1809_Jean_Paul_057 Topic 3

Jean Paul

Dr. Katzenbergers Badereise

nebst einer Auswahl verbesserter

Werkchen

Erstes Bandchen

Vorrede

zum ersten und zweiten Bandchen der ersten Auflage Mit den Taschenkalendern und Zeitschriften mussen die kleinen vermischten Werkchen so zunehmen weil die Schriftsteller jene mit den besten Beitragen zu unterstutzen haben , dass man am Ende kaum ein grosses mehr schreibt. Selber der Verfasser dieses Werks (obwohl noch manches grossen) ist in acht Zeitschriften und funf Kalendern ansassig mit kleinen Niederlassungen und liegenden Grunden.

Dies frischte im Jahre 1804 in Jena die Voigtische Buchhandlang an, "kleine Schriften von Jean Paul Friedrich Richter", ohne mich und ihr Gewissen zu fragen, in den zweiten Druck zu geben.

Sie frischt wieder mich an, ihre kleinen Schriften von J. P., gleichfalls ohne zu fragen, hier ans Licht zu stellen. Gelassen lass' ich hier die Handlung uber Nachdruck des Nachdrucks, uber Nachverlag des Nachverlags schreien und mache mit diesem SundenBekenntnis gern das Publikum zum heiligen Stroppinus, welcher der Beichtvater Christi ist.1 Denn will Voigt klagen, dass ich ihm seinen Verlagartikel unbrauchbar gemacht und verdorben hatte durch vollige Verbesserung und Umarbeitung des selben: so versetz' ich, dass nur ein Sechstel dieses Buchs aus jenem genommen ist. Das zweite Sechstel sammelte ich aus Zeitschriften, woraus er noch nichts von mir gesammelt.

Das zweite und das dritte Drittel dieses Buchs sind ganz neu, namlich Dr. Katzenbergers Badreise und Geschichte, so wie die Schluss-Polymeter; aber hieruber sei ein Beichtwort an den Leser vergonnt, wurd' es ihm auch schwerer, zum zweiten Male der heilige Stroppinus zu sein. Und doch sind uber das folgende leichter vergebende Beichtvater zu haben als Beichtmutter. Es betrifft den Zynismus des Doktors Katzenberger.

Es gibt aber viererlei Zynismen. Der erste ist der rohe in Betreff des Geschlechts, wie ihn Aristophanes, Rabelais, Fischart, uberhaupt die alten, obwohl keuschen Deutschen und die Arzte haben. Dieser ist nicht sowohl gegen Sittlichkeit als gegen Geschmack und Zeit.

Der zweite Zynismus, den die Vernunftlehre annimmt, ist der subtile der Franzosen, der, ahnlich dem subtilen Totschlag und Diebstahl der alten Gottesgelehrten, einen zarten subtilen Ehebruch abgibt; dieser glatte nattergiftige Zynismus, der schwarze Laster zu glanzenden Sunden ausmalt und welcher, die Sunde verdeckend und erweckend, nicht als Satiriker die spanischen Fliegen etwan zu Ableitschmerzen auflegt, sondern welcher als Verfuhrer die Kanthariden zu Untergangs-Reizen innerlich eingibt; dieser zweite Zynismus nimmt freilich, wie Kupfer, bei der Ausstellung ins Freie bloss die Farbe des Gruns an, das aber vergiftet, indes der erste schwere, gleich Blei, zur schwarzen verwittert.

Von dem zweiten Zynismus unterscheidet sich uberhaupt der erste so vorteilhaft-sittlich, wie etwan (um undeutlicher zu sprechen) Epikurs Stall von der Sterkoranisten Stuhl, worin das Gottgewordne nicht Mensch wird; oder auch so wie boue de Paris (Lutetiae) oder caca du Dauphin von des griechischen Diogenes offizinellem album graecum verschieden ist.

Beinahe macht die Rechtfertigung sich selber notig; ich eile daher zum dritten Zynismus, welcher bloss uber naturliche, aber geschlechtlose Dinge naturlich spricht, wie jeder Arzt ebenfalls. Was kann aber hier die jetzt-deutsche Pruderie und PhrasenKleinstadterei erwidern, wenn ich sage: dass ich bei den besten Franzosen (z.B. Voltaire) haufig den cu, derriere und das pisser angetroffen, nicht zu gedenken der filles-a-douleur? In der Tat ein Franzose sagt manches, ein Englander gar noch mehr. Dennoch wollen wir Deutsche das an uns Deutschen nicht leiden, was wir an solchen Briten verzeihen und geniessen, als hier hintereinander gehen:

Butler, Shakespeare, Swift, Pope, Sterne, Smollet, der kleinern wie Donne, Peter Pindars und anderer zu geschweigen. Aber nicht einmal noch hat ein Deutscher so viel gewagt als die sonst in Sitten, Sprechen, Geschlecht- und Gesellschaft-Punkten und in weisser Wasche so zart-bedenklichen Briten. Der reinliche, so wie keusche Swift druckte eben aus Liebe fur diese geistige und leibliche Reinheit die Patienten recht tief in sein satirisches Schlammbad.

Seine Zweideutigkeiten gleichen unsern Kaffeebohnen, die nie aufgehen konnen, weil wir nur halbe haben. Aber wir altjungferlichen Deutschen bleiben die seltsamste Verschmelzung von Kleinstadterei und Weltburgerschaft, die wir nur kennen. Man bessere uns! Nur ists schwer; wir vergeben leichter auslandische Sonnenflecken als inlandische Sonnenfackeln. Unser salvo titulo und unser salva venia halten wir stets als die zu- und abtreibenden Rede-Pole den Leuten entgegen.

Der vierte (vielleicht der beste) Zynismus ist der meinige, zumal in der Katzenbergerschen Badgeschichte. Dies schliess' ich daraus, weil er bloss in der reinlichsten Ferne sich in die gedachten britischen Fussstapfen begibt und sich wenig erlaubt oder nichts, sondern immer den Grundsatz festhalt, dass das Komische jene Annaherung an die Zensur-Freiheiten der Arzneikunde verstatte, verlange, verziere, welche hier, wie naturlich, in der Badgeschichte eines Arztes nicht fehlen konnte. Schon Lessing hat in seinem Laokoon das Komisch-Ekle (das Ekel-Komische ist freilich etwas anderes) in Schutz genommen durch Grunde und durch Beispiele, z.B. aus des feinen Lord Chesterfield Stall- und Kuchenstuck einer hottentottischen Toilette.

Genug davon! Damit mir aber der gute Leser nicht so sehr glaube: so versichere ich ausdrucklich, dass ich ihn mit der ganzen Einteilung von vier Zynismen gleichsam wie mit heilendem Vierrauberessig bloss vorausbesprenge, um viel grossere Befurchtungen vor Katzenberger zu erregen, als wirklich eintreffen, weil man damit am besten die eingetroffnen entschuldigt und verkleinert.

Gebe der Himmel, dass ich mit diesen zwei Bandchen das Publikum ermuntere, mich zu recht vielen zu ermuntern.

Baireuth, den 28. Mai 1808

Jean Paul Fr. Richter

Vorrede zur zweiten Auflage

Die Badreise wurde 1807 und 1808 schon geschrieben und 1809 zuerst gelesen, in Jahren, wo das alte Deutschland das Blutbad seiner Kinder zu seiner starkenden Verjungung gebrauchte; indes wurde das Buch mitten in der schwulen Kurzeit heiter ausgedacht und heiter aufgenommen.

Die neue Auflage bringt unter andern Zusatzen mehre neue Auftritte des guten Katzenbergers mit, welche ich eigentlich schon in der alten nicht hatte vergessen sollen, weil ich durch diese Vergesslichkeit seinem Charakter manchen liebenswurdigen Zug benommen. Was hingegen die Malerei des Ekels anlangt, an der einige keinen besondern Geschmack finden wollten, so ist sie ganz unverandert geblieben.

Denn wo sollte man aufhoren wegzulassen? Die Arzte und folglich starke Leser derselben wie ich schauen im wissenschaftlichen Atherreich herab und unterscheiden durch ihre Vogelperspektive des untern Unrats sich ungemein von Hofdamen, die alles zu nahe nehmen. Und zweitens kommen denn nicht alle die verschiedenen Leser mit allen ihren verschiedenen Antipathien zum Bucherschreiber, so dass er ringsum von Leuten umstanden ist, deren jedem er etwas nicht schildern soll, dem einen nicht das Schneiden in Kork, dem andern nicht Abrauschen auf Atlas oder Glasklirren, dem dritten nicht (z.B. mir selber) das Abbeissen vom Papier, dem vierten vollends am wenigsten etwa Kreuzspinnen und so fort? Wenn nun der vierte, wie z.B. der freundliche Tieck im "Phantasus", mit einem wahren Abscheu gegen die Figur der Kanker dasteht, so muss ihm freilich erbarmlich werden, wenn er dem Dr. Katzenberger zusehen soll, wie dieser die Spinnen vor Liebe gar so leicht verschluckt als ein anderer Fliegen. Und doch konnte der Doktor immer die Seespinnen, die Krebse und die Austern und andere tafelfahige Missgestalten fur sich sprechen lassen und uberhaupt nebenher die naturhistorische Bemerkung machen, dass die Tiere desto ungestalter ausfallen, je naher am Erdboden sie leben so die chaotischen Anamorphosen und Kalibane des Meers und die Erdbohrer des Wurmreichs und die kriechende Insektenwelt und dass hingegen wie z.B. die letzte als fliegende und das schwebende Vogelreich und die hochaufgerichteten Tiere bis zum erhabnen Menschen hinauf beweisen sich im Freien alles verschonere und veredle.

Der Hauptpunkt aber ist wohl dieser, dass das fluchtige Salz des Komischen manche Gegenstande, die wie ketzerische Meinungen in ubelm Geruche stehen, so schnell zersetzt und verfluchtigt, dass der Empfindung gar keine Zeit zur Bekanntschaft mit ihnen gelassen wird. Da das Lachen alles in das kalte Reich des Verstandes hinuberspielt: so ist es (weit mehr noch als selber die Wissenschaft) das grosse Menstruum (Zersetz- und Niederschlagmittel) aller Empfindungen, sogar der warmsten; folglich auch der ekeln.

Freilich etwas ganz anderes war' es gewesen, wenn ich im Punkte des Ekels den zarten Wieland zum Muster genommen hatte und, wie er2 auf einer Vignette, statt unseres Katzenbergers, dem uber nichts ubel wird, einen Leser hatte aufgestellt, der sich uber den Doktor und das Gelesene offentlich erbricht. Aber zum Glucke ist im ganzen Werke von allen Lesern kein einziger in Kupfer gestochen und kann also die andern auf dem Stuhle sesshaften nicht anstecken. Baireuth, den 16ten Oktober 1822

Jean Paul Fr. Richter

Erste Abteilung

1. Summula

Anstalten zur Badreise

"Ein Gelehrter, der den ersten Juli mit seiner Tochter in seinem Wagen mit eignen Pferden ins Bad Maulbronn abreiset, wunscht einige oder mehre Reisegesellschafter." Dieses liess der verwittibte ausubende Arzt und anatomische Professor Katzenberger ins Wochenblatt setzen. Aber kein Mensch auf der ganzen Universitat Pira (im Furstentume Zackingen) wollte mit ihm gern ein paar Tage unter einem Kutschenhimmel leben; jeder hatte seine Grunde und diese bestanden alle darin, dass niemand mit ihm wohlfeil fuhr als zuweilen ein hinten aufgesprungener Gassenjunge; gleichsam als ware der Doktor ein ansassiger Postrauber von innen, so sehr kelterte er muntere Reisegefahrten durch Zu- und Vor- und Nachschusse gewohnlich dermassen aus, dass sie nachher als lebhafte Kopfe schwuren, auf einem EilbotenPferde wollten sie wohlfeiler angekommen sein und auf einer Kruppelfuhre geschwinder.

Dass sich niemand als Wagen-Mitbelehnter meldete, war ihm als Mittelmanne herzlich einerlei, da er mit der Anzeige schon genug dadurch erreichte, dass mit ihm kein Bekannter von Rang umsonst mitfahren konnte. Er hatte namlich eine besondere Kalte gegen Leute von hoherem oder seinem Range und lud sie deshalb hochst ungern zu Diners, Gouters, Soupers ein und gab lieber keine; leichter besucht' er die ihrigen zur Strafe und ironisch; denn er denke (sagte er) wohl von nichts gleichgultiger als von Ehren-Gastereien, und er wolle ebensogern a la Fourchette des Bajonetts gespeiset sein, als feurig wetteifern mit den Grossen seiner Stadt im Gastieren, und er lege das Tischtuch lieber auf den Katzentisch. Nur einmal und dies aus halbem Scherz gab er ein Gouter oder Degouter, indem er um 5 Uhr einer Gesellschaft seiner verstorbnen Frau seinen Tee einnotigte, der Kamillen-Tee war. Man gebe ihm aber, sagte er, Lumpenpack, Aschenbrodel, Kotsassen, Soldaten auf Stelzfussen: so wusst' er, wem er gern zu geben habe; denn die Niedrigkeit und Armut sei eine hartnackige Krankheit, zu deren Heilung Jahre gehoren, eine Topfer- oder Topf-Kolik, ein nachlassender Puls, eine fallende und galoppierende Schwindsucht, ein tagliches Fieber; venienti aber, sage man, currite morbo, d.h. man gehe doch dem herkommenden Lumpen entgegen und schenk' ihm einen Heller, das treueste Geld, das kein Furst sehr herabsetzen konne.

Bloss seine einzige Tochter Theoda, in der er ihres Feuers wegen als Vater und Witwer die vernachlassigte Mutter nachliebte, regte er haufig an, dass sie um etwas Angenehmeres zu sehen als Professoren und Prosektoren Teegesellschaften, und zwar die grossten, einlud. Er drang ihr aber nicht eher diese Freude auf, als bis er durch Wetterglas, Wetterfisch und Fussreissen sich vollig gewiss gemacht, dass es gegen Abend sturme und giesse, so dass nachher nur die wenigen warmen Seelen kamen, die fahren konnten. Daher war Katzenbergers Einwilligen und Eingehen in einen Tee eine so untrugliche Prophezeiung des elenden Wetters als das Hinuntergehen des Laubfrosches ins Wasser. Auf diese Weise aber fullte er das liebende Herz der Tochter aus; denn diese musste nun, nach dem narrischen Kontrapunkt und Marschreglement der weiblichen Visitenwelt, von jeder einzelnen, die nicht gekommen war, zum Gutmachen wieder eingeladen werden; und so konnte sie oft ganz umsonst um sieben verschiedne Teetische herumsitzen, mit dem Strumpf in der Hand. Indes erriet die Tochter den Vater bald und machte daher ihr Herz lieber bloss mit ihrer innersten einzigen Freundin Bona satt.

Auch fur seine Person war Katzenberger kein Liebhaber von personlichem Umgang mit Gasten: "Ich sehe eigentlich", sagte er "niemand gern bei mir, und meine besten Freunde wissen es und konnen es bezeugen, dass wir uns oft in Jahren nicht sehen; denn wer hat Zeit? Ich gewiss nicht." Wie wenig er gleichwohl geizig war, erhellt daraus, dass er sich fur zu freigebig ansah. Das wissenschaftliche Licht verkalkte namlich seine edeln Metalle und ascherte sie zu Papiergeld ein; denn in die Bucherschranke der Arzte, besonders der Zergliederer, mit ihren Foliobanden und Kupferwerken leeren sich die Silberschranke aus, und er fragte einmal argerlich: "Warum kann das Pfarrer- und Poetenvolk allein fur ein Lumpengeld sich sein gedrucktes Lumpenpapier einkaufen, das ich freilich kaum umsonst haben mochte?"

Wenn er vollends in schonen Phantasien sich des Pastors Goze Eingeweidewurmerkabinett ausmalte und den himmlischen Abrahams-Schoss, auf dem er darin sitzen wurde, wenn er ihn bezahlen konnte und das ganze wissenschaftliche Arkadien in solchem Wurmkollegium, wovon er der Prasident ware , so kannte er, nach dem Verzichtleisten auf eine solche zu teuere Brautkammer physio- und pathologischer Schlusse, nur ein noch schmerzlicheres und entschiedeneres, namlich das Verzichtleisten auf des Berliner Walters Praparaten-Kabinett, fur ihn ein kostbarer himmlischer Abrahams-Tisch, worauf Seife, Pech, Quecksilber, Ol und Terpentin und Weingeist in den feinsten Gefassen von Gliedern aufgetragen wurden samt den besten trockensten Knochen dazu; was aber half dem anatomischen Manne alles traumerische Denken an ein solches Feld der Auferstehung (Klopstockisch zu singen), das doch nur ein Konig kaufen konnte?

Der Doktor hielt sich daher mit Recht fur freigebig, da er, was er seinem Munde und fremdem Munde abdarbte, nicht bloss einem teuern Menschen-Kadaver und lebendigen Hunde zum Zerschneiden zuwandte, sondern sogar auch seiner eignen Tochter zum Erfreuen, soweit es ging.

Diesmal ging es nun mit ihr nach dem Badorte Maulbronn, wohin er aber reisete, nicht um sich oder sie zu baden, oder um da sich zu belustigen, sondern sein Reisezweck war die

2. Summula

Reisezwecke

Katzenberger machte statt einer Lustreise eigentlich eine Geschaftreise ins Bad, um da namlich seinen Rezensenten betrachtlich auszuprugeln und ihn dabei mit Schmahungen an der Ehre anzugreifen, namlich den Brunnen-Arzt Strykius, der seine drei bekannten Meisterwerke den Thesaurus Haematologiae, die de monstris epistola, den fasciculus exercitationum in rabiem caninam anatomico-medico-curiosarum3 nicht nur in sieben Zeitungen, sondern auch in sieben Antworten oder Metakritiken auf seine Antikritiken uberaus heruntergesetzt hatte.

Indes trieb ihn nicht bloss die Herausgabe und kritische Rezension, die er von dem Rezensenten selber durch neue Lesarten und Verbesserung der falschen vermittelst des Ausprugelns veranstalten wollte, nach Maulbronn, sondern er wollte auch auf seinen vier Radern einer Gevatterschaft entkommen, deren blosse Verheissung ihm schon Drohung war. Es stand die Niederkunft einer Freundin seiner Tochter vor der Ture. Bisher hatte er hin und her versucht, sich mit dem Vater des Droh-Patchens (einem gewissen Mehlhorn) etwas zu uberwerfen und zu zerfallen, ja so gar dessen guten Namen ein bisschen anzufechten, eben um nicht den seinigen am Taufsteine herleihen zu mussen. Allein es hatte ihm das Erbittern des gutmutigen Zollers und Umgelders4 Mehlhorn nicht besonders glucken wollen, und er machte sich jede Minute auf eine warme Umhalsung gefasst, worin er die Gevatterarme nicht sehr von Fangkloben und Hummerscheren unterscheiden konnte. Man veruble dem Doktor aber doch nicht alles; erstlich hegte er einen wahren Abscheu vor allen Gevatterschaften uberhaupt, nicht bloss der Ausgaben halber was fur ihn das Wenigste war, weil er das Wenigste gab , sondern wegen der geldsuchtigen Willkur, welche ja in einem Tage zwanzig Mann stark von Kreissenden alles Standes ihn anpacken und aderlassend anzapfen konnte am Taufbecken. Zweitens konnt' er den einfaltigen Aberglauben des Umgelders Mehlhorn nicht ertragen, geschweige bestarken, welcher zu Theoda, da unter dem Abendmahl-Genuss gerade bei ihr der Kelch frisch eingefullt wurde5, mehrmal listig-gut gesagt hatte: "So wollen wir doch sehen, geliebts Gott, meine Mademoiselle, ob die Sache eintrifft und Sie noch dieses Jahr zu Gevatter stehen; ich sage aber nicht bei wem." Und drittens wollte Katzenberger seine Tochter, deren Liebe er fast niemand gonnte als sich, im Wagen den Tagopfern und Nachtwachen am kunftigen Kindbette entfuhren, von welchen die Freundin selber sie sonst, wie er wusste, nicht abbringen konnte. "Bin ich und sie aber abgeflogen," dacht' er, "so ists doch etwas, und die Frau mag kreissen."

3. Summula

Ein Reisegefahrte

Wider alle Erwartung meldete sich am Vorabend der Abreise ein Fremder zur Mitbelehnschaft des Wagens.

Wahrend der Doktor in seinem Missgeburten-Kabinette einiges abstaubte von ausgestopften Tierleichen, durch Rauchern die Motten (die Teufel derselben) vertrieb und den Embryonen in ihren Glaschen Spiritus zu trinken gab: trat ein fremder feingekleideter und feingesitteter Herr in die Wohnstube ein, nannte sich Herr von Niess und uberreichte der Tochter des Doktors, nach der Frage, ob sie Theoda heisse, ein blaueingeschlagenes Briefchen an sie; es sei von seinem Freunde, dem Buhnen-Dichter Theudobach, sagte er. Das Madchen entgluhte hochrot und riss zitternd mit dem Umschlag in den Brief hinein (die Liebe und der Hass zerreissen den Brief, so wie beide den Menschen verschlingen wollen) und durchlas hastig die Buchstaben, ohne ein anderes Wort daraus zu verstehen und zu behalten als den Namen Theudobach. Herr von Niess schaute unter ihrem Lesen scharf und ruhig auf ihrem geistreichen beweglichen Gesicht und in ihren braunen Feuer-Augen dem Entzucken zu, das wie ein weinendes Lacheln aussah; einige Pokkengruben legten dem beseelten und wie FruhlingBusche zart- und glanzend-durchsichtigen Angesicht noch einige Reize zu, um welche der Doktor Jenner die kunftigen Schonen bringt. "Ich reise", sagte der Edelmann darauf, "eben nach dem Badeorte, um da mit einer kleinen deklamierenden und musikalischen Akademie von einigen Schauspielen meines Freundes auf seine Ankunft selber vorzubereiten." Sie blieb unter der schweren Freude kaum aufrecht; den zarten, nur an leichte Bluten gewohnten Zweig wollte fast das Fruchtgehange niederbrechen. Sie zuckte mit einer Bewegung nach Niessens Hand, als wollte sie die Uberbringerin solcher Schatze kussen, streckte ihre aber heiss und rot uber ihren, wie sie hoffte, unerratenen Fehlgriff schnell nach der entfernten Ture des Missgeburten-Kabinettes aus und sagte: "Da drin ist mein Vater, der sich freuen wird."

Er fuhr fort: er wunsche eben ihn mehr kennen zu lernen, da er dessen treffliche Werke, wiewohl als Laie, gelesen. Sie sprang nach der Ture. "Sie horten mich nicht aus" sagte er lachelnd -"Da ich nun im Wochenblatte die schone Moglichkeit gelesen, zugleich mit einer Freundin meines Freundes und mit einem grossen Gelehrten zu reisen:" Hier aber setzte sie ins Kabinett hinein und zog den rauchernden Katzenberger mit einem ausgestopften Sabelschnabler in der Hand ins Zimmer. Sie selber entlief ohne Schal uber die Gasse, um ihrer schwangern Freundin Bona die schonste Neuigkeit und den Abschied zu sagen.

Sie musste aber jubeln und sturmen. Denn sie hatte vor einiger Zeit an den grossen Buhnendichter Theudobach der bekanntlich mit Schiller und Kotzebue die drei deutschen Horatier ausmacht, die wir den drei tragischen Curiatiern Frankreichs und Griechenlands entgegensetzen in der Kuhnheit des langen geistigen Liebetrankes der Jugendzeit unter ihrem Namen geschrieben, ohne Vater und Freundin zu fragen, und hatte ihm gleichsam in einem warmen Gewitterregen ihres Herzens alle Tranen und Blitze gezeigt, die er wie ein Sonnengott in ihr geschaffen und gesammelt hatte. Selig, wer bewundert und den unbekannten Gott schon auf der Erde als bekannten antrifft! Im Briefchen hatte sie noch uber ein umlaufendes Gerucht seiner Badreise nach Maulbronn gefragt und die seinige unter die Antriebe der ihrigen gesetzt. Alle ihre schonsten Wunsche hatte nun sein Blatt erfullt.

4. Summula

Bona

Bona die Frau des Umgelders Mehlhorn und Theoda blieben zwei Milchschwestern der Freundschaft, welche Katzenberger nicht auseinandertreiben konnte, er mochte an ihnen so viel scheidekunsteln, als er wollte. Theoda nun trug ihr brausendes Saitenspiel der Freude in die Abschiedstunde zur Freundin; und reichte ihr Theudobachs Brief, zwang sie aber, zu gleicher Zeit dessen Inhalt durchzusehen und von ihr anzuhoren. Bona suchte es zu vereinigen und blickte mehrmals zuhorchend zu ihr auf, sobald sie einige Zeilen gelesen: "So nimmst du gewiss einen recht frohen Abschied von hier?" sagte sie. "Den frohesten", versetzte Theoda. "Sei nur deine Ankunft auch so, du springfedriges Wesen! Bringe uns besonders dein beschnittenes aufgeworfnes Naschen wieder zuruck und dein Backenrot! Aber dein deutsches Herz wird ewig franzosisches Blut umtreiben", sagte Bona. Theoda hatte eine Elsasserin zur Mutter gehabt. "Schneie noch dicker in mein Wesenchen hinein!" sagte Theoda. "Ich tu' es schon, denn ich kenne dich", fuhr jene fort. "Schon ein Mann ist im ganzen ein halber Schelm, ein abgefeinerter Mann vollends, ein Theaterschreiber aber ist gar ein funfviertels Dieb; dennoch wirst du, furchte ich, in Maulbronn vor deinem teuern Dichter mit deinem ganzen Herzen herausbrausen und platzen und hundert ungestume Dinge tun, nach denen freilich dein Vater nichts fragt, aber wohl ich."

"Wie, Bona, furcht' ich denn den grossen Dichter nicht? Kaum ihn anzusehen, geschweige anzureden wag' ich!" sagte sie. "Vor Kotzebue wolltest du dich auch scheuen; und tatest doch dann keck und mausig", sagte Bona. "Ach, innerlich nicht", versetzte sie.

Allerdings nahern die Weiber sich hohen Hauptern und grossen Kopfen was keine Tautologie ist mit einer weniger bloden Verworrenheit als die Manner; indes ist hier Schein in allen Ecken; ihre Blodigkeit vor dem Gegenstande verkleidet sich in die gewohnliche vor dem Geschlecht; der Gegenstand der Verehrung findet selber etwas zu verehren vor sich und muss sich zu zeigen suchen, wie die Frau sich zu dekken; und endlich bauet jede auf ihr Gesicht; "man kusst manchem heiligen Vater den Pantoffel, unter den man ihn zuletzt selber bekommt", kann die jede denken.

"Und was ware es denn," fuhr Theoda fort, "wenn ein dichter tolles Madchen einem Herder oder Goethe offentlich auf einem Tanzsaale um den Hals fiele?"

"Tu es nur deinem Theudobach," sagte Bona, "so weiss man endlich, wen du heiraten willst!" "Jeden versprech' ich dir , der nachkommt; hab' ich nur einmal meinen mannlichen Gott gesehen und ein wenig angebetet: dann spring' ich gern nach Hause und verlobe mich in der Kirche mit seinem ersten besten Kuster oder Balgtreter und behalte jenen im Herzen, diesen am Halse."

Bona riet ihr, wenigstens den Herrn von Niess, wenn er mit fahre, unterwegs recht uber seinen Freund Theudobach auszuhorchen, und bat sie noch einmal um weibliche Schleichtritte. Sie versprachs ihr und deshalb noch einen taglichen Bericht ihrer Badreise dazu. Sie schien nach Hause zu trachten, um zu sehen, ob ihr Vater den Edelmann in seine Adoptionloge der Kutsche aufgenommen. Unter dem langen festen Kusse, wo Tranen aus den Augen beider Freundinnen drangen, fragte Bona: "Wann kommst du wieder?" "Wenn du niederkommst. Meine Kundschafter sind bestellt. Dann laufe ich im Notfalle meinem Vater zu Fusse davon, um dich zu pflegen und zu warten. O, wie wollt' ich noch zehnmal froher reisen, war' alles mit dir voruber." "Dies ist leicht moglich", dachte Bona im andern Sinne und zwang sich sehr, die wehmutigen Empfindungen einer Schwangern, die vielleicht zwei Todespforten entgegengeht, und die Gedanken: dies ist vielleicht der Abschied von allen Abschieden, hinter weinende Wunsche zuruckzustecken, um ihr das schone Abendrot ihrer Freude nicht zu verfinstern.

5. Summula

Herr von Niess

Wer war dieser ziemlich unbekannte Herr von Niess? Ich habe vor, noch vor dem Ende dieses Perioden den Leser zu uberraschen durch die Nachricht, dass zwischen ihm und dem Dichter Theudobach, von welchem er das Briefchen mitgebracht, eine so innige Freundschaft bestand, dass sie beide nicht bloss eine Seele in zwei Korpern, sondern gar nur in einem Korper ausmachten, kurz eine Person. Namlich Niess hiess Niess, hatte aber als auftretender Buhnen-Dichter um seinen dunnen Alltagnamen den Festnamen Theudobach wie einen Konigmantel umgeworfen und war daher in vielen Gegenden Deutschlands weit mehr unter dem angenommenen Namen als unter dem eignen bekannt, so wie von dem hier schreibenden Verfasser vielleicht ganze Stadte, wenn nicht Weltteile, es nicht wissen, dass er sich Richter schreibt, obgleich es freilich auch andre gibt, die wieder seinen ParadeNamen nicht kennen. Gleichwohl gelangten alle Madchenbriefe leicht unter der Aufschrift Theudobach an den Dichter Niess- bloss durch die Oberzeremonienmeister oder Hofmarschalle der Autoren; man macht namlich einen Umschlag an die Verleger.

Nun hatte Niess als ein uberall beruhmter BuhnenDichter sich langst vorgesetzt, einen Badeort zu besuchen, als den schicklichsten Ort, den ein Autor voll Lorbeeren, der gern ein lebendiges Pantheon um sich auffuhrte, zu erwahlen hat, besonders wegen des vornehmen Morgen-Trinkgelags und der Maskenfreiheiten und des Kongresses des Reichtums und der Bildung solcher Orter. Er erteilte dem Bade Maulbronn, das seine Stucke jeden Sommer spielte, den Preis jenes Besuches; nur aber wollt' er, um seine Abenteuer pikanter und scherzhafter zu haben, allda inkognito unter seinem eignen Namen Niess anlangen, den Badegasten eine musikalische deklamatorische Akademie von Theudobachs Stucken geben; und dann gerade, wenn der samtliche Horzirkel am Angelhaken der Bewunderung zappelte und schnalzte, sich unversehens langsam in die Hohe richten und mit Ruhrung und Schamrote sagen: endlich muss mein Herz uberfliessen und verraten, um zu danken; denn ich bin selbst der weit uberschatzte Theater-Dichter Theudobach, der es fur unsittlich halt, so aufrichtige Ausserungen, statt sie zu erwidern, an der Ture der Anonymitat bloss zu behorchen. Dies war sein leichter dramatischer Entwurf. In einigen Zeitungen veranlasste er deshalb noch den Artikel: der bekannte Theater-Dichter Theudobach werde, wie man vernehme, dieses Jahr das Bad Maulbronn gebrauchen.

Da es gegen meine Absicht ware, wenn ich durch das Vorige ein zweideutiges Streiflicht auf den Dichter wurfe: so versprech' ich hier formlich, weiter unten den Lauf der Geschichte aufzuhalten, um auseinanderzusetzen, warum ein grosser Theater-Dichter viel leichter und gerechter ein grosser Narr wird als ein andrer Autor von Gewicht; wozu schon meine Beweise seines grossern Beifalls, hoff' ich, ausreichen sollen.

Niess wusste also recht gut, was er war, namlich eine Bravour-Arie in der dichterischen Spharenmusik, ein geistiger Kaisertee, wenn andere (z.B. viele unschuldige Leser dieses) nur braunen Tee vorstellen. Es ist uberhaupt ein eignes Gefuhl, ein grosser Mann zu sein ich berufe mich auf der Leser eignes und den ganzen Tag in einem angebornen geistigen Courund Kuranzuge umherzulaufen; aber Niess hatte dieses Gefuhl noch starker und feiner als einer. Er konnte sein Haar nicht auskammen, ohne daran zu denken, welchen feurigen Kopf der Kamm (seinen Anbeterinnen vielleicht so kostbar als ein Gold-Kamm) regle, lichte, egge und beherrsche, und wie ebenso manches Gold-Haar, um welches sich die Anbeterinnen fur Haar-Ringe raufen wurden, ganz gleichgultig dem Kamm in Zahnen stecken bleibe als sonst dem Mexiko das Gold. Er konnte durch kein Stadttor einfahren, ohne es heimlich zu einem Triumphtor seiner selber und der Einwohner unter dem Schwibbogen auszubauen, weil er aus eigner jugendlicher Erfahrung noch gut wusste, wie sehr ein grosser Mann labe und sah daher zuweilen dem Namen Registrator des Tors stark ins Gesicht, wenn er gesagt: Theudobach, um zu merken, ob der Tropf jetzt ausser sich komme oder nicht. Ja er konnte zuletzt in Hotels voll Gaste schwer auf einem gewissen einsitzigen Orte sitzen, ohne zu bedenken, welches Eden vielleicht mancher mit ihm zugleich im Gasthofe ubernachtenden Junglingseele, die noch jugendlich die Autor-Achtung ubertreibt, zuzuwenden ware, wenn sie sich daraufsetzte und erfuhre, wer fruher dagewesen. "O, so gern will ich jeden Winkel heiligen zum gelobten Lande fur Seelen, die etwas aus meiner machen und mit jedem Stiefelabsatze auf dem schlimmsten Wege wie ein Heiliger verehrte Fussstapfen auspragen auf meiner Lebensbahn, sobald ich nur weiss, dass ich Freude errege."

Sobald Niess Theodas Brief erhalten worin die zufallige Hochzeit der Namen Theoda und Theudobach ihm auf beiden Fusssohlen kitzelte , so nahm er ohne weiteres mit einer Hand voll Extrapostgeld den Umweg uber Pira, um der Anbeterin, wie ein homerischer Gott, in der anonymen Wolke zu erscheinen; und sobald er vollends in der vorletzten Station im Piraner Wochenblatte die Anzeige des Doktors gelesen: so war er noch mehr entschieden; dazu namlich, dass sein Bedienter reiten und sein Wagen heimlich nachkommen sollte.

In diesen weniger geld- als abgabenreichen Zeiten mag es vielleicht Niessen empfehlen, wenn ich drukken lasse, dass er Geld hatte und darnach nichts fragte, und dass er fur seinen Kopf und fur seine Kopfe ein Herz suchte, das durch Liebe und Wert ihn fur alle jene bezahlte und belohnte.

Mit dem ersten Blick hatte er den ganzen Doktor ausgegrundet, der mit schlauen grauen Blitz-Augen vor ihn trat, den Sabelschnabler streichelnd; Niess legte nach einer kurzen Anzeige seiner Person und seines Gesuchs ein Rollchen Gold auf den Nahtisch mit dem Schwure: "nur unter dieser Bedingung aller Auslagen nehm' er das Gluck an, einem der grossten Zergliederer gegenuber zu sein." "Fiat! Es gefallt mir ganz, dass Sie ruckwarts fahren, ohne zu vomieren; dazu bin ich verdorben durch die Jahre." Der Doktor fugte noch bei, dass er sich freue, mit dem Freunde eines beruhmten Dichters zu fahren, da er von jeher Dichter fleissig gelesen, obwohl mehr fur physiologische und anatomische Zwecke und oft fast bloss zum Spasse uber sie. "Es soll mir uberhaupt lieb sein," fuhr er fort, "wenn wir uns gegenseitig fassen und wie Salze einander neutralisieren. Leider hab' ich das Ungluck, dass ich, wenn ich im Wagen oder sonst jemand etwas sogenanntes Unangenehmes sage, fur satirisch verschrien werde, als ob man nicht jedem ohne alle Satire das ins Gesicht sagen konnte, was er aus Dummheit ist. Indes gefallt Ihnen der Vater nicht, so sitzt doch die Tochter da, namlich meine, die nach keinem Manne fragt, nicht einmal nach dem Vater; misslingt der Winterbau, sagen die Wetterkundigen, so gerat der Sommerbau. Ich fands oft."

Dem Dichter Niess gefiel dieses akademische Petrefakt unendlich, und er wunschte nur, der Mann trieb' es noch arger, damit er ihn gar studieren und vermauern konnte in ein Possenspiel als komische Maske und Karyatide. "Vielleicht ist auch die Tochter zu verbrauchen in einem Trauerspiele", dacht' er, als Theoda eintrat, die von nachweinender Liebe und von Jugendfrische glanzte, und die durch die frohe Nachricht seiner Mitfahrt neue Strahlen bekam. Jetzo wollte er sich in ein interessantes Gesprach mit ihr verwikkeln; aber der Doktor, dem die Aussicht auf einen Abendgast nicht heiter vorkam, schnitt es ab durch den Befehl, sie solle sein Kastchen mit Pockengift, Fleischbruhtafeln und Zergliederungzeuge packen. "Wir brechen mit dem Tage auf," sagte er, "und ich lege mich nach wenigen Stunden nieder. Sic vale!"

Der Menschenkenner Niess entfernte sich mit dem eiligsten Gehorsam; er hatte sogleich heraus, dass er fur den Doktor keine Gesellschaft sei leichter dieser fur ihn. Allerdings ausserte Katzenberger gern einige Grobheit gegen Gaste, bei denen nichts Gelehrtes zu holen war, und er gab sogar den Tisch lieber her als die Zeit. Es war fur jeden angenehm zu sehen, was er bei einem Fremden, der, weder besonders ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit noch durch Krankheit, gar nicht abgehen wollte, fur Seitensprunge machte, um ihn zum Lebewohl und Abscheiden zu bringen; wie er die Uhr aufzog, in Schweigen einsank oder in ein Horchen nach einem nahen lautlosen Zimmer, oder wie er die unschuldigste Bewegung des Fremden auf dem Kanapee sogleich zu einem Vorlaufer des Aufbruchs verdrehte und scheidend selber in die Hohe sprang, mit der Frage, warum er denn so eile. Beide Meckel hingegen, die Anatomen, Vater und Sohn zugleich, hatte der Doktor tagelang mit Lust bewirtet.

6. Summula

Fortsetzung der Abreise durch Fortsetzung des

Abschieds

Am Morgen tat oder war Theoda in der weiblichen Weltgeschichte nicht nur das achte Wunder der Welt sie war namlich so fruh fertig als die Manner , sondern auch das neunte, sie war noch eher fertig. Gleichwohl musste man auf sie warten wie auf jede. Es war ihr namlich die ganze Nacht vorgekommen, dass sie gestern sich durch ihren Freudenungestum und ihre reisetrunkne Eilfertigkeit bei einem Abschiede von einer Freundin vollends versundigt, deren helle ungetrubte Besonnenheit bisher die Leiterin ihres Brauseherzens gewesen so wie wieder die Leiterin des zu uberwolkten Gattenkopfs und welche ihre versteckte Warme immer bloss in ein kaltes Lichtgeben eingekleidet; und von dieser Freundin so nahe an der Klippe des weiblichen Lebens eilig und freudig geschieden zu sein dieser Gedanke trieb Theoda gewaltsam noch einmal in der Morgendammerung zu ihr. Sie fand das Haus offen (Mehlhorn war fruh verreiset), und sie kam ungehindert in Bonas Schlafgemach. Blass wie eine von der Nacht geschlossene Lilie ruhte ihr stilles Gesicht im altvaterischen Stuhle umgesunken angelehnt. Theoda kusste eine Locke dann leise die Stirn dann, als sie zu schnarchen anfing, gar den Mund.

Aber plotzlich hob die Verstellte die Arme auf und umschlang die Freundin: "Bist du denn schon wieder zuruck, Liebe," sagte wie traumtrunken Bona , "und bloss wohl, weil du deinen Dichter nicht da gefunden?"

"O, spotte viel starker uber die Sunderin, tue mir recht innig weh, denn ich verdiene es wohl von gestern her!" antwortete sie und nannte ihr alles, was ihr feuriges Herz druckte. Bona legte die Wange an ihre und konnte, vom vorfruhen Aufstehen ohnehin sehr aufgeloset, nichts sagen, bis Theoda heftig sagte ":Schilt oder vergib!", so dass jener die heissen Tranen aus den Augen schossen, und nun beide sich in einer Entzuckung verstanden. "O jetzo mochte ich", sagte Theoda, "mein Blut, wie dieses Morgenrot, vertropfen lassen fur dich. Ach, ich bin eigentlich so sanft; warum bin ich denn so wild, Bona?" "Gegen mich bist du gerade recht," erwiderte sie; "nur einmal das beste Wesen kann dein wildes verdienen. Bloss gegen andere sei anders!" "Ich vergesse", sagte Theoda, "bloss immer alles, was ich sagen will oder leider gesagt habe; nur ein Ding wie ich konnte es gestern zu sagen vergessen, dass ich mich am innigsten nach der erleuchteten Hohle in Maulbronn wie nach dem Sternenhimmel meiner Kindheit sehne, meiner guten Mutter halber." Ihr war namlich ein unausloschliches Bild von der Stunde geblieben, wo ihre Mutter sie als Kind in einer grossen, mit Lampen erhellten Zauberhohle des Orts ahnlich der Hohle im Bade Liebenstein umhergetragen hatte.

Beide waren nun ein ruhiges Herz. Bona hiess sie zum Vater eilen wiederholte ihren Rat der Vorsicht mit aller ihr moglichen Ruhe (ist sie fort, dachte sie, so kann ich geruhrt sein, wie ich will), vergass sich aber selber, als Theoda weinend mit gesenktem Kopfe langsam von ihr ging, dass sie nachrief: "Mein Herz, ich kann nur nicht aufstehen vor besonderer Mattigkeit und dich begleiten; aber kehre ja deshalb nicht wieder um zu mir!" Aber sie war schon umgekehrt und nahm, obwohl stumm, den dritten Abschiedkuss; und so kam sie mit der Augenrote des Abschiedes und mit der Wangen- und Morgenrote des Tags laufend bei den Abreisenden an.

7. Summula

Fortgesetzte Fortsetzung der Abreise

Da der Doktor neben dem Edelmanne auf ihre Ankunft wartete: so liess er noch ein Werk der Liebe durch Flex ausuben, seinen Bedienten. Er griff namlich unter seine Weste hinein und zog einen mit Branntwein getrankten Pfefferkuchen hervor, den er bisher als ein Magen-Schild zum bessern Verdauen auf der Herzgrube getragen: "Flex," sagte er, "hier bringe mein Starkmittel druben den untern Gerberskindern; sie sollen sich aber redlich darein teilen." Der Edelmann stutzte.

"Meiner Tochter, Herr von Niess," sagte er, "durfen Sie nichts sagen; sie hat ordentlich Ekel vor dem Ekel wiewohl ich, fur meine Person, finde hierin weder einfachen noch doppelten notig. Alles ist Haut am Menschen, und meine am Bauche ist nur die fortgesetzte von der an den Wangen, die ja alle Welt kusst. Vor den Augen der Vernunft ist das Pflaster ein Pfefferkuchen wie jeder andere im Herzogtume, ja mir ein noch geistigerer."

"Ich gestehe," versetzte der sich leicht ekelnde Dichter schnell, um nur dem bosen Bilde zu entspringen "dass mich Ihr Bedienter mit seinem langen Schlepp-Rocke fast komisch interessiert. Wie ich ihm nachsah, schien er mir ordentlich auf Knien zu gehen, wie sonst ein Sieger zum Tempel des Jupiter capitolinus, oder aus der Erde zu wachsen."

Freundlich antwortete Katzenberger: "Ich habe es gern, wenn meine Leute mir oder andern lacherlich vorkommen, weil man doch etwas hat alsdann. Mein Flex tragt nun von Geburt an glucklicherweise kurze Dachs-Beine, und auch diese sogar ausserst zirkumflektiert, dass, wenn sein Rock lang genug ist, sein Steiss und sein Weg, ohne dass er nur sitzt, halb beisammen bleiben. Diesen komischen Schein seiner Trauerschleppe nutz' ich okonomisch. Ich habe namlich einen und denselben langsten Lakaienrock, den jeder tragen muss, Goliath wie David. Diese Freigebigkeit entzweiete mich oft mit dem Piraner Prosektor, sonst mein Herzensfreund, aber ein geiziger Hund, der Leute en robe courte aber nicht en longue robe hat, und denen er die Rocke zu kurzen neumodischen Westen (nicht zu altmodischen) einschnurren lasst. Setz' ich nun seinem Geize mein Muster entgegen: so verweiset er mich auf die anatomischen Tafeln, nach denen unter den Gegenmuskeln der Hand der Muskel, der sie zuschliesse, stets viel starker sei als der, welcher sie aufmacht, und zu jenem Muskel gehore noch die Seele, wenn Geld damit zu halten sei. Daher die Freunde auch die Hande leichter gegen einander ballen als ausstrecken. Etwas ist daran."

Als Theoda kam, hatte der Doktor, der im Vordersitz wartete, dass er durch einen Huften-Nachbar fester gepackt wurde, den verdrusslichen Anblick, dass das Paar nach langer Session-Streitigkeit sich ihm gegenubersetzte. Die Tochter tat es aus Hoflichkeit gegen Niess und aus Liebe gegen ihren Vater, um ihn anzusehen und seine Wunsche aufzufangen. Zuletzt sagte dieser im halben Zorn: "Du willst dich sonach an das Steissbein und Ruckgrat des Kutschers lehnen und lasst ruhig deinen alten Vater, wie ein Weberschiffchen, von einem Kissen zum andern werfen, he?"

Da erhielt er endlich an seiner hinuberschreitenden Tochter seinen Fullstein, zur hochsten Freude des rucksassigen Edelmanns, dessen Blicke sich nun wie ein Paar Fliegen immer auf ihre Augen und Wangen setzen konnten.

8. Summula

Beschluss der Abreise

Sie fuhren ab...

.... Aber jetzo fangt fur den Absender der Hauptpersonen, fur den Verfasser, nicht die beste Zeit von Lesers Seite an; denn da dieser nun alle Verwicklungen weiss, so wird er mit seiner gewohnlichen Heftigkeit die samtlichen Entwickelungen in den nachsten Druckbogen haben wollen und die Foderung machen, dass in den nachsten Summuln der Rezensent ausgeprugelt werde, dessen Namen er noch nicht einmal weiss dass Herr von Niess seine Larve, als sei er bloss ein Freund Theudobachs, abwerfe und dieser selber werde und dass Theoda daruber erstaune und kaum wisse, wo ihr der Kopf steht, geschweige das Herz. Tu' ich nun dem Leser den Gefallen und prugle, entlarve und verliebe, was dazu gehort: so ist das Buch aus, und ich habe erbarmlich in wenig Summuln ein Feuerwerk oder Luftfeuer abgebrannt, das ich nach so grossen Vorrustungen zu einem langen Steppenfeuer von unzahligen Summuln hatte entzunden konnen. Ich will aber Katzenberger heissen, entzund' ichs nicht zu einem.

Von jetzt an wird sich die Masse meiner Leser in zwei grosse Parteien spalten: die eine wird zugleich mich und die andere und diesen Druck-Bogen verlassen, um auf dem letzten nachzusehn, wie die Sachen ablaufen; es sind dies die Kehraus-Leser, die Valetschmauser, die Jungstentag-Wahler, welche an Geschichten wie an Froschen, nur den Hinterteil verspeisen und, wenn sie es vermochten, jedes treffliche Buch in zwei Kapitel einschmelzten, ins erste und ins letzte, und jedem Kopfe von Buch, wie einem aufgetragnen Hechte, den Schwanz ins Maul steckten, da eben dieser an Geschichten und Hechten die wenigsten Graten hat; Personen, die nur so lange bei philosophierenden und scherzenden Autoren bleiben, als das Erzahlen dauert, wie die Nordamerikaner nur so lange dem Predigen der Heidenbekehrer zuhorchen, als sie Branntwein bekommen. Sie mogen denn reisen, diese Epilogiker. Was hier bei mir bleibt die zweite Partei , dies sind eben meine Leute, Personen von einer gewissen Denkart, die ich am langen Seile der Liebe hinter mir nachziehe. Ich heisse euch alle willkommen; wir wollen uns lange gutlich mit einander tun und keine Summuln sparen wir wollen auf der Bad-Reise die Einheit des Ortes beobachten, so wie die des Interesse, und haufig uns vor Anker legen. Langen wir doch nach den langsten verzogerlichen Einreden und Vexierzugen endlich zu Hause und am Ende an, wo die Kehraus-Leser hausen: so haben wir unterwegs alles, jede Zoll- und Warntafel und jeden Gasthofschild, gelesen und jene nichts, und wir lachen herzlich uber sie.

9. Summula

Halbtagfahrt nach St. Wolfgang

Theoda konnte unmoglich eine Viertelstunde vor dem Edelmanne sitzen, ohne ihn uber Inner- und Ausserlichkeiten seines Freundes Theudobach, von dem Zopfe an bis zu den Sporen, auszufragen. Er schilderte mit wenigen Zugen, wie einfach er lebe und nur fur die Kunst, und wie er, ungeachtet seiner Lust spiele, ein gutmutiges liebendes Kind sei, das ebensooft geliebt als betrogen werde; und im Aussern habe er so viel Ahnlichkeit mit ihm selber, dass er darum sich oft Theudobachs Korper nenne. Himmel! mit welchem Feuer schauete die Begeisterte ihm ins Gesicht, um ihren Autor ein paar Tage fruher zu sehen! "Ich habe doch in meinem Leben nicht zwei gleichahnliche Menschen gesehen," sagte Theoda, der einmal in einem glanzenden Traume Theudobach ganz anders erschienen war als sein vorgebliches Nachbild. "Soll er meiner Tochter gefallen," bemerkte der Doktor, "so muss die Nasenwurzel des Poeten und die Nasenknorpel samt dem Knochenbau etwas starker und breiter sein als bei Ihnen, nach ihren phantastischen Voraussetzungen aus seinen Buchern." Wenn also der Schleicher etwa, wie ein Doppeladler, zwei Kronen durch seine Namen-Maske auf den Kopf bekommen wollte, eine jetzige und eine kunftige: so ging er sehr fehl, dass er den Menschen ein paar Tage vor dem Schriftsteller abgesondert vorausschickte; denn jener verhartete in Theodas Phantasie und liess sich sprode nicht mehr mit diesem verarbeiten und verquicken, indes umgekehrt bei einer gleichzeitigen ungeteilten Vorfuhrung beider das Schriftstellerische sogleich das Menschliche mit Glimmer durchdrungen hatte.

Niess warf ohne Antwort die Frage hin, wie ihr sein beziehlichbestes Stuck: "Der Ritter einer bessern Zeit" gefallen, mit welchem er eben in Maulbronn die deklamatorische Akademie anfangen wolle. Da ein Autor bei einem Leser, der ihn wegen eines halben Dutzend Schriften anbetet, stets voraussetzt, er habe alle Dutzende gelesen: so erstaunte er ein wenig uber Theodas Freude, dass sie etwas noch Ungelesenes von ihm werde zu horen bekommen. Sie musste ihm nun so wenig wurd' er auf seinem Selberfahrstuhl von Siegwagen des schonen Aufzugs satt sagen, was sie vorzuglich am Dichter liebe; "grosser Gott," versetzte sie, "was ist vorzuglich zu lieben, wenn man liebt? Am meisten aber gefallt mir sein Witz am meisten jedoch seine Erhabenheit freilich am meisten sein zartes heisses Herz und mehr als alles andere, was ich eben lese." "Was lesen Sie denn eben von ihm?" fragte Niess. "Jetzo nichts", sagte sie.

Der Edelmann brauchte kaum die Halfte seiner feinen Fuhlhorner auszustrecken, um es dem Doktor abzufuhlen, dass er mit seinem verschrankten Gesichte ebensogut unter dem Balbiermesser freundlich lacheln konnte als unter einem fur ihn so widerhaarigen Gesprache; er tat daher- um allerlei aus ihm herauszureizen, woruber er bei der kunftigen Erkennszene recht erroten sollte die Frage an ihm, was er seines Orts vom Dichter fur das Schlechteste halte. "Alles," versetzte er, "da ich die Schnurren noch nicht gelesen. Mich wunderts am meisten, dass er als Edelmann und Reicher etwas schreibt; sonst taugen in Papiermuhlen wohl die groben Lumpen zu Papier, aber nicht die seidnen." Niess fragte: ob er nicht in der Jugend Verse gemacht? "Pope" gab er zur Antwort "entsann sich der Zeit nicht, wo er keine geschmiedet, ich erinnere mich derjenigen nicht, wo ich dergleichen geschaffen hatte. Nur einmal mag ich, als verliebter Gessners-Schafer und Primaner, so wie in Krankheiten sogar die Venen pulsieren, in Poetasterei hineingeraten sein, vor einem dummen Ding von Madchen Gott weiss, wo die Gottin jetzt ihre Ziegen melkt. Ich stellte ihr die schone Natur vor, die schon dalag, und warf die Frage auf: sieh, Suse, bluht nicht alles vor uns wie wir, der Wiesenstorchschnabel und die grosse Ganseblume und das Rindsauge und die Gichtrose und das Lungenkraut bis zu den Schlehengipfeln und Birnenwipfeln hinauf? Und uberall bestauben sich die Blumen zur Ehe, die jetzt dein Vieh frisst! Sie antwortete geruhrt: wird Er immer so an mich denken, Amandus? Ich versetzte wild: Beim Henker! an uns beide; wohin ich kunftig auch verschlagen und verfahren werde, und in welchen fernen Fluss und Bach ich auch einst schauen werde es sei in die Schweina in Meiningen oder in die Besau und die Gesau im Henneberg oder in die wilde Sau in Bohmen oder in die Wampfe in Luneburg oder in den Lumpelbach in Salzburg oder in die Sterzel in Tirol oder in die Kratza oder in den Galgenbach in der Oberpfalz in welchen Bach ich, schwor' ich dir, kunftig schauen werde, stets werd' ich darin mein Gesicht erblicken und dadurch auf deines kommen, das so oft an meinem gewesen, Suse. Jetzt freilich, Herr von Niess, sprech' ich prosaischer."

Niess griff feurig nach des Doktors Hand und sagte: "Das scherzhafte Gewand verberge ihm doch nicht das weiche Herz darunter." "Ich muss auch durchaus fruherer Zeit zu weich und flussig gewesen sein," versetzte dieser "weil ich sonst nicht gehorig hart und knochern hatte werden konnen; denn es ist geistig wie mit dem Leibe, in welchem bloss aus dem Flussigen sich die Knochen und alles Harte erzeugt, und wenn ein Mann harte Eiszapfenworte ausstosst, so sollte dies wohl der beste Beweis sein, wieviel weiche Tranen er sonst vergossen." "Immer schoner!" rief Niess; "o Gott nein!" rief Theoda im gereizten Tone.

Der Edelmann schob sogleich etwas Schmeichelndes, namlich einen neuen Zug von Theudobach ein, den er mit ihm teile, namlich den Genuss der Natur. "Also auch des Maies?" fragte der Doktor; Niess nickte. Hierauf erzahlte dieser: Daruber hab' er seine erste Braut verloren; denn er habe, da sie an einem schonen Morgen von ihren Maigenussen gesprochen, versetzt, auch er habe nie so viele gehabt als in diesem Mai wegen der unzahligen Maikafer; als er darauf zum Beweise einige von den Blattern abgepfluckt und sie vor ihren Augen ausgesogen und genossen: so sei er ihr seitdem mehr greuels- als liebenswurdig vorgekommen, und er habe durch seine Roselsche Insektenbelustigungen Brautkuchen und Honigwochen verscherzt und vernascht. Niess aber, sich mehr zur Tochter schlagend, fuhr kuhn mit dem Ernste des Naturgenusses fort und schilderte mehre schone Aussichten ab, die man sah, und von manchen erhabenen Wolken-Partien lieferte er gute Rotelzeichnungen; als endlich die Partien zu regnen anfingen und selbst herunterkamen. Sogleich rief der Doktor den langrockigen Flex in den Wagen herein als einen Fullstein fur Niess. Diesem entfuhr der Ausruf: "Dies zarte Gefuhl hat auch unser Dichter fur seine Leute, Theoda!" "Es ist", antwortete ihr Vater, "zwar weniger der Mensch da als sein langer Rock zu schonen; aber zartes Gefuhl aussert sich wohl bei jedem, den der Wagen verdammt stosst." Bald darauf kamen sie in St. Wolfgang an.

10. Summula

Mittags-Abenteuer

Gewohnlich fand der Doktor in allen Wirtshausern bessere Aufnahme als in denen, wo er schon einmal gewesen war. Nirgends traf er aber auf eine so verzogne Empfangs-Physiognomie als bei der verwittibten, nett gekleideten Wirtin in St. Wolfgang, bei der er jetzt zum zwolften Male ausstieg. Das zweitemal, wo sie in der Halbtrauer um ihre eheliche Halfte und in der halben Feiertags-Hoffnung auf eine neue ihrem medizinischen Gaste mit Klagen uber Halsschmerzen sich genahert, hatte dieser freundlich sie in seiner Amtsprache gebeten: sie moge nur erst den Unterkiefer niederlassen, er wolle ihr in den Rachen sehen. Sie ging wutig-erhitzt und mit vergrosserten Halsschmerzen davon und sagte: "Sein Rachen mag selber einer sein; denn kein Mensch im Hause frisst Ungeziefer als Er." Sie bezog sich auf sein erstes Dagewesensein. Er hatte namlich, zufolge allgemein-bestatigter Erfahrungen und Beispiele, z.B. de la Landes und sogar der Demoiselle Schurmann welche nur naturhistorischen Laien Neuigkeiten sein konnen , im ganzen Wirtshause (dem Kellner schlich er deshalb in den Keller nach) umhergestobert und gewittert, um fette runde Spinnen zu erjagen, die fur ihn (wie fur das oben gedachte Paar) Landaustern und lebendige Bouillon-Kugeln waren, die er frisch ass. Ja er hatte sogar um den allgemeinen Ekel des Wirtshauses, wo moglich, zurechtzuweisen vor den Augen der Wirtin und der Aufwarter reife Kanker auf Semmelschnitte gestrichen und sie aufgegessen, indem er Stein und Bein dabei schwur um mehr anzukodern , sie schmeckten wie Haselnusse.

Gleichwohl hatte er dadurch weit mehr den Abscheu als den Appetit in Betreff der Spinnen und Seiner-Selbst vermehrt, und zwar in solchem Grade, dass er selber der ganzen Wirtschaft als eine Kreuz-Spinne vorkam, und sie sich als seine Fliegen. Als er daher spater einmal versuchte, dem Kellner nachzugehen, um unten aus den Kellerlochern seine mensa ambulatoria, sein Kanarienfutter zu ziehen: so blickte ihn der Pursche mit fremdem, wie geliehenem Grimme an und sagte: "Fress' Er sich wo anders dick als im Keller!"

Nichts bekummerte ihn aber weniger als sauere Gesichter; der gesunde Sauerstoff, der den grosseren Bestandteil seines in Worte gebrachten Atems ausmachte, hatte ihn daran gewohnt.

Die Wirtin gab sich alle Muhe, unter dem frohen Gastmahle ihn von Theoda und Niess recht zu unterscheiden zu seinem Nachteile; er nahm die Unterscheidung sehr wohl auf und zeigte grosse Lust, namlich Esslust; und liess, um weniger der Wirtin als seinen Leuten etwas zu schenken, diesen nichts geben als seine Tafelreste. Die Wirtin liess er zusehen, wie er mit derselben Butter zugleich seine Brotscheiben und seine Stiefel-Glatzen bestrich, und wie er den Zuckeruberschuss zu sich steckte, unter dem Vorwande, er hole aus guten Grunden den Zucker erst hinter dem Kaffee nach im Wagen.

Dennoch schlug ihm eine feine Krieglist, von deren Beobachtung er durch Verhasstwerden abzuziehen suchte, ganz fehl. Er hatte namlich unter einer Winkeltreppe ein schatzbares Katzennest entdeckt, aus welchem er etwan einen oder zwei Nestlinge auszuheben gedachte, um sie abends im Nachtlager, wo er so wenig fur die Wissenschaft zu tun wusste, aufzuschneiden, nachdem er vorher ihnen in der Tasche aus Mitleiden, zum Abwenden aller Kerkerfieber, die Kopfe einigemal um den Hals gedreht hatte. Es muss aber wohl von seinem eilften Besuche, wo die Wirtin gerade nach seiner Entfernung auch die Entfernung einer treuen Mutter mehrer Katzchen wahrnahm, hergekommen sein, dass sie, uberall von weiten ihn wie einen Schwanzstern beobachtend, gerade in der Minute ihm aufstossen konnte, als er eben ein Katzchen einsteckte. "Hand davon, mein Herr!" schrie sie "nun wissen wir doch alle, wo voriges Jahr meine Katzin geblieben und ich war so dumm und sah das liebe Tier in Ihrer Tasche arbeiten o Sie ." Den Beinamen verschluckte sie als Wirtin. Aber wahrhaft gefallig nahm er statt des Katzchens ihre Hand und ging daran mit ihr in die Stube zuruck. "Sie soll da besser von mir denken lernen", sagte er. Und hier erzahlt' er weitlauftig mit Berufen auf Theoda, dass er selber mehre Katzenmutter halte und solche, anstatt sie zu zerschneiden, vaterlich pflege, damit er zur Ranzzeit gute starke Kater durch die in einer geraumigen Huhnersteige seufzenden Katzinnen auf seinen Boden verlocke und diese Siegwarte neben den Klostergittern ihrer Nonnen in Teller- oder Fuchseisen zu fangen bekomme; denn er musse als Professor durchaus solche Siegwarte, teils lebendig, teils abgewurgt, fur sein Messer suchen, da er ein fur seine Wissenschaft vielleicht zu weiches Herz besitze, das keinen Hund totmachen konne, geschweige lebendig aufschneiden wie Katzen. Die Wirtin murmelte bloss: "Fuhrt den Namen mit der Tat, ein wahrer abscheulicher Katzen-Berger und Wurger." Niess fragte nicht viel darnach, sondern da das erste, was er an jedem Orte und Ortchen tat, war, nachzusehen, was von ihm da gelesen und gehalten wurde: so fand er zu seiner Freude nicht nur im elenden Leihbucher-Verzeichnis seine Werke, sondern auch in der Wirtsstube einige geliehene wirkliche. Sich gar nicht zu finden, druckt beruhmte Manner starker, als sie sagen wollen. Niess erteilte seinen Leihwerken aus Liebe fur den Wolfgangischen Leihbibliothekar auf der Stelle einen unbeschreiblichen Liebhaber-Wert (pretium affectionis) bloss dadurch, dass ers einem Voltaire, Diderot und D'Alembert gleichtat, indem er, wie sie, Noten in die Werke machte mit Namens-Unterschrift; die kunftige Entzuckung daruber konnte er sich leicht denken.

Wahrend Theoda zwischen dem Dichter und der Freundin hin- und hertraumte: kam auf einmal der Mann der letzten, der arme Mehlhorn, matt herein, der nicht den Mut gehabt, seinen kunftigen Gevatter um einen Kutschensitz anzusprechen. Der Zoller war zwar kein Mann von glanzendem Verstande er traute seiner Frau einen grossern zu , und seine Ausgaben der Langenweile uberstiegen weit seine Einnahme derselben; aber wer Langmut im Ertragen, Dienstfertigkeit und ein anspruchloses redliches Leben liebte, der sah in sein immer freudiges und freundliches Gesicht und fand dies alles mit Lust darin. Theoda lief auf ihm entzuckt zu und fragte selbvergessen, wie es ihrer Freundin ergangen, als sei er spater abgereiset. Er verzehrte ein dunnes Mittagmahl, wozu er die Halfte mitgebracht: "Man muss wahrhaftig" sagt' er sehr wahr "sich recht zusammennehmen, wenn man noch zwei Stunden nach Huhl hat, und doch nachts wieder zu Hause sein will; es ist aber kostbares Wetter fur Fussganger."

Theoda zog ihren Vater in ein Nebenzimmer und setzte alle weibliche Rost-, Schmelz- und Treibwerke in Gang, um ihn so weit flussig zu schmelzen, dass er den Zoller bis nach Huhl mit einsitzen liess. Er schuttelte kaltblutig den Kopf und sagte, die Gevatterschaft furchtend: "Auch nahm' ers am Ende gar fur eine Gefalligkeit, die ich ihm etwa beweisen wollte." Sie rief den Edelmann zum Bereden zu Hulfe; dieser brach mehr aus Liebe fur die Fursprecherin gar in theatralische Beredsamkeit aus und liess in seinem Feuer sich von Katzenberger ganz ohne eines an sehen. Dem Doktor war namlich nichts lieber, als wenn ihn jemand von irgendeinem Entschlusse mit tausend beweglichen Grunden abzubringen anstrebte; seiner eignen Unbeweglichkeit versichert, sah er mit desto mehr Genuss zu, wie der andere, jede Minute des Ja gewartig, sich nutzlos abarbeitete. Ich versinnliche mir dies sehr, wenn ich mir einen umherreisenden Magnetiseur und unter dessen Handen das Gesicht eines an menschlichen Magnetismus unglaubigen Autors, z.B. Biesters, vorstelle, wie jener diesen immer angstlicher in den Schlaf hineinzustreichen sucht, und wie der Bibliothekar Biester ihm unaufhorlich ein auf gewecktes Gesicht mit blickenden Augen still entgegenhalt.

"Gern macht' ich selber", sagte Niess, "noch den kurzen Weg zu Fuss." "Und ich mit", sagte Theoda. "O!" sagte Niess und druckte recht feurig die Katzenbergerische Hand "ja es bleibt dabei, Vaterchen, nicht?" "Naturlich," versetzte letztes -"aber Sie konnen denken, wie richtig meine Grunde sein mussen, wenn sie sogar von Ihnen nicht uberwogen werden." Man schien auf seiten des Paars etwas betroffen; "auch mocht' ich den guten Umgelder ungern verspaten," setzte der Doktor hinzu, "da wir erst nach dem Pferde-Futtern aufbrechen, er aber sogleich fort geht."

Als sie samtlich zuruckkamen, stand der Mann schon freundlich da, mit seinem Abschiede reisefertig wartend. Theoda begleitete ihn hinaus und gab ihm hundert Grusse an die Freundin mit und den Schwur, dass sie schon diesen Abend das Tagebuch an sie anfange: "Konnt' ich fur Sie gehen, guter Mann!" sagte sie; und er schied mit einem langen Dankpsalm, ohne sie sonderlich zu verstehen, so wie sie selber, setz' ich dazu, ebensowenig den Doktor. Sie wusst' es aus langer Erfahrung, dass er zudringende Bitten gewohnlich abschlug als Anfalle auf seine Freiheit; sie tat sie aber doch immer wieder und brachte vollends heute den Auxiliar-Poeten mit. Mehlhorn war ihm nicht am meisten als Gevatterbitter verdriesslich, sondern als eine Art Jaherr gegen die Frau und ein Ja-Knecht gegen alle Welt; schwachmutige Manner aber, sogar gutmutige, konnt' er nicht gut sich gegenuber sehen, besonders einen halben Tag lang auf dem Rucksitz.

Bald darauf, als die Pferde abgefuttert waren und die Gewinn- und Verlustrechnung abgetan, gab Katzenberger das Zeichen des Abschieds; es bestand darin, dass er heimlich die Korke seiner bezahlten Flaschen einsteckte. Er fuhrte Grunde fur diese letzte Ziehung aus der Flasche an: "es sei erstlich ein Mann in Paris bloss dadurch ein Millionar geworden, dass er auf allen Kaffeehausern sich auf ein stilles Korkziehen mit den Fingern gelegt, wobei er freilich mehr ans Stehlen gedacht als an erlaubtes Einstecken; zweitens sei jeder, der eine Flasche fodere, Herr uber den Inhalt derselben, wozu der Stopsel als dessen Anfang am ersten gehore, den er mit seinem eigenen Korkzieher zerbohren oder auch ganz lassen und mitnehmen konne, als eine elende Kohle aus dem niedergebrannten Weinfeuer." Daruber suchte Niess zu lacheln ohne vielen Erfolg.

11. Summula

Wagen-Sieste

Im ganzen sitzt ohnehin jeder Kutschenklub in den ersten Nach mittagstunden sehr matt und dumm da; das junge Paar aber tat es noch mehr, weil Katzenbergers Gesicht, seidem er dem armen Schreckens-Gevatter die Wagenture vor der Nase zugeschlagen, kein sonderliches Rosental und Paradies fur jugendlich-gutmutige Augen war, die in das Gesicht hinein- und auf den sandigen Weg hinaussahen. Er selber litt weniger; ihn verliess nie jene Heiterkeit, welche zeigen konnte, dass er sich den Stoikern beigesellte, welche verboten, etwas zu bereuen, nicht einmal das Bose. Indes ist dieser hohere Stoizismus, der den Verlust der unschatzbaren hoheren Guter noch ruhiger ertragt als den der kleinern, bei Gebildeten nicht so selten, als man klagt.

Nach einigen Minuten Sandfahrt senkte Katzenberger sein Haupt in Schlaf. Jetzo bekranzte Theoda ihren Vater mit allen moglichen Redeblumen, um dem Freund ihres Dichters ihre Tochter-Augen fur ihn zu leihen. Besonders hob sie dessen reines Feuer fur die Wissenschaft heraus, fur die er Leben und Geld verschwende, und beklagte sein Los, ein gelehrter einsamer Riese zu sein. Da der Edelmann gewiss voraussetzte, dass die Augen Sperre des Riesen nichts sei als ein Aufmachen von ein Paar Dionysius-Ohren, wie uberhaupt Blinde besser horen: so fiel er ihr unbedingt bei und erklarte, er staune uber Katzenbergers Genie. Dieser horte dies wirklich und hatte Muhe, nicht aus dem Schlafe heraus zu lacheln wie ein Kind, womit Engel spielen. Des blinden optischen Schlafes bedient' er sich bloss, um selber zu horen, wie weit Niess sein Verlieben in Theoda treibe; und dann etwa bei feurigen Welt- und Redeteilen rasch aufzuwachen und mit Schnee und Scherz einzufallen. Jetzo ging Theoda, die an den Schlummer glaubte, weil ihr Vater sich selten die Muhe der Verstellung gab, noch weiter und sagte dem Edelmanne frei: "Sein Kopf lebt zwar dem Wissen, wie ein Herz dem Lieben, aber Sie springen zu ungestum mit seiner Natur um. In der Tat, Sie legen es ordentlich darauf an, dass er sich uber Gefuhle recht seltsam und ohne Gefuhle ausdrucke. Tate dies wohl Ihr Theudobach?" "Gewiss," sagt' er "aber in meinem Sinne. Denn Ihren Vater, liebreiche Tochter, nehm' ich viel besser als der Haufe. Mich hindert seine satirische Enkaustik nicht, darhinter ein warmes Herz zu sehn. Recht geschliffnes Eis ist ein Brennglas.

Man ist ohnehin der alltaglichen Liebfloskeln der Bucher so satt!

O dieser milde Schlafer vor uns ist vielleicht warmer, als wir glauben, und ist seiner Tochter so wert!" Katzenberger, eben warm und heiss vom nahen Nachmittagschlummer, hatt' etwas darum gegeben, wenn ihm sein Gesicht von einem Gespenste ware gegen den Rucken und das Kutschen-Fensterchen gedreht gewesen, damit er ungesehen hatte lacheln konnen; wenigstens aber schnarchte er.

Theoda indes, nie mit einer lauen oder hoflichen Uberzeugung zufrieden, suchte den Poeten fur den Vater noch starker anzuwarmen durch das Berichten, wie dieser bei dem Scheine einer geizigen Laune ganz uneigennutzig als heilender Arzt Armen ofter als Vornehmen zu Hulfe eile und dabei lieber in den seltensten gefahrvollsten als in gefahrlosen Krankheiten der Schutzengel werde. Jedes Wort war eine Wahrheit; aber die Tochter voll kindlicher und jeder Liebe kam freilich nicht darhinter, dass ihm eigentlich die Wissenschaft, nicht der Kranke hoher stand als Geld und dass er mit einer gewaltigen Gegnerin von kranker Natur am liebsten das medizinische Schach spielte, weil aus der grossern Verwicklung die grossere Lehrbeute zu holen war; ja er wurde fur eine stichhaltige Versicherung der blossen Leichenoffnung jeden umsonst in die Kur genommen haben aus Liebe zur Anatomie.

"Vollends aber die Gute, womit mein genialer Vater alle Wunsche erfullt, mit welchen ich nicht gerade seinen wissenschaftlichen Eifer store, und was er alles fur meine Bildung getan, das kann ich als Tochter leichter in meinem Herzen verehren als durch Worte andern enthullen; aber schmerzen muss es mich jederzeit, wenn ich ihn bei andern, da er Stand und fremdes Urteil gar zu wenig achtet, ordentlich darauf ausgehen sehe, verkannt zu werden", beschloss Theoda. Du warme Verblendete! So wie wir alle merken, bildet sie sich ein, den Poeten Niess durch Preisen fur ihren Vater zu gewinnen, fur einen Mann, der ihm doch ins Gesicht gesagt, seine Nasenwurzel sei zu dunn. Schwerlich sind Wurzelworter eines solchen Argers je auszuziehen, und aus der Nasenwurzel wird in Niess da es etwas anderes sein wurde, ware statt der Eitelkeit bloss sein Stolz beleidigt worden immer etwas Stechendes gegen den Doktor wachsen.

Dafur aber zog sich aller Weihrauch, den die Tochter fur den Vater anbrannte, auf sie selber zuruck in Niessens Nase, und am Ende konnt' er sie kaum anhoren vor Anblicken; so dass ihm nichts fehlte zu einer poetischen Umhalsung Theodas als der wahre Schlaf des schnarchenden Fuchses. Indes ging er auf andere Weisen uber, Lieben auszusprechen, und legte solche an einem bekannten Theudobachischen Schauspiel: "Die scheue Liebe" zergliedernd auseinander. Ein Buhnen-Dichter vieler Stucke oder ein Kunstrichter aller Stucke hat oder ist leicht eine Schiff- und Eselbrucke in ein Weiberherz. Daruber versank doch der Doktor vor Langweile aus dem vorgetraumten Schlaf in einen echten, und zwar bald nach Niessens schonen wahren Worten: "Jungfrauliche Liebe schlummert wohl, aber sie traumt doch."

Als er ganz spat aufwachte, sagt' er, halb im Schlafe: "Naturlich schlaft sie und traumt darauf." Nur Niessen war dieser ihm zugehorige Sinnspruch deutlich und erinnerlich, und er dachte leise: "Seht den Dieb!"

Eben watete ihnen im Sande ein Bekannter der Familie entgegen, der sogleich sich umkehrte und in die Taschen griff, als er den Wagen erblickte. Es ist bekannt, dass es der Winkel-Schuldirektor Wurfel war, ein feines Mannchen. Der Doktor liess ihm schnell nachfahren, um das Umwenden zu begreifen. Eingeholt kehrte der Direktor sich wieder um und verbeugte sich stufenweise vor jedem. Der Doktor fragte, warum er immer so umkehre. "Er sei", sagte er, "so unglucklich gewesen, sein Taschenbuch in Huhl zu vergessen; und jetzt so glucklich geworden, indem ers hole, eine solche Gesellschaft immer vor Augen, wenn auch von weitem, zu haben." "So nehmen Sie hier Rucksitz und Stimme", sagte der Doktor zu Niessens Verwundrung.

Der Winkel-Schul-Direktor war lange, wohl zehnmal, adeliger Haus- und Schloss-Lehrer gewesen hatte mehr als hundert Hausballen zugeschaut und getraute sich, jede adelige Schulerin noch anzureden, wenn sie mannbar geworden wie der alte Deutsche im Trunke keusch blieb, so war er stets mitten unter den feinsten Dessertweinen nicht nur keusch, sondern auch nuchtern geblieben, weil er den schlechtesten bekam und war uberhaupt an den Tischen seiner Herren tafelfahig, wenn auch nicht stimmfahig gewesen. Dieses Durchwalzen durch die feine Welt hatt' an ihm so viele elegante Sitten zuruckgelassen, als er zu oft an Spezial-, ja an Generalsuperintendenten vermisste; so dass ihm ofter nichts zum vollstandigsten feinsten Fat fehlte als der Mut; aber er glich dem Prediger, welcher auf der Kanzel mitten zwischen seinen heiligsten Erhebungen uber die Erde und deren Gaben von Zeit zu Zeit die Dose aufmacht und schnupft. Dabei hatte er durch langes Erziehen fast alle Sprachen und Wissenschaften samt ubriger Bildung in den Kopf bekommen, die ihm, wie einem armen Postknechte Reichtumer und Prinzen, zu nichts halfen, als dass er sie weiterzuschaffen hatte. Da er indes kein Wort sagte, das nicht schon einen Verleger und Verfasser gehabt hatte: so horte man seine Schuler lieber als ihren Lehrer.

Dieser Winkelschul-Direktor hatte nun einst mit Theoda Theudobachs Stucke ins Englische und sich dabei (da sie nur eine Burgerliche war) in einen Liebhaber und in den Himmel ubertragen. Eben deshalb hatte ihm der Doktor, der in Herzsachen Scherz verstand und suchte, einen Sitz neben dem zweiten Liebhaber Niess ausgeleert: "Ich sehe", sagte er, "nichts lieber miteinander spielen als zwei Hasen, ausgenommen den Fuchs mit dem Hasen."

Es ging anders. Theoda stellte vor allen Dingen den Vielwisser Wurfel dem sie freudig alles schenkte, sich ausgenommen unserem Freunde des ins Englische verdolmetschten Dichters vor. Da fing das lange Zergliedern des Dichters (Niess war der Prosektor) an, jedes Glied wurde durch kritisches Zerschneiden vervielfacht und vergrossert und zum Praparat der Ewigkeit ausgespritzt und mit Weingeist beseelt. Bloss der Hor-Marterer Katzenberger litt viel bei der ganzen Sache und war der einzige Mann in diesem feurigen Ofen, der sich nicht mit Singen helfen konnte. Niess zeigte uberall die leichte Weltmanns-Warme eines feurigen Juwels. Wurfel zeigte eine Schmelzofenglut, als waren in seiner die poetischen Gestalten erst fertig zu giessen; Theoda zeigte eine Franzosin, eine Deutsche und eine Jungfrau und ein Sich. Indes sah der helle Edelmann aus jedem Worte Wurfels, wie dieser den Theudobachischen Sokkus und Kothurn nur in ein Fahrzeug verkehre, um darin auf einer von den schonen Freundschaft-Inseln Theodas anzulanden; je mehr daher der Direktor den Dichter erhob' desto mehr erboste sich der Edelmann. Doch blieben beide, Niess und Theudobach, so fest und fein und studierten die Menschen und wollten weniger die Schuldner einer (dichterischen) Vergangenheit sein als einer (prosaischen) Gegenwart; Niess wollte zugleich als Munzer und als Munze gelten.

Vom Dichter kommt man leicht aufs Lieben, und indem man ideale Charaktere kritisiert, produziert man leicht den eigenen, und ein gedruckter Roman wird das Getriebe und Leitzeug eines lebendigen. Wurfel stach hier mehr durch Feinheit hervor, Niess durch Keckheit. Jener zeigte einen Grad von romantischer Delikatesse, der seinen Stand verriet, namlich den mittlern. Ich kann hier aus eigner Erfahrung die Weiber der hohern Stande versichern, dass, wenn sie eine romantischere zartere Liebe kennen wollen als die galante, hohnende, atheistische ihrer Weltleute, sie solche in meinem Stande finden konnen, wo mehr Begeisterung, mehr Dichter-Liebe, und weniger Erfahrung herrscht; und es sollte diese Bemerkung mich um so mehr freuen, wenn ich durch sie zum Glucke manches Hofmeisters und dessen hoher Prinzipalin etwas beigetragen hatte; meines ware mir denn Belohnung genug.

Niemand war wiederum in der Kutsche zu bedauern als der Blutzeuge Katzenberger, dem solche Diskurse so mild in die Ohren eingingen wie einem Pferde der Schluck Arzenei, den man ihm durch die Nasenlocher einschuttet. Um aber mit irgend etwas seinem Ohre zu schmeicheln, brachte er einen feinen Iltispinsel heraus und steckte ihn in den rechten Gehorgang bis nahe ans Paukenfell und wirbelte ihn darin umher; er versicherte die Zuschauer, hierin sei er ganz der Meinung der Sineser, wovon er die Sitte entlehne, welche diesen Ohrenkitzel und Ohren-Schmaus fur den Himmel auf Erden halten.

Da aber die Menschen immer noch links horen, wenn sie in Lust-Geschaften rechts taub sind: so vernahm er noch viel vom Gesprach. Er fiel daher in dieses mit ein und berichtete: Auch er habe sonst als Unverheirateter an Heiraten gedacht und nach der damaligen Mode angebetet was man zu jener Zeit Adorieren geheissen ; doch sei einem Manne, der plotzlich aus dem strengen mathematisch-anatomischen Heerlager ins Kindergartchen des Verliebens hineingemusst, damals zumute gewesen wie einem Lachse, der im Lenze aus seinem Salz-Ozean in susse Flusse schwimmen muss, um zu laichen. Noch dazu ware zu seiner Zeit eine bessere Zeit gewesen damal habe man aus der brennenden Pfeife der Liebe polizeimassig nie ohne Pfeifendeckel geraucht -man habe von der sogenannten Liebe nirgend in Kutschen und Kellern gesprochen, sondern von Haushalten, von SichEinrichten und Ansetzen. So gesteh' er z.B. seinerseits, dass er aus Scham nicht gewagt, seine Werbung bei seiner durch die ausgesognen Maikafer entfuhrten Braut anders einzukleiden als in die wahrhaftige Wendung: nachstens gedenke er sich als Geburthelfer zu setzen in Pira, wisse aber leider, dass junge Manner selten gerufen wurden und schwache Praxis hatten, solange sie unverehelicht waren. "Freilich", setzte er hinzu, "war ich damals holzern in der Liebe, und erst durch die Jahre wird man aus weichem Holze ein hartes, das nachhalt."

"Bei der Trennung von Ihrer Geliebten mag Ihnen doch im Mondscheine das Herz schwer geworden sein?" sagte der Edelmann. "Zwei Pfund also halb so schwer als meine Haut ist meines wie Ihres bei Mond- und bei Sonnenlicht schwer", versetzte der Doktor. "Sie kamen sonach uber die empfindsame Epoche, wo alle junge Leute weinten, leichter hinweg?" fragte Niess. "Ich hoffe," sagt' er, "ich bin noch darin, da ich scharf verdaue, und ich vergiesse taglich so viele stille Tranen als irgendeine edle Seele, namlich vier Unzen den Tag; nur aber ungesehen (denn die Magenhaut ist mein Schnupftuch); unaufhorlich fliessen sie ja bei heilen guten Menschen in den knochigen Nasenkanal und rinnen durch den Schlund in den Magen und erweichen dadrunten manches Herz, das man gekauet, und das zum Verdauen und Nachkochen daliegt."

Ich weiss nicht, ob ich mich irre, aber mir kommt es vor, als ob der Doktor seit dem schlafwachen Anhoren der Lobreden, welche Theoda seinem liebereichen Herzen vor dem Poeten Niess gehalten, ordentlich darauf ausginge, mehr Essigsauere, d.h. Sauersauer aufzuzeigen; ahnlich sah' ihm dergleichen ganz, und lieber schien er aus Millionen Grunden harter als weicher.

Als daher Niess, um den seltenen Seefisch immer mehr fur seine dichterische Naturalienkammer aufzutrocknen, eine neue Frage tun wollte, fuhr Theoda ordentlich auf und sagte: "Herr von Niess, Sie sind im Innerlichen noch harter als mein Vater selber." "So," sagte der Doktor, "noch harter als ich? Es ist wahr, die weibliche Sprache ist wie die Zunge weich und linde zu befuhlen, aber diese sanfte Zunge halt sich hinter den Hundzahnen auf und schmeckt und spediert gern, was diese zerrissen haben." Hier suchte der feine Wurfel auf etwas Schoneres hin abzulenken und bemerkte, was bisher Theoda nicht gesehen: "dort schreite schon lange Herr Umgelder Mehlhorn so tapfer, dass ihn der Kutscher schwerlich auf dem hockerigen Wege uberhole." Als dies der Kutscher vernahm, dem schon langst der nicht einzuholende Zoller eine bewegliche Schandsaule und Hollenmaschine gewesen: so fuhr er galoppierend in die

12. Summula

die Avanture

hinein und warf an einem schiefgesunknen Grenzstein leicht, wie mit einer Wurfschaufel, den Wagen in einen nassen Graben hinab. Katzenberger fuhr als Primo Ballerino zuerst aus der Schleudertasche des Kutschers, griff aber im Fluge in die Halsbinde des Schuldirektors wie in einen Kutschen-Lakaien-Riemen ein, um sich an etwas zu halten; Wurfel seines Orts krallte nach Flexen hinaus und in dessen FriesArmel ein und hatte unten im Graben den mitgebrachten Fries-Aufschlag in der Hand; Niess, das Gestirn erster Grosse im Wagen, glanzte unten im Drachenschwanze seiner Laufbahn, nahm aber mehr die Gestalt eines Haarsterns an, weil er die Theodasche Perucke nach sich gezogen, an die er sich laut wehklagend unterwegs hatte schliessen wollen; Theoda war durch kleines Nachgeben gegen den Stoss und durch Erfassen des Kutschenschlages diagonal im Wagen geblieben; Flex ruhte, den Kutscher noch recht umhalsend, bloss mit der Stirn im Kote, wie ein mit dem Gipfel vorteilhaft in die Erde eingesetzter Baum. Erst unten im Graben und als jedermann angekommen war konnte man wie in einem Unterhause auf Herauskommen stimmen und an Einhelligkeit denken. Katzenberger votierte zuerst, indem er die Hand aus Wurfels Halsbinde nahm und dann auf dem Ruckgrate des Schuldirektors wie auf einer fluchtigen Schiffbrucke wegging, um nachher auf Flexen aufzufussen und sich von da, wie auf einem Gaukler-Schwungbrett, leicht ans Ufer zu schwingen. Es gelang ihm ganz gut, und er stand droben und sah hernieder.

Hier konnte er nicht ohne wahre Ruhe und Lust so leicht bemerken, wie die andern Hechte im GrabenWasser schnalzten, aus Verlegenheit. Flexens Ruckgrats-Wirbel wurden ein allgemeines, aber gutes Trottoir, und der Schuldirektor schlug willig diesen Weg ein. Am Ufer zog der Doktor ihn an der Halsbinde nach kurzem Erwurgen ans Ufer, wo er unaufhorlich sich und seinen Kleider-Bewurf besah und zuruckdachte. Auch der untergepflugte Dichter bekroch Flexen und bot dem Doktor die Hand, an deren Ohrfinger dieser ihn mit kleiner Verrenkung dadurch aufs Trockne zog, dass er selber sich ruckwarts bog und umfiel, als jener aufstand. Was noch sonst aus dem Nilschlamme halb lebendig aufwuchs, waren nur Leute; aber diese waren am notigsten zum Aufhelfen, sie waren die Flugel, die Maschinen-Gotter, die Schutzheiligen, die Korkwesten des Wagens im Wasser.

Mehlhorn fur seine Person war herbeigesprungen und stand auf dem umgelegten Kutschenschlage fest, in welchen er unaufhorlich seinen Hulf-Engels Arm umsonst Theodan hineinreichte, um sie um den Schlag herum- und aufzuziehen bis ihn der Kutscher von seinem Standort wegfluchte, um den Wagen aufzustellen.

Delikate Gesellschaftknoten werden wohl nie zarter aufgeloset als von dem Wurfe in einen Graben, gleichsam in ein verlangertes Grab, wobei das allgemeine Interesse wenig verliert, wenn noch dazu Glieder der Mitglieder verrenkt oder verstaucht sind oder beschmutzt. Diese Freude ging allgemein wie eine Luna auf; das Stadtchen Huhl lag vor der Nase, und jeder musste sich abtrocknen und abstauben und deshalb vorher ubernachten. Nur Wurfel, der aus dem Ortchen sein Taschenbuch zuruckzuholen hatte, musst' verdrusslich daraus heimeilen mit der nassen Borke am besten Vorderwestchen; eine halbe Nacht und einen ganzen Weg voll Nachtluft musst' er dazu nehmen, um so trocken anzulangen, als er abgegangen. Katzenberger machte weniger aus dem Kot, von welchem er seine eigne Meinung hegte, welche diese war, dass er ihn bloss als reine Adams-Erde, mit heiligem Himmelwasser getauft, darstellte und dann die Leute fragte: was mangelt dem Dreck? Bloss den dachsbeinigen Flex schalt er uber dessen schweres Schleppkleid so: "Fauler Hund, hattest du dich nicht stracks aufrichten konnen, sobald ich von dir aufgesprungen war? Warum liessest du dich von allen immer tiefer eintreten? Und warum gabst du dem unbedachtsamen Wurfel nicht nach und liessest dich vom Bocke herunterreissen, anstatt meines Livrei- Aufschlags? He, Mensch?" "Das weiss ich nicht," versetzte Flex, "das fragen Sie einen andern."

13. Summula

Theodas ersten Tages Buch

Die Destillation hinabwarts (dest. per descens.), wie der Doktor den Grabenfall nannte, brachte manches Leben in den Abend. Er selber behielt alles an und war sein Selb-Trockenseil.

Niess konnte die Einsamkeit der abwaschenden Wiedergeburt zum Nachschuren von neuem Brennstoff fur Theoda verwenden. Er sann namlich lange auf treffliche Sentenzen uber die Liebe und grub endlich folgende in die Fenstertafel seines Zimmers: "Das liebende Seufzen ist das Atmen des Herzens. Ohne Liebe ist das Leben eine Nacht in einer Mondverfinsterung; wird aber diese Luna von keiner Erde mehr verdeckt, so verklart sich mild die Welt, die Nachtblumen des Lebens offnen sich, die Nachtigallen tonen, und uberall ist Himmel. Theudobach, im Junius."

Theoda schrieb eiligst folgende Tagebuchblatter, um sie dem Mehlhorn noch mitzugeben:

"Du teures Herz, wie lange bin ich schon von dir weg gewesen, wenn ich Zeit und Weg nach Seufzern messe! Und wann werd' ich in dein Haus springen oder schleichen? Gott verhute letztes! Ein Zufall eigentlich ein Fall in einen Graben halt uns alle diese Nacht in Huhl fest; leider kommen wir dann erst morgen spat in Maulbronn an; aber ich habe doch die Freude, deinem guten Manne mein Geschreibsel aufzupacken. Der Gute! Ich weiss wohl, warum du mir nichts von seiner gleichzeitigen Reise gesagt; aber du hast nicht recht gehabt. Mein Vater setzte auf eine Stunde den raffinierten Zuckerhut Wurfel in den Wagen; seine Weste litt sehr beim Umwerfen. Insofern war mirs lieb, dass dein Mann nicht mitgefahren; wer steht fur die Wendungen des Zufalls? Ich habe, Herzige, deinen Rat denn in der Ferne gehorcht man leichter als in der Nahe treu befolgt und heute fast nichts getan als Fragen an den Edelmann uber den Dichter. Dieser ist selber hore bloss die beste erste Ausgabe seiner Bucher, eine Prachtausgabe, wenn nicht besser, wenigstens milder als seine Stachelkomodien. Niemand hat sich vor seinem Auge oder Herzen zu scheuen. Er lief schon als Kind gern auf Berge und in die Natur; und so war er auch schon als Kind vor seinem neunten Jahre unsterblich verliebt. Narrisch ists doch, dass man dergleichen an grossen Menschen als so etwas Grosses nimmt, da man ja bei sich und andern nicht viel daraus macht. Herr von Niess erzahlte mir eine kostliche, langst abgeschlossne Geschichte von seiner ersten Liebe, als eines Knaben voll Zarte und Glut und Frommigkeit; sie soll dir einmal wohltun, wenn ich sie dir in dein Wochenbett hineinwerfe. Nur machts der liebe Vater durch Mienen und Worte jedem gar zu schwer, dergleichen vorzutragen anzuhoren weniger, denn ich bin an ihn gewohnt ; er wirft oft, wie du ja weisst, Eisspitzen ins schonste Feuer, auf die niemand in ganz Pira gefallen ware, und bringt damit den Geruhrtesten zum Lachen. Er nennt unser ewiges Sprechen uber unsern Dichter ein hollandisch-langes Glockenspiel. Freilich kennt ihn Herr von Niess nicht oder will es nicht; so seltsam fragt er ihn an. Ich habe dir ihn uberhaupt noch nicht gemalt, so mag er mir denn sitzen auf dem Kutschenkissen. Recht klug wird man nicht aus ihm; er wirft nicht sich, aber das Geld weg (fast zu sehr) Er schimmert und schneidet, wie der Demant in seinem Ringe; und ist doch weich dabei und stets auf der Jagd nach warmen Augenblicken Ein Held ist er auch nicht, ja nicht einmal eine Heldin; vor dem kleinsten Stachelchen fahrt er in die Bienenkappe wie ich dir nachher meine eigne Perucke als Beweis und Bienenkappe vorzeigen will Ubrigens hat er alle nachgiebige Bescheidenheit des Weltmannes, der sich auf die Voraussetzung seines Werts verlasst und dabei fein-fein und sonst mehr. Dies ist aber eben der Punkt: von sich spricht er fast kein Wort, unaufhorlich von seinem Jugendfreunde, dem Dichter, gleichsam als ware sein Leben nur die Grundierung fur diese Hauptfigur. Auffallend ists, dass er nicht mit dem feurigen Gefuhl, wie etwan ich, von ihm redet, sondern fast ohne Teilnahme (er berichtet bloss Tatsachen), so dass es scheint, er wolle nur meinem Geschmacke zu Gefallen reden und dabei unter der Hand fur jemand anders den Angelhaken auswerfen als fur unsern Theudobach. Zwischen diesem Namen und dem meinigen find' er etymologisch, sagt' er, nur den Unterschied des Geschlechts, woruber ich ordentlich zusammenfuhr, weil ich nie darauf gefallen war. Aber, warum sagt er mir solches angenehme Zeug, da er doch sieht, dass er mich nur durch ein ganz fernes Herz in Flammen setzt? Eilte dein Mann nicht so furchterlich: wahrlich, ich wollte vernunftig schreiben. Ich sage dir Donnerstag alles, wenn es auch der Freitag widerlegt. In der Fremde ist man gegen Fremde (ja gegen Einheimische) weniger fremd als zu Hause; ich fragte geradezu Herrn von Niess, wie der Dichter aussehe. 'Wie stellen Sie sich ihn denn vor?' fragt' er. 'Wie die edleren Geschopfe dieses Schopfers selber' (versetzt' ich) 'Er soll und wird aussehen wie ein nicht zu junger Ritter der alten Zeit vorragend auch unter Mannern Er muss Augen voll Dichter- und Kriegerfeuer haben, und doch dabei solche Herzens-Lieblichkeit, dass er sein Pferd ebensogut streichelt als spornt und ein gefallnes Kindchen aufhebt und abkusst, eh' ers der Mutter reicht Auf seiner Stirn mussen ohnehin alle Welten stehen, die er geschaffen, samt den kunftigen Weltteilen Kostlich muss er aussehen- Der Bergrucken seiner Nase.....' (Hier, Bona, dacht' ich an deinen Rat.) 'Nun Sie haben ja die Nase selber gesehen, und ich gedenke, das auch zu tun.' Hierauf versetzte Herr von Niess: 'Vielleicht sollt' er, Demoiselle, diese Gestalt nach Maler-Ideal haben; aber leider sieht er fast so aus wie ich.'

Gewiss hab' ich darauf ein einfaltiges Staun-Gesicht gemacht und wohl gar die Antwort gegeben: 'Wie Sie?' Uberhaupt schien meine zu lebhafte Vorschilderei seines Freundes ihn nicht sonderlich zu ergotzen. 'Theoda und Theudobach' fuhr er fort 'behalten ihre Ahnlichkeit sogar in der Statur; denn er ist so lang als ich.' 'Nein', unterfuhr ich, 'dann ist er kurzer als ich; eine Frau, die so lang ist als ein Mann, ist langer als ein Mann.' Es schwollen beinahe Giftblasen mir auf, gesteh' ich gern. Es verdross mich das ewige Prahlen mit der korperlichen Ahnlichkeit Theudobachs bei so wenig geistiger. Ich denke an seine unritterliche Furcht und an meine Perucke beim WagenUmwurf. Er wollte sich an meinen Kopf anhalten, um seinen zu retten. Raufen aber ist eine eigne Weise, einem Madchen den Kopf zu verrucken. Mein Vater wird ihn mit dieser Perucke, womit er in die Grube gefahren, noch oft fegen, wie die Bedienten in Irland damit die Treppen kehren.

Freilich wars an ihn eine dumme Madchenfrage, die ich nachher getan, wie ich dir beichten will. Aber wer machts denn anders? Die Leserinnen eines Dichters sind alle seine heimlichen Liebhaberinnen die Junglinge machen es mit Dichterinnen auch nicht besser ; und wir denken bei einem Genie, der Ehre unseres Geschlechts wegen, zuerst an die Frau, die der grosse Mann uns allen vorgezogen und die wir als die Gesandtin unseres Geschlechts an ihn abgeschickt. Auf seine Frau sind wir sogar neugieriger als auf seine Kinder, die er ja nur bekommen und selten erzieht. Ob ich mich gleich einmal tapfer gegen meinen Vater gewehrt, da er sagte, an einem Poeten zogen wir den Kniefall dem Silbenfall vor, ein Paar Freierfusse sechs Versfussen, Schaferstunden den Schaferliedern und waren gern die Hausehre einer DeutschlandsEhre: so hatt' er doch halb und halb recht. Die dumme Madchenfrage war namlich die: ob der Dichter eine Braut habe. 'Wenigstens bei meiner Abreise noch nicht', versetzte Niess. 'O ich wusste', sagt' ich, 'nichts Ruhrenderes, als eine Jungfrau mit dem Edeln am Traualtare stehen zu sehen, welchen sie im Namen einer Nachwelt belohnen soll; sie sollte mir meine heiligste Schwester sein, und ich wollte sie lieben wie ihn.' 'Wahrlich, Sie konnten es', sagte Niess mit unnutz-feiner Miene.

O Gott, zanke nur hier uber nichts, du Hellseherin. Ach mein Gesicht-Larvchen wahrlich mehr eine komische als tragische Maske gibt mir keine Einbildungen, weil ich doch damit keinem Manne gefallen kann als einem halbblinden, der, wie du, nichts verlangt als ein Herz; aber der freilich sollte dieses denn auch ganz haben, mit allen Kammern und Herzehren und Flammchen darin, und mein kleines Leben hinterdrein.

Ich wollt', es gabe gar keine Manner, sondern die gottlichsten Sachen wurden bloss von Weibern geschrieben; warum mussen gerade jene einfaltigen Geschopfe so viel Genie haben, und wir nichts? Ach, wie konnte man einen Rousseau liebhaben, wenn er eine Frau ware!

Gute Nacht, meine Seele! So viel Himmel, als nur hineingeht, komme in dein Herzchen!

Th."

14. Summula

Missgeburten-Adel

Der Wirt, der die Gesellschaft immer hinter Buchern und Schreibfedern sah, vermutete, er konne sie als Ziehbrunnen benutzen und seinen Eimer einsenken; er brachte ein Werk in Folio und eins in Oktav zum Verkaufe getragen. Das kleinere war ein zerlesener Band von Theudobachs Theater. Aber der Doktor sagte, es sei kein Kauf fur das Gewissen seiner Tochter, da das Buch vielleicht aus einer Leihbibliothek unrechtmassig versetzt sei. Auch fragt' er sie, ob sie denn nicht glaube, dass in Maulbronn der Dichter selber sie als seine so warme Anbeterin und Gotzen-Dienerin mit einem schonen Freiexemplare uberraschen werde, das er wieder selber umsonst habe vom Verleger. "Ich komme ihm zuvor," sagte Niess, "ich habe von ihm selber funf Prachtexemplare zum Geschenk und gebe gern eines davon um den Preis hin, den es mich kostet." Theoda hatte Zweifel uber das Annehmen, aber der Vater schlug alle nieder und sagte zum Edelmanne mit narrischen Grimassen: "Herr von Niess, ich mache von so etwas Geniessbaren Niessbrauch so wie von allen kostspieligen Auslagen, die Sie bisher auf der Reise vorschossen, weil Sie vielleicht wissen, dass ich ein schlechter Zahl- und Rechenmeister bin; aber am Ende der Reise, hoff' ich, sollen Sie mich kennen lernen." Niess bat Theoda in sein Zimmer zu folgen, wo er ihr vom Dichter vielleicht noch etwas Lieberes zu geben habe als das Gedruckte.

Er fuhrte sie vor die oben gedachte Fensterscheiben-Inschrift. Als sie die Theudobachische Hand und die schonen Liebeworte erblickte und nun gewiss wusste, dass sie, den Boden und die Nachbarschaft mit ihrem Helden teilend, gleichsam in dessen Atmosphare gekommen, wie die Erde in die der Sonne6: so zitterte das Herz vor Lust, und die Prachtausgabe verlor fast gegen die Fenster-Schrift. Niess sah das feuchte Auge und hielt sich mit Gewalt, um nicht mit dem Bekenntnis seines zweiten Namens ihr ans Herz zu fallen, aber ihre Hand druckte er heftig und malte geruhrt den Theaterstreich am Fenster nicht weiter aus.

Beide gingen halb trunken zum Doktor zuruck. Dieser hatte eben teuer den Folioband vom Wirte erhandelt, namlich Sommerings Abbildungen und Beschreibungen einiger Missgeburten, die sich ehemals auf dem anatomischen Theater zu Kassel befanden. Fol. Mainz 1791. Nicht nur das Paar, auch der Wirt sah, mit welchem Entzucken er die Missgeburten verschlang. Da nun ein Wirt, wie jeder Handelmann, bei jedem Kaufer ungern aufhort zu verkaufen, so sagte der Wirt: "Ich bin vielleicht imstande, einem Liebhaber mit einer der veritabelsten ausgestopften Missgeburten aufzuwarten, die je auf acht Beinen herumgelaufen." "Wie, wo, wenn, was?" rief der Doktor, auf den Gastwirt rennend. "Gleich!" versetzte dieser und entschoss.

"Gott gebe doch," fing Katzenberger an, gegen den Edelmann sich wendend, "dass er etwas wahrhaft Missgebornes bringt. Ich weiss nicht, haben Sie meine de monstris epistola gelesen oder nicht; inzwischen habe ich darin ohne Bedenken die allgemeine Gleichgultigkeit gegen echte Missgeburten gerugt und es frei heraus gesagt, wie man Wesen vernachlassigt, die uns am ersten die organischen Baugesetze eben durch ihre Abweichungen gotischer Bauart lehren konnen. Gerade die Weise, wie die Natur zufallige Durchkreuzungen und Aufgaben (z.B. zweier Leiber mit einem Kopfe) doch organisch aufzulosen weiss, dies belehrt. Sagen Sie mir nicht, dass Missgeburten nicht bestehen, als widernaturlich; jede musste einmal naturlich sein, sonst hatte sie nicht bis zum Leben und Erscheinen bestanden; und wissen wir denn, welche versteckte organische Missteile und Uberteile eben auch Ihrem oder meinem Bestehen zuletzt die Ewigkeit nehmen? Alles Leben, auch nur einer Minute, hat ewige Gesetze hinter sich; und ein Monstrum ist bloss ein Gesetzbuch mehrerer foderativen Staatkorperchen auf einmal; auch die unregelmassigste Gestalt bildete sich nach den regelmassigsten Gesetzen (unregelmassige Regeln sind Unsinn). Eben darum konnte aber aus Missgeburten als den hohern Haruspizien oder passiven Blutzeugen bei geschickter Zergliederung mehr Einsicht gewonnen worden sein als aus allem Alltagvieh, sobald man nur besser diese Sehrohre und Operngucker ins Lebensreich hatte zu richten verstanden, und wenn man uberhaupt, Herr von Niess, so seltene Cicerone und Zeichendeuter, die eben gerade, wie die Wandelsterne, in ihren Verfinsterungen am meisten geistig erleuchten, sorgfaltiger aufgehoben hatte. Wo ist aber mein elendes ausgenommen noch ein ordentliches Missgeburtenkabinett? Welcher Staat hat noch Preise auf Einliefern von monstris gesetzt, geschweige auf Erzeugung derselben, wie doch bei Blumen geschehen? Geht ein Monstrum als ein wahrer Solitar der Wissenschaft unter, so ist man noch gleichgultiger, als ware ein Schock leicht zu zeugender Werkeltagleiber an der Ruhr verschieden. Wer kann denn aber eine Missgeburt, die sich so wenig als ein Genie fortpflanzt denn sie ist selber ein korperliches, eine Einzigperle nicht einmal ein Sonntagkind, sondern ein Schalttagkind , ersetzen, ich bitte jeden? Ich fur meine Person konnte fur dergleichen viel hingeben, ich konnte z.B. mit einer weiblichen Missgeburt, wenn sie sonst durchaus nicht wohlfeiler zu haben ware, in den Stand der Ehe treten; und ich will dirs nicht verstecken, Theoda da die Sache aus reiner Wissenschaftliebe geschah und ich gerade an der Epistel de monstris schrieb , dass ich an deiner sel. Mutter wahrend ihrer guten Hoffnung eben nicht sehr darauf dachte, aufrechte Tanzbaren, Affen oder kleine Schrecken und meine Kabinetts-Pretiosen fern von ihr zu halten, weil sie doch im schlimmsten Falle bloss mit einem monstrosen Ehesegen mein Kabinett um ein Stuck bereichert hatte; aber leider, hatt' ich beinah' gesagt, aber gottlob sie bescherte mir dich als eine Bestatigung der Lavaterschen Bemerkung, dass die Mutter, die sich in der Schwangerschaft vor Zerrgeburten am meisten gefurchtet, gewohnlich die schonsten gebaren. Ein Monstrum.... o, du guter Wirt kommst!"

Letzter kam an mit dem fast grimmig aussehenden Stadtapotheker und dieser mit einem gut ausgestopften, achtbeinigen Doppel-Hasen, den er wie ein Wikkelkind im Arme trug und an die Brust anlegte. Der Doktor sah den Hasen fast mit geifernden Augen an und wollte wie ein Hasengeier auf ihn stossen. "Ich bin" sagte jener und sprang stirn-runzelnd seitwarts "Pharmazeutikus hiesiger Stadt und habe dieses curiosum in Besitz. Besehen darf es werden, aber unmoglich begriffen vor dem Einkauf. Ich will es aber auf alle Seiten drehen, und wie es mir gut dunkt; denn es ist seinesgleichen nicht im Lande oder auf Erden." "Um Verzeihung," sagte der Doktor, "im koniglichen Kabinett zu Chantilly wurde schon ein solcher Doppel-Hase aufbewahrt7, der sogar sich an sich selber, wie an einem Bratenwender, hat umdrehen und auf die vier Relais-Laufe werfen konnen, um auf ihnen frisch weiterzureisen, wahrend die vier ausgespannten in der Luft ausruhten und selber ritten." "Das konnte meiner bei Lebzeiten auch," sagte der Apotheker, "und Ihr anderes einfaltiges Hasenstuck hab' ich gar nicht gesehen und gebe nicht einen Loffel von meinem darum." Jetzo nannte er den Kaufschilling. Bekanntlich wurde unter dem minderjahrigen Ludwig XV. der Greisenkopf auf den alten Louisd'or von Ludwig XIV. bloss durch den Druck eines Rades in den noch lebendigen Kinderkopf umgemunzt; worauf sie Livres statt 16 galten. Fur ein solches GeldKopfstuck, und zwar fur ein vollwichtiges, wollte der Apotheker seinen Hasen mit 4 Loffeln, 2 Kopfen etc. hergeben. Nun hatte der Doktor wirklich ein solches bei sich; nur aber wars um viele Asse zu leicht und ihm gar nicht feil. Er bot halb so viel an Silbergeld dann ebensoviel dann streichelte er den Pharmazeutikus am durren Arme herab, um in seinem Heisshunger nur, wie der blinde Angelo den Torso, so den Pelz der Hasen zu befuhlen, die er wie ein Kalmucke gottlich verehrte. Endlich zeigte er noch seinen langen Hakenstock vor und zog aus dessen Scheide, wie einen giftigen Bienenstachel, einen langen befiederten amerikanischen Giftpfeil vor und sagte, diesen Pfeil, womit der Pharmazeutikus jeden Feind auf der Stelle erlegen konnte, woll' er noch drein schenken. Bisher hatte dieser immer drei Schritte auf- und abgetan, kopfschuttelnd und schweigend; jetzo trug er ohne weiteres seinen Hasenvielfuss zur Ture hinaus und sagte bloss: "Bis morgen fruh steht viel feil ums Goldstuck; aber Mittags katz ab!" "Es ist mein HerzensGevatter", sagte der Wirt, "und ein obstinater Mann, aber dabei blitzwunderlich; ich sage Ihnen aber, Sie kriegen ebensowenig den Hasen einzupacken als den Rathaus-Turm, wofern Sie kein solches Kopfstuck ausbatzen; er hat seinen Kopf daraufgesetzt." "Gibts denn", sagte der Doktor, "einen grossern Spitzbuben? Ich habe freilich eins, aber es ist zu gut, zu vollotig fur ihn doch werd' ich sehen." "So tue", sagte der Wirt, "doch unser Herr Gott sein Bestes und bringe zwei solche Herren zusammen!"

Der Poet Niess hatte aus dem Vorfalle eine ganze Theaterkasse voll Einfalle und Situationen erhoben; und auf der Stelle den Plan zu einer komischen Oper entworfen, worin nichts als Missgeburten handeln und singen sollten.

15. Summula

Hasenkrieg

Der Doktor hatte eine unruhigere Nacht als irgendeiner seiner Heilkunden, weniger weil ein Goldstuck fur das Natur-Kunstwerk zu zahlen war, als weil dasselbe sehr zu leicht war. Endlich fiel ihm gegen Mitternacht der Kunstgriff eines christlichen Kaufmanus bei, der zu leichten Goldstucken nicht judisch durch Beschneidung, sondern vielmehr mit etwas Ohrenschmalz, als Taufe und Olung, das alte Gewicht zuruckgab. Er stand auf und nahm seine Gehorwerkzeuge und gab dem Louis XIV et XV d'or, ohne alle Reims-Flaschchen, so viele Salbung, bis er sein Gewicht hatte. Fruhmorgens schickte er durch den Wirt die Nachricht in die Apotheke: er gehe den Kauf ein und werde bald vor ihr mit seinem Wagen halten. Man antwortete darauf zuruck: "Gestern war' es zwar ebensogut abzumachen gewesen; aber meinetwegen!"

Der Doktor sann sich viele List- und Gewalt-Mittel d.h. Frieden-Unterhandlungen und Krieglisten aus, um die Foderativ-Hasen zu bekommen; und er war, im Falle gute Worte, namlich falsche, nichts verfingen, zum Aussersten, zu Mord und Totschlag entschlossen; weshalb er seinen Arm mit dem giftigen Gemshornstock armierte.

Vor der Apotheke befahl er, aus dem Wagen springend, die Ture offen zu lassen und, sobald er gelaufen kame, fliegend mit ihm abzurennen. Er hatte sich vorgenommen, anfangs dem Fuchse zu gleichen, der so lange sich einem Hasen naher tanzt, bis der Hase selber in den Tanz einfallt, worauf der Fuchs ihn leicht in Totentanze hineinzieht.8 Er stieg dann aus hielt ein zweikopfiges Goldstuck bloss zwischen Mittelfinger und Daumen am Rande, um es mehr zu zeigen, und um nichts vom Folien-Golde wegzureiben und war jedes Wortes gewiss, das er sagen wollte. Er konnte sich aber beim Eintritte nicht viel Vorteil fur seine Anrede oder Benevolenz-Kaptanz von dem Umstande versprechen, dass gerade das Subjekt9 und der Provisor giftigen Bilsensamen in Morser stampften; da nach allen Giftlehrern dieses Giftkraut unter dem Stossen und Kochen den Arbeiter unter der Hand in ein toll-erbostes, bissiges Wesen umsetzt. Indes fing er mit dem Goldstuck in der Hand, wie ein venedischer Sbirre mit einem auf der Mutze sein freundschaftliches Anreden mit Vergnugen an, weil er wusste, dass er stets mit der sanften Hirtenflote den, dem er sie vor tauben Ohren blies, leicht hinter dieselben schlagen konnte.

"Herr Amtbruder," sagt' er "meine de monstris epistola (Sendschreiben uber Missgeburten) kennen Sie wahrscheinlich fruher als irgendein Protomedikus und Obersanitatrat in ganz grossern Stadten; sonst hatten Sie sich vielleicht weniger auf Missgeburten gelegt. Ihr Monstrum, gesteh' ich Ihnen gern denn es ist zu sehr gegen meine Sinnes Art, etwas herabzusetzen, bloss weil ich es erhandeln will , ist, wie Sie selber trefflich sagten, ein curiosum; in der Tat ist Ihr Dioskuren-Hase (Sie verstehen mich leicht) wie ein Doppel-Adler gleichsam eine lebendige Sozietat-Insel, ein zusammengewachsenes Hasen-tete-a-tete. Sie wissen alles, wenn nicht mehr. Sie sehen aus meinem Goldstuck in der Hand, ich gebe alles dafur; war' es nur deshalb, um neben meiner Wissbegierde noch die des Fursten im Maulbronner-Bad, meines intimen dicken Freundes, zu befriedigen; ich weiss zwar nicht, ob Sie bei ihm dabei verlieren, dass Sie den Doppel-Hasen fruher aufgetrieben und besessen als ich; aber ich weiss, dass Sie dabei gewinnen, und dass ich ihm sagen werde, wie Sie sich schreiben, und dass nur Sie mir die Hasen abgelassen."

"Ich will jetzt das Goldstuck wagen", versetzte der Apotheker und gab das Hasenpaar dem Provisor hin, der es mit vorfechtenden Blicken als Schutzheiliger auf- und abtrug. Das Subjekt stiess feurig fort und sott ohne Not in eignen Augenhohlen seine EiweissAugen krebsrot. Der Prinzipal stand im feuernden Krebs als Sonne und zitterte vor Hast, als er die Goldwaage hielt. Die ganze Apotheke war die Sakristei zu einer streitenden Kirche.

Katzenberger aber zeigte sich mild und schien als kalte Sonne im Steinbock.

"Mein Gold", sagt' er, da es etwas in die Hohe ging, "ist wohl uberwichtig; denn Sie halten nicht fest genug, und so fliegts auf und ab."

"Wenn nicht Harn dran ist, ders schwer macht", sagte der Apotheker und berochs; worauf er das Goldstuck versuchweise ein wenig am Oberrockfutter zu scheuern begann. Aber der Doktor fing seine Hand, damit er nicht die auf die Goldmunze aufgetragne Schaumunze wegfeile, und sagte ihm frei heraus: "er halte ihn zwar fur den ehrlichsten Mann in der ganzen Apotheke, aber er konne deshalb doch nicht vergessen, dass in verschiedenen Leipziger und Frankfurter Messen Juden gestanden, welche ein feines Reibeisen im Unterfutter eingenaht getragen, womit sie unter dem Vorwande der Reinigung von den besten Furstend'or Goldstaub abgekratzt und dann mitgenommen."

"Fremder Herr! Mordieu! Ihr Geld" (sagte der Mann) "wird ja immer leichter, je langer ich wage. Ein Ass ums andre fehlt."

"Wir wollen beide nichts daraus machen, Herr Amtbruder," sagte der Doktor und klopfte auf dessen spitze Achsel "sondern als echte Freunde scheiden, zumal da man hinter uns Bilsensamen stampft; Sie kennen dessen Einfluss auf Schlagereien, in denen ohnehin jeder Charakter, wie eine Sommerkrankheit, leicht einen gewissen biliosen oder gallichten Charakter annimmt. Wir beide nicht also!"

"Sacker, zehnmal zu leicht!" (rief der Apotheker, die Goldwaage hoch uber den Kopf haltend) "An keinen Hasen zu denken!"

Aber der Doktor hatte schon daran gedacht; denn er hatte den aufs Gesprach horchenden Provisor mit dem Schnabelstocke, den er als ein Kammrad in dessen Zopf eingreifen lassen, ruckwarts auf den Boden wie in einen Sarg niedergelegt und ihm im Umwerfen die Missgeburt aus der Hand gezogen.

Wie ein Krebs trat er den Ruckzug an, um mit dem Gemshornstock vorwarts in die Apotheke hineinzufechten. Der Landsturm darin organisierte sich bald. Wutig warf sich der Provisor herum und empor und feuerte (er konnte nicht wahlen) mit Krautersackchen, Kirschkernsteinen, die erst zu extrahieren waren, mit alten Ostereiern voll angemalter Vergissmeinnicht dem Doktor auf die Backenknochen. Der Apotheker hatte erstaunt das Goldstuck fallen lassen und sucht' es unten mit Grimm. Das Subjekt stocherte mit dem Stossel bloss auf dem Morserrand und drehte sich selber fast den Kopf ab, um mehr zu sehen.

Unten schrie der gebuckte Apotheker: "Greift den Hasen, greift den Hund!" "Nur auf ein ruhiges Wort, meine Herren!" rief Katzenberger ausparierend. "Das Bilsenkraut erhitzt uns alle, und am Ende musste ich hier gar als Arzt verfahren und dagegen rezeptieren und geben, es sei nun, dass ich dem Patienten, der zu mir kame, entweder das Gemsenhorn meines askulapischen Stabs als einen kuhlenden Blutigel auf die Nasenflugel wurfe, oder diese selber damit aufschlitzte, um ihm Luft zu machen, oder das Horn als einen fluchtigen Gehirnbohrer in seine Kopfnaht einsetzte. Aber den Hasen behalt' ich, Geliebte!"

Nun stieg die Krieglohe gen Himmel. Der Apotheker ging auf ihn mit einer langen Papierschere los, sie, wie ein Hummer die seinigen, aufsperrend; Katzenberger indes hob ihm bloss mit dem Skalpier-Stock leicht eine Vorstecklocke aus; der Provisor schnellte eine der feinsten chirurgischen Splitterscheren ab, die zum Gluck nur in den langen Armel weit hinterfuhr. Katzenberger aber liess auf ihn durch den Druck einer Springfeder sein Gemsenhorn, woran noch die Vorstecklocke des Vorgesetzten hing, abfahren und schoss damit die ganze linke Brustwarze des Provisors zusammen, wiewohl die Welt, da er mit ihr nichts saugte, dabei weniger verlor als er selber. Das Subjekt hielt im Nachtrabe den Stossel in die Lufte aufgehoben und drohte nach Vermogen.

Aber jetzt ersah der Pharmazeutikus den langen amerikanischen Giftpfeil nackt vorstechend und wollte hinter den Subjekts-Hintergrund zuruck. "Um Gottes Willen, Leute," rief der Doktor, "rettet euch springt insgesamt zuruck auf wen ich diesen Giftpfeil zuwerfe, der fallt auf der Stelle tot nieder, eh' er nur meinen Steiss erblickt!"

Da der Mensch stets neue Waffen und Gefahren mehr scheut als die gefahrlichsten bekannten: so ging die ganze pharmazeutische Fechtschule ruckwarts; und der Doktor ohnehin, bis er auf diese Weise mit seinem Hasen und dem zielenden Wurfspiess und seinem Rucken an den Fusstritt seines Wagens gelangte. Darauf fiel zwar die erhitzte Apotheke wieder von ferne aus- der Apotheker begleitete den Siegwagen wie einen romischen mit Schimpfworten der Provisor schleuderte praparierte Glaser voll Kuhltranke dem Hasendiebe nach und zerrte vor Wut, um die Brustwarze und die Splitterschere gebracht zu sein, mit beiden Zeigefingern die beiden Mundwinkel bis an den Backenbart auseinander, um allgemeines Grausen auszubreiten und das Subjekt hieb in der Weite mit der Morserkeule heftig in das Stein-Pflaster und kegelte noch mit den Fussen Steine nach; inzwischen Katzenberger und die Hasen fuhren ab, und er lachte munter zuruck.

So aber, ihr Menschen, schnappen ofters KriegTrubeln passabel ab, und am Friedenfeste sagt der eine: ich bin noch der Alte und wie neugeboren und der zweite: verflucht! wir leben ja ordentlich wieder auf und der dritte: ich hatte mehr wissen sollen, ich hatte mich weniger gefurchtet; denn mein Herz sitzt wohl auf dem rechten Fleck und der vierte; aber die Hasen haben wir doch in diesem Kriege verloren.

Indes hat darin ausser dem Doktor, der nicht durch einen Doppeladler, sondern einen Doppeladler selber gewann, noch eine Person viel erbeutet, welche dem Leser die nachste ist, namlich ich hier. Zweite Auflagen haben den Vorzug, dass man darin Sachen sagen kann, welche durchaus in keiner ersten vorzubringen sind; so konnt' ich in der ersten dieses Werks gar nicht die schone Nachricht mitteilen, dass der beruhmte Zergliederer Johann Friedrich Meckel in Halle der Erbe und Mehrer des Reiches von vaterlichem Ruhm mir im Jahr 1815 seinen de duplicitate monstrosa commentarium nicht nur geschenkt, sondern auch zugeeignet, und zwar in einem schonern Latein, als ich noch erlernen kann. Niemand aber hab' ich diese lateinische Triumphpforte zu verdanken als laut der Zueignung den Grundsatzen und Krieglisten des Dr. Katzenbergers, der jetzo den kenntnisvollen und scharfsinnigen Commentarius selber langst in Handen haben und sich uber Buch und sich und mich erfreuen muss. Und hiemit erhalte Meckel nach dem geschriebnen Dank auch den gedruckten fur sein Foliobandchen uber den organischen Dualis oder die monstrose Doppelheit, die an Korpern ebenso selten als widrig ist, indes die haufigere Doppelheit an Seelen weit angenehmer wirkt und sich auf die Zunge einschrankt durch Doppelzungigkeit, Doppelsinn u.s.w.

16. Summula

Ankunft-Sitzung

Niemand fuhr wohl jemals froher mit Hasen als Katzenberger mit seinen. Es war ihm ein Leichtes und ein Spass, mit seiner Missgeburt im Arm jedes Wort auszudauern, das Niess von erster Jugendliebe, dem Fruhgottesdienst gegen weibliche Gottinnen und von Theudobachs seligmachendem Glauben an diese ihm an die Ohren warf; denn er wusste, was er hatte. Susslich durchtastete er den Hasen-Zwilling und weidete ihn geistig aus. Seinem Kutscher befahl er, jetzt am wenigsten umzuwerfen, weil er sonst die Hasen bezahlen musste und nachher aus dem Dienst gejagt wurde ohne Livrei.

Nun schlug er der Gesellschaft, eigentlich dem Edelmanne, die Frage zur Abstimmung vor, ob man schon die nachste Nacht sehr spat in Maulbronn anlangen wolle oder lieber in Fugnitz verbleiben, der Zackinger Grenzstadt, wenige Stunden von Maulbronn. Theoda bestand auf schnelle Ankunft; sie wollte wenigstens mit dem schlafenden Dichter in demselben gelobten Lande und unter einer Wolke sein. Der Edelmann sagte, er habe den eigennutzigen Wunsch, erst morgen anzukommen, weil ein Wagen enger vereinige als ein Baddorf. Die heimlichern Grunde seines Wunsches waren, am Tage vom Turm herab mit dem Bade-Standchen angeblasen zu werden ferner sich den Genuss des Inkognitos und das Hineinfuhlen in Theodas wachsende Herzspannung zu verlangern und endlich, um mit ihr abends durch das gewachsene Mondlicht spazieren zu waten. Der Doktor schlug sich mit Freuden zu ihm; Niess trug mit dichterischer Grossmut die Frachtkosten fur ihn und kurzte aus dichterischer Weichlichkeit alles Reise-Gezank durch Doppel-Gaben ab, um auch die kleinsten Himmelsturmer von seinem Freuden-Himmel fernzuhalten. "Ohnehin" sagte der Doktor "muss' er in Fugnitz eine neue Scheide fur seinen gefahrlichen Giftpfeil machen lassen; und er reise ja uberhaupt nur nach dem BadNeste, um da einen unreifen Rezensenten, den er nicht eher nenne, bis er ihn injuriert habe, auf jene Weise zu versussen, wie man nach Doktor Darwin unreife Apfel suss mache, namlich durch Zerstampfen; wiewohl er sich beim Manne nur auf Prugel einschranke."

(Fortsetzung im zweiten Bandchen)

Werkchen

I.

Huldigungpredigt vor und unter dem Regierantritt der

Sonne10, gehalten am Neujahr 1800 vom

Fruhprediger dahier

Da unsere Zarin, liebe Mituntertanen und Erdsassen, sich erst um 8 Uhr 15 Minuten 2 Sekunden zu uns erhebt: so kann ich vorher ein vernunftiges Wort mit euch reden.

Nach diesem Exordium schreit' ich zu den Teilen; denn ein langeres oder gar doppeltes ist nicht moglich, da ich genug werde zu tun haben, wenn ich von 7 3/4 bis 8 Uhr den ersten Teil und in der zweiten Viertelstunde den zweiten so durchtreiben will, dass ich bei dem ersten Strahle unserer Regentin vor der Nutzanwendung halte.

Der erste Teil soll diese loben, der zweite euch, liebe Zuhorer, heruntersetzen, indes massig.

I. Viertelstunde und Pars. Wenn das politische und das Schachspiel von 2 Meistern gespielet werden, so bleiben zuletzt die Bauern auf dem Brett. Ich beweise dieses so gern als ein anderer; aber warum ist das 18te Jahrhundert so sehr auf die Fursten erboset, die stets ein wenig besser sind als ihre Hofleute, indes wieder diese nichts schlimmer als Weltleute, die wieder nichts anders sind als eben die Elementargeister und Oberlogenmeister des Jahrhunderts selber? Das einzige, was das Sakulum fur seine Angriffe auf Fursten anfuhren kann, sind die Englander, die im Seegefecht zuerst das Admiralschiff berennen, um die Signale und das Kommando zu verwirren.

Ebenso sind die meisten Kalendermacher gegen die mutschierende Regierung der sieben Kron-Planeten aufgestanden und haben viele Kalender hinten revolutioniert. Naturlich setzten sie auch die heutige Landesmutter11 ab; aber der Huldigung-Prediger dieses lacht uber den Aktus, weil er weiss, dass diese Louise XVIII. doch fortregieren und Anziehkrafte zeigen werde, sie mag im astronomischen Staatkalender stehen oder nicht. Die morgenlandischen Fursten erkennen sie noch an und nennen sich ihre Vettern; ja, ein tartarischer zeigt der Base den Furstenweg, den sie taglich nehmen muss.

Gelehrten ist wohl nichts an einem Regenten wichtiger, als dass er sie beschutzt und pensioniert; und falls ein gekronter Brotdieb des Landes nur ein guter Nutritor der Akademien und Akademisten ist, so weiss jeder Dekan, dass ein Furst ein Mensch ist, und mutzt ihm nicht alles auf. Einmutig wird nun von den Gelehrten hienieden unsere neue Regentin erhoben. In ihrer Jugend privatisierte sie, als Amazone verkleidet, lange in Griechenland; und noch fuhrt sie den Namen Apollo. Viele Lander wurden uber das Geschlecht dieser Ritterin d'Eon irre, wiewohl man aus dem jungfraulichen Gefolge der neun Musen oder filles d'honneur und aus der schonen jugendlichen unbartigen Gestalt dieses Apollo leicht hatte merken konnen, wieviel Uhr es sei. Sie machte ubrigens in Griechenland, wie mehre ihres hohen Standes, nicht die besten Verse (weil in den Orakeln der Stoff uber die Form vorsprang), aber doch die besten Versmacher. Da erfand sie den Lorbeer, um uns etwas, wenn auch nicht in die Arme, doch auf den Kopf zu geben und uns auf diese Weise furstlich zu belohnen. Manchen armen Teufel von Gelehrten halt sie noch ein ganzes halbes Jahr licht- und holzfrei. Dieselben Verse, wofur der neidische Nero den Lukan umbrachte und Alexander den Chorilus, hatte sie beiden in die Feder gesagt; wie ganz anders als jene Regenten fuhrte sich diese Frau auf, oder als der Mischling aus beiden, Ludwig XIV., der seine Ubersetzung des Casars so wie seine Feldzuge durch andere machen liess! Und schickt unsere Zarin nicht eben die Kalender, die ihr nach der Krone streben, ihren Vasallen zu, wie der sinesische den seinigen? Bode in Berlin soll reden!

Als Apollo nahm sie langst den medizinischen Doktorgrad an. Die gallischen und englischen Konige legten sich nur auf die Kur des Stammelns und des Kropfes; aber sie heilt als Magnetiseur fast alles von weitem durch Ansehen und ist in der Pest der einzige Pestilenziarius. Ich konnte noch ruhmen, dass sie die Medizin-Kiste auf dem Erdenschiffe selber fullt, welches wenig Arzte tun.

Ich kenne keine Fursten, die mit ihr, dieser Himmelkonigin, zu vergleichen waren. Die asiatischen und mexikanischen konnen in Gnadensachen der Witterung, um welche das Land bei ihnen nachsucht, nicht eher resolvieren, als bis sie solche selber erst von der Landesherrin ihrer Sonnenlehne erhalten haben.

Sie macht sich alles selber; sowohl die Rosen, welche der Papst den Erden-Vizekonigen weiht und schickt, als ihre Kammermohren farbt sie eigenhandig sie macht sich ihr Prinzessin-Waschwasser ihren glanzenden Sonnenhof die donnernden EhrenSalven und bunte Ehrenpforten abends nach ihren Arbeiten ja sogar die in den Weg gestreuten Blumen, wozu die Landleute noch ihre Koller und Roben unterbreiten.

Es ist mir so gut wie einem bekannt, dass Konig Ninus sagte, er habe nie die Sterne gesehen; aber dasselbe kann unsere Neugekronte von sich ruhmen, ja sie loschet sogar alle die am Himmel (wie ein reisender Konig die an Rocken) aus, auf welche sie stosset.12

Was ihren furstlichen Kabinettfleiss anlangt: so weiss man allgemein von Josua-Kopernikus, dass sie ihre Sitzung nie abbricht, sondern stets die Welt laufen lasset um sich. Karl XII. von Schweden sagte einmal, er wollte seinen Stiefel als Subdelegaten und Vize-Karl XII. senden; mich dunkt, ein Stiefel reprasentiere leichter den Untertan, der ihn ofter anziehen und darin waten muss.

Man schreibt Fursten sehr die Gabe, das Feuer zu besprechen, zu; beim Himmel! sie bespricht das Ofenfeuer auf das Sommerhalbjahr; nur leider das grosste Schadenfeuer, das Kanonenfeuer, schuret sie freilich, wie jene, starker an.

Uber ihre Hofhaltung konnt' ich wenig sagen, gesetzt auch, es schluge jetzo nicht schon 8 Uhr. Man suche auf ihr, wie an andern Hofen, weder ein Paradies noch eine Holle13; was Glanz und Fackeln scheint, schreibe man mit Herschel (wie bei uns) dem Dunstkreis zu, der sie umzieht, und ihre breiten Flekken sind naturliche Stellen ohne diesen. Nach Newton verhalt sich bei ihr die Zentripetalkraft zur Zentrifugalkraft oder das Anziehen zum Weglassen wie bei allen kameralistischen Hofen, namlich 47000 Zu 1. Die Winde streichen auf ihr wie in jedem Staatkorper, namlich nicht waagrecht, sondern hinauf, hinab.

II. Wir haben nun den zweiten Teil der Huldigungpredigt zu betrachten, namlich uns selber, die Reichsund Sonnenkinder. Bekanntlich stehen wir samtlich um das Sterbebette unsers 99jahrigen Redakteurs, des kritisierenden Jahrhunderts. Dieses ist gleichsam die allgemeine deutsche Bibliothek der Zeit und beurteilt, sich ausgenommen, alles. Wir warfen darin alle Fesseln ab und liessen uns gern die Fusse zugleich mit den Ketten abnehmen und gingen ledig davon; gleich romischen Sklaven und Kindern wurden wir offentlich emanzipiert durch Ohrfeigen. Gelinde abfuhrende Mittel sind jetzt unser Essen und Manna; und die politische und kritische Revolution ist ein Erbrechen, das noch fortfahrt, wenn nichts mehr da ist; daher kann es uns am Ende (fatal fur jeden) an den notigsten Dingen gebrechen, die abzufuhren sind. Das wenige, was gegen das Ende des Sakuls geschaffen wurde, ist dem nicht ganz ungleich, was am letzten Schopfungstage, am Freitag, nachgeschaffen wurde, welches das Maul der bileamitischen Eselin war, die Buchstaben, eine Zange, Abrahams Widder, der Regenbogen und der Teufel.14

Zum Gluck beherrscht uns noch einmal unsere Bie

nenkonigin, die Sonne. Sie ist durch ihre Scheidungen auf dem trocknen Wege in mehren Weltteilen bekannt genug. Unter dem angenommenen Namen Apollo rezensierte sie den Pfeifer Marsyas vom Skalp bis zur Ferse mit einem Federmesser. Daher wurden die Wappentiere der Rezensenten, der Wolf, der Habicht, der Rabe, zu apollinarischen. Ja sie setzte die Rezensenten in ihr Wappenschild und fuhrte sie in ihrem Titel fort; wenigstens hort sie sich gern Apollo culiciarius oder Floh-Apollo nennen; ja sie lasst sich als Apollo Smintheus nicht nur betiteln, sondern auch als eine Maus abbilden15 (wie Jupiter muscarius sich als eine Fliege), ein Nagetier, das den eigentlichen Bucherwurm und Bibliotheken-Lumpenhacker vorstellt, wenn es durstig ist.

Ich vermute, im kunftigen Jahrhundert, in dessen erstem Jahre schon der milde Hesperus regiert und trostet, werde der schaffende Brahma auf unsre durren, von Weltteil zu Weltteil brennenden Steppen voll uberstandigem Gras wieder Samenkorner werfen. Wir haben also nur noch ein Sonnenjahr zum Sengen ubrig. Und hier ist nichts zu versaumen. In diesem Jahre muss noch alles gar untersucht werden, sogar das Untersuchen alles rezensiert, sogar die Rezensenten bloss auf filtrierendes Loschpapier muss geschrieben und jede Kornmuhle in eine Fegemuhle umgebauet werden.

Ich glaube, dadurch kommt Enthusiasmus in die Welt; namlich jener allgemeine Enthusiasmus gegen den Enthusiasmus, jene bessere Tollheit, die nicht aus Hitze entsteht, sondern aus Frost.

Das jetzige, so viel Larm machende Jahrhundert schlagt, mit schwarzem Knallsilber gefullt, nur bei dem Beruhren kalter Korper los. Man kann noch die Ahnlichkeit beifugen, dass die, die es entzunden, wie bei anderem Knallsilber, (der Gefahr wegen) Masken vortun.

Ich gestehe, es weht selber am ersten Tage der Sonnenregierung eben nicht die warmste Luft um unsere Kirche; aber gute Kronprinzen fangen strenge an wie Titus, nicht mild wie Nero; es geht daher, zumal da sie so nahe und kalt ist16, alles schneller, die Geschafte, die Menschen und die Erde, sogar die Predigten.

Meine schneid' ich durch die Schnelle der Kalte wie ich an der Kanzeluhr und am Himmel sehe gerade so richtig fur dreissig Minuten zu, als stand' ich in einer englischen Kanzel.

Blickt nach Morgen die Direktrice unsers Welttheaters kann nicht uber drei Wolken weit von uns sein.

Die alte Frau17, die Aurora, streuet ihre gelben Sonnenblumen immer dicker ich sehe schon neugepragte Kronungflittern, goldne und silberne, auf der Erde ausgeworfen horet das Rauschen des Zugs jetzo wird eine Fackel vorausgetragen sie brennt die Wolken an die Furstin soll uber Feuer einziehen. Da steigt sie herauf, die Konigin unsers Tags und unsers Jahrs.

Sei gegrusset, Mutter der Erden und Bluten und Fruchte! Wie blickst du so mild und weich das scheidende Jahrhundert an! O, seine Schlachtfelder sind jetzt nur unter unschuldigen Schnee versteckt. Zieh dem Jahrhundert, diesem wilden Titan18, wie sonst, das Schwert aus der Hand, und gib ihm deinen geheiligten Olzweig ins Grab! Wie, war nicht seine letzte Bahn, wie die einer Konigleiche, mit Trauertuch belegt, und wird es nicht wie diese unter Kanonen eingesenkt? Gib uns Liebe und Friede, Mutter des Lebens und der Warme! Schick uns den weissen sanften Schwan, der dir heilig ist, und baue mit deiner reinen Leier die Menschheit wieder auf, welche Misstone zertrummert haben! Gib uns Liebe und Friede, das bleibe unser letztes Gebet! Ach der Dadalus der Menschheit, die Zeit, schloss uns Statuen die Augen auf, hob unsre Hande empor und band die Fusse los;aber siehe, plotzlich zerschlagen die Statuen wie emporwachsende Drachenzahne einander selber und sturzen, wie jene Rosenkreuzerische Statue, die ewige Lampe um, die sie gehutet haben.

Aber wenn du uber den letzten Tag des Jahrhunderts gezogen bist und uber schonere Saaten unter dem Winter, als jetzo vermodern und wenn der letzten Nacht des Sakulums dein lieblicher verklarter Friedenengel, der Mond, ins erblassende Antlitz schauet: Ach! wirst du dann noch, segnendes Gestirn, unter unsern Fussen auf eine ganz neue Welt voll geraubter, mit Narben und Schweiss bedeckter Menschen scheinen, welche dein heiliges Licht nur qualen kann? O gib Liebe der alten Welt und Freiheit der neuen!

II.

Uber Hebels alemannische Gedichte

(An den Herausgeber der Zeitung fur die elegante

Welt. 1803.)

Eben habe ich zum funften oder sechsten Male eine Sammlung Volklieder von einem Dichter gelesen, welche in der Herderschen stehen konnte, wenn man in einen Blumenstrauss wieder einen binden durfte. Sie betitelt sich: "Alemannische Gedichte. Fur Freunde landlicher Natur und Sitten." Grossere Kunstrichter werden den Titel beurteilen und gegen den Sprachfehler "landlicher Natur und Sitten" (entweder statt Sitte oder Naturen) ins Feld rucken mit Klammern und Fragzeichen; ich als Liebhaber schranke mich bloss auf die Gedichte ein und lobe sie fruher offentlich als irgendein Nachfolger. Ich wunschte, lieber Spazier, es ware in der eleganten Welt, an die ich hier zugleich, wie aus dem Konzeptpapier zu sehen, mit geschrieben haben will, das Schwabische nur halb so einheimisch als das Franzosische. Denn nur die Mundart jenes Landes, das sonst das Mutterland einer unvergleichlichen Dichtkunst war und das jetzt das Vaterland einiger grossen Dichter ist, spricht das zarte spielende Musenkind; und mit der schwabischen Mundart entzoge man ihm seine halbe Kindlichkeit und Anmut. Manchem Dichter waren die wohllauten schwabischen Zusammenziehungen z.B. Sagi'm statt: sage ich ihm zu gonnen und das Ausmustern unserer engen n; das Eintauschen des i gegen das ewige deutsche e19; und die Verwandlung des harten Verkleinerung-chen in das susse-li; und am meisten der Reichtum an Diminutiven, den mit den Schwaben noch Schweizer, Ostreicher und Letten teilen. In allen Sprachen verkleinert die Liebe ihr Geliebtes, gleichsam um es zu verjungen und zum Kinde zu machen, das ja der Amor selber ist. Und das Kleine, gleichsam als das Liebere, verkleinert man wieder, daher man ofter Lammchen, Taubchen, Kindlein, Buchelchen (letzteres ist nach Voss dreimal verkleinert) sagt als Elefantchen, Furstchen, Tyrannchen, Walfischchen. Manche Volker reden die ganze Natur mit diesen Liebewortern an und ziehen sie, wie mit Zauberformeln, sich naher an die Brust; aber in solchen Landern wohnet gern der Dichter. Daher kommen in den altdeutschen Dichtern die zahlreichen Verkleinerworter; daher unsere guten Voreltern, welche statt der Philanthropie und des Kosmopolitismus Bruderliebe und Christenliebe besassen und aus den Rosen der Liebe noch nicht den feinen Rosenessig der Selbsucht zogen, sogar in ihrer Prosa die lebendigen Wesen gern mit Verkleinerwortern nannten, z.B. das Sohnlein und die Kindlein Luthers, bis zum Jesulein und Christkindchen. Was wir etwa noch jetzt verkleinern mochten in Zirkeln, dies suchen wir doch weniger zu vergrossern und zu lieben als fast zu hassen. Noch ist jetzt der falschen Ironie, als einer spottischen Nachaffung der Liebe, das Verkleinerwort gewohnlich. In meiner Vorschule der Asthetik finden Sie Beispiele, und vorher uberall.

Unser alemannische Dichter denn ich sehe nicht ein, warum ich ihn uber ihn vergesse hat fur alles Leben und alles Sein das offne Herz, die offnen Arme der Liebe, und jeder Stern und jede Blume wird ihm ein Mensch. Durch alle seine Gedichte greift dieses schone Zueignen der Natur, deren allegorisierende Personifikation er oft bis zur Kuhnheit der Laune steigert.20 Die Dichtkunst ist nur ein anderes Wort fur hohere weitere Liebe; sie scheidet und erloset die Natur vom dienstbaren Tode und beseelt wie ein Gott, um nur zu lieben, und schmuckt wie eine Mutter, um noch mehr zu lieben. Freilich konnen wir den Bergen, Baumen und Sternen, worein sonst die Griechen Gotter zauberten, jetzo nur Seelen einblasen, und was jene vergotterten, nur beleben.

Ich komme aber sehr aus dem einkleidenden Brieftone heraus, lieber Sp., vielleicht weil ich zu lebhaft an die Zeitung denke, deren Welt ich das Meinige von dem alemannischen Dichter sagen wollte. Ich will also alles ohne weitere Muhe folgender Gestalt herauswerfen: er ist naiv er ist von alter Kunst erhellt und von neuer erwarmt er ist meistens christlich-elegisch zuweilen romantisch-schauerlich21 er ist ohne Phrasen-Triller er ist zu lesen, wenn nicht einmal, doch zehnmal, wie alles Einfache. Mit andern, noch bessern Worten: Das Abendrot einer schonen friedlichen Seele liegt auf allen Hohen, die er vor uns sich hinziehen lasst poetische Blumen ersetzt er durch die Poesie. Das Schweizer Alpenhorn der jugendlichen Sehnsucht und Freude hat er am Munde, indes er mit der andern Hand auf das Abendbluhen der hohen Gletscher zeigt und zu beten anfangt, wenn auf den Bergen die Betglocken schon heruberrufen. Gleich Griechen und einigen Malern umschliesset er seine Gemalde, aus Verachtung der Pointe, zuweilen mit Bildern, die sich in den Rahmen verlieren22, und so ist der Mann. Wahrlich eine liebliche Erscheinung, aber keine ausser der Jahrzeit! Denn auf dem deutschen Musenberg, der eben unter einer stechenden Fruhlingsonne zugleich bluht und dampft, kann jetzt alles auffahren: Gleicher-Blumen und nordisches Gestrippe und Gift und Duft.

Ich hatte gern meine Freude mit einigen Proben gerechtfertigt, wenn Schonheiten, die immer ein Ganzes bilden, so leicht einen Auszug vertrugen als Mangel, die eben darum eines storen. Auch gab' ich am liebsten das langste Gedicht zur Probe, indes der Zeitungraum das kleinste vorzieht; und es bleibe Ihren Ruck- und Einsichten uberlassen, ob Sie eines als Postskript fur den zweiten Druck hier wahlen und geben wollen.

Doch bescheide ich mich gern, dass es immer Gedichte geben kann (worunter vielleicht die alemannischen zu rechnen), welche jedem Leser missfallen, der gar keinen Sinn fur Dichtkunst besitzt.

Einem solchen wurd' ich freilich statt dieser alemannischen Drossel aus dem Schwarzwalde lieber eine da geschnitzte Guck Guck-Uhr oder irgendeinen da gedrechselten Viehstand im kleinen in die Hand zu geben raten. P. P.23

III.

Rat zu urdeutschen Taufnamen24

Ich rucke hier in Briefform in die Zeitung fur die elegante Welt fur Leser, welche sie mithalten worunter Sie gewiss auch gehoren, lieber Spazier , insofern einer davon an mich etwas zu schreiben hat, vorher die Nachricht ein, dass ich von Koburg nach Baireuth gezogen bin. Die Ursachen des Zugs gehoren nicht in Ihre Zeitung, sondern in die Flegeljahre, namlich in den vierten Teil.

Was diesen Brief selber anlangt, so versprach ich Ihnen leider fur solchen in einem fruheren Auszuge und Sentenzen aus meiner Asthetik, welche zu Michaelis erscheint. Aber ich muss um die Erlaubnis bitten, gelogen zu haben. Einem Autor wird es ebenso schwer, mit seinen Gedanken das jeu de bateaux25 zu spielen, als einer Mutter mit ihren Kindern. Gnomen, sagt er, die er in alter Bedeutung als Denkspruche gebe, konnen andern leicht in neuer als Zwerge erscheinen. Zogen Sie aber, lieber Spazier, statt meiner aus: so war' es zehn Mal besser, leichter und vernunftiger.

Lieber hatt' ich fur diesen Brief aus Tiecks echt poetischem Oktavian die Geburt der Rose und die Geburt der Lilie ausziehen mogen zwei Dichtungen, welche ihm die Blumengottin selber wie reife Fruhlingbluten zugeworfen. Auch war' es in der ersten Entzuckung uber sein Buch und in der ersten Entrustung uber Merkels scham- und sinnloses Geschwatz uber dasselbe verzeihlich gewesen, viel Worte uber diesen italienisch-wortreichen Dichter zu machen. Wenn er indes, wie die Feuerwerker, seine poetischen Feuerwerke zu gern auf dem Wasser gibt und die Widerscheine zu sehr sucht: so ist wenigstens dieses leichte Nachglanzen eines wahren Feuers poetischer und lieblicher als das schwere Feuerwerkgeruste von Statuen und Gebauden, das uns manche beruhmte Dichter fur das Feuerwerk selber verkaufen. War' ich die elegante Welt, Spazier, so wurd' ich ein frommes poetisches Kind; dann konnte Tieck, der eines ist, leichter mit mir spielen.

Auch diesen Auszug aus Oktavian wird ein anderer besser geben als ich. Wichtiger als jeder aus Gedichten und Asthetiken schien mir fur die elegante Welt einer aus Wiarda, der uber deutsche Namen geschrieben. Wir leben jetzo, wenn nicht in, doch vor einer bosen Zeit, und wer die Ohren nahe an die deutsche Erde legen will, kann leicht darunter die Mineurs arbeiten und hohlen und mit Pulvertonnen und Leitfeuern gehen horen. Sollte nun einmal Deutschland zum ersten Male erobert werden, wiewohl nicht wie Amerika aus Mangel an zahmen Tieren, sondern aus Uberfluss daran: so war' es ja um die deutschen Namen geschehen, wenn vorher niemand einen mehr fuhrte. Leider bitten wir gegenwartig lieber alle Propheten, Apostel, Heilige und Volker zu Gevattern als einen alten Deutschen. Wer am Hofe einen deutschen Taufnamen hat, sucht ihn wenigstens franzosisch auszuschreiben und zu unterschreiben ausgenommen Friedrich der Einzige, der sich sogar an Voltaire Frederic unterschrieb, welches (wie Godaric, Ardoric etc.) nur deutsch ist; denn ric heisst reich und Fried Schirm. Wenn man wenige Tiere ausnimmt, welche sich Hans nennen, wie Rehe, Pferde, Schwanen: so gibts nicht viele deutsche Menschen und Mobeln, die nicht ein Franzose, sobald er sie entdeckt, wie ein Seefahrer die Inseln behandelte; er benennt, besetzt und besitzt sie. Schon bei den Weinhandlern bedeutet Taufen und Heiraten des Weins dieselbe Verdunnung.

Ein zweiter Grund fur urdeutsche Namen ist ihr Wohlklang. Der Auslander verstummelt nicht schone Namen am meisten, sondern schlechte. Nur bei unsern Kunstwerken kehrt ers um. Hatte z.B. Montesquieu einen klingendern Namen gehabt: so war' er nicht in Rom angemeldet worden im ersten Zimmer als Montdieu im zweiten als Montieu im dritten als Mordieu bis er endlich im letzten als Herr von Forbii eintrat. Chamfort erzahlt, dass der Wustling Richelieu nie imstande gewesen, den Namen eines Burgerlichen auszusprechen, ohne ihn zu verstummeln. Da wir Deutsche gegen die Franzosen denn diesen mussen wir uns taglich mehr zu- und entgegenbilden, damit sie kunftig mit uns besser vorlieb nehmen als geborne Burgerliche erscheinen: so werden sie einst neben der geoffneten Mine jeden Namen, wenn er nicht halbitalienisch, wie etwa Bonaparte, tont, entweder erbarmlich verrenken oder uns gar als neuen Mitgliedern ihrer grossen Akademie der Arkadier neue arkadische Namen geben, z.B. Pepe, Huleu, Bexou, Baif, Ouffle, Grez.

Der Eindruck eines wohllautenden Namen, so wie eines misstonigen, wird oft kaum von jahrelanger Gegenwirkung uberwunden; und er wird gar verdoppelt, wenn der Mensch so handelt, wie er heisst; so sehr ist unser Schicksal, wie nach Bonnet der Baum, ebensowohl in die Luft als in die Erde gepflanzt. War' ich z.B. Rapinat gewesen, so hatt' ich mich in der Schweiz Fenelon oder Jean Jaques oder Tell getauft, um wie die Muhle schon zu klingeln nach dem Zermahlen.

Ich schlage daher noch, da es fur Deutsche Zeit ist, aus Wiarda und Fischart zur Probe einige urdeutsche kostliche Namen vor; erstlich weibliche: Amala (von amal, unbefleckt), Amaloberga- Theoda (von theod, vornehm), Theodelinda, Theudegotha, Theuberga Liuba (von lieb) Witta (die Weise) Hilda (Heldin) Torilda (von toro, kuhn) Fastrada (von fest) Egwia (die Treue) Diotwina (Siegerin) Liota (von lud, beruhmt)- Liebwarta Adelinda Aethelwina Gisa (die Machtige) Folka (die Vollkommene) Oda (von od, glucklich).

Der schonen mannlichen Namen sind weit mehrere: Totilar (von theod) Theudobach (von theut, Volk) Theodulph (ulf, Helfer) Likolf Adalmar (der grosse Edle) Ewold (der Machtige) Walland Torwald Fastulf Toro, Torald, Thorismund, Thurstan- Hariobaud Osmund (von mund, Mann und Beschutzer) Gummunder, Hildemund Britomar, Wisimar, Marobod, Theodemir (von mar, beruhmt und mehrend) Eoric, Ardaric (von hear, geehrt) Ollo, Almot, Ollorico (von al, gross)- Odo, Athulf, Eodric (von od, glucklich) Adelfried, Adalland (von ethel) Clodic (von lud) Degenwerd Manrich etc. etc.

Das Herz erhebt sich froh vor unsern edeln Urvatern und Urmuttern, deren blosse Namen so grosssinnig zu uns sprechen; und das Ohr findet sich von spanischen und italienischen Ahnlichkeiten geschmeichelt. Gerade fur die zwei grossten Weltteile der eleganten Welt sind urdeutsche Namen Geschenke. Erstlich fur die Weiber. Ein schoner Taufname (z.B. Amala, oder unbefleckt) ist die einzige Schonheit, die ihnen Manner und Jahre nicht rauben. Zweitens fur Fursten. Bekanntlich haben sie keine andern als Taufnamen, aber deren viele (Kaiser Joseph hiess noch: Benedikt August Johann Anton Michael Adam), und sie regieren mit einem davon (wie man aus dem Unterschreiben sieht) die Lander. Ein wohllautender Taufname aber, z.B. Theodulph (Volks- oder erhabener Helfer), konnte gewiss uber der Unterschrift des Ministers, dessen angeborner Name, z.B. Kretschmann, selten so lieblich klingen kann als ein gewahlter, die schonsten Kontraste machen.

Auch Vatern uberhaupt sollten Taufnamen mehr am Herzen liegen, da sie bei diesen das Verdienst, sie gegeben zu haben, herrlicher ausser Zweifel setzen konnen als bei irgendeinem vornehmen GeschlechtNamen, den sie den Kindern geben.

Ob ich gleich hier der Welt unbezahlbare Namen, wozu sie wie zu Tugenden nichts zu erfinden braucht als die Trager, mit einer gewissen Verschwendung anbiete da ich in meinen kunftigen Biographien Helden und Heldinnen genug habe, welche ohne die kostlichsten Namen gar nicht existieren konnen : so bin ich doch, oder eben darum, nicht im geringsten gesonnen, auch nur einen davon an die zeitigen Romanschreiber abzustehen, sondern ich erklare hiermit offentlich jeden fur einen Namendieb, der irgendeinen in diesem Briefe oder auch im Wiarda fur seine erbarmlichen Helden abborgt und ihn dadurch naturlich so abnutzt, dass ihn nachher die meinigen so wenig tragen wollen als einen durchschossenen Trodel-Mantel. Gedachter Schreibtross besitzt ja Italien; in diesen Namen-Bruch und Schacht fahr' er ein.

Ich habe kaum den Mut zu sagen: leben Sie wohl, lieber Sp., so wenig brieflich ist dieser Brief geschrieben.

Jean Paul.

Nachschrift. Was ein blosser Name vermag, sieht man an meinem; sonst konnt' ich ihn leicht verdeutschen, um mir nicht zu widersprechen.

IIII.

Dr. Fenks Leichenrede auf den hochstseligen Magen

des Fursten von Scheerau

Dr. Fenk hielt die Predigt im Kloster Hopf an die Patres, da sie assen. Schon vor 8 Jahren hab' ich jedermann in der unsichtbaren Loge26 berichtet, dass er vorher in der Klosterkirche die Disposition dazu entworfen, wahrend dass man den Magen beisetzte. Seitdem las ich in Mosers Archiv, dass aus Leichenpredigten fur Fursten vieles von ihrer Geschichte zu schopfen sei; ich verteile daher mit Freuden einige Exemplare vom Sermone an die Welt, zumal da man mich fest versichert, dass selber der Konsistorial-Direktor Frommann, der (nach Moser) siebentausend furstliche Leichenpredigten aufgespeichert, die Dr. Fenkische noch nicht hat erwischen konnen.

Die Patres im Kloster Hopf verdienen hier meinen offentlichen Dank und Preis, dass sie den Spass, der den ernsten Mann oft mitten in der Trauerrede auf den hohen Magen uberfiel, ganz gut verstanden und vergeben haben. Dieses vermag die katholische Kirche leichter als unsere. Gerade in die andachtigsten Zeiten fielen die Narren- und Eselfeste, die Mysterienspiele und die Spasspredigten am ersten Ostertage, bloss weil damals das Ehrwurdige noch seinen weitesten Abstand von diesen Travestierungen behauptete, wie der Xenophontische Sokrates vom Aristophanischen. Spaterhin vertragt die Zweideutigkeit des Ernstes nicht mehr die Annaherung des Scherzes, so wie nur Verwandte und Freunde, aber nicht Feinde einander vor den komischen Hohlspiegel fuhren durfen.

Dr. Fenk machte schon vor dem Essen die Patres dadurch aufmerksam, dass er anmerkte, er wurde nie, wenn er auf dem Throne sasse und davon tot heruntersanke, sich in so grossen breiten Bruchstucken begraben lassen wie die ostreichischen Erzherzoge, namlich nie, wie diese, bloss Herz und Zunge in die Lorettokapelle bei der Hofkirche zu den Augustinern, Eingeweide und Augen in die heilige Stephanskirche und den Torso in die Gruft bei den Kapuzinern; sondern jeder Stummel, schwur er, und jede Subsubdivision seines Gemachs musste, wie vom Osiris, in ihren eigenen Gottesacker einlaufen. Denn fragt' er die Vaterwarum soll ein Regent nicht nach dem Tode ebensogut uberall in seinem Lande sein wie vorher, und zwar durch Reprasentanten, wozu seine Glieder so gut wie Staatglieder passen? Und wenn das gelte, fuhr er fort, so konn' er ja recht gut das geheime Kabinett zur Begrabniskapelle fur seine Schreibfinger erlesen, die Antichambre fur Milz und Leber, den Audienzund Landtagsaal fur die Ohren, die Kammer fur die Hande, den Regensburger Re- und Korrelationsaal als Familiengruft fur die Zunge;- ja er konne die Kaiserstrassen oder Konigwege zur geweiheten Erde seiner ersten Wege ausheben und den fernen Fuhrstrassen die letzten geben, und die Landstande konnen sich (die Residenz besitze sein Herz) in seine einsaugenden Gefasse teilen. "Mich dunkt" sagt' er etwas stolz, da er auf einmal die ganze schone Idee uberschauete , "gegen ein solches topographisches Universalbegrabnis kommt wohl wenig das elende kleine Partialbegrabnis auf, wozu es einer und der andere gekronte Stammhalter dadurch treibt, dass er noch bei Lebzeiten aus eignen Grunden nach dem Chirurgus schickt."

Die Esskongregation fand den Doktor so oratorisch, dass sie ihn bat, statt des Novizen, der eine Predigt uber die Speisetafel hinlesen wollte, selber eine eigne zu halten. Er zog eine Schreibtafel heraus und sagte, diese setz' ihn instand, dem eingesargten Magen eine kleine ruhrende Tisch- und Trauerrede zu halten; er bitte sich bloss vom Horsaale die Gefalligkeit aus weil er im Redefeuer etwas vor sich sehen musse zum Ansehen und Anreden , dass er einen im Zimmer liegenden, zum Knaul eingerollten Retter und Schirmer (oder wars ein anderer Jagdhund) fur den Leichenmagen halte und sich samtlich fur das Trauerkondukt des Schirmers. Dann trat er nach dem ersten Tischgebet ganz bewegt als Parentator vor das Tier, besah es lange und hob an:

Betrubte Trauerversammlung!

Nun haben wir unsern Landes-Magen verloren, hier liegt sein kalter Rest auf die Bahre hingestreckt. Er, der sonst fur uns arbeitete und sorgte, wenn wir schliefen, ruht endlich aus von seiner Bewegung, welche so peristaltisch war. Wir wollen uber das Staatsglied, das wir hier zur Ruhe bestatten, zugleich die allgemeinsten und besondersten Betrachtungen durcheinander werfen.

Ein Furst reprasentiert das Volk, aber nicht bloss mit dem Herzen den allgemeinen Willen, sondern auch in mehren Landern mit dem Magen den allgemeinen Appetit; in Spanien setzen die Reichsgesetze dem Konige taglich eine Schussel-Zenturie vor; und in Frankreich liessen sie fur ihn nach dem Tode denn der Konig stirbt da nie, nach der Fiktion gerade so viele Tage lang kochen, als Christus hungerte, namlich 4027; ja die Bienen weisen auf etwas Ahnliches: ihre Dogaressa oder Furstin wird durch zwei Umstande gross und thronfahig, durch eine grossere Zelle- ein Bienen-Louvre und Eskurial und durch fettern Frass, aus zerdruckten Bienenjungen bereitet. Im letzten halt sich der Konig von Makoko ganz wortlich an die Natur: er lasst sich taglich (nach Dapper) 200 gesottene und gekochte Landskinder servieren. Wie hart! Ware es nicht genug und etwas Ahnliches, wenn er entweder wie ein durchpassierender aufschmausender Pascha Zahngeld fur das Abnutzen seiner Hundzahne eintriebe, oder fur die Vakanz derselben ausserordentliche Steuern einfoderte?

Daher wird sogleich nach der Kronung der Thron als ein Sessel an den Esstisch geruckt, und Speisen ist der erste offentliche Aktus des Neugekronten; daher muss der Erbherr auf Bardolf, der die Grutze auf die britische Konigstafel tragt, der Herr von Lyston, der das Geback aufsetzt, der Erbherr auf Scoulton, welcher Oberspeckverwalter ist, samt andern Erblandkuchenmeistern und Erblandvorschneidern, fruher ihren Posten vorstehen als andere Staatbedienten von weniger Wichtigkeit, z.B. der Lord-Mayor oder der Sprecher des Unterhauses.

Darum wird in bessern Landern darauf gesehen, dass der Mundkoch nicht mit dem Regierungrate, den man so gern uber jenen heben mochte28, in eine Klasse geworfen werde, da jener doch am Ende fur die langere Sessiontafel arbeitet. Daher speiste der verewigte Magen, den wir hier versenken, so oft offentlich vor seinem ganzen Furstentume, um diesem das Regieren zu zeigen, wie der Gross-Sultan eben deswegen jeden Freitag in die Kirche geht. Der Dalai Lama halt es fur hinlanglich, wenn er die Folgen von der Sache sehen lasst. Der Negerkonig ist so despotisch, dass er stets hinter der Decke isst.

Das Gesandtenpersonale glaubt seinem reprasentierenden Charakter durch Gastmahle genugzutun, die es teils gibt, teils besucht. Auch geringern Staatdienern darf er nicht ganz fehlen. Es verdient bewundert zu werden, wie ich sonst in der Fleischscharre eines Marktfleckens stand und mehrmal aus einem Rind, das eben ausgehauen wurde, den Adresskalender der Honoratioren so komplett herstellte wie die Passionhistorie aus einem Hechtkopf; ich teilte die Manner bloss, wie Frisch die Vogel, nach dem Futter ein. Dem regierenden Konsul, der am meisten zu sagen hatte, starb vom Tier die Zunge an fette Kollegen erhielten Fettstucke innere Ratglieder hintere Rindgliederaussere nur vordere der magern Canaille, die nichts an sich hat als Haut und Knochen und leeres Gedarm, kam von dem Maststucke auch nichts anders zu, als was sie schon in sich selber herumfuhrte. Von den Opferschalen, welche die Kunstler den alten romischen Kaisern, wie dem dorischen Fries, anbilden und anmalen, behauptete ich stets, dass sie nicht das Ausgiessen, sondern das Einschopfen vorstellten. In der Natur fliesst zwar von den Bergen den Talern fette Erde zu, aber im Staate masten besser die Tiefen die Hohen. So ist der papstliche Thron zwar ein Hungerturm, aber nicht fur den Bischof Hatto droben, sondern fur die zappelnden Kirchenmause unten, die nicht hinauf konnen.

Betrubtes Trauer- und Essgelag! Du seufzest unter dem Genuss des Leichenmahls, womit du das Abscheiden unsers Magen feierst, und die Bissen treiben dir Tranen aus. Wische sie ab, setze deine Trauer darein, dass du in den Fussstapfen des hingegangenen Gliedes wandelst. Ihr wisset, Leidtrager, dass ihr im Kirchenschiff, eurem Proviantschiff, nicht umsonst fahret, sondern dass euer Leben ein langes Nachtischgebet sein soll, hingebracht nicht in gelehrter Zerstreuung, sondern in genossener. Da der KlerusMagen in den Kloster-Prytaneen der erweichende Vogelkropf am Staat-Phonix sein soll; da die Kirche euch bloss darum, wie Epikur und andere Alte, so oft fasten lasst, um den Hunger zu reizen, und sie euch sogar das Gelubde des Schweigens unter dem Essen auflegt, damit euch alles besser zuschlage: so seid ihr verbunden, der grossen Welt voranzugehen, die so schwache Esslust und doch so viel zu essen hat; weil sie das Brokardikon Marcians nicht bloss auf Dokumente einschrankt: non solent, quae abundant, vitiare scripturas, d.h. es tut nichts, was zuviel dasteht. Ritter Michaelis bewies, dass die Priester des alten Bundes blosse Schlachter waren; und dies spreche fur euch.

Muntern euch keine Staatglieder auf, die in ihren Pflichten starben? Hier liegt ein betrubtes, aber grosses Beispiel vor uns; der hier unten seinem Erwachen entgegenschlafende Magen kam durch Arbeitsamkeit an den Ort, wo wir ihn betrauern. Er wollte zuviel auf sich nehmen und in Saft und Blut verwandeln er wollte, gleich dem Wasser der Neptunisten, ganze ausgeleerte Austernbanke fur die Nachwelt absetzen er wollte eine europaische Niederlassung wichtiger Konsumtibilien werden und alles einfuhren in sich; jetzt schlaft er.

Wird er aber wieder erwachen, unser hoher Magen, zum Lohne seiner Arbeiten?

Hoch-, Hochwohl-, Wohl-, Hochedelgeborne Trauerversammlung! Das ist ausgemacht! Nicht zwar der irdische schwere Magen ersteht, aber der verklarte. Bonnet und Platner kundschafteten im jetzigen Korper und Seelenorgan einen zweiten Korper aus mit seinem zweiten Seelenorgan und fuhrten Grunde an, die es glauben lassen, dass sich das zweite konserviere und letztlich aufschwinge. Ist das, und futtert in der Tat ein feiner Unterziehmensch den aussern groben aus: so muss sich auch in dem ersten Magen ein praformierter atherischer aufhalten, wie beim Krebs der alte im neuen. Schon Van Helmont wickelt die sensitive Seele in die Magenhaut, und Parmenides gar den ganzen Geist. Wie, sollte keine gluckliche Erfahrung die Hypothese eines Athermagens stutzen? Woher kommt es denn, dass die vornehme Welt, wenn sie den Erdenmagen ausgefullt hat, sich doch immer nach feinerer Zehrung fur den Himmelmagen umsieht? Himmel! was sind denn Schaugerichte? Sind diese nicht eben die vollen Schusseln fur den ewigen Magen, der sie daher bloss mit den feinsten Fressspitzen, mit den Sehnerven aufzehrt? Das Phanomen der Schaugerichte wurde bisher noch schlecht erklart; und wenige Leute in Schulen wussten, warum sie den Namen Schau-Essen Materien und Formen lassen sollten, die hochstens nur fur den Vogel Strauss brauchbar und nahrhaft waren. Allein es bringt Licht in die Sachen, wenn man erkennt, dass eine speisende Hoftafel ja nicht bloss die untern Seelenkrafte des Unterleibs, die nur materiellere Trebern fodern, sondern auch die obern Seelen- und Magenkrafte, die, wie bei den Krebsen, im Kopfe, und zwar im Auge sitzen, entwickeln will an optischem Manna. Veredelte, ubersinnliche Seelen dieser Art, welche, dem Volke des Ktesias so ungleich, das sich nur vom Geruch der Fruchte erhalt, viel feiner von der Physiognomie derselben leben, diese haben in ihrem eignen Bewusstsein den gewissern hohern Beweis einer schonern hohern Natur, gleichsam des Magens eines neuen Adams; und bloss darauf konnen sie die Hoffnung ihrer Fortdauer bauen. Die Volker, welche dem Toten Speise vorsetzten und mitgaben, die er mit dem gestorbenen Magen nicht verdauen konnte, scheinen etwas von einem fortlebenden vorausgesetzt zu haben. Indes, so wie ein Lasterhafter im ganzen Himmel kein Vergnugen fande, so wurde ein Hungerleider voll grober Begierden in einer ganzen Garkuche voll Schaugerichte keine Sattigung gewinnen; er muss erst veredelt (oder gesattigt) sein. Gebildete Damen haben meist den irdischen Magen dermassen ertotet, dass sie so wie Christus, nach dem Clemens von Alexandrien, Essen genoss, nicht weil ers brauchte (eine himmlische Kraft macht' ihn satt), sondern um sich nicht das Ansehn eines Scheinkorpers zu geben dass, sag' ich, die Damen gleicher Weise grobe Sachen essen, nicht um satt zu werden (Schaugerichte bekostigen sie genug), sondern um zu zeigen, dass sie selber keine Schau- oder Schein-Korper sind, um so mehr, da ihre Pariser Scheu- oder Schein-Wangen, Schein-Adern und Haare so leicht diesen Irrtum weitersaen.

Und so wird denn der selige Magen vor uns einst die irdischen Schlacken abschutteln und gelautert erwachen und im Anschauen ewiger Kuchenstucke leben. So weit war Dr. Fenk, als der Pater Kuchenmeister aus Bosheit den Schirmer mit einem Tritt auf den Schwanz erweckte und ihm ein leeres Markbein zuwarf, so dass der Hund anfing, mit dem Bein im Maul herumzugehen. Inzwischen da der Leichenredner nur noch funf bis sechs Kadenzperioden nachzutragen hatte, so ging er lieber fortfahrend hinter dem Tiere nach und sagte: "Und wir, wenn wir Landes-Waisen einst unserm hohen Magen wieder begegnen und ihm danken wollen fur" Da aber der Hund, voll Verdruss uber das Nachsetzen, vielleicht prasumierend, der Redner woll' ihm den Knochen nehmen, zu murren anfing und sich wehren wollte: so fiel die Sache ins Lacherliche, und selber der Parentator musste mitten im Jammer lachen und brach ab.....

V.

Uber den Tod nach dem Tode; oder der Geburttag

Das Schloss des Junglings, dessen Taufname Ernst uns genugen mag, ruhte einem grossen englischen Garten im Schoss, und der Garten wieder einer stolzen Ebene voll Berghaupter. Darin sollte sein Geburttag von seiner Mutter, von mir und wenn sie noch morgens kame von seiner Verlobten schon gefeiert werden; auch niemand hatte etwas darwider, ausgenommen der Festheilige selber. Ich nenn' ihn so, weil er oft sagte: er wunschte um keinen Preis irgendein Schutzheiliger oder gar die Maria zu sein, wenn er an seinem Namenstage das widrige Preisen und Posaunen der Menschen im Himmel horen musste; wiewohl es mit dem Allerheiligsten oder richtiger mit dem Alleinheiligen noch schlimmer stehe. Ordentlich mit der Harte des Egoismus gegen Feindseligkeiten konnt' er Freundseligkeiten anfallen und berennen; ein Geburttag, sagt' er, wenn es nicht ein fremder ware, sei vollends dumm. Lasset den Jungling! Eine rechte Jungfrau ist euch eine Heilige, warum nicht der rechte Jungling ein Heiliger? Beide sind unschuldige hohere Kinder, denen nur nach der Laubknospe auch die Blutenknospe zerspringt. Ein Jungling ist ein LebensTrunkener, und darum gluht er wie einer, der sich durch physische Trunkenheit die jugendliche zuruckholt vom Wangen- und vom Herzensfeuer des Mutes und der weichsten Liebe zugleich. Die menschliche Natur muss tiefgegrundete Gute haben, da sie gerade in den beiden Zustanden des Rausches, die sie verdoppeln und vor den Vergrosserspiegel bringen, statt vergrosserter Mangel nichts enthullt als das Schonste und Beste gereift, namlich Blume und Frucht, Liebe und Mut.

Der schon-widerspenstige Jungling, der, wie meistens Junglinge, nichts von seinem morgendlichen Wiegenfeste wusste, sollte am Morgen von der Ankunft seiner Verlobten und seines Festes zugleich uberrascht werden mit einer neuen hellen Welt; wir sprachen zusammen tief in die Nacht, aber Gesprache an dem Vigilien- und heiligen Abende einer geschlossnen Lebensfrist werden leicht ernst. Unversehends hatten wir uns wieder in den Staub unsers alten Kampfplatzes verlaufen; er behauptete: man werde in der zweiten Welt wieder sterben und in der dritten u.s.w. Ich versetzte, man musste gar nicht sagen zweite, sondern andere Welt; nach dem Zerbrockeln unseres korperlichen Rindenhauses sei ja die sinnliche Laufbahn abgeschlossen, die Erwartung einer neuen sinnlichen, gleichsam ihrer Wiederholung in einer hohern Oktave, werde bloss von der Phantasie untergeschoben, die ihre Welten nur mit den Armen der funf Sinne baue und halte und wir dachten wie die sinesischen Tataren, die ihre Toten mit goldpapierenen Hausern und Geratschaften, im Vertrauen auf deren Verwirklichung droben, aussteuern, und besonders sei die Seelenwanderung ausserhalb der Erde durch die Leiber auf andern Sternen ganz unstatthaft, schon nach Seite 106 im Kampanertal.

Ernst warf mir den ganzen rein-blauen Sternenhimmel vor uns ein, dessen Welten ja ein solcher jungster Tag unseres Todes alle so einschmelze, dass aus dessen ganzer versperrter Unendlichkeit uns bloss das einzige Erd-Sternchen ware offen geblieben. Ich antwortete: dies folge zwar nicht da wir nicht alle Wege der Erkenntnis neben unsern funfen kennen, und da wir Blindgeborne die Sonne durch den Tod der Gefuhlnerven verlieren, und doch durch das Erwecken der Sehnerven wieder bekommen konnen ; aber gesetzt, so sei es, so waren wir dann nur ebenso von den Welten wie jetzo von den zahllosen Jahrtausenden vor uns geschieden. Hingen die Sterne naher und als Erdmassen vor uns, oder sahen wir ausser denen droben zugleich die drunten: so ware man schwerlich auf die Hoffnung dieser himmlischen Volkerwanderungen verfallen und hatte unserer heiligsten Sehnsucht nicht die Richtung nach einer bloss metaphorischen Hohe gegeben Der celtische Himmel aus Wolken und der jetzige aus Welten waren uns nur in der Grosse verschieden, ja der griechische sei besser, der die schattige traumerische Unterwelt einnehme.

Ernst versetzte mystisch, es gabe ein absolutes Oben, welches im Siege uber die Schwerkraft, in der Freiheit bestehe, und das die Flammen und die Wurzelkeime auf dem Avers und Revers unserer Kugel suchen. Gegen meinen Unglauben an eine zweite Verkorperung und Menschwerdung fragt' er: ob das Erkennen und das sittliche Handeln ohne irgendeine moglich sei "Bei endlichen Wesen meinen Sie ohnehin," setzt' ich darzu; "denn vom unendlichen ists gewiss"- und wenn das kunftig sein konnte, warum man denn uberhaupt die erste hiesige umbekommen? Aber das vollige Ausscheiden aus unserer Korperwelt sei undenkbar, insofern der Tod es vollfuhren solle, der sie ja, wie der Schlaf und die Ohnmacht, nicht dadurch fur den Geist aufhebe, dass er sie verandere; und wenn einmal das Gehirn eine Tastatur des Geistes war, so behalte er doch nach dessen Zersetzung noch die Korper ubrig, wodurch und worin dasselbe zersetzt geworden; zumal da keine Kraft im Universum zu verlieren sei. "Das Universum ist der Korper unsers Korpers," fuhr er fort, "aber kann nicht unser Korper wieder die Hulle einer Hulle sein und so fort? Fur die Phantasie wird es fasslicher, wenn man ihr es auszumalen gibt, dass, da jede mikroskopische Vergrosserung eine wahre, nur aber zu kleine ist29, unser Leib ein wandelnder organischer Kolossus und Weltbau ist; ein Weltgebaude voll rinnender Blutkugeln, voll elektrischer, magnetischer und galvanischer Strome, ein Universum, dessen Universalgeist und Gott das Ich ist. Aber wie die Schmetterlingpsyche eine Haut nach der andern absprengt, die Ei-Haut, die vielen Raupen-Haute, die Puppenhaut, und endlich doch mit dem schon bemalten Papillonkorper vorbricht: so kann ja unsere Psyche den muskulosen, dann den nervosen Uberzug durchreissen und doch mit atherischem glanzenden Gefieder steigen. Schon hier bereiten ihr oft Bergluft, Getranke, Krankheit ein dunneres Element, worin sie leichter und mit den aufgehobenen Flugeln halb ausser der Welle flatternd schwimmt; wie muss sie nicht erst im hohen Ather, im leichten weissen Brautkleide des zweiten Lebens, fliegen und eilen?"

Aus der Wirklichkeit war freilich gegen diese Moglichkeit, den goldnen Widerschein derselben, nichts zu schliessen. Dabei hatte der feurige Jungling nach Landesart der Schwarmer Einwurfe verschiedener Gattung wie auslandische Truppen in eine Linie gestellt. Ich macht' es nachher nicht besser, als ich triplizierte. Aber er liess mich noch nicht dazu kommen; sondern trug erst diese Moglichkeit gar nach: "Wir kennen nur die aussersten Uberzieh-Kleider der Seele, aber nicht ihr letztes und nachstes, ihr Hemde. Unter allen Erscheinungen von Verstorbenen sind z.B. die von eben Verstorbenen oder von Sterbenden am schwersten rein abzuleugnen; die unzahligen Toten der Jahrtausende verhullen sich uns, aber der Tote der Stunde tragt gleichsam noch Erdenstaub genug an sich, um damit noch einmal im Sonnenstrahl des Lebens vor einem geliebten Auge zu spielen."

Ich wollte beinahe entgegensetzen, warum uns keine verstorbne Tierseelen erschienen, und dass die Erscheinung bloss verwandter Sterbenden und Gestorbenen ja deutlich ihre Ursache und Erklarung, namlich die Tauschung der Liebe und Furcht ansage, aber ich unterliess den Zweifel; uber Geistererscheinungen wurde ohnehin bisher noch nicht mit rechter Religion und Freiheit zugleich geurteilt, und am wenigsten konnen gegen sie, so wie gegen den tierischen Magnetismus, negative Erfahrungen entscheiden, die eben darum gar keine sind. Mich besticht jeder Gebildete, der Geistererscheinungen glaubt, weil er mich an die religiosere deutsche Zeit erinnert, wo man sie ebenso fest glaubte als aushielt. Ich triplizierte aber nun auf alles vorige: man nehme das Korperkleid so fein gewoben an, als man wolle, so verhalte sichs doch zum Ich wie der unorganisierte Rock zum organischen Leibe; ein einziger irdischer Nerve sei aber schon der Sperrstrick vor der andern Welt, und ein einziges Erdstaubchen ziehe die ganze Erde, unser ganzes irdisches Treiben nach sich; das Leben nach dem Tode sei dann eines vor demselben und der Gestorbene vom Lebenden nur dadurch verschieden, dass er hinter dem Alter alt und aus dem Neunziger ein Millionar werde; wir hiesige Nacht-Raupen verwandeln uns dann nicht in Schmetterlinge, sondern in Tag-Raupen und fressen und kriechen dann bloss im Sonnenschein. "Aber", fuhr ich im Enthusiasmus fort, "was wir begehren, und was allein zu beweisen ist, das muss etwas anderes sein; die Welt des moralischen Herzens klingt, wie ein Ton, unsichtbar und zum Wehen unwirksam in der groben der Sinnen;- will denn unsere Liebe, unsere Freude, unsere Gottes-Ahnung etwas, was auf einer harten Korper-Welt, sei es auch die schonste, erscheinen kann? Die schonste, die ich in dieser Art kenne, ist die der Phantasie, dieser rechten Weltschopferin; und doch muss eben diese allgewaltige Weltseele alle ihre Weltkugeln, damit sie Zauberlicht gewinnen, mit der Morgenrote und Milchstrasse der kunftigen Unendlichkeit ahnend umziehen. Wie die Geister-Furcht sich vor wahnsinnigen neuen Schmerzen entsetzt, die nicht vor dem Einflusse, sondern vor der blossen Gegenwart des Gegenstandes beben und die uns gar keine Gestalt dieses Mittaglebens machen oder heilen konnte: so gibt es auch eine Geister-Hoffnung und Geister-Liebe, die nicht Wirkungen, sondern Dasein der Wesen begehrt, und welche keiner irdischen Freude abborgt, sondern hochstens den besten heimlich darleiht. Unser armes, wunden-volles Herz habe sich auch nach allen Seiten noch so oft wieder geschlossen, so bleibt doch daran eine angeborne Wunde offen, die nur in einem andern Elemente des Daseins zufallt, wie sich am ungebornen Kinderherzen die eiformige Offnung erst verschliesset, wenn es ein leichteres Leben atmet. Darum wendet sich ja unsere obere Blattseite, wie bei Blumen, sooft man sie auch gegen den irdischen Boden umdrehe, immer wieder gegen ihre Himmelseite herum."

"Angeborne Wunde!" wiederholte der Jungling mit einem Seufzer. "Unsere Wunde oder unser Himmel ist offen," sagt' ich angefeuert, "dies ist eins und kein Wortspiel. Oder soll der Tod auch in jener Welt uns wie sklavische Krieger immer wieder von neuem einquartieren? Wir, jetzt der Libellen-Nymphe gleich, deren vier Flugel sichtbar in den Scheiden kleben, sollen einmal nur neue Scheiden aus alten ziehen und dieses Ausscheiden Fliegen heissen? Und wenn wir, vor der Sundflut des Irdischen uns rettend, zu heiligern Bergen geflohen, sollen wir auf jedem wie auf dem Pilatusberge wieder einem See begegnen? Und die Ewigkeit ware bloss ein ewiger Vorhalt auf der Dissonanz?"

Jetzt kam der Jungling durch mich zu sich, und er fragte mich kalt: "Demnach musste ich doch irgendeine Original-Vorstellung vom andern Leben geben konnen; weil nur dieses Urbild jedes Urteil uber ein Nachbild rechtfertigen konne."

Ich antwortete: Konnt' ich das kunftige Leben beschreiben, so hatt' ich es und der, der mich verstande; der neugeborne Saugling aber drangte sich durstend nach einer Kost, die er nicht chemisch prophezeien konne, und die doch der Instinkt verburge und treffe. Von der andern Welt sprechen wir jetzo wie Blinde vor dem Starstechen von der sichtbaren alle Malereien ihres Morgenrots wurden wie bei jenem Blinden auf Definitionen vom Trompetenton hinauslaufen.

Hier sprache aber versetzte der Jungling der Blinde doch nur zum Blinden, und Ahnliches orientierte sich durch Ahnliches. Aber eben darum, da kein Sinn durch die vier andern (und hier sollen sie gar uber Nicht- und Uber-Sinne richten) gegeben sei, und das so wenig, z.B. durch alle Farbenebenen ein Ton, dass wir diesen fur ein Ich unter den sprachlosen Flachen halten wurden, wenn sich nicht Geruch, Geschmack, Gefuhl ebenso schneidend und selbstandig wie der Ton von den Farben schieden; und da doch diese funf unahnliche Weltteile sich zusammenknupften und unterstutzten: so sei aus ihrer irdischen Entfernung von einem kunftigen sechsten, siebenten u.s.w. gar nichts gegen das Dasein und Verhaltnis eines ahnlich-unahnlichen eben besagten sechsten, siebenten u.s.w. zu folgern; umgekehrt vielmehr alles dafur.

Das war etwas, und doch nur einseitig und halbseitig. "Das Herz", sagt' ich, "braucht aber etwas anderes als Sinnen; man geb' uns tausend neue: der Lebensfaden bleibt doch auf dieselbe Weise leer-verglimmend, der leichte Punkt des Augenblicks lodert an ihm hinauf, und der lebendige Funke lauft zwischen dunner Asche und leerer weisser Zukunft. Die Zeit ist ein Augenblick, unser Erden-Sein wie unser Erden-Gang ein Fall durch Augenblick in Augenblick. Unser Sehnen wird uns fur dessen Gegenstand, so wie der wirkliche Durst im Traum fur sein wirkliches Loschen im Wachen, Burge, sooft auch der Traum mit getraumtem Trinken hinhalte. Ja diese Ahnlichkeit wird Gleichheit; denn gerade dann, wann dieses Leben am reichsten austeilt, z.B. in der Jugend, und wie eine Sonne uns mit Morgenrot und Mittaglichtern und Mondschein blendet, gerade dann, wenn das Leben unsere hochsten Wunsche ausfullt, da erscheint das fremde Sehnen am starksten, und nur um ein ebenes Paradies des Erdbodens wolbt sich der tiefe gestirnte Himmel der Sehnsucht am grossten. Woher dies sogar bei den geistigsten Seligkeiten? Eher sollte man das Sehnen erwarten von der Leere."

"Die Sehnsucht konnte ja ihr eigener Gegenstand sein"- versetzte Ernst.

"Ich begehre" (antwortete ich gleichsam zur Parodie) "keine Antwort auf meine Frage, ob man nach Dursten dursten wurde, ohne getrunkenes oder zu trinkendes Wasser: sondern Sie fahren fort."

"Ich antwortete eben," versetzte er "dass, wenn wir nach Ihren Behauptungen mit der ganzen sogenannten andern Welt schon in der hiesigen leben und ausdauern und jene als einen himmlischen Regenbogen des Friedens schon uber diese spannen: so konnte sich dies ja so fort vererben von Erde zu Erde (wir brachten immer die andere Welt dahin mit)."

"Dann", erwiderte ich, "war's einerlei, wo man lebte, und kein Weiser konnte etwas Hoheres verlangen vom Leben, als es fort zu erleben, d.h. neue Geburttage."

"Sehen wir uns denn wieder, wenn wir aus der Zeit in die Ewigkeit gehen?" fiel die liebe Mutter ein; denn das liebende Herz der Weiber sucht in der Zukunft zuerst das Geliebte; daher hort man diese sorgende Frage nach Wiedersehen zuerst von ihnen. "Was gottlich ist an der Liebe, das kann nie untergehen," sagt' ich, "oder sonst, da das Irdische ohnehin vermodert, bliebe gar Nichts. Aber der altchristliche Ausdruck: aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit, das ist der rechte; hinter dem Leben gibts keine Zeit, so wenig wie vor dem Leben; uber das andere Leben lasset sich so wenig etwas daruber hinaus denken als uber den Urgrund alles Seins."

Ernst wandte noch schnell ein: "und doch spreche man von Fortdauer und wolle mit diesem Zeitpleonasmus alle Zeit vernichten; aber gesetzt, warum wolle man denn vor der Ewigkeit vorher, fur welche Millionen Jahre nicht mehr waren als achtzig, uns nur letzte, nicht auch die Millionen zugestehen?" Ich musste dies einraumen und sogar noch fester machen, indem ich versetzte: "dies komme denn und Trillionen dahinter; denn so gut der Schopfer hier unsere Spielund Laufbahn uber eine Erde gehen liess, so kann er sie noch uber tausend Erden ziehen, nur muss der Weg ein Sonnenziel haben, oder wir jagen ewig einem rukkenden Regenbogen nach."

Wir waren nun einander freundlich, wie vorher feindlich, nahergeruckt und horten auf mit Recht; ein solcher Streit kann nur abgebrochen, nicht abgeschlossen werden, er lasset, wie die ganze Philosophie, nur Waffenstillstande, nicht Friedenschlusse zu. Alle Untersuchungen sollten daher wie die platonischen und lessingischen poetisch, namlich dramatisch sein, damit sich hinter dem Reichtum der Ansichten die Ansicht des Autors versteckt erhielte, weil der blinde Glaubige so gern und zuerst diese als eine Autoritat aufsucht und annimmt, um sich dann in ruhigem Besitze aller ubrigen nur zu deren Verteidigern und Geschafttragern statt zu Richtern zu machen.30

Ich wende mich wieder zur Geschichte, die freilich in so vielen Schlussketten kaum drei Schritte tut. Ich und die alte fromme Mutter hatten uns beredet, den Jungling zum Geburttag, wie den Montaigne, mit Musik zu wecken, womit sich andere einschlafern. Bloss mit einer Flote wollt' ich ihn herausblasen aus dem dunklen Reich. Am Morgen, da ich diese in die Hand genommen, kam schon seine verlobte Ernestine angerollt, welche deshalb die ganze Nacht gefahren war. Es stand noch nichts weiter vom Morgen am Himmel nicht drei Auroras-Sonnenblumen als der kuhle weisse Morgenstern. Aber der WiegenfestSchlafer, den ich ins Leben blasen wollte, war gar noch nicht daraus gekommen, sondern hatte die Nachmitternacht und den Vormorgen im Freien verwacht. Wir hatten aus der Ernestinischen Uberraschung eine noch schonere fur ihn bilden wollen, und glaubten uns durch eine schlimmere um jede andere gebracht.

Ich sucht' ihn im Park und fand ihn endlich, doch im Schlafe; er hatte sich auf der anmutigsten Moosbank gesetzt, wahrscheinlich um der Nachtigall und der Kaskade hinter seinem Rucken zuzuhoren und den Strom und den Morgen vor sich zu sehen, aber der Abendkrieg und die Morgenkuhle und Sonnennahe hatten wieder die Sinnentore langsam zugezogen. Das Morgenrot gluhte auf seinem gesundroten Gesicht, und Traume zitterten durch die zarten Fibern. Ernestine allein stellte sich mit Augen voll Freudentropfen vor die ruhige Gestalt. Ich fing von ferne leise Flotentone an, die noch wie Mattgold in seine Traumaurora zu verweben waren. Die Sonne brannte immer heller ins Morgengewolk hinauf. Plotzlich regt' er bange die Arme seine Lippe zuckte sein Augenrand quoll weinend uber die Flotentone bebten auf seinen Zugen nach. Da furchtete Ernestine, ihn quale ein harter Traum; sie winkte mir, ihn mit Tonen zu erlosen, und legte, seine Hande nehmend, ihre schone Wange leise an seine Brust. Er fuhr aus dem Traum er sah Ernestine gross an und kam, als gehore sie in den Traum-Wahnsinn, durch ihr freundliches liebes Antlitz wieder in denselben zuruck bis ihn endlich das Wort und das Licht zu allen Freuden wach und lebendig machte.

Hort nun seinen Traum.

Der Tod in der letzten zweiten Welt

Endlich sind wir im Vorhofe der Ewigkeit und sterben nur noch einmal, sagten die Seelen, und dann sind wir bei Gott. Aber wie rinnend und flatternd ist das Land der Seelen! Im ganzen Himmel waren Sonnen, die ein Menschenantlitz hatten, umhergelegt, sie sahen uns bloss mit einem Mondlicht an, eine nach der andern ging bloss in der Hohe unbegreiflich unter, aber an keinem Erdenrand und wurde vorher ihre eigne Abendrote. Jetzo sind nur noch tausend Mondsonnen lebendig, sagten wir; wenn die letzte im Zenith einsinkt, so geht Gott auf und tagt. Nach jeder versiegten Sonne wurden unsere Gestalten verkleinert. Wir sind doch keine Traumer mehr wie auf der Erde, sondern schon Nachtwandler, und wir mussen bald erwachen, sagte ich; ja, wenn wir aber erst kleine Kinder sind, sagten die andern. Die Korperwelt wurde immer flussiger und rann leicht. Mit blossen Gedanken bogen wir goldne Baume nieder und ruckten Gartenberge von tauigen Auen weg. Ein Eisberg, aus dichtem Mondlicht gegossen, stand mitten unter Rosen, ich nahm meine Gedanken und loste ihn auf und goss ihn gleissend uber die breite Rosenflur. Ich stand vor einem glatten blauen Palast ohne Tore, und mein Herz klopfte sehnsuchtig davor; siehe, wie vor dem Erdbeben Turen aufspringen und Uhren schlagen, so tat sich vor meinem Herzklopfen der Tempel auseinander; siehe, mein Erdenleben bluhte darin an seinen Wanden, in Bilderchen angemalt, kleine Harmonikaglockchen schlugen meine Jugendstunden nach; und ich weinte, und ein alter Erden-Garten war an der Wand, und ich rief: schon darin, schon in jenen grauen Zeiten drunten sehnte sich dein armes Herz wie jetzt, ach, das wird lange!

Da segelte die weissschuppige endlose Schlange durch die hohen Blumen an mich heran, um sich unaufhorlich um mich zu gurten, aber ich nahm unter ihrem Aufsprunge meine Gedanken und wand die Schlange unausgesetzt als Perlenschnur um meinen Leib; da vertropften wieder diese Perlen als Tranen: gut, sagt' ich, ich weinte ja schon vorhin, eh' sie kam, und noch viel langer.

"Es ist schon Ewigkeit," sagten einige, "denn die Korper gehorchen dem Sehnen; die Raupen auf Blumen fliegen als Schmetterlinge auf, wenn wirs denken der dicke Schlaf kommt, sogleich wird er ein durchsichtiger Traum wir blicken ins dunkle Grab und schlagen es durch mit dem Augenfunken, und unten sieht aus dem zweiten Himmel ein mildes Sonnengesicht herauf." "Nein, es ist erst Zeit," sagten die andern, "seht nach dem Zifferblatt." Auf einer weissen hohen Gesetztafel flogen noch die wimmelnden Kugelschatten umlaufender Welten durcheinander.

Nur die Tone allein konnten wir nicht verandern, denn sie sind selber Seelen, sagten wir. Sie waren schon auf der alten tiefen Erde bei uns gewesen und waren uns nachgegangen durch die Sonne, durch den Sirius und den unendlichen Sternen-Weg; sie waren die Engel Gottes, die uns von seinen Himmelhohen erzahlten, dass das Herz vor lauter Sehnsucht in seinen eignen Tranen starb.

Jetzt zog die Ewigkeit naher. Die Sonnen rings am Himmel-Rand waren alle eingegangen, und nur noch einige sanfte blickten miteinander an der dunkeln Hohe zusammen. Wir waren alle Kinder geworden, und der eine sagte zum andern: Du kennst mich und ich dich sehr gut, aber wir haben keine Namen. Helle gespannte Farben erklangen; hohe Tone blitzten oben im Flug, und die tiefern liessen am Boden Blumen fallen. Es donnerte; jetzo bricht das Welten-Eis, sagten wir, es wird schmelzen und rinnen und verrinnen. Wo bleibt aber mein kleines, auf der Erde verstorbenes Kind? sagte selber eines. Es schwimmt in seiner Wiege auf dem Weltenmeer daher, antwortete das andere.

Nun stand nur noch eine Sonne mild und bleich am gewolbten Blau. Der rollende Eisdonner verlief sich zu tiefen Tonen und endlich zu fernen Melodien. In Abend stiegen goldne Wolken aus dem Boden gen Himmel, und Sternbilder schlichen sich hinter ihnen zu Boden nieder. In Morgen stand die Ewigkeit hinter den letzten vergehenden Wolken, es war eine grosse verhullte Glut hinter einer im Sturme umgetriebnen Regenwolke. Aber die Kinder sahen nur noch hinauf zur letzten Sonne, die oben untergehen wollte. Da kamen die Tone, in denen ihre letzten Welten sprachen und starben; und die Kinder weinten alle, weil sie ihre lieben alten Erden-Melodien horten, und sie beteten kindisch so zu Gott: "Wir sind ja deine Kinder, Vater, wir sind in allen Welten gestorben, und wir weinen immer noch fort, weil wir ja nicht zu dir, zu der ewigen Liebe und Freude kommen. O wurde nicht der Himmel so tausendmal oft hoher uber uns, und so tausendmal tiefer, und unser liebes Erdelein verschwand bald rechts, bald links, und wir blieben immer allein? Hore, wie die guten Tone fur uns beten!"

Plotzlich glomm hoch in der fernen Unendlichkeit die goldne Flugelspitze eines unsichtbaren Engels an die schmachtend bebenden Kinder wurden unsichtbarer, wie Saiten, wenn sie zittern und tonen, und verklangen im Gebete... Da fing die letzte Sonne oben zu lacheln an und schlug blaue Augen auf Der Engel mit roten ausgebreiteten Feuerflugeln rauschte herunter, um mit ihnen die Welten-Aurora wegzustreifen, die um Gott hing... Und siehe die letzte Sonne stand als Gott unten bei mir, die Welten waren verschwunden, und ich sah nichts weiter und erwachte...

Aber der Jungling erwachte mit seiner Geliebten an der Brust, und sie lachelte angeschmiegt in sein Auge empor. Gegenuber fuhr die Morgenrote auseinander, die Erden-Sonne trat zwischen ihre Goldberge und warf schnell einen Flammenschleier uber die entzuckten Augen, und die lachelnde Mutter kam zur Seligkeit; der Strom floss schneller, der Wasserfall sprang lauter, und die Nachtigallen sagten alles inbrunstiger, was ich hier sage. "O Freunde" sagte Ernst, von dem Traume und allem begeistert, und wollte gleichsam durch das Aufopfern des Gestern und durch das Einstimmen in den mutterlichen Glauben an eine Ewigkeit ohne Tod dankbar die liebende Rucksicht auf sein Gluck abwenden und belohnen "o Freunde, wie licht ist das Leben! Das Wachen ist nicht bloss ein hellerer Traum; dieser Affe unsers heiligen Bewusstseins stirbt vor den Fussen des wachen innern Menschen, das getraumte Erwachen wird vom wahren vernichtet. Und so werden einmal von der Ewigkeit alle unsere Traume uber sie vertilgt."

Und hier endige der endlose Streit! Eine Braut weint selig uber den ersten Geburttag des Herzens, das nun dem ihrigen bleibt; aber das wiedergeborne weint selig uber die sympathetische Seligkeit des fremden; so muss es sein, und so gehoren wir der Liebe an. Ernestine fragte in sanfter Ruhrung: "Kann es denn droben etwas Hoheres geben als die Liebe?" Wahr, Ernestine! Nur in ihr und in einigen andern seltenen Blitzen des Lebens- reicht die Wirklichkeit bluhend in unser innres Land der Seelen herein, und die aussere Welt fallt in eins zusammen mit der kunftigen; die Liebe ist unser hiesiges Seegesicht31, und die tiefen Kusten unserer Welt erheben sich vor der alten.

Mit dieser Gesinnung wurde das schone Fest froher gefeiert. Unser ganzes Leben ist ein nie wiederkommender Geburttag der Ewigkeit, den wir darum heiliger und freudiger begehen sollten. Dem ganzen Tage hing der fruhe Tauglanz an der Abend fand den Morgen noch im Schimmer, und der Mond spiegelte sich im Sonnentau die Sterne zogen in das Herz herab und erleuchteten die schonsten Nachtstucke darin und was wollen wir Menschen denn weiter?

Zweites Bandchen

Zweite Abteilung

17. Summula

Blosse Station

Ihr Wirtshaus war ein Posthaus, und zwar glucklicherweise fur den Doktor. Denn wahrend der Posthalter sich mit der Missgeburt abgab: fand jener Gelegenheit, einen dicken unfrankierten Briefwurfel, an sich uberschrieben, ungesehen einzustecken als SelbBrieftrager.

Nicht etwa, dass ers stehlen wollte was er am liebsten getan hatte, ware nicht der unschuldige Posthalter dadurch doppelt schuldig geworden, einmal an Ruf, dann an Geld , sondern er nahms, um es ehrlich wieder hinzulegen, wenn ers mit zarter Hand aufgemacht, um zu erfahren, was darin sei, und ob der Bettel das Porto verlohne, oder ob er aussen auf den Umschlag zu schreiben habe: retour, wird nicht angenommen. Vor der Nase des Brieftragers konnt' er nicht, ohne zu bezahlen, erbrechen; ob er gleich das Aufmachen, in der Hoffnung, einen recht gelehrten und bloss der Sicherheit wegen unfrankierten Brief zu gewinnen, selten lassen konnte. Indes der Schreck, dass er vor einigen Wochen eine schwere grobe Briefhulse und schale aufgeknackt, woraus er fur sein Geld nichts herauszuziehen bekommen als die grune Nuss von einer Pranumerantenwerbung fur einen Band poetischer Versuche samt einigen beigelegten, dieser Schreck fuhr ihm bei jedem neuen Briefquader in die Glieder. Zum Ungluck aber war in dem fein geoffneten Brieftestament dieses Mal eine herrliche Erbschaft von den wichtigsten, mit kleinster Schrift geschriebenen Bemerkungen uber alle seine Werke, und zwar von Dr. Semmelmann, furstlichem Leibarzt in Maulbronn. Auf der Stelle versiegelte er entzuckt das Paket und legt' es auf den alten Platz zuruck, um eine Viertelstunde darauf vor dem Posthalter sich anzustellen, als sah' er eben ein an sich adressiertes Briefschreiben, das er sofort auslosen und bezahlen wolle.

Aber der kurzstirnige Posthalter gabs durchaus nicht her, "er halt' es als Posthalter postfest," sagte er, "bis auf die Station, und da konn' es der Herr selber holen, wenn er keine postrauberische Absichten habe, was ein Posthalter nicht riechen konne." Nie bereute Katzenberger seine Ehrlichkeit aufrichtiger als dieses Mal; aber in die dicke Kurzstirn war kein Licht und kein Blitz und kein Donnerkeil zu treiben; und Katzenberger hatte von seinem Wunschen nichts weiter, als dass der Posthalter, uber ein so unsinniges Ansinnen erbittert, ihm die Zeche verdoppelt anschrieb, und er selber zwischen Fortreisen nach Maulbronn und zwischen Umkehren, dem Semmelmannschen Pakete hintennach, ins Schwanken geriet.

Im ganzen bewahrte Katzenberger sich durch einen gewissen Egoismus vor allem Nepotismus. Eigentlich ist jede Menschenliebe, sobald sie auf besonderes Beglucken, nicht auf ruhiges Liebhaben anderer ausgeht, vom Nepotismus wenig unterschieden, da alle Menschen ja, von Adam her, Verwandte sind. Daher auch Manner in hohen Posten den Schein eines solchen Nepotismus gegen adamitische Verwandte so sehr fliehen. Ubrigens lasset gerade diese Verwandtschaft von Jahr zu Jahr mehr ruhige kalte Behandlung der Menschen hoffen; denn mit jedem Jahrhundert, das uns weiter von Adam entfernt, werden die Menschen weitlauftigere Anverwandte von einander und am Ende nur kahle Namenvettern, so dass man zuletzt nichts mehr zu lieben und zu versorgen braucht als nur sich.

18. Summula

Mannikes Seegefecht

Um den Leser nicht durch zu viel Ernst und Staat-Geschichte zu uberspannen, moge ein unbedeutendes Seegefecht, im Stadtchen Hoflein, wo die Pferde Vesperbrot und Vesperwasser bekamen, hier eine kurze Unterbrechung gewahren durfen, ohne dadurch den Ton des Ganzen zu storen.

Der Wasserspringer Mannike hatte namlich den ganzen Hofleiner Adel und Pobel auf die Brucke des Orts zusammengeladen, damit beide sahen, ob er auf dem Wasser so viel vermochte und gewanne als die Briten-Insel, diese Untiefe und Klippe des strandenden Europas. Der Springer, der sowohl bemitleidet als bewundert zu werden wunschte, und der unten im Nassen recht in seinem Elemente sein wollte, hatte dem Stadtchen versprochen, im Wasser Tabak zu rauchen, mit einem Schiebekarren zu fahren, anderthalb Klafter hoch Freudenwasser wie Freudenfeuer zu speien, gleich einem Flussgotte von Stein, und dann im Strome noch grossere Kunststucke fur morgen der erstaunten Brucke zu versprechen.

Die Reisegesellschaft, die Pferde ausgenommen, begab sich gleichfalls auf die Brucke und machte gern einer herfliegenden gebratenen Taube den Mund auf.

Der Wasserspringer tat in der Tat, so weit Nachrichten reichen, das Seinige und den Rittersprung vom Gelander ins Wasser zuerst und stahl sich in viele Herzen. Inzwischen stand auf der Brucken-Brustung ein langst in Hoflein angesessener Hallore aus Halle, der mehrmals murmelte: die Pestilenz uber den Hallpursch! Er wollte sich wahrscheinlich in seiner Sprache ausdrucken und sich so Luft verschaffen, da er durch den Nebenbuhler unten im Wasser so lange auf dem Gelander gelitten. Katzenberger neben ihm zeigte mit dem Finger wechselnd auf Mannike und den Halloren, als woll' er sagen: Pavian, so spring nach! Endlich hielt der Hallore es auch nicht mehr aus sondern warf seinen halben Habit hinter sich, die LederKappe, fuhr wie ein Stechfinke auf das FinkenMannchen in seinem Wassergehege und machte den Sprung auf Mannikes Schienbeine her unter, als dieser eben zuruckliegend sein Freudenwasser aufwarts spie und, den offnen Himmel im Auge, anfangs gar nicht wusste, was er von der Sache halten sollte, vom Kerl auf seinen Beinen. Aber sein Nebenmann und Badegast zundete eilig Licht in seinem Kopf an, indem er den letzten bei den Haaren nahm und so die Faust sollte den Raufdegen oder Raufer spielen geschickt genug das Lufttreffen einleitete. Denn da diese neue Seemacht die Knie als Anker auf Mannikes Bauchfell auswarf und zuvorderst die Zitadelle der Festung, namlich den Kommandanten, d.h. dessen Kopf, besetzt und genommen hatte: so musste sich fur jedes Herz auf der Brucke ein anmutiges Vesperturnier anfangen oder eine fluchtige republikanische Hochzeit, folglich deren Scheidung auf dem nassen Wege. In der Tat prugelte jeder von beiden den andern genug keiner konnte im lauten Wasser sein eignes Wort horen, geschweige Vernunft; nicht nur nach Lebensluft des Lebens, sogar nach Ehren-Wind der Fama mussten beide schnappen die schonsten Taten und Stosse entwischten der Geschichte. Glucklicherweise stiess der Hallore und Fluss-Mineur unten auf den Schiebkarren, womit Mannike als auf einem Triumphkarren vor wenigen Minuten wie ein glanzender Wassermann oder wassriger Meteor gefahren war und sich von der Brucke hatte mit Lob beregnen lassen. Der Hallore fasste den Vorspringer und stulpte ihn so abgemessen auf den Karren, dass dessen Gesicht aufs Rad hinaussah und die beiden Beine mit den Zehen auf die Karren-Gabel fest geheftet lagen. So schob er den verdienten Artisten ans Ufer hinaus, wo er erwartete, was die Welt zu seiner Fischgerechtigkeit, Fischer zu fangen, sagen wurde.

Die Freude war allgemein, Herr Mannike wunschte wahrend derselben auf dem terminierenden Teller Bruckenzoll im schonern Sinne einzufordern; aber die Hofleiner wollten wenig geben. Der Doktor nahm sich der Menge an und sagte: Mit Recht! Jeder habe wie er bloss dem guten eingepfarrten ansassigen Halloren, ders umsonst getan, zugesehen, weiter keinem; am wenigsten Herrn Mannike, dem spatern Nebenregenbogen des Hallensers. "Ich selber", beschloss er, "gebe am wenigsten, ich bin Fremder." Da nun das Wenigste Nichts ist, so gab er nichts und ging davon; und der Ketzer-Glaube, gratis zugesehen zu haben, frass auf der Brucke auffallend um sich.

19. Summula

Mondbelustigungen

Auf der kurzen Fahrt nach Fugnitz wurde sehr geschwiegen. Der Edelmann sah den nahen LunasAbend mitten im Sonnenlichte schimmern; und der Mondschein mattete sich, aus dieser Seelen-Ferne geschauet, zu einem zweiten zartern ab. Theoda sah die niedergehende Sonne an, und ihr Vater den Hasen. Die stille Gesellschaft hatte den Schein einer verstimmten; gleichwohl bluhte hinter allen aussern Knochen-Gittern ein voller hangender Garten. Woher kommts, dass der Mensch sogar der selber, der in solchem Dunkel uberwolbter Herzens-Paradiese schwelgt und schweigt gleichwohl so schwer Verstummen fur Entzucken halt, als fehle nur dem Schmerz die Zunge, als tue bloss die Nonne das Gelubde des Schweigens, nicht auch die Braut, und als geb' es nicht ebensogut stumme Engel wie stumme Teufel?

Im Nachtquartiere traf sichs fur den Edelmann sehr glucklich, dass in die Fenster der nahe Gottesacker mit getunchten und vergoldeten Grabmalern glanzte, von Obstbaumen mit Zauberschatten und vom Mond mit Zauberlichtern geschmuckt. Es wurd' ihm bisher neben Theoda immer wohler und voller ums Herz; gerade ihr Scherz und ihr Ungestum, womit ihre Gefuhle wie noch mit einer Puppen-Hulse ausflogen, uberraschten den Uberfeinerten und Verwohnten; und die Nahe eines entgegengesetzten Vaters hob mit Schlagschatten ihre Lichter; denn er musste denken: wem hat sie ihr Herz zu danken als allein ihrem Herzen? Hatte er die Erfahrung der Soldaten und Dichter nicht gehabt, zu siegen wie Casar, wenn er kame und gesehen wurde oder gar gehort wie denn schon am Himmel der Liebestern sich nie so weit vom dichterischen Sonnengott verliert, dass er in Gegenschein oder Entgegensetzung mit ihm geriete : ware dies nicht gewesen, Niess wurde anders prangen in dieser Geschichte.

Im Fugnitzer Wirthaus geriet er mit sich in folgendes Selbgesprach: "Ja, ich wag' es heute und sag' ihr alles, mein Herz und mein Gluck. Blickt sie neben mir allein in den stillen Mond und auf die Graber und in die Bluten: so wird sie das Wort meiner Liebe besser verstehen; o dann soll das reine Gemut den Lohn empfangen und der geliebte Dichter sich ihm nennen. Wenn sie aber Nein sagte? Kann sie es denn? Geb' ich ihr nicht meinen Stand und alles und mein Herz? Und bist du denn so unwert, du armes Herz? Schlagst du nicht fur fremde Freuden und Leiden stark? Und noch niemand hab' ich unglucklich machen wollen. Nicht stark genug ist mein unschuldiges Herz, aber ich hasse doch jede Schwache und liebe jede Kraft. O waren nur meine Verhaltnisse anders und hatt' ich meine Seelenzwecke erreicht: ich wollte leicht trotzen und sterben. Woraus schopft' ich denn meinen 'Ritter grosserer Zeit' als aus meiner Brust? Meinetwegen! Sagt sie doch Nein und verkennt mich und liebt nur den Autor, nicht den Menschen: so bestraf' ich sie im Badeort und nenne mich und dann verzeih' ich ihr doch wieder von Herzen."

Am Ende und zumal hier nach dem Lesen dieses Selbgesprachs werf' ich mir selber vor, dass ich vielleicht meinem fatalen Hange zum Scherztreiben zu weit nachgegeben und den guten Poeten in Streiflichter hineingefuhrt, in denen er eigentlich lacherlich aussieht und fast schwach. Kann er denn so viel dafur, dass seine Phantasie starker als sein Charakter ist und Hoheres ihm abfodert und andern vormalt, als dieser ausfuhren kann? Und soll denn ein Petrus, weil er einmal dreimal verleugnete, darum keine zwei Episteln Petri schreiben? Freilich von Eitelkeit kann ich ihn nicht losschworen, aber diese bewahrt (wie Hautausschlage vor der Pest) ihn vor Beulen des Hochmuts und Geschwulst des Stolzes. Denn was sonst Theoda betrifft, die er so sehr lieben will, und zwar auf alle seine Kosten, so tate wohl jeder von uns dasselbe, wenn er nicht schon eine hatte oder gar etwas Besseres.

Wir kommen nun wieder auf die Sprunge seiner Freierfusse zuruck. Er schlug, als das Gluck die Gabe verdoppelt, namlich den Doktor ausgeschickt hatte, Theodan den Nachtgang ins rechte Nachtquartier der Menschen, in den Gottesacker vor. Sie nahm es ohne Umstande und Ausfluchte an; so gern sie lieber ihre heutige Herz-Enge nur einsam ins Weite getragen hatte; Furcht vor bosen Mannern vorher und vor bosen Zungen nachher war ihr ungewohnt. Als nun beide im Mond-Helldunkel und im Kirchhofe waren, und Theoda heute beklommener als je fortschritt, und sie vor ihm mit dem neuen Ernste (einem neuen Reize) dem alten Scherze den weichen Kranz aufsetzte, und als er den Mond als eine Leuchtkugel in ihre Seelen-Feste warf, um zu ersehen und zu erobern: so hort' er deutlich, dass hinter ihm mit etwas anderm geworfen wurde. Er schaute sich um und sah gerade bei dem Gitter-Pfortchen einige Totenkopfe sitzen und gaffen, die er gar nicht beim Eintritte bemerkt zu haben sich entsinnen konnte. Inzwischen je ofter er sich umkehrte, desto mehr erhob sich die Schadelstatte empor. Sehr gleichgultige und verdriessliche Gespenster-Gedanken wie diese bringen um den halben Flug, und Niess senkte sich.

Katzenberger von dem kam alles hatte sich namlich langst in unschuldiger Absicht auf den Gottesacker geschlichen, weniger um Gefuhle als um Knochen einzusammeln, das einzige, was der Menschenfresser, der Tod, ihm zuwarf unter den Tisch. Zufallig war das Beinhauschen, worin er aus einer Knochen-Ahrenlese ein vollstandiges Gerippe auszuheben arbeitete, am Eingangs-Gitterpfortchen gelegen und hatte mehr den Schein eines grossen Mausoleums als eines kleinen Gebeinhauses. Katzenberger horte das dichterische Eingehen und zwei bekannte Stimmen, und er sah durch das Gitter alles und erhorchte noch mehr. Die Natur und die Toten schwiegen, nur die Liebe sprach, obwohl keine Liebe zur andern. Fur den wissenschaftlichen Katzenberger, der eben mitten unter der scharfen Einkleidung des Lebens wirtschaftete, war daher der Blick auf Niess, der, wie der Doktor sich in einem bekannten Briefe ausdruckte, "seinen Kopf, wie ein reitender Jager den Flintenlauf, immer gen Himmel gerichtet anhangen hatte," kein sympathetischer Anblick, obwohl ein antipathetischer. Bei ihm wollte das wenige, das Niess uber Tote und vermahlte Herz-Paradiese auf dem Wege hatte fallen lassen, sich wenig empfehlen. Vor allem Warmen uberlief gewohnlich des Doktors innern Menschen eine Gansehaut; kalte Stichworte hingegen rieben wie Schnee seine Brust und Glieder warm und rot. Ubrigens verschlang sich seine Seele ziemlich mit der Niessischen, so wie der Werboffizier bei dem Rekruten schlaft und immer einen Schenkel oder Arm auf ihn legt, um ihn zu behalten im Schlafe. Er nun hatte die Kopfe und Ellenbogen am Pfortchen angehauft. Endlich liess er gar ein rundes Kinderkopfchen nach dem Dichter laufen als nach seinem Kegelkonig. Aber hier nahm Niess aus ubermassiger Phantasie Reissaus und schwang sich auf einen nahen Birnbaum an der niedern Gottesackermauer, um allda weil das Knochenwerk als Flossrechen und gestachelter Herisson die Pforte versperrte ins Freie zu sehen und zu springen. Umsonst rief die uber seinen Schrecken erschrockne Theoda bange nach, was ihn jage, ihr Vater sammle nur Skelette. Nun trat der Doktor selber aus seinen Schiessscharten heraus, ein wohlerhaltenes Kindergerippe wie eine Bienenkappe auf den Kopf gestulpt, und begab sich unter den Birnbaum und sagte hinauf: "Am Ende sind Sie es, die selber droben sitzen, und wollen den Gottesacker und die Landschaft besser ubersehen?" Aber Niess, langst verstandigt, war wahrend des Hinaufredens des Doktors schon um die Mauer herum und durch das Pfortchen zuruckgerannt und erfasste jetzo, mit zwei aufgerafften Armknochen in Handen, hinten den Doktor an den Achselknochen, woruber er die bleichen ragen liess, mit den Worten: "Ich bin der Tod, Spotter!" Katzenberger drehte sich selber ruhig um; da lachte der Poet ungemein, mit den Worten: "Nun so haben wir beide unsern lustigen Zweck einer kleinen Schrecken-Zeit verfehlt; nur aber Sie zuerst!" "Ich fur meine Person fahre gern zusammen," versetzte der Doktor- "weil Schrecken starkt, indes Furcht nur schwacht. In Hallers Physiologie32 und uberall konnen Sie die Beispiele zusammenfinden, wie durch blossen starken Schrecken weil er dem Zorne ahnlich wirkt Lahmung, Durchfall, Fieber gehoben worden, ja wie Sterbende durch auffliegende Pulverhauser vom Aufflug nach dem Himmel gerettet worden und wieder auf die Beine gebracht; und ganze matte Staaten waren oft nur zu starken durch Erschrecken. Furcht hingegen, Herr von Niess, ist, wie ihre Leiberbin und Verwandte, die Traurigkeit, nach demselben Haller und den namlichen andern, wahres Lahmgift fur Muskeln und Haut, Hemmkette des umlaufenden Bluts, macht Wunden, die man sich durch eigne Tapferkeit oder von fremder geholt, erst unheilbar und uberhaupt leicht toll, blind und stumm. Es sollte mir daher leid tun, wenn ich Sie mit meinen Versuchen in Furcht anstatt in Schrecken und Zusammenschaudern mit Haarbergan gesetzt hatte; und Sie werden mich belohnen, wenn Sie mir sagen, ob Sie gefurchtet haben oder nur geschaudert."

"Ich bin ein Dichter, und Sie ein WissenschaftWeiser; dies erklart unsern Unterschied", versetzte Niess. Theoda aber, die ihren eignen Mut bei Mannern verdoppelt voraussetzte, glaubte ihm gern. Aber ihr Vater hatte seine Gedanken, namlich satirische. Ubrigens ging er selig mit doppelten Gliedern (wie ein Englisch-Kranker), mit mehren Kopfen und Ruckgraten behangen, die er aus der Trodelbude und Rumpelkammer des Todes geholt, nach Hause.

20. Summula

Zweiten Tages Buch

In der Nacht schrieb Theoda an ihre Freundin:

"Vor Verdruss mag ich dir vom dummen Heute gar nichts erzahlen (das ohne Menschenverstand bleibt) bis morgen fruh, wenn wir in Maulbronn einfahren. Denke, wir nachtlagern noch drei Stunden davon. Himmel, wie gottlich konnt' ich morgen dort aufwachen und meinen Kopf aus dem Fenster stecken in die Aurora und in alles hinein! Aber dieses FeindschaftStuckchen hab' ich bloss dem Freundschaft-Stuckchen zu danken, dass Herr von Niess nach mir etwas fragt, ob ich ihm gleich meine Person und Seele so komisch geschildert habe, dass er selber lachen musste. Aber sieh, so kann eine Madchenseele dem Manner-Poltergeist auch nicht unter einem Kutschenhimmel nahekommen, ohne wund gezwickt zu werden. Gib dem Teufel ein Haar, so bist du sein, gib einem Manne eines, so zerrt er dich daran so lange, bis er das Haar samt dem Kopfe hat. Der Bienenstich wird sonst mit Honig geheilt; aber diese Wespen geben dir erst die Honigblase und dann die Giftblase. Ich wollt', ich war' ein Mann, so duellierte ich mich so lange, bis keiner mehr ubrig ware, und legte einer Frau den Degen mit der Bitte zu Fussen, mich zu erstechen. Aber wir Weiber sind alle schon ein paar Jahre vor der Geburt verwahrloset und verbraten, und eh' wir nur noch ein halbes Nadelkopfchen von Korper umhaben, sind wir schon voraus verliebt in die kunftige Rauberbande und liebaugeln mit dem Taufpastor und Taufpaten.

Wieviel weisst du so? Es ist aber uberhaupt nicht viel. Namlich den ganzen Reisetag hindurch hatt' es Theudobachs angeblicher Freund (merke, ich unterstreich' es) darauf angelegt, mein Gehirnchen und Herzchen in allen acht Kammerchen ordentlich gluhend zu heizen durch Anekdoten von ihm, durch Ausmalerei unserer dreifachen Zusammenkunft und sogar durch das Versprechen, noch abends vor dem stillen Monde, der besser dazu passe als das laute Raderwerk, mich naher mit seinem Freunde bekannt zu machen. Ich dachte dabei wahrlich, er wurde mich nachts auf dem Gottesacker dem Dichter auf einmal vorstellen. Dazu kam mittags noch etwas Narrisches. Er brachte mir meinen Schal, mit unlesbarer Kreideschrift bedruckt; da er sie aber gegen den Spiegel hielt, so war zu lesen: 'Dein Namenvetter, schone Th-da, wird dir bald fur deinen Brief zum zweiten Male danken'; worauf er mich hinab zu einer Birke fuhrte, von deren Rinde wirklich er diese Zeile von des Dichters Hand am Tuche abgefarbt hatte. Am Ende musst' ich gar noch oben in seinem Zimmer auf den Fensterscheiben eine herrliche Sentenz vom Dichter finden, die ich dir auf der Ruckreise abschreiben will. Seltsam genug! Aber abends wars doch nichts; und mein Vater brach gar mit einem Spasse darein.

Du Klare errietest nun wohl am fruhesten, was Herr von N. bisher gewollt nicht mich, sondern (was auch leichter zu haben ist) sich. Er kokettiert. Wahrlich die Manner sollten niemals kokettieren, da unter 99 Weibern immer 100 Ganse sind, die ihnen zuflattern; indes weibliche Koketterie weniger schadet, da die Manner als kaltere und gleichsam kosmopolitische Spitzbuben selten damit gefangen werden, wenn sie nicht gar zu jung und unflugge im Neste sitzen. Wahrlich, ein Madchen, das ein Herz hat, ist schon halb dumm und wie gekopft.

Der Zartling steckt seinen Freund als Koder an die Angel, um damit eine verdutzte Grundel zu fangen; er, der, wenn auch kein Narr, doch ein Narrchen ist, und welcher schreit, wenn ein Wagen umfallt.

Gott gehab dich wohl! Vergib mein Austoben. Ich bin doch allen Leuten gut und habe selber mit dem Teufel Mitleid, solang' er in der Holle sitzt, und nicht auf der Erde streift. Der weichste Engel bringe dich uber deine Hugel hinuber!

Th."

21. Summula

Hemmrad der Ankunft im Badeorte Dr. Strykius

Als man am Morgen, nachdem der Doktor schon seine Flaschen-Stopsel eingesteckt hatte (worunter zufallig ein glaserner), neu erfrischt von den letzten Siegen uber alle Anstosssteine, eben einzusitzen und heiter auf den breiten, beschatteten, sich durchkreuzenden Kunststrassen dem Badorte zuzufahren gedachte: so stellte sich doch noch ein dicker Schlagbaum in den Weg, namlich ein Galgen. Es hatte namlich Katzenberger unten in der Wirtstube von einem Durchstrom froher Leute, die abends zum glucklichen Wirte zuruckkommen und langer da bleiben wollten, wenn sie alles gesehen, die Nachricht vernommen, dass diesen Vormittag in Potzneusiedl (auch in Ungarn gibt es eines) ein Postrauber gehangen werde und dass er selber, wenn er nur einige Meilen seitwarts und halb ruckwarts umfahre, gerade zu rechter Zeit zum Henken kommen konne, um abends noch zeitig genug in Maulbronn einzutreffen. Himmel, so aufgeheitert im Angesicht wie das ganze Morgenblau brachte Katzenberger zu Tochter und Niess seine heitere Nebenaussicht hinauf, den Abstecher nach Potzneusiedl zum Postdiebe zu machen.

Aber von welchen Wolken wurde sein helles Berghaupt umschleiert, nicht bloss vom Nein des ReiseBundners Niess, der durchaus noch am Morgen in Maulbronn einpassieren wollte, sondern noch mehr von dem heftig-bittenden Nein seiner Tochter, deren Herz durchaus sich zu keinem Einnehmen einer solchen Mixtur von Brunnenbelustigung und Abwurgung bequemen konnte! Am Ende fand der Doktor selber einen Umweg uber eine Richtstatte zum Lustorte fur eine Weiberseele nicht zum anmutigsten, und er stand zuletzt aus Liebe fur die sonst selten flehende Tochter, wiewohl unter mehr als einem Schmerze, von einem lachenden Seitenwege ab, wo ihm ein Galgenvogel als eine gebratene Taube in den Mund geflogen ware, indem er am Diebe das Henken beobachten, vielleicht einige galvanische Versuche auf der Leiter nachher und zuletzt wohl einen Handel eines artigen Schaugerichts fur seine Anatomiertafel hatte machen konnen. Der Gehenkte ware dann eine Vorsteckrose an seinem Busen auf der ganzen Reise ins Maulbronner Rosental gewesen

So aber hatt' er nichts, und der Potzneusiedler Dieb hing wie eine Tantalusfrucht unerreichbar vor seiner Seele, und er musste sichs auf der Landstrasse von Stunde zu Stunde bloss schwach vormalen: jetzo wirft das Gericht die Tische um jetzo fahrt der Rauber seinem Galgen zu jetzo hangt er ruhig herab und er pries die Potzneusiedler glucklich, die um den Rabenstein stehen und alles geniessen konnten.

Es war eigentlich nicht sehr zum Aushalten mit ihm an diesem Morgen, und er merkte an, nur um verdriessliche Dinge vorzubringen, es gebe schmerzhafte Erinnerungen, die man so wenig vergesse wie die erste Liebe; so konn' er z.B., erzahlt' er, bis diesen Morgen nicht ohne neues Schmerzgefuhl daran denken, dass er einmal in Holland, auf einer Treckschuyte fahrend, einem Hering den Kopf abgebissen, um den Rumpf aufzuspeisen, aber im; Vergreifen den kostlichen Hering selber am Schwanze ins Wasser geschleudert und nichts behalten habe als den Kopf: "Nach diesem Hering sehn' ich mich ewig", sagte er. "Mir ganz denkbar," sagte Niess, "denn es ist traurig, wenn man nichts behalt als den Kopf."

Als sie alle endlich in dem unmittelbaren Furstentumchen Grosspolei (jetzo langst mediatisiert) den letzten Berg hinabfuhren ins Bad Maulbronn, das ein Stadtchen aus Landhausern schien, und als man ihnen vom Turme gleichsam wie zum Essen blies: so musste den drei Ankommlingen, wovon jede Person sich bloss nach ihrer Ziel-Palme scharf umsah, namlich:

die erste, um angebetet zu werden,

die zweite, um anzubeten,

die dritte, um auszuprugeln,

ganz naturlicherweise die praludierende Bad-Ouverture der ersten Person, Niess, als eine Famatrompete erklingen, der zweiten, Theoda, als ein Verwandel- oder Messglockchen zum Niederfallen, und der dritten, Katzenberger, als eine Jagd- oder auch Spitzbubenpfeife zum Anfallen. Wenn sie freilich Flexen mehr als ein Vogelschwanzpfeifchen vorkam, weil sein Herz nur sein Vor-Magen war, und er erst alles von hinten anfing, so ist dieser Einleg-Riese, wie man Einleg-Messer hat, viel zu klein, um hier angeschlagen zu werden.

Indes zeigt dieses widertonige Quartett, wie verschieden dieselbe Musik in Verschiedene einwirke. Da sie aber dies mit allem in der Welt und mit dieser selber gemein hat: so mag fur sie besonders der Wink gegeben werden, dass ihr weites Atherreich mit demselben Blau und mit derselben Melodie einen Jammer und einen Jubel trage und hebe.

Der Doktor bezog zwei Kammern in der sogenannten grossen Badewirtschaft- bloss sein Herz war noch in Potzneusiedl unter dem Galgen , und Niess mietete ihm gegenuber eines der niedlichsten grunen Hauserchen.

Aber der rechte Musik-Text fehlt vor der Hand der begeisterten Theoda; auf der Badeliste, wornach sie zuerst fragte, erschien noch kein angelangter Theudobach. Doch hatte sie die Freude, in der grosspoleischen Zeitung angekundigt zu lesen: "Der durch mehre Werke bekannte Theudobach, habe man aus sicherer Hand, werde dieses Jahr das Maulbronner Bad gebrauchen." Die Hand war sicher genug, denn es war seine eigne.

Der Doktor fragte, ob der Brunnenarzt Strykius da sei; und ging, als man ihm ein feines, um das Brunnen-Gelander flatterndes Mannchen zeigte, sogleich hinab.

Dieser Strykius, ein gerader Abkommling vom beruhmten Juristen Strykius dem er absichtlich die lateinische Namens-Schleppe nachtrug, um dem deutschen Strick zu entgehen , war bekanntlich eben der Rezensent der Katzenbergerschen Werke gewesen, den ihr Verfasser auszustaupen sich vorgesetzt. Auf Musensitzen wie in Pira , die zugleich rezensierende Musenvatersitze sind, ists sehr leicht, da alle diese Kollegien untereinander kommunizieren, den Namen des apokalyptischen Tiers oder Untiers zu erfahren; bloss in Marktflecken und Kleinstadten wissen die Schulkollegen von nichts, sondern erstaunen. Mehr als durch alle Strykischen Rezensionen in der allg. deutschen Bibliothek, in der oberdeutschen Literaturzeitung u.s.w. war der milde Katzenberger erbittert geworden durch lange grobe hamische und spate Antworten auf seine gelehrten Antikritiken. Denn dem Doktor wars schon im Leben bloss um die Wissenschaft zu tun, geschweige in der Wissenschaft selber. Da er indes eine unglaubliche Kraft zu passen besass: so sagte er ein akademisches Semester hindurch bloss freundlich: "Ich koch's," und trostete sich mit der Hoffnung, den Brunnenarzt personlich in der Badezeit kennen zu lernen.

Diese sehnsuchtige Hoffnung sollte ihm heute erfullt werden, so dass ihm statt des potzneusiedlischen Galgenstricks wenigstens der Maulbronner Strick oder Strykius zuteil wurde. Er traf unten an dem Brunnenhause dem Industriekomptoir und Marktplatze eines Brunnenarztes den verlangten. Der Brunnenarzt lief, da er mit der gewohnlichen Neugier dieses kurzesten Amtes schon Katzenbergers Namen erjagt hatte, ihm entgegen und konnte, wie er sagte, die Freude nicht ausdrucken, den Verfasser einer haematologia und einer epistola de monstris und de rabie canina personlich zu horen und zu benutzen und ihm, wo moglich, irgendeinen Dienst zu leisten. "Der grosste", versetzte der Doktor, "sei dessen Gegenwart, er habe langst seine Bekanntschaft gewunscht." Strykius fragte: "wahrscheinlich hab' er seine schone Tochter als ihr bester Brunnenmedikus hierher begleitet, wenn sie das Bad gebrauche."

"Nicht eines zu gebrauchen," antwortete er, "sondern einem Badegaste eines zuzubereiten und zu gesegnen, sei er angelangt." "Also auch im Umgange der scherzhafte Mann, als den ich Sie langst aus Ihren epistolis kenne? Doch Scherz beiseite", sagte Strykius und wollte fortfahren. "Nein, dies hiesse Prugel beiseite", sagte der Doktor. "Ich bin wirklich gesonnen, einen kritischen Anonymus von wenig Gewicht, den ich hier finden soll, aus Grunden, solange wir beide, namlich er und ich, es aushalten, was man sagt, zu prugeln, zu dreschen, zu walken. Indes will ich als ein Mann, der sich beherrscht, nur stufenweise verfahren und fruher seine Ehre angreifen als seinen Korper."

"Nun diesen Scherz-Ernst abgetan," sagte der Brunnenarzt, sich totlachen wollend "so versprech' ich Ihnen hier wenigstens funf Freunde des Verfassers der Hamatologie, Manner vom Handwerk."

"Es soll mich freuen," sagte der Doktor, "wenn einer darunter mich rezensiert hat, weils eben das Subjekt ist, dem ich, wie ich Ihnen schon anvertraut, so viel Hirn ausschlagen will, als ein Mensch ohne Lebensgefahr entbehren kann, welches, wie Sie wissen, bis auf zwei Unzen steigt, es musste denn sein, dass ich aus Liebe mich auf blosses Einschlagen der Hirnschale einzoge. Wenn schon jener FestungKommandant jeder davonlaufenden Schildwache funfundzwanzig Streiche aufzahlen liess, die einen Geist gesehen: wieviel mehr kann ich einer kritischen geben, die keinen Geist in meinen Werken gesehen! Wie?"

"Tun Sie, was Sie wollen, Humorist; nur sein Sie heute mit Ihrer bluhenden Tochter mein Gast im grossen Brunnensaale", sagte Strykius; er fand seine Bitte gern gewahrt und schied mit einem eiligen Handdruck, um einem verdrusslichen Grafen zu antworten, der eben gesagt: "Franchement, Mr. Medecin, ich habe bisher von dem detestabeln Gesoff nur die Halfte Ihrer vorgeschriebenen Glaser verschluckt; ich verlange nun durchaus bloss diese Halfte verordnet."

"Gut," versetzte er, "von morgen an durfen Sie keck mit der bisherigen Halfte fortfahren."

Diese Antwort vernahm noch der Doktor mit unsaglichem Ingrimm; er, der sich von keinem Generale und Ordens-Generale und Kardinale nur eine einzige von 1000 verordneten Merkurialpillen hatte abdingen lassen. Strykius milde Hoflichkeit verdross ihn mehr, als die grosste Grobheit getan hatte, auf die er zufolge der anonymen in den Rezensionen so gewiss gezahlet hatte; einen rauhen, widerhaarigen, stammigen Mann hatte er zu finden gehofft, dem der Kopf kaum anders zu waschen ist als durch Abreissen oder Abhaaren desselben, wenigstens einen Mann, der wie ein Teich unter seinen weissen Wasser-Bluten scharfgezahnte Hechte verberge aber er, ein so gebognes, wangenfettes, gehorsamstes, untertanigstes Zier-Mannchen, das noch niemand ein hartes Wort gesagt als etwa Frau und Kindern, gegen niemand ein Elefant als gegen Elefanten-Kafer und Elefant-Ameisen!... Nichts erbittert mehr als anonyme Grobheit eines abgesussten Schwachlings!

Allerdings gibt es ein oder das andere Wesen in der Welt, das Gott selber kaum starken kann ohne den Tod das sich als ewiger Bettelbrief gern auf- und zubrechen, als ewiges Friedeninstrument gern brechen lasst das eine Ohrfeige empfangt und zornig herausfahrt, es erwarte nun, dass man sich bestimmter ausdrucke das nicht sowohl zu einem armen Hunde und Teufel als zu einem niesenden furstlichen mit Silberhalsband sagt: Gott helf, oder contentement dessen Zunge der ewig gelautete Kloppel in einer Leichenglocke ist, welche ansagt: ein Mann ist gestorben, aber schon ungeboren das erst halb, ja dreiviertels erschlagen sein will, bevor es dem Tater geradezu heraussagt auf dem Totenbette im Kodizill, es sei dessen erklarter Todfeind das jeder so oft zu lugen zwingen kann, als er eben will, weil es sich gern widerspricht, sobald man ihm widerspricht und dem nur der Feind gern begegnet und nur der Freund ungern.

Indem ich ein solches Wesen mir selber durch den Pinsel und das Gemalde naher vor das Auge bringe: erwehr' ich mich doch nicht eines gewissen Mitleidens mit solchen tausendfach eingeknickten Seelen, die nun Gott einmal so dunnhalmig in die Erde gesaet hat; und welchen, obwohl am wenigsten durch schnelles Aufschrauben, doch auch nicht durch schweres Niederdrucken aufzuhelfen ist, sondern vielleicht durch allmahliches Ermuntern und Aufwinden und durch Abwenden der Versuchung.

Aber an das letzte war bei Katzenberger nicht zu denken. Des Brunnenarztes Sprech- und Tat-Marklosigkeit neben seiner harten, heissen Schreib-Strengflussigkeit im Richten setzten in ihm nun den Vorsatz fest, den Badearzt auf eine ausgedehnte Folterleiter von Angsten und Ehren-Giften zu setzen und ihn erst auf der obersten Stufe zu empfangen mit dem Prugel. Strykius war der erste Patient, den er durch Heilmittel nicht heilen wollte, so sehr war er ergrimmt; und er war entschlossen, ihn durch zuvorkommende Unhoflichkeiten wo moglich zu einer zu zwingen und als umrollender Weberbaum das hin- und herfliegende Weberschiffchen zu bearbeiten. Es ist indes oft ebenso schwer, manche grob zu machen als andere hoflich.

Zu Hause setzte er in Strykius' Namen einen offentlichen Widerruf von dessen Rezensionen auf, den er ihn zu unterschreiben und herauszugeben in der Prugelstunde zwingen wollte.

22. Summula

Niessiana

Herr von Niess lud auf abends gegen ein unbedeutendes Einlassgeld die Badegesellschaft zu seinem musikalischen Deklamatorium des besten Theudobachischen Stuckes, betitelt "Der Ritter einer grossern Zeit", auf Zetteln ein, die er schon fertig gedruckt mitgebracht hatte, bis auf einige leere Vakanz-Rahmen oder Logen, welche er mit Inhalt von eigner Hand besetzen wollte. Funfzig solcher Zettel liess er austeilen und sagte mit inniger Liebe gegen jeden und sich: "Warum wollt' ich so vielen Menschen aus entgegengesetzten Winkeln Deutschlands, denen ein Buchstabenblattchen von mir vielleicht eine ewige Reliquie ist und zwei geschriebene Worte vielleicht mehr als tausend gedruckte von mir, warum sollt' ich ihnen diese Freude nicht mit nach Hause geben?"

Aber aus Liebe gegen Theoda, die dem Dichter als einem Sonnengott wie eine Memnonstatue zutonte mit heitern Nachtmusiken und Standchen, setzte er sich nieder und schrieb, um ihr den Aufschub seiner Gotter-Erscheinung oder seines Aufgangs zu versussen, eigenhandig in Theudobachs Namen ein Briefchen an Herrn von Niess, worin er sich selber als einem Freund berichtete: "er komme erst abends in Maulbronn an, doch aber, hoff' er, nicht zu spat fur den Besuch des Deklamatorium; und nicht zu fruh, wunsch' er, fur unsre Dame." Er steckte dies Blattchen in einen mit der Bad-Post angelangten Briefumschlag und ging zu Theoda mit entzucktem Gesicht. Dass er nicht log, war er sich bewusst, da er eben vorhatte, unter dem Deklamieren (um das Loben ins Gesicht zu hemmen) aufzustehen und zu sagen: ach nur ich bin selber dieser Theudobach. Ehe der Edelmann kam, hatte sie eben folgendes ins Tagebuch geschrieben: "Endlich bin ich da, Bona, aber niemand anders (ausser einige Schocke Badegaste), sogar auf der Badeliste fehlt er. Bloss in der Grosspoleischen Zeitung wird er gewiss angekundigt. Ich wollte, ich hatte nichts, worhinter ich mich kratzen konnte; aber die Ohren mussen mir lang auf der Fahrt gewachsen sein, weil ich so fest voraussetzte, der erste, auf den man vor der Wagenture stiesse, sei bloss der Poet. Wohin ich nur vom Fenster herabblicke auf die schonen Badegange: so seh' ich doch nichts als den leeren Stickrahmen, worauf ihn meine Phantasie zeichnet, nichts als den Paradeplatz seiner Gestalt und sein Throngeruste. Wahrlich so wird einem Madchen doch so ein Mensch, den man liebt, es mag nun ein Brautigam oder ein Dichter sein, zu jedem Gestirn und Gebirg, gleichsam zum Augengehenk, und hinter allen steckt der Mensch, dass es ordentlich langweilig wird. Man sollte weniger nach einem Schreiber fragen, da man ja an unserm Herrgott genug hatte, der doch das ganze Schreiber-Volk selber geschaffen.

Ich merke wohl, ich werde allmahlich eher toller als kluger; am besten schreib' ich dir nichts mehr uber mein Aufpassen, als bis der Messias erschienen ist; denn ausstreichen, was ich einmal an dich geschrieben, kann ich aus Ehrlichkeit unmoglich; ich sage dir ja alles und nehme mir kein Blatt vors Maul, warum ein Blatt vors Blatt..."

Da erschien Niess und wollte seine eben erhaltene Nachricht ubergeben. Sie empfing ihn, in der vaterlosen Einsamkeit, mit keinem grossern Feuer, wie er doch gedacht, sondern mit einigem Maireif, der aus dem Tagebuche auf das Gesicht gefallen war. Sofort behielt er seine Selbbriefwechsel in der Tasche und beschenkte sie und ihren abwesenden Vater bloss mit der Einladung, mittags seine Gaste und abends seine Zuhorer zu sein. Auch wunderte er sich innerlich sehr, warum er nicht fruher darauf gefallen, ihr das Blattchen erst an der Tafel zu geben und dadurch der Tafel zugleich; "ein Briefwechsel mit dem Dichter selber" (dacht' er) "musste, sollt' ich denken, dem Deklamator desselben vorlaufige Ehre und nachlaufende Zuhorer eintragen."

Eben versprach Theoda seinem Tische sich und ihren Vater, als dieser eintrat und das Nein vorschuttelte und sagte: er habe sich dem Handwerkgesellen Strykius versprochen, um das Band der Freundschaft immer enger zusammen zu ziehen bis zum Ersticken; das Madchen konne aber tun, was es wolle. Dies tat sie denn auch und blieb ihrem Wort und Niessen getreu. Sie sass namlich, damit ich alles erklare, an offentlichen Orten gern so weit als tunlich von ihrem Vater ab, als Tochter und als Madchen; sie kannte seine Luthers-Tischreden. Der Edelmann wendete diese Wendung ganz anders: "O! sie hat schon recht, die Zarte," dacht' er; "jetzt in Gegenwart eines Fremden, namlich des Vaters, verbirgt sie ihre Warme weniger; neben dem einsamen Geliebten scheuet die einsame Liebende jedes Wort zu sehr und wartet auf fremde kuhlende Nachbarschaft; o Gott, wie er rat' ich dies so sehr und doch leider mich kein Hund!"

Endlich, hoff' ich, ist Hoffnung da, dass mittags gegessen wird in Maulbronn, in der 23sten Summel.

23. Summula

Ein Brief

Herr von Niess fuhrte seine schone Tischgenossin in die glanzenden Esszirkel an eine Stelle, wohin das vaterliche Ohr nicht langte. Der Esssaal war die grune Erde, mit einem von Laubzweigen durchbrochenen Stuckchen Himmel dazu. Lustbeklommen uberflog Theoda mit dem scheuen Auge die wallende Menge, in der weiblichen Hoffnung, ob doch nicht zufallig daraus der Gehoffte auffliege. Ihre Seele qualte, sehnte sich immer heftiger und immer unverstandiger; ihr war, als musse er uberall gehen und sitzen. In diesen Frauen-Rausch hinein reichte nun der Edelmann den Brief, den Theudobach an ihn geschrieben. Mehr bedurfte ihre Seele nicht, um den Tisch-Trompeten leise nachzuschmettern, um das Erden-Leben fur Sonnenstern-Leben zu halten und um ausser sich zu sein.

Nun standen alle Rosenknospen als gluhende Rosen aufgebrochen da. Sie druckte Niessens Hand im Feuer, und er freuete sich, dass er keinen andern Nebenbuhler hatte als sich selber. Die Neuigkeit lispelte sich bald von seiner zweiten Nachbarin die Tafel hinab. Er brachte deswegen, da er schon als Freund eines Gross-Autors Aufmerksamkeit gewann, mehre Sentenzen teils laut, teils gut gedreht hervor, weil leicht auszurechnen war, wie sie vollends umlaufen wurden, wenn er mit dem Dichter in eins zusammengeschmolzen. Die Tischlustbarkeit stieg zusehends. Das Brunnen-Essen ist, ungleich dem Brunnen-Trinken, die beste Brunnen-Belustigung und ohnehin froher als jedes andere; ausser der Freiheit wirkt noch darin, dass man da keinen andern Arbeittisch kennt als den Esstisch und keine Schmollwinkel als die Badewanne.

24. Summula

Mittagtischreden

Aber unten am entgegengesetzten Tafel-Ausschnitt, wo Katzenberger neben seinem gastfreien Rezensenten sass, nahm man von Zeit zu Zeit auf den Damengesichtern von weitem verschiedene Querpfeifer-Muskel-Bewegungen und Mienen-Vielecke wahr. Der Doktor hatte namlich bei der Suppe seinen Wirt gebeten, ihn mit den verschiedenen Krankheiten bekannt zu machen, welche gerade jetzt hier vertrunken und verbadet wurden. Strykius wusste, als ein leise auftretender Mann, durchaus nicht, wie er auf Deutsch (zumal da ausser dem eignen Namen wenig Latinitat in ihm war) zugleich die Ohren seines Gastes bewirten, und die der Nachbarinnen beschirmen sollte. "Beim Essen", sagte eine altliche Landjunkerin, "horte sich dergleichen sonst nicht gut." "Wenn Sie es des Ekels wegen meinen," versetzte der Doktor, "so biet' ich mich an, Ihnen, noch ehe wir vom Tisch aufstehen, ins Gesicht zu beweisen, dass es, rein genommen, gar keine ekelhafte Gegenstande gebe; ich will mit Ihnen Scherzes halber bloss einige der ekelhaften durchgehen und dann Ihre Empfindung fragen." Nach einem allgemeinen, mit weiblichen Flachhanden unternommenen Niederschlagen dieser Untersuchung stand er ab davon.

"Gut," sagt' er, "aber dies sei mir erlaubt zu sagen, dass unser Geist sehr gross ist und sehr geistig und unsterblich und immateriell. Denn ware dieser Umstand nicht, so waltete die Materie vor, und es ware nicht denklich; denn wo ist nur die geringste Notwendigkeit, dass bei Traurigkeit sich gerade die Tranendruse, bei Zorn die Gallendruse ergiessen? Wo ist das absolute Band zwischen geistigem Schamen und den Adernklappen, die dazu das Blut auf den Wangen eindammen? Und so alle Absonderungen hindurch, die den unsterblichen Geist in seinen Taten hienieden teils spornen, teils zaumen? In meiner Jugend, wo noch der Dichtergeist mich besass und nach seiner Pfeife tanzen liess, da erinner' ich mich noch wohl, dass ich einmal eine ideale Welt gebauet, wo die Natur den Korper ganz entgegengesetzt mit der Seele verbunden hatte. Es war nach der Auferstehung (so dichtete ich); ich stieg in grosster Freude aus dem Grabe, aber die Freude, statt dass sie hienieden die Haut gelinde offnet, druckte sich droben bei mir und bei meinen Freunden durch Erbrechen aus. Da ich mich schamte wegen meiner Blosse, so wurde ich nicht rot, sondern sogenannt preussisch Grun, wie ein Grunspecht. Beim Zorn sonderten samtliche Auferstandne bloss album graesum ab. Bei den zartern Empfindungen der Liebe bekam man eine Gansehaut und die Farbe von Ganse-Schwarz, was aber die Sachsen GanseSauer nennen. Jedes freundliche Wort war mit Gallergiessungen verknupft, jedes scharfe Nachdenken mit Schlucken und Niesen, geringe Freude mit Gahnen. Bei einem ruhrenden Abschied floss statt der Tranen viel Speichel. Betrubnis wirkte nicht wie bei uns auf verminderten Pulsschlag, sondern auf Wolf- und Ochsen-Hunger und Fieber-Durst, und ich sah viele Betrubte Leichentrunk und Leichenessen zugleich einschlucken. Die Furcht schmuckte mit feinem Wangenrot. Und feurige, aber zarte Zuneigung der Ehegatten verriet sich, wie jetzt unser Grausen, mit Haarbergan, mit kaltem Schweiss und Lahmung der Arme. Ja, als...."

Aber hier lenkte der vorsorgende Brunnenarzt den ungetreuen Dichterstrom durch die Frage seitwarts: "Artig, sehr artig, und wie Haller, wahrer Dichter und Arzt zugleich Aber Sie haben sich gewiss vorhin in der Wirklichkeit schoner gefuhlt, da Sie aufmerksam unsern schonen Damenzirkel durchliefen?" "Allerdings," versetzte er, "und ich tue es auch in jeder neuen Gesellschaft in der Hoffnung, endlich einmal ein Monstrum darunter zu finden. Denn jetzt bin ich der bluhende schwarmerische Jungling nicht mehr, der sonst vor jeder schonen Gestalt oder Brust ausser sich ausrief: Rumpf einer Gottin! Brustkasten fur einen Gott! Und das feine Hautwarzensystem und das Malpighische Schleimnetz und die empfindsamen Nervenstrange darunter! Oh ihr Gotter! Auch Sie wie alle Schwarmer haben sich gewiss sonst nicht schwacher ausgesprochen; jetzo freilich wird der Ausdruck immer lahmer. Um aber auf die Missgeburten zuruckzukommen, nach denen ich mich hier nach dem ersten Komplimente vergeblich umgesehen, so sag' ich dies: Eine Missgeburt ist mir als Arzt eigentlich fur die Wissenschaft das einzige Wesen von Geburt und Hoch- und Wohlgeboren; denn ich lerne mehr von ihm als vom wohlgeborensten Manne. Aus demselben Grunde ist mir ein Fotus in Spiritus lieber als ein langer Mann voll Spiritus; und Embryonenglaser sind meine wahren Vergrosser-Glaser des Menschen. Ach wohl in jedem von uns", fuhr er feuriger fort, "sind einige Ansatze zu einem Monstrum, aber sie werden nicht reif; mit dem Ruckgrat-Ende, dem Steissbein, setzen wir z.B. zu einem Affenschwanz an, und auf dem neugebornen Kindskopfe erscheint nach Buffon eine hornartige Materie zu einem Gehorne, die man leider sauber wegburstet; aber jeder will wahrlich nur seinesgleichen sehen, ohne nur im geringsten sich um die schon furs Auge kostliche Mannigfaltigkeit zu bekummern, welche z.B. an dieser Badtafel genossen wurde, wenn jeder von uns etwas Verdrehtes an sich hatte, und wenn z.B. der eine statt der Nase einen Fuchsschwanz truge, der andere einen Zopf unter dem Kinn, der dritte Adlerfange, der vierte ordentliche, nicht etwa abgenutzte mythologische Eselohren. Ich fur meine Person, darf ich wohl bekennen, ginge mit Jauchzen vor einer missgebornen Knappschaft und Mannschaft an der Spitze, als verzerrter Flugelmann und monstroses Muster, und wurde Gott danken, wenn ich (namlich korperlich) nicht ware wie andere Leute, sondern wenn auf mir etwa Kamel und Dromedar, also drei Hoker zugleich verkettet waren zur Gebirgkette, oder wenn die Natur mir hinten eine angeborne Frau aufgesetzt hatte samt zwolf Fingern vorne, oder wenn ich sonst mit vielen Curiosis fur mich und andere begabt ware, insofern mir namlich bei diesem lebendigen Naturalienkabinett auf mir mein gewohnlicher medizinischer Verstand gelassen wurde, der sich wie eine Biene auf alle Blumen-Monstrosen setzen musste und konnte. Was hat aber jetzt mein Geist davon, dass mein Leib wohlgestaltet ist und die gemeinsten Reize fur Volkaugen umherspreitet? Nichts hat er; er sieht sich nach bessern um. Aber ich entsinne mich noch recht gut meiner Jugend, wo ich mehr idealisierte und weniger auf Erden als im Himmel wandelte, da weidete ich mich an getraumten, noch hohern Missgeburten, als das teuere schwache Hasenpaar ist, das ich gestern gekauft; da war es mir ein Leichtes, ganze ineinander hineingewachsene Sessionen geboren und zu Kauf zu denken, die ich dann nach dem Ableben leicht in einem Spiritus-Glase bewahrte und bewegte nach Lust- oder einen Knaben mit einem angebornen vollstandigen fleischernen Kronunghabit- oder einen tafelfahigen Edelmann mit zweiunddreissig Steissen besetzt und doch sind das nicht ganz arkadische Traume. Sonst wurden ja wirklich Menschen mit lebendigen Pluderhosen und Fontangen geboren zum Abschrecken vor genahten; warum konnte nicht unsern Zeiten der Fang zufallen, dass ihnen das Gluck einen Incroyable mit pulsierenden Hutkrempen und Schnabelstiefeln und fleischernen Kravatten-Zacken bescherte? frag' ich."

Der Brunnenarzt schwitzte, wahrend er pries, mehre Schweisse von verschiedener Temperatur daruber, dass er einen Flugel seiner Patienten, zumal den weiblichen, eine Landjunkerin, eine KonsistorialRatin, eine halb bleich-, halb gelbsuchtige Zartlingin, und am Ende sich selber in die Hor- oder Stech-Weite eines solchen geistigen Raufdegens gebracht als Wirt. Gern hatte er verschiedene kaltsinnige Mienen dabei geschnitten, wenn er versichert gewesen ware, dass ihn der Doktor nicht als Rezensenten kenne und darum scharfer angreife. Doch tat er das Seinige und sprang von den Missgeburten auf die Katzenbergerischen Geburten, um vorzuglich dessen Hamatologie zu huldigen, worin, sagt' er, Paragraphen waren, ohne welche er manche gluckliche Bemerkungen gar nicht hatte machen konnen. "Schon," versetzte der Doktor, "so denkt wohl nur ein ausserst parteiischer und guter Mann wie Sie denn ausser Ihnen gibts nur noch einen Leser, der gern alles redlich tut, was ihm Bucher vorschreiben, namlich den Buchbinder, der jedes Wort an den Buchbinder befolgt ; aber Sie sollten meinen Hund von Rezensenten kennen und dagegen halten. Himmel, wie bellt der Zerberus, zwar nicht mit drei Kopfen, aber aus sieben Hundhutten und an sieben Ketten gegen mich! Ich wollt', ich hatte ihn da; ich wollte jetzt alles tun, da ich eben getrunken, was ich ihm langst geschworen, namlich meine BlutMachlehre (die haematologia) an ihm selber erproben. Oder gibt es etwas Sundlichers, als wenn ein Narr bloss weil er sieben Zeitungen dazu frei hat, wie zu sieben Turmen die sieben Weisen spielt und sieben Todsunden begeht, um als einziger Zeuge vermittelst einer bosen literarischen Heptarchie seinen Ausspruch zu besiebnen? Ich kann von der bosen Sieben gar nicht los; aber ich werde, sollt' ich denken, in jedem Falle den Mann ausprugeln, erwisch' ich ihn. Hier fass' ich zum Gluck den redlichen Stryk an der Hand, der denkt wie ich, wenn nicht zehnmal besser. Diesem Magen ubergeb' ich mich denn ich meine Magus, nicht Stomachus , und er entscheide; fur mich ist er der grosse Thor (ich spreche zwar nach einem Glas Wein, aber ich weiss recht gut, dass Thor unser erster altdeutscher heilender Gott gewesen) der sage hier.... was wollt' ich denn sagen? Nun mir gilts sehr gleich, und die Sache ist ohnehin klar und fest genug. Kurz- "

"Ich errate unsern guten Autor," sagte Strykius, "denn vielleicht kann ich, als alter Leser seiner witzreichen Werke, ihn wenigstens zum Teil wurdigen. Man kennt diesen tiefen Mann, er verzeihe mir sein Lob ins Gesicht, nur wenig, wenn man nicht seine gelehrte und seine witzige Seite zugleich bewundert und unterscheidet, die er beide so eng verschmelzt; aber er hat nun einmal, um spasshaft-gemein zu sprechen, Haar im Mund." "Aber ich habe sie eben zwischen den Zahnen;" (versetzte er, einen Truthahn-Hals an der Gabel aufhebend) "ich wunschte, mancher hatte so viel Haarwuchs auf dem Kopfe als der Truthahn hier am Halse, und solche herrliche Haarzwiebeln waren auf eine bessere Haut und Glatze gesaet, als ich eben kauen muss."

"Ich tadle aber doch die Sauce dabei," fiel ein altlicher, mehr blod- und funfsinniger als scharfsinniger Posthalter ein , "sie will mir fast wie abgeschmackt schmecken; aber jeder hat freilich seinen Geschmack." "Abgeschmackt, Herr Posthalter," sagte der Doktor und hielt lange inne, "nennen die Physiologen alles, was weniger Salz enthalt als ihr eigner Speichel; daher sind Sie wegen des Ungesalzenen wahrscheinlich ein Mann von Salz, ich meine den Speichel."

Eine schwergeputzte Landjunkerin, die ihren Kahlschadel mit einem Prunk- und Titular-Haar gekront, merkte (aber nicht leise genug, weil sie es franzosisch sagte) gegen ihre Tochter an: "Fi! Welch ein Mensch! Wer kann dabei essen?" Der Posthalter, der ihn schlecht verstand und gut aufnahm, wollte es hoflich er widern und fragte: "Wie gefallen Sie sich hier, Herrrr... ich weiss Ihren werten Charakter nicht?" "Ich mir selber?" versetzte der Doktor. "Sehr!"

Eben bekam er und die Landjunkerin kleine, etwas klumpige Pasteten auf den Teller. Er schob seinen weit in den Tisch hinein, bemerkend: gerade in solchen Pasteten wurden gewohnlich die Frauen-Perukken ausgebacken, wie hier mehre an der Tafel sassen; indes find' er darum noch kein Haar aus Ekel darin, ja er ziehe in Rucksicht des letzten Pasteten den Perukken vor.

Die Edeldame brach mit Abscheu auf, um es zu keinen starkern Ausbruchen kommen zu lassen. Endlich taten es auch die ubrigen. Wohlgemutet druckte Katzenberger dem Rezensenten die Hand und prophezeiete sich die Freuden, die ihn erwarteten, konn' er ofter so mit ihm zusammenhausen, und beschenkte ihn mit der Herz-Ergiessung: "Ich habe am Ende (und nur mit Gewalt verschieb' ichs) sagen wollen zu Ihnen: Du!"

25. Summula

Musikalisches Deklamatorium

Die Leser finden um 7 Uhr alle Maulbronner von Bildung in Niessens Deklamiersaal. Das musikalische Vorspiel hat schon ausgespielt Niess geht mit dem "Ritter einer grossern Zeit" in der Hand, ihn drittels deklamierend, drittels lesend, drittels tragierend, langsam zwischen der weiblichen und mannlichen Kompagniengasse auf und ab und halt bald vor diesem Madchen still, bald vor jenem. Auch Katzenberger ging auf und ab, aber einsam im Vorsaal, teils um den reinen Musik-Wein ohne poetischen Bleizucker einzuschlurfen, teils weil es uberhaupt seine Sitte war, im Vorzimmer eines Konzertsaales unter unaufhorlicher Erwartung des Billeteurs, dass er seine Einlasskarte nehme, so lange im musikalischen Genusse gratis versunken hin und her zu spazieren, bis alles vorbei war. Der Vorleser steht schon bei den grossten lyrischen Katarakten seiner dichterischen Alpenwirtschaft, und die Musik fallt (auf kleine Finger-Winke) bald vor, bald nach, bald unter den Wasserfallen ein, und alles harmoniert.

Der Charakter des Ritters einer grossern Zeit war endlich so weit vorgeruckt, dass viele Zuhorerinnen seufzten, um nur zu atmen, und dass Theoda gar ohne Scheu vor den scharf geschliffenen Frauen-Blicken daruber in jene Traualtar- oder Brauttranen (ahnlich den mannlichen Bewunderungtranen) zerschmolz, welche freudig nur uber Grosse, nicht uber Ungluck fliessen. Der geschilderte bluhende Ritter des Gemaldes, schamhaft wie eine Jungfrau, liebend wie eine Mutter, schlagend und schweigend wie ein Mann, und ohne Worte vor der Tat, und von wenigen nach der Tat, stand im Gemalde eben vor einem alten Fursten, um von ihm zu scheiden. Es war ein prunkloses Gemalde, das ein jeder leicht hatte ubertreffen wollen. Der altliche Furst war weder der Landesherr noch Waffenbruder des Junglings; er hatte sich bloss an ihn gewohnt, aber jetzo musst' er ihn ziehen lassen, und dieser musste ziehen. Beide sprachen nun in der letzten Stunde bloss wie Manner, namlich nicht uber die letzte Stunde, sondern wie sonst, weil nur Manner der Notwendigkeit schweigend gehorchen; und so gingen beide, so sehr auch in jedem der innere Mensch schwere Tranen in den Augen hatte, wortkarg, ernst, mit ihren Wunden und mit einem: Gott befohlen auseinander.

So weit war die Vorlesung einer grossern Zeit schon vorgeruckt, als noch die Ture aufging und wie ein fremder Geist ein Mann eintrat, der, wie auferstanden aus dem Gottesacker der Ritterzeiten, ganz dem Ritter an Blick und Hohe gleich und die Hor-Gesellschaft fast ebensosehr erschreckte als erfreuete...

26. Summula

Neuer Gastrollenspieler

Jetzt in den Monaten, wo ich die 26ste Summel fur die Welt bereite und wurze, ist es freilich sogar der Welt bekannt, wer ankam; aber am beschriebenen Abende war noch Maulbronn selber daruber dumm.

Der eintretende Mann schrieb sich Herr von Theudobach, Hauptmann in preussischen Diensten. Nach altdeutschem Lebens-Stil war er noch ein Jungling, das heisst 30 Jahr alt und nach seinem bluhenden Gesicht und Leben war ers noch mehr. Seine dunkeln Augen gluhten wie einer wolkigen Aurora nach, weil er sie bisher noch auf keine andere Figuren geworfen als auf mathematische in Euler und Bernoulli, und weil er bisher nichts Schoneres zu erobern gesucht, als was Koehorn, Rimpler und Vauban gegen ihn befestigt hatten. Unter diesem mathematischen Schnee schlief und wuchs sein Fruhling-Herz ihm selber unbemerkt. Vielleicht gibt es keinen pikantern Gegenschein der Gestalt und des Geschafts, als der eines Junglings ist, welcher mit seinen Rosenwangen und Augenblitzen und versteckten Donnermonaten der brausenden Brust sich hinsetzt und eine Feder nimmt und dann keine andere Auflosung sucht und sieht als eine algebraische. Gott! sagen dann die Weiber mit besonderem Feuer, er hat ja noch das ganze Herz, und jede will seinem gern so viel geben, als sie ubrig hat von ihrem. Dieser Hauptmann hatte nun auf seiner Reise durch das Furstentum Grosspolei zufallig in der Zeitung gelesen: der durch seine Schriften bekannte Theudobach werde das Maulbronner Bad besuchen. "Das ich doch nicht wusste!" sagte der Hauptmann, weil er von sich gesprochen glaubte, indem er mehre kriegmathematische Werkchen geschrieben. Von Niessens Namenvetterschaft und Dichtkunst wusst' er kein Wort. Unter allen Wissenschaften bauet keine ihre Priester so sehr gegen andere Wissenschaften ein als die sich selber genugsame Messkunst, indes die meisten andern die Messrute selber als eine bluhende Aarons-Rute entlehnen, die ihnen bei Priesterwahlen raten helfen soll. Ich kann mir Mathematiker gedenken, die gar nicht gehoret haben, dass ich in der Welt bin, und die also nie diese Zeile zu Gesicht bekommen. "Es sind folglich", schloss der Hauptmann, "nur zwei Falle denkbar: entweder irgendein literarischer Ehrenrauber gibt sich fur mich aus, und dann will ich ihm offentlich die Messrute geben oder es treibt wirklich noch ein Wasserast und Nebensprossling meines Stammbaums, was mir aber unglaublich in jedem Falle sind funf Meilen Umweg so viel als keiner fur einen solchen Prufung-Zweck."

Sein Erstaunen, aber auch sein Zurnen denn das Zornfeuer der Ehre hatte bisher ganz allein in ihm neben dem wissenschaftlichen Feuer und Lichte gebrannt erstieg einen hohen Grad, da er in Maulbronn von seinem entzuckten Wirte horte: ein Herr von Niess habe schon heute nach einem Brief, den er von Herrn von Theudobach erhalten, dessen Ankunft angesagt; und alles werde sich im Deklamatorium uber seinen Eintritt entzucken, zumal da etwas von ihm vorgelesen werde. Der Wirt trug sogar Vorsorge, ihm unter dem Deckmantel eines Wegweisers seinen Sohn mitzugeben, welcher der Wirttochter, weil sie belesen und mit darin war, sogleich das ganze Signalement des neuen Zuhorers durch drei Worte ins Ohr zustecken sollte.

Als der Hauptmann eintrat, blickten ihn die ubrigen weiblichen Augen an, ausgenommen nur ein Paar: Theoda sah unter dem Vorlesen keine Gesichter als ihre innern und bloss zu den poetischen Hohen hinauf. Noch ehe die Wirttochter die Nachricht von Theudobachs Ankunft wie einen elektrischen Funken hatte durch die Weiber-Ohrenkette laufen lassen: hatten sich schon alle Augen an den Hauptmann festgeschraubt. Denn immerhin halte Christus auf einem Berge seine Predigt oder auf dem Richterstuhle sein Jungstes Gericht: es ist unmoglich, dass die Frauen, die davon erbaut oder geruhrt werden, nicht mehre Minuten den Heiland vergessen und sich alle an den ersten Kirchenganger und Verdammten heften, der eben die Gesellschaft verstarkt; sie mussen sich umdrehen und schauen und einander etwas sagen und wieder nachschauen.

Ich will setzen, mein zweiter Satz ware wahr, dass fur das Weiberherz ein Federbusch auf dem Mannskopfe mehr wiege als ein ganzer Bund gelehrter Federn hinter dem Ohre, weil mein erster richtig ware, dass interna non curat Praetor, oder wortlich ubersetzt, dass eine Frau vor allen Dingen gern wissen will, wie ein Mann von aussen aussieht: so hatt' ich ziemlich erklart, warum der junge Mann mit seinem FederbuschHut in der Hand, mit seinem Junglingblicke und seiner Mannkraft und selber mit einigen Krieg- und Blatternarben, ja sogar mit dem dustern Feuer, womit er dem Vorleser nachsah und nachhorte, den ganzen weiblichen Hor- und Sitz-Kreis wie in einem Hamen gefangen und schnalzend aus dem Wasser emporhob. Jetzo schlug vollends die Nachricht der Wirttochter von einem beringten Ohre zum andern: der da sei's, der Dichter.

Theoda horte es, sah auch hin und sie und ihr Leben wurden wie von einem ausgebreiteten Abendrote uberzogen. Wie ein stiller Riese, wie eine stille Alpe stand er da; und ihr Herz war seine Alpenrose. Irgend einmal findet auch der geringste Mensch seinen Gottmensch, und in irgendeiner Zeit findet er ein wenig Ewigkeit; Theoda fands.

Der Vorleser, den die fremde Bewunderung seines Lesestucks hinriss in eigne, und der unter allen Empfindungen diese am innigsten mit dem Hor-Kreis teilte, hatte jetzo, wo die eigentliche Hohe und Bergstrasse seiner Schopfung erst recht anging, gar nicht Zeit, die Ankunft, geschweige die Gestalt und die Einwirkung des Kriegers wahrzunehmen. Er stand eben an der zweiten Hauptstelle seines Gesangs (