Henriette Frolich
Virginia
oder
Die Kolonie von Kentucky
Mehr Wahrheit als Dichtung
An die Leser
Anders malt mit ihrem Zauberbilde,
Anders sich in jedem Kopf die Welt.
An dem Indusstrande und am Belt
Schmucken andre Blumen die Gefilde.
Andre Regung bringt der Fruhlingsmorgen,
Andere die dustre Winternacht.
Was der Dichter, scheinbar frei, gedacht,
Musste oft von der Umgebung borgen.
Zurnt ihr mir? Dass ich ein Bild gewahlet
Aus der Unglucksjahre wustem Drang?
Wo der Nebel mit dem Lichte rang,
Mit der Wahrheit Irrtum sich vermahlet?
Zurnet nicht, ich hab es nicht erfunden,
Nur empfangen von der Aussenwelt
Und, zur Schau, im Rahmen aufgestellt,
In der Musse launevollen Stunden.
Auch die Heldin wollet mir nicht schelten,
Die ein ahndungsvoller Tag gebar
Und gespenst'ge Bilder der Gefahr
Hingescheucht zu fernen fremden Welten.
Wo sie irrte, fand sie viel Gespielen
In der Zeiten dunklem Labyrinth.
Doch ihr Wahn, er war der Flammen Kind,
Welche in der Menschheit Glorie spielen.
Und sie flieht der Selbstsucht harte Bande,
Ihre Wahrheit flieht die Heuchelei,
Ihren Hochsinn, ihre zarte Treu'
Rettend in dem fernen Friedenslande.
Sendet ihr im frischen Morgenwinde
Mild den Wunsch, der euch den Busen dehnt,
Dass sie, was ihr alle sucht und sehnt,
Das verlorne Eden, wiederfinde.
Erster Teil
Virginia an Adele
Am Bord des "Washington".
Im Hafen von Marseille, den 20. August 1814
Wie wirst Du erschrocken sein, arme Adele, als Du mein Zimmer leer fandest? Wie verstohlen und mit immer steigender Angst wirst Du Dich nach mir erkundigt haben, fast mehr furchtend, meine Spur zu finden als sie zu verlieren. Glaube mir, diese Vorstellung hat mich sehr gequalt. Gern hatte ich Dir mein Vorhaben vertraut. Es ware mir so suss gewesen, mich noch einmal scheidend an die Brust zu legen, an der ich oftmals meine stummen Tranen barg! Aber wie durft ich wagen, die Last dieses Geheimnisses auf Deine zarte Seele zu walzen. Woher hattest Du die Fassung genommen, Deiner Mutter das gewohnliche, kindlich frohliche Madchen zu zeigen? oder mit Unbefangenheit dem Spaherblicke Deines Vaters zu begegnen? Nein, ich konnte Dir diese Angst nicht ersparen, ich glaube vielmehr, ich habe sie abgekurzt. Wahrend Du sorglos schliefest, dann ahndetest, hofftest, zweifeltest, trennten uns schon Berge und Taler; ach! und wenn Du diesen Brief erhaltst, liegt das Weltmeer zwischen uns, und ich bin ausser der Gewalt der Menschen, nur in der Gewalt Gottes und seiner mich; nur der Willkur der Menschen widerstrebt mein Herz, es hat zuviel unter ihren rohen Handen gelitten. Ihre triumphierenden Blicke konnten mich bis ins Grab treiben. Triumphierend? woruber denn? War's ihr Verdienst? O nein! Ihre Schlechtigkeit, ihre Ranke haben wohl mitgewirkt, dessen mogen sie sich nicht uberheben. Aber auch die Schlechtigkeit ihrer Gegner, die Selbstsucht aller, zufallige Ereignisse was weiss ich? Am Ende Gott. Wohl, wohl! Ohne seine Zulassung geschieht nichts. Aber warum er es zulasst? wozu? Da liegt's. Mit der Beantwortung sind die meisten so fertig da, als habe der Ewige mit ihnen daruber beratschlagt, und nur wenige fuhlen es lebendig, dass Irren das gemeine Los der Sterblichen ist, dass das Warum vielleicht erst halb in kunftigen Jahrhunderten, ganz erst in der Ewigkeit begriffen wird. Soviel aber ist mir Armen klar, dass alles dies nimmermehr geschah, damit die P... s und O... s wieder in den Vorsalen der Bourboniden glanzen mochten oder die M... s und R... s auf ihren ehemaligen Schlossern wieder schwelgen und Bauern qualen konnten. Noch viel weniger, damit die Guter der Montorins und Polignys durch die Hande Deiner einfachen Virginia und des zierlichen Louis vermahlt wurden. Vergib mir, teure Adele! er ist Dein Bruder; aber hat er Dein Herz? Und wenn selbst nimmer, nimmer! Und wohnte auch in meiner Seele kein fremdes Bild nimmer! nimmer! Er ist nicht der Sohn meines Vaterlandes, wie wollte er mein Gefuhl verstehen, wie das schonen konnen, was er verdammt? O mein armes verratenes, zerrissenes, verlassenes Vaterland! auch Virginia muss dich verlassen, mit blutendem Herzen verlassen. Ware sie ein Mann, sie wurde bleiben und kampfen; vielleicht konnte sie dir noch etwas nutzen, und war's auch nur mit ihrem Blute. Aber ein Weib, ein unterjochtes Weib? Qualvolles, nutzloses Leben; dazustehen im Kampf der Parteien, beobachtet in jeder Miene, gemisshandelt um jeder unfreiwilligen Trane, beargwohnt um jedes Wort, am meisten beim duldenden Schweigen! Nein, Vaterland, ich muss dich verlassen! Schweigen konnte ich. Aber nein, ich soll reden, reden in ihrem Sinne. Nicht genug. Eine Bekehrungsgeschichte meines Innern musste ich erlugen, verdammend anklagen meine angebornen Gefuhle, abschworend dartun die ererbten Ansichten meines trefflichen Vaters. Ungluckliches Weib! Der Mann kampft fur seine Meinung und macht sich Bahn; das Weib soll keine Meinung haben. Wie oft, frohliche Adele, habe ich Dich beneidet, dass Deine Gedanken nur den engen Raum zwischen der letzten Oper und dem nachsten Ball durchliefen; und doch strafte mich sogleich ein (wie mir schien) besseres Selbstgefuhl. Du begriffst mich nicht, wenn Du meine Wange erblassen, mein Auge weinen sahst; doch liebten wir uns so herzlich, Du mit dem kindlich unbekummerten Gemut, ich mit der Erkenntnis, dass nur zufallige Umstande uns so verschieden gebildet und Liebe und Gute selbst das Ungleichste binden konnen. Oh, meine Adele! noch immer seh ich Dich, als Du zum erstenmal ubers Meer herubergekommen warst und an der Hand Deiner Mutter in unser Zimmer tratest, ein freundliches, engelschones Kind, kaum acht Jahre alt. Wie flog mein Herz Dir da entgegen, der jungeren lieblichen Schwester; wie dankte ich dem Vater, dass er Euch durch seinen rastlosen Eifer die Ruckkehr bewirkt. Oh, waret Ihr doch nimmer wieder geschieden! Dann hattest Du mich ganz verstehen lernen mit zunehmenden Jahren, und spatere Ereignisse waren Dir nicht unbekannt. So aber riss die Lebenswoge uns schon wieder auseinander, als Du kaum das zwolfte Jahr vollendet, und dem seltenen, gefahrlichen Briefwechsel war nichts Bedeutendes zu vertrauen, weniger noch dem stets beobachteten Gesprach in den letzten Monden unserer Wiedervereinigung. Und doch treibt mich ein unwiderstehlicher Drang, Dir mein ganzes Innerstes zu zeigen. Ich folge ihm; die Einsamkeit einer Seereise gibt mir volle Musse.
Ja, eine Seereise. Und weit, sehr weit. In das Land der Freiheit schiffe ich hinuber. Wo mein Vater als Jungling kampfte unter dem Panier der Freiheit, wo mein hochherziger Oheim, fur sie blutend, starb, da ist mein zweites Vaterland. Amerika! Amerika! Schon erhebt sich ein frischer Ostwind, alles eilt an Bord. So lebe denn wohl, Adele! Dieser Brief muss ans Land. Ach, zum letzten Male sehe ich den mutterlichen Boden, der mich gebar; seine freundlichen Rebenhugel, das frohe Treiben im Hafen von Marseille. Zum letzten Male schallen die muntern Lieder der Fischer zu mir heruber. Oh, es ist schwer, von der Heimat zu scheiden! Schwer, wie das Sterben! Sterben ist ja auch nur eine Reise nach unbekannter Kuste, ohne Wiederkehr. Lebe wohl, Adele! Lebe wohl, mein Frankreich!
Dieselbe an dieselbe
Auf der Hohe von Gibraltar
Die Sonne taucht freundlich aus den Fluten herauf. Sie beleuchtet meinen Blicken zum letzten Male das dammernde Europa. Tranen benetzen meine Wangen, unwillkurlich strecke ich meine Arme nach dem heimischen Gestade aus! ach, es schwindet von Minute zu Minute weiter zuruck. Ich weine, ja, Adele, ich weine! Die Weiblichkeit behauptet ihre vollen Rechte und drangt den mannlichen Mut in den Hintergrund. Ich habe mich auf einige Augenblicke in die Kajute gefluchtet, um mich in der Einsamkeit recht auszuweinen. Grosse Schmerzen beruhigt der Mensch nur durch sich selbst, er erhebt sich nur durch eigne Kraft. Die mitleidigen Troster, welche sich auf dem Verdeck um mich her versammelten, taten mir nur weher. Wie kann man so ins allgemeine hin zusprechen, wo man die feinsten Ursachen der Ruhrung nicht kennt, wohl selbst ausgesprochen nicht kennen wurde! Wie will man den verwandten Ton treffen, um diesen Missklang in Einklang aufzulosen! Sogar der freundliche Kapitan verwies mich nur an mich selbst, als er mir mit seiner schonen Stimme voll Ruhrung sagte: "Liebe, schone Miss, Sie verlassen ein Land voll Unruhe und Freiheit, wird Sie als Tochter aufnehmen und diese bangen Tranen trocknen. Betrachten Sie mich als Ihren Bruder, und gebieten Sie uber alles, was dieser Bruder sein nennt." Guter Mann! es ist nicht das Gefuhl des Verlassenseins, was mich beklemmt. In den Salen der Tuilerien wurde ich mir viel verwaister erscheinen.
Siehe, meine Tranen sind wahrend des Schreibens getrocknet, und mein Mut kehrt zuruck. Ich muss wieder hinauf, damit der lange Aufenthalt in dem verschlossenen Raume mir nicht nachteilig werde. Ich will nicht seekrank werden, wenn es irgend zu vermeiden ist. Krankheit wirkt auf den Geist, aber der Geist beherrscht mehr noch den Korper. Der meinige soll sich aufheitern und stark sein. Nur noch einen Abschiedsblick nach der Wiege meiner Kindheit, nach den Grabern meiner Lieben; dann teilnehmend gelebt mit der Gegenwart und die Vergangenheit noch einmal wiederholt fur meine Adele.
Unser Leben gleicht des Jagers Traumen,
Der am waldbekranzten Hugel ruht.
Er entschlief am milden Strahl der Sonne,
Von der Liebe, von der Jagden Wonne,
Und erwachet in der Sturme Wut.
Sohn des Hugels, morgen wirst du fragen:
Was verloscht Ronkatlins hellen Schein?
Hat das Meer den gluhenden Stern verschlungen?
Selmas Bardenharfen sind verklungen,
Toskars Tochter klaget dort allein!
Ach, Malwina wandelt zu der Halle,
Staubumschleiert lehnen Schild und Speer.
Es empfangt sie geisterhaftes Grausen,
Kleiner Menschen Sohne drinnen hausen,
Ihre Helden findet sie nicht mehr.
Bald auch kehren Lutas sanfte Madchen
Ohne die Gespielin von der Jagd,
Wenden ihren Tranenblick voll Trauern
Nach Torluthas moosbewachsnen Mauern,
Wo der Eichen Flamme nicht mehr lacht.
Du siehst, liebe Adele, dass Ossian mein treuer Begleiter ist. Wie hatte ich den vergessen? er ist ja ein Geschenk von Dir. Immer schon war er mein Lieblingsdichter, und jetzt ist er mir uber alles teuer, das liebste Gut, welches ich aus dem Schiffbruche gerettet. Erst jetzt verstehe ich ihn ganz, und bei seinen Klaggesangen schweigt mir das Leid im Busen. Oft stehe ich noch abends einsam am Maste gelehnt und betrachte die Gewolke, welche der untergegangenen Sonne nachziehen. Dann will mich's oft bedunken, als lagerten die Helden vergangener Zeiten auf ihrem rotlichen Saum. Teure Gestalten! ihr begleitet Virginia nach dem Lande, wo sie einst ruhen wird unter dem moosigen Steine, den die Hand eines Fremdlings mitleidvoll auf ihren Hugel legt. Doch nicht von meinem Grabe wollte ich mit Dir reden, traute Adele, als ich dieses neue Blatt anfing, sondern von meinem Eintritt in das Leben und wie ich das wurde, was ich bin. Meinen Vater hast Du gekannt, den schonen, herrlichen Mann. Du erinnerst Dich noch seines hohen mannlichen Wuchses, seiner stolzen Stirn, seiner Adlernase, der sanften, grossen blauen Augen, des freundlichen Mundes. Du weisst noch, wie ernst und fest, wie wild und freundlich er zu gleicher Zeit war. Als jungerer Sohn des Ritters von Montorin fur die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt, studierte er auf dem Kollegium zu Aix als der Freiheitskampf in Amerika alle Herzen der europaischen Jugend in Bewegung setzte. Sein alterer Bruder, schon fruher im Militar angestellt, wusste es dahin zu bringen, dass er zu einem Regimente versetzt wurde, welches, im Laufe des Krieges, zur Verstarkung der franzosischen Hulfstruppen eingeschifft werden sollte. Lange hatte sich ein Oheim, dessen Erbe er war, diesem Wunsche auf das lebhafteste widersetzt. Der jugendliche Enthusiasmus siegte. Vor seiner Einschiffung wunschte der altere den jungern Bruder noch zu sehen und nahm einen kleinen Umweg uber Aix. Hier ergriff nun meinen Vater das unwiderstehliche Verlangen, den geliebten Bruder in diesen ehrenvollen Kampf zu begleiten. Plutarch und Xenophon hatten den kaum erst sechzehnjahrigen Jungling zum Manne gereift. Er raffte zusammen, was sich ohne Aufsehen fortbringen liess, und folgte heimlich dem Bruder, um als Freiwilliger den Feldzug mitzumachen. Sie erreichten glucklich den Hafen von Marseille, wo die Flotte bereitlag, sie aufzunehmen. Mit leichtem Herzen verliessen sie Frankreich. Dieselben Wellen, die immer hin und wieder kehren, auf deren Rucken unser "Washington" dahintanzt, dieselben trugen sie frohlich zu dem ersehnten Ziele.
Mit hochklopfendem Busen landeten die Junglinge und begannen den Kampf gegen die Macht des stolzen Englands. Drei Jahre fochten sie nebeneinander, mit wechselndem Glucke, doch umschwebte meistens der Sieg ihre Fahnen. Ihre Heldenherzen rissen sie zu jeder schwierigen Unternehmung voran. Wo die Gefahr war, fochten die Bruder. Bei Eutaw wankte das Bataillon, welches der altere als Oberst kommandierte, auf einen Augenblick. Ein morderisches Kartatschenfeuer der Englander trennte die Glieder; da entriss mein Oheim dem weichenden Fahnrich das Panier: "Wer mich liebt und die Ehre", rief er, "der folge mir! Freiheit und Sieg! Freiheit und Sieg!" Mit diesen Worten sturmte er im raschen Laufe gegen die feindliche Batterie vor. "Freiheit und Sieg!" rief mein Vater; "Freiheit, Sieg und unser Oberst!" tonte es durch alle Glieder. Man sturmte ihm nach. Die Batterie war genommen, aber todlich verwundet erreichte mein edler Oheim das Ziel seiner Anstrengung. Ein Schuss in die Brust hatte ihn schon im halben Laufe getroffen. Er hielt die linke Hand fest auf die Wunde gedruckt, um das fliessende Blut noch einige Augenblicke aufzuhalten, pflanzte mit bebender Rechten die flatternde Fahne neben dem feindlichen Geschutz auf und sank dann sterbend nieder. "Mein Wunsch ist erfullt", sagte er mit schwacher Stimme, "der Sieg ist unser. Freiheit und Menschenrechte habe ich diesem dereinst glucklichen Lande erkampfen helfen. Weine nicht, mein Bruder, weinet nicht, Kameraden, ich sterbe den schonsten Tod." Mit diesen Worten hauchte der jugendliche Held in den Armen des Bruders seine grosse Seele aus. Nur ein einfacher, kleiner Hugel konnte uber seine irdischen Reste errichtet werden, aber sein Pantheon ist der Ort, wo er fiel, und mit heiliger Ehrfurcht, wie die Spartanerin zu dem Passe von Thermopyla, werde ich dahin wallen. Er kampfte nicht den zweideutigen Kampf fur Land und Besitztum, er focht fur fremdes Gluck, fur die Menschheit, fur den Gott im Busen. In den Jahren des Genusses liess er ein glanzendes Los daheim und hohe Erwartungen; trug in Wusten alle Beschwerden und Muhseligkeiten des Krieges, um fur ein fremdes, gedrucktes Volk zu kampfen. Indem ich mir ihn so vergegenwartige, fuhle ich, was Ahnenstolz ist und wie er entspringt. Ja, ich bin stolz auf ihn, auf den edlen, nicht auf den adeligen Menschen. Ursprunglich waren beide Worte nur eins. Wehe! dass man in der Folge Zeichen und Sache trennen musste.
Nach dem Frieden kehrte mein Vater nach Frankreich zuruck. Er fand den alten Herzog, seinen Oheim, tief gebeugt uber den Verlust seines Lieblings, wurde aber, als nunmehriger Erbe, mit allen Zeichen der Wertschatzung empfangen, bei Hofe vorgestellt, bewundert und mit Schmeicheleien uberhauft. Die Frauen fanden ihn unbeschreiblich schon, den Mannern gebot er Ehrfurcht, ein Teil der jungern, nicht sehr begunstigten, schloss sich mit Begeisterung an ihn an. Der Oheim tat zweckmassige Schritte und erhielt die sehr nahe Aussicht zu einer ansehnlichen Hofbedienung fur ihn. Mein Vater liebte aber den Hof nicht, sowenig man auch hinter seinem gefalligen, zarten Benehmen, welches der Abdruck seines menschenfreundlichen Herzens war, seine Abneigung ahndete. Der Oheim war hochst unangenehm uberrascht, als ihm mein Vater mit Festigkeit erklarte, er werde sich niemals an den Hof fesseln. Nun bestand der Oheim darauf, ihm ein Regiment zu kaufen. Mein Vater unterdruckte die Ausserungen seiner Gedanken uber dieses unrechtmassige Verfahren und weigerte sich gleichfalls, scheinbar aus dem Grunde, weil er den Soldatenstand nicht liebe. Man fand diese Abneigung hochst ungereimt an einem jungen Helden, der nur eben mit frischen Lorbeern heimgekehrt war. Mein Vater aber erwiderte, es sei ganz ein anderes, fur Freiheit und Menschenrecht in den Kampf zu ziehn als auf Paraden zu glanzen und, als Soldling, vollig fremden Zwecken zu dienen. Man verstand einander fast gar nicht. Der Neffe wunschte, zu seinen Studien zuruckzukehren und mit seinen geliebten Griechen und Romern zu leben; der Oheim nannte dies Pedanterie und Verkehrtheit, wodurch er eben fur die hohere Welt und seine glanzenden Entwurfe verdorben worden und dem feinern Leben immer mehr entfremdet wurde. Die Spannung stieg zwischen beiden, sosehr mein Vater sich auch Muhe gab, durch kindliche Zuvorkommenheit diese Unzufriedenheit zu bekampfen. Endlich erhielt mein Vater die Einwilligung, auf einige Zeit ein kleines Gut in der Provence besuchen zu durfen, welches er von seiner Mutter geerbt und seit seiner ersten Kindheit nicht gesehen hatte. Er verliess in den ersten Fruhlingstagen das gerauschvolle Paris, wie der Vogel den Kafig. Er hatte dort wohl Freunde gefunden, aber die Luft, welche sie gemeinschaftlich umfangen hielt, war so schwul, dass sie das freie Aufatmen gar sehr erschwerte. Jetzt sog er wieder die junge Brust voll frischer Lebenslust und frohen Mut.
Du hast Chaumerive gesehen, am nordlichen Ufer der Durance, diesen schonen Schauplatz meiner frohen Jugend. Gewiss gedenkst Du noch des blumigen Tales, das sich, mit Rebenhugeln umkranzt, langs den Ufern dahinzieht. Vor allem aber des dunklen Flusses, der vor unsrer Wohnung stromt, von zahllosen Fischerbarken bedeckt; denn gewiss ist Dir die kuhne Wallfahrt noch im Gedachtnis, welche wir beide eines Nachmittags auf seinem grunen Uferwall unternahmen, um seinen Ausfluss in die Rhone zu sehn. Wir gelangten dahin; aber schon begann die Sonne zu sinken, als wir, gefesselt von dem grossen Schauspiel, an die Ruckkehr dachten, wo Dir dann Dunkelheit und Ermudung manche Trane auspressten. Hierher begab sich mein Vater. Freilich war es damals bei weitem nicht so reizend, als Du es gefunden. Seit langer als zwolf Jahren von dem Besitzer vernachlassigt, waren die Gebaude verfallen, die Garten verwildert, die Felder und Weinberge nur fur den augenblicklichen Nutzen bestellt. Mangel und Schmutz blickten aus den einzelnen Hutten hervor, und blassgelbe Gestalten, in Lumpen gehullt, verrichteten trage die notigen Fronarbeiten. Doch die Natur war gleich uppig. Die wilde Durance tanzte ebenso trotzig daher. Die dunkeln Oliven schattierten ebenso anmutig mit der frischen Zitrone, und Thymian und Lavendel dufteten selbst von oden Triften.
Es bedurfte nur festen Willen, Einsicht und Geschmack, um mit geringen Aufopferungen ein Paradies zu schaffen, welches spaterhin jedes Auge entzuckte. Mein Vater hatte schon im Augenblicke der Ankunft seinen Entschluss gefasst. Er entliess den reichgewordenen Pachter mit einer angemessenen Vergutung, verteilte den grossten Teil des Ackers unter seine Bauern, gegen eine jahrliche geringe, von ihnen selbst bestimmte Pacht, und hob alle Zeichen der Dienstbarkeit auf. Er stellte sich den erstaunten Menschen nur als ihren Freund und Ratgeber dar und gewann alle Herzen. Jedermann griff mutig zur Arbeit, und die entworfene Verbesserung ruckte mit Riesenschritten vor. Der Weinbau wurde ganz auf die Hugel beschrankt, dort aber um so sorgfaltiger betrieben. Es wurden fur die Kelter nur gleichzeitig reifende Gewachse von verwandten Eigenschaften gepflanzt. Der Olbaum wurde nur sparsam zwischen den Reben geduldet und bekranzte meist nur den Rucken der Hohen und die nordliche Seite. Die Ebenen wurden mit Weizen besaet und sorgfaltig von den schattenden Baumen und dem wuchernden Gestrauche gereinigt. Die sumpfigen Wiesen und Triften, langs dem Flusse, wurden durch zweckmassige Graben trockengelegt und durch Ausrottungen ein sehr grosser Teil Acker fur den fast unbekannten Kartoffelbau gewonnen. Auf dem magersten Teil des Landes wurden Maulbeerpflanzungen angelegt und Pomeranzen, Zitronen und alle ubrigen Obstarten in den Garten mit grosser Sorgfalt gezogen. So wurde durch kluge Sonderung dieses mannigfaltigen, sonst durcheinandergeworfenen Anbaues derselben Grundflache ein zehnfacher Ertrag abgewonnen. Uppig wallte der goldne Weizen, wo ihn sonst der Maulbeerbaum und das Gestrauch erstickte, und der freie Weinstock lieferte den kostlichsten Wein. Die entwasserten Triften nahrten zahlreiche und kraftige Herden, wo sonst nur einige magere Kuhe des Pachters weideten. Jetzt nahm der Landmann, durch Vorschusse meines Vaters unterstutzt, an allem teil, und Wohlstand kehrte in seine reinliche Hutte zuruck, Gesundheit und Kraft sprach sich in seiner regsamen Gestalt aus und jene liebenswurdige Frohlichkeit, welche den guten Provenzalen so eigentumlich ist. Oh, wie wurde aber auch mein Vater von seinen treuen Untertanen geliebt! Seine Ausspruche waren Orakel, seine Felder und Berge wurden am besten bearbeitet, seine Bauten unglaublich schnell ausgefuhrt, und bei den Auszahlungen entstand nur Streit daruber, dass er zuviel geben und der Arbeiter zuwenig nehmen wollte.
Welche hohe Zinsen trugen die kleinen, anfangs gemachten Aufopferungen! Wie wurde ihm seine Leutseligkeit in der Folge mit Wucher vergolten! Wie ruhrend aber war es auch, den edlen Mann im Kreise seiner Untertanen zu erblicken. Doch liebte er diese Benennung nicht; er nannte sie nur seine Freunde. "Ich bin armer als sie", pflegte er zu sagen, "ich bedarf ihrer Hulfe mehr als sie der meinigen, denn ich bin weniger abgehartet, und mir sind so viele Bedurfnisse anerzogen, deren Entbehrung sie gar nicht gewahr werden." Der fein gebildete Mann, dessen geistreiche Unterhaltung von Hoflingen bewundert wurde, war mit diesen Kindern der Natur so einfach als sie. Er stimmte seine Begriffe zu den ihrigen herab, um diese zu lenken, legte oft gesellig Hand an bei ihren Arbeiten, mischte sich in ihre Spiele und erfreute sich herzlich bei ihren frohlichen Scherzen. Bei jedem traurigen, ja nur ruhrenden Anlass fullte sich augenblicklich sein blaues Auge mit Tranen, welche er jedoch sorgfaltig zu verbergen suchte. Er half, wo er konnte, und trostete, wo keine Hulfe war. So trat er wie ein Halbgott unter diese gedruckten, vernachlassigten Menschen, und ein neuer Morgen brach an fur dieses kleine freundliche Tal. Dem Vater selbst schien ein schonerer Lebensmorgen aufgegangen. Im lieblichsten Wechsel flogen die Tage, flogen Sommer und Herbst dahin. Die Musen besuchten ihn am winterlichen Kamine, dessen Gesimse es nie an frischen Blumen gebrach. Hier ahmte er denn oft Anakreons Lieder nach beim schaumenden Becher voll sussen, feurigen Mostes, ofter noch die heimischen Gesange der alten Troubadours. So durch Einsamkeit und Dichtkunst zur Liebe vorbereitet, fanden ihn die ersten entzukkenden Tage des neuen Fruhlings. Man hatte in Paris vergebens auf seine Ruckkunft gewartet, der Herzog hatte vergebens schriftlich darauf gedrungen; mein sich zu glucklich fuhlender Vater hatte immer auszuweichen gewusst, indem er seine Gegenwart als notwendig zur Vollendung der begonnenen Bauten darstellte. Diese schilderte er so pomphaft, dass der Herzog, von Ehrgeiz ergriffen, unaufgefordert grosse Summen uberschickte, damit Provence und Languedoc von der Pracht seines Hauses reden mochten. Wie weit aber war das, was mein Vater ausfuhrte, von diesen stolzen Ansichten entfernt! Zwar hochst geschmackvoll waren die neuen Schopfungen, aber auch ebenso einfach; die Wohnung, von massiger Grosse, war nur fur eine hauslich gluckliche Familie berechnet, in den Garten Schonheit mit Nutzlichkeit gepaart. Die ersparten Summen kamen ihm gut zustatten, seinen landlichen Freunden aufzuhelfen und seinem neuen Wirtschaftsysteme Schwung zu geben. Gegen das Ende des Karnevals hatten seine Pariser Freunde bestimmt auf seine Gegenwart gerechnet und ihm vielfaltig ihre Erfindungen fur die letzten Maskenballe mitgeteilt, woran er teilnehmen sollte. Er lehnte ihre Einladungen ab; doch veranlassten sie ihn zu dem Einfall, zum Fastnachtabend nach Aix zu reisen, um der dortigen Maskerade beizuwohnen. Mit innigem Vergnugen betrat er diese Stadt wieder, wo sein Geist die erste Nahrung erhalten und wo noch so viele seiner Jugendgespielen lebten. Mancher von ihnen, der sonst mit ihm in einer Klasse gewetteifert hatte, riss jetzt auf der Rednerbuhne des Parlaments durch seine feurige Beredsamkeit hin. Einer derselben ich nenne ihn bei seinem Vornamen Victor , der Sohn eines Kaufmannes, jetzt Parlamentsadvokat, ein feuriger, unternehmender Kopf, dessen Herz fur alles Grosse schlug und der, mit Aufopferung seiner selbst, fur das Recht kampfte, war ausser sich vor Freuden, seinen Leo wiederzusehn, und lud ihn fur die Nacht in das Haus seines Vaters ein. Zuvor wollten sich beide Freunde noch auf dem Orbitello treffen und sich des Maskengetummels freuen. Lust und Leben empfing meinen Vater auf diesem entzuckenden Korso, mit welchem sich kaum die Boulevards von Paris messen konnen. Die Baume bluhten, die Fontanen sprangen, und bei jedem Schritt umringten ihn hupfende kleine Madchen, reichten ihm duftende Strausse und baten um Zuckerwerk fur die Schwalbe. Er ging frohlich auf diese altgriechische Lust ein und fullte und leerte unaufhorlich seine Taschen fur diese lieblichen kleinen Geschopfe. So gelangte er zur mittleren Fontane, wo er schon in der Entfernung seinen Freund erkannte, an seinem Arme hing ein Madchen in der Tracht der Bauerinnen von Arles, dieser fast griechischen Kleidung, welche so schon steht. Das kurze Unterkleid war aus blassroter Seide und das Drolet oder Oberkleid aus dunkelgrunem Sammet, um die dunklen Locken wand sich ein Tuch in gleicher Farbe, mit Gold durchwirkt. Schuhschnallen und Armspangen waren mit den schonsten Edelsteinen besetzt, und um den blendendweissen Hals hingen blassrote Korallen. So erschien diese Nymphengestalt zum ersten Male den entzuckten Augen meines Vaters. Sie ward meine Mutter! Du verzeihst mir gewiss, dass ich bei dieser Veranlassung etwas umstandlicher erzahle, als es wohl notig ist. Dieser Moment entschied ja uber das Leben zweier mir so unendlich teuern Personen und uber mein Dasein. Mein Vater war als Troubadour gekleidet, und Victor stellte ihn seiner Schwester vor. Der Eindruck, den beide aufeinander machten, war uberraschend, und als man sich in der Morgenfruhe trennte, waren beide von dem Gefuhl durchdrungen, dass Leben ohneeinander Tod sei! Die Liebe, diese Blutenzeit des Lebens, dieser Silberblick auf seines Stromes Wellen, ist nirgend machtiger als unter dem schonen provenzalischen Himmel, dem Vaterlande der Lieder. Hier nur vereinigt sie Feuer und Zartheit in gleichem Masse, hier nur ist sie die einzige grosse Angelegenheit des Lebens. Auch meine Eltern fuhlten sie, vom ersten Augenblick, als solche. Leo atmete nur fur seine Klara, und Klara dachte nur ihn. Victor war hocherfreut uber das Bundnis zweier ihm so teuren Wesen, und seine siegende Beredsamkeit riss den Vater mit sich fort, der wohl anfangs etwas von Standesunterschied bemerkte. Der Zeitgeist entfaltete schon seine Schwingen und fand besonders in den beiden Freunden begeisterte Herolde. Sie hatten fruher nur in der idealen Welt der Alten gelebt und sich von je Abkommlinge altgriechischer Kolonien getraumt. Leo hatte in Amerika den Standesunterschied, welcher seinem sanften Herzen niemals zugesagt, als unbedeutend ansehen lernen, und Victors stolzes Selbstgefuhl wurde davon beleidigt. So stand der Verlobung der beiden Liebenden kein Hindernis weiter im Wege, und Leo eilte auf Flugeln der Liebe nach Chaumerive, um die notigen Anstalten zum Empfange seiner jungen Gattin zu treffen. Er schrieb seinem Oheime mit aller kindlichen Zartlichkeit eines Sohnes und dem Entzucken eines glucklichen Brautigams und bat um seinen Segen. Er sahe, fur den schlimmsten Fall, wohl einer Unzufriedenheit, einer Missbilligung des stolzen Herzogs entgegen, doch hielt er dieses fur kein Hindernis seines Glucks, da er die Volljahrigkeit erreicht hatte und Chaumerive sein unbestrittenes Eigentum war. Mochte doch der Herzog ihm die Erbschaft seines Namens und seiner Guter entziehen, sie waren niemals das Ziel seiner Wunsche gewesen. Wie befremdet aber war er, als ihm ein Kurier die Antwort des Herzogs uberbrachte, der ihn im ungemessensten Zorn einen Niedertrachtigen nannte, der die Ehre seines Hauses beschimpfe, ihm befahl, sogleich diese entehrende Verbindung fur immer aufzugeben und sich zu ihm nach Paris zu verfugen. Mein Vater war emport uber diesen Befehl. Er fuhlte sich Mann und ward wie ein Knabe gescholten. Dass er dies nicht sei, beschloss er zu zeigen. Er reiste ungesaumt nach Aix und beschleunigte die Anstalten zu seiner Vermahlung. Er fuhlte zu zart, um seiner Klara und ihrer Familie, durch Mitteilung des erhaltenen Schreibens, trube Stunden zu verursachen. Er gedachte Klaren kunftig nach und nach mit der Spannung oder dem Bruche zwischen ihm und dem Oheime bekannt zu machen, da er annahm, sie werde davon, bei dieser Entfernung von Paris, in ihrem kleinen Paradiese wohl nicht beruhrt werden. Am Ende sieht der Oheim auch wohl die Sache, wenn sie geschehen, anders an, dachte er, als jetzt, wo er sie noch zu hintertreiben hofft, und so uberliess sich der gluckliche Leo ohne Sorge der Seligkeit seines neuen Standes. Wenig Tage nach der Vermahlung fuhrte er die geliebte Klara in seine Heimat. Die Bewohner von Chaumerive empfingen ihre schone Frau, wie sie sie nannten, gleich einer Konigin, und die freundliche Klara besass schon in den ersten Tagen alle Herzen, ebenso unumschrankt als ihr Leo. Du hast, meine geliebte Freundin, noch nach vielen Jahren gesehen, wie dieses edle Paar geliebt wurde. Jeder Tag erhohte ihr Gluck, denn an jedem Tage entdeckte einer an dem andern mehr liebenswurdige Eigenschaften. Schone, selige Zeit! die nur zu bald endete und nie in dieser Reinheit wiederkehrte. Kaum waren einige Monde wie ebensoviel gluckliche Augenblicke geschwunden, als in einer rauhen Novembernacht ein starkes Gerausch meinen Vater aus den Armen seiner Gattin aufschreckte. Fackeln erleuchteten den Hof, er sieht im Schein derselben einen verschlossenen Wagen halten, und in demselben Augenblick treten Polizeibeamte zu ihm ein. Man zeigt ihm einen lettre de cachet vor und bemachtigt sich seiner Person. Kaum vergonnte man dem uberraschten Unglucklichen Zeit, seine Lippen noch einmal auf den Mund seiner ohnmachtigen Gattin zu drucken. Man reisst ihn mit Raubereile hinunter. Am Wagen haben sich einige wenige seiner erwachten Leute gesammelt. Sie wollen den geliebten Herrn mit ihrem letzten Blutstropfen verteidigen; man donnert sie im Namen des Konigs zuruck, der Wagen wird verschlossen, und dahin rollt er unaufhaltsam, der furchtbaren Bastille zu. Mein Vater, mein armer betaubter Vater allein und fur den Augenblick ohne Aussicht auf Rettung. Aber er hatte eine mannliche Seele, und diese verzweifelt nie. Der Mann wagt auch den misslichsten Kampf mit dem Schicksal und gibt die Hoffnung des Sieges nur mit dem letzten Lebensfunken auf. Wer vermochte aber wohl die Verzweiflung seiner unglucklichen Klara zu schildern, als sie von ihrer tiefen Ohnmacht erwachte! Noch nach spaten Jahren geriet sie ausser sich, wenn sie von dieser furchterlichen Nacht sprach. Sie umklammerte dann unwillkurlich meinen Vater mit krampfhafter Starke, als furchte sie, ihn aufs neue zu verlieren, und Tranen und Kusse uberstromten sein Gesicht. Damals fehlte der Unglucklichen sogar die Wohltat der Tranen. Stumm, gleich einem Marmorbilde, sass sie da. Ihre Kammerfrau handelte an ihrer Statt und sandte einen treuen Boten zu Pferde nach Aix. Victor schaumte vor Wut, er ubersah mit einem Blick den ganzen Zusammenhang, und zugleich fuhlte er in seinem Busen Kraft, zu helfen und selbst mit den Machthabern in die Schranken zu treten. Er versah sich mit Geld und Wechseln, nahm Kurierpferde und flog zu seiner angebeteten Schwester. Hier erschien er wie ein rettender Engel. An seiner hohen Kraft richtete sich die Trostlose muhsam auf. Er hauchte ihr einen Teil seiner Hoffnung ein und begab sich ungesaumt mit ihr nach Paris.
Jede zuruckgelegte Station belebte den Mut der unglucklichen Frau, sie kam ja dem Geliebten naher, und schon allein in den Ringmauern derselben Stadt mit ihm zu leben, schien ihr ein Gluck gegen jene schreckliche Entfernung. Victor hoffte noch zuversichtlicher. Die Notabeln waren versammelt, alle Deputierte seiner Provinz waren ihm bekannt und befreundet, er durfte auf ihre kraftigste Unterstutzung rechnen. Seine Angelegenheit schien ihm die Sache der ganzen Menschheit; wie konnte man ihm Gerechtigkeit versagen? In dieser Stimmung kam das Geschwisterpaar in Paris an. Klara verlangte durchaus in einem Gasthofe, der Bastille so nahe als moglich, zu wohnen, denn es schien ihr unbezweifelt gewiss, dass ihr Gemahl sich in derselben befinde. Victor fand es freilich sehr moglich, dass er nach einem anderen, weit entfernten, festen Schlosse gebracht worden sei; doch widersprach er der Trauernden nicht und gewahrte ihr gern den schwachen Trost. Er selbst fing seine Nachforschungen mit rastlosem Eifer an. Er sprach mit seinen Freunden, ging nach Versailles, um den Grafen von Mirabeau, einen alten Freund seines Hauses, aufzusuchen. Uberall fand er die herzlichste Teilnahme und den besten Willen zu helfen; doch war die Sache so leicht nicht, als er gewahnt. Alles kam darauf an, zu erfahren, wohin der Gefangene gebracht worden, und hieruber gelangte man durchaus nicht zur Gewissheit. Zwar hatte man von Chaumerive den Weg nach Paris genommen, soviel hatte man in der Nachbarschaft erfahren; ob man aber nicht spaterhin diese Strasse verlassen, wer konnte das verburgen? Der Herzog, welcher am ersten Auskunft zu geben vermochte, war fast unzuganglich. Er weigerte sich durchaus, Victor zu sehen, liess ihn jederzeit abweisen, sooft er auch die Versuche, ihn zu sprechen, erneuerte. Nicht glucklicher waren die Bemuhungen derer, welche ihr Rang in seine Zirkel fuhrte. Der alte Hofmann stellte sich vollig unwissend. Nach vielen misslungenen Schritten brachte es Mirabeau dahin, dass Victor eine geheime Audienz beim Konige erhielt. Der Monarch schien zwar geruhrt bei der lebhaften Schilderung des jungen Mannes, doch meinte er, man musse die Ansichten eines herzoglichen Hauses auch berucksichtigen, dessen Haupt einer seiner altesten und treusten Diener sei. Alles, was man zuletzt erhielt, war ein Befehl an den Gouverneur der Bastille, dass, wenn sich ein Gefangener dieses Namens in seinem Gewahrsam befinde, diesem, unter gehoriger Vorsicht, eine Zusammenkunft mit seiner Gattin und seinem Schwager zu gestatten. Mit diesem teuren Papier eilten die Hoffnungsvollen in die finstern Mauern. Klarens Herz schlug laut vor ungestumer Freude. Aber, o Schrekken! dem Gouverneur war dieser Name ganzlich unbekannt. Er schlug nach vielen Weigerungen die Register vom Monat November auf, doch vergebens. Victor entdeckte zwar, bei einer raschen Wendung, dass um diese Zeit ein junger Mann eingebracht worden, aber Name und Wohnort trafen nicht zu. Klara verlangte, voll ahndenden Gefuhls, diesen Unbekannten zu sehen, aber der Gouverneur schlug es mit Festigkeit ab. Der Befehl laute nur auf eine bestimmte Person, alles ubrige sei gegen seine Pflicht. Hart von Natur, und mehr noch durch Gewohnheit, weigerte er sich, auch nur die mindeste Auskunft uber diesen Unbekannten zu geben. So verliess man diesen Ort des Schreckens vollig unverrichtetersache. Klara mit der festen Uberzeugung, der Unbekannte sei ihr Gemahl, Victor zweifelhaft. Neue Versuche, neue Hindernisse. Dem Konige war schwieriger beizukommen. Er hielt es fur unmoglich, dass jemand unter fremdem Namen gefangensasse, und verweigerte eine Erlaubnis, diesen Fremden zu sehn, weil Staatsgeheimnisse dabei gefahrdet werden konnten. Am Ende gab er einen ahnlichen Befehl fur Saint-Vicenz, und die Geschwister reiseten dahin, obwohl Klara keinen Erfolg davon hoffte. Die Nachforschungen waren wieder vergeblich. So ging der Winter und der grosste Teil des Fruhlings voruber. Meine arme Mutter ruckte ihrer Entbindung immer naher und versank immer tiefer in Gram. Ihre einzige Erholung war, auf dem Platze vor der Bastille auf und nieder zu gehn und die dustern Mauern anzublicken, die ihr alles umschlossen. Ihr Bruder konnte sie zu keinem andern Spaziergange mehr bereden. Man kannte sie hier schon und nannte sie nur die schone Trauernde; jedermann betrachtete sie mit Teilnahme. Ihr Bruder traf jetzt nur auf lebhaft beschaftigte und bewegte Gemuter; die Spannung zwischen den Notabeln und dem Hofe stieg aufs hochste, und die Garung war allgemein, in ihr ging alles einzelne unter. Auch Victor, ob er gleich das Schicksal seines Freundes nie aus den Augen verlor, warf sich doch mit Feuer in die offentlichen Angelegenheiten. Ihm war klar, dass eine grosse Umwalzung der Dinge unvermeidlich und notwendig sei. Die Hoffnung fur seinen Leo knupfte er an das allgemeine Wohl, und rastloser als einer arbeitete er an der neuen Organisation. So kam der Julius heran, dieser so oft beschriebene und in der Weltgeschichte ewig merkwurdige Monat. Meine Mutter wurde von all dem Treiben um sie her nur sehr wenig gewahr, ihr tiefer Kummer machte sie unempfanglich fur die Aussenwelt. Sie horte es kaum, wenn man sie bedauerte und Vorubergehende sie laut ein Opfer der Tyrannei nannten. Tief in sich gekehrt, ging sie auch am 14. Julius mittags auf ihrem gewohnlichen Spaziergange auf und nieder, und es dauerte lange, ehe das Herbeistromen einer zahllosen Volksmenge sie aufmerksam machte. Man umringt sie, Weiber und Madchen umwinden sie mit dreifarbigen Bandern: "Auch du sollst geracht werden!" rufen sie. Das Getummel nimmt zu. Von allen Seiten das Geschrei: "Nieder mit der Bastille, nieder!" Kanonen werden aufgepflanzt, die Turme vom Zeughause und vom Garten werden eingestossen, Locher in die Mauern gebrochen. Meine Mutter fangt an zu begreifen, was vorgeht, sie zittert vor Schreck und Freude, sie sinkt auf die Knie und streckt die Arme nach dem furchterlichen Gefangnisse aus; die Sinne vergehen ihr, die mitleidigen Umstehenden sind kaum imstande, sie gegen den gewaltsamen Andrang der Menge auf einige Augenblicke zu schutzen. Da arbeitet sich Victor durch das dichteste Gedrange, fasst seine ohnmachtige Schwester in seine Arme, drangt sich mit Riesenkraft ruckwarts und tragt sie in ihre Wohnung zuruck. Sie schlagt die Augen auf, aber in demselben Momente stellen sich auch heftige unbekannte Schmerzen ein, alles verkundigt eine beschleunigte Entbindung. Victor ruft um Hulfe er ubergibt sie der Sorgfalt der Frauen, spricht ihr Mut ein und selige Hoffnung und eilt zuruck, wohin Begeisterung und Pflicht ihn rufen. Er legt mit der Starke eines Rasenden Hand an, er ist der zweite in der Bresche. Wutend packt er einen der Invaliden, er muss ihm die Eingange zu den Gefangnissen zeigen, und ohne auf die ubrigen Ereignisse zu achten, ist sein einziges Streben, die Turen dieser hollischen Behalter zu offnen. Werkzeuge sind schnell gefunden, auch hulfreiche Arme in Menge. Man befreit eine ziemliche Anzahl der unglucklichen Schlachtopfer tyrannischer Willkur, doch findet sich kein Leo. Endlich weicht eine besonders stark befestigte Tur, und mein Vater sturzt dem freudeschwindelnden Victor in die Arme. "Freiheit" ist das erste Wort, welches aus beider Brust sich hervordrangt, das zweite "Klara!" "Lebt sie?" ruft mein Vater. "Sie ist hier!" schreit mein Oheim, und so machen sich beide, fest umschlungen, unaufhaltsam Bahn durch die teilnehmende Menge. Sie erreichen fast atemlos Klaras Wohnung. Meine Mutter lag blass und erschopft im Bette, ich ruhte an ihrer Brust. Seit wenig Minuten hatte ich das Licht der Welt erblickt. Mein Vater sturzte kniend an dem Bette nieder. In sprachloser Freude hing er an den Lippen der Geliebten und uberstromte ihre Hande mit Tranen und Kussen. Dann nahm er mich in seine Arme und druckte mich, gewaltsam schluchzend, an sein Herz. Plotzlich hob er mich hoch in die Hohe und rief laut und feierlich:
"Virginia, Virginia! du teures Pfand der neuen Freiheit! Roms Virginia sprengte durch ihren Tod Roms Bande; du verburgst mir durch den Augenblick deiner Geburt die Freiheit deines Vaterlandes und knupfest mich mit tausend neuen Banden an dasselbe." Er legte mich wieder auf das Bett und seine Rechte segnend auf meine Stirn. Victor kniete tief erschuttert neben ihm und legte ebenfalls seine Hand, wie zum Schwur, auf mein Haupt. "Freiheit und Vaterland! Freiheit und Gleichheit!" sprach er mit hohem Ernste. "Vaterland, Freiheit und Gleichheit!" sprach mein Vater ihm nach. Dann schlugen beide Manner kraftig die Hande ineinander und umarmten sich. Lachelnd und selig sah meine Mutter auf dies erhabene Schauspiel herab. Sieh, Adele, so wurde ich geboren. Konnte ich es jemals ertragen, dass man den 14. Julius mit Schmahungen belegt? wurden die Deinen mein Fest jemals mit gutem Herzen feiern wollen? Nein, Virginia, die erstgeborne Tochter der Freiheit, muss in einem freien Lande sterben. Von diesem Zeitpunkt an waren meine Eltern auf immer vereinigt und glucklich. Die Begebenheiten, die den Thron erschutterten, hatten ihr Gluck gegrundet. Konnte die dankbare Erinnerung daran sie jemals verlassen? konnten sie jemals vergessen, dass die Despotie die ersten frischesten Bluten dieses Gluckes abgestreift? Mein Vater teilte nunmehr seine Zeit zwischen den Freuden seiner Hauslichkeit und den ernsten Bemuhungen fur das offentliche Wohl. Er erneuerte seine fruheren Verbindungen und knupfte neue. Sein Einfluss wurde bei den Beratschlagungen und Entwurfen von segensreichem Nutzen. Auch auf seine Familie wendete er seine zartlichste Sorge. Sein edles Herz mochte nur Boses mit Gutem vergelten, und sein uberlegener Verstand flosste ihm gegen die Verkehrtheiten der Menschen mehr Mitleid als Zorn ein. Er versuchte, den alten Herzog zu sehn, und hoffte, ihm in dieser Krisis nutzlich zu werden. Aber der erbitterte Mann wich allen seinen Bemuhungen aus und war einer der ersten, welche die Sache ihres Vaterlandes und seinen heiligen Boden verliessen. Nachstdem war meines Vaters erster Weg zu Deiner Mutter. Er hatte diese, seine einzige Schwester, zwar wenig gekannt, aber er liebte sie mit bruderlichem Herzen. Sie war, als er nach Amerika ging, noch ein zartes Kind und befand sich schon im Kloster Saint-Cyr zur Erziehung. Nach seiner Zuruckkunft hatte er sie mehrere Male dort besucht und sich ihrer aufbluhenden Schonheit und ihres sanften Wesens gefreut. Aber ein Sprachgitter bleibt immer eine Scheidewand zwischen liebenden Geschwistern, welche, wenn auch nicht die Liebe mindert, doch die Vertraulichkeit hemmt. Mein Vater war schon in Chaumerive, als er erfuhr, dass der Herzog Deine Mutter an den Hof gebracht, wo sie vielen Beifall ernte. Um die Zeit seiner eigenen Verheiratung horte er, sie werde sich mit dem Herzog von P. vermahlen. Er schrieb ihr, sie antwortete ihm zwar zartlich, doch sehr schuchtern und deutete auf den Zorn des Oheims und auf die Beschrankung, worein ihre nahe bevorstehende Verbindung sie zu versetzen drohe. Sie pries ihn glucklich, als Mann sein Schicksal einigermassen selbst bestimmen zu konnen, und wunschte ihm herzlich Gluck, doch warnte sie ihn zugleich mit madchenhafter Furchtsamkeit. Zu dieser geliebten Schwester flog nun mein Vater. Sie empfing ihn mit der lebhaftesten Freude, aber ihr Herz beklemmten angstliche Sorgen. Ihr Gemahl hatte ihr wenige Stunden zuvor angekundigt, dass die Prinzen entschlossen waren, uber die Grenze zu gehen, in Hoffnung, dass der grossere Teil des Adels ihnen folgen werde und dass man von dort aus den Anmassungen des dritten Standes vernichtend begegnen konne. Er hatte ihr befohlen, sich reisefertig zu halten, um ihm zu folgen. Sie befand sich im neunten Monat ihrer Schwangerschaft, liebte ihre Umgebung und furchtete den unbekannten rauhen Norden. So sank sie weinend in die Arme ihres bekummerten Bruders. Der Herzog, Dein Vater, trat kurz darauf ins Zimmer. Die Begrussung der beiden Schwager war kalt und formlich. Mein Vater lenkte sogleich das Gesprach auf das Interesse der Zeit, der Deinige wich ihm mit stolzer Hoflichkeit aus oder sprach mit wegwerfender Anmassung ab. Jener beschwor ihn zwar, wenigstens Rucksicht auf seine krankelnde Gattin zu nehmen, fand aber kein Gehor. Seine redlichen Anerbietungen zu sichernden Massregeln in betreff der Guter, fur den schlimmsten Fall, wurden mit Misstrauen, ja fast mit Hohn zuruckgewiesen. Denselben Erfolg hatte sein edler Wille bei seinem Oheim, dem Herzog, auch er verspottete jede Ausserung von Besorgnis und wies jede ihm angebotene Dienstleistung, in den beleidigendsten Ausdrucken, zuruck. Dennoch hat mein Vater diesen Undankbaren in der Folge, wider ihren Willen, die grossten Dienste geleistet, indem er ihre Guter, unter Mitwirkung einiger seiner bewahrtesten Freunde, durch Scheinkaufe grosstenteils rettete und ihnen von Zeit zu Zeit einen Teil der Einkunfte, mit grosser personlicher Gefahr, ubersendete. Fur jetzt konnte er fur die geliebte Schwester nichts weiter tun, als dass er ihr die Vergunstigung auswirkte, nach England zu gehen, wohin er ihr Passe verschaffte. Victor besorgte, durch die Handelsverhaltnisse seines vaterlichen Hauses, eine schnelle und bequeme Uberfahrt, ebenso Anweisung bedeutender Summen auf Londoner Hauser. So wurde Deine gute Mutter, wider ihren Willen und mit einer grausamen Eile, wie die Umstande sie forderten, aus ihrem Vaterlande und aus den Armen ihres kaum wiedergefundenen Bruders gerissen. Kaum hatte sie den englandischen Boden betreten, als ihre Niederkunft herannahete und sie Deinen Bruder Louis gebar. Die Revolution ging nun ihren raschen Gang. Mein Vater und sein Freund schwammen in Seligkeit, alle die Traume ihrer fruheren Junglingstage in die Wirklichkeit heraustreten zu sehen. Beschlusse wurden gefasst, Grundsatze wurden aufgestellt, welche die Bewunderung der Welt erregten. Europa sah eine herrliche Morgenrote aufgluhen, und der grossere Teil seiner Bewohner jauchzte ihr entgegen. Arme Sterbliche! ihr hattet bedenken sollen, was schon die Erfahrung den Landmann lehrt, dass das hochflammende Rot im Osten auf einen schwulen Gewittertag deutet. Das ganze Heer menschlicher Leidenschaften mischte sich ins Spiel und verfalschte die reine Begeisterung, welche das grosse Werk begonnen. Die Edlen unter den Volksfuhrern befanden sich in der Lage des Sisyphus, der Stein rollte wieder bergab, wenn sie ihn bis zur Hohe gewalzt zu haben glaubten, und viele wurden von seinem gewaltsamen Sturz zerschmettert. Mein Vater redete und handelte mutig fur seine Uberzeugung, aber er sahe mit Schmerz, dass das begonnene Werk nicht nach seinem sanften edlen Sinne zu beendigen sei. Er hatte in seiner grossen Seele der Menschheit einen hoheren Grad der Reife zugetraut als er jetzt fand. Mirabeau starb, die Jakobiner organisierten sich, und die Parteien fingen an, sich zu bekampfen. Der Hof und das Ausland trieben ihr finsteres Spiel und verwirrten die geheimen Faden des Gewebes so kunstlich, dass man bei den meisten unglaublichen Begebnissen nicht mit Gewissheit sagen konnte, von welcher Seite die wirksamsten Schlage gekommen. Sicher hatte dessenungeachtet mein Vater den Kampf nicht gescheut; doch meine Mutter zitterte fur den teuern, schon einmal verlorenen Gatten. Sie beschwor ihn taglich, diesen unsichern Schauplatz zu verlassen und sie zuruckzufuhren in ihre gluckliche Heimat. Er konnte auf die Lange ihren Tranen nicht widerstehen; auch zog ihn die Sorge fur seine verlassenen Anlagen und fur das Wohl seiner Bauern zuruck nach Chaumerive; Victor blieb in Paris. Sein Feuergeist fand sich am Rande des Vulkans in seinem Elemente.
