, und ein Reh nicht durch ihn getroffen, aber verscheucht, sprang aus dem Gebusch, fast die Pferde beruhrend, seitwarts an ihnen voruber und riss durch die jahe Gewalt des Schreckens den scheu gewordenen, schon vorher durch Ungeduld gereizten Araber vorwarts.

Im vollen Lauf sprengte er, durch einen eng verwachsenen Nebenweg sich drangend, die waldige Anhohe hinab, oft sich baumend, oft hintenausschlagend, bis Erna, die sich vergebens im Sattel zu halten strebte, durch einen Schlag an den Kopf von einem tief herab gebeugten Ast mit der Besinnung das Gleichgewicht verlor, und im Bugel hangen bleibend, von dem rasenden Thier geschleift, wie eine Beute des Todes auf dem von ihrem Blut benetzten Pfade dem ihr athemlos nacheilenden Alexander aus den Augen schwand.

XV

Denn er hatte mit der Gegenwart des Geistes, die ihm eigen war, uberdacht, dass er ihr zu Fusse weit leichter folgen, und weit hulfreicher seyn konne, als zu Pferde, allenthalben durch das Dickicht angstlich und gefahrvoll aufgehalten. Schnell war er daher abgesprungen, und fluchtig wie das Reh, das die erste Veranlassung dieses Schreckens gab, eilte er ihr nach, nicht ohne aufs tiefste von seiner Verantwortlichkeit bewegt zu seyn, und voll qualender Besorgnis: w i e er sie finden werde.

Die einzelnen Blutstropfen auf dem grunen Moose waren ihm ein purpurner Leitfaden, ihre Spur zu verfolgen, und endlich, welch ein Schauder rieselte durch alle seine Nerven endlich sah er sie in weiter Entfernung leblos auf der Erde liegen, und den Araber unaufhaltsam, und wie vom bosen Gewissen gejagt, von dannen sprengen.

Er flog zu ihr hin, und warf sich vor ihr nieder. Todtenblasse bedeckte ihre Wangen und Lippen. Der Ast, der ihre Stirn verletzte, hatte ihr das Barret abgestreift, und die festgeflochtenen Haare gelosst, die lang und dunkel an ihr niederhingen. Gleichwohl war trotz der Willkuhr des Falles ihre Stellung so edel, der Ausdruck ihrer in den Fesseln der Ohnmacht erstarrten Zuge so ruhrend, dass Alexander tief erschuttert mit gefaltenen Handen vor ihr lag, und mehrere Momente in ihrem Anschauen verlor, ehe er so viel Fassung gewann, um irgend etwas zu ihrer Hulfsleistung zu thun.

Das Flustern einer nahen Quelle weckte ihn zuerst aus der dumpfen Betaubung, in der er zu ihren Fussen kniete. Er raffte sich auf, und tauchte sein Tuch in ihre crystallene Kuhlung, es dann sanft und leise um Erna's verwundeten Kopf zu schlagen. Noch perlte ihr reines Blut in hellen Tropfen gleich Rubinen auf der Lilienweissen Stirn und zwischen den braunen Locken hervor, aber er hatte doch den Trost zu bemerken, dass ihre Wunden nicht tief waren. Sorgsam ihr auf den rauhen Boden hingesunknes Haupt an seine klopfende Brust lehnend, ihre kalten Hande zwischen den seinigen warmend, hatte er endlich die unaussprechliche Freude, ihr Bewusstseyn leise wieder aufdammern zu sehn.

Welch ein Erwachen! Sie glaubte, sie habe getraumt. Von seinen Armen umschlossen, an seinem Busen sich wieder findend, verloschte die Erinnerung des gehabten Schreckens und der erlittenen Schmerzen in ihrer Seele, die keinen Raum neben den Gefuhlen hatte, welche seine vertrauliche Nahe ihr gab.

Sie zog ihre Hand nicht aus der seinen. Mit der ganzen Kraft des neu erwachten Lebens, mit der vollen Gluth still entflammter Liebe, und mit der innigsten Dankbarkeit fur das Entzucken, mit welchem er sie dem gefahrvollen Scheintod entrissen sah, blickte sie ihm ins Auge, und lachelte ihm zu, wie nur Seelige lacheln.

Doch es war nicht Erwiederung ihrer liebenden Empfindung, die aus seinen Blicken strahlte es war nur die aus ganz gewohnlicher Gutmuthigkeit entspringende Freude, sie gerettet zu sehn, sie nicht als Leiche ihrer Mutter wiederbringen, und den herzzerschneidenden Vorwurf erwarten zu mussen, dass sein Verschulden ihr die Tochter raubte. Anders glaubte aber Erna sein Innerstes bewegt, weil das ihrige ihr der Maasstab war, nach dem sie es beurtheilte. Ihr schien es aufs tiefste ergriffen ein susser Wahn uberredete sie, dass sie seine Gesinnung eben so durchschauete, wie die ihrige rein und offen vor ihm lag, und in ihrer kindlichen Unerfahrenheit ahnete sie nicht, dass selbst ihre forschendsten Blicke wie von einem ehernen Schilde von der undurchdringlichen Rinde abprallten, womit Verstellung sein eigentliches Wesen umgab.

Wie dank' ich Gott fur mein Leben! flusterte sie leise, und hob das schone Auge, in welchem eine Thrane funkelte, zum Himmel, indem sie seine Hand sanft zu drucken wagte. Ach, in den angstvollen Momenten, wo ich es zu verlieren furchtete, hab ich zum erstenmal seinen ganzen vollen Werth erkannt, und recht von Herzen gebetet, dass es mir erhalten bliebe.

Das gute, fromme Kind sah so verklart in der Begeisterung der Dankbarkeit aus, war so innig durchdrungen von dem Glucke des Daseyns, dass Alexander mit Wohlgefallen auf den durch einen ganz neuen Ausdruck beseelten Zugen weilte, aus denen eine himmlische Freundlichkeit ihm entgegen strahlte. Leicht entflammt und durch die Einsamkeit, so wie durch das Neue dieser Situation hingerissen, konnte er nicht umhin, seinen Hang zur Galanterie nachzugeben, und der sich so hold ihm hingebenden Erna recht viel Schones und Liebeathmendes zu sagen, was in dieser reizbaren Minute, und bei dem festen Glauben, in ihm ihren Bewerber zu sehen, doppelt tiefen Grund in ihrem unbewahrten Busen fasste.

Und als er im Wechselgesprach, das von seiner Seite immer mehr den Schein der Leidenschaft annahm, durch ihr naives, unverstelltes Entgegenkommen wie in eine fremde Welt entruckt den Wallungen nicht gebieten konnte, die sie in ihrer Unschuld fur Liebe hielt, und er sie sturmisch an seine Brust zog, und auf ihre jungfraulichen noch nie beruhrten Lippen den ersten gluhenden Kuss druckte, der i h r das Siegel einer ewigen Treue schien da konnte ihr kindliches, tief erregtes Herz die Fulle seines Entzuckens nicht bergen, und in seliger Wehmuth ihn umfassend, sprach sie es aus, wie sie ihn liebe, und wie glucklich sie sich preise, sich die Seinige nennen zu durfen.

XVI

Doch dies Gestandnis wirkte wie beruhigendes Oel auf ein sturmendes Meer, indem es seine heiss erwachte Sinnlichkeit in die kalten Granzen der Vorsicht und der Besinnung zuruck scheuchte.

Der Ernst, mit dem dies Kind seine Annaherungen als eine uber das ganze Leben entscheidende, die ganze Zukunft im engsten Bunde umfassende Liebe betrachtete, war ihm lacherlich. Ware ein sentimental platonisches Verhaltnis nicht in seinen Augen das langweiligste unter der Sonne gewesen, er wurde es eine Weile fortgesetzt haben, um zur belustigenden Bereicherung seiner Menschenkenntnis immer neue Erfahrungen zu sammeln, wie die unentweihte Unschuld der ersten Jugend sich benimmt, wenn der Liebe magische Gewalt sie mit ihren Netzen umfangt.

Aber da es ihm nicht in den Sinn kam, durch eine ernstliche Verbindung seinen freien Nacken zu fesseln, so hielt die Furcht, in das Gewebe seiner eigenen Kunstgriffe verstrickt, und dann zu unangenehmen Erorterungen gezwungen zu werden, denen der feine Weltton gern ausweicht, ihn neben dem wenig belohnenden des damit verbundenen Zeitverlustes zuruck und sie zu verfuhren nein, er war doch nicht verdorben genug, um nicht von diesem Gedanken mit Unwillen sich abzuwenden. Denn ob er bei seinen Anspruchen an Politur der Form und ausseren Benehmen gleich fand dass das in geselliger Feinheit so unerfahrene Landmadchen sich besser in ihren Huhnerhof, und unter die Bewohner ihres Dorfs, als in die in tausendfache Facellen geschliffene Residenz schicke, so musste er doch die schleierlose Wahrheit ihres Charakters achten, und die reine Gute ihres Herzens verehren.

Er konnte sich nicht ablaugnen, dass es Unrecht sei, bei seinem festen Entschluss, sie nicht zu heirathen, ihr im tiefen Frieden der Kindheit so ruhig schlummerndes Herz geweckt, und gewaltsam in den berauschenden Kreis flammender Jugendwunsche entruckt zu haben, ohne ihren muthwillig erregten Hoffnungen, ihren auf sein Betragen sich stutzenden Erwartungen etwas anders als den Schmerz unbefriedigter Sehnsucht zu hinterlassen.

Zwar schmeichelte es seiner Eitelkeit, sich zu denken, dass sie ihm nachtrauern, dass sie sein Bild als ihr bestandiges Ideal lebenslang im Innern sich bewahren werde doch that ihm zu gleicher Zeit die verlorene Ruhe ihres Gemuths leid, die ein Opfer ihrer Unerfahrenheit und seiner Koketterie geworden war, und er nahm sich vor, nicht langer ein so grausames Spiel mit Empfindungen zu treiben, die er nicht zu erwiedern geneigt war, sondern den gunstigen Totaleindruck, den er auf sie gemacht, in so fern zu zerstoren, als er seinen Charakter betraf.

Mochte sie immer seiner personlichen Liebenswurdigkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen seine Eigenliebe gestattete ihm ohnedem nicht, diese in ein nachtheiliges Licht zu stellen. Auch war es hinlanglich fur die fromme Einfalt ihrer Sitten und die strengen Begriffe, welche Lehren und Beispiele ihr eingepragt hatten, ihr den Leichtsinn seiner Grundsatze und die Frivolitat seiner Denkungsart zu zeigen, um jeden Wunsch seines Besitzes zu verloschen, ohne dass er nothig hatte, unzart und schonungslos sich zuruck zu ziehen.

Diesen Vorsatz in der Seele, storte er zuerst ihre goldenen Illusionen durch die Erinnerung an die Angst ihrer Mutter, wenn namlich, wie sich vermuthen lasse, der Araber den Weg nach Hause gefunden habe, und ohne seine Reiterin ihr ein Bote der schmerzlichsten Sorge, ein Verkundiger des Unglukkes geworden sei.

Erna erschrack, dass sie dem Zauber ihrer Gefuhle hingegeben, nicht von selbst an die Erfullung einer so heiligen Pflicht gedacht hatte, als die Beruhigung ihrer Mutter ihr war. Doch, dass e r sie daran mahnte, dunkte ihr ein neuer Beweis seines gediegenen inneren Werths, seiner unaussprechlichen Tiefe und Zartheit der Empfindung und gern erblickte sie auch von dieser Seite ihn uber sich stehend, zutrauen- und verehrungsvoll den Blick zu der sittlichen Hohe erhebend, in der er ihr erschien.

Sie hatten kaum, Arm in Arm, und von den Vorsichtsmaasregeln sprechend, mit welchen sie das Vorgefallene der kranklich schwachen Mutter mittheilen wollten, den Saum des Waldes beruhrt, der ins Freie fuhrte, als die angstlich ausgesandte Dienerschaft der Frau von Willfried, die sie suchte, ihnen bestatigte, dass Alexanders Vermuthung eingetroffen, und das zuruckgekehrte Pferd der Verrather ihres Unfalles geworden war.

Mit verdoppelter Eil strebten sie das Haus zu erreichen, und erst als Erna gesund und wohlbehalten am Bett der in Krampfen liegenden Mutter knieete, linderte sich das unsagliche Weh, unter dem sie gelitten ein Strom von Thranen, der zugleich das heisseste Dankgebet zu Gott war, benetzte das geliebte, ihr wiedergeschenkte Kind und erleichterte ihre durch Centnerschwere beklommene Brust, und der herbei gerufene Arzt that das Seinige, den Folgen ihrer nahmenlosen Angst entgegen zu arbeiten.

XVII

So lange sich ihre Mutter noch nicht vollig erholt hatte, widmete Erna sich ganz ihrer Pflege. Nur dann und wann holte sie sich aus dem Nebenzimmer, wo Alexander sehr oft Augusten Gesellschaft leistete, einen starkenden Blick von ihm, oder einen erquikkenden Handedruck.

Er benutzte indess mit kluger Vorsicht diese Zeit, um sich der Ausfuhrung seines Plans zu nahern, indem er in Augusten, die so gern um Erna's willen an ihn glaubte, allmahlich die Stutzen untergrub, auf denen ihre Achtung fur ihn ruhte.

Leise und unvermerkt leitete er das Gesprach auf das Leben in grossen Stadten und schilderte die Verdorbenheit der Sitten dort mit einem Feuer, das nicht an dem Abscheu vor solcher Gesunkenheit, sondern am sichtlichen Wohlgefallen daran entzundet zu seyn schien.

Man verlangt von der guten Gesellschaft nur dreierlei, sagte er einst, als Erna ihm zuhorte. Ein feines Benehmen, einen eleganten Ton, und eine Art von Ansehn, das sich entweder auf Geburt, Rang und Einfluss, oder auf Reichthum, Geist, oder personliche Annehmlichkeiten grundet.

Ein fleckenloses Leben ist keineswegs nothig um mit Auszeichnung behandelt zu werden ja oft wirft es sogar auf den, der es ubt, das schlimmste Licht, in dem ein Mensch von gutem Ton erscheinen kann, namlich: das Ridicul. Tackt fur das Schickliche, Witz, gute Laune, Dreistigkeit, und die Gabe jede Rolle mit Gewandtheit zu spielen, die der Augenblick nothig macht dies ersetzt reichlich die sogenannten Verdienste, und eine leichte, selbst leichtfertige Auffuhrung wird freundlich von der grossen Welt verziehen, wenn sie nur mit geselliger Anmuth und d e m S c h e i n der Decenz verbunden ist.

Erstaunt horte Erna ihm zu. Sie glaubte, er scherze, oder er wolle Augustens feste Grundsatze, die auch ihr zur Richtschnur ihres Lebens dienten, auf die Probe stellen. Aber er sah so ernst aus die warmste Ueberzeugung schien aus ihm zu sprechen, und ihr wurde ganz unheimlich, wahrend ihr Herz mit angstlichen Ahnungen kampfte.

Und als sie schuchtern den Einwurf wagte, dass der beobachtete S c h e i n der Decenz einem unverdorbenen Gemuth unmoglich genugen konne dass ein acht religioser Sinn nicht in dem durch Tauschung erschlichenen Beifall der Welt, sondern in der Reinheit seines Bewusstseyns, und in dem gewissenhaftesten Befolgen der Gebote der strengsten Sittlichkeit w a h r e Befriedigung zu finden vermoge, lachelte er sie mit jenem gutmuthig sich uberhebenden Gemisch von Ironie und freundlichen Bedauerns an, wie man die ungereimten Einfalle eines Kindes zu belacheln pflegt.

Allerdings, versetzte er, sind dies die Regeln, welche Praceptor und Gouvernante in fruher Jugend uns sclavisch einzupragen suchen aber wie bald reibt das wirkliche Leben diesen Rost der Schulmoral von uns ab, und dann erst treten wir aus langweiliger Unbemerktheit hervor, und fangen an zu glanzen.

Um comme il faut zu seyn, muss man die F o r m jener liebenswurdigen Tugenden annehmen, die vielleicht fruher wirklich existirten, jetzt aber nur einen trugerischen Wiederschein in der Seele des Menschen zuruckgelassen haben, wie der blaue Himmel im Teiche sich spiegelt, ohne darum Himmel zu seyn. Milde, Nachsicht, Gute, Bescheidenheit, und wie die guten Eigenschaften weiter heissen, die uns in unserer Kindheit gepredigt werden, mussen stets die eigentliche bittere Pille des Gemuths vergolden. Denn beissende Ausfalle, Lasterungen und sinnliche Vertraulichkeiten durfen sich nicht ungestraft in ihrer Nacktheit sehen lassen sie mussen durch irgend eine mildernde Hulle sanft verschleiert, durch Witz, treffenden Scharfsinn und den Anschein einer anstandigen Schicklichkeit erst autorisirt werden, in der guten Gesellschaft zu erscheinen.

Wenn es so ist, sagte Erna mit ihrer Angst ringend, so ist die Zuruckgezogenheit des Landlebens ja ein zwiefaches Gluck. Nicht nur, dass in ihm die Natur uns naher ist, und uns inniger mit Gott verbindet, als all das bunte Treiben in der Welt wir b e d u r f e n auch, selbst wenn wir ihre Anwendung nicht v e r s c h m a h t e n , jener armseligen Kunstgriffe nicht, die dazu dienen ohne innern Werth zu schimmern.

Sie sind noch so neu in der Welt, meine holde Erna, erwiederte Alexander jene ironische Miene beibehaltend, die ihm so ubel kleidete, indem sie ihm ein hohnisches Ansehn gab, dass ich Ihnen Ihr ubereiltes Urtheil verzeihe. Dass uns der Umgang mit Schafen, Huhnern und Pflanzen allerdings bis zum Langweiligwerden unschuldig erhalt, ist freilich, wenn Sie wollen, ein Vorzug des Landlebens, den aber der gebildetere Sinn weder begehrt noch beneidet. Dass unser Daseyn ein L u s t s p i e l fur uns, ein S c h a u s p i e l fur andere, und fur niemanden ein T r a u e r s p i e l sei, ist, wie mir scheint, der vernunftige Zweck, den die Natur uns vorzeichnet, und um ihn zu erreichen, durfen wir gern links und rechts die Blumen pflucken, die an unserm Wege bluhn, wenn auch die kalte, engherzige Moral, die im Geschmack der Cartheuser uns memento mori predigt, nicht eben uns Beifall winkt. So wenig, als g r u n d l i c h e Kenntnisse nothig sind, um in wissenschaftlicher Hinsicht zu glanzen, da das Gesetz der feinen Lebensart fordert, dass man keinen Gegenstand erschopfe, und blos verlangt, dass man die Oberflache eines jeden leicht beruhre, um mit Gewandtheit und Eleganz daruber hinzugleiten, eben so wenig sind diese murrischen, frostigen Tugenden, die man als Freudenstorer der Jugend uns fruh zu verehren zwingt, nothig, um uns d i e Achtung zu erwerben, die wir zu einer angenehmen Existenz bedurfen. Wenn wir nur d e n S c h e i n derselben, da wo es gilt, zu beobachten wissen, um unseren Abentheuern, Intriguen und Genussen ein ehrbares Gewand zu geben, so richtet die Welt milde, mag es auch im Innern aussehn, wie es will.

Und sollte es nicht unsere Pflicht seyn, auf einen hoheren Richter zu achten, als auf das seichte, durch Trug und Luge, und Blendwerke aller Art befangene Urtheil der Welt? unterbrach ihn Erna. Sollte nicht der Glaube an Gott, an die Nichtigkeit alles Irrdischen, und die Gewissheit einer Zukunft, wo kein S c h e i n mehr gilt, uns uber das unwurdige Bestreben erheben konnen, den Beifall der Menschen zu erlangen, ohne ihn verdienen zu wollen?

Mit dem scharfsten Ausdruck des Spottes zu dem er seine Zuge nur immer zwingen konnte, lachelte Alexander zu ihrer inneren Emporung. Es ist recht gut fur d a s V o l k , sagte er, das solcher Zugel bedarf, wenn man ihm weis macht, dass ein hoheres Wesen, und ein zukunftiges Leben jenseits des Grabes existirt. Denn wie das unverstandige Kind die Zuchtigung furchtet, die eine Folge seiner Unarten ist, so scheut auch der uncultivirte, bornirte Sinn des gemeinen Mannes die moralische Ruthe, die in der Vorstellung einer ewigen Verdammniss oder Seeligkeit liegt, und manches Bose unterbleibt auf diese Weise aus Furcht vor der Strafe. W i r aber, die wir auf einer hoheren Stufe der Aufklarung stehen, und Vorurtheile, wie billig, verachten warum sollten w i r uns uberreden, an Phantome zu glauben, die nur in uberreitzten, fanatischen Gehirnen entsprungen, eine menschliche Erfindung, und blos der Schwarmerei heilig sind? Und sind dies wirklich Ihre Grundsatze? fragte Erna, zur Marmorbuste erblasst. Ja, versetzte er, indem er ihre kalte, zitternde Hand ergriff. Ich halte es fur Pflicht, mich Ihnen zu zeigen, wie ich bin, da ich Sie liebe, und von Ihrem Besitz das Gluck meines Lebens hoffe. Warum, reizende Erna, sollt' ich verhehlen, dass meine Vernunft langst den Sieg uber jene Schreckgestalten davon getragen hat, mit deren Strafgericht eine sogenannte religiose Erziehung uns zu angstigen bemuht ist. Ich glaube an keine Fortdauer der Seele, und an kein Jenseits, und darum geniess' ich auch das Leben als das einzig wahre Gut, das wir besitzen, das jeder Augenblick vernichtend in das Nichts zurucksturzen kann, aus dem es entstand. Lassen Sie uns nicht in idealischen Gefilden schwarmen, wo nur sich selbst qualende Phantasten zu Hause sind, sondern erlauben Sie mir, Sie aus der atherischen, unhaltbaren Region Ihres Wahns in die Wirklichkeit herab zu fuhren. Genuss des schaumenden Jugendbechers und ein frohliches Verbannen aller schwerfalligen Sorgen ist die wahre Philosophie, die einzige Religion, zu der ich mich bekenne, und Sie von Ihren finsteren Irrthumern zu befreien, und Ihr Daseyn an meiner Seite so heiter wie moglich zu machen, soll das susseste Ziel meines Strebens seyn.

Erna schauderte, und bebte zuruck. Er wagte es, seinen Arm um ihren Nacken zu schlingen und sie an seine Brust zu ziehen. Da ermannte sie sich plotzlich gluhende Rothe verdrangte die Leichenblasse ihres Gesichts, und es stiegen wieder Funken in ihr starres Auge. Den Blick nach o b e n gerichtet, als wolle sie von da Kraft und Fassung sich erflehen, wandte sie sich nach einer stummen, aber unendlich ausdrucksvollen Minute von ihm ab, mit dumpfer, fast tonloser Stimme die Worte aussprechend: Unglucklicher! Gott helfe Ihnen wieder auf den rechten Weg, und vergeb es Ihnen, dass Sie mich so lange tauschten. W i r haben uns nichts mehr im Leben zu sagen.

XVIII

Sie schwankte hinweg, und Alexander blieb mit Augusten allein.

Sie haben meine Freundin sehr gekrankt, sagte Auguste nach einer Pause, in der sie unschlussig was sie thun solle, und selbst tief erschuttert erst muhsam die Kraft zu sprechen gewann. Gewiss ihr lauteres, keine Verstellung kennendes Herz ertragt es nicht, auf eine so harte Probe von dem gestellt zu werden, den es liebte sie ertragt es nicht, Sie in einem so nachtheiligen Lichte zu erblicken. Eilen Sie, o eilen Sie, die Grundsatze zu widerrufen, vor denen mit Recht Erna's reiner Sinn zuruckschaudert. Sie zertrummern sonst das Gluck des holden Wesens und Ihr eigenes unwiederruflich.

Wie? versetzte Alexander, sich verwundert stellend, kann Erna bei allen ihren hochgepriesenen Tugenden d i e W a h r h e i t nicht horen? Wurde es ihr besser gefallen, wenn ich statt in meiner eigenthumlichen Gestalt vor sie hin zu treten, mich einer Maske bediente, um sie zu tauschen? Ich bin zu stolz zur Verstellung, und sie ist mir unbequem. Daher so sehr es mich auch mit Recht beleidigen muss, von dem Madchen, das ich so ehrte, um es zur Gefahrtin meines Lebens erwahlen zu wollen, gewissermassen einen Korb empfangen zu haben, so bereue ich es doch nicht, da ich selbst i h r e Gunst mir nicht durch Heuchelei erwerben mochte. Leben Sie wohl fur immer, denn fur mich ist nun nichts mehr hier zu thun. Sie werden meiner Tante bezeugen, dass es nicht an m i r lag, wenn ihr sehnlicher Wunsch unerfullt blieb, und dass ich Erna meine Hand bot aber mit Geringschatzung zuruckgewiesen wurde. Suchen Sie um des eignen Bestens Ihrer Freundin willen ihre romantischen uberspannten Ideen zu berichtigen, und sie der wirklichen Welt anzupassen, in der sie leben soll, denn diese idyllische Sentimentalitat zerstort die Wurzeln eines gesunden Daseyns, und macht sie am Ende zu einer Candidatin des Irrenhauses.

Mit diesen Worten, die er voll des emporendsten Hohns in seinen Mienen aussprach, verliess er das Zimmer, und Auguste blieb, halb betaubt von der plotzlichen, so schrecklichen Verwandelung eines Charakters, den sie geschatzt hatte, und zitternd vor den Folgen die es auf Erna's liebendes Gemuth haben werde, zuruck.

Als Alexander zu seiner Tante kam, entdeckte er ihr mit allen Zeichen wohlerkunstelter Krankung und fehlgeschlagener Hoffnung, dass er Erna in Augustens Gegenwart seine Hand angetragen, aber eine abschlagliche Antwort von ihr erhalten habe, und auf eine verachtliche Weise von ihr verlassen worden sei.

Umsonst strebte die Generalin, sich dies Rathsel zu erklaren, umsonst erbot sie sich zur Vermittlerin, da sie Erna's Liebe zu ihm so wenig wie ihre vortheilhafte Meinung von seinem Werth bezweifeln konnte sein Stolz lehnte sich, wiewohl scheinbar mit tiefem Schmerz kampfend, gegen jedes Anerbieten ihrer Einmischung auf, und noch demselben Tag trat er, ohne sich durch Bitten und Zureden halten zu lassen, ausserlich zerstort, und tief ergriffen, innerlich aber frohlockend, dass er, wie er glaubte, mit so guter Art seinen Nacken aus der Schlinge gezogen habe, den Ruckweg zur Residenz an.

XIX

So lange Erna wahnte, ein schwerer Traum habe sie dem Himmel ihrer Hoffnung entruckt, so lange ruhte der wohlthatige Nebel der Betaubung, nicht das Centnergewicht der Verzweiflung auf ihrer Seele.

Als aber nach und nach Klarheit wieder in ihre Besinnung zuruckkehrte, und sie sich nicht mehr verhehlen konnte, dass sie wirklich auf immer von dem Ideal ihres hochsten Glucks geschieden sei, da bemachtigte sich ihrer ein Schmerz, der ihr armes Leben aller seiner Bluthen beraubte.

Wenn gleich ein dunkles Gefuhl ihr sagte, sie musse den Kummer verbergen, unter dessen Druck sie fast erlag, um ihre Mutter zu schonen, so vereitelte die Unfahigkeit, sich zu verstellen, und die Neuheit einer solchen Burde doch ihr inniges Streben, a l l e i n zu tragen, was der freie Blick in das Herz des Junglings, den sie liebte, ihr auferlegt hatte. Aus ihrem Daseyn war das Paradies verschwunden das Schone aus ihren Traumen das Gottliche aus ihrer Hoffnung. Denn wie ein Blitz, ungeahnet und unbegriffen, von wannen? woher? war die Liebe aus des Himmels Hohen in ihr Gemuth gesunken, aber nicht, wie sie in frommer Kindlichkeit geglaubt hatte, um es zu erwarmen, und zu erhellen, sondern um jede Kraft zu lahmen, jede Freudigkeit zu vernichten. Sie befragte sich selbst in der Bangigkeit ihrer Zweifel, ob es Gottes Hand sei, die diese schwere, dunkle Wolke uber ihr Leben herauf fuhrte, oder der Damon eigner Schuld aber ihr Bewusstseyn war rein, und warf ihr nur ein zu blindes, nur so bitter hintergangenes Vertrauen, nur eine zu innige, jetzt so grausam getauschte Neigung, keinen Fehler vor, der Alexanders rauhes Abwenden von ihr hatte rechtfertigen konnen.

Der Sturm, den betrogener Glaube, gemisbrauchtes Zutrauen, und das unheilbare Gift einer ewigen Hoffnungslosigkeit in ihrer Seele erregt hatte, naherte sie fast dem Wahnsinn, indem er ihre korperliche Kraft sichtbar aufrieb.

Ihre Mutter, die nur durch Augusten, nicht durch die von der Grosse ihres Schmerzes verschlossnen Lippen ihres Kindes das Vorgefallene erfuhr, vergass der eignen Leiden, um den Kummer der geliebten Tochter lindern und tragen zu helfen.

Langst hatten ihr die Aerzte bei der Zartheit ihrer Constitution einen Aufenthalt in sudlichen Landern verordnet. Aber die Beschwerden einer so weiten Reise, das Gefuhl ihrer Schwache, die Anhanglichkeit an ihren Wohnort und an den freundlichen Kreis, der sie dort umgab, und so manche Schwierigkeiten mehr, die d e r K r a n k l i c h e muhsam uberwindet, weil er, der Energie und des Muthes beraubt, leicht in der spielenden Mucke einen drohenden Elephanten erblickt, hatten sie bisher abgehalten, um ihrentwillen diesen heilsamen Rath zu befolgen.

Aber kaum hatte man ihr gesagt, dass Erna, krank an Leib und Seele, der Zerstreuung und einer mildern Luft bedurfe, um zu genesen, als das liebevolle Mutterherz Entschlossenheit genug in sich fand, allen Hindernissen Trotz zu bieten.

Mit einer Eil, die sich selbst nicht Ruhe vergonnte, wurden die Anstalten zur Abreise betrieben. Seit Jahren in einem vollig leidenden Zustand, und aller Thatigkeit entwohnt, uberliess sie sich jetzt einer so eifrigen Betriebsamkeit, dass sie gleichsam in diesem Streben noch einmal wieder aufgluhte, wie die hinsterbende Lampe kurz vor dem Erloschen hoher aufflackert.

Denn sie konnte die Sorge fur das Mittel, durch welches sie ihr grosstes Kleinod zu retten hoffte, niemand, sogar der treuen Auguste nicht uberlassen und die muhevollsten Anstrengungen, deren sie sich unterzog, gaben durch ihren heiligen Zweck ihren erschlafften Nerven wieder Spannung, ihrem hinfalligen Korper wieder Kraft.

Sie ordnete alles selbst, und da sie weder Muhe noch Geld sparte, so war das Ziel ihres Strebens bald erreicht, und wenig Wochen nach der Catastrophe, die Erna's Herz brach, rollte der schwer beladene Reisewagen bereits mit ihr dem freundlichen Suden zu.

Die Generalin blickte weinend ihrer alten Freundin nach. War es die Ahnung, dass sie sie niemals wieder sehen werde, war es ein innerer Vorwurf, dass ihr voreiliger Wunsch, Erna zum Schutzgeist ihres Brudersohns zu weihen, die Veranlassung so herben Kummers fur diese und ihre Mutter geworden war, und sie selbst des liebsten Umgangs beraubte genug sie konnte sich der tiefsten Traurigkeit nicht erwehren.

Nach reiflicher Ueberlegung, und genauer Prufung des Vorgefallenen, das schmerzlicher noch in Erna's Thranen, als in Augustens Mit heilungen sich aussprach, glaubte sie ihren Neffen richtig zu beurtheilen, wenn sie meinte, er habe, um sie nicht zu erzurnen, scheinbar in ihr Verlangen eingehn wollen, habe in der Langenweile seiner einformigen Lebensweise bei ihr wirklich fur eine kurze Zeit befriedigende Unterhaltung im Wahrnehmen der ihm so neuen, himmlischen Unschuld Erna's gefunden endlich aber wie ein wildes Ross nach zugelloser Freiheit sich sehnt, und Zaum und Gebiss flieht, die immer leiser sich zuziehende Schlinge eines ernster werdenden Verhaltnisses durch einen Gewaltstreich zerreissen wollen, indem er Gesinnungen ausserte, von denen er wusste, sie wurden ihn der frommen Erna entfremden.

Er gewann jedoch keineswegs dadurch in ihren Augen, dass sie ihn sich eigentlich besser dachte als er selbst sich darzustellen bemuht gewesen war. Weit lieber hatte sie ihn als einen Verirrten beklagen, wie als einen Heuchler verachten mogen. Die kleinliche List, mit der er die Folgen seiner herzlosen Annaherung zu vertilgen suchte, und das leichtsinnige Spiel, das er mit einem der besten Madchen getrieben, wandten in gerechtem Unmuth ihre Neigung von ihm ab, und sie gewann es nicht uber sich wahrend des kurzen Rests ihres Lebens, ihn, als ihr diese Ansicht vollig klar geworden war, je wieder eines freundlichen Worts zu wurdigen. Seine Briefe blieben stets unbeantwortet, und kein Zeichen ihres Seyns und ihrer Theilnahme an seinem Geschick suchte, wie sonst, ihn in der Ferne zu erfreuen. Sie traf jedoch, um das Andenken eines geliebten Bruders auch noch in seinem unwurdigen Sohne zu ehren, keine Anstalten, ihn das Vermogen zu entziehen, das nach ihrem Tode die Gesetze ihm, als ihrem nachsten Erben zuerkannten, und zwei Jahre nachher setzte ihn ihr sanftes Hinscheiden in den freien und rechtmassigen Besitz desselben.

Zweites Buch

I

Frohlich war Alexander in die Residenz zuruckgekehrt, sich seiner gewohnten Lebensweise um so freudiger hingebend, da er die Genusse, welche sie ihm bot, so lange hatte entbehren mussen.

Oft lachelte er triumphirend bei sich selbst, wenn er bedachte, wie gut es ihm gelungen sei, eine offenbare Weigerung gegen die Absichten seiner Tante zu vermeiden, und die Schuld ihres vereitelten Plans von sich ab, auf Erna zu walzen, deren Unerfahrenheit nur allzuleicht in die Falle gegangen war, die er ihr gestellt hatte. Oft aber auch, und zwar mehr im Traum, als im wachenden, durch das Gewirr bunter Vergnugungen stets vom Nachdenken abgezogenen Zustande, verfolgte ihn das Bild des bleichen Madchens, das es so gut mit ihm gemeint, das mit der ganzen Kraft eines noch vollig reinen Herzens, mit dem ganzen Feuer der ersten suss verschamten Liebe ihn geliebt hatte. Stillen Vorwurf und tiefen Kummer in ihren Mienen trat sie dann vor ihn, ihn durch ihren Anblick an das Unrecht zu mahnen, das er an ihr begangen, und ihm war in solchen Momenten, als konne er den reinen, strafenden Blick ihres frommen Auges nicht ertragen.

Zuweilen auch storte ihn die Erinnerung mitten in dem Gewuhl rauschender Freuden, indem sie unwillkuhrlich ihm die Scene zuruckrief, wo er im Walde vor ihr knieete, sie blass und blutig, und dem Schein nach leblos, vor ihm lag, und er in Todesangst um sie, das in den Quell getauchte Tuch um ihre verletzte Stirne schlang. Dann drang noch einmal wie ein Strahl von oben der erste Blick ihres dem Leben sich wieder offnenden Auges in seine Seele, wie es den Himmel in sich tragend, und eine Welt von Empfindungen aussprechend so voll inniger Tiefe an dem seinigen hing. Ach damals war es ihm wohl gewesen, als sprache eine leise Regung fur sie in seinem Herzen aber, seine Abneigung vor den Fesseln der Ehe, sein granzenloser Hang zur Ungebundenheit und sein Leichtsinn hatte schnell wieder dies bessere Gefuhl erstickt, und ihn uberredet, es sei nur eine Aufwallung des Mitleids, durch die Gefahr erregt, in welcher er sie erblickte.

Als durch den Tod seiner Tante ihm ihr ganzes, sehr bedeutendes Vermogen zufiel, hatte es die Lage der Dinge, und sein Vortheil wohl erfodert, dass er personlich Besitz von ihrer Hinterlassenschaft genommen hatte. Aber er scheute sich die Gegend wieder zu sehen, wo, wie er glaubte, Erna athmete auch konnt' er sichs nicht verhehlen, dass seine Tante unzufrieden mit ihm aus der Welt gegangen sei, und da es zu den Gesetzen seiner Lebensphilosophie gehorte, sich alle unangenehmen Gemuthsebwegungen zu ersparen, so ubertrug er alles was ihm oblag, einem Rechtsgelehrten, und folgte nach wie vor dem Strome, der ihn in die wilden Wirbel der Zerstreuungen zog.

Doch, wie selbst tiefere Eindrucke allmahlich von der Hand der Zeit verwischt werden, so schwand im Rausche seines wusten Lebens auch nach und nach jeder leise Vorwurf, den das Andenken der Vergangenheit ihm machte, und immer seltener und immer gleichgultiger nahte ihm Erna's Erscheinung, bis sie endlich ganz unter den wogenden Leidenschaften, die in seinem Innern sturmten, sich verlor.

Funf Jahre waren verstrichen, seit er sie hatte kennen lernen da schlug, ihm unerwartet, die Stunde der Vergeltung, die selten ausbleibt und oft dann erst das Unrecht straft, wenn der, der es beging, es bereits vergessen hat.

Er war einige Tage abwesend gewesen, und kehrte spat am Abend in seine Wohnung zuruck, wo er von der Grafin Tannow, die eins der angesehensten Hauser der Residenz ausmachte, eine Einladung zum Ball vorfand.

Zwar war die Uhr schon zehn, und das Vertauschen seiner nachlassigen Reisekleidung mit einer glanzenden Toilette konnte leicht noch eine Stunde hinwegnehmen zudem fuhlte er sich nicht wohl, und verstimmt aber demungeachtet konnte er sich nicht entschliessen, zu Haus zu bleiben. Denn er sehnte sich nach Gerausch und Abwechselung, um seinen Blick durch andere Gegenstande von sich selber abzuziehen, wo er nur mit Unmuth verweilte. Seinen Frohsinn lahmend, war der bose Geist des Ueberdrusses nach und nach uber ihn gekommen, und hatte ihn gesattigt von der Fulle eitler Weltlust, die er genossen das Schaale, Seelenlose, Ermattende seines zwecklosen Lebens in dusterer Beleuchtung wahrnehmen lassen.

Nachdem seine Erfahrungen ihn mit allen bekannt gemacht hatten, was das Daseyn bietet, fand er so wenig genugendes so wenig, was der Zeit trotzend, auch in der Zukunft ihm noch die Freuden versprochen hatte, die es einst ihm gewahrte. Ein stilles, dunkles Sehnen nach der fruh verlohrenen Unschuld seines Herzens, nach dem unwiederbringlichen Werth der Unverdorbenheit regte sich in seinem Busen, und verschattete ihm finster die Welt, deren verpestender Hauch gleich dem Sirocco alle schoneren Bluthen des Lebens ihm vergiftet hatte. Doch die Unbehaglichkeit dieser Gefuhle war zu druckend, als dass er nicht hatte suchen mogen, sie los zu werden er kleidete sich daher um, und fuhr hin, wo er Zerstreuung seiner finstern Grillen zu finden wahnte.

II

Feenhaft strahlten die hellerleuchteten Fenster herab in die dunkle Strasse, die von ihrem Abglanz erhellt wurde, und rauschend, und seinen Sinn zur Frohlichkeit auffodernd, tonte die Ballmusik durch die stille, schweigende Nacht.

Schon halb erheitert sprang er aus dem Wagen und eilte hinauf. Aber befremdend blieb er einige Augenblicke am Eingang stehn, denn kein Empfang begrusste ihn, niemand kam ihm entgegen, und selbst die Bedienten schienen in Zuschauer verwandelt zu seyn.

Alles drangte sich, einen weiten Kreis in der Mitte des Saals umschliessend, diesem, innerhalb desselben es unverkennbar etwas vorzugliches zu sehen gab, so nahe, wie nur immer moglich zu kommen. Selbst die Spielenden, sonst so fest an ihre Platze gebannt, dass kaum ein Erdbeben sie hatte in Bewegung bringen konnen, waren aufgestanden, und hatten ihre Tische verlassen, und rings an den Wanden war man sogar auf Stuhle gestiegen, um nur nichts von dem Schauspiel zu verlieren, das unbekannter weise auch seine Neugierde zu erregen begann.

Endlich wurde ihn die Frau des Hauses gewahr, und winkte ihn zu sich. Der Platz an ihrer Seite vergonnte ihm, einen Blick in das Allerheiligste des Saals zu thun, und er sah, von einem seiner Freunde und von einer fremden Dame einen franzosischen Contretanz mit einer Leichtigkeit und Vollkommenheit auffuhren, die er noch nie in diesem Maasse an einem weiblichen Wesen wahrgenommen hatte.

Ihre blendende Schonheit, und das Edle ihres Wuchses und ihrer Haltung nebst ihrer einfachen, aber reichen Kleidung erhohte noch das Entzucken, das ihre Kunst gewahrte, und staunend stand er, in Bewunderung verloren, und wagte kaum zu athmen, aus Furcht, es mochte irgend eine Bewegung dieser Grazie ihm entschlupfen.

Endlich war der Tanz geendigt. Stolz auf das Recht, sich ihr nahern zu durfen, gab ihr Tanzer ihr den Arm, sie nach einem Sitze zu fuhren und ehrerbietig wich die Menge aus einander sie hindurch zu lassen, wahrend alle Blicke bewundernd auf ihr ruhten, alle Hande rauschend ihr Beifall klatschten.

Ihr Gesicht war ein wenig seitwarts gewandt, als sie an Alexandern voruberging. Er sah nur einen Theil des ausdrucksvollen Profils, nur den blendend weissen Nacken, um den grosse Diamanten sich reihten, mehr Zierde von i h m empfangend, als sie zu geben vermochten, nur den Silphidenwuchs, der bei aller lieblichen Fulle der Jugend und Gesundheit doch durch die Anmuth mit der sie sich trug und bewegte, so atherisch erschien, als schwebe ihr Fuss einher, statt die Erde zu beruhren.

Langer konnte er sein Verlangen nicht bezwingen, zu erfahren, wer diese wundervolle Erscheinung sei, und er wandte sich mit dieser Frage an die Grafin, neben der er noch immer stand.

Sehen Sie, so bestraft sichs, erwiederte diese scherzhaft, wenn Sie mit der Stadt boudiren, und ihr den Rucken kehren. Dieser neue Stern ist wahrend Ihrer Abwesenheit an unserem Himmel aufgegangen nehmen Sie sich nur in Acht, lieber Norbeck, dass Ihre hochgepriesene Freiheit nicht die Flugel an seiner Glorie versengt.

Ein schmerzlich susses Weh zuckte bei diesen Worten durch seine Brust. Ihm war, als ware ihm die Weissagung einer Prophetin erklungen, und ein Schauer ganz eigener Art rieselte durch alle seine Nerven. Doch noch immer blieb seine Neugier ungestillt noch einmal wiederholte er seine Frage nach dem Namen des liebenswurdigen Fremdlings aber wie unbegranzt war sein Erstaunen als die Antwort ihm Erna von Willfried nannte.

III

Unbeweglich, wie eine Bildsaule, blieb er, von dem Klange dieser wenigen Worte getroffen, stehn, und eine langst versunkene Welt, schwankend zwischen neuer Furcht und Hoffnung, dammerte in seiner Seele wieder auf, wie ein grunendes Eiland aus sturmenden Fluthen sich erhebt.

Es ist kein Wunder, dass Fraulein Willfried schon tanzt, horte er jetzt die Obristin Lahnberg zu einer neben ihr stehenden Matrone sagen, Neid und Bitterkeit in ihren gramlichen Zugen. Hatte meine Mariane eben so wie sie Jahrelang in Paris diese leichtfertige Kunst erlernt und getrieben, vielleicht wurde sie auch so durch ihre Geschicklichkeit glanzen. Aber sie hat immer das Reelle dem leeren Schimmer vorgezogen. Es ist ubrigens nicht schwer, zu brilliren, wenn man halb Europa durchreisen kann, um in Italien mahlen und singen, in Frankreich tanzen zu lernen, und wenn man vor allen Dingen dabei die noble Dreistigkeit hat, seine Talente geltend zu machen.

