1817_Zschokke_114 Topic 3

Heinrich Zschokke

Das Goldmacherdorf

1. Wie Oswald aus dem Kriege kommt und was

die Leute sagen.

An einem Sonntag Nachmittag sassen im Dorfe Goldenthal die jungern Knaben und Madchen unter der alten Linde und sangen, oder lachten, wenn Einer aus dem Wirthshaus hervorstolperte, der zu tief ins Glas geschaut hatte. Die andern Bauern mit ihren Weibern sassen in drei Wirthshausern, und tranken und spielten, und jauchzten oder balgten, wie es denn nun so geht, wenn Wein und Bier wohlfeil sind.

Da kam ein grosser starker Mann ins Dorf. Er mochte in den Dreissigen sein, hatte einen grauen Rock an, einen langen Sabel an der Seite, auf dem Rucken einen Habersack. Er sah gar wild drein, denn er trug uber der Stirne eine grosse Narbe, und unter der Nase einen schwarzen Schnurrbart, dass alle Kinder davonliefen.

Aber ein Paar alte Frauen, die er anredete, erkannten ihn sogleich, und schrien: "Ei das ist ja Schulmeisters Oswald, der vor siebenzehn Jahren unter die Soldaten ging. Nein, schaut auch, wie ist er gewachsen und gross geworden!" Und wie die Weiber so schrien, kam Alt und Jung aus den Wirthshausern und von der Linde herbeigelaufen, und bald war das ganze Dorf um den Oswald versammelt.

Oswald gab allen seinen ehemaligen Bekannten die Hand, war sehr freundlich mit Allen und sagte, er wolle nun wieder bei ihnen in Goldenthal wohnen, habe des Soldatenlebens satt, und sei froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Nun wollte ihn Jeder in ein Wirthshaus ziehen, der Eine links, der Andere rechts: man musse eins zum Willkommen trinken; er musse von den Kriegsgeschichten erzahlen. Oswald aber dankte ihnen und sprach: "Ich bin vom Wandern mude und will ausruhen. Wer wohnt in meines verstorbenen Vaters Haus, und wer besorgt die Aecker desselben?"

Alsobald trat der Muller hervor und sagte: "Ich habe den Weber Steffen hineingethan, und ihm Haus und Feld in Zins gegeben. Nun aber muss er ausziehen, da du wiedergekommen bist. Der Gemeindsrath hat mich zum Vogt gesetzt uber dein Gutlein. Kannst ein paar Tage bei mir herbergen, bis Webers ausziehen und andere Wohnung haben. Da will ich dir auch Rechnung ablegen."

Also ging der Muller mit seinem Gast zur Muhle und liess ihm ein gutes Nachtessen und ein gutes Bett bereiten. Oswald hatte aber viel zu fragen nach dem und diesem, wie es seitdem im Dorfe ergangen sei; und der Muller und seine Frau hatten viel zu antworten. So plauderten sie bis Mitternacht in der Muhle. Und Oswald sah immer uber den Tisch hinuber nach des Mullers zarter Tochter, die hiess E l s b e t h . Und es war wohl der Muhe werth, ihr in die schwarzen Augen zu sehen, denn Elsbeth war schon. Elsbeth aber sah ihrerseits auch gern uber den Tisch hinuber, denn Oswald war ein hubscher Mann, wenn man sich einmal an seinen erschrecklichen Schnurrbart gewohnt hatte, und in seinen Geberden hatte er etwas Zierliches und Gefalliges, als ware er ein Herr aus der Stadt gewesen. Darum scheute sie sich, mit ihm zu reden, und wenn er sie ansah, wusste sie nicht, wohin mit den Augen fliehen. Doch sagte sie ihm etwas vom Schnurrbart.

Und als er folgenden Morgens zum Fruhstuck kam, war unter seiner Nase der Schnurrbart schon verschwunden. Oswald hatte Zeitlebens in der Muhle wohnen mogen, denn der Muller und seine Frau waren gute Leute, und der Elsbeth sah die Gute hell und klar aus den Augen. Aber nach acht Tagen schon konnte Oswald in das kleine Haus seines Vaters einziehen und nach seinen Feldern sehen. Er hatte funf Juchart Baumgarten mit Wiesen und funf Juchart Akkerland; dazu kaufte er sich eine schone Kuh aus den vom Vogt ersparten Zinsen.

Und weil das Haus alt und zerfallen war, erhielt er Holz und Steine von der Gemeinde. Da liess er alles ausbessern, weissen und hobeln und waschen. Er selber mauerte, handlangte, fegte vom Morgen bis in die Nacht, damit es schon werde, und ihn doch nicht viel koste.

Im Herbst war sein kleines Haus das sauberste und schonste im ganzen Dorf, mitten in einem Garten am Bach. Und der Garten war schon, wie einer in der Stadt. Er hatte sogar in die Wege zwischen den Beeten Sand und Grien getragen. Er hatte es gern, wenn Mullers Elsbeth zuweilen uber den grun angestrichenen Hag in den Garten sah; sie hatte ihm auch Blumen beigesteuert, und versprach ihm zum Fruhjahr noch mehr.

Die Leute zu Goldenthal wussten lange nicht, was aus dem Oswald machen? Er war so arm aus dem Kriege gekommen, als er hineingezogen war, das sahen sie wohl. Er hatte eine Kiste aus der Stadt bekommen mit Kleidern und Wasche; sogar Bucher hatten darin gelegen. Das war sein Reichthum. Aber des Geldes wegen mochte die Kiste nicht schwer gewogen haben.

"Lasst ihn laufen!" sagten die Einen: "Er ist ein armer Teufel, und ein dummer Teufel dazu, der im Kriege seine Sache nicht verstanden hat zu machen. Nicht einmal Sonntags kann er ins Wirthshaus gehen und sein Glas trinken, geschweige einen Tanz zahlen. Dabei muss er arbeiten wie ein Pferd, von Sonnenaufgang bis in die finstere Nacht. Ein Gluck fur ihn, dass er vom Vater noch etwas geerbt hat, sonst lage er der Gemeinde zur Last."

"Lasst ihn laufen!" sagten die Andern: "Heldenthaten hat er nicht viel verrichtet, denn er weiss nicht viel zu erzahlen. Und wer weiss, wo der Narr den Hieb uber die Stirn geholt hat. Der ist froh, dass er kein Pulver mehr riechen muss."

"Lasst ihn laufen!" sagten wieder Andere: "Er gibt nur Keinem ein gutes Wort, und meint, weil er Soldat gewesen, musse man Respekt vor ihm haben. Wir wollen's ihm aber zeigen. Er ist ein hochmuthiger Bursch, der froh sein soll, wenn wir ihm keinen Tritt geben."

"Lasst ihn laufen!" sagten noch Andere: "Der hat im Kriege nichts Gutes gelernt. Er hat Bucher, die kein Mensch lesen kann, vielleicht der Pfarrer selber nicht. Und Zeichen und Karaktere stehen darin, dass es ein Graus ist. Was gilt's, der geht mit dem Teufel um und kann ihn beschworen."

"Gott sei bei uns!" riefen Andere: "Richtig ist es bei ihm nicht, das weiss man wohl. Er hat noch keinen Menschen in seine kleine Hinterstube gehen lassen, selbst Mullers nicht, die viel mit ihm zu thun haben. Da sieht der Wachter alle Nacht noch Licht brennen, was durch die Fensterladen schimmert. Die Stube halt er bestandig verschlossen, und die Vorladen der Fenster sind auch bei hellem Tage nie auf."

So sprachen die Leute, und machten ans Oswald nicht viel.

2. Was Oswald im Dorfe sieht.

Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten, war er doch sehr zuthunlich und mit Allen freundlich. Anfangs ging er rechts und links zu Jedem ins Haus und besuchte Einen um den Andern, fragte nach den Kindern, nach den Gutern, nach der Art, die Felder zu bestellen und nach allen Umstanden.

Vorzeiten war G o l d e n t h a l ein recht stattliches Dorf gewesen; zwar kein ubergrosser Reichthum darin, doch Wohlhabenheit in allen Hausern. Nun aber, mit Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirthe, wie auch des Mullers, stand es uberall schlecht. Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus, und am Feuerherd kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppen. Von hundert Haushaltungen schickten wohl zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus; sechszig halfen sich kummerlich im Druck von Schuldenlasten durch, und die andern waren zum Theil noch im Stande, die Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten, und sich wohl aufrecht zu halten.

Man sah es den Hausern schon von aussen an, wie ubel es drinnen sein mochte; man sah es an den zerfallenen Dachern; an den Mauern, von welchen der Kalk abgefallen war; an den verschmierten Wanden und Thuren; an den zerbrochenen und mit Papier verklebten Fenstern. Kam man hinein, war Koth und Gestank; Tisch und Banke unsauber; der Spiegel, wenn noch einer war, seit Jahren von Fliegen blind; der Fussboden voller Locher; die Dielen schwarz, wie Erde, vom verharteten Unrath. In den Kuchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr, das nicht einmal rein gewaschen da stand. In den Garten am Hause sah man keine Ordnung, keine Zierlichkeit, sondern etwas Gemus ganz nachlassig hingepflanzt. Man schien froh zu sein, wenn man fur Saue und Menschen nur Erdapfel genug hatte. Vor den Hausern lagen Misthaufen. Ackergerate, Holz und was man sonst nicht unter Dach bringen konnte, bunt durcheinander. Manner und Weiber gingen in zerrissenen oder grob geflickten, besudelten Kleidern; Stroh und Federn in den struppigen, ungekammten Haaren; Hande und Gesicht oft Tage lang nicht gewaschen. Die kleinen Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unflath liegen, oder waren sie grosser, spielten sie halbnackt vor den Hausern im Kothe.

Kein Wunder, dass bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit haufig Krankheiten entstunden. Man ging aber lieber zu einem alten Weibe, zum Scharfrichter, zu einem Harnbeschauer und Quacksalber, wenn er es nur wohlfeil machte, als zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor. Wenn nun Mann oder Frau bettlagerig waren und nicht arbeiten konnten, ging es in der Wirtschaft den Krebsgang. Da musste ein Stuck Hausgerath oder Vieh oder gar Land in der Noth verkauft, oder Geld gegen schweren Zins entliehen werden. Das dauerte dann, bis man mehr Schulden hatte, als man zahlen konnte; dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab.

Wenn Oswald da und dort guten Rath geben wollte, oder wenn er die Unhauslichkeit und Unordnung tadelte, so bekam er murrische Gesichter zum Dank. Die Einen sagten: Arme Leute konnen nicht alles so schon haben, sondern mussen es nehmen, wie es ist! Andere sagten: Was geht es dich an? Steck' du die Nase in deinen eigenen Dreck!

Bei den reichen Bauern sah es nun im Hause wohl besser aus, und war mehr Hausgerath und Kleidung vorhanden. Aber doch fand man auch bei ihnen viel Unsauberkeit und Nachlassigkeit. Denn weil sie bestandig und uberall Bettelwirthschaften vor Augen hatten, so gewohnten sie sich daran, und trieben es nicht viel anders. Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen; nur Sonntags prunkten sie hoffartig einher. Daher horte man auch bei ihnen nichts, als Klagen uber die bosen Zeiten, uber die Regierung und uber die Leute im Dorf. Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren, so konnten die wenigsten zahlen. Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine grosse Schuld von vielen tausend Gulden trug, fiel das Zahlen der Zinsen, der Gemeindesteuern und Landesabgaben nur auf die Vermoglichern. Das machte sie missvergnugt und zornig.

Ueberhaupt war in G o l d e n t h a l Einer wider den Andern und bestandig Streit und Zank. Keiner traute dem Andern; Jeder wusste dem Andern etwas Boses nachzusagen. Da war kein Treu und Glauben, sondern eitel Lug und Trug. Die Armen beneideten die Reichen; die Reichen druckten und plagten die Armen. Die Reichen trieben, wenn sie Geld ausborgten, schandlichen Wucher, und nahmen von armen Leuten, die in der Noth waren, ihre zwolf, zwanzig und mehr Prozent Zinsen, ohne dass sich daruber das christliche Gewissen schamen und gramen wollte. Die Armen hinwieder rachten sich, wie Schelmen es machen; sie beschadigten den Reichen Baume und Pflanzungen heimlich, stahlen ihnen Gemus und Obst, Trauben und Holz und Huhner, und was sonst zuganglich oder leicht nehmbar war. Man konnte sich auf kein Wort, auf keinen Eid mehr verlassen. Selbst zwischen Eheleuten war eitel Hass und Gezank. Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres.

Trotz der sichtbaren Verarmung der Gemeinde, und wiewohl jeder uber Regierung, Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte, und kein Geld hatte, wenn er das Notwendigste zahlen sollte, thaten die Leute doch insgesammt gross. Das Arbeiten liess man sich nicht allzusauer werden. Die Vermoglichen, wenn sie spater aufs Feld gingen, oder fruher Feierabend machten, sprachen bei sich: "Gottlob, wir konnen's wohl so haben!" Und die Armen und Taglohner, wenn sie bei der Arbeit die Hande fallen liessen und umhergafften, sprachen sie: "Nun unsereins ist auch kein Vieh! Man muss auch geruht haben."

Aber wenn der Samstag Abend kam, oder der Sonntag, hatte Jeder Geld, um sich im Wirthshaus bei Wein, Bier und Branntwein gutlich zu thun. Da hiess es: "Herr Wirth, noch eine Halbe! Juchhei, Karten her!" Da ward der Wochenverdienst durch die Gurgel gejagt, oft mehr noch. Man spielte. Der Eine verlor sein Geld, der Andere versoff oder vertanzte den Gewinnst. Zwischenein in der Woche ward auch das Wirthshaus nicht ganz vergessen. Diese Leute litten die Kehle nicht ganz trocken. Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen. War aber Geld im Haus, wenn auch nur wenig, da musste Kaffee her und musste gekuchelt werden. Dann hiess es: "Lieber Gott, es kommt an unsereins selten. Man will doch auch einmal seinen guten Tag haben. Was hat man sonst vom Leben?"

An Feiertagen fehlte es nicht, und die wollte man doch gefeiert haben. War im benachbarten Stadtlein Jahrmarkt, so musste man doch auch hin und sehen, wie es in den Wirthshausern der Stadt sei, und horen, was es Neues in der Welt gebe? Dann fehlte es ausserdem nicht an allerlei Gangen und Laufen, Prozesshandeln und Schritten und Tritten vor Richter und Obrigkeit. Das brachte viel Versaumniss und Ausgaben, wenig Gewinn und Vortheil. Folglich nahm in allen Hausern das Vermogen eher ab als zu. Und darum fluchte Einer wie der Andere uber schlechte Zeiten, uber Regierung und uber die Leute im Dorf.

3. Was der verstandige Muller erzahlt.

Als Oswald in seinem Dorfe so viel Lasten und Sunden sah, ist ihm vor Zorn das Herz geschwollen. Er ging in die Muhle, wie er allemal that, wenn er voll Unmuths war. Und wenn ihn da die holdselige Elsbeth anlachelte, verschwand sein Verdruss, wie eine Nebelwolke an der Stirn des Berges vor dem Glanz der Sonne.

Oswald sprach zum Muller: "Nein, wie sind doch die Leute so gottlos und die Hutten so voll Jammers! Das ist vor Zeiten nicht so gewesen. Da war der Fleiss auf den Feldern, die Zierlichkeit im Dorfe, die Eintracht in den Hausern und der Reichthum in den Scheuern. Da wurden die Bauern hochgeehrt von den Stadtern, und man nannte sie auch wohl die H e r r e n G o l d e n t h a l e r . Nun ist Alles umgekehrt, und die Armuth sitzt neben der Bosheit unter den Dachern. Wie hat der Krieg so viel Uebels angerichtet!"

Der Muller antwortete und sprach: "Unser Dorf hat vom Kriege viel gelitten, gleichwie andere Dorfer und Stadte. Es lagerten sich fremde Volker bei uns ein und verzehrten unsere Vorrathe; wir mussten den Kriegsleuten dienen und liefern, was sie wollten; wir mussten der Obrigkeit Zins und Steuern zahlen; wir hatten schlechten Verdienst, denn Handel und Wandel standen still, alles Gewerb war Verderb, und schlechte Jahre und Witterungen kamen dazu, dass das Gras auf den Feldern, das Getreide auf den Aeckern, das Obst an den Baumen und die Traube an den Reben umkam. Aber unser Ungluck stammt nicht von Krieg und Theuerung her. Denn andere Stadte und Dorfer haben gelitten, wie wir, und fangen doch wieder an, heiter aufzuschauen. Aber in unserm Dorflein wird es alle Tage schlimmer. Andere Stadte waren in Trubsal und Armuth untergesunken, wie wir; doch heben sie sich wieder daraus mit Gottes Hulfe hervor. Aber, dem Himmel sei's geklagt, wir gehen nun darin unter."

"Das wolle Gott verhuten!" rief Oswald: "Woher kommt das?"

Der Muller antwortete: "Das kommt daher: die Andern strengen ihre Krafte an und schwimmen an das Ufer; wir uberlassen uns dem Spiel der Ungluckswogen und unsere Rettung dem Zufall. Ja diejenigen, welche uns helfen konnen, ziehen uns noch tiefer in den Wasserstrudel hinein."

"Wer sind die?"

"Ich will es dir wohl im Vertrauen unter vier Augen offenbaren!" sagte der Muller. "Wenn es mit einer Gemeinde den Krebsgang geht, so kannst du dich darauf verlassen, hat sie schlechte Obrigkeit. Und das ist bei uns der Fall. Unsere Ortsvorgesetzten sind entweder eigennutzige Menschen, oder einfaltige, schwache Leute. Zwei von ihnen haben eigene Wirthshauser, und der Schwiegersohn des dritten hat auch ein Trinkhaus. Da ist es ihnen eben recht, wenn die Leute lieber bei ihnen hinterm Tisch, als bei der Arbeit sind. Wird die Gemeinde versammelt, so ist es bald in diesem, bald im andern Wirthshaus, und da muss am Ende eins getrunken werden. Haben die Durstigen kein Geld, so wird ihnen geborgt. Konnen sie nicht zahlen, so kauft man ihnen ein wohlgelegenes Stuck Land um das andere ab, oder nimmt es fur die Schuld an; oder, was die Leute haben, wird offentlich versteigert. Dann sind die Bettler fertig. Daher kommt nach und nach alles liegende Gut in die Hand einzelner reichen Leute. Wer Geld leihen will, geht zu ihnen und bekommt um doppelten und dreifachen Zins. So werden die Bedurftigen durch unchristlichen Wucher desto schneller zu Grunde gerichtet."

"Ei, warum borgen die, welche Geld brauchen, nicht lieber das Geld an andern Orten, oder in der Stadt bei rechtschaffenen Leuten?" rief Oswald.

"Weil man unserer Gemeinde an andern Orten keinen Kreuzer mehr anvertraut!" erwiederte der Muller. "Denn weil die Gemeindevorgesetzten bisher die Geldaufbruchscheine fur Bedurftige auf die luderlichste und leichtsinnigste Weise ausgestellt haben, sind die, welche Geld darauf liehen, hintenach darum halb oder ganz betrogen worden. So haben wir durch die Nachlassigkeit der Vorsteher allen Kredit verloren und alle Hoffnung auf fremde Hulfe. Weil uns Niemand in der Stadt mehr borgen will, so schimpfen und fluchen unsere Leute tagtaglich auf die Stadter und drohen mit Mord und Brand. Widerfuhre einmal der Stadt ein Ungluck, so wurde das die grosste Freude unsers Lumpengesindels sein, obgleich wir von der Stadt noch viel Verdienst und Almosen haben."

"Das ist abscheulich!" schrie Oswald: "Aber wir haben ja noch ein ordentliches Gemeingut."

"Ja, das Gemeingut ist auch verschuldet und wird nur von den Reichen benutzt!" antwortete der Muller: "Denn wenn die Vorgesetzten ein Geschaft abthun, einen Umgang an den Marchen und Grenzen halten, eine Holzanweisung machen, oder sonst etwas extra verrichten: so wird auf Kosten der Gemeinde geschmauset und gezecht. Damit geht das Vermogen der Gemeinde durch die Gurgel der Vorsteher. Jeden Gang wollen sie bezahlt haben. Dazu kommt, dass, weil die Reichen Kuhe halten konnen und die Armen keine, so benutzen sie den Weidgang im Wald und auf den Almenden allein fur sich, und die Armen haben keinen Nutzen und Vortheil von den Gemeindsgutern."

"Wenn du das Alles weisst, Muller: warum sagst du das nicht der ganzen Gemeinde und offnest ihr die Augen?" fragte Oswald zornig.

"Weil es nicht hilft!" erwiederte der Muller: "Denn da die Meisten im Dorfe bei den Reichen verschuldet sind, so thun die Reichen was sie wollen, und es darf ihnen Keiner widersprechen. Und wenn unsereins gegen Missbrauche den Mund aufthun will, so toben und larmen die Lumpenkerle alle, dass man seines Lebens kaum sicher ist. Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl. Die betrachten die verlumpten Leute wie ihre Hunde, welche sie nach Belieben auf jeden loslassen konnen, der ihnen in die Quer kommt."

"Das ist entsetzlich!" schrie Oswald: "Wenn denn die Menschen keinen Verstand haben, so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben."

"Ja, sie sollten wohl," sagte der Muller, "aber woher nehmen? Unser Herr Pfarrer ist ein alter Herr, der fur seine Pfrunde und Bequemlichkeit sorgt, immer vom Glauben predigt, von Himmel und Holle, und seine Kirchengeschafte verrichtet, wie ein Anderer sein Tagwerk, und hat er es gethan, sich um Anderes nicht bekummert. Was man thun musse, worin die christlichen Tugenden bestehen, und wie man sie erlangen und ausuben musse das lehrt er nicht. Er geht Jahre lang in keines Bauern Haus, als im Nothfall, wo er gerufen wird. Folglich ist er kein wahrer Rathgeber, kein wahrer Troster, und kennt den Zustand der Familien lange nicht genau genug, um auch im hauslichen Leben auf ihre Frommigkeit und Besserung hin zu arbeiten. Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche, der Pfarrer predigt aus Gewohnheit, und mit dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei den gewohnten Lastern und Luderlichkeiten. Und weil die Menschen von innen in ihrem Herzen nicht besser werden, wird es auch von aussen nicht besser. Und wie die Alten, so die Jungen."

"Was? Taugt der Schulmeister auch nichts?" fragte der Oswald.

Der Muller sagte: "Seit dein Vater gestorben ist, der ein gottesfurchtiger, verstandiger Mann war, geht es mit der Schule schlecht. Die Knaben und Madchen lernen zur Noth lesen, Schreiben und Rechnen, auch wohl ein Gebet. Aber von ihren Aeltern daheim lernen sie, was sie sehen, namlich Lug und Trug, Schworen und Fluchen, Unzucht und Heuchelei, Raufen und Balgen, Betteln und Stehlen, Spielen und Saufen, Mussiggang und Muthwillen, Hader und Neid, Verleumden und Lastern."

Als Oswald diese Dinge horte, schuttelte er den Kopf und ging in seiner Seele betrubt von dannen.

4. Wie der Oswald erschrecklich thut, und es

ihm nicht hilft.

An einem Sonntage nach der Predigt wurde die ganze Gemeinde versammelt; denn es war guter Rath theuer, woher Geld nehmen, weil im Lande eine ausserordentliche Steuer ausgeschrieben, und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekundet war, die bisher nicht gehorig verzinset worden. Und das ganze Dorf kam nach alter Uebung unter der grossen Linde auf dem Platz zusammen. Die Vorsteher waren im Kreise der Burgerschaft, und ausser dem Kreise standen die Weiber, Tochter und Kinder, zu horen, was vorgehe.

Oswald war auch dahin gegangen, und hatte sich vorgenommen, seinen Mitburgern uber ihren traurigen Zustand die Augen zu offnen. Daher, als die Vorgesetzten ihre Antrage gemacht und ihre Reden geendet hatten, stieg Oswald auf einen Stein, der mitten auf dem Wege lag. Da ward er von Jedermann gesehen. Also hub er an zu reden:

"Liebe Mitburger! Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den Krieg, und bin als Mann wieder zuruckgekommen. Aber wie ich in unser Dorf kam, habe ich es kaum wieder gekannt, und mir ist in Wehmuth das Herz gebrochen, als ich sah, wie alles verandert worden ist. Denn vorzeiten hiess unser Dorf mit Recht G o l d e n t h a l , weil es ein goldenes Thal war, worin Gottes reicher Segen wohnte, mehr denn anderswo. Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend, nur wenige arm, und Bettler gar keine. Damals pflegte man uns, wegen unsers Wohlstandes, auch noch im ganzen Lande die H e r r e n G o l d e n t h a l e r zu heissen. Denn wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern, wie Bettler, sondern stattlich einher, in sauberm doch einfachem Gewande; und hatten nicht nur im Hause zur Nothdurft, sondern auch einen Gulden daruber hinaus. Damals hatte die Gemeinde keine Schulden zu verzinsen, sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen fur ausgeliehene Kapitalien, die wir erspart hatten. Damals war alles Land wohlgedungt und angebaut, denn Jeder hatte seine Kuh und sein Ross im Stall, und auch wohl Geissln und Schaafe oder ein Paar Schweine daneben. Damals glich unser Dorf schon von aussen einem zierlichen Marktflecken. Die Hauser standen schon und nett, von innen wie von aussen, dass sich kein Herr aus der Stadt hatte schamen durfen, darin zu wohnen. Haus- und Kuchengerath verkundeten, man sei wohl versorgt, und die Fenster glanzten wie Spiegel. Wenige Leute hatten Schulden, und wer sie hatte, dem war nicht bange, wie er sie zahlen musse. Damals bekam ein Goldenthaler ohne Handschrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein ehrliches Wort hundert und mehr Gulden geborgt. Damals war fur Goldenthal noch eine goldene Zeit."

Wie Oswald so redete, nickten ihm Alle freundlichen Beifall, und Einige sagten: "Der Oswald hat wohl Recht!"

Er aber redete weiter und sprach: "Nun ist es nicht mehr so. Man sollte unser Dorf nicht mehr Goldenthal nennen, sondern Koth- und Dreck-, Dornen- und Distelthal. Von unsern Aeckern ist meistens der Segen verschwunden; denn die Einen von uns haben zu viel Land, die Andern gar keines; die Uebrigen konnen es nicht in Ordnung anbauen und benutzen. Die Bettelei ist von Vielen nicht mehr fur Schmach gehalten, sondern fur einen ordentlichen Beruf und Erwerb angesehen. Die meisten Haushaltungen sind verschuldet, und eine um die andere sieht den Tag vor, da ihr Alles versteigert und sie ausgetrieben werden muss. Die Schuldboten verlassen unser Dorf nie. Mit den benachbarten Orten haben wir Zank und Prozess, und unter uns selber Feindschaft und Parteien. Wir haben noch den alten Hochmuth, aber nicht mehr das alte Geld; auf den Strassen Koth und in den Hausern Unflath und Gestank, den meisten Unflath aber im Herzen. Denn hier versteht sich fast Jedermann besser aufs Saufen, als aufs Arbeiten; besser aufs Borgen, als aufs Bezahlen; besser aufs Prellen und Stehlen, als aufs Geben; besser auf Hinterlist, als auf Wahrheit. Wenn das so fortgeht, mussen wir in Elend und Schande Alle untergehen. Schon haben wir zu Stadt und Land keinen Kredit mehr, und wenn man Jemand einen Lump heissen will, so sagt man: er ist ein Goldenthaler!"

Bei diesen Worten des Oswald erhob sich ein grosses Gemurmel und Drauen im Volk, und jeder sah den Oswald mit finstern Blicken an; also, dass des Mullers Elsbeth in grosse Furcht gerieth. Denn sie stand auf einer Bank am Hause und verwandte kein Auge vom Oswald, der ihr von Herzen lieb war.

Oswald liess sich jedoch von dem Gemurre und Gesurre nicht schrecken, sondern fuhr also fort:

"Liebe Mitburger, wenn noch ein Tropfen redlichen und frommen Bluts in euern Adern wallt, so schlaget Hand in Hand und sprechet: es soll und muss anders werden! Woher kommt unser Verderben? Dahinten her kommt es, aus den Wirthshausern! Da sind eure Landereien in die Wein- und Bierfasser gefallen, und eure Kuhe von den Spielkarten erschlagen. Da habt ihr das Sparen verlernt und das Arbeiten vergessen. Armuth macht Diebsmuth, und Mussiggang ist des Teufels Ruhebank. Das Geld eurer Vater ist verzehrt, und ihre Sonntagsrocke traget ihr mit Lochern in den Aermeln. Habet ihr ein paar Kreuzer im Sack, trinket ihr lustig, und Weib und Kind daheim hungern. Was soll daraus werden? Ich frage die Vorgesetzten! Wo ist das Vermogen der Gemeinde, und wie habt ihr hausgehalten mit der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren? Warum leget ihr keine treue Rechnung ab, und gebet nicht aufrichtigen Rath, wie zu helfen sei? Warum schmauset ihr lieber auf Gemeindsunkosten, statt der Gemeinde Gut zu sparen? Warum verschliesset ihr nicht die Wirthshauser, und offnet dafur Abzugsgraben fur das Wasser im versumpften Gemeindswald oder bessert unsere halsbrechenden Dorfwege ans? Warum machet ihr's den Leuten so leicht, wenn sie Geld borgen wollen, und machet es ihnen so schwer, wenn sie sich vor dem Bettelstab retten mochten?"

Wie Oswald so redete, schrien einige der Vorgesetzten: "Schweig, du Landstreicher und Taugenichts, oder wir schicken dich bei Wasser und Brod in den Thurm, achtundvierzig Stunden lang!" Und die ganze Gemeinde brullte: "Schweig! Schweig!"

Aber Oswald erwiderte: "Ihr habet Macht, mich in den Thurm zu werfen; aber ich habe Macht, euch vor die hohe Landesregierung zu rufen. Wenn ich da eure Wirthschaft aufdecke, wird euch ubler zu Muth sein, als mir bei Wasser und Brod ist. Ihr alle aber, Mitburger, beweiset mir, dass ich falsch rede, oder lastere. Fraget eure Gewissen, ob das Gemeindegut vermehrt oder verheert ist? Fraget eure Gewissen, ob ihr reicher oder armer geworden seid; ob Treu und Glauben noch unter uns gelten; ob Gottesfurcht und Menschenliebe unter uns herrschen, oder hartherziger Eigennutz, Wucher, Luderlichkeit, Hinterlist, Tucke, Meineid und falsches Wesen? Und wenn euer Gewissen keine Zunge hat, so schauet eure zerfallenen Hauser und Stalle, eure verwilderten Felder und Garten, eure leeren Geldbeutel und Truhen, eure zerrissenen Kleider und Hemden an; die sind meine Zeugen wider euch. Schauet eure armen verwahrlosten Kinder an, sie sind meine Zeugen wider euch. Ihr habet mehr Sorgfalt fur eure Kuhe, Saue und Ziegen, als fur eure Kinder; und Kuhe, Saue und Ziegen sind euch nicht so lieb, als euch Schwelgerei und Spiel, Frass und Sauf sind."

Oswald wollte noch mehr sagen; aber sie stiessen ihn mit morderischem Gebrull vom Stein, und liessen ihn nicht mehr reden. Einige wollten die Hand an ihn legen; aber er ergriff sie mit gewaltiger Faust und schleuderte sie gegen die Andern, dass sie mit den Kopfen zusammenschlugen. Er nahm einen gewaltigen Stecken, und drohte den Ersten zu Boden zu schlagen, der sich ihm nahern wurde. Das Geschrei gegen ihn ward immer lauter und wilder. Einige hoben Steine auf. Oswald ging beherzt mit geschwungenem Prugel gegen den dicken Haufen, und mitten durch denselben nach Hause. Er wusch sich, verband seine verwundete Stirn und war ruhig.

Da kam, blass wie der Tod, mit verweinten Augen Elsbeth und fragte: "Oswald, wie geht's dir?" Und sie konnte vor Wehmuth nichts mehr sagen, und er trostete sie und druckte sie geruhrt an sein Herz.

5. Wie Oswald von seinen Feinden verfolgt

wird, und was er dagegen thut.

Oswald hatte seit dem Tage, da er an die Gemeinde geredet, eitel Verdruss und Noth. Bose Buben warfen ihm Nachts die Fenster mit Steinen ein. In einer andern Nacht hatten sie ihm sechs junge Obstbaume abgebrochen, die er im Garten gepflanzt hatte. In einer andern Nacht hatten sie ihm den Salat von den Beeten gestohlen.

Als er zu den Vorgesetzten ging und Klage fuhrte, lachten sie hohnisch und sprachen: "Du hattest wohl mehr Strafe verdient, wenn wir mit dir nach aller Strenge verfahren wollten. Packe dich von hinnen, du Lastermaul!"

Oswald sagte: "Wenn ihr mir gegen Bosewichter weder Recht noch Schutz verleihen wollet, so machet in der Gemeinde bekannt, dass ich mich selber zu beschirmen wissen werde, und sich Jeder vor Schaden huten solle."

Die Feinde aber fuhren fort, ihn zu plagen, doch nicht ohne ihren Schaden und Schrecken. Denn als er eines Abends in der Muhle war, und sie es wussten, und sich in seinen Garten schlichen, um ihm alles zu zerstoren, geschahen plotzlich aus den Fenstern seines Hauses zwei Schusse. Da liefen sie mit Entsetzen davon und meinten, er musse den bosen Geist im Hause zum Wachter haben. Denn wahrend sie noch liefen, begegnete ihnen Oswald, der von der Muhle kam, und er packte einen von ihnen und sprach mit donnernder Stimme: "Warum habt ihr, wie Diebe, in meinem Garten einbrechen wollen?" Doch that er ihnen nichts zu leide. Ein andermal, da schlechte Kerls ihm einen Possen spielen wollten, und nach Mitternacht, vom Branntwein erhitzt, uber den Hag stiegen, der sein kleines Gut umfing, wurden sie an den Fussen blutig verwundet, dass sie vor Schmerzen laut aufschrien, und kaum uber den Hag zuruck konnten.

Diese und andere Geschichten verbreiteten im Dorfe grosse Furcht, und es wagte sich Keiner mehr des Nachts in die Gegend von Oswalds Haus.

Er aber blieb freundlich gegen Jedermann, wie zuvor; gab dem Einen guten Rath, dem Andern in der Noth ein Stuck Geld. Doch that ihm der elende Zustand der Gemeinde leid, und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es.

Der Pfarrer sprach: "Ich bin Pfarrer, und habe hier nicht zu befehlen, und kann mich in eure Handel nicht mischen. Alles Ungluck dieses Dorfes kommt daher, dass die Leute im Schlamm und Unflath der Sunden untergehen. Sie fragen dem Worte Gottes nichts nach, und verkurzen aller Orten das Einkommen meiner Pfrunde. Es wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn uber sie kommen, und die Langmuth des Himmels nicht langer ihren Sunden nachschauen."

Oswald sagte: "Herr Pfarrer, mit Erlaubniss, Ihr konnet doch, wenn ihr wollet, Vieles zur Rettung der Gemeinde thun. Denn das Herz dieser Menschen ist verwildert, weil ihr Verstand verfinstert ist. Wenn Ihr Euch der Schule annehmen und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unterrichten wolltet, dass sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte: es wurden die guten Fruchte der Besserung nicht ausbleiben."

Der Pfarrer antwortete: "Dafur ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer. Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschafte keine Zeit dazu ubrig. Die Gemeinde selbst ist Schuld, dass sie keinen rechten Schulmeister haben kann, weil sie ihn schlecht besoldet."

Oswald sagte: "Wohlehrwurdiger Herr Pfarrer, ein guter Hirt, der seine Heerde wohl weidet, bekummert sich auch um jedes Einzelne in derselben. Die Leute sind unwissend, und verderbe oft bloss aus Unverstand, weil sie nicht wissen, wie sich helfen und ihre Sachen einrichten? Wenn Ihr nun bald zu dieser, bald zu jener Haushaltung in mussigen Stunden ginget, und sahet die Unvernunft der armen Leute, die oft nur zu Grunde gehen, weil sie sich nicht recht zu rathen wissen; sahet, wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr Verderben gewohnen, bis sie von Haus und Hof getrieben werden; sahet, wie die Kinder, erbarmlich verwahrloset, unmoglich besser werden konnen, weil sie nur das Schlechteste auf der Welt horen und sehen; o, Herr Pfarrer, wenn Ihr nun einmal ..."

Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie: "Was ficht Euch an? Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht, was er als Pfarrer zu thun habe? Hebet Euch weg von mir mit Euern Versuchungen. Ich bin ein geistlicher Hirt, der fur die armen Seelen sorgt, und bete taglich fur sie. Aber Ihr wollet mich, glaube ich, zum Sautreiber machen."

