Ludwig Achim von Arnim
Armut, Reichtum, Schuld und Busse
der Grafin Dolores
Eine wahre Geschichte
zur lehrreichen Unterhaltung armer Fraulein
Zueignung
an des Fursten
Radzivil
Durchlaucht
Dem Schutzgeist bleibt ein treuer Sinn ergeben,
Der ihn erhob aus einer dunklen Zeit,
Auf lichten Flugeln singend hinzuschweben
In hohem Frieden uber leeren Streit;
So ward auch mir ein hochgesellig Leben,
Wo sich die Worte leicht zum Lied gereiht,
Mein Lied und ich, wir bleiben treu ergeben
Dem, der uns hat durch Melodie geweiht,
Die aus dem vollen Herzen einsam weinet
Und wie ein Nordlicht tief bedeutend scheinet.
Erste Abteilung
Armut
Erstes Kapitel
Das furstliche Schloss und der Palast des Grafen P ... Vor einer kleineren Residenzstadt des sudlichen Deutschlands erscheinen dem Reisenden, der die grosse Heerstrasse vom Geburge herabfahrt, zwei grosse hervorragende Gebaude von ganz verschiedener Bauart und Umgebung. Einem altertumlich geturmten und geschwarzten, von Wassergraben umzogenen Schlosse gegenuber, schimmert ein freier, leichter, heiterer, flachgedeckter italienischer Palast im schonsten Grun eines weiten Gartens, so auffallend vorleuchtend mit hellen Marmorfarben und grossen glanzenden Fenstern als glucklicher Nebenbuhler, als eine neue frohliche Zeit neben einer verschlossenen angstlichen alten, dass diese Bemerkung sehr wahrscheinlich jedem beim ersten Anblicke eingefallen sein mag. Der gleich nahe Wunsch mit den Bewohnern der frohlichen Zeit naher bekannt zu werden, um mit ihnen in allem Uberflusse der schonen Bergwildnis und des reichen mannigfaltig bebauten Tales sich zu erfreuen, verschwindet eben so schnell, wie die Furcht vor dem duster vergitterten Schlosse, sobald sich die Reisenden beiden Gebauden hinlanglich genahert haben, um alles einzelne daran zu unterscheiden. Das schwarze Schloss, wohlunterhalten und dauerhaft, mit seinen vorspringenden spitzen Turmen, mit seinen kleinen spitzigen Doppelfenstern, mit dem grossen steinernen Wappen uber dem Tore, vor allem mit seinen kleinen bunten Gartchen in den Turmecken, wo vielleicht schone Furstentochter unter selbst gezognen Blumenlauben die voruber wandernden Ritter belauschen, dies Ganze macht einem das wunderliche Gefuhl, das die Leute romantisch zu nennen pflegen, es versetzt uns aus der sonnenklaren Deutlichkeit des guten taglichen Lebens in eine dammernde Fruhzeit, die auch uns erweckt hat und der wir heimlich noch immer mit erster Liebe anhangen und gedenken, ungeachtet es schon lange Mittag geworden und vielleicht bald wieder Nacht werden kann. Sind wir von diesem Gefuhle durchdrungen, so scheint der kunstreiche Palast auf seinen schlanken Marmorsaulen, mit seinen nackten Gotterbildern, die bis zum Dache hinaufgestiegen in einem Reihentanze erstarrt zu sein scheinen, wie eine leere fremdartige Zauberei, die der Zauberer aufgegeben, nachdem sie Gotter und Menschen betort hatte. Auch scheint bei naherer Besichtigung alles an diesem Palaste den zerstorenden Elementen uberlassen; der Wohlstand, der darin lange einheimisch gewesen sein mag, hat sich durch viele gewaltsame Auswege Luft gemacht, um zu verschwinden; die Fenster des untern Geschosses sind meist eingeschlagen, oder mit innern Fensterladen notdurftig geschlossen; das lukkenvolle Dach hat grosse Stucken der Gesimse losweichen lassen; die Laden der Dachfenster schlagen im Winde nachlassig auf und zu; das zierliche eiserne Gelander, das den Vorhof schliesst, ist des grossten Teils seiner vergoldeten Blatter von mutwilliger Hand beraubt; die eisernen Turen liegen ausgehoben daneben, vom hohen Grase uberwachsen; die Wande sind von Kindern mit Soldaten und von Soldaten mit den Namen ihres Regiments bezeichnet. Der Reisende sieht argerlich davon weg und nach dem Lustgarten, der den Palast umschliesst und hinter demselben zu einer prachtvollen Anhohe sich erhebt. Alles grunt da, alles singt, alles ist wild verwachsen, das Auge unterscheidet nicht, ob das halb eingesturzte Haus auf dem Gipfel des Berges eine absichtliche oder zufallige Ruine; neben den amerikanischen Strauchern stehen wenige amerikanische Kartoffeln, wahrscheinlich in kindischer Nachahmung des Feldbaus; in den oden grossen Baumgangen springen wilde Kaninchen schnell verschwindend umher, sie treiben da ungestort ihren kleinen Bergbau, wie die Vogel ihren Luftbau der Nester auf allen dichteren Baumwipfeln. Arme halbnackte Kinder, wahrscheinlich aus den Nachbarhutten jagen sich in dem ausgetrockneten Bette des Springbrunnens, nachdem sie ihre Ziegen an Pfahlen zwischen den einzelnen Schnorkeln des Buxbaums angebunden haben, der auf dem grossen Platze hinter dem Palaste, wie eine von der Hand des Schicksals halbausgewischte bedeutende Schrift, den Reisenden lange vergeblich raten lasst, bis eins der Kinder alles mit ein paar Worten erklart, es heisse Hektor und Sophie, die Vornamen des Grafen und der Grafin von P ..., die dieses Schloss erbaut. Diese Kinder, diese Ziegen und ein paar Lammer, die sich menschenfreundlicher zu jenen halten, reinigen den Garten von Kraut und Unkraut, von Blumen und Dornen.
Uns beangstigen schon furstliche Schlosser, die bloss zum Sommeraufenthalte bestimmt, den grosseren Teil des Jahres mit hellpolierten, aber verschlossenen Fenstern stille ohne Bewohner mit offenen Augen im Schlafe zu liegen scheinen, da alles Grun umher wacht und rauscht, alle Quellen rieseln, alle Gange offen stehen; schon diese ungeheueren Anstalten zum Leben ohne Leben erfullen uns mit der wehmutigen Ahndung einer unbewusst um uns her geschehenen Volkerwanderung, die uns allein unter Fremden zuruckgelassen hat, und was ist diese Wehmut gegen den Schmerz, diese Volkerwanderung wirklich beendigt zu finden, was hoch gestanden tief gesturzt zu finden und die Kleinen wild und hohnend daruber herfallen zu sehen, ohne zu wagen, sich gleicher Hohe zu nahen; wenn sich gemeine rohe Armut uber die Trummer fremder Pracht und Bildung triumphierend lustig macht, unwissend an den Kunstdenkmalen zerstort, weil die Besitzer nicht mehr die Kraft haben zu schutzen und zu erhalten, was sie vom Uberflusse geschaffen hatten und darum wendete ich mich schmerzlich von einem Kreise lumpiger Barbarenkinder fort, die dort im Lustgarten des graflichen Palastes an einem schonen Amor in Marmor, der schlafend unter einer Rosenlaube ruhte, die schandliche Art von Geisselung wiederholten, die ihnen in roher Erziehung zu einer scherzhaften Strafe geworden. Vergebens war mein Pochen an allen Turen, ob denn keine einzige Seele in dem grossen Hause, die diesen Frevel, den ich gestort, auch bestrafte; einsam und immer schneller und ungeduldiger hallte mein Schritt, wie von einer Schildwache, die abzulosen vergessen, unter den Saulen des Eingangs, dass die Schwalben aus ihren Nestern im Laube der korinthischen Saulen ausflogen, vielleicht um zu schauen, ob es gewittere. Mir war so schwul zu mute, und ich dachte nicht, dass in den oberen Zimmern zwei junge Grafinnen versteckt waren, bei denen mir alles uble Wetter so leicht ubergegangen ware; ich stieg wieder in meinen Wagen und dachte, besser dass ein Wetterstrahl alle Kunstwerke in einem Augenblicke vernichte, ein Feind sie entrisse, als dass sie in vielen Jahren vor den Augen der Volker, die sie nicht verstehen, nicht in heiliger Sitte bewahren, verderben und geschandet werden; denn wer das Schone zerstort, oder dessen Zerstorung duldet, kann es nie heiligen und erzeugen, wohl aber selbst der, welcher es gar nicht anders, als aus sich und der freien Welt gekannt hat.
Zweites Kapitel
Graf P ... und die Seinen
Dieser Palast, dieser Garten mit Kunstwerken geschmuckt, die jetzt niemand wert zu sein schienen und niemand nutzten, das Werk vieljahriger Anstrengungen eines leidenschaftlichen Bauverstandigen, des Grafen P ..., begrundeten den Ruhm seiner Einsicht und seines Geschmackes; sie galten fur Weltwunder in der ganzen Gegend und waren auch in Italien ausgezeichnet worden. Der Graf hatte sich mit vielem Kunstsinne einen der schonsten Plane Palladios angeeignet und zugerichtet, der Garten ging aus dem franzosischen zu dem Naturgeschmacke uber. Nicht die Schonheit dieses Baues, aber seine Grosse krankte den Stolz der Furstin, deren Neigung zum Grafen in eine Art Eifersucht ubergegangen war auf seine Frau, der sie es schon allzu hoch anrechnete, dass sie den Grafen in Besitz genommen. Sie fand sich in ihrem alten Schlosse zum erstenmal wie im Gefangnisse, seit sie in die hellen Zimmer ihr gegenuber blicken konnte; der Furst, ihr sonst so ganz ergeben, war nicht zu einem ahnlichen Schlossbaue zu bewegen; der Graf hatte zu viel Stolz auf sein Werk, um sich massigen zu konnen, als die Furstin es ihm aus Verdruss tadeln wollte; er wurde beleidigend und der Hof wurde ihm verboten, nachdem er dreissig Jahre mit dem Fursten ganz vertraulich von der Jugendzeit an zusammen gelebt, mit ihm auf Reisen manches Abenteuer bestanden, die Furstin ihm zugefuhrt hatte. Er sagte kein Wort zu seiner Verteidigung; doch liess er uber seine Gartenture die Worte eines Liedes eingraben:
Freund, hute dich vor Fursten,
Denn Freunde werden sie nie,
Magst du auch hungern und dursten
Fur sie.
Wollen wir aber ruhiger sein Verhaltnis uberschauen, so entdecken wir, dass es nicht immer reine Freundschaft war, die ihn dem Fursten verbunden; die Freundschaft war ihm nur ein Mittel den Unterschied auszugleichen, den die Geburt zwischen ihnen beiden unabanderlich festgesetzt hatte. Doch war sein Geist unabhangig genug, um sich uber diese Ungunst leicht hinwegzusetzen, welche gleich die meisten Einwohner der Stadt und der Gegend von ihm entfernte. Sein Einzugsfest in das vollendete Haus war wenig glanzend, auch von unangenehmen Zeichen begleitet. Der Erbprinz, der mit kindischer Neigung an der jungeren Tochter des Grafen, Dolores, hing, war heimlich hinubergeschlichen; Dolores sprang mit ihm die glatten Treppen hinunter, der Prinz fiel herab und wurde blutig halbtot in das Haus seiner furstlichen Eltern zuruck gebracht, die den Bann ihrer Kinder, nicht zum Grafen zu gehen, darum noch scharften. Dieser Bann krankte den Grafen sehr tief, insbesondre da eben dieser Alteste der furstlichen Kinder, gegen die Familienart, schwarzes Haar, wie der Graf zeigte; er hatte ihn immer allen andern vorgezogen. Klelia, die altere Tochter des Grafen wollte sich uber diese Trennung tot gramen, sie erdachte die abenteuerlichsten Mittel ihre Verbindung zu erhalten, doch die Zeit und andre Gesellschaften ersetzten ihr allmahlich, was Dolores in den ersten Tagen schon vergessen hatte.
Der grosse Bau, und noch mehr das Bemuhen seinen Palast mit Gesellschaften zu beleben, hatten das Vermogen des Grafen in einer Reihe von Jahren aufgezehrt, wahrend denen Klelia ihr achtzehntes und Dolores ihr sechzehntes Jahr erreichte; weder die Seinen noch die Fremden merkten etwas davon in dem steten Wechsel der verschiedensten Zerstreuungen. Mit heimlichem Neide sahen die Prinzessinnen, als sie eines Abends mit ihrer Furstinmutter in goldverschnorkeltem Wagen langsam daher fuhren, die Grafin Dolores auf einem zierlichen englischen Pferde in rotem Reitkleide, von den artigsten Reisenden in mancherlei Uniform umgeben, zu einem Feste im Walde voruberjagen, das sie aus der reichen Jagdmusik erraten hatten. Dolores machte dann wohl spielend die Herren auf den Kutscher mit dem grossen Barte, auf die uralten schon geputzten Geschirre der sechs alten glanzenden dicken Rappen aufmerksam. So etwas erzahlte sich leicht wieder und erbitterte; aber was bedurften sie der Herrscher, die froh sein mussten, dass so viel Geld in ihrer Stadt verzehrt werde. Klelia war mildtatig gegen Arme, Dolores kannte die Armut gar nicht, sie war ihr eine poetische Person, die sie einmal als Maske darstellte; sie erzahlte den jungen Herren ganz ernsthaft, sie sehne sich nach einem einfacheren Leben und die jungen Herren bewunderten sie. Der Graf, ungeachtet er seine Umstande genau ubersah, lebte in gleicher Sorglosigkeit und guter Gesundheit, den frohlichen Tagen, die jede Altersschwache noch lange von ihm ab zu halten schienen; mit verkehrter Zuversicht rechnete er auf Umstande, die nicht zu berechnen waren, auf den Tod einiger Lehnsverwandten, die statt zu sterben, sich verheirateten und Sohne zeugten, zuletzt auf die Lotterie. Als ihm zuerst deutlich wurde, dass er nicht gut noch einen Monat seinen gewohnten Aufwand bestreiten konne, traumte ihm, nachdem er spat zu Bette gekommen, seiner Frau und Kinder Alter, als die Zahlen, in denen sein Gluck begrundet. Statt diesen Traum moralisch zu deuten, meinte er ihn unmittelbar zu bewahren und besetzte die drei Zahlen mit einer bedeutenden Summe in allen Lotterien; er war seiner Sache so gewiss, meinte es eine so bestimmte, himmlische Offenbarung, damit er sein angenehmes Leben fortsetzen konne, dass er mehrere Schuldner auf den Tag bestimmte, wo er alle Nachrichten von den Ziehungen erhalten. Der Tag kam schnell heran, er offnete mit Zuversicht die Briefe, keine seiner Zahlen war heraus gekommen. Er war leichtsinnig genug uber sich selbst zu lachen, und ohne den Seinen etwas von seinen Absichten zu vertrauen, nahm er Abschied, als wollte er eine kleine Reise machen, um neue Gaste zu holen, da die letzten eben abgereist; und so fuhr er ohne Unterbrechung mit dem Reste seines baren Geldes bis zu einem deutschen Seehafen, und schrieb erst in dem Augenblick den Seinen eine kurze Nachricht von seiner Lage und seinem Entschlusse in die weite Welt zu gehen, als eben ein gunstiger Wind einen Ostindienfahrer, auf dem er sich eingeschifft, zum Absegeln anblies.
Drittes Kapitel
Tod der Grafin P ... Armut ihrer Tochter.
Kriegsvorfalle
Ehe dieser Brief anlangte, waren in seinem Schlosse manche angstliche herzzerreissende Ereignisse Schlag auf Schlag uber die armen Unschuldigen eingebrochen. Einige Kaufleute, die seinem Vermogen schon lange heimlich nachgespurt hatten, waren mit ihrer verzogerten Zahlung dringend geworden, die Grafin hatte sie mit Lacheln erst abweisen lassen, aber die Leute kamen den andern Tag gleich wieder und wollten etwas Bestimmtes uber die Ruckkehr des Grafen wissen. Die Grafin wurde dabei von einer sonderbaren Angst ergriffen, insbesondre da ihr die langere Abwesenheit ihres Mannes befremdend schien; sie sandte ihm Stafetten nach an mehrere Orte, wo sie ihn vermutete; die jungen Grafinnen befurchteten, ihm sei ein Ungluck begegnet, Klelia betete und Dolores blieb beinahe einen ganzen Tag im Bette liegen. Ein alter Bediente, der sie einst auf den Armen getragen und dem Hauswesen mit grosser Treue vorstand, druckte ihnen die Hande und sagte bedeutend: sie mochten sich nur fassen, es sei nicht alles, wie es sein sollte, er habe schon seit einiger Zeit so was bemerkt, wenn er den Herrn rasiert; er habe zwar wohl ausgesehen, aber das Fleisch sei doch nicht fest gewesen, auch habe er wie im Traume gesessen; sicher sei er krank geworden. Der Brief des Grafen loste endlich alle bangen Zweifel und erhellte wie ein Wetterstrahl den Abgrund, vor dem sie standen. Die Grafin hatte sich bis zu der Zeit bei dem frohlichen Leben im Wetteifer mit ihren beiden schonen Tochtern, jugendlich frisch erhalten; der Graf hatte sie aus mehr als blosser Gewohnheit unverandert wie in den ersten Jahren ihrer Ehe geliebt; seine Abwesenheit allein, die Sorge fur ihn hatte sie unabhangig von den ubrigen Sorgen elend gemacht; sie alterte schnell und starb zu ihrem Glucke sehr bald; die Demutigung, bei der Furstin, der sie es sonst in allem zuvortun wollte, um einen Indult vergebens nachzusuchen, gab ihr den Todesstoss. Die liebenswurdigen beiden Tochter blieben mit ihrer Trauer, die sie ausserlich aus Armut nicht einmal anlegen konnten, einsam in dem weiten Schlosse zuruck; ein Leid bekampfte das andre und so viel sie geweint hatten, als sie ihre erste Kammerjungfern entlassen und die gewohnten Besuche abweisen mussten, so gleichgultig sahen sie die kostbaren Hausgerate, Betten, Silberzeug in offentlicher Versteigerung den Meistbietenden zuschlagen. Ihr alter Bedienter wutete gegen die hartherzige Schandlichkeit der Kaufleute, die durch des Grafen Unterstutzung ihren Handel angefangen, durch unverschamten Betrug sich an ihm bereichert, und nun wegen einiger unbedeutender Schulden den Seinen das Letzte entrissen; er schwor, es konne ihnen nie wohlgehen, aber was half das den Grafinnen, denen es nun recht ernstlich ubel ging. Die mannlichen Lehen fielen in Administration, auch aus dem Hause waren die armen schonen Kinder vertrieben, trotz allen Schmeichelungen, die sie an die harten Schuldner verschwendeten, denen es zugesprochen, hatte nicht der Krieg das Stadtlein durchzogen, der den furstlichen Hof fur immer aus dem Schlosse seiner Vorfahren entfernte und die Grundstucke im Werte so rasch herabsetzte, dass ein Haus von dieser Grosse viel mehr Last als Einkommen brachte; darum zogerten die Leute weislich mit der Besitznahme. Die Grafinnen hatten zu dem Schlosse eine so naturliche Neigung, sie kannten jedes Winkelchen darin; statt dem Rate des alten Bedienten zu folgen, in seinem Hauschen ein Zimmer anzunehmen, zogen sie sich auf ein kleines Stublein ihrer Kammerjungfern zuruck und kamen nun fremde Soldaten zur Einquartierung, so schlossen sie drei- und vierfach alle Turen rings. Mehrmals drangen die muden Soldaten mit Gewalt in das Haus, und liessen sich, da sie niemand fanden, ihr Essen von der Stadt dahin bringen, tranken die Nachte durch, larmten im Hause und die armen geangsteten Madchen horchten bange, wie sich der wilde Zug ihnen nahe. Einmal drang sogar ein raubgieriger Haufen durch alle Turen bis zu ihnen ein, immer glaubt das Volk versteckte Kostbarkeiten zu entdecken, wo es verschlossene Turen findet; endlich traten sie nach aufgehauenen Turen in das Zimmer und fanden die Madchen knieend vor einer Mutter Gottes, sie hatten einen ganzen Tag nichts gegessen; von Furcht gebleicht, sahen sie ruhrenden Steinbildern gleich; der Anblick erschutterte selbst das rohe Volk. Die Soldaten fragten, warum sie denn nicht zu ihnen gekommen waren, sie hatten ihnen schon etwas geben wollen, und somit warf ihnen jeder ein paar Geldstucke hin, die leichtsinnig erworben, und nahmen dafur ein paar Handkusse; auch sagte einer zu der Grafin Dolores, sie sei das schonste Madchen, das er je erblickt, er wolle sie heiraten, sie mochte mitkommen. Er gefiel ihr auch recht wohl, doch wie er so in sie drang, musste er schnell aufsitzen und auf und davon; sie sah ihn nie wieder. Der Krieg entfernte sich, der Mangel wurde um so fuhlbarer aller Orten, je weniger er sich durch unbestimmte Hoffnung und gewaltsame Zerstreuungen vergessen machte. Manche der harten Schuldner waren eben so arm wie die Grafinnen, die sich jetzt ohne Scheu durch Bearbeitung ihres Gartens zu nahren suchten. Leider waren nur wenige Fruchtbaume, meist wilde Waldbaume und amerikanische Gestrauche darin gepflanzt; diese Baume, zum Schatten in der Hitze bestimmt, mussten ihnen Feuerung geben, in den Gangen zogen sie Kartoffeln; ein paar Ziegen, die sie sich fur Handarbeiten der Klelia kauften, gaben ihnen Milch, einige wilde Kaninchen, die sie in Fallen fingen, eine geringe Fleischspeise. Der alte Bediente, der sie verlassen musste, um ihnen nicht lastig zu fallen, brachte ihnen allerlei Mundvorrat; sie schamten sich nicht von ihm etwas anzunehmen, er hatte ihnen von Jugend auf manches Leckere, das ihnen der Gesundheit wegen vorenthalten wurde, heimlich zugesteckt; er brachte auch die artigen Handarbeiten der Klelia ganz heimlich zum Verkauf. Dolores stand meist zu spat auf, um in diesen Arbeiten etwas zu leisten, auch hatte sie am Zeichnen und an der Musik so uberwiegende Freude, dass sie ausser den notwendigen hauslichen Verrichtungen, selten etwas anderes vornahm. Ihr Zeichenbuch waren aber die grossen weissen Wande im obersten Stockwerke des Schlosses, die sie sehr wunderlich mit allen ihren bekannten Historien in Kohle und Russ bemalte. Zu ihrer Belehrung und Unterhaltung blieb ihnen an Buchern nichts, als was die Schuldner wegen der Altertumlichkeit verschmaht hatten. Doch die Einsamkeit fuhrte sie durch einen Quartanten nach dem andern; meist waren es alte historische Bucher, deren altadelige Gesinnung sie immer mehr gegen die damals allgemein sich regende Ausgleichung aller Stande einnahm; und so entgingen sie der Art neuer frecher Geselligkeit, die mit kriegerischer Sittenlosigkeit gepaart das Leben armerer Madchen des Stadtchens erheiterte und verderbte. Der Adel der Gegend war teils entflohen, immer im Wahne dem unvermeidlichen Schicksale zu entgehen, teils zu sehr verarmt und in eigenen Angelegenheiten zu weit verloren, um auf ein paar junge Madchen zu achten, die in Tagen des Glucks jeden Fremden ihnen vorgezogen; denn ein Vorzug scheint es oft selbst da, wo nur die Artigkeit obwaltet, einem ganz Fremden Gelegenheit zu geben, sich bekannt zu machen. Dolores, wenn sie Morgens spat aufgestanden war und zum Stickrahmen ihrer Schwester trat, hatte immer einen wunderbaren Traum im Kopfe, der ihr grosses Gluck versprochen und sie beide belustigte; bald war ein ritterlicher Furst verwundet in ihr Haus gebracht worden und hatte sich ihr ehelich verbunden, zum Danke, wie sorgfaltig sie seine Wunden verbunden; bald hatte ihr von einem Baume getraumt im Garten, unter welchem ein Schatz liege und dann ging sie wohl hin, grub eifrig und liess auch der Schwester keine Ruhe, bis sie ihr geholfen, und dann gruben sie, bis die Quellen, die durchdringend den Sand nassten, auch ihre Hoffnung zu Wasser machten. So lebten die beiden Madchen, jede in ihrer Art, in den Tag hinein; Klelia betete und arbeitete, Dolores traumte und erlustigte sich, ein Tag kam zum andern und endlich behauptete einer, er fange ein neues Jahr an, und so wieder und wieder, dass sie schon dreimal seit dem grossen Unglucke die Nester aus ihren Gartenhecken ausgenommen, die Vogel gross gezogen und heimlich verkauft hatten, aber kein Furst kam sich im oden Hause ein Lager zu erflehen; selbst die Bettler scheuten sich vor einem Hause zu singen, vor dem das Gras aus allen Steinritzen hoch aufgewachsen war. Dolores sah einmal mit einem wunderlichen Aufwallen die geputzten Stadtleute Sonntags voruber ziehen und sagte zu ihrer Schwester: "Sieh einmal das Madchen, welches dort geht, ich glaube, wenn man ihr ordentliche Kleider anzoge, sie sahe wie unser eins aus." "Wie unser einer ordentlich", seufzte die Schwester, "ich glaube, wir konnten beide in den Rocken allein ordentlich gekleidet werden, die das Madchen zum Uberfluss tragt, ihre blanke Mutze schon gabe ein paar Kleider." "Sonderbar", meinte Dolores, "die Leute wissen nichts Rechts zu ihrem Vergnugen mit dem Gelde anzufangen, da fallen sie auf so abenteuerlichen Putz; hor, ich wollte, wir hatten Verwandte unter den Leuten, ich glaube doch, sie taten mehr fur uns als unsre Lehnsverwandten." "Hor Dolores", erwiderte Klelia, "da habe ich neulich eine Geschichte in dem alten Buche von Hugh Schapler gefunden, das du immer wegen der alten Sprache nicht leiden mochtest; ich habe mich ganz hinein gelesen und verstehe jetzt fast alles in den alten Buchern, die muss ich dir doch wieder erzahlen; es ist doch immer auf eigene Art gewesen, wie adlige Menschen der Not begegnet sind, und wir beweisen's auch wieder." "Aber sieh einmal den hubschen Bauerburschen mit der roten Weste", unterbrach sie Dolores, "sieht der nicht unserm Erbprinzen ahnlich; hor Klelia, das sage ich dir, wenn ich denke, dass ich immerdar in so baurischer, gemeiner Beschaftigung mein Leben zubringen sollte, wahrhaftig ich mochte lieber solch einen Burschen zum Manne haben, als gar keinen." "Schame dich", sagte Klelia, "auch im Scherze muss man nicht so reden; ich hatte nichts dagegen, wenn du dich in einen armen Jungling, den du zufallig kennen lerntest, verliebt hattest; ich wurde dich bedauern, aber nicht verdammen, wenn du dieser Leidenschaft die alte Sitte und Ehre unsres Hauses durch eine Missheirat aufopfertest, aber so im allgemeinen von den Mannern, vom Heiraten reden, das geziemt keinem ehrlichen Madchen." "Ei", sagte Dolores, und sang lustig:
"Will ich mit schonen Knaben reden,
Die neigen sich in Demut gleich,
Und merken nicht, wie gern ich jedem
Den roten Mund zum Kusse reich;
Ach dacht ich oft bei mir so schwer,
Ach wenn ich nur nicht Grafin war!
Wo hast du denn wieder diese Weisheit gelesen, du wirst dich noch uberstudieren; erzahle nur die alte Geschichte, ich hoffe, sie wird unterhaltender sein." Wir mussen ihr kurzlich nacherzahlen, teils weil die Geschichte uns erlustigt, teils weil sie zu den beiden Pflegetochtern in naher Beziehung steht.
Viertes Kapitel
Hugh Schapler und sein Vetter Simon
Herr Gernier Schapler (Capet), von Geblut und Stamm ein edler rittermassiger Mann, hatte sich nicht geschamt die Tochter eines reichen Metzgers zu Paris, eine fromme, tugendsame und uberschone Jungfrau zu einer ehelichen Gemahlin zu nehmen. Gott, der ihn reichlich mit Geld und Gut versehen, hat ihm auch einen jungen Sohn mit dieser seiner Gemahlin beschert, an den er beider Krafte so wunderbar gewendet, ein Kind von ausserordentlicher Starke und adliger Gesinnung hervor zu bringen. Der Vater starb, noch ehe dieser Sohn geboren, die Mutter aber in der Geburt. Die Verwandten liessen ihn Hugh (Hugo) taufen, er wuchs in allen ritterlichen Tugenden auf, es war kein Turnier im Lande, wo er nicht Ehre eingelegt hatte, doch weil er ohne elterliche Zucht geblieben war, so schopfte er mit dem grossen Loffel auf, und weil er viel vertragen konnte, so verschlemmte er viel. Seine Wirte, Schuster, Schneider, Harnischer, Sporer versahen es sich am wenigsten, als Hugh gar nichts mehr im Vermogen hatte, sie schlossen immer noch falsch, wer so viel vertate, musse so viel ubrig haben, wie noch jetzt haufig der Fall ist. DOLORES: "Auch bei unserm Vater, es ist doch unrecht, dass er gar nicht fur uns gesorgt hat, warum hat er uns in die Welt gesetzt." ... Als nun diese Schuldleute kamen, sass Hugo in grossem Unmute einige Tage bei sich verschlossen und ass Arme Ritter statt der reichen Braten, bis ihm endlich einfiel zu seinem Vetter Simon nach Paris zu reiten, der ein reicher Metzger daselbst und seiner Mutter nachster Blutsverwandter war. Also machte sich Hugh eines Morgens heimlich auf, ritt nach Paris und da er vor seines Vetters Haus kam, das mit roten ausgeschnitzten und aufgeblasenen Braten, wie mit einer kostlichen Tapete behangen war, da wurde er bald erkannt und ihm die Ture geoffnet. Hugh aber wollte nicht also hineinreiten, sondern stieg ab von seinem Pferde, zog seinen Hut ab und grusste seinen Vetter ganz demutiglich, welcher ihn mit gleicher Demut bewillkommte und sprach: "Lieber Herr und Vetter, wie soll ich das verstehen, dass Ihr Euch gegen mich so demutig erzeiget, hab ich Euch doch all mein Tage nie so schlecht gerustet gesehen; so hat auch Euer Vater Herr Gernier Euch solchem geringen Stande nie zugefuhrt; Ihr wisst wohl, wie er oft mit zwolf gerusteten Pferden in meinem Hause zu Herberge gelegen, er hatte auch stets die auserlesensten Knechte aus ganz Frankreich, deshalb ich mich uber Euch entsetze und besorge, es gehe Euch nicht nach Eurem Sinne. Darum so kommt in mein Haus, Euer Pferd soll wohl versorgt werden, habt Ihr dann ein heimlich Anliegen, dadurch Ihr so betrubt seid, wollet mir solches nicht verhalten; kann ich Euch dann mit Leib und Gut behulflich sein, so sollt Ihr an mir keinen Zweifel haben, ich will mich hierin nicht sparen, noch verdrossen sein."
DOLORES: "Ja wenn unsre Vettern so gedacht hatten, und das war doch nur ein gemeiner Mann; ach Schwester, wenn wir doch den Stadtschlachter zu unserm Blutsverwandten hatten."
... Auf dieses freundliche Erbieten ging Hugh mit seinem Vetter Simon in sein Haus; sein Pferd wurde abgezaumt, er zog seinen Harnisch und Rustung ab. Indem liess sein Vetter Simon ein herrlich Nachtmahl auftragen, frische Wurste in der Suppe, Rindermark auf gerostetem Brot, Rippenstucke mit Rosinen gefuttert, Brustkern mit Mandeln gefilzt, und seine Hausfrau trat dabei vor, ganz rot, wie sie eben aus der Kuche getreten vom grossen Feuer, und sagte auch ihre Verwunderung, Herrn Hugh in so schlechter Rustung zu finden, wie sie an seinem Vater nie gewohnt gewesen. Aber Hugh schwieg darauf still und war frohlich, bis das Nachtmahl geendet und der Tisch aufgehoben worden; da fing Hugh an und erzahlte seinem Vetter alle seine Handlungen, wie er in den zwei Jahren, seit er sein Vermogen ohne Vormund verwaltet, Haus gehalten und all sein Hab und Gut vertan, auch mehr denn zweitausend Kronen schuldig geworden, und weil er von diesen Schuldnern Tag und Nacht keine Ruhe behalten, sei er ausser Landes gereist, von ihm einen guten Rat zu holen.
DOLORES: "Wo mag jetzt wohl unser Vater sein?"
... Da nun sein Vetter Simon dies alles mit grosser Verwunderung und Mitleiden vernommen hatte, fing er an mit guten und lieblichen Worten den guten Hugh zu trosten, sprechend: "Lieber Herr und Vetter, dieser Euer Unfall ist mir von Herzen leid; Ihr solltet Euch aber anders in den Handel geschickt haben und das Eure nicht also unnutz verprasst haben; denn gewonnenes Gut, wenn es verloren geht, ist gar schwerlich wieder zu uberkommen; Ihr solltet auch nicht so milde im Ausgeben gewesen sein, nach den schonen Weibern und boser Gesellschaft mussig gestanden haben, denn jetzund werdet Ihr gewahr, dass deren keiner in Eurer Noten Euch behulflich sei, und konnte er Euer Leben, da Gott vor sei, mit einem Heller erretten."
DOLORES: "Gibt uns wohl einer der reichen Englander, oder der fremden Prinzen, die sich in unserm Hause belustigt, einen Heller?"
" ... Zwar hat Euer lieber Vater auch einen grossen Stand gefuhrt, er hatte aber dennoch gross Gut und Geld dabei erspart, welches Ihr nun so unnutz vertan habt." Ob dieser Strafrede Simons begann Hugh einen Verdruss zu schopfen, hub an und sprach: "Lieber Vetter Simon, die Predigt will mir zu lange werden, denn ich bin daran nicht gewohnt, sie tut mir weh im Bauche; wenn ich den Ostertag eine hor, so hab ich das ganze Jahr daran genug zu verdauen; es bedarf auch nicht viel Strafens, denn es ist geschehen, so bin ich auch der Predigt wegen nicht zu Euch gekommen, denn vergebens ist es den Stall erst zu beschliessen, wenn die Rosse schon heraus sind. Aber das ist meine Bitte an Euch, dass ich durch Euren Rat aus dieser Schande kame." Der fromme Simon, wiewohl ihn diese Rede ein wenig verdross, liess sich doch als ein guter Freund merken und sprach ganz einfaltig: "Mein herzlieber Vetter Hugh, was ich jetzt in strafweis geredet habe, meine ich von Herzen gut mit Euch; dieweil Ihr aber meines getreuen guten Rates, wie Ihr sagt, leben wollt, so sage ich das bei meiner Treue, wenn Ihr mir folgen wollt, will ich Euch aus aller Gefahr und Noten erretten, auf dass noch ein reicher Mann aus Euch werde." Auf diese Rede Simons antwortete Hugh: "Lieber Vetter Simon, diesen Rat begehr ich von Grund meines Herzens von Euch zu horen und weiss Euch dafur grossen Dank." "Das will ich Euch meiner Treu nicht verhalten", sprach Simon, "denn ich gonne Euch von Herzen alles Gute, mein lieber Vetter Hugh; darum so ware mein treuer Rat, Ihr bliebet diesen Winter bei mir, so wollte ich Euch mein Handwerk lehren und Euch Unterweisung geben, wie Ihr nachmals Eure Hantierung mit Kaufen und Verkaufen anschicken sollet, als mit Ochsen, Kalbern, Schafen und Schweinen, sowohl beim Einkauf, wie beim Masten und Schlachten; inzwischen moget Ihr eine hubsche reiche Jungfrau, so man sehen wurde, dass Ihr Euch fein in den Handel schicken tatet, zu einem ehelichen Weibe erwerben, die Euch bei Euren gesunden Gliedmassen wohl lieb gewinnen musste. Dann moget Ihr zuletzt Hantierung mit allerlei Kaufmannschaft anstellen und treiben; so ich dann sehen wurde, dass Ihr Euch recht und wohl zu solchen Dingen schicket, wollt ich Euch nach meinem Tode zu einem Erben machen aller meiner Hab und Guter, da ich keine Kinder oder nahere Anverwandten habe. Ihr durft Euch des Handwerks nicht schamen, da Eure leibliche Mutter dabei gezogen und geboren worden." Hierauf zu antworten, besann sich Hugh nicht lange, sondern sprach mit lachendem Munde: "Freundlicher lieber Vetter Simon, ich bedank mich hochlich gegen Euch, wegen Eures guten und getreuen Rats, bin aber nicht ganz willens, demselben nach zu kommen, denn zum Metzigen und Schlachten oder zur Kaufmannschaft habe ich keine Lust, weil ich gedenke, meines Vaters ritterlicher Tugend nicht zu vergessen, dieweil ich mich von Jugend auf darin geubt habe, und will meinen jungen Leib daran setzen. Wie sollt ich allererst jetzt Ochsen und Schaf schlachten lernen, da ich schon Menschen ritterlich darnieder gestreckt habe, womit ich manchem Fursten dienen kann. Ja mir ware lieber, ich hatte vier gute Hengste im Stalle, Sperber, Habicht, Falken oder Spurhunde, als tausend Ochsen; so ware mir auch lieber, ich horte Trommeln und Pfeifen, Lauten und Geigen, Tanzen und Singen, denn dass ich sollte die Ochsen, Schafe, Schweine, Kalber horen brullen und grunzen." Auf solche Rede der gute Simon dem Hugh traurig antwortete: "Lieber Vetter Hugh, ich meine es gut mit Euch, wollet Ihr meinen Rat annehmen, es wird Euch nicht gereuen. Jedoch so wollen wir jetzund solches bis morgen beruhen lassen, vielleicht so mochtet Ihr Euch dann eines andern bedenken, wollet jetzund gutes Muts und frohlich sein."
Also vertrieben sie ihre Zeit, bis man schlafen ging; da ward Hugh herrlich und wohl gelegt, den seine jetzige Armut im Schlafe nicht storte, vielmehr schlief er in den halben Tag hinein bis zur Mahlzeit. Simon, sein Vetter aber lag die ganze Nacht ungeschlafen, denn er ward von seiner Hausfrau recht ubel behandelt, die nichts andres besorgte, denn dass Hugh seines Vetters Rat folgen und bei ihr bleiben wurde; darum sprach sie: "Ach lieber Mann, was gedenkst du, du willst den Jungling zu einem Handwerk verordnen, der alle seine Tage mit Fressen und Saufen, mit schonen Frauen zu kurzweilen hingebracht; in solchen Dingen sollte er uns bald um alles bringen, was wir ererbt und erspart haben, wie er mit seines Vaters Erbe getan hat. Darum ist mein Rat, du gebest ihm morgen eine ziemliche Zehrung und lassest ihn fahren, auf dass du sein ledig werdest, denn es ist leidlicher, einen kleinen Schaden, als einen grossen verschmerzen." Darauf antwortete Simon: "Liebe Hausfrau sei zufrieden, denn wahrlich, dieses habe ich bei mir selbst vorhin schon uberschlagen, ich besorg, er folgt meinem Rate und bleibt bei uns, was mir sehr leid ware, ich besorge, unser beider Gut wurde kein Jahr ausdauern, wenn er in seiner Gewohnheit fortfuhre." Daruber angstete er sich so sehr, auch kamen allerlei Fliegen, die sich abwechselnd auf seine Nase setzten und vor seinen Ohren brummten, dass es ihm sehr fruh zu tagen schien. Es wurde ihm im Bette so unruhig, er stieg vor Tage heraus, ging dann nach dem Stalle und futterte Hughs Pferd, so gut er konnte, und wartete mit grossem Verlangen, wann Hugh aufstehen und ihm Bescheid geben wurde. Da es nun schier um Mittag war und man den Imbiss nehmen wollte, erwachte Hugh, stand auf, pfiff sich ein lustig Liedchen, sah nach seinem Pferde, fand auch, dass es nach aller Notdurft wohl versehen war, da trat er zu seinem Vetter Simon in Meinung, ihm dafur zu danken. Da erschrak der gute Simon so sehr, dass er fast in Ohnmacht gefallen ware; denn seine Sorge war immer, Hugh wurde bei ihm bleiben, woran doch Hugh keinesweges dachte. Aber ehe dieser noch etwas gesagt, fiel ihm Simon ins Wort und sprach: "Lieber Vetter Hugh, da Ihr mir gestern Abends auf meinen Rat wegen des Handwerks geantwortet, Euer Gemut stande zu keinem andern Handwerk, als Fursten zu dienen, so habe ich diese ganze Nacht nachgedacht; dieweil Ihr dasselbe so lange getrieben, so folget dem nach, kommt in meine Kammer, ich will Euch eine gute Zehrung mitteilen von wegen Eurer Mutter, die mir sehr lieb gewesen, und die sich noch im Grabe umdrehen wurde, wenn sie Eure jetzige Not wusste." Da Hugh das horte, wehrte er sich nicht lange, ging behend mit seinem Vetter in die Kammer; da zog Simon einen seidenen Beutel aus dem Tischkasten und sprach: "Nehmet hin, mein lieber Vetter, diese dreihundert Kronen, verzehret sie von meinetwegen." Wer aber war frohlicher als der gute Hugh, der seinem Vetter grossen Dank sagte; desgleichen war auch Simon mit seiner Hausfrau sehr froh, es reute ihnen das Geld nicht, das sie ans Bein gebunden, da sie des Gastes los wurden. Also saumte sich Hugh nicht lange, wollte der Mahlzeit nicht warten, wie sehr ihn sein Vetter anflehete, weil er fur ihn einen grossen Rinderbraten an den Spiess stecken lassen. Hugh sattelte sein Pferd, zog Harnisch, Stiefel und Sporen an, dankte Vetter und Hausfrau fur Geschenk und Herberge, setzte sich auf sein Pferd und ritt auf und davon. Der Vetter Simon stand noch lange mit der Mutze in der Hand in der Ture, und sah ihm nach und schuttelte mit dem Kopfe, die Frau aber, mit beiden Handen unter ihren Rocken, gahnte und fror, und dachte wie ruhig sie die nachste Nacht schlafen wollte.
DOLORES: "Hor, wenn du so ausfuhrlich die Begebenheiten des Ritters vorlesen willst, da werden wir heute nicht fertig."
... Hugh ritt nach Hennegau, weil dort ein grosses Turnier gehalten werden sollte, nun kommt es gar zu garstig.
DOLORES: "Wir sind ja unter uns und wenn du es weisst, so kann ich's auch wohl wissen, ich bin so gross wie du, ob du gleich zwei Jahre alter bist."
... Aller Orten, wo Hugh in den Niederlanden turnierte, gewann er Preise und gab sich mit den Madchen ab und dann musste er fluchten, sich durchschlagen zehn Sohne sind da von verschiedenen Frauen ihm geboren; er bekummerte sich um keine, sondern zog immer weiter auf Abenteuer; das mag noch so adlig sein, recht ist es nicht.
DOLORES: "Da hast du wohl recht, aber die Kinder werden doch gesagt haben, es sei besser auf schlechte Art zur Welt kommen als gar nicht."
... Nein, gewiss nicht. Hugh kam nun mit grossen Ehren und vieler Beute nach Paris zu seinem Vetter zuruck, der sich nicht wenig uber seine schonen Pferde und prachtigen vergoldeten Harnische freute. Hugh stieg ab, erzahlte ihm alle seine Geschichten, woruber sich dessen Hausfrau recht erstaunte und ihn gar sehr lieb gewann. Als das Herr Simon merkte, rief er aus: "Sankt Dionys, Ihr sollt furder bei mir wohnen, ich will Euch zu lieb einen ehrlich adligen Staat fuhren und halten, denn ich hab mein Vermogen, seit Ihr weg gewesen, ziemlich vermehrt, so dass ich Eure Guter einlosen kann. So habt Ihr auch viel gute Freunde in dem Lande, die Euch wohl helfen mogen um Eures Vaters willen, dass Ihr zu guter Heirat kommt."
DOLORES: "Den nahme ich schon zum Mann."
" ... Lieber Vetter", sprach Hugh, "ich habe Eure Rede wohl vernommen und danke Euch fast sehr, dass Ihr meines Nutzens wegen so getreue Nachgedanken habt, bin aber noch keinesweges gesinnt zu der Ehe zu greifen, bedunkt mir noch immer viel besser, einander heimlich lieb zu haben, will mein Gluck noch erwarten." Dem guten Simon war das nicht recht, auch nicht seiner Hausfrau, die gern Hughs Hochzeit mit einer reichen Base ausgerichtet hatte.
DOLORES: "Jetzt erzahle nur recht schnell, mir fallt ein, dass ich den Vogeln kein Futter gegeben."
...Ja sieh, der Hugh kam gerade zur rechten Zeit nach Paris, wo die Konigin von Frankreich von dem Herzoge von Burgund gar sehr mit Kriegesvolk bedrangt wurde, der sie durchaus heiraten wollte, aber sie mochte ihn nicht leiden. So tapfer sich nun Hugh auch hielte und die Stadt verteidigte, so ware er doch bald verloren gewesen, wenn sich nicht die zehn Sohne in Brabant, die schon herangewachsen waren, alle aufgemacht hatten nach Paris, als sie von ihres Vaters Bedrangnissen gehort hatten. Keiner der Sohne wusste aber vom andern, und so lief jeder seine Strasse, bis sie endlich nicht weit von Paris alle zusammen kamen und sich erkannten; da verschworen sie sich mit einander und fielen wie eine Wetterwolke in das ruhige Lager des Herzogs, das noch im besten Schlafe lag. Als Hugh diese unerwartete Hulfe wahrgenommen, fiel er mit allen Seinen aus und sie machten eine grosse Niederlage unter den Burgunden und nahmen den Herzog gefangen. Da erkannte Hugh seine Sohne und kusste sie als Vater und die Konigin gab dem Hugh ihre Hand; er war es (Hugo Capet), der das grosste aller regierenden Hauser Frankreichs auf den Thron setzte. Sein Vetter Simon verwunderte sich uber Hughs besonderes Gluck nicht wenig, der war auf einmal reicher, als er sein lebelang mit allem Sparen werden konnte. Vetter Simon liess es sich auch gefallen, von ihm zu einem Herzoge gemacht zu werden, doch mehr auf Anstiften seiner Frau, denn nach eigenem Begehren.
DOLORES: "Eine recht schone Geschichte. Hore, Klelie, wenn es unser Vater heimlich auch so machte, hor, wenn er der Paswan Oglu ware, von dem alle Zeitungen schreiben und von dem keiner weiss, ach, wenn das wahr ware!"
Und bei diesen Worten fielen sie einander mit susser Freundlichkeit in die Arme und lachten und weinten zugleich und dachten ihres Vaters, und dachten ganz gewiss, der ihnen als Vorbild aller adligen Schonheit und Anstandigkeit vorschwebte, musse irgendwo ein gleiches Gluck sich verdienen, und da verloren sie sich in mancherlei Traumen, die wir mit einigen Betrachtungen ersetzen wollen. Wir haben den festen Glauben, dass die periodische Not ganzer Volker, die unter mancherlei Namen meist unerwartet uber sie einbricht, ganz notwendig sei, alle eigentumlichen Gesinnungen, Bildungen und Richtungen zu prufen, die sich im Ubermute des Gluckes entwickelt hatten, die zufalligen, leeren und storenden Sonderbarkeiten gehen unter, die echte, reine, aus sich selbst lebende Eigentumlichkeit wird bewahrt, gestarkt und ihrer selbst gewiss. Die Auswanderungen aus Frankreich in den ersten Jahren der Staatsumwalzung zeigten uns einen grossen Teil der gebildetsten Bewohner jenes reichen Landes in diesem Kampfe mit dem taglichen Bedurfnisse; die mannigfaltige Art, wie sie ihn bestanden, erregte allgemeine Teilnahme; viele ahndeten auch lange voraus, dass die Zeit in ihrem festen Schritte auch uber Deutschland hingehen und die alten Verhaltnisse, zu Gluck und Beruhigung muhsam auferbaut, niedertreten konnte. Wir sehen hier dieses Bild schon in einer Familie von dem schuldigen auf den unschuldigen Teil einbrechen; die Schuld des Grafen konnte die Seinen des Uberflusses berauben, aber das Notwendige hatte ihnen doch nie gefehlt, hatte der Krieg nicht so zerstorend auf der Gegend gelagert. In solcher Zeit der Not ist wenig davon die Rede, was das Beste fur jeden zu tun sei, ihr entgegen zu wirken, sondern hier zeigt sich, was jeder nicht lassen kann, und erklart sich bei jeder Veranlassung. Mit Sehnsucht brach Dolores auf Veranlassung jener Geschichte in Klagen aus, dass dem Adel die Heiratslust so ganz vergangen schiene; eine glanzende Heirat sei der hochste Preis einer Frau, alle turnierten darauf. "Nicht alle", sagte Klelia beleidigt, "lieber wollte ich bis zu meinem Lebensende von meiner Hande Arbeit leben, als eine Heirat suchen." "Die Arbeit macht dir gemeine Gesinnungen", fuhr Dolores heraus.
Funftes Kapitel
Graf Karl
Da trat der alte Bediente wie gewohnlich in seinem Sonntagsrocke mit derselben Art zu ihnen ein, wie er in Zeiten des Glucks gekommen war, sie schmeichelten und argerten ihn nach alter Art. Aber statt wie gewohnlich von ihrem Vater zu erzahlen und von dem vielen Weine, den er bei Tische umhergesetzt und eingeschenkt, wie er dem Herrn den Schlossbau einst abgeraten, aber dafur beinahe aus dem Dienste gejagt worden ware, begann er heute seine Reden ganz anders, wohlgefallig geheimnisvoll. Erst nach langen Umschweifen von dem Glucke, das oft unverhofft kame, brachte er vor, dass ein junger Graf, wunderlich, halb soldatisch, halb abenteuerlich wie alle Studenten gekleidet, nicht gross, aber von recht feinen Zugen, von dunklen Augen und krausem Haar, auf einem Wege, den sonst jedermann, dem er nicht notwendig, zu vermeiden pflegte, uber alte Felsen und Schluchten sich dem graflichen Lustgarten angeschlichen und uber der Mauer, von der die Deckplatten und mancher Stein gestohlen, zu seiner grossen Verwunderung vor dem Palaste zwei schone Madchen gesehen, die er fur Koniginnen wegen des edlen Anstandes aller ihrer Bewegungen gehalten, hatte nicht ihre Beschaftigung, die Wasche an der Sonne auszubreiten und zum Bleichen zu begiessen, ihn an seiner Meinung und an seiner Anrede gehindert. Der junge Herr hatte sich ihnen moglichst genahert, und hinter einem Haselstrauche versteckt, so lange zugesehen, als sie damit beschaftigt gewesen, und nachher noch bemerkt, wie sie ihre zahme Dompfaffen aus dem Munde mit etwas Grunem gefuttert. Dann waren sie, mit den Vogeln auf der Hand, ins Haus getreten, und der Herr hatte sich gewunscht nur eine Stunde so ein Vogel zu sein. "Ei, der ist doch nicht toricht", sagte Dolores ganz trocken. "Nein", sagte der alte Bediente, "das ist so ein alter ehrlicher Wunsch von jedem Liebhaber, er mochte immer etwas andres sein, als er wirklich ist, um mehr zu gefallen, ich war in meiner Jugend eben so!" Die Madchen lachten und der Alte erzahlte weiter, der Graf sei zum Wirte der drei Weltkugeln gegangen, bei dem er eingekehrt, habe ihm mit grosser Heimlichkeit sein Geschichtchen erzahlt und besonders viel von einer gesprochen, die ihm so besonders in die Augen gefallen, und die er gern kennen mochte. Die Madchen sahen einander an, und Klelia sagte ganz ruhig: "Das bist du gewiss!" "Nein, Schwester", antwortete Dolores, "dich hat er gemeint, du hattest heute das schone rote Halstuch umgebunden"; heimlich aber dachte sie: Gewiss bin ich's, die er aufsucht; ich hielt die Vogel viel ofter an meinen Mund, ich bin voller, meine Zuge grosser und meine Wangen roter, und meine Augen so viel beredter, als meine Locken krauser sind, obgleich unsre Haare von gleicher Farbe; auch nennen mich alle Leute schoner. Ihr wurde doch dabei so eifersuchtig, als stande der junge Mann zweifelnd zwischen ihnen, wie zwischen Tugend und Laster. Der alte Bediente fuhr darauf fort, wie der schlaue Wirt, der auch noch einige Anforderungen an das Haus hatte, gleich zu ihm geschickt, er mochte doch dem jungen Herrn, der sich Graf Karl nannte, unter dem Vorwande das schone Haus zu besehen, zu den schonen Grafinnen bringen, es konne immer was daraus werden, der Mensch denke, Gott lenke, und dann sei ihnen allen geholfen. Klelia setzte diesem Vorschlag viele ernste Bedenklichkeiten entgegen; es sei ihren Gewohnheiten ganz unangemessen, einem jungen Manne, der allen unbekannt, mitwissend seiner Absicht also entgegen zu kommen, sie wolle ihn nicht sehen. Dolores erklarte sich heftig gegen diese Hindernisse ihrer angeregten Eitelkeit, sie hatten so viele Manner gesehen, was ihnen die Bekanntschaft dieses einen schaden konnte; wenn er ihnen auch nur etwas Neues erzahlte, so ware das schon genug; dann fuhr sie auf: "Hor, Klelia, wenn du nicht heiraten wolltest, warum zeigtest du mir wohl neulich den Rand deiner Hand am kleinen Finger, dass du eine Falte dort tragest, wenn die Hand gebogen, also einen Mann bekamest, und sahst nach meiner Hand, und ich hatte anderthalb Falten; sieh, du hast gerade recht viele Lust zum Heiraten, darum willst du es nicht eingestehen." Klelia stand, erzurnt uber diese Missdeutung eines kleinen spielenden Aberglaubens, von ihrem Stuhle auf und verliess das Zimmer; nichts krankt tiefer als absichtliche Missdeutung mit dummer Listigkeit vermischt. Der alte Bediente stand dabei wie ein einfaltiger Beichtvater neben einem hoher gebildeten Beichtkinde, das sich Sunden anrechnet, die ihm ganz gleichgultig sind; doch gab er der Klelia, weil sie so trotzig weggegangen, unrecht und eilte dann den Bitten der Dolores zu folgen, den Besuch nach einer Stunde herbei zu fuhren. Wahrend sich nun Klelia auf ihre Kammer zum Gebetbuche gesetzt hatte, des Streites ganz zu vergessen, ging Dolores rechts und links in grosser Eile, aus ihren beiderseitigen Kleidern einen guten Anzug sich zusammen zu stoppeln, der glanzend weiss und reinlich, aber freilich von mancher uberflussigen Naht durchkreuzt war, als diene er gegen Behexung. Als sie damit fertig war, lauerte sie ungeduldig durch die angelegten Laden auf jeden, der die Strasse herunter schritt, zwischen durch sah sie sich im Spiegel und sann auf guten Ausdruck des Gesichts und der Rede, und dann gedachte sie lachend, wie sie oft Fursten und Herzoge, die ihr als Kind geschmeichelt, kaum eines Blicks gewurdigt. Endlich erblickte sie die grune polnische Mutze auf den dunklen Haaren, die grune leichte Husarenkleidung mit Gamaschen und Reiseschuhen, die nach dem Vorberichte des Bedienten, den bedeutenden Mann bezeichnen sollte, der Bediente begleitete ihn; sie wollte ihm wie durch Zufall auf der Treppe begegnen, damit er ihr elendes Stubchen nicht bemerke.
Sechstes Kapitel
Die Studenten
Wir wollen dieses junge Blut, das da so frohlich die Strasse herunterschreitet, ungeachtet vorbedeutend eine schwere dunkle Wolke in den zusammengewachsenen Augenbraunen seiner stark gehugelten Stirne lastet, uns im allgemeinen bekannt machen, ehe wir es naher kennen lernen. Dass Graf Karl Student sei, haben wir schon von dem Bedienten erfahren; aber woran erkennen solche Leute gleich den Musensohn, die nichts von den Musen wissen? Das lasst sich schwer erklaren. Die Tracht ist es nicht immer; viele andre Leute machen sie nach, auch ist sie verschieden in verschiedenen Zeiten; es ist mehr die Art, wie ihnen die Tracht steht, wie sie um sich schauen und singend ihre Strasse wandern. Wer nicht selbst die frohlichen Zuge der Studenten aus dem nordlichen nach dem sudlichen Deutschland bis in die Schweiz und weiter zu den schonen Inseln der italienischen Seen mitgemacht hat, wird doch sicher einmal einer solchen Schar begegnet sein, die mit der frischen Rote ihrer Wangen und der vollen Hoffnung ihres Herzens schon da ein seliges Land zu entdecken glauben, wo die Einwohner sich gleich gut oder gleich schlecht, wie auf der ubrigen deutschen Erdflache befinden. Es tut einem so wohl, von andern glucklich gepriesen zu werden um Guter, die im taglichen Gebrauche ihre Beachtung verloren haben, jeder macht gern seine beste Laune zum Gegengeschenke, dass der unschuldige Bewunderer selten ahndet, dass jedermann uberall der Schuh irgendwo druckt, die Grillen irgendwann ansingen, ja dass die luftigste Aussicht von den Bergen den Rauch nicht wegfuhren kann, der immerdar aus der engen Behausung der Menschen sich muhsam zu erheben sucht und oft ganz auf sie hinuntergedruckt wird. Wie lieb ist die vielwissende Unwissenheit der lernenden Jahre; auch diese Betrachtung konnte ein Student uber die Dinge machen, aber im nachsten Augenblicke hatte er sie wieder vergessen, und der Staub auf seinen Schuhen und der Staub der Fruchte in ihrer Frische, sie sind einer Art und bezeichnen, wie neu sie noch in der Welt sind sie werden schon lernen in Kutschen zu fahren, viele Meilen an einem Tage, aber die Freude, wenige Meilen ganz durch eigene Kraft fusswandernd zuruckgelegt zu haben, die kommt ihnen nicht wieder. Wegen dieser Frohlichkeit haben auch die Gastwirte sie gern, warten auf sie wie auf die Schwalben. Die Studenten finden ihren schlechtesten Wein noch immer kostlich genug, um bei der Gelegenheit ihrer Begeisterung, ihren Liedchen, ihren Spassen freien Lauf zu gonnen, wahrend sie ihre von allen beschauten Naturschonheiten wunden Fusse an dem Tische ermussigen. Selbst die alten Herren, die alle andern Tage mit ihrem bestimmten Schoppen sich stillschweigend begnugten, werden diesmal begehrlicher und fahren mit dem glatten Weine einmal wieder in das mondbeschienene Unterland, wo auch sie sich sehnten nach Unerreichtem, jubelten uber ein Nichts und ihre Hute durchlocherten, als hatten sie den Erbfeind vor sich. Wahrlich, soll Deutschland Soldaten bekommen, so mussen sie unter einander leben wie die Studenten, wenn sie auch nicht lernen wie sie; frei von allem Zwange, nur der Ehre untertan, gleich unter einander; sicher wird dann der Geschickteste und Mutigste, wie zum Senior, so zum Feldherrn sich durchdrangen. Eine der ersten Welterfahrungen, die solche wandernden Scharen zu machen Gelegenheit haben, betrifft das allgemeine Missverhaltnis des Geldes zu dem Bedurfnisse; so bleibt mancher lustige Bruder seine Zeche schuldig, verspricht zu senden, was er doch nicht hat, die kleine Not ist recht gut, er lernt entbehren; welcher Wirt konnte aber so hart sein, die Jagdtasche, worin nichts als etwas Wasche, ein Lieblingsbuch und einige Tagebucher zur angehenden Schriftstellerei, im Ernste zuruckzubehalten; ein kleiner Schreck kann nicht schaden. Gar mancher macht aber auch andere Erfahrungen auf solchen Zugen und kehrt nicht so frohlich heim, wie er ausgegangen, er sieht heimschleichend nicht mehr weit vor sich hin, die Walder rauschen ihm nicht mehr frohlich, die Singvogel scheinen verschwunden und die Spitzen der Baume hangen voll Krahen, die sich durch die Nebelwolken aufschwingen; alles tropft, Baume und Kleider und seine Augen, die immerdar suchen, wovon er sich immer weiter entfernt. Sein Leid vergrossert sich mit jeder Meile, wie der Strom, an dessen Ufer er herunter schreitet; jetzt tragt er schon manches schwarze Schiff, manchen Gedanken, den er schwarz auf weiss der verlassnen Liebe mitteilen muss. Und dann geht's an die Arbeit fur Amt und Brot, die sonst nur leichte Gewohnheit gewesen, er mag nicht warten und sie will auch gern unter die Haube, die er auf der Reise kennen lernte, wie die Leute sich ausdrucken. Mit Lust erzahlen wir diesen moglichen Fall, wie es mit unserm Grafen Karl einmal gehen konnte, der auch mit einer Schar Studenten fussreisend ausgezogen war; aber ganz passt es schon darum nicht, weil dem Grafen nicht notwendig war, wenn er heiraten wollte, sich dem Joche fremder Dienste zu unterziehen. Er besass ein artiges Vermogen, ungeachtet ihm die vormundschaftliche Verwaltung aus Klugheit nur sehr wenig fur seine Studienzeit auswarf, die ihn nach ihren Absichten allein zum wissenschaftlichen Landwirte vorbilden sollte, da die Verwaltung seiner Landguter seinem Vermogen und seiner Natur angemessener schien, als Dienste eines Fursten. Er war mit einem Dutzend seiner Landsleute von der Universitat ausgewandert, aber die Liebhaberei jedes einzelnen hatte sie zerstreut; einer sammelte Krauter, der andre Steine; sein Vergnugen Anhohen zu besteigen, fuhrte ihn durch den beschwerlichen Bergweg an die Hohe des Gartens, wo er mit der seligen Empfindung des Balboa, wie er zuerst das stille Meer entdeckte, die beiden schonen Kinder unter sich erblickte: zwei gluckliche Inseln in dem stillen grunen Meere vor ihm. Eigentlich wurde er ihnen beiden im Augenblick so zugezogen, wie es nur in diesem Alter und in der waglichen Stimmung eines begeisterten Fussreisenden moglich, der, nach einem halben Jahre in engen Zimmern und dumpfen Horsalen, einmal wieder von Morgen bis Abend unter dem durchsichtigen blauen Himmelsgewolbe wandelt; doch hielt ihn ein Dornstrauch an seinem Kleide fest, als er eben uber die Mauer springen wollte. Ahndung und Liebe erscheinen selten getrennt, und so nahm er es als eine warnende Ermahnung der Liebe, nicht auf unrechten Wegen in diesen geheiligten Kreis zu dringen, und begnugte sich sie moglich lange und moglich nahe zu beschauen. Der Wirt hatte seine Begierde die Madchen kennen zu lernen, durch seinen Bericht von ihrem Stande, von ihren Schicksalen und ihrer stillen Lebensweise noch vermehrt; er war kein Adelstor, wie die meisten seines Standes zu jener Zeit, bei denen er fur einen Revolutionar galt, aber er kannte das Achtbare der Familiengesinnungen und Familienehre, die sich noch immer in denen Hausern fortpflanzen, welche sich einst den Herrschern gleich geachtet; das Gleiche mit seinen eigenen Verhaltnissen war ihm von guter Vorbedeutung. Es schwebte ein Wunderbild von weiblicher Sanftheit, Zuruckgezogenheit und Freundlichkeit in seinem Kopfe, das ihm in den beiden Grafinnen zum erstenmal gegenwartig geworden.
Siebentes Kapitel
Graf Karls erster Besuch bei den beiden Grafinnen
Erst in der Ture ihres Schlosses fiel es ihm heiss ein, dass es doch ganz unwurdig sei, mit der erlogenen Kauflust die Begierde nach der Bekanntschaft der Madchen zu bemanteln; aber es liess sich nicht andern, die Ture war schon hinter ihm geschlossen, durch die Saulen der Treppe schimmerte schon das rotgestreifte weisse Kleid der Grafin Dolores, ihre Tritte schallten im Gewolbe. Sie trat ihm, beschamt, dass er die Mangel ihres Anzuges entdecken mochte, mit einigen unverstandlichen Worten entgegen, aber ihr reizender Blick machte seine Worte noch undeutlicher, es war ein Schimmer in den hellbraunen Augen, der sich nicht malen lasst; und doch kommt viel darauf an, jedes zur rechten Zeit zu sehen, zu tun; ware ihm Klelia so begegnet, wahrscheinlich hatte er sich ihr eben so bestimmt ergeben, wie er sich jetzt der schoneren prachtigen Schwester eigen fuhlte. Der Bediente half beiden, indem er weitlauftig von allen Bequemlichkeiten redete, die der untere Speisesaal verberge; von der Wasserleitung, worin sonst das Getrank gekuhlt worden, die aber jetzt verstopft sei. Die innern Wandverzierungen des Schlosses waren meist architektonisch, entweder in Stein, oder in Gips. Da der alte Graf viel gute Gemalde besass, so scheute er sich, sie irgendwo mit Fabrikmalerei gewohnlicher Tapeten zusammen zu bringen, denn beide verlieren dadurch; das Mechanische jener verwohnt das Auge, auch in dem Lebendigen der andern etwas der Art zu sehen, und jene wiederum bussen die Art von Gefalligkeit ein, die sie in Abwesenheit eigentlicher Kunstwerke bewahren. Diese Gemalde waren verkauft, eben so Sessel und Tische und alles, was zu dem eigentlichen Gebrauche der Menschen gehort, auch hatte wohl die Kriegsfurie hin und wieder ihre Fackel an den Wanden geputzt, aber grosser und wurdiger sahen offenbar diese edlen architektonischen Verzierungen in dieser ungehinderten Ubersicht aus. Der Graf hatte nie etwas so Prachtiges gesehen; ohne alle Kauflust war er eingetreten, jetzt aber dachte er sich's als das hochste Gluck in den schonen Verhaltnissen dieser Zimmer sein Leben zu fuhren; unbemerkt, hoffte er, musse dies alles Widersprechende, Ungleiche in ihm ordnen; noch gestand er sich nicht, dass ihm zur Seite auch solche frische Lebensgottin, von so schonem Verhaltnisse wie Dolores gehen musse, ihm war es, als sei ihre Schonheit, die Wolbung ihrer Augenbraunen, das schone Verhaltnis ihrer Zahne, woran die edelste Saulenordnung zu erlautern, nur eine Wirkung von der Herrlichkeit dieses Baues, oder sie selbst sei die Baugottin, so ganz erbaut war er von ihr, von ihrer Rede, von jeder ihrer Bewegungen. So gingen sie durch die schonen Geschosse und der Graf mit dem Wunsche, die Aussicht ganz zu kennen, stieg noch eine Treppe hoher in das oberste Geschoss, das sonst den Bedienten bestimmt gewesen, wo aber jetzt die Grafinnen wohnten, und das Dolores mit ihren Malereien verziert hatte. Sehr ungern folgte sie ihm dahin, sie wusste sich aber durchaus auf keinen Entschuldigungsgrund zu besinnen. Der Graf bewunderte die ausnehmende Fertigkeit, die schonen sichern Umrisse dieser Bilder, Dolores gestand, dass es ein mussiges Spiel von ihr sei. Er glaubte nicht, dass dies das Beste sei, was sie in der Art machen konnte, und so ehrte er sie plotzlich als das hochste Malergenie, das ihm je begegnet, er bewunderte von einer Vorstellung zur andern und so kam er unbemerkt an das Zimmer der Klelia; er meinte es auch leer, als er aber jemand darin erblickte, so machte er die Ture mit einer Entschuldigung schnell zu, ohne sie zu unterscheiden. Gleich wendete er sich zur Grafin Dolores, die verlegen hinter ihm gestanden, weil ihre Schwester sich nicht ordentlich angezogen, nachdem sie ihr das Beste vorweg genommen: "Wer war die Dame?" "Meine Kammerjungfer", sagte die Grafin und der Bediente brummte heimlich vor sich, dass sie nun sogar ihre Schwester verleugne, nachdem sie selbige um einen Liebhaber betrogen; er hatte namlich die Klelia von Jugend auf viel lieber, auch blieb er hier zuruck, um Klelien dahin zu bewegen sich anzuziehen, so gut es gehe, und in den Garten zu kommen, wohin jetzt die Grafin am Arme des Grafen eilte. Diese beiden gingen nun vor dem grunen Platze vorbei, wo der Graf mit einem Seufzer das Leinenzeug vermisste, das ihn morgens in der Sonne geblendet hatte; all der Glanz war zu seiner schonen Fuhrerin ubergegangen. Mit manchem Umschweife, ungewiss, ob er auch nicht beleidige, erzahlte er, wie er sie schon am Morgen beobachtet; sie wurde beschamt, dass sie bei so niedrer Arbeit uberrascht worden, sie wollte ihm einen Wink geben, dass er schweigen mochte, aber er druckte die Hande an seinen Mund. So waren sie bis zur Hohe angestiegen, wo eine Laube von Geissblatt, die sich uber einem Steine wolbte, der einer Bank ganz ahnlich sah, die schonste Stelle schien, die scheidende Pracht der Sonne und die tausend Liebesblicke zu begrussen, die sie dem schonen Tale noch schenkte. Der Graf setzte sich auf den Stein. "Nicht doch", rief die Grafin, "wissen Sie denn, worauf Sie sitzen?" Der Graf sprang auf und sah in den Stein Noten und ein Lied eingehauen; vor der Sonne, die er angeschauet, erschien ihm die Schrift grun wie die Schrift des Fruhlings, die uber der ganzen erstorbnen Erde lauft. Mit einiger Beschamung las er laut ab:
Madchen, fuhret dich dein Knabe
In dem letzten Abendscheine
Hier zu meinem stillen Grabe
Und er wagt es nicht alleine,
Kuss ihn einmal mir zu Ehren,
Das sind meine Seelenmessen;
Kann ich euch das Kussen lehren,
Werd ich nimmermehr vergessen.
Neue Melodien kommen
Und verdrangen meine Lieder,
Doch so viel ich hab vernommen,
Kommt das Kussen immer wieder,
Und von diesen Liebesnoten,
Die ich liebend hab erfunden,
Schallen mir noch bei den Toten
Alle Wiederholungsstunden.
Dolores erzahlte nun dem Grafen, dass ihr Vater hier einen lustigen tiefsinnigen Musiker begraben, der lange Zeit sein Freund und Vertrauter gewesen, und den Weg zu diesem schonen Platze zuerst gefunden und geebnet habe. Der Graf sang mit seiner angenehmen Stimme die einfache wohlige Melodie dieses Liedes, der letzte Abendschein schwankte vor seinen trunknen Augen uber der Ebene und sah in die Tiefen der Berge; er sah ihr so sicher in die Augen und sie konnte sie nicht von ihm wenden: es war der gefalligste Mann, der ihr seit langer Zeit erschienen; sie sah in ihm den Glanz ihrer Geburt wieder hervorgehen, sie horte wieder die rollenden Kutschen vor ihrer Ture, sah in den Fenstern des Schlosses, die vom Abendhimmel widerschienen, alles wie ehemals von Wachskerzen erleuchtet, in den Buschen schienen ihr Musikchore versteckt und sie verweigerte ihm nicht den keuschen Kuss, den er auf ihre Lippen druckte. Wir eilen, denn unter einfachen Verhaltnissen gleicht sich alles in der Welt und jeglicher hat hinlanglich Gefuhl in seiner Brust, und war er noch so arm, um sich lebendiger in solche Stunde hinein zu denken, als es die Worte ihm vorsagen konnen. Nach diesem Kusse schien dem Grafen alles, was er noch sagen konnte, so leer und nuchtern, dass er mit einem zweiten Kusse von der Errotenden Abschied nahm, und auf und davon uber Hecken und Mauer ins Geburge eilte, seines frohen Herzens selbst bewusst zu werden, das ihn so machtig anregte. Aber statt ganz frohlich zu werden, wurde er immer wehmutiger und es rief in ihm, bis er es auswendig wusste:
Sie gab, was mich verarmet,
Mir scheidend ihren Mund,
Sie hat sich mein erbarmet,
Ach Gott, wem tu ich's kund!
Ich kann's nicht in mir lassen,
Es sprenget meine Brust,
Es kann's die Welt nicht fassen,
Was mir allein bewusst.
Wie mir der Abend rotet,
Noch niemand wissen muss;
Ach hatt' sie mich getotet
Im ersten, ersten Kuss!
Von Schmerzen konnt ich ruhen,
Im Jubel vieles tun,
In schweren Reiseschuhen
Tanz ich so toricht nun!
Wirklich hatte er in sich jubelnd eine glatte Buche umfasst, und tanzte um sie her, weil er niemand fand, mit dem er tanzen konnte, und lachte dann. Allmahlich sammelte sich der Taumel aller einzelnen Gefuhle, die in ihm aufgeregt; endlich wurde er so gewiss in sich, dass Liebe und Gegenliebe, zwei Gottheiten, die so lange getrennt uber den Erdboden einander suchend umherirrten, sich in ihnen beiden so vollkommen begegnet und begrusst hatten, dass sie wohl nie wieder von einander lassen wurden in Zeit und Ewigkeit. Als er nach Hause kam, wollte er noch spat sein Tagebuch schreiben, aber er wusste nicht auszudrukken, was ihm begegnet, schlafen konnte er auch nicht, ob er sich gleich endlich niederlegte, und so sang er der Nachtigall zu und dem rauschenden Strome, die mit einander wetteiferten:
Mir ist zu licht zum Schlafen,
Der Tag bricht in die Nacht,
Die Seele ruht im Hafen,
Ich bin so froh verwacht.
Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus,
Was ist's, dass ich mich quale,
Ob sie auch fand ein Haus.
Sie hat es wohl gefunden,
Auf ihren Lippen schon,
O welche sel'ge Stunden,
Wie ist mir so geschehn.
Was soll ich nun noch sehen,
Ach alles ist in ihr,
Was fuhlen, was erflehen,
Es ward ja alles mir.
Ich habe was zu sinnen,
Ich hab, was mich begluckt,
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzuckt.
Achtes Kapitel
Graf Karl verlobt sich mit der Grafin Dolores
Am andern Morgen wurde alles fest unter ihnen besprochen, sie verstanden einander, dass sie verlobt waren, und wussten nicht wie; er hatte keinen Ring bei sich, sonst ware auch diese Formlichkeit beobachtet worden; von der Universitat wollte er einen zierlichen Goldring senden, er nahm das Mass an ihrem schonen Finger mit einem seiner Haare. Klelia trat darauf ein; der Graf fasste eine ungemeine Achtung gegen sie bei ihrem ersten Anblicke: die Hohe ihrer Gestalt und Stirne, ihr feiner Mund, ihr klares Auge geboten jedem Achtung; sie nahte sich ihm vertraulich, tadelte zwar die grosse Eile in der Verbindung mit ihrer Schwester, aber so wohlwollend, dass beide sie dafur kussen mussten. Der Graf, dem noch von Jugend an eine gewisse allegorische Mythologie anhing, glaubte in ihr die Freundschaft zu entdecken, wie er in der Schwester die Liebe gefunden; gewiss war es, so wenig sie sich vordrangte, so milde schutzte ihr reicher ernster Geist die beiden Liebenden gegen den langweiligen Uberdruss, der den zuruckhaltenden Brautstand bei allen Ausserungen von Gluck in manchen Stunden doch ganz fatal macht. Wir wollen uns nun einige Wochen denken, wie wir sie entweder selbst erlebt, oder aus dem Berichte glucklicher Seelen, oder aus Buchern kennen gelernt, von Liebe umwunden, von der wohlwollenden Freundschaft der guten Klelia belebt, die mit Muttersorgfalt sie beide bewachte und sich an ihnen erfreute und den Grafen vor allen Mannern ehrte und bewunderte. Dolores glaubte, dass sie den Grafen liebe, alle ihre Hoffnungen waren ja auf ihn gesetzt, auch war es unvermeidlich, dass er nicht bei naherer Bekanntschaft gewonnen hatte; seine Liebe zu ihr konnte sich nicht mehren und nicht mindern, es war Liebe, und so brachte er unbemerkt die ganzen Ferien in dem geliebten Kreise der guten Stadt zu, die ihm sein eigentliches Vaterland zu sein schien; die ferne Schweiz mit ihren Wasserfallen, Eismeeren, heiligen Freiheitstempeln und unsterblichen Schlachtfeldern lag ihm ausser seiner Welt. Zuweilen warf er es sich vor, dass er die ganzen Tage bei den Madchen mit Nichtstun zubringe, auch furchtete er ihnen uberflussig zu werden, aber dann baten sie ihn jeden Abend, dass er am Morgen doch ja recht fruh wiederkommen mochte; bald wollten sie eine Stunde auf der Gitarre, bald im Spanischen bei ihm nehmen. Die sorgfaltige Erziehung seiner Mutter hatte alle Fertigkeiten und Kenntnisse der gebildetsten Stande in ihm gesammelt; durch das Vergnugen dies Erlernte so schonen Wesen mitzuteilen, erhielt es in ihm selbst eine schonere Gestalt und Anordnung, er lernte seinen Vorrat kennen und brauchen, er gewann vielleicht eben so viel durch seine Liebschaft, als andre Studenten durch ihre Liebeleien verlieren. Klelia gab ihm den Mut ohne Scheu religios zu sein, den er unter bornierten Bigotten und bei frechen Spottern verloren, er wagte es ohne Scheu seinen Glauben an Geheimnisse des hoheren Lebens und an deren sinnliche Offenbarung zu bekennen; er wusste, dass sie ihn verstand und wurdigte, das merkte er aber auch, dass diese Gesinnungen seiner Dolores abschreckend waren. Seine Betrachtung daruber glich diesen Unterschied bald aus, er meinte es die hochste Unschuld, Gott und die Welt, alles in sich zu fuhlen und zu ehren, ohne es von sich zu trennen so leicht weiss sich ein Liebender von dem zu uberreden, was er nicht anders wissen will. Die Beendigung ihres Bildes, das er immer neu anfing und nie zu seiner volligen Befriedigung enden konnte, da sie ihr Gesicht, um noch schoner, noch lebhafter zu erscheinen, ganz unnutz bewegte und veranderte, hielt ihn noch uber seine Ferienzeit in der Stadt zuruck; es waren so schone Stunden, wo er ihr so oft in die Augen sah. Auch sie unternahm es ihn zu zeichnen, aber die Geduld fehlte ihr, es wurde eine Karikatur. Um ihren Fehler zu verstecken, hatte sie namlich allmahlich alles ubertrieben; er wunderte sich uber sich selbst, dass er so aussehe in ihren Augen, wir aber mussen bekennen, dass wir jungen Madchen, die Karikaturen zu zeichnen geneigt sind, einen Hexenprozess machen wurden, es geht nicht mit rechten Dingen zu und ist uns in der innersten Seele verhasst; was kann denn ein Madchen noch menschlich erhalten, wenn ihr die menschliche Schonheit nicht einmal heilig ist, die uberall selten, nun noch durch den unausloschlichen Eindruck echter Zerrbilder, bei jeder Wiederbegegnung des misshandelten Unglucklichen, aus den letzten Schlupfwinkeln immer mehr verschwindet. Bald tragt er vor unsrer Einbildungskraft wirklich alle die erschrecklichen Ecken und Verdrehungen bei Gott, nur ein verzweifelnder Politiker, der das Wohl des ganzen Staats in Gefahr sieht, darf so frech das Ebenbild Gottes im einzelnen Menschen verhunzen, als wir solches in England sehen. Klelia sagte der Dolores das oft, wenn sie ihr so allerlei unschuldige Leute, die ihr irgendwo begegnet, vorlegte; diese aber meinte, man durfe das nicht so ernsthaft nehmen und es erkenne doch jeder den Scherz.
Inzwischen war in der innern Haushaltung des Schlosses einige Veranderung durch die Freigebigkeit des Grafen hervorgebracht. Er hatte sich, nicht ohne weitlauftige Uberlegung und Abwagung verschiedener anderer Gelegenheiten die beiden armen schonen Kinder zu unterstutzen, endlich eines Abends mit niedergeschlagenen Augen an seinen Wirt gewendet der ihm die erste Bekanntschaft im Schlosse erworben, ihm auch die druckende Armut dort beschrieben hatte und ihm bei unverbruchlicher Verschwiegenheit zwei Dritteile seines Reisegeldes eingehandigt, sie den Grafinnen als eine heimliche alte Schuld, die ihr Vater in seinen Buchern einzutragen vergessen, ohne Nennung des Schuldners zu ubermachen. Der Wirt ubernahm den Auftrag sehr gern, aber er schenkte nach seiner Art reinen Wein ein; auch hatte es allzu unnaturlich ihm gelassen, wenn er, der dringendste aller Schuldner, dieses Geld, das offenbar der Masse anheim fiel, den Kindern uberliefert hatte. Klelia entschied durchaus, dass sie dies Geld nicht annehmen konnten; es sei erniedrigend, von einem jungen Manne, der wahrscheinlich selbst keinen Uberfluss grosser Reichtumer besitze, eine so bedeutende Summe anzunehmen, es konne ihn zum Schuldenmachen verleiten; uberhaupt verstimme es das gute Verhaltnis, in welchem sie bisher mit ihm gestanden. Dolores warf ihr einen falschen Hochmut vor, sie mochte denken, wie sie noch am Morgen in ihrem Bette um eine Unterstutzung gebetet, dass sie ohne Schande vor der Welt und vor den Augen ihres Freundes bestehen konnten; das Fasten musse auch endlich ihrer Gesundheit schaden, das beweise schon die krampfhafte Ohnmacht, in die sie neulich verfallen; genug, sie nehme das Geld zu ihrem Besten an, sie wolle als Schwester fur sie sorgen, und somit nahm sie den Geldbeutel und der Wirt, der sich eine Freude gedacht hatte, um an die Decke zu springen, schuttelte den Kopf und ging und dachte in sich: mit armer Leute Hochmut wischt sich der Teufel den Mund.
Klelia ehrte die gute Absicht in ihrer Schwester, ob ihr gleich die ganze Sache nicht recht schien; wie sehr verwunderte sie sich aber, als sie bald den grossten Teil der Summe von ihrer Schwester fur allerlei Putz ausgegeben sah. Sie erinnerte, aber Dolores wurde bose, sie mochte bedenken, dass des Grafen Liebe zu ihr diese Summe ins Haus gefuhrt, darum wolle sie auch ihm zur Liebe sie verwenden; Klelia erinnerte umsonst, so ware es doch besser ihn zu bewirten, ihm selbst den Aufenthalt in der Stadt weniger kostspielig zu machen, wenn sie es fur ihn verwenden wolle. Aber Dolores meinte, sie konnten es doch nicht standesgemass einrichten, dazu fehle ihnen Gerat und Dienerschaft, und sie liess sich uberhaupt nicht viel einreden, wo sie etwas beschlossen hatte. Sie schmuckte sich und die Zimmer, dann auch die Schwester, schaffte auch mancherlei Leckereien, denen sie lange hatte entsagen mussen; ihr gewohnliches Leben aber ging in voriger Karglichkeit fort. Der Graf glaubte seine List glucklich ausgefuhrt, Dolores begrusste ihn wie sonst ganz unbefangen, nur Klelie war etwas verlegen; er dachte in sich: sollte das wohl Stolz sein, nun sie fur einige Zeit in bessere Umstande gekommen; wohl hat mich die Mutter oft vor dem Stolze frommer Menschen gewarnt, ich muss sie selbst bei Gelegenheit davor warnen. Es sei uns hier vergonnt die Jugend ernstlich gegen Menschen voll boser Erfahrung zu verwarnen, damit sie selbst Erfahrungen macht, statt sich jede Lebensaussicht durch gefarbte Glaser zu entstellen; furchte jeden, der sich so zum Mittelpunkte der ganzen Welt macht, dass er zu sagen wagt: "so sind die Weiber, so sind die Manner in Tugenden, in Lastern", weil der kleine Kreis seines Lebens sie ihm ofter so dargestellt hat; die Beobachtung, die in ihm erloschen und ausgestorben, sieht durch die Fugung seiner Kristallinse, die das Ungluck verknochert hat, die ewig fortstrebende, durch alle Geschlechter sich fortbildende Welt in Winkel und Abschnitte geteilt; ehre und hore ihn, es wird dich weiser machen und aufmerksamer, aber beobachte uberall erst selbst; denn dasselbe kommt nie wieder in der Welt, nicht in Tugenden, nicht in Lastern; jener steht im Traume uber der Welt und ist tief unter ihr und baut sich sein Grab; du aber, liebe Jugend, sollst wachen und schaffen und dir ein Haus bauen aus Rosen und es mit Lilien decken, solange dir Rosen und Lilien bluhen.
Neuntes Kapitel
Graf Karl in Armut. Ruckreise nach der Universitat
Als der Graf bemerkte, dass der Putz seiner geliebten Dolores Freude mache, so fand er diese Liebhaberei am Unbedeutenden so artig madchenhaft, dass er sich allerhand gute Gelegenheiten ersann, ihr Geschenke der Art zu ubermachen; bald kam eine arme Kramerin, die so etwas zum Verkauf bringen musste zu geringem Preise, bald hatte er, um sie zu erschrecken, eine Puppe schon ausgeputzt, dann war es Jahrmarkt. Klelien schenkte er einige Dichterwerke, auch manches Gedicht von ihm selber, die freilich wie ein allzu heftig schaumendes Getrank den Becher mehr mit feinem glanzenden Schaume als mit erquickender Flussigkeit fullten, aber von ihr doch sinniger aufgefasst wurden, als von der Schwester, der er sie viel zu schlecht glaubte. Mit solchen Ausgaben ging das zuruckbehaltene Dritteil seines Reisegeldes unbemerkt ganz auf, so fand er sich eines Tages, als er einen kleinen Ring fur Dolores erkaufen wollte, ohne Geld; das fiel ihm so schwer aufs Herz mitten in seinem leichten Taumel, er war so fremd in solchen Angelegenheiten, dass er sich oft in der ersten Verwirrung wunschte, von irgend einem fallenden Dachziegel erschlagen zu werden. Ohne diese Geldnot ware er schwerlich aus dem Zauberschlosse gewichen, aber einige reiche Landsleute, die durchreisend zu seiner Universitat von seinem Umgange mit ein paar armen Madchen horten, verpflichteten ihn, indem sie ihm Geld vorstreckten, einen Sitz in ihrem Wagen anzunehmen. Wir wollen uns nicht mit der Erzahlung seines Abschiedes den eignen Schmerz aufruhren, der immer noch unter der Asche von tausend genommenen Abschieden glimmt; ich schweige von der sinnreichen Art, wie er sein Angedenken und das Angedenken jeder Stunde mit kleinen Denkmalen im Hause und im Garten zu befestigen suchte; seiner Dolores war er so gewiss, aber der Boden, auf dem er mit ihr so froh gewandelt, hatte sich belebt, war sein Vertrauter geworden, da nur wollte er leben, der sollte einst auch seine Asche empfangen. Sonderbar, sonderbar, wie der Gedanken von Tod sich in ihm, dem frischen bluhenden Jungling so oft den Liebesgedanken beimischte; aber der Gedanke liegt sehr nahe bei dem hochsten Glucke, das wir zu erschwingen vermogen. Klelia hatte noch so manche freundschaftliche Aufmerksamkeit und Dolores war liebreicher als je, oft glaubte er, der Abschied sei unmoglich, und da war er schon geschehen und es regnete vor seinen Augen, er konnte das Haus kaum sehen, vor dem er stand, und nun ist's vorbei; seh dich noch einmal um, fasse alles recht ins Auge und nun fort. Was soll ich von seiner Sehnsucht, von der Ode sagen, die ihn in der rauschenden jungen Gesellschaft umgab, jeder wollte etwas von der Universitat wissen und er hatte sie ganz bei den Grafinnen vergessen. Uberall sah er Beziehungen auf sie, an jedem Mauerwerk war eine Ahnlichkeit mit etwas im Schlosse, aber laut musste er weinen bei einem kleinen Madchen, das verkleinert ihm ihre Ahnlichkeit darstellte, ohne dass er eigentlich im ersten Augenblicke erraten konnte, was ihm bei dem Kinde einfiele; er beschenkte es reichlich nach seines Alters Wunschen. Uberall schlugen die Uhren erinnernd, was jetzt in dem gleichformigen Gange des kleinen Haushalts der beiden Madchen geschehe; uberall hingen Haushaltungskalender, die ihm vorrechneten, dass wieder ein Tag ihm verloren; uberall sah er Menschen, die sie nicht kannten, Gegenden, die sie nicht gesehen. Zu seiner Zerstreuung liess er sich uberall mit den Menschen in Gesprach ein, einmal mit dem Gartnerburschen eines grossen furstlichen Gartens. Der Bursche lachte uber seinen Obergartner, der fluchend vorbei lief, und sagte: "Der macht sich jetzt in der heissen Sonne ein Geschaft, um nicht zu Hause einzutreffen, da wurde ihm die Frau ein Gesicht machen." "Warum denn, ist sie so bose?" fragte der Graf. "Wie es kommt", meinte der Bursche, "jetzt ist der Furst bei ihr; nicht wahr, Sie merken wohl, was die Glocke geschlagen, unser einer vom Hofe darf davon nicht viel reden." Der Graf schimpfte uber die Nichtswurdigkeit des Obergartners. "Es ist sonst ein braver Mann", sagte der Bursche, "aber die Frau taugt nichts und er liebt sie allzu sehr; schon zweimal ist er in alle Welt gelaufen, um den Jammer nicht mit anzusehen, er findet uberall Brot; aber dann kommt er immer wieder, und bittet es ihr ab, und kann nicht von ihr lassen; es ist, als wenn sie ihm was angetan hatte." Die Geschichte durchschauerte den Grafen so eigen, als liefe der Tod uber sein kunftiges Grab: In der nachsten Station blieb er zuruck von seiner jugendlichen Gesellschaft, schrieb an seine Dolores alles Zartliche, alles Besorgliche, was er unterwegs gedacht, nur diese Geschichte verschwieg er, dagegen setzte er einen ernsten Brief mit seines Namens Unterschrift an den Fursten auf, worin er ihm sein Unrecht grell vormalte und mit den Worten schloss: "Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet." Eine Stunde, nachdem er beide Briefe auf die Post gegeben und kuhler nachdachte, schamte er sich des letzteren an den Fursten gar sehr; er druckte die Augen zu, wurde rot, musste vor sich lacheln, so oft er an die Verwunderung, an das Spotten dachte, was vielleicht aus diesem Briefe folge; lange Zeit konnte ihn sogar der Name des Fursten rot machen, insbesondre wenn er dachte, wie sonderbar sich ein andrer Mensch dieses Rotwerden deuten konnte. Diese Beschamung, etwas dem Weltlaufe so Ungefuges und wahrscheinlich ganz Unnutzes vollbracht zu haben, zerstreute ihn etwas auf der Fortsetzung seiner Reise; seine Schritte beschleunigten sich, um der Beschamung zu entgehen, wahrend ihn die Liebe bei jedem zuruck hielt. Spat Abends, sehr ermudet kam er nach der Universitat auf sein kaltes Zimmer zuruck; die Aufwarterin war nicht zu Hause, er bekam von einem neu angekommenen Studenten Licht und fand alles bei sich, wie er es verlassen, sogar sein Kaffeegerat stand noch, wie er davon zur Reisegesellschaft abgerufen worden; aber in seinem Herzen war es jetzt so warm und draussen so kalt. Hastig schritt er im Zimmer auf und ab, nahm alles in die Hande, legte alles wieder hin; bald wollte er ausgehen, um alte Freunde zu besuchen, um sich den Lectionscatalogus zu holen, bald wollte er noch einen Brief schreiben; aber es wurde aus allem nichts, denn aus der Ferne, aus dem nachsten Gasthause, schallte ihm die reizende Einformigkeit einer Tanzmusik; bald glaubte er darin verstandige Worte zu horen und musste gegen seinen Willen immerfort mit singen: "Ich hab sie, ich halt sie, ich lasse sie nicht." Endlich kam die Magd, freute sich weitlauftig seiner Ankunft, sprach von angekommenen Briefen und brachte aus ihrem Busen einen hervor, der eben abgegeben worden; der Graf fuhr darauf los, es war der erste Brief seiner Dolores, auch einer von Klelien; er konnte ihn nicht gleich lesen. Er fing mit dem letzteren an, dann folgte unter Herzpochen der erste, der liebste; er konnte bis zum Morgen nicht einschlafen. Alle ihre gegenseitigen Briefe sind durch einen Zufall, den wir spater erzahlen, verbrannt worden; sie beschaftigten ihn so ernstlich wie Staatsangelegenheiten, und kam irgendwo Feuer aus, so war immer sein erster Gedanke, wo er die geliebten Briefe ganz sicher wissen mochte. Diese viel gekussten Briefe seiner Dolores stellten recht lebendig manche kleine Begebenheiten dar, die sich in der Stadt ereigneten; sie selbst aber hatte immer ein gewisses stolzes Vergnugen sich kalt wie eine Gotterstatue uber der jauchzenden Volksmenge zu denken. Klelia hatte einige Angstlichkeit in ihren Briefen, sie enthielten manche qualende Betrachtung uber den eignen Seelenzustand, ihre Strenge vergrosserte ihre Fehler; ihre Freundschaft, da sie der Liebe noch ermangelte, nahm ohne ihr Wissen alle Ausdrucke feuriger Leidenschaft an. Der Graf fuhlte zuweilen, dass sie ihm beide nicht schrieben, was ihm das Wichtigste, die kleinen Verhaltnisse ihres taglichen Lebens, wohin sie gebeten worden, was sie da gesprochen; lauter Dinge, die ihm dringend notwendig waren, um jeden Augenblick ihrer mit Wahrscheinlichkeit bewusst zu werden, und so blieb er immer bei den nachsten Tagen nach seiner Abreise stehen, wo sie zum Prediger der Stadt gehen wollten. Er selbst merkte nicht, dass er eben so wenig treffe, was sie von ihm wissen wollten; was ihm begegnete, schien ihm ganz unwert so herrlichen Wesen erzahlt zu werden, auch waren seine sterndrehenden Phantasien, halb in Versen, meist mit fluchtiger Feder so eng geschrieben, dass oft keine der Schwestern sie heraus zu buchstabieren vermochte. Aber jeder seiner Briefe war doch beiden eine Freude; er aber lebte in beider Briefen, lebte darin so schone selige Stunden, sie waren ihm die hochste Belohnung fur jede Arbeit, es schien ihm verdienstlich, wie bei manchen alteren Religionsbuchern ausdrucklich gesagt wird, sie oft durchzulesen, der Briefbote war sein bester Freund, er ahndete sein Kommen. Der Winter verging ihm langsam und schnell, langsam in der Erwartung, schnell wenn er uberlegte, dass schon wieder ein Monat uberwunden; lange vorher, ehe der Fruhling die Vogel um die Erde fuhrt, sang ihm der Dompfaffe, den ihm Dolores in schoner Stunde geschenkt hatte und den er in seiner polnischen Mutze fortgetragen hatte, die wunderbare Melodie des Liedes:
Liebend, um geliebt zu werden,
Reis ich um die grune Erde;
Ach wo wird der Blick mich finden,
Der mich bindet,
Und an welchem frommen Herde
Bleib ich, um geliebt zu werden.
Zweite Abteilung
Reichtum
Erstes Kapitel
Geschichte der beiden Grafinnen in der Abwesenheit
des Grafen Karl
Klelia reist nach Sizilien
Das Schloss und die ubrigen Lebensverhaltnisse unsrer beiden armen Grafinnen hatten sich wahrend dieses Winters durch die Freigebigkeit des Grafen, der ihnen auf dem bekannten Wege durch den Gastwirt beinahe seinen ganzen Wechsel sendete, und nur das Notdurftigste fur sich behielt, bedeutend bequemt und verschonert. Gegen die Bitten der eingezogenen Klelia hatte Dolores ein paar Zimmer des besten Stockwerkes in Ordnung gebracht, zwar moglichst sparsam mit altertumlichem Zimmergerate aus dem furstlichen Schlosse, das eben versteigert wurde, aber doch anstandig genug, um wieder Gaste zu empfangen. Sie fuhlte seit den sechs Wochen, deren sie in des Grafen Gesellschaft froh geworden, ein Bedurfnis der Geselligkeit; sie erneute die alten Bekanntschaften mit den vornehmen Stadtbewohnern, da fand sie manchen jungen Mann recht schon angewachsen, dem sie schon als Kind geneigt gewesen; diese mochte sie nicht vermeiden und ihre Glaubiger liessen sich nicht abweisen, und so fanden sich oft unerwartet die Zimmer ganz voll, sie aber war der schone Mittelpunkt aller dieser Bemuhungen. Klelia war wohl auch schon zu nennen, aber der ganze Ernst ihrer Erscheinung ruckte sie uber die Anspruche des grosseren Haufens hinaus; keiner wagte sich ihr mit einer leeren Schmeichelei, oder mit einem blossen Flickworte der Unterhaltung zu nahern, darum fand sie mancher zu kalt, zu gescheit und wenig unterhaltend. Dolores stellte gern jede Sonderbarkeit recht grell aus, sie fuhlte sich erleichtert, wo sie dem allgemeinen Sinne fur das Passende und Gefallige auf eine ungemeine Art getrotzt hatte; die Manner kannten ihren Vorteil uber jedes Madchen der Art, sie musste ihnen viel argere Sonderbarkeiten durchgehen lassen; beides war der frommen Klelia verhasst, ja sie wurde die Gesellschaften vielleicht ganz gemieden haben, wenn ihre Gegenwart der Schwester nicht wohltatig gewesen ware, um die verschiedenartigen Menschen in Zaum zu halten. Diese verschiedenartigen neuen Eindrucke, welche die Gesellschaft auf die Grafin Dolores machte, verdrangten den Grafen immer mehr aus ihren herrschenden Gedanken; ihre Briefe zeigten davon keine Spur, die Feder fuhrte sie unbewusst immer wieder in die alte Gegend zuruck und dem Grafen war alles herrlich, was ihn daran erinnerte. Ihr Gefuhl schlug uberhaupt hell und laut an nach der Art wie es beruhrt wurde, aber der Nachklang dieser Glocke ging in den nachsten Schlag des Hammers uber und vermischte sich damit; die Zartlichkeit, die der Graf in ihr erweckt hatte, uberraschte sie jetzt in der Nahe jedes liebenswurdigen Mannes; nun fuhlte sie sich freilich so an ihn gebunden, dass sie dies zu keiner eigentlichen Ausserung kommen liess; aber junge Leute in unseren Tagen verstehen sich schon auf Blicke, und also machte sie ihnen wenigstens falsche Hoffnungen, und des Grafen Bild verschwand allmahlich so weit, dass sie ihre Karikatur aufsuchen musste, um sich seiner zu erinnern. Eine schone fromme Seele ist wie das Tuchlein der heiligen Veronika, auf welchem das Bild des Geliebten ohne Malerkunst in ewiger Treue abgedruckt bleibt, alles ist ihr reine Erinnerung von ihm, unverschonert, denn das bedarf er nicht, unverhasslicht, denn das leidet sie nicht; dagegen erscheint eine leichte Weltseele als ein Spiegel, der freilich alles Nahe, das Schone und Hassliche mit einer Lebendigkeit fasst, dass es ganz davon aufgenommen scheint, aber nur das Sichtbare beruhrt sie; jenseit eines schmalen Geburges liegt ihr schon eine Ferne, die sie nicht verbinden kann, und uber alles Vergangene fahrt ausloschend eine Sundflut her. Wie treu bewahrte Klelia ihre Freundschaft zu dem Grafen, wahrend ihn Dolores tagelang in ihren Umgebungen vergass, und wie toricht legte sich der Graf, der Meinung seiner Mutter eingedenk, dass nie blosse Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern gefunden werde, jene Ausserungen warmer Freundschaft als eine unselige Liebe aus, die sich selbst nicht verstande und die er bekampfen musse. Diese kalten Briefe wirkten vielleicht mehr als die ausserlichen Vorteile und die Rucksichten auf ihre Gesundheit, sie zur Annahme eines Vorschlags zu bestimmen, der sie ihrer Schwester und dem Grafen auf langere Zeit entriss. Eine ihrer Basen, die wurdige Frau eines Schweizer-Obersten in Sizilien, war von ihrem Manne zu einer schnellen Abreise dahin bestimmt; da ihre Kinder gestorben, so wunschte er ein paar seiner armeren Anverwandten sich zu gewohnen, und in sein Haus zu nehmen, um ihnen den Mitgenuss seiner reichlichen Einnahmen und seines angenehmen Hauses zu schenken, wenn er ihnen gleich kein bedeutendes Vermogen hinterlassen konne. Sie machte den beiden Grafinnen den Vorschlag, ihr Gluck in jenen entfernten schoneren Klimaten zu versuchen. Wir wissen, was Klelia zu der Annahme dieses Vorschlages bestimmte; auch die schmerzliche Erinnerung an ihre Eltern und das Unertragliche von fremden Wohltaten zu leben, hatten Anteil an dem Entschlusse; wie sehr erstaunte sie aber, als Dolores ganz rucksichtslos sich auch fur die Mitreise erklarte. Das Fremdartige des Unternehmens reizte sie, dass sie viele, und viele von ihr sprechen wurden; der blaue Himmel, die Musik, der Karneval, endlich die Kunstdenkmale, an denen sie ihr Malertalent ausbilden wollte, der ganze Feststaat, den tausend Beschreibungen um den Namen Italia gelegt haben, das alles rauschte vor ihr uber, und die vernunftigen Vorstellungen der Schwester, eine nahe vorteilhafte Heirat mit einem geliebten Manne der blossen Neugierde nicht aufzuopfern, genugten ihr nicht davon abzustehen; die Obristin musste ihr, nachdem sie die Umstande erfahren, den Platz in ihrem Wagen ausdrucklich versagen. Wir, die wir den Ausgang kennen, wunschen, sie ware dem Winke ihrer Natur gefolgt, der Natur, die sich in ihrer Sehnsucht und Laune selten ungestraft widersprechen lasst, denn sie allein weiss, was sie will, wir aber wollen, was wir nicht wissen.
Klelia reiste mit schwerem Herzen aus dem vaterlichen Hause, Dolores hatte ihre Ermahnungen nicht anhoren wollen; sie liess ihr ein schriftliches Vermachtnis, das diese zerstreut und weinend uber ihr Schicksal wohl durchlas, aber in keiner Hinsicht beachtete. Statt der Erinnerung zu folgen, allen den Gesellschaften zu entsagen, die ihrem kunftigen Leben meist ganz unangemessen, suchte sie sich vielmehr fur alle entbehrte italienische Luft zu entschadigen. Die Stadtballe, die sie sonst aus gemeinsamem Stolze wie ihre Schwester verschmaht hatte, wurden ihr ganz notwendig; sie wollte sich eben so in Kleidern auszeichnen, wie sie durch Schonheit hervor leuchtete, und so verschwendete sie sehr schnell, was der Graf sich abgespart, und was die Obristin ihr verehrt hatte. Auch ihre Lust am Reiten kam ihr wieder; sie wusste, wie verhasst dies dem Grafen an Frauen war, der darin einen besondern Trotz gegen die offentliche Meinung ahndete, die an kleineren Orten Deutschlands gewohnlich hinter den Reiterinnen herlacht und jeden kleinen Unglucksfall mit Spott wiederholt und vergrossert. Naturlich schrieb sie ihm nichts von dem allen, sie suchte die einsamen Stunden eines allgemeinen Uberdrusses auf, wo die Sehnsucht nach seinem vetraulichern Umgang ihr wiederkehrte, um ihm so schmachtend, so susstraurend zu schreiben, wie eine Braut des Himmels; es war das gar keine absichtliche Verstellung, sie hatte aber wahrlich keine andre Zeit dazu finden konnen und in den Stunden war es ihr Ernst. Eins unterscheidet das reine Gemut und das grosse Talent, die Einheit seines ganzen Daseins, mannigfaltig wie Gottes Welt. Das kleinliche Gemut ist gleich dem besten Menschenwerke aus widersprechenden Stucken zusammengesetzt, unter denen manches herrlich sein kann, aber es muss aus dem Zusammenhange herausgerissen sein, um ganz gewurdigt zu werden.
Zweites Kapitel
Graf Karls Ruckkehr zur Grafin Dolores.
Missvergnugen und Streit
Unserm befreundeten Grafen gaben endlich die Osterferien volle Freiheit zu seiner Braut hinzuwandern, jeden Tag hatte er bis dahin an seiner Ture ausgestrichen, alles war voraus eingepackt, geordnet, der Abschied war genommen, und einsam wie ein Pilger nach heiligen Orten, voll Gedanken fromm und rein, in denselben alten, an der Sonne verschossenen grunen Husarenkleidern, schritt er eifrig uber Berg und Tal, ohne Umsehens, schweigend in sich, dem hohen Ziele seiner Wallfahrt zu. Und wie er sich dem naherte, immer hoher schlug ihm sein Herz, und als er wieder auf dem Felsen sass, wo er sie zuerst belauscht, wie sie Linnen begossen: weicher kann kein Konig sitzen, der lange vertrieben seinen Thron fest und unbesetzt wiederfindet. Die Sonne stand ihm im Abendscheine gerade gegenuber, sie blendete ihn und erweckte vor seinen Augen eine Welt von Blumen, wie es kaum die Morgensonne vermag; endlich konnte er hinuntersehen, wo ihn das Linnen sonst geblendet; er wischte sich die Augen, so viele springende Funken erschienen vor ihm. Endlich unterschied er Dolores, wie sie mit verbundenen Augen zwischen einer Zahl junger Herren und Madchen ein Haschen spielte. Was war unschuldiger als dieses Kinderspiel und doch gehorte es nicht zu ihr, wie er sie gekannt, wie sie sich und ihre Stimmung und ihre Lebensweise in ihren Briefen dargestellt hatte; sie hatte sich in einen Edelmut und Heiligkeit verwegen hinein geschrieben, die sie nun jeden Augenblick ableugnen musste; die Briefe waren kein Schattenriss von ihr, sondern eine abgestreifte glanzende Haut, von der sie sich gern zu gewissen Zeiten befreite, um dann um so gelenkiger in ihrer eigentlichen Natur sich zu bewegen. Das alles bemerkte der Graf mit einem tiefen Ingrimm, den er noch nie in sich gespurt; fluchte, als sie einen jungen Mann erhaschte, der sich lange wehrte, bis sie die Binde sich von den Augen gerissen und ihn erkannt hatte. Nun kniete der junge Mann vor ihr nieder und sie verband ihm die Augen und spielte dann so artig mit den Handen vor ihm herum, ihn zu prufen, ob er sehen konne, bis er die eine Hand ergriff und einen Kuss darauf druckte; nun sprang der Malm gleichgultig auf und das Spiel begann in der bekannten Art. Der Graf dachte, wie dankbar er fur solche Gunst wurde gewesen sein, und da traumte er sich so hinein, dass seine Neigung die Eifersucht bald niedergekampft hatte. Jetzt wurde sie wieder gefangen und augenverbunden; er freute sich an ihren zierlichen Bewegungen, und als er sich an der Mauer moglichst genahert hatte, lief sie einmal wild suchend so schnell nach der Gegend, dass der Luftstrom das feine weisse Kleid so dicht anwehete, dass der ganze Umriss ihres schonen Wuchses deutlicher, als er ihn je gesehen, ihm entgegentrat: welche Fulle im schonsten Ebenmasse! Jetzt hielt er sich nicht mehr, er sprang uber die Mauer und mischte sich unter die laufende Menge, der es nicht befremdlich war, noch durch einen Gast vermehrt zu werden.
Der Graf nahm sich absichtlich so ungeschickt, dass Dolores ihn fing; wie war sie uberrascht, als sie heissatmend ihre Binde luftete, ihren Geliebten zu sehen, aber leider wie verandert. Das armliche eingezogene strengfleissige Leben hatte ihm wohl etwas von der Frische genommen, in der er das erstemal erschien, und die Liebe, die in ihm verschlossen, und die Sonne, in der er selig traumend, ihrer gedenkend, oft stundenlang gelegen, hatten ihn gebraunt; mehr aber entstellten ihn in ihren Augen die verschossenen Kleider, die schmutzige Wasche und vor allem die Vergleichung mit gar vielen schoneren, grosseren Mannern, die sie unterdessen kennen gelernt und die ihn zum Teil in der Gesellschaft neugierig umstanden. Damals in ihrer Einsamkeit war er ihr als der Schonste erschienen, so hatte sie ihn allen ihren neuen Bekannten beschrieben, damals hatte sie ihm rucksichtslos, weil niemand sie storte, jede Liebkosung gewahrt, jetzt ware ihre grosse Vertraulichkeit leicht ein Gegenstand ubler Nachrede fur die Madchen der Gesellschaft geworden; das alles wirkte auf sie, ohne dass sie es einzeln deutlich dachte; so froh sie erst aufjauchzte bei seinem Anblicke, so folgte gleich eine verwundernde Stille. Der Graf wollte sie kussen, sie kam ihm etwas mit dem Munde entgegen, dann zog sie ihn wieder zuruck; der Kuss kam zustande, aber wie ein Wappenabdruck, wenn das Siegellack schon kalt geworden; genug, die Wonne, die er in ihrem ersten Grusse erwartete, die fand er nicht. Das machte ihn nachdenkend; statt der tausend Dinge, die sich ihr vorher mitteilen wollten, fiel ihm jetzt kaum ein unbedeutendes Wort ein zum herzlichen Grusse. Die Lebhaftigkeit der Dolores suchte das auszugleichen, und zu verguten; sie neckte alle, sie neckte ihn und suchte sich vor ihrem Geliebten in der ganzen Pracht ihrer neuen geselligen Ausbildung zu entfalten, die bei Madchen des Alters haufiger als bei Mannern in eine Art unbandigen Geschwatzes ubergeht. Es war ein boser Streich, den ihr die Eitelkeit spielte; dem Grafen schien es ein entsetzliches Geschrei ohne allen Sinn und Geschick, ein dummdreistes Zudecken der Verlegenheit mit Verlegenheit, unzierlich, leer und absprechend; es schien ihm, all und jeder fande darin seine Stelle, nur er nicht mit seiner Gesinnung, mit seinem Ernst, mit seiner Laune und nun schmerzte ihn die Abwesenheit der guten Klelia doppelt, die sicher alle schreiende Farben dieses Bildes in einen milden Schatten gestellt hatte. Gern ware er mit Dolores einige Augenblicke allein gewesen, aber sie gab keine Gelegenheit dazu; und da die Gaste keine Lust bezeigten, sich seinetwegen zu beurlauben, so entfernte er sich ihretwegen, indem er eine Ermudung nach langer Reise vorschutzte. Dolores glaubte daran und merkte nichts von seinem Unmute; sie horchte, was jeder von ihm sagen wurde, und lobte ihn allen mit vieler Beredsamkeit, bis einer ihr so heimlich schmeichelnd sagte: "Ich weiss nicht, ob Sie schoner oder gutiger sind, aber das weiss ich, Ihr Geist setzt alles durch, macht die Stummen geistreich; gestehen Sie's nur, Sie selbst konnen nicht blind sein?" Sie lachelte und die Unterredung war aus, die Gesellschaft ging aus einander und einer sprach heimgehend zum andern: "Schade, hatte das hubsche Madchen Geld, so brauchte sie den ungeschliffenen Grafen nicht zu heiraten; lieben kann sie ihn unmoglich, ich hab's ihr wohl angemerkt." "Nun da gibt's gute Zeit fur uns junge Leute", meinte scherzend ein alter Hagestolz.
Graf Karl sah die Gesellschaft die Strasse herunter bei sich voruber gehen, er hatte sich eine Wohnung in der Nahe der Grafin gemietet; er wurfelte mit seinen Gedanken in Gedanken, ihm war es einerlei, ob er etwas oder nichts geworfen; in dieser Gesinnung sind die folgenden Verse damals von ihm ins Tagebuch geschrieben:
Da steh ich an meinem Fenster,
Und sehe doch nicht heraus,
Da gehen so viel Gespenster,
Die tauschten mein Liebchen mir aus.
Das sind so geistreiche Manner,
Die sprachen mit Liebchen so tief,
Bis sie von allem die Kenner,
Was in der Seele noch schlief;
Das haben sie aufgewecket,
Noch eh' es recht wachen konnt,
Und haben sich mit genecket,
Als wenn der Mondschein sich sonnt,
Die Seel ist ihr ausgetauschet,
Sie war mir ja sonst so lieb,
Wo nun ihr Geschrei mir rauschet,
Da mein ich, es werde so trub.
Ich hatte so fromm sie verlassen,
Als trostlos ins Stadtlein ich ging,
Sie tat noch so heimlich da spassen,
Ich musste ihr messen den Ring;
Zwar lang musst im Stadtlein ich warten,
Bis ich ein Ringlein ihr fand,
Der Feinen und der Vielzarten,
Das passte an ihre Hand.
Da bin ich auf Freunde gestossen
Und sagt es doch keinem nicht,
Warum die Tranen mir flossen
Froh uber mein Angesicht,
Und will es auch keinem hier sagen,
Warum ich nun traurig und stumm,
Denn alle Worte versagen,
Wo alles geht so dumm.
Denn wie ich zuruckgekommen,
Da sassen so viele beim Schmaus,
Die hatte sie aufgenommen,
Mir blieb da kein Platzchen im Haus.
Da fehlt es an Schussel und Teller,
Zwar gab sie das Beste mir gern,
Doch waren die andern viel schneller,
Es sorgten fur sich nur die Herrn.
Sie hatten sich selber geladen,
Und ruhmten sie alle so sehr,
Das muss ihr wahrlich noch schaden,
Dass sie so vorlaut war;
Sie hat den einen geschlagen,
Er wusste gar nicht warum,
Den andern auf Handen getragen,
Ich sass da betreten und stumm.
Da hat mich der eine betrogen,
Gar heimlich um meinen Ring,
Ihn auf ein Bandlein gezogen,
Im Kreise er da ging;
Ich kann wohl beten und singen,
Doch weiss ich nicht fur was,
Vor Arger mochte ich springen,
Wenn das noch heisst ein Spass!
Was steh ich und sinn uber andre,
Und bin nicht recht bei mir,
Viel lieber geh ich und wandre,
Viel tausend Meilen von hier;
Viel tausend Meilen und weiter,
Geh uber und unter im Meer,
Drin steht eine Himmelsleiter,
Ach wer nur im Himmel erst war.
Kaum hatte er diese Worte geschrieben, so ubte die Ermudung ihr Recht; er warf sich unausgezogen auf den Sessel am offenen Fenster und betrat die ersten Stufen der Himmelsleiter, auf denen sich der Mensch ohne zu schwindeln erhalten kann. Frische Jugend, reich an Hoffen, wie der Fruhling an blauen Blumen, jeder Morgen weckt neue fur die abgebluhten am Abend, deren Stelle kaum mehr zu finden, unzahlige Knospen warten noch ungeduldig auf ihre Entfaltung! Am Morgen, der ihn aus schonem Traume zum schoneren Leben erweckte, war des jungen Mannes Gram von der Brust, die am offenen Fenster voll Tau hing, bald mit diesem hinweggesonnt; der Wind trieb das Zimmer voll Bluten aus dem Schlossgarten her; die Ebene von den einzelnen Baumreihen der abgeteilten Garten durchschnitten, wo jeder Zweig ihm altbekannt, hallte vom alten Jubel; er schalt seinen Argwohn, der ihm den Genuss der ersten Freude getrubt hatte, eine Torheit, eine Krankheit, eilte hinunter, im vorbei rauschenden Flusse sich rein zu baden und aus zu frieren. Als er so im Flusse gegen den Strom sich zu erhalten strebte, sah er ferne in dem graflichen Schlosse ein Fenster sich offnen; es war Dolores, die er wohl zwischen den Gestrauchen durch, aber sie nicht ihn erkennen konnte; wie Tantalus spannte er die Arme nach ihr aus, und dachte mit seliger Zuversicht: Du siehst mich nicht, du schonster Apfel der ganzen Flur und meine Hande konnen dich nicht erreichen und doch bist du mein, bald mein, und ich bin bei dir; wohl mir, dass ich nicht bin wie die Erle und wie die wilde Rose neben mir, die auch ihre Arme zu dir ausstrecken; ich kann wandeln uber Berg und Tal, durch Luft und Wasser und bald bin ich bei dir, und du reichst mir die Hand! Wir wollen nicht lacheln, dass ein Mensch sich einmal freut ein Mensch zu sein, verfluchen es doch so viele und verleugnen es. Er zog sich zierlich an, Weste und Pantalons von rot und weiss gestreiftem Sommerzeuge, eine rund geschnitten Jacke von leichtem grunen Tuche; so trat er in das Zimmer der Grafin, die ihn in einem gegen die gestrige Pracht allzu sehr vernachlassigten, durchgestossenen Morgenanzuge von dem fatalen Zeuge, das Sanspeine genannt wird, empfing, doch ganz die alte in Liebenswurdigkeit und Zutraulichkeit. Mit vieler Laune spottete sie uber einen grossen Teil der Gesellschaft, die ihr nur zur Zerstreuung wegen der Abwesenheit ihrer Schwester dienen sollte. Der Graf deckte nun ein Paket auf, wonach sie neugierig geblickt hatte; oben auf lag der Verlobungsring, den er ihr aus der Nachlassenschaft seiner Mutter verehrte: die zwolf Apostel, jeder mit seinem Zeichen, bildeten in halberhabener Silberarbeit den Reifen; in ihrem Kreise glanzte in Golde Christus in einem Strahlenscheine hoch erhaben, in seinen Handen Kelch und Brot: alles von sehr schoner Arbeit, aber freilich nicht im neuesten Stile; er ubergab ihn ihr als das liebste Geschenk unter allem, was er je besessen; sie tat zwar ihm zur Liebe, als wenn er ihr lieb sei, doch dachte sie mit Arger daran, dass sie ihn in Gesellschaft nicht wurde tragen konnen; steckte ihn aber an und bewahrte ihn. Dann ubergab er ihr eine ganze Reihe der zierlichsten Nonnenarbeiten, die er in einem Kloster am Wege mit grosser Freude erkauft hatte; es waren teils fein gemalte Heilige auf zerstochenem Papiere, ein kleines elfenbeinernes Tabernakel, Marienbilder, aus seidenen Lappchen zusammengesetzt, geweihte Rosenkranze, eine Menge kindlich zierlicher kirchlicher Pracht. Auch hieruber musste sie sich aus Anstand freuen, sie hatte aber etwas viel Angenehmeres, allerlei neuen Putz erwartet, auch wusste sie nichts mit diesen artigen Kleinigkeiten anzufangen, zu denen sie weder Andacht noch Spiellust fuhlte; sie konnte sich nicht zufrieden geben uber den gewaltigen Fleiss, der auf so was Unnutzes verwendet, und schon diese Ausserung war ihm unangenehm, der ganz gerecht den Fleiss hochachtete, der so unbedeutende Stoffe zu beleben vermocht hatte. Dolores hatte aber wahrend des einen Winters regelmassiger Stadtvergnugungen sehr viel von der innern Freudigkeit vergessen, die aus sich selbst und geringen Anlassen schopft; zu einer Klaviermusik hatte sie nicht mehr tanzen konnen; um sie anzuregen, gehorte wenigstens eine Gesellschaft von zehnen, die alle auf sie achteten, und wenigstens die Gegenwart eines Menschen, der ihr ganz unbekannt und dessen Aufmerksamkeit sie an sich ziehen wollte. Wie unglaublich nutzt die tagliche Mittelstufe der Gesellschaft, die stets sich beachtet, um nicht in Lust oder Schmerz abzuirren, die selbst uberlassene Freude auf; mit Hamlet mochten wir jungen Madchen, die wir darin erblicken, zurufen: "Geht in ein Nonnenkloster statt an den Spieltisch zu gehen." Schon darum reizen uns die Landfraulein, die nur auf wenige Wochen in die Stadt kommen, weil sie wie die Beurlaubten unter den Soldaten vor den steten Diensttuern eine grosse Munterkeit bewahren, auch gewinnen die meisten Menschen durch Reisen in sehr verschieden gebildete Lander bloss darum ein gewisses poetisches Wesen, weil ihnen der Unwert vieler Verhaltnisse unwiderlegbar einleuchtend geworden; ihr eignes Vaterland uberrascht sie mit manchem, was sie sonst ubersehen und verachtet. Diese Betrachtungen geben wir als Leichenrede jener artigen Sachelchen, die der Graf zum Geschenke brachte und ein paar Tage darauf die Heiligen mit Schnurrbarten und Schonpflasterchen schrecklich bemalt bei Dolores antraf, die von dieser Arbeit ausruhend, sich vor Lachen nicht zu lassen wusste. Ihre Gleichgultigkeit dagegen hatte ihn gekrankt, aber dieser Missbrauch war nicht zu ertragen; er zerriss alles mit grosser Wut und warf es zum Fenster hinaus, sie lachte immer mehr und schlug scherzend mit dem Rosenkranze auf ihn. "Ich glaube, der Teufel lacht aus dir", sagte er zuletzt, das Schweigen hatte ihm das Herz abgestossen; er flog aus dem Zimmer fort nach Hause, da setzte er sich nieder und uberdachte, was er getan, wie ein Missetater, der bald seine Strafe erwartet und sich selbst dafur uberliefert. Aber die Heiligkeit der Wahrheit durchzuckte ihn auf einmal, auch sein hochstes Gluck wollte er keiner Luge danken, nicht auf Schmeicheleien sich erborgen; er fuhlte sein Recht und wollte es ihr in einer leichten Allegorie deutlicher machen, und dazu schrieb und ubersandte er ihr die beigefugte kleine Erzahlung:
Das Heidenmadchen
Der Sohn des Himmels und der Erde
Sah, aus der Weihnacht Abendrot,
Ein schones Kind bei einer Herde,
Und keiner da Geschenke bot.
Der Glaube war noch nicht gedrungen
Zu diesen spat erschaffnen Aun,
Denn von den Felsen ganz umschlungen,
Konnt wenig Sonne uberschaun.
Doch freut die Kleine sich am Lichte,
Das neu durch Felsenschatten strahlt,
Sie hat so gar ein lieb Gesichte,
Ein edles Blut die Wangen malt.
Sie muss im Lichte zierlich springen,
So glatt und weich schien ihr das Grun,
Und zu dem holden Echo singen;
Der Herr will sie zum Glauben ziehn.
Es sprengt der Herr mit Strahlenzugen
Die Ziegen ihr weit auf den Fels,
Sie klettert sorgsam nach den Ziegen,
Er zeigt den Weg im Blick des Hells.
Hin uber die bemoosten Platten
Sie wagt sich, schaut ein andres Land,
Da will ihr Herz vor Schreck ermatten,
Denn alles scheint vor ihr in Brand.
Da stehen tausend kleine Tische
Mit bunten Lichtern rings besteckt,
Und Brot und Wein steht im Gemische,
Schon Messgewand die Tische deckt.
Und statt der Puppen heil'ge Bilder,
Bewohnen dieses Paradies,
Und Kinder ziehen sanft und milder
Und sehn wie dies so herrlich liess.
Das Madchen sieht's und meint ihr eigen,
Was ihr kein andrer wehren will,
Doch bald sich viele Knaben zeigen,
Die bitten drum in Demut still.
Der eine will ihr Handchen kussen,
Dem wirft sie Apfel ins Gesicht;
Der will sie schon mit Reden grussen,
Dem halt sie in den Mund das Licht.
Doch einer kommt mit Witz zu streiten,
Da nimmt sie alle heil'gen Bild,
Beginnt sie narrisch umzukleiden,
Verliert sie dann im Spiele wild.
Was so viel tausend Engel saten,
Zerstort das Kind aus Unverstand,
Worum viel fromme Kinder beten,
Geschenk des Herren ist ihr Tand.
Da kam der Herr zu ihr gegangen,
Als armes Kindlein angetan,
Und tat nach etwas nur verlangen,
Was sie verworfen und vertan.
Da fand sie leer die reichen Tische,
Die Lichter waren fast verbrannt,
Es dampften schon die Buxbaumbusche,
Noch fand sie was, was sie nicht kannt.
Es war die Rute, die verguldet
Mit leeren Nussen ausgeziert,
Die gibt sie ihm so unverschuldet,
Dem Herren, dem sie nicht gebuhrt.
Es nimmt der Herr die goldne Rute
Und zeigt sich, wie er e i n s t erschien,
Gegeisselt, dass vom roten Blute
Auf Erden rote Rosen bluhn.
Sein Haupt hangt schwach, er kann's nicht
tragen,
Sein Blick ist jammervoll gesenkt,
Er spricht: "So willst auch du mich schlagen,
Die ich so reichlich hab beschenkt!"
Was sie verworfen und zertreten,
Sieht sie mit andern Augen an,
Des Herrn Geschenk in den Geraten
Zeigt sich im einfach tiefen Plan.
Im Wein, im Brot sein Angedenken
Und seiner Mutter heilig Bild,
Sie muss den Blick zur Erde senken,
Manch heilig Bild dort auf sie schilt.
Sie schauet rings zu ihren Fussen
Sein kunstreich Werk, das sie zertrat,
Zusammen hatte bleiben mussen,
Des Spieles Lust, der ernste Rat.
Des Buxbaums Flechtwerk war die Kirche,
Der glatte Fels war der Altar,
Doch ode steht nun das Geburge,
Die Kirche ist verbrannt sogar.
Das Kind will nach den Gaben langen
Und sammeln, was es erst verwarf;
Da wacht es auf und sieht mit Bangen
Sich ganz verschneiet, kalt und scharf.
Es kommt ein Tag, doch ohne Klarheit,
Die Kalte mit Entsetzen spricht:
Was du versaumet, ist die Wahrheit,
Was du verspielet, ist das Licht.
Diese allegorische Dichtung wurde der Grafin treulich uberliefert, aber sie verstand kein Wort davon; sie las es von hinten ruckwarts, es war ihr unbegreiflich, denn beinahe hatte sie den Vorfall mit den kleinen Heiligenbildern uber eine Komodie ganz vergessen, die sie auffuhren wollte. Es ist mit den Dichtungen uberhaupt das Eigene, dass viele Madchen wie mit einem scharfen Striche von dem Verstandnisse gewisser Arten ganz abgesondert sind, ganz insbesondre von allen, die ihrem Wesen und ihrer Natur zu nahe rucken, um in ihrer Bedeutung ihnen erfreulich zu werden; Schmeicheleien verstehen sie dagegen in dem allerbarockesten, unverstandigsten Wortgepolter, und Bosheiten gegen Bekannte ebenfalls; am meisten scheuen sie sich vor wirklich ernsthaftem Ernst und scherzhaftem Spass, weil beide durch die oberflachliche Schminke ihres gewohnten Lebens hindurch brechen. Nach langem Lesen brachte sie endlich heraus, der Graf halte sich fur unsern Herrn Jesus, weil sie mit dem Kinde bezeichnet sei; dass jede Dichtung etwas fur sich Bestehendes sei, wenn sie auch Beziehungen auf ein gewisses Ereignis habe, das war ihr nie in den Sinn gekommen. Sie lachte der ganzen Sache und liess sie auf sich beruhen; sie wartete auf den Grafen, um sich uber ihn aufzuhalten, er kam nicht, da er keine Antwort erhalten. Sie wartete mit Ungeduld, zuletzt argerte sie sich uber ihn; er machte, dass sie eine Gesellschaft versaumte, wohin sie mit ihm gehen sollte; zuletzt fielen ihr allerlei Reden einer sehr fatalen Stadtmamsell ein, die ihr von dem alten Knecht Ruprecht, der sich nirgend mehr sehen lasst, namlich von der Tyrannei der Manner viel erzahlt hatte und wie man sie erziehen musse. Sie empfand bald Mitleiden mit ihrem eigenen Unglucke, weinte uber ihr Schicksal, das sie einem so harten Manne verbunden; endlich erschien sie sich selbst als Heldin, sie wolle sich zeigen in ihrer Starke, sie wolle ihre Nachgiebigkeit unterdrucken, was solle in der Ehe erst daraus werden, wenn es schon so schwer im Brautstande begonnen. Also entwickelte sich der hochmutige Eigensinn, das torichte Vertrauen zu sich, an welchen sie endlich zu Grunde gehen musste. Der Graf war indessen viel unglucklicher als seine Beleidigerin; oft glaubte er ihr zu viel getan zu haben, immer wartete er auf eine Nachricht von ihr; langsam schlich ihm der erste Tag dahin und hatte ihn sein Wirt, der ihn fur krank hielt, nicht ungefragt mit Essen versorgt, er hatte gehungert. Den zweiten Tag reifte sein Entschluss, auf und davon zu ziehen; aber wohin sollte er, es schien ihm die Sonne nur hier, hier nur konnte er atmen. Der Krieg fiel ihm wohl als Zerstreuung ein, wie so manchem Unglucklichen, aber er kannte ihn aus der Nahe, was er eigentlich sei, keine immerwahrende Folge kuhner Unternehmungen, grosser Begebenheiten, machtiger Taten, ungeheurer Krafte; das ist ein Traum aus Dichtern, er ist reizend. In Wahrheit ist aber der Krieg, wie er jetzt gefuhrt wird, ein langweiliges Warten auf etwas, das nie erscheint; denn am Ende ist die Schlacht selbst nur ein Abwarten, dass der andre davon laufen mag, und dieses traurige Warten in der nuchternsten Gesellschaft, in der kleinlichsten Schererei, bei den rohesten Schandtaten, unter den grossten Ekelhaftigkeiten und Krankheiten, wurde es nicht eine unermessliche Zeit in ihm gelassen haben, seinem Kummer nachzuhangen? Das ganze Kriegswesen kann nur durch einen unwiderstehlichen Trieb nach Auszeichnung belebt und geheiligt werden; darum haben wir auch immer bemerkt, dass alle, die ohne Zwang aus einem bloss wohlwollenden Triebe sich darin einliessen, unglucklich und ungeschickt waren; nicht das Schwert soll die Welt belehren, denn wer das Schwert zieht, der soll durch das Schwert umkommen. Am dritten Tage kam ihm der Gedanke, wenn er mit Dolores auch nicht glucklich leben konne, so wolle er doch fur ihr Gluck leben; ihre Sehnsucht nach dem Vater entlockte ihr wahrhaft Tranen; sie hatte ihm erzahlt, dass ein Gerucht erschollen, er sei in Ostindien; er beschloss ihn aufzusuchen und zuruck zu bringen. Gleich schrieb er die notigen Briefe an die Vormunder, deren Verwaltung bald zu Ende lief. Die Briefe waren noch nicht gesiegelt, als der alte ehemalige Bediente der Grafin mit einem besorgten Gesichte zu ihm ins Zimmer trat; er grusste ihn in ihrem Namen, wozu er keinen Auftrag hatte, und fragte ihn, ob er krank sei; er sehe wirklich blass aus, seine Grafin sei seinetwegen in grossen Sorgen gewesen; es habe ihr nichts geschmeckt, sie habe immer geweint. Der Schmerz rollte dem Grafen wie ein Muhlstein vom Herzen, Tranen der Freude fielen neben Tranen der Verzweiflung auf seine Hand und sein eigenes Auge, das sie geweint, konnte sie nicht unterscheiden; ihm war alles vergessen, er gab sich von allem die Schuld, seinem torichten Ausdeuten einer unbedeutenden Ungeschicklichkeit, wie konnte er Vorsicht bewahren, der noch nie eine Erfahrung gemacht, sondern seine Klugheit meist auf den Erfahrungen anderer gestutzt hatte.
Drittes Kapitel
Versohnung beider und Hochzeit
Die Briefe waren schnell zerrissen, er eilte die geliebte Dolores wieder zu begrussen; er glaubte, sie werde ihm einige Worte der Entschuldigung sagen, aber sie lachelte, als er eintrat, und sie lachelte so schon, dass er uber die schone Bosheit entzuckend hatte verzweifeln mogen. Er wollte sich ihr erklaren, aber sie mied die Gelegenheit, sie zog ihn auf uber seine Lust, ein Jesus zu werden, wie sie es nannte, aber so artig, dass er nicht bose werden konnte; ernsthaft warf sie ihm seinen plotzlichen Unwillen vor, scherzend verzieh sie ihm; er umfasste sie und seufzte, und doch ward ihm dabei so wohl, dass er sein Schicksal dem ihren ergab, und dieser Tag entschied ihre kunftige Herrschaft uber sein besseres Selbst. Ihre eigene Unruhe lahmte seine eigene Tatigkeit, seine eignen Beschaftigungen; sie beschaftigte ihn mit ihrem Nichts und seine hohere Bestimmung, sein Streben nach Reinheit und Vollendung in allem, was er trieb, ward ihr ein Scherz mussiger Stunden, und wurde er einmal ernstlich bose, so brauchte sie nur an eine Reise nach Sizilien vor ihrer Verheiratung zu denken, um ihn zu besanftigen. Ihr frischer Reiz, ihre unendliche Anmut, selbst in allem dem, was sie gegen seine Gesinnung tat, vermochten noch jedes aufsteigende Missverhaltnis wie junge Zweige zur Laube zusammen zu beugen, die Versohnung war immer noch reicher als der Streit, und jede neue Vertraulichkeit weckte noch immer heftigere Neugierde; aber je starker diese aussere Gewalt sie jetzt noch zusammenhalt, desto machtiger wird alles aus einander sprengen, wenn sich diese innere Verschiedenheit erst ganz kennen gelernt. Dolores liebte wirklich manches in dem Grafen, aber sie konnte keinen Menschen im ganzen lieben mit allen Eigentumlichkeiten, sich selbst etwa ausgenommen. Er verehrte und pflegte ihre Besonderkeiten mit solcher Liebe, dass er sich haufig uberredete, ihre Fehler und Unarten seien auch verkappte, ihr eigentumliche Trefflichkeiten, er schatzte Fehler, die sie bei einer freundlichen Vorstellung gern abgelegt hatte und die eigentlich nur von irgendeiner Gesellschafterin angenommen, seit ihr guter Engel Klelia sie nicht mehr bewachte. So schien sie zuweilen leidenschaftlich zu spielen, eigentlich nur, um eine leere Stunde zu toten, der Graf aber uberredete sich, nachdem er sie ganz ohne Eitelkeit gegen alle Arme freigebig gefunden, darin eben zeige sich ihr hoherer Charakter, dass sie gern ihr Gluck versuche; sie fuhle sich dem Schutze der hoheren Machte naher. Oft ubte sie bose Nachrede, bloss weil andern das gefiel; er achtete es als eine besondere Starke der Beobachtung, als eine besondere Reinheit in ihr, die nichts Boses in ihrer Nahe litte. War er einmal streitig mit ihr, so gedachte er des alten Sprichworts: Was sich liebt, das neckt sich; kurz, es gibt ein Labyrinth von Gedanken, wie er in sich alles an ihr als gut und weislich auszulegen bemuht war. Mitten in diesen Kometenbahnen der Liebe ruckte das planetarische Jahr zu seinem Ende, das seine Minderjahrigkeit beschlossen hatte; er verzieh den Vormundern wegen ihres guten Willens, wo sie ihm geschadet hatten, und ubernahm selbst die Verwaltung seiner Guter. Lange genug von eigennutzigen Verwaltern nach der Strenge des Gesetzes bewirtschaftet, fanden seine Leute in ihm eine vaterliche Unterstutzung zu allem Guten; der Schulen nahm er sich selbst an; von der kunftigen Zeit hoffte er alles, darum wollte er sie selbst unterrichten, wenigstens zuweilen zur Aufsicht seiner Schullehrer; da ward nicht soviel darauf gesehen, ob die Bursche schreiben konnten, aber das Andenken deutscher Ehre, heiliger und grosser Menschen, das ward in ihr Herz geschrieben. Nach diesen ersten Einrichtungen, zu denen auch die Verzierung seines Landschlosses gehorte, kehrte er zu Dolores zuruck, beladen mit einer prachtvollen Aussteuer. Erst war es sein Plan, sie auf sein altes Stammschloss zu fuhren, um dort die Hochzeit zu feiern, aber sie wusste ihn so ruhrend an ihr erstes Erkennen zu erinnern, dass er von den Summen, die wahrend der Vormundschaft gesammelt worden, ihren vaterlichen Palast sich zum Eigentum kaufte; er bekam ihn wohlfeil von den Schuldnern, obgleich teurer, als sie ihn jedem andern wurden gelassen haben. Der unerwartete Todesfall eines reichen Lehnsvetters setzte den Grafen in den Besitz eines grossen Vermogens, indem er seine Guter in angenehmer Nahe, um das Dreifache vermehrte. Schnell richtete er sich reche artig ein; eine grosse Hochzeit weihete das herrliche Haus zu beider Glucke ein, wie sie hofften, wie ihnen von allen Gasten vorausgesagt wurde, die in einem artigen Schaferspiele die Geschichte des Grafen und der Grafin, wie er sie oft erzahlt hatte, darstellten. Was sie beide dabei fuhlten, was sie in ihrem Herzen gelobten, was ihnen blieb fur ein Gluck, nachdem die Gesellschaft auseinander gegangen, konnen wir weder ermessen noch beschreiben; sie waren beide sorgenlos und jung und hatten lange des Tages und der Nacht geharret.
Viertes Kapitel
Der Graf und die Grafin reisen aufs Land
Der hassliche Baron und die tolle Ilse
Der Drang des Grafen zu seiner eigentlichen Tatigkeit, und einige arkadische Traume der Grafin, auch ihr Wunsch sich den zahlreichen Untertanen recht prachtvoll und wohltatig zu zeigen, beschleunigten die Abreise der Neuvermahlten aufs Land nach dem Stammschlosse des Grafen. Ihr Empfang war herzlich froh; Ehrenpforten und Blumen waren nicht gespart und das Schloss und die Garten, alles gefiel der Grafin ungemein, weil es ihr alles noch so neu war. Dieses Anknupfen mit tausend neuen Bekannten schutzte sie wohl einen Monat gegen die Langeweile, die sie spater doch empfand, nachdem sie in der Art der meisten jungen Frauen und adligen Madchen Beschaftigungen mit Kunsten, wie Malerei, Musik unter grossen Anstalten dazu aufgegeben hatte. Sie nahm an allen Beschaftigungen und Freuden des Landlebens einen spielenden, aber eben darum unerquicklichen Anteil, der ihr den Drang, das Beschwerliche darin, das Wachen, die Muhe, die bose Witterung ganz unertraglich machte. Mit den Nachbaren hatte sie sich durch ihre stadtische Art bald entzweit; sie wollte durchaus spat essen und keinen Tabaksrauch erdulden; sie sprach uber Dinge scherzend ab, die den Leuten sehr ernsthaft waren, verachtete anderes, was jenen feierlich verehrungswurdig; sie hatte die rechte Art nicht, mit diesen starren, eigentumlich im eignen Hause und kleinen Leben gebildeten Seelen zu sprechen; sie hatte in diesem neuen Kreise kein Gefuhl, wo sie anstiess, und wo sie gefiel, und so verschloss sie sich mit verkehrter Freimutigkeit sehr bald die schwache Quelle der Unterhaltung, welche sie mit Familien des Landadels, der Pachter und Prediger verbinden konnte. Nur ein furchtbar von den Pocken zerrissener Nachbar, ein Baron, der fruher in fremden Kriegsdiensten gestanden, hielt es mit seiner allgemeinen Grobheit vollkommen gegen sie aus; ihre Unterhaltung war ein Austausch von Beleidigungen, besonders war sein vergebliches Freien ein Lieblingsgegenstand ihres Spottes. Der Baron schoss schon seit vielen Jahren Reiher, um seiner Braut einen recht vollen Busch zum Kopfschmucke zu uberreichen, und liess alle Jahr eine gewisse Zahl Ganse zur besseren Fullung des Brautbettes einschlachten. Aber der Busch hatte fast schon einen schwachen Kopf niedergedruckt und das Bette erreichte beinahe den Balken und noch immer hatte er keine willige Schone finden konnen, so verschrieen war er wie ein Blaubart wegen der Grausamkeit, mit der er seine erste Frau ohne geistlichen Trost hatte sterben lassen, indem er ihr immer zugeschworen, sie sei gar nicht krank. Mit gleicher Grausamkeit verfuhr er gegen seine Bauern, hetzte sie mit Hunden, liess den tragen Magden Flachs um die Finger binden und anzunden, und schon dadurch war er dem Grafen verhasst. Wie nun jede Unterhaltung, die in ihrem Scherze uber die wohlgezogenen wurdigen Grenzen, welche die Schicklichkeit der geselligen Freude gesteckt hat, hinaus springt, leicht uberschlagen kann, so erging's auch eines Morgens zwischen dem Baron und der Grafin; er sagte ihr so harte Worte, nahm so bosen Abschied von ihr, dass der Graf bei seiner Heimkunft sie einsam weinend auf ihrem Ruhebette ausgestreckt fand. Sie klagte ihm ihr Argernis, und ehe sie ihn noch aufforderte, sie an dem Baron zu rachen, war ihr Ingrimm schon so gedoppelt zu ihm ubergegangen, dass er es kaum uber sich gewinnen konnte, sie auszuhoren. Vielhundertmal hatte er demonstriert, dass der Zweikampf, so wie er in Deutschland nur zwischen gewissen Standen eingefuhrt, eine elende Taschenspielerei mit der Ehre sei, wahrend ihn die zahlreichen Klassen des Volkes fur etwas Schandliches halten; da sei kein Gottesgericht wie in der altesten Zeit, keine allgemein geglaubte Ehrenreinigung dabei und in seinem unbestimmten Verhaltnisse zu den Landesgesetzen und Sitten, die ihn bald geboten, bald verboten, stelle er ein trauriges Zeichen jener Unbestimmtheit aller Einrichtungen dar, die gerade so wesentliche edelste hochste Beziehungen im Volk, wie die Ehre, ohne allgemeine durchgefuhrte Gesinnungen willkurlich misshandelten, brauchten und unterdruckten. Das war seine Betrachtung, aber mit dem Augenblicke der Leidenschaft fasste ihn die gewohnte Gesinnung seines Standes; an dem Baron ist nichts verloren, dachte er noch obenein; die Bauern werden von einem schlechten Herren befreit, niemand mag ihn leiden: das waren die jetzigen Betrachtungen, mit denen er seine Kuchenreiterschen Pistolen in die Halftern steckte, sich auf seinen schwarzen Hengst schwang und kaum mehr horte, dass ihm die Grafin zurief, er mochte ihrer gedenken, so werde er ihn nicht verfehlen. Er ritt keine halbe Stunde, da stand er vor dem Baron und machte ihm mit der Art angenommener Kaltblutigkeit, die in solchen Verhaltnissen geachtet wird, seinen gefahrlichen Antrag. Der Baron war aber langst uber dergleichen Verhaltnisse hinaus; er lachte den Grafen an: ob er ihn denn fur wahnsinnig halte, sich auf so etwas einzulassen, da er noch tausend andern Spass haben konne, und ihm selbst die schimpflichste Abbitte nichts koste. Wirklich rief er in grosser Ruhe seine Schreiber hinein und diktierte einem eine so beschamende demutige Abbitte, unterschrieb und besiegelte sie, war nachher so lustig wie vorher, dass der Graf, der von dem Mute des Barons manche Proben wusste, die er in fremden Diensten abgelegt hatte, uber eine Natur staunte, die aus dem ganzen Ehrenkreise seiner Zeit, seines Volkes, ohne grosse Begebenheiten, bloss durch sich selbst heraus gerissen worden; mit Schrecken dachte er, dass eine Revolution gerade notwendig solche Menschen an ihrer Spitze tragen musse, und mancher jugendliche Umwalzungsplan, den er mit dem garenden Moste der Zeit getrankt hatte, verschwand vor seinen Augen in dem einen bedeutenden Augenblicke; nur der Ruchlose fangt eine neue Welt an in sich, das Gute war ewig; das Bestehende soll gut gedeutet werden, sagt ein tiefer Denker1, dem folgt Deutschland in seiner Entwickelung. Es wurde ihm so wohl, indem er rasch fortreitend dieser ruhig fortschreitenden Bildung des geliebten Vaterlandes gedachte; er sah schon bis zur Hutte herunter alles in behaglicher, selbstandiger Freiheit, dass schon das schone Verhaltnis im unbedeutendsten Baue, das Wohlgefallige im armlichsten Anzuge es dartaten, ein hoheres Leben habe sich bis zu allen aussersten Punkten verbreitet; es dringe die Blutezeit hervor, auf welche die Dichter schon lange vergebens hoffen. Wurde ihm aber recht wohl und freudig, so schwebte ihm jedesmal unwillkurlich seine Frau vor, die jetzt in hochster Blute ihrer Schonheit alles erstaunte und bezwang; er pflegte sich dann ein lautes Gluckauf zu rufen. Diesmal spornte er mit lustigem Eifer sein Pferd, sah mehr nach den Wipfeln der Baume, die uber ihm rauschten und taumelten, als nach dem Wege, der unter ihm hallte. Er glaubte noch auf dem rechten Fusspfade zu sein, und an der Furt, die er gut kannte, als er seinen Hengst heftig in den Fluss spornte, vor dem er scheute. Kaum war er drin, so merkte er, dass dies eine andre sehr tiefe heftig strudelnde Stelle sei, sein Pferd wollte er nicht verlassen und konnte es auch nicht, das Wasser hatte ihm die Bugel angedruckt; es schwamm schlecht und versank immer tiefer. Endlich zeigte sich am Ufer ein neugieriges schwach wieherndes Pferd; gleich war sein Hengst von neuer Kraft durchdrungen, arbeitete sich empor und ohne Unterlass ans Land, von wo sich das grasende Pferd im plumpen Umschwenken ungeschickt in des Waldes Dickicht fluchtete. Diese Lebensrettung durch die Zuneigung der beiden Pferde, so zufallig sie sein mochte, hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; es tat ihm so leid dieses Ungeschick des grasenden Pferdes, dessen dumme Flucht es eines guten Futters beraubte, das er ihm im Schlosse zudachte; er wollte es dahin treiben, aber es war ihm nicht beizukommen, also drehte er sein Pferd nicht ohne Widerstand nach seinem Schlosse um, jagte immer schneller je naher, und als er endlich die Waldhorner seines Jagers horte und das Tuchlein seiner Frau ihm winkte, da ging es in vollem Laufe in den Torweg und im Schwunge vom Pferde, mit klirrendem Sporne die Treppen hinauf zu Dolores. "Du lebst und er ist tot?" rief sie ihm entgegen, "sehnlich habe ich dich erwartet!" "Wir leben beide", antwortete der Graf lachelnd; "wie du vom Tode eines Menschen redest, und weinst doch uber einen Nietnagel. Er ist tot und nicht tot, wie du es nennen willst, im bessern Sinne ist er es schon lange; deine Ehre habe ich in der Tasche, sieh da, sie ist ganz nass geworden, aber nicht verloscht und nicht zerrieben." Der Grafin war es eigentlich nicht ganz recht, dass ihr Beleidiger nicht umgekommen: wir werden die Grunde nachher erfahren; doch verbarg sie das unter Liebkosungen; sie erzahlte dem Grafen so viel Schones, wie sie den Tag bei einer Einsiedlerin zugebracht habe. "Wo wohnt die?" fragte der Graf neugierig. Die Grafin zeigte weithin nach einer Ecke des Waldes, und erzahlte dann, wie ihre Kammerjungfer Rosalie sie dahin gefuhrt; sie habe ein artig Huttchen gefunden mit Rasen ganz bedeckt, mit zwei kleinen Fenstern und einer Ture versehen, vor welchem ein verbranntes Madchen von auffallend nach einer Seite zusammengezogenen Zugen und listigen Blicken einige Topfe ausgewaschen, die ihr zugerufen: "Woher du glanzende Schonheit im weissen Kleide mit dem schmutzigen Saume?" "Das Madchen ist wohl toll?" fragte der Graf. "Keinesweges", antwortete Dolores, "sie ist ungemein gescheit, aber sie ist zu gescheit, zu witzig fur Bauersleute; sie hat uber Vater und Mutter und Bruder und Brautigam so viel Spott ergossen, der aber wahr ist, bis sie endlich von ihren Eltern nach dem Stadttollhause gebracht worden. Dort kam sie unter stadtische Leute und redete allen so zu Dank, dass sie mit dem Zeugnisse eines vollig gesunden Verstandes zuruckging; aber gleich wie sie wieder zu ihrem Vater kam, redete sie so bose Worte daruber, dass er seinen einen Strumpf verkehrt angezogen, dass weder er noch irgend einer im Dorfe sie aufnehmen wollte. Sie ging trotzig aus dem Dorfe, wie sie sagte, weil die Dummheit sich immer so breit setze, dass fur die Klugheit kein Platz ubrig sei. Ihr Brautigam, der vergebens getrachtet hatte, sie bei seinen Verwandten unterzubringen, ward traurig uber dieses Ereignis und bot ihr sein Haus an, sie sollte drin schon jetzt als seine Frau schalten und walten. Sie aber fragte ihn kalt: 'Da soll ich wohl kochen und backen und brauen fur alle; Sommers auf dem Felde arbeiten, Winters spinnen, mit Schmerzen Kinder gebaren und die kleinen schmutzigen Tiere saugen und waschen und wikkeln? Ich bin Euch recht gut, aber daraus wird nichts; ich will eine Jungfer bleiben und mir mit Botenlaufen meinen Unterhalt verdienen, da hor ich alle Tage was Neues und brauch keinem Rechenschaft abzulegen.' Da hat ihr der Brautigam mit Tranen die Hutte gebaut und ist mit Tranen von ihr geschieden." "Abscheulich", rief der Graf, "die muss eine Hexe werden, die ist es schon." "Ei nicht doch", sagte die Grafin, "du sollst sie gleich sehen, sie sieht nicht hasslich aus, hat klare Augen und, lieber Mann, ich habe sie zu meiner zweiten Kammerjungfer gemacht; du musst sie schon ertragen lernen." "Liebes Kind", antwortete der Graf, "du weisst, dein Wille ist der meine; aber gedenk daran, dass es eine schlechte Aufmunterung fur brave Madchen ist, wenn so ein freches verwogenes Weibsbild ihr Gluck macht; nirgend muss das Geld mit mehrerer Schonung und Billigkeit wieder verteilt werden, als da, wo es im muhsamen Gewerbe gewonnen wird; manche Verschwendung ist uns in der Stadt erlaubt, wo keiner weiss, mit welcher Anstrengung es zu kleinen Hauszinsen gesammelt worden, und es fallt doch den armen Leuten auf, zwei Madchen bei dir mussig zu sehen, die nur eines bei meiner Mutter gewohnt waren, aber wie viel mehr, so ein nichtsnutziges Madchen in dem Staate zu sehen, nach welchem die Besten umsonst trachten." Die Frau schmeichelte und der Mann schwieg. "Wie du nun bist", sagte sie, "da habe ich den ganzen Tag allein gesessen, du lasst mich ganz allein, und habe in Angst geschauet aus dem Fenster, ob du kamest; habe dazwischen vor dem Spiegel mit mir getanzt, bis es dunkel wurde, und du gonnst mir nicht die kleine Unterhaltung mit dem wunderlichen Madchen, mit der Ilse." "Ach ist das die Ilse", sagte der Graf, "mit der habe ich oft auch Spass gehabt, sie hatte schon als Kind eine unverschamte Art zu antworten. Wenn sie dir gefallt, behalt sie; mir muss sie aber aus dem Wege gehen, das sage ihr." So endete sich das Gesprach, in welchem der Graf tausend neue Beweise von der Liebe und Ergebenheit seiner Frau zu entdecken meinte; die Wahrheit ist, dass dieses verschmitzte Madchen, die tolle Ilse, die Grafin mit ihrem Geschwatze ganz umstrickt hatte; sie schmeichelte ihr so geschickt, kniete vor ihr, betete sie an, er zahlte so viele fatale Geschichten aus der Gegend von heimlichen Liebeshandeln und Abenteuern, dass dieser Tag der vergnugteste gewesen, den die Grafin auf dem Lande zugebracht hatte; der Graf und sein Zweikampf war ihr dabei fast entfallen, als ihr Ilse sagte, dass er uber das Feld jage, und sie ihm entgegen winkte. Der Graf stand am nachsten Morgen fruh auf, und noch voll von den Gefuhlen des vorigen Tages, dachte er sich ganz in die Stimmung seiner Frau; da sass er still lachelnd und redete vor sich, wie sie gestern in seiner Abwesenheit wohl hatte traumen konnen. Es ist so suss sich etwas Liebes und Freundliches aus der Seele eines andern zu denken, dem wir ergeben; wir versichern uns seiner in uns, und so dachte er, wie sie in allen schonen Nachgedanken uber Augenblicke, die ihm wert, nach seiner Art in traumender Unterhaltung sich befunden; wie sie plotzlich erfreut, in der Meinung er komme, den Zusammenhang des Gedankens vergesse und nicht wieder auf die Vorstellung kommen konne, die sie so innerlich erfullt hatte, und wie sie da so sehnlich ausrufe:
Sie zu Hause
Was fullte mein traumendes Herze?