In Chaumerive legte nun mein Vater alle Auszeichnungen seines Standes vollig ab. Die Wappen wurden uberall abgenommen, die Livreen abgeschafft. Man richtete sich bequem, aber sehr einfach ein. Mein Vater versammelte die samtlichen Bewohner, nannte sie seine guten Freunde und Nachbarn, erklarte sich ganz fur ihresgleichen und bat sie, ihn nie mehr gnadiger Herr, sondern schlechtweg Burger zu nennen. Die guten Leute erstaunten, doch waren sie schon an einen hohen Grad von Leutseligkeit und Gleichheitssinn bei meinem Vater gewohnt und liebten ihn nun nur um so starker. Sie legten ihm Rechenschaft ab von ihrem Haushalt wahrend seiner Abwesenheit. Sie hatten seine Acker, gleich den ihrigen, bestellt und den Ertrag gewissenhaft bewahrt. Mein Vater bezeigte ihnen seine lebhafte Dankbarkeit, und die guten Menschen glaubten sich ihm verpflichtet. Es knupften sich die schonen Bande der gegenseitigen Liebe und des Vertrauens immer fester und trotzten allen nachfolgenden Sturmen der Zeit. So unruhvoll und blutig auch die folgenden Jahre fur Frankreich gewesen sind, mein friedliches Tal, die Wiege meiner Kindheit, ist, dank der Sinnesart meines guten Vaters! immer so ruhig und glucklich geblieben, als lage es auf einer Insel des Stillen Ozeans.
Der benachbarte Adel nannte ihn anfangs einen Tollhausler und wich ihm aus; spaterhin hielt er ihn fur einen Schlaukopf und suchte oft seine Vermittelung. Erkannt haben ihn nur wenige; man hielt fur Klugheit, was nur Vernunft und Gefuhl war. In dieser schonen Umgebung, an der Hand der Liebe, ging ich meine ersten Schritte, hier wurde mein Geist sich seiner bewusst. Meine Eltern machten zu meiner Erziehung keine kunstlichen Anstalten, man uberliess mich der Natur und dem guten Beispiele. Liebe, die zartlichste, aufopferndste Liebe umgab mich und erzeugte in mir tiefes, reges Gefuhl. Mein Geist bedurfte keines Sporns, er entwickelte sich uberaus fruhzeitig und schaffte sich Nahrung. Ich lernte fast von selbst lesen, in einem Alter, wo andere Kinder kaum einige Worte im Zusammenhange aussprechen. Meine Mutter schaffte mir Puppen an und anderes Spielgerat, ich wusste eben nichts damit anzufangen und warf es bald beiseite, traurig fragend: "Was soll Virginia nun machen?" Meine Mutter begriff diese Eigenheit nicht und verlor oft die Geduld. Mein Vater erhielt, durch einen Zufall, ein altes Werk, welches meine kindische Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war eine Weltgeschichte, durchweg in Kupfern bildlich dargestellt, der Text daneben in veraltetem, doch kraftigem Stil. Ich besah eifrig die wirklich schonen Kupfer und verlangte ihre Erklarung; meine Mutter verstand sich wenig darauf und fertigte mich mit Auslegungen ab, welche sie fur mein Alter passend glaubte, die mir aber nicht genugten. Ich wendete mich an meinen Vater, und dieser erklarte mir die Bilder einfach, aber wahr. Ich hing an seinen Lippen und wollte ihn nimmer wieder lassen; aber der gute Vater musste doch oft abwesend sein, und ich blieb dann mit meinem lieben Buche allein. "Wenn du erst lesen kannst", trostete mich der Vater, "dann kannst du dir die Geschichten selbst erklaren." Das war ein Blitzstrahl, in meine Seele geworfen. Ich ubte mich unermudet, und in kurzem las ich fertig in meiner lieben Geschichte. Nun war meine Beschaftigung gefunden, ich fuhlte keine Leere mehr. Alle Zeit, wo ich nicht im Freien herumsprang oder mit meinen Eltern plauderte, sass ich bei dem Buche. Ich las und las wieder; Begriffe reihten sich an Begriffe, und ich verstand, ich fuhlte, was ich gelesen. Ich kann im eigentlichsten Sinne sagen, ich bin unter den Heroen der Vorwelt herangewachsen. Sie waren meine Vorbilder, dienten mir zum Massstab fur die Ereignisse der Gegenwart. Unter meinen fruhesten Erinnerungen ist mir eine Szene lebhaft gegenwartig geblieben, welche diese meine Heroenbilder erregten. Ich mochte vier Jahr alt sein und mein geliebter, ach uber alles geliebter Emil ein Jahr, als Frankreich von den fremden Armeen hart bedrangt wurde. Victor war an die Grenze geeilt, das Vaterland zu verteidigen, und mochte meinen Vater wohl aufgefordert haben, ein Gleiches zu tun. Wenigstens war ein Brief angekommen, dessen Inhalt auf meinen Vater einen wichtigen Eindruck gemacht zu haben schien. Er war unruhig, teilte Befehle aus, traf mancherlei Anstalten und schien mit einem grossen Vorhaben beschaftigt. Das ganze Haus war in einer angstlichen Bewegung, und niemand wollte und konnte sich um mich bekummern. Ich fluchtete, wie immer in ahnlichen Fallen, zu meinem Buche. Zufallig hatte ich eben das Kupfer aufgeblattert, wo Leonidas den Pass von Termopyla verteidigt, als mein Vater in den Saal trat und hinter mir stehenblieb. "Sie starben fur das Vaterland!" sagte er nach einer kleinen Pause und legte die Hand auf meinen Kopf, "dreihundert Helden wehrten der grossen Persermacht den Eintritt in das heilige Land der Freiheit!" Ich hatte mich umgewendet und schauete nach ihm auf. Zwei grosse schwere Tranen hingen in seinen Augen. "Sie taten nur ihre Pflicht!" sagte er und fuhr mit der Hand uber die Tranen, lachelte mich an und wiederholte: "Sie taten, was sie mussten!" Da kam meine Mutter herein, Emil auf dem Arme. Sie war sehr bleich und hatte geweint. Schweigend zog sie den Gatten zum Sofa, setzte das Kind auf seinen Schoss und sich neben ihn. Sie umschlang ihn, weinte heftig und rief endlich im Ton der Verzweiflung: "Diesen hulflosen Kleinen konntest Du verlassen? mich? mich?" und sank an seine Schulter. Mein Vater umfasste sie mit Zartlichkeit, redete ihr zu, sprach viel von Pflicht und Notwendigkeit. Der Knabe lachelte unbefangen drein und spielte mit des Vaters Locken. Mich mochte die Gruppe an das Bild von Hektors Abschied erinnern, ich schlug es auf und sah ernsthaft bald auf Hektor, bald auf den Vater. Endlich richtete sich meine Mutter wieder auf und blickte mich an. "Virginia!" rief sie, "umarme die Knie deines Vaters! flehe ihn, dass er uns nicht verlasse!" "Die Frau da", antwortete ich in meinem kindischen Sinn und zeigte auf das Bild, "die Frau da weint nicht, dass der Vater seine Pflicht tun muss. Sie halt ihn nicht, Virginia darf ihn auch nicht halten." "Romermadchen!" rief mein Vater und riss mich in seinen Arm. Aber ein verzweiflungsvoller Blick meiner Mutter fiel auf mich, und in demselben Augenblick sank sie leblos zu Boden. Ich sturzte mich mit Geschrei und Tranen uber sie hin. Mein Vater hob sie in seine Arme, sie wurde zu Bett gebracht, und ein heftiges Fieber kundigte sich mit den bedenklichsten Zeichen an. Ihre Krankheit dauerte lange, und sie wurde nur dadurch am Leben erhalten, dass mein Vater ihr das feierliche Versprechen ablegte, sie niemals zu verlassen. Meinem Vater musste es schwer geworden sein, sein Pflichtgefuhl, im Kampf mit der Liebe, zum Schweigen zu bringen. Manche seiner spatern unfreiwilligen Ausserungen deuteten darauf. Doch nahm er sich sehr in acht, meine Mutter das mindeste davon merken zu lassen. Uber Gefuhle dieser Art war ich in der Folge seine einzige Vertraute. In dem Herzen meiner Mutter schien sich, durch diesen Vorfall, eine leise Abneigung gegen mich festgesetzt zu haben. Ich entsinne mich, dass man mich in den ersten Wochen ihrer Krankheit sorgfaltig abhielt, sie zu sehen, und dass ich viel daruber geweint. Auch wahrend ihrer Genesung war sie anfangs nicht so gutig gegen mich als sonst; uberhaupt lenkte sich ihre Zartlichkeit mehr auf meinen Bruder. Ich bemerkte dies wohl, aber ohne Neid; denn ich selbst liebte den holden Emil uber alles. Du hast ihn wenig gekannt, den freundlichen herzigen Knaben. Er war immer heiter, immer voll Scherz und Frohlichkeit, und dabei so bieder und treu. Wie hatte man ihn nicht lieben sollen! Uberdies war er ja ein Knabe und schien mir schon deshalb jedes Vorzugs wert, je hoher mir nach und nach die Wirksamkeit und Tatkraft des Mannes erschien. Ich weinte nur zuweilen im stillen daruber, dass ich ein Madchen war, eins der unbedeutenden Wesen, von welchen die Geschichte so wenig sagt, wahrend die Taten der Manner jedes Blatt fullen. Nur als Opfer werden sie genannt. Iphigenia, Virginia nur Opfer fur grosse Zwecke. So glaubte ich, leidende Geduld sei die notwendige Eigenschaft des Weibes; aber mein leidenschaftliches Gemut stand mit dieser Stimmung im ewigen Widerspruch und storte die Harmonie in meinem Charakter. Mein Vater wurde sehr aufmerksam auf mich und fing an, sich mit Ernst um meine Bildung zu bekummern. Von ihm lernte ich schon fruh Englisch, spaterhin auch etwas Deutsch. Ich las unsere vorzuglichsten Dichter und auch die der Auslander in ihrer Sprache. Mein Gemut war fruh poetisch gestimmt, wozu wohl der provenzalische Himmel vieles beitrug. Doch waren es nicht die leichten Liebeslieder meiner Landsleute, woran ich Geschmack fand, mir stellte sich alles zuerst von der erhabenen Seite dar. Eine Ode uber den Krieg war meine erste, sehr geheimgehaltene Arbeit; soweit ich mich ihrer erinnere, freilich sehr fehlerhaft, doch durchaus ohne Vorbild. Uberhaupt war ich meist sehr ernst und in mich gekehrt, woruber mich die kleinen Madchen, meine Gespielen, oft neckten. Ich schwarmte wohl mit ihnen umher und hatte sie alle von Herzen lieb, aber ich war doch nie so ganz Kind als sie. Es machte mir Freude, Blumen mit ihnen zu pflucken und Kranze zu winden, lieber aber sass ich doch mit meinem Vater abends unter unsern Kastanienbaumen und blickte nach dem zahllosen Sternenheere des dunkelblauen Himmels auf. Da war ich unerschopflich an Fragen, und mein guter Vater antwortete so gern. Er nannte mir die Sternbilder, machte mich aufmerksam auf die Unzahlbarkeit der Sonnensysteme, auf die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit und knupfte daran den Begriff von der uberschwenglichen Grosse und Erhabenheit des Schopfers. Oft uberraschte uns noch die Mitternacht bei diesen Gesprachen, uber welche meine Mutter langst eingeschlafen war. Sie liebte diese Unterhaltungen nicht sehr, sahe auch meine fortschreitende Ausbildung nicht allzu gern.
Ihre Kindheit hatte sie, nach der Sitte der Zeit, in einem Kloster verlebt. Weibliche Arbeiten, etwas Lesen und Schreiben und haufige Religionsubungen waren dort alle zu erlangenden Kenntnisse gewesen. Mit diesen hatte sie ausgereicht und nun in meinem Vater das Gluck ihres Lebens gefunden; daher bildete sie sich ein, alles, was daruber, sei uberflussig, wo nicht gar vom Ubel. Mein Vater liess sich nicht gern mit ihr in Erorterungen uber diesen Punkt ein. Er liebte sie von ganzem Herzen, und sie verdiente es im hohen Grade. Sie war schon und voll Grazie, hatte das beste Herz von der Welt, liebte ihn uber alles, war unermudet fur seine kleinen Bedurfnisse besorgt, eine gute Mutter, eine gute Hausfrau, eine Wohltaterin der Durftigen. Was hatte das Herz eines Mannes noch mehr fordern konnen? Auch fuhlte sich das Herz meines Vaters vollig befriedigt. Doch sein philosophischer Geist empfand nach und nach immer mehr das Bedurfnis eines Wesens, das in seine Ideen eingehen, mit dem er sich uber die Gegenstande unterhalten konnte, die ihm die wichtigsten waren. Er hatte oft versucht, sie dafur auszubilden, aber mit wenig Erfolg.
In mir drang sich ihm ein bildsamer Stoff ganz von selbst auf, und mit schopferischer Liebe legte er Hand an, ohne auf die Menge der Bedenklichkeiten Rucksicht zu nehmen, welche ihn allenfalls davon hatten abmahnen konnen. Emil, drei Jahre junger als ich, wurde bald mein treuer Spielgefahrte; wir waren ein Herz und eine Seele. Mein Vater schien seine Zartlichkeit ganz gleichmassig zwischen uns zu teilen, so wie seine belehrende Sorgfalt. Es war aber sehr naturlich, dass ich einen starken Vorsprung behielt, auch war der Knabe immer mehr in der Sinnenwelt als in der Ideenwelt zu Hause. Es gibt Augenblicke, wo ich ihn deshalb glucklich preise. Aber ach, die Richtung unsrer Seele liegt ausser unsrer Macht, geschieht schon, ehe wir uns dieser bewusst werden, und ist fast angeboren.
Wir trieben uns fleissig in der umliegenden Gegend umher und spielten manches verwegene Spiel; ich im romantischen Sinne ritterlicher Vorzeit, er nach wilder Knabenart. So schaukelten wir uns oft in einem Fischernachen auf der wilden Durance und arbeiteten uns mit Stangen langs den Uferkrummungen hin; Emil, um seine Krafte zu messen mit der Gewalt des Stromes oder um ein Entennest aufzusuchen, im Schilfe; ich, weil ich in Gedanken Kolumbus begleitete, eine neue Welt zu entdecken und in einer unbekannten Bucht zu landen. Mein Vater kaufte nach einigen Jahren die Landereien eines benachbarten Klosters, nachdem dieses langst aufgehoben und feilgeboten war. Der Grossvater in Aix war gestorben, und ein Teil des Vermogens meiner Mutter konnte nicht vorteilhafter genutzt werden. Diese fuhlte wohl anfangs einige Gewissensskrupel daruber, doch wusste sie der Weltgeistliche unsres Kirchsprengels, ein konstitutioneller Priester, zu heben.
Uberdies bildete sich bei meiner Mutter der Sinn fur Erwerb und Besitz mit den Jahren immer mehr aus. Sie wurde eine ausserst emsige Wirtin und ging in die geringsten Kleinigkeiten ein. Mein Vater liess sie gewahren; sein Gluck ruhete nur auf das Ganze. Ihm war nicht darum zu tun, was er personlich gewann, sondern wieviel allgemeiner Wohlstand, durch diese oder jene Anlage, verbreitet werden konnte. Fur diese seine hoheren Zwecke aber war er rastlos tatig, und sein vergrosserter Wirkungskreis liess ihm bald nur wenig Zeit zum Unterricht fur uns ubrig; daher er sich, wiewohl ungern, entschloss, von seinem lieben Emil sich zu trennen. Er brachte ihn nach Aix zu einem seiner altesten Schulfreunde, welcher dort Professor am Lyzeum war. Meine Mutter war mit dieser Trennung sehr ubel zufrieden; es beruhigte sie nur wenig, dass ihr Liebling sich in den Handen eines der rechtschaffensten, edelsten Manner seiner Zeit befand und sich in dessen Familie bald so einheimisch als in unserm Hause fuhlte. Mir selbst kostete dieser Abschied unzahlige Tranen, doch richtete ich mich an dem Gedanken auf, dass es zum Besten meines Bruders sei, ja ich beneidete ihn um sein Los. Er sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen und konnte einst die Werke der Alten in der Ursprache lesen, mein hochster Wunsch. Fur Emil war diese Aussicht nicht so reizend. Er hatte kein gutes Wortgedachtnis, und das Erlernen fremder Sprachen wurde ihm sehr schwer; dagegen rechnete er mit Leichtigkeit und machte Fortschritte in der Mathematik. Mit diesem geliebten Bruder schien der Genius der Freude aus unserem Hause gewichen. Meine Mutter vergrub sich, um ihrem Schmerze zu entfliehen, nur tiefer in Geschafte. Sie fing an, sehr missfallig zu bemerken, dass mir ein ihr gleicher Sinn fur das kleine hausliche Tun und Treiben fehle. Sie wollte mich durch Verweise dazu antreiben, es mangelte ihr aber Geduld, auch ward sie, bei ihrer raschen Tatigkeit, behindert, mich durch allmahliche Gewohnung dazu tuchtig zu machen. Es fehlte mir nicht an gutem Willen, aber ich wusste es durchaus nicht anzustellen, und ein harter Vorwurf bei einer kleinen Unbeholfenheit scheuchte mich auf langere Zeit von den Geschaften. Ich fluchtete mich in einen einsamen Winkel, zu meinen Buchern. Sie schalt dann zwar heftig auf das Lesen; doch mochte sie es mir nicht ganz verbieten, weil mein Vater es in Schutz nahm und ihren unwilligen Ausserungen immer eine ruhige Freundlichkeit entgegensetzte. "Klarchen, liebes Klarchen", pflegte er zu sagen, "wolltest du denn, dass alle Baume deines Gartens nur einerlei Art waren? Der Apfelbaum ist nutzlich, aber auch die Granate in ihrer Blute die Zierde des Gartens. Lass doch Virginien gewahren; willst du gewaltsam in ihre Eigentumlichkeit eingreifen, so zerstorst du ihre innere Harmonie." Er versuchte nun seinerseits, mich in Tatigkeit zu setzen, und mit weit besserem Erfolg. Er hatte grosse Maulbeerpflanzungen angelegt und richtete einen Teil der Klostergebaude fur den Seidenbau ein. Alle Kinder der Landleute auf seinen Besitzungen wurden aufgeboten zur Wartung und Pflege der Seidenraupen. Die Arbeit war leicht, und auch die Kleinsten konnten Blatter sammeln und den Wurmern vorlegen. Kraftlose Greise und Mutterchen, welchen der Feldbau zu schwer war, halfen dabei. Der sehr ansehnliche Ertrag wurde gleichmassig verteilt und erhohete den Wohlstand der ganzen Gegend. Ich fuhrte, unter Anleitung des Vaters, die Oberaufsicht, und ganz zu seiner Zufriedenheit. Mit der Morgensonne war ich auf, und immer aufmerksam auf den Gang der Geschafte, behende und geschickt in allen Handgriffen. Beim Abhaspeln der Seide war ich die fertigste und sorgsamste Arbeiterin. Mit gleichem Erfolge stellte er mich bei der Weinlese an, wo ich dafur sorgte, dass die Beeren, behutsam und eigen, von der Traube gekammt wurden, welches unserem Wein einen grossen Vorzug vor allen Weinen der Provinz gab. Bei allen solchen Geschaften, welche nur tage oder wochenlang dauerten und in grosser Gemeinschaft betrieben wurden, war ich unermudet tatig und in hohem Grade vergnugt und frohlich. Wir sangen Romanzen und Rundgesange, erzahlten Marchen und Novellen, immer brachte ich neue mit, und jung und alt liebte mich herzlich. Aber wenn ich wieder zurucktrat in den alltaglichen Gang des hauslichen Lebens, da fuhlte ich meine Tatigkeit plotzlich gelahmt. Die kleinen, immer wiederkommenden Sorgen des Haushalts vermochten nicht, meine Seele zu fullen, und mein Geist kehrte heisshungrig in die Ideenwelt zuruck.
Nicht die Geschichte der vergangenen Zeiten allein war es jetzt, was mich beschaftigte, ich nahm an den Begebenheiten unserer Tage den lebhaftesten Anteil. Von meiner fruhesten Kindheit an hatte ich mich gewohnt, alles nach den Mustern der Alten zu beurteilen, und so mussten meine Ansichten ganz verschieden sein von den Ansichten derer, welche von einem andern Standpunkt auf die Dinge sahen. Mein Vater schien in demselben Falle gewesen zu sein. Als des gutmutigen Ludwig Haupt unter der Guillotine fiel, sah ich ihn tief betrubt. "Es ist traurig", sagte er, "dass es bis dahin kommen musste!" O hatte der edle Konig sich doch gleich anfangs losmachen konnen von den anerzogenen Begriffen, sich mit Aufrichtigkeit der Sache des Volks angeschlossen es ware um vieles anders und besser geworden. Aber es war fast in seiner Lage unmoglich, der Einfluss seiner Umgebungen war zu machtig, die Ranke der Ausgewanderten und ihrer Verbundeten waren zu eingreifend, es konnte fast nicht anders enden. Er fiel als ein grosses Opfer der Freiheit, ein reines schuldloses Opfer! Moge es die unterirdischen Gotter versohnen! Die Nachwelt nennt ihn mit Recht einen Heiligen.
Die Schreckenszeit erfullte meinen Vater mit Grausen. Sie war aber durch die hohe Erbitterung der verbundeten Machte fast unvermeidlich herbeigefuhrt worden. Die Integritat der jungen Republik schien fast nicht anders zu retten als, wenn es sein musste, mit Aufopferung eines grossen Teils der gegenwartigen Generation. Die Umstande trafen schrecklich zusammen, und die Menschlichkeit musste der Vaterlandsliebe weichen. Daneben kam so oft die Erhaltung der einzelnen mit der Erhaltung der Nation in Streit, und dieser wird fast niemals ohne Blut geschlichtet.
Meines Vaters sanftes, menschliches Herz litt schmerzlich wahrend dieser Zeit, und er dankte dem Himmel fur den Entschluss, sich schon fruh in die landliche Stille gefluchtet zu haben; doch tadelte er auch die harteren Naturen nicht, welche es versuchten, das mast- und steuerlose Schiff des Vaterlandes durch die schaumende Brandung zu fuhren. Er gedachte oft der beiden Brutus, von welchen der eine seine Sohne hinrichten liess, weil sie einer Verbindung mit dem verbannten Tarquinius sich schuldig gemacht, der andre den Dolch in den Busen seines Freundes, vielleicht seines Vaters, stiess, als dieser die Republik vernichten zu wollen strebte. Das Schicksal der Girondisten erregte seine Teilnahme im hochsten Grade. Meist waren alle seine Freunde, edle Manner, voll redlichen Eifers fur das Beste des Vaterlandes und voll Einsicht, es fehlte ihnen aber die Festigkeit ihrer Gegner, und sie mussten unterliegen, in einem Zeitpunkte, wo Frankreich der Kraftfulle vorzuglich bedurfte. Hatten sie sich dem Vaterlande, durch kluges Zuruckziehen bis zum Friedensschluss, erhalten, sie wurden es begluckt haben. Mich ergriff besonders das Schicksal der Burgerin Roland. Oft habe ich in spatern Jahren geweint, wenn ich den ewig unvergesslichen, einer Romerin wurdigen Brief las, welchen sie aus dem Gefangnisse geschrieben. Selbst Charlotte Corday, meine gefeierte Heldin, ubertraf dieses grosse Weib an Charakterstarke nicht.
Als Robespierre gesturzt wurde, atmete Frankreich freier. "Die Menschheit muss sich seines Todes freuen", sagte mein Vater, "sie wird ihm fluchen, er war ein Tyrann; und doch glaubte er es zu ihrem Besten zu sein. Er war kein Heuchler, nur ein tugendhafter Schwarmer, doch seine Tugend war hart und rauh." Waren gleich, nach der Katastrophe vom 9. Thermidor, die Elemente bei weitem noch nicht beruhigt, so hatten doch die furchterlichsten Ausbruche des Vulkans nachgelassen, und vertrauter mit ihnen geworden, achtete man der nachfolgenden, immer schwacheren Erschutterungen wenig. Jedes Auge fast wendete sich dem Kriegsschauplatze zu, wo der Ruhm uber den franzosischen Fahnen schwebte. Der alte kriegerische Geist meines Volkes erwachte in neuer Starke, Galliens Ritterzeiten kehrten wieder. Auch in unsrem friedlichen Tale wurde meistenteils nur vom Kriege geredet. Unsere Knaben warfen Ball und Kreisel beiseite und spielten Kriegsspiele, unsre Madchen sangen den Marseiller Hymnus. Mein Vater las ofter als sonst die Zeitungen in Gesellschaft seines Freundes, unsers trefflichen Pfarrers, und ihre begeisterten Gesprache dauerten bis spat in die Nacht hinein; ich wurde nicht mude, ihnen zuzuhoren. Selbst eine fleissige Zeitungsleserin geworden, stand ich oft schon mit der Sonne auf, um dem Postboten des nachsten Fleckens entgegenzugehn, die Blatter schnell zu durchlaufen und dem Vater schon beim Erwachen eine frohe Siegesnachricht zurufen zu konnen. Von allen diesen fruheren Begebenheiten machte der Ubergang uber die Bocchetta den starksten Eindruck auf mich. Hannibal hatte, zur Verwunderung der Romer, diese unwegsame Strasse betreten, kein Heerfuhrer nach ihm es gewagt. Nun war Buonaparte der zweite kuhne Sterbliche, welcher sich hier Bahn brach. Dieses einzige, damals so angestaunte Unternehmen stellte mit einem Schlag den jugendlichen Helden in Riesengrosse vor meine Phantasie. Alle Heroen der Vorwelt, bei deren Taten mein junges Herz gepocht, traten jetzt, in ein einziges Bild verschmolzen, ins Leben, in die Wirklichkeit heraus. Meine Einbildungskraft schmuckte dieses herrliche Bild mit allen Reizen mannlicher Schonheit und stellte es als Idol auf den Altar meines Herzens.
Du wirst lachen, Adele, aber bedenke, dass ich in der Provence geboren bin, wo man fruher und heisser empfindet als in Deinem kalten England, bedenke, dass Gesange der Troubadours meine Wiegenlieder waren und dass ich in der Ideenwelt, unter Heroenbildern aufwuchs. Die Vergotterung meines Helden schallte mir aus jedem Munde entgegen; mein Vater und der Pfarrer waren von Bewunderung fur ihn durchdrungen, und dies steigerte meine Neigung bis zur Schwarmerei. Ich weiss, Adele, nach Deiner leichten Sinnesart spottest Du uber diese abenteuerliche Liebe, aber ich errote nicht. Ich ergotze mich noch in diesem Augenblick an den verblichenen Farben jener Gefuhle und wurde die ganze Wirklichkeit meines jetzigen Lebens um die Traume meiner Kindheit geben. Ich schame mich selbst nicht, Dir mein kindisches Opfer zu erzahlen, dessen Grund ich damals, sowie uberhaupt meine Neigung, tief verhehlte. Als mein Held nach Agypten ging, erbebte ich; noch mehr, als unsre Flotte geschlagen und ihm der Ruckweg abgeschnitten schien. Da schlich ich mich eines Abends in die entlegene Waldkapelle und kniete vor dem Altar der Heiligen Jungfrau nieder. Es dammerte schaurig um mich her, die efeuumrankten, buntgemalten Fensterscheiben liessen nur sparlich das Licht der untergehenden Sonne ein. Mitten im Gebet schnitt ich meine langen, schonen Locken ab, legte sie auf den Altar und sprach laut das Gelubde aus, mein Haar nicht eher wieder wachsen zu lassen, es nicht eher wieder mit Blumen zu schmucken, bis er zuruckgekehrt sei, den ich dem Schutz der Gebenedeiten und allen Heiligen empfahl. Indem ich mich aufrichtete, brach ein Strahl der scheidenden Sonne durch ein Fenster hinter mir und rotete das Angesicht der Jungfrau, welche mir zu lacheln schien. Voll freudiger Hoffnung ging ich nach Hause, wo mich alle mit Erstaunen empfingen. Hocherrotend gestand ich, mein Haar auf dem Altar der Jungfrau geopfert zu haben, und gab stockend als Grund an, einmal gelesen zu haben, dass die griechischen Madchen, beim Austritt aus der Kindheit, eine Locke den Grazien zu opfern pflegten. Meine Mutter schalt sehr heftig und konnte sich gar nicht zufriedengeben. Mein Vater schien den Sinn meines Opfers zum Teil zu ahnden. Er legte lachelnd die Hand auf meinen Scheitel. "Kleine Schwarmerin", sagte er, "vielleicht dachtest du auch an jene Weiber, welche ihr Haar zu Bogensehnen hergaben, als Opfer fur das Vaterland!" Ergluhend kusste ich seine Hand. "Beruhige dich", fuhr er fort, "die Gelubde der Unschuld sind gewiss der Gottheit angenehm."
Um gleich in der Reihefolge dieser Neigung zu bleiben, will ich hier erzahlen, was sich erst zwei Jahre spater begab. Ich hatte mein zwolftes Jahr angetreten, unser Emil war seit einigen Wochen von uns geschieden, um, wie ich schon fruher gesagt, in Aix erzogen zu werden. Buonaparte war aus Agypten zuruckgekehrt, er hatte das von Faktionen zerrissene Vaterland gerettet, die Flamme des greulichen Burgerkrieges geloscht und mit kraftiger Hand das Steuerruder des Staates gefasst. Auf ihn grundeten alle Parteien ihre Hoffnungen. Die Gemassigten hofften feste Ordnung und Gesetzlichkeit und tauschten sich nicht; die Republikaner Freiheit man liess ihnen soviel davon in Form und Wesen, als sich nur mit der Grosse des Reichs und dem Grade seiner moralischen Bildung vertrug; die Ausgewanderten Wiederherstellung der alten Zeit und der Bourbons sie mussten sich betriegen; die Aristokraten, die Ehrgeizigen Glanz und Wurde sie haben davon mehr durchgesetzt, als gut war. Der Erste Konsul wurde von ganz Frankreich vergottert. Der kuhne Held ging wieder uber den Simplon, auf unwegsamen Pfaden, sein treues, begeistertes Heer trug das Geschutz auf den Schultern hinuber. Der Sieg bei Marengo wurde erfochten, und die Volker Italiens wurden frei. Jedes Gemut, welches sich von dem klassischen Boden angezogen fuhlte, war leidenschaftlich bewegt; man hoffte, die Nachkommen der Griechen und Romer wurden aus ihrem langen Schlaf erwachen.
Wir hatten die fruhe Weinlese begonnen, als der Sieger bei Marengo von seinem Zuge zuruckkehrte. Er hatte aus Laune, vielleicht auch, um diesen Landstrich naher kennenzulernen, die gerade Strasse verlassen, gedachte bei Avignon uber die Rhone und durch Languedoc erst nach Paris zu gehn. Ein Zufall fuhrte ihn nach Chaumerive. Mein Vater beeilte sich, dem Ersten Konsul seinen Gluckwunsch zu bringen. Er hatte diesen, als Jungling, in den ersten Monden der Revolution kennengelernt und Gelegenheit gehabt, ihm einen Dienst zu erweisen. Buonaparte erinnerte sich dessen sogleich, als er meinen Vater erblickte, und zeigte sich demselben ausserst verbindlich und liebenswurdig. Er unterrichtete sich uber seine ganze Lage und naheren Verhaltnisse und pries ihn glucklich in seinem unbekannten, ruhigen Leben. "Mir wird es so gut nie werden!" setzte er mit einem tieferen Atemzuge hinzu, "ich bin an Ixions Rad gebunden."
Indem kam ich von den Weinbergen daher. Ich hatte die schonsten Trauben und Pfirsichen, welche meine Mutter so sehr liebte, in ein Korbchen gesammelt und fur diese mitgebracht. Im Vorbeigehn an einem Lorbeergebusch hatte ich einige der schonsten Zweige gepfluckt, sie spielend zu einem vollen Kranze gewunden und uber die Fruchte gelegt. "Virginia!" rief mein Vater mir entgegen, "dein Lieblingswunsch ist erhort. Du siehst hier den grossten Helden des Jahrhunderts vor dir." Wie vom Blitze geruhrt, blieb ich stehen. Er war es, Er! der Gedanke meiner einsamen Stunden, der Traum meiner Nachte. Wie ahnlich meinem Bilde und wie unahnlich zugleich? Du hast sein Gemalde von David gesehen, es gleicht; nur freundlicher war sein Mund, sein Lacheln bezaubernd. Ebenso liebenswurdig hatte meine Phantasie ihn gemalt, nur grosser die Verhaltnisse. Aber was sie ihm nicht zu geben vermocht, war die Hoheit seines Auges, dieser Herrscherblick, welcher mich im Nu so tief und klein vor ihn stellte, dass ich die Augen nicht zu erheben wagte. Ich, die geborene Republikanerin und stolz auf Freiheit, Gleichheit und Menschenwert, kniete vor ihm nieder, ohne zu wissen, was ich tat, und legte das Korbchen mit dem Kranze zu seinen Fussen. Er hob mich mit einiger Verlegenheit auf, kusste mich auf die Stirn, nahm den Korb und dankte in abgerissenen Worten fur die feine Uberraschung. "Virginia stellte in dem Augenblicke das dankbare Vaterland dar", sagte mein Vater. "Ich bin dem Vaterlande viel grossere Dankbarkeit schuldig", erwiderte der Held, indem eine freundliche Neigung gegen mich den Worten Doppelsinn gab. "Wollte der Himmel", setzte er hinzu und nahm eine Traube, "dass meine Lorbeern fur dasselbe immer von so sussen Fruchten begleitet sein mochten!" Bald darauf reiste er ab, indem er meine Gabe eigenhandig zum Wagen trug, aus welchem er mich noch mehrere Male, mit Hand und Blick, grusste. Ich blieb in einer sehr veranderten Stimmung zuruck. Meine Phantasie schwieg, aber ich fuhlte mich von einer Ergebenheit durchdrungen, welche ich, bei meiner freien Erziehung, selbst nicht fur meinen Vater empfunden. Dieser war mit der Szene nicht so ganz zufrieden. "Die Uberreichung des Lorbeers und der Fruchte war ganz hubsch", sagte er, "ich hatte sie aber stehend dargebracht." "Ich konnte nicht anders", erwiderte ich, "eine hohere Macht warf mich nieder, wie vor dem Beherrscher des Erdkreises."
Der Nachklang jenes Gefuhls hat immerfort in meiner Seele leise getont, als dieser kleine Vorfall in meinem Kreise langst vergessen war und ich selbst seiner kaum mehr gedachte. Uberhaupt ist vorherrschende Eigenschaft meines Gemuts, dass es einmal empfangene Eindrucke mit fast starrer Treue bewahrt. Ich kann durchaus nicht wechseln mit Neigung und Abneigung, vielleicht mit daher, weil meine Neigung so ganz frei von aller Selbstsucht entsteht. Die Welt liebt und hasst nur nach eigenem Vorteil; sie vergottert, was ihr zu frommen scheint, verdammt, was ihr schadlich zu werden droht; und scheint sie auch einmal fur eine Idee zu handeln, gewiss liegen hinter dieser Idee Wohlleben, Glanz und Putz als Grundursachen derselben tief versteckt. Ruhe, Wohlstand und Ordnung wurden immer mehr in Frankreich hergestellt und gesichert. Das Volk fuhlte sich geehrt und glucklich; es wunschte sich den Schutzgott seines Glucks auf immer zu erhalten und kam den Wunschen Napoleons entgegen, welcher endlich den Kaisertitel annahm und sich mit allem Glanze des Thrones umgab, wodurch er sich vielleicht einen sicherern, Ehrfurcht gebietenden Standpunkt gegen das Ausland und seine Ranke zu geben glaubte. Gewiss hatte desselben rastlose Einwirkung den grossten Anteil an dieser Katastrophe. Die Ausgewanderten und ihre Verbundeten sahen sich in ihren Erwartungen getauscht und schnaubten Rache. England furchtete fur seine Alleinherrschaft uber die Meere, wenn Frankreich, unter der Regierung eines kraftigen Geistes, die Hulfsquellen benutzen lernte, welche die Natur ihm verliehen; und folglich wendete es seinen ganzen Einfluss auf dem festen Lande dazu an, den gefahrlichen Nebenbuhler niederzudrucken. Der Kontinent ist nur zu willig gewesen, in seine Absichten einzugehen, und wahrscheinlich wird erst nach einem halben Jahrhundert einleuchten, welche Fehlgriffe man getan.
Mein Vater war uber diese neuen Ereignisse betroffen und verstimmt. Er hatte sich fur die Idee eines Ersten Konsuls den grossen Washington zum Muster genommen. Der Pfarrer redete ihm auf vielfache Weise zu; er machte ihn aufmerksam auf die grosse Verschiedenheit in der Lage der beiden Reiche. "Dort bildete sich erst ein Staat", sprach er, "hier war einer zerstort. Amerika war menschenarm, die Geisteskultur dort noch nicht sehr ausgebreitet, und die Sitten waren einfach. Welch ein Unterschied in Frankreich, wo Ubervolkerung, Uberbildung und Luxus die hochste Reibung hervorbringen mussten. Amerika war durch Meere gesichert, Frankreich rings von scheelsuchtigen, schlagfertigen Nachbarn umgeben, es bedurfte eines Heldenarmes zu seiner Aufrechthaltung. Aber dieser Fuhrer durfte nicht dem Wechsel unterworfen bleiben, wenn die innere Ruhe nicht gefahrdet werden sollte; er musste mit Glanz umgeben werden, weil leider Eitelkeit die Schosssunde meines Volkes ist."
Soweit der Pfarrer. Er ehrte vorzuglich Napoleon, weil dieser die Religion schutzte und aufrechthielt; auch meine Mutter nahm deshalb lebhaft seine Partei. Mein Vater ehrte die Religion und das hochste Wesen mit der grossten Innigkeit; er behauptete aber, jene bedurfe keines besonderen Schutzes, der herrschende Kultus sei nur das Kleid, nicht das Wesen der Religion. Ich schwieg zu allen diesen Verhandlungen, aber meine Uberzeugung war auf seiten des Pfarrers. Damals hatte ich die Geschichte Caesars und seines Zeitalters fleissiger als je studiert. Ich konnte zwar dem Brutus meine Achtung nicht versagen, es leuchtete mir aber ein, dass er von dem neidischen Cassius und seinen Mitverschworenen irregeleitet worden und dass er uber seine grubelnde Philosophie das Studium seines Volkes und seiner Zeit versaumt habe. Eines Caesars bedurfte Rom; es mordete ihn und fiel in die Hande eines listigen Octavius.
Soviel man aber auch stritt, ob Napoleon hatte die Krone annehmen sollen, so horte ich doch nie einen Zweifel gegen die Rechtmassigkeit des Besitzes. Der Thron war durch den Gesamtwillen des Volkes schon seit fast zehn Jahren erledigt, und der jetzige Inhaber hatte ihn, nachdem er das Reich vom Untergange gerettet, mit Zustimmung der Mehrzahl bestiegen. Wenige Dynastien werden ihren Ursprung aus einer besseren Quelle herleiten konnen. Dass der Thron noch Pratendenten hatte, konnte dem Volke kein Hindernis scheinen, da es die Anspruche dieser nicht anerkannte; ja selbst das Ausland konnte nicht ohne Heuchelei diesen Grund als Ursache seiner Abneigung angeben; denn die Geschichte erhalt noch in sehr frischem Andenken, dass die Moralitat von Europa sich gar nicht beleidigt fand durch die harte Zuruckweisung und Zurucksetzung der englischen Pratendenten. Dass Napoleon aus keiner furstlichen Familie herstammte, konnte der Mehrzahl des Volkes kein Argernis sein. Der Freiheitsgeist unterwirft sich lieber dem Genie als der Geburt; nur Neid und Ehrgeiz fragten ganz insgeheim: "Warum nicht ich?" Die Furstenhofe freilich hatten, von ihrem Standpunkte aus, eine andre Ansicht. Ihren Dienern und Anhangern ist Moses' Schopfungsgeschichte bloss deshalb eine Fabel, weil, nach seiner Erzahlung, nur ein Menschenpaar geschaffen wurde. Gern mochten sie den Mythos der Schopfung dahin ausbilden, dass Gott Fursten, Adel, Priester, Burger und Bauern, jedes als ein eigenes Geschlecht, geschaffen, wie Wolfe, Fuchse, Hasen und Schafe. Mir hat immer so geschienen, als habe diese Ansicht das Ungluck der Welt gemacht. Wirkungen und Ruckwirkungen sind einander so unaufhaltsam gefolgt und begegnet, dass die Mitwelt schwerlich ohne Parteilichkeit daruber ein Endurteil sprechen kann.
Meinem Vater schienen sich nach und nach dieselben Bemerkungen aufzudrangen. Er hatte den Frieden von Amiens benutzt, um personlich beim Ersten Konsul Eure Ruckkehr auszuwirken, ein Beweis, wie sehr er den machtigen Mann ehrte, keinen andern hatte er darum gebeten. Ihr wurdet von der Liste der Ausgewanderten gestrichen.
Deine gute Mutter benutzte die erteilte Erlaubnis, um ihrer geschwachten Gesundheit willen und um ihren geliebten Bruder wiederzusehn, mit vieler Freude; Dein Vater gab seine Einwilligung, wahrscheinlich aus okonomischen und politischen Rucksichten, und so kamst Du, meine geliebte Adele, mit Deiner Mutter zu uns. Welch ein Fest gab das in unserem Hause! ein neues Leben ging fur uns alle auf. Ich war damals vierzehn, Du noch nicht viel uber acht Jahr alt, aber wie innig schlossen wir uns aneinander! Es war nicht der Begriff der Blutsverwandtschaft allein, was mich so an Dich kettete, ob wir uns gleich beide langst im stillen eine Schwester gewunscht und diese nun ineinander fanden. Meine Eigentumlichkeit trug vieles zu unserem zartlichen Verhaltnisse bei. Es war eine Eigenheit an mir, dass die Gesellschaft der Madchen meines Alters mir selten zusagte; viel lieber horte ich den Gesprachen ernsthafter Manner zu oder spielte mit den kleineren Madchen, welche sich durch diesen Vorzug sehr geschmeichelt fuhlten und mit anbetender Liebe an mir hingen. Alle Kinder in unsern Dorfern versammelten sich liebkosend um mich her, wo ich mich blicken liess, und ich wurde ihres frohen Getummels niemals mude, nie mude, ihre kindischen Fragen zu beantworten. Mit liebender Sorgfalt nahm ich mich ihrer an, belehrte sie, schmuckte sie und wusste ihnen hunderterlei kleine Freuden zu bereiten. Kurz, nachst der Ideenwelt zog mich die Kinderwelt am meisten an.
Nun erschienst Du, das schonste Kind, welches ich jemals gesehen. Dein blaues Auge, Deine goldenen Locken und die zarte weisse Gesichtsfarbe unterschied Dich von allen unsern provenzalischen Madchen. Der kalte, englische Ernst hatte in Dir die franzosische Lebhaftigkeit zur sanftesten, einnehmendsten Heiterkeit gemassigt. Uns allen kamst Du vor wie ein Engel auf einem Gemalde. Deinerseits fandest Du wieder die hochste Freude an unserm sudlichen Leben, Dir war, wie den Kindern sein mag, welche man lange gewikkelt und denen man nun auf einmal ihre Bande lost. Dir schienen, wie Deine Mutter sich ausdruckte, Flugel gewachsen zu sein. Hattest Du doch immer bei uns bleiben konnen! Aber so waren es nur drei kurze Jahre, welche wir vereint blieben, unzertrennlich diese ganze Zeit uber. Deine Mutter ging nach Paris und knupfte dort, nach dem Willen Deines Vaters, viele ihrer alten Bekanntschaften wieder an; Du bliebst unterdessen in unserm Hause, wo Du ganz als zweite Tochter behandelt und geliebt wurdest. Du hast es kennengelernt, unser gluckliches Haus; Dir brauche ich es nicht zu wiederholen, wie Liebe und Zufriedenheit darin herrschten. Du kennst des Vaters freundlichen Ernst, seine belehrenden Gesprache, seine launigen Scherze, wenn er die oft zu geschaftige Mutter mit Gutmutigkeit neckte. Du weisst, wie sorgsam die treue Mutter war, wie sie Dich liebgewann und manche kleine Vernachlassigung nachsahe, wenn ich sie um Deinetwillen beging. Du hast den herrlichen Emil gesehen, wenn er wahrend der Ferien uns zu besuchen kam. Du weisst, mit welcher grenzenlosen Freude er empfangen wurde, nachdem er schon mondenlang vorher den Tag, fast die Stunde seiner Ankunft bestimmt hatte. Du weisst, mit welchem Jubel die Dienstleute, Einwohner und die Kinder des Dorfes herbeieilten, um den Allgeliebten zuerst zu begrussen. Wie war er da unaufhorlich bemuht, uns Vergnugen zu bereiten, unsre Spiele und Tanze zu beleben, unsre Gesange mit seinem ruhrenden Flotenspiel zu begleiten. Er war die Seele unsres jugendlichen Kreises. Du wurdest bald das Ideal seines jungen Herzens, und Dein Bild hat ihn bis zum letzten Schritte begleitet. Oh, dass das Herrliche und Schone so schnell verganglich ist! wahrend das Gemeine und Schlechte alle Sturme uberdauert. Treffliche Menschen sind gleich zarten Blumen, sie konnen dem gluhenden Strahle des Mittags und dem eisigen Hauche des Nordens nicht widerstehen. Das Unkraut wuchert fort. Welch ein Unkraut muss Deine Virginia sein, dass sie den Verlust all ihrer Lieben uberleben konnte? Sie steht da wie die einsame Distel auf Schottlands oder Heide, welche der verlassene Sanger der Vorzeit so ruhrend in der Nacht seiner Schwermut besingt. Ich kann uber jenen Zeitraum sehr kurz hinwegeilen, Du hast damals alles gemeinschaftlich mit mir erlebt, auch war es in bezug auf uns nicht viel Merkwurdiges. Unsre Tage flossen gleichformig und frohlich dahin; unsre Herzen schlugen ruhig, ungeachtet Du anfingst, in das jungfrauliche Alter hinuberzugehn, welches ich schon angetreten hatte. Dank sei meinem Vater, dessen Sorgfalt unserm Geiste immer einen erhabenen Vorwurf zu geben wusste, so wie er unseren Vergnugungen die Kindlichkeit zu erhalten verstand. Deine Mutter kehrte nach einiger Zeit zu uns zuruck, sie hatte weder Neigung noch Geschick, fur die Plane Deines Vaters zu wirken. Sie war in Paris auf das beste empfangen, man gedachte allgemein ihrer Auswanderung nicht, weil der Kaiser, aus wohlwollender Rucksicht fur meinen Vater, es so zu wollen schien. Die ehemalige Herzogin von Rochefoucauld, eine ihrer Jugendfreundinnen, stellte sie der neuen Kaiserin vor, und die gutige Josephine nahm sie mit all der Liebenswurdigkeit auf, welche in ihrem schonen Gemute lag. Sie war im Herzen tief geruhrt von der erfahrnen zarten Behandlung und ausserte dies in ihren Erzahlungen so mannigfaltig. Gegen Deinen Vater hat sie dies aber in ihren Briefen nicht gewagt. Sie suchte ihn nach ihrer Art dadurch zu besanftigen, dass sie in seine Vorstellungsart einging, wohl wissend, wie sehr es ihn aufbringen wurde, dass sie seine Zwecke meist verfehlt. Seine Antwort, welche erst spat und, wegen des wieder ausgebrochenen Krieges, auf Umwegen zu uns gelangte, atmete Zorn und Missmut. Er befahl Deiner Mutter, unverzuglich mit Dir zuruckzukehren. Gern hatte die gehorsame Gattin Folge geleistet, aber alle Verbindung mit England war auf das strengste gehemmt; selbst Briefe dahin zu befordern war mit grosser Schwierigkeit verknupft. So verzogerte sich, zu unsrer Freude, diese gefurchtete, so oft angesetzte und ebensooft vereitelte Abreise bis zum Jahre 1806, wo man endlich wagte, den Ruckweg durch Deutschland, uber Hamburg, anzutreten. Schmerzhafte Trennung von allen Seiten! Wir zerflossen in Tranen. Meine lebhafte Mutter schalt mitten in ihren Tranen auf den Krieg, schmahete den Konig von England, die Ausgewanderten, die Revolution, ja selbst den Kaiser. Sie warf alles durcheinander und suchte bei jedem Leiden immer eine nachste Ursache, an welcher sie sich ihres heftigen Gefuhls entladen konnte. Mein Vater und Deine Mutter hielten sich lange sprachlos umarmt; sie fuhlten, es war die letzte Umarmung fur dieses Leben. Ungeachtet eine Ahndung dieser Art, in ihrer Lage, recht sehr naturlich war, so konnte doch damals wohl niemand glauben, auf welche unwahrscheinliche Weise sie in Erfullung gehen sollte.