Als der Herr Pfarrer so zornig sprach, ging Oswald von dannen und sein Herz war sehr betrubt. Aber er konnte doch nicht ruhen, und dachte: es muss und soll geholfen werden, und Gott wird mir beistehen.

Und er legte Feierkleider an, nahm den Stab, und wanderte in die Hauptstadt des Landes. Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten, von Haus zu Haus, sein schweres Anliegen vorzubringen. Aber der eine von den Herren hatte ein grosses Gastmahl und konnte ihn nicht horen; der andere war spazieren gefahren und konnte ihn nicht horen; der dritte sass eben beim Spieltisch mit den Karten in der Hand und konnte ihn nicht horen; der vierte zahlte die eingegangenen Zinsen und konnte ihn nicht horen; der funfte fuhrte ein junges Frauenzimmer zum Tanzhaus und konnte ihn nicht horen. Endlich kam er zu dem letzten, der horte ihn an. Es war ein steinalter Mann mit einer weissen Haarbeutelperrucke. Vor diesem schuttete Oswald sein Herz aus, sprach vom Elend seines Dorfes, von der Schlechtigkeit der Vorgesetzten, von der Gleichgultigkeit des Pfarrers, von der Unwissenheit des Schulmeisters.

Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperrucke ganz freundlich und sprach zu ihm: "Du Flegel, der du geistliche und weltliche Obrigkeit verlasterst, packe dich und raisonnire nicht weiter, oder ich lasse dich ins Zuchthaus bringen. Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann, denn er ist mein eigener Vetter."

Mit diesem Bescheid verliess Oswald die Hauptstadt. Als er wieder ausser dem Stadtthor in die freie Luft kam, brach ihm das Herz, und er weinte laut.

6. Der neuerwahlte Schulmeister.

Als er am Nachmittag in das Dorf zuruckkam, liess er keinen Menschen wissen, warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset, und wie es ihm da ergangen sei. Vielmehr stellte er sich wohlvergnugt und redete Jedermann freundlich an, selbst seinen argsten Feind, den Lowenwirth B r e n z e l , welcher im Dorfe der reichste Mann, und im Gemeinderath der Vornehmste war. Der stand breitbeinig vor der Hausthur, die Kappe schief auf dem Ohr, die Hande uber den Bauch gefaltet, und schaute gar gebieterisch rechts und links.

"Guten Abend, Herr Brenzel!" rief ihm Oswald zu: "Habt Ihr schon Feierabend?"

Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach, ohne den Oswald anzusehen: "Ich verdiene meinen Taglohn, wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und die Bettler von meinem Hause treibe."

Wie Oswald diese unchristliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde horte, welcher ein Vater der Armen, der Wittwen und Waisen sein sollte, lief es ihm heiss und kalt uber die Haut, und er verdoppelte seine Schritte, um davon zu kommen. Desto mehr erquickte ihn, da er an der Muhle voruberging und er Elsbeth sah, die schone Tochter des Mullers Siegfried. Sie sass auf der Bank vor dem Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nahte neue Hemden. Und sie ward feuerroth, wie sie den Oswald erblickte, reichte ihm die Hand zitternd, lachelte ihn holdselig an, und ihre Augen glanzten von Thranen.

"Warum weinest du Elsbeth?" fragte Oswald erschrocken.

Elsbeth wischte sich schnell die Augen, lachelte noch freundlicher und sagte, indem sie den Kopf schuttelte: "Heute sag' ich dir's nicht, lieber Oswald, du sollst es schon einmal erfahren." Sie schien ihm schoner und zartlicher, als er sie je gesehen. Aber wie viel er auch fragen mochte, er erfuhr nicht, warum sie geweint habe.

Darauf fragte ihn Elsbeth: "Du aber bist in der Hauptstadt gewesen. Gelt, da hast du dir ein paar lustige Tage gemacht, wohl gar mit den schonen Stadtjungfern getanzt? Wie? Oswald, du seufzest? Ei, ei, Oswald, das will mir nicht gefallen. Nun hast du Heimweh zur Stadt, und in unserm armen Dorflein ist es dir nicht mehr schon genug."

So sprach sie, und er schlug traurig die Augen nieder, ohne zu antworten. Da trat sie naher, nahm seine Hand in die ihrige, und sagte wieder, mit einer zitternden Stimme, die man kaum horte: "Oswald, lieber Oswald, was fehlt dir! Sage mir auch ehrlich: was qualt dich?"

"Kind!" rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf: "Gott weiss es, ich konnte glucklich sein, und ich bin es, und in der Welt nirgends mehr, als bei dir, denn du bist herzgut. Aber mich jammern die Menschen, denn ich kenne ihrer so viele, und die meisten sind herzschlecht. Sieh nur an das Elend der Leute in unserm armen Goldenthal. Es wurde doch so wenig kosten, sie wieder zu erretten. Aber man macht die armen Leute, Gott erbarm's, zum Vieh, und den hartherzigen Reichen ist das eben recht. Die Ortsvorsteher haben ihre Stellen nur, um ihren Hochmuth zu kitzeln, und gewaltig zu sein, und sich allerlei Vortheil zu machen. Sie betrugen die Waisen, und plundern die Wittwen, und haben kein Gefuhl und kein Gewissen. So wird es im Dorfe immer schlechter, die Noth der meisten Haushaltungen immer grosser, und Keiner hilft. Wir haben eine Regierung Gott sei's geklagt! Die Herren wollen nur regieren, um zu stolziren und sich Vortheile zu machen; aber des Volkes Noth aus dem Grunde zu heilen, das halt Keiner fur seine Pflicht und Schuldigkeit. Es ist bei Allen nur auf Grossthuerei, Lustbarkeit und Geld abgesehen. Da wollen sie nur ihre Familien bereichern, ihren Sohnen und Vettern aufhelfen; da wascht eine Hand die andere, da hackt ein Rabe dem andern die Augen nicht aus, und das Land wird immer elender; und das kummert die Herren nicht. Sie lassen sich noch dazu fur ihre Weisheit und grosse Gnade loben, so niedertrachtig und schamlos sind sie."

Elsbeth sagte: "Ach, Oswald, herzlieber Oswald, warum gramt dich doch das? Es ist ein gerechter Gott im Himmel, der wird die richten, die ihre Pflichten verachten. Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes. Warum gramst du dich doch?"

Oswald sagte: "Kann mir denn wohl sein in der Holle, wo ich die Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll? So kann mir auch nicht wohl sein auf Erden, wo ich die Schandlichkeit der Herren in den Stadten, und die Schandlichkeit unserer groben, stolzen Dorfkonige sehe, die das arme Volk noch tiefer in den Koth und Staub niedertreten, statt es hervorzuziehen, wie ihre Schuldigkeit ware. Wenn dann die Unglucklichen aus Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden, betrugen und stehlen oder gar morden, lasst man sie recht ruhrend und feierlich hinrichten; oder wenn sie sich aus ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen, lacht man recht vornehm dazu. Ist das nicht ein Vorspiel der Holle? Und sind nicht unsere meisten Goldenthaler durch ihre Armuth fast dem Vieh gleich geworden, roh, ekelhaft, grob, unreinlich, gefuhllos? Und sind sie nicht durch die Laster der Armuth noch schlechter als das Vieh geworden, namlich zankisch, schlagerisch, verleumderisch, schadenfroh, diebisch, trag, nur aufgelegt zum Fressen und Saufen?"

Elsbeth sagte: "Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon. Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirth und zu nahe an den Weiher, sturzte ins Wasser und ertrank. Gestern Morgens fand man ihn. Heut ist er begraben. Zum Gluck hat er nicht Weib noch Kind."

Diese Nachricht horte Oswald nicht ohne Besturzung. Er fragte noch dies und das. Er schien etwas Wichtiges zu uberlegen, und ging gedankenvoll nach Hause. Elsbeth begriff nicht, was ihm so plotzlich durch den Kopf geflogen war. Aber sie erfuhr es am nachsten Sonntag.

Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen, weil es um die Erwahlung eines neuen Schulmeisters zu thun war. Oswald ging auch an die Gemeinde. Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Tochtern. Sie hatte grosse Angst, dass Oswald reden werde, was den Leuten missfallen konnte, und darum ihren Vater gebeten, den Oswald, wenn er aufbrause, zu besanftigen. Auch kam der Muller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite.

Der erste Vorsteher, Herr B r e n z e l , eroffnete der Gemeinde, um was es zu thun sei, und sagte: "Weil der Schulmeisterdienst erledigt und ein geringer Dienst mit vieler Muhe sei, indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe, sei es ein Gluck, dass er der Gemeinde einen wackern Mann vorschlagen konne, der das Amt annehmen wolle. Das sei der Schneider S p e c h t , dessen Profession schlecht ginge, und der ihm mutterlicher Seits etwas verwandt ware."

Darauf schlug der Adlerwirth K r e i d e m a n n , als zweiter Vorsteher, seinen armen Vetter, den lahmen Geiger S c h l u c k vor, der um so eher Vorzuge verdiene, weil er, statt vierzig Gulden zu nehmen, wegen Durftigkeit der Gemeinde mit funfunddreissig zufrieden sein wolle.

Der Schneider S p e c h t , als er sah, dass sich die meisten Bauern fur den Geiger erklaren wurden, sagte demselben alle Sund' und Schande, und erbot sich, mit dreissig Gulden zufrieden zu sein. Der Geiger ward daruber so erboset, dass er den Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hiess, und sich fur funfundzwanzig Gulden zum Schulmeister antrug. Der Schneider erklarte, den Geiger wegen seiner Schimpfreden vor Gericht zu ziehen; aber um so geringen Lohn wolle er nicht schulmeistern.

Da sich nun weiter zu dem Dienst Niemand meldete, weil sich kein Ehrenmann zu einer Stelle hergab, die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war, die sonst nichts hatten, so war die Gemeinde schon entschlossen, sie dem Schluck, als einen Nebenverdienst, zu geben. Denn dieser konnte doch nothdurftig schreiben und lesen.

Aber nun drangte sich Oswald hervor, ward blass und roth im Gesicht und rief: "Dem Kuh- und Sauhirten, der euer Vieh auf die Weide treibt, gebet ihr bessern Lohn, als dem Schulmeister, der eure Sohne und Tochter in Gottesfurcht und nutzlichen Dingen unterrichten soll! Eure Kinder sind Menschen, geschaffen, ein Ebenbild Gottes zu sein, aber nicht euer Vieh. Schamet ihr euch nicht der Sunde, die Ihr thut? Aber ich weiss gar wohl, der Gemeindsseckel ist immer leer, wenn fur das Nutzlichste gesorgt werden soll, und Schulgeld konnen die armen Leute nicht zahlen, die kaum Erdapfel und Brod und Salz haben. So will ich denn ein Uebriges thun, und ich biete euch an, Schulmeister zu werden, und verlange gar keinen Lohn. Ich sage noch einmal, ich will Schulmeister sein, es soll weder der Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten!"

Die Leute sahen sich einander verwundert an und den Oswald. Einige wollten ihn nicht haben und sagten, er konne oder wolle die armen Seelen der Kinder vielleicht dem Teufel verkaufen. Aber die Meisten bedachten, dass kein Anderer den Dienst so wohlfeil ubernahme, und larmten und schrieen, Oswald solle Schulmeister sein. Also wurden die Stimmen abgehort und Oswald wurde zum Schulmeister erwahlt.

Als dies Elsbeth horte, wollte sie vor Scham und Besturzung in die Erde sinken. Denn im Dorfe war, ausser dem Dorfwachter und dem Sauhirten, Keiner geringer gehalten, als der Schulmeister. Sie rannte ganz ausser sich zur Muhle, als ware ihr das grosste Ungluck und die bitterste Schmach widerfahren. Auch der ehrliche Muller Siegfried schuttelte argerlich den Kopf und sagte: "Ich glaube, der Oswald ist im Kopfe verruckt."

Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschluss. So ward er von dem Gemeinderath nach Vorschrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vorschlag gebracht. Er musste sich in der Stadt prufen lassen, und weil er eine zierliche Hand schrieb, im Rechnen mehr verstand, als fur Bauern nothig zu sein schien, ward er formlich bestatiget.

7. Wie Oswald Schule halt.

"Elsbeth, Elsbeth, quale mich nicht mit deiner Unzufriedenheit und deinem niedergeschlagenen Wesen!" sagte Oswald zu der betrubten Tochter Siegfrieds: "Siehe, die Alten sind verderbt und kaum zu bessern. Vielleicht kann ich unser armes Dorf wieder durch gute Erziehung der Kinder in Ansehen und Ehren bringen. Andern Weg gibt es nicht. Ein Dorfschulmeister ist freilich ein geringer und verachteter Mann; aber wie tief hat sich doch unser Herr und Heiland erniedrigt, um die Menschen zu bessern, zu belehren und selig zu machen. Hatten wir auch verstandige und gewissenhafte Regierungen, denen es weniger um ihre, als um des Volkes Wohlfahrt zu thun ware, fur die sie eigentlich da sind, so wurden sie mehr Sorgfalt und Achtung fur die Landschullehrer, als fur die Professoren an den hohen Schulen beweisen. Aber so ist es einmal nicht in der verkehrten Welt; Alles sieht und zieht nach oben, und versaumt, was unten ist. Darum wird es meistens oben zu schwer, und unten zu leicht, und viele Thronen stehen auf schwachen Fussen."

"Ach Oswald, Oswald!" rief Elsbeth: "Du weisst nicht, wie ubel du gethan hast!" Sie sagte jedoch nicht warum.

Inzwischen, sobald die Wintertage kamen, fing Oswald mit der Schule an. Den ersten Tag stellte er sich vor die Hausthure und empfing daselbst die Schulkinder. Hatten sie kothige Schuhe, mussten sie dieselben erst mit Stroh rein fegen, und die Sohlen abkratzen am Eisen vor der Hausthure, damit sie den saubern Fussboden des Zimmers nicht besudelten. Dann reichte er jedem zum Willkommen freundlich die Hand. Waren aber die Hande unreinlich, mussten sie erst zum Brunnen und Gesicht und Hande waschen. Waren ihre Haare nicht zierlich gekammt, schickte er sie in ihre Hauser zuruck, sich kammen zu lassen. Die aber, welche reinlich und wohlgekammt erschienen, kusste er freundlich auf die Stirn.

Die Buben und Magdlein wunderten sich sehr; einige schamten sich, andere lachten, noch andere weinten. So etwas war ihnen nie widerfahren.

Den zweiten und dritten Tag stand Oswald wieder vor der Hausthure, und so noch manchen Tag, bis alle so sauberlich zur Schule kamen, wie er es befohlen hatte. Nachher empfing er sie im Schulzimmer. Wer dann mit unreinlichem Haare und Gesicht oder unsaubern Handen und Schuhen kam, ward zum Gelachter Aller auf einen Tritt zur Schau gestellt, und nachdem er eine Stunde da gestanden war, heimgeschickt, um sich reinigen zu lassen.

Viele Leute im Dorfe verdross das; allein sie hatten in der Schule nichts zu befehlen, und mussten geschehen lassen, wie es Oswald wollte. So kam es, dass in wenigen Wochen die Schulkinder, gross und klein, arm und reich, alle ausserst reinlich am Leibe wurden, wenigstens so lange sie beim Schulmeister waren.

Oswald liess es aber dabei nicht bewenden. Nachdem die Kinder ein Vierteljahr lang zur Ordnung gewohnt waren, gab er auf die Reinlichkeit der Kleider Acht. Schmutz, Staub und Koth durften nicht daran haften, wenn auch die Kleider alt und zerrissen waren. Letzteres verzieh er; das war nicht der Kinder Schuld. Wer die ganze Woche am reinlichsten erschienen war, sowohl in der Schule, als ausser derselben, im Dorfe, auf den Gassen, in der Kirche, auf den Feldern, ward sein Liebling. Dem gab er die erste Woche ein Bild, oder ein Stucklein Seidenband, oder einen Bogen feines Papier zum Briefschreiben; die andere Woche abermals ein kleines Denkzeichen seiner Freundschaft; zuletzt offentlich vor Allen einen Kuss auf den Mund, und das gekusste Kind empfing das Recht, am Sonntag mit Oswald spazieren zu gehen, oder wenn es schneite und unfreundliches Wetter war, bei ihm zu sein und sein grosses Bilderbuch zu besehen, aus welchem Oswald schone Geschichten zu erzahlen wusste.

Oswald war ein Mann, der sich auch bei Erwachsenen in Ansehen zu setzen wusste, der zwar nie schwor und fluchte, aber keinen furchtete; kein Wunder, dass alle Kinder Hochachtung fur ihn empfanden, und ihn zuletzt fast mehr lieb hatten, als sie ihre Aeltern liebten. Da hatte man sehen sollen, wie ihm alle mit Ehrfurcht schmeichelten; wie freundlich sie zu ihm liefen, wenn er ihnen begegnete; wie sie ihm seine Wunsche aus den Augen zu lesen suchten; wie ein Wink genug war zum freudigen Gehorsam.

Das war den Bauern in Goldenthal ganz unbegreiflich, um so mehr, da dieser Schulmeister sich weder des Haselstockes, noch der Birkenruthe bediente. Manche Leute wurden angstlich und erzahlten sich die Historie von einem Ratzenfanger zu Hameln, der auch die Kinder an sich zu locken gewusst, und endlich alle in die Hohle eines Berges gefuhrt habe, wo sie mit ihm verschwunden seien. Einige alte Bauernweiber sagten offentlich, das ginge nicht mit rechten Dingen zu, und riethen, man solle keine Kinder mehr zum Schulmeister lassen. Doch dazu kam es nicht.

Oswald aber redete und sprach: "Reinheit des Herzens ist die Gesundheit der Seele; Reinlichkeit des Leibes ist die Gesundheit des Korpers. Die Thiere mogen sich walzen im Koth, aber der Mensch als Gottes Ebenbild, soll sich rein erheben zum reinen Himmel. Solches muss der Anfang aller Kinderzucht sein, dass die Kindlein wissen, sie seien Menschen und viel besser als Thiere. Dann ist aus ihnen Alles zu machen; aus den Thieren lasst sich nichts machen."

Ferner redete Oswald und sprach: "Ein Schulmeister, welcher nicht einmal versteht, die zarten Kinderherzen durch Ernst und Liebe zu leiten, dass sie ihm willig folgen, der versteht sein Handwerk schlecht. Und man sollte billig den Stock auf des Schulmeisters Rucken zerschlagen, womit er die Kinder zuchtigt, als hatte er Affen, Hunde und andere Thiere abzurichten, die keine Vernunft und kein menschliches Herz haben."

8. Was ferner in der Schule vorgeht.

Es ging aber ein Geschrei im Dorfe, der Oswald verfuhre die Kinder, und bringe ihnen eine neue Religion bei, und die Kinder konnen nichts bei ihm lernen. Denn es sei erschrecklich anzusehen, wie die Kinder alltaglich daran treiben, um in die Schule zu kommen, da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu thun hat; das sei wider die Natur. Desgleichen sei es den ganzen Tag in dem Schulhause todtenstill, wie in einer Kirche, wo man sonst Larmen und Geschrei der Lernenden weit hinaus uber das Dorf seit Menschengedenken gehort habe; selbst in den Singstunden tone es nur wie Bienengesumse. Ferner vernehme man, dass beim Gebet argerliche Neuerungen vorfallen, und dass die Kinder zur Hexerei angeleitet wurden, wozu sie schon die verdachtigsten Zeichen malen lernten.

Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn Pfarrers und der hochobrigkeitlichen Schulrathe in der Stadt. Und weil in der That Niemand wusste und begriff, was der Oswald treibe, ward zur Untersuchung und Abhulfe der Beschweren eine Kommission abgeordnet, die aus zwei Herren von der Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand. Diese traten eines Morgens unerwartet, ehe die Schule angefangen war, zum Oswald und sagten, was ihr Auftrag sei, und er solle in ihrer Gegenwart lehren, wie er gewohnlich thue.

Da nun die Kinder einzeln ankamen, war auch in armen und zerrissenen Kleidern Sauberkeit und Ordnung lieblich zu schauen, und wie alle erst zum Schulmeister gingen, ihm die Hand kussten, dann sich still zu ihren Sitzen begaben, wo sie frohlich mit einander flusterten und auf die Fremden schauten. Es waren der Kinder in allem funfundfunzig; die Knaben sassen auf der einen, die Magdlein auf der andern Seite.

Nachdem sie Alle versammelt waren, sprach Oswald mit lauter Stimme: "Ihr lieben Kindlein, lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwartigen lieben Gott, unserm Vater, uns demuthigen, und ihm unsere Gedanken und Bitten ehrfurchtsvoll vortragen." Und wie er dies sprach, falteten alle funfundfunzig Kinder ihre Handlein und sanken auf die Knie, still vor sich zur Erde schauend. Auch Oswald kniete nieder; und der Herr Pfarrer und die Rathsherren aus der Stadt, da sie alles sich demuthigen sahen vor dem Ewigen, folgten dem Beispiel Aller und knieten auch. Dann las der Schulmeister ein schones, ruhrendes Gebet, welches vor ihm auf dem Stuhle lag. Es war so verstandlich abgefasst, dass es auch dem Verstande des kleinen sechsjahrigen Kindes begreiflich war. Das bewegte das Herz eines der Rathsherren so tief, dass ihm die Augen voller Thranen wurden.

Dann standen Alle auf, und die Aeltesten der Schule, indem sie auf eine mit Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen, sangen mit sanfter Stimme vierstimmig ein schones Morgenlied. Die Kleinen sumseten den Gesang fur sich ganz leise nach. Darauf lasen die bessern Leser aus einem Buche, abwechselnd einen frommen Vers; jede Zeile aber ward von der ganzen Schule mit halblauter Stimme nachgesprochen, dann das Buch geschlossen, und erst von der Schule, dann wieder von einzelnen Kindern, die Oswald aufrief, der fromme Vers auswendig hergesagt.

Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln, auf welchen theils lateinische, theils deutsche Buchstaben, theils Sylben, theils ganze Zeilen in grosser Vorschrift geschrieben zu sehen waren. Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Dinte und Feder die Vorschriften nach. Oswald ging von Kind zu Kind, belobte das eine, belehrte das andere, liess das dritte Feder und Griffel besser halten, und dergleichen mehr.

Nach einer Stunde theilten sich die Kinder wieder in vier Haufen, und man sah statt eines Schulmeisters vier Schulmeister. Denn die, welche am besten lesen konnten, stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder deutsche Buchstabe einzeln oder in Sylben oder ganzen Satzen auf, wie Oswald es angab. Die Buchstaben waren auf Pappe geklebt, beweglich und einzeln. Dann sah Oswald nach, ob Alles recht gemacht sei; und jeder der kleinen Schulmeister liess seinen Haufen die Buchstaben, die Sylben, die Worter und Satze sprechen mit halblauter Stimme. Keiner storte den Andern. Oswalds Auge und Ohr war bei Allen, und mit leiser Stimme half er bald links, bald rechts nach.

Und abermals nach einer Stunde vertheilten sich die Haufen, und statt der Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln, und neue Lehrmeister und Lehrmeisterinnen dazu; und die Einen sprachen Zahlen zusammen, die Andern addirten, die Dritten subtrahirten, die Vierten sagten das Einmaleins, und so weiter. Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel, die rechneten fur sich. Am Ende sagte Jeder an, was er herausgebracht. Oswald sah in einem Buchlein nach, worin die gelosten Aufgaben standen, und sagte auf der Stelle, ob recht oder falsch.

Gar bewundernswurdig war die Stille, die Ordnung, die Lernbegierde Aller. So etwas hatten die Rathsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen.

Als nun so der Morgen vollbracht war, begaben sich die Kinder, den Schulmeister und die Fremden grussend, still hinweg. Draussen aber war frohes Gelachter und lauter Jubel der Kleinen.

Und Nachmittags sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen Tafeln. Da zeichneten sie kunstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf ihren Rechentafeln und Papieren, einige sogar schon Umrisse von Blumen und wunderbaren Gefassen. Dies gethan, lasen die besten Leser aus einem Buche lustige und lehrreiche Geschichten und Gesprache vor. Da hatte man die Freude der Kinder sehen sollen uber alles das, was sie horten. Dann befahl Oswald denen, die am besten schreiben konnten, die angehorte Geschichte aufzuschreiben und ihm morgen zu bringen, doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu begehen. Zuletzt nannte Oswald offentlich mit Lobspruch die Namen derer, die an diesem Tage ihre Sache am besten gethan. Und weil derselben sechs waren, machte er Allen die Freude, ihnen noch eine Stunde lang etwas Schones zu erzahlen. Und er erzahlte ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne, der in der strengsten Winterkalte auf der Landstrasse schlafrig geworden und erfroren sei, dass man ihn todt in ein Dorf gebracht; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine warme Stube legen und aufthauen wollen. Aber ein geschickter Arzt sei gekommen, habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase in Schnee vergraben, nachher sogar in eiskaltes Wasser gelegt, dass um die Gliedmassen dunnes Eis geworden; dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht, mit Wollentuchern stark gerieben, bis der Todtgeglaubte wieder zum Leben gekommen ware. Wie das zugegangen, erklarte Oswald Alles.

So war der Schultag zu Ende.

9. Von der Sonntagsschule, und dem Vorfall in

der Muhle.

So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder; alle Tage hatte er etwas Neues fur sie. Die Rathsherren und der Herr Pfarrer gaben ihm grosse Lobspruche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande. Das konnten die Bauern in Goldenthal nicht begreifen, und sprachen unter einander: "Wie will's doch der Oswald besser verstehen, als die alten Schulmeister, die wir in unserer Jugend gehabt? Aber er kann allerlei Blendwerk machen, und hat es selbst dem Pfarrer und den Rathsherren angethan. Ganz richtig ist es mit ihm nicht!"

Im Sommer war zu Goldenthal nie Schule gehalten worden; denn die grossern Kinder mussten den Aeltern in Feld- und Hausgeschaften helfen. Aber Oswald nahm auch im Sommer die Kleinern zu sich, und unterrichtete sie einige Stunden, und gab ihnen bei sich zu spielen, oder kleine Geschafte in seinem Garten und Feld, wohin sie ihn begleiteten und Steinchen aus dem Acker trugen, Unkraut jateten und dergleichen. Als das die andern Kinder sahen, baten sie Oswald beweglich, sie nicht zu vergessen, und er nahm sie, wenn Feierabend war, auch noch zu sich und setzte den Unterricht mit ihnen fort. An Sonn- und Festtagen ging er mit ihnen sogar spazieren in Feld und Wald; zeigte ihnen die giftigen Krauter und erzahlte grauelhafte Geschichten davon; oder er erzahlte ihnen vom Leben und der Haushaltung der Thiere, der zahmen und wilden; von den Quellen, Stromen und Meeren; von den Bergen und Hohlen; von den Landern und Menschen auf Erden; von den Sternen, und wie weit sie von uns entfernt waren und wie gross. Das hatte er Alles gesehen und in Buchern gelesen.

Als das die grossen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen, bekamen einige Lust, Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein. Und er erlaubte es ihnen, denn ihre grosse Unwissenheit jammerte ihn. Und er lehrte sie noch allerlei, und gab ihnen auf, was sie in mussigen Stunden der Woche zu Hause lesen, rechnen und schreiben mussten. Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch. So ward es eine wahre Sonntagsschule. Und es kamen immer mehr junge Leute dazu. Wer aber nicht sehr reinlich einherging, wer die Wirthshauser besuchte, wer Karten spielte, wer jemals schwor und fluchte oder einen Raufhandel hatte, den stiess er von sich. Er war ihr Schiedsrichter, und that doch immer, als ware er Ihresgleichen. Sie halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit, ohne dass er es forderte.

Die jungen Leute aber, welche es mit Oswald hielten, wurden von ihren Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet; man hangte ihnen Uebelnamen an, hiess sie Schulmeister und Gelehrte, und spielte ihnen allerlei Possen. Und die Gemeindsvorsteher sahen es gern, wenn man den Oswald und seine Freunde verfolgte; denn sie furchteten, er wolle sich Anhang machen, um einst an ihre Stelle gewahlt zu werden. Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Bose nach, und wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf. Oswald kam daher auch zu Niemanden; nur regelmassig besuchte er die Muhle, wo er allezeit willkommen war.

Wie er aber eines Abends in die Muhle kam, fand er die lieben Leute darin alle mit verstorten Gesichtern. Der alte Siegfried war still und nachdenkend, die Mullerin kalt und verdriesslich, im Hause umherfahrend und die Thuren hinter sich zuwerfend; Elsbeth hatte rothgeweinte Augen.

Sobald Oswald mit Elsbeth allein war, sprach er: "Welches Ungluck ist hier geschehen, und welcher bose Geist ist in dieses Haus des Friedens eingezogen? Ihr Alle seid wie verwandelt. Sage mir, Elsbeth, was ist vorgegangen."

Elsbeth antwortete mit zitternder Stimme: "Gott sei's geklagt, Oswald, ich muss es dir sagen. Ja es muss heraus. Ich bin recht unglucklich." So sprach sie, und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen.

Nachdem er sie beruhigt hatte, sagte sie: "Nun ist's ein Jahr, Oswald, da fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich, und ich sagte dir's nicht. Damals war der Lowenwirth Brenzel zu uns gekommen, und hatte bei meinem Vater und meiner Mutter um mich angehalten fur seinen Sohn, der schon eine Muhle im Dorfe Altenstein hat. Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen, denn der Lowenwirth ist der reichste Mann im Dorf, und erster Vorsteher der Gemeinde, der uns viel schaden und nutzen kann; und mein Vater will keinen Schwiegersohn, als einen Muller. Ich aber sagte, ich sei noch jung, und wolle noch ein Jahr warten, und blieb dabei, und sie richteten bei mir nichts aus. Nun ist das Jahr vorbei, und auf den Tag kam der Lowenwirth mit seinem Sohne wieder. Sie haben bei uns gespeiset, und Vater und Mutter hatten mit dem Lowenwirth schon alles in Richtigkeit gebracht, und die Verlobung sollte heute geschehen. Aber ich habe gesagt, ich wollte mich nie verheirathen, und bin dabei geblieben. Denn der junge Brenzel ist ein wuster Gesell, gleichwie sein Vater ein harter und wuster Mann ist. Nun ist im Hause Ungluck und Herzeleid."

Als Oswald dies horte, ward er sehr unruhig. Er ging im Zimmer schweigend auf und ab. Er selber hatte sich im Stillen Hoffnung gemacht, dass Elsbeth einmal seine Frau werden musse. Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte: "Elsbeth, liebe Elsbeth, du willst dich niemals verheirathen? So will auch ich ohne Weib bleiben mein Lebenlang, denn ich hatte kein anderes gewahlt, als dich. Und ich habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber, und hoffte immer, du wurdest mir noch recht gut werden."

Da sank Elsbeth weinend an die Brust Oswald und sprach mit gebrochener Stimme: "Ach Oswald, Gott weiss es, du bist mir allzulieb geworden, mehr denn recht ist. Aber mein Vater ist reich, und will einen reichen Sohn haben, und andert seinen strengen Sinn nicht. Du aber bist nur ein geringer Schulmeister, und kannst noch lange keine Frau ernahren."

Da schloss Oswald die gute, weinende Elsbeth in seine Arme, und druckte den ersten Kuss auf ihre Lippen und sagte: "Nun bist du meine Braut und Verlobte, und keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen. Furchte dich nicht, du Holdselige, denn nun gehorst du mir an."

Und er ging hinaus, den alten Siegfried und die Mutter zu suchen. Und Elsbeth horte sie alle sehr laut und heftig mit einander reden, aber verstand nichts. Und sie zitterte vor grosser Angst, und wusste in ihrer Noth keinen Rath. Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Knie, und faltete ihre Hande und betete inbrunstig mit thranenvollen Augen zum Himmel, wahrend die Andern stritten. Und als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand, sah sie draussen den Oswald, begleitet vom Vater und der Mutter, von der Muhle weg ins Dorf gehen.

Das vermehrte die Furcht und Angst uber die Massen. Keiner in der Muhle wusste, wohin die Aeltern mit dem Oswald gegangen. Sie wusste aber wohl, Oswald war hitzig und aufbrausend, und konnte gegen die Aeltern gefehlt haben und mit ihnen vor den Richter gegangen sein, und das war der Lowenwirth! In ubergrossem Kummer betete sie viel fur Oswald und sich.

Es war zehn Uhr Nachts, da horte sie draussen Gerausch. Es kamen Vater und Mutter mit Oswald. Und Siegfried nahm seine Tochter und sprach: "Elsbeth, du hast also den Oswald lieb?" Sie antwortete und sprach: "Kann ich dafur? Ihr hattet ihn ja auch lieb." Da legten die Aeltern die Hande Oswalds und Elsbeths in einander und segneten die Beiden als ihre Kinder. Elsbeth war ganz erschrocken, und wusste nicht, ob sie traume.

10. Oswald kommt in schlechten Ruf.

Als am folgenden Sonntag in der Kirche der Schulmeister Oswald und Elsbeth als Brautleute von der Kanzel herab verkundet wurden, da rissen die Goldenthaler Bauern die Augen gewaltig auf, und die Weiber zischelten bestandig einander etwas in die Ohren, und der Lowenwirth ging aus der Kirche, wie ein grimmiger Lowe, und schwor, er wolle nicht ruhen, bis er den meineidigen Muller sammt seinem ganzen Hause und dem Schulmeister zu Grunde gerichtet, aus dem Dorfe vertrieben und Alle ins Zuchthaus gebracht hatte oder an den Galgen. Nichtsdestoweniger feierten Oswald und seine Elsbeth nach drei Wochen in der Muhle sehr vergnugt ihre Hochzeit, dem grimmigen Lowen zum Trotz.

Und als die Neuvermahlten Abends aus der Muhle heim kamen in Oswalds Hans, fiel Elsbeth ihrem Manne um den Hals und sagte: "Ach Gott, wie bin ich so glucklich! Ich kann noch nicht daran glauben, dass Alles wahr sei. Und man sagt wohl, es gibt betrubte, ubelgerathene Ehen; konnten wir auch wohl Beide jemals aufhoren, uns lieb zu haben, und konnten wir jemals wunschen, lieber getrennt, als ewig verbunden zu sein?"

Oswald antwortete und sprach: "Wir werden Beide mit einander glucklich sein, so lange wir leben auf Erden; aber wir mussen ein dreifaches Gelubde thun. Und so lange wir es redlich halten, wird Eintracht und Segen Gottes in unserer Ehe sein. Von heute a n lebst du fur mich, und ich lebe fur dich; u n d w i r w o l len nie vor einander das geringste G e h e i m n i ss h a b e n , und selbst wenn wir gefehlt haben, es uns einander sogleich offenbaren. Dadurch werden wir manchen Fehltritt und manches Missverstandniss verhuten, das oft schmerzliche Folgen haben kann. D a n n a b e r w o l l e n w i r von unsern hauslichen Sachen Niemandem, auch Vater und Mutter n i c h t s o f f e n b a r e n , dass Niemand in unsern Dingen reden konne, oder sich zwischen uns drange. Nur so gehoren wir Beide uns ganz an, als waren wir allein in der Welt. Endlich wollen wir n i e m a l s gegen einander bose werden, und nicht einmal zum Scherz mit einand e r b o s e t h u n ; denn aus Neckerei wird oft Ernst, und was man zuweilen thut, daran gewohnt man sich leicht."

So sprach Oswald. Und Beide thaten sich einander gegenseitig das Gelubde vor Gott. Und wie sie den Bund mit einem Kuss besiegelten, stieg vor dem Hause in nachtlicher Stille ein sanfter schoner Gesang von vielen Stimmen empor. Das waren Oswalds Schuler und Schulerinnen im Gesang, die doch auch ihrem Lehrer eine Freude machen wollten. Und wie die Neuvermahlten folgenden Morgens aufgestanden waren, sahen sie viele Manner, Weiber und Kinder in der Ferne zusammengelaufen stehen, und auf das Haus schauen und darauf zeigen. Oswald offnete neugierig das Fenster, und sah sein ganzes Haus wunderbar mit Blumenkranzen und Blumenschnuren umhangt und umsponnen. Das hatten in der Nacht still und heimlich seine Schuler und Schulerinnen gethan. Auch die kleinsten Kinder hatten dazu Feld- und Gartenblumen gesammelt. So lange das Dorf Goldenthal auf Erden war, hatte man dergleichen nicht erlebt, und als Oswald wieder zur Schule ging, kamen am ersten Tage nach seiner Hochzeit alle Kinder, gross und klein, reich und arm, und hatten sich mit Blumenstraussen geschmuckt, als ware es ein grosser Festtag. Das freute den Oswald und seine junge Frau recht innig; denn das verrieth doch gute Herzen voll Liebe und Erkenntlichkeit. Und sie kussten die Kinder, liessen ihnen Kuchen backen und theilten Allen aus.