Vergessener Schein!
Schwer trifft sich ein liebendes Herze
So ledig allein.
Die Schatten sind niedergezogen,
Ich ahndet es nicht,
Die schonen Geschichten verflogen,
Mein Wundergesicht.
Wie Abend die Seen erreget
Mit frohlichem Hauch,
So nur ein Gedanke beweget,
Bewegte mich auch.
Ich sinne und suche und springe
So hin und zuruck,
Und locke zum Kafig ihn, singe,
Blick einmal zuruck.
Nicht mehr in dem Spiegel ich sehe
Mein lieblich Gestalt
Und wende mich abwarts und flohe
Gern tief in den Wald.
Wie wird's ach im Walde so helle,
Am Himmel, am Himmel so klar,
Es kehret zuruck der Geselle,
Und alles und alles wird wahr.
Er nach Hause eilend sang darauf, als spornte er in die Gitarre mit raschen Griffen:
Mein Auge treu,
Mein Ohr so wach,
Die Liebe neu
Vieltausendfach.
Was siehst du fern,
Was siehst du gern?
Auf Waldern hoch
Das weisse Schloss,
Und rascher flog
Mein schwarzes Ross,
Die Brust, so heiss,
Beschaumt sich weiss.
Mein Auge treu,
Mein Ohr so wach,
Die Liebe neu
Vieltausendfach.
Was horst du fern,
Was ist dein Stern?
Das Tuchlein winkt,
Das Waldhorn schallt.
Die Sonne sinkt,
Mein Herz hoch wallt;
Das Tor weit auf
Durchhallt im Lauf.
Funftes Kapitel
Kommerzienrat Nudelhuber und der
Prinzenhofmeister Kirre
Der Graf musizierte die Lieder, und als er sie ganz in der Kehle und Hand hatte, ging er nach dem Schlafzimmer, seine Frau damit zu erwecken. Verwundert horte er da eine Unterredung mit einem Manne; an der Stimme, die schnarrend und laut, erkannte er den Baron. Er trat hinein und sah, dass seine Frau am Fenster stand, ganz wie sie aus dem Bette gesprungen; der Wind spielte mit ihrem Hemdlein und zitterte in ihrem leichten Nachthaubchen; als sie den Grafen bemerkte, winkte sie ihm naher zu treten; er sah aus dem Fenster den hasslichen Baron in einem Armensunderhemde mit unbedecktem Haupte, wie Kaiser Heinrich vor dem Papste und dessen Geliebten, doch fehlte hier der Schnee. "Wie konnen Sie sich unterstehen", rief der Graf, "wieder mein Haus zu betreten?" "Darum bin ich auch auf dem Hofe geblieben", antwortete der Baron. Ein ganz unerwarteter Einfall, der einem Zorne begegnet, setzt oft in Verlegenheit, nimmt die Besonnenheit, gut darauf zu antworten, aber der Zorn gestattet nicht das Schweigen, und so antwortet man leicht das Dummste. "Ich habe keinen Hof", antwortete der Graf, "und hatte ich einen, so waren Sie der letzte, den ich darauf anstellte." Kaltblutig erwiderte der Baron: "Wenn Sie keinen Hof haben, so ist dies auch nicht Ihr Hof, worauf ich stehe, und Sie konnen mich also nicht verweisen." Die Grafin legte sich ins Mittel, kusste ihren Mann und sagte, der Baron hatte ihr demutige Abbitte getan, er wolle sich ganz bessern, nur mochten sie ihn nicht aus ihrer Gesellschaft verstossen. "Wenn es meine Frau wunscht", sagte der Graf, "so kommen Sie herauf, mir sind Sie nicht hinderlicher, als viele andre Menschen, erst aber ziehen Sie sich anstandig an." Der Baron liess sein Hemde fallen und stand da in gewohnlicher Kleidung und sagte: "Ich komme gleich, zieht Euch nur erst ruhig an; ich habe noch ein paar Bekannte zu Euch geladen, die werden Euch sehr wohl gefallen; es sind gerade Menschen wie ich, etwas geradezu, aber ehrlich und konnen lustige Historien erzahlen; ich will heut alles wieder gut machen." "Das schwor ich Euch", rief noch der Graf, "fuhrt Ihr Euch heute nicht ganz gut auf, so endet es nicht gut." Die Grafin freute sich auf die neue Unterhaltung.
Nach zwei Stunden kam der hassliche Baron mit seinen beiden Freunden, so beliebte er sie wenigstens zu nennen; der eine, ein knochiger alter Mann mit dikkem, zwischen den Schultern eingezogenen Kopfe, hatte die dauerhafteste Kleidung an seinem Korper hangen: streifig geschnittenen grunen Plusch zu Rock und Weste, schwarzen Plusch zu Hosen, Stiefelmanschetten und Schmierstiefel; sein Gesicht war ein Ausdruck plumper Spasshaftigkeit. Der andre sah durchaus bedenklich uber seine lange schmale Nase; ein altes hofmassiges Kleid, ein schlechter stahlerner Degen, Schuhe mit grossen Schnallen, ein Haarbeutel, zeigten den fruheren Bewohner einer grossen Stadt. Der Baron stellte jenen als den Kommerzienrat Nudelhuber, beruhmten Maler und Bilderhandler aus der Schweiz, diesen als den Prinzenhofmeister Kirre vor; jener war gleich vertraut, griff nach den Handen zum Kussen, machte es sich bequem; dieser belachelte sehr fein seine Ungeschicklichkeit, wollte ihn auch verspotten, wovon aber jener so wenig merkte als ein grosser Metzgerhund, wenn ein kleiner Bologneser mit ihm spielen will; ganz zufallig kniff er dagegen den Prinzenhofmeister ganz jammerlich mit plumpen Einfallen uber seinen leichten Anzug. Der Baron fragte die Grafin, als die Unterhaltung beim Fruhstucke etwas stockte: "Nun, wie gefallen Ihnen meine Freunde, sind es nicht gerade solche Lumpenkerls wie ich? Gleich mussen sie aber auch ihre Kunststucke machen; hort", sprach er zu den beiden, "damit sie hier wissen, was an euch, erzahlt einmal die Geschichten, wo ich so lachen musste ja nicht Eure ganze Lebensgeschichte, da konnt ihr nie ein Ende finden. Fang du an, Prinzenhofmeister, lass alle deine feinen Hofgeschichten weg, wie du jedem scharfe Antworten gegeben; wir wollen nichts wissen, als die ungluckliche Affare, wie der Erbprinz dir abhanden gekommen." "Welcher Erbprinz?" fragte die Grafin. "Euer ehemaliger gnadiger Herr", antwortete der Baron. Die Grafin sagte: "Daran nehme ich Anteil, er ist mir aus fruheren Jahren noch sehr wert; fast mochte ich sagen, wir waren in einander verliebt, so wie Kinder es sind."
Sechstes Kapitel
Der verlorene Erbprinz
Hierauf begann der Prinzenhofmeister mit verschrankten Beinen ruhig sitzend seine wohluberlegte Erzahlung.
"Da ich nach dem freundschaftlichen Wunsche des lieben Barons von allen fruhern Ereignissen schweigen soll, die meiner Fuhrung des mir anvertrauten jungen hoffnungsvollen Erbprinzen alle Ehre machten, und bloss von dem schmerzlichen Tage reden muss, der alle meine guten Lehren vernichtete, so kann ich es mir zur Genugtuung wenigstens nicht versagen, die Grundsatze zu entwickeln, denen ich in der Erziehung gefolgt bin, und denen ich auch auf der Reise treu geblieben, welche die Erziehung des Prinzen beendigen sollte."
"Nicht so breit und steif", sagte der Baron, "reden Sie wie gewohnlich, sonst werden Sie nimmermehr fertig; kurz will ich erzahlen, Sie reisten mit dem Erbprinzen nach Hause und auf einem Seitenwege kamen Sie an einen See ..."
DER PRINZENHOFMEISTER: "Sehr gut gesagt. Ich ritt mit meinem Erbprinzen ganz allein durch einen tiefen Hohlweg; die Baumwurzeln hingen uber uns in der Luft, der Weg war frisch aufgerissen, der Boden noch nass, aber der Regensturz hatte sich in einem Bache verlaufen, der uns an das Ufer eines grossen Sees brachte, das so weit man sehen konnte nichts als Wacholderbeerstrauche hervorbrachte. Wir fanden ein kleines Haus und dabei eine Fahre; der Fahrmann, der aus dem Hause trat, fragte uns, ob wir nach der Festung ubersetzen wollten, die wir jetzt wie eine Perle auf einem grossen blauen Turkis in der Mitte des Sees liegen sahen. Wir nahmen das Erbieten mit Vergnugen an; wir bemerkten wohl, dass wir auf unserm Ritt durch die vielen kleinen Furstentumer, in das Gebiet eines gewissen Grafen geraten, dessen Sonderbarkeiten damals allgemein beredet wurden. So war auch diese Festung lange der allgemeinen Unterhaltung preis gegeben; sie ist ein kostbares Werk, auf einer, durch eingesenkte Steinmassen an einer flachen Stelle in der Mitte des Sees regelmassig erbaueten, eckigen Insel, von gehauenen Steinen nach den strengsten Regeln der Kunst befestigt; Bomben vom Ufer konnten fast nicht bis zu ihr hin und selbst dagegen war sie sehr ordentlich kasemattiert. Der Fahrmann erzahlte uns auf dem Wege, dass die Besatzung aus einer Kompanie der altesten Invaliden bestehe, da aber diesen bejahrten alten Mannern das Wachen unmoglich geworden, seien die verrufensten Lustdirnen der Stadt aufgegriffen, in rote Husarenmontur gesteckt und nach der Festung zur Besserung geschickt worden, wo sie exerziert mit den Invaliden abwechselnd den Dienst taten. Um ihr Entlaufen zu hindern, seien alle Fahrzeuge, diese eine Fahre ausgenommen, versenkt; aus Mangel an Liebhabern waren die meisten zu guten Tochtern geworden und liebkosten die alten Manner, wie Loth von seinen Tochtern geliebkost worden. Wir waren auf diese Garnison ungemein neugierig. Bei unsrer Ankunft, nach mehreren Signalen des Fahrmanns, wurde das Tor geoffnet, wo uns die Kuriosa, die Rittmeisterin dieser unberittenen Husarinnen, mit dem schonsten militarischen Anstande nach Namen und Charakter fragte; ihres Feuers Fulle gluhte in ihren vorstechenden schwarzen Augen. 'Herr Kamerad', sagte sie zum Erbprinzen, der Uniform trug, 'nichts Neues vom Kriege; wenn uns der Teufel nur einmal von dem verfluchten Gamaschendienste frei machen wollte, meinetwegen mochte er mich holen.' Ich war allzusehr in Erstaunen, auch etwas ermudet, um den Eindruck zu bemerken, den die Rittmeisterin auf den Erbprinzen gemacht hatte; leider lernte ich diesen erst aus der Wirkung kennen, als es zu spat war. Wie erstaunte ich, als am Morgen der Erbprinz, die Rittmeisterin und die Fahre vermisst wurden und der Kommandant der Festung mit sehr groben Schimpfreden mir erzahlte, der Erbprinz musse den Fahrmann mit Gelde gewonnen haben, ihn und die Rittmeisterin ohne seine Erlaubnis uberzusetzen; sie hatte in der Nacht die Torwache und so wurde ihr diese Kuhnheit erleichtert. Erst spater habe ich erfahren, dass der Fahrmann, nachdem er die Fahre versenkt, mit beiden nach Frankreich gefluchtet ist, wo mein lieber Prinz noch jetzt mit tausend anderm liederlichen Gesindel ganz unbemerkt hauset. Ich weine eine Trane seinem Schicksale; ich bin dadurch um meine Versorgung gekommen, bin landesfluchtig geworden, doch in den nachsten Tagen drangte mich damals noch nahere Not. Erst wurden dem Fahrmann alle Signale gemacht, bis man sich uberzeugte, seine Hutte sei ganz leer; da verwandelten sich diese Signale in Notschusse, welche die Hirten in der oden Gegend fur Freudenschusse hielten wegen irgend einer Feierlichkeit. Nun lernten wir erst unsre Not kennen, daran der Prinz bei seiner unbesonnenen Flucht wahrscheinlich ganz und gar nicht gedacht hatte; die Festung hatte sonst monatlich nach der nachsten Stadt gesendet, um ihre Vorrate zu empfangen; der Monat war im Ablaufen. Wir hatten, trotz der kleinen Portionen, auf die wir zuruck gesetzt wurden, bald nichts mehr zu leben; die Festung war von dem Wasser im strengsten Sinne blockiert und wir weinten oft, dass wir keinen Feind hatten, dem wir uns ergeben konnten. Ich wollte angeln und richtete mir dazu eine Haarnadel als Angelhaken ein, die ich spitz angeschliffen; die Schnur nahm ich von dem Besatze eines Kleides. Da aber die Festung ganz aus Stein gebaut war und aus Reinlichkeit keine Erde darauf geduldet wurde, so war kein Regenwurm zu finden. An Saat und Ernte war also durchaus dort nicht zu denken; etwas Kressensamen wurde uber das Bild des Landesherrn gesaet, das aus schlechtem Gips geformt war; aber der Kommandant ass sie alle in einer Nacht auf. Mause und Ratten waren nie auf die Insel gekommen und die Vogel hatten langst eine Scheu vor den roten Husaren, die wie Vogelscheuchen an allen Ecken der Festung auf der Wache standen. Ich hatte in meinem Reisesacke Gessners 'Ersten Schiffer'; ich ergotzte mich an der Erfindung und suchte nach Holz sie nachzumachen; aber da es Sommer war, so hatte die Garnison nichts als Wacholderreiser zum Kochen; die Gebaude waren alle ohne Dach uber der Wolbung mit flachen Steinen gedeckt; ein paar Tische, ein paar Tonnen, zehn Invalidenbeine, waren alles Holzgeschirr; daraus ware es auch dem feurigsten Liebhaber unmoglich gewesen, ein Schiff zu bauen; zum Uberschwimmen war aber die Entfernung zu gross. Unter solchen vergeblichen Rettungsversuchen nahte der Schreckenstag, wo nach der sparsamen Aufzehrung aller Lebensmittel, durch das Los entschieden werden sollte, wer sein Leben zum Unterhalt der andern hergeben musse. Die Invaliden behaupteten kuhn, sie hatten ihr Leben so oft gewagt, sie waren alt, ein ehrenvoller Tod fur alle kame ihnen zu. Die Husarinnen im Gegenteil behaupteten, sie konnten keinen Invaliden verzehren, teils aus Zartgefuhl, teils auch darum, weil so einer allzu zahe und knocherig, meist auch kraftlos sei. Der Kommandant wies endlich auf mich, weil meine Nachlassigkeit der Grund des ganzen Unglucks gewesen; alle stimmten ein; ich sagte aber, dass so bereit ich zu der Aufopferung ware, so notwendig fande ich es nach meinem Gewissen, meinem Landesfursten einen untertanigen Bericht uber meine Erziehungsmethode und uber die Fortschritte des Erbprinzen zu machen. 'Fort ist er', riefen die Leute, 'fort mit dir!' Wahrscheinlich ware es mir schlimm ergangen, wenn ich mir nicht in der Angst noch Erlaubnis erbeten hatte, noch einmal nach allen Seiten zu sehen, ob nirgends Hulfe; der Kommandant konne inzwischen sein Messer wetzen. Wie ich noch kaum die vierte Weltgegend uberschaut hatte, verkundigte ein Schuss vom Ufer die Anwesenheit von Menschen. Gleich signalierten wir uns. Bald sahen wir viele Menschen am andern Ufer mit der Verfertigung eines grossen Flosses beschaftigt. Wie kann ich die Freude unsrer armen Hungerleider schildern und meine eigne, dass ich noch nicht verzehrt worden! Nach den Monturen schienen es keine Freunde, sie waren pomeranzenfarbig gekleidet, auch machten sie viele Vorsichtsanstalten, warfen Batterien auf und fingen an uns zu bombardieren. Da sie aber mit der Pulverladung knauserten und es uberhaupt zu breit war, so fielen die Bomben in grosser Entfernung vor uns schon ins Wasser, weshalb unsre Husarinnen sie Plumphechte nannten. Wir steckten an allen Ecken weisse Fahnen aus, die aus den Schnupftuchern der Garnison zusammengeschneidert waren: in die Mitte hatten wir, um unsern Hunger anzuzeigen, ein Brot gemalt. Diesen Flecken in den Fahnen sahen unsere Belagerer fur Locher an, wo ihre Kugeln durchgeschlagen; in der guten Absicht, uns recht demutig zur Unterhandlung zu machen und uberhaupt einen bestimmten Effekt hervor zu bringen, dass es doch hiesse, wir hatten uns hitzig gewehrt, aber ihr Heldenmut habe uns doch endlich bezwungen, fuhren sie noch ein paar Stunden im regelmassigen Schiessen fort und verloren wohl funfzig Mann durch das Springen ihres erhitzten Geschutzes. Die rotgeschwanzten Bomben durchzogen die Luft, die Kugeln sausten, ohne unsern Schaden, und es ware ein prachtiges Schauspiel gewesen, hatten wir nicht so arg dabei hungern mussen; doch wurden einige erschossene Fische an die Festung getrieben, die wenigstens fur den Moment uns erfrischten. Abends endlich begab sich die ganze feindliche Macht, die starker an Geschutz als an Menschen war, aufs Floss. Es waren namlich Reichsexekutionstruppen, und der Furst, dem die Exekution gegen den sonderbaren Grafen aufgetragen war, hielt sich nichts als Artillerie, weil er diese fur die furchtbarste Waffe hielt; vor jedem seiner Zimmer standen zwei Achtpfunder, und eine halbe Batterie reitender Artillerie hatte alle Nacht die Wache vor seinem Schlafzimmer. Was er nicht hatte, konnte er nicht senden; er sendete seinen Artilleriepark in das Wacholderbeerland und dies war der schnelle glorreiche Effekt des ersten Unternehmens: sie hatten mit Zwischenraumen nur achtundvierzig Stunden geschossen und wir waren schon zur Ubergabe der Hauptfestung des Landes genotigt; aber freilich hatte die Wasserblockade schon drei Wochen an uns gezehrt. Das bewaffnete Floss naherte sich mit aller Vorsicht und brennenden Lunten, ob sie gleich wegen der Schwere kein Geschutz hatten darauf setzen durfen. Mit welcher Sehnsucht schlug unser Herz jedem Ruderschlage entgegen; der schonste Tanz war uns der ernste Marsch, den die Hautboisten auf dem Flosse spielten, und die Musik war stark besetzt, denn jeder Soldat war auch Hautboist. Das Schiff war nahe, die Nacht dunkel, da offneten unsre Husarinnen mit solchem Heisshunger das Tor und liessen die Brucke nieder, dass die Feinde auf den Argwohn verfielen, wir wollten einen Ausfall machen; sie hielten ihr Schiff an und wollten umkehren. Da fuhlte ich noch so viel Kraft in mir, ihnen durch ein Sprachrohr entgegen zu rufen, sie mochten um Gottes Barmherzigkeit willen die Festung einnehmen, oder wir schossen sie alle nieder. Die kanonierenden Reichsexekutionstruppen nahmen als Generalsalve einen Schnaps, dessen Geruch uns Tranen der Sehnsucht ins Auge lockte; dann entschlossen sie sich zu dem Wagestucke, die Festung einzunehmen; doch machten sie es sprachrohrlich sich zur Bedingung, so viele von ihnen in die Festung stiegen, doppelt so viele sollten von der Besatzung ins Schiff hinausspringen. Ich war keiner der letzten; jede Husarin nahm einen Invaliden auf den Arm, und so waren wir bald alle in dem Schiffe, als noch nicht die Halfte der Feinde in der Festung waren; wiederum furchteten sie Betrug, und als die Frosche jenseit der Festung anfingen zu quaken, meinten sie, dass ihre eingelassenen Bruder ermordet wurden. Endlich war das schwierige Geschaft beendigt, sie lachten uns aus, als sie oben waren, und schworen, eine so vollendete Festung hatten sie eine Ewigkeit verteidigen wollen; da machten wir uns uber ihren im Flosse zuruckgelassenen Proviant her und sprachen auch wieder kein Wort; die Kinnbacken knarrten aber, als wenn Knaster geschnitten wurde; endlich bekamen sie Argwohn uber dieses Wesen bei uns, auch weil wir nicht fortruderten, und droheten, uns in den Grund zu bohren; wir wussten am besten, dass wir das bisschen Pulver der Festung zu Signalschussen und als Salz an den Speisen verbraucht hatten; also fuhren wir nach unsrer Bequemlichkeit ans Ufer, wo wir uns aller zuruckgelassenen Kanonen, Munitionen und Pferde des Feindes bemachtigten, dessen hungerndes Angstgeschrei wir jetzt schon vernahmen. In einem kleinen Tagemarsche kam unser kleines Korps in die Hauptstadt des Grafen, der von allen den Ereignissen noch gar nichts erfahren hatte, da er eben mit der Ausfuhrung eines seiner Lieblingsgedanken beschaftigt war, sein Reich mit gemalten Soldaten, die zwischen Fuchsfallen verteilt, die Schlachtlinien bilden, zu verteidigen. Gleich eilte er mit seinen gemalten Soldaten und dem dazu gehorigen adligen Offizierkorps dahin, seine Festung wieder zu erobern; unserm Korps wurden aber wegen der Ubergabe alle Feldzeichen abgeschnitten. Nachdem aber das Kriegegericht die Schnupftucher untersucht hatte, ob sie in der Tasche gebrannt und die Stucken des darauf gemalten Brotes fand, das die Notfahne bezeichnet hatte, die aus Schnupftuchern zusammengenaht worden, und sie fur Brandflecken erklarte, da wurden wir alle mit einer Ehrenerklarung dem Gerichte entlassen. Der Furst traf die besten Anstalten zur Belagerung der Festung; das Land wurde rings vermessen, eine Parallele nach der andern eroffnet, und so laut die Belagerten die ersten Tage geschrien, so still wurden sie nachher. Der Furst schickte Nachts einen sichern Spion heruber und der erzahlte, die Festung sei ganz leer; wirklich hatten die Exekutionstruppen in der Hungersnot ein Unternehmen exekutiert, das selbst in der alten Welt, wo Troja so lange belagert wurde, Erstaunen erregt hatte. Nach dem Geschrei der Frosche entdeckten sie einen seichten Strich des Sees, wo sie ohne weiter als bis an die Kniee nass zu werden, glucklich ans Land und bald in ihre Heimat kamen. Da ihr Furst den Verlust der metallenen Kanonen nicht so schnell ersetzen konnte, so liess er holzerne machen, woraus statt der Kartatschen mit Erbsen geschossen wurde; man merkte im Effekte auf der Parade keinen Unterschied, und so ist die wesentlichste militarische Verbesserung im Lande einem blossen Zufalle zuzuschreiben. Fast hatte ich vergessen, dass ich mich nach meinem Erbprinzen ganz ergebenst erkundigt; vergebens liess ich ihn in allen Zeitungen zitieren, ihm solle sein Fehler verziehen sein und er solle ungestort regieren; er blieb fort und ich musste, ohne Versorgung, mit einer grossen Nase abziehen."
"Ja die Nase sehen wir", sagte der Baron, "nun wie gefallt Ihnen der Wetterkerl?"
Die Grafin ruhmte ihn und dankte dem Baron, ihr die Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Prinzenhofmeisters verschafft zu haben; sie machte noch allerlei neugierige Fragen uber die Montur der Husarinnen, die dem Grafen missfielen. Solches Missfallen uber seine Frau druckte sich aber nie geradezu aus, sondern es warf sich auf eine Nebensache; er fand es sehr unrecht, in einer Zeit, wie die jetzige, die vom Soldatenwesen ganz zerfleischt, so leichtsinnig daruber zu reden, aber ganz verrucht sei es von einem Hofmeister, uber den Verlust eines so hoffnungsvollen Prinzen, den er doch mit veranlasst, in so spasshaften Ubertreibungen reden zu wollen.
"Lieber Karl", rief die Grafin, "kannst du dich denn nie in die hohere Ansicht des Lebens versetzen, wo alles Scherz wird?" Der Graf antwortete sehr ernst: "Nein, nimmermehr, selbst dir zu Gefallen nicht." "Vergessen wir das", meinte der Baron zwischentretend, "Spass muss sein, sagt Eulenspiegel; gefallt Euch jener nicht ganz, so denkt, dass er mir gar langweilig ist, da ich ihn zum hundertstenmal hore; aber hier ist noch ein andrer viel knolligerer Spassmacher; Herr Kommerzienrat, Er hat lange genug die Butterbrote mit Fleisch aufgeturmt, nun ist Er dran; erzahl Er einmal Seine Geschichte von der Prinzessin Wenda."
Siebentes Kapitel
Geschichte der verlornen Erbprinzessin Wenda
Nudelhuber begann im Biedermannstone: "Ich bin ein guter, ehrlicher Schweizer, und Sie sind lauter liebe, liebe Leute, ich kann lange denken und weiss viel zu erzahlen, aber ein Glas Wein muss ich mir ausbitten; wir ehrlichen Schweizer mussen unsern Wein haben, sonst wird uns das Maul trocken. Nun ja, ich soll Ihnen von der Prinzessin Wenda erzahlen. Als ich mit meinem kleinen Bilderkram nach Warschau zur Messe gekommen, so warteten alle auf den Einzug der siegreichen Polacken. Es war ein heisser Sommer, das Bier war alles sauer geworden, weil die Polen keine Korkpfropfen, sondern ein Stucklein Lehm auf die Flasche stecken. Lauter liebe Leute, ausgenommen, was das Bier, das Ungeziefer und die Hoflichkeit angeht. Um Gottes willen durfte ich mich bei der Prinzess Casimire und bei der Prinzess Thorixene nicht sehen lassen, sie hatten mich sonst nicht wieder losgelassen; ich kenne das schon an Hofen, da kommt man des Morgens zum Fruhstuck und muss zum Mittag bleiben, und nach Tische spricht man so lange mit den kleinen Prinzen, dass sie einen doch auf den Abend nicht ungespeist nach Hause schicken konnen, und so schlagt man den ganzen Tag um nichts und wieder nichts um die Ohren. Ich musste mich aber alle die Tage recht an die Arbeit halten, meine Bilder noch einmal zu firnissen; die Polen lieben das und schlagen alle Tage ein Weisses vom Ei uber jedes Gemalde, was sie haben, dass es nach ein paar Jahren wie durch eine dicke Glasscheibe durchsieht. Auch musste ich meinen Kirschgeist auspacken; mit Polacken kommt ein Handelchen immer am ersten bei einem Glase zu Stande; das Volk schreit dabei und kann nichts vertragen; ich aber werde niemals besoffen, ich habe einen ausgepichten Magen.
Es war gut Wetter zum Einzuge, viele Kaufleute hatten ihre Buden geschlossen, um selbst zu sehen; ich dachte, vom Sehen wird einem der Magen nicht voll, packte meinen lustigsten Kupferstichkram vor der Bude aus; aber die verfluchten Stadtnonnen teilten den Tag von ihren verfluchten getippelten, scheckigen, glanzenden Papierheiligen umsonst aus, dass ich wenig verkaufte."
Die Grafin sah bei diesen Worten den Grafen an und sagte: "Hor nur, der Herr Kommerzienrat halt auch nicht viel auf das Bilderzeug der Nonnen; weisst du noch, wie du so bose warst, als ich den Heiligen Schnurrbarte gemacht; nicht wahr, jetzt siehst du doch ein, dass du unrecht hattest?" Es gibt ein ganz fatales Gedachtnis, das zur unrechten Zeit meine ich; es gibt eine dumme Listigkeit, die zur unrechten Zeit verstehe ich. Der Graf erschrak in sich, wie sie so leichtsinnig an eine Zeit denken und erinnern konne, die ihm so schwer zu erleben geworden; der bittre Arger trat ihm auf die Zunge; er nahm sich zusammen und sagte, eilig zur Ture hinauslaufend: "Lassen Sie sich nicht storen, ich komme nicht sobald wieder." Die Grafin bemerkte gar nichts und bat den Kommerzienrat fortzufahren.
" ... Ja, es sind verfluchte bunte Bilder, die von den Nonnen, bei mir auf der Fabrik konnen sie nicht gut nachgemacht werden, und das gemeine Volk mag sie gerne; wenn nur ein Nonnenkloster wieder aufgehoben wird, ich kaufe mir zu der Arbeit ein Dutzend Nonnen. Als ich so mussig meine Bilder abstaubte, wurde auf der Brucke von dem dicken Opferpriester ein Hammel abgeschlachtet, wovon er das Herz in die Weichsel unter allerlei Singsang weit wegschmiss. Darauf trat die schone Prinzessin Wenda zu ihm hin und rief: 'Die Gotter haben den Polacken zu viel Gnade erwiesen, um ihnen bloss mit Schlachtvieh und Raucherkerzen zu danken, ich will mich selber ihnen opfern, um alle Landesnot zu endigen.' Bei diesen Worten sprang sie an die Spitze der Planke denn in Polen haben die Brucken keine Gelander, es sind schwimmende Planken, die an einander gebunden und dann sturzte sie sich mit den Worten in die Weichsel: 'Empfange mich das Meer als ein reines Opfer.' Alles war wie erstarrt und vernarrt, ich hielt es fur eine blosse Komodie, so sah es aus; aber viele sprangen nach, sie zu retten, konnten sie aber nicht mehr erreichen. Ich dachte, das sind Narren, und sah recht genau nach, was aus der Prinzess werden mochte, die immer noch an ihrem weissen Kleide zu erkennen war, das auf dem Wasser herumwirbelte; es war ein schones Weibsbild, sie hat mir aber nie fur einen Groschen abgekauft, darum dachte ich, hol sie der Teufel. Da sah ich, wie sie vom Strome in einen Aalfang getrieben wurde, da verschwand sie; ich dachte, nun ist die auch aber ich hatte mich geirrt, wie alle andern. Der Aalfang gehorte den Priestern, und endigte sich in einen meilenlangen Sack von schlesischer Leinwand, der im Tempel des Obergottes alle gefangenen Aale und auch die tote Prinzessin absetzte, allwo der Oberpriester sie wieder in seinem Burgerrettungsapparate zum Leben brachte. Das sah ich nicht voraus; denn damals hielten wir sie alle fur tot. Viele, die ihr nachgeschwommen, waren entweder ersoffen, oder wurden doch fur tot ans Land gebracht, und da hielt ich ihnen vor, ob sie denn ganz unvernunftig gewesen waren, sich in solchen reissenden Strom zu werfen, da doch das Wasser uberall keine Balken hat. 'Was gibt es doch fur Narren in der Welt; will sie ersaufen, was geht es euch an, was habt ihr davon?' Aber das Volk wurde bose auf mich, denn ein Narr macht viele Narren, und da Prugel nicht gut schmecken, so nahm ich meine Beine untern Arm und kam zu meiner Bude. Nun denken Sie sich meinen Schreck, da finde ich, dass mir die Leute wohl die Halfte von meinem kleinen Kram weggestohlen hatten, was so vorne ausgelegen. 'Spitzbubenvolk', rief ich, und raufte mir meine paar Haare aus, 'das lauft, das schwimmt, ein Weibsbild zu retten, das sein Leben los sein will, und mir nimmt's die Bilder, die ich nicht umsonst weggeben mag.' Wie ich meine salzigen Tranen so weine, da kommt die Prinzess Casimire leichenblass vorbei gefahren; sie sieht mich und ruft mir zu: ich ware ein guter alter Mann, ich sollte nicht verzweifeln wegen der Prinzessin, ich mochte bedenken, dass ich zu Hause Kinder hatte, sie wurde meine herzliche Teilnahme an ihrer Familie nun und nimmermehr vergessen. Ja, hat sich was, Teilnahme um die ersoffene Prinzessin; hatte mir einer meine Bilder wiedergebracht, so hatte meinetwegen die Prinzessin Casimire mit Kutsch und Pferden in die Weichsel ihr nachfahren konnen: das dachte ich wohl bei mir, aber ich sagte es nicht; Sie mussen es mir auch nicht ubel nehmen, es weiss kein Mensch, wie sauer es einem armen ehrlichen Schweizer in den grausamen Gebirgnissen wird, sich einen Groschen Geld zu verdienen. Als ich so in Verzweifelung meine Hande rang, gab mir Gott einen herrlichen Einfall: ich sollte nun alles ubrige doppelt so teuer verkaufen, so ware mein Schaden gut gemacht. Das trostete mich, und es mussten auch gleich ein paar Leute so viel bezahlen, warum waren sie solche Narren; wenn man Narren zu Markte schickt, so losen die Kramer Geld; nun mein Gott, jeder Mensch will doch leben und kein Mensch lebt von der Luft. Es war unterdessen spat geworden, ich packte ein. Mein Magen hing mir so schief; ich ging Abends zur Tafelzeit hin nach dem Schlosse der Prinzess Casimire, um mich fur ihren Trost zu bedanken. Das ganze Schloss war in Besturzung, ich fand nur einen Lakaien im Vorzimmer der Prinzessin, der mir dreist versicherte, die Prinzessin wolle mit der Prinzess Thorixene allein sein, er durfe niemand einlassen. 'Hat nichts auf sich', erwiderte ich, und schob ihn unversehens bei Seite, 'mich wird sie schon sprechen, ich muss sie sprechen.' Freilich musste ich sie auch noch sprechen, ich hatte ihr eine betrubte Madonna mit dem Dolche im Herzen und einen St. Sebastian, der wie ein Stachelschwein voll Pfeile steckte, mitgebracht; sie liebt solch Zeug und sollte es mir gut bezahlen. Nun mussen Sie sich nicht wundern, dass die Polacken Christum und dabei alle die heidnischen Satans, Jupiter, Apollo und wie sie alle heissen, anbeten; das ist bei den Polacken nicht anders; das Volk frisst Ihnen alles unter einander; die beste Schussel bei dem Landvolke ist immer Sauerkohl mit brennenden Talglichtern darin: ein verfluchtes Fressen. Ja, wo blieb ich doch stehen also trat ich zur Prinzessin herein, und wie ich herein trat, fragte mich die Prinzessin verwundert: 'Mein lieber Kommerzienrat, war niemand im Vorzimmer, der Ihnen gesagt hat, wir wollten allein sein?' 'Hat nichts zu sagen', antwortete ich, 'inkommodieren Sie sich gar nicht um mich alten Mann, genieren Sie sich gar nicht in Redensarten; ich habe denn doch mehr gesehen in der Welt, ich habe zwar heute viel verloren' und dabei dachte ich an meine Bilder und weinte bitterlich, dass mir die Tranen piperlings die Backen herunterliefen. Die Prinzessin weinte mit und wollte mich trosten; sie sagte, dass sie eben der Prinzess Thorixene die geheime Geschichte der unglucklichen Wenda habe erzahlen wollen. Ich bat, sie mochte immer erzahlen, wenn es auch mich nicht unterhielte, so hatte ich alter ehrlicher Schweizer genug in meinem alten Kopfe zu denken, was wohl bedacht sein musse; auch konnte ich mir die Zeit wohl vertreiben, wenn sie mir etwas zu essen vorsetzen wollte; ich hatte im Vorbeigehen in der Kuche noch eine gute gespickte angeschnittene Kalberkeule liegen sehen; von dem Tee knurre es mir im Leibe, ich ware ihn nicht gewohnt und dabei die Ruhrung, mir wurde ganz miserabel; wenigstens mochten sie mir ein paar Eidotter hineinruhren. Sie wusste schon alles, was mir gut schmeckte, stand auch wirklich von ihrem Teezeuge auf, und musste mitten in ihrer Betrubnis einen gnadig lachelnden Blick auf mich werfen; ich aber fuhr fort und sagte: 'Ich kann nicht begreifen, was die vornehmen Leute von dem Tee haben; es ist schlabbrig Zeug, macht keinen satt und froh und kostet doch auch viel bei jetziger Zeit.' Wie sie nun aufgestanden war, setzte ich mich auf das atlassene kleine Sopha, wo sie gesessen hatte, und die Prinzessin Thorixene meinte, sie wurden dann nicht Platz behalten. 'Sein Sie ohne Sorge', antwortete ich, 'wir rucken hubsch zusammen; ich alter Schweizer mag gerne Abends ein bisschen einnicken und da ist es mir hier schon begegnet, dass ich mit dem Stuhle umgeschlagen bin, und das macht Ihnen nur Schreck, wenn erzahlt wird.' Die Prinzessin brachte ihre Hunde mit; was die Koter mich anbellten und beschnuffelten, weil ich den Morgen einen Hering in der Tasche gehabt hatte; die fuhrten sich recht schlecht auf. Ich fragte die Prinzessin, wie sie das leiden konne, ich ware doch ein Mensch und wollte mir so was nicht unterstehen. Nun, Gott sei gelobt, da wird die Suppe hereingetragen; es sind doch liebe, liebe Leute, die Herren Bediente, dass sie so was nicht auf dem Wege halb auffressen, ich wurde es sicher so machen."
Achtes Kapitel
Prediger Frank
Gesprach uber die burgerlichen und religiosen
Verhaltnisse der Liebe
Wirklich war der Tisch gedeckt worden und die Suppe aufgetragen; die Grafin bezeugte dem Baron ihre ausgezeichnete Zufriedenheit und der Graf trat mit einem fremden Geistlichen herein, als er ihr eben die Hand kusste. Der Graf war nicht eifersuchtig, aber diese Vertraulichkeit mit dem nichtswurdigen Menschen war ihm verhasst; er stellte ihr sehr ernsthaft den Fremden, als den Prediger Frank aus der Nachbarschaft vor: ein evangelischer Geistlicher, der um die Landwirtschaft der Gegend grosse Verdienste hatte, der als ein guter Erzahler in der Gegend bekannt war und den der Graf diesmal als Gegengift gegen die beiden lacherlichen Personen der Grafin geholt hatte. Die Grafin begrusste ihn kalt und wendete sich gleich wieder zu dem Baron, und zu seinen Gesellen, und sagte ihnen Artigkeiten. Der Graf nahm den Baron beiseite und sagte ihm ergrimmend: er mochte sich doch gefalligst im Augenblicke gleich und ohne Saumnis mit seinen beiden Gesellen fortscheren. Der Baron wiederholte das ganz laut zur Grafin und sagte: "Nun sehen Sie wie er ist, ich glaube, wenn ich nicht gleich ginge, schmiss er mich die Treppe hinunter; kann ich mich wohl bei gesunder Vernunft dem Herunterschmeissen aussetzen; das kostete mir wenigstens ein paar Taler an Salben und Pflastern; viel lieber bezahle ich mein Mittagsessen in der Dorfschenke; nach Tische kommen wir wieder. Um euer Essen ist es mir gar nicht zu tun, aber ihr seid Leute, mit denen sich ein vernunftig Wort reden lasst, ihr seid gerade wie ich; hab ich nicht recht, wir passen allein zu einander in der ganzen Gegend." Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er zwischen seinen beiden Stelzen, so ragte er uber beide hinaus, ohne einen Gruss aus dem Zimmer.
Die Grafin machte dem Grafen, ohne sich vor dem Fremden zuruck zu halten, eine Menge Vorwurfe, wie er ihr aus Grillen den einzigen Umgang auf dem Lande verdrange, der ihr ertraglich sei; er sollte doch einmal die hochgepriesenen adligen Wirtinnen der Nachbarschaft betrachten, wie feist dumm oder mager zankisch sie alle in dem elendesten Lebenskreise sich herumtummelten. Der Graf antwortete nicht, aber ihn krankte es tief, dass sie mit solchem Hochmute sich uber einen wurdigen hauslichen Kreis hinaussetze, dessen ernste Pflichten zu erfullen sie weder Mut noch Geschick habe, dessen Unterhaltung zu verstehen ihr Kenntnis alles einzelnen landlicher Haushaltung abgehe. Der Fremde war ernst und wenig beredt; er sprach einiges mit dem Grafen von der Universitatszeit, die ihm noch mit jugendlichem Reize vorschwebte, und fragte nach einem Studenten Hollin, der nach seiner Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben. Der Graf sagte ihm, dass er selbst dabei gegenwartig gewesen und gar lange in tiefe Betrubnis dadurch versetzt worden sei, ob er ihm gleich nicht naher bekannt gewesen; von einem seiner Freunde, der wahnsinnig im Kloster gestorben, habe er dessen Papiere erhalten, die er noch wie ein Heiligtum bewahre. Der Prediger bat um die Mitteilung; denn er nehme recht herzlichen Anteil an dem jungen Manne. Die Grafin fragte neugierig nach der Geschichte. DER GRAF: "Sie ist sehr lang, nach Tische will ich sie ausfuhrlich aus den Papieren erzahlen, die in meinem Zimmer liegen; kurz gesagt, sein Ungluck war Folge der Eifersucht und ich habe mir seit der Zeit zugeschworen nie eifersuchtig zu sein." DIE GRAFIN: "Das ist nicht artig, keine Leidenschaft ist uns Frauen so schmeichelhaft wie die Eifersucht." DER PREDIGER: "Bei einem Liebhaber geb ich es zu, bei einem Manne ist es aber sehr schmerzlich." DER GRAF: " ... Mehr aber war Hollins Schicksal durch ein Hinaussetzen uber burgerliche und religiose Verhaltnisse in der Liebe zerruttet." DIE GRAFIN: "Burgerliche Verhaltnisse in der Liebe?" DER PREDIGER: "Steht nicht in der Bibel: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott?" DER GRAF: "Ich kenne und ehre den Sinn, in welchem dir, liebe Dolores, die Allgewalt und Oberherrschaft der Liebe deutlich geworden ist, sie hat ohne Anstoss unser Gluck begrundet; aber, lieber Herr Prediger, Gottes Liebe ist nicht des Menschen Liebe zum Menschen." DER PREDIGER: "Sie bestreiten eine Hauptstutze meines Systems, das Durchdringen der gottlichen Liebe in der menschlichen." DER GRAF: "Nicht gegen die Moglichkeit dieses Durchdringens streite ich, aber nur das eine weiss ich gewiss, dass dieses Gottliche darin selten rein von menschlich irdischer Beimischung ist, die tauschend das himmlische Feuer nachzuahmen weiss, besonders in unsrer Zeit." DIE GRAFIN: "Hast du an mir diese Erfahrungen gemacht, so beleidigst du mich, hast du das an andern gefunden, so kann ich eifersuchtig werden und warum bist du bose auf unsere Zeit, leben wir nicht alle darin?" DER GRAF: "Sei nicht eifersuchtig auf die Toten, sie sind nicht zu beneiden, so lange uns das Leben grunt; ich habe dir so oft gesagt, dass ich wenig selbst erfahren und das meiste der Offenherzigkeit andrer danke. Auch bin ich nicht frech, unsre Zeit schlimmer zu nennen als jede andre; aber das weiss ich, sie tragt der Vorzeit schwere Sunde, und diese abzubussen ist ihr hohes Verdienst." DER PREDIGER: "Und eben darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben, aber leider vertraut sie ihr nicht." DIE GRAFIN: "Wie kann sie ihr auch vertrauen, da gleich drei Leute, die hier beisammen, so verschieden von ihr denken." Aus den Betrachtungen, die nun von allen Seiten eintrafen, setzen wir hier eine Ubersicht zusammen:
Von der Liebe in unserer Zeit
Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe, denn sie ist ihrer selbst ungewiss.
Der einzelne achtet sich reicher an Vertrauen, als seine Zeit und achtet sich gross, sich ihr zu entziehen.
Aber keiner vermag es, seiner Zeit zu entfliehen, wie noch keiner seine Mutter verleugnen konnte, ehe er geboren.
Was bleibt dem stolzen einsamen Fluchtling zwischen Himmel und Erde; bleibt er sich selbst?
Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen. Mit den Gesangen seines Ubermutes erhalt der Jungling die Blumen eines empfundenen Fruhlings; aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Gluckes verwelken.
Was ist fest in dir, dauernd, ruhig?
Der Freude Schmerz, der Hoffnung Sehnen ermuden endlich doch in dem abwechselnden Tanze deiner Traume, wenn die Musik noch lange nachklingt.
Was bleibt dir, mude Seele? wo ist der Glanz der Augen, die Fulle der Gedanken, die nahe Freude, die Hoffnung der Ferne?
Dir bleibt Entsagung, Erinnerung, aber du selbst bleibst dir nicht.
Darum sind alle Gebusche, die mit uns gross wurden, ihr vertrauter Schatten von girrenden Tauben durchflattert, dem verstandigen Manne nicht deswegen allein heilig, weil sie Erinnerung der unbemerkt verschwebenden Jugend sind; der holde Traum will ihm wieder kehren und er mochte den Glanz des Fruhlings in der druckenden Glut des Sommers wieder erkennen. Er fuhlt wohl: So ist der Fruhling und so ist er auch nicht. Und erwacht ihm im schonen Herbste der Fruchtbaum, dessen Frucht er schon genossen, zu neuer Blute, und spinnt der blinkende Reif ihn noch blutenreicher ein, dann fuhlt er wohl in Augenblicken, der Tod sei die reichste Blute, denn er sei gewiss: sei Fruhling, Sommer, Herbst; aus ihm komme alles.
Wenn dich der eingewurzelte Baum so trosten konnte, du einsamer Mensch, warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual, zum Vorwurf; furchte dich selber, sonst hast du nichts zu furchten; denn es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Die Lilie erhebt ihr hohes weisses Haupt, aber des Menschen Haupt, das unter ihr ruhet, erhebt sich nicht wieder; jede Lilie scheint aber der andern gleich, die im vorigen Jahre abbluhte, ist es gleich eine andere; denn sie deuten auf einander und leben durch einander fort: so der fromme Mensch, der in der Gesinnung seines Volkes und mit ihm fort lebt, treu seinen Vatern in Tat und Glauben; er kennt den Tod nicht und braucht ihn nicht unter Bluten zu verstecken.
Vertraue deinem Volke in der Liebe und im Tode: das ist der Glaube, das wird zur Tat.
Wer seines Volkes Glauben im Glucke leichtsinnig vergisst, in der Not verlasst, den wird Gott in seiner letzten Not vergessen und in seinem Glucke verloren gehen lassen.
Hat unsre Zeit, hat unser Volk einen Glauben? wehe ihnen! wenn sie keinen haben; aber sie erkennen noch heilige Schriften und heilige Gebrauche. Da stehet geschrieben, die Ehe soll ehrlich gehalten werden, die Ubertreter richtet Gott und schlagt sie in ihrer Blute darnieder, dass sie nicht Frucht bringen des Verderbens. Sage keiner, dass ihn Gott versuche, dass er allein sei; wo zweie in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eignen Lust gelocket wird; darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebieret sie die Sunde, die Sunde aber, wenn sie vollendet ist, gebieret sie den Tod.
Irret nicht, lieben Bruder.
Frank, der am meisten dabei geredet und am wenigsten gesagt hatte, fuhr fort: "Sie werden meine lange Rede mit meinem Alter und meinem Stande entschuldigen; ich lehrte schon an der Schule, als Sie, Herr Graf auf die Universitat kamen, wenigstens zwolf Jahre sind wir unterschieden." "Doch sind Sie noch unverandert jugendlich in Farbe und Bewegung; ich wurde Sie fur junger halten", meinte der Graf. "Bei uns regelmassig Beschaftigten greifen die Lebensalter nicht voraus in einander", meinte der Prediger, "meist nach bestimmten Perioden, die auch wohl durch eine Krankheit bezeichnet sind, treten wir die grossen Stufen hinunter; durch gleiche Ordnung hort manches Muhsame auf, beschwerlich zu sein; wir kennen auf dem Lande wenig Anstrengungen, die alle unsre Krafte forderten, und darum werden Sie auch bei Kriegen und andern Ereignissen, die den gewohnten Verkehr storen, dort eine Menge unerklarlicher Krankheiten und Sterbefalle finden; ja ich muss gestehen, dass selbst die Einfuhrung der Wechselwirtschaft in unserer Gegend, an der ich eifrig arbeite, manchen alten Landwirt dahingerafft hat; mich beruhigt dabei, dass er in seinem Berufe gestorben." Die Grafin machte ihm Vorwurfe daruber, ob es wohl eines Menschenlebens wert sei, dass etwas gehackte Fruchte mehr gebaut worden; er lehnte dies ab, indem er bewies, dass eben dadurch viel mehr Menschen kunftig gut leben konnten. Der Tisch wurde inzwischen aufgehoben, der Graf fuhrte seine Frau und seinen Freund in eine angenehme Weinlaube hinter dem Schlosse, die als ein grosses grunes Dach von wenigen Saulen unterstutzt, an welchen der Weinstock aufrankte, ein eigenes Sommerhaus bildete, in welches die Sonne durch die zackigen Blatter gar angenehm auf die kleinen Trauben blickte. Bequeme Sitze, Birkwasser, Rheinwein und Zucker wurde von den Bedienten gebracht; der Graf zeigte dem Prediger in der Gegend umher einzelne Denkmale und erzahlte deren Geschichte. Die Grafin trat mit Berichtigungen dazwischen; sie hatte alles durch die Ilse schon genauer kennen gelernt, als der Graf, ungeachtet er dort aufgezogen war und vieles geschaffen hatte. Der Graf schwieg und der Prediger bat ihn, nicht langer die Erzahlung vorzuenthalten, die er bei Tische versprochen. Der Graf entfernte sich einige Augenblicke, dann kam er mit einem grossen Paket von mancherlei Papieren zuruck; ehe er diese geordnet, fullte der Prediger die Stille mit einer pathetischen Anrede, die er irgend einmal auswendig gelernt zu haben schien.
PREDIGER: "Ihr geliebten hochgefeierten Musensitze, wie goldene Luftschlosser scheint ihr zuweilen in mein dunkles einsames Pfarrzimmer, und meine Augen gehen unter in dem Glanze. Aber hier von der Hohe eines freien reichen altritterlichen Schlosses, darf ich schon zu euch hinblicken, ihr goldenen Berge, auf denen die Musen rings auf Apollos Leier horchen, jede ihr Eigenes dabei denkend in sich; alles scheint mir hier so nahe an der Seite des Musenfreundes, an der Seite der Schonheit. Wie glanzet der Rossquell in den Abendstrahlen, es wiehert das Flugelross ..." (Wirklich wieherte in diesem Augenblicke des Grafen Rappe, der in der grunen Koppel alle Anstrengungen des vorigen Tages vergessen hatte.) "Nur ein Trunk alter Lust, nur ein Jubelgesang alter Stimmung, und ich bin wieder derselbe, dem die Zeit, wie ein Vogel in hochster heller Lufthohe mit gleichen Flugeln schwebend, stille zu stehen schien. Dieses Glas trinke ich dir zu, Mutter aller Musen, Erinnerung, du wunderbare Schicksalsgottin alles inneren Lebens, aller Gedanken; denn wer die Tochter gewinnen will, der muss es mit der Mutter halten. Wie so ganz gegenwartig wird mir die erste Bekanntschaft mit Hollin in H.; wie zeichnete er sich als Redner der Studenten bei dem glanzenden Morgenfeste aus, das von der Universitat in dem Botanischen Garten zur Feier des ersten Besuches unsres Konigs und der schonen Konigin gegeben wurde; sein Anstand, seine tiefe Stimme, das mannlich Vollendete seines Wesens nahmen alle Zuschauer fur ihn ein; auch die hohen Herrschaften dankten ihm gnadig. Jedermann musste ihm gut sein, so gar kein boser Hinterhalt war hinter seinen Augen moglich, die so lebendig mitsprachen, dass seine Seele wie in einem Glashause dachte, wo jedermann zuschauen konnte, ohne dass er etwas davon ahndete. Darum sahen die Madchen meist nieder, wenn er sie anblickte, und die alteren Frauen in ungefahrlichen Jahren lachten ihm alle freundlich entgegen; er hatte sein Teil erwahlt, er gab wenig auf sie acht und mich zerstreute bald die mannigfaltige Pracht des Hofes und der Frauen, die farbig unter den farbigen Zelten wie unter hohen Blumen sassen, die sie geboren, und mit ihnen an den hohen Baumen noch zu schweben schienen. Auch mich ergriff der allgemeine Verkehr, auch ich sah ihn nicht wieder in dem allgemeinen Jubel, der sich immer nach dem Hofe drangte und von ihm zuruck stromte. Der Konig fragte mit Weisheit nach den Bedurfnissen der Stadt und der Universitat, ruhmte das zarte Ehrgefuhl, die gute freie Lebensart der Studenten, ihre Begeisterung fur Kunst, Wissenschaft und Vaterland. Die Fruchte des Landes und die fremden Fruchte des Gartens, Ananas, Melonen und Feigen wetteiferten in Fulle, Susse und Saftigkeit; der Wein wurde reichlich geschenkt, dass selbst der Boden von seinem Opfer duftete; doch vor allem war herrlich der Gesang wackerer Junglinge und Madchen, deren Chore abwechselnd, die Luft einander zuschmeichelnd, sie mit Wollust erfullten. In diesem Jubel sah ich Hollin zum letztenmal; der Hof zog fort und die Stadt schien mir ausgestorben; alle junge Leute hatten sich in die zwei Hofdamen verliebt und das Unbedeutendste, was sie gesagt, wie sie sich getragen, wiederholten wir einander."
Unterdessen hatte der Graf alle Papiere in Ordnung gebracht, und er begann die Geschichte ohne alle Umstandlichkeit, indem er ihr gleich einen Titel gab.
Neuntes Kapitel
Hollins Liebeleben
2 "Hollin und Odoardo kamen denselben Tag auf eine Schule, gewannen einander sogleich lieb und veranlassten dadurch, dass ihnen der Rektor ein gemeinschaftliches Zimmer anwies, das sie auch bis zu ihrem Abgange nach der Universitat mit einander bewohnten. Jener war dem letzteren an Alter, Vermogen und Talent uberlegen; diese Uberlegenheit war alte Gewohnheit und machte keinen Riss durch ihre Freundschaft. Sie versuchten sich mit einander in allem, was das Schulleben mit sich fuhrt; sie praparierten sich miteinander, brateten heimlich einander Kartoffeln, schlugen gemeinschaftlich ihre Feinde auf andern Schulen, hielten sich zusammen heimlich einen Renommistenanzug, in welchem sie abwechselnd Komodie und Kaffeehaus besuchten; sie waren auf der ganzen Schule unter dem Namen Kastor und Pollux bekannt; Odoardo, der fruher schlimme Jahre bei seinem armen Vater zugebracht hatte, welcher Doktor in G. war, hatte mehr Bewusstsein dadurch, mehr Vorsicht und Klugheit gewonnen, war dadurch eine Art wohltatiger Hofmeister Hollins, der ihn von tausend Unbesonnenheiten zuruckhielt; in allem ubrigen lebten sie so in einander uber, dass die Lehrer Muhe hatten ihre Handschriften zu unterscheiden. Die Vormunder schickten Hollin nach H., der Vater berief Odoardo nach G.; beides war ihren vereinigten Bemuhungen unabanderlich, weil jeder vom andern die Abanderung erwartet hatte; sie trennten sich mit tausend Schmerzen und fuhlten doch erst nachher, was sie an einander verloren hatten. Als sie von einander Abschied nahmen, sagte Odoardo: 'Dies ist ein Augenblick, wo wir uns trennen, vielleicht kommt ein Augenblick, wo wir uns wiedersehen, gewiss aber einer, wo wir uns hinlegen und nicht wieder aufstehen'; und erinnerte seinen Freund daran in seinem ersten Briefe und an manches andre Traurige: wie ihre kleine Schulwelt hinter ihnen bis auf die Namen, die sie in ihre Banke eingeschnitten, bald vernichtet sein werde; dabei erinnerte er sich, wie er als Kind fest geglaubt, er werde ewig leben, bis sein liebster Spielkamerad, ein Hund, sich in der Morgensonne aufgestreckt, still geworden und gestorben sei; von der Universitat schrieb er nichts. Ganz anders beschrieb Hollin seine Gedanken bei dem Anblicke der Universitat: 'Himmel, welch ein Gefuhl, als ich die ersten Spitzen der Turme und immer mehr, endlich die ganze herrliche Freistatt der Jugend aus der Ebene hervortreten sah. Noch ist er nicht verhallt in mir, der innere Ruf nach Freiheit, der mich als Kind schon zum kuhnen Spiele auftrieb. Ringt nicht jedes Wesen nach Licht und Freiheit, Keime, Bluten, Vogelbrut, selbst die stummen Fische verlassen im Sonnenscheine ihr Element und schlagen sich empor und rauschen uber seine Flache hin. Und wir, frei aufgerichtet zur Mittagssonne, die wir unsre Erde in Luft und Wasser umkreisen und durchstreifen durfen, sollten die Fulle der schwellenden Kraft und Freude im tragen Kleinmute des Burgerlebens eindammen. Der Wagen schien mir unertraglich langsam fortzuschleichen, wie die Zeit auf unsern Schulbanken. Bald kam eine Schar in ritterlicher Kleidung mit Helm und Schwert, bewillkommte uns zutraulich, ohne uns zu kennen, lud uns gastfrei zum Mahle ein und verbruderte sich mit uns: verbrudert uns nicht alle menschliche Gestalt, ist nicht die Liebe frei und ist es nicht der innerste Drang des Menschen, alles liebevoll zu umfassen und in sich aufzunehmen.' Im nachsten Briefe erzahlte er seinem Freunde, dass er in eine Landsmannschaft aufgenommen, einer der besten Fechter geworden sei; dass er sich bemuhe ihnen dagegen seinen Sinn fur alles Tiefe in der Philosophie mitzuteilen. Warnend schreibt Odoardo von seiner Universitat: 'Mir ist alles hier unertraglich einformig bis auf die untergeschobenen, auswendig gelernten Einfalle. Ein paar lacherliche Namen, ein Dutzend Scherze uber Dinge des taglichen Gebrauchs, dieselbe Manier arme Leute zu beleidigen, die sie nicht furchten, viel Erzahlungen ehemaliger Tapferkeit und nachahmenden Mut aus Furcht vor der Schande; das hab ich schon entdeckt. Wer nicht platt ist, wird aberwitzig genannt, wer Poesie liebt, ein Kraftgenie, wer einen andern als den hergebrachten Spass treibt, von dem heisst es, er wolle etwas vorstellen. In den Gesellschaften ist stummes eitles Hofmachen, alles in ernsthafter Wichtigkeit; haben sie dann etwas Wein genossen, so werden sie grob, nach ihrer Art genialisch, und sagen den Frauen Unanstandigkeiten; diese fliegen verstort auf und werden von ihren Beleidigern nach Hause gefuhrt. Dann gibt's Schlagereien, selbst zwischen Freunden, die einander alles verziehen haben; zum Gluck kommt selten was dabei heraus. Von dem unsinnigen Lernen sage ich kein Wort, die meisten tun nichts als Heftschreiben.'
Hollin hatte sich mit solcher Lust in die Studentenwirtschaft geworfen, dass ihm sehr bald ein Vorsteheramt seiner Landsmannschaft ubergeben wurde. Eine grosse Streitigkeit zwischen Landsmannschaften und Orden entzweite damals die Universitat; er nahm heftig die Partei der erstern, weil er darin wenigstens keinen solchen Trennungsgrund wie in den Orden fand, die notwendig, weil alle daran teilnehmen konnten, im ewigen Kampfe unter einander bleiben mussten. Alles sollte durch einen Zweikampf zwischen beiden Parteien ausgeglichen werden; er wollte fur alle fechten, das erfullte ihn mit Freude; nur das Unbestimmte des Kampfes bewegte ihn; hatte er sich bestimmt einen Arm, einen Fuss abhauen lassen durfen, es ware ihm lieber gewesen. Er kam fruh auf das Dorf, wo gekampft werden sollte. Freunde und Feinde unterhielten sich wie gewohnlich von Nebensachen ganz frei. Vor allen gewann er einen gewissen Lenardo aus G. ganz ungemein lieb, der aus Hang zur Unabhangigkeit von seinem Vater, der ihn dort einschranken wollte, ohne Abschied nach H. abgereist war. Offen ohne Zweck, lustig aus Bedurfnis und darum dem Weine, dem Spiele, den Madchen ergeben; fleissig zum Scherz, mutig ohne es zu wissen, nie Beleidiger, fast immer Versohner beim Weine; mit allen Gutfreund, mit keinem insbesondere, hatte er so viel Bekanntschaften gestiftet, so viel Bruderschaften getrunken, so viel Trennungen erfahren, dass er in jedem neuen Bekannten zehn alte wieder begrusste und wiederfand, ohne es zu wissen. Er war immer der einzige ohne Stammbuch, der sich in allen Stammbuchern fand; immer von Memorabilien umgeben, der aber keine einzige behielt, dem die vergangene Zeit ganz vergangen. Witz horte er gern von andern, um Gelegenheit zum Lachen zu haben, er selbst hatte den Witz nur im Trunke; rasch im Wetten, aber selten glucklich, weil er wenig genau horte; glucklich im Spiele, gewann er doch selten, weil er nur im Unglukke wagte; leichten Weibern sehr willkommen, war er doch selten geneigt, den Umstanden einer etwas vornehmeren Verbindung sich zu unterziehen; die schnellere Entscheidung bei den unteren Klassen machte ihm mehr Genuss; in den Kunsten zeigte er stets ein vorwiegendes dramatisches Talent. So ist er noch jetzt, und so war er; denn er gehort zu den unveranderlichsten Menschen, unversehrt, ob er gleich zehn verschiedene Weine an einem Abende aufeinander setzt. Dies wurde sein Gegner; sie umarmten sich erst, dann schlugen sie sich; Lenardo wurde sehr bald schwer in den Leib verwundet. Hollin hatte sich in seinen Hieber sturzen mogen; doch der Wunsch seinem Freunde zu helfen, trieb ihn zu Pferde nach der Stadt einen Wundarzt zu holen; dem Mediziner, der gegenwartig, fehlte es an Geschick, er hatte mit seinem Bindezeuge bloss figuriert. Als dieser ankam und den Verwundeten, der an einem Ofen halb gebraten und halb erstarrt lag, von dem druckenden Verbande der Schnupftucher befreit hatte, und mit der Sonde auf und nieder fuhr in der Wunde, da hing Hollin wie ein loser Stein uber dem Abgrunde; endlich hielt ihn die Hoffnung fest, und die Hoffnung liess ihn nicht zu Schanden werden; die edlen Teile im Innern waren unverletzt. Ohne Ermudung wachte er in den kalten Nachten bei dem Freunde, und der Zufall machte ihn bald mit allen Lebensverhaltnissen Lenardos bekannt. Er musste an dessen Schwester Marie schreiben, sie mochte sein boses Verhaltnis mit dem Vater ausgleichen; dabei ruhmte er ihm die Schwester als unendlich liebevoll und gut. Hollin hatte einen jugendlichen Hochmut gegen die Weiber; aus Mangel an Umgang mit ihnen hielt er sie kaum fur Menschen; insbesondre hatte er gegen alle moderne Sitten derselben aus einigen Darstellungen in Komodien neuerer Zeit einen bestimmten Abscheu; was er von Liebe wusste, war nur im allgemeinen empfunden, nie bei einer einzelnen entdeckt. Lenardo sprach mit ihm, ob er ein Madchen heiraten sollte, die ihm recht gut sei, und viel Geld habe, er ware dann auf einmal aus seiner Schuldenlast. Hollin fand das frevelhaft, behauptete, wenn es uberhaupt eine Ehe geben durfe, so musse sie das Band zweier Liebenden sein; der Liebe gehore jede Hingebung, und alle ausseren Verhaltnisse mussten vor ihr verschwinden: ein Hingeben ohne Liebe sei Unzucht; wer mit dem Feuer der Haushaltung die Liebesfackel anzunden wolle, der werde darin wie im hollischen Feuer verbrennen und nur aus dieser Unnatur, die haufig sogar aus Pflicht getrieben wurde, entstehe alle sinnlose Ausschweifung der Manner und die feile Liebe." "Da hat er einmal nicht ganz recht!" rief die Grafin eifrig. "Sie haben recht", entgegnete der Prediger; "ich leugne, was er von dem Hinaussetzen der Liebe uber aussere Verhaltnisse sagt, insofern sie doch nicht aus der Welt hinaus versetzen kann." "Das meinte ich nicht", antwortete die Grafin, "aber mir sind viele Beispiele bekannt, dass Ehen bloss der Ausstattung wegen gestiftet wurden, die sehr glucklich ausschlugen; das Entgegengesetzte sah ich oft bei Liebenden." "So etwas muss man nicht sehen!" brummte der Graf vor sich.
" ... Lenardo genas, und Hollin zog sich von dem grossen Studentenhaufen zu seinen Buchern zuruck; der Wunsch andre zu bilden, misslang ihm fast ganzlich, denn er wollte alles in der Natur ubereilen. Einsam durchstrich er zum erstenmal die schnell aufgrunende Fruhlingsbuhne, schwelgte an jedem neu grunen Blatte und im Laufe der krummen Fusswege kam er uber eine Brucke auf eine Insel; im Gefuhle der Einsamkeit liess er sich einen kleinen Geiger kommen, setzte sich in eine Laube und knackte Nusse, die meist hohl waren; sein Herz war voll. Lenardo schreckte ihn heranspringend mit den Worten auf, er werde gleich seine Schwester zu ihm fuhren, die heute angekommen; sein Vater sei versohnt, Hollins Brief habe das ganze Haus entzuckt, alle waren begierig ihn kennen zu lernen. Er sprang fort, ohne Hollins Antwort zu horen, der ihm versicherte, er konne in dem Augenblicke mit keinem Weibe reden. Hollin warf aus Verdruss Tisch und Bank um, liess den Kleinen ein Schandlied musizieren und lief in das Dickicht. Bald kam Lenardo mit seiner Schwester und noch einem Madchen. Lenardo erklarte ihnen lachend den wunderlichen Hass seines Freundes gegen alle Weiber; beide schienen dadurch etwas beleidigt. Alles das sah Hollin aus dem Dickicht und fur seinen Hass und fur seine Ruhe sah er zu viel; beide verschwanden im Augenblicke. Was hatte er jetzt dafur gegeben mit Marien sprechen zu durfen; aber er hatte sie beleidigt, was hatte er ihr sagen konnen; ihr Bild schwebte ihm noch deutlich vor, als sie lange fort war, und am Abend trieb er sich vor ihrem Fenster herum und meinte, wo ein Schatten durch die Gardinen der erleuchteten Fenster dunkelte, da stehe sie, und da meinte er etwas zu sehen. Lenardo reiste den nachsten Tag mit seiner Schwester und seinem Vater fort; nach seiner Weise hatte er vergessen, irgend jemand davon zu sprechen; niemand wusste wohin. Hollin argerte diese Nachlassigkeit, denn er konnte nicht Ruhe finden, bis er die Beleidigung gut gemacht, der er selbst diese stille Abreise falschlich zuschrieb; er entschloss sich zur Zerstreuung den Harz zu Fusse zu durchstreichen und es gelang ihm wenigstens auf den wilden Hohen, in den grossen Ansichten der Natur sich selbst mehr zu vergessen. Eines Tages kehrte er in Goslar spat abends ein; die Altertumlichkeit der Stadt machte ihn selbst alt; er ging durch die engen Gassen, von fliessendem Wasser durchschnitten, vor dem Rathause voll bunter Schnitzwerke, vor der alten Kirche, mit wunderbaren Bildern geziert, vorbei; ihm ward ein so wohltuendes Gefuhl durch alle Adern gegossen, als kehre er nach abgebussten Sunden von einem Kreuzzuge heim, als werde ihm morgen des Gluckes Sonne einmal wieder scheinen. Im Gasthofe fand er einen truben Brief von Odoardo; 'Werthers Leiden' waren dem in die Hande gefallen, und fuhlte er auch nicht das zerstorende, sich selbst wiederkauende Ungeheuer in der Welt, so fuhlte er doch, bedrangt von lastiger arztlicher Praxis, die er fur seinen Vater ubernommen hatte, eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung, ein torichtes ermudendes Spiel aller Naturerscheinungen, eine ewige Wiederkehr der Jahre, derselben Bluten, derselben Menschen, ihrer Verhaltnisse, weswegen man in alle Ewigkeit hin in demselben Sinne, aus derselben Apokalypse prophezeien konne. 'Wir mussen so laufen', schrieb er, 'damit die Schuhe ausgetreten werden, und sind sie ausgetreten, so sind sie zerrissen, und die neuen drukken wieder; die Unendlichkeit steht, lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir konnen ihr Angesicht nicht erblicken. Und denke ich Deiner Freundschaft, sieh, da fullt sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir, in welchem noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte, mit klarem Wasser, nachdem die Schleusen erschlossen sind. Wie ist alles so voll und so leer, so freundlich und traurig zugleich: alles Tag in Nacht. Im Lichte der Freundschaft glanzt die Spitze unsres Hauptes in Klarheit, aber die Augen trauren schon in der dunkelen Nacht. Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen; die wenigen, welche ihr Inneres austauschen und Freude zeugen, sie treibt der starke Bogen des Schicksals in alle vier Weltteile. Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile erreichen ein Ziel! Gibt es ein Ziel? Konnte ich diese Welt der Bewegung nur aus mir los werden alle Abend denke ich mit Freude und Sehnsucht an den Tod einer Grafin, von der erzahlt worden, wie sie ruhig zu Bette gegangen, und in Selbstverbrennung vernichtet, ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung, in ein Aschenhaufchen verwandelt wiedergefunden sei.' Hollin antwortete gleich seinem alten Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung: 'Dein Brief war Selbstmord. Glaub mir nur dies, die meisten Menschen sind Selbstmorder, und Du gehorst zu den vielen, die es verachten ihr Leben durch einen machtigen Giftbecher zu enden, aber das Gift gierig in tausend schonen Lebensblumen aufsuchen und einsaugen. Und ist nicht das letzte unwillkurliche Ringen nach Leben, der Todeskampf, das letzte Aufatmen, der Todesseufzer ein eigentlicher Abscheu der Natur, das Verdammungsurteil des Selbstmorders. Uns leitet das elende Zeitalter zum Selbstmorde; die meisten folgen und fallen darin, wenn sie auch nicht Hand an sich legen; lass uns mutig und kraftig dem Strome der Zeit entgegen schwimmen; wer in dem Kampfe zur Rettung jedes guten Lebens erliegt, der stirbt fur die Freiheit und lebt in ihr. Bist Du aber wahnsinnig in truben Stunden und kannst nicht anders, und musst so denken wie Werther, so lass Dich anketten in guten Stunden durch eine andre gleiche, weniger anstrengende, Dir mehr angemessene Tatigkeit, als jene ist, zu welcher Dich Dein Vater bestimmt, auf dass Dir die mussige leere Zeit zum Nachdenken verschwinde, die Dir nicht taugt und nie getaugt hat.'
Mitten in dem Schreiben wurde er durch einen Seufzer im Nebenzimmer gestort; das regte ihn an, allerlei sanfte Nachtlieder anzustimmen; es klingelte im Nebenzimmer, er horte eine weibliche Stimme; seine Lust an Abenteuern erwachte; er trat an die Ture und fragte mit einer nachgemachten Kellnerstimme: 'Was beliebt?' Eine alte Weiberstimme antwortete ihm: 'Bitt' Er doch den Herrn im Nebenzimmer, dass er seine Nachtmusik bis morgen verspart, wenn wir fort sind.' Dies Abenteuer machte ihm ungemein viel Spass; aber wie wurde er erschreckt, als er am Morgen vom echten Kellner die Namen seiner Nachbarn horte; es war Maria Lenardo mit ihrer Mutter gewesen. Beide waren ganz fruh mit dem Vater dem Brokken zugewandert. Kaum war der Kellner fort, so sprang er in sich wutend und tief gekrankt in das Nebenzimmer, alle verlassenen Reste ihres kurzen Daseins zu sammeln; sie musste ganz ihm zunachst geschlafen haben, durch ein dunnes Brett geschieden; denn das andere Bett war nach der Gewohnheit alterer Leute hoch aufgestapelt mit Kissen. Er konnte es nicht lassen, er sturzte sich in das gluckliche Bett, das sie umschlossen; es war noch erwarmt, und der Duft der Gesundheit erfullte es ganz und immer tiefer drangte er sich in das Federbett, es schlagt uber ihm zusammen, er sinkt in Wohlsein unter. Als er sich zusammengerafft, sich angezogen hatte, eilte er der Gesellschaft mit solcher Eile nach, dass er sie in drei Stunden schweisstriefend erreichte; er wollte sich erst als Fremdling ihnen vorstellen, um kein Vorurteil fur sich und gegen sich zu erregen. In der schonen Gegend liess er sich aber so frei aus, dass sein Geheimnis bald seinen Lippen entfiel, von Marien recht zart aufgenommen und mit einem Kranze fur alles Verdienst zuruckgegeben wurde, was er sich um ihren Bruder erworben. Die Mutter sorgte an einem Ruhepunkte fur die Haushaltung aller, und Marie schenkte mit sorgsamen, freundlichen, fragenden Blicken den Tee ein; der Vater botanisierte nachher mit seiner Frau, die nichts davon verstand; Hollin ging mit Marien uber Tal und Hohe so selig, dass er uber die schone Gegend kein Wort sagen konnte. Sie kamen bei sternklarem Himmel im neuen Brockenhause an, das wie der Mond am Berge zu ruhen geschienen, woraus ihnen aber Lenardo mit vollem Glase entgegentrat. Er neckte Schwester und Freund; der Vater stellte sich auch jung mit ihm, um sich vor seiner Frau auszuzeichnen. Lenardo brachte eine Zahl steifer Gesellen herein, die in ihren hohen Stiefeln beinahe Arm und Bein auf den Felsen gebrochen hatten; alle wusste er in Tatigkeit zu bringen, sie mussten mit seiner Schwester tanzen; auch Hollin legte seine Hand zum Walzer auf ihren schonen Rucken. Dann forderte Lenardo Hollin auf, seine Schwester zur Ruhe zu magnetisieren; das war dem Vater ein sehr willkommenes Experiment, und Hollin musste sich anschicken, mit dem wundervollen Treiben des Bluts in der Nahe der Geliebten, in der ganzen Anspannung des geheimnisvollen Schwungs der magnetischen Bewegung uber alle Schonheit zwischen Beruhrung und Nichtberuhrung hinzuschweben: der qualvollste Genuss in der ganzen Welt, fast wie aller Umgang zwischen Braut und Brautigam, die zu vertraut sind, um sich Gewohnliches zu sagen und sich nicht mehr erlauben durfen. Einer meiner Freunde klagte mir einst in solchem Zustande, dass ihm von dem ewigen Lacheln dabei die Lippen wehe taten. Hollin lief gleich darauf ins Freie, wahrend der Rat das Einschlafen der Tochter wissenschaftlich erklarte; er ging und stolperte uber die Hexenaltare und als er zuruckkam, stand Maria in Nachtkleidern mit ihrem Munde gegen die Scheiben des Fensters gelehnt, zu tief in sich versenkt, um zu bemerken wie er still einen Kuss auf dieselbe Scheibe von aussen druckte. Nachher stieg er zu den Studenten auf den Turm, und trank der deutschen Freiheit ein Lebehoch! Am Morgen fruh auf, sah er Stadte, Hugel, Strome im Fruhscheine durch das Wolkenmeer leise vordringen, sah die Grundsteine vieler Hauser rings, wo jetzt alles unbewohnt nur ein Schauplatz der Neugierde geworden ist, und er dachte sich ein Volk, das diese grosse Natur und ihre Beschwerden in taglicher Gewohnheit gebraucht, und fragte sich, ob wohl alle Kunste zu dieser Herrschaft uber die Natur wieder hinfuhren konnten. Ein scharfes Wehen am Himmel verkundete ihm die Nahe der Sonne, er nahte sich dem Hause und Maria trat mit einem Brockenstrausse hinaus. Er glaubte, das alles gerade so und alles umher aus einem anderen Leben vorausgesehen zu haben; er sank in stiller Andacht vor ihr nieder und betete unbewusst. Sie beruhrte seine Stirne mit ihrer Hand, er sprang freudig auf; die Sonne jagte durchbrechend das Wolkenmeer vor sich fort, dass eine Welt in der Reinheit erster Schopfung vor ihnen lag, und als sie sich vom Glanze abwandten und hinter sich blickten, da sahen sie sich selbst in ungeheurer Grosse auf den Wolken, dass sie in sich tief erschauderten. Der Rat und die Studenten, die beim Kaffee den Sonnenaufgang versaumt hatten, kamen dazu und freuten sich uber die Lufterscheinung des sogenannten Brockengespenstes, wovon sie alle gehort hatten. Lenardo spielte eine lacherliche Tragodienszene als Schattenspiel in den Wolken. Da Hollin bald enger mit Marien verbunden wird, so scheint es notig, ihre fruhere Geschichte zu charakterisieren. Nie gab es ein ergebneres Madchen: der Ausdruck lasst sich durch keinen andern erklaren; sie setzte sich allen nach und wo sie liebte, wusste sie nichts Hoheres, als ganz demutig zu dienen, den leisesten Wunschen des Geliebten ohne Uberlegung und Rucksicht entgegen zu kommen. Schon ihre Kinderfrau sagte ihr deswegen, sie werde noch viel Not erleben; mit gleicher Ergebenheit liebte sie Mutter, Bruder, und Vater, so streitig jene drei unter einander waren; jedem tat sie einzeln wohl, schmeichelte und half jedem; waren sie beisammen, dann ging ihre Verlegenheit an, die ein sehr verschlossenes Leben in ihr hervorgebracht hatte. Unserm Hollin fuhlte sie sich eigen, noch ehe sie ihn gesehen, und seit der Zeit war ihr stetes Bemuhen, ihm das zu beweisen, doch lange vergeblich, da seine Bescheidenheit sich solch eine Eroberung nicht beizumessen wagte. Aber sie reisten jetzt weiter mit einander, waren oft allein, durchkrochen die Bielshohle zusammen, und verstanden sich ohne einander etwas Bestimmtes gesagt zu haben; alles war abgemacht, doch musste alles geheim gehalten werden, weil Hollin ohne Amt in den Augen des Vaters fur keinen Freier gelten konnte. Bald sollte auch der ganz offenen Freundschaft gegen Odoardo ein Geheimnis aus dieser Liebe werden, denn die Liebe hat hohere Geheimnisse. Maria verweilte einige Zeit mit ihren Eltern bei Freunden in der Nahe von Blankenburg; um Marien desto ungestorter allein zu sehen, nahm er von den Eltern Abschied und versteckte sich in der Nahe in einer oden Forsterhutte unter dem angenommenen Namen eines bekannten Malers, und als er die erste Nacht weit entfernt von ihr schlief, traumte er die ganze Nacht, er liege verkehrt in seinem Bette. Maria ging oft allein aus, dies fiel niemand auf; an einem der schonsten Morgen traf sie mit dem Geliebten zusammen auf dem Wege nach der Rosstrappe: sie gestutzt auf ihn, er umschlungen von ihr, so strichen sie in leisem Gefluster durch das dichte Buchengebusch; es war Sonntag und niemand begegnete ihnen. Auf einmal wurde es hell uber ihnen, sie taten aufjauchzend noch einige Schritte und standen dann auf der Spitze der Granitwand, die schroff aufgerichtet steht zwischen dem Toben und Bluhen freier Natur im eingeschlossenen grunen Tale, von Wasserfallen durchschnitten, und zwischen dem gesetzten Wirken der Menschen, von welchem das dumpfe gleiche Stossen des Eisenhammers an der andern Seite entgegenschallte. Und sie gedachten mit Ruhrung der schonen Konigstochter, die von einem verhassten Freier verfolgt ihr Ross mutig uber den Abgrund spornte und ihm entkam. Noch war der Tritt des Rosses im Felsen zu sehen; der Regen hatte den Eindruck erfullt und Maria liess eine Trane dabei fallen; auch sie erwartete bei ihrer Ruckkehr ein verhasster reicher Freier und sie fuhlte nicht Kraft in sich, den Bitten von Vater und Mutter zu widerstehen. Erst hier erfuhr Hollin diesen geheimen Kummer, der in den festen Schranken burgerlicher Ordnung und Weltsitte ihr schones Leben aufzehren wollte. Zu uns! deutete ihnen das Rauschen des Baches unter ihnen die tiefe Klarheit des Tals, das dichte Grun, die Stimmen der Vogel in ihrer Sicherheit: ergebt euch der Natur mit aller ihrer Schonheit in allen ihren Schrecken; hier unten lieget die goldne Krone der schonen Konigstochter, die ihr im raschen Sprunge vom Haupte fiel, euch ist's bestimmt sie zu finden, die lange aufgegeben ist. 'Ich steige hinab', sagte Hollin, 'und will da einsam mein Leben beschliessen, wenn du mir nicht folgst, Maria.' Und so stieg er rasch voran, und bezeichnete ihr die Stufen und sie folgte ihm wie eine junge Gemse der alten, so kindlich ergeben und treu in der Gefahr nach. Und wie sie unten ins Tal kamen, da schien ihnen alle Welt anders, sie glaubten sich im Paradiese und die einzigen Menschen auf Erden; sie lagerten sich unter einer Laube, wo ein Reh aufgesprungen war; die Schranken des Lebens offneten sich, er fand und raubte die Myrtenkrone, der ewige Bund wurde geschlossen. Sie waren eins, aber dieses Einssein war ihr alles; sie hatten die Welt vergessen, auf der sie so sanft ruhten, den Himmel, der sie so mild gedeckt hatte und der nun furchtbar schwarz uber ihnen gewitterte und seine Regenschauer sandte. Mit Anstrengung aller Kraft brachte Hollin die Halbohnmachtige nach Hause. 'Der Liebe Leben wahrt ewig!' rief er ihr scheidend; sie konnte in diesem Ungewitter leicht einen Grund ihrer verzogerten Ruckkehr angeben. Sie kehrte noch mehrmals zu ihm zuruck, so lange die guten Tage dauern wollten, und doch kam endlich der schwere letzte Tag, wo Hollin ihr nochmals unwandelbare Treue gelobte und ernstes Bestreben nach einem burgerlichen Unterkommen. Als Hollin nun nach der Universitat zuruckkehrte, war es Nacht; einzelne Lichtfenster blickten im Tale, die Turme sahen finster uber die dunkle Hausermasse hinaus, das Wasser unter ihm glanzte und rauschte uber das Wehr, Gesang schallte an einer Seite; im ganzen herrschte tiefe Ruhe und keiner dachte seiner. Und da grauete ihm, wie er dachte, dass andre noch Lust am Leben bewahren konnten, die nicht lebten wie er; er fragte sich, womit er dies Gluck vor allen andern verdiene. Alles schwieg umher, auch zwei Nachtigallen, die bis dahin wetteifernd geschlagen; ihm war, als hatten sie sich tot gesungen, weil nichts ihr Gluck ganz sagen und verkunden konne. Bald eilte er von der Universitat nach der Hauptstadt; die burgerliche Ordnung, die er erst kuhn gebrochen, suchte er jetzt auf, um darin Schutz, Unterhalt und Ruhe fur sein Gluck zu finden. Er gefiel allgemein; seine Kenntnisse waren eben so grundlich als mitteilbar; der Strom der Gesellschaft erfasste ihn von allen Seiten und er spielte mit jeder Welle, denn alles war ihm neu, und er trauete jeder.
Sie erinnern sich, dass eine Bekannte von Marien sie damals auf der Insel begleitete, wo Hollin sie so unhoflich abgewiesen hatte; dieses Madchen, deren Namen ich verschweige, die hasslich und boshaft, dennoch das Vertrauen von Marien gewonnen hatte, hielt sich in der Hauptstadt auf, und wurde von Marien erwahlt, den geheimen Briefwechsel zu bestellen. Sie hasste Hollin seit jenem Tage, und nun horte sie in dem gemeinen Stadtgeschwatze, wie er verschiedene sehr verdachtige Frauen besuche, wie er mit verschiedenen Madchen versprochen sei; darum hielt sie die ersten Briefe Mariens zuruck, und berichtete ihr alles so bedenklich, dass Maria sich nicht trauete, wieder zu schreiben. Hollin, ohne allen bosen Willen und Absicht, in aller schlechten Gesellschaft rein und einzig mit seiner Marie beschaftigt, konnte dieses Stillschweigen nicht begreifen. Mariens Freundin leugnete ihm alle Auftrage ab, Briefe an sie zu bestellen. Endlich schrieb er an Odoardo, er mochte ihm doch von Marien Nachricht geben. Odoardo suchte mit grosser Feinheit Bekanntschaft, fand nie eine gute Gelegenheit, mit Vorsicht sich zu erklaren, und konnte ihm weiter nichts schreiben, als was die Stadt wusste, dass die Heirat Mariens mit dem reichen Kaufmanne ruckgangig geworden; dabei warnte er seinen Freund, keiner fluchtig feurigen Gewalt eines Fruhlingsaugenblickes uber seine ganze Zukunft die Zugel zu geben. Maria sei kein Weib fur ihn; sein umfassender Geist wurde ihres kleinen hauslichen Kreises bald uberdrussig sein; die Schonheit werde bei einer gewissen Geistesbeschrankung undenklich verhasst. Hollin lachte des Briefes; er kannte seine Marie besser; aber der Brief verschloss ihn gegen den Freund, sein Urteil schien ihm hochmutig; liess er aber seine Empfindlichkeit aus, so konnte jener das Geheimnis erraten, das er ihm mit Muhe verbarg. Er schob seinen Brief auf, bis eine Krankheit, die er rettend bei einer grossen Feuersbrunst sich zugezogen, ihn langere Zeit dazu unfahig machte. Kaum war er so weit genesen, so schrieb er in erster Freude dem Freunde; die Versundigung an Marien verwies er ihm mit wenigen Worten; dann erzahlte er ihm seine Krankheit ausfuhrlich, insbesondre einen schweren Traum, der ihn sehr gequalt. 'Bald sah ich viele Erscheinungen umher', schreibt er, 'Maria in einem schwarzen Kleide, eine Konigskrone auf dem Haupte, trat weinend zu mir und legte eine warme Hand auf meine Stirn; Du warfest Dich schmerzlich bei mir nieder, es standen viele alte Krieger umher, man trug mich fort; die Leichenfrau war mit mir beschaftigt; ich sah mich selbst, wie ich in dem schwarzen Sarge mit zinnernen Griffen lag. Da schoss es mir urplotzlich in den Sinn; aber ich sahe ja das alles, wie konne ich tot sein; ich schauderte vor dem Gedanken, lebend begraben zu werden; ich wollte den Trauernden umher mein Leben kund tun. Aber keinen Arm konnte ich heben, mein Mund war geschlossen, nur mit den starren Augen blickte ich, um Schonung von Euch zu fordern. Da kam Marie und druckte auch diese Augen mir zu und liess eine Trane darauf fallen. Ich fuhlte ihren Schmerz und den meinen, sie zu verlassen; ich konnte Euch und mich nicht mehr retten; der Sargdeckel wurde zugeschlagen, die Trager hoben mich, die Schuler sangen: Ach wie herrlich, ach wie labend ist nach einem heissen Tage, solch ein schoner kuhler Abend; das Gelaut der Glokken klang durch und das Weinen der Lieben, die mich begleiteten. Da sammelte ich meine letzte Kraft, Euch ein Zeichen meines Lebens zu geben, und erwachte zum Genesen.' Mariens Freundin war unterdessen beschaftigt gewesen, ihr jede Stunde zu verkummern; von ihr erfuhr sie, er sei durch Ausschweifungen gefahrlich krank; eine sehr verrufene Frau pflege sein. Dieser Pflege, es ist wahr, dankte er sein Leben; aber diese Pflege war bloss Folge jener Gute, die fast das einzige Lobliche ist, wozu der Sinn durch ein leichtsinniges Hingeben geweckt wird; der herrliche Mann tat ihr leid, ob sie ihn gleich nie naher gekannt hatte. Sie wissen noch nicht, in welchem Grade Marie aus dem Himmel ihrer Liebe gestossen, auch in allen andern Verhaltnissen durch die falschen Nachrichten der Freundin unglucklich wurde; Sie wissen nicht, was Marie sich und der ganzen Welt gern verheimlicht hatte, dass sie in wenig Monaten von den Folgen jener schonen Besuche im einsamen Geburge entbunden werden sollte, die jetzt ihr Inneres doppelt zerrissen. Lenardo qualte sie dabei mit einem besonderen Ansinnen; er hatte die eben erschienene 'Maria Stuart' Schillers so lieb gewonnen und den Vater ganz auf seine Seite gebracht, dass dieses Trauerspiel zu einem Geburtstage der Mutter in ihrem Hause aufgefuhrt werden solle, und dass Maria die Hauptrolle ubernehmen musse. Er schrieb an Hollin, dass er ihm auf dem Krankenlager nach der Verwundung versprochen, ihm einmal einen Dienst zu leisten, insofern er seinen Kraften angemessen; nun sei niemand in G., der den Mortimer machen konne, und niemand in der Welt, der ihn besser machen konne als Hollin, er mochte sich also dazu einfinden. Hollin kam die Einladung sehr gelegen; er war denselben Morgen als Bergrat angestellt worden; er konnte jetzt, bei dem Besitze von dem eignen Vermogen, eine Frau ernahren; gleich schrieb er an Lenardo, er komme gewiss, aber erst am Tage der Auffuhrung; er musse ganz geheim halten, wer die Rolle ubernommen; er selbst konne sie leicht in den Proben spielen und fur die Kleider wolle er selbst sorgen. Seinem Odoardo meldete er seine Versorgung und seine Ankunft und bat ihn Marien davon zu benachrichtigen; den letzteren Brief legte er in jenen. Lenardo war zu erfreut uber das Gelingen seines Planes, um den Brief an seinen Freund richtig zu bestellen; erst am Morgen der Auffuhrung fand er ihn in einer Tasche und gab ihn dem Odoardo, der den Leicester im Stucke recht brav probierte. Odoardo fand in seinem Briefe einen andern an Maria eingeschlossen; er fand keine Gelegenheit ihn wahrend der Probe abzugeben und wollte ihr nachher einen Besuch machen.
Hollin hatte unterdessen die Reise mit unglaublicher Ungeduld zuruckgelegt; er kam in der Nacht in einem Wirtshause zu G. an. Hier am Ziele seiner Wunsche scheint ihn die erste Unentschlossenheit angewandelt zu haben, die erste Besorgnis uber Mariens Schweigen, das er bis dahin der strengen Bewachung der Ihren zugeschrieben hatte, man fand in seinem Taschenbuche aufgeschrieben: 'Maria, als mein Arm zuerst Dich umfing, spielte die Natur zu unserm Tanz eine frohliche Weise; Blumen sprossten unter Deinem Tritte, die Vogel liebkosten Dich mit sussen Klangen. Die Blumen sind verbluht, die Vogel hinweggezogen, der kalte Herbstwind krauselt mit durrem Laube den Staub des Bodens. Noch in eben dem Tanze bebt, pocht mein Herz bei dem leisesten Anhauche Deiner Erinnerung, sein Fruhling ist nicht entschwunden, nicht seine Bluten. Bist Du es noch, Hochgeliebte, die wie ehemals meiner wartet; susse Liebe, hattest Du nur ein Wort zur Antwort mir geschrieben, nur ein Angedenken jener Zeit, ein Tannenstrausschen mir gesandt, ich ware nicht einsam allein so nahe Dir; doch ich war ja immer Dir nahe und selbst Dein Schweigen war mir lieb.'
Nach Endigung der Probe ging Marie auf ihr Zimmer und fand einen Brief von der boshaften Freundin, die ihr Hollins Anstellung und seine nahe Abreise anzeigte; man glaube, er hole sich eine Frau aus der Gegend, wer aber diese Gluckliche sei bei den vielen, denen er Hof gemacht, sei schwer zu bestimmen. Mariens erste Empfindung war, das sei gelogen; aber dann ergriff sie eine Angst, Rache hartete sie; mit aller Heftigkeit der gemisshandelten Liebe wollte sie ihm schreiben, sie wollte aller Welt ihre Liebe und ihre Schande bekennen. In dem Augenblicke trat Hollin herein, der sich bei einem Untermieter im Hause ein Zimmer schon fruhmorgens zu verschaffen gewusst hatte er sieht sie und sturzt sprachlos in ihre Arme. Sie dreht sich in einem Gemische aus Zorn und Liebe von ihm weg; sie druckt ihn sanft von sich. In diesem Wegwenden fuhlt er unschuldig die Qual der Verdammten, von denen Gott sein Angesicht gekehrt; halb erstickt ruft er: 'Maria, du wendest dich von mir, bist nicht mehr ganz mein? Nur ein Wort, ein Blick bei aller Liebe, die uns einte, bei aller heil'gen Treue, du bist mein!' 'Treue, Liebe!' rief sie, 'das ist vorbei, ganz vorbei; wie hast du mich so berauben konnen um beide, und sie nachher der Welt Preis gegeben; fort, deine Nahe qualt mich mehr als ewige Entfernung von dir; wie warst du anders sonst, wie war alles anders!' Was sollte er sagen; es gibt Augenblicke, wo man glaubt, die Welt habe eine andre Sprache gelernt, oder man habe die eigne vergessen; er stammelte unzusammenhangende Worte von Angedenken und Seligkeit; sie sagte mit den ersten Tranen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten: 'Wohl bleibt mir ein Angedenken unsrer Liebe, der Schmerz!' Jetzt horte sie im Gange vor der Ture einige laute Fusstritte; sie rief: 'Um meiner Ruhe willen fort, fort, mein Vater kommt!' Sie drangte Hollin mit Angst, mehr aus einer unwillkurlichen Scheu, als aus Uberlegung nach der Ture. 'Elende!' sagte er leise im Abgehen und ging nach dem Zimmer im Unterstocke in einem wunderbar schmerzlich traumenden Zustande, wie ein Opfertier, das der Schlag, der es niederstrecken sollte, nur betaubt hatte. So sass er auf einem Stuhle betaubt und einsam, wahrend Odoardo, denn der war es, sich vorsichtig dem Zimmer Mariens genahert und im dunklen Gange den nach der andern Seite eilenden Freund nicht erkannt hatte. Die mitgebrachten Briefe und Nachrichten erweckten in ihr eine Freude, an die sie nicht glauben wollte. Sie musste ihm ganz laut den Schluss von Hollins Briefe lesen: 'Dir bringe ich dasselbe liebende Herz zuruck, welches in den herrlichsten Tagen meines Lebens mein ganzes Wesen erfullte, das Deine Liebe mir gewonnen. Maria, die Erinnerung der blitzschnellen Stunde im Harze erfullt mich ganz; bald liebes Lebenswunder, werde ich Dich umfangen, Dich kussen im fremden Namen, aber Dich nicht mein nennen. Du wirst mich zuruckstossen. Sei nur recht hart zuruckstossend, weiches Herz, verbirg Dich im Konigsschmucke, Du Schonste ohne Schmuck und Kleid, damit ich nicht taumle und des ganzen Lebens Wonne in der gedoppelten Liebe der Kunst und der Natur, allen zur Schau an mich reisse. Du verstehst mich noch nicht, Herzenskundige; Odoardo wird Dir alles, alles erklaren; ich kann jetzt nicht, die Hand bebt mir von Lust. In neun Tagen bin ich bei Dir; eine Ringmauer umfasst uns, aber nicht ein Bett; Fraulein Lenardo bist Du und ich Herr Hollin; die Lichter sind angezundet, der Vorhang rauscht auf; warum trauerst Du Maria Stuart, hat Dir die Liebe nichts verraten, kein Traum, keine Ahndung Dich umstrahlet; der Retter ist Dir nah, wie freudig will er fur Dich sterben, wie selig mit Dir leben! Wie soll ich meinen Augen trauen? der harte bose Neffe Paulets, der Mortimer ist mein Hollin! Eilende Wolken! Segler der Lufte, wer mit euch wanderte, mit euch schiffte!'
Dieses laute Vorlesen hatte Odoardo ein Vertrauen geschenkt, wozu er sonst nach seiner ruckhaltenden Art schwerlich gelangt ware. Maria erzahlte ihm jetzt, welche Nachrichten sie von Hollin durch eine Freundin empfangen; erzahlte ihm von des Freundes Ankunft. Odoardo, freudig dieser Ankunft, schwor ihr bei allen Heiligen, die bosen Geruchte seien falsche Verleumdung, alles sei Missverstandnis und lasse sich leicht heben; er eile Hollin aufzusuchen, um ihn zu versohnen. Der ungeheure Wechsel von Schmerz in Freude nahm ihr wie den lange Eingekerkerten bei der Ruckkehr an die freie Luft Atem und Besinnung; sie fiel sprachlos und bewusstlos in Odoardos Arme. In diesem Augenblicke eroffnete Hollin, der sich noch zu einem Versuche entschlossen, alles Ratselhafte in der Geschichte aufzuklaren, ganz leise die Ture; Odoardo war angstlich beschaftigt, seine schone Burde zu ermuntern, er achtete nicht des Gerausches. Hollin starrte, wandte sich um, eilte fort und liess die Ture offen, deren frischer Luftstrom die Ohnmachtige erweckte. Odoardo eilte jetzt Marien alle Briefe Hollins zu bringen, wo er von seinem Umgange mit allen den Weibern so offen, so wahr, so unschuldig schrieb, dass sie innig von seiner Treue uberzeugt wurde; ihre Freude war das letzte Aufleben, die Esslust eines Todkranken. Dann eilte Odoardo in alle Wirtshauser, seinen Freund aufzusuchen; wo er wohnte, war er unter fremden Namen aufgeschrieben, und wie wir wissen, hatte er schon seit dem Morgen das Wirtshaus verlassen. Odoardo ahndete ein Ungluck, aber er durchstrich die Stadt vergebens; er begegnete Hollin nirgends.
Hollin scheint indessen weit umher gewesen zu sein, sich an den verschiedensten Orten einen Ruheplatz zu suchen, wo er sich schreibend zu sammeln bemuht war; was sollte er tun? Die uberall abgerissene Schrift in seinem Taschenbuch zeigte, dass er nirgends mit sich abschliessen konnte. Wahrscheinlich nachdem er die Litanei in einer Kirche gehort, schrieb er hinein: 'Kyrie eleison, Christe eleison, ich habe euch vergeben, Halleluja dem Allerbarmer, er hat die fressende Wut eingedammt. Buhlerin, wie Du so leichtsinnig mit mir fromme alte Sitte gebrochen, so leicht wurde es Dir auch mit andern; wie Du Deine Eltern betrogst, so betrogst Du mich. Musste ich Dich so wiederfinden, Odoardo, liebster Freund, argster Feind, in den schandlichen Armen. Odoardo, Du bist unschuldig; eine Umarmung von ihr ist reicher wie der Himmel. Noch einmal will ich sie sehen, sie umarmen, dann fort, fort, uber Land und Meer.' Die Zeit der Auffuhrung kam heran, die Zuhorer sammelten sich. Maria ohne Argwohn kleidete sich frohlich an; Odoardo vermied es, ihr seine Besorgnisse mitzuteilen. Es begann eine ruhrende Symphonie, als Hollin unbemerkt im Dunkel in sein gemietetes Zimmer zuruckkam und ohne Beihulfe andrer seine Theaterkleider anlegte. Wahrscheinlich wahrend dieser Musik schrieb er zu seiner Beruhigung in die Schreibtafel: ' ... Was es fur Tone sein mogen, die aus dem Innern hervordringend den Schmerz des unruhigen Lebens ubertonen? Nicht von aussen kommen sie mir, es ist die Trauermusik vor einem Toten. Zuerst der Posaunenklang, in welchem die grossen Orgelgeister erwachen, wie sie allmachtig die Kirchenwande erschuttern, dass die Betglocke leise anschlagt. In diesen lustwandeln Oboen und Klarinetten; es schallen munter Geigen und Zimbeln dazwischen. Da erschallt die erste geweckte Menschenbrust und schwebt im Gesange, empor getragen, aber der Atem geht ihr aus. Wie du so einsam trauerst, Maria, Mutter Gottes, um den verratenen Sohn; kann denn dein Sohn nicht mehr trauern, dass du ihn geboren! Warum durchbricht so selten der Strahl des Auferstandenen diese dunklen Fenster? Es ist tiefe Nacht ubers ganze Land ausgegossen. Da muss ich in der Finsternis an die bloden Augen schlagen; ich sehe dann funkelndes Morgenlicht. Sieh, wie die Mauern erbeben, Strahlen auf und nieder schweben, Kindlein mit goldnen Fluglein auf der Leiter herniedersteigen, die Himmelsscharen sich freundlich beugen, Luft, Luft, es offnet sich jede Gruft, Mariens Auge die Himmelsblaue durchbricht; freudig Erbeben, seliges Leben, ewiges Licht.'
Lenardo hatte indessen mit unglaublicher Ungeduld nach allen Seiten umgeblickt, ob Hollin nicht komme, und als der Vorhang aufging, selbst ein Kleid angelegt, das der Rolle bestimmt war.
Maria ruhrte durch ihr Elend als Stuart ungemein; sie war so ruhig, war so gewiss, dass Hollin seine Rolle spielen werde, und wirklich trat er unerwartet zu dem Auftritte heraus, wo er sich ihr als treuester Freund offenbaren sollte. Unser Freund, durch die Schonheit seines kraftigen Baues, durch den vorteilhaften alten Anzug gehoben, erregte allgemeines Aufsehen; das Rollen seiner Augen wurde als erste Theaterverwirrung aufgenommen, man machte ihm mit Handeklatschen Mut, und Lenardo sprang triumphierend ins Parterre, um den Dank fur seinen Scherz in Empfang zu nehmen. Auch Maria war bei seinem Anblicken selig erstaunt, doch gewannen beide bald genug Geistesfreiheit, um ihre Rolle auszuspielen. Mit uberirdischer Heiligkeit sprach er die Rede, von der hohen Wirkung des grossen Kirchenfestes. Hollin schien nur gekommen, Marien noch einmal, zum letztenmal zu sehen, und nun sah er sie in aller Schonheit, in allem Glanze, mit dem ganzen Zauber der Kunst; er fuhlte erst jetzt alles Treffende seiner Rolle auf sich; er glaubte eine hohere Macht in diesem wunderbaren Zufalle und uberliess sich ihrer bosen Gewalt. Am Schlusse seines Auftrittes verschwand er; Odoardo wollte ihm nach, aber Lenardo stellte sich vor ihn und hinderte es, weil Hollin ihm geschrieben, er bate sich aus, ihn wahrend der Vorstellung gegen alle Anreden zu schutzen; er habe die Rolle so schnell gelernt, dass er jede Pause zum Wiederholen strenge benutzen musse. In dieser Zwischenpause scheint er das Folgende in sein Taschenbuch geschrieben zu haben: 'So ruhig heilig traurig konntest Du vor mir erscheinen, Maria, meinen Blick ertragen? Du spielst im Leben auch zur Schau! Mir ward in Deinem Blick so weh und bang; die Engel und die Teufel alle, sie schienen von Dir loszulassen, mich zu umdrangen, mich zu fassen, die Liebe und die Rache rangen auf, die Allmacht riss mich fort: Soll durch den Tod sich Liebe lohnen, muss Liebe in dem Tode wohnen! Die Sterne gehn in ew'ger Nacht, sie drangen unaufhaltsam fort, sie schweben in einem engen Raume; das Leben kampft und erloscht im Leben; bald ist die Buhne voll, es freuen alle sich des vielen Glanzens; die eine Bahn von Ost nach West strebt jeder zu durchlaufen; sie wollen alle sich ersticken verzweifelnd bricht dem Helden nun das Herz, der seine Bahn an ihre Bahn geknupft. Wohl dann, bin ich kein Held, ich sterbe doch als Held! ich opfre mich, weil ich nichts anderes zu opfern hier vermag. Auf ewig soll ich von euch scheiden. Noch einmal will ich ihn, den Saum des strahlenden Gewandes, kussen, das Deinen Mond, Maria, blau umflattert; noch einmal streb ich, mich dem Ring der Kette anzuschliessen, die mich so lange hat umschlossen. Der Ring zerspringt; es klingt der laute Beifallsjubel der kunstlerischen Freunde; Verzweiflung packt mich, Wut reisst geisselnd mich durch Meeresflut. Ha Kunst, du hast gesiegt! Jetzt wirft mich Nordwind auf die ode Felsenspitze; gefesselt lieg ich und kann nichts erfassen; es schimmern uber mir die kalten Morgennebel und die Gestaltung all ist fern. Noch liebevoll geb ich den wolkigen Gestalten Namen; schliess Freundschaftsbundnis mit den dunklen Armen, deren schwarzer Ring durch alle Winde standhaft kampft; da mein ich schon, ich find ihn wieder, den verlornen Ring; ich fass nach ihm mit beiden Armen, da schleudert er des Blitzstrahls zackig rollende Schlangen auf mich herab. Ich leb nicht mehr, da hallt's im Widerhall der Felsen: Soll durch den Tod die Liebe lohnen, wird Liebe in dem Tode wohnen ...'" "Das verstehe ich nicht", unterbrach die Grafin den Erzahler. Den Grafen musste heut alles argern, auch das fuhllose Unterbrechen der Erzahlung. "Es ist ja so klar: er zeigt durch den verhangnisvollen schwarzen Gewitterring die neue unechte Verbindung an, die zwischen ihm und Maria im Schauspiele dargestellt wird. ... Sie erinnern sich wohl, dass Mortimer in seiner Liebe zu Maria Stuart einen glucklichen, aber elenden Nebenbuhler an Leicester hat, den Odoardo spielte; Leicester wunscht Maria zu retten, doch ohne eigne Aufopferung; er hat den Mortimer in Verdacht, dass er gegen Marien kundschafte, Mortimer gegen ihn; eine Unterredung voll gegenseitigen Misstrauens konnte Hollin nicht ohne Bitterkeit ausfuhren. Odoardo wurde beklommen und wusste nicht warum; ware er festeren Entschlusses gewesen, er hatte Hollin aufgesucht, als er eben in seinem Zimmer geschrieben: 'Gott segne euch mit allem, was ihr liebt! erleuchte euch nimmer, dass ihr eure Fehler nicht seht, behute euch vor jeder Erinnerung an mich in alle Ewigkeit!'
Nun begann der dritte Akt des erregenden Spiels mit aller seiner Schonheit. Maria ubertraf alle Erwartung. Nach der unseligen Unterredung mit Elisabeth, trat unser Mortimer mit Heftigkeit auf; er schien mit dem Leben zu ringen, als er ausrief:
Was ist mir alles Leben gegen dich
Und meine Liebe! Eh' ich dir entsage,
Eh' nahe sich das Ende aller Tage.
Maria rief wie aus eigner Seele: 'Gott, welche Sprache Herr, und welche Blicke!' Und wie er sie umarmte und wie sie ihn zuruck stiess: es ist unwiderstehlich wahr und reizend gewesen. Mit welcher Gewalt warf er einen Sessel, der sie beide trennte, in die Kulissen. Was ist alle andre Schauspielkunst gegen die schreckliche Wahrheit solcher Darstellung. Alle waren beklommen, es schien etwas Grausenvolles sich zu entwickeln; keiner wagte es, zum Nachbar zu sprechen; allen klopfte das Herz. Maria fuhlte sich so heiter in ihrer Rolle, weil sie dadurch vom ersten liebevollen Kusse wieder beschenkt worden. In der Zwischenzeit bis zum letzten Auftritte blieb Hollin so weit in der Kulisse vorstehen, dass niemand mit ihm reden konnte. Nun kam die Unterredung zwischen ihm und Leicester: der schreckliche Verrat des letzteren; sein Edelmut zog unwiderstehlich aller Menschen Neigung zu ihm hin. Mit welcher Verachtung wendete sich Hollin zu der Wache, die ihn fesseln will: 'Was willst du, feiler Sklav der Tyrannei, ich spotte deiner, ich bin frei!' Wie geschickt erwehrte er sich der Eindringenden und rief dann: 'Geliebte, nicht erretten kann ich dich, so will ich dir ein mannlich Beispiel geben. Maria, Heil'ge bitt fur mich und nimm mich zu dir in dein himmlisch Leben.' Bei diesen Worten durchsticht sich Mortimer mit dem Dolche. Laut riefen alle Beifall, riefen Bravo; da ruft einer aus der Wache, der ihn aufheben will: 'Jesus, er zuckt furchterlich und ist voll Blut.' Entsetzen uberfallt alle, lahmt alle; nur Maria, in dem glucklichen Wahne, alles sei nur Tauschung, wagt es hinzublicken. Hollin winkte ihr sich zu nahern und sagte fest: 'Meine Augenblicke sind wenige, tauschende Kunst hat mich hingerafft; Odoardo wird fur dich sorgen, bleibe ihm treu!' Odoardo hielt den Dolch fest, den Hollin bei diesen Worten aus der Wunde reissen wollte, er sah als geschickter Chirurge, dass er dann im Augenblicke sterbe; wer will seinen Schmerz als Freund dabei fuhlen; fast furchten wir uns vor der Starke des eignen Mitgefuhles; Maria erwachte aus der ersten Betaubung, die sie neben ihm hingestreckt; sie beschwor ihn, fur sie, fur sein Kind unter ihrem Herzen zu leben; die Wunde schien nicht gefahrlich; es entwikkelte sich der ganze schreckliche Irrtum, der ihn verwirrt hatte; seine Liebe und Freundschaft kehrten aus der Ewigkeit zuruck, wohin er sie schon verbannt hatte. Er liess den Vorhang niederziehen, liess alle Fremden entfernen, flehete bei Mariens Vater um Verzeihung, dass er die heiligen Rechte burgerlicher Ordnung und gottlicher Einsetzung leichtsinnig gebrochen; er wollte sich ihrer guten Folgen fur Marie und ihr Kind nach seinem Tode noch erfreuen, ihnen sein Vermogen sichern. Ein Geistlicher, mit Hintansetzung einiger Bedenklichkeit, trauete ihn mit der bewusstlosen Maria durch die einfachen Worte: 'Was Gott zusammenfugt, soll der Mensch nicht trennen.' 'Amen!' sagten alle. Hollin rief aber: 'Ich habe es doch getan, Odoardo, edler Freund, sorge fur sie der Liebe Leben ewig!' Bei diesen Worten zog er den Dolch aus seiner Wunde; das Blut stromte heftig, sein Kopf sank nieder, er war tot.
Marie druckte ihm in der schrecklichen Fuhllosigkeit des unsaglichen Schmerzes die Augen zu. Odoardo musste sie gewaltsam von der Leiche wegreissen. Er grub seinem Freunde ein Grab ausserhalb der Kirchhofsmauer im Flugsande. Maria starb eine Woche spater in der fruhzeitigen Geburt mit dem Kinde zugleich. Auch sie begrub er ausser der Kirchhofsmauer neben ihm, und das Kind zwischen ihnen und alle Rosen und andre Erinnerungen ihrer Liebe. Nachdem er alles, was er liebte, begraben, ging er in ein Kloster. Sein boses Schicksal ging nicht mit ihm ein; er verlor Gedachtnis und Erinnerung, wurde froh wie ein Kind und las oft lachelnd die Briefe seines Freundes, als sei es ihm eine fremde Geschichte."
Bei den letzten Worten dieser Erzahlung des Grafen stand der Prediger auf, entfernte sich langsam, indem er einen offenen Gang hinunterschritt. Die Grafin sah ihm nach, lachte und fragte: "Er ist es doch wohl nicht gar selber, dieser Odoardo?" "Ehre den Schmerz", antwortete der Graf. "Ich weiss nicht, wie du mir heute vorkommst", meinte die Grafin, "ganz anders wie sonst; ich bin meiner Natur gemass lustig, hasse alle elende Sentimentalitat; es tut mir leid, dass Herr Hollin gestorben; konnte ich ihn retten, so tat ich's, aber den schonen Nachmittag soll er mir nicht verleiden." Der Graf ging dem Prediger nach und brachte ihn sehr bald ganz ruhig und gefasst zuruck. Die Grafin fragte ihn: da er den Ehestand so lebhaft verteidige, so musse er wahrscheinlich recht glucklich verheiratet sein. "Ich bin nicht verheiratet", antwortete er, "aber ich bin versprochen, muss aber noch sechs Jahre auf meine Vermahlung warten, und wer weiss, ob dann noch etwas daraus wird. Mein Leben ist sonderbar, aber vorwurfsfrei; ein Kind von zehn Jahren, das Kind eines armen Handwerkers, gewann, als ich noch Hofmeister war, meine ganze Zuneigung: noch weiss sie nichts davon; sie ehrt mich als Wohltater und ihr liebes bedeutendes Gesicht senkt sich oft demutig zum Handkusse, wahrend es mein ganzes Wesen beherrscht. Ich bin meiner selbst gewaltig; ich bin gewiss, dass ich dem lieben Madchen nichts von meinem Wohlwollen entziehe; sie mag mich oder einen andern in rechter Zeit erwahlen, ihre Neigung mag sie frei erklaren, nie soll ein Vorwurf von mir sie bestimmen; in dieser Uberzeugung trage ich keine Scheu, meine Leidenschaft zu bekennen; nur ihre Verheimlichung gegen andre wurde sie zum Verbrechen machen." "Aber lieber Herr Prediger, ist es Ihnen nicht druckend, so lange ganz allein zu wirtschaften, die Hoffnung auf Kinder so weit hinaus zu setzen?" fragte der Graf. "Mein werter Graf, von meinem Pfarrhause seh ich die Wohnung eines katholischen Pfarrers, Ihres Predigers; der Mann hat fur sein ganzes Leben all den Freuden entsagen konnen, um seinem heiligen Willen zu folgen, und ich konnte nicht einmal sechs Jahre aufopfern; der Mensch kann sehr viel, was unsrem weichlichen Zeitalter unmoglich scheint; der Krieg hat gar manchem diese Wahrheit bewiesen und die Bekanntschaft mit Indien, die sich jetzt so allgemein verbreitet, fuhrt denselben Beweis fur die mogliche Aufopferung aller Krafte zu einem heilig verpflichteten Dienste. Kinder fehlen mir nicht, ich habe deren viele, ohne die gute Sitte zu verletzen; mir ist eine wunderbare Kraft verliehen, die mir ganz bewusst ist; wo ich gluckliche Ehen sehe, die der Kinder ermangeln, da blicke ich die Frauen an und erfulle sie mit guter Hoffnung; diese Wirkung ist in mir ohne alle sundliche Neigung; ja meist mir ganz unbewusst geschieht diese geistige Durchdringung. Lachen Sie nicht gnadige Grafin, wer weiss, ob Sie selbst mir nicht Zeugnis ablegen mussen." Der Graf fand den Scherz nicht ganz angenehm; die Grafin dagegen liess sich in lustige Betrachtungen uber die wunderlichen Verwandtschaften ein, die aus solchen geistigen Blikken entstanden; sie erklarte Leidenschaften und Freundschaften, die oft eben so plotzlich als uberraschend sind, aus solcher geistigen Verwandtschaft. Der Prediger gab ihr recht und fugte noch hinzu, dass gerade darin das tief Ergreifende dieser gleichen Liebe in Unschuld und Jahren, und dieses Wunsches liege, der sicher jedem bei Hollins Schicksale erwacht, ihn retten zu konnen, wenn wir auch seine Unbesonnenheit tadeln, dass in so seltenen Fallen diese gleiche Unschuld sich begegnet und ganz froh macht; in den meisten Liebschaften ist die geistige Verwandtschaft von dem Verlangen der Natur ganz geschieden, und sucht sich nur in Tauschungen zu verbinden. "Sie scheinen viele sonderbare Erfahrungen gemacht zu haben, erzahlen Sie uns noch etwas davon; wenn ich so ins lassige Zuhoren gekommen, da mag ich den ganzen Abend nicht mehr reden; auch schloss Karls letzte Liebeshistorie gar zu ernsthaft; Sie mussen es durch etwas Lustiges aus Ihrem eignen Leben wieder gut machen."
Zehntes Kapitel
Geschichten aus dem Leben des Prediger Frank
"Der Wunsch einer schonen Grafin ist einem armen Landprediger Befehl", sagte Frank, setzte sich, und erzahlte recht lebhaft nach einer Pause. "Ganz fluchtig muss ich Ihnen den Umriss meines fruheren Lebens zeichnen; Sie werden sich meine Eigentumlichkeit in ein paar Vorfallen daraus besser erklaren. Mein Vater war Landprediger, meine Mutter eine Adlige und im strengsten Sinne Beherrscherin des Hauses, welches sie an mir, ihrem einzigen Kinde, bis an ihr Lebensende bewahrte. Mein Vater starb, nachdem er mich durch guten Unterricht zur Universitat wohl vorbereitet hatte; diesen einzigen Einfluss auf mich gestattete ihm meine Mutter, sonst durfte ich ihn nie im Dorfe oder in der Gegend umher begleiten; immer furchtete sie, ich mochte verfuhrt werden. Noch ist es mir unerklarlich, was ich unter dem Worte 'verfuhren' mir gedacht habe; es schauderte mir aber dabei und davor, als ware es ein Spiessen und Brandmarken zu gleicher Zeit. Mein Vater starb, als ich zur Universitat abgehen wollte, und meine Mutter, die bis dahin nicht uber ihren Garten hinausgekommen und immer mit verbundenem Kopfe umher geschlichen war, entschloss sich aus Sorge vor meiner Verfuhrung, sich reisefertig zu machen und mich dahin zu begleiten; ich hatte keine Vermutung, welches Aufsehen das auf der Universitat machen konnte; ich meinte, das sei der regelmassige Gebrauch, und war daher nicht wenig uberrascht, als ich das unglaubliche Schreien hinter mir her horte, da meine Mutter mich bis an die Ture des Kollegiums brachte und mich wieder von da abholte. Nichts konnte sie von dieser Lieblingsidee, mich zu begleiten, abbringen, als die Furcht, dass ich mich deswegen mit einigen der alten Spottvogel schlagen musse; deswegen allein blieb sie zu Hause, doch ihre Leidenschaft zu mir verwandelte sich in dem einsamen Warten, in der Besorgnis um mich in Wahnsinn, oft warf sie sich Nachts uber mein Bette, ob ich auch nicht heimlich ausgegangen sei. In solchem Kummer verging sie wie ein Schatten und liess mich nach einem halben Jahre ganz selbst uberlassen auf einer der lustigsten Universitaten. Doch konnte erst allmahlich meinem Wesen jene Ruckhaltung genommen werden; ich tat alles dazu, besuchte Fechtboden und Gesellschaften, nur vor dem Verfuhren blieb mir der eingepragte Schauder, der mich jedesmal ergriff, so oft ich aus einer gewohnlichen jugendlichen Eitelkeit mir vornahm, mit meinen Kameraden gleiche Schuld zu ubernehmen. Ich bin fest uberzeugt, wenn ein Mensch unter drei Augenblicken nur zweie tugendhaft ist, so kann er ein Heiliger werden, denn alles Laster hat eine eigene Umstandlichkeit, dass die beiden tugendhaften Augenblicke notwendig zwischentreten mussen. Sie haben mich gekannt, Herr Graf; ich war in allen ubrigen Verhaltnissen ein ganz fertiger Student." ... "Viel mehr als ich", sagte der Graf . ... "Eine Verbindung mit einem Frauenzimmer schien mir indessen ganz notwendig zu meiner Ausbildung; ich wollte also gleich mein Gluck bei der Frau eines Professors versuchen, weil es die einzige angesehene Frau in der Stadt, mit der ich bekannt geworden, und die fur leichtsinnig ausgeschrien war. Es schwarmte damals ein wunderlicher Glucksritter umher, der fur Manner und Frauen eine sehr lacherliche Verbindung stiftete, weil keiner recht wusste warum, oder wozu sie dienen sollte; ein paar symbolische Zeichen machten das ganze Geheimnis; an unserm Orte forderte er physikalische Versuche aller Art, insbesondre die sogenannte Phantasmagorie, wodurch in einem dunklen Zimmer allerlei Gegenstande, vermoge einer sehr vollkommnen Zauberlaterne, in uberraschender Abwechselung dargestellt wurden. Ich benutzte schuchtern diese Gelegenheit vollkommener Dunkelheit, wo meine Verlegenheit nicht sichtbar wurde, ihr Zartlichkeiten zu sagen; liess meine Hand leise in die ihre gleiten und sie hielt sie fest; ich war ganz sicher, dass mir hier ein leichter Sieg bereitet sei. Uberlegen Sie auch, ob ich so ganz falsch schloss; denn unter den acht Kindern, die diese Niobe in einer durchdachten physischen Erziehung schon und kraftig aufzog, wurden dreie fremden Vatern zugeschrieben; der Mann selbst war dessen nicht in Abrede; er sagte, ehe seine Praxis so ausgebreitet worden, habe er seiner Frau leben konnen; jetzt musse er sein Gluck dem grosseren Wirkungskreise aufopfern und seiner Frau die Freiheit lassen. Ich besuchte sie den andern Tag; sie druckte mir wieder freundlich die Hand, und ich begann ihr einige Zartlichkeiten zu sagen. Sie wusste auf halbem Wege, was ich wollte, sagte es mir und versicherte dabei, so gut ich ihr gefiele, denn sie hatte mich lieb wie ihren eigenen Sohn, das konne sie mir nicht zu Gefallen tun. Sie erklarte mir, dass ihre Liebe nur dem ausgezeichneten, ausgebildetsten Geiste gehore; denn wie sie ihren Kindern Fulle der Gesundheit geben konne, so sollten sie vom Malme den vollkommensten Geist erhalten; darauf nannte sie die Vater ihrer drei jungsten Kinder, ich erstaunte die Namen dreier ausgezeichneter Manner zu horen, denen sie zum Teil weit nachgereist war, um zu ihrer Bekanntschaft zu gelangen. Sie schwor mir, dass keiner darunter so schon, so reizend ihr gewesen ware als ich, aber ihre ganze Seele hatte an ihnen gehangen; ich sollte mich erst in irgend einem herrlichen Talente ausgezeichnet bewahren, dann mochte ich zu ihr heimkehren und sie werde mir zu Fussen fallen. Dieses ganz offene Gestandnis loste alle Verlegenheit, die mich druckte, und indem es eine Neugierde bezwang, erweckte es die andre, von einer so besonderen Frau mehr zu vernehmen, die eine ganz ausgearbeitete Metaphysik ohne alles literarische Geschrei mit sich herumtrug. 'Jedes Chor', fuhr sie fort, 'das sich selbst uberlassen bleibt, lasst unmerklich den Ton sinken; der blosse Antrieb, die physische Neigung im Menschen wirkt eben so zum Schlechteren; ohne eine hohere Gesinnung konnen ganze Nationen darin verdummen, und Kriege sind eben darum den Volkern notwendig, weil erst in der Not den meisten Menschen die Talente gross und liebenswert erscheinen. Mir ist die Ehrfurcht gegen Geistesherrlichkeit gegeben, dass ich ohne Zwang ganz frei von je mich den Talenten ergeben; seinem umfassenden Geiste dankt es mein Mann, dass ich ihn erwahlte: ich schwore Ihnen, es ist einzig die Schuld der Mutter, die von der gewohnlichen Rasse gesunde Dummlinge in die Welt setzet, welche ohne Idee des Hoheren geboren, auch in den gewohnlichsten Verhaltnissen des Lebens vor jeder Gotternatur verschwinden; sicher hat sie sich durch einen unwurdigen Mann tauschen lassen, und Liebe genannt, was blosse Tierheit in ihr war. Liebe ist ein hochst gemissbrauchter Ausdruck, die Liebe ist ganz geistig und die tiefste Demut vor einer andern Natur; ihr Organ ist die Sinnlichkeit, mehr nichts, und nun fragen Sie sich selbst, ob Sie, der Sie noch zu gar keiner Eigentumlichkeit in sich gelangt, noch prunken mit Scheinwissen und Kleidern, noch nicht wissen, was Sie wollen, und von keiner Begeisterung getrieben sind, ob Sie es wohl eigentlich wagen durften, einer Frau wie mir Liebesantrage zu machen. Acht Wochenbetten habe ich als Heldin bestanden, und das ist wahrlich so viel, als acht Hauptschlachten; wenigstens nahere ich mich demselben mit den Empfindungen eines Helden: ich hore die Trompeten, der Kampf ist schwer und schmerzlich, aber das Hochste, was ich tun kann. Wie aber der Krieg nicht des Kriegers wegen, so ist auch die Geburt nicht der Geburt wegen; nicht dass sich das Gleiche vom Gleichen entwickele, da ware unser Leben unwurdig, aber das Hohere soll erreicht werden; junger Mann, fuhlen Sie davon etwas in sich, das Verachten Ihrer Zeit hilft Ihnen nicht durch, erst mussen Sie diese Zeit verstehen: Wahrlich, meine Kinder werden mich weit ubertreffen.' Bei diesen Worten stand sie auf, kusste mich, als wollte sie mich an ihre Brust legen, und sagte: 'Ich muss in meine Hollanderei, ich muss mein Kind stillen. Kommen Sie bald wieder; ich mochte Sie einer Freundin empfehlen, da Sie bald von der Universitat abgehen, wo Sie als Lehrer ihrer Nichten wahre Weltweisheit und Lebensphilosophie in dem Umgange der gebildetsten Menschen lernen konnten.' Ich kam sehr nachdenklich nach Hause. In der ganzen Stadt ging bald das leichtsinnige Gerede, ich sei der gluckliche Liebhaber der Frau: so wenig ist an den meisten ahnlichen Geruchten unter Studenten, und alle gingen dem Fusssteige, den ich gemacht hatte, nach, wie es auch den Studenten eigen, und hatten so wenig davon als ich, den sie beneideten. Nach einem Jahre ihres entfernten freundschaftlichen Umganges, sehnte ich mich von ihr und von meinen griechischen Philosophen fort; ich war zwei Jahre beschaftigt gewesen, alle Knoten zu losen, welche die Faulpelze den griechischen Knaben bei griechischer Sonne geschurzt haben, und fand am Ende, dass ihr ganzes kunstliches Netz, worin sie so manchen Fisch gefangen, nichts als ein ganz ordinarer Bindfaden sei."
"Nun, nun", sagte der Graf, "das beste Gemalde ist ja, in allzu grosser Nahe betrachtet, nichts als eine Sammlung von bunten Flecken."
"Durch die Mitteilungen der Professorin lernte ich jene Freundin, die Grafin Limonie naher kennen; sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft gestiftet, einander alles, was sie beruhrte, frei zu bekennen. Doch schien es, als wenn die Grafin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedurfnis sich mitzuteilen fuhlte; immer enthielten die Briefe trube Klagen uber unerreichte unmogliche Wunsche, immer Dank fur den machtigen Trost, den ihr die Freundin verliehen. Es soll gewisse Menschen geben, bei deren Anblick die Wahnsinnigen, wenn auch nicht vernunftig, doch stille werden; es gibt andre, die uber jede andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben; es gehort dazu eine gewisse Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem Arzte, die sich auch reichlich zwischen den beiden Frauen fand. Mit dem schonsten Empfehlungsbriefe meiner Liebesprofessorin in der Tasche trat ich in den Ferien, als ich von der Universitat abging, meine Reise zu der Grafin Limonie an, die sich auf ihrem Gute, welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Stadten gelegen, wahrend des Sommers aufhielt. Ich war zu Pferde und allein, als ich mich dem Gute naherte, ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern, der Dunger am Wege abladete, wo der Weg zur Grafin ginge. Der Mann sah mich an und sagte: 'Wollen Sie selbst zu meiner Schwester?' Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine Frage. 'Horen Sie', fuhr er fort, 'da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat, ziehen Sie sich ganz um, oder sie spricht nicht mit Ihnen; der Geruch von Pferden macht ihr Krampfe; ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen; es ist eine Narrin, aber sie ist nun einmal so.' Ich dankte ihm befremdet fur die Warnung; er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schlosshof ging, zog ich mich, seinem Rate gemass, im Wirtshause ganz um. Dort erfuhr ich, dass der Bruder alle Guter der Grafin verwalte, und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und verspottet werde. Ich begab mich zu ihr. Der Tursteher nahm bei aller Hoflichkeit doch eine sehr umstandliche Untersuchung mit mir vor; ich gab ihm das Empfehlungsschreiben der Professorin ab, worauf mich der Mann in ein recht artiges Zimmer fuhrte bis das Schreiben gelesen. Dies schien kaum vollendet, so fuhrte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles Zimmer und erbat sich meine Befehle, was ich zu meiner Erfrischung bedurfe. Ich verbat mir alles; es dauerte aber nicht lange, so wurden mancherlei Erfrischungen, Schokolade, Kuchen, Wein gebracht, die Turen blieben halb geoffnet und es schien mir deutlich, dass ich aus der Ferne von allerlei Leuten beobachtet werde. Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Grafin mit vielen verbindlichen Grussen von ihr; ich wurde eingeladen, wenn ich nicht mehr ermudet von der Reise, oder sonst durch keine Kranklichkeit verstimmt ware, nach dem Gesellschaftssaale zu kommen, wo ich mehrere Verwandte der Grafin versammelt finden wurde; sie selbst konne erst am Abend sichtbar werden, weil sie gestern ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden ware. Ich erkundigte mich mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens, ich konnte aber nichts erfahren. Die Gesellschaft fand ich recht lustig, sobald sie die Grafin vergass, kaum wurde ihrer aber erwahnt, so nahm jedes eine ernsthafte Miene an, wie einer, der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen gepfiffen; es wurde von ihr, von ihrem Schrecken, von ihrer Gute gegen den Unglucklichen gesprochen; ich verstand nichts davon, und man wollte es mir auch nicht aufklaren. Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Grafin gebracht, ich zuletzt. Das Zimmer war durch eine dunne Florwand in zwei Halften geteilt; ich trat diesseits ein, sie lag jenseits geschmuckt mit kunstreichem Kopfaufsatz auf einem langen Schaferstuhle, ihre Fusse waren mit einer Spitzendecke zugedeckt. Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite, doch brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor, der sich in einem brennenden Bogen niedersenkte: es war Spiekwasser, das kunstlich durch die Flamme gedruckt also brannte und duftete. Sie sagte mir, dass ihre Scham es den Tag notwendig gemacht hatte, sich von der Gesellschaft zu trennen; ich mochte die Scheidewand von Flor verzeihen, ich ware ihr sonst so ganz willkommen wie der kuhlende Hauch des Abends; sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu horen, die so viel, so unendlich viel bei ihrem kranken Kinde gelitten. Ich Unglucklicher, der den rechten Ton noch nicht treffen konnte, sagte ihr zur Berichtigung, die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen. Grafin: 'Ja, daran erkenne ich meine Freundin, an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung, um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen; es ist eine starke Frau, aber dieser Kampf mit ihren Gefuhlen muss sie doch endlich erschopfen.' Ich merkte jetzt, dass sie durchaus bedauert sein musse, und sagte: 'Es ist ein Kampf mit dem Schicksale, und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand, freilich, so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite.' Ich weiss nicht, wo ich die Phrase gelesen, sie kam mir nicht aus dem Herzen, zog aber die ganze Aufmerksamkeit der Grafin auf sich. Grafin: 'Wahr, sehr wahr und besonders bei dem Kampfe der Jugend mit dem Tode, die welkende Kinderblute: es ist ein so ruhrender Anblick, wie das Veilchen am Wege, das der mude Wanderer niedertritt; ihre Klage, wie die letzten Tone einer ablaufenden Flotenuhr, der langsam der Atem ausgeht; wer mochte so eine kleine Leidende nicht wie eine Atherwolke zum Himmel heben, zu Gott blicken, seufzen und fragen: muss die Schonheit, die Unschuld, die Frommigkeit schon so fruh leiden?' Ich konnte mich nicht enthalten, in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der Professorskinder, an ihr bestialisches Schreien, an die Birkenruten, die hinter jedem Spiegel steckten, zu denken, sagte aber mit niedergeschlagenen Augen: 'In den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede.' Sei es nun, dass es Tauschung, oder hatte ich mich unwillkurlich selbst geruhrt, oder war es ein Nervenzusammenhang, etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle, oder ein naher Schnupfen, genug es lief mir eine Trane die Backen herunter. Grafin: 'Ich sehe in Ihrem Auge etwas Schoneres glanzen, als Diamant'; bei diesen Worten druckte sie und der Florvorhang rollte auf. 'Sehn Sie in meinen Augen den Widerschein; vergessen Sie dieses Augenblicks nicht, eine reine Trane badet uns von allem Staube der Welt rein.' Ich: 'Tranen sind ein Himmelstau, den Psyche mit ihren Flugeln aus dem Kelche der Blumen schuttelt.' Grafin: 'Das sind schone Tranen, aber es gibt auch trostlose, wie die Tropfen der Aloe bitter, Tranen, wie ich sie heut vergossen, es verschwimmt die Welt darein.' Ich: 'Und sind die Tranen umsonst, ist keine Rettung moglich?' Grafin: 'Ich weiss, ich werde es mit der Zeit verwinden, aber warum bin ich Schwachste ausersehen, alles Ungluck der Welt zu tragen! Mein werter Freund, es sind nicht die Hammerschlage des Schicksals, nein die Nadelstiche, die immer wiederkehren, woran ich verzweifeln mochte.' Ich: 'Blicken Sie empor, der Himmel trostet alle Tiefbetrubten.' Grafin: 'Weh meine Nerven! Lydia, lass den Farbenbogen drehen, der Schwindel kommt mir sonst.' Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke, dem Regenbogen sehr ahnlich; die Grafin stutzte sich matt auf, und ich wollte gehen. Grafin: 'Ach Sie wollen mich verlassen, Sie konnen das Leiden nicht sehen?' Ich: 'Ich furchtete nur zu belastigen.' Grafin: 'Aber dass Sie dieses furchten, wie kam das; daruber mussen wir uns noch explizieren; morgen werden wir uns sicher besser verstehen; gute Nacht mein neuer Freund, ich fuhle mich noch sehr schwach von dem Schrecken.' Ich wollte mich entfernen, die Grafin rief mich zuruck: 'Vielleicht erleichtert mich die Musik; Sie spielen Fortepiano, schreibt meine Freundin, ich will Ihnen etwas vorspielen; es ist nichts, aber die Art, wie ich's vortrage, ist mir eigen.' Die Grafin setzte sich zum Fortepiano, praludierte muhsam langsam, bald aber gleiteten ihre schonen Hande mit grosser Schnelligkeit, und unermudlich uber das Elfenbein; ich stand in tiefer Bewunderung und kusste am Schlusse, nachdem sie wohl zwei Stunden mit ausserordentlicher Kraft gespielt hatte, die Hande, das einzige, was mir an der Frau ganz verstandlich war. Beim Nachtessen, wo ich zuletzt mit der Gesellschafterin allein blieb, nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen waren, um die Grafin in den Schlaf zu lesen, fand ich, dass der ernste Ton in dieser altlichen Mamsell nur angenommen; sie trank gern ihr Glas und lachte dann uber die Grafin. Hier wagte ich es, uber den Schrecken mich zu erkundigen, der die Grafin heute so zerruttet hatte. Die Mamsell lachte; sie sagte, es ware kein weiteres Ungluck, als dass der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die Wand gebohrt hatte, um die Grafin im Badezimmer zu sehen; heute habe sie plotzlich ein glanzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt, wo gerade ein heller Sonnenstrahl hingeschienen; sie sei in dem Quergang aus dem Bade gestiegen und habe selbst, beschamt wegen ihrer Blosse, den verzuckt hinstarrenden Kammerdiener gefunden, der sich ihr zu Fussen geworfen und eine unwiderstehliche Leidenschaft vorgeschutzt habe, die ihn schon seit Jahren verzehre; sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen worden, den Menschen, den sie fur immer verbannen mochte, dessen Auge ihr ein steter Verrater seiner unverschamten Neugierde sei, um sich zu dulden. Ich musste uber die Mordgeschichte herzlich lachen, und trank ein Glas ubers andre; die Mamsell schenkte auch nichts der Flasche; die Ermudung der Reise wirkte nach: kurz, ich erwachte den andern Morgen auf dem Stuhle mit bedeutendem Kopfweh, die Lichter waren abgebrannt, die Mamsell lag mit der Nase in ihrer grossen Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak uber die Reste des Desserts geblasen. Ich schlich mich leise auf mein Zimmer, spater horte ich, dass Mamsell wegen ihrer Ohnmacht, von der Grafin herzlich bedauert wurde. Ich hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht gleich wieder in die Sprache der Grafin versetzen, die mir gewaltige Beschreibungen von einem Sturmwinde machte, der Nachts vor dem Fenster wie ein Riese voruber gerannt und die Nacht verfolgt habe, bis sie ihre Sternenkrone fallen lassen; da sei die Sonne aufgegangen und die Beschamte habe sich mit ihm in eine Hohle unbewusst gefluchtet. Dergleichen poetische Prosa war mir noch nicht ganz gelaufig und ich meinte in mir, das mochte wohl jenes schreckliche Schnarchen der Mamsell gewesen sein, das allen Tabak uber den Tisch geblasen. Da die Grafin sah, dass ich nicht antwortete, so beschloss sie sich mit mir zu explizieren; sie explizierte zwei Stunden, ich wusste nicht was; zu meiner grossen Qual diente es gewiss, denn es war schones Wetter; aus Argernis kusste ich sie, das sollte wieder expliziert werden. Ich armer Unglucklicher war nahe daran, mich aus dem Fenster zu sturzen. Sie erzahlte mir nun so vieles, was ihr eigen sei, dass mir die ganze Welt uneigentlich vorkam; das Eigenste war aber, dass sie eine unwiderstehliche Schwachheit fur mich seit dem ersten Abende gefuhlt hatte, die mir aber ganz unbekannt blieb, weil ich in ihrer Nahe immer in meine lacherliche Rolle verfallen musste. Um nicht zu weitlauftig zu werden, will ich statt einer ausfuhrlichen Erzahlung der einzelnen Angriffe und Ausfalle, nur die Hauptstellen aus dem Belagerungsjournale entlehnen, das sie mit grosser Aufrichtigkeit ihrer Freundin, der Professorin, jede Woche uberschickte und das ich nachher zu lesen bekam, als ich aus Uberdruss uber das langweilige Leben zur Universitat zuruck kehrte. Eines Tages schrieb sie: 'Meine Schwachheit fur ihn ist leider nur zu gewiss, ein Zittern wirft mich nieder in seiner Nahe; gestern las ich ihm eine Beschreibung des Schlafes vor nach dem Englischen, und er schlief ein; wie ist er so ganz in meiner Gewalt.' Bald darauf: 'Wehe mir, die Jahreszeit, die Einsamkeit, alles erleichtert ihm seine Kuhnheit, ich wollte einen stolzen Ernst gegen ihn annehmen, aber meine Blicke verraten ihm meine Schwache; was sind wir Menschen mit einem weichen Herzen, und doch ohne dieses Herz, was waren wir!' Einige Tage spater: 'Seltene Tugend eines Junglings seines Alters, seiner Schonheit, in unsrer Zeit; er vertraute mir heute, dass er noch nichts vom Glucke der Liebe wisse; ich gab ihm einen Kuss, dass er ihm ein Siegel der Tugend werde; wehe mir, wenn ich ihm die Ruhe raube, dem Armen, der so fruh schon seine Eltern verloren hat.' Zuletzt schrieb sie: 'Noch ein Tag wie dieser in der Sommerlaube und ich bin verloren; morgen schreibe ich Dir vielleicht: Es ist geschehen, ich atme kaum, ich denke nicht, voll Schlaf und Traum ist mein Gesicht. Nun gute Nacht, nun guten Tag, ich bin verwacht, nichts mehr vermag.'
Ist das Journal uber ihren Seelenzustand nicht wie der Bericht des englischen Kapitans uber sein brennendes Schiff, den er von Stunde zu Stunde ans Land schickt, bis er mit dem letzten aufgeflogen? Doch dazu liess es meine qualvolle Langeweile nicht kommen; von ihrer Neigung zu mir hatte ich gar nichts vernommen, denn ihre Liebe bestand gegen alle eigentlich nur darin, sie recht strenge in ihre verruckte Art und Weise zu zwingen. Ganz zermartert von allen Explikationen des vorigen Tages zog ich fruhmorgens an jenem bedenklichen Tage meine Stiefel an und ritt davon, nachdem ich einen Brief zuruckgelassen, worin ich allerlei verblumte Worte von der Macht des Fruhlings gesagt hatte, der mich zu ihr und von ihr zoge; ohne die Seelengrosse zu haben, die ihren Flug erhebe, hatte ich doch den Wunsch, ihr zu folgen, und so sei ich in ihrer Nahe wie ein sterblicher Mensch an einer Gottertafel. Sie nahm das alles in ihrer Manier auf, als fliehe ich sie, um nicht ihre Keuschheit durch sinnliche Anmutungen in Gefahr zu setzen; sie hielt mich fur einen der grossten Tugendhelden. So schrieb sie an meine Professorin und ich kuhlte meine Eigenliebe, als ich bei ihr uber die grosse Freundin spotten konnte. Das sei fur heute genug."
Wirklich war es auch dem Grafen uberflussig genug. Er hatte wahrend der letzten Erzahlung einen solchen Widerwillen gegen den Prediger bekommen, dass er ihm beim Abschiede wie ein kalter Satanas erschien, der nach seiner Frauen Unschuld strebte, als er ihr noch einmal seine Prophezeiung wegen des Kindes vorschwatzte. Als er allein war mit seiner Frau, druckte er diesen Widerwillen ohne Ruckhalt aus; sie begriff ihn gar nicht; sie hatte die Erzahlung ganz unterhaltend gefunden. "Nun", sagte der Graf, "das muss wohl von seinem verruchten Anblicken gekommen sein; allerwarts sah ja seine bose Lust und seine Eitelkeit hervor, und dabei wette ich, die Halfte ist nicht so wahr; das hat er sich alles weis gemacht, um in sein armseliges Leben doch irgend eine Begebenheit einzuflicken; um doch auch sich ein Gefuhl zu machen, lugt er sich die Haut voll. So lange er von andern erzahlte, war er ertraglich, kaum sprach er von sich, da war mir's, als wenn man einen beruhmten Poeten von Angesicht sieht; man glaubt nicht, dass er so gemein aussehen konne. Und der verruchte Blick: die Idee ist mir ganz verhasst, ich habe ihn erst allmahlich deswegen angesehen; ich dachte erst spater daruber nach. Wenn du niederkommst in neun Monaten, so erkenne ich das Kind nicht an, und den verruchten Pfaffen lass ich als einen Zauberer verbrennen."