Jetzt naherte sich Mariane, ihre Tochter, muhsam ihr von Misgunst verzerrtes Gesicht zu einem freundlichen Lacheln zwingend. War das nicht unique, Mama? fragte sie. Es ist ein Vergnugen so delicios tanzen zu sehn man kommt sich ordentlich wie im Ballette vor. Freilich sollte das W e s e n t l i c h e nicht unter der Ausubung s o l c h e r Kunste leiden. In diesem Augenblick hort' ich von sicherer Hand, dass Fraulein Willfried im hauslichen eben so unerfahren, als geschickt im Tanzen ist. Keine Suppe soll sie kochen, keine vernunftige Nath nahen konnen, und da unser Beruf doch nicht ist, wie von der Tarantel gestochen durchs Leben zu hupfen, so ists zu bedauern, dass sie das Wichtigere uber so frivole und vergangliche Geschicklichkeiten versaumt hat.

Das ist die heutige Modeerziehung, die sich nicht zu n u t z e n , sondern nur zu s c h i m m e r n bemuht, fiel ihre Mutter eifrig ihr ins Wort. Zu m e i n e r Zeit wurde nur soliden Kenntnissen Werth beigelegt, und daher hab ich Dich auch so erzogen, dass ich vor Gott und Menschen Ehre einlege, und gewiss ein rechtschaffener Mann dereinst mit Dir nicht betrogen wird. Aber die selige Willfried nun, man soll von Todten nur Gutes sprechen, und sie war meine sehr genaue Freundin, denn wir haben zwei Jahr lang zusammen der hochseligen Prinzess Sophie als Hofdamen gedient sie hatte immer etwas uberspanntes und geziertes, und ihre Sucht, sich allenthalben vorzudrangen, scheint denn auch auf die Tochter ubergegangen zu seyn. Doch sie hat Geld, und dadurch macht sich heut zu Tage jede Narrin geltend, wahrend das stille bescheidene Verdienst, wenn es arm ist (hier blickte sie ihre uberreife, vergilbte Tochter seufzend an) unbemerkt und ungesucht wie das Veilchen im Moosse verduftet.

Alexander hatte genug erfahren, um zu merken, dass dies Gesprach nicht ohne Absicht sich in seiner Nahe entspann. Man zahlte ihn im Kreis der jungen Heirathsfahigen Manner zu den vortheilhaftesten Parthieen, und grobe und feine Netze hatten sich daher schon oft von Seiten langst erwachsenen Frauleins und ihrer Mutter ausgebreitet, den schimmernden, nur allzuglatten Goldfisch zu fangen.

Die so verschiedenen Kunstgriffe weiblicher Koketterie, mit der eine jede, ihrer Individualitat angepasst, die Maske wahlte, die ihrer Meinung nach am meisten anzuziehen und zu fesseln geneigt war, belustigte ihn oft, und er machte sich nicht selten das grausame und unedle Vergnugen, Hoffnungen zu erregen, welche er bis auf einen gewissen Punkt steigerte, und dann plotzlich tauschte.

Leichtfertig und schadenfroh hatte er sonst mit erheucheltem Ernst in die neidischen und verlaumderischen Aeusserungen dieser Thorinnen eingestimmt, aber heute war es ihm nicht moglich. Sein Herz war so voll, so plotzlich verwandelt die Brust so gepresst es zog ihn mit Riesenkraft zu der aufgebluhten Rose hin, der er als Knospe so weh gethan, dass er um dem inneren Drange seines Sehnens genug zu thun, sich voll Reue hatte zu ihren Fussen sturzen und weinen mogen.

IV

Er nahte sich dem Strahlenkreis, dessen Mittelpunkt sie war. Zwar fand er sie zu umringt, um sie anreden zu konnen, hatte auch jetzt noch kaum den Muth, es zu w o l l e n aber er weidete sich doch an ihrem Anschauen, das ihm mit jedem Blick neue Reize entfaltete.

Wie hatten diese funf Jahre sie verandert. Kaum erinnerten noch die edlen seelenvollen Zuge an den bleichen Schatten, den ihr fruheres Bild in seinem Gedachtnis zuruckgelassen hatte. War dies stolz in so reizender Lebensfreudigkeit auftretende Madchen, das mit heller Geistesgegenwart und klarer Umsicht die Huldigungen der Menge kaum zu beachten schien, wirklich jenes einst so blasse, blode Kind, das in seiner Verlegenheit oft so link sich darstellte, und schuchtern in sich selbst zusammenzitterte, wenn ein Blick es traf, oder ein Wort es zur Rede zwang? Etwas uber mittlere Grosse heran gewachsen, schmuckte die lieblichste Harmonie aller Verhaltnisse ihren schlanken Bau, und der ungezwungenste, edelste Anstand vollendete den einschmeichelnden Eindruck, den ihre vollkommen schone Gestalt bei'm ersten Anblick auf jeden unverwahrloseten Sinn machte. Ihr reiches braunes Haar, kunstvoll aufgewunden, und wieder in seidene, wallende Locken um Stirn und Schlafe ausgegossen, war mit Diamanten durchflochten, doch ein reineres Licht, als diese auszustromen vermochten, strahlte von den klaren herrlichen Augen, in denen eine seltene Tiefe des Gemuths, verschmolzen mit allem Feuer eines hellen Geistes, sich aussprach. Ihr Anzug war einfach, doch kostbar. Ueber blendend weissen Atlas schmiegte sich ein Gewand von indischem Mousselin gleich einem zarten Gewolk um ihren edlen Wuchs, und ein reicher Gurtel befestigte den weichen Faltenwurf. Die funkelnden Juwelen ihres Halsbands und ihrer Ohrringe, so wie des Diadems, das sich um ihre Locken wand, und die kostlichen Brussler Spitzen, die ihren Busen umgaben und den Saum ihres Kleides bildeten, erhohten den Neid, den ihre personliche Anmuth bereits in den meisten anwesenden Damen erregt hatte.

Alexander kampfte mit sich selbst, o b und w i e er

sie anreden solle. Sie an ihre fruhere Bekanntschaft mit ihm zu mahnen, konnte nur bittere Erinnerungen in ihrer Seele zuruckrufen, und gleichwohl ihrer gar nicht zu erwahnen, hatte ihm den Schein einer Oberflachlichkeit des Sinnes gegeben, den er wie alles was ihm fortan in ihrer Meinung schaden konnte, furchtete.

Er grundete auf die Neigung, die sie ihm einst so

unbefangen verrathen hatte, die schonsten Hoffnungen seines Herzens, und gehoben, und gleichsam schon veredelt durch die zum erstenmal empfundenen Gefuhle einer edlen, wahren Liebe, nahm er sich vor, w a h r zu seyn, ihr bei der ersten schicklichen Veranlassung offen seine damaligen, so wie seine jetzigen Gesinnungen zu entdecken, um durch seine Reue uber das Vergangene sich ihrer Verzeihung werth zu machen, und seinem Charakter ihr verlorenes Zutrauen wieder zu erwerben. Fur jetzt aber beschloss er, die frohliche Tendenz des Abends nicht durch so ernste Erklarungen zu unterbrechen, und sich mit strenger Selbstbeherrschung innerhalb den Schranken zu erhalten, mit denen die Convenienz die Hochgefeierte umbaute.

V

Unstreitig war Alexander der beste Tanzer der Residenz. Nicht Eitelkeit oder der ihm sonst so gewohnliche Hang zu glanzen, sondern der Wunsch, in irgend eine leise Beziehung mit ihr zu kommen, erweckte das Verlangen in ihm mit Erna zu tanzen, und schon wollte er bittend sich ihr nahern, als sie aufstand, und einem Glucklicheren bereits versagt an ihm voruber ging.

Als Zuschauer blieb er, an eine Saule sich lehnend, stehen, und war so vertieft in ihrem Anblick, dass er die Annaherung der Grafin Tannow, nicht bemerkte. Er schrack ein wenig zusammen, als ihre scherzhafte Anrede ihm bewies, dass er beachtet worden sei. Doch schien sie kein Arg aus seinem, jede Bewegung Erna's verschlingenden Anschauen zu haben, sondern es nur auf sein Interesse an einer Kunst zu beziehen, in der er selbst Meister war, und als sie gleich darauf ausserte, dass er ihren Gasten durchaus das Vergnugen verschaffen musse, ihn mit Fraulein Willfried tanzen zu sehen, weil ausser ihm kein Tanzer ihr vollig an Geschicklichkeit gleich sei, erfullte sie, ohne es zu ahnen, den brennendsten Wunsch seines Innern, indem sie auf seine etwas schuchterne Einwendung, dass er ihr noch gar nicht vorgestellt sei, und daher nicht wage, sie aufzufodern, sich um des allgemeinen Bestens willen, wie sie sagte, das durch den Genuss eines solchen Schauspiels gewinnen werde zu seiner Fursprecherin erbot.

Mit ihrem Tuche sich Kuhlung zuwehend, sass Erna nach geendigtem Tanz in der Reihe der Damen, als die Grafin ihr nahte, und Alexandern ihr vorstellend, seinen Namen nannte.

Der Klang desselben schien sie keineswegs zu erschuttern, wie er erwartet hatte. Sie erhob sich von ihrem Sitze, ihn zu begrussen, doch wurdigte sie ihn nur eines kurzen, ruhig an ihm vorubergleitenden Blickes, und seine Anrede gleichsam uberhorend, wandte sie sich von ihm ab, zur Grafin, mit Feinheit und volliger Unbefangenheit ein heiteres Gesprach beginnend.

Da stand er jetzt, der sonst so kuhne ubermuthige Jungling, die Gluth der Verlegenheit auf seinen Wangen, und den schmerzenden Stachel der Demuthigung tief und immer tiefer in die Brust gedruckt. Welch ein Empfang! Ihm war, als musse die ganze Versammlung wahrgenommen haben, wie gleichgultig und beschamend sie ihn aufgenommen hatte, sie, deren Herz er bei'm Wiedersehn vom Blitz zartlicher Erinnerungen getroffen, vom Weh muhsam bekampfter, aber nicht erstickter Liebe besturmt glaubte.

Er biss sich grimmig in die Lippen, wahrend er mit den Augen unstat umherschweifte, und mit Anstrengung aller seiner Kraft sich bestrebte, durch ausserliche Fassung den innern Aufruhr seines Wesens zu verschleiern.

Die Grafin drang freilich nicht in die eigentliche Tiefe seines bitter gereitzten Gefuhls ein, aber ein wenig zu oberflachlich, um hoflich zu seyn, schien ihr doch das Benehmen des Frauleins gegen ihn, wenn sie es gleich nur fur zufallig hielt, und um die Empfindlichkeit zu mildern, die sie sehr wohl an ihn bemerkte, sprach sie in der Hoffnung, das Unangenehme seiner Situation zu vermitteln, die Bitte aus, dass Erna ihm, der ein ihrer Kunst wurdiger Tanzer sei, zur Freude sammtlicher Zuschauer eine Francaise schenken moge.

Ruhig, ohne ein Zeichen des Unwillens oder der personlichen Abneigung erklarte sie, dass der Wunsch der Grafin ihr Befehl seyn wurde, wenn sie nicht bereits das Maas im Tanzen uberschritten hatte, das arztliche Vorschrift ihr ihrer Gesundheit wegen vorgezeichnet habe. Eine lang anhaltende, heftige Bewegung vertrage sich nicht mit ihrem Wohlbefinden, und sie sei zu erhitzt und ermudet, um diesen Abend noch wieder tanzen zu durfen.

Da ihre Entschuldigungsgrunde von ihrer Gesundheit hergeleitet waren, konnte die Grafin nichts dagegen einwenden, und mit der feinen Geschliffenheit der grossen Welt, die bei keinem Gegenstand so l a n g e v e r w e i l t , dass er l a n g w e i l i g wird, gab sie dem Gesprach sogleich eine andere Wendung.

Indess begann ein neuer Tanz, und die beiden Damen, zwischen welchen Erna gesessen, folgten der Aufforderung, daran Theil zu nehmen. Die Grafin wurde abgerufen, und Erna, sich jetzt nicht ohne einige Verlegenheit ihm allein gegenuber findend, setzte sich wieder mit gesenktem Auge auf ihren Platz, wahrend er mit klopfender Brust sich zu dem Entschluss ermuthigte, sich kuhn an ihrer Seite niederzulassen, und sie anzureden.

VI

Lange suchte er, der sonst so Gewandte, jetzt vergeblich nach einem Worte passender Annaherung.

Er merkte, dass nicht nur in ihm allein, dass auch in Erna die Verwirrung stieg, mit der die Unmoglichkeit, ihm jetzt schicklicher Weise auszuweichen, sie erfullte, und er schopfte Ermunterung aus dieser Wahrnehmung, da selbst ihr Unwillen ihm schmeichelhafter war, als die bisherige stille Gleichgultigkeit mit der sie ihn ubersah.

Darf der Neffe einer Frau, welche Sie so kindlich verehrten, es wagen, Sie hier willkommen zu heissen? sagte er endlich.

Bei diesen Worten verdunkelte sich die Gluth auf Erna's Wangen. Ein tiefer Ernst gab ihren Zugen Ruhe, ihrer Haltung Wurde. Warum beschworen Sie die abgeschiedenen Geister, Herr von Norbeck, antwortete sie, gonnen wir den Todten ihre Ruhe.

Und sollte diese Ruhe durch eine ehrfurchtsvolle Erinnerung gestort werden? erwiederte er. Vielleicht hab ich meine Tante wahrend ihres Lebens nicht so gekannt und geschatzt, wie ihr seltner Werth es verdiente. Der Leichtsinn meiner fruheren gedankenlosen Jugend, der mich blind fur wahre Verdienste machte, liess mich manches in dem trugerischen Lichte thorichter Verblendung wahrnehmen, was spaterhin durch eine bessere Ueberzeugung und durch Reue mir ganz anders erschien. Daher wenn ich mit Wehmuth und Dankbarkeit der edlen Frau gedenke, deren Vortrefflichkeit ich zu spat einsah, um sie in ihrem ganzen Umfang noch auf Erden ehren zu konnen, und mich bestrebe, jetzt, wo sie nicht mehr Zeuge meines irrdischen Wandels seyn kann, ihn so zu fuhren, dass sie mit mir zufrieden seyn wurde, wenn sie ihn beobachten konnte sollte das nicht das wurdigste Todtenopfer seyn, das ich ihren Manen zu bringen vermochte?

Statt durch den sich entschuldigenden Sinn seiner Rede geruhrt, und zu versohnender Milde bewegt zu werden, fuhlte sich Erna erbittert und emport, da sie ihn fur einen Heuchler hielt.

Denn was sie seit ihrem kurzen Aufenthalt in der Stadt bereits theils zufallig, theils leise durch eignes Forschen veranlasst von ihm gehort hatte, stellte ihn nach dem allgemeinen Urtheil als einen entsetzlichen Wustling dar, so fruh schon verdorben, dass ihm nicht einmal eine Ahnung von Schuldlosigkeit, noch weniger das Andenken wahrer Herzensreinheit geblieben sei, und der ewig in frivole Abentheuer und Intriguen verstrickt sich voll frecher Spottlust und schadenfroher Verstellung eine jede Maske anzupassen wisse, die sich zur Befriedigung seiner momentanen Wunsche und Begierden eigne.

Zwar sprach das Urtheil der Welt auch von seiner personlichen Liebenswurdigkeit, und manchem grossmuthigen, schonen Zug seines ursprunglich edlen, nur durch Ausschweifungen entweihten Charakters liess man Gerechtigkeit widerfahren. Auch vertheidigten ihn viele, wenn er getadelt wurde, mit Eifer, da die Sittenlosigkeit eines jungen unverheiratheten Mannes in Bezug auf Frauen gewohnlich von den meisten nicht so streng gerichtet wird, als sie es wohl sollte. Aber konnte seine Freigebigkeit, sein Muth, sein Frohsinn, der dem Leben stets die lachende Seite abgewann, wohl den Mangel jener hohern Tugenden in ihm ersetzen, die allein erst dem Menschen sittliche Wurde geben? Seine individuelle Anmuth durfte, so meinte Erna, niemand zu seinem Vortheil bestechen, da diese die Gefahr seiner verderblichen Nahe nur vergrossern half. Er war in ihren Augen, was sie nicht ohne Schauder sich denken konnte: e i n M e n s c h o h n e R e l i g i o n . Er selbst hatte ihr ja sie bebte noch bei der Erinnerung jenes schrecklichen Augenblicks mit kecker Dreistigkeit gesagt, dass er n i c h t s g l a u b e , n i c h t s h o f f e , und dass uppiger Lebensgenuss die einzige Tendenz seines Handelns, das einzige Prinzip seiner Moral sei. Diese Erfahrung, die ihr Gedachtnis nur allzutreu bewahrt hatte, verdunkelte noch den dustern Schatten, den sein Ruf in ihre Seele warf.

Es machte daher auf ihr alle Heuchelei tief verachtendes Gemuth einen sehr misfalligen Eindruck, ihn die Sprache des Gefuhls, der Erkenntnis und der Reue reden zu horen, da sie nach seinen ehemaligen Bekenntnissen dies Betragen nur fur listige Verstellung hielt. In edlem Zorn ergluhend fehlte der Nichtachtung, die sie in diesem Augenblick fur ihn empfand, die Kalte, welche sonst gewohnlich Geringschatzung zu charakterisiren pflegt, und mit bewegtem Busen und flammendem Auge sprach sie, indem sie aufstand: Ein Schauspieler von I h r e m Talent, Herr von Norbeck, sollte seine Rolle nur vor einem d a n k b a r e n Publicum recitiren. Der Beifall eines unbedeutenden Madchens wie ich, wurde Ihnen schon darum nicht gnugen, weil er nicht rauschend ist und jener i n n e r e des Bewusstseyns, wenn er auch der Preis einer kunstlerischen Darstellung seyn konnte den achten ja, wie Sie mir fruher gesagt haben, Leute von Welt und gutem Ton nicht.

Sie wandte sich hierauf rasch von ihm ab, und setzte sich zum Spieltisch der *sischen Gesandtin, wo sie verweilte, bis es zur Abendtafel ging.

VII

Bitter, und im hochsten Grad aufgeregt war die Stimmung, in welcher Alexander ihr nachsah. Das Schonungslose, Auffallende ihrer brusquen Entfernung beleidigte ihn fast noch mehr als die ihn herabwurdigende Bedeutung ihrer Worte, denn es stellte ihn seiner Meinung nach, vor der Welt blos, und er fuhlte sich, voll Furcht, dass ein seine Eigenliebe so demuthigendes Benehmen von jedermann habe bemerkt werden konnen, eben so empfindlich am Heiligthum ausserer Ehre angegriffen, als tief im Innern gekrankt, durch das Unrecht, das sie ihm that.

Indess dies letztere musste er ihr wohl verzeihen, denn war e r es nicht, der ihre zutrauensvolle Jugend durch Argwohn vergiftet, und den Glauben an Wahrheit, Gute und Treue in ihr erschuttert hatte? O wie gern hatt' er jetzt ihn neu erweckt wie innig, schmerzlich sogar, war sein Sehnen, sie moge milde ihm die reine unbefleckte Hand reichen, um aus seinem bisher so profanen Leben ihn in ein besseres, seiner wurdigeres, hinuber zu ziehen. Was hatt' er nicht darum gegeben, jenen feindselig erkaltenden Eindruck wieder verloschen zu konnen, den er einst so froh war, in ihrem Herzen erregt zu haben. Doch wer vermag das Rad der Zeit z u r u c k zu walzen, und Geschehenes ungeschehen zu machen? Noch verliess ihn die Hoffnung, sie zu gewinnen, nicht, denn nach den ersten Momenten unmuthiger Aufwallung flusterte seine Eitelkeit Worte des Trostes in den Sturm seiner Seele.

Sie z u r n e t Dir Gott sei Dank! Du bist ihr nicht gleichgultig, jubelte er, als er bedachte, dass sie, die Feingebildete, unmoglich mit Verletzung aller Hoflichkeit so heftig von ihm geschieden seyn wurde, wenn ihr Gemuth nicht im lebhaftesten Kampfe zwischen Stolz und Neigung begriffen gewesen ware.

Da er es nicht fur gerathen hielt, heute noch den Versuch, sie zu sprechen, zu erneuern, so bemuhte er sich wenigstens, etwas naheres uber ihre hiesigen Verhaltnisse zu erfahren.

Man erzahlte ihm, dass sie erst ganz kurzlich mit der *sischen Gesandtin hier angekommen sei. Sie habe in Italien ihre Bekanntschaft gemacht, und sei von ihrer Mutter auf dem Sterbebette dem Schutz und der Fursorge derselben empfohlen worden. Diese habe nach dem Tode der Frau von Willfried mit inniger Liebe das theuere ihr anvertraute Pfand bei sich aufgenommen, und Erna mit sich nach Frankreich gefuhrt, wo ihr Gemahl fruher, ehe er hieher versetzt worden, einem diplomatischen Posten vorgestanden. Nach einem zweijahrigen Aufenthalt in Paris habe das veranderliche Loos seines Standes ihm h i e r seinen Platz als Gesandter angewiesen, und Erna, die sich so innig zu dieser Familie zahle, als sei sie durch Bande des Bluts mit ihr verwandt, sei ihr auch hieher gefolgt. Man ruhmte sehr den anmuthigen Ton dieses Hauses, und rieth Alexandern, sich doch ja recht bald dort einfuhren zu lassen, da man stets einen auserwahlten kleinen Cirkel und die angenehmste Unterhaltung dort finde.

Um den Pfeil, mit welchem Erna's Schonheit ihn verwundet hatte, ihm durch ihren steten Anblick noch tiefer ins Herz zu drucken, wiess ihm der Zufall seinen Platz bei der Abendtafel ihr gerade gegenuber an.

Wie brannte er vor Verlangen, nur einem jener Blicke zu begegnen, der wie einst, als er ein solches Gluck noch nicht zu schatzen wusste, ihm ihr vom sussen Zauber der Liebe bewegtes Gemuth verrathen hatte. Aber umsonst. Sie schien der Erinnerung jener Zeit so ganz entfremdet zu seyn, so vollig seine Bekanntschaft und das noch vor wenig Momenten Vorgefallene vergessen zu haben, dass ihr Auge so untheilnehmend und fremd uber ihn hinwegstreifte, als sei er gar nicht da wenigstens nicht fur sie.

Und doch gewahrte es ihm einen schmerzlichen Genuss, sie unablassig zu beobachten. Die Unschuld und Unbefangenheit eines Kindes mit scharfem Verstand und der feinsten Geistesbildung verbunden, die grosste Anspruchslosigkeit bei dem entschiedensten Recht zu Anspruchen, stellte in ihrer Person ein seltenes, aber unwiderstehliches Gemisch von Liebenswurdigkeit dar, das kaum ihrer siegenden Reize bedurft hatte, um jedes Herz magnetisch anzuziehen. Heiter, wie ein Fruhlingstag, und sich der Frohlichkeit des Augenblicks kindlich hingebend unterhielt sie sich mit ihren Nachbaren, und wer sie in diesem Austausch des Scherzes und der geselligen Mittheilungen sah, konnte schwerlich ahnen, dass ihr Geist in der Schule ernster Erfahrungen gereift, ihr Gefuhl im Prufungsfeuer tiefen Schmerzes gelautert sei.

VIII

Mismuthig, mit sich selbst entzweit, und doch sein ganzes Wesen durch einen neuen, kraftigeren Impuls aufgeregt, kam Alexander nach Hause, und vertraumte noch manche Stunde in Erna's Andenken, ehe der Schlummer sein mudes Auge schloss. Hatte er seiner Neigung nachgeben mogen, so wurde er am folgenden Tag schon versucht haben, Zutritt im Hause des Gesandten zu erhalten, das, ohne jemals grosse Feste zu geben, sich jeden Abend gastlich den Besuchen gebildeter und befreundeter Menschen offnete. Aber nach der Art, wie Erna ihn aufgenommen, schien es ihm zu kuhn, ihr in ihrer eigenen Wohnung zu nahen, ehe nicht ein zweites, milderes Zusammentreffen am dritten Orte ihn dazu ermuntern wurde. Denn auch nur den leisesten Schein einer Zudringlichkeit auf sich zu laden, war seinem Stolze unertraglich, selbst hier wo es Beschwichtigung der innern, ewig nagenden Unruh und Linderung der Sehnsucht galt, die an seinem Herzen zehrte.

Erna's Erscheinung wirkte indessen in seiner Seele fort, indem sie ihn immer mit sich beschaftigend, von seinem gewohnten Thun und Treiben abzog. Nie hatte er einsamer und zuruckgezogener gelebt. Ganze Tage brachte er, sich selbst genug, in seinem Zimmer zu, uber die tiefe Bedeutung ihres Charakters, die reiche Entfaltung ihrer schonen Anlagen nachzudenken. So lebendig, als sei sie es wirklich, erblickte er dann im Spiegel seiner Phantasie ihre schlank aufstrebende, hohe, und doch in dem reizendsten Ebenmaas so sanft gerundete Form, und das seelenvolle Gesicht, das in seinen Zugen einen so himmlischen Ausdruck offenbarte. Dann lag die ganze Welt versunken und vergessen hinter ihm, und nur ein einziges, unendliches Gefuhl sagte ihm, dass er lebe, aber nur um zu wunschen und zu hoffen, was doch so fern, in so unerreichbarer Hohe schimmerte, wie der Mond, der seinen reinen Strahl zur dunkeln Nacht herab senkt.

Noch hatte nichts im Leben seinen Charakter zur tiefen Einkehr in sich selbst zuruckgedrangt. Jetzt auf einmal fand die unstate Begehrlichkeit seines Sinnes einen festen Halt im Daseyn. Er fuhlte sich besser, als sonst, folglich auch ihrer wurdiger. Die Vergnugungen, in denen er sich ehemals berauschte, ekelten ihn jetzt an schaal und unschmackhaft waren ihm die Fruchte der Weltklugheit, die er gegen den Preis eines reinen Herzens eingetauscht hatte, und gern wurde er alle Bluthen seines kunftigen Lebens, gleich einer Opfergabe, auf den Altar reiner Anbetung niedergelegt haben, hatte Erna nur freundlich die Hand ausstrecken wollen, sie zu empfangen.

Die einzige Annaherung, die er sich gestattete, war des Abends, wo er durch die Strasse ging, in der sie wohnte. Dann sah er zu den hellen Fenstern empor, wie man zu den Sternen aufblickt, wenn man die Durftigkeit der Erde recht tief empfindend, sich nach dem Himmel sehnt. Ihm war dann, als konne er, wenn ein leichter Schatten an den Wanden voruberschwebte, erkennen, ob sie es sei oder nicht, und nicht nur manche Sekunde im fluchtigen Voruberstreifen, sondern ganze halbe Stunden ruhig verweilend, brachte er in seinen Mantel gehullt, dem Hause gegenuber zu, dessen Mauern so glucklich waren, sie zu umschliessen.

Acht Tage waren so seit jenem Ball vergangen da fand er einst die Fenster dunkel, folglich seinen Abendspaziergang des hochsten Reizes beraubt. Verdrieslich daruber lief er zwecklos noch durch einige Strassen, und als sein Weg ihn am Opernhause voruberfuhrte, und, durch die Entfernung gedampft, Mozarts Zauber in den herrlichen Tonen Don Juan's sein Ohr traf, beschloss er, leise von ihnen ergriffen, einzutreten, obgleich die Vorstellung langst begonnen hatte.

IX

Hier fand er unverhofften Ersatz fur seine fruher verfehlten Wunsche. Denn als er, im Parterre stehend, gleichgultig und finster sein Auge uber die schimmernden Logenreihen hingleiten liess, wurde er mit einem Male wie durch einen elektrischen Schlag fest an e i n e Stelle gebannt. Denn er erblickte Erna, welche ihre ganze Aufmerksamkeit der Darstellung widmend neben der Gesandtin sass.

Dass sie mit unverwandtem Blick auf der Buhne ruhte, begunstigte sein Verlangen, s i e , nur s i e zu sehen, da es unbemerkt von ihr geschehen konnte. Wie schon war sie wieder, einfach, fast nachlassig gekleidet, und doch von unendlicher Eleganz und Zierlichkeit umgeben. Ein Spitzenschleier bezeichnete, mit seinem atherischen Gewebe sanft sich an ihr Haupt schmiegend, die schone Form desselben, und ein turkischer Shawl die edlen Umrisse ihrer Gestalt. Ihre sprechenden Mienen, durch lebhafte Theilnahme an dem was sie sah und horte, mit immer neuem, kindlich reinem Ausdruck beseelt, boten ihm, in ihrem Anschauen alles um sich her vergessend, eine unerschopfliche Fulle des Genusses und der Bewunderung. Daher kam es, dass er erst mehrere Male am Ermel gezupft werden musste, ehe er sich umsah, eine Botschaft der Grafin Tannow zu vernehmen.

Sie befinde sich in der Loge gerade uber ihm, liess sie ihm sagen, und wunsche ihn auf ein Wort zu sprechen. Ungern folgte er ihrem Geheiss, denn wenn er gleich in ihrer Loge den sussen Anblick nicht verlor, der ihn hier fast zur Bildsaule versteinert hatte, so war er doch dort weniger unbemerkt, und gezwungen, seine Blicke sorglicher zu bewachen, als hier, wo er weit unbeachteter sich im Gedrange der Menge verlor.

Er musste indess gehorchen. Man sieht Sie ja gar nicht mehr, flusterte die Grafin ihm zu, als er uber ihren Stuhl gebeugt, sie begrusste. Haben Sie die Absicht, ein Einsiedler zu werden, so bitt' ich, diesen Plan wenigstens noch ein paar Tage aufzuschieben, denn ich habe auf Sie gerechnet, und zur Strafe fur Ihre Misanthropie so unumschrankt uber Sie disponirt, als hatte ich das Recht, Sie zu meinen beweglichen oder unbeweglichen Gutern zu zahlen.

Ahnungslos, welch eine Himmelspforte ihr Vorschlag ihm aufschliessen werde, antwortete er, mit sauerm Mismuth im Herzen, aber mit der behenden Gefalligkeit eines gewandten Hoffmanns, dass er keiner Gewalt als der Ihrigen sich freudiger unterwerfe, und sie daher vollkommen berechtigt sei, in jeder Hinsicht uber ihn zu gebieten.

Der Winter ist so schon, und wir haben ihn eigentlich noch gar nicht benutzt, fuhr die Grafin fort, denn Balle, Schauspiele und Assembleen konnte uns allenfalls auch der Sommer gewahren; nun hor' ich, dass seit gestern herrliche Schlittenbahn seyn soll, und habe ein Projekt entworfen, wie wir den morgenden Tag recht geniessen wollen. Um zwolf Uhr Vormittags sind Sie bei mir zum Fruhstuck geladen. Sie bestellen zu halb zwei Uhr Ihren Schlitten nach, und haben die Ehre, mich nach Bellevue zu fahren. Dort erwartet uns das Diner in der Orangerie. Mit Fackelschein fahren wir zuruck, und, da ein Tag, der so heiter beginnt, nothwendig auch ein frohes Ende haben muss, so bringen wir den Abend bei dem *sischen Gesandten zu, der mit seiner Familie auch von der Parthie seyn wird, und sich's ausgebeten hat, dass wir dann sammtlich bei ihm absteigen.

Der Nachsatz ihrer Rede sohnte Alexandern mit dem Vordersatz wieder aus, denn nur mit innerem Widerstreben, aus Hoflichkeit, nicht aus Neigung, da er zu geselligen Freuden keineswegs aufgelegt war, hatte er sich ausserdem in ihren Plan gefugt, der jetzt seine kuhnsten Erwartungen ubertraf. So sollte er sie wiedersehn, ohne in dem misfalligen Licht eines Zudringlichen zu erscheinen, ohne sie aufzusuchen, ja, auf eine Art selbst gesucht, die seinem Stolz schmeicheln, und ihm einiges Ansehn in ihren Augen verschaffen musste, da die Grafin Tannow, die ihn zu ihrem Fuhrer wahlte, eine der gefeiertesten Damen der Residenz war.

Freudig einwilligend verbeugte er sich, und wurde ihr sein Entzucken noch lebhafter bezeugt haben, wenn nicht theils die Klugheit ihm gerathen hatte, es zu verbergen, theils ein Anblick ihn so befremdet und zerstreut hatte, dass es ihm nicht moglich war, sich gehorig zu sammeln.

Es trat namlich ein junger Mann in die Loge des Gesandten, der mit allen Kennzeichen genauer, traulicher Bekanntschaft Platz hinter Erna nahm.

Eine angenehme Gestalt und ein freier, durch Welt und gute Erziehung gebildeter Anstand zeichnete ihn aus mehr noch ein gewisser Ernst, der reifer wie seine Jahre war, und sich fast zur Dusterheit hinneigte. In dem freundlichen Empfang, der ihn von Seiten der Gesandtin und Erna's wurde, lag ein eben so unverkennbarer Ausdruck von Achtung als von Wohlwollen, und unwillkuhrlich beneidete er den Unbekannten um das Lacheln, und den herzlichen Gruss, mit welchem Erna ihn aufnahm.

Er verarbeitete das Unbehagen in sich, das bei diesem Anblick mit plotzlichem Schauer die frohen Wallungen seines Blutes kuhlte, und als er wieder so viel Ruhe gewonnen hatte, um gleichgultig fragen zu konnen, forschte er nach dem Namen des ihm vollig Fremden, und erfuhr, dass es Herr von Linovsky, der Legationssecretair und sehr geachtete Hausfreund des Gesandten sei. Die Grafin schilderte ihn als einen guten, klugen, aber etwas bizarren Menschen, der den Philosophen spiele, allen geselligen Freuden abgeneigt, aber demungeachtet seiner ubrigen guten Eigenschaften wegen von den beiden Damen sehr wohl gelitten sei.

X

Da Erna nach der ersten Begrussung sich wieder ruhig zum Theater wandte, und Linovsky sich keineswegs bemuhte, sie durch seine Unterhaltung davon abzuziehen, so stillten sich in Alexandern allmahlig die eifersuchtigen Regungen, die ihm von neuen bestatigt hatten, wie theuer ihm das liebenswurdige Madchen geworden sei.

Ohne das mindeste Recht auf sie, ja selbst ohne eine eigentliche Hoffnung zu haben, war ihm doch, als sei sie mit tausend unzerreissbaren, durch heisse Liebe gewebten Banden an ihn geknupft, und als durfe niemand wagen, sie ihm streitig zu machen, oder auch nur in bescheidener Entfernung Wunsche in Beziehung auf sie zu hegen, die er sich allein vorbehielt.

Er fuhlte, es sei die hochste, entscheidendste Zeit die Bahn unwurdiger Verirrungen nun auf immer zu verlassen, und den Weg der Tugend kunftig zu wandeln, und ubersattigt vom austrocknenden, oden Weltleben sehnte er sich darnach aber er fuhlte auch, dass er der himmlischen Stutze der Liebe bedurfte, um mit Hulfe ihrer Allmacht zu dem hoheren Standpunkt empor zu klimmen, von dem ihn bisher Leichtsinn und Frivolitat geschieden hatte. Schon war sein Herz mild erwarmt von jener heiligen Flamme, die uber alle ehemaligen Tauschungen der Sinne ihn erhebend, keinem Rausche, sondern einer inneren Verklarung gleich, durch die das Leben sich lautert; aber Erna's Betragen deutete nicht auf die Wahrscheinlichkeit einer einstigen Erwiederung seiner Gefuhle, denn der ruhige Ernst ihrer Zuge und die kuhle Stille ihres Blicks, wenn er dem seinigen begegnete, schlug seine feurigen Hoffnungen nieder, doch nur um Nahrung aus seinen Wunschen schopfend sich bald wieder von neuem zu entzunden.

Er nahm sich vor, mit der leisesten Behutsamkeit zu verfahren, um durch ein immer gleiches, bescheidenes Benehmen Erna's Unwillen so wie ihr Mistrauen zu entkraften. Dann erst, das sagte ihm die Vernunft und ein gewisser innerer Takt, der sich nicht ablaugnen liess, dann erst, wenn er allmahlig sich wieder in den Besitz ihrer Achtung gesetzt haben wurde, durfte er, einen gunstigen Erfolg erwartend, ihr die innigeren Empfindungen bekennen, von deren Austausch er sich jetzt allein das Gluck seiner Zukunft versprach.

Er konnte nicht umhin, die Grafin, als die Oper geendigt war, an ihren Wagen zu begleiten. Auf der Gallerie, die den Eingang zu den Logen bildete, begegnete er Erna am Arme des Gesandten, seine Gemahlin von Linovsky gefuhrt. Man wechselte einige freundliche Worte, die sich auf die Hoffnung bezogen, den morgenden Tag gemeinschaftlich mit einander zu verleben, und scherzend prasentirte die Grafin den Damen in Alexandern den Ritter, dessen kraftigen Arme sie morgen Leben und Wohlfahrt anzuvertrauen gesonnen sei. Mit vieler Hoflichkeit ergriff der Gesandte diese Gelegenheit, durch eine directe Einladung an ihn zum nachsten Abend, die frohe Erwartung zu bestatigen, welche die Grafin schon fruher in ihm erweckt hatte, sich gleichsam ohne sein Zuthun in einem Hause eingefuhrt zu sehen, das weil es i h r Aufenthalt war ein so unbeschreibliches Interesse fur ihn hatte.

XI

Die Halfte der Nacht verging unter Anordnungen zum folgenden Morgen, der so ahnungsvoll uber ihn anbrach, als sei er der Verkundiger einer neuen, wichtigeren Epoche seines Lebens.

Mit stiller Sebstzufriedenheit besah er sein Schlittengeschirr, das das glanzendste und geschmackvollste der Residenz war. Denn er liebte den Luxus, und sein Vermogen setzte ihn in den Stand, allem was ihm angehorte, den Stempel einer Eleganz aufzudrucken, die durch edle Auswahl um so lieblicher ins Auge fiel.

So hatte er auch hier, da das Schlittenfahren zu seinen Lieblingsvergnugungen gehorte, Sorge getragen, es auf eine seine Eitelkeit in jeder Hinsicht befriedigende Art geniessen zu konnen, und es war nicht zu laugnen, dass wenn sein silbernes Glockenspiel harmonisch erklang, der Anblick des schimmernden Schlitten, des mit mannlicher Grazie und Leichtigkeit ihn lenkenden Fuhrers, und des muthigen, auserwahlt schonen Rosses, das aufs zierlichste geschmuckt war, etwas zauberisches in der Erscheinung hatte. Der reiche Anzug seines Vorreuters, die Farben des Schlittens und seiner eigenen Uniform waren so passend gewahlt, dass eins durch das andere gehoben wurde, und die reine Winterdecke des Schnees bildete nirgends den Grund zu einem anmuthigeren Gemalde, als wenn e r wie auf Sturmwindsflugeln auf diese Weise voruberflog.

Ungeduldig zahlte er die einzelnen Schlage der Uhr, die der Stunde vorausgingen, welche ihn zu Erna's Wiedersehen rief aber als sie nun selber schlug, die lang ersehnte, da zogerte er, schuchtern mit sich selbst kampfend, und alle Blodigkeit der ersten Jugend, in dammernder Erinnerung schon abgelegt, kehrte in ihn zuruck, und vereinigte sich mit der nie gekannten Furcht, zu misfallen, um ihn angstlich so lang wie moglich zuruck zu halten.

Es war ihm, als habe ihn, gleich einem Lauterungsbad, der nie empfundene Zauber einer wahren ernsten Liebe, den er jetzt empfand, von all' den Flecken gereinigt, mit denen die Verdorbenheit der Welt und seines eigenen Sinnes fruher sein Gemuth entstellt hatte. Er fuhlte sich weich, wehmuthig, kindlich geworden. Weinen hatt' er mogen um die verlorene, entweihte Vergangenheit, die eine so tiefe Kluft zwischen ihn und Erna warf, wenn nicht die Hoffnung trostend in ihm den Glauben gestarkt hatte, dass Reue, die ja mit dem Himmel versohnt, auch ihn ihr wieder nahern werde. Er gelobte sich selbst, wenn es ihm gelange, die Herrliche zu gewinnen, durch ein untadelhaftes Leben sich ihres Besitzes werth zu machen, und wenn gleich manche Schwierigkeit sich vor ihm aufthurmte, so zeigte der Spiegel der Zukunft seiner Sehnsucht doch in der Ferne dies neidenswerthe Loos. Hatte sie ihn doch geliebt, als seine Fehler wie uppig wucherndes Unkraut in seiner Seele jeden Keim des Besseren erstickten wie sollte sie ihn jetzt zu hassen vermogen, da Wunsch und Vorsatz der Besserung sein Inneres veredelte, und ihn moralisch ihr um so viel naher brachte. Versenkt in diese Traume, denen die Hoffnung ein so rosiges Colorit lieh, vergass er zu gehen, bis ein Eilbote der Grafin ihn an sein Versprechen erinnerte.

Die Gesellschaft war schon versammelt, und mit dem Fruhstuck bereits fertig, als er athemlos herein trat.

Ich habe Ihre Galanterie nicht wenig verlaumdet, rief ihm die Grafin entgegen, oder vielmehr Ihr spates Kommen hat es gethan, und nur weil Gnade bei mir vor Recht geht, sollen Sie noch eine Tasse kaltgewordene Chocolade haben.

Er wollte sich entschuldigen, aber der Blick in Erna's grosses, ernstes Auge machte ihn verwirrt, und widerspenstig verweigerte ihm die Fulle der Worte ihren Dienst, die ihm sonst so leicht zu Gebot stand. Der Gruss, mit welchem sie den seinigen erwiederte, war n u r hoflich, und die stille Kalte ihrer Mienen, die abgemessene Fremdheit ihres Benehmens gegen ihn, schnitt um so schmerzlicher in sein warmes Herz, da er sich von dem heutigen, ungezwungenen Beisammenseyn mit ihr so viel versprochen hatte.

XII

Er war daher froh, als das Signal zum Aufbruch seine Verlegenheit beendigte. Still und wortkarg lenkte er den Schlitten durch die schneebedeckten Gefilde, wenig in der Grafin heiteres Plaudern eingehend und seine dusteren Gedanken reuig in die Vergangenheit, zagend in die Zukunft senkend.

Der Weg fuhrte durch einen Tannenwald, dessen dunkles Grun die Hulle von Schnee zuweilen durchbrach, wie eine leise Hoffnung in ihm die Nacht der Resignation durchschimmerte, zu der Erna's an Geringschatzung granzende Gleichgultigkeit ihn zu verdammen schien.

Auf einer Anhohe, zu der, wo der Wald aufhorte, eine breite Allee sanft empor leitete, lag Bellevue, das Ziel ihrer Fahrt, und hell und freundlich von der mittaglichen Sonne beschienen, strahlte ihnen das wohlgebaute Schloss mit den weit ausgebreiteten Orangeriegebauden entgegen, die es umgaben.

Dort stiegen sie aus, und wandelten umher. Der Reichthum so vieler tropischen Gewachse, die Zierden jedes Himmelsstrichs, und der Triumph der Kunst, die selbst in dieser Jahreszeit die dem Sommer eigenthumlichen Blumen zum Bluhen zwang, machte auf Erna, die der Pflanzenwelt so hold war, einen kindlich frohen, ihr ganzes Wesen freudig umwandelnden Eindruck.

Auch Alexander fuhlte sich freudiger angeregt, indem er bemerkte, dass in dieser sanften Neigung wenigstens ihr Gefuhl dem seinen begegnen musse, denn an K i n d e r , an M u s i k und B l u m e n hing sein Herz vorzuglich, und beurkundete eben dadurch, dass es ursprunglich eine edlere Tendenz von der Natur erhalten hatte, als sich im Getose seelenloser, oft gar die Seele entweihender Freuden mude zu schlagen. Er selbst zog in seinen Zimmern mit der genausten Sachkenntnis, und mit wahrer vaterlichen Liebe die schonsten Blumen, und so ungeduldig er auch ubrigens war, so konnte sein rascher Sinn doch mit der grossten Behutsamkeit und Ausdauer das Entwickeln und Fortschreiten einer Knospe belauschen, oder dem leisen Entfalten einer lang ersehnten Bluthe entgegen harren.

Es naherte ihm Erna auf eine zwanglose und ganz zufallig scheinende Art, dass seine botanische Gelehrsamkeit ihr viele Namen, die ihr fremd waren, zu nennen wusste, und da er diese Wissenschaft nicht blos systematisch, sondern mit wahrer entschiedener Vorliebe und Anwendung auf das praktische Leben geubt hatte, so konnte er ihr mehr mittheilen, als die trockene Nomenclatur allein bietet, und fugte die Eigenschaften, Zwecke und charakteristischen Tugenden eines jeden Gewachses, das ihr eine neue Erscheinung war, mit hinzu.

Eine so harmlose Unterhaltung machte sie zutraulich. Schon horte sie nicht nur mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu, sondern suchte durch Fragen ihren Umfang zu erweitern, und durch Einwurfe, und oftmals keck genug ausgesprochene Zweifel sich immer grundlicher durch seine Mittheilungen zu unterrichten. Unvermerkt entfernten sie sich von den Uebrigen, die weniger lebhaften Antheil an den Einzelnen nehmend, sich lieber dem Gesammteindruck dieses erkunstelten Fruhlings uberliessen, und vor der prachtigen camellia japonica stehend, docirte er ihr mit vielem Ernst, dass sie vermoge des ewig frischen Gruns ihrer Blatter und des pergamentartigen Stoffs ihrer Bluthen zu dem Geschlecht der Orangerie gehore, in China und Japan zu Hause sei, und die Eigenheit besitze, dass ihre vom hochsten Purpur bis zum reinsten Weiss ubergehenden Bluthen abfallen, ehe sie noch verwelkt sind.