Im Dorfe aber war viel eitles Geschwatz uber die Hochzeit, und Jeder hatte seine Meinung daruber. Denn Niemand konnte begreifen, dass es dabei mit rechten Dingen zugegangen sein solle, sintemal unerhort war, dass der reichste Muller im Lande seine schone Tochter und einzige Erbin einem armen Schulmeister zur Frau gegeben. Um die Elsbeth wurden auch wohl vornehme Herren aus der Stadt gefreit haben, so schon und reich war sie. Man wollte daher gern wissen, warum der Muller einen so einfaltigen Streich gemacht habe? Aber der alte Siegfried lachte nur, und die Leute brachten von ihm nichts heraus. Auch die alte Mullerin ward von ihren Gevatterinnen sehr geplagt und geneckt mit dem armen, schlechten Schulmeister, und dass man einem hergelaufenen Kerl eine solche Tochter anhange. Die Mullerin war bei aller Gottesfurcht doch eine stolze Frau. Daher thaten ihr die verachtlichen Reden weh, und als sie daruber einst vor Zorn fast weinte, sagte sie zur Adlerwirthin heftig: "Schweigt mit euerm dummen Geschwatz; ihr wisset so viel als nichts. Der Oswald konnte wohl den Adlerwirth und Kreuzwirth auskaufen. Er hat mehr, als man glaubt. Das hab' ich mit meinen leiblichen Augen gesehen. Wenn ich nur reden durfte, ich konnte euch Dinge sagen, ihr solltet Maul und Nase aufsperren." So sprach sie und schwieg plotzlich, und war verdriesslich, dass sie im Zorn mit etwas herausgeplatzt war, das sie verschweigen wollte. Auch erfuhr die Adlerwirthin weiter nichts, und musste noch dazu versprechen, es Keinem wieder zu sagen.

Die Adlerwirthin sagte es auch Niemandem, als ihrer Schwester und ihrem Manne, die vorher geloben mussten, das Geheimniss bei sich zu behalten. Aber sie erklarten die Reden der Mullerin so, als habe diese mit leiblichen Augen ganze Haufen Goldes und Silbers bei Oswald gesehen; und Oswald konne, wenn er wolle, das ganze Dorf kaufen; und es gingen im Hause Oswalds manchmal Dinge vor, dass, wenn man sie sagen durfte, den Leuten die Haare zu Berge stehen wurden. Dem Adlerwirth und seiner Schwagerin, als sie dies horten, standen vor Entsetzen wirklich schon die Haare gen Berge, und sie konnten nicht anders, und vertrauten das Geheimniss nur einigen ihrer besten Freunde.

Nach wenigen Tagen wussten die Leute in Goldenthal weit mehr, als die Mullerin gesagt hatte. Da hiess es, der Oswald stunde mit dem Fursten der Holle im Bundniss; dem habe er mit eigenem Blute seine arme Seele verschrieben. Doch dreissig Jahre lang solle der Bose den Willen des Schulmeisters thun; am Ende des letzten Jahres werde der Teufel Oswalds Seele in der heiligen Christnacht zwischen Eilf und Zwolf holen, und dem Unglucklichen den Kopf umdrehen, dass das Antlitz im Nacken stehen bleibe. Der Schulmeister habe Gold, so viel er begehre, und der schonen Elsbeth habe er einen Liebestrank beigebracht, daran sie hatte entweder rasend werden oder jammerlich sterben, oder ihn heirathen mussen. Ferner, der Oswald konne Geister bannen, Schatze heben, das Fieber besprechen, den Kuhen es anthun, dass sie blaue Milch oder wohl gar Blut geben mussten; er konne das Feuer bannen, sich stich- und kugelfest machen, auf einem Besen durch die Luft reiten und viele andere Dinge mehr. Das habe er alles aus gefahrlichen Buchern erlernt; er habe Doktor Fausts Hollenzwang, Kaiser Caroli Halsgerichtsordnung und das Buch von Salomonis Siegelring.

Von diesem Augenblicke an furchteten sich die Leute in Goldenthal vor dem Schulmeister entsetzlich. Keiner that ihm etwas zu leid, aus Angst vor Oswalds Rache und hollischem Bundesgenossen. Sogar der grimmige Lowenwirth unterstand sich nicht, ihm oder dem Muller etwas in den Weg zu legen. Manche Leute schlugen heimlich ein Kreuz, wenn sie dem Oswald von ungefahr begegneten.

11. Elsbeth steht in gutem Ruf.

Wenn aber die jungen Leute des Dorfes der Elsbeth begegneten, die da bluhte wie eine Rose, schlug Niemand vor ihr ein Kreuz, sondern Jeder nickte ihr den freundlichsten guten Tag; und wenn sie vorbei war, blieb wohl Mancher gar still stehen und sah ihr nach. Denn Elsbeth war eine schone Frau, und sie schien mit jedem Tage schoner zu werden, dass sich selbst die Madchen in Goldenthal daruber wunderten. Dennoch war sie nicht kostbarer gekleidet oder geputzter, als andere Frauen waren. Aber man mochte sie sehen Sonntags oder Werkeltags, Morgens oder Abends, sie war immer, als wollte sie zum Tanz gehen. Sie arbeitete in der Sonnenhitze auf dem Felde und im Garten; sie ging in den Stall und besorgte Kuh und Schwein; trug Gemus und Eier zum Verkauf in die Stadt und dabei war sie allezeit sauber und zierlich, und kein Fleck an ihren Kleidern.

"Ich glaube beinahe, die kann auch schon hexen!" sagte die Lowenwirthin, indem sie eine Prise Schnupftabak nahm, und sich die Nase mit dem Aermel wischte.

"Ja wohl!" sagten die jungen Manner alle: "Die kann es. Wenn Elsbeth nicht schon verheirathet ware, sie wurde uns allen die Herzen aus dem Leibe hexen, so schon ist sie!"

Und die verheiratheten Manner im Dorfe verfuhren gar oft grob mit ihren Weibern, und gaben ihnen Schmahworte und Ohrfeigen, dass sie nicht auch so schon geblieben waren, wie die Schulmeisterin. Dann heulten die Weiber und fluchten und schworen und zerkratzten ihren Mannern das Gesicht mit ihren langgewachsenen Nagelkrallen.

Zwei Madchen, welche Elsbeths Freundinnen waren und bald Hochzeit machen wollten, kamen zu Elsbeth und sprachen: "Du bist nun seit Jahr und Tag eine Frau, und bist so hubsch wie eine Jungfrau. Und alle Manner bewundern dich, und alle Weiber mussen dich beneiden. O Elsbeth, sage uns an, wie du das machest? Denn siehe, du weisst es, sobald bei uns eine Tochter einen Mann hat, wird sie hasslich und wust, und die Liebe hort auf. So ist es nicht bei dir."

Die junge Schulmeisterin antwortete und sprach: "Ich will es euch sagen. Die Weiber haben allein die Schuld. So lange sie Jungfrauen sind, und den jungen Burschen gefallen wollen, schmucken sie sich, und alles Geld, was sie haben und verdienen, stecken sie in neuen Putz. Da sind sie sauber und glatt, dass ihre Stirn glanzt an der Sonne, und ihr Haar ist wie gemalt. Haben sie endlich einen Mann, da denken sie nicht mehr daran, gefallen zu wollen. Da gehen sie des Morgens lange umher mit Stroh und Bettfedern im ungekammten Haar; vergessen, sich jedesmal zu waschen, wenn sie unrein werden, und denken, wenn sie recht wust kommen, das stehe einer Frau gut, und man sehe ihr an, dass sie viel handthiere. Dann muss gespart werden; der Mann braucht Geld, und man kann es nicht mehr, wie als Tochter, in allerlei Putzkram stecken. Das Gewand wird alt und beschmiert und schadhaft; das Ausbessern kostet viel Geld, und Selbermachen hat keine gelernt. So gewohnt man sich an Lumperei und Sudelei, und die Frau wird vom Unflath entstellt und wust, weil sie nichts mehr auf sich halt. Und sie wird endlich dem Manne selbst gleichgultig oder zum Ekel, und dann kommt der Unfriede ins Haus, sobald die Frau mit Lochern in den Strumpfen geht."

Die Madchen sprachen: "Elsbeth, du hast wohl Recht."

Die junge Schulmeisterin sagte: "Als ich den Oswald nahm, dachte ich sogleich darauf, wie ich ihm bestandig gefallen konne, denn ich hatte ihn gar lieb. Und ich nahm mir vor, noch mehr auf mich selber zu halten, als zuvor, und nie vor seinen Augen zu erscheinen, als gewaschen und zierlich, allzeit mit unbeflecktem Gewand. Darum nahm ich sorgfaltig meine Kleider in Acht; darum musst' es in meinem Stall und in Kuche und Keller so sauber sein, als in einer Stube. Der geringste Fleck in meinem Anzuge musste sogleich ausgemacht werden. So blieben meine Kleider wie neu, und ich selber blieb darin meinem Manne alle Tage neu."

Die Madchen sprachen: "Aber Elsbeth, die Zeit zerreisst endlich das sauberste Gewand; woher ein neues Kleid anschaffen, wenn der Mann kein Geld gibt?"

Elsbeth antwortete: "Ich gebrauche weniger Geld zu Kleidern, als Andere. Denn ich bessere mit wenigen Nadelstichen das kleinste Loch aus, damit es nicht grosser werde. So kostet es nichts als Faden und Zwirn. Andere aber tragen ihr Zeug, bis es alt ist, und lassen daran, was schadhaft ist; dann wird aus einem kleinen Loch ein grosses, und in kurzer Zeit wird alles zu Fetzen, und man muss neues Gewand kaufen, wahrend ich immerfort mein altes trage und damit viel Geld erspare. Hausfrauen, die nicht flicken und nahen konnen, verschwenden grosses Geld und gehen doch wie aus dem Koth gezogen."

Als Elsbeth solche Worte redete, wurden die Beiden Madchen roth, und fingen an zu weinen und sprachen: "Wir haben nicht so sauber nahen und flicken gelernt, wie du. Das wird uns viel Schaden im Hause bringen, und wir sehen viel Leiden voraus, und wir konnen es nicht andern." Und die Madchen gingen traurig weg.

Darauf erzahlte Elsbeth ihrem Manne das Gesprach mit den Freundinnen und sagte, sie wolle beide nahen und flicken lehren, denn es erbarme sie, wenn die beiden Madchen sollten unglucklich werden.

Oswald druckte seine gute Frau an sein Herz und sprach: "Damit wirst du dir einen Segen Gottes verdienen und selber ein Segen dieses Hauses werden. Nicht nur die beiden Madchen lehre, sondern Alle, die von dir lernen wollen. Viele Haushaltungen im Dorfe werden arm und elend bei aller Arbeit und Muhe, weil die Weiber nicht die rechte Haushaltungskunst verstehen. Sie verstehen nicht, ihre Garten mit allerlei gesundem Gemuse zu bepflanzen, damit sie Abwechslung bei den Speisen haben. Wollen sie einmal gut kochen, thun sie viel Speck und Fett und Schmalz und Oel an, und kostet viel, und wird doch nichts Rechtes, sondern ein ungesundes Essen. Die schlechte Nahrung setzt schlechtes Blut ab und bose Safte. Davon kommen Krankheiten, die kosten viel Geld, und mit dem Arbeiten geht es bei kranklichen Leuten schlecht. Eben so ist's mit den Kleidern. In den Dorfern sind wohl Naherinnen, aber weil sie mit dem Nahen ihr Geld verdienen, huten sie sich wohl, Andere anzuweisen. Die nun nicht flicken und nahen konnen, gehen mit Lochern in Aermeln und Strumpfen, oder so grob geflickt, dass das Geflickte arger dasteht, als das Zerrissene. Immer muss bald wieder Neues angeschafft werden, das kostet viel Geld und macht arm. Es ist wohl himmelschreiend, dass nicht in jedem Dorfe wenigstens eine brave, verstandige Frau ist, eine Pfarrerin oder Haushalterin des Pfarrers, eine Amtmannsfrau oder eine Mullerin, oder Eine, die das Kochen und Gartnen, das Nahen und Flicken versteht, und unentgeltlich die Bauerntochter unterrichtet. Das wurde viel Geld und Wohlstand im Dorfe behalten, und viele frohe, gluckselige Ehen machen. Elsbeth, geh', verdiene dir einen grossen Gotteslohn."

So sprach Oswald.

Und alsbald liess Elsbeth freudig ihre zwei Freundinnen kommen, und zeigte ihnen alle Tage in einer Feierabendstunde die Kunst, beim Nahen des Weisszeuges feine, gleichmassige Stiche zu machen, abgeriebene oder schadhafte Stellen der Kleider, oder Risse in denselben so sauberlich zu vernahen, dass man den Schaden kaum sah. Sie lehrte sie, Hemden fur Manner, Weiber und Kinder zuschneiden, mit moglichster Benutzung der Lange und Breite der Leinwand, dass es nicht viel Abfall gab; eben so Strumpfe aus Wolle und Baumwolle stricken, mit zierlichen Zwickeln, oder die Locher darin unsichtbar machen. Sie fuhrte sie im Haus umher; da war bestandig aufgeraumt, denn Alles hatte seinen Platz, und wer etwas gebrauchte, legte es sogleich wieder an den Platz, wohin es gehorte. Und sie fuhrte sie in den Stall und Keller; da war es reinlich und trocken, und weil man immer gern sauberte, war nie darin auf einmal viel zu thun. Und sie fuhrte sie in den Garten, und lehrte sie allerlei Kuchenkrauter saen und setzen, und wenn sie reif waren, wie man sie bewahren und benutzen konne zu schmackhafter Nahrung. Und sie fuhrte sie in die Kuche, und lehrte sie die Speisen sauber und reinlich bereiten, und kochen mit wenigem Fett und einfacher Zuthat, dass dennoch alles sehr angenehm, nahrhaft und gesund ward. Zuweilen wurde sogar ein Braten gemacht und kostete wenig. Elsbeth hatte von der Mutter gelernt, in der Geschwindigkeit allerlei Suppen zuzubereiten und das Fleisch auf allerlei Weise zuzurichten, und fur den Winter Bohnen, Sauerkraut, Kohl, Gurken und anderes Gewachs einzumachen.

Die beiden Madchen wunderten sich sehr, denn sie hatten dergleichen bei ihren Muttern nie gesehen, und freuten sich, wenn sie Hochzeit gehabt hatten, wie sie ihren Mannern gutlich thun wollten, ohne dass es mehr kostete, als sonst.

Da sie nun andern Madchen sagten, was sie bei der Schulmeisterin alles erfuhren und lernten, und wie sie ganz wie die Elsbeth werden wollten, kam von den andern Madchen eins um das andere zur Elsbeth und bat, ebenfalls ein wenig unterrichtet zu werden. Zuletzt ward es bei der Elsbeth wie eine wahre Schule. Denn weil Elsbeth allen jungen Mannern gefiel, wollten alle Madchen wie Elsbeth werden.

Oswalds Frau hatte wohl Anfangs etwas Muhe, hintennach aber befand sie sich gar wohl dabei. Denn nun hatte sie viel Hulfe im Garten und im Stall, und Andere mussten fur sie zuweilen kochen, und Andere fur sie feines Zeug nahen, wenn es sonst nichts zu thun gab. Und man sah es schon folgendes Jahr vielen Garten bei den Hausern im Dorfe an, dass da neue Ordnung hineingekommen sei. Und eine Nachbarin schaute der andern uber den Hag, und sah, was sie pflanze oder sae, und wie sie es mache, und bettelte um Setzlinge oder Samen. Danach, wie der Sommer und Herbst kam, trugen viele Bauernweiber vom Ueberfluss ihres schonen Gemuses zum Verkauf in die Stadt, und brachten schones Geld wieder nach Hause. Das machte allen grosse Freude, nur denen nicht, die es nicht so hatten. Die gingen dann auch zur Elsbeth und fragten um dies und das. Und Elsbeth gab guten Rath, und Alles, was sie wusste und, seitdem sie unterrichtete, noch selber gelernt hatte. Sie that das sehr gern, denn sie war herzgut, und Worte sind ja nicht kostbar, zumal jungen Weibern.

Das erwarb der Schulmeistern viele Liebe und angenehmen Ruf, und Jedermann lebte ihr zu Gefallen. Und alle Welt im Dorfe hatte rechtes Mitleiden mit der hubschen guten Frau, dass sie den Oswald zum Manne habe, weil er doch in die Holle musse. Denn man wusste wohl, er sei ein Hexenmeister, der bose Kunste treibe und mit Leib und Seele verloren gehe.

12. Wie der Lowenwirth auf die Nase fallt, und

was sich weiter begeben hat.

Oswald mochte es anstellen, wie er wollte, man legte ihm alles ubel aus. Wenn er die Kinder lehrte, dass es keine Gespenster gabe, sondern dass das nur Einbildung furchtsamer und aberglaubiger Leute ware: so sagte man im Dorfe, er glaube weder einen Gott noch einen Teufel. Oder wenn er den Kindern in der Schule die giftigen Pflanzen in den Feldern und Waldern zeigte, damit sie solche kennen und sich vor dem Genuss der Beeren und Wurzeln huten lernten: so sagte man im Dorfe, er wolle die Kinder Giftmischerei lehren. Besonders lauerte ihm der Lowenwirth Brenzel auf, und sammelte sorgfaltig alle bosen Reden uber Oswald.

Als er endlich genug wusste, sprach er: "Ich weiss genug, um ihm den Hals zu brechen. Er muss vor Gericht, und seine eigene Schwiegermutter, die Mullerin, soll wider ihn zeugen und vor Gericht bekennen, was sie von ihm weiss. Als Vorsteher ist es meine Pflicht, zu reden. Ich kann das nicht langer dulden, ohne verantwortlich zu werden."

Also machte er sich eines Sonntags auf und legte seine Staatskleider an, setzte den dreieckigen Hut recht majestatisch auf, nahm das spanische Rohr mit dem silbernen Knopf, und ging mit breiten Schritten zum Dorf hinaus nach der Stadt. Er sagte aber keinem Menschen ein Wort davon, dass er im Sinn habe, dem Oswald bei der hohen Obrigkeit boses Spiel zu machen. Denn er furchtete, wenn der Hexenmeister Wind davon bekame, der konne ihm Schaden zufugen, ehe er noch zur Stadt gelangt ware.

Und wie er auf der Landstrasse allein ging, sprach er im Eifer laut mit sich selber, als wenn er schon vor einem Herrn Rathsherrn stande; und er lief dabei immer schneller, und fuhr im Zorn bald mit der rechten, bald mit der linken Hand in der Luft herum, wie ein Pfarrer auf der Kanzel. Bei diesem Eifer kam im Laufen der lange Stock zwischen die Beine, also dass er stolperte, und uber den Stock auf den Erdboden fiel. Der Hut flog weit hinweg, die Nase schlug sich platt, und seine Beine stiegen hoch aufwarts, als wolle er gar auf den Kopf stehen. Er stand achzend und fluchend auf, und nahm seinen Hut aus dem Staube. An seiner Stirn aber schwoll eine Beule, als wollte ein Horn heranwachsen, und seine blutende Nase war blau, wie eine dicke Pflaume. "Das hat mir gewiss der Oswald angethan!" dachte er, und furchtete sich, weiter zu gehen, damit ihm nichts Schlimmeres begegne.

Indem er noch mit dem Schnupftuch das Blut von der Nase wischte, kam die Strasse daher in vollem Galopp ein Herr zu Pferde, Hut und Rock mit goldenen Tressen besetzt. Der hielt vor dem Lowenwirth still und fragte hastig: "Wohnt dort im Dorfe ein gewisser Herr Oswald, und ist er zu Hause?"

Der Lowenwirth sprach: "Ja, warum denn?"

Der Fremde rief: "Der Erbprinz will ihn besuchen." So sprach der Fremde und jagte davon nach Goldenthal.

Der Lowenwirth sperrte vor Verwunderung Maul und Nase auf und sagte: "Wa wa was? Der Erbprinz? Ein Prinz zu dem Oswald?" Wie er dies sagte, fuhr im Galopp ein prachtiger Wagen mit sechs Pferden daher, schone Bediente vorn und hinten auf. Darin sass ein junger Herr im blauen Oberrock, der hatte auf der Brust einen silbernen Stern. Der Wagen fuhr vorbei nach Goldenthal.

"Der Blitz und der Hagel!" schrie Brenzel: "Der Prinz will gewiss bei mir einkehren. Ich bin nicht zu Hause, und nun fahrt er zum Adler!" Brenzel lief, was er konnte, ins Dorf zuruck. Da gerieth ihm abermals im vollen Sprung der lange Stock zwischen die langen Beine, dass er wiederum zu Boden fiel, wie ein Baum. Alle Rippen krachten ihm im Leibe, und seine Staatskleider waren grasslich gesalbt. Er hinkte fluchend und langsam zum Dorfe. Da er vor seinem Hause keinen Wagen sah, ward er voll Gift und Galle, denn er dachte, der Prinz sei beim Adlerwirth Kreidemann eingekehrt. Er hinkte also weiter, aber er sah auch keinen Wagen beim Adler. So ging er in sein Haus zuruck, und keine Seele war darin. Er legte andere Kleider an und wusch sein Gesicht, und erschrak, wie er sich mit der faustdicken Nase und gehornten Stirn im Spiegel erblickte, wiewohl man im Spiegel wegen des Fliegenkothes nicht viel sah. Nun wetterte er, wie ein grimmiger Lowe, auf seine Leute, die alle davon gelaufen waren. Da kam die Magd ganz odemlos und rief: "Herr, beim Schulmeister ist ein lebendiger Kaiser angekommen, oder wohl gar ein Konig! Das ganze Dorf ist vor Schulmeisters Haus zusammengelaufen."

Brenzel wusste nicht, was thun; ging endlich aber doch hinaus vor Schulmeisters Haus zu den Leuten. Nach einer halben Stunde kam der Erbprinz aus der Hausthur, und hatte Oswalden an der einen und Elsbethen an der andern Hand, und war gar freundlich mit ihnen. Und wie er in den Wagen gestiegen war, reichte er ihnen Beiden noch einmal die Hand zum Abschiede, und dann fuhr er im sausenden Galopp davon, Reiter voraus. Alle Bauern hatten die Hute ab und vor Erstaunen das Maul auf.

Nun war's im ganzen Dorfe ausgemacht, der Schulmeister konne mehr als Brod essen. Der Prinz komme zu keinem Dorfschulmeister, bloss um ihn zu besuchen, und sei um nichts und wieder nichts so freundlich mit ihm gewesen. Grosse Herren brauchen viel Geld, und dazu brauchen sie Schatzgraber und Goldmacher und desgleichen. Grosse Herren seien nicht immer die frommsten, das wisse man wohl, und machen sich nichts daraus, wenn sie schlimm aus der Welt gehen, sobald sie nur gut in der Welt leben konnen.

Diese und andere Reden gingen von der Zeit an im Dorfe, und vielen verlumpten und verarmten Bauern im Kopfe herum. Und Viele wurden vertraulicher und sprachen Einer zum Andern: "Wusste ich nur, wie es anfangen, ich machte mir nichts daraus. Ich verschriebe mich heute noch dem Teufel, wenn's sein musste, und ware ich nur meine Schulden los und hatte Geld genug und vollauf. Ich wollte es ganz anders machen, wie der Schulmeister. Der Schulmeister ist ein dummer Teufel, dass er hier wohnt und lebt, wie unsereins. Ich fuhre, wie der Erbprinz, mit sechs Pferden, Bedienten und Sternen, und hatte die Kuche voll Braten, den Keller voll Wein. Ja, noch heute gab' ich meine arme Seele drum."

Solche ruchlose Reden fuhrten die Leute ohne Scheu. Reichthum verdirbt das Herz; aber die Armuth verdirbt es nicht weniger. Und wenn Armuth und Dummheit und bose Luste beisammen sind, ist des Teufels Kleeblatt fertig. So ist es in manche Dorfe, und so war es leider auch in Goldenthal.

13. Der Goldmacher-Bund.

Oswald wunderte sich nicht wenig, wie von nun an bald Dieser, bald Jener zu ihm kam, heimlich mit ihm reden wollte, und dann mit der gottlosen Sprache herausruckte und sagte: "Oswald, du kannst Gold machen, das ganze Dorf weiss es. Lehre mich es auch. Du verstehst die schwarze Kunst. Wenn der Teufel erscheint, ich will mich gar nicht furchten. Wenn er die Unterschrift mit meinem Blute verlangt, ich will mich ihm mit Leib und Seele zuschreiben. Siehst du, es thut mir Noth, sonst that ich's nicht."

Lange wusste Oswald nicht, was er zu der Verderbtheit dieser Menschen sagen sollte. Da ihrer endlich aber immer mehr kamen, und nicht mit Bitten nachliessen, beschied er sie alle, doch jeden einzeln, auf eine und dieselbe Mitternachtsstunde zu sich.

Und alle kamen in der finstern Nacht, die er ihnen angesagt, zu seinem Hause geschlichen, sobald es im Thurm der Dorfkirche eilf Uhr geschlagen. Er fuhrte Jeden, wie er ankam, schweigend in eine finstere Stube. Es waren ihrer zweiunddreissig Hausvater. Jeder erschrak entsetzlich, wenn er in der Dunkelheit an den Andern stiess und etwas Lebendiges neben sich spurte. Denn Keiner wusste von den Uebrigen. Vielen floss der Angstschweiss vom Gesicht, und einige hatten so grosse Furcht, dass sie wieder davon gelaufen waren. Aber sie zitterten, es konne ihnen dann das Lebenslicht ausgeblasen werden.

So standen sie eine Stunde in tiefer Stille und Angst, und wagten kaum, zu athmen. Da schlug's im Thurm zwolf Uhr. Und mit dem letzten Glockenschlage ging abermals die Thure auf. Es trat ein Offizier herein, prachtig gekleidet mit hohem Federbusch und langem Sabel, auf der Brust einen Orden. Der trug in den Handen zwei brennende Kerzen; die setzte er vor ihnen auf den Tisch. Als nun Alle sich einander erkannten, schamten sie sich erst vor einander; denn sie merkten, dass sie Alle aus gleicher Absicht gekommen waren. Und sie sahen wieder auf den glanzenden Offizier, den sie fur den bosen Geist hielten; aber sie erkannten in ihm den leibhaftigen Oswald.

Oswald hatte ein ernstvolles Gesicht und sprach: "Sehet mich nur an, ihr Unglucklichen; nun erkennet ihr, wer ich bin. Ich treibe keine schwarze Kunst; ich halte es mit Gott. Ihr aber seid langst von Gott abgefallen; ihr habet gesoffen und geschwelgt; ihr habet betrogen und gelogen; ihr habet gestohlen und verrathen; ihr habet gespielt und Weib und Kind vergessen; ihr habet Teufelei getrieben und Teufelswerk. Darum seid ihr arm und verzweifelt geworden. Ehrlichkeit aber wahrt am langsten; Gottesfurcht macht reich. In Gottes Wegen ist Gottes Segen. Ich will nicht reich sein, aber ich bin nicht arm. Wollt ihr's nun haben, wie ich, so machet es wie ich."

So sprach Oswald, und zog einen grossen Beutel hervor und leerte ihn auf den Tisch aus. Da fielen klingend eitel schone Goldmunzen auf den Tisch, und rollten umher und verblendeten die Augen. Die Bauern hatten in ihrem Leben so viel Gold nicht beisammen erblickt. Ihre Herzen schlugen gewaltig.

Oswald aber that den Mund auf und sprach: "Wahrlich, ich sage euch, das hier macht mich nicht glucklich, aber die W e i s h e i t macht glucklich, mit der man dies Geld erwirbt und benutzt. Ihr seid zu mir gekommen, ich sollte euch die Kunst lehren, Gold zu machen. Ich will euch diese Kunst lehren. Sie ist die beste Weisheit des Lebens, und mehr als das Gold selbst werth. Habet ihr die Weisheit, so werdet ihr das Gold haben und es nicht mehr hochachten. Aber ihr kommet nicht zu dem Glucke, ohne vorher gepruft worden zu sein. Und die Zeit der Prufung wahrt sieben Jahre und sieben Wochen. Wer ausharrt bis ans Ende, wird Freuden uber Freuden arnten. Wahrlich, ich sage euch, wenn diese Zeit erfullt ist, wird Jeder von euch mehr Gold auf seinen Tisch werfen, als eure Augen hier sehen. Die Prufung aber ist dem Gottlosen schwer und dem Sunder hart. Denn er muss sein ganzes Herz umkehren und ein neuer Mensch werden."

Die zweiunddreissig Hausvater horten in banger Stille die Worte Oswalds. Sie betrachteten ihn alle mit starren Augen.

"Wer von euch," sprach Oswald, "die sieben Jahre und sieben Wochen der Prufung bestehen will, kann bleiben. Wer sich furchtet oder im Glauben wankt, gehe fort von hier."

Keiner ging.

"Wohlan," rief Oswald, "so musset ihr mir vor dem allgegenwartigen Gott sieben Gelubde geloben, und solche wahrend sieben Jahren getreu halten."

E r s t e n s : Ihr musset sieben Jahre und sieben Wochen lang alle Wirthshauser meiden, aber desto fleissiger zur Kirche gehen und Gottes Wort horen, und darnach thun.

Z w e i t e n s : Sieben Jahre und sieben Wochen lang keine Karten, keine Wurfel beruhren, und nichts, womit man um Geld spielt.

D r i t t e n s : Sieben Jahre und sieben Wochen darf kein Fluch, kein Scheltwort aus euerm Munde gehen, auch keine Bosheit, Lasterung und unwahre Rede.

V i e r t e n s : Sieben Jahre und sieben Wochen muss euer Tagwerk Gebet und Arbeit sein. Morgens und Abends sollt ihr feierlich mit Weib und Kindern auf die Knie fallen, zu Gott beten, eure Sunden bereuen. Euere Arbeit sollt ihr mit Fleiss und Treue verrichten, keine Schulden mehr machen.

F u n f t e n s : Wer binnen sieben Jahren und sieben Wochen sich mit Wein und Branntwein ein einziges Mal berauscht und vergeht, ist aus unserer Gemeinschaft verstossen.

S e c h s t e n s : Auf dem Acker, welchen ihr bauet, soll kein Unkraut wachsen, in euern Wohnungen kein Unflath liegen. Euere Hutten und die Stalle des Viehes und alles Gerathe, was ihr habet, soll von Reinlichkeit glanzen. Daran werde ich euch erkennen.

S i e b e n t e n s : Euer Leib soll sein ein Tempel Gottes, darum keusch, zuchtig und ehrbar; auch von aller Unreinigkeit frei an Haut und Haar und Gewand. So auch bei Kindern. Das soll unser Zeichen sein.

"Wer nun diese sieben Gelubde geloben und halten will, der trete hervor und reiche mir die Hand zum Bunde. Dem Schwachen wollen wir helfen."

Als Oswald so gesprochen hatte, traten die Zweiunddreissig einer nach dem andern hervor, jeder reichte dem Oswald die Hand uber den Tisch voller Gold, und sprach: "Ich will!"

"So gehet denn heim in Frieden und wendet euch noch vor Schlafengehen im Gebet zu Gott, dass er euch Starke verleihe, das Gelubde zu halten. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn die Zeit erfullt ist, wird Jeder mehr Gold auf seinen Tisch werfen, als eure Augen hier sehen!" So sprach Oswald, und ermahnte die Leute, von Allem, was sie diese Nacht gesehen und gehort hatten, keinem Menschenkinde etwas zu verrathen, ja sogar selbst nie von dem zu reden, noch auf das zu deuten, was diese Nacht angehe.

Damit entfernten sich die Zweiunddreissig in grosser Stille. Unterwegs sprach Keiner mit dem Andern ein Wort. So voll waren sie von allen dem Wunderbaren, das sie vernommen hatten. Sie hatten ganz andere Dinge erwartet zu erleben, und gerade das Gegentheil erfahren. Mancher, wenn er an die Gelubde dachte, fuhlte zwar Bangigkeit, denn sie waren auch gar zu streng. Aber das Geheimnissvolle, und die sieben Jahre und sieben Wochen, und die Reden des Oswald, und der Tisch voll Goldes, und der prachtige Offizier mit dem Orden auf der Brust und die schwarze Mitternachtsstunde, das konnte Keiner wieder vergessen, und es war wie ein seltsamer Traum.

14. Die Leute verwundern sich sehr.

"Was gibt's denn, Velten? Kaspar, was gibt's denn?" fragte der alte lahme Wachter, als er am andern Tage durchs Dorf entlang ging: "Was gibt's denn? Kommt wieder ein Prinz oder Kaiser, oder gar ein Burgermeister aus der Stadt? Was ist denn los, dass ihr so aufputzet?" So fragte er, und man lachte.

Es fiel aber wirklich vielen Menschen auf, und war in vielen Hausern ein sonderbares Leben. Da wurden Fenster gewaschen, Fussboden gescheuert, Thuren gesaubert, Tische, Schemel und Banke gefegt. Sogar vor den Hausern wurde Alles in Ordnung gebracht, Schutt und Unflath auf die Seite geschafft, und allem, was herum lag, ein besserer Ort gegeben. Die zweiunddreissig Hausvater wussten es wohl, sagten aber nichts. Denn sie dachten: in sieben Jahren haben wir alle Kisten und Kasten voll Geld.

Als Oswald die Geschaftigkeit der armen Leute sah, sprach er zu Elsbeth: "Ich weiss nicht, ob ich daruber traurig werden oder lachen soll. Denn siehe, was die Leute nicht aus eigenem Gefuhl, nicht aus Liebe zu Weib und Kind, nicht aus Liebe zu Gott, nicht aus Noth und Ueberzeugung fruher gethan haben, das thun sie jetzt aus aberglaubischer Furcht und Hoffnung. Wie thoricht sind doch die Menschenkinder! Aber sie sollen durch den Aberglauben zur Erkenntniss der Wahrheit, und durch ihre Verderbtheit zur Rechtschaffenheit eingehen."

Die Verwunderung im Dorfe ward aber von Woche zu Woche grosser. Denn die Wirthshauser wurden fast leer. Sonntags horte man auf der Kegelbahn weder Kegel, noch Fluche, noch Gelachter. Kartenspiel und Wurfel ruhrte fast Keiner mehr an. Den Wirten ward im Keller das Bier sauer, weil es Keiner mehr trank. Von Wein und Branntwein hatten sie nur einen geringen Absatz. Die meisten Leute blieben daheim bei Frau und Kindern, oder gingen auf die Felder und besahen ihre wenigen Aecker und beriethen, was in der Woche daran zu machen und zu bessern sei. Die, welche vormals zu den lustigen Brudern gehorten, thaten jetzt gar ernsthaft und altklug; die, welche sonst ein wustes Leben fuhrten, waren in der Kirche sehr andachtig. Die, welche sonst gern herumlagerten und mussig gingen, waren jetzt vom Morgen bis zum Abend an der Arbeit, im Taglohn oder auf ihren Feldern.

Der Adlerwirth, wenn er Sonntags seine leeren Banke und Tische beschaute, brach vor Wehmuth fast in Thranen aus. "Sind denn die Leute alle verruckt geworden im Kopf?" schrie er. "Was fur ein Kukuk ist ihnen in den Leib gefahren. Das kann so nicht gehen. Dabei kann kein Ehrenmann langer bestehen. Es muss im Dorfe andere Ordnung werden. Das ist schandliche Ordnung!"

Der Gemeindsvorsteher Brenzel sagte: "Wenn das Unwesen so fortgeht, muss ich die Wirtschaft aufgeben. Aber ich merk' es wohl, das ist ein infames Komplott gegen mich. Man will mich zu Grunde richten. Aber ehe das geschieht, soll das Dorf zu Grunde gehen. Wenn ich nur dahinter kommen konnte, wer diese Teufelei angerichtet hat."

Sogar dem Herrn Pfarrer war die Sache aufgefallen. Er rechnete nach und fand, dass die Aenderung so vieler Menschen angefangen hatte seit dem Sonntag, da er eine sehr lange Predigt uber die christliche Wiedergeburt durch den Glauben gehalten hatte. Er meinte, damit habe er Alles ausgerichtet, und sagte es auch. Nun aber verfolgten ihn seit einiger Zeit die Gemeindsvorsteher, wo sie konnten, und die Wirthe spielten ihm allerlei bose Streiche hinterrucks, und gingen fast gar nicht mehr zur Kirche.

Der Adlerwirth, um sein saures Bier anzubringen, verkaufte es um halben Preis; er schwefelte seinen Wein, und machte ihn suss, und bezahlte alle Sonntage Spielleute, die mussten lustig aufspielen. Aber von den zweiunddreissig Hausvatern, ihren Sohnen und Tochtern kam Niemand.

Der Lowenwirth suchte gleichfalls seine Kunden wieder an sich zu locken, that freundlich, schenkte Manchem umsonst ein und fragte: "Warum kommst du gar nicht mehr trinken?" Sie antworteten: "Wir haben kein Geld!" Dann rief er: "Ei, Dummheit! Ihr wisset ja, ich bin nicht so streng, und borge schon. Ihr seid mir lange gut genug." Aber die Leute kamen doch nicht.