Eure Abreise liess lange eine unausfullbare Lucke in unserm hauslichen Dasein zuruck. Vorzuglich litt meine sonst so starke Fassung einen gewaltigen Stoss. Dein Brief, welchen Du mir von Hamburg aus schicktest, war das erste freudige Ereignis, welchem mein Herz entgegenschlug; und doch war dieser Brief selbst so traurig, dass er mir tausend Tranen entlockte. Du fuhltest die Trennung so sehr als ich; Du hattest Dich in dem frohlichen Frankreich schon ganzlich eingeburgert; England und Deine fruheren Verbindungen waren Dir so fremd geworden, ja es hatte sich sogar eine gewisse Abneigung gegen jenes Inselland in Dir festgesetzt, seit Du in unserm Hause taglich uber seinen unredlichen, engherzigen Kaufmannsgeist reden gehort. Daneben schildertest Du mir mit den dunkelsten Farben eines trauernden Gemutes die Szenen des Elends, welche Dir auf Deiner Reise als Folge des Krieges bemerkbar geworden; auch hier litt meine Seele mit Dir. Wehe dem Volke, uber dessen Fluren die blutige Eris hinschwebt! Der Soldat kann der Halmen nicht schonen, uber welche sein rastloser Fuss hineilt. Die Selbsterhaltung, dieses erste Gesetz in der organischen Natur, zwingt ihn in den Naturzustand zuruck, wo die Guter gemein sind und die Starke zuerst Besitz ergreift. Hier kann von keiner Moralitat die Rede sein. Die Ursache der Kriege kann allein vom Moralisten beurteilt werden; gewohnlich aber ist sie so verwickelt, dass nicht leicht ein bundiges Urteil gesprochen werden kann. Vorzuglich ist dies mit Frankreichs Kriegen, seit dem Ausbruch der Revolution, der Fall. Frankreich hatte nichts Feindseliges gegen seine Nachbarn im Sinn, es brach nur das Joch, dessen Last ihm je langer, desto unertraglicher wurde. Es war bisher von der Willkur einzelner gedruckt worden, mithin sehr naturlich, dass, wenn dieser Druck aufhoren sollte, die Willkur dieser einzelnen vernichtet werden musste. Da schrien nun die einzelnen Feuer, und die Nachbarn ergriffen die Gelegenheit mit Begierde, in das verschlossene Haus einzudringen, unter dem Vorwande, zu loschen. Aber mit welchem Rechte? Die Bewohner verbrannten nur einen Teil ihrer durch Krankheit verpesteten Kleidungsstucke und Gerate und wurden schon allein Herr des Feuers geworden sein, hatten die unberufenen Helfer nicht die Turen gesprengt und so, durch die Zugluft, die Flamme zum wutenden Ausbruch angefacht. Hatten sie doch draussen zur Sicherung ihrer eigenen Gebaude ihre Loschanstalten nach Belieben in Tatigkeit gesetzt, niemand wurde es ihnen verargt haben. Aber die Verletzung des Hausrechts emporte die Bewohner, sie warfen die Eindringenden auf die Strafe hinaus und verfolgten sie bis in ihre eigenen Hauser, Wiedervergeltung zu uben. Nun war der Damon des Krieges losgelassen, und keine menschliche Macht vermochte ihn wieder zu fesseln. Er kehrt nicht so gehorsam zuruck als der zahme Falke, der auf den Ruf des Tragers ablasst von seiner Beize und sich still wieder mit seiner Nebelkappe bedecken lasst. Darum sollten die Fursten zittern, wenn sie ein Kriegsmanifest unterschreiben. Die Rachgier der Angreifer wuchs mit jedem Verlust, und ihre Friedensschlusse, von der Erschopfung herbeigefuhrt, wurden bei der Unterzeichnung insgeheim von ihnen nur als Waffenstillstande betrachtet. England wusste die Empfindlichkeit der alten Dynastien immer in Atem zu erhalten, es sparte weder Geld noch Vorspiegelungen, sie immer zu neuen Anstrengungen zu reizen, und zog allein Nutzen aus der allgemeinen Verblendung. Zu spat wird das Festland beklagen, was es, diesem Handelsdespoten gegenuber, versehen. Vergebens hat die Republik, vergebens spaterhin oft der Kaiser die Hand zum Frieden geboten; man verweigerte ihn oder schloss ihn mit falschem Herzen. Frankreich musste immer fur seine Selbsterhaltung, fur seine Freiheit fechten; um nicht Gesetze anzunehmen, musste es sich in die Lage setzen, selbst Gesetze zu geben; seine Eroberungen waren mehr Notwehr als Ehrgeiz. Die Fursten hatten den Streit begonnen, die Fursten setzten ihn fort, aber die Volker empfanden am hartesten seine blutige Geissel. Die Masse gleicht dem Kinde, welches den Tisch schlagt, woran es sich stiess, und so war es ein leichtes Spiel, Frankreich als die Ursache aller Ubel zu verschreien, welche die Zeit mit sich fuhrte.
Von diesem Abschnitte meines Lebens an gewohnte ich mich, fast ebensoviel zu schreiben, als ich bisher gelesen. Ich war gewohnt, Dir alle kleinen, mich betreffenden Ereignisse zu erzahlen, sogar alles, was ich bei dieser und jener Veranlassung gedacht und empfunden hatte. Diese liebe Gewohnheit setzte ich schriftlich fort, und man hatte ein eigenes Paketboot fur meine Korrespondenz einrichten konnen. Da es aber uberall keins gab, so musste von Zeit zu Zeit ein grosser Teil meiner in Hoffnung geschriebnen Briefe den Flammen geopfert werden. Ich war dann jedesmal sehr traurig, aber niemals unwillig. Das Kontinentalsystem leuchtete mir zu sehr ein, als dass ich mich nicht gern jeder daraus entspringenden Unannehmlichkeit unterzogen hatte, so empfindlich sie meinem Herzen auch war. Mein Vater nannte diese Massregeln weise und wohltatig in ihren spateren Folgen, sowohl fur Frankreich als fur das ubrige feste Land, wenn man sie allgemein mit gutem Willen ergreife. Meine wirtschaftliche Mutter war sehr dagegen, weil der Preis der Kolonialwaren dadurch in die Hohe ging; sie wurde aber von dem Triumvirate uberstimmt, welches aus meinem Vater, dem guten Pfarrer und mir bestand. Wir waren zu jeder Entsagung bereit und unerschopflich in Erfindung von Surrogaten. Ich fing an, alle dienlich scheinenden Blumen und aromatischen Blatter, bei ihrem zarten Hervortreiben, sorgsam zu trocknen, und es gelang mir, durch vieles Versuchen und Zusammensetzen, eine Mischung zu treffen, welche dem chinesischen Tee sehr nahekam. Mein Vater pflanzte Farbekrauter und legte eine Fabrik von Zukker aus Runkelruben an; mir machte es grosse Freude, bei dieser Anlage, durch Aufsicht, mitzuwirken. Der Pfarrer legte sich fleissig auf Bienenzucht und erfand eine Vorrichtung, dem Gespinste des Flachses eine grossere Vollkommenheit zu geben. So sahen wir ruhig auf die Isolierung des Kontinents und den Verlust der ehemaligen Kolonien. Wir bekampften den Erbfeind mit unblutigen Waffen. Lehre und Beispiel pflanzten sich immer weiter fort; Nationalindustrie ward uberall belebt, brachte Nationalwohlstand hervor, und der Sieg war entschieden, hatte der allgemeine Feind nicht unter den andern Volkern verblendete Helfer gefunden. Auf mich hatte dieser kleine Krieg einen ebenso vorteilhaften Einfluss als auf Frankreich, er weckte mich zur Tatigkeit. Bis dahin war ich nur unterbrochen korperlich beschaftigt gewesen, von jetzt an war ich rastlos aufmerksam, dass alles auf das beste geschah, dass man haushalterisch wirtschaftete, das Fehlende erganzte, das Vorhandene vervollkommnete. Ich wendete die Lehre, welche die Nation erhielt, auch auf mich als Einzelwesen an, dass man nur dadurch sich unabhangig erhalt, wenn man alle seine Bedurfnisse selbst befriedigen lernt. Alle die mechanischen Fertigkeiten, welche Du jungst mit einigem Erstaunen an mir wahrgenommen, haben jener Richtung meiner Ansicht ihren Ursprung zu danken. Da sich sowenig Gelegenheit absehen liess, einen ordentlichen Briefwechsel mit Dir anzufangen, so belebte ich wenigstens die schriftlichen Unterhaltungen mit meinem Bruder, welche grosstenteils Dich zum Gegenstande hatten. Er bewahrte Dein Bild in treuem Herzen und nahrte zugleich die angenehme Hoffnung, Dich auf irgendeine Weise bald wiederzusehen. Nachst diesem reichhaltigen Stoffe unterhielt er mich fleissig von einem Freunde, welcher um vier Jahre alter war als er. Mucius war der Sohn seines vaterlichen Lehrers. Beim Eintritt in das Haus desselben fuhlten sich beide schon sehr zueinander hingezogen, doch war damals der Unterschied der Jahre, bei der fruher fortgeschrittenen wissenschaftlichen Bildung des Freundes, noch sehr bemerklich; aber Emils schones Gemut und seine schnell reifende Vernunft glichen den Abstand nach und nach vollig aus. Von seinem Freunde hatte mein Bruder mir unaufhorlich zu erzahlen, und es wurde mir bald Gewohnheit, am Schlusse meiner Briefe ihm einen Gruss an seinen Pylades aufzutragen. Mucius erwiderte diese Aufmerksamkeit durch einige sehr artige Verse, welche er unter einen Brief meines Bruders schrieb. Ich antwortete durch ein kleines Gegengedicht, ebenfalls in einem Briefe an Emil, und so entspann sich ein mittelbarer Briefwechsel, welcher mich, durch seine romantische Natur, unendlich reizte. Die Artigkeit ging in Gefuhl uber, und ein dunkles Sehnen bemachtigte sich unsrer Herzen. Schon als Du noch bei uns warest, freutest Du Dich der Gewohnheit meines Vaters, beim Anfange jedes Fruhlings eine kleine Reise mit uns zu machen; nach Deiner Abreise wurden diese Ausfluge in jedem Jahre wiederholt und erweitert. Wir hatten Marseille und Hieres, dann Genf und seine schonen Umgebungen besucht. Die Gesundheit meiner Mutter hatte ebensoviel Anteil an diesen Reisen als das Vergnugen. Sie hatte besonders im Winter des Jahres 1808 sehr an Nervenzufallen gelitten, weshalb wir uns fruher als gewohnlich auf den Weg machten, um, nach dem Rate der Arzte, nach Montpellier zu gehen. Wir nahmen unseren Weg uber Beaucaire und durchschnitten dann die Bergkette gerade auf Bellegarde, wo mein Vater ein Geschaft abzutun hatte. Es war in den ersten Tagen des Februars, die Nordseite der Berge war noch hin und wieder mit Schnee bedeckt, aber in den Talern sprosste schon das uppigste Grun, Veilchen und wilde Hyazinthen bluhten an den sonnigen Abhangen, die majestatischen dunklen Tannen trieben schon ihre goldgrunen Sprossen, Finken und Grasemucken jubelten durch die neubelaubten Gebusche. Schon waren wir nahe am Ziel unseres nachsten Ruhepunktes, man konnte schon von einer hoheren Stelle des Weges die Turmspitze von Bellegarde erblicken, als beim Hinabfahren in einen Hohlweg der Wagen umwarf. Wir kamen zwar fast ohne alle Beschadigung davon, aber der Wagen hatte eine desto starkere erhalten, so dass es schlechterdings unmoglich war, sich seiner ferner zu bedienen. Wir mussten uns also entschliessen, bis zum nachsten Dorfe zu Fusse zu gehen, wobei der Vater und ich meine vor Schreck halb tote Mutter fuhrten. Im Wirtshause war gar kein Aufenthalt moglich, aber der Forster, welcher am Ende des Fleckens wohnte, nahm uns mit herzlicher Gastfreiheit auf. Er bot sogleich eine Menge Bauern auf, unsre Sachen vom Wege zu holen und unseren Wagen bis zur Schmiede zu schleppen. "Ich wurde Ihnen zur Fortsetzung Ihrer Reise mein eigenes Fuhrwerk anbieten", sagte er, "wenn ich solches nicht meinem Neffen entgegengesendet hatte, welcher mich heut zu besuchen kommt. Sie werden sich daher ein Nachtlager bei mir gefallen lassen mussen." Mein Vater nahm das in Hinsicht meiner Mutter dankbar an. Er selbst aber entschloss sich, ein Postpferd zu besteigen und so, mit dem Postillion, noch heute nach Bellegarde zu reiten, von wo er uns am andern Morgen mit einem Wagen abzuholen versprach. Ich wurde mit meiner Mutter auf ein Oberzimmer gefuhrt. Sie fuhlte sich so angegriffen, dass sie sich sogleich zu Bette legen musste, und da ich nach einiger Zeit Neigung zum Schlaf bei ihr gewahr wurde, so ging ich, wie sie zu wunschen schien, wieder hinunter ins Wohnzimmer. Die Dammerung war indessen hereingebrochen, ohne dass ich es bei dem Geschwatz der altesten Tochter des Forsters sonderlich bemerkt hatte. Sie machte mich zwar darauf aufmerksam, doch setzte sie hinzu: "Der Vater liebt dieses trauliche Feierstundchen und sieht nicht gern, wenn wir fruh Licht anzunden." Ein Wagengerausch im Hofe machte uns aufmerksam. "Da kommt der Vetter!" rief das Madchen und hupfte aus der Tur. Sie kehrte bald mit dem Forster und einem Fremden zuruck, dessen Gestalt ich nur sehr schwach in der Dammerung unterscheiden konnte. Der Forster machte ihn mit meiner Anwesenheit im Zimmer bekannt und erzahlte die Geschichte unseres Missgeschicks, woruber mir der Fremde sein Bedauern in herzlichen Worten und mit einer sehr schonen Stimme bezeugte. Das Gesprach fiel dann auf allgemeinere Gegenstande. "Wissen Sie wohl, lieber Oheim", sagte plotzlich der Fremde, "dass Sie mich vielleicht zum letzten Male sehen?" "Wie das?" fragte dieser. "Ich gehe in einigen Wochen, vielleicht Tagen, zur Armee ab und wunschte nur, Ihnen Lebewohl zu sagen." "Du Soldat?" rief der Oheim, "das hatte ich nimmer gedacht. Also hat dich das fatale Los doch getroffen, nachdem es dir schon zweimal vorubergegangen?" "Ich habe seine Entscheidung nicht wieder abgewartet", sagte der Fremde, "ich habe mich freiwillig dazu bestimmt." "Freiwillig?" rief der Forster mit Erstaunen. "Unmoglich kannst du, nach deiner Lebensweise, Neigung zum Soldatenstande fuhlen." "Wenn auch nicht diese, so doch Neigung, das Vaterland zu verteidigen." "Du mochtest ja niemals meinen Fuchsen den Krieg erklaren, und wenn ich dich beim Treibjagen aufmerksam auf deinem Posten glaubte, fand ich dich mit dem Virgil in der Hand nachlassig am Baume gelagert, die Buchse neben dir." "Oder mit Tyrtaus' Kriegsliedern, Oheim. 'Wollt ihr ewig schlafen den Schlaf des Feigen? weckt euch nimmer der Nachbarn Hahn, nimmer der Schwacheren Mut?'" "Aber woher denn so auf einmal diese Anderung? Du wirst doch nicht nach Spanien wollen, um von auflauernden Buschkleppern gemordet oder von Weibern vergiftet zu werden?" "Nein, Oheim. Ich ahnde den Volkswillen, so unklug er auch sein mag. Aber die Kriegsflamme droht schon wieder, von seiten Ostreichs; England blast mit vollen Backen in den immer glimmenden Zunder, man glaubt uns diesmal in einen Hinterhalt fallen zu lassen. Napoleon ist in Spanien, hinter seinem Rucken will man Frankreich angreifen, welches er sonst mit dem flammenden Schwerte, wie der Engel den Eingang des Paradieses, bewacht; aber nur zu bald werden sie das gefurchtete Antlitz des Rachers sehen. Unterdessen muss Frankreichs ganze Heldenjugend sich erheben, dass der Fuhrer ein schlagfertiges Heer finde."
Der Fremde sprach diese Worte mit einem solchen Nachdruck, dass ein freudiger Schauer durch meine Nerven bebte. Des Madchens Hand zitterte in der meinigen. "Ach!" rief sie mit schluchzender Stimme, "ihr bosen Manner redet vom Kriege wie von einem Vogelschiessen, ihr denkt nur an den Ruhm, ohne an die Tranen zu denken. Was nutzt uns Armen des Kaisers Macht und Ruhm; noch einmal so lieb wollte ich ihn haben, wenn er friedfertiger ware und nicht so eroberungssuchtig."
"Liebe Marie", sagte der Fremde mit einiger Heftigkeit, "du redest wie ein Weib und verstehst es nicht. Napoleons Ruhm ist Frankreichs grosste Starke, seine Macht ist des Vaterlandes Sicherheit. Man mochte gern dies freie Land wieder in die Fesseln des verflossenen Jahrhunderts schmieden, welche wir nur vom Horensagen kennen, da sie fast mit unsrer Geburt zerbrochen wurden."
"Ich habe sie wohl gekannt", redete der Forster dazwischen, "und um sie abzuwehren, wollte ich selbst noch meinen alten Kopf den feindlichen Reihen gegenuberstellen." "Um wieviel mehr wir Junglinge!" fuhr der Fremde fort; "welche Elende waren wir, wenn wir nicht unser Herzblut hingeben wollten fur unser Vaterland und seine Verfassung, unter deren Schatten wir erwuchsen, fur den Kaiser, der die Wunden der Revolution heilte, den Burgerkrieg endete und den Ruhm der Nation auf den hochsten Gipfel erhob. Jeder Burger fuhlt sich Teilnehmer dieses Ruhms; sollte es nicht auch ein weibliches Herz?"
Diese Apostrophe an mein Geschlecht reizte mich zum Mitgesprach, ich druckte meinen Freiheitssinn und meine gluhende Vaterlandsliebe in lebhaften Worten aus. Der Fremde schien mich mit Bewunderung zu horen, es waren seine eigenen Begriffe, welche er aus einem fremden Munde vernahm. Mir ging es ebenso, ich glaubte mein eigenes Ich zu horen. Jeder von uns setzte haufig, im Feuer des Gesprachs, die angefangenen Perioden des andern fort, genau mit denselben Worten, welche dieser eben laut werden lassen wollte. Es war etwas Ubernaturliches in dieser Ubereinstimmung. Die beiden andern schwiegen voll Erstaunen still, wir beide redeten allein und vergassen auch, dass es ausser uns noch Wesen gab. Da wir uns nicht sehen konnten, so waren es nur die Geister, welche sich erkannten und eine, wie uns schien, schon fruher geknupfte Freundschaft fortsetzten. Ich fuhlte mich auf eine unbegreifliche und mir bis dahin vollig unbekannte Weise zu dem Fremden hingezogen. Dass er in demselben Falle sei, bewies die immer zunehmende ruhrende Weichheit seiner Stimme. Ich war aufgestanden und hatte mich unbewusst dem grossen Tische genahert, welcher, mit einer gewirkten Decke behangen, in der Mitte des Zimmers stand, der Fremde hatte, von seiner Seite, dasselbe getan. So mochten wir vielleicht eine Stunde gegenubergestanden haben; fur uns gab es keine Zeit. Tisch und Dunkelheit trennten uns, wir aber fuhlten uns vereint, und unsre ineinander verschlungenen Seelen durchflogen gemeinschaftlich den endlosen Raum der Schopfung, jede Ansicht aus demselben Punkte, in demselben Lichte betrachtend. Finster, stockfinster war es geworden, fur uns war es sonnenhell. Da trat endlich die Forsterin mit Licht herein und stellte es auf den Tisch. Wir starrten uns sprachlos eine Sekunde lang an, dann hoben wir in demselben Augenblicke die Arme, und "Mucius!" "Virginia!" tonte im Nu von beider Lippen. Er war es, der Niegesehene; ich, die von ihm Ungekannte. Die Forsterfamilie staunte uns an, wir mussten endlich das Ratsel losen und erzahlen. Da war nun des Wunderns kein Aufhoren. "Wunderbar sind die Wege des Herrn!" sagte die Forsterin. "Ja, es ist Gottes Schickung", lispelte mit einem leisen Seufzer Marie; der alte Forster schuttelte uns treuherzig die Hande. "Ihr habt mich ordentlich geruhrt mit euerm Gesprache, Kinderchen", sagte er, "mir war's, als sei ich in der Kirche. Nun, Mutter, trag auf, vom Besten, was das Haus vermag, ich weiss doch, du hast dem Mucius seine Leibessen bereitet, ich will auch den Keller nicht schonen. Hatte ich doch nicht gedacht, dass wir ein so vielfaches Fest feiern sollten, Willkommen- und Abschieds-, Freuden- und Trauerfest zugleich, und wer weiss, was noch fur ein Fest! nun, nun, der Herr lenke alles nach seinem Willen, dann ist es auch zu unserm Besten." Er luftete das lederne Kappchen ein wenig, zundete dann den Wachsstock an, nahm den Kellerschlussel und eilte hinaus. Mutter und Tochter beschickten emsig den Tisch. Mucius setzte sich neben mich, uns fiel beiden kein Wort ein uber das seltsame Zusammentreffen, wir waren alte Bekannte. Wir sprachen viel von Emil; in diesem teuern Gegenstande trafen unsre Seelen am innigsten zusammen. Wir wiederholten hundertmal, wie sehr wir ihn liebten, und horten es voneinander mit ebensolchem Entzucken, als galte diese Versicherung uns. Bei Tische erhielt ich meinen Platz zwischen Oheim und Neffen, neben Mucius sass Marie. Die arme Marie war die einzige, welche nicht so heiter schien, als sie bei meiner Ankunft war, doch wurde sie es um etwas mehr, nachdem der Vater ofters auf einen glucklichen Feldzug angestossen und sie darauf ihrem Nachbar Mucius hatte Bescheid tun mussen. Auch auf meine gluckliche Reise wurde getrunken. "Ob Sie die Reise nach Montpellier fortsetzen werden, ist sehr die Frage", sagte plotzlich Mucius, "Ihr Herr Vater mag das morgen entscheiden." Wir sahen ihn alle verwundert an und baten um Erklarung. "Heute nicht", sagte er ablehnend, "lasst uns die Zukunft still bedecken und des heutigen Abends rein geniessen." Damit stimmte er einen frohlichen Rundgesang an, und der Abend wurde bis spat in die Nacht verlangert und heiter beschlossen. Ich begab mich in einem geistigen Rausche, woran der Wein keinen Anteil hatte, zu Bette und schlummerte erst in der Morgendammerung zu seligen Traumen ein. Mein Vater war fruh angekommen, ich fand ihn schon am Bette meiner Mutter, als ich mein Kammerchen verliess; er war ernst und meine Mutter in einiger Unruhe. Ich umarmte beide und eilte hinunter, um ihr Gesprach nicht zu storen, mehr noch, warum sollte ich es leugnen, um Mucius einen guten Morgen zu wunschen. Ich traf ihn im Wohnzimmer, und sein Auge strahlte mir entgegen. "Der Vater ist so ernst", sagte ich nach einigen freundlichen Reden, "hat er Sie schon gesehen?" "Jawohl", erwiderte er, "meine Nachricht hat ihn ernst gestimmt." "Welche Nachricht?" rief ich. "Sie wird es nicht erschrecken", sagte er, indem er liebkosend meine Hand nahm, "Emil begleitet mich ins Feld." "Oh, meine Mutter!" rief ich voll Schrecken. "Fur diese habe ich gezittert", sagte er, "doch sie wird sich in das Unvermeidliche finden. Emil ist sechzehn Jahre, das Los kann ihn in kurzem treffen; warum also nicht ein Opfer freiwillig bringen, welches fruher oder spater doch unabanderlich gebracht werden muss! Jetzt geht er an der Hand der Freundschaft, wer weiss, ob es ihm spaterhin so gut wird; auch ist er unwiderruflich entschlossen und war im Begriff, gleich nach meiner Abreise selbst nach Chaumerive zu gehen, um seinen Entschluss kundzutun." "Wir mussen zuruck!" rief ich hastig. "Allerdings", sagte er, "Ihr Herr Vater bereitet die Mutter dazu vor." "Ach, meine arme, arme Mutter!" klagte ich, "wie wird sie es uberleben!" "Sie bleiben ihr", sagte Mucius und trocknete mir sanft die Augen. "Er ist ihr Liebling", fuhr ich fort, "und verdient es zu sein." "Beide verdienen es! Beide!" rief Mucius, indem er meine Hand mit Heftigkeit an seine Lippen druckte. "Glucklicher Emil!" setzte er hinzu, und eine Trane glanzte in seinen dunkelbraunen Augen. "Glucklicher Emil, Engel weinen um dich! ich Unglucklicher habe keine Schwester!" "Ich will auch die Ihrige sein", sagte ich, und meine Tranen flossen starker. "Virginia!" rief er im Ausruf des Entzuckens und schlang den Arm um mich, ich sank im Ubermass des Gefuhls an seine Brust. Unsre Lippen begegneten sich unwillkurlich; wir hielten uns lange in sprachloser Seligkeit umarmt. "Oh, das Leben ist schon!" rief endlich Mucius; "es will mich halten mit all seinem Zauber; gerade da ich es aufs Spiel setzen will, entfaltet es mir seine schonsten Bluten. Aber nicht dem Feigen wurde dieses holde Auge lacheln, nein, ich muss kampfen um so schonen Preis! Wird Virginia den Sieger lieben?" fragte er mit Schmeicheltonen. "Ewig!" entgegnete ich. "Mein?" "Dein!" riefen wir beide aus einem Munde, und eine zweite Umarmung besiegelte den Bund fur die Ewigkeit. Oh, seliges Gefuhl, wenn zwei Seelen, welche der Schopfer aus einem Lichtfunken gebildet, sich finden und sich verbinden auf ewig! Die Gegenwart und ihre kleinen Verhaltnisse verschwinden dem trunkenen Auge, es sieht nur aufwarts zum Quell des Lichts. Auch meine Tranen waren plotzlich versiegt, und mein Herz jauchzte insgeheim mitten unter den Ausserungen der allgemeinen Besorgnis. Die Tranen meiner Mutter taten mir wehe, ich machte mir Vorwurfe, dass ich so glucklich war, aber ich konnte es nicht andern, ich war glucklich.
Es wurde beschlossen, dass wir sogleich die Ruckreise nach Chaumerive antreten wollten, um den geliebten Emil so bald als moglich an unser Herz zu schliessen; Mucius war sogleich entschlossen, uns zu begleiten. Der Oheim schuttelte ihm zum Abschiede kraftig die Hand: "Du bist ein braver Junge", sagte er, "tu deine Pflicht, und Gott sei mit dir, Mucius!" "Mit dem Schilde, Oheim, oder auf dem Schilde!" entgegnete dieser langsam, mit Nachdruck. "Mucius Scavola" rief mein Vater und schloss ihn mit feuchten Augen an seine Brust. Marie weinte heftig, als er sie zum Abschied kusste, dann umarmte sie mich, sahe mich einen Augenblick nachdenkend an, ein halbes Lacheln schwebte auf ihrem leidenden Gesichte, sie schuttelte leise den Kopf, als wollte sie sagen: "Keine wird ihn haben!" Sie trocknete mutig ihre Tranen und schmiegte sich sanft resigniert an ihren Vater.
Unsre Ruckreise war nicht erfreulich. Meine Mutter war meistens leidend und in sich gekehrt, soviel Muhe sich auch die Manner gaben, sie zu beruhigen; mein leuchtendes Auge schien ihr wundes Gefuhl oftmals zu verletzen. Auf der andern Seite aber war es mir eine hohe Freude, zu bemerken, wie mein Vater mit jeder Minute mehr Gefallen an meinem Geliebten fand. Er erzahlte ihm seinen amerikanischen Feldzug und verjungte sich mitten unter den Bildern seiner Jugend. "Dein Bruder fiel!" seufzte meine Mutter. "Fur seine Uberzeugung, fur eine gute Sache und von allen seinen Kameraden beweint!" rief mein Vater, "kann das langste Leben einen so schonen Tod aufwiegen?" "Auch ein Leben voll Liebe nicht?" fragte meine Mutter und druckte zartlich seine Hand. "Das Leben ist schon", erwiderte er und umarmte sie, "aber der Heldentod des Junglings ist es nicht minder." "Wohl ist er zu beneiden", sagte Mucius, "wenn ein schones Auge um ihn weint; er lebt dann in diesen kostlichen Tranen ein seliges Leben!" Eine dunkle Wolke flog bei diesen Worten durch meine Seele, aber mutig scheuchte ich sie hinweg. "Gluckliches Geschlecht", sagte ich, "das handelnd eingreifen kann in die grossen Weltbegebenheiten!" "Preise das deine glucklich", antwortete mein Vater, "dem ein kleinerer Kreis bezeichnet wurde; es hat keine schmerzliche Wahl, kann nicht schwanken zwischen den Pflichten fur sein Haus und fur sein Land." "Ich erkenne es, mein Vater", sagte ich, seine Hand kussend. Ich verstand recht gut, was an seinem Geiste voruberging.
Wir trafen in Chaumerive fast zugleich mit dem teuern Emil ein. Meine Mutter schloss ihn leidenschaftlich in ihre Arme und schien noch einige Hoffnung zu hegen, ihn zuruckzuhalten; doch uberzeugte sie seine ruhige Haltung und meines Vaters bestimmte Erklarung sehr bald, dass sie sich dem Unvermeidlichen ergeben musse. Sie tat es mit der besten Fassung von der Welt, augenscheinlich in der Absicht, das Herz ihres Lieblings nicht schwer zu machen. O Allmacht der mutterlichen Liebe, welche Wunder bringst du hervor! Meine arme Mutter, sonst so heftig in den Ausserungen ihres Schmerzes, gewann es uber sich, ihrem Sohn immer ein heiteres Gesicht zu zeigen, wahrend ihr Herz aus tausend Wunden blutete. Sie war rastlos mit seinen kleinen Bedurfnissen beschaftigt und sprach sogar scherzend von seiner baldigen siegreichen Ruckkehr. Nur in der Stille des Morgens horte ich oft ihr Schluchzen im anstossenden Kabinett und bemerkte, wenn sie in das Wohnzimmer trat, auf ihrer blassern Wange Spuren frischvergossener Tranen, welche sie jedoch sorgfaltig zu tilgen suchte, wenn die Fruhstucksstunde herannahte. Mit zartlicher Achtsamkeit forschte der Sohn oft auf ihrem lieben Gesichte und bat dann mit seiner schmeichelnden Stimme:"Sei nicht traurig, liebe Mutter!" Sie lachelte jedesmal und leugnete, es zu sein. So flossen uns noch vierzehn schmerzlich-susse Tage dahin. Emil bemerkte bald das zartliche Verhaltnis zwischen seinem Freunde und mir, welches wir auch gar nicht zu verhehlen strebten. Er zog uns beide in seine Arme. "Ich halte des Lebens grosste Schatze an meiner Brust!" sagte er. "Alle?" fragte ich schalkhaft. "Lebend und im Bilde!" erwiderte er. Ich fuhlte, dass er, zugleich mit mir, Dein Bild an sich druckte, welches, meinem Busen entfallen, an meiner rechten Seite hing. Im Ubermass meiner Liebe fur den teuren Bruder und im Gefuhl meines eigenen Glucks nahm ich die Kette mit Deinem Bilde von meinem Halse und schlang sie um den seinigen. "Es sei deine Agide", sagte ich, "und schutze dein liebes Herz!" Er war ausser sich vor Entzucken und Dankbarkeit. "Ein mutiges Herz wird dagegenschlagen", sagte er, "bis es zu klopfen aufhort." "O nichts vom Stillstehen dieses Herzens!" bat ich, von dem Gedanken erschuttert. "Nun, nun", sagte er lachelnd, "mir flustert dies oft eine leise Ahndung zu, doch gehe ich darum nicht weniger mutig dem Feinde entgegen. Sage einst Adelen", setzte er ernst hinzu, "ich hatte sie geliebt, bis zum letzten Hauch geliebt." Seine Stimme versagte ihm auf einen Augenblick, aber plotzlich richtete er sich mit ruhig freundlichem Gesichte aus meiner Umarmung auf. Er schien mir, als ich zu ihm aufsah, mit einem Male um ein betrachtliches grosser. Voll aufgeregter Angstlichkeit warf ich mich in Mucius' Arme. "Flustert dir die Ahndungsstimme auch?" fragte ich zitternd. "Nur Freudiges verkundigt sie mir", sagte er und umschlang mich. "Sei ruhig, meine Virginia, das Gluck ist dem Mutigen hold! wir werden uns alle, und freudig, wiedersehn." Der Ausspruch des Geliebten ist ja wie die Stimme von Dodona, auch in meine Brust rief sie die Hoffnung zuruck. So brach der Abschiedsmorgen heran. Zum letzten Male begrusste die Sonne bei ihrem Aufgang eine zartlich vereinte, gluckliche Familie. Mein Vater war weich und freundlich, meine Mutter blasser als je, aber anscheinend ruhig und gefasst. Emil betrieb lebhaft die Zurustungen zur Abreise und lachelte jedem von uns zu, um uns seine Bewegung zu verbergen. Mucius, nur mit seiner Liebe beschaftigt, wendete die aufmerksamste Sorgfalt an, meinen Mut aufrechtzuerhalten. Ach, ich bedurfte des Beistandes nur zu sehr! In Gefahr, die beiden geliebtesten Gegenstande meiner Zartlichkeit auf immer zu verlieren, verliess mich mein sonstiger Heldensinn, und das liebende Madchen kampfte fruchtlos mit seinen Tranen. Mein Vater sah den Kampf in meiner Seele, und gutig, wie er immer war, wollte er mir einen stutzenden Trost geben. Zartlich ergriff er Emils und Mucius' Hande und rief mit bewegter Stimme: "Meine beiden Sohne! O ich bin ein reicher Vater! ich weihe an einem Tage zwei Sohne dem Vaterlande. Seid einer des anderen Schutzengel, bleibt einander treu mit hulfreicher Liebe, bleibt euch treu im Leben und im Tode! Das Band der Freundschaft knupfte schon langst eure Herzen, ich fuge in dieser feierlichen Stunde noch ein, wo moglich, schoneres hinzu, das bruderliche. Sobald ihr zuruckkehrt, werde Mucius Virginiens Gatte." Wir waren alle uberrascht von diesen Worten, und jeder ausserte seine Bewegung auf verschiedene Weise. Mucius warf sich mit sturmischer Freude in meines Vaters Arme, ich sank schluchzend zu seinen Fussen, Emil umfasste seinen Freund, meine Mutter sah staunend vom Sofa auf die Gruppe und streckte die Hand nach uns aus. Sie hatte, einzig mit der Reise ihres Sohnes beschaftigt, weniger auf unser Verhaltnis geachtet, und es war ihr daher ziemlich fremd geblieben; doch hatte auch sie Mucius liebgewonnen, um seiner selbst willen und als Emils Freund. Als wir daher beide vor ihr niederknieten und um ihren Segen baten, segnete sie uns mit der freudigsten Ruhrung. Emil kusste sie dafur, kindlich schmeichelnd. Da nahm sie seine Hand, legte sie in die seines Freundes und sagte: "Ich gab Ihnen die teure Tochter, und Ihren Handen vertraue ich den geliebten Sohn, schutzen Sie Ihren Bruder." "Mit meinem Blute!" rief Mucius und presste Emil in seine Arme. "Seien Sie ohne Sorgen, verehrte Mutter, ich bringe ihn gesund zuruck; an seiner Hand oder niemals wieder kehre ich heim." Diese unerwarteten Szenen hatten uns allen einen heroischen Schwung gegeben, welcher uns leichter uber die gefurchtete Abschiedsstunde hinwegtrug. Die Pferde standen schon lange bereit, der Postillion hatte schon mehreremal ins Horn gestossen, da ergriff Mucius rasch die Hand seines Freundes. "Wir mussen scheiden!" sagte er mutig. "Lebt wohl, Vater und Mutter! lebe wohl, Virginia! wir kehren bald zuruck." Er kusste uns der Reihe nach, mit Eile, und liess Emilen kaum die Zeit, ein Gleiches zu tun. Der arme gute Emil! Blasse uberzog sein Gesicht, doch schwebte noch das gewohnte Lacheln darauf, wir druckten ihn an uns, er sagte uns Lebewohl. Mit festen Schritten folgte er dann seinem Freunde, welcher ihn rasch mit sich fortriss. In wenigen Minuten waren sie unseren Blicken entschwunden, die beiden hohen Junglingsgestalten. Ach, auf immer!
Meine Mutter sah ihnen unverwandt nach, und als der Wagen unsern Blicken nicht mehr sichtbar war, sank sie ohnmachtig nieder. Die Sorge um sie und ihre Pflege zogen meinen Vater und mich von unsern eigenen Empfindungen ab. Wir taten alles, um sie zu zerstreuen und aufzuheitern, aber mit geringem Erfolg. Mein Vater bestand eifrig darauf, die unterbrochene Reise wieder anzutreten, die Mutter war aber dazu nicht zu bewegen. "Wenn Emil wiederkehrt, werde ich von selbst genesen", sagte sie, "kommt er nicht zuruck, nun dann ", sie brach ab, nach einer Pause setzte sie hinzu: "Ich wurde ja an jedem andern Orte seine Briefe spater erhalten." Diese Briefe waren von jetzt an die einzige Nahrung, welche die schwache Flamme ihres Lebens erhielt; unsre Liebkosungen nahm sie freundlich auf und erwiderte sie auch, aber ihre Tranen flossen selbst in den Armen ihres geliebten Gatten. Als die Schlacht von Esslingen bekannt wurde, stieg die Angst meiner Mutter auf das hochste. Sie sahe jede Nacht ihren Sohn, verwundet oder tot, in ihren Traumen. Umsonst wendete mein Vater alle Vernunftgrunde an; doch wenn das Herz heftig leidet, dann wird es von den Trostungen des Verstandes nur beleidigt. "Ich bin keine Romerin!" sagte sie mit Heftigkeit. "Und hast kein Vaterland?" fragte mein Vater. "Moge es doch zertrummern", rief sie, "wenn ich nur meinen teuern Sohn und euch behalte!" "Klara, liebe Klara", sagte mein Vater, sanft verweisend, "der Schmerz tobt aus dir, du wirst dich wiederfinden. Die Pflicht uber alles! Kein Gut der Erde trostet uns, wenn diese verletzt wird."
Ich meinesteils suchte gar nicht, sie zu trosten, ich weinte mit ihr. Mein armes Herz schwankte zwischen Hoffnung und Furcht, ich hatte selbst des Trostes bedurft; aber das Schauspiel des unbegrenzten mutterlichen Schmerzes gab mir feste Haltung. Ich gelobte mir im stillen, den etwanigen Schlagen des Schicksals mit mehr Fassung zu begegnen. Endlich, nach mancher vergeblichen Bemuhung um Nachricht, langte ein Brief von den beiden Geliebten an und gab meiner Mutter das Leben wieder; auch mir und dem Vater sank ein schwerer Stein vom Herzen, und unser Mut erhielt sich auch wahrend der folgenden Zeit. Die Freunde waren an jenem heissen Tage im heftigsten Feuer gewesen und ihre Kameraden rechts und links gefallen, sie jedoch unversehrt geblieben. Dies schien uns ein besonderer Schutz des Himmels zu sein, und wir sahen sie als ein paar Geweihete an, denen keine Kugel nahen durfe. Die Mutter war nicht ganz so mutig, aber sie hoffte auf schnellen Frieden und betete inbrunstig zu Gott.
Die Schlacht von Wagram erfuhren wir durch einen Brief von Mucius. Er hatte dem schnellfussigen Geruchte doch zuvorzukommen gewusst. Mit Begeisterung lobte er den Mut und die schnelle Geistesgegenwart Emils, welcher sogar Gelegenheit gehabt, vom Kaiser bemerkt und gelobt zu werden. "Leider aber", hiess es am Schluss seines Berichts, "ist der geliebte Bruder gegen den Ausgang der Schlacht am Fusse verwundet worden, doch ist durchaus keine Gefahr, und wir gedenken bald wieder bei unseren Lieben einzutreffen." Emil selbst fugte einige Zeilen hinzu, worin er uns bat, ganz ohne Sorgen zu sein. Wir bedauerten den Geliebten, doch waren wir nicht allzu besorgt. Eine leichte Fusswunde, meinte mein Vater, dabei sei keine Gefahr, und meine Mutter dankte Gott aus tief aufatmender Brust, dass er es so gnadig gefugt. Auf jeden Fall war nun ihr Liebling geborgen. Selbst wenn, gegen alle Wahrscheinlichkeit, noch einmal geschlagen wurde, er war in Sicherheit. Sie fing an, sich sichtlich zu erholen, nahm wieder an den Geschaften den tatigsten Anteil und erheiterte uns alle durch ihre muntern Einfalle und ihre frohe Laune. Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Laute beruhrt, aber jetzt ergriff sie oft die meinige und sang uns mit ihrer schonen Stimme die artigsten Lieder. Mein Vater fuhlte sich in die ersten Tage seiner Liebe zuruckversetzt und war wieder selig und lebendig wie damals. Der gute Pfarrer und unsre wenigen Hausfreunde freuten sich mit uns. Ich selbst schwamm in einem Meere von Wonne, besonders da bald darauf ein zweiter Brief eintraf, welcher schon auf dem Ruckmarsch geschrieben war. Mucius meldete uns, dass er eine zufallige Unterredung mit dem Kaiser gehabt habe, in welcher er ihm uber sich und seinen verwundeten Freund, in der Kurze, Auskunft gegeben. Der Kaiser habe sich meines Vaters erinnert und ihm eigenhandig fur Emil das Kreuz der Ehrenlegion und den Abschied als Kapitan zugestellt. "Was Sie, junger Mann, betrifft", hatte er hinzugefugt, "Sie konnen jetzt gehen, wohin das Herz Sie ruft, ich bin Ihrer gewiss; wenn ich und das Vaterland Ihrer bedurfen, so kehren Sie zum zweiten Male freiwillig unter meine Fahnen zuruck."
Goldne Worte! welchen frohlichen Rausch verbreiteten sie uber unser ganzes Haus! Emil schrieb auch, seine Wunde war noch nicht heil, aber er achtete ihrer nicht, sein liebendes Herz und die Sehnsucht seines Freundes trieben ihn zur Heimat. Sein schones Herz sprach sich so liebevoll in jeder Zeile aus, er freute sich kindlich uber die empfangenen Ehrenzeichen, aber mehr um seiner Eltern als um seinetwillen, wohl auch um Deinetwillen, denn er fugte triumphierend hinzu: "Die Agide, Virginia, hat mein Herz treulich beschutzt." Guter, herrlicher Bruder! so brav, so liebend, so treu! nur Engel konnen dir gleichen! Engel, jetzt deine Gesellschafter, deine trostenden Gefahrten! Meine Mutter war nun geschaftig wie Martha und frohlich wie die Tochter Jephta am Tage der Ruckkehr. Sie schmuckte und ordnete das ganze Haus zu dem frohen Empfange. Daneben beschaftigte sie sich mit meiner Ausstattung und scherzte freundlich mit mir uber meinen Brautstand und die nahe Verbindung. Ich beruhrte kaum die Erde, ich schwebte in den Gefilden der Seligen, und doch hatte ich nie die irdischen Geschafte punktlicher und sorgsamer verrichtet. So werden alle Fahigkeiten der Seele und ihres Organs, des Korpers, durch die Liebe und die Freude erhohet, ja verdoppelt!
Die Zeit der Weinreife ruckte heran. Ich war schon in den Bergen und ordnete die verschiedenen Vorbereitungen zur Lese an. Die Sonne ging hinter einer entfernteren Bergspitze nieder, und krause rotliche Wolkchen gaben ihr das Geleite. An einem grunen Abhange gelagert, blickte ich frohlich auf die magischen Beleuchtungen, welche einzelne Sonnenstrahlen noch rechts und links uber die schone Landschaft warfen. Ich hatte eben einen Grashalmenkranz geknupft auf Mucius' Wiederkehr in den nachsten Tagen, er war sehr erwunscht und bejahend ausgefallen. In der Frohlichkeit meines Herzens pfluckte ich neben mir die Blumen, welche ich erreichen konnte, und reihete sie, halbleise eine von Petrarcas zartlichen Stanzen singend, zum Kranz, auf welchen Tranen der Wonne tropfend niederfielen. Da gewahrte ich, als ich das Auge wieder uber die Landschaft erhob, in der Entfernung einen Landmann, welcher, einen Botenstab in der Hand, eilig den Weg zum Berge daherschritt. Sein Anblick ergriff mich plotzlich mit einem ahndenden Gefuhl, mein Herz klopfte voll bangen Schreckens, je naher er mir kam, es war, als wenn ein grauses Schicksal auf mich zuschritt. Ach, nur zu grausend, zu entsetzlich war, was mir nahte! Der Bote reichte mir einen Brief, er war von Mucius' Hand, von Mucius' lieber Hand, und dennoch wagte ich nicht, ihn zu offnen; auf so ungewohnlichem Wege, und ich wagte nicht zu fragen, ich war mir selber unbegreiflich. Endlich fasste ich, in gewaltsamer Anstrengung, den Mut, das Siegel mit zitternder Hand zu losen. Schon die ersten Zeilen dieses Ungluckbriefes schmetterten mich zu Boden. Noch in diesem Augenblicke, nach funf Jahren, versagt mir die Feder fast den Dienst, kaum kann ich mich entschliessen, Dir das furchterliche Wort zu wiederholen, welches mich damals, gleich einem Blitzstrahle aus heiterer Luft, vernichtete. "Emil tot!" Mehr sah ich nicht. Eine tiefe Ohnmacht warf mich auf die Blumen nieder. Ein lauter Ruf des erschrockenen Boten hatte meinen Vater herbeigezogen, welcher sich in der Nahe befand. Er hatte den mir entfallenen Brief aufgehoben und erfuhr so, unvorbereitet wie ich, die schreckliche Nachricht.
Unglucklicher Vater, was musst du bei dieser furchterlichen Botschaft empfunden haben! Dein einziger Sohn! dein Stolz! In der Blute zerschmettert die Hoffnung deines Alters! Die Natur hatte sich mitleidig meiner erbarmt und durch einen totenahnlichen Schlummer meinem Leiden auf einige Minuten Stillstand geboten. Die einzige Ohnmacht meines Lebens. Sie mochte lange gedauert haben, denn es fing schon an zu dammern, als ich in den Armen meines Vaters erwachte. Er war sehr blass, doch mit Besonnenheit um mich beschaftigt. "Emil!" rief ich, als das Bewusstsein mir klar zuruckkehrte, "Emil! mein Emil!", und ein Strom von Tranen sturzte aus meinen starren Augen. Mein Vater verbarg sein Angesicht, doch fuhlte ich an dem Zittern seines Armes, wie bewegt er innerlich sein musste. Aber nur einige Minuten lang, dann sahe er wieder mit Fassung auf mich nieder. "Virginia", sagte er mit liebkosender Stimme, "Virginia, mein starkes Madchen, erhole dich. Tranen gebuhren dem lieben, dem edlen Sohn und Bruder, aber wir haben noch lange Zeit, ihn zu beweinen, jetzt rufen nahe Sorgen unsre ganze Tatkraft auf." "Oh, meine Mutter!" rief ich schmerzlich. "Fur sie furchte ich am meisten", sagte er. "Darum fasse dich, mein Kind. Auch mussen wir ja Mucius sehen." "Mucius?" fragte ich, "wo ist er?" "Hast du nicht seinen Brief gelesen?" erwiderte er. "Nichts als die schrecklichen Worte!" "Mache dich mit seinem ganzen Inhalt bekannt und komme langsam nach, ich gehe voran und bereite alles vor. Gott starke uns!"
Nach diesen Worten ging er langsam den Hugel hinunter und uberliess mich meiner eigenen Kraft. Laut brachen meine Tranen, meine Klagen aus, doch kehrte mir bald einige Besonnenheit zuruck. Plotzlich fiel mir, wie durch Eingebung, eine Stelle aus "Nathan dem Weisen" in den Sinn. Ich hatte Mehreres aus diesem Lessingischen Meisterwerke, zur Ubung der deutschen Sprache, ubersetzt, jetzt sagte ich mir diese Stelle halblaut unwillkurlich vor.
"Und doch ist Gott!
Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!
Komm! ube, was du langst begriffen hast;
Was sicherlich zu uben schwerer nicht
Als zu begreifen ist, wenn du nur willst."
Schluchzend, doch mit Begeisterung, streckte ich meine Arme hoch zum Himmel und rief: "Ich will! willst Du nur, dass ich wolle!" Still und gen Himmel blickend, setzte ich diesen Gedanken einige Augenblicke fort und fuhlte mich wunderbar gestarkt und erhoben. Der Odem des Ewigen schien mich zu umwehen. Da stieg der Mond in voller Pracht hinter dem Taugewolk empor und verbreitete sanfte Tageshelle um mich her. Mein Blick fiel auf den Brief, welcher entfaltet mir zur Seite lag und durch dessen Blatter der Abendwind flusterte. Ich nahm und las mit leidlicher Fassung, was die Verzweiflung geschrieben. Die zu fruh angetretene Reise in dieser heissen Jahreszeit hatte Emils anscheinend leichte Wunde sehr verschlimmert. Er blieb in Frankfurt, am Wundfieber erkrankt. Bald gesellte sich ein bosartiges Nervenfieber hinzu. Vergebens wendete Mucius die treueste Sorgfalt an, vergebens rief er die tatigste Hulfe herbei, die Arzte gaben wenig Hoffnung, sie erklarten, das noch nicht vollendete starke Wachstum des Kranken habe, verbunden mit den Muhseligkeiten des Feldzugs, die Natur zu sehr erschopft, sie versage die Unterstutzung. So schlummerte der holde Jungling sanft und bewusstlos zu einem schoneren Leben hinuber, beklagt und geliebt, selbst von denen, welche ihn nur in seiner Krankheit kannten. Die Tochter des Wirtes weinten um den schonen Toten und gelobten, Rosen um seinen stillen Hugel zu pflanzen. Mucius hatte, die Erlaubnis seines Feldherrn benutzend, den Dienst schon verlassen, um seinen Freund zu uns zu geleiten, wo ihm die Myrten der Liebe winkten. Jetzt fiel ihm der Gedanke zentnerschwer auf das Herz, ohne den Geliebten, den Pflege- und Schutzbefohlenen, vor der verzweifelnden Mutter zu erscheinen. Es schien ihm unmoglich, unsern vereinten Jammer zu tragen. Angst und Verzweiflung trieben ihn, bei einem Regimente wieder Dienste zu nehmen, welches durch Frankfurt nach Spanien marschierte. Er wollte den Tod suchen. Jetzt schrieb er mir aus einer Entfernung von wenigen Meilen, er fuhle sich nicht stark genug, mich noch einmal zu sehen, auch erlaubten es seine Dienstverhaltnisse nicht. Er sagte mir ewiges Lebewohl und fugte nur ganz von ungefahr hinzu, der Marsch gehe uber Bellegarde und er hoffe, seinen Oheim noch einmal zu umarmen.
Im Nu verstand ich jetzt, was der Vater gemeint. "Wir mussen hin!" rief ich und sprang auf, "wir mussen hin!", und dahin flog ich, mit des Windes Eile unsrer Wohnung zu. Im Hofe wurde ein Reisewagen bereitet. Ich sturzte hastig ins Zimmer. "Wir mussen hin! ja wir mussen hin!" "Freilich", sagte mein Vater, indem er mir ein Zeichen gab und den Finger an die Lippen druckte. Ich schwieg und suchte mich zu sammeln. Meine Mutter stand uns abgewandt, einige Kleidungsstucke zusammenlegend, sie wandte sich um, da sie meine Gegenwart bemerkte, sie war sehr bleich, und ihre Glieder zitterten. "Weisst du das Ungluck schon?" fragte sie. Ich schwieg und bedeckte das Gesicht mit beiden Handen. "Wir mussen hin!" fuhr sie fort, "vielleicht ist noch Rettung moglich." Ich merkte mit innerem Beben, dass sie das Schrecklichste noch nicht wusste. Sie trieb mich, etwas Wasche zu packen, ich gehorchte zum Scheine. Nach einer halben Stunde sassen wir alle drei im Wagen und fuhren der furchtbaren Entwickelung entgegen. Meine Mutter sprach unaufhorlich von der traurigen Lage ihres Sohnes: gefahrlich krank, so fern von den Seinen, ohne zarte weibliche Pflege, voll Sehnsucht nach uns. Ich schluchzte und schwieg. Dann kam sie auf den Gedanken, man habe sie gleich anfangs uber seine Wunde getauscht, es sei viel gefahrlicher gewesen, er sei grasslich verstummelt. Ihre Einbildungskraft erhitzte sich und schuf schreckliche Bilder seines Zustandes. Mein Vater widersprach nicht und wies sie nur sanft auf den Willen des Ewigen hin, ohne welchen kein Haar von unserm Haupte falle. Es wollte keine Wirkung tun auf ihren sonst so religiosen Sinn, sie haderte mit Gott und den Menschen. "Ein Kruppel auf Lebenszeit!" rief sie heftig, "unnutz der Welt, sich selber eine Last!" "Freilich", sagte mein Vater, "einem Zustande, wie du ihn schilderst, ware der Tod vorzuziehn, wurde es in die Wahl des Menschen gestellt." Er malte das Bild der Moglichkeit noch weiter aus. "Nein, lieber tot!" schrie meine Mutter, "lieber tot! Herr des Himmels, hore mich! kann ich ihn nicht mehr glucklich sehn, so nimm ihn mir! ich will ihn lieber missen, als dass er leide." "Klara! teure, geliebte Klara", bat mein Vater, "gedenke dieses Ausspruchs, gedenke deines Gelubdes. Das Schicksal konnte dich machtig ergreifen." Ich buckte mich auf ihre Knie nieder und uberstromte sie mit meinen Tranen. Sie versank in tiefes Schweigen, wir schwiegen alle. So fuhren wir den ubrigen Teil der Nacht hindurch, bis die Morgenrote hervorbrach. Die ersten Strahlen des Lichts regten meine Mutter wieder zu einigem klaren Bewusstsein auf. Sie betrachtete bald die Gegenstande am Wege mit Aufmerksamkeit, bald forschte sie auf unsern Gesichtern. Mir wollte das Herz zerspringen, und der Vater musste sich fast immer seitwarts wenden, um den schrecklichen Kampf seines Innern zu verbergen. Plotzlich fuhr sie mit dem Kopf zum Schlage hinaus und sah ruckwarts. Die Sonne sandte eben ihre ersten Purpurstrahlen herauf. Sie fuhr erschrocken zuruck. "Wir fahren der Sonne nicht entgegen", sagte sie fast vernichtet, "gegen Abend kann Frankfurt nicht liegen. Wohin fuhrt ihr mich?" fragte sie starker und fasste krampfhaft die Hand meines Vaters. Die Stimme versagte ihm den Dienst. "Wohin fuhrt ihr mich? Virginia, bei deiner Seligkeit! wohin?" "Nach Monthameau", stammelte ich leise. Sie warf irre Blicke wechselnd auf uns. "Dort kann er nicht sein", stiess sie endlich hervor, "er ist tot." "Du sagst es", brachte muhsam mein Vater hervor, indem er erschopft zurucksank und das Gesicht mit seinem Tuche verhullte. Auch mich lass eine Hulle uber diese schreckliche Szene werfen. Den hochsten Schmerz vermag keine Feder zu beschreiben, wie ihn kein Pinsel zu malen wagen sollte. O Adele, wie leicht tragt sich eigenes Leiden gegen das zerreissende Mitgefuhl bei dem Schmerze geliebter Personen! Der Jammer meines eigenen frischblutenden Herzens wurde in jenen Stunden kaum von mir empfunden. Anfangs wollte die Mutter, als sie wieder zu einiger Besinnung kam, durchaus umkehren, sie wollte Mucius nicht sehn. "Willst du den treuen Pfleger deines Sohnes nicht an dein Herz schliessen?" fragte mein Vater sanft verweisend, "willst du den treuen Jungling nicht horen, der dir die letzten Grusse seines Bruders bringt? willst du nicht horen, wie er starb?" Diese Vorstellungen wirkten, und wir kamen gegen Abend in Monthameau an.