Diese Worte schienen in Erna's leicht bewegtem Gemuth eine sonderbare Erschutterung hervorzubringen. A b f a l l e n , v o r d e m V e r w e l k e n , welch ein neidenswerthes Loos! sagte sie leise vor sich hin, und beugte sich auf eine der Bluthen herab, die, obgleich nur sanft von ihr beruhrt, sich vom Stiel trennte, und herab sauselte.

Schnell hob Alexander sie auf. Wie eine Mutter in ihren Kindern noch fortlebt, sprach er, so pflegt man diese Bluthen auf junge Knospen ihres Stammes zu setzen, wo sie noch lange in ihrer Schonheit fortdauern, ohne eine andere Nahrung in sich zu ziehen, als die, die sie in ihrer eigenen Kraft finden.

Sie nahten sich jetzt der Plumeria rubra, und Erna fragte, ob dies nicht eine Abart des Oleanders sei, den sie in sudlichen Landern so oft im Freien habe bluhen sehen.

Alexander musste eine fluchtige Familienahnlichkeit zwischen diesen Gewachsen anerkennen, berichtigte aber den freundlichen Irrthum, in welchem sie gleichsam eine alte Bekanntschaft in dieser Pflanze zu erneuern wahnte, dahin, dass er ihr aus einander setzte, wie sie, aus Jamaika abstammend, nur in heissen Luften gedeihe, und schon in den sonderbaren, mit einander gleichlaufenden, und noch vor dem Rande der grunen Blatter sich wieder vereinigenden Seitenadern ihre indische Herkunft beurkunde, da eine solche Zeichnung europaischen Gewachsen nicht eigen sei. Sie verlange stets eine gleiche, und nicht zu schwache Temperatur der Warme, und lohne die sorgsame Pflege, die ihr unter kalteren Zonen Bedurfnis sei, durch ihren herrlichen Duft, der ihr in ihrer Heimath auch noch die Benennung: rother Jasmin zugezogen habe. Ihren botanischen Namen verdanke sie dem verdienstvollen franzosischen Pater Plumier, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die westindische Naturgeschichte mit so vielem Eifer untersuchte, so treffliche Entdeckungen als Resultate seines Forschens uns hinterliess, und der erste war, der diese Zierde eines fremden Himmelsstrichs nach Europa sandte.

Mit vielem Interesse horte Erna ihm zu. Wie schon find' ich diese Art, das Andenken eines Naturforschers zu ehren, sagte sie. Ein unverganglicheres Denkmahl, als Erz und Marmor bieten konnen, bluht ihm in der ewig sich erneuernden Jugend und Schonheit des Pflanzenlebens, und tragt seinen Namen dankbar in ferne Jahrhunderte hinuber.

Ich kann's nicht ausdrucken, fuhr sie zur Grafin gewendet, fort, die sich ihr genahert hatte, welchen warmen Antheil gerade d i e s e r Zweig der Naturgeschichte in mir erregt, welch eine eigene, schmerzlich susse Bedeutung mein Gemuth in das stille Knospen, Treiben und Vergehn der Pflanzen legt. Es gemahnt mich, wie das menschliche, oder vielmehr wie das weibliche Leben, das auch, so eng beschrankt auf e i n e Stelle, sich oft, wie in eine stehende Form des Daseyns gegossen, nur entfaltet, um zu verbluhen selten bemerkt seltener noch g e k a n n t .

Warum schliessen Sie aber die Manner aus, liebes Kind, fiel die Grafin schalkhaft ein. Freilich es ware ihnen zu viel Ehre erzeigt, ihnen unter d e n B l u m e n ihren Platz anzuweisen und sie in die Klasse des U n k r a u t s zu stellen, dazu sind sie offenbar zu gut. Aber es fande sich ja wohl eine andere, passendere Rubrick fur sie. Lassen Sie uns ein wenig nachdenken. Sollen wir sie zu den S c h m e t t e r l i n g e n zahlen, die das Bluhende umflattern, so lange es bluht? Oder zu den D o r n e n , deren Zweck mehr zu verwunden, als zu schutzen ist? Oder zu den W u r m e r n , die oft zerstorend die geheimsten Wurzeln des Daseyns zernagen, dass die zarte Staude hinwelkt, ohne dass ein menschliches Auge die Ursach ihres Leidens wahrnimmt?

Erna wurde roth. Ihr Auge erhob sich mit dem schuchternen Ausdruck leisen Forschens, welchen Eindruck diese Worte auf ihn machten, zu Alexandern, welcher, aufgebracht uber den bittern Scherz der Grafin, der seine stille Unterhaltung storte, und Erna's Stimmung sichtlich eine andere Richtung gab, sich schweigend in die Lippen biss.

Das sanfte Mitleid mit seinem gereitzten und peinlichen Zustande gab indess ihrem Blick einen unwillkuhrlichen Ausdruck von Zartlichkeit, der alle Bitterkeit des Unmuths in ihm verloschte, und indem sie leicht und schonend das Gesprach auf andere Gegenstande wandte, sparte sie ihm die Anstrengung mit so befangener Seele in die ihm misfallige Heiterkeit der Grafin eingehen zu mussen.

Sie fragte namlich nach einer Gemaldesammlung, die, wie sie gehort hatte, interimistisch im Schlosse Bellevue aufbewahrt werde, bis ein eigenes Local in der Residenz fur sie eingerichtet sei, und in welcher, zwar noch ungeordnet und bunt unter einander gemischt, doch manche interessante Erinnerung aus grauer Vorzeit, manches Andenken an spater lebende beruhmte Menschen in ihren Bildern enthalten seyn solle.

Alexander kannte diese Sammlung und erbot sich zum Cicerone, und da der kurze Wintertag nicht lange mehr volle Beleuchtung von aussen versprach, so eilte man, sie noch vor der eintretenden Dammerung zu betrachten.

XIII

Alexander fuhrte sie in einen Saal, der durch mehrere Stockwerke gehend, und mit Gallerieen umgeben, an seinen hohen Wanden die Heldengestalten der Vergangenheit, gepaart mit den schonsten Frauen ihres Zeitalters zeigte.

Zunachst begrussten sie Heinrich den Vogler, den wackern Kaiser, der der Stifter der Turniere und ihrer edlen Gesetze war.

Einen Falken auf der tuchtigen Faust, der mit den sonnenhellen Augen lustern um sich blickt, schaut der tapfere Held in seiner ritterlichen Tracht, eine rothe, gekrummte Hahnenfeder auf dem Haupt, gar fest und gebietend um sich her, wahrend nach altdeutscher Weise aus seinem Munde Verse gehen, die derb und bieder in ihrer kaum mehr verstandlichen Sprache an jene unverfeinerte, aber kraftige Epoche mahnen.

Die Grafin fand es in seiner listigen Physionomie ausgesprochen, dass es im Leben seine Freude war, die harmlosen Waldbewohner zu berucken, und mit der Leimruthe, oder im betrugenden Netz des Vogelheerds ihnen das kostbare Gut ihrer Freiheit zu rauben.

Erna aber, stets m i l d e Ansichten habend, las neben dem Heldensinn, der aus seinem Auge blitzte, die vaterliche Milde, mit der er einst seiner ungehorsamen Tochter Helena vergab, als sie mit ihrem Entfuhrer, dem Grafen von Altenburg in eine bohmische Wildnis gefluchtet und zufallig von ihm, der sie funf Jahre betrauert hatte, entdeckt worden war. Sie hielt ihn fur einen fremden Ritter, denn sie erkannte ihn nicht, da er im tiefen Schmerz um ihren Verlust wahrend ihrer langen Entfernung weder sein Haupt noch seinen Bart hatte scheeren lassen, was zu den Zugen des Grams und des vor der Zeit dadurch herbeigelockten Alters noch den wilden Ausdruck einer fast an Wahnsinn granzenden Verworrenheit gesellte.

Er aber erkannte den undankbaren Liebling seines Herzens sogleich; doch mannlich sich zusammen nehmend, lies er nicht ahnen, wie tief bewegt sein schwer gekranktes vaterliches Herz war.

Und als Helena, frohlich nach so langer Abgeschiedenheit endlich einmal wieder Kunde von der Welt und ihren neusten Begebenheiten zu vernehmen, durch mancherlei Fragen nach ihnen forschte, drangte nicht kindliche Liebe, Reue, oder Sehnsucht das Wort uber ihre Lippen, wie es Kaiser Heinrich ergehe?

Als nun der Kaiser, ihre Gesinnung auf die Probe zu stellen, ihr erwiederte, dass er seit einem Jahr schon verschieden, und die zeitliche Krone mit der ewigen vertauscht habe, hoffte er vielleicht leise, eine Thrane werde aus dem Auge seines Kindes als vermeintliches Todtenopfer ihm fallen.

Aber Helena schlug jauchzend in ihre Hande, und freute sich, eine Waise zu seyn, weil sie nun die Einsamkeit verlassen durfe, die selbst an der Seite des Geliebten ihr druckend war.

Was wolltet Ihr denn thun, edle Frau, fragte Heinrich, wenn Ihr den Kaiser in Eurer Macht hattet, gleich wie nunmehro mich?

Wir wollten ihm das Licht heute auf eine Weise ausloschen, antwortete Helena, dass er das morgende nimmer erblicken sollte.

Nach lang gefuhrtem Gesprach, in welchem der gekrankte Vater sich sorgsam bewachte, um sich nicht zu verrathen, bettete Helena ihn sanft aus Dankbarkeit, wie sie sagte, fur die ihr gegebene frohe Nachricht, und entliess ihn am anderen Morgen, ohne zu vermuthen, w e n sie unter ihrem Dache bewirthet habe.

Als aber der Kaiser wieder zu den Seinigen gekommen war, sammelte er ein Kriegsheer, und bewaffnete es mit Beilen, um einen Weg durch das Dickicht des Waldes zu bahnen, bis sie das Schloss seiner unkindlichen Tochter erreichten, das er besturmen liess.

Als nun der Graf von Altenburg sich so feindlich umzingelt sah, fragte er, wer es wage, ihm mit Kriegsuberzug zu nahen, und: K a i s e r H e i n r i c h , donnerte es in sein Ohr, wahrend er an der Spitze des Und als nun ein Herold ihn zur Uebergabe auffoDa zerraufte sich Helena das Haar, und lief mit geDa stritten in dem schwer beklommenen VaterherThranen perlten an des Kaisers grauen Wimpern, mancherlei Fall hat doch die Liebe, brach er aus. Wohlan! es soll Euerer Furbitt' gewillfahret werden.

Diese milde vaterliche Antwort offnete wie durch einen Zauberschlag ohne alle fernere Gewalt das Schloss, und die Liebenden kamen, zwar bebend, aber nicht mehr zaghaft, hervor, und warfen sich in Demuth nieder vor ihren beleidigten Herrn und Vater, der sie aber liebreich aufhub, ihnen verzieh, und sie wieder mit sich in sein Hoflager fuhrte.

XIV

Ich muss gestehen, i c h ware nicht so bereitwillig gewesen, zu verzeihen, sagte die Grafin, und es scheint mir eine grosse Schwache des Geistes und des Charakters anzudeuten, dass der gute Kaiser nach solchen Erfahrungen wie ein ganz gewohnlicher Comodienvater sich benahm, und statt zu strafen vergab und vergass. Ich hatte an seiner Stelle den Herrn Grafen laufen lassen, die saubere Helena aber in ein Kloster gesteckt, um n i c h t die L e i d e n s c h a f t , der sie gefolgt war wohl aber die L i e b l o s i g k e i t i h r e r k i n d l i c h e n G e s i n n u n g gehorig zu bussen.

Dass die gefuhllose Tochter dies verdient hatte, bestreite ich nicht, unterbrach sie Erna, aber sollte, was Ihnen Armuth des Geistes dunkt, nicht eher ein Reichthum des Herzens gewesen seyn, der den Kaiser vielleicht unwillkuhrlich bewog, nicht als Richter, sondern nur als Vater zu handeln? Wie der Ocean den Tropfen verschlingt, dass keine Spur mehr sein kurzes Daseyn verrath, so tilgt die Liebe durch ihre unuberschwangliche Fulle ja auch die einzelnen Krankungen und Beleidigungen aus, die uns von aussen kamen, denn d i e L i e b e uberwindet alles, und vergiebt alles.

Mit brennenden Blicken lauschte Alexander ihren Worten, die so trostlich die dunkle Wolke seines Schicksals mit dem goldenen Saum der Hoffnung zu schmucken schienen. Errothend bemerkte sie die hochgespannte Achtsamkeit, mit der er ihr zuhorte, und setzte, Misverstandnissen vorbeugend, hinzu: die h i m m l i s c h e L i e b e namlich, die das eigentliche Leben ist, und die Nacheiferung dessen, der seine erwarmende Sonne Bosen und Guten scheinen lasst, und seinen erquickenden Regen uber Gerechte und Ungerechte vertheilt, und die, weil sie nicht im Irrdischen, sondern in einer hoheren Region ihr Wesen grundete, unsterblich ist, und unsterblich macht.

Sie wandte sich hierauf wieder zu den Gemalden, und die Lebendigkeit, mit der sie nach acht weiblicher Art sich in der Geschichte wenig um die Heldenthaten beruhmter Manner, desto mehr aber um die kleinen individuellen Zuge ihres Privatlebens und um die zeitgemassen Eigenheiten ihrer Sitten bekummert hatte, und die Genauigkeit, mit der ihr treues Gedachtnis sich ihrer erinnerte, charakterisirte ihr Geschlecht auf eine sehr anmuthige Weise, und nahm ihrem Wissen, das sie unbefangen und freudig aussprach, jeden pedantischen Anstrich gesuchter Gelehrsamkeit, da es nur als freundlicher Antheil an dem m e n s c h l i c h empfundenen Wohl oder Weh der langst in Staub Verwandelten erschien.

Es machte ihr Vergnugen, mit dem Gesandten, der die Geschichte als sein Lieblingsstudium trieb, ein kindlich neckendes Examen anzustellen, in welchem er oft nicht zu bestehen im Stande war, da sie begehrte, er solle in die grossten Einzelnheiten eingedrungen seyn, und immer mehr d e n M e n s c h e n , als seinen offentlichen Charakter im Auge behalten haben.

Er hingegen, der Wurde des historischen Zwecks sich bewusst, und ihn auf hoheres beziehend, als auf das eigentlich m e n s c h l i c h e Leben, von dem schon Salomon behauptet, dass es nichts neues zu bieten habe, hatte ihn i m A l l g e m e i n e n aufgefasst, und weniger enge Granzen der Uebersicht sich gezogen. Wohlgeordnet wusste er die allmahlich aus der Nacht hervortretenden Fortschritte der Bildung nach ihrer Zeitfolge sich voruber zu fuhren, aber von dem eigentlich Hauslichen, Herzlichen der Vergangenheit, das fur Erna die Hauptsache war, hatte er keine Notiz genommen.

Daher als sie jetzt vor Otto des Grossen Bilde standen, wusste er zwar in der moglichst chronologischen Ordnung darzuthun, dass dieser seltene, wahrhaft grosse Mann im Jahr 937 in Aachen von Hildebert, Erzbischoff zu Mainz gekront worden sei, tapfer als Kriegsheld fur Recht und deutsche Ehre gekampft, ritterlich seine Feinde uberwunden, stets einen frommen gottseligen Wandel gefuhrt habe, und im Jahr 973 in Quedlinburg unter heiligen Betrachtungen der sieben letzten Sterbensworte des Erlosers sanft und selig verschieden sei, worauf man seinem entseelten Leichnam die Ruhestatte in Magdeburg angewiesen, das, durch die Durchzuge barbarischer Volker verwustet, von ihm neu gegrundet, und durch den ehrwurdigen Dom daselbst wahrhaft kaiserlich fur alle Zeiten ausgestattet worden sei.

Als nun aber Erna ihn fragte, was der grosse Kaiser einst am Osterfeiertag in Pavia erfahren, und welche machtigeren Feinde als ein Kriegsheer von aussen, er ruhmlich damals in seinem Innern bezwungen habe, wusste er ihr nicht Rede und Antwort zu geben.

Triumphirend, ihn belehren zu konnen, trug sie daher im Chronikenton ihm die Begebenheit vor, die sich da ereignete, und lachelte gutmuthig uber sich selbst, indem sie, wie sie sagte, vor einem so grundlich unterichteten Publicum als Lehrerin der Geschichte auftrat.

Als namlich einst Otto das Osterfest in Pavia beging, wurde seine Tafel unter andern Speisen, auch mit einem Osterfladen besetzt, dessen kostlicher Duft einen jungen Herzog von Schwaben, der sich am kaiserlichen Hof aufhielt, zu lusterner Begierde reitzte.

Ohne das genaschige Verlangen nach dem Genuss dieses Fladens massigen zu konnen, oder zu wollen, erdreistete er sich, ehe noch der Kaiser herein getreten war, ein Stuck davon abzubrechen.

Ergrimmt wurde der Truchses diese Verletzung schuldiger Ehrfurcht gegen Kaiserliche Majestat in der frevelhaften Verunzierung seiner Tafel gewahr, und erhob seinen Stab, das knabenhafte Beginnen des jungen Herzogs zu zuchtigen.

Aber ungluckseliger Weise verwundete er ihn, und der Hofmeister desselben, Herr Heinrich von Kempten wurde durch das Blut seines Zoglings, das er fliessen sah, so in Wuth versetzt, dass er den Truchses, diese Schmach zu rachen, auf der Stelle niederstiess.

Als nun der Kaiser in der Absicht, sein Mahl zu halten, herein trat, und den treuen Diener ermordet zu seinen Fussen erblickte, entbrannte er in ungemessenem Zorn, und befahl, den Thater augenblicklich hinzurichten.

Da warf sich der Hofmeister zu seinen Fussen, und flehte nur um ein kurzes Gehor, sich verantworten zu durfen.

Aber Otto versagte es ihm in der Heftigkeit der Leidenschaft, und wiederholte den gegebenen Befehl, ihn sogleich, ohne Aufschub, zum Tode zu fuhren.

Da bemachtigte sich des Unglucklichen die Verzweiflung, die nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu furchten hat. Ausser sich fiel er den Kaiser an, der sich dieser Kuhnheit nicht versah, schlug ihn zu Boden, raufte ihm den Bart aus, und wurde ihn mit starker Faust erwurgt haben, wenn nicht die Umstehenden hinzugeeilt waren, und mit vieler Muhe ihn aus den Handen des Rasenden gerettet hatten.

Jetzt wollte man, emport uber so unerhorte Frevelthat, ihn zum Tode schleppen, ohne einen neuen Befehl des athemlosen Kaisers dazu zu erwarten.

Aber siehe er winkt mit der Hand noch kann er nicht sprechen, doch sein gutiges Auge befiehlt Schonung zerknirrscht von Schaam und Reue steht der nun wieder zu sich selbst gekommene Verbrecher in der Ferne.

Da ruft ihn Otto zu sich, und spricht mit sanftem Ton: "ich bekenne, dass nicht Du, sondern Gott durch Deine Hand mich gezuchtiget und geschlagen, dieweil ich das Obrigkeitliche Amt in Anhorung der Sach durch Zorns Verleitung hab unterlassen. Weil ich nun meines Amts vergessen, so hat mich Gott an diesem Tag des Herrn durch Deine Zuchtigung mit gebuhrendem Schmerz erinnern lassen, wie ich mich hinfuhro in dergleichen Fallen verhalten soll. Derowegen rede, was zu Deiner Nothdurft dient, darob ich wissen kann, wie diese Begebnis zu entscheiden.

Hierdurch ermuthigt, trug Heinrich von Kempten ihm hierauf in geziemender Ehrfurcht den Verlauf der Sache vor, und fugte die demuthsvolle Bitte um Vergebung seines zwiefachen Vergehens auf seinen Knieen hinzu.

Zorn und Rachsucht schwiegen in des Kaisers edlem Herzen, und er hob das fruher gefallte Todesurtheil wieder auf, und begnadigte den Reuigen. Doch, dieweil Du mir den Bart, die Zierde des Mannes, mit kuhner Hand zerrauft und verwustet hast, fugte er hinzu, so sollst Du eine Zeitlang mein Angesicht meiden, und mir nicht unter die Augen treten.

XV

Lachend uber den Schluss der Erzahlung, die Erna mit komischem Ernst vortrug, auf eine Menge alter Autoritaten sich berufend, aus denen sie dieselbe geschopft hatte, wandelte man noch lange umher, um von der eintretenden Dammerung gedrangt wenigstens fluchtig noch die ubrigen Portraite zu betrachten, die als Stufen der nach und nach sich entwickelnden Kunst, und als Geprage ihres Zeitalters so viel Interesse einflossten.

Nur momentan verweilte man bei Otto dem Dritten, dem schonen, jugendlichen Kaiser, den Eifersucht in Italien durch ein paar vergiftete Handschuh im Lenz des Lebens dahin raffte, und bei Adolph von Nassau, dem muthigen Nonnenentfuhrer, der so fruh Krone und Leben verlor. Mitleidig gingen sie an dem unglucklichen Heinrich dem Vierten voruber, den der eigene undankbare Sohn vom Throne drangte, ihm nicht nur gewaltsam die Zierden kaiserlicher Wurde rauben liess, sondern ihn unbarmherzig dem Hunger und dem Elende Preis gab; aber schaudernd wandten sich alle von dem Bilde Heinrichs des Achten von England ab, der mit einer Physionomie, als habe ihn Naturanlage und Gewohnheit zum Henker bestimmt, seine ganze, scheussliche Seele in den Fanatismus und Blutdurst ausdruckenden Blicken tragt. Sein doppeltes Kinn und die feiste Fleischmasse seiner Wangen, die das feindselig gluhende Auge fast begrabt, scheint von dem eingesogenen Blut zu strotzen, das er so reichlich vergoss, und das wahrhaft furchterliche Lacheln, das seine Zuge umschwebt, flosst Entsetzen, statt Vertrauen ein.

Hinweggescheucht von diesem Bilde hatten sie von dem widerwartigen Eindruck, den es auf sie machte, sich noch nicht erholt, als der Gesandte, der ihnen ein wenig vorausgegangen war, sie durch einen lauten Ausruf der Bewunderung zu sich hinzog.

Hier wartete ihrer eine anmuthigere Ansicht. Sie fanden ihn vor der Sirene ihrer Zeit, der reizenden Maria Stuart, die im schwarzen Sammthaubchen, das liebetrunkne Auge sanft erhoben, und den zarten Spitzenkragen um den noch zarteren Schnee des uppigen Busens geschmiegt, in wunderbarer Schonheit ihnen entgegen strahlte. Weich und lieblich hoben sich die Umrisse dieser reizenden Form von den goldbefranzten Purpurkissen ab, auf denen sie ruhte, und der blendende Schmelz ihrer bluhenden lebenathmenden Farben bezeichnete sie in der jugendlichen Frische jener Zeit, wo noch der Thron statt des Kerkers ihr Loos war, so wie das still vor sich hin traumende Lacheln ihres verfuhrerischen Mundes schweigend zu verkundigen schien, dass damals wohl die Regungen einer zartlichen Leidenschaft, doch noch nicht der Wurm des befleckten Gewissens und der Schmerz verlorener Freiheit in ihrem Innern nagte.

Manch mitleidiges Bedauern erweckte die Erinnerung ihres Unglucks beim Anblick ihrer Schonheit b e i d e n H e r r e n ; manch strenges, wiewohl gerechtes Urtheil von Seiten d e r D a m e n , die bei der Uebersicht ihrer Schicksale fanden, dass sie nicht durch unvermeidliche Verhangnisse, sondern grosstentheils durch ihre eigene Schwache, das Vergessen ihrer nicht nur k o n i g l i c h e n , sondern auch w e i b l i c h e n W u r d e , das Beleidigen alles Zartgefuhls und das Verlaugnen jeglicher Schaam die Dornenkrone eines schmachvollen Todes statt der zwiefachen Kronen erwarb, mit denen Natur und Rang sie geschmuckt hatte.

Erna schwieg, wie sie zu thun pflegte, wenn ihr milder, aber stets der Wahrheit geheiligter Sinn, nicht zu vertheidigen vermochte. Doch horte sie mit Aufmerksamkeit dem F u r und W i d e r zu, wodurch man sich bemuhte, die ungluckliche Konigin theils zu verdammen, theils zu entschuldigen.

Nun, wir wollen uns nicht streiten, sagte der Gesandte lachelnd, als die Debatten immer lebhafter wurden. Eine schmerzliche Busse, und am Ende der versohnende Tod haben jetzt ja langst die schone Sunderin wieder gereinigt. Ich spreche sie nicht von aller Schuld frei, aber viel, sehr viel trug gewiss die Rohheit ihres Zeitalters und der schottischen Sitten, und ihr in Frankreich durch Schmeichelei verwohnter, durch Ueppigkeit aufgeregter Charakter nebst den mehrmals verfehlten Wahlen ihres Herzens zu ihrem Verderben bei. Jung, feurig, durch Partheienhass verfolgt, und a l l e i n stehend, hielt sie das dunkle Gefuhl, das sie leitete, fur Instinkt der Schutzbedurftigkeit, und wurde so zu gleicher Zeit ein Gegenstand offentlicher Geringschatzung und eine Beute mannlichen Uebermuths und mannlicher Harte, von der nichts als neue Uebereilungen ihr eine Erlosung zu versprechen schienen. Ich bekenne, dass ich mir sie weit lieber als eine Verfuhrte, Gefallene denke, deren Ungluck mein Mitleid anspricht, da ungunstige Verhaltnisse sie Stufenweise weiter auf den unrechten Weg drangten, wie als eine Lasterhafte, die durch eine schwarze Seele die himmlische Schonheit dieses Korpers entweihte, Mordgedanken hinter dieser anmuthigen Stirn verbarg, und schamlose Unsittlichkeit, zerstorenden Hass und Rachgefuhle in diesem blendenden Busen hegte. Daher scheint mir die Anwendung des Spruches nicht unpassend auf sie: w e r v i e l geliebt hat, dem wird viel vergeben werden.

In dieser Verdrehung des eigentlichen Sinnes jener Worte erkenne ich ganz d e n D i p l o m a t i k e r , der gewohnt ist, seine vielseitigen Meinungen unbestimmt auszudrucken, damit ihm stets ein Schlupfwinkelchen ubrig bleibe, unterbrach ihn lachend die Grafin, Maria Stuart hat V i e l e geliebt, ob v i e l oder w e n i g wer konnte das ergrunden, und wenn er auch eben so tolerant wie Sie und noch bestochener vom Eindruck ihrer Reize ware?

Ja gewiss, sagte Alexander, den Erna's Nahe und ihre holde Freundlichkeit allmahlig in eine immer steigendere Begeisterung versetzt hatte, sie kannte in der Flatterhaftigkeit ihres gedankenlosen Leichtsinns die eigentliche Liebe, jene Himmelstochter, nicht. Sie, die nur e i n e n Gegenstand mit der Gluth eines vollen Herzens umfasst, nur e i n e m das Daseyn und alle Krafte eines durch sie geheiligten Gemuths zu widmen vermag, hatte die Ungluckliche nicht so unsicher im Leben schwanken, und am Ende als Opfer ihrer eigenen frivolen Unbedachtsamkeit sinken lassen.

Er m e i n t e in diesem Augenblick so herzlich was er sagte, er fuhlte durch die Neigung, die so wahr und rein fur Erna in seinem Busen aufgeflammt war, sein sonst profanes Wesen so veredelt, sich im Endlichen das Unendliche ahnend dem vorhergehenden Larvenleben so entruckt, und den wahren Werth des Daseyns, den er sonst im Schein und Schimmer suchte, in seiner eigentlichen Wurde anerkennend, dass es nur eines fernen Entgegenkommens, nur einer leisen, aber bestimmten Hoffnung der Erhorung bedurft hatte, die unerschutterliche Basis in ihm zu grunden, die in jeder kunftigen Versuchung ihn vor dem Fallen bewahrt haben wurde.

XVI

Er verdiente es daher nicht, durch den eigenthumlichen, oft etwas stechenden Humor der Grafin, auf eine schmerzliche Weise der Heuchelei bezuchtigt, und in Erna's Augen herabgesetzt zu werden.

Ei, ei! hub sie namlich an, ihn schalkhaft mit ihren Blicken fixirend, wie so auf einmal verandert! Mir deucht, dass das Princip: V i e l e z u l i e b e n , vor Kurzem noch ebenfalls ganz das Ihrige war, und dass Sie Sich durch Wort und That auch recht freimuthig dazu bekannten. Woher die plotzliche Metamorphose? Erhalten vielleicht gewisse Tugenden erst ihren Glanz durch Reibung an entgegengesetzten Fehlern? Oder wollen Sie in allen Farben des Chamaleons schillernd uns heute d a d u r c h uberraschen und ergotzen, dass Sie uns zeigen, wie Ihre Gewandtheit selbst das Heterogenste fur Ihren Charakter, die Maske der Bestandigkeit, mit Anstand zu tragen versteht?

Der heitre scherzhafte Ton, in dem sie sprach, milderte zwar die Bitterkeit der Beschuldigung, die fur Alexandern in ihren Worten lag, aber da sein Blick auf Erna, die dunkel gluhend errothet war, ihm bewies, dass der Fluch des Argwohns gegen ihn, der wie ein mephitischer Dampf sich aus dem bitteren Kelch ihrer fruheren Erfahrung entwickelt hatte, jetzt von Neuem wieder ihr zutrauensvolleres Wesen vergiftete, fuhlte er sich so ergrimmt gegen die leichtfertige Frau, dass er den unersetzlichen Schaden, den sie ihm, ohne es zu wissen oder zu wollen, that, auf das bitterste hatte an ihr rachen mogen.

Er nahm sich indessen zusammen, und strebte mit der Fassung eines Weltmannes, dessen Oberflache stets ruhig scheint, wenn es auch im Innern tobt und brauset, durch eine ebenfalls scherzhafte, aber piquante Replik sich zu vertheidigen. Doch kostete es ihm wirklich Ueberwindung, ihr den Groll zu verbergen, der sein Herz erfullte, und der, wenn er sich verrathen hatte, die leichte Neckerei schnell in das dornenvolle Gebiet einer formlichen Entzweiung hinuber gefuhrt haben wurde.

Indessen war die Dammerung eingetreten, und mit ihr die Stunde des Mittagsessens, das sie erwartete. Ein liebliches Gemach von origineller Erfindung verband, den Mittelpunkt ausmachend, zwei lange Reihen von Gewachshausern, in denen ganze Walder der herrlichsten Orangerie mit Bluthen und Fruchten prangten, und im vollen Schmuck des Sudens der Schneehulle der Mutter Erde draussen spotteten. Stufenweis senkte sich von den hohen Wanden die Blumenfulle aller Zonen, so wie aller Jahrszeiten in zierlichen Gefassen herab, mit sussem Duft die Nahenden begrussend, und zahme Canarienvogel flatterten, jetzt vom Glanz der Lichter aus ihrer fruh begonnenen Ruhe aufgescheucht, zwischen dem frischen Grun umher, und belebten es auf eine anmuthige Weise.

Anders aber war der erwahlte Speisesaal decorirt, der durch verborgene Rohren sommerlichmilde erwarmt, in lieblicher Tauschung eine Felsengrotte darstellte. Grosse Granitblocke, zum Theil bemoost, zum Theil mit Epheu und Gestrauchen umzogen, fugten sich, kunstvoll die Natur nachahmend, zusammen, und wolbten sich in bedeutender Hohe, einen weiten, luftigen Raum umschliessend. Palmen, Cipressen und Laurus, mit weiser, gefalliger Oeconomie vertheilt und gruppirt, schienen schlank dem weichen Moos des Bodens entsprossen, als sei hier ihre eigentliche Heimath. Ein reicher Quell ergoss von oben seine silberne Fulle rauschend als Wasserfall uber mehrere Felsentrummer, die ihn brachen und vervielfaltigten, bis seine schaumende Fluth zu einem breiten Wasserspiegel sich sammelte, der alsdann mit sachterem Geplatscher in einem Becken von rohbehauenem Granit sich verlor.

Hier, durch schimmernde Lampen tageshell erleuchtet, fanden sie eine reich besetzte Tafel, und es bestatigte sich auch diesmal die alte, vielbewahrte Erfahrung, dass nicht der thierische Genuss des Gaumenkitzels sondern die Frohlichkeit des Beisammenseyns, das harmlose Ruhen aller Geschafte und das unwillkuhrliche Verstummen mancher Sorgen unter munterem Geschwatz, eine wohlgeordnete gesellige Mahlzeit zu einer nicht unerheblichen Erholung und Lebensfreude zu machen pflegt. Heiterkeit und Scherz herrschte in dem kleinen aber frohen Kreise, jedoch ohne im mindesten die Granzlinie zu uberschreiten, welche die Charis vorzeichnet, denn man wurde gegenseitig traulicher, ohne dreist zu werden. Munter erklangen die Becher, mit des Bachus edelsten Gaben gefullt, und selbst die Damen versagten es nicht, tropfenweise den Champagner zu nippen, wozu die Manner mit wahrer Kriegslist, durch ausgebrachte Gesundheiten und sonstige heitere Veranlassungen, sie stets von Neuem zu verleiten suchten.

XVII

Anfangs hatte Alexander schuchtern nur von ferne Erna's Zuge und ihre Stimmung beobachtet, und so lange er sie in sich gekehrt, nachdenkend und schweigend erblickte, fand der Frohsinn den Weg zu seinem Herzen nicht.

Doch bald klarte sich der trube Nebel auf, der ihre Stirn umwolkte, und das schone Auge hing nicht mehr, durch die gesenkten Wimpern verschleiert, am Boden, oder erhob sich ernst, von schmerzlicher Gedankenfulle umdustert. Freier schaute es um sich her, in seiner eigenthumlichen, reinen, uberirrdischen Klarheit strahlend, wie ein milder Stern, der aus hoheren Regionen den Glauben an das Heilige und Ewige unausloschlich in jede Seele senkt.

Kindlichen Sinnes, und die zarten Saiten ihrer Gefuhle leicht bewegt, wie die vom leisesten Hauch bewegte Aeolsharfe, war ihr der Uebergang von tiefem Ernst zu mittheilender Frohlichkeit nicht schwer, und sie kehrte nur dann erst wieder zu der ihr von den Bemerkungen der Grafin aufgedrungenen, einsylbigen Formlichkeit zuruck, als diese Letztere, die mit der Gesandtin in ein sie lebhaft interessirendes Gesprach gerathen war, beim Wegfahren plotzlich erklarte, dass sie den Platz bei derselben im Schlitten einzunehmen und den ihrigen Erna zu ubertragen wunsche.

Ich werde Ihnen untreu, sagte sie zu Alexandern, aber ich mache Ihnen keine Entschuldigung, sondern ich erwarte Ihren Dank, da ich meine Stelle so wurdig besetze.

Eben so ahnungslos, wie sie ihn vorhin beleidigt hatte, versohnte sie ihn jetzt durch die Gelegenheit, die sie ihm gab, wahrend der Stunde des Heimwegs Erna nahe zu seyn.

Ehe sie aber noch einstiegen, brachte ein heimlich von ihm beauftragter Gartnerbursche einen Korb voll der lieblichsten Blumenstrausse, die er unter die Damen vertheilte.

Eine wunderschone Rose hatte sich der leichten Fessel entrissen, und war vereinzelt im Korbe zuruck geblieben. Er wagte es, sie Erna noch insbesondere anzubieten, und streifte sorglich vorher die Dornen ab, die sie verletzen konnten.

Die Grafin bemerkte es. Was thun Sie? rief sie aus. Sie rauben ja dem armen Roslein Wehr und Waffen, und machen es zu einem unnaturlichen Unding. Denn eine Rose ohne Dornen ist das nicht gerade, wie Liebe ohne Schmerz? Beides ist auf dieser prosaischen Erde nicht zu finden, und wer weiss, ob es sogar in den elisaischen Feldern, oder in Oschinnistan, und wie die sonstigen Domainen und Residenzen der Feen und Zauberer heissen mogen, zu Hause ist.

Der Natur nachzuhelfen, ist ja das schone Vorrecht der Kunst, erwiederte er, wie nicht vielmehr der Verehrung, die dem zarteren Geschlecht so gern in der Liebe den Schmerz und an der Rose die Dornen sparen mochte.

Er reichte hierauf die nicht mehr verwundende Blume Erna ehrerbietig hin. Sie nahm sie an, und er hatte die susse Genugthuung, gewahr zu werden, dass sie, als sie sich unbeobachtet glaubte, sie tief in ihrem Zobelpelz verbarg, um sie vor dem kalten Athem der Winterluft zu schutzen.

Jetzt mahnte das schallende Glockengelaute der Schlitten, das kunstmassige Klatschen der Peitschen in den geubten Handen der Vorreuter, und der Schein der Fackeln, die den dunkeln Winterabend verklarten, an die Heimkehr.

Er bot Erna den Arm, sie in seinen Schlitten zu fuhren, und hullte sie sorgsam in die reichen Tygerdecken desselben, die zum Schutz gegen die Kalte dienten. Der Gedanke, sie so gewissermassen fur einige Zeit in seiner Gewalt zu haben, und sie furchtlos und ruhig der Leitung seiner Zugel sich hingeben zu sehen, durchzuckte ihn mit sussem Schauer, und weckte eine Reihe wehmuthig seliger Bilder in seiner Seele.

Ach durfte er so ihr kunftiges Schicksal lenken, wie jetzt den Schlitten, der die theuerste Burde trug! Gewiss d i e s e Ueberzeugung war ihm klar sollte sie es nimmer bereuen, es ihm anvertraut zu haben.

Denn er fuhlte sich ein ganz anderer Mensch geworden, als vormals. Sein vergangenes Leben passte durchaus nicht mehr zu der inneren Welt seiner jetzigen Gesinnung, und er mochte kein d o p p e l t e s Daseyn in sich ahnen, wie so mancher in sich tragt, sondern glaubte fest, dass ein Herz, in dem i h r Bild herrsche, unwillkuhrlich sich zum Tempel der Reinheit und der moralischen Wurde veredlen musse.

Zuerst war die Unterhaltung zwischen ihnen sehr wortkarg. Ihm genugte es, sich stumm der Gewissheit zu uberlassen, dass s i e es sei, die er fuhr, und dies Gefuhl, verbunden mit der eigenen Blodigkeit, die ihn in ihrer Nahe zu befallen pflegte, verschloss seine Lippen. Es schien ihm unbescheiden, hier, wo sie ihm nicht entrinnen konnte, die Rechte einer alteren Bekanntschaft geltend zu machen, und ihr irgend etwas zu sagen, was sie an die Vergangenheit erinnern, und so in Verlegenheit setzen, oder ihren Unwillen reizen konnte. Er wagte es daher nur, von der Schonheit des Abends zu reden, der, trotz der Kalte, aus dem tiefen Blau des sternbesaeten Himmels, und aus dem blitzenden Schneegewand der Erde, durch den Fackelglanz rothlich erhellt, mit streng nordischer Anmuth sie ansprach.

Erna erwiederte einiges auf seine Bemerkungen. Der Ton ihrer Stimme war sanft und milde, und sie schien sich allmahlig zu einer freiwilligeren Mittheilung zu bequemen, wenn diese gleich stets innerhalb der Schranken fremdartiger Zuruckgezogenheit sich erhielt. So sprach und fragte sie manches, unter andern wollte sie wissen, wem das Landhaus gehore, das, als sie den Weg zuruckgelegt hatten, aus einer entblatterten Baumgruppe heiter mit seinen hellerleuchteten Fenstern von einer kleinen Anhohe dicht am Wege ihnen entgegen schaute.

Er antwortete ihr, dass der Besitzer einer seiner Ju

gendfreunde sei, der fruher bei seinem Regiment gestanden, seit Jahr und Tag aber seinen Abschied genommen, sich verheirathet, und diesen kleinen halb landlichen halb stadtischen Besitz, den er S o r g e n f r e i nenne, zu seinem bestandigen Aufenthalt gewahlt habe. Sie versetzte hierauf, dass schon beim fruheren Voruberfahren die simple Eleganz der Bauart und die schone Lage dieses Hauses ihr aufgefallen sei, und dass sie begreife, wie man recht gern an einer so lieblichen Stelle sich zeitlebens ansiedlen moge.

Unter diesem Gesprach hatten sie die Thore der Re

sidenz erreicht, und nach wenig Minuten hielten sie vor dem Hotel des Gesandten still.

XVIII

Nicht ohne einen leisen Schauer von Wonne betrat Alexander die Schwelle, die zu der Wohnung der Geliebten fuhrte.

Zwar konnte er sich denken, dass das Allerheiligste derselben, i h r Z i m m e r , ihm verschlossen bleiben werde; aber es waren doch dieselben Wande, die sie taglich umgaben, die er sehen, es war i h r hausliches Leben, das er beobachten sollte, und um keinen Preis der Welt hatte er das Recht vertauscht, sich nun mit eigenen Augen uberzeugen zu durfen, wie sie im engeren Kreise des heimathlichen Thuns und Wirkens sich bewege.

Ohne Pracht, aber in einem edlen, gefalligen Styl war die Wohnung des Gesandten eingerichtet, und man athmete bald unwillkuhrlich einen Theil des Friedens und der ruhigen Heiterkeit ein, welche nicht allein innerhalb der einfach geschmuckten Raume, sondern auch in den Gemuthern ihrer Bewohner herrschte.

Ein freundlicher Salon versammelte sie um den flammenden Camin. Erna hatte sich einen Moment entfernt, um ihren Pelz abzustreifen, und erschien nun in einer zierlichen Hauskleidung, sich, als sei hier ihre eigentliche Sphare, mit Eifer und Lebendigkeit all der kleinen Geschafte annehmend, die sonst der Wirthin obliegen.

Als der Thee gebracht wurde, trat auch Linovsky herein, und mit ihm eine alte Bekanntschaft Alexanders, Auguste namlich, vor deren strengem, kalt ihn messenden Blick sein der unbefangenen Freude geoffnetes Herz, gleichsam krampfhaft erstarrend, sich wieder zusammen zog.

Sie schien nicht uberrascht, ihn hier zu finden. Dies war ihm ein Zeichen, dass Erna sie auf seinen Anblick vorbereitet hatte, da sie voraus wusste, er werde an der Gesellschaft Theil nehmen. Ohne Befremden, wohl aber mit einer gewissen frostigen Geringschatzung und mit jener Art von Scheu, mit welcher der Gesunde sich von dem Pestkranken abwenden wurde, setzte sie sich neben ihn, und wurde ihm durch die Steifheit ihres ihm so offenbar abgeneigten Wesens zu einer hochst druckenden, widerlichen Erscheinung.

Ganz sicher hatte sein beleidigter Stolz nicht so geduldig die schweigenden aber unverkennbaren Merkmale ihrer feindseligen Gesinnung hingenommen, wenn seiner Politik nicht die Nothwendigkeit eingeleuchtet ware, sie als Erna's Freundin, die von je her einen fast mutterlichen Einfluss auf sie hatte, s c h o n e n zu mussen.

Er stellte sich also, als ubersahe er ihr unverbindliches Betragen, und ohne die allgemeine Hoflichkeit zu vernachlassigen, setzte er sich wohlweislich durch keine Annaherung der Gefahr aus, ihre Stimmung gegen ihn noch deutlicher als durch diese stummen Kennzeichen von ihr ausgesprochen zu sehen.

Eine Beobachtung, die er im Stillen machte, gab ihm indessen von der einen Seite das Wohlbehagen wieder, das von der andern ihm geraubt worden war.

Denn er glaubte namlich zu bemerken, dass zwischen Linovsky und Augusten ein Verhaltnis existire, dessen Eigenthumlichkeit ihnen wenig Rucksicht auf Erna zu nehmen gestattete.

Es herrschte zwischen ihnen ein so achtungsvoller, inniger und zutraulicher Ton, dass man sie leicht hatte fur ein Paar Verlobte halten konnen, die nicht aus Leidenschaft, sondern aus Vernunft, ruhiger Ueberlegung und achtem Wohlwollen sich gegenseitig furs ganze Leben erkoren haben.

E r begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit, fasste jede ihrer Aeusserungen auch in der leisesten Beziehung auf, richtete hauptsachlich an sie alles, was er sprach, und schien, sie nie aus den Augen verlierend, ihrem Urtheil stets das seinige zu unterwerfen.

S i e hingegen nahm, als gebuhre es ihr so, seine freundliche Beflissenheit um sie wie ein Recht auf, an das ein engeres Verhaltnis ihr Anspruche gegeben. Sie horte i h m am liebsten zu, wenn er redete, und musste sie bon gre mal gre jemand Anderm ihr Ohr leihen, so lauschte sie doch wenigstens auf seinen Ton, und strebte, an dem, was er unterdessen sagte, Theil zu nehmen, so wie sie in allen streitigen Punkten der Unterhaltung ihn gleichsam als die hochste Instanz zu betrachten und zu ehren schien. Widersprach sie auch zuweilen einmal seiner Meinung, so geschah es auf eine Art, welche deutlich bewies, dass nur das Verlangen, den Faden des Gesprachs mit ihm weiter fortzuspinnen, aber keine der seinigen entgegengesetzte Ueberzeugung sie dazu vermochte.