Da gerieth der grimmige Lowe in Wuth und sprach: "Wenn ihr mir' s so macht, will ich euch die Faust auch zeigen. Ihr sollt an den Lowenwirth Brenzel glauben lernen!"

15. Die Schuldbucher werden aufgethan. Die

Sparkasse und die Garkuche.

Nun schlich bald der Eine, bald der Andere von den armen Leuten, die zu dem Goldmacherbund gehorten, in das Haus des Schulmeisters, und klagte seine Noth und sprach: "Siehe, Oswald, meine Gelubde, so schwer sie sind, halte ich sie doch punktlich. Nun ist's ein halbes Jahr, ich bete und arbeite. Nun ist's ein halbes Jahr, ich spiele, saufe und zanke nicht mehr. Mein Haus ist schon sauberlich, Weib und Kind gehen reinlich. Keiner kann uber mich klagen. Aber die Ortsvorsteher plagen mich auf allerlei Weise. Ich bin dem und diesem von ihnen schuldig. Nun drohen sie, mich aus meinem Hause zu treiben, wenn ich ihnen nicht zahle, oder nicht bei ihnen trinke. Hilf mir, Oswald, sonst kann ich das Gelubde nicht halten. In sechs und einem halben Jahre habe ich Geld vollauf; strecke mir eine Summe vor, ich will sie dir dann wieder zahlen."

Oswald antwortete: "Das vierte Gelubde heisst: Beten, arbeiten, keine Schulden mehr machen. Ich darf dir also kein Geld borgen. Aber lass sehen, wem und wie viel du schuldig bist; dann wollen wir nachdenken, wie aus der Noth kommen."

So sprach er, nahm eine Schreibfeder und Papier, setzte sich hin und schrieb das auf, was man ihm antwortete, wenn er fragte. Er fragte aber Jeden einzeln: "Wem bist du schuldig? Wie viel und mit welchem Zins? Wofur hast du die Schuld gemacht, und hast du Unterpfand gegeben?"

Nachdem er die ganze Schuldsumme des Mannes kannte, fragte er wieder: "Womit willst Du bezahlen? Wie viel kannst du, oder konnen Weib und Kind in der Woche mit Taglohn verdienen? Wie viel Land und Vieh hast du, und was kannst du wohl in mittlern Jahren von dem verkaufen, was du arntest? Wie ernahrst du dich mit den Deinigen? Was brauchst du zur Nahrung in einer Woche, in einem Tag? Wie steht es mit den Kleidern und Wasche und Gerath? Was muss angeschafft werden, und wo kann man ohne Schaden sparen?"

Das alles schrieb Oswald von Jedem sorgfaltig auf. Nun kam die luderliche Haushaltungsordnung erst recht ans Tageslicht. Denn Mancher wusste nicht einmal genau, wie viel er schuldig war, und hatte nichts aufgezeichnet. Da musste man sich erst bei den Glaubigern erkundigen. Mancher war drei, vier, funf Zinse zu bezahlen ruckstandig. Da musste man erst fur diese sorgen. Mancher musste an Gemeindsvorsteher, von denen er in der Noth Geld entliehen hatte, acht, auch zwolf vom Hundert verzinsen. Da musste Oswald in die Stadt gehen, an drei und vier Prozent Geld aufnehmen, und gut dafur sprechen, damit die Wucherer bezahlt wurden, und nicht mehr durch Wucher einen armen Mann zu Grunde richten konnten. Mancher hatte wohl gar mehr Schulden als Vermogen. Da war schwer helfen. Doch sprach Oswald Allen Muth ein und sagte: "Sparen und arbeiten soll euch mit Gottes Hulfe schuldenfrei machen. Folget nur in allen Dingen meinem Rath!"

Nun erst sah er von diesen Leuten, wie schlecht sie gehauset hatten; und dies that den Leuten nun selbst in der Seele weh. Nun erst erfuhr Jeder, was er nach Abzug aller Schulden von seinem Vermogen, als wahres Eigenthum, betrachten konne. Das war oft blutwenig, und ihnen schauderte die Haut vor Angst und Entsetzen daruber. Nun wollten Alle sparen, Alle arbeiten. Aber wie sollten sie es anfangen?

Oswald hatte unbeschreiblich viel Muhe. Aber die Muhe machte ihm Freude, weil er ein wahrer Menschenfreund war. Er machte Jedem ein Haus- und Schuldenbuchlein, worin Jeder den Zustand seines Vermogens deutlich sah. Dann ging er wieder in die Stadt, und suchte fur Kinder und Erwachsene Arbeit von allerlei Art. Das gelang ihm nach und nach. Und was so mit Taglohnen verdient wurde, das musste wochentlich aufgeschrieben und aufgespart werden. Einige gaben das Geld dem Oswald in Verwahrung; Andere gaben es ihm wochentlich, um damit nach und nach ein fur sie aufgenommenes Kapital abzutragen.

Als dies Mehrere thaten, und Oswald am Ende hundert und mehr Gulden beisammenliegen sah, dachte er: "Wozu soll dies Geld da todt und ohne Nutzen liegen? Wenn es jahrlich Zins truge, hulfe es den armen Leuten ohne ihre Muhe schon wieder zu einem kleine Gewinn und verminderte die Schuld."

Also machte er sich ein Buch und schrieb hinein, was Jeder wochentlich von seinem Verdienst in die E r s p a r n i ss k a s s e zurucklegte. Dann ging er in die Stadt und beredete einen rechtschaffenen Herrn, dass er monatlich das ersparte Geld, waren es auch nur zehn oder zwanzig Gulden, annehmen und auf Zins austhun wolle. Es ware zum Besten armer, sparsamer Leute. Der Herr, welcher ein reicher Kaufmann war und gern das Gute beforderte, nahm das Geld und that es an Zins, und wenn am Ende des Jahren die Zinsen einkamen, that er sie wieder als ein kleines Kapital aus, also, dass die Zinsen wieder Zinsen eintragen mussten. Oswald aber schrieb in sein Ersparnisskassenbuch zu Hause immer auf, wie viel jeder von seinen Leuten an den Zinsen Antheil habe.

Es war aber ein grosses Gluck, dass die Leute und ihre Kinder, da sie Arbeit bekamen, auch arbeiten konnten, und fast nie krank wurden. Das war sonst nicht so. Denn wenn sie sich ehemals am Sonntage vollgesoffen hatten, waren sie am Montage nicht zum Arbeiten aufgelegt, und hatten Kopfweh und Uebelkeit. Und weil sie sich insgesammt oft kammten, wuschen, und gar reinlich hielten, waren sie von allen Uebeln und Krankheiten befreit, welche die naturlichen Strafen und Folgen der Unreinlichkeit sind.

Wie nun Oswald den mit ihm Verbundeten erzahlte, dass er eine E r s p a r n i ss k a s s e errichtet habe, und dass das Geld, welche sie ihm wochentlich zum Aufbewahren brachten, Zinsen tragen musse, erstaunten sie gar sehr und freuten sich. Und Jeder sah im Buche nach, wie viel Geld er schon zusammengebracht habe, und wie viel Zins er am Ende des Jahres dafur zu erwarte habe. Anfangs hatten nur wenige Haushaltungen dem Oswald ihr Geld gebracht. Nun aber sagten es die Einen den Andern. Und wie Einer horte, der Andere habe schon funfzehn, zwanzig und dreissig Gulden und mehr zuruckgelegt, wurde er missvergnugt und wollte es auch so haben, und nahm sein weniges Geld und trug es auch zum Oswald und sprach: "Ei, Lieber, warum hast du mir nichts von der Ersparnisskasse gesagt? Lege mein Geld, das ich wochentlich entbehren kann, auch hinein, es sei viel oder wenig. Denn wenn ich es im Hause habe, will es sich nicht vermehren, sondern es schwindet immer. Hat man es, so verbraucht man es wieder. Drum besser, aus den Augen, aus dem Sinn! Kann ich's nicht so haben bei dir, so kann ich noch lange nicht an Abzahlen meiner Schulden denken."

So brachte nun Jeder alle Woche Etwas, das er von seinem Verdienst erubrigen konnte, und Einer bemuhte sich mehr, als der Andere, in die Ersparnisskasse zu legen. Einige wurden so begierig, dass sie beinahe Weib und Kind hungern liessen, um desto mehr Geld zusammenzuscharren.

Das verdross den Schulmeister, und er hob an zu reden: "Es ist wohl gut, dass ihr massig seid, aber Weib und Kind mussen nicht hungern. Wer wohlgenahrt ist, der hat auch Kraft und Muth, zu arbeiten. Freilich, manche Frau, die auch wohl im Felde arbeiten, oder sonst Geld verdienen konnte, muss jetzt zu Hause bleiben, und ihre Zeit beim Kochen verlieren. Ware fur jede Haushaltung von selbst schon Gekochtes da, so wurde man kein Holz kaufen und bezahlen, oder es mit Zeitverlust im Walde zusammenlesen mussen, sondern man konnte vielleicht sogar jahrlich von dem Gabenholz, das die Gemeinde gibt, an Andere verkaufen und Geld daraus losen. Dabei ware schon zu sparen. Aber wir mussen das auf andere Weise anfangen."

"Ihr wisset, wir haben in theuern Zeiten elende Sparsuppen gegessen. Warum sparten wir damals, d a w i r n i c h t s h a t t e n , und nicht weit lieber jetzt, w o e t w a s z u s p a r e n w a r e ? Wir haben jetzt Erdapfel, Obst und Mehl und Brod und Fleisch in wohlfeilerm Preis. Wir konnen jetzt mit demselben Gelde, wie in der theuern Zeit, bessere Kost haben und viel ersparen. Wenn jetzt Einer fur uns Alle kocht, ersparen viele Frauen Zeit, und konnen auf andere Weise arbeiten und verdienen. Unter dreissig Kesseln und Hafen braucht es zwanzigmal mehr Holz an einem Tage, als unter einem einzigen Kessel fur dreissig Haushaltungen. Das begreift ihr; dabei ist Gewinn. Aber wo fur viele Menschen zusammen gekocht wird, ist auch an Salz und Schmalz und Zuthat und Geschirr Ersparniss. Lasset uns einen Versuch machen."

So sprach Oswald. Viele wollten; Andere wollten nicht. Oswald ging zum Muller und beredete ihn, die Sparsuppe zu kochen, und dreimal wochentlich Fleisch dazu, besonders zum Verkauf. Diejenigen, welche dazu einstanden, sagten, wie viel Suppe und Fleisch sie taglich begehrten; es waren ihrer zuerst siebenzehn Haushaltungen.

Nun musste der Reihe nach jede Haushaltung, eine um die andere, wenn der Tag an sie kam, das Holz zum Kochen, und beim Kochen einen Aufwarter oder Gehulfen geben. Die Mullerin fuhrte beim Kochen die Aufsicht. Alle Tage war Abwechslung in Suppe und Gemuse. Wer kein Geld hatte, konnte seine Portionen mit Mehl, Obst, Gemus und Erdapfeln zahlen. Das ward Keinem zu schwer. Nur wer Fleisch nahm, zahlte Geld dafur. Die Frau Mullerin verstand das Kochen. Die andern Bauernweiber und Madchen, wenn der Tag an sie kam, da sie helfen mussten, lernten viel dabei, was sie vorher nicht wussten.

So geschah, dass die zusammenstehenden Familien, wozu auch der Schulmeister und der Muller gehorten, besser und nahrhafter assen, als andere Leute im Dorfe und doch weit wohlfeiler. Alle Tage Suppe und Gemus dazu, dreimal wochentlich Fleisch und Braten auf allerlei Art zugerichtet. Wie dies die Andern sahen, dass es da keine Sautranke oder elende Sparsuppen gab, und dass es noch fur kranke Personen und Genesende gesunde Nahrung nebenbei gab, traten sie auch bei, und Viele, die gar nicht zum Goldmacherbund gehorten. Denn sie merkten bald, dass da viel an Holz, Muhe und Zeit, viel an Speisezuthat erspart und Alles weit wohlfeiler gemacht werden konnte.

Es wurden fur die Garkuche der Mullerin endlich der Theilhaber zu viel, obgleich sie taglich mehrere Gehulfinnen erhielt. Da legte der Adlerwirth zu seinem Vortheil auch eine solche Kuche an. Aber alle, die zum Goldmacherbund gehorten, blieben beim Muller. Sie hatten die verstandigsten Hausvater unter sich ausgeschossen, die mussten den Ankauf der Vorrathe und deren Verwendung beaufsichtigen. Denn die Garkuche sollte keinem Einzelnen zum Gewinn dienen, sondern Allen zum Vortheil gereichen.

16. Wie sich die Wirthshauser im Dorfe

vermindern, und was die alten Bauern dazu

sagen.

In der Kuche des Adlerwirths ging es anders zu. Er kochte Sausuppe. Davon wollte Keiner essen. So blieben seine Kunden weg, weil sie nicht ihr theures Geld dafur geben wollten. Sie traten unter einander zusammen, und wollten es machen, wie die Leute bei der Mullerin. Aber es ging nicht, weil keine Ordnung war und weil Einer den Andern betrog. Da lachte der Adlerwirth und freute sich, dass es bei Andern nicht besser ginge, als bei ihm.

Bei ihm ging es aber doch schlechter als bei Andern, weil er ein hartherziger, schlechter Mann war. Er hatte viel Geld auf bose Weise zusammengescharrt; aber unrecht Gut gedeiht nicht. Wenn in der theuern Zeit Steuern und milde Gaben fur die armen Leute nach Goldenthal gekommen waren, damit man Sparsuppen kochen und austheilen konne, hatte er die Gemeindsvorsteher beredet, lieber das baare Geld an die armen Leute auszuzahlen. Dann trat er mit dem Lowenwirth zusammen, und sie verkauften den armen Leuten Mehl und Brod in ganz ungeheuerm Preise. So kam das Geld alles wieder in ihren eigenen Sack zuruck. Wenn Leute im Dorfe von ihrem Heu, Vieh oder liegende Gutern aus Noth etwas offentlich an die Steigerung bringen wollten, so trat er mit dem Lowenwirth und andern Vorstehern zusammen, und sie machten Satz mit einander, um alles wohlfeil zu bekommen. Sie boten erst kleine Summen, und legten etwas zu. Dann trat einer nach dem Andern zuruck, und bot nicht mehr, weil es zu viel und die Waare zu schlecht sei. So sagte Einer nach dem Andern. Und weil man sie fur die verstandigsten Manner hielt, getraute sich kein Anderer, mehr zu bieten. So bekamen sie die Sachen wohlfeil. Wenn aber doch ein Anderer klug war und mehr bieten wollte, schreckte man ihn mit Drohworten, zumal wenn ein solcher ihnen schuldig war; und sie sagten: "Hast du Geld genug fur so schlechte Waare, und willst du meinen Freund uberbieten: so verlange ich, du sollst mir vorher deine Schuld bezahlen."

So machte es der Adlerwirth. Aber unrecht Gut gedeiht nicht. Er war ein stolzer und zornmuthiger Mann, und hatte bestandig Handel und Prozesse vor Gericht. Sogar mit seinen Brudern und Schwestern hatte er einen Rechtsstreit gehabt, weil er sie in der vaterlichen Erbschaft durch Betrug und List bei der Theilung sehr verkurzt hatte. Viele Leute im Dorfe waren von ihm durch das Prozessiren zu Grunde gerichtet worden.

Ueberhaupt war die Streitsucht in Goldenthal eine Hauptursache von der Verarmung des Dorfs gewesen. Denn so lange die Leute noch im Wohlstand waren, wollten sie grossthun; wer einen Prozess zu fuhren hatte, meinte, er habe etwas Grosses und Ehrenvolles, weil Jedermann mit ihm davon sprach. Dann kamen arglistige Advokaten und hetzten noch mehr auf, weil sie gern durch die Dummheit und Prozesswuth der Bauern Verdienst hatten. Die prozesslustigen Leute waren dann so sehr auf ihre Sache erpicht, dass sie tausendmal schworen, lieber Alles daran zu setzen, als nachzugeben. Das gefiel den Advokaten sehr wohl. Da wurden die Prozesse durch allerlei Kunst in die Lange gezogen, Jahr ein Jahr aus; da wurde replizirt, triplizirt, appellirt und den einfaltigen Leuten das Geld aus dem Sack herausgefuhrt, bis der Handel zehnmal mehr gekostet, als er werth war. Wer dann verlor, schimpfte uber Parteilichkeit der Richter und sog an den Hungerpfoten. Die Advokaten aber assen Braten.

Seit Oswald ins Dorf gekommen, hatte er viele Leute vom Prozessiren abgehalten. Denn wenn ihn Einer um Rath befragte, richtete er es immer so ein, dass die Sache in der Gute abgethan wurde. Und er redete und sprach: "Einst fanden zween Hunde, die sich auf einem schmalen Steg uber dem Wasser begegneten, ein Stuck Fleisch auf dem Brucklein. Und sie geriethen in Streit, wem es gehore." Ein dritter Hund, der das Fleisch auch gern gehabt hatte, kam dazu und sagte bald diesem, bald jenem ins Ohr: "Gib nicht nach. Es gehort dir von Rechtswegen allein!" Also fingen die Beiden an, sich zu raufen und zu beissen, bis Beide in der Balgerei hinab ins tiefe Wasser fielen. Dann ging der Dritte gemachlich zum Fleisch und frass es, und sah zu wie die Andern schwammen. So geht es den streitfuhrenden Parteien in Prozessen.

"Rechthaberei kostet viel Geld, und bringt Spott und Schande nach. Wer einen Prozess anhebt, hat schon die Halfte von dem verloren, was er gewinnen will. Boshafte Advokaten sind wie die zwei Schneiden einer Scheere; sie vereinigen sich, um das zu trennen, was man zwischen beide legt. Wenn du am Ende Alles gewinnst, hast du doch mehr verloren, als dir ersetzt werden kann: Zeit und Arbeit, wohl gar an der Gesundheit Schaden genommen durch Verdruss und Aerger, Furcht, Sorge und schlaflose Nachte."

So sprach Oswald. Der Adlerwirth aber fragte ihn nie, sondern hatte fast alle Jahre einen neuen Prozess. Die vielen Unkosten und Geschenke an Advokaten und Schreiber, die vielen Laufe und Gange und Reisen brachten ihn nach und nach um das Seinige. Als er nun einen Streit gegen eine benachbarte Gemeinde verlor, den er mit derselben wegen einer alten Eiche gefuhrt hatte, von der er behauptete, sie stande auf seinem Lande und gehore nicht der Gemeinde, so kam er in grosse Noth. Denn die Eiche hatte ihn uber tausend Gulden gekostet, und er wusste nicht, woher das Geld nehmen, weil er mehr auf Haus und Land schuldig war, als man glaubte. Und da er uberall Geld aufnehmen wollte und nichts erhielt, geriethen die in Sorgen, denen er schon schuldig war. Und sie begehrten zuruck, was sie ihm geborgt hatten. Also blieb ihm nichts ubrig, als all sein Gut den Glaubigern heimzuschlagen. Er musste Haus und Hof verkaufen. Das war die Folge seiner Prozesssucht.

Weil er seine Felder schlecht besorgt hatte, gingen sie in massigen Preisen ab. Da die Leute nicht mehr haufig ins Wirthshaus gingen, weil sie entweder kein Geld hatten, oder keins versaufen wollten, brachte auch die Wirthshausgerechtigkeit nicht viel ein. Der Kaufer des Hauses, als er sah, dass Niemand bei ihm einkehren und Geld verzehren wollte, stellte das Wirthen ganz ein. So blieb nur der Lowenwirth noch Meister; denn die andern Wirthe und Bier- und Weinschenken hatten gar nichts mehr zu verdienen, und die Wirtschaft schon fruher aufgegeben.

Einige alte Bauern schuttelten den Kopf und sprachen: "Es ist doch bose Zeit und wir sehen wohl, unser armes Dorf geht ganzlich zu Grunde. Vorzeiten hatten drei Wirthe und noch einige Bier- und Weinschenken bei uns vollauf zu thun; jetzt ist kaum Nahrung fur einen einzigen vorhanden! Wohl ist das eine Schande fur unser Goldenthal, und ein Beweis, wie schlecht es bei uns steht."

Oswald aber sprach zu ihnen und sagte: "Mit nichten, ihr guten Leute! sondern nun habe ich Hoffnung, dass es bei uns bald besser gehen werde. Ich bin viel in der Welt umhergereiset, und habe viele Dorfer gesehen. Wo die meisten Wirthshauser waren, da habe ich immer die meiste Armuth gefunden. Und wo kein Wirthshaus war, als etwa, Reisende zu beherbergen, da sah man einen gewissen Wohlstand in den Hausern. Die Wirthe hangen nicht umsonst in ihre Schilde das Bild eines R a u b t h i e r e s aus, Lowen und Adler, Baren und Falken, die Thiere leben von Gut und Blut der Gemeinde. Sie hangen ein goldenes Kreuz aus, weil sie Gold haben wollen, und den Leuten Kreuz und Kummer dafur lassen. Sie hangen einen goldenen Engel aus, aber es ist ein boser Engel, der Rekruten wirbt fur das Zucht- und Armenhaus und Gefangniss.

Wir haben im Dorfe nur noch ein Wirthshaus, aber nur zu viel daran. Stande es nicht da, standen die Nachbarshauser besser. Wer am Wirthstische die Spielkarten nicht braucht, kauft sich eine Bibel und Gotteswort ins Haus. Wer nicht bei den Zechern um theures Geld Kopfweh kauft, freut sich daheim bei Weib und Kind unentgeldlich. Wer dem Wirth kein Geld zahlt, behalt es im Sack. Es ist mehr Ehre, im eigenen Keller eine Flasche Wein, als im Wirthskeller ein ganzes Fass voll zu haben."

So redete Oswald, und die alten Bauern nickten mit dem Kopf, denn sie merkten wohl, er habe nicht Unrecht. Aber der Lowenwirth wollte bersten vor Zorn, zumal, da er horte, dass Oswald den goldenen Lowen ein Raubthier geheissen hatte. Und er wurde dem Oswald gern einen Prozess angehangt haben, wenn es moglich gewesen ware. Aber der Schulmeister war klug, nahm sich in Acht und ging dem grimmigen Lowen uberall aus dem Wege, und liess denselben brullen und schmahen.

17. Vom Blitzstrahle im Pfarrhause und dem

neuen Herrn Pfarrer.

Zu dieser Zeit war in einer Nacht ein erschreckliches Gewitter. Der ganze Himmel stand in Flammen. Der Donner rollte, dass die Hauser bebten und die Fenster klirrten. Wenn die Bauern das ganze Jahr ruchlos blieben, so beteten sie doch allemal beim Gewitter recht laut, und bereuten ihre Sunden von ganzem Herzen so lange, bis das Wetter voruber war. Dann lebten sie wieder wie vorhin.

Plotzlich fuhr mit entsetzlichem Krachen und Prasseln der Blitz ins Dorf. Er fiel wie ein Feuermeer auf das Pfarrhaus; doch zum Gluck zundete er nicht und beschadigte Niemanden. Aber am folgenden Morgen sah man, wie der Blitz das ganze Dach zerschmettert hatte, und der alte Herr Pfarrer war vom Schrecken so hart befallen worden, dass er nach wenigen Tagen starb.

Da schimpften die Goldenthaler auf die Regierung, und sagten: "Die Regierung ist an dem ganzen Ungluck Schuld. Denn hatte sie nicht verboten, beim Hochgewitter mit der Glocke zu lauten, so ware das nicht geschehen. Sonst hat man doch das Wetter, wenn es kam, weglauten konnen; jetzt ist das verboten. Die grossen Herren haben keine Religion mehr im Leibe. Nun haben wir das Ungluck." So sprachen die Goldenthaler.

Oswald aber sagte: "Wie denket ihr doch in euerm Herzen so thoricht, und sprechet mit euerm Munde so lasterlich. Die Regierung hat den Blitz nicht auf das Dach des Pfarrhauses gezogen, sondern der metallene Knopf mit der eisernen Wetterfahne hat es gethan. Denn es hat Gott in die Natur des Blitzes gelegt, immer dem Wasser oder den Metallen auf der Erde nachzugehen, besonders den metallenen Spitzen. Das hat Gott gethan, auf dass der Mensch erkenne, wie er sich vor der Gewalt des Blitzt verwahren konne. Denn sobald der Blitz Metalle findet, an denen er bis in den Erdboden dringen kann, ist er unschadlich."

So sprach Oswald, und fuhrte die Bauern auf das Dach des Pfarrhauses. Da sahen sie Alle in dem vergoldeten Knopf kleine eingeschmolzene Locher, und sahen, wie der Blitz den aufrechtstehenden Nageln der Hohl- und Eckziegel am Dache nachgelaufen war, bis unter das Dach zu einem Eisendraht, an welchem man vor der Hausthur zu klingeln pflegte, wenn man zum Herrn Pfarrer wollte. Weil nun der Blitz solch einen eisernen Weg zur Stunde gefunden, war das ubrige Haus von ihm verschont worden, und ein kalter Schlag geblieben, wie die Bauern sagten. Er ware aber, hatte er jenes leitende Eisenzeug nicht gefunden, wohl leicht ein gar h e i ss e r Schlag geworden.

Oswald sprach ferner: "Weil die Kirchthurme hohe Spitzen tragen und viel Eisenwerk im Innern, geschieht es oft, dass der Blitz sie trifft. Und weil daher schon mancher arme Mensch beim Gewitterlauten erschlagen worden ist, hat die hohe Obrigkeit das unnutze und aberglaubige Lauten verboten."

So sprach Oswald; und weil er merkte, dass sich seit der Zeit viele Leute vor dem Blitzstrahl mehr als vorher furchteten, that es ihm leid. Und er sprach: "Angst und Schrecken beim Gewitter sind ein Ungluck; das Gewitter selbst ist ein Segen des barmherzigen Gottes fur die Lander, deren Lufte er reinigen und deren Boden er befruchten will. Darum legt euern Kummer ab. Gehet hin, befestiget auf dem Giebel eures Hauses eine eiserne Spitze, eines Schuhes hoch; knupfet daran einen eisernen Draht, nicht dicker als die Spule einer grossen Schreibfeder, der muss uber das Dach herab bis zur Erde gehen in eine feuchte Stelle. So habet ihr dem Blitz einen Weg gemacht, auf dem er unschadlich zur Erde fahrt, wenn der Draht ein einziges Stuck ist von oben bis unten, und ihr ihn sauber haltet von allem Rost und Schmutz. Ein Blitzableiter ist ein F u r c h t a b l e i t e r , und bewahrt zugleich Haus und Dorf gegen ein mogliches Ungluck und Feuersbrunst durch den Strahl."

Also redete der Schulmeister, und setzte auf sein eigenes Haus eine Eisenspitze mit dem daran herabhangenden Draht (denn Elsbeth furchtete sich stark bei Gewittern). Der Muller hatte dergleichen schon langst in der Stadt gesehen und that es auch. Viele Bauern folgten dem Beispiel nach, denn es kostete nicht viel und half doch zur Beruhigung.

Andere aber nahmen in ihrer Dummheit daran grosses Hinderniss und sagten: "Heisst das nicht, unserm Herrgott nach den Augen stechen und ihm Gesetze vorschreiben? Kann er nicht mit seinen Blitzen treffen, wen er will? Werden die vielen Wetterstangen nicht die fruchtbringenden Gewitter verhindern und schlechte Witterung machen?"

Da antwortete der Schulmeister und sprach: "Ihr Thoren, die Wetter Gottes gehen uber tausend Spitzen der Baume des Waldes, wie uber kahle Ebenen; und seine Blitze befruchten den Erdboden, sie mogen in den Wipfel der Eiche oder in Eisenstabe, oder in See'n, Flusse und Meere fallen. Aber der Herr gab uns Einsicht, auf dass wir uns bewahren sollen vor dem Schaden, den die herrlichste Sache am unrechten Ort stiftet. Das Feuer ist mit Licht und Warme wohl ein herrliches Ding, aber nicht wenn das Haus brennt. Darum gab uns Gott das Wasser zum Loschen des Feuers. Brauchet ihr nun das Wasser zum Loschen des Feuers, warum traget ihr Bedenken, das Eisen zum Loschen des Blitzes zu gebrauchen? Es ist kein Uebel in der Welt, Gott hat uns dagegen ein Mittel gegeben. Aber der Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen. Wer nun in blinder Verstocktheit das Mittel verschmaht, ist ein Verachter von Gottes theuersten Gaben, und leidet gerechte Strafe, es sei, dass sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers, oder dass sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde."

Viele glaubten an diese verstandige Reden. Andere aber, die Bloden und Hochmuthigen, verachteten solche Worte in ihrem Herzen, und wollten nicht zugeben, dass es der Schulmeister besser verstehe, als sie; denn sie schamten sich dumm zu sein, und wollten ihrer Unverstandigkeit das Ansehen der Klugheit verleihen.

Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarrers blieb nicht lange unbesetzt. Der neu erwahlte Herr Pfarrer R o d e r i c h , damals noch ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren, kam ins Dorf.

"Ei!" riefen einige Bauern: "was soll uns dieser Knabe? Wenn die Regierung keinen Glauben mehr hat, so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen, und einen wurdigen Mann schicken, der Jahre und Erfahrung hat." Andere sprachen: "Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode. Gott sei es geklagt. Wenn er predigt, spricht er so wie unsereins, und man kann wahrhaftig alles begreifen und behalten. Das taugt nichts. Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr lernen. Da muss man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten. Das war ein ganz anderer Mann! Der predigte so schon und grundlich gelehrt, dass ihn unsereins nur nicht verstand, und wenn er anderthalb Stunden auf der Kanzel war. Der wusste unsereins herzunehmen, wenn er von der Holle und ewigen Pein anfing und von Busse und Glauben, und wenn er das ganze Sundenregister hersagte. Zumal im Winter, wenn es in der Kirche fror, dass man hatte Ach und Weh schreien mogen, dann machte er's am langsten!" Wieder Andere sagten: "Ja, der alte Herr selig, das war ein Mann! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar, da war doch von seiner grossen, breiten Gestalt etwas zu sehen. Der neue Herr Pfarrer ist viel zu schmal, und dunn wie ein Zwirnfaden. Ja, und wenn der alte Herr selig einmal eifern wollte, horte man ihn weit ubers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der Almende; und den Leuten, wenn sie aus der Kirche kamen, klangen die Ohren zwei Stunde hernach. Der hatte eine Stimme! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so, als ware er bei uns in der Stube."

So urtheilten die Leute zu Goldenthal, doch auch nicht alle.

18. Noch etwas von dem neuen Pfarrer.

Es gab auch Leute im Dorfe, die sahen wohl, dass der Pfarrer R o d e r i c h ein recht frommer, wurdiger und gelehrter Mann war, ungeachtet seiner Jugend, ein Mann nach dem Herzen Gottes. Ja, wenn man ihn lange beobachtete, ward einem zu Muthe, als ware er mehr als ein gewohnlicher Mensch, und von wahrhaft himmlischer Abkunft. Denn er war leutselig und doch voll Ernstes; er war demuthig, und flosste doch in seiner Demuth grosse Ehrfurcht ein. Er schalt nie, er zurnte nie, und war immerdar voll Sanftmuth und Geduld; und wenn er tadelte, horte man nur die Stimme der Liebe, die den Verirrten zurechtwies.

Als er in Goldenthal angekommen war, besuchte er alle Familien im Dorfe und machte sich mit allen bekannt. Nachher verging kein Tag, dass er nicht bald in dieses, bald in jenes Haus ging. Er verstand da die rechte Kunst, Vertrauen zu erwecken. Immer wusste er guten Rath zu geben, immer die Bekummertem zu trosten, das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Versohnung zu stiften. Gleichwie Christus der Herr, ward auch er bei armen Leuten gesehen, oder bei denen, die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres Herzens bekannt waren.

Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete, war es ein wunderbares Wesen. Denn Jeder glaubte, der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein. Jeder horte gleichsam da die Geschichte seines eigenen Herzens, das Geheimniss seiner eigenen Fehler, und die wahren Ursachen, wie man zu denselben gekommen und von Gott abgefallen sei, und die Art und Weise, wie man wieder zum himmlischen Vater zuruckkehren musse. Und dabei wies er immer auf Jesum Christum und die Heiligen Gottes, als die Vorbilder des Wandels zu Gott. Das erweckte dann in jedem Zuhorer grosses Nachdenken, weil Jeglicher meinte, es sei nur von ihm die Rede. Und man vergass die Jugend des Lehrers, und seine zarte Gestalt, und die Mildigkeit seiner Stimme. Denn seine Worte waren Himmelsworte, die da an das Herz drangen mit Sussigkeit und Entsetzen.

Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte, um ihre Einrichtung kennen zu lernen, machte die Reinlichkeit, Stille und Ordnung der Kinder, wie sie kamen, ihm grosse Freude. Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel und die ganze Schule niedersank zum Gebet, ruhrte ihn der schone Anblick der betenden Jugend. Und er kniete und beugte sich vor Gott, und die hellen Thranen flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen. Und er blieb liegen, als Oswald geendet hatte, und streckte die gefalteten Hande zum Himmel und sprach: "Mein Vater im Himmel, hore auch mein Gebet und Seufzen! Bleibe mit deiner Gnade gegenwartig diesen unschuldsvollen Kindern, dass sie sich nie von dir verlieren; bleibe, bis es bei ihnen Abend wird, und du sie aus der Welt voll Prufungen hinwegrufst an dein Vaterherz. Dann, o dann, Barmherziger! vergib um Jesu willen auch mir meine Sunden, dass ich knien darf mit diesen verklarten Engeln um deinen Thron, und druben keiner fehle von uns. Und segne den Lehrer dieser frommen Jugend, segne sein Wort und Werk, dass er machtig bleibe durch deine Macht, dein Reich herrlich zu erweitern!"

So sprach er; dann stand er auf und sagte zu den Kindern: "Liebe Kindlein, betet fleissig fur diesen euern Lehrer, dass ihn Gott euch erhalte; denn wahrlich, dieser Mann ist euer Vater, und ohne ihn waret ihr trostlose, verlassene arme Waisen!" Dies und anderes Schone redete er; und die Knaben und Magdlein schluchzten laut, und hatten nun den Schulmeister noch viel lieber, als sonst, denn sie bedachten, er konne ihnen einst sterben. Und viele falteten die Hande, und sahen still und stumm mit betenden Augen durch die fallenden Thranen gen Himmel!

Und als endlich die Morgenschule vollendet war, ging der Herr Pfarrer zum Schulmeister und umarmte ihn vor allen Kindern und druckte ihn an sein Herz und sprach: "O du frommer und gerechter Mann, du saest Saaten, die dir herrlich in der Ewigkeit aufbluhen; lehre mich deinem Beispiele nachfolgen, denn du hast vieles gethan und ich noch so wenig. Und wenn ich je den Muth verlieren sollte, will ich herkommen und mich zu den Kindern setzen, und will werden wie sie, hoffend, glaubend, liebend, und mich durch den Anblick deines Beispiels und deiner Beharrlichkeit starken."

Das war ein rechter Feiertag fur alle Kinder im Dorfe gewesen. Sie hatten zwar den Oswald und die Elsbeth schon vorher lieb gehabt von Herzen. Nun sie aber gesehen hatten, wie grosse Ehrfurcht selbst der Herr Pfarrer ihren Lehrern bewies, betrachteten sie Oswalden und Elsbethen recht wie hohere Wesen, und in ihre Liebe mischte sich eine wunderbare Hochachtung.

Pfarrer Roderich war kein halbes Jahr im Dorfe, so war er schon der rechte Hausfreund und Rathgeber der meisten Familien. Von ihm kam allezeit die beste Meinung, der beste Trost. Die Muhseligen und Beladenen fanden bei ihm Erquickung. In den Hutten sprach er als ein irdischer Freund. Sonntags aber ward den Leuten immer zu Muth, als sei der liebe, heilige Mann gestorben, und er rede in der Kirche als ein Verklarter, der aus den Himmeln gekommen oben herab, und wolle sie nachziehe in das Ewiglich-Schone.

Und er that den Armen viel Gutes; man wusste es nur kaum, so bescheiden that er das Gute. Und wo Kranke waren, fehlte er nicht. Er hatte in seinem Hause eine kleine Apotheke von einfachen Hausmitteln. Daraus half er oft. Er las gern die Schriften der Aerzte, und wusste vieles zu heilen, ohne grosse Kunst. So ward er nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen. Das brachte ihm grosses Vertrauen und vielen Gehorsam. Also that er, wie Christus der Herr und seine Junger, und heilete die Kranken und predigte das Reich Gottes.