Bleicher Schrecken malte sich auf allen Gesichtern, als man uns erblickte. Mucius gluhete einen Augenblick auf in Freude, als er, beim Eintritt in das Zimmer, mich erblickte. Aber nur einen Augenblick. Blasse des Todes scheuchte den rotlichen Schimmer hinweg, er sturzte ausser sich zu den Fussen meiner Mutter und rief in Tonen der Verzweiflung: "Ich bringe ihn nicht zuruck!" Halb bewusstlos sank die Mutter auf seine Schulter hinab. Alles schluchzte, und es verging eine geraume Zeit, ehe ein Wort die Grabesstille unterbrach. Nach und nach loste sich dann freilich der starre Schmerz in laute Klagen auf. Es wurde gefragt und erzahlt, und die Mitternacht ruckte heran bei traurigen Gesprachen. Die Natur forderte endlich ihre Rechte, und Schlaf sank auf die mude geweinten Augen herab. Die Morgensonne weckte uns zu neuem Jammer. Mir insbesondre stand der herbe Schmerz der Trennung von Mucius bevor. Du hast noch nie geliebt, meine Adele, Du hast also keine Vorstellung von dem Schmerz, dem Geliebten ein ewiges Lebewohl zu sagen. Ach! und wir fuhlten klar und lebendig, es sei das letztemal fur diese Welt, dass unsre Herzen aneinanderschlugen, unser Ohr die sussen Tone der geliebten Lippen vernahm. Aber das Schicksal, das unerbittliche, hatte kein Erbarmen mit unserm Jammer. Es musste geschieden sein. Mucius musste dem Regimente nacheilen, der Ehre die Liebe weichen; er warf sich halb sinnlos auf das Pferd und war in einem Augenblick fur immer verschwunden, der leuchtende Stern auf meiner Lebensbahn fur immer erloschen! Marie schloss mich laut weinend in ihre Arme. "Ungluckliche Marie! unglucklichere Virginia!" rief sie mit tiefem Jammer. "Wir haben ihn beide verloren!" sagte ich und druckte sie an meine Brust. Mein Vater ergriff zartlich meine Hand. "Fur Virginia furchte ich nicht", sagte er mit Vertrauen, "ihr mannlicher Geist wird das Unvermeidliche tragen lernen." Diese einfachen Worte von dem verehrten Munde erhoben meine sinkende Kraft, ich verschloss meinen Gram tief im Busen und vermochte es, mich hulfreich und teilnehmend mit meiner unglucklichen Umgebung zu beschaftigen. Viel lernt der Mensch im Leiden, es ist das eigentliche Seelenbad. Gross ist die Kraft des Menschen, wenn er nur den Willen hat, sie aufzurufen. Nicht den Schlagen des Schicksals erliegt der Mut, er wird nur von der eignen Schwache gelahmt. Unsre Ruckreise war jammervoll, soviel Beruhigung uns auch die weinende Familie des guten Forsters nachgewunscht. Noch trostloser war unsre Ankunft in Chaumerive, in den herzlichen Tranen jedes Einwohners spiegelte sich aufs neue unser unersetzlicher Verlust. Meine Mutter kleidete das ganze Haus in Trauer und liess jeden Morgen eine Seelenmesse fur den teuren Toten lesen. Ach, die Ruhe ihrer eignen Seele stellte keine Messe her! Mein Vater liess sie gewahren, so wie er die ihr anerzogenen Begriffe nie bestritt. Er hatte den Grundsatz, ubersinnliche Dinge musse jeder nach seiner Einsicht abmachen. Seine eigne Uberzeugung hatte sich immer frei von Menschensatzungen erhalten. "Ich wunschte", sagte er mit leisem Kopfschutteln, "der Glaube der Kirche und ihr vorgeschriebenes Zeremonial konnten dieses liebe gebrochene Herz heilen!" Er traf gar keine Anstalten fur seinen Gram, aber er gab sich emsiger seinen Geschaften hin und suchte mehr als je den Wohlstand und die geistige Ausbildung der Gemeinde zu befordern, und allmahlich kehrte eine sanfte Heiterkeit in sein Gemut zuruck. Nur wenn sein Auge auf meine Mutter traf, trubte sich sein Blick. Ich suchte seinem Beispiele zu folgen, auch zwang mich die Lage der Umstande, den tiefen stillen Gram zu zugeln.
Meine Mutter wurde immer schwacher, sie nahm an keinem irdischen Geschafte mehr teil und lebte nur noch ihren Andachtsubungen. Vergebens suchten wir sie auf alle Weise zu erheitern, sie war nicht wieder fur das Leben zu gewinnen. Mir lagen nun die Geschafte des Haushalts ob, und unbeschrankt in diesem Kreise, lernte ich mich bald darein finden. So schwand mir der Winter trube, aber nicht allzu langsam voruber. Mucius hatte mehrmals geschrieben; er war mit seiner Lage nicht zufrieden. Er achtete die Kraft der Spanier und hasste die Triebfedern, wodurch diese gespannt wurde. Dies brachte ihn mit sich selbst in Streit. Sehnlich wunschte er der englischen Macht entgegengefuhrt zu werden, welcher er, mit ungeteiltem Sinn, feindlich begegnen wurde. Ubrigens erhob sich sein jugendliches Herz allmahlich wieder zur Hoffnung. Er wunschte und rechnete darauf, mich wiederzusehen. Der neue Fruhling war hoffnungs- und segensreich in Frankreich eingezogen. Eine hohe Nationalfreude belebte jedermann, bis zu den Hutten herab begrusste man einander mit frohem Jubel. Ganz Frankreich jauchzte der jungen schonen Kaiserbraut entgegen, diesem sanften Friedensengel, der kunftigen Mutter eines starken Geschlechts.
Auch in unserm kleinen Kreise wurde fast von nichts als von dieser frohen Begebenheit gesprochen. Mein Vater nahm daran all den Anteil, den er immer an dem Wohl seines Landes und dem Ruhm unsers gekronten Helden zu nehmen pflegte. Meine Mutter aber schien diese Frohlichkeit nur zu schmerzen. "Zu spat", seufzte sie, "musste ich ein so teures Opfer bringen, damit der Friede einzoge!" "Oh, Mutter!" rief ich im Auflodern meiner alten Begeisterung, "Emil starb, weil seine Tage gezahlt waren. Ware es aber moglich, dass die Gottheit ein Menschenopfer annahme fur Frankreichs Frieden, Freiheit und Gluck, so wollte ich ja, mit tausend Freuden, noch heute mein Blut tropfenweise dafur vergiessen!" Mein Vater druckte mir schweigend die Hand, meine Mutter sahe mich mit starren Blicken an, schuttelte dann langsam den Kopf, fasste nach ihrem Rosenkranz und versank wieder in stillen Gram.
Die Tage der allgemeinen Freude wurden uns Tage der Trauer. Mitten unter den Vermahlungsfeierlichkeiten starb meine arme gute Mutter in meinen Armen. Mein Vater kampfte mannlich mit seinem herben Schmerz. Er kusste den kalten Mund der Geliebten mit zartlicher Wehmut. "Ruhe sanft, holde Klara!" sagte er, "die Erdenleiden drucken jetzt dein armes Herz nicht mehr, stiller Friede ruht auf deiner reinen Stirn, ich will nicht klagen, da du glucklich bist, ich will mich deines Friedens freuen." Auch ich empfand wie er, ich weinte um ihren Verlust, aber ich freute mich ihrer Ruhe und schmuckte ihren Sarg mit den buntesten Kindern des Fruhlings. Ach! oft noch, wenn ich ihren Hugel mit Rosen umkranzt, habe ich sie glucklich gepriesen, dass der Tod sie so fruh gegen die Sturme der Zeit in seine dunkle Wohnung gerettet. Ihrer Seele fehlte die ideale Richtung und der mutige Wille, womit man allein so ungeheure Schicksale zu bestehen vermag.
Einsamer und stiller lebten wir nun fort, aber ruhig und heiter. Wir freueten uns des allgemeinen Wohls und strebten nach Kraften, es zu fordern. Mucius' Briefe blieben im Herbste des Jahres 1810 plotzlich aus, und auch die genauesten Erkundigungen konnten uns keine Nachricht verschaffen. Lange schon war ich auf seinen Verlust vorbereitet, doch schmerzte er mich darum nicht weniger tief. Meine Seele wehrte sich lange, daran zu glauben, bis mehrere zuruckkommende Soldaten seines Regiments uns versicherten, sie hatten ihn bei der Einnahme von Victoria auf der Brucke vordringen und, den Adler in der Hand, die Freiwilligen des Korps aufmunternd hinuberfuhren sehen. Auf der Mitte aber sei er uber das niedrige Gelander herabgedrangt und unfehlbar von dem reissenden Strome verschlungen worden, da man ihn nicht wieder gesehen habe. Nun war es entschieden, mir blieb nichts zu hoffen, nichts zu furchten ubrig, so glaubte ich wenigstens und richtete mich an diesem traurigen Troste gewaltsam auf. "Jetzt bin ich nichts als deine Tochter!" rief ich und warf mich um meines Vaters Hals. "Wir bleiben uns", sagte er und druckte mich zartlich an die Brust. Auch er trauerte schmerzlich uber den Verlust des wackern Junglings, er hatte ihn als Sohn geliebt. Wir redeten oft von den lieben Verlorenen und labten uns an der Erinnerung ihres irdischen Daseins. "Das ist das Los des Schonen auf der Erde", sagte mein Vater, "dass es schnell verbluht!"
So verlebten wir unsere Wintertage. Ich spielte die Harfe fleissiger als je und sang manches neue Lied, das fur unsere Lage passte und meinen Vater erfreuete. Dieser suchte seine Studien wieder hervor, setzte mit mir den Unterricht in den neueren Sprachen eifrig fort oder ubersetzte fur mich die trefflichsten Stellen der Klassiker. Das Studium der Geschichte, besonders der altern, fullte regelmassig unsere Abendstunden, wobei es nicht an Vergleichungen fehlte, welche mancher neuerlich aufgestellten Meinung nicht sehr gunstig waren. Ich beschaftigte mich daneben aufs emsigste mit kunstlicher Stickerei und Weberei, wobei mich mein Vater lachelnd mit Penelope verglich.
Als die Hirtenfloten wieder durch die Taler tonten, hupfte auch ich wieder kindlich froh uber die blumigen Matten. Das leichte Blut meiner Heimat verleugnet sich nicht lange in dem jugendlichen Herzen, es wirft die schwarze, trube Mischung hinaus und hupft frohlich durch die Adern; so auch bei mir. Wenn ich zum Sternenhimmel aufsah und weinend an meinen Mucius dachte, so entzuckte mich doch bald das Floten der Nachtigallen und der tausendstimmige Chor der Abendvogel umher. Die Balsamdufte der Blutengebusche zogen lindernd in meine Brust, und der schmeichelnde Abendwind trocknete mein feuchtes Auge. Wenn ich Blumen pfluckte, das Grab der Mutter und Emils teures Bildnis zu kranzen, so erfreute mich ihr Farbenschmelz, und ich wand mir schon wieder spielend diejenigen in das Haar, deren Anblick den Vater erfreute. Seinem Arbeitstische liess ich sie nimmer fehlen, und bei jeder Mahlzeit schmuckte ich sorgsam die Tafel damit. Den Tanzen unserer Dorferinnen entzog ich mich nicht mehr, die Besuche meiner nachbarlichen Gespielinnen erwiderte ich willig und stimmte heiter in die jugendliche Frohlichkeit ein. Mein Vater freute sich meiner Heiterkeit. Der Mut, womit ich den Gram bekampfte und dem feindseligen Leben eine freundliche Seite abgewann, lag so ganz in seiner eigenen Seele. Kein Wunder, ich war ja sein Zogling. Wie leicht war es mir damals, mich aufrechtzuerhalten, an eine so starke Stutze gelehnt! Wie wenig ahndete ich damals, dass das Schicksal mich so bald an meine eigene Kraft verweisen wurde! Die feste Gesundheit und die noch jugendliche Kraft meines Vaters gaben mir kindliche Sicherheit, und Ruhe, Zufriedenheit und Wohlsein herrschten in dem ganzen mir bekannten Lebenskreise. Hatte ich es denken konnen, dass dies mein letzter froher Fruhling, wenigstens der letzte auf meines Frankreichs lieben Fluren, in den bluhenden Talern meiner schonen Provence, sein wurde? Denken konnte ich es nicht, aber meine Seele schien ein dunkles Vorgefuhl zu hegen. Denn liebender als je hing ich mich an jeden mir irgend werten Gegenstand, als konnte er mir uber Nacht entrissen werden. Mit durstigen Zugen trank ich jede Naturschonheit, jede Fruhlingslust, wie der heitere Sterbende noch begierig den Duft der Bluten und die Strahlen des Lichts empfangt. Selbst da blieb ich noch lebensfroh, als schon mein Vater bisweilen besorgt den Kopf schuttelte. Ich horte wohl von einem neuen Kriegeszuge gegen Norden, aber ich hatte ja dabei nichts zu verlieren. Ich war unter Kriegern aufgewachsen, wie Frankreichs ganze Jugend; uns konnte das Wort Krieg nicht in dem Grade erschrecken, als es wohl Volker erschreckt, welche lange der Ruhe des Friedens genossen. Frankreich war im Innren glucklich und blickte vertrauend und sicher auf seinen kuhnen Helden. Das Heer liebte den Kampf, und die jungen Konskribierten erganzten es im Gefuhl der Nationalehre meistens mit viel gutem Willen. Fand sich mitunter eine Ausnahme, so nannte meistenteils die offentliche Meinung seinen Namen hochst missbilligend. "Frankreichs Sicherheit in seiner Macht!" das war seit fast zwanzig Jahren das Losungswort. Die Nachwelt wird richten, wenn ein Irrtum dabei obgewaltet, sie wird scheiden, was die Umstande, was Willkur herbeigefuhrt, was Ehrgeiz, was Notwehr. Aber nur erst an ferne Jahrhunderte kann der Unterdruckte appellieren, die Gegenwart hat die Glaser zu stark gefarbt. Mir schien fur den Augenblick das Unternehmen gigantisch und fabelhaft, ein neuer Alexanderzug nach Indien. Aber auf welchem Wege? mir schauderte, wenn ich mir ihn malte! tief hinein nach Norden, durch Russlands Schneegefilde, durch seine menschenleeren, ewig wusten Steppen. Wie dankte ich Gott, dass nicht Mucius, nicht Emil diesen abenteuerlichen Zug begleiten durften, welchen ich mir so gefahrvoll und schrecklich dachte. Nichtsdestoweniger wurde meine fruchtbare Einbildungskraft diesmal noch von der Wirklichkeit ubertroffen; ein seltner Fall. Doch trostete ich mich wieder damit, dass ganz Deutschland mit uns im Bunde war. Diese Nachbarn des eisigen Nordens waren ja mit seinen Beschwerlichkeiten vertraut, wussten ihnen zu begegnen und konnten unsern Kriegern sehr hulfreich sein.
Sommer und Herbst des Jahres 1812 verstrichen uns abwechselnd unter Beschaftigungen und Vergnugen. Man trank in dem lieblichen Weine der vorigen Lese die Gesundheit der Heerfuhrer und manches einzelnen Kriegers, man hoffte zuversichtlich, sie bald und siegreich wiederzusehn, nur mein Vater schien leise Zweifel zu hegen. Er hatte in einem Briefe an Victor, welcher jetzt einen hohen Rang bekleidete, seine Besorgnisse ausgesprochen. "Bah!" antwortete dieser, "es ist ja nicht unser Lehrwerk!" "Die Sehne wird zu lang gedehnt", sagte mein Vater, "der Stutzpunkt ist zu fern, sie reisst." "Denken Sie an die Romerzuge nach dem entfernten Albion", trostete unser Abendgenosse, der freundliche Pfarrer. "Und rechnen Sie Polen, welches sich voll Freiheitshoffnung und Rachgefuhl erhebt, fur nichts? Es ist als ein zweiter Stutzpunkt anzusehn." "Zu schwach!" sagte mein Vater. "Oh, mein Vater!" rief ich, "in einem Volke, dem dies geboten wurde, muss jeder einzelne ein Held werden." Mein armes Polen! nicht erobert, nein, mitten im Frieden durch einige Federstriche machtiger Nachbarn zerteilt, zerrissen, dann das straubende Volk gleich einem Rebellenhaufen behandelt. Und gleichwohl beruft man sich auf Moralitat und Gerechtigkeit, wenn das Eisen nicht machtig genug ist. Der Winter trat auch bei uns fruher und unfreundlicher ein als gewohnlich. Jedes rauhe Luftchen presste mir einen leisen Seufzer aus. 'Wie kalt mag es im Norden sein?' dachte ich. Oh, dieser unselige Winter! Wieviel Tranen hat er Frankreichs Muttern und Brauten gekostet! Vernichtet das schonste Heer von Europa! Die Nachricht traf wie ein Donnerschlag das ganze Reich. Ich erstarrte vor Schrecken und Graus. "Selig sind die Toten!" rief ich mit aufgehobnen Armen; "sie haben diese Tage nicht gesehen." "Wohl sind sie seligzupreisen!" sagte mein Vater, und Tranen benetzten sein mannliches Auge. "Frankreichs Heldenblute gefallen, sein kriegerischer Ruhm befleckt! o Tage des Jammers! Aber nichts nutzen weibische Tranen", fuhr er fort, sich die Augen trocknend, "es muss gehandelt werden, dass wir uns wieder aufrichten von dem tiefen Fall. In den Tagen der Gefahr muss jeder sich um so fester an den Fuhrer schliessen; nur vereinter, mutiger Wille und aufopfernder Sinn konnen retten, wo Klugeln und Absondern ins Verderben fuhren."
Sein mannlicher Sinn wurde bald der allgemeine, wenigstens dem Anscheine nach. Der ungluckliche Kaiser fand ein treues Volk wieder, welches seinen eigenen Schmerz vergass, um den verehrten Herrscher zu trosten. Er hatte nichts verloren.
Ein neues Heer zog bald dem nahenden Feinde entgegen, und in gespannter Erwartung wendeten sich alle Blicke gen Osten. Deutschland fiel ab von dem Bunde mit uns, diese Vormauer gegen den andringenden Koloss des Nordens war nicht mehr. Tief schmerzte dieser Abfall mein Volk. Mancher schmahte die tapfern Deutschen, doch ich teilte diese Ansicht nicht. Die Deutschen hatten recht, sobald sie bloss den Druck des Augenblicks in Betracht zogen; und wie konnten sie anders? Die Last des Krieges hatte jahrelang jeden einzelnen gedruckt, sein Ursprung war vergessen und von der Menge unbeachtet, der Sinn fur Freiheit und Menschenrecht allgemeiner und lebhafter geworden. Sie fuhlten sich gefesselt, klagten Frankreich deshalb an, erhoben sich in ihrer Kraft, wie einst gegen das Joch der Romer, und siegten wie damals. Gebe Gott, dass ihre blutige Saat ihnen goldene Fruchte trage! Der Volkswille ist mir etwas Ehrenwertes, und deshalb achte ich die daraus entsprungenen Grosstaten der Deutschen, wie tief auch die Wunden sind, welche sie mir und meinem Frankreich schlugen. Moge das Gefuhl ihrer Kraft nie wieder in ihnen entschlummern, so gelingt ihnen vielleicht einst, was Frankreich vergebens gewollt.
Mein Vater sahe dem immer naher sich heranwalzenden Ungewitter des Krieges mit ernsten Blicken entgegen. Er traf Vorkehrungen, welche ich oft nicht ganz begriff, beschrankte unsere Ausgaben und suchte die Einnahme auf jede Weise zu erhohen, selbst durch Verkaufe, welche nicht vollig den Wert der Dinge erreichten. "Die Zeit wird bose", sagte er, "man kann der baren Hulfsquellen nicht zuviel haben." Dabei war er der punktlichste Zahler jeder offentlichen Abgabe, der freigebigste bei jedem freiwilligen Beitrage. Alle Vergunstigungen, welche er schon langst den Einwohnern auf unsern Besitzungen zugestanden, suchte er gerichtlich auf Kinder und Kindeskinder hinaus sicherzustellen und bewies darin eine Angstlichkeit, welche mich in Verwunderung setzte. Uberhaupt handelte und redete er oft in dem Sinne eines Sterbenden, der seine Rechnung mit der Welt und dem Himmel abschliesst obschon er bluhend und in Lebensfulle vor mir stand. Wenn ich ihn dann angstlich umarmte und ihm fragend ins Auge sahe, blickte er mich heiter an. "Meine Virginia", sagte er, "wird begreifen, was not tut, wenn es not tut; und wird tragen, was Pflicht und Ehre gebieten." "Oh, mein Vater", rief ich, "nach so grossem Verlust, was kann ich noch verlieren?" "Verliere nur dich selbst nicht, so hast du nichts verloren!" sagte er ernst. Und ewig hallt dies Wort in meiner Seele wider.
Es war ein rauher Novembertag, der Sturm heulte durch den Saulengang des Gebaudes und jagte die Blatter der hohen Ulmen an unsern Fenstern voruber; wir hatten uns zum freundlich leuchtenden Kamine gefluchtet, als der Pfarrer fruher und eiliger als gewohnlich in das Zimmer trat. "Wissen Sie?" fragte er angstlich. "Was?" fragten wir. "Das Gerucht ist bose", sagte er stockend, "die Feinde haben den Rheinubergang gewagt und keinen Widerstand gefunden." Wir schwiegen in starrer Besturzung. "So erfullt sie sich denn", brach endlich mein Vater aus, "jene dunkle Ahndung, welche ich bisher wie ein formloses Nachtgespenst auf mich zuschreiten sahe, welche ich weder mir selbst klarzumachen noch andern mitzuteilen wagte! Jetzt ist es entschieden, und jeder Franzose muss einsehen, dass ihm nur eins zu tun ubrigbleibt: jede Faust muss sich bewaffnen, den Thron zu schutzen und den eigenen Herd." Er schwieg und blickte erwartungsvoll auf uns. Mir stockte die Sprache. "Und du, Virginia?" fragte er nach einer Pause, "du ausserst nichts?" "Auch du, mein Vater?" fragte ich zitternd. "Bin ich nicht des Vaterlandes Sohn?" sagte er. "Sein edelster!" rief ich, und mein Mut kehrte wieder. "Ja, mein Vater, ich sehe, was du musst, und keine weibische Trane soll dich hindern. Sorge nicht um deine Tochter, sie wird zu sterben wissen." "Auch zu leben, hoffe ich", sagte er und zog mich an seine Brust. "Dem Unglucke durch den Tod entlaufen ist eine feige Flucht, sie entehrt, und nur die Schande darf man nicht uberleben. Versprich mir, mutig fortzuwirken, dich an die eigene Kraft zu halten, auch wenn die letzte Stutze bricht, und dir selber treu zu bleiben in diesen Zeiten des Verrats." "Ich schwore, mein Vater!" rief ich schluchzend, "ich schwore, deiner wert zu bleiben durch alle Zeiten!" "Ihr frommer Sinn wird Sie starken, mein Fraulein", sagte der wackre Pfarrer. "Virginia tragt das Gottliche im Busen, das uber alle Form erhaben ist", erwiderte mein Vater. Geruhrt und begeistert hob ich die Hande gen Himmel und rief: "Ich will! willst du nur, dass ich wolle." Nun trieb mein Vater eifrig zu seiner Bewaffnung. Ein Teil unserer Dienerschaft und viele der Einwohner folgten seinem Beispiel. Man hoffte anfangs eine allgemeine Landwehr eingerichtet zu sehn, sie kam aber, wenigstens in unsern sudlichen Provinzen, nicht zustande. "So mussen wir denn das Heer verstarken", sagte mein Vater und machte sich zur Abreise bereit. "Lass mich mit dir gehen, Vater!" flehte ich. "Weiber gehoren nicht in den Kampf", sagte er, "ihre Teilnahme an kriegerischen Auftritten ist eine Unnatur, welche sich nur entschuldigen lasst, wenn sie unfreiwillig dazu gezwungen werden." "Auch erbebt mein Inneres vor Blut und Mord", erwiderte ich; "aber lass mich dir wenigstens nahe sein, dass ich oft von dir hore, du bist ja mein alles auf der Welt." "Nun wohl", entgegnete er, "wir reisen zusammen, zuvorderst nach Paris. Dies ist der Punkt, wohin die Feinde streben, das Herz des Staats, von dort muss auch die Verteidigung ausgehn. Der alte ehrliche Antoine und deine treue Manon sollen uns begleiten." Ich traf meine Anstalten, und der Vater versah mich reichlich mit Gelde fur eine lange Abwesenheit. Am Abend vor unserer Abreise befahl er mir, die Leute zeitig zur Ruhe zu schicken und, wenn alles schliefe, auf sein Zimmer zu kommen; ich gehorchte. Als ich bei ihm eintrat, hatte er ein Kastchen offen auf dem Tische stehen. "Siehe, Virginia", sagte er, "hier ist, was ich langst fur Zeiten der Not gespart, unsre einfache Lebensweise machte mir es moglich. Hier sind funftausend Napoleondor und eine gleiche Summe in amerikanischen Staatspapieren. Sollte ich das Ende dieses Kampfes fur unsre Unabhangigkeit nicht erleben und das Vaterland sich in Geldverlegenheit befinden, dann hilf du statt meiner; gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, unter der von ihm hergestellten und geschutzten Ordnung wurde es erworben. Geht alles, was ich nimmer denken mag, geht alles in Trummer, nun so rette dich selbst." Er schloss das Kastchen, lud es, schwer tragend, auf seine Schulter, reichte mir eine Blendlaterne und Werkzeug, und wir gingen schweigend den Weg zur Kapelle. Hier nahmen wir das Marienbild herunter, offneten eine unbemerkbare Hohlung des Gemauers, schoben das Kastchen hinein, schlossen sie ebenso unbemerkbar wieder und hingen das Bild an seine Stelle. 'Werde ich diese heilige Statte wiedersehen?' fragte leise mein Herz. Ich sank kniend auf die Stufen des Altars und betete: "Du Ewiger, gib mir Kraft!" "Darum flehe auch ich, Du Unerforschlicher!" rief mein Vater und kniete neben mich. Der Anblick erschutterte mich tief, ich hatte nie ihn so bewegt gesehn. "Oh", fuhr er in seiner betenden Betrachtung fort, "Deine Wege sind dunkel; die Frage 'Warum?' drangt sich auf jede Lippe, und jeder beantwortet sie nach seiner Einsicht und wie es ihm selbst frommt. Ich weiss, dass alle Einsicht nur menschliche und Irren das allgemeine Los der Sterblichen ist; doch bleibt das beste Wissen und der reinste Wille immer die einzig sichre Richtschnur; auch ich folge ihr, der Ausgang steht bei Dir. Segne mein Vaterland! doch muss es jetzt untergehen zum Wohl kunftiger Geschlechter, zum Wohl der ganzen Menschheit, so gib uns zur Entsagung Kraft, und lass uns edel fallen."
Er erhob sich mutig und zog auch mich in seine Arme empor. Wir gingen gestarkt und mit neuem Vertrauen in unsre Wohnung zuruck, um uns durch Ruhe zu kraftigen fur den schmerzlichen Abschied.
Weinend umringten uns am Morgen die Bewohner der umliegenden Gegend. Es war eine einzige grosse Familie, welche von ihrem Vater Abschied nahm. Segenswunsche erfullten die Luft; die junge Mannschaft, welche freiwillig Dienste nehmen wollte, stand ebenfalls bereit, sie hatte sich beritten gemacht und wollte uns begleiten, doch nur unter meines Vaters Anfuhrung fechten. Die Greise gaben den Junglingen kraftige Ermahnungen mit, und selbst die Mutter zitterten nicht fur das Leben ihrer Sohne, sondern empfahlen ihnen nur Sorgfalt fur die Erhaltung ihres guten Herrn. "Beschutzet unsern Vater, beschirmt ihn mit Gefahr, mit Aufopferung eures Lebens!" riefen sie uns noch lange nach. Mein Vater war tief geruhrt, und meine Tranen flossen reichlich. Der Weg nach Paris war mit Truppen bedeckt, welche aus allen Richtungen zu den Armeen eilten. Mein Vater war lange unschlussig, welcher er sich anschliessen sollte; indessen setzten wir unsern Weg fort, weil er mich erst in die Hauptstadt, als den sichersten Aufenthalt, geleiten wollte. Wir langten an einem heitern Tage vor derselben an. Zu jeder anderen Zeit wurde mich der Anblick so vieler Pracht und des wogenden Getummels mit Entzucken erfullt haben, jetzt aber war meine Seele zwischen schreckender Gegenwart und banger Ahndung geteilt. Doch gewann Paris, in geschichtlicher Hinsicht, bald ein Interesse fur mich, welches mich in etwas von meiner eignen Gegenwart abzog. Alle Erzahlungen aus den Tagen meiner Kindheit vergegenwartigten sich mir. Hier war der Schauplatz jenes grossen Trauerspiels, welches ehemals mit seinen Greuelszenen, mit seinen Grosstaten mich wechselnd mit Schauder und mit Freudentranen erfullte. Wie oft hatte ich mich hierher gewunscht! Jetzt war ich da, und marchenhaft schien mir die rauhe Wirklichkeit. Hier hatte die furchtbare Bastille gestanden; dort war aber auch wieder die schreckliche Guillotine permanent tatig gewesen. Diesen altertumlichen Dom hatte man damals zum Tempel der Vernunft geweiht; dort erhob sich im grossen reinen Stil das majestatische Pantheon. Welche Gegenstande, den Geist zu beschaftigen! Mich wunderte aber nichts so sehr, als dass die Pariser zwischen diesen Denkmalern so leichtsinnig umherlaufen konnten, haschend nach Tand und leeren Zerstreuungen, nach dem Genuss des Augenblicks. Mein Erstaunen wuchs, als ich sie, in diesen ernsten Tagen der Bedrangnis, scherzen und witzeln horte. Es tat mir wehe, mein Herz blutete. Personliche Bekanntschaft veranlasste meinen Vater, sich mit seinen Untergebenen dem Korps des Marschalls Marmont anzuschliessen, mehr noch die Sage, dass der Marschall beauftragt sei, Paris zu decken. Mich hatte er zu der rechtschaffenen Familie gebracht, bei welcher meine Mutter wohnte, als sie mich gebar. Die Wirtin war seitdem verwitwet und lebte mit ihren beiden Tochtern, meines Alters, still und eingezogen. Sie erkannte meinen Vater nach einigen Erlauterungen und konnte sich nicht genug freuen, das kleine Madchen wiederzusehen, welches sie bei dessen Geburt zuerst auf ihrem Schosse gewiegt. "Sie sind an einem merkwurdigen Tage geboren, liebes Kind", sagte sie; "noch immer hore ich den Donner des Geschutzes und das Vivatrufen im Augenblick Ihrer Geburt. Wahrlich, so wird keine Prinzessin begrusst! Wir andern Weiber schreckten immer zusammen bei dem Larmen; und als nun Ihr Vater ins Zimmer sturzte und frei war ach, du mein Gott! wir weinten alle wie die Kinder. Aber wir liebten, auch die schone blasse, ungluckliche Frau von ganzem Herzen. Nun, wo ist sie denn, die gute Mutter?" Uns traten Tranen in die Augen bei dieser zuversichtlichen Frage. Die darauf folgenden Erzahlungen dampften die Freude der ehrlichen Frau gar sehr, und unsre vernarbten Wunden brannten von neuem. Mein Vater empfahl mich der wurdigen Matrone zur mutterlichen Aufsicht. "Sorgen Sie nicht", sagte sie, "sie soll meine dritte Tochter sein und mein Augapfel. Verlassen Sie sich auf mich, und wehren Sie uns nur tapfer den Feind ab. Unser armer Kaiser, Gott segne ihn! kann sich fast nicht mehr all der Gegner erwehren. Ja, das ist keine Kunst; 'viele Hunde sind des Lowen Tod', sagt das Spruchwort." So schwatzte sie immerfort, wahrend sie uns in mein Zimmer fuhrte; es war dasselbe, in welchem meine Mutter mich gebar. Mit unnennbaren Empfindungen warf ich mich auf das Bett, wo ehemals meine arme Mutter so viele Tranen geweint. "Wohl dir", rief ich aus, "dass du jetzt dem Erdenschmerz entnommen bist! Was wurde dein Herz erleiden, hattest du auch dies noch erlebt!"
Meine gute Wirtin und ihre freundlichen Tochter taten alles mogliche, mich nach der Abreise meines Vaters zu erheitern. Manon schloss sich mit ihrer gewohnten Liebe an mich; der ehrliche Antoine ging taglich auf die Feldpost, sich nach Briefen fur mich zu erkundigen, welche ich auch recht oft erhielt. Der Vater hatte mehreren glucklichen Gefechten beigewohnt und sprach mir viel Mut ein. Die Nachrichten von der Grossen Armee lauteten gunstig: der Kaiser sah sich wieder stark genug, gegen den Rhein vorzurucken; man hoffte, dass die Feinde ihm folgen wurden und mussten und dass so das Kriegstheater uber unsere Grenzen hinaus verlegt werden wurde. Eitle menschliche Hoffnung, trugliche Berechnungen des endlichen Verstandes! im Buche des Schicksals stand es anders geschrieben als in den Operationsplanen eines erfahrenen Kriegsrats. Der Feind ruckte, unbekummert um seinen gefahrdeten Ruckzug, mit seiner ganzen Macht auf Paris, und der Marschall Marmont musste auf Verteidigung denken; er besetzte die feste Stellung von Montmartre. Mein Vater kam bei dieser Gelegenheit noch einmal in die Stadt, mich mit seiner Gegenwart zu erfreuen. In seiner Gesellschaft befand sich ein junger Pole von den Lanziers, jetzt Adjoint des Marschalls, ein junger, schoner Mann voll Feuer und Mut, dem Kaiser von ganzem Herzen ergeben. Die naturliche Leutseligkeit und Zuvorkommenheit meines Vaters machte ihn vorzuglich fur Fremde sehr anziehend, welchen er auch seinerseits immer eine besondre Aufmerksamkeit widmete, ein Zug in seinem Charakter, welcher mir immer sehr schatzbar gewesen ist. Er liebte gewiss sein Vaterland und seine Mitburger mit gluhender Seele, wovon sein ganzes Leben und sein Tod unwidersprechliche Beweise gegeben haben. Er war stolz, ein Franzose zu sein, doch war er nicht eitel, es zu sein, er erkannte den Wert eines jeden fremden Volkes und konnte diese vornehme Absonderung durchaus nicht leiden, welche viele fur Vaterlandsliebe ausgeben. "Wir sind ja alle Kinder eines Vaters", pflegte er zu sagen, "und noch immer zeigt dieser gutige Vater, durch seinen gleichverteilten Segen, dass wir ihm, im ganzen, alle gleich wohlgefallig sind. Wir schlagen uns wie unartige Kinder um das Spielgerat, ich hoffe aber, wir werden einst vernunftig genug werden, um uns alle mit Bruderliebe zu umfassen. Freilich, solange die Flegeljahre noch dauern, muss jeder die Partei desjenigen nehmen, mit welchem er eine gemeinschaftliche Mutter hat oder welcher der Schwachere ist oder welcher ihm am meisten recht zu haben scheint; er muss aber nie vergessen, dass er mit den Gegnern einen gemeinschaftlichen Vater hat, und ist die Fehde voruber, so eifre jeglicher dem andern nach im Guten und lege nicht durch Maulen oder kindisches Prahlen neuen Grund zum Streit. Ja hatte ich nur ein einziges Stuckchen Brot zu geben, ich wurde es dem hungernden Fremden, vor allen, reichen; denn der einheimische Bruder fande eher eine zweite Hulfsquelle als der, welchem des Hauses Gelegenheit ganz unbekannt ist." So dachte und fuhlte mein edler Vater, wenige werden ihm gleichen. Oh, konnte ich sein schones Bild malen in der Stunde des Abschiedes! wie er dastand mit dem festen ruhigen Heldenblick. Freundlich trocknete er mir die Augen und strich mir die Locken von der Stirn. "Arme Virginia", sagte er, "du bist schlimmer daran als wir; wir handeln, du musst das Schicksal leidend erwarten. Du hast den meisten Mut vonnoten. Schaue jeder Gefahr standhaft und besonnen entgegen, und sie wird kleiner werden. Ich lasse dich in einer Lage zuruck, wo ich fur jedes andere Weib zittern wurde, fur dich zittre ich nicht, du wirst dir selbst treu und Herr deines Schicksals bleiben. Ja, mein Freund", sagte er, sich gegen den Polen wendend, "in dieser Madchenseele liegt mehr Romersinn und mannliche Starke als in mancher unsrer Waffengefahrten." Der Fremde verbeugte sich gegen mich, mehr ehrfurchtsvoll als hoflich; mein Erroten zu verbergen, empfahl ich ihm meinen Vater. "Sie machen mich stolz, mein Fraulein!" sagte der Jungling und druckte meine Hand an seine heissen Lippen; "nicht des Kaisers Ehre allein wird mich in diesen heissen Tagen begeistern, Virginia sei mein Feldgeschrei! Vergonnen Sie Ihrem Ritter, Ihre Farbe zu tragen." Ich erstaunte bei dem Ernst, womit er diese Worte aussprach. Lachelnd streifte ich das blaue Band aus meinen Haaren und reichte es ihm; er kusste es mit Begeisterung und schlang es um seinen Hals. Dieses kleine romantische Spiel hatte einige heitere Lichtstrahlen uber die dustre Abschiedsszene geworfen und wehrte das Vorgefuhl ab, welches sonst mein Herz zersprengt haben wurde. Ich trennte mich von beiden fast in der Stimmung, mit welcher, in den Liedern unsrer Troubadours, ehemals die Damen ihre Ritter zur Schlacht ziehen sahen. Mein besonnener Vater unterhielt freundlich diesen Scherz; doch als er mich zum letztenmal umarmte, fuhlte ich ein leises Zittern in seinen Armen, welches mich plotzlich wie ein ungeheurer, stechender Schmerz durchbebte. Aber sogleich gefasst, setzte er den wohltatigen Scherz fort, indem er lachelnd sagte: "So lebt wohl, mein Fraulein, und gedenkt unsrer in Eurem Gebet." Damit schwang er sich aufs Pferd und verschwand schnell meinen Blicken. Der junge Pole kusste den Zipfel des blauen Bandes, neigte sich und folgte ihm mit Blitzesschnelle. Da war ich nun wieder allein, unter lieben freundlichen Menschen zwar, aber doch allein. Damals war mir dies peinlicher als jetzt. Von meiner Kindheit an war mir wenigstens der Vater geblieben, mit welchem ich meine Gedanken austauschen konnte, welcher sie verstand, billigte oder befriedigend berichtigte. Das sollte von nun an nicht mehr sein. Der kleine Kreis, welcher mich umgab, vermochte nur untergeordnete Ansichten zu fassen, man berechnete, ob die Lebensmittel teurer werden wurden; daruber hinaus sehnte ich mich auch nicht, denn das leichtsinnige Rennen und Fahren, das Drangen zu Theatern und andern Schauspielen beleidigte mich fur den Augenblick in tiefster Seele. Ebenso emporend war es mir, wie die vornehme und reiche Welt scharenweise davoneilte und, die Sache ihres Landes feig verloren gebend, nur darauf dachte, sich und ihre Schatze in Sicherheit zu bringen. 'Die Zeichen der Zeit sind bose', dachte ich mit Kummer.
Meine haufigsten, liebsten Spaziergange waren die Boulevards aux Italiens; hier war ich dem Montmartre naher, ja ich wagte mich zuweilen, von Antoine und meinen Gesellschafterinnen begleitet, bis an die Barrieren. Nach wenigen Tagen vernahm ich Kanonendonner, erst fern, dann naher; bald erfullten kriegerische Szenen die Vorstadt Montmartre, wahrend die eigentliche Stadt ziemlich ruhig war. Dieser Kontrast war mir auffallend, wenn wir gingen und kamen. Hier eine geputzte Welt, welche nach den Tuilerien, nach den Champs Elysees lustwandelte; dort Truppenabteilungen aller Art, Proviantwagen, Geschutz, bewaffnete Burger, kommend und gehend, Marketender zu Fuss und zu Pferde, alles eilend, larmend, und zwischen all diesem Gerausch Artilleriesalven, von deren Gewalt die Erde zu beben schien. Mir war diese Szene so neu und ich wurde so sonderbar davon ergriffen, dass ich fast meine personliche Lage daruber vergass. Die Tochter meiner Wirtin beschworen mich bei allen Heiligen, mit ihnen nach Hause zu gehen, sie waren voll Furcht und Schrecken, ich aber, wie gefesselt an diesen Schauplatz, hatte ihn gern noch weiter hinaus verlegt. Ja, wenn ich nachgab, um die Forderungen der erschopften Natur zu befriedigen, so fand ich in der sicheren Wohnung durchaus keine Ruhe, es zog mich unwiderstehlich zuruck nach jener Gegend. Dachte ich einen Augenblick nach, so war ich mir selbst unerklarlich. Krieg und Schlachten hatten sonst nur einen geschichtlichen Reiz fur mich, niemals konnte ich die ausfuhrliche Erzahlung eines Augenzeugen ohne inneres Leiden anhoren; die Beschreibung einer Wunde verursachte mir den heftigsten Schmerz an dem eigenen unverletzten Gliede, und niemals hatte ich mich entschliessen konnen, auch nur eine Taube oder ein Huhn schlachten zu sehen. Und jetzt, dem Blutvergiessen so nahe, oft blutenden Verwundeten begegnend, und ich lebte noch? Zu erklaren mag es nicht sein, doch fuhre ich es an, wie es sich in der Tat verhielt. Die Besorgnis um den Vater regte sich oft lebhaft in meinem Herzen, aber der Eindruck, welchen das Ganze auf mich machte, die Grosse des Augenblicks liess sie nie uberwiegend werden. So ging und kam ich, in gespannter Erwartung, teilte den einzelnen Verwundeten meine Tucher und mein Geld mit und hegte noch immer die Hoffnung eines siegreichen Ausganges, als schon das Gerucht sich verbreitete, man habe Kosaken bis dicht an die Barrieren streifen sehen.
Nun war kein Verweilen mehr. Man riss mich mit Gewalt fort nach unsrer Wohnung. Jetzt erst, da ich daheim war, in den eingeschlossenen Zimmern, ergriff mich die qualendste Unruhe. Eine plotzliche Stille folgte auf den Donner des Geschutzes; die Strassen wurden minder gerauschvoll und oder; jeder fragte mit banger Neugier den Nachbar um Nachrichten, diese waren widersprechend und unsicher. Da liess sich plotzlich Pferdegalopp die Strasse hinauf vernehmen, ahndungsvoll sturzte ich an das Fenster. Es war der junge Pole, welcher, mit Staub bedeckt, vom Pferde sprang. Ein furchtbares Vorgefuhl warf mich regungslos auf einen Sessel, sein Anblick sagte mir das Schrecklichste, noch ehe er die Lippen offnete. Verzweiflung rang in seinen Zugen, und Blasse war an die Stelle seiner Jugendrote getreten. Er sank zu meinen Fussen. "Verloren!" hauchte er muhsam hervor. "Mein Vater?" rief ich, fast erstickend. Er zog ein Portefeuille mit dem Bildnisse meiner Mutter aus seinem Busen. "Das letzte Andenken des Edlen und sein Lebewohl!" sagte er kaum vernehmbar. Ich war vernichtet, ich hatte keine Tranen. "Ach", fuhr er fort, "Ihr Vater starb beneidenswert! die Schlacht, sie war noch nicht entschieden und die Hoffnung noch auf unsrer Seite. Mit seinem Leben hoffte er den Ruhm und die Freiheit seines Vaterlandes erkampft zu haben. Es ist vorbei!"
Ich druckte heftig das blutbefleckte Andenken an meinen Mund und sank vor Schmerz zusammen. Die Frauen eilten mir zu Hulfe. Auf ihre Fragen erfuhren wir, ach nur zu fruh! die fernern Begebenheiten. Man hatte schimpflich kapituliert. Frankreichs Ehre und die Kaiserkrone wankten; soviel vernahm ich. "Mein Fraulein", rief der junge Pole und druckte meine kalte Hand an seine Brust, "ich war sehr kuhn und hegte eine grosse Hoffnung! Ein Traum, er war zu schon! ich bin herabgesturzt aus allen meinen Himmeln. Verlassen muss ich die kaum Gefundene, zu ihm ruft mich die Pflicht, er bleibt mein Herr, ihn wahlte ich mir zum Stern! der Tod nur trennt mein Schicksal von dem seinen."
Ich ermannte mich auf einen Augenblick, das Feuer des Junglings regte meine Lebenskraft ein wenig auf. "Gehen Sie", sagte ich, "gehen Sie, wohin Pflicht und Ehre Sie rufen, meine Achtung begleitet Sie." Ich neigte mich zu ihm nieder, er druckte mich leidenschaftlich an seine Brust. "Ich gehe, um Ihrer wert zu bleiben", rief er, "leb wohl fur diese Welt!" ich sah ihn nie wieder. Matt und in dumpfer Fuhllosigkeit fiel ich in die Arme meiner weinenden Manon zuruck. Ich ubergehe die zerreissenden Empfindungen der nachsten Stunden; sie waren schrecklich. Keine lindernde Trane wollte meinen brennenden Schmerz kuhlen, mein Gehirn brachte nur verworrene grassliche Bilder hervor. Da erbarmte sich die Natur, die gutige, meiner und rettete meine Sinne durch eine betaubende Krankheit. Lange habe ich in Fieberhitze gelegen, dem Anscheine nach ein Raub des Todes, und nur allmahlich und schwach ordnete sich mein Bewusstsein wieder. In dem Zustande eines Kindes, welches die Grosse seines Verlustes noch nicht ganz begreift, lernte ich den meinigen fassen und ertragen. Er, der meines Lebens Sonne gewesen, war nicht mehr! Mir grauete in der finsteren Nacht, in welcher ich allein gelassen war. Aber wie Kinder plaudern, wenn sie sich furchten, so redete ich leise mit ihm, der mir immer gegenwartig schien. Ich horte viel reden von den Vorfallen des Tages; mein Anteil daran verstarkte sich nur langsam, doch waren meine Beobachtungen genau und meine Ansichten unverandert. Man ausserte sich uberall mit der Behutsamkeit, an welche man sich seit der Schreckenszeit gewohnt hatte, doch merkte ich leicht an den seichten Trostgrunden, womit man einander das Unabanderliche in ein vorteilhaftes Licht zu stellen suchte, wie sehr man des Trostes bedurfe. Ich vermied jede Ausserung uber das, was mich, nachst meinem personlichen Verluste, so schmerzlich bewegte, teils aus korperlicher Schwache, teils weil ich es fur zwecklos hielt, da eine ohnmachtige Weiberstimme zu erheben, wo Millionen Mannerstimmen schweigen mussten; aber mit dem Geiste meines Vaters setzte ich in Gedanken diese Gesprache fort. 'Die Sache des Volkes ist verloren', sagte ich, 'und die Sache der Fursten siegt, nach zwanzigjahrigem Blutvergiessen. Dass der grosse Mann des Jahrhunderts verlastert wird, ist naturlich und liegt schon in seiner Grosse. Flecken und Maler erscheinen an einer Riesenfigur grosser, und Pygmaen finden den Gulliver abscheulich. Sein grosstes Verbrechen aber scheint mir immer zu sein, dass er, im Volke geboren, sich den Weg zum Throne gebahnt und das Volk ihn darauf bestatigt hat. Ware er ein geborener Furst, man wurde ihn in der Geschichte uber alle Helden der Vorzeit erheben und ihm seine Eroberungen nicht als Verbrechen anrechnen. Dass Regierungen durch solche Besitzergreifungen nicht befleckt werden, beweisen ja noch in den neuesten Zeiten die Eroberungen Russlands gegen Suden und Osten, die Handlungsweise der Englander in Ostindien und die Teilung von Polen. Der Besiegte tragt sein Schicksal mit Grosse, und eben dies verburgt mir die Starke seines Geistes; ein eitler Ehrgeiziger wurde darunter erliegen, doch er, in seinem stolzen Selbstgefuhl, wurde sich noch in Fesseln erhaben dunken und frei!'
Mehrere Wochen noch blieb ich, durch einen Zustand von Schwache, im Bette festgehalten, und auch dann noch konnte ich nur auf einzelne Stunden im Wohnzimmer, auf einem Sofa, dem kleinen Familienkreise unsres Hauses beiwohnen. In demselben hatte sich wahrend meiner Krankheit eine grosse Veranderung zugetragen. Ein junger deutscher freiwilliger Jager war bei uns einquartiert und in kurzem einheimisch geworden. Seine Bekanntschaft tat mir wohl und wehe, sein Stand, seine Jugend und seine liebenswurdige Sanftheit und Bescheidenheit erinnerten mich nur zu lebhaft an meinen lieben Emil. 'So wurde er jetzt sein!' dachte ich, und tausend schmerzliche Betrachtungen drangten sich meinem leidenden Gemute auf. Tranen fullten meine Augen, wenn ich den schonen Jungling ansahe, und doch sahe ich ihn so gern in seiner edlen Haltung. Seine ihn besuchenden Kameraden waren nicht alle ihm gleich, manche kindisch eitel, unbillig, anmassend und grossprahlerisch; er zeichnete sich durch Geistesbildung, Bescheidenheit und Billigkeit des Urteils aus. Dass er ebenso tapfer sei, davon gaben ihm ein roter Streif uber der Stirn und ein noch etwas steifer Fuss das Zeugnis; er hatte bei Lutzen tapfer gekampft und zwei Wunden davongetragen. Bald merkte ich, dass zwischen dem schonen Freiwilligen und Henrietten, der zweiten Tochter des Hauses, sich eine innige Neigung entsponnen hatte. Die Alteste, Nancy, war mit einem im Zivildienst angestellten Landsmanne versprochen und sahe die wachsende Zuneigung ihrer Schwester mit missbilligenden Augen an. Es kam daruber bald, in meiner Gegenwart, zu Familienstreitigkeiten. "Mein Gott, ein Ketzer!" seufzte die gute fromme Mutter. "Ist er nicht ein edler Mensch, liebes Mutterchen?" sagte ich besanftigend, "ist er nicht so brav als menschlich im Reden und Handeln? spricht er nicht von seinen Eltern und Geschwistern mit der zartesten Ehrfurcht und Liebe und von Gott, in zufalligen Ausserungen, mit Vertrauen und Dankbarkeit?" "Alles schon, mein Kind, alles schon", erwiderte die gute Alte, "es ist ein lieber, guter Mensch, auch nicht unbemittelt, wie man hort, aber er hat doch nicht den rechten Glauben." "Daruber kann nur Gott entscheiden", antwortete ich, "die Formen sind Menschenwerk." Es kostete mir viele Muhe, das Gewissen der frommen Frau zu beruhigen, doch kam ich damit noch leichter zustande, als das leidenschaftliche Vorurteil der heftigen Nancy zu besiegen. "Ein Fremder!" rief sie mit Erbitterung, "ein Feind!" "Ist er uns fremd? ist er uns feindselig, gute Nancy?" fragte ich. "Mein Himmel, wie kannst du so reden?" sagte sie heftig. "Kannst du denn wissen, ob nicht gerade sein Gewehr auf die Brust deines Vaters gezielt?" "Und hatte dies wirklich der Zufall gefugt", erwiderte ich mit einiger Anstrengung, "so wurde ich ihn darum nicht weniger schatzen. Das Schicksal stellte sie einander gegenuber; sie taten beide ihre Pflicht, verfochten beide ihre Meinung und die Sache ihres Fursten, es war nichts Personliches in diesem Streit; und setzen schon die Gebrauche des Zweikampfs fest, dass sich nach Beendigung desselben Sieger und Besiegte umarmen, so sollte dies noch eher nach beendigten Volkerfehden geschehen. Die Deutschen hatten recht, sie fuhlten sich gefesselt, sprengten die Ketten, erhoben sich in ihrer Kraft, bewaffneten sich und besiegten unsre bewaffnete Macht. Kannst du ihnen das verargen? Wir hatten dasselbe getan, ja wir haben, aus Freiheitsdrang und angstlicher Besorgnis fur unsre Aufrechthaltung, noch ganz andre Dinge getan. Nein, ich werde die Deutschen immer bewundern und lieben! Ich sage noch mehr: ware unsre mannliche Jugend Deutschlands Heldenjugend gleich gewesen, es stande besser um uns. Und nun zumal dieser edle Jungling, unser Gastfreund, und wir, unkriegerische Weiber."