Eilftes Kapitel
Grosser Streit zwischen dem Grafen und der Grafin
Es war allerdings etwas Scherz in dem Eifer; aber der Graf fuhlte doch wirklich so eine Art wunderlicher Eifersucht gegen diesen geistigen Verfuhrer, ungefahr so wie mancher einfache Mann gegen die gelehrten Bekannten seiner gelehrten Frau. Die Grafin versicherte ihm, sie halte ihn fur hypochondrisch krank; den ganzen Tag habe er nichts getrieben, als ihr jedes Vergnugen abzudisputieren, und jetzt ware er sogar eifersuchtig auf einen Mann, dessen breites glanzendes Gesicht sie gar nicht ansehen mochte; ob denn nicht jeden Tag schonere Manner in zierlicher Uniform bei ihnen durchmarschierten? Der Vorwurf krank zu sein, brachte den Grafen ganz auf, der sich von Kopf bis zu Fuss kerngesund fuhlte; der Arger wollte sich Luft machen: "Siehst du", fiel er ein, "ob ich nicht recht habe, eifersuchtig zu sein, also siehst du doch nach schonen Mannern und eine zuchtige Frau muss eigentlich gar nicht wissen, ob ein andrer Mann als der ihre schon ist; auch nach Uniformen siehst du; es ist merkwurdig, wie ein paar bunte Farben, ein paar Tressen, alle Weiber bestechen, derselbe Mensch in Uniform ist ihnen nicht mehr derselbe." "Du bist unertraglich", sagte die Grafin, "wenn Leute von so schlechten Sitten, von so torichtem Argwohn, wie du, in der Uniform waren, wir Frauen wurden sie schon zu unterscheiden und zu meiden wissen." "Ich will dir zuvorkommen", sagte der Graf, sprang fort in sein Zimmer, und die Grafin weinte stille vor sich; ihr beleidigendes Wort war ihr leid, denn es war ihr erster grosser Streit; aber sie war zu stolz, um ein besserndes Wort nachzurufen. Der Graf war aufs Feld gelaufen und die Grafin ass allein zu Nacht, und liess die tolle Ilse dann zu sich kommen, die ihr lacherliche Geschichten erzahlte, wie sie einmal einen Schafer, der mit seinem Madchen in einem Schaferwagelchen geschlafen, vom Berge herab in einen kleinen Teich habe rollen lassen, dass die beiden notgedrungen in ein kuhles Bad hatten gehen mussen, und Tausende dieses Schlages, die sie an der Schnur hatte; sie musste die Grafin ins Schlafzimmer begleiten, als es spat wurde, und der Graf noch immer nicht heimkehrte.
Der Graf hatte in seinem Arger allerlei Geschafte gemacht, auch manchen Arbeiter sehr unverdient gescholten. Er wollte es nicht sich selbst gestehen: die vielversprechende Ehestandsgluckseligkeit, die nach seiner Uberzeugung alle Unruhe aus seinem Herzen tilgen sollte, fand sich doch in gewissen Stunden unwirksam; auch sie war kein fest bestehender Zustand, sondern musste immer neu wiedergewonnen werden; er sah ein, dass wohl manches in seiner Frau zu berichtigen sei, was er langst fur ausgemacht in ihr gehalten; dagegen fand er aber auch fur manche ihrer Ausserungen eine bessere Deutung. Ganz verzeihen konnte er doch ihre letzte Beleidigung nicht; als er spat nach Hause kam, wollte er sich deswegen nicht gleich zu ihr begeben; sicher meinte er, sie wurde ihn aufsuchen, nachdem sie ihm vom Meiden gesprochen. Er wartete, aber sie kam nicht, ungeachtet er noch Licht im Schlafzimmer sah; ware er dahin gegangen, so ware er vielleicht heftig gegen sie geworden. Er blieb also zum ersten Male von ihr weg, streckte sich auf sein Sopha, deckte den Mantel uber sich hin, und schlief erst spat ein.
Zwolftes Kapitel
Versohnung. Lorenz, der Edelknabe und Rosalie, die
Kammerjungfer
Der Graf erwachte beim ersten Morgenschimmer. Alles ruhte noch im Schlosse, doch horte er allerlei Stimmen auf dem Hofe; leise schlich er sich ans Fenster und horchte durch die sacht geoffnete Fensterspalte. Er sah Dolores im Fenster, so reizend, so wunderbar reizend, wie sie im Morgenschein ganz eigentumlich rot schimmerte: sie sprach mit einem armen Edelknaben, der seit einiger Zeit zur feineren Aufwartung der Grafin vom Grafen angenommen worden, und mit ihrem altern Kammerfraulein Rosalie; und bald erklarte es sich, dass die Grafin beider Liebschaft belauscht habe, wahrend jene ihr Bad bereitet hatten; erst schalt sie ein wenig ihre Sorglosigkeit und fragte sie, wovon sie leben wollten; dann, ohne ihre Antwort abzuwarten, warf sie einen Geldbeutel ihnen zu, befahl ihnen, gleich am Tage ihre Hochzeit zu machen, und seufzte zu ihnen mit einer schonen Trane: "Seid glucklicher als ich!" Dieser Ausruf der schonen Frau durchschnitt des Grafen Herz. Warum war sie nicht glucklich, sie vermisste ihn; einige Stunden Trennung von ihm machten sie unglucklich. Nein, er hielt sich nicht, er eilte in das Zimmer seiner Frau und statt ihr zu verzeihen, bat er sie tausendmal um Verzeihung. Sie war nicht eigentlich bose, nicht hart, nicht grausam und ihre Versohnung war so leicht, so schon, dass beide den ganzen Tag nicht von einander lassen wollten, wie an ihrem ersten Vermahlungstage. Doch sie mussten sich trennen, um Bestellungen zum Feste der beiden jungen Leute zu machen; der Graf nahm alle Verantwortung wegen des versaumten dreimaligen Aufgebots auf sich; er sendete drei seiner Kutschen in die nachste Landstadt, wo ein paar Dutzend adliger Frauleins in einem protestantischen Stifte versammelt waren; er war gewiss, dass ein Dutzend kommen wurde, und versprach sich im voraus vielen Scherz von ihrem altjungferlichen Wesen. Dann liess er den Hofdielen und mit Blumengewinden behangen und ordnete ein kleines Spiel an, wozu er die Worte und Musik mit der ihm eignen Leichtigkeit gab.
Dreizehntes Kapitel
Hochzeit des Lorenz und der Rosalie
Die Glocken lauteten schon, als alles kaum angeordnet war und die drei Wagen voll Stiftsfrauleins und die Bauern im besten Sonntagsstaate anlangten. Jetzt sah er erst, wie hubsch Rosalie von der Grafin aufgeputzt war; hier neben den alten steifen grossgenaseten, hockrigen Stiftsfrauleins schien das leichte Kind im weissen Atlaskleide mit Rosabandern, mit ihrer schonen Myrtenkrone wie aus einem uberirdischen Geschlechte herabgestiegen, und als hatten jene ihr boshaft die Flugel abgeschnitten, um sie unter sich zu bewahren; und doch verschwand sie wieder so ganz neben Dolores, dass er ihr ohne allen bosen Willen auf ein auszuubendes Herrenrecht einen Kuss geben konnte. Auch Lorenz, der arme Edelknabe, nahm sich in seiner Jagertracht recht gut aus; so frisch, frei, sicher, als hatte er diese Gunst lange vorausgesehen; das war ihm noch von dem Glucke seines Standes geblieben, als ihm der Krieg Eltern und Vermogen entrissen. Sein Zwillingsbruder Otto, der schon langere Zeit Jager auf einem entfernten Vorwerke des Grafen geworden, traf kurz vor dem Beginn der Feierlichkeiten ein; er schien sehr verstort und sprach mit seinem Bruder ganz heimlich; dann ging er zu dem Grafen und sagte ihm, dass er Soldat geworden und daher seinen Dienst verlassen musse; der Graf drang darauf, die Ursache zu wissen, aber er beschwor, dass er sie nicht angeben konne, er sei unschuldig daran. Wolf, der Schreiber, erklarte dem Grafen nachher, dass Rosalie erst diesem alteren Bruder Hoffnung auf ihre Hand gemacht, so wie sie es ihm auch schon getan habe; er wolle aber kein Narr sein, davon zu gehen, wer wusste, was ihm noch fur Gluck wurde. Der Graf ermahnte ihn zum Bessern und benutzte beide Charaktere fur den Schluss eines Gesanges, den er zur Nacht eingerichtet hatte. Wir wollen uns nicht mit der Beschreibung des feierlichen Zuges nach der Kirche aufhalten; die zwolf Fraulein gingen mit einer Andacht der Braut nach, als konnte es hier wohl noch nach dem alten Gebrauche der Hochzeiten gehen, der hundert kunftige bei einer wirklichen verspricht. Die Rede des Geistlichen war wohl gedacht, und ermahnte sie zur Treue gegen ihre Gutsherrschaft, der sie ihr Gluck dankten; dann fuhr er fort: "Belehret einander, denn ihr werdet kunftig im Walde (er war zum Forster ernannt) einsam leben. Du Mann, schlage nicht (hiebei schob er dem Brautigam die Faust in die Rocktasche) du Weib, schmahe nicht (dabei legte er ihren Finger in ihren Mund) denk, dass ein Hoherer dich sonst auf den Mund schlagt. Betrachtet oft den Ehering an euerem Finger; er verklagt euch, wenn ihr aufhoret einander zu lieben3." Auf dem Ruckwege schallte allen ein frohes Lied, das der Graf zu Hochzeiten eingefuhrt; es wurden Blumen gestreut und das ganze Fest wurde mit einem sehr kunstreichen Volkstanze der Gegend eroffnet, der vom Walzer ausgehend und wieder dahin zuruckkehrend die wachsende Zartlichkeit zwischen den Paaren auf tausend Arten durch Bewegung und Gesang ausdruckte; dann traten zweie hervor, die wie Braut und Brautigam gekleidet waren; der Graf selbst aber erzahlte vortretend, wo ihr mimisches Spiel nicht ganz zu verstehen war.
Der Graf
Ei du lustiger Edelknecht!
Wie spricht die Welt von dir so schlecht,
Du machst dir gar nicht viel daraus;
Du trittst zu Liebchens Tur hinaus,
Von ihr noch alles duftet,
Dein Wamslein ist geluftet.
O du seliger Edelknecht!
Nun ist dir alles eben recht;
Hier ist die Welt dir weit genug,
Hier ist dein Bett dir eng genug;
Vor ihrer Tur darnieder
Du streckst die muden Glieder.
O du schlafriger Edelknecht!
Du bettest dich nicht gerne schlecht,
Dein Himmelbett ist der Sternensaal,
Die Himmelsleiter im Erdental
Steht auf der Ture Stufen,
Horst Liebchen im Traume rufen.
Ei du schnarchender Edelknecht!
Dein Schlaf ist heute gar nicht schlecht,
Du liegest kaum und schnarchest laut;
Dass alle Knopfe dir springen auf;
Die flatternden Fledermause
Erzittern auf ihrer Reise.
Ei du lassiger Edelknecht!
Ei das ist wahrlich gar unrecht,
Dass dir der Schlaf noch immer gefallt,
Da fruh sich die Grafin ein Bad bestellt,
Heut musst du das Bad bezahlen,
Die Grafin ist bose zumalen.
Und du listiges Jungfraulein!
Spat wachst du mit klaren Augelein;
So rotlich dein lieb Angesicht,
Wie eine Rose, die eben aufbricht,
Du offnest erst die Ture;
Als ich schon lange die Sonne auf Dachern
All uberall auf glanzendem Wagen spure.
Das Jungfraulein
Ich fuhl mich umwinden
Von eilenden Winden,
Aus traumender Nacht
Mir alles erwacht!
O Lautenschlag,
Du Liebesschlag,
Schlag's nicht in den Wind.
Komm Amor, suss Kind,
Dir will ich's verkunden,
Du sollst uns verbinden.
Der Graf
Ei du heimliches Jungfraulein,
Was flog von deinem Hutelein?
Jetzt scheint es blass gleich wie der Mond,
Der Morgens noch am Himmel wohnt.
War's Amor? War's die Taube?
Schutz deinen Kranz vorm Raube.
Das Jungfraulein
O Sonnenschein helle,
Du trittst auf die Schwelle,
Aus traumender Nacht,
Aus Wolken erwacht.
O frommes Gluck!
Der Liebe Blick;
Was zeigest du mir,
Er ruht an der Tur,
Die Hand unterm Haupte,
Im Tuch, das er raubte.
Ei du schelmischer Edelknecht!
Hier hast du wohl geschlafen schlecht?
Komm, fulle das Marmorbad,
Komm, trete das Wasserrad,
Wir wollen das Bad schnell fullen,
Am tiefen Brunnen im stillen.
Der Edelknecht
O ich seliger Edelknecht!
Den Liebchen und Sonne erwecken recht;
Kaum kann ich sehen, so lichterloh
Glanzt es in meine Augen froh;
Wie dien ich doch so willig,
Die Herrschaft ist so billig.
Der Graf
Ich hore die Bronnen
Mit spiegelnden Sonnen
Im ruhenden Hof;
Die Fenster im Schloss
Sind alle noch zu
In Liebesruh;
Am Giebel so fein
Manch Stimmelein klein;
Die beiden das Becken
Erfullen mit Necken.
Mit Blumen sie's streuen,
Die Grafin zu freuen;
Die Grafin nicht schlief,
Sah's alles und rief:
"Die Morgenstund
Hat Gold im Mund.
Schau Knabe herauf,
Fang alles dir auf,
Bestelle dir Geigen,
Tanz hochzeitlich Reigen.
Nun Jungferlein sprode,
So macht es doch jede,
Verstelle dich nicht,
Und zeig dein Gesicht.
Nun kusset euch
Nur beide gleich;
Denn, durft es geschehn,
Eh' ich es gesehn,
So kusst euch nur tuchtig,
Da ich euch ansichtig."
Wie soll ich's beschreiben,
Es glanzen die Scheiben
Vom frohen Gesicht
Der Grafin, die spricht.
Sie kussen sich oft,
Es hallet der Hof,
Sie drucken die Hand
Und finden kein End,
Und konnen nur danken
In sel'gen Gedanken.
O du seliger Edelknecht!
Nun geht nicht aus dein schon Geschlecht;
Vom Abend bis zum Morgen fruh
Zur Hochzeit wird getanzet gluh.
Was hast du von dem Tanze?
Der Edelknecht
Die liebe Zeit vom Kranze!
Vierzehntes Kapitel
Geschichte der Fraulein Lila, der Fraulein Mirrha und
der Fraulein Walpurgis
Hier endete sich das Spiel mit einem zartlichen Kusse, den die Grafin ihrem Manne gab, und er fuhlte sich so reichlich fur allen kleinen Kummer des vorigen Tages entschadigt; auch die Stiftsfraulein sahen mit Ruhrung ein Gluck, dessen Hoffnung ihnen so ferne lag, und konnten nicht lassen, es zu ruhmen. Kaum hatte der Graf und seine Gesellschaft die ersten Ehrentanze gemacht, so hielt auch seine Dienerschaft und sodann das ganze Dorf mit Braut und Brautigam einen schnell abwechselnden Umtanz, an dessen Schlusse nach alter landlicher Gewohnheit eine Verkleidung ausgefuhrt wurde. Die tolle Ilse kam in geistlicher Kleidung, eine Perucke von ausgeblasenen Eiern auf dem Kopfe, eine lacherliche Maske vor dem Gesichte, und versicherte, das neue Ehepaar sei noch nicht ordentlich und vollstandig getraut. Alle stellten sich erschrocken und die Neuverheirateten mussten demutig um eine vollstandige Trauung bitten; die Maske erfullte nach vielen Umstanden, warum man sich nicht gleich an sie gewendet; diese Bitte, das Trauungszeremoniell wurde lacherlich parodiert, einigen unanstandigen Liedern folgte eine lange Rede voll Zoten, die von allen herzlich belacht wurden, weil jeder sie seit Jahren kannte; des Grafen zierliches Spiel war aus dem Gedachtnisse aller verwischt. Nach dem Ende des Spiels sagte der katholische Geistliche, dass er nun schon zwanzig Jahre vergebens daran arbeite, diesen anstossigen Spass abzubringen, aber jede Hochzeit vermehre ihn mit neuen Einfallen; die ernsthaftesten gesittetsten Leute des Dorfes bestanden eben so sehr auf die Beibehaltung, als das junge lustige Volk. Der Graf dachte daruber nach, und sah, dass die Leute nicht unsittlicher nach dem Spasse, als vorher aussahen, da fuhr es so aus ihm heraus, er wusste selbst nicht, ob er an das glauben sollte, was er sprach: "Der rohe und meist der unschuldigste Mensch lasst seinen Scherz gemeinhin uber die Verhaltnisse der Geschlechter aus, weil sie ihm am deutlichsten und wichtigsten unter allen sind; uns sind andre Verhaltnisse, der Staat, die Gesetze, der Krieg wichtig geworden, wir reissen damit im frohlichen Augenblicke unsre Zoten und wer weiss, welche die besten sind; eine gute Zote erfordert auch ihr Talent; ich wusste keine zu machen, sie halt Leib und Seele zusammen; uberhaupt, woruber man einmal mitgelacht hat, das sollte man nicht mehr verdammen durfen." Der Geistliche war sehr beschamt, denn er hatte wirklich von ganzem Herzen gelacht; der Graf lenkte wieder ein: "Freilich, das Ehrenwerte der Religion, der bessere Scherz, die feinere Unterhaltung muss daruber nicht zu Grunde gehen, insbesondre muss man bedenken, dass die Zote ihrem Grund und Boden leibeigen ist, und daher nicht in die Welt eingefuhrt werden kann, ohne eine Ungerechtigkeit gegen die edle Unterhaltung zu begehen." Der Geistliche bejahte das und der Graf fuhrte seine Gesellschaft von Damen nach der Weinlaube, wo ein Tisch mit Zuckerwerk, Erfrischungen, Weinen und Fruchten jeder Art fur sie gedeckt stand; dort brachte er sie unbemerkt auf Erzahlungen von ihrem Stifte und dessen innern Verhaltnissen; endlich eroffnete er ihnen geradezu, sie waren seit einigen Tagen im Schlosse in ein so allgemeines Geschichterzahlen gekommen, dass er sich durchaus wenigstens ein paar Lebensgeschichten von ihnen erbitten musse. Die armen Frauleins zierten sich gewaltig; eine wollte der andern die Last aufburden; es wurde aber nichts daraus, bis eine anfing, von der andern zu erzahlen; da erschienen nun viel alltagliche Historien, von Stiefeltern, die ihnen den Aufenthalt im Hause verleidet, von Vatern, die erschossen worden: nur ein paar finden wir des Aufzeichnens wert. Fraulein Lila warf der Fraulein Mirrha vor, sie konnte glucklich verheiratet sein, wenn sie nicht die Stunden des Verlobnisses versaumt hatte, wie sie noch jetzt alle Tage zum Essen zu spat kame und von der Abtissin in Strafe genommen wurde, ja selbst zu dieser Fahrt, zu welcher sich alle gefreut, sie eine halbe Stunde habe warten lassen. Mirrha leugnete das nicht, "aber", fuhr sie fort, "ich kann es nicht lassen und glaubt ihr, dass ich nur mit Aufopferung dieser Gewohnheit eine gluckliche Ehe hatte erreichen konnen, wahrhaftig sie ware mir so unerreichlich geblieben, wie der Himmel auf Erden. Von meiner ersten Kindheit hatte ich diese Gewohnheit; wenn es nicht gerade Zeit war zum Aufstehen, so machte ich mir noch ein andres Geschaft: spielte, strickte im Bette; erst, wenn die Glocke schlug, wo ich in der Lehrstunde sein sollte, konnte ich zu dem Entschlusse kommen, aufzuspringen; dann eilte ich mit der grossten Hast, verwarf daruber Kamm oder Fingerhut, und musste suchen; wahrend des Suchens geriet ich auf etwas, das mich unterhielt, ein Buch zum Beispiel, fing halb angezogen an, darin zu lesen, bis mich heftige Verweise von meinem Zimmer trieben, wohin ich sicher wieder ein paarmal umkehren musste, weil ich immer das Notwendigste vergessen hatte. Als ich verliebt war, da nahm dieses Ubel zehnfach zu, in jedem Geschafte fiel mir zehnerlei von meinem Brautigam ein, was er mir geruhmt hatte, ein Kleid, eine Arbeit, ich musste es besehen, oder eine Stelle aus seinen Briefen, die musste ich nachlesen, von einem las ich zum andern bis zum ersten, und dieses ungluckselige Lesen war es, was mich eine Stunde lang in meinem Zimmer zuruckhielt, wahrend alle zur Verlobung feierlich versammelt waren. Niemand glaubte mich auf meinem Zimmer, weil ich schon unten gewesen war; meine Mutter rief mit grosser Sorge im Garten umher, ich war aber in meinen Briefen so vertieft, dass ich es nicht horte. Mein Brautigam war zu argwohnisch, um dieses Ausbleiben einem Zufalle zuzuschreiben, er ritt fort und reiste in der Stunde noch in die weite Welt, um seinen Schmerz und die Lacherlichkeit fur andre zu vergessen, die durch dieses offentliche Verschmahen auf ihm haftete. Er hat mir viel Tranen gekostet und du Lila hattest mich nicht daran erinnern sollen, wahrend du selbst auf keine klugere Art um deine drei Freier gekommen bist." Wir drangen in sie zu erzahlen; Fraulein Lila mochte ihr zuwinken, so viel sie wollte. Mirrha fuhr auch ruhig fort: "Es ist ja gar kein Vorwurf fur dich, liebe Lila, du hattest dich bloss von unsern Modedichtern anfuhren lassen, die alle Liebe uber einen Kamm scheren, und weil sie wahrscheinlich nie selbst eigentumliche, sondern nur eingebildete Liebe erfahren, alle ihre Kopien nach einem Paar ganz einzelner Originale machen, die aller Welt durch den Zufall besonders kund geworden. Da meinen sie, die erste Liebe musse plotzlich beim ersten Anblicke auflodern, keine Ruhe lassen, keinem Zweifel Raum geben; es soll keinen Augenblick geben, wo man weniger verliebt sei, wo ein anderer einem in die Augen fiele, wo man einem andern gefallen mochte. Sehen Sie, solch ein strenges Liebessystem beherrschte Lila; sehr brav war sie entschlossen, niemand zu heiraten, den sie nicht liebe, aber dass sie ihn nun gerade so lieben wollte, das war zu viel; immer glaubte sie, wo ihr jemand wohlgefallen, ihr sei der grosse Wurf gelungen, und traurig fuhlte sie wieder im nachsten Monate, dass sie immer noch nicht genug liebe; und so entliess sie einen Freier nach dem andern: denn, unter uns gesagt, sie war wunderschon und eigentlich jedermann in sie verliebt." Lila klatschte strafend den vollen Rucken der Erzahlenden, und sagte: "Neulich, als ich mich im Spiegel betrachtete, da fand ich, dass Augen, Mund, Kinn und Backen noch nicht hasslich, aber die le nez, die le nez, ich weiss nicht, wie mir die Nase so besonders hervorgewachsen, als sahe sie sich immer weiter in der Welt um, doch habe ich das schon ofters bei alten Jungfern bemerkt, die Nase wachst ihnen zu einer ungeheuren Grosse." Wir lachten alle uber das gutmutige Madchen, die so heiter uber sich selbst spotten konnte, nur eine blasse Fraulein Walpurgis blieb ungeruhrt. Der Graf bat sie um ihre Geschichte, wenn es ihr nicht schmerzhaft sei. "Keinesweges", antwortete sie; "allzu bekannt, um sie in meinem Herzen zu verschliessen, teile ich sie gern meinen Bekannten mit, dass sie mir um so leichter gewisse unangenehme Minuten verzeihen. Ich war in fruheren Jahren sehr heiter, leichtsinnig und mutwillig; in keinen Menschen, selbst in die, welche ich liebte, ging ich tief genug ein, um ihre heimlicheren, oft wesentlichsten Charakterzuge kennen zu lernen. So war ich auch einem jungen Edelmann verlobt und herzlich in ihn verliebt, ohne dass ich glaubte, was er mir sagte, konne ernsthafter, bedeutender sein, als was ich ihm zu sagen hatte; ich schwatzte froh in alles hinein und bemerkte nicht, wie er verlegen wurde, wenn ich oft querfeldein uber die wichtigsten Gegenstande, uber Politik, uber Kunstwerke meine Worte auslaufen liess; es bedeutete mir gar nichts, denn ich hatte damals ein solches Bedurfnis zu reden, dass ich oft allein mit den Wanden konversierte. Worum er mich gebeten, vergass ich eben so leichtsinnig, wie alles das, worin er mich belehrte, und das hatte ihn endlich zu dem Entschlusse gebracht, mich auf die Probe zu stellen. Er sagte mir eines Tages, als Abends ein kleiner Ball in der Stadt gehalten werden sollte, er musse den Tag verreisen, ich mochte ihm etwas versprechen, woran er sahe, dass ich ihn liebte: ich mochte ihm versprechen, den Abend nicht auf dem Balle zu tanzen. Ich lachte uber das leichte Versprechen; der Tanz war gar nicht meine Leidenschaft und der Balle so viele, dass dieses Ausruhen gar keine Entsagung zu nennen; ich versprach es bei meiner Liebe und gab ihm die Hand darauf. Abends auf dem Balle dachte ich der ganzen Geschichte nicht mehr; zwar war es mir, als hielte mich bei einer Aufforderung eine geheime Hand, dass ich abschlagen sollte, aber ich hatte einmal zugesagt, und als mir nachher mein Versprechen einfiel, furchtete ich, lacherlich und beleidigend zugleich bei meinem Tanzer zu werden, der in der ganzen Stadt mit seinem Urteile galt. Ohne Sorge tanzte ich meinen schottischen Tanz herunter; als ich unten ausser Atem anlange, steht mein Brautigam mit ganz verwirrtem Auge vor mir, fragt mich, ob ich ihn sehe, ob ich ihn kenne, ob ich mich meines Versprechens erinnere, das ich eben gebrochen, ob mir je zu trauen sei, nachdem ich in erster Liebe ihn getauscht? Dann versicherte er mir, ich sahe ihn zum letztenmal und in Gegenwart der ganzen Gesellschaft schwore er mir, er wolle seiner Ehre verlustig sein, wenn er sich mir je nahere, wenn er je die Verbindung mit mir wieder anknupfe, von der er sich so viel Seligkeit versprochen. Bei diesen Worten sturzte er zur Ture hinaus, und ich ohnmachtig und in Krampfen auf den Boden nieder. Noch jetzt, nach so vielen Jahren, empfinde ich, ohne zu wissen, was die Glocke sei, gegen diese Zeit eine Traurigkeit, dass ich mich von den Menschen wegwende." Sie stand bei diesen Worten auf und ging den Gang hinunter. Jeder ausserte nun seine Meinung uber das Verfahren des Brautigams; die Grafin nannte ihn einen grausamen Barbaren, von dem sich jede Frau nachher hatte zuruckziehen sollen. Der Graf schwor, er hatte es sicher in gleichem Verhaltnisse ganz eben so gemacht; wer ein solches Versprechen vergessen konne, den musse man wieder vergessen konnen; die Grafin widerstritt ihm das, nannte dies Vergessen eine Kleinigkeit, ja es hatte selbst nichts zu bedeuten, wenn sie mit Absicht ein so torichtes Versprechen gebrochen hatte, und so gerieten der Graf und die Grafin in einen lebhaften Streit mit einander. Eine kleine runde Stiftsdame, die eine Storung des ganzen Festes von diesem Streite befurchtete, legte sich auf einmal mit ihrer metallenen Stimme so laut dazwischen, und versprach eine so lustige Erzahlung, dass niemand mehr der traurigen Geschichte denken sollte. Alle baten eifrig um die Geschichte und sie begann recht frohlich zu improvisieren.
Funfzehntes Kapitel
Geschichte des Mohrenjungen
Pripert war ein macht'ger Herzog
Von dem grossen Volk der Pirpen,
Sass auf einem hohen Schlosse
Bei dem dunklen Karpfenteiche,
Wo die braunen Frosche hupfen;
Seine Schwester hiess Fikette,
Fidibus sein schlankes Weibchen.
Als die Schwester in den Jahren,
Wo sie konnte sich vermahlen,
Denn verliebt war sie schon lange,
Fordert er von seinen Standen
Ihre Ausstattung ganz schleunig,
Samt und Seide wie gewohnlich,
Und die Stande bringen beides.
Doch nachdem er es befuhlet,
Scheint ihm beides also kostlich,
Dass er es gern selbst behielte,
Um sich einen neuen Schlafrock
Statt des alten, der zerrissen,
Zu der Cour daraus zu schneidern;
Und die schone junge Schwester
Sendet er nun als Abtissin
Nach dem grossen Frauleinstifte,
Dass sie es nicht fordern konne.
"Samt und Seide sind jetzt teuer",
Sagte ihr der gute Bruder;
"Kommen gar viel fremde Prinzen,
Wie es bei der Werbung moglich,
Geht mehr Hafer, Weissbrot, Kuchen
Auf an einem einz'gen Tage,
Als du isst im ganzen Jahre;
Auch die alten Livereien
Sind dann notig umzuwenden,
Mancher Knopf geht da verloren,
Mancher Flecken kommt beim Essen:
Darum ist es mehr geraten,
Dass du bleibest unvermahlet."
Traurig fahrt Prinzess Fikette
Nach dem alten Frauleinstifte,
Doch gedenkt sie, da zu finden
Holde liebliche Freundinnen,
Denen sie sich kann vertrauen;
Ach was findet sie fur alte
Ausgedurrte, ausgeschriene,
Gelbe Tabaksschnupferinnen,
Die im ewigen Gezanke
Ihr das Blau im Aug abstreiten;
Alle fluchten wie die Landsknecht,
Kommen stets zu spat zum Singen;
Keine wollte Brot anschneiden,
Keine das Gebet hersagen.
Wenn sie dann in ihren Noten
Zu dem tapfern Stiftshauptmann
Hat gesendet ihre Diener,
Da begann erst recht die Fehde,
Und der Hauptmann war noch frohlich,
Wenn er ohne Nagelmale
Zu der Tur hinaus gefluchtet;
Sicher fand er Reihen Zahne
In dem Rocke fest verbissen,
Ziegenhaarige Perucken,
Lappen Flor in seinen Handen;
Ach es sind zu alte Sunder,
Um sich jemals noch zu bessern!
Zahlt zusammen ihre Jahre,
Steigen sie zu vielen Tausend,
Bis zu Medern und Assyrern,
Und Methusalem dagegen
Ist ein elend junges Burschchen.
Also war der Stamm beschaffen,
Also war ihr reines Leben;
Denn unheil'ger ist wohl nimmer
Auf der Erd ein Stift gewesen,
Und geplagter war auch keines.
"Sagt, was spotten denn die Manner
Uber uns, die alten Jungfern,
Also frech von allen Seiten,
Ist es nicht die Schuld der Manner,
Unser Wille war es nimmer!"
Also seufzte manches Fraulein,
Das recht tuckisch war genecket,
Wenn die Knaben aus dem Stadtchen
Mit den flinken Blaserohren
Ihren Kater niederschossen,
Der zum Nachbarhaus geschlichen,
Auf den Dachern kuhnlich irrte.
Gab es Schnee, so standen morgens
Weisse Manner vor dem Fenster;
Jeder Baum, der in der Nahe,
Ward bezeichnet mit Skandalen,
Und die Fruchte weggestohlen;
Und fur so viel stete Leiden
Was war die Entschadigung?
Keine reichen Nadelgelder,
Keine Leckerein beim Schmause,
Gleiche Kost an jedem Tage,
Taglich Ziegenfleisch und Erbsen,
Damit war das Stift dotieret:
Schwere Kost fur alte Magen!
Darum suchte jedes Fraulein
Ihre macht'gen Portionen
Heimlich solchen zu verkaufen,
Die dafur was Leckres brachten;
Darum schlichen viele Leute
Abends durch des Stiftes Garten,
Um zu tauschen, um zu kaufen
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen,
Heimlich, dass doch die Abtissin
Nichts von dem Erwerbe wisse.
Arme, arme Furstentochter!
Die in ihren fruhen Jahren
Mit so manchem schonen Pagen
Ein Versteckens oft gespielet,
Und nach ihrem frohen Sinne
Sie genecket und gekusset.
Ach noch denkt sie an den einen,
Der so oft am glasern Wagen
Neben ihrem Sitz gehangen
Und mit seiner heissen Liebe
Ihr das Spiegelglas behauchte,
Bis er ihr darin verschwunden!
Ach er ist nicht ganz verschwunden!
Seit er ist herangewachsen,
Reitet er nach der Parade
Taglich bei dem Stift voruber,
Als ein prachtiger Dragoner
Mit dem Degen an der Seite,
Mit der Feder auf dem Hute,
Mit den schonen blanken Stiefeln,
Mit der weissen Kraus am Hemde,
Mit der hohen schwarzen Binde,
Mit dem Rock Vergissmeinnicht,
Mit den Wangen Milch und Blut,
Mit dem schwarzen Knebelbarte;
Kommt geritten, sie begrussend,
Seinem Pferd hat er gelehret,
Sich zu baumen und zu wiehern,
Dass der Puder weit aufflieget,
Hat er ab den Hut genommen
Also weicht er von dem Stifte
Wie ein schones Wolkenbild.
Alle Nachte denkt sie seiner,
Wenn das Dunkel Frieden stiftet,
Und kein Blick sie mehr belauschet,
Wenn sie wandelt in dem Garten,
Susses Schmachten in dem Herzen,
Holde Tone auf den Lippen,
Denen sie sich gern vertrauet,
Weil sie nicht als Zeugen dienen,
Sondern alsogleich versinken
Wie der Traum, der sie geschaffen.
Leise singt sie ihre Lieder,
Wie die Quellen zu den Veilchen,
Und im Hauche dieser Veilchen
Scheint der Liebling ihr zu nahen,
Mit dem Degen, mit dem Hute,
Mit der Krause, mit den Spornen,
Mit dem Zopfe, mit dem Puder;
Und mit ausgespannten Armen,
Wie mit Segeln zu dem Hafen,
Sturzt sie in den Arm des Teuren:
Und da sind es leere Lufte,
Eine Hand, die fasst die andre;
Traurig singt sie leise flusternd:
Gesang der Abtissin
Soll ich's mir wie Strahlen denken,
Wie die Veilchen ferne duften
Und den Luften
Doch die nahe Wollust schenken?
Will der Wind sie zu mir lenken,
Muss ich denken
Meiner Lieb in allen Sinnen,
Traumend ihn in Liebe grussen;
Ihn zu kussen
Mein' ich und mich einzuspinnen
In des Vielgeliebten Armen;
Suss Erwarmen!
Seine Lippen Hyazinthen
In dem frischen runden Schnitte,
Und die Mitte
Ist ein Kelch, den zu ergrunden
Tausend schone Worte dienen!
Welch Erkuhnen!
Alle mochte ich ergreifen,
Ihn zu finden unter allen;
Ich muss fallen
In ein wustes leeres Schweifen!
Wiederum ein Jahr vergangen
Im Verlangen!
Etwas muss der Mensch doch lieben,
Susser Duft, du musst vor allen
Mich umwallen,
Flieh die Blumen, die betruben,
Weil von jenes Fruhlings Scherzen
Zeugen schwarzen;
Susser Duft, nimm mein Vertrauen,
Denn zu hart sind die Gespielen
Den Gefuhlen,
Dass sie nie die Liebe schauen;
Lieblos sich dem Himmel geben,
Ist ihr Leben.
Alles hab ich dir gegeben,
Schones fernes Bild im Herzen,
Lust und Schmerzen,
Nahe endlich, nimm mein Leben!
Wie die Reben niederhangen
In den Gangen,
Die ich sonst um feste Baume
Mit der eignen Hand geschlungen!
Ach umschlungen
Hab ich oft, o susse Traume,
Diesen Baum, der dir geweihet,
Tief erfreuet!
Also sang die Frau Abtissin,
Glaubt den dunklen Stamm zu fassen,
Den sie dem Geliebten weihte,
Doch von ihrer Glut getauschet
Hat sie einen Mann umfasset,
Der da heimlich sich gestellet,
Als ob er ein Baum gewesen,
Dass sie ihn nicht mochte sehen.
Und sie meint, sie tate Wunder
Und belebte liebend Baume;
Das ist Schwarmerei, nicht Sunde,
Denn sie war sonst sehr moralisch;
Doch zu gross ist dieses Wunder
Fur die liebekranke Seele!
Ist der Baum zum Menschen worden,
Kann sie ihm doch nicht entziehen,
Was ihm schon als Baum so eigen,
Ihrer Liebe schonen Glauben;
Und so sehen wir hier wieder,
Dass die Phantasie verbunden
Mit der Wahrheit falschem Bilde
Sei wie Pulver in der Bombe,
Die von Unschuld aufgelesen,
Wie alt Eisen in das Feuer
Wird geworfen und zersprenget
Schuld und Unschuld, falsche Wahrheit,
Wahre Phantasie und falsche.
Dass der Mann kein Baum gewesen,
Muss sie endlich doch wohl glauben,
Dass es aber der Geliebte,
Prachtig glanzende Offzierer,
Dem wie Milch und Blut die Wangen,
Glaubt sie mit demselben Glauben.
Traurig und verlangend schmachtet
Die Prinzessin nach zwei Monden,
Mude argerlich sie fuhlet,
Sich in ihrem Stift verschlossen,
Und in ihrem Innern treibet,
Was wohl nicht verschlossen bleibet.
Kuhnheit haben schwangre Frauen
Und Entschluss in den Gefahren;
Die Prinzessin setzt sich nieder
An den Schrank von bunten Masern,
Schneidet eine Pfauenfeder,
Schreibt dem Herzog, ihrem Bruder.
Die Abtissin an den Herzog
Bruder, Du hast mich verschlossen
In dem alten Frauleinstifte
Um die Ausstattung zu sparen,
Samt und Hafer, und das Weissbrot,
Von den Standen mir geschenket.
Sieh, zur Strafe von dem Himmel
Bist Du ohne Kind geblieben,
Das er mir zur Straf bescheret;
Doch es stammt von einem Helden,
Also wird's ein Held auch werden,
Darum seid geneigt dem Rate,
Den ich Euch in Demut gebe.
Euer Reich fallt heim den Fremden,
Und mein armes Kind muss sterben,
Und ich geh in Schand verloren,
Wenn Ihr diesem Rat nicht folget,
Nicht mein Kind, in Schuld empfangen,
Mild zu Eurem Kind annehmet.
Eure Frau, die Herzoginne
Muss sich stellen guter Hoffnung,
Und ich komme dann im Schlosse
Heimlich nieder: Gott wird helfen!
Und mein Kindlein wird getragen
Heimlich zu der Herzoginne,
Als ob sie es hatt' geboren.
Denkt daruber nach in Liebe,
Und dann seid Ihr uberzeuget,
Fuhlet recht den Willen Gottes,
Wie er Boses gut hier mache,
So verzeihet der Abtissin.
Als der Herzog dies gelesen,
Schloss er sich in seinem Zimmer
Ein mit Arzten und mit Raten
Und nach dreien schweren Tagen,
Wo sie ohne Schlaf verhandelt,
Ist der kuhne Plan gebilligt
Und mit ihnen angeordnet,
Wie er leichtlich auszufuhren.
In dem Schlosse, wo er thronet,
Nach dem Astronomen-Turme
In der Mitt vom Karpfenteiche,
Tragen sie den Thron, den weichen,
Als Geburtsstuhl ihn zu richten;
Aus dem astronomischen Werkzeug
Wird die Zange bald geschmiedet,
Und im Spiegelteleskope
Sei die Wiege fur das Kindlein.
Als dies alles angeordnet,
Setzt er sich zum Tisch von Pappe,
Der mit Goldpapier bezogen,
Schreibt mit einer Kasuarfeder:
Der Herzog an die Abtissin
Pripert Magnus, Herzog aller
Gross und kleinen Karpfenteiche,
Euch entbietet Gruss und Gnade!
Schwester, seid Ihr ganz des Teufels,
Doch es sei Euch dies verziehen,
Mochte Euch nicht gern erschrecken,
Konnte Eurer Frucht sonst schaden;
Euer Vorschlag ist genehmigt
Wegen Eurer klugen Listen,
Und Ihr sollt ins Kindbett kommen
Auf dem Astronomen-Turme;
Heimlich reiset Ihr zur Hauptstadt,
Als ob Ihr zum Bade reistet
Wegen eines innern Ubels
Von der schlechten Kost im Stifte;
Schreiben ist nicht meine Sache,
Sprechen lasst sich alles besser,
Ich bin wohl affektionieret.
Also hat sie ungesaumet
Sich zur Reise angeschicket.
Und die Frauleins alle mochten
Mit ihr ziehen nach dem Bade,
Doch sie lasst sie all zurucke.
Nachtlich kommt sie nach dem Schlosse,
Wird vom Leibarzt hingefuhret
Nach dem hohen Schmerzensturme.
Ach wie viele muss'ge Stunden
Sind ihr nun von tausend Uhren,
Die im ganzen Hause ticken,
Vorgerechnet, wo sie mussig
Legt im Schoss die schonen Hande,
Und sie will Kalender machen,
Schauet, kalkuliert und rechnet
Mit den Arzten ganze Tage.
Wahrend sie so eng verschlossen,
Tragt die Herzogin die Zeichen
Ihrer guten Hoffnung muhsam:
Wird begrusst von allen Standen,
Die nach dem Gelusten fragen,
Was sie wunsche, was sie fordre.
Apfel, indian'sche Nester,
Marzipan und Pfeffernusse,
Alles wird herbeigeschaffet,
Alle Edlen sind in Sorgen,
Alle Landeskirchen beten
Um die gluckliche Befreiung.
Doch die Herzogin viel lieber
War befreiet von dem Panzer,
Den die Arzte ihr bereitet,
Ihr den schlanken Wuchs verstellend:
Denn sie war so zart gewachsen,
Wie ihr Name es bezeichnet;
Wie ein Fidibus fur Pfeifen
Schien sie sonst im weissen Kleide,
Mit den kranken roten Wangen.
Stolz ging jetzt der dicke Herzog
Auf und nieder in dem Schlosse,
Strich sich seine goldne Weste,
Meinte, dass ein jeder sehe
Nun auf ihn, weil bald ein Kindlein
Wurde auch nach ihm genennet;
Denn nach allen Gluckwunschungen
Meinte er sich wirklich Vater,
Sprach von nichts als von der Ehre,
Von der Wurde eines Vaters,
Von der Muhe es zu werden;
Gnadig liess er sich die Hande
Kussen von der Herzoginne,
Tat, als wenn er Vater ware
Aller Kinder in dem Reiche.
Endlich naht der Tag der Freude,
Alle Telegraphen spielen,
Kanonier mit brennenden Lunten,
Und der Herzog wie ein Puthahn
Kullernd in dem ganzen Hause,
Und die Herzogin verlegen,
Und die Arzte angstlich laufend,
Dass man ihren Weg nicht sehe
Nach dem Astronomenturme;
Und die alten Fraun vom Hofe
Sehr erbittert, dass man ihnen
Allen Zutritt hat verschlossen;
Jede hat ein volles Dutzend
Lieblicher Historien
Aus dem Rauch dazu genommen,
Und nun mussen sie einander
In der Kurze alles sagen,
Weil es kalt ist auf den Treppen,
Der Effekt ist ganz verloren.
Endlich seht das grosse Zeichen
In den tiefen nacht'gen Stunden,
Und der Marschall mit dem Schnupftuch
Winket zweimal aus dem Fenster,
Von den Fackeln wohlbeleuchtet.
Also ist ein Prinz geboren,
Und die Kanoniere schiessen,
Dass die Scheiben aus den Fenstern,
Menschen aus den Turen fliegen;
Und es gibt ein frohes Jauchzen,
Dass die Frosche in dem Teiche
Nicht alleine nachtlich singen.
Als das Wappen eingebrennet
Unserm Prinzen an den Huften,
Dass man ihn nicht mog vertauschen,
Merkt man eine eigne Farbe
In der Haut, die schwer zu nennen;
Doch das ist gar oft an Kindern,
Die erst neu zur Welt gekommen,
Eins ist grun, das andre blaulich,
Das vergeht in wenig Wochen.
Als die Gluckwunschung empfangen,
Und die Taufe ist verrichtet,
Und noch vierzehn Tage spater
Dauert unsers Herzogs Freude.
Doch da wird der Prinz viel schwarzer
Als des Herzogs Tintenfinger,
Den er braucht zum Unterzeichnen,
Und der Herzog sieht mit Schrecken,
Dass es sei ein Mohrenjunge,
Was noch keiner von den Arzten
Hat gewagt, ihm zu verkunden.
Und der Herzog will verzweifeln,
Beisset sich auf seinen Finger
Und der schmecket gar nach Tinte;
Und die Herzogin erbosset,
Dass ihr guter Ruf konnt leiden,
Wutet ein auf die Prinzessin,
Doch es muss verheimlicht werden.
Traurend wird des Thrones Erbe
Bei dem Volke tot gesaget,
Und ein Affe wird geschlachtet
Von den beiden flinken Arzten,
Wohlrasiert und angezogen,
Mit dem Myrtenkranz und Degen,
In ein kleines Sarg geleget,
Schwach beleuchtet ausgestellet,
Und mit grossem Leichenzuge
Beigesetzt in der Kapelle.
Ach du Armste der Prinzessen,
Wie viel Schimpf musst du ertragen,
Heimlich wirst du ausgekiffen
Von der bosen Herzoginne,
Und du sehnst dich nach dem Stifte.
Kinderlos bleibt so der Herzog,
Doch genugte ihm am Ruhme,
Dass ein Kind von ihm entsprossen;
Nur zum Schein hat er gescholten
Die Abtissin, dass sie frevelnd
Sich mit Heiden abgegeben.
Sie beschwort die eigne Unschuld,
Will doch nicht den Vater nennen,
Weil sie ihn nicht hat gesehen,
Weil sein Leben ihr noch teuer,
Hat er's Kind gleich angeschwarzet.
Sie erzahlt nur, wie im Garten
Sich belebte jener Nussbaum,
Meint, dass sie sich hab versehen
An der Nacht, die gar zu dunkel,
Oder dass, wie grune Schale
Von den Nussen schwarzt die Finger,
So auch dieses Kind des Nussbaums
Sei in seiner Haut geschwarzet,
Und man hatt' es schwefeln sollen;
Doch das ist nun viel zu spate;
Als sie ganz gesund zur Reise,
Kehrt sie heim zum Frauleinstifte,
Alle Lieb ist ihr vergangen
Seit sie Sternenkunst getrieben;
Und sie halt sich zu den andern,
Schwatzend, spielend, zankend, putzend.
Bei dem Landvolk aufgezogen,
Unbewusst, woher er stamme,
Wachst der kleine Mohrenjunge
Und durch seine Wundergaben
Alle Nachbarn fast erschrecket.
Wahrend noch die andern Kinder
Mit ihm spielen ihres Gleichen,
Wer gestohlen, konnt er wissen,
Wer zu Nachte umgegangen,
Wer vom Morgen abgepfluget,
Welcher Schneider in die Holle
Hat gepeitschet grosse Lappen,
Welche Kuhe wurden kalben,
Welche Tauben sich verfliegen,
Alles wusst er zu erraten,
Und der Kuckuck war vor allen
Ihm gewogen mit dem Rufen.
Wie ein rechtes Meereswunder,
Wurde dieser schwarze Flecken
In der Ehre der Prinzessin
Rings im Lande vorgezeiget;
Also kam er auch zum Stifte,
Machte schamrot alle Frauleins,
Dass sie ihn ermorden wollten.
Doch er bittet, eh' er sterbe,
Dass ihn hore die Abtissin
Ganz allein in ihrem Zimmer,
Was sie endlich ihm gewahret,
Ahndend, dass es sei ihr Knabe;
Und da zeigt er ihr sein Wappen,
Das ihm eingebrannt so fruhe
Und zu loschen ist vergessen,
Er begrusset sie als Mutter.
Und sie fragt ihn freundlich kussend
Trotz der aufgeworfnen Lippen:
"Da du alles kannst erraten,
Sage mir, wer war dein Vater?
War es nicht der Herr Offzierer,
Der so oft vorbei geritten
Mit den Wangen rotlich weisslich;"
Und der Knabe spricht mit Lacheln:
"Nimmer nein, es war ein Pauker,
Cipripor, das war sein Name,
Bei dem Regiment Dragoner,
Wovon jener war der Oberst;
Sicher habt Ihr ihn gesehen,
War ein Mohr, ein schwarzer Teufel,
Und der Teufel war im Vater,
Als er Euch in schonem Dunkel
Uberraschte und besiegte;
Also teuflisch sind die Krafte,
Die er mir damit verliehen:
Doch weil Ihr in reiner Unschuld
Seid gefallen von dem Guten,
Nur von Einbildung befangen,
Wohl so sind mir alle Krafte
Nun zum Guten hingewendet."
Nun erzahlt er ihr ausfuhrlich,
Wie der Vater, wenn es dunkel,
In des Stiftes Garten kommen,
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen
Von den Frauleins einzuhandeln,
Was zu reichlich war dotieret:
Und so hab ihn da Frau Mutter,
In dem Wahnsinn alter Liebe,
Schmachtend ihn im Kuss umfangen,
Hab geglaubt, es sei der Oberst.
Das sei gar nicht zu verwundern,
War doch seine Stimm nicht schwarzer,
Als von allen andern Mannern,
Trug er doch so gut den Degen
Und die Feder auf dem Hute,
Schwere Stiefeln, Klapperspornen,
Und die Binde und die Krause,
Wie der schonste Stabsoffzierer.
Die Moral ist nun gewesen:
Dieser kleine Mohrenjunge,
Der mit recht beredter Zunge,
Jetzt geschutzt von der Abtissin,
Trat zu ihren alten Fraulein,
Und mit rechtem scharfen Besen
Aus den Winkeln der Gemuter
Hat gefeget weltlich Leben.
Die Abtissin schickt ihn heimlich
Zu dem Herzog, der gealtert
Jetzt nun gar nichts denken konnte,
Sondern alles unterschriebe,
Seine besten Freund liess hangen,
Wenn nur zu der rechten Stunde
Ihm das Mittagsmahl bereitet.
Und der Herzog lasst ihn kommen,
Fragt ihn lachelnd, was er konne,
Ob er auf dem Seile tanze
Oder Kartenkunste mache,
Ob er unverbrennlich ware?
Alles dreies macht der Knabe,
Und der Herzog wahlt ihn gnadig
Sich zum ersten Staatsminister,
Und will gerne mit ihm reden
Von der wahren Staatsverfassung.
Wie ein Buch spricht da der Knabe,
Doch der Herzog hat noch nimmer
Acht gegeben, was gesprochen;
Und der Knabe kann auch singen
Nun verstehet ihn der Herzog,
Aber ich verschweig dies Liedchen,
Denn es riechet gar zu mystisch.
Es beweiset die Verwandlung
In dem Kopf des alten Herzogs,
Weil er sei der Stein der Weisen,
Der Metalle kann verwandeln,
Dass zum Chaos alles kehre.
Als der Herzog dies vernommen,
Wird ihm bange und beklommen,
Sieht, wie schon in den Gedanken,
Alles Runde sich verwandelt
Und die Krone ihm als Muhlrad
Und als Suppendeckel scheinet,
Wahrend viele list'ge Feinde
Nach der einen Krone trachten,
Die auf seinem Haupte wackelt.
Kluglich nimmt er an den Jungen,
Sich zum Hof- und Staatspropheten,
Dass er ihm die Krone halte:
Der nun alles weiss, was kunftig
Bringt die Welt gar bald zum Ende.
Und so endet mein Gedicht.
Die ungemeine, fast mannliche Lebhaftigkeit und Freimutigkeit der kleinen runden Dame hatte alle Zuhorer uberrascht; fast schien sie der kleine Mulatte selbst zu werden. Prediger Frank warf heimlich die Frage auf: Woher es komme, dass niemand einen Anstoss an der Erzahlung genommen habe, wahrend sie eine andre Frau in gemischter Gesellschaft schwerlich nacherzahlen konne. "Das kommt von der lauten metallenen Stimme unsrer Freundin; was sich so laut sagen lasst, ist sicher sehr unschuldig gemeint", sagte der Graf eben so laut, "was in der Welt geschehen, ist auch wieder zu erzahlen, nur in der rechten Art, denn wenn sich Gott nicht geschamt hat, es zu dulden, warum wir?" Die kleine Runde, statt sich darauf einzulassen, machte allerlei Tierstimmen so geschickt nach, dass mehrere erschraken; uberhaupt wusste sie ihr Wesen mehr durch Unerschutterlichkeit als durch Witz zu behaupten, und die andern mussten sich drein finden. Fraulein Walpurgis, die sich schon wahrend der Geschichte des Mohrenknaben wieder bei der Gesellschaft eingefunden hatte, suchte diese luxurierende Lustigkeit, in der sich ihre Freundin leicht ubernehmen konnte, wie eine Parze abzuschneiden; sie zog aus einer weissatlassenen, mit Zypressen und Urnen gestickten Brieftasche ein Paket Papiere heraus und sagte: Man sollte nicht allein die Ubel protestantischer Stifter rugen, wo die Ehelosigkeit freilich kein Verdienst sei, auch die katholische Zeit ihres Klosters habe andre Nachteile gehabt, das allzu hohe Anrechnen dieses Zustandes habe zu leerem Stolz auf eine vorgebliche Heiligung gefuhrt, wo sogar krankhafte Zustande fur Heiligung gegolten. Der katholische Geistliche gab ihr darin recht und machte die Nonnen aller Art lacherlich. Frank verteidigte sie. Der Graf sagte: "Ich glaube, die Religionssysteme tauschen sich aus." Fraulein Walpurgis erzahlte nun, dass sie alte Briefe in ihrem Kloster gefunden, welche eine Mohrin angingen, die von einem frommen Einsiedler bekehrt, eine Nonne geworden ware, und einen recht grellen Gegensatz zu jener Mohrengeschichte darstellten. Der Graf nahm die Papiere und wollte sie vorlesen, aber der Prediger Frank fiel schon nach dem ersten Briefe der Sammlung sehr laut ein, indem er seine ganze Aufmerksamkeit auf die heilige Gewalt richtete, die ein Mann auf ein Madchen ausuben konnte, das selbst noch keine Anlage zur Heiligkeit habe, und erzahlte daruber viele Beispiele von Lavater, den er gekannt hatte; er fuhrte diese Wirkung auf eine allgemeine Regel zuruck, moglichst viel und eigentumlich auf andre zu wirken, um ihnen alle Zeit zur Gegenwirkung abzuschneiden, wenigstens die Besonnenheit dazu; nun sei aber nichts eigentumlicher im Menschen als die heil'ge Ausserung, also beschaftige und verwirre diese andre Leute am meisten; sie habe immer die Wirkung eines Einfalls und lasse am wenigsten einen Plan im Betragen durchscheinen, der jedem Madchen besonders verhasst ware. Der katholische Geistliche, der sich Xaver nannte, bewunderte den Scharfsinn Franks; er versicherte ihm, dass er wohl einhundert Kunstgriffe aller Art wisse, um die Leute der Religion zu unterwerfen, und wahrend er ihren innern Glauben scharfe, schaffe er allmahlich, wenn auch nur alle funf Jahre, etwas von den alten torichten Glaubenslehren weg. "Aber", fragte der Graf ernsthaft, "ist denn unsre Religion, die so viel auf Erden gewirkt, grosstenteils nur eine Sammlung alter Torheiten?" Die beiden Prediger entwickelten im Wettstreite ihrer Menschlichkeiten so viele Mysterien, dass die kleine runde Stiftsdame das Zeichen gab, zu einem allgemeinen Gelachter, das immer starker anwuchs, trotz aller List des einen, trotz aller Menschen- und Weiberkenntnis des andern.
Sechzehntes Kapitel
Schluss von Lorenzos und Rosaliens Hochzeit
Zum Gluck fur die beiden Priester begann der grosse Kranztanz, der die vornehmere Gesellschaft wieder mit in die Schranken des Tanzbodens rief; der Graf behielt mit Erlaubnis der Fraulein die Briefe: wir werden ihrer nicht vergessen. Der Tanz begann mit aller seiner Fackelnpracht. Die Braut musste mit allen Mannern, der Brautigam mit allen Frauen in der Runde tanzen, bis sie beide zusammentrafen und mit einander verschwanden. Der Graf hatte fur diesen Augenblick einen neuen Gesang veranstaltet, in welchem die Grafin die Braut spielte, die beiden andern Stimmen aber von den eingeubten Dorfknaben gesungen wurden.
Die Braut
Viel schwacher ich mich fuhle,
Da mir so nah die Freud,
Als da ich fern dem Ziele
In Leid und Bitterkeit;
Nacht der Nachte, suss und bittre Zeiten,
Bald wird seinen Arm der Liebste um mich
breiten.
Die Jungfrau vergehet,
Die Frau dann erstehet.
Der Name des Herrn sei gelobt!
Der Myrtenkranz so lose
Mir schon im Haare spielt,
O Liebesbecher, Rose,
Wie mich dein Duft hier kuhlt;
Lieb ist starker, als der Tod erfunden,
Wie ein Lamm zum Opfer bin ich bunden.
Mein Hemdlein spielt im Winde,
Er ruft mir: Kind, geschwinde;
Der Name des Herrn sei gelobt!
Viel schwacher ich mich fuhle,
Da mir so nah die Lust,
Als da ich fern dem Ziele
Ans Sterben denken musst:
Nackt bin ich in diese Welt gekommen,
Nackt werd ich auch wieder aufgenommen.
Der Herr hat's gegeben,
Der Herr hat's genommen,
Der Name des Herrn sei gelobt! Amen.
Alle Gaste
Ein Engel wird dir decken
Die blauen Augelein,
Ein Engel uberstrecken
Sich um die Ohren dein,
Niemand, keiner wird dich mehr erblicken,
Loscht die Lichter; Finden ist der Lieb
Beglucken!
Der Geist ist gegeben,
Er mehret das Leben,
Der Wille des Herrn soll geschehn.
Chor der Schlechten, die links fortgehen
Ich kann sie nicht mehr storen,
So wird es dennoch wahr,
Dort gehn die Brunnenrohren
Im hellen Mondschein klar;
Ich muss gehen von der reichen Quelle
Trocknen Mundes, Wermut an der Stelle,
Wie ist mir so wuste
Vom wilden Geluste,
Sie denket wohl nicht, was in mir tobt.
Enteilt ihr Flitterwochen,
Ist erste Lieb vorbei,
Will ich ans Turlein pochen,
Dann bin ich frech und frei;
Liebeszauber ist dann schon verschwunden,
Und sie fuhlt vom Ehring sich gebunden;
Der Mann wird dann schelten,
Da werd ich was gelten
Im Namen des Teufels es geht.
Die Frommen, die rechts fortgehen
Ich liebte sie so stille,
Wie Gott die Welt geliebt,
Doch es war nicht sein Wille,
Dass sie mich wieder liebt;
Ewig bleib ich dennoch ihr so eigen;
Gott, dir soll's mein einsam Leben zeigen;
Er muss es wohl wissen,
Was besser wir missen,
Er wusste allein, wie sie mir lieb.
Wie Gold ins Meer versenket,
Wird in Verschwiegenheit
Die Liebe abgelenket
Von ihrem truben Leid;
Meine Liebe muss sie nimmer wissen,
Dass sie nimmermehr mich kann vermissen,
Ihr Los ist geworfen,
Und ich bin verworfen.
Sie liebt ihn; mein Ungluck trag ich fern.
Bald bet ich in der Klause
In der Waldeinsamkeit;
Herr schenke ihrem Hause,
Ach all die Seligkeit,
Die ich hoffend hatte mir ersonnen;
Sei mein Beten ganz fur sie gewonnen.
Die Menschen, sie denken,
Und Gott wird sie lenken.
Der Name des Herrn sei gelobt!
Der Gesang war kaum geendigt, so begannen die beiden Geistlichen einige Spasse uber einzelne Verse des Gesanges, den sie fur einen Scherz des Grafen hielten und keinesweges fur seinen besten Ernst, wie es doch wirklich war. Die Grafin nahm das etwas ubel, da sie selbst dabei tatig gewesen, sie sagte dem Grafen leise, so ungesittete Leute waren doch wert vom Hofe hinunter geworfen zu werden, da sie uberdies gar nicht eingeladen waren. Der Graf hatte einen ahnlichen Entschluss in sich verbissen, und es bedurfte nur dieses Anstosses zum Hervorbrechen seiner Hitze; ohne weitere Erklarung nahm er die beiden Geistlichen beim Kragen, und schleppte sie mit grosser Heftigkeit durch die Menschenmenge, die es fur einen neuen Tanz hielt, in den Hof, und liess die Verwunderten dort mit der Weisung stehen, nicht eher wieder seine Schwelle zu betreten, bis Geschafte ihre Gegenwart notwendig machten. Nach dieser Anwendung seines Hausrechts war er plotzlich ganz abgekuhlt; die beiden Menschen taten ihm leid, sie hatten es nicht schlimm gemeint, und er war durch diesen unbesonnenen Entschluss vielleicht fur immer ihrer nachbarlichen Gesellschaft beraubt. Als die Gesellschaft sich entfernt hatte, fand ihn Dolores, wie er in grossem Arger das Hochzeitgedicht zerriss und zertrat. "Um ein paar einfaltige Verse", rief er, "habe ich einen Zusammenhang mit der Geistlichkeit gestort, der mir zur Bildung meiner Leute so wesentlich; sieh, liebe Frau, es ist das schonste Geschaft der Frauen, eine torichte Leidenschaft zu bandigen und zu beschranken, kunftig giesse kein Ol ins Feuer!" Sie nahm diese Ermahnung mit einiger Empfindlichkeit auf, weil sie zum Sprechen allzu ermudet war; sie war schon eingeschlafen, als ihr der Graf eine gute Nacht bot, und der Tag endete ihm weniger heiter, als dessen Aufgang erwarten liess. Ist es nicht eben so im grossen Leben der Natur, in der Witterung; wie konnte unser kleineres Leben sich davon los opfern und frei beten; doch wunschten wir, dass eine gluckliche Ehe dies vermochte, und wenn dies unmoglich, dass sie wenigstens in ihrer Dauer und Festigkeit und ubrigen Gluckseligkeit dadurch nicht gestort werden konnte. Wir sagen mit Waller, den wir bald naher kennen lernen, zum Schlusse dieses Hochzeittages:
Eine gluckliche Ehe vergleich ich dem Pendel der
Uhren,
Der aus verschiednem Metall schon im Verhaltnis
gefugt,
Wenn es im Innern auch spannt im ewigen
Wechsel der Warme,
Nimmer von aussen es zeigt, nimmer verwirret die
Uhr;
Blinkend erscheint er im Anfang und rostig
gedunkelt im Alter,
Doch sein Innres vereint gleiche Vertraulichkeit
stets.
Siebzehntes Kapitel
Geschichte des Einsiedlers und der Mohrin.
Nachrichten von Klelia
Am anderen Morgen war die Grafin recht betrubt, dass ihr Rosalie fehlte, die jede ihrer kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten kannte, jeden Wink verstand; erst jetzt lernte sie die ausgezeichnete Fugsamkeit und Beflissenheit des Madchens kennen, da ihr Ilse alle wesentlichsten Dienste ganz ungeschickt leistete. Sie fluchtete sich aus ihren ungeschickten Handen ganz verdriesslich zum Grafen, der bei der Durchsicht einer weitlauftigen Baurechnung der neuen Dorfkirche, die nun bald beendigt war, alle seine Aufmerksamkeit gefesselt hielt, legte sich auf seine Schulter, spielte in seinen Haaren, und erzahlte ihm mit einem weinerlichen Tone, wie es doch so bose um das Heiraten der Madchen ware; kaum ware ein Madchen brauchbar, so wurde es in eine ganz fremde Beschaftigung dadurch gebracht; wenn doch alle Dienste so konnten eingerichtet werden, dass die Leute sich dabei verheiraten konnten. Der Graf sagte immer kein Wort und rechnete fort. Die Grafin sah ins Buch und las: "Drei Schock Lattnagel, Hohlsteine", lachte und sagte: "Ich glaube, du wirst noch ein Baumeister; hor, du tust dir noch Schaden in der glatten Stirne, die ich so gern kusse, und das leide ich nicht!" Dabei kusste sie ihm einen Kranz um die Stirn und dieses Entgegenkommen war bei ihr so selten, dass der Graf die ganze verwickelte Rechnung zur Seite schob, ungeachtet er sich fest vorgenommen hatte, sie noch denselben Tag zu beendigen, die Grafin auf seinen Schoss setzte und sie herzlich kusste. Die Grafin aber sprang auf und rief: "Ich glaube, es ist das einzige Vergnugen, was du mir zu machen weisst, dass du mich kussest; sonst, ehe wir verheiratet waren, brachtest du alle Tage etwas zum Vorlesen; ja das war gute Zeit; jetzt bist du entweder in Geschaften, oder du denkst an Geschafte; ich glaube, dass ich kunftig dein Schreiber werden muss, wenn ich etwas von dir horen und sehen will." "Du hast recht, liebe Frau", antwortete der Graf, "aber wahrhaftig ich kann oft nicht anders; ich wollte, ich hatte mich nicht in so vielerlei Arbeit eingelassen; was ich aber einmal unternommen, daran setze ich Ehre und Leben." DOLORES: "Und ich setze alle meine Liebkosungen, alle meine Bosheit heute daran, dass du nicht zum Schreiben kommst; lies mir etwas vor." GRAF: "Ich habe nichts." DOLORES: "Da sind ja noch die Briefe, die dir Fraulein Walpurgis gegeben." GRAF: "Die werden dich nicht unterhalten, sie sind zu ernsthaft." DOLORES: "Immer zu; ich bin heute auch sehr ernsthaft." Der Graf las ihr jene Briefe, wie folget, vor:
Briefe eines wandernden Einsiedlers und einer
Mohrin, welche Nonne wurde4
1. Der Einsiedler an die Mohrin
Das edle Saitenspiel des heiligen Geistes, der Prophet David, war einstmals ertrunken in der Stille des gottlichen Schauens und sprach das edle Wortlein: "Mir ist gut, dass ich Gott anhange." O wohl mir, gutes Kind, was mein Mund Dir oft begreiflich gesagt hat, als ich bei Dir war, das rufet zu Dir mein Herz: Wer Gott anhangt, wird ein Geist mit Gott und verschwimmet in das Einige ein; das ist das Allerbeste und dies begehrte der Widerglanz des ewigen Lichtes an dem letzten Nachtmahle, das er hielte mit den Jungern: heiliger Vater, ich begehr, dass sie eins mit uns sind, als ich und du eins sind. Und welche also mit der Allheit in Einigkeit worden sind, alle ihre Sinne kommen dann in solche Eingezogenheit und ihr Verstandnis ist ein Schauen der reinen Wahrheit in der Sonne des ewigen Geistes. Ach hebe auf Dein Auge, sehe, was freuet sich jetzund Berg und Tal, Laub und Gras, wie lachet jetzt die schone Heide! Alles wegen der klaren Sonne, zu der Laub und Gras und jedes Kindes Auge blickt und trachtet. Ach darum mein Kind, erschwinge Dich in die wilde, stille Wuste der Gottheit und Dir wird wohl sein; wisse, dass ein starkes Gemut mit Gott einen schwachen Leib uberwinden kann. Wer aber der schonen Rosen Auge haben will, der muss ihre naturliche Art erwarten in Gemach und Ungemach, bis der frohliche Tag kommen, da er sie in spielender Wonne frohlich geniessen wird nach aller Herzenslust. Darum sei geduldig meine Tochter, wenn die Heiligung Deines neuen Lebens im Kloster Dich noch nicht ganz erschliessen kann, wenn Deine Stunden des Gebets noch leer an Freuden sind; jetzt ist noch Wintertag in Deiner Seele, aber Du ahndest doch oft schon den Fruhling.
2. Die Mohrin an den Einsiedler
Ich danke Euch fur Euer Schreiben, so weit ich es verstehe, doch auch, was ich nicht verstehe, trostet mich, wie damals Euer Angesicht, als ich noch traurig es anblicken durfte. Heiliger Vater! Ich bin erst vierzehn Tage von Euch entfernt und meine, es ware eine Ewigkeit. Ich werde Euch wohl nie wiedersehen, denn Ihr wandelt mit Trost uber den ganzen Erdboden, ich aber bleibe einsam in meiner Zelle. Wie war ich so hulflos, ob Ihr gleich mit einem Segen von mir geschieden; die Schwestern sahen mich alle so neugierig an, und befuhlten meine Hand, ob die schwarze Farbe darauf sasse oder darunter; meine Seele umzog dann Nachts ein so trubes Licht, dass ich nicht schlafen konnte, sondern an das Fenster ging und mich uber den Mond verwunderte, wie er so helle durch die Linden schimmerte; die Linden schienen ihm entgegen zu rauschen und ich fuhlte mich umfasst von der kranken Schwester Therese, die auch nicht schlafen konnte und immer Nachts durch alle Zellen schlich, und wusste alles, wo die Nachtfalter im Mondenlichte flatterten und wo die Nachtigall sange. Sie ist so gut, beinahe so gut wie Ihr, und klagt nur immer, dass sie mich nicht genug lieben kann. Die andern Novizen denken alle noch weit hinaus in die Welt, und wissen alle, was da geschieht; wir beide gedenken nur an Euch in unsern Gesprachen uber das, was ausser dem Kloster ist; Ihr scheint uns da auf der Erde umherzuwandern, wie unser Herr Gott im Himmel. Oft denken wir, wie gerne wir mit Euch lehren mochten, und konnten wir nicht lehren die Heiden, so konnten wir doch Eure Fusse salben, fur Euch sorgen; aber wofur braucht Ihr zu sorgen, da Ihr so wenig bedurft und Gott mit Euch ist; Ihr sorgt fur uns und alle Welt. Alle Heiligen denken wir uns wie Euch, und die jungen Heiligen, wie der heilige Sebastian, gefallen uns nicht, da Ihr alt seid. Euer weisser Bart ist das Ruhekissen aller Andacht; wie war mir die Sandwuste so paradiesisch, als ich auf Eurem Barte ruhen durfte, als Ihr besorgtet fur mein Leben; kein Obdach ware mir da etwas wert gewesen, so stark auch das Unwetter; ich horte Euer Herz schlagen, ich fuhlte Euren Atem wie Tau an meiner Brust; ich war Euch so nahe. Ach wie seid Ihr nun so gar entfernt; ich denke mir rote und grune Lander, wo Ihr durchgehet; ich liebe Euch wie meinen Himmel und liebe den Himmel, wenn er so wie Ihr fortwandelt in aller Gute. O moge Euch fur die Treue an mir, Maria, die Mutter Gottes, ihr Kindlein eine Stunde in die Arme geben, dass es Euch anlachle in der Wuste. Mich segnet Euer Andenken.
3. Der Einsiedler an die Mohrin
Da der Konig David seine Jugend im Gottesdienste hatte verherrlicht, da begann er zu alten, da begann er zu kalten, und das sahen seine getreuen Diener, und die zogen durch alles Land und suchten ihm eine zuchtige Jungfrau, und fuhrten sie zu ihm, dass sie ihn warmete mit ihrer Andacht, und also ward er wieder jung und ging wieder frisch zu dem Werke des Herrn. Siehe, so hast Du mir getan, und ich bin gestarkt durch Dich in die Welt gezogen; siehe, so tue vielen und andern, die noch mehr Deiner bedurfen, als ich. Es sind jetzund viele Menschen, die tragen einen geistlichen Schein und haben Gott nie scheinbar erzurnet, aber sie sind laulicht, lieblos und gnadenleer geworden; schliesse Dich an sie, zu erwarmen die Kalten, und Reif wird herabfliessen in Tranen und die Flur wird heller und gruner sein, denn jemals. Ein liebendes Herz spricht zu tausend andern, es tut als wilder Adler einen freien Schwung zur Sonne, dass die kalten Herzen inne werden der gottlichen Herrlichkeit. Auch mir, Du geliebtes Kind, fehlet viel, da ich Dich nicht bei mir sehe; der volle Mond ist gebrochen, die frohe Sonne erloschen, der liebe Ostertag zum stillen Freitag geworden, ach und die heisse Sommerwarme vom kalten Reife verdrangt; doch manche Rose, die sich dem Himmelstau lange verschlossen, gehet im kalten Reife auf, also diente ich jetzt schon mancher andern frommen Seele. Verzweifele nicht an Deiner Heiligung, hore nur treu die Stimme des geliebten Jesus, denn seine Stimme ist suss und sein Angesicht lieblich. Ich bitte die ewige Wahrheit, dass sie in Deinem Herzen haushalte, und alles Unreine kraftiglich darausstosse, das je darinnen sich gesetzet. Wie ware es aber moglich, dass alles Getummel, das zwanzig Jahre an einem Orte sich gesammelt, in wenigen Tagen ausgestossen sei. Es muss noch manches wandelbare Wetter in Dir aufstehen, ehe die bleibende Heiterkeit sich darin setzet. Darum lasset Christus sein Antlitz leuchten uber Dir, dass Du sehen mogest, wo es noch dunkel und unrein in Deinem Herzen.
4. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater, Euer Brief hat mich gestarkt, dass ich zur grossen Verlobung bin tuchtig geworden. Ich habe mein Gelubde getan; ich konnte kein Haar mir abschneiden lassen wie die andern, denn mein Haar ist nie aufgegangen, das die heisse Sonne fruhzeitig versengt hatte, und mein Herz ist trocken geblieben. Ich habe nicht getanzt wie die andern den Tag vorher, ich habe nicht geweinet wie die andern den Tag nachher, als die Tur zuschlug und ich in die dunkle Zelle eingefuhrt wurde. Ich fuhlte mich nicht verandert, nicht heiliger, nicht frommer, und schreibe das der Trokkenheit meines fremden Himmels zu. Ihr seid mein Fuhrer, Ihr hortet mich, als ich im Schandhaus ein frommes Lied sang, das ich nicht verstand, das ich bloss so nachsingen lernte meiner Mutter, ehe ich geraubt wurde. Da tratet Ihr herein und furchtetet nicht das Gespotte, nicht die Drohungen der wilden Seerauber; Ihr riefet laut: "Hier ist noch eine arme Seele, die gerettet werden kann, denn sie wendet sich zu Gott." Und Gott gab Euren Worten die Kraft und erschreckte die Manner und ich folgte wie ein junges Kindlein der Mutter; ich war einer grossen Sunde recht nahe und wusste es nicht; nun ich es weiss, habe ich Euch erst danken lernen; Ihr habt mich an den Himmel abgegeben, aber ich wage nicht hinaufzusehen. Sehet hinauf und betet fur mich.
5. Der Einsiedler an die Mohrin
Die Weinstocke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch; die Turteltaube lasst sich horen in unserm Lande. Mit welchen Freuden meinst Du, dass sich der Herr in den schonen Weingarten ergeht; ach ihr jungen schonen Weinstocke des himmlischen Vaters, ihr schonen holdseligen Turteltaubelein des gottlichen Gemahls, gedenket wie lange Zeit ihr seid wuste gelegen, wie manchen schonen Tag mussig! O wehe des kalten Windes unnutzer Worte! Mein frommes Kind, was soll ich mehr schreiben. Es freuet sich mein Herz uber Dein angefangenes heiliges Leben; ehe Du aber erstarket bist, musst Du Dich umzaunen, als ein junges Baumelein gegen das grasende Vieh. So schaue in Dich, statt der andern Tun und Lassen zu vergleichen, warte der himmlischen Harfen, die im Gemute, wie die Vogel der Luft, unsichtbar dem in sich Verlornen klingen. Auch sollst du gewarnet sein, so die schonen Weingarten aufbluhen, dass auch dann die Bremen und leidigen Kafer beginnen zu sturmen, und wo der bose Geist mit sich selber nicht kann zukommen gegen einen frommen Menschen, da lasset er ihn reizen von seinem Gesinde mit bittern Worten und ihn selbst mit falschen Weissagungen in Lieb oder in Leide. Und darum mein junges Kind, mein zartes auserwahltes Kind, stehe fest in Gott, denn er lasset Dich nicht.
6. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater! Ich bin demutig und meine Freude ist, allen zu dienen, und doch werde ich verschmahet. Wie konnen sie mich verachten, da Ihr mich gewurdigt habt der Lehre. Bei der Pfingstprozession traf mich die Reihe ein Fahnlein zu tragen, mit dem Bilde Mariens geschmucket, aber die weissen Schwestern rissen mir die Fahne aus der Hand und ich wie eine Aussatzige musste ich hinterher allein gehen, denn auch Therese hatte sich da einer anderen gesellt. Und ich konnte vor Scham nicht rot werden, dass sie ein sichtbar strafend Zeichen ihrer Bosheit sahen; ich bin schwarz und von Gott zur Nacht verstossen. Heiliger Vater, wie bedarf ich so sehr Eures Trostes, dass ich auch hier nicht tauge, wo ich meinte selig zu werden; ich muss weinen um andrer Leute Stolz; ist das nicht Hochmut? Ich habe an Euch und an den himmlischen Brautigam zu denken, und denke immer meiner Mitschwestern, und zwinge mich wohl, fur sie zu beten, aber mein Herz wird vom Zorne uberwaltigt; umsonst geissle ich mein Fleisch ich hatte einen schlimmen Herren auf der Insel es ist zu gewohnt der Schlage und fuhlt sie nicht mehr. Horte ich nur ein Wort von Euch, heiliger Vater, so wurde ich ruhig sein.
7. Der Einsiedler an die Mohrin
Die Tochter Jerusalems hatten ein Angaffen, dass Konig Salomos auserwahlte Frau schwarz war, und ihm doch wohl unter vierzig und hundert Frauen die liebste. Da antwortete sie ihnen jugendlich: "Ich bin schwarz, aber gar schon wie die Teppiche im Tempel." Liebe schwarze Tochter, mir ist lieber eine gnadenreiche Schwarze, denn der Schein einer gnadenlosen Weissen; wer sich auf der himmlischen Heide ermaiet hat, der achtet nicht viel auf das zeitliche Maiengewand. Mein Kind, mein Kind, werden Dir auch meine Worte was helfen, da Dein Auge voll Wasser, Dein Herz voll Zornes ist. Lieber Gott, es ist so leicht zu sprechen und raten, es tut aber gar wehe, ein Gegenwartiges zu empfinden. Ach mein Kind, ich muss Dir eines erzahlen, dass Du Deines Leides vergessest. Siehe, es geschahe einmal, da war ich in grossen verschmaheten Leiden, da sass ich in meiner Zelle und sahe einen Hund, der lief mitten in den Kreuzgang und schleifte da ein Gebetbuch, und warf es nieder und biss darein und spielte damit. Also, liebes Kind, war ich in der Bruder Mund. Das Gebetbuch lasst sich behandeln, wie es der Hund will, aber ich erkannte es und nahm es auf und legte es in mein Kappelein neben meinen Stuhl und schicke es Dir nun zum Troste; hore an diese edle Trutznachtigall meines Bruders Spee; das irdische Geschrei muss dieser himmlischen Stimme schweigen, die Dich immerdar mahnt: Hast Du ein Herz wie das meine, so schwinge Dich auf durch Nebel und Schlossen. Mein Kind, wir sind nicht allein die Verschmahten, die Verstossenen in der Welt, die Mehrzahl des himmlischen Hofes war es einst viel mehr; gedenke der vielen Martyrer. Sind wir den Leuten unnutz? Das Weidenholz ist auch unnutz; man schnitzet aber nach dessen Absterben heilige Bildnisse daraus, die man werter halt als Zedernholz.
8. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater! Ihr wandelt wie die seligen Engel unermudet weiter und beglucket wunderbar alle Menschen, bei denen Ihr zusprechet, sehet aber nicht zuruck auf die, welche begluckt sind durch Euch. Es ist auch christliche Milde den frommen Dank anzuhoren und den Lohn seiner Taten zu empfangen. Mir ist der Friede geworden; ja es scheinet Gottes Auge uber mir zu weilen und mich mit einem Meere lichter Wolken zu erfullen; kein Unfall storet mich mehr, und die Schwelle, uber die ich erst gefallen, wird mir zu einer Altarstufe, der ich den Anstoss danke, um mich darauf hoher zu erheben. Ich bin ungeschickt, es Euch zu sagen, mag auch meine Seligkeit nicht straflich unterbrechen mit Nachsinnen; mir ist oft, als wenn ich floge, wie eine Biene und sammelte den seligen Honig ein, ja der Himmel ist mir offen und das neue Jerusalem, wenn ich daran gedenke. Die unglaubigen Schwestern spotten uber meine Gesichte, weil mein Angesicht schwarz ist; aber mich schmerzt das nicht mehr; ich weiss, dass ich Ihn habe; je mehr ich ruhe, je mehr ich begreife; je langer ich schweige, je mehr Wunder ich wirke in Seiner Macht; je mehr Seine Lust wachset, je grosser meine Hochzeit; je minniglicher wir uns ansehen, je ungerner wir uns scheiden; je mehr Er mir gibt, je mehr ich verzehre; je mehr ich leuchte, je mehr Lob wird Gott zubereitet.
Ich war oft so entzuckt in seliger Anschauung des Brautigams, dass ich das Gelaute der Metten nicht horte. Sie schickten mir den frommen Abt, um mich ermahnen zu lassen, und ich sagete ihm, was ich sehe. Und ihm ward wie einer schwebenden Taube und er kniete vor mir. Heiliger Vater, kommt zu mir, es wandelt mich oft eine Furcht an vor meiner Seligkeit und Vollkommenheit, als wenn ich damit nicht leben konnte auf Erden; als ware ich schon im Himmel wie eine rote Abendwolke, die alle Gesichter der Menschen rotet. Schon kommen Bedrangte aus ferner Gegend, die von mir gehort haben, und wollen nur, dass ich die Hand auf sie lege, und ich lebe so selig in meiner Klause, dass mir die Welt rings ganz dunkel und ode erscheint. Ich werde von einer inneren Kraft getrieben wie ein Samenkorn und wage nicht, umzuschauen, ob ich Raum habe, meine Blatter zum Himmel zu treiben. Ich sehe die Saulen an unserer heiligen Kirche und traure, dass ihre Knospen nicht bluhen; wenn sich meine Blute erhebt, da wird die Kirche daran hangen wie ein Stein, der an den Baum gehangen worden, ihn nieder zu drucken; aber der Baum hebt endlich mit Fruhlingskraften den Stein und der Stein druckt ihn nicht mehr nieder. Kommt zu mir heiliger Vater, und vereinigt Euch mit mir; wie soll ich mich halten gegen die Wunder. Ich will Euch dafur mit aller meiner Kraft und Seligkeit erfullen.
9. Der Einsiedler an die Mohrin
Liebe Tochter. Sasse ein Mensch vor einem Keller an einem sommerlichen Tage, schon bedeckt mit des gelaubten Waldes grunem Staate, mit der Blumen heller Schonheit, truge in seiner Hand einen Zyperwein in dem durchleuchtenden Glase und trankete sich damit nach des Herzens Begierde; und ein anderer Mensch sasse auf der durren Heide unter einer rauhen Wacholderstaude und lase Beeren ab, dass er kranke Menschen gesund machte; entbote jener diesem, wie er sollte tanzen, er sprache: "Der mag wohl trunken sein, mir ist ganz anders zumut"; wir sind ungleich gefuhret mein Kind, das mag ich eigentlich zu Dir sprechen von der Botschaft, die Du mir getan: wie eine Fackel entbrennet sei in Deinem Herzen und die Liebe Wunder in Dir wirke. Mein Kind, es steht eine grosse Freude auf in meinem Herzen, dass sich der Liebliche so lieblich erzeiget, und dass er Dir gibt zu empfinden, was er nur wenigen verleiht; doch merke liebes Kind, ein Mensch, der nie zu dem Weine kam, dem ist der Wein empfindlicher, als dem, der schon oft getrunken, und gedenke, dass Dir also geschehen sei von der klaren sussen Liebe der ewigen Weisheit, die Dich nun kraftig hat umfangen. Oder ich meine auch, dass Gott Dich reize, weil er Dich bald von hinnen nehmen will in den grundlosen Brunnen, woraus Du ein seliges Tropflein versuchet. Nehme daher wahr Deiner leiblichen Krafte, dass Du nicht verzehret werdest vom allzu heftigen Streben nach dieser Seligkeit. Es mag sich auch fugen, dass Du vielleicht bald auf ein Geringes gesetzet wirst, denn nach langer Hitze und Durre leuchten die Wetter prachtig und tranken die Gefilde mit Himmelsduft, aber dann ist es oft lange kalt. Fulle in Demut Deine Zisterne und versaume nie daruber Dein Gebet, so wird es Dir nie an einem Labetrunk fehlen, den Du mit allen teilen musst, die da dursten. Liebe Tochter, versaume keinen andern in Deiner Frommigkeit, indem Du Deine Frommigkeit und Dein Gluck mir anruhmest. Ich wohne hier in der Wuste an einer sanften Quelle, die immerdar in Tropfen fliesset, und habe ich ein Stundlein mit ausgestreckter Hand gesessen, so hat sich so viel des Trankes darin gesammelt, als mir gut tut im Alter. Liebe Tochter, es dursten so viele in der Welt unter schwerer Arbeit nach einer himmlischen Labung, danke es Gott durch solchen segenreichen Zuspruch, dass Du nicht wie eine Ehefrau mit Not und Sehnsucht wegen Mann und Kind geplagt bist, sondern dass Dein Sehnen schon Seligkeit und ihre Erfullung der Himmel sei. Dolores meinte am Schlusse dieser Briefe, Klelia hatte auch solche Heilige werden konnen, wenn sie in der alten Zeit gelebt hatte; sie sprachen von ihr, wie es kame, dass sie seit der ersten Nachricht von ihrer glucklichen Ankunft in Palermo noch gar keine Nachrichten erhalten hatten. Wie es sich aber oft so sonderbar mit ersehnten Briefen trifft, so kam der Briefbote wahrend dieser Unterhaltung mit einem dicken Briefe zuruck, den Dolores sogleich aus der Aufschrift erkannte: "Sieh Karl, ein Brief von Klelien, den les ich zuerst, nachher sollst du ihn lesen." So setzte sie sich still hin und der Graf las immer die umgeschlagenen Blatter laut ab: " ... Der Obrist, unser Onkel, halt alle Abend von neun bis ein Uhr eine Pharaobank; da kommen alle Offiziere des Regiments und die reichsten Leute der Stadt zusammen und ich muss sie unterhalten, ich Ungluckliche, der vom Schlafe oft die Augen zusinken, und dabei muss ich sehen, dass sie ihn im Herzen verachten, wenn sie es gleich nicht kund werden lassen. Zwar hege ich das feste Zutrauen zum Onkel, dass er ehrlich spielt, aber ist es nicht schon ein Betrug Bank zu machen, wenn man voraus weiss, dass nach den Vorteilen, die das Spiel erlaubt, und wegen der Unbesonnenheit der meisten Spieler, die Bank immer gewinnen muss. Ich sagte das meinem Onkel, aber er wurde sehr heftig und schwor, dass er doch unmoglich ohne Gewinn seine Pacht an den Staat bezahlen, und sein Vermogen in die Bank stecken konne ..." Hier schlug Dolores um, und der Graf las auf der andern Seite: " ... Die Nonnen sind mein Trost, mit ihnen lerne ich viele schone Handarbeiten; da sticken wir zusammen ein herrliches Messgewand, das Rosaliens Kapelle auf dem Berge geschenkt werden soll; es ist aus kleinen Blumen zusammen gestickt, und jede der Schwestern kann sticken, welche Blume sie liebt, doch immer, dass es sich wohl ordne. Ich sticke lauter deutsche Vergissmeinnicht, die sie hier nicht achten, und bei jeder denk ich immer ganz allein an einen von euch, oder an unsern alten Bedienten, und lasse manche Trane hineinfallen, und wo es einen Flecken macht, da sticke ich eine Perle drauf, damit die Schwestern nicht bose werden ..." Wiederum wendete Dolores das Blatt und der Graf las: " ... Neulich konnte ich es doch nicht lassen, einen jungen Mann zu warnen, der in torichter Hitze seinen Satz immer verdoppelte, aber was half's, jedermann lachte uber mich; der junge Mensch spielte nun aus Eitelkeit noch wilder und bildete sich ein, ich sei in ihn verliebt. Jetzt lauert er mir aller Orten auf, so dass mich seine torichte Leidenschaft oft zu Hause halt; denn er soll kuhn sein und es gibt hier wenig offentliche Sicherheit. Mein Onkel gab mir einen derben Verweis, wofur mich freilich die Tante so freundlich trosten wollte; lieben Freunde, sie ist gut, sehr gut, ich verstehe mich aber nicht mit ihr; ich suche die Stille, sie wunschte in ihrem Hause bestandige Neckereien, Herumlaufen, Tanz ..." Dolores drehte wieder das Blatt, der Graf las: " ... So prachtvoll hier alles sein mag, unser liebes Deutschland vergesse ich daruber doch niemals; oft, wenn ich lange nicht daran gedacht habe, da fallt es mir so schwer aufs Herz, oft weiss ich nicht einmal, wobei es mir so einfallt. Neulich aber war ich ganz trostlos, da komme ich in unsere Kuche, wo ich doch schon oft gewesen, und sehe so zufallig in dem knisternden Feuer der grunen Olbaumaste eine schone Figur in der eisernen gegossenen Platte, die im Hintergrunde des Herdes aufgerichtet steht; zwar war sie sehr verrostet, aber ich konnte doch noch deutlich sehen, wie sie aus einem Fullhorne Blumen fallen lasst. Unter der Platte standen nun mehrere lateinische Buchstaben, die ich zusammenbuchstabiere und immer nicht verstehen kann, weil ich auf etwas Lateinisches oder Italienisches rate; endlich spreche ich es ganz aus, seht, da heisst es Fruhling; unser lieber deutscher Fruhling, mit aller seiner Wunderbarkeit, wie er aus dem Schnee hervortritt, kann mich nie so verwundert, so geruhrt haben als diese arme Fruhlingsgottin, die vielleicht seit hundert Jahren hieher verbannt, von niemand verstanden worden; wer wird mich hier finden, der mich versteht, da ich keine Blumen ausstreue wie jene! Ich habe nicht geruht, bis ich die eiserne Platte in meinem Zimmer aufgestellt habe ..."
"Die arme Klelia", rief der Graf, "wir mussen ihr gleich schreiben, sie muss zu uns ziehen; wer wird sie aber hieher begleiten? Ich begreife nicht, Dolores, wie du sie damals hast konnen wegreisen lassen; sie gehort so notwendig zu unserm Glucke; wir haben uns doch zuweilen gestritten und einander erzurnt, sieh, das ware gar nicht moglich geworden in ihrer Nahe; sie ist ein Engel, bei dessen Anblicke einem alle Heftigkeit und Bosheit vergeht." "Es ist gut, dass sie nicht hier ist", sagte die Grafin, "so wie du jetzt gesinnt bist, wurdest du sie sicher mir vorziehen; sie storte dich niemals, widersprache dir nie; was du tatest und sagtest, ware ihr immer recht; ich bin dir zu aufrichtig, zu freimutig." "Liebes Kind, wie du das wieder nimmst", rief der Graf und fing schon seinen Brief an Klelien an; "es ist mir gerade das Teuerste an dir, dass du so fest begrundet, so sicher in dir lebst, um alle fremde Gesinnung zu verschmahen, um von niemand etwas anzunehmen, um ..." doch da war er schon so vertieft in seinen Einladungsbrief an Klelien, dass Dolores, ohne dass er es merkte, das Zimmer verlassen hatte, wahrend er noch immer einzelne Worte zu ihr redete. Er schrieb gewohnlich emsig und schnell, und da er nach einiger Zeit jemand neben sich atmen horte, so glaubte er mit Wahrscheinlichkeit, es sei Dolores, die ungeduldig uber sein langes Schreiben ihm uber die Schulter sehe. Da der Brief gleich zu Ende ging, das heisst das Blatt, das so gebietend uber die Lange der Gedanken entscheidet, so wollte er sie festhalten und sie zugleich beschaftigen, indem er nach ihrer Hand griff. Wirklich fasste er auch eine Hand und druckte sie, und seine Hand wurde zartlich wieder gedruckt; zugleich fuhlte er einen heftigen Kuss, der auf der Oberflache der Hand haftete. Das war gegen die Art der Grafin; er sah sich um, und fand die tolle Ilse, die ihm Hut und Stock brachte, die er gestern im Zimmer der Grafin vergessen hatte und ihn mit dieser demutigen Gunst gar ruhrend anblickte. Der Graf war in Verlegenheit, seine Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht hob im wirklichen Leben alle Standesverhaltnisse auf; sie kusste ihm noch einmal die Hand und druckte sie an ihre Brust, deren Pochen er fuhlte; er konnte ihr noch kein Wort sagen, sondern klopfte ihr mit den Handen die Backen, und murmelte so etwas: "Sie ist ein gutes Kind!" Ilse richtete sich jetzt aus ihrer gebeugten Stellung auf, und fragte: "Haben der liebe gnadige Herr was zu befehlen?" "Nichts liebes Kind", sagte er, und doch brauchte er Licht, um seinen Brief zu siegeln. Sie verliess jetzt das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung, und er ging verwundert auf und ab, wie eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht uber ihn habe ausuben konnen; er konnte dem Madchen nicht mehr Boses nachsagen, wie er bisher getan; jede Zuneigung, auch die unerwiderte, hat in einem guten Gemute etwas Verpflichtendes, und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht. Die tolle Ilse war wirklich in den Grafen verliebt, wie gemeiniglich alle Dorfmadchen in einen schonen Gutsherrn; sein Einfluss ist ihnen deutlicher als in den Stadten die ganze Macht eines Fursten, er ist ihnen auch in guter Art viel uberlegener; selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas Ehrenvolles, und die Kinder, die daraus hervorgehen, werden mit einem Stolze wie junge Halbgotter angesehen, mehr als eheliche Kinder geschmuckt und begunstigt. Es ist ihnen ein geheimer Stolz, wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen kommen und an den Kasten treten, wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen, mit manchem bunten Silberbande zu prunken, das sie noch wohl an die Mutze stecken konnten; solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt, und wussten sich nur die neidischen Mitmagde recht verstandlich zu machen, sie bezahlten gern eben so teuer; aber eben in dieser Unverstandlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf dem Lande. Es ist ein Vorteil unsrer Zeiten, dass sie die Verschiedenheit der Stande, wenn auch nicht aufhebt, doch sittlich unabhangiger von einander macht; so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen.
Achtzehntes Kapitel
Adel. Der Gerichtstag
Solche Reihen gleicher Tage, von aussen still, voll abwechselnder innerer Bewegung, uberspringen wir, denn das Gluck lehrt nicht: es ist ein Geheimnis. Selbst einen schonen guten Morgen, wo der Graf die Nachricht von seiner Frau erhielt, dass sie sich von mehreren Nachbarinnen uberzeugen lasse, sie sei in gesegneten Umstanden, wollen wir ungefeiert lassen. Doch waren sie beinahe uber den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden, da die Grafin einige Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten, die sie besonders achtete, in ihre Familie einfuhren wollte, und der Graf unabanderlich darauf bestand, dass man in einer Zeit, die so wenig Bestehendes hervorbringe, das Angeerbte durchaus bewahren musse, wo es nicht dagegen anstiesse, denn es ruhe Segen darauf. In diesem Gesprache entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht, die beiden gleich unangenehm war, weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den Zeitungen verschloss. Die Grafin, ohne irgend stolz aristokratisch zu sein, hatte doch ihre fruheren geistig bestimmenden Zeiten unter der eigensinnigen Klasse von Leuten zugebracht, die sich damals in Deutschland bildete, welche blind an eine notwendige Ruckkehr derselben Verhaltnisse glaubte, die lange ihnen bequem gewesen. Der Graf, der erst auf Universitaten eine bestimmte politische Ansicht gewonnen, hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen, weil ihm manches Bestehende in dem Unterrichte verhasst geworden, insbesondre war es aber sein Lieblingsplan, alles Gute und Ehrenvolle, was sich in den adligen Hausern, nach seiner Meinung entwickelt habe, allgemein zu machen, alle Welt zu adeln. Beides stritt notwendig gegen einander; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke auf Du und Du mit aller Welt zu sein, der Grafin war jede Vertraulichkeit niederer Klassen unertraglich, und die tolle Ilse wusste schon dadurch sich ihr einzuschmeicheln, dass sie jeden Vorwitz durch tiefe Demutigungen, durch ein schnelles Rockkussen oder Niederknieen gutmachte. Diese Gesinnung kam erst bei dieser Veranlassung zur Sprache, weil der Graf seine Meinungen uber die allgemeineren Begebenheiten, in deren Kreis er nicht eingreifen konnte, nur bei einem bedeutenden Anlasse aussagte. Als ihm die Grafin heftig widerstritt, glaubte er, sie verstehe ihn nicht ganz, wollte sich aber mundlich daruber nicht weiter einlassen, sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch, das er im Hause gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben, was dem ganzen Hause begegnete, neben der frohen Hoffnung auf ein Kind:
Still bewahr es in Gedanken
Dieses tief geheime Wort,
Nur im Herzen ist der Ort,
Wo der Adel tritt in Schranken,
Wenn die Tugend in den Noten
Hellaut rufet mit Drommeten.
In den Schranken stehn die Ahnen,
Wenn der Zweifel Kampf beginnt,
Wie aus Fels die Quelle rinnt,
Frischend ihre Geister mahnen,
Geister werden zu Gedanken,
Halten fest, wo alle wanken.
Geister sind in jedem Hause,
Wecken aus dem Schlaf den Mut.
Also rinnt das edle Blut,
Geistig wie der Wein beim Schmause,
Dass vereinet, die getrennet,
Eine Lieb in allen brennet.
Immer mit dem grossten Masse
Misst des Hauses Geist das Kind,
Und das Kind sich dehnt geschwind,
Will sich zeigen von der Rasse,
Was ihm Herrliches bescheret,
Zeigt sich hoher, sicher wahret.
Nicht die Geister zu vertreiben,
Steht des Volkes Geist jetzt auf,
Nein, dass jedem freier Lauf,
Jedem Haus ein Geist soll bleiben:
Nein, dass adlig all auf Erden,
Muss der Adel Burger werden.
Sie wollte ihm diese Grundsatze, die sie fur anstossig erklarte, widerlegen, aber es war das erstemal, dass er mit Ernst an die Schranken erinnerte, die einer Frau zugemessen. Sie war uberrascht davon, aber nicht uberzeugt, besah einige Augenblicke ihre schonen Nagel, die so angenehm rotlich glanzten, und auf deren jedem ein aufgehender Mond zu schauen war; dann sagte sie spottend: "Du bist heute wohl so ernsthaft, weil du Gerichtstag halten lasst. Hor Karl, einen Gefallen musst du mir tun: siehst du wohl die alte Frau, die dort mit einem zugebundnen Teller um das Schloss schleicht, es ist eine gute Alte, sie heisst die Petschen und hat eine bose Schwiegertochter, die schlagt sie jetzt, nachdem sie dem Sohne ihr Haus und ihren Garten abgetreten hat." "Woher weisst du das?" fragte der Graf. "Von meiner Ilse", antwortete die Grafin, "die arme Frau bringt ihr fur mich kleine Birnen zum Geschenk; sie hat mich so lieb." "Ich will aufmerksam zuhoren", meinte der Graf, "aber in die Ausspruche mische ich mich nicht; ich suche die Leute zu deutlicher Erklarung zu bringen und ihnen Gerichtskosten zu ersparen, alles ubrige ist dem Gerichtshalter uberlassen, der mit seinem Eide den Gesetzen strenge gebunden ist. Uberhaupt hasse ich dies Gerichtswesen des Adels sowohl wie der Fursten, die Gerichte mussen im ganzen Lande von den tatigen Gewalten unabhangig sein, ganz auf freier Wahl beruhen und wo Richter nicht genugten, mussten Geschworene zu Hulfe kommen, nur dadurch wurde eine nationale Gesetzgebung entstehen, die alles Fremde, alle unnutze Weitlauftigkeit und druckende Kosten aufhobe. Ich schwore dir, dass mich oft, wenn ich fur einige elende Zeilen, die eine ganz uberflussige Formalitat enthielten, ein paar Taler zahlen musste, eine Wut packte, das Tintfass dem Justizkommissar in die Zahne zu schlagen, oder dass ich jeden Augenblick wartete, ob nicht ein Himmelsstrahl ihn und sein ganzes Aktengeschmiere aufbrennen wurde. Wenn ich das so fuhle, wie viel scharfer schmerzt solche Ausgabe die Armeren, die vielleicht eine ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht fur dieses Geld arbeiten mussten. Dazu kommt noch, dass bei den vielen fremden Worten, bei der Heimlichkeit der Verhandlung ihnen die Rechtspflege wie eine Art Magie vorkommt, wie eine Art Zauberspiel, wo der Zufall entscheidet, wogegen sie sich listig verkriechen.5 Die Heimlichkeit der Verhandlung habe ich aufheben konnen; der grosse Saal gestattet jedermann den Zutritt, durch Schranken sind die Zuhorer von den Klagenden getrennt; mein Gerichtsverwalter ist auch ein braver Mann, der freundlich jedem den Grund des Rechtes deutlich macht; aber das eine fuhl ich sehr beschwerlich in jedem kleineren Kreise der Justizverwaltung, es ist sehr schwer sich alles Rechtsenthusiasmus zu erwehren; so wie du fur die Alte moralisch eingenommen bist, so bin ich's fur andre. Heute kommt ein wunderlicher Fall vor. Ein Schneider hat von einem Madchen, das seine Hand ausgeschlagen, schlecht gesprochen: das kommt bei einem Kindtaufsschmause zur Sprache; die Eltern argern sich daruber, holen eine Stiefelburste und gehen beide in das Haus des Schneiders, stellen ihm recht ernstlich seine Bosheit vor, dass er mit seinem Munde den guten Ruf des Madchens befleckt; sie versichern ihm, er habe einen unreinen Mund, sie mussten ihn erst putzen, und fahren mit den schmutzigen Stiefelbursten, nachdem er sich mit dem Bugeleisen vergebens gewehrt hatte, ihm in den Mund, dass ihm die Nase blutet." "Nun da geschah ihm recht", sagte die Grafin. "Ich fuhle das auch", fuhr der Graf fort, "und doch mussen sie bestraft werden; die Art, wie sie ihn straften, war widerrechtlich." Der Graf wurde jetzt abgerufen, der Hof stand schon gedrangt voller Leute, die sich hier vor den letzten Stufen des Gerichtssaals noch arger verhetzten; viele redeten vor sich, manche waren bleich der Entscheidung harrend, der grosse Gerichtsdiener schritt mit Wichtigkeit umher und erteilte bedeutsam seinen Rat, wahrend er den Gefangnisturm luftete und die alten Gerichtswerkzeuge, spanischen Mantel, holzerne Fiedel und Halseisen, ungeachtet sie nie mehr gebraucht wurden, sonnte, und zum Schauder aller ausstellte; jeder Bediente des Schlosses erschien den Leuten als eine machtige Protektion; er wurde beiseite genommen, von dem streitigen Fall unterrichtet, die Hande gedruckt und ein Schnaps zugetrunken; nun forderte der Ruf des Gerichtsdieners die Parteien vor und die ganze Protektion war vernichtet. Der Graf wartete ungeduldig auf die alte Frau, die ihm von der Grafin empfohlen; sie kam mit vielen Hoflichkeitsbezeugungen; ihr Sohn, ein kleiner magerer Leineweber, und eine sehr rustige Schwiegertochter traten ihr entgegen. Es sei uns hier vergonnt, die Leser mit einem sehr traurigen Familienverhaltnisse bekannt zu machen, das unter den armeren Klassen auf dem Lande haufig hervortritt, wo ein kleines Eigentum, Haus und Garten, selten geeignet ist, mehr als eine Familie zu erhalten. Die Eltern, welche zur Arbeit zu schwach werden, nehmen dann gemeiniglich eins ihrer verheirateten Kinder zu sich, sie bedingen sich ein Dritteil der Gartenfruchte, einen Sitz auf der Ofenbank und andre ahnliche Vorteile. So lange wenig Kinder in der aufgenommenen Familie sind, geht alles in gutem Frieden; die Alten halten zwar meist sehr strenge auf ihre Forderungen, aber sie dienen auch mit allem Fleisse in der Wirtschaft; mehren sich aber die Kinder, dann uberwiegt die Liebe zu ihnen die Liebe zu den Eltern, und ihr Tod wird oft ganz laut gewunscht; dies war auch das Verhaltnis zwischen der Alten und ihren Kindern. Die Alte wollte gern ihre Abtretung an den Sohn aufheben, sie glaubte sich durch ein Geschenk an Fruhbirnen, das sie der Grafin durch die tolle Ilse einhandigen liess, einzuschmeicheln, und durch dies Einschmeicheln ihren Zweck zu erreichen; auf dem Lande erscheint eine Kammerjungfer, wie eine Oberhofmeisterin an grossen Hofen. Ihr Dritteil an den Birnen wollte sie nicht gern allein zu diesem Geschenke anstrengen; als daher das Birnenschutteln und Teilen nach manchem Probieren auf einen Sonntag angeordnet war, schlich sie sich fruh Morgens, als sich die jungen Leute noch im Bette erfreuten, auf den Baum und schuttelte und pfluckte nach ihres Herzens Lust, die sich in der Arbeit mehrte. Die junge Frau sagt endlich etwas, das die Alte einem schreienden Kinde tun soll, sie erhalt keine bose Antwort, verwundert sich und sieht, dass die Mutter schon aufgestanden sei; gleich weiss sie, worauf das gehe: auch sie hatte gestern den Baum mit Sehnsucht angesehen; sie springt heraus und findet die Alte, wie sie auf dem Birnbaume wutet. Das gab Schimpfreden, aber die Alte war so erbittert auf die Birnen, dass sie gar nicht vom Baume herunter zu bringen war, bis die Schwiegertochter sie wie eine Katze, oder wie ein Eichhorn herunterschuttelte, und sie unten am Boden wie ein naschiges Kind abstrafte. Da beide unrecht hatten, die Alte als Diebin, die Tochter wegen der zugefugten Misshandlungen, so wurden sie nach heftigem Gestreite beide auf ein paar Stunden ins Gefangnis gebracht; der arme Leineweber wollte aus Achtung gegen Mutter und Frau dabei verzweifeln, und liess sich zu ihrer Unterhaltung mit einsperren. Als der Graf seiner Frau diesen Schluss lachend meldete, fuhlte sie sich doch gekrankt. "Ich finde es gar nicht zum Lachen", sagte sie, "wenn meine Vorsprache dir so gar nichts gilt; die Leute werden mir kunftig alle Achtung versagen." Der Graf sah argerlich zum Fenster hinaus.
Neunzehntes Kapitel
Der Dichter Waller und seine Frau, Traugott und
Alonso
Er hatte kaum ein paar Minuten hinausgeblickt, als er seine Frau auf eine Gruppe aufmerksam machte, die den hohen Weg voruber unter den palmenartigen Weiden wie ein Schattenspiel fortschritt. Ein wohlgekleideter Mann fuhrte ein Pferd, auf welchem eine Frau in Betten eingepackt sass; zwei Kinder ritten auf grossen langgehornten Ziegen nebenher. Unsre beiden Zuschauer eilten herunter die Leute naher zu betrachten und sie wurden von dem Manne, der in einem sehr ausgearbeiteten faltigen verbrannten haarichten Gesichte viel Geist verriet, angeredet. Er klagte, dass seine Frau, der diese Lustreise zur Gesundheit empfohlen, immer kranker wurde; zugleich bat er um ein Unterkommen. Der Graf erbot ihm alle seine Dienste, und fuhrte selbst das Pferd nach einem Gartenhause, wo die Kranke keine Stufen zu steigen brauchte und doch aller Annehmlichkeit der Gegend genoss. Als sie sich auf dem Sopha eingerichtet, erhob sie den Schleier und zeigte ein so reizend sterbendes Gesicht, etwa in der Art, wie wir auf einigen altdeutschen Bildern von der sterbenden Maria sehen; sie sprach wenig, aber dieses Wenige beschaftigte sich nach dem ersten Danke ganz mit Sorge fur Mann und Kinder, dass sie die Zeit nicht ihretwegen versaumen mochten; sie mochten ihre gewohnten Arbeiten vornehmen. Nachdem dieses wenigstens von den Kindern geschehen und beide einige landschaftliche Skizzen auszuzeichnen begonnen hatten, redete sie erst die Wirte an und versicherte ihnen mit einer Art innerer Zufriedenheit, dass ihre Milde diesmal wohl angewendet sei, da ihr Haus durch die Gegenwart des grossen Waller gesegnet werde, den als ihren Mann zu nennen, ihr hochster Stolz sei. Jetzt begannen allerlei Komplimente; der Graf mochte nicht sagen, dass er seine meisten Gedichte fur falsche Munze halte, welche die Eitelkeit mancherlei tonenden Worten ausgepragt hatte; die Grafin mochte nicht eingestehen, wie hoch sie ihn verehre; Waller entwickelte dabei in hoher Vollendung seine Manier, das Ernste spasshaft, das Spasshafte ernst zu nehmen, durch Sonderbarkeit zu verwirren, seine Vortrefflichkeiten als zu leicht auszuwerfen, und war bald so laut, als er vorher einsilbig gewesen. Seine Frau durfte ihrer Brust wegen wenig reden, sie legte zu ihrer Unterhaltung eine Rotelzeichnung von der Aussicht an, die alle umgab, bald ging ein Knabe hinaus, eine der Ziegen zu melken, und brachte ihr die Milch, die sie mit Lust austrank, dann gab sie beiden Kindern, dem Traugott und dem Alonso, die Freiheit umherzulaufen. Ohne eines Menschen zu achten, immer mit einander beschaftigt, holten die Knaben mancherlei Spielzeug aus den Taschen und begannen im Schlosse ein Durchsuchen, ein Umklettern, wie eine Diebesbande, oder wie ein paar neu angekaufte Hofhunde; die Leute des Grafen wollten es ihnen wehren, er aber gonnte ihnen dieses Vergnugen, was ihm sehr naturlich in jedem Kinde vorkam, aber wunderbar, insofern sie sich ihm ganz unbesorgt uberliessen, als ware die Welt ihre. Kuche und Garten plunderten sie durch wie die Affen nur in dem Bedurfnisse des Augenblicks, ohne der Zukunft zu achten. Etwas von allen Tieren hatten sie auch wirklich in ihrer Bildung und in der Art ihrer Bewegung, vielerlei Fertigkeit, wenig Uberlegung. Ihr Vater sagte mit Recht: "Es sind Menschen, wie die kunftige Zeit sie brauchen kann, mit jeder Not vertraut, in Arbeit und Muhe und jeder Witterung abgehartet." Da Frau Waller Ruhe bedurfte, so liess sich Waller mit seinen neuen Bekannten in ein Gesprach ein, wusste so schnell in alle Besonderheiten des Hauses einzudringen und sich darin zu fugen, dass er in einer Stunde mehr Herr darin zu sein schien, als der Graf. Fur die Vertraulichkeiten, die er ihnen entlockt hatte, forderten sie gleiche Vertraulichkeit von ihm und er sprach mit einer Art Uberhebung von sich; seine Frau sei fruher an einen reichen Kaufmann verheiratet gewesen, er habe sich in dem Geldmangel, worin er sich seit seiner Jugend befunden, auch an dieses Haus gewendet und sei wegen seiner Spasshaftigkeit Tischgenosse geworden. Die Frau, die alter als er, habe sich in ihn verliebt, und um sie nicht unglucklich zu machen, ungeachtet sie ihm immer fatal gewesen, habe er drein willigen mussen, dass sie sich scheiden lassen und ihn geheiratet. Wir wollen hier seine lange Erzahlung zusammen ziehen. Waller war des Herumstreifens mude, er beredete sein Frau, ihr Haus in der Stadt zu verkaufen, um ganz der Kunst in einem abgelegenen Landhause zu leben, das ihn einmal auf einer Reise in der Mitte eines Tannenwaldes entzuckt hatte. Sie willigte in alles; seit ihrer Scheidung lebte sie ganz ihrem Manne und der Malerei; er reiste in die romantische Gegend, kaufte das Haus sehr teuer, weil eine Familie, die dort geboren und gross gezogen, nicht aus gleichem Sinn an der Natur, sondern aus Gewohnheit sich nur grosser Vorteile wegen davon trennen mochte. In wenigen Tagen richtete er sich alles nach seinem Geschmacke ein: sonnte die angekommenen Betten, stellte Blumentopfe in die Fenster, wand eine Ehrenpforte an der Ture aus Birken mit Barenklau und Feldblumen, setzte sich in den Garten und schrieb dieser Ehrenpforte eine Inschrift:
Hier fielen Druck und Sorgen
Von eines Menschen Herz,
Er kann euch wieder borgen
Von seinem eignen Scherz.
Nur einmal Herr der Erde,
Nur einmal Herr der Luft,
Dann weichet die Beschwerde,
Dann fullet sich die Kluft.
Die offnen Augen tragen,
Wohin der Fuss mich tragt,
Bis zu dem Sonnenwagen,
Der hoch am Himmel wegt.
Nach einem andern Wagen
Horcht hier im Sand sein Ohr,
Der soll die Freundin tragen
Durchs hohe Gartentor.
Er sonnte still im Garten
Die Betten ganz allein,
Er musste lange warten,
Sie tritt ins Haus herein,
Und an der Ehrenpforte
Vielbuntem Bogenzug
Liest sie die frohen Worte:
Die Eine mir genug.
Er hatte es sich aber bloss eingebildet, dass sie gekommen, sie war durch ein gebrochenes Rad auf dem Wege aufgehalten; er wurde immer ungeduldiger, hatte fur alles gesorgt, nur nicht furs Essen: er musste sich mit Brot und Milch begnugen; aus Arger warf er endlich die Ehrenpforte zusammen, fegte die Blumen aus den Zimmern und empfing die Frau, die dazu ankam, mit heftigen Vorwurfen, wie sie ihm jedes Vergnugen verderbe. Sie suchte, ihn zu beschwichtigen und er ward wieder vergnugt. Am anderen Morgen wollte er eine gewaltige Arbeit machen, zu der er sich lange einen recht schonen Tag gewunscht; wirklich war das Wetter hell, er ging auf sein Studierzimmer, aber es wollte ihm nichts gelingen: er war zerstreut; ein paar welsche Hahne, die sich im Hofe bissen, zogen alle Aufmerksamkeit an sich; dann sah er einer dicken Magd zu, die im Garten arbeitete; dann wurde es ihm zu heiss. Es ward Mittag und er hatte nichts getan, und fand daruber alle Lieblingsspeisen schlecht, die ihm seine Frau zubereitet hatte. Jeder Tag hatte seine eigne wunderbare Geschichte, insbesondre seit er sich darauf legte, die Natur recht zu geniessen; da zog er seine Frau halbe Nachte durch nebelbelegte Wiesen und kuhle Waldungen herum, den Sonnenaufgang zu sehen, und gemeiniglich ehe es dazu kam, musste einer von ihnen aus irgend einer Unbequemlichkeit nach Hause gehen und sie hatten nichts als Schnupfen und Fieber davon gehabt. Wallern war es ganz erstaunungswurdig, dass er die Natur ganz anders gefunden, als er sie beschrieben, aber die Landleute entsprachen noch weniger seinen Erwartungen; seine landlichen Gedichte verstand keiner, sie hatten alle den "Eulenspiegel" viel lieber. Diese Erfahrungen machte er im Sommer, aber im Winter hatte er noch viel mehr zu lernen; vergebens schrieb er an alle Bekannte der ganzen Gegend, dass sie ihn besuchen mochten, keiner mochte die gefahrlichen Wege in Schneewetter machen; der Unmut daruber erzeugte manches Lied, unter andern auch dieses:
Winterunruhe
Ich raume auf fur Gaste,
Sie halt mich auf dem Neste;
Die Wege sind beschneit
Und keiner kommt so weit:
"Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O ware fruher ich geboren, oder spater du."
Ich sitz bei ihr, sie spinnet,
Mein Herz in mir, es sinnet,
Es treibt mich durch den Wald,
Wie ist der Wald so kalt:
"Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O ware fruher ich geboren, oder spater du."
Die Tanne sagt vom Schmause,
Mich brausend jagt nach Hause;
Zu Hause bei dem Herd,
Da werd ich so beschwert:
"Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O ware fruher ich geboren, oder spater du."
In ihrem Haar ich spiele,
Der Traume Schar ich fuhle
In ihrer Locken Nacht;
Doch bald bin ich erwacht:
"Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O ware fruher ich geboren, oder spater du."
"Lieben Leute", rief hier Waller aus, "hatte meine Frau nicht ein Kind bekommen, den Alonso, ich ware aus Langeweile toll geworden; da bekam ich doch was zu sprechen mit all dem narrischen Volke von Arzten und Weisemuttern. Das hielt doch auch nicht langer vor als bis zum Fruhling, da sagte ich, dass ich auf die Leipziger Messe gehen musse, um ein Manuskript zu verkaufen, und lief uber Berg und Tal, als wenn ich gehetzt wurde. Denkt euch, in Leipzig sitze ich in guter Ruhe bei Mainoni und esse Stengelrosinen und Knackmandeln, da bringt mir der Bursche aus der Buchhandlung einen poetischen Brief von meiner Frau:
Der Liebe Furcht ist Fackel meiner Liebe,
Die meinen Traum mit Strahlen Nachts erfreut,
Damit mich nicht die Einsamkeit betrube,
Mir Sterne auf die dunkle Erde streut,
Und meiner Liebe Flamme hoher treibt,
Dass Dir ein Zeichen bleibt.
In Liebesfurcht ich seh die Wolken jagen
Dort uberm Mond, dass er zu wanken scheint.
Wohin, wohin will euch der Sturmwind tragen?
Zu meinem Lieben, der es treulich meint!
Der Blume Blatter werf ich in den Wind,
Er bringt sie Dir geschwind.
Der Liebe Furcht durchbebet mich so sachte,
Zu schauen, ob mein Kind noch atmen kann,
Es sah mich an, und drehte sich und lachte,
Ich sah es schon wie Dich, wenn es ein Mann;
So schauet aus der Liebe odem Haus
Ein frommer Geist voraus.
Wird Liebe Furcht, so lass die Furcht mich lieben,
Und liebe mich, dieweil ich furchtsam bin,
So kann die Furcht die Liebe nie betruben,
Und Furcht und Liebe haben gleichen Sinn,
Es wachst die Furcht der Liebe zum Gewinn
In Deiner Liebe Sinn.
Fragen Sie sich selbst, ob ich langer von ihr bleiben konnte nach solcher Einladung; denken Sie sich, mir zu Liebe hatte die liebe Frau die ersten Verse in ihrem Leben gemacht. Ich trat denselben Tag noch meinen Ruckmarsch an; mein Buch wurde nicht fertig gedruckt.
Damals hab ich eine schone Zeit mit ihr gelebt; leider, dass uns die allergemeinste Ursache bald in Verlegenheit setzte. Ich hatte ein Landgut gekauft und war kein Landwirt, und meine Frau verstand bei dem besten Willen eben so wenig davon; ich hatte viel bezahlt, verzehrte noch mehr und nahm nichts ein; die Summe gezogen, musste ich den Hof meinen Schuldnern uberlassen und in die Stadt ziehen. Da jubelte mein ganzes Herz; meine Frau war aber betrubt, sie machte mir so ruhrende Vorstellungen, dass ich ihr zuschwor, recht fleissig zu werden; sie selbst fing an Kupferstiche zu meinen Gedichten recht artig zu radieren und die waren meist schon fertig, wenn das Gedicht erst zur Halfte gelangte. Dann weckte sie mich immer fruh auf, hatte schon mein Zimmer geheizt, mir Kaffee gekocht, und da sollte ich nun arbeiten, das war eine Sache zum Einschlafen; in meinem Arger uber diese Behandlung und doch im Gefuhle, wie es nicht anders gehen konne, schrieb ich eine Elegie vom Weber, den ich vorstellte, und von der Spinnerin, die meine Frau bezeichnet, welche ich Ihnen mit der rechten Betonung vorlesen will; macht sie Ihnen Langeweile, so ist es meine Schuld."
Zwanzigstes Kapitel
Der Weber und die Spinnerin
Als ich Geselle noch war und webte geschaftig beim
Meister,
Sprang ich fur Augenblickslohn oft zu der Tochter
hinein,
Immer fand ich die Braut beim schnurrenden
spinnendenRadchen,
Ungeduldig einmal schwieg ich tuckisch in mir; Doch sie fragte mich nicht, da brach ich das
Schweigen ergluhend:
"Wahrlich die Gottin tat recht, als sie Arachnen
bestraft;
Denn nur Eitelkeit ist's, zu lieben und andres zu
schaffen,
Als das zierliche Werk, dessen Radchen das Herz." "Ungeschickter", sie sagt, ganz ruhig beschaut sie
den Faden,
"Storen die Hande dich je, die beschaftigt im Werk? Hore den ruhigen Takt, das Ungeordnete gleichend, Und das Auge, es weiss, was dir erlaubt sei dabei!" Wohl ich nutzte auch gleich die zart mir gegebne
Erlaubnis,
Und ich gab ihr den Kuss, doch nur den Backen er
traf.
"Ach", so seufzte ich dann, "kein duldendes
Weibchen ich wollte,
Sondern das harrend gelauscht, mich im Kommen
umschliesst!"
"Blaulich bluhet der Flachs", entgegnet sie,
"Hoffnung der Liebe,
Dass ein brautliches Bett wachse in Blumen darauf; Doch die Blume, sie tauschet, es fallen die blaulichen
Blatter,
Und der Faden erwachst unter der Blume versteckt, Tief gebucket wir ziehen ihn aus zum Brechen und
Spinnen,
Ehe die Blumen so hell stehen im Laken gewebt. Nun verzweifelst du schon, noch ehe dir Arbeit
geworden,
Und schon murrisch du bist, eh' noch gesponnen der
Flachs."
Und es brach ihr der Faden, da bat ich sie flehend um
Gnade,
Spann nun selber da an, wo ihr gebrochen das Herz; Grob ward der Faden, ich glaub es, doch halt er
langer und langer,
Und sie zeigte mir ihn, streifig im Laken verwebt, Als ich zum eigenen Herd mir holte mein liebliches
Brautlein,
Und das Bette so weiss stand in dem Zimmer bereit. Seit nun die webende Zeit uns einte, priesterlich
segnend,
Was die liebende Brust fruher gesegnet in sich, Da vergass ich so oft den Faden, vergass auch die
Lehre,
Denn das Eigenste ist, was sich am leichtsten vergisst. Heute vergass ich ihn ganz, als zurnend ich aufsprang
vom Bette,
Und im flatternden Hemd schimpfte die rastlose Frau, Die den Mund nur verschliesst beim ersten Krahen der
Hahne,
Um zu sagen die Stund, die mich zum Webstuhl
verbannt.
"War es schimpflich dem Gott", so rief ich, "zu
spinnen beim Weibe,
Ich ertrug es so gern, denn ich sah dich dabei. Doch so muss ich zum Webstuhl, zu schauen die
seidenen Faden
Und du selber, du spinnst mich wie den Seidenwurm
ein,
Forderst dies fluchtige Radchen vom Morgen bis
wieder zum Abend,
Ware dies Radchen entzwei: wurde die Liebe mir neu; Kurzweil wird dir zu lang, die lust'gen Gesellen mir
werden
Alle jetzunder so fremd, fremd wird der kuhlende
Wein;
Fruh muss ich weben und spat noch, was du
gesponnen geschaftig;
Mussig ins Aug dir zu schaun, war mir ein susser
Geschaft.
Wozu hilft mir das Geld, du sammelst sorgsam den
Kindern,
Ich bin ein dienender Greif, der die Schatze bewacht." Wutend ergriff ich das Spinnrad und wollte durchs
Fenster es schmettern,
Doch der Faden wie Gold glanzte im Morgenlicht
hell,
Und die Kinder, sie beteten laut im Bettchen
zusammen,
Was der Altste gesagt, spricht ihm der Jungere nach. Und ich horchte, er sprach: "Du Kleiner falte die
Hande:
Mutter, das tagliche Brot, Vater, gib es auch heut!" Und sie reichte den beiden ein Brotchen mit Butter
bestrichen,
Das sie am Abend sich selbst hatte vom Munde
gespart.
"O du goldene Frau", so rief ich, "daurend in Elend, Ja du spinnest in Gold Faden zum Leben mir fest; Zeit, die vergangen mir sonst in die Launen, die lasst
mir Gewebe,
Und zur Zukunft ich werf ruhig mein webendes
Schiff.
Jegliches mehrt sich bei dir, als ruhte ein gottlicher
Segen,
Wo du helfend mir nahst, wo du trostend mir hilfst. Unsere Enkel dereinst, sie sollen erstaunen des
Werkes,
Das in gemeinsamem Fleiss wir zusammen
vollbracht."
Mit Sorge erkundigte sich der Graf nach Wallers Umstanden, ob er wirklichen Mangel leide, und erbot ihm seine Hulfe. Waller versicherte ihm, er lebe recht gut von Schriftstellerei und Schulden und werde auch seine Hulfe noch ansprechen; nachher berichtete er, dass seine Frau nach dieser Elegie sich entschlossen habe, ihn auf den Fussreisen zu begleiten, die er schon lange zur Einsammlung poetischen Stoffes projektiert gehabt; doch diese Marsche hatten, statt ihr vorteilhaft zu sein, wie er erst gehofft, ihre schwache Brust vernichtet; endlich habe er ihr ein Pferdchen anschaffen mussen, und furchte sehr, dass sie bald auf Charons Nachen in das allerpoetischste Land der Welt, in die Holle fahren werde, denn selig konne sie aus Mangel an wahrer Religiositat nimmermehr werden; aber das sei auch eben ihr Verdienst, dass sie fur sich bestehen konne ohne Gott, wenn sie nur einen Mann hatte. Ehe sich noch irgend jemand nach dem eigentlichen Sinne solcher Voraussetzung fragen konnte, hatte er sich schon wieder durch einen geschickten Sprung zum Allerfremdartigsten hingeworfen; er hatte ganz die Art trostlosen Verstandes der Etymologen, die mit wenigen lacherlichen Ubergangstonen die verschieden lautendsten Worte aus einer Wurzel ableiten; der Zuhorer wusste nie, ob er einem mehr gab oder mehr nahm; er suchte namlich seinen eignen Verstand jedem aufzudringen, indem er jedem den eignen nahm, oder verkummerte. Unsern beiden Landleuten, denen niemand leicht widersprach, war diese Methode ein wahres Fest; sie hetzten ihn immer mehr, mussten uber alles lachen; er schuttete ihnen den ganzen Vorrat seiner Einfalle und Geschichten an einem Abende aus, die ihm sonst Monate vorgehalten. Es ist eigentlich ein Uberfluss davon unter den Deutschen, aber es fehlen ihnen die Menschen, wie Waller, die unter Franzosen so haufig sind, die einen Einfall der Muhe wert halten zu bewahren, oder das Geschick haben, ihn gut nachzuerzahlen; uberhaupt wird in Deutschland aus einer gewissen Tragheit und Besorgnis zu wenig gesprochen. Wurde er eitel mit Unrecht deswegen genannt, so sagte er: "Eitelkeit ist die Tugend der Kindheit, viele bleiben ewige Kinder und ich bin es nicht, aber ich mag es gern sein. Von Madchen wird nie Wahrheit gefordert, darum werden ihnen bedeutende Staatsamter versagt, doch findet sich von je unter ihnen viel Wahrsagerei; ich halt's mit den Madchen und gebe die Wahrheit gerne fur die Wahrsagerei; war ich nicht eitel, um zu loben, ware ich wahr, so fragte ich euch: ihr bildet euch viel auf eure Liebe zu einander ein, aber die Liebe lasst sich nicht einbilden, wie der Schwindel nicht mit der Vorstellung wegzubringen ist, dass man die Stufen eines Turmes auf ebener Erde ohne Beschwerde ansteigen konne; ihr schwindelt einander aber taglich von ewiger Treue vor, ihr werdet euch auch, wie Schwindelnde, aus blosser Furcht zu fallen, sich ubers Gelander sturzen, uber die Treue sturzen; Sie machen ein finster Gesicht, lieber Graf, das ist noch recht, dass es Ihnen wenigstens ernst ist; die meisten wurden uber meine Gotteslasterung lachen. Ob ich wirklich gotteslasterlich bin? Nein, das ist unmoglich, ein gotteslasterlicher Mensch kann nichts Gutes denken; der Gedanke ist ein Prufstein der Menschen, das Tun ist selten zu durchschauen, es wird wie ein Gedarme durchschlungen, das Herz schlagt drein und gehort doch nicht dazu; auch kann niemand bei Taten sehen, was er hervorbringt, denn er wird selbst erst darin, wie ein Vogel, der sich durchs Ei pickt, weil ihm das Fressen fehlt, und statt des Fressens aufs Licht trifft, das ihm statt ins Maul in die Augen fallt." In diesem Gange einer Springmaus, die bloss darum ungeheure Satze machen muss, weil ihr die Vorderfusse zu kurz und die Hinterfusse zu lang geschaffen, kam der Abend, und er wurde erinnert seine Frau zu besuchen. Er ging hin, aber bald wurden alle durch einen ungemein lauten Zank erschreckt; er wutete und tobte, dass sie ein paar Apfel, die ihm auf der Reise von einer Dame verehrt worden, den Kindern ubergeben; die Kinder versteckten sich hinter der Mutter und was diese zu schwach war zu sagen, das schrieen sie mit der unerzogensten Stimme. Die Grafin wollte alles versohnen, aber Waller sagte ihr sachte in die Ohren, er sei weiter gar nicht aufgebracht, doch halte er es fur notwendig, seine Meinung durchzufuhren; auch ware dies eine gute Ubung fur die Kinder. Und dann riss er sich wieder in den Haaren und rief: "Wer einmal das Zutrauen gebrochen, ein teuer anbefohlenes Unterpfand entwendet, wo sind da Grenzen; es ist so arg, als Simson im Schlafe die Haare abzuschneiden." Die gute kranke Frau Waller weinte still vor sich, und Waller wendete sich sachte zur Grafin um: "Hat sie nicht etwas von einer weinenden Mutter Gottes? Sie ist wunderschon!" Bei diesen Worten flog er um ihren Hals und sprach ihr so traulich, so herzlich, bat so schon um Verzeihung, dass sie gerne alles verzieh und mehr. Den Grafen verdross doch diese widrige Gefuhlsfabrik; er schwor dem Dichter, seine Gedichte wurden nichts schlechter sein, wenn er statt mit lebenden Menschen mit bloss gedachten dergleichen Geschichten auffuhrte. Dies ruhrte Waller zu Tranen: "Freund, Sie treffen mein tiefstes Innere; ja ich fuhle es, keine Wahrheit ist darin und selbst indem ich Ihnen dies bekenne, ist es zum Teil Luge, denn ich will etwas anderes damit, mir ihr Mitleiden statt des Zutrauens zusichern, das ich verloren." Der Graf versicherte umsonst, dass wenn man sich so einer Betrachtung uber die Wahrheit uberlasse, immer notwendig ein Stuck fehlen musse, namlich das betrachtende; es wurde dann immer nur zur Wahrheit einer dritten Person, die uns nichts angeht, nimmer unsre eigne. Waller schien durch diesen Scharfsinn uberrascht, und weil er selten lobte, so war sein Lob schmeichelhaft.
Einundzwanzigstes Kapitel
Die Heimkehr des Schafers aus Spanien
So verging der erste Tag; spat in der Nacht brachte Waller sein grosses idyllisches Gedicht in Hexametern "Die Heimkehr des Schafers aus Spanien". "Die Idyllendichter", sagte er, "sind zum Spott geworden an der okonomischen Ausbildung des Menschengeschlechts; ich will ihnen durch ein genaues Anschliessen an die hochste Okonomie ein neues Interesse geben: hier durch die Beruhrung mit der Verbesserung der Schafzucht durch spanische Merinos. Die Schaferwelt ist uns so wenig untergegangen, als die Kreuzzuge; sie lebt nicht bloss in ein paar Schriftlein, die uns ein grosses Schicksal ubrig gelassen, es leben alle Zeiten in unsrer ganzen Ausbildung, in dem Gedrange des Mannigfaltigen noch fort, das unsre Zeit bezeichnet. Dies hat mich oft getrostet, wo ich mich einsam mit einem paar tausend Sternen in der dunkeln sturmischen Nacht betrauerte, nachdem die Kriegsfurie mir helle Augen vorgehalten hatte, die mehr blenden als erleuchten, und ich fuhle dies noch jetzt, umgeben von den Zerschmetterten, so lange ich mich selbst stark und gesund fuhle. Nur die Ubeltat der Schwache ist unheilbar, die sich aufgibt, weil ein andrer ihr nie ganz helfen kann, den sie nun darum hasst; alle anderen Versehen unserm Volke zu schulmeisterlich vorrechnen, ist eben so anmassend als leer; viele haben sich geopfert und die ubrigen werden durch sie leben. Wenn einer im gluhenden Abendrot das Volk versammelte, und schritte auf Stelzen uber dasselbe einher, und versicherte den Leuten, er sei unser Herr Gott, und die Leute glaubten nicht daran und konnten nicht zum Entschlusse kommen, ihren Kopf wegzuziehen, freilich da wurde er ihn manchem einschlagen, indem er uber alle hinfiele; machen sie ihm aber Platz, so geht er die wenigen Schritte, die er auf Stelzen zu gehen hat, ruhig fort, und muss dann doch herunter, und ist dann ein Mensch wie alle; nur hafte keiner an der Erdscholle, wo er geboren, lieber werfe er damit auf ihn. Volker mussen wandern, mussen steigen und sinken. In der Tatigkeit schweigt der Jammer, und der Jammer ist das argste Ubel. Darum hasse ich alle politischen Laubfrosche, die sich prophetisch schreiend verkriechen, wenn ein Ungewitter naht, und sich das als Weisheit anrechnen: jene ewigen gleich falschen Drehorgeln, die auf allen Messen klagen. Wer den Finger hebt zur wirklichen Hulfe, ist mehr wert. Jene aber sind ganz des Teufels, die ihr Zeitalter in eine philosophische Abteilung schrauben, und es nachher durch und durch verdammen. Achten wollen wir um so hoher, was in uns, was in der Zeit die Probe bestanden, denn die Probe war hart."
Bei diesen Worten fiel der Graf Wallern um den Hals und druckte ihm beide Hande.
Waller fuhr mit neuem Eifer fort: "Eine spanische Schafherde, die in vielen Jahren aus einem Paare aufgebracht ist, das muhsam den weiten Weg gefuhrt wurde, hat einen grosseren Einfluss auf die Zukunft, als eine gewonnene Schlacht, die doch nie in ihren Folgen ersetzen kann, was die Menge gemordeter Menschen hatte schaffen konnen. Uberhaupt ist alles Zerstoren ganz leer und unbedeutend, aber das Schaffen ist des Hochsten Werk; auch gibt es kein herrlicheres Gefuhl, als dieses Schaffen und Erfinden, sei es in Taten oder in Gedanken: es ist ein heiliges Ehebett mit der ganzen Welt. In heiliger Ehe lebe ich mit jedem meiner Werke, wir lernen von einander, und es ergreift mich, ehe ich zu einem die Feder ansetze, oder ehe ich zum Vorlesen desselben ubergehe, eine Furcht, ob es auch die rechte Zeit, ob meine Wahl auch glucklich sei, und so versaume ich leicht die Zeit ..."
Wirklich erinnerte auch die Grafin gahnend, dass es spat sei.
" ... wirklich ist es auch heute zu spat, der schonen Grafin noch meine Schafer-Odyssee vorzulesen. Der schone gewogene Takt meiner Hexameter brachte sie ganz zum Schlafe; es sind die besten, die je in deutscher Sprache verfasst worden. Ich habe ein eigenes Ohr dafur, selbst Voss hat mir langst den Preis zuerkannt; kraft sechzig destillierter Eierschnapse bin ich hinter das Geheimnis dieses Pfiffes gekommen. Sie glauben nicht, wie unterhaltend die Reise des Schafers durch Spanien, Frankreich und Deutschland, wie lacherlich er alles in seiner Einfalt fasst, wie wunderlich er sein Haus wiederfindet, wo unterdessen der Feind gehaust." Mit diesen Worten ging er zur Ture, blickte aber noch einmal mit seinen verdrehten Augen zuruck, und sagte: "Ein Glas Punsch hatte ich gerne getrunken." "Lieber Waller", antwortete der Graf, "warum sagten Sie das nicht zur gehorigen Zeit, jetzt schlafen alle meine Leute." "Nun, es schadet auch nichts weiter", rief er, und ging fort. Der Graf konnte sich doch nicht enthalten, auszurufen, als er bedachte, wie viel der Mensch so bedeutsam geallerleit und doch so gar nichts gegeben: dieser sei eigentlich kein Phantast, sondern ein Faselant, der mit einer ganzen Mobelkammer alter Phantasien herum hausiere.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Tod der Frau Waller und Wallers vergebliches
Verlobnis
Der Morgen des folgenden Tages wurde jammervoll erweckt; Waller hatte seine Frau, als er sie zum Fruhstucke erwecken wollte, tot gefunden, und lag seitdem in einer wunderbaren Raserei an ihrer Seite auf dem Bette. Der Graf scheute sich erst, seinem tiefen Schmerze zu begegnen, nur die Zeit vermag fur jeden wirklichen Verlust zu trosten; bald wurde er aber von den schonen Elegien angezogen, die den Lippen des Unglucklichen entstromten; da fehlte keine Silbe in den Versen, trotz der schreckenvollen Erscheinungen, die sie ausdruckten. Leicht liess er sich uberreden, was er vorher durchaus nicht zugeben wollte, dass der entseelte Korper in ein andres Zimmer gebracht wurde, nachdem der Graf ihm versichert, dass die Ausdunstung der Toten die Lebenden nachzoge. Noch bestrich er dreimal eine Warze uber seinem Auge mit der kalten Hand der Toten, dass sie ihm noch einen Liebesdienst erweise; dann uberliess er sie den fremden Gewalten, und erbat zu ihrer Einsetzung den Prediger Frank als den nachsten evangelischen Geistlichen zu sich. Nun wurde er selbst in ein andres Zimmer des Schlosses getragen, denn er glaubte sich zu schwach zum Gehen. Die Kinder blieben in furchterlichem Weinen bei dem Grafen, der in die angefangene Zeichnung der Gegend schaute, die halb von der Verstorbenen ausgewischt war; die Semmelkrumen lagen noch umher. Es war ihm heilig, dieses Bild, als der letzte Lichtfunken eines schonen Malertalentes; er liess alles an derselben Stelle liegen, und fuhrte die beiden Kinder in seinen Garten. Nichts war im Stande, sie zu trosten, der Strom der Tranen schien seine lindernde Kraft an ihnen nicht auszuuben, kein Geschenk sie zu erfreuen; endlich fiel der Graf auf den guten Gedanken sie zu einer Angelbank zu fuhren. Dies Geschaft war ihnen ganz neu; das Suchen der Regenwurmer, das Aufstecken, das Warten auf die Bewegung des schwimmenden Federkieles, zerstreute sie in wenigen Minuten so ganz und gar, dass sie ausgelassen lustig wurden wie leicht trosten sich Kinder um ihre Eltern. In dieser Beschaftigung erhielt er sie den Vormittag, dann ging er mit ihnen zuruck, ohne dass sich ihre gute Laune gemindert hatte. Der Graf trat in das Zimmer, wo Waller auf dem Bette lag; der Prediger Frank und drei schone Landmadchen, die Tochter eines sehr reichen Amtmanns in der Nahe, standen umher und horten mit Tranen seinen Schwarmereien zu. Waller begrusste die drei Madchen in recht anmutigen Versen als die drei Grazien, die gekommen waren, ihn fur den Verlust der Geliebten zu trosten. Sehr lebendig malte er sein verlorenes Gluck, beschrieb seine kunftige Einsamkeit, seine verlassenen Kinder; dann glaubte er die Stimme seiner verstorbenen Frau zu horen, er wiederholte schauerlich ihre einzelnen gebrochenen Worte, die ihm geboten, die Hand der Schonsten von den drei Madchen zu ergreifen und seinen Trauring daran zu stecken, sie konne, sie wurde ihn trosten; ihr zeichnete er ein reizendes Kunstlerleben vor. Der Graf glaubte, es sei schon etwas Entschiednes zwischen beiden vor dem Tode der Frau gewesen, um so mehr staunte er, als die drei Madchen ganz bleich das Zimmer verliessen und die Erwahlte den Grafen angstlich bat, als er sie zum Hause hinaus begleitete, er mochte ihm den Ring zustellen, und ihm sagen, dass sie ihn sehr hochachte, dass sie ihn aber unmoglich heiraten konne, denn dazu gehore doch mehr; dass sie von je, seit er in diesem Hause gewohnt, seine ungluckliche Frau bedauert, die er mit seinem Unsinn zu Tode gequalt, und dass sie jedem Madchen von einer Heirat mit ihm abraten wurde. Mit diesen Worten verliessen die entschlossenen Landmadchen das Haus und der Prediger Frank, der neben dem Grafen stand, lachte aus vollem Halse. "Ich bin in Geschaften hier, Herr Graf", sagte er, "also nicht gegen Ihren Befehl, aber ich hatte nicht erwartet, mein Geschaft so reichlich bezahlt zu sehen." Der Graf bat ihn um Entschuldigung jener Beleidigungen am Hochzeitabend, die sein beleidigter Dichterstolz aus ihm gesprochen. "Heute", fuhr Frank fort, "sollen Sie noch ganz andre Erfahrungen uber den Dichtercharakter machen; bringen Sie nur in aller Ruhe Herrn Waller den Gruss der Madchen." Der Graf trat ein und berichtete mit moglicher Vorsorge in vollkommener Treue. Waller schien wie aus einem Traume zu erwachen, er fragte die anwesende Grafin, was er getan; er verwunderte sich, als ihm die Verlobung erzahlt wurde, lachelte, sagte, es sei eine schone milde Tauschung seiner Sinne gewesen; sprang frisch und gesund vom Bette und schrieb laut lesend:
Willst du nicht den Ring bewahren,
Den die Freundin lange trug,
Der geschmuckt mit ihren Haaren;
Nahmst du ihn aus blossem Trug?
Schickest ihn mit klaren Sinnen
Und mit ernstem Wort zuruck!
Kann ich mich doch nicht besinnen,
Was ich dacht in deinem Blick,
Trostend ist es mir gewesen,
Was ich damals zu dir sprach,
Denn ich bin davon genesen
Und ich war vorher so schwach.
Warum willst du nicht behalten,
Was ich gern im Traum verlor,
Kann ich doch nichts fester halten,
Denn ich bin und bleib ein Tor.
Nimm statt eines, beide Ringe,
Dass ich nicht mein Ungluck seh,
Halt mich nicht so ganz geringe,
Dass ich dich mit List umgeh.
Alles Gluck hab ich empfunden,
Mit der Liebsten schwand es hin.
Immer bluten meine Wunden,
Bis ich ganz verblutet bin.
Gluck soll dir die Hande bieten,
Ungluck brachte meine Hand,
Denn gefallen sind die Bluten,
Und ich bin vom Schmerz verbrannt.
Diesem Briefe legte er beide Trauringe bei, und bat den Grafen dringend sie fortzusenden; dann legte er sich wieder aufs Bette und schnarchte so lacherlich, dass alle sich auf die Lippen beissen und das Zimmer verlassen mussten. Im Vorzimmer fing sich eine lange Untersuchung uber den wunderlichen Menschen an. Den Grafen hatte diese Geschichte von ihm zuruckgeschreckt; die Grafin fand darin viel Ruhrendes und Prediger Frank hatte sie schon zu seiner Menschenkenntnis anatomiert und alles Fehlerhafte sauber eingeschlagen, um es in dem ewigen Spiritus seines unverwustlichen Gedachtnisses aufzubewahren. FRANK: "Ich glaube, wir lesen die ganze Geschichte bald gedruckt; ein Dichter von der Art wie Waller erlebt selten etwas, wovon sein Buchhandler nicht auch Vorteil oder Schaden hatte." GRAFIN: "Ich furchte immer noch, er tut sich ein Leides an; sein Zustand war nicht naturlich, er war heftig und schrecklich, mehr als ein Mensch ertragen mag." FRANK: "Haben Sie nicht sein Gesicht gesehen, wie viel wunderliche Falten auf der Backe, uber den Augen; ich kenne Wallern; in einer Tragodie, die er liest, macht er zehnfach argere Gesichter noch, als er heute um seine Frau angelegt, ob er gleich mit jedem, der ins Zimmer trat, noch eine Falte aufzog, noch ein Stuck Holz in sein Trauerfeuer legte." GRAF: "Sie haben recht, das ist mir ganz verhasst, dass er mit keinem ein daurendes wahres Verhaltnis ungestort durch die Gegenwart anderer bewahrt; aber wahrend er noch vertraulich mitteilend mit einem im Augenblicke sprach, ward dieselbe Sache ihm gleich zum Spotte, wenn z.B. meine Frau hereintrat." FRANK: "Sehen Sie, Herr Graf, das ist eine Eigentumlichkeit des Kunstlercharakters, vieles Traurige und Lustige, Ernst und Spass wie eine Schimare zusammen zu denken. Die Frauen sind zufrieden, wenn man ihnen nur etwas zu tun macht, sie mit Hulfe und Mitleid anstrengt." GRAFIN: "Nicht zu allgemein." FRANK: "Das Pflegen eines ausgezeichneten Menschen, der sich leidend stellt, setzt die Frauen in eine gewisse Autoritat gegen ihn." GRAFIN: "Ich kann keinen Kranken pflegen und war er mein eigener Mann. Nicht wahr, Karl, das hast du erfahren, als du ein paar Tage nicht wohl warst? Schon die eingeschlossene Zimmerluft ist mir verhasst." GRAF: "Du hast recht. Ich mag mich auch von keiner Frau pflegen lassen." FRANK: "Und doch waren Sie so allseitig um den grossen Dichter beschaftigt; es ist unglaublich, wie ein grosser Name wirkt; denn aufrichtig gesprochen, haben Sie etwas anders von ihm vernommen als Unsinn?" GRAF: "Nein, mein Herr Prediger, viel Schones hat er uns vorgetragen, aber freilich in einer Art, die sich unter einander vernichtet, wie jene zwei Lowen, die sich so lange bissen, dass endlich nichts als die beiden Schwanze ubrig blieben." FRANK: "Sehr wahr, und das ist wieder Kunstlercharakter; dieses Hetzen in sich, dieses ewige Kritisieren, das in aller Beruhrung mit der Welt durchaus totet und nie belebt, jedes Spiel verdirbt, jeden frohen Gesang angstiget, ob er auch an seiner Stelle. So wirkt die frische Literatur, wie die frischen Zeitungen gar bose auf die Augen; ein junger Dichter glaubt es seine Schuldigkeit, einer ganzen Gesellschaft alle eigenen gewohnten Strassen der Frohlichkeit mit seinen gezwungenen Verrenkungen sogenannter Laune, Phantasie, Humors, Witzes und Genies zu verleiden, indem er sich wie ein Fallsuchtiger quer drein legt." GRAF: "Da mussen wir ja die Kunstler absondern von aller Gesellschaft, wie der agyptische Konig die dreissig Kinder in eine Wuste verpflanzte, damit sie die Ursprache erfanden." FRANK: "Ja wohl, lieber Graf, wie die Bildhauer von dem Staube leicht die Schwindsucht, die Maler vom Farbendunste die Malerkolik bekommen, Tonkunstler leicht taub werden, und mit diesen Krankheiten alle die anstecken, die in ihren Werkstatten hausen, so teilen die Dichter ihren Dichtersparren gar leicht den Menschen mit, die sie sich zu ihrer Werkstatt erlesen, und dazu ersehen sie in ihrer Torheit die ganze Welt und denken nicht daran, dass ihnen nachher keine Leser ubrig bleiben." GRAFIN: "Sie wissen, ich sage meine Meinung. Sie sind ein Verstandesmensch, Sie wissen nicht, was Begeisterung sei, wie ein Mensch darin im Augenblick uber alle erhaben die Welt uberschaut, wo sie uns verschlossen mit Bergen und Wolken; muss er da nicht hart sein gegen die, welche ihn nicht verstehen und seiner Gaben sich nicht erfreuen?" FRANK: "Haben Sie nie Verse gemacht oder sonst in Worten etwas dargestellt?" GRAFIN: "Nein, ich wagte es nie, die Worte waren mir immer entfernter als Musik und Zeichnung." FRANK: "Nun kann ich es mir erklaren, wie Sie Dichter fur so ganz besondre Menschen halten. Erst in eigner Ubung lernt man bei aller Kunst das Ubereinstimmende augenblicklicher Eingebung mit jahrelangem Streben erkennen; wie die Korper nur flussig auf einander wirken, so bedarf das Geisterreich einer vieljahrigen losenden Warme, ehe es seine edlen Metalle in einem Geiste niederschlagt und frisch kristallisiert in einem Augenblicke allen zur Bewunderung herstellt. Ob einer unter Buchern, oder auf einsamer Heide, oder in sich verschlossen unter einer Menschenmenge, dieser Sehnsucht seines ganzen Herzens nachhangt, das kommt auf eins: dieses sind die wahren Dichter; jene aber, die, wie Waller, auf halbem Wege stehen bleiben, mochten ohne eine Sehnsucht nach dem Herrlichsten, diese heilige Gabe immerdar empfangen, und so wird jede Torheit, die ihnen durch den Kopf geht, als eine heilige Gabe von ihnen geachtet und ausgeschrieen. Die Welt tauscht diese Torheit mit andrer Torheit ein, so ist es ein ewiges Ruhren und Erquicken zwischen der mittelmassigen Welt und den mittelmassigen Dichtern." GRAFIN: "Denken Sie auch, was Sie mir darin sagen." FRANK: "Ich darf es sagen, denn Sie denken eigentlich hoher und tiefer, aber Ihr guter Glaube, Ihr wohlwollen nimmt Ihnen das ruhige Urteil uber Waller."