Alle diese kleinen, oft so charakteristischen Zuge, die auf Liebe hinzudeuten pflegen, gossen in Alexanders, durch Eifersucht leicht aufgeregtes, sturmisches Gefuhl, eine linde Beruhigung uber diesen Punkt, und er gonnte der blassen, verbleichten Auguste, so zuwider sie ihm auch war, den offenbar fur sie zu schonen und jugendlichen Verehrer, da ihm dadurch die Sorge, er mochte sich um Erna bewerben, vom Herzen fiel.

Die Grafin, deren lebendig regsamer, Sinn stets, auch bei der angenehmsten Unterhaltung, nach A b w e c h s e l u n g verlangte, foderte Erna auf, Musik zu machen. Ohne sich lange zu weigern, setzte sie sich zum Fortepiano, und bat Linovsky um seine Begleitung mit der Violine.

Welch ein neues Talent entfaltete jetzt die Hochbegabte, sie, die mit der herrlichsten Bluthe aller Eigenschaften, welche das Vollkommene bezeichnen, eine Anspruchslosigkeit verband, die durch den Zauber der Bescheidenheit den Zauber ihrer Kunst noch erhohte.

Ihre zarten Finger schienen, leicht wie ein Gedanke, uber die Tasten hinschwebend, beseelte Sprachwerkzeuge zu seyn. Sie weckte die schlummernden Tone mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, mit der nur die tiefe Bedeutung verglichen werden konnte, die den herzgewinnendsten Ausdruck in jede Note zu legen wusste.

Als sie nun die volle, silberhelle Stimme erhob, sie mit ihrem trefflichen Spiel zu verschmelzen, da enthullte sich d e r U m f a n g i h r e r K u n s t ganz in der Entwirrung der schwierigsten Passagen, in den uberraschendsten Laufern, in den meisterhaftesten Intervallen, so wie d i e T i e f e i h r e s G e f u h l s , der Melodie erst durch die reinste Intonation eine Seele verleihend, im erschutternden Ausdruck gewaltsam hervorbrechender Leidenschaft, mild besanftigt durch den schmelzenden Erguss sanfter Empfindung, und dann wieder im erhabenen Schwunge ernsten Gesanges wie ein frommer Gedanke sich aufwarts zu den Sternen erhebend, sich aussprach.

Suss berauscht hatte Alexander den erquicklichen Strom dieser gleichsam einer hoheren Sphare entquollenen Tone in sich gesogen, und so seelenvoll auch Linovsky's Spiel auf der Violine war doch nur Erna's Laut vernommen, nur i h r auf den Schwingen ihres gottlichen Gesanges in den dritten Himmel folgend, aus welchem das prosaische Applaudissement der Grafin ihn jetzt rauschend und storend herab zog.

Er vermochte es nicht uber sich, Erna auch nur mit einem einzigen Worte zu bezeugen, wie sehr sie ihn geruhrt, entzuckt und erschuttert habe. W o r t e dunkten ihn in diesem Augenblick der herrlichsten Ergreifung die Herrlichkeit der Gefuhle zu entweihen, die noch im leise verhallenden Nachklang so tief und innig ihn durchbebten.

Aber als sie nun aufstand, und wenn ihn nicht alles tauschte ihr Blick, gleichsam verschamt und schuchtern i h n , i h n vor Allen, zu suchen schien als ihr der seinige begegnete, der flammend nur an i h r hing da er las es in ihrer lieblichen Verwirrung da das wusste er gewiss konnte kein Zweifel an dem unausloschlichen Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, Raum in ihrer Seele finden.

Sie setzte sich wieder zu ihrer Arbeit nieder, und das tief gesenkte Auge fest auf die Stickerei heftend, mit der sie eben beschaftigt war, gewann sie bald ihre gewohnliche Unbefangenheit wieder. Die Gesandtin, welche unterdessen von ihren Lieblingsgesangen, den eigentlichen Volksliedern, gesprochen hatte, die oft, nicht nur das innerste Geprage des Nationalcharakters ausdruckend, sondern auch die ehrwurdigen Sagen grauer Vorzeit in frommer Einfalt festhaltend, kunstlos und ruhrend zum Herzen dringen, weil sie vom Herzen abstammen, bat Erna, einige derselben, die sie auf ihren gemeinschaftlichen Reisen gelernt habe, zu singen, und sie that es ohne alle musikalische Begleitung, nur durch ihre graziose Mimik unterstutzt, welche sie so ganz der kindlichen Eigenthumlichkeit der Gesange, die sie vortrug, anzupassen wusste.

Zuletzt erinnerte sie die Gesandtin noch an ein kleines Lied, das sie einst in Frankreich von einer Prozession junger Madchen gehort hatten, die, ein Christuskindlein in einer kleinen Kapelle am Wege bekranzend, es sangen, und das sowohl dem Inhalt als der Melodie nach sich ihnen damals tief eingepragt hatte. Es bestand blos in diesen vier Zeilen:

Doux enfant Jesus!

Donne moi le Saint Esprit,

Et toutes les vertus

De ta mere Marie, Marie, Marie.

Alle horten bewegt diese Worte an, die durch Erna's reine, jetzt sanft gedampfte Stimme und eine ganz eigene kunstlose, aber die innersten Saiten des Gefuhls beruhrende Melodie sich unaufhaltsam durch das Ohr ins Herz stahlen.

Die Gesandtin erzahlte, dass die Sangerinnen meist nur erst zwolfjahrige Kinder gewesen waren, welche mit ihren leichten, fast atherischen Gestalten, in ihrer sudlichen Blasse, mit dem dunklen Haar und Augen, in denen eine schwarmerische Andacht sich mit dem Ausdruck der Unschuld ihres zarten Alters gepaart habe, ihr wie eine Schaar Verklarter erschienen waren. Sie habe sich der Thranen nicht enthalten konnen, und wisse noch selbst nicht, ob der Anblick der weissgekleideten, geisterhaft an ihr voruberschwebenden Kinder, oder die ruhrende Weise ihres Liedes am meisten auf sie gewirkt habe.

Alexander achtete wenig auf das, was sie sagte. Nur mit einem Gegenstand beschaftigt, konnte er sein Auge von Erna nicht losreissen, die mit einer so milden, lieblichen Frommigkeit in ihren Zugen dies kleine Lied gesungen hatte, dass unwillkuhrlich alle seine Gefuhle in ihm riefen: Himmlische! das Gebet, das eben von deinen Engelslippen erklang, ist schon erhort. Alle Tugenden, die die Mutter Gottes zieren Demuth, Wurde und Reinheit alles, alles ist bereits dein herrliches Eigenthum. Flehe nicht um mehr! wie durften sterbliche Wesen es dann jemals wagen, sich dir hoffend und liebend gegenuber zu stellen?

XIX

Das Abendessen versammelte die Gesellschaft traulich um einen runden Tisch, wo die Unterhaltung allgemein wurde, und bald sich leicht und ungezwungen um verschiedene nicht uninteressante Gegenstande bewegte.

Der Gesandte, der unter der Hulle ausseren Ernstes einen heitern, jovialischen Sinn verbarg, fand Vergnugen daran, mit der Grafin, deren neckend muntere Laune ihn anzog, einen immerwahrenden kleinen Krieg zu fuhren.

Nicht aus einem gewissen Geist des Widerspruchs, sondern um sie stets von Neuem anzuregen, und ihr Gelegenheit zu geben, ihrem Muthwillen freien Lauf zu lassen, bildete er stets ihre Oppositionsparthei, und bestritt, sie gern zuweilen selbst bis zu leichtem Unwillen reizend, alles, was sie sagte und behauptete.

So ergriff er auch jetzt wieder lebhaft die entgegengesetzte Meinung, um sie zu vertheidigen, als die Grafin uber ihr Lieblings-Thema, die Unbestandigkeit der Manner, gerathen war, und der weiblichen Beharrlichkeit in Lieb und Treue und allem Guten das Wort redete, und besonders bestritt er die auch von ihr in Schutz genommene, und als etwas Heiliges und Unausloschliches betrachtete e r s t e L i e b e , der er durchaus nur in der Reihe der Irrthumer und der Selbsttauschungen ihren Platz anweisen wollte.

Denn er erklarte geradezu, es gehore zu den Chimaren des Menschen, und insbesondere der Frauen, an die Ewigkeit einer ersten Liebe zu glauben, und man musse den Schwachen, irgend eines Stabs Bedurftigen auch diesen Wahn nicht rauben, da man ihnen nicht leicht eine Entschadigung dafur geben konne.

Aber bei M a n n und W e i b sei die e r s t e , z w e i t e , d r i t t e Liebe gewohnlich ein Fehlgriff, der sich bitter bestrafe, wenn das Herz nicht Kraft genug habe, sich aus Banden leise zuruckzuziehen, die alles Gluck s t r a n g u l i r e n wurden, wolle man sie nur aus Pflichtgefuhl enger noch zusammen knupfen. Denn, fuhr er fort, wie der junge Adler seine Flugel pruft, und, vom Instinkt getrieben, von mutterlichem Nest hinwegflattert, um bald den Wipfel eines Baums, bald ein sonniges Thal zu erreichen, so strebt auch der jugendliche Sinn zu jener Vereinigung, die ihm Vollendung dunkt. Doch des jungen Adlers Versuche mislingen oft, denn ehe ihm die Flugel nicht r e c h t gewachsen sind, konnen sie ihn nicht mit Sicherheit tragen. So auch die Liebe des Menschen. Jene feste, dauernde, t r e u e Liebe, die unser eigentlichstes, wahrstes Gluck grundet, kann nur aus sogenannter Untreue hervorgehen, wie der Phonix der Fabel sich aus der Asche empor hebt. Denn erst nach mehreren Versuchen weiss das Herz, was es bedarf zur Erwiederung seiner innigsten Gefuhle. Fruher wirkte Zufall, Stimmung, misverstandene Sinnlichkeit und Wunsch, die innere Leere ausgefullt zu sehen, auf unsere Wahl, und wir reichen voreilig dem Wesen, das uns entgegen tritt, die Hand, und wahnen nun, der ganze dunkle Raum der Zukunft musse sich in ein bluhendes Paradies verwandeln. Doch nach und nach werden die goldenen Illusionen zu Flittergold, das rauschend von verwelkten Kranzen abfallt wir finden uns g e t a u s c h t und tauschen wieder, indem wir gewaltsam uns zum Worthalten von Dingen zwingen wollen, die sich eigentlich gar nicht versprechen lassen. Endlich ist der Freiheit Kleinod wieder errungen, und vorsichtiger wagen wir den zweiten Versuch; denn darin gleicht das Herz dem Taucher, der doch wieder ins Meer hinabsturzt, wenn er gleich mehrere Muscheln heraufgebracht hat, in denen keine Perle war. Finden wir auch hier nicht dies Echo eines vollharmonischen Gemuths in der Brust, der wir zum zweitenmal die Krone des Lebens reichten nun so schrecken die Mistone, die wir vernehmen, uns schon leichter wie das erstemal, der dritten Liebe zu, und so fort und immer fort, bis wir endlich finden, was uns noth thut, oder bis wir auch verzagen, und zweifeln mussen, dass es auf Erden existirt.

Ich glaube gern, dass Sie diese schonen Erfahrungen aus der Wirklichkeit, oder vielmehr aus ihrem eigenen Leben entlehnt haben, unterbrach ihn die Grafin, und begreife nun um so leichter, woher es kommt, dass sich die meisten Mannerherzen so abnutzen, dass sie nur in Trummern und einzelnen Bruchstucken, oder wie eine Munze, an der das Geprage verwischt ist, das Ziel erreichen.

D i e Herzen, deren Geprage sich verwischen, antwortete der Gesandte lachend, sind nur Fleischklumpen, von der warmen Blutwelle zu thierischen Funktionen, nicht zu jener hoheren Sehnsucht getrieben, die ja eigentlich nur allein die Ursache des sogenannten mannlichen Wankelmuthes ist. Wie die frische Quelle sich ewig erneut, so viel auch aus ihr geschopft wird, so nur immer mehr gereinigt durch das Sandbad der Erfahrung ist auch ein reich ausgestattetes liebefahiges Herz, habe es sich auch noch so oft vorher, vom Wahn verblendet, hingegeben.

Uebrigens will es denn doch auch verlauten, dass die so hoch geruhmte weibliche Bestandigkeit schon vom Anfang der Welt an gar manchen Anfechtungen, nicht nur u n t e r w o r f e n gewesen, sondern auch e r l e g e n ist, und dass besonders bei Ihrem Geschlecht sich der alte Satz bewahrt, dass wenn die Sonne untergegangen, dann die Sterne zu flimmern beginnen, c'est a dire, wenn ich eine freie Uebersetzung dieser Behauptung hinzufugen darf: wenn der Geliebte a b w e s e n d , oder h e i m g e g a n g e n ist, wie die Herrnhuther zu sagen pflegen, so fangen auch geringere Subjekte an zu interessiren sind uberall als Luckenbusser und um den Triumphwagen der Damen desto rascher zu ziehen, gar nicht uberflussig und unwillkommen.

Die Grafin wollte schlechterdings dies nicht zugestehen. Doch fand sie, dass sie mit sehr ungleichen Waffen gegen ihren Widersacher kampfe, indem e r , der schlaue Diplomatiker, vermoge seines Berufs, schon gewohnt sei, sich und Andere durch allerhand glanzende Scheingrunde sophistisch zu bestechen, und die Wahrheit wenn auch nicht geradezu zu v e r l a u g n e n , doch so zu v e r d r e h e n , dass sie am Ende alles Andere, nur nicht Wahrheit, sei. Sie foderte die ubrigen anwesenden Damen auf, sie doch nicht allein sich aufopfern und den Martyrertod fur den Ruhm ihres Geschlechts sterben zu lassen, sondern ihr beizustehen. Alle aber fanden ihre Angelegenheiten in den besten Handen.

So wandte sie sich zuletzt denn an Alexander. Sie, den ich heute zu meinem Ritter erwahlt habe, sagte sie, dessen Pflicht es ist, jeden Unglimpf zu rachen, der mir widerfahrt konnen Sie so ruhig anhoren, wie man uns arme wehrlose Frauen, und v o r a l l e n mich, ihre Stellvertreterin, krankt und verlaumdet? Wenn Sie auch nicht meine Farbe tragen, so heben sie doch wenigstens ritterlich den Handschuh auf, den dieser durch die d r i t t e , v i e r t e Hand liebende Held mir so hohnend zuwirft!

Gewiss, gnadige Frau, antwortete er, es liesse sich fur keine schonere Veranlassung eine Lanze brechen, und sie finden mich hier, wie immer, zu Ihrem Dienste bereit. Ich erkenne und ehre die weiblichen Tugenden viel zu sehr, um Bestandigkeit, eine der herrlichsten derselben, zu bezweifeln, und mein eigenes Gefuhl, ich darf sagen, meine eigene Erfahrung hat schon fruher in mir gewagt, den Beschuldigungen Sr. Excellenz zu widersprechen. Denn, was bei dem weniger zart organisirten Mann moglich ist: die Gewalt des ersten unausloschlichen Eindrucks sich furs ganze Leben zu bewahren wie sollte dies nicht bei den Frauen noch weit naturlicher und unerlasslicher seyn bei ihnen, deren Gemuth der geweihte Tempel einer jeden Gottheit ist, die wir Unschuld, Treue, Reinheit und Liebe nennen? Und w i r hier beruhrte sein funkelnder Blick schuchtern im Voruberstreifen Erna, die sogleich verlegen die grossen Augen senkte w i r denken, wenn uns e i n m a l eine Sonne warm und wahrhaft durchgluht hat, ewig an den schonen Strahl zuruck, und bemerken weder Nebensonnen noch Sterne, wenn sie auch noch so hell glanzen.

Nun furwahr, unterbrach ihn die Grafin mit der ihr eigenen Art zu scherzen, indem sie aufstand, ritterliche Galanterie traute ich Ihnen zu, mir beizustehen, nicht aber, dass S i e , von I h r e n Gefuhlen und Erfahrungen unterstutzt, ein Lobredner der Bestandigkeit werden, und sie sogar unter die Eigenschaften des mannlichen Charakters, und des Ihrigen insbesondere zahlen wurden. D a s ubertrifft meine Erwartung, und die diplomatische Excellenz wird sich nun gewiss auch ohne Blutvergiessen fur uberwunden erklaren. Daher darf ich jetzt auf einen ehrenvollen Ruckzug denken, da die Mitternachtstunde ohnehin nach einer weisen hauslichen Polizeieinrichtung die letzte seyn sollte, die man ausser dem Bette zubringt.

Heiter wie man zusammen gewesen war, ging man auseinander, und Alexander nahm, als den letzten Gewinn dieses reichhaltigen Tages, die Einladung des Gesandten mit auf den Weg, so oft er nur immer selbst wolle, seinen Besuch zu wiederholen.

XX

Dass er wiewohl mit all' der Bescheidenheit, die dem seingebildeten Manne ziemt von dieser Erlaubnis Gebrauch machte, versteht sich von selbst, und da die Anmuth seiner Personlichkeit und der feine Tact furs Schickliche, der ihm angeboren war, ihn wirklich zu einem sehr angenehmen Gesellschafter machte, durfte er bald keinen Tag mehr im Hause des Gesandten fehlen, ohne sich vermisst, um die Ursach befragt und aufgesucht zu sehen.

Machtiger noch als diese freundlichen Veranlassungen zog ihn die eigene Neigung und die Wunderkraft an, die durch Erna's Schonheit eine so unwiderstehliche Gewalt uber ihn ubte. Immer fester webten sich die Zauberfaden, die ihn an sie fesselten, und je mehr er Gelegenheit hatte, sie im engen hauslichen Kreise zu beobachten, wo das Gemuth sich freier als in grossen gerauschvollen Zirkeln entschleiert, oder wenigstens sich ofterer unwillkuhrlich verrath, je mehr bestarkte sich die Ueberzeugung in ihm, dass die liebenswurdigen Eigenschaften ihres Charakters die Reize ihrer Gestalt und die seltene Ausbildung ihrer Talente noch ubertrafen.

Zwar schien sie, ihm gegenuber, sich unerschutterlich fest innerhalb der sich streng vorgezeichneten Granzlinie einer vorsichtigen, selbst k a l t e n Zuruckhaltung erhalten zu wollen; aber ihr Wesen, in dem jede Regung Ausdruck der reinsten Natur und der Wahrheit war, konnte nur muhsam und doch nicht tauschend erkunsteln, was sie nicht empfand.

Wenn zuweilen sein Auge plotzlich sie fasste, schien eine ruhrende Wehmuth in dem ihrigen zu schwimmen, und zarte Theilnahme, die sich durch eine stete leise Achtsamkeit auf alles, was er sagte und that, verrieth, bewies ihm, dass eine geheime Stimme ihr selbst vielleicht kaum vernehmbar fur ihn in ihrem Busen sprach.

Dass der oftere Wechsel ihrer Farbe, wenn er ihr insbesondere nahte, oder vorzugsweise s i e unvermuthet anredete, eher aus einer Aufwallung des Wohlwollens als der Abneigung oder des Unwillens entstand, durfte er, wenn er wahr gegen sich selbst seyn wollte, nicht bezweifeln.

Denn sie duldete seine Bemuhungen um sie, wenn sie sich auch Muhe gab, sie scheinbar zu ubersehen. Sie wich nicht scheu zuruck, wenn er sich mit der eifrigen Gewandheit, als galte es einen Thron zu erobern, herbei drangte, den Platz neben ihr am Theetisch oder bei der Tafel zu erhaschen, und hatte ihn irgend einmal Konvenienz oder Klugheit gezwungen, dies susse Ziel seines taglichen Strebens einem Anderen zu uberlassen, so dunkte ihn eine unbefriedigte Stimmung in ihr und ein leiser Anstrich von Schwermuth in ihren Zugen es zu beklagen. Wie die Sonnenwende die Bluthe ihres Antlitzes stets dem Strahle entgegen neigt, in dem allein sich die erhohte Kraft ihres Daseyns spiegelt, so war alsdann auch ihre Aufmerksamkeit nur ihm zugewandt, so viel namlich feiner Weltton und gesellige Rucksichten es nur immer gestatteten.

Gleichwohl, wenn auch alle diese kleinen verratherischen Kennzeichen eines nicht unbefangenen Herzens ihm Muth gaben, einer formlichen Erklarung naher und immer naher zu rucken, so vermochte doch schon die zarteste Aeusserung seiner Gefuhle, sobald er ihr W o r t e zu leihen wagte, sie sichtbar zu verschuchtern, und statt einen Schritt vorwarts dadurch auf der Bahn seiner Hoffnung zu gelangen, fand er sich immer um mehrere dadurch zuruckgesetzt.

Durch solche Erfahrungen gewitzigt, huthete er sich wohl, ihr irgend eine Schmeichelei zu sagen, aber unvermerkt wurde sein Ton gegen sie h e r z l i c h , und dies schien ihr nicht zu misfallen, ja sie erwiederte sogar zuweilen, wenn es ohne Beziehung auf sich selbst geschehen konnte, die trauliche Innigkeit, mit der er sich an sie anschloss, indem sie mit warmem Antheil ihm zuhorte, und in das, was er erzahlte oder behauptete, einging. So wie er aber ihre mild erweichte Stimmung benutzen wollte, sie in ein naheres, heisser von ihm ersehntes Interesse zu ziehen, schien der finstere Genius der Vergangenheit sich wieder zu regen, und mit seinen eiskalt beschattenden Fittigen jeden hellen, freundlichen Eindruck in ihr zu verloschen. Sie zog sich alsdann, ihm ausweichend, gleichsam in sich selbst zuruck, und traumend, sinnend, trauernd, als bemuhe sie sich vergebens, die Widerspruche eines dunklen Schicksals zu losen, dauerte es lange, ehe die genaueste Wachsamkeit auf sich selbst von s e i n e r Seite sie wieder in das vorige ruhige Gleis des freundlich unbefangenen Umgangs zuruckbrachte.

Deshalb aber verzagte er keineswegs. Nicht mit sturmender Hand, das fuhlte er wohl, durfte er dem mit dem heiligsten Flor bedeckten Geheimnis ihres Lebens seinen Schleier entreissen. Von selbst musste er dereinst fallen, wenn eine immer nahere Bekanntschaft mit ihm sie nach und nach uberfuhrt hatte, dass seine Fehler gebessert, seine Tugenden nicht mehr zufallig, sondern auf die sichere Basis fester Grundsatze gestutzt waren, und da er sich wirklich b e s s e r fuhlte, und auf dem Wege, es mit jedem Tag mehr zu werden, so ruckte sein nicht auf Eigendunkel, sondern auf das Bewusstseyn seines moralischen ihm zuruckgegebenen Werths gegrundetes Selbstvertrauen das schone Ziel, wo er sie sein nennen durfe, in keine allzu ferne Zukunft hinaus.

XXI

Sie fuhr fort, ihn als einen Menschen zu behandeln, Nun ahnete sie freilich im menschlichen Gemuthe h e i t des Charakters, schienen ihr die unerlasslichen Erfordernisse, durch die selbst der tief Gesunkene sich wieder zu erheben im Stande sei. Hier aber, i h m gegenuber, der einst ein so grausames Spiel mit dem edelsten Herzen getrieben, konnte sie bei aller Gute ihres selbst so reinen Sinnes sich kein anderes Urtheil abzwingen, als dass er auch jetzt nur auf dem faulen Morast der L u g e das Gebaude seiner sinnlichen Wunsche zu erreichen strebe, und jeder lichte Strahl, der als Zeuge einer gelauterten Gesinnung aus seiner veredelten Seele blitzte, schien ihrem Unglauben an ihn ein tauschendes Irrlicht, auf Sumpfen erzeugt, unfahig mit seinem falschen Schimmer das Leben ihrer Erna zu verklaren, sondern nur vom listigen Betrug ausgesandt, ihren frommen Sinn von Neuem zu verlocken.

Sie verhielt sich daher mit unbestechlicher Strenge immer in den abgemessenen Formen kalter Hoflichkeit gegen ihn, und versagte gern ihm auch diese, wenn es zuweilen unbeobachtet geschehen konnte. Denn der Ruf seines Leichtsinns und seiner Frivolitat, den selbst die verbreiten halfen, die seine vorzuglichen geselligen Eigenschaften an ihm schatzten und seinen Umgang suchten, verglichen mit ihren fruheren Erfahrungen, mit seinem eigenen Gestandnis, dass er R e l i g i o n nur als ein Phantom betrachte, das Volk zu schrecken, und dass d e r S c h e i n ihm die Wirklichkeit jeder Tugend aufwiege, alles dies bei der selbst erprobten Gabe, sich so tauschend zu verstellen, dass sie ihn einst fur einen sehr guten Menschen gehalten hatte, flosste ihr neben dem unuberwindlichsten Mistrauen auch den entschiedensten Widerwillen gegen ihn ein.

So gelang es ihm auch nicht, sich mit Linovsky zu befreunden, woran ihm freilich im Ganzen weit weniger lag, da der tiefe Ernst desselben, seine oft schwermuthigen Ansichten und seine Zuruckgezogenheit von allen rauschenden Freuden des Lebens ihn eher zuruckstiessen, als anzogen. Aber da er nicht bezweifeln konnte, dass Auguste ihm eine uble Meinung von ihm beigebracht, so hatte er sich gern den Triumph gewahrt, sie durch eine genauere Bekanntschaft zu entkraften und in Wohlwollen umzuwandeln. Als jedoch mehrere Versuche, den Sonderling gegen sich umzustimmen, vergebens blieben, gab er die Idee, sich ihm nahern zu wollen, auf, und begegnete ihm mit derselben wortkargen Gleichgultigkeit, die von Linovsky's Seite das einzige Resultat seiner freundlichen Zuvorkommenheit gewesen war.

Die Bemerkung, dass Erna gerade dann am herzlichsten gegen ihn war, wenn Auguste oder Linovsky, schroff und unzuganglich wie der Felsen im Meer, seine gefallige Annaherung aufnahmen, war ihm ein trostlicher Beweis, dass sie das ungunstige Vorurtheil gegen ihn nicht mit ihnen theile, ja es misbillige, dass sie es nicht einmal der naheren Untersuchung werth zu halten schienen, um davon zuruckzukommen.

Oft ruhte ihr holder ausdrucksvoller Blick bittend auf Augusten, als wolle er sie anflehen, das Zuruckstossende ihres Benehmens gegen ihn zu mildern oft suchte sie durch ein freundliches Wort, das sie an ihn richtete, den Unmuth in ihm wieder zu verloschen, den die stets abgezirkelte, fast geringschatzige Formlichkeit ihrer Freundin nothwendig in ihm erregen musste. Er fuhlte sich reichlich durch dieses leise, aber wohlthuende Bestreben ihrer alles Bittere so gern lindernden Gute entschadigt, und wagte sie fur mehr als dies, fur das Zeichen eines individuellen, innigeren Antheils zu halten, den er sich immer mehr zu erlangen und zu verdienen bemuhte. Um die ihm Abgeneigten bekummerte er sich bald eben so wenig, als sie sich um ihn.

XXII

So waren zwei Monate vergangen, die glucklichsten und bedeutungsvollsten seines Lebens durch Hoffnung gewurzt, wenn gleich oft durch Sehnsucht vergiftet, die sich noch so fern von ihrem Ziele fuhlte. Sein Inneres glich einem tiefen Meere, in dessen Schoosse wenn auch die Oberflache oft glatt und still das Bild des Himmels auf den geebneten Wellen tragt doch eine ewige Bewegung gahrt, die jeder leise Hauch von aussen schaumend und tosend aufwuhlen kann. Er befand sich in einer steten Reizbarkeit, alle seine Gedanken nur auf e i n e n Punkt concentrirt alle seine Wunsche nur e i n e n Gegenstand umschlingend. Bisher war Freiheit das Element seines Daseyns gewesen, und alles Bedingende ihm verhasst wie Kettengerassel, und jetzt o wie schmachtete er nach den heiligen Banden, die ihn zu Erna's ewigem Eigenthum weihen, die ihn an die selige Beschrankung eines stillen hauslichen Lebens knupfen sollten!

Gleichwohl, so deutlich er fuhlte, dass es ihm nicht moglich sei, den Zustand dieser Ungewissheit ferner zu ertragen, so wurde er doch vielleicht noch lange mit seiner Erklarung gezogert haben, wenn ihn nicht einst ganz unvermuthet die Grafin bei Seite genommen, ihm zu vertrauen, dass morgen Erna's Geburtstag sei, den sie mit einem Ball zu feiern gedenke, der ihr aber lediglich als Impromptu erscheinen solle. Ihm war, als riefe jetzt die Stimme seines Schicksals mit unwiderstehlicher Allmacht ihm zu: Lass diesen Tag, der sie einst der Erde gab, entscheiden, ob sie fur dich geboren wurde!

In welchem Aufruhr seines ganzen Wesens brachte er die Nacht zu, die diesem Tage vorausging! Schlaflos warf er sich auf seinem Lager umher, an den bald F u r c h t , als grasslich drohende Erscheinung, bald H o f f n u n g , als milder Genius seiner dunklen Zukunft, ihm voruber schwebte. Der erste Schein der Fruhe rief ihn auf und hinaus ins Freie. Es war ein kalter Marzmorgen. Blinkender Reif ruhte wie ein weisses Leichentuch auf der Erde, und die blatterlosen Baume streckten, gleich starren Gerippen, ihre nackten Zweige in die nebelhauchende Luft. Alexander empfand wenig von dem frostigen Einfluss der Atmosphare. In ihm loderte eine Glut, die sich an dem Altar der heiligsten Sehnsucht entzundete, und die ihn warmte, als wandele er unter den brennenden Strahlen der Juliussonne einher. Sonderbar erschuttert war sein Gemuth, und ein gar anderer Geist als sonst schien durch die Natur zu wehen, und ihn so innig mit allen winterlichen Erscheinungen zu befreunden, als sei es Fulle des Lenzes, die mit Bluthenhauch ihn umschmeichele.

Jetzt regte der Morgenwind seine Fittige, flammend erhellte sich der Osten, und ein herrliches Morgenroth wandelte der Sonne voran, die die Nebel zerstreute. Ihm war so wunderbar zu Muth mit Wehmuth kampfend athmete seine beklommene Brust gleichwohl mit vollen Zugen ein frisches, freudiges Gefuhl des Daseyns ein. Die glanzumsaumten Wolken zogen wie goldene Traume uber ihn hin, und das ferne Jenseits, dessen Schwelle das Grab ist, erschien ihm hinter der purpurnen Pforte des Morgens, alle Schauer der Unsterblichkeit in seiner ernsten Gedankenfulle erweckend. Ein seit seinen Knabenjahren durch Leichtsinn und frivole Zerstreuungen gebannter Geist, d e r G e i s t d e s G e b e t s , zog heiligend in seine Seele, und belebte ihre ode Tiefe mit frommen Vorsatzen und wurdigen Entschlussen. Thranen stiegen in sein Auge, und sich selbst das Gelubde ablegend, g u t und i m m e r besser zu werden, ging er wieder zu Haus, die Empfindungen, die sich in ihm regten, in einen Brief an Erna zusammen zu fassen.

"Ich wurde mein Unrecht v e r d o p p e l n , wenn ich es zu v e r r i n g e r n strebte," schrieb er. "Daher bekenne ich es frei, Erna! dass die Vergangenheit, wie eine rachende Nemesis, neben mir durchs Leben geht, und mich bitter mahnt an die Vergehungen meiner unbesonnenen Jugend."

"Ich habe Sie einst beleidigt, und gewaltsam von meinem Herzen verscheucht. Meine Bestimmung wollte, dass mir erst spat der Werth in seiner ganzen himmlischen Klarheit erschiene, der Sie jetzt in meiner Ueberzeugung zu der E r s t e n und E i n z i g s t e n Ihres Geschlechts erhebt. Aber Erna ich halte mich an die Worte, die Sie einst aus dem Innersten Ihrer Seele sprachen, und die seitdem die Losung meiner stillen Traume, der Grund meiner seligsten Hoffnungen geworden sind. D i e L i e b e u b e r w i n d e t a l l e s , u n d v e r g i e b t a l l e s ! Sie haben mich einst geliebt, als ich dies Gluck noch nicht verdiente. Jetzt, wo ich es in seinem ganzen Umfang erkenne, und mich nach ihm sehne, als nach dem einzigen Himmel, den es fur mich auf Erden giebt, jetzt ich beschwore Sie bei unserem beiderseitigen Gluck, das so flustert mir eine innere Stimme zu nur g e m e i n s c h a f t l i c h bestehen kann seyn Sie nicht harter, als jener milde Ausspruch, der mich, wie eine Zauberformel, uber den dustern Abgrund verzweiflungsvoller Hoffnungslosigkeit erhob geben Sie mir ein Zeichen, dass Sie mich nicht verwerfen, dass Sie mir erlauben, Ihre Hand durch innige Liebe und Treue zu verdienen und machen Sie auf diese Weise Ihren Geburtstag mir zu einem zwiefachen Festtag fur mein ganzes Leben!"

XXIII

Kaum konnte er seine Ungeduld zugeln, bis die Zeit, die ihm nie so langsam, als gerade heute zu schleichen schien, die Stunde herauf fuhrte, wo es die Schicklichkeit erlaubte, Erna seinen Gluckwunsch und zugleich diesen Brief zu uberbringen.

Denn er selbst wollte ihn ihr ubergeben keiner fremden Hand das Blatt vertrauen, das die Veranlassung der Entscheidung uber seine ganze Zukunft werden musste. W i e diese ausfallen werde er wagte nicht, sich es klar und deutlich zu denken. Ihm war, als risse er in frechem Uebermuth den Schleier von einem Heiligenbilde, wenn er mit kuhn der Zeit vorgreifenden Wunschen und Hoffnungen in das Dunkel seines Schicksals drange. Kindlich fromm, und dem Himmel vertrauend, der ja in die Tiefe seiner Seele zu blicken vermochte, und den Ernst des Entschlusses kannte, die Geliebte v e r d i e n e n zu wollen, erwartete er Erna's Ausspruch aber menschlich wars, dass er in zitternder Ungewissheit bangte, und dass er sich nach dem Augenblicke sehnte, der ihn von dieser Quaal befreien werde.

Er uberschaute die duftende Reihe seiner bluhenden Gewachse, um durch Blumen, diese zartesten aller Gaben, ihren Tag ehrerbietig zu verherrlichen; aber alle schienen ihm gemein und unwurdig, um zur Feier desselben zu dienen, bis eine Daphne durch ihren suss berauschenden Duft ihn fest hielt, und neben ihr ein Rhododendrum ponticum mit seinen reichen Bluthenbuscheln in der schonsten Farbenpracht sein Auge auf sich zog. Von jeder derselben, eben so selten als schon in ihrer Art, wahlte er die vollste, jugendlichste Bluthe, und sie, wahrend er hinging, an seinem Herzen vor dem Frost der noch rauhen Luft bergend, erbat er sich von Gott als ein geistiges Zeichen fur seine Wunsche, sie den Abend auf dem Ball an dem ihrigen bluhen zu sehen.

Er horte beim Eintritt in das Haus des Gesandten, dass das Fraulein auf ihrem Zimmer sei.

Noch nie war es ihm gelungen, dies Heiligthum zu betreten aber oft schon hatte eine susse Sehnsucht ihn machtig dahin gezogen, oft seine gluhende Phantasie sich traumend innerhalb der Wande versetzt, die so glucklich waren, sie in ihren einsamen Stunden zu umgeben. Er hatte auch wohl dann und wann den Muth gehabt, wenigstens den Versuch wagen zu wollen, ob es nicht moglich sei, in ihr stilles, ihm so bedeutungsvolles Asyl einzudringen aber immer wars, als werde ihre Schwelle von unuberwindlichen Geistern bewacht, die ihm auf mancherlei Weise den Zutritt wehrten. Heute aber fuhlte er die Kraft in sich, jedem Hindernis Trotz zu bieten. Und hatten feurige Drachen den Eingang gehuthet ritterlich wurde er sich durchgeschlagen, und dem machtigen Zug gefolgt haben, der in der exaltirten Aufregung seines ganzen Wesens ihm den Gang z u i h r als den Weg seines eigentlichen Berufs zeigte.

Ein Bedienter meldete ihn an. Er sei willkommen, war die freundliche Antwort. Es war eilf Uhr Vormittags, und Erna allein. Sie sass in einem einfachen Morgenkleid, das schone Haar nachlassig geordnet, auf dem Sopha der Thur gegenuber, und erhob sich, als er sie offnete, sanft, jedoch nicht ohne einen kleinen Anstrich von Verlegenheit, ihn zu begrussen.

Im zarten Wechsel ihrer Farbe, in der hold ihm entgegen geneigten Stellung und in der liebreichen Verwirrung des unsicher von ihm abgleitenden und auf die Erde sich senkenden Blicks sprach ihn ein geheimer, Muth erweckender Antheil an, denn er fuhlte, so konne sie keinen Fremden, keinen Gleichgultigen empfangen.

Machtig dadurch gehoben, naherte er sich ihr, ihr seinen Gluckwunsch auszusprechen, und die Blumen ihr zu uberreichen. Da auf einmal ward es dunkel vor seinen Augen das frische Roth seiner Wangen verlor sich in Todesblasse seine Kniee bebten, und hatte er nicht schnell nach dem Tisch gegriffen, sich auf ihn, der eine Scheidewand zwischen ihm und Erna bildete, stutzend wer weiss, ob er nicht niedergeschmettert durch die Gewalt eines ungeahneten Eindrucks umgesunken ware!

Denn die Graber schienen sich ihm aufgethan zu haben, und feierlicher Ernst, so wie bitterer Vorwurf im stummen, strafenden Blicke schauten von der Wand uber dem Sopha die Portraite seiner Tante und der Frau von Willfried, in Lebensgrosse und tauschender Aehnlichkeit, auf ihn herab.

Was ist Ihnen? fragte Erna besorgt, als sie sein Zittern bemerkte. Er vermochte nichts zu erwiedern. Aengstlich leitete sie ihn zu dem Sopha, und ihm einen Flacon reichend, und eiligst aus ihrer kleinen Hausapotheke starkende Tropfen herbeiholend, bemuhte sie sich auf die liebreichste Weise ihm beizustehen.

Ihm that es so wohl, sie so theilnehmend um sich beschaftigt zu schen. Seinen verworrenen Sinnen dunkte diese Scene ein Vorausgenuss der Zukunft, wo eheliches Beisammenleben die Geliebte auch in hauslicher Sorge freundlich um ihn bemuhen werde, und diese selige Vorstellung rief seine Lebensgeister kraftiger zuruck, als der Liquor es vermochte, den sie ihm eingab.

Er schutzte eine Anwandelung von Schwindel, vielleicht weil er zu rasch gegangen sei, als Ursach des plotzlichen Nichtwohlbefindens vor, das ihm angewandelt sei, und da er die furchtbar mahnenden Bilder jetzt im Rucken hatte, ermannte er sich, sich dem Entzucken hingebend, mit Erna allein zu seyn, und aus ihrem sorgsam bekummerten Benehmen so erquickliche Hoffnungen schopfen zu durfen.

Schon zog er die Blumen hatte sie bereits freundlich angenommen das verhangnisvolle Blatt aus seinem Busen, um es hinzuzufugen, als ein Gerausch im Vorzimmer entstand, die Thuren sturmisch aufgerissen wurden, und die Grafin, von der Gesandtin begleitet, herein trat, Erna gluckwunschend zu umarmen, und sie fur den Abend zu sich einzuladen.

Sehr bewegt, und fast der Fassung beraubt, hielt Erna den Brief noch in der Hand, doch strebte sie, ihn den Blicken der Kommenden zu verbergen, und auch dies, dass sie ein Geheimnis mit ihm theilen zu wollen sich herabliess, schien ihm ein seinen Glauben aufmunterndes Kennzeichen der zu hoffenden Erhorung.

Aber schon hatte die uberlebhafte Grafin es wahrgenommen. Vermuthlich ein Gedicht zur Feier dieses schonen Tages! rief sie aus, das versiegelte Papier schalkhaft fixirend. O lassen Sie uns Alle daran Theil nehmen, Erna! Lesen Sie uns vor! Von d i e s e r Seite kannte ich unseren Freund noch nicht. Ich wusste freilich langst, dass er, uns Frauen gegenuber, wenn von seinen Gefuhlen die Rede war, manches zu e r dichten im Stande sei, aber das geschah immer in Prosa; wie er d i c h t e t , ist mir noch fremd.

Es ziemt mir nicht, versetzte Erna mit gezwungenem Lacheln, der Neugier Preis zu geben, was Zutrauen in meine Hande niederlegte. Wenn es ein Gedicht ist, darf nur der Dichter entscheiden, ob ein grosseres Publicum als das, das er sich erkohren, es horen soll.

Durch das unzeitige Dazwischenkommen der Grafin aus allen seinen Himmeln gesturzt, konnte Alexander sich des bittersten Verdrusses nicht erwehren.

Fur S i e a l l e i n ward geschrieben, was dieses Blatt enthalt, erwiederte er, und sich stumm verbeugend verliess er das Zimmer, da ein sehr richtiges Gefuhl ihm sagte, dass einmal verscheucht die vorhergehende begluckende Stimmung eben so wenig wiederkehren werde, als das vorhin durch die Gunst des Zufalls erlangte e i n s a m e Zusammenseyn mit Erna.

XXIV

Mit unschlussigem, aber freundlichen Wesen geleitete ihn Erna, der Hoflichkeit gemass, bis halb zur Thure, und der Ausdruck in ihren Zugen, als er sie zum letztenmal ins Auge fasste, uberzeugte ihn still und trostlich, dass er ihrer Discretion, so wie uberhaupt ihrer Gesinnung, vertrauen durfe.

Er kehrte nun in seine Wohnung zuruck, ruhiger zwar als er sie verlassen hatte, wiewohl noch nicht weiter vorwarts gekommen, als vorher.

Indess das Geheimnis seines Herzens war ausgesprochen er selbst hatte es der Entscheidung der Geliebten unterworfen er durfte daher nicht zweifeln, dass sie b a l d erfolgen werde. Aus Furcht, den zarten Bluthenstaub von seinen Hoffnungen zu blasen, enthielt er sich gewaltsam alles Grubelns aber mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er auf jeden Fusstritt, der seinem Zimmer nahte, immer erwartend, ein willkommener Bote werde ihm das ersehnte Ja, oder wenigstens die Weisung bringen, selbst zu kommen, um es von den Lippen der errothenden Braut zu vernehmen.

Aber umsonst. Die zogernden Stunden, durch lange Erwartung gedehnt, glitten im Schneckenschritt an ihn voruber, und keine Kunde von i h r erfreute seine Einsamkeit.

Auf dem Ball wird sie dir antworten, sprach er zu sich selbst, den sturmischen Aufruhr seines Gemuths durch muhsam aufgesuchte Trostgrunde beschwichtigend. Es war zu viel, von der weiblichen Schuchternheit zu verlangen, sie solle ohne alle Ueberlegung, ja sogar mit dem Anschein einer Uebereilung das Wort aussprechen, das Liebe und Innigkeit sich erst verdienen muss, wie die Tapferkeit den Lorbeer, der den Helden schmuckt. In ihrem Blick werd ich mein Urtheil lesen und, o die sonnige Milde, die er diesen Morgen noch mir ins Herz strahlte, als sie mich krank wahnte, berechtigt mich fest zu halten an der freudigsten Zuversicht!

Kaum dammerte der Abend, so kleidete er sich zum Ball an, und ob er gleich gewohnlich erst offentlich erschien, wenn alles versammelt war, und man ihn langst vermisst hatte, so liess ihm heute doch die Unruh keine Rast, und er war der erste Ankommling im weiten, noch nicht einmal vollig erleuchteten Saale. Selbst die Grafin, sonst eine sehr aufmerksame Wirthin, fehlte noch, da die Stunde, wo sie mit Recht erst ihre Gaste erwarten durfte, noch nicht geschlagen hatte.

Er verbot den Bedienten, ihr seine Ankunft zu melden, und setzte sich in eine Fenstervertiefung, wo die weiten, faltenreichen Drapperien der seidenen Fenstergardinen ihm eine Art von Einsamkeit mitten im Gewuhl geschaftiger Zurustungen gewahrten.

Endlich fingen die Wagen an zu rollen, und frohliche Gruppen fullten den Saal und die angranzenden Gemacher s i e aber, die sein Auge mit schuchternem Verlangen suchte s i e sah er nirgends, und als es endlich immer lauter und gedrangter um ihn her ward, verliess er seinen Schlupfwinkel, sich unter die Menge zu mischen.

Da begann der Tanz, aber ohne Erna, die doch bestimmt war, die Konigin des Festes zu seyn.