So verfocht ich taglich mit Eifer die Sache der Liebenden. Der Fremde mochte manches davon, durch Henrietten, erfahren haben, er bezeugte die zarteste Teilnahme fur das liebe kranke Fraulein, wie er mich nannte. Spaterhin hatte ich die Freude zu horen, dass Henriette ihn in seine Heimat begleiten wurde, und es gewahrte mir einen grossen Trost, zu glauben, dass ich einigen Anteil an dem erwunschten Ausgang ihres Schicksals gehabt. Bei dem allen wurde mir der Aufenthalt in Paris unertraglich. Das Gerausch betaubte, und die Charakterlosigkeit der Einwohner argerte mich. Ich sehnte mich nach der Stille von Chaumerive zuruck, mit dem tauschenden Trostgefuhl, als wurde ich dort meine alte Welt wiederfinden; meine Schwache verhinderte mich aber immer noch, Anstalten dazu zu treffen. Auch meine Manon sehnte sich im stillen zu den harmlosen Tanzen unsres Dorfchens zuruck. Antoine, der ehrliche Antoine, welcher schon so lange im Dienste unsers Hauses gewesen und mich noch auf den Armen getragen hatte, betrubte sich herzlich uber den Verlust seines guten Herrn und uber meinen Schmerz. Er war es, welcher plotzlich meinem Schicksale eine unvorhergesehene Wendung gab. Ohne ihn ware ich in einigen Tagen abgereist, ware vielleicht noch lange vergessen geblieben, und in einer andern Lage, anders beraten, wurde ich vielleicht einen anderen Plan befolgt haben, als ihn mir die Umstande jetzt aufgedrungen. Du weisst, liebe Adele, wie der ehrliche Alte, in den Tuilerien herumschlendernd, Dich und Deine Mutter erblickte, die Schwester seines teuern Herrn. Er war ausser sich vor Freude. Durch ihn erfuhrt Ihr meine Anwesenheit, und wenig Minuten darauf hielt Euer Wagen vor unsrer Tur. Ich in Euren Armen, welches Entzucken fur mein verwaistes Herz! Auch uberliess ich mich demselben anfangs mit Trunkenheit, bis sich Wehmut unsrer gemeinschaftlich bemachtigte. Nachdem wir lange miteinander geweint und geklagt hatten, kundigte mir Deine Mutter an, dass sie mich am folgenden Morgen abholen wurde und dass ich in ihrem Hotel wohnen sollte. Ich versprach, bereit zu sein, ob ich gleich eine dunkle Abneigung dagegen in mir spurte. Meine guten Hausgenossen horten mit Betrubnis von dieser Veranderung. Der Glanz Eurer Erscheinung und der Titel Grafin, unter welchem Deine Mutter von mir zu ihnen sprach, hatte die armen Leute ganz schuchtern gemacht. Es kostete mir viele Muhe, sie zu uberzeugen, dass ich die alte Virginia sei und bleiben wolle. Sie weinten alle recht herzlich, als ich am andern Tage mit Deiner Mutter davonfuhr.
Im Hotel angelangt, fuhrte mich Deine Mutter in ihr Kabinett, und nachdem sie mich zartlich umarmt und mir ihre mutterliche Liebe zugesichert hatte, machte sie mir bekannt, dass sie mich ihrem Gemahl, dem Herzoge, vorstellen werde, mit welchem sie schon meinetwegen gesprochen und ihn zu meinem Vorteil gestimmt habe. Ich kann es Dir unmoglich beschreiben, welchen widrigen Eindruck diese fremde, vornehme Wendung auf mich machte. Wie wurde mir aber erst, als sie fortfuhr: "Der Herzog weiss bloss im allgemeinen, dass dein Vater tot ist, ich muss dich aber bitten, es ihm und jedermann zu verhehlen, dass er, mit den Waffen in der Hand die Sache unsers Konigs bekampfend, gestorben. Es konnte uns nachteilig sein in der Gunst des Hofes und wurde dem Herzog ausserst missfallen." Ich erstarrte. "O mein Vater!" brach ich endlich schluchzend aus, "kann man von deiner Tochter verlangen, deine Vaterlandsliebe und deine heldenmutige Aufopferung zu verleugnen?" "Sei vernunftig, Virginia", sagte Deine Mutter, "die Dinge haben sich sehr verandert, du wirst dich darein finden lernen und die eingesogenen Vorurteile ablegen. Mein guter Bruder war, durch Umstande, in eine schlechte Sache verflochten worden, Friede sei mit seiner Seele! Gern will ich im stillen mit dir uber seinen Verlust weinen; aber ich untersage dir, mit mutterlichem Ansehn, mich nicht offentlich in Verlegenheit zu setzen." "Ich werde schweigen, wenn man mich nicht ausdrucklich fragt", sagte ich entrustet, und die mit Ruhrung begonnene Unterredung endete ziemlich lau. Sobald gemeldet wurde, dass der Herzog sichtbar sei, wurde ich, von Deiner Mutter begleitet, zu ihm in den Saal gefuhrt. Er empfing mich recht artig, stellte sich mir als das Haupt der Familie durch das Testament des Grossoheims vor und versicherte mich seines vaterlichen Schutzes. Er umging jede fruhere Beziehung und sagte mir vieles Schmeichelhafte uber sein Vergnugen, mich in die grosse Welt einzufuhren, wo ich gewiss mit Erfolg auftreten wurde. Dann fugte er, sich gegen Deine Mutter wendend, mit Bedeutung hinzu: "Sie werden Sorge tragen, dass unsre Nichte mit all dem Glanze auftritt, welcher ihren Annehmlichkeiten und unserm Range gebuhrt. Ich liebe die traurigen Farben nicht", fuhr er, mit einem Blick auf mich, fort, "sie rauben den schonen Wangen alles Feuer." Dann entliess er uns mit einer hoflichen Wendung. Ganz betaubt von diesen befremdenden Szenen kam ich auf mein Zimmer, wo Du mir in die Arme flogst. Du warst die alte, meine herzige Adele. Deine Liebkosungen, Deine heiteren Scherze beruhigten mein emportes Gemut. Dein Bruder Louis liess sich melden, um die Bekanntschaft seiner schonen Cousine so schnell als moglich zu machen. Du warst Zeuge, wie sein Benehmen und seine Manieren mir auffielen, und lachtest mehrmals laut auf uber meine verlegene Befremdung. Ja, man wirft im Auslande unsern Landsleuten Frivolitat und Leichtsinn vor, und wohl leider nicht mit Unrecht, wie ich seit meinem Aufenthalt in Paris mit Unwillen wahrgenommen habe; hier aber uberbot ein Auslander alle Muster, welche ich bisher in dieser Art gesehen. Wie froh war ich, als ihn seine Vergnugungen von uns rissen, ganz gegen seine Neigung, wie er tausendmal schwur. Jetzt fing ich an, aufzuatmen und mich ein wenig in dieser neuen fremden Welt zu finden. Tausend Stimmen in meinem Innern riefen, dass sie nimmer, nimmer die meinige werden konne; doch war ich entschlossen, sie naher ins Auge zu fassen und reiflich zu erwagen, was mir zu tun vonnoten sei. Wir verlebten nun unsre Tage ganz angenehm, unter uns, indem wir uns durch Musik und Lesen aufheiterten. Deine Mutter war meistens so gutig und liebreich wie in jenen schonen Tagen in meiner Provence. Mein Herz neigte sich wieder kindlich zu ihr; als Du aber in Deiner schaulustigen Art vorschlugst, einen nahen Spaziergang zu besuchen oder ins Theater zu fahren, und sie sich weigerte, weil ich in Trauer sei, welches ich anfangs dankbar fur zarte Schonung hielt, jedoch sie mir bald darauf, mit einer kleinen Verlegenheit, den Vorschlag machte, ob ich mich nicht wenigstens weiss kleiden wolle, indem die Tracht Aufsehn errege und ich ihr durch deren Ablegung einen Gefallen erzeigen wurde, da konnte ich mich nicht enthalten, in grosster Leidenschaft mit Hamlet auszurufen: "O Himmel, ein vernunftloses Tier wurde langer getrauert haben!" Deine Mutter schwieg beschamt. Das Vertrauen war wieder vernichtet, obschon es mir am andern Tage vor Augen lag, dass sie gegen ihr Gefuhl, nur nach der Vorschrift Deines Vaters, handle.
Der Herzog, vergib mir, Adele, dass es mir nicht moglich ist, Deinen Vater anders zu nennen, er war mir fremd, kundigte sich mir als solcher an und wurde in Eurer Familie selbst fast nicht anders genannt; der Herzog, welcher mehrere Tage auswarts gespeist hatte, erschien namlich bei der Mittagstafel. Bald bemerkte ich, dass er ofters finstere, missfallige Blicke auf mich warf. Nach aufgehobener Tafel naherte er sich mir und notigte mich, in ein Fenster zu treten. "Warum noch immer in dieser Farbe, gegen welche ich mich schon anfangs missbilligend erklart habe?" fragte er mit gebietender Stimme. "Die Zeit der Trauer ist noch nicht voruber", stotterte ich. "Trauer passt nicht fur diese Zeit!" sagte er herrisch, "ware auch der Tote erst gestern begraben; Trauerzeichen sind zweideutig, und sie sollen, wenigstens in meinem Hause, nicht gesehen werden. Zudem sollen Sie am Montage der Prinzessin... vorgestellt werden, bereiten Sie sich gehorig dazu vor." Ich wollte etwas erwidern, er liess mich aber nicht zu Worte kommen. "Ich meine es gut mit Ihnen, Grafin Nichte", fuhr er etwas milder fort, "aber Sie mussen sich zu fugen wissen." Er entfernte sich aus dem Zimmer. Ich wankte nach dem meinigen; Deine Mutter folgte mir und umarmte mich mit einiger Ruhrung. "Ich hatte es dir gern erspart", sagte sie, "aber du wolltest meine Winke nicht verstehen." Ich brach in Tranen aus. "Beruhige dich, liebe Virginia", sagte sie, "wir Weiber sind ja einmal zum Gehorchen geboren, gib diesen kleinen Eigensinn auf." Eigensinn! o Himmel und Erde! Du kamst dazu und liebkosetest mich mit Deiner gutmutigen Art, redetest mir so freundlich zu, dass ich am Ende Eure Friedensvorschlage annahm, mich, wenn ich ausserhalb meines Zimmers erschiene, bunt zu kleiden und mich offentlich und in Gesellschaft mit heiterem Gesichte zu zeigen. Oh, welch ein Opfer brachte ich der bittenden Freundschaft, und mit welcher Sehnsucht eilte ich in meine Einsamkeit zuruck, um meine schwarzen Gewander anzulegen und mich von ganzer Seele betruben zu konnen! Welch ein Wechsel fur mich! ich, die nie den Schein des Zwanges gefuhlt hatte, frei aufgewachsen war, wie das Reh des Waldes, nun umgarnt mit tausend Netzen und noch keinen Ausgang gewahrend! Fur den Augenblick gab ich der Notwendigkeit nach und liess mich einfuhren in diese fremde Welt. Ihr alle waret nun voll Besorgnis fur mein erstes Auftreten und eifrig bemuht, mir Mut einzusprechen. Ich musste innerlich lacheln, denn er fehlte mir nicht. Wohl fuhlte ich Widerstreben, aber keine Angstlichkeit. Was Euch imponierte, liess mich im Gleichgewicht. Auch schien man allgemein uberrascht von meiner ruhigen Besonnenheit. Ich war in den spiegelglatten Salen des Hofes, unter hoffahigen Leuten, mit meinem sicheren Gange eine fremde Erscheinung. Aber wie fast immer das Fremde Gluck macht, so wurde auch ich nicht ungunstig aufgenommen, ja es hatte vielleicht nur bei mir gestanden, zu einer gewissen Beruhmtheit zu gelangen, wenigstens unterhielt mich Dein Bruder unaufhorlich von dem glanzenden Eindruck, welchen ich gemacht; mir wurde aber mein Gluck mit jedem Tage unertraglicher. Es war mir gleich unmoglich, die Maske der Unterwurfigkeit vorzunehmen oder in Schmahungen gegen die verflossenen Zeiten einzustimmen. Die ewig witzelnde, schale Unterhaltung, welche, in derselben Viertelstunde, vom Ball zur Politik und von der neuesten Mode zur neuesten Mordtat uberspringt, war mir in tiefster Seele zuwider.
Es war bei meinem wahrhaftigen Charakter wohl nicht moglich, die Eindrucke ganz zu verbergen, welche ich in der Gesellschaft empfing. Einige unsrer Tischgenossen, um sich, meiner Kalte wegen, an mir zu rachen, machten sich das boshafte Vergnugen, mich oft in Verlegenheit zu setzen, indem sie meine Meinung uber diese und jene der neuesten Begebenheiten zu horen wunschten. Ich suchte mich zwar immer geschickt herauszuwickeln, um weder meine eigene Meinung zu verleugnen noch der fremden wehe zu tun, aber meine Massigung machte die Angreifer nur kuhner. Selbst Dein Bruder gesellte sich nicht selten zu ihnen. Der Herzog warf, bei solchen Vorfallen, wutende Blicke auf mich, und Deine Mutter hielt mir insgeheim lange Strafreden, welche mir wehe taten, ohne mich zu uberzeugen. Sie ging immer deutlicher mit dem Plane gegen mich heraus, welchen ich schon seit einiger Zeit geahndet hatte, mich an Louis zu vermahlen. "Du gehorst zu unsrer Familie", sagte sie, "und musst deine Gesinnungen ganz nach den unsrigen zu andern suchen." Ich fuhlte mich emport von diesen anmassenden Zumutungen, und meine Erwiderungen mochten keine grosse Unterwurfigkeit ausdrukken. Man fing an, mich immer haufiger zu schmahen und zu kranken, Dein Bruder nahm ein zuversichtliches, herrisches Betragen an. Er nannte mich oft seine schone Zukunftige und behandelte meine Prostestationen als Scherz. Dann hielt er uns, mit altkluger Miene, lange Vorlesungen uber die Pflichten unsers Geschlechts als Gattinnen, welche mit meinen Begriffen sehr wenig ubereinstimmten. Du lachtest ihn geradezu aus, brachtest ihn aus der Fassung und mich zum Lacheln; mir war aber das Ganze nichts weniger als lacherlich.
In den Stunden der Einsamkeit fing ich ernstlich an, darauf zu denken, mich dieser druckenden Lage zu entziehen. Nach Chaumerive zuruckzukehren und dort, wenn auch nicht glucklich, doch ruhig zu leben fand ich sehr einfach. Ich waffnete mich mit meinem ganzen Mut, um diesen Entschluss dem Herzoge bekannt zu machen, nachdem Deine Mutter ihn schon als einen kindischen Einfall aufgenommen und mir geraten hatte, nicht weiter daran zu denken. Ich liess mich formlich beim Herzoge melden. Ruhig trug ich ihm den Wunsch vor, in den nachsten Tagen nach meiner Heimat abzureisen. Er schwieg einen Augenblick betroffen, dann antwortete er, an sich haltend: "Ich denke, Grafin, Sie haben kein andres als mein Haus." "Ich werde es mit den dankbarsten Empfindungen verlassen", erwiderte ich, "aber der Aufenthalt meiner Kindheit fordert mich unwiderstehlich zuruck." "Es ist Zeit, diesen romantischen Hang abzulegen", antwortete er, "ich werde Sorge tragen, dass Ihr Interesse dort aufs beste wahrgenommen werde; ich werde einen sicheren Geschaftsmann dahin senden, welcher alles reguliert, und was Sie sich etwa noch von dorther wunschen, haben Sie nur die Gute zu bestimmen." Ich sahe ihn wahrend einer kleinen Pause mit grossen Augen an, dann sagte ich bescheiden, aber nachdrucklich: "Chaumerive und seine nachbarlichen Besitzungen waren meines Vaters rechtmassiges Eigentum, und ich bin mundig." "Die Tochter grosser Familien sind dies niemals", erwiderte er, "und ich bitte, nicht zu vergessen, dass ich die Ehre habe, das Haupt der Unsrigen zu sein." "Ihnen meine Achtung zu bezeugen, Herr Herzog, legte ich Ihnen meinen Entschluss vor", sagte ich mit vieler Ruhe. "Den Sie auch ohne meine Zustimmung ausfuhren zu konnen glauben?" rief er zornig; "aber ich sage Ihnen, Sie werden es nicht wagen, meine trotzige Republikanerin! mein Arm reicht weit, und dem Konige muss daran liegen, dass der Glanz seiner Getreuen, durch reiche Erbinnen, erhohet werde, ich habe deshalb schon Einleitungen getroffen. Ihre Hand ist meinem Sohne bestimmt, dieses Bundnis stellt alle Parteien zufrieden, und Ihre Meinung ist darin von keinem Gewicht; Tochter hoher Abkunft werden immer nach den Gesetzen der Konvenienz vermahlt." "O Gott! ich bin nicht von hoher Abkunft", rief ich aus. "Man wird einen Schleier uber die Vergangenheit werfen", erwiderte er, "Sie werden vom Hofe nur als die Enkelin des Herzogs von Montorin angesehen werden, suchen Sie sich dieser Gnade wurdig zu machen, und vor allem scheuen Sie meinen Zorn." Damit entliess er mich. Ich kam ganz verstort in mein Zimmer zuruck, wo ein heftiger Tranenstrom meine gepresste Brust erleichterte. Deine Mutter erschien bald darauf. "Ungluckliche", sagte sie, "warum musstest du dir eine so unangenehme Szene zuziehn, und um welcher kindischen Grille willen! Hattest du einen Augenblick nachgedacht, so wurdest du selber eingesehen haben, wie unschicklich es sei, allein nach Chaumerive zu reisen. Nach deiner Vermahlung wird Louis gewiss die Gefalligkeit haben, dich auf einige Wochen dahin zu fuhren." "Sie setzen da einen Fall, liebe Tante", sagte ich, "welcher meiner Seele sehr fremd ist." "Fremd?" rief sie, "und warum, wenn ich bitten darf? Louis liebt dich, das wusstest du langst, und worauf konnte sich bei dir eine Abneigung gegen ihn grunden? Er ist jung und liebenswurdig, er sichert dir einen hohen Rang in der Gesellschaft; uberdies aber ist diese Heirat in der Familie einmal beschlossen, und ich hoffe, dass du wenigstens soviel Erziehung haben wirst, um zu wissen, dass du deiner Familie Gehorsam schuldig bist." "Meine Eltern, welche ihn zu fordern ein Recht hatten, haben ihn nie an mir vermisst", antwortete ich gefasst, "aber gewiss wurden diese teuren Eltern niemals uber meine Hand verfugt haben, ohne mein Herz zu Rate zu ziehen." "Ja, ja", sagte sie, "mein Bruder dachte freilich etwas burgerlich; in unserm Stande kann aber davon die Rede nicht sein. Ich will doch nicht hoffen, dass dein Herz schon eingenommen ist? etwa fur einen kleinen Emporkommling von ehemals? Ich rate dir, ihn in der Stille daraus zu verbannen, es konnte ihm leicht ein schlimmes Spiel machen." Ich schwieg, denn ob ich gleich die versteckte Drohung nicht zu furchten hatte, so war mir Mucius' Name und meine Liebe zu heilig, um sie hier auszusprechen. Deine Mutter glaubte in meinem fortdauernden Stillschweigen und in meiner ruhiger werdenden Miene ein gunstiges Zeichen zu sehn; sie glaubte mich zum Nachgeben gestimmt und verliess mich mit vieler Zufriedenheit, indem sie mich wiederholt umarmte und mich ihre gute Tochter, ihre vernunftige Virginia nannte sie irrte sehr. In meiner Seele arbeitete sich der Vorsatz empor, diese Fesseln, um jeden Preis, zu brechen, und dieser mutige Gedanke gab mir Festigkeit und Ruhe. Sobald ich allein war, fing ich an, uber Mittel nachzudenken, durch welche ich zum Ziele gelangen konnte, und ich befand mich in einem ziemlichen Labyrinthe.
Sosehr ich auch von der Rechtmassigkeit meiner Forderung und von meinem Anspruch auf Unabhangigkeit uberzeugt war, so wusste ich doch nicht, wie weit die Gewalt der Willkur gehen konnte. Ich hatte in meiner Kindheit zu viel von Machtspruchen und Gewaltstreichen dieser Art gehort und gelesen, als dass sich mir nicht die Moglichkeit hatte aufdringen sollen, man werde zu einer Zeit, wo man eifrig darnach zu streben schien, das Alte ganz wiederherzustellen, ohne Bedenken dazu wieder seine Zuflucht nehmen. Auf wessen Schutz konnte ich hoffen? Meine Gegner waren von der siegenden, meine Freunde von der unterdruckten Partei. Wen sollte ich mit dem gefahrvollen Amte meiner Verteidigung belasten? Versperrte ich mir nicht bei einem offenbaren Auflehnen, im unglucklichen Falle, jeden Weg der Rettung? Bald begriff ich, mein einziges Heil liege nur in der Flucht und nur meinem eignen Mute durfe ich mich vertrauen. Sobald ich hieruber mit mir einig war, fuhlte ich mich beruhigt und erschien wieder unter Euch, mit meiner gewohnten Heiterkeit, wodurch Ihr alle auch uber mein Vorhaben getauscht worden seid. Im stillen fuhr ich jedoch zu beobachten fort, und bald wurde mir klar, dass ich fast wie eine Gefangne gehutet werde. Man hatte mir eine zweite Kammerfrau gegeben und meine Manon ziemlich uberflussig zu machen gesucht. Antoine wurde mit Pension entlassen, um nach seiner Heimat zuruckzukehren, und kam, um mir zum Abschiede die Hand zu kussen, Deine Mutter war dabei zugegen. Aber vorbereitet darauf, druckte ich ihm, indem ich ihm einige Goldstucke zum Andenken schenkte, unvermerkt einen kleinen Zettel in die Hand, worin ich ihm befahl, bis auf weitere Nachricht auf dem nachsten Dorfe zu verweilen. Mit Behutsamkeit fand ich nun Gelegenheit, Manon mein Vorhaben zu entdecken. Die Schlauheit des Madchens glich ihrer Treue; sie war schnell orientiert und spielte ihre Rolle vortrefflich, denn auch sie sehnte sich ebenso nach den Blumenufern der Durance zuruck als ich mich nach Freiheit. Reichlich durch mich mit Geld versehen, fing sie ihr Spiel damit an, dass sie sich sehr schau- und tanzlustig stellte und mit einigen Bedienten der Nachbarschaft die offentlichen Orter besuchte, woruber sie einigemal sich meine Missbilligung und ernstliche Verweise Deiner Mutter zuzog. Sobald sie sich in dieses Licht gestellt hatte, nutzte sie die angenommene Meinung uber ihre Gange, um Antoine aufzusuchen und alles mit ihm zu verabreden. Sie kam oft spat nach Hause, wobei sie sich immer von einem jungen Menschen begleiten liess und dann dem aufschliessenden Schweizer schmeichelte, damit er ihr spates Ausbleiben verschweigen solle. Ihn zu beschwichtigen, brachte sie ihm mehrere Abende nacheinander ein Flaschchen Madeira mit, welches ihr, wie sie sagte, ihr Liebhaber verehrt habe, der die Aufsicht uber seines Herrn Weinkeller fuhre; der Wein sei ihr zu hitzig, meinte sie, der Schweizer fand ihn dagegen sehr nach seinem Geschmack. Nachdem sie ihn so einige Tage sicher gemacht hatte, mischte sie eines Abends einen leichten Schlaftrunk unter den Wein, dessen Wirkung schnell, aber nur von kurzer Dauer sein sollte, und erquickte beim Nachhausekommen den Wartenden. Ich war durch einige Winke benachrichtiget und lag wachend in meinem Bette. Schnell stand ich auf, warf nur eine Unterkleidung uber, hullte mich in ein grosses Tuch, und so schlichen wir behutsam die Treppe hinab. Der Schweizer lag glucklich im tiefsten Schlaf, Manon nahm den Schlussel, offnete, und wir erreichten glucklich die Gasse. An der nachsten Ecke erwartete uns Antoine mit einem Wagen. Manon hatte fur Kleider, Antoine fur einen Pass, auf sich und zwei Tochter lautend, gesorgt. So kamen wir ohne Hindernis aus den Barrieren, und ich atmete tief auf, als die Steinmasse hinter mir lag, welche fur mich ein Gefangnis gewesen war. Vergib mir, teure Adele, es tat mir wohl wehe, Dich verlassen zu mussen, aber das Gefuhl der Freiheit uberwog jede andre Empfindung. Selbst meinen grossen Verlust und das Ungluck meines Vaterlandes fuhlte ich in diesen Augenblicken nur schwach.
Wir eilten schnell vorwarts und gonnten uns kaum die notwendigste Rast. Doch glaubte ich, selbst bei diesem Voruberfluge, zu bemerken, dass die Stirnen uberall tiefer gefurcht waren als in Paris. Dies tat mir einigermassen wohl; denn hatte ich langer in der Hauptstadt gelebt, ich glaube, ich hatte mein Volk hassen gelernt. Ich hatte mich sehr davon entwohnt, mich uber etwas zu aussern, und beobachtete dies auch wahrend der Reise. Doch horte ich auch einen Postmeister, wahrend des Pferdewechselns, ganz ohne Veranlassung sagen: "Hier kam er durch, als er von Frejus kam, um das Reich zu retten; damals ahndete ich nicht, dass ich ihm noch einmal Pferde geben wurde, um aus seinem geretteten Reiche in die Verbannung zu gehen." Die tiefbewegte Stimme des Mannes erschutterte mich. Er stand an der Schwelle des Greisenalters; weinend und schweigend reichte ich ihm die Hand. "Oh, mein Fraulein", sagte er, indem er sie zwischen den seinigen druckte, "ich habe im Kampfe fur das Vaterland drei Sohne verloren, wackre Jungen, aber ich trostete mich, denn Frankreich war gross und glucklich. Soll all das Blut, welches der Freiheit geopfert wurde, vergebens geflossen sein?" Ich verbarg schluchzend das Gesicht und zeigte mit der Hand gen Himmel. "Wohl, mein Fraulein", sagte er, "Gottes Wege sind nicht unsre Wege, und dem Sterblichen geziemt Entsagung." Hoch schlug mein Herz, als ich den Ventoux in weiter Ferne erblickte, noch hoher, als die weissen Gemauer von Chaumerive sichtbar wurden. Der Wagen fuhr mir zu langsam, ich verliess ihn und flog mit Windeseile auf dem Fusspfade dahin. Mir war, als musste ich all die lieben Verlorenen wiederfinden. Ach, ich fand sie nicht! Aber ein treues Volkchen fand ich wieder, das mich mit ausschweifender Freude umarmte, fragte und horte und dann teilnehmend mit mir weinte um meinen Vater und um mein Vaterland. Erquickende Tranen, welche mein verarmtes Herz wieder an die Menschheit banden! O hatte ich hier bleiben konnen, getrennt von der ubrigen Welt und vergessen! Aber dies durfte ich nicht hoffen; selbst der Pfarrer, dessen Rat ich einholte, furchtete fur die Sicherheit meines Aufenthalts und sah wenigstens viel Unruhe und Verdruss voraus. So musste ich denn mit schwerem Herzen mich losreissen von der Wiege meiner Kindheit. Weinend besuchte ich noch einmal jedes Platzchen der Erinnerung, kranzte zum letzten Male das Grab meiner Mutter, mit Sommerblumen, und verschloss mich dann in mein Zimmer, um meinen Mut in der Einsamkeit zu starken. Mein altes Bilderbuch fiel mir in die Augen, ich nahm es mechanisch heraus und schlug es auf. Bald traf ich auf Szenen, wie Athens und Roms Helden ruhig in die Verbannung gingen, wie das ganze Volk der Messenier, von dem stolzen Sparta besiegt, seine geliebte Heimat verliess, um an Siziliens Kuste und unter dem glucklichen Himmel meiner Provence seine Freiheit und seine Sitten zu retten. Klein und unbedeutend erschien mir mein eigenes Schicksal gegen diese Beispiele; ich war wieder die alte, besonnen und ruhig. Ich packte das wenige zusammen, was ich mit mir zu nehmen gedachte, und liess eines Abends den Pfarrer bitten, mir zu helfen, um meine Angelegenheiten zu ordnen. Sobald es finster geworden war, ging ich, in seiner und Antoines Begleitung, zur Kapelle, wo mein Vater, im ahndungsvollen Gefuhl der Zukunft, jenes Vermachtnis niedergelegt hatte. Wir zogen das Kastchen aus seiner sichern Verborgenheit, und der ehrliche Antoine trug es in mein Zimmer. Darauf kniete ich auf den Stufen des Altars nieder, schmerzliche Erinnerungen drangen auf mich ein, und meine Standhaftigkeit wollte mich verlassen; doch der ehrwurdige Pfarrer starkte mich durch die Hinweisung auf eine ewige Vorsicht und erteilte mir seinen Segen. Er fuhrte mich in mein Zimmer zuruck, und wahrend Antoine Pferde besorgte und den Wagen packte, beauftragte ich ihn mit allen den Andenken, welche ich fur meine Getreuen zuruckliess, dann trennten wir uns weinend voneinander. Er war seit meiner Kindheit ein treuer Freund meines Hauses gewesen; mir war, als ob ich in ihm einen zweiten Vater verlore. Aber ihn hielt die Pflicht seines Amtes zuruck, mich trieb die Pflicht der Selbsterhaltung hinweg, wenigstens der Erhaltung meines besseren Selbst. In finstrer Nacht reiste ich ab; es ware mir zu schwer geworden, mich von der weinenden Menge zu trennen, ja unertraglich fast, die geliebten Gegenden so allmahlich entschwinden zu sehen.
Ich reiste ganz allein mit Antoine, welcher mich bis Marseille geleiten sollte. Gern ware er mir auch weiter gefolgt, aber ich mochte ihn nicht von seinen Kindern trennen, so wie ich denn auch meine gute Manon unmoglich ihren Eltern entziehen konnte und ihr deshalb das Weitere meines Vorhabens verschwieg. Ich liess ihr eine gute Aussteuer zuruck, welche sie jedoch, bei ihrer Anhanglichkeit, nur wenig getrostet haben wird.
Bei meiner Ankunft in Marseille erkundigte ich mich sogleich im Hafen und fand ein segelfertiges amerikanisches Schiff, welches nur auf den ersten gunstigen Wind wartete, um die Anker zu lichten. Der Kapitan, aus Philadelphia, hatte eine von den einnehmenden Physiognomien, welche sogleich Vertrauen erwecken. Ich trug ihm meinen Wunsch vor, und er war sogleich bereitwillig, mir einen bequemen Platz in der Kajute einzuraumen, ja er war so lebhaft besorgt fur mich, dass er in mich drang, sein Schiff sofort zu besteigen, um jede Nachfrage zu vereiteln. Ich liess also meine Sachen an Bord bringen und trennte mich von meinem treuen Antoine, welchem ich ein sorgenfreies Alter zugesichert hatte, mit der schmerzlichsten Ruhrung und mit der Bitte, auf einem weiten Umwege in unsre Heimat zuruckzukehren. Nun war ich allein, zum ersten Male ganz allein, in fremder Umgebung. Kein Gegenstand, kein Gesicht erinnerte mich an eine bekannte Vergangenheit. Der Eindruck war neu und erfullte mich mit inniger Wehmut. Alles, was ich verlassen hatte, was mir war entrissen worden, verlor ich erst in diesen Augenblicken. Ich bedurfte eines Wesens, in dessen treue Brust ich meine Klagen ausstromen konnte. Du warst mir diese geliebte treue Seele. Gewiss wirst Du diese Blatter, wenn sie zu Dir gelangen, nicht ohne das regeste Mitgefuhl lesen. Sie enthalten meine Rechtfertigung, wenn ich deren bei Dir bedarf. Auch bei Deiner Mutter werden sie mich entschuldigen, wie ich zu hoffen wage. Ungern nehme ich ihren Zorn mit in die Neue Welt hinuber, sie wird mir ewig die geliebte Schwester meines teuern Vaters bleiben. Bringe ihr mein zartlichstes Lebewohl und sage ihr, Virginia sei nur unglucklich, nicht undankbar. Was den Herzog betrifft, fur den bin ich tot, und die Erbschaft meiner Besitzungen wird ihn hoffentlich uber mein fruhes Ende trosten. Louis hat mich gewiss schon langst vergessen. Seine Neigung war wohl nur ein Kind der Konvenienz; er erreicht jetzt seinen Wunsch ohne die lastige Zugabe, welche ihm doch vielleicht oft fuhlbar geworden ware, und kann durch eine neue, glanzende Verbindung seinen eigenen Glanz noch um vieles erhohen.
Euch gehort nun Chaumerive. Ach, Adele, sei Du der Schutzgeist meiner verlassenen Freunde! Du bist ja auch unter ihnen glucklich gewesen. Deiner guten Mutter empfehle ich sie gleichfalls, es waren ja die Kinder, die Freunde ihres wahrhaft edlen Bruders, dessen Name noch von den Enkeln mit Liebe genannt werden wird. Oh, meine Adele, wenn Du in den schonen Sommermonden durch diese lieblichen Taler wandelst, so gedenke meiner! Sprich mit meinen Getreuen oft von mir, und bringe ihnen meinen Gruss. Wenn Du in der Geissblattlaube ruhest und die tanzende Durance betrachtest und es lispelt ein leises Luftchen durch die Bluten, so denke, es ist die Stimme Deiner Virginia. Ihr Geist wird Dich immer umschweben; ja aus den Gefilden der Seligen wurde er noch zu diesen lieben Gegenden zuruckkehren. Diesen langen Brief Dir zu schreiben, mein Leben noch einmal an mir vorubergehen zu lassen war mir Bedurfnis. Aber nur in seinen Hauptmomenten habe ich es Dir dargestellt, nur die Grundzuge angegeben. Ich habe vermieden, manche Gegenstande und Ereignisse zu beruhren, weil sie mit fremden Personen in Beziehung standen. In einer Zeit wie die unsrige muss man sehr behutsam sein, um niemand der Verfolgung auszusetzen. Nun aber habe ich abgeschlossen mit dem alten Leben, ein neues Dasein beginnt fur mich; und wie der Sterbende all den irdischen Tand hinter sich lasst, so lasse ich Europas verworrene Angelegenheiten hinter mir. Ich hoffe, kunftig nur darauf zuruckzuschauen wie ein abgeschiedener Geist auf die Welthandel, welche ihn nicht mehr beruhren. Uber meine Reise will ich Dir nun noch einiges mitteilen. Von dem Schauspiel, welches das Meer gewahrt, brauche ich Dir nichts zu sagen, Du hast von Hamburg aus einen kleinen Begriff davon, obschon das Weltmeer viel ergreifender als die Nordsee ist. Auch die Fahrt auf demselben soll angenehmer sein, wie Seefahrer versichern; die Wellen brechen sich nicht so kurz, und das Schwanken des Fahrzeuges ist weniger beschwerlich. Diesem Umstande muss ich es wohl mit zuschreiben, dass ich gar nichts von der Seekrankheit empfunden habe, welche Du mir so furchterlich geschildert hast. Auch trat ich ihr mit starkem Willen entgegen, brachte meine ganze Zeit, in den ersten Tagen, auf dem Verdeck zu, nahm zweckmassige Nahrungsmittel und vermied, die von dem Ubel ergriffenen Passagiere zu sehn. So blieb ich gesund und erhielt mir den Mut, dessen ich nur zu sehr bedurfte. Nach und nach befreundete ich mich mit der Equipage, und jedermann fing an, sich fur das verlassene Madchen zu interessieren. Der Kapitan besonders beweist mir die herzlichste Freundschaft, die nahe an Zartlichkeit grenzt. Er heisst Ellison; sein Vater, ein Kaufmann dieses Namens, ist Chef eines ansehnlichen Handlungshauses in Philadelphia. Ellison hat mir das Versprechen abgewonnen, bei seinen Eltern zu wohnen; dorthin, an dies bekannte Haus, kannst Du Deine Briefe schicken, wenn Du es moglich machst, mir zu schreiben. Ellison ist gross und schon gebauet, sein blaues Auge blitzt von Feuer, seine Muttersprache ist die englische, doch spricht er auch fertig franzosisch; in beiden Sprachen druckt er sich kurz und kraftig aus und ist sehr unterhaltend und belehrend, ohne eben gesprachig zu sein. Seine Gesellschaft hilft mir vorzuglich die Lange der Seereise verkurzen. Sooft ich meine Kammer verlasse, wo ich auf das zierlichste eingerichtet bin und taglich einige Stunden mit Schreiben zubringe, hat seine Aufmerksamkeit mir ein kleines Fest bereitet. Ein schmackhaftes Mahl, ein Spiel, ein Fischfang, ein Matrosentanz und mehr dergleichen wechseln miteinander ab. Auch kleine Konzerte geben wir, wobei Deine Freundin, mit ihrem Harfenspiel und ihrer Stimme, viel unverdiente Ehre einerntet. Unsre Reisegesellschaft besteht aus zwei Kaufleuten aus New York, einem jungen Maler aus der Schweiz und zwei Florentinerinnen, Mutter und Tochter, welche dem Manne und Vater nachreisen, der sich in der Havanna etabliert hat, alles freisinnige, wenigstens tolerante Menschen. Wahrend der ganzen Reise gab es nicht eine einzige politische Streitigkeit; unsere Tage flossen schnell und angenehm dahin. Auf Sankt Helena nahmen wir Erfrischungen ein. Ein origineller Felsen mitten in der grossen Wasserwuste. Ich erging mich in seinen uppigen Talern und traumte mir die Moglichkeit, mit einer kleinen auserwahlten Gesellschaft von Freunden, abgeschieden von der ganzen Welt, hier glucklich zu leben. Es mochte wohl tunlich sein, die schon schwierige Landung auf immer unmoglich zu machen.
Unweit dieser Insel hatten wir das erhabene Schauspiel eines Seesturms, fur mich hochst wichtig und erwunscht. Ich sehe Dich den Kopf schutteln, meine zarte, furchtsame Adele, aber mir ist nun einmal diese Freude an grossen wilden Naturbegebenheiten angeboren. Schon als kleines Kind freute ich mich, wenn die Durance aus ihren Ufern brach, und bei jedem Gewitter nahm mich mein Vater mit hinaus, wahrend die Mutter sich angstlich verbarg. Er machte mich aufmerksam auf die Schonheit wie auf den Segen dieser Erscheinung und zeigte mir die Zufalligkeit und seltene Gefahr des Blitzes, wie er uberhaupt mich es als lacherlich ansehen lehrte, immer die Gefahren des Lebens zu bedenken und zu vermeiden. So sass ich als Kind ruhig unter meinem Platanus, wenn der Donner uber mir krachte. 'Es stehen ja Hunderte dieser Baume rings um diesen', dachte ich, 'warum sollte der Strahl gerade ihn treffen? und tut er es, so war es mir bestimmt, und er konnte mich ebensoleicht im Bette toten.' Jetzt freute ich mich der hochturmenden Wasserberge, des heulenden Orkanes, der Behendigkeit unserer Matrosen, des verdoppelten Lebens um mich her, und ich legte mich am Abend so ruhig in meine Hangmatte nieder als sonst zu Bett. War ich nicht in der Hand Gottes, wie immer und uberall? Was zitterst Du, Adele? bist Du denn sicherer auf dem festen Lande? O nein. Ihr alle steht auf einem glutschwangern Vulkane, traue seiner Stille nicht, er kann sich in jedem Augenblicke offnen und Euch alle in sein Flammenmeer hinunterschlingen. Ist ein Schiffbruch furchterlicher? Verschlange mich der Ozean, so ware meiner gezahlten Tage letzter abgelaufen. Wurfe mich eine freundliche Welle an das Ufer, so ware mir ja der Guter hochstes, das Leben, und mein frischer Mut gerettet; denn glaube nicht, dass ich um die versunkenen Schatze trauern wurde. Der Inhalt meines Kastchens ist nicht die Basis meiner Sicherheit, mein eigner Inhalt ist es. Vier Sprachen, Musik und andre Fruchte einer sorgfaltigen Bildung sichern mir ein bequemes Fortkommen in der vornehmen Welt, in der burgerlichen manche Geschicklichkeit, welche ausser Europa noch neu sein durfte, als die italienische Strohflechterei, die Perlweberei usw. Und fur die landlichen Verhaltnisse habe ich in den letzten Jahren soviel Kenntnisse und Fertigkeiten erworben, um uberall, wo nicht belehrend, doch nutzlich zu sein. Mehr als dies sichert mich meine Ansicht von dem Leben und seinen Verhaltnissen. Fur mich gibt es keinen Standesunterschied, und ich kann auf jedem Platze zufrieden leben, wo ich nur im Inneren ich selber bleiben darf. Da sind wir nun bis nahe an das Ziel unsrer Reise gelangt. Die Kuste der Neuen Welt liegt schon in blauer Ferne vor uns. Ein dunner Nebelschleier ist darubergebreitet, es ist der Schleier meiner Zukunft. Mit hochklopfendem Herzen blicke ich dahin, was birgt er mir? Zu furchten habe ich nichts, denn ich stehe allein. Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen in dem ewigen Wechselspiele des Lebens.
Aber was ist zu gewinnen, wenn man nichts zu wunschen weiss? Ellison steht neben mir auf dem Verdeck und betrachtet mich mit gluhenden Blicken, doch mein Auge wechselt ruhig zwischen dem Anblick der blauen Berge und der raschen Stromung des Delaware, an dessen Mundung wir Anker geworfen haben. Ein Teil unsrer Reisegesellschaft wird uns hier verlassen, wir aber steuern langs den Kusten hin, um in die Bai zu gelangen, welche hinauf nach Philadelphia fuhrt. Von dort her schreibe ich Dir wieder. Fur jetzt lebe wohl. Jetzt will ich, ohne Unterbrechung und Storung, die neuen Eindrucke in mir aufnehmen, welche mich umringen und erwarten. Psyche landet an Acheron; wird sie die Lethe finden? Gewiss! Und alles will sie hineintauchen in die dunklen Wellen, nur nicht die Bilder ihrer Lieben und nicht Dein Bild, meine traute Adele. Bewahre Du das meinige, und versuche, mir zu schreiben, lebe wohl! Lebe glucklich! Lebt alle wohl! Und Du, mein Frankreich, sei glucklich! Tausend, tausend Lebewohl von Deiner
Virginia.
Zweiter Teil
Virginia an Adele
Philadelphia, im Dezember 1814
Sei gegrusst, tausendmal gegrusst aus der Neuen Welt, meine Adele! Es ist ein eigenes Gefuhl, mit den Einwohnern eines andern Weltteils zu reden, und es fallt mir auf Augenblicke ordentlich schwer aufs Herz, dass ich nun bei keiner Lebensverrichtung mehr denken kann, jetzt tut vielleicht Adele dasselbe. Wenn ich von Gegenstand zu Gegenstand, betrachtend, irre und dabei Deiner gedenke, so schlafst Du, und mein Bild begegnet Dir nur in Deinen Traumen. Wenn mir die Sonne strahlend aus dem Meere aufgeht und mich mit neuer Lebenslust durchstromt, rufe ich Dir sanften Schlummer zu, und wenn sie sinkt hinter die fernen blauen Gebirge, bringe ich ihr meinen Morgengruss fur Dich. Oh, wie ist alles um uns her so verschieden! und doch, denke ich, bleiben wir einig und unveranderlich. Gottliche Abkunft der Geister! sie sind unabhangig von Raum und Zeit.
Der Anblick meines neuen Vaterlandes ist mir gar fremd und wundersam gewesen. Die Kusten Europas sind meist unbewachsen und bieten fast uberall einen offenen Landstrich dar; hier ziehen sich die dunkeln Urwalder noch haufig bis an das Meer hin, die Kusten aber ernst. Die Ufer des Delaware sind mit Stadten und Ansiedelungen geschmuckt, und uberall herrscht Fleiss und Tatigkeit, doch vermisste ich jene Lebendigkeit sehr, welche mich an meiner heimischen Kuste ergetzte.
Philadelphia ist gross und schon, und die Regelmassigkeit seiner Anlagen spricht sogleich deutlich den Geist der Ordnung und Gesetzlichkeit aus, welcher hier herrscht. Ellison hat mich in seine Familie eingefuhrt, in welcher ich mit patriarchalischem Wohlwollen empfangen wurde. Da ich meinen Aufenthalt wenigstens auf langere Zeit hier zu nehmen gedenke, so will ich Dich mit den Personen bekannt machen, mit welchen ich lebe. Ellison, der Vater, ist ein kleiner hagerer Mann mit klugen Augen, ein tatiger Kaufmann, und meist nur auf dem Comptoir einheimisch. In Geschaften mag er gern den Charakter als Quaker behaupten, ob er gleich sich sonst, in Kleidung und Sitte, nicht an ihre strengen Regeln halt und nur hochst selten ihre Versammlungen besucht. Seine Frau ist eine wohlbeleibte lebendige Matrone, welche die herrlichsten weiblichen Eigenschaften einzig durch eine zu starke Beimischung von Pedanterie verdunkelt. Sie ist wirtschaftlich, aber ein zuviel verbrannter Schwefelfaden entflammt ihren heftigsten Zorn, ein zu kurz geputztes Licht, ein nicht ganz gerade gezogenes Rouleau veranlassen ihre Ordnungsliebe zu den langsten Strafpredigten. Ihre Wasche ist, nach loblicher Sitte, numeriert; aber sie wurde lieber nackt gehn als zu einer Schlafhaube Nr. 15 ein Hemde Nr. 14 anziehen oder Nr. 4 auf Nr. 2 folgen lassen. Neulich brach uber ihre Tochter ein gewaltiges Ungewitter los, weil es sich entdeckte, dass sie in ihrer Tasche Nr. 9 ein Schnupftuch Nr. 10 trug. Sogleich wurde eine Revision ihrer Wasche verhangt, es fand sich nun, dass auch die Strumpfe mit Nr. 10 bezeichnet waren, Sturm und starker Unwille brachen aus. Die arme Verbrecherin verteidigte sich vergebens damit, dass sie unversehens in eine Pfutze getreten und dabei vor Schreck ihr Tuch habe fallen lassen. Sie hatte sogleich auch das erst vor zwei Stunden angezogene Hemde wechseln und Tasche, Halstuch, Schlafhaube usw. ungebraucht in die Wasche liefern sollen. Bei Gelegenheit des Beschmutzens erfolgte eine neue Predigt uber die geziemende Ehrbarkeit, da es nicht wohl denkbar sei, dass, wenn man den Blick immer fest auf den Boden hefte, man eine Pfutze ubersehen sollte. Das gute Madchen, die einzige Tochter des Hauses, leidet vorzuglich von der Pedanterie ihrer Mutter. Es ist ein liebes, frohes Geschopf von Deinem Alter, eine bildschone Blonde namens Philippine. Sie freut sich am meisten uber meine Anwesenheit, welche ihr manche Erleichterung verschafft. Ellison, der Sohn, hat mich ihr auf das angelegentlichste empfohlen; sie liebt ihren Bruder uber alles, und er verdient es in der Tat. Wenn ich ihn in diesen Umgebungen betrachte, so stellt er sich als eine schone fremde Erscheinung dar, und man bemerkt nur an der Liebe, womit ihn alle umfassen und womit er allen begegnet, dass er Sohn des Hauses ist. Die ganze Familie macht die Bemerkung, dass er diesmal heiterer als jemals von seiner Reise heimgekehrt sei, und man scheint sich dabei, fast mit einer Art von Dankbarkeit, gegen mich zu neigen, was mich etwas verlegen macht. Seit einigen Tagen hat sich die Szene um etwas verandert und macht eine eigene Wirkung auf mich.
Ich fand es, nachdem ich gehorig Bescheid zu wissen glaubte, fur gut, eines Morgens mich mit dem Inhalte des bewussten Kastchens zu Vater Ellison auf das Comptoir zu begeben, um solchen bei seiner Ehrlichkeit und Industrie unterzubringen. Er war uberrascht und nahm mich recht wohlbehaglich auf. Eine volle Stunde unterhielt er mich von den verschiedenen Fonds, in welchen die Gelder, mit ansehnlichem Vorteil, arbeiten konnten. Ich bat ihn, die Angelegenheit zwischen uns beruhen zu lassen, glaube aber schwerlich, dass er imstande gewesen ist, sein Wort punktlich zu erfullen. Seitdem ist sein gastfreundlicher Ton viel rucksichtlicher geworden. Sein anfangliches Ansehn von Wohlwollen ist in eine Art von Ehrerbietigkeit ubergegangen, welches jedem bemerklich werden muss. Mutter Ellison uberhauft mich mit Liebkosungen und ist gegen ihre Gewohnheit sinnreich, mir Zerstreuungen zu verschaffen. Sie veranlasst kleine Spazierfahrten mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und fordert die letztere taglich auf, hier und dorthin mit mir zu gehen, um mir dies und das zu zeigen. Philippine macht mit Entzucken von dieser neuen Freiheit Gebrauch und liebt mich aufrichtig, als die Schopferin ihrer Freuden. Nur William Ellison ist nicht so heiter als bisher; eine trube Wolke lagert auf seiner Stirn, und ein fremdes Etwas scheint zwischen uns getreten zu sein. Gestern, als wir am Ufer des Delaware spazierenfuhren, blickte er lange schweigend dem Flusse entgegen. "So nachdenkend, William?" sagte ich und legte die Hand auf seinen Arm. Er fuhr aus seinen Traumen auf, presste meine Hand und sagte wie erst halb erwacht: "Ware unser 'Washington' dort untergegangen!" "Schon", rief Philippine lachend, "dann konnten wir uns heute nicht der lieblichen Winterlandschaft erfreuen." "Doch", sagte er nach seiner lakonischen Weise, "Virginia ist leicht, ich schwimme gut." Wir liessen das Gesprach fallen. Guter William! dass Virginia mehr gerettet als das nackte Leben, das scheint dir ein Hindernis deiner Wunsche? Oh, ware nichts als das, zartsinniger Mann, ich wurde es freudig in den Fluss werfen und mich in deinen Arm.
Aber es turmt sich eine andere Scheidewand zwischen uns auf, welche du nicht siehst, nicht ahndest, die ich selber hinwegschieben mochte, die aber nur starker wird, sooft ich Hand daran legen will. Sieh, William ist so lieb und gut, ich achte ihn hoch, ich habe ihn so gern, ich kann mir stundenlang denken, wie glucklich eine Gattin mit ihm leben wird; aber wenn mir dann einfallt, dass ich diese Gattin sein konnte, dann versinkt plotzlich, wie durch einen Zauberschlag, das ganze Gemalde, und Mucius' Bild erscheint auf derselben Stelle und droht mir mit wehmutigem Lacheln. Ja, Mucius, ich bin dein! du hast recht! "Fur die Ewigkeit!", so sprachen wir. Guter William, ich kann nimmer die Deine sein. Wenn ich meine ersten Schwure brache, welche Burgschaft hattest du fur die zweiten?