Die Grafin stellte sich argerlicher, als sie war; sie ging zu Waller, der gewaltig nieste und etwas zu essen begehrte. Der Schlaf schien den Mann verwandelt zu haben; wahrend er mit grosser Begierde ass und trank, liess er schon seiner ganzen Lustigkeit den Zugel. Die Kinder mussten ihm ein Puppenspiel bringen, das er von einem Freunde, dem Puppenspieler Rubald, zum Geschenke erhalten hatte, nachdem dieser wieder in den Krieg gezogen. "Ein grosser wunderlicher Kerl", so beschrieb ihn Waller, "in allen Weltteilen hatte er schon gefochten und mit Puppen gespielt; er zeigte mir einmal seine Brust, da war jede Schlacht und jedes neue Puppenspiel mit Pulver einpunktiert, die er mitgemacht; keinen andern Orden hatte er bewahrt. Ein Hufeisen trug er wie einen Ringkragen um den Hals, das hatte er dem Hinterfuss vom Pferde seines eignen fliehenden Feldherren, um ihn aufzuhalten, abgerissen, und war dabei mehrere Schritte weit halb tot fortgeschleift worden. Er hatte einen torichten Hass gegen die Juden; vergebens stellte ich ihm oft vor, dass sich die Juden in unsrer Zeit in jeder Tugend, in jedem Talente bewahrt hatten; noch sein letztes Stuck war zum Teil gegen eine reiche Judenfamilie gerichtet, die sich in der Art, wie sonst reiche adlige Hauser in einer Residenzstadt gegen den verarmten Fursten aufgelehnt hatte, nachdem sie durch Lieferungen schnell reich geworden." Alle baten, er mochte das Stuck geben, denn nach aller Beschreibung ginge es auf ihren ehemaligen Fursten, den in seiner Residenz gleiches Schicksal betroffen. Waller hatte das ganze Stuck und war bereit es aufzufuhren. Sein Theater wurde hinter einer Ture aufgeschlagen; jeder half dabei, was er konnte, und die meisten standen dabei im Wege. Am Abend, als Licht angezundet wurde, war der geheimnisvolle Vorhang schon vorgezogen und Waller in seinem Zimmer versteckt. Nach einer kurzen Musik, die er mit Handen und Fussen und dem Mundwaldhorne klapperte und brummte, erhob sich der Vorhang, und die Zuschauer sahen den grossen Kopf des Waller, der das Theater fast fullte, durch Schminke und Schwarze lacherlich charakterisiert.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Ubersicht der Tragikomodie von dem Furstenhause
und der Judenfamilie
Prolog des Dichterkopfes
Was ist fur Freude noch bei grossen Buhnen,
Da ist nichts Lust'ges mehr, kein wild Erkuhnen,
Auch ich war einst dabei, hab mitgemacht,
Und hab in Jahren nicht dabei gelacht.
Die guten alten Spieler werden schwach,
Und ach das junge Volk wachst schwachlich nach,
Was kann die Welt fur Lust an Kindern haben?
Es dankt das Publikum fur kunftige Gaben,
Will Fert'ges sehn; was sich erst bilden soll,
Das mache kein Geschrei, sonst heisst es toll.
Den Kindern springt die Quint, wie ich's gehort,
Das Publikum ward ganz von Hass betort,
Es pocht, es larmt, und keiner schien mehr recht,
Es flohn die Schauspielleut aus dem Gefecht.
Da nahm ich nun mein Tuch, macht einen Knoten,
Und hab ein Kinderspiel dem Volk geboten,
Und wackelte damit und liess es tanzen,
Ich ward vergnugt und es gefiel im ganzen.
Ich nahm das Buch recht wie ein Kind in Lehre,
Als ob's das Publikum, das edle ware,
Und fragt es aus, wie es uns mochte haben?
Da sprach's so viel von hohen Kunstlergaben,
Doch wusst es nicht, wo die zu Kaufe waren;
Da musste ich es billig drin belehren:
"Die Kunst ist frei, sie brauchet viel Theater,
Das eine bild das Kind, dies zeig den Vater,
Wenn jenes reif, da tret es hier erst ein!
Doch weil fur jetzt dies Schauspielhaus allein,
So musst ihr auch den Schulern gnadig sein."
Auf dieses Wort folgt Klatschen allgemein,
Ei dachte ich, und konnt es gar nicht fassen,
Dies Schnupftuch kann jetzt mehr, als Kunstler
spassen;
Die Kunstler sind zum Spass zu vornehm worden,
Und doch nicht gross genug zum trag'schen
Morden.
Ich ging davon und machte kleine Puppen;
Viel hatt ich nicht zu brocken in die Suppen,
Doch essen auch nicht viel die kleinen Leut,
Sie sind zu jeder Rolle stets bereit,
Um Kleider ist kein Streit, auch nicht um Tugend,
Auch nicht um Liebhaber, auch nicht um Jugend.
Sie sind so alt, wie ich sie eben brauch,
Die weissgenasten hang ich in den Rauch.
Mein Kopf fullt mein Theater ganz allein;
Sind meine Menschen gegen mich nur klein,
So bin ich darum wahrlich gross zu nennen,
Kann sie verbinden, und sie trennen,
Nach Eigensinn und nach Verstand,
Und bin ein rechter Gott in diesem Land;
Weiss ich nichts mehr aus meinem Kopf zu sagen,
So brauchen sie nur tuchtig sich zu schlagen,
Und weil mein Kasperl trefflich Tritte gibt,
So schweigt Kritik und ich bin stets beliebt,
Ein jeder lacht, ein jeder gibt sein Geld,
Jetzt ist mein Kasperl hier der grosste Held.
Kasperl kuckt bei diesen Worten neugierig in ein Fenster, wo eine ansehnliche Judenfamilie unter versetzten Sachen bei einem Gewitter kauert. Sie glauben der Messias komme, woruber die Tochter Rachel hochmutig lachelt; aber nun springt Kasperl herein, alle erschrecken und die ohnmachtige Tochter bittet um ein Zuckererbschen aus dem silbernen Buchschen; Kasperl gibt ihr einen Nasenstuber und gibt sich fur den Messias aus. Der Jude fragt, woran er ihn dafur erkennen soll; Kasperl gibt ihm Tritte wegen seines Unglaubens, der alten Judin einen Kuss und so glauben alle an ihn. Er wird ungemein mit Raucherungen geehrt, nimmt ihnen aber das Opferfleisch vor der Nase weg, und sagt ihnen, das sei also die neue Mode im Himmel. Nachdem er gut gegessen, will er zu Bette; der alten Judin sagt er heimlich, er wolle sie heiraten, und dem jungen Madchen gleichfalls. Sie geben ihm ein grosses Bette, da erschrickt er uber die Decke, worauf das furstliche Wappen gestickt; er ruft alle herein, wie sie dazu gekommen. Sie sagen, das musse er in seiner Allwissenheit auch wohl wissen, dass sie es im Versatz hatten. Er sagt, dass er nur der Ordnung wegen gefragt, und schickt sie wieder fort. Nun hebt er einen Judenschlafrock auf, dessen Saum mit Cymbeln besetzt ist; er fangt die Cymbeln an zu bewegen, alle laufen zusammen und fragen nach der Neuigkeit. Er sagt ihnen, es sei bloss der Wachsamkeit wegen; sie gehen argerlich ab. Nun besieht er seine Leibwasche, die er ausgezogen und die voll Locher, und zieht ein Judenhemde an, das voll Flicken, den Schlafrock mit den Cymbeln druber, und so geht er fort aus dem Fenster, um seinen Herrn, den Prinzen von Mesopotamien, zu bedienen, dem er im Gasthofe Quartier machen sollte. Die beiden Judinnen, Mutter und Tochter, kommen jetzt herein und wollen zum Messias, und eine halt die andre dafur; der alte Jude hat sie aber vermisst und kommt mit Licht; da erkennen sie sich, und der alte Jude meint, der Messias ware wegen ihrer Unkeuschheit davon gegangen; sie aber sagen, er sei vor ihnen gen Himmel gefahren; der Jude wird bose und will sie schlagen, wird aber jammerlich von ihnen am Barte gezaust. So schliesst der erste Akt, und der zweite beginnt, indem eine Lerche nachgeahmt wird. Es ist Morgen, des Fursten Schloss auf dem Berge wird von der Oberhofmeisterin Gretel ausgefegt, sie will dabei allerlei geistliche Lieder singen, doch fallt ihr immer der verlaufene liebe Mann Kasperl ein; dann schimpft sie auf ihren schweren Dienst und erzahlt von ihren Erziehungsgrundsatzen, wie sie die beiden Prinzessinnen Spassine und Ernestine klug gemacht. Spassine und Ernestine kommen gelaufen; jene bringt einen Apfel, worin ein Gesicht geschnitten, und fragt sie, wem es gleiche? Gretel fangt an zu weinen: so sehe ihr lieber verlaufener Mann Kasperl aus. Nun lassen sie sich von ihr den Mann beschreiben; sie erzahlt unter andern, dass er vom Reiten auf Abenteuer schone krumme Beine gehabt, seine Nase dabei als Meilenzeiger, die Augenbraunen als Regenschirm gebraucht habe. Hierauf kommt der Furst mit Jagdzeuge beladen von der Jagd zuruck, er hat einen Zaunkonig geschossen und der soll zum Mittagessen gebraten werden; dann macht er sich bequem und examiniert seine Kinder, was sie gelernt und getan: "Nun liebe Ernestine", sagt er, "du hast was auf deinem Gewissen, bekenn es nur, du bist so still heute. Wie? Du fangst bitterlich an zu weinen, hab ich dich mit dem Kamm gerissen? Sieh, ich muss mit weinen, und das kostet mir mehr als dir." ERNESTINE: "Weinen Sie nicht lieber Vater, ich will alles sagen, aber Sie mussen mich nicht so anblicken." FURST: "Sprich nur liebes Kind, ach Gott gib mir Kraft, was werde ich horen mussen." ERNESTINE: "Ich war in den Garten hinuntergesprungen, ganz traurig bin ich zuruckgeschlichen." FURST: "Du armes Kind." ERNESTINE: "Weil er weggegangen." FURST: "Je wer denn?" ERNESTINE: "Ei nun der Bettler, dem ich den Kuss gegeben." FURST: "Ein Bettler? Ist denn mein Bettlermandat nicht angeschlagen?" ERNESTINE: "Lieber Vater, ich hatte gar nichts, ihm zu geben, Sie wissen ja; und es war so ein schoner junger Mann, den ich ohne Trost nicht weglassen durfte, da fragt ich, ob ihm ein Kuss nicht zu wenig ware und da sagte der gute Mensch, er sei ihm nicht zu wenig, und da gab ich ihm doch zwei, und den dritten nahm er sich, und den vierten gab ich ihm obenein, und den funften in den Handel, und den sechsten, weil ungerade Zahlen nicht gedeihen und ..." FURST: "Der Bettler muss dir was angetan haben." ERNESTINE: "Er hat mir was abgenommen, meine Ruhe; aller Orten suche ich ihn und singe: Wo suchen dich Herzliebster meine Gedanken? Es findet dich nirgends mein Blick, dein Bild bleibt vor mir im Schwanken, wie's Gluck. O du mein einziges Gluck, dir nach meine Seufzer rufen! Dir nach die Seufzer grussen, mein Mund folgt nach dem Kuss, den deine Lippen kussen, und deine Kusse sind Luft; der Wind kann sie nicht wegnehmen, er musste sich ja schamen, dass er mir alles nahm, das war ja unverschamt." FURST: "Ach, was ist das fur ein Ungluck; das Armut will ich doch gar nicht mehr in meinem Lande dulden; es soll alles Armut freien Abzug zum Nachbar haben." SPASSINE: "Vater, da mussten wir und Sie ja auch zum Lande heraus." FURST: "Schweig, in Regierungssachen musst du dich nicht mischen; ihr macht mir heute vielen Kummer. Ernestine, blase die Gedanken weg, heute kommt dein Brautigam, der Prinz von Mesopotamien; schlag Federball, das vertreibt dir die bosen Gedanken." ERNESTINE: "Ich kann nichts anders denken, als ihn, ich kann niemand anders heiraten, als ihn; den Prinzen kann ich nicht lieben." FURST: "Ei was lieben, darauf kommt's beim Heiraten nicht an, das Heiraten ist eine Sache fur sich; deine Mutter selig war mir ganz abscheulich, ich habe sie doch geheiratet." ERNESTINE: "Lieber Vater, ich kann ihn nicht nehmen; ich wurde eine Lust bekommen, ihn umzubringen." SPASSINE: "Lieber Vater, wenn die Schwester den Prinzen nicht haben will, geben Sie ihn mir; ich mochte gar zu gerne heiraten." FURST: "Ei meine Tochter, so was musst ihr gar nicht sagen, wenn das unten bei den reichen Juden bekannt wurde, die liessen es in ihre Zeitungen und Journale einrucken; Frau Gretel, sag Sie mir doch, was hat Sie den Kindern fur Sachen in den Kopf gesetzt; merk ich so was von Ihr, so geb ich Ihr eine Backpfeife, dass es Ihr noch lange vor den Ohren summen soll." Frau Gretel setzt hierauf ihre Pestalozzische und Vakzinations-Erziehungsmethode auseinander; der Furst will die alte Methode verteidigen, sie zieht aber den Pantoffel aus und weiset ihn zur Ruhe. Wahrend dieses padagogischen Gefechtes tritt Kasperl in den Kleidern seines Herren, der ausgeblieben, mit einigen Reden, die seinen Spass erklaren, herein und gibt sich fur den Prinzen von Mesopotamien aus. Gleich erkennt er seine Gretel; sie hat aber zu viel Respekt gegen ihn und seufzt vor sich, dass es schade sei, ihr Kasperl habe doch nie so was Vornehmes an sich gehabt. Der Furst und die Tochter sind sehr verlegen; doch fasst sich Spassine und gibt die Schlagerei fur ein Pantoffelspiel aus; der Furst bezeugt auch sein Vergnugen an dem schonen Spiele, und sucht seine blutende Nase zu verstecken. Kasperl dankt fur dergleichen Spiel und schlagt ihm dafur das grosse Essspiel vor. Als ihm dies nicht gewahrt werden kann, weil der Zaunkonig noch nicht gebraten, so soll er inzwischen raten, welches seine Braut; Spassine macht ihm viele Artigkeiten und Ernestine weiset ihn sehr hart ab; er bestimmt sich also aus Respekt gegen das Pantoffelspiel fur Spassine, die ihm auch von dem Fursten fur seine Braut angegeben wird. Der Furst will darauf seinem Eidam das Reich vom hohen Turme zeigen und Kasperl fragt, ob auch kein starker Wind, dass er etwa uber die Grenze geweht werden konnte? Ernestine bleibt allein zuruck und stellt sehr tiefsinnige Betrachtungen in ganz philosophischer Sprache uber die furstlichen Heiraten an, die alle Furstenhauser verderben, indem sie aus Naturen nie in Leidenschaft die falsche Richtung wegschaffen, die sie auch in sich gefuhlt habe, ehe sie geliebt; nur in der Liebe sei Wahrheit, Volkssinn, der sich allem anschliesse, alles verstehe, selbst den Bettler. Sie setzt sich nieder und weint. Der wahre Prinz, der am Morgen als Bettler verkleidet ihr die Kusse abgenommen, tritt in anstandiger Tracht herein und bemerkt sie nicht. Er erzahlt von seinen Absichten, eine Heirat aus Liebe zu stiften, und wie er so ganz seeleneigen dem armen Madchen geworden, das in diesem Schlosse diene und ihm nichts, als ein paar Kusse, habe geben konnen; der Prinzessin wolle er entsagen, die ihm bestimmt, dies arme Madchen aber aufsuchen, "so recht vertraut, haarklein ihr aufzuzahlen, was mir so taglang, so nachtelang tat fehlen, Vertrauen, ewiges in Lieb gebunden, im armen Madchen hab ich's nun gefunden; die Krone will ich ihr zu Fussen legen, kommt Kuss dem Kuss, der Blick dem Blick entgegen, und dass dies alles sei kein Augenblick, wie jener Kuss, der noch mein ganzes Gluck, nein die Gewohnheit aller meiner Stunden durch heil'ges Band auf Leben und Tod gebunden." Indem er so deklamiert, ist er mit seiner Hand der Prinzessin so nahe gekommen, dass er ihr ins Gesicht schlagt; sie schreit auf: eine Szene des freudigen Wiedererkennens und der Verzweifelung, sie beleidigt zu haben. Doch sie vergibt ihm mit vielen dicken Kussen. Die Szene verwandelt sich in das Esszimmer des Fursten, der sehr bose ist, dass seine Tochter alle auf sich warten lasst. Kasperl frisst heimlich alle Schusseln aus, und sagt immer, das habe nichts auf sich, sie konnten immer noch warten. Endlich wird Spassine nach der Schwester geschickt und kommt mit der Nachricht wieder, dass sie in den Armen eines fremden Ritters liege. Der Furst fordert Kasperl auf, die Ehre seines Hauses, dem er nun bald verbunden, mit dem Schwerte zu verteidigen. Kasperl will nicht, weil er kein Blut sehen konne, er verflucht die torichten adeligen Sitten. Alle dringen in ihn mit Gabel und Messer, dass er ihre Ehre verteidige; endlich zieht er sein holzernes Schwert, als aber der Prinz mit Ernestine hereintritt, wird er gleich ruckgangig und fallt ihm zu Fussen. Der Prinz reisst ihm seine Kleider ab und nun erscheint er in dem judischen Schlafrock, dessen Saum mit Cymbeln besetzt ist. Gretel erkennt ihn und wird unmassig bose und zartlich gegen diesen ihren verlaufenen Mann. Sie machen einander schone Vertraulichkeit, ihre Kinder haben alle offentliche Stellen am Pranger bekommen; endlich fangen sie sich an zu schlagen und die Cymbeln klingeln so laut, dass die ganze Judenfamilie erscheint, ihren Messias und ihren Schlafrock aufzusuchen. Sie wollen ihn mit Gewalt der Gretel entreissen, und der Furst, der nun durch den fremden reichen Schwiegersohn Mut gewonnen, bestraft sie fur diesen frevelhaften Eingriff in eine gluckliche Ehe mit dem Verluste der Schuld fur das verpfandete furstliche Ehrenbette. Die Juden bringen mit Lamentieren das grosse Bette aufs Theater, der Furst segnet die liebenden Verlobten; Kasperl schlagt an seinen Cymbelnrock und die ganze Judenschaft muss tanzen. Die Zuschauer hatten alle des Stucks herzlich gelacht, besonders die Kinder, nur die beiden Sohne Wallers hatten oft wahrend des Stucks bitterlich geweint, und als sie um die Ursache befragt wurden, sagten sie, dass sie die Reden der Ernestine so oft von der Mutter hersagen gehort. Der Graf gewann die beiden Kinder sehr lieb; so auffallend ihm im Anfange ihr wildes, neugieriges, aufspurendes und nachahmendes Wesen geschienen, so bedeutsam wurden ihm jetzt manche ihrer Fragen. Die Grafin teilte diese Neigung nicht; seit sie selbst an den ersten Beschwerden der Schwangerschaft litt, und ihre sonst unzerstorbare Gesundheit geschwacht fuhlte, sogar furchtete, einen ihrer schonen Zahne einzubussen, hasste sie alle Kinder, und schwor ihrem Manne im Ubelbefinden ihres Magens, womit sich dieser Tag schloss, nie wolle sie mehr als dies eine Kind haben, das ihr schon so viel Not bereite.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Traugotts erste Erinnerung
Gleich am andern Morgen, als Waller noch schlief, fand der Graf die beiden Knaben schon mit Angeln beschaftigt, sie wiesen ihm mit Jubel einen kleinen Fisch. Hier erfuhr der Graf, dass nur der jungere Knabe Alonso Wallers Sohn sei; der andere, Traugott, war ein Kind erster Ehe; die Mutter hatte sich aber durch keine Gewalt von ihm trennen lassen. Alonso hatte die Nacht getraumt, die Mutter sei vom Himmel herunter gestiegen und habe in ihre schwarz seidene Schurze, die sie gewohnlich zu tragen pflegte, den Traugott eingewickelt und mit sich gefuhrt. Der Traum setzte den Grafen in Verwunderung, da beide Kinder eben kein traumerisches Ansehen hatten, doch schien Traugott den Tag viel stiller als sonst; er musste ihm etwas aus seiner fruheren Geschichte erzahlen. Weil er nun noch nie darnach gefragt war, so lag alles sehr bunt unter einander, wie die Umgebung es ihm zuruck rief. Viel sprach er von einem Wasser, worin er einmal gelegen; der Bruder sagte aber, das sei nicht wahr, man habe ihnen bloss erzahlt, der Storch hatte sie aus dem Wasser geholt, davon kame die Geschichte. Traugott liess es sich nicht abstreiten, er sagte, dass er ganz allein gewesen und dass ihn ein unbekannter Mann herausgezogen. Dann erzahlte er viel von einem kleinen Furchtegott, mit dem er als Kind gespielt; der sei alter gewesen und habe immer alles im Spiele so schon einzurichten gewusst, dass er noch jetzt die Palaste nicht beschreiben konne, die jener aus Bausteinen und ausgeschnitztem Papiere mit einem durchscheinenden Lichte hervorgebracht habe; er werde nie wieder die kunstliche Pracht sehen; er habe so viel Ehrfurcht vor ihm gehabt, dass er jeden Schlag von ihm als eine Gnade angenommen, und sich Gott nicht anders, als wie seinen Furchtegott gedacht habe; ihm habe er alles geschenkt, was er bekommen an Geld und Fruchten, ungeachtet er bei dem Anblicke eines Apfels schon ein begehrliches Zucken im Munde verspurt. Diesem Furchtegott hatte er auch seine Kleider gegeben, und als das der Vater wahrnahm, hatte jener nicht mehr zu ihm gedurft, und da habe er sich tot hungern wollen. Nachdem er einen Tag gehungert, sei er morgens fruh aufgewacht, er hatte den Druck einer Hand gespurt, die ihn erweckt, hatte aber nichts Lebendes um sich gesehen, als den hellen Morgenschimmer, der in der leeren Luft mit unzahligem Staube Ball geschlagen. Sein Blut habe gewallt, sein Herz gepocht, sein Auge sei geblendet gewesen, und er hatte geglaubt sich zu sehen, ganz elend, wie die Leute ihm aus Mitleid seinen Furchtegott zugefuhrt hatten. Nachher habe er nichts vor seinen Augen gesehen, als eine feste grune Wolke im roten Felde, dann sei die Wolke rot und das Feld grun geworden. Unwiderstehlich habe es ihn in den Schlossgarten gezogen, der Vater habe noch geschlafen, das Schloss sei ganz still gewesen, und er habe niemand auf den Treppen gesehen, als ein paar weisse Mause. Vor dem Schlosse habe er unter zwei himmelhohen Linden gestanden, die mit weissen Bluten und summenden Bienenschwarmen bedeckt gewesen. Die Bienen hatten sich endlich davor gesammelt, wie eine braune Wolke und langsam tief ihren Zug weiter in den Garten genommen, er aber sei ihnen nachgefolgt, wo ihm sonst nie erlaubt, hinzugehen, weil er von vielem freien Gewasser durchschnitten. Er sei ihnen erst zagend gefolgt, aber der Schmerz der kleinen Steine an den Sohlen habe ihn endlich entschlossen gemacht. So kam er zwischen eine Reihe weisser Menschen in weissen Kleidern ohne Augen, die unbeweglich blieben, auf seinen Gruss nicht dankten, dann zwischen Baume, die schmal und breit wie eine Mauer auf eine weite Aussicht gefuhrt hatten; aber plotzlich habe er seinen Kopf gegen Bretter gestossen und statt der Aussicht nichts als bunte Flecken vor sich gesehen. "Es muss eine sonderbare Kunst sein", sagte Traugott hier, "die etwas macht, das zugleich ist, und nicht ist, oder ist etwa alle Kunst also?" Die Bienen hatte er uber diesen Anstoss und uber diese Aussicht ganz aus den Augen verloren; er sah aber seitwarts ein schwarzes Schild, das von vielen Armen getragen wurde; da fand er in der Mitte einen grossen Stein umgeworfen, und einen wunderlichen duftenden Haufen von trockenen Kiennadeln, worauf viele Ameisen liefen, die er wohl kannte. Da huckte er sich nieder, doch mit grosser Vorsicht, dass ihm keine ankrieche, sahe dann zu, wohin sie so eifrig liefen, konnte aber nichts finden, warum sie also beweglich; da ruhrte er in den Haufen, um ihnen doch eine Ursache zur Unruhe zu geben. Weil ihnen nun die Decke ihres Hauses fehlte, hatte er Mitleiden mit ihnen und warf eine Menge trockner Nadeln, die in der Nahe unter einem Baume lagen, darauf. Die Ameisen brachten sie schnell in Ordnung, und nun wurde er dem Volkchen so gut, dass er einen Strohhalm in die Mitte hineinsteckte, auf dass sie sich in der Gegend umsehen konnten. Gleich stiegen viele hinan und wie eine oben, trieb sie wieder eine andre hinunter; er aber wollte, dass eine bleiben sollte, und warf mit Erde drein, und da wurden alle bose und hatten ihn heimlich beschlichen und kniffen ihn so unleidlich, dass er davon lief, immer blind zu, bis er in einem kuhlen Wasser stand mitten unter Wasserlilien, und aus jeder Wasserlilie sah Furchtegott heraus; aber so wie er dazu kam, war er wieder fort, und sass auf einer weiter weg und lachte uber ihn. Uber ihm rief aber ein alter Mann mit einem gluhenden Gesichte aus einer grauen Wolke, in die er ein Loch gerissen, und da verschwand Furchtegott; der alte Mann rief immer fort: "Traue Gott, furchte Gott und scheue niemand!" Bei diesen Worten hob ihn eine Hand aus dem Wasser und er lief frierend von Nasse in die Sonne, damit die Mutter nicht sahe, dass er im Wasser gewesen. Und da schien es ihm in der Sonne, als ob er selber anfinge zu leuchten, und lebte draussen ausser sich auf allen Blumen, die er ansehe, auf allen bunten Steinen, die vor ihm glanzten, und das alles sah kunstlicher aus als alles, was Furchtegott ihm gebauet, und Furchtegott war ihm auf immer ganz gleichgultig; und als er in der Sonne trocken geworden, ging er zuruck ins Schloss, wo noch alles schlief, legte sich in sein Bett, fruhstuckte mit den andern, und sagte lange niemand davon.
Die Historie hatte den Grafen wunderlich ergriffen; er war an manche kleine Begebenheit seiner eigenen Jugend dabei erinnert worden; er ging zu Waller und fragte ihn, der noch im Bette lag: wozu er den Knaben bestimme? Waller sagte, dass er ihn dem rechten Vater wieder zustellen wollte, so wie er seinen eignen Sohn den Amtmannstochtern uberlasse, die den Tag vorher die wunderliche Geschichte mit ihm gehabt. Der Graf bat ihn, den Knaben doch diesen Sommer bei ihm zu lassen, er scheine sich bei der Landwirtschaft zu gefallen. "Es ist ein Allerweltsjunge", sagte Waller, "recht gerne, behalten Sie ihn, der gibt sich mit allem ab; Sie sollten einmal sehen, ganze Pakete Gedichte, Tragodien schmiert er zusammen, und ich kann Ihnen versichern, dass ich manches darunter zu meinem Gebrauche bearbeitet habe; denn alles hat freilich etwas sehr Unreifes, Abgerissenes." Die Annahme des Knaben war aber mit der Zustimmung Wallers noch nicht ausgemacht; die Grafin war sehr dagegen, sie scheute die kleine Muhe der Oberaufsicht; doch nach mancher Zartlichkeit des Grafen gab sie endlich zogernd nach.
Funfundzwanzigstes Kapitel
Waller und die tolle Ilse. Abenteuer einer Nacht
Waller hatte unterdessen sich mit den samtlichen Hausbewohnern bekannt gemacht, und mit der tollen Ilse ein besondres Verstandnis eroffnet. Ihr Wesen war ihm neu und gehorte in die Reihe seiner inneren Abbildungen; er schien sie unbegreiflich zu reizen durch die zierliche Art von Hofmachen, die ihr von Knechten und Jagern und andern Hofleuten noch nicht geboten. Waller trieb so etwas mit grosser Hitze, als musste mit der untergehenden Sonne alles beendigt sein, und wirklich brachte der sie auch in wenig Tagen so weit, dass sie ihm eine nachtliche Zusammenkunft gestatten wollte, insofern er eine schwere Gartenleiter an ihr Giebelfenster legen konnte. Jede Stunde hatte er aufgeschrieben, wie weit seine Liebschaft gediehen; bei dieser Aufforderung stand ein Seufzer und die Worte: "Das ist unmoglich, die Leiter rucke ich kaum von der Stelle, viel weniger kann ich sie aufheben und anlegen." Nach vielem Umhersinnen kam er auf den Prediger Frank, der ihm ein weltlustiger Vogel geschienen, dass er ihm diesen kleinen Dienst leisten sollte. Gleich ging er hinuber zu ihm, und Frank wusste sich gleich zu fassen, ging in alles ein, und versprach sich davon recht vielen Spass. Heimlich machte er den Grafen mit seinem Auftrage bekannt, und verabredete sich mit ihm. Abends gegen zwolfe stellte er sich vor Wallers Zimmer ein, der ungeduldig schreibend seiner wartete. Er war vom Kopfe bis zu den Zehen bewaffnet, im Stiefel hatte er einen Dolch versteckt, in jeder Rocktasche eine Doppelpistole; sein Testament legte er versiegelt auf den Tisch, kusste ein Gemalde seiner Frau, ergriff seine Gitarre und ging in hochster Spannung stillschweigend voraus, unserm Frank den Weg zu zeigen. Die Nacht war dunkel, der dunkle Baumgarten nur durch sein Rauschen von dem stillen Himmel zu unterscheiden. Bei dem unerwarteten Aufschrecken eines Vogels rief er einmal: "Haben Sie was gesagt?" Und als ihm ein Kafer gegen die Backen flog: "Wie war das gemeint?" Alles ward still bis auf ein paar Frosche, die sich im Teiche bei einer Serenade verspatet hatten, und selbst diese gaben ihm Argwohn, dass er Lust bekam, seine Pistolen in das Wasser abzufeuern. Der Graf und die Grafin sassen in einer Laube versteckt, und lauerten auf Ilsens Fenster, das erleuchtet war und durch zwei vorgesetzte kleine Pillenbaume anzeigte, dass sie ungestort des Liebhabers warte. Der Graf sang leise vor sich:
Lustig ist die Ilse,
Wenn ich sag, ich willse,
Lustig ist meine Ilse nicht,
Wenn ich sag, ich will sie nicht.
Welche sonderbare Lust liegt darin, einen andern in seiner Liebschaft zu belauern! Waller zog die Leiter mit des riesenhaften Predigers Hulfe glucklich heran, lehnte sie an die Mauer und sang ganz schwach ohne Begleitung der Gitarre:
Es schlug die Uhr,
Die Nacht war tief
Und alles schlief,
Gott Amor nur
Erwacht
Und lacht,
Und keinen stort,
Denn die ihn kennt,
Von Liebe brennt
Und ihn schon hort
Begluckt
Entzuckt.
Ilse gab ihr Zeichen: ein dreimaliges Klatschen der Hand. Waller stieg hinauf, wobei seine Gitarre zuweilen gegen die Leiter klapperte, und Ilse bei dem ersten Erscheinen die Ausserung entlockte, ob er etwa ein Kastchen mit Geschenken bei sich trage. Doch hatte er wirklich ein artiges seidnes Halstuch seiner Frau in der Tasche, das er ihr sehr zierlich uberreichte. Frank und der Graf waren ihm inzwischen nachgestiegen und sahen durch das Fenster, doch unbemerkt von den beiden Liebenden, um bei jeder Unordnung zwischen zu treten. Diese Vorsicht war unnotig. Ilse hatte eine eigene Art ihre Zartlichkeit auszudrucken; sie lachte die Leute an, spottete uber sie und argerte sich dann, wenn sie nicht verstanden wurde. Wallern dagegen, sobald er sich erhitzte, fielen eine Menge schoner Lieder ein, die er auf allerlei Gedankenbilder verfertigt hatte; da brauchte er oft nur blaue in braune Augen zu verwandeln, um alles passrecht zu finden. Das Feuer dieser Lieder durchdrang Ilsen, die tiefe Stimme, das leidenschaftliche Wesen Wallers, die Zaubereien der Nacht ringsum, ergriffen ihr wunderliches Gemut, sie kniete vor ihm, und druckte seine Beine an ihr Herz. Aber statt ihre Umarmung zu erwidern, verschlang sich sein Lied immer kunstlicher, immer neue Reichtumer seines Innern erschlossen sich ihm, immer mehr Personen traten auf in seinem Wechselgesange uber ihre Schonheit; das nahm kein Ende, die kalte Nachtluft wehte durch das halboffene Fenster herein und Ilse, kalt wie Eis in ihrer leichten Bedeckung nahm einen Mantel um, und setzte sich ihm gegenuber, um zu warten, bis das verfluchte Gesinge endlich ein Ende nahme. Nun schloss er sein unendliches Lied, wahrend dessen dem Grafen auf den schmalen Leitersprossen die Fusse fast erlahmten, mit den Worten:
Die leichten Tone,
Sie werden mir schwer,
So macht das Schone ...
Hier fiel sie ein:
Herzen so leer!
Ihre Finger brennen,
Mein Herz wird kalt,
Wir mussen uns trennen,
Sonst werd ich bald alt ...
Gleich fiel er ein:
Die Finger brennen,
Mein Herz so brennt,
Die Saiten zerklingen,
Mein Herz zerspringt.
Sie hielt den Mantel auf, um die Stucken seines Herzens aufzufangen, er aber war entzuckt uber ihr Einfallen, er hatte gar nicht geglaubt, dass sie auch Verse machen konne. Er vergass daruber seine ganze Liebesangelegenheit und erzahlte Ilsen von nichts, als von einigen Liebesliedern vor den Fenstern, die er in sehr glucklichen Nachten gedichtet. Sie machte ihm den Vorschlag, ob er die nicht vor dem Fenster singen wollte, sie wurden sich dort viel besser als in der engen Kammer ausnehmen. Er war gleich bereit und der Graf und Frank hatten kaum Zeit von der Leiter zu kommen, als er schon hinunterkletterte, und gleich unten auf seiner Gitarre vorspielte, und dann mit begeisterter Stimme einfiel:
Sieh, der Morgen scheidet laulich,
Was am Abend lieb und traulich,
Nur in meinem Herzen wallen
Noch der Liebe volle Gluten,
Meine Sehnsucht muss erschallen,
Wie ein Sturz der wilden Fluten,
Ob er jemals wird vernommen,
Ob ihn Liebchen je erhore!
Rastlos ist er fort geschwommen,
Trostlos nach dem hoffnungsleeren Meere.
Ilse sang oben, dass es wohl der Graf, aber nicht der begeisterte Sanger horte:
Ach was gibt es fur Liebhaber,
Seht, bei jedem ist ein Aber,
Doch vor allem muss ich lachen
Meines ew'gen Musikanten,
Ewig will er Flammen fachen,
Die mich doch schon lange brannten,
Und wenn mir das Herz will springen
Von den zartlichsten Gefuhlen,
Tut er nichts als klingen, singen,
Und mit zartlichen Gefuhlen spielen.
Waller hatte unterdessen ruhig fortgesungen:
Nein die Liebe ist zu luftig,
Zwischen Erd und Himmel duftig,
Lohnt sie Schmetterling im Garten;
In den Zimmern, in den Betten
Lohnet sie wohl nie die Zarten,
Leget sie wohl nur in Ketten,
Aber in der Zither Klangen,
Fuhl des Herzens susses Leben,
Fuhl des Busens zartes Drangen,
Und des nahen Atems schwebend Leben.
Hierauf antwortete die tolle Ilse ganz laut:
War ich deine Zithersaite,
Fuhlte ich wohl manche Freude,
Doch was kannst du mir gewahren,
Willst du immer dich nur horen?
Hor, ich wurde mich verzehren,
Wurde ich dich nimmer storen;
Hor, wer irgend eifersuchtig
Und vor jedem Mann erschrocken,
Dem warst du zum Wachter tuchtig,
Hort an deinem Hals der Glocke Locken.
Bei diesen Worten schlug sie das Fenster zu; vergebens stieg Waller wieder die Leiter hinauf und sang ihr vergebens, als sie ihn gegen die Scheiben gelehnt auslachte:
Mein Liebchen hinterm Pillenbaum
Versteckt ihr liebreich Angesicht
Mit ihren beiden Handen,
So meinte sie, sie sah mich nicht,
Und sieht mich durch die Finger kaum,
Und trug mich doch gern auf beiden Handen.
Aber er tauschte sich, sie sah ihn an, machte ihm ein Kompliment, putzte das Licht aus, und er musste ganz missmutig die Leiter herabsteigen. Ohne an Frank zu denken, ging er im Dunkel argerlich vor sich hin, und machte einzelne rasche Griffe auf seiner Gitarre; er war mit sich beschaftigt, wie er dies verkehrte Abenteuer sich selbst am vorteilhaftesten erzahlen konne; so geriet er in die Nahe einer Windmuhle, die der Muller eben zur vorzeitigen Tagesarbeit in dem frischen Winde losliess. Der erste Flugel, der sich ihm nahete, schlug ihm die Gitarre aus der Hand in tausend Stucke; vielleicht hatte er wie Don Quichote seine Pistolen gegen diesen unbekannten Feind gebraucht, wenn nicht das Klappern im Innern ihm sogleich mit dessen Beschaffenheit und guter Position bekannt gemacht hatte. Vielmehr sang er jetzt unter Begleitung der sausenden feindlichen Flugel jammervoll klaglich, hinblickend nach Ilsens Fenster:
Wenn ich zuruck im Fenster ware!
Ja ware!
Hier unten ziehet Wind und Regen,
Mach auf, mach auf und sprich den Segen,
Bin draussen bei der Windmuhl,
Wo der Muller mahlt,
Wenn der Wind geht.
Ach war ich heut nur klug gewesen,
Gewesen!
Ich hatte dich in Arm genommen,
So stand ich nicht so ganz verklommen,
Hier draussen bei der Windmuhl,
Wo der Muller mahlt,
Wenn der Wind geht.
Wenn ich in deinem Herzen stande,
Elende!
Du wurdest nicht das Licht ausmachen,
Und durch die Fensterladen lachen,
Und mich hier stehen lassen,
Wo die Zither springt,
Und die Zahne klappern.
Bei diesen Worten, die der volle aufgehende Mond hell beschien, nahten sich Frank, der Graf und die Grafin mit unwiderstehlichem Lachen dem frierenden Dichter. Er wollte sich erst bose stellen, aber das Lachen war ansteckend, er geriet in den Lachkrampf hinein, und so ganz hinein, dass er flehentlich um Schonung bat; die Tranen liefen haufiger aus seinen Augen, wie bei dem grossten Unglucke; er hielt sich den Leib, und der Muller kuckte neugierig mit weisser Mutze zu seinem Fensterchen auf sie herab. "Jetzt hat der Muller das meiste in der Muhle", sagte Waller, und lachte wieder, "denn sein Kopf ist doch weniger als sein ubriger Korper!" Der Muller fing an, daruber zu lachen, die Hunde schlugen an in der Gegend, die Bauern meinten, es waren vielleicht Diebe irgendwo eingebrochen, und standen auf; da ward in vielen Hausern Licht angeschlagen, die Kinder erwachten und schrien, aber unsre Gesellschaft lachte noch immer fort. Unerwartet horten sie ein Schreien mehrerer Stimmen vom Schlosse her: "Diebe, Diebe, haltet sie!" Gleich darauf fielen ein paar Schusse; verwundert sahen sich unsre lustigen Leute an. Frank sagte, dass Waller Doppelpistolen in der Tasche trage, der Graf entriss ihm eine und eilte voran der Gegend zu, woher das Geschrei gekommen. Er begegnete dreien Mannern, grun gekleidet, die zu entkommen suchten, sie hatten durch ihre gezogenen Hirschfanger ein paar verfolgende Bediente in einige Entfernung gehalten. Der Graf trat unter sie, und drohte sie zu erschiessen, wenn sie nicht gleich ihre Hirschfanger und Pistolen wegwurfen. Der unerwartete sehr entschiedene Feind sturzte ihren letzten Mut; sie warfen ihre Waffen von sich und der eine der drei Manner machte sich als der hassliche Baron namenkundig, und ward dafur erkannt; seine Begleiter waren der Prinzenhofmeister und der Schweizer. Der Baron gebot seinen Begleitern Stillschweigen, und erflehete demutig vom Grafen eine geheime Unterhaltung. Frank und Waller, die inzwischen mit Bedienten und Knechten des Schlosses helfend herbei geeilt, widerrieten ihm sehr dieses Zutrauen; doch der Graf entschied sich nach seiner Art, ihn anzuhoren. Der Baron ging funfzig Schritte mit ihm fort, dort fiel er vor dem Grafen auf die Kniee, bat ihn um Schonung wegen der beiden armen Leute, die er fast gewaltsam zu diesem Unternehmen gebracht; eine wutende Leidenschaft zur Grafin habe ihn seit ihrem ersten Anblicke gefoltert, aber auch ihn habe er immer geliebt. Als er neulich die Grafin beleidigt, das sei Folge dieser Leidenschaft gewesen, die sie niemals in ihm erkannt, niemals aufgemuntert, der Schmerz habe ihm die harten Worte erpresst; er habe nicht von ihr lassen konnen, sei wiedergekehrt zu ihr, doch als ihn der Graf neulich so hart fortgewiesen, da habe er beschlossen, die Grafin durch gewaltsame Entfuhrung sich anzueignen. Die tolle Ilse habe ihn von allem benachrichtiget, sie habe durch Behorchen gewusst, dass der Graf um ihren Liebeshandel mit Waller wisse, dass er dabei gegenwartig sein wurde, dass dann in jedem Falle, was sich auch ereigne, alle Aufmerksamkeit von dem anderen Flugel des Schlosses, wo die Grafin schliefe, abgeleitet sei. Unmoglich hatte sie und er vermuten konnen, dass die Grafin bei ihren Umstanden, in so kalter Nacht, ein solches Abenteuer mit anzuschauen Lust haben konne; er habe sie in ihrem Schlafzimmer allein geglaubt, und sei von der andern Seite mit seinen beiden Leuten durch ein von Ilsen offen gelassenes Fenster eingestiegen, habe aber alles leer gefunden und sei auf dem Ruckzuge von einem erwachten Bedienten entdeckt, und verfolgt worden. Der Graf segnete wahrend dieser Erzahlung, die der Baron viel gestorter und umstandlicher ablegte, den Vorwitz und die Unvorsichtigkeit seiner Frau, der ihn eigentlich gekrankt hatte, bei dem wunderlichen Abenteuer selbst gegenwartig sein zu wollen; sie hatte dadurch ahndend viel Not erspart. Nach kurzem, bald entschiednen Nachdenken antwortete er dem Baron bestimmt, dass er nur in dem einen Falle ihm die gerichtliche Strafe seines Bruchs der offentlichen Sicherheit schenke, wenn er sein kunftiges Leben ganz dem offentlichen Wohle widmete; er kenne ihn, dass er sich als Offizier in fremden Diensten ausgezeichnet; er mochte daher jetzt beim Wiederausbrechen des Krieges die deutsche Sache mit seinem Blut verteidigen. Der Baron schwor ihm, diese Strafe sei so schon, dass sie fast eine Wohltat zu nennen; er fuhre doch in der Einsamkeit des Landes ein unertraglich langweiliges Leben und eine tatige Anderung sei ihm wegen seiner torichten Leidenschaft dringend notwendig. "Nun wohl", sagte der Graf, "Sie sind zu Hause in meiner Gewalt, wie hier, denn mein Begleiter, der Prediger Frank hat Sie erkannt; gehen Sie nach Hause mit den Ihren, und kommen Sie zum Mittag zu mir, wo ich Ihnen einige Briefe an einen General meiner Bekanntschaft mitgeben will."
Frank und Waller waren hochlich verwundert, als die beiden andern Gefangenen vom Grafen losgemacht und ohne Strafe fortgesendet wurden; alle drei entfernten sich stummeilig, als wurden sie noch verfolgt. Der Graf sprach kein Wort daruber, als dass er alles bloss fur ein verletztes Jagdrecht ausgab; einem Jager gab er heimlich Befehl das Zimmer der tollen Ilse zu bewachen. Man drang nicht weiter mit Fragen in ihn, selbst die Grafin beruhigte sich, denn alle waren so mude, so erschopft von den verschiedenen Gemutsbewegungen, dass der Schlaf in seine Rechte eintrat, die er bis zum Mittage behauptete. Merkwurdig war es dem Grafen, als er sich angekleidet hatte, und nach der tollen Ilse fragte, sie nirgend entdecken zu konnen, ungeachtet der Jager sehr gute Wache gehalten. Das listige Geschopf hatte gleich in der Nacht an dem ganzen Verlaufe der Geschichte bemerkt, dass sie wahrscheinlich verraten sei, und war noch wahrend der Unruhe entwichen, wahrscheinlich die Liebesleiter hinuntersteigend, dicht neben denen Leuten vorbei, die alle mit den Gefangenen ganz beschaftigt waren. Nachher besah er die Art, wie der Baron in das Schloss gekommen, wo Ilse ein Fenster, statt es zu schliessen bloss angelegt hatte. Nun wollte er auch die Doppelpistole versuchen, die ihm drohend so gute Dienste geleistet, aber wie verwunderte er sich, als das Pulver ohne Schuss von beiden Pfannen brannte, ungeachtet sie sehr stark geladen. Er zog den Schuss aus und fand, dass Waller in seiner gewohnten Unordnung, die eigentlich verbunden mit Verhoren, Ubersehen und einer grenzenlosen Unbescheidenheit das Fundament seines Witzes ausmachte, die Papierpfropfen vor das Pulver eingeladen. Und mit dieser unbrauchbaren Ladung hatte er drei wohlbewaffnete Manner gefangen! So geht es aber im kleinen, wie im grossen Kriege, Zutrauen und Unternehmung besiegen meist uberlegene Zahl und Waffen.
Als die Grafin aufgestanden war, erzahlte er ihr ausfuhrlich das ganze Bekenntnis des Barons, bewunderte ihre geheime Vorahndung, die sie mit in den Garten getrieben, und machte sie fast stolz mit den reichen Artigkeiten, wozu seine Liebe nur Gelegenheiten suchte, um sich ganz ungemessen uber sie zu ergiessen. "Glaub mir nur immer", sagte sie, "wo ich auf etwas bestehe, habe ich sicher meinen geheimen Grund; so wusste ich recht gut, dass mich der Baron liebte, jede Frau weiss das einem Manne abzusehen; so kannte ich recht gut seinen gefahrlichen Charakter und drang damals so ernsthaft in dich, seiner im Zweikampfe nicht zu schonen. Noch immer furchte ich, dass er zum Mittagessen entweder nicht erscheint, oder eine geheime Bosheit ausfuhrt!"
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Der hassliche Baron, Nudelhuber, Kirre und Waller
ziehen in den Krieg
Es schlug und lautete zum Mittagsessen und es fuhr ein Reisewagen ins Schloss, aus welchem der Baron in alter Uniform mit seinen beiden lacherlichen Begleitern ausstieg; auch Waller wurde sichtbar, doch mit geborstenen Lippen, die ihm das Lachen nicht erlaubten, und zu gleicher Zeit sprengte Frank auf seinem Filialklepper herbei. Als die ganze sonderbare Gesellschaft beisammen, bat der Baron noch einmal den Grafen und die Grafin wegen seines Frevels um Verzeihung, wobei die lacherlichen Begleiter schweigend die Gebarden nachahmten; er zeigte ihnen in der bereits angetretenen Reise die Erfullung seines Versprechens zu einem tatigen Leben uberzugehen. Alle verziehen, doch wurden ihm manche Fragen noch uber seine sonderbare Bildung vorgelegt. "Von meiner hasslichen Bildung", sagte er, "kommt alles; Liebe zu erwecken, schien mir von fruhester Kindheit unmoglich, weil mich die eigene Mutter mit Abscheu anlachte, mit meinem Grinsen Possen trieb und mich dann im Ekel von sich warf. Ich suchte also den Leuten bedeutend zu werden, indem ich mich in aller andern Art, nur nicht im Guten, auszuzeichnen suchte; unzahlige Schlage und Krankungen machten mich noch harter und trotziger, und was anfangs nur ein willkurlicher Versuch war, mich geltend zu machen, das wurde bald meine andre Natur und meine einzige. Hatte ich ein glattes Gesicht behalten, wie der Graf, ich glaube auch, dass ich zu allem Grossmutigen aufgelegt gewesen und geblieben ware; und punktierte, tatowierte, bemalte und kerbte man sich hier wie bei den Wilden, so hatte ich ausgesehen wie alle andern und ware auch ein edler Mensch; die Schonheit macht aber alles Ungluck der Welt." Dieser widrige Mensch entzuckte Wallern; vielleicht mochte auch die Krankung der vorigen Nacht, vom Grafen heimlich beobachtet zu sein, nachwirken; genug, er beschloss den Baron zu begleiten, der mit rechtem Behagen seine Sammlung noch um eine wunderliche Menschenspezies vermehrte. Waller sendete gleich seinen Sohn Alonso mit einem freundlichen Briefe an die Amtmannstochter, beschwor sie bei der Liebe, die sie zu seiner Frau getragen, bei der reinen Segnung, die ihnen aus dem Himmel dieses reinen Engels herabstrahlen werde, der Erziehung dieses Kindes alle Sorgfalt zu weihen, es sei gut geartet und werde ihnen im Gedeihen reichlich lohnen. Traugott uberliess er dem Grafen, doch wagte er ihm nicht mundlich Ermahnungen zu geben, sie hatten sonst allesamt in den Lachkrampf, wie in der Nacht bei der Muhle zuruckfallen konnen. Nun suchte er sich im Hause zusammen, was er auf der Reise brauchen konnte; statt des Weibersattels seiner Frau legte er dem Pferde einen Sattel des Grafen auf, packte aber alle seine Sachen in Tucher gebunden nicht auf das Pferd, sondern in den Wagen des Barons; die beiden Ziegen verkaufte er dem Grafen, der sie ihm vielfach teurer bezahlte, als sie wert waren. Nachher setzte er sich zuerst in den Wagen und liess sein Reitpferd anbinden, daruber vergass er den Abschied; der Baron schied mit der ersten Ruhrung seines Lebens und setzte sich still neben ihn; der Schweizer folgte ihm mit der Versicherung, es waren doch liebe, liebe Leute, der Graf habe ihm ein paar Kupferstiche gut bezahlt. Wie erschrak aber der gute Malm, als er seinen Sitz mit den Sachen Wallers besetzt fand; ohne Anfrage warf er alles zum Wagen hinaus. Waller fiel uber ihn her, aber jener druckte ihn als der Starkere zusammen; der Prinzenhofmeister stieg ein mit einem feinen spottenden Blicke uber dies Ereignis; der Baron rief: "Fahr zu!" und in wenigen Augenblicken waren sie entrollt und der Staub senkte sich stille hinter ihnen. Die sogenannten Sachen des Dichters bestanden aber eigentlich nur in einer Masse einzelner Papiere in Tucher gebunden wie alte Wasche; die Tucher hatten sich gelost und die Blatter flogen im Winde umher. Der Graf schickte alle seine Leute auf diese Schmetterlingsjagd, sie zu erfassen, aber dieser Ephemeren waren zu viele und eine so innere Fluchtigkeit in allen, dass immer zehne wieder entflogen, wahrend eines dieser Papiere eingefangen wurde. Noch am andern Morgen fanden die Dorfkinder am Rande des Baches einzelne Blatter, in denen der Geistliche die herrlichsten Sapphischen Oden und grosse Stucke aus einem kleinen epischen Gedichte uber das Weltmeer entdeckte, und dieser brachte den Grafen, der gerade den Knopf der neuerbauten Kirche aufsetzen wollte, auf den Gedanken, neben tausend besseren Denkmalern auch alle diese Papiere in der grossen kupfernen Kugel, dicht verlotet, in die hoheren Regionen erheben zu lassen, dass sie als ein Zeugnis der kommenden Welt dienten, wie weit es unsre Zeit gebracht habe.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Kirchweihe
Eine feierliche Kirchweihe mit allen den geheimnisvollen Gebrauchen, die der katholische Glaube gestattet, den Raucherungen, Weihungen und Austreibungen, welche eine ganze Nacht bei verschlossenen Turen in ihr festgesetzt werden, beschaftigte, sehr verschieden von der vorhergehenden, die nachste Nacht; da dann der Morgen die Kirche mit Grun und Blumen herrlich geschmuckt, von Weihrauch duftend, von unzahligen Lampen erhellt, der Geistliche das Allerheiligste in der Hand, der staunend niedersturzenden Menge eroffnete. Nachher hallten die Chore des Grafen einen abwechselnden Gesang, der bei jedem Kirchweihfeste in alle Zeit, so weit des Menschen Wille reicht, wiederholt werden sollte. Die Grafin fand diese Gebrauche sehr abgeschmackt, ob sie gleich davon ergriffen wurde; der Graf, der an der Anordnung mit wahrer Liebe gearbeitet, konnte ihr nichts antworten, als dass alle Speisen nicht mehr schmeckten, wenn man ihrer genugsam gegessen, wer sie aber genossen, solle dankbar sein dem Geber aller Dinge, denn so stehe im Vaterunser.
Achtundzwanzigstes Kapitel
Die Ernte
Die Ernte, die bei schonem trockenen Wetter glucklich angefangen wurde, beschaftigte den Grafen mehrere Wochen ausschliesslich, er selbst war gern den ersten Tag eine Stunde lang Vormaher, seine Kraft und seine Kenntnis und seine Wertschatzung des Geschaftes offentlich zu beweisen. "Wie uberfallt mich so liebe vieljahrige Erinnerung", sagte er, "denk ich der Ernte, wie ich als Kind schon die schweren Garben zusammen zu tragen suchte, und sie doch hinter mir herzog, wie ich dann, alles mit durchspielend, mich zu dem Bierfasse setzte und einen Schluck des Getrankes jauchzend leerte, und mir ein kleines Madchen aufsuchte, dass sie mir einen Strauss mit Silberband schenkte, dass auch ich geschmuckt wie jeder Maher einherziehen konnte; wie ich dann so fruh aufwachte, so gerne ich sonst schlief. Wahrlich, die Kindheit aller Menschen gehort aufs Land, kein Mensch sollte seine fruheren Jahre in der Stadtmauer zubringen!" So rief der Graf einmal heimkehrend seiner Dolores zu, der die Anstrengung bei diesen sogenannten Freuden, so verhasst war, dass sie nicht gern den Ernteleuten begegnete, und sie spottend Feldscherer nannte; diesmal kam hinzu, dass der Graf sehr beschmutzt heimkehrte, auch in der Ermudung dies wenig bemerkte oder verbesserte, dazu endlich die Hitze, welche Tage und Nachte mit Feuer und schreckhaften Gewittern fullte; genug, diese hocherwunschte Zeit war ihr zum Verzweifeln verhasst, und sie antwortete ihm statt der Beistimmung mit der Bitte, sich zu waschen und umzukleiden, es ware sonst in seiner Nahe nicht auszuhalten. Der Graf besah Hande und Stiefeln und fand, dass sie recht hatte; aber die Erinnerung kam so wunderbar in seine Erinnerungen eingekeilt, dass er sich eines kleinen Ausrufs: "Wie gehort das hierher?" nicht erwehren konnte. Uberhaupt sei jedermann vorsichtig in einem geliebten Umgange gegen irgend etwas einen Ekel auszudrucken; ist es auch etwas Vorubergehendes, was weggeschafft werden kann, es ist doch eine Storung im Vertrauen, einem geliebten Wesen auch nur fur einen Moment ekelhaft gewesen zu sein. Darum ehre ich auch die Gesinnung mancher Mutter, die ihren Widerwillen gegen manche unvermeidliche Unreinlichkeiten der Kinder mit einer freundlichen Ergebung, ja selbst mit einer Art Ehrgefuhl, dulden, als sei diese Duldung eine reizende Pflicht. Was aber den Grafen mehr als jene eigne Krankung beunruhigte, war der Widerwille seiner Dolores dem kleinen Traugott, der nach dem Tode der Mutter immer krankelte, beizustehen; keine Viertelstunde konnte sie es in seinem Krankenzimmer aushalten, und doch hatte das schone Kind, wie dies haufig gefunden wird, durch diese krankhafte eine ernste Beziehung auf sich, eine vorreife sehr uberraschende Geistesbildung erhalten, so dass man oft glaubte, es spreche nach, wo es tief aus sich gedacht hatte. Der Kleine litt an einem unregelmassigen kalten Fieber; trat nun der Frost ein, so suchte er die sonnigen Stellen sich auf, wo er ihn ungestort uberstehen konnte. Der Graf hatte vergebens seine Frau gebeten, sie mochte doch hindern, dass der Knabe sich nicht auf feuchte Erde lege, sondern ihm eine Matratze oder einen Stuhl nachtragen lassen; die Grafin vergass es, sich darum zu bekummern, und der Kleine mochte niemand bemuhen. Er schlich ganz heimlich fort und da ihn niemand auf dem Kirchhofe suchte und der Rasen dort voll Blumen aller Art und sehr weich war, so hatte er dort schon mehrmals sein Fieberlager gehalten, als er auch einmal zufallig auf dem Grabe seiner Mutter einschlief. Nun traumte ihm wunderbar wahrend der Fieberhitze, dass er nach einer Blume greife, die er fur herrlich halte, weil sie in Gelb gluhete, dass er sie nach kindischer Art essen wolle: denn so versuchen die Kinder alles, was ihnen gefallt; dass aber die Mutter, ganz wie er sie in den letzten Stunden gesehen, die Blume ihm entreisse, und er daruber weine. Er wachte von diesem Weinen auf, und sah, dass er in seinen Handen eine gelbliche Blume trug, die er in der Fieberschwarmerei abgepfluckt. Aus Verwunderung daruber brachte er sie nach Hause und zeigte sie dem Grafen, der eben von der Aufsicht uber die Ernte heimkehrte. Der Graf erkannte sie bei den ersten Blicken fur Belladonna, und riss sie angstlich dem Kleinen weg mit der Frage, ob er auch noch nicht davon genossen, sie sei sehr giftig, heisse Schone Frau, nur den tollen Hundsbiss heile sie zuweilen. Der Kleine wurde verwundert und noch blasser, als er war, und der Graf meinte schon, dass seine Besorgnis leider gegrundet, als er ihm sehr feierlich seinen Fehler bekannte, gegen sein Verbot auf dem feuchten Erdboden geschlafen zu haben, und dann erzahlte er ihm den wunderbaren Traum auf der Mutter Grabe und meinte ganz fest, die Mutter lebe noch. Der Graf nahm den Kleinen mit Liebe in seine Arme und trug ihn schmeichelnd auf sein Zimmer, es war ihm wie bei etwas Wunderbarem zu Mute, wo niemand weiss, was zu tun, wo jeder staunt, unwissend wohin es deute; denn wo so verschlossene Wege sich offnen, warum soll der Mensch da die gewohnlichen des Lebens weiter gehen. Seit diesem Tage bemerkte er an dem Kleinen ein eignes Vergnugen den Leuten im Hause das Zukunftige zu sagen; er liess sich die Hande zeigen und wusste ihnen so ins Herz zu reden, dass sie vor ihm erbebten. Auch die Grafin hielt ihm die Hand einmal hin, aber der Kleine hatte mit dem Kopfe geschuttelt und nichts sprechen wollen. Kleine Begebenheiten trafen wirklich ein und der Glaube an ihn vermehrte sich im Dorfe so gewaltig, dass selbst des Grafen Ansehen, wenn er auch den Willen dazu gehabt, den Zulauf nicht gehemmt hatte. Unsre Bucher schweigen von dem geheimen Volksglauben, weil die lesenden Stande ihn aufgegeben haben; die nichtlesenden wissen von Thomasius nichts und es vergeht ihnen kaum eine merkwurdige Zeit ohne geglaubte ausserordentliche Einwirkung der hoheren Krafte und Erscheinungen, die den Dichtern als eine unterhaltende Tauschung verziehen werden, deren sich aber die Historiker, ungetreu allen ihren Grundsatzen uber die Benutzung der Quellen, immerdar noch schamen. Ich erzahle, wie ich die Geschichte empfangen, einzig besorgt, sie nicht zu entstellen. Alonso, der Bruder des kleinen Traugott, kam von Zeit zu Zeit seinen Bruder zu besuchen, aber ihr sonstiges Spiel hatte sich in einen Austausch von Zartlichkeit und Ehrfurcht aufgelost; Alonso wagte es nicht mehr mit ihm zu spielen, und Traugott fuhrte ihn mit Tranen an seiner Mutter Grab, wo er ihm von einer Blume erzahlte, die nicht giftig ware und doch gelb, zu der die Sonne wie ein Staub taglich neu fliege und falle, sie schwimme wie eine Wasserlilie auf dem Meere. Wenn Alonso nun fragte, woher er das wisse, so sagte Traugott, die Mutter habe es ihm gesagt. Und wenn er ihn fragte, ob er wohl ein Verlangen nach der Blume habe? "Ei Gott nein", antwortete er, "zu der bin ich noch lange nicht reif, vor der musste ich ganz und gar vergehen!"
Der Prediger Frank interessierte sich lebhaft fur Traugott; er wollte ihn immer beobachten, aber der Kleine verschloss sich vor ihm wie das Nolimetangere vor jeder unkeuschen Beruhrung; ja seine Nahe machte dem Kleinen physischen Schmerz. Der Arzt des Frauleinstifts, der beruhmteste der Gegend, kam einen Tag um den andern, ass bei dem Grafen, ging einen Augenblick zu Traugott, fuhlte den Puls, besah die Zunge, und versicherte, er sei sehr zufrieden, es werde bald ganz gut werden. Eines Tages sagte der Knabe, er werde seinen Vater bald sehen, und wirklich kam Waller den Nachmittag aufs Schloss geritten und brachte der Grafin einen prachtigen, mit einem Helmgefasse in Bronze verzierten Kurassierdegen, den der hassliche Baron in einem der ersten Gefechte erbeutet. Seine Beschreibungen von der Armee waren sehr lacherlich; er hielt sie fur eine grosse Fuchtelmaschine und erzahlte, wie der Schweizer vor den Gefechten so herum schleiche und heimlich seine heiligen Bilder mit Segensspruchen zu hohen Preisen absetze, und wie der Prinzenhofmeister nach der Schlacht unter dem Schutze des Barons eine grosse Pharaobank aufgeschlagen, um den Rest des Geldes an sich zu reissen. Alle Taschen hatte er mit lustigen Soldatenliedern gefullt, und im Lager hatte er ein grosses Puppenspiel gehalten, worin er sich uber alle kommandierende Feldherren unter veranderten Namen aufgehalten. "Keine Art von Menschen", rief er, "hat mehr Sinn fur echt lebendige Kunst als gemeine Soldaten, keine so wenig Sinn und Urteil als Offiziere; ihr bisschen Taktik und ihre steifstellige Ehre und ihr schiefer Hut hindern sie einem Spass gerade in die Augen zu sehen; sie mochten gern recht vornehm fuhlen, und da schamen sie sich mit den Soldaten zu lachen, wo sie es nicht kommandiert haben." Nach seinen Kindern hatte er weiter kein Verlangen, aber wohl nach seinen Werken, die damals so schnode aus dem Wagen geworfen. Welcher Schrecken, als ihm der Graf den hohen Turmknopf als ihren gegenwartigen Ehrensitz zeigte, und ihn fragte, ob er Lust hatte sich da hinaufziehen zu lassen, um die Kugel aufzumachen, und nachzusuchen. Er warf sich schwindelnd an die Erde und glaubte schon oben zu stehen, so stark trieb ihn die Versuchung dahin, er schwor, dass er hinauf musse, und koste es ihm das Leben. Vergebens stellte ihm der Graf die kunftige Unsterblichkeit vor, wenn nach mehreren Jahrhunderten der Kirchenknopf eroffnet wurde, vielleicht bliebe er dann allein noch ubrig von allen Dichtern; er wollte den Ruhm in seiner Zeit und es musste alles angeordnet werden, um die Kugel wieder zu eroffnen. Sehr beschaftigt mit diesem Gedanken, bat er sich zu seiner Starkung ein neues Getrank aus, das allen im Schlosse noch ganzlich unbekannt war, er nannte es einen Brenner und bereitete es selbst. In eine grosse breite, nicht allzu tiefe Porzellanschale goss er mehrere Flaschen Rum und druckte ein paar Zitronen hinein, dann legte er zwei Degen quer uber und auf die Degen grosse Stucken Zucker; nun bat er die Grafin die Flussigkeit mit einem seiner Gedichte anzuzunden. Als die Flamme blau aufloderte, loschte er die Lichter aus, und bald erschienen die Menschen umher wie Geister, namlich so wie Geister gewohnlich gedacht werden, farbelos und unbestimmt. Waller durchkreuzte die Luft mit furchterlichen Beschworungen, und schrieb Charaktere auf den Boden; jetzt flammte das rotlich gelbe Feuer des Zukkers auf und indem die Grafin schauderte sagte Waller, dass alles beendigt, und die Loge geschlossen sei, zundete die Lichter wieder an, blies das geistige Feuer aus, und schenkte rings die Glaser voll. Alle schworen, dies Getrank sei die hochste Erfindung, keiner kannte dessen machtig berauschende Kraft; auch die Grafin trank ihr Glas, eigentlich mehr, als ihr gut war. Es ist ungemein reizend, eine schone Frau sich selber unbewusst von fremder irdischer Kraft hoher belebt zu sehen; nur die reine Begeisterung von oben kann noch lieblichere Bewegung und Deutung in ein Gesicht bringen. Der Graf konnte sich nicht satt sehen an der Geliebten; kein Schauspiel hatte ihn je so angezogen als diese schone Beweglichkeit, der Glanz der Augen, das Hingeben des ganzen Wesens. Da Waller bemerkte, dass niemand seiner achte, stimmte er ein lautes Soldatenlied an, das er kurzlich auf den Brenner gesungen hatte:
Der Mantel ist mein lustig Haus,
Drin ist gewolbt ein Keller,
Da gibt es manchen schonen Schmaus,
Da geht es stets herein, heraus,
Und kostet keinen Heller.
Ein Ofen ist in diesem Haus,
Das ist die Tabakspfeife,
Die macht mir Wolklein weiss und kraus,
Es scheint recht wie ein Blumenstrauss,
Weg ist's, wenn ich nach greife.
Der Brenner ist des Teufels Kost,
Mit Feuer ich ihn locke,
Und fur den einzigen Hollentrost
Er alle Feinde niederstosst,
Zu Dutzend und im Schocke.
Mein Pferdchen, das mit Sprungen trabt,
Hab ich durch ihn erbeutet,
Wie es mir nun das Herze labt,
Als hatt ich es zum Thron gehabt,
Wenn es die Mahne breitet.
Es ist ein grosser Federkrieg
In aller Welt entstanden,
Die hohe Feder wallt zum Sieg
So weit mein Schwert reicht, alles liegt,
Als wuchs es auf dem Sande.
Wir sitzen ab im Stadtlein drin,
Die Burgermadchen schauen,
Die erste fass ich an das Kinn,
Die zweite sieht, dass ich es bin,
Und tut mich lieblich hauen.
Ich lass mir ein klein Zettelein
Von ihrem Ratsherrn schmieren,
Dafur lasst mich ein jeder ein,
Und bringt mir gleich den Krug mit Wein,
Ich und mein Pferd regieren.
Das Madchen fuhrt uns in den Stall,
Im Stall, da ist es dunkel,
Da leuchtet dann ihr Aug zumal
Wie Sonne uber Berg und Tal,
Mit lieblichem Gefunkel.
Das schone Kind klatscht mir mein Pferd,
Mocht ihm zu fressen geben.
"Nur gluhe Kohlen frisst mein Pferd,
Die Augen dein, die sind der Herd;
Dir ist es ganz ergeben."
Wer das Kommissbrot hat erdacht,
Das war ein guter Reiter,
Das steht uns frei bei Tag und Nacht,
Mein Pferdchen es auch nicht veracht,
Es macht uns fest und heiter.
Wahrend dieses wilden Liedes, das Waller mit allerlei Gebarden akkompagnierte, war der Grafin, deren Blut sehr bewegt war, so angst geworden vor ihm, dass sie sich furchtsam an den Grafen druckte und endlich fort lief, der Graf ihr nachging, und so blieb Waller ganz allein und trank ruhig bis zum letzten Tropfen alles rein aus. Dann seufzte er und ging zu dem Bette des kranken Traugott, aber statt dessen Leiden mit Liebe und Trost zu mildern, klagte er ihm sein Ungluck mit den Papieren. Der Kleine fasste ihn an und sagte, dass er alles lesen konne, was im Kirchenknopfe liege; Waller schimpfte ihn aus, aber er fing an herzusagen, und sagte dem Vater ganze Stucke, die er niemals vorgelesen hatte. Waller nahm diese geheimnisvolle Verbindung ganz ohne Nachdenken auf, holte Papier und Feder, und liess sich alles wieder diktieren, wovon er keine Abschrift genommen hatte, bildete am Morgen, als alles fertig war, der Grafin ein, er sei in der Nacht als Nachtwandler hinaufgestiegen und habe die Papiere, die ihm wert, abgeschrieben, und so ritt er ohne Abschied oder Dank von dem Kleinen fort in die weite Welt. Die Grafin, die nachher von Traugott den Zusammenhang erfuhr, erklarte sich alles aus einem glucklichen Gedachtnisse des Kindes, das dem Vater sonst zugehort, wenn er seine Verse laut nachskandierte, wie das immer seine Gewohnheit war.
Eine Stunde hatte Waller in dem Zimmer seiner verstorbenen Frau zugebracht, das der Graf, wie wir wissen, unverandert gelassen; wie sie an einer kleinen Staffelei in Rotel die Gegend halb aufgezeichnet hatte, so lag noch die Zeichnung, der Rotel, selbst die Semmelkrumen, mit denen sie einiges ausgerieben. Wir erinnern dies, weil es zum Verstandnisse eines Liedes notwendig, das der Graf und die Grafin, einige Tage nach dieser letzten Abreise Wallers, von ihm in eine Glasscheibe mit einem Demanten eingekratzt fanden:
Lichte Streifen von dem Himmel
Leicht zur Erde niederwallen;
Will das Licht die Saiten stimmen?
Will ein Regen niederfallen?
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Viele dichte Dornenhecken
Sollen es der Welt verschliessen,
Tausend Vogel drinnen stecken,
Tausend Bache rauschend fliessen;
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Wie viel tausend rote Blicke
In dem grunen Klee hier winken,
Winkt ihr mir zu meinem Glucke,
Blumen, die im Grun ertrinken?
Endet hier meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei?
Zwei Kaninchen auf zwei Beinen
Sitzen da an einem Blatte,
Wahrend sie's zu fressen scheinen,
Sie sich recht gekusset hatten;
Liebet ihr euch im Ehestand,
Nehmet mich auf in dem sel'gen Land.
"Mit den Kaninchen sind wir gemeint", sagte die Grafin.
Freundlich mich die beiden laden,
Doch sie beide mein vergessen,
Und was konnt ich ihnen schaden,
Ware ich auch zu vermessen;
Gnadig sind wohl die Grafen hier,
Aber die Liebe ward nicht mir.
Seht, der Wind kommt wie verschlafen,
Der der Erde Teppich kehrt,
Will den Staub zusammen raffen
Und sich gar an mich nicht kehrt;
Hoflich ist nicht die Dienerei,
Wenn's das Paradies auch sei.
"Da bekommen deine Magde auch ihr Teil", sagte der Graf.
Von dem hochsten Apfelbaume
Schuttelt Wind die Fruchte alle,
Weckt ein Kindlein aus dem Traume
Mit der harten Fruchte Falle;
Warest du mein, die Streiferei,
Ware voll Geschrei dabei.
"Da hat Traugott wieder im Grase gelegen", sagte der Graf.
Dieses Kind, das sollt ich kennen,
Auch der Baume Schattenrisse,
Doch die Regenstreifen rennen,
Herz und Himmel sind zerrissen,
Traurig wird meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Kindlein, bist du hier alleine?
"Ganz alleine mutterselig!"
Und was willst du damit meinen;
Ist die schone Mutter selig?
Seit die Menschen sind verstort,
Ist das Paradies betort.
Eine Ziege kommt gesprungen,
Aus dem Euter Milch verlieret,
Ist vom Blumenkranz umschlungen
Und sie frisst ihn, der sie zieret:
Traurig ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
"Die Ziege hast du ihm teuer genug bezahlt", sagte die Grafin.
Diese Wiesen, diese Gange
Wandelt ich in Liebchens Schatten,
Durch des Morgens schone Klange
In dem zartlichen Ermatten,
Und wie ist es mir bewahrt,
Auch das war der Muh nicht wert.
Langeweile gahnt in Blumen,
Nichts zum Trinken, nichts zum Schmause,
Von dem Zeichnen Semmelkrumen
In dem bunten Fruhlingshause;
Ach und ich weiss es nun aufs Haar,
Wo das Paradies einst war.
Offen stehn die Paradiese,
Und ich stehe drin verlassen,
Ewigkeit, die sie verhiessen,
Wurd ich ohne Kunst doch hassen,
Ach und ich fuhl es nun bewahrt,
Dieses war der Muh nicht wert.
Wie mit geflugelten Heuschrecken ziehend
Uber die durr zerfressenen Halme,
Zieh ich mit dem Heere gluhend,
Dass ich die Wurzeln des Gruns zermalme,
Such ich in ew'ger Streiferei,
Wo das Ende der Welt wohl sei.
"Sollte man nicht glauben, er war in der grossten Verzweifelung uber den Verlust seiner Frau, und hatte sich deswegen zur Armee begeben; wenn wir nicht alles ganz anders wussten, wir mussten dran glauben", sagte der Graf. "Aber was will er mit der unhoflichen Aufnahme sagen?" fragte die Grafin. "Liebe Dolores", antwortete der Graf, "das kann wahr sein, wo die Frau sich um nichts bekummert, werden Bediente leicht unhoflich; mir ist es wie jedem Manne unertraglich, mich um so etwas zu kummern." "Ich will schon Ordnung stiften", meinte die Grafin.
Neunundzwanzigstes Kapitel
Erntefest. Traugotts Tod
Das Erntefest, das auf Veranstaltung des Grafen recht feierlich und lustig begangen wurde, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von dem Kleinen ab, der sich den Tag besonders wohl fuhlte; man ging in die Kirche, von da auf den Tanzplatz, und er wurde erst nachmittags von den Bedienten vermisst; sie suchten ihn uberall immer angstlicher, je spater es wurde, und ihr Rufen zog auch den Grafen in diese Nachforschungen. Eine geheime Ahndung trieb ihn auf den Gottesacker, und er fand den kleinen Traugott auf dem Grabe der Mutter frohlich lachelnd eingeschlafen, er fand ihn tot. Die frohliche Ernte schloss mit der Todessichel, welche die schonste Blute niedergemahet hatte; sie schloss wie das Jahr, das schon seinen kalten Totenwagen uber die Stoppeln hinubersturmen liess, das Erntefest ist das wehmutigste des ganzen Jahres, ein Scheideruf an alles, was uns am Jahre freut, und wurde es nicht vertanzt, es musste verweint werden. Der Graf konnte bei dem feierlich grossen Leichenzuge kaum ausdauern; erst lange nachher vermochte er die Beangstigung zu uberwinden, mit der ihn ein Lied verfolgte, das ihm bei dem letzten Anblicke Traugotts eingefallen; wir warnen frohliche Herzen dagegen.
Es sonnte sich ein kranker Knabe
Auf seiner armen Mutter Gruft,
Da fasset ihn der Ahndung Gabe,
Er wittert einer Blume Duft,
Die ferne schwebet in dem Meere,
Weit an dem Ende aller Welt,
In die aus hoher luft'ger Leere
Die Sonne wie ein Same fallt.
Es gluht auf seiner blassen Wange
Nun eine Rote wunderbar,
Es schwebt sein Ohr in tiefem Klange,
Es wird sein Auge ihm so klar,
Es glanzt auf seinem stillen Herzen
Ein Regenbogen wie ein Strauss,
Der hat verkundet seine Schmerzen
Hoch in des Himmels sel'gem Haus.
Dem Himmel hat er ihn verbunden,
Zeigt ihm das offne Himmelstor,
Er schauet nun in Schmerzensstunden,
Was Lust ihm nie gezeigt zuvor,
Wie kann er nun die Welt verschmerzen,
Ihm ist verschwunden aller Graus,
Sein Herz, gebrochen einst in Schmerzen,
Sieht froh die Witterung voraus.
Er sieht voraus die Liebestage,
Wo Hand in Hand sich gern ergeht,
Manch Madchen zeigt die Hand zur Frage,
Weil er die Linien jetzt versteht;
Des Knaben Ruf ist weit erschollen,
Denn jeder fragt nach Witterung,
Die Alten, weil sie ernten wollen,
Und weil sich lieben, die noch jung.
Jetzt hat der Schlaf ihn fest umfangen,
Da nimmt die Mutter seine Hand,
Da sieht er all, was ihm vergangen,
Und keine Zukunft er drin fand:
O Liebe, wo du gegenwartig,
Da ist das eigne Leben aus,
Die Seele ist dann reisefertig,
Du tragst sie in ein andres Haus.
"O Muttererde lass dich grussen,
Du trugst mich treu in stiller Qual,
Lass deine kuhlen Lippen kussen,
Hast andre Kinder ohne Zahl,
Doch ich gehor dem Vaterlande,
Dem Vater in dem Himmelreich,
Es losen sich die alten Bande,
Zum letztenmal die Hand mir reich."
Er kann sich selber nicht begreifen,
Es wird ihm wohl, so auf einmal,
Da sieht er dann die Engel schweifen
Auf seines Tranenbogens Strahl,
Wie sie die bunten Flugel schlagen,
Dass jede Farbe klingt im Glanz,
Er fuhlt von ihnen sich getragen,
Den Fuss bewegt in ihrem Tanz.
Was ihm das Herz sonst abgestossen,
Das singt er jetzt mit kaltem Blut,
Sein Blut hat sich in Lieb ergossen,
Und keine Furcht beschrankt den Mut,
Wo sich das Auge sonst geschlossen,
Da hebt es nun den Blick von hier,
Er ruft: "Der Himmel ist erschlossen,
Ich furchte mich nicht mehr vor mir."
Da ruft er wonnig allen Lieben:
"Es kommt ein Tag, wie's keinen gab,
Die Ernte durft ihr nicht verschieben,
Die Liebe greift zum Wanderstab!"
Er ruft: "Brich an du Tag der Sage,
Der ew'ges Wetter mir verspricht!"
Sein Herz schlaft ein am jungsten Tage
Erwacht es rein zum Weltgericht.
Dreissigstes Kapitel
Uberdruss der Grafin gegen das Landleben
Wir wollen uns nicht wehmutiger machen mit dem Wiedererzahlen der Totenfeier des Kleinen, der die vereinte Teilnahme des Grafen und der Gemeine eine Feierlichkeit schenkte: das letzte Geschenk; mir wird bei diesem traurigen Einhalte des frohen Laufes landlicher Freuden, als erblinde ich plotzlich; manches nahe frohlich Sichtbare verschwindet mir, und selbst der Anblick der schonen Grafin, der mich so oft erquickt, lasst eine leere Sehnsucht in mir zuruck. Sie selbst fuhlte diese Ode wohl am schwersten, und viel langer schon, denn eigentlich nahm sie keinen eigenen Anteil an den Erzahlungen anderer, die uns unterhalten haben; sie kam meist dabei auf fremde Gedanken an die Stadt und ihre Bekannte dort. An den Beschaftigungen des Grafen fand sie noch weniger Geschmack; ihre Umstande widerrieten ihr das Reiten und die Jagd, an denen sie Gefallen fand, und die einzige Gesellschaft, die ihr behaglich, die des Barons und der tollen Ilse, war ihr verloren. Doch lasst sich alles bei schonem Wetter und im frischen Grun ertragen, wenn aber die Blatter gelben, abfallen und am Boden rauschen, die starren Herbstblumen mit ihren geruchlosen Blattern vorscheinen, der Samann im Nebel ernst uber den schwarzen Acker schreitet: Ach! warum haben wir den ziehenden Vogeln so oft nachzurufen, und sie bleiben doch nicht; statt ihres freundlichen Morgengrusses aus heitrer Hohe, statt ihres Abendrauschens in den dichten Kastanien vor dem Schlosse, tont Morgens und Abends ein rastloses Sausen der Luft, die vergebens ein Winterlager sucht und Fenster und Turen dicht gegen sich verschlossen findet. Hat eine junge lebendige Frau dieses Sausen einen Tag angehort auf hochgelegenen Schlossern, den Schlag der Axt in den Waldern vernommen, und die hochbelaubten Haupter niedersturzen sehen, in die Nebel zwischen den Bergen dann stundenlang hingeblickt, ohne eigene Beschaftigung, einsam, korperlich leidend, und kommt dann der lange Abend bei einem rauchenden Kamine und kommt der langersehnte Briefbote, und sie liest da Briefe aus der Stadt, die von unzahligen Lustbarkeiten unterbrochen sind, aber immer das Verlangen aller Jugendfreundinnen wiederholen, dass sie zuruckkehren mochte: es kann doch eine trube Stunde ihr machen, wo sie ihres jungfraulichen Standes mit Sehnsucht denkt, ihrer goldnen Freiheit, des leichten Tanzes, der unbestimmten Hoffnung, die weit uber alles bestehende Gluck hinaus ihre nahrenden luftsaugenden Zweige treibt.
Und so sass einst die Grafin in Tranen beim Kamine und die Lichter waren ungeputzt heruntergebrannt, als der Graf voll Arger uber einen Wassersturz, der eine seiner schonsten Gartenanlagen zerstort hatte, ins Zimmer trat, um bei ihr Trost zu suchen. Auch er hatte noch nicht die dem Landwirte vor allen andern Menschenklassen notwendige Gelassenheit gewonnen, die auf jeden Verlust gefasst, an tausend Anker ihre Wunsche legt; ein Verlust in Nebensachen konnte ihm ein ganzes Unternehmen verhasst machen und fur diesen Herbst gab er diesmal, wegen des einen Unfalls, alle Pflanzungen im Garten auf, zu denen schon alle Gruben ausgegraben waren. So im Aufgeben lang gehegter Wunsche trat er zu seiner Frau; sie wollte ihm erst die Ursache ihrer Tranen nicht entdekken, aber das war nur scheinbar, sie war entschlossen noch den Abend alle ihre Anklagen gegen das Land ausstromen zu lassen, und so entwickelte sich eine Fulle von Missvergnugen und Ubelbefinden uber den Grafen, dass er mit den nachsten Tagen aus sorglicher Liebe fur Frau und Kind heim zu kehren beschloss. Nie wurde ihm eine Ausserung zartlicher belohnt.
Einunddreissigstes Kapitel
Abschied vom Landleben
Die nachsten Tage gehorten dem Abschiednehmen in der Gegend. Die Grafin, heitrer gestimmt und gewiss, dass sie die Leute so bald nicht wiedersehe, war ihnen so verbindlich, dass keiner begreifen konnte, wie er ihr je etwas ubel genommen. "Ich habe es immer gesagt", sprach einer zum andern, "sie ist so ubel nicht, aber noch jung, es fehlt ihr nur noch an guter Lebensart." Sie selbst fand sich von der Behaglichkeit in dem Innern mancher dieser verachteten Familien sehr uberrascht, sie bewahrten hier ein Leben und eine Erfindsamkeit, es auszuschmucken, die sie ihnen nie zugetraut; jede Arbeit war ein Familienfest. Merkwurdig war ihr vor allen die Frau eines entfernten Anverwandten des Grafen, die mit allen Kenntnissen der besten Erziehung, mit bedeutendem Vermogen und ausgezeichneter Schonheit, bloss aus Gewohnheit, weil sie mit ihm auferzogen worden, sich dem sehr beschrankten, aber gutmutigen Manne hingegeben hatte und durchaus nichts in der Welt versaumt zu haben meinte; sah jemand beide einzeln, so schien es unbegreiflich, waren sie beisammen, so konnte es nicht anders sein. Eine gutmutige Natur ist immer sehr reich in allen Verhaltnissen zu andern, je vertraulicher sie werden; wahrend die hochsten Talente mit der Harte, die ihnen beigesellt zu sein pflegt, in dieser Vertraulichkeit, in dieser Gewohnlichkeit ermuden, langeweilen und durch das Widerspiel des Streits sich zu erhalten und zu bewahren streben. Nichts ist torichter, als eine Heirat um eines ausgezeichneten Talentes willen: eigentlich der schandlichste Eigennutz; was der Welt gehort, mochte man sich zueignen; dabei der furchtbarste Aberwitz, den Geist im Korper sich anzueignen, und doch ist dies eine der gewohnlichsten Verirrungen unsrer Gedanken und keine bestraft sich so schnell. Selbst das Beste, was der Mund spricht, der uns singend entzuckt und an sich gerissen hat, scheint uns gegen die Glut jener Kunstubung, die von der Natur zur Freude vieler geschaffen, in vielen Jahren sich ausgebildet hat, etwas sehr Ungenugendes. Aber wer den Umgang einer Schauspielerin aus Bewunderung einer ihrer Darstellungen sucht, findet sich immer schmerzlich getauscht, wenn auch die Frau viel besser als ihre Rolle sein sollte. Die Lehre ist alt, aber die Welt wird ewig wieder jung, dieselben Empfindungen, Schauspiele, uber die wir hinaus sind, gefallen der Jugend immer wieder, wie sie uns einst gefielen; so wollen wir sie denn auch gegen dieselben Fehler gewarnt haben, denen auch wir uns unterworfen fuhlten. Welche Qual in einem geliebten Wesen ewig etwas Hohes zu ahnden, was sich in jedem Augenblicke verleugnet. Die Grafin verliess das Haus dieses Anverwandten mit einem Vorwurfe gegen ihren Mann, den er eigentlich nicht verdiente; sie sagte ihm, dass er sie doch nicht so liebe, wie dieser Mann seine Frau, der ihr die Kinder nachtrug, und die Kuche bestellte; aber der Vorwurf war nicht ernstlich gemeint. Besonderen Spass machte beiden die Haushaltung eines wohl genahrten Vetters, der sein ganzes Dorf zum Range seiner Familie erhoben und von jedem Kinde Vaterchen genannt wurde; diese Art patriarchalischer Verhaltnisse machte ihnen einige Stellen des Alten Testamentes deutlich, die unsren Sitten sonst ganz unverstandlich scheinen. "Lieber Karl", sagte die Grafin zu ihrem Manne, "warst du wie dieser, auf ein paar Gedanken und viel Essen und viele Weiber gerichtet, und von Jugend an im Stalle und bei den Knechten erzogen, konntest du jeder Magd Unarten sagen, jeden Schmutz ertragen und belachen, da konntest du auf dem Lande auch glucklich sein, aber deine Ausbildung, dein Lebensmut werden dich dort stets unbefriedigt lassen." Dolores zeigte hierin, so wenig es sonst ihre Sache, dass sie da, wo ihr etwas am Herzen lag, wirklich recht tief beobachten konnte; es lag viel Wahres in ihrer Bemerkung und der Graf musste es fuhlen, dass der Ubergang vom Lande zur Stadt sehr leicht, das Entgegengesetzte aber sehr schwer sei; zeigt dies doch die Geschichte aller Nationen. Auch das Frauleinstift besuchten sie noch aus Neugierde; das alte Hausgerate, die vielen Sonderbarkeiten der einzelnen ledigen Leute, gaben so viel zu lachen, dass sie beinahe die dienstfertige Gunst aller verscherzt hatten, doch das Angedenken des schonen Hochzeitfestes hielt sie zuruck, sich daruber zu aussern; alte Jungfern rechnen sehr weit in die Zukunft und es dachten jene, die dort gewesen, sie hatten sich angenehm beredt gezeigt, um wieder eingeladen zu werden im kunftigen Jahre, und die andern, von den Beschreibungen entzuckt, hofften, dass auch sie im nachsten Jahre die Reihe treffen konnte.
Die Neuvermahlten in dem entfernten Forst wurden ebenfalls nicht vergessen; aber wie erstaunten sie, die Hochzeitschuhe so schnell vertragen zu finden. Die Frau hatte nachlassig ihre Haare um den Kopf hangen, ihr Mann war auf der Jagd; sie schuttete mancherlei Klagen der Eifersucht aus, wegen der vielen Weiber, die sich Holz in dem Forst lasen; sie kusste der Grafin mit Tranen den Rock, dass sie nicht mehr bei ihr sei, klagte, dass ihr Mann so oft schelte. Der Graf fand aber, dass der Forster dabei nicht ganz unrecht haben mochte; das Madchen, ungewohnt der landlichen Arbeiten, immer nur mit Putzmachen und Ankleiden der Grafin beschaftigt, hatte in dem artigen neuen Hause eine furchterliche Unordnung einreissen lassen. Die Grafin bedauerte sie, der Graf aber ermahnte sie ernstlich mit demselben Augenblicke gleich Hand daran zulegen, in ihrem Hause Ordnung und Reinlichkeit zu stiften. Wirklich entschloss sie sich mit Muhe dazu und der Graf verliess sie mitten in der Reinigung ihrer Milchkammer, in der alle Milch schon verdorben war.
Den Prediger Frank fanden sie in einem sehr angenehmen kleinen Hause. Als ein wahrscheinlich noch lange Unverheirateter hatte er sich ausser seiner Landwirtschaft und Baumzucht, die er im grossen ubte, auch alle Kunste einer guten Hausmutter angeeignet. Er kochte sehr gut und trat seinen Gasten mit einer Kuchenschurze entgegen; da sie uber sein Kochen gelacht hatten, so mussten sie auch Proben davon prufen und sie gestanden ein, dass sie nie so gute Krammetsvogel gegessen. Nachher fuhrte er die Grafin auf Verlangen in seinen Dohnenstrich im Garten und sie war uberrascht, einen gefangenen Vogel nach dem andern aus der Haarschlinge zu ziehen und ihn triumphierend in die Jagdtasche des Predigers zu werfen. Als sie nachher ihren guten Fang dem Grafen zeigen wollte, da fand sich leider nur ein Vogel, denn der gewandte Mann hatte immer vorauslaufend und den Weg weisend denselben Vogel in alle Schlingen gehangt. Der Graf behauptete, man konne auf diesen Vogel den Ausdruck einer Zeitung uber gewisse Kriegsberichte, nach denen nur immer ein Mann gefangen, von neuem anwenden: der bewusste Mann, hier der bewusste Vogel sei wieder gefangen. Beim Abschiede schien der Prediger recht ernstlich betrubt, schwor ihnen, dass er die schonsten Stunden des ganzen Sommers bei ihnen zugebracht habe, nun sei er ganz einsam; rings um ihn waren lauter Leute, zu deren Fassung er sich herabspannen musste, niemand der seine Geistestatigkeit anspannte als Gott, mit dem er im bestandigen Glaubensstreit lebe, weil er so ganz anders denke, als er lehre und lehren musse. Er brachte zum Abschiede eine Flasche alten Stachelbeerweins, denn seine Gegend war dem Weinstocke nicht geeignet; dabei erzahlte er, dass die Akzise, die alle Industrie des Landes store, ihn zwingen wolle, auslandische Weine zu trinken, weil sie uber das Einziehen ihrer Steuern dabei in Verlegenheit komme. Nachdem sein Wein Beifall erhalten, fing er an, von seiner kleinen Geliebten behaglich zu erzahlen: das Kind habe ihn neulich gefragt, wer denn Amor sei, von dem sie in einem Gedichte gelesen? Er habe geantwortet, ein kleiner Mann mit Flugeln, der sehr gefahrlich. Darauf habe sie ihm versichert, wenn er nur klein ware, da wollte sie ihn wohl zwingen, ware er aber gross, so gross wie er, da konnte sie sich nicht wehren. Er fand in dem Scherze etwas Vielbedeutendes, wer konnte ihm diesen hoffenden Sinn storen; alle schieden von einander in gegenseitiger Zufriedenheit.
Ganz verschieden davon war der Abschied von dem Geistlichen des Dorfes; der Streit mit dem Grafen, noch mehr die mancherlei eigenen vom Grafen ersonnenen Verschonerungen des heiligen Dienstes hatten seine ganze Eifersucht erregt; mancherlei Einkommen, das er durch die Gunst des Grafen bezog, hinderte ihn diese Empfindlichkeit offen zu zeigen, es waren aber so einzelne Ausrufungen, in denen sie sich Luft machte. So sagte er wohl: "Der Herr Graf werden uns so viel Neues mitbringen, dass wir die alte Religion ganz daruber vergessen; zwar bin ich der Meinung, dass wenigstens alle zehn Jahre etwas von dem alten Sauerteige weggeschafft werden musse, jedes Ubereilen ist aber gefahrlich." Der Graf fragte ihn erstaunt, wie er auch nur einen Tag etwas dulden konne, das er in heiliger Uberzeugung fur alten Sauerteig halte, ob das der Sinn der Martyrer sei, die in der Bekennung ihres Glaubens selbst gestorben. Der Mann kam in Verlegenheit, ruhmte den Herren Grafen, wie er so hubsch spreche, und weiter hatte es keine Folge, als sie beide gegen einander zu erbittern.
Am Abende vor der Abreise, als der Graf im Hause hin und her lief, um mancherlei Anordnungen selbst zu machen, die seiner Dolores zu lastig waren, und die doch den Bedienten nicht uberlassen werden konnten, klappte er auch alle einzelne Schranke auf, um nach vergessenen Sachen zu forschen. In dieser Vorsicht kam er auch an den Schrank des kleinen Traugott, den er noch voll von seinem Spielzeuge fand; er beschaute mit einem eignen Gefuhle diese Lust eines Toten. Einem Kinde sollte man alles Spielzeug in den Sarg legen, es macht die Lebenden sehr traurig. Alles trug den eigentumlichen Geist des Knaben: seine fruhere Geschicklichkeit alles zu durchsuchen und sich zuzueignen und die spatere Sinnigkeit seines ganzen Wesens; auf dem kleinen Wagen lagen in strenger Ordnung alle Art Sonderbarkeiten, Steine, die wie Brot oder wie Pflaumen aussahen, viele wunderliche Puppen, die er zu seinen Stucken sich ausgeschnitten und bekleidet hatte, und tausend andre Dinge, die der Graf nie bei ihm bemerkt hatte. Einen kleinen Schrank von Nussbaumholz mit Schlossern und vielen Kastchen, die der Graf in seiner eignen Jugend sehr wert gehalten hatte, fand er dort mit Verwunderung; der Knabe musste ihn auf dem Boden irgendwo entdeckt haben. Eingedenk der eignen Art, wie er jedes Kastchen zu einem besonderen festen Gebrauche eingeweihet hatte, zog er jedes heraus und sah mit Erstaunen eine Sammlung von Angedenken, jedes mit kurzer Inschrift bezeichnet, und alle diese Angedenken waren kleine Geschenke des Grafen: manches Weggeworfene, woran er sich kaum erinnern konnte, das aber Traugott in seiner Zuneigung sorgsam bewahrt hatte. Mit dem Angelhaken, den er ihm damals zum Troste nach dem Tode der Mutter geschenkt, begann die Sammlung; in kindischen Reimen stand dabei beschrieben, wie er seine Liebe damit gefangen. Dann fand er Haare, die er ihm einmal im Scherz aus seinem Kamme zum Angedenken verehrt, in ein Netz zusammengeknotet; in ahnlichen Versen stand dabei: "In diesem Netze von Haaren tu ich seine Liebe bewahren"; dann fand er Kirschkerne, die er ihm einmal gegeben, sie aus dem Zimmer zu werfen, dabei stand geschrieben: "Die Kerne kusste sein schoner Mund, davon sind sie so glatt und rund"; ferner eine trockene Kornblume, dabei stand geschrieben: "Diese Blume der Graf heut niedertrat, mit mir er nicht gesprochen hat, ich sturzt mich in das Wasser hinein, sollt so ein Tag noch wieder sein"; ferner ein Blatt aus dem Haushaltungskalender, auf welchem ein Tag unterstrichen war, daneben stand mit Bleistift: "Dieser Tag sei mir dreimal gesegnet, weil ich dem Grafen dreimal begegnet"; endlich ein Kranz mit der Inschrift: "Den gab mir der Graf am fruhen Morgen, ich sollt ihn an die Grafin besorgen, und gestern hat er mich fortgeschickt, als sie ihn so zartlich angeblickt, es tat mir so weh, als ich ihn gebracht, die Grafin hat den Kranz nicht geacht, sie hat ihn im Vorsaal liegen lassen, da tat ich armer Junge ihn fassen, und heb ihn auf in Ewigkeit, da bin ich von meinem Grafen nicht weit." Hier konnte der Graf nicht weiter lesen, Tranen uberliefen seine Wangen; er hatte dem Kleinen alles Gute getan, hatte er aber diese heimliche Zuneigung, diese phantastische Leidenschaft gewusst, wie hatte er ihn oft mit Zuspruch, mit kleiner Gabe erfreuen konnen, und nun war es zu spat. Er packte den kleinen Schrank als seinen kostbarsten Schatz selbst ein, und besuchte noch in der Nacht das Grab des Kleinen; mancher Gedanke zu einem recht bedeutenden Denkmale ging vor ihm uber, aber seine Wehmut erstickte sie alle und diese ist das schonste Denkmal der tatenlos verschwundenen Jugend.
Der Morgen der Abreise war unruhig angebrochen, mancherlei kleine Geschafte nahmen dem Abschiede einen Teil des Schmerzlichen, doch bleibt es immer Gewohnheit in solcher Trennung von einer, wenn gleich nicht ausgezeichneten, doch unter besonderen Verhaltnissen verlebten Zeit, mehr zu furchten, als zu erwarten, "Ob ich je diese Seen, diese Walder wieder sehe?" fragte Dolores ganz wehmutig den Grafen, "die Glocken lauten zur Fruhmesse, jetzt beten alle Menschen und wir reisen; was bedeutet mir das? Gewiss sterbe ich im Kindbette und werde hier beigesetzt zu allen deinen Voreltern und du fuhrst eine andre in diese Zimmer ein, als deine Frau!" "Nimmermehr du Einziggeliebte!" rief der Graf, "mit dir lebt ewig mein ganzes Leben, ob du sichtbar bei mir bist, wie bei unsrer Ankunft der Fruhling in jenem Walde, den er mit grunem Kranze bedeckt hatte, oder ob ich entlaubt stehe wie er, einsam in Regen und Wind: ruhig traurend, werde ich an deinem Grabe dann eines hoheren Fruhlings warten da wird dich Traugott mir entgegenfuhren in Zeit und Ewigkeit bleibst du mir unverloren! Doch wozu so traurige Gedanken?" Der Grafin schauderte jetzt vor dem Gedanken des Todes, den sie so leichtsinnig ausgesprochen hatte; ihr war zu Mute wie der leichtsinnigen Furcht, welche Mittags unter vielen Menschen andre mit Gespenstergeschichten erschreckt, die sie einsam in der Mitternacht gern vergessen mochte.
Dritte Abteilung
Schuld
Erstes Kapitel
Ruckkehr des Grafen Karl und der Grafin Dolores
nach der Stadt Wochenbett. Taufe
Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgultig meinen Weg wanderte, um mein verhageltes Feld zu besehen, und von einem Hugel zum andern blickte, und so bedachte, wie bald ich auf dem andern, und dann auf dem dritten, und dann und dann vor dir stehen konnte, du treue Seele, zu der ich am liebsten spreche unter allen in der ganzen Welt, und der ich am wenigsten zu sagen habe, weil du mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest; da wurde mir allmahlich so freudig, dass ich rings umher alles mit anderem Auge ansah, als lernte ich jetzt erst sehen und musste jetzt nachgeniessen, was ich den Tag uber in Gleichgultigkeit, Arger und ferner Traumerei versaumt und ubersehen hatte. Ich griff nach dem Steine, den ich neben mir zur Wegebesserung mit frischem schwarzglanzendem Bruche zerschlagen fand, und erkannte ihn als einen gultigen Zeugen grosserer Weltbegebenheiten, als die ich erlebt hatte; ich nahm einen Grashalm auf, der zum Futter abgemaht, am Wege verloren gegangen, zu meinen Fussen lag, und fand in ihm einen Zeugen des Fruhlings, der uns beide begluckte, und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe, die ich untergegangen wahnte. O wie selten wird uns die Gegenwart! Mitten in meiner Freude tonte meine Klage uber verlorene Zeit:
Fur die Liebe zu zart,
Fur die Gedanken zu schnelle,
Eilest du Gegenwart,
Nahende, fliehende Welle;
Alles sich spiegelt in dir,
Dir nach sehen wir sehnend von hier,
Sturzten uns gerne dir nach;
Dich erreichet kein Ach!
Dich erreicht nur die Lust,
Strebend dir nach in der schwimmenden
Brust,
Dich erreicht sie im Meer;
Ach wer dort nur erst war,
Wo viel tausend der Wellen
Sich in der Sonne gesellig erhellen.
Das Leben ist uns ewig offen, dass wir uns schauend mit seiner Allgegenwart erfullen, aber wir selbst stehen uns im Lichte mit toter Vorsicht, wie mancher grosse Mann gahnend einem Kinde im Lichte steht, bei dem Festaufzuge, der das Kind entzuckt hatte; konnten wir uns nur uberzeugen, dass nichts alt und nichts neu in der Welt, nichts abgetan sei, und nichts erschopft. In diesen Gedanken sah ich umher und es fuhren mehrere Wagen an mir voruber; aus dem einen lachten und winkten mir neckend viel frohliche Madchen, und trieben den Kutscher, dass er schnell fahre; im anderen, der sehr bestaubt war, sass ein ernsthaftes und doch jugendliches Paar: ein junger Mann und eine wunderschone Frau; ohne Betrubnis schienen sie doch beide ganz in sich versunken, und sprachen nicht mit einander, und dankten auch nicht meinem Grusse. O Bilder der Ausreise und der Ruckreise, dachte ich bei diesen beiden Wagen; jene, wie von einem Luftballe am hellsten Tage zu Regionen ewiger Sehnsucht getragen, sehen unter sich die ganze Welt offen liegen; diese wie verwundete Gefangene mogen die bekannte Gegend nicht wiedersehen, die sie kurzlich in Siegeshoffnung frohlich durchzogen. Den Grafen und die Grafin verliessen wir auf ihrer Ruckreise nach der Stadt; das gleichmassige Stossen des Wagens erweckte in der bekannten Gegend, in dem erregten Zustande, wie sich beide neben einander fanden, sehr verschiedene Nachgedanken und schlaferte ihre Unterredung mit einander ein. Die Grafin erfasste am Schlusse dieser Nachgedanken eine innige Uberzeugung, dass kein Landleben ihr Beruf sei, dass es allen ihren geselligen Talenten und Neigungen entgegengesetzt, im folgenden Jahre auch wegen der Erziehung des erwarteten Kindes notwendig abgekurzt werden musse. Der Graf in seinem Nachdenken erschrak fast, dass er von den Arbeiten, die er sich auf der Hinfahrt zu beendigen vorgenommen hatte, nur den kleinsten Teil angefangen, und dagegen von tausend Nebensachen zerstreut worden sei. Er bemerkte mit einiger Krankung, dass die fehlende Mitwurkung seiner Frau ihm einen wirklichen Mangel in aller Ausfuhrung gelassen, den er durch keinen Besoldeten zu ersetzen vermocht; er nahm sich vor, sie ernstlich zur Landwirtschaft zu ermahnen, und sie heimlich zu derselben zu fuhren. Hier verwunderte er sich, als er sich selbst auf einem klugen krummen Wege uberraschte und fand, dass er in dem Laufe seiner Beschaftigungen von der geraden treuherzigen Uberredung zum Gebrauche mancher Vorteile, Listen und Klugheiten ubergegangen sei, doch mehr im Verhaltnisse zu seinen Leuten, als zu seiner Frau. So wusste er schon recht gut, dass Leuten von geringer Bildung nichts so stark, als das Gedachtnis imponiert und in Betrugereien schuchtert; so fasste er deswegen oft unbedeutende Kleinigkeiten auf, um den Leuten bei Gelegenheit als ein allwissendes Gewissen zu erscheinen; so wusste er sein Vertrauen oft scheinbar einem Menschen zu schenken, um ihn kennen zu lernen; so wusste er die Feindschaften der Leute nach seinem Willen zu benutzen; kurz, er fand mit grossem Erstaunen, dass seiner Einbildung ganz entgegen, die Bauern in die eignen edlen Gesinnungen hinuber zu uberzeugen und zu erziehen, sie ihn in ihrer Klugheit und Umschauung erzogen hatten. Diese Klugheit und Umschauung sind auch Himmelsgaben, wenn gleich unter allen die geringsten, die sich am rohen Menschen zuerst entwickeln und darum von hoher Gebildeten wie das Gedachtnis leicht zu sehr verachtet werden. Der Graf sollte sie kunftig nur mehr brauchen. Nachdem sich beide so wuste und mude in sich gedacht hatten, fielen sie einander in die Arme, und kussten sich, um ihr Gahnen zu verstecken; niemand sollte sich einen solchen Kuss der Gewohnheit und der Langenweile erlauben, er nimmt allen lebendigen Kussen, die folgen, ihre uberzeugende Kraft. Daruber dachten beide nicht nach, beide lebten, so wie sie sich der Stadt naherten, allmahlich ganz hinuber, und kaum waren sie angekommen, so erfullte die Freude des alten Bedienten, der die Aufsicht uber Haus und Garten gefuhrt hatte, seine gesammelten Schatze an Fruchten des Gartens, die er alle in die Zimmer trug, der Andrang aller Bekannten, die Licht darin gesehen hatten, das ganze Haus. Jeder bemuhte sich in der kurzesten Zeit alles Geschehene zu erzahlen; das liebe Geheimnis der Grafin war gleich entdeckt, und es drangten sich viele Frauen mit klugen Mienen an sie, ihr Belehrung zu geben in diesen neuen Umstanden. Den Grafen argerte etwas dies Geschwatz, dies Heimlichtun, das alle folgende Tage fortdauerte, er uberraschte seine Frau sehr bald auf manchem Satze, der ihm in ihrem Munde ganz fremd klang; er konnte nicht begreifen, wie sie daran Vergnugen finden konnte, zu horen, wie jene gesaugt, wie diese voraus wisse, ob es ein Knabe oder ein Madchen sei; doch sein Mitleid mit den Beschwerlichkeiten ihres Zustandes unterdruckte jeden Tadel. Lachelnd dachte er seines Argers uber den Prediger Frank und dessen zeugende Blicke, weil wirklich ubereinstimmend mit dessen erstem Besuche, der Ursprung des geliebten Kindes gesetzt werden konnte, das ihm unsichtbar entgegen pochte, wie ein neues Herz, und dem er mit Ungeduld entgegensah. Dem Prediger schrieb der Graf wirklich einen scherzhaften eifersuchtigen Brief deswegen, den Frank in gleicher Gesinnung recht artig beantwortete, und mit Leidwesen die Ode in dem Schlosse des Grafen beschrieb.
Die Zeit der befurchteten und gehofften Niederkunft nahete mit dem Eintritt der starksten Kalte; mit Geschmack hatte er das Wochenzimmer verziert; ein schones altes Bild, das Christuskind auf dem Stroh in der Krippe, das mit beiden Handen lachelnd nach den Engeln greift, die in der Luft schweben, verzierte die Hauptwand. Die Freundinnen waren arbeitsam, eine grosse Zahl zierlich gestrickter Mutzen, gestickter Kleiderchen und gestickten Wiegenzeuges zusammen zu bringen. Mitten in diesen Anordnungen uberkam eine schnelle und leichte Geburt die Grafin. Der Graf war ein paar Stunden in notwendigen Geschaften abwesend gewesen, doch behauptete er, einen durchdringenden Schrei in seinen Ohren gehort zu haben, weswegen er mit Besorgnis nach Hause geeilt sei, die aber von dem Anblicke des wohlgebildeten kleinen schreienden Buben, der reinlich auf einer Decke liegend, von allen Hausgenossen angestaunt wurde, zum hochsten Jubel uberging. Die Grafin sagte ihm leise, sie wurde um keinen Preis der Welt je wieder in die Wochen kommen; doch die andern Frauen erklarten gleich, dass diese Redensart eben nicht im strengen Sinne zu nehmen, vielmehr als ein Eid anzusehen sei, den die Gefahr erpresste, der also gerichtlich ungultig werde. So rot und blau sein Kind angelaufen war, so vermischt alle Zuge, doch schien es ihm wunderschon; er konnte es nicht begreifen, wie es seine Frau zur Erhaltung ihrer Schonheit einer Amme ubergeben mochte; doch jetzt konnte er ihr in nichts mehr widerstreiten, nachdem sie seinetwegen so viel Schmerzen ertragen. Da sich Dolores bald ganz wohl befand, so wurde die Taufe beschleunigt; dies war immer des Grafen heiligstes Sakrament: es hing mit seiner ganzen Ansicht von der Weltentstehung zusammen. Er wendete die hochste Vorsicht in der Wahl der Gevattern an, und liess im Namen Kleliens ein eben eingesegnetes sehr schones Madchen dem Kleinen die hulfegelobende Hand auflegen. Doch verdarb ihm der Geistliche, der seine Aufklarung in einer langweiligen Vorrede beweisen wollte, die ganze Herrlichkeit der heiligen Handlung. (Der Kleine wurde Karl genannt.) Seine Frau konnte sich in das ubrige Zeremoniell der Wochnerinnen noch weniger finden, sie war zu gesund, um sich auf ihr Bette zu setzen.
Zweites Kapitel
Kleliens Verheiratung an den Herzog von A ...
Vierzehn Tage nachher traf Kleliens Danksagungsbrief fur die angewiesene Ehrenstelle ein, sie wollte sich nach allen Kraften des Kindes annehmen; zugleich enthielt der Brief die unerwartete Nachricht, wie sie einem spanischen Herzoge von A ..., der auch in Sizilien grosse Guter besitze, in Palermo vermahlt worden. Sie erzahlte, wie sie einander bei einer Wasserfahrt begegnet, wie er in der Kathedralkirche an ihrer Seite geknieet, so fromm und bescheiden seine Liebe ihr kund getan; sie ruhmte gleich hoch seine Frommigkeit und seine Talente, die in seiner Schonheit einen herrlichen Tempel gefunden; sie erzahlte, wie er ganz Europa durchreist, um den sittlichen Zustand aller Nationen kennen zu lernen; wie er auch ihren Vater gekannt und lieb gewonnen habe, und ihre Muttersprache gelaufig rede. Dolores seufzte in sich bei diesem Briefe; gewiss, dachte sie, ware ich meinem Wunsch mitzureisen gefolgt, er hatte mich vorgezogen; die weite grosse Welt stande mir dann offen; schon das Spanische in der Geschichte ware ihr willkommen gewesen; aber dieser Glanz eines unermesslich reichen herzoglichen Hauses, in alter und neuer Welt gleich begutert, gleich beruhmt, eines Mannes, der in den ersten Stellen seines Hofes Zutrauen genossen, neben dem anstandigen, aber mittelmassigen Geschicke eines wohlhabenden Grafen, dessen hochster Ehrgeiz es war, seinen Bauerknaben auf die kurzeste Art etwas Geschichte und Lesen zu lehren, den Madchen Kochen und allen eine gesundere und frohere Art zu leben, der das Hofgehen fur einen harten Frondienst hielt: dieser Untergang von Licht zu Schatten blendete ihre Augen, dass sie ubergingen. Sie blieb den Abend ganz argerlich; der Graf aber, der so kleine Empfindlichkeiten schon in ihr als Vorboten grosser Zartlichkeit kennen gelernt hatte, nahm es wieder lachend auf, und belohnte es mit der Zartlichkeit, die sein ganzes Wesen noch immer wie am ersten Tage ihrer Bekanntschaft bei jeder Beruhrung ihrer weichen durchsichtigen Hand belebte. Den andern Tag entschadigte sich die Grafin wenigstens damit bei ihren Bekannten, dass sie erzahlte von ihrem Schwager, von seinem Reichtume, seiner Pracht, dass er ihr eigentlich bestimmt gewesen, dass sie sich aber glucklich schatze, nicht in so fremde Gegenden wandern zu mussen.
Ein anderer Brief von Klelien, voll treuer lebendiger Beschreibungen ihrer Guter, der Sizilianer, ihrer Feste, ihrer Lebensweise, enthielt auch die Nachricht, wie der Herzog sie in Angelegenheiten seines Hofes verlassen; die Trennung hatte sie krank gemacht; seitdem sie genesen, ging sie taglich nach dem Garten eines hochliegenden Nonnenklosters, um uber das Meer zu sehen, wo ihr Mann gefahren, und eine Schar Madchen zu unterrichten, die sie auf den Gutern auserwahlt, um sie am Tage der Ruckkehr ihres Mannes auszustatten; "das alles", schrieb sie, "kommt nicht aus mir, sondern ist Nachahmung meines lieben Schwagers, dessen Freundschaft mich noch hier zu manchem Guten aufmuntert, worauf ich sonst nicht verfallen ware." Der Brief beschamte etwas die Grafin, die immer auf des Grafen Beschaftigungen mit einem eignen geistreichen Hochmute hingeblickt; sie war ihm den Tag ausserordentlich gewogen und wie liebreich sie sein konnte, wenn sie es wollte, das wissen alle Engel, die ihr dann aus den Augen blickten.
Drittes Kapitel
Der Marchese D ...
So abwechselnd wirkte die Schwester mit ihren Briefen, mit ihrem Schicksale auf unser Haus; ein paar Monate darauf wurde der Marchese D ..., ein Vetter des Herzogs von A ... bei der Grafin angemeldet, der ihr neue Nachrichten von ihrer Schwester zu bringen versprach. Sie fand in ihm den gewandtesten liebenswurdigsten Mann; sie konnte ihn mit niemand vergleichen; alles an ihm schien eigentumlich; er hatte auch ohne Reise so werden mussen; aber er war gereist und redete die meisten Sprachen Europens. Er brachte ihr die Nachricht, dass ihr Schwager eilig an einen nordischen Hof gesendet worden, um ganz inkognito Angelegenheiten von grosster Wichtigkeit abzumachen; erlaube es seine Zeit, so wurde er auf seiner Ruckkehr sie besuchen; ihre Schwester sei inzwischen aufs Land gezogen, um eine grosse ode, doch sehr fruchtbare Strecke Landes mit einem neuen Dorfe zu bevolkern; sie habe sich aus England viel Ackergerat kommen lassen, und gelte in der ganzen Gegend fur eine milde Heilige, von der niemand ohne Unterstutzung und Trost gegangen. Der Marchese erbot sich alle Briefe, die sie ihr ubermachen wollte, durch eine Adresse, die in Italien ihm eroffnet, viel schneller als bisher dahin zu fordern; sie nahm das Anerbieten mit Vergnugen an, und beschrieb mit grossem Anteile in einem versiegelten Briefe, den sie ihm fur die Schwester ubergab, die Freude an dem liebenswurdigen Verwandten: sie schatze sie glucklich, wenn der Herzog diesem Vetter auch nur nach gewohnlicher Familienahnlichkeit sich nahere. Mit vielem Stolz zeigte ihn die Grafin ihren Bekannten; dem Grafen wusste er sich durch ein gefalliges Anschmiegen an seine Ideen eben so wert zu machen; der Graf meinte sie schon in ganz Spanien realisiert und arbeitete Tage lang, ihm alles recht klar und deutlich aufzuschreiben, was er von allem in jenem Himmelsstriche fur anwendbar halte. Schon darum war er es sehr zufrieden, als die Grafin den widerstraubenden Marchese fast zwang in ihr Haus zu ziehen: so konnte er mit ihm kurzlich diese Vorschlage durchgehen und sich uber Lokalverhaltnisse unterrichten. Der Marchese kannte alles, ja er vertraute dem Grafen unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass er von einer Gesellschaft, an deren Spitze der Friedensfurst stehe, abgesendet worden, alle Kultur der andern europaischen Staaten unbemerkt in das Land zu bringen, so dass die schweren Ketten des Vorurteils und der Gewohnheit unbemerkt nicht gebrochen, sondern verrostet, von sich selbst zerfallen wurden. Bald kam die Zeit, wo Graf Karl mit den Seinen wieder aufs Land ziehen wollte; der Marchese konnte sich wegen seiner geheimen diplomatischen Verrichtungen nicht von der Stadt entfernen, und die Grafin, des Landlebens schon im voraus uberdrussig, taglich geschmeichelt durch neue Feste des Marchese, der sinnreich auch das Unbedeutendste geltend machen konnte, das Geld nie sparte, das Auslandische erhob, ohne das Inlandische herabzusetzen, einen Fandango mit einem Walzer schloss, spanische Trachten den Frauen schneiderte und anpasste und Deutsch von ihnen lernte: die Grafin konnte sich nicht losreissen von ihm und eine kleine Kranklichkeit ihres Kindes gab den Grund, die Entfernung von einem geschickten Stadtarzte zu bedauern. Der Graf kannte zu genau den melancholischen Zug, den die meisten Schlosser des Landadels tragen, eingepragt durch die Einsamkeit, welche notwendig aus der verschiedenen Bildung des Landvolkes hervorgeht, ja es war der eigentliche Geist seines Strebens, durch eine bessere Erziehung der Landjugend und selbst durch deren Ruckwurkung auf die Eltern den echten Fortschritt der Zeit allgemein zu machen, und also die verschiedenen Stande in einen naturlichen Austausch ihrer Gedanken in gleicher Sprache wieder gesellig einander zu nahern, wie noch vor funfzig Jahren in vielen Gegenden Deutschlands Herren, und Diener an einem Tische mit einander assen und ausser der Beschaftigung keinen Unterschied an einander kannten. Die Freude und die Gesundheit von Frau und Kind lagen ihm naher als seine eigenen Wunsche; er sah sie in der Stadt so heiter, wie er sie noch nie gekannt. Er selbst bat sie, in der belebten Stadt, wo sich alles nach geschlossenem Frieden neu begrusste, noch einige Wochen zuruckzubleiben, auch wollte er sie dann durch einen neuen Garten, den er in einem Walde entworfen, uberraschen; sie nahm diesen Vorschlag mit Weigerung an, sprach von ihrer Pflicht bei ihm zu bleiben, aber er drang aus Liebe darauf und so entfernte er sich von ihr seit ihrer Verheiratung zum ersten Male auf langere Zeit. Auch Liebe tut oft zu viel, auch sie kann irren.
Viertes Kapitel
Der Graf reist allein aufs Land
Welche schone Ewigkeit lebt in einer treuen Seele, als er allein auf seinem Gute seine Arbeit beschleunigte, nach wilden Vogeln jagte, nach Adlern, Falken und Geiern, die seine Singvogel storten; ihm war so alles noch gegenwartig, wie er als Knabe bei solcher Jagd sich erfreut, wie es ihn so unwiderstehlich uber die Berge getrieben, wie er die Falken an die Ture seines Gartchens angenagelt hatte, und sich als einen Beschutzer der Unschuld und des Rechts getraumt. Wie er dann befriedigt die Schatze der dunkelen Erde aufgewuhlt, sie ruhig besat und bepflanzt habe, feurig in der Lust seiner Kraft, welche den Spaten Stoss auf Stoss durch den tuckischen Bau der Regenwurmer trieb, dass er wie ein Schlangentoter unter dem ringelnden Gewurme stand. Und neben diesem ersten Heldentume stand noch so fest in tiefer Seele die ganze Gegenwartigkeit erster hoffender Liebe: wie ihm Dolores als Student bei jedem Glockenklange vorgeschwebt; der Genuss hatte ihm nichts geraubt, er hatte nur dadurch an Erinnerungen gewonnen; kein Augenblick war ihm leer und was ihn qualte, war allein, dass nicht gleich alles fertig war: Wege, Baumgange, Denkmale, die er im Geiste schon deutlich sah; dass er mit Handen nicht greifen konnte die Geliebte, die so deutlich ihm vorschwebte. In solcher Stimmung, wo die Idee sich nicht mit der Idee begnugen will, sondern ungeduldig die Wirklichkeit sucht, schweifte er jagend uber den Bergwald und verweilte am liebsten bei den Riesensteinen, die ein untergegangener heiliger Dienst errichtet hatte. Dort grub er in einem Hunengrabe nach dem Nachlasse eines Helden, von dem er endlich nichts mehr fand und kennen lernte, als die Asche in einem zerbrochenen Kruge, dabei eine Streitaxt, silberne Armringe und wenige erbeutete Munzen; neben ihm einen Aschenkrug, dessen Spindelstein und Ohrenspangen seines Weibes Schonstes und Liebstes, was sie in ihrem Leben gebraucht und getragen, bezeichnete; rings die Tranensammler leer und ausgetrocknet, sehr ruhrend, noch ein Zeichen der Liebe und guten Zusammenlebens aus Zeiten und Volkern, von denen wir, wie von untergegangenen Tiergeschlechtern, nur riesenhafte Knochen haben, und die doch vielleicht unsre Voreltern waren. Mit heiliger Scheu nahete er sich diesen vergessenen Denkmalern; statt mit voreiliger Neugierde alles herauszureissen, und in irgend einer Sammlung mit andern Kuriositaten zu verschutten, zeichnete er alles treulich ab, stellte es dann wieder in die alte Ordnung, ummauerte es mit einer anstandigen einfachen Architektur, dass der Schatz jedem, der sich dem eisernen Gitter naherte, sichtbar werden und jeden erinnern konnte an die Hinfalligkeit des grossten Einzelnen, ohne ein dauerndes Bestehen seines Volkes: Darum sei es der Helden grosste Sorge, Heldenkinder zu erziehen. Vaterlich voreilend dachte er dann, wie er seinen Sohn Karl unter grossen unternehmenden Menschen wolle aufwachsen lassen, mehr dem Beispiele als der Lehre trauend; wie er sich in allem versuchen solle, um sein Eigenes zu finden; wie er des Jahres und der Tage Abwechselung in steter Abhartung vergessen lernen sollte. Und von solchen Erziehungsplanen ging er in der arabeskenartigen Verwandlung des Gemuts, das leicht halb von einem, halb von dem andern erfullt sein kann, wieder zur Mutter uber, zu seiner Frau, von der er nun schon ein paar Wochen fern war; und das ganze Heldentum, das sich vor seinen Augen aus den Knocheln Funken schlug, schmolz in ein weiches Sehnen nach Genuss zusammen; die Helden hatten ihm kein Ehrenlied abstreiten konnen, aber die wirkliche Sehnsucht entlockte ihm ein Liebesliedchen, das er gleich als einen Brief an seine Frau absendete:
"Was jagt mich,
So matt und mude?
Ich such Dich
In meinem Liede,
Ich such Dich
In meinem Jagen;
Hier muss ich
Die Buchen fragen.
Die Frage
Im Widerhalle
Wird Klage,
Dass Laub schon falle;
Es falle,
Weil es ermattet,
Es walle,
Wenn es Dir schattet.
Das Windspiel
Mit Deinem Bande,
Vergisst Spiel
Und spurt im Sande;
Es legt sich
Mit seinem Munde,
Es hort Dich,
Verliert die Kunde.
Es weint dann,
Wie Kinder weinen,
Und grabt dann
Mit seinen Beinen;
Begrabt sich
Im tiefen Sande,
Begrabt mich
Im Heldenlande,
In weichen Armen,
In stillem Kuss,
Zu lang mir Armen
Fehlt der Genuss.
Begrab mich
Und meine Lieder,
Bald komm ich
Und hol Dich wieder.
An dieser Stelle habe ich den Brief dreimal gekusst; in vierzehn Tagen bin ich sicher bei Dir. Konnte ich nur einen Augenblick dieses Wort sein; sicher siehst Du es recht freundlich an, Du strahlender Augapfel im dunklen Laube." Also schloss sich dieser Brief.
Funftes Kapitel
Die Grafin Dolores mit dem Marchese D ... Politik.
Alchemie. Verfuhrung
Die Grafin verlor den Grafen, in der immer veranderten Gesellschaft des Marchese, bald aus den Gedanken; mechanisch setzte sie sich Morgens eine Stunde zum Schreibtische, klagte uber seine Abwesenheit, erzahlte von ihrem Kinde; solch ein Wisch von einem Briefe, krumm und schief geschrieben, mit Kaffee und Tinte befleckt, konnte doch den Grafen selig machen; es schien ihm so vertraulich zu einem Briefe nicht einmal die Gedanken zusammen zu nehmen, sondern so wie im gewohnten Morgengrussen auch wohl dazwischen einmal zu gahnen. Inzwischen nahm die Grafin ihre Gedanken, oder vielmehr sie fand sie und mehr, als sie sonst hatte, zusammen, sobald der Marchese zu ihr eintrat, ihr Zimmer aufraumte und wieder mit allerhand neuen Kleinigkeiten verzierte. Da wir nicht Lust haben die Geschichte jedes Tages ausfuhrlich vorzutragen, weil die gemeine Bosheit manches daraus erlernen konnte, so wollen wir das Betragen des Marchese durch einige fruhere Beobachtungen uber ihn deutlicher zu machen suchen; bald mochte er sonst gar zu befremdend erscheinen. Aufgewachsen in der verderbten grossen Welt von Madrid, mit einer Klugheit, die ihn selbstandig machte, wo andre noch angefuhrt werden, suchte er ihren Genuss nicht in der rohen Art, die blind zugreifend die Sinnlichkeit mehr erschopft als befriedigt, nein, er wollte das Herrlichste alles mit ganzer Kraft geniessen: dies meinte er das herrlichste Leben, die Mittel waren ihm Nebensachen; sein Talent hatte ihm die meisten entweder eigen gemacht, oder unterworfen. Ohne lange Beratung mit sich, fast unbewusst traf er stets, ob er sich einem Manne von Bedeutung, oder einer schonen Frau mehr durch Lob oder Tadel nahere, mehr durch allgemeine praktische Gesinnung oder durch Sonderbarkeit, ob er besser imponierte oder sich belehren lassen musse, ob Bewunderung oder Mitleid ihm wesentlicher diene; gewiss war er, besonders Frauen, bald so nahe bekannt, als irgend ein anderer, und gemeinhin viel vertrauter; sie sagten ihm, was sie guten Bekannten lange verschwiegen, hatten sie gefehlt, so zeigte er sich noch fehlerhafter; er zeigte ihnen so viele Hakchen, so viele Beruhrungen seiner reichen Natur, dass eines sicher fassen musste; hatte er aber nur einen Ton erkampft, so liess er ihn nicht mehr verstummen; bis die letzte Luft aus dieser Pfeife ausgeblasen, nicht eher liess er nach. Und bei dieser steten Bewegung seiner neugierigen Bestrebungen wurde er sich selbst ganz leicht; die qualende Tatigkeit seines Daseins fand ihr Ziel; es tat ihm leid, wo es endlich ode und traurig ausging, aber er konnte nicht anders und er fuhlte, dass er auch in seiner Natur genug gelitten und erduldet; er gonnte auch andern ihre Prufung. Von einem Don Juan war er schon dadurch unterschieden, dass er keinesweges bloss sinnlich war mit all und jedem Weibe: nur mit den sinnlichen war er sinnlich; noch eifriger konnte er mit streng-moralischen sein Leben durchgehen und bessern, mit einer Religiosen beten. Hatte Don Juan seine Vielseitigkeit gehabt, er hatte sich durch des Teufels Grossmutter vom Teufel los geschwatzt. Dass ihn Dolores sinnlich reizte, brauchen wir nicht zu erinnern; beten und traumen war ihre Sache nicht, aber sie war die stolzeste, prachtigste Sinnlichkeit, die je uber die Erde geblickt, als ware sie ganz zu ihrem Genusse geschaffen. Er sah bald, dass Glanz, Artigkeit, Schonheit sie nicht bezwinge; sie war zu stolz, sie musste gedemutigt werden, das war aber bei ihr nicht leicht. Er liess einige Tucken gegen ein paar lockere Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgultigen Gesellschaftsspiele, die sie fur immer aus der Gesellschaft entfernten; das brachte manche gegen ihn auf: auch Dolores, die an ihrem Umgange Geschmack gefunden; sie machte ihm Vorwurfe, er stellte sich so wutend, dass ihr vor ihm angst wurde; das war kein Schauspiel, nein er fuhlte es ganz so, als wurde die Grafin durch solchen Umgang entweiht; etwas, das der Graf auch gefuhlt, aber immer nur leise angedeutet hatte; doch dachte sie heimlich dabei, dass ihrem Manne es eigentlich gebuhrt hatte, so zu handeln.
Mit seinem Scharfsinne fasste er auch bald die schwache Seite der Grafin, von der er sich ihr schnell, unabhangig von dem Reize seines Umganges, wichtig und unentbehrlich machen konne. Wir sahen schon einmal auf dem Lande eine politische Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Grafin aufblitzen, und seine Harte, sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschliessen; ein Unrecht in einer Zeit, die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat, dass sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit mehr herabgewurdigt wird. Im elterlichen Hause war die Grafin schon als Kind ganz an das Gegenteil gewohnt worden; Frauen wurden zu mancher geheimen Verhandlung gebraucht, ofter als Schiedsrichter uber streitige Falle; sie erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift, und der Marchese uberbrachte ihr deren bald viele, sehr verbotene, schwer zu erlangende, mit unter sogar Manuskripte, die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte. Jede Heimlichkeit fuhrt zu einer andern und verpflichtet zu manchem, was nicht voraus zu sehen. Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung, Uberbringung und Versteckung dieser politischen Gefahrlichkeiten einen geheimen Gang aus, der sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Grafin offen stand, wenn er, ohne die Vorzimmer zu durchlaufen, sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte. Sie gab ihm den Schlussel ohne alle Nachgedanken, welches bedeutende Zeichen sie ihm damit schenke. Wenige Tage darauf nach mancherlei Ansatzen, Zweifeln an Verschwiegenheit, ratselhaften Andeutungen, welche alle Neugierde der Grafin spannten, erklarte er ihr, dass er sie fahig glaube, einen ausgezeichneten politischen Einfluss zu gewinnen. Sie verbarg ihre ungemeine Freude uber diese Ausserung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes, ob eine Frau nach ihren Verhaltnissen dazu tauge. "Das ist Torheit", rief der Marchese heftig, "waren Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des notigen Schreibens zu bringen; ich halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung fur viel geschickter zu solchen Verhandlungen." Und nach diesen Worten uberstromte er sie mit Erzahlungen von franzosischen Frauen, die ihre Zeit geleitet. Er schloss mit den Worten: "Diese Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte, wahrend alle die guten Mutter, wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird, von ihren eignen Kindern schon vergessen werden; Sie sehen, es gibt eine hohere und eine gemeine Tugend; die letztere kann jene nicht erkennen, sie ist uber ihre Fassung, wohl aber jene diese, und darum glauben Sie wegen jener Ausserung nicht, dass ich mutterliche Tugenden verachte, die Sie Grafin so schon und liebreich ausuben; aber es gibt freilich etwas Hoheres!" Die Grafin drangte sich ungeduldig, dieses Hohere kennen zu lernen; sie wunschte, die Geschichten jener Frauen zu lesen, und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwurdigen Memoiren, die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit, die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten, so lebendig entwikkeln, dass eine gewohnliche Untreue in der Ehe, aus Zuneigung, fast wie eine himmlische Tugend erscheint. Wahrend die Grafin Nacht und Tag ganz heimlich in diesen Buchern las, die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertrauet hatte, ruckte er mit seinen politischen Absichten naher; er erbat sich von ihr Kundschaft uber einige furstliche Hauser, die sie kannte; was sie ihm fluchtig gesagt, stellte er mit grosser Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen Darstellung zusammen, und er las es ihr spat Abends vor, so dass sie uber sich selbst erstaunte, was er aus ihr bilde, chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit grosser Sorgfalt, bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien. Unglaublich hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt; sie zitterte, es zu verlieren und hatte es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben. Auch dazu gab der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die Gelegenheit; er sprach von ihrem Talente, das Geheimste zu beobachten, von ihrer Darstellung mit einer Zuversicht, als waren diese Gaben allgemein anerkannt. Der Grafin Zimmer schmuckte sich jetzt mit franzosischer Gelehrsamkeit; sie lebte sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen, und fur den Marchese zu benutzen, so dass es bald in der Stadt hiess, sie sei die rechte Hand des spanischen Gesandten. Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse, die er ihr verbarg und nach denen sie strebte; auch hielt er sich noch immer zuruck, eine Art Herzensverstandnis mit ihr zu eroffnen; sie aber hatte den geheimen Wunsch, dass er ihr seine Liebe erklaren mochte, die sie recht wohl in ihm erkannte; dass sie ihm dann zwar alles Unerlaubte versagen wurde, dessen war sie gewiss, aber wenigstens konnte er ihr nachher nichts mehr versagen, oder durch Ausserungen ihren politischen Gesellschaftsruhm sturzen. Er durchschaute sie, und tat noch immer voller Rucksichten, da er ihr Streben bemerkte, vor ihm als ganz rein zu erscheinen; er glaubte immer noch, dass selbst die Furcht vor ihrem politischen Sturze sie nicht genug in seine Gewalt bringe; als eine wunderschone Frau konnte sie nach einigen Tranen daruber lachen; er musste sie ganz demutigen, dass sie sich sogar als lasterhaft erscheine und dass es ihm ganz uberlassen sei, sie gesellschaftlich zu vernichten. Sie ganz zu demutigen, bot ihm der Zufall, den er oft schon belauert, die dienstfertige Hand. Die Grafin wollte einen Ball besuchen; sie trat in ein Zimmer voll grosser Spiegel, in dessen Ecke er sich hinter einem Schirme auf ein Sopha ausgestreckt hatte; sie bemerkte ihn nicht, machte gegen den einen Spiegel einige recht hochmutige, einige recht freundliche Gesichter; dann sagte sie behaglich zufrieden mit sich selbst: "Heute bin ich unwiderstehlich, heute wird sich der Marchese doch vor mir demutigen mussen; heute will ich ihn warten lassen, ehe ich ihm die Hand biete. Halt", sagte sie weiter, "hier auf der rechten Backe noch etwas Schminke nun soll es heute einmal rot wie ein Wagenrad werden? Wenn der Marchese wusste, dass ich mich schminkte, ich ware verloren, dann wusste es alle Welt. Und mein Mann, was wurde der sagen, dem ich so heilig versprochen, keine Schminke aufzulegen: solch Versprechen kann aber nicht gelten."
Bei diesen Worten sprang der Marchese lachend auf und warf sich der Erschreckten leicht und liebenswurdig geschickt zu Fussen, und sagte spottend: "Ja wohl muss es der hochmutige Marchese der ganzen Gesellschaft sagen, damit alle sich wie er vor Ihnen niederwerfen, Sie verderben sich sonst wahrhaftig die schone Haut mit der fatalen Schminke und des artigen Liedes von dem Grafen denken Sie gar nicht." Und dabei stand er auf und sang ihr dieses Lied, das der Graf ihr einmal zartlich warnend verfertigt hatte, als er das erste Schminktopfchen zu einem Balle bei ihr versteckt gefunden; der Graf hatte es ihm gegeben, indem er ihm versichert, dass sich die Grafin seit der Zeit gar nicht mehr schminke, weil sie es ihm damals heilig versprochen. Hier dies Lied:
Siehst du in den hohen Spiegel,
Deine Locken gleich zu ringeln,
Scheint ein Bubchen, das hat Flugel,
Dich mit Blumen zu umzingeln:
Dann erscheinen in dem Spiegel
Noch der holden Madchen drei,
Binden dieses Knaben Flugel,
Anmut bindet Lieb und Treu.
Willst du freundlich gern sie sehen,
Bleiben freundlich sie ergeben,
Willst du dich nur spiegelnd sehen,
Mogen sie wohl frei verschweben!
Klage nicht, dass Schonheit fliehet,
Schneller flieht das Irrlicht dann;
Bind es nicht durch Kunst, es gluhet,
Was uns warmt, auch brennen kann.
Sonnenstrahl, wie warm und helle,
Kannst die Wange bald versengen!
Ei wer sieht's im Tanz so schnelle,
Alle Farben da sich drangen:
Amor schwingt die Fackel helle,
Sieht so listig auf den Grund,
Sieht so leicht die falsche Stelle,
Schminke kusset nicht sein Mund.
Wer sich Amor kann verstecken,
Kann auch nimmer selig lieben,
Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken,
Kann das Kindlein hart betruben:
Sei auch Lieb durch Schonheit fluchtig,
Wir entfliehen ja mit ihr,
Bluhe Wein, und trage tuchtig,
Schonre Kinder bleiben hier.
Statt des einen Amor viele,
Viele Amors ohne Flugel
Kranzen Grazien im Spiele,
Und du siehst doch ohne Spiegel:
Siehst du deine Schonheit wieder
In den Kindern, die einst dein,
Schlage nicht die Augen nieder:
Ach wie schon, so schon zu sein.
Tausendmal verfluchte die Grafin in sich dieses Lied; aber der Marchese schenkte ihr keinen Vers; immer tiefer sank ihr dabei Stolz und Mut; sie kannte seine Tucke, seine Kunst in lacherlicher Ubertreibung. Zum erstenmal glaubte sie etwas ganz Unverbesserliches getan zu haben, und in dem Nachsinnen auf einen Ausweg wurde ihr eiskalt, und die Gedanken vergingen ihr. Noch ein Vers und sie hatte in Ohnmacht vor ihm gelegen; jetzt brach ein Tranenstrom aus ihren Augen; sie war artig und schwach wie ein Kind, dem man uber eine Kleinigkeit zum Spass harte Vorwurfe gemacht hat, und das sich nun gar nicht will zur Ruhe begeben. Das war so ihre Art; sie fuhlte sich so ganz herunter von ihrer eingebildeten Hohe, dass sie nichts dawider hatte, als ihr der Marchese die Tranen von den Wangen kusste; sie wollte ihn gar nicht loslassen; "schweigen, schweigen!" rief sie schluchzend; er versprach es ihr mehrmals und ohne dass weiter zwischen ihnen etwas gesprochen wurde, hauchte sie sich in die Hande, um die Tranen zu verwischen und die Augen zu erfrischen; der Marchese fuhrte sie an den Wagen. So viel Gewalt sie sich antat, sie konnte nicht ihre gewohnliche Lustigkeit auf dem Balle erreichen, und ihr, die sonst Nachte durchtanzte und am Morgen so klar wie ein Falke aus den Augen sah, fielen sie diesen Abend bald zu, und sie eilte nach Hause, in einem tiefen Schlafe das Ende ihrer hoffnungslosen Nachgedanken zu finden, wie der unverbesserliche Fehler gut zu machen, der ihr noch jeden Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb. Noch am Morgen war sie ganz zerknirscht; nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemut so in seiner Gewalt gehabt, weil sie nie eigentlich geliebt hatte; sie fuhlte etwas Neues zwischen sich und dem Marchese entstehen, das sie nach allen Beschreibungen der Bucher fur die wahre Liebe halten musste; sie fuhlte in ihm ein Hinaussetzen uber alle Verhaltnisse, vor dem ihr grauete und das sie reizte, weil es den Keim zur Verderbnis in ihr plotzlich zum Aufwachsen regte. Ihr Mann war ihr durch das Lied ganz verhasst; durch eine haufige Missdeutung des Gefuhls glaubte sie in ihm die wahre Ursache ihrer Beschamung; bald kam es ihr vor, als habe er sie boshaft dem Marchese ganz uberlassen wollen; sie fand es plotzlich ein himmelschreiendes Unrecht von ihm, eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genuss zuruck zu lassen. Missverstandnisse sind die Bluten des Bosen, nur die Guten verstehen sich mit Guten zum Guten ganz und immer. Dem Marchese war nichts entgangen: seine gewonnene Uberlegenheit, ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus. Da sie ihrem Manne sonst meist nur aus Eigensinn, nicht aus verschiedener Ansicht widersprochen, denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begrundete Kenntnis an, so musste ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht brechen, die Folge davon war, dass sie von ihm lernen wollte. Nun umspann er sie leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften, hoherer Philosophie, Astrologie und Geisterbeschworung; er kannte von allem nur das, was auf das Gemut wirkt und das Urteil beschrankt, und so fuhrte er sie bald in eine neue Welt, unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag; so verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schonen Eindrukke, den seine Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte.
Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister, ihre Art sie zu denken und zu zitieren; einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit Ketten, sprachen vom Fegefeuer, und forderten Gebete von den Ihren; spaterhin wurden sie wissenschaftlicher, und forderten zu ihrer Beschworung grosse Kenntnisse, Anschaffung seltener chemischer Bereitungen, und in diesem Sinne wirken noch immer die Rosenkreuzer. Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der Rosenkreuzer angeeignet, um sie, vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemuter auszustrecken. Er zeigte der Grafin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe ausgezeichneter Manner der Zeit, die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der Geister und der hoheren geistigen Weltregierung ansahen; sie staunte uber die Gewalt, die er uber alle ausubte, und in diesem Sinne wurden ihr selbst unbedeutende Ausserungen von ihm bedeutend; manches Zeichen, das er willkurlich machte, hatte ihr einen tieferen Sinn. Oft brachte er ihr, ohne ihr Wissen, magnetisierte Blumenstrausse, die sie mit einander in eine Beruhrung setzten, dass sie in ihrem Innern, was er wollte, anschauen musste. Eines Abends las er ihr aus einem geschriebenen Buche von der chymischen Hochzeit6 vor, das er sich selbst zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben wollen:
"An einem Abend vor dem Ostertage sass ich an einem Tische, wo ich der vielen grossen Geheimnisse dachte, deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen lassen. Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlammlein, ein ungesauert unbeflecktes Kuchlein in meinem Herzen zubereiten wollen, kommt ein grausamer Sturm daher, dass ich nicht anders meinte, denn es werde der Berg, darin mein Hauslein gegraben, von grosser Gewalt zerspringen mussen. Da mir aber solches an dem Teufel nicht fremd war, fasste ich einen Mut, und blieb in meiner Betrachtung, bis mich jemand an den Rucken anruhrte, davon ich so erschrocken blieb, dass ich nicht umzusehen wagte. Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen wurde, so sahe ich mich um, da stand ein schones herrliches Weib, deren Kleid ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war. In der rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune, auf welcher ein Name gestochen, den ich wohl lesen konnte, der aber zu verstehen unmoglich; in der linken Hand hatte sie eine grosse Menge von Briefen, die sie in alle Lander trug. Einen dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch, breitete dann ihre rauschenden blauen Flugel aus und verschwand durch das verschlossene Fenster. Als ich dies Brieflein in Demut offnete, da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen Felde geschrieben:
Heut, heut, heut
Ist des Konigs Hochzeit ..."
Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt, dass der Marchese nicht weiter lesen konnte; die Grafin hatte sich angstlich mit ihrem Stuhle zu ihm geruckt; die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten umherzugehen; der Marchese schaute mit einem grossen Blicke empor, erhob die Hande und schien eine Erscheinung demutig zu begrussen; er sprach, aber sie horte nichts, er deutete auf sie, als wenn jetzt etwas uber ihr schwebe, und angstlich fragte ihn die Grafin, was er sehe. Er sagte, dass er die Mutter Gottes sehe, die sie an ihn drucke und einen Kranz von Rosen mit den Worten uber sie halte: Folge mir nach! Dolores druckte sich erschrokken an ihn und meinte, sie werde an ihn gedruckt; sie fuhlte seinen Atem, und meinte, es sei der gottliche Atem, und rief: "Ich fuhle sie, ich fuhle ihren Atem, er ist heiss, wie der Orient und wie die Liebe einer Mutter!" Bei diesen Worten rief er: "Und ich bin ihr Sohn!" und sturzte in einem krampfhaften Zucken uber die Grafin hin. Schon oft hatte er ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mythus gesprochen; sie schien bewusstlos bei diesen Worten: "Ja du bist, du Gewaltigster, du Heiligster in der Schwache menschlicher Natur mir in die Hand gegeben!" "Und du bist meine ewige Braut!" seufzte er. Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf, sein Atem ward stille; der hulflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefurchteten Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Grafin; sie rieb ihn mit wohlriechendem Ol, das in einem kleinen Flaschchen um ihren Hals hing, sie luftete seine Binde, seine Weste; seine schone mannliche sudliche Bildung trat hervor wie eine ausgegrabene Antike, wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen Reiz enthullt; sie konnte ihn nicht erwecken und musste ihn so lange anstaunen. Zu schellen wagte sie nicht; es war sehr spat, und er war durch den geheimen Gang zu ihr gelangt. In diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich in der Hohe des Zimmers umher, wie ein fortziehender Schatten; auch der Marchese hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor dem Tiere, das er nicht leiden konnte, wieder zur Besinnung. Die Grafin war so freudig uber sein Erwachen, sie hatte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert; aber das wollte er nicht; er wollte nicht uberraschen, keine Vorwurfe horen; statt die Stimmung, den Ort, die neue Vertraulichkeit zu benutzen, liess er die erweckten Begierden in ihr fortwuchern, hieb mit seinem Degen die Fledermaus nieder und verliess das Zimmer mit einem ernsten Kusse.
Ich mochte, statt zu erzahlen, hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die Ungluckliche zu erwecken suchen: aber es ist doch zu spat.
Den Sieg uber ihre Treue und uber ihr Gluck setzte der Marchese nur bis zum nachsten Abende hinaus, wo er ihr Zimmer mit unzahligen Blumen geschmuckt und gegen alle Fledermause geschlossen hatte. Die Wurzeln waren alle untergraben, er wusste, wohin der Baum fallen musste, und so schwelgte er alle seine jetzigen und kunftigen Fruchte an einem Abende auf; es war so schon, dass er sich heilig schwor, zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden, um diesen Eindruck sich nicht zu verderben. O du angebetete Schonheit, wie bist du gefallen von deiner Hohe, wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr vor dir.