Die Grafin schien verstimmt. Noch hatte er sich ihr nicht genahert, da wurde sie ihn gewahr, und sagte, mismuthig an ihn voruberstreichend: Denken Sie, wie fatal es mir geht! Ich verfehle ganz den Hauptzweck, den ich hatte, Erna einen frohen Abend zu bereiten. Sie hat absagen lassen.

Noch war er halb betaubt von dieser ihn schmerzlich befremdenden Nachricht, da mahnte ihn ein susser aromatischer Duft an der Daphne wurzige Bluthe. Er kannte die Schatze aller Treibhauser der Residenz, und wusste, dass diese liebliche Pflanze in keinem derselben jetzt bluhend existire. Wars ein Wunder, wenn er, trotz dem, was er so eben gehort, Erna's Nahe, wiewohl seinen Augen noch verborgen, vermuthete. Wie die Gletscher, von der untergehenden Sonne zum letztenmal bestreift, in sanftem Rosenlicht ergluhen, um dann aufs Neue zu erblassen, von nachtlichem Schatten umhullt, so warmte eine zarte Hoffnung noch einmal sein bebendes Herz, um es tauschend der Verzweiflung Preis zu geben.

Denn was glich der Empfindung, die sein gluhendes Blut in einen frostelnden Eisstrom verwandelte, als der verratherische Duft naher und naher kam, und er an Fraulein Mariane Lahnberg's vergilbtem Busen seine liebevoll erzogenen, einem so schonen Zweck geweihten Pflegekinder, die Daphne neben ihrem strahlenden Gefahrten, den Rhododendron erblickte?

Seiner nicht machtig drangte er sich zu ihr hin, und: wie kommen Sie zu diesen Blumen? war die nicht sehr freundliche Anrede, mit der er ihren zuvorkommenden Gruss erwiederte.

Hohnisch grinzte ihn Mariane an, und sagte: wir machten vor dem Ball eine Visite bei der *schen Gesandtin. Da lagen diese Blumen auf dem Tische, von denen Fraulein Willfried uns sagte, dass sie ein ihr aufgedrungenes Geschenk, und ihr hochst zuwider seien, so sehr sie auch sonst Blumen liebe. Als ich sie nun lobte, und den armen Dingern das Wort redete, sie moge ihnen nicht entgelten lassen, aus welcher unangenehmen Hand sie vielleicht kamen, bot sie mir sie an, wiewohl sie hinzufugte, sie wage es kaum, da ihre Absicht gewesen sei, sie zum Fenster hinaus zu werfen. Ich aber kehrte mich nicht daran, und nahm sie. Finden Sie sie nicht schon?

Knirschend blieb Alexander ihr die Antwort schuldig. Das ist zu viel! rief er aus, fest mit seiner Hand seine Augen verdeckend, vor denen sich alle Gestalten um ihn her zu verwirren begannen.

Um Gotteswillen, schrie Mariane, was ist Ihnen? Ich habe doch wohl nicht etwan eine Indiscretion begangen? Ich beschwore Sie, sagen Sie niemand, was ich Ihnen eben erzahlte, es konnte Verdrus geben. Ich bin nun einmal so ein albernes aufrichtiges Ding, dass ich schlechterdings immer die Wahrheit sagen muss.

Ohne weiter auf sie zu horen, rannte er fort, und kam in einem Zustande in seine Wohnung zuruck, der fast dem Wahnsinn glich.

Seine Leute, ihn nicht so fruh vermuthend, waren ausgegangen, und nur Benedikt, sein Reitknecht, ein grundehrlicher, treuherziger Bursch, der alle ihm gegebenen Auftrage aufs punktlichste besorgte, und mit der grossten historischen Treue daruber berichtete, war zur Aufsicht des Hauses zuruckgeblieben.

Erschrocken leuchtete er seinem Herrn in das todtenbleiche Gesicht, angstlich vor ihm herschreitend, ihm das Zimmer zu offnen. Und als Alexander hier, ohne ein Wort zu sagen, sich mit stieren Blicken auf den Sopha warf, blieb er verlegen vor ihm stehen, und wusste selbst nicht, ob jetzt der schicklichste Augenblick sei, von den wahrend seiner Abwesenheit sich ereigneten hauslichen Vorfallen zu sprechen. Indess, seine Liebe zur Punktlichkeit siegte uber die Furcht, seinen ihm ganz unheimlich vorkommenden Gebieter vielleicht in tiefen Gedanken zu storen, und schuchtern langte er von dem Marmorsimms des Kamins einen Brief, der von einem Bedienten des *schen Gesandten mit dem Bedeuten uberbracht worden sei, dass es keiner Antwort bedurfe.

Ein wirksameres Mittel hatte Benedikt nicht auftreiben konnen, seinen fast zu Marmor erstarrten Herrn von Neuem zu beleben. Wie der Verschmachtende die letzte Kraft, die ihm ubrig blieb, anstrengt, den Becher zu erreichen, in den ihm Labung und Rettung quillt, so ergriff Alexander mit zitternder Hast den Brief, ihn an sich reissend, als konne durch ihn die Quaal seines Innern sich lindern, und noch alles, alles gut werden.

Gleichwohl betrachtete er doch erst, ehe er das Siegel brach, die Aufschrift, sich einen Moment an der zierlichen Frauenhand weidend, die sie geschrieben. Noch nie hatte er Erna's Schriftzuge gesehen; aber ein milder Geist, der Geist der Hoffnung, schien sie zu beseelen, und neu gestarkt und ermuthigt offnete er nun den Brief und las folgendes:

"Ersparen Sie meiner Freundin die unangenehme Nothwendigkeit, Ihnen eine abschlagliche Antwort ertheilen zu mussen, indem Sie Sich mit m e i n e r Versicherung begnugen, dass Erna's Hand auf ewig fur Sie verloren ist.

A u g u s t e ."

XXV

Als ohngefahr nach einer halben Stunde Alexander sich wieder deutlich besinnen konnte, fand er sich von den Armen des treuen Benedikt umfasst, der ihm ein Glas Wasser ins Gesicht gegossen, und so aus seiner dumpfen, ohnmachtahnlichen Betaubung ins Leben zuruckgerufen hatte.

Ihm war, als erwache er aus einem taumelnden Rausche. Er fuhlte sich angegriffen, aber doch nuchtern und fahig, zu uberlegen und zu handeln.

Gott sei gelobt, dass der Herr Rittmeister doch wieder bei sich sind, rief der nun etwas beruhigte Benedikt aus, dem Schweistropfen auf der Stirn und Thranen im Auge standen. Ich dachte immer, Sie wurden mir unter den Handen sterben! Hatt ich doch man lieber den fatalen Brief in den Kamin geschmissen, statt ihn drauf zu legen, da er, Gott weiss, was fur Teufeleien enthalt, die den Herrn Rittmeister so ausser sich brachten!

Bei Erwahnung des Briefs wurde es vor Alexanders Sinnen immer heller und heller, wiewohl in schneidender Klarheit. Er hielt ihn noch krampfhaft zusammengeknittert in der Hand, und entfaltete ihn von Reuem, ihn wie er sich einbildete noch einmal r u h i g zu uberlesen.

Dies wollte nun zwar nicht gehen, denn jeder Buchstabe schien ihn mit Basiliskenblick anzuschauen, und ihn dunkte, als knisterten blaue Schwefelflammen aus jeder Zeile, mit spitzen, brennenden Zungen an seinen todlich verwundeten Herzen lekkend; aber er rief gewaltsam alle Kraft des Willens, die d e m M a n n e zu Gebot steht, auf, und sagte sanft und gefasst zu Benedikt: Sorge, dass ich ungestort bleibe diese Nacht, mein guter Junge, denn ich habe zu thun, und muss allein seyn. Um Mitternacht bringe mir eine Flasche Rheinwein.

Hierauf winkte er mit der Hand gegen die Thur, und so ungern auch der treue, noch immer leise besorgte Diener ihn verliess, so war er doch an zu strengem Gehorsam gewohnt, um sich nicht augenblicklich zu entfernen.

Als er mit dem Schlag zwolf Uhr herein trat, fand er seinen Herrn sehr beschaftigt, mehrere Schranke auszuraumen, Papiere theils zu ordnen, theils zu verbrennen, und Geld abzuzahlen.

Sehr massig trank er von dem Weine, den Benedikt ihm gebracht hatte, und befahl ihm, mehrere Sachen, die er bezeichnete, in einen Koffer zu packen, und alsdann, so wie der Tag anbrechen werde, verschiedene Rechnungen zu bezahlen, und andere Auftrage auszurichten, die er unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihm anvertraute.

Gegen Morgen war alles still und punktlich nach seinem Willen geordnet. Da warf er sich unausgekleidet auf den Sopha, und schlummerte einige Stunden, dann ging er zu dem Chef seines Regiments, und bat um augenblicklichen Urlaub zu einer hochst nothwendigen Reise. Er erhielt ihn, erhob von seinem Banquier eine bedeutende Summe Geldes und die nothigen Wechsel, entliess reich beschenkt seine ubrigen Leute, ausser Benedikt, dessen anhangliche Treue er schon oft erprobt hatte, und ehe noch jemand aus dem Kreise seiner Bekannten seine Absicht ahnete, lag die Residenz bereits hinter ihm im Nebel der Entfernung.

Frankreich, Italien und die Schweiz waren die Lander, nach denen sein unstater, der tiefsten Schwermuth preisgegebener Sinn zuerst strebte.

Da aber sein erbetener Urlaub nicht einmal zu einem fluchtigen Durchstreichen, noch weniger zu einem ruhigen Kennenlernen derselben hingereicht haben wurde, und es sein entschiedener Vorsatz war, nie, oder doch nur unter ganz veranderten Umstanden, wieder in die Heimath zuruckzukehren, so sandte er das Gesuch um seinen Abschied an die Behorde ein, um so sehr er auch seine Militairverhaltnisse geliebt hatte frei und unabhangig uber sich selbst und uber seine Zeit verfugen zu konnen. Ungern ertheilte man ihm diesen, da er von jeher, acht martialisch denkend und handelnd, an Leib und Seele Soldat war, seinem Regiment durch den regesten Diensteifer, so wie durch die Liberalitat seiner Gesinnung und den Glanz seines bedeutenden Vermogens Ehre gemacht hatte, und alle seine Cameraden ihn bruderlich liebten. Um daher nicht a l l e Anspruche an ihn aufzugeben, stellte man ihn a la suite an, und ungehindert folgte er nun dem Zuge, der aus seiner unbefriedigten Sehnsucht sich entwickelnd ihn durch den grossten Theil Europa's trieb.

Drittes Buch

I

Eine fremde, dunkle Macht war, seit die Hoffnung Denn der tief in ihm noch brennende Schmerz der M e e r e umschuf, das keine A u s f l u s s e hat, sondern nur u b e r fliesst, wenn ungewohnliche Ereignisse es in Bewegung setzen oder Orcane es aufwuhlen. Das Ungewohnliche aber vermied ihn, weil seine die Flugel senkende Phantasie es nicht suchte, und die Melancholie, deren finsterer Schatten wie eine schwarze Wolke uber sein Leben zog, ihm jedes frohliche Ergreifen des Zufalls verleidete.

Indessen bewahrte die Zeit auch an ihm ihre lindernde, wenn gleich nicht heilende Kraft. Anfangs hatten ihn die herrlichsten Gegenden und die erhabensten Naturschonheiten eben so kalt gelassen, als fuhre sein Weg ihn durch die Luneburger Haide oder uber die eintonigen Sandstrecken der Mark; aber nach und nach erwarmte sich sein starrer Blick, und ruhte mit Wohlgefallen auf den Wundern reich ausgestatteter Gefilde, in deren Reizen er sich fur Augenblicke losgebunden von allem fuhlte, was ihn sonst so schmerzlich an die niedere Dornenbahn seines durftigen Lebens fesselte. Er wusste sich wieder in stiller Einsamkeit die geheimen Hierogliphen der Natur zu deuten das flammende Abendroth redete ihn wieder an wie sonst, nur in einer anderen, ernsteren Sprache die murmelnden Bache flusterten ihm wieder dammernde Traume zu die Wasserfalle sangen Wiegenlieder seinem Schmerz, und die rauschenden Haine wehten Kuhlung in die Tiefe seines verwundeten Busens. Nur mit der E r i n n e r u n g war er dem Schein nach fur immer zerfallen. Denn wenn sie zuweilen, wie sie zu thun pflegt, ihn leise beschlich in den Stunden des Alleinseyns, lachelnd den Spiegel ihm vorhaltend, aus dem das Bild der Vergangenheit ihn begrusste dann war es um den schwer errungenen Gleichmuth geschehen grau und verwischt lag das Daseyn vor ihm, dessen innerste Wurzel zerstort war stechende Eisschauer zitterten wieder durch die schnell auflodernde Fiebergluth seines Innern des Lebens unendliches Weh legte sich von Neuem, gleich einer erdruckenden Last, auf seine schwer geangstete Brust, und der leise Trost der sanft beschwichtigenden Natur war dann auf lange fur ihn verloren.

Deshalb huthete er sich auch sorgfaltig vor allen Nachrichten aus der Heimath, da sie ihn nicht erheitern, sondern nur aufs Neue verletzen konnten. Er schrieb und empfing keine Briefe, als solche, die zur Fortdauer seiner physischen Existenz in okonomischer Rucksicht nothig waren, und Z a h l e n statt der G e f u h l e machten den Inhalt derselben aus.

Die Wintermonate brachte er stets in irgend einer bedeutenden Stadt zu, schloss sich auch wohl an deren gesellige Kreise an, doch nur wie einer, der von der Buhne abgetreten ist, und mit den Maschinerieen bekannt, und nicht mehr geblendet von dem auf Effect berechneten Schein, zwischen den Coulissen hindurch einen frostigen Blick auf das bunte Treiben wirft, in dessen Mitte er einst eine so lebendige Rolle spielte. So waren vorzuglich, seit jenem Wendepunkt seines Lebens, der ihn von allem Frohsinn geschieden hatte, die Damen, denen er sonst so gern im Allgemeinen wie im Einzelnen huldigte, Gegenstande der hochsten Gleichgultigkeit fur ihn, und so manches Netz auch, von zarter Hand gewebt, strebte, den schonen Fremdling zu fangen, so war doch jene Hoflichkeit, die die feine Sitte fodert, der einzige Tribut, den er selbst den verfuhrerischten Reizen brachte.

Weit mehr als sie und ihre anmuthigen Bestrebungen, ihn zu fesseln, zog ihn die Kunst mit ihrem stillen wundervollen Wirken an. Ihm lag freilich die Ahnung fern, die manchem Menschen in ihr sein hochstes Princip erblicken lasst. Er betrachtete sie nur als Mittel, den Schmerz der unendlichen Sehnsucht zu mildern, der Wermuth in jeden Tropfen Lust, Seufzer in jeden freudigen Laut ihm mischte. Vermittelst seines regen Anschauungs- und Auffassungsvermogens fuhrte sie seiner Seele Gedanken und Bilder zu, welche die Nachtgestalten wenigstens auf kurze Zeit verdrangten, die mit eiserner Beharrlichkeit sonst ihren Platz dort genommen hatten, und auf den lichten Schwingen der Harmonie erhub er sich zuweilen uber das grauenvolle Dunkel um ihn her, in das ferne Geisterreich der Tone oder er fuhlte sich durch die Meisterwerke der plastischen Kunst und der Malerei fur Momente ihm entruckt.

Nur der Poesie wollte es nicht glucken, den Einfluss auf seinen umhullten Sinn zu erlangen, den mancher Leidende, durch sie getrostet und gestarkt, ihr uber sich einraumt. Denn sie beruhrte mit ihrem magischen Stabe seine Wunden nicht lindernd, sondern sie von Neuem zum Bluten reizend, und rief eine Menge Erscheinungen, die traumahnlich in ihm dammerten, zu einem krampfhaften Leben in ihm auf.

Er scheute daher die Moglichkeit, dass ihr geheimer Zauber den Ton in der Tiefe seines Gemuthes treffen konne, der als bang erschutternde Dissonanz leichter zu erregen, wie alsdann zu vertilgen war, und da sie nur Reflexe seiner untergesunkenen Hoffnungen, seiner schmerzlich begrabenen Wunsche in die camera obscura seiner Brust zu werfen vermochte, so wahlte er als das sicherste Mittel, sich vor jeder unsanften Beruhrung dieser Art zu schutzen, dass er g a r n i c h t s , als hochstens die Zeitungen las.

In einer derselben, die der Zufall ihm in die Hand fuhrte, fand er die Anzeige, dass der *sche Gesandte seinen bisherigen Aufenthalt verlassen, und einen andern diplomatischen Posten an einem nordischen Hofe erhalten habe.

Diese Nachricht machte einen seltsamen Eindruck auf ihn. Ob er sich es gleich nicht eingestehen mochte, so hatte es ihm doch in seinen stillen Traumen ein wehmuthig susses Gefuhl gewahrt, sich Erna zuweilen in alle den ihm bekannten Beziehungen und Umgebungen zu denken. Nun war sie fort denn er durfte nicht bezweifeln, dass sie ihrer Freundin nicht auch nach ihrer neuen Bestimmung gefolgt sei, und ihm ermangelte der feste Punkt, an den er sich halten durfte, um ihre reizende Erscheinung sich zu vergegenwartigen. Denn wenn auch seitdem sein Blick und seine Phantasie sich oft nach Norden richtete, so war es ihm doch, als tappe er in einem wusten Labyrinth, wo der leitende Faden ihm fehlte, um mit seinen Gedanken bis zu ihr hin zu dringen.

Freilich ihm selbst offnete ihre Entfernung den Weg wieder zu der nun schon seit langer als vier Jahren verlassenen Heimath, denn nie, das hatte er sich vorgesetzt, wollte er sie betreten, so lange er furchten musste, i h r je wieder zu begegnen.

Vielleicht aber wurde er, an das zerstreute Umhertreiben auf den Heerstrassen nun gewohnt, noch lange nicht daran gedacht haben, zuruckzukehren, wenn nicht dumpfe Geruchte von den kriegerischen Zurustungen seines Vaterlandes sein Ohr erreicht, und die politischen Verhaltnisse den Ausbruch baldiger Feindseligkeiten ihm als wahrscheinlich dargestellt hatten.

Da schien es ihm doch, als sei es besser, die im unnutzen Wanderleben sich zersplitternden Krafte dem Dienste seines Konigs zu weihen, und seiner plotzlich aus ihrer Lethargie erwachten Einbildungskraft dunkte das Wirbeln der Trommeln, das Wiehern der Rosse, die energische Sprache der Kanonen, und das zu blutiger Arbeit sich ermunternde Leben ein seinen innersten Bedurfnissen recht angemessenes Spiel. Er beschloss also, zuruckzureisen, und sich um eine neue militairische Anstellung zu bewerben. Mancher Beneidenswerthe, sprach er leise zu sich selbst, kann den Wahnsinn in verfehlter Liebe finden mancher den heilenden Tod m i r wird das Schlachtfeld ihn gewahren.

II

Mit einem ganz eigenen Schauer von Wehmuth betrat er die Granze seines Vaterlandes wieder. S t i l l e r war es freilich in ihm geworden, seit er sie vor funftehalb Jahren uberschritten hatte, um das bittere Gefuhl des Verschmahtseyns in weite Ferne zu tragen h e l l e r aber nicht. In tausend schimmernden Farben ging ihm die Vergangenheit auf, und alle wie aus langem Schlummer erwachenden Erinnerungen seiner ersten, lebensfrohen Jugend mahnten ihn an den schmerzlichen Contrast zwischen e i n s t und jetzt.

Und doch, so heiter er auch damals in der Fulle sorglosen Leichtsinns seine Tage dahin scherzte, hatt' er nicht zu ihr zuruckkehren mogen, wenn es in seiner Kraft gestanden hatte, die Kluft hinwegzutilgen, die zwischen damals und seiner bluthenlosen, entblatterten Gegenwart lag.

Denn in dem Schmerze abgewiesener Liebe, der, wie griechisches Feuer, unausloschlich brennt, war ihm erst des Lebens tiefe Bedeutung aufgegangen, und in der kurzen, aber reichen Zeit seines Umgangs mit Erna hatte sich ihm ein nie vorher geahneter Himmel der reinsten Seligkeit erschlossen, so dass auch noch jetzt in seiner umnachteten Seele die Vorstellung des hochsten Glucks neben der Trauer lag, es verfehlt zu haben.

Die Poststrasse fuhrte ihn uber Bellevue, wo er einst einen unvergesslichen Wintertag an i h r e r Seite verlebte. Damals starrte die Natur, in die Fesseln des Winters eingeengt, ihn frostig an; aber einen warmen, seligen Lenz trug er im Busen, von der milden Sonne der Hoffnung verklart. J e t z t lachelte ihm alles frisch und grun im Schmuck des hohen Sommers zu doch i n i h m , wie winterlich verodet! Er riss sich gewaltsam los von diesen herben Vergleichungen, und bemuhte sich, an gleichgultige Dinge zu denken, um sein aufgewiegeltes Herz wieder zu der stumpfen Ruhe zuruckzubringen, die nun einmal der wohlthatigste Gemuthszustand war, den das durftige Geschick ihm gonnte. Denn ihm mangelte Neigung und Entschluss, um mit Bestimmtheit Plane fur seine Zukunft zu entwerfen, da dem Menschen, der nicht z u r u c k blicken mag oder darf, leicht auch die Lust fehlt, seine Krafte vorwarts zu richten, und er in ein mudes sich Gehenlassen, statt des Handelns, verfallt.

Da scheuchte ihn plotzlich ein Zufall aus dieser hinbrutenden Halbbewusstlosigkeit auf.

Ein Rad seines Wagens namlich lief ab, und der im vollen Trab fahrende Postillon vermochte die Pferde erst anzuhalten, als der Wagen bereits umgefallen und zerbrochen war, und Alexander mehrere schmerzhafte, wenn gleich nicht gefahrliche Verletzungen am Kopfe erhalten hatte.

Sie waren gerade am Ende jenes Tannenwaldes, dessen unverwelkliches, mit Schnee vermischtes Grun ihn damals, als er Erna im Schlitten fuhr, symbolisch in seinem Innern zum Hoffen ermuntert hatte.

Er beschloss, wahrend Benedikt mit dem Postillon sich bemuhte, den Wagen wieder aufzuhelfen und in einigermassen fahrbaren Stand zu bringen, zu Fuss nach dem nah gelegenen S o r g e n f r e i zu gehen, um die Theilnahme seines Jugendfreundes, der es bewohnte, anzusprechen, und durch einen Verband mit Essig oder Wein das Schwellen der erhaltenen Quetschungen zu vermindern.

Als er das heitere, wohlgebaute Haus auf seiner sanften Anhohe erblickte, gluhten eben die Fenster so feurig vom abendlichen Sonnenstrahl beglanzt, als wollten innere Flammen hervorlodern. Sanfte Lufte sauselten in den bluhenden Linden, die es wie ein dunkler Kranz umgaben, und trugen den lieblichen Duft, der ihm wie ein Gruss des Willkommens entgegen wehte, weit umher. Als er naher kam, bemerkte er allenthalben eine sorgsamere Cultur als vormals. Das ist der eigenthumliche Segen der Hauslichkeit, dachte er bei sich selbst. Der Mensch ist nicht geboren, um unstat und fluchtig durch die Welt zu pilgern. Hat er sich erst ein Asyl gegrundet, das ihn schutzt vor den Sturmen des Lebens, so gewinnt er es bald lieb, und schmuckt es, wie das Kind seine Puppe. Er nimmt dann die engen Schranken, die ihn umbauen, unter der freundlichen Hulle nicht wahr, mit der sein Fleiss sie umgiebt, und dankbar dankbarer als die Menschen ist der Boden, den man mit Sorgfalt pflegt.

Unter hohen Blumenstauden, die sich von dem frischen, kurz gehaltenen Rasen eines freien Platzes erhoben, sass ein herrlicher Knabe und spielte. Eine Glorie von blonden Locken umwallte sein liebliches Gesicht, und mit grossen braunen, sonnenklaren Augen schaute er ihm voll herzgewinnendem Vertrauens entgegen.

Alexander konnte kein nur einigermassen liebenswurdiges Kind sehen, ohne sich innig zu ihm hingezogen zu fuhlen. Er beugte sich herab zu dem Kleinen, der etwas uber drei Jahre alt schien, und kusste ihn auf die freie, offene Stirn, ihn fragend, ob sein Vater zu Hause sei?

Vater nicht, antwortete der Knabe, aber Mutter. Willst du hin? Ich will dich zu ihr bringen.

Die gepfluckten Blumen in seinem aufgeschurzten Gewand bergend, raffte er sich auf, ihm ohne Schuchternheit die kleine Hand bietend, um ihn nach dem Hause zu fuhren, dessen Flugelthuren offen standen.

Ausser der veranderten inneren Einrichtung, fiel ihm ein hoherer Grad von Ordnung, als er je in diesem Hause wahrgenommen, beim Eintritt auf, und eine gewisse einfache, aber dem Auge wohlthuende Eleganz sprach ihn auf eine hochst angenehme Weise an, und verburgte den richtigen Sinn seiner Bewohner fur alles Edle und Schone der ausseren Form.

Der Kleine stiess eine nur angelehnte Thur auf, und Alexander trat in ein Zimmer, wo eine schlanke, jugendliche weibliche Gestalt neben einer grun umhangenen Wiege sass, einen Saugling auf dem Schoos haltend, der in susser Behaglichkeit lachelnd und lallend mit ihren braunen Locken spielte.

Sie hatte ihr Haupt tief herab uber das Kind gebeugt, daher konnte Alexander nicht sogleich ihre Zuge erkennen; aber das schone Haar, und die uber allen Ausdruck zierlichen Fusschen, welche in ihrer vermeinten unbeobachteten Einsamkeit etwas vorgestreckt auf einem Schemel ruhten, wirbelten im plotzlich erwachten Sturm einer unbandigen Leidenschaft die wunderbarsten Reminiscenzen aus seiner tiefsten Seele herauf.

In diesem Augenblick rief der Knabe: Mutter, da ist ein fremder Mann! Sie wandte das Gesicht zu ihm hin, und vom Blitz der schrecklichsten Gewisheit getroffen, blieb Alexander wie gelahmt vor ihr stehen, denn heiliger Gott! es war Erna.

III

Sie schien vor dem Blick zu erbeben, den er auf sie schleuderte. Der brennendste Hass, die tiefste Geringschatzung, und eine Stimmung, in der es ihm nicht schwer geworden ware, das blutigste Verbrechen zu begehen, spiegelte sich als Wiederschein der wilden Gahrung, die in seinem Innern Statt fand, in seinem Antlitz ab.

Doch nur einige stumme Minuten ihr gegenuber, und er fand sich wieder.

Wie schon war sie nicht in dieser schweigsamen, demuthigen Haltung, vor der Wuth erzitternd, die sein Anblick ausdruckte, und doch, vom Gefuhl der Mutterwurde gestarkt, ihm furchtlos in das flammende Auge schauend. S o rein und edel hatte selbst Raphael seine Madonna nie gedacht. Der rosige Duft kraftiger Jugendfrische auf ihren Wangen war einer sanft verklarenden Blasse gewichen, und die kindliche Heiterkeit, die sonst wohl ihre Zuge anregte, einem stillen, seelenvollen Ernst, der aber durch die unaussprechlichste Gute gemildert ward.

Schweigend waren die ersten Augenblicke des Wiedersehens ihnen vorubergegangen jetzt aber fasste sich Alexander, und redete sie an.

Verzeihen Sie, gnadige Frau denn s o muss ich Sie jetzt wohl nennen, sagte er bitter, dass ein Unfall, der mich nicht weit von hier getroffen, mich ohne die Ahnung, dass ich I h r Haus betrat, hierher fuhrte. Ich glaubte meine ehemaligen Bekannten noch hier zu finden allein ich habe mich geirrt, wie ich sehe.

Nicht in dem, was Sie zu finden meinten, versetzte Erna. Sie s i n d bei Ihren ehemaligen Bekannten, denn Sie sind bei m i r .

Das mochte um so unangenehmer fur uns beide seyn, erwiederte Alexander, unfahig, seiner herben Stimmung zu gebieten. Doch Erna nahm gelassen diese unartige Aeusserung hin, und rugte sie nicht. Sie bemerkte gerade jetzt, dass er verwundet und ihres Beistandes bedurftig sei. Eilig rief sie daher die Warterin des Kindes, ubergab ihr den Saugling, und bemuhte sich mit der sanftesten Theilnahme, zu erforschen, wo es ihm weh thue, um ihm lindernd und nutzlich zu seyn.

Er war sehr erschopft von dem inneren Aufruhr, den Hass und Neid, zwei ihm sonst so fremde Leidenschaften, bei der Vorstellung, dass Erna vermahlt sei, in ihm erregt hatten. Gleichwohl wollte er doch, ohne alle Hulfe anzunehmen, seinen Weg zu Fuss nach der sehr nah gelegenen Stadt fortsetzen allein Erna glaubte dies bei seinem psychisch und physisch gereizten Zustand nicht zugeben zu durfen.

Als nun ihre freundlichen Bitten finster von ihm abgewiesen wurden, und er fest auf seinem Vorsatze beharrte, offnete sie die Thur eines Nebenzimmers. So gewahren sie es d i e s e n , wenn auch nicht m i r , dass ich fur Ihre Erholung sorgen darf, sagte sie, und er erblickte jene Bilder wieder, die die Zuge seiner Tante und der Frau von Willfried so treu bewahrt hatten aber mit ganz anderem Ausdruck, als sie ihn einst erschutterten, wie er an Erna's Geburtstag sie zuerst sah, schauten sie ihm jetzt entgegen. Damals schien Unwille, Vorwurf des begangenen Unrechts und Verachtung in ihren stillen Blicken zu gluhen jetzt lachelten sie ihn beide mitleidig an, als wollten sie in trostender Milde sagen: Alles ist vergeben, denn das bittere Leiden, das eine Folge deines Leichtsinns war, hat uns mit dir versohnt.

Er fuhlte sich uberwaltigt. Weich geworden wie ein Kind, konnte er kaum der Ruhrung seines Herzens wehren, hervorzubrechen auch Erna war tief bewegt. Wie Thau im Kelche einer Blume, so funkelten Thranen in ihren Augen aber sie wandte sich hinweg und trocknete sie leise, ihm diesen Anblick entziehend, der ihn nur noch tiefer erschuttert hatte. Sie schien zu a h n e n , ja sogar in gewisser Hinsicht zu t h e i l e n , was in ihm vorging. Indessen machte gerade dies innige Verstehen seiner Gefuhle sie schuchterner als vorher, ihr Schranken anweisend, die das Bewusstseyn ihrer Pflichten sie zu uberschreiten warnte.

Sie ordnete alles an, was seine Pflege erforderte, aber sie legte nicht selbst Hand an, so weh es ihr auch that, ihrem Kammermadchen ein Geschaft uberlassen zu mussen, das s i e gewiss linder und schonender verwaltet hatte.

Ihrem Zureden und Bitten nachgebend, hatte Alexander Platz auf einem Ruhebett genommen. Es fanden sich mehrere ziemlich tiefe Verletzungen am Kopfe seine Schmerzen wurden heftiger, und durch ein Wundfieber noch vermehrt, das ihn von Zeit zu Zeit convulstvisch schuttelte. Erna suchte, von seinen Leiden sichtbar ergriffen, ihm durch Hausmittel momentan Erleichterung zu verschaffen, sandte aber sogleich einen Boten nach der Stadt, einen Chirurgus holen zu lassen, der ihn kunstmassiger und wirksamer als weibliche Erfahrung zu behandeln im Stande sei.

Duldsam und mild geworden, unterwarf sich Alexander jetzt allem, was sie verfugte. Es that ihm wohl, sie an seinem Lager sitzen zu sehen, denn aus ihrer Nahe quoll der heilendste Balsam, den es fur sein bis zum Tode verwundetes Gemuth gab. Ihr gegenuber gewahrte es ihm die feinste Schwelgerei der Sinne, so wie den hochsten Genuss der Seele, sich in ihr Anschauen zu vertiefen, und durstig nach so langem Entbehren jeden ihrer Blicke einzusaugen. R u h e ist der Charakter der Gottheit nur leise und unmerklich mit Leiden verschmolzen, thronte sie auf ihrer verklarten Stirn, und Reinheit des Sinnes strahlte in ihrem himmlischen Auge, das ihn uber irrdisches Sehnen erhebend sanft seine sturmende Brust beruhigte.

Er fand sie aber sehr verandert, wenn er sie mit dem Bilde verglich, das ihm von ihr gefolgt war wahrend dieser Jahre der Trennung. Denn nicht mehr die blendende, bluhende Schonheit, sondern ein dem Unsichtbaren naher als den Freuden der Welt angehorendes, durch ernste Selbstverlaugnung gelautertes, durch stillen Schmerz vertieftes Wesen stand vor ihm in einer nicht mehr auf gemeiner Erde einheimischen Gestalt.

Und doch schien ihre freundliche Demuth sie ohne Murren an den niedern Dienst des rauhen Lebens zu knupfen, und eine fromme Ergebung, die aus allem hervorstrahlte, was sie that und sprach, sie mit den Mangeln des irrdischen Berufs zu versohnen.

Ob sie wohl glucklich im ehelichen Bunde ist? fragte er sich selbst. Der Frieden, der auf ihrer Stirne thronte, bejahte s c h e i n b a r seine Frage s c h e i n b a r nur, denn nicht der Gluckliche allein, auch d e r kann ihn erringen, der durch Glauben an ewige Hoffnungen gestarkt, sich uber alle Dornen seiner Bahn hienieden erhebt, ob er gleich ein muhseliges Leben des Entbehrens und der Entsagung fuhrt.

Es war ihm unmoglich, nach dem Namen ihres Gatten zu fragen. Wer es auch sei h a s s e n musste er ihn, das fuhlte er sehr bestimmt, h a s s e n um so gluhender, je mehr seine Beobachtungen ihn uberzeugen wurden, dass Erna ihn liebe.

IV

Sehr bald indessen riss ihn die Ankunft des glucklichen Gemahls aus dem ungewissen Grubeln, wer es wohl seyn konne, denn nachdem man den raschen Galop eines Pferdes vernommen, trat Herr von Linovsky ins Haus.

Aengstlich und athemlos, das bemerkte Alexander durch die offenstehende Thur des Nebenzimmers, eilte er auf Erna zu.

Um Gotteswillen, was ist geschehen? rief er ihr entgegen. Ich erfuhr unterwegs, dass du eilig nach einem Wundarzt geschickt habest ich will doch nicht hoffen, dass dir oder den Kindern etwas zugestossen ist?

Ruhig sagte Erna: Weder die Kinder noch ich bedurfen seines Beistandes, aber einen Freund von uns hat nicht weit von unserm Hause ein Unfall betroffen, der zwar, dem Himmel sei Dank, nicht bedeutend ist, aber dessen Behandlung denn doch meine wenigen medicinischen Kenntnisse ubersteigt. Herr von Norbeck sie zeigte, als sie seinen Namen nannte, durch die offene Thur nach dem Ruhebett im angranzenden Zimmer, auf welchem er lag Herr von Norbeck wurde durch den Umsturz seines Wagens am Kopfe verletzt, und um seinen schmerzlichen Zustand sobald wie moglich grundlich zu lindern, hab ich, so schnell ich nur vermochte, nach arztlicher Hulfe gesendet.

Alexander sah Linovsky bei Erwahnung seines Namens erblassen, und es war, als trate eine unangenehme Erinnerung finster vor sein Gedachtnis. Auch dauerte es einige Minuten, wahrend er sich mit Erna in leisem Gesprach in eine Fenstervertiefung zuruckgezogen hatte, wohin sein Blick ihm nicht folgen konnte, bis er zu seinem Lager trat und ihm, als einen der Hoflichkeit nicht gern dargebrachten Zoll, einige halb unverstandliche Worte von dem V e r g n u g e n , ihn wieder zu sehen und von der F r e u d e , dass s e i n Haus gerade das nachste bei dem sich ereigneten Unfall gewesen sei, um ihm als Zufluchtsort dienen zu konnen, zumurmelte.

Alexander stellte sich kranker als er war, um diese Gemeinplatze nur nicht beantworten zu mussen. In Linovsky's frostigen Mienen, und den feindseligen Blicken, mit denen er ihm gegenuber stand, spiegelte sich ein Theil seiner eigenen Gesinnung, und der herbeigerufene Wundarzt, der eben herein trat, unterbrach sehr willkommen die Spannung dieses nicht wohlthuenden Beisammenseyns.

Erna hatte bereits Charpie und Leinwand zum Verband zurecht gelegt. Nachdem sie den Chirurgus sorglich gefragt, was er noch ausserdem bedurfe, um dem Leidenden recht zu nutzen, entfernte sie sich, vor dem Anblick der Sonde erschreckend, die er aus seiner Instrumententasche hervorzog. Sie warf, als sie, von Linovsky begleitet, hinweg ging, noch einen Blick so voll innigem Mitleids und ruhrender Theilnahme auf Alexander, dass dieser wie durch Tropfen eines himmlischen Elixirs seine gesunkenen Krafte gehoben fuhlte, und es ihm ein freudiges Spiel ward, sich nun den schmerzhaften Untersuchungen des Arztes zu unterwerfen.

Der Wechsel so sturmender, die innerste Lebenskraft aufreibender Gemuthsbewegungen machte mehr noch als seine Wunden seinen korperlichen Zustand bedenklich. Ein heftiges Fieber wuthete in seinem Blute, und der Arzt erklarte, dass einige Tage der tiefsten Ruhe durchaus erst dem Versuch vorausgehen mussten, ihn nach einem anderen Aufenthalt zu bringen.

Nicht gern liess sich Alexander dies gefallen. Die widerwartige Ueberzeugung, Linovsky unwillkommen zu seyn, die sein abstossendes Betragen ihm aufgedrungen hatte, beleidigte seinen Stolz, und machte, dass er trotz Erna's wohlthuender Nahe sich hinweg sehnte.

Und selbst diese Nahe, die ihm den Pfeil des Schmerzes nur immer tiefer in die gespaltene Brust druckte, musste sie ihm nicht, den Eindruck ihrer Liebenswurdigkeit immer unausloschlicher machend, das Loos der Mucke, die das Licht umflattert, in seinem Schimmer sich warmen will, und, von der gefahrlichen Flamme in Asche verwandelt, dahin sinkt, als Sinnbild seines eigenen Schicksals, im Spiegel der Zukunft zeigen?

Alle seine Einwendungen wurden jedoch durch den Ausspruch des Arztes, dass er ohne Gefahr der Verschlimmerung seines Zustandes nicht hinweg gebracht werden konne, widerlegt, und da Erna ihn mit der ihr eigenen, lieblichen, herzgewinnenden Weise bat, sich doch zu gedulden, und ihr die Freude zu gonnen, durch ihre Pflege zu seiner Erholung beitragen zu durfen, auch Linovsky, nachdem er sich etwas gesammelt hatte, eine etwas wohlwollendere Aussenseite zeigte, als vorher, so ergab er sich, wiewohl ein ungluckweissagendes Gefuhl in seiner Seele ihn mahnte, dass schleunige Flucht heilsamer fur ihn als Bleiben sei.

Denn immer neue, immer achtungswerthere und anziehendere Eigenschaften entfalteten sich in ihrem stillen Thun und Wirken, das er als Hausgenosse unbeobachtet ubersehen konnte, und zwar nicht um dadurch glanzen zu wollen, sondern unwillkuhrlich wie die Blume ihren Duft ausstromt, verbreitete sie allenthalben, wohin ihr milder Einfluss drang, Ruhe, Anmuth und den Zauber gefalliger Ordnung.

Es war ihm immer hochst lacherlich und widerlich gewesen, wenn er ein weibliches Geschopf die hauslichen Geschafte mit Gerausch und Anmassung verrichten, und sich etwas darauf einbilden sah, eine gute Hausfrau zu seyn.

Die meisten dieser dahin gehorigen Dinge sind denn auch so mechanisch, dass selbst der gewohnlichste Verstand sie begreifen kann warum sollte es der Eigenliebe schmeicheln, sie zu wissen? Sie sind ferner so nothwendig, dass sie sich als materielle Basis des Lebens nicht entbehren lassen, und es gereicht den Frauen entweder zur Schande, oder doch gewiss zum Nachtheil, unerfahren in ihnen zu seyn. Aber die Fertigkeit, ihr Haus und die ihnen anvertraute Einnahme gut zu verwalten, giebt ihnen noch keinen Anspruch auf Bewunderung; denn sie ist nur die Ausubung einer untergeordneten, wiewohl unerlasslichen Pflicht, der vor Allem der Schleier sanfter Bescheidenheit ziemt.

Wie ganz anders als so viele Frauen, die er in dieser Hinsicht beobachtet hatte, erschien das leise, anspruchlose Walten Erna's, die die Seele ihres Hauses war.

Mit ernster Gute wusste sie ein zahlreiches Dienstpersonal zur Punktlichkeit und Ordnung anzuhalten. Sie war g e l i e b t von allen, und zugleich g e f u r c h t e t , weil die Achtung, die sie einflosste, jeden nichts so sehr als die Moglichkeit, ihr zu misfallen, scheuen liess. Mit sicherm, aber ruhigem Blick ging sie in jedes Detail der Haushaltung ein, s o r g t e fur alles, d a c h t e an alles, und fand auch die geringste Kleinigkeit ihrer Aufmerksamkeit nicht unwerth, weil alles nutzen kann, scheint es auch noch so unbedeutend. Dabei war sie stets gleicher Laune, seufzte und klagte nie uber viele Geschafte, oder gab durch Klirren der Schlussel, Thurenzuwerfen und eine bis zum angstlichen Abmuhen getriebene Thatigkeit zu erkennen, wie viel auf ihr laste. Immer gut und sorgsam angezogen, immer aufgelegt zu interessanter Unterhaltung, immer ruhig und Zeit habend, obgleich nichts versaumt ward, schien eine weise, jedoch nicht pedantische Ueberlegung alle ihre Handlungen zu ordnen, so dass wie Glieder e i n e r Kette, e i n e regelmassig und still in die a n d e r e griff.

Auch als M u t t e r , ein Verhaltnis, das er nicht ohne den herbsten Schmerz sich auszudenken vermochte, stand sie ausgezeichnet vor tausend Frauen, die er kannte, und selbst vor denen, die er vorzuglich in dieser Wurde ehrte, da, die himmlische, sich selbst vergessende Liebe, mit der sie die Kinder ihres Herzens umsing, mit jenem Ernst verbindend, der aus der Festigkeit des Willens: nur ihr wahres Wohl als Zweck sich vorsetzend, und sie eben deshalb keineswegs verziehend, hervorgeht.

Otto, der alteste Knabe, war nicht allein von der Natur begunstigt, sondern durch den reinen Einfluss des mutterlichen Wirkens bereits zu einer Hohe der Liebenswurdigkeit und Ausbildung gebracht, die selten schon in diesem zarten Alter sich zeigt.

Gehorsam, als die Hauptbasis aller guten Kinderzucht, Bescheidenheit Genugsamkeit, Selbstbeherrschung alle jene Tugenden, die den, der sie besitzt, um so lieblicher zieren, je ofterer der Mensch sie in sich und Anderen vermisst, waren die sorgsam gepflegten Keime, die Erna in seine junge Seele gepflanzt hatte, und jede Beschaftigung mit ihm, der sie stets wie ihr Schatten umgab, entwickelte seine noch mit Nacht umhullten Begriffe, und pragte durch Lehre und Beispiel gleich kraftig das Gute und Schone in sein kindliches Herz.

V

Weniger klar liess sich erkennen, was sie als G a t t i n war oder vielleicht raubten ihm die Leidenschaften, die stets in ihm in Bewegung geriethen, wenn er sie von d i e s e r Seite betrachtete, die nothige Unbefangenheit des Urtheils, um sie in einer Beziehung zu durchschauen, welche ihm die schmerzlichste von allen war.

Sie begegnete Linovsky mit einer Achtung, die sich durch ein immerwahrendes Bestreben, seine Zufriedenheit zu erlangen, ausdruckte. Aber wenn diese auch offenbar das hochste Ziel ihrer Wunsche schien, so mischte sich doch kein gleichsam unwillkuhrlich entschlupftes Zeichen eines innig liebend ihm zugewandten Gefuhls in die gefallige Milde und Aufmerksamkeit, mit der sie, ihn als ihren Herrn und Gebieter ehrend, sich ganz nach seinen Winken und Willen richtete.

Zog sie wirklich aus der verhangnisvollen Urne des Schicksals, oder vielmehr aus eigner Wahl ein Loos nach ihrem Herzen, so musste R u h e , fast mocht er sagen K a l t e , der Grundton ihres Wesens seyn, das fern von aller Exaltation einer leidenschaftlichen Gluth sich nur innerhalb der Granzlinie gemassigter Empfindung regte. Ihre Vernunft, so wie ihre Pflicht unterwarfen sie Linovsky unbedingt, und sich ihm ganz unterordnend, war er ihr in der Wurde des Hausvaters stets die erste Instanz, die uber ihre Handlungen entschied aber als Gemahl und Vater ihrer Kinder genoss er oder verbarg sie i h m aus Schonung die Aeusserungen einer warmeren Gesinnung? nur jenes allgemeine, freundliche Wohlwollen, das ihre reine Seele fur alles beseelte, was sie umgab.