Das Leben hier sagt mir recht wohl zu, nur fur die Lange mag es in der Stadt ein wenig langweilig werden. Die Gesellschaft der Freunde, woraus der grossere Teil der Einwohner besteht, sind sehr brave, rechtliche Menschen, nur etwas zu pedantisch in ihren Sitten. Ich stimme den meisten ihrer Grundsatze und Einrichtungen mit inniger Uberzeugung bei, kann aber durchaus nicht begreifen, warum der Geist der Frohlichkeit damit unvereinbar sein sollte. Kann es dem hochsten Wesen wohlgefallig sein, auf lauter ernste oder traurige Gesichter zu blicken, und konnen Tanz und Spiel der wahren Tugend zuwider sein? Dass doch des Menschen Wahn immer auf Ubertreibungen fallt, er in seinem geistigen Stolze nicht auf die Winke seiner Lehrerin, der Natur, achtet! Das hochste Gluck, welches ich hier finde, ist die vollige Freiheit der Meinungen. Niemals hort man weder einen religiosen noch politischen Streit; ein jeder sagt ohne Ruckhalt sein Urteil und hort ruhig ein entgegengesetztes an. "Es ist moglich, dass du recht hast", sagt der eine, "mir scheint es jedoch so, aber ich kann irren"; der andre aussert sich ebenso, und kein Tropfen Wermut fallt in den Becher der Freundschaft. Diese Massigung ist um so bewundernswurdiger im gegenwartigen Augenblick, wo der Krieg und die daraus entsprungenen Unglucksfalle die Gemuter mehr als gewohnlich spannen. Nur unter diesem ruhigen Volke konnte die Freiheit ihren Sitz aufschlagen, ohne dass ihr Weg mit Blut bezeichnet wurde. Mir ist, als ob ich hier ausruhte von all dem Weh, welches mein armes Herz in den letzten Jahren unaufhorlich besturmt hat, als ob ich nach langer Pilgerschaft Quarantane hielte. Diese ist freilich nicht sehr ergetzlich, aber sie sichert die Gesundheit, und deshalb sei sie meinem Geiste willkommen. Zwar schuttelt er oft ungeduldig die Schwingen und will mich hinziehen und -tragen zu jener erhabenen Bundesstadt, wo sich das neue Kapitolium baut, zu Schutz und Hut der kostlichen Freiheit. Aber ach! die Goten aus Albion haben Frevlerhande an die entstehenden Heiligtumer gelegt und weilen noch immer in der Nahe. Tief wird dies hier empfunden, doch hofft man, bald den Frieden hergestellt zu sehn und die empfangenen Wunden zu heilen. Wie aber auch Europa sich dagegen strauben mag, die Neue Welt wird, in kurzem, zur riesenstarken Manneskraft gelangen, und wehe Europa, wenn sie jemals den Gedanken fasst, die Beleidigungen zu rachen, welche ihre Kindheit erfuhr. Nicht der Norden allein ist frei, auch im Suden schuttelt man die uberseeischen Ketten ab. Wenige Jahre noch, und das Panier der Freiheit weht von der Hudsonsbai bis zur Magellanischen Meerenge, und unter seinem Schatten bluhen Wissenschaften und Kunste, aus allen ubrigen Weltgegenden dahin verpflanzt. Das neue Jahr ist hier mit viel schonen Hoffnungen und tausend guten Wunschen begonnen worden. Ich hatte am ersten Tage desselben eine lange Unterredung mit William, welche unsern unsichern Standpunkt gegeneinander wieder einigermassen festgestellt hat. Er schickte mir am Morgen, nach der Sitte meines Vaterlandes, einen grossen Korb voll der auserlesensten Treibhausfruchte und Blumen; ich hatte ihm dagegen, sowie der ubrigen Familie, einige kunstliche Arbeiten verfertigt, welche hier noch neu waren und viel Bewunderung erregten. Sehr naturlich hatte er das Vorzuglichste erhalten. Er kam, mir mit vieler Freude zu danken. "Es ist fur meine Verbindlichkeit und fur meinen guten Willen sehr wenig", sagte ich ablehnend, "ich wollte, ich konnte mehr fur Sie tun." "Sie konnen nicht?" fragte er. "Ach, Sie konnten unendlich viel gewahren, wenn ich nur wunschen durfte." "Horen Sie, William", sagte ich, "Sie haben sich mir zum Bruder erboten, so lassen Sie uns auch geschwisterliches Vertrauen bewahren." "Geschwisterliches?" sagte er kleinlaut. "Ja", fuhr ich fort, "als Schwester will ich jetzt mit Ihnen reden. Alles, was ich habe und besitze, habe ich durch Sie gerettet, und ich lege nur insofern einigen Wert darauf; sonst weiss ich die Zufalligkeit der Erdenguter zu wurdigen und schatze nichts als den Geist. Ich kenne den Ihrigen, der meinige ist ihm verwandt." (Er ruckte mir freudig naher.) "Es gibt aber der verwandten Geister mehr", fuhr ich fort, "und die ersten Bande durfen nicht durch spatere geloset werden." "Fruhere Bande?" rief er erschrocken. "Nein, nein, unmoglich, wie hatten Sie da Ihr Vaterland so willig verlassen konnen, wie konnten Sie in der Fremde so heiter sein!" "Fremd ist mir der ganze Erdkreis", sagte ich, "meine Heimat ist seit langer Zeit dort oben." "Tot?" fragte er. "Tot", erwiderte ich, und nachdem ich mich etwas gefasst hatte, erzahlte ich ihm die Geschichte meines Herzens. Er horte mich mit Teilnahme an, und oft glanzten Tranen in seinen Augen. Wir schwiegen beide lange, nachdem ich geendet, dann beugte er sich uber meine Hand, und als er sich wieder emporrichtete, flog ein Schimmer von Freude uber sein Gesicht. "Mit einem edlen Toten die Neigung dieses schonen Herzens zu teilen scheint mir ein seliges Los", sagte er, "und in jenen Regionen des Lichts fordert man kein Eigentum mehr." "So will es auch mir oft scheinen", antwortete ich, "doch widerspricht ein unerklarliches Gefuhl augenblicklich dem Verstande. Lassen Sie mir Zeit, lieber William, ob vielleicht dieser Zwiespalt in meinem Innern sich lost, viel, viel Zeit, und mag es ausfallen, wie es wolle, wir mussen Freunde bleiben, fest und unzertrennlich fur dieses Leben." Ich hielt ihm die Hand hin, er schlug versichernd ein. Seitdem ist er wieder heiterer; er hofft. Ich hege keine Hoffnung, aber ich fuhle mich erleichtert und darf ganz vertraulich mit ihm umgehen. In meiner Brust herrscht tiefer Friede; um die lieben Verlorenen fliesst zwar manche einsame Trane, doch trocknet sie das Bewusstsein des Wiedersehens. An die ubrige Vergangenheit werde ich nur selten erinnert und meide es fast, von meinem lieben Frankreich zu horen. Ach, wenn das Vaterhaus abgebrannt ist, dann uberfallt uns Grauen, die Brandstatte zu sehn; und wird schon gleich an derselben Stelle ein Palast aufgebaut, es ist die freundliche Wohnung nicht mehr, woran so schone Erinnerungen haften. Nur von Dir mochte ich so gern Nachrichten haben und sehne mich vergebens danach; der bose Krieg hemmt den freien Verkehr der Lander gar sehr. Sonst ware auch William schon langst in See gegangen, um mir Kunde von Dir zu verschaffen und dies neben mir liegende, ungeheure Pack Geschriebenes sicher in Deine Hande zu befordern. Bis dahin muss ich schon fortfahren. Ein gunstiges Geschick wird es wohl zu Deinen Handen bringen. O tatest Du doch ein Gleiches! Ich kann mir das Leben und Treiben in Paris kaum mehr denken, es ist bei uns alles so ganz anders. Kein Schauspiel, keine Maskeraden, wenig kirchliches Geprange, wenig Musik, aber viel Familienfeste, viel Teezirkel, haufiges Spazierengehen und -fahren. Die Gegend ist schon, der Winter gemassigt, wie in dem sudlichsten Frankreich. Bald wird er ganz von uns scheiden, und dann muss die Landschaft entzuckend sein, wenn mit dem ernsten Grun der Zedern und Tannen sich das helle Laub des Platanus und der zahllosen Nussbaume mischt. Als ich hier ankam, hatte das Ganze schon ein falbes und braunliches Ansehn. Ich freue mich wie ein Kind uber das Aufkeimen der jungen Pflanzenwelt, immer war sie es, wohin ich mich fluchtete, wenn das Leben mich zu rauh beruhrte. Hier duftet mir heilender Balsam fur jede Wunde, und der Odem des Friedens haucht durch die zarten Halme und Bluten. Uberall in der belebten Natur zeigt sich das widrige Bild der kampfenden Leidenschaften; nur die Pflanzen bluhen friedlich beisammen, liebend sich zueinander neigend und strebend, sich mit zarten Ranken zu umarmen. Darum sei mir gegrusst, freundliche Blumenwelt, ihr sauselnden Baume und ihr zarten Halme des Grases, zwischen welchen ich so oft stundenlang lagerte und mit inniger Lust den Wanderungen kleiner glanzender Kaferchen, dem Spiel bunter Schmetterlinge zusah und mich und die ubrige Welt vergass. Nirgend auf dem Erdenrund kann Virginia unglucklich sein, wo sie frei und die Natur nur nicht ganz ode ist. Der Mensch macht so viel Anstalten, um glucklich zu sein, und er bedarf so wenig! Noch keine Nachricht von Dir, und der Fruhling ist schon in seiner vollen Pracht bei uns eingezogen. Man hat um meinetwillen ein sehr malerisch gelegenes Landhaus unweit der Stadt bezogen, und fast bin ich froh wie einst an der Durance. Den grossten Teil des Tages bin ich mit meiner Philippine allein, weil der Vater nicht das Comptoir, die geschaftige Mutter nicht das Hauswesen verlassen mag. William besorgt die Befrachtung seines Schiffes, mit welchem er wieder nach Europa zu segeln gedenkt, da der Friede so gut als abgeschlossen ist. Nach Tische aber versammelt sich die ganze Familie, dann und an Feiertagen werden kostliche Spazierfahrten am Delaware oder am Schamuny gemacht und Besuche auf mancher freundlichen Pflanzung. Morgens schwarme ich oft mit Philippinen umher und kehre, wenn wir ermuden, auf dem Meierhofe eines ehrlichen Quakers oder auf der kleinen Besitzung eines Negers ein, wo wir, ohne Unterschied, mit gleicher Herzlichkeit empfangen werden. Die schwarzen Pflanzer stehen an Betriebsamkeit den Weissen nicht nach und werden ihnen nach funfzig Jahren vielleicht an Vermogen ziemlich nahekommen, da sie fleissig die Schulen zu besuchen anfangen und ihre Bildung in der Nahe der Stadte merklich fortschreitet. Unfern Paris wurde es wohl sehr auffallen, zwei junge Madchen, im Morgenkleide und im Sonnenhute, durch Felder und Geholze streifen zu sehen; hier ist dies, Dank sei den schuldlosen Sitten des Landes, gar nichts Ungewohnliches. Die treuherzigen Pennsylvanier grussen uns uberall mit freundlicher Unbefangenheit und reden uns mit dem vertraulichen Du an, welches ich so gern hore, weil ich es in meiner Kindheit so allgemein vernahm. Philippine hat sich mit leidenschaftlicher Liebe an mich gehangt, und ich umfasse das holde Madchen mit schwesterlicher Zartlichkeit, freilich nicht in dem Sinne, wie es die Familie zu erwarten scheint. Uberhaupt ist dies die Kehrseite meines sonst so glucklichen Lebens, dass man etwas voraussetzt, wovon ich mich noch weit entfernt fuhle. Der Vater ist voll Eifer fur die Benutzung meines Vermogens, macht dabei so listige Anmerkungen, nennt mich oft sein liebes Tochterchen und gibt mir zu verstehen, dass ich einst um das Dreifache reich sein wurde. Die geschaftige Mutter schurt noch emsiger zu und spricht oft schon weitlaufig uber kunftige hausliche Einrichtungen. Der arme William ist dabei auf Kohlen und wendet all seinen Fleiss an, solche Gesprache abzubrechen, weshalb er manches unwillige Gesicht von der Mutter erhalt, wenn er den Fluss ihrer Rede unterbricht. Es ist ein kleiner Sturm zu befurchten. William hat schon erklart, dass er nachstens in See gehe, aber man rechnet darauf, er werde zuvor noch eine Verbindung mit mir unaufloslich machen. Was wird man aber sagen, wenn man sieht, dass dies nicht der Fall ist? was, wenn man erfahrt, dass ich eine grosse Reise nach Washington und von da zu den Seen und dem Niagara zu machen gedenke? William, welcher gern auf alles eingeht, was mir Freude macht, hat zu dieser Reise schon im stillen die besten Anstalten getroffen. Er gibt mir seinen eigenen Bedienten mit, einen treuen und erfahrenen Menschen, welcher schon einen grossen Strich jener Gegenden durchreist ist, dann zwei ehrliche Schwarze, auf welche er sich verlassen kann, Vater und Sohn. Der Vater, John, war in seiner fruheren Jugend als Sklave in Virginien, entlief damals seinem strengen Herrn und geriet zu den Wilden, welche ihn aufnahmen. Er war sechs Jahr unter ihnen und lernte ihre Sprache und ihre Sitten vollkommen. Im Kriege zog der Stamm, bei welchem er sich befand, den Englandern zu Hulfe, wurde aber in einem Gefechte mit den Amerikanern zerstreut, und John geriet auf seinem Irrwege nach Pennsylvanien, wo die menschenfreundliche Begegnung ihm so wohl gefiel, dass er dort seinen Aufenthalt nahm. Er fand bald Arbeit, erwarb sich nach und nach ein kleines Eigentum, heiratete eine freie Schwarze und ist jetzt Vater von funf Kindern, drei Sohne und zwei Tochter, welche alle verheiratet sind, bis auf die jungste Tochter, welche mich, sowie einer ihrer Bruder, ebenfalls begleiten wird. Seine Hutte und sein kleines Feld grenzen nahe an Ellisons Landhaus, deshalb kennt ihn William seit seiner fruhesten Jugend und wird von dem Alten, fast mehr als seine eigenen Kinder, geliebt. Uberhaupt ist Anhanglichkeit und unerschutterliche Treue ein vorzuglicher Charakterzug dieser guten, bis jetzt so unterdruckten Menschengattung. Wer nur irgend Wohlwollen und Aufmerksamkeit gegen sie blicken lasst, kann ihrer innigen Liebe versichert sein. Ich habe oft auf unsern Morgenstreifereien die kleinen schwarzen Buben geherzt und mit dem Alten freundlich geredet, aber dafur konnte ich auch mit ihm bis zu den Huronen reisen, er wurde jede Gefahr von mir abwenden und mich nur mit seinem letzten Lebenshauche verlassen. Zittre daher nicht, liebe Adele, vor den Schrecknissen, welche diese Reise fur mich haben konnte. Das Land ist so wust nicht mehr, als du es vielleicht noch aus fruheren Reisebeschreibungen kennst. Es gehen regelmassig Landkutschen von hier auf Baltimore und Washington, Landstrassen und Wirtshauser sind nach allen Richtungen angelegt, und wo diese in der Gegend der Seen aufhoren, da geht fur mich der romantische Teil der Reise erst recht an. Ein leichtes Fuhrwerk ist bald gekauft, ja selbst fur eine Fussreise habe ich hinreichende Kraft und Lust. Wenn Du diesen Brief erhaltst, welchen William heilig gelobt hat nach zwei Monaten in Deine Hande zu liefern, dann kannst Du denken, dass ich an dem grossen Wasserfalle sitze, wohin mein Herz mich mit einer unwiderstehlichen Sehnsucht zieht, wie den Wilden,welcher dorthin geht, um den Grossen Geist anzubeten.
Vor der Abschiedsstunde graut mir recht von Herzen. Soll ich den armen William ohne Hoffnung ziehen lassen? und kann ich ihm Hoffnung geben? Soeben war er hier und meldete mir, dass sein Schiff segelfertig liege und der Wind sich gunstig zu wenden scheine. Meine Augen wurden feucht, der Gedanke, den Freund, den Beschutzer meines Lebens zu verlieren, drang schmerzlich auf mich ein. Er trocknete schnell meine Tranen mit seinem Tuche ab und druckte dies an seine Lippen. "Du sollst mich begleiten und mich starken", rief er, "wenn die Niedergeschlagenheit zu machtig werden will!" "Guter William", sagte ich, und meine Tranen flossen starker, "ich wunschte, ich konnte Ihnen mehr geben." "Sie wunschen es und konnen nicht?" sagte er erblassend. "Jetzt noch nicht." "Wann aber?" "Wenn wir beide unsre Reise beendigt haben." "Was kann da verandert sein?" "Viel, o viel, lieber William! Das Leben steht ja nie still, und in vier, funf Monden verandert sich die Erde so sehr." "Auch das Herz? auch das Herz, Virginia?" rief er heftig. "O welche Aussicht eroffnen Sie mir!" "Sie kennen die seltsame Lage meines Herzens", sagte ich, "ich habe Ihnen niemals meine Gefuhle verhehlt, und auch jetzt mag ich Ihnen einen fast mir selbst lacherlichen Gedanken nicht bergen. Es scheint mir namlich, als konne nur am Fall des Niagara der Zwiespalt sich losen, welcher in meiner Seele sich erhoben hat, seit ich unter Ihrem Schutze lebe." "Ach, es ist nur der Wunsch nach weiter Entfernung von mir", sagte er mit traurigem Kopfschutteln. "Nein, nein!" rief ich, "ich verlasse Sie mit Schmerz, aber ein unerklarliches Etwas reisst mich fort. 'Am Niagara!' tont es in meinen Traumen; und wie andre Pilger sich gen Osten wenden, so scheint mir im Westen die Sonne der Verheissung zu glanzen. Ihr Weg geht dem Osten zu, o mochte die freundliche Morgenrote auch Ihrem Herzen Hoffnung schimmern!" "Ich lasse die Hoffnung hier zuruck", erwiderte er. "Ach, das Meer zieht mich nicht mehr an, wie ehemals, mit seinem ewigen Wechsel! Ware es nicht, um Ihnen Nachrichten zu verschaffen, ich wurde schon diese Reise nicht mehr unternehmen; es wird die letzte sein. Der stille Reiz des heimatlichen Lebens spricht machtig zu meinem Herzen, mein Sinn strebt nicht mehr in die Weite hinaus. Was ist der Lohn des Weltumseglers? des Welteroberers? Ruhm, kalter Ruhm. Aber auch Gluck? Nein, das Gluck wird ewig vor ihm fliehen, es wohnt nur in der stillen Hutte, wo ein treues Weib ihm lachelt und muntre Kinder um ihn spielen." "Wohl, wohl!" sagte ich geruhrt, "auch ich kannte den seligen Frieden der begrenzten Heimat, und mein Herz sehnt sich dahin zuruck, wie nach dem Paradiese der Unschuldswelt. Aber ein feindseliges Geschick vernichtete mein Eden, und wie die Trummer einer zerstorten Welt muss ich irren durch den Raum, bis ich meinen Pol finde und meine Bahn." "Sie glaubten hier die Ruhe zu finden", sagte er mit halbem Vorwurf. "Was glaubt, was hofft nicht der Mensch!" erwiderte ich. "Auch fand ich viel. Schon fuhle ich mich im Vorhof des Heiligtums, die Balsamdufte der Paradiesesbluten wehen schon zu mir heruber, o lassen Sie mir Zeit, den Eingang zu suchen." "Ich habe nur Wunsche", sagte er und verneigte sich mit Entsagung; "die ersten und heissesten sind fur Ihr Gluck. Ich bin auf alles gefasst, nur Sie auf immer zu verlieren, der Gedanke ubersteigt meine Kraft." "Auch ich darf ihn nicht denken!" rief ich und ergriff seine Hand; "empfangen Sie meinen Schwur, dass, wie auch unser Verhaltnis sich wende, ich mich nicht von Ihrer lieben Nahe trennen will, bis der Tod uns scheidet." "Oh, Virginia!" rief er und hob meine Hand zwischen seinen gefalteten Handen empor, "welch einen himmlischen Trost geben Sie mir zum Reisegefahrten. Nimmer will ich mehr verlangen, wenn Sie es nicht selber wunschen." Mit freudestrahlendem Gesicht verliess er mich. Er hat der Familie seine Abreise angekundigt, die missvergnugten Gesichter aber augenscheinlich durch den Zusatz aufgehellt, dass dies die letzte Fahrt sein solle und dass er dann eine Lebensart aufgeben werde, welche der Vater immer nur ungern zugelassen hat. Dieser hofft, ihn fur sein Handlungshaus zu gewinnen, ich glaube, er trugt sich; Williams Sinn strebt nach der Stille des Landlebens, ihm fehlt der spekulative Geist, dessen der Kaufmann bedarf.
So muss ich denn diese Blatter schliessen und siegeln; mogen sie glucklich zu Dir gelangen, meine Adele. Mein ganzes Sein haucht Dir aus ihnen entgegen, nimm sie freundlich auf und tausche sie gegen andere von Deiner Hand aus, worauf ich so sehnlich hoffe. Gib mir Kunde von den Deinen, vorzuglich von Deiner guten Mutter; grusse diese herzlich von mir. Schreib mir auch, ach, nur in wenigen Worten, was mein armes, liebes Frankreich macht. Glucklich scheint es nicht zu sein, es kommen viel Ausgewanderte hier an. Seit einigen Tagen verbreitet sich ein Gerucht, welchem ich aber keinen Glauben beimesse, die Schiffernachrichten sind ofters falsch.
Ubermorgen reise ich mit meinem kleinen Gefolge ab. Die Mutter schuttelt zwar sehr den Kopf zu dieser Wallfahrt, doch sie ist mit sorglicher Geschaftigkeit bemuht, alles zu ordnen und herbeizuschaffen, was ihr zu meiner Bequemlichkeit notig scheint. Der Vater gibt mir Empfehlungsschreiben nach Baltimore und Washington mit. Philippine weint schon im voraus uber die lange Trennung und trostet sich nur durch mein Versprechen, dass ich dann auf immer bei ihr bleiben wolle. Es wird mir in der Tat schwer, mich von diesem Madchen und von diesem freundschaftlichen Hause zu trennen; aber der Zug nach Westen ist starker als die Freundschaft, ja selbst starker als meine Vernunft. Lebe wohl, meine Adele! Tausendmal lebe wohl! William eilt an Bord und nimmt Abschied von Deiner
Virginia.
Virginia an Adele
Baltimore
Glucklich bin ich hier mit meinem Gefolge angelangt, und ein Handelsfreund von Ellison hat sich nicht abhalten lassen, mich aufzunehmen. Unsre Reise war nur wenig verschieden von einer Reise in Frankreich, so kultiviert ist schon der Distrikt zwischen hier und Philadelphia; nur waldiger ist das Land als dort und der Baumwuchs uppiger, saftvoller, auch gibt es mehr Viehzucht und mehr kleine zerstreute Besitzungen. An das Gemisch der verschiedenfarbigen Menschen, welches dem Reisenden anfangs sehr auffallt, habe ich mich schon gewohnt. Von hier aus will ich erst nach Washington, um die Nachbildung jenes Kapitols zu sehen, wohin mein Geist so oft mich trug und welches jemals wirklich zu sehen mir nun jede Hoffnung entschwunden ist. Dann kehre ich hierher zuruck, um von hier aus die grosse Wanderung zu den Seen anzutreten. Baltimore ist freundlich und um vieles lebhafter als Philadelphia. Es wohnen hier viele Franzosen. Meine Wirtsleute sind noch jung, besonders die Frau, ein Irlanderin, voll Lebhaftigkeit und beweglich wie Quecksilber. Sie erzahlt mir unaufhorlich; schade nur, dass ich mich mit ihr so schlecht verstandigen kann, schen Mundart aus und kann wenig Franzosisch. Besonders wunschte ich mich uber einen Teil ihrer Erzahlungen vollstandig unterrichten zu konnen, welcher mich seltsam anzieht. Sie spricht namlich oft von den Freiwilligen von Baltimore, welche im vorigen Jahre Washington zu Hulfe gezogen, und dass darunter mehrere Auslander gewesen. Unter diesen erwahnt sie oft eines jungen Franzosen, welcher lange in ihrem Hause gewohnt habe. Die Beschreibung scheint mir, wunderbarerweise, auf Mucius zu passen, auch der Name hat in ihrer Aussprache einige Ahnlichkeit, und so fest ich von der Unmoglichkeit seines Lebens uberzeugt bin, so nimmt mein torichtes Herz doch einen Anteil an diesen Erzahlungen, der mich mit Unruhe erfullt. Gern mochte ich nun etwas Naheres uber diesen Fremdling erfahren, mochte seine ferneren Schicksale, seinen jetzigen Aufenthalt wissen; aber entweder weiss die gute Davson nur wenig, oder ich verstehe sie schlecht. Ich kann nicht einmal mit Bestimmtheit erfahren, ob er mit den Freiwilligen zuruckgekehrt ist, sie spricht immer, "der gute junge Herr ist gegangen". Ich entschloss mich, mit einer kleinen Schamrote, den Mann deshalb zu befragen. "Hat Ihnen meine Frau davon gesagt?" fragte er mit einem finstern Blick, welchen ich noch gar nicht an ihm gesehen hatte. "Ich weiss nicht mehr als Betty", setzte er hinzu, "es hat mich nicht interessiert." Und damit brach er das Gesprach ab, welches ich nicht wieder anzuknupfen wagte.
Der Fremde ist ein Zankapfel zwischen dem Ehepaare gewesen, das bemerke ich wohl. Aber weshalb beunruhigt mich das? warum ist mir seitdem die Schonheit der jungen Frau auffallender? warum bemerke ich sie mit halbem Neide? warum fallt mir ihre Lebhaftigkeit doppelt auf, wenn sie von dem Fremden spricht? was geht das mich an? Wahrhaftig, Deine Virginia ist recht kindisch! lache sie nur tuchtig aus, und schilt sie zugleich. Sie scheint eifersuchtig auf einen Schatten und war es nie auf den lebenden Mucius.
Auf jeden Fall aber wird dieser Umstand meine Abreise nach Washington beschleunigen. Es drangt mich hin zu dem Schauplatze, wo der Unbekannte gekampft, vielleicht geblutet hat. Vergib mir, William! dich konnte das torichte, undankbare Madchen verlassen, und hier jagt es dem Truggebilde einer kranken Phantasie nach, dessen Urbild uber den Sternen lebt. Guter William! ich furchte, so wird es immer sein. Mein Gefolge ist es sehr wohl zufrieden, dass wir bald weiterreisen. Meinen Negern gefallt der stadtische Aufenthalt nicht. Corally, das schwarze Madchen, kann gar nicht begreifen, wie man sich in einen so grossen Ort einsperren konne, wo man gar keine Rasenplatze zum Tanzen, keine Blutengebusche vor seiner Haustur habe. Ihr Bruder Ismael horchte auf die Erzahlungen seines Vaters von der Lebensart der Wilden. Er hofft immer, einigen Stammen am Ontario oder Erie zu begegnen und mit eigenen Augen ihr Treiben zu sehen. Dann aber sehnt er sich nach seiner Frau und seinen kleinen Buben zuruck. Corally hat mir auch ganz heimlich vertraut, dass sie einen jungen Schwarzen gar liebhabe, er sei aber arm, musse noch verdienen und sparen, denn Vaters kleines Feld konne keine neue Familie mehr ernahren. Gutes Kind der Natur, wie wenig bedarf es, dich zu beglucken! Einige Morgen Land, eine Hutte, ein paar Kuhe, und daran soll es dir bei unserer Ruckkunft nicht fehlen.
Washington
So bin ich denn gestern eingezogen in diese Hauptstadt des freien Amerika, vielleicht bestimmt, dereinst der Neuen Welt Gesetze, Sprache und Sitten zu geben, wie Rom sie vormals der Alten gab. Moge sie sich nie zu Roms Uppigkeit und Ubermut erheben, um einst zu sinken wie sie! Welche Vergleichungen, welche Erinnerungen und Betrachtungen bieten sich hier bei jedem Schritte dar. Kuhn und gross ist der Entwurf zu dieser grossen Bundesstadt, wie uberhaupt der Riesenbund dieser freien Staaten. Gebe das manner sind voll redlichen Eifers, und nur der Sonnenschein des Friedens ist not. Das Hagelwetter, welches jungst vorubergeflogen, hat vieles zerstort. Prachtvolle Gebaude stehen dachlos und ausgebrannt, und der Mond scheint verwundert in die leeren Raume hinabzublicken. Die Saulen des Kapitols sind beschadigt von dem feindlichen Geschutz, aber die Saulen der Republik trotzen jedem Anfall, hier wird sich die Macht des neuen Karthago brechen. Unter Kampfen ward hier das Riesenkind der Freiheit geboren, Kampfe und Gefahren starken seine Krafte und ziehen es gross, wie die junge Eiche mitten unter Sturmen emporwachst.
Mit stiller Ehrfurcht habe ich das noch nicht ganz vollendete Denkmal des grossen Mannes besucht, dessen Name durch die Stadt selbst der spaten Nachwelt uberliefert wird und dessen Andenken in dem Herzen jedes Amerikaners lebt. Wahrlich, ein beneidenswerter Sterblicher, den selbst seine Gegner nicht zu verunglimpfen wagen! Die einfachen Sitten seines Landes, die ruhige Art der hiesigen Entwickelung bewahrten ihn vor dem kuhnen Auffluge, welchen unser franzosischer Adler nahm. Napoleon ubertraf Washington an Geist und Energie, wurde aber von ihm an Massigung und stiller Burgertugend weit ubertroffen. Washington war der Cincinnatus des tugendhaften Roms, Napoleon der Caesar des verderbten. Beider Charakter leiden sowenig eine Vergleichung als die Lage ihrer Umgebungen. Das Gewuhl des Hafens und die Tatigkeit, womit man die Brandstatte abraumt und den Schaden zu heilen strebt, hat mich mehrere Tage ergetzt und festgehalten; daneben habe ich manche Forschung nach dem Unbekannten angestellt. Humphry Dyk, der Bediente von Ellison, ist mir dabei sehr nutzlich gewesen, und ich habe diesen Menschen recht liebgewonnen, seines Diensteifers wegen. Aber ach, es ist alles vergebens, man weiss hier nichts von einem schwarzlockigen Franzosen, welcher unter den Freiwilligen von Baltimore sich befunden. Alle Behorden sind befragt, alle Krankenanstalten besucht worden; hier ist er nicht, wenn er uberhaupt noch lebt. "Was geht es mich an!" rufe ich trotzig aus oder verlache mich selbst mit dieser kindischen Grille; aber es hilft wenig, ich kann den Gedanken nicht loswerden. Das beste wird sein, dass ich mich bald von hier entferne, die Anstalten zu einer Reise und die immer wechselnden Gegenstande werden mich zerstreuen. Wann wird Virginia die Ruhe ihres Herzens wiederfinden!
Baltimore
Hier bin ich wieder, und in voller Geschaftigkeit fur einer Entdeckungsreise gerustet. Humphry hat furchterliche Vorstellungen von der Ungastlichkeit der Gegenden, wohin wir gehen, ich lasse sie ihm, weil mir beilaufig der romantische Gedanke, durch Wildnisse zu irren, ein geheimes Vergnugen macht.
Wir haben einen Wagen, mit zwei Pferden bespannt, gekauft und fur den Zweck zurichten lassen. Gegen Regen und Sonne wird er durch eine Art von Zelt geschutzt, welches nicht nur an den Seiten in die Hohe gewunden, sondern auch abgenommen und durch Stangen vergrossert werden kann. In diesem Wagen sitzen Corally und ich auf Sitzkasten, welche mit Decken und Wasche angefullt sind. Ausserdem befindet sich ein grosser Facherkorb voll Lebensmittel und ein tuchtiges Flaschenfutter mit Wein und Rum, ein Bratspiess nebst dazugehorender blecherner Pfanne, sechs Teller aus Silberblech, ein kleiner kupferner Kessel, Messer, Gabeln und Loffel, einige leere Korbflaschen, einige hornerne Becher, ein Beil, eine Matratze und ein Tragekorb auf demselben. Da hast Du unsre ganze wandernde Haushaltung. John halt uns fur furstlich ausgestattet, Humphry hatte gern noch mehr hinzugetan. Er und John befinden sich, zu unsrer Bedeckung, zu Pferde, sind mit guten Flinten bewaffnet und reichlich mit Pulver und Blei versehen; Ismael macht den Kutscher. So werden wir nun morgen, in aller Fruhe, unsere Wallfahrt antreten. Ich habe mich mit einem kleinen Reiseschreibzeuge versehen und werde ein ordentliches, an Dich gerichtetes Tagebuch halten, welches Du vielleicht einst erhaltst. Mir hupft das Herz vor Freude bei dem Gedanken an diese Pilgerfahrt. Das neue, ungekannte Leben reizt mich, und ich werde diese Nacht kaum schlafen konnen, wie die Kinder, welchen das ganze Leben meist noch fremd ist, schon vor einer Spazierfahrt nicht schlafen. Oh, wie ist man so selig, wenn man noch Kind ist! da zieht uns nur der Blumenhugel an, welchen wir erreichen konnen, jetzt schliessen kaum die blauen Berge und das Meer mein Sehnen ein.
Den 20. Junius
Wir sind vor Tage aufgebrochen, um in der Morgenkuhle zu reisen. Die Sonnenhitze in den Mittagsstunden ist jetzt unertraglich, wir werden dann an einem schattigen Orte rasten, wo Wasser in der Nahe ist und Weide fur unsere Pferde. Heute trafen wir einige artige Meiereien an, wo wir uns mit herrlicher Milch und mit Eiern versahen, welche nebst dem frischen Fleisch, welches wir aus Baltimore mitgebracht hatten, eine leckere Mahlzeit gaben. Zur Nacht haben wir bei dem Hause eines Pflanzers haltgemacht. Mein Gefolge wird draussen, bei Vieh und Gerat, Corally und ich werden in dem Hause schlafen. Von hier aus je weiter wir gegen das Gebirge kommen, desto sparsamer werden die Wohnungen, und doch habe ich diesen Weg vorgezogen, statt auf Albany zu gehen, die Gegend wird hier viel romantischer.
Die Kinder unsres Wirtes sehen mir neugierig zu, wie ich beim Schein ihres Kuchenfeuers schreibe. "Was machst du da?" fragt ein kleiner Knabe. "Ich spreche mit meiner Schwester", erwidere ich, "welche da uber dem grossen Wasser wohnt." "Mit den Fingern?" sagt er und sieht mich kopfschuttelnd an. "Ich zeichne die Worte auf dies Papier, wie du dort ein Pferd mit Kohle auf die Wand gemalt hast", gebe ich zur Antwort. Er blickt hinein und sagt: "Du musst an kein Pferd, an keinen Vogel, keinen Baum, kein Haus gedacht haben, ich kenne kein einziges von deinen Worten."
Den 26. Junius
Die Landschaft wird wilder, aber unbeschreiblich schon. Wir machen nur kleine Tagereisen, um unser Vieh bei der Hitze zu schonen. Bis jetzt haben wir noch immer Wohnungen angetroffen, wo wir Geflugel, Milch, Eier und Fruchte kaufen konnten. Diese Nacht brachten wir zum erstenmal im Freien, am Saum eines Waldes, zu, wo ein klarer Quell uns mit vortrefflichem Wasser versorgte, und auch jetzt, ges, welcher dicht mit Ahorn und weissen Zedern bewachsen ist; hundert Schritte von uns braust ein Waldstrom durch eine Bergschlucht hinab. John und Humphry sind auf die Jagd gegangen, und Ismael dreht den Bratspiess, Corally hat Wasser geschopft in unsern Kessel und bereitet die Lager, ich stehe der kleinen Kuche vor, die Pferde weiden neben uns. Du glaubst nicht, welchen eigentumlichen Reiz dieses Nomadenleben hat, selbst fur den kultivierten Menschen; ich wundre mich gar nicht, dass die Eingeborenen es nicht verlassen mogen.
Den 30. Junius
Schon seit vier Tagen irren wir in den Gebirgen umher, uns bloss nach der Sonne und den Gestirnen richtend, worauf sich John sehr gut versteht. Oft denke ich mir, wie Du Dich angstigen wurdest, Du weintest ja ehmals fast jedesmal, wenn auf unsern Spaziergangen die Turmspitze von Chaumerive sich uns versteckte, aus Furcht, Dich zu verirren. Hier sind wir deshalb ganz unbesorgt, denn diese Wildnisse sind so uberraschend schon, dass man sie nie wieder verlassen mochte. Die Waldvogel uber unsern Hauptern lassen ihre hundertfaltigen, oft so fremden und seltsamen Stimmen horen, Erdbeeren und die Beeren anderer Rankengewachse roten den Rasen an den Abzellen auf uns herniederblicken. Wir leben zum Teil von dem Ertrage der Jagd, welche hier nicht muhsam ist, da das Wild sich nicht sehr scheu und furchtsam zeigt; auch die Eier einiger Wasservogel haben wir schon haufig an sumpfigen Stellen gefunden. Ich schlafe unter dem Zelte; die Nachte sind kalt, aber entzuckend schon durch ihre Klarheit, und mit Vergnugen betrachte ich die neuen Sternbilder, welche ich sonst nur auf der Himmelskarte antraf. Mein Schlaf ist vortrefflich, ein wenig Rum, mit Wasser, Ei und Zucker vermischt, mein Fruhstuck, wenn wir, mit dem ersten Anbruch der Morgenrote, uns auf den Weg machen.
Den 5. Julius
Wir haben, auf mancherlei Umwegen, die sudliche Spitze des Eriesees glucklich erreicht und mussen hier einen Rasttag halten, denn unsere Pferde sind ziemlich erschopft. Das Land war schon in den letzten Tagereisen flach und offen. Der See gewahrt einen schonen Anblick, die jenseitigen Ufer sind nur in einzelnen nebeligen Punkten bemerkbar. John hat mehrere Wasservogel geschossen, welche unsere Mahlzeiten wurzen. Er spaht uberall nach den Wilden umher, deren Wiedersehen ihm sehr am Herzen liegt; ich selber bin auf ein solches Zusammentreffen hochst ge
Den 8. Julius
Unser Wunsch wurde erfullt. Der Zufall wollte, dass grade von dem Stamme, mit welchen John verschwistert ist, ein Trupp von sechs Mannern und vier Weibern in ihren Canots uber den See kam, um auf die Rehjagd zu gehen, welche hier am Fusse des Alleghany-Gebirges sehr ergiebig ist. John wurde sehr bald von ihnen als ihr Bruder erkannt, und die Freude war von beiden Seiten unbeschreiblich. Er zeigte ihnen seine Kinder, und sie erklarten, dass diese auch die ihrigen waren. Sie brachten uns mit grosser Gastfreiheit die Beute ihrer Jagd zum Geschenk; wir bewirteten sie dagegen mit Rum und gekochten Speisen und teilten unsern Vorrat an Reis und Zwieback mit ihnen, unsre Manner gaben ihnen den grossten Teil ihres Tabaks. Ich schmuckte die Weiber mit allem, was ich an Glasperlen, einfachen Ringen, Bandern und entbehrlichen Tuchern besass; das Freundschaftsbundnis war in kurzem auf das engste geknupft. Sie lagerten sich in unserer Nahe und geleiteten uns heute eine ganze Strecke. Der Abschied schien ihnen sehr wehe zu tun, doch trosteten sie sich mit der Hoffnung, uns bei unserer Ruckkunft von dem grossen Wasserfalle, wohin wir nach ihrer Meinung wallfahrten, um den Grossen Geist anzubeten, wiederzusehn. Auch John war geder Natur, und er hat mir nachher wiederholt versichert, dass, wenn er nicht Frau und Kinder daheim hatte, er der Versuchung kaum wurde haben widerstehen konnen, mit ihnen in ihr Land zuruckzukehren. Ich begreife leicht, wie anziehend diese ungebundene Lebensart fur den sein muss, welcher die Sprache dieser Volker kennt und seine Bedurfnisse noch nicht zu weit uber die ihrigen hinaus gesteigert hat.
Den 11. Julius
Wir sind heute zu einer mittelmassigen Meierei gelangt, welche an den Ufern eines kleinen Flusses liegt, der sich ungefahr vier Stunden von hier in den Eriesee ergiesst. Der Boden ist sehr fruchtbar, der Mais steht vortrefflich und verspricht einen funfzigfaltigen Ertrag. Obstbaume umgeben die niedere Wohnung und verstecken sie fast, alle beugen ihre Zweige unter der Last der Fruchte. Kirschen, Aprikosen, Birnen, Melonen sind von ganz vorzuglicher Gute, die Pfirsich rotet sich schon, und der Zider wird gewiss ebenso trefflich und reichlich gewonnen werden als im vorigem Herbste. Wir trinken jetzt davon und werden unser fast geleertes Flaschenfutter damit fullen. Auch herrliches Gemuse gibt es hier. Kuhe weiden umher, und an Geflugel fehlt es nicht. Die Natur versorgt diese gluckliche Familie mit allem im Uberfluss, was chentlich bringt der alteste Sohn des Hauses die Produkte, welche man nicht verzehren kann, auf einem einspannigen Karren nach Venago, welches funf Stunden entfernt ist. Die Familie besteht, samt den Kindern, aus neunzehn Personen, worunter zwei deutsche Knechte sich befinden, welche sich auf sechs Jahre vermietet haben; dies ist bei dem armern Teil der Ausgewanderten sehr gebrauchlich. Nach Ablauf der Dienstzeit erhalten sie eine Summe Geldes, Vieh, Getreide und dergleichen, um sich anzusiedeln. Bis dahin werden sie vollig zur Familie gerechnet und den Sohnen des Hauses gleich behandelt, genahrt und gekleidet. Heiterkeit und Frohsinn malt sich auf allen Gesichtern der hiesigen Hausbewohner, und ich muss sie glucklich preisen in ihrer Abgeschiedenheit, welche sie gegen die tausend Plagen der Gesellschaft sicherstellt. Nur selten kehrt hier ein Reisender ein, wird aber dann auch mit der grossten Gastfreundschaft empfangen, und man gedenkt seiner noch lange. Als etwas Seltenes wurde bemerkt, dass in dieser Woche schon zwei Fremde, nebst ihrem Fuhrer, hier gewesen, welche gleichfalls nach dem Wasserfall wallfahrten. Wie es scheint, waren es Maler, denn der eine hatte die Landschaft gezeichnet und der zweiten Tochter ein kleines Stuck von seiner Arbeit zum Andenken geschenkt. Das muntere Madchen lobt deshalb ihn am meisten, wahrend ihre altere Schwester seinen schwermutigen Gefahrten ruhmt. Wir haben uns hier mit einer grossen Menge frischer Lebensmittel versehn, es ist mir aber kaum gelungen, den guten Leuten den wahren Wert aufzudringen.
Den 13. Julius
Wir sind nur noch drei Stunden vom Niagara entfernt und horen den Fall wie das Rollen eines machtigen Donners. Schon gestern den ganzen Tag tonte sein Getose in der Ferne, und in der Nacht hinderte es mich lange am Schlaf. Wir haben hier haltgemacht, weil ich erst morgen zur Stelle kommen will; ich habe mir dieses grosse Fest zu meinem Geburtstage aufgespart. Tausend Erinnerungen und Gefuhle werden da auf mich einsturmen an diesem merkwurdigen Tage, wo die Kraft meines Volkes hochaufschaumte, wie diese Flut die turmenden Felsen uberwand und dann auch in den Abgrund fiel. Wird dieser machtigen Welle eine zweite folgen? Es wurde mir sehr unlieb sein, wenn ich morgen die beiden Reisenden dort fande, von welchen man in Woodhouse erzahlte; ich ware gern allein. Heute sahen wir in einer ziemlichen Entfernung einige menschliche Figuren auf einer Hugelspitze sitzen. Ismael, dessen Auge am weitesten tragt, behauptete, sie schrieben, wie ich es oft abends Mein Herz fuhlte sich zu ihnen hingezogen, so machtig wirkt der Trieb der Geselligkeit im Menschen uberall, und doch mochte ich, wie gesagt, gerade morgen nicht gern mit ihnen zusammentreffen, an einem Tage, wo ich so viel abzumachen gedenke mit meinem eigenen Herzen. Mein ganzes Leben wird mit den Bildern aller meiner Geliebten an mir vorubergehen. Hier will ich das Trauerfest feiern um meine teuern Verlorenen, und hier, wo der rohe Irokese betet zu dem Grossen Geist, will auch ich zu ihm beten, dass er mich erleuchte in dem, was mir not tut. Noch immer erhalt sich in mir die Ahndung, als werde hier der Wendepunkt meiner Gefuhle sein, kaum werde ich schlafen konnen vor unruhiger Erwartung. Schon jetzt klopft mein Herz hoher und schneller mein Puls ich bin ein Kind, was wird's denn sein?
Ich muss etwas Kuhlendes trinken und mit Corally schwatzen, das Schreiben erhitzt mich. Lebe wohl, Adele! Gedenke Deiner Virginia.
Den 14. Julius
O Himmel und Erde, Adele, er ist's! Wie ist die Welt so anders, anders der Mond, die Gestirne anders! Er ist's! meine Ahndung, der Unbekannte, der Geliebte, alles eins. Lass mich zu mir selbst kommen, mir schwindelt. Ich mochte Dir so gern mein Gluck in seiSchmerz, aber meine Hand zittert. Doch nur eines Namens bedarf es, und hundertmal rufe ich ihn dem Echo der Felsen zu, das Echo antwortet, als teilte es mein Gefuhl. Warum kannst Du mir nicht antworten, Adele! Auch Dir rufe ich ihn zu: "Mucius!" Ja, Mucius! die Toten kehren wieder. O konntet ihr auch wiederkehren, mein Vater, mein Emil, meine Mutter! Aber ich umfasse euch alle in dem lieben Wiedergefundenen, auch Dich, Adele; er ist mir Vater, Bruder, Freund. Auch mein Vaterland habe ich wieder, wo Mucius atmet, ist meine Welt! Mein Kopf ist wust, ich muss einige Stunden ruhen. Das hochste Gluck ist fast schwerer zu tragen als der heftigste Schmerz. Welch ein Tag, der mir zum zweitenmal mein Leben, mein Gluck, das Ziel meiner Wunsche schenkte! Schlafe wohl, Adele, ich vermag nicht weiter!
Einige Tage spater
Fur mich gibt es keine Zeit mehr. In meiner Seligkeit vergesse ich zu zahlen, wie oft die Sonne auf- und untergeht. Nur die Kranken berechnen die Stunden, und die Gefangenen zeichnen einen Ungluckstag nach dem andern an die Wand ihres Kerkers auf. Gern schreibt der Ungluckliche seine Leidensgeschichte, der Gluckliche erzahlt lieber, die Feder teilt seine Wonne zu langsam mit. Und doch muss ich schreiben, wenn Du Kenntnis brachte; ich werde also oft ein Stundchen aufopfern mussen, um Dir von meinem Glucke Kenntnis zu geben, an welchem doch niemand so innigen Anteil nehmen kann als Du. Meine Erzahlung wird sehr oft unterbrochen werden, da jedoch noch eine ziemliche Weile verlaufen wird, ehe Du diese Blatter erhaltst, so werden die Bruchstucke sich schon nach und nach zu einem Ganzen gestalten, und so fange ich denn mit jenem wunderreichen Tage des Wiedersehns an.
Wir hatten fruh den letzten Ort unseres Nachtlagers verlassen und fuhren bis zum Fusse der Felsen, uber welche sich der Niagara sturzt; hier liessen wir Vieh und Gerat unter Ismaels Obhut, und John fuhrte uns auf steilen Fusspfaden bis zu einer Hohe, von welcher wir den betaubenden, jede Beschreibung ubertreffenden Wassersturz ubersehen konnten. Wir waren alle ergriffen von diesem einzigen Schauspiele. Donnernd sturzt sich der Strom von Fels zu Fels, himmelhoch spritzt der Schaum empor, von der Sonne durchschienen, einem Goldregen gleich; hundertfaltige Regenbogen bilden sich an dem dichter herabfallenden Gewasser. Die Sprache ist zu mangelhaft, den Eindruck wiederzugeben, den das Auge kaum im ganzen aufzufassen vermag. Sprachlos standen wir lange und staunten vor uns hin, dann gab ich meiner Dienerschaft durch Winke zu verstehen, dass ich bis zu einer Abstufung des Felsens ohne Begleitung hinuntersteigen wolle, wohin ein bequemer Pfad fuhrte und wo einige Wolbungen einen kuhlen Aufenthalt zu bieten schienen; ich wollte ungestort sein. Als ich um eine Ecke bog, erblickte ich ein mannliches Wesen, welches in Gedanken verloren zu sein schien, und trat zuruck. Der Fremde wurde mich gewahr und machte seinerseits gleichfalls eine Bewegung, um den Ort zu verlassen, so dass wir einander nach entgegengesetzten Richtungen auswichen, oft schuchtern ruckwarts sehend. Nach vielleicht hundert ungewissen Schritten traten wir beide zugleich auf eine Anhohe hinauf und standen, Bildsaulen gleich, einander gegenuber. Welche Gestalt? Ich zitterte. Der Fremde beugte sich vorwarts, er hob die Arme. "Geben die Graber ihre Toten zuruck?" rief eine bekannte Stimme. "Mucius oder sein Geist?" fragte ich fast zu gleicher Zeit und lag in seinen Armen, verlor an seiner Brust das Bewusstsein. Als ich erwachte, befand ich mich im Schatten eines Felsenuberhanges, Mucius hielt mich umfasst, Corally kniete zu meinen Fussen und suchte meine kalten Hande mit ihren Kussen zu erwarmen. Erhohete Lebenskraft und Warme kehrten durch meinen ganzen Korper zuruck, sobald ich die Augen aufschlug, ich blickte ja in meinen Himmel. Des Weines bedurfte ich nicht, welchen der ehrliche John herbeigeholt hatte. "Miss Virginias Bruder?" fragte Humphry etwas befremdet. "Ja, wohl Bruder, Vater und Vaterland!" rief ich und umschlang den Heissgeliebten. "Mehr, mehr", sagte Corally mit schlauem Lacheln, und Humphry blickte zweifelnd und finster vor sich hin. Mucius bat ihn und John, sich nach seinen Gefahrten umzusehen, welche tiefer gegen die Wasserwand hinabgestiegen waren, und sie hierher zu fuhren, Corally setzte sich schweigend hinter einen entfernten Stein. So waren wir denn allein, und die unermessliche Seligkeit, welche uns fast den Busen zersprengte, machte sich in Tranen, Worten und Kussen Luft. Ich bin unfahig, Dir die ganze Wonne dieser ersten glucklichen Stunden zu schildern. Wir hatten nur Sinn fur das ungehoffte Gluck des Wiedersehens, keine andre Erinnerung trubte unsern sonnenhellen Himmel. Endlich langten unsere Fuhrer und Mucius' Freund bei uns an; dieser war die sogenannten Indianerleitern hinuntergestiegen, um den ostlichen Wasserfall recht in der Nahe zu sehen, wahrend Mucius vorgezogen hatte, hier oben in der Einsamkeit seinen Gedanken Raum zu geben. Er wusste, es war mein Fest, und hier wollte er es in wehmutiger Erinnerung begehen. So seltsam, auf so wunderbarem Wege fuhrte uns die liebende Vorsicht zusammen, denn nimmer kann ich es fur den Gluckswurf des blinden Zufalls halten.
"Virginia!" rief Mucius seinem Freunde entgegen. Der blosse Name erklarte diesem das Ganze, er sturzte sich jauchzend an Mucius' Brust. "Gebenedeiet sei die Jungfrau und alle Jungfrauen, die ihr gleichen!" rief er in toller Lustigkeit; "nun wird doch dies Auge wieder lachen und dieser Mund nicht mehr seufzen, wenn ich das Leben preise mit all seinen Launen, Tucken und Fastnachtspossen."
Der Fremde, ein junger Maler aus Bassano im Venezianischen, welchen Mucius in Spanien kennenlernte, wo er mit ihm in einem Regimente diente, wurde mir vorgestellt. Er hat ein schones freundliches Gesicht und ist voll unerschopflich heiterer Laune. Seine treue Freundschaft konnte den Mustern des Altertums an die Seite gesetzt werden. Das Gluck seines Freundes war jetzt das seinige, er hatte ihm lange genug die Last des Daseins ertragen helfen. Das Gerausch des Falls fiel seiner Redelust beschwerlich, und wir kehrten, auf seinen Wunsch, zu meinem Fuhrwerk zuruck. Hier, um ein gutes Mahl gelagert, welches Ismael bereitgehalten, erzahlten die beiden Freunde sich abwechselnd ihre Schicksale in franzosischer Sprache, welche ihnen die gelaufigste, unseren Leuten aber wenig verstandlich war.
Pinelli lernte Mucius in den Tagen der Hoffnung kennen, wo dieser sich schon wieder die rosenfarbigsten Bilder der heimatlichen Zukunft schuf. Des Freundes heitere Laune erhohete die hellen Farben des schonen Gemaldes, und beide fingen an, einander unentbehrlich zu werden. Nach einiger Zeit setzte das ganzliche Ausbleiben meiner Briefe Mucius in grosse Unruhe; Pinelli trostete nach Moglichkeit. Die Kriegsvorfalle konnten leicht die Ursache sein, wie sie es denn auch wirklich waren; aber das leidenschaftliche Gemut eines Liebenden, welcher schon so viel Trubes erfahren, furchtet leicht das Argste. Am Morgen jenes Tages, als man sich zum Sturm auf eine spanische Festung anschickte, ward Mucius eines Soldaten gewahr, welchen er als Landsmann aus Aix erkannte und welcher erst vor kurzem bei dem Korps eingetroffen war. In seiner Nahe reitend, fragte er ihn, ob er den Besitzer von Chaumerive kenne. "Freilich kenne ich den guten Herren, er war sonst oft in Aix." "Weisst du jetzt nichts von ihm?" fragte Mucius zitternd. "Als ich durch Avignon ging", entgegnete jener, "war ihm vor einigen Tagen die Tochter gestorben." "Virginia?" schrie Mucius mit Entsetzen. "Den Namen weiss ich nicht", sagte jener, "man beklagte jedoch, ihrer Gute und Wohltatigkeit wegen, allgemein ihren fruhen Hintritt." "Lebt die Mutter noch?" stammelte Mucius. "Ich glaube nein", sprach der Soldat. Wenige Sekunden darauf wurde der Ungluckliche von einer Kanonenkugel zerschmettert. Mucius' Zustand war halbe Geisteszerruttung. Kurz darauf wurde der Sturmmarsch geschlagen. Wie ausser sich sprang Mucius vom Pferde, ergriff gewaltsam einen Adler und eilte die Brucke hinauf, aber schwankend und halb bewustlos wurde er bald von der Menge hinabgedrangt. Pinelli war, in der grossten Unruhe, dem Freunde gefolgt, er sahe ihn sturzen, noch ehe er zu ihm gelangen konnte, und nur die Stimme der Freundschaft horend, warf er sein Pferd herum und jagte am Ufer des reifenden Flusses entlang. Nach einigen Minuten sahe er Mucius auftauchen und matt mit den Wellen kampfen, der Strom schlang ihn immer wieder in seine Strudel. Endlich blieb der schon fast Entseelte mit den Kleidern an einem Gestrauch hangen, und mit der grossten Muhe gelang es dem Freunde, ihn ans Ufer zu ziehn, mit noch grosserer, ihn vollig ins Leben zuruckzurufen. Beide waren weiter als eine Viertelstunde von der Festung entfernt. In dieser Lage wurden sie plotzlich von einer Abteilung englischer Reiterei umringt und gefangengenommen. Mucius fuhlte und begriff wenig von dem, was um ihn her vorging, er glich einem Seelenlosen, sein Freund musste fur ihn denken und handeln.