Sechstes Kapitel
Ruckkehr des Grafen nach der Stadt
Der Graf kam einige Tage darauf nach der Stadt zuruck, um sie aufs Land mitzunehmen, um ihr im Jubel alle seine neue Anlagen zu zeigen. Sei es, dass er durch das stete Anordnen und Bewachen der Arbeiter etwas strenger Durchschauendes in seinen gewohnlichen Blick aufgenommen, oder war sie von der Furcht getauscht, er mochte ihr Verbrechen auf ihrer Stirne lesen, genug, sie suchte ihre Verlegenheit hinter einer sturmischen Zartlichkeit zu bergen, welche sonst ihre Art nicht war, die immer mehr erwartete als entgegenkam. Es war ihm etwas Storendes, etwas Frevelndes in ihr; er gedachte mit einem ruhigern Urteile, das er jetzt in dem Verhaltnis zu ihr gewonnen, an die gleiche Empfindung, die ihn damals bei seiner ersten Ruckkehr von der Universitat befangen; es muss doch etwas andres in ihr sein, dachte er, was ich nicht geliebt, nicht gekannt habe; doch schwieg er davon, er fuhlte noch zuviel Zartlichkeit gegen sie, als dass der Gedanke ihm lange Stand gehalten. Er forderte sie zur Abreise aufs Land auf, aber mit tausend schonen Worten wusste sie ihm zu erklaren, dass es ihre Gesundheit noch nicht zulasse; auch schienen ihre Wangen jetzt wirklich blasser, seit sie die Schminke, der Beschamung jenes Abends eingedenk, aufgegeben hatte. Der Graf verschwieg seine Empfindlichkeit, seine verdorbene Freude; die Grafin gedachte ihre gewohnte Lebensweise in der Gesellschaft des Marchese fortzusetzen; aber zu ihrer tiefen Krankung zog es dieser vor, einige Tage den Grafen aufs Land zu begleiten.
Siebentes Kapitel
Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut.
Unterhaltung von unseliger Liebe zu verlornen
Madchen
Der Graf nahm zartlichen Abschied von seiner Frau. Der Marchese druckte der Grafin zum Abschiede spottend das Schminkdoschen in die Hand, das ihm zum Andenken jenes Balles geblieben. Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrucken; sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha. Es kamen ein paar altere Frauen zum Besuche; die Unterredung schlich gahnend durch die Neuigkeiten; endlich fing die eine an: "Ich merke doch immer mehr, dass uns etwas fehlt." "Aber was ist es?" fragte die andere. "Verstellen Sie sich nicht", antwortete jene, "Liebhaber fehlen uns; es war doch eine schone Zeit, wo stete Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten, und ich finde in nichts dafur einen Ersatz." Dolores wurde gluhend rot bei diesen Worten; zum Glucke war es Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken.
Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern, die er ihm von Frauen aller Art erzahlte; selbst die Geschichte seiner eigenen Frau trug er ihm mit geringen Veranderungen so ruhig vor, als hatte er sie unfern den Saulen des Herkules erzahlen horen. Der Graf schwor darauf, dass ein so ehrvergessenes Weib nie einen ehrlichen Mann betrugen konne. "Es ist eine wunderliche Sache um die Abirrungen ehelicher Liebe", meinte der Marchese; "ich weiss wirklich nicht, wenn ich der Mann gewesen ware und den Handel entdeckt hatte wer kann einen schwachen Augenblick hart bestrafen." "Beim Himmel", rief der Graf, "hart nennen Sie das, das nennen Sie einen schwachen Augenblick, der die starken Bande langer Gewohnheit, geschworner Treue, alter Liebe vernichtet; das ist eine furchterliche Starke im Menschen, die das nur vermag, die muss vernichtet werden, oder die Welt bestande nicht mehr. Gott bewahre mich vor dem Falle, aber ich hatte es nicht lassen konnen, die beiden umzubringen." "Sie konnen recht haben", sagte der Marchese ruhig, "die Gewohnheit, uber dergleichen unselige Vorgange in der Welt gleichgultig reden zu horen, gibt auch der Beurteilung dieselbe Gleichgultigkeit, die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen Ereignisse, wo es mich betrafe, verleugnen mochte. Wenn Sie aber, lieber Graf, bestimmt so denken, so verwundert es mich, wie Sie Ihre Frau so in der Fulle aller Reizungen allein zurucklassen konnen; sie mag eine sehr vollkommene sittsame Frau sein, lieber Graf, sie ist doch auch nur eine Frau; in Spanien durfte das kein Ehemann wagen." "Wir Deutsche", meinte der Graf ungestort, "wir sind entweder anders, oder denken daruber anders; wir schenken einer Frau mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen; meine Frau betrachte ich wie mich selbst, nicht als aus einer besondern Rasse schwacherer Wesen; ich bin gewiss, so wenig ich ihr eine fremdartige bose Neigung verschweigen wurde, so wenig wurde sie ungewarnt meine Ehre, mein ganzes Gluck, verraten." So endigte sich diese merkwurdige Unterredung, in welcher die ubermachtige Klugheit so arm neben dem reichen zutraulichen Glauben erscheint, und der Glauben in so schwerer Prufung neben der Bosheit; doch liess sie in dem Gefuhle des Grafen, verbunden mit dem Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin, eine gewisse Besorglichkeit zuruck, die er gern einem eignen Ubelbefinden zuschreiben wollte. Man irrt aber eben so oft, wenn man jeden ungewohnlichen geistigen Zustand einem korperlichen Leiden zuschreibt, als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele, einer Sehnsucht, herleiten mochte, wie es den Frauen haufig eigen. Die beiden Reisenden wendeten bald ihr Gesprach auf die Liebe; der Graf in dem schonen frommen Sinne, der dem glucklichen Neulinge eigen; er war als Vater noch unschuldiger als manches Kind. Der Marchese uberschuttete ihn mit einem kalten Sturzbade der wunderbarsten Geschichten, welche Lust und Not einem gebildeten barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben; dabei flossen ihm die Geschichten zum Munde hinaus, als spulte er ihn sich aus, und wurde er reiner. Auch die Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung, und so ein geriebener Himmelssturmer lasst sich in seiner pestilenzialischen Wirkung den Soldaten vergleichen, die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen; ihr Geruch vergiftet alle, wahrend sie sich wohlbefinden. Der Graf fuhlte dabei eine wunderliche Neigung in sich, auch die Welt so kennen gelernt zu haben, in allen ihren Tiefen und Hohen; sein Leben kam ihm so arm vor; er hatte ihm auch gerne etwas erzahlt, aber mit Staunen bemerkte er, dass er diese Seite geselliger Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe. Der Graf, immer aufrichtig und wahr, sagte dem Marchese: "Sie haben nicht umsonst gelebt, Sie haben einen reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt, den ich mit leerem Bedauern angesehen habe, dass er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr zusammenfliessen konne. Ich versichere Ihnen, es gab eine Zeit, wo ich offentliche Madchen gar nicht fur Menschen gehalten habe, sondern fur eine Art Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen, fur eine Art schandlicher Gotzen aus dem alten Heidentume, denen Menschen geopfert wurden. Erst auf der Universitat lernte ich an einem Madchen, das mir gegenuber wohnte, wie alles so gewohnlich menschlich, mehr nachlassig als bose, zugehe. Sie war erst sehr ordentlich sparsam und fleissig, half fleissig den Eltern, die einen kleinen Handel trieben. Die Mutter starb, der Vater war alt; er hatte kein Ansehen uber sie und sie musste ihn zum Teil ernahren; darum schwieg er zu allem, was sie tat. Bald bemerkte ich, dass sie ein schones Tuch, bald auch ein besseres Kleid truge; bald sass sie am Fenster und beschaftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei; ich dachte, die Leute hatten eine Erbschaft getan. Endlich sass sie aber ganz mussig an ihrem Fenster, das halb mit Blumentopfen verbaut war; ihre Backen sahen mir so unnaturlich rot aus; sie winkte mir; aber das Madchen, mit dem ich eine kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte, dass sie in hundert Jahren nichts davon erraten hatte, war mir im Augenblikke so verhasst, dass ich ihr den Rucken zukehrte. Bei einer Gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht ins Fenster, womit ich sie zu bekehren meinte." DER MARCHESE: "Sagen Sie es doch her, wenn Sie es noch wissen, die Geschichte hat etwas so Unschuldiges, das mich ungemein reizt." DER GRAF: "Aus der Zeit vergisst man nichts."
Die arme Schonheit
Mir gegenuber das schone Kind,
Strickte sonst fleissig ums liebe Brot,
Barfuss doch lief sie bei Regen und Wind,
Schwarz war ihr Kopftuch, ihr Rockchen war rot;
Wenn ich sie grusste, dankte sie schon,
Und ich mocht gern ins Auge ihr sehn.
Mir gegenuber sitzt nun das Kind
Mussig am Fenster, dass jeder sie schaut,
Hat sich gelocket die Haare geschwind,
Putzt sich in Seide wie eine Braut;
Wenn ich sie sehe, winket sie mir,
Wenn du sie grussest, winket sie dir.
Hor, gegenuber du armes Kind,
Schande macht reich und die Schonheit ist arm,
Schande, die tauscht mit der Schonheit geschwind,
Dass sich doch Gott nur der Schonheit erbarm.
Siehst du zum Himmel, Gott siehet dich nicht,
Sieht kein geschminketes Angesicht.
DER MARCHESE: "Schon, und was fur Erfolg hatte das Lied?" DER GRAF: "Sie erriet mich, sie kam zu mir; sie klagte mir ihre Not so ruhrend, dass blosser Geldmangel sie erst bezwungen, dass ihr erster Liebhaber sie verlassen; ich griff in meinen Geldbeutel und gab ihr geruhrt alles, was ich hatte; daruber wurde sie wieder so geruhrt, ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und ich gestehe Ihnen, dass ich sehr nahe war, meine erste Erfahrung zu machen, als ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte, dass sie gleich eintretend mein Zimmer verschlossen hatte. Diese Absicht brachte mich auf, ich verwies es ihr hart. Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend."
DER MARCHESE: "Da sind Sie wohlfeil weggekommen; in der Geschichte ist so viel Gutmutigkeit, dass Sie ein paar Dutzend Weiber damit verfuhren konnten. Es fiel mir dabei eine Geschichte ein, die ich beinahe wortlich auswendig weiss. Haben Sie nie die Geschichte von Manon Lescaut gelesen? Dem armen Chevalier Grieux ging es schlimmer mit einer ahnlichen Bekanntschaft. Es ist vortrefflich dort erzahlt, wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht; keiner hat Zeit, ihm Bescheid zu sagen. Ein Hascher, den er an dem Bandelier und an der Muskete dafur erkennt, sagt ihm kalt: Es sei gar nichts, er transportiere ein Dutzend Freudenmadchen nach Havre, von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten. Eine ist sehr hubsch und das macht die Leute neugierig. In dem Augenblicke kommt ein altes Weib aus dem Hause und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen Armen: Das sei nicht auszuhalten, das arme Kind zu sehen! Neugierig steigt der Verfasser vom Pferde, geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Madchen, von denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen, wie sie ein Fruhstuck einnehmen. Eine aber ass nicht und hatte sich halb abgewendet; doch leuchtete ihre Schonheit durch das schmutzige Zeug, das sie bedeckte. Er fragt einen Hascher nach dem Madchen. 'Ich hab sie aus dem Zuchthause abgeholt', antwortete der, 'wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden; sie ist aber eigensinnig stumm; ich habe einige Schonung gegen sie, da sie doch von besserer Art scheint, als die andern. Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen konnen; er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehort zu weinen, es muss ihr Bruder, oder ihr Liebhaber sein.' Der Reisende sah nach dem Winkel, wo der junge Mensch sass: ein Bild der Trauer; einfach gekleidet, aber voll Anstand in Haltung und Bewegung. 'Entschuldigen Sie meine Neugierde', sagte der Reisende, 'ich hore, dass Sie jenes schone Madchen kennen, das so wenig ihr Schicksal verdient zu haben scheint.' Er sagte ehrlich, dass er daruber keine Auskunft geben konne, ohne sich selbst zu erkennen zu geben; dies aber erlaube ihm die Ehre seiner Familie nicht. Nur das eine konne er nicht leugnen, was auch die boshaften Hascher recht gut wussten, dass er sie liebe, alles versucht habe, sie zu retten: Bitten, List und Gewalt, alles vergebens; und so sei er entschlossen, ihr in die neue Welt zu folgen. 'Das Abscheulichste aber ist', fuhr er fort, 'dass diese schandlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen, seit ich all mein Geld ihnen gegeben, um nur einige Augenblicke in der Nahe der Geliebten zu sitzen; nahere ich mich jetzt, so stossen sie mich mit den Kolben zuruck; sehen Sie diese Beulen.'
So ruhig er diesen Bericht abstattete, so fielen ihm doch dabei einige Tranen aus den Augen. Der Reisende druckte ihm in stiller Teilnahme vier Louisdor in die Hand, wendete sich dann zu dem Oberhascher, nahm ihn bei Seite und machte ihm Vorwurfe uber seine Fuhllosigkeit. Er schien beschamt und sagte verlegen: 'Es ist ja gar nicht darum, dass er nicht mit dem Madchen sprechen soll, dass wir ihn zuruckgestossen, aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu lastig; er muss unsre Unbequemlichkeit bezahlen, das ist naturlich.' 'Wie hoch rechnet Ihr diese?' fragte der Reisende. 'Zwei Louisdor fur die ganze Reise', sagte der Hascher unverschamt. 'Gut', sagte der Reisende, 'da sind sie; stort Ihr aber die beiden, ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen.' So verliess der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglucklicher verirrter Liebe; denn, um alles kurz zu uberschauen, dieses offentliche Madchen, so schon als leichtsinnig, hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in die Welt so ganz gefesselt, ihn zehnfach mit seinem Wissen, doch ohne seinen Willen fur Lust und Gewinn verraten, ihn aus einem reichen Wohlstande, herzlicher Frommigkeit, in Elend, und Laster, und Schande gesturzt; er konnte doch nicht von ihr lassen." DER GRAF: "Die Geschichte ist furchtbar und so wahr, dass mir in tiefster Seele schaudert; welchen Gefahren haben Sie sich in der Welt ausgesetzt; es gehort auch dazu eigne Heldentugend, das alles mit Ihrer Uberlegenheit zu bestehen; bei Gott, ich bewundre Sie; ich fuhle in mir nicht die Starke dieses Ungeheuer von Welt zu betrachten; lassen Sie sich nun mit meiner Welt genugen. Hier lieber Marchese, hier, wo alle Wege und Felder ein frohlicher Ansehen gewinnen, hier wird mir frohlich ums Herz; werden Sie es auch, geben Sie mir die Hand, Sie sind mein Freund; hier ist die Grenze meiner Besitzung, sei Ihr Eingang ein Gluckszeichen." Der Marchese bewunderte als Kenner die Gartenkunst des Grafen, dieses geniale Benutzen des zufalligen Gegebenen, um grosse landschaftliche Wirkungen mit den leichtesten Kunstmitteln daraus hervorgehen zu lassen; nichts war leerer Zierat in den Garten, keine Tempel mit Altaren, auf denen niemals geopfert wird; das Vergnugen der ganzen Gegend fand in dem Garten seinen Mittelpunkt; jede Laune fand ihren willkommenen Gang und Ruheplatz. Zuletzt durchstrichen sie Feld und Wald; der Graf machte den Marchese aufmerksam, welche Menge von Baumen, Gestrauchen und Blumen fremder Gegend, die sich aber uns klimatisieren, bis in die entferntesten Punkte von ihm gepflanzt und gesaet waren, die nun notwendig ihre Art, wie die Perle, ins Meer fallend, in immer weiteren Kreisen dessen Wellen bewege, bis an die fernsten Kusten fortpflanzen mussten. "Alles andre", sagte er, "kann bei einiger Nachlassigkeit kunftiger Besitzer schnell untergehn; dies allein ist nur durch ungeheure Naturrevolutionen zu vernichten, die unser Klima ganz abandern." Voll Bewunderung und wirklicher Teilnahme an diesem schonen Bestreben kehrte der Marchese nach der Stadt; noch von niemand fuhlte sich der Graf so ganz verstanden; mit seinem freundschaftlichsten Feuer verschwor er sich ihm zum Abschiede. Er gab ihm einen zartlichen Brief zur Bestellung an seine Frau, worin er ihr den Marchese als seinen liebsten Freund nochmals empfahl; der ganze ubrige Tag blieb ihm trube.
Achtes Kapitel
Des Grafen schwerer Traum. Warnungsbrief.
Verzweiflung an der Liebe und Flucht
In derselben Nacht traumte dem Grafen ein wunderbarer Traum, der ihm die Grafin in furchterlicher Untreue darstellte, dass er beim Erwachen auf sie schimpfte, und sich erst allmahlich zu erinnern vermochte, was ihn so gewaltig aufgebracht. Als er zum Fenster hinaussah, am Sonnenscheine die truben Gedanken aus den Augen zu wischen, da horte er unten einen kleinen Buben, der ein bekanntes Abschiedslied so hinsang ohne zu wissen, was er gesungen; er sang es so aus Nichtstuerei:
Jetzunder geht mir mein Trauern an,
Die Zeit ist leider kommen;
Die mir vorm Jahr die Liebste war,
Die ist mir jetzt genommen.
Mein Herz ist von lauter Eisen und Stahl,
Dazu von Edelsteinen,
Ach wenn doch das mein Schatzliebchen
erfuhr,
Es wurde trauern und weinen.
Es trauert mit mir die Sonne, der Mond,
Dazu die hellen Sterne,
Die haben den lebenden, schwebenden
Garten an dem Himmel.
Wollte Gott, dass ich gestorben war
In meinen jungen Jahren,
So war mir all mein Lebetag
Keine grossere Freude widerfahren.
Es ist nicht hier ein kuhler Brunn,
Der mir mein Herz tat laben,
Ein kuhler Brunn zu aller Stund,
Der fliesst aus meinem Herzen.
Der Graf musste heftig weinen; zum Weinen war er uberhaupt leicht gebracht, wenn er allein oder mit Vertrauten war; vor fremden Menschen fand er sich nie zu Tranen geruhrt. Nachher fielen ihm einzelne Stucke seines Traumes ein, der ihm bald mit dem Liede wunderlich genug zusammenschmolz; er schrieb es zu seiner Zerstreuung auf und diese undeutliche Erzahlung wird seinen Zustand deutlicher darstellen, als wir es in unsrer Art zu tun vermochten.
Der bose Traum
SIE:
Mein Karl, was soll ich heut anziehn,
Dass ich ins Auge dir falle,
Soll ich in schimmerndem Rosa bluhn,
Ich ging so gern zum Balle.
ICH:
Es kleidet sich schwarz ein ganzes Jahr,
Die Zeit ist schwarz gekommen,
Die mir die Liebste noch gestern war,
Ist schlecht mir vorgekommen.
SIE:
Du schauest mich an und sprichst mit dir,
Als war ich nicht zugegen,
Nun sieh, der Zimmermann liess die Tur
Der lauten Grillen wegen.
ICH:
Die Grillen versingen sich die Nacht,
Doch ich muss immer traumen,
Es ist nun Morgen, ich bin verwacht,
Was soll mich nun aufraumen.
Mein Herz ist so voll von Hollenqual,
Wie von dem Bild, dem deinen,
Ach konnt ich doch alles nur einmal,
Die Augen mir ausweinen.
Es trauern mit mir die Blumen all,
Die dir zum Kranze gebrochen,
Die rissest du mit in den Sundenfall,
Die hatten mich zerstochen.
Es trauert mit mir die Sonne, der Mond,
Dazu die hellen Sterne,
Was hoch da lebend und schwebend wohnt,
Das ziehet fort zur Ferne.
Sie bluhen im himmlischen Gartenland,
Das steht auf Feuersaulen,
Der Regen, der spulet hinweg mein Land,
Ach konnt er mich so zerteilen.
Mein Garten aus blinder Lieb war erbaut
Auf einem schwarzen Sumpfe,
Und der ich lebend und schwebend vertraut,
Die ist als Irrlicht versunken.
Vergiftet ist der Spiegelbrunn,
Der labte meine Schmerzen,
Ein kuhler Brunn zu aller Stund,
Der fliesst aus meinem Herzen.
SIE:
So sag doch an, so sprich doch aus,
Was hat dich so betrubet,
Es stehet noch alles wie gestern im Haus;
Wie hast du mich gestern geliebet!
ICH:
Verliebet und frohlich schlief ich hier ein,
Und traurig bin ich erwachet,
Die Liebe scheinet mir nun ein Schein,
Sie hat mich im Traume verlachet;
Im Traume da sahest du mich recht an
Mit allen Liebesgewalten,
Ich sturzte nieder, ich freute mich dran,
Doch du schienst dich zu halten.
Du gabst mir die Hand und sahst mich an,
Dann musstest du dich drehen,
Du sagtest: "Da steht der Jedermann,
Den muss ich auch noch sehen."
Den Jedermann sahst du so freundlich an,
Wie du mir nie erschienen,
O fande ich nur den glucklichen Mann,
Ich legte ihn nieder im Grunen.
Wollt Gott, dass fruh ich gestorben war
In meinen jungen Jahren,
So hatt ich an Liebe, so hatt ich an Ehr,
Nie solchen Schmerz erfahren.
Hier musste er vor Schmerz abbrechen; was sie ihm geantwortet hatte, war ihm zu unerhort; er ritt aus und malte sich tausend Arten ihrer Untreue vor. Als er nach Hause kam, fand er einen Brief des alten Bedienten, der ungeachtet seiner Schwache sich die Oberaufsicht im Hause und das Berichten an den Herrn nicht nehmen liess. Nach mehreren Nachrichten, ermahnte ihn der alte Mann aus einem gewissen innern Antriebe, es sei nicht recht, dass er seine Frau so lange habe allein gelassen; er kenne ihre Art von Kindheit, sie wolle immer gefuhrt sein und weil sie das fuhle, tue sie stolz und herrisch, wer wisse, was daraus entstehen konne. Diese Worte, so wie die Warnung des Marchese auf dem Wege, die ihm erst jetzt auffiel, schienen dem Grafen in seiner Stimmung ganz uberzeugend, dass ein Unrecht geschehen sei; er aber wagte es nicht zu wissen. Jetzt erinnerte er sich auch, dass ihm im Traume ein gewaltiger wilder Mann erschienen, der jene Waffen und Armringe getragen, die er in dem Denkmale des Riesensteines gefunden und aufgestellt hatte; der habe ihm mit dem Schwerte gewinkt, in alle Welt zu gehen. Sein Entschluss war bald gefasst; an seiner Liebe verzweifelnd wollte er nichts, als weit von dem Orte fort. Er ordnete fluchtig das Notwendigste im Hause, sagte niemand, wohin er reise, und fuhr ohne Bedienten in einem leichten Wagen mit Postpferden nach der nachsten Station. Auf dem Wege nahm er manchmal in seinen Gedanken zartlichen Abschied von ihr; es war ihm, als ob eine fremde Gewalt sie von einander risse, und wie an einer Wetterscheide, sein Schiff nach Westen und das ihre nach Osten getrieben wurde. Wir hassen alle schauderhaften Bilder, die das Gemut trostlos verwirren; wir halten es gefahrlich sogar, den Menschen unnotig mit zerrissenem Herzen auszustellen, um die Mitmenschen zu ruhren, oder ihn neugierig zu beobachten; wir unterdrucken gern das meiste, was uns aus jener Zeit von ihm ubrig geblieben; nur einige Stationen seiner Reise heben wir aus, um seinen Ideengang zur Verbindung der Geschichte uns zu versinnlichen; sie ruhren uns bei aller Nachlassigkeit ungemein, denn es ist Sprache eines tiefgekrankten Herzens.
1.
Uber Stock, uber Stein, drein, drein, ohne Bewusstsein; knackt's, bricht's, wirft's um, ich sitze stumm; meiner Blicke einzige Sprache ist ewiges Wachen, ein nordischer Tag ohne Nacht in hallender rastloser Jagd.
Der Schweissfuchs trabt, der Braune hinkt, das Sattelpferd springt ein Heimchen noch singt: Halt still, wie mir's das Herz erlabt.
Der Schwager sagt: "Wir sind gleich da, wir sind gleich da!" Das Posthorn klagt: "Die Hande riss ich auseinander, die Herzen zerreiss ich elende, und wandre hin und zuruck; dies ist Geschick." Berge, ihr hemmenden, neblig beklemmenden, Berge, ihr trennenden, abendlich brennenden, seid mir nun nah, und wir sind nah, und wir sind da.
2.
Die muden Pferde ausgespannt werden, matt und durr zum Einbrechen bleiben sie stehen; lassen die Fliegen stechen, in den Brunnen sie sehen. Verlassen stehet der Wagen, es wehet!
Und von den spielenden Luften bleibt kuhlender Schauer der Trauer des harrenden starrenden greisenden Reisenden.
Und sinken die Winde, so ruhet geschwinde alles umher, ode und schwer, wenig Bewegliches, lauter Alltagliches, alles ist gleich; hier ein paar Blasen im Teich heften den Blick an ihr Geschick; Luftballe der Unterwelt an der Sonne zerschellt, dort trockener Blatter Geflugel, hier schmilzt der Schnee vom Hugel, und rieselt zu nahren die Zahren. Brand! Brand! Ich trink ihn aus meiner Hand. Er fliesset zum Munde, da schreiet die Wunde des Herzens zum Himmel sie schliesset sich nimmer! Das Herz, das bewegliche, urleidend klagliche, nimmermehr rastende, ewig nun fastende still sich verzehrende, nimmer sich leerende, lasst sich der heiligen Stille enthullen.
3.
Wie bin ich zur Kuste des Meeres gekommen allhier, oder kam das Meer zu mir? Ich seh mich im Spiegel des Meeres an, ein jeder uber sich selbst wohl lachen kann; ich meinte, das Gluck mir lachle zuruck. Wie Stossvogel druber die Sorgen viel truber, sie dringen hernieder und weichen nicht wieder. Die Narben und Falten sich zeigen und halten, selbst von den Toten nicht scheiden; doch spurlos sind Freuden, ein gleitender Strahl hin ubers zerrissene Felsental.
4.
Licht, von Orient wiederkehrend, ach wie bist du so betorend, es verloscht dein erster Strahl einen Augenblick die Qual; Blut, so roter kehrst du wieder, und je feuriger, je truber.
O du heller Orient, den keiner so kennt wie ich, hast du schon vergessen mich? Wer sitzt an meiner Stelle auf der Schwelle, erwartend das Fruhgeton, das scharfe Wehn umflattert von Fledermausen, umkrochen von Ameisen und doch schien mir's schon, wie dies Land von den Hohen. Wer lang genug darinnen haust, der weiss, wo es graust.
5.
Warum muss ich fliehen, woher sie alle ziehen, die strahlenden, die malenden, die luftig zerstreuten, im Leuchten erfreuten Blicke der Liebe! Des Unbedeutenden Macht hat keiner gedacht und des Bedeutenden Blick ist voller Tuck. Was riss mich fort? Was hielt mich dort? Mich hielt ein Blick, sie hat ihn abgewendet vom Gluck. Nun reissen vier Stricke am Wagen gespannet, mich weg von dem Glucke, ich hab mich ermannet. Den Wagen sie ziehen, die Steine ergluhen, war einer gerissen, ich hatte halten mussen. Warum reisset mein Schmerz doch nie und schreiet nur immer: "Flieh!" Mit wem red ich, wer kennt mich, wer sind wir? Ich und die Luft hier.
Der Lufte lieb Wort, der Vogel zieht fort, wer war der erste im Flug, ihn treffe mein Fluch. Die Luft zieht ihm nach, und ich seufze mein einsam Ach! Niemand hort mich, Keiner stort mich, und die sind mir jetzt Gesellschaft, meine ganze irdische Freundschaft.
Sie liebt einen andern und ich muss wandern.
"Herr, da liegt eine Leiche am Weg."
Schwager, fahr stille weg, er musste auch wandern mit den andern, auch du geliebter Feind musst wandern mit den andern, wenn gleich dein Leib geheiligt ist, seit sie dich hat gekusst.
6.
Der hat das Ende der Welt erreicht, der von der Liebsten weicht! Dem ihre Stimme fehlet in Freud und Grimme. O Erde nenne sie mir! Du schweigest vor dir, bist frostig verschlossen und ich bin verdrossen. Ach meine Lieb war mehr als ich, denn sie bezwang mich. Ach meine Liebe ist nun fur immer aus, sie fand kein Haus!
Wie ein verspatet Kind ausgeschlossen in Regen und Wind; der Regen lauft ihm ubers Angesicht, es stehet vor dem Hause dicht, es mochte noch klopfen an und es nicht wagen kann. Wenn vieles ich nicht sagen will, so sag ich nichts und schweige still. Ich bin kein Kind, mir ubers Gesicht wehte scharf der Wind, dass mir der Bart aufging; die Jugend verging, ich hab sie nicht genossen, die sussen Gedanken sind alle zu nichts zerflossen.
7.
Ich wandle weiter voraus vor des Wagens dunkles Haus; ich seh ihn nicht, ich hor ihn klirren mit den Geschirren, und wie das Schicksal folgt er mir nach. Hier steh ich am Bach, im kleinen Haus gehet die Muhle mit Braus. Der Bach verrinnt, der Stein zerreibt, und keiner gewinnt und keiner bleibt.
Ich schwanke zwischen Baumen, da will mir traumen, als fuhr ich in dem schwarzen Meer in dunkler Nacht daher; im schwarzen Meer die Masten, sie ziehen ohne Rasten, kein Schiffer will mehr grussen, die tiefe Still wird bussen, den Leuchtturm versenkt schon der Sturm. Die Segel herunter, es gehet bald bunter. Ich bin auch einer der Euern, ihr musst nicht feiern. Die Segel hernieder, ihr Bruder. Nun tragt mich ihr Fusse durch Regengusse. Die bestimmten erklimmten Wolken am Waldhang sich senken, es tropft mir das Haar so klar. Wer kann nachdenken! Wir machen im Dunkel grosse Augen und keiner kann sie brauchen. Ihr Wirbel im Meere, ihr fullet die Leere; ihr Augen, Leuchtturme, Eingange der andern Welt, neulebend mochte hinaus der Held; ihr seligen Erinnerungen, ich leb in euch und bin von euch durchdrungen; ihr lieben Augen der Geliebten, wie kann das taugen dem Betrubten, ihr habt mir Meer und Sturm und Himmel verschlungen und durchdrungen.
8.
Mude sink ich in die Kniee, soll ich beten, weil ich gluhe, viele Tropfen fallen kuhl, keine Tranen, kein Gefuhl! Dieser Schritt ist nun der letzte und ich sink, der Selbstgehetzte, der sich selber hat gejaget, selbst zerrissen, nicht geklaget, und die keusche Jagdgottin sinkt in Strahlen auf mich hin.
9.
Meine Mutze voll von Trauben, Nusse, die am Boden rollen, Pfirsichen rotlich, weich in Wolle, frischen meinen schwachen Glauben und ich denk an andre Zonen, wo die dunklen Menschen wohnen, wo ein Goldlack Madchenblicke, schwarze Locken ohne Tucke. Stille wird's in meinem Herzen und im Hirne wird es wach, Liebe, susse Liebesschmerzen, lasset ihr doch endlich nach. Und die Fluten, die zerstorten, lassen mich, den Tiefbetorten hier im Grunen einsam stehn. Ach wie ist mir doch geschehn. Ach wo war ich doch so lange; kuhlend wehet ein Vergessen und mir wird nun endlich bange, dass ich gar nichts hab besessen. Hab ich einstmals doch gesessen meinem Glucke in dem Schoss und hier sitz ich nackt und bloss. Neun Monat lag ich im Mutterschoss und hab ihn mit Weinen verlassen, so liess mich die Liebe nackt und bloss am Berge in Nebelmassen; die Schwalben streifen nur daran, wie um das Grab des Geliebten; sie horen mich singen und wissen nicht wo, und kreuzen durch die Lufte und verlieren sich im Klaren.
10.
Mogen alle Glaser springen, alle Lippen davor erblassen, ja ich will die Wahrheit singen, muss ich auch die Wahrheit hassen. Warum die Schonheit so fluchtig ist, das will ich euch verkunden, sie ist ein Gift, das um sich frisst, die Augen davon erblinden. Warum die Liebe so toricht ist, das will ich euch verkunden, weil sie mit aller ihrer List, sich selbst nicht kann ergrunden; o wohl uns, dass so viel Schonheit tot, dass wir sie nicht brauchen zu lieben, o weh uns, dass in der Tranennot mehr Gluck als in der Uberlegung. Konnt ich von meinen Augen noch eine Trane erpressen, konnt ich von ihrem Hauche die Seligkeit vergessen! In diesem abwechselnden Kampfe der Liebe mit der Verzweifelung an der Liebe scheint er nach den letzteren Bruchstucken einige frohlichere Gegenden sudlicher durchstrichen, vielleicht auch im unvermeidlichen Umgange mit einigen Menschen neue Uberlegung gewonnen zu haben. Gewiss ist es, er erhielt es endlich uber sich, mit Klugheit Uberzeugung zu suchen; erst jetzt gestand er sich, dass er eigentlich doch nur Verdacht, nicht Gewissheit habe, dass Dolores in irgend einer neuen Neigung von dem Marchese und dem Bedienten belauscht worden sei, und nicht ohne Widerwillen wendete er sich ruckwarts.
Neuntes Kapitel
Der wunderbare Doktor, das unsichtbare Madchen
und der Flotenspieler. Lenardo und Divina
So zweifelnd in sich, obgleich entschlossen zuruckzureisen, kam er an dem Abende eines heissen Tages nach H ... Kaum war er ausgestiegen im Wirtshause, so fragte ihn schon ein geschaftiger Lohnbedienter, ob er nicht den beruhmten Doktor zu besuchen kame. Erst jetzt erinnerte sich der Graf, dass er unbemerkt in die Atmosphare eines Wundermannes geraten, der allen Menschen genug auf zu raten gegeben seit beinahe funfzig Jahren, ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle Ratsel und Wunder ganzlich verwirft. Kann er mir auch nicht helfen, dachte er in sich, so bin ich doch dort ein Ratsel unter Ratseln; er liess sich nach seinem Hause fuhren. Er musste durch viele Gassen gehen; endlich traf er am Zusammenstossen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus, worin jedes Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand, die aber alle von innen durch Malerei undurchsichtig gemacht waren. Der Bediente klopfte an die Ture dreimal, ein Mann in schwarzen feinen Kleidern, in einer wunderlich festen weissen Perucke aus Glas gesponnen, mit breiter Stirn, mit tiefen grauen freundlichen Augen, alle Finger voll prachtiger Ringe, fragte nach dem Anliegen; der Lohnbediente antwortete: "Untertaniger Diener, Herr Doktor, ein fremder vornehmer Herr wunschen Ihnen die Aufwartung zu machen." Bei den Worten zog sich der Bediente mit einer tiefen Verbeugung zuruck, der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich hineinzutreten; nachdem dies geschehen, schloss er die Ture hinter ihm mit sieben Schlossern. Der Graf war in Verlegenheit, ihm recht eigentlich zu sagen, warum er gekommen; er hatte es aber auch weiter nicht notig; der Doktor entschuldigte sich, dass er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen musse, den er wegen eines dringenden Geschafts, er sei Stadtausrufer, in acht Tagen von der Lungensucht kurieren musse; er mochte inzwischen wohl genug zu sehen haben an den Merkwurdigkeiten, die im Hause standen, nachher wolle er ihm noch einiges in den verschlossenen Zimmern zeigen, das der Muhe wohl wert sei. Der Doktor wandte sich freundlich von ihm, ging zum Hause hinaus und verschloss die Hausture hinter sich. Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer; uber ihm hingen an der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren, in denen die Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete; der ganze Spiegel steckte voll lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen, denen der Doktor geholfen, auf der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale, und die Stunden drehten sich schon gebildet als Madchen daran umher. Die Uhr ruckte zum Schlagen in sich, da trat ein Knochengerippe aus der Wand hervor und schlug mit seiner harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne; ein metallener Vogel, der auf der Urne zu schlafen schien, regte seine Flugel und sang ein Abendlied; durch alle Zimmer zuckten Drahte, die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge Geklingel, Rauschen und Singen in Bewegung setzten. Nun war es ganz still, aber das Knochengerippe war noch nicht verschwunden; es ruckte an einer Rechenmaschine, die neben ihm auf einem Tische stand; die Rader schnarrten angstlich in dem runden Kasten, endlich wurde es still und das Gerippe verschwand. Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl sechsundzwanzig: es war sein Alter, und er lachte uber den Zufall; doch wurde es ihm angstlich in dem schwarzen Zimmer; es war die Zeit des Zwielichtes, wo die Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der innern Empfindung mitteilen kann. Er trat in das nachste Zimmer, da trat er sich selbst tief erschrekkend entgegen; doch er hatte zuviel gelitten, um durch so etwas seine Fassung zu verlieren; er sah bald, dass ein elender Hohlspiegel die ganze Uberraschung gemacht hatte. Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors, voll wunderbaren, aber ganz elenden Gerates; Kaffee und Zucker stand da unter Topfen voll brennender Farben, blauen und roten Karmins; statt eines Bettes lag da eine Strohmatte mit einem Bundel wohlriechender Krauter zum Kopfkissen. Er schritt weiter und kam in die Kuche, da stand ein kleines Topfchen mit einer Milchsuppe, das war ubergekocht und halbverbrannt; sonst war der Herd voll Retorten der abenteuerlichsten alten Gestaltung, in denen allerlei Dampfe, wie Schatten von kleinen Menschen uberdampften. Hier wurde ihm sehr ode und einsam, und was alle die kunstlichen Maschinen nicht vermocht hatten: er schauderte und eine namenlose Angst ergriff ihn vor dem Leben eines ganz einsamen Menschen, der wie der letzte auf der Erde sich in seinen Traumen verliert und verwildert, an Holle und Himmel zugleich anstosst und nicht hinein dringen kann. Er wollte ins Freie und trat in den Garten; da sass an der Hausture ein magerer nackter afrikanischer Hund auf seinen Hinterfussen und wie er ihn niedersenkte, gleich setzte er sich wieder in die beschwerliche Stellung; zwei ekelhafte Katzen schlichen unter kleinen alten, halbverdorrten halbbeschnittenen Baumen umher, als gingen sie spazieren; liessen sich auch durch die Ankunft des Grafen nicht irre machen, bis eine riesenhafte Krote aus einer gemauerten Hohle kam; da setzten sie sich stille um sie her und fingen an zu spinnen. Mit Abscheu sah der Graf dies widrige Abrichten; unglaublich, wozu ein Mensch kommen kann, auch der gelehrteste, in wunderlich eigensinniger Abgeschiedenheit; ihm war es, als sahe er sich schon so getrennt von allem Schonen, wenn er von seiner Dolores getrennt, dem Sonderbaren ganz hingegeben. Er trat aus dem schmalen Garten in ein grosses Gartenhaus, das gegen den Sinn des ubrigen Hauses, wo alles uber und auf einander gehauft und gelegt war, mit seinen reinen grungemalten Wanden abstach; in der Mitte hing uber einem eisernen Gitter ein kleiner Glaskasten, aus welchem vier Trompeten von Silber ausliefen. Der Kasten hing an einem dunnen Drahte; auf der einen Seite stand eine lebensgrosse Figur, die eine Flote in Handen trug, auf der andern Seite schwamm auf einem Quecksilberbecken eine metallene Ente. Noch peinigte ihn das Gefuhl, ganz fremde und einsam in der Gewalt fuhlloser Maschinen zu sein, die von dem Menschen geschaffen, leicht die Obergewalt uber ihn bekommen konnten; er sagte trotzig laut: "Spiel Flotenspieler, wenn du was kannst!" Der Flotenspieler setzte die Flote sogleich an und spielte zwar etwas steif und unbequem, aber sehr kunstliche Konzerte, wobei die Ente im Wasser frohlich rauschte und von den Kornern, die an der Seite lagen, mit grosser Begierde frass. Der Graf schloss beide Augen mit seinen Handen und rief verwundert: "Wer hort hier, wer lasst sich horen, bin ich narrisch, oder ist alles nicht wahr?" Eine zarte weibliche Stimme antwortete ihm: "Narrisch sind wir alle, ich kann dich horen, du kannst mich horen." Der Graf sah auf: "Wer bist du?" "Das unsichtbare Madchen", antwortete jetzt die Stimme aus der kleinen Trompete des Glaskastens. GRAF: "Wie kommst du hierher, die Zeitungen erzahlen ja, dass du in London eben viel Aufsehen machst." SIE: "Es gibt der unsichtbaren Madchen viele, mich halt hier die Liebe fest." GRAF: "Liebe zu einem Unsichtbaren, oder kannst du sehen?" SIE: "Ich sehe mehr als ihr alle, und liebe mehr als ihr alle; ich liebe den Flotenspieler." GRAF: "Liebt er dich wieder?" SIE: "Ach nein, er liebt mich nicht, seitdem ich verlangte, er solle mich ganz lieben; doch was geht dich das an?" GRAF: "Liebes Kind, es geht mich sehr nahe an, denn ich wollte auch einmal in meinem Leben ganz geliebt sein." SIE: "Unglucklicher, und der Mond hat doch zwei Seiten und eine, die du nie sehen kannst." GRAF: "Warum hast du das nicht fruher eingesehen?" SIE: "Weil ich fruher nicht unglucklich war." GRAF: "Seit wann bist du unglucklich?" SIE: "Seit ich in diese Stadt gekommen und der Flotenspieler in den Buchern des Alten gelesen hat; da hat er tagelang, nachtelang gelesen, und beschworen, und hat mein vergessen, da er mir doch geschworen hatte, mich nie zu vergessen; endlich schlief er ein und ich sah, dass er schwer traumte; der Schweiss lief ihm uber die Stirne, da nahm ich seine Bucher, und warf sie alle ins Feuer; da wachte er zornig auf und schalt sehr und will nicht eher wieder mit mir reden, bis ich die Bucher ihm wiedergeschafft habe." GRAF: "Wie kommt's, dass du mir dies alles vertraut, ich hab es nicht zu wissen verlangt; werd ich es auch verdienen, sagst du es jedem?" SIE: "Du bist der erste, dem ich es gesagt, denn du siehst wahrhaft unglucklich aus, als ware dir die Saat deiner Liebe ganz verhagelt, und du hattest keine mehr." GRAF: "Sag an Flotenspieler, ist alles so wahr, wie mir das liebe Madchen gesagt?" SIE: "Er spricht niemals, zuweilen singt er aber, wenn er recht betrubt; er setzt an: hor zu, er wird singen, und er singt so schon, so schon!" Der Flotenspieler setzte wirklich die Flote an, blies und sang abwechselnd folgendes Lied:
Flammenruh nach Weisheit streben
Senkt den Junger tief in Schlaf,
Und es gluht sein innres Leben,
Als wenn Blitz die Tanne traf.
Festlich statt der schwarzen Krone
Tragt sie einen Flammenkranz,
Weihrauch traufelt von dem Throne,
Halme wirbeln rings im Tanz.
Sonst da drauten ihm die Bilder,
Schrecklich rot und blau gemalt,
Und die Zeichen noch viel wilder
Und das Tier in Flaschen schalt;
An den tausend Messingscheiben,
Wo das Blei am Faden hangt,
Musst er sich erst mude treiben,
Eh der Schlaf ihn suss umfangt.
Liebchen kommt nun ihn zu kussen,
Aber er vernimmt sie nicht,
Himmlisch mild die Sterne grussen
Und er steht in vollem Licht,
Und sie setzt sich ihm zu Fussen
Und umfasset seine Knie,
Sollt sie ihn nicht wecken mussen,
Er erwachet sonst wohl nie.
Leise kam sie erst geschlichen,
Doch nun schreit sie ihm ins Ohr,
Und der Schlaf ist nicht gewichen,
Es ist ein verschlossnes Tor,
Und sie nimmt die Bucher alle,
Die ihn magisch tief versenkt,
Hat die macht'gen Geister alle
In des Ofens Glut gesenkt.
Und der Ofen wollt sich wundern,
Schuttelt mit dem alten Kopf,
Und aus allen alten Plundern
Stieg so mancher grune Knopf;
Wust im Kopfe, wild zum Schelten,
Wacht er auf und schaut sie an,
Die gern alles will entgelten,
Wenn sie ihn nur retten kann.
Aber er mit wilden Tritten
Stosset Liebchen an die Erd,
Horet nicht auf ihre Bitten,
Sieht die Glut nur auf dem Herd:
"O ihr Zeichen, ihr verbrennet,
Nun ihr sie mir zugefuhrt,
Ach woran wird nun erkennet,
Ob die rechte ich erspurt!
Warst du Madchen mir ganz eigen,
Wie ein Madchen lieben muss,
Ganz geduldig dich zu zeigen,
War gewesen dein Genuss;
War ich Madchen dir ganz eigen,
Nimmer zweifelte ich mehr,
Sondern musst die Kniee beugen,
Und mein Herz war mir nicht schwer.
Herrschen nicht und auch nicht dienen,
Zweifel war mein Weltgeschick,
Nur beschworen, nicht verdienen
Lasst sich jedes Gottergluck:
Weibervorwitz, wer beschwort dich,
Da es selbst nicht lieben kann,
Denn die Liebste selbst, sie stort mich,
Da ich war in ihrem Bann."
Ehe noch der Flotenspieler sein wunderliches Lied ausgesungen hatte, war der Doktor schon herein getreten und hatte seine grosse Laute, zusammengesetzt aus Ebenholz und Elfenbeinstreifen, hervorgeholt und mit eingestimmt; am Schlusse sagte er: "Diesen elenden Gassenhauer habe ich noch auf der Walze gefunden, vorige Nacht habe ich aber eine grosse Sonate ausgearbeitet und auf eine neue Walze gesetzt, Sie sollen horen, dass die Maschine noch mehr kann." Bei diesen Worten eroffnete er die Figur, und wo der Graf einen Menschen versteckt gemeint hatte, waren nichts als sehr verwickelte Messingrader; im Fussgestelle war die Walze eingesteckt, die alles trieb. Der Doktor schob eine andre ein, und ein sehr kunstliches Spiel uberraschte den Grafen. Der Doktor, mit grosser Kraft, sprang uber einen Stuhl hinaus und rief: "Kommen Sie, das sind Kleinigkeiten, Sie sollen mehr sehen." "Ich komme wieder", sagte der Graf zu dem unsichtbaren Madchen, "wie soll ich dich nennen in meinen Gedanken." "Arnika Montana", sagte sie leise. Nun fuhrte der Alte den Grafen in seine verschlossenen Zimmer, und zeigte Wunder an Wunder, aber nichts wirkte mehr auf ihn; er fuhlte eine Art Schrekken, wie der Alte da unter verzauberten Menschen mit seinen Spassen lebe, die er uber alles ergoss; so sagte er, als ihm der Graf den Hund zeigte, der noch immer auf den Hinterfussen sass: "Abgelost, mein Tierchen, warst du gemalt, hatte es dir keine Muhe gemacht." Die Rechenmaschine erklarte er ihm umstandlich, auch die Bewegung des Totengerippes; als aber der Graf so als mussigen Einfall sagte: "Gut, dass die Rechenmaschine im Kopfe nicht so schnurrt und rasselt, das ware in einem Handelskomtore nicht auszuhalten!" da ward der Alte auf einmal ernst, faltete die Hande und beschwor ihn bei allem Heiligen, solche schreckliche Gedanken der Philosophen uber die Seele nicht zu glauben, das waren die Vergifter der Jugend. "Und", fuhr er fort, "was haben sie davon, ist wohl einer reich geworden bei solcher Philosophie; ich kaufe sie noch heute alle zusammen mit dem wenigen baren Gelde aus, was bei mir liegt." Bei diesen Worten schlug er die Ture eines Schrankes auf, hob einen gestrichenen Scheffel voll Gold heraus und liess es daraus in die ubrige Menge niederfallen. Der Graf kam verwundert nach seinem Wirtshause zuruck; erst hier entdeckte er, was ihn bei der Arnika Montana so verweilt hatte, es war eine Ahnlichkeit in der Stimme mit seiner Dolores, die ihn liebenswurdiger, als je, in der Nacht umschwebte: doch immer in der Gewalt eines schrecklichen Zauberers, der ihm wie der Doktor erschien.
Am andern Morgen horte er im Wirtszimmer uber den Doktor reden, der eine erklarte ihn fur einen Narren, fur einen Prahlhans, den er auf einem fahlen Pferde attrappiert habe. Er habe ihm namlich einen Umschlag von einer chinesischen Tusche sauber geplattet, so dass es wie ein Blatt aus einem Buche ausgesehen, vorgezeigt, da er nun behaupte alle Sprachen zu verstehen, habe er ihm dies Blatt gezeigt und gefragt, was es besage. Mit grosser Dreistigkeit habe jener ihm versichert, es sei ein Stuck aus einem chinesischen Romane und es sogleich ubersetzt. Lachend habe er ihm darauf gesagt, es sei aber ein blosser Umschlag vom Tusch. Ohne in Verwirrung zu geraten, versicherte hierauf der Doktor, die Chineser pflegten, um Stellen ihrer guten Schriftsteller zu verbreiten, die gewohnlichsten Bedurfnisse darin einzuwickeln. Der andre gestand vieles zu, versicherte aber, dass er dessen ungeachtet einer der wohltatigsten Arzte sei, ohne Eigennutz, und fast immer glucklich, besonders bei gemeinen Leuten, die alle an ihn glaubten; wahr sei es, dass er zwar mit seinen Kenntnissen seit zwanzig Jahren eben nicht fortgeschritten sei, dass er aber alles bis dahin um so genauer kenne. Der Graf fragte hierauf nach dem unsichtbaren Madchen, das sich bei ihm horen lasse. "Ja", sagte einer, "damit hat er unsrer Stadt grosse Freude gemacht; die wurde hier stark besucht und keiner konnte das Wunder begreifen; da kaufte er die ganze Geschichte von dem Herzoge, der sie herumfuhrte, niemand weiss fur wieviel, und zeigte uns nachher, wie alles durch eine Rohre im Fussboden veranstaltet werde, die aus dem Nebenzimmer, wo das Madchen verborgen, durch das Gitter in die Trompete blase, dass der Hauch und der Ton aus der letzteren zu kommen scheine. Nun sitzt ihm das Madchen und ihr Bruder auf dem Halse; vielleicht beerben sie ihn." "Wird man leicht bei den eingehandelten Geschwistern vorgelassen? Ich war doch neugierig sie kennen zu lernen", fragte der Graf. "Sehr leicht", rief einer, "man muss sich nur notleidend anstellen, das Madchen tut gerne Gutes; schon ist sie aber nicht, wie ich erst dachte. Sie wohnen in einem Hinterhause des Doktors; es ist das einzige Haus in der Gasse mit einer Einfahrt." Der Graf wollte eben aufstehen und zu der Unbekannten eilen, als ein Fremder ziemlich erhitzt ins Zimmer trat, der einem verwilderten Prediger nach seinem Anzuge glich, und im Hereintreten Hut und Perucke in den Winkel warf. "Lenardo", riefen ihm alle entgegen, auch der Graf ihn gleich erkannte, "hast du nichts mehr zu trinken auf deiner Pfarre, kommst du wieder Bruderchen?" Wir erinnern uns seiner aus Hollins Geschichte, dessen Untergang er ohne Absicht veranlasset, oder der ihn vielmehr in scherzendem Leichtsinne fand.
"Prost ihr Herren!" sagte Lenardo, "guten Tag lieber Graf, ein andermal umarm ich euch, jetzt bin ich zu heiss; ja mit meiner Pfarre ist es aus; bestellt mir doch meinen Schneider, Herr Wirt, er soll mir einen Burschenrock machen." "Was heisst denn das", fragte einer, "bringst du deine Frau auch mit auf Universitaten; da werd ich dein Stubenkamerad." "Sprecht mir nicht von der", sagte Lenardo, "mit der war's nichts, zum Gluck waren wir noch nicht verheiratet." "Erzahlt doch Alter", riefen viele. LENARDO: "Was soll ich erzahlen, es ist vorbei; die Divina habt ihr doch noch hier gesehen, ein schones Weibsbild, das war meine Braut. Ich lernte sie im Stadtchen kennen, als ich meinen Hafer verkaufte; der Hafer stach mich, ich verliebte mich, ich uberredete sie und entfuhrte sie dem prachtigen Herzoge. Das ging alles gut, ich brachte sie in mein Pfarrhaus, gab sie fur eine Verwandte aus, die ich heiraten wurde und die ich vorlaufig zur Fuhrung meiner Wirtschaft in mein Haus genommen. Ihr habt mich nie verliebt gesehen?" "O ja alle Tage", sagte einer. "Diesmal", fuhr er fort, "war ich ganz anders verliebt, ich wagte meine Schone nicht anders als mit Handschuhen anzufassen; denkt euch, ich machte Verse; es bekam mir nicht sonderlich, sie wurde aber ganz krank dabei. Ihr wisst vielleicht nicht, dass sie ochsendumm war?" "Wer sollte das nicht wissen", sagte einer, "mich hat sie gefragt, ob die Brotkrumeln nicht ausgesat wurden, um wieder Brot zu bekommen." LENARDO: "Das sieht ihr ganz ahnlich. Nun wurde sie krank; ich verzweifle, hole unsern Kreisdoktor Traupel; der Mann fuhlt den Puls, beruhrt die Haut, verhalt den Atem, dass ihm die Backen blau werden und die Augen heraustreten und dann blast er langsam, als bliese er am Lotrohre, mir entgegen; meine Braut habe die Wassersucht, doch hoffe er sie zu kurieren. Denkt euch meine Wut, ich spare kein Geld, alle zwei Tage lasse ich ihn holen; aber das hilft nicht, die Jungfer Braut wird immer starker; ich hole ihr alle Tage Gesellschaft, die Prediger in der Nahe, die mir so viel Kaffee und Bier austrinken, dass mir die Haare ausgehen mochten." Der Graf wollte sich hier fort schleichen, aber Lenardo rief ihm nach: "Wart doch Graf, jetzt kommt das Beste. Wir sitzen einmal, ich, zwei Prediger, ihre Frauen und Traupel in tiefer Meeresstille beisammen; meine Braut schien so beangstiget, als wenn sie jeden Augenblick ersticken musste. 'Sollte ihr das Punktieren nicht helfen?' fragte ich wieder den verfluchten Traupel; er antwortete mir sehr bedeutsam: 'Sie sprechen vom Helfen, der Arzt ist nur zum Erkennen und Erleichtern des Ubels gesetzt; erleichtern kann ich sie wohl durch Punktieren, aber nur durch Mazeration der Leber und Desoxidation der Haut kann ihr geholfen werden.' Hort nur, die beiden Ausdrucke brachten mich ganz von Sinnen; ich dachte mir, er wurde sie wie einen Handschuh umkehren, um sie in Ordnung zu bringen; vielleicht machten's auch die auf dem Ofen langsam schmorenden Krankensuppen, genug es ging alles mit mir um, und die Tranen sturzten mir aus den Augen." "Das hatte ich sehen mogen, wie du geweint hast", riefen viele. LENARDO: "Wahrhaftig, ich weinte, drei Bauerweiber haben's auch noch gesehen, die mit ihren zehnfachen Rocken in die Stube wackelten, mir vom Kindtaufschmause etwas zu verehren. Die gaben auch ihren guten Rat, sprachen von einem Scharfrichter, der eine Messerspitze voll Pulver gegen die Wassersucht gebe. Traupel ergrimmte uber den Quacksalber, der seine wenigen Mittel ohne richtige Erkenntnis der Krankheit austeile. Wie er so demonstrierte, wurden wir durch ein angstliches Geschrei der Kranken erschreckt; ich glaubte, sie ersticke, hielt mir beide Ohren zu, laufe wie ein Unsinniger im Zimmer herum und drucke den Kopf endlich gegen die Wand. Die Zeit wird mir lang in dieser Stellung; ich sehe mich um, denkt euch, da hat sich alles verandert; die Prediger lachen, der Arzt ist ganz still; die Frauen sind alle am Bette beschaftigt: 'Was ist?' fragte ich. In dem Augenblicke hor ich vom Bette her ein kleines Kind schreien; ich springe hin, da liegt das kleine Unwesen, meine Braut war sehr glucklich entbunden." Alle lachten laut auf. LENARDO: "Ja ihr habt wohlfeil lachen, mir kostete der Spass meine Pfarre, alle Leute wiesen mit Fingern auf mich, der Skandal war zu gross, auch war ich schon vorher durch mein Trinken und Fluchen in der Gegend verrufen; was half's, dass ich mich fur unschuldig erklarte; denkt euch, das Madchen war so ochsendumm, sie hatte von ihrem Zustande gar keinen Gedanken gehabt, sonst war es ja leicht zu verheimlichen gewesen, das Kind war vom Herzoge.
In meiner Gutmutigkeit verzeih ich ihr alles; aber nun denkt euch noch den Spektakel in meinem Hause. Ich sollte alles tun, das Kind wiegen, die Mutter aufwarten; das war auf Ehre ein Leben, ich wette darauf, ein andrer hatte sich nicht so genommen. An einem schonen Tage, schickte der verteufelte Herzog, an den ich wegen dieses sonderbaren Ereignisses geschrieben, seinen Kammerdiener in einer Kutsche; da wurde Mutter und Kind sauber eingepackt. Nach ihrer Abreise war mir meine Kabache ganz verhasst; ich vermobelte alles, was ich noch hatte, schrieb ans Konsistorium, dass ich noch studieren musse, da ich jetzt fuhle meine Unwissenheit. Nun bin ich so fidel wie vorher, habe meinen halbjahrigen Wechsel, will noch einmal Exegese horen, der Herr Vater wird weiter sorgen, bin ja sein einzig Kind seit meiner lieben Schwester Tode." Der Graf wollte wieder fortgehen. LENARDO: "Wohin Graf?" GRAF: "Zum unsichtbaren Madchen." LENARDO: "Gut, sag ihr doch, wie es ihrer Schwester ergangen; meine Braut war ihre Schwester, oder sonst so was, ich habe nie recht nachgefragt, sie waren lange zusammen bei den spanischen Reitern." GRAF: "Ich werde alles bestellen." Er wollte "Prost" sagen, aber der alte Studentenruf blieb ihm auf der Zunge kleben.
Der Graf eilte zu dem unsichtbaren Madchen und wurde leicht eingelassen; ein schlankes, aber kranklich blasses Madchen empfing ihn, so dass er erst bei ihrer schonen Stimme sie fur dieselbe erkannte, die ihn unsichtbar geruhrt hatte. Sie war sittsam gekleidet und hatte viele schwarzgebundene Bucher um sich liegen. Der Graf erklarte ihr, sein Besuch sei einzig dem Interesse zuzuschreiben, das ihr wunderbares Schicksal ihm eingeflosst habe; er wurde es sich fur ein Gluck achten, es zu erleichtern. Arnika antwortete, dass er ihr in nichts, in gar nichts helfen konne; sie wolle ihm ihr Schicksal, da sie allein waren, ganz erzahlen, um ihn davon zu uberzeugen. Wir wollen es in moglicher Kurze zusammenziehen.
Arnika Montana ist die Tochter eines italienischen Kunstreiters, der seine meiste Zeit in Deutschland zugebracht hat; sie selbst ist unter dem Namen Angelique allgemein bewundert worden, doch mehr wegen ihrer Geschicklichkeit, als wegen ihrer Schonheit, welche Divina, einer andern Reiterin viel reichlicher geschenkt war. Ihr Vater kaufte das Geheimnis des unsichtbaren Madchens; der Zulauf dieser neuen Kunst und die geringen Unkosten und Muhe dabei veranlassten ihn, seine Pferde und Gesellschaft abzudanken; Arnika musste bei ihrem Witze und ihrer schonen Stimme mit den Zuschauern reden; Divina, die sehr dumm war, und eine rauhe mannliche Stimme in ihrem weichen Munde verschloss, spielte die schone Stumme und zog durch ihre Schonheit vielleicht so viele Zuschauer herbei, als jene durch ihr Wunder der Unsichtbarkeit. Ein Sizilianer, der Herzog von D ..., kaufte durchreisend die beiden Madchen und den Apparat vom Vater und trieb damit seine Spasse, einen grossen Hof auf allerlei Art zu necken. In einigen Tagen des Mussiggangs machte er Divina sich ganz ergeben; er wusste, dass er sie verfuhren konnte, zur Verfuhrung war sie ihm noch zu einfaltig. Bei dieser Stelle unterbrach Arnika ihre Rede und fragte den Grafen, woher er den Karneol an seinem Finger habe; der Herzog habe ihn damals getragen; dies habe ihre grosse Offenherzigkeit veranlasst, und ihren Wunsch, sich ganz zu erklaren.
Der Graf sagte, dass der Herzog sein Schwager sei, den er aber nach den Briefen von dessen Frau fur einen sehr rechtschaffenen strenggesitteten Mann halte; der Ring sei ein Geschenk von dessen Vetter, dem Marchese P ... Sie erzahlte darauf mit Achselzucken, dass sie an seiner Rechtlichkeit zweifeln musse. Sie gestand, dass der Herzog sie ihrem Falle sehr nahe gebracht, wenn nicht der Eintritt Florios, des Flotenspielers auf einmal ihre ganze Leidenschaft ergriffen und bestimmt hatte. Er ist der Sohn eines reichen Kaufmanns und kam aus Neugierde mit andern Handlungsdienern, die Maschine zu sehen; Arnika erblickte ihn aus dem Nebenzimmer und konnte sich nicht enthalten, zu ihm so artig, so witzig zu reden, wie sie seit der Zeit in ernsten Leiden ganz verlernt. Florio wurde ganz von ihrer Stimme ergriffen; gleich darauf trat Divina herein und ihre Schonheit ergriff ihn mit gleicher Starke; er konnte nicht los und seine Liebe schmeichelte ihm, beide waren eins, ein und dieselbe, weil die stumme Schonheit immer erst dann in das Fremdenzimmer kam, wenn der unsichtbare Verstand zu reden aufgehort hatte. "Mein werter Freund", unterbrach sich hier Arnika, "warum mussen sich doch oft Geist und Korper, deren Zusammenhang mit einander den Weisesten selbst unbegreiflich, im Leben so oft getrennt sehen und nach einander schmachten; mit welcher Sehnsucht betrachtete ich oft die schonen Zuge unsrer Divina und soll ich aufrichtig sein, ich hatte gern aufgehort, geistreich zu sein, hatte ich recht schon dadurch werden konnen." Der Graf sagte ihr ernsthaft, dass er es fur frevelhaft halte, bei einer angenehmen Bildung nach Schonheit zu verlangen; denn mit gleichem Rechte wurde dann die Schonheit nach Dauer streben und uberhaupt der einzelne nach allem. "Sie haben recht", antwortete Arnika, "aber ich habe wohl ein Recht, zu vermissen, wodurch ich so viel verloren; und dann musste ich es sagen, wenn ich Ihnen ein Lied Florios mitteilen wollte, das er mir leise in die silberne Trompete des Glaskastchens an einem schonen Fruhlingsabende sang, und das so laut mit tausend Lebenswellen an meinem Herzen widerschlug, als schiffte es darauf in die goldene Abendruhe. Das Lied entrollte seinem Selbstgesprache, er wusste nichts davon, nachdem er wohl zwei Stunden neben der stummen Divina gesessen, ohne es zu wagen, Liebe zu gestehen, ungeachtet er mit dem festen Entschlusse dazu angekommen.
Die Uhr der Liebe
Wie die Stunden rennen
Mir an Liebchens Seit,
Auf der Zunge brennen
Lieb und Heimlichkeit;
Soll ich ihr bekennen,
Was im Herzen brennt,
Und wie soll ich nennen,
Was sie noch nicht kennt?
Herz sei doch zufrieden,
Sie still anzusehn,
Wurden wir geschieden,
Musstest du vergehn;
Schweige, noch hienieden
Ward es nicht so schon,
Dass in sel'gem Frieden
Zweie sich ansehn.
Die Wonne meines Gefuhls, uberschwenglich wie nimmer wieder, musste sich Luft machen; ich sang ihm leise durch die Trompete zu, immer in dem Wahne, mir allein sei seiner Liebe Feuer gewonnen:
Wie die Stunden schleichen
Fern von ihm verbracht,
Gib ein einzig Zeichen,
Sternenhelle Nacht,
Gib ein einzig Zeichen,
Ob er wieder liebt,
Fruhling will verstreichen
Und kein Zeichen gibt.
Und die Sterne lachen
Mich zum Hohne an,
Und der Mondennachen
Mir nicht helfen kann;
Ruhlos treibt der Nachen
Durch die Sterne hin,
Herz, auch du musst wachen,
Schlafen war Gewinn.
Herz, du konntest traumen
Eine Fahrt so schon,
Sahst zu sel'gen Raumen
In der Nacht Geton;
Nachtigall auf Baumen,
Dich versteh ich nun,
Willst das Feld nicht raumen,
Kannst darin nicht ruhn."
Kaum horte Florio diese leisen Verse der Arnika zu Ende, rief er seine Liebe so laut aus, dass sie schaudernd davor erschreckte und ohne sich halten zu konnen, aus dem Nebenzimmer, wo sie immer verborgen gewesen, in die Versammlung und um den Hals Florios sturzte, wo sie halbohnmachtig liegen blieb. Florio taumelte; es war die Stimme, die er liebte, aber nicht die Gestalt, nicht Divina, und ware sie schoner gewesen, es war nicht Divina; aber nur einmal kann dem Menschen diese Fulle der Liebe werden, er konnte sich ihr nicht offenbaren in diesen heiligen Augenblicken ganzlicher Hingebung, er hatte sie getotet. Aber nur diesen Abend konnte sich ihr scharfer Blick tauschen, sich ganz geliebt zu glauben; er wollte sie ganz lieben, der stille Zwang in ihm wurde zu einem festen Eigensinne, ja zum Wahnsinne, ihr nie einzustehen, was sie bald lebendig fuhlte. Der Schmerz uber diese harte Scheidung des Schicksals, vielleicht auch schon fruher die Veranderung ihrer anstrengenden Lebensweise als Kunstreiterin mit dem eingezognen Stubensitzen als unsichtbares Madchen, nagten an der Rose ihrer Wangen. Der Herzog, besorgt um sie, wollte sie in andre Luft fuhren; Florio reiste ihnen nach und flehte so lange, bis der Herzog ihm erlaubte mit zwei Maschinen, die er erfunden, einer fressenden Ente und einem scheinbaren Flotenspieler, der den Grafen den Abend getauscht hatte, wahrend Florio selbst im Nebenzimmer die Flote blies, den wunderlichen Zug zu vermehren. Der Herzog aber, der sich von diesen sonderbaren Verhaltnissen ein eignes Vergnugen erwartet hatte, fand jetzt nur langweiliges Sehnen in der Gesellschaft. Die dumme Divina fing an, den Florio ebenfalls lieb zu gewinnen: so kam ihr die Sprache, aber welche Sprache, welche Gesinnungen! Florio rieb sich die Ohren, ob es ihm drinnen nur brause, als sie ihm zartlich zusprach, und so verschwand das, was ihn zweifelnd zwischen beide gestellt; die Schonheit schien ihm eine falsche Schminke, doch liess sich ihre Lust nicht ubertragen. Er selbst klagte seiner Arnika dieses Vergehen der Schonheit vor ihm in einigen ruhrenden Worten:
Ich liebte sie,
Verschlossen war sie, stille;
Und ihrer Schonheit Fulle
Versiegte nie.
Der Blume gleich,
Glaubt ich die Welt verstecket,
Wo nie ein Ton erwecket,
Ihr Herz wie reich.
Du liebe Zeit,
Da fangt sie an zu sprechen,
Will mir das Herze brechen,
Ach, wie sie schreit;
Ich fuhl mich arm,
Nun sie sich reicher fuhlet,
Wie ist mein Herz erkuhlet,
Was einst so warm.
So sang Florio oft, und schwor seiner Arnika eine ungeteilte Liebe. Den Grafen argerte das Lied; er wusste erst nicht warum; ihm fiel gluhend heiss in den Sinn, dass er bei ahnlicher Veranlassung, als er Dolores wiedergesehen, von einem gleichen Eindrucke ergriffen worden sei, und dann fiel ihm ein, was ihm selbst alles fehle, und er seufzte: "Die Menschen sind nur schon und herrlich und vollkommen in den Gedanken andrer, darum sei unser Streben, in andern gut zu leben." Mit hastigen Schritten ging er auf und nieder, setzte sich an ein kleines Klavier und sang mit beengter Stimme:
Wenig Tone sind verliehen
Meinem Herzen,
Viele Schmerzen
Drin vergluhen!
O Vogelsang
Der wildentbrannten Weisen,
Ich muss dich hoher preisen,
Nun ich so bang.
Was da bleibet unverleidet,
Find ich immer;
Immer, nimmer,
Was verliebet und verscheidet,
Schone Tone!
"Sie sind unglucklich, mein werter Herr", sagte Arnika, und er beugte sich nieder, weinte, und ihre Hande deckten ihn, und ihm ward wieder einmal ganz wohl und leicht. "Konnen Sie mir Ihren Schmerz vertrauen", fragte sie, "ich weiss mit Schmerzen umzugehen." "Nein", antwortete der Graf sehr milde, und sie erzahlte weiter.
Die Hoffnungen der guten Arnika ihren Florio nun ganz und ungeteilt zu besitzen, erfullten sich nicht; die eine Halfte seiner Liebe war untergegangen an ihrem Gegenstande, aber nicht in sich, und er fullte diese Neigung zu wunderbarer Schonheit mit wunderbaren Spekulationen uber die fremdartigsten, entlegensten, gottlich-menschlichen Verhaltnisse. Der Herzog, der mit Mystik, Geisterbeschworung und Alchemie nur spielte, fuhrte sein ernstes Nachdenken hinein; er brachte ihn auf der Reise zu dem wunderbaren Doktor, dessen Hausgenossen sie beide geblieben, nachdem es ihm unmoglich geworden, sich von dessen Sammlungen und magischen Buchern zu trennen. Der Herzog hatte sie beide dem Doktor ubergeben, weil seine Langeweile in ihrer Gesellschaft erwachte: diese Hollenpein, die ihn wie einen Verfluchten durch die Welt trieb. Divina hatte er mit sich genommen, die von Florios Verschmahung tief gekrankt worden. Hier ereignete es sich, dass Arnika in der Furcht, Florio mochte uber die Bucher seinen Verstand verlieren, wahrend seines Schlafes sie alle verbrannt hatte; seitdem sprach er nie mehr, sondern sang, und war der festen Uberzeugung, dass er bei dem Alten so lange zur Maschine geworden sei, bis er die Bucher wiedergeschafft; gewiss war es, der Alte machte grosse Forderungen dafur an beide, um sich dadurch langer ihre Merkwurdigkeit zu erhalten.
Der Graf erbot sich vergebens mit anstandigem Wohlwollen diese Schuld zu ubernehmen; Arnika antwortete ihm immer verbindlich: "Sie konnen uns nicht helfen, Gott allein kann uns helfen; ich bin meinem Schicksale unterworfen, und Florio hat auch recht in sich; wo wir waren, wurde uns das Unabanderliche in unserm Verhaltnisse drucken; ihn zerstreuen hier Studien, mich die Einsamkeit; ich sammle die schonen Blitze seiner Empfindung, die ihm das Jugendland erhellen; mich sammeln einige fromme Bucher, die mir ganz genugen. Der Alte fluchtet sich zu uns, wenn er in den wunderlichen Kreisen seiner Maschinen und Versuche sich verwirrt und sie ihm ubermachtig werden; ich kenne hier viele Ungluckliche, die meines Trostes bedurfen, denen ich in ihrer Sprache zu reden weiss; die Welt ist so reich und prachtig fur jeden, der sie fassen kann." Der Graf erzahlte ihr jetzt das Schicksal der Divina mit Lenardo; sie weinte daruber, und sagte: "Gott wird ihr verzeihen, sie ist so sehr dumm."
Der Graf fragte sie: "Warum wollen Sie mich nicht trosten, warum kommen Sie nicht mit mir?" Sie antwortete: "Sie werden noch viel uberstehen, vieles, wobei ich Ihnen nicht helfen kann, und wo mein Trost von Ihnen nicht gehort werden wurde; Sie haben einen schonen Grund in Ihrem Herzen, dort sind auch Ihre Fehler: denken Sie immer daran, dass eines Augenblicks Fehler Jahre voll guter Taten zertrummern kann; je hoher eine Tanne, je mehr Samen unter ihr aufgegangen, je mehr junge Baume kann sie niedersturzen, zerschmettern. Hute dich, du grunes Holz." Der Graf fand sich von Ahndungen umlagert; wieder druckte er seinen Kopf in ihre Hande, sie segnete ihn ein, und seine Tranen flossen; sie hingen ihm so lose in den Augen wie die Wolken am Fruhlingshimmel, wenn es einmal ins Regnen kommt, und wieder fand er einen Trost, als wenn er gleich nach Hause wandern und alles ertragen konnte, was ihm begegnen mochte.
Der Alte trat jetzt herein und machte mit altfrankischen Redensarten und Spassen der Arnika seinen Hof; er hatte alle Taschen voller Kunststucke, Karten, Wurfel, Becher, kleine Puppen, Trichter und Beutel, der ganze wunderliche Apparat, mit dem gute Taschenspieler aus so wenigem so viel machen, dass der hochste Verstand, selbst bei der besten Einsicht davon, doch uber ein erfindsames Gewerbe staunet, das ohne Ehre, literarische Verbindung, Akademien und Pramien doch zu einem so hohen Grade von Vollendung, zu einer Masse sinnreicher Erfindungen, und zu so reicher geselliger Belustigung gediehen, dass ich es fur einen Hauptteil der Erziehung halten mochte. Unserm Grafen war es aber in diesem Augenblicke grundlich verhasst; der furchtbare Zauberer schien ihm heute einer der elendesten Narren, die es nicht einmal auf eigne Rechnung, sondern fur andere sind. Der Alte erzahlte, dass er den Tag schon acht Collegia gelesen; der Graf fragte ihn, erstaunt uber die Menge, wie viele er denn den ganzen Tag lese, und wie viel Stunden er schlafe. Der Alte wurde rot vor Beschamung, und sagte: er musse gestehen, dass er seit einiger Zeit trage geworden, er schlafe drei Stunden und lese zwolf Stunden Collegia, sonst habe er achtzehn Stunden gelesen.
DER GRAF: "Mein Himmel! empfanden Sie denn gar keine uble Folgen davon; ein solcher Tag wurde mich toten."
DER ALTE: "Freilich ohne Verjungungsbalsam geht das nicht, mein allerschonster Herr, auch muss ich Ihnen sagen, etwas schadete es mir auch; die Zunge wurde mir dunner, und hatte leicht zu dunn werden konnen."
DER GRAF: "Wie ist aber der Verjungungsbalsam?"
DER ALTE: "Von dem muss ich Ihnen eine schnakische Geschichte erzahlen; von dem hat einer meiner Kranken neulich gegen meine Vorschrift zu viel genommen, da wurde er zum Schrecken aller ein ganz junges Kind in einer Nacht, hatte aber seinen ganzen Verstand behalten; da nun kluge Kinder nicht lange leben, musste ich ihn wieder mit grosser Anstrengung zu einem mittleren Alter zuruckbringen." Der Graf wollte eben ganz bose losbrechen, als Arnika zwischen trat und dem Doktor im Namen der Alten dankte, die, von allen Arzten aufgegeben, durch ihn ihr vollkommenes Gesicht wieder erhalten; es sei sehr ruhrend gewesen, wie sie ihre Kinder und all ihr Eigentum wieder befuhlt, ob es auch das rechte sei, und sich uber alles Neuangeschaffte verwundert habe. Gut, gut, dachte der Graf, gibt er nur einem Menschen das Gesicht wirklich wieder, so mag er den ubrigen immerhin ein wenig Staub in die Augen streuen. Bald fuhrte ihn der Alte in die verschlossenen Zimmer, wiederum fand er das Elendeste neben dem Herrlichsten ausgestellt; jenes, sagte er dann, sei das Beste; er hatte gar nicht aufzuschneiden gebraucht, um zu verwundern, er hielt es aber doch noch fur notig. Er zeigte die herrlichsten anatomischen Praparate; das war ihm aber nicht genug, er zog auch den Strumpf von seiner Wade, und zeigte eine Lucke im Fleische; nun holte er ein kostbares Glas mit angeschliffenen Vergrosserungsglasern sehr pathetisch aus dem Schranke, und versicherte: von diesem Ausgeschnittenen habe er diese einfache, schlechthin nicht weiter zu zerteilende Urmuskelfaser geschnitten. Der Graf sah in das Glas, konnte aber nichts davon bemerken.
DER ALTE: "Es gehort dazu ein gewisser Stand der Sonne, man sieht es im ganzen Jahre nur einmal; als ich die Faser prapariert hatte, konnte ich in finstrer Nacht die Hamburger Zeitung lesen, so ausnehmend waren meine Augen gescharft; die Jupiterstrabanten sah ich ohne Teleskop." In bunter Mannigfaltigkeit ging er von da zu den Gemalden uber; hier verriet sich der Graf allzubald als Kenner; statt zu prahlen, suchte ihn der Doktor uber manches auszuforschen, und fragte nach dem Meister. Hier in schoner Kunst schien ihm aller Sinn abzugehen; was er sagte, waren gelernte Formeln; in den lateinischen Distichen, die er an jedes geschrieben, ehrte er oft das Schlechteste uber das Beste. Von diesen lateinischen Distichen machte er dem Grafen auf jeden beliebigen Gegenstand in funf Minuten drei, sie waren in der Silbenmessung tadellos, aber meist ganz leer. Nun ging's in die Gewehrkammer; da zeigte er im Winkel ein angefangenes Instrument, das nach seiner Aussage von einem Schuler in der letzten Stunde seiner Logik erfunden worden wo jeder in gesetzter Zeit alles erfinden konne, was er wolle; da habe dieser darauf spekuliert: dreimal dreissig Turken mit einem Schusse zu erlegen. Das Gewehr dazu sei auch wohl erfunden, aber die Mechaniker hatten es nicht ausfuhren konnen. "Mein Gott, denken Sie noch an den Turken, den Erbfeind", fragte der Graf erstaunt; "gegen die ist mein Vater erschossen worden." Das freute den Alten zu horen, er wusste von neuerer Zeit gar nichts; des Vaters wegen verehrte er dem Sohne zwei altdeutsche Buchsen mit Radschlossern, sehr schon gearbeitet und ausgelegt; vergebens weigerte sich der Graf, sie anzunehmen, er liess sie ihm heimlich ins Wirtshaus senden.
Wir verweilen mit Absicht bei dem Bilde des alten Doktors, denn es ist uns so tiefbedeutend als Sinnbild des meisten Lebens; der Graf unter wirklichen Umstanden, die sein ganzes Gluck vernichten, kaum erwacht aus Traumen, die ihn dem gramvollsten Wahnsinne nahe brachten, und leider nur zu wahr sind, vergisst hier seine Lage bei dem abenteuerlichsten Spielzeuge, ohne eigentliche Teilnahme, bloss aus Artigkeit zuhorchend; greife jeder in seine Erinnerung hinein, wie viel Tage er auf gleiche Art versaumt habe, ob nicht das Lesen dieses Buches selbst, so gut es gemeint ist, fur viele, welche ernste Tat ruft, ein mussiges unvergnugliches Spiel sei; darum seid gewarnt, ihr Leser, die Tage vergehen schneller als die Nachte, endlich kommt eine Nacht, die keinen andern Tag kennt, als die Erinnerungen; vergesst auch nicht uber das abenteuerliche Spielzeug dieses Lebens das ernste Werk des Zukunftigen. Dem Grafen mochte auch so etwas einfallen, er brach plotzlich die Unterhaltung ab und wollte sich beurlauben; da sagte ihm der Alte freundlich: "Sie haben sicher viel von meinem Diamanten gehort, dem grossten in der ganzen Welt, den alle Welt sehen will, den ich aber nur selten zeigen kann, weil er abwechselnd in den drei Hauptbanken der Welt ist, die jede eine eigne Schildwache darauf halt." Der Graf versicherte, er sei gar kein Kenner von Diamanten; der Doktor aber, ohne sich abhalten zu lassen, sprang rasch wie ein Kind ins Nebenzimmer, und kam nach einigen Minuten zuruck. Erst holte er ernsthaft ein paar kleine Papierchen heraus, und zerriss sie noch feiner; dann zeigte er einen kleinen unformlichen Quarz, strich damit einmal uber seinen Rock, doch die elektrische Anziehung wollte sich an den Papierchen nicht zeigen; dann griff er in die Hosentasche, holte einen Stein heraus, der allerdings in seiner eingedruckten kuglichten Form und in der Farbe gar viel von einem rohen Diamanten hatte, der aber auch ein Quarz sein konnte, strich mit seiner schonsten Seite uber den Rock, und sogleich zeigte sich eine Anziehung, ein Anhangen aller kleinen Papiere. Ohne ein Wort zu sprechen, nahm er eine Feile, mit der er uber den letzteren Stein mehrmal hinfuhr, er zeigte die Seite derselben, die an allen Feilen von Anfang an platt ist, und sagte: "Sehn Sie, die Zahne sind alle abgebrochen"; wirklich lag auf dem Steine etwas glandender metallischer Staub, der noch zum Teil in der Feile steckte, und der von der Bewegung nicht losgerieben, sondern abgefallen war. Dieser absichtliche Betrug war dem Grafen zu arg; aber der Doktor fuhr gleich fort, dass der Neid der Fursten seinen Diamanten als falsch verschrieen; ihm ware dies einerlei, ihm genugte, dass er von seiner Echtheit uberzeugt sei; er zeige ihn oft im ganzen Jahre niemand; neulich habe er seinem Fursten die Ture gewiesen, weil er ihn nicht anerkennen wollen. "Mein wertgeschatzter Herr", fuhr er fort, "alles andre, was ich besitze, das konnen Sie mir immerhin verachten, nehmen, ich kann es ersetzen, dieser Stein ist aber meine Geliebte, meine Einzige, meine Freude, der ich durch unauflosliche Bande verbunden bin; wie sie aus Liebe zu mir aus Ostindien auf dem Landwege hierher gewandert, weil ich allein sie bezahlen konnte, der Konige und Kaiser zu arm waren; diese Liebe, diese unwandelbare Treue, haben mich ihr ewig zu eigen gemacht, in ihren Blicken lebe ich; drucke ich sie in meiner Hand, ist mir alles so sicher, so gewiss, woran ich zweifle, ewiges Leben und Glaube; dies ist der Stein worauf ich meine Kirche erbaut habe, und wenn ich dem leichtsinnigen Schauer wirklich ein falsches Wunder damit zeigte, ware es mir mehr zu verdenken, als den Priestern aller Nationen, als den Liebabern unter allen! Ich weiss, dass sie echte, wahre Liebeswunder an mir tut, alle irdische Begierde an mir befriedigt, damit ich den hohern Geistern ruhig leben kann; und ware sie aller Welt falsch, ware sie mir ungetreu, in meinem Glauben ware sie ewig rein. Sehen Sie diese Hohlung im Steine; hier habe ich sie mit dem Brennspiegel einmal versucht, und sie entzundete sich hellicht7; meinem Fursten hatte ich sie uberlassen nach meinem Tode, und seine Krone hatte ewig uber der Erde wie ein Sternbild gestanden, er hat sie aber verachtet, und seine Krone wird fallen, und keiner wird sie aufheben. Ich werde alt, ich will sterben, und weiss meines Lebens Ende; ganz einsam will ich dann die Nacht noch bei meiner Geliebten schlafen, und kommt die erste Morgensonne, so wirft der Brennspiegel, der meinem Bette gegenubersteht, seinen Brennpunkt mir ans Herz und auf die Geliebte, die an ihm ruhet, und wir verbrennen beide zusammen, beide zugleich, und mischen uns verbunden mit der grossen Gedankenwelt."
Der Alte war bei diesen Worten sehr feierlich geworden; er redete in halben Worten mit sich, und gab dem Grafen mit der Hand ein Zeichen sich zu entfernen, dem der Graf sehr gern gehorchte; ihm war seine ganze Seele voll innern Vorwurfs uber die treulose Zweifelsucht seiner Liebe zum schonsten Wesen, das je atmend zwei liebliche, weisse Hugel bewegt, an die je anspielend der Wind, je naher, je schoneren Leib, Huften und Schenkel gezeichnet. In dem Augenblicke und ohne Rast beschloss er mit Kurierpferden fortzueilen. Ehe die Pferde kamen, und angespannt wurde, schrieb er ein paar Zeilen an seine neue Freundin, an das unsichtbare Madchen Arnika Montana, die wir der Vollstandigkeit wegen hier beifugen.
Herzenserleichterung
Schwere, harte, scharfe Stunden
Sich wie Kiesel an mir runden,
In des Lebens Wellenschlag,
Und ich fuhl, was ich vermag;
Fromme Freundin, ich durft weinen,
Durft auf deinen Handen weinen,
Und gedeckt von deinen Handen
Konnte Schwachheit mich nicht schanden.
Regentropfen hohlen Steine,
Was ich tief verschlossen meine,
Hohlet meines Unglucks Stein,
Fullt ihn bald mit Freudenwein;
Freundin, nimm vom Freudenweine,
Komm zu mir, du heil'ge, reine,
Und beselige mein Mahl,
Bin ich frei von aller Qual.
Fuhlend kannst du an mich glauben,
Was mir lieb, nicht spottend rauben,
Was ich aus der Seele sprach,
Klingt dir aus der Seele nach.
Fromme Freundin aller Reinen,
Du kannst trosten, du kannst weinen,
Wenn du mich auch nicht verstehst,
Alles dir im Geist erhohst.
Florio war gerade aus seinem chemischen Arbeitszimmer zu Arnika gekommen, und hatte ihr dunkel vorgesungen: es sei ein Mann bei ihm gewesen, der dem Herzoge nach dem Leben trachte, und das sei ihm lieb, weil er ihn hasse; da trat der Diener des Grafen herein, und brachte ihr seinen Abschiedsbrief.
Zehntes Kapitel
Der Marchese D ... verlasst die Grafin
Zu lange fur meine Zuneigung zur Grafin Dolores, habe ich den Grafen durch eine fremde Welt begleiten mussen, mir wird gleich so wohl, da ich wieder zu ihr umkehren darf, ungeachtet sich wieder manches Betrubte ereignet hat. Der Marchese war von dem Gute des Grafen mit einem so auffallenden Larmen und Lobpreisen desselben zuruckgekommen, dass die Grafin daruber erstaunte, was sie meist kaum angesehen, ofter verspottet, hier in dem Leben der Worte, das sie besser als die eigentliche Anschauung von vielen Dingen kannte, zu solcher Wichtigkeit ansteigen zu sehen. Dieser neue Reiz ubertrug sich in ihrer Art Unmittelbarkeit an den Marchese; es war ihr zu Mute, als wenn der alles das ihr zu Ehren angelegt habe; sie sah ihn mit so wunderlich angenehmen Blicken an, die nur ihr eigen, woruber nur der Marchese lacheln konnte, der unterdessen eine andre Bekanntschaft in der Gegend gemacht hatte, und mit ihr brechen wollte. Je mehr er sich von ihr wandte, je weniger Politik er ihr vertraute, doch immer mit dem Anscheine eines Mannes, der sich viel versagt, desto unwiderstehlicher war es ihrem Eigensinne, ihn nicht mit Zartlichkeit zu verfolgen; unter allerlei leichtem Vorwand drangte sie sich an ihn, schlug mit ihren Stricknadeln auf seine Hand, liess eine Schleife an ihrem Armel zubinden; der Marchese erzahlte ihr, als war es von einem Dritten, sie hatte ungemein zartliche Augen und schmachtende Blicke, eigentlich mehr als einer verheirateten Frau gezieme. Sie versicherte ihm noch immer scherzend, das habe ihre Mutter schon fruh an ihr getadelt, sie wisse aber nichts davon, und dabei erzahlte sie so artig ein Duett, halb singend, halb sprechend, das damals, als sie dies zum erstenmal ihrem Manne erzahlt, von ihm darauf gedichtet worden sei.
MUTTER:
Madchen lass die schmachtend sussen Blicke,
Mach die Augen nicht so klein,
Denn zu ihrem schmerzlichsten Geschicke
Alle Manner sehn hinein,
Jeder meint, dass er gemeinet ware.
TOCHTER:
Lass sie doch so eitel sein.
MUTTER:
Nein, es schadet endlich deiner Ehre,
Meide wenigstens den Schein.
TOCHTER:
Mutter sprich, wie soll ich denn nun lassen,
Was mir angeboren ist,
Wenn ich auch mit niemand mochte spassen,
Bebt mir doch die Wang von List.
MUTTER:
Nein, das ist kein Blick, der bloss zum Lachen,
Du verwirrest jedermann,
Willst du einen wirklich glucklich machen,
Sieh allein auf einen Mann.
Madchen, nicht bei stillen, edlen Frauen
Kannst du solches Auge sehn,
Einige so ruhig vor sich schauen,
Andre gar verschamet gehn.
TOCHTER:
Meine Augen fluchtig sich bewegen,
Mude von dem Stillestehn,
Keinen Ausdruck mag ich drinnen hegen,
Gleich hinaus muss er da gehn.
Mutter sprich, von wem die Deutungsaugen,
Gern geb ich sie dem zuruck,
Denn zum Glucke sie wohl nimmer taugen,
Und ich furchte meinen Blick.
MUTTER:
Tochter, konntest du den Vater finden,
Diesen Fluchtling ohne Ruh,
Gern vergab ich alle seine Sunden
Und vergab dir auch dazu.
TOCHTER:
Lass mich einsam, dass ich keinem schade,
Denke still bei mir an ihn,
Und erfleh fur ihn des Himmels Gnade,
Und so will ich fromm verbluhn.
Alte Jungfer will ich bei dir werden,
Bluhen unter Schnee und Eis,
Denn kein Jungling, den ich sah auf Erden,
Hat verstanden meine Weis.
MUTTER:
Wie ein Vogel, der im Fluge traumte,
Sinket auf des Sees Flut,
Siehst du bald im Spiegel die versaumte
Aufgeschreckte Liebesglut,
Dass der Jugend goldne Zeit verrinne,
Lieblos uber Lieb hinaus;
Sieh hinaus, was dir dein Aug gewinne,
Ob's ein Huttchen, ob's ein Haus.
"Und daruber konnen Sie lachen?" fragte der Marchese, "jeder andre durfte dabei lachen, nur Sie nicht, die von dem Manne so zartlich gewarnt worden, den Sie nicht verdienen." Die Grafin rief ihm erbleichend in einem Ubergang vom Staunen zur Wut: "Und Sie konnen mir das sagen?" Der Marchese wollte sanft einlenken; aber wer die tiefe Krankung einer Frau kennt, die sich hart behandelt fuhlt von einem, dem sie sich liebevoll hingegeben, und die Angst eines Gemuts, das sich der Wahrheit noch nicht lange verschlossen, und wo hinein sie sonnenhell plotzlich aus einer Gegend scheint, woher sie nie etwas davon geahndet, der kann sich die fieberhafte Hitze erklaren, die abwechselnd das Leben des Marchese in Gefahr setzte, und ihm dann wieder demutig schmeichelte; denn selbst seine spielende Verachtung gegen sie imponierte noch ihrer bewussten Schuld. Kaum konnte sie sich vor dem Auge der Dienerschaft massigen. Der Marchese ging von ihr mit dem Entschlusse, den andern Morgen abzureisen, sie wunschte ihm alles Ungluck auf den Weg, das er uber ihr Haus gebracht, dass er vom hochsten Felsen sturze, wie die Verrater in Rom. Wir ziehen einen Schleier uber sie, denn es gibt Grenzen, wo der Zorn auch des schonsten Weibes aufhort, schon zu sein. Der Marchese war solcher Szenen gewohnt; er machte alle Anstalten zur Reise und hatte sich auf sein Lager gestreckt, und schlief schon; aber die Grafin liessen tausend Leidenschaften nicht ruhen, sie musste auf, sie musste dem verhassten Geliebten noch einmal alles sagen, was ihr Zorn ihm schon so oft zugerufen. Sie schlich in sein Zimmer mit einem Wachsstocke, der ihr unbemerkt uber die Hand geflossen; der Marchese erschrak, er furchtete die Gewalt ihrer Rache nicht, aber ihre Liebe war ihm in diesen Stunden unwillkommen; doch er irrte sich zweifach; ohne eine Begierde, ohne eine Rache setzte sie sich zu ihm aufs Bette, ihm alles das noch einmal vorzuhalten, was er schon so oft gehort, wie er jede Treue ihr und ihrem Manne gebrochen, jede Liebe unnaturlich betrogen und verletzt, jede Rache, jeden Hass teuflisch in ihr geweckt. So sprach sie im ew'gen Einerlei, dass ihm, wie ihm noch nie geschehen, fast alle Gedanken wahnsinnig vergingen; er hatte sie umgebracht, wenn nicht der wiederkehrende Tag sie in ihr Zimmer zuruckgefuhrt hatte. Der Marchese stand gleich auf und reiste ab; um alles Aufsehen zu vermeiden, schrieb er Briefe an mehrere Bekannte der Stadt, die sein Bedauern ausdruckten, dem Befehl seines Hofes, der ihn so plotzlich entfernte, folgen zu mussen. Die Grafin war zu heftig bewegt, um sich krank zu stellen, sie veranstaltete einen Ball, und uberliess sich dem Tanze so ganz, dass wenn sie einen Tanzer gefunden, der sich mit ihr tot zu tanzen geneigt gewesen, sie wahrscheinlich nicht den nachsten Morgen erlebt hatte, wo sie nun wie zerschlagen, matt und erschopft, die Arzte kommen liess, welche die ganze Krankheit dem unseligen Tanze zuschrieben, wogegen sie schon so oft vergebens gewarnt worden. "In jedem Ballsaal", meinte der eine, "sollte auf Befehl der Regierung ein Dutzend Bildnisse von Menschen sein, die an Auszehrung und Lungensucht krank liegen, ferner Abbildungen in Wachs von der Zartheit der Lungen." Wie roh dieses Volkchen meist den Menschen nimmt; ist nicht alles Leben ohne Freude die druckendste Krankheit, und darum ist die arme Grafin schwer krank, ungeachtet die Arzte ihre vollige Besserung versichern; sie kann nicht aus den Augen sehen und ist doch nicht blind, sie hort niemand und ist doch nicht taub, sie kann kein Wort vorbringen und ist doch nicht stumm. In diesem Zustande erhielt sie die Nachricht von der unerklarlichen Abreise des Grafen vom Landschlosse; zwar war dies nichts Ungewohnliches, selten erklarte er sich uber kleine Geschafte, die ihn irgend wohin beriefen; diesmal wurde sie doch dadurch erschreckt, sie wusste nicht warum, es war ihr aber, als konnte er ihre Schuld wissen; ja gegen Bekannte, gegen Diener selbst war sie ungewohnlich nachsichtig, immer in dieser einen Furcht; bei allem, was rasch durch die Zimmer ging, erschrak sie; sich selbst konnte sie nicht begreifen, weder wie sie jetzt sei, noch wie sie dazu gekommen. Der Mangel an Nachrichten von ihrem Manne machte sie seinetwegen bange; sie traumte von Zweikampfen und sah ihn oft blutend vor sich stehen, wie er sein Blut ihr mit Vorwurfen ins Gesicht sprutzte; langsam vergingen ihr die Tage und schwer die Nachte.
Eilftes Kapitel
Heimkehr des Grafen zur Grafin
Etwas uber vier Wochen waren vergangen, als der Graf fast erschopft mit einem Mute, den er sich in einer Flasche Wein angetrunken, spat Abends in das Zimmer seiner Frau trat; er fand sie drei Zimmer davon bei ihrem Kinde, wie sie neben der Wiege stand, und sich uber den Schlaf freute, dem es so ganz uberlassen. Ihr freudiges Aufrufen bei seinem Anblikke war ungeheuchelt. Bald sass der Graf neben ihr, alle Sorge war plotzlich ihm benommen, auch sie wurde frohlich; sein Gesicht schien nur zuweilen von dem wunderlichen innern Kampfe noch nachbewegt, wie ein grosses Meer nach dem Ungewitter, wenn schon lange heller Himmel daruber ruht. Ihr blickte die Hoffnung, dass alles Ungluck vergessen werde, aus den Augen, doch so sparsam wie das Grun auf einer Wiese, die ein Strom in einem unseligen Durchbruche versandet hat; die schone alte Liebe ist nicht untergegangen, aber sie liegt tief unten ganz verdeckt von der Schuld, und nur wenig Leben kann daraus hervorschiessen. In ihrem Anblicke ward ihm immer wohler; kaum hielt er sich, ihr nicht spottend seinen, wie er jetzt sicher meinte, torichten Argwohn aufzudecken; ziemlich unverstandlich brachte er wenigstens das auf dem Wege ausgesonnene Marchen vor: wie ihn ein alter Familienprozess zu einem ganz geheimen Nachsuchen in einem grossen Archive gezwungen. Sie gab nicht Achtung darauf, und glaubte alles; sie war so zartlich gegen ihn, um ihm reichlich zu verguten, was sie ihm von dieser Zartlichkeit entwendet, und der Graf ergab sich ihr so von ganzem Herzen.
Am andern Morgen fragte er den alten Bedienten mit einer scheinbar gleichgultigen Miene, was er denn mit seiner Warnung damals hatte sagen wollen. Der Alte sagte ganz offen: der Marchese habe ihm etwas Verdachtiges gehabt, und die Grafin, er kenne sie von Jugend auf, sei leichtsinnig; es tue nicht gut, wo zwei solche Leute mit einander in einem Hause wohnten. Der Graf musste ihn belacheln. Mit dem Marchese bin ich ganz sicher, der hat mich selbst gewarnt, so dachte er in sich, es ist ein edler Mann, der Sinn fur alles Edle hat. Als seine Frau aufgestanden, ging er zu ihr und erzahlte ihr offenherzig die ganze Geschichte, das Befremdende in ihr, das er jetzt gar nicht mehr finde, den wunderlichen Traum mit dem Jedermann und die Warnung; doch sagte er nicht, von wem sie ihm gekommen. Die Grafin verzieh ihm seinen Argwohn mit einem heimlichen Erroten vor sich selbst, und wie tief sie jetzt unter ihm stehe; sie erkannte seinen Genius mit Schaudern, der ihn so grundlich gewarnt hatte. Ist es ein Gluck, dass die lichte Stirne des Menschen so vieles verschliessen kann, und der Mund so viel sagen, wovon nichts darinnen? Des Grafen Gluck war es; die Besturzung ihrer Schuld wurde, wie es ihr Mund aussagte, zur Emporung uber so unwurdigen Argwohn; der Graf fiel auf seine Kniee nieder, der Kopf gluhete ihr; sie glaubte den Marchese vor dem Fenster zu sehen, wie er spottend zwei Finger gleich einem Geweihe uber ihn erhob und ihr ein buntes Tuch zeige, das er an jenem Abende ihr entrissen; sie weinte in Zorn und Verlegenheit, der Marchese verschwand, sie druckte ihren Mann herzlich an sich.
Als der Graf wieder auf sein Zimmer gekommen, fiel ihm die bestaubte Gitarre in die Hand, er fand sie wenig verstimmt; nachlassig ging er im Zimmer auf und nieder, dachte wie er in die Welt so verloren hineingeirrt, und sie war doch sein, ganz sein; seine ganze Seele schwebte in den Worten "so warst du nicht verloren, so warst du dennoch mein", die von Tausenden vielleicht ausgesprochen, doch nie so wie in ihm zu Musik wurden, und diesen wiederkehrenden Tonen gab er immer neue Worte; so erfand er ein Lied, das er den ganzen Tag halblaut sich vorsingen musste:
So bist du nicht verloren,
So warst du dennoch mein!
So bin ich nicht verloren,
So bin ich wieder dein!
Ich ging in mir verloren
Weit in die Welt hinein,
Ich ging mit tausend Toren
Und fand mich ganz allein.
Ich hatt den Weg verloren
In tiefer Nacht allein,
Da klang's mir vor den Ohren,
Im Aug ward Dammerschein.
Es klang: Was du verloren,
Das ist der Glaub allein,
Die Liebe, treu beschworen,
Die wird auch ewig sein.
So stand ich vor den Toren
Und ging zu Liebchen ein,
Da hat sie neu beschworen,
Dass sie doch einzig mein.
Ich bin zum Gluck geboren,
Und war in schwerer Pein,
Die Lieb hat mich erkoren
Aus einer Welt allein.
Ich bin wie neugeboren,
Von allem Leben rein,
Und was mir angeboren
Ist alles, alles dein!
Also hatte die Liebe in ihm allerlei ausgegoren, um ganz zur Weinklarheit zu gelangen; aber auch in der Grafin ruhte sie nicht, zum Bessern zu wirken, wenn sie auch nicht das Beste erreichen konnte. Die Grafin nahm sich ernstlich vor, ganz gut zu werden, und die erste Ausserung dieses Entschlusses zeigte sich in der Entfernung alles des Halbguts, woraus bis dahin ihre Gesellschaften bestanden; eigentlich schamte sie sich, das Volk in der entstandenen Vertraulichkeit zu ihr, dem Grafen vorzustellen, auch ihre politischen Schreibereien verbrannte sie. Die alten Freunde des Hauses traten darauf wieder in ihre Rechte und es war ein Nachsommer des Glucks in dieser Erhellung ihrer Schonheit durch die Gute, dem nichts fehlte als die Dauer.
Zwolftes Kapitel
Bekenntnis der Grafin
Es ist ein Schreckliches in der Natur, dass sie, unbekummert um die Gesinnungen der Menschen, ihre Rechte ubt und aus der Schande, wie aus der Tugend ihr ewiges Fortleben zieht; Kinder in Blutschuld und Untreue empfangen, leben ein gleiches Leben wie die Kinder der treuen Unschuld; wehe aber der armen Unschuld, die aus solcher Schuld hervorgehend, wie ein rachender Engel zwischen die Eltern tritt. Die Grafin musste sich nach drei Monaten eingestehen, dass sie wiederum Mutter werden wurde, ihr Bewusstsein sagte strafend, dass es eine Frucht ihrer Sunde sei; der Graf, ohne Verdacht des Bosen, freute sich herzlich des neuen Segens; Sorgfalt fur das Wohlsein seiner Frau beschaftigte ihn ganz, und wenn sie zuweilen bei einer heimlichen Warnung in Gegenwart andrer sich einer Speise, eines gefahrlichen Sprunges zu enthalten errotete, so schrieb er es immer auf die Art von Scheu, die jungen Frauen gegen ihre Manner so wohl lasst, als wenn sie gleichsam furchteten, ihre Vertraulichkeiten mochten an den Tag kommen. Mancher innere Vorwurf beangstigte sie und ihr Zustand selbst, indem er sie beangstete und beschrankte, zwang sie zur Betrachtung; oft schwebte das Geheimnis auf ihrer Zunge, vielleicht ware alles durch ein offenes Gestandnis gebessert worden, aber das war der angebeteten Herrscherin des ganzen Hauses unmoglich, der jeder Tag neue Angedenken unumschrankter Verehrung brachte; es schien ihr sogar eine strafliche Grausamkeit ihrem glucklichen Manne den geheim ernstvollen, von der Natur versiegelten zweifelhaften Eingang des Menschen in die Welt, nach ihrem bosen Glauben zu enthullen, und das Kind nicht auf Rosen, sondern von Schlangen umwunden zu zeigen. Dieses war eines Abends das letzte Resultat ihrer Betrachtung: sie wolle schweigen; da kam ihr Mann und sprach mit ihr scherzend, ob es ein Knabe oder ein Madchen wurde, und sie legte ihm die Karten, es wurde ein Knabe. Nun dachte sie, wie er heissen solle, der Graf meinte, Johannes, dem Marchese zu Ehren; "wie mag es wohl kommen", sagte der Graf, "dass keine Nachricht von ihm kommt, er ist wie verschollen, ich furchte fast fur ihn." Die Grafin beruhigte ihn und sie gingen zu Bette; sie schlief unbesorgt ein und dachte nicht daran, dass ihre eigne Zunge, ihr ungetreu, verraten konnte, was auf ihrem Herzen lastete und was unter ihrem Herzen ruhte! So ist's aber mit der eignen Verkehrtheit des Traumwesens, und sie hatte, ohne es zu wissen, denn ihr Mann mochte nicht daruber klagen, wie oft sie ihn damit aus dem Schlafe gestort, die Schwache, in fieberhafter Wallung des Blutes, woran sie jetzt oft litt, laut und vernehmlich im Schlafe zu reden, nachdem sie mit den Zahnen einigemal geknirscht hatte. Aufmerksam auf jeden ihrer Wunsche, meinte der Graf erst, seine Frau verlange etwas, und horchte ihr zu; bald merkte er, dass sie wieder im Schlaf rede und wollte sich auf das andre Ohr legen, als ihn einige Worte aufmerksam machten, und immer aufmerksamer. Wohl der Welt, dass es finster war und dass keiner die steigende Verzweiflung seines Angesichts gesehen hat, als sie in einem ausfuhrlichen schmerzlichen, oft von Schluchzen unterbrochenen Gesprache ihrem Manne die schwere Schuld, die Schuld seines Freundes, des Marchese bekannte, und alles wahr machte, was ihm in der letzten Zeit wie leere Traumbilder voller Verstandesverwirrung erschienen. Gern hatte er sich fur wahnsinnig in dieser Stunde gehalten; aber er fuhlte den Bettpfosten, worauf er sich hielt, sah die bekannten Fensterritzen, durch welche das Licht sanft einschlich, und mehr als alles, er horte sich selber aus ihrem Munde in dem wahrhaften Dialoge, der nur dem Traume und halbverruckten Dichtern eigen, seine eigne Art zu antworten, in Stimme und Gefuhl, das sie nicht nachsprach, sondern was er in sich verschloss, aus ihrem Munde heraus schreien; er horte, wie er mitleidig zweifelnd sie zu uberreden suche, das sei alles nur Tauschung im Traume von ihr, sie aber erinnerte ihn an ein goldnes Halshand aus einer goldnen elastischen Schlange, das sie noch bei seiner Ruckkehr getragen, ein Geschenk des Marchese, worauf der Ungluckstag eingestochen. Nun horte er aus ihrem Munde, wie er raste, wie der Tod so schon sicher vor ihm stehe, es wurde ihm dabei als lebte er wirklich ganz in ihr, wie er in seinen ersten Worten von ihr, in erster Liebe von ihr gesagt hatte: "Ich hauchte meine Seele im ersten Kusse aus!" Da sprach sie aus seinem Munde mitleidiger zu sich, er wolle ihr alles vergeben; aber warnend sang sie ihm ein Lied, das damals viel gesungen wurde:
Mich reut die Schmink, der falsche Fleiss,
Der mich vom Mann gewendet,
Die Sonne schien, ich baut aufs Eis,
So war ich ganz verblendet.
Nun wird es heiss, fort zieht das Eis
Und meine goldnen Schlosser;
Wie ruft es doch im Flusse leis,
Da drunten war es besser.
Und wie sie in das Wasser fallt,
So wird sie festgehalten,
Der Mann, dem sie noch wohlgefallt,
Fasst ihres Schleiers Falten.
"Lass mir den Schleier, halt mich nicht,
Lass still mich 'nunter ziehen,
Denn mein verstortes Angesicht,
Das kann von Scham nur bluhen."
Der Strom ist stark, sein Arm zu schwach,
Er will sie doch erfassen,
Ihn zieht verlorne Liebe nach,
Er wollte sie nicht verlassen.
Kaum horte er das noch, und schon sturzte er hinaus auf sein Zimmer, legte die Stirn gegen die Mauer, druckte die Augen ein; er fuhlte sich in einem Gewebe von Ahndungen, die alle wahr geworden, dass ihm sein Leben und die Welt zu einem Chaos verschwamm; Geister gingen bei ihm aus und ein, sein Hirn war wie der Blocksberg in der Mainacht. Er sah die Sterne am Himmel und sie schienen mit ihm zu weinen; ihr Mitleid schmerzte ihn und er schloss die Laden der Fenster. Bald setzte er sich und sass im Finstern sinnend die ganze Nacht; der Unglucklichen wollte er schonen, aber die Rache an dem Marchese schien ihm Pflicht; er hatte sie auch in diesen Augenblicken nicht aufgeben konnen, und ware es gleich ein Gesalbter des Herrn gewesen, der so nichtswurdig mit dem Glucke seines Lebens sich einen schonen Abend gemacht. Seine Vorstellungen verwirrten sich allmahlich und verwandelten sich; er verschloss sich als die ersten Bewegungen im Hause des Tages gleiche Geschafte ankundigten, die Magde lachend die Treppe hinunterstiegen, um Feuer zu machen, die Bedienten anfingen Kleider auszuklopfen; er horte das alles wie ehemals, in ihm nur war alles aus. Haufig schloss er sich fruh ein, um zu arbeiten; durch eine Klappe, die er zu diesem Behufe eingerichtet, wurden ihm Fruhstuck und angekommene Briefe hineingeschoben. Lassig sah er daruber hin, was sich heute durch die Klappe zu ihm ruckte; doch reizte ihn Kleliens Handschrift und Siegel, einen Brief zu eroffnen, der an ihn, wie alle ihre Briefe, gerichtet war. Sie erzahlte mit einer heiligen Freude ihr Gluck, den geliebten Herzog wieder zu besitzen; zwar sei er durch die Anstrengung der Reise noch etwas leidend, aber sie hoffe bei dem ruhigen landlichen Aufenthalte an ihrer Seite, der jetzt das einzige Ziel seiner Wunsche geworden, ihn bald genesen zu sehen. Weiter erzahlte sie umstandlich, dass er von einer Wahrsagerin, Arnika Montana gewarnt worden, Sizilien nicht zu verlassen, weil ein Unuberwindlicher nach seinem Leben trachte, worauf er alle seine weltlichen Stellen niedergelegt habe, um sich eine himmlische zu erflehen. Nun da sie ihres Aufenthalts gewiss und von Geschaften fast uber ihre Krafte angestrengt werde, ladete sie zum Schluss ihn und seine Frau als ihre nachsten Blutsfreunde recht dringend ein, sie auf den Trummern einer grossen alten Welt in einer bluhenden neuen zu besuchen, insbesondere da ihr Mann, der Herzog, unter dem Namen eines Marchese D ... ihrer beider Beifall gehabt, wie er ihr erzahlt habe, auch viele Verbindlichkeiten fur die genossene Gastfreundschaft ihnen in seinem Herzen bewahre.
Vielleicht erstaunen wir nicht minder als der Graf uber diese wunderbaren Nachrichten, uber die Tiefe der Bosheit, uber die List, durch Ubernahme der Korrespondenz mit der Schwester alle Nachrichten dahin und alle moglichen Entdeckungen zu hemmen; aber wunderbarer wirkte noch dieses Schreiben durch das heitre Gluck, das aus jedem Ausdrucke der hochverehrten alten Freundin, aus besseren Tagen uber ihn, den Verzweifelten selbst noch ausstrahlte, und sich so warm mit der Kalte mischte, in der er erstarrt war, dass ihm beide Pistolen aus der Hand fielen, die eine, die er gegen seinen Beleidiger, die andre, die er nachher zu seiner eignen Beruhigung geladen hatte. Es schrie in ihm laut auf, um dieser einen Frommen sei aller Welt verziehen; wer vermag ihr den Mann zu rauben, an dem ihr bescheidnes heiliges Gluck wie ihre Seele am Glauben Christi hangt. Diese Erhebung uber sich selbst gab ihm einen Plan, eine Uberlegung, eine Sicherheit, die ihm sonst nicht eigen; es war ihm, als stande er sich selbst wie ein Berg in seinen Gartenanlagen im Wege, den er entweder sprengen, oder abtragen musse um Aussicht zu gewinnen. Wir wissen alles und konnen als Vertraute seinen Entschluss in Wahrheit berichten; den meisten schien Zufall, was Absicht in ihm gewesen.
Dreizehntes Kapitel
Das Konigsschiessen
Als er noch so nachsinnend auf und nieder das Zimmer mit heftigen Schritten durchmass, und die Briefe seiner ersten Liebeszeit, die er sorgfaltig bewahrt hatte, verbrannte, da verkundigten draussen drei Kanonenschusse den Anfang des grossen Konigsschiessens. Der Graf, der ein Freund dieser Belustigung und einer der sichersten Schutzen war, erinnerte sich, dass alle auf seine Ankunft warten wurden; auch die Grafin, die eine Vorliebe fur alle mannliche Ergotzlichkeiten hegte, hatte versprochen sich spaterhin einzufinden. Er brachte die beiden altdeutschen Buchsen, die ihm vom Doktor aufgezwungen waren, und die ubrigen Schiessgeratschaften nach seiner Gewohnheit selbst zusammen und in Ordnung, klingelte und liess sich das grune Schutzenkleid geben, worin er das grune Husarenkleid verwandelt hatte, in welchem er seine Frau zuerst erblickt, und das er trotz seiner verschossenen Farbe noch immer sorgsam bewahren liess. Ehe er noch das Haus verlassen, liess ihm die Grafin sagen, sie wurde bald nachkommen, sie habe schlecht geschlafen und sich dadurch in ihrem Anzuge verspatet. Sie sah ihn erst im bunten Gewuhle des Schutzenplatzes wieder, wo an diesem Tage nach einer Scheibe geschossen wurde, deren Mitte ein brennendes Herz bezeichnete. Witzige Kopfe wollen bemerkt haben, dass der alte Schutze Amor bei solchen Konigsschiessen haufiger und sicherer treffe, als die jungen Schutzen in ihren neuen steifen Uniformen, in denen noch die Tuchlagen nicht ausgetragen; fast sollte man jenes wenigstens aus dem Drangen der Menge, aus dem Gekreisch der Magde schliessen, aus den einzelnen Paaren, die weit in das Getreide abirren, aus dem steten Durste, der an tausend Krugen klappt, denn die Liebe macht durstig und tapfer und daher schliesst sich auch gewohnlich das Fest mit einigen Raufereien. Gewiss ist's, der uralte Trommelschlager in der uralten Bortenmontur, hatte an dem Tage wenig zu trommeln; einige Ehrenschusse von gelehrten Magistratspersonen fielen sogar in das Hausdach des Bezeichners; wahrscheinlich weil sie aus einem Versehen, das den Gelehrten und Regierungen eigen, ihm die Schuld des Nichttreffens aller ihrer wohltatigen Gedanken zuschrieben, und ihn warnend an seine Schuldigkeit erinnern wollten. Ein alter Invalide im roten Rocke, der, wie ein dunner Kometenschweif, drohend an dem hellen Sterne der blanken Zinnbude hing, schuttelte mit dem Kopfe dabei, drehte sein Glucksrad und rief: "Auf gut Gluck". Die Wurfel klapperten und die am langsten sich zuruckgehalten, waren nun am hitzigsten darauf. Seht da, ein Knabe gewann einen grossen Grenadier von Pfefferkuchen, der auch in einem Augenblicke von drei andern zerrissen war. Mitten durch den Zank drangen andre mit bunten Fahnen, wie frische Truppen, und die Waldteufel brummten wie das schwere Geschutz. Den ganzen streitigen Haufen trieb ein Polizeidiener als Schlachtengott mit wenigen Ohrfeigen aus einander; es endete heute doch gar nichts lustig. Es wurde spater und die Musik und die Tabakswolken zogen in die oberen Sale des Schiesshauses; die Leute waren es mude, den schlechten Schutzen zuzusehen. Der Graf hatte sich den letzten Schuss ausgemacht; er tat den besten, das Herz war in der innersten Mitte durchgebohrt, der Bezeichner warf seinen Hut in die Luft und sich auf die Kniee; der Trommelschlager wirbelte, die Scheibe wurde von den Kronbedienten beschaut, sie gaben den Kanonieren das Zeichen; alles Volk drangte sich herbei und jubelte; der Graf wurde gekront und fur den Augenblick war er wirklich der anerkannteste Konig der ganzen Welt. Nachdem er die Krone abgelegt und den Ehrentrunk getan hatte, trat er zu seiner Frau, die ihren Beifall in ihrer Art zu erkennen gab, indem sie ihm trotzig versicherte: "Hatte ich mitschiessen durfen, du warst sicher nicht Konig geworden, aber so lasst ihr Herren uns nicht dazu." Der Graf antwortete neckend: "Ich glaube, du hast nicht den Mut ein Gewehr loszudrucken, wenn es auch nicht geladen." "Das mochte ich versuchen", sagte sie ganz keck. "Du hast noch keine altdeutsche Buchse abgedruckt", sagte er. Er nahm seine zweite Buchse, die dort liegen geblieben ungebraucht, spannte den Hahn, stach sie und gab sie seiner Frau zum Losdrucken in die Hande, wahrend er vorne die Schwere der Buchse mit Hand und Brust unterstutzte. Lachend hielt er die Buchse, lachend druckte sie ab; krachend blitzte der Schuss auf, dass ihr das Gewehr zur Erde entsank, der Graf sturzte zu Boden. Im ersten Augenblick war es nur der Schreck des Knalles, der sie und die Umstehenden betaubt hatte; als sie aber den Grafen in seinem Blute erblickte, sturzte sie nieder und wurde sinnlos nach Hause getragen.
Vierte Abteilung
Busse
Erstes Kapitel
Des Grafen Genesung. Wallfahrt
Wenn ein heiterer Erzahler zur Unterhaltung seiner Zuhorer schauerliche Geschichten leichtsinnig noch schauerlicher auszubilden sucht, indem er alle dem Tode opfert, mit deren Fortleben er nichts anzufangen weiss, so ubt er zwar darin das Recht der Zeit, die ihre Welt, welche sie geboren, zu hoherer Umwandlung wieder vernichtet, aber nicht ihre mutterliche Liebe, und nie erreicht er ihren hohen Sinn, mit welchem die wahren Begebenheiten die meisten Dichtungen uberragen. Der kuhne Mensch, in welchem sich die Ruhe noch nicht entwickelt hat, ist oft jenem leichtsinnigen Erzahler im eigenen Leben gleich, er entzuckt sich mit einem Gedanken und verliert sich daran; vergebens warnt ihn seine gute Mutter, die Zeit, dass er sich selbst nicht gehore, sondern ihr, so lange er noch unmundig sei. Der Kuhne mochte sich und ihr voreilen und sie muss ihn gehen lassen mit abgewendetem Gesichte auf dem eigenen Wege; leider fallt er bald und kann sich nicht helfen und jammert; noch gibt sie ihn nicht auf, sie steht ihm bei und betrachtet ernst, ob ihn die Reue noch bessern konne, da es die Liebe nicht vermochte. Gewiss, die reuige Busse kann viel, sie ist die wirksamste Kraft in den grossen Begebenheiten wie in den kleineren des hauslichen Kreises; ihre Wiedererzeugung, bald unbewusst, hat seit dem Gedenken der Welt alle Krankheiten der Zeitalter geheilt, so verschieden sie immer erscheinen mochte. Bald war die Busse ein zerknirschendes Betrachten, ein Selbstqualen, bald ein tatiges Vernichten des eignen falschen Strebens, in einem Handeln nach entgegengesetzter Richtung; keine Busse darf die andre verachten, jene scheint mehr der geistigen Sunde geeignet, diese geziemt der tatigen ausgefuhrten Lastertat. Die eine Busse ist die hochste Kraft und Auszeichnung des Menschen. Die Natur hat es ihm versagt wie ein Baum seine abgehauenen Glieder wieder zu erganzen, aber sie gab ihm dafur diese Kraft geistiger Wiedererganzung, und selbst die Tiere, wie sie sich ihm nahern, verlieren jene Eigenschaft ihres Korpers, um dieser geistigen sich zu nahern; die vom Menschen gezahmten machtigsten Tiere wunschen und erfreuen sich der Busse, wo sie ein Unrecht getan, sie wissen es weder schon noch gut, noch heilig zu machen, sie wollen Strafe. Auch der Mensch unterziehe sich willig der Strafe, wo die Busse ihn nicht ganz erneuen kann: die Strafe ist die Erganzung der Busse.
Nicht alle Zuschauer waren von dem schreckenvollen Ereignisse so gewaltsam ergriffen als die Grafin; doch waren die meisten allzusehr in ihren tragen Betrachtungen gestort, um dem niedergesunkenen Grafen wesentlich Hulfe zu leisten; vielmehr verdarb die Menge der durch Turen und Fenster eindringenden Menschen die Luft so schnell, dass der alte Invalide sich mit Gewalt Luft machte, mit seinem Sohne den blutigen Korper des Grafen ergriff und nicht ohne heftigen Widerstand in ein nahes verschlossenes Zimmer trug, ihn dem leeren Mitleid und der widrigen Neugierde zu entziehen. Hier konnte ihm der Stadtwundarzt, der auch Mitglied der Schutzengilde war, ungestort die Kleider offnen und die Wunde untersuchen. Gegen seine Erwartung fand er, dass die Kugel an einer Ribbe, die sie streifend zerschlagen, abgegleitet sei und nicht das Herz durchdrungen habe, auch fanden jetzt die Schutzen die Kugel in der Wand des Schiesssaales eingeschlagen, welches im ersten Schrecken ubersehen worden; die weibliche Furchtsamkeit der Grafin hatte wahrscheinlich vor dem Losdrucken den Lauf von der geraden Richtung gegen das Herz des Grafen abgewendet. Sobald diese gebrochene Ribbe ausgebogen und einige Starkungsmittel ihm eingeflosst waren, atmete der Graf wieder auf, er dachte in einem anderen Leben, und sah sich wieder in dem verhassten bekannten Kreise, in demselben Leben, das ihm schon unertraglich gewesen, noch mit der Last einer schweren Wunde auf das Krankenlager gestreckt. Der Wundarzt wollte es nicht wagen, ihn noch den Abend nach dem Schlosse bringen zu lassen, und so musste er uber sich den ununterbrochenem Jubel der tanzenden Menge horen, die gleich befriedigt, als er am Leben gefunden, seiner Leiden uneingedenk die Nacht durchschwarmte. Die Nachricht von seinem Leben, von der wahrscheinlichen Gefahrenlosigkeit seiner Wunde gab der Grafin das Leben wieder; erschopft wie sie war, liess sie es doch nicht, zu ihm zu eilen, und ihn mit einer Vorsorge zu pflegen, die nur Liebe gewahren kann. Wirklich schien ihr der ganze Wert des Mannes nur in dem bedrohten nahen Verluste ganz deutlich geworden zu sein. Dieser letzten Gemutserschutterung schien es zu bedurfen, die eitle Hulle, die sie lange gegen ihn verschlossen, ganz zu durchbrechen; horte sie doch die ungeheuchelte Anhanglichkeit aller Diener an ihn, so wahr, so unverstellt. Nicht seine dringendsten Bitten konnten sie von seinem Lager entfernen, wenige Viertelstunden Schlafs schienen ihr zu genugen. Sie scheute keinen beschwerlichen Dienst, selbst den Anblick der weit und blutig aufgerissenen Seite lernte sie ertragen; noch wusste sie nicht, dass ihre Schuld ihm diese Wunde geschlagen, aber schon die blosse zufallige Ursache derselben gewesen zu sein, war ihr unertraglich. Die dauerhafte Gesundheit des Grafen fullte den wilden Riss in seinem schon vollendeten Bau schneller, als der Wundarzt erwartete; wenige Tage nach Abnahme des ersten Verbandes konnte er schon auf sein Schloss getragen werden; hier gab der Graf den Brief Kleliens seiner Frau. Muhsam versteckte sie ihm den furchterlichen Eindruck, den Abscheu gegen den Herzog, der mit so uberlegter Bosheit sich zu einem doppelten Laster angeschickt und es durch ihre eitle Torheit so ganz vollendet hatte; ware der Graf nicht krank gewesen, sie hatte ihm alles bekannt und sich einen stillen Aufenthalt in abgeschiedner Gegend von ihm erfleht.
Dem Grafen war aber diese Zeit seines Siechtums nicht ohne Wirkung voruber gegangen; die Pflege seines Korpers machte ihn aufmerksam auf dessen wunderbaren Bau, dessen wunderbares Mitleben mit aller Welt, wie die Schmerzen mit den Stunden kamen, und dem Einflusse ferner Krauter wichen. Es war ihm, als hatte er eine ungeheure Schandtat getan, und frevelnd, um eine Schickung Gottes abzulenken, statt sie in Tugend und Kraft zu bestehen, dieses heilige Werk Gottes, sein Ebenbild zerstort. In der Fieberhitze glaubte er sich der schandliche Judas, der sich selbst umgebracht, nachdem er den Herren verraten, und der Wundarzt konnte nicht begreifen, wie sein Zustand sich wieder so plotzlich verschlimmerte, besonders was er mit dem roten Barte sagen wolle, von dem er immer spreche. Auch diesen Kampf uberstand er; er trug zwar noch einen Verband und durfte nicht von seinem Lager, aber er war schon so gut wie hergestellt: da sass seine Frau am Bette, als er einen Brief erhielt, den er rasch offnete und nachdenklich las; er schwieg den ganzen ubrigen Tag. Die Grafin, vor sich selbst neben ihm sinnend, befestigte sich immer mehr in dem Entschlusse, ihm ihre Schuld ganz zu bekennen; sie glaubte ihn jetzt stark genug, diesen Schmerz zu ertragen. Nach einigen Schaudern warf sie sich plotzlich neben seinem Sopha auf die Kniee nieder, verhullte ihr Gesicht und schluchzte: "Ach weh mir armen Sunderin, es schnurt mir den Hals zu, ich kann nicht sprechen." "Was ist dir?" fragte der Graf erschrocken. "Tue mit mir, wie du willst", schluchzte sie, "ich habe mich schwer an dir versundigt"; weiter konnte sie nichts vorbringen. Der Graf fuhr mit einer Hand uber ihre Wangen, und bemuhte sich an einem Arme sie aufzurichten, aber vergebens; endlich sagte er ihr gefasst: "Hor mich wenigstens jetzt an, bemuhe dich, mich zu horen. Auch ich habe dir zu beichten; was du gesundigt, weiss ich, was ich getan, sollst du horen. Du hast die Treue gegen mich gebrochen; ich wollte dich zu meiner Morderin machen; es war kein Zufall, dass meine Buchse geladen war, Gott weiss es allein und ich, es sollte meine Rache sein, dass ich durch dich so wie fur meine Ehre gestorben; ich dachte verblendet mir etwas Grosses darin und der Frevel verbarg sich meinem Verstande. Des Himmels Gnade hat die Kugel von meinem Herzen abgeleitet, aber stark angeklopft, dass es sich bessere; der Herr vergibt mir meine Schuld, wie ich vergebe meinen Schuldnern, tue desgleichen. Nicht unsre Rache, aber die Strafe des Verbrechers ist dem Himmel heimgefallen, der den Verbrecher uns durch die engsten Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden. Lies diesen Brief deiner Schwester, welch ein frommes Gluck ihr der Verruchte gestattet, in ihrer Nahe wird alles gut, wir durfen diese Ruhe nicht storen. Nur eins fehlt ihrem Glucke, Kinder; sieh, du bekommst ein Kind, das uns zum Fluch geworden ware, lass es ihr Segen sein; sie fleht mich an, ich hatte ihr deine neue gute Hoffnung in der Freude meines Herzens verkundet, sie fleht um eins meiner Kinder, dass sie ihm ihren Reichtum und ihre Liebe in guter Erziehung schenke, lass dieses Kind, das noch unter deinem Herzen sich regt, zu seinem rechten Vater kehren, deine Schwester wird es schutzen gegen ihn. Wir aber wollen vor den Augen der Welt ruhig beisammen leben, das fordert dein guter Name, wir wollen zusammen leben, als trennten verschiedne Zeitalter unsre Liebe, oder Verwandtschaft allzunahe des Blutes, in Freundschaft, in gegenseitigen Wohltaten und Diensten ohne Reue, so vergnugt es sein kann. Uns ist viel Gnade geschehen, wachen wir uber uns."
Nach diesen Worten, die er langsam ausgesprochen, hatte sich die Grafin ihrer niederdruckenden Beschamung ermeistert, dass sie seine Hand kussen und vernehmlich sagen konnte: "Du bist allzu grossmutig, du edles Herz, das ich leichtsinnig verspielet, selbst deine Grossmut rechnest du dir als Schuld an; wie soll ich vor Gott bestehen; lass mich einsam in einem Kloster meine Schuld bussen, vielleicht konnen die Jahre uns wieder ausgleichen; Gott vergebe dem Herzoge, ich kann ihm nicht vergeben, vor dir aber vergehe ich in Scham und verzweifle in Reue." Bei diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer; der Graf stand gegen das Verbot seines Wundarztes vom Lager auf, aber er fuhlte einen grossen Schmerz, er klingelte und der alte Bediente kam. "Hor", sagte er, "geh zu meiner Frau, sei nicht neugierig, sei verschwiegen, vielleicht erfahrst du einmal alles; jetzt hute sie vor Ungluck, ermahne sie zu allem Guten, du hast ihr Zutrauen."
Der Alte wusste nicht, was er sagen sollte, doch meinte er, dass schon lange nicht alles gewesen, wie es sein sollte. Er ging zu seiner gnadigen Frau, musste aber vor der Ture warten; sie hatte sich eingeschlossen. Nach einigen Minuten gab sie ihm einen Brief heraus, an ihren Mann, und so mehrere bis zum Abend Briefe so zerreissend jammervoll, wie kein Schuldloser sie schreiben kann; der Graf antwortete ihr ernst, aber trostreich. Den folgenden Tag war sie so ermattet, dass sie im Bette blieb, aber den Alten zu sich hereinrief; sie war sonst doch gegen ihn etwas herrschend gewesen, er war es von Jugend an gewohnt; jetzt krankte es ihn tief, seine Grafin so in sich zerknirscht zu finden, dass sie ihm wie einem Gerechten, dessen Urteil sie furchtete, lange Entschuldigungen vorausmachte. Sie konnte es nicht lassen, ihm ihre Geschichte unter vielen Tranen zu erzahlen; sie musste einen Vertrauten haben und seiner Verschwiegenheit war sie vollig gewiss. Der Alte argerte sich innerlich, dass er alles das mit seinem guten Eifer weder bemerket noch gehindert; er trostete sie nach seiner Art recht gut. Am Schlusse ihrer Beichte sagte sie: "Ist Gott gerecht, dass er dem frommen Manne, meinem Grafen, ein so lasterhaftes Weib gegeben und meiner frommen Schwester einen so lasterhaften Mann?" "Liebe gnadige Frau, wer so gefehlt hat, soll Gott nicht verurteilen; mir fallt eine alte Erzahlung bei diesem Vorfalle ein, die Gottes geheime Absichten recht eindringlich darstellt; wenigstens vertreibt sie Ihnen die bose Zeit. Als unser Herr Christus mit Petrus noch auf Erden wandelte, kam er einst an eine Wegscheide: da wussten alle beide nicht, welches ihre Strasse; denn unser Herr bei aller seiner Erkenntnis Gottes wollte doch in allen menschlichen Dingen wie ein anderer Mensch sein, damit ihn die Menschen verstehen konnten. Nun stand aber ein Baum allda, unter dessen Schatten ein Bauernknecht seine Mahlzeit hielt. Der Herr fragte ihn freundlich nach dem Wege gen Jericho; der trage Bauer antwortete ihm aber kein Wort, sondern stopfte sich das Maul immer voller und ass fort, als stande niemand vor ihm. Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen Weltgegenden hinausgesehen hatten, da kam eine Magd gelaufen von weither, die Sichel in der Hand, die Schurze halb voll von Gras, die hatte ihre Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt, und fragte, wohin sie gedachten, und geleitete sie weit hinaus auf den rechten Weg, von dem sie abgeirret waren; dann lief sie eilig zuruck nach ihrem Acker zur Arbeit und nahm nicht ihr Trinkgeld, und horte nicht einmal auf ihren Dank. Da sprach Petrus: 'Meister, die Guttat zu belohnen, musst du ihr einen wackern Mann bescheren.' Da sprach der Herr: 'Der faule Knecht, der dort im Schatten sass und zu trage zum Sprechen war, der wird ihr Mann.' Und als sich Petrus daruber verwunderte, sprach unser Herr weiter: 'Der Mann wurde ganzlich verderben ohne eine fromme gute Frau; die Frau aber wurde sich zu viel einbilden auf ihren Fleiss, auf ihr Geschick, denn Eitelkeit tritt der Tugend in die Fussstapfen; also schliesst Gott ungleiche Ehen, auf dass eines helfe des andern Burde tragen, und also sie beide bleiben in Ehren.'"
Diese Erzahlung, die der Alte aus unserm braven alten Hans Sachs gelernt hatte, schien die Grafin ernstlich zu beruhigen. Als ihr Mann nach ein paar Stunden sich zu ihr hatte fuhren lassen, erklarte sie ihm mit festerer Stimme, sie habe keinen eignen Willen mehr, sie unterwerfe sich seiner Einsicht ganz, er moge ihr gebieten. Vergebens suchte er sie zu starken, sie war innerlich in sich wie gebrochen, und ihre Reue war ihm ein steter Vorwurf. Oft wunschte er sich tot, um diesem zwangvollen Verhaltnisse entnommen zu sein, denn selbst seinen Ernst und seine Trauer suchte er ihr schonend zu verbergen; aber das Leben hort selten auf unsre Bitten, nur gewaltsam lasst es sich regieren, hemmen und erwecken, und wem ist dazu ein Recht gegeben? Bald genas er vollig und durchstrich wieder dieses Schloss, diesen Garten, wo jede Stelle mit seinem Glucke, mit seinem Unglucke bezeichnet war, und alles das musste er verschweigen. Wem solch ein Verhaltnis nie begegnet, der hat es doch sicher in unsrer Zeit allgemeiner Teilnahme an politischen Ereignissen erlebt, dass Leute aus Rucksichten gerade von allem dem, womit ihre Seele einzig beschaftiget, kein Wort sprechen durften; so ungefahr sassen der Graf und die Grafin haufig einander gegenuber und blickten seitwarts, um einander nicht abzusehen, was sie einander nicht sagen mochten. Sein Wunsch ware eine Reise gewesen, weit in die Fremde, aber seine Frau liess sich nicht gerne sehen; jeder Besuch war ihr eine Qual; sie vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben. Wunderbar, wie viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder, die mit Jubel in der Welt aufgenommen sein wurden, gehen in einem geringen zufalligen Schrecken unter, und dieses fluchbelastete Kind, das auf einem Tranenstrome in die Welt schwimmen sollte, hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten. Ein neuer Brief von Klelien druckte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus, sie schrieb so ruhrend von ihrem Glucke, von ihrem Manne, der ihr der Brennpunkt aller Tugenden, aller Frommigkeiten war, und nun sah sie mit grossem Bedauern rings um sich, wie so alles, was der Herzog und sie auf den Gutern schaffe, einst in fremder Hand wieder untergehen werde, da der Lieblingswunsch ihres Mannes unerfullt bleibe, dass sie ihm Kinder schenke. Sie fragte sich, um welcher Sunde willen Gott ihren Leib verschlossen; ja sie wunschte sich den Tod, um ihrem Manne diese Freude durch eine andre Gattin gewahren zu lassen. Diese Frommigkeit des Herzogs, die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint, taten wir unrecht, ganz zu bezweifeln; auch die Anlage zur Frommigkeit war in ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt, aber freilich nicht lange; die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores, die er bei ihr las, hatten ihn damals zu ihr hingezogen; seitdem bemachtigte sich seiner eine aberglaubische Furcht, er hatte die Laster uberlebt; jetzt war es nicht bloss Sinn fur Frommigkeit, die ihn an die Wallfahrtsorter Siziliens, zu allen Geistlichen trieb, er schwindelte in die Frommigkeit hinein, die seiner Frau eigen; es war ihm ein neuer Reiz, den er aber immer neu steigern musste; die Religion ward ihm eine neue Art Opium, seine Natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern konnte. So lebte der Sunder wahrlich nicht unglucklicher als der Graf, den wir doch zu den Bessern rechnen mussen; die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung und das Laster endigt fruher und geht unter, wahrend die dauernde Tugend mit allen Hindernissen ihrer Entwickelung kampft. Das unnaturliche Verhaltnis des Grafen zu seiner Frau, das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war, musste sein Inneres ausleeren; es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal die Freiheit, sich nach anderen Richtungen auszubreiten, seine Geschafte, die er sonst mit Lust getrieben, kosteten ihm unsaglich viel Muhe und Uberwindung; er suchte sich Liebhabereien anzugewohnen, um dadurch beschaftigt zu sein, schaffte kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel, wollte ein Buch uber Staatskunst schreiben, das er lange entworfen, und wusste nicht, was er schreiben sollte; mit dem Glucke waren ihm alle Gedanken verschwunden. Als er einmal so in seinem Zimmer umhergeschwankt, sich hundert Federn geschnitten und mit keiner geschrieben, hundert Bucher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte, da fand er sich so verwirrt, so ode, so matt und krank, dass er beten wollte und nicht zusammenhangend sprechen konnte; keine Trane wollte ihn erquicken. Draussen tobte ein Marktgewuhl auf der Strasse, in ihm war alles so stille, er setzte sich nieder und schrieb. "Erkenne Herr, der du die Welt gefullt hast, diese Leere meines Herzens, diese Leere meiner Gedanken, befreie mich von Qual und Angst, nirgends halte ich mich, nichts halt mich, ich schwanke und muss vergehen, starke mich Herr; wo ich mich suche, da finde ich mich nicht, wo ich dich suche Herr, da fuhle ich nichts, mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht vergessen; mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir ein Schrecken. Ich fuhle mich, dass ich nie so traurig war, wie in diesem Augenblicke; was mich betrubt, ist keine Tat, kein Gedanke, kein Wort, vergebens bemuhe ich mich, es zu sagen; was ich gedacht, versteckt sich mir, was ich gefuhlt, ist mir verloren; ich muss alles ewig von vorne beginnen; ich kann nicht schwarmen mit den Frohlichen, nicht tatig sein mit den Tatigen, nicht ruhen mit den Tragen; das Uberflussige zu tun, verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir der Mut; was mich anregt, ist eine schmerzliche Spannung, meist lahmt mich eine klagliche Erschlaffung; noch denke ich, dass ich ein Zutrauen zu dir habe Herr, aber ich fuhle nicht deine belebende Kraft!" In diesem Augenblicke erweckten ihn die Glocken der Kirche; er gedachte, wie viel er seit fruh an Gott gehangen und wie ihm doch alles Gluck verloren; es wurde ihm in tiefster Seele, als gebe es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt, als sei alles vergebens. "Da lauft", sagte er vor sich, "das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle Ewigkeit und meint, darin etwas Gutes zu tun, es ist doch alles vergebens und umsonst; auch ich will einmal mitlaufen, will auch einmal beichten, will doch sehen, was mir die Dummheit raten wird, die dort an Gottes Stelle sitzt."
Wir werden es haufig bemerken in unsrer Zeit, dass Menschen der gebildeten Stande, die sich lange sehr religios glauben, doch eigentlich die Religion nur als ein Gedachtes, als ein Nachdenken uber die Welt bewahren, nicht als ein Notwendiges, Eingebornes, Anerzognes, nicht als einen Glauben; es gab fur die meisten eine Zeit, wo sie viel dachten und der Religion vergassen; ihr Spekulieren uber Religion halt selten gegen die Not und gegen das Gluck aus; beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung, ihren eigentlichen Glauben. In einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche; er sah mit Verachtung, wie die Menschen so demutig aus den Beichtstuhlen heraustraten, doch setzte er sich selbst mude in einen derselben, der im truben Dunkel einer Kapelle stand, und wartete bis der Geistliche, der nach der andern Seite eine Beichte horte, das Ohr nach seiner Seite legen wurde. Er hatte sich erst vorgenommen seine Sunde, den Versuch sich selbst zu ermorden, oder vielmehr sich ermorden zu lassen, nur ganz allgemein anzudeuten, so dass der Geistliche doch keinesweges ihn gleich erraten konnte. Wie sich dieser zu ihm wendete, sah er auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten, aus deren betranten Augen auch sein Schmerz floss; erst schien es ihm Dolores, dann glaubte er sicher, sie ware es nicht gewesen. Bei diesem Anblicke wurde ihm der Beichtstuhl ganz vertraulich; er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig, wie ein Verstorbener, und der Beichtvater, der beider Verhaltnis zu durchschauen schien, gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf. Nichts auf der Welt war seiner Stimmung so angemessen; gleich tat er dem Geistlichen, der Pater Martin hiess, den Vorschlag, mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern, er verspreche ihm reichliche Belohnung. Pater Martin willigte frohlich ein; er sagte, dass er schon lange seinem Bruder, der dort mit wenigen im Kloster zuruckgeblieben, einen Wein zu kosten versprochen habe. Der Graf schickte nach Hause und liess melden, dass er ein paar Tage ausbleibe, und so machte er sich mit dem Geistlichen auf den Weg, den er eben so furchtsam und verlegen betrat, wie er sonst keck darauf einher geschritten. Die Unterhaltung mit dem einfaltigen Pater Martin war ihm bald qualend; er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete so vor sich hin; aber allmahlich ward ihm wohl in der einformigen Wortfolge, bei der er bald an nichts dachte, als was Anfang und Ende sei; ganze Zuge von Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein, das Gleichmassige trug ihn. Bald fuhlte er, wie einfach das Menschenherz, bei jeder Wiederkehr des Gebetes ward es ihm immer heiliger, ruhrender; sein Auge blickte umher nach der untergehenden Sonne, und so kam er heiter in einem Wirtshause an, das einsam zwischen grossen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete. Die grossere Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus, um fur Speise und Trank nach Lust und Geld zu sorgen. Wallfahrten sind die Badereisen der Armeren; sie arbeiten halbe Jahre, um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und ubersinnlichem Genusse sich zu erfrischen. Der Graf war wenig geneigt zu beidem, er blieb vor der Ture sitzen; Bruder Martin musste zwar aus Hoflichkeit bei ihm bleiben, aber er bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Hausture einen Becher Wein. Nicht lange, so erschien mit einem zinnernen Becher, der voll Wein, ein grosses schlankes, aber sehr ernstes Madchen, ob es der Sternenschein war, der ihre Bakken bleichte, dem Grafen schien sie ungemein blass. Bruder Martin mochte auch diese Blasse bemerken und sie schminken wollen; er umfasste sie und hatte sie in allen Ehren gekusst, wenn ihr nicht straubend der Becher mit dem Weine entfallen ware. Das war kein Spass; er liess sie los und sah traurig in den leeren Becher, in dessen Neige sich die Sterne spiegelten. Der Graf hatte sich in der Stille ganz in ihn hinein gelebt, und fand darin einen besonderen Trost der eigenen Leiden; dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zuruck, dass er in der Seele seines Begleiters dichtete:
Ein Trinklied beim Sternenklang
Liebe Hand, dich darf ich drucken,
Bringst mir einen Becher Wein,
Und die holden Sterne blicken
In den Becher froh hinein;
Zweifelnd bin ich im Entzucken,
Trink ich erst den duft'gen Wein?
Soll ein Kuss mich erst beglucken?
Beides, beides ist nun mein!
Ratet mir treulich, liebliche Sterne,
Grusse euch alle, nahe und ferne!
Fliehst du schon vor meinem Blicke,
Und verschuttest meinen Wein,
Fuhrt mein Ruf dich nicht zurucke,
Ach, so bist du doch nicht mein!
Heisse Liebe, deine Tucke
Lasst mich schmerzlich hier allein,
Als ich meinem stillen Glucke
Wollte froh entgegen schrein;
Feurige Zungen sind da erklungen,
Aber mein Liebchen ist mir entsprungen.
Wandelt weiter, kalte Sterne,
Spiegelnd im vergossnen Wein,
Suchet ihr doch stets die Ferne,
Nah und ferne, nichts ist mein.
Nur der Tropfen, den ich hege,
Loset meines Herzens Klang,
Schweigend geht ihr eure Wege,
Euren stillen, gleichen Gang;
Als ich noch hoffte, seid ihr erklungen,
Jetzt wie so stille, feurige Zungen.
Allmahlich war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst ubergegangen; er wurde sehr traurig, und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen, als der Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt, ein ehrwurdiger Greis mit weissen Haaren, sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte. "Herr, Ihr seid nicht recht vergnugt wie die andern", sagte der Alte, "Ihr habt aber noch lange zeit vergnugt zu werden, ich aber bin traurig und alt, und werde wohl nie wieder lustig." "Habt Ihr Schaden gelitten in Eurer Wirtschaft?" fragte der Graf "Nicht so eigentlich", antwortete jener, "mein Vermogen ist nicht gross, aber ich habe mehr, als ich brauche, und doch bin ich ganz arm seit ich meine Tochter verloren." Graf: "Ist sie schon lange tot?" Wirt: "Sie lebt noch; Ihr habt sie auch wohl vorher gesehen, aber sie scheidet so ab, sie ist schandlich betrogen worden; es ist eine traurige Geschichte, und Ihr werdet sie schon noch erfahren. Seht nur da druben den Nachbar Walther, der da seine Schafe in die Hurde treibt, dem war sie bestimmt; ich hatte so lange ich lebe meine Schafe mit den Schafen seines Vaters zusammen getrieben, und dachte gewiss, unsre Kinder wurden sich heiraten. Es hat nicht sein sollen!" Bei diesen Worten fuhrte er den Grafen in ein Oberzimmer, das er fur ihn und fur den Geistlichen abgesondert eingerichtet hatte, und schickte ihnen die Tochter zur Bedienung. Die schone, blasse Hippolita trat sehr beschamt ein, aber der Graf machte ihr Mut; er fragte nicht nach ihren Begebenheiten, und sprach ihr doch trostreich zu; sie eilte, so viel das ubrige Geschaft im Hause erlaubte, in das Zimmer zuruck. Der Geistliche hatte bald durch Nachfrage bei den Gasten ausgemittelt, was es eigentlich mit diesem Madchen fur eine Bewandtnis habe. Ein Oberst, der dort im Quartier gelegen, hatte wahrend der Kriegsunordnungen sich in der nahegelegenen Kirche mit ihr trauen lassen, war den Morgen nach der Hochzeit, ohne ihr davon zu sagen, abgereist, und hatte die Nachricht zuruckgelassen, dass er in seinem Lande schon verheiratet sei, diese zweite Ehe also ungultig werde. Ihr Kind war in der Geburt gestorben. In der ganzen Gegend, der sie sonst als ein stolzes Muster bekannt gewesen, wurde sie seitdem verachtet und verspottet. Dem Grafen tat diese Erzahlung um so weher, je weniger er irgend einen guten Ausweg fur das arme Kind entdecken konnte, doch war ihm zu Mute, als gehore sie durch ihr Ungluck zu seiner eigenen Familie. Sehr fruh machte er sich den folgenden Morgen auf, doch war das Madchen schon auf und brachte das Fruhstuck; der Graf bot ihr ein ansehnliches Geschenk, aber sie schlug es aus. Nach einem herzlichen Abschiede von Vater und Tochter, eilte er rasch fort durch die kalte Morgenluft, und bemerkte erst nach einer Viertelstunde, dass er den ihm vom Pater ubergebenen Rosenkranz vergessen hatte. Der Rosenkranz war aus Loreto, und der Pater untrostlich; gleich eilte der Graf zuruck, sprang ins Haus nach seiner Kammer, und war sehr verwundert darin singen zu horen. Es war die Tochter, er horchte: sie sang ihr Ungluck; er trat ein, fand seinen Rosenkranz in ihrer Hand, und beredete sie, mit ihm nach der wundertatigen Mutter Gottes zu wandern, was auch ihrem Vater sehr lieb war. Der Pater war hoch erfreut, als er den Grafen mit der schonen Tochter und mit dem Rosenkranze zuruckkehren sah; er betete eifrig auf dem Wege, die Pilgerin stimmte ein, und der Graf folgte. Der lange Weg war ihnen unbemerkt geschwunden, als die heiligen Bilder die Nahe des Wallfahrtortes bezeichneten; bald waren sie mitten in dem marktlichen Gewimmel, das rings um der alten Kirche wogte, wo man Kerzen einkaufte, und in die weihrauchduftende, hellerleuchtete Kirche trug. Hippolitens Schonheit wirkte da so machtig, dass ihr jeder Platz machte, als sie nach dem Chore aufstieg, wo sie als Sangerin ihre Stelle verdiente. Sie sang wunderschon, alle sahen auf sie; ein paar schone Knaben hielten ihr die Noten, ein paar andere bekranzten sie mit Rosen und blauen Trauben, ein anderer brachte ihr ein Lamm an einem seidnen Bande: es war ein sehr schoner Anblick, wenn gleich diese Zeichen der Verehrung in jenen Gegenden ganz gewohnlich sind. Der Graf selbst beschrieb diese Verehrung und offentliche Beruhigung, die sie nach so mancher unverdienten Beschimpfung hier erhielt, in den folgenden leichten Versen:
Hippolita
SIE singt in der Kammer
Nur einen Tag mir dauert
Der Ehrenblume Pracht,
Das hab ich lang betrauert,
Sie haben mich verlacht.