Ob sie nun ihren Mann wirklich liebe, und ob uberall in die reiche Mitgift, die sie von der Natur empfangen, auch die Fahigkeit mit einbegriffen sei, mit ganzer, voller, gluhender Seele lieben zu konnen er wusste es nicht aber das fuhlte er bestimmt, ihn wurde als Erna's oft beneideter Gatte dies an sich verdienstliche Streben nach Pflichterfullung, ohne jenen Grad der Herzenswarme, der die eigentliche Weihe eines liebenden Bundes ist, nicht befriedigt haben.

Dem Anschein nach eine g l u c k l i c h e Frau, geehrt, geliebt von einem allgemein geachteten Manne, dessen bedeutender Rang (er war Nachfolger des *schen Gesandten geworden) ihr eine ausgezeichnete Stelle im burgerlichen Leben anwies, dessen eigenes Vermogen, verbunden mit dem ihrigen, alle Sorgen des Lebens wie mit goldenem Zauberstab verbannte rings um sich eine paradiesische Umgebung, als Mutter zweier, wie aus einer Schaar von Engeln entlehnter Kinder, und an Augusten eine Freundin habend, die im verjahrten Besitz ihres vollen Vertrauens mit fast mutterlicher Liebe an ihr hing, und als Hausgenossin ihr stets zur Seite war jung und schon, und uberall gefeiert was konnte ihr zu wunschen ubrig bleiben?

Und doch mischte sich zuweilen der Schatten einer ruhrenden Schwermuth in die sanft gemassigte Heiterkeit ihres Wesens, nie in eine Klage ausbrechend, aber doch im stillen Sinnen, im feucht verklarten Schimmer des umwolkten Auges, im leisen Seufzer sich verrathend, der ihren Busen hob.

Sie schien in solchen Momenten der Erde, auf der sie wandelte, nicht mehr zu gehoren, und scheuchte sie dann ein Gerausch, eine plotzliche Anrede, oder sonst irgend ein Anspruch des Lebens aus den Traumen empor, in die sie nur allzugern versank, so bedurft' es eines Augenblicks, ehe sie sich wieder fand, und der weichere Ton ihrer Stimme, das Bittende ihres Blicks, die verdoppelte freundlich sich aufopfernde Milde ihres Benehmens flehte gleichsam um Vergebung, dass ihr Geist schon losgerissen von allen irrdischen Banden, in unbekannte Regionen sich verloren hatte.

Auguste, welche am Tage seiner Ankunft abwesend gewesen war, schien Alexandern, so wie er ihr, ein feindseliges Andenken bewahrt zu haben. Da der Familienkreis sich sehr oft theilnehmend um sein Schmerzenslager versammelte, und man sich bemuhte, die Pflichten der Gastfreiheit in ihrem ganzen Umfang zu erfullen, so konnte auch sie sich nicht ausschliessen. Doch ihr streng fortdauernder Ernst, ihm gegenuber, wurde durch kein Zeichen irgend eines wohlwollenden Antheils gemildert, und auch er bemerkte, ohne sich weiter um sie zu bekummern, mit einem stummen Vergnugen, das fast der Schadenfreude glich, die Verwustungen, die der Zahn der Zeit wahrend der Jahre, seitdem er sie nicht gesehen, in ihrer fruher schon verbluhten Gestalt hervorgebracht hatte.

Endlich, nach mehreren Tagen, erlaubte ihm der Arzt, wieder in die Luft zu gehen, und sich hinaussehnend in den frischen duftigen Sommermorgen, benutzte Alexander auf der Stelle diese Erweiterung der ihm bisher so eng gezogenen Granzlinie seines Verhaltens.

Langsam wandelte er auf Benedikt gestutzt (denn er fuhlte sich sehr matt) im Garten umher, bis die sussen Tone eines einfachen Liedes, das Erna ohne alle Begleitung sang, ihn um keinen Laut desselben zu verlieren dem Hause wieder naherte.

Die nach dem Garten gehenden Fenster waren durch Rebengewinde halb verschleiert. Eins derselben stand offen aus ihm drang der himmlische Wohllaut, der durch das Ohr geradezu den Weg zu seiner Seele fand. Leise schlich er heran, um unbemerkt die Sangerin zu horen, vielleicht gar sie zu sehen. Aber wie theuer busste er dies Verlangen!

Versteckt vom dunkeln Grun der Weinranken erreichte sie allerdings sein suchendes Auge, aber in einer Situation, die, alle seine Gefuhle sturmisch aufregend, ihn in einen Abgrund voller Flammen stiess.

Sie befand sich in ihrem Schlafgemach. Im nachlassigen Morgenkleide, das sich wie eine Hulle frisch gefallenen Schnees um sie anschmiegte, jede Form verrathend, ohne jedoch die zarteste Sittsamkeit zu beleidigen, das schone Haar noch ungeordnet, in langen Locken sie umwallend, hielt sie den Saugling auf ihrem mutterlichen Schoosse, ihm die Nahrung zu reichen, auf welche der Mensch durch den Wink der Natur in der Schopfung des Weibes eine so heilige Anweisung erhalten hat. Lachelnd liess oft der Kleine den blendenden Busen los, um mit den grossen braunen, Erna so nah verwandten Augen zu ihr aufzublikken und ihren Tonen zu lauschen. Wenn sie dann das Haupt zu ihm herab bog, und ein Kuss der heiligsten Mutterliebe ihren Gesang unterbrach, fasste er die susse Quelle seiner Labung wieder, und erneuerte abwechselnd mit ihr dies kosende Spiel, von welchem Erna nicht ahnete, dass ein fremder Zeuge es beobachten konne.

Nachdem sie verschiedene Melodieen, theils innig mit dem Kinde ihres Herzens beschaftigt, theils sichtbar sich in das Gebiet ernster und tiefer Gedanken verlierend, leise vor sich hingesungen hatte, ging sie auf einmal in d i e uber, die wie ein Schwert der scharfsten Erinnerung in Alexanders Seele schnitt:

Doux enfant Jesus! sang sie,

Donne moi le Saint Esprit

Et toutes les vertus

De ta mere Marie, Marie, Marie!

Ach, welche versunkene Welt, damals, als er zuerst diesen einfachen Gesang von ihr vernahm, noch voll bluhender Hoffnungen, und jetzt so verodet, that sich von Neuem vor ihm auf, den bittersten Schmerz als Echo dieses Liedes weckend!

Er konnte nicht langer bleiben sein laut klopfendes Herz wurde ihr seine Gegenwart verrathen, der Sturm der wildesten Gefuhle in ihm ihn zu irgend einer Raserei hingerissen haben. Seltsam stritten sich die feindseligsten Empfindungen in ihm mit der weichen Wehmuth seines Busens. Er hasste, er verabscheute sie und in demselben Augenblick war er sich doch am hellsten der unausloschlichen Liebe bewusst, die siegreich ihre Macht an ihn bewahrte, und die, wie er klar erkannte, kein Verhaltnis jemals zu vertilgen im Stande sei. Wie dem in Todesgefahr Kampfenden ein dunkler Instinct oft den Weg zur Rettung zeigt, so rief es laut in ihm: Fort fort aus diesem Zauberkreise fort, sobald als moglich!

VI

Er schwankte in sein Zimmer zuruck, und warf sich auf sein Lager. Da fasste er den Entschluss, noch heute das Haus zu verlassen, wo die Wunden seines Herzens, statt still zu vernarben, taglich bluten mussten, und je brennender der Eindruck war, den der erlauschte Anblick der Geliebten in einer so verfuhrerischen Situation auf seine Seele gemacht hatte, je mehr sah er ein, wie sehr es Noth that, so schnell wie moglich den Versuch zu wagen, ob er zu verdrangen sei.

Als daher nach einer Stunde Erna, wie gewohnlich, vollig gekleidet aus ihrem Zimmer trat, ihm einen guten Morgen zu bieten, und nach seinem Befinden zu fragen, erwiederte er ohne Aufschub ihren freundlichen Gruss mit der Erklarung, dass er die erhaltene Erlaubnis des Arztes, die Luft wieder geniessen zu durfen, auf das endliche Verlassen dieses gastfreien Aufenthalts ausdehnen wolle, indem er vielleicht schon zu lange ihre Gute durch eine Pflege gemisbraucht habe, die er nun nicht mehr bedurfe, so suss sie ihm auch sei. Er habe daher Anstalten getroffen, sich in die Stadt bringen zu lassen, und bitte sie, seinen innigen Dank fur ihre unvergessliche Freundlichkeit und Milde, und sein Lebewohl anzunehmen.

Erna schien betroffen. Verlegen, da ihr keine Grunde einfielen, ihn zuruckzuhalten, machte sie ihn leise darauf aufmerksam, dass es Linovsky befremden werde, ihn nicht mehr zu finden.

Dieser, der sein diplomatisches Bureau in der Stadt hatte, und jeden Morgen dort seinen Geschaften widmete, war bereits in aller Fruhe dahin gegangen. Aber Alexander erwiederte, dass er den ersten Ausgang, welchen er sich in der Stadt erlauben durfe, benutzen werde, um auch ihm den Dank fur seine gutige Aufnahme, den er ihm schuldig sei, personlich darzubringen, und dass er sie ersuche, ihn einstweilen ihrem Gemahl bestens zu empfehlen, und seine plotzliche Entfernung mit manchen unvorhergesehenen Umstanden zu entschuldigen, die ihn unerwartet jetzt nothigten, sich von einem so liebenswurdigen Zirkel zu trennen.

Erna war bewegt, aber sie wandte nichts mehr gegen seinen fest ausgesprochenen Vorsatz ein, sondern druckte ihn nur in wenigen, aber herzlichen Worten aus, wie leid es ihr sei, seine Pflege nicht vollenden zu sollen, und dass sie hoffe, er werde eben so sorgsam uber sich wachen, als wenn i h r Auge noch sein Thun und Treiben beobachten konne.

Der kleine Otto aber, der sich mit unbeschreiblicher Zartlichkeit an ihn geheftet hatte, und fast nicht mehr von seiner Seite gekommen war, wollte seine Abreise durchaus nicht zugeben. Weinend und bittend hing er an ihm, und aller Trost des baldigen Wiedersehens, den seine geruhrte Mutter ihm zuflusterte, alle Versprechungen lockenden Spielzeugs, das Alexander ihm bei seinem nachsten Besuch mitzubringen gelobte, konnte seine heissen Thranen, seine schmerzlichen Klagen nicht stillen.

Ergriffen von der warmen Anhanglichkeit des Knaben, hob Alexander ihn auf, und druckte, sanft ihn beschwichtigend, ihn an seine Brust. Indem schaute er Erna an ihr Blick traf wie ein zundender Blitz den seinen. Ein unaussprechlicher Ausdruck von Wehmuth, Innigkeit und muhsam bezwungener Trauer glanzte in ihm, bis Perlen wie lichter Thau sich um die funkelnden Sterne sammelten, die er nun nicht mehr sehen sollte, und die allein des Daseyns Nacht ihm zu erleuchten vermochten.

Da konnte er seinen Gefuhlen nicht langer gebieten. Der Wagen, den Benedikt aus der Stadt gebracht hatte, hielt vor der Thur, und mahnte ihn an die Nahe des unvermeidlichen Scheidens. Er gab der Mutter ihr weinendes Kind, und als sie noch einmal im flehenden Tone tieferschutterter Theilnahme ihn bat, doch sich recht zu schonen, und seine Wunden gut zu pflegen, schlug er sich heftig an die Stirn, indem er ausrief: d i e s e werden wohl heilen, die im Herzen aber n i e ! Mit diesen Worten eilte er hinweg, sich in den Wagen werfend. Unwillkuhrlich, wie es schien, war Erna ihm bis zur Hausflur gefolgt, und als er noch einen Moment verweilen musste, da Benedikt's Sorgsamkeit sich es nicht nehmen liess, ihn gegen seinen Willen auf das vorsichtigste zu umhullen, um ihn gegen alle rauhen und stossenden Bewegungen des Wagens zu verwahren, erblickte er sie in einen Sessel hingesunken, ihr liebes Antlitz mit ihrem Tuche bedeckt, und Otto, dessen kindliche Aufmerksamkeit nun von seiner Entfernung abgezogen, sich zu i h r hingewandt hatte, und der, noch immer weinend, sich bemuhte, an ihr emporzuklettern.

In diesem Augenblick, der ihn den letzten Ueberrest besonnener Fassung raubte, hieb der Kutscher zum Gluck auf die Pferde, die ihn in raschen Trab von dannen zogen. Ihm war, als erwache er aus einem Traume, und als habe das Verhangnis die Zugel ergriffen, und lenke mit jener geheimnisvollen Macht, der nichts widersteht, ihn gerade in der Secunde vom Rande des Abgrundes hinweg, in der er nahe daran war, sich selbst zu vergessen.

VII

Dass seine Gesundheit unter diesen neuen Erschutterungen litt, war naturlich. Sehr erschopft und dumpf betaubt kam er in der Stadt an, und es dauerte mehrere Tage, ehe er von dem Stillstand auf dem Weg der Genesung sich zu weiterem Fortschreiten erholte.

Als er wieder einige Kraft gewann, sollte sein erster Besuch wirklich ein Opfer der Hoflichkeit seyn, und Linovsky gelten. Er freute sich, ihn nicht zu treffen, da er gern den Anblick des Beneidenswerthen vermied und doch zuckte es mit allen Regungen der bittersten Empfindlichkeit und der Eifersucht durch seine Seele, als man ihm sagte: er sei bereits nach seinem Landhaus folglich zu Erna zuruckgekehrt.

Er beschloss nun, die ihm bestimmte Zeit der Grafin zu widmen, und ging zu ihr. Noch hatte er niemand von seinen ehemaligen Bekannten begrusst, und daher war seine Zuruckkunft so verschwiegen geblieben, dass seine Erscheinung die Grafin jetzt eben so uberraschte, als erfreute.

Hilf Himmel! rief sie ihm entgegen, was fur ein gespenstisches, wunderbares Wesen sind Sie doch geworden! So plotzlich und spurlos aus unserer Mitte zu verschwinden man weiss nicht wohin? und eben so unerwartet wieder aufzutreten, man weiss nicht woher? das ist ein Rathsel, das Sie mir durchaus losen mussen, da mein eigener Scharfsinn es nicht vermag.

Alexander parirte als ein geubter Wortfechter die Stosse ab, mit denen ihre Fragen seinem leicht verletzlichen Innern weh thaten. Statt sie zu beantworten, bat er sie, da er in dem sonst so bekannten Kreise gewissermassen fremd durch seine lange Abwesenheit geworden sei, ihn wieder ein wenig zu orientiren, ehe er sich ihm von Neuem anschlosse, und sie fuhrte bereits mit gelaufiger Zunge alle bedeutenden Veranderungen, die indessen vorgefallen waren, an ihm voruber, als ein neuer zu dem diplomatischen Corps gehorender Ankommling, Baron H...., gemeldet und angenommen wurde.

Erst seit sehr kurzer Zeit war er bei dem hiesigen Hofe accreditirt, und die Grafin scherzhaft wie immer suchte bereits sein Urtheil uber das bunte Tulpenbeet der Damen zu erforschen, das wie sie bei der letzten Cour bemerkt haben wollte er mit genau prufendem Kennerblick gemustert habe.

Mit der Feinheit eines Hofmanns sprach der Baron seine Meinung behutsam aus, und es schwellte Alexander's Herz mit wehmuthig freudigen Regungen, als er, leicht uber die bluhende Schonheit mehrerer jungen Frauen und Madchen hinweggleitend, den interessanten Ausdruck und die Anmuth und Lieblichkeit Erna's ruhmte, der er, obgleich ihre Reize mehr zu ruhren als zu blenden geeignet seien, den Vorzug vor allen ubrigen einzuraumen schien.

Ohne eben kranklich auszusehen, fugte er hinzu, ist in dieser seelenvollen Physionomie doch ein so mit Leiden vertrauter Zug enthalten, dass man von ihr mit Marmontel sagen mochte: on sent bien, que l'amour a passe par la.

Die Lebhaftigkeit der Grafin gestattete nicht, dass das Gesprach lange bei e i n e m Gegenstand verweilte. Gern hatte Alexander wenn gleich aus dem Munde eines Fremden noch mehr uber Erna gehort; allein nach einigen fluchtigen Minuten empfahl sich der Baron schon wieder, und nun stand er nicht an, diesen ihm so interessanten Faden wieder aufzufassen, und die Grafin geradezu zu fragen: ob der Ausdruck einer leisen verschwiegenen Schwermuth, den auch er, wahrend seines kurzen Aufenthalts bei ihr, in ihrem Wesen wahrgenommen habe, wohl wirklich auf einen geheimen Kummer deute, oder ob er vielleicht, ohne innere Beziehung, nur zufallig sei?

Lieber Freund, versetzte die Grafin, Erna ist nicht allein in der Fulle der Vollkommenheit ihrer Eigenschaften, sondern auch in ihren Fehlern eine seltene und sonderbare Erscheinung.

Verschlossen wie das Grab, dringt hochstens der Blick ihrer milzsuchtigen Auguste, kein anderer, in das streng umhullte Heiligthum ihres eigentlichen Gefuhls, und was ich Ihnen daher mittheilen kann, sind blos Vermuthungen, Beobachtungen und Combinationen, zu denen s i e mir keineswegs den Schlussel gab.

Sie hat Linovsky wohl nur geheirathet, weil man von allen Seiten ihr seinen Werth pries, weil Auguste ihn als ein Muster mannlichen Verdienstes anerkannte, weil er sich dringend um sie bewarb, und weil sie wirklich nichts gegen ihn einzuwenden vermochte.

Vielleicht hat sie auch geglaubt, ihn zu lieben ich weiss es nicht genug, sie gab ihm freiwillig aus Ueberzeugung, aus Vernunft, aus tiefgegrundeter Achtung ihre Hand, und hat sich auch gewiss in seinem Charakter nicht geirrt aber gleichwohl schien doch mit dem Hauch, der das brautliche Ja von ihren Lippen entfuhrte, ihr jugendlicher Frohsinn und die unbefangene Heiterkeit ihrer Stimmung zu verschwinden.

Dazu kam noch, dass sein Hang zur Eifersucht sie, um nicht sowohl den Hausfrieden, als ihm die wohlthatige Stille eines nicht durch Leidenschaften aufgewuhlten Gemuths zu erhalten, bald von allen geselligen Kreisen isolirte, den Hof ausgenommen, wo denn nun freilich die machtig gebietenden Verhaltnisse es wollen, dass sie sich dann und wann einmal zeigt.

Um vielleicht eine schonende Hulle uber die mannliche Tirannei zu werfen, mit der seine Anmassungen fodern, dass sie n u r f u r i h n , und fur keinen Genuss des Daseyns a u ss e r i h m lebe, bewog sie ihn, das Landhaus Sorgenfrei zu kaufen, dessen Lage ihr schon fruher sehr gefallen.

Dort richtete sie sich hauslich ein, und so sehr auch die Nahe der Stadt einen ausgebreiteten Umgang begunstigen wurde, so scheuchte doch bald die finstere Gemuthsart ihres Gatten alle Besuchenden, vorzuglich mannlichen Geschlechts, zuruck, so dass immer vereinzelter, immer einsamer der stille Weg ihres Berufs sie von den Freuden der Welt entfernt, und blos auf Mann und Kinder und Augusten beschrankt.

Selbst ich, die ich doch so oft in das Haus des *schen Gesandten kam, und sie daher genauer kenne, als die meisten Uebrigen der hiesigen Gesellschaft, sehe sie nur selten, weil ich es nicht verbergen kann, dass ich dem eigensuchtigen Menschen, der uns so viel Liebenswurdigkeit entzieht, um sie egoistisch ganz allein zu geniessen, recht von Herzen gram bin.

So klar nun auch ihr hausliches Leben scheint, dass man wahnt, in seine innersten Verhaltnisse wie in einen Spiegel hineinschauen zu konnen, so will es mich doch selbst bei den nur hochst sparsamen Besuchen, die ich mir gestatte, dunken, als ob ein Wurm an ihrem Innern nage, den nur Frommigkeit, Selbstbeherrschung und eine exemplarische Pflichterfullung beschwichtigen. Aber ob Unzufriedenheit mit ihrer Lage, ob irgend eine geheime Neigung, oder korperliche Kranklichkeit an die ich zuweilen bei dem zu fruhen Erbleichen ihrer frischen Jugendbluthe wohl glaube die Ursache ist das kann ich nicht entscheiden, da ihr kaltes, schroffes Schweigen auch dem theilnehmendsten Forscher nicht entgegen kommt.

Hat Erna vielleicht, fragte Alexander leise, ihrem Gemahl je Gelegenheit gegeben, eifersuchtig zu seyn!

Das nicht, erwiederte die Grafin. Selbst die giftigste Verlaumdung wurde nicht im Stande seyn, auch nur einen Schein von Schuld auf ihren tadellosen Wandel zu werfen. Aber es geht ihm, wie dem Geizhals, der seinen kostlichen Diamant lieber in den Kasten verschliesst, als ihn im Strahl der Sonne schimmern lasst, weil er meint, als verlore er durch das bunte Farbenspiel, das Andere entzuckt, an seinem inneren Werthe. Auguste ist die einzige Person, deren Nahe um Erna der Mysanthrop freundlich duldet, da sie ganz fur ihn eingenommen ist, und sich auch gewiss willig als C e r b e r u s leihen wurde, wenn es einer solchen Kreatur bedurfte, um ein E l i s i u m zu bewachen. Da aber dies Elisium sich durch eigene Strenge und Wurde schutzt, folglich nie fur ihn zum Tartarus wird, so spielt sie statt der Rolle einer auflauernden Duenna nur die einer Freundin im Hause.

VIII

Diese Skizze von Erna's Leben und Verhaltnissen gab Alexandern reichen Stoff zum Nachdenken mit nach Hause, und liess ihn zugleich Linovsky's frostigen Empfang nicht als individuelle Abneigung, sondern nur als eine allgemeine Wirkung des unglucklichen Hanges zur Eifersucht erblicken, der sein Daseyn trubte, und statt ihn auszuzeichnen, ihn nur nicht a u s g e s c h l o s s e n hatte.

Dies flosste ihm Muth ein, eine Pflicht des Wohlstandes zu erfullen, und sobald er sich nur vollig erholt hatte, durch einen Besuch in S o r g e n f r e i Erna sowohl als ihrem Gemahl zu zeigen, wie dankbar durchdrungen er von ihrer Hoflichkeit und Gute sei.

Er wahlte absichtlich dazu einen Nachmittag, um Linovsky nicht zu verfehlen, weil er seinem mistrauischen Sinn keinen Anlass zu dem Verdacht geben wollte, als habe er Erna irgend etwas allein zu sagen.

Die Familie befand sich auf der Hausflur, die an Eleganz mit den Zimmern wetteifernd, als ein solches gebraucht wurde. Um den Theetisch versammelt, an welchem Erna prasidirte, Otto neben ihr, der kleine Wunibald auf einem Kissen zu ihren Fussen liegend, Auguste mit Arbeit beschaftigt, und Linovsky ein Buch in der Hand, aus welchem er vorzulesen geschienen hatte, stellte die kleine Gruppe, die sein scharfes Auge schon in der Ferne durch die weit geoffneten Glasthuren ubersehen konnte, wirklich ein lieblich anziehendes Bild hauslicher Eintracht und hauslicher Freuden dar.

Als sein Wagen vorfuhr, und man ihn erkannte, stand Linovsky auf, ihm entgegenzugehen. Da Alexander ihm sogleich als hauptsachlichen Grund seines Kommens den vergeblichen Versuch anfuhrte ihn in der Stadt aufzufinden, um ihm doch endlich personlich auszudrucken, wie innig verbunden er sich ihm fur seine gastfreie Aufnahme fuhle, so war der Empfang weniger steif und kalt, als er befurchtet hatte. Wie erstaunte er aber, als er die Stufen heraufstieg, und Erna von ihrem Platz verschwunden sah. Eine leise Ahnung durchbebte sein Inneres, dass sein Anblick sie nicht deshalb verscheucht habe, weil er ihr gleichgultig sei.

Endlich kam sie wieder. Eine sanfte Rothe hatte sich uber ihre Wangen ergossen sie war jedoch die einzige verratherische Andeutung eines aufgeregten Gemuths, denn wie immer thronte der Friede auf ihrer Stirn, die Ruhe in ihrem Lacheln. Theilnehmend, aber mit vorsichtiger Zuruckhaltung, erkundigte sie sich nach seiner Gesundheit, freute sich, ihn wiederhergestellt zu sehen, und zog sich dann zu Augusten zuruck, ihn dem ausschliesslichen Gesprach mit Linovsky uberlassend.

Der kleine Otto hatte ihn mit sturmischer Freude begrusst. Mehr noch als Peitsche, Steckenpferd, Trommel und Bilderbuch, und was die bunte Mannichfaltigkeit des mitgebrachten Spielzeugs noch sonst enthielt, schien die Wiederkehr des Freundes ihn zu entzucken, und diese seltene, uneigennutzige Anhanglichkeit, diese tiefe Innigkeit des Gefuhls in einem Kinde, hatte etwas so unbeschreiblich Ruhrendes, dass es begreiflich war, Erna davon erschuttert zu sehen.

Auch Linovsky, stolz auf das Vatergefuhl, das ihm dieser Knabe zueignete, bewahrte durch eine immer milder sich Alexandern zuwendende Freundlichkeit die alte Erfahrung, dass nichts sicherer die Herzen der Eltern gewinnt, als das Wohlwollen, das man ihren Kindern schenkt.

Denn Alexander erwiederte so von ganzem Herzen die Liebkosungen des Kleinen, sprach sich so warm und unverholen uber seine herrlichen Anlagen, uber sein tiefes Gemuth aus, dass Linovsky erfreut, von den Lippen eines Fremden bestatigt zu horen, was die eigene Ueberzeugung ihm oft zugeflustert hatte, ein inniges Behagen an der Gerechtigkeit fand, die seinem Otto widerfuhr.

Da nun noch uberdem Alexander's kuhner, freier, vom Leben geharteter, und vom Schmerz gelauterter Sinn sich streng innerhalb der Schranken einer Vorsicht erhielt, die das Mistrauen eher einzuwiegen als zu erwecken vermochte, indem er Erna durchaus keine andere Aufmerksamkeit erwies, als die, die die allgemeine Hoflichkeit der Frau vom Hause zu widmen pflegt, so schien es wirklich, als sey er Linovsky'n ein willkommener Gast, und indem er ihn bat, zum Abendessen zu bleiben, ausserte er zugleich recht verbindlich, dass es ihn freuen werde, ihn ofterer zu sehen.

Auguste hatte den eingeschlummerten Wunibald zu seiner Wiege getragen, und war nicht wiedergekehrt ein Brief, der Linovsky'n gebracht wurde, nothigte ihn, sich auf eine Viertelstunde zu entfernen, um ihn zu beantworten jetzt also fand sich Alexander mit Erna allein, da Otto, der schon wie ein Liebesgott zwischen beiden stand, seines zarten Alters wegen fur keinen Zeugen zu rechnen war.

Gleichwohl herrschte ein tiefes Schweigen zwischen ihnen; denn zu voll gedrangten Gefuhls waren diese Augenblicke, um den Anfang einer gleichgultigen Unterhaltung zuzulassen.

Da ermannte sich Erna, und indem sie aufstand und ans Fenster trat, bat sie ihn als einen erfahrenen Botaniker und Blumisten um Rath uber die Behandlung eines erkrankten Myrthenbaumchens, das sie, trotz aller Pflege, zu verlieren furchtete.

Er betrachtete es genau, und beugte sich tief zu ihm nieder, doch mehr, um die Bewegung zu verbergen, in der er war, als um seinen eigentlichen Zustand zu untersuchen. Eine unbeschreibliche Wehmuth uberfiel ihn im Bewusstseyn verlorenen Lebensglucks. Es wird sich wieder erholen, sagte er dumpf. Denn w e l c h e Jugend hat nicht durres Reis und welke Bluthen w e l c h e n Glucklichen hienieden sprosst d i e M y r t h e in ungestorter Heiterkeit? Ein wenig frische Erde wird ihm wohl thun in ihr liegt Heilkraft fur alle Krankheiten.

Da sah ihn Erna an mit einem Blick, dessen reine Klarheit, obwohl von Mitleid getrubt, ihn hoch empor uber allen irrdischen Kummer hob. Wie Blumen Labung uns entgegenduften, so drang der goldene Frieden der Unschuld, ihn moralisch erquickend, aus ihrer Seele in die seine, und beschwichtigt schwiegen seine Schmerzen, als ihre sanfte Rede wie milder Balsam in seine Wunden floss.

Doch nur momentan dauerte diese linde Befriedigung seines Innern. Diese schwermuthigen Aeusserungen habe ich nicht hervorrufen wollen, sagte sie mit freundlichem Ernst. Auch sind sie Ihrer Natur eigentlich fremd, die sich ja immer zum Frohsinn hinneigte. Warum sollte sie ihn jetzt verlaugnen? O halten Sie ihn fest er ist eine so starke, sichere Stutze in den Sturmen des Lebens!

Tief erschuttert ergriff sie Alexander's dunkel gluhender Blick. Dieser Rath kommt von I h n e n ? antwortete er bitter. In der That, das muss mich befremden. Wollen Sie meines gemishandelten Gefuhls noch spotten? Wer mir die Stutze r a u b t e darf mir noch rathen, sie festzuhalten?

Norbeck! ich beschwore Sie, nicht diesen Ton! unterbrach ihn Erna. Er entfernt uns von dem Wege, auf dem ich gern neben Ihnen durchs Leben ginge, und auf dem allein ich es d a r f . Lassen Sie der Vergangenheit ihren Schleier, und ehren Sie gleich mir in allem, was er verhullt, eine hohere Fugung, der der Mensch geduldig gehorchen muss.

Wie? rief Alexander aufs hochste aufgeregt, wollen Sie mich zur Gotteslasterung verleiten? Menschliche Willkuhr, menschliche Unversohnlichkeit soll ich, statt uber ihre Harte mich zu beklagen, noch mit kindlicher Unterwerfung als einen Rath der Vorsehung betrachten, die a l l e ihre Geschopfe z u m G l u c k berief, und auch m i c h nicht ausgeschlossen haben wurde, ware die jugendliche Uebereilung meines so oft und bitter bereueten fruheren Betragens einer mein ganzes Leben vergiftenden Strafe entgangen?

Ja, fuhr er fort, ich habe damals, als das Gluck Ihres Besitzes mir zugedacht war, es fur unvertraglich mit den lockenden Freuden der Freiheit gehalten, in denen ich schwarmte, und die ich in thorichter Verblendung fur das hochste Gut auf Erden hielt ich habe unedle Mittel ergriffen, es von mir abzulehnen, indem ich selbst meinen moralischen Werth verkleinerte, um die Ueberzeugung hervorzubringen, als sei mein Charakter unwurdig, es zu erlangen. Leichtsinn, Unbesonnenheit rissen mich hin und in der damals noch unentwickelten Knospe konnte ich nicht ahnen, welche Bluthe des Himmels, die meinen Lebensweg verschonert hatte, ich von mir stiess.

Aber als ich Sie nun wieder sah, und eine gluhende unaussprechliche Leidenschaft mich jetzt eben so wahrhaft zu Ihnen hinzog, als fruherer Irrthum mich von Ihnen entfernte ach da konnte eine Reue, wie sie ja selbst d e n H i m m e l versohnt, das racherfullte Herz e i n e s M a d c h e n s nicht erweichen, und von seiner Unbarmherzigkeit zu unausloschlichem Elend und ewigem Darben verdammt, soll ich noch fur h o h e r e F u g u n g halten, was meinem Daseyn alle Jugend, meiner Zukunft jede Hoffnung raubte!

Thranen sturzten aus Erna's Augen. Ihre bittende Stellung und die tiefe Wehmuth ihrer Zuge schien ihn um Schonung anzuflehen aber er wand sich ab von ihr, seinen Sinn nur noch mehr zu verharten, indem er sich selbst ihrem ruhrenden Anblick entzog. Ueberzeugt, dass er sich a l l e i n am ersten wiederfinden werde, und dass ihre Nahe ihn nur noch mehr reize, entfernte sie sich, und nahm den kleinen Otto mit sich, der nicht aufhoren konnte zu fragen, weshalb der fremde Mann so nannte er Alexandern so bos auf Mama sei?

IX

Wirklich erreichte Erna ihren Zweck. Denn als er sie nun neben sich vermisste, und die Unsicherheit des jeder Ueberraschung blosgestellten Orts bedachte, wo er sie so leicht in ihren ohnehin so beengten ehelichen Verhaltnissen hatte auf das bitterste durch seine Heftigkeit compromittiren konnen, verschwand sein Zorn vor dem lebhaften Gefuhl seines Unrechts, und so gern er auch auf der Stelle das Haus verlassen hatte, in welchem ihm so wehe und doch wiederum so wohl war, so schien es ihm doch eine unerlassliche Bedingung der Moglichkeit seiner Entfernung, erst ein Wort der Verzeihung von ihren Lippen mit sich hinwegzunehmen.

Nach einigen Momenten, in denen er sich vollig zu sammeln strebte, kam Linovsky wieder zu ihm, verwundert, ihn so ganz allein zu finden. Er fragte seinen Bedienten, wo seine Frau sei, und erfuhr, dass sie den kleinen Otto zu Bett bringe. Ob er sich gleich sehr hoflich gegen Alexandern entschuldigte, dass man ihn so unachtsam verlassen habe, so schien es ihm doch nicht unangenehm, zu bemerken, dass Erna so ganz und gar keine ausgezeichnete Notiz von ihrem Gaste zu nehmen schien, und sich in ihren gewohnlichen hauslichen Beschaftigungen durch ihn keineswegs storen liess.

Erst bei'm Abendessen kam sie wieder zum Vorschein. Beschamt vermochte Alexander Anfangs den Blick nicht zu ihr zu erheben, und als er es endlich uber sich gewann, scharfte die milde Trauer, die mit ihrem gewohnlichen Ernst verschmolzen war, noch das Bewusstseyn, wie sehr er sich an ihr vergangen habe, und er sehnte sich, ihre Vergebung und in ihr die Beruhigung zu erflehen, die er schmerzlich in seinem Busen vermisste.

Doch so wohl sollte es ihm heute nicht werden. Obgleich sie an der Unterhaltung den Antheil nahm, den ihre Pflicht als Hausfrau von ihr foderte, so mischte sich doch eine gewisse, Ehrfurcht gebietende Strenge in ihren Ton, so wie in ihre Haltung, die seine fernen Schranken von ihr ihm sehr entschieden anwies.

Je zuruckgezogener und kalter sie sich aber gegen ihn benahm, je freundlicher war Linovsky, der, indem Alexander von seinen Reisen erzahlte, den geistigen Nachhall froher Erinnerungen genoss, und auf diese Weise manchen Beruhrungspunkt fand, der ihm seinen Umgang um so angenehmer machte, da er sich durch ihn nicht von der Seite beunruhigt fuhlte, wo er am leichtesten zu verwunden war.

Er wiederholte daher beim Abschied recht herzlich die Bitte, bald wieder zu kommen, und erwiederte einige Tage darauf Alexander's Besuch, um ihn zum folgenden Mittag auf Sorgenfrei einzuladen, wo, wie er sagte, er die Bekanntschaft einiger interessanten Fremden machen werde.

Wie willkommen war Alexandern nicht die ihm gegebene Gelegenheit, sich Erna wiederum zu nahern. Zwar hoffte er nicht auf die Gunst eines unbelauschten Gesprachs mit ihr, die, wenn auch der Zufall sie ihm freundlich gewahren wurde, ihr Ernst und ihre Festigkeit doch gewiss ihm verweigert hatte. Aber der Entschluss, ihr schriftlich auszusprechen, was er litt, erleichterte sein schwer beladenes Gemuth, und in dem Geschaft, ihr zu schreiben, fand er Linderung seiner Quaalen.

Wenden Sie Sich nicht unversohnlich von dem Unglucklichen ab, begann sein Brief, der neben dem tiefen Schmerz, Sie auf ewig verloren zu haben, nicht noch Ihren Unmuth zu ertragen im Stande ist.

Kaum darf ich es wagen, auf eine Zeit hinzudeuten, deren Erinnerung Ihnen nur bittere Gefuhle, mir nur die heisse Gluth der Schaam darbietet. Es ist die Zeit unserer ersten Bekanntschaft und ob es gleich schonender fur uns beide ware, sie in schweigende Vergessenheit zu begraben, so muss ich ihrer doch noch einmal erwahnen, wenn ich den einzigen Zweck erreichen will, der mir unter den Trummern meines Daseyns noch des Strebens werth scheint, versohnt namlich mit Ihnen und bemitleidet von Ihrem Herzen auf immer von Ihnen zu scheiden, wenn mein Beruf mich und vielleicht bald zur blutigen Thatigkeit des Kriegs, und ich darf wohl hoffend und sehnend hinzufugen z u m T o d e ruft. Ja, ich beschwore den Schatten der Vergangenheit, wenn auch nicht mich rechtfertigend, doch mich entschuldigend, vor Sie zu treten. Werfen Sie einen Blick der unpartheiischen Prufung auf meine erste Jugend, die mich ohne Grundsatze, ohne Festigkeit, ohne eine leitende Hand, die mich vom Abgrund der Verfuhrung zuruckgehalten hatte, in das betaubende Gewuhl der grossen Welt stiess, und mich bei lebhaftem, leicht gereiztem Gefuhl allen Gefahren schlechter Gesellschaft, allen Lockungen glanzender Zerstreuungen Preis gab.

Fruh hatte ich meine Aeltern verloren, und nur wie ein immer undeutlicher werdender Traum dammerte das Andenken der Lehren meiner frommen Mutter in meiner Seele, um bald von dem wusten Treiben eines gerauschvollen Lebens verdrangt, obgleich nicht vollig verloscht zu werden.

Die Verhaltnisse meines Standes, und das Vermogen, dessen Gebrauch, oder vielmehr Misbrauch mir von einem allzunachsichtigen Vormund schon sehr fruh gestattet wurde, bahnte mir die gefahrvollsten Wege, und ich gerieth in Verbindungen, die in meinen Augen dem Heiligen seine Glorie, der Reinheit ihren Glanz, der Unschuld ihren Schleier entrissen.

Das Leben in seinen tausendfachen Gestaltungen zu beobachten, und es in seinen leisesten Nuancen zu belauschen, schien mir allein der Aufmerksamkeit werth, und da ich viel Unwurdiges unter frommer Hulle entdeckte, dunkte ich mich mitten in der Frivolitat eines wenigstens nicht durch Heuchelei befleckten Lebens weniger strafbar und verachtlich, als so mancher, der gleisnerisch den Schein beobachtend, mit Anspruchen auf aussere Tadellosigkeit ein wohlgegrundetes Recht auf innere Geringschatzung verband.

So fand ich oft alle Laster mit der strengsten Ausubung religioser Gebrauche vereinigt. Dies machte mein Urtheil einseitig, und erklaltete mich gegen alle Form, aber G o t t starb dennoch nicht in meinem Herzen, wenn auch mein Betragen ihn oft zu verlaugnen schien. Aus den bunten Erfahrungen, die ein immerwahrender Rausch mich sammeln liess, bildete ich mir ein System der Lebensphilosophie, das, wie ich meinte, meiner Individualitat am genauesten angepasst war, und das mir genugte, indem es jede Foderung der Moral ausschloss, und es mir als vernunftig darstellte, die Bluthen freier Jugendlust nicht mit den scharf einschneidenden Faden der Pflicht in Straus oder Kranz zu winden, wie die kalte Gewohnheit verjahrter Gebrauche es wollte.

So im vollen Brausen aller Leidenschaften, die Freiheit als hochstes Gut betrachtend, und noch nicht ubersattigt durch die zugellosen Genusse, die sie mir bot, lernte ich Sie kennen, und fruher noch die Absicht meiner Tante, uns zu verbinden.

Gewohnt an die schimmernde Koketterie eitler und blendender Modedamen, hatten nur die schlauen Intriguen einer solchen mich damals unmerklich in den Netzen der List und der Verstellung verstricken konnen, um mich zu einer immerwahrenden Verbindung zu bewegen. Der hohen Einfalt, der stillen Wurde Ihres Charakters und seiner oft an's Aengstliche granzenden Schuchternheit gelang es nicht, mich zum Opfer meiner Freiheit zu verleiten, da der geheime Gotzendienst der Eitelkeit in meinem Innern keine Nahrung fand, und mir der Sinn noch verschlossen war, der das tiefe und heilige Gemuth hatte erkennen konnen, das in solchen Zugen sich offenbart.

So bebte ein leiser Schauer in mir vor der strengen, schmucklosen Wahrheit Ihrer Gesinnung so wie Ihres Wandels unwillkuhrlich zuruck, und so wenig die Raupe ihr kunftiges Schmetterlingsdaseyn zu ahnen im Stande ist, eben so wenig ahnete auch ich, dass spatere Zeiten, mit der Erkenntnis Ihres ganzen Werths, die bitterste Reue, mein Gluck leichtsinnig verscherzt zu haben, in mir erwecken wurden.

Um den Zorn meiner Tante nicht durch Widerspruch zu reizen, beschloss ich, indem ich mich leichtsinniger und verdorbener stellte, als ich war, Ihre gute Meinung von meinem Charakter zu zerstoren, ohne die das wusste ich wohl eine so fromme Gesinnung, wie die Ihrige, sich nie zu einer Verbindung auf ewig entschlossen haben wurde.

Der Erfolg rechtfertigte meine teufelische List. Sie wandten sich mit Abscheu von einem Menschen weg, der es frei bekannte, dass er ohne Religion und Grundsatze sei, und der dem Heiligen, was Ihre Seele verehrte, Hohn sprach. Dies unwurdige Spiel noch durch die erheuchelte Betrubnis kronend, mit welcher ich meiner Tante klagte, dass Sie mein Herz verschmaht, meine Hand verworfen hatten, kehrte ich, froh den Fesseln des Ehestandes entronnen zu seyn, in das seelenlose Gerausch der grossen Welt zuruck, das mich damals fester anzog, als alle Bilder eines reinen hauslichen Glucks in der Perspective meiner Zukunft.

Mit bitterem Schmerz, mit nagender Reue war ich mein eigener Anklager. Darf ich zur Wahrheit nun zuruckgekehrt und durch unausloschliches Weh versohnt mit ihr, die ich einst so freventlich verletzte, jetzt auch mein Vertheidiger seyn?

Nicht lange dauerte der Rausch fort, der mein besseres Selbst umfing. Bald erkannte ich die Nichtigkeit der Freuden, denen ich nachgejagt war, und die Sehnsucht nach einem hoheren Gluck, als das schale Einerlei eines immer zerstreuten Lebens mir bot, wandte mich ab von dem betretenen Wege, um mich einem besseren zuzufuhren.

Aber ach, um m i t F r e u d i g k e i t auf ihm fortzuwallen, hatt' ich einer leitenden Hand bedurft! Vergebens streckte ich die meinige aus kalt, nicht von meinen Leiden bewegt, nicht von meiner Innigkeit ergriffen, nicht durch meine Reue erweicht, zog sich d i e von mir zuruck, die allein mir hatte die Paradiese des Lebens offnen konnen.

Indessen ich klage Sie nicht der Harte an, Erna, ohne Sie zugleich zu entschuldigen. Sie kannten mich zu wenig, um das Bild des Frevlers, das noch dunkel im Hintergrunde Ihrer Seele ruhte, von dem Bilde des Gebesserten, im Prufungsfeuer des Entbehrens Gelauterten, sich selbst klar Gewordenen zu trennen.

Denn dass mein Herz, diese Wohnung des regsten Gefuhls, und als ich auf Sie Verzicht leisten musste der wuhlendsten Verzweiflung, dennoch nicht wieder zurucksank in den Abgrund fruherer Vergehungen, aus denen das geistige Vermogen besserer Erkenntnis mich erhoben, dass ich mitten im Dunkel einer ewigen Hoffnungslosigkeit mich rein erhielt, als winke I h r B e s i t z mir als Lohn aus der Ferne das ists, worauf ich stolz bin, denn dies Bewusstseyn loscht den Schatten aus, den meine fruheren Fehler auf die Vergangenheit werfen, und eben so wenig wie der Himmel den zerknirschten Sunder zuruckstosst, der reuig aus den Labyrinthen weltlicher Verfuhrung zu einem edleren Wandel zuruckkehrt, eben so wenig fuhl' ich mich jetzt mehr durch meinen moralischen Werth von den besten Menschen auf Erden geschieden folglich stehe ich auch Ihnen nahe, denn in herber Entsagung und unerschutterlicher Willenskraft hab' ich die Stufen erklimmt, die zu I h r e r Hohe hinauf fuhren.