Und so geschah, dass er die unwissenden Leute von allerlei aberglaubigen, sympathetischen und oft grundschadlichen Mitteln in Krankheiten abgewohnte. Sie liefen nicht mehr zu den Kapuzinern um geweihte Zettel, nicht mehr zu den Henkern, Scharfrichtern, Wasserbeschauern und Quacksalbern. Denn er forderte fur seine Muhe und Arznei kein Geld, und half doch besser, als zwei Pfuscher. Wenn aber eine Krankheit zu wichtig und schwer ward, mussten die Leute sogleich auf seinen Rath zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor in die Stadt senden. Anfanglich straubten sich zwar viele dagegen und hatten mehr Zutrauen zu einem alten Weibe oder einem verschmitzten Harngucker, als zu einem rechtschaffenen Mann, der die Arzneikunst grundlich erlernt hatte; oder sie liefen von einem Doktor zum andern, wenn die Arznei von dem einen nicht jahlings half, und gebrauchten allerlei Mittel durch einander, dass das Uebel immer schlimmer werden musste. Der Herr Pfarrer aber wusste die Leute bald auf andern Sinn zu bringen, denn er musste es wohl besser verstehen, da er selber im Heilen Erfahrung hatte. Das brachte ihm Vertrauen und Gehorsam.

Er wusste auch sonst noch viele Dinge, die man bei ihm nicht vermuthete. Er war ein geschickter Bienenvater, und wusste die Bienen aufs beste zu pflegen, vor Unfall zu huten und ihnen gesunde Nahrung zu bereiten, wenn es daran fehlen wollte. Er hatte seine Bienenstocke aber nicht lange bei sich, sondern verschenkte sie an die armsten Haushaltungen, und lehrte diese, wie sie die nutzlichen Thiere besorgen mussten. Nur behielt er sich vor, wenn es neue Schwarme gab, sie aufzufangen und denen zu geben, die noch keine besassen, bis fast alle Familien mit Bienen versehen waren. Und weil er die Sache meisterlich verstand, gedieh sie bei Allen. Da ward viel Honig und Wachs zur Stadt getragen und schones Geld dafur heimgenommen. Und mit der Zeit ist Goldenthal im ganzen Lande beruhmt geworden durch seinen Bienenstand, also dass aus entlegenen Ortschaften die Kaufer kamen, und den Preis des Wachses und Honigs im Dorfe steigerten, weil jeder den Goldenthaler Honig pries. Und sie hatten Heerden, fur die sie kein Land und Futter gebrauchten, sondern die auf ihren zarten Flugeln uber Felder und Walder schwarmten und ihren Besitzern Gold ins Haus trugen.

Und wie der Herr Pfarrer diese und andere lobliche Einrichtungen in den Hausern machte, so machte er auch dergleichen in der Kirche. Hier aber hielt es fast schwer, besonders bei den alten Leuten, die sehr hartnackig am Alten hingen. Wenn die Gemeinde in der Kirche sang, war es ein gewaltiges Durcheinanderschreien, ohne Lieblichkeit und Wohllaut. Jeder schrie aus Leibeskraften um die Wette mit dem Nachbar, als sollten die Fenster springen und die Gewolbe des Tempels zerbersten. Die Leute wurden dabei zuweilen von der Anstrengung kirschbraun im Gesicht.

Schon Oswald hatte gegen dieses andachtlose Zetergeschrei viel geredet; aber er redete in den Wind und hatte das Ansehen nicht. Darum liess er die altern Leute gehen, und hielt es mit den jungern und Kindern. Die lehrte er feinen, lieblichen Gesang, vierstimmig, dass es recht erbaulich und ruhrend anzuhoren war. Die Bauern und ihre Weiber horten recht gern zu; doch sie meinten, das sei wohl gut in der Schule, aber nicht in der Kirche, und liessen es beim alten Geschrei bewenden.

Da griff es der Herr Pfarrer anders an. Ob er gleich die alten Lieder in Ehren hielt, theilte er doch, als Anhang zu den alten Liedern, in den Haushaltungen ein kleines Buchlein mit; das enthielt allerlei schone Gebete in Versen fur solche Falle, die in den alten Liedern fehlen mochten. Und dies Buchlein war dasselbe, was die Kinder schon langst in der Schule gehabt und gesungen hatten. Das war den Alten schon recht, denn es kostete sie nichts.

Nachdem manche Woche und mancher Monat vergangen war, hielt eines Sonntags der Herr Pfarrer eine bewegliche Predigt uber den Nutzen der Feierlichkeit beim offentlichen Gottesdienst. Und er sprach von Konig Davids heiligem Harfenspiel und vom Halleluja der Engel am Throne Gottes. Und jeder Bauer verspurte, dass er bisher nicht mit gehoriger Andacht gesungen habe, wie die Engel Gottes singen. Dann sagte der Herr Pfarrer zuletzt: "Der Heiland hat gesprochen: lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht. Also wollen wir auch unsern Sohnen und Tochtern nicht wehren, zum Heiland zu kommen. Und alle Sonntage sollen sie zuerst, ehe wir singen, einen Satz aus dem Anhang singen zu unserer Herzenserweckung; kunftigen Sonntag das erste Mal."

So sprach er. Und am nachsten Sonntage war die Kirche gedrangt voll; und an den schwarzen Tafeln der Kirchthuren stand erst ein Vers aus dem Anhang, dann ein altes Lied angezeichnet. Die Leute hatten von selbst das Anhangbuchlein mitgebracht. Und es scholl der Gesang der Jugend wie sanfter Engelgesang durch die Kirchengewolbe. Es wurden viele Leuten vor Ruhrung die Augen feucht, die Herzen warm. Manche von den Alten sumseten leise und heimlich das schone Lied nach. Dann ward von der ganzen Gemeinde das alte Lied gesungen. Der Herr Pfarrer sprach aber zuvor: "Ihr Manner, lieben Bruder, und ihr christlichen Frauen, vergesset nicht, dass unser Gott allgegenwartig ist, und er euch horet, ob ihr gleich vor ihm sanft singet, wie Harfen Davids." So sprach er. Die Gemeinde sang, und so sanft, dass man die schonen vierstimmigen Tone der jungen Leute hell und deutlich dazwischen horte. Das klang wunderlieblich. Und wenn ein altes Weib einmal allzulaut hineinkreischte, stiess sie der Nachbar an, sie solle die Andacht nicht storen.

So ging es manchen Sonntag. Und jeden Sonntag mischten mehrere von den Alten ihre Stimmen zu dem Gesang der Jugend, denn er gefiel ihnen wohl. Zuletzt sang die gesammte Gemeinde leise mit, sogar der Herr Pfarrer. Oft geschah, dass man bloss aus dem Anhang singen musste.

Wenn Fremde aus der Stadt oder aus benachbarten Dorfern einmal von Ungefahr in die Goldenthaler Kirche kamen und dem Gottesdienste beiwohnten, ward ihnen wundersam zu Muth. Und sie waren andachtiger hier, als anderswo. Und im ganzen Lande redeten sie davon.

19. Gluck fuhrt oft zur Unglucks-Schwelle,

Ungluck oft zur Glucks-Quelle.

In denselben Tagen aber begab sich ein grosses Ungluck im benachbarten Dorfe F e r k e l h a u s e n , wo am hellen Tage eine Feuersbrunst ausbrach, wahrend die Leute dort auf dem Felde gearbeitet hatten. Zwar aus Goldenthal, wie aus andern naheliegenden Ortschaften, war man sogleich zur Hulfe dahin geeilt. Allein binnen wenigen Stunde lagen sechs Wohnhauser von den Flammen in Schutt und Asche verwandelt, und einige Stucke Viehs blieben in den Stallen lebendig verbrannt. Solches Unheil war durch Unvorsichtigkeit von Kindern gestiftet worden, die in einem der Hauser zuruckgelassen worden waren, als sich die Erwachsenen zur Arbeit auf ihre Aecker und Wiesen begeben hatten. Die Kinder hatten in der Kuche mit der Kohlenglut auf dem Herde gespielt. Ein Ungluck kommt selten allein, sagt man. Und diesmal war's der Fall.

Als Abends die Goldenthaler vom Loschen heimkamen, sahen sie vor der Hausthur des Adlerwirths K r e i d e n m a n n einen Haufen Weiber, Knechte, Magde versammelt. Einige trockneten sich die Thranen vom Auge, Andere seufzten mitleidig; Alle standen ernst und niedergeschlagen da. Aus dem Hause aber erschollen Stimmen lauten Jammers und Wehklagens. Denn das jungste vierjahrige Tochterlein hatte auf entsetzliche Weise sein junges Leben eingebusst. Es war hinter dem Hause, beim Stalle, in die Mistjauche gefallen, und elendiglich in der stinkenden Pfutze ertrunken. Jedermann hatte das Kind lieb gehabt, denn es war artig und hubsch, wie ein kleiner Engel, gewesen. Darum sah man uberall so grosses Herzeleid.

Als Herr Pfarrer Roderich zwei Tage nachher beim Begrabniss des Magdleins ruhrende Worte des Trostes gesprochen hatte, begab er sich zu seinem Freunde Oswald und sagte: "Lieber Freund, gute Worte sind allerdings loblich; aber gute Thaten viel loblicher. Es ist besser, Ungluck verhuten, als daruber trosten. Es ist unverantwortlich, dass Leute zur Feldarbeit gehen und ihre unmundigen Kleinen ohne Aufsicht zu Hause sich selbst uberlassen! Es ist unverantwortlich, weil unverstandig, gegen alle Aelternpflichten gesundigt, und gefahrvoll fur sie selbst und Andre. Warum richtet man bei uns kein B e w a h r h a u s d e r U n m u n d i g e n ein, keine sogenannte K l e i n k i n d e r s c h u l e , wie man in vielen Stadten und Ortschaften hat? Das ist ja gar nicht kostspielig; erspart den Aeltern Angst und Sorge, wenn sie, um Geld zu verdienen, von Hause sich entfernen mussen, und beugt manchem Jammer und Elend vor."

Oswald schuttelte den Kopf. Er gestand, er habe von dergleichen Bewahrhausern, oder Kleinkinderschulen nie gehort, noch weniger solche gesehen. Dessen verwunderte sich der Herr Pfarrer sehr. Er ertheilte ihm daruber Auskunft und sagte: man gebe die Kinder, welche noch nicht alt genug waren die Schulen zu besuchen, der Aufsicht einer verstandigen Frau. Diese hute und besorge die Kleinen den ganzen Tag uber, wahrend die Aeltern ausser Hauses in der Arbeit waren; spiele mit ihnen in der Stube, oder, bei gutem Wetter, im Freien; gewohne sie zur Reinlichkeit und zum Gehorsam; lehre sie im Spielen mancherlei Nutzliches; und gebe ihnen zu essen, was man Morgens fur sie geschickt hatte.

Es horte Oswald die Worte des Pfarrers mit grosser Aufmerksamkeit; schuttelte dann aber mit bedenklicher Miene den Kopf, und sprach: "Die Bauern hier zu Lande sind noch etwas rohes Volk. Viele Aeltern sind gewissenlose Menschen, die sich um ihre Schweine, Ziegen und Kuhe weit mehr, als um ihre eignen armen Kinder bekummern. Ich furchte, sie wurden, wenn sie ihre Kleinen anderswo aufgehoben wissen, ihre Aelternpflicht noch mehr vergessen lernen! Dann aber, glaub' ich auch, taugt es nicht, dass man die kleinen Geschopfe, ehe sie das sechste Jahr zuruckgelegt haben, schon zum Lernen anhalte. Es ist zu fruh. Man muss, in so zartem Alter, vor allen Dingen nur fur Pflege ihrer Gesundheit, und fur Starkung ihrer schwachen Krafte Sorge tragen."

Der Herr Pfarrer konnte diesen Einwurfen des vorsichtigen Gemeinde-Vorstehers nicht ganz unrecht geben; doch that er die Gegenfrage: Ob sich denn die Aeltern von ihrem Pflichtgefuhl und ihren Kindern wohl mehr entwohnten, wenn sie diese, statt ohne alle Aufsicht, den ganzen Tag unter guter Obhut und Aufsicht liessen? Und, fugte er hinzu: auch ist keine Rede davon, dass die jungen Geschopfe dort schon Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, oder was sonst in der Schule gelehrt wird; sondern sie sollen beim Spielen nur allerlei Dinge erfahren, nennen und kennen lernen, die auch ihrer zarten Jugend nutzlich sind, und neben Uebung ihrer geringen Leibeskrafte auch zur Vorubung ihrer Verstandeskrafte dienen konnen. Dazu fuhrte der wurdige Pfarrer manche Beispiele aus Bewahrhausern an, die er selber gesehen, und bewies die Wohlthat solcher Anstalten so sonnenklar und deutlich, dass Oswald ihm endlich ganz uberzeugt Hand und Wort darauf gab, der Plan musse ausgefuhrt werden.

Und von Stund' an uberlegte und sann Oswald, wie die Sache am besten anzustellen sei? Er besprach sich mit dem braven Schullehrer Johannes Heiter, der neulich geheirathet hatte, und dessen junge Frau geneigt schien, unter Elsbeths und ihres Mannes Rath und Beistand, die Aufsicht zu ubernehmen. Er sprach mit dem Adlerwirth Kreidemann, der in seinem Hause einen grossen Saal besass, welcher allsonntaglich sonst mit Trinkern und Karten- und Wurfelspielern gefullt war, jetzt aber leer stand; dazu befand sich auch hinter dessen Hause ein geraumiger Baumgarten, der zum Tummelplatz fur Kinder dienen konnte. Er sprach mit den Beisitzern des Gemeinderaths; mit den zweiunddreissig geheimen Bundesgenossen, und vielen Andern im Dorfe. Er nicht allein, sondern uberall war ihm auch der thatige Seelsorger in der Gemeinde mit Rath und That und Zuspruch zur Hulfe.

Nachdem nun Alles und Jedes bedachtig eingeleitet und vorbereitet war, trat Oswald an einem SonntagNachmittag vor der versammelten Gemeinde auf, redete und sprach: "Ihr Manner, liebe Mitburger, vor wenigen Wochen haben die Rauchsaulen und Feuerflammen von Ferkelhausen uns schreckhaft gewarnt, junge Kinder, welche noch nicht zur Schule geschickt werden konnen, tagelang ohne Beaufsichtigung zu lassen. Gedenket des grasslichen Todes, welchen das Tochterlein eines unserer Mitburger sterben musste, als es im unbedeckten Jauchebehalter ertrank! Viele andere ahnliche Unglucksfalle konnten angefuhrt werden und konnen wohl gar Euch selbst noch bevorstehen. Ich habe gelesen, wie eine Frau, die, um einige Stunden ausser dem Hause zu arbeiten, ihr zweijahriges Kind in der Wiege festband, und in Koth und Unflath liegen und schreien liess, bis es einschlief. Als aber die Rabenmutter zuruckkam, sturzte ihr durch die Stubenthur des Nachbars Schwein entgegen. Sie fand die Wiege blutig; das arme Kind todt darin, und halb aufgefressen.

Deshalb lasst uns thun, um ahnliches Ungluck zu vermeiden, wie anderer Orten geschieht. Da schicken die Leute, welche bei ihren Geschaften im Hause, oder im Felde, oder in den Fabriken nicht selber auf die Kinder Acht haben konnen, dieselben zu einer verstandigen Person im Dorfe. Die gibt ihnen die Nahrung, welche von den Aeltern mitgeschickt worden ist. Die hutet und bewacht die unruhigen Kleinen; hegt und pflegt sie, spielt mit ihnen, und halt sie sauberlich bis der Abend kommt."

Oswald schilderte das Alles ausfuhrlich, also, dass der Vorschlag Vielen einleuchtete. Besonders waren sammtliche Bauern in dem Punkt wohl zufrieden damit, dass es ihnen gar nichts kosten solle, ausser was sie den Kindern jeden Tag zum Essen mitgeben wurden. Denn der Adlerwirth sei bereit, um billigen Zins seinen grossen Saal und den Baumgarten herzuleihen; und die junge Frau des Schulmeisters Heiter willig, um massigen Lohn die Aufsicht zu ubernehmen. Zins und Lohn werden aus der Gemeindekasse, und Beitragen einiger hablichen Leute bestritten werden. Man solle es doch nur wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen.

Auch der Herr Pfarrer sprach dann sein lehrreiches und frommes Wort dazu: dass man die Kindlein, mit welchen Gott die Aeltern gesegnet und erfreut habe, nicht schon von der Wiege an, wie unvernunftige Thiere, in Koth und Unflath solle verwildern, sondern fruhzeitig an Zucht und Gehorsam, Liebe und Gottesfurcht gewohnen lassen. Darum habe schon Christus der Herr gerufen: "Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht."

Nach diesen Reden, zu denen auch einige andere verstandige Manner ihren Beifall vernehmen liessen, und sagten, man lasst ja Pferde, Ochsen und Schafe huten, dass sie nicht Schaden nehmen und Schaden stiften: warum denn nicht unsre armen lieben Kinder? willigten die Versammelten in den Vorschlag ein; doch blieb jedem uberlassen, wer Lust dazu habe, sich, fur seine Kleinen, beim Schulmeister Heiter zu melden und einschreiben zu lassen.

In den ersten Wochen war die Anzahl der Unmundigen gering, welche man dieser neuen Anstalt anvertraute. Allein das Beispiel der Einen zog bald die Andern nach, zumal da selbst bemittelte Haushaltungen keinen Anstand nahmen, ihre Allerjungsten dahin zu geben. Frau Heiter war sogar endlich genothigt, Gehulfinnen anzunehmen, die sich freiwillig dazu erboten und abwechselnd Beistand leisteten. Auch Elsbeth und Oswald zeigten sich dabei sehr thatig, bis Alles im rechten Gang war; nicht minder der gute Pfarrer und mancher rechtschaffene Hausvater im Dorfe. Anfangs liefen viele Mutter neugierig dahin, das frohliche Leben in der Bewahrschule zu schauen, und sie konnten die artige Einrichtung nicht laut genug loben und ruhmen.

Aber es war recht lustig, das muntere Getummel und Treiben der Heerde von Kindern zu sehen; wie die Einen mit einander spielten, die Andern beisammen plauderten; Andre umherhupften und tanzten; Andre zankten; Andre schliefen; Andre assen; Andre um die Aufseherin standen, kleine Geschichten zu horen, die sie ganz kindlich erzahlte.

Gab dann die junge Frau Heiter mit einem Glockchen das Zeichen, ward Alles still. Madchen und Bubchen nahmen durch einander auf niedrigen, langen Banken ihren Sitz. Dann zeigte ihnen ein Lehrer, oder die Lehrerin, allerlei Dinge vor, einen Vogel im Kafig, ein Kleidungsstuck, eine Kugel, einen Degen, eine Feldfrucht und dergleichen, und fragte um den Namen solcher Dinge, oder sprach den Namen vor, und alle sprachen ihn nach. So lernten sie vielerlei Sachen kennen und nennen; das heisst, sie lernten reden. Auch horten sie gern, wozu man dies und das gebrauche, wozu es nutzen oder schaden konne, und wovon es verfertigt sei.

Recht erbaulich war es zum Beispiel mit anzuhoren, wenn sich, wahrend die Kleinern Spiele machten, die Grossern um die Lehrerin stellten; diese dann einen Bogen Papier in die Hohe hielt, und fragte: wo das Papier wachse? und Alle gar altklug uber die Frage lachten und riefen: "Nein, Papier wachst nicht auf den Aeckern; es wird von Menschen gemacht." Dann aber ward ein Lumpen von Linnenzeug vorgewiesen und erzahlt, wie daraus auf der Papiermuhle Papier bereitet werde; dann wie Flachs und Hanf auf den Aeckern wachse, gebrecht, gehechelt, gesponnen und zu Leinwand gewoben, und wenn diese verbraucht ware, zu Papier benutzt wurde. Das unterhielt und belustigte die wissbegierigen Kleinen sehr; sie bekamen dabei noch allerlei zu sehen, wie Samen, Pflanze, Flachs, Zwirn u.s.w.

War's Wetter irgend leidlich, trieb sich die jugendliche Horde larmend, schwarmend, singend, springend im Garten umher, oder ward in Reih' und Glied aufgestellt, Soldaten zu spielen. Die Schulmeisterin ward General; machte Hauptleute aus denen, die schon bis 10 und 20 abzahlen und anfuhren konnten; liess sie marschiren, links und rechts schwenken, und mit ihren einzelnen Reihen bald ein Dreieck, bald ein Viereck, bald einen Kreis u.s.w. bilden. Das gab immer Jubel; und immer neuen Wechsel der Spiele. Niemand war dabei besser mit Rath und That zur Hand, als der wurdige Pfarrer.

Seitdem ist in Goldenthal allezeit eine Bewahrschule der unmundigen Kleinen beibehalten worden. Schon nach Jahr und Tag gaben die Aeltern gern einen geringen Beitrag zum Wochenlohn der Lehrerinnen, oder Abwarterinnen. In Ferkelhausen und andern benachbarten Dorfern folgte man dem Vorgang der Goldenthaler bald nach; denn man sah, wie dort die Kinder, auch die armsten, viel reinlicher, gehorsamer, gesunder und verstandiger wurden, als anderswo.

So musste das Ungluck einer Feuersbrunst und eines ertrunkenen Magdleins, zum grossen Gluck und Segen vieler Haushaltungen gereichen.

20. Was man von den Goldenthalern im Lande

redet.

In der Stadt und in den umliegenden Dorfern gab es uber die Goldenthaler mancherlei Gesprach. Diese Leute hatten bisher immer Lumpen geheissen, waren als Saufbruder bekannt, als luderliche Vogel, als Schuldenmacher, denen man keinen Heller anvertrauen mochte. Nun war es gar sonderbar, dass es bei ihnen im Dorfe gar nicht aussah, wie bei armen Leuten. Ihre Hauser waren sauber und reinlich; eben so Alles in schonster Ordnung auf der Gasse, hinter den Hausern und in den Garten. Es war bei ihnen artiger, als in den reichsten Dorfern. Man sah im Sommer die Manner, Weiber und Kinder schon fruh Morgens auf den Feldern. Da trugen und streuten die Einen den Dunger, Andere jateten Unkraut aus. Immer hatten diese Leute etwas zu thun. Und es war eine Lust, sie arbeiten zu sehen. Es ging ihnen alles gar gelaufig von der Hand. Brauchte man in der Stadt Taglohner, so fragte man am liebsten nach Goldenthalern. Gingen die Burgerfrauen zum Einkaufe auf den Markt, so gingen sie am liebsten zu den Goldenthalerinnen. Denn diese waren immer sehr nett, in frischen weissen Hemden, und reinlichen Kleidern und saubern Handen, dass sie rechte Lust machten, von ihrem Gemus, ihrem Gespinnst und andern Waaren zu kaufen.

Die Goldenthaler waren arm, das wusste man wohl. Aber sie verzinsten jedesmal ihre Schulden richtig auf den Tag. Und was gar ausserordentlich war, sie hatten in der Stadt kleine Geldsummen an Zins ausgethan. Das brachte den Leuten Kredit und Glauben. Wenn der Pfarrer R o d e r i c h und der Schulmeister O s w a l d fur einen Goldenthaler gutsprachen, lieh man lieber einem solchen, als einem aus andern Gemeinden. Und man lieh das Kapital lieber um einen sehr massigen Zins aus, weil man vorher wusste, dass es sicher stehe und richtig verzinset werde. Das schaffte den Goldenthalern gar ansehnliche Vortheile. Denn sie kundigten ihre Kapitalien ab, wo sie grosse Zinsen zu bezahlen hatten, und nahmen da Geld auf, wo sie es in niedrigerem Zins erhielten.

Man urtheilte allerlei uber das Dorf. Man sagte wohl, es sei da ein braver Pfarrer, ein sehr verstandiger Schulmeister. Allein Vielen war doch die Sache ein Rathsel. Denn ein Pfarrer und Schulmeister konnen doch auch nicht Alles; und jeder Pfarrer im Lande glaubte so klug zu sein, oder auch noch kluger, als die Beiden in Goldenthal waren. Das machte viel Kopfbrechens. Die Bauern in der Gegend sagten geradezu, das Ding gehe nicht mit rechten Dingen zu. Man hatte etwas vom Oswald gehort, und er konne Gold machen, und lehre es in seinem Dorfe Den und Diesen. Und man neckte und hohnte die Goldenthaler damit, sie konnten Gold machen.

In der That war es auffallend, dass die Goldenthaler Dinge zu Markte brachten, man wusste nicht, woher sie Alles hatten. Ihr Gemuse, ihr Obst, ihr Flachs, ihr Hanf, ihr Getreide, Alles war gut. Die Kinder handelten sogar mit den schonsten Blumen und brachten solche in die Stadt. Honigwaben, ausgelassenen Honig und Wachs hatten sie mehr, als weit umher alle ubrigen Dorfer zusammen. Man wusste sehr gut, sie besassen keine ansehnliche Viehheerden, viele Haushaltungen hatten etwa jede ein Paar Kuhe und ein Paar Ziegen. Demungeachtet brachten arme Leute, die bloss eine Kuh hatten, zentnerschwere Kase und grosse Ballen der reinsten Butter zum Verkauf. Es war ganz unbegreiflich, wie eine Kuh so viele Butter und Kase liefern konnte. Ebenso hatten die Goldenthaler jederzeit im Herbst die feinsten Obstsorten, schmackhafte Aepfel und Birnen, wie Niemand anders. Woher kam das so plotzlich in wenigen Jahren?

Die Goldenthaler mussten oft selbst bei sich lachen, wenn man ihr Dorf im Scherz das G o l d m a c h e r d o r f nannte. Denn der Oswald verstand sich auf die Obstbaume, und wo er in den Garten der vornehmen Herren in der Stadt gute, feine Obstarten wusste, ging er und bat um Zweige. Dann hatte er seine jungen Leute an der Hand, die von ihm das Pfropfen, Zweien und Aeugeln gelernt hatten. Recht wie ein Gartner gingen sie damit um. Sie hatten wirklich besondere Messer dazu. Nun wollte der Nachbar links und der Nachbar rechts in seinem Garten und auf seinem Felde bessere Frucht vom Baum. Da ward nun okulirt und gepropft nach Herzenslust. Manche Bauern hatten sich junge Wildlinge aus den Waldern geholt und veredelt. Andere hatten aus Samen Baume gezogen und Baumschulen angelegt. Jeder wollte es besser machen und besser haben, als der Andere. Im Eifer wurde die Sache oft von Manchem ubertrieben.

Nun konnte man sich's in der Stadt wohl erklaren, wie die Goldenthaler von Jahr zu Jahr immer schoneres und immer mehr Obst hatten, woraus sie bei gutem Jahrgang so viel Geld losten. Das war kein Hexenstreich. Aber keine grosse Viehheerden haben, und doch viel Kase und Butter machen, das war allerdings ein Kunststuck!

Das Kunststuck hatte Oswald aber, wahrend seines Kriegslebens, irgendwo in einem Dorfe gesehen und gelernt, und mit sich nach Goldenthal gebracht. Es war gar artig. Die Leute wollten anfangs gar nicht daran; hintennach aber wussten sie ihm grossen Dank. Er machte es namlich so:

Er ging herum mit seinen Verbundeten, die Kuhe hatten, und sagte: "Ihr habet von euern Kuhen schlechten Nutzen. Man muss von einer Kuh jahrlich wenigstens funfzig bis hundert Gulden baares Geld losen. Wollet ihr mit mir einstehen, so will ich's machen. Werbet dazu noch Andere an, die Kuhe haben. Es gehoren wenigstens vierzig bis funfzig Kuhe zusammen; dann geht's."

Als nun die vierzig bis funfzig Kuhe gefunden waren, sagte er: "Nun geht's!" Er kannte einen geschickten, rechtschaffenen Senn, der das Butter- und Kasemachen als ein Meister verstand. Dem versprach er zweihundert Gulden Jahrlohn; dafur musste sich derselbe aber Kerzenlicht, Tucher und Waschlumpen selbst anschaffen, so zum Kasemachen und Reinhalten der Gefasse und der Waare nothig waren. Geschirr und Salz schaffte Oswald auf Rechnung der Theilnehmer an, von denen drei redliche Manner zu Aufsehern bei dem neuen Gewerbe ernannt wurden fur das erste Jahr.

Im ehemaligen Wirthshause zum Adler war der beste Platz zum Kasemachen; ein guter kalter Milchkeller, ein grosser Keller in dem geraumigen Waschhaus. Der Eigenthumer gab den Platz her, denn er hatte funf Kuhe, und wollte die Probe mitmachen und sehen, was dabei herauskomme. Nun musste Holz auf Unkosten Aller herbeigeschafft werden. Es kam. Dann bestimmte Oswald einen Tag, da mussten Alle, die zur neuen Kaserei gehorten, ihre Kuhmilch in ausserst sauber gewaschenen Gefassen bringen. War das Gefass nicht sauber, nahm der Senn die Milch gar nicht an; das war Gesetz. Nachher machte man aber das Gesetz noch scharfer.

Der Senn mass die Milch, und schrieb unter eines Jeden Namen auf, wie viel derselbe gebracht habe. Jeder konnte es fur sich auch aufzeichnen. So brachte jede Haushaltung alle Tage Morgens und Abends die Milch ihrer Kuhe. Von fremden Kuhen aber durfte man bei schwerer Strafe keine Milch bringen.

Die gesammte Milch eines Tages goss der Senn in der Milchkammer zusammen, und bereitete daraus Butter und Kase. Das gab schone, frische, grosse Ballen; zudem noch Kasewasser, im Sommer ein gesundes, kuhlendes Getrank.

Nun war die Frage: Wem gehort die schone Menge Butter und Kase von jedem Tage? Denn alle Tage war eine solche Parthie von der Milch aller Kuhe der Beigetretenen fertig. Es hatte sie gern Jeder gehabt, um in die Stadt damit zu laufen.

Das richtete man folgendermassen ein: Alles, was die zusammengebrachte Milch eines einzigen Tages an Butter, Kase u.s.w. abtrug, ward auch nur einem einzigen Theilhaber mit einem Male gegeben, und zwar demjenigen, dem man die meiste Menge Milch in der Kaserei schuldig geworden war. In den ersten paar Tagen freilich bekamen die Ersten weit mehr an Kase und Butter, als sie Milch gebracht hatten; denn sie bekamen ja das, was aus der Milch von a l l e n Theilhabern gemacht war. Allein nun wurden sie fur so viel, als sie zu viel bekommen hatten, den Uebrigen schuldig, und was sie schuldig geworden waren, ward ihnen von Tag zu Tag an der Milch abgezogen, die sie brachten. Das ging so lange, bis sie alle Schuld abgethan und an Milch wieder mehr zu gut hatten, als die Uebrigen. Dann bekamen sie wieder die an einem Tage bereitete Waare. Unterdessen hatte aber auch der, welcher nur eine einzige Kuh besass, und alle Tage nur ein paar Maas Milch bringen konnte, nach und nach mehr zusammengebracht, als Jeder von den Uebrigen, wie man das wohl im Milchbuche aufgeschrieben fand. Und nun empfing er die Frucht des Tages, bei anderthalb Zentner Butter und Kase mit einem Male.

Die Butter konnte Jeder den Tag gleich mit sich nehmen, da sie fertig war; Buttermilch, Kasewasser gehorten ihm auch. Den Kase aber liess man so lange im Keller, bis er gehorig fest und gut war. Allemal an dem Tage, da Einer das Recht hatte, die aus der Milch bereitete Waare zu beziehen, musste er dem Senn bei der Arbeit helfen und ihm handlangen, und saubere Handtucher, Linnen, und was nothig war, herbeischaffen.

Zuerst war den Goldenthalern das ganze Wesen bedenklich, und es meinte Jeglicher, er komme zu kurz dabei. Wenn Einer aber seine Menge Kase und Butter empfing, und nun nachrechnet, wie viel Milch er gegeben: so war er hocherfreut. Und es fand sich am Ende des ersten Jahres schon, dass auf diese Weise der mittlere Ertrag und Gewinn von einer Kuh uber 166 Gulden jahrlich stieg, und zwar nach Abzug aller Unkosten. Das war doch ein schoner Zins!

Nun begriff man auch bald, woher das komme. Denn je frischer die Milch und je mehr, je besser wird die Waare daraus. So was konnte eine einzelne Familie fur sich allein beim Aufsammeln ihrer Milch nicht leisten. Ferner: sonst war in den Haushaltungen manche Maas Milch verschlampt und verzehrt, jetzt in den Milchkeller der Kaserei an Zins gelegt. Sonst verlor mau viel Zeit, oder hatte keine Zeit, selber Kase zu machen; jetzt ging das von selbst. Sonst kostete es Jedem mehr Holz zum Kochen; jetzt war es ein grosses Holzersparniss.

Einige Goldenthaler versuchten anfangs zwar mit ihrer Milch Betrugereien; aber man machte bald so strenge Gesetze, dass es Keinem mehr in Sinn kam, zu betrugen, er hatte denn um alle seine gebrachte Milch bestraft und aus der Gesellschaft gestossen sein wollen.

Die Einrichtung aber brachte noch einen Vortheil, an den vorher kein Mensch gedacht hatte. Namlich, weil Jeder gern viel Milch gebracht hatte, um bald viel Kase und Butter davon zu haben, besorgte Jeder sein Vieh besser, als ehemals; baute kunstliche Grasarten an, die viel Milch erzeugen; suchte sich eine grossere Kuh zu verschaffen, statt der schlechten kleinen, oder stellte zwei Kuhe in den Stall, wo er vorher nur eine hatte. Und weil Jedem daran gelegen war, dass man keine Milch von einer kranken oder kalbenden Kuh bekomme, hatten die drei erwahlten Aufseher Macht und Recht, zu jeder Zeit in die Stalle zu gehen, und die Pflicht, alle halbe Jahre darin Umgang zu halten. So ward uber die Gesundheit alles Viehes wachsames Auge gehalten.

21. Vom neuen Gemeindevorsteher und dem

Lowenwirth.

"Der Oswald ist doch ein Hexenmeister und Tausendsasa!" sagten die Goldenthaler lachend, wenn er wieder etwas angegeben hatte, das gelungen war. Und es gelang ihm ziemlich Alles, was er anfing, denn er fing nichts ohne Vorbedacht an; er ubereilte und uberhaspelte nichts, sondern that einen Schritt um den andern, und nahm nie mehr auf seine Schultern, als er tragen konnte.

Nun hatte man wohl glauben sollen, der Schulmeister habe sich und seine herzige Elsbeth mit Arbeiten uberladen gehabt. Keineswegs; er wusste Alles so einzurichten, dass zuletzt immer Andere ihm einen guten Theil der Arbeit abnehmen konnten. Sogar in der Schule hatte er wenig zu thun, denn er hatte sich da einen geschickten jungen Bauerssohn, Namens J o h a n n s H e i t e r , nachgezogen. Der war von armen Aeltern, und Oswald gab ihm bei sich Wohnung und Kost aus der Garkuche, und unterrichtete ihn in gelehrten Dingen. Oswald hatte seinen Johannes sehr lieb, und dieser war in der Schule so meisterlich zum Unterricht, dass er Oswalden gleich kam. Und die Kinder liebten den Johannes, denn er war sanft und freundlich, und machte ihnen das Lernen beinahe noch leichter, als Oswald. Dieser ging oft ganze Tage seiner Feld- und Gartenarbeit nach, und freute sich, wenn er sah, wie im Dorfe Alles nach und nach anders ward.

Und wirklich war es seltsam zu sehen, wie Leute, die vorder arme Schlucker gewesen, nach und nach sich von Schulden frei machten, und wie ihre Hauser ein stattliches Ansehen bekamen; hingegen, wie vormals wohlhabende Bauern, die in ihrer alten Gewohnheit verblieben, nach und nach arm wurden, weil sie das Ihrige verwahrlosten, verlumpten, versoffen, verprozessirten, verspielten.

Die zweiunddreissig Bundesgenossen Oswalds hielten sich wacker und waren allenthalben voran, wo eine neue Einrichtung von ihm gemacht ward. Ihr Beispiel munterte dann viele Nachbarn auf, es auch so zu machen. Die jungen Bursche, welche Oswald am Sonntage unterrichtete, und die Madchen aus Elsbeths Nahschule trugen bei ihren Aeltern nicht wenig zum Guten bei. Andere aber waren und blieben im Dorfe unverbesserliche Lumpen. Und an der Spitze des schlechten Volks stand der Lowenwirth B r e n z e l . Dieser war ein geschworner Feind aller neuen Einrichtungen. Er fluchte bestandig auf die Neuerer, und sagte, die Religion gehe dabei zu Grunde; es musse anders kommen; so konne es nicht langer gehen. Doch hielt ihn der Herr Pfarrer, welcher ihn viel besuchte, immer im Zaum, dass er nicht viel Boses thun konnte. Dazu kam, dass Brenzel seine Hauptstutze, namlich den dritten Gemeindsvorsteher, von seiner Seite verlor. Dieser hatte schon langst bemerkt, dass es mit seiner Wirthschaft den Krebsgang gehe, und sich daruber aus Verdruss dem Trunk ergeben, dass er keinen Tag nuchtern war. Und um schnell wieder reich zu werden, hatte er in mehrere Lotterien gesetzt und sein Geld verlottert, bis er nichts mehr hatte. Da kamen die Glaubiger, denen er schuldig war, und nahmen ihm das Letzte.