In diesem Zustande wurden sie bis Lissabon gebracht und von dort, mit mehreren Gefangenen, auf einem Transportschiffe nach England gefuhrt. Der Kapitan schien geruhrt von der tiefen Niedergeschlagenheit des einen und von der aufopfernden Freundschaft des andern und behandelte beide Freunde mit einiger Auszeichnung. Pinelli erkundigte sich oft nach dem Schicksale, welches ihnen bei ihrer Ankunft in England bevorstande. Die Antwort war allgemein, dass sie, wie alle Subalternen, nebst den Soldaten auf die Gefangenenschiffe gebracht werden wurden. Er hatte von diesen Wassergefangnissen eine so furchtbare Vorstellung, dass er Tag und Nacht darauf sann, sich und seinen Freund diesem Elende zu entziehen. Das Gluck, oder das Schicksal, erleichterte sein Vorhaben. Die Hitze, oder die Hand eines Frevlers, sprengte nach wenigen Tagen die beiden grossten Wasserfasser des Fahrzeuges, zugleich trennte ein Windstoss dasselbe von der Konvoi und trieb es gegen die franzosische Kuste. In dieser Verlegenheit zog der Kapitan die amerikanische Flagge auf und ging auf der Reede von La Rochelle vor Anker, wo eben kein franzosisches Fahrzeug von Bedeutung lag, sich aber zwei amerikanische Fregatten befanden.
Man hielt sich soweit als moglich von den Batterien entfernt und schickte die Schaluppe ans Land, um einen Vorrat von Wasser einzunehmen. Die Amerikaner kummerten sich wenig um die Ankommlinge, sondern waren beschaftigt, die Anker zu lichten und die Segel beizusetzen, um mit dem eben umsetzenden Winde in See zu gehen. Der Mond war aufgegangen und erhellte wechselnd den wolkigen Himmel; die Freunde waren auf dem Verdeck und betrachteten das eilende Gewolk. Da blitzte in Pinellis Seele ein Gedanke an Rettung auf. Unvermerkt ergriff er ein daliegendes Tau, schlang es um seinen Freund und sturzte sich mutig mit ihm uber Bord. Die Wellen schlugen hoch auf, der kuhne Schwimmer arbeitete sich jedoch machtig empor und zog den Gefahrten mit sich, welcher sich bald begriff und ebenfalls seine Krafte anstrengte, ihm zu folgen. Gewolk verdunkelte den Mond, und man ward die Schwimmer vom Schiffe aus nicht gewahr. Sie nahmen ihre Richtung den absegelnden Fregatten zu, welche sie auch bald erreichten und von welchen sie, bei einem aufblitzenden Lichtstrahle, bemerkt wurden. Man warf ihnen ein Tau zu und brachte sie glucklich an Bord. Hier gaben sie Kunde von ihrem Schicksal und von der falschen Flagge des Englanders, ihre Rettung war vollendet. Die Fregatte war in wenigen Minuten ausser dem Gesichte des Schiffes, welches ohnehin an kein Verfolgen denken konnte. Die Fahrt ging gerade auf Boston, wo man ohne alle Abenteuer einlief. Die beiden Freunde waren hinreichend mit Golde versehen, und man richtete sich genugsam ein. Pinellis froher Mut und seine Lebenslust halfen dem schwermutigen Mucius tragen. Er brachte, zu seiner Zerstreuung, eine Reise ins Innere in Vorschlag und zu den Denkmalern der Vorzeit am Ohio, zu den Wildenvolkern am Missouri, und wirklich hatte diese Reise einen gunstigen Einfluss auf Mucius' gramvolles Gemut. Noch jetzt spricht er mit Entzucken von der Schonheit der sudlichen Provinzen, verliert sich noch in philosophische Betrachtungen uber den Urzustand dieses Weltteils, uber die untergegangene Kultur dieser zersprengten Stamme. Nach fast zwei Jahren kehrten die Pilger nach Boston zuruck, ihre Barschaft war indessen sehr verringert. Pinelli suchte seine Kunst, mit vielem Gluck, geltend zu machen. Er fuhrte die auf der Reise entworfenen Landschaften mit grossem Fleisse aus und fand Kaufer zu ihnen. Auch die Portratmalerei ubte er wieder, und man war entzuckt von dem eigentumlichen Charakter und der Idealisierung, welche er seinen Physiognomien, bei aller Ahnlichkeit, zu geben wusste. Mucius beforderte seine Reise, mit seinen Altertumsforschungen, zum Druck und gab daneben Unterricht in alten Sprachen. Mitten unter diesen Beschaftigungen erhielten sie die Nachricht von den grossen Umwalzungen im Vaterlande, welche ihnen fur immer den Wunsch zur Ruckkehr benahmen. Sie betrachteten nunmehr das fremde, freie Amerika als ihre Heimat und eilten, zu seiner Verteidigung die Waffen zu ergreifen, als es von den Englandern in seinem Innern bedroht wurde. In Baltimore hatte Mucius wirklich im Hause des Herrn Davson gewohnt, wie mein ahndendes Herz es mir damals sagte. Mistress Davson fuhlte sich von der sanften, freundlichen Schwermut ergriffen, welche den schonen jungen Mann so anziehend machte. Herr Davson fing nach und nach an, Eifersucht zu hegen, welches die Freunde veranlasste, bald nach ihrer Ruckkehr aus der Gegend von Washington eine Reise zu den Wasserfallen zu unternehmen. Sie durchstrichen lange die umliegenden Gegenden. Mucius konnte sich nicht wieder losreissen von dieser wildromantischen Natur, und hier, wo er nur Nahrung fur seinen Schmerz suchte, fand er die Heilung desselben. Laut dankte ich Gott, nach Endigung jener Erzahlung, fur seine vaterliche Fuhrung; nachst ihm dem treuen Pinelli, denn ohne ihn, den Schutzgeist meines Mucius, hatte ich diesen nicht wiedergesehen. Oh, wie unendlich teuer muss dieser neue Freund mir sein! Aber auch ohne diese Rucksicht muss man den Mann liebgewinnen. Er lebt nur fur seine Freunde und hegt ein gefuhlvolles Herz fur die ganze Welt. Seine gute Laune ist unerschopflich, jeder Unannehmlichkeit weiss er eine heitere Seite abzugewinnen. Von unserer Reisegesellschaft wird er allgemein geliebt. Er unterhalt sich mit Humphry, lasst sich von ihm uber Amerika belehren und bewundert seine Kenntnisse; John muss ihm von den wilden Stammen erzahlen, und er schuttelt ihm treuherzig die Hand; den ehrlichen Ismael umarmt er und sagt der kleinen Corally tausend schmeichelhafte Dinge. Er will damit niemand gewinnen, es ist der notwendige Ausdruck seines heiteren Herzens, seiner warmen Menschenliebe, aber er nimmt jedermann ein. Mucius, bloss mit seiner Liebe beschaftigt, hat in dem Herzen unserer Reisegefahrten nur den zweiten Rang, ja in Humphrys Augen begegne ich sogar zuweilen einem zweideutigen, vorwurfsvollen Blicke. Er ist wohl, nach und nach, von seinem ersten Gedanken zu Corallys Voraussetzung ubergegangen, und dies muss dem ehrlichen Kerl wehe tun, welcher sich gewohnt hatte, mich im stillen als die Braut seines Herrn zu betrachten. Sein stummer Vorwurf erinnert mich oft mit einiger Angstlichkeit an Ellison, welcher jetzt meinetwegen die Meere durchkreuzt. Was wird der gute William sagen, wenn er zuruckkehrt? Zwar spricht mein Gewissen mich frei, ich habe ihn nicht getauscht, aber ich habe nicht jede Hoffnung in ihm niedergeschlagen und werfe mir jetzt fast die kleinste freundschaftliche Ausserung vor, welche mein dankbares Herz fur ihn gezeigt hat; auch furchte ich die unangenehmen Empfindungen seiner Familie, deren Gute ich mit getauschter Hoffnung lohnen muss. Mein Gluck wird nicht eher ganz rein sein, als bis bei diesen guten Menschen wieder Zufriedenheit herrscht. Mucius nimmt die Sache leichter, wie wohl meistens die Manner. "Konnte William die Verganglichkeit der Liebe hoffen?" spricht er, "begriff er das Herz meiner Virginia so wenig? kennt er uberhaupt wohl die wahre Liebe? Wer die fruhere Neigung eines anderen zu uberwinden hofft, muss auch auf die Uberwindlichkeit der seinigen schliessen. Und seine Eltern? Du lohnst ihnen Gastfreundschaft mit Dankbarkeit und kannst jeden Aufwand verguten, welch ein Recht haben sie zu hoheren Forderungen?" Wenn der Geliebte so trostend spricht, kann meine Vernunft nichts dagegen einwenden, aber mein Herz hort doch nicht auf, etwas angstlich zu schlagen, und ich sehe es recht gern, dass unsere Reise sich noch langer verzogert. Wir sind bis zum Fort Niagara in kurzen Tagereisen, meist zu Fuss, gelangt. Hier haben sich Mucius und Pinelli beritten gemacht, ihren Fuhrer verabschiedet und neue Lebensmittel eingehandelt. Dann sind wir bis zum See Ontario hinaufgezogen und haben auf mehreren herrlichen Pflanzungen verweilt. Heute sind wir bis Woodhouse zuruckgekehrt, wo wir mit lauter Freude empfangen wurden und, auf instandiges Bitten der Familie, zwei Rasttage halten werden. Diese einzelnen Niederlassungen haben einen unbeschreiblichen Reiz fur uns, besonders fur Mucius, welcher sich, seit den neuesten Umwalzungen in unserem Vaterlande, mit dem Zeitgeiste von Europa entzweiet hat. Schon malen wir uns, mit wahrer Liebe, das Bild einer einsamen Kolonie aus, welche bei aller Geisteskultur der gebildeten Welt doch die ganze Einfachheit der Sitten des Goldenen Zeitalters bewahrt. Pinelli ist unerschopflich an neuen Einfallen und Entwurfen fur diesen unsern Lieblingsgedanken, welcher leicht in Wirklichkeit verwandelt werden konnte, wenn wir noch einige gleichgestimmte Menschen trafen.
Wir begleiten hier die jungeren Mitglieder der Familie bei ihren leichten Arbeiten. Heute abend gab uns der gute Vater vom Hause einen landlichen Ball, wobei er die Geige mit vieler Leichtigkeit spielte. Wir tanzten samtlich auf einem kurzen, ebenen Rasen mit gleicher, herzlicher Frohlichkeit. Rumpfe nur das Naschen immer ein wenig, liebe Adele, uber die Art unsrer Vergnugungen, ich ziehe sie euren glanzenden Hofballen weit vor. Welch ein seliges Gefuhl fur mich, nichts als Mensch zu sein! Ich bin nicht mehr die Grafin Montorin, ich bin auf ewig nur Virginia.
Philadelphia
Ich habe Dir lange nicht geschrieben, meine Adele. Desto ofter denke ich an Dich und spreche von Dir, und unsere Freundschaft leidet nicht darunter, dass Du nicht mehr meines Busens einzige Vertraute bist. Gewiss, Du freuest Dich mit Deiner sonst so verlassenen und jetzt so glucklichen, so uberreichen Virginia.
Wir sind hier, nach einigen Umwegen, glucklich nung gemietet, und ich wurde gern ein Gleiches getan haben, hatte ich nicht Ellisons dadurch noch mehr zu kranken geglaubt. Es gibt hier im Hause veranderte Gesichter, vorzuglich von seiten der Mutter, welche meine offene Erzahlung mit einem unglaubigen Kopfschutteln anhorte und mit spitzen Anmerkungen begleitete. Sie halt die Begebenheit fur eine offenbare Fabel und Reise und Zusammentreffen fur einen heimlich verabredeten Plan, das schmerzt mich tief. Ware nur erst William hier; was wird er dazu sagen? wird er seiner Freundin mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen? Hatte ich doch erst hieruber Gewissheit! Nur Philippine ist die alte. Sie warf sich mir, mit einem Freudengeschrei, in die Arme; und als ich ihr Mucius vorstellte, hupfte sie diesem mit kindlicher Frohlichkeit entgegen und schuttelte ihm freundlich die Hand. Dieser findet das Madchen so liebenswurdig als ich, und Pinelli schwort bei allen seinen mythologischen Gottern, sie sei die jungste der Grazien. Ich furchte sehr, er wird kunftig keine andere Gestalten mehr malen wollen als ihren Nymphenwuchs und ihr liebliches griechisches Profil; auch Philippinchen sieht den muntern Jungling gern. "Es ist ein lieber Mensch", sagt sie ganz offen und ohne Erroten, "man sieht ihm durch die klaren Augen bis in die Seele hinein." Nun, wer weiss, was mir auch von dieser Seite fur Gluck erbluht, wenn mein eigenes Schicksal nur erst entschieden sein wird. Ein Brief von Dir, Adele, und von London? Welche Neuigkeiten, welche unerwarteten Begebenheiten! Du Arme wieder gefluchtet, wieder heimatlos? Welch ein prophetischer Geist sprach aus mir, als ich sagte, Du standest auf einem glimmenden Vulkane!
So habe ich mich doch nicht getauscht uber die Gesinnungen meiner Landsleute; denn, was man auch sagen mag und wird, mit einigen hundert Mann erobert man kein Reich in wenigen Tagen. Auch werden die Geschichtsforscher kunftiger Jahrhunderte schliessen: dass, wer einen Thron zum zweiten Male besteigen konnte, bloss durch die Macht seines Namens und die Liebe seines Volkes, dieses Thrones nicht ganz unwurdig sein konne; Millionen irren nicht leicht uber ihr Interesse und ihre Neigung. Wird aber der wiederauftretende Held dem allgemeinen Sturme widerstehen konnen, welcher sich sogleich in seiner Nahe erheben muss, ehe seine Stellung noch Festigkeit gewinnt? Ich zweifle sehr und beklage das ungluckliche Frankreich. Hier ist man mit den Neuigkeiten sehr zufrieden, England wird dadurch wieder in Europa beschaftigt und lasst uns in Frieden. Ich sage u n s ; denn welches auch immer Frankreichs Schicksal sein mag, ich kehre nimmer dahin zuruck! Hier ist nunmehr mein Vaterland! mit ihm, dem Lande der Freiheit, kann sich kein europaischer Staat messen, wo dieses grosse Wort bedeutungslos ist. Alles, was Du mir ubrigens schreibst, macht mir grosse Freude. Du liebst mich noch, das ist die Hauptsache. Du hast meinen Brief aus Marseille erhalten, auch den, welchen ich einem Kauffahrer am Ausfluss des Delaware mitgab, und hast Dich uber mein Schicksal beruhigt. Deine gute Mutter zurnt mir nicht und hat Dir erlaubt, mir von London aus zu schreiben. Das ist viel! fast mehr, als ich hoffte. Moge doch Dein Vater lebenslang dieses strenge Stillschweigen uber mich beobachten, ich werde ihn niemals an mein Dasein erinnern. Man denkt auf eine Heirat fur Dich? Moge die Wahl glucklich sein, mogest Du so glucklich werden, als ich zu sein hoffe. Du gibst mir doppelte Adresse, unter welcher ich Dir schreiben soll. Das macht mir unbeschreibliche Freude, und ich danke Dir tausendmal fur diese Massregel. Nun scheint es mir, als waren wir gar nicht getrennt, hochstens nur durch Meilen, durch einige Berge, einige Flusse. Was ist es denn mehr? Ein Schnellsegler kann Dir meine Gedanken in wenigen Wochen uberbringen, und ebensoschnell kann ich Deine Antwort erhalten! Mucius grusst Dich aufs herzlichste. Er liebt Dich in dem Bilde, welches ich ihm, immer von neuem, von Dir entwerfen muss und wozu ich jetzt oft einige Ahnlichkeiten von Philippinen borge, welche Dir wirklich, in manchen Stukken, verglichen werden kann. Auch sind es diese Ahnlichkeiten, welche mich zuerst zu dem lieben Madchen hinzogen. Wir leben hier ein seliges, obwohl erwartungsvolles Leben und sehnen uns von allen Seiten nach Williams Ankunft, die Mutter, weil sie fur ihn furchtet, wir andern, weil wir auf ihn hoffen. Gewiss wird seine Gegenwart die Spannung losen, welche man jetzt nur zu verbergen sucht. Philippine und Pinelli scheinen heimlich auf seine Verwendung zu rechnen. Ihre Wunsche stehn leserlich in ihren Mienen geschrieben, aber die Eltern geben sich das Ansehn, sie nicht zu verstehen; zu reden wagt niemand, Philippine ist stumm, aus Schuchternheit, wir Fremden schweigen, aus Mangel an Recht. Die Freunde haben die Bekanntschaft zweier trefflichen Manner gemacht, eines Schweizers und eines Deutschen namens Stauffach und Walter, und auch diese bei uns eingefuhrt; beide gefallen uns sehr. Der erste ist ein junger Apotheker, welcher aus leidenschaftlicher Liebe zur Gewachskunde einen grossen Teil der sudlichen Provinzen bis Mexiko durchwandert hat; der zweite stammt aus einer hannoverischen Familie und studierte in Hofwyl die Landwirtschaft, wo er mit Stauffach bekannt wurde. Seine Mutter gewann einst in einer englischen Lotterie ansehnliche, aber wuste Landereien am Ohio. Bei der Entfernung und dem langen Kriege waren alle Nachforschungen fruchtlos. Man nannte die Besitzungen scherzend die Guter im Monde. Der Vater war tot, der Bruder blieb im Kriege, die Mutter folgte ihren Lieben in kurzem nach und hinterliess ihrem jungsten Sohne ein kleines Vermogen nebst den Urkunden uber die amerikanischen Landereien. Walter hatte keine nahen Verwandten und keine lockenden Aussichten in den bedrangten Landern der Alten Welt, daher nahm er sein ganzes Eigentum zusammen und folgte seinem schweizerischen Freunde lustig in die Neue. Er wurde der unzertrennliche Gefahrte seiner Wanderungen und durchstreifte auf diesen auch seine Besitzungen. Ihre Lage und ihr ergiebiger Boden entzuckten ihn. Sie wurden, unter Aufsicht der Ohio-Gesellschaft, verwaltet, doch nur ausserst nachlassig, da sich kein Eigentumer meldete; kaum der funfzigste Teil war urbar, und dennoch fand er diesen schon hinreichend, seinen Unterhalt zu sichern. Er eilte, sich als rechtmassigen Besitzer auszuweisen, und denkt jetzt darauf, sich in den Stand zu setzen, dort angenehm und bequem zu leben. Diese Angelegenheit ist eine Hauptunterhaltung der jungen Manner, woran auch ich immer mehr teilnehme. Der Italiener nennt den jungen Mann scherzend bald Furst Walter, bald Walter Robinson, Stauffach und Mucius nennen ihn nur den Penn von Kentucky.
Einige Wochen spater
Grosse Freude! gedrangte Neuigkeiten und Begebenheiten! Was soll ich Dir zuerst erzahlen? und in welcher Reihefolge? Doch mit dem, was das Herz beschaftigt, fange ich an. William ist angekommen, und ich habe Deine lieben Briefe erhalten. William ist hier, und ich atme aus voller leichter Brust. Als die Nachricht aus dem Hafen einlief, der "Washington" gehe vor Anker, erblassten wir alle, und mein Herz schlug kaum horbar. Doch als der edle Mensch, mit seiner festen Haltung, ins Zimmer trat und sein freundliches, Zutrauen forderndes Auge auf mich warf, da war plotzlich meine Angstlichkeit verschwunden, und ich eilte ihm mit schwesterlicher Zartlichkeit entgegen. Er bewillkommte mich mit seiner alten Herzlichkeit; sein Blick ruhete lange auf mir und uberflog dann die kleine Versammlung. "Ich finde Sie so glucklich wieder", sagte er, "wie meine Freundschaft es nur wunschen konnte; Ihre Gesundheit scheint auf Ihrer Reise viel bluhender geworden, und der Kreis Ihrer Freunde hat sich angenehm vermehrt." "Ich habe den altesten wiedergefunden", erwiderte ich, und in demselben Augenblicke warf sich Mucius an seine Brust und bat mit seiner ruhrenden schonen Stimme: "O lassen Sie mich auch der ihrige bald fragte er: "Mucius?"
"Er ist's! mein verlorener, wiedergefundener Mucius", rief ich. Er blickte von ihm auf mich; ein leichter Krampf zuckte um seinen Mund, und eine Blasse uberflog plotzlich sein Gesicht, doch mit schnellem Ubergange schoss der gehemmte Blutstrom verdoppelt in seine Wangen; er schloss uns beide zugleich, mit Heftigkeit, in seine Arme und rief: "Willkommen an dem Herzen eures Bruders!" Dann grusste er die ubrigen und beantwortete die Fragen seines Vaters mit der gewohnten Klarheit und Ruhe. Die Mutter betrachtete ihn oft unvermerkt von der Seite und schuttelte heimlich den Kopf, doch schien auch sie froh, dass der gefurchtete Augenblick voruber war. Nun ging es an ein Erzahlen und Erkundigen, dass die Mitternacht ganz unbemerkt uber unsre Versammlung hereinbrach. Im ganzen horten Mucius und ich nichts Unerwartetes. Dass ein einziger Schlag entscheiden wurde, hatten wir freilich nicht voraussehn konnen; wenn es aber doch so enden musste, so war es gut fur Frankreich, dass es schnell endete. Der Held des Trauerspiels wird hier sehr verschieden beurteilt. Bei Extremen, denke ich, liegt die Wahrheit ziemlich in der Mitte, die Zeit, das Endurteil zu sprechen, ist noch und lange nicht erschienen. Der Ort seines kunftigen Aufenthalts interessiert mich sehr, ich kenne die gluckliche Insel. Oh, konnte ich ihm meine Ruhe geben, er wurde dort glucklich leben! Freilich macht der Gedanke, gefangen zu sein, eine Anderung; aber auch in Fesseln ist der Weise frei, und ein koniglicher Gefangener gebietet seinen Wachtern. Wie sehr die neuesten Begebenheiten Europa erschuttern, davon spurt man hier besonders die Wirkungen an dem Heere der Ausgewanderten, welche in den hiesigen Hafen landen. Wie die Mowen beim drohenden Sturme an das Ufer eilen, so verlassen die Menschen den garenden Weltteil und fliehen zu unseren Friedenskusten. Auch Ellisons Schiff hat interessante Fluchtlinge an Bord genommen, wahrend es in einem niederlandischen Hafen ankerte; einen deutschen Mechaniker namens Frank nebst Frau und zwei Schwestern, einen Baumeister aus Verona, einen florentinischen Arzt mit seiner Schwester und einen niederlandischen Kunstgartner mit seiner Frau, samtlich gebildete Menschen, jung und lebensfroh, welche hier ein besseres Fortkommen und ein freieres Dasein suchen. Die lange Reise hat sie mit William eng befreundet, welchem besonders die Madchen mit unschuldiger Freundlichkeit entgegenkommen. Er zeichnet darunter die jungste der deutschen, mit einigem Wohlgefallen, aus. Philippine ist innig vergnugt uber diesen Zuwachs unserer weiblichen Gesellschaft und macht die Wirtin mit so vieler Anmut, dass die Fremden sich schon ganz einheimisch finden. Seit gestern abend ist unser munterer Kreis etwas verstort durch die Unpasslichkeit des Vaters Ellison. Die Symptome sind bedenklich, unser Florentiner furchtet das gelbe Fieber und ermahnt uns alle, einen andern Aufenthalt zu wahlen, er selbst weicht nicht von dem Kranken, hat aber um den Beistand des Hausarztes gebeten. Die Gesellschaft versammelt sich jetzt auf dem Landhause. Ich werde die Nacht in der Stadt zubringen, um Philippinen abzulosen, welche, nebst der Mutter, die vorige Nacht durchwacht hat. Mucius und William wollten mich daran verhindern, ich stellte ihnen aber vor, wie oft der eine den Schlacht-, der andere den Seesturm bestanden, mit fester Treue in ihrem Beruf. "Des Weibes Beruf ist, am Krankenbette Pflege zu leisten", setzte ich hinzu. Die Lage wird gefahrlicher. Das gelbe Fieber ist nicht mehr zu bezweifeln; auch die Mutter hutet das Bett. Das Haus ist gesperrt, die Gemeinschaft mit dem Landhause ist ganzlich aufgehoben, wozu ich freiwillig das meiste beigetragen habe. Wie konnte ich Mucius, Philippine und William in Gefahr wissen! Ich habe den ersteren in einigen Zeilen beschworen, die Geschwister mit Gewalt zuruckzuhalten, wie es selbst die Eltern wunschen; uber mich mag die Vorsicht walten. Sollte mich die Krankheit ergreifen, so konnte dies schon bei der ersten Nachtwache geschehen; aber ich hoffe auf meinen Mut und vernachlassige keines der Mittel, welche mir Salvito, der Florentiner, empfiehlt. Dieser halt treulich mit mir aus. Das Studium seiner Kunst verdrangt bei ihm jede andere Rucksicht; mich beseelt Dankbarkeit und Freundschaft, ich kann die guten Alten nicht unter fremden, bezahlten Wartern wissen und teile meine Pflege zwischen ihnen. Ihr zufriedenes Winken, sooft sie zum Bewusstsein kommen, lohnt mir dafur. Es ist voruber. Dieses Ubel endet schnell. Armer William! arme Philippine! verwaist, ganz verwaist! mein Herz blutet mit. Ach, ich habe ihren Schmerz empfunden! Sie sind um vieles glucklicher, als ich es war, sie trauern gemeinschaftlich.
Noch immer bin ich die Schaffnerin dieses verodeten Hauses, welches kein fremder Fuss zu betreten wagt. Heute, in der Stille der Mitternacht, werden Salvito und ich die dichtverschlossenen Sarge der verstorbenen Gatten zur Gruft geleiten. Verhullte, scheue Leichentrager werden die einzigen Begleiter sein und John, der treue John, welchen nichts abhalten konnte, seinen Wohltater noch einmal zu sehen. William hat auch zu uns gewollt, aber man hat es verhindert. Philippine liegt krank, wie mir John sagt, Gott verhute, dass sie schon von dieser furchterlichen Krankheit ergriffen ist, deren Ausbreitung die Gesundheitspolizei, mit grosser Wachsamkeit, zu verhindern strebt. Morgen werden wir auf dem Hofe des Hauses das samtliche Mobiliar, mit Wasche und Kleidungsstucken, verbrennen. Ich werde ein Bad nehmen und mich unmittelbar darauf in frische Wasche und Kleider hullen, welche man mir von aussen reichen wird. Dann verlasse ich dies traurige Haus des Todes, um wieder aufzuleben in den Armen der Liebe und den leidenden Freunden beizustehn; Salvito und John werden mich begleiten.
Vom Landhause, nach 14 Tagen
Alles ist glucklich uberstanden. Trotz der beobachteten Vorsicht war ich doch nicht ohne Besorgnis fur meine Lieben und naherte mich ihnen, nur auf einem weiten Umwege, langs den Ufern des Delaware. Aber wir sind samtlich gesund geblieben, und Philippinens Krankheit war nur eine Wirkung ihres bewegten Gemuts, uber welches die Zeit und des Freundes Trost schon einige Macht gewinnen. Wir trauern gemeinschaftlich uber den Tod des gastfreundlichen Paares, dessen kleine Schwachen mit der irdischen Hulle abgelegt wurden. Glucklich preisen wir ihr Los, dass sie, nach langer Vereinigung, fast zugleich und so schnell mit dem Gefahrten seines Lebens, Hand in Hand, die grosse Reise anzutreten. Wir haben uns hier formlich miteinander eingerichtet, eine kleine freundliche Kolonie, und es ist uns ganz undenkbar, uns wieder voneinander zu trennen. Der Plan, mit Walter an den Ohio zu ziehen, gewinnt immer mehr Festigkeit; selbst Ellison will sein und seiner Schwester Vermogen aus der Handlung nehmen und uns begleiten. Die Manner gedenken noch in diesem Herbst eine Reise dahin zu machen und das Notige zu ordnen. Wir zartlichen Dulzineen werden ihre Ruckkunft mit Sehnsucht erwarten, denn unsre Herzen stehen samtlich unter Amors Macht, und der Fruhling wird mehr als ein Eheband knupfen. Philippine und Pinelli werden Mucius und mich zum Altar begleiten, wahrscheinlich auch William und die sanfte Marie Frank; Salvito wirbt um Therese Frank, und Antonio, der Veroneser, scheint die schone Florentinerin Rosalva zu lieben. Noch ein liebendes Paar ist, seit einigen Tagen, zu uns gekommen: Dupont, ein Franzose, ist mit seiner jungen Braut hierher gefluchtet, um ein Bundnis zu schliessen, dem in ihrer Heimat grosse Hindernisse im Wege standen. Er ist Protestant, und die beginnenden Verfolgungen seiner Glaubensgenossen drohten ihn auf immer von seiner katholischen Geliebten zu trennen. Welch ein Verein von jungen, muntern Kolonisten! Noch nie ist wohl ein kleiner Staat unter so gunstigen Vorbedeutungen gegrundet worden. Die kuhlere Herbstluft hat den Fieberstoff zersetzt, und die Besorgnis einer allgemeinen Ansteckung ist verschwunden, es zeigt sich keine Spur mehr davon. Unsre Geliebten sind abgereist, von John und seinen Sohnen begleitet, Humphry ist zu unsrem Schutze hiergeblieben. Wir verlassenen Frauen vertreiben uns die Zeit, so gut es sich tun lasst; wir gehen und fahren aus, machen Musik und arbeiten. An Stoff zur Unterhaltung fehlt es uns nicht. Die furchtsamen Weibchen zittern vor den Gefahren, welche ihre Manner in dem wusten Lande treffen konnten, und nehmen mit ihren tausend Fragen ihre Zuflucht zu mir, ich bin ihre Heldin, die allen Mut zuspricht. Ich darf reden, meinen sie, denn ich habe ja die Gebirge durchreist, habe die Wasserfalle gesehen und die Wilden, Gazellen und Wolfe, ja selbst in einiger Entfernung einen Baren, und ich lebe noch. Was noch mehr, ich sehne mich in die Urwalder zuruck, in die Freiheit des Goldenen Zeitalters. Meine Beredsamkeit reisst alles mit sich fort; man wunscht die Zeit herbei, wo der Volkerzug beginnen soll, unfehlbar geschieht dies in den ersten Fruhlingstagen. Es scheint, als ob wir auch noch ganz junge Kolonisten mitnehmen sollten. Die junge Frank und Vanhusens niedliches Weibchen sind guter Hoffnung. Wir Madchen haben uns vereinigt, den kleinen Ankommlingen eine formliche Aussteuer zu bereiten, und da ist denn ein Wetteifer im Sticken, Stricken und Nahen, dass es eine Lust ist, unsern emsigen Zirkel zu sehen, welcher sich um den flammenden Kamin bildet oder um den dampfenden Teetisch. Hin und her gaukelt das freundliche Kosen, manch neckendes Wort von den Lippen der schalkhaften Weibchen rotet die Wangen der Madchen. Zephyrine, meine junge, muntre Landsmannin, vergilt ihnen Arges mit Argem und uberflugelt sie oft mit ihrem Witz. Dies liebliche Madchen hat die Neigung aller im vorzuglichen Masse. Sie nennt sich selbst unser verzogenes Kind, spielt tausend kleine Eulenspiegelstreiche, und wir lieben sie darum nur desto mehr. Sie gleicht ihrem Namensbruder, dem Westwinde, der unter Blumen spielt und Balsamdufte stiehlt und gibt. Freude uber Freude! Unsre Ritter sind glucklich zuruckgekehrt und haben die frohesten Nachrichten mitgebracht; alles ist vortrefflich gefunden worden. Ellison und Mucius haben noch einen grossen Bezirk hinzugekauft, wovon der kultivierte Teil mit Walters Erbschaft zusammenhangt. John und seine Sohne sind zuruckgeblieben, um uber die Arbeiter die Aufsicht zu fuhren, wozu Walter Tagelohner aus Louisville gedungen hat. Unser Baumeister hat die Risse zu den vorlaufigen Gebauden entworfen, und auch diese werden wir, durch den Fleiss reichlich bezahlter Handwerker, fertig finden. Dann aber werden wir aller Aussenhulfe entsagen, und die junge Kolonie wird fur ihre Bedurfnisse selbst sorgen. Hierzu werden alle notigen Vorkehrungen getroffen. Alles ist voll Leben und Tatigkeit, wir alle sind nur von einem grossen Gedanken begeistert. Mucius entwirft den Plan zu einem kleinen Staate, in welchem Freiheit und Gleichheit verwirklicht werden sollen; jeder Abschnitt des Entwurfs wird der Generalversammlung, in welcher auch wir Weiber eine halbe Stimme haben, vorgelegt und, nach Stimmenmehrheit, angenommen oder abgeandert, und ich denke, es wird eine Verfassung zustande kommen, woran mehrere Menschenalter nichts zu flicken finden werden. Ewig ist am Ende nichts, selbst das Sonnensystem bekommt nach Jahrtausenden einen andern Polarstern.
Unsre jungen Weibchen sind von zwei muntern Knaben entbunden worden. Wir werden den Tag, an welchem ihnen Namen beigelegt werden sollen, mit der Vermahlung samtlicher Paare feiern und erwarten dazu nur die ganzliche Wiederherstellung der Mutter. Auch wir haben manches zu beschicken fur den neuen Haushalt, welcher zwar sehr einfach, aber doch ausserst bequem eingerichtet wird; selbst unsre Kleidung wird ganzlich umgestaltet.
Der Mechanikus ist beschaftiget, unter den erfundenen Maschinen die zweckmassigsten zu wahlen; denn in einer jungen Kolonie allein ist es von unbestrittenem Vorteil, Menschenkraft und Hande zu ersparen. Es wird jetzt von nichts gesprochen als von Saemaschinen, Dreschmaschinen, Spinnmaschinen, Webemaschinen usw. Auf der andern Seite zieht Walter Erkundigungen ein, wo die besten Arten des Rindviehes, der Schafe usw. zu haben sind. Vanhusen handelt Samereien, Setzbaume und Pfropfreiser ein. Johns ganze Familie (meine Corally ist verheiratet) nebst noch zwei Schwagern und ihren Kindern rusten sich zum Aufbruch und werden uns begleiten, sechzehn Neger und Negerinnen, die Kinder ungerechnet. Sie werden ein Dorfchen in der Nahe des unsrigen beziehen und uns beim Feldbau zur Hand gehen, auf welchen sich die meisten vollkommen verstehn. Daneben werden sie hinreichende Landereien und Vieh erhalten und uberhaupt so gesetzt werden, dass sie, als wohlhabende Grundbesitzer, fast uns gleich leben konnen. Unter den scharenweise ankommenden deutschen Ausgewanderten haben Walter und Frank zehn tuchtige und wackere Handwerker ausgewahlt, welche mit ihren Familien gleichfalls ein Dorf in unsrer Nahe, Landeigentum und vorteilhafte Bedingungen erhalten. Mit ihnen sowohl als mit den Negern sind Vertrage auf zehn Jahre geschlossen, und ich hoffe, sie werden, nach ihrem Ablaufe, von beiden Seiten gern verlangert werden.
Schon scheint die Sonne warmend auf das junge Jahr, die Tulpenbaume in unsren Garten treiben mit den Tulpen der Beete um die Wette, und die geselligen Sangvogel kehren aus den warmeren Zonen unter unsre Zederngebusche zuruck. Morgen ist die grosse Feier der Hymenaen; morgen vereint mich ein offentlicher Schwur auf ewig mit meinem Mucius. Oh, konntest Du uns heute sehen, an diesem Tage der seligen Vorfeier! Jedes Auge glanzt noch einmal so hell, jede Rede klingt gleich einer Jubelhymne. Die ganze Versammlung scheint ein wenig narrisch. Pinelli und Philippine, Dupont und Zephyrine, Salvito und Therese tanzen um die Wette, Antonio und Rosalva verstecken und suchen sich durch alle Lauben, wahrend William und seine sanfte Marie, Walter und sein Freund, der Schweizer, mit einem Paar schoner Madchen, den Jugendgespielinnen Philippinens, sich, innerer Seligkeit voll, die Hande drucken und schweigend in die blauen Augen schauen. Von mir und Mucius musste ich eigentlich auch sprechen, meinst Du? Je nun, liebe Adele, uns wird unser Schellenkappchen auch nicht fehlen, wir bemuhen uns nur, es mit Anstande zu tragen, wie es so alten Liebesleuten geziemt. Die Sturme des Schicksals haben ihr mogliches getan, einen Teil des Blutenstaubes von den Schmetterlingsflugeln unsrer Liebesgotter abzustreifen; an dem Lacheln der Ehepaare sehe ich jedoch, dass die losen Buben uberall hervorgucken. O konntest Du mir doch den Brautkranz winden, meine traute Adele! Mucius ubernimmt es an Deiner Statt, jeder Verlobte flicht ihn der Verlobten. Lebe wohl, Du Freundin meiner Kindheit! zum letzten Male schreibt Dir das Madchen Virginia, das nachste Mal Mucius' Gattin. Wir rusten uns zur Abreise. Alle verlassen diese gastliche Gegend ohne die leiseste Reue. An der Hand des Geliebten wandelt man ja freudig zur Unterwelt, um wieviel lieber also einem stillen Paradiese entgegen, wie wir es zu finden hoffen. Selbst Walters und Stauffachs Gattinnen, Fanny und Lucia, verlassen ihre Verwandten ohne Schmerz. In ihren Familien ist diese Trennung nichts mehr, als wenn man bei Euch von Lyon nach Avignon zoge. Die Wanderungslust ist hier uberhaupt fast ansteckend. Der Amerikaner hangt bei weitem nicht so fest an der Erdscholle, auf welcher er geboren wurde, als der Europaer und liebt die Ortsveranderung. Ob dies in allen Kolonien der Fall sein mag, oder ob es der Reichtum des Bodens ist, welcher die Ansiedler so machtig nach dem Innern zieht? Haufig verlassen sie ihre muhsam angebaueten Pflanzungen nach wenig Jahren und suchen weiterhin einen fetten Erdstrich, wo sie mit gleicher Anstrengung einen neuen Anbau beginnen. Selbst die Pflanzer auf unsern nunmehrigen Besitzungen haben diese mit Freuden verkauft, um sich in Louisiana und an dem Missouri anzusiedeln, mitten unter wilden, kriegerischen Stammen. Ob dieser Geist sich auch unsrer jungen Kolonie bemachtigen wird? Ich glaube, nein. Wir werden glucklicher sein als diese vereinzelten Pflanzer, und unsere Kinder werden den Boden lieben, wo sie ihre gluckliche Kindheit durchspielten; wir werden eine Verfassung haben und Vorteile geniessen, welche man ausser unsern Grenzen vergebens suchen wurde. Du kennst unsere frohliche Gesellschaft, welche sich in Marsch gesetzt hat. Wahrlich ein Volkerzug. Samtliche Manner zu Pferde, die Frauen und das Gerat, Proviant und Maschinen auf sechzehn Wagen, die Herden unter Leitung der Neger. Unsere Handwerker bestehen in einem Schmied, Stellmacher, Zimmermann, Tischler, Schuhmacher, Topfer, Glasmacher, Kupferschmied, Leinweber und in einem Tuchweber, samtlich verheiratet und zum Teil mit halberwachsenen Kindern; alles rustige Menschen, welche auch bei dem Feldbau von Nutzen sein werden. Humphry wollte sich durchaus nicht von seinem Herrn trennen und wird sich bei uns ansiedeln, wo er dann unter einigen hubschen deutschen Madchen die Wahl haben wird. Wir gehen durch Virginien und am Fuss der Gebirge hin. Die Weideplatze fur unser Vieh bestimmen unsern Weg, weshalb wir die Stadte und auch grosstenteils die Pflanzungen vermeiden, wo das Eigentumsrecht uns Streitigkeiten zuziehen konnte. Um frischen Proviant einzuhandeln, werden Seitenpatrouillen abgeschickt, das meiste verschafft uns die Jagd. Wir lagern unter freiem Himmel, welches ich schon von meiner Reise her sehr gewohnt bin, meinen Gefahrtinnen aber anfangs sehr sonderbar vorkam. Zephyrine nennt uns nicht anders als die Zigeunerhorde und Mucius den Hauptmann. Sie ist ausserst drollig, wenn sie abends um die Feuer hergaukelt und, in ihrem angenommenen Zigeunercharakter, uns allen wahrsagt. Am possierlichsten ist es dann, wenn sie unter die Deutschen gerat, welchen sie sich nicht verstandlich machen kann und von welchen sie kein Wort versteht. Oh, wie schon ist hier die Natur! Die Tulpenbaume stehen in voller Blute, neben ihnen die zarte Akazie mit ihren weissen, duftenden Blutenbuscheln; der schattende Plantan und sein Bruder, der Zuckerahorn, schutzen uns gegen die Strahlen der brennend heissen Sonne; Jasmin, Geissblatt und Rosen bilden Lauben und Wande und erfullen die Luft mit Balsamduften; die Hohen sind mit Zedern, Tannen und Eichen bekranzt, uberall vermahlt sich der Norden mit dem heisseren Suden. Wie wird es sein in unserem lauen Tale am schonen Ohio! Wir werden auf Louisville gehen, um uns noch mit einigen Bedurfnissen zu versehn; dann geht's nach Eldorado, wie wir unsere Landschaft getauft haben, um es nimmer wieder zu verlassen. Mochte es doch, wie jenes Eldorado des Candide, jedem Fremden unauffindbar sein! Zwar wird er dort keine Goldstucke, keine Rubinen zu entwenden finden, aber er wurde die Ruhe und den Frieden unterbrechen, welche dort ihren Wohnsitz aufschlagen werden. Fern von dem unruhigen Treiben der Welt werden unsere Tage dahinfliessen, wie der Wiesenbach, dessen Wellen kein Sturm emport; kein Ehrgeiz, kein Gelddurst wird unsre Herzen bewegen, welche nur fur die Liebe und die sanften Gefuhle der Freundschaft schlagen; politische Meinungen werden uns so fremd sein als Religionsstreitigkeiten; keine Modetorheit wird uns beruhren, kein Richter Streitigkeiten veranlassen, kein Furst Befehle erteilen, kein Priester unsern Glauben meistern. Das goldene patriarchalische Dasein hebt fur uns an, wo alle Menschen Bruder waren; und welchen Schatz von Kenntnissen und Fertigkeiten nehmen wir mit in dieses Leben hinuber! Wie doch so anders muss es sich gestalten als in jener Urzeit menschlicher Kindheit.
Eldorado, im Junius 1816
Angelangt sind wir in Edens bluhendem Garten. Kein erzurnter Engel wehrte uns den Eingang; freundlich wurden wir von dem Grenzgott, freundlich von den friedlichen Laren empfangen. Wir mussten den Kentucky hinaufgehen, bis fast zu seinem Ursprung, um einen Ubergang zu finden in unser Paradies. Sehnsuchtig blickten wir hinuber, wie einst die Kinder Israel nach den blauen Bergen, welche sie noch von dem gluckseligen Arabien trennten. Zephyrine verglich uns hundertmal mit ihnen und Mucius mit ihrem Fuhrer und Gesetzgeber. In ihrer frohlichen Laune, reich an Anspielungen und Gleichnissen, nannte sie Walter und Stauffach Josua und Kaleb, welche uns die goldene Traube gezeigt, damit wir geduldig durch die Wuste folgen mochten, wie die Rinder dem salzspendenden Hirten; die Deutschen, meinte sie, waren die agyptischen Ziegelstreicher und Fronknechte, welche durch den langen Zug erst gelautert werden mussten und wurdig gemacht zur Grundung der neuen Kolonie. Nur bat sie, dass die Prufungszeit nicht auf vierzig Jahre ausgedehnt werden moge, weil sie noch wunsche, im Gelobten Lande um den Bundesaltar zu tanzen, ehe sie Runzeln habe und der Krucke bedurfe.
Endlich fuhren wir durch den Fluss und, nach einer Auf der Spitze des letzten Berges rief Walter: "Wir sind am Ziel!" Und zu unsern Fussen lagen weithin die grunen beblumten Savannen, wie ein gestickter Teppich, welchen links ein dunkler Urwald, rechts der blaue Kentucky mit seinen Silberpappeln und babylonischen Weiden besaumt. Ein allgemeiner Freudenruf tonte durch die Lufte; wir sprangen alle zu gleicher Zeit auf und liefen mit ausgebreiteten Armen jauchzend den Berg hinunter. Hier, auf der Grenze unsres Gebietes, fielen wir alle, mit namenlosem Entzucken, auf den heiligen Boden nieder, wie vom Sturm verschlagene Seefahrer am Ufer eines wirtbaren Eilandes. Wir umarmten die Pflanzen, umarmten einander, die Busen schlugen hochauf, und Tranen der sussesten Freude traufelten auf die Blumen herab. Es dauerte lange, ehe dieser selige Rausch sich in Betrachtung der neuen Gegenstande aufloste. Selbst die kaltern Deutschen, selbst die ungebildeten Schwarzen teilten diese schwarmerische Freude, sie umarmten einander und uns. Dieser Augenblick machte uns zu e i n e m Volke, aller Unterschied der Farbe, der Heimat, der Bildung war vernichtet, wir wurden alle Bruder, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.
Nun ging der frohliche Zug langs dem Kentucky hin, welcher geraume Zeit unser Wegweiser blieb. Erst am folgenden Morgen verliessen wir seine reichen Ufer, um durch einen Ahornwald einen nahern Weg zu unsern Wohnungen zu nehmen, welche wir im letzten Schimmer der Abendsonne vor uns liegen sahen; Du kannst daraus auf die Grosse unseres Gebietes schliessen. Es wird gegen Norden vom Kentucky, gegen Westen vom Ohio, gegen Suden vom Schawanoe begrenzt, im Ostnord schliesst eine Hugelkette, an welche sich eine undurchdringliche Waldung lehnt, in welcher noch nie der Schall einer Axt gehort worden und deren Alter vielleicht bis zur jungsten Umgestaltung der Erde hinaufreicht. Ganze Baumgeschlechter gingen hier unter, und neue wuchsen auf ihren Trummern stark und frisch empor. Unser Wohnort liegt am Schawanoe, unweit seines Einflusses in den Ohio, den schonen, welcher mit Recht diesen Namen fuhrt; es ist eine lachende Ebene, deren Fruchtbarkeit jede Beschreibung ubertrifft. Freundliche Gebusche wechseln mit den grasreichen Matten, und bepflanzte Hugel durchlaufen die Ahrengefilde. Jenseits des Ohio erhebt sich ein dichtbewachsener Gebirgsrucken, welcher uns gegen den Nordwestwind schutzt und viel zur Milde unsres Klimas beitragt. Als einzelnes, abgetrenntes Uberbleibsel dieses Gebirges lehnt sich ein einzelner Fels an den Schawanoe und reicht bis zu unsern Wohnungen, deren Lage er einen malerischen, romantischen Anblick gibt. Wir waren alle davon ergriffen, ganz besonders aber Pinelli, welcher nicht mude wird, die verschiedenen Ansichten zu zeichnen. John und seine Sohne empfingen uns mit hoher Freude. Die notwendigsten Arbeiten waren vollendet und die Arbeiter schon seit einigen Tagen entlassen worden. So sahen wir denn nur lauter wohlbekannte Gestalten und hatten nichts kennenzulernen als die bleibenden Gegenstande. Kein Abschied soll in diesem glucklichen Erdstrich gehort werden als einst der Abschied zur Reise in ein noch schoneres Land. Mit freudiger Ruhrung fuhrten die Manner jede Familie in ihr blutenumranktes Haus. Hier zundeten wir ein kleines Feuer in dem Kamine an, warfen Weihrauch in die gastliche Flamme, umarmten uns, dankten laut dem Schopfer der Welten fur dies kleine Asyl und flehten ihn, uns hier lange und glucklich vereinigt zu erhalten. Dann traten wir alle aus unsern Hutten und gingen vereinigt zu der grossen Halle, welche die gemeinschaftliche Kuche und den Versammlungssaal enthalt. Auf dem Herde wurde das Feuer entzundet, Weihrauch und Mais hineingestreut und weihend der Herd mit Milch und Wein besprengt. Nun wurde das Mahl gemeinsam bereitet und gemeinsam an der langen, mit Blumen bestreueten Tafel verzehrt. Der Mond blickte hell durch die offenen Fenster und leuchtete uns erst spat zu unsren verschwiegenen Hutten. Mit der Sonne dem Lager enteilt, kleidete sich jeder, nach Ubereinkunft, in die gewahlte LandesGlanzend in der Morgensonne, lag auf einer sanften E w i g e n , E i n z i g e n ; ein breiter Marmorrand schliesst oben die Vertiefung ein, wo die Opferflamme lodert. Hier hingen wir unsere Kranze an dem Altar und den Saulen auf, Mucius zundete das Feuer an und sprach: "Wir weihen diesen Tempel dem Ewigen, dem Schopfer und Regierer des Weltalls, der in jeder Menschenbrust wohnt! Ihm weihen wir unsere Herzen! Wir erkennen, dass menschliche Vernunft sich nicht bis zu ihm erheben kann, sowenig als wir uns von der Ewigkeit und Unendlichkeit einen klaren Begriff zu machen vermogen, dass also die verschiedenen Vorstellungen und Mythen der Volker menschliche Erkenntnisse sind und mehr und minder irren, dass aber in allen eine und dieselbe Wahrheit herrscht. Er ist unser Schopfer und Erhalter, der Geber alles Guten, i h m sind wir Dankbarkeit und Ergebung schuldig." Wir knieten alle um die heilige Flamme, und im stillen, heissen Gebet erhoben sich unsre Herzen zum Ewigen. Frohlich kehrten wir zuruck zum einfachen Fruhmahle. Dann durchgingen wir unsere nachsten Umgebungen, ein wahres Paradies, in welchem sich fast alle Zonen des Erdkreises zu verbinden scheinen. Italiens Orangenbaume duften dicht neben den deutschen Eichen; die Dattelpalme Asiens und der sudliche Kokos verschmahen die Nachbarschaft der nordischen Tanne nicht, und Libanons Zeder prangt neben den heimischen Tulpenbaumen, Zypressen, Lerchenbaumen und Pappeln; Ahorn, Buchen, Platanen und die weisse Birke, der Sumach und die Tamarinde, Kastanien-, Nuss- und Mandelbaume stehen einzeln und gemischt in malerischen Gruppen. Alle Obstarten der bekannten Welt gedeihen hier in einem hohen Grade der Veredelung. Kirschen, Aprikosen, Apfelsinen, Pfirsichen, Pflaumen, Birnen, Apfel, Pisang und Bananen gibt es in grosser Menge; Stauden- und Rankengewachse, voll Bluten und Beeren, laden alle Sinne zum Genuss. Myrten und Rosengestrauche bilden die Hecken um die umhegten, mit Sorgfalt angelegten Pflanzungen, wo Vanhusen die kostlichsten Ananas und Melonen zieht. Auch den Kaffeebaum und die chinesische Teestaude hat der Muhsame hierher verpflanzt, und es ist Hoffnung zu ihrem Gedeihen. Der Mais steht mit seinen breiten Blattern in Manneshohe da, und das wallende Korn neigt die schweren Ahren zu Boden. Kartoffeln und Yams wetteifern an Ergiebigkeit; die Baumwollenstaude, Lein und Hanf streiten um den Vorzug; auch die feineren Gemuse fehlen nicht, und was mich vor allem entzuckt, ich habe den Ol- und den Maulbeerbaum meiner Provence und die kostlichsten Rebenhugel wiedergefunden. Wir konnten hier ebenso wie Moses' erste Menschen ein Leben ohne Muhe und Arbeit fuhren; fur alle unsere Bedurfnisse hat die uberreiche Natur im Uberfluss gesorgt. Die Dattel, der Kokos, die Kartoffel, die Yams, die Kastanie wurden uns nie Mangel leiden lassen; die saftigsten Fruchte wachsen ohne Pflege, der Zuckerahorn und die Palme bieten ihren sussen Saft, der Schawanoe fuhrt die schmackhaftesten Fische und Krebse, die Herden und das Geflugel suchen und finden leicht ihre Nahrung, und die Walder wimmeln von Wild. Das wahre Gluck kann nur bei den Tatigen wohnen, und das wohltuendste Gefuhl ist das Gefuhl des erfullten Berufs. Wir haben daher unsre Zeit kluglich zwischen Arbeit und Erholung und die verschiedenen Zweige der grossen gemeinsamen Haushaltung wieder unter uns geteilt. Mucius, Walter und Ellison haben die Besorgung des Ackerbaues ubernommen, Pinelli, Stauffach und Vanhusen warten der Baumpflanzungen, der Gartengewachse und der Rebenhugel, Salvito und Dupont fuhren die Aufsicht uber die Herden, und Frank und Antonio sorgen fur Wildbret und Fische. Die beiden Mutter haben sich das Kuchengeschaft nicht nehmen lassen, die rasche Therese und ich besorgen die Milchkammer, Zephyrine und Philippine den Huhnerhof, Rosalva und Fanny sammeln die Fruchte ein, und die Bereitung der Baumwolle, des Leins und Hanfs steht unter Mariens und Luciens Aufsicht. Jeder ist nach seiner besondern Neigung und Fahigkeit angewiesen, und hupfend und singend wird die leichte Arbeit vollbracht. Die neuen Maschinen, uber deren Verbesserung und Vermehrung Frank, Walter und Antonio vieles beraten, haben die meisten Geschafte weniger beschwerlich gemacht. Die verschiedenen Arten der Pfluge machen die Hacke fast entbehrlich, und an Zugstieren haben wir Uberfluss.