Und nun, zuruckgekehrt in die Gegend, wo Sie athmen, doch ohne es zu ahnen durch Zufall wenn es anders Zufalle giebt in Ihr Haus versetzt, ohne es zu wissen oder zu wollen, ist die ganze Kraft der Leidenschaft, die Sie mir eingeflosst haben, wieder in mir emporgeflammt, so eifrig auch mein jahrelanges Streben war, sie durch Vernunft, Zerstreuung und die abkuhlende Erinnerung gekrankten Stolzes und verschmahter Liebe zu ersticken. Sie wiedersehen und alles von Neuem zu empfinden, was ich einst empfand, als ich an Ihren Besitz das hochste Ziel meiner Wunsche knupfte, war eins. Denn obgleich die Erfahrungen des Lebens nach und nach den Charakter abschleifen, wie der immer kreisende Umschwung von tausend und abermal tausend Wellen endlich den scharfen Kiesel glatt spult, so macht ein Herz, das wahrhaft geliebt hat, doch eine Ausnahme von dieser sonst so sicheren Regel, und der unheilbare Schmerz des meinigen uberzeugt mich, dass mein Gefuhl fur Sie ewig eben so gluhend bleiben wird, als die Hoffnungslosigkeit unuberwindlich ist, die uns scheidet.

Diese Gewissheit in der tief verwundeten Brust, fragen Sie mich um den Zweck dieser Zeilen? Ach weiss ich ihn selbst? Ich habe Sie beleidigt, als ich das Schweigen brach, das Ehrfurcht fur die Verhaltnisse der Gattin und Mutter mir hatte auferlegen sollen ich habe mit der ganzen Bitterkeit der Erkenntnis meines verlorenen Lebens die sanfte Milde zuruckgewiesen, mit der Sie die Gahrung meines Innern zu besanftigen strebten, und mit aller Ungerechtigkeit leidenschaftlicher Entrustung die ganze Schuld meines Elends auf Ihr weiches Gemuth gewalzt das ists, was ein innerer Drang mich abzubitten und abzubussen zwingt.

Denn ich weiss es ja S i e waren es nicht allein, die mein Urtheil bestimmte, sondern die, die es aussprach, hat unlaugbar den grossten Antheil an der Entscheidung desselben, da sie den Einfluss misbrauchte, den Gewohnheit und die verjahrte Anhanglichkeit Ihres kindlichen Herzens ihr einraumen. Ich sehe ein, Auguste ist Ihnen lieber als ich, und Sie mogen Recht haben, wenn Sie in ihr die mutterliche Freundin ehren, die Ihre Kindheit pflegte und eine stets theilnehmende Zeugin Ihrer Schicksale blieb. Aber lassen Sie m i c h in der Zahl Ihrer Freunde nicht mit ihr in einer Klasse stehen ich nehme eine geringere fur eine Auszeichnung an. Denn ich verabscheue sie als den feindseligen Damon, der mein Daseyn vergiften half, indem sie, meinen Charakter keiner naheren Prufung wurdigend, ihn nur durch das gefarbte Glas der Partheilichkeit betrachtete. Sie hasst mich im Geheim, und findet den Grund dazu wohl nur in s i c h denn von einer einzigen Uebereilung, die ein gebessertes Leben wieder gut zu machen sich bemuhte, konnte sie ohnmoglich die Veranlassung entlehnen, mit unversohnlicher Rachsucht Ihren Entschluss zu meinem Nachtheil zu leiten und meine Existenz in eine unwandelbare Holle umzuschaffen.

Und nicht m i c h a l l e i n treffen die Folgen dieses heimtuckischen Einwirkens. Auch Sie, Erna! ja ich bin mit wehmuthigem Stolz davon uberzeugt auch Sie wurden glucklich an meiner Seite gewesen seyn. Daher ist sie mir hier und in der Ewigkeit verantwortlich fur Ihren Frieden denn wenn ich Ihnen und Linovsky gegenuber stehe, fuhle ich es klar, auch Sie hat ihr kalt verwerfendes Gemuth um den Himmel betrogen, den gegenseitige Liebe gewahrt.

Doch nun genug. Mir bleibt nichts mehr im Leben zu wunschen und zu hoffen ubrig, als dass Sie Sich herablassen werden, uber meine Zukunft zu entscheiden.

Schon habe ich, da die politische Lage der Dinge und die kriegerischen Rustungen meines Vaterlandes uns den nahen Ausbruch gerechter Feindseligkeiten erwarten lassen, dem Konig meine Dienste angeboten, und das Versprechen einer zweckmassigen Anstellung erhalten. Aber diese trube Zwischenzeit, welche noch diese Erwartung von der Erfullung des Verlangens trennt, das sich in mir nach beschwichtigender Thatigkeit sehnt wie soll ich sie ausfullen, Ihnen so nahe?

Soll ich Sie meiden, oder fortfahren, Sie zu sehen? Soll ich, zu ewigem Schweigen verdammt, mich zwingen, stumm neben Ihnen den Schmerz Ihres unersetzlichen Verlustes zu ertragen, den jeder Blick, auf Sie gerichtet, mir erneuert oder darf ich dem wunden Herzen Luft machen, und ohne die Strenge Ihrer Grundsatze zu beleidigen, es zuweilen aussprechen, was ich leide, um in Ihrem Mitleid ein Gefuhl, das selbst die reinste Tugend nicht verbietet den einzigen Balsam zu finden, der mir Linderung zu geben vermag?

Denn, Erna! die Blume, die man nicht brechen darf, um sie an seinem Busen zu tragen sie wird nicht durch die Thranen entweiht, mit denen Wehmuth sie benetzt. Entscheiden Sie denn im Kampf mit mir selbst und mit den Dornen meines Schicksals traue ich, unsicher schwankend, dem eigenen Ausspruch nicht, und folge willig, wie einem hoheren Gesetz, dem, was Ihre bessere Einsicht uber mich verhangt. Und vor allem senken Sie durch einen Blick der Gute, durch ein Wort der Vergebung d e n Frieden wenigstens wieder in meine zerrissene Seele, den es in Ihrer Macht steht, mir zuruckzugeben damit zu dem Schmerz, den zu dulden ich verurtheilt bin, sich nicht noch der Vorwurf gesellt, Ihren Unwillen verschuldet zu haben.

X

Ziemlich spat machte er sich am anderen Tage auf den Weg, der erhaltenen Einladung zu folgen, hauptsachlich aber: sein eigener Brieftrager zu seyn.

Er fand die Gesellschaft schon versammelt, und Erna, zierlich geputzt, und ihre Gaste mit Geist und Lebhaftigkeit unterhaltend, empfing ihn hoflich, aber ohne alle, weder freundliche noch unfreundliche, Auszeichnung.

Er fand sie heute so hluhend, dass ihre Schonheit ihn im Rosenschimmer der Gesundheit uberraschte. Ein ganz eigener Glanz funkelte zauberisch in ihrem Auge aber so sehr ihn auch der Anblick ihrer Reize gleich warmem Sonnenschein entzuckend durchdrang, so schmerzte es ihn doch, dass diesmal auch nicht der leiseste Wechsel ihrer Farbe ihm verrieth, dass seine Erscheinung irgend einen Eindruck auf sie mache.

Man schien nur auf ihn gewartet zu haben, um sich zu Tische zu setzen. Alexander wahlte seinen Platz so, dass er die im Auge hatte, die er im Herzen trug, und sie scharf beobachtend, glaubte er endlich wahrzunehmen, dass die Munterkeit, die sie scheinbar beseelte, nur eine erkunstelte sei, die sie nicht ohne innere Anstrengung als eine Pflicht der Hausfrau ubte.

Als am Nachmittag die Gesellschaft sich in dem Garten zwanglos zerstreute, gelang es ihm sie einen Augenblick allein zu sprechen.

Schuchtern, bewegt, mit dem vollen, warmen Ton der Liebe, die den geliebten Gegenstand gekrankt zu haben furchtet, redete er sie an, und bat um die Erlaubnis, ihr in dem Brief, den er ihr ubergab, sein ganzes Herz darlegen zu durfen.

Sie zogerte ein wenig, ihn anzunehmen. Doch als er die Versicherung hinzufugte, dass er nichts en halte, was ihr strenges Pflichtgefuhl zu beleidigen im Stande sei als er betheuerte, dass er, vollig resignirt auf jede Hoffnung des Glucks, nur Ihre Entscheidung uber sein kunftiges Benehmen gegen sie sich erbitte und dass er keineswegs in der Absicht, irgend etwas dadurch zu gewinnen, sondern blos um sich eben sowohl anzuklagen als zu rechtfertigen, die Vergangenheit noch einmal, zum l e t z t e n m a l , vor ihr ausgebreitet habe, um durch ihren Rath geleitet, nur d a s Betragen zu wahlen, das weder ihrem inneren noch ausseren Frieden gefahrlich zu werden drohe, nahm sie ihn hin, ihn uneroffnet zu verbergen.

Das Wort: z u m l e t z t e n m a l , ist entscheidend fur mich, sagte sie leise; denn es entschuldigt mich allein, dass ich eine so geheimnisvolle Art, sich mir mitzutheilen, begunstige. Zum l e t z t e n m a l e denn will ich mit Ihnen in jene Zeit zuruckschwarmen, die unwiederbringlich dahin ist, und in der wir nichts mehr zu andern vermogen dann aber richten Sie gleich mir Ihr Auge muthig in die Zukunft, und gonnen mir die Freude, Sie in ihr gleichsam ein neues, froheres Leben beginnen zu sehen.

Alexander wollte der Ruhrung nicht nachgeben die ihn erschutterte. Um sich daher die Fassung zu erhalten, die bei einer leicht moglichen Unterbrechung ihres Gesprachs ihm so nothig war, erwiederte er nichts, sondern sprach ihr nur die Freude aus, sie heute so ungewohnlich woh zu sehen.

Mit einem wehmuthigen Lacheln blickte Erna ihn an, und leicht mit ihrem Tuch uber de rosige Wange streifend, antwortete sie: Also haben diese tauben Bluthen auch S i e getauscht? Linovsky sieht mich ungern so bleich, wie ich nun einmal bin, weil seine Besorgnis mich dann gleich krank vermuthet. Ihm zu Ehren prange ich zuweilen mit erborgter Farbe, und vorzuglich, wenn er einen frohen Kreis um sich versammelt hat, damit ich nicht, einem bereits abgeschiedenen Schatten gleich, storend unter den Lebendigen erscheine.

Wie? so fuhlen Sie Sich wirklich krank? unterbrach sie Alexander betroffen.

Nicht eben krank, aber matt und mude, versetzte sie ruhig. Schon seit langerer Zeit ich darf es Ihnen wohl bekennen ist mir das Leben selbst in seinen heiligsten Beziehungen so nichtig erschienen, dass es mich nicht Wunder nimmt, wenn mein Gemuth mitten im Genuss der reichsten Guter darbt. Wie eine Pflanze, in harten, ungewohnten Boden versetzt, trauert und welkt, mag auch Thau und Regen sie erfrischen und Sonnenwarme sie linde anstrahlen, so bietet auch mir die Erde keine Nahrung fur meine Sehnsucht, keine Befriedigung des inneren Bedurfnisses, keine Gewahrung der Ideale, die vielleicht ertraumt und nirgends in der Wirklichkeit existirend doch so lebhaft vor meiner Seele schweben, als hatte ich sie einst gefunden, oder wurde ihnen noch begegnen.

Doch, setzte sie einlenkend hinzu, als habe ihr reges Gefuhl sie unwillkuhrlich uber die Schranken weiser Zuruckhaltung hinubergefuhrt, wozu enthulle ich I h r e m frohlichen Sinn, der das Leben nur erst, gepruft und gelautert und seinen wahren Werth erkennend, ergreift, um es zu geniessen, die Schattenseite meiner Ansichten? Vergeben Sie mir nur die Hoffnung, ein besonnener, unserer wurdige Umgang werde uns in reiner tadelloser Freundschaft einander nahern, konnte mich, die sonst gegen jedermann Verschlossene, so geschwatzig machen.

Und diese Hoffnung, die Sie nicht tauschen soll, da sie sich auf die Kraft meines Charakters und auf die Festigkeit meines Willens grundet, versetzte Alexander bewegt, verleiht mir das Recht, schon jetzt auszusprechen, dass die Wehmuth Ihres Wesens ein Echo in meinem Innern findet, das der Schmerz geheiligt hat. Nicht der frohe, lebensmuthige Jungling steht vor Ihnen, den Sie einst in der Zeit seiner Verirrungen kannten, sondern der ernst gereifte Mann, der bis uber die Granze des irrdischen Lebens hinaus das Bild seiner verfehlten Wunsche als das Hochste sich bewahrt, was ihm das Daseyn zu bieten vermochte. Glauben Sie, ich konnte noch hoffen? konnte vielleicht Plane entwerfen fur die entblatterte Zukunft, die vor mir liegt, der arabischen Wuste gleich, in der kein Labequell rieselt, der brennenden Schwule Erquickung zu versprechen?

Erna wurde sichtbar geruhrt. Sie suchte abzubrechen, und schlug das schone Auge aufwarts, wo mit lautem Geschrei eine Schaar Zugvogel uber ihr dahinbraussten.

Seid mir gegrusst in Euerer Hohe, Ihr geflugelten Pilger, die Ihr so frohlich von dannen zieht, Euerem Suden entgegen! sagte sie. Ach, wer mit Euch reisen konnte, in das schone Land, zu dem Ihr hinstrebt!

Wunschen Sie das? fragte Alexander.

Nun ja, erwiederte sie verlegen, denn selten steht ja der Mensch auf einem Punkte, von dem er sich nicht hinwegsehnt. Doch sind es eigentlich nicht die irrdischen Fittige, nach denen ich verlange jene hoheren dehnen sich in mir, als wollten sie die schwache Brust zersprengen, die empor tragen ins Land der Verheissung, zum Vater der Liebe.

Sie sah ihn bei diesen Worten so hell und klar an, als wolle sie seinen Sinn erheben, wie ihre ahnenden Hoffnungen. Alexander konnte nichts erwiedern thranenschwer schlug er die Augen nieder, und wandte sich in die Einsamkeit, da in demselben Moment Menschen ihnen nahten, die seine Stimmung weder zu begreifen noch zu schonen verstanden.

XI

Es wurde ihm an diesem Tage keine einsame Minute der Unterhaltung mehr mit Erna. An den Spieltisch gepflanzt, musste er sich zwingen, seine Aufmerksamkeit fur die geringfugigsten Dinge und fur die unbedeutendsten Menschen, die an seiner Parthie Theil nahmen, wach zu erhalten, und nur selten durfte ein durstiger Blick zu ihr hinuberstreifen, die ruhig und in der ganzen Wurde und Hoheit ihres Charakters, mit alle der milden Gute, die ihr eigen war, die Pflichten der Wirthin im Allgemeinen ausubte, ohne sich scheinbar um Einzelne ihrer Gaste auszeichnend zu bekummern.

Als nun die spaten Abendstunden zur Trennung auffoderten, und Alexander zwischen Erna und einigen anderen Damen die Verabredung treffen horte, morgen gemeinschaftlich die Oper besuchen zu wollen, wagte er mit dem leisen Wort des Abschiedes, das er ihr zuflusterte, die Frage zu verbinden, ob er sich dann an sie anschliessen durfe, um sei es auch im storendsten Gewuhl sie wieder zu sehen?

Erna besann sich einen Augenblick in scheinbarer Unentschlossenheit, die eine liebliche Rothe auf ihre bleichen Wangen trieb. Dann aber fasste sie sich, gleichsam in ihrem Innern die Kraft zu einem freien, nicht durch Convenienz bedungenen Entschluss auffindend, und indem sie freundlich sein Lebewohl erwiederte, setzte sie mit Wurde hinzu, dass sie sich freuen werde, ihm dort zu begegnen.

In tiefes Nachdenken versunken, kehrte Alexander nach der Stadt zuruck, und lange noch hielten ihn die ungebandigten Wunsche, Hoffnungen, Zweifel und Besorgnisse wach, die von Erna's Bild ausstromten, das seine Seele so lebhaft im innersten Heiligthum derselben trug.

Nein! so benimmt sich die Gleichgultigkeit nicht, rief er endlich aus, nachdem er unter unsaglichen Quaalen ihr ganzes Betragen gegen ihn durchgegangen war, und jedes ihrer Worte prufend auf die bebende Wagschaale der Furcht und des Unglaubens erwogen hatte. Jener Funke, der am fruhen Morgen ihrer Jugend in ihr Herz fiel, und spater mir durch beleidigten Stolz und gekrankte Empfindlichkeit wiederum verloscht schien er glimmt noch fort, von meiner Treue genahrt, von meiner Ausdauer flammender als je ins Leben zuruckgerufen. Und gewiss, mir sagen es die seligen Ahnungen, die meinen Busen schwellen, sie wird mich einst noch lieben, wie ich s i e liebe ja sie liebt mich schon, und die Stunde ist nicht mehr fern, in der sie es mir bekennen wird.

Unglucklicher! fuhr er fort, als wahrend einer langen Pause trubes Nachdenken wiederum die Bluthen seiner Hoffnung zu knicken drohte wie darfst du zu erlangen traumen, was so hoch und unerreichbar uber dir steht, dass selbst dein machtigstes Streben sich nicht zu ihm emporschwingen kann? Vergebens sehnst du dich, den Tempel deines Glucks zu betreten, dessen Himmelsglanz dir trunken winkt ach Schreckenbilder bewachen seine Schwelle, und wehren dir den Eingang! Ihre Tugenden sind es, ihre Pflichten, denen sie ja das ganze bluhende Daseyn geopfert hat ihnen wird sie auch Dich zum Opfer bringen und selbst als Opfer fallen!

Dumpfer Schmerz, wie er ihn niemals nagender empfunden, raubte ihm bei dieser Vorstellung fast die Besinnung, und um seine Marter noch zu erhohen, trat wie der sichtbare Kakodamon seines Schicksals Linovsky's verhasste Gestalt vor sein inneres Auge, ihn, gleichsam mit dem Hohngelachter der Holle auf den ubermuthigen Lippen, daran zu mahnen, dass e r , er es sei, der die Herrliche besitze, und dass wenn sie auch mit dem Gefuhl des verlorenen, seiner Bluthen beraubten Lebens neben ihm wandele sie doch eben so unbedingt sein Eigenthum sei, wie nur immer eine Sklavin ihrem Tyrannen gehort.

Hass, Neid und Ingrimm in der kochenden Brust, fand er, es sei in Zukunft eine Aufgabe u b e r seine Krafte, den Gegenstand seiner Liebe neben dem seines bittersten Hasses, und diesem letzteren unterwurfig zu sehen. Hatte es ihm nur moglich geschienen, auf den Zauber ihrer sussen Nahe Verzicht zu leisten, er wurde im Gefuhle tobender, knirschender Eifersucht auf der Stelle das Gelubde ausgesprochen haben, des verhassten Nebenbuhlers Haus nie wieder zu betreten.

Gleichwohl zahlte er, unfahig sich die herbe Prufung einer strengen Entsagung aufzulegen, jede einzelne Stunde, die noch trennend zwischen dem nachsten ihm beschiedenen Wiedersehen stand, und als das Opernhaus geoffnet wurde, war er einer der Ersten, der in einer Loge, welche das Ganze zu ubersehen gestattete, Platz nahm, um weder ihr Kommen, noch das Gluck, sich ihr nahern zu durfen, zu verfehlen.

Endlich, die Symphonie rauschte bereits, erschien sie mit mehreren Begleiterinnen, und nahm in einer Loge ihm gegenuber Platz.

Ehrerbietig grusste er sie aus der Ferne, und als der erste Act voruber war, wagte er es, sich den Damen zu nahern, und ganz zuletzt auch an s i e , die seine zarte Scheu zu verstehen schien, einige Worte der innigsten Theilnahme, mit denen er nach ihrem Befinden fragte, zu richten.

Mit der freundlichen Erwiederung, dass ihr wohl sei, zog Erna einen Brief hervor, den sie ihm ohne alle geheimnisvolle Umhullung mit der Bitte ubergab, ihn gelegentlich an seine Adresse zu besorgen.

Sie wandte sich hierauf von ihm ab, und in ein eifriges Gesprach mit einer ihrer Nachbarinnen gerathend, schien es, als habe sie von jetzt an keinen Blick mehr fur ihn. Gepeinigt durch diese Wahrnehmung zog er sich daher, aus Furcht, ihr durch sein Bleiben zu misfallen, in seine Loge zuruck. Doch ehe er sie noch erreicht hatte, konnte er nicht umhin, an dem flackernden Schein eines Wandleuchters auf der ubrigens dunkeln, unbemerkten Gallerie die Aufschrift zu lesen, und als er sie an sich gerichtet fand, erbrach er das Siegel mit frohlicher Hast, und folgende Worte begegneten seinen sehnsuchtsvoll spahenden Blicken:

Dass ich Sie angehort habe, und dass ich Ihnen antworte, ist der e r s t e Schritt, der mich von dem streng mir vorgezeichneten Wege meiner Pflicht verlockt. Ich beschwore Sie, lassen Sie es zugleich den l e t z t e n seyn, und storen Sie den stillen Wandel nicht, der mich zur R u h e dem einzigen Ziele, nach dem ich streben darf hinleitet.

Gewiss, auch ohne das erschutternde Gestandnis, das Sie fodern, wurden Sie nicht daran zweifeln konnen, dass ich Ihnen langst vergeben habe. Mein Betragen hat es Ihnen gesagt, wenn ich den stummen und mild gewordenen Empfindungen meiner Brust auch keine Worte verlieh. Daher ehren Sie die vertrauenvolle Offenheit, mit der ich es jetzt auch a u s s p r e c h e , und betrachten Sie die Versicherung, dass ich Sie achte, als einen Zuruf, der aus Grabern kommt, frommen Frieden in Ihr Gemuth zu flustern nicht als einen irrdischen Laut, der noch zu irgend einer Hoffnung berechtigen konnte.

Wenige sind der Erfahrungen, die ich auf meinem

Wege sammelte, aber in diesen wenigen reichte mir meine ernste Bestimmung den Kern des Lebens, und wenn ich ihn gleich bitter fand, so erwuchs mir doch daraus der Vortheil, alles ubrige nur als dammernden Schein, als traumahnliche Entwurfe betrachten zu lernen, mit denen der Mensch wie mit Seifenblasen spielt.

Nur selten gestattete ich mir einen Ruckblick auf

die weit zuruckgewichene Kuste der Vergangenheit, deren Nebel mein fruhestes Morgenroth verschlangen, aber mit Andacht trug ich, was ich einst gewunscht, geglaubt hatte, in meinem Herzen, und meiner Kraft und meinem festen Willen vertrauend, durfte ich es wagen, einen Bund zu schliessen, dessen Heiligkeit mich tief durchschauerte, wenn ich den ganzen Umfang seiner Anspruche an mich auch noch nicht kannte.

Durch schwere Kampfe bin ich gegangen, habe

mich oft erschlafft in allen Triebfedern meines Seyns gefuhlt habe nur durch bang bestandene Prufungen mir die Ergebung errungen, die nach vielem Schmerzesaufruhr erst die Seele lautert, und todeswund und todesmatt erschein' ich mir am Ziele nicht durch Sieg gekront, aber doch durch das Bewusstseyn gehoben, dass ich immer that, was ich fur recht hielt.

Auch ferner wird es noch mein ernstes Bestreben seyn, es zu thun. Ich ehre Linovsky als meinen Gemahl, dem ich mit Zutrauen die Leitung meines Schicksals ubergeben habe ich liebe ihn, als den Vater meiner Kinder, und dieses aus dem Anerkennen seines Werths und meiner vollsten Achtung hervorgehende Gefuhl ist wenigstens dauerhafter, als der fluchtige Rausch, mit denen die erste Jugend so oft sich und Andere tauscht. Daher spreche ich zu Ihnen als s e i n e G a t t i n , die so weit es sich mit ihren Pflichten vereinigen lasst Ihre Freundin seyn will. Doch niemals mehr sei zwischen uns die Rede von Empfindungen, denen wir uns s o n s t hatten uberlassen durfen, die aber j e t z t der ernste Spruch der Verhaltnisse uns auf ewig verbietet. Lassen Sie uns das Vergangene vergessen, oder denn Unmogliches darf ich nicht fodern wenigstens nie wieder erwahnen. Kommen Sie zuweilen zu uns, doch mit der Vorsicht und Schonung, die das reizbare Gefuhl meines Mannes verlangt, der sich so leicht in einer auch nur geahneten Beeintrachtigung seiner Rechte an mein ausschliessliches Wohlwollen verletzt sieht. Enge nur und hauslich, Wenigen geoffnet, ist unser Kreis, aber uberwinden Sie, um vollig einheimisch in ihm zu werden, die Abneigung gegen Augusten, die wenn sie auch einst in ihrer Strenge zu weit ging doch nur die beste Absicht hatte, die ja so oft menschlichen Irrthumern zum Grunde liegt. Dann werden wir Alle Ihr Hinzutreten zu uns als einen Gewinn betrachten, der aus Ihrer Bekanntschaft sich entwickelte, und ohne Blick und Urtheil von aussen, ohne den Vorwurf des inneren Richters zu scheuen, der auch das Verborgene pruft, durfen wir Theil an einander nehmen, und uns freuen, dass wir einander fanden, um uns nie wieder zu verlieren.

Und sollte der schone Beruf, dem Sie Sich widmen, die Unabhangigkeit des Vaterlandes vertheidigen zu wollen, Sie fruher als sich dieser freundlich von mir entworfene Plan realisiren lasst, auf die Bahn kriegerischer Thatigkeit rufen sollte denn dunkel ist die Zukunft der blutige Lorbeer, den Sie zu brechen Sich sehnen, nur f a l l e n d Ihnen werden, mit Ihrem Tode erkauft dann o Alexander! das Leben ist verganglich, aber e w i g b l e i b e n d das Hohere in der menschlichen Brust dann wird Ihre Freundin, Ihre Schwester Ihnen fur den Rest der eigenen Tage, und noch weiter hinaus, ein treues und inniges Andenken bewahren.

XII

In der tiefsten Bewegung las Alexander diese Zeilen. Dann, in seine Loge zuruckkehrend, und versunken in das Meer der vielfach in ihm aufgeregten Gefuhle sich in einem Winkel derselben niedersetzend, ging das Gerausch um ihn her ihm verloren; denn es vermochte nicht seinen inneren Sinn zu beruhren, da seine ganze Seele sich in den Gedanken an Erna und in ihren Anblick versenkt hatte.

Da sass sie ihm gegenuber, ruhig, streng, mit Wurde sich behauptend, und in dem so leise athmenden Busen nagte verheerend jede Lebenskraft, der Wurm der Hoffnungslosigkeit, der Reue, der umsonst bekampften Liebe.

So wenigstens erklarte er sich den Geist ihres Briefs, der zugleich ihr Gemuth ihm aufschloss. Schon hienieden durch tausend Schmerzensstunden zum fleckenlosen Engel verklart, konnte er sie nicht ohne einen leisen, aber jedes Gefuhl veredelnden Schauer betrachten, und doch sprach seine Sehnsucht gluhender wie jemals, und die Welt schien ohne sie ihm ein weites Grab.

In ihrem Anschauen vertieft, das selbst bei dem Erbleichen ihrer sonst so strahlenden Schonheit durch den magischen Geist so anziehend war, der tief, doch still aus dem Innersten ins Innerste drang, uberraschte es ihn, plotzlich mitten in der Vorstellung die Thure ihrer Loge offnen und ihr ein Billet uberreichen zu sehen, das offenbar eine grosse Sensation bewirkte.

Erna hatte es namlich kaum gelesen, als sie aufstand, einige Worte zu ihren Nachbarinnen sprach und dann in ihren Shawl sich hullend verschwand.

Welche Ungeduld brannte in Alexander's Seele, ehe er erfuhr, ob eine Sendung trauriger oder gleichgultiger Art sie abgerufen. Waren ihre Kinder vielleicht plotzlich erkrankt? Aber nein dann wurde die Ruhe, mit der sie schied, ihr nicht treu geblieben seyn; denn in der Mutterliebe verrieth ihr fest beherrschtes Wesen ja einzig, dass sie auch durch l e i d e n s c h a f t l i c h e Hingebung an das Leben geknupft sei.

Sobald es mit einiger Schicklichkeit geschehen konnte, ohne sich allzusehr das Ansehen einer unberufenen Neugierde zu geben, trat Alexander in den Kreis, der mit ihrer Entfernung allen seinen Zauber verloren hatte, und indem er, den vor Augen gehabten Vorgang ignorirend, sich an die Grafin wandte, fragte er, ob Frau von Linovsky vielleicht nicht wohl geworden sei, da er sie nicht mehr an ihrer Seite erblicke.

Ach nein, versetzte diese lachelnd, ihr ist ganz wohl, und ich kann mich unmoglich uberwinden, das, was ihr begegnet ist, zu den Unannehmlichkeiten zu zahlen, die uns zuweilen die uble Laune des Schicksals bietet. Ihr Herr und Gemahl benachrichtigte sie in einem Billet von der Ankunft eines Courriers, der ihn von Seiten seines Souverains nach **** zum Congress bescheidet, und schon diese Nacht auf unbestimmte Zeit abzureisen zwingt. Um daher noch der Ehegenossin die gehorigen Verhaltungsregeln vorzuschreiben, vielleicht ihren Kerker noch enger zu umgranzen, als da, wo sein Despotenauge seine Schranken bewacht, berief er sie schnurstracks nach Hause. Ich wunsche ihm im Geiste eine gluckliche Reise, und hoffe, man werde die gleichsam bisher von einem Drachen bewachte Dulderin nun endlich einmal in seiner Abwesenheit geniessen durfen.

Diese Nachricht that Alexandern wohl; denn nicht ohne bitteren Neid und Groll vermochte er auf Erna's reinem Hausaltare Linovsky'n als den Gotzen zu erblicken, der jedes Opfer der Aufmerksamkeit und Unterwurfigkeit als ein Recht foderte, oder als eine Pflicht in Anspruch nahm.

Er verliess das Schauspielhaus; denn dunkle Entwurfe, Plane und Traume drangten sich in ihm, und winkten ihn aus den Disharmonieen, die jetzt selbst der Wohllaut fur ihn bildete, hinaus in die Einsamkeit des nachtlichen Dunkels. Er rannte, ohne sich selbst klar bewusst zu seyn, was eigentlich in ihm vorging, durch einige Strassen, und blieb vor dem Hause stehen, in welchem Linovsky's diplomatisches Bureau sich befand.

Alles war hell erleuchtet, und drinnen in der grossten Thatigkeit begriffen. Ob diese Mauern auch s i e umschlossen er wusste es nicht aber eine ganz eigene Gewalt hielt ihn fest, und er blieb gegenuber in einer Vertiefung stehen, um die Dinge, die da kommen sollten, abzuwarten.

Da wurde der Reisewagen herausgeschoben. Dass du ihn nimmer zuruckbringen mochtest! war der christliche Wunsch, mit welchem Alexander ihn begrusste, und mit einer unbeschreiblichen inneren Genugthuung sah er die schweren Koffer hinaufheben, die dem Anschein nach die Burgschaft einer langen Entfernung ubernahmen.

Jetzt fuhr auch Erna's Wagen vor. Kutscher und Bediente, ihre Herrschaft erwartend, unterhielten sich von den neuesten Begebenheiten, und flusterten einander unverhohlen die Freude zu, nun eine Zeitlang des strengen Regiments ihres Haustyrannen entruckt, und der milden Obhut der gnadigen Frau ubergeben zu werden.

Es machte ihm Vergnugen, Linovsky'n auch hier nicht geliebt zu sehen; denn gern hatte er die an Hass granzende Abneigung, die er selbst gegen ihn empfand, in jeder anderen menschlichen Brust als ein Echo seiner eigenen Gesinnung angetroffen. Endlich, nach langem Zogern, offnete sich die Hausthur. Erna, von ihrem Gemahl begleitet, trat heraus. Die letzten Worte des Abschieds, die er zu ihr sprach, klangen fast wie Verweise oder Befehle. Sie erwiederte wenig. Nur unmerklich neigte sie sich dem Kuss entgegen, mit dem er sein Lebewohl begleitete. Das Gerausch der kommenden Postpferde verschlang den Rest der Unterhaltung sie stieg ein und es war Alexandern, als falle ein Centner von seiner Brust, als er durch die sternenhelle Nacht sie dahinfahren sah.

XIII

Es war am anderen Tag Alexander's Absicht keineswegs, sogleich, ohne alle dem Zartgefuhl wohl anstehende Zuruckhaltung, sich zu Erna's Einsamkeit hindrangen zu wollen. Ein Spiel des Zufalls und der Zerstreuung lenkte jedoch seinen Spazierritt unwillkuhrlich in die Gegend hin, wo sie wohnte, und ehe er es noch ahnete, fand er sich in ihrer Nahe, und von ihr, die mit ihren Kindern in der offenen Hausthur sass, bereits gesehen.

Es war daher jetzt unvermeidlich, sie zu begrussen. Sie nahm ihn mit der ruhigen Haltung auf, die ein reines Bewusstseyn, verbunden mit festen Grundsatzen, gewahren, und gleich weit entfernt, ihn mit ausgezeichneter Zuvorkommenheit wie mit Zurucksetzung zu behandeln, war in der zwar interessanten, aber keineswegs sie individuell beruhrenden Unterhaltung, die sie einzuleiten wusste, auch nicht im mindesten die Rede von der Vergangenheit.

Alexander hatte von der Natur in seiner offenen, anmuthigen, Zutrauen erweckenden Bildung jenen glucklichen Empfehlungsbrief empfangen, der unwillkuhrlich die Herzen gewinnt, und der besonders durch den Zauber einer geheimen unerklarlichen Sympathie auf die Knospe zarter Kinderliebe wirkt, die sich so gern im Schimmer achten Wohlwollens erschliesst.

Gleich im ersten Moment der Bekanntschaft hatte sich Otto schon mit der innigsten Neigung an ihn angeschmiegt. Jetzt lachelte auch der kleine, noch nicht jahrige Wunibald ihm mit besonderer Freundlichkeit zu, und liess sich selbst aus dem Arm der Mutter willig in den seinigen nehmen. Mit Ruhrung betrachtete er den sussen, in gesunder Lebensfulle aufquellenden Knaben, der wie Otto mit den schonen Augen seiner Mutter ausgestattet Wehmuth und vergebliche Wunsche in seine Seele blickte, und unter Liebkosungen ihn schaukelnd und mit ihm spielend stahl sich mitten unter dem Anschein ungetrubter Heiterkeit eine Thrane uber seine Wange, die nicht ungesehen von Erna zur Erde fiel.

Mit dem Theetisch erschien auch Auguste. Das Gesprach lenkte sich auf Litteratur. Alexander erwahnte einiger neuen Erzeugnisse derselben, die gerade Aufsehen machten. Erna kannte sie noch nicht, und sein Vorschlag, sie ihr zu bringen und vorzulesen, wurde ohne Weigern von ihr angenommen. Beim Abschied bestimmte man den folgenden Tag schon zur Ausfuhrung dieses Vorsatzes, und so wurde sein tagliches Kommen sehr bald eine ganz naturlich scheinende und im Hause nicht befremdende Erscheinung.

Diese Stunden des Beisammenseyns, die bei dem gluhendsten Interesse der Herzen fur einander doch niemals sich gestatteten, dieses Interesse durch Worte zu beruhren, waren die glucklichsten, welche Erna sowohl als Alexander jemals erlebt hatten.

Jener himmlische Zustand schlummernder Leidenschaften und schweigender Begierden, der das Wesen der U n s c h u l d ist, wiegte an Erna's Seite Alexander's sturmisches Gemuth in die wohlthuende Stille des Friedens, und schuf ihm einen Traum von Gluck, der wenigstens stets so lange dauerte, wie seine Anwesenheit bei ihr. In der gottlichen Offenbarung ihres hohen inneren Gehalts offnete sich ihm eine Welt, wie sie sonst wohl nur dem Seligen sich erschliesst, wo die marternde Sehnsucht schwieg, und das brennende Verlangen sich befriedigt fuhlte, und wo es ihm klar ward, dass auch ihre F r e u n d s c h a f t ein Gut sei, gross genug, die L i e b e aller anderen Frauen der Erde aufzuwiegen. Das entzauberte Saitenspiel seiner Heiterkeit, bisher nur in grellen Mistonen erklingend, stimmte sich allmahlig wieder rein. Ruhe, jene unerlassliche Basis alles Guten und Schonen, kehrte in seine Seele zuruck, und versohnte ihn mit dem Leben, das vorher aller seiner Kranze beraubt, jetzt wieder seine strahlende Lichtseite in der reinen Vertraulichkeit ihm zukehrte, welcher Erna ihn wurdigte.

Auch Erna gab sich ganz und innig den tadellosen Freuden dieses Umgangs hin, wenn gleich der geheime Kampf mit sich selbst, und das unnaturliche Ertodten ihrer lebhaftesten Gefuhle leise und unvermerkt ihre Lebenskraft aufrieb.

Fruher hatte sie wohl der grundlosen Eifersucht ihres Gatten das Opfer gebracht, Alexandern aus ihrer Gegenwart zu verbannen aber jetzt die Welt lag so tief und nichtig unter ihr, und ihr Scheideblick auf das ihr im Nebel hinschwindende Leben war zu erhaben, um mit irrdischer Sorge noch auf den kleinlichen Regungen gehassiger Leidenschaften zu verweilen jetzt fand sie sich stark und selbststandig genug, sich uber die Vorurtheile hinwegzusetzen, die wie ein giftiger Mehlthau auf ihre Freudenbluthen zu fallen drohten. Es war ihr unbezweifelt gewiss, dass ihr Einwirken auf Alexander ihn zu einem hoheren Standpunkt erhoben, dass ihre Achtung und ihr Vertrauen den wilden Schmerz seiner Brust gestillt, ihn geadelt, gleichsam geheiligt hatte. Wie hatte sie diese Fruchte ihres sanften Strebens aufgeben konnen, um einer Grille genug zu thun, die ihr reines Gewissen tief verachten musste? Sie glaubte nicht, das Linovsky, s i e k e n n e n d es begehren werde aber ware es auch, so fuhlte sie doch bestimmt, dies sei der Punkt, wo weibliche Schwache und Nachgiebigkeit sich zu weiblicher Kraft ermannen, und jedem vom leeren Schein hergenommenen Grund der Misbilligung kuhn und unerschuttert begegnen musse.

Nicht leichtsinnig und gedankenlos, sondern ernst erwagend schaute sie in die Zukunft, und laugnete sich die Wahrheit nicht ab, dass eine Neigung, wie die ihrige zu Alexandern, streng bekampft werden musse, um sich nicht selbst Gesetz zu werden. Daher versagte sie ihr jede Aeusserung, die sie hatte verrathen und seine freundlich eingelullten Hoffnungen wieder aufwecken konnen. Aber da die Stunden, die sie neben ihm verlebte, rein waren, und schon langst vergangen, noch die himmlische Glorie einer Erinnerung trugen, die sie an keine verletzte Pflicht, an keine Entweihung ihrer Wurde als Gattin und Mutter mahnte, so hatte es ihr Verrath an der Freundschaft geschienen, den einmal ihres Zutrauens werth Gefundenen einer einseitigen Laune Preis zu geben, die nur aus ungegrundetem Argwohn hervorging.

XIV

So waren mehrere Wochen still und friedlich in harmlosen Mittheilungen vergangen, in denen beide Ersatz fur hoheres, ihnen versagtes Gluck fanden, da erschien plotzlich das Gespenst, das den unschuldsvollen Genuss verscheuchte, der bisher die Wurze ihrer Einsamkeit gewesen war.

Linovsky namlich kehrte zuruck an den heimischen Heerd, dessen reine Flamme er zwar nicht entweiht, aber doch fur eine hohere Gottheit gluhend fand. Ihn empfing die Gattin mit der Achtung, die sie ihrem Gemahl, dem Vater ihrer Kinder, schuldig war, aber auch mit dem ganzen Stolz des durch keine Schuld befleckten Bewusstseyns und mit der Kalte des den irrdischen Verhaltnissen nicht mehr angehorenden Gefuhls. Mit alle der Eigensucht, die sich stets allein strebte in Erna's Kreise geltend zu machen, gescharft durch Mistrauen und Eifersucht, und vielleicht durch Ohrenblasereien bereits gereizt, forschte er nach allen kleinen unbedeutenden Vorgangen wahrend seiner Abwesenheit.

Erna, zu lauter zur Luge, verhehlte Alexander's oftere Besuche nicht. Sie hatte es zu lebhaft empfunden, dass es ihrer Nahe, ihrer vertraulichen Hinneigung beschieden war, ihn aus der Tiefe muthloser Verzweiflung zu erheben, und auf eine Stufe zu sich heraufzuziehen, auf der sie ihn frei und ohne Errothen vor aller Welt bekennen durfte. Auch hatte sie schon langst in ihrem Innern, ohne Grausen, den ernsten Flugelschlag des nahenden Engels vernommen, der ihr die Pforte eines besseren Lebens zu offnen versprach. Tief lagen daher unter ihr alle feindseligen Urtheile der Verlaumdung und der alles Gute ablaugnenden Zweifelsucht, und fest entschlossen, ihrer Pflicht getreu zu bleiben, war sie eben so entschieden, sich nicht zu versagen, was mit ihr bestehen konnte.

Sie ubersah daher mit ruhigem Gleichmuth die nicht laut ausgesprochene Misbilligung Linovsky's, die aber doch in mancher bitteren Anspielung und in mancher hohnischen Seitenbemerkung sich daruber ausserte, dass sie Alexandern einen naheren Zutritt gestattet hatte, als dem gleichgultigen Bekannten geziemt.

Als er nun aber selbst erschien, ahnungslos, welche plotzliche Dazwischenkunft ihn jetzt auf einmal aus seinem Himmel sturzte als sie in den Zugen ihres Mannes die feindselige Bitterkeit des im Verborgenen glimmenden Grolles wahrnahm, der nur einer geringen Veranlassung von Aussen bedurfte, um unheilbringend und zerstorend hervorzubrechen, als sie den an Verachtung granzenden Trotz bemerkte, den Alexander seinem kuhlen, kaum hoflichen Benehmen entgegensetzte, da fand sie, von bangen Ahnungen ergriffen, sich zur Verhuthung argerlicher Auftritte verpflichtet, lieber Verzicht auf die hochste, letzte Freude ihres Lebens zu leisten, als die Furie der Zwietracht entflammen zu helfen, und Gefahren herbeizufuhren, vor deren blossen Moglichkeit sie schon erzitterte.

Sie beschloss daher unwiderruflich bei sich selbst, durch eine offene und ruhige Vorstellung Alexandern zu veranlassen, dass er seine Besuche einstelle, da sie Linovsky'n offenbar so misfallig waren. Doch ehe sie noch den unbeobachteten Augenblick fand, den sie sich zu einer kurzen Unterredung wunschte, brach der Ungestum des Eifersuchtigen die Gelegenheit vom Zaun, seinem Unmuth Luft zu verschaffen, und den unwillkommenen Gast fur immer zu entfernen.

Der kleine Otto namlich hatte nur mit Schuchternheit dem finstern Vater sich genaht, und blode und frostig die Liebkosungen erwiedert, mit denen er beim Wiedersehen seinen Erstgeborenen ans Herz druckte.

Wie ganz anders war der Empfang, den Alexander fand. Freudig hereinsturmend, auf seine Kniee kletternd und ihn mit beiden Armen umklammernd, als wolle er ihn nimmer wieder loslassen, schien es wirklich, als sei Linovsky dem Knaben ein Fremder, und als ruhe jetzt erst das liebende Kind am Busen seines Vaters.

Duster rief Linovsky den Kleinen von Alexander's Schoosse zu sich. Er gehorchte, aber nicht aus Neigung, sondern sichtbar nur aus Furcht vor dem Zorn, den er bereits in des Vaters Augen funkeln sah, und obgleich losgerissen von dem lieben, freundlichen Freund, blieben seine Blicke doch unverwandt mit dem seelenvollsten Ausdruck der zartlichsten Anhanglichkeit an ihm hangen, wenn auch Linovsky's Arme, gleich einem beangstigenden Gefangnis, ihn umschlossen, und jede seiner Bewegungen hemmten.

Hast du mich lieb, mein Kind? flusterte Linovsky zu dem goldenen Lockenkopf sich herabbeugend.

Ja, ach ja! antwortete der Kleine angstlich. Erst die Mutter, hernach Norbeck, und dann Dich.

Linovsky erbleichte bei diesem naiven Gestandnis. Zurnend setzte er den Knaben nieder, der sogleich wieder zu Alexandern zuruckstrebte. Aber ihn heftig beim Arm fassend und seitwarts schleudernd, sprang jetzt der Vater, seiner Wuth nicht mehr gebietend, auf.

Ich hatte gehofft, Du wurdest mein Andenken lebendiger in des Kindes Herzen erhalten haben, sprach er nach einer Pause mit Bitterkeit zu Erna. Aber, was in Dir selbst augenscheinlich nur allzuschnell unterging, um neuen Gegenstanden Platz zu machen wie konnte es eine festere Dauer in einem so zarten Gemuthe finden, das von P f l i c h t und R e c h t noch keinen Begriff hat.