Nun mussten neue Gemeindevorsteher gewahlt und der hohen Landesobrigkeit vorgeschlagen werden. Da gab es im Dorfe zwei Parteien. Die Lumpen wollten Einen oder Zwei ihres Gleichen, denen sie schuldig waren, die rechtschaffenen Leute aber wollten das nicht. Es war viel Zanks. Viele fragten den Herrn Pfarrer daruber, wenn er sie nach seiner Gewohnheit besuchte. Er aber antwortete ihnen und sprach:

"Ich wundere mich sehr, dass Keiner von euch noch an den braven Mann gedacht hat, der euch schon so viel Nutzen gestiftet, der so klug, so menschenfreundlich und so thatig ist. Ich meine den Schulmeister. Wenn ihr den wahlet, so habet ihr den rechten Mann an der Spitze. Freilich, er gehort nicht zu denen, die sich zu einer Ehrenstelle drangen. Aber eben deswegen muss man zuerst auf ihn achten. Denn die, welche um Ehrenstellen werben, und Andern den Rang ablaufen wollen, haben gemeiniglich N e b e n a b s i c h t e n . Sie sind stolz und ehrgeizig, wollen nicht das Beste der Gemeinde, sondern ihren Hochmuth befriedigt sehen."

Ferner sprach er: "Es ist wohl gut, dass man einen wohlhabenden Mann zum Gemeindevorsteher wahlt; aber Reichthum nicht, sondern Uneigennutzigkeit ist die hochste Tugend. Wehe der Gemeinde, die den zum Vorsteher macht, dem die meisten Burger schuldig sind. Denn sie machen ihn zum Gewalthaber und Richter in seinen eigenen Angelegenheiten, und sie werden Sklaven eines Dorftyrannen durch eigene Thorheit. Sie sollen lieber den wahlen, der auch den hartherzigen Glaubiger und den reichen Tyrannen in Schranken halten kann."

Ferner sprach er: "Ein guter Kopf thut viel, aber ein redliches Herz thut noch weit mehr. Darum fraget erst: ist der Mann ein grundredlicher, hulfreicher Mann? nachher fraget: hat er Klugheit genug, und ist er keines Reichen Schuldner? Der Vorsteher einer Gemeinde soll unabhangig sein, sonst ist nicht er, sondern sein Glaubiger, den er furchtet, Vorsteher des Ortes."

"Ihr konnet nicht leicht irren, den wurdigsten Mann zu finden. Denket nur nach, welchen Mann wurdet ihr auf euerm Sterbebette am liebsten zum Vogt eurer Wittwen und hinterlassenen Waisen machen, in der Ueberzeugung, er werde das Gluck der Eurigen wohl besorgen? Nun, diesen machet zum Vorsteher. Oder, wenn ihr zu einem eurer Mitburger in Dienst treten musstet, welchen wunschtet ihr am liebsten zu euerm Herrn? Nun, diesen machet zum Vorsteher!"

"Wenn an einem Orte die Mehrheit der Vorsteher guten Willen und redliches Gemuth hat, welche das Unrecht verabscheut; so findet sich leicht zu Allem guter Rath. Ein einziger guter Kopf ist genug. Drei gute Kopfe, ohne gutes Herz, werden sich beisammen nicht vertragen. Denn Jeder will es besser verstehen, als der Andere, und so kommt Zwietracht unter sie, und von ihnen in die Gemeinde."

"Saget mir, wer ist der beste Vater bei seinen Kindern; liebreich und doch nicht schwach, streng und doch nicht hartherzig? Oder saget mir, wer ist der beste Hausherr, dem sein Gesinde gern dienet und zugethan ist, aber den es doch furchten muss; der Alles in seinem Hauswesen geschickt ordnet und leitet ohne Larmen und Gerausch, ohne Zank, ohne Zorn, und dass doch Alles dabei gut geht, wie von selber? Diesen macht zum Hausvater der ganzen Gemeinde."

So sprach der weise Herr Pfarrer, und Jeder dachte nun anders als vorher. Und als die Gemeinde sich versammelte, um zween Vorsteher zu wahlen, ward von den Meisten verlangt, man solle nicht offen wahlen, sondern Jeder solle seine Stimme auf einem verschlossenen Zettel eingeben, damit Niemand wisse, wer sie gegeben, auf dass Jeder frei und ohne Furcht und Rucksicht den wahlen konne, der ihm der Wurdigste scheine. Der Lowenwirth Brenzel wollte zwar dagegen larmen; denn er hatte schon bestimmt, wen er zum Amtsgenossen verlange, und nun wollte er gern diejenigen sehen, die es mit ihm hielten oder von ihm abtrunnig waren. Aber der grimmige Lowenwirth setzte es nicht durch. Und es ward geheimes Stimmenmehr gesammelt, und in der ersten Wahl der Schulmeister O s w a l d , in der zweiten der Muller S i e g f r i e d zu Vorstehern des Dorfes erwahlt. Letzterer nahm aber die Stelle nicht an, dieweil er Oswalds Schwiegervater ware; das tauge nicht, dass aus einer Verwandtschaft zwei Glieder beisammen im Rath sassen. Also ward, statt des Mullers, gewahlt U l r i c h S t a r k , ein stiller, fleissiger, verstandiger Mann.

Dem Lowenwirth, da er diese Wahl sah, ward es ganz grun und gelb vor den Augen. Er hoffte noch, Oswald werde sich ebenfalls weigern, die Stelle anzunehmen. Aber er betrog sich; Oswald dankte der Gemeinde fur das Zutrauen, und empfahl nun seinen lieben J o h a n n e s H e i t e r zum Schulmeister. Und Heiter ward Schulmeister.

Der Lowenwirth ging betaubt, als ware ihm ein Kirchthurm auf den Kopf gefallen, nach Hause. Daselbst liess er seine Wuth erst an der Katze aus, die ihm schmeichelnd zwischen die Beine kam; dann an dem Hunde, der freundlich an ihm hinaufspringen wollte; dann an der Magd, die ihn nicht gleich verstand, als er ein Glas Branntewein begehrte; dann an der Frau, als die sagte, der Ulrich Stark sei eine ehrliche Haut. 22. Der Gemeindsstall muss ausgemistet werden. "O Herr Jerum! O Herr Jerum!" rief der Lowenwirth und kratzte sich hinter den Ohren, so oft er daran dachte, dass Oswald nun Ortsvorsteher geworden. Doch besann er sich, und lief spornstreichs zum Oswald hin, umarmte ihn als seinen Kollegen, gratulirte von ganzem Herzen, sagte: nun wollten sie beide rechte Herzensfreunde werden und wie Bruder leben.

Elsbeth wunderte sich uber die gar zu schnelle Hoflichkeit des Lowenwirths, und sprach, als er fortgegangen war, zu ihrem Manne: "Oswald, Oswald, hattest du doch die Stelle nicht angenommen! Denn Brenzel ist ein falscher Mann, und er wird dir eine Grube graben und dich in die Falle bringen. Oswald, lieber Oswald, hute dich vor dem Lowenwirth!"

Oswald kusste Elsbeths finstere Stirn und sprach: "Brenzel ist kein grimmiger Lowe; ich sehe, er ist nur ein feiger, schmeichelnder, tuckischer Kater. Aber ich will ihm die Pfoten schon lahmen."

Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindeschreiber beisammen sassen, verlangten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen, die Rechnungen einzusehen und die Gemeindebucher. Aber da fand sich Alles in grosser Unordnung. Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen. Die Gemeinde hatte bei siebentausend Gulden Schulden. Beinahe die Halfte war sie dem Lowenwirth schuldig, der sich funf Prozent zinsen liess, wahrend er Geld zu drei und vier Prozent fur sich aufgenommen hatte. Die jahrlichen Gemeindssteuern waren meistens fur allerlei Unkosten, Bemuhungen, Augenscheine und Besichtigungen, fur Reisen, Entschadigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvorsteher darauf gegangen. Besondere Rechnung war daruber nicht gefuhrt, sondern Alles nur in runden Summen ausgestellt. Eben so war es mit den Einkunften des Dorfspitals oder Armenguts gegangen. Mit den Vormundschaftsrechnungen fur die Wittwen und Waisen stand es nicht besser. Aus den Waldungen hatte man im Einverstandniss mit dem Forster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft, wie es hiess, zum Besten der Gemeinde, ohne dass man jetzt wusste, wohin und wie viel. Hatte sich doch der Lowenwirth manchmal selbst geruhmt: "Mein Beil hat schon mehr Holz abgeschlagen, als der beste Hof im ganzen Lande werth ist." Genug, es war mit dem Gut der Gemeinde ubel gehauset, ubel Rechnung gehalten; hingegen sah man wohl, die Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen. Es fand sich sogar, dass um den Spottpreis von tausend Gulden ein grosses Stuck Gemeindsland verkauft worden war, dass es die Vorsteher gekauft, das Geld noch nicht einmal bezahlt und seit funf Jahren nicht verzinset hatten. Ferner, dass der Lowenwirth schon vor eilf Jahren, im Einverstandniss mit seinen Beisitzern, viertausend Gulden Kapital aufgenommen hatte, Namens der Gemeinde; dass dafur die Gemeindswalder unterpfandlich verhaftet worden waren; dass die Gemeinde den Zins unter den ubrigen Steuern hatte mitzahlen mussen, und dass das Kapital in den Handen der Vorgesetzten geblieben war.

Da ergrimmte Oswald in seinem Gemuth, und sprach: "Man hat mich nicht in den Gemeindsrath gesetzt, sondern in den Gemeindsstall, der da ist voller Unflath und Verderben. Aber wir wollen den Stall ausmisten, und sollte der Gestank auch durch das ganze Land dringen. Ihr habet, als Vorsteher, n i c h t d a s G e m e i n b e s t e v e r t r e t e n , sondern ihr habet es z e r t r e t e n . Ihr Vater der Wittwen und Waisen habet eure Kinder bestohlen, und den armen Leuten verschimmeltes Brod zugeworfen, wahrend ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet. Ihr habet den, der vom Felde zwo Ruben stahl, in den harten Kerker geworfen, aber euch weiche Betten gekauft vom Gelde, das ihr der Gemeinde geraubet. Ihr Ottergezucht, die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit schwelget, die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust wahrlich, wahrlich, ihr sollt arnten, was ihr gesaet habt: Armuth fur Hochmuth, Galgenholz fur Rauberstolz!"

Als dies der Lowenwirth horte, kam grosses Entsetzen uber ihn, dass er im Innersten erzitterte. Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Beisitzer, und fiel vor Oswald weinend und heulend nieder, und beschwor denselben bei Allem, was heilig ist, ihn nicht unglucklich zu machen.

Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit, und deckte Alles auf. Und im ganzen Dorfe war grosser Schrecken und allgemeine Besturzung; denn so viel Betrug hatte Keiner den ehemaligen Vorstehern zugetraut. Viele wollten es gar nicht glauben, und schalten den Oswald einen Verleumder und Bosewicht, der sich grosses Ansehen geben und unschuldige Leute ins Verderben bringen wolle. Und der Lowenwirth lief umher im Dorfe und suchte bei seinen Freunden allerlei Zeugniss, um sich gegen die schwersten Beschuldigungen sicher zu stellen. Jedoch seine besten Freunde zuckten die Achseln, und wollten sich in das Geschaft nicht mischen. Und schneller, als er vermuthete, erschien eine Untersuchungskommission der Regierung. Da kam alle Schandlichkeit ans Tageslicht. Der Lowenwirth ward gefangen hinweggefuhrt, um vor Gericht beurtheilt zu werden. Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins Zuchthaus. Aus seinem Vermogen wurde Vieles von dem wieder ersetzt, um was er die Gemeinde betrogen hatte. So endete der stolze Lowenwirth; denn unrecht Gut gedeihet nicht, und Hochmuth kommt vor dem Fall.

Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt, und ihm ein Ehrenmann aus dem Dorfe zum dritten Beisitzer erwahlt.

Ueber diese schrecklichen Begebenheiten hielt der Pfarrer Roderich eine schone lehrreiche Predigt. Er sagte: "Wenn Aeltern ungerathene Kinder haben, so muss man nicht nur die Kinder, sondern auch die Aeltern wegen schlechter Zucht anklagen. Und wenn in einer Gemeinde Schande, Armuth und Laster zunehmen, so ist es ein Beweis, dass die Vorgesetzten nichts taugen, sondern Schuld an dem Ungluck sind. Aber Gott sendet Jedem seinen jungsten Tag zu."

23. Die Schulden mussen getilgt werden.

Der Oswald hatte jetzt gar viel zu schaffen. Keiner wusste, was er trieb. Bald lief er in allen Feldern herum, bald tagelang in den Waldern, bald wieder in die Stadt.

"Ach, du armer Oswald!" seufzte Elsbeth, wenn sie ihm am Abend vor dem Dorfe entgegenging und ihn mitleidig bewillkommte: "Warum kummerst du dich so sehr, armer Oswald, und plagest dich? Du wirst am Ende doch nur Undank und Verdruss von aller deiner Muhe haben."

Oswald sprach: "Undank ist die Munze, womit das Volk am liebsten zahlt. Wer aber einer Gemeinde vorsteht, der soll an seinen Gott und seine Pflichten denken, nicht aber auf Lohn und Dank. Siehst du, liebes Herz, Gott lohnt endlich auch gewiss alles Gute, gleich wie er Boses straft."

So redete Oswald, und that, was er sollte.

Es ergab sich aber, dass die Gemeinde noch uber sechstausend Gulden schuldig war, theils von den Zeiten des Krieges und der Theurung her, theils durch die schlechte Haushaltung der ehemaligen Vorgesetzten. Und Oswald sann Tag und Nacht, wie er diese Last von dem armen Goldenthal nehmen, oder doch vermindern konne. Und als sein Plan endlich reif war, legte er ihn seinen Amtsgenossen vor; die hiessen ihn nach langer Berathschlagung gut, und sprachen: "Wollte Gott, die Schulden waren abgethan, so wusste doch auch Jeder wieder, was er Eigenes hatte, und konnte frei athmen, und musste nicht fort und fort an das Zinsen denken."

Darauf ward eine Besichtigung und Schatzung aller liegenden Grunde der Ortsburger angeordnet, damit man ungefahr wisse, wie arm oder reich Jedermann sei; und damit Jeder auf gerechte Weise in Zukunft wegen der Steuer angelegt werden konne. Und Jeder musste bei den Gemeindevorstehern angeben und beweisen, wie viel Schulden er auf Haus und Gutern stehen habe; und das ward treulich in ein Buch eingetragen und darnach Jedermann geschatzt.

Dann trat Oswald am Sonntage nach der Kirche mit seinen zween Beisitzern vor die versammelte Gemeinde und sprach: "Ihr Manner, liebe Mitburger, unser Dorf hat sechstausend vierhundert Gulden Schulden. Das Geld haben wir theils in den benachbarten Stadten zu verzinsen, theils sind wir es hier im Dorfe uns selber fur Heu, Haber, Fuhren und Requisitionen schuldig. Was wir auswarts zu zahlen haben, wollen wir ein andermal besprechen. Jetzt wollen wir abthun, was sich die Gemeinde selber schuldig geworden ist."

"Viele von uns haben an der Gemeinde noch betrachtlich fur Stroh, Haber und andere Lieferungen aus dem letzten Kriege zu fordern. Man verzinset ihnen zwar jahrlich, aber sie mussen doch allemal erst ihren Beitrag zur allgemeinen Zinssumme geben. Also verzinsen sich im Grunde Viele nur ihre Sache selber. Das ist muhsam und thoricht. Nun haben wir diese Schuld auf alle Burger, nach Massgabe ihres Vermogens, vertheilt. Den Reichen trifft davon mehr, den Armen weniger. So wird die Gemeindschuld in eine Partikularschuld verwandelt. Wer auf diese Art so viel schuldig wird, als er selber zu fordern hat, der streicht Schuld und Forderung, und ist frei, bekommt und zahlt keinen Zins mehr. Wer mehr zu fordern hat, als er durch die Eintheilung schuldig wird, streicht erst so viel von seiner Schuld weg, als ihm die Gemeinde selbst schuldig ist, und sagt: 'Wer zahlt mir den Ueberschuss dessen, was mir herausgebuhrt?' Antwort: Diejenigen zahlen ihn, die nichts an die Gemeinde geliefert haben im Kriege. Diese sind als Schuldner an die Zuguthaber vertheilt, und tragen denselben entweder die kleine Summe, die sie trifft, gleich baar ab, oder verzinsen solche zu Vier vom Hundert."

So redete Oswald. Viele verstanden es anfangs nicht recht. Da sie aber einsahen, dass dabei Keiner zu kurz kam, waren sie es sehr zufrieden. Denn die Reichen, welche am meisten zu fordern hatten, die hatten auch nach Massgabe mehr an Abtragung der Gemeindsschuld zu zahlen. So blieb fur die Aermern weniger zu entrichten ubrig, und Jeder fand die Einrichtung darum billig, weil die Schatzung der Guter und des Vermogens sehr unparteiisch gemacht war.

Am Sonntage darauf ward die Gemeinde abermals versammelt, und Oswald redete also: "Ihr Manner, liebe Mitburger, es ist uns gelungen, das Geld, was die Gemeinde schuldig ist, in benachbarten Stadten zu geringerm Zins zu erhalten, also, dass Goldenthal jahrlich nur zweihundert und zwanzig Gulden Zins zu entrichten hat. Aber es wird manchem Hausvater schwer fallen, den Beitrag zu diesem Zins zu erschwingen aus seinem Gut. Daher ist es besser, es zahle Keiner von euch den Zinsbetrag aus seinem Gut!"

Da erhoben alle Goldenthaler ein Gelachter, und sie riefen: "Das lasst sich horen und gefallt uns uber die Massen."

Oswald erhob die Stimme und redete weiter: "Ihr Manner, liebe Mitburger, wir haben noch ein grosses Stuck Gemeinweide. Das ist elendes Land, vom Vieh zertreten, mit alten einzelnen Eichen darauf. Jeder von euch, dem dies Land gehorte, wurde es besser benutzen. Aber wer benutzt es jetzt? Niemand. Denn die Reichen, welche viel Vieh haben und es im Sommer darauf weiden lassen, haben offenbaren Schaden daran. Nicht nur kommen ihre Kuhe magerer und hungriger Abends heim, als sie des Morgens hinausgingen, sondern es geht auch fur die Aecker aller Dunger vom Vieh dabei verloren. Die Armen aber, die keine Kuh halten konnen, haben gar keinen Nutzen davon, und mussen ihn den Reichen uberlassen. Ist das billig? Warum sollen reiche Burger mehr Vortheil vom Eigenthum der Gemeinde haben, als arme? Sind wir nicht allesammt Goldenthaler? Hat Einer nicht so viel Recht, wie der Andere? Wer hat denn den Reichen den Nutzen des Gemeinlandes allein gegeben? Wenn die Armen ein Stuck Feld davon hatten, und konnten Klee oder andere Grasarten darauf bauen, so hatten sie fur ihre Ziegen und Schafe doppelt so viel und gesunderes, nahrhafteres Futter, als jetzt. Also ist unser Rath, dass wir das Gemeinland in gleiche Theile unter die Burger vertheilen, dass Jeder seinen Theil davon benutzen konne, wie er wolle. Das Land aber bleibt aber ewiges Eigenthum der Gemeinde; Jeglicher empfangt seinen Antheil nur in Pacht, und kann ihn weder verkaufen, noch verleihen, noch vererben, noch sonst veraussern; sondern derselbe fallt jedesmal nach des Besitzers Tode an die Gemeinde zuruck. Diese gibt ihn dann an einen jungen Burger, der eigene Haushaltung fuhrt und noch ohne Gemeinland ist. Jeder zahlt jahrlich einen geringen Pachtzins von seinem Stuck, und damit wird der Zins von der Gemeindsschuld abgetragen. Also zahlt Niemand diesen Zins aus seinem eigenen Gut, sondern aus dem, was er von der Gemeinde zum Lehen hat."

Nachdem Oswald geredet hatte, entstand grosses Nachdenken im Volk, Gemurmel, Streit, Wortwechsel, Geschrei und Larmen, als ware Mord und Todtschlag. Denn die reichen Bauern, welche das Weidland bisher ausschliesslich mit ihrem Vieh benutzt hatten, wollten die Theilung nicht zugeben, schrien uber Ungerechtigkeit und drohten mit der Regierung. Andere sagten: "Wir sehen wohl, man will die Lumpen reich machen, und die Ehrenleute im Dorfe zu Lumpen. Wer Vieh hat, der kann es zur Weide schicken; das ist eine alte Rechtsame, die von den Vatern vererbt ist, und die lassen wir uns nicht nehmen!"

Doch die Mehrheit der Bauern, die nicht reich waren, oder die ihr Vieh, um mehr Dunger zu gewinnen, im Stall futterten, setzte es durch und hob den Weidgang auf. Alsbald musste ein Feldmesser kommen, alles Gemeinland in so viel Theile, als Haushaltungen waren, vertheilen, und dann wurden die Stucke verlooset. Die reichen Bauern gingen jammernd und klagend vor die Regierung und beschwerten sich wegen der Bedruckung ihrer Rechtsame. Die Regierung aber gab folgenden Bescheid: "Das Gemeinland ist eine Rechtsame der Burger und nicht der Kuhe von Goldenthal. Also kann jeder Burger das Gemeinland oder seinen Theil benutzen wie er will. Ihr Herren aber vertheidiget nicht eure alten Rechtsame, sondern euern von Alter stinkenden Eigennutz, und verstehet noch dazu euern Vortheil schlecht. Derohalben bleibt von nun an der Weidgang aufgehoben. Damit packet euch, ihr Esel, und ziehet hin in Frieden!"

Die reichen Bauern bedankten sich fur den gnadigen Bescheid, und zogen heim. Nun erst bedauerten sie den Lowenwirth Brenzel im Zuchthause, und sagten: "Er war doch bei allen seinen Fehlern ein braver Mann; er hielt auf alte Gerechtigkeiten und Herkommen; unter ihm ware so etwas nie geschehen. Der Oswald ist ein Franzos, ein Jakobiner, ein Neuerer, ein Bonapartler und dergleichen."

24. Und abermals die Schulden mussen getilgt

werden.

Schon im folgenden Fruhjahr war Jubel und Freude in der vormaligen Wuste des Gemeinlandes. Denn wo sonst einsame Kuhe am kurzen schlechten oder sauern Grase rupften und zupften, bluhete nun ein wahrer Garten. Da sah man nun Bohnen, Hopfen und Hanf, Erbsen und Flachs, Kohl und Erdapfel, Klee und Getreide in bunter Mannigfaltigkeit. Jeder konnte leicht berechnen, dass er mit der Aernte nicht nur den kleinen Zins abtragen, sondern Ueberschuss haben wurde. Selbst die reichen Bauern, sobald sie einmal zum rechten Verstand kamen, was oft sehr schwer bei ihnen hielt, erkannten ihren Vortheil dabei. Denn nicht nur hatten sie Gewinn am Futter fur ihre Kuhe im Stall, an Milch und Dunger, sondern auch an baarem Geld. Denn hatte Jeder, wenn es nach ihrem Kopf gegangen ware, zum Schuldenzins der Gemeinde aus seinem eigenen Sack gesteuert, so hatten sie verhaltnissmassig das Meiste dazu haben zahlen mussen, wahrend jetzt, ein Jeder von seinem Pachtland, gleich viel Zins entrichtete. Der Oswald aber war noch nicht zufrieden, und nicht vergebens so oft in den Waldern Tage lang umhergestrichen. Er hatte sogar in einer benachbarten Stadt den Oberforster besucht, der in seinem Fach ein grundgeschickter Herr war, und hatte denselben links und rechts in den Goldenthaler Gemeindswaldungen herumgefuhrt und um Rath gefragt. Der Oswald brutete wieder uber etwas, aber Keiner wusste recht woruber? Die reichen Bauern sagten: "Wir wissen's wohl, es soll wieder uber unser Fell hergehen!" Diesmal aber hatten sie sich doch geirrt.

Jedermann war sehr neugierig, als die gesammte Burgerschaft von Goldenthal wieder versammelt wurde, um von den Vorgesetzten wichtige Antrage zu horen.

Oswald trat wieder hervor und sprach mit lauter Stimme: "Ihr Manner, liebe Mitburger! E i n M a n n ohne Schuld hat Jedermanns Huld. Unser Dorf hat aber noch Schulden. Wir verzinsen dieselben vom Pachtlande. Besser ware es, wir behielten den Zins vom Pachtlande Jeder in seinem eigenen Sack, wenigstens zehn Jahre lang oder langer. Damit ware uns allen geholfen."

Die Leute lachten und sprachen unter sich: "Der Vorschlag ist nicht unbillig."

Oswald fuhr fort zu reden: "Ich und die ehrsamen Beisitzer wollen es ubernehmen, dafur gut zu stehen, dass die Gemeindeschuld ganz oder doch grosstenteils abgetragen werden soll, ohne eure Unkosten, sobald ihr einwilliget, drei Beschlusse zu genehmigen und zu befolgen."

"Aha!" schrien die reichen Bauern: "Jetzt kommt der hinkende Bote nach!"

Oswald sprach: "Horet mich an und denket wohl nach, ob ich wahr rede oder nicht. Wir haben in Goldenthal ungefahr hundert Haushaltungen."

"Das ist wahr!" riefen die Bauern.

"Jede Haushaltung," sagte Oswald, "bekommt jahrlich drei Klafter Holz nebst Reiswellen aus dem Gemeindswald."

Die Bauern sagten: "Das ist wieder wahr."

"Und," fuhr Oswald fort, "so viel braucht jede Haushaltung; manche mehr, manche aber auch weniger, die aus der Garkuche speist. Aber alle konnten sich mit Wenigerem behelfen, wenn sie nicht Jahr aus Jahr ein zum Brodbacken, Obstdorren und zu den Waschen gar viel Holz nothig hatten. Bedenket, wenn in einer einzigen Woche zehn, zwanzig Familien Wasche halten oder Brod backen, wie viel Holz in so vielen Hauseln auf einmal verbrannt wird!"

Die Bauern murrten und sprachen: "Das ist ganz richtig; aber wir konnen nicht ohne Brod leben und in unreiner Wasche gehen."

Oswald sagte: "Es gibt viele Gemeinden im Lande, die weit reicher sind, denn wir, und doch weit mehr hausen und besser sparen, als wir. Aber eben darum sind sie reicher. Es gibt Gemeinden, sie haben nicht so viel Waldung, als wir, und haben doch Holz genug und konnen davon sogar verkaufen. Aber wie machen sie es? Da haben m e h r e r e H a u s e r zusammen nur einen e i n z i g e n B a c k - u n d D o r r o f e n . Da tragt jeder in der Woche seinen Teig und sein Obst hin, wenn die Reihe an ihn kommt. Und weil der Ofen nie kalt wird, braucht Jeder nur wenig Holz zur Feuerung hineinzuthun, um ihm die gehorige Hitze zu geben. Das nennt man hausen und sparen! Warum konnen wir das nicht? Warum thaten wir das nicht schon langst? Antwort: Weil wir zum Guten entweder zu trag oder zu unverstandig waren. Und bedenkt noch dazu, wie leicht wir durch das Backen und Dorren in den Wohnhausern ein ganzes Dorf in Feuersgefahr setzen. Bedenket, wie viel Holz wir nur dadurch sparen konnten, wenn wir kleinere, bequemere Stubenofen hatten, die weniger Holz fressen, statt der ungeheuern Steinmassen, die wir haben mussen, weil sie auch zum Backen und Dorren dienen sollen. Holz brennen heisst Geld verbrenn e n !"

Bei diesen Worten kratzte sich die ganze ehrsame Gemeinde von Goldenthal verdriesslich hinter den Ohren.

Doch der erste Vorsteher liess sich nicht storen, und sprach weiter: "Schauet rechts und links. Andere Gemeinden haben

langst schon

G e m e i n d s w a s c h h a u s e r , deren sich alle Haushaltungen nach der Reihe bedienen, und wozu sie sich einschreiben lassen. Da ist mit dem Holz das gleiche Ersparniss, wegen Feuersgefahr die gleiche Sicherheit fur das Dorf. Wir wissen das und wir finden das loblich. Warum muss denn bei uns jede Haushaltung noch ihre Wasche bei sich im Hause halten? Durch das Feuer beim Backen werden unsere Oefen, durch das Feuer beim Waschen werden unsere Herde weit schneller ausgebrannt und schadhaft. Wir mussen daher beide ofters ausbessern lassen. Das kostet Geld. Hatte die Gemeinde ein gemeinsames Waschhaus, hatte eine ganze Reihe Hauser ihren gemeinsamen Backofen zu unterhalten, das wurde ungleich weniger kosten."

"Nun denn, liebe Manner und Mitburger! Wir machen euch den Vorschlag zur Errichtung von Gemeindsbackofen mit Einrichtung zum Dorren, und zur Erbauung eines gemeinsamen Waschhauses, wie andere Gemeinden haben. Die ersten Unkosten dazu sollen aus dem Gemeindssackel gegeben werden. Wir alle wollen dazu fuhrwerken und handlangen. Was meinet ihr?"

Die Bauern meinten vielerlei. Die Einen wollten beim Herkommen bleiben; mehrere aber sahen ein, dass ein Gemeindswaschhaus besser ware. Doch die Backofen wollten sie nicht, weil sie dergleichen noch nicht kannten. Andere aber stimmten auch zur Errichtung der gemeinsamen Dorr- und Backofen. Als nun endlich einmal abgestimmt werden sollte nach langem Streit, geschah es, dass sowohl fur Waschhaus als fur Backofen die grosste Mehrheit war.

Da sprach Oswald mit freudigem Antlitz: "Bravo, ihr Manner und Mitburger, euer Beschluss macht euch Ehre und wird euch mit Nutzen belohnen. Nun kommt das Letzte. Wenn ihr nun weniger Holz in Zukunft gebrauchet, so brauchet denn weniger. Machet aus dem Holz, was ihr auf diese Weise ersparet, ein Geldkapital, und bezahlet damit die Gemeindsschulden ab. Horet mich an und helfet mir rechnen."

"Wenn sich jede Haushaltung, die jetzt nebst Reiswellen drei Klafter Holz empfangt, im Jahr mit zwei Klaftern durchbringt, so werden von den hundert Haushaltungen in einem Jahr einhundert Klafter erspart. Das Klafter ist funf Gulden werth, bringt im Jahr funfhundert Gulden. Binnen zehn Jahren haben wir so funftausend Gulden gespart und unsere Schuld bezahlt."

"Horet mich weiter. Wir haben etwas uber sechshundert Jucharten Gemeindswaldung. Seit die hohe Regierung in den Waldern den Weidgang verboten hat, wachst darin Alles, wie ihr wisset, freudig und hanfdick auf. Ich bin mit dem Herrn Oberforster durch den Wald gegangen. Er sagte: alle Jahr wachst auf einer Juchart Land ein halbes Klafter Holz zu. Ferner sagt er: Wir mussen das vom Stock ausgeschlagene Laubholz. wie Buchen, Erlen, Hagebuchen, Espen, Ahorn, dreissig Jahre alt werden lassen; grosse Eichen, Buchen, Tannen und was zu grobem Bauholz dient, muss siebenzig, hundert und mehr Jahre alt werden. Folglich, wenn wir gehorig holzen, so mussen wir alle niedere Laubholzwaldungen in d r e i ss i g P o r t i o n e n eintheilen, und alle Bauholzwaldungen in hundert und mehr Portionen. Wenn wir nun alle Jahre von jeder Art nur e i n e Portion nehmen, so hatten wir naturlich alle Jahre gleich viel Holz, und schlugen nicht zu viel und nicht zu wenig, und wir und unsere Nachkommen hatten allezeit altes, reifes Holz zu schlagen. Ferner sagt er: Wir hatten im Tannenwald so altes Holz, dass, wenn wir nach der Ordnung holzten, vieles davon uberalt und faul werden wurde. Wenn wir dies in einigen Jahren wegschlugen, wurde in hundert Jahren da wieder fur unsere Nachkommen hundertjahriges Holz stehen. So ist denn mein Rath und der Rath der ehrsamen Beisitzer: Wenn wir uns im Gebrauch alle Jahre hundert Klafter absparen, so sind tausend Klafter ungefahr das Ersparniss von zehn Jahren. Statt nun zehn Jahre zu warten, holzen wir das Ersparniss in zwei Jahren ab, bezahlen unsere Schuld, behalten den Zins im Geldsack fur uns, und behelfen uns zehn Jahre lang in jeder Haushaltung mit zwei Klaftern nebst Reiswellen." Als die Gemeinde diesen Vorschlag angehort hatte, erhob sich wieder Streit und tobendes Geschrei. Die Meisten hatten gern zwar den Zins behalten, aber auch das Holz. Man stritt bis es Nacht ward, und kam zu keinem Schluss und lief auseinander.

25. Es geht immer besser.

Die wohldenkenden und verstandigen Manner im Dorfe schuttelten den Kopf und sagten: "Das Ding mit den Holzsparen setzen wir bei dieser hartnackigen Gemeinde nie durch." Oswald aber lachte und antwortete: "Nur Geduld! Gutes Ding will seine Zeit haben. Die Leute mussen das Ding erst besprechen, beschlafen und sattsam verdauen. Goldenthal ward nicht in einem Tage gebaut. Unsere Bauern, wenn ihnen ein nutzlicher Vorschlag gemacht wird, der ihnen neu ist, sind wie die Kinder, wenn sie einen unbekannten Mann erblicken. Die laufen erst schreiend und erschrocken davon; nachher schauen sie ihn aus der Ferne an; dann kommen sie wieder einen halben Schritt naher, wenn sie merken, dass er nicht beisst; endlich spielen sie mit ihm und werden gute Freunde."

So redete Oswald. Unterdessen ward zur Erbauung des Waschhauses und der Backofen Anstalt gemacht. Man fallte Holz, brach Steine, fuhrte Leimen und Kalk und Ziegel herbei, Alles durch gemeines Werk. Die Haushaltungen, welche einen Back- und Dorrofen gemeinschaftlich haben wollten, traten zusammen, beredeten die Reihenfolge im Gebrauch des Ofens, und bestimmten den sichersten und bequemsten Platz. Oswald liess einen sehr verstandigen Maurermeister kommen, der die besten Vortheile bei Feuerherden und Oefen anzubringen wusste. Er selbst besuchte verschiedene Dorfer, um dasige Einrichtungen kennen zu lernen und das Beste davon fur Goldenthal zu benutzen. Gegen den Herbst waren das Waschhaus und die Oefen schon aufgerichtet und zum grossem Vergnugen der Goldenthaler in vollem Gebrauch. Jetzt spurten die Haushaltungen in der That, dass dabei viel Holz erubrigt werde und grossere Sicherheit vor Feuersbrunst sei.

Aber Eins folgt aus dem Andern. Manche Leute kamen nun von selbst auf den Gedanken, die unflathigen grossen Stubenofen waren nicht mehr so nothwendig wie ehemals; man konnte kleinere haben, die weniger Holz frassen. Oswald und der Herr Pfarrer hatten solche kleine Stubenofen, welche sogar auch zum Kochen bequem eingerichtet waren, in ihren Stuben. In der Stadt sah man fast uberall dergleichen. Der ehemalige Lowenwirth Brenzel hatte sich auch schon solche angeschaut, damit es bei ihm stadtischer aussehe. Es war Gewinn dabei. Man konnte das ersparte Holz verkaufen und Geld daraus machen. Keinem kamen die Worte Oswalds wieder aus dem Sinn: H o l z verbrennen heisst Geld verbrennen! Man scheute nur die Unkosten fur das Umsetzen und Abandern der Oefen.

Doch verschiedene von den zweiunddreissig heimlichen Genossen des Goldmacherbundes, auf welche Oswald noch immer durch sein Ansehen grossen Einfluss hatte, liessen auf sein Zureden ihre Oefen schon im Herbst verandern, besonders da er einigen der Unbemitteltsten dazu etwas Geld vorschoss. Ein geschickter Mann aus der Stadt richtete Alles hochst vorteilhaft und einfach ein. Nun hatte man sehen sollen, wie die Nachbarn und Nachbarinnen aus allen Winkeln des Dorfes kamen, die neuen Stubenofen, als wahre Wunderthiere, zu beschauen. Alle lachten daruber, Alle spotteten und tadelten. Hintennach, da der kalte Winter mit Eis, Sturm und Schneeflocken ins Dorf einzog, verwunderten sie sich, dass die kleinen, von den Wanden freistehenden Oefen doch so warme Stuben machen konnten. Als aber im Fruhjahre viele von den Besitzern dieser Oefen Holz verkauften, kam den Uebrigen die Sache sehr annehmlich vor. Die alten, ungeheuern Oefen verloren ihre alten Vertheidiger, und zuletzt wollte Jedermann in der Stube ein kleines Wunderthier haben. Viele, welche die Einrichtung bei den Andern gesehen hatten, bauten sich sehr kunstvoll die Oefen selbst auf, und sogar noch mit kleinen Verbesserungen, die allgemeinen Beifall hatten. Im Fruhjahr ging der Weibel herum von Haus zu Haus und sagte: Geld her; der Zins von der Gemeindsschuld soll bezahlt werden, darum bezahlet den Zins vom Pachtlande, das ihr von der Gemeinde habet!