Warum so kurz die Freude,
Warum so lang das Leid?
Bei meinem Hochzeitkleide
Liegt jetzt mein Trauerkleid.
Hier war ein herrlich Wesen
Von Reitern schon und kuhn,
Und der mich hat erlesen
Vor allen tate ziehn;
Sie folgten ihm doch alle,
Wenn er vor ihnen ritt,
Bei dem Trompetenschalle
Lief auch mein Blut so mit.
Ich fuhr in hohem Wagen,
Mein Herr, der fuhrte ihn,
Die Rappen wiehernd jagten,
So hell die Sonne schien,
Ich sah noch fern die Hutte,
Zum Himmel stieg ihr Rauch;
Aus ihrer stillen Mitte
Ich zog, verflog nun auch.
Die Kirche, frisch gestreuet
Mit buntem, krausen Sand,
Vom leisen Tritte schreiet,
Ich reiche ihm die Hand.
"Nicht, Mutter, weint gebeuget,
Der Ring ist golden ganz."
Doch sie den Goldschaum zeiget,
Auf manchem Sterbekranz.
Der Priester trat zurucke,
Mein Mann mich hielt so lieb,
Mich grussten alle Blicke,
Das Blut zur Wange trieb;
Mein Gluck, wer kann es fassen,
Es fasste mich so fest,
Und hat mich doch verlassen,
Mich so verlassen lasst.
Ich traumte keine Sorgen,
Mein Aug der Sonne lacht;
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Eh' ich noch war erwacht?
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Es hat dich keiner gesehn;
Mein Kind blieb mir verborgen,
Ich sah es nicht in den Wehn.
Ich sitze zwischen Seen
In meiner Eltern Haus,
Muss dienen und muss gehen
Mit Pilgern ein und aus;
Viel Knaben Mitleid haben
Mit meiner Traurigkeit,
Ihr Trost konnt mich wohl laben,
Ach, blieben sie nur heut!
Muss selber ihnen reichen
Den Pilgerstab und Hut,
Die Hand ich mochte reichen,
Dem, der so traurig tut.
Doch konnte er wohl meinen
Ich liebte ihn wohl gar,
So aber muss ich weinen
Das ganze, ganze Jahr.
Ein Pilger
Die Pilgersleut vergassen
Den Rosenkranz im Haus.
Sie kamen wieder, sassen,
Bei diesem Ohrenschmaus;
So schon sie horten singen
Der Wirtin Tochterlein,
Ganz heimlich zu ihr gingen
Wohl in das Kammerlein.
Sie gaben ihr die Hande,
Und nahmen sie auch mit,
Dass sie zur Wallfahrt wende
Den hohen, edeln Schritt,
Zu jenen heil'gen Gipfeln,
Die Gottes Lieb erbaut,
Wo in der Baume Wipfeln
Ihr Schmerzensbilder schaut.
Da fand sie leer ihr Leiden,
Sie fand ihr Herz so voll,
Sang da zu aller Freuden,
Dass hoch die Kirch erscholl;
Viel Knaben knieten nieder,
Die Noten halten ihr,
Sie dienen ihr wie Bruder,
Und wie die Engel schier.
Darum viel Pilger glauben,
Cacilien zu sehn,
Mit Ros und blauen Trauben
Sie da umwinden schon;
Ein Lammlein zu ihr fuhren
An einem roten Band,
Mit hohen Kerzen zieren
Der Kirche dunkle Wand.
Da fuhlet sie ein Wehen,
Die Taube fliegt zu ihr,
Mit tiefster Ehrfurcht sehen
Die Lastrer auf zu ihr;
Mit hellen Blicken schauet
Der Mutter Gottes Bild,
Wer sich ihr ganz vertrauet,
Dem zeiget sie sich mild.
Der Graf konnte wohl den milden Blick dieses Gnadenbildes ruhmen, auch er hatte ihn erfahren: eine grune Insel stieg ihm empor aus dem schwarzen Meere, das ihn umwogte; er glaubte ein ganz vertrautes Herz gefunden zu haben, die Gedanken schwanden ihm. Sein Begleiter war langst zu seinem Bruder gegangen, hatte sich der guten Klosterkost erfreut, die Zeit beseufzt, und die heiligen Bilder austeilen helfen; der Graf aber ging aus einer Kapelle in die andere, jede schien ihm so wohnlich fur den jetzigen Zustand seines Herzens. Es wurde dunkler und die bunten Glasfenster brannten nur noch in wenigen Strahlen, die auf ein Bild der heiligen Maria Magdalena fielen, wie sie die Perlenschnure zerreisst, und ihre Tranen immer neue Perlen um sie saen. Er trat hinzu und beruhrte mit seinem Fusse einen Menschen, den er nicht bemerkt hatte; er bat sanft um Entschuldigung. Es war eine Frau, die ausgestreckt vor dem Bilde lag; aber da sie unbeweglich liegen blieb, auch kein Atemzug zu horen war, die ungewohnliche Lage ihn auch etwas besorgt machte, so beschaute er sie naher, sie schien tot oder ohnmachtig; er hob sie mit Muhe empor in einen Betstuhl, und derselbe Strahl, der ihm vorher die bussende Magdalena beschienen, zeigte ihm jetzt die geliebte Dolores tot oder ohnmachtig. Bleibt der Atem lange, ewig aus? Ihre Schuld war ihm bei diesem schmerzlichen Zweifel so ganz verschwunden, verschwunden die traurige Zeit; so still lag sie in seinen Armen, wie in seinem ersten Glucke. Taumelnd in Uberraschung und Verzweiflung, trug er sie nach dem Weihkessel, und besprengte sie mit dem geheiligten Wasser, und wie die ersten tropfen ihre Schlafe benetzten, da regte sich ihr Haupt, sie schlug die Augen auf, aber sie erkannte ihn nicht. Wiederum fielen ihr die Augen zu, aber ein neuer segnender Regen erschloss sie wieder, sie blickte um sich, und erkannte den Grafen, der sie jetzt mit Kussen bedeckte die ersten seit jener furchtbaren Nacht. Kaum konnte sie begreifen, wo sie sei, was ihr geschehen, aber in seinen Liebkosungen, in seinen Tranen uberkam ihr wieder Besinnung und Erinnerung. "Ach, wir Unglucklichen!" seufzte sie aus tiefem Herzen. Allmahlich entlockte ihr der Graf wie sie nach dem Wallfahrtorte gekommen; auch sie hatte bei dem Pater Martin gebeichtet, auch ihr hatte er zur Busse eine Wallfahrt anbefohlen, und sie, des Gehens ungewohnt, beschwert von ihrem Zustande, hatte sich in der Qual ihres Herzens einsam auf den Weg gemacht; ihre Krafte waren ganz erschopft, als sie die Kirche erreicht, in deren kuhlem Schosse sie das Bewusstsein ihrer Leiden verloren hatte. Sie bedurfte seiner liebevollen Sorgfalt, und er dachte nur an ihre strenge Busse, an ihre schmerzliche Reue; die tiefe Beruhrung mit einer hoheren Welt, die Tausende an sich zieht, die hier alle von einander getrennt sind, hob die harte Eisrinde, unter welcher der Strom ihrer Gefuhle noch schmachtete; nie redete sie dem Grafen so rein ansprechend, selbst nicht in der glucklichen Zeit, wie an diesem Abende; er fuhlte ein herrliches Ziel seiner Aufopferung, dies geliebte Wesen, das sich ihm jetzt so ganz ergab, zu der Vollendung hinzubilden, wie er in erster Liebe sie sich getraumt hatte. Traulich wanderte er mit ihr zuruck, und als sich der Bruder Martin zu ihnen gesellte, und sie mit seinen torichten Reden storte, da fuhlte er tief, dass aus dem Menschen, wo er an Gottes Stelle mit treuem Herzen sitzt, eine hohere Zunge spricht; keine Vorstellung hatte der gute Mensch, wie sein Rat zu einer Wallfahrt sie beide so gnadig einander zugefuhrt hatte. Nicht jeder Tag konnte so erfreulich enden wie dieser; aber der Zustand beider ward doch ertraglich. Wunderbar schien es inzwischen der Grafin, als sie in der heiligen Zeit von neun Monden, die nach den Berechnungen der Mutter die gluckliche Lebensverborgenheit des Menschen begrenzen, als sie uber diese neun Monate hinaus, seit jenem unseligen Abende, die Last ihrer Sunde tragen musste.
Zweites Kapitel
Niederkunft der Grafin. Tod des Herzogs von A ...
Noch drei Monate vergingen, als sie in der Nacht von einem schonen blonden Knaben entbunden wurde, der zu ihrer Verwunderung des Grafen Zuge und ein dunkeles Mal auf seinem Herzen trug, das der Familie des Grafen eigen, von allen als das sichere Zeichen einer reinen Geburt angesehen wurde. Kaum wollte sie es sich, ungeachtet aller dieser Zeichen, eingestehen, dass ihre Schuld wenigstens ohne einen lebendigen wachsenden Vorwurf geblieben; freudig bewies es ihr der Graf mit zartlicher Beredsamkeit, dass sie endlich nachgeben musste, aber sich noch immer wie aus einem schweren Traum erwacht fuhlte, und immer noch nicht glauben konnte, dass es ein blosser Traum gewesen. Jetzt war ihr verziehen vom Grafen, innig und vollkommen, seit dies sein Kind, das entweihte Heiligtum keuscher Liebe wieder geweiht hatte. Kaum waren die bedenklichen Zeiten des Wochenbettes voruber, so gestand ihr der Graf, dass seine Liebe durch dieses Kind ihr von neuem auf ewig zugeeignet, nur dieses Schloss und sein Landgut, wo er mit ihr die ersten Zeiten reiner Zartlichkeit gefeiert, und ihre Schuld betrauert, wurde ihrer beider Gefuhlen ein ewiger Vorwurf bleiben; mit Christus wolle er freilich zu jedem sagen, der sie verdammen wolle: wer sich unschuldig fuhlt, der werfe den ersten Stein auf sie; aber diese Steine, die sie in seligen Augenblicken mit mancher sinnvollen Inschrift bezeichnet, sie waren schon drohend gegen das neue Gluck gerichtet, das sich endlich nach treu uberstandner Prufung in wiedergewonnener Reinheit entwickeln musse. Sie fuhlte ganz wie er, und hatte auch in jedes andre gewilligt, was seine Ruhe gefordert hatte; sie sah ein, wie viel mehr er aufgebe in dieser Trennung, wovon er nichts erwahne: lange Arbeiten und alle schonen Lebensplane, in der Jugend empfangen, vom Manne ausgeboren in schonen, wohltatigen Einrichtungen, eigentlich alles, was ausser ihr ihm je wert gewesen und hatte sie nicht schon so lange Reue ertragen gelernt, der Augenblick hatte sie vernichtet. "Aber wohin gedenkst du?" fragte sie in Verwirrung. "Zu deiner Schwester", antwortete der Graf; "lies diesen trostlosen, schwarz gesiegelten Brief, worin sie den schnellen Tod des Herzogs uns anzeigt, der wahrscheinlich von der Verwandlung seiner ganzen Lebensweise dahin gerafft worden; sie schreibt es seiner Heiligung zu. Er lasst sie im Besitze eines unermesslichen Vermogens kinderlos zuruck. Ernstlich fleht sie uns an zu ihr hinzureisen; gern mochte sie unsere Kinder zu Erben einsetzen und erziehen; sie mussen unter ihren Handen, mit ihrem Segen gedeihen." Der Stolz der Grafin erwachte hier zum letztenmal. "Lieber Karl", sagte sie, "aber wie soll ich Schuldige vor der Frommen erscheinen?" "Wie vor Gott", antwortete der Graf, "gestehe ihr deine Schuld, und ihre Liebe versohnt dich mit dir selbst!"
Drittes Kapitel
Abreise des Grafen und der Grafin mit ihren Kindern
nach Sizilien
Nach dieser Unterredung wurde rustig zur Ausfuhrung des Unternehmens geschritten.
Es ist der Vorzug eigener sinnvoller Tatigkeit, die rechtschaffenen Manner leicht zu unterscheiden und sich anzueignen, auch der Graf hatte zweie der Art zur Verwaltung seiner Guter bald auserwahlt, die seinen Kindern sie einst uberliefern sollten; er nahm fur immer von ihnen Abschied. Das Schloss in der Stadt sollte unverandert, aber unbewohnt bleiben, nur die Zeit, sonst niemand sollte daran ein Recht ausuben. Von seiner Dienerschaft sollte ihn allein der alte Bediente begleiten; doch sorgte er fur alle. O des ewigen Abschieds von einer stark durchlebten Gegend in Gluck und Ungluck, Unschuld und Schuld; tausendmal sterben wir in uns, ausser uns: das sei uns Zuversicht, wenn wir wirklich die Augen zudrucken oder zum letztenmal in das Licht starren, das hier unten das hochste, droben das tiefste ist. So scheiden unsre beiden geliebten Pflegekinder auch hier von einem alten Leben; nur wissen sie nicht, ob die neue Welt, zu der sie eilen, ihnen die kleinste Freude gewahrt, die sie hier genossen. Ihrem Sinne war das Neue schon darum lieb, weil es das Alte verloschte, und wohl ist Italien noch eine neue Welt fur jeden Reisenden, der schon das ubrige Europa durchschritten, wieviel mehr fur sie, die nur einen so kleinen Teil erst gesehen, doppelt fur sie bei so gereiztem Gemute. Sie sah nun das Land, zu dem sie einst von machtiger Eitelkeit hingetrieben, mit dem reinen Blicke einer grosseren Erfahrung, die alle Eitelkeit in ihr vernichtet; er zog nun in das Land, wohin er als Student mit pochendem Herzen schon getrachtet, aber das er von Liebe zuruckgehalten in Freude und Leid ganz vergessen hatte, als ein Student hoherer Art, denn das sind alle wahren Reisenden. Von vielem hatte er Kenntnis gewonnen, fur alles Sinn; wie mannigfaltig war da ihre Mitteilung. Nach einem Monate glaubten sie schon, durch Jahre von den verhassten Begebenheiten geschieden zu sein.
Viertes Kapitel
Ankunft bei der Herzogin von A ... Neue
Lebensweise. Dolores, die gute Mutter
Ungeduldig wandle ich mit ihnen uber Berg und Tal, selbst Rom, bei dessen blossem Namen sonst schon meine Gedanken weilen, genugt mir nicht; ich mochte sie sicher in den Armen der herrlichen Schwester wissen, sie einfuhren in den neuen Kreis ihres neuen Lebens. Wie ein Feenschloss von Demanten winkte Palermo entgegen, das von dem Feste der heiligen Rosalie jauchzte. Es war spater Abend als sie landeten, aber die himmelhohe Statue der Heiligen, die ihnen schon im Meer entgegen spiegelte, empfing noch ihr Gebet um Gluck und beruhigte sie. Jetzt fahren sie vor den Palast der Herzogin, auf dem grossten ihrer Landguter, drei Meilen von Palermo, die Herzogin weiss nichts von ihrer Ankunft; sie sind ihren eignen Briefen vorgeeilt; sie eilen die prachtvollen marmornen Saulentreppen hinauf, durch reich bekleidete Bedienten hindurch, die sie anstaunen und fragen; aber sie eilen ungeduldig weiter in ein Zimmer, wo die Herzogin sie empfangt. Welche Uberraschung! einfach traurend steht die Herzogin da unter einer Zahl schoner Kinder, die ihre Schreibebucher vorzeigen; aber wie hat sich Klelia entwickelt, sie, die sonst von niemand bemerkt wurde, steht in ihrer Mitte mit einer sanften Wurde, die im ersten Augenblick selbst ihren alten Freund, selbst ihre Schwester zuruckschreckt. Aber wie selig uberrascht umfasst sie beide, und die Kinder lacheln froh bei ihrem Anblick, als wenn ein Engel im Schlafe mit ihnen spielte. Wir sind alle geruhrt, es geht nun alles recht gut; wie leicht wird es der Grafin, ihr alles zu beichten; schmerzlich ist es der Herzogin, das Andenken des Herzogs, das ihr so teuer war, so ganz in sich ausloschen zu mussen; aber die Wahrheit ist ihr Leben und die Kinder fullen ihre Gedanken nun wahrhafter und schoner. Alle gewinnen bald einen festen Lebenskreis und Bestimmung; vor allen findet der Graf in der okonomischen Verwaltung, die der Herzogin bisher am lastigsten gewesen, ein schones Feld, seinen wohltatigen Geist uber Tausende auszubreiten, der sich bis dahin in der Anordnung weniger Menschen begnugen musste; er findet ein dankbares Volk, unter dem ein verstandiges Wohlwollen von oben her noch so selten gewirkt, dass beinahe noch alles zu tun ubrig war. In dem Rausche des Wiedersehens ist der alte Bediente nicht ubersehen worden; die Herzogin hat ihn wie einen Vater gekusst; er hatte auch wahrlich mehr fur sie getan, als ihr leiblicher Vater. Ohne in seinem Wirkungskreise steigen zu wollen, blieb er wie immer der Oberaufseher des Hauses; nur die Kinder muss ihm die Grafin Dolores von Zeit zu Zeit anvertrauen, sonst ist er bose; sorglich fuhrt er sie in den Garten umher, sucht ihnen die reifsten Fruchte und neckt sich mit ihnen, und wird mit ihnen zum Kinde; auch wissen sie mit keinem so gut zu spielen, wie mit ihm; keiner weiss sie so leicht zu beschwichtigen, wenn sie weinen, schreien; sie treten oft auf ihm herum und tun ihm wehe, aber er beklagt sich nicht; er sieht auf ihre blonde Locken, wie in einen glodnen Kelch, in ihre blauen Augen, wie in den Himmel.
So hatten wir es denn mit den ubrigen abgetan und wir konnten nun ruhig uber einige Jahre hinblicken, um Dolores, die uns so viel Schmerzen, und Klelien, die uns so viel Freude gemacht, in der Dauer ihrer Verhaltnisse zu prufen. Klelie hatte anfangs alle Muhe, einzelne storende Ruckfalle ihrer Schwester in eine zerknirschende Reue zum Guten zu lenken; doch gelang es ihrem klugen Bemuhen, indem sie ihr eine Beschaftigung gab, die ihrer Sinnesart angenehm, aber aus Gewohnheit zu lange von ihr vernachlassigt worden war. Sonst sah sie ihre Kinder nur, wenn sie wachten, reinlich angezogen waren und der Kinderstube entlassen wurden; hochstens trat sie zuweilen herein, sich an ihrem Schlaf zu ergotzen. Klelie machte es ihr so eindringlich, dass eine Frau nie etwas Grosseres tun konne, als wenn sie mit liebevoller geduldiger Sorge die ersten hulflosen Zeiten ihrer Kinder bewache, wenigstens nichts Erfreulicheres, Segenvolleres. "Wie gern", rief sie, "gabe ich alle meine Beschaftigungen, so lieb sie mir sein mogen, darum hin, eigne Kinder versorgen zu konnen; denn das ist von der Natur eingeboren, nur eigne Kinder verstehen wir ganz, was ihnen fehlt, was sie wollen, und dieses Verstandnis kann kein guter Wille, keine reichliche Bezahlung in der Dienerschaft erzeugen. Darum ist jeder Mensch zu beklagen, den seine Mutter nicht grossgezogen, denn ihm fehlte sehr viel Liebe". Kaum hatte Dolores den ersten Widerwillen uberwunden, den die Unreinlichkeit und das Geschwatz der Kinderstuben haufig gibt, so fand sie erst wie vielem sie ihre Kinder unbesorgt ausgesetzt, was sie selbst fur widrig hielt; sie besserte alles mit Ernst und Einsicht, schaffte sich bessere Magde an, die sie jetzt erst kennen lernte, so wie die Kinder, die schon fruh manche Eigentumlichkeit zeigten. Die Kinder lohnten ihr durch Gedeihen und jeder Kreis des heiligen Jahres mehrte ihre Zahl; was Kindisches in ihr uns toricht gewesen, das wurde in den Kindern ausgeboren, deren Sinnesart sie aus der Tiefe ihrer eignen Brust verstand, und besser zu lenken wusste, als ihr von der eignen nachsichtigen Mutter geschehen. Es war eine schone Busse, diese Mutterliebe.
Funftes Kapitel
Der Herzogin Weisheit, Mut und Gute. Tod des alten Bedienten. Nachrichten von Waller. Geschichte des Prediger Frank und des Fraulein Leona. Schicksal des
Lorenz und der Rosalie
Klelia tat nur einzelne Blicke in dies Fruhlingsreich ihrer Schwester, erst wenn die Kinder alter wurden, beschaftigte sie sich mit ihrem Unterrichte. Salicetti, ein grosser sizilianischer Bildhauer verfertigte eine artige Gruppe zum Geburtstage des Grafen in Marmor: Klelia und Dolores standen neben einander, Dolores niedersehend auf ein Kind, das an ihrer Brust sog, und das sie mit beiden Armen hielt, Klelia blickte zum Himmel und erhob deutend die eine Hand dahin, in der andern Hand hielt sie ein Buch, worin die beiden alteren Kinder der Dolores mit gefalteten Handen lasen. Klelia war nicht untatig geworden, ungeachtet sie viel betete und der Graf einen grossen Teil ihrer Geschafte ubernommen hatte; sie war nicht bloss Quelle der Reichtumer, was jeder wohlwollenden Seele so leicht wird, sondern sie wusste mit Anstrengung diese reiche Quelle zum Besten aller selbst zu lenken. Nicht bloss der Madchenunterricht, den sie erst nur in frommer Nachbildung des Grafen unternommen hatte, beschaftigte ihre Gedanken, sie wollte auch Erwachsene erziehen, durch streng ausgeubtes Recht, welches damals in Sizilien fast durchaus der List, der Gewalt und Bestechung gewichen war. Schon vor des Grafen Ankunft und in der Abwesenheit ihres Gemahls hatte sie mit mannlichem Mute eine Schar tapferer Manner um sich versammelt, die nicht bloss Soldlinge sondern die mit heiligem Eifer fur die Aufrechthaltung des Rechts und des heiligen angebornen Gutereigentumes begeistert waren; diese sendete sie gegen die Rauber, die trotzig gegen die schwache Regierung des Landes alle Strassen und die friedliche Nacht der Hutten unsicher machten, wahrend die Palaste sich durch Geld von ihren Einfallen loskauften. Sie selbst fuhrte einst zu Pferde mit dem Kreuze in der Hand, das auch auf ihren weissen Mantel genaht war, ihre brave Schar gegen eine ode Geburgsgegend, wo sich die rauberische Menge gegen sie versammelt hatte. Das Gefecht war lange zweifelhaft, der Widerhall des Schiessens im Felsentale, das Gebell der grossen Rauberhunde, nichts schreckte sie zuruck, von beiden Seiten war gleicher Mut, dort der Teufel, bei ihr Gott. Da ritt sie kuhnlich, als ihr Hauptmann gefallen, in die Mitte des Getummels und winkte mit dem Kreuze Ruhe; von dem wunderbaren Anblicke wie versteinert, sanken die Rauber nieder auf ihre Kniee, nieder vor dem Gnadenbilde, gegen das sie lange gestritten; die fromme Frau, ruhig in ihrem Gott, erschien ihnen wie eine Heilige, wie die Mutter Gottes, die jammernd neben dem gekreuzigten Sohne steht, und sie wollten nicht die Kriegsknechte sein, die den Gekreuzigten verspottet. Es ist ein grosses Werk in einem Volke, die sinnliche allgemeine Vergegenwartigung einer hohen Begebenheit; oft in der hochsten Abirrung des Lasters tritt sie bei einem geringen Zeichen richtend und belehrend mitten aus den brausenden Leidenschaften hervor. Die Herzogin segnete die Rauber fur diese Zeichen der Reue und vergab ihnen ihre Lastertaten, wenn sie sich wahrhaft bekehrten und aus Verratern in Schutzer des Rechts verwandelt, ihr verfallenes Leben in wurdigem Dienste beschliessen wollten. Balsamo, der Anfuhrer, schwor ihr dies am Kreuze im Namen aller; er blieb ihr mit den meisten treu, und seiner Bekanntschaft mit den Rauberschlichen dankte bald der grosste Teil von Sizilien vollstandige Ruhe und Sicherheit. Dieses Ereignis hatte Klelia nie dem Grafen geschrieben, das litt ihre Bescheidenheit nicht; kaum konnte er diesen hohen Mut begreifen, wenn er die stille sanfte Frau anblickte. Doch lernte er sie bald in der kuhnen Grosse ihrer Seele und in der Scharfe ihres Verstandes noch auf viel andere Art kennen.
Sie hatte sich zur Aufrechthaltung des Rechts mit
dessen Studien selbst ernstlich beschaftigt, was ihr durch fruhere Liebhaberei an lateinischer Sprache erleichtert worden; Rechtsgelehrte verliehen ihr bald den Ehrentitel als Doktor, die Regierung das Amt eines Koniglichen Oberrichters. In diesem Amte sass sie bei den Gerichtstagen und storte mit gewandtem Verstande, wo uberwiegende List und Parteilichkeit das Unrecht begunstigten; ihr Ansehen wirkte bald so machtig, dass Entfernte selbst ihre Angelegenheiten vor dieses Gericht brachten. Es verdient bemerkt zu werden, dass sie haufig einen Ausspruch tat, dessen Grunde sie nicht selbst gleich in Worten entwickeln konnte, der aber fur alle so uberzeugend war, dass die Grunde von den Gelehrten bald entdeckt wurden. Strenge Ordnung in ihrer Lebensweise machten es ihr moglich, ausser diesen Geschaften noch hinlanglich den Ihren zu leben, um ihre Gesinnung in allen fortzupflanzen. Ein Tagebuch, das sie an jedem Morgen von vorhergehendem Tage in aller Kurze verfasste, diente ihr zur Aufmunterung und Warnung; selten bemerkte sie darin etwas uber sich und was ihr besonders und eigen, was die meisten Tagebucher gewohnlich fullt; oft ist es nur ein kurzes Gebet um Gnade und Erleuchtung oder um Kraft, wo ihr etwas zu schwer erschien; zuweilen bedauerte sie etwas Versaumtes, meist sind es kurze Nachrichten von bedeutenden Ereignissen in ihrem Landchen. Wir heben einige Tage aus als Belege:
Den 1sten Mai. Algierische Seerauber landeten bei Lido wahrend der Hochzeit des Bauers Zampiero, sie drangen in die Hauser und raubten Gut und Kinder. Das Geschrei kam in die Kirche, wo alle Bauern versammelt, alle waren zweifelhaft was zu tun, da ergriff der geistliche Herr Anatonio den Kelch, der von starkem Silber als Geschenk von mir der Kirche verehrt worden, und jeder Bauer nahm, was er von Stuhlen und Banken in der Kirche abreissen konnte, und so gingen sie auf die Rauber los, die sorglos plundernd im Dorfe zerstreuet waren. Der geistliche Herr traf zuerst mit einem vornehmen Turken zusammen, den er mit dem Kelche so gewaltsam in die Schlafe schmetterte, dass er nicht wieder aufgestanden; so sind noch acht andre auf dem Platze geblieben, funfe tot und dreie schwer verwundet, von den Unsern aber ist nur der Geistliche getotet und sechse verwundet, bis der Graf mit der Schlosswache war herbeigeeilt, und die Rauber zurucktrieb, dass sich nur wenige einschiffen konnten, sie auch die weggetriebenen Kinder und alles Geraubte zurucklassen mussten. Gott erhalte uns den edlen Grafen! Gnadiger Gott, der du diesmal ein so grosses Wunder getan um deines heiligen Dienstes willen und einen deiner Diener zum Zeichen als Martyrer angenommen, gib mir Kraft, unsere christliche Kuste ohne Blutvergiessen durch Wachsamkeit zu schutzen, gib mir Kraft, dass ich diese schwere Angelegenheit dir ordentlich ausdenken und ins Werk stellen moge, und verzeihe mir gnadiglich um deines lieben Sohnes und seiner geliebten Mutter willen, wenn ich zu lange saumselig war im Nachdenken, wie deine heilige Gemeinde zu schutzen.
Den 2ten Juli. Habe Dank gnadiger Gott, der neue Wachtturm bei Lido hat drei Raubschiffe vom Landen abgeschreckt.
Den 28sten August. Mein kleiner Neffe Johannes hat den ersten Backzahn bekommen, moge er seine Zahne nie missbrauchen, dass ihm Gott seine Zahne erhalte, wie er sie ihm gnadiglich verliehen.
Den 8ten Sept. Rico und seine junge Frau, die ich ausgestattet habe, vertragen sich nicht und sie schienen sich doch zu lieben; wohl ist es mit meine Schuld, dass ich sie so schnell zusammengefuhrt; wie oft verderben wir Gottes Wege durch unsre Ungeduld, schnell darauf zu fahren, und ich gedenke oft dabei unsers edlen Grafen, der neulich sagte, dass er die meisten Fehler in seinem Leben begangen, weil er einen kleinen Plan, den er in einer Begebenheit entdeckt, fur den Plan Gottes gehalten und ihn darum ohne Klugheit zu fordern gesucht hatte, wo es dann oft ganz anders ergangen, was er auch fur recht und besser und wurdiger dem Plane Gottes erkannt hatte; so sei ihm auch damals das Zusammentreffen des Scheibenschiessens mit seiner Verzweifelung als ein Plan Gottes erschienen, da doch Gott alles nachher viel gnadiger und ganz anders gelenkt. Wohl mag er recht haben, wenn er sagt: "Nur in der Vergangenheit erkennt der Verstand den Weltplan, was aber die Gegenwart fordert, was zur Zukunft emporstrebt, das entbehrt noch des Sonnenlichts oder es ist davon geblendet; jeder aber mag recht und klug handeln nach allen seinen Kraften und Gott wird ihm gewiss seine Gedanken leihen."
Den 2ten Januar. Ich bin sehr traurig; unser alter Bedienter, unser zweiter Vater ist gestorben, ohne Schmerz, wie er eben mit den Kindern spielte, die ihn anstiessen und meinten, er stelle sich tot, wie er oft mit ihnen gespielt. Gewiss wird er selig, denn wer verdiente es mehr; doch das ist Menschenweisheit, ich will fur ihn beten.
Den 2ten Februar. Heute vertraute mir meine Schwester Dolores, die wieder, Gott sei gelobt, in gesegneten Leibesumstanden sich befindet, ihr lieber Mann, der Graf Karl sei ihr Erloser und Weltheiland, denn er habe sie von schwerer Schuld befreit, indem er sein Blut fur sie vergossen. Gnadiger Gott, das ist wohl noch eine Folge ihrer Sundenschuld, dass sie in solchen straflichen Wahnsinn verfallen, da sie sonst so vernunftig und gut in allem ist. Ich habe ihr alles vorgestellt, wie kein einzelner Mensch seinen Erloser besonders habe, sondern dass einer fur alle gestorben, der in jedem Frommen seine Gnadenwirkung ubt. Sie schien sich zu bekehren und weinte zuletzt, dass sie nicht ganz lassen konne von ihrem Glauben; heiliger Gott, nimm ihr doch noch diesen Irrwahn, ehe sie zu dem gefahrlichen Werke der Geburt gezeitiget, an welchem schon manche Frau hingestorben; oder denke, dass sie nichts dafur kann aus Schwache ihrer Gedanken, vielleicht ist sie von dem langen Wachen bei dem kranken kleinen Karl etwas tiefsinnig geworden.
Den 3ten Juni. Ich war krank und habe grosse Schmerzen erlitten und keiner hat es erfahren. Gottlob, nun bin ich hergestellt und tue wieder meine Geschafte ohne Zwang mit Freuden, und schnellem Erfolg. Diese Bruchstucke, indem sie uns das schone innere Bild Kleliens in Umrissen geben, enthullen uns auch in beilaufiger Ubersicht die ruhigen dauernden Verhaltnisse der drei Menschen, die wir mit Zuneigung durch manche Lebensverwandlung begleitet haben. Ereignisse, bei denen wir den Untergang aller voraussahen, haben sich zu aller Frommen und Besserung geschlossen; dies ist aber ein wahrer christlicher Sinn, der den Menschen um einer Schuld willen noch nicht aufgibt, der den Menschen nicht sterben lasst in der Sunde. Wir sehen Dolores, deren Frevel alle zu vernichten drohete, mit dem Grafen und Klelien ausgesohnt, alle dreie in einem angemessenen tatigen Leben; Klelien in vielfacher Anwendung ihres frommen Verstandes, den Grafen in der Ausfuhrung seiner wohltatigen Absichten, und Dolores durch ihre mutterliche Liebe aller Welteitelkeit entzogen, durch der Kinder schuldlose Liebe aller schuldigen Lust entsuhnt, und liebevoller selbst gebildet in der mutterlichen Pflege ihrer schonen Kinder, deren reicher Segen sich bis zu der Ankunft der Furstin bis zu der heiligen Zahl Zwolfe, ohne ein bedeutendes Missgeschick vermehrte. Doch preise sich keiner glucklich vor dem Ende seiner Tage; eingedenk dieser Regel wollen wir uns nach denen umschauen, die in der Beruhrung mit dem graflichen Hause uns merkwurdig waren, von denen dem Grafen durch seine Verbindungen mit Deutschland allmahlich mancherlei Berichte kamen.
Seiner frommen Arnika Montana schrieb er oft; ihre Antworten lauteten immer gleich: der wunderliche Doktor, Florio und sie selbst lebten wie Maschinen unabanderlich in demselben Gange, Takte und Wirksamkeit. Der hassliche Baron hatte sich im Kriege ausgezeichnet; das Erheben zu einer bedeutenden Stelle hatte seinen Stolz erweckt, und dieser seinen bosen Willen unterdruckt; seine beiden komischen Begleiter waren in angemessenen Stellen untergebracht. Waller hatte sich schon wieder ein paarmal verlobt und einmal verheiratet; sein Talent erlosch fast ganz in literarischen Streitigkeiten; da er lange Zeit nur sich gekannt, nur seine Arbeiten gelesen hatte, so konnte er es nicht ertragen, als er bei andern auch andre Gedichte fand; alle diese Gedichte, meinte er, waren gegen ihn gerichtet, er schimpfte dagegen, aber leider blieben seine Streitschriften ungelesen und so versank er in eine lacherliche literarische Melancholie, druckte seinen Bekannten die Hande, und seufzte: "Was soll aus unsrer Literatur noch werden?" Wollte sich einer einen Spass machen, so trug er ihm einen literarischen Zwist vor, der entweder gar nicht vorhanden war oder aus Gottscheds Zeit; gleich verfasste Waller eine plumpe schmutzige Schrift dagegen, liess sie drucken und dann war er in grosser Verlegenheit, den Leuten zu erklaren, was er eigentlich damit gewollt habe.
Mannigfaltig entwickelte sich das Schicksal des Prediger Frank; wir wollen es teils nach seinen eignen Briefen, die er aus alter Anhanglichkeit dem Grafen geschrieben, teils aus eigner Bekanntschaft mit ihm und mit den Seinen wiedererzahlen. Wir erinnern uns, dass er uber viele Glaubensmeinungen und Auslegungen von dem Hergebrachten in seiner Kirche abwich; lange Zeit machte er daraus ein Geheimnis, endlich aber war er durch das Studium der Kantischen Moralphilosophie zu einem Abscheu gegen jede Art der Luge gebracht worden. Aus dieser Wahrheitsliebe suchte er seine Meinung von Jesus, den er bloss als Menschen ausgezeichnet wissen wollte, eben so auffallend durchzusetzen, als seine Meinung von der Predigerkleidung, die ganz zufallig und sogar gegen den Willen Luthers sich von einem gewohnlichen bescheidnen Burgerkleide auszeichne; weswegen er seine nachste Predigt uber Jesus als Menschen in einem blauen Bauerrocke, wie ihn die Reicheren tragen, und mit abgeschnittenen Haaren hielt. Diese Geschichte machte Aufsehen, aber die Milde der Regierung und der langsame Gang aller ihrer Verhandlungen zogerten mit der Untersuchung. Unterdessen trat seine kleine geliebte Amalie in die Jahre, wo das Heiraten erlaubt ist; ihre Erzieherin schrieb ihm, er mochte jetzt kommen, um dies Madchen naher zu kennen und zu prufen, die ganz nach seinen Grundsatzen gebildet worden. Er blieb einen Monat in der Stadt; Amalie hatte viel kindliche Anhanglichkeit fur ihren Wohltater; sie hatte ihm so oft dankbar die Hand gekusst, sie war noch immer in dem schonen Traume, der noch keinen Unterschied zwischen Neigungen zu machen weiss, keinen eignen Willen zulasst, und schlug mit Freuden ein, als er ihr seine Hand antrug. Nachdem er diese Zusage empfangen, eilte er aufs Land, seine Zimmer selbst recht angenehm zu malen, und die notigen Einrichtungen, wie sie seinem kunftigen Haushalte angemessen, zu treffen, in drei Monaten sollte die Hochzeit gefeiert werden. In dieser Zeit traf der Gutsherr seines Dorfs, ein alter General, der seinen Abschied genommen, mit seiner Tochter Leona dort ein, um in Ruhe die letzten Tage seines Lebens durch Landluft zu erfrischen: ein herrlicher Mann, dessen ganzes Leben fast Entsagen und Selbstuberwinden bezeichnete; in gleichem Sinne hatte er die Tochter erzogen; was ihr lieb, das entriss er ihr, und so war sie nur in allem dem, was sie mit Uberlegung wollte, entschieden, aber unwandelbar in solchem Entschlusse. Frank musste ihr einigen Sprachunterricht geben, sie und ihr Vater fassten eine unbegrenzte Achtung gegen ihn; sie wunschten ihm von ganzem Herzen Gluck, als er zum Brautholen in die Stadt abreiste. Er kam spat Abends unerwartet zu Amalien, sie trat mit einem Lichte herein, in dem Vierteljahre sehr verschonert, gewandter durch den geselligen Umgang, zu dem er sie aufgemuntert hatte. Sie erschrak, als sie ihn erblickte; es erkaltete sie der Gedanke, dass sie diesem Manne in wenig Tagen sich ganz aufopfern sollte, der ihr immer als Vater erschienen; sie konnte sich kaum den notigsten Ausdruck von Anhanglichkeit geben; dankbar vor ihm zu knieen, war ihr einziger Wunsch, und das litt er nicht. Frank nahm dieses Erschrecken erst fur Freude, bald aber musste er sich gestehen, es habe etwas Fremdartiges, fast wie ein Zuruckschaudern, das er als ein Liebling aller Weiber, sich lange nicht eingestehen wollte. Er bat sich daruber schriftlich eine Erklarung von ihr aus, wenn eine andre Zuneigung sie gefesselt, sie mochte es nicht verhehlen, er bliebe ihr stets ein treuer Vater. Die Antwort, halb mit Tranen vermischt, erklarte ihm mit Umschweifen, wie sie ihm tausendfache kindliche Verehrung weihe, aber vor dem Heiraten erschrecke sie, doch ohne eine andre Liebe zu hegen. Frank war zu fest, um zu verzweifeln, er versicherte ihr noch einmal schriftlich seine dauernde vaterliche Liebe, und setzte sich auf den ersten Postwagen, der eben angespannt war, und in der Nahe seines Dorfs vorbei fuhr; dort stieg er aus und ging dahin zu Fuss. Als sein Dorf vor ihm lag, setzte er sich hinter einen Steinhaufen und schamte sich seines Unglucks; er hatte ewige Zeiten da sitzen konnen, ware nicht Leona, die mit ihrer Flinte uber das Feld kam, zu ihm getreten. Ihr Blick erkannte, dass ihm ein Ungluck geschehen; er berichtete ihr alles so kalt, als betrafe es einen andern; zuletzt sagte er, wie er sich krank fuhle. Gesundheit ist wie das Geld, wir fuhlen erst ihren Wert, wann wir sie missen, und das Geld ist wie die Gesundheit, die im ruhigen Verkehr der ganzen Organisation, in dem beschwerdelosen Empfangen und Zuruckgeben sich zeigt. Aber beides sollte ihm fehlen, denn Leona wusste, was er erst erfahren sollte, dass er wegen seiner abirrenden Meinungen und Tracht seines Amtes entsetzt, und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verdammt worden. Leona fuhlte tief das schwere Unrecht, das ihm von so verschiedenen Seiten geschehen, sie wusste, dass er einer der nutzlichsten moralischen Lehrer, einer der besten Okonomen der ganzen Gegend war, ob er gleich wie so wenige mehr Prediger zu nennen sei; sein Fehler war die Offenherzigkeit, mit der er bekannt hatte, was die andern vorsichtig stolz fur sich bewahrten; sie wunschte, ihn entschadigen zu konnen, sie glaubte sich dazu bestimmt. Sie sagte ihm jene Nachricht seiner Absetzung, ihren Entschluss, ihm alles zu verguten, verschwieg sie ihm. Es erschutterte ihn gewaltsam; sie geleitete ihn nach dem Pfarrhause. Mit tiefer Trauer horte er ein Paar kleine Goldganschen pfeifen, als einzigen lebenden Ruckstand von der Fulle des Sommers in den lombardischen Pappeln vor seinem Hause, die jetzt eher fur Besen anzusehen, welche die Flur abgefegt hatten, so glatt lag der Schnee und blinkte. Vielleicht pfeifen nur die Vogel, um sich den Todesschlaf abzuwehren, dachte Frank, und richtete sein Haupt zum Himmel; da erinnerten ihn die rosichten Wolkenberge an seine frohlichen Reisen in der Schweiz, er glaubte springende Gemsen auf den Spitzen zu sehen und weidende Herden im Tale und den glucklichen Hirten, der seiner alten Freiheit ein Lied sang. "Freiheit", sagte er der stutzenden Leona, "Freiheit will ich suchen und Recht und Wahrheit, das alles finde ich in Paris und auch meinen Lebensunterhalt durch Sprachunterricht; dort werden wir bald keine Prediger mehr brauchen, die Religion der Vernunft findet ihre Priester in jedem Hausvater, aber bei uns in Deutschland wird der Streit zwischen Licht und Finsternis am langwierigsten sein; ich gehe hin, wo er geendet. Die Revolution wird wie die Pocken Europa durchlaufen, wer keine Impfung leiden will, geht drauf." Leona war ergriffen von diesen Aussichten der Zukunft; ihr Verstand verlangte nach dem Mittelpunkte der Politik Europens, ihr fester Wille, dem edlen Freunde alles zu verguten, was er ungerecht verloren, sprach sich laut aus. Frank hatte schon fruher eine unbegrenzte Achtung gegen das Fraulein, aber er sah auch alle Hindernisse, die ihrem Plane, ihn zu begleiten, sich entgegenstellten, und er zeigte sie ihr ausfuhrlich. Der Gedanke an den Widerspruch der Ihren befestigte sie noch mehr in ihrem Entschlusse; sie schwor, wenn er es auch nicht erlaube, sie wurde ihn doch begleiten. Leona eilte zu ihrem Vater, ihm alles zu erklaren; bei dem hatte es keine Schwierigkeit, er hatte sich lange geargert, dass in keinem seiner Kinder ein ausserordentliches Unternehmen stecke. Frank hatte unterdessen mit tiefem Gram alle Fackeln und Doppelfloten beschaut, mit denen er muhsam sein Hochzeitzimmer bemalt hatte; sein Gram ging in der fernen Aussicht auf. Bald hatte er abgeschlossen mit allen seinen Verhaltnissen, sich einen Reisewagen und ein paar Pferde angeschafft. Leona setzte sich frohlich auf; der alte General und die ganze Gemeine begleiteten ihn mit vieler Herzlichkeit an die Grenze, und versicherten, ob er es ihnen gleich auszureden suchte, sie wollten seinem Nachfolger das Leben schon sauer genug machen. Frank erwartete, wie er mit Leona in Frankreich angekommen, dass sie ihn veranlassen werde, ihre eheliche Verbindung bei den Gerichten nach dortiger Sitte zu stiften, aber sie schien nichts zu verlangen, als seine Magd zu sein. Sie waren schon einige Zeit mit einander in Paris und die Schrecknisse der Revolution wuteten um sie her, als er ihr den Vorschlag machte, was ihre Liebe zu ihm so lange gewunscht, doch endlich zu erfullen. Sie versicherte ihn ihrer volligen Ergebenheit, sein Wille sei der ihre, und er beschloss die Heirat. Die gewaltsamen Begebenheiten, die rings sturmten, nahmen ihnen die Aufmerksamkeit auf das Nahe, was sie selbst betraf; alle ihre Leidenschaften strebten nach aussen und sie vermissten nichts in sich. Frank stand unerschutterlich da, wie ein Denkstein, auf dem alles notiert wurde; viele sammelten sich um ihn her, alle die reisenden guten Seelen, die an Frankreich ganz und gar nicht, aber unablassig an die Menschheit und die Welt dachten; auch er gehorte zu dieser Zahl, die sich Europa in ihrem Kopfe zu einem schonen humanen Ganzen zusammengefabelt hatten, wie die Geographen sonst eine spinnende Jungfrau darin erblickten, die kein anderer unbefangener Mensch wahrnehmen kann. Sein Lieblingsgedanke war die allgemeine Aufhebung aller offentlichen Anstalten fur den Gottesdienst, der kunftig ganz und gar dem Gewissen des einzelnen Burgers uberlassen bleiben sollte, und nichts krankte ihn so tief, als da das Entgegengesetzte, die feierliche Wiedereinsetzung aller Religionsparteien und ihrer offentlichen Gebrauche der kurzen Aufhebung folgte. Leona war indessen ihren eignen Weg gegangen; zwei Kinder, die sie ihm geboren, hatten das Gefuhl, den Sinn fur jedes Grosse und Tiefe in der Welt geweckt; ihr Ernst milderte sich im Kinderspiele, und sie sah mit tiefer Ruhrung die Feierlichkeiten des erneuten Gottesdienstes. Sie war wie eine Neubekehrte, so eifrig, so strenge; sie glaubte es ihre Pflicht, ihren Mann zu bekehren, als sie die entgegengesetzte Wirkung auf ihn bemerkte. Frank ergrimmte; was erst nur ruhiger Widerspruch gewesen, war allmahlich zur Leidenschaft geworden, er konnte ohne Zorn von diesen Einrichtungen nicht reden horen; er beschwor sie bei ihrer Liebe zu ihm, alle dem Zeuge zu entsagen, bei dieser Liebe, der sie so viel geopfert, denn bei dieser Gesinnung konne er nicht mit ihr leben, und seine Kinder waren in Gefahr von ihr verderbt zu werden. Sie schwor ihm, dass sie ihm alles aufzuopfern bereit sei, nur nicht die Seligkeit; sie schwor ihm zu, dass sie nie aus Liebe zu ihm alle Opfer gebracht, sondern aus Eifer fur das Rechte, fur die Wahrheit; verleugnete er aber die Wahrheit, das Recht, indem er die Religion lastre, so fuhle sie sich frei von jedem Opfer. Frank war dabei zumute, als ginge er zwischen Himmel und Tod, zwischen ihrer Kalte und ihrer edlen Geistigkeit; sein Entschluss war gefasst, er hatte sich so viele Jahre in ihr getauscht, eine grenzenlose Liebe zu ihm in ihr geliebt; er wollte keinen Augenblick langer mit ihr zusammenleben. Er liess ihr alles, nur die Kinder nahm er ihr fort; er krankte sie tief, denn an den beiden Sohnen hing ihr Herz; aber um so eifriger wandte sie ihren ganzen Eifer hin zu dem Glauben, der den Lohn aller Schmerzen dieses Lebens in einem zukunftigen verspricht. Sie glich sich allmahlich mit Bekannten aus, die sie in Franks Gesellschaft vermieden hatte; sie suchte sich in alles Neue zu fugen, aber man merkte sehr bald die fruher gewohnte Form; sie erschien dann wie eine Gartenhecke, der eine veranderte Gartenkunst die Freiheit gegeben hat, nach allen Seiten zu wachsen, die aber leicht an der Dichtigkeit des Gezweiges unterscheiden lasst, wo der Gartner sie viele Jahre beschnitten: eine frei erwachsene Baumreihe wird es nie. Frank, ungeachtet er armlich von Sprachstunden lebte, verschmahte doch strenge jede ihrer Unterstutzungen; sahen ihn die Leute auf den Strassen, so flusterten sie einander zu, "das ist auch noch einer von den Jakobinern", so struppig erschien sein Haar, sein Rock schmutzig und zerstossen. Machten ihm Bekannte daruber Vorwurfe, so lachte er gleichgultig, und antwortete: "Wer so etwas erlebt hat, der sollte es nie aus seinem Gedachtnisse verwischen lassen, sonst ware er ein Spiel jeder fremden Laune. Die Menschheit wird immer neu in ihren Bestrebungen, wer aber nach etwas gestrebt, der soll sich der Zeichen seiner Muhe, der Schwielen und Narben nicht schamen; der Mensch kann nichts Besseres tun, als alt werden, und der Jugend seine Bekenntnisse auf den Weg geben." Fragte man ihn nach seiner Frau, so fuhr er fort: "Nur eins lasst sich nicht lehren und nicht lernen: die Liebe; wer um das Gluck ihrer ersten reinen unschuldigen Wahrheit betrogen, der sucht uberall vergebens; sein Geschmack ist nicht rein, seine Galle mischt Bitterkeit in das Susseste. In der Liebe ist jeder Anfanger Meister; sie hort auf wie die Kunst mit der Schule. Die Natur will viel mit dem Menschen, der Mensch, auch der umfassendste, will wenig mit sich, und was er will, kann er selten." Fragten sie ihn, womit er sich innerlich beschaftige, so antwortete er: "Mit der Philosophie, ich habe sie vollig ausgedacht, ich kann es mit meinen Papieren beweisen, dass alles, was daruber erscheint, nur ein Glied meines Systems ist." Baten sie ihn um sein System, so klopfte er den Leuten auf die Schulter und sprach: "Versucht's einmal, eure Freude, eure Schmerzen, alles euch so zu durchdenken, dass euch nichts mehr store, dann will ich euch in die Lehre nehmen." Manche Deutsche besuchten ihn, erzahlten von grossen politischen Unternehmungen; da rief er einmal: "Ihr seid mir ein wunderliches kleines Geschlecht, ihr mochtet gern etwas Gutes getan haben, aber nichts tun; wahrlich, wenn es so leicht ware, etwas Grosses zu vollbringen, ich ware auch ein grosser Mann geworden, und konnte es noch jetzt sein." Seine Leona betete oft mit Inbrunst, wenn sie ihn wiedergesehen: "Herr Gott nimm ihn zu dir, denn er lebt ja nicht mehr!" Sie konnte endlich den Gedanken nicht ertragen, ihre beiden Sohne im Unglauben bei ihm aufwachsen zu sehen; sie raubte sie ihm heimlich, und brachte sie in einer entfernten Schule unter. Gleich erriet er, wer ihm dies getan, bezeigete aber keinen Unwillen, da sie nicht bei ihr geblieben; "bleiben sie nur mit vielen zusammen", meinte er, "so ist es ihre Schuld, wenn sie verkehrt werden." Bald nachher begegnete sie ihm Sonntags; seine Stirne war gerunzelt, er schien seit langer Zeit zum erstenmal etwas empfunden zu haben. Sie glaubte, er kame aus der in der Nahe liegenden Kirche. Er bekraftigte ihr das. LEONA: "Haben Sie sich endlich dem Glauben ergeben?" FRANK: "Der Glauben hat mir meine halbe Vernunft genommen, indem er mir meine Uhr ausgezogen; sie war meine halbe Vernunft, mein Prediger, sie hielt mich in Ordnung." LEONA: "Aber was machten Sie in der Kirche, wenn die Uhr Sie beherrscht?" FRANK: "Ich sah mir die lacherlichen Gesichter der Leute an, deren ich mich noch aus den Vernunfttempeln erinnerte, sie haben aber seitdem das Stehlen gelernt; als sich alle niederwarfen, um das Allerheiligste zu schauen, hatte einer der Glaubigen meine unheilige Uhr zum Glauben gezogen. Ich rief, 'es ist gestohlen!' und ware dafur von meinen Dieben beinahe noch arretiert worden." LEONA: "Beten Sie kunftig, statt sich umzusehen nach schlechten Menschen, und niemand wird so frech sein Sie zu bestehlen." FRANK: "Ich will beten, dass Sie nicht zu klug und ich nicht zu dumm werde." LEONA: "Kommen Sie zuruck in die Kirche, demutigen Sie sich vor dem Bilde des Gekreuzigten." FRANK: "Kommen Sie ins Museum, erheben Sie sich vor Apollos Bilde, es haben wahrlich schonere Hymnen davor geklungen, als Ihre Gemeine singt; sagen Sie den Glaubigen, dass in der Oper viel besser gesungen wird." LEONA: "Sind Sie jetzt ein Heide, das ist mir neu." FRANK: "Sie sind jetzt eine Katholikin, das hatte Sie selbst sonst verwundert." LEONA: "Ich habe Gnade gefunden; suchen Sie Gnade." FRANK: "Es kann kein Mensch aus seiner Haut heraus, meine Ungnadige, und jeder ist der Schonste in seiner Haut; des Menschen Wille ist sein Himmelreich, aber der ist unabhangig vom Zufalle. Mein Streben ein Loyola zu werden, wenn ich mich auf Ihre Ermahnung dazu entschlosse, und wenn ich auch zwanzig Nachtwachen vor dem Bilde der Maria aushielte, wurde eben so leer sein und zu nichts fuhren, als wenn ich witzig wie Voltaire eine neue 'Pucelle' uber die Neureligiosen Frankreichs schreiben wollte, oder einen Thyrsus vor der Statue des Bacchus schwange." LEONA: "Es muss aber Ihre Schuld sein, wenn Sie bei aller Wahrheitsliebe, die Sie mir immerdar zu einem ehrwurdigen Freunde macht, von Gott so verlassen bleiben." FRANK: "Nein, es ist nicht meine Schuld, es ist die Schuld meiner Mutter, wie mir noch gestern ein Schuler Galls erklart hat; sehn Sie, da hat sie mir mit einem segnenden Kusse eine Vertiefung oben ins Haupt gedruckt, wo das theosophische Organ als ein Hugel sass; sehen Sie wohl die Stelle, denn mein Scheitel ist kahl. Und noch eins wollte ich Ihnen berichten: ich habe keine von allen in Kirchen, oder Tempeln verehrte Religion, aber ich habe doch eine, und wir wollen einmal uns wieder fragen, ob es nicht die allgemeine wird. Merken Sie wohl auf, ich habe politische Gesinnung, Enthusiasmus, Glauben: diese Religion zahlt schon viele Martyrer; Sie kennen mich, ich luge nie, auch ich werde als Republikaner fallen." LEONA: "Gott bewahre Sie davor, was wollen Sie in der Welt wirken, der Sie nicht mehr zu der Welt gehoren, gehen Sie in eine Wuste, vielleicht wird Ihnen da die Gnade." Frank und Leona blieben getrennt.
So wunderbaren Missverstandnissen sind oft die besonnensten, verstandigsten Menschen unterworfen. Wir durfen sie nicht immer den mannigfaltigen Lebensverhaltnissen der gebildeten Klassen zuschreiben; gleich werden wir ein Beispiel in der unteren Klasse finden, das uns schon aus der gewohnten Neugierde, gern von einem Menschen zu horen, den wir in einer Gluckszeit gesehen haben, willkommen ist. Lorenz und Rosalie, deren Hochzeit wir beiwohnten, die wir nachher in einigem Missvergnugen mit einander verliessen, hatten sich wieder ganz ausgesohnt, nachdem Rosalie, dem Rate des Grafen folgsam, ihrem Hauswesen ordentlich vorstand; was aber beiden sehr leid tat, sie hatten nach mehreren Jahren ihrer Ehe keine Kinder. Rosalie betete zu allen Heiligen, machte Gelubde und brauchte altherkommliche Mittel des Wolff; endlich ward sie von einem Kinde entbunden. Lorenz jubelte, aber nach wenigen Tagen wurde er finster; die Leute sagten: er hatte allerlei Zauberwesen in dem Kasten seiner Frau gefunden; genug, er behandelte sie seit der Zeit grausam und hart, er schimpfte und schlug sie offentlich, und sie litt das ohne darauf zu antworten. Ein Kantor der Gegend, der die Geschichte zu wissen behauptete, verfasste ein Lied, worin die beiden Zwillingsbruder Otto und Lorenz als Ost und West bezeichnet sind; wir uberlassen es dem guten Glauben die Wahrheit davon durch Feuerprobe zu beweisen.
Die Hexe Luft und die beiden Jager
Ost und West, die Zwillingssohne
Buhlten um ein Jungfraulein,
Ahnlich klangen ihre Tone
Vor der Schonen Fensterlein.
Luft hiess ihre leichte Schone,
Federn trug sie auf dem Haupt,
Dass sie ew'ge Myrte krone,
Ist ihr Fenster myrtumlaubt.
Lange steht sie so im Glanze
Ihr sind beide einerlei,
Sie verwechselt beid im Tanze,
Also ahnlich sind die zwei.
Und so weit wird es noch kommen,
Dass sie stiftet Bruderzwist;
Ihren Zweifeln zu entkommen,
Denket sie auf eine List.
Einen Mann, den muss ich haben,
Denkt das arme Jungferlein,
Der mir kann das Herz erlaben,
Denn ich bin nicht gern allein.
Zweifelnd denkt sie an die Kunste,
Die ihr Mutter Feuer lehrt,
Macht am Freitag Weihrauchdunste,
Kocht den Zaubertrank am Herd.
Deckt dann vor dem Bett ein Tischlein,
Setzt zwei blanke Teller drauf,
Und zwei Glaser und zwei Fischlein,
Gleich als kam ein Gast ins Haus.
"Wer dann zu dir kommt von allen",
Hat die Mutter ihr gesagt,
"Ist der Starkste im Gefallen,
Und der sei dir zugesagt.
Der sei deiner Liebe Meister,
Machtig deiner Schonheit Kraft,
Denn es wollen stets die Geister,
Dass das Machtigste sich schafft."
Es ist Nacht, die beiden Lauten
Klingen vor dem Fensterlein,
Und dann schaut sie ihren Trauten;
Schweigend tritt er zu ihr ein.
Ob es Ost, ob's West gewesen,
Denket sie vergebens nun,
Gleicher waren nie zwei Wesen,
Dieser Zweifel will nicht ruhn!
Spricht er nicht, er kann doch sehen,
Wie sie ihn zum Tische winkt,
Und sie fuhlt des Atems Wehen,
Wie er aus dem Becher trinkt.
Wie er's Tuchlein wohlgefalten
Nimmt vom blanken Teller ab,
Lasst die Speisen doch erkalten,
Und verschmahet ihre Gab.
Dennoch muss sie nun empfangen
Eh' er sie ins Bette fuhrt,
Eine Gabe ohn Verlangen,
Die als Zeichen ihr gebuhrt.
Abgebrannt sind beide Lichter,
Und der Freund sitzt noch bei ihr,
Macht so drohende Gesichter,
Dass sie flieht zur Kammertur.
Er das Messer aus dem Gurtel
Ziehet, und ganz stille sitzt,
Und der Mond aus seinem Viertel
Schauet, wie es herrlich blitzt.
Nein, sie wagt es nicht zu nehmen,
Wie ihr vorgeschrieben ist,
Sei es Schrecken, sei es Schamen,
Sie verwunschet jetzt die List.
Sie entschlupfet in die Kammer,
Er, das Messer wirft nach ihr;
Als er flieht mit schwerem Jammer,
Steckt das Messer in der Tur.
Morgens kommen beide Bruder,
Sie zu grussen, doch dem West
Fehlt das Messer, seine Lieder
Klagen ein gestortes Fest,
Das im Traume ihn gequalet
Und vergangen ist zu nichts,
Weil sich alles hat verfehlet
In dem Schrecken des Gesichts.
Trostend gibt sie ihm die Hande,
Kusset ihm die mude Brust,
Und es drehen sich die Wande
Bald in hoher Hochzeitlust.
Doch kein Kind will ihn erfreuen
Und er wunschet es so sehr,
Bis sie sich mit Zaubereien
Setzt in schrecklichen Verkehr.
Konnte sie's voraus nur wissen,
Irrwisch, heisst des Zaubers Kind,
In dem Kindbett muss sie bussen
Ihres Zaubers schwere Sund.
In ein Tuch das Kind zu schlagen,
Tritt der Mann zum Schrank der Frau,
Hat ihn eilig eingeschlagen,
Und es liegt da viel zur Schau.
Alles, was sie ihm verborgen,
Doch er schauet nicht danach,
Reisset nur in grossen Sorgen
Weiche Tucher aus dem Fach;
Sieht das Messer draus entfallen,
Das sie heimlich drin bewahrt,
Das in jener Nacht voll Qualen
Er verlor durch Zaubers Art.
Jener Traum, der ihm vergessen,
Denn der Zauber ist vorbei,
Tritt ins Leben; wie besessen
Fuhlt er sich durch Zauberei;
Alles glaubt er schon erlebet,
Was ihm jetzo erst geschieht,
Und die Qual ihn neu umschwebet,
Die ihn jene Nacht durchgluht.
"Also du bist es gewesen,
Die mich jene Nacht geplagt,
Dass ich nie vom Schreck genesen,
O, das sei hier Gott geklagt.
Hast du mich voraus gequalet,
Lang im schweren Liebesdienst,
Straf ich dich, nun wir vermahlet,
Und ich zahl, wie du's verdienst;
Hab ich auch nicht wollen speisen
Von der Fische Zauberei,
Ist gehartet doch dies Eisen
In dem Trank und macht mich frei."
Ihre Brust will er durchstechen,
Doch das Kindlein schreit hellaut,
Und die kleinen Augen sprechen,
Haben sich rings umgeschaut.
Blinde Wut ist ihm verschwunden,
Aber nicht der harte Zorn,
Als des Herzens Riss verwunden,
Schmerzt im Fleische ihm der Dorn.
Wenn sie weint bei seinen Schlagen,
Zeigt er ihr das Messer nur,
Spricht dann: "Ohne Lieb kein Segen,
Und du bist die argste ..."
Kamen so fremdartige Erzahlungen in das ruhige Schloss und die alteren Kinder des Grafen verwunderten sich daruber und fragten den alten Bedienten, als er noch lebte: da pflegte er ihnen eine schone alte Fabel zu erzahlen, die wir hier, wo wir mit allen fruheren Verhaltnissen abschliessen, als den Sinn unseres Buches nacherzahlen.
Die Schule der Erfahrung
Ein Sperling hatte vier Jungen in einem Schwalbenneste. Wie sie nun flugge waren, stiessen bose Buben das Nest ein, sie kamen aber alle im Windsbraus davon. Nun war dem Alten leid, weil seine Sohne in die Welt kommen, dass er sie nicht zuvor gegen allerlei Gefahr verwarnet, und ihnen gute Lehren dafur gesagt habe. Auf dem Herbste kamen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen; allda traf der Alte seine vier Jungen, die fuhret er mit Freuden zu sich heim und sprach: "Ach, meine lieben Sohne, was habt ihr mir den Sommer uber fur Sorge gemacht, dieweil ihr ohne meine Lehre von mir weg in den Wind gekommen; horet meine Worte und folget eurem Vater, und sehet euch wohl vor; kleine Vogel haben grosse Gefahrlichkeiten auszustehen." Darauf fragte er den Altesten, wo er sich den Sommer uber aufgehalten, und wie er sich ernahrt habe.
"Ich habe mich in den Garten gehalten", antwortete der Alteste, "Raupen und Wurmer gesucht, bis die Kirschen reif wurden."
"Ach, mein Sohn", sagte der Vater, "die Schnabelweide ist nicht bos, aber es ist grosse Gefahr dabei; darum habe forthin deiner wohl acht, und sonderlich wenn Leute in den Garten umhergehen, die lange grune Stangen tragen, so inwendig hohl sind und oben ein Lochlein haben." "Ja, mein Vater, besonders wenn dann ein grunes Blatt vors Lochlein mit Wachs geklebt ware, da sieht man es kaum, und es trifft doch." "Wo hast du das gesehen?" "In eines Kaufmanns Garten", sagte der Junge.
"O, mein Sohn", sprach der Vater, "Kaufleute, geschwinde Leute; bist du bei diesen Weltkindern gewesen, so hast du Weltgescheitigkeit genug gelernet; siehe und brauch's nur recht und wohl, und traue dir nicht zu viel."
Darauf befragte er den andern: "Wo hast du dein Wesen gehabt?"
"Zu Hofe", sprach der Sohn.
"Sperlinge dienen nicht an Hofen", sprach der Vater, "wo viel Geld, Sammet, Seiden, Wehr und Harnisch, aber wenig zu essen, viel Sperber, Kauzen und Falken sind, die dich fressen; halt du dich zum Rossstall, da man den Hafer schwingt, oder da man drischet, da kann dir's Gluck mit gutem Frieden auch dein taglich Kornlein bescheren."
"Ja, Vater", sprach der Sohn, "wenn aber die Stallbuben ihre Schlingen und Sprengsel im Stroh aufstellen, da bleibt auch mancher hangen."
"Wo hast du das gesehen?" fragte der Alte.
"Zu Hof bei den Rossbuben."
"O, mein Sohn, Hofbuben, bose Buben; bist du zu Hof bei den Dienern gewesen und hast da keine Federn gelassen, so hast du ziemlich gelernet; du wirst dich in der Welt wohl wissen durchzufressen; doch siehe dich um, die Wolfe fressen auch oft die gescheiten Hunde."
Der Vater nahm den dritten auch vor sich: "Wo hast du dein Heil versucht?"
"Auf den Fahrwegen und Landstrassen hab ich bisweilen ein Kornlein oder Brotkrumlein angetroffen."
"Dies ist ja", sagte der Vater, "eine feine Nahrung; aber merk gleichwohl auf, sonderlich wenn sich einer bucket und einen Stein aufheben will, da ist dir nicht lange zu bleiben." "Wahr ist's", sagte der Sohn, "wenn aber einer zuvor einen Handstein im Busen oder Tasche tragt?"
"Wo hast du dies gesehen?"
"Bei den Bergleuten, lieber Vater; wenn sie ausfahren, dann fuhren sie gemeiniglich Handsteine bei sich."
"Bergleute, Werkleute", rief der Vater, "anschlagige Leute; bist du um Bergburschen gewesen, so hast du was gesehen und erfahren, fahr hin und nimm deiner Sache gleichwohl gut acht; Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobalt niedergeschmissen."
Endlich kam der Vater an den jungsten Sohn: "Du mein lieber Geckennestle, du warst allzeit der albernste und schwachste, bleib du bei mir auf dem wusten Bauerhofe, den die Feinde abgebrannt haben; die Welt hat viele grobe und bose Vogel, die krumme Schnabel und lange Krallen haben, und nur auf arme Voglein lauern, und sie verschlucken; halt dich zu mir und lies die Spinnen und Raupen hier von Baum und Haus; hier ist kein Blaserohr, keine Schlinge, kein Steinwurf und keine Fuhrmannspeitsche zu furchten; hier haben wir beide so eben genug fur uns, und so bleibst du lange zufrieden."
"Du mein lieber Vater", antwortete der jungste Sohn, "wer sich nahret ohne anderer Leute Schaden, der kommt lange hin, und kein Sperber, Habicht, Aar oder Weihe wird ihm schaden, wenn er zumal sich und seinen ehrlichen Namen Gott alle Abend und Morgen treulich befiehlt, welcher aller Wald- und Dorfvoglein Schopfer und Erhalter ist, der auch der jungen Raben Geschrei und Gebet hort; ohne seinen Willen fallt auch kein Sperling auf die Erde."
"Wo hast du das gelernt?"
Darauf antwortete der Sohn: "Als mich der grosse Windsbraus von dir weg riss, kam ich in eine Kirche; da speist ich im Sommer die Fliegen und Mucken, die den frommen Leuten um die Ohren summen, und las die Spinnen von den Fenstern, die ihnen das Licht mit ihren staubigen Netzen verhalten, dann horte ich diese Spruche predigen; da hat mich der Vater aller Wesen den Sommer uber ernahret, und vor allen grimmigen Vogeln behutet."
"Traun, mein lieber Sohn, fliegst du in die Kirchen und hilfst Spinnen und Fliegen aufraumen, und singst in deiner Einsamkeit zu Gottes Ehre, so wirst du wohl und unverletzt bleiben, und wenn die ganze Welt voll wilder und tuckischer Vogel ware. Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sache, schweigt, leidet, wartet, braucht Glimpf und Klugheit, Mut und Ergebung, Ernst und Gute, bewahrt Glauben und Gewissen rein, dem will Gott Schutz und Helfer sein."
Sechstes Kapitel
Ritter Brular. Die Papstin Johanna. Johannes.
Deutschland
Der gute alte Bediente blieb, so lange er lebte, der Schutzgeist dieser Kinder, die alle, wie es in kraftigen Familien gewohnlich, in grosser Eigentumlichkeit, in wechselnder Leidenschaft und Feindschaft zu einander, eine kleine Welt in sich begrundeten. Das fremdartigste Kind unter allen war der kleine Johannes, der schon vor seiner Geburt so gewaltsame Verwirrung in seiner Welt gestiftet hatte; er war durch jenes Ereignis beiden Eltern, was sie sich nicht eingestehen wollten, eine unangenehme Erinnerung geworden; sie liessen es ihn nie fuhlen, aber Kinder fuhlen die innere Gesinnung der Menschen gegen sie sehr leicht, sobald sie nicht absichtlich hintergangen werden. Wenn die Grafin von allen andern Kindern sich umklettern liess, und ihnen die Freude machte zu sagen, jetzt tue es ihr hier oder da weh, und die Kinder eifrig streichelten, gleich endete sie das Spiel, wenn der kleine Johannes es den andern nachmachen wollte; ich fuhre nur den einen Fall an, aber es gab unzahlige dieser Art, wahrend in allen bedeutenderen ein vollig gerechtes, gleiches Verhaltnis zwischen den Kindern beobachtet wurde. Wir wissen, der alte Bediente starb; der Graf war nach allen Seiten beschaftigt, und die alteren Kinder in einem Alter von acht und sieben Jahren, bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen Aufsicht, eines mannlichen ernsten Unterrichts. Der Krieg hatte die Wege nach Deutschland gesperrt, es musste daher ein Fremder gewahlt werden: man schwankte zwischen verschiedenen Sizilianern; endlich machte auf dem Schlosse ein franzosischer Ausgewanderter, der Ritter Brular, durch Empfehlung der Obristin aus Palermo, seine Aufwartung, und erbot sich zum Hofmeister. Die Obristin wusste nichts von den Leuten, als was sie ihr von sich erzahlten, und wie sie sich ihr gefallig zu machen wussten, durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung. Lustig war der Ritter nur in seinem Ausseren, aber das unterschied sie nicht; sein Inneres war von der Zeit furchterlich zerrissen, die ihn mit Anlagen, Kenntnissen und Geschicklichkeiten, welche zu den ersten Stellen fuhren konnten, plotzlich arm gemacht und in Lander verbannt hatte, deren Sprache er nicht einmal horen, vielweniger lernen mochte, von deren Treiben er gar keinen Begriff hatte, und sie darum in sich verspottete, wahrend er sich der Leute durch Artigkeit zu bemachtigen wusste. Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer Seele an; man lobte sie, aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgefuhrt, obgleich manche den Schein davon annahmen; aus Uberdruss und um davon zu leben, uberliess er sich der Bekanntschaft reicher Frauen, doch eben der Uberdruss, und endlich die Erschopfung trieben ihn auch hievon zuruck; er wollte ein Philosoph sein und heissen, und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt seines politischen Elements. Da er nirgend seine Gedanken in Ausubung bringen konnte, was er den Fursten und Regierungen sehr ubel deutete, so machte er sich, unabhangig von allen bestehenden Staaten, eine eigene politische Einwirkung und Verbindung; Volker hatte er nie geachtet, nur Systeme und Grundsatze; er vertraute sich so wenig wie moglich, er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen zum Glucke hinbetrugen. Seine Plane waren weit aussehend: zuerst musste er den Menschen die Kunste verleiden, damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben, und dem blinden Wirken; zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen Gleichgesinnten kritische Blatter, die jedem aufstrebenden Talente dreist in die Augen sagen mussten, es vermoge nichts; es sei uberhaupt jetzt die Zeit nicht fur Kunst; insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen. Zu seinen entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu entfuhren; auch war ihm das schon mit mehreren gelungen, die er in einem sardinischen Kloster untergebracht hatte. Wir konnen nur aus Geruchten uber diese seine Verhandlungen sprechen, seine Sache ist in der Untersuchung wegen der vielen bedeutenden Menschen, die darin verwickelt waren, ganz unterdruckt worden; wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete Haus des Grafen. Er wusste den Grafen durch seinen Ernst, durch seinen Anstand und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen; er focht herrlich, war der beste Schwimmer, ritt wie ein Zentaur; durch seine Art des Absprechens, das meistens aus tieferer Kenntnis zu kommen schien, imponierte er ihm sogar. Dem Grafen waren die leeren Hulfsmittel des Streits ganz unbekannt; er konnte sich nicht denken, dass ein Mensch uber etwas reden konne, ohne das Streben zu haben es recht eigentlich zu erfassen oder um daruber aus innerer Lustigkeit zu scherzen; wo er daher den Brular nicht begriff, da dachte er sich eine hohere Verbindung in ihn hinein. Brular wurde als Hofmeister der alteren Kinder angenommen; Vater und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschrankte Folgsamkeit gegen ihren Fuhrer. Diese Ermahnung war uberflussig; in jedem edlen Gemute ist eine Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen, die leicht gefahrlich werden kann; wirklich war der Ritter in allem, was sie verstanden, ausgezeichnet: beide uberliessen sich ihm ganz; insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke, auch er zeichnete den Kleinen durch Harte und Gute aus. Es wurde ihm zuweilen ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht, dass sich dieses Kind gar nicht mehr um sie bekummere, aber eigentlich war es beiden lieb, denn sie waren durch diese von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins uberhoben, als liebten sie ihn den andern Kindern gleich. Klelia hatte ihr Bedenken dagegen; aber sie sah die ausgezeichneten Fortschritte des Kindes, das mit liebevoller Anstrengung aller Krafte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen altern, auch seinem Bruder uberlegen war, und sie teilte mit allen im Schlosse die Achtung gegen den Ritter, der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Tatigkeit den Kindern anzugehoren schien. Er war ungefahr ein Jahr im Schlosse, als die Herzogin mit den Ihren zu einer grossen Tragodie eingeladen wurde, die in der Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der Monche aufgefuhrt werden sollte. Brular machte erst einige Einwendungen, ob man Kinder in solche torichte ungeregelte Possen bringen konne; aber die Grafin verlangte es und er gab nach, wollte aber selbst wegen eines heftigen Kopfschmerzes nicht mitgehen. Die Fahrt war frohlich; die vornehmen Gaste wurden von dem Prior und den altesten Monchen des Klosters mit grosser Behaglichkeit empfangen; eine nahrhafte Bewirtung, ein reichliches Trinken war ihnen bereitet. Niemand weiss so zu geniessen wie die Monche, das Essen und Trinken treiben sie wie eine heilige Pflicht. Bald nachher wurden sie in einen grossen Esssaal gebracht, wo das Theater aufgeschlagen war: sie erhielten eigene abgesonderte Sitze; die Volksmenge larmte unter ihnen; die Kinder hatten noch nie etwas der Art gesehen, und meinten, das sei schon die Komodie. Der Prior entschuldigte sich, dass sein Vorschlag ein neueres gutes italienisches Stuck des Metastasio zu spielen nicht hatte durchgesetzt werden konnen, weil das Volk nach alter Gewohnheit durchaus die "Papstin Johanna" verlangt habe; der Graf versicherte, das sei ihm auch viel lieber. Unterdessen begann die schlecht zusammengespielte musikalische Vorbelustigung, das Volk sang mit; endlich ging der Vorhang auf. Der Teufel in grimmigster Gestalt, schwarz, mit rotem Mantel, mit dem Pferdefusse, der Hahnenfeder, erscheint in einer wusten Gegend und beklagt sich schmerzlich, was ihm durch den Papst fur Abbruch geschehe; er wird dabei von Oferus unterbrochen, der ihm seine Dienste anbietet weil er dem Machtigsten zu dienen entschlossen sei, und der Heidenkonig, dem er bis dahin gedient, sich vor dem Teufel gefurchtet habe. Der Teufel nimmt ihn mit Freuden an; er will ihn gleich gegen Rom und gegen den Papst fuhren, da mussen sie aber bei einem Kreuze vorbei; das will der Teufel umgehen; Oferus merkt's aber, und der Teufel gesteht seine Furcht, gleich sagt ihm Oferus seine Dienste auf, und will diesem Machtigeren dienen. Vergebens ruft der Teufel: "Den du da siehst, der ist von Stein; da ist nicht Geist, da ist nicht Bein, den hat ein Steinmetz ausgemeisselt, mit roter Farbe ist er gegeisselt." Oferus antwortete ihm: "Wie machtig ist der Herre mild, dass er im schlechtesten Abbild dich wilden Teufel kann erschrecken; das muss den Glauben mir erwecken." Nach diesen Worten verlasst er ihn, und der Teufel beschliesst seinen Plan gegen des Kindes Mutter Maria und gegen das Papsttum auf andere Art durchzufuhren; er spricht: "Durch eine andere Jungfrau, die ganz mein, will ich verdunkeln jenes Thrones Schein. Ich zieh durch meinen Diener Spiegelglanz, (er kennt mich nicht, darum ist er mir treu) ein Madchen auf, als war's ein Knabe ganz, dass sich's am Wissen leer und eitel freu. Durch eitles Wissen steigt sie auf den Thron, auf dem einst Petrus auch gesessen schon, und spricht dem alten Christen Hohn, und achtet nicht auf Gottes Straf und Lehr, und jenes Papsttum, das in Schimpf vergangen, wird dann nach meinem Geist ganz neu anfangen; dies Kind soll sein der Antichrist, der alles zwingt mit seiner List, und die ihn hassen, selbst verfuhrt, nach seiner Pfeif die Welt regiert, dass sie vergehet im Verderben, so will ich fur die Holle werben." Hierauf erzahlt er, dass er in Mainz ein Madchen als einen Knaben aufziehen lasse durch den gelehrten Spiegelglanz; es sei dieses das Kind eines Monchs und einer Nonne, die mit einander gesundigt hatten, um ungeheuer bussen zu durfen; er gehe jetzt hin unter der Gestalt eines grossen italienischen Philologen Chrysoloras, dem Unterrichte eine feste Richtung zum Bosen zu geben. Das Theater verandert sich in einen Garten mit einem Lusthause; er tritt leise in den Garten, wo Johanna, so hiess das Madchen, mit einer sehr schweren Arbeit beschaftigt war, die biblische Schopfungsgeschichte in richtigen Alexandrinern zur Preisbewerbung auf der Klosterschule, deren erster Lehrer Spiegelglanz ist, zu erzahlen und aufzuschmucken. Nun hatte sie den Tag uber in der Bibel mit grosser Freude gelesen und nicht davon kommen konnen; jede Stunde hatte sie sich der Arbeit erinnert, aber weder die Feder noch die Zeitmessung der deutschen Sprache angeruhrt, die ihr Spiegelglanz als sein Lieblingsbuch zur Seite hingelegt hatte; noch konnte sie sich entschliessen, in dem Reimworterbuche und in der Poetik zu lesen, die Spiegelglanz ihr besonders empfohlen hatte. Das gefiel dem Teufel gar nicht; er beschloss, durch die Stimmen aller in der Sommerluft schwarmenden, singenden, rauschenden Wesen, die kleine Johanna von der Arbeit zu rufen, die eben wieder aus dem Psalter nach der Schopfungsgeschichte zuruck geblattert hatte, ihre Arbeit endlich ganz ernstlich zu beginnen. Wir wollen hier ihr ganzes Selbstgesprach mitteilen.
Gartenhaus mit offenen Turen
Johanna an einem Tische mit Buchern und Schriften
liest und schreibt abwechselnd, dann liest sie vor:
Und Gott sprach: "Es werde Licht", und es ward Licht ...
Die Blumen im Fenster
Wir welken im Licht
Begiesst du uns nicht,
Wir schliessen uns bald,
Es dunkelt im Wald.
Johanna liest weiter: Und Gott sprach: "Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an abgesondertem Orte, dass man das Trockne sehe." Und Gott sehe, dass es gut war.
Der Rohrbrunnen vor der Ture
Ich laufe uber,
Komm her, du Lieber
Und schopf mich aus,
Sonst lauf ich ins Haus.
Johanna liest weiter: Und Gott machet die Tier auf Erden, ein jeglichs nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewurm auf Erden nach seiner Art. Und Gott sahe, dass es gut war.
Der Vogel auf dem Baume am Fenster
Hor wie die Raupen
Fressen im Laub;
Musst's nicht erlauben,
Strafe den Raub,
Liebliches Kind,
Hilf mir geschwind.
Johanna liest weiter: Und Gott sprach: "Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei; die da herrschen uber die Fische im Meer und uber die ganze Erde und uber alles Gewurm, das auf Erden kreucht."
Die Fliege auf dem Tische
Hor ich deinen Kopf so brummen,
Oder muss ich selbst so summen?
Trank vom allerbesten Wein,
Schlief beim letzten Tropfen ein,
Setz mich nun auf deine Nase,
Dass ich hore, wie sie blase.
Johanna schlagt ungeduldig nach der Fliege und liest weiter: Und Gott der Herr machet den Menschen aus dem Erdenkloss und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.
Die Mucken, die zum Fenster hinausfliegen
Hab dich umflogen,
Blutiges Feuer
Glanzt mir im Leibe,
Das ich beim Schreiben
Dir ausgesogen;
Tieferes Feuer
Glanzet im Abend,
Tanz ich im Glanze,
Vergeht es so labend.
Johanna kratzt sich an Handen und Fussen, dann lieset sie weiter: Und Gott der Herr pflanzet einen Garten in Eden und setzet den Menschen drein. Und Gott der Herr liess aufwachsen aus der Erde allerlei Baume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum des Erkenntnisses vom Guten und Bosen.
Der Baum vor dem Fenster
Uber deinem Haupte
Schweben die Sorgen,
Uber meinem belaubten
Haupte wie Morgen
Glanzet der Abend;
Kuhlend und labend,
Schwebet der Vogel,
Rauschet der Wind.
Liebliches Kind
Steige geschwind
Mir auf die Aste,
Die ich im Weste
Neige und zeige,
Zeig dir ein Nest,
Halte dich fest,
Steige hinein,
Alles ist dein;
Zeige dir Fruchte,
Gluhend im Lichte,
Kuhlend im Mund
Saftig und rund.
Aller der Tage
Arbeit und Plage
Himmlischer Lohn,
Gibt dir mein Thron;
Herrlich ist wohnen
Hier in den Kronen.
Johanna sieht ihn lange an und liest weiter: Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: "Du sollst essen von allerlei Baumen im Garten; aber von dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bosen sollst du nicht essen, denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben."
Ein Schmetterling, der durch die Fensterscheiben
fliegen will
Was gahnst du wieder
Und streckst die Glieder?
Springe mir nach
Heiter und wach;
Noch nimmermehr
Kam ich hieher,
Kann nicht heraus
Hier aus dem Haus,
Habe kein Bangen,
Lasse mich fangen,
Lass mich am Kranz
Spielen im Glanz.
Johanna
Das ist ein Totenvogel gar,
Den such ich schon ein ganzes Jahr,
Er soll mich doch nicht storen,
Ich will ihn gar nicht horen,
Ich bin zwar von der Arbeit mud,
Doch storen soll mich noch kein Lied.
Marienwurmchen
Sieben Punkte trag ich schwer,
Mach doch einen Punkt daher,
Dass die Arbeit schliesse;
Bring dir viele Grusse
Von den Nachbarskindern,
Die sind viel geschwinder,
Die sind alle fertig,
Deiner schon gewartig;
Hast du viel geschrieben?
Kann ja gar nichts finden,
Sag, wo ist's geblieben,
Kann das so verschwinden?
Johanna
Hort mir nur einmal zu, ihr Tierlein, lasst das
Singen,
Ich fuhl's, die Arbeit wird mir endlich doch
gelingen,
Ich war so ganz in Lust und Sonnenglanz
versunken;
Vor meinem frohen Blick gestalteten sich Funken,
In wunderbar Gesprach hort ich die Lichtgestalten.
O konnt ich euch nur fest zu meiner Arbeit halten,
Ein schones Bild so schnell im schonern untergeht,
Kaum weiss ich, wo ich bin, wo mir der Kopf jetzt
steht;
Konnt ich bei einer Arbeit nur bestandig bleiben,
Doch andres wird mir lieb und andres soll ich
treiben.
Nun jetzt bleib ich dabei, bis ich zum Schluss
gelange,
Dass ich ein Pramium aus Meisters Hand empfange.
Der Titel ist gemalt und das Papier gefalten,
Mag nun der liebe Gott mit meinem Geiste walten,
Dass all sein Schopfungswerk, in sieben Tag
verrichtet,
An diesem Abend noch in Worten sei berichtet,
Ein jedes Kraut genannt, die Vogel all beschrieben,
Der ganze Fruhling zeigt, wo Lucken sind
geblieben,
Im Alten Testament, das will ich alles fassen,
Und eh' nicht alles drein, nicht von der Arbeit
lassen.
Wie dumm nun geht das Licht, da ich es eben
brauche,
Ich las mich schon ganz trub, als ob's im Zimmer
rauche,
So spielt der letzte Strahl und strahlt im
Sonnenstaube
Und draussen weht's so kuhl in meiner
Bohnenlaube;
Die Vogel betten sich lautrauschend in den
Hecken,
Wo mag mein Eichhornlein wohl jetzo wieder
stecken.
Heida ihr Tauben bunt, kommt ihr vom Feld
zurucke?
Ich offne euer Haus nun fliegt ihr fort aus Tucke;
Ins Freie will ich auch, zu fleissig tut kein gut,
Ein kluges Kind stirbt jung, ich kuhle meinen Mut.
Der Wiesenplan steht voll von schoner gelber
Blume,
Die hau ich all herab zu meinem ew'gen Ruhme,
Als war's die Heidenbrut im Turban farbig schon,
Sie sollen sich gestreckt vor Christi Kreuze sehn;
Das sei zuerst geschmuckt mit frischem
Blumenkranz,
Gewisslich macht es Freud dem guten Spiegelglanz,
Im frischen Abendwind verspring ich dann die
Fusse
Und dann der stillen Nacht zur Arbeit ganz
geniesse.
Als sie nun gefunden, dass es ihr mit den Alexandrinern ziemlich leicht ginge, sprang sie noch leichter zur Ture hinaus, pfluckte aus allen Blumenbeeten, die schon geordnet da standen, vorsichtig heraus, dass keines leerer schien, vielmehr seine neuen Knospen freier und wechselnder zum Licht ausstreckte. Der Kranz war schnell geflochten und das Christusbild bekranzt; sie wollte ein kindisches Lied auf ihn anfangen: "Christus meine Puppe, segne heut die Suppe"; als sie uber sich selbst lustig auf einen Baum kletterte und lachte und die Aste kusste, die voll Kirschen hingen, und die ass sie langsam und knipste die Kerne zu dem heiligen Bilde, wobei sie sagte: "Bist du von Stein, so kannst du auch Steine essen." Der Teufel freute sich daruber sehr und funkelte ihr alle versteckten Kirschen entgegen. Sie hatte aber genug, und stieg herunter und machte aus allen Kirschstengeln Knoten und aus den Knoten einen Kranz, den sie Christus aufsetzte zum grossen Arger des Teufels; denn er sah, dass alles in ihr ganz unschuldiges Kinderspiel sei, weder gut noch bose, und dass er ihr also noch nichts anhaben konne. Gleich darauf verglich sie alle Fruchte im Garten nach ihren Farben, nach ihren Kernen, nach ihrer Haut, Staub und Wolle, Geschmack und Geruch, und machte sich daraus allerlei Kameraden von verschiednem Charakter, wobei sie einen besondern Hass gegen die schwarzen Aalbeeren und eine Art heiliger Scheu gegen die reine Frische der Erdbeeren empfand; das missfiel dem Teufel wieder, der die Aalbeeren in seinem Wappen fuhrt. Bald fand sie an einem Pflaumenbaume die durchsichtige weissgelbe Kugel des ergossenen Harzes, sie hielt es fur einen grossen Schatz und gedachte des Paradiesbaumes, woraus nach der Lehre des Spiegelglanz, das Bdellium, der Bernstein geflossen. Ein blaues und ein grunes Seejungferlein, die da auf einigen Stauden flatterten, entzogen sie allen andern Gedanken; sie hatte nie so schlanke farbige Leiber, so zierliche schimmernde Flugel gesehen; es erwachte in ihr eine Sehnsucht danach, als wenn es ihre Seele ware, die ihr entflattern wollte, und wirklich haben diese Tiere einen besondern Anflug geistigen Daseins. Sie sah ihren Lehrer gar nicht, der inzwischen mit seinem Buche in den Garten geschritten. Endlich fing sie beide, und brachte sie ihm triumphierend. SPIEGELGLANZ. Woher so schnell, du sahst mich
kaum, liefst immer zu als wie im Traum.
Johanna aber sprachlos vor Freude, zeigte ihm die
beiden Tiere, die sie an den Flugeln hielt und mit
den Beinen gegen einander spielen liess. SPIEGELGLANZ. Zwei Seejungferlein sind ein rech
ter Dreck, geh, mach sie tot, und wirf sie weg. JOHANNA. Die konnen wohl so lieblich singen, dass
alle Leut ins Wasser springen; hast du mir nicht
davon erzahlt, wie der Ulysses ward gequalt? SPIEGELGLANZ. Die waren wie Jungfern, du
dumme Gans, und hatten nur hinten den Fisch
schwanz. JOHANNA. Dir will ich sie alle beide schenken, es
ist mir das Liebste ohne Bedenken, du musst sie nur
zusammen bewahren, und ja ihr Futter nicht erspa
ren. SPIEGELGLANZ. Ich lass sie frei, ich lass sie los, sie
kommen wohl wieder, wenn sie gross. JOHANNA. Nein, was mir lieb, das lass ich nicht, Ihr
stosst sie fort, das Herz mir bricht, Ihr werdet mich wohl auch frei lassen, und in der weiten Welt verlassen, da weine ich mir die Augen aus, das ist nun heut mein Abendschmaus. SPIEGELGLANZ. Du bist ein Kind, sieh, Heidelbeeren, die ich im Wald fur dich gelesen, lass doch dein Weinen, sieh die Zahren, die fallen drauf, das ist ein Wesen um solche grosse Wasserfliege. Warst du denn fleissig, zeige her, ich seh ja nichts als krumme Zuge, auf dem Papiere kreuz und quer. JOHANNA. Ich wollte eben recht anfangen, da war die Sonne mir vergangen. SPIEGELGLANZ. Du Schlingel, muss ich so was sehen, so wirst du nun mit Schand bestehen. Wozu nun meine Muhsamkeit, mit der ich dich gebracht so weit, dass du nun selber kannst was tun, statt dessen magst du lieber ruhn; Herumlottern, Faulenzen, Spielen, das ist so Wasser auf deiner Muhlen. JOHANNA. Nein lieber Herr, ich war so fleissig, ich machte Plane mir, wohl dreissig, fur jeden Tag des Monats einen, doch heut allein vollfuhrt ich keinen, weil hier ein ewiges Singen war, von einer Kaferund Fliegenschar, von rauschenden Brunnen, knisternden Dielen, ei da verging mir Schreiben und Spielen. SPIEGELGLANZ. Du wirst zuweilen ganz unvernunftig, ja sag, was soll aus dir werden nun kunftig, denn kannst du zum Studieren nicht taugen, so muss ich dich zur Aufwartung brauchen. JOHANNA. Dir wart ich auf so herzlich gerne, dir's an den Augen abseh von ferne, was dir bequem und was dir lieb, ach lieber Meister, dich nicht betrub, ich will mich vor fremden Gedanken huten, es geht nur nicht hier bei Fruchten und Bluten, hier ist mir als lebt ich ganz da drinnen, und kann mich niemals in mir besinnen, dass ich die Feder wirklich fuhr, bin nirgends weniger als in mir. SPIEGELGLANZ. Sollst kunftig im Zimmer verschlossen bleiben, ich dachte dir frohlich die Zeit zu vertreiben; doch seh ich, du bist nur fur den Zwang. JOHANNA. Ach lieber Herr, du machst mich bang, von meinen Balsaminen zu lassen, wahrhaftig da kann ich gar nicht spassen, von meinen Erbsen, die ich gesat, nun eben alles so wohl gerat, von meinen Bohnen, die um die Stangen mit leichtem Grun sich frohlich schlingen, und erst so schwach aus der Erde drangen, dass ich sie aus der Hulse tat zwingen. SPIEGELGLANZ. Fort mit den Kasten, die schutte ich aus. Ei das verdirbt mir ja das Haus, zieht Feuchtigkeit in die Fenstermauer. JOHANNA. Ach Gott, nie hatte ich grossere Trauer. Dir hatt ich die Bohnen und die Schoten einst alle zum Geburtstag geboten. SPIEGELGLANZ. Zum Teufel, mach mir den Kopf nicht heiss, dass ich dich heut nicht schlage und schmeiss, das ist ein Heulen, ein Lamentieren, mit jedem Quark ein Mitleid spuren; da ist kein Winkel dir zu klein, es muss dir zu was noch brauchbar sein, ich glaube, du hattest die ganze Welt mit lauter Spielzeug vollgestellt. Ich will doch endlich auch aufraumen, was klebt mir denn hier an beiden Daumen? JOHANNA. Das hatte ich dir zum Geschenke bestimmt, nun wirfst du es in den Garten ergrimmt, es ist Bdellium vom Paradies, von einem Baum ich's heut abstiess. SPIEGELGLANZ. So soll dich ja der Teufel holen, wenn du mich aufziehst mit solchen Sachen, ich muss mir die Finger schmutzig machen, dir muss ich einmal die Hande besohlen. Als diese Strafe eben vollstreckt werden sollte, trat der Teufel als ein beruhmter griechischer Professor Chrysolor herein, verwundert steht er still und lachelt: "Zucht bringt Frucht." Er grusste den ergrimmten, selbsterhitzten Lehrer mit spottender Sanftmut; es freute ihn, dass alles Bose in ihm so rasch wie Unkraut aufwachse, er hatte ihn unterweges in anderer Gestalt schon geargert, indem er ihn, der doch alles zu wissen vermeinte, einer Unwissenheit gezeiht, was eigentlich die ganze Veranlassung seines Argers uber die kindische Spielerei war, die er selbst oft unterstutzt und mitgemacht hatte. Der Teufel begrusste ihn feierlich, sprach von seinem grossen Rufe in der Metrik, der sich selbst bis Athen ausbreite, wo er jetzt das Richtmass aller Poeten abgebe, und das Vorbild aller Erzieher. Nun erzahlte er ihm von seinem Knaben, wie er den im funften Jahre schon so weit gebracht, dass er den ganzen Plato vorwarts und ruckwarts auswendig gewusst, die Verszahl jedes Homerischen Verses angeben konnte, und wie dieses Wunderkind jetzt schon seit einem Jahre nicht mehr schliefe, von Zuckerwasser sich nahrte und von der Unsterblichkeit der Seele rede. Spiegelglanz horte ihm verwundert zu; mit heimlicher Tucke sah er auf die arme Johanna, sagte ihm aber dagegen, dass er den tiefsinnigen Erklarer des Aristoteles beim ersten Blikke in ihm erkannt. DER TEUFEL. Doch diesem Kind, so muss ich meinen, wird alles dies ein Geringes nur scheinen, in eigner Erziehung, da zeigt sich der Meister, da loset und richtet er alle Geister; in wie viel Sprachen, darf ich fragen, kannst du mir das Vaterunser sagen? SPIEGELGLANZ. Mein gottlicher Freund verschonen Sie heut, der Knabe ist heut gar sehr zerstreut. JOHANNA. Nein lieber Herr, ich bete gern, es hilft mir dabei etwas von fern. SPIEGELGLANZ. Wie werd ich beschamt, wie rett ich den Schein, in einer Sprache weiss sie es allein. Aber ein Engel kam uber das Kind, und sagte, wie sie da andachtig betete, das Vaterunser in allen Sprachen her, dass Spiegelglanz sich uber das heimtukkische Kind argerte, wie es ihm das bisher verschwiegen, und der Teufel staunte, wohlwissend, eine hohere Kraft wirke darin. DER TEUFEL. Du bist ein Wunderkind furwahr, o sag mir, wie viel zahlst du Jahr? JOHANNA. Ich bin acht Jahr erst kurzlich gewesen, und seit dem vierten kann ich schreiben und lesen, kann deklinieren und konjugieren, und weiss, was alle Verba regieren. DER TEUFEL. So sag mir von welchem Geschlecht du bist. JOHANNA. Ich bin ja kein Wort, das ist Hinterlist. DER TEUFEL. Die Frage wirst du gar bald verstehen. SPIEGELGLANZ. O lassen Sie uns zum Dome gehen, viel Altertumer da drinnen stehen. (Ich mochte schier in Angst vergehen.) Doch der Teufel entschuldigte sich und eilte fort. Spiegelglanz begleitete ihn vors Tor; sie unterhielten sich von der Erziehung zum Gelehrten, und der
Teufel brachte ihm alle Grundsatze bei, die Kinder
durch erweckte Eitelkeit, Neid, Habsucht zu
schnellem Fortschritte zu bringen. Spiegelglanz
kehrte heim, kusste seine Schulerin mit wutender
Zartlichkeit; ihr heimliches Lernen hatte alle seine
Erwartungen ubertroffen. Er machte ihr kleine Ge
schenke, Kleider, Zeuge und versprach ihr, wenn
sie in ihrem Fleisse fortfahren wolle, so machte er
ihr die Preisaufgabe: jene Erzahlung der Welt
schopfung in Alexandrinern, die er zum Wettstreite
fur den Platz in der Schule aufgegeben hatte. Jo
hanna sprang frohlich daruber in den Garten, da
dachte sie aber, wie sie rot werden musste, wenn sie
nun den Preis und den ersten Platz erhielte, und
sich schamen; sie sah, wie jede Pflanze ihr Blatt,
ihre Frucht bewahrte, ohne mit der schoneren zu
tauschen, und schamte sich vor allen. Unschlussig
ging sie im Garten umher. Sie wollte einmal zu
ruckkehren und alles aufsagen und selbst arbeiten,
da sang ihr aber der Teufel als Kuckuck vor:
Meine Eier
Leg ich in andrer Nest.
Bin nun freier,
Sass sonst wie andre fest;
Die sie bruten aus,
Sitzen still zu Haus.
Alle Kinder rufen mir,
Kuckuck, Kuckuck ich bin hier.
Sie rief ihm nach, es war finster, die Zeit war vor
bei. Spiegelglanz gab ihr seine Arbeit zum Ab
schreiben. Die Schuler kamen den andern Tag in
hochster Erwartung zusammen; da war kein Po
chen, kein Stossen, alles horchte, jeder hoffte der
Erste zu werden, jeder hatte sein Leben darum ge
wagt. Johanna, die Johannes in der Schule hiess,
von der keiner es erwartet, erhielt einmutig den
Preis; keiner hatte das Silbenmass so vollkommen
beobachtet. Mit Weinen nahm sie den Preis an, der
von allen beneidet wurde es war der Preis ihrer
Seele.
Nach diesen Szenen bat der kleine Johannes seinen Vater, er mochte doch mit ihm herausgehen, ihm sei nicht wohl: der Vater erfullte seine Bitte, liess ihm etwas Wein reichen, und kam mit ihm zuruck. Das Stuck ging seinen Gang fort, den wir nur ganz kurz beruhren wollen: Als Johanna in der Schule weit heraufgekommen, entwickelt sich ihr Stolz und ihre Eitelkeit immer mehr; sie hat kraft dieser Antriebe auch wirklich so viel gelernt, dass sie ohne ihren Lehrer allen uberlegen ist, und jetzt will sie sich auch von seiner lastigen Oberherrschaft frei machen. Spiegelglanz, der das bemerkt, entdeckt ihr nun, was sie bisher in der Absonderung ihres Lebens nicht gewusst hat: dass sie ein Weib sei; mache er dies bekannt, so werde sie schimpflich aus der Schule verstossen; sie muss sich ihm ganz ergeben, der sie jetzt nicht bloss zu seiner Ehre, sondern auch zum kunftigen Genusse aufzieht. Sie gehen zusammen nach Athen, wo mancherlei Abenteuer sich ereignen, endlich auch nach Rom, wo sie alles mit ihren Lehren in Staunen versetzt, und das Ziel ihrer Wunsche, den papstlichen Stuhl besteigt. Jetzt meint der Teufel alles gewonnen, aber er verspielt durch seinen eignen Diener Spiegelglanz, der jetzt, wo Johanna in Ruhm und Glanz stolziert, sie zu seinem wollustigen Willen leicht beredet. Sie weiss nichts davon, dass sie ein Kind trage, aber ein Besessener verkundet es ihr; in grosser Herzensangst betet sie zur Mutter Maria und diese schickt ihr einen Engel: mit dem Troste, wenn sie durch den Schimpf einer offentlichen Geburt ihren Stolz abbussen wurde, so sollte sie so wie ihr Kind gleich sterben, aber der ewigen Verdammnis entgehen. Sie ergibt sich darein; vergebens warnt sie Spiegelglanz, sie konne es leicht verbergen; sie will beschimpft sein; sie geht in feierlicher Prozession bei dem Kolisseum voruber, und wird von einem Kinde entbunden; der Teufel dreht ihr und dem Kinde aus Arger den Hals um. Ein wahrer Papst wird hierauf mit mehr Vorsicht gewahlt. Jedermann wird eingestehen, dass es eine italienische und besondere sizilische Naivitat fordert, um solch ein Stuck offentlich in einem Kloster zu geben; die Grafin war nicht sehr zufrieden damit, es hatte eine schmerzliche Saite in ihr beruhrt, den Grafen an seinen lieben Traugott wieder erinnert, und erregte eine Menge neugieriger Fragen der Kinder. Wahrend sich alle zur Abfahrt anschickten, zog der kleine Johannes den Vater wieder beiseite, und dieser fuhrte ihn in den Garten, weil er glaubte, dass er irgend eine korperliche Beschwerde habe; hier verfiel aber das Kind in ein furchterliches Weinen und Schluchzen, das es nicht zu Worte kommen liess. Endlich zog der Kleine ein paar Tuten heraus, und ubergab sie dem verwunderten Vater, der darin Kaffeebohnen und Zucker entdeckte. Als die ersten gebrochenen Worte erlost waren, da wurde der Zusammenhang dieser Geschichte bald klar. Brular hatte den Kleinen uberredet, er sei zu einer grossen Tat bestimmt, und von seinen Eltern nicht geliebt, ihm musse er folgen; er liebe ihn allein, er wisse allein seinen Mut; er wolle mit ihm aus Sizilien fliehen. Wahrend der Komodie solle er sich hinausschleichen, er werde seiner vor dem Kloster warten. Wirklich hatte der Kleine sich mit dem Bedurfnisse, das ihm am wohlschmeckendsten, versehen, und so glaubte er sich reisefertig; doch in dem Spiegelglanz glaubte er plotzlich ein wahres Abbild von Brular zu erkennen; er fing ihn an zu furchten und zu hassen, und hatte endlich in dem Bekenntnisse der Papstin eine himmlische Weisung geglaubt, alles dem Vater zu bekennen. Der Graf hatte Verstand genug, die Sache gegen das Kind nicht mit Harte zu beurteilen; vielmehr druckte er ihn zartlich an sich wie einen verlornen Sohn, und gebot ihm nur den Abend sich zu beruhigen, morgen solle alles mit der Mutter ausgeglichen werden, zu der er ihn, nachdem er ihm Augen und Nase gewischt, zuruckfuhrte. Der Graf ging darauf mit einigen seiner Leute an den von Brular bestimmten Platz, sie fanden ihn; er merkte, dass er verraten sei, und wehrte sich wie ein Verzweifelter. Der Graf wollte ihn schonen, aber im blinden Fechten warf sich der Ungluckliche in den Degen eines Bedienten. Er endete als ein tapferer Mann, wie er sich immer gezeigt hatte; nach seinem Tode entwickelte sich aus einlaufenden Briefen die allgemeine Verbreitung seines Unternehmens. Am nachsten Morgen nach dieser Begebenheit fuhrte der Graf den zitternden Johannes zur Grafin, erzahlte ihr, wie sich der arme Kleine von ihnen fur ungeliebt gehalten, und empfahl ihn ihrer Liebe, indem er sein kindisches Unternehmen erzahlte und verzieh. Die Grafin wurde sehr geruhrt, der mogliche Verlust erweckte ihre Zartlichkeit zu dem Kleinen, dem sie und ihr Mann jetzt alle die Liebe zuwandten, die seine zartliche Natur forderte. Der Graf sagte bei dieser Veranlassung sehr ernst zu seiner Frau: "Unsrer Kinder wegen mussen wir nach Deutschland zuruck; die beste Privaterziehung kann nicht ersetzen, was Kinder durch den Mangel einer offentlichen Schule verlieren."
Dolores blickte ihn schmerzlich an, aber sie sagte nichts dagegen. Auch er fuhlte es, wie schmerzlich es ihm sein musse, nach so vielen glucklichen Jahren, von denen sich fast nichts sagen liess, als was er rings geschaffen zur Freude anderer, und was er gelernt in eigner steigender Bildung, was ihm geboren und durch Erziehung noch mehr angeeignet; alles ein Leben ohne Hemmung, unbekummert uber kleine unvermeidliche Beschwerden, nach solchen Jahren zu den emporendsten Erinnerungen zuruckzukehren. Dennoch bot sich ihm wenige Tage darauf eine nahere Veranlassung zur Ruckreise, die ihn fast bestimmt hatte. Ein Prinz, mit dem er studiert hatte, und der schon damals mit der Fulle seines ernsten zutraulichen Charakters sich ihm angeschlossen, war zur Regierung gelangt, und forderte ihn ganz unerwartet auf, ihm beizustehn mit seinem Rate; alle aussern Verhaltnisse, Titel und Gehalt, solle er sich selbst bestimmen. Seiner Dolores mochte er von dem Briefe nichts sagen, der ihn sehr heftig bewegte, und in den heissesten Nachmittagsstunden wach erhielt, wo er sonst mit allen Bewohnern Siziliens zu ruhen pflegte. Er wollte an den Fursten schreiben; aber trotz der verschlossenen Fenster und der Zuglocher war es ihm in der Hitze fast unmoglich einen Brief, der so viel Rucksichten beobachten und ausfragen musste, zu beendigen; ganz ungeduldig, einem Elemente weichen zu mussen, stand er auf und sah in den Nebenzimmern umher; er wollte sich zerstreuen. Da lagen aber Frau und Kinder, wie von einer Pest niedergestreckt; er ging in die Vorzimmer und fand die Diener alle in tiefem Schlaf, wie Tote ausgestreckt. Da er seit Jahren nicht in dieser Stunde aufgewacht war, und umhergegangen, so hatte ihm diese tyrannische Herrschaft der Warme uber den Menschen etwas besonders Schreckliches. "Was ist unsre Kalte", seufzte er, "gegen diese unabwendbare Not? Wenn die Flusse bei uns starren, da fliesst der Geist frohlicher durch Stirn und Auge und funkelt heller wie die Sterne; unsre Walder, der kuhle Spielplatz des Sommers, erwarmen den Winter; welch Leben regt sich in diesen Stunden auf allen Feldern Deutschlands; der Erntewagen jagt, die Sicheln klingen, die Binderinnen umspannen die Garben, alles singt. Hier sind selbst die Vogel wie ausgestorben, da ihre Laubdacher fast verdorret sind; nirgends ist frischendes Grun des Bodens, niemand kann sein Eigentum bewahren, die Herrschaft uber die Tiere ist verloren, die arbeitsamsten Tiere vermogen nichts mehr, kein Pferd wird aus dem Stalle gezogen, sie traumen an der Krippe und mogen nicht fressen, kein Schornstein raucht gastlich; wie eine schwere Busse ist diese Mittagsstunde des Sudens, wo die kalten Schlangen aus den Sumpfen hervorkriechen und sich zungelnd an die Sonne legen, giftige Mucken in der Sonne spielen, die grasslichen Ungeheuer des Meers, den stinkenden Leib an den Strand legen, und der Atna seinen Aschenregen uber die Insel atmet, dass die Trauben aufspringen, und ihr Blut am Boden versprutzen." Er stieg bei dieser Erinnerung ganz allein in seinen Keller herunter, um sich dort zu kuhlen; aber selbst dahin war die Warme gedrungen, er entsiegelte eine Flasche echten Rudesheimer, und nun ward ihm erst wieder leicht, dass er singen konnte:
Gruner Wald im deutschen Lande
Konnte ich dich wiedersehen,
Wiederfuhlen dein kuhles Wehen
Ohne Schande.
Rhein, du bringst das Gold im Sande,
Spiegelst Sonne an die Trauben,
Full den Becher mit altem Glauben
Bis zum Rande.
Wein, du kuhlest mich im Brande,
Wie die feuerroten Rosen,
Die mit kuhlenden Lippen kosen
Meine Schande.
Rosen, die mit kuhlem Bande
Hier die heisse Stirne kranzen,
Stachen mich bei den heitern Tanzen
Deutscher Lande.
Deutsches Blut, zerreiss die Bande,
Deutsche Berge stehen feste,
Und der Adler entsteigt dem Neste
Ohne Schande.
Er sprang auf, er wollte nach Deutschland reisen. Es gibt wohl in allen Menschen solche Augenblicke, wo sie sich weit uber alles Erlebte, Gewohnte, Geprufte und Erkannte hinaussetzen mochten; waren sie Gotter, deren Wille gleich Tat wurde, wie mochte da der Beste erscheinen; das aber unterscheidet den Guten vom Bosen, dass jener seinen bosen Willen nicht zur Tat werden lasst. Der Graf fuhlte bald, dass er seine Dolores zu einer so weiten Reise nicht verlassen konnte, ohne sie tief zu kranken; sie mitzunehmen, das schien wegen der Empfindlichkeit, die sie bei jeder Erinnerung aus Deutschland traurig machte, unmoglich; die Freundschaft zur Herzogin, ihre Liebe zu den Kindern hatte auch ihre Rechte; durch alle diese Verhaltnisse glaubte sich der Graf verpflichtet, der Wirksamkeit in Deutschland fur jetzt noch zu entsagen, und alles Wohltatige, was er fur sein Vaterland traumte, andern und der Zukunft uberlassen zu mussen, so unendlich sind die Folgen des Guten, des Bosen.
Jener Tag im Kloster, der den kleinen Johannes seines furchtbaren Lehrers beraubt hatte, wahrend er ihm die Liebe seiner Eltern schenkte, hatte sehr tief auf ihn gewirkt; sein ganzes Wesen entwickelte sich vorzeitig schnell und leidenschaftlich; er schloss sich an alle Menschen mit einer Innigkeit, die sich in der Beruhrung mit gewohnlicher Kalte leicht in Hass umsetzte. Keinem war er so ganz und unveranderlich ergeben, wie der Mutter; er geizte nach ihren Blicken, lauerte auf ihre Wunsche, und verstand ihre Gedanken; tagelang liess er kleine Geschenke der Mutter nicht aus den Handen, und bedeckte sie mit unzahligen Kussen. Den andern Kindern war dieses Wesen bloss lacherlich, sie neckten ihn auf alle Art damit; doch die Herzogin sah viele Leiden aus dieser Leidenschaftlichkeit voraus, und suchte vergebens sie zu massigen; ein boses Wort der Mutter konnte ihn auf Tage zu allem Lernen unfahig machen; ein gunstiger Blick spannte ihn zu so grosser Anstrengung, dass er in wenigen Stunden alle ubertraf; fur Tanz und Musik zeigte er besonders gluckliche Anlage. Diese fruhe Heftigkeit, diese Anstrengungen bewegten ihn zu gewaltsam; eine angstliche Besorglichkeit bemachtigte sich seiner oft mitten in der grossten Kuhnheit; auf den hochsten Baumen, die er zum Staunen aller erkletterte, beengte ihn dann eine Angst, dass er mit Tranen bat, ihn herunterheben zu lassen; von seinen Buchern, von seinen Schreibereien nahm er jeden Tag feierlichen Abschied, als sahe er sie nicht wieder; wahrend er die wunderlichsten Abhartungen an seinem Korper versuchte, bebte er vor einem Ohrenklingen, als sei es eine furchtbar nahende Krankheit. Das alles war ein Gegenstand des Spottes der Geschwister, und dieser Spott entfremdete sie von ihm; einsam baute er sich eine Art Festung, in die er niemand einliess, eine Schwester ausgenommen, und von wo aus er allen Vergnugungen der Geschwister zusah, zu denen er, wenn es ihm einfiel, mit gewaltigem Eifer eintrat. Der Graf meinte ihn zum Soldaten bestimmt, und liess ihm diese fruhzeitige Beschaftigung mit Befestigungen und militarischen Schriftstellern; aber der Himmel hatte ihn milder gelenkt. Eines Morgens wurde er vergebens zum Fruhstucke gerufen; der Graf ging endlich mit dem Vorsatze ihn zu strafen nach der Festung, und fand ihn nicht, aber statt seiner einen Brief, der durchnasst von Tranen, und sehr undeutlich geschrieben dem Erschrockenen die Nachricht brachte, dass der Knabe in das Kloster des heiligen Laurentius gefluchtet sei, wo jene Komodie ihn damals zu seinem Besten gefuhrt; er habe sich auf einer grossen Sunde uberrascht, zu deren Busse er dort als Novizius ein geistliches Leben anfangen wolle. Der Graf ritt zornig zu dem Abte des Klosters, und fragte ihn, wie er es wagen konne, ein Kind ohne Wissen der Eltern aufzunehmen? Hier unterrichtete ihn der Abt, dass er nach seiner Pflicht niemand abweisen durfe, der sich in den Schutz der Kirche fluchte, am wenigsten aber einen reuigen Sunder, der sein Heil in ihrem Schosse suche. "Aber welche Sunde kann der Kleine getan haben, von dem wir nie andres als Liebe erfuhren?" "Diese Liebe", sagte der Abt, "ist sein Verderben; durch ein heiliges Buch ist sein Gewissen gescharft, er bekennt sich straflicher Leidenschaft zur eignen Mutter schuldig, er ehrt sie uber Gott." Vergebens wandte der Graf ein, dass diese kindische Grille eher ein Wahnsinn als eine Schuld zu nennen; er ging zu dem Kleinen, der aber schon das Gelubde des Stillschweigens angenommen, im Gebete versenkt vor dem heiligen Laurentius lag; er horte ihn, aber er antwortete nicht. Der Graf hoffte, dass die Zeit ihn am besten heilen wurde, und uberliess ihn einige Zeit dem strengen Leben. Nach vierzehn Tagen kam er wieder, und ermahnte ihn zur Ruckkehr ins vaterliche Haus; der Kleine hatte Erlaubnis zu sprechen, und beantwortete diesen Zuspruch mit einer abschreckenden Darstellung aller Sorgen der Welt. Als der Graf von den Sorgen seiner Mutter um ihn sprach, da wendete er sich ab, und betete mit unzahligen Tranen. Der Graf war so tief geruhrt, dass er ihn gewaltsam dem Kloster entreissen wollte, aber der Abt erinnerte ihn feierlich, warum er ihn seiner Bestimmung gewaltsam entreissen wolle, um ihn vielleicht der Schuld hinzugeben; "jede Schuld", sagte er, "ist eine verfehlte Bestimmung." Der Graf dachte hier unwillkurlich an Dolores, und an den Wallfahrtort, und liess dem Kleinen noch langere Bedenkzeit. Aber die Zuversicht zu dem neuen Leben wuchs immer mehr in ihm; er war ein Vorbild aller im Kloster; sein Wesen erinnerte den Grafen an Traugott, er glaubte, seine religiose Gesinnung sei eine Vorahndung des Todes, und nahm schmerzlichern Abschied bei jedem neuen Besuche. Die zuruckgelassenen Papiere des Johannes sammelte er sorgfaltig, und schrieb traurig einige Worte der Erinnerung darauf:
Hatte nicht der frische Morgen
Dich in seinem Arm gewiegt,
Haben dich die muden Sorgen
Vor dem Abend schon besiegt.
Hatte nicht die Sonnenhelle
Dich mit ihrem Strahl umspielt,
Mude liegst du an der Schwelle
Einer Nacht, die alle kuhlt.
Hatten nicht des Muts Gedanken
Dich zum heitern Tanz gefuhrt,
Mussten deine Tritte wanken,
Als dein Herz da tief geruhrt.
Hatten nicht die frohen Tone
Deine Stirne kuhl umkranzt,
Ach wo ist nun alles Schone,
Wo dein Blick, der uns umglanzt.
Hatte nicht die erste Liebe
Dich mit sussem Wort geweckt;
Ach bald ist's die letzte Liebe,
Die mit Erde dich bedeckt.
So heftig der Graf und die Grafin von diesem Ereignisse erst zerrissen waren, so mild wusste Klelia sie beide auf die Gnade aufmerksam zu machen, ein geliebtes Kind in so heiliger Bestimmung zu verlieren. Johannes starb auch nicht, vielmehr wuchs er kraftig auf in seinem strengen Leben, und viel Segen kommt von ihm in kunftigen Tagen der Leiden uber das ganze Haus, nachdem er vorreif in korperlicher und geistiger Entwickelung, vielleicht auch in Hinsicht seines Standes, fruhzeitig die Priesterwurde erhalten.
Siebentes Kapitel
Ruckkehr des alten Grafen P ... mit seiner
ostindischen Familie nach dem Palaste in
Deutschland
Erinnern wir uns noch einmal, dass der Graf das Schloss seines Schwiegervaters, des Grafen P ..., als ein verschlossenes Denkmal seiner fruheren Zeit, seines Glucks und Unglucks unbewohnt zuruckgelassen hatte, aber fur dessen Erhaltung sorgen liess; jahrlich erhielt er Nachricht, was unvermeidliche Zufalle im Schlosse oder Garten verandert; aber wie alles mit Einsichten gebaut, so schien alles durch die Zeit zu gewinnen und kleine Beschadigungen waren ohne grosse Kosten erganzt. Ein seltsames Toben, das in gewissen Nachten das Schloss erfullte, die Erleuchtung, die dann in mehreren Zimmern bemerkt wurde, gaben zu wunderlichen Geruchten Anlass; man sprach von dem Geiste des alten Grafen, der da umginge, und wie in alter Zeit in Festlichkeiten schwelge. Keiner wagte es ohne Auftrag, die Sache zu untersuchen; auch dieses wurde dem Grafen berichtet, der aber unter dem hellen sizilischen Himmel die Dunst- und Nebelgestalten des Nordens wenig beachtete; seinen Schwiegervater hatte er wegen des Leichtsinns, mit welchem er die Seinen verlassen, nie leiden konnen, sein Geist war ihm ganz gleichgultig. Ungefahr zehn Jahre nach dem Auszuge des Grafen, in derselben Nacht, die vor eilf Jahren den Treubruch der Grafin verhullte, kam ihr Vater, der alte Graf P ... mit vier grossen sechsspannigen Kutschen uber die Heerstrasse die Anhohe herunter gefahren, von welcher die beiden Schlosser und die alte Stadt so herrlich zu ubersehen. Er fuhr mit einer ostindischen Frau und zwei Kindern, die sie ihm in Ostindien geboren, in einem Wagen; seine dort erworbenen Schatze und seine Dienerschaft folgte in den drei andern. Er hatte seinen Namen verandert, und galt fur einen Englander; von den Seinen hatte er nichts erfahren, nicht einmal ob seine Frau und Kinder noch lebten; die Sehnsucht nach seinem Schlosse, von dem er seiner Moham (der neuen Frau) taglich vorerzahlte, trieb ihn einzig in diese Gegend zuruck. Von der Anhohe sah er viele Zimmer seines Schlosses hellerleuchtet; erst jetzt gedachte er ernstlich in seinem leichtsinnigen Gemute, wie er seine neue Frau, seiner ersten vorstellen solle, die beide nichts von einander wussten, wenn diese vielleicht noch am Leben sei. Die Geschichte des Herrn von Gleichen, der seiner Frau aus den Kreuzzugen heimkehrend eine Sarazenin zufuhrte, die ihn aus Liebe von der Sklaverei befreit, und dafur aus Dankbarkeit von der ersten Frau als Mitgenossin ihres Ehebettes anerkannt wurde: diese Geschichte, die seinem Leichtsinne bis dahin als genugtuend fur alle Falle vorgeschwebt hatte, wollte ihn nicht ganz beruhigen. Er liess langsam fahren, und stieg mit Herzklopfen vor dem Schlosse aus dem Wagen, und trat in das Schloss, das offen stand, und wo ihn eine prachtvolle Dienerschaft empfing. Er fragte, ob die Grafin P ... noch zu sprechen ware; die Diener sahen ihn verwundert an, und fragten ihn, ob er nicht wisse, dass sie schon seit neun Jahren mit dem Herzoge von A ... verheiratet ware, sie wurden ihn anmelden. Er nannte sich Moham und sagte, dass er Bestellungen von einem alten Freunde des Hauses brachte. Sobald dieses ausgerichtet, wurde er zu der Frau vom Hause gefuhrt, er fand sie wenig verandert, nur etwas blasser; sie kannte ihn nicht, was nicht zu verwundern, da er sehr gealtert und vom heissen Klima fast dunkelbraun gebrannt worden; er sagte ihr, dass ihr voriger Mann noch lebe, und dass er von ihm gesendet sei, das Schloss nach dem Masse seiner jetzigen Reichtumer zu verschonern. Die Herzogin erwiderte ihm, dass er kein Recht auf das Schloss behalten, dass sie es von seinen Schuldnern erkauft und selbst, nachdem sie den Leichtsinnigen in allen offentlichen Blattern vorgefordert, einem andern Manne, dem spanischen Herzoge von A ... vermahlt sei. Der Graf verriet sich nicht; so unangenehm ihm der Verlust seines Schlosses war, so lieb war ihm der Verlust seiner Frau, die ihm gar nicht mehr liebenswurdig erschien; er sagte, dass er alles ihrem ersten Gemahl berichten wolle, doch glaube er durch das unumschrankte Zutrauen desselben wohl berechtigt zu sein, um ein Nachtlager fur sich und die Seinen zu bitten. Die Frau vom Hause bewilligte es ihm gern, und stellte ihm den Herzog, ihren Gemahl vor, der eben mit grosser Pracht ins Zimmer getreten war. Der Herzog uberhaufte ihn mit Artigkeiten, und schimpfte doch dabei auf den alten Grafen, der daruber in einer angstlichen Verlegenheit war; die Ostindianerin Moham hatte sich und ihre Kinder verschleiert; man setzte sich zu Tische, man ass und trank prachtvoll, und der Herzog machte der fremden Frau mit solcher unwiderstehlichen Liebenswurdigkeit den Hof, dass diese sich entschleierte und ihm sichtbare Zeichen ihrer Zuneigung gab. Die Verlegenheit des Grafen hatte den Gipfel erreicht, als der Tisch aufgehoben wurde, und sich einer nach dem andern unter verschiedenem Vorwande beurlaubte; dem Herzoge sagte zuletzt ein Diener Botschaft von der Grafin Dolores, und er wurde so heftig bewegt, zitterte so gewaltsam, die Haare straubten sich ihm empor, er flog zur Ture hinaus ohne Abschied, und nahm das letzte Licht mit sich fort. Der alte Graf fuhlte bei seinem Anblicke eine Reue, einen innern Vorwurf, den er nie moglich geglaubt; er wagte nicht an seine Tochter Dolores zu denken, und wusste nicht warum; Frau und Kinder drangten sich ebenfalls erschrocken in dem Dunkel an ihn, und sie warteten alle angstlich, aber vergebens, dass die Lichter von der Dienerschaft wieder gebracht wurden, wie es die Schicklichkeit forderte. Plotzlich erhellte sich indessen das Zimmer von aussen; ihre eigenen Leute und viele Burger der Stadt durchrannten mit Feuergeschrei die Vorsale, und kamen nun zu ihnen; mit halben Worten erfuhren sie jetzt, dass das Schloss mit dem Glockenschlage zwolfe an vier Ecken habe angefangen zu brennen; mit Muhe konnte der Graf sich und die Seinen und seine reichen Wagen retten, von denen schon einer abgepackt worden; seine ostindischen Leute erstarrten vor den unbegreiflichen Erscheinungen, und waren ihm mehr Last als Hulfe. Nachdem er alles und alle im freien Felde geborgen, und die Burger horte, wie sie so nachlassig zum Loschen gingen, weil sie meinten, das sei Gottes Finger, der vor dem Einzuge ihres Fursten, noch das hochmutige Schloss des Grafen habe demutigen wollen, dass er eine reine Aussicht aus seinen Zimmern bekomme, auch sei es schon lange darin umgegangen mit allerlei Erscheinungen; da kam er auf den Glauben, das Feuer sei absichtlich angelegt gewesen. So bitter ihm dieser Gedanke im ersten Augenblicke war, so herrlich sich die schonen Verhaltnisse des Gebaudes mit scheidender Sehnsucht in dem Feuer verklarten, so hatte er, der alles aufgeben, alles vergessen konnte, auch daruber sich bald gefasst; er zundete seinen Zigaro an einem heruntergesturzten brennenden Balken an, und liess sich mit einigen mussigen Zuschauern in Unterredung ein. Er fragte zuerst nach dem Herzoge von A ..., der ihm ganz unbekannt sei; sie verwunderten sich alle, dass er den nicht kenne, der habe die junge Grafin Klelia geheiratet, sei aber nun schon lange tot, und der brave Graf Karl, der an Grafin Dolores vermahlt, sei mit ihr zur Witwe hingezogen, keiner wisse recht warum; doch sage man, der alte Graf P ... sei so oft im Schlosse umgegangen und habe so viel Tumult nach seiner Art gemacht, dass sie es nicht aushalten konnen, gewiss ware es, dass nach ihrem Abzuge kein Mensch vor seinem Spuken im Schlosse hatte aushalten konnen. Der Graf war nicht wenig erstaunt, sich als ein Gespenst in seinem alten Wohnsitze anerkannt zu wissen; er fragte mit einigem Herzklopfen, ob man nicht wisse, wo der alte Graf geblieben. "Der hochmutige uppige Narr", antwortete ein Burger, "nachdem er unserm Fursten mit Bauen und Fresserei alles gebrannte Herzleid angetan, musste schuldenhalber davon laufen, liess Frau und Kinder im Stich, und die Frau starb bald aus Gram." Jetzt wusste er genug von dem Schicksale der Seinen; er drehte sich um, und das Gewissen zog eine tiefe Furche uber seine Erinnerungen, wie der Ackermann uber eine verfluchte und zerstorte Stadt. Er musste fort, er wollte dieselbe Strasse zuruck, aber seine Pferde, die er den vorigen Tag sehr angestrengt, bedurften der Ruhe; um nichts Ubles mehr von sich zu horen, gab er sich fur einen alten Freund des Grafen P ... aus, der ihn hatte besuchen wollen. "Den Schelm", sagte der Wirt, wo er abgetreten, "wollt Ihr besuchen Herr? Da musstet Ihr weit fahren und hoch steigen; der ist in Amsterdam an den hochsten Galgen gegangen." "Bewahre Gott", sagte der Graf. "Ich schwore es Euch bei Seel und Seligkeit", antwortete der Wirt; "ein hollandischer Kaufmann, der ihn gar wohl kannte, hat ihn hangen sehen, weil er in Holland falsche Wechsel gemacht, und daruber Streit mit dem Erbstatthalter bekommen." Der Graf beschleunigte ungeduldig seine Abreise; der Wirt konnte es nicht begreifen, dass er um den alten Spitzbuben, den Grafen so weit gefahren, und nicht einen Tag bleiben wolle, um den prachtigen Einzug ihres Fursten zu sehen, der nach so vielen Jahren des Elendes wieder zuruckkehre, den sie auf Handen in die Stadt tragen wurden; "ja daran erkennt man gleich den Herren Englander", versicherte der Wirt. Der Graf sah tief gekrankt zum Fenster hinaus nach der Brandstatte; viel Rauch, aber wenig Flamme stieg mehr auf. Mehrere Mauern waren halb eingesturzt, sie waren nicht dauerhaft gebaut, die ubrigen besonders an den Zuglochern der Fenster sehr geschwarzt. Das altertumliche furstliche Schloss trat glanzend hervor im Morgenrot; der Wachter blies mit seinem Horn von der hohen Zinne den Tag an, es schien noch Jahrhunderte zu uberschauen und des Grafen luftiges Gebaude, das so lange darauf zu spotten schien, lag da wie eine untergehende leichtsinnige Zeit reuig abbittend vor einer alten dauerhaften, wiederkehrenden, bescheidenern. Der Graf konnte das alles nicht langer ertragen, ihm war zu Mute, als erginge uber ihn das Totengericht der agyptischen Konige; er sah zu, ob sich seine Leute etwas erholt hatten, und befragte sie, wie es ihnen im Schlosse ergangen. Ihre verwirrten Aussagen kamen alle darauf hinaus, dass sie von einer Dienerschaft, die sehr prachtig gewesen, sehr gut aufgenommen worden; dass sich aber auf wiederholtes Klingeln einer nach dem andern mit den Lichtern entfernt, und sie gleich darauf das Feuer bemerkt, auch niemand von den Dienern wiedergesehen hatten. Der Graf gebot ihnen zu schweigen, fragte noch, wann denn der Furst ankame; der Wirt sagte, um Mittag, da liess er anspannen, um ihn zu vermeiden.
Achtes Kapitel
Der alte Graf P ... begegnet dem Fursten, der in sein
Land zuruckkehrt
Als sie den Berg hinauffuhren und der Graf in tiefen Gedanken sich noch einmal nach seiner ganz vergangnen, ganz untergegangenen Zeit umblickte, wurde er durch einen heftigen Stoss erweckt, sein Kutscher war sehr ungeschickt mit einem anderen Wagen zusammengefahren; der Postillon wollte mit Schlagen uber ihn her fallen, aber eine gebietende Stimme im Wagen gebot ihm Frieden, und er gehorchte im Augenblicke; auch der Graf gebot seinem Kutscher, lieber zu helfen statt zu zanken. Die beiden Stimmen erkannten sich; in der Stimme liegt die dauerndste Eigentumlichkeit des Menschen; als sie sich ansahen, denn Wagen stand an Wagen, waren sie einander wieder ganz fremd; es war aber in der Stimme etwas, das die tiefste Vergangenheit, die frohlichste Jugend in ihnen erweckte. Der alte Graf stieg aus dem Wagen, der andre Reisende gleichfalls; "heiliger Gott", schrie der andre auf, "welch ein Ungluck, kein Wort weiss ich davon, das schone Schloss des Grafen ist abgebrannt, gut dass er das nicht erlebt hat!" Der Graf erkannte an diesem kurz ausgesprochenen "gut" seinen alten Freund und spateren Feind, den Fursten; so mitleidig hatte er ihn nie gedacht, nie so alt; er war in seinen Gedanken noch immer der rasche Jager, der uber Felsengeklufte den Kuhnsten voraushetzte. "Ach mein gnadiger Furst, die Jahre haben mich unkenntlich gemacht, die Sonne meine Haut und das Feuer meine Fehler verbrannt; es ist alles anders geworden, alles durchs Feuer gegangen, mein gnadiger Furst, mir ist alles verloren und vergessen, nur die fruhe Vertraulichkeit, in der wir der Welt Lust und Freuden durchstrichen, fleht zu Ihnen um Nachsicht, um ein mildes Verzeihen spaterer Irrungen; erlauben Sie, dass ich Ihre Hand kusse." Der Furst sah ihn mit grossen Augen an, wie ein altes teures Bildnis, welches nach einander viele ungeschickte Hande so wie die Zeit entstellend ubergemalt; er konnte kein Wort sagen und liess sich unbewusst die Hand kussen; nachher umarmte er ihn, dann weinte er und die Zunge war ihm geloset und stromte uber in alter Vertraulichkeit: "Sieh, ich wollte allen schmerzlichen Erinnerungen eines festlichen Einzuges entgehen, wollte einsam nach dem Schlosse zuruckkehren, denn wie stimmte der Jubel meines guten Volkchens zu meiner Trauer, Frau und Kinder von mir entzweit zu wissen; sieh nur und da kommst du so lebhaft und rufst mir dies und tausend andres mit lebendiger Stimme wieder auf; meine Frau war dir sehr gut, sie spricht noch oft von dir; einmal war ich sogar eifersuchtig auf dich." Und so wechselten beide mit Anklangen alter Zeiten, neuer Schmerzen; die Wagen waren langst auseinander gehoben, aber ihre Hande liessen nicht von einander; endlich zwang sich der Graf zum Abschiednehmen. "Torheit", rief der Furst, "du bist jetzt in meiner Gewalt, in meines Herzens Bannmeile, dich lasse ich jetzt und nimmer von mir, wir haben einander bis an unser Lebensende zu erzahlen; du hast Frau und Kinder, ich habe keine und verlange Ersatz vom Schicksale. Ich konnte nicht ruhig sterben, wenn mich kein Freund begleitete; hast du zum Bauen nicht mehr Lust und Zeit, so ziehe zu mir, mein Schloss ist ganz leer." Der Graf gestand ihm, dass sich eine Geisterfurcht seit der Nacht seiner bemachtigt habe, sonst triebe ihn nichts fort; er ware ja bloss darum des weiten Weges gekommen, um sich hier wieder anzusiedeln; dabei erzahlte er ihm seinen wunderbaren Empfang im Schlosse. Der Furst sah tiefsinnig vor sich hin, und schrieb mit dem Stocke einige Zuge in den Boden: "Ich kann die Gespenster bannen, denn sieh, ich bin auch ein Gespenst, ein Gespenst, das nur noch von dem traumenden Genusse fruherer Tage, von seinen Gewohnheiten lebt." "Wer ist dann mehr Gespenst als ich", rief der Graf, "einem fremden Weltteile klimatisiert, machte ich aus Nacht Tag, aus Tag Nacht: nun wohlan, so wollen wir es mit unsern unruhigen Brudern der Mitternacht aufnehmen!" Er winkte seinem Wagen und sie kehrten alle um; er selbst ging Hand in Hand mit dem Fursten zum Schlosse. Auf dem Wege fragte den Fursten eine ausgestellte Wache, ob er nichts von ihrem Fursten unterweges gehort, ob er noch eintreffe. Der Furst zog seinen Geldbeutel, gab ihm ein Goldstuck und fragte ihn, wer darauf abgebildet. "Unser gnadiger Furst", antwortete die Schildwache. "Nun so behalt's", sagte der Furst, "damit du ihn wiederkennst, wenn er kommt." Die Schildwache dankte verwundert und versicherte: seinen Landesherrn wollte er schon erkennen, der hatte bei ihm Gevatter gestanden. Der Furst und der Graf gingen nachdenklich an das Schlosstor, es war verschlossen; sie klopften an, der Tursteher fragte: "Wer da?" "Dein Furst, Alter!" rief der Furst. "Ach ja, der gnadige Furst", weinte der Alte, offnete die Ture und umfasste seine Kniee. "Der kennt mich noch, weil er blind ist", sagte der Furst weggewandt zu dem Grafen. Sie durchwanderten nun die alten Zimmer, die ihnen jetzt festlich dunkten, die ihnen sonst mit ihrer alten Pracht lacherlich gewesen; der Graf stellte dem Fursten seine Frau und Kinder vor, der sich in ihre fremde Art leicht zu finden wusste; sie mussten alle auf dem Schlosse wohnen. Unterdessen hatte sich die Nachricht von des Fursten Ankunft in der Stadt verbreitet; die festlichen Anstalten, die bekannten weissgekleideten Madchen, die zitternd eine Rede abqualen, die Blumen, die Kanonenschusse, die er vermeiden wollte, nichts wurde ihm geschenkt; doch von dem uberraschenden Jubel von allen Seiten angezundet, brannte das ganze kunstreiche Feuerwerk in rascher Unordnung vor ihm ab, so dass er in der Gesellschaft des alten Freundes alles mitzugeniessen vermochte.
Festlicher fullte sich bald das Schloss nach des Grafen Anordnung mit morgenlandischen Teppichen und Tanzen; die weichlichen Belustigungen jener lebensreichen Gegenden erfrischten das austrocknende Alter des Fursten; der Graf verwandte mit Freuden einen Teil der erworbenen Schatze zu seinem Dienste, und diente ihm gern auch in allen ernsteren Verhaltnissen mit seiner reichen Welterfahrung. Seinen Tochtern in Sizilien sendete er prachtvolle morgenlandische Geschenke, doch wusste er nicht, was er ihnen dabei schreiben sollte, noch weniger verstand er ihre Briefe. Vater und Tochter hatten sich ganz von einander abgelebt, jedem war eine andre neue Zeit geworden; doch dankte er dem Weltgeiste, den er in Indien verehren gelernt, dass er fur seine Tochter im ewig ruhigen Verstande gesorgt, nachdem Vater und Mutter sie verlassen, die Welt sie aufgegeben, die Armut sie bekampft, und die Schuld sie bestritten hatte. Die Trummer seines alten Schlosses liess er zu seiner Erinnerung unverandert stehen; Reisende versichern, dass das Lebendige, Frische in dem Zerstorten: Marmorsaulen, die halb zu Kalk verbrannt, bunte Wandmalerei, halb geschwarzt, einen eigentumlichen Eindruck von Verganglichkeit gewahre, der manchem schwermutigen, der Gegenwart uberdrussigen Gemute so willkommen ist.
Mehrere Monate waren schon im verbundenen Hauswesen des Fursten und des alten Grafen frohlich vollendet; wahrend jener noch immer aus Rucksicht, der er sich so oft in seinem Leben unterworfen hatte, den Freund zu fragen mied, wie er zu der schonen Frau und zu den grossen Schatzen in Indien gelangt sei, ob Gluck oder Fleiss sie ihm zugewendet; lange glaubte er, dass irgendein Geheimnis darauf ruhe. Der Graf gehorte aber zu der Art Leuten, die aus Bequemlichkeit gern voraussetzen, was ihnen begegnet sei, musse jeder wissen; ganz zufallig kam es eines Nachmittags, wo er sich uber die Frau, die von manchen indischen Gewohnheiten, besonders von der Verschleierung, durchaus nicht ablassen wollte, geargert hatte, dass er zum Fursten sprach, als sie hinausgegangen: "Ich kann nicht strenge gegen sie sein, teils weil es mein Wohlleben storen wurde, teils weil ich dieser ihrer besonderen Natur zu viel verdanke." "Was dankst du ihr?" fragte der Furst aufhorchend. GRAF P.: "Sie selbst und alle Reichtumer; habe ich das nie erzahlt?" FURST: "Nimmermehr." GRAF P.: "So wollen wir uns dazu ganz bequem setzen; ich will den Vorgang kurz erzahlen, doch ist genug Stoff zu einem langen Schauspiele darin. Auf der Reise nach Ostindien wurde ich mit einem Deutschen, der sich Thomas nannte, mehr durch die Sprache als durch Ubereinstimmung in Art und Bildung genau bekannt; er war ganz roh und wollte sich im Soldatenstande emporschwingen, er war eben so leicht zu befriedigen mit seinem Schicksale, als ich damals noch ungenugsam war; ich beleidigte ihn oft mit meinem Hochmute. In Ostindien verlor ich ihn aus den Augen. Ich lebte hoch, so lange mein Geld dauerte; nachher bemuhte ich mich vergebens nach guter Anstellung; ich handelte, aber die Leute dort waren verschlagener als ich; bald hatte ich nichts, weder Waren noch Geld. Den Europaern mochte ich nicht dienen, ich lief zu den Volkerschaften des innern Landes, die zwar den Englandern Steuern entrichten, doch ihrer naheren Aufsicht entzogen sind. Mir wurde manche sonderbare Begebenheit, doch war mir das fremdartigste Ereignis, als ich meinen Schiffskameraden Thomas auf dem Nabobsthrone von Tipan fand; die schone Moham war seine Frau und die eigentliche Herrscherin des Landes; seine Prahlereien von der Kenntnis europaischer Kriegskunst hatten ihn zu dieser Wurde erhoben. Ich trat in seine Dienste und hoffte wenigstens Minister zu werden, aber statt dessen machte er mich zum Entenfanger; mit einem Schwimmgurtel angetan, den Kopf in einem grossen ausgehohlten Wasserkurbis versteckt, in welchem ein paar Locher fur die Augen geschnitten, musste ich den Fluss hinunterschwimmen; bald setzten sich wilde Enten auf den Kurbis, diese zog ich mit der Hand schnell hervorlangend unters Wasser; so brachte ich manches Dutzend nach Hause. Alle vier Wochen fiel es dem strengen Herrscher ein, mich zu sich kommen zu lassen, um Deutsch zu reden, bei welcher Gelegenheit er mir meinen sonstigen Hochmut oft vorruckte. Die Schonheit des Landes, der Uberfluss an edlen Lebensmitteln macht in jenen Gegenden manche Beschwerde ertraglich; der Umgang mit einigen Bussern, die am Ufer meines Flusses wie Biber sich angebaut hatten, machte mir diesen Zustand sogar angenehm; ich lernte von ihnen die Sanskritsprache, wahrend ich vom Entenfange ausruhete." "Wunderbar", unterbrach ihn hier der Furst, "wunderbar ist dieser Zug aller Deutschen in unserer Zeit nach dem Indischen; wie die Kirchen alle mit ihren Altaren nach Osten zu gerichtet sind, und daher oft gegen die Dorfer, zu denen sie gehoren, schief liegen, so denken alle an Indien, und lassen ihr Vaterland liegen, wie es will." GRAF: "Wer kann wissen, was uns daher noch kommt? Ich lebte wohl ein Jahr in jener Schule, ich fuhle, wie wenig ich noch begriffen und bin doch dankbar fur die Aufklarungen des hoheren Lebens. Damals storte mich ein unerwartetes Ereignis in meinen Forschungen. Thomas hatte allmahlich alle Arten seiner Pracht vor mir ausgebreitet, ich hatte alles kraft meiner sanskritanischen Weisheit verachtet; endlich sagte er mir, er habe doch etwas, das uber alle Weisheit erhaben, das Hochste der Welt sei: seine schone Frau; die musse ich einmal ganz ohne Schleier sehen. Vergebens stellte ich ihm vor, dass mir dies nach den Landesgesetzen bei Lebensstrafe nicht erlaubt sei; ich erzahlte vom Gyges, wie er den Candaulus wegen einer ahnlichen Prahlerei, nachdem die Frau diese Beschauung bemerkt, auf ihren Befehl habe umbringen mussen; er verstand aber Beispiele nur immer als sonderbare Geschichten, unterhielt sich damit, wandte sie aber weiter gar nicht auf sich an. Ich musste mich auf seinen Befehl in ein Nebenzimmer bei seinem Bade verstecken, und sollte durch die geoffnete Ture hineinblicken, wahrend er die Augen seiner Moham mit einem neuen Bilde, das an der andern Seite des Badezimmers befestigt, von mir abwenden wollte. In dem Zimmer, wo ich versteckt war, legte er seine furstlichen Kleider, Binde und Schwert ab. Ich ging wahrhaftig ohne bosen Willen in das Zimmer, aber die Schonheit der Moham, die sich vor meinen Augen allmahlich entschleierte, aber aus Zuchtigkeit selbst in der Einsamkeit mit ihrem Manne, in einem feinen Badehemde verhullet blieb, gab mir solche Verachtung gegen Thomas, dass ich sein furstliches Kleid, seine Binde und Schwert, leise anlegte, wahrend beide im Bade lustig platscherten, plotzlich in das Badezimmer trat und dem Thomas befahl, mein abgelegtes Fischerkleid anzuziehen und sich augenblicklich auf meinen Fluss zu begeben, um mir fur diesen Abend noch ein Dutzend wilder Enten zu bringen. Thomas wollte Einwendungen machen, aber er sah es meinem Schwerte an, dass ich zum Spasse zu ernsthaft gestimmt sei; er musste das Kleid anziehen. Draussen wollte er die Wachen zu seinem Schutze befehlen; da sie ihn aber in der Tracht mit mir verwechselten und strengen Befehl erhalten hatten, mich bei der geringsten Widersetzlichkeit hart zu zuchtigen, und aus dem Schlosse zu werfen, so geschah dies auch ihm. Ich war indessen mit der ohnmachtigen Moham beschaftigt; ich brachte sie zum Leben, und durch meine Kenntnis heiliger Spruche aus dem Sanskrit zum vollen Vertrauen zu mir. Noch denselben Abend erklarte sie mich zum Nabob, und Thomas brachte zu unserm Vermahlungsfeste ein Dutzend gefangener Enten; der Einfaltspinsel war bald mit seinem neuen Stande ganz zufrieden. Einige Jahre regierte ich nach Herzenslust, da nahm uns die Ostindische Compagnie die Herrschaft. Mit unsern Schatzen schifften wir nach Europa; das Gluck versohnte mich mit Ihnen, mein Furst."
Neuntes Kapitel
Der alte Graf P ... wird Minister. Tod des Fursten.
Regierung der Furstin
Wir wollen den alten Grafen von jetzt, wo er bald mit dem Grafen Karl in eine nahere Beruhrung kommt, durch seinen Dienst und Ehrentitel als Minister unterscheiden; er hatte die Stelle eines ersten Ministers nach vielen dringenden Bitten des Fursten angenommen; Leichtsinn hinderte ihn nicht mehr in dem ordentlichen Gebrauche seines hohen Talents fur das Geschaftsleben; er widmete sich ihm ganz. Nur ein Jahr dauerte dieses schone Zusammenleben und Zusammenwirken des Fursten mit dem Grafen, da wurde jener durch einen unerwarteten Schlagfluss hinweggerafft, und die Furstin ubernahm die Verwaltung ihres Landes im Namen ihres blodsinnigen Sohnes, der in gemeiner Ausschweifung Frankreich durchschwarmte. Der Minister beschloss erst sich ganz zuruckzuziehen; er bezog ein angenehmes Nebenhaus bei seinem verbrannten Palaste, und erwartete nicht, dass ihn die Furstin rufen wurde. Aber kaum hatte sie die Feierlichkeiten ihres Einzugs uberstanden, und die Auseinandersetzung seiner Geschaftsfuhrung durchlesen, als sie mit dem ihr eigenen Scharfsinne sein grosses Talent so ganz erkannte, dass sie sich zu der Aufopferung aller Empfindlichkeiten entschloss, und so dringend ihn zu sich forderte, dass er ihrer Einladung nicht widerstehen konnte. Er war sehr uberrascht, sie so durchaus in ihrer ganzen Schonheit erhalten zu finden, als ware diese Zeit nur ein schlimmer Tag der vor vierzehn Jahren verlebten; sie wusste ihre alte Vertraulichkeit so ganz herzustellen, dass er alle Geschafte gern ubernahm, und mit Hulfe ihres Geistes zu noch grosserer allgemeiner Zufriedenheit fortfuhren konnte. Er hatte sich von neuem in sie verliebt, aber sie mied diese Beruhrung; auch genugte es ihm bald nach den Geschaften dem Hofe ganz zu leben. Wirklich war auch ein liebenswurdigerer Hof kaum denkbar. Die Furstin hatte in der langen Entfernung von ihrem Lande, durch ihren in Kunsten gebildetern Sinn Leben und Freude kennen gelernt; sie unterschied jetzt mit Sicherheit den Kreis ihres eigenen Lebens von dem offentlichen, den ihr ein grosses Schicksal anvertraut hatte, und so storten beide einander niemals. Nie erschien eine Furstin, wo sie in einem offentlichen Geschafte begriffen, mit mehr Ansehen und Glanz; sie zog es vor, manches, was sonst nur unter wenigen Augen verhandelt wird, der Menge darzustellen; die Bestallung zu Amtern, der letzte Vortrag und die Beratung uber neue Einrichtungen, die Belohnung offentlicher Verdienste mit Ehrenzeichen waren neue Feierlichkeiten, an denen sich die Erwachsenen freuten, und welche die Kinder begeisterten; ihr Kunstsinn wusste durch Anordnung mit unendlich geringem Kostenaufwande die grossten Wirkungen hervorzubringen. Wer etwas Rechtes will, kann mit wenigem unendlich viel leisten; die ausgezeichneten Manner dienten ihr mehr fur Ehre als fur Lohn, und mehr fur die Annehmlichkeit ihres taglichen Umgangs als fur die Ehre. In den Gedanken der entfernten Menge, schwebte ein Bild von der Gluckseligkeit des Hoflebens, das leider so selten in der Nahe gefunden wird, das aber doch wohl verdiente einmal wieder dargestellt zu werden, wie es in der Ritterzeit wirklich vorhanden war, und dem sich der Hof der Furstin wenigstens naherte. Allem Glanze, aller Etikette wurde in der eigentlichen offentlichen Angelegenheit genugt; das Vergnugen des Hofes und seine Geselligkeit aber keinesweges dazu gerechnet; waren die Stande dort streng nach hergebrachten erworbenen Rechten und Ehren unterschieden, hier galt nur das gesellige Talent, und das Verhaltnis zur Gesellschaft durch Freundschaft und Wohlwollen; hier war die Furstin ganz menschlich, ganz eigentumlich sich selbst uberlassen, ihrer individuellen Neigung und Gunst. Doch fiel es keinem bei ihr ein, Begunstigungen des geselligen Umgangs auf offentliche Verhaltnisse zu ubertragen; wie ware es moglich gewesen, die heitre schone Furstin, zu der jeder in seinem taglichen Kleide, in Stiefeln, ohne Umstande, Abends den Eintritt begehren durfte, mit jener ernsten glanzenden Furstin zu verwechseln, wie sie in Geschaften erschien, wo jedes Wort bedacht, jede Annaherung abgemessen, jede Amtskleidung bestimmt war, wo jeder Eintretende von dem Oberhofmeister seine Bestimmung erhielt. Fremd war diese Einrichtung allerdings in der Gegend; die alten Frauen verwunderten sich ungemein, ihre Furstin mit Unadligen tanzen zu sehen. Auf ihre Vorstellungen, antwortete die Furstin: "Wenn ich tanze, muss ich doch Krone und Zepter ablegen, es wurde sonst sehr lacherlich lassen; ich tanze mit dem am liebsten, der am besten tanzt; sollte es nach dem Range gehen, so musste ich meinen alten General ins Grab, oder den Minister auf eine Woche zu allen Geschaften unbrauchbar tanzen." Die Annehmlichkeit des Hofes, die stete Erneuerung, die wechselnde Bekanntschaft und Aufmunterung von manchem Herrlichen, was in den geselligen Kreis eintrat, und dem offentlichen Verkehr verbunden nutzte, vernichtete bald den ersten Widerspruch. Eine Reise an diesen Hof war fur die umliegenden kleinen Hofe die hochste Belustigung; manche mieteten in der kleinen Residenzstadt Hauser, und bauten sich an; ein kunstliches Bad, das dort angelegt war, musste zum Vorwande dieser Reisen dienen; ein lebendiges Schauspiel, nicht bloss von Besoldeten, sondern auch von Liebhabern getrieben, zog andere Fremde herbei; in kurzer Zeit waren die Verheerungen des Krieges ganz vergessen, das ganze Stadtchen wohlhabender als je, Zweige der eignen Industrie schnell entwickelt, die sonst viele Jahre vergeblich aufgemuntert worden; ja es zeigte sich bald ein eigentumlich heitrer mitteilender Geist unter allen Bewohnern, eine reiche allgemeinere Sprache durch alle Klassen, ein freies schoneres Ansehen, das sie von allen Nachbaren unterschied. Die alteren Leute fanden sich von dem Drange zum Bessern ohne ihr Wissen und Wollen selbst verwandelt, kamen dann wohl selbst zur Furstin, und fragten sie, wie es moglich gewesen, dass sie und der ganze Hof sich sonst an langen Mittagsmahlzeiten an verschiedenen Tafeln gequalt, sich mit dem Minister uber sein grosses Haus entzweit, mit der alten furstlichen Tante wegen eines zu spaten Eintreffens bei der Cour erzurnt hatten. Die Furstin musste dann uber sich selbst lachen; sie konnte sich selbst nicht begreifen, und bat den Minister scherzend, er mochte sich doch jetzt wieder ein recht schones Haus bauen, es wurde ihr keinen Arger mehr machen. Wie glucklich konnten kleinere Staaten sein, wenn es keine grosseren gabe!
Doch traten jetzt uber Europa grossere Staatsbewegungen ein, die eben so die vieljahrigen Bemuhungen kleinerer Fursten durch eine bloss zufallige Zwischenwendung verstorten, wie die Haushaltungen einzelner Menschen. Die Furstin fuhlte sich in diesen Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit zu schwach, ihrem Volkchen bei den eindringenden kolossalen Massen eine feste Richtung zu geben, eben so unwurdig schien es aber ihrer festen Natur, sich und die Ihren jeder neuen ubermachtigen Willkur hinzugeben, sie meinte den Geschaften entsagen zu mussen, die sie nicht mehr mit Lust und Uberzeugung verwalten konnte. Der Minister musste aus Freundschaft zu ihr, alle Geschafte allein ubernehmen, nur in ganz bedeutenden Fallen wollte sie zugezogen sein. In dieser teilnehmenden Ruhe gewann der Gram uber manche vereitelte wohltatige Absicht solchen Einfluss auf ihren unter Geschaften sonst unveranderlichen Geist, dass alle ihre Umgebungen in der Sorge fur ihr Leben, jede andre vergassen, und sich beeiferten durch allerlei sinnreiche Erfindungen ihrer Laune Abwechselung zu verschaffen. Aber bald sind diese Mittel erschopft, wo der Leidende nicht selbst daran mitarbeitet; die Furstin suchte in allem Nahrung ihrer Trauer; die schauerlichsten Lieder waren die einzigen, die sie anhoren mochte, und sie selbst, die sonst nur Scherze zu den Maskenspielen des Hofes auszudenken gewohnt war, vertiefte sich jetzt in allerlei Dichtungen, denen die meisten, welche nicht ihre Art und die Beziehung naher kannten, heimlich den Titel der Unsinnigkeit beilegten, die um so gefahrlicher sei, da sie anstekkend ware, und schon in der Stadt eine Menge junger Leute ergriffen habe. Wir wissen, was es mit dieser Verdammung der meisten Leute zu sagen hat, die jedes Gedicht mit dem Verdrusse in die Hand nehmen, dass es ihnen Zeit koste es auszulesen, und nun sogar zum Begreifen einer nicht alltaglichen Idee aufgefordert werden. Eines Tages fiel auch dem Minister eines ihrer Lieder in die Hande, das ihn sehr nachdenkend machte, und woraus wir ein paar Strophen hier mitteilen wollen.
Luftfahrt
Dein Haupt leg nach Morgen,
So fliehen die Sorgen
Und schimmernde Traume
Zu kommen nicht saumen,
Durchstrahlen die Locken
Von Luft umwallt,
Von Voglein schallt
Ein himmlisches Locken.
1.
"Es tragen dich Flugel
Vom schwellenden Hugel,
Und alles ist offen,
Du schauest betroffen
Unendliche Blaue,
Voll Freundlichkeit,
Voll Zartlichkeit
Die Erde im Maie.
Hoch uber dem Blauen,
Da hast du zu schauen,
Der Sterne Gestalten
In Kreisen da walten;
Erst wandelt mit Schrecken
Der Lowe wild,
Die Jungfrau mild
Will zartlich dich necken.
Von Sternen strahlt nieder,
Was kraftig und bieder,
Es doppeln die Heere
Sich spiegelnd im Meere,
Sie schreiten, sie ziehen
Voll Gottlichkeit;
Zum hochsten Streit
Die Schwerter ergluhen.
Nach Ruhme sie werben
Und konnen nicht sterben,
Im ew'gen Gesunden
Verschwinden die Wunden;
Sie wunschen sich wieder
Die Sterblichkeit,
Zur Menschlichkeit
Sie sinken hernieder.
In ganzen Geschlechtern
Von stattlichen Fechtern
Verbluten die Gotter
Wie tosende Wetter;
Die Erde versinket,
In Blutes Flut,
Des Mutes Glut
In Jammer ertrinket."
2.
"Die Blumen dich wecken,
Die erst dich bedecken,
Mit frohlichem Regen
Sich alle bewegen;
Gebadet im Taue
Gestahlt die Brust,
Mit neuer Lust
Nun Mensch dich schaue.
Was trittst du auf Sklaven,
Gleich gluhenden Laven,
Sie scheinen zu kriechen,
Verzehrend doch siegen;
Was willst du dich kranzen
Mit Bruderblut,
Nein, tue gut,
Die Sonne lass glanzen.
Wie willst du entscheiden,
Was dunkel bei beiden,
Steh dir nicht im Lichten,
Ein andrer wird richten;
Dir singet der Hirte:
O Lorbeerblatt,
Wie bist du platt,
Wie zierlich ist Myrte.
Ich gruss euch, ihr Myrten,
Ach Freunde, wir irrten,
Uns waren die Welten
Zu enge zum Schelten;
Die Ecke der Laube
Voll Dusterkeit
Ist uberweit
Der girrenden Taube.
Ihr frohlichen Seelen,
Euch will ich erwahlen,
Die uber das Leben
Mit Flugeln entschweben,
Ich mocht euch erdrucken
Mit sussem Kuss,
Ich will, ich muss,
Ich kann euch beglucken."
Zehntes Kapitel
Der Kammerjunker, die Mamsell, der Primaner
mussen Italien besingen
Der Minister schuttelte mit dem Kopfe, nachdem er das Lied gelesen. "Sonderbar", sagte er, "dass sich der Unsinn so leicht behalt, wahrend ich das Sinnvollste gleich vergesse, ich weiss das ganze Wortgequale beim ersten Lesen auswendig; zwar verstehe ich wohl, was es sagen will: sie erhebt sich aus dem Drucke der Zeit in die hoheren Regionen, und gewinnt dort Kraft, um zu einem heiligen Kriege zuruckzukehren, das Kriegerische erscheint ihr dann leer, und die Liebe begluckend; aber warum ist das nicht kurz vorgetragen, wie ich es eben getan habe; und darin finde ich einen Hauptmoment der Schwermut, zu dem Nachsten erst durch die entferntesten Umschweife gelangen zu konnen, da muss sich die Rede bald zwischen mehreren Personen, bald durch wunderliche Reime zerspalten; ein verstandiger Mensch bleibt lieber sich selbst eins und ganz." Zufallig machte ihm in dieser Stunde ein Kammerjunker die Aufwartung, der mit seinen Versen dem ganzen Hof genug zu lesen gab; er sagte ihm, dass er furchtete, die wurdige Furstin mochte in unheilbare Schwermut versinken, weil sie sich ewig bemuhe, in dem unendlich tiefen Strudel der Zeit den Grund zu sehen; sie musse ernsthaft beraten werden, Luft und Lebensweise zu verwandeln, von ihren Gewohnheiten, freudigen und traurigen, gleich weit entruckt, und da ware Italien ihr wohl besonders anzuraten, dies Land vermochte allein die Verwandlung und entschadige fur alles Mogliche, selbst fur manches Unmogliche die poetischen Gemuter. Lachelnd sah er hier den Kammerjunker an, und fuhr nach einer Pause langsam fort: "Mignons herrlicher Gesang ware vielleicht das Wirksamste, sie dazu anzumahnen, aber sie kennt ihn lange und zu einem neuen Entschlusse gehort eine neue Einwirkung; schon habe ich mit meinem Rate vorgearbeitet, doch hat sie nicht gern, wenn ihr ein andrer mit einer Erfindung uber sich zuvor eilt; konnen Sie vielleicht durch ein angemessenes Spiel diesen Reisegedanken in ihr festsetzen?" Der junge Mann fand sich durch den Auftrag geehrt; insbesondere freute er sich, dass er seiner Sehnsucht nach Italien in der Art der meisten jungen Leute schon heimlich in Worten Luft gemacht hatte, also keiner pflichtmassigen Ausarbeitung dazu bedurfte; er versprach, am Abend ein Gedicht seiner Erfindung ihm zu uberbringen und es mit einer geschickten jungen Tanzerin aufzufuhren. Er hielt Wort, war aber befremdet, bei dem Minister einen Nebenbuhler in der Verskunst, einen Primaner der Stadtschule zu finden, dessen Fischkopf sehr wunderlich zu seinen feurigen Gedichten aussah; leicht entlockte er ihm durch Fragen, dass er in gleichen Auftragen wie er selbst sich dort eingefunden habe. "Der Minister kann es doch nicht lassen", sagte er in sich, "wo er die Kunst zu beschutzen scheint, geschieht es doch nur, um die Kunstler zu verspotten; mich mit dem fischkopfigen Burschen in einen Wettstreit zu bringen! Hatte ich das vorausgewusst, wenigstens hatte ich meine letzten Strophen mehr auszufeilen gesucht." Mit angenehmer freier Beweglichkeit trat bald auch eine Mamsell in etwas schmutziger hangender, weichfaltiger Kleidung herein, wenig verwachsen, aber um so kunstlicher bemuht dies wenige zu verstecken; ihr Gesicht hatte angenehm sein konnen, ware es nicht beim Sprechen in Gefahr gewesen von dem grossen Munde verschluckt zu werden. Die ministerielle Anerkennung ihres Dichtertalents hatte sie heute ausser Fassung gesetzt; sie platzte gleich mit ihrem Auftrage heraus, ohne zu ahnden, dass sie zwei Mitbewerber ihres Ruhmes dort vorgefunden. Sehr unbefangen bat sie der Kammerjunker die liebliche Eingebung ihrer Muse vorzulesen; die Mamsell liess sich auch nicht lange bitten:
Lieg ich in der Freundin Armen,
Weine und nicht weiss warum,
Sie ist traurig, ich bin stumm,
Bis die Lippen mir erwarmen,
Ach dann schwebt es auf der Zunge,
Ware ich doch nur ein Junge!
Ware ich doch nur ein Junge,
Gingen wir in weite Welt,
Treulich waren wir gesellt,
Hielten uns noch fest umschlungen,
Wenn sich an der Welten Ende,
Mein Italien einst fande.
Wenn ich mein Italien fande,
Hohlten wir ein kleines Haus
Uns in Herkulanum aus,
Wo die schon bemalten Wande;
Wie die Schwalben in dem Sande
Bauten wir uns an im Lande.
Bauten wir uns an im Lande,
Steckten manches Flugelkind
In das Korbchen schnell geschwind,
Und verkauften's ohne Schande;
Leutchen, wer kauft Liebesgotter,
Ach es ist so liebreich Wetter.
Ach es ist so liebreich Wetter,
Kauft, ihr Madchen jung und schon!
Eine kommt sie anzusehen,
Spricht: "Das sind die Liebesgotter?"
Ei bewahre, das sind Tauben,
Eine nur gehort zum Glauben.
Eine, die gehort zum Glauben,
Doch die Liebe alle braucht,
Und zum Boten jede taugt,
Lasst sich nicht ihr Brieflein rauben,
Als wo sie den Liebsten wittert,
Der sie oft mit Zucker futtert.
"Sehr richtig", sagte der Kammerjunker, "die orientalischen Liebestauben mussen mit Zuckerkandis gefuttert werden." "Sie haben das Gedicht nach dem alten Gemalde verfertigt, wo eine Frau Liebesgotter wie Tauben an den Flugeln zum Verkauf aus dem Korbe hebt und vorzeigt", meinte neidisch der Fischkopf. "Es ist ganz eigen mir", sagte sie, "alles wird bei mir zum Bilde und jedes Bild zum Gedichte." "Ei", sagte der Minister mit seinem tiefen Basse zwischenredend, nachdem er lange an der offenen Seitenture gestanden, "dass Ihnen Ihr Gedicht nur nicht zur Wahrheit wird und Sie, mein schones Kind zum Jungen, oder Ihre Nachtigallen, die ich heute noch bewundert habe, zu lauter kleinen Kindern." "Immerhin", antwortete sie, "ich habe mir stets Kinder gewunscht, wenn ich nur nicht deswegen zu heiraten brauchte; ich bin bei meiner Schwester an Kindergeschwatz so gewohnt, dass ich es jetzt sehr vermisse; in jeder flusternden Welle glaub ich's zu horen." Der Primaner raunte hier dem Kammerjunker ziemlich ungeschliffen ins Ohr: "Hat sie uns wohl je so was Schones horen lassen; sie setzt sich dem Minister zu Ehren auf ihr Paradepferd." "Es ist etwas unsicher", antwortete der Kammerjunker, "denn Wasser hat keine Balken." Der Minister sagte unterdessen mit einer Miene, die wenigstens eine Liebeserklarung andeutete: "Zur Kinderzucht gehort sehr viel lastige Reinlichkeit, wie zur Liebe." Ohne alle Verlegenheit antwortete sie, die Mutter hatte kein Herz, die nicht selbst den Schmutz ihrer Kinder lieb hatte. MINISTER: "Sie haben wohl viel Kinder?" MAMSELL: "Ausser meinen poetischen nur meine Tauben, deren Eier ich oft an meinem Busen ausbrute." Bei diesen Worten tat der Minister, als wenn er sie vaterlich umarmen wollte, druckte sie aber so fest an sich, dass die Eier, die sie an ihrem Busen gerade ausbrutete, krachend zerplatzten. Lachend uber den goldnen Strom, der ihrem Herzen entquoll, stand rings die poetische Gesellschaft, und dachte uber die Ursache nach; Mamsell vergab dem Minister fur den vollwichtigen Kuss den bethlehemitischen Kindermord. Sie reinigte sich sehr leicht, und das Gesprach wendete sich naturlich wieder zu den verschiedenen Sehnsuchten nach Italien. Der Kammerjunker hatte zwar etwas mehr Zutrauen gewonnen zu seinem Gedichte seit diesem Ruhrei, doch furchtete er noch den Fischkopfigen. Der Primaner musste voran lesen; er tat es mit zitternder Heftigkeit, unterdruckt vorschreiend:
Ausbildung
Das Kind
Sternlein des Abends am Leuchtturm der Hohen,
Willst du im Kreise ewig uns drehen,
Keiner erblicket, wo du gegangen,
Warum von Abend nach Morgen verlangen?
Lieber in Blitzen mocht ich erblinden,
Als in den tauenden Wolken verschwinden,
Hinter den Wolken harrend zu stehen,
Ist nur ein langsam verzweifelnd Vergehen.
Der Abendstern
Kindlein, ich leuchte dir nicht alleine,
Komm in des Sudens himmlische reine
Immer verklarte, verklarende Lufte,
Nimmer bestehn da umnebelnde Dufte.
Sonnendurchstrahlet mussen sie sinken,
Schoner in gluhenden Fruchten zu winken,
Bilden sie weichlich das Bette der Sonne,
Immer sich opfernd, sich ehrend in Wonne.
Ich nur bestehe den Menschen zum Zeichen,
Flugel den Armen unfuhlbar zu reichen,
Wert ist das Gluck nur der menschlichen Muhe,
Genius bin ich der ahndenden Fruhe.
Will sich der Warme feuriger Regen
Abends und Morgens auf Ferne hinlegen,
Warum verschmachten danach und erfrieren?
Lass dich zur goldenen Ferne hinfuhren.
Schuldlose Herzen trauen der Ferne,
Nimmer veralten ihnen die Sterne,
Warnen heut, lacheln dann morgen auch wieder,
Abend und Morgen sind himmlische Bruder.
Ja ich komm wieder! Schwankt dann der Boden,
Fangen die Netze des Dunkels den Oden;
Siehe nach mir, denn wisse, mein Flugel
Wecket dich auf an dem Romischen Hugel.
Das Kind
Ja das ist Roma, selber die Trummer
Fugen sich wieder zum herrlichen Schimmer,
Lasset die Erde taumelnd nur schwanken,
Tragt sie mein Gluck doch und meine Gedanken.
Schimmern die Tempel bei Kirchen so dichte,
Himmlische Wuste umschliesset sie lichte,
Langsam die Tiber, Sehnsucht im Blicke,
Fliesst sie zum Meere und wunscht sich zurucke.
Bin ich geworden, bin ich vollkommen,
Gestern ein Kindlein, bang und beklommen;
Heut in Italien findet mein Sehnen
Endlich des Busens hochherrliches Dehnen.
Ist dies die Heimat? Ist dies die Fremde?
Wie ist es kommen, dass ich mich gramte?
Schwimmen die Apfel nicht golden im Bache,
Wenn ich erinnernd und hoffend erwache.
Wisst, wo die frohlichen Madchen noch hausen,
Nimmer die Sturme des Nordens einbrausen,
Merkt, dass Italien die schwimmende Insel,
Fliehend das sturmische Menschengewinsel.
Lachet ihr Madchen, sehet, sie weilet,
Nicht mit dem Morgenrot wieder zerteilet,
Alle Erinn'rung im Schilfe da rauschet,
Alles Ersinnen im Atem sich tauschet.
Sehet, auf tausend hellstromenden Wellen
Herrliche Freunde zu uns sich gesellen
Und in dem blumigen Meere der Wiesen
Lasset die Stimmen tauchen und fliessen.
Saget, was sind das fur heil'ge neun Schwestern,
Ferne auf Sternen erblickt ich sie gestern,
Kommen mit Masken und Floten und Leiern,
Jeglichen Morgen Italiens zu feiern?
Der Morgenstern
Musensohn, kennest du noch nicht die Musen,
Fuhlst du nicht Liebe zu ihnen im Busen,
Fuhlst du nicht Pochen im innersten Herzen,
Und auf den Lippen ein zartliches Scherzen?
Nur im Genusse kannst du dich bilden,
Und nur die Armut machet den Wilden,
Alles ist nahe, was zu erstreben,
Was unerreichbar, lass es verschweben.
Nach einigem pflichtmassigen Lobe sprach der Minister: "Nicht wahr mein junger Freund, Sie suchen eine Gelegenheit nach Italien zu reisen; sie meinen, da soll auf einmal das Dichten ganz anders gehen, da soll kein Reim fehlen, keine Silbe zu lang sein. Ich glaube, Sie irren sich darin; der Dichter muss mit seiner Nation, in seiner Sprache leben, denn wenn er auch vollendeter in sich wurde, so fehlte ihm doch das Organ der Mitteilung." DER PRIMANER: "Sollte der Dichter wegen seines Geschicks von der ubrigen Welt ausgeschlossen sein, er ware sehr zu bedauern und sein Volk konnte ihm nie etwas sein, wenn er uber eine schonere Natur dessen eigentumliche Herrlichkeit vergasse. Nimmermehr! als ich von meiner ersten Fussreise aus dem Entzucken uber die nie ersehenen Berge zuruckkam, da rief es doch tief in mir: die Natur ist doch uberall nur schlecht gegen das gottliche Menschengeschlecht doch wenn Ihre Exzellenz befehlen." "Nun, nun", sagte der Minister, "ich will Ihre Anschauung nicht storen, ich habe darin nichts zu befehlen; ich danke fur Ihre Bemuhung, das Gedicht soll besorgt werden." Bei diesen Worten entliess er ihn; der arme Primaner, wie gerne ware er geblieben, um noch die Wirkung seines Gedichts zu sehen; die Mamsell blieb, ungeachtet sie auch entlassen war, und der Minister nahm sie und den Kammerjunker an dem Arm, mit beiden zur Furstin zu fahren. "Ich bin kein Kenner von Gedichten, werter Freund", sagte der Minister, "ich achte nur auf eine Stimme daruber, auf die allgemeine, wer die gewinnt, hat meine Achtung; ob er darum gut zu nennen, liegt ausser meinem Kreise, mir ist alle Poesie zu nichts gut; doch bei der Furstin tragen Sie dort Ihr Gedicht nach bester Geschicklichkeit vor." "Liebenswurdiger Barbar", sagte die Mamsell. MINISTER: "Ich habe keinen Grund mich zu verstellen; nehme ich es doch auch keinem andern ubel, der sich nach einem glucklichern, einfachern bestimmtern Ausdruck in Gesetzen und Anordnungen nicht mit gleichem Eifer wie ich bestrebt; warum gabe es wohl Dachshunde und Windhunde, wenn wir die Windhunde zum Dachsgraben uns abzurichten bemuhten." Unter solchen Gesprachen donnerten sie in den Schlosshof hinein; die hohen Treppen, die weiten kuhlen Sale wurden gemachlich von dem Minister durchschritten; er hatte etwas Spottisches, wenn er die Lakaien so aufgeputzt an den Turen sah, gleichsam als wusste er etwas mehr von der Sache, und das unterschied ihn besonders von dem Kammerjunker, dem alles noch immer den ersten Eindruck von feierlicher Beklommenheit machte. Die Mamsell fing aus Verlegenheit ein unglaubliches Schwatzen zu treiben an; alles was sie je gesagt, drangte sich zu dieser Hauptbegebenheit, und wollte auch mit am Hofe erscheinen. Die Flugel offneten sich, die Furstin stand vorleuchtend in einem sehr glanzenden Kreise zweier reisenden Furstinnen; der Minister hatte nichts von deren Ankunft gehort, er dachte die Furstin bloss in Gesellschaft der Ihren zu treffen. Doch ohne eine Miene zu verziehen, stellte er die Dichterin trotz ihrer schwarzen Schleppe und losen Kleidung mit Eiergelb gestickt, der Furstin vor, und entschuldigte diese Uniform mit seiner Ungeschicklichkeit, indem er die Geschichte erzahlte; es wurde mit so guter Art gelacht, dass die Mamsell ihr furchterliches Schwatzen glucklich fortsetzen konnte. Man bewunderte ihren Verstand, und lachte; man horte das Gedicht, und lachte; kurz die altesten Hofleute wussten sich keines so lustigen Abends zu erinnern. Unterdessen hatte der Kammerjunker auch seine Anstalten zur Darstellung seiner italienischen Sehnsucht gemacht; ein junges, sehr schones kleines Madchen war italienisch angezogen, er selbst wie ein Kunstler alter Zeit; er hatte Meissel und ahnliches Gerat in der Hand; sie schlief unter einem Tamburin auf einem bunten Beutel, der die ganze Hauswirtschaft zu enthalten schien; sein dabei abgesungenes Lied wird alles, was sie auffuhrten, naher erklaren.
Die Tamburinschlagerin
Wie Fliegen summt herum mein Sinn
Und wiegt sich leicht auf Halmen,
Als wollt er sie zermalmen
Und Lachen spielt mir ubers Kinn.
Ich tat, als zog ich fort von ihr,
Den Hut beschatten Rosen,
So trat ich zu der Losen
Und sprach: "Ich ziehe fort von hier.
Mich zieht, mich treibt, ich weiss nicht was,
In allen meinen Adern;
Ich fuhl ein stockend Hadern,
Ha, fuhlt den Puls, die Wangen blass.
Nach Welschland schweift mein feiner Sinn,
Ich bin von Luft getragen,
Die Wolken ziehn den Wagen,
Es rollet laut mein Sinn darin.
Hinab, hinab im Tranenstrom
Zerfliessen meine Augen,
Was konnen sie mir taugen,
Wenn sie nicht sehn das hohe Rom."
Sie sah mich an aus losem Schlaf
Misst mich mit grossen Augen,
Muss in die Handchen hauchen,
Um klar zu sehn, was mich betraf.
Dann springt sie von der Rasenbank
Gar leicht auf meinen Rucken,
Ich will mich boshaft bucken,
Doch sie mir nicht vom Rucken sank.
Sie singt mit hellem, hellem Ton:
"So wandern wir nun alle
Im hellen Morgenschalle
Zu unsres Papstes goldnem Thron.
Ich kusse sein Pantoffelein,
Er bittet mich um Kusse,
Damit er sicher wisse,
Ob ich auch eine Christin rein.
Wohlauf, wohlan mein Pegasus,
Ich will dich schon umfassen,
Sollst mich nicht fallen lassen,
Nach Rom ich heut noch reiten muss.
Es flieget neben uns die Welt,
Die Walder untertauchen,
Von Flammen bunt sie rauchen,
Als war es heut fur uns bestellt."
Sie singet wie das Morgenblau
Aus allen tausend Orten,
Sie weiss von keinen Worten,
Doch spricht zu ihr die bunte Au.
Uns hebt aus Sud ein susser Duft
Verspielt in ihren Haaren,
Und aller Traume Scharen,
Sie kommen mit der neuen Luft.
Der Wald ist frei, der Abend mein,
Leg dich ins Gras ganz schnelle
Ein Brunnlein rieselt helle,
Der Mond sieht sich so froh darein.
Sie legt das Kopfchen in die Hand,
Den bunten Beutel unter,
Das Tamburin gar munter
Ist Helm dem Schelm mit Schellenrand.
Hoch aus der Schellen hellem Blitz
Sich drangt der Locken Fulle,
Der Blumen heil'ge Stille
Bewacht sie auf dem sel'gen Sitz.
Da ist, da ist Italia,
Ich fuhl im Marmorbilde,
Die Wangen weich und milde,
Mein Liebchen ist Italia.
Eilftes Kapitel
Abreise der Furstin nach Italien. Der Primaner wird
ihr Schreiber
Die kleine Tanzerin, die das Gedicht so artig mit schoner Bewegung und Stellung begleitete, hatte auch dessen Wirkung bestimmt; vielleicht ware es sonst wie alle ubrigen vorgelesen und vergessen worden. Der Minister bemerkte die allgemeine Heiterkeit, die es verbreitet hatte, und sagte dem Kammerjunker einen sehr wohlbestimmten Dank. Seine artige Erfindung wurde zur Veranlassung, dass die beiden reisenden Furstinnen ihr Herz uber Italien ausschutteten; sie kannten es, und hatten es in mehreren seiner Hauptorte und Gegenden, so weit es Frauen vergonnt, genossen; sie beschrieben die Luft so ungemein hell, die Jahreszeiten so sanft verschmolzen in einander, die Peterskirche so glanzend, den Vesuv so spruhend; sie ermunterten die Furstin so beredt zur Reise, der Minister fugte so wohl gedachte Grunde hinzu, erzahlte von seinen beiden Tochtern in der schonsten Gegend Siziliens, die es sich zur Pflicht machen wurden, die Furstin zu erheitern, dass der ganze Reiseplan noch denselben Abend entworfen und genehmigt wurde. Den Regierenden ist es so leicht, uber die gewohnlichen Beschwerlichkeiten solcher Unternehmungen hinwegzukommen, dass sie in solchen Planen gewohnlich viel bestimmter auf die Ausfuhrung rechnen konnen: so wurde Tag und Stunde der Ruckkehr ausgerechnet und die ganze Gesellschaft dazu eingeladen. Mancherlei Hoffnungen und Kabalen der Hofleute, wer die Furstin begleiten sollte, zerschnitt sie, indem sie niemand zu ihrer Gesellschaft, nur wenige zur Bedienung mit sich zu nehmen beschloss, um sich ganz in die fremde Welt einlassen zu mussen. Den fischkopfigen Primaner nahm sie auf Empfehlung des Ministers als Schreiber in ihre Dienste, dem Kammerjunker und der Mamsell schenkte sie Ringe fur ihre Bemuhung, beide schienen nicht sehr zufrieden. Einige Stunden der Nacht reichten hin dem Minister die notigen Vollmachten, Anordnungen und Plane einzuhandigen; die Schreiber hatten eine angestrengte Nacht. Als die Burger ihre Laden offneten, rollte die Furstin in einem leichten Reisewagen durch die Gassen, ihre Kammerfrau neben ihr, ein Jager und der Schreiber auf einem hinten angebrachten bequemen Sitze, der zugleich den Koffer sicherte; sie selbst hatte ein paar Muskedonner zu ihrer Verteidigung im Wagen anbringen lassen. Viele verdriessliche Gesichter sahen dem Wagen aus dem Schlosse nach, die armen Leute, die eben zur Arbeit gingen, beneideten das Gluck jener, ruhig vor der Tur stehen zu konnen; wer ist mit seinem Verhaltnisse ganz zufrieden? Niemand als ein Narr, denn einen Weisen, der das sagen konnte, hat noch niemand gefunden.
Wir wunschten, die Furstin hatte vor dem Antritte ihrer Reise eine Unterredung gehort, die ich einmal zwischen einem Ausreisenden und einem Heimkehrenden belauscht habe.
Reisefluch
Der Heimkehrende
Ach was treibt der Erde Sohne
Sich zu suchen ferne Leiden?
Grussen uns die schonsten Tone,
Klagen sie ihr schnelles Scheiden,
Und es schliesset eine Stille
Unsrer Hoffnung reiche Fulle.
Der Ausreisende
In der Fremde stehen Tische,
Jungfrauen schwingen Rosenketten,
Lieblich wehet da die Frische,
Und wer mocht sich da nicht betten,
Und wer bliebe wohl zu Hause
Von dem festlich hohen Schmause?
Der Heimkehrende
All ihr Wandrer, bleibt zu Hause,
Denn ihr sucht, was nicht zu finden,
Denn die Rose welkt beim Schmause
Und die Dornen euch umwinden,
Und zerreisst ihr nicht die andern,
Musst ihr selbst zerrissen wandern.
Der Ausreisende
Dennoch treibt's mich zu den Bergen,
Aus der gleichen breiten Flache,
Mich der Sonne zu verbergen
Und zu sehn den Quell der Bache,
Und den Demant aufzufinden,
Der so selten in den Grunden.
Der Heimkehrende
Dort erstarrt der Liebe Atem,
Demant wird die flussige Quelle,
Meinst du dann, du hast's erraten,
Wo des Demanthauses Schwelle,
Kommst vom Berge mit dem Eise,
Es zerschmilzt in Tranen leise.
Moge der Leser mit diesem Gefuhle die Sinnbilder beschauen, welche beide Titel dieses Buches bezeichnen. Die Reiseansichten der Furstin wurden vielleicht mehr Reiz haben, als diese ernsten Betrachtungen, sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern auf Thronen sehr selten und immer nur das Notwendigste; sie sah mit Lust und Aufmerksamkeit, aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft, nur ein Gesprach konnte sie zur Ausfuhrlichkeit bringen. Von ihrem ersten Eintritte in Italien hatte sie den beiden Furstinnen etwas Schriftliches versprochen; der Brief wurde aber sehr kurz: sie erklarte darin, dass es eben das Herrlichste an ganz Italien sei, dass sich nichts davon eigentlich mit Absicht beschreiben lasse; die Reisebeschreiber jenes Landes, die man bis dahin als sehr lebendig bewundert, selbst die Dichter scheinen dort ganz toricht, entweder zerfallen ihre Worte in lauter Flittern, die aufeinander gehauft sind und keinen Uberblick gestatten, oder sie werden so steif und armlich, als hatten sie statt des Landes eine plastische Landkarte, wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt werden, vor Augen gehabt. "Nur eure mundliche Erzahlungen von schoner Warme belebt, fallen mir hier zuweilen ein." So schloss ihr Brief. Je mehr sie der gottlich verjungenden Milde des Landes genoss, desto wunderlicher drangte sie das Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele, in der das Vorubergehende einen Widerschein gebe, sie wunschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der Tochter des Grafen zu finden; darum eilte sie nach Sizilien, ungeachtet der Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte; sein Tagebuch forderte beinahe schon einen Beiwagen. Es ist unmoglich, ergebener zu sein, als ihr dieser gute Junge anhing, jedes freundliche Wort, das sie ihm schenkte, lebte eine Ewigkeit in seinem Gedachtnisse; ihr reicher Geist wirkte ohne Absicht auf seine Ausbildung, doch mussen wir eingestehen, dass sie ihrem Alter zum Trotz so wohlerhalten frisch war, dass auch ihre Schonheit einigen Einfluss auf ihn haben mochte.
Zwolftes Kapitel
Ankunft der Furstin und ihres Schreibers bei der
Herzogin
Die Furstin uberraschte die Herzogin in der Mitte ihrer Beschaftigungen, und fand sich dadurch etwas beleidigt, dass sie in der regelmassigen Ordnung ihres Lebens sich durch ihre Ankunft in nichts storen liess, vielmehr in ihrer Gegenwart eine Menge harrender Leute abfertigte. "Nein", sagte die Furstin in sich, "so kalt anteillos, bloss mit dem Allgemeinen beschaftigt, soll meine Freundin nicht sein", und liess sich zu der Grafin fuhren. Die Grafin empfing sie sehr lebendig, freute sich ihrer daurenden Unveranderlichkeit; die Furstin meinte schon, ihre ideelle Freundschaft auf ewig geknupft zu haben, aber die Kinder schrien und tobten immer dazwischen, und die Grafin verliess sie um keinen Preis. Sie wollte mit ihr uber Musik und Kunstwerke sprechen, aber das wenige, was Dolores sonst davon gewusst, hatte sie uber das Abc lernender Kinder ganz vergessen. Die Furstin langeweilte sich. Endlich trat der Graf herein, heimkehrend von einer kleinen kriegerischen Unternehmung gegen Raubgesindel, frisch und frohlich, wenn gleich uber zwolf Jahre alter, als zu der Zeit, wo er Dolores gewonnen, aber durch die neuen lebendigen Tatigkeiten reichlich ausgebildet, gewandter, beredter, mitteilender und unternehmender. Die Furstin fuhlte eine besondre Angst bei seinem Anblicke, niemand war ihr je so herrlich erschienen, und dabei fuhlte sie den Wunsch, ihm recht zu gefallen; ihr furstlicher Stolz verliess sie ganz. Die Bilder von Freundinnen verwandelten sich in einen Freund; sie fand das ihrer ganzen Natur angemessener, die sich nie mit den Weibern zu langerem Umgange einlassen konnte; an Liebe dachte sie nicht entfernt. Der Graf hatte eine Freude von ihr uber politische Ereignisse das wahre Gediegene zu horen; ihre Urteile uber Kunstwerke stimmten mit seinem Gefuhle und er sagte es ihr offen, dass sie seinen hauslichen Kreis durch ihre Gegenwart hoch beglucken werde. Die Grafin freute sich uber den Beifall, den ihr Mann der Furstin schenkte, sie kannte ihn, dass er nie schmeichle und dass er gegen manche Frauen sehr strenge gewesen, die ihr recht wohl gefallen. Die Furstin schloss sich jetzt der Grafin und den Kindern viel mehr an, sie wusste selbst nicht warum; die Kinder hatten alle zu ihr ein machtiges Zutrauen, und erzahlten ihr kleine Marchen, von denen Sizilien sehr voll ist. Der Graf brachte sizilianische Sanger, von denen die Furstin mit geubtem Ohre manches erlernte. Der erste Vormittag verging so schnell wie die nachsten Tage, wo die Furstin sich in einem Flugel des Schlosses vollkommen eingerichtet hatte.
Der Schreiber argerte sich uber dieses ruhige Leben im Schlosse, mehr aber, weil ihn die Furstin uber den Grafen ganz vergessen zu haben schien; sein Tagebuch sah sie nicht weiter an, auch war hier weniger Eigentumliches zu bemerken, weil der Graf und die Herzogin manches Deutsche hieher ubertragen hatten. Die Grafin und die Herzogin genossen erst recht des Umgangs vom Grafen, seit die Furstin in ihrer Mitte wohnte; beide gaben ihm sonst nur im praktischen Geschafte Gelegenheit, seine Talente zu entwickeln; seine Freude an Kunsten aller Art verschloss er bisher unwillkurlich in sich, weil er seinen Geschmack den Gesellschaften nie aufdrang, sondern fast immer die Unterhaltung nach der Sinnesart der andern einzurichten bemuht war. Eifersuchtig konnte die Grafin auf die Furstin nicht werden, denn sie ehrte sie wie eine Mutter, die sie auch sein konnte, auch hatte sie ein unwandelbares Zutrauen zu der Liebe ihres Mannes. Einem Manne, der so offen mit sich umging wie der Graf, war es keinen Augenblick verborgen, dass er eine lebendige Freundschaft zur Furstin fuhle; gewohnt mit sich zu rechten, fragte er sich, ob das Liebe sei und da dachte er an Dolores, und fand sein Verhaltnis zu ihr so ganz ungestort, seine Neigung ganz ungeschwacht: er fand, dass ihm die Furstin eine geistige Unterhaltung gewahre, die er nie bei Dolores gefunden und nie bei ihr vermisst habe.
Die arme Furstin allein fuhlte ihre weibliche Natur erwachen. Sie hatte wohl eigentlich nie geliebt; der Zufall hatte ihre Hand verschenkt, und ihre Schwachheit wurde nachher von gewandten Mannern, wie der Minister, uberlistet; sie war noch so ganz unberuhrt in ihrem Wesen und es tat ihr so wohl, mit ihrem ganzen Wesen zu lieben. Kaum konnte sie sich eines Tages halten, als sie den Grafen auf einem Sofa in der Hitze eingeschlafen fand, ihm nicht um den Hals zu fallen. Sie hielt sich, denn sie war immer in ihrer Gewalt, doch sie war auch jetzt ganz entschlossen, ihrer Leidenschaft zu gewahren, doch also, dass der Graf dadurch in keiner Art von seiner Frau getrennt wurde; sie hielt sich und ihn fur hinlanglich ihr uberlegen, um jede Verbindung ihr leicht zu verstecken. Alles sehr wohl uberlegt, nur war eins nicht berechnet, dass es einem Weibe sehr schwer wird, ihre Absichten einem Manne kund zu tun, der keine ahnliche hat, und dass die Liebe endlich uber jede Uberlegung hinaus steigen muss, weil eine hohe Natur sich am wenigsten so kunstlichen Verhaltnissen unterwerfen kann. Oft war sie ganz nahe, ihm alles zu bekennen, denn sie meinte, er verstehe sie schon; da ergriff er plotzlich etwas so Fremdes, sprach so leidenschaftlich davon, dass sie es ihm bestreiten musste. Nach solchen Streitigkeiten sagte er ihr einmal: "Es ist doch ein wesentlicher Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe, dass uns in dieser alle kleinen Uneinigkeiten verhasst sind, wahrend uns dort selbst der Streit willkommen ist, weil er uns zu einem gemeinschaftlich Hoheren zwingt; die Liebe ist in sich zufrieden, die Freundschaft will immer mehr."
Der Furstin kamen solche Betrachtungen sehr ungelegen, sie suchte auf mancherlei Art dem Grafen ihren Sinn fur vertraulichere Verhaltnisse darzutun, den er ihr einmal ganz abgesprochen hatte. Sie dichtete einen Morgengruss, den sie ihm an einem schonen Morgen vorsang; er musste dabei eine Stimme ubernehmen.
Morgengruss
SIE:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, frische Luft,
Sinnend auf die Strahlen lauern
Spielend durch den Morgenduft.
ER:
Sonne, Sonne, dich belauern
Gluhendrot im Morgenduft.
SIE:
Atmen, Atmen, nahend Leben,
Wellen in dem Ahrenstrom,
Wie des Morgensterns Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
ER:
Wie der Lerche laut Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
SIE:
Flugel, Flugel der Gedanken
Heben mich zur Sonnenpracht;
Wie die Strome silbern ranken,
Aus der Berge Mondennacht.
ER:
Enge sind des Mondes Schranken,
Weit, o weit die Sonne lacht.
SIE:
Blumen, Blumen, stille Wesen,
Fulle winkt im tiefen Grund,
Ihr zu Flammen auserlesen
Sinkt auf seinen roten Mund.
ER:
Nieder mude Bluten tauen,
Einen Strauss von ihrer Brust,
Durch die Gluten sie zu schauen,
Wirft der Liebe Sonnenlust.
SIE:
Atmen, Atmen, nahes Leben,
Bebend Herz im Blumenstaat,
Wie zwei Schmetterlinge schweben,
Mund auf Mund gelebet hat.
ER:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, hell Gesicht,
Sonne, Sonne, soll es dauern,
Wie mein Auge taucht in Licht.
Aber das Wort wurde in ihm nicht zu Fleisch; ganz mit der Dichtung und dem Gesange beschaftigt, lernte er alles ganz eifrig, und kaum hatte er beide Stimmen sich einstudiert, so beurlaubte er sich, um das Lied seiner Frau vorzusingen, und die Furstin stiess mit dem Fusse gegen den Boden. Dolores fand es ungemein reizend, ihr Blick war verlangend und der Graf verstand ihn. Die Furstin sah argerlich nach dem Atna, als der Graf so lange ausblieb. Ihre Gedanken gonnten ihr alle die Zartlichkeiten, die er ihr versagte, und sie fuhr wie aus einem tiefen Schlafe schreckhaft auf, als der Schreiber ihr das Tagebuch vorzulegen ins Zimmer trat. Sie fertigte ihn schnell ab, setzte sich an ihren Tisch, und schrieb einen Nachtgruss so feurig, als hatte sie die schonste Nacht verlebt, und doch in einer Melancholie getrankt, als war es die letzte.
Nachtgruss
ER:
O deinem Atemzuge
Horche ich feiernd leis,
Er hebet mich im Fluge
Uber den Erdenkreis.
SIE:
Dein Atem sanft im Schlafe
Tont in die Saiten ein,
Du sprichst aus mir im Schlafe
Worte, sie sind nicht mein.
O lieblich waches Schlafen
Einzige einige Ruh
In der Gedanken Hafen,
Singe, ich hore zu.
ER:
Der Alp, der mich gedrucket,
Fliehet vor deinem Klang,
Sein Ross mich fern anblicket,
Horst du den Hufschlag bang;
Du horst mein Herz nun schlagen,
Bebt nicht die Erd entzuckt,
Sie soll dem Himmel sagen,
Wie sie so hoch begluckt.
SIE:
Du hauchest kuhles Feuer
Nieder in meine Ruh,
Viel tont mein Busen freier,
Schlafe und traume du.
Ich schweb in deinen Traumen
Schon in dem Morgenrot,
Und sausle in den Baumen
Mitten im Feuertod.
ER:
Ja wie ein wilder Leue
Nachtlich im Walde brullt,
Bewachet er die Treue,
Die ihm den Schmerz gestillt:
So ruf ich an die Erde,
Die mir mein Haus verschlang,
Dass sie am heil'gen Herde
Uns dann zugleich umfang.
SIE:
Nein sturz mich in den Becher,
Gluhend noch raucht der Berg,
Und trink, du schoner Zecher
Alles, was ich verberg.
ER:
Ach all, was birgt dein Auge,
Alles, was birgt dein Herz;
Ich wurde Himmel saugen
Mitten im schonsten Schmerz.
BEIDE:
Nein dieser Stunde Feuer,
Nimmer, o nimmer vergeht,
Nein dieser Tone Feier
Nimmer, o nimmer verweht.
Wir leben ohn Besinnen,
Sind wir wohl ausser uns?
Die Tropfen Tau schon rinnen,
Auf uns und uber uns.
Wir ruhen auf Silbersaiten
Regend die Melodien;
Tanzend die Elfen schreiten
Ubers erwachende Grun.
Nachmittags zeigte sie dem Grafen diesen Doppelgesang, aber ihm gefielen nur einzelne Strophen; das Austrinken des Vulkans, in den sich die Geliebte gesturzt, das, behauptete er, sei ganz ein nordisches Bild uber Mass und Moglichkeit; sie liess es sich nicht ausreden. Sonderbar war es, dass in diesen Tagen eine Erderschutterung gespurt wurde, dass schon die Bewohner der Palaste zu den Bewohnern der Hutten flohen, doch hatte sie in der Gegend keine andre Einwirkung gehabt, als bei dem Gartenhause der Herzogin eine warme Quelle zum Vordringen zu bringen. Durch diesen Umstand und durch die Lage des Gartenhauses, welches die Aussicht uber das Meer hatte, wurde die Furstin veranlasst, es sich zur Wohnung zu erbitten; gerne gewahrten ihr alle diesen Wunsch und sie wusste bald durch herrliche Verzierung des Hauses und des Gartens sich dafur dankbar zu bezeigen. Sie beschaftigte alle Arten von Kunstlern dabei und der Graf nahm so eifrigen Anteil an allem dem, dass die Herzogin mit Sorge manche Vernachlassigung ihrer eignen Angelegenheiten bemerkte. Sie konnte ihm daruber nichts sagen, denn was er tat, war guter Wille und Aufopferung von seiner Seite; aber gewiss hatte er sich einige Zeit von seinem Dekorieren des Landhauses abgemussigt, wenn er in dem Tagebuche der Herzogin gelesen hatte: " ... Uber tausend Baume sind durch die Vergessenheit des Grafen, der die notigen Arbeiter nicht herbeigeschafft, vor dem Einpflanzen verdorrt. Lieber Gott, wenn er nur die Halfte der Sonnenstrahlen auf sich nehmen sollte, die darum ein ganzes Jahr langer auf die armen Wanderer und Pilger fallen, er musste ja verschmachten; darum verzeihe es ihm, gnadiger Gott." Der Graf wiegte sich in einen schonen Traum steter geistiger Mitteilung, Kunstubung, was ihm alles in dem Umgange der Furstin werden sollte; den Schreiber hatte er auch sehr lieb gewonnen, er fand hinter mancher Schulverdrehtheit viel Talent und Bemuhung der schonsten Art; er fuhrte die Furstin und ihn mit unermudlichem Eifer in seine reichen Sammlungen von Antiken und Abgussen, von Musikalien und Naturprodukten, und bemerkte nicht dessen Eifersucht gegen ihn wegen der Neigung der Furstin, die ihm oft sehr wunderbar mit spielte. So zerschmiss er einmal einen schonen Antinous im Vorzimmer, als der Graf mit der Furstin lange allein gesessen; und als sie von dem Falle erschreckt heraustraten, entschuldigte er demutig seine Ungeschicklichkeit, so dass niemand einen Argwohn hatte.
Eines Morgens fand die Furstin den Grafen in ihrem Vorzimmer, der ihr die Gegend mit allen neuen Anlagen abzeichnete; er hatte ein eigentumliches Talent, alles auf den ersten Blick richtig und treu zu fassen, und anderte daher selten an der ersten Skizze. Die Furstin zeichnete schoner, aber sie dichtete in die meisten Gegenden eine Menge Verschonerungen hinein. Auch hier nahm sie spielend einen Bleistift, lehnte sich auf ihn und zeichnete am Vordergrunde, auf den Grafen gelehnt, eine Ulme; trieb den Stamm aus der Erde, und setzte leicht die Umrisse, aber die Aste liess sie hervorgehen wie kuhne Leidenschaften, die das Geblut zu Laub heraustreiben; da entstand das Dunkel, wo im Durchschauen des ersten und zweiten Laubes kein Blatt mehr zu erkennen, das Dunkel, wo die Vogel nisten. Sie arbeitete so eifrig, dass ihr der eigne Atem wie der hoffnungsreiche Ostwind vorkam, der die leichten Zweige hebt und fallen lasst, dass die Schatten lustig auf dem Boden spielen, und da war ihr, als harrte sie des Grafen unter dem Baume und er sasse in dessen dunkler Krone und lasse ihr neckend allerlei Blatter in den Busen fallen, und sie tate, als ob sie ihn nicht merke. Von dem allen stand nichts da; der Baum war kaum angelegt und der Graf, der gerade an dieser Stelle arbeiten wollte, wischte ihn eilfertig mit dem elastischen Harze aus, und sie musste zusehen, wie er zerstort wurde, der alle ihre Zartlichkeit trug. Der unglucklichen Frau wurde fast ohnmachtig; der Baum war ihr lieb gewesen wie ein Erstling der Liebe, hundert Baume konnten an der Stelle wieder gezeichnet werden, aber kein Baum wie dieser, der alle ihre Lust verbarg. "Was weiss ich denn von ihm", dachte die Furstin, "wenn er so gar nichts von mir weiss, dass er unbewusst das Liebste mir zerstoren kann, bis auf die letzten widerstrebenden tiefsten Zuge, die sich noch jammernd an das Papier legten; es ist mein Geblut, was noch in dem Stamme treibt." In diesem Augenblicke, noch ehe die Lucke wieder vollgezeichnet, rief Dolores den Grafen; er eilte fort, und die Furstin setzte sich eifrig an seine Stelle und malte ihren lieben kleinen Baum wieder an die Stelle und viel schoner und reicher an umschlingendem Weinlaube ausgestattet; dann setzte sie sich an ihren Flugel, phantasierte wild umher und sang endlich mit entschlossener Stimme:
Nur was ich liebe, das ist mein,
Und kann nur immer meiner werden,
Du weisst von nichts, du lasst mich ganz allein,
Was ich in dir geliebt, das bleibt doch mein.
Gehort dem Flugel dieser Ton,
Den meine Finger traurig weckten?
Nein du bist mein, dir selber recht zum Hohn,
Was ich in dir erweckt, gehort mir schon.
Dein Haus ist mein, denn ach von dir
Umschliesst es so viel schone Kinder;
Ist mein die Perle, so gehort auch mir
Die Schale, deines Leibes schone Zier.
Ich geb die Seele, du bist mein,
Du schoner Teufel musst mir dienen,
Hast mich verfuhrt mit schonem Augenschein,
Sei alles falsch und leer, du bist doch mein.
Vielleicht war es in derselben Stunde, wahrend die Furstin so heftig zu ihrem Flugel sang, wo der Schreiber, (den der Graf ein paarmal, um ihn zu witzigen, etwas scharf angesprochen, als er sich gar zu weise gemacht), nachdem er die ersten Wallungen seines Zornes uberwunden hatte, mit einem beruhigenden Blicke seine Arbeiten betrachtete und sich mit stillen Bitten an seinen Genius wendete; sicher ist es, er machte an jenem Tage das folgende
Sonett
Mein Genius, du hast mir viel verliehen,
Du kannst, was nie geahndet, mir erschliessen,
Wenn deine Blicke fluchtig mich begrussen,
Durch dich gedeiht mir jegliches Bemuhen.
O konnt ich dich mit meinem Arm umschliessen,
Dass du dich nimmer konntest mir entziehen,
Dass meine Wangen nie von Scham ergluhen,
Verlasst mich Witz, wo andrer Witze fliessen.
Schaff mich gewiss und fest in allen meinen
Kraften,
Dass sie dem Augenblicke willig dienen
So bin ich tuchtig jeglichen Geschaften.
Gleich fern von Furcht und Frechheit in den
Mienen,
Lass mich die Blicke frei auf andre heften,
Und aller Neid soll schwinden im Erkuhnen.
Wir uberlassen es dem Urteile der Leser, ob sie lieber so wuten mochten wie jene, oder so ruhig uberlegen wie dieser. Diese Uberlegung, dieses ewige Betrachten, in dem sich sein ganzes Wesen verlor, wahrend es sich recht tief zu erfassen meinte, war in seiner fruhesten Zeit begrundet. Er war einer der geschicktesten Schuler seiner Stadt; zwar von armen Eltern, aber uberall durch Fleiss ausgezeichnet. Einem Lehrer seiner Schule war er besonders anvertraut und strebte mit unaufhaltsamer Leidenschaft diesem seinem Muster in allem, sowohl in Kenntnissen als im Aussern gleich zu werden; in diesem Streben hatte er dessen ganze Bibliothek durchgelesen, einige Bucher ausgenommen, die jener in einem besonderen Schranke aufbewahrte, und mit denen er sich zuweilen halbe Tage verschloss. Viele Monate hatte er gesonnen, wie er zu diesem Schatze gelangen konnte; in halbem Fieber durch die Furcht entdeckt zu werden, und von der Hohe allgemeiner Liebe und Ehre zur Schadenfreude aller herabgesturzt zu werden, versuchte er nacheinander alle Schlussel, die er sich verschaffen konnte. Endlich an einem heissen Nachmittage, wo er sich wegen einer Arbeit vom Ausgehen losgebeten hatte, gelang es ihm mit einem Schlussel, den ihm ein Dieb bei seiner Arretierung zugeworfen hatte, den geheimnisvollen Schrank zu offnen; mit klopfendem Herzen durchblatterte er ein kleines Buchlein, das einzige, was darin enthalten war. Es war das dem Meursius untergeschobene Buch von der Eleganz der lateinischen Sprache, und wie es erst der Verdruss kein Buch uber geheimnisvolle Wissenschaften zu finden, aus seiner Hand geworfen, so hob er es bald wieder aus allgemeiner Neugierde auf, und der sinnliche Brand der Lust in dem Buche, der sich im tiefsten Verderben der Zeiten zu kuhlen suchte, erweckte eine Seite in ihm, die bis dahin tief geschlummert hatte. Er las sich heiss an dem Buche, dass ihm der Atem verging; ganz gegenwartig umschwebten ihn alle schandlichen Luste verwilderter Naturen, fast mit Gewalt musste er sich losreissen, als der Lehrer kam, der bald mit Verwunderung sein fremdes Wesen bemerkte. Mit Lugen wusste er sich durchzuhelfen, Luge wurde sein ganzes Leben zu andern. Da er weder reich noch schon war, so konnte er seine erweckten Begierden schwer befriedigen; da er den Ruhm des Fleisses und der Geschicklichkeit uber alles liebte, konnte er auch nicht so viel Zeit jenen Gedanken, die ihn innerlich ergotzten, hingeben; ja er machte sich schmerzliche Vorwurfe daruber, kaufte jeden sundigen Augenblick mit Stunden des Fleisses, strafte sich fur jeden Gedanken: so kam er zu jenem ewigen Bewusstsein, das ihn in jeder selbst uberlassenen Minute schreckhaft aufqualte; fur sein innerliches Leben hatte er keinen Freund mehr, er schamte sich dessen.
Je tiefer wir in uns versinken,
Je naher dringen wir zur Holle,
Bald fuhlen wir des Glutstroms Welle,
Und mussen bald darin vertrinken;
Er zehrt das Fleisch von unserm Leibe,
Und ode wird's im Zeitvertreibe,
In uns ist Tod!
Die Welt ist Gott!
O Mensch, lass nicht vom Menschen los,
Ist deine Sunde noch so gross
Meid nur die Sehnsucht nach den Sunden,
So kannst du noch viel Gnade finden;
Wer hat die Gnade noch ermessen?
Es kann der Mensch so viel vergessen!
Dreizehntes Kapitel
Der Besuch der Obristin. Die Furstin besteigt mit
dem Grafen den Atna. Nachtliche Verwechselung.
Die Meerfahrt. Der Prinz von Palagonien. Die
Mineraliensammlung. Johannes und Hyolda
In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin, die sie nach Sizilien gefuhrt hatte, sehr angenehm uberrascht. Diese heitre alte Frau, die sich mit einem gewissen Stolze als die Schopferin alles Glucks dieses Hauses ehren liess, trat auch gewissermassen herrschend darin auf, da selbst die Herzogin aus Ehrfurcht gegen sie manche ihrer gewohnten Beschaftigungen aussetzte. Die Obristin hasste das Schulehalten, das Bessern, ihr war alles so ganz recht, wie es in der Welt gegangen und wie es geht; keine Lustbarkeit war ihr burlesk genug, immer fugte sie noch etwas als hochste Spitze hinzu, und ihr kleidete manches, was einer jungeren Frau nicht verziehen worden ware. "Was sind das fur junge Leute", rief sie kurz nach ihrem Eintritte, "das lacht nicht, das springt nicht, das tanzt nicht; als ich in eurem Alter war, ritt ich noch die Treppengelander herunter." Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des Spottes, weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen und jetzt in manchen fremden Gedanken uber ihren Mann vertieft, manches uberhorte, wenigstens zu keiner Ausfuhrung brachte. Sie hetzte alle ihre Kinder gegen sie auf, dass sie ihr keinen Augenblick Ruhe liessen, und wollte sich dann uber die Not der guten Mutter, allen helfen zu wollen, halb krank lachen. Die Furstin merkte bald ihre Laune, und obgleich viel betrubter in sich, hatte sie doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug Herrschaft uber sich gewonnen so etwas mit dem heissen Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken; sie entzuckte die Obristin, die sie Mutter nannte, indem sie ihren Willen immer vollstandig ausfuhrte. Da wurden alle die alten Pfanderspiele durchgespielt, welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte; ihre Hauptfreude war ein grosses Kussen zu veranlassen; bald musste einer in den Brunnen fallen, bald unzahlige Sterne zahlen. Zu solchem Sternzahlen brachte sie auch nicht ohne Absicht, um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergotzen, den Grafen und die Furstin zusammen; aber sie dachte nicht, welche Flammen und welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Furstin damit entzundete; noch nicht zufrieden mit diesem Spasse, brachte sie auch den Schreiber mit der Furstin zusammen, indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen. Der arme Junge wurde so rot von diesen Kussen, dass ihn die Obristin den ganzen Abend damit neckte, er sei in seine Herrschaft verliebt; er hatte sich auf seiner Reise wirklich sehr verschonert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus. Bis in die Nacht musste gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von einigen zusammennahen lassen, und fruhmorgens war sie sicher schon zuerst auf und erweckte alle die Schlafer mit irgend einem Schrecknisse. Sie hatte in sich ganz unverandert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt, die sonst die deutschen Schlosser durchtobte, die sich alles erlaubte und alles vergab, und ein frohliches Toben aller dem zierlichsten Witze der einzelnen vorzog, die jetzt meist als Erzahler oder Vorleser die eigentumliche Tatigkeit der andern einschlafen lassen. Sie hatte eine gewisse Harte in ihrer Art zu reden, war aber gegen alle Leidende sehr hulfreich; wo sich andre aus Ekel wegwendeten, da stand sie mit Klugheit und Ergebung bei; so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit ihres alten Mannes, aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich; ihm schrieb sie alle Tage in Knittelversen, was vorgegangen, und machte so eine Art lacherliche Zeitung, wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu liefern. Die Geschichte des Pfanderspiels schloss sie mit den Worten:
Die Frau Furstin und der Herr Graf
Zahlten die Sterne bis es zutraf,
Die Frau Furstin fand's immer noch nicht richtig,
Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig,
Es schien ihr das Zahlen gar sehr zu gefallen,
Da liess ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen,
Gar viele, viele Ellen tief,
Dass er gar erbarmlich rief;
Sie musste muhsam hinaus ihn ziehen,
Dass beiden von der Arbeit die Backen recht
gluhen.
Seit diesem Sternenzahlen krankelte die Furstin; ihre wachsende Neigung zum Grafen und seine Unverstandigkeit, die nicht zu erraten, krankten sie tief. Die Obristin schrieb dies Ubelbefinden dem sitzenden Leben zu, und ermahnte sie eine Fussreise nach dem Atna zu machen; der Graf konne sie begleiten, wahrend sie noch ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetochtern zubringen wolle; sie wisse nicht, ob sie je wieder bei ihnen sein werde, da ihr Alter ihre Munterkeit mit uberlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen konne. Der Graf ergriff diesen Vorschlag mit Lust, die Furstin war bereit; und so zog er mit ihr und dem Schreiber am nachsten Morgen aus. Wer kennt Siziliens Reize nicht, alle Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschopfen sich in Lob: es ist der Lustgarten Europens, dessen vereinte Safte darin zu den wunderbarsten Baumen und Blumen treiben, der von Szylla und Charybdis gegen aussere Feinde bewacht, nur in seinem Innern einen jetzt fast beschwichtigten, einst aber furchtbar tobenden und zerstorenden Feind, den Atna tragt, der unzahligmal die friedlichen Olbaume mit seinen Feuerstromen bedeckt hat, wahrend der Schnee in den Kluften seines Wipfels die Bewohner gegen die heisse Sonne kuhlt. Abwechselnd zeigt die Insel die Spuren der ungeheueren Bevolkerung fruherer Zeit: die grossen Stadtmauern laufen durch ode Feldmarken, in den Uberresten eines Theaters liegt zu weilen der ganze Rest einer Stadt, der es ehemals zum vorubergehenden Vergnugen erbaut war; dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstorung, dass er die Kuhnheit eines Volkes bewundert, das sich mitten darin anzubauen wagt, und wahrend der Arbeit, die so oft vergebens gewesen, wie bei einem Spiele alles absingt, was andre Volker trage, langsam und verdrossen sprechen. Die Sitten, die Gewohnheiten, die Beschrankungen der andern Welt erscheinen da, wo alles nach schnellem Genusse strebt, fast lacherlich, und so fuhlte heimlich auch die Furstin den Zwang, der sie von dem Grafen trennte, als ein junger Pater ihr in einem Kloster erzahlte, wie leichtsinnig solche Ubertretungen der Treue da abgebeichtet und fur das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben wurden. Der Graf und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen Nachforschungen uber einige alte Inschriften in dem Kloster beschaftigt, aus denen die Furstin, die sich wieder ins Freie sehnte, sie nur mit Muhe herausriss. Sie machten diese Reise in kleinen Tagemarschen zu Fuss; ihre Diener blieben in bestimmter Entfernung von ihnen, um nur im Notfalle ihnen nutzlich zu werden; in jedem Wirtshause, wo sie aber verweilen wollten, war alles Bequeme und Erquickende im Uberfluss voraus angeordnet; der Graf hatte sich in einen Zauberer verwandelt, der auf jeden Wink der Furstin einen gedeckten Tisch, ein Ruhebett herbeischaffen konnte. Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit einander bekannt, als jahrelanger Umgang, es ist deswegen die Gewohnheit der Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz einsam mit einander zu fahren, um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergnugen auch alle die storenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen, die sich sonst wohl verbergen und spaterhin zu ungelegener Zeit hervortreten. Wie oft bedauerte die Furstin, dass sie den Schreiber mitgenommen; es lag ihr in den wenigen Tagen ein langes Leben, uberall behinderte er ihre Ausserungen, dass sie dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde. Sie schlief ungeachtet der Ermudung wenig und nie sehr fest; die Traume hielten immer noch einen Laden auf, wo das Weltlicht storend in die alles vergessende Dunkelheit einblickte; besonders fruh war sie an dem Morgen auf, wo sie auf den ersten Anhohen des Atna geschlafen hatten. Es schauderte ihr, als sie den frohlich bebauten Bergrucken verliessen, um durch ein Aschenmeer zu dringen, uber welchem die Raubvogel wild seufzten; sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit bei ihrem Alter, das schon manches Haar ihr grau gefarbt hatte, darin zu erkennen und hinter sich in dem frohlichen Grafen das reichbebaute Land; sie blieb lange stille. Einige Wolken lagerten sich um sie her; es wurde kalt, aber ihre Neigung gluhte mit dem Fieber, das in ihr begann; sie liess sich fast von dem Grafen tragen, so lehnte sie sich an ihn. Zufallig und sehr naturlich erzahlte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis, als er mit grosser Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den "Bekenntnissen" des heiligen Augustinus mit uberraschender Ruhrung die Worte aufgeschlagen habe: "Die Menschen gehen hin, die Hohen der Berge, die Wellen des Meeres, die gewaltigen Strome, den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern, und verlassen sich selbst." Diese Geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die Furstin; sie wollte sich nicht verlassen, so schwor sie in sich und doch konnte sie nicht vom Grafen lassen, der Kopf ging ihr herum. Sie war so erschopft, als sie durch die Schneegegend in die Nahe des Kraters kamen, dass sie einige Starkungsmittel nehmen musste; nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven abzuschlagen, drangte sie sich mit vieler Kuhnheit immer weiter vor, durch die schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden, bei den rauchenden Schornsteinen vorbei, nach dem Krater. Der Graf rief ihr zu, sie mochte sich doch in acht nehmen, und sprang ihr nach, sie aber fragte ihn heftig vorschreitend: "Sind Sie mein Freund, mein bester Freund?" Der Graf begriff sie nicht; er glaubte, das starke Getrank habe sie in der dunnen Luft berauscht, sprang ganz zu ihr hin, hielt sie heftig und sagte besturzt: "Und Sie glauben nicht an mich?" Die Furstin suchte sich loszureissen und flehete: "Lassen Sie mich, mit der Uberzeugung, einziger Freund, will ich unten bei den erschlagenen Himmelssturmern Ruhe suchen." In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich herabzusturzen, aber der Graf hielt sie kraftig und gefasst, trug sie fort und sagte: "Gut, dass ich dabei war, das ist ganz die Art des Schwindels, wie ich gehort habe, aus Furcht vor dem Fallen sturzen sich die Schwindelnden meist hinab." Die Furstin liess sich jetzt ruhig hinunterfuhren; es war nur eine Anwandlung in ihr gewesen, diese Sterbelust, die sich wieder ganz in Zartlichkeiten gegen den Grafen aufloste, der sie davon errettet, ausstromend in stillen Blicken zu ihm. Sie kamen spat und sehr ermudet nach einem Wirtshause am Fusse des Berges, wo alles auf sie wartete; der Schreiber war ganz verschlossen, der Graf noch immer verwundert, die Furstin fing an leichtsinnig beredter zu werden, seit dem gefahrlichen Ereignisse, uber das sie spottete. So verging das Abendessen, wobei sehr stark getrunken wurde, denn der Wein war vortrefflich und allesamt sehr durstig geworden; alle gluhten von der scharfen Luft, die sie durchstrichen hatten. Der Schreiber verliess zuerst die Gesellschaft, um nicht durch sein Einschlafen das Lachen immer wieder zu erwecken. Bald stand auch die Furstin auf; sie wankte von Mudigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie bis vor ihr Schlafzimmer. Im Vorbeigehen sagte der Wirt: "Hier Herr Graf ist Ihr Zimmer." Die Furstin druckte dem Grafen die Hand zum Nachtgrusse, er druckte ihre Hand freundlich wieder, sie sang: "Nein dieses Tages Feuer nimmer, o nimmer vergeht!" Der Graf fiel ein: "Nein, dieser Tone Feier nimmer, o nimmer verweht." So schieden sie. Der Graf ging in sein Zimmer, fand aber, dass sich der Schreiber aus Versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei; ohne Verdruss machte er die Ture leise zu, und nahm dessen schlechteres Zimmer und Bett ein; es gab auf der Welt keinen wohlwollendern Mann gegen die Jugend.
Die Furstin befand sich von der Anstrengung, von dem Wachen, von der Gemutsbewegung in einem fieberhaften Zustande; sie legte sich mit dem Vorsatze ins Bett, alles zu verschlafen, aber sie konnte es nicht aushalten, es qualte sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe, was der Graf jetzt von dem Vorfalle denken mochte. Sie musste dem Grafen alles erklaren; sie schlich in sein Zimmer, das ihr vom Wirte bezeichnet war. In der Dunkelheit konnte sie es nicht bemerken, dass sie ihn verfehlt hatte; der, den sie traf, beschwichtigte so bald ihren Mund, sie fuhlte sich so ganz begluckt und sie liess ihr Bild in einer goldnen Fassung dem Freunde zuruck, dass er seines Traumes Gewissheit erkenne.
Am andern Morgen war sie sehr heiter, sie empfing den Grafen so vertraulich, dass dieser meinte, alles angstlich Gezwungene, was ihn in den letzten Tagen an ihr geangstet, sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen. Der Schreiber, der sonst immer zuerst von allen wach war, und im Hause anordnete, kam diesmal spater zum Vorschein und entschuldigte sich damit, dass er vor den Wanzen nicht ruhig habe schlafen konnen; der Graf vermied es ihm seine Zimmerwechselung vorzuhalten, um ihn nicht noch mehr zu beschamen, da er schon jetzt wegen der Verspatung sehr verlegen erschien. Die Ruckreise wurde nach dem Wunsche der Furstin sehr eilfertig im Wagen gemacht; der ausgezeichnete Punkt der Atna, der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte, war nun erstiegen, sie hatte ihr Ziel erreicht. Befremdend war es ihr, wahrend dieser Ruckreise den Grafen ganz unverandert in jedem Blicke, in jedem Worte wie den Tag vorher zu finden, wahrend sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh erloschen zeigte; ununterbrochen war er beschaftigt, alles zu ordnen, was er seiner Frau an mancherlei Merkwurdigkeiten zusammengesucht hatte.
Der Graf und die Furstin wurden auf dem Schlosse mit vielen Kussen empfangen; die Obristin war schon verreist, hatte aber noch ein Blatt Knittelverse fur die Reisenden zuruckgelassen.
Merkwurdig ist es, dass weder jetzt noch fruher die Herzogin irgend etwas von der Leidenschaft der Furstin bemerkte; teils war sie zuviel beschaftigt, teils zu unbekannt mit den verschiedenen Ausserungen der Liebe. Dem Blicke der Grafin war diese Leidenschaft der Furstin fur ihren Mann nicht entgangen, aber ihr Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar; sie glaubte es eine notwendige Busse fur ihre fruhere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu durfen; was er auch tun mochte, sie war nicht berechtigt ihm Vorwurfe zu machen. Mit hoher Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual, als sie beide der Versuchung einer Reise sich so unbesorgt aussetzen sah; sie verschwieg es, als sie den Ausserungen der Furstin zu entahnden meinte, dass sie mit ihrem Manne in enger Vertraulichkeit lebe. Gebet war ihr Trost; sie mochte nicht beichten, was ihrem Manne nachteilig, und damit ihr Beten nicht auffallend sein konnte den alles bemerkenden Kindern, so gewohnte sie sich ein stilles Gebet an, das keinem horbar, keinem sichtbar, durch die gewohnlichen Beschaftigungen nicht gestort wurde, wobei sie sich nur zuweilen vertiefte, als habe sie geschlafen. Wahrend dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die Stimme des verstorbenen Bedienten zu horen, der sie angstlich gerufen; sie ging verwundert nach dem Vorsaale, woher der Ton zu kommen schien, und sah eins ihrer Kinder, die kleine Magdalena, die sich uber ein Treppengelander ubergelehnt hatte, und im Herabsturzen zu sein schien. Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Muhe, und von diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht, dass Gott sie nicht verlasse, dass ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde.
Doch erschutterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemut. Bei einer Meerfahrt, die der Graf zu Ehren der Furstin auf purpurnen Boten, mit Musik besetzt, von vergoldeten Rudern getrieben, an einem sonnigen stillen Tage veranstaltet hatte, wo sich jedes in Erzahlungen vergangener Geschichten ausliess, zeigte der Graf der Furstin den Ring der Apostel, in deren Mitte Christus, den Dolores noch immer an ihrem Finger trug. Die Furstin erbat ihn sich; Dolores verwunderte sich, dass er diesmal von ihrem Finger liess, da er sonst nur sehr schwer abzustreifen war. Die Furstin glaubte in dem Ringe einen besondern Talisman fur die Treue des Grafen zu erkennen; sie wunschte ihn vernichtet und gleich begunstigte ein Zufall ihren Wunsch: ein paar Kinder traten lebhaft nach einer Seite, das Boot schwankte, die Furstin schrie auf, und der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer. Die Grafin war untrostlich, aber der Graf, der den Unfall nicht minder tief empfand, hatte mehr Gewalt uber sich; er wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwurfe kranken; er bat seine Frau sehr zartlich, dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen, da ihnen so viel grossere ubrig blieben. Diese scheinbare Gleichgultigkeit deutete Dolores auf ein Erkalten seiner Liebe, so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang ihrer glucklichen Ehe; aber in stiller Busse sagte sie davon kein Wort, nur mit heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden, das durch ein zutrauliches Wort mit ihrem Manne zu losen war. O der spaten unausbleiblichen Strafe aller Schuld!
Diese Fahrt, welche ein paar Tage dauerte, war mitten in der hochsten Lust, durch eine Verbindung aller Naturschonheit mit dem glucklichsten Himmel und seinen gunstigsten Winden und schonsten Festen, voll trauriger Zeichen fur die besorgte Dolores. Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta; die Furstin, der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen, und erhoben plotzlich ein verabredetes Getose, welches die Tauben aus ihren Nestern aufschreckte, die in einer dichten leichten Wolke uber ihnen schwebten; jetzt wurde Feuer unter sie gegeben, und es sturzten eine Menge tot und verwundet herab; die Hunde holten die gefallenen aus dem Wasser, und die Jagd wiederholte sich. Die Grafin konnte kein Vergnugen storen; sie sah wie lebhaft die Jager auf jeden Schuss sich freuten, aber immer rief es in ihr, was wird aus den Jungen im Neste; sie schwieg aber und sah ins klare Wasser, das durch die eigentumliche Beleuchtung der Hohle bis zum tiefsten Grunde alles durchscheinen liess, als ware es zu einer hellen Luft geworden, in der die Barke schwebte; da sah sie die wandernden Zuge der geselligen kleinen Fische, ihr blitzschnelles Drehen, das drehende Fortbewegen der Seesterne, der Medusen sternartiges, formloses Nichts; wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen, halb in Moosen versteckt, grossere Krabben trugen die kleineren mutterlich auf ihren Armen in Sicherheit, wenn zuweilen Delphinen an die Oberflache rauschten. Aus dieser fremden Welt, die fur das Schrecken der umgebenden entschadigen wollte, drangen plotzlich Sirenen hervor, schone schwimmende Madchen, die gar anmutig eine Einladung absangen:
Auf der Erde ist es schwul,
In den Wassern ist es kuhl,
Sonne, Mond und alle Sterne
Sturzen sich hinein so gerne,
Denn im Wasser wird's so klar,
Wie's auf Erden traurig war.
Ruhig schlaft ihr bei uns ein
In der Wasser grunem Schein,
Horet keine Kinder schrein,
Fuhlet keine Liebespein,
Liebet ohne Eifersucht,
Findet alles, was ihr sucht.
Was verloren in dem Meer,
Stehet da im Haus umher,
Alter Zeiten Schatz und Kunst
Brauchet ihr durch unsre Gunst,
Jeder Sturm bringt neue Gast
Zu dem ew'gen Freudenfest.
Wenn wir tanzen in dem Kreis,
Wirbelt sich die Welle weiss,
Wenn wir unten lustig sind,
Sturmet uber uns der Wind,
Sturmt in unsrer Haare Glanz,
Und das kuhlet in dem Tanz.
Diese Fischermadchen, denn das waren diese Sirenen, hatte der wunderliche Prinz von Palagonien abgerichtet, gleichwie er sein ganzes Landchen zu den abenteuerlichsten Effekten anordnete, die aber meist alle eine so gereizte Stimmung forderten, wie sie Dolores in diesen Tagen hegte, um nicht ihre ganze Wirkung zu verfehlen. Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sizilianern beschimpft und bekriegt worden, dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht aufs Land, die mit den Schwimmgurteln und Federkleidern eben so lacherlich als beschwerlich ausfiel. Unsre Reisenden fugten sich aber ganz ernsthaft in diese Launen des wunderlichen Prinzen, sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet, sie wollten sein abenteuerliches Schloss beschauen; und taten gegen die Sirenen, als wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zuruck zogen. Dieser Landungsplatz gehorte schon zum Garten des Prinzen, sie sahen niemand bereit sie zu fuhren, aber aus einigen Baumen, die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren, so dass die krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand, befahl ihnen eine Gottin, den Weg nach dem Schlosse einzuschlagen. Das Schloss dieses Prinzen ist allzu bekannt, um es weitlauftiger zu beschreiben, es hat unermessliche Summen gekostet, um alles hervorzubringen, was gegen den Geschmack, gegen die Bequemlichkeit, gegen jede Art Kunstsinn verstosst. Keine Mauer ist gerade oder in einer bestimmten Krummung, kein Fenster dem andern gleich; die schiefe Ture, die von der Mitte des Hauses wenig absteht, ist von den ekelhaftesten, in Marmor gehauenen Schimaren umgeben; erst da bemerkt man, dass die ganze Mauer mit solchen Unwesen ordnungslos uberzogen ist. Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den schonen heiligen Bildern grosser Meister, womit der Fussboden belegt ist, wogegen die Wande mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rahmen prangen; alle Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stucken sehr beschwerlich zusammengelotet, und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen, Muscheln, Ordensbander und Dokumente mit grossen Wappen bedeckt; die prachtigen Stuhle haben alle nur zwei Beine, und die Tische liegen alle umgekehrt. Das kostbare, aber in seiner Vermischung ganz ungeniessbare Fruhstuck, war in einem kunstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet, der freilich nie den Pferden eingeraumt worden; die herrlichsten Majolikagefasse als Krippen, die kunstlichen Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im Schlosse aus. Hier liessen sich die Reisenden zum Ausruhen nieder, wenn sie gleich von den Speisen nichts anruhren mochten; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken, alle unterhielten sich uber die Veranlassung, eine Grille, die einen andern Menschen auch wohl einen Augenblick hatte beschaftigen konnen, mit solchem Aufwande uber sein ganzes Leben auszubreiten. Die Furstin glaubte, er hatte sich durch diese Wunderlichkeiten auszeichnen wollen; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer Menschen vielleicht nicht gelungen; es gehe ihm nicht arger als gar manchem Dichter, manchem Fursten. Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu entdecken; er glaubte, dass ein Mensch allmahlich in solcher heimlichen Lust alles Ekelhafte sich zu denken, weil es niemand in seiner Ausserung leiden wurde, zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen konne; "wunderten wir uns doch oft", sagte er, "uber unerklarliche leidenschaftliche Liebe zwischen ganz Ungleichartigen, die in ihrer Verbindung noch arger wie dieser Palast erschrecken, aber keiner lasst sich traumen, welche geistige Zwischenglieder sie ganz naturlich verbinden; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken und nichts muss heiliger gehalten werden; manche Sunder erscheinen da schuldlos gegen die scheinbar guten und frommen Seelen, so entzieht ihnen auch der Heilige Geist ihre Kunstgaben nicht, wahrend jene in sich aussterben und verarmen." Diese Ausserung des Grafen, ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden, zog die Grafin sich zu Gemute; sie glaubte die Furstin, deren fruhere Verbindung mit ihrem Vater und anderen sie kannte, als jene offentliche Sunderin zu erkennen, und sich in der heimlichen wieder zu finden; wie sie durch ihre Kinder von aller Ausserung ehemaliger Kunstanlage abgehalten, wie jene ihren ganzen Stolz in die Ausbildung ihres Talents gesetzt, das vermischte sich in ihrer tiefen Demutigung mit den Ausserungen des Grafen uber die Austeilung des Heiligen Geistes; sie wollte ihre Tranen zuruckhalten, aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung an sich, in ihrem Innern zusammengepresst, storte den ruhigen Zusammenhang des Ausseren mit dem Inneren; sie sank in einer Ohnmacht nieder. Der Graf schrieb es der ungewohnten Fahrt zu, und trug sie in den Garten. Erst nach einer Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes, unter seinen Kussen und Tranen, die kuhlend auf ihre Schlafe gefallen; die Kanarienvogel sangen uber ihr in dem Rosengebusche. Sie wusste nicht wie ihr geschehen, es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste, noch einmal so selig, denn der Graf war ihr so viel teurer; es schien ihr dasselbe und ein andres Leben, alle Besorgnisse dieser Tage wurden fur eine Stunde von dem wunderlichen Schlosse beschworen. Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Grafin auf die Ruckfahrt; den Kindern tat es sehr leid, sie erzahlten ohne Aufhoren von dem Schlosse; die Reise endete heitrer und traulicher, als das Ereignis mit dem Ringe erwarten liess. Wer vermag es Ahndungen zu deuten?
Am Abende nach ihrer Ruckkehr, wo in Gegenwart eines Monchs aus dem nahen Franziskanerkloster, von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und verschieden gemutmasst wurde, erregte er mit der Versicherung alle Ratsel losen zu wollen, die allgemeine Aufmerksamkeit. "Habt ihr nie", sagte er, "von dem alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem Vaterlande gehort? Peter von Stauffenberg war der letzte und schonste seines Geschlechts im deutschen Lande, von ihm stammen die Prinzen von Palagonien."
Die Furstin fiel hier ein und erinnerte, dass freilich der echte mannliche Stamm aus gultiger Ehe entsprossen, in Deutschland erloschen sei; dass aber eine Tochter Sigelindens, die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie geboren sei, also wahrscheinlich ein Kind, das er von einer Meerfahrt mitgebracht, die Stammutter ihres Hauses ware. Der Monch meinte, sie wurde in Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen; die Furstin aber versicherte, dass sie genug blodsinnige Vettern in ihrem Hause besasse, und der Monch fuhr in seiner Geschichte fort: "Sie werden vielleicht nicht wissen, hohe Furstin, wenn Sie gleich nach heutigem Welttone daran zweifeln, was die allgemeine Sage von diesem schonen Stauffenberge erzahlt, der in aller Welt herum reiste, seine Schonheit und sein Geschick und ritterliche Tugend zu zeigen; ich will seine Geschichte ganz kurz erzahlen. Kein Mann konnte ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen, den Frauen war er eben so gefahrlich, aber allen ihren Blicken, Sendungen und Verfuhrungen blieb er verschlossen, als hatte die Natur alle seine Lust zum Schrecken, zur Gewalt aufgezehrt, dass der Liebe nichts geblieben. Als sich aber einst die Tochter des Kaisers Otto, Helena mit Namen, bei einem feierlichen Gestech in ihn verliebte, der Kaiser sie ihm zur Gemahlin bot und er sie offentlich ausschlug, da musste er bei Ritterpflicht dem Kaiser bekennen, was ihn im ehelosen Stande halte. Der Ritter von Stauffenberg bekannte, dass er mit einer schonen Meerfeie seit Jahren verheiratet sei, deren Name Nixe, nachher allgemein fur die Geister der Wasser gebraucht worden; ihr sei er mit seinem ritterlichen Handschlage verpflichtet, den er ihr einst bei seinem ersten Auszuge in die Fremde gegeben, als sie ihm Liebe und Schutz gegen alle Fahrlichkeit seines Lebens zugesagt hatte. Wann er es wunsche und er allein sei, erscheine sie ihm in ewiger Jugend wie das erstemal, herrlich gekleidet aber mit nassen Haaren; sie ware dann gefallig seinem Willen als einer ehelichen Frau gezieme und habe ihm ein Madchen Sigelinde geboren; in allem offentlichen Verkehre und was er denke und dichte, erscheine sie dagegen nie, aber sie flustere ihm oft, wo er in Not sei, guten Ratschlag ein, und habe ihm erst den Morgen zugerufen, sich stumm zu stellen, was er aber aus Ritterpflicht unterlassen. Die Geistlichkeit erklarte die Meerfeie fur einen Teufel, dem der Ritter entsagen musse nach seiner ritterlichen Ehre, und der Kaiser schwor, dass er zum offenen Zeugnisse dieser Entsagung seine schone Tochter Helena, die aus Liebe zu ihm sterbe, sogleich heiraten musse. Der Ritter versicherte, dass die Meerfeie ihm heilig zugeschworen, er musse nach dreien Tagen hinsterben, nachdem er die Treue zu ihr gebrochen; aber die Ritter riefen einmutig, dass solche Furcht vor dem Teufel keinem Ritter gezieme, der Leib und Leben dem Werke Gottes geweihet. Der Ritter fuhlte sich uberwiesen, die Verlobung mit Helena wurde gleich vollbracht; noch eine Nacht erbat er sich vor der festlichen Verheiratung. Als er allein war, da wunschte er zu sich die geliebte Frau; sie erschien, aber ihr frohliches Auge war in Tranen erloschen, nicht bloss ihr Haar, ihr ganzes Kleid war genasst; sie konnte kein Wort sprechen, als sie den Ritter an sich druckte. 'Ach weh, dass ich zu Ruhm gekommen, dass mich ein furstlich Weib genommen', so rief der Ritter und die Meerfeie schluchzte, dass er ihr nicht mehr gefolgt sei; in dreien Tagen, da sei er tot und sie verfalle in der Liebe Bann. Die drei Tage solle er frohlich geniessen, am dritten Tage wolle sie ihm zeigen den Fuss, auf den er sie zuerst gekusst, dass jedermann ihn sehen konne zum Zeichen, dass sie kein Hirngespinst sei. Und da umfingen sie sich zum letzten Mal, und da sagte er: 'Ach Sterben ist nun mein Gewinn, weil ich nimmermehr bei dir bin.' Schon klang es im Schlosse von der verhassten Hochzeitfeier; sie verschwand, Larmen und Pracht, Wein und Liebkosungen machten ihn bald der Drohung wie eines Traums vergessen. Die Vermahlung geschah feierlich; der alte Kaiser begrusste die Neuvermahlten am folgenden Morgen, wie sie Arm in Arm, von Freuden mude an einander eingeschlafen waren, und brachte ihnen kostbare Mantel und Rustung, fand aber die ganze Decke des Bettes mit so kostbaren Perlen gestickt, dass seine Geschenke davor ganz armlich erschienen. Diese Perlen waren die Tranen der verlassenen Meerfeie und der Ritter erkannte sie wohl beim Erwachen; wo aber kein Ausweg zu finden, da schreitet der Mutige vorwarts, und so verging auch der zweite Hochzeittag in Lust, und am andern Morgen fand er die Decke so reich mit Perlen besetzt, dass sie ihn fast erdruckte. Am dritten Hochzeittage endlich, als eben die Gaste scheiden wollten, da durchstiess etwas die Decke, uber der das Brautbett gestanden; dem Ritter entfiel der hohe Pokal, er und alle Anwesenden erblickten einen wunderschonen Weiberfuss, wie ihn Helena wohl nicht zeigen konnte, so schon sie ubrigens war. Allmahlich befiederte sich das schone Bein, bald drang eine Seemowe an der Stelle ins Zimmer, die es mit Jammergeschrei umkreiste, und sich dann durch das offene Fenster in den Rheinstrom sturzte, der immerdar nach dem Meere lauft. Der Ritter erkrankte wahrend dieses Gesichts; alles floh, nur seine Helena blieb bei ihm, und wartete seiner bis er den Geist aufgegeben. Sie bauete ihm ein Denkmal: sein schones Bild, wie er von den Fluten fortgerissen, mit seinem Ritterschwerte, das da wurzelt und grunt, von der Erde festgehalten wird. An diesem Denkmale wurde sie mit dem Beistande einer fremden Frau von einem Knaben entbunden, den sie nach dem Vater nannte; die unbekannte schone Frau brachte ihr, statt einen Dank zu verlangen, mit vielen Tranen ein Tochterlein von zwei Jahren, Sigelinde: und bekannte ihr, dass es des Ritters Tochter von ihr sei, und da verschwand sie als ein Vogel und versank unten im Rhein. Helena hatte also zwei Kinder ihres Ritters, die sie in frommer Liebe erzog, die aber beide fruh eine machtige Lust zu einander zeigten, dass sie beide trennen musste. Den Knaben nahm der Kaiser nach Sizilien und gab ihm dort den Titel eines Prinzen von Palagonien, die Tochter wurde bald darauf Eurem edlen Ahnherren vermahlt." "War Euer Geschlecht mit Gluck gesegnet?" fragte der Monch die Furstin zum Schlusse. Die Furstin errotete und sprach: "Vor allen war es glucklich, bis ich bin eingetreten; mein entarteter Sohn, der sich einem wilden Leben ergab, verleugnete den Segen seines Hauses." Der Monch fuhr fort: "Ganz anders erging es dem mannlichen Stamme dieses Hauses in Sizilien; sein Ungluck ist ein Irrgarten, jede Ehe war mit Mord bezeichnet; es ist keiner in dem Hause, der nicht entweder sich oder einen der Seinen umgebracht hat. Dem jetzigen Prinzen, der durch fruhes Ungluck seine Eltern verloren, dem Letzten seines Hauses, wurde in einer angstlichen Erziehung eine so gewaltige Scheu vor den Menschen, vor jedem Unternehmen beigebracht, dass er nie zu etwas kam, sobald er etwas dabei tun sollte, und nie etwas annehmen mochte, was ein andrer fur ihn tat; so verzogerte er in gewaltsamer Anstrengung seines Geistes jedes Unternehmen, bis es unmoglich auszufuhren war. War eine Stelle eben besetzt, so wunschte er sie sich, die er vorher ausgeschlagen. Er liebte, und wurde geliebt, aber er konnte sich zu keinem Worte entschliessen, dieses auszudrucken; seine Geliebte starb aus Gram daruber; ihre nachgelassenen Worte der Liebe zerrissen sein Herz. Er beschloss in sich seinen unglucklichen Stamm zu vertilgen, der nur Ungluck erfahren und Ungluck gebracht hatte! In stiller Verzweiflung zog er sich von allen Menschen zuruck; aber seine Schonheit, sein Verstand zogen manche zu ihm, sein Reichtum brachte ihm vielen Zuspruch; so beschloss er mit seinem Reichtume etwas zu begrunden, das die Leute von seiner Schonheit abschreckte, indem es ihm den Ruf des Wahnsinns gebe; so entstand der berufene Palast, der wohl eine Menge Neugierige fur ein paar Stunden herbeizieht, aber sie alle sehr bald ermudet und zuruck weist. Als die Maurer diesen Palast bis zu der Hohe aufgerichtet hatten, dass er vom Meere gesehen werden konnte, da haben sie eines Morgens eine weibliche schone Gestalt auf einer Klippe sitzen sehen, die mit grunen Augen auf den Bau geblickt, wahrend sie ihr nasses Haar mit den Fingern durchzogen; ihr Haupt wurde dabei von Meervogeln mit klagendem Geschrei umkreiset. Als sie verwundert zu ihr hingeblickt, ist sie untergetaucht. Ob der Prinz dieses Meerweib gekannt, lasst sich nicht bestimmen; er habe sich nicht verwundert und gleich gesagt, ob es nicht sechs Uhr Morgens gewesen, welches sie alle bejaht. Nach einiger Zeit hat der Prinz ein paar Fischermadchen, die gut schwimmen konnten, im Singen unterrichten lassen, dass sie nahe bei dem Landungsplatze die Fremden als Sirenen begrussen. Es ist ein Gerede unter den Menschen, dass er einen nachtlichen Umgang mit dem Meerweibe habe, wenigstens schifft er sich oft Nachts ganz allein, selbst wenn es sturmt, in einem Boote ein, fahrt auf die Hohe, und kommt erst nach Sonnenaufgang zuruck; ich weiss nichts davon, aber ein Schiffer, der ihm dies Boot in Ordnung halt, sagte in der Beichte, dass er einst zwei schone Perlen darin gefunden, die er sich zugeeignet und fur tausend Zechinen verkauft habe. Andre sagen, es sei die Sibylle von Marsalla, mit der er zu tun habe, gewiss ist dort der einzige Ort, wo er sich am Abende vor dem Johannisfeste in der bekannten Grotte einfindet, von dem wunderbaren Wasser trinkt, und in die schallende Hohle wunderbare fremde Worte ruft, die ihm eben so wunderbar beantwortet werden. Viele Menschen, die von Wundern nichts halten, sagen, dass er in geheimer Verbindung stehe mit der berufenen Tuneser Seerauberkonigin Onanide, die alle Monat ihm einen Besuch ablegen soll; gewiss ist, dass an einem Tage im Monat, welchen der Mondenlauf bestimmt, sein Schloss nachtlich erleuchtet ist; aber keiner seiner Leute darf bleiben; er lasst sie hinaus, und zieht selbst die Zugbrucken auf. Nach jeder solchen Nacht schickt er in der ganzen Gegend Geschenke aus, meist fremde Sachen, die hier nie gesehen, die niemand brauchen kann. So sendete er im vorigen Monate grosse schone Schranke in unser Kloster. Wir offneten sie mit grosser Neugierde; aber denken Sie sich, was wir in den Schiebekasten fanden: Felsstucke, sauber eingepackt auf Baumwolle gelegt; kein einziger kostbarer Stein war darunter." "Das wird eine Mineraliensammlung sein", sagte der Graf, "die ware mir willkommen, ich habe gerade darin am meisten nachzuholen und nachzulernen." Der Monch versicherte, dass ihm diese Sammlung gegen irgend ein Geschenk, das zum Kirchendienste taugte, gern uberlassen werde; der Graf wurde daruber sehr heiter und fast ungeduldig sie zu besitzen. Die Furstin ausserte, dass die wunderbare geahndete Verbindung des Prinzen vielleicht eine Muse sei: ein ganzliches Ergeben an Studien, denn dies Geschenk sei gar zu wissenschaftlich fur eine Meerfeie, oder fur eine Seerauberin. "Nein", sagte die Grafin, die alles Allegorische hasste, was ihr eine geglaubte Wirklichkeit entruckte, "es ist gewiss eine Meerfeie, welche ihrem Freunde von den untergegangenen Schiffen alles Herrliche verehrt." Daruber verloren sich die andern in Wunschen nach diesen untergegangenen Schatzen; einer wollte Michael Angelos Zeichnungen zum Danke, ein andrer Hamiltons Vasen; die Furstin aber meinte, wenn ihr niemand wiederschaffen konne, was an Kunstwerken in Feuer aufgegangen, von der Erde verschuttet sei, so mochte das Wasser immer seinen Teil behalten, manches solle nun einmal der Welt verloren gehen. Gleich den folgenden Tag fuhr der Graf mit einem schonen Altarbilde nach dem Kloster, das ihm ein junger Maler Grimm aus Deutschland zuruckgelassen hatte; es stellte die Einsetzung des Abendmahles dar; die Kopfe der Apostel waren meist Gesichter seiner Bekannten im Schlosse. Die Monche waren sehr erfreut uber den Tausch, und der Graf liess den Wagen voll Schranke, wie im Triumphe, mit Musik zu sich einfahren. Die Furstin, die alles ergriff, was ihm Vergnugen machte, bat es sich aus, dass die Sammlung in ihrem Hause aufgestellt werde; der Schreiber, welcher gute Kenntnisse von den neueren mineralogischen Systemen hatte, solle sie in seinem Zimmer durchsehen und ordnen. Der Graf willfahrte ihr und lebte, in der Sammlung vertieft, halbe Tage in ihrer Nahe. Lacheln musste er, als er auch in dieser Sammlung die Besorglichkeit des Prinzen vorscheinen sah; die giftigen Metallkalke waren alle schon im Ausseren des Schiebkastens mit dem Zeichen des Totenkopfes und der Knochen aller leichtsinnigen Neugierde, die sie unvorsichtig abreiben konnte, verwarnt.
Nach einiger Zeit wurde von Anselmo, dem Monche, der die fabelhafte Geschichte des Prinzen nach sizilianischer aberglaubischer Art vorgetragen hatte, die Nachricht gebracht, der Prinz wunsche die Furstin zu sprechen, er hatte ihr etwas Geheimes zu eroffnen. Die Furstin schlug es ihm aber fur immer ab; seit sie sich in so heimliche Verbindung verstrickt hatte, mied sie alle heimliche, wahrsagende Menschen, Kartenleger, Zigeunerinnen, selbst die Sibyllenhohle bei Marsalla. Bald darauf glaubte man den Prinzen in der Nahe verkleidet gesehen zu haben; der Graf wollte ihn deswegen besuchen, er verschob es aber so lange, bis es zu spat war. Der Prinz schickte ihm nach einiger Zeit einen schon gemalten Stammbaum, der seine Verwandtschaft mit der Furstin bewies. Der Graf horte zuweilen bei der Furstin ein wunderliches angstliches Gerausch wohl dem, der im Bosen die geheime Warnung versteht, ihr schien es ein leerer Schrekken. Einmal stand die Grafin dicht hinter ihr; sie hatte nichts kommen horen, weil sie uber des Grafen Schulter lag, der vor den Mineralien sass und ordnete, kleine Zettel anklebte, und im Anschauen verloren war. Die Furstin schrie auf; sie meinte, es ware wieder jenes Gerausch, das sie umgebe, und der Graf strafte zartlich seine Frau, wie sie so erschrecken konne; wirklich ist das Leisegehen eine Art Falschheit oder Bosheit, aber die Grafin war laut aufgetreten, der Graf war nur in den Mineralien, die Furstin in ihm vertieft. Aber ist es nicht bedeutend, wenn uns zufallig das Bekannte durch seine unerwartete geliebte Nahe erschreckt? Die Grafin hing diesem Gedanken nach; ihr war, als hatte sie etwas sehr Ahnliches, was sie dort erblickt, in fruherer Zeit gelesen; sie suchte unter ihren langst vergessenen deutschen Buchern nach, und fand im vierzigsten Teile von Wallers samtlichen Schriften folgende Versuchungsgeschichte bei seinen mineralogischen Wanderungen, die wir als eine Darstellung Italiens hier auch wohl dulden mogen, wenn sie gleich unsre Geschichte unterbricht. Was ist uns denn in einer Geschichte wichtig, doch wohl nicht, wie sie auf einer wunderlichen Bahn Menschen aus der Wiege ins Grab zieht, nein die ewige Beruhrung in allem, wodurch jede Begebenheit zu unserer eigenen wird, in uns fortlebt, ein ewiges Zeugnis, dass alles Leben aus Einem stamme und zu Einem wiederkehre. Warum sind doch die Leser meist so ungeduldig, warum muss ich hier Ereignis auf Ereignis zusammendrangen und von der liebevollen Erziehung der Kinder, wie Dolores und Klelia sie ihnen geben, muss ich ganz schweigen, um mich nicht in unendlicher Betrachtung zu verlieren. Uberschlagt nicht diese lehrreichen Verse.
Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland
Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wel
len
Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde
Welt;
Seh ich die klingenden Hohlen des nordischen Moh
renbasaltes,
Glaub ich die Erde gestutzt auf den Armen der Holl; Dann, dann sehne ich mich in deine hellschimmernde
Arme
Weisser carrarischer Stein, kuhlend die schwulige
Luft,
Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden
Menschen durchlaufen
Keiner staunet dich an, jedem bist du vertraut. Sage Vertraulichkeit mir, du innere treu mir gehegte, Was zum Norden mich trieb, ach und du schweigest
beschamt.
Meine Begleiter, die rufen sich Geister des Fingal im
Echo,
Und ich denke mich fern, hin nach sudlichem Land, Liege am Felsen gestreckt mit zierlich gebundenem
Tagbuch,
Und verlange vom Geist, dass er was Gutes bescher! Fingal, das klinget schon wieder so hell, mir wird
doch so trube,
Frierend wahn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit! Dreht sich die Achse der Welt? Wie fuhrt mich Pe
trarka zu Fingal,
War es doch gestern, ich mein, dass ich nach Genua
kam.
Ja dort sah ich zuerst das Meer, das nun mehr mir
grauet,
Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich
trennt;
Damals von der Bocchetta herab in des Fruhrots Ge
wuhle
Sah ich die Hoffnung darauf, weichlich im schweben
den Bett,
Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlum
mernd, sie dreht sich,
Dass die Schifflein so weiss, flogen wie Federn davon; Lassig band sich vor mir die Gottin das goldene
Strumpfband,
Zweifelnd, dass fruhe so hoch steige der lusterne
Mensch.
Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie lebte
und schwebte
Wie ein Flammelein hin uber die spiegelnde Welt. "Fiametta!" ich rief, mir schaudert, sie fasste mich sel
ber,
Ja ein Madchen mich fasst, lachelnd ins Auge mir
sieht;
"Ich bin's!" sagte sie peitschend den buntgepuschel
ten Esel,
Dass aus dem ledernen Sack schwitzte der rotliche
Wein:
"Esel, du kennst schon den Weg zum Markte der
glanzenden Hauptstadt,
Mit Laternen zur Nacht stiegest du gestern erst hier. Lieber, was willst du?" sie fragt, "du riefest mich
eben bei Namen?"
Wenn sie nicht Blicke verstand, Worte, die wusst ich
noch nicht!
Der Beschamung sich freuend, sie strich mir die trie
fenden Haare,
Tau und Muhe zugleich hatten die Stirne genetzt, Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu
wandeln,
Um zu suchen mein Gluck und sie wollte mir wohl. Als sie den Stein erblicket, den sorglich in Wissen
schaftsliebe
Auf den Handen ich trug, dass der Anbruch nicht leid', Rotlicher Feldspat es war mit kostlich grossen Kristal
len,
Wie er nirgends als dort schmucket den alten Granit; Ei da lachte sie laut, und riss mir den Stein aus den
Handen,
Warf ihn uber den Weg, dass er zum Meere hinrollt, Und dann spielte sie Ball, sich freuend meiner Ver
wirrung
Mit der Granate, die schnell kehrte zu ihr aus der
Luft;
Nicht der schrecklichen eine, die rings viel Hauser
zerschmettert,
Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt. Und ich sprach ihr in Zeichen so zartlich ich immer
vermochte,
Kusste die innere Hand, warf dann mein Kusslein ihr
zu.
Und sie verstand mich doch wohl? O Einverstandnis
der Volker,
Das aus Babylons Bau blieb der zerstreueten Welt, Suchte doch jeder den Sack beim brennenden Turm
und fragte,
Also blieb auch dies Wort "Sack" all den Sprachen
gesamt.
Ob der Esel auch eilte so schnell mit dem Sacke her
nieder,
Doch die Liebe versteht jegliche Zeichen geschwind, Die sie niemals gebraucht im Blick in guter Gebarde, Sei es in sudlicher Glut, sei es auf nordischem Eis. Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so
gelenkig,
Die Granate entfiel, und ich ergriff sie geschickt; "Kuhle vielliebliche Frucht, einst Gottern und Men
schen verderblich,
Wohl du fielest auch mir, zauder ich, wo ich ge
hofft?"
Doch ich zogerte noch, gedenkend an Helena trau
rend,
An Proserpina dann, beide erscheinen mir eins Mit der Eva, da wollt ich die Frucht verscharren der
Zukunft,
Dass nur dies Heute, was mein, bleibe vom Frevel be
freit,
Dass ich dem Zufall vermag zu treiben die Kerne in
Aste,
Dass ich dem Zufall befehl, dass er die Blute verweht. Aber da mocht ich nicht wuhlen im Boden voll zierli
cher Krauter,
Jegliches Moos noch so zart, drangte sich uppig zum
Tag.
Zweiflend ging ich so hin, sie schwand mir, da stand
ich am Meere,
Fern mich weckte ihr Ruf, dass ich nicht sturze hinein. "Nein zu seicht ist die Kuste, sie wurde nicht bergen
den Apfel,
Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Ge
schick."
Also kam ich zum Meere und sahe die Fischer am
Fischzug,
Springend durch kommende Well, ziehend ein braun
liches Netz,
Rot die Mutzen erschienen wie Kamme von tauchen
den Hahnen,
Fischer in Manteln ganz braun, schrieen als jagten sie
die.
Andere stiessen halbnackt ins Meer die schwarze
Felucke,
Trugen die Leute hinein, die nach Genua ziehn. Ach da entschwand mir die Schone hinter den grunen
den Bergen,
Zweiflender stand ich nun da, alle dort gingen zu
Schiff.
Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels
des Bosen
Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal
trug.
Wie sie enthoben das Schiff, begann bei dem
Schwanken und Schweben
Dass mir das Herz in der Brust, recht wie vom Heim
weh zerfloss;
Durch die fliessenden Felsen erscholl dann ein liebli
ches Singen
Ich verstopfte das Ohr, war vor Sirenen gewarnt. Bald belehrte ich mich, es sang ein Weiblein im
Schiffe,
Das im Mantel gehullt deckte vier Knaben zugleich, Wechselnd die Hande bewegt sie im Takt wie Flugel
der Windmuhl,
Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrusst; Sagt die Geschick ihr voraus des heiligen Kinds, das
sie anblickt,
Als es im Kripplein noch lag, Ochslein und Eslein es
sahn;
Zeigt ihr den himmlischen Stern, dem Hirten und Ko
nige folgen,
Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn; Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlosers, Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den
Leib.
Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Bose ver
sohnet,
Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die
Frucht,
Die begierig zugleich all griffen und fingen sie doch
nicht,
Denn sie fiel in den Schoss, der sie alle gebar. "Engel, versohnt ihr das Herz, das tief arbeitende
bose,
O so versohnt auch die Frucht und vernichtet sie so." Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie offnet
die Schale,
Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern: Wie im Neste die Voglein, also im Mantel die Kinder Sperren die Schnabel schon auf, ehe ihr Futter noch
nah,
Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur
Mutter
Und die Mutter verteilt gleich die kuhlende Frucht. Doch da tobte herab ein Sturm aus schwarzem Ge
wolke,
Weil es den Teufel verdross, dass ich die Frucht ihm
entwandt!
Walze dich schaumendes Meer, ich habe die Frucht
dir entzogen,
Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bei mir; Sturze die Wellen auf Wellen, erhebe dich hoher und
hoher,
Du erreichest uns nicht, hoher treibst du uns nur. Schon vorbei dem brandenden Leuchtturm schutzt
uns George,
Der in sicherem Port zahmet den Drachen sogleich! Liebliche Ruhe des Hafens nach wildem Gesause der
Sturme,
Dann erst siehet man ein, wie es auf Erden so schon! Wie von Neugier ergriffen, so heben sich ubereinan
der
Grussend der Strassen so viel, druber erhebt sich Ge
birg,
Hoher noch Heldengeturm, da wachet der Festungen
Reihe,
Schutzet uns gegen den Nord und wir schweben im
Sud.
Ei wie ist's? Ich glaubte zu schauen und werde be
schauet,
Amphitheater erscheint hier die Erde gesamt: Spiel ich ein Schauspiel euch vor, ihr bunten Turken
und Mohren,
Dass ihr so laufet und schreit an dem Zirkus umher? Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und
Kinder,
Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn
doch?
Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden
und zweifle,
Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie. "Fingal" und "Fingal", da rief's schon, muss ich erwa
chen in Schottland
Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im
Traum?
Muss heimkehren zur Erdhutt, keinen der Menschen
versteh ich,
Muss mir schlachten ein Lamm, rosten das lebende
Stuck,
Mehl von Hafer so rauch mir backen zum Brote im
Pfannchen
Und des wilden Getranks nehmen viel tuchtige
Schluck.
Wanderer Mond, ach du schreitest die stumpfen
Berge hinunter,
Nimmer du brauchest ein Haus, dich zu starken mit
Wein;
Alle die Wolken, sie tranken dich froh mit schim
mernden Saften,
Ja dein Uberfluss fallt, tauend zur Erde herab, Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Graser
und Seen,
Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust; Siehe mein Leiden, o Mond, durch deine gerundete
Scheibe,
Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wun
sche, das fehlt.
Die Grafin las diese Verse mehrmals und gewann dadurch mehr Zutrauen zu dem Grafen in seinem Verhaltnisse zur Furstin. Wieviel edler ist er als Waller, dachte sie; zum erstenmal fuhlte sie auch ein Bewusstsein, als sei ihr Fehler in ihren Kindern abgebusst. Heiliger Gott, was hast du den Dichtern fur Kraft verliehen in der Welt!
Der folgende Tag war der dreizehnte Geburtstag des frommen Johannes. Dolores wurde in der Erinnerung jener fruheren Zeit wieder sehr geruhrt, noch mehr aber durch die Abwesenheit dieses Sohnes, der sein Kloster in dem letzten Jahre nicht verlassen durfte; sie betete lange in der Schlosskapelle und es schien ihr, als wenn ihre Bitte ihn zu sehen, gewahrt werden musste. Wirklich trat Johannes mit zweien Ordensgeistlichen, kurz nach ihrer Zuruckkunft ins Zimmer, in den Kreis ihrer Kinder, die beschaftigt waren, ihm die gewohnten Geburtstagsgeschenke, prachtige Blumenstrausse mit schonen Bandern, Zeichnungen, Verse einzupacken, um ihm alles nach dem Kloster zu senden. Alle liefen mit Jubel auf ihn zu, besonders eine Schwester Hyolda, mit der er sonst eine besondere Vertraulichkeit gehalten; aber den ersten Kuss schon verhinderte die Verwunderung, wie er sich verandert habe. Er war nicht gewachsen, hatte aber in dem letzten Jahre seiner Abwesenheit seine mannliche Bildung ganz beendigt; der Kirchendienst und die Frommigkeit hatten die starre Heftigkeit in ihm vernichtet; er druckte niemand mehr an sein Herz, dass er aufschrie, und stiess keinen von sich, dass er weinte; mit einer anstandigen Gute, die den Geschwistern als Kalte erschien, begrusste er alle. Hyolda war untrostlich, sie weinte, dass er sie nicht mehr liebe, und verliess rasch das Zimmer. Johannes fragte nach dem Vater; der war aber schon sehr fruh in Geschaften ausgeritten. Die Ordensgeistlichen hatten unterdessen der Mutter erzahlt, dass Johannes durch seine fruhe Reife in Kenntnissen, Sitte und Heiligkeit heute die Priesterweihe sich erworben habe; sie war entzuckt uber die Gnade des Himmels, die ihr ein so wunderbares Kind verliehen; sie schlichtete den Streit der Geschwister uber ihn, indem sie allen anbefahl, ihn als ein geheiligtes Mitglied des Ordens mit ihren kindischen Grillen zu verschonen. Keines von den Kindern wusste recht zu begreifen, wie der Johannes, den sie alle so genau zu kennen glaubten, nun plotzlich etwas anderes geworden; er suchte ihnen alles in Liebe und Gute deutlich zu machen, fand aber noch weniger Beruhrungen wie sonst wenig Mitteilung mit ihnen, machte sich deswegen von ihnen los und schlich in den Garten zu seinen ehemaligen Anlagen. Mit Wehmut fuhlte er da, dass sie alle wie ein fremdes Werk, wie eine ferne Zeit vor ihm lagen, und kam in solchen Gedanken an den Fluss Skamander, der den herzoglichen Garten durchschneidet, indem er sich uber Felsen herabsturzt. Er setzte sich ans Ufer, und horte an dem entgegengesetzten eine schone Stimme, die ein Duett zwischen zwei Diskantstimmen, Mutter und Tochter, worin er sonst die eine der Mutter haufig mit Hyolda gesungen, mit wunderbarem Ausdrucke einsam anstimmte.
DIE STIMME:
Wald'ge Hugel, grune Auen,
Fruhlingsheimat, heimlich Gluck,
Freude, endlich euch zu schauen,
Freude strahlet ihr zuruck.
Mit dem schonen Tenor, den er bekommen und im Kirchendienste ausgebildet hatte, sang er seine Gegenstrophe:
Sieh wie dein befriedigt Lacheln
Ziehet ubern grunen Wald
Und die Winde dich umfacheln,
Alles dir entgegen schallt.
Jetzt schrie die Sangerin auf, und trat am andern Ufer aus dem Gebusche hervor: es war Hyolda, sie erkannte ihn jetzt, grusste und sang weiter:
Wie der Fruhling wieder waltet,
Neugestaltet ist mein Gluck.
ER antwortend.
Weisse Blute sich entfaltet
Hell in deiner Unschuld Blick.
HYOLDA.
Unschuld findet hier den Frieden.
JOHANNES.
Frieden finden hier die Muden.
HYOLDA.
Alle Wasser sanken nieder
In der warmen stillen Flur,
Ew'ge Feinde wurden Bruder
In der himmlischen Natur.
JOHANNES.
Keiner kann sich mehr begreifen,
Was ihn hielt in Stahl so fest,
Nun sie leicht durch Walder schweifen
Baut die Taub im Helm ihr Nest.
HYOLDA.
Als wenn gar nichts war geschehen,
Sieht das neue Grun uns an.
JOHANNES.
Pfauen stolz die Farben drehen,
Sehn die bunten Nelken an.
HYOLDA.
Diesen Baum hab ich gepflanzet,
Diese Blumen rings gesat.
JOHANNES.
Die der Schmetterling umtanzet
Und den Duft zum Himmel weht.
HYOLDA.
Unverganglich ist Vertrauen.
JOHANNES.
Sehnsucht kennen nur die Frauen.
HYOLDA.
Blatter dringen zu dem Himmel,
Worte dringen aus dem Mund,
Sel'ge Fulle, froh Gewimmel,
Grun ist Hoffnung, Freude bunt.
JOHANNES.
Wie die Farben nieder sinken
Von dem Himmel tagelang,
Alle Wesen froh sie trinken,
Hoffnung such ich oben bang.
HYOLDA.
Und ich muss hier niedersinken,
Hier an meiner Rasenbank,
Betend zu dem Himmel winken:
Bleibt der Vater denn noch lang?
JOHANNES.
Alte Priester, heil'ge Baume,
Alte Freunde, bleibt ihr stumm?
HYOLDA.
Horst du nicht der Vogel Traume,
Und der Bienen summ, summ, summ?
JOHANNES.
Nein, der Vater musste kommen,
Dass mich freute der Gesang,
Bienenfleiss war mir willkommen,
Dass der Tag mir nicht so lang.
HYOLDA.
Mach uns beide nicht beklommen,
Fruhlingsluft macht schon so bang.
BEIDE.
Wie in den gewohnten Orten
Mir des Vaters Bild noch weilt,
Also mein ich, dass von dorten
Er schon grussend zu uns eilt,
Susse Tauschung, schnell verschwunden
Hast uns doch mit Lust umwunden.
HYOLDA.
Susse Tauschung wie im Bache,
Ich dein Bild verdoppelt sah.
JOHANNES.
Schwimmend Auge, wache, wache,
Wenn der Vater mir bald nah.
HYOLDA.
Wenn es doch recht bald geschahe,
Sag es Kuckuck in dem Wald.
BEIDE.
Kuckuck rufend in der Nahe,
Wie von Vaters Stimme schallt!
Schmerzen wusst ich zu ertragen,
Aber diese Freude nicht,
Fruhling hilf mir Freuden tragen,
Dass mein Herz davon nicht bricht.
Wirklich hatte sich der Graf an der Seite des Johannes leise herangeschlichen und Kuckuck gerufen; er umarmte ihn bei diesen Worten und druckte ihn an sein Herz. Alle Kinder liebten ihn wunderbar; er war zu gleicher Zeit ihres gleichen und ihnen so uberlegen, ging in alle ihre Freuden ein und wusste alle zu einer Hauptwirkung zu fuhren; mit stummer Freude kusste er den lang entbehrten Sohn. Wir mussen uns von einer leidenschaftlichen Bewegung der zartlichen Hyolda jetzt nicht erschrecken lassen, sie hielt sich nicht am andern Ufer, sie sank in den Strom, um zu Vater und Bruder zu gelangen; sie konnte nicht schwimmen, aber ihre Sehnsucht und der Strom trugen sie dienend an eine tiefere Stelle aufs Land, als der Vater, der es zu spat bemerkte, sich eben ins Wasser sturzen wollte, sie heraus zu heben. Es war in dem ganzen Ereignis zu viel Schones, zu viel Gluck; er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Nachdem sich alle dreie ihrer Vereinigung herzlich gefreut hatten, so schickte er Hyolda fort, um die Kleider zu wechseln; er selbst ging mit Johannes zu der Furstin, die mit ihrer Wurde, ihrer Annehmlichkeit diesen Sohn so wie die andern Kinder fur sich einnahm, ihn auch durch das Geschenk einer herrlichen Madonna hoch begluckte. Er sprach gern mit ihr, und doch sehnte er sich nach dem Kloster zuruck; was ihn erfreute, schien ihm ein verganglicher Rausch gegen jene feste Ruhe seiner Seele, die ihn dort erfullte. Jetzt wurde er zur Herzogin gerufen, die von einer Fahrt zuruckgekommen, ihn mit Liebe empfing, mit Andacht horte und aus innerster Seele zu ihm sprach. Sie gab ihm in dieser einsamen Stunde seine Erhebung uber die Ereignisse der Welt zuruck; sie sprachen mit einander viel Herrliches uber die Stufen der geistigen Erhebung und uber geistige Fuhrung; sie verstanden einander ganz, und darum kann es einem anderen ohne Entheiligung nicht mitgeteilt werden. Glucklich die Seele, die ihr Bestimmtes gefunden. Am Schlusse ihres einsamen Gespraches wunschte Klelia, dass Johannes ihr eine Messe in ihrer Schlosskapelle lesen mochte. Er tat nach ihrem Wunsche; sie selbst spielte die prachtige Orgel, deren unerwarteter machtiger Ton alle Bewohner des Schlosses, auch Dolores dahin zog. Johannes las mit hohem Sinne und Anstande; nie war eine Mutter seliger, als Dolores, kein Vater glucklicher als Karl; aber wie schmerzlich war der Abschied, als Johannes nun wieder fur ein Jahr scheiden musste. "Wir sehen uns wieder, wer weiss wie!" rief ihm die Grafin nach. Johannes ging ernst und ohne Umschauen aus der Ture. Der Schreiber begleitete ihn und seine beiden Ordensgeistlichen weiter als alle andern. Johannes erzahlte ihm unbefangen den ganzen Tag, verweilte mit Ruhrung bei dem Vorfalle mit der Schwester, den dieser begierig ergriff, um daraus eine Geschichte zu bilden, wie er sie in seinem weltlichen Sinne lieber erlebt hatte. Wir wollen sie den Weltleuten zu Gefallen mitteilen.
Getrennte Liebe
Zwei schone liebe Kinder,
Die hatten sich so lieb,
Dass eines dem andern im Winter
Mit Singen die Zeit vertrieb,
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Horet ihr immer den Doppelschall.
Der Winter bauet Brucken,
Sie beide hat vereint,
Und jedes mit frohem Entzucken
Die Brucke nun ewig meint;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Wohnten die Eltern getrennt im Tal.
Der Fruhling ist gekommen,
Das Eis will nun aufgehn,
Da werden sie beide beklommen,
Die laulichen Winde wehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Sturzen die Bache mit wildem Schall.
Was hilft der helle Bogen,
Womit der Fall entzuckt,
Von ihnen so liebreich erzogen,
Zum erstenmal bunt geschmuckt;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Horet sie klagen getrennt im Tal.
Die Vogel uber fliegen,
Die Kinder traurig stehn,
Und mussen sich einsam begnugen
Einander von fern zu sehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kreuzen die Schwalben mit lautem Schall.
Sie mochten zusammen mit Singen,
So wie der Vogel Brut,
Den himmlischen Fruhling verbringen,
Das Scheiden so wehe tut;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Sehn sie sich endlich zum letztenmal.
Der Knabe kriegt zur Freude
Ein Rockchen wie ein Mann,
Das Madchen ein Kleidchen von Seide
Nun gehet die Schule an;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Gehn sie zum Kloster bei Glockenschall.
Sie sahn sich lang nicht wieder,
Sie kannten sich nicht mehr,
Das Madchen mit vollem Mieder,
Der Knabe ein Monch schon war;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kamen und riefen sie sich im Tal.
Das Madchen ruft so helle,
Der Knabe singt so tief;
Verstehen sich endlich doch schnelle,
Als alles im Hause schlief;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Springen im Mondschein die Fische all.
Froh in der nacht'gen Frische,
Sie kuhlen sich im Fluss,
Sie konnen nicht schwimmen wie Fische,
Und suchen sich doch zum Kuss;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Reissen die Strudel sie fort mit Schall.
Die Eltern horen singen
Und schaun aus hohem Haus,
Zwei Schwane im Sternenschein ringen
Zum Dampfe des Falls hinaus;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Horen sie Echo mit lautem Schall.
Die Schwane herrlich sangen
Ihr letztes schonstes Lied,
Und leuchtende Wolkchen hangen,
Manch Engelein nieder sieht;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Schwebet wie Blute ein susser Schall.
Der Mond sieht aus dem Bette
Des glatten Falls empor,
Die Nacht mit der Blumenkette
Erhebet zu sich dies Chor;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Grunt es von Tranen nun uberall.
Vierzehntes Kapitel
Der Minister reiset nach Sizilien
Der Schreiber, immer besorgter, das Geheimnis jener Nacht mochte verraten werden, hatte inzwischen gleich nach der Ruckkehr vom Atna einen Brief an den Minister uber die Leidenschaft der Furstin zu seinem Schwiegersohne geschrieben; der Brief war durchaus wahr ohne Ubertreibung. So wenig der Minister die Untreue bei Mannern fur etwas Bedeutendes hielt, so war sie ihm doch unangenehm an seinem Schwiegersohne; er wollte ihn nicht gerne an der Stelle sehen, wo er selbst einst gestanden. Die bestimmte Zeit zur Ruckkehr der Furstin war langst verstrichen, und mehrere politische Ereignisse machten diese doch notwendig; schon mehrmals hatte er ihr deswegen geschrieben, aber sie antwortete entschlossen, sie wurde es vorziehen, die vormundschaftliche Verwaltung fur den ausschweifenden Erbprinzen ganz niederzulegen. Durch den Brief des Schreibers uberzeugte er sich, dass dieser Entschluss ernstlich begrundet sei so sollte er mehrjahrige Bemuhung fur des Landes Wohl in einer Zeit, die alle seine Stetigkeit und alles Talent der Furstin forderte, einer gleichgultigen fremden Verwaltung uberlassen? Die Trennung von den Seinen, von seiner Moham und ihren Kindern war ihm sehr unangenehm, aber ein Staatsmann unterzieht sich dem Schwersten; er musste sich endlich selbst zu einer Reise nach Italien entschliessen, nicht um nach eigner Lust sich von vieljahriger Arbeit dort auszuruhen, sondern um wie ein hartes geistliches Gericht ein paar liebende Seelen aus einem unbekannten Verwandtschaftsgrunde von einander zu reissen. Zu seiner Aufheiterung nahm er den Kammerjunker und die Mamsell mit sich; beide waren in hochster Freude, dass sie Italien sehen sollten, und er verdarb sie ihnen nie. Ruhrend war es, wie der alte Geschaftsmann allmahlich ohne sein Wissen auftaute, je weiter er nach Suden vordrang; zwar handelten seine Briefe meist von Geschaften, doch verlangerte sich die Nachschrift an seine Freunde bei jedem Briefe. Hier zur Probe nur eine:
"Lieben Freunde! Ich schreibe aus Como, dem Geburtsorte der neueren elektrischen Physik; doch kann ich mich nicht entschliessen, zu dem beruhmten Volta zu gehen, so fest halt mich das Marktgewuhl an meine Fenster gelehnt; die verschleierten Frauen mit ihren Magden erwecken meine ganze Neugierde. Ihr werdet fragen, ob ich wohl und gesund bin; zu solchen Fragen bleibt aber hier keine Zeit; jeden Augenblick gibt's etwas Neues, und selbst so alte Bekanntinnen wie die Sonne und Sterne, glanzen hier wie in erster Jugend. Ich kann Euch meine Verwunderung uber den ersten hohen Feigenbaum im Freien nicht ausdrucken, als ich gen Chiavenna auf meinem Maultiere vom Geburge herabritt, hinter mir ein Gewitter, um mich alles so schwul, Kammerjunker und Mamsell sehr schmachtend gegen einander, und der Baum so frisch, grossblattrig; ich musste stille bei ihm halten, und mir ein paar Blatter davon auf meinen Hut stecken. Die Bauart der Stadt, die unter mir lag, die flachen Dacher, das gute Verhaltnis zwischen Lange und Breite der Hauser, zwischen Fenstern und Turen, ein Marienbild in der Mauer, das sich durch seine guten Umrisse und Farben von der blossen mechanischen Heiligenmalerei unsrer katholischen Lander unterschied, machten mir einen so behaglichen Eindruck von einem reiferen gebildetern Lande, dass ich alle Ermudung vergass, die ich aus der alten Welt mitgebracht und recht frisch die spinnenden feinen langlichten Weiber vor allen Hausturen beschaute, deren feurige aufmerksame auszeichnende Blicke und laute Stimmen sie gleich von allen Nachbarinnen jenseit der Alpen unterscheiden; Ahnlichkeit haben sie darin mit den Ostindierinnen, nur ist in Italien alles frei, offen und erklart, was sich dort hinter tausend Schleiern verbirgt. Die Eifersucht der Italiener ist ein altes Marchen: es gibt Eifersuchtige wie allenthalben; die Manner sind meist widrige, schmutzige Eseltreiber, Koche, Faulenzer, eine niedrige List entstellt meist ihre schonen Zuge. Das erste Wirtshaus war so durchsichtig, weil alle Turen und Fenster offen standen, dass ich glaubte in einem Lager zu sein, wo die Hutten nur fur einen Monat erbaut; so war auch die Kost: gute Sachen schnell und schlecht bereitet. Auf dem Comersee sorgte eine hubsche runde Frau, die ich aus Gefalligkeit in mein Fahrzeug aufgenommen hatte, sehr artig fur uns. Sie wollte mein Alter nicht glauben, versicherte mir heimlich, dass ihr noch nie ein so stattlicher Herr wie ich vorgekommen, ich mochte sie doch in Como besuchen. Sagt meiner Frau, dass ich nicht untreu geworden bin. Ein paar Schifferbuben, Pietro und Battista, sangen ununterbrochen beim Rudern, der alte Schiffer besserte zuweilen, wo sie falsch gesungen; wie verschieden von uns, wo der Alte sicher den Jungen das Singen bald gelegt hatte. Ja lieben Freunde, wir haben viel Kritik, aber sonst nicht viel, was der Muhe des Lebens wert ware, und unsre meiste Erziehung besteht doch bloss in einem Entwohnen von der Freude. Angesicht dieses gebt dem Hofmeister meiner Kinder den Auftrag, alles, was noch volksmassig gesungen wird, mit ihnen durchzusingen, so haben sie doch etwas, woran sie sich in vergnugten einsamen Stunden halten konnen. Mir fehlt so etwas; meine beiden Reisegefahrten schmachten, schmollen oder schreiben."
Funfzehntes Kapitel
Unterhaltung der Reisenden in den Pontinischen
Sumpfen
Die eine charakteristische Ansicht von Italien mag genugen; zu dem Schlusse des Briefes mussen wir aber bemerken, dass er den beiden zum Schreiben gar mancherlei Veranlassung gab. Er hatte die Methode, mit Fahigkeiten aller Art die Klingenprobe zu machen, etwas von ihnen zu fordern, was gewohnlich nicht gefordert werden kann, um ihren Umfang und ihre Dauer ganz zu kennen. So sollten sie ihm im Wagen fertige Tragodien schreiben, besonders gab er ihnen dazu einen Stoff, der ganz sonderbar war, und den sie gleich ausfuhrten. Er setzte eine Furstin nach Italien, die sich in einen schonen griechischen Schiffsknaben verliebt hatte, und die von ihrem Minister in ihr Land zuruckgerufen wurde. Der Kammerjunker lachte erstaunlich, wenn er sich den fischkopfigen Primaner, dies tolpelhafte Ungeheuer, als einen solchen Liebling dachte. "Beim Werke", sagte der Minister, "nehmen Sie darauf Rucksicht, dass in ihm erste, in ihr letzte Liebe wirkt, dass sie in einer Masse von Verhaltnissen hoherer Art gelebt hat, wovon der Grieche nichts versteht, so dass ein grosser Teil ihrer Bildung brach liegen musste, der auch seinen Umgang sucht; diesen wollen viele unverschamte geldgierige Kunstler ausfullen, dies letztere muss Ihnen lustige Szenen geben." So entstand sehr schnell die folgende kleine Tragikomodie vom
Hylas
Ausgang eines bedeckten Saulenganges nach dem
Meere, auf der andern Seite ein hoher Felsen mit
Gangen, Blumen, Grotten verziert
1.
DER MUSIKER. Das halt ich nicht aus, Sie laufen immerzu und sagen gar kein Wort. DER MALER. Sie sehen sich nicht um, das ist viel schlimmer. DER MUSIKER. Wer hat den Strachino zuerst gesehen? Wer fand den Backerladen? DER MALER. Was wollen Sie aber mit dem Zeuge, mit Kase und Brot? Die Furstin riecht's am Ende. DER MUSIKER. Ich stelle mich immer unter den Wind; es soll Ihnen noch gut schmecken, nach allem dem sussen Zeuge, was man hier bekommt, der Magen wird einem ganz hohl davon; der Mensch muss aber einen Kern haben, um zu wachsen, wie kein Getreide vom blossen Regen wachst. DER MALER. Ich bin noch nicht hier gewesen, geben Sie ein Stuck her. DER MUSIKER. Warten Sie doch, da bringt ein Kammerdiener Sorbetti, das zuerst, der Kase lost die Dissonanz auf. DER MALER. Das wird schon lauten. Sagen Sie, greift man hier so gerade zu? DER MUSIKER. Nun sehen Sie, wie ich's mache. Mein lieber Herr Kammerdiener, wie geht's mit Ihrer Flote? Sie haben da Eis, geben Sie mir davon. DER KAMMERDIENER. Mit meiner Flote steht es schlecht, Herr Kapellmeister, ich habe zuviel darauf geblasen, die Klappe will nicht mehr halten, und da geht mir die Luft immer zu fruh heraus. DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich bitten darf, auch eins fur meinen Freund. Es ist jetzt heisse Zeit, ich rate Ihnen sehr, da kein Instrumentenmacher in der Nahe, lassen Sie die Flote jetzt ruhig liegen, sie ist bloss ausgetrocknet, wie der Rohrbrunnen vor der Villa; ich wette darauf im Herbste akkompagnieren Sie wieder. DER KAMMERDIENER. Nein, seit der Grieche bei uns ist, werde ich nicht mehr zum Konzerte verlangt; der blast Ihnen wie ein Blasebalg und wird niemals mude und hat einen feineren Ansatz. DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich Sie nicht bemuhe; Freund, essen Sie doch, ich fand es lange nicht so gut gerieben, ein wahres Meisterstuck. Ein ausserordentlicher, ein verfluchter Herr, der Grieche! Er tut mir auch Schaden, die Furstin nimmt zwei Singestunden weniger. DER MALER. Ist er denn ein Freund von der Kunst? DER KAMMERDIENER. Was ist denn das, die Kunst? DER MALER. Die Kunst, ja, sehn Sie, die Kunst ist nun eben die Kunst. Ich bitte um ein Glas Eis, es tut doch gut in solcher warmen Zeit. Ja, wo blieb ich stehn, die Kunst, mussen Sie wissen, die Kunst bei einer Furstin, ich setze ein Beispiel an mir, ich bin ein Maler. DER KAMMERDIENER. Wenn nun die Furstin allerlei Schildereien kauft, so ist sie eine Kunstfreundin. DER MALER. Sie wissen es schon, der eine muss es machen und der andere bezahlen. Ich habe nun eine ganze Reihe Landschaften von vier Zoll Breite und drei Zoll Hohe bis funf Fuss Breite und vier Fuss Hohe; ist wohl im Schlosse noch eine leere Wand, wo sie sich gut machen wurden, es soll Ihr Schade nicht sein; hier ist meine Taxe, just wie mit den Spiegeln fur jeden Quadratzoll mehr, ein Taler. Noch ein Glas Eis, damit mir nicht eine Seite schwerer wird, als die andere. DER MUSIKER. Was kommentieren Sie denn jeden ihrer Bissen, sehen Sie, ich nehm ein Glas und schmeiss es in das Meer, dass auch die Fische mitgeniessen; nicht wahr Herr Kammerdiener, hier geht alles ganz ins Grosse. DER KAMMERDIENER. Es ist doch schad ums Glas, denn schmiss man Sie zum Haus hinaus, so war's doch schad um Ihren Rock. Es ist nur beispielweis. DER MUSIKER. Ja wir verstehn uns, alter Freund. Seht noch ein neuer Gast, der Bildhauer mit dem Buckel. Wo seid Ihr denn so lang geblieben Packentrager, Ihr habt nicht mitgekonnt, wir gingen doch zu gleicher Zeit aus. DER BILDHAUER. Das nennt ihr Kraft, den Weg mit schnellen Schritten so kurz zu treten, dass er gar nichts ist. Was ist denn jetzt das Beschwerliche? Die Sonne! Und ich bin so viel langer in der Sonne geblieben, also habe ich viel mehr Beschwerliches ertragen als ihr, die ihr vorzeitige Geburten, halbgare Erdenklosse seid; und seht mich an, ich spring euch noch ubern Stock, als kame ich eben aus dem Bette; und vor dem Dorfe hab ich erst eben eine hubsche Grasschneiderin beim Kopf genommen, vorige Nacht war ich bei der Marquise und heute morgen hab ich einen Zentner Marmor zur Bewegung abgeschlagen. DER MALER. Ein rechter Michelangelo; druck nur einmal, wenn du bei Kraften bist aufs Uberbein an deinem Rucken, vielleicht vergeht es noch, du bist noch jung. DER BILDHAUER. Ich weiss nicht, was du hast mit meinem Buckel; ich habe mich erst heute noch im Spiegel angesehn, ganz nackt, es ist bloss der Unterschied zwischen rechter und linker Seite, die ihr bei Stieren auch bemerkt. Du bist auch der einzige Mensch, der das findet, ich frage dich, du jammerlicher Musikant, ich bin nicht gerade schon gewachsen, aber DER MUSIKER. Nicht gerade, ist so viel wie ungerade, und das muss wahr sein. DER BILDHAUER. Herr, Ihr seid ein Esel. DER MALER. Leid's nicht, steck ihn unter den Tisch, wir wollen ihm Tritte geben. DER BILDHAUER. Ich schlag euer Hirn gegen die Mauer, wie ein faul Ei, wer wagt's. DER KAMMERDIENER. Ihr Rekel, konnt ihr denn nicht Frieden halten, wenn ihr Geschafte machen wollt, es ist ja euer eigener Vorteil. DER BILDHAUER. Ich bin zu unmassig im Zorn, verzeiht ihr Freunde, meine Leidenschaften bringen mich ums Leben. Wie gefallt meine neue Alabasterlampe. Luna, wie sie den Endymion kusst. DER DICHTER eintretend.
O dieses Meeres susse Fusse,
Wie kuhlen sie der Nymphen leichte Fusse,
Sie laufen nach
Um mit der Well zu spielen,
Doch ach
Sie mussen sich umwunden fuhlen,
Demutig schmeichelnd scheint die Liebe erst,
Gebietend ist sie, wenn du sie erhorst.
DER MUSIKER. Willkommen, werter Freund, ich will gleich
musizieren,
Womit Sie eben jetzt die Ohren mir beruhren. Sie sind im schonsten Kreis von einem
Kunstvereine,
Was fehlet uns noch jetzt, die Furstin ganz alleine. DER DICHTER. O heil'ger Tag, der mich an diese Schwelle, In seinem heitern Laufe bringt, Und wie ein Bach, so irrt ich in der Helle, Bis jede Welle an der Schwelle klingt, Da endet mir des Himmels ode Leere, Ich fuhle Mich wiederklingend endlos in dem Meere, Und Einklang in dem ewigen Gewuhle. O welches Leben ist mir nun beschieden, Seit ich mein neblig Vaterland gemieden. DER MUSIKER. Hier ist das Land der Kunst, doch ist es etwas heiss, Beliebt es Ihnen auch, ich nehme ein Glas Eis. DER DICHTER. O welches fromme Haus, Hier stosst mich keiner aus. O welche milde Hand Hat Labung mir gesandt; Ich armer Knab ging aus Mit einem Blutenstrauss, Und wollt ein wenig sehn, Woher die Lufte wehn, Die milde zu uns dringen, Dass alle Kehlen singen. O Haus voll sanfter Luft, O Haus voll reichem Duft, Auch Fruchte find ich hier, An deiner offnen Tur. Hier streckt ihr Riesenhaupt Melone aus der Erde, O war es mir erlaubt, Zu folgen der Gebarde: Sie will gegessen sein, Doch nimmer ganz allein, Gebt Zucker, hohe Gotter, Und lachet nicht ihr Spotter, Zuviel ist dieses all, Dass ich es einsam fuhlte, Geniesst mit mir einmal, Was meinen Durst erkuhlte; Ach waren auch die Meinen hier, Das war viel lieber mir. DER MUSIKER. Sie haben recht mein Freund, wenn man's bei uns
nur wusste,
Sie kriegten all danach ein machtiges Geluste; Versuchen wir einmal, es mochte uns wohl
glucken,
Gebacknes Obst von hier nach Deutschland
auszuschicken.
DER DICHTER. Nichts von Gebackenem, Schnoder Gedanke! Schaue der Rundung Himmlischen Bogen, Schaue die sanft verwachsene Spalte, Schaue dies wollige Schutzende Kleid, Schaue den duftenden Farbigen Staub, Fuhle die Kuhle. O Aprikose Sage, wer wagte Je dich zu backen, Der dich gesehen Schwellend im Glanze Irdischer Jugend! DER MUSIKER. Sie haben vielen Sinn, doch ist er viel zu weich, Es wird kein Hebebaum aus einem schlanken
Zweig,
Der Kunstler sei was hart, will er die Welt
besingen,
Denn da muss vielerlei ... DER BILDHAUER. ... uber die Klinge springen. Herr, Sie haben keinen Mannesmuskel, Sie haben Froschschenkel, Ihre Lieder passen furs Wasser, ein ew'ges Einerlei von Weinerlichkeit. DER DICHTER. Du von der Natur Schandlich Gezeichneter, Sage mir nur, Mich, den bezeichneten Himmlischen Adler, Wagst du zu hohnen; Heute ich prange Irdischem Schonen, Morgen entreissen mich Gotter zu sich. DER KAMMERDIENER. Durchlaucht die Furstin bedauert sehr, dass sie die Herren heute nicht sprechen kann, sie ware dringend beschaftigt. DER MUSIKER. Gelt, mit dem schonen Griechen, lieber Herzensfreund; den Menschen mussen wir los sein, legen Sie ihr doch morgen meine Sonate wieder auf das Klavierpult, die ich ihr dediziert habe, und geben Sie ihr doch so vor sich zu verstehen, eine goldne Dose ware das wenigste, was sie mir geben konnte, es soll Ihr Schade nicht sein. DER MALER. Nun vergessen Sie nicht Herzensfreund, sehen Sie doch an den Wanden herum, wo noch Platz ist; ich male fur alle Arten Lichter, auch da wo keins ist. DER BILDHAUER. Da die Furstin nichts gegen die Lampe sagen lasst, so nehme ich an, dass sie dieselbe nehme, und das Geld schaffen Sie mir bald, lieber Bester. DER MALER. Hort Kapellmeisterchen, holt doch einmal Euern Kase und Brot heraus, ich hab zu viel von dem sussen Zeuge in den Hals laufen lassen. DER DICHTER.
Geniesst der holden Gunst
In milder Luft zu schweben,
So wird die reine Kunst
Auf euren Lippen leben.
DER KAMMERDIENER.
Das Volk wird nie satt.
DER MUSIKER.
Die Kunst geht nach Brot.
Alle ab
2.
HYLAS tritt mit einer Mandoline auf und singt. Wie so schwer vom Herzensgrunde Reissen sich die Worte los, Hangen dann noch fest am Munde, Kussen mich fast atemlos, Und die Augen gehn mir uber Von der hohen Tone Fieber; Ausgestossen von dem Munde Fluchten sie in fremde Welt, Ist es auch die rechte Stunde, Wo ein jeder Ton gefallt? Vor der bang geschlossnen Pforte Schweigen scheu der Liebe Worte! DER DICHTER an der Gartenmauer singt. Worte rufen nach Gedanken, Die Gespielen blieben heim, Die spielordnend loben, zanken, Da begegnen sie dem Reim, Dass er sie in Reih und Glieder Ordne zu dem Spiel der Lieder. Und dem Reim folgt der Gedanken, Beide sind ein liebend Paar, Beid auf schmalem Stege schwanken, Sich umschlingen in Gefahr, Weinlaub so umschlingt die Baume, Dass es sie mit Glanz besaume. HYLAS. Hoffend tauch ich in das Grune, Singend in das Himmelblau, Und die ganze Fruhlingsbuhne Sagt von dir, du schone Frau, Konnt ich's so gelaufig sagen, Wurd ich nicht nach Liedern fragen: Muss ich nicht bedenklich werden Folg ich dir mit dem Geton, Ziehet kalter Wind auf Erden Und ich hor nur sein Gestohn, Rings die Warme seh ich zittern Und die Ferne hell gewittern. DIE FURSTIN in der Ferne. War am Himmel sichre Helle, Himmelglatt der Erde Rand, Aber an des Himmels Schwelle Ist gezahntes Felsenland. Und der Regen tritt entgegen, Will sich zwischen uns noch legen: Himmels Fensterscheiben brechen, Und die Laden donnern an, Da ich wollt vertraulich sprechen, Uns die Sonne ganz zerrann: Ach ich meine im Zerstoren Warnend einen Geist zu horen. HYLAS. Klimm mit mir zu jenen Hohen, Und ich sag von Liebe dir! Ach wie ist mir nun geschehen, Nun das Meer tief unter mir, Hor die Steinlein drinnen schallen, Die von meinen Tritten fallen. O so fallen leicht vom Herzen Meine Wort ins Freudenmeer, Und es scheinen meine Schmerzen, Wie die Worte mir so leer: Halt mich fest und lieb mich wieder, Sieh, ich sturze sonst hernieder. DIE FURSTIN. Hier lass uns weilen auf dem Rasensitze, Denn schonern Blick gewahrt wohl nie die Welt; Wie schwingt sich alles auf in Lust und Klang, Nur du bist stumm, mein susser, susser Freund. HYLAS. Ich sehe in ein tiefes grunes Wasser, In tiefe blaue Luft, in blendend Feuer Und bin ich nicht ein Stein, muss ich vergehn. Sieh doch, jetzt ist die Luft schon wieder blau, Ich bin noch finster wie sie eben schien, Auch bricht die Nacht bald uber uns herein. FURSTIN. So sprichst du immer anders, als erwartet Warum kannst du nicht artig schwatzen, so wie
ich;
Was in die Hand mir fallt, wird mir zum Spiel, In jedem Blatt schenk ich dir neu ein Herz, In jeden Stengel schling ich Liebesknoten, Ich bring ihn dir, du schweigst und lasst ihn fallen. HYLAS. Du gibst zu viel, und sollt ich's all bewahren, Ach ich erlage unter Dankes Last; Hab ich's dir nicht gesagt, als wir zum ersten Male Vertraulichkeit mit unsern Lippen tauschten: Sind meine Augen dir nicht klar wie Glas, Ins Innere des Herzens mir zu lesen, Durch meine Zunge lasst es sich nicht aus, Und nur wie Funken aus dem Stein geschlagen Entwickelt sich ein kurzer Schein, wer den Nicht fangt, in Flammen hoher auf zu lodern, Der kennt ihn nicht, dem bin ich tot, Und wie in einem Sarg in mir verschlossen. FURSTIN. Verkenne nicht mein sorgliches Nachfragen, Die Lieb spricht gern ein uberflussig Wort, Damit sie nicht, was irgend not, versaume, Nicht ich bedarf der steten Rede Spiel, Es saget mir dein lieber Blick so viel, Wenn meine Hand dir Stirn und Wang beruhret, Es sagt mir mehr, als je ein Mund gesagt, Wenn ich dein Herz lebend'ger schlagend spure, O welches Lied kann hupfen also leicht. Nein nicht um mich brich dieses lange Schweigen, Mit dem du oft an meinen Blicken haftest, Nur ich, ich furchte, du bemerkst an mir, Was dir missfallt, was du mir gern verschwiegest. HYLAS. So kommt ihr her, aus eures Nordens Wuste, Den lieblichsten Genuss missgonnt die Furcht, Die sonst um euch in der Natur gelauschet, Bis sie den Weg zu eurer Seele fand; Wie ihr sonst schwindelnd auf den Bergen standet, So steht ihr furchtend auf der Liebe Wipfel! Es mogen Flammen aus dem Wipfel steigen, Die Lander beben in dem innern Grund, Hier lasse schwinden alles eigne Leben Von einem Leben, das uns all durchdringt, Das heftig unsern Atem hier bewegt Und mit dem Mond, der dort dem Meer entsteigt, In einer Nacht fur Millionen lebt. Bewahren lasst sich nichts und viel geniessen, Mir lasse ganz des Busens Freude scheinen; Und was dir noch von alter Sorge bleibt, Das schreibe all an alte Freund nach Haus, In jene Gegend, wo sie immer sorgen. FURSTIN. Ach wohl bekenn ich mich der Sunde schuldig, Mit Wahn den keimenden Genuss zu storen, Doch ist er nicht so leer, mein schoner Knabe; Auf meinen Wangen prangt nicht mehr die Frische, Mit der du gern in jeder Frucht dich siehst, Mit allen Luften fuhlst und dich bewegst, Und was in mir geschieht, ist fast geendet. Sieh morgens nur dein Angesicht im Wasser, Es wird bewegt von wechselndem Verlangen, Es wird bewegt wie von der Luft das Feld Und es vergeht kein Tag, wo du nicht lernest, Wo du nicht wachst zum grossern Manne auf. O sag, in diesem Blick, was sagtest du, O sag, was dachtest du im Augenblicke. HYLAS. Beim Zeus, ich dachte nicht, ich sah dich an, Wie von der Lampen Schimmer du erhellt, Die einen neuen Tag in Nachten schaffen, Und hab ich mehr gedacht, ich weiss nichts mehr; Beim Zeus, du denkst dir gar zu viel in mir, An deiner Seite denk ich nur an dich. FURSTIN. O schweig, es war der lieblichste Gedanke, Du willst mit neuer Lust mich uberraschen, O dass du mir so was verbergen kannst, Dass ich nicht ganz in dir mich kann verlieren, Nicht kann mit deinen dunklen Augen sehen, Mit deinen Pulsen nicht die Zeit mir messen! Bewache mich, dass ich die Brust dir nicht Zerreiss, mein Schicksal dir im Herzen lesend; Wie jene Deuter in der alten Zeit Die schonsten Menschen opferten, um dann Aus ihrem Innern Kunft'ges zu vernehmen; Dann war ich ja mit meinem Schicksal fertig. HYLAS. Du lasst mir gar nichts ubrig, dir zu sagen, Denn wie das Meer Italien umspannt, So sanft, so wild, so schrecklich und so lieblich, So regst du jeden Sinn in dem Gemute, Und gibst ihm gleich ein ewig deutlich Wort. Was kann ich mehr noch, als dein Nachklang sein, Und Bessres immer, als dein Widerhall. FURSTIN. Was ich dir gebe, bring ich dir zuruck, Ich hab's von dir, du nichts von mir empfangen, Denn wie die Biene alle Bluten regt, Die an der Erde trage duftend liegen, Mit ihrem Atem nicht, mit ihren Flugeln, So regen auch, wenn du die Arme um mich legest, Sich alle frohen Bluten wieder auf. HYLAS. Und wie ich jetzt so an mein Herz dich drucke, Da fuhl ich in dem Augenblicke wieder, Was ich oft uberhort, wenn du gesprochen; Du weisst, ich habe manchen alten Traum, Der mich nicht lasst, hab ich ihn gleich verlassen. FURSTIN. Ich sitz dir stets zur Beichte, leg den Mund Dir immer an das Ohr, dir zu bekennen, Was in mir vorgeht; nun bekenn mir auch, Was ist es fur ein Traum, der dich bewegt, Der dich aus meinen Liebesnetzen zieht Und an den wesenlosen Himmel mahnt, Dem ich dich schoner Vogel hab geraubet; Ein nutzlos Muhen hast du so verloren, Sieh wie die Vogel steigen, um zu fallen, In meiner Liebe steigst du immerdar. HYLAS. Du bist mir Vaterland und Freiheit, alles Was ich verloren und was ich gehofft. Und futtre ich die Tauben und die Schwane, Mir sind sie lieb, weil du zu ihnen lachelst, Nach keinem Ausflug mehr verlangt mein Herz; Denn gar ein wunderbares geist'ges Leben Seh ich in deinen Kunsten uberschweben. Ach war ich doch ein Bild von deiner Hand; Verachte meine kleinen Kunste nicht, Der Himmel treibt die Gartnerei mit mir. FURSTIN. Der Himmel will dir wohl, er denkt wie ich, Du weisst es ja, ich freu mich jeder Blume, Die du mir sorglich aufgezogen hast; Und ihre Kranze sind lebend'ger doch, Als alles, was mein Pinsel dir kann zaubern. Erfreu dich deines Werks, weil ich's bewundre, Und ruhmen keine andre deinen Garten, Gedenk, ich leb darin die schonsten Stunden. O sieh die Malven, die du einst geflochten, Zum Zelte mir, wo wir so traulich schliefen, Sieh, wie die Sonne heut daran gewelkt; Gewiss, sie schmachten heut nach frischem Regen; Ich muss vergelten, wie sie mir getan, So will ich sie auch heute noch erquicken. HYLAS. Sie sind so schoner Muhe doch nicht wert. FURSTIN. Ich bitte dich, o lass mir diese Sorgen, Denn eine Sorge muss ich immer haben, Wie du mir oftmals liebend vorgeworfen. HYLAS. So seh ich dir hier unterm Kirschbaum zu, Und jeder deiner Schritte scheint mir Tanz, Und Anmut schwebt in jeglicher Bewegung; Ein schoner Demantstrom entrinnt der Hand, Im Lampenschimmer duftet's rings so frisch. FURSTIN singt wahrend des Begiessens der Blumen. Der Himmel ist oft hell, kann dann bald weinen, Deckt seine klaren Augen zu, Die auch verhullet noch zu trauren scheinen, So glanzest du, so scheinest du.
So traure du, so sei verlassen trube,
Ja regne Tranen ohne Zahl,
Wenn wandelbar einst unsre Liebe,
Denn solches Gluck besorgt den Fall.
In wunderbar geflochtner stummer Liebe
Ist so besorglich schon die Qual,
Dass sie so gern zur Totenfeier hube
Den frohsten Blick zum Sternensaal.
Du stiller Winter wehest schon vom Himmel,
Ihr weissen Wolken, ew'ger Schnee,
Ihr zieht schon vor die Sterne mit Getummel,
Der Mond sturzt weinend in die See.
Hier bluht der Garten, Lilien, deine Wangen Mit Tausendschonen mischen sich, Wo keusche Rosen schwankend uberhangen, Schwul ist die Luft fur mich und dich. HYLAS singt halb traumend. Der Kirschbaum bluht, ich sitze da im stillen, Die Blute sinkt und mag die Lippen fullen,
Auch sinkt der Mond schon in der Erde Schoss
Und schien so munter, schien so rot und gross;
Die Sterne blinken zweifelhaft im Blauen
Und leiden's nicht, sie weiter anzuschauen.
Die Furstin verliert sich unter Blumen; Hylas schlaft
ein.
3.
DER KANZLER tritt durch die Gartenture ein. Dies ist der Furstin Schloss, ich hab's erkannt Nach dem Gemalde, das sie uns gesendet, Doch kaum erreicht hat ihrer Maler Kunst Den Reichtum dieser wunderbaren Gegend, Die weit umher in nachtlicher Beleuchtung glanzet, Als sei ein ew'ger Tag rings um sie her. Wie fuhl ich mich so weich in diesem Land, Als wurd ich erst in meinem Alter reif, Und grausam soll ich sie dem Land entreissen? Ich werde alt, ich wunsche auch Genuss, Wie lange soll mich noch die ode Arbeit halten, Die in sich selber ungeheuer wachst, Da meiner Krafte Schnellkraft sich verlieret, Dass ich sie nur im steten Kampf mag zahmen; Wo find ich Ruhe bei geliebten Wesen? Und meine Furstin hat sie hier gefunden! Ich hab nicht Weib, nicht Kinder, weh mir Armen, Und fur die Liebe bin ich nun zu alt. Ja Mond, so geht es in der Welt: dem Jungling Versprachst du viel, und so lauft alles ab.
Er sieht Hylas.
Welch schoner Jungling ruht hier unterm
Kirschbaum!
An diesem Bild der Furstin, das ihn ziert,
Erkenn ich ihn, es ist der schone Grieche,
Der ihre Neigung so allmachtig fesselt.
Nie sah ich Schonheit in so wilder Starke,
Dir soll's nicht fehlen, schlafe ruhig fort,
Ich reisse dich aus der Geliebten Armen,
Die eher deine Mutter konnte sein.
Ich fuhr als Vater dich ins junge Leben,
Du bist geschickt zum Kriege, wie zur Liebe;
Ich fuhl an dir ein vaterlich Gefallen,
Und muss ich dir auch heute wehe tun,
Ich kann es bald als Vater dir verguten.
Wer weiss, ob du dich viel darum bekummerst,
Denn aufwarts klimmt die Neigung gar zu selten.
Dass sie dich liebt, ich kann es wohl begreifen,
Doch deine Neigung kann nicht dauernd sein.
Ich lose schnell, was sich bald selbst vernichtet.
Die Furstin kommt; jetzt trage Uberlegung,
Jetzt weiche, mach der Uberredung Platz;
Sie ist verandert unsre Furstin hier,
Hat gar nichts mehr vom alten Herrschertritte,
Der schnell und fest uns oftmals glauben machte,
Es kam ein fremder Held durchs Nebenzimmer.
4.
Der Kanzler, die Furstin
FURSTIN. Wie? Tauscht mich nicht der Lampen farb'ger
Schimmer,
Sie sind es Freund, mein treuer, vielbewahrter, Die Stutze unsres Landes; bester Kanzler, Woher so unerwartet? Um so freud'ger Begruss ich Sie! Sie reicht ihm die Hand zum
Kussen.
KANZLER. Wohl mir, die schone Hand Errat ich nun nicht mehr aus blossen Zeichen, Die der Gedanken hohen Lauf mir sagen, Ich fasse sie und mochte nie sie lassen, Bis ich des Staates Zugel drein gelegt, Denn ihr allein ist folgsam jene Menge, Die mit mir durchgeht, trotzig widerstrebend Vom Diener dulden Diener selten Strenge. FURSTIN. O legen Sie die weisen Spruche ab, Es steckt noch kalte Luft in allen Falten, Hier luften Sie sich bei dem Meeresrauschen, Worin die Sterne spielend niederwallen, Hier wird die Nacht zum allerfrohsten Tage. KANZLER. Ach konnten wir das ganze Land herschwemmen, Wie eine neue Insel, und ein Volk Von Glucklichen in leichter Lust regieren! FURSTIN. Regieren Sie, ich bin ein schwaches Weib, Hab nicht der Manner Sinn, nicht ihre Kraft; Sie Freund, Sie machen's besser jetzt als ich, Als ich es je vermocht, ein jeder ruhmt Sie. KANZLER. Gedenken Sie der letzten Briefe nicht? FURSTIN. Wohl, ja, doch las ich nur den Schluss davon, Dass alle noch gesund sind, die mir lieb. KANZLER. Sie lasen nicht den Anfang dieser Briefe? FURSTIN. Ich weiss seit lang, Sie machen alles recht. KANZLER. Wohl mir, dass ich zur rechten Zeit noch bringe So wichtige, bedeutungsschwere Nachricht: Ihr Bruder, gnad'ge Furstin, hat ganz trotzig Sich einen Kreis von Abenteurern kuhn Gesammelt; die guten Burger hangen noch An ihrer Furstin, doch sie fordern schnell Die Gegenwart, die alles kann vereinen, Die Frevler ohne Blutvergiessen schreckt, Die allen Guten gibt das Zutraun wieder. FURSTIN. Sie wahnen nun, ich wurd ganz eilig kommen, Mich selbst dem allgemeinen Wohl zu opfern, Wo keiner hat den Mut, fur mich zu streiten. KANZLER. Ich hab's gewagt, ich bin verhohnt, verwundet. FURSTIN. Ich nehme Sie von allen immer aus, Doch eben weil Sie da so einzeln stehn, So ist des Volkes Rest wohl nicht viel wert, Und ist's was wert, ich bin zu schwach zum
Schutzen.
Ich kenne Sie, fest wie ein Eichenbaum, Ich bin aus leichtem Holz und wie ein Rohr, So schwank ich in den Luften hin und her; Ich mag nichts machen in der Welt, denn was Geschieht, das macht sich selbst und wird nicht
schwer.
KANZLER. Nein, ich versteh Sie nicht, Sie sind verwandelt, Bei Gott, es gibt auf Erden Ihrer zweie, Die eine war des Vaters Ebenbild, Es sprach sein Geist durch ihren heil'gen Mund, Die Klugheit, fruh entwickelt an der Grosse, Die Weisheit, an der Tatigkeit gekeimt, Die Gute, in Erfahrung schon gereift; Das sind Sie nun nicht mehr; wer kann's erklaren? FURSTIN fuhrt ihn zu dem schlafenden Hylas. Hier sehen Sie die Weisheit, die mich blendet, Die Gute, die mich hat so schon gereift, Und meine Klugheit ist, ihn zu bewahren, Vor dessen Schonheit tausend Throne sinken; Wenn die geschlossnen Augen mich beherrschen, Wo nahm ich Macht, wenn sie sich offneten, Um scheidend mich zum letztenmal zu grussen. KANZLER. Ja ich bekenn es, dieser Tausch ist hart Und dieser Jungling wert des schonsten Throns. FURSTIN. Des Herzens wert, zu gut fur jeden Thron; Fur ihn ist das Entsagen jedes Throns Nicht schwerer zu vollbringen, als zu sprechen. Ich kenne, was ich meinen Reichsgesetzen, Was ich als erstes Beispiel schuldig bin; Nicht andre will ich selbst zur Torheit mahnen, Sie fuhrte mich so schnell von alter Weisheit: Es waltet uber jedes Volk ein Schicksal, Ich uberlass mein trostlos Volk dem seinen, Mein Schicksal ist die Liebe nun allein. KANZLER. Ich war nicht vorbereitet, gnad'ge Furstin, Dass Ihr Entschluss so uberlegt und fest. FURSTIN. Er ist gefasst nach langer Uberlegung, In meinem Zimmer lieget die Entsagung. Nur wenig wunsch ich aus des Vaters Schatzen, Ein massig Jahrgehalt, und wird mir dies Verweigert arm in diesen Armen ist Auch Reichtum viele mochten mit mir tauschen. KANZLER. Was meine Rede mir im Mund erstarrt, Beweget tiefer noch mein ganz Gemute; Ich war bereitet auf ein schwer Geschaft, Doch abgeschlossen alles hier zu finden, Voruber alles, alles wohl bedacht, Wie ich es nimmermehr erleben mochte, Vieljahr'ge Arbeit in den Wind zu streuen! O Furstin, schweigen denn Millionen Stimmen In Ihrem Herzen, die in diesem Drucke Der unnaturlich gegen sich ergrimmten Zeit Viel Tausend Seufzer taglich, nachtlich senden? Ach dieser Strom der Luft, der uns umhaucht, Und aus dem Norden stromt, ist schwer beladen Mit tausendfacher Not, die jene drangt. Er klagt es leise seiner Hoffnung Furstin, Der Schopferin von allem unserm Glucke. Soll dieses ganze Gluck in Torheit sinken, Denn also will's des Bruders wahner Sinn. FURSTIN. Sie qualen mich; ich uberzeug mich nicht. Mein Volk vergess ich nie im treuen Herzen, Doch weil ich schwach, darum vermag ich nichts, Es liegt mir nah, der holde Schlafer naher: Ich bin ein schwaches Weib, ich bin nicht mehr, Wie ich wohl einstmals war, eh' ich ihn sah. Was ich geschaffen, wurd ich jetzo storen, Was mir im Gluck geriet, verdurbe Ungluck. Ich bin viel torichter als je mein Bruder, Und dieser Knabe ist mir Gott und Welt, Ihm opfere ich mich und auch mein Volk. KANZLER. Der tat'ge Mensch vergisst so viel, Und jeder Tag macht neu die tat'ge Seele. FURSTIN. Das Weib vergisst so viel, und doch nicht alles; Das Vaterland, die Eltern und die Freunde, Vergisst das Weib und folget ihrem Mann. Doch fort von hier es regt sich der Geliebte; Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen.
Sie gehen mit einander fort.
5.
HYLAS richtet sich auf. "Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen", Und welcher Gott gab es im Schlaf mir ein; Der Gott, der gibt's den Seinen in dem Schlaf, Ich stamme auch aus dem Geschlecht der Gotter, Traum aus du arme Seele, traume aus, Damit du klar erwachst vom truben Denken! Hier stand der ernste Mann mit finstrer Stirn, Er sprach mit tiefer Stimm ein ernstes Wort: "Dem Knaben opferst du dein ganzes Volk?" Und ruhig sprach da meine Furstin drauf: "Ihm opfere ich mich und auch mein Volk." Was dringt in meine Adern, welche Scham, In meine Sehnen, welche Heldenstarke, In alle Sinne, welche ew'ge Klarheit, Mein ganzer Wille wird nun zum Entschluss; Schon steh ich jenseit dieses wusten Lebens, Weit uber euch, ihr niedern Erdengotter, Da ruh ich in der Schicksalsgottin Armen. Ich sollt mir opfern sehn so reine Grosse, Und nichts gewinnen als ein schwelgend Leben! Ich hasse euch, ihr unglucksel'gen Gotter, Die ihr das rote Blut in tausend Bachen An den Altaren musset fliessen sehen;
Des Mitleids Qualen konnt ihr nimmer stillen,
Euch opfern nie dem Schicksal ew'ger Liebe!
Ich fuhl's, jetzt wird im Kopfe mir so licht,
Dem neuen Tage strahle ich entgegen,
Der aus den Fluten sich so kraftig dranget.
Nein ich gehor nicht mehr dem neuen Tage,
Er zwingt mich nicht zu glauben an sein Licht,
Das nur ein Gegenschein von meiner Liebe.
Bald werf ich mich der Sonne froh entgegen,
Damit ich selbst der weiten Welt erscheine.
Noch einmal denk ich alles Glucks allhier!
Seit mich die Furstin in die Arme nahm,
Da fiel des Gluckes Tau so reichlich mir;
So unersattlich ich darin auch schwelgte,
Ich frage nicht, ob es auch dauern konne,
War es das Gluck, wenn Zeit zum Umschaun
bliebe;
Es reisst uns an den Haaren in die Hoh
Und lasst uns dann in ode Tiefen fallen,
Wie Steine unter meinen Tritten fallen,
Und schallen in dem bodenlosen Meer.
Lebt wohl ihr Blumen, die ich lieben lehrte,
Hier unter euch, da sah ich sie verschwinden
In meines Abschieds truber Dunkelheit;
Bald wird es Tag von einem neuen Lichte
Und werd ich Licht, wenn ich dem Meer entsteige,
So fall ich hier in ihre holden Augen!
Ihr Tauben, meiner Liebe sanfte Boten,
Ich glaub mit euch zu fliegen ubers Meer,
Ich seh ins ewig Ruhelose freudig,
Das steigend fallt und fallend steigt,
O nimm mich auf, ich bin wie du!
Er sturzt sich mit ausgebreiteten Armen ins Meer,
dem die Sonne entsteigt.
6.
Die Furstin und der Kanzler
FURSTIN. Sie kennen mich, dass ich nie mehr gesagt, Als ich vollfuhren kann; ich kenne Sie, Dass Sie nicht wiederholen mogen, was Vergebens bleibt. Mein Schluss bleibt immer fest. Dem Throne zu entsagen ist mir leicht; Von Ihnen wird der Abschied schwer, mein Freund. KANZLER. Mich halt, ich weiss nicht welche Hoffnung fest, Dass sich Ihr harter Sinn noch lasst erweichen; Umsonst gewirkt zu haben ist so schwer, Uns beide trifft das, wenn es dabei bleibt. FURSTIN. Ich hab gelebt, seit ich nicht mehr gewirkt, Versuchen Sie in gleichem Sinn zu leben; Dann frag ich Sie, ob Sie nicht gern entsagen. KANZLER. Ich bin zu alt zu einem neuen Leben. Es lasst sich Liebe nicht so leicht erwerben, Was nicht erworben, lasst sich nicht bewahren. FURSTIN. Ich bin auch alter als mein schoner Hylas; Ich sterbe fruher, weil ich alter bin: So uberlebt mich herrlich meine Liebe. O Hylas komm, nach solchen ernsten Worten Bedarf ich deiner Tone leichtes Spiel, Und deiner Zuge viel bedeutend Bild. KANZLER. Ich hore an dem Meere Klagetone. FURSTIN. Es ist so mancher Unglucksfall am Meer. Mein Hylas komm! Er hat ein zart Gemut, Und vor der Trauer muss ich ihn bewahren; Er ist so klar, so froh wie jene Sonne, Die aus den Wellen hellgebadet steigt.
7.
Die Kunstler tragen die Leiche des Hylas nach dem
Hause.
DER DICHTER. Setzet nieder eure Burde, Schweigt im ernsten Trauerhaus, Wohl geziemt sich Ernst und Wurde, Wo die Schonheit lischt in Graus. Wo die Warme ist verschwunden, Kommt der ode Winterschlaf, Alle Starke ist geschwunden Alle Glieder sinken schlaff. FURSTIN. Keinen Toten kann ich sehen, Helfen kann ich ihm doch nicht, Kann zur Hulfe was geschehen, Sorgt, dass ja nichts hier gebricht. Gern will ich ihm Obdach schenken, Bis die Erde ihn verschliesst, Doch mit anderen Geschenken War ich lieber heut begrusst. DICHTER. Sehnlich wirst du nach ihm sehen, Und in den erblassten Zugen Les auf einmal alles Wehe, Kenne wieder dein Vergnugen. FURSTIN. Sagt, wer ist es denn gewesen, Dass ihr mich wollt zu ihm ziehen. DICHTER. Ach das schonste aller Wesen, Selbst der Tod ist in ihm Bluhen. FURSTIN. Wehe, wehe, Hylas, Hylas! Ach das ist mein Hylas nicht, Denn er hort nicht, Hylas, Hylas! Blass ist auch sein Angesicht. Kalt die Lippen, und gebrochen Ist der Augen Feuerschein, Tausend Tranen in den Locken, Ach er ist nun nicht mehr mein! KANZLER. Ist kein Mittel ihn zu retten? DICHTER. Alles ist umsonst versucht! Ach wer kann das Leben retten, Das vor sich in eigner Flucht; Denn die Arme ausgebreitet, Sturzte er sich selbst ins Meer. FURSTIN. Welcher Gott hat ihn geleitet, Und verwundet mich so schwer. KANZLER. Furstin, seht des Schicksals Willen, Dem der schone Knabe fiel. FURSTIN. Sterbend muss ich so erfullen, Was fur meine Kraft zu viel. KANZLER. Traurend konntest du beglucken Schoner Gott, der hier verbannt, Mochtest oft zum Himmel blicken, Heimwarts hast du dich gewandt. Fallet alle vor ihm nieder, Seine Seele strahlt im Meer, Gebt den Staub dem Staube wieder, Dieser Leib war ihm zu schwer. Ihm zum Tempel sei geweihet Dieses Schlosses weiter Raum, Dass die schone Kunst erneuet, Was im Leben flucht'ger Traum. FURSTIN. Fuhre mich, du weise Starke, Ich gehorche deinem Rat, Tranen sind nun meine Werke, Jammer meine einz'ge Tat. DIE SCHWALBEN. Wir versuchen die jungen Flugel
An dem grunenden Grabeshugel,
Schlagen mit schwarzem Flugel die Luft,
Streifen voruber im Morgenduft;
Singen einander mit frohlichem Munde,
Unser Leben, das misst nicht die Stunde,
Einmal erscheinet ein Morgenrot
Weht in der Asche, leuchtet im Tod,
Netzet die Flugel im Meeresschaume
Und wir erwecken euch alle vom Traume.
8.
Furstin, Kanzler ziehen fort. Die Kunstler bleiben.
DICHTER. Wie die Furstin es befohlen Sorget fur ein Trauerfest. MUSIKER. Meine Zeit ist nicht gestohlen, Sorgen Sie erst fur das Best. BILDHAUER. Wie konnten Sie so dumm sein und die Furstin so fortgehen lassen, ohne ihr einen Uberschlag der Kosten zu machen, wenn wir dem neuen Gotte einen Tempel wirklich erbauen sollen. DICHTER. Meine Tranen, wer kann sie bezahlen, Meine Worte ach, wer kann sie hemmen? MUSIKER. Meine Noten lass ich mir bezahlen, Also werden Sie sich auch bequemen. KAMMERDIENER. Die Furstin hat mir die Vollmacht gegeben, alles Notwendige zu dem Denkmale zu berichtigen. BILDHAUER. Was ist nun fur Not! Viktoria, es lebe, ich wollte sagen, es sterbe der Herr Hylas. MUSIKER. Pereat. MALER. Dreimal tief. DICHTER. Alle andern ziehen lachend, Von dir fort, du schoner Gott, Bose Zeit, wo Schonheit Spott; Mich begeistre bei dir wachend, Dass ich wieder neubelebe Dieses Herz, das ganz gestillt, Oder dass ich toderfullt Mit dir zu dem Ather schwebe. Wahrend der Vorlesung waren die Reisenden in den schlimmsten Teil der Pontinischen Sumpfe gefahren; ferne brauste das Seewasser durch den Felsenrachen ins Meer zuruck, aber es stand noch uberall in kleinen Lachen von farbiger Schlangenhaut uberzogen; bleiche Menschen beschaftigten sich mit der Strassenbesserung, und erinnerten die Reisenden sich nicht dem Schlafe zu uberlassen, weil er todlich, und doch umflog der Schlaf hier so unablassig mit seinen Nachtfaltern das Haupt, dass jeder mit stetem Bewegen sich dagegen zu verteidigen bemuht war. Der Minister aber versicherte, wenn die Poesie sie nicht einmal gegen den Schlaf sichern konne, so ware sie zu gar nichts wert, und damit wurde dem Kammerjunker aufgetragen, noch etwas mitzuteilen, etwa eine Geschichte, worin die Verschiedenheit des Alters in Freundschaft, Hass, Liebe recht wunderlich zwischentrate. Der Kammerjunker versicherte, dass er nach einer sonderbaren Bergwerksgeschichte eine eben so sonderbare Ballade geschrieben, die er hersagen konne.
Des ersten Bergmanns ewige Jugend
Ein Knabe lacht sich an im Bronnen,
Halt Festtagskuchen in der Hand,
Er hatte lange nachgesonnen,
Was drunten fur ein neues Land.
Gar lange hatte er gesonnen
Wie drunten sei der Quelle Lauf;
So grub er endlich einen Bronnen,
Und rufet still in sich: "Gluck auf!"
Ihm ist sein Kopf voll Frohlichkeiten,
Von selber lacht der schone Mund,
Er weiss nicht, was es kann bedeuten,
Doch tut sich ihm so vieles kund.
Er horet fern den Tanz erschallen,
Er ist zum Tanzen noch zu jung,
Der Wasserbilder spiegelnd Wallen
Umzieht ihn mit Verwandelung,
Es wandelte wie Wetterleuchten
Der hellen Wolken Wunderschar,
Doch anders will es ihm noch deuchten,
Als eine Frau sich stellet dar:
Da weichen alle bunten Wellen,
Sie schauet, kusst sein spiegelnd Bild,
Er sieht sie, wo er sich mag stellen,
Auch ist sie gar kein Spiegelbild.
"Ich hab nicht Fest, nicht Festes Kuchen,
Bin in den Tiefen lang verbannt!"
So spricht sie, mochte ihn versuchen,
Er reicht ein Stuck ihr mit der Hand;
Er kann es gar kein Wunder nennen,
Viel wunderbarer ist ihm heut,
In seinem Kopf viel Lichter brennen
Und ihn umfangt ganz neue Freud;
Von seiner Schule dumpfem Zimmer,
Von seiner Eltern Scheltwort frei,
Umfliesset ihn ein sel'ger Schimmer,
Und alles ist ihm einerlei.
Sie fasst die Hand, dem Knaben schaudert,
Sie ziehet stark, der Knabe lacht,
Kein Augenblick sein Mut verzaudert,
Er zieht mit seiner ganzen Macht,
Und hat sie kraftig uberrungen
Die Konigin der dunklen Welt,
Sie furchtet harte Misshandlungen
Und bietet ihm ihr blankes Geld.
"Mag nicht Rubin, nicht Goldgeflimmer",
Der starke Knabe schmeichelnd spricht,
"Ich mag den dunklen Feuerschimmer
Von deinem wilden Angesicht."
"So komm zur Kuhlung mit hinunter!"
Die Konigin, ihm schmeichelnd, sagt,
"Da unten bluht die Hoffnung bunter,
Wo bleichend sich das Grun versagt.
Dort zeige ich dir grosse Schatze,
Die reich den lieben Eltern hin,
Die streichen da nach dem Gesetze,
Wie ich dir streiche ubers Kinn."
So ruhrt sie seiner Sehnsucht Saiten,
Die Sehnsucht nach der Unterwelt,
Gar schone Melodien leiten
Ihn in ihr starres Lagerzelt.
Gar freudig klettert er hinunter,
Sie zeigt ihm ihrer Adern Gold,
In Flammen spielt Kristall da munter,
Der Knabe spielt in Minnesold.
Er ist so gar ein wackrer Hauer
Mit wilder Kuhnheit angetan,
Hat um sein Leben keine Trauer,
Macht in den Tiefen neue Bahn,
Und bringet dann die goldnen Stufen
Von seiner Kon'gin Kammertur,
Als ihn die Eltern lange rufen
Zu seinen Eltern kuhn herfur.
Die Eltern freuen sich der Gaben
Und sie erzwingen von ihm mehr,
Viel Schlosser sie erbauet haben
Und sie besolden bald ein Heer:
Er muss in strenger Arbeit geben,
Worin sie prunken ohne Not.
Einst hort er oben festlich Leben,
Den trocknen Kuchen man ihm bot.
Da kann die Kon'gin ihn nicht halten,
Mit irdisch kaltem Todesarm,
Denn in dem Knaben aufwarts wallten,
So Licht als Liebe herzlich warm.
Er tritt zum Schloss zum frohen Feste,
Die Eltern staunen ihn da an,
Es blickt zu ihm der Jungfraun Beste,
Es fasst ihr Blick den schonen Mann,
Im Bergkleid tritt er mit zum Tanze
Und hat die Jungfrau sich erwahlt,
Und sie beschenkt ihn mit dem Kranze,
Er hat die Kusse nicht gezahlt.
Da sind die Bruder zugetreten
Und seine Eltern allzugleich,
Die alle haben ihn gebeten,
Dass er doch von dem Feste weich.
Da hat er trotzig ausgerufen:
"Ich will auch einmal lustig sein,
Und morgen bring ich wieder Stufen
Und heute geh ich auf das Frein!"
Da hat er einen Ring genommen,
Vom Gold, wie es noch keiner fand,
Den hat die Jungfrau angenommen,
Als er ihn steckt an ihre Hand,
Dann sitzt er froh mit ihr zum Weine,
Hat manches Glas hinein gesturzt;
Spat schwankt er fort und ganz alleine,
Manch liebreich Bild die Zeit verkurzt.
Die Lieb ist aus, das Haus geschlossen
Im Schacht der reichen Konigin;
Er hat die Ture eingestossen
Und steigt so nach Gewohnheit hin.
Die Eifersucht'ge hort ihn rufen,
Sie leuchtet nicht, er sturzt herab,
Er fand zur Kammer nicht die Stufen,
So findet er nun dort sein Grab.
Nun seufzt sie, wie er schon gewesen,
Und legt ihn in ein Grab von Gold,
Das ihn bewahrt vor dem Verwesen,
Das ist ihr letzter Minnesold.
Die Eltern haben ihn vergessen,
Da er nicht kommt zum Licht zuruck,
Und andre Kinder unterdessen
Erwuhlen neu der Erde Gluck,
Und bringen andre schone Gaben,
An Silber, Kupfer, Eisen, Blei,
Doch mit dem Gold, was er gegraben,
Damit scheint es nun ganz vorbei.
Die Jungfrau lebet nur in Tranen,
Die Liebe nimmt der Hoffnung Lauf
Und meint in ihrer Hoffnung Wahnen,
Ihr steh das Gluck noch einmal auf.
Gluck auf! nach funfzig sauren Jahren
Ein kuhner Durchschlag wird gemacht,
Die Kon'gin kampfet mit den Scharen
Und hat gar viele umgebracht.
Sie hat gestellt viel bose Wetter,
Die um des Lieblings Grabmal stehn,
Doch Klugheit wird der Kuhnen Retter,
Sie lassen die Maschinen gehn;
Da haben sie den Knaben funden
In kalten Handen kaltes Gold,
So hat er sterbend noch umwunden
Die Konigin, die ihm einst hold.
Zur Luft ihn tragend alle fragen,
"Weiss keiner, wer der Knabe war,
Ein schoner Bursche, zum Beklagen,
Gar viele rafft hinweg das Jahr,
Doch keiner je so wohl erhalten
Kam aus der Erde Schoss zuruck,
Denn selbst die fluchtigen Farben walten
Noch auf der Wangen frohem Gluck;
Es sind noch weich die starken Sehnen,
Es zeigt die Tracht auf alte Zeit,
Er kostete wohl viele Tranen,
Jetzt kennt ihn keiner weit und breit."
Die Jungfrau war tief alt geworden,
Seit jenem Fest, wo sie ihn sah,
Spat trat sie in den Nonnenorden
Und geht vorbei und ist ihm nah;
Sie kommt gar muhsam hergegangen,
Gestutzt auf einem Kruckenstab,
Ein Traum hielt sie die Nacht umfangen,
Dass sie den Braut'gam wieder hab.
Sie sieht ihn da mit frischen Wangen,
Als schliefe er nach schoner Lust,
Gern weckte sie ihn mit Verlangen,
Hier sturzt sie auf die stille Brust.
Da fuhlt sie nicht das Herz mehr schlagen,
Die Manner sehn verwundert zu:
"Was will die Hexe mit dem Knaben,
Sie sollt ihm gonnen seine Ruh.
Das war doch gar ein schlimm Erwachen,
Wenn er erwachte, frisch gesund,
Und sie ihn wollte froh anlachen
Und hatte keinen Zahn im Mund."
Jetzt schauet sie sein hart Erstarren,
An dieser neuen Himmelsluft,
Die Farbe will nicht langer harren,
Die treu bewahrt der Kon'gin Gruft.
Hier ist die Jugend, dort die Liebe,
Doch sind sie beide nicht vereint,
Die schone Jugend scheint so mude,
Die alte Liebe trostlos weint.
Was hulf es ihr, wenn er nun lebte,
Und ware nun ein alter Greis,
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte,
Wie jetzt zu dieses Toten Preis.
Wie eine Statue er da scheinet
Von einem lang vergessnen Gott,
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott.
Es mag der Furst sie nimmer scheiden,
Er schenket ihr den Leichnam mild,
Verlassne mochten ihr wohl neiden
Ein also gleich und ahnlich Bild.
Da sitzet sie nun vor dem Bilde,
Die Hande sanft gefalten sind,
Und sieht es an und lachelt milde,
Und spricht: "Du liebes, liebes Kind,
Kaum haben solche alte Frauen,
Wie ich noch solche Kinder schon,
Als meinen Enkel muss ich schauen,
Den ich als Braut'gam einst gesehn."
Der Minister bezeigte bei dieser Erzahlung eine ihm ungewohnliche Ruhrung; seine Gesellschafter befragten ihn um den Grund, er gab ihnen ganz unbestimmte Antworten. Endlich redete der Kammerjunker zu der Dichterin ganz leise; sie aber schuttelte mit dem Kopfe und sagte: "Es geht nicht." "Frei heraus", rief der Minister, "ich denke, wir sind auf der Reise genugsam mit einander bekannt geworden, um die Scheu alter Verhaltnisse aufzugeben; ein Reisewagen muss allmahlich zu einem Korper alle Reisenden verbinden, so dass jeder seine gemassen Funktionen verrichtet; ich will wetten, Ihr habt einmal irgend einen Scherz auf mich gemacht." "Da Sie es erraten", antwortete die Dichterin, "so kann ich es Ihnen nicht verschweigen, liebwerter Landesvater: es ist ein kleines Gedankenspiel, was ich nach allerlei Geruchten uber Ihr Verhaltnis zur Furstin freilich unter veranderten Nebenumstanden, und selbst mit mancher Verwandlung, die mir in der Arbeit gut dunkte, damals darstellte, als Sie sich mit ihr nach dem Tode des Fursten versohnten." "Nun seht Kinder, wie unglucklich ein Minister ist", sagte der Minister, "selbst das Nachste, was um ihn her geschieht, erfahrt er nicht, und soll das Entfernteste im Lande kennen und beurteilen; wahrhaftig, ich glaube, die einzige Art brauchbare Minister einem Lande zu verschaffen, ist die jahrliche Ernennung derselben; wenn auch nicht immer die Geschicktesten oben an kommen, so sind sie doch stets wohl bekannt, und eingewohnt in den Verhaltnissen des Landes; das mag auch wohl das eigentliche Forderungsmittel der Freistaaten gewesen sein, und in unsern Reichsstadten kam noch hinzu, dass keiner dieser Angestellten so mit Geschaften uberhauft war, um andrem Lebensverkehr und burgerlicher Nahrung zu entsagen; seht, jetzt kann ich mitten unter Poeten nicht einmal aus meinen Amtsberichten herauskommen; schamt Euch nicht und tragt schnell Eure Sachen vor." Nach einigen Umschweifen, nach mehreren Kussen, welche die Dichterin auf die rauhen Backen des Ministers in ihrer kindischen Art gedruckt hatte, holte sie aus ihrer dick angeschwollenen schwarzen Brieftasche, vor der ein geheimes Zahlenschloss lag, ein kleines Spiel heraus, das wir als Darstellung eines wunderlichen ehelichen Verhaltnisses hier am rechten Orte finden.
Der Ring
Ein Gedankenspiel
Gartenplatz vor einem Landhause. Morgen
1.
MUTTER. Hab Dank fur deinen guten Morgengruss Geliebte Sonne in den schwulen Luften, Von dir allein kommt mir noch Liebesgruss, Von dir allein mag ich ihn gern verstehen; Dich klares Licht, versteht die ganze Welt, Die ratselhafte Welt, die trube, dunkle, Es ahndet schon der Schlaf dein froh Erhellen, Und atmet deine ersten Strahlen ein, Und saumet sein Gewand mit hellen Traumen, Und zieht dann schnell die dunkle Hand hinweg, Die er noch uber die Geschenke breitet Der neuen Welt, die aus dem Osten strahlet! Zum heitern Morgen dringt ein schnell Erwachen.
Sie beschaut die Blumenbeete umher.
Die Blumen stehen frisch, die Luft ist schwul,
Der Luft verzeih ich's, dass sie sich so drangt,
Den neuen Segen taumelnd zu empfangen
Und zittert doch davor in susser Lust,
Das ist das Furchterlichste, was wir lieben.
Ach warum lieben wir, was furchtbar ist!
Sie setzt sich auf eine Bank und lehnt das Haupt auf
die Hand.
So bin ich, kaum erwacht, schon wieder mude!
Wo endet Schlaf? Wann gehet auf das Sehen?
Wie wird es Tag? Wann loschen aus die Sterne?
Was grunt zuerst, wo steigt der erste Klang?
Unendlich tief ist Schlaf, unendlich weit der
Morgen!
Ich schlaf im Wachen und ich wach im Schlafe,
So ist das Gestern auch zum Heut geworden,
Dem Auge fern, dem Geiste gegenwartig;
Hier sass ich gestern abend, schrieb im Sande
Und fuhr erschrocken auf, was ich geschrieben,
Das, weiss ich, hatt ich nimmermehr gewollt.
Was da mein Stabchen spielend hingezeichnet,
Der Morgenwind hat's sorglich ausgewehet,
Weil's unvereinbar ist mit meiner Ruhe.
Sie sieht zum Himmel.
Die graue Wolke steigt im Sonnenschein
So hellbesegelt wie ein Schiff im Blau,
Der trube Dunst wird Licht im Sonnenauge:
Der Sonne Malerblick weiss alles zu verschmelzen,
Aus Meer und Wolken zieht sie helle Strahlen,
In trager Nacht die Geisterwelt zu malen;
Ganz unbemerkt entfaltet sich das Schone,
Unendlich ward ein Fruhling allen Sinnen.
Die Tage sind jetzt liebliche Geschwister,
Die jungern stets dem Mutterherzen lieber,
Sie sprechen nach, was jene altern fragen,
Sie haben noch was Susseres zu sagen,
Ein schoner Morgen ist des Fruhlings Fruhling,
Es wacht da alles auf, was je gelebt,
Und war's im tiefsten Herzen fest verschlossen.
Sie geht unruhig umher.
O Sonne, Mutter zahllos lieber Kinder,
Warum bin Mutter ich und ohne Kind?
O Sonne, einen Augenblick zum Beten!
Du willst es nicht, die Augen gehn mir uber.
Sie hat in Gedanken Blumen gebrochen, und sie ins
Gesicht gedruckt.
Wie verlieren sich die Blatter
Wunderbar in Flammenlicht,
Drinnen haucht ein kuhlend Wetter,
Druck ich sie ins Angesicht;
Alle die Blumen sind ohne Harm
Nur die rote Rose nicht,
Sie sticht!
Sticht, wie die liebe Sonne so warm,
Mai ist ohne die Rose nur arm,
Mai ist ohne die Rose nur Qual
Ihr stillen Grunde, du einsam Tal.
Sie vertieft sich allmahlich abgehend mit dem
Gesange in den Garten.
2.
Vater und Kind
beide in Kriegskleidern, das Kind sieht sich um und
lasst den Vater oft allein, dass er vor sich sprechen
kann, ohne von ihm gehort zu werden
VATER. So ist des Unglucks und der Klugheit Fluch, Dass sie uns unterwerfen leerer Furcht! Wie schaudernd hemmt der Boden meine Eile, Ein Schritt, ein Druck der Hand, ein Wort, wie
leicht,
Wie schwer, wenn unser Schicksal daran hanget; Der Uberraschung Wunder sind die grossten. KIND. Es wird so schwul, wir gehen doch nicht weiter? VATER.
Vielleicht zu weit, um leicht zuruck zu kehren.
Zum Ufer wallt, vom Ufer sinkt die Woge,
Was zog mich her, was weist mich nun zuruck?
Mich stosst zuruck, was lange mich gezogen.
O sie war schon, ich find fur sie kein Bild,
Nach ihr mocht ich die ganze Welt mir bilden,
Die ohne sie ein wustes Chaos blieb.
Ich soll sie wiedersehn, wie meine Jugend!
Wie ratselhaft, was unsre Jugend fullt
Und wie so deutlich, was das Alter schwacht,
Es will verguten, was die Jugend fehlte.
Ach Jugend macht die Jugend einzig gut!
O meine Jugend, wie bist du entschwunden
In steter Arbeit, wie ein truber Nebel,
Der unter sich das frohe Grun ertotet,
Er will es nicht, doch so ist seine Liebe.
Nach einer Pause.
Es ist zu viel! Die tiefe Not ich trug,
Und schwindle, da mich tragt ein neues Gluck,
Ein bessrer Lebensmut und reiner Wille!
Ich steh im Vaterland, vor meiner Schwelle,
Hier eingewiegt, als Knabe eingespielet,
Mit Todesmut als Jungling eingeschworen,
Mit Liebesglut auf ewig eingebrannt,
Wo Liebe noch mich eingewurzelt halt,
Der ersten Liebe gleich durchwachsne Rosen,
Dies ew'ge Band aus Lust und Schmerz gewoben,
Wie wird mir hier so wohl und auch so weh.
Ha, wo das Herz der Liebe Haus erbaut,
Da haust es ewig, lasst sich nimmer bannen;
Hier lebte ich und war ich fern und ferner,
Hier wachte ich an dieser heil'gen Schwelle,
Wie Traum bewacht der heil'gen Unschuld Schlaf,
Und traumend kehr ich heim zu Jugendfreuden.
Sag's frei heraus mein Mund, was lang gedacht,
Sich doch in des Gehirnes Falten decket,
Was meine Jugend fullt, war unerschopflich,
Doch nun ich alt, da seh ich bald den Grund
Und halt zusammen, was ich sonst verschwendet.
Gesteh dir alles ein, mein fester Sinn:
Dort stehet noch das alte Storchennest
Hoch ubern Schornstein kunstlich frei erhoht,
Das unserm Hause ehlich Gluck sollt bringen,
Jetzt bringt es mir so manche Nachgedanken.
Es ist dasselbe Nest, ist's auch der Storch?
Ist nicht der alte Storch noch mud und ferne,
Ein jungerer hat ihm das Nest geraubet?
Was hulf's dem Storch, wenn er das Nest nun
findet,
Und findet es erwarmt von andrer Lust,
Und fand er's kalt und konnt es nicht erwarmen?
O welche Glut ist noch in meinem Mute,
Und doch, ich fuhl mich kalt, indem ich gluhe,
Denn zu viel Moglichkeiten sind in mir. KIND. Du sprichst vor dir und schauest dich nicht um, Es ist mir hier, als war ich hier zu Hause; Hier find ich Milch und Frucht, darf ich wohl
essen?
VATER. Geniess mit Freuden, Milch und Frucht sind dein, Und wunderlich erschopft ein nachtlich Wandern. Wo hat mich Frucht von muheschweren Jahren, Wo hat die Milch der Hoffnung mich erquickt, Wo hat die Freude mich zum Tanz beflugelt, Was ist Gesundheit eines oden Sinnes? Nur in dem Kind allein, wie es sich nahrt, Bewusstlos in die Welt so herzhaft fuhlt, Da hol ich nach, was ich versaumte trotzend. Ich seh ihm gerne zu, wie er sich macht, Und wie er reift, sich selber zu erkennen; Ich hatte viel in diesem edlen Kinde, Ein lebend Bild von der verlassnen Frau, Ich bin ihr nah, es will mir ganz genugen; Mich fuhlen ganz und froh, ich kann's nicht fassen. Mir ist's, als war ich fur mein Gluck zu schwach, Was hilft ein volles Mahl im Hungertode, Der Eltern Segen Liebesterbenden! KIND. Du klagst ja Vater, kann ich dir nicht helfen? VATER. Ich klage nicht, ich freue mich nur anders; Wer sich nicht arm stellt, kriegt vom Glucke
nichts,
Ganz heimlich sammle ich den Schatz der Not. Doch helfen kannst du mir. Bist du noch mude? KIND. Ich bin bereit, ich springe ja schon weiter. VATER. Wo willst du hin? Hast du es schon vernommen. KIND. Ich dacht, wir mussten eilend weiter ziehen. VATER. Noch nicht; was willst du denn schon fort von hier, Wie, sollte das mir gar ein Zeichen sein? Hor zu, du sollst mir etwas Wertes holen: Du siehst den duftbelegten Wiesenplan, Die Sonne atmet in die Welt so warm, Das helle Meer lauft zitternd himmelan, Und scheinet mit dem Himmel schon zu leben, Und ferne heben sich die Wolkenfelsen, Als wollten sie sogleich darauf gewittern; Bist du nicht bang allein dahin zu gehen? KIND. In freier Luft hab ich mich nie gefurchtet. VATER. Kommst du hinaus nun uber jene Wiesen, So geh zum vogelklingenden Geholze, Dann findest du dich bald am weissen Felsen, Der jahe wie vom Meer zuruckgeschreckt, Halb zweifelnd, ob er sich hinein soll sturzen, Das Ende einer Welt bezeichnen mag; Zerstorung nagt darin in Wind und Wettern. KIND. Du warst wohl lange hier, dass du den Ort Mir also deutlich stellest vor die Augen, Als hatt ich ihn in alter Zeit gesehen. VATER. Wohl war ich hier! Jetzt hore mit Bedacht. Auf diesem Abhang steht ein Myrtenstrauch; Erst war er klein, nun ist er sicher gross, Den reisse aus mit allen seinen Wurzeln, Denn unten liegt ein Schatz, den bringe mir. KIND. Kaum halt ich mich! Ich hob schon manchen
Schatz,
Der in der Erde neidisch war versteckt. VATER. Viel alte Scherben, die du heilig ehrtest. KIND. Du weisst es nicht, wie ich sie angesehen. VATER. So halte heilig, was du dort gefunden; Du Leichtsinn weisst doch noch den Ort zu finden? KIND. Wohl weiss ich Wiese, Busch, den Fels, die Myrte. VATER. Du kannst nicht fehlen, ferne wirst du horen Ein schwarmerisch entsetzlich Klagen von den
Vogeln,
Die schwarzen baden sich im Meer, um weiss zu
werden,
Die weissen baden sich darin, um sich zu
schwarzen,
Vergebens, schwarz wird schwarzer, weiss wird
weisser,
Die hore ja nicht an, sieh auch nicht nieder. Der Boden wolbt sich, dass du uberm Meere Ganz ohne Rettung hoch zu schweben scheinest, Und von dem Luftstrom eingesogen wirst, Da siehe ja nicht hin, verricht dein Wesen, Denn mit geheimer Sehnsucht fullet sich das Herz Der Jugend nach des Meeres blauen Hugeln, Und jede Welle glanzt im Waffenschmuck
besonnet,
Den jungen Fuhrer huld'gend zu begrussen. KIND. O Vater, wo du bist, da ist mein Hoffen. VATER. Recht gut, mein Kind, doch hor mich jetzt auch
aus.
KIND. Ich weiss schon alles, alles bring ich dir. Ab. VATER. Fort ist er. Wie er leicht den Boden ruhrt, Es ist, als war er nicht von dieser Welt, Und noch so kindisch ist sein ganzes Wesen, Doch immer wie in einem andern Sinn. Der Blumenstrauss von seiner Hand gebrochen, Er ordnet sich geheimnisvoll in Farben, Recht wie ein Regenbogen andrer Art, Darob die Leute staunend sich erfreuen Und wissen nicht, was sie so tief entzuckt. Ich will es nicht und muss ihn oftmals kranken, Er sagt es nicht und darum muss er leiden; Mich treibt's zu oft, das Schmerzliche zu fuhlen, Das Bittere zu sagen, weil das Stumme, Das Stumpfe mich viel bittrer qualen kann; So fuhl ich mich ganz hingerissen jetzt, Ganz lebhaft jener Vogel Ton zu denken, Viel widriger als irgend Scharren, Reissen; Es ist der Misslaut, der zum Leben worden, Verruchte Wollust, Lachen nicht, kein Klagen, Jetzt musst du weichen, du verruchter Misslaut.
Er geht unruhig auf und nieder.
Wie alle Lebensalter in mir schwanken,
Und keines kann sich meiner ganz bemeistern,
Ein Kindskopf bin ich oft mit weissen Haaren.
Als ich mein Schwert am Hochzeittag begraben,
Dort unterm Myrtenbaum beim Vogelschreien,
Da freute meine Jugend dieses Schrecken,
Denn das vollendete zum Mann mein Wesen.
Was mich zur sicheren Gestalt umflossen,
Der Lebensquell, den rings die Welt ergossen,
Hat mich umsteinet, dass ich so viel Fremdes
Bewusstlos wie mein Eignes brauchen muss.
Es ist der harte Stein, der mich umschlossen,
Wenn ich bewusstlos einem wehe tue,
Denn wo ich's weiss, da mag ich's gern verguten.
Hier muss ich viel verguten und entschuld'gen,
Und wenig kann ich ihr zum Troste sagen,
Wird sie dies wenige auch wohl beachten?
Sie wird's. Sie wird entschuld'gen mich und deuten,
In ihrer Sehnsucht werd ich schuldlos sein;
O wie sie mich geliebt, so liebt doch keine.
Wer kommt da? Pochst du nicht, mein ahndend
Herz,
Du fuhlst wohl nicht genug, bist du so tot!
Was hast du dich denn taglang so gestellet,
Als wenn nichts Schonres dir begegnen konne.
Sind's dreizehn Jahre, dass ich sie nicht sah?
Mir ist wie gestern! Langsam gehn die Stunden,
Wenn unser Leben fiebernd stille steht,
Und doch vergesslich wie der Glocken Tone,
Wenn Lust sie nicht zu Melodieen band:
Ein Augenblick umschloss die Ewigkeit,
Und dreizehn Jahre werden Augenblicke!
Wer sieht der Flur wohl an vergangne Jahre,
Wenn sie den Fruhling noch am Busen tragt,
Entgegen, entgegen mit offener Brust,
Mit klopfendem Herzen der nahenden Lust. Halt
inne.
Nein, so bezwingen soll mich selbst die Freude
nicht,
Erst hor ich, was sie mit sich selber spricht.
3.
MUTTER kommt langsam ohne den Vater zu
merken.
Woher der wunderbare Knabe war? Er grusste mich und eilte dann vorbei. Ach Mutterherz, ach war doch so dein Sohn! Und ich war so betaubt vom Angedenken, Dass ich mit keinem Wort ihn hergeladen. Was trieb mich heute auch zum Myrtenstrauche; Da war es geistig und erinnernd voll Von schmerzlich wandernden Gedankenreihen, Als zog vor mir ein Trauerchor voruber. Da war es, wo ich mit dem Manne stand, Wo er in toricht leerer Eifersucht,
Dass ich vor ihm, eh' ich ihn jemals kannte,
Schon einen Jungling herzlich angeblicket,
Sein Schwert ergriff, und mir den Arm verletzte,
Den ich zum Schutze angstlich vorgehalten,
Wohl seh ich noch die fast verwachsne Narbe.
Als da mein Blut fiel rot auf weissen Stein,
Ergriff ich einen Myrtenstrauch zur Stutze
Und flehete vom Himmel, mein vergessend,
Ein Kind so rot wie Blut, so weiss wie Schnee,
Dass meines Mannes Liebe wieder mein!
Mir ward Gewahrung, doch die Eifersucht
Des harten Mannes raubte es sogleich,
Es ist gestorben, lieget dort begraben;
Ob er es umgebracht, ich glaub's gewiss
Aus mancher Rede zweifelhaftem Sinne,
Auch mit dem Kind wollt er die Lieb nicht teilen:
Ach auch die Liebe wird im Schlechten schlecht,
Und mit Entsetzen schied ich mich vom Manne,
Verzweifelnd ging er in die Welt hinein.
Sie geht zu ihrem Tische.
Ein Wandrer hat das Fruhstuck mir verzehrt,
Er ahndete, dass mir heut weh ums Herz.
Da steht ein Fremdling, ist's der wohl gewesen,
Es ist nicht recht, doch litt er sicher Not.
Hor Wanderer, du scheinest zu erwarten,
Dass ohne Bitten ich dir geben soll,
Weil du schon nahmst, auch ohne anzufragen? VATER vor sich. Sie kennt mich nicht, ihr himmlischen Naturen, So hat auch Gott die eigne Welt vergessen, Und dieser Gruss war sicher nicht der rechte: Dem Elend steht das Ungluckshaus sonst offen, Ha ich will zeigen, dass ich Herr im Hause. Laut: Ja wohl wir sind nur Wanderer auf Erden. MUTTER. Wie, sprachest du im Augenblick mit mir? Wie muss ich doch dabei so weithin denken. Du kommst zur guten Stunde; willst du bitten, So bitte, was dir grundlich konnte helfen; Bedarfst du eines Kleides, bitte frei, Ein gutes Mahl ist obenein bereit. VATER. Ich bitte viel, ich bitte dich zuruck; Die Stimme kanntest du, verkenn mich nicht. MUTTER. Wie ist mir, nehmt ihr Busche hier Gestalt, Ist dies ein Seegesicht aus leerem Dunst? O Gott! kann ich die Stunde uberleben, Bist du der Geist des zornig wilden Mannes? VATER. Begegne auch dem Geiste liebevoll. MUTTER. O nein, du bist es nicht, dein Zorn schlagt Falten In deiner Stirn, du durftest ja nicht zurnen. VATER. Die Falten, die der Zorn sonst sturmte Vorubereilend auf der glatten Stirn, Die pflugte spater ein des Irrtums Gram, Dass Weisheit legt darin den reichen Samen. MUTTER. O Weisheit sprich, wer soll dich denn nun ernten, Da du so viele Jahr zum Saen brauchst. VATER. So nimm mich hin, du reiche Erntegottin, Und heb die Garbe auf zur vollen Brust. MUTTER. Du ruhrest mich, wie bist du alt geworden, Und suchest nun, was du so lang verschmahet. VATER. Nun bring ich dir die Liebe ungeteilt, Die einst so reich auch mehreren genugte; O fand ich deine Lieb auch ungeteilt. MUTTER. Du sprachst von Weisheit erst und nun von Liebe. VATER. Ich glaub an beide, mochte sie vereinen, So wird mir die vergessne Freude wieder. MUTTER. Nicht unsrer frohen Tage kann ich denken. VATER. Ach ohne sie war mein Gedachtnis Nacht. MUTTER. Und doch bist du im Uberdruss geschieden, Kein lebend Band ist zwischen uns geblieben. VATER. Vielleicht war dies des Himmels klugster Segen, Der uns das Kind in der Geburt entriss, Denn damals waren wir noch unvereinbar, Und Feuer wurd in ihm mit Wasser zischen Und was das Schlimmre sei, das wurd sich zeigen. MUTTER. Lass uns, wie du's gewollt, geschieden bleiben. VATER. Ich kann nicht, was ich will, ich will nur, was Ich kann wir sind gesetzlich nie geschieden. MUTTER. Bereitet bin ich nicht so ernst zu reden, In weicher Lassigkeit lebt ich die Zeit, Mein Anwalt wird dir leichtre Auskunft geben, Ich sage dir, ich lass mir nicht gebieten, Wie ich es einst als kind'sches Madchen litt. VATER. Sei unbesorgt, ich lernte mich nun beugen, Und beugen oder brechen muss das Herz. MUTTER. Ich sage dir, ich hab mich sehr verandert, Mein ganzes Innre hat sich selbst befestigt, Seit ich mich keinem Menschen hingegeben. VATER. Ich bin so sanft, dass ich dich fast bewundre. MUTTER. Doch ist der Trotz dir ins Gesicht geschrieben Mit deiner Augen ungeloschtem Feuer; Wer Schiffbruch litt, der trauet nicht dem Meere. VATER. Der Kluge fahrt am liebsten mit dem Strome. MUTTER. Wie lebtest du, sei dies fur mich ein Zeichen. VATER. Ein traurig Zeichen, denn ich lebte traurig. MUTTER. Dich zu verstehn, von dir verstanden werden, Es war mir wert, du wurdest dann mich ehren. VATER. Es ist zu hart, dass du die Ehre forderst, Du hattest sonst den Stolz wohl nicht gehabt, Ich hatte dir den Stolz sonst nicht verziehen, Und du erhohst den Preis des Buchs Sibylle, In welchem meine Liebe eingetragen, Nachdem du immer mehr davon verbrannt. MUTTER. Nach alter Art wirst du unheimlich, Freund. VATER. Erst mache heimisch mich in diesen Wanden, Ich sehe dieses Haus so wohl erhalten, Kein Stein ist unersetzt vom Dach gefallen, Das ist doch sonst der Frauen Sache nicht. MUTTER. Wie schweifet deine Rede also fern. VATER. Weil mich die Nahe lasst so unbequem; Ist hier ein Hausfreund, dem ich Gruss muss
bringen,
Der meine Stelle hat bisher verwaltet? MUTTER. Ich wunschte, jede Sorg war so zu losen; Du hast von aller Lieb mich abgeschreckt, Auch litt dies nicht die Unabhangigkeit, Du warst der einzige, dem ich einst traute. VATER. Vertraue noch, lass uns das Gluck versuchen, Ob es in diesem Haus sich wieder finde. MUTTER. Vertrauen lasst sich tauschen, nicht versuchen. VATER. So tausch erst aus den Argwohn mit der Hoffnung, Lass uns wie Fremde erst hier wieder hausen, Die nur Geselligkeit zusammenknupft. MUTTER. Die je sich nah, die werden sich nicht fremd. VATER. O erstes Wort, das schon wie deine Lippen; Bald wird es heiter um uns sein, Wo deine Augen hellend hingewendet. MUTTER. Mein lieber Freund, versprich dir nicht zu viel. VATER. Dem Schonsten sammelt sich das Schone gern, Vor deinem Tempel sinkt der Unruh Fluch, Die mich wie Furien umhergetrieben, Und diese Baume scheinen mir die Schlangen, Die sich schon schlummernd an die Tur gelegt. MUTTER. Du fabelst ja wie in der alten Zeit. VATER. Die Tauben schweben girrend noch zum Giebel, Dann auf die Linde, die uns auch gewiegt, Das Meer rauscht noch mit seinem blauen Wasser; Doch eine nur ist aus dem Meer gestiegen, Ihr hab ich in der Luft ein Schloss gebaut, Und find sie nun im eignen Hause wieder; O dieser schonen Menschlichkeit in Gottern. Du lachelst meiner kunstlich feinen Rede, Ach wie so modisch neu ist mir die Freude! MUTTER. Du hast kein freundliches Geschick erfahren, Doch ist dein Ruhm so gross, dein Einfluss wurdig, Dass viele Frauen mir den Glanz beneiden, Den mir dein Name aller Orten leiht; Doch seh ich dich, ich kann es nicht begreifen, Wie du Millionen Menschen fuhren magst. VATER. Ich wirkte auswarts, um mir zu entfliehen, Regieren war das Schwerste nicht im Leben, Die eigene Befried'gung fehlte mir: Ach wem das Beste fehlt, dem fehlt's an allem. MUTTER. Du sprichst wohl herzlich doch du bist ein
Staatsmann.
VATER. Ein guter Staatsmann sei das Herz vom Staate, Das gleich verteilt das Leben allen Gliedern, Und selber in der sichern Mitte thronet. MUTTER. So warst du in Geschaften gut zu Hause, Was willst du nun in dieser stillen Hutte? VATER. Nein, ich war nirgends, nirgends mehr zu Hause, Selbst der Geschafte Reiz schwand meinem
Sehnen,
Das Neue konnte mir nur reizend scheinen, Die goldene Alltaglichkeit war nichts; An mich wollt sich Gewohnheit nicht gewohnen, Was mir gewohnlich ward, schien mir zuwider. MUTTER. Bald wurde dich bei mir dasselbe qualen, Der Uberdruss, wie einst in ferner Zeit. VATER. Warum ist mir denn jenes blaue Zimmer, In dem wir schliefen, stets noch in Gedanken, Das wir mit manchem Spielzeug angeordnet, Mit mancher Inschrift, manchem kleinen Bild, Das ratselhaft den Fremden, uns verstandlich, So dass wir stets geheime Sprache fuhrten; Oft wahnte ich im fernen Land erwachend, Vom Traum getauscht, ich lag in deinem Zimmer, Ich lag an deiner Seite, holde Frau. MUTTER. O sieh an dieser Glut in meinen Wangen, Ob ich die gute Zeit nicht ganz gefuhlt. VATER. Was ich seitdem bewohnt, sind wilde Hohlen, So ganz verhasst durch einsam wache Nachte. Ich mochte sie nicht schmucken und nicht ordnen, Dass ich nicht aussen fand, was in mir fehlte; Erinnerung lag fern und unerreichlich, Und Reue folgte mir, dass ich's verscherzt, Was meines wahren Lebens Ernst und Sinn; Fur wen ich sorgte, wusst ich nicht zu sagen, Und was ich tat, das war voraus mir Sorge. Ich hatte Furcht und sollte Zutraun wecken, Verantwortung ruht schwer auf dem Gesandten, Doch schwerer auf dem waltenden Minister, Vertrauen darf ihn nimmer unterstutzen, Er muss es brauchen, aber nimmer teilen. MUTTER. Er muss es brauchen, aber nimmer teilen, Und die Gewohnheit sollte dir nicht bleiben? VATER. O lehr mich nicht, noch an mir selber zweifeln; Ich musste vieles tun, was ich nicht glaubte. Ja kommt man heim mit Orden, goldnen Dosen, Da scheint es leicht, das schelmische Geschaft, Im ruh'gen Land ein innrer Feind zu sein. Als Schlange musst Geliebte ich belauschen Der Liebe Schein auch zwischen drangend nehmen; Der Freundschaft hingegebne Worte nutzen, Was ich fur mich, beim Himmel, nie getan. Gesellschaft, die ich hasste, musst ich wahlen, Und die gemutlich mir, kaum heimlich sehen, Ein Kartenspiel aus blosser Ehre suchen, Die Nacht vergahnen, Morgen zu verlieren, Und reden, wo ich lieber schweigen mochte. So wurden bessre Menschen selbst zu Schatten, Die der Erscheinung regelrechte Stunden halten, Sonst liess sich nichts von ihnen weiter fordern, Und bin ich nicht im Innern ausgestorben, So war's die Lieb zu dir, die mich erhielt. MUTTER. O leugne nicht, da ich's dir leicht verzeihe, Ich kenne dich und deiner Treue Sinn. VATER. Du weisst es, liebes Weib, dir log ich nie, Bedurfnis, Lust, die habe ich befriedigt, Doch dir blieb stets getreu mein liebend Herz; Es schweigt das Herz in jenen hohern Kreisen, Und bleibt sich selber einzige Gesellschaft; Der Staat allein schliesst da des Umgangs Band, Fur ihn ertrug ich selbst Beleidigung, Damit nicht Streit zur Unzeit ihn verflechte, Und dieser Staat, oft konnt er mich nicht schutzen, Und was das Liebste, musste ich ihm opfern. MUTTER. O Gott, wie elend mussen sein die Volker, Dass solche Schande nur ihr Leben fristet. VATER. Verwirf nicht rasch, was du so wenig kennst, Denn du verwirfst auch mich, noch wirk ich drin, Wenn gleich mit traurig plagenden Gedanken. Was gibt dir Sicherheit und Wohlstand hier, Da rings Verheerung, Mord und Brand bei andern
Volker,
Aufopfrung ist was wert! Wurd mir wie Menschen, Wie andern Menschen wohl, nur einmal wohl, Ich hatte nicht die Kraft mich los zu reissen, Ich bliebe ruhig, liess der Welt den Lauf; Auch meine Unruh muss dem Staate dienen. MUTTER. Hat nicht die Welt den Lauf nach Gottes Willen, Ich kann's nicht sagen, was ich innen fuhle, Und weiss doch auch gewiss, ich habe recht; Nicht Menschenklugheit gibt der Welt den Frieden, Ihr musst begeistert sein, es kommt von oben, Von aussen kommt doch nur Verganglichkeit. VATER. Ha du gehorest auch zu jener myst'schen Welt, Die ich in Musenalmanachen merkte. Mein Kind, was Volker bildet und beherrscht, Ist nicht, was unbestimmt der Mund kaum lallet, Und war's das Herrlichste, es ist nicht unser, Es spricht zur Zukunft erst und bildet sie; Die gegenwart'ge Not will gegenwart'ge Kraft, Die ganz gemeine, die in jedem wohnet, Sie zu ergreifen, ist des Herrschers Geist, Und sie zu lenken, dient des Staatsmanns Klugheit. Ist Menschenklugheit denn nicht Gottes Gabe? Wie sind Sie doch so altklug hier geworden? Weil Sie allein, drum widersprach auch niemand; Wo blieb das Schweigen, hort ich doch so gern Die lieben Worte: Ich versteh es nicht. MUTTER. Und wie so kalt, wie steinern werden Sie! Wie hatt ich sonst von Ihrem Geiste Meinung, Und sprach schon nach, was ich noch kaum
vernommen,
Und jetzt verstehen Sie mich gar kein Wort. VATER. Ach die sich lieben, mussen sich verstehen, Ist dieses nicht mein Arm, die Stimme mein, Ich bin derselbe, aber Sie sind anders. Bei Gott, ich ubte doch die hochste Sanftmut, Was half es mir, ich fand nur Widerspruch, Kann Mund zum Mund sich finden, wo die Worte, Wie Pfeile sich in dunkler Nacht durchkreuzen: Nicht lieben, streiten lasst sich nur darin. MUTTER. So wollen wir mit Vorsicht weiter reden Und klug vermeiden, wo uns Meinung scheidet. VATER. Soll Mann und Frau nicht eine Seele sein, Die schlimmste Scheidung ist die Scheidung der
Gedanken;
Im Staatsamt bin ich klug, da brauch ich Vorsicht, Hier such ich offne Arme, offnen Sinn. MUTTER. Jetzt suchen Sie, was Sie verschmahet haben. VATER. Lass dir erklaren, wie es damals kam, Dass ich so leicht von dir mich trennen konnte: Ha deine Liebe trieb mich aus zur Tat, Wie kostliche Musik zu einem Tanze, Worin Musik und Takt dem Ohr verschwindet; Ich hab gewirkt mit allen meinen Kraften, Doch Sie, Sie haben sich in der Musik Vertieft, die stets aus Ihnen stromt mit Lust, Sie waren, ach zu lang, mit sich allein, Vernehmen auch kein Wort, was ich hier sage, Sie sind in eines schweren Zaubers Bann, Der Eigensinn hat Sie so fest umschlungen, Sie sind die Meine nicht, Sie sind nun seine Frau. MUTTER. Es ist vorbei, ja ganz vorbei auf immer, Es war doch alles nichts, ich merkt es gleich. Ich bin aus Ihrer Sklaverei, ich lieb Sie nicht, Aus meinen Augen fort, Sie tun mir weh: Es ist der letzte Kummer, den ich leide. VATER. Ja wohl vorbei, ja ganz vorbei auf immer, Ich war getauscht von dieser lieben Hulle, Bewahrte lang die falsche Munze auf. Nun ich sie brauchen will, da seh ich erst Der goldne Uberzug zerrieb sich schon, Ich sehe klar, dass ich damit betrogen, Und den geliebten Schatz muss ich verwerfen. Soll ich vernichten, was mich so getauschet? Und werf ich ihn mit rascher Hand ins Meer, Ich konnte spater an der Falschheit zweifeln; Nein ich bewahr Sie, mich zu uberzeugen, Wie hoch mein Glauben uberm Leben stand. MUTTER. Wie stimmen Ihre Reden schlecht zusammen, Ei wie geziemt sich das bei ihrer Klugheit, Die mir vorher so ganz ergeben sprach. VATER. Das war mein Spott, ich wollte Sie versuchen, In unserm Alter ist die Liebe Spott. MUTTER. Das wollte ich; so uberwiesen ganz, So ganz beschamt sollt einst ein Staatsmann, Vor mir, vor einem Weib in Torheit stehen; Sie glaubten einen Augenblick mich zartlich, Ihr Angedenken ist in mir verflucht. Getauscht zu sein, ist Ihre hochste Strafe, So horen Sie mich jetzt, Sie sind getauscht. Ihr holden Blumen, ach verzeiht den Zorn, Ich fuhl mich schlecht in diesem Augenblicke, Doch ist's der letzte, den ich so verbringe, Und wie der Schall der Worte schnell verrauscht. Verzeih es Luft, du bist schon allzu schwul, Gewittervoll, dass ich kaum atmen kann, Und bin ich schuldig, treffe mich der Blitz. Jetzt horen Sie die letzten Worte an. Was Ihre Absicht war an diesem Tage, Die Sie so weit zu mir hieher gefuhrt, Ich weiss es nicht, ich kann es nicht erraten. Es ist vergebens jegliches Bemuhen, Und mit dem Ring, den ich vom Finger nehme Und werf ihn in die freie weite Welt, Ist jedes Band gelost, was noch Erinnerung hielt: Wir sind geschieden und es sei fur immer. VATER. Wir sind geschieden und es sei fur immer. Vertrauend baut sich an der Mensch in Jahren Ein kleines Haus zu seines Alters Schutze, Die Erde bebt, zerstort's im Augenblick, Auf seinen kahlen Scheitel fallt der Regen, Doch auch die Sonnenstrahlen, die ihn warmen. Ich fuhl mich ruhig, ich verliere nichts, Nur der ist frei, den nichts auf Erden halt.
4.
KIND kommt mit einem Schwerte und einem Myrtenzweige und findet den weggeworfenen Ring. O Vater, sieh den schonen Ring recht an, Ich fand ihn in dem Lilienkelche schweben, Es ist ein Schlanglein, das in Schwanz sich beisst, Ein roter Stein blitzt herrlich aus den Augen. Ach dass am Ring kein Anfang und kein Ende, Sonst wurd das schone Tier wohl auch noch gehen, So kunstreich ist es durch und durch gebildet, Und scheint aus ganz lebend'gem Gold gedreht. Du siehst so heftig, Vater, und du sprichst kein
Wort,
Du schiltst doch nicht, dass ich so lang geblieben, Es war kein Schatz am Myrtenstrauch zu finden, Ich fand dies Schwert dort, darf ich's tragen? Ich will das Feindliche der Welt bestreiten. Ach Vater sag, wer ist denn diese Frau, Die schone Frau, wenn sie nur liebreich ware. MUTTER. Ist dies Ihr Kind, so sind Sie zu beneiden. Es ist zu liebreich, nein, Sie sind nur Pfleger. VATER leise zur Mutter. Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern! War dies nun unser Kind, das fruh verstorbene. MUTTER. Sie wagen es, an jenen Mord zu denken! VATER. Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern! Ich meine fast, der Knab hat Ihre Augen. MUTTER. Wer denkt an alle Schicklichkeit der Welt, Wenn hier ein Abgrund, dort ein offner Arm. Ich rufe dich Natur, gib Helferarme, Bewahre mir, was du mir hast verliehen; Ist dies mein Kind, was ich gestorben glaubte, Das Sie aus Eifersucht mir fruh entrissen Und mir so bald als tot verweigerten? KIND. Ach ja, ich bin's, ich bin gewiss dein Kind, Ach wusst ich eine Mutter nur zu lieben. VATER. Sie leben hier so unabhangig jetzt, Was brauchen Sie noch andrer Menschen Liebe. MUTTER. O gib Gewissheit mir, ob es mein Kind, Ich bin dir dann auf ewig untertanig. VATER vor sich. Wo soll das hin, wer kann die Folgen sehen, Der Arger hob die Uberlegung auf. MUTTER. Gewissheit, sieh ich knie vor dir schon lange, Du schweigest still den Blick von mir gewandt. O sprich, sonst sturz ich mich in dieses Schwert, Das mich schon fruh in deinem Hass verwundet. VATER. Es ist dein Sohn; ich wollte ihn dir bringen Und mit euch leben in Vertraulichkeit; Jetzt ist das aus, erfreu dich dieses Knaben, Doch wandern wir noch heute fort von hier. KIND. O liebe Mutter, liebe susse Mutter, Dich hab ich gleich erkannt, wie ich dich sah! MUTTER. O lieber Knabe, meiner Liebe Lust, Ich ahndete sogleich, du seist mein Sohn. KIND. Ach Mutter, wie wird dich der Vater lieben, Er hat so oft die Arme ausgebreitet, Bang uber mir nach dir o Mutter seufzend. VATER. Das ist vorbei, das ist nun ganz vorbei, Jetzt macht euch fertig, nehmt den schweren
Abschied.
KIND. Ach lieber Vater, bleib doch immer hier, Ich kann nicht fort von meiner lieben Mutter. MUTTER. O lasse mir mein Kind nur wenig Stunden, Ich lieb dich ja in ihm, ich kann nicht mehr. VATER vor sich. Es ruhret mich ihr Flehen tief im Innern, So muss mir denn das Schmerzlichste geschehen, Muss ohne Liebe sehn die Vielgeliebte, Und alter Lieb Erinnerung stets in ihr Wie des Gewissens ewig wacher Zuruf. MUTTER. Kannst du nicht bleiben, so verlasst mich Gott, Und wie ein Unrecht scheinet mir mein Ungluck. KIND. Ach Mutter, ist denn Gott nicht unter uns, Wir sind ja drei, so sind wir die Gemeine, Wie sprichst du so, nein, Gott verlasst uns nie, Wenn wir uns lieben in der ew'gen Liebe. MUTTER. O hor dein Kind, wie es so herrlich spricht; Der Kinder Stimme ist oft Gottes Wille. VATER. Ich folg der Stimm, es ist bedacht, es sei, Es muss das Schmerzlichste von mir geschehen, Ich opfere mein eignes Leben auf, Wir leben nun fur dieses Kind zusammen; Nimm du die linke Hand, ich nehm die rechte, Auf dass er lerne lieben und auch fechten. KIND. O Vater, wenn ich nur genug dich liebe; O Mutter, wenn ich nur fur dich kann fechten! VATER. Es tragt mich des Entschlusses eigne Kraft, Mit Ubermacht hat Gott den Stolz bezwungen. MUTTER. Vergebens ist das Scheuen vor dem Leben, Was menschlich ist, dem sei der Mensch ergeben; O teurer Freund, ich tat dir heute Unrecht, Du wolltest mir heut wohltun mit dem Kinde. Ich folg dir ganz, es kommen andre Zeiten, Im Herzen dieses Kindes schlagt das meine, Und deine Klugheit wache uber beide. VATER. Sei dieses liebe Kind uns selbst ein Lehrer, Wo uns die alte Zeit mit Zorn ergreift, Gefuhl und Klugheit muss sich immer beugen Vor einer Zukunft, die sie selbst erst zeugen. KIND. Ihr sagt euch da so ernste, ernste Worte, Und mich vergesst ihr hier wohl zwischen euch. Ich geb euch alles, was ich hier besitze: Da hast du, Mutter, diese Myrtenkrone, Da hast du, Vater, das verlorne Schwert, O lass mir nur den Ring, den vielgeliebten! VATER und MUTTER. Du bist der Ring von zweien Vielbetrubten, Die neu verbunden, die sich einstmals liebten. VATER. Wir sind auf ewig wiederum verbunden. MUTTER. Dein Wille ist der meine nun auch immer. VATER. Wohl dem, der einmal nur geliebt im Leben, Das Schicksal will ihm goldne Hochzeit geben, Mich druckt das Gold, es zittern meine Hande, Doch fuhle ich, dass nie das Leben ende. KIND. So kusse doch den lieben Vater, Mutter. VATER. Ich kusse dich, das Kind befiehlt es mir. MUTTER. Ach was der Ernst und die Vernunft geschieden, Ein Kinderspiel auf dieser Welt hienieden. KIND. Horst du fern im Dorfe singen, Luft und Dufte zu uns dringen Aus der tiefen Himmelsstimme. MUTTER. Ach zu uns im ernsten Grimme. VATER. Wie so oft war uns zum Spotte Unsrer Diener Sonntags-Schmucken. KIND. Ach so hort doch zu, dem Gotte, Der in seligem Entzucken. VATER. Wehe, nun ist eine Stille! MUTTER. Aber dem versohnten Freunde Tont nun hoher Gottes Wille Aus der himmlischen Gemeinde. KIND. Fuhrt mich, wo die Glocken schlagen. VATER. Das Gewissen anzusagen. KIND. Wo die Freuden alle klingen, Musst du hin mich heute bringen. VATER. Ach wie kuhlend in der Hitze! Haben wir denn dort auch Sitze? MUTTER. Gittersitze wir da haben, Wo die Eltern sind begraben. VATER. Denk, wie Sonntags sie versohnten, Wann sie sich entzweiet hatten, Und wir beide, wir verhohnten Oft die Lieb der alten Gatten. MUTTER. Und sie blieben so in Frieden, Und wir waren lang geschieden; Eilen wir zur Kirche wieder. KIND. Gott, der spricht zu uns durch Lieder, Alle Stimmen er vereinet. MUTTER. Einsam hab ich lang geweinet. VATER. In der Kirche klingt die Freude, Eilen wir aus allem Leide, Und die leidend Gott gefunden, Zeigen sich da Gott verbunden. VATER und MUTTER. Seit wir in dem Sohn verbunden, Haben wir auch Gott gefunden, Und kein Mensch darf uns mehr scheiden, Uns, die Gott gepruft in Leiden! Der Minister war wahrend der Vorlesung sehr nachdenklich geworden, beim Schlusse fuhr er heraus: "Sagt, wie konnt ihr so manches wissen, was gerade so in meinem Innern gesprochen, bei einer allgemeinen Verfalschung der Geschichte, die mir deutlich beweist, dass ihr nichts davon gewusst, sondern nur herum geraten habt." "Das Menschliche", antwortete der Kammerjunker, "woran wir einander kennen und verstehen, ist in jeder Brust, das Historische wissen nur wenige." "Wahrhaftig", meinte der Minister, "ich fange an, noch ehe wir aus den Sumpfen kommen, eure Poesie zu glauben; wir sind durch Lebensalter geschieden, wir verstehen uns erst allmahlich."
Meinen Lesern, mit denen ich mich auf der gemeinschaftlichen Reise durch diese Geschichte allmahlich auch verstandigt habe, wird es nicht entgangen sein, wie das Dichten, insbesondre aber das dramatische in das Leben der einzelnen Menschen eingreife. Wir sahen dies in der Geschichte Hollins, des kleinen Johannes, und in den beiden eben mitgeteilten Schauspielen; moge uns dies ein Bild werden, wie ein echtes Volksspiel auf das ganze Leben eines ganzen Volkes einwirken konnte; nur darum, weil unser Schauspiel unserm Volke, seinem Streben und Glauben meist so entfernt ist, geht es der Menge so gleichgultig voruber, und wird mit dem Augenblicke vergessen; wer sich dem Volke anschliesst, empfangt dessen Geist und Erfindung.
Ein kleines Abenteuer storte bald unsre Gesellschaft in ihrer gewohnlichen Unterhaltung. Sie erhielten einige Stationen von Rom, wegen mehrerer an Reisenden verubten Raubereien, einen Husaren zur Bedeckung, der dem Minister und seinen Begleitern sehr auffiel; dem Minister rief er seine eigne Jugend vollstandig zuruck, die anderen bemerkten wenigstens eine auffallende Ahnlichkeit zwischen beiden. Sie liessen sich mit ihm in ein Gesprach ein: es war ein Deutscher, der schon lange in franzosischen Diensten, aber weder sein angeblicher Name Frohreich, noch der angegebene Geburtsort Camin waren der Gesellschaft bekannt. Er sprach viel uber seinen Dienst, und versicherte, dass wenn er gleich nur Gemeiner ware, so konne er doch wohl bei guter Gelegenheit Marschall werden, und die ganze Armee, wie er Lust hatte, rechts und links vor sich vorbei marschieren lassen, auch konnte er sich nicht uber Langeweile beklagen; hatten sie nichts mit dem Feinde zu tun, so gab es desto mehr Streit mit den Kameraden, erst gestern habe er eine zusammen gehauen dabei rieb er sich ganz vergnugt die Hande. "Heute", fuhr er fort, "gibt's gewiss noch was mit den Raubern, ich sah schon vorher so etwas schleichen; an dieser Stelle wurde vor acht Tagen der Schirrmeister einer Post erschossen." Diese Betrachtung machte die Gesellschaft aufmerksamer. Nach einiger Zeit rief der Postillion einige unverstandliche Worte; es war sehr finster, er jagte schnell, die Mamsell druckte sich mit klopfendem Herzen an den Minister. In dem Augenblikke hielt der Wagen; der Kammerjunker griff nach den Pistolen, der Minister fragte: "Wer da?" "Wir sind auf der Station", antwortete der Husar, der zugleich mit machtigen Stossen gegen die Tur eines Hauses die Ankunft der Reisenden verkundigte. Der Wirt machte fluchend auf; die Reisenden traten in ein Kuchenzimmer voll Husaren; sie wunschten zu essen, und der Wirt versprach gleich ein vollstandiges Nachtessen. Er nahm zu diesem Behuf ein paar Lebern von einem Haken herunter, hackte, kochte, briet in ihrer Gegenwart; seine Frau sah ganz bequem zu, und befahl nur zuweilen, was er dabei nicht vergessen sollte. In einer Stunde hatte er ein vollstandiges Mahl bereitet: Lebersuppe, gekochte Leber, Leberbraten, es schmeckte den Hungrigen recht gut. Der Husar wurde mit zum Essen genotigt; seine Kameraden fingen an, daruber zu reden, dass er nicht bei ihnen geblieben; der Husar antwortete beleidigend und einer von jenen, die viel getrunken hatten, forderte ihn. Alles das verhandelte sich so heftig, wie es bei Soldaten geschieht; unsre Gesellschaft, die einmal Partei fur den jungen Mann genommen, war so besorgt um ihn, dass sie das Essen stehen liess. Endlich sprach der Minister, bloss um den Streit abzulenken, indem er unter die Streitenden trat: "Nehmt Vernunft an, warum sollte er nicht mit mir essen, es ist mein Sohn." "Wenn das ist", sagte der Heftigste, "so nehmt nicht ubel, was ich gesprochen; Ihr hattet das fruher sagen sollen, ein Vater, der muss geehrt werden, sonst aber muss einem Husaren die Kameradschaft uber alles gehen." Es wurde augenblicklich Ruhe; alle tranken die Gesundheit des Vaters und der Husar setzte sich zum Minister, sah ihn ernsthaft an, und sprach deutsch: "Wenn ich nun wirklich Ihr Sohn ware?" "Fast meine ich es selbst", antwortete der Minister. DER HUSAR: "Ich war nicht immer, was ich jetzt bin, und habe viel vergessen, aber Ihren Namen, den ich vorher horte, habe ich doch behalten; warum sind Sie nach Italien gekommen, Sie hatten sich in Deutschland ein kleines Italien erbaut." Der Husar erzahlte einen Umstand nach dem andern, endlich die Geschichte, wie er ware bei der Einweihung des Palastes die Treppe heruntergefallen, so dass der Minister mit den Worten, "bei Gott, der Erbprinz", ihm um den Hals fiel. "Still", sagte der Husar, "ich bin's, hier aber kein Wort davon; wussten es meine Kameraden, da ware ich von allen geschoren, wie ich schon jetzt als Auslander viel auszustehen habe; sprechen wir nicht zu viel in unsrer Sprache, sie mochten Argwohn gegen mich bekommen." Der Minister suchte ihn zu bereden, ihn zur Mutter nach Sizilien zu begleiten. Der Erbprinz versicherte aber, er konne nicht von diesem Leben lassen, endlich wusste doch keiner, wozu es ihn fuhren konne, in einer Zeit, wo jeder von unten auf gedient haben musse, um oben fest zu stehen. Hier unterbrach der Eintritt einer braun gebrannten Marketenderin, die ein Fasschen auf dem Rucken trug, die Unterredung; alle schrieen ihr entgegen, sie wies alle mit derben Worten von sich, dem Husaren warf sie sich um den Hals und biss ihm in die Backe, dass er hellaut aufschrie; sie sprach mit ihm abwechselnd deutsch, franzosisch und italienisch, ruhmte ihn in sehr freien Worten, dabei ass sie stark von dem stehen gebliebenen Abendessen. "Hor Furiosa", sagte der Erbprinz, "soll ich dir das Genick brechen, du isst den Herren alles vor der Nase weg." Sie fluchte und ging hinaus. Der Husar sagte: "Ich furchte mich vor keinem Menschen in der Welt, aber die furchte ich, sie ist seelengut, was sie verdient, das gibt sie mir, Schlage sind ihr ganz recht, machte ich aber Miene von ihr zu ziehen, ich ware meines Lebens nicht sicher." Jetzt kam sie wieder ins Zimmer, und die Husaren sangen ihr ein Lied von Mademoiselle Pumpernelle, woruber sie alle ausschimpfte, und von guten Sitten und Leuten von Stande sprach; der Minister hatte unterdessen nach seiner Zeche gefragt, und da ihn der Wirt fur seine Lebermahlzeit mehr als fur das kostlichste Mittagsmahl bezahlen lassen wollte, so schimpfte sich der Erbprinz mit ihm herum. Es war ein gewaltiges Larmen; der Minister zahlte aus Uberdruss, der Erbprinz und Furiosa begleiteten ihn an den Wagen, wo der Minister noch einmal jenem den Vorschlag wiederholte, den Abschied zu nehmen und ihm nach Sizilien zu folgen, und ihm eine volle Borse einhandigte. Furiosa fing daruber an zu schimpfen, der Erbprinz wurde bose, und schlug wild auf sie ein mitten in dieser wunderlichen Liebesverwirrung entrollte der Wagen mit unsern Reisenden. Sie kamen glucklich nach Rom, und wollten sich eben recht umsehen, als ein neuer Brief des Schreibers den Minister die Reise zu beschleunigen notigte. Schon fruher hatte er dem Grafen seine Ankunft angezeigt, mit der Bitte, weder den Seinen noch der Furstin etwas davon bekannt zu machen, bis er einen zweiten Brief von ihm erhalten.
Sechzehntes Kapitel
Schluss der Geschichte
Wunderbares Nachdenken, ew'ges Schaffen, du unsichtbare Sonne, in der die Taten reifen, die Begebenheiten in ewigem Wechsel von Fruhling zu Fruhling fortschreiten; allgegenwartiger Strahl, der ubers Meer und in die Tiefen leuchtet, wahrend er die Hohen zugleich vergoldet, wo ist dein Sitz und deine Quelle? Dieser sterbliche Korper ist dein Zeichen und ein gottliches Zeichen, aber was herrlich im allgemeinen Leben, das denket alles in Gott, alle herrlichen Gedanken sind Strahlen seiner Liebe, Gottsohne vom Heiligen Geiste empfangen, so mannigfaltig hat sich verkundet der Herr allen Zeiten, allen Volkern; wie die Warme durchdringt er die kalte Welt und regt sie an zu neuer Verbindung. Wehe dem, der sich diesem gottlichen Strahle verschliesst, und in eigener Lust sich der allgemeinen Liebe verschliesst; immer enger ziehen sich die Schranken seiner Gedanken, er glaubt die Welt zu gewinnen und verliert sich selbst, alles entfremdet sich ihm, er versteht keine gute Seele und keine gute Seele versteht ihn mehr, und seine Liebe und sein Hass und seine Taten und sein Leben, alles ist scheinbar und nichtig. Ein Tag innerer Versundigung kann den Menschen um ein halbes Jahrhundert an Geist, Erkenntnis und Durchdringung alles Lebendigen schwachen und veralten wie der Schafer in alter Erzahlung, von bosen Geistern in einer Zauberhohle festgehalten, heimkehrt und nur einen Tag versaumt zu haben meint, aber die Welt, die Jahrhunderte fortgeruckt ist, weder kennt noch versteht, auch sein Haus nicht wiederfinden kann, so geschieht auch dem Sunder; darum hutet euch vor dem ersten Falle, die ihr das Licht und die Anschauung der Welt liebt. Seit jener unseligen Nacht am Atna, in der die Furstin sich ihrer Leidenschaft, die sie vorher noch zu bekampfen strebte, ganz hingegeben, war ihr der Geist in allen seinen Kreisen verwirrt und verfalscht; mit keiner Seele konnte sie sich eigentlich verstandigen, in allen Wesen irrte sie sich. In Kleliens Gesellschaft ergriff sie eine wunderliche Beklemmung, sie hasste sie deswegen heimlich und wusste sich den Grund nicht anzugeben. Gegen Dolores empfand sie ein eigenes Mitleiden, das sie sich nicht gestehen wollte, deswegen machte sie sich oft unter mancherlei Vorwand von der Gesellschaft los. Der Graf hatte allmahlich durch ein tieferes Eindringen in die Kunste ein gewisses sinnendes Wesen bekommen, das ihn der Furstin noch reizender darstellte, ihn aber noch viel mehr verhinderte, die Leidenschaft, die sie fur ihn gefasst und der sie nachhing, zu bemerken; er meinte in der Achtung, die er gegen sie hegte, dies sei die hochste ideale Freundschaft, die je ein Weib erfasst. Sie glaubte in jener Sinnigkeit seines Wesens, die bei dem ernsten Ausdrucke seines Gesichtes, bei dem Schwarmerischen seiner Augen einen eigentumlichen Ausdruck hatte, eine Trauer uber seine gegenwartigen Verhaltnisse zu entdecken, ja sie deutete diese und die schone Aufmerksamkeit, mit der er jeden ihrer Wunsche zu befriedigen suchte, als eine liebevolle Erinnerung jener Nacht, von der er nur aus Rucksicht fur ihr Zartgefuhl nicht zu sprechen wagte. Der Graf war nie so heiter in sich gewesen, als in dieser Zeit, nie so voll in Gedanken, nie so fertig und reich in allen seinen Tatigkeiten; was er unternahm, gelang und Klelie hatte sich nicht mehr zu beklagen, dass er seine gemeinnutzigen Arbeiten uber eigne Ausbildung versaume. Die Furstin gab ihm mit ihrer Empfanglichkeit fur jede Kunst, mit ihrem freien Urteile alles das, was er je in seiner Nahe vermisst hatte; sein Leben hatte etwas himmlisch Vollendetes, wie es auf Erden nur kurze Zeit dauert und meist in seiner hochsten Erwartung gestort wird. Vielleicht mochte sich auch die Furstin in ihrer Wahrnehmung uber eine gewisse Traurigkeit in ihm nicht ganz irren, sie irrte sich nur in der Ursache. Es ist die Natur vieler Menschen, wenn sie sich recht wohl fuhlen, blass zu erscheinen, wahrend sich eine Kranklichkeit durch eine scheinbar bluhende Farbe verkundet: so zeigte auch wohl der Graf in den Stunden seines hochsten geistigen Wohlseins und schoner Erfindsamkeit eine sanfte sinnige Trauer, die in dem Sonnenglanze des Glucks den Augen so wohltuend erscheint wie die dunklere Farbe alles Gruns in den heissen Sommermonaten; diese traumerische Fulle einer Brust, in der nichts widersprechend, weil alle abwechselnden Schwingungen der Freude zu einem gleichen neuen Tone verschwingen, erschloss eine wunderbare Landschaft, die freilich auf unserm Erdboden unmoglich, wo die Lage der Felsen gegen einander einem gewissen Gesetze gehorchet, die aber auf einem anderen Planeten wohl denkbar ware, und gonnt die Zeit Dauer, so erscheint sie bald in den wunderbaren Taten, bald in den wunderbaren Kunstdarstellungen sichtbar und erfreulich fur viele. Unserm Grafen sollte diese Dauer nicht werden! Die Besorgnisse der Grafin Dolores waren durch manche Zufalligkeiten, die einem besorgten Gemute niemals fehlen, sehr gesteigert worden; der Graf, der allerlei Arbeiten mit frischer Liebe umarmte, hatte sie in der letzten Zeit seltener und fluchtiger besucht, bei der Furstin dagegen hatte er sich oft lange verweilt, weil diese an allen den Arbeiten den lebendigsten und gebildetsten Anteil nahm, mit ihrem Urteile aufmerksamer machte, mit ihrem verstandigen Beifalle ermunterte. Dolores hatte in dieser Zeit oft an ihren Johannes denken mussen, es tat ihr weh, dass er alle Belustigungen der andern Kinder, ihre kleinen Reisen, nicht mitgeniessen durfte; sie glaubte sich verpflichtet und tat es so gern, ihm recht oft schriftliche Nachricht von den Seinen nach dem Kloster zu schicken; die Gesinnung des Sohnes hatte diesem Briefwechsel bald eine sehr ernste religiose Gesinnung mitgeteilt. Heimlich trug sie sich schon lange mit einem Plane, den ihr Klelie vergebens auszureden suchte, ihrem Johannes in Rom die Erlaubnis zu schaffen, aus dem Kloster in den ritterlichen heiligen Johanniterorden uberzugehen; dem Grafen war dieser Plan sehr angenehm; aber sie wusste nicht, wie sie es dem Sohne auf eine recht reizende Art darstellen konnte. Ihr letzter Brief an ihn trug es ihm endlich ausfuhrlich vor, wie viel Gluck noch in der Welttatigkeit warte, wie leicht er noch dazu gelangen konne, er schloss sich mit den Worten: "Lieber Sohn, wenn ich Deines Vaters tiefe unerschopfliche Heiterkeit betrachte, diese Unendlichkeit, die sich seinem Gemute in jedem Kreise erschliesst und wohltuend zu allen spricht, und soll dies alles nicht achten und nur fur das Gluck, fur die Heiligung jenseit des Grabes ihm einen Aufenthalt wunschen und erflehen, sieh, da stehen meine Gedanken stille, ich kann nicht glauben, dass diese Erde einer edlen Seele je ein blosses Jammertal werden konne, ich kann dieses Leben nicht jenem aufopfern. Denk ich aller Tatigkeit, die Dein Vater auf dieses Leben verwendet, so vieler Erfolge, die ihm geworden, so vieler, die ich mit Zutrauen erwarte, denk ich meines eignen Herzens und meiner ganzen Sinnesart, die er in zartlicher Liebe ohne Harte, ohne Zwang gebessert hat, es ist mir unmoglich zu sagen, dies alles sei eitel und nichtig, und ich hatte eigentlich alle meine Gedanken auf Gott zu richten und seiner zu vergessen. Dieser Tatigkeit fur andre bist Du durch das Klosterleben fur immer entzogen, Du siehst die Menschen selten und nur in ihrem tiefsten Kummer, im Aufhoren ihres Lebens usw." Erst am vierzehnten Juli, es war der Tag ihrer alten Schuld, an welchem sie immer fruh aufstand, um lange beten zu konnen, erhielt sie die Antwort ihres Johannes, er lehnte das Anerbieten ab, nicht weil er sein jetziges Leben fur loblicher halte, sondern weil es ihm notwendig, ihm Bestimmung sei; ubrigens erklarte er sich ganz frei, dass er ihre Gesinnung uber das Gluck und die Tatigkeit dieses Lebens teile, dass diese Meinungen von der Eitelkeit und Nichtigkeit dieser Welt Missverstandnisse waren, dass unser Glaube eine Religion des Lebens, weder der Freude noch des Jammers einzeln und abgesondert sei, dass ihn dies vor allen auszeichne, die entweder die Not der Welt hinter Lugen zu verstecken suchten, oder den armen Menschen in seinem Jammer und Not und Schwachheit mit hamischer List anfielen, um ihn sich zuzueignen; dass aber die letzte Art leider auch manchen so genannten christlichen Lehrer verfuhre. Er schloss mit den Worten: "Du siehst liebe Mutter, dass ich mit dem reinsten Ausdrucke meines Glaubens mich nur wenigen in meinem Kloster verstandigen kann, nie werde ich darum streiten, denn Christus, der aller Welt und allen Volkern in so verschiedener Gestalt erschienen, allen als Hingebung und Aufopferung aus Liebe, warum sollte der uns im Kloster, die wir aus verschiedenen Volkern, Standen und Bildungen zusammengekommen, in der Betrachtung gleich sein; in unsern Herzen fuhlt er sich gleich."
Dieser Brief hatte die Mutter ungemein getrostet; welche Freude ist es einer Mutter, von ihrem Sohne belehrt zu werden, sie dankte dem Himmel in ihrer Kammer fur die gnadige Fuhrung ihres Lebens und segnete ihre Kinder, die vor dem Fenster sich auf einem Platze herumtummelten. Mitten in dieser Freude uberraschte sie der qualende Gedanke, warum der Graf sie den Morgen nicht besucht habe, und wahrend sie noch daruber nachsann, sah sie ihn, mit der Gitarre eilig nach dem Gartenhause der Furstin gehen, sie erschrak und wollte es sich nicht gestehen warum; auch ihrer Schwester gestand sie es nicht, die zu ihr ins Zimmer trat und sie in Tranen fand; doch hatte diese geliebte Schwester bald die Freude, sie mit mancher Erzahlung von glucklichen Einfallen der Kinder zu einer heitern Laune uber zu fuhren. So wenig Klelia sonst sprach, so unerschopflich war sie, jedem Traurenden etwas mitzuteilen, was ihn beruhigen oder zerstreuen konnte. Als die Herzogin sie verlassen, blickte Dolores noch einmal ein schones Christusbild an, das den kleinen Altar erfullte, sie schlug die Bibel auf und wurde mit ihren Augen zufallig auf den Spruch gefuhrt, den Christus zu dem armen Sunder sagte: "Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein." Sie ging zu ihren Kindern und zu ihren Beschaftigungen; aber sie konnte den Spruch nicht vergessen, immer stand das Bild vor ihr, milde, doch schmerzlich zu ihr sprechend: "Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein."
Der Graf hatte diesen Morgen seine Frau nicht vergessen, er wollte sie mit einem angenehmen Geschenke uberraschen und der Goldarbeiter in Palermo hatte es nicht beendigt, es war ein breiter Goldring, auf welchem die zwolf Planetenzeichen mit Perlen eingelegt waren; er sollte zum Ersatz des verlorenen Verlobungsringes dienen und in dem Bilde des ewig sich verjungenden Jahrs, die ewig sich verjungende Liebe darstellen. Ungeduldig hatte er am Morgen darauf gewartet, endlich ging er, um mit seiner Ungeduld nicht allein zu sein, zur Furstin, auch wollte er dort musizieren. Er wusste uberdies, dass er seine Frau an diesem Tage noch angenehmer uberraschen wurde, und furchtete sich, in dieser Stimmung ihr das ganze Geheimnis, die nahe Ankunft ihres Vaters zu verraten, von dessen Reise er den Tag vorher die erste Nachricht bekommen und von dem er mit Bestimmtheit Briefe in Palermo erwartete. Diese Gedanken machten seine Unterhaltung mit der Furstin sehr einsilbig, sie setzte ihm nach ihrer Gewohnheit feine Fruchte und edlen Wein vor, diesmal Christitranenwein in einem sehr alten Familienbecher, der aus einem Jaspis geschnitten das Haupt der Medusa darstellte, an der die Schlangen als Handhabe geringelt waren; sie hatte immer eine Freude daran, ihn essen zu sehen, weil er alles mit voller Empfindung genoss. Er liess diesmal den Becher stehen, versuchte eine Melodie auf der Gitarre, die in seinem Kopfe wogte und immer ruhrender und anziehender unter seinen Fingern sich gestaltete. Die Furstin sass auf einem breiten Sessel im Fenster, bald sah sie ihn an, bald stutzte sie sich auf ihren Arm, und horte ihn wie aus weiter Ferne. Wiederum missdeutete sie das Trauernde seiner Melodie, sie glaubte darin eine verhaltene Sehnsucht ausgedruckt; er soll nicht mehr leiden, dachte sie, zu lange dauert seine Qual, er ist zu bescheiden, zu fordern, was er meiner Geburt und Bestimmung unangemessen glauben konnte, ich selbst will den Hauptschritt tun und herrscht er dann uber mein Land, wie er uber mich herrscht, was kummert's ihn, ob er den Titel eines Fursten tragen darf, er ist ein Zauberspruch, der machtiger wirkt, je heimlicher er ist gehalten. O Stolz meiner Ahnen, o Stolz meiner Liebe, jener mochte ihn beherrschen und dieser sich ewig ihm unterwerfen! Wahrend dieses Selbstgesprach die Furstin tief in sich beschaftigte, war der Graf mit seiner Melodie fertig geworden, er sang den ruhrenden Schluss einer Reihe von Romanzen, die das Leben eines unglucklichen Kaisers besingen. Die Furstin blickte jetzt wieder auf ihn und der Gesang rauschte an ihrem Ohre, wie die Wellen an der Wand eines Schiffes neben einem Schlafenden, der von seiner Heimat traumend die Sichel durchs Korn, die Bache durch Blumen, die Hirsche durchs Laub, die Jugend im Tanz rauschen hort, bis der Sturm ihn erweckt. Es wird uns schwer auszudrucken, wie es ihr so einzeln ins Herz tonte, als der Graf sang:
Der Kaiser flieht vertrieben,
Flieht das eigne Land;
Das Heer ist aufgerieben
Fliehend seine Schand.
Nur die sind ihm geblieben,
Die er oft verkannt,
Denn streng sind, die uns lieben,
Not hat Lieb erkannt.
Er grusst die alten Tage
Seiner Jugendzeit,
Vergisst der Zeiten Plage
In Vertraulichkeit.
Die Furstin hatte von dieser Strophe nichts vernommen, als das liebe Wort Vertraulichkeit. Der Graf sang weiter:
Zum Fluss ist er gekommen,
Findet keine Bruck,
Da wird sein Herz beklommen,
Er kann nicht zuruck.
Da kommt ein Schiff mit Netzen:
"Schiffer nimm zum Lohn,
Willst du uns ubersetzen,
Meine goldne Kron."
Der Schiffer hat genommen
Seine goldne Kron,
Doch eh' er uber kommen,
War der Feind dort schon.
Die Furstin dachte in sich: Konnte ich ihm nur meine goldne Krone aufsetzen, wie leicht wurde mir!
Der Graf
"So lieb dir ist dein Leben,
Fahr zuruck ans Land,
Den Schifflohn will ich geben
Mit der eignen Hand."
Der Kaiser droht zu schlagen
Mit dem goldnen Stab,
Doch schnell zuruckgetragen,
Ihn dem Schiffer gab.
Jetzt sah er wie die Feinde
Ihn am Ufer sehn,
An Freundes Busen weinte,
Wollte schier vergehn.
Die Furstin seufzte: "An seinem Busen zu weinen, an seinem Herzen zu vergehen, wie selig!"
Der Graf
"Ich hab nichts mehr zu geben,
Als den Mantel mein,
Der gibt mir Not im Leben,
Bald auch Todespein:
War meiner Not Beglucken
Eurer Tage Preis,
Den Purpur reisst in Stucken,
Geb ihn allen preis!"
Er fasst, soviel er konnte,
Jeder riss sein Stuck,
Es auf dem Herzen sonnte,
Wie ein Stern im Gluck.
Die Furstin dachte: Nein, nicht mit einem Zeichen soll er sich begnugen, ganz will ich ihn einhullen in meinem Purpur, er hat fur uns beide Platz, dass ich den Liebling ganz allein mit mir verbinde, ihn aller Welt verstecke.
Der Graf
Die Stucke heften alle
Auf die Kleider fest
Und vor dem Feind mit Schalle
Halten Ordensfest.
Dann stellen sie sich alle
Rings zum Kaiser treu,
Dass er von einem Walle
Rings geschutzet sei.
Der Purpurstern kann blitzen,
Warmt auch wohl das Herz,
Kann nicht als Harnisch schutzen
Vor der Pfeile Erz.
"Ja er muss Sie schutzen!" rief die Furstin unerwartet laut. Der Graf sagte lachelnd, "ich zweifle", und sang weiter:
"Jetzt flieht!" befiehlt der Kaiser,
"Flieht, ich sterb allein!"
Sie rufen all zum Kaiser:
"Das soll nimmer sein,
Der Purpur ist zerrissen,
Aus ist nun dein Reich,
Vor Gott wir stehen mussen
Bald mit dir zugleich.
Wir wollen hier vergehen,
Froh des ew'gen Muts;
Aus unserm Blut erstehen
Racher deines Bluts."
Die Furstin horte jetzt auf die Geschichte und der Graf sang den Schluss:
Die Feinde sehn sie blicken,
Sehn die Sterne hell,
Und ihre Pfeile drucken
In die Herzen schnell.
Nach aller Edlen Falle,
Fallt der Kaiser auch,
Sein Segen uber alle
Ist sein letzter Hauch.
Die blut'gen Purpurstucke
Halten frisch die Farb,
Der Feind ist gross im Glucke,
Nicht den Schmuck verdarb.
Der Graf wollte weitersingen, als die Schlossglocke eilfe schlug, nun war die Zeit vorbei, wo er den Ring noch erwarten konnte, er warf die Gitarre fort und sagte der Furstin, dass er nach Palermo reiten musse, wo er mit dem Paketboote Briefe von grosser Wichtigkeit erwarte, die der Furstin Freude machen wurden, doch bat er sie, seiner Frau nichts davon zu sagen. Die Furstin war uberrascht von diesem Geheimnisse, das sie der Frau verbergen sollte, ihr war es in dem Augenblicke ganz gewiss, dass ihn dieselben Scheidungsplane von seiner Frau beschaftigten, woruber sie den ganzen Morgen nachgedacht, sie wurde rot, sie fragte nach dem Geheimnisse; er versagte es ihr aber mit wenigen Worten, bei denen er so bedeutend aussah, dass sie ihre Deutung als unfehlbar betrachtete. Wir wissen die beiden Ursachen seiner kleinen Reise, der Ring und die erwarteten naheren Nachrichten von der Ankunft seines Schwiegervaters, die er allen geheim halten sollte. Der Graf eilte mit einem leichten Handkusse fort, und die Furstin sah ihm mit dem wunderlichsten Gefuhle nach, als er nach fluchtiger Begrussung seiner Frau den blendend hellen Weg hinunterritt. Sie zahlte an den Blumenblattern ab, ob sie sich der Herzogin oder der Grafin erklaren sollte, ihrer Tatigkeit war dieser unerklarte Zustand der drukkendste; Bestimmtheit in allem war nicht bloss ihr Grundsatz, sondern auch ihre Art. Die Herzogin war ihr zu ernst, zu ehrwurdig; sie uberlegte mit pochendem Herzen noch einmal alles und ging dann zur Grafin. Die Grafin war nicht allein, die Kinder hatten allerlei heftige Streitigkeiten, die sie zu schlichten suchte, es waren der liebreichen Hyolda allerlei Papiere entrissen, die sie heimlich bewahrt hatte, erst war sie daruber sehr bose gewesen, endlich musste sie selbst lachen. Die Furstin wartete mit Ungeduld auf den Augenblick, wo die Kinder entlassen wurden; aber die Herzogin kam fruher, es begann ein Gesprach uber neue Zeitungen, die sie mitbrachte, inzwischen wurde der Mittagstisch angezeigt, wo einige reisende Fremde die Gesellschaft mit den besten Anekdoten aus ihrem Vaterlande erfreuten, die Furstin konnte aus Ungeduld nichts essen. Als alle entlassen waren, fand sich die Furstin endlich mit der Grafin allein, um die Nachmittagsruhe zu halten, sie brachte zitternd die ersten Worte heraus und bat die Grafin, die Turen verriegeln zu lassen, weil sie ihr eine merkwurdige Geschichte aus ihrer Familie vertrauen wolle. Die Grafin erfullte ihre Bitte. Die Furstin entwarf nun mit der ganzen Gewalt ihrer Rede ein Gemalde ihres Zustandes und wie sie in des Grafen Seele zu lesen glaubte, wie er zu ihr gezogen werde und seiner Frau doch nicht entsagen konne. Sie wollte eigentlich die wahren Menschen noch nicht erkennbar machen; aber ihre Heftigkeit hatte alles so deutlich gemacht, dass die Grafin, die sich in ihrer Seele schamte, mit niedergeschlagenen Augen ihr versicherte; sie erkenne alle, die sie ihr beschrieben, leider mochte alles wahr sein, es ware ein schmerzliches Geschick, denn sie ware innig uberzeugt, wenn ein Mann auf Erden ganz schuldlos sei, so ware es der Graf, auch vertraue sie ihm ganz, er werde das heilige Sakrament der Ehe gegen eine wilde Leidenschaft verteidigen, aber Trennung sei notwendig und so lieb ihr die Furstin sie flehe in ihr die Freundin, die Mutter an, Sizilien bald zu verlassen.
Eine so freie Hingebung und Offenherzigkeit hatte die Furstin nicht erwartet, sie fuhr verlegen in ihrer Erzahlung fort, und gestand ihr stammelnd, dass diese Rettung, diese Warnung zu spat; sie ging in heftiger Bewegung im Zimmer auf und nieder und bekannte in gebrochenen Worten, wie nahe sie sich seit jener Nacht am Atna dem Grafen verbunden glaube, sie sei mit ihm eins und unzertrennlich, er selbst sei bedacht, heute diese Verbindung zwischen ihnen offentlich zu begrunden, das sei die Ursache seiner Abreise nach Palermo, deren Geheimhaltung er ihr anbefohlen. "Warum ware er auch nicht mein", rief die Furstin mit Begeisterung, "bin ich doch ganz sein!" Die Grafin erblasste bei diesen Worten, sie litt schon seit einiger Zeit an Ohnmachten; in susser Vergessenheit ihres Schmerzes sank sie in die Arme der Furstin. Jetzt stieg das Mitleid wieder heiss in die Gedanken der Furstin, es kam ihr der Gedanke, wie dieselbe Frau, die Mittags so frohlich im Kreise der Ihren gesessen, jetzt bleich und tot in ihren Armen liege, sie furchtete sich davor, dass der Graf eintreten mochte, alle Aufmerksamkeiten und Liebkosungen, mit denen er so oft in ihrer Gegenwart seine Frau erfreut hatte, fielen ihr ein, und sie wurde auf einmal an der Leidenschaft irre, die sie in ihm vorausgesetzt hatte; die menschliche Betrachtung drangt auch in ihrer hochsten Verirrung noch in Augenblicken und gegen den bosen Willen zur Wahrheit und Gerechtigkeit. Angstvoll druckte sie die Ohnmachtige an ihre Brust, die mit Schauder an ihrem Busen erwachte, sich matt erhob, ihre Hande faltete und rief "Gott, du bist gerecht!" Der Furstin klang dieser Ausruf in der Seele wie ein Freudengeschrei wider, es ist doch alles wahr, und noch viel mehr, es wird mir alles noch werden, Gluck und Freude, so sagte sie in sich, hier ist ein Geheimnis, das mich begluckt; sie drang in die schwache Grafin, ihr alles zu enthullen, sie wisse alles, sagte sie, Gott sei gerecht, so musse es kommen, wenn es gleich schmerzlich. Die Grafin meinte, der Graf habe der Furstin jenes Geheimnis, ihre alte Schuld mit dem Herzoge verraten, es tat ihr wehe, aber sie verzieh es ihm, sie musste sprechen, die Welt lag auf ihrer Brust und so erzahlte sie mit vielen Tranen, wie sich damals alles zu ihrem Verderben gefugt habe, sie berichtete ihr alles, was sie bis dahin niemand als ihrem Manne, ihrer Schwester, dem alten Diener und ihrem Beichtvater bekannt hatte. Die Furstin war so verwundert von diesem Bekenntnisse, wie ein Rauber, der vor Gericht sich uberzeugt, es sei sein Eigentum gewesen, was er entwendet; die wilde Heftigkeit verschwand ihr, sie konnte sich in Ruhe erklaren; mit klarem Blicke schien sie noch zu schutzen, was sie zerstoren konnte, sie ruhrte sich selbst mit ihrer Milde, indem sie der Grafin versicherte: des Himmels Wille sei deutlich, er strafe Gleiches mit Gleichem, sie solle sich geduldig fugen, den Mann abzutreten, den sie doch nie ganz glucklich machen konne, der hinter Liebkosungen bisher den inneren Vorwurf versteckt habe, der unvermeidlich bei jeder Erinnerung fruherer Zeit ihn belasten musse. "Ich allein", rief die Furstin, "verstehe ihn ganz, ich allein kann ihm ein neues Leben und einen angemessenen Wirkungskreis geben in seinem Lande, unter seinem Volke, wohin er sich so oft zuruckgewunscht." "Freilich", sagte Dolores, "mag er sich oft nach Deutschland zurucksehnen, er verschwieg es mir aus Schonung, weil er es meinetwegen meidet; doch hat er auch mir diesen Wunsch zur Ruckkehr entdeckt, als ihm ein guter Furst einen grossen Wirkungskreis versprach; ich konnte den Gedanken nicht ertragen." Die Furstin ergriff dieses Wort: "Ich gebe ihm einen Wirkungskreis im Vaterlande, worin ihm alles Vergangene schwindet, und meine Liebe schenk ich ihm obenein, mein Land wird alle seine Tatigkeit fordern, und dankbar anerkennen, er soll ein Vorbild werden deutscher Fursten und wie ein Gott in der entarteten Zeit auftreten; sein ganzes Leben, seine ganze Ausbildung fuhren ihn dahin, mit mir erfullt er seine unbewusste hohere Bestimmung." Gedenken wir der hohen, fast aberglaubisch vergotternden Verehrung der Grafin gegen ihren Mann, des herrschenden Ansehens der Furstin, ihrer uberzeugenden Stimme; diese Worte erweckten den ganzen Edelmut der Grafin, der jetzt als ein neuer Feind gegen ihre Liebe und gegen das Zutrauen zu ihrer Liebe auftrat; schmerzlich sah sie das Bild des Grafen an, das an der einen Wand des Zimmers hing. "Gib mir ein Zeichen", betete sie zu dem Bilde, "was dein Wille ist, zu wem wendest du deine lieben Blicke?" "Zu mir, zu mir", rief die Furstin, "mich sieht er an mit der ganzen Freundlichkeit und Hingebung wie am Atna." Die Grafin wandte sich von dem Bilde, denn zum erstenmal kam ihr eine Bitterkeit gegen den Geliebten in die Seele, sie erklarte mit gebrochener Stimme: Sie wolle dem Grafen entsagen, wenn es sein Wille sei! Jetzt glaubte die Furstin alles gewonnen, sie hatte mit ihrem halben Leben der Grafin den Schmerz dieses Entschlusses lindern mogen, sie selbst wollte alles schriftlich aufsetzen, um nichts zu ubereilen, und um ihr schmerzliche Muhe zu ersparen; die Grafin liess alles geschehen, es drehte sich um sie die Welt in schrecklicher Verwirrung und sie sturzte in furchterlichen Krampfen nieder, als eben die Furstin das Zimmer verlassen wollte. Die Furstin war erschrocken und wagte sich nicht zu ihr, sie glaubte sie sterbend und dachte: Wenn sie stirbt, ist alle Not und Verwirrung aus! Und dann war ihr der Gedanke ein Vorwurf, sie betete zum erstenmal seit vielen Jahren, aber sie wusste nicht zu wem: "Lass mich nicht grausam werden in meinem Herzen, lass sie leben!" So schwebend zwischen der Grafin und der Ture, stand sie wohl ein paar Minuten, ehe sie die Ture entriegelte, und die Kammerfrau zum Beistande fur die Grafin herbei rief. Alles eilte der Grafin zu Hulfe, niemand dachte die Furstin als Ursache dieser Zufalle, die sie in der letzten Zeit mehrmals, aber freilich unendlich schwacher gehabt hatte. Die Furstin fand ihre Hulfe uberflussig, es schien ihr notwendig, die Entsagung, schriftlich unterzeichnet dem Grafen bei seiner Ruckkehr vorzulegen; sie eilte nach ihrem Gartenhause alles aufzuschreiben, um das wiederkehrende Bewusstsein der Grafin zur Unterzeichnung dieser Entsagung schnell benutzen zu konnen. Die Furstin erscheint uns vielleicht in diesem Augenblicke unnaturlich hart, doch hing diese Harte in ihr mit ihren schonsten Kraften zusammen, die sie sonst zur Begluckung ihres Landes so wohltatig entwickelt hatte; wo sie handelte, war sie mit festem Entschlusse auf alle Falle gefasst, mit ihrem Gemute, mit allen ausseren Eindrucken hatte sie dann abgerechnet; ihr Wille war ihr der Mittelpunkt der Welt, und sie glich in solchem Falle einem tuchtigen Wundarzte, der gar nicht das Geschrei des Unglucklichen hort, wo es des schmerzhaften Schnittes bedarf, sondern mit allen Kraften zum schnellen Ende der Qual arbeitet. Indem sie hastig nach ihrem Gartenhause schritt, trat ein wunderschoner Mann, anstandig gekleidet, hinter einem Pinienbaume hervor, und erkundigte sich, ob wohl die Furstin zu sprechen. Ungeachtet der Mann ihr auffiel, wollte sie dem Geschafte doch keine Zeit versaumen, und sagte fluchtig, dass sie erst spat Abends von einer Reise zuruck erwartet werde; der Mann zog sich angstlich mit vielen Entschuldigungen seiner dreisten Anrede in den Garten zuruck. Die Furstin eilte nach ihrem Zimmer, und suchte ihr Schreibzeug, konnte es aber nicht finden, da der Graf es den Abend vorher zum Skizzieren einer Aussicht mitgenommen, und im Garten hatte stehen lassen. Sie rief dem Schreiber, der auf die Jagd gegangen, vergebens, sie brauchte ihn nie zu dieser Zeit, und doch ward sie jetzt sehr bose, dass er ausgegangen, sie musste sich selbst Schreibegerate in dessen Zimmer suchen, welches er wegen der Mineraliensammlung, die darin aufgestellt, immer offen lassen musste. In Gedanken suchte sie schon die besten Ausdrucke fur die Entsagung der Grafin, dass ihre Grossmut nicht neue Liebe in dem Grafen erweckte, als sie sich nach Tinte und Feder umsah; sie ward sehr ungeduldig, als sie nichts fand, denn der junge Mann verschloss alles das Seine mit einer Ordnung, als sollte er sterben. In ihrer heftigen Art versuchte sie an dem verschlossenen Schreibepulte, ob es nicht zu eroffnen sei. Sie setzte die Spitze des Mineralienhammers in die Klappe, und da das Holz in der gewaltigen Hitze eingetrocknet war, so mochte die Klappe leicht aufspringen. Ungeduldig griff sie nach Papier, Feder und Tintefass, sie fand alles und wollte die Klappe eben zulehnen, als eine Masse aufgeschichteter Papiere, denen sie die Unterlage genommen, herausfiel. Aufgebracht uber die Nachlassigkeit des jungen Menschen, der ihr so viele unnutze Muhe gemacht, griff sie in die Masse und druckte sie hinein, als ihr etwas unnaturlich Kaltes die Finger beruhrte, sie sah hin und fand, dass jenes Bildnis in Gold gefasst, das sie in jener Nacht dem begluckten Freunde zuruckgelassen, wieder in ihre Hande gefallen sei. Erst glaubte sie einen Diebstahl zu entdecken, aber wie sie die Papiere in wilder Hast durchlas, deren jedes eine Feier jener Nacht, ein Lobpreisen des begluckenden Zufalls und der tauschenden Dunkelheit war, da stand in einem Augenblicke die ganze Wahrheit vor ihr, sie durchdrang das Unselige der Begebenheit und der wilde Geist, der ihre Seele lange von fern umlagert, und immer enger bedrangt hatte, zog als Herrscher ein und stellte sich triumphierend auf die hochste Zinne. Mitten in dem Ekel gegen den Missbrauch ihres Leibes und ihrer zutraulichen Seele, der ihr Inneres emporte, fuhlte sie deutlich, wie sie jede Ausserung des Grafen so falsch gedeutet, wie nun alles seine Reden, sein Betragen, einen verstandigen Zusammenhang gewinne, was ihr bisher ratselhaft geschienen; nur der Abschied am Morgen blieb ihr fremd, aber sie fuhlte wohl, dass auch etwas Unbedeutendes hinter dem kleinen Geheimnisse fur seine Frau verborgen sein konnte, sie fuhlte den Grafen seiner Frau unaufloslich verbunden, auf ewig von sich getrennt. Ihre letzte Liebe erlosch ohne Tranen in der Wut, in der Rache, die jetzt ihre ganze Seele geisselte. Ruhig glaubte sie zu uberlegen und sie war ausser sich, ihre Augen rollten umher, und suchten nach Waffen, aber alles war da so friedlich von wissenschaftlichen Sammlungen umstellt. Die Sonne strahlte ihre grimmigen Glutpfeile ins Zimmer und machte sie immer geduldloser. So blickte sie umher, und bemerkte mit starrer Freude auf einer der Schubladen voll Mineralien den Totenkopf gemalt, der, wie wir uns erinnern, den Leichtsinnigen gegen eine Menge giftiger Metallkalke warnen sollte. Begierig griff sie danach, und fand sich so reich, als dieser Schatz in ihren Handen, sie eilte damit auf ihr Zimmer. Da stand noch der edle Tranenwein in dem Becher eingeschenkt, wie ihn der Graf am Morgen ungeleert hatte stehen lassen, und sie mischte den edlen Sonnenwein, der zu dem Dienste des Herrn bestimmt war, mit den Schrecken der Unterwelt, welche Habsucht und Neugierde der Menschen toricht ans Licht fordert. An den strengen Vater, der ihr den Becher geschenkt, dachte sie jetzt bis an ihr Ende, seine Natur trat jetzt in ihr ganz hervor, ihr Entschluss war gefasst, er hatte eben so gehandelt, denn so war der Sinn seiner Gerechtigkeit, in der sie ihre Rache erdachte. Der Schreiber war mit seiner Jagdflinte weit umher geirrt, er war kein eigentlicher Jager, er hatte erst unter der Anleitung des Grafen seine Flinte laden und abschiessen gelernt und begnugte sich damit, kleine Vogel, die zum Auffliegen nicht Lust hatten, zu beschleichen und meist zu verfehlen. An dem Tage geschah es ihm, dass er einer Nachtigall von Baum zu Baum nachfolgte, bis er sie zum Schuss gebracht hatte, da ergriff ihn ein wunderliches Mitleid, er setzte das Gewehr ab, die Nachtigall schlug freudig und er sang:
Sing Voglein, das den Zweig bewacht,
Ich leg nicht an zum Schiessen,
Du singest mir von guter Nacht,
Du musst mein Liebchen grussen:
O konnt ich mich so singen aus,
Sie musst es einmal horen,
Sing Nachtigall hier ohne Graus,
Ich will dich nicht mehr storen.
So weich wie deine Federlein
Bin ich von sussen Wehen,
Ich gehe in den Wald hinein,
Mag doch kein Blut mehr sehen.
Ein Tranlein auf das Pulver fallt,
Und loschet alles Feuer;
Dir Nachtigall, bin ich gesellt,
Und traure in der Feier.
Nun dachte er, wie es ihm noch so wunderbar gehen konnte; die Gegend war so fremd, wohin er sich verirrt hatte, dass ihm viele Marchen seiner Jugend einfielen, von Elfenkoniginnen, die sich bei schonen Mondscheinnachten in Junglinge verliebten und sie zu sich hinaufzogen, das waren aber alles Ritter, kein Schreiber war darunter. Hier fiel ihm Eginhard, Karls des Grossen Schreiber ein, wie den des Kaisers Tochter auf den eignen Schultern durch den Schnee getragen. In angenehmen Traumen verlor er sich uber den Kreis der Wahrscheinlichkeit, er sah sich an der Seite der Furstin als Herrscher des Landes, liess alle seine Liebhabereien mitregieren, sammelte Sale voll alter Marmorinschriften, voll alter Handschriften; ein kleiner schwarzer Hirtenknabe erweckte ihn, indem er sich zu ihm setzte, mit seinen Ziegen viel zu reden hatte, und zuletzt ein heitres Lied sehr spottisch sang:
Es war ein alter Konig,
Der hat 'ne schone Magd,
Da freut er sich nicht wenig,
Weil sie ihm wohl behagt.
Er lasst die Ritter laden,
Zu seinem Hochzeitfest.
"Es wird dir wahrlich schaden!"
Spricht einer seiner Gast.
Da sprechen sie gleich alle:
"Wir bleiben dir nicht treu,
Wenn du uns aus dem Stalle
Die Kon'gin holst herbei."
Er nimmt vom Haupt die Krone,
Er sieht sie schweigend noch an,
Und wirft sie von dem Throne
Auf 'n ersten besten Mann.
Und ruft: "Wer sie gefangen,
Der soll mein Konig sein,
Ich hab nicht mehr Verlangen,
Zu herrschen ledig allein.
Es mag ein jeder werden,
Was ich gewesen bin,
Dieweil ich nun auf Erden,
Erst lustig worden bin."
Auf den die Kron gefallen,
Dem schlug sie ein das Hirn,
Das war der eine von allen,
Der mit der frechen Stirn.
Ja wem die Kronen fallen,
Dem fallt ein schweres Los,
Doch vielen sie gefallen,
So wird er sie bald los.
Der Schreiber wusste nicht, warum ihn das einfache Lied so angstigte, es war ihm so ein eigner Doppelsinn darin, der ihn in seiner Traumerei storte, er konnte sich selbst als einen Herrscher nicht mehr denken, er horte es nicht ganz aus, sondern stand auf, der kleine Hirtenbube rief ihm ein sizilianisches Sprichwort nach: "Zum Hangen kommst du immer noch fruh genug." Es dunkelte schon etwas, und da er den Weg nicht genau wusste, so angstigte er sich sehr ab, ehe er in die Nahe des Schlosses kam, und trat ausser Atem und mit klopfendem Herzen in das Zimmer der Furstin, die ihn gleich bei seinem Eintritte in das Gartenhaus zu sich geklingelt hatte. Wie er so eintrat, fielen die Sonnenstrahlen hell auf sie, sie sah sehr ernst aus und zeigte ihm schweigend jenes Bild, das ihn verraten. Erschrocken sturzt er ihr zu Fussen, und umfasst ihre Kniee, sie hebt ihn auf, und spricht: "Ich hatte dir viel Gutes getan, dir und den Deinen, du hast mich betrogen, du hast meine Gunst nicht ritterlich gewonnen, sondern wie ein Dieb, aber die Liebe verzeiht der Liebe alles, du hast mich dir unterworfen, der du mein Untertan warst; schwore mir neue Treue, denn jene alte hast du gebrochen, schwore mir bei diesem Becher, den ich mit dir treulich teilen will, ewige Treue im Tode." Er schwort ihr ohne Besinnung bei Seele und Seligkeit, sie leert die Halfte des Bechers und gibt ihm den Rest, er leert ihn, ohne zu ahnden, ohne zu schmecken, welches Verderben er enthalte. Als er ihn geleert hat, glaubt er mit einer Umarmung seines Gluckes sich versichern zu durfen, die Furstin stosst ihn zuruck; ehe er noch seine Verwunderung zu aussern vermag, bedrangen ihn innerlich heftige Schmerzen, und werfen ihn nieder. "Jetzt komme in meine Arme Verrater", ruft die Furstin, die ihren Zorn nicht langer zuruckhalten kann; "wendest du dich von mir, willst mich kriechend im Staube verehren, wie die Schlange; hast du wieder genossen, was dich verdirbt, wie du meiner Schonheit Freude genossen hast in jener Nacht, die dich am Tage verdirbt; keinen Tag siehst du mehr, dies sind die letzten Strahlen, die mir deine hassliche Gestalt zeigen, und mein Abscheu gegen dich hat keine Grenzen." Der Schreiber ruft bange um Hulfe, aber erst als er mit raschem Schmerze dem Ausgange des Lebens nahet, tritt jemand zu ihnen ein, eben der schone Fremde, den die Furstin von sich gewiesen hatte, alle Leute des Schlosses waren mit der kranken Grafin beschaftigt. "Wer Sie auch sind", sagte die Furstin zu ihm, "dieses Ungluck ist nicht abzuwenden, horen Sie aufmerksam zu, damit Sie den Nachbleibenden, die uns verlassen haben, alles berichten konnen." Angstlich steht der Fremde bei den Leidenden, und kann zu keinem Entschlusse kommen, ob er sie verlassen solle, um Hulfe zu suchen, er hort die Erzahlung der Furstin und seufzt: "Ach so ist mein Traum doch eingetroffen, so war zu spat die Warnung!" Wir werden diesen Fremden spater naher kennen lernen, ihm verdanken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte.
Die Grafin hatte inzwischen unglaublich gelitten, der Leibarzt der Herzogin gab wenig Hoffnung bei diesem unerklarlichen Zustande, jedermann wunschte und furchtete die Ankunft des Grafen, die Herzogin sah von Zeit zu Zeit nach der Landstrasse, und betete mit Ungeduld, dass er doch endlich zuruckkame, endlich sieht sie Staub, es kommt ein Reiter, aber auch eine Kutsche, und sie bedauert die Fremden, die zu solchem Jammer ankommen. Frohlich jagt der Graf neben dem Wagen her, der den Minister mit seinen Begleitern in ungeduldiger heitrer Erwartung zum Schlosse fuhrt; der Minister hatte seine Reise so beschleunigt, dass er selbst seinem Briefe zuvorgeeilt war. Auf dem Wege, der in der Nahe des Gartenhauses vorbei fuhrt, hort der Graf das Jammergeschrei der beiden Sterbenden, er springt vom Pferde, der Minister aus dem Wagen, der Fremde ruft aus dem Fenster ihm entgegen, er mochte eilen, ein grosses Ungluck sei geschehen. Ehe er ins Haus getreten, flehet ihn einer seiner herbeigeeilten Bedienten an, er mochte zu seiner sterbenden Frau eilen; das Blut lauft ihm in schrecklicher Verwirrung durcheinander, aber der Gedanke an seine Frau fuhrt ihn unbewusst nach dem Schlosse, wahrend er dem Minister winkt, nach dem Gartenhause zu gehen. Der Minister eilt die Treppe hinauf, von dem Fremden gefuhrt, er weiss nicht, was seiner wartet; als er ins Zimmer tritt, findet er die Furstin, seine verehrte Freundin und Beherrscherin, sehr entstellt auf dem Sopha liegen, ihr zu Fussen den Schreiber, der sich in letzter Todesverzweiflung noch an sie angeschlossen. Der Minister wirft sich bei der Furstin nieder, und fragt abgewandt: "Was ist geschehn, wie ist zu helfen?" Die Furstin erkennt ihn gleich und sagt: "Sie hier, mein alter Freund, mir ist nicht zu helfen, war der Graf nicht vor der Ture, ich glaubte, seine Stimme zu horen." Der Minister antwortete ihr, dass der Graf eben hatte eintreten wollen, als er zu seiner sterbenden Gattin gerufen worden. Das Gesicht der Furstin verzieht sich schmerzlich, sie seufzt: "Der Graf will mich nicht sehen, ich soll ihn nicht mehr sehen und die Grafin stirbt! Armer Vater, das ist mein Werk, aber nicht mein Wille. Ich kann nicht mehr aufstehen, der Mensch unten halt mich, gern mochte ich die Grafin um Verzeihung anflehen." Der Minister versucht, den Schreiber fort zu schieben, aber vergebens, ihn hatte die zerstorende Neige des Giftes, die er begierig eingeschluckt, schnell erstarrt. Die Furstin blickt hin und sagt "Ist er tot? Wie konnte er so wenig Gift vertragen, und so grosse Schuld ubernehmen ihr letzten Zeugen meiner Leiden, ich bitt euch, sagt's aller Welt, ich habe ihn vergiftet, eingedenk des Vaters strenger Gerechtigkeit und seines hohen Stolzes; ihm schwor ich auf dem Totenbette, des Hauses Ehre heilig zu bewahren, ich hab's getan. Der schnode Sklave hatte truglich meinen Leib zu seiner Lust missbraucht." Zuckungen unterbrechen ihre Rede, sie stammelt mit Abscheu, wie sich alles ereignet, ihre Zuhorer sind von dem Schrecknisse festgehalten und gelahmt, nur der Kammerjunker eilt nach dem Schlosse, den Arzt zu rufen. Endlich unterbricht der Minister ihre Erzahlung und bittet sie daran zu denken, wie bald sie werde stehen vor Gottes Angesicht, wo der arme Schreiber da mit ihr erscheine, wo alle Menschen gleich; dem Minister war der Glaube seiner Kindheit in diesem Schrecknisse wieder erschienen. "Gottes Angesicht", ruft sie mit letzter Kraft, "wird er nie sehen, er hat geschandet den Leib Gottes, dessen Ebenbild auch ich war!"
Dieses waren ihre letzten Worte, fast ohne Reue, hart und wild ausgesprochen, wie zu einem hoffnungslosen Kampfe, in welchem sie doch die gute Sache auf ihrer Seite glaubte, so starrte sie dem Tode entgegen, der Arzt kam zu spat. Ihre letzten jammernden Ausrufungen wollen wir nicht aufzeichnen; sie gehorten ihr wohl nicht mehr, sie sind der blosse Schrei der allgemeinen menschlichen Natur, die sich von dem gewohnten Lebenskreise mit Muhe trennt. Der Minister uberliess sich nicht gern seinem Gefuhle, er vermied es aus einem gewissen Grundsatze der Selbsterhaltung; jetzt, wo es ihn uberraschte, konnte er es nicht ertragen; die vordrangenden Tranen durchzuckten ihn schmerzlich, er wendete sich von der Sterbenden, die der Fremde in seinen Arm genommen, der sich ihr als ein ferner Anverwandter aus unglucklichem Stamme, als der Prinz von Palagonien angab; ihm danken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte, er ist der unglucklichste und edelste Mensch, den die Erde getragen. Der Minister trat ins Schloss, wo alle in dumpfer Betaubung umherschlichen, horchten, keiner ihn fragte, zu wem er wolle, wo keiner seine Fragen beantwortete; er irrte umher und traf endlich auf die Herzogin, die er fragte, wo seine Tochter zu finden waren. Die Herzogin kusste ihm die Hand und sagte: "Mein teurer Vater, wie mussen wir uns wiedersehen! Gehen Sie nicht weiter, im nachsten Zimmer liegt Ihre sterbende Tochter Dolores, die ich vor wenigen Stunden gesund verlassen; sie ringt mit furchterlichen unerklarlichen Traumen, die in einander sich vermehren und keiner mehr beschwichtigen kann. Ich habe mich einen Augenblick entfernt, denn meine ganze Seele ist zerrissen, und selbst dem himmlischen Troste ist mein erschuttertes Herz geschlossen." Bei diesen Worten sank sie schluchzend in des Vaters Arme. Die Sonne sank unter und das Geheimnis umschloss noch alle, da kam der geistliche Sohn Johannes, den eine Botschaft aus dem Schlosse hinberufen, und trat an seiner Mutter Bett. Bei seinem Anblicke kam ihr die Klarheit des Geistes wieder. O dieser schonen letzten Klarheit; sie war so ganz bei sich, als sollte sie noch eine Ewigkeit unter den teuren Seelen leben, die sie so bald verlassen sollte, die sie aber wohl noch als ein allgegenwartiger liebevoller Schutzgeist umwohnen mag. Die ersten Ausserungen ihres erwachten Bewusstseins waren Grossmut und Aufopferung, sie sagte dem Grafen, dass sie nach ihrem Tode keine Frau wusste, die ihm trostlicher sein konnte, die ihm und ihren Kindern mehr zugetan ware, als die Furstin; Deutschland wurde ihn freudig empfangen. Der Graf hielt diese Ausserung noch fur bewusstlose Schwarmerei und bat alle umher, von dem Tode der unseligen Furstin zu schweigen; die Grafin aber hatte dies vernommen und erfragte allmahlich die traurige Begebenheit, sie betrauerte der Furstin Leiden und erfreute sich der unwandelbaren Liebe ihres Karls. Das Geheimnis seiner Reise, der Planetenring, den er ihr zum Ersatz des verlornen Verlobungsringes an den Finger steckte, durchdrang sie mit dem Vergnugen ihres ganzen Lebens, es war ein neuer Bund mit dem Geliebten und die Scheidende schien ihm noch so schon, wie in den ersten Stunden seiner Liebe. Nie fuhlte sie sich ihm so nahe, ihre Fehler waren ihr ein fremdes abgelegtes Kleid, wie ihr Korper, sie fuhlte sich durch ihre Busse ihrem Manne und der Welt versohnt, sie scheute sich nicht eine Ewigkeit zu bleiben, wie sie in den Augenblicken geworden und ein Ruckblick in das veranderliche sterbliche Leben machte ihr Schmerz. Noch gedachte sie ihres Vaters mit Sehnsucht und auch dieser Wunsch war ihr durch seine Nahe schnell gewahrt. Sie fuhlte sich sehr schwach und begehrte die letzte Olung aus den Handen ihres Sohnes Johannes, der sie ihr mit Wurde und Heiligung erteilte; die Fackeln erhellten das stille Zimmer, in welchem nur das Schluchzen ihrer Lieben zuweilen die fromme Segnung unterbrach, draussen hatte Sturm die Himmelsfackeln ausgeloscht und die Schiffe wurden entmastet vorubergetrieben. Dolores betete mit Erhebung und segnete die Ihren, sie gedachte der am Morgen aufgefundenen Worte Christi: "Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein"; da fullte ein Blutstrom den betenden Mund, ihr Tod war kein Kampf mehr wie ihr Leben, sondern der Anfang des Friedens. Sie starb den vierzehnten Juli, an demselben Tage, in derselben Mitternachtstunde, in welcher sie vor vierzehn Jahren die heilige Treue gegen Gott und ihren Mann gebrochen.
Ewige Gerechtigkeit, warum musste sie sterben? Dass dir schaudre Mensch, vor der Gewalt der gottlichen Leidenschaft, der allmachtigen Liebe, welche von der Jugend so oft in torichtem Leichtsinne aufgesucht und ausgefordert wird; dass dir nicht graue vor dem Tode, sterblicher Mensch, denn er ist dir gewiss; dass du gedenkest in ihm deines Lebens und dessen unerschopflich reicher Erfahrung. Der Zukunft gehort alle Welterfahrung, moge keinem ihre gute Lehre zu spat kommen; wer sich nicht verschliesst, dem ist sie nicht verschlossen, in ihr lebt alles Vergangene ein vollkommenes Leben. Der Mensch steht aufgerichtet in der Welt, dass er sich umschaue mit offenen Augen; oft will er sich begnugen mit seinem Kreise, aber die Not treibt ihn gewaltsam auf die Hohen, die seinen Blick erst beschrankten; da strahlt ihm das Licht der Welt, sie liegt unter ihm, die dunkle Erde scheint leuchtend, oben umschliesst ihn das ewige Blau. Zu dem Lichte mochte der Mensch dann aufsteigen, da beweist ihm die irdische Schwere schwindelnd in ihm ihre letzte Macht: Er fuhlt, dass sie ihn sturzen kann, und er betet zu allem, was ihn erhoben, dass es ihn nicht zuschanden werden lasse. Da scheidet sich sein Wesen, das Blut aus tiefem irdischen Triebe aufwallend zur hoheren reinen Luft fullt den betenden durstenden Mund, der Mensch sturzt nieder, sein Gottliches steigt empor dies ist der Tod auf den Hohen der Welt, so beschreiben ihn die Reisenden, die hohe Berge besteigen. Der Graf, die Herzogin, die Kinder, niemand wollte von der Sterbenden weichen; Johannes stand allen bei mit heiliger Kraft, als die Verzweiflung uber den unglucklichen Verlust sie beim Leichenbegangnisse ergriff. Die Nachricht ihres Todes verbreitete sich durch die Sterbeglocke der Schlosskapelle durch die ganze Insel, die Glocken lauteten, wie bei einem Erdbeben, alle fromme Seelen beteten fur sie, viele dankbar fur empfangene Wohltaten. Dem Grafen blieb nach dem unendlichen Verluste viel, seine Trauer und zwolf schone Kinder, seiner Dolores Abbilder im Spiegel Gottes und eine liebende Mutter fur alle, die Herzogin. Die Welt wunschte bald wegen der Kinder die Vermahlung des Grafen mit der Herzogin; aber es ziemte nicht dem Schmerze beider, nicht der Gewohnheit ihres Lebens, auch bedurften sie keiner anderen Vertraulichkeit miteinander, ihr Sinn und ihr Herz waren im Denken wie im Handeln eins. Nachdem Johannes die erste trube Zeit dem Grafen mit Andacht geheiligt hatte, trat der Fremde, den wir als Prinzen von Palagonien kennen lernten, zu ihm; es war das erste Unternehmen des unentschlossenen Prinzen, als er ihm seine Freundschaft so offen, so gutmutig antrug, dass der Graf sich ihm ganz erschlossen fuhlte. Die beiden unglucklichen Freunde erheiterten einander mit der Erzahlung ihrer Schicksale; der ruhigere Prinz massigte die heftigen Ausbruche des Schmerzes im Grafen, die rastlose Tatigkeit des Grafen zerstreute den von aller Welt zuruckgezognen Prinzen durch wiederkehrende Beruhrung mit derselben. Oft glaubte der Graf, seine Dolores habe ihm aus dem Himmel diesen edlen Freund zugesendet, er schien ihm eine einsame Insel, die aus einem wilden Meere, das ihm alles entrissen, hervorgegangen, ihn freundlich aufgenommen und erhalten hatte. Lange verweilte der Minister bei der frommen Herzogin. Der Anblick seiner sterbenden Dolores hatte ihn tief geruhrt, aber die Erinnerung war ihm nicht furchterlich; dagegen liess ihm das Andenken an die Furstin in Traumen keine Ruhe, oft erschien sie ihm auf einem gluhenden Throne und flehte ihn an, dass er fur sie beten moge. Er lebte vom Troste der Herzogin und konnte sich lange nicht zur Abreise entschliessen. Der Kammerjunker musste in Auftragen von ihm den Erbprinzen aufsuchen; die Erzahlung des furchtbaren Ereignisses wirkte auf den leichtsinnigen jungen Mann, er entschloss sich von dem gewohnten Leben abzugehen. Seine Kameraden staunten und frohlockten uber seine Verwandlung in einen Fursten, jeder hoffte durch ihn seinen Vorteil, nur Furiosa, die sich durchaus in seine neuen Gesellschaften nicht finden konnte verliess ihn. Der Leichnam seiner Mutter, der Furstin, wurde in einem halben Jahre von den morgenlandischen Balsamen, womit ihn die Arzte gegen Verwesung schutzten, hinlanglich durchdrungen, um die warme Luft ertragen zu konnen. Die Sorge fur diese geehrten Uberbleibsel verpflichtete den Minister endlich zur Abreise nach Deutschland, der Abschied von seiner Tochter, von seinen Enkeln wurde ihm sehr schwer. Er selbst setzte sich in den Wagen, der den Sarg verschloss, und von allen Kirchen traurig bewillkommt wurde. Die Dichterin folgte ihm in einem anderen Wagen, sorgsam beschaftigt mit seiner Pflege; er erkannte es, denn er war weich und milde geworden durch die harten Stosse des Geschicks. Als sie so durch die Pontinischen Sumpfe zogen, gedachte sie mit Leidwesen, wie die Wahrheit alles Schauerliche ihrer Dichtung vom Hylas ubertroffen. Nachdem die Furstin in der Gruft ihrer Vater beigesetzt worden, traf der Erbprinz in der Hauptstadt ein, er wusste von dem Lande nichts, hatte aber Kenntnis der Zeit, er uberliess die meisten Geschafte dem Minister, der aus Liebe zu ihm und zum Lande alles wieder ubernommen hatte. Tage und Nachte voll Sehnsucht nach dem stillen Lande, das alles Verlorne wiederzugeben verspricht, vergingen dem Grafen leichter, seit ihm sein Freund, der Prinz, den Gedanken eines Denkmales auf die geliebte Dolores mitgeteilt hatte. Unablassig betrieb er die Arbeit, sie beschaftigte die geschicktesten Bildhauer, und ehe ein Jahr vergangen, erblickten die Seefahrer mit frommem Danke die ubergrosse Bildsaule der Grafin, wie sie mit der einen aufgehobenen Hand warnend, mit der andern ausgestreckten segnend, von ihren zwolf Kindern umringt, auf der Spitze einer gefahrlichen Klippenreihe, die bis dahin der Untergang mancher Hoffnung und manches Lebens geworden, milde aus dem Himmel herableuchtend ihnen erscheint. Ihre Augen und ihre grafliche Krone, und die Augen und Kronen ihrer Kinder werden jede Nacht durch eine kunstreiche Einrichtung wie ein neues wunderbares Sternbild erleuchtet, das noch hell glanzt, wahrend alle am Himmel hinter Wolken erloschen; die Seeleute nennen diesen Leuchtturm "Das heilige Feuer der Grafin" oder auch "Das heilige Feuer der Mutter". So oft der Graf dieses Denkmal beschaute, musste er des Verlobungsringes gedenken, welcher in der Meerfahrt verloren gegangen; mit wunderbarer Sehnsucht wunschte er ihn zuruck, der Ring hatte ihn an das Meer gebannt; tagelang stand er traurend am Ufer, und suchte nach ihm im Sande. Vergebens waren alle versprochenen Belohnungen, den Ring aus der Tiefe zu hohen, die Stelle, wo er hinein gefallen, war unergrundlich. Was keinem anderen moglich, gelang dem Freunde, der Prinz brachte ihn an einem heiteren Morgen freudig unserem Grafen zuruck; wie er ihn erhalten, bleibt ein Geheimnis.
Alle Liebe, die der Graf mit diesem Ringe der Verstorbenen geschenkt hatte, wandte er nun zu dem ewigen gottlichen Vorbilde aller Leidenden, den dieser Ring in dem Kreise der Apostel darstellte, auch fuhlte er sich durch den Anblick desselben wieder erfrischt, das Leben zu ertragen und es in allen seinen ubrigen Wirkungskreisen zu vollenden, er fuhlte sich gestarkt, bei dem Rufe seines bedrangten Vaterlandes, sich von dem Grabe seiner Dolores loszureissen, den Deutschen mit Rat und Tat, in Treue und Wahrheit bis an sein Lebensende zu dienen; ihm folgten seine Sohne mit jugendlicher Kraft.
Fussnoten
1 Holderlin siehe Trost-Einsamkeit S. 73. 2 Dieselbe Geschichte in Briefen ist erschienen Gottingen 1802; in diesem erzahlenden Auszuge habe ich erhalten, was noch belehrend schien. 3 Die ganze Trauungsrede ist zu finden in dem braven Buche von Sailer: An Heggelins Freunde, Munchen, Lentner, 1803. 4 Viele einzelne Ausserungen dieser Briefe finden sich in einer schonen alten Sammlung christlicher Ermahnungen, die ich in einem Pergamentkodex besitze. 5 Vgl. Anhang zum ersten Bande des "Wunderhorns", S. 438. 6 Chymische Hochzeit Christiani Rosenkranz, Strassburg 1616. 7 Fur Unkundige wird bemerkt, dass echte Diamanten vor dem Brennspiegel verbrennen, Quarze dagegen bestehen.