Erna's blasses Gesicht uberzog sich mit einer flammenden Rothe, aber sie schwieg, weil sie fuhlte, jede Erklarung in diesem Augenblick, sei sie auch noch so rechtfertigend, konne den Zwist, den sie zu vermeiden suchte, nur um so schleuniger entzunden.

Sie rief den weinenden Otto zu sich, der durch die rauhe Begegnung seines Vaters aufs Gesicht gefallen war und blutete, und indem sie ihn, ohne Parthei gegen Linovsky zu nehmen, trostete, und die Schuld seines Fallens auf seine eigene Ungeschicklichkeit schob, band sie ein Tuch um seine verletzte Stirn, und schickte ihn fort zu Augusten.

Auch Alexander war aufgestanden. Sein Blut kochte alle bosen Geister des Zorns, der Rache und der Vertilgungssucht wachten blutdurstig in seinem Herzen auf, und sehnten sich, nicht blos zu knirschen, sondern zu handeln. Doch Erna's Anblick, die still in ihren Leiden den ruhrenden, Ruhe gebietenden Blick auf seine herausfodernden Augen heftete, entwaffnete ihn wieder, aber er empfand, dass die schnellste Entfernung nothig sei, um sich in einer wenigstens dem Anschein nach friedlichen Stimmung zu erhalten.

Er griff daher nach seinem Hute. Mit beleidigender Hast zog Linovsky bei diesem Zeichen des nahen Gehens an der Klingel, und befahl dem hereintretenden Bedienten, Herrn von Norbeck's Pferd vorzufuhren. Hierauf ging er ohne Abschied in ein Nebenzimmer, wo er, die Thur hinter sich werfend, sich verschloss.

XV

Stumm stand Erna jetzt Alexandern gegenuber. Sein Gesicht brannte, von der Gluth innerer Emporung gerothet, ein convulsivisches Zittern flog durch seinen ganzen Korper, und krampfhaft hatte er, ohne es selbst zu wissen, beide Fauste geballt.

Da nahte ihm die Geliebte, dem Engel des Friedens gleichend, dessen Blick Vergebung, dessen Lacheln Versohnung ist, und seine starre Hand fassend und sie innig druckend rief sie ihn, durch dies noch nie vorher von ihr empfangene Zeichen ihrer Gunst, aus dem Schwefelpfuhl ohnmachtiger Wuth wieder zur Besinnung und zur Besanftigung empor.

Sie konnte nicht sprechen, denn zu beklemmt war ihre Brust von dem Schmerz uber die Krankung, die er erlitten, vom Vorgefuhl der nahen, unvermeidlichen, und wie die Weissagung ihres Herzens ihr zuflusterte e w i g e n Trennung, und von der dunkeln Perspective in die freudenlose Zukunft an der Seite eines rauhen, ungerechten Mannes, der nach dieser Scene das hochste Gut, das er bisher in ihr besessen, ihre Achtung namlich, verloren hatte.

Nach Fassung ringend, sah sie ihm lange unverwandt in die Augen da wurde ihr plotzlich leichter ihre Blicke schimmerten, wie himmlische, trostverheissende Sterne, ehe sie in milden Thranen hinthauten, und in diesen Thranen fand sie Linderung, fand sie sich selbst und ihre Kraft wieder.

Wir mussen uns trennen, mein theuerer Freund, sprach sie; denn kein Opfer darf mir zu schwer seyn, wenn es die Beschwichtigung des Mannes gilt, dem ich mit allen seinen Fehlern nun einmal zugesellt und ihn zu ehren und zu schonen verpflichtet bin. Mochte das Vereinsamte meines kunftigen Lebens durch die Ueberzeugung erheitert werden, dass Sie auch mit Nachsicht auf diese Stunde zuruckblicken, und ohne Groll aus einem Kreise scheiden wollen, in dem ich Ihnen ewig ein treues Andenken bewahre. Leben Sie wohl!

Sie ward immer bleicher mit halb geschlossenen Augen senkte sich ihr Blick vorwarts Alexander furchtete, dass eine Ohnmacht sie anwandle, und fing sie in seinen Armen auf. Da ruhte ihre kalte Wange einen fluchtigen Moment an seinem flammenden Antlitz, und seiner selbst nicht mehr machtig, bis zur Verwegenheit berauscht von einem nie als moglich getraumten Gluck, das so unmittelbar auf die tiefste Erschutterung der gehassigsten Gemuthsbewegungen folgte, wagte er es, seine gluhenden Lippen auf ihren Mund zu drucken.

Du liebst mich, Himmlische! rief er aus; o ich hab es immer geahnet, geglaubt, und mit allen Kraften meiner Seele gewunscht. Wie kann ich je verzagen, nun ich den Trost d i e s e r Gewisheit mit mir nehme wie kann ich jemals murren, wenn die Erinnerung d i e s e r Stunde mein fruh verblichenes Leben mit ihrem Wiederschein verklart?

Da ermannte sich Erna, und wand sich los aus seinen Armen. In stiller Hoheit stand sie vor ihm da, selbst in der Milde der Wehmuth, die sie umfloss, ihn in die Schranken der strengsten Ehrfurcht zuruckweisend, die seine Kuhnheit uberschritten hatte. Leben Sie wohl! sagte sie noch einmal, leise und tief gefuhlt, ihm mit der Hand den letzten Abschied zuwinkend leben Sie wohl! sagte auch er, und sturzte hinaus. Da trat sie ans Fenster, ihn wegreiten zu sehen, und als der Hufschlag seines Rosses nun verhallte, und seine Gestalt wie auf Sturmwindsflugeln ihren Augen entruckt war, da wehrte sie den haufiger hervorquellenden Thranen nicht. Denn es war ihr klar geworden, diese Liebe, die sie nur ungern sich selbst gestand, sei die Wurzel, wie die Bluthe ihres Lebens das Prisma ihrer Jugend nun zerbrochen und hinter drohenden Gewitterwolken der letzte Glanz verschwunden, der ihr Loos vergoldete.

XVI

So im Innersten erregt, dem Schmerze Preis gegeben, ohne Kraft, selbst ohne Willen, ihn zu verbergen, fand sie Linovsky, als er, von Alexander's Entfernung uberzeugt, die Thur wieder offnete, um zu ihr zuruckzukehren.

Sein heisses Blut hatte sich in der Einsamkeit abgekuhlt, er war wieder zu sich gekommen, und hatte eingesehen, dass es Unrecht sei, Erna zu verdammen, da doch nur der kurze Maasstab vorgefasster Meinung und die ubereilten Irrthumer seines Mistrauens ihn gegen sie erbittert hatten.

Ob er gleich den, Alexandern so freundlich gewahrten Zutritt, durch nichts entschuldigen zu konnen glaubte, so sehnte sich doch sein Herz, die zu tief Gekrankte, durch den Ausbruch seines Unmuths bereits bitter Bestrafte wieder zu versohnen, und er nahte ihr jetzt wirklich in dieser friedlichen Absicht, als der Anblick ihres stummen, unverschleierten Grams und ihrer Thranen ihn von Neuem zu einem Verdacht aufreizte, der ihn bis zur Wuth emporte.

Gilt diese Fluth, die Deinen Augen entstromt, Deinem H a u s f r e u n d e ? fragte er still ergrimmt, oder meinst Du vielleicht durch das B i t t e r k l e e s a l z d e r T h r a n e n die Flecken hinwegwaschen zu konnen, die Dein Ruf, so wie wahrscheinlich Dein Bewusstseyn durch diesen Umgang erhalten hat?

Erna, durch den Ton, so wie durch den Sinn seiner Worte schmerzlich verwundet, fuhlte ihre Stimmung schnell aus der weichsten Wehmuth in Erbitterung ubergehen. Sie fand es indess unter ihrer Wurde, etwas auf den schneidenden Hohn zu erwiedern, der ihr Herz zerriss, und nur als er, da sie ihr Angesicht von ihm abwandte, von Neuem vor sie trat, sie wiederholt um Antwort auf seine Fragen zu mahnen, versetzte sie, dass sie fur solche Fragen keine habe, und dass er eher an seinen Zweifeln als an i h r habe zweifeln sollen. Als sie dies mit dumpf erloschener, beinahe lautloser Stimme gesagt hatte, sank sie ohnmachtig zu seinen Fussen nieder.

Indessen war Alexander zur Stadt zuruckgekehrt. Bilder der hohen himmlischen Lust, die die Erinnerung in ihm erweckte, Erna in seinen Armen gehalten und sie an seine Brust gedruckt zu haben, wechselten mit der schrecklichen Vorstellung, sie nun nicht mehr zu sehen, ja, sie nicht einmal glucklich zu wissen, da der Hausaltar, den sie als Opferlamm schmuckte, durch Harte und rohen Argwohn entwurdigt war. Fur einen Augenblick wollte eine selige Hoffnung in ihm aufdammern. War es doch nicht unmoglich, und in dem Staate, wo er lebte, sogar leicht, Bande wieder aufzulosen, die durch ungluckliche Verhaltnisse das Gluck der Ehe strangulirten, statt es zu befestigen. Aber auch nur einen Augenblick dauerte die gluckliche Verblendung des Wahns, der eine solche Moglichkeit ihm vorspiegelte. Denn ach, er kannte Erna, und wusste, sie wurde eher den Tod der Martyrerin an Linovsky's Seite, als getrennt von ihm, die Schmach der Bundbruchigkeit und des befleckten Bewusstseyns wahlen.

Mehrere Tage sperrte er sich allem unzuganglich in seine Wohnung ein, und seine treuen Diener, die einzigen Wesen, welche Gelegenheit hatten, ihn zu beobachten, glaubten ihn oft an der Schwelle, die in das verworrene Gebiet des Wahnsinns hinuberfuhrt, so ungleich war sein Betragen, bald eine excentrische Frohlichkeit, bald die tiefste Schwermuth ausdruckend, wie eben die Gedanken und Gefuhle in seinem Innern sich durchkreuzten.

Endlich beschloss er wieder auszugehen. Er sann auf Thatigkeit, die ihn zerstreuen, auf irgend einen Zweck, der ihn von dem Schauplatz des einst besessenen, nun so grausam gestorten Gluckes entfernen konne. Denn er sah wohl ein, dass bei einem leicht moglichen Zusammentreffen mit Linovsky, trotz der Festigkeit, mit welcher er sich selbst gelobt hatte, Erna's Ruhe und ihren Willen zu ehren, eine Reibung zwischen ihnen entstehen musse, die alsdann nur ein blutiger Kampf zu stillen im Stande seyn werde.

Aber noch hatte die dumpfe Gahrung in der politischen Welt, welche Krieg drohte, kein entscheidendes Resultat hervorgebracht. In langsamen Zurustungen und weit aussehenden Vorbereitungen zersplitterte sich der thatenlustige Geist der Zeit, und ungeduldig sah das Heer, so wie das Volk, dem endlichen Ausbruch baldiger Feindseligkeiten entgegen.

Diese Erwartungen mit ganzer Seele theilend, und unstat bemuht, die Zeit bis zu ihrer Erfullung so gut wie moglich zu todten und zu kurzen, nahm sich Alexander eines Tages vor, zur Grafin zu gehen.

Zwar hatte ihr Umgang eben keinen sonderlichen Reiz fur ihn, da ihre Heiterkeit nicht kindlich spielend, wie er es an Frauen liebte, sondern oft stechend und durch Ironie verwundend war; aber die Hoffnung zog ihn mit magnetischer Kraft zu ihr hin, vielleicht bei ihr ein Wort von Erna zu horen. Denn es schien ihm, als sei er jetzt auf einem Punkt gekommen, wo er nun nicht langer Nachricht von ihr entbehren konne.

Er begegnete, als er sich zu ihr begeben wollte, unter dem Portal des Hauses Frau von Lahnberg mit ihrer Tochter, die eben von ihr kamen, und ihn mit vielen freundlich seyn sollenden Verzerrungen ihrer ohnehin nicht lieblichen Gesichtszuge becomplimentirten.

Durch Combinationen und Nachforschungen war er nach und nach dahinter gekommen, dass der bittere Verdrus, den ihm einst Mariane, seinen Erna geschenkten Rhododendron und die Daphne an der Brust, bereitete, nur durch ein Gewebe boshafter Lugen entstanden sei, wodurch ihre Misgunst den reichen und bluhenden Bewerber von Erna ab, und wo moglich auf sich zu lenken strebte, indem sie jene Blumen, so wie das Geheimnis ihrer Herkunft blos ihrer Zudringlichkeit, nicht Erna's Geringschatzung seiner Gabe verdankte.

Seitdem hatte er weder Mutter noch Tochter eines Wortes wieder gewurdigt, und mit kalter Hoflichkeit ihre zuvorkommende Begrussung erwiedernd, ging er auch jetzt stumm an ihnen voruber.

Wie erstaunte er aber, als er die Grafin in der lebhaftesten Gemuthsbewegung, und zugleich im Begriff, auszugehen fand.

Ah, sind Sie es? rief sie ihm entgegen, nun Gott sei Dank, so erhalte ich wohl fruher als durch mich selbst Aufschluss uber die rathselhaften Begebenheiten, die mich qualen, und an die ich nicht eher glauben kann, bis ich sie auf eine Art bestatigt hore, die mir keinen Zweifel mehr gestattet. Was macht Erna?

Das eben glaubt' ich von Ihnen zu erfahren, erwiederte Alexander, i c h sah sie lange nicht.

Und auf welche Weise sahen Sie sie zuletzt? unterbrach ihn die Grafin, ihre heftig gereizte Lebhaftigkeit nicht mehr im Zaume haltend. Man sagt, wie mir eben Lahnbergs erzahlten, dass Linovsky sie kurzlich in einem tete a tete mit einem Liebhaber uberrascht, und sogar entdeckt habe, dass sein unschuldiger dreijahriger Knabe bereits als Postillon d'amour gebraucht worden sei dass er, Mutter und Kind mishandelnd, auf Scheidung sinne, und offentlich dem fluche, der, das heilige Recht der Freundschaft misbrauchend, ihm seinen Himmel stahl.

Wie vom Blitz getroffen, stand Alexander stumm und starr, bis er in namenlosem Schmerz erbebte. Denn nicht nur die Ruhe, auch den Ruf der angebeteten Frau verunglimpft zu sehen, die so engelrein vor seiner Seele stand, raubte ihm den letzten Rest des inneren Friedens, der sich auf den Glauben stutzte, dass wenigstens der Schleier des tiefsten Geheimnisses, ihrem Zartgefuhl so wohlthatig, den Mangel ihres hauslichen Glucks bedecke.

M a n s a g t ! fuhr er sturmisch auf, dies heillose Wort ist die giftigste Natter des geselligen Lebens, der feige Hinterhalt der Verlaumdung, die die eigenen Erfindungen unter dieser Aegide dreist verbreitet. Dass sehr Viele einem solchen: man sagt, blinden Glauben beimessen, wundert mich nicht. Aber wie konnten Sie, Grafin, einem blossen feindseligen Gerucht Ihr Ohr leihen, und an Ihrer Freundin zweifeln?

Ich zweifele nicht an ihrem Werth, versetzte die Grafin, aber ungern spreche ich es vor einem Herrn der Schopfung aus, was ein feiner Menschenkenner schon vor Jahrhunderten von der Mehrzahl meines Geschlechtes behauptete: Gebrechlichkeit, dein Nam' ist Weib! Eine fruhe Jugendliebe, die unter der Asche um so beharrlicher fortglimmt, da sie nicht in lichten Flammen auflodern durfte, eine misvergnugte Ehe, nur von der Vernunft, nicht vom Herzen geschlossen grundlose, und darum eben doppelt ermudende, doppelt beleidigende Eifersucht, die der Gemarterten jeden freien Aufblick ins Leben wehrt alles dies kann wohl am Ende selbst einen Engel von seinen himmlischen Hohen auf eine glatte irrdische Bahn herabfuhren, auf der das Straucheln so leicht ist. Und so viel ist unbezweifelt wahr, dass man Erna sehr krank zur Stadt brachte freilich unter dem Vorwand, dem Arzte naher zu seyn. Aber aus vielen einzelnen Umstanden lasst sich doch mit Sicherheit auf ein Misverstandnis, wo nicht auf eine ganzliche Entzweiung zwischen ihr und Linovsky schliessen.

Diese Nachricht beraubte Alexandern seiner ganzen Fassung. Die Maske indifferenten Gleichmuths, hinter welcher er strebte, zu verbergen, was in seiner Seele vorging, entfiel ihm, und weder die Gluth seiner Neigung, noch seine Angst mehr verhehlend, beschwor er die Grafin, nachdem er ihr den wahren Vorgang der Sache mitgetheilt hatte, ihm hulfreich zu seyn, und ihm Kunde von Erna's wirklichem Zustande zu verschaffen.

Eigentlich sollt' ich mich zu nichts verpflichten, sagte sie, da ich Ihr Vertrauen nur dem Schrecken und der Ueberraschung verdanke. Ich will es jedoch so genau nicht nehmen, und da mich selbst darnach verlangt, mich von dem Befinden der armen Kreuztragerin zu uberzeugen, so erwarten Sie hier meine Zuruckkunft, und lassen Sie mich jetzt sogleich meinen schon fruher gehabten Vorsatz, sie zu besuchen, ausfuhren.

Sie eilte bei diesen Worten hinweg, und allen Martern der Ungewisheit Preis gegeben, blieb Alexander zuruck.

XVII

Zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, horte er nach einer quaalvoll durchseufzten Stunde den Wagen der Grafin zuruckkommen.

Er trat ihr bis ins Vorzimmer entgegen, aber dort, wo er sie von ihren Leuten umgeben fand, durfte er sich keine andere Frage erlauben, als die, die sein forschender Blick an ihre schmerzlich ergriffenen Zuge und an die Spuren der Thranen that, die er in ihren Augen bemerkte.

Endlich waren sie allein, und nun warf sich die Grafin erschopft und weinend in den Sopha.

Es ergreift mit doppelter Gewalt, wenn man Menschen, die sonst stets die scherzhafte Seite des Daseyns auffassen, und nur dem Frohsinn und dem Lachen sich gewidmet haben, plotzlich von tiefer Betrubnis durchdrungen sieht. Wie um so heftiger erschutterte es jetzt Alexandern, die Grafin so zu erblikken, da ihr Schmerz ihm auch ohne Worte das Todesurtheil der Geliebten zu verkunden schien.

Reden Sie, rief er mit dem Ungestum der namenlosesten Seelenmarter, sprechen Sie das Entsetzliche nur aus! Erna ich ahne es ist verloren sie ist todt.

Nein, versetzte die Grafin, sich sammelnd, noch ist sie es nicht, aber bald, furchte ich, wird die Vermuthung Ihrer Furcht wie eine prophetische Weissagung sich bestatigen. Ich habe sie sehr krank gefunden, und wie sie im Leben ein holdes Beispiel der Tugend war, so konnte man auch jetzt von ihr zu sterben lernen.

Sie erzahlte ihm nun, dass Erna von einem schleichenden Fieber ergriffen, in einem Zustande der aussersten Ermattung sich befinde, der dem Arzte wenig Hoffnung, sie zu retten, gebe. Nur noch der Schatten ihrer ehemaligen Gestalt, sei sie auch in der Blasse des nahenden Todes durch ihre sanfte Geduld, ihre fromme Ergebung noch immer eine der anmuthigsten, herzgewinnendsten Erscheinungen, die, nicht vom Farbenschmelz der ausseren Bluthe abhangig, den Stempel einer hoheren Abkunft in den verklarten Zugen tragend, fluchtig uber die Erde hinweg der besseren Heimath entgegen schweben. Linovsky behandele sie jetzt mit zarter Schonung. Sein dusterer Gram spreche deutlich die Sorge aus, sie zu verlieren, und Erna begegne seinem achtungsvollen Betragen mit aller Dankbarkeit eines liebenden, mit aller Milde eines versohnten Gemuths. So freundlich sie aber auch ihren Besuch aufgenommen habe, so sei sie doch aufrichtig genug gewesen, ihr die Bitte auszusprechen, ihn nur ausserst selten zu wiederholen, da eine durch keines Fremden Dazwischentreten gestorte Einsamkeit die einzige Bedingung der Ruhe und Zufriedenheit ihres Gatten sei.

Dieser Nachsatz erhohte Alexander's Schmerz, denn ach, galt dieser Wunsch schon der Freundin, wie um so viel weiter musste er i h n von ihr verbannen, i h n , den in Linovsky's Augen eine so schwere Schuld belastete, der als der Storer seines hauslichen Glucks in so tiefem Schatten vor seiner Seele stand! Je leidender er sie wusste, je machtiger fuhlte er sich hingezogen zu dem Kreise, wo sie lebte und litt, und der schauderhafte Gedanke der Moglichkeit, ja sogar der Wahrscheinlichkeit, um nicht Gewissheit zu sagen, sie fur immer zu verlieren, kampfte mit schmerzlicher Gewalt mit allen den Hindernissen, die sich dem kuhnen Wagstuck, sie noch einmal zu sehen, entgegen stellten.

Doch, sich den Vielen anzuschliessen, die wenigstens durch Nachfragen nach ihrem Befinden eine blos conventionelle Theilnahme ausdruckten, konnte ihm selbst Linovsky's feindselige Gesinnung nicht wehren, und er war uberzeugt, dass selbst der Groll seiner Eifersucht in diesen, ach seine Sehnsucht so druckenden Schranken, die er sich anwies, die Gesetze der Hoflichkeit ehren musse, die eine solche bescheidene Aeusserung des warmsten Antheils wenigstens zu dulden ihn verpflichteten.

Jeden Morgen musste daher der treue Benedikt hingehen, um im Namen seines Herrn die sorgsamste Kunde einzuziehen, wie sie die Nacht zugebracht habe, und ob noch kein Schimmer von Genesung die dunkeln Wolken seiner Furcht erhelle. Aber ach jeden Morgen kam er wieder, ihm durch die Nachricht, dass die Kranke immer mehr dahin schwinde, den Pfeil des Schmerzes tiefer in die Brust zu stossen!

XVIII

So war der Spatherbst herangekommen. Seine Sturme hatten die Haine entblattert, seine Regengusse die Spuren der letzten Blumen hinweggetilgt, und ode und winterlich, wie in Alexander's Herzen, sah es ringsumher in der Natur aus.

Ohne Zweck und Ziel, nur um der inneren Angst zu entrinnen, oder vielmehr um sie zu betauben, rannte er zuweilen stundenlang durch die Strassen, und so fuhrte ihn der Zufall auch einst an ein Gewachshaus voruber, hinter dessen hohen Glasfenstern sich die bunteste Bluthenfulle des Sommers vor dem zerstorenden Einfluss des Frostes gefluchtet zu haben schien.

Wehmuthig, wie die Traume einer langst verschwundenen Kindheit, begrusste ihn bei diesem Anblick seine alte Neigung zu der Pflanzenwelt wieder, und er trat hinein, durch die Magie der Unschuld, die unsichtbar im zarten Duft der Blumen weht, die schwarzen Geister der Schwermuth in seiner Seele zu beschworen.

Wirklich erheiterte es ihn fur Momente, wie durch die Beruhrung eines Zauberstabs, der rauhen Jahrszeit entruckt und mitten in den reichsten Ueberfluss einer warmeren Zone sich versetzt zu sehen.

Gleich alten, ihm lange aus den Augen entschwundenen Bekannten lachelte er dem reichen Kranze zu, der von bluhenden Stauden und Blumen sich um ihn schloss, und wie jeder seiner Gedanken mit dem an Erna verschmolzen war, und selbst die heterogensten Gegenstande ihn an sie erinnerten, so gedachte er auch hier bei dem frischen, kraftvollen Leben, das rings um ihn her grunte und duftete, an sie, die FruhVerwelkende, der vielleicht eine sorgsam getroffene Auswahl unter diesen Blumen eine momentane Freude auf ihrem Krankenbette gewahren konne.

Wie gern hatte er, da er auf andere Weise gezwungen war, gegen sie zu verstummen, die Blumensprache des Orients jetzt benutzen mogen, um in dem Strauss, den er fur sie band, seinen Schmerz und seine Sehnsucht auszusprechen, aber zartere Rucksichten, als die gegen sich selbst, liessen ihn unter der Menge nur die wahlen, deren milderer Duft nicht narcotisch auf ihre ergriffenen Nerven zu wirken drohte. Einige so schone Rosen, wie sie kaum der reichste Sommer erzieht, verbunden mit Erna's Lieblingsblume, der unscheinbaren, aber Erquickung ausstromenden Reseda, waren am Ende alles, was seine Vorsicht nach einer strengen Prufung nicht verwarf.

Er trug seine Gabe zur Grafin, die die einzige Vermittlerin war, durch deren Hulfe er hoffen durfte, sie in Erna's Hande zu bringen, und er fand sie geruhrt durch die beklommene Angst seines Herzens, die sich in jedem Worte, in jedem Seufzer verrieth sogleich willig, seinen Auftrag zu ubernehmen. Er kusste die Blumen zum Abschied, die nun bald an ihrem Busen duften sollten, und schamte sich der mannlichen Thrane nicht, die auf sie herabrollte. Bewegt nahm die Grafin sie aus seiner Hand. Sie geben Ihren Rosen, was ihnen noch fehlte, sagte sie, auf die Thranen deutend; das ist der Morgenthau, den kein Treibhaus erzeugt. Ja, versetzte er dumpf und leise, d e r Morgenthau, der der Verkundiger eines ewigen Schmerzes ist.

Nicht mehr erschuttert von dem Wechselfieber banger Furcht und trostender Hoffnung, wie fruher, erwartete er die Zuruckkunft der treuen Freundin; denn er wusste wohl, sie hatte ihm nur die Bestatigung seiner bangen Ahnung, nur die traurigste Gewissheit des nahenden Verlustes, der ihm drohte, zu bringen.

Gleichwohl konnte seine Phantasie, durch inneres Grauen vor diesem Schreckenbilde geschutzt, sich Erna's Tod nicht, als so bald erfolgend, ausmalen, dass nicht noch manche Kunde von ihr die letzten Lichtstrahlen in sein dann verdunkeltes Leben zu werfen vermochte.

Als daher die Grafin, in Thranen gebadet, zuruckkehrte, und durch die lakonischen Worte: nun hab ich Erna zum letztenmal gesehen! die Wurzel so wie den Gipfel alles Seyns in ihm todtend zerschnitt, da war ihm, als habe er zum erstenmal in die Ruinen seiner Zukunft geblickt als sei die durre Wuste seines Lebens ohne s i e jetzt erst in ihrer ganzen schrecklichen Einsamkeit vor ihm geoffnet worden.

Theilnehmend suchte die Grafin ihn zuruckzuhalten, als er hinwegstrebte, aber umsonst. Musste sie selbst doch sich eingestehen, dass keine Besanftigung seines Kummers, keine Linderung seiner Angst in ihrer Macht stehe. Auch bedurfte ihr eigenes Gemuth der Ruhe, um sich von dem erschutternden Anblick der Leiden ihrer nun von den Aerzten aufgegebenen Freundin zu erholen. Daher liess sie ihn gehen, und er sturzte hinaus, und rannte, von den Furien eines wuthenden Schmerzes gegeisselt, zweck- und sinnlos im Freien umher.

XIX

Es war ein truber Novembertag. Voll melancholischen Ernstes senkte sich die schwer bewolkte Himmelsdecke, Nebel aushauchend, auf ihn hernieder kein Sonnenstrahl durchdrang das Grau der Wolken finster und verodet, wie in seiner Seele, sah es rings umher in der Natur aus.

Lange schweifte er, duster vor sich hinstarrend, umher, bis sein Weg sich dem Kirchhofe naherte, der aussen vor der Stadt in einem dunkeln Kranz von Flieder so manchen seiner Bekannten, seiner Freunde sogar, einschloss.

Da, im Innersten fast convulsivisch ergriffen, warf er sich auf einen Stein am Eingang nieder, und seine heisse Stirn an das kalte Gitter der Pforte lehnend, rief er verzweiflungsvoll aus: Also h i e r soll ich Dich kunftig suchen, Dich, die Du wie ein schones Meteor meinem armen Leben nur gluhtest, um so fruh zu erloschen? Hier auf dem feuchten Kirchhof, in den frostigen Gewolben des Todes, in grasslicher Einsamkeit wird bald Deine Wohnung seyn!

Indem hallten traurig die langsamen Pulse der Abendglocke zu ihm heruber. Es war, als ob diese Tone seine Besinnung weckten, seinen Geist ermuthigten, und einen Entschluss in ihm aufriefen, den er fasste, als sei er ihm von oben eingegeben.

Noch lebt sie, sprach er zu sich selbst, und was heute noch nicht unmoglich ist, sie zum letztenmal zu sehen, und den Abschiedsgruss des hinscheidenden Engels zu empfangen, wehrt mir bereits der nachste Morgen, der vielleicht schon uber ihrer Leiche aufgeht. Alle Bedenklichkeiten, die die Spannung zwischen Linovsky und ihm seinem Wunsch entgegenstellten, alle Hindernisse, die den ungestorten Augenblick, nach dem er sich sehnte, zu unterbrechen drohten sonst ihm so wichtig und zuruckstossend scheinend kamen ihm jetzt leicht zu uberwinden und nichtig vor.

Er raffte sich auf und ging. Ihm war, als habe der Vorsatz, sich zu ihr hinzudrangen, und sie, allen Schwierigkeiten zum Trotz, wieder zu sehen, sei es auch z u m l e t z t e n m a l e , die Welt um ihn her verandert als knupfe ihn wieder ein gluhender Antheil an die Erde, als wehe eine andere Lebensluft als vorher, neuen Muth und neue Kraft in seine ermattete Seele.

Als er in die Stadt zuruckkehrte, hatte sich die Dammerung bereits in Dunkelheit verwandelt. Wie Mistone, die seinen Schmerz verhohnten, drang das Kutschengerassel der zerstreuungssuchtigen Menge, die dem Theater zueilte, in sein Ohr. Muhsam wand er sich hindurch, und erreichte die Strasse, wo Erna wohnte. Er stellte sich ihrem Haus gegenuber, um sein ungestum klopfendes Herz erst wieder zu einiger Ruhe zu zwingen. Tiefe Wehmuth bemachtigte sich seiner, und losete den tobenden Aufruhr seines Innern in mildes Zagen und Trauern auf. Ach da schimmerte bleich das Licht, das ihre Leiden beschien vielleicht, dachte er, sind morgen schon diese Fenster dunkel unwiderstehlich trieb ihn dieser Gedanke an, zu e i l e n , und ohne auf die abmahnende Stimme der Ueberlegung zu horen, betrat er entschlossen die ihm heilige Schwelle.

Hier schien bereits des Todes grauenvolles Schweigen zu herrschen. Alles war ode und still, wie in einem Grabe. Vergebens sah er sich nach irgend einem menschlichen Wesen um, das Erna seine Nahe hatte verkunden konnen, denn er befurchtete mit Recht das Nachtheilige einer plotzlichen Ueberraschung bei ihrer Schwache. Endlich trat Auguste leisen Schrittes aus einem der Gemacher.

Erschrocken, als habe sie ein Gespenst erblickt, fuhr sie zuruck als sie ihn erkannte. Sie hier? flusterte sie bebend, und vermochte nichts weiter zu sagen; denn mit furchtbarem Ernst und vollig entschieden, seinen Willen durchzusetzen, trat Alexander ihr naher.

Ja, ich bin hier, sprach er, mit dem Rechte, das der Schmerz mir giebt. Ich muss Erna noch einmal sehen. Bringen Sie, ich beschwore Sie darum, bringen Sie mich nicht um den unersetzlichen Moment des letzten Abschieds, wie Ihr unversohnlicher Groll mich einst um das ganze Gluck meines Lebens brachte! Ich mocht' es Ihnen jetzt schwerer verzeihen, als damals, und es ist gefahrlich, dem Verzweifelnden eine Bitte zu verweigern.

Sie sollen sie sehen, erwiederte Auguste in einem milden, begutigenden Tone; denn theils ergriff sein Anblick sie in der wilden Verworrenheit des Sinnes, in der er vor ihr stand, mit grausenerregender Ahnung dessen, was er in dieser Stimmung fahig sei, theils wollte sie so dicht vor dem Gemach der Kranken jede lautere Aeusserung verhuten.

Sie drangte ihn daher in ihr Zimmer, wo sie noch immer zitternd, ihn, sich erst zu fassen und zu erholen, bat.

Doch Alexander wehrte heftig das sanfte Zureden ab, mit dem sie ihn zu beruhigen suchte. Ihre Beredsamkeit, sagte er bitter, vermag nichts uber m i c h . Schlimm genug, dass diese einst Erna von dem Wege verlockte, auf dem sie glucklich geworden ware, und glucklich gemacht hatte. Doch das ist voruber aber sparen Sie das gleissnerische Bemuhen, mich vielleicht anderen Sinnes machen zu wollen die Augenblicke sind kostbar fuhren Sie mich hin zu Erna!

Da ermannte sich Auguste. Dass ruhige Vernunft, und der heisse Wunsch, eine wurdige Wahl moge das Loos meiner Freundin sichern, s t r e n g e r uber Sie urtheilte, als d i e L i e b e , die ich nicht mehr in Erna's Brust ahnete, da sie sich in tiefer Verschlossenheit barg ist das ein Verbrechen, das Sie so hart zu rugen berechtigt sind? fragte sie. Sie konnen Ihr fruheres Betragen nicht entschuldigen, und es war nur die gerechte Nemesis, die Ihre Strafe dictirte. M i c h trifft kein Vorwurf als der, dass ich nicht an die Besserung eines Menschen glaubte, dessen Ruf eben so nachtheilig, als fruher seine eigenen Gestandnisse, von seiner tiefen Verdorbenheit sprach. Doch lassen wir das! Hab ich geirrt, indem ich strebte, Erna's Schicksal die Richtung zu geben, ach, so busse ich hart genug durch den Anblick ihres Vergehens, der mir bitterer ist, als der eigene Tod mir ware!

Der Thranenstrom, der bei diesen Worten ihren Augen entsturzte, besanftigte Alexandern einigermassen. Doch sagte er nichts, sie zu trosten und aufzurichten, sondern erneuerte ungestum sein schon fruher ausgesprochenes Verlangen.

Sie werden gewiss der Schonung, die die Leidende bedarf, nicht Ihre Wunsche unbedingt voransetzen, antwortete Auguste. Ihr Anblick, erschien er ihr unerwartet, konnte leicht den ohnehin nur noch matt glimmenden Funken ihres Lebens verloschen. Daher, wenn es Ihnen nicht genugt, sie durch die Glasthur eines Nebenzimmers zu sehen, muss ich Erna durchaus erst vorbereiten.

Alexander beschwor sie, nicht damit zu zogern. Sie offnete also einen Allcoven, der an das Krankenzimmer stiess, und hiess ihn behutsam eintreten. Leise verschob sie die seidene Gardine von der Glasthur, die ihn nur noch von Erna schied, und er erblickte sie dicht neben sich auf ihrem Lager.

XX

Das lang entbehrte Gluck ihrer Nahe, ach, wie hob es seine Brust in schmerzlichen Athemzugen wie drangte seine ganze Sehnsucht sich ihr entgegen, die in unbewusster Ruhe sein gedachte, ohne zu ahnen, wie dicht sein Herz neben dem ihrigen schlug.

Still in ihren Leiden, in mondheller Blasse lag sie da, in den gefalteten Lilienhanden die Blumen haltend, die er ihr gesendet hatte. Sie war abgezehrt, aber nicht entstellt. Denn ihr Wesen schien frei von der Angst, der sonst sterbliche Naturen am Rande ihres Daseyns unterliegen, und tiefer Friede druckte sich in dem Scheideblick aus, mit dem sie noch auf dem dahin schwindenden Leben verweilte. Traumen susser Erinnerung hingegeben, erhob sie oft ihr sanftes Auge, und es war, als ob das Anschauen der Welt, die sich in ihrem Innern bewegte, ihren Blicken hoheren Glanz, ihrem Lacheln innigere Freudigkeit verliehe. Vollig angekleidet, schien es, als habe nur eine tiefe Ermattung sie zum Ausruhen vermocht, nicht der Kampf mit dem nahenden Tode sie auf das Sterbebette hingestreckt.

Da trat Auguste zu ihr hinein. Zartlich forschte sie mit einer fast mutterlichen Sorgsamkeit nach Erna's momentanem Zustand, leitete dann von den Blumen, die Alexander's Gabe waren, die Rede auf ihn selbst, und fragte sanft, ob sie, wenn er wunsche, sie zu sehen, ihm wohl einen kurzen Besuch gestatten wolle?

Erna wurde sichtbar durch diese Frage erschuttert. Sie richtete sich auf ein freudiger Schrecken zitterte bei'm Klange des geliebten Namens durch alle ihre Nerven, und in ihren Zugen schimmerte die selige Verklarung des Danks zu Gott uber die Moglichkeit, ihn noch einmal zu sehen, die sie still gewunscht, aber nie gehofft, und noch weniger jemals ausgesprochen hatte.

O, wenn er vielleicht hier ist, so saume nicht, ihn mir zu bringen! sagte sie. Meine Augenblicke sind gezahlt, und mehr als irgend ein Mensch ahnen kann, sehn' ich mich, ihn noch einmal zu sprechen.

Als Alexander diese Worte vernahm, konnte er sich nicht langer zuruckhalten. Er offnete die Thur, die ihn von ihr trennte, und warf sich stumm an ihrem Lager nieder, ihre Hand mit seinen Kussen und Thranen bedeckend.

Erna schaute ihn an mit einem Blicke, in dem ihre ganze Seele lag. So seh ich Dich doch noch einmal wieder, ehe ich sterbe, sprach sie, und in himmlischer Ruhe des Bewusstseyns, das mir durch keinen Vorwurf diesen heiligen Moment verbittert. Denn dass ich Dich geliebt habe Dich allein auf Erden das wird Gott verzeihen, da ich muthig strebte, mich rein zu erhalten im Kampfe zwischen Neigung und Pflicht. Mein Alexander! So dicht an der dunkeln Pforte stehend, die hinuber fuhrt ins Land der Vergeltung, wo jedes schwere Opfer sich belohnt, und wo ich nicht vor mir selbst zu erschrecken brauche, oder vor dem, dessen Rechte ich gekrankt haben wurde, hatt' ich meinem Herzen gefolgt da darf ich Dir es frei bekennen, dass Du der Abgott meiner Seele warst, dass mein erstes, erwachendes Gefuhl, so wie das letzte, das nun bald der Tod verloscht, nur D i c h umfasste. Und auch jenseits noch! Ja, fest, wie ich an die Fortdauer eines hoheren Daseyns glaube, glaub' ich auch an die Dauer einer Liebe, in der allein ich erst, als sie mir klar wurde, die ganze Tiefe meines Wesens, den ganzen Umfang meiner geistigen Kraft erkannte.

Starr vor sich niederblickend, betaubt durch den wonnevollen Schmerz dieses Gestandnisses am Rande des Grabes, das, die Geliebte zu verschlingen, sich bereits geoffnet hatte, horte Alexander ihr zu.

So geh voran, Du Himmlische! da uns hienieden das Gluck nicht lacheln wollte, sprach er, geh voran in eine bessere Heimath ich folge Dir bald!

Da ergriff Erna mit unbeschreiblicher Zartlichkeit seine Hand, und druckte sie fest an das immer schwerer schlagende Herz. Ja, ich gehe voran, und werde Deiner warten, sagte sie; aber gelobe mir, mein Geliebter, mir nicht eher zu folgen, ehe G o t t e s W i l l e , nicht der rasche Entschluss des Lebensuberdrusses und der Verzweiflung, Dein Ziel steckt.

Alexander beugte sich herab auf ihre Hand, und flusterte leise, in seinem Schmerz verloren: Du willst es ich werde Dir gehorchen.

Und nun lass uns scheiden! fuhr sie fort. Trage das Leben, wie ein Mann, und gedenke oft dieser Stunde, der ersten und zugleich der letzten, die das Band meiner Zunge losete, und mir gestattete, Dir zu bekennen, wie theuer Du mir bist. Und wenn dereinst ach, das Schicksal hat kein Mutterherz! wenn meine Kinder noch sind sie unter der Obhut ihres Vaters, in dem Schutz, den ihnen die Natur anwies; aber die Verhaltnisse der Menschen sind so wechselnd und schwankend wenn sie einst verlassen und einsam waren im engen kalten Leben, o dann, Alexander, liebe in ihnen ihre Mutter noch fort nimm Dich ihrer an, sei ihr Freund, ihr Rathgeber, ihr zweiter Vater. Betrachte sie immer als das heilige Vermachtnis Deiner Erna. Gelobst Du mir auch dies?

Er erwiederte: ich gelobe es!

Und nun empfange meinen letzten Abschiedsgruss, sprach sie, den innigen Segen eines Herzens, das Dich liebte bis in den Tod! Ich werde meinem Gatten nicht verhehlen, dass ich Dich sah, aber ungern mocht ich, dass er Dich hier fande. Denn erst mein Grab wird friedlich wieder vereinen, was das Leben so feindselig geschieden hat. Daher erhalte mir die ungestorte Stille, die ich bedarf, um mich zu sammeln, und mein Gemuth wurdig zu dem feierlichen Schritte vorzubereiten, der mich aus dieser mangelhaften Welt in eine bessere fuhrt.

Sie verhullte bei diesen Worten ihr Antlitz, als wollte sie ihren Augen wehren, ihn langer anzuschauen. Noch einmal bebte der innige Druck ihrer Hand durch sein ganzes Wesen dann winkte sie ihm zu, sich zu entfernen, und dumpf, in tonloser Betaubung, ohne sich dagegen aufzulehnen, oder irgend etwas zu erwiedern, folgte er gehorsam diesem stummen Befehle.

Und als am andern Morgen Benedikt wie gewohnlich hingegangen war, nach dem Befinden der Kranken zu fragen, kam er wieder mit der Nachricht, die ihm Auguste ertheilt hatte: I h r s e i j e t z t r e c h t wohl, denn bereits um Mitternacht sei sie verschieden.

Er scheute sich, seinem Herrn diese Schreckensbotschaft zu bringen; aber zu seiner Verwunderung nahm sie Alexander gefasst, ja sogar in stiller Freundlichkeit des Gemuths auf, ohne scheinbar von ihr ergriffen zu werden.

Denn mit jener stillen Zufriedenheit, mit welcher man den Piloten auf hohem Meere in seinem leichten Kahn mit den Wellen kampfen und dann in einen sichern Hafen sich retten sahe, betrachtete er das letzte heilige Asyl, in das sie sich gefluchtet hatte, und das nicht mehr duster ist, sobald der Mensch nur die dunkle Schwelle erst uberschritten hat, die dahin fuhrt. Das Gefuhl, aus welchem sich ihm die hochste Wonne so wie der bitterste Schmerz entwickelt hatte, erlosch nicht mit der irrdischen Flamme ihres Daseyns es gluhte fort in seiner Seele, und veredelte seinen Charakter immer mehr. Als bald darauf der Krieg endlich ausbrach, kampfte er tapfer mit fur die Freiheit und Unabhangigkeit seines Vaterlandes. Es war ihm wohl oft, als ob ein tiefes, lechzendes Sehnen ihn in den wildesten Sturm der Gefahren trieb als wenn eine leise Hoffnung ihm zuflusterte, dort, in blutiger Schlacht, werde sein Leben sich enden. Dann aber vernahm er jedesmal Erna's liebkosende Stimme, die ihm gebot, den Tod nicht zu s u c h e n , und in stiller Ergebung sein Loos zu tragen. Seufzend unterwarf er sich der hoheren Bestimmung, die vermittelst ihrer Wunsche ihn zu leben zwang, und so viel er des kriegerischen Lorbers auch brach, so war er doch stets nur m u t h i g , nicht t o l l k u h n , und milde Menschlichkeit stand, durch die Erinnerung an Erna ihm immer gegenwartig, selbst im tobendsten Gefecht, an seiner Seite.

Als der Friede ihn endlich in die Residenz zuruckfuhrte, hatte neben vielen Bewohnern derselben, ein bosartiges Nervenfieber auch Linovsky hinweggerafft.

Alexander, eingedenk der letzten Bitte, die Erna an ihn that, suchte sich Einfluss in die Erziehung ihrer Kinder zu verschaffen, und es gelang ihm. In der herrlich sich entwickelnden Bluthe ihrer Anlagen, und in dem ruhrenden Nachhall mutterlicher Gute und Reinheit, der oft in ihren jungen Seelen ihm erklang, ging ihm ein neuer Lebensfruhling auf. Treu ubte er die Pflichten, die das Vertrauen der Geliebten ihm so heilig ubertrug, und es war als ob ihr Segen geistig ihn umschwebte, wenn er mit vaterlicher Innigkeit fur die Kinder ihres Herzens sorgte. So schien die Welt ihm nicht verodet. Auf eigenes Gluck Verzicht leistend, hatte er doch einen Zweck gefunden, der seinem Daseyn Bedeutung gab, und ihm alle Krafte seiner Seele widmend, blieb sein Gemuth, in dem Erna's Bild unausloschlich wohnte, stets ein Tempel fur das Heilige und Hohere im Leben.