Mein Milchgewolbe ist in einer Felsengrotte, durch welche eine immersprudelnde Quelle sich ergiesst. Bei der jetzigen Hitze stellen wir die Gefasse mit Milch auf vierundzwanzig Stunden in den flachen Bach, um dadurch das zu schnelle Gerinnen zu verhuten. An einer tieferen Stelle desselben werden die leeren Gefasse gespult, nachdem sie zuvor in heissem Wasser gereinigt sind. Wenige Schritte davon bildet der Bach einen Wasserfall, welchen Frank zur Treibung eines Rades benutzt hat und dadurch die Buttermaschine in Bewegung setzt. In diesem wird auch die Butter gewaschen, dann unter eine Presse gebracht und, mit einem kammahnlichen Instrumente, von allen Fasern gesaubert. So ist die Muhe nicht gross, mit welcher wir die kostlichste Butter bereiten. Auch fur das Kasestellen, -schopfen und -pressen sind leichte Vorrichtungen erfunden. Nichts gleicht dem Wohlgeschmack unseres Milchwerks und unserer Kase, und Therese und ich freuen uns nicht wenig, wenn bei dem Fruhstuck alle in laute Lobeserhebungen daruber ausbrechen. Die Herden werden von den Negern mit den ihrigen gehutet, und das Milchvieh wird von den Negerinnen gemolken, dicht neben der Grotte. Stauffach und Walter versichern, dass selbst das Schweizer Vieh der fettesten Alpen nicht so viele und so gute Milch liefere als das unsere. Die Schafmilch ist ganz vorzuglich und der Ziegenkase unubertrefflich. Dabei bedarf das Vieh das ganze Jahr hindurch keiner Wartung. Nach Johns Aussage fiel den Winter hindurch nicht ein einziges Mal Schnee, einige Regentage bildeten den Ubergang der Jahreszeit, darauf folgte Reif und ein leichter Frost, dessen Spuren jedoch die Sonne schon nach wenigen Stunden verschwinden liess. Diese Wintertemperatur dauerte kaum vier Wochen, worauf die Baume neu trieben und das junge Gras unter dem alten hervorwuchs. Wir werden daher auch nur eine Kleinigkeit an Heu sammeln, welches sonst nie geschehen ist, um den Tieren, zur besseren Erhaltung ihrer Gesundheit, an Regentagen und wenn Reif fallt ein Morgenfutter geben zu konnen.
Du solltest uns sehen, liebe Adele, wie nett uns die Geschaftigkeit kleidet. Wir vergleichen einander oft mit den Madchen in der "Odyssee" oder mit Labans Tochtern, wenn wir zum Brunnen gehen und schopfen und der Lorbeer neben uns sauselt. Zephyrine vorzuglich ist reizend in ihrem gefiederten Reiche, wenn sie mit dem Futterkorbchen hineintritt und das ganze Heer sie jubelnd umringt; Taubchen setzen sich ihr auf die Schultern, und sie koset mit allen auf das anmutigste oder tritt mit dem Ansehen einer Konigin zwischen kampfende Hahne, um sie zu trennen. Die herzige, muntere Philippine erfreut sich an dem Spiel ihrer reizenden Gefahrtin, und beide tandeln in Kindesunschuld ihre Stunden hin. Die sanfte Marie und die stille Lucia sondern die Baumwolle, wenden den rostenden Lein und Hanf, bringen ihn unter die Klopf, Schwing- und Hechelmaschinen und freuen sich schon auf die Zeit, wo er als Gewebe, unter ihrer Aufsicht, bleichen wird. Rosalva und Fanny sammeln in der Morgenfruhe Gemuse und Fruchte fur die Kuche und gegen Abend fur die Vorratsgrotte. Die Hausmutterchen bereiten das Mittagsmahl, wobei auch wir ihnen beistehen, wenn unsere Geschafte fruh vollendet sind und sie unser bedurfen. Der Mittag versammelt die ganze frohe Gesellschaft unter den dichtbelaubten Platanen um den steinernen Tisch. Die Gerate sind einfach, das Tischzeug fehlt, aber die Speisen sind trefflich bereitet. Feine Gemuse, saftiges Fleisch, herrliche Braten von Geflugel und Wild, Fischspeisen, Backwerk aller Art und ein Nachtisch der auserlesensten Fruchte wurden auch dem verwohntesten Schmecker genugen. Der Becher geht umher und belebt den Scherz. Jetzt ist er noch vom mitgebrachten Vorrat gefullt, kunftig perlt eigener Wein, Palmensekt, Birk- und Ahornwasser darin; jetzo ist Milch und des Quells Kristall an seiner Stelle gesunder.
Die Nachmittagsstunden gehoren der Ruhe und der Erholung. Erst wenn die Sonne tiefer sinkt und ein kuhleres Luftchen weht, widmen wir noch eine oder ein paar Stunden der notigen Arbeit. Mit ihrem Untergange horen die Geschafte auf, man versammelt sich zur kalten Abendkost, welche aus Milch, Eiern, Butter, Kase, Honig und Backwerk besteht. Darauf wird Musik gemacht, getanzt, gespielt, bis der Mond oder die Sterne uns spat zur Ruhe leuchten. So fliessen unsere Tage einformig, aber reich an Freuden dahin. Die Einrichtung der Deutschen, wie der Neger, ist der unsrigen gleich. Mucius erwirbt sich um ihre Ausbildung ein hohes Verdienst; er hat einige Tage festgesetzt, wo er ihnen, unter der Form freundschaftlicher Betrachtung, die zweckmassigsten Lehren gibt. Besonders sorgt er fur die Erziehung der Jugend und wird eine eigene Bildungsanstalt grunden, in welcher sie fur jetzt allein, kunftig mit unsern Kindern gemeinschaftlich Unterricht erhalten wird. Der Lehrstunden werden nur wenige sein, und jeder der Manner wird in seinem Lieblingsfache unterrichten. Bei den Alten nehmen wir jetzt selbst in manchen Stunden Unterricht, besonders wir Frauen. Zum kunftigen Winter werden wir geschickte Weberinnen besitzen. Das Material fallt uns fast von selbst in die Hand; die Schafschur ist uber alle Erwartung gunstig gewesen, die Baumwolle von der besten Gattung, der Lein fein und stark; Spinnmaschinen liefern das Garn. Die Witterung ist in den Sommermonden so gleich, dass die Seidenraupe im Freien fortkommt; der erste Versuch damit ist sehr genugend ausgefallen, wir haben keine andre Muhe damit, als die Kokons zu sammeln und sie unter die Haspelmaschine zu bringen.
Bei allen Arbeiten, welche viele Hande auf einmal erfordern, helfen Deutsche und Neger gemeinschaftlich mit solcher Bereitwilligkeit, dass wir ihre Dienstleistungen eher abzulehnen als zu erbitten haben. Aber auch wir helfen ihnen, wenn es not tut, und wie sie die Guter der Natur mit uns teilen, so benutzen sie auch die Vorteile unserer Maschinen- und Muhlenwerke mit demselben Rechte als wir. Wir behandeln sie als Bruder, und sie betrachten die Manner fast wie Vater.
Die Getreideernte ist uberreich gewesen. Die Dreschmaschinen sind im Gange, und die Kornmuhle klappert, hoch aufgespeichert liegen die goldenen Kolben des Mais; die Trauben schwellen, die Apfel roten sich und versprechen kostlichen Zider. Wir haben das Erntefest gefeiert und werden noch vor dem Herbstfeste eine Wanderung langs unserer sudlichen Grenze hin unternehmen, welche die meisten der Manner noch nicht kennen. Von den Frauen haben nur wenige den Mut, uns zu begleiten, aus Scheu vor den Chickasaws und den Irokesen, welche unsere Grenznachbarn sind. Zephyrine und Philippine waren die ersten, welche sich erboten, mit uns die Gefahr zu bestehen, sie wollen ihren Huhnerhof Corallys Sorgfalt ubergeben; auch die mutige Rosalva und die sanfte Marie werden sich an uns anschliessen, indem die Liebe fur ihren William uber der letzteren naturliche Furchtsamkeit siegt. Wir werden in einer Barke den Schawanoe hinauffahren, so weit er schiffbar ist, um so auf die leichteste Art unsere Lebensmittel mitzufuhren und eine Partie Tabak, welcher, beilaufig gesagt, ganz vortrefflich geraten ist, als Geschenk fur die Wilden, wenn uns benachbarte Stamme begegnen sollten. Alles ist Leben und Bewegung zu dieser kleinen Ausflucht, es wird gebraten und gebacken, als gelte es eine Reise um die Welt; und doch werden wir kaum zehn bis zwolf Meilen machen, aber ganz durch Einoden und auf mancherlei Krummungen. Unsere Schiffahrt und unsere Wanderung sind glucklich vollendet. Ellison war auf beiden unser Fuhrer, Marie blieb mutig an seiner Seite, John und Humphry begleiteten uns. Nach einem Wege von anderthalb Meilen floss der Schawanoe durch einen dichten Wald oder kam vielmehr aus ihm uns entgegen, und an einigen Stellen fassten bluhende Wiesen die Ufer ein. Als wir gegen Abend an einer derselben gelandet waren, bemerkten wir in dem nahen Gebusch einige Wilde; John wurde ihnen entgegengeschickt, aber die Nacht brach an, ohne dass er zuruckkehrte. Wir gerieten in die lebhafteste Unruhe, schliefen nur abwechselnd und wenig und erwarteten mit Sehnsucht den Morgen. Herrlich ging die Sonne uber der Wildnis auf, und vielartige Papageien durchhupften die Zweige und sonneten am Morgenstrahl ihr buntes Gefieder; fur uns Unruhige ging die Schonheit dieses Schauspiels fast verloren. Endlich, nach mehrstundigem Harren und nachdem man den Saum der Gebusche vergebens durchspaht hatte, jauchzte uns der sehnlich Erwartete aus weiter Entfernung zu. Bald wurde er, in Begleitung von wohl zwanzig Wilden, sichtbar, zu deren einige Meilen entferntem Lager man ihn gestern abend gefuhrt hatte. Die Wilden gehorten zu dem Stamm der Chickasaws, und ihr Oberhaupt befand sich unter ihnen. John konnte sich notdurftig mit ihnen unterreden, obgleich ihre Mundart etwas von der des Stammes abwich, welcher ihn unter sich aufgenommen hat. Sie hatten die Tatowierung erkannt, welche er bei der Aufnahme erhalten, und behandelten ihn als Bruder. Wir wurden von ihnen sehr freundschaftlich begrusst, und sie rauchten mit unseren Mannern die Bundespfeife. Von ihnen erfuhren wir, dass eine Tagereise jenseits des Flusses sich Salzquellen befinden, aus welchen sie eine Menge Salz gewinnen, welches freilich noch einiger Reinigung bedarf, dann aber vortrefflich werden wird. Sie schenkten uns einen Beutel voll, und wir gaben ihnen dagegen Tabak, Backwerk und einiges buntes Topfergerat, mit welchem Tausche sie hochst zufrieden schienen. Sie erklarten uns fur viel bessere Nachbarn als die, welche mit ihnen gegen Suden grenzen, wahrscheinlich die Spanier. Von jenen, klagten sie, waren ihnen die Pocken mitgeteilt worden, welche jahrlich so viele ihrer Bruder hinrafften und ihrem ganzen Geschlechte den Untergang drohten. Salvito liess sich mit ihnen uber diesen Gegenstand, mit Johns Hulfe, in ein langes Gesprach ein. Er suchte ihnen den Nutzen der Kuhblatternimpfung begreiflich zu machen und liess sie die Narben sehen, welche wir fast alle davon an den Armen tragen. Die Sache schien ihnen am Ende einzuleuchten, und auf Salvitos Zureden entschlossen sich einige der jungern und die Weiber, welche diese Krankheit noch nicht gehabt hatten, sich impfen zu lassen. Salvito trug, aus loblicher Vorsicht, ein Glaschen mit Lymphe und das notige Impfgerat bei sich. Ehe wir Abschied nahmen, um den Fluss weiter hinaufzufahren, versprachen wir ihnen, auf dem Ruckwege hier wieder anzulegen, und liessen uns dagegen das Wort von ihnen geben, sich alsdann wieder einzufinden und sowohl alle Kinder ihres Stammes als auch die Erwachsenen, welche die Krankheit noch nicht gehabt hatten, mitbringen zu wollen. Auf unsrer Fahrt belustigte uns der Fischfang einige Stunden, auch schossen die Jager mehrere Wasservogel; um Mittag landeten wir, das Mahl zu bereiten, und schifften erst in der Kuhle des Abends weiter. Nicht lange mehr vermochte, am folgenden Tage, der seichter werdende Fluss unsre Barke zu tragen; wir verliessen sie daher, verteilten die Lebensmittel und wanderten frohlich neben dem Ufer hin. Nach Eintritt der Nacht machten wir uns das Vergnugen, bei Fackelschein Krebse zu fangen. Malerisch schon wirkte die Erleuchtung gegen die dunklen Waldgruppen, und Pinelli konnte sich nicht enthalten, das herrliche Nachtstuck aufzunehmen. Der nachste Morgen fuhrte uns einen Haufen Irokesen zu, welche der Rehjagd wegen den Grenzwald zu besuchen kommen. Ihnen hatte ehemals diese ganze Gegend gehort und war ihnen spaterhin von der Ohio-Gesellschaft abgekauft worden, da ihre Bevolkerung abgenommen hatte. Sie kannten noch alle Wege durch den Wald und die Wechselplatze des Wildes; in ihrer Begleitung gingen wir ein betrachtliches Stuck in diese kaum durchdringliche Wildnis hinein. Diese Uramerikaner, welche man Wilde nennt, sind ausserst gutmutige Menschen, und ihre Sitten beschamen die der Europaer. In dem nordlichen Kanada mag die Not und die rauhere Natur sie wohl gefuhlloser und roher machen, doch hier trifft man nur Zuge der sanftesten Menschlichkeit. In der Kultur sind sie freilich ruckwartsgegangen, wie ihre Sagen und die Denkmaler am Ohio deutlich beweisen. Schauderhafter Gedanke, wenn einst Europas Verfeinerung auch so bis auf die schwachsten Spuren verschwande! Und doch liegt in dem ewigen Wechsel der Dinge nur zu viel, was fur die Moglichkeit spricht. Auch hier lebte, vor kaum dreihundert Jahren, ein grosses machtiges Volk, welches Stadte und Tempel erbauete und jene befestigte, Theater und Kunste besass und selbst schon die Lapidarschrift kannte und ubte. Jetzt, welch ein Wechsel! Von den Europaern und den Nachbarvolkern verdrangt, durch Schwert und Hunger, durch die Pockenkrankheit und den Genuss der berauschenden Getranke bis zu einem unbedeutenden Haufchen zusammengeschmolzen, fluchtet der Uberrest, wie das gescheuchte Wild, immer tiefer in die nahrungslosen Einoden. Ruhrend sind die Klagen, welche durch die Gesange, durch die Sagen dieser Volker tonen. Mit Johns Hulfe habe ich einiges von ihrer Sprache verstehen lernen. Sie erinnerten mich oft an Ossian, mit welchem ich uberhaupt auf dieser Reise, in diesen ernsten Waldern viel gelebt habe. Daheim um unsern Wohnsitz spielt das heitere, griechische Kinderleben, hier in diesen Einoden herrscht die Trauer um eine untergegangene Welt. Selbst die Vogel der Nacht stohnen so tiefe, durchdringende, fremde Klagetone aus, dass es mir oft wie fernes Grabgelaute klang und Zephyrine zum Ruckweg trieb.
Salvito suchte sich den guten Irokesen auf alle Weise verstandlich zu machen, sie uber die Pocken und andere Krankheiten zu belehren und sie mit den Heilkraften in einheimischen Krautern bekannt zu machen; er warnte sie vor dem Genuss des Branntweins mit allem Ernste und schien sie zu uberzeugen. Wir selbst fuhrten keine gebrannten Wasser bei uns, sondern nur etwas Wein, wovon wir ihnen zu kosten gaben. Sie fanden ihn nicht sehr nach ihrem Geschmack, nahmen aber ein Geschenk an Tabak mit vieler Freude an. Salvito impfte einige und gab ihnen weitlaufige Anweisung, wie sie, nach einer bestimmten Zahl von Tagen, den Impfstoff andern mitteilen, auf diese Weise die Lymphe erhalten und ihren Stamm gegen die Ansteckung der wirklichen Blattern sichern konnten. Sie trennten sich mit vielen Freundschaftsbezeugungen von uns, und wir kehrten zu unsrer Barke zuruck. Die Fahrt hinab ging nun schneller und bequemer. Die Chickasaws warteten schon am Ankerplatz, zahlreicher als das erste Mal. Die Impfung hatte guten Erfolg gehabt, sie wurde fortgesetzt und fernerer Unterricht deshalb erteilt. Gegen eine Menge Salz, welche jene mitgebracht hatten, erhielten sie von uns alle Lebensmittel, deren wir entbehren konnten. Es wurde festgesetzt, dass jahrlich um diese Zeit einige von unseren Mannern hierherkommen und Salz gegen Tabak und andere Produkte eintauschen sollten. Die Chickasaws machten besonders zur Bedingung, dass Salvito, welchen sie fur einen Halbgott hielten, mitkommen mochte, um die spater Geborenen zu impfen. Wir trennten uns mit wahrhaft nachbarlichen Gesinnungen.
Am folgenden Abend langten wir frohlich bei unseren Wohnungen an, vor welchen uns unsere Freundinnen entgegenkamen. Wie unendlich schon fanden wir unsern reizenden Aufenthaltsort bei der Ruckkunft aus jenen wilderen Gegenden, und gleichwohl mocht ich um keinen Preis sie nicht gesehen haben. Unsere Hausmutter gaben uns einen festlichen Schmaus; dann begrussten wir noch im Mondenschein alle die Gegenstande umher, welche uns vorzuglich lieb waren. Ganz allein schwarmte ich noch bis zu den Palmen, welche den Tempel umgeben und deren Schatten, neben den beleuchteten weissen Saulen, wie Geistergestalten wiegten. Freudig sprang ich die Stufen hinauf und umfasste den Altar, Worte hatte ich nicht, doch galt, was ich fuhlte, dem Unerforschlichen gewiss fur ein heisses Gebet.
Die Fruchte sind eingesammelt, die Trauben gekeltert, die Bienenkorbe verschnitten, wir haben das Herbstfest gefeiert und dem Ewigen gedankt fur seinen reichen Segen. Jetzt machen sich John und Humphry bereit, um den Uberfluss unsrer Erzeugnisse, den Ohio hinauf, nach Louisville zu fuhren. Sie bringen dagegen die wenigen Bedurfnisse zuruck, welche uns Anfangern fur jetzt noch fehlen; der Uberschuss an Geld wird dort in einem Handlungshause niedergelegt. Es ist eins der Grundgesetze unsrer Republik, dass im Umkreise ihres Gebietes kein Geld umlauft. Dieses unselige Metall, welches drei Vierteile des Erdkreises verbindet und entzweit, soll bei uns keinen Einfluss erlangen. Was von Ellisons und meinem eh'maligen Vermogen ubriggeblieben ist, steht in der fortgefuhrten Handlung des Vaters Ellison, welche dem treuen Buchhalter ubergeben worden ist, und bleibt, wie die Summe, welche jahrlich sich in Louisville sammeln wird, fur ein etwaniges kunftiges Bedurfnis der Kolonie unberuhrt. Es ist das Gemeingut derselben, und nur mit Zustimmung aller Mitglieder kann daruber verfugt werden. Mochten doch unsere Kinder und Enkel niemals in den Fall kommen, davon Gebrauch zu machen!
Wahrend diese Reise beraten und eingeleitet wird, will ich Dir noch alles schreiben, was Du wohl gern uber unser hiesiges Dasein wissen mochtest. Humphry wird das Briefpaket in Louisville, unter Umschlag an das Haus Ellison, nach Philadelphia senden, tue Du mit Deinen Briefen ein Gleiches. Auf diese Art werden wir jedes Jahr einmal Du von mir, ich von Dir Nachricht erhalten, die einzige, welche mich aus der europaischen Welt interessiert. Die Manner bekommen auf demselben Wege Kenntnis von den Ereignissen und Begebenheiten auf dem grossen Welttheater im letztverflossenen Jahre und zugleich das Lesenswerteste in allen Fachern der Wissenschaften, wie es scheidend mit dem ehrlichen Handelsherrn ausgemacht worden. Hier ist also Stoff genug fur die kurze Winterzeit, wo die Natur, selbst noch in ihrem leichten Schlummer, schon bleibt. Dann werden wir uns am Abend um den Herd oder um den Kamin versammeln, und Erzahlungen der nachsten und der ferneren Vergangenheit werden uns die Stunden kurzen. Fur diese Winterzeit sparen wir einzig den Tee und den Kaffee auf, auch ist wahrend derselben den Mannern der Genuss der gebrannten Wasser erlaubt, welche Stauffach in grosser Vollkommenheit zu bereiten versteht, und wie schon erwahnt, wird in dieser Jahreszeit Bier gebrauet und getrunken werden; mit dem Fruhlinge kehren wir zur Milch zuruck. Noch ist beschlossen worden, bei dem nachsten Frost Eis von dem nahen Gebirge zu holen und in der tiefsten Grotte des Felsens einen Eiskeller anzulegen, damit wir, in grosser Hitze, uns an Gefrorenem laben konnen. Am 14. Julius dieses Jahres wurde mein Geburtstag dadurch gefeiert, dass die Grundgesetze der Kolonie allen Einwohnern der drei Dorfer im Tempel vorgelesen und dann in einem Behaltnisse unter dem Altare niedergelegt wurden. In jedem Jahre sollen sie an diesem Tage aufs neue verlesen und so soll dieser uns allen merkwurdige, mir aber insbesondere beziehungsreiche Tag auf ferne Zeiten hin geweiht werden. Dieser Gesetze oder vielmehr Grundsatze, einfach wie unsere ganze Einrichtung, sind nur wenige. Sie bestehen in Anerkennung eines einigen Gottes, welchen der menschliche Verstand sich nicht klar darzustellen vermag; sein Dienst ist die Erhebung des Herzens zu ihm, die Ergebung in seinen Willen, Vertrauen, Dankbarkeit gegen ihn und das Streben, gut und menschlich zu handeln; kein Gotzendienst, kein Symbol soll die erhabene Idee des Einigen entweihen. Seine Propheten und viele der Heiligen waren achtungswerte Menschen, deren Andenken uns teuer bleiben wird. In ihnen lebte die reine Idee, mehr und minder klar, sie strebten, sie dem Volke mitzuteilen, welches sie aber nur wenig verstand und die reine Wahrheit bald wieder mit bunten Zieraten umhing; sogar den Propheten, welcher sich ihm zeigte, oder dessen Bild hoher hielt als den Geist, den niemand darzustellen vermag, und so den gottlichen Menschen zum Gott erhob.
Der Tempel ist der Ort, wo jede feierliche Handlung stattfindet. Hierher bringen wir am Fruhlingsfeste die schonsten Blumen, am Erntefeste die vollsten Ahren aller Art, umhangen damit Saulen und Altar und werfen davon, mit Weihrauch vermischt, in die leuchtende Flamme. Am Herbstfeste brennen Oliven, Kastanien und Datteln auf dem Altar, er wird mit Traubensaft besprengt, und am Neujahrsfeste lodert hoher die Flamme, von Zweigen aller Art und den kostlichsten Herzen entzundet. Lobgesange, zum Preise des Ewigen, werden in Choren gesungen, und um den Altar kniend, steigt unser vereintes, heisses Gebet zu dem Allgutigen auf. Diese Abschnitte der vier Jahreszeiten und das Stiftungsfest sind die einzigen verordneten offentlichen Feste. Ausserdem steht es bei jedem einzelnen, sooft er hierzu Beruf fuhlt, den Ewigen anzurufen und zu ihm zu beten. Fur die Abteilung der Woche haben wir die Mosaische Einrichtung beibehalten, nach sechs Arbeitstagen folgt ein Ruhetag. Sobald am Sonnabende die letzten Strahlen des Lichts hinter den blauen Gebirgen verschwinden, verlasst jeder sein Tagewerk und tragt sein Arbeitsgerat zu den Saulen des Tempels. Hier lehnt der Pfluger seine Pflugschar und das Joch seiner Stiere an, der Schnitter hangt hier seine Sichel auf, die Binderin ihren Rechen. Jeder kniet oder setzt sich auf die Stufen nieder und dankt dem Ewigen fur seinen Beistand im stillen oder lauten Gebet, je nachdem er sich allein oder in Gesellschaft befindet. Der Feiertag wird mit Unterhaltungen und Spielen hingebracht; kein Geschaft wird vorgenommen, die Wartung des Viehs und die Beschickung des Herdes ausgenommen, wobei wir alle gemeinschaftlich helfen. Am Montage holt jeder, in aller Fruhe, sein Gerat aus der Obhut des Tempels und fangt sein Wochenwerk mit dankbaren Gedanken an Gottes Schutz und Fuhrung an. Kein Priestertum soll je die lautere Quelle unserer Uberzeugung truben. Du schuttelst misstrauisch den Kopf, Adele! Oh, ich weiss wohl, man glaubt, die Lehre des Deismus konne in einer grossern Gesellschaft nicht Anwendung finden, ein Wahn, welchen wir einst widerlegen werden. Warum besteht sie denn unter tatarischen Horden, bei einem geringen Grade von Bildung? Und das Priestertum? Die Pennsylvanier haben keines und sind so brav und gut, dass sie der Welt als Muster aufgestellt werden konnten. Von ihnen haben wir entlehnt oder sind mit ihnen zusammengetroffen; nur ihr finstrer Ernst findet bei uns keinen Eingang. Griechenlands kindlicher Frohsinn spielt um unsren Tempel;
"... schone lichte Bilder
schweben selbst um die Notwendigkeit,
und das ernste Schicksal blicket milder
durch den Schleier sanfter Menschlichkeit."
Der zweite Grundsatz unserer Verfassung ist vollige Freiheit und Gleichheit der vereinten Familien; nie soll darin ein Oberhaupt herrschen, und ware ein solches einst, zu besonderem Zwecke, notwendig, so wird es gewahlt, und dann erlischt seine Wurde mit Erreichung des Zweckes. Alle Angelegenheiten werden durch Stimmenmehrheit entschieden. Die Verwaltung der Geschafte der Kolonie wird verteilt, der Uberfluss zu gemeinschaftlichen Zwecken verwendet. Am Genuss hat jeder gleichen Anteil und gleiches Recht. Der Gebrauch des Geldes ist im Umkreise des Staates untersagt, auch ausser demselben hat niemand Eigentum, alles ist Gemeingut. Kein Mitglied darf, vor dem vollendeten zwanzigsten Lebensjahre, die Grenzen der Republik verlassen, die Kolonie aber nur bis zu einer bestimmten Anzahl von Einwohnern wachsen; ubersteigt sie diese, so bilden die alteren Sohne eine neue in dem grossem Umfange der Besitzungen. Es wird, zu diesem Endzweck, jahrlich eine Anzahl Morgen von uns urbar gemacht; schon jetzt haben wir mehr, als wir bestellen mogen, und es wird manches Ackerstuck in Ruhe gelegt. Die Tochterkolonien fuhren eine eigene Okonomie, sind aber im ubrigen, durch gleiche Grundsatze und gleiche Vorteile, auf das engste mit der Muttergesellschaft verbunden; ihr etwaniger Uberschuss fliesst zur allgemeinen Kasse. Alle Menschen ausser den Grenzen unserer Republik werden als unsere Bruder betrachtet. Ihre Lebensweise passt nicht zu der unsrigen, sie haben aber dieselben Rechte, uber die ihrige zu entscheiden als wir uber die unsere, und kein Streit darf je deshalb zwischen ihnen und uns entstehen. Man wird unsere harmlose Friedlichkeit ehren, die Denkart der Nachbaren ist edel. Es ist kaum glaublich, dass unsre Manner jemals gezwungen werden sollten, unsern rechtmassig erworbenen Boden, mit den Waffen in der Hand, zu verteidigen. Geschahe es aber, so wurde der Sieg gewiss auf unserer, auf der Seite des stengsten Rechtes sein, und Mut und Geschicklichkeit unserer Manner wurde ihn zu fesseln wissen. Wahrheit und Gerechtigkeit sind die Hauptgrundsatze unserer einfachen Moral; ihre Ausubung wird, durch unsere Lebensweise, unseren Kindern so notwendig sein als das Atemholen. Wahrheit und Gerechtigkeit, diese einzig sicheren Stutzen des hauslichen und des gesellschaftlichen Glucks, konnen nur unter dem Schutze der Freiheit vollkommen gedeihen! Sieh, meine Adele, so denken, so leben wir. Ihr werdet wohl etwas mitleidig lacheln, wenn Ihr in Gedanken das einfache Gewand unserer Republikanerinnen mit Euren Modekleidern vergleichet, aber wir tauschen nicht; unser Klima fordert nicht mehr, und mit welchem geringen Aufwand und mit wie wenig Muhe sind wir gekleidet. Die kunstreiche Nadel ruhet darum nicht ganz, wir verzieren mit ihrer Hulfe zuweilen den Saum der Gewander, doch in der Hauptsache darf nichts geandert werden; wir wollen nur keine Kunstfertigkeit untergehen lassen, so wie unsere Manner darauf bedacht sind, jede Wissenschaft zu pflegen. Wir haben uns einmal vorgesetzt, die grosse Aufgabe zu losen, Kultur mit Sitteneinfalt auf das engste zu verbinden; wie und ob wir das grosse Ziel erreichen werden, daruber wird ein kunftiges Jahrhundert entscheiden. Fest richten wir den Blick auf das Wohlsein kunftiger Geschlechter, saen mutig den Samen dazu in den Schoss der Zeit, und Gott sieht gewiss wohlgefallig auf unsern redlichen Willen, auf unsern heiligen Eifer herab. Die Reiseanstalten sind vollendet, ich muss diese Blatter schliessen. So lebe denn wohl, meine traute Adele! Der Himmel uberschutte Dich mit soviel Gluckseligkeit, als Dein garendes Europa, Dein mit sich selbst zerfallenes Frankreich Dir nur bieten kann. Gedenke meiner oft, Du Gute! Du kannst es ohne Sorgen um mein Geschick. Freundlich lachelt mir die lange Zukunft entgegen, wie mich jede Morgensonne freundlich begrusst. Nur in Kentuckys Hainen sauselt ewiger Friede, nur am Schawanoe herrscht susse Ruhe. Oh, lebte mein hochherziger Vater, lebte mein guter Emil mit uns unter diesen Palmen, kein Seufzer wurde jemals meinen Busen heben! Doch sie wandeln unter den himmlischen Palmen und harren freundlich auf uns. Mucius, mein teurer Mucius, ist mir Ersatz fur alles! Er grusst Dich tausendmal, der herrliche Mensch. O konnte ich ihn Dir so ganz schildern, wie er ist! so gross und hehr, so lieb und gut. Er tragt das Schicksal einer Welt in seiner Brust und ist doch nur Gatte, nur Freund; an Geist vielleicht der Erste unter unseren Gefahrten, ist er der Bescheidenste, von allen geliebt. Und dieser seltene Mensch ist mein! Fuhle die Seligkeit, welche in dem Gedanken liegt. Ich muss nur schnell siegeln, damit Mucius diese Worte nicht liest; er ist dem Stolze so feind, dass es ihn schmerzen wurde, der Gegenstand des meinigen zu sein. Lebe wohl, Adele! Tausendmal lebe wohl! Ubers Jahr erhaltst Du wieder frohe Botschaft von Deiner
Virginia.
Eldorado in Kentucky. Im Julius 1817
Sei mir gegrusst, Freundin meines Herzens! Du, in deren Busen ich ehemals meine Klagen ergoss, nimm jetzt das Uberstromen meines Entzuckens mit gleicher Teilnahme auf. Der Gluckliche bedarf des Ohres eines Freundes mehr als der Ungluckliche, denn wohl lasst vernimm denn die Wiederholung alles dessen, was mich in dem Zeitraume dieses Jahres beseligte. Im ganzen ist mein Leben eine fortlaufende Kette von glucklichen Tagen, nur wenige darunter zeichnen sich durch ein wichtiges Ereignis aus. Unter diesen sind wohl die denkwurdigsten diejenigen, wo unserer Republik junge Burger geboren wurden. Ja, meine Adele, ich wiege einen lieblichen Knaben auf meinem Schosse, Mucius' Ebenbild, welcher mit diesem Kinde zum Kinde wird. Aus meinen Armen geht es in die seinigen; er forscht in dem kleinen Gesichte nach Ahnlichkeiten von mir, ich will, es soll ihm ahneln, und dies gibt die einzige Veranlassung zu kleinen, freundlichen Streitigkeiten zwischen uns. Ausser unserm Knaben sind noch achtzehn Kinder im Laufe des Maimonats geboren, namlich vier von den Negern, sechs in dem deutschen Dorfe, acht bei uns, soviel Knaben als Madchen, unsere Hausmutterchen erwarten in einigen Monaten ihre zweite Niederkunft. Das wird ein Leben werden in der kleinen Republik! Schon jetzt verfuhren die Vater einen Larm mit den jungen Mitburgern, besonders Pinelli, dass wir alle lachen mussen, und die Wiegenlieder der Mutter bilden ein ordentliches Konzert.
Vom Klima begunstigt, sind wir alle leicht und wohlgemut entbunden worden. Schon am zehnten Tage, so wollte es Salvito, ging jede der Mutter, ihren Saugling im Arme, zum Tempel. Hier war der Altar mit Blumen bedeckt, die Mutter legte das Kind auf die Blumen nieder, dankte dem Ewigen kniend fur das teure Geschenk und bat um Erhaltung des zarten Lebens. Der Vater trat hinzu, segnete das Kind, nahm es auf, nannte, es der Versammlung zeigend, laut den Namen desselben und gab es der Mutter zuruck. Wir haben unsern Kleinen, zum Andenken an seinen Grossvater, Leo genannt, mochte er ihm ahnlich werden!
Seit dieser Zeit wird oft die Erziehung der Kleinen erwogen. Im ganzen wird sie, der allgemeinen Meinung nach, sehr einfach sein. Liebe und Beispiel sollen, statt aller Strafen und Ermahnungen, hinreichen; spielend die Krafte der Kinder, sowohl leiblich als geistig, ausgebildet und beide Geschlechter, bis zum zwolften Jahre, ganz gleich beschaftigt und unterrichtet werden; auch ihre Kleidung wird dieselbe sein, ein farbiger Uberwurf, nur bis zur Wade reichend. Sie werden klettern, ringen, fechten, wettlaufen, tanzen, schwimmen und an den Arbeiten, nach ihren Kraften, teilnehmen. Lesen, Schreiben, Rechnen lernen sie dabei, als gesellschaftliche Vergnugungen, in den Stunden der Musse unter den schattenden Platanen oder am flammenden Kamin; Musik und Zeichnen sollen ebenso behandelt werden. Die Naturbeschreibung wird in Erzahlungen vorgetragen oder auf Spaziergangen, welche besonders der leidenschaftliche Botaniker Stauffach dazu benutzen wird. An diese wird sich die Erdbeschreibung, jedoch erst spater, anschliessen, Geschichte am spatesten gelehrt werden. Mucius wird zu dem Ende eine kleine Weltgeschichte ausarbeiten und in Philadelphia drucken lassen. Sie wird treu, aber aus einem anderen Gesichtspunkte aufgefasst, mehr die Geschichte der Volker als ihrer Fuhrer sein. Den Helden werden ihre Lorbeerkranze nicht entzogen werden, aber der Eichenkranz des Burgers, der friedliche Olzweig werden eine hohere Bedeutung erhalten; der Hauch der Freiheit wird durch das ganze Werk hinwehen und darin auch angegeben werden, wodurch das Menschengeschlecht diese Himmelstochter von seinen Fluren scheuchte, mit ihr das Paradies verlor.
Mit dem zwolften Jahre werden die Madchen zur Haushaltung und zu kunstlichen Arbeiten mit der Nadel und auf dem Webestuhl angefuhrt, die Knaben lernen die hoheren Wissenschaften und die toten Sprachen; die lebenden sich zu eigen zu machen, dazu haben sie taglich, von der fruhesten Jugend an, Gelegenheit, denn Franzosisch, Italienisch, Deutsch und Englisch werden abwechselnd bei uns gesprochen. Franzosisch ist die allgemeine Sprache, Englisch wird bei dem Mahle und am Teetisch geredet, aus Liebe fur Ellison, Lucia und Fanny, Italienisch lassen Rosalva, Antonio und Pinelli nicht aussterben, sie haben den beiden Knaben Franks und Vanhusens schon eine Menge liebkosender Worte stammeln gelehrt; mit ihren Spielgefahrten, einem halben Dutzend deutscher Kinder, reden sie Deutsch. Von den hoheren Wissenschaften und den gelehrten Sprachen lernt jeder dann nur, wozu seine Neigung ihn treibt oder wozu man entschiedene Fahigkeiten in ihm entdeckt, notwendig sind sie keinem. Lehrer ist jeder der Manner in seinem Lieblingsfache. So unterrichtet man jetzt schon spielend die deutschen Knaben und ein paar muntere Negerbuben; kunftig werden auch diese mit den unsrigen gleich erzogen. Wie lacherlich wird einst unsern Junglingen der Kastengeist erscheinen, mit welchem der grosste Teil des Erdkreises zu kampfen hat!
Die korperliche Erziehung der Knaben wird mit ihren zunehmenden Jahren immer sorgfaltiger fortgesetzt und nichts versaumt werden, sie abzuharten. Sie werden alle Fahigkeiten eines kriegerischen Volkes erlangen, ohne es zu wissen; besonnenen Mut, Ausdauer und Verachtung der Gefahren werden sie auf den Baren- und Wolfsjagden in den Grenzwaldungen lernen, ihre Spiele werden kriegerisch sein, ohne dass sie jemals das Wort Krieg horen, und die Regeln der besten Taktik ihnen als Regeln eines Spiels gelaufig werden. Sollte jener Damon jemals bis durch diese Walder dringen, dann wird er ein waffenfahiges Volk finden, welches den Frieden wie die ganze Welt liebt, aber jedes Unrecht abzuwehren wissen wird; selbst unsere starken Madchen wurden den Webestuhl verlassen und mit den Waffen, dem Spielgerat ihrer Kindheit, ihre Freiheit und ihre Ehre verteidigen. Doch dahin wird es nicht kommen, der Genius der Menschheit wird diese stillen Taler schutzen. Unser Leben, unser Treiben ist noch ganz dasselbe, wie ich es Dir im vorigen Jahre schilderte. Noch haben wir nirgends eine Lucke bemerkt, und ich hoffe, als ein altes Mutterchen werde ich dir nichts anders zu sagen haben als: "Wir sind glucklich."
In diesem Fruhjahre machten wir unsere erste Zukkerernte in den Ahornwaldern, alles legte Hand an, selbst die Kinder. Der Ertrag ist so reichlich gewesen, dass, auch bei verschwenderischem Verbrauch, unser Bedarf auf drei Jahre gesichert sein wurde. Wir schikken die Halfte nach Louisville, auch Tabak und Farbekrauter, mit deren Erzeugung Stauffach sich emsig beschaftigt; er hat uns schon die schonsten Garne und Gewebe gefarbt. Frank erwirbt sich um das Maschinenwesen unsterbliche Verdienste, Antonio hat einen Speicher im rein antiken Stil erbaut, Vanhusen und seine Gehulfen haben uns die seltensten Fruchte und Blumen gezogen, die herrlichsten Gruppen von Baumen auf Bergen und am Rande der Savannen gepflanzt, auch mancherlei Heilkrauter, nach Salvitos Anweisung, angebauet. Dieser Schutzgott unserer Nachbarn hat seine versprochene Reise den Schawanoe hinauf gemacht, und das von ihm, durch Rat und Tat, gestiftete Gute ist nicht zu berechnen. Seine chemischen Kenntnisse kommen uns uberall zustatten, besonders bei der Kelter. Unser Wein verspricht ganz vorzuglich zu werden, selbst der Palmensekt und das Birkwasser sind ziemlich haltbar.
Die Feldbauer, nebst ihren weissen und schwarzen Gehulfen, haben Uberfluss erzeugt, Maria und Lucia bleichen das schonste Gespinst im Sonnenstrahl und im Schimmer des Mondes, und die Seidenwurmer haben mit uns um die Wette gesponnen; auch von ihrer Arbeit werden Proben nach Louisville gehen. Das Vieh gedeihet herrlich. Mein Milchgewolbe hat Uberfluss, ungeachtet mehr als die Halfte des Mutterviehes die Kalber grossgesaugt hat. So im Schosse des Uberflusses, liebend und geliebt, frei und im Frieden mit der ganzen Welt, ruhig in die Vergangenheit, heiter in die Zukunft blickend, gibt es eine beneidenswertere Lage als die unsere? Oh, ich mochte der ganzen gepressten Welt zurufen: Fluchtet euch in die Wildnisse von Amerika! Nur am Mississippi, am Missouri, in den Waldern von Louisiana wohnt der Friede, lachelt das Gluck. Aber das Gemut dafur muss man mitbringen, Kenntnisse und Tatigkeit, dann findet man sein Eden hier oder nirgends. Wir haben erfahren, dass ein grosser Teil unserer Landsleute nach diesem Weltteil sich gewendet hat und dass Joseph Napoleon willens ist, nahe bei Baltimore eine Stadt zu grunden. Ja, ja, die Trojaner flohen aus ihren brennenden Mauern nach mehreren Gegenden hin, aber nur Aneas rettete die Heiligtumer aus den prasselnden Flammen und barg sie in Silvius' dunklen, nachtlichen Hain. Lass mir den kuhnen Gedanken: Mucius und seine Freunde sind jener Aneas mit seinen Gefahrten, das Schicksal gefallt sich in solcher Wiederholung. Hierher, in die Walder von Kentucky retteten wir unsere Gotterbilder; werden sie einst, wie Trojas Gotter, ein grosses, freies und hochherziges Volk verbinden? Oh, du Ewiger uber den Sternen, wir hoffen es! Josephs Stadt wird nie ein Rom werden; man wird darin Schauspielhauser und Kirchen bauen, Kaffeehauser und Tanzsale errichten, kokettieren, kabalieren, scheinen, schmeicheln und reprasentieren, wie ehemals! Die grossen Lehren der Zeit gehen an diesem Geschlechte verloren; fern von uns jede Gemeinschaft mit demselben! Selbst Napoleon, der bewundernswerte, wurde in unserm Freistaate sehr unwillkommen sein; einmal vom Taumelkelche der Herrschaft berauscht, taugt schwerlich jemals ein Mensch auf dem Platze des harmlosen Burgers. Er, der Feuergeist, war dazu geschaffen, ein in wilde Parteien zerspaltenes Volk zu vereinen und zu halten, ja die Erde unter eine Alleinherrschaft zu bringen; in einen wahren Freistaat passt er nicht. Vielleicht hatte er einst den Frieden der Welt und die Vereinigung der Volker, auf einem andern Wege, herbeigefuhrt. Lange glaubte ich, diesen Plan des Schicksals in dem Laufe der Dinge zu sehen, doch plotzlich verwandelt sich das Welttheater, und noch lasst sich nichts Bestimmtes uber den Inhalt des nachsten Akts sagen, der Knoten ist von neuem geschurzt und die Entwickelung weiter hinausgeschoben. Aber meine Wunsche, unsere Wunsche, sind dieselben geblieben, Friede und Freiheit der Welt, Wahrheit und Gerechtigkeit herrschend und das physische Dasein auch dem Letzten der Sterblichen, ohne harte Sorgen und Not, gesichert. Wir mussten diesen Wunschen, diesen Hoffnungen einen andern Stutzpunkt geben, um nicht mit hinabgezogen zu werden in dem allgemeinen Untergang. Wir fanden ihn, verzeihe dem kuhnen Gedanken, wir suchten ihn wenigstens in der Kolonie von Kentucky. Kultur, mit Sitteneinfalt im Bunde, sollten hier, in der Verborgenheit, ein Geschlecht grossziehen, welches vielleicht einst den Volkern zum Vorbilde und Vereinigungspunkte dienen konnte. Das machtige Troja fiel unter den vereinten Kraften der Griechen, aber Aneas rettete die Schutzgotter des Reichs, er und seine jungen Gefahrten grundeten Alba und bargen die Heiligtumer in seinen dichtverwachsenen Hainen. Das schwache Hauflein wuchs, seine Urenkel erbauten die Siebenhugelstadt, und heilbringend zogen die Gotter ihrer Ahnen bei ihnen ein. Solange i h r Dienst noch unentweiht bestand, war Rom glucklich und gross.
Wehe, auch das grosse, auch das gluckliche Rom versank! Woran mahnt mich diese Erinnerung des ewigen Wechsels! Wird denn die Entwicklung des Menschengeschlechts ewig den Kreislauf gehen, sein Zustand niemals Dauer erhalten? Werden die Blatter der Geschichte ewig vergebens fur uns geschrieben sein? Verzweifeln wurde ich, musste ich dies als unwandelbares Gesetz anerkennen, ich kann, ich will es nicht denken. Eine kostliche Frucht bedarf lange Zeit zu ihrer Reife. Rauhe Sturme streiften ihre Bluten ab, lange liegt sie in harter Schale verborgen, mitten in den Ungewittern, sie hat die Froste der Nacht und den sengenden Strahl des Mittags uberdauert, aber an der milden Sonne des Herbstes wird sie die Schale offnen, und der susse Kern dringt gezeitigt hervor. Moge er lange dauern, der Herbst! Wir haben gestern ein freundliches Fest gefeiert, Humphrys Hochzeit mit einem sanften deutschen Madchen. Wir fuhrten, in feierlichem Aufzuge, das mit Myrten und Rosen gekranzte Brautpaar zum Tempel. Sie wechselten am Altar die Ringe und sprachen laut den Schwur der ewigen Treue; die Eltern der Braut segneten sie, und wir alle beteten fur ihr Gluck. Ein frohes Mahl unter den Platanen vereinte die ganze Kolonie; der Becher ging fleissig umher, und mancher herzliche Trinkspruch wurde ausgebracht. Wir haben dabei des Heils unsrer europaischen Bruder nicht vergessen; auch auf Deine Gesundheit wurde der Becher geleert. Der Tanz, welchen unsre Neger besonders leidenschaftlich lieben, dauerte bis spat in die Nacht, und erst gegen Morgen wurden die Neuvermahlten, trotz Mondenlicht und Fruhrotsschimmer, mit Fackeln zu ihrer neuen Wohnung gefuhrt. Es gewahrte einen eigenen, schonen Anblick, wie der Zug, bei dem hellen Fackelschein, durch das lange Tal wallte und wie das Licht die Baumgruppen erhellte und dann neue Schatten warf. Es ist wieder ein schoner Vorwurf fur Pinellis Kunst, welche er fleissig ubt. Humphrys Wohnung liegt im deutschen Dorfe, eine Viertelstunde von hier. Sobald die Vermahlten die Kammer betraten, wurden die Fackeln an der Schwelle des Hauses geloscht, man rief "Hymen! Hymenaus!", und der ganze Zug ging zu seinen Hausern zuruck.
Kindliche Nachahmungen altgriechischer Sitten, wie schmeicheln sie die Phantasie in jenes schone Zeitalter hinuber, wo das Menschliche mit dem Gottlichen noch verschwistert war, wo der dunkelvolle Erdensohn sich noch nicht losgerissen hatte von dem leitenden Bande seiner Mutter Natur! Uns, vor allem Mucius und mich, Dupont und Zephyrinen, ziehen die griechischen Lebensformen machtig an; es waren die Sitten unserer Ahnen, Abkommlinge jener Messenier, welche Marseille grundeten; wie jeder Provenzale es mit geheimem Stolze ruhmt, hat jede Erinnerung an sie einen namenlosen Reiz fur uns. Es ist unsere Lieblingsunterhaltung, die alteren griechischen Dichter und Prosaisten zu lesen, welche Mucius meisterhaft und aus dem Stegreif ubersetzt; mit ihnen haben wir die kurze Zeit des leichten Winters sehr angenehm ausgefullt. Selten kam mein Ossian an die Reihe, obschon die meisten der ubrigen ihn besonders lieben, weil sie ihn ohne Auslegung verstehen. Auch bei mir steht er noch in hohem Werte, wenngleich meine Stimmung mich seltener zu ihm hinzieht. Ossian ist der Sanger der Schwermut, und rings um mich her herrscht heitere Lebensfreude. In die Lethe versenkt sind die Bilder der dustern Vergangenheit, eine neue Sonne, ein neues Dasein ist fur uns alle aufgegangen. Mag Europa nun schnitzeln und kunsteln an seinen Formen, wir haben sie von uns geworfen, mit e i n e m mutigen Wurf; und wie auch die Verwirrung herrsche, uns beruhrt sie nicht. Arme Adele, konnte ich doch Dich hierher retten! aber auch nur Dich allein. Ich furchte immer, auch Du wirst ein Opfer tyrannischer Willkur. Warst Du nicht in Europa, ich wurde selten dahin denken, denn ich denke ungern an das dortige Getreibe. Alles, was ich wieder von dort vernommen habe, ist nicht beruhigend; der grosse Streit ist noch nicht abgeschlossen, lange, lange noch nicht, er kann noch Menschenalter uberdauern. Furchtbare Krampfe erschutterten die kreissende Welt, aber es erfolgte eine unzeitige Geburt; das wirkliche Gotterkind liegt noch tief verborgen im Schosse der Mutter, neue starkere Wehen werden es einst an das Tageslicht fordern. Wann? das steht im Buche des machtigen Schicksals. Wehe dem armen Geschlechte, welches als Geburtshelfer um die Kreissende steht! aber auch Heil dem, welches um die Wiege des Neugeborenen tanzt! Junges, kraftiges Leben entwickelt sich aus Zerstorung und Tod, das ist der Trostgedanke fur das untergehende Geschlecht; der Blick in die Zukunft kann allein den sinkenden Mut erheben. Ach, nicht jeder vermag uber die Spanne seiner Zeit und seines Raums hinwegzublicken, und der Sohn des Staubes zerstaubt mit ihm; nur der Geist, welcher sich eins fuhlt mit dem Unendlichen, wird ewig sein mit dem Ewigen, er sieht im Heute schon das Morgen, und die kleinlichen Sorgen der Gegenwart beruhren nur sein irdisches Teil, hinuber schwingt er sich unter die Palmen des ewigen Friedens! Uns Lieblingen des Schicksals sauseln schon hienieden jene friedlichen Palmen, uns sauselt der delphische Lorbeerhain. Oh, meine Adele, konnte ich Dich einfuhren unter ihren erquickenden Schatten! Deinen Namen tragen die glatten Stamme der weissen Birken und Buchen und des bluhenden Tulpenbaumes, am Ohio, am Kentucky und am Schawanoe; Deinen teuren Namen ruft mir stundlich mein zahmer Papagei zu und lehrt ihn seinen wilden Brudern, wenn er mit mir durch die Haine hupft; Deinen Namen wird mein Leo stammeln, sobald er "Vater" rufen kann. Oh, konntest Du meine freundlichen Haine sehen und meinen Knaben segnen! Tue es in der Ferne, meine Adele, so wie wir Dich segnen, mein Mucius und ich. Zephyrine und Philippine grussen Dich, erstere als Landsmannin, letztere, weil ich sie oft mit Dir verglich, Ellison grusst Dich vor allen. Er hat den Vorteil, Dich zu kennen, und stimmt oft in meinen Wunsch ein, Du mochtest eine der Unsern werden; Du seist vor allen wert, sagt er, unser wiedergefundenes Eden zu schmucken, doch, wo Du auch lebst, Du tragst es in Deiner Brust. Lass es Dir nimmer rauben, nimmer Dein besseres Gefuhl ertoten vom Pesthauche der Selbstsucht und der kleinlichen Eitelkeit. Dein Wahlspruch sei Wahrheit und Gerechtigkeit, so bist Du der Kolonie von Kentucky verbundet.
Lebe wohl im Gerausch Deiner Welt! Vergiss nicht die Sorge fur die armen Bewohner von Chaumerive. Noch einmal empfehle ich sie dem Herzen Deiner guten Mutter. Lass die Blumen um das Grab der Meinigen nicht ganz ersterben. Oh, dass mein Vater, dass Emil nicht auch dort unter begrunten Hugeln ruhen! Auch ihnen lege, jeden Sommer, Kranze der Erinnerung auf der Mutter Grab; vielleicht, dass Dir dort mein Geist einmal freundlich begegnet.
Dort wuchs ich auf unter den Heldenbildern der Griechenwelt, hier am Kentucky schliesse ich einst lachelnd mein Auge, von den Lebensbildern jener Unschuldswelt umflattert. Lebe wohl! Lebe wohl, meine Adele! Friede mit Dir! Friede mit der ganzen Welt!
Deine Virginia.