Das war ein boses Geschaft, so mit einmal zwei Gulden und daruber fur nichts und wieder nichts wegzugeben. Einige sagten: "Hole der Kukuk die Gemeindsschulden!" Andere liefen zu Oswald und sagten: "Herr Vorsteher, warum redet Ihr nicht mehr von Euerm Vorschlag, die Gemeindsschulden mit Holz aus dem Wald fur immer abzuthun? Fangt doch wieder an!"

Das war's, was Oswald erwartete. Und als die Gemeinde zusammen berufen war, sagte er: "Die ganze Burgerschaft ist darin einig, wie ich von allen Seiten vernehme, die Schuld abzustossen. Keiner will jahrlich ein Klafter Holz weniger empfangen. Nun denn, so macht es mit einem halben Klafter jahrlich ab. Das wird bei den neuen Einrichtungen Keiner so stark vermissen, als ein ganzes. Nehmet ihr also jahrlich, statt drei, nur zwei und ein halbes Klafter, so lange, bis wir wieder Holz im Walde genug haben, so ist die Schuld in zwei, drei Jahren vernichtet."

Der Vorschlag erregte zwar auch Murren, aber er ging durch. Und als ihn die hohe Landesregierung nicht nur billigte, sondern auch belobte, ward nahe und fern der Holzschlag angekundigt. Es kamen viele Kaufer von nahe und fern zur Steigerung. Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Oberforsters das alteste Bauholz, auch an vielen Orten junges an, wo es zu dicht stand, verkaufte aber daran zwei Jahre lang, um die Preise nicht zu niedrig zu halten, und in zwei Jahren waren sechstausend Gulden geloset, so dass die Gemeindsschuld nicht nur bezahlt, sondern auch ein schoner Gelduberschuss fur Nothfalle der Gemeinde an Zins gethan werden konnte.

Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberforsters und der Regierung. Namlich um den Wald, als das beste Stuck vom Gemeindsvermogen, recht ordentlich bewirtschaften zu konnen, liess man einen Feldmesser kommen. Der vermass alle Waldungen und brachte sie in Karten. Der Oberforster ging durch die Geholze, und nachdem er sie besichtigt hatte, theilte er sie in Portionen oder S c h l a g e , und schrieb dazu, w e l c h e n S c h l a g m a n i n j e d e m J a h r e a b h o l z e n k o n n e . Und so war dabei fur dreissig und fur hundert Jahre Vorsorge gethan. Der Oberforster machte den Ortsvorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu, was sie alle Jahre beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schlage zu beobachten hatten. Und die Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung, darin, als in einem Gesetz furs Dorf, geschrieben war, was kunftig bei Fallung des Holzes, bei Austheilung der Gaben, bei Anweisung notwendigen Bauholzes in der Gemeinde, bei Freveln, bei Ernennung der Bannwarte oder Waldvogte u.s.w. zu beobachten sei, damit Alles recht unparteiisch und gemeinnutzlich vor sich gehe.

Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich. Und wenn es einmal an einen Schlag im Walde kam, der zu wenig Holz gab, ward das Fehlende aus dem Ueberschuss eines andern ersetzt. Der Bannwart empfing bessern Gehalt, damit er den Lumpen und Holzdieben Tag und Nacht fleissiger nachgehen konne. Alle zwei Jahre wurden die Marken und Grenzen der Walder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten, Feldhutern, Bannwarten, Guterbesitzern u.s.w., von alten Mannern und jungen Knaben umgangen, besichtigt und berichtigt. Das verhutete vielen Grenzstreit, viele Prozesse, die sonst aus Verwahrlosung der Marken entstanden waren.

26. Es ist noch viel Noth im Dorfe.

Das ganze Land konnte sich nicht genug uber die Goldenthaler verwundern. Denn der Wohlstand der Leute nahm sichtlich zu. Nicht nur das Dorf hatte keine Schulden, sondern Leute, die sonst tief darin steckten, trugen nach und nach ihre kleinen Kapitale ab. Jedermann in der Stadt, welcher Geld austhun wollte, lieh den Goldenthalern am liebsten; denn Jedermann wusste, die Ortsvorgesetzten waren bei Schatzung der Unterpfander sehr gewissenhaft, und kannten haargenau, wie viel Schuld auf einem Stuck Landes haftete. Das war nicht so in andern Gemeinden, darum hatten die Goldenthaler uberall den Vorzug und das Ansehen. Und wenn einmal ein Bettler kam, und sagte, er sei aus Goldenthal, so sprach man: "Pfui, schamst du dich nicht zu betteln, und du bist aus Goldenthal?" Man bildete sich ein, im Goldmacherdorf waren gar keine bettelarmen Leute.

Darin aber irrte man sich sehr. Denn in diesem neuaufbluhenden Dorfe war noch immer ein ansehnlicher Bodensatz ans der alten Zeit. Da lebten einige verlumpte Familien, die nicht zu bessern waren, der Herr Pfarrer mochte mit ihnen reden, oder die Obrigkeit drohen, wie sie wollte. Da lebten Leute, die lieber mussig gehen, hungern und betteln wollten, als im Schweiss ihres Angesichts das saure Brod verdienen. Da lebten Leute, die sogar ihre Kinder zum Bettelund Diebshandwerk abrichteten, und sie Abends abprugelten, wenn sie nicht genug gesammelt hatten. Da lebten Leute, die immer wieder das, was sie entweder verdient, oder als Almosen bekommen hatten, fur Wein, Branntewein und allerlei Nasch- und Lekkerwaare hingaben. Man hatte auch keine Hoffnung, dass die Menschen endlich einmal aussterben wurden. Umgekehrt, sie vermehrten sich mit dem Wohlstande der Goldenthaler. Denn sie verheiratheten sich unter einander und setzten Kinder in die Welt, ohne sich darum zu bekummern, wie sie sich und ihre Kinder ernahren mochten. Die Lumpen sagten nur: "Die Gemeinde hat ein Armengut, das gehort uns an; und es ist die Schuldigkeit der Gemeinde, sie muss uns erhalten, sie mag wollen oder nicht. Verstossen oder verhungern lassen, darf sie uns doch nicht."

Dem guten Herrn Pfarrer Roderich gingen diese frechen Redensarten des Gesindels besonders zu Herzen. Und er sagte vielmals zu den Vorstehern: "Arbeitet, wie ihr wollet: so lange ihr noch die Beispiele der Faulheit, Ueppigkeit und Liederlichkeit, die Pflanzschule alles Lasters, im Dorfe habet, so lange kommt die Gemeinde auf keinen grunen Zweig. Denn was rechtschaffene Haushaltungen verdienen, davon zehren die Mussigganger auch mit. Diese vermindern immerdar das Vermogen der Andern, und verfuhren durch ihre Schlechtigkeit andere Leute zur Schlechtigkeit."

Die Ortsvorgesetzten sahen dies so gut ein, wie der Herr Pfarrer. Aber wie sollte man dem muthwilligen Bettel und Mussiggang abhelfen? Das war der Knoten! Im Dorfe befand sich zwar eine Art Armenhaus, welches man das S p i t a l hiess, allein es war fur die Menge der Bettelschaft zu klein; darum kamen Viele nicht hinein. Und man musste sich scheuen, Menschen hinein zu thun. Der Herr Pfarrer ging oft in das sogenannt Spital, und hoffte die Leute darin zu bessern, aber hoffte vergebens. Hier wohnten Alt und Jung: Manner, Weiber, die sonst kein eigenes Obdach mehr hatten, elend beisammen. Das Haus war, wie der Herr Pfarrer oft sagte, eine wahre Mordergrube der Seelen. Denn die Kinder sahen und horten da von den Alten viele schandliche Sachen. Das Beisammensein von Personen beiderlei Geschlechts und von den schlechtesten Sitten gab zu vielen Ausschweifungen Anlass. Das Land, welches zum Spital gehorte, war immer am unordentlichsten besorgt, und Oswald hatte grosse Muhe, im Hause selbst nur mehr ausserliche Reinlichkeit herzustellen. Aber wie sehr er auch den Kopf anstrengte, er konnte nichts ersinnen, dies zusammengepackte, mussige, luderliche Gesindel zu andern, und er glaubte zuletzt selbst, das sei nun einmal leider ein nothwendiges Uebel.

Hingegen der Herr Pfarrer hatte keine Ruhe, und wollte nicht Zeuge so vielen Sittenverderbnisses in seiner Gemeinde sein. Er war aber ein kluger Herr, der sich nicht geradezu in Gemeindsangelegenheiten mischte, weil er, um heilsam zu wirken, mit allen Bewohnern des Dorfes in Freundschaft bleiben wollte. Er gab hin und her einen guten Rath, warf einen guten Gedanken hin, und freute sich, wenn er von diesem oder jenem Vorsteher aufgefasst wurde. Dann that er gar nicht, als wenn das von ihm herruhre; sondern er liess den Vorgesetzten die Ehre, von selbst den rechten Weg gefunden zu haben. Das schmeichelte diesen und sie verfolgten den rechten Weg um so williger. Pfarrer Roderich meinte auch: es sei recht, dass die Ortsvorgesetzten bei der Gemeinde in hochster Achtung standen; und es schade ihrem Ansehen, wenn es hiesse, sie liessen sich vom Herrn Pfarrer gangeln und lenken. Das sollte nicht sein. Auf solche Weise wirkte der weise Mann im Stillen, ohne eigenen Ruhm, und mehr als selbst diejenigen wussten oder glaubten, auf die er wirkte. Und wenn auch nicht Alles so geschah, wie er wohl gewunscht hatte, ward er deshalb doch nicht missvergnugt, und zog die Hand nie von der guten Sache zuruck. Denn er war bescheiden genug zu glauben, dass andere Leute ebenfalls Verstand von Gott und vielleicht in vielen Dingen bessere Erfahrung und Kenntniss hatten, als er. Jedes Nutzliche belobte er ungemein; das gab grossen Muth und Freudigkeit. Und wo man begriff, dass gefehlt worden sei, entschuldigte er freundlich den Irrthum; das gab wieder Trost und richtete die Verdrossenen auf.

"Das kann nicht langer so gehen mit unsern Gemeindsarmen und mussigen Bettlern!" sagte eines Tages Oswald zum Pfarrer Roderich: "Aber ich weiss keinen guten Rath zu schaffen. Diese Erb-Bettler sind fur eine ehrsame Gemeinde, was die Filzlause fur einen Menschenkorper sind: eine Plage, eine Schande; und das Ungeziefer sauget Blut, Saft und Kraft aus, dass man nicht geneset. Ich habe ein Grausen, so oft ich unser Spital erblicke. Die Verwaltung kostet so viel und taugt offenbar nichts, und ist nur eine Plage und Schande und Luderlichkeit."

Pfarrer Roderich antwortete und sprach: "Ihr habet mir endlich aus der Seele gesprochen, Oswald. Hatte die Gemeinde kein Spital, so hatte sie auch keine Bewohner desselben. Die meisten Bettler und Mussigganger wird man allezeit in denjenigen Orten finden, in denen das meiste Armengut angehauft ist, und wo man die meisten Almosen austheilt."

Oswald versetzte darauf: "Ich habe freilich schon daran gedacht, das Spital abzuschaffen. Aber damit ist nichts gebessert. Es wird in den besteingerichteten Gemeinden immerdar Arme geben und Taugenichtse. Wohin mit diesen? Ich habe in andern Gemeinden gesehen, dass man die dortigen Armen bei den vermoglichen Bauern umherziehen lasst in die Runde, oder eine Woche lang von einer bestimmten Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhalt. Das ist gegen Alte und Kranke oft unmenschlich, und fur die Arbeitsfahigen Bestatigung im Mussiggang, seelen- und sittengefahrlich. Ich habe wieder in andern Gemeinden, die den Bettel abschafften, gesehen, dass sie ihre Bettler auf Unkosten der Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten. Man ubergab dann die Verpflegung des Gesindels denjenigen, die am wenigsten dafur forderten. Das waren nun wieder hochst arme Leute, die damit ein Stuckchen Geld verdienen wollten, und in so ruchloser Gesellschaft ganz verdarben. Dabei hatte die Gemeinde gar keinen Nutzen, sondern Schaden, denn die Bettler besserten sich nicht und steckten Andere mit ihrer Liederlichkeit an, bei denen sie wohnten. Ja, Herr Pfarrer, und Blut weinen mochte ich, wenn ich zumal an arme, verwaisete Kinder denke, welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in Verpflegung an den Wenigstnehmenden gegeben worden sind. Ich weiss, wie man in den theuern Zeiten fur solche Kinder das Geld nahm, aber sie hungern liess; und wenn die armen Wurmer jammerten und vor Hunger schrien, wie man sie mit Ruthen gestrichen hat, um sie zum Schweigen zu bringen, damit die Leute es nicht vernehmen sollten. Ich weiss, wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geoffnet wurde, fand sich im Magen nichts als etwas Gras und Wasser, und der Rucken und die Lenden waren blutrunstig. Wahrlich, wahrlich, es ist unter Turken und Heiden mehr Barmherzigkeit, als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird."

"Ich weiss auch gar wohl," fuhr Oswald fort, "dass die Vorsteher in vielen Gemeinden an Errichtung von Armenhausern und Spitalern dachten, worein sie ihre Bedurftigen thun wollten. Das geschah aber nicht aus wahrer Menschlichkeit; sondern die hartherzigen, bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Muhe erleichtern und die Plage abschaffen, immer an die armen Leute denken zu mussen. Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im Dorfe die W u r d e , aber erleichtert sich auf ehr- und gottvergessene Weise die B u r d e , wie es gehen mag!"

So sprach Oswald. Der Herr Pfarrer freute sich uber des Vorstehers grundliche Kenntniss der Dinge und sprach: "Ich habe uber diesen hochstwichtigen Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfasst; leset doch diese Blatter. Es sind viele unreife Gedanken darin; aber andert und bessert oder verwerfet Alles, was ihr wollet."

Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich. Er las sie mehrmals durch. Er sprach daruber mit den Beisitzern, Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei Einwurfe, horte dessen Antworten und berieth sich wieder mit den Beisitzern. Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer uber einen Plan zur bessern Versorgung der Armen im Dorfe. Dann versammelte er die achtbarsten Manner der Gemeinde, zog auch diese zu Rath und horte ihre Einwendungen. Da ward wieder allerlei abgeandert und wieder verbessert.

27. Was die Goldenthaler mit ihren Bettlern

machen.

Nachdem Alles wohl berathen war, ging man ans Geschaft. Doch wussten Wenige im Dorfe, wie man so viele Bettler, Mussigganger, hilflose Kranke, Gebrechliche und Kinder, ohne ungeheure Kosten, ernahren konne und wolle.

Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes, mit Genehmigung der hohen Regierung, erhoben; damit schaffte man eine Dreherbank, Aexte, Hobel, Sagen, Schaufeln, Spaten, Hacken und anderes Arbeitsgerathe an. Man verbesserte auch die Kuche des Spitals, um daselbst fur viele arme Familien zugleich kochen zu konnen, und machte allerlei Aenderungen im Hause des Spitals, also dass darin eine Arbeitsstube fur Manner, eine andere fur Weiber und zwei Krankenzimmer fur beiderlei Geschlechts angelegt wurden. Auch ward dafur gesorgt, dass fur jeden Gesunden ein eigenes Schlafkammerlein eingerichtet wurde. Das war eine enge Zelle, nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit, am Boden nur Platz fur einen Strohsack, ein Kopfkissen mit Stroh gefullt, mit grobem Bettuch und einer warmen Wollendecke. Jede Zelle hatte eine eigene Thur mit Luftloch. "Man muss es Bettlern nie ganz bequem machen," sagte Oswald, "damit sie auch Lust bekommen, sich durch eigenes Bemuhen eine bessere Lage zu schaffen." Darum ward jeder Winkel im Hause zu Schlafstellen benutzt. Unter dem Dache des Hauses bewahrte man angekaufte Vorrathe von Wolle, Hanf, Nutzholz und dergleichen.

Sobald Alles und Jedes vorbereitet war, nahmen die Vorgesetzten ein Namensverzeichniss auf von denjenigen Personen im Dorfe, welche nicht ohne Unterstutzung von der Gemeinde leben konnten. Das war bald gemacht. Man kannte diese Leute nur allzugut. Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene Wohnungen; Andere aber zogen ohne Obdach umher, dem Bettel nach, von Stall zu Stall. Diejenigen nun, welche keine eigenen Wohnungen besassen, wurden aufgefangen und ins Spital gebracht. Sie gingen willig, denn der kalte Winter war vor der Thur. Diejenigen, welche zwar eine Stube hatten, aber mit andern armen Leuten gedrangt beisammen wohnten, so dass Alt und Jung, Leute beiderlei Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mussten, wurden ohne Umstande ins Spital gefuhrt. Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen, die darin nachweisen konnten, dass sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten.

Also waren sammtliche Arme und Bedurftige des Dorfes in zwei Klassen zerfallen. Die, welche eigene Wohnungen hatten, hiessen H a u s l e r ; die, welche ins Spital kamen, hiessen S p i t t l e r . Beide aber wurden als Genossen der gemeinen Armenanstalt betrachtet, ohne Unterschied. Wo Kinder waren, liess man sie gern bei ihren Aeltern. War aber die Behausung derselben zu klein, oder waren die Aeltern ruchlos und unsittlich oder im Spital: so suchte man die Kinder bei guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen, nicht bei armen Leuten um Geld, auch nicht bei reichen Leuten, sondern bei solchen, die durch ihre Rechtschaffenheit bekannt waren. Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der Armenanstalt, und die Pflegealtern, wenn sie es verlangten, auch geringe Entschadigung. Aber die Wenigsten, die Kinder zu sich genommen hatten, forderten Entschadigung. Sie thaten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus Frommigkeit. Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater. Er hatte zween bose, muthwillige naschhafte Knaben, die Keiner annehmen wollte, zu sich ins Haus genommen, und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu Jedermanns Verwunderung recht gutartig geworden. Auf diese Weise brachte man die Kinder an, und sie sahen nicht taglich mehr das bose Beispiel ihrer Aeltern, und lernten arbeitsam und gottesfurchtig werden, da sie sonst nur zum Betteln, Stehlen und mussigen Herumschwarmen gewohnt worden waren.

Wie man die gesammten armen Leute mit ihren Kindern also vertheilte und Jeglichem sein rechtes Obdach gab, ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein Hauptgrundsatz aufgestellt, namlich: Wer nicht im Stande ist, sich selbst zu erhalten, und von Keinem versorgt wird, den muss die Gemeinde versorgen. Wen aber die Gemeinde versorgen muss, den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu bevogten, damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne. Das war nicht anders als recht und billig.

Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffner Mann zum Vormund oder Vogt gesetzt. Dieser Vogt hatte uber Nahrung, Kleidung, Vermogen, Schulden und Erwerb seiner ihm ubergebenen Familie Vorsorge zu thun; musste uber Ordnung und Reinlichkeit der Hausler in ihren Wohnungen und uber die Arbeit wachen, die ihnen gegeben ward. Dabei verfuhr man sehr streng. Denn da auch die Hausler ihre Nahrung aus der Spitalkuche bekamen, wo, wie in der theuren Zeit, die Sparsuppe gemeinschaftlich gekocht wurde, und sie Kleider und Gerath von der Armenpflege erhielten, so mussten sie auch fur die Armenanstalt arbeiten, und damit ihr Brod und was ihnen sonst zukam, wieder abverdienen. Was sie ausser der aufgetragenen Arbeit durch grossern Fleiss verdienten, ward ihnen bezahlt. Sowohl dies Geld, als das, was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten, bekamen sie nicht in die Hande, sondern wurde in die Ersparnisskasse fur sie gelegt. Denn Leute, die zu ihrem Unterhalt Alles und Jedes empfingen, brauchten kein baares Geld; sie mussten aber erst sparen und haushalten lernen.

Jeder Vogt musste dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit uber das Betragen und Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben. Denn der Herr Pfarrer war der rechte Oberaufseher aller Vogte; er war der Pfleger aller Armen und fuhrte daruber ein eigenes Buch. Fand er gegen einen Vogt zu klagen, so dass derselbe sein menschenfreundliches Amt ubel versah, so ward der Unwurdige von den Ortsvorstehern geradezu abgesetzt.

Diese bestandige, unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes. Denn weil das Geschaft der Aufsicht fur jeden Vogt nur auf eine Familie ging, war es weniger muhsam und besser und sorgfaltiger verrichtet. Jeder that das Wenige gern und unentgeldlich aus christlichem Gemuth. Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer unter den Vormundern, wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete, die ihm anvertrauten Personen durch Rath und Anweisung und Beihulfe emporzubringen. So hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen Freund, Vater und Fursprecher und Schutzengel gefunden, dem sie lebenslanglich dankbar wurde.

Nun aber war die Frage: woher Nahrung und Kleider fur die Armen nehmen? Der Zins des Armenguts reicht nicht zu. Oswald aber sagte: "Es ware wohl bose, wenn die Leute mit gesunden Handen nicht ihr Brod verdienen konnten. Alle zusammen, Hausler und Spittler, Manner und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige grosse Haushaltung, und mussen Einer fur Alle, Alle fur E i n e n a r b e i t e n . Die Hausler mussen in der Woche arbeiten, was ihnen aufgegeben wird; die Spittler mussen des Tages acht Stunden arbeiten, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage."

Und so ging es. Wer nicht arbeiten wollte, d e r ward ins finstere Loch des Thurms g e s p e r r t ; da sass er und bekam zum Getrank kaltes Wasser, und zur Nahrung geschwellte Erdapfel, kalt und ohne Salz, welche die Andern nicht hatten essen mogen. Das war Keinem angenehm. Wer aber arbeitete, hatte taglich warme Speisen, Suppe, Gemus und zweimal in der Woche Fleisch. Wer, ausser den acht Arbeitsstunden, noch fleissiger sein wollte, konnte sich damit Geld verdienen. Seine verfertigte Waare ward fur ihn verkauft, und das erlosete Geld fur ihn als ein kleines Kapital in die Ersparnisskasse an Zins gethan. So sammelten sie sich ein kleines Vermogen. Wer fluchte oder schwor, unzuchtig redete, Unordnung trieb, kam in das finstere Loch ohne Gnade und Barmherzigkeit. Wer aber fein still und ehrbarlich lebte, der hatte Hoffnung, seinen Zustand zu verbessern. Er konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spitalmeister werden. Denn aus den bravsten Leuten im Spital wurden die Aufseher uber die Arbeiten und das Betragen der Andern, uber Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Schlafstatten und Kleider erwahlt. Die Aufseher berichteten Alles dem Spitalmeister, der selbst ein Spittler war. Der Spitalmeister, so wie die Kochinnen, hatten den Vortheil, nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden. Was sie neben ihren Amtsgeschaften verdienen konnten, das war ihr Eigenthum und kam in die Ersparnisskasse. Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages fur die Gemeinschaft mitzuarbeiten; die ubrigen Stunden waren ihnen erlaubt, fur ihren Vortheil fleissig zu sein. Die Kochinnen hatten es eben so. Elsbeth fuhrte die Oberaufsicht der Spitalkuche. Hier unterrichtete sie zwei arme Frauen im Kochen. Eine andere Spittlerin hatte Aufsicht uber Wasche, Kleidung und Gerath der Spittler. Also wurden sammtliche Spittler zwischen F u r c h t d e r S t r a f e und H o f f n u n g d e s N u t z e n s gestellt und zu ihrem eigenen Besten hingeleitet.

Und Arbeit gab es fur die Armenhaushaltung vollauf im ganzen Jahr. Vor allen Dingen mussten Spittler und Hausler gemeinschaftlich nicht nur die Garten und Felder des Spitals bestellen, das Getreide, Kohl, Ruben, Bohnen, Salat, Erdapfel, Flachs, Hanf, Oelpflanzen u.s.w. bauen, sondern auch gemeinschaftlich ihr von der Gemeinde empfangenes Pachtland bearbeiten. Doch behielt jeder Besitzer den Nutzen von seinem Stuckchen Gemeinlandes, also dass er, nach Abzug dessen, was er ebenfalls der Armenanstalt noch fur Nahrung, Kleidung und Obdach schuldig geblieben, das Uebrige verkaufen lassen konnte von seinem Vogt; der Gewinn kam in die Ersparnisskasse.

Ferner mussten die M a n n e r Strassen verbessern; Brunnen reinigen; feuchte, moosige Stellen des Waldes durch Abzugsgraben trocken legen; fur das Spital und die Hausler Holz fallen und spalten; im Walde leere Stellen mit jungen Tannen, Buchen und Eichen besetzen, und sonst allerlei Maurer- und Zimmermannsarbeit zur Ausbesserung des Spitals oder der Hauslerwohnungen verrichten. Bei schlechtem Wetter oder im Winter hatten die Manner noch weit mehr zu thun. Da mussten die, welche mit Drehbank, Hobel und Sage etwas umzugehen wussten, Haus- und Kuchen- und Feldgerath aller Art verfertigen. Andere lernten aus Wollen- und Leingarn ein landliches Halbtuch weben, das sehr dauerhaft war, oder aus Hanf- und Flachsgarn Leinwand verfertigen. Immer waren einige Webstuhle Winters und Sommers in Bewegung.

Die W e i b e r , selbst die Kinder der Hausler und Spittler, mussten, wenn es an Leuten mangelte, bei der Feldarbeit helfen; ausserdem bei dem Reinigen und Ausbessern der Wasche und Kleider sammtlicher Hausler und Spittler thatig sein; Wolle, Hanf und Flachs spinnen, oder fur die Weber spulen; Strumpfe und Kappen stricken, Bettzeug und Hemden nahen, und dergleichen mehr. Alle arbeiteten fur Einen, und Einer fur Alle. Die Leute befanden sich dabei so gut, dass nachher noch ein paar Familien freiwillig zur Armenanstalt ubergingen, da sie vorher aus Furcht erklart hatten, sie konnten sich ohne allen Bettel und ohne Unterstutzung von der Gemeinde erhalten.

Diese Einrichtung war darum sehr vorteilhaft, weil die V e r w a l t u n g nun keine Unkosten verursachte. Denn der Spittlermeister, die Unteraufseher und Kochinnen, die Magde, Holzspalter u.s.w. kosteten nichts. Es waren Spittler. Der Pfarrer, die Vormunder, Oswald und Elsbeth nahmen fur ihre Liebeswerke keinen Lohn. Der brave Schulmeister, Johannes Heiter, fuhrte unentgeldlich die Buchhaltung und Rechnung uber Einnahme, Ausgabe und erspartes Vermogen der Spittler und Hausler mit ungemeiner Punktlichkeit.

Ferner: die ganze Wirtschaft erhielt sich selbst. Die Leute pflanzten und kochten ihre Nahrung selber; spannen, woben und schneiderten ihre Kleider selber aus selbstgezogenem Hanf und Flachs; verfertigten ihre Tische, Banke, Stuhle und Holzteller, Schranke u.s.w. selber; besserten Zimmer, Gebaude und Gerathe selber aus. Es wurde bald mehr Nahrung gewonnen, mehr Garn und Tuch und allerlei Gerath verfertigt, als verbraucht. Das wurde verkauft zum Nutzen der Anstalt, und fur das Geld wieder eingekauft, was man an Wolle, Eisen u.s.w. nothig hatte. Die fleissigern Hausler verdienten noch ausser den gesetzlichen Arbeitsstunden durch mancherlei Arbeit oder Taglohn ein schones Stuck Geld. Das ward ihnen an Zins gelegt oder angewandt, um ihnen zur Vervollkommnung ihrer Nebenarbeiten das fehlende Werkzeug und rohe Stoffe zu verschaffen. Schon im zweiten Jahre brauchte man den Zins vom Armenfond nicht mehr ganz.

Weil die Leute bei einfacher Kost viel arbeiteten

und Manner und Weiber ohnedem fast bestandig getrennt lebten, verging ihnen die Ueppigkeit von selbst. Zudem war ein Gemeindsgesetz: es konnte Keiner heirathen, als der, welcher sich ausser der Armenanstalt, ohne Hulfe der Gemeinde, ernahren konnte.

Das Beste, was man noch ruhmen musste, war die

Gottesfurcht, welche allmalig bei diesen einst verwilderten Leuten immer mehr Eingang fand. Und auch das war ein Verdienst des Herrn Pfarrers. Denn alle Uebrigens stand jedem Spittler und Hausler vollWas die Goldenthaler Armenanstalten vorzuglich z u m a c h e n . Es sorgte Niemand fur sie; sie mussten f u r s i c h s e l b s t s o r g e n u n d a r b e i t e n . Hier war keine stillsitzende Lebensart, hier keine ungewisse, leichte Fabrikarbeit, wodurch arme Leute zu schwerer Arbeit nachher untauglich werden, hier gab es keinen leichten Verdienst, wo junge Madchen und Knaben bald eben so viel Geld gewinnen konnen, als die Alten, was dann zur Ueppigkeit, zu fruhen Heirathen und zur Vermehrung des Lumpengesindels beitragt. Hier musste Jeder seine Kraft fur das anstrengen, was ihm lebenslanglich wohlthat, wenn er es konnte; er musste graben, hacken, saen, pflanzen, dreschen, zimmern, hobeln, spinnen, weben, schneidern.

28. Probieren geht uber Studieren.

Lass es sein, es ist zu schwer;

Es geht nun und nimmermehr.

Oswald wusste das wohl, und war aus Erfahrung

Lass es sein, es ist zu schwer;

Es geht nun und nimmermehr.

Oswald aber dachte: P r o b i e r e n g e h t u b e r S t u d i e r e n . Er hatte selbst seinen ehrsamen Beisitzern nichts vom ganzen Umfang des Plans erzahlt; denn es waren zwar wohlwollende, brave Manner, aber angstliche, schuchterne Leute. Darum sagte er nie mehr, a l s i m m e r s t u c k w e i s e t w a s , das eben ausgefuhrt werden sollte.

Erst wurden die Armen und Bettler mit ihren Kindern aufgezeichnet und in Hausler und Spittler eingetheilt. Nun das ging. Dann wurde fur jede Familie ein Vogt ernannt, und ihm vom Herrn Pfarrer erklart, was er zu thun habe. Das kam endlich auch zu Stande. Dann schaffte man Hobel, Aexte, Sagen, auch Spinnund Spulrader, Wollenkarden und ein paar Webstuhle aus dem Armengut an. Das war keine Hexerei; eben so wenig der Ankauf von Wolle, das Hanf- und Flachssaen, das Einfuhren der Spinnerei und die Einrichtung der Spitalkuche. So ward allmalig Eins ums Andere ins Werk gesetzt; man fand jedes Einzelne nicht zu schwer; so kam das Ganze zu Stande, und die hohe Regierung genehmigte den Plan mit grossermunterndem Lobe. Man hat hintennach erfahren, dass selbst in der Regierung einige Herren den Plan fur unausfuhrbar gehalten und bespottelt hatten, da derselbe schon, ohne dass sie es wussten, ins Werk gesetzt war.

Die meisten Sprunge machten anfangs die Spittler; sie wollten nicht in den engen Zellen schlafen. Man sagte ihnen aber: Arbeitet fleissig, so konnet ihr euch Wohnungen miethen oder Hauser bauen. Sie wollten aber nicht arbeiten, da kamen sie tagelang ins finstere Loch bei kalter, schmaler Kost. Das gefiel ihnen noch weniger. Einige versuchten, ihr Loos durch Gehorsam zu verbessern, und ergaben sich in ihr Schicksal, zumal in den Wintertagen, wo es auf der Landstrasse auch nicht angenehm zu reisen und zu schlafen war. Als sie einmal bessere Kost und bessere Behandlung genossen und die Arbeit gelernt hatten, und als sie schon in der Ersparnisskasse einige Gulden Eigenthum fur ihre alten Tage oder fur ihre Kinder besassen, blieben sie gern da. Denn sie wollten das kleine an Zins gelegte Vermogen nicht im Stich lassen, und wurden begierig, es zu vermehren. Andere aber liefen davon und in die weite Welt hinaus, um mussig zu gehen und zu betteln. Nun, dann war's ihr eigener Schade; die Gemeinde hatte nur den Nutzen, sie nicht mehr erhalten zu mussen. Einige von den Weggelaufenen kamen nie wieder zum Vorschein. Das war fur Goldenthal kein Ungluck. Andere wurden, als Bettler, von den Polizeibedienten des Landes aufgefangen und wieder zuruckgebracht. Die besuchten zuerst das finstere Loch, und dann kamen sie wieder an die gemeine Arbeit, wie zuvor. Binnen drei Vierteljahren war es mit allen Widerspenstigen in der Ordnung, und es gab keinen bettelnden Goldenthaler mehr, ausser einige Weggelaufene in fremden Landern.

Die Hauslerfamilien wollten sich anfangs auch auf die Hinterfusse stellen, und den Dreck und Unflath vertheidigen, worin sie zu leben gewohnt waren. Und sie klagten und schrien bitterlich uber die Hartherzigkeit der Goldenthaler, die ihnen nicht mehr unentgeltlich wollten zu essen und zu trinken, und ihnen nicht einmal Geld in die Hande geben. Allein der Hunger und das finstere Loch machten zuletzt auch die Sprodesten geschmeidig, und die Goldenthaler blieben dabei: wer e s s e n will, soll a r b e i t e n ; wer es gut h a b e n will, soll gut t h u n .

Die Verwaltung des Spitals war vorzeiten kostbarer gewesen. Jetzt kostete sie nichts. Nicht der Pfarrer, nicht Oswald, nicht Elsbeth wollten sich am Armengut bereichern. Die Spittler selbst mussten die angewiesenen Haus- und Unteraufsichtsgeschafte verrichten. Ward ihnen solch ein Aemtlein vertraut, war es Belohnung ihres Wohlverhaltens; ward es ihnen genommen, war es Strafe. Einer lauerte dem Andern dabei auf den Dienst. Die Spital-Garten und Guter gaben Nahrung genug, und auch was die armen Familien am ehemaligen Weidland zum Antheil empfangen hatten, wurde abtraglicher, weil es gemeinschaftlich angebaut und besorgt ward. Die Unfleissigen bezahlten dem Spital mit dem, was sie auf dem Pachtland arnteten, ihre Kost und Kleidung, und was sie noch erubrigten, ward in Geld verwandelt und fur sie ein Schatz in der Ersparnisskasse.

Die Manner im Spital stellten sich anfangs zum Hobeln und Sagen, zum Wollekrampeln und Weben ungeschickt genug an. Aber sie mussten lernen. Ein Meister aus der Stadt brachte das Ding bald ins Geleis; der war ein verstandiger Mann und grosser Verehrer und Freund des Herrn Pfarrers. So kostete die Bekleidung der Armen dem Spitalgut wenig, und die Anschaffung von Banken, Stuhlen, Bettgestellen, Schranken und andern Gerathschaften, wie auch Ausbesserung am Hause, fast nichts. Die Spittler mussten auch fur die Hausler Gerath machen; so ward jede Familie damit wohl versehen und gewohnte sich an einige Bequemlichkeiten.

So wie das Armengut und Spital dabei gewann, weil so viele Hande nur fur Kost und Kleidung arbeiteten, so gewannen auch die Hausler und Spittler dabei an Vermogen und Eigenthum. Denn was sie ausser den acht ublichen Stunden mehr arbeiteten, konnten sie zu ihrem Nutzen in Geld verwandeln und in der Ersparnisskasse an Zins legen; eben so, was sie von den Erzeugnissen ihres Pachtlandes erubrigen und verkaufen lassen konnten. Das war kein geringer Vortheil. Die Menschen wurden arbeitslustig und bekamen Freude am Sparen und Vermehren ihres Eigentums, weil sie die Zeit voraussahen, da sie ganz u n a b h a n g i g leben und einen gewissen Wohlstand zu geniessen im Stande waren.

Am besten hatten es die Spitalmeister und die Aufseher, welche selbst Spittler waren. Denn Alles, was sie neben ihren Amtsverrichtungen arbeiten konnten und verkaufbar war, das wurde zu ihrem Nutzen verkauft. Darum war Jedermann beflissen, sich wohl zu halten, um zu einer solchen Stelle zu gelangen. Und diejenigen, welche das Aemtlein hatten, nahmen sich wohl in Acht, etwas von den ihnen ubertragenen Pflichten zu versaumen. Der kleinste Fehler konnte sie um den vorteilhaften Dienst bringen, auf welchen Viele hofften.

Es gab zuletzt in der Armenanstalt Goldenthals recht geschickte Arbeiter. Nicht nur die Bauern im Dorfe, sondern selbst viele Leute aus der Stadt kauften von den hier verfertigten Waaren, oder liessen hier arbeiten. Und wenn so ein geschickter Arbeiter spurte, er verdiene mehr, wenn er fur sich allein arbeite, verliess er das Spital und miethete sich Wohnung im Dorf oder in der Stadt und lebte fur sich selber. Das feuerte nun wieder die Andern an, ebenfalls recht geschickt zu werden.

Im Dorfe war naturlich Jedermann froh, nicht mehr vom Bettelgesindel geplagt oder in Hausern und Garten nachtlicher Weise bestohlen zu sein. Jeder schickte mit Freuden, statt der Almosen, etwas ins Spital, wenn es irgend in demselben an etwas fehlte. Allein es zeigte sich noch ein anderer Vortheil fur das Dorf, an den vorher Niemand gedacht hatte. Namlich, hatte es im Sommer an Feldarbeit gemangelt, so waren andere Arbeiten im Freien vorgenommen worden. Und so war's gekommen, dass alle Gassen des Dorfes, wo man sonst bei schlechtem Wetter im Koth bis uber die Knochel waten musste, mit Steinen besetzt wurden; dass der Bach im Dorfe, der sonst uberlief und grosse Pfutzen bildete, mit Gemauer eingefasst stand; dass die Feldwege und Fussstege ohne Locher waren; dass die Gemeindswaldungen keine Stelle mehr hatten, die nicht mit jungen Setzlingen den erfreulichsten Nachwuchs zeigte. Weit umher im Lande sah man keinen Wald in besserer Ordnung, und kein sauberlicheres Dorf als Goldenthal. Es kamen sogar grosse Herren von der Regierung und besichtigten die Goldenthaler Anstalten und Einrichtungen, und hatten dergleichen gern uberall gehabt. Allein sie sahen sich in andern Dorfern oft vergebens nach dem edeln Pfarrer R o d e r i c h , nach dem menschenfreundlichen O s w a l d und seiner eifrigen Gehulfin E l s b e t h um. Dennoch ward es auch anderswo mit Abanderungen und mit Gluck versucht. Und daran that man Recht. P r o b i r e n g e h t u b e r S t u d i e r e n . Und wo man mit eifriger Menschenliebe was R e c h t e s will, d a g e s c h i e h t auch was R e c h t e s .

29. Wieder etwas Neues.

"Was hat auch der Oswald wieder?" fragten sich die Bauern unter einander. Denn wenn alle Leute Feierabend hatten, lief er noch mit dem Schulmeister und einigen jungen Burschen in den Feldern herum. Die schleppten sich mit Ketten, steckten lange Stangen in die Erde, und Oswald sah immer uber einen kleinen, langbeinigen Tisch nach den Stecken, und konnte sich nicht satt daran sehen. Und der Schulmeister H e i t e r that es auch gern. Und an den Stecken war doch nichts zu sehen.

Das ging beinahe ein Jahr lang so. Und da die Bauern horten, dass Oswald das Land und alle Felder vermessen und alle Wege und Stege in einen Plan bringen lasse, ward Vielen bange. Denn es ging wieder die Rede vom Krieg und sie dachten, der Oswald konne dem Feind das Land verrathen wollen.

Es verhielt sich aber folgendermassen: Oswald verstand das Feldmessen und hatte Bucher, die davon handelten. Und er hatte seinen Liebling, den Johannes Heiter, auch in dieser Kunst unterrichtet, nebst andern Bauernburschen, die Kopf dazu besassen. Weil nun die Waldungen der Gemeinde sehr genau ausgemessen waren, kam er auf den Einfall, nach und nach in den Nebenstunden alle Guter, Wege und Stege des ganzen Gemeindsbezirks zu vermessen und daraus eine grosse Karte zu machen.

Auf der Karte sah man sehr deutlich jedes Stuck Land, jeden Steg, jeden Hag, jedes Haus. Eine Juchart war beinahe einen Zoll ins Geviert gross. Und die grosse Karte, wie sie fertig war, wurde im Gemeindshause aufgehangt. Da liefen nun tagtaglich Bauern hin und beschauten den Plan, und wunderten sich sehr. Denn sie fanden sich bald zurecht, und Jeder erkannte seinen Acker, seinen Garten, seine Wiese. Und was das Beste war: in jedem Stuck Feld oder Acker stand die Grosse desselben, genau bis auf einen halben Schuh, geschrieben. Nun erst wusste Jeder recht eigentlich, wie gross seine Aecker und Wiesen waren, und er schrieb sich die Zahlen sorgfaltig ab. Das war beim Kauf und Verkauf keine Kleinigkeit; denn bisher hatte man das Land nur nach Schritten geschatzt, und Mancher zu wenig angegeben, Mancher zu viel. Das war allerdings nun ein grosser Nutzen.

Der Vorsteher Oswald sagte aber zu den Leuten, wenn sie den Plan betrachteten: "Das ist noch nicht der grosste Nutzen; ich weiss noch einen bessern." Wenn sie ihn darum fragten, antwortete er: "Habet ihr's bis Lichtmess nicht errathen, so will ich es euch dann sagen." Sie erriethen es aber nicht.

Als nun Lichtmess kam und die Gemeinde wegen verschiedener Angelegenheiten versammelt war, trat Oswald, nachdem man alles abgethan hatte, hervor und sprach: "Ihr Alle kennet sattsam den Plan von unserm Gemeindsbezirk, wie ihn der Schulmeister Johannes Heiter mit seinen Schulern genau und zierlich verfertiget hat. Ihr Manner, liebe Mitburger, Jedermann hat dabei seine besondern Gedanken gehabt, und auch ich die meinigen. Und diese will ich euch offenbaren."

"Wenn ich die Felder ubersah, die wir im Schweisse unsers Angesichts bauen, nicht ohne Segen von Gott dem Herrn, so that es mir oft weh im Herzen, dass die Arbeit uns so viel Muhe macht, und es that mir oft weh im Herzen, dass dabei Vieles nicht so gut angebaut ist, und folglich auch nicht so viel abtragt, als wohl sein sollte. Und ich warf meine Augen noch einmal auf den Plan, und siehe, da wurden auch die Augen meines Geistes eroffnet, und ich erkannte einen Hauptfehler in unserer Feldwirthschaft."

"Ihr Manner, liebe Mitburger, es liegt nun sonnenklar am Tage, wenn ihr euch unter einander verstehet, so werden eure meisten Guter mit geringerem Aufwand von Zeit und Unkosten besser besorgt werden und abtraglicher sein konnen, als bisher."

Da riefen viele Bauern: "Dazu wollen wir uns ohne Muhe mit einander verstehen, wenn es nicht einmal so viel kostet, als sonst!"

Oswald sprach: "Ich wunsche Gluck dazu. Ich will euch sagen, was bisher viel Unkosten verursacht hat, die ihr nun sparen konnet, wenn ihr wollet. Das ist die Z e i t ! Jeder von euch hat namlich sein Land nach und nach zusammengeerbt oder zusammengekauft, wie es kam. Da hat er ein Stuck am Berg liegen, ein anderes hinterm Wald, ein anderes wieder jenseits der Brucke, ein anderes neben der Landstrasse, wieder ein anderes am Bach, und noch ein anderes beim Steinbruch. Da muss er nun Viertelstunden weit unnutz umherlaufen von einem Stuck zum andern, eben so die Knechte und Magde, eben so die Fuhre mit dem Dunger. Da wird ein Theil des Tages bloss mit Gangen und Laufen verloren, wo man hatte arbeiten konnen. Da werden Magd und Knecht fur Hin- und Hergehen bezahlt, was doch nichts eintragt. Es wird daher um so viel weniger im Tage gearbeitet, und das Land um so weniger mit grosstem Fleiss bearbeitet, weil es an der nothigen Zeit gebricht. Mancher scheut sich, noch etwas Land zu kaufen, weil er das seinige kaum recht in Ordnung besorgen kann; und doch hat er nicht viel. Aber das Umherziehen von einem Stuck zum andern nimmt die Zeit weg. Lagen alle seine Felder beisammen und ware ein Ganzes, er konnte mit eben so vielen Leuten in eben so vieler Zeit noch einmal so viel Land besorgen, als er jetzt hat, und um so viel reicher sein."

Die Bauern sagten: "Das ist ganz richtig, aber es lasst sich nicht andern. Man kann seine Aecker nicht auf den Rucken nehmen und an einen Haufen legen."

Oswald sprach: "Das konnet ihr, wenn ihr wollet,

nun ihr den Plan vom Gemeindsbezirk habet und nun Jedermann weiss, wie gross jedes seiner Stucke ist. Aber ich sage euch, die Sache hat viel Schwierigkeiten. I h r m u s s e t m i t e i n a n d e r d i e z e r s t r e u t e n S t u c k e a u s t a u s c h e n , so dass endlich Jeder sein Land im Zusammenhang hat, als ein einziges Stuck. Da rede Jeder mit seinen Nachbarn und Anstossern. Entschadiget einander, wo der Eine ein paar Schuhe Land mehr oder bessern Boden hat, als der Andere. Und wenn Einer oder der Andere beim Tauschen wirklich etwas einbussen sollte, so gewinnt er doppelt dadurch, dass er Alles beisammenliegend hat. Wo ihr nicht eins mit einander werdet, nehmet unparteiische Schatzer oder billige Schiedsrichter, oder ziehet Loose. Ich sage: lasset euch durch kein Hinderniss abschrecken, oder seid darum nicht zufrieden, weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid; es kommt darauf an, dass ihr reicher werden konnet, ohne grossere Muhe."

Als der erste Vorsteher so geredet hatte, ging die

Gemeinde kopfschuttelnd aus einander. Zwar Alle sagten, der Gedanke sei gar gut; aber man wurde nun und nimmermehr einig werden.

Inzwischen dachten doch Einige in mussigen Au

genblicken daran, welches Stuck von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem fur das seinige geben konnten, das an das ihrige stiess. Sie fingen sogar zum Spass an, davon mit den Angrenzern zu reden. Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen, und wunschten ein anderes, das dem Dritten gehorte, zu empfangen. Da begrussten beide Theile nun den Dritten. Einer stiess den Andern. Bald machte Jeder Plane fur sich, seine Besitzungen auszurunden und in ein einziges Stuck zu verbinden. In kurzer Zeit griffen die Unterhandlungen um sich. Manche gelang, manche scheiterte. Immer kam dabei etwas heraus. Es war in Goldenthal wie an einer Landversteigerung oder wie auf einem Gutermarkt, zumal im Winter, da man mehr mussige Stunden hatte und Abends zum Gesprach zusammenkam, bald bei Diesem, bald bei Jenem. Denn ins Wirthshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh gleich zu werden, schamten sich alle Ehrenleute im Dorfe. Lieber tranken sie ihr Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn- und Festtage.

Oswald hatte es vorausgesagt: der Gutertausch hat Schwierigkeit! So war es auch. Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Funfen fast ganz gelungen, all ihr Land beisammen zu haben. Das verdross die Andern. Sie sahen den Nutzen davon sehr wohl ein. Nun setzten sie den Kopf daran, es auch so weit zu bringen. Das Gemeinhaus ward bestandig besucht am Abend. Da standen immer einige Bauern vor der grossen Karte, und handelten und stritten, dass man es draussen horte, und liefen aus einander im Zorn, und traten wieder mit neuen Vorschlagen zusammen.

Was war die Folge? Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Guter immer besser zu, und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtbar.

30. Wie es im Goldmacherdorf aussah.

Wohl war Goldenthal nun ein rechtes goldenes Thal. Da lag es mitten in den fruchtbarsten Garten, wie vergraben in den vollen Obstbaumen, umringt von Wiesen und goldenen Saatfeldern, wie mitten im Paradiese. Die Feldwege zwischen den Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben, die Landstrassen auf beiden Seiten mit Obstbaumen besetzt, so weit der Gemeindsbezirk ging.

Und trat man ins Dorf, so glaubte man in kein Dorf zu treten, sondern in einen stattlichen Marktflecken. Denn die Hauser waren, wenn auch nicht alle gross, doch alle schon und wohl unterhalten von oben bis unten; die Fenster glanzend und hell; die Thuren und Gesimse stets gewaschen oder frisch angestrichen; die Dacher fast alle mit Ziegeln gedeckt, denn durch ein Gemeindsgesetz waren die Strohdacher wegen Feuersgefahr verboten. Und wurde ein neues Dach gedeckt, mussten es Ziegel sein. Auf mancher First sah man Blitzableiter, fast vor allen Fenstern Blumen; neben den Hausern kleine Garten, zierlich geordnet und daneben wohlgeschirmte Bienenkorbe.

Die Leute grussten Jeden so freundlich auf der Strasse, und neckten einander im Vorbeigehen scherzend. Man sah es ihnen wohl an, dass sie unter einander gut lebten und mit ihrem Zustande vergnugt waren. Das konnte nicht anders sein. Sogar in der Woche bei Feld- und Gartenarbeit gingen Alle, zwar schlicht und einfach, aber doch reinlich gekleidet: man sah keine beschmierten, keine zerrissenen Gewander. Es gab braune, von der Sonne verbrannte Gesichter, aber keine kothigen, mit struppigen Buschhaaren; und die Kraft und Gesundheit lachte Allen aus den Augen. Die jungen Bursche in andern Dorfern sahen am liebsten nach den Goldenthaler Madchen; denn sie waren nicht nur wundernett und hubsch, sondern auch hauslich, geschickt und wirthlich. Mancher reiche Bauerssohn in andern Dorfern holte sich ein Madchen aus dem Goldmacherdorf; wenn es auch nicht viel Geld hatte, hatte es doch viele Tugenden. Und ging ein junger Mann aus Goldenthal auf die Heirath aus, so konnte er unter den Tochtern des Landes wahlen. Man schlug einem Goldenthaler nie leicht die Tochter ab, wenn sie auch mehr Vermogen hatte; denn man wusste, es war gar wohl angelegt. Das vermehrte den Wohlstand der Gemeinde nicht wenig.

Dass man keine Bettler und Mussigganger in Goldenthal sah, verstand sich. Aber man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute. Denn sogar die Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand. Und trat man ins kleinste, armste Bauernhaus, so meinte man beinahe, es sei etwas recht Vornehmes darin. Die Fussboden waren so reinlich und gefegt, die Banke, Stuhle, Tische so ohne Flecken und Fehl, Fenster und Spiegel so hell kurz, es war nicht wie in den Sauhutten mancher Bauern in andern Dorfschaften. Man bekam rechte Lust, da zu wohnen unter den Biederleuten.

Wahrend der Sommermonate, vom Fruhjahr bis zum Herbst, war es an den Sonntagen bei schonem Wetter ein frohliches Leben zu Goldenthal. Da wimmelte es von Besuchen aus der Stadt. Das grosse, neu ausgestattete Wirthshaus, welches wer hatte es glauben sollen? einer von den zweiunddreissig armen Genossen des Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte, war angefullt mit stadtischen Familien, die Erfrischungen nahmen. Andere Familien kehrten in die Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein: sassen da in den Garten bei Milch, Obst, Honig und andern Naschereien des Dorfes; oder lagerten sich plaudernd und spielend auf grunen Rasenplatzen, oder sassen auf den saubern Banken vor den Hausern im Schatten weit vorragender Dacher, und sahen die auf- und abwandelnden bunten Reihen der Spazierganger; oder traten auf den Platz unter die Linde, wo die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern. Man kann leicht denken, die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren fur das Vergnugen, welches sie in Goldenthal genossen, nicht undankbar, und die von den gefalligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschonerungen ihrer Hauser und Garten trugen guten Zins. Selbst im Winter fehlte es nicht an Besuchen. Da wurden aus der Stadt Schlittenparthien nach Goldenthal gemacht. Wo konnte man's besser haben?

Die Leute in andern Dorfern sahen und horten das und wunderten sich fast zu Tode, warum das bei ihnen nicht auch so sei? Sie meinten in vollem Ernst, die Goldenthaler hatten geheime Kunste. Statt aber sich nach diesen Kunsten recht zu erkundigen, blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen, und blieben, wie sie waren. Sie zeigten nur Neid und Missgunst, wenn sie von Goldenthal sprachen, und spotteten und nannten es das Goldmacherdorf. Aber dieser U e b e r n a m e war kein U e b e l n a m e .

Auch machten sich die Goldenthaler nicht viel daraus. Denn wohin sie kamen, waren sie werthgehalten und geschatzt. Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und waren dabei des Lebens froh. Hatten sie die ganze Woche gearbeitet, war jeder Sonntag ein rechter Ruhetag. Ins Wirthshaus freilich gingen die Goldenthaler nicht. Sie hatten ihren Labetrunk daheim. Aber auch im Winter tanzten da des Abends die jungen Leute bei guter Musik. Einige Manner und Knaben waren durch den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Floten angeleitet worden. Sie hatten es ziemlich weit gebracht. Oft fuhrten auch die jungen Sanger und Sangerinnen grosse Singstucke auf, wie man dergleichen kaum in der Stadt horte. Die alten Manner und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander; da bewirtheten sie sich mit einfacher Kost, und hatten ihre muntern Gesprache. Von besoffenen Leuten, von Raufereien, von Prozessen, von Ausschweifungen anderer Art horte man gar nicht. Denn mit dem Wohlstande und der bessern Erziehung, die aus der Schule stammte, hatte sich ein gewisses Ehrgefuhl und eine Liebe zu anstandigen Sitten unter den Bauern ausgebildet, wovon man sonst nicht leicht in andern Dorfern Aehnliches gewahr ward. Man kannte und unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern Gegenden. Sie waren in ihrer Tracht hochst einfach und sauberlich, in ihrer Rede sanft und bescheiden, in ihrem Benehmen offen und gutherzig. Sie trugen zwar keine feine Kleider, aber dafur war ihr Betragen fein.

Man muss wohl nicht glauben, dass dies hofliche, ehrbare und lobliche Wesen eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen; es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze. Denn wie einige Bauern reicher geworden waren, hatte es gar nicht an solchen gefehlt, die wieder uber die Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten. Da wollten Einige hochmuthig werden, putzten ihre Tochter ungebuhrlich, kleideten sich in kostbares Tuch recht stadtisch, und thaten in allen Dingen gross. Einige andere nahmen die Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirthshaus. Das erweckte aber grosses Aergerniss bei den meisten rechtschaffenen Leuten, und sie sprachen: "Fangt man es so wieder an, werden wir bald wieder den Krebsgang gehen!" Und es war allgemeiner Unwille gegen diejenigen, welche von der einfachen, loblichen Weise abwichen; und man begehrte, die Ortsvorgesetzten sollten besser uber die Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen.

Dieser Vorwurf, welchen man den Ortsvorstehern machte, erfullte den Oswald gar nicht mit Verdruss, sondern mit wahrer Freude. So kam ein strenges Gemeindsgesetz zu Stande; darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben, und auf Kartenspiel und alles Spiel um Geld und Geldeswerth, auf das Laster der Trunkenheit, auf Schimpfreden, Lasterungen, Balgereien und andere Schandlichkeiten waren von der Gemeinde einmuthig harte Strafen gesetzt. So kam es, dass sich Keiner uberhob und ubernahm; dass, wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte, zu thun, was weder ehrbarlich noch recht war, die Furcht vor Scham, Schande und Bestrafung ihn wieder zuruckschreckte.

Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen. Da mussten Alt und Jung, Manner, Weiber und Kinder es anhoren. Fand man Zusatze nothig, wurden sie gemacht. Und wenn das Sittengesetz vorgelesen war, musste der erste Vorsteher jedesmal fragen: "Wollet ihr dies Gesetz halten, welches die Grundlage unsers Wohlstandes, unserer Eintracht und Ehre ist?" Und Alt und Jung antwortete mit lauter Stimme deutlich ein allgemeines Ja.

31. Die Kindtaufe.

Oswald genoss zu dieser Zeit eine rechte Herzenswonne, nach der er sich lange schon vergebens gesehnt hatte. Namlich die liebe, gute Elsbeth hatte ihm einen muntern Sohn zur Welt gebracht. Da war er wie im Himmel.

Und er ging darauf zu seinem Freund, dem neuen Lowenwirth, der einer von den wohlbekannten zweiunddreissig Bundesgenossen war. Zu diesem sprach er: "Mein Freund, ich habe doch dich noch nie um eine Gefalligkeit angesprochen, und ich komme damit zum ersten Mal. Meine Frau liegt im Kindbette, und ich kann sie nicht verlassen, und zur Stadt gehen. Ich gebrauche aber funfhundert Gulden, wenn auch nur acht Tage lang, und sie sollen wo moglich in Gold sein. Willst du mir so viel auf acht Tage leihen?"

Der Lowenwirth antwortete: "Ich bin dir fur so Vieles Dank schuldig; warum sollte ich nicht? Ich habe eben achthundert Gulden empfangen, die liegen noch immer bei mir. Aber sie sind zum Theil in Silbermunze. Willst du, so nimm Alles auf so lange du willst."

Oswald sagte: "Ich mochte lieber Gold; es liegt mir sehr daran."

Der Lowenwirth versetzte: "Wohlan, ich will Rath schaffen. Wann musst du es haben?"

Oswald erwiederte: "Bringe mir das Geld morgen Abend um die achte Stunde in mein Haus. Aber sage Niemandem davon."

Als er sein Geschaft hier vollendet hatte, ging er fort und zu den ubrigen einunddreissig Bundesgenossen und sagte ihnen dieselben Worte, wie dem Lowenwirth und bat um funfhundert Gulden, wo moglich in Gold. Und Jeder freute sich, dem wackern Manne endlich einmal einen Freundschaftsdienst erweisen zu konnen, und versprach, ihm das Geld zu bringen. Er bestellte Jeden auf den folgenden Tag des Abend um die achte Stunde zu sich.

Und sie kamen um dieselbe Stunde, da es schon dunkel war, zu ihm. Er fuhrte sie Alle in sein Zimmer, aber es war noch kein Licht angezundet. Die Leute wunderten sich in der Stille uber die Menge der Anwesenden. Oswald ging, um Licht zu holen. Und als er wieder in die Stube trat, mit zwei brennenden Kerzen in der Hand, erblickten sie ihn wieder, wie sie ihn schon einmal gesehen hatten, in prachtigen Offizierskleidern, mit hohem Federbusch auf dem Hut, einem Orden auf der Brust und einem langen Sabel an der Seite. Sie sahen einander verwundert an, und sahen, wie vor sieben Jahren, dieselben Gestalten, in demselben Zimmer, um denselben Tisch, auf welchen der Offizier die Kerzen niedersetzte.

Oswald sagte darauf: "Habet ihr mir gebracht, liebe Freunde, um was ich euch gebeten habe, so leget es hier auf den Tisch."

Da traten sie Alle, Einer nach dem Andern, zum Tisch, und Mehrere bedauerten, ihm die Summe nicht in Gold zahlen zu konnen. Er sagte darauf liebreich: "So ist's gleichviel. Gebet, wie ihr es habet." Und sie schutteten Gold, Andere Silber auf den Tisch, Andere legten ihm gute Kapitalbriefe und Zinsschriften hin.

Darauf erhob Oswald die Stimme und sprach: "Erinnert euch, es ist die Zeit der Prufung voruber, und die sieben Jahre und sieben Wochen sind zu Ende, von denen ich euch geredet. Und ihr habet mehr Geld auf diesen Tisch geworfen, als ich vor sieben Jahren und sieben Wochen vor euern Augen ausschuttete. Damals waret ihr kaum im Stande, funfhundert rothe Kreuzer auszuleihen; in der Stadt hatte sie euch Niemand anvertraut. Jetzt habet ihr binnen vierundzwanzig Stunden Jeder funfhundert Gulden aufgebracht, also dass sechszehntausend Gulden hier plotzlich auf dem Tisch beisammen sind. Also ist die Prufungszeit voruber, und ich habe euch die Kunst gelehrt, Gold zu machen. Und nun werdet ihr verstehen, was ich sagte, da ihr das erste Mal hier standet. Ich sagte aber: die Kunst ist selbst mehr noch, als das Gold, werth; denn diese Kunst ist die beste W e i s h e i t d e s L e b e n s . Bleibet euern Gelubden und Gott getreu, und euer Gluck und Wohlstand wird wachsen von Tag zu Tag. Wer vom Gelubde lasst, der lasst von seinem Gluck. Praget dies Gelubde euern Kindern ein, und lasset sie es halten, so werden sie Fulle haben. Nun habe ich mein Wort gelost, das ich euch gegeben. Ihr seid darum reich, weil ihr wenig bedurfet und viel erwerbet, und weil ihr Zutrauen geniesset bei den reichen Leuten, dass ihre Geldsacke euch offen stehen. So habet ihr Gold machen gelernt, wie Ehrenmanner Gold machen sollen. Oder habet ihr anderes erwartet?"

Sie lachelten allesammt und sprachen: "Ei nun, wir haben wohl langst schon vermerken konnen, wie du es mit der Goldmacherei gemeint hast. Doch als wir einmal zur rechten Erkenntniss gekommen waren, schamten wir uns auch des dummen Aberglaubens, der uns vormals bethorte, und wussten es dir im Herzen Dank, dass du uns auf bessere Bahn gebracht. Ohne dich und deine Hulfe waren wir aber doch nie dahin gekommen."

Oswald freute sich dieser Worte und der dankbaren Herzlichkeit, mit der ihm Jeder die Hand druckte und schuttelte. Und er stellte ihnen ihr Geld wieder zu, weil er es nicht hatte gebrauchen, sondern nur ihre Zuneigung auf die Probe setzen wollen. Sie aber sagten: "Gebiete uber uns, wie du willst, Tag und Nacht. Denn wir Alle sind dir unser Hausgluck schuldig. Sprich, wir sollen fur dich durchs Feuer gehen, wir werden gehen. Sprich, wir sollen fur dich sterben, und wir werden den Tod nicht furchten."

Und wie sie sich so traulich und herzlich um ihn drangten, betrachteten sie sein schones Kleid und den Orden auf der Brust, und hatten gern erfahren, was das bedeute.

Er antwortete: "Ich danke es euerm alten Schulmeister, meinem seligen Vater, noch in der Erde, dass er mich in vielen nutzlichen Dingen und sogar im Feldmessen unterrichtete. Denn als ich unter die Soldaten kam, half es mir, nebst redlichem Sinn und herzhaftem Betragen, dass ich meinen Kameraden vorgezogen ward. Ich that meine Pflicht und ward zuletzt Rittmeister. Und als ich in einem Treffen, da sich der Erbprinz zu weit vorwagte, denselben mit seinem Gefolge von feindlichen Reitern umgeben sah, drang ich blitzschnell mit meiner Schwadron unter die Feinde, und rettete den Prinzen. Dafur empfing ich diese Wunde hier auf der Stirn, und dieses Ordens- und Gnadenzeichen auf der Brust, und als ich den Abschied beim Friedensschluss nahm, einen anstandigen Jahrgehalt auf Lebenszeit. Auch hat der Erbprinz, als er unser Land durchreisete, mich nicht vergessen, und mich, wie ihr wisset, sogar im Vorbeireisen einmal besucht."

"Da ich aber heimkam nach Goldenthal, in meine liebe Heimath, und ich sah, wie elend und verlumpt hier Alles war, verbarg ich meinen Wohlstand, um nicht von luderlichen Bettlern belagert zu werden. Auch hatte ich alle Lust verloren, hier zu bleiben, und ware wieder fortgezogen, hatte ich nicht des Mullers Elsbeth gesehen. Meine Elsbeth hielt mich fest. Da beschloss ich in meinem Herzen, zu versuchen, ob ich mir das Leben bei euch lieb machen konne? Und ich stellte mich arm und den Uebrigen gleich, um Vertrauen zu erwecken. Und ich sagte Niemandem von meinen Ehren und Jahrgeldern, so ich genosse. Nur Elsbeths Aeltern musste ich es am Abend, da ich um die Tochter anhielt, offenbaren, sonst hatten sie mir ihr Kind nicht gegeben, denn sie hielten mich fur arm. Als ich aber noch am Abend den Muller Siegfried und seine Frau zu mir ins Haus fuhrte, und hier meine Uniform mit dem Orden anlegte, ihnen mein gesammeltes Geld und den koniglichen Gnadenbrief wies, woraus sie sahen, dass ich mehr Jahrgehalt bezog, als des Mullers Muhle in drei Jahren verdienen konnte, wurden sie andern Sinnes. Doch mussten sie verschwiegenen Mund halten, denn es war nothig. Nun aber mag es Jedermann wissen; es schadet nicht mehr."

So erzahlte Oswald, und die Leute verwunderten sich und freuten sich uber sein Gluck. Und sie hatten vor ihm so grosse Ehrfurcht bekommen, dass sie ihn kaum Du nennen wollten. Er aber sagte: "Was treibet ihr auch mit mir? Nein, ich bleibe eures Gleichen; darum seid und bleibet meine Bruder. Kein Offizierrock und kein Orden, sondern ein wohlwollendes Herz voll Gottesfurcht macht zum Ehrenmann." So redete er und umarmte Alle nach der Reihe, da sie sich heim begaben; und sie dankten ihm, denn er sei der wahre Stifter ihres irdischen und ewigen Glucks, und sie nannten ihn V a t e r . Und wenn er Kindtaufe halten wurde, versprachen sie Alle, sich mit ihm zu freuen, als ware sein Fest ihr eigenes Fest.

Wie nun drei Tage nach diesem der Sonntag kam, da Oswalds Sohn getauft werden sollte, war Alles im Dorfe schon fruh wach. Oswald aber trat zu seiner Elsbeth an das Bette, kusste die junge Mutter und ihren holten Saugling und sprach: "Sieh', theure Elsbeth, mein Herz bricht vor Freude und Wehmuth. Mein Sohnlein, das du geboren hast, macht mir grosse Wonne; aber noch grossere Wonne macht mir der Anblick unseres Dorfes. Und es ist doch wahr, die Menschen sind so bose nicht, und nicht so herzlos, wie man oft sagt. Man soll den Glauben an die Gute der Menschheit nie verlieren. Siehe, in dieser Nacht haben sie unser Wohnhaus wieder mit Blumenkranzen prachtig uberdeckt und verziert, wie es am Tage unserer Hochzeit war. Aber dabei ist es nicht geblieben. Alle Hauser des Dorfes sind mit Blumen und Zweigen verziert, als ware unser Fest das Fest jedes Hauses. Und hinten von unserm Haus hinweg bis zur Kirchthur haben sie grunende Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnure von Birke zu Birke gezogen, und den ganzen Weg mit grunem Laub und allerlei Blumen uberstreut."

So sprach Oswald und die junge Wochnerin errothete in stiller Ruhrung, und ihre Augen wurden feucht. Dann sagte sie nur: "Hab' ich doch in der Nacht oft ein Gehen und Sumsen draussen gehort, und wusste nicht, was es gab?" Sie konnte nicht im Bette bleiben, und musste auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeit sehen. Da weinte sie still; denn nichts ist fur ein zartes Gemuth ruhrender, als wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt. Das ist die wahre Verklarung der Menschheit und eine Ahnung des schonern Himmels, der unserer wartet.

Als Elsbeth wieder zu ihrem Saugling gegangen war, kamen ihre Aeltern, denn sie waren die erbetenen Taufzeugen. Die Mullerin konnte nicht genug sagen, wie ausgeschmuckt die Hauser waren, wie lebendig Alles im Dorfe sei, und sie rief einmal um das andere aus: "Nein, solch eine Kindtaufe ist in Goldenthal noch nie geworden! So feiert man ja nicht die Geburt eines Fursten."

Und wie sie noch so redete, kam ein ganzer Zug junger Madchen und Knaben gegen Oswalds Haus, sammtlich in Feierkleidern, Paar um Paar. Alle trugen ein kleines Geschenk von ihren Aeltern zur Wiege des Neugebornen; die Einen schneeweisse Leinwand, die Andern Zucker, oder Mandeln, oder Blumen, oder selbstgestrickt Strumpfe oder Handschuhe, die Andern niedliches Hausgerath, kleine Bedurfnisse fur Kuche und dergleichen. So viele Haushaltungen im Dorfe, so viele Geschenke. Und alle Kinder kussten Elsbeths Hand und sagten: M u t t e r E l s b e t h ! und kussten O s w a l d s Hand, indem sie bloss dazu die Worte sprachen: V a t e r O s w a l d ! Aber welcher Wohllaut lag fur Oswald und Elsbeth in diesen Vater- und Mutternamen! Es gab keinen einfachern und ruhrendern Gluckwunsch.

Da lauteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche. Der Saugling ward zur Taufe getragen, er voran; ihm folgten die beiden Grossaltern, hintennach der tiefgeruhrte Vater. Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis, Alt und Jung, und sah den Oswald kommen. Sanft und freundlich sprach Alles, wie er vorbeiging an der Menschenmenge: "G u t e n M o r g e n , V a t e r O s w a l d ." Dann folgte ihm Alles in die Kirche.

Hier hielt der Herr Pfarrer Roderich nach vollbrachter Taufhandlung eine schone Predigt uber die Pflicht offentlicher Dankbarkeit des Volks gegen eine gute Obrigkeit. Er schien noch nie so begeistert und salbungsreich geredet zu haben. Wort auf Wort traf die Herzen. Es war im ganzen Volk die tiefste Andacht und wachsende Ruhrung. Jeder hielt an sich, seine Thranen zu unterdrucken. Als nun aber der Herr Pfarrer aus Schlussgebet kam, und er da die bebende Stimme zu Gott erhob fur die gute Obrigkeit von Goldenthal, wobei Jeder im Stillen an Oswald dachte; als nun der Herr Pfarrer selber die Bewegung seines Gemuths nicht langer zuruckzwingen konnte, und ihm unter Thranen der Name Oswald entschlupfte da ward lautes, heftiges Schluchzen in der ganzen Kirche. Da nun dachte Jeder an das Alles, was dieser Oswald der Gemeinde gethan und gestiftet; Jeder erkannte in ihm den Urheber des allgemeinen Gluckes. Der Pfarrer konnte nicht mehr reden. Er schloss; er sprach den Segen uber die fromme und dankbare Gemeinde. Niemals war in Goldenthal mit hoherer Inbrunst ein Gesang gesungen worden, als diesmal aus dem Anhangbuchlein der Vers: Fur das Leben der Obrigkeit! gen Himmel stieg.

Der gute Oswald, sehr verlegen und beschamt, und doch froh geruhrt, konnte kaum aufsehen, da er aus der Kirche ging, und begab sich, tief sein Haupt gesenkt, durch die grussende Menge zu seiner Elsbeth. Er konnte kaum reden. Zum Mittagsmahl waren bei ihm seine Schwiegeraltern und der Herr Pfarrer, der Schulmeister und die beiden Mitvorgesetzten. Die erzahlten, dass fast in allen Hausern des Dorfes Gastmahler gehalten wurden, wozu Einer den Andern eingeladen habe; die Aermern speiseten bei den Reichern. Oswald schuttelte den Kopf und sprach: "Das ist mir der Ehre allzuviel; ich habe es nicht verdient."

Doch die allgemeine Freude machte auch ihn wieder froh und wohlgemuth. Er ging gegen Abend, begleitet von seinen Gasten, hinaus ins Dorf, und ging da von Haus zu Haus, und setzte sich zu jeder Familie einige Augenblicke und dankte Allen fur so viel Liebe. Goldenthal war voller Fremden; denn man wusste in der Stadt von dem Feste, und wer konnte, eilte nun hierher, Zuschauer zu sein. Bis in die spate Nacht wahrte der Tanz der Jugend, man horte aller Enden Musik und Gesang vor den Hausern, unter der Linde, unter den Blumenkranzen und in den Garten.

Man sprach und spricht noch lange zu Goldenthal von diesem schonen Tage. Und Oswald hiess seit demselben nur V a t e r O s w a l d , und die liebenswurdige Elsbeth hiess M u t t e r E l s b e t h .

Wahrlich, wahrlich, was im Leben Gutes gesaet wird, das findet endlich immer seinen schonen Aerntetag. Denn es lebt uns ein guter Gott, ein Vergelter voller Barmherzigkeit und Liebe.

Heinrich Zschokke

Erzahlungen

Die Walpurgisnacht

Erstdruck in "Erheiterungen. Eine Monats

schrift fur gebildete Leser", Aarau (Sauerlan

der) 1812.

Hans Dampf in allen Gassen

Erstdruck in "Erheiterungen. Eine Monats

schrift fur gebildete Leser", Aarau (Sauerlan

der) 1814.

Das Abenteuer der Neujahrsnacht

Erstdruck in "Erheiterungen. Eine Monats

schrift fur gebildete Leser", Aarau (Sauerlan

der) 1818.

Ein Narr des Neunzehnten Jahrhunderts

Erstdruck in "Erheiterungen. Eine Monats

schrift fur gebildete Leser", Aarau (Sauerlan

der) 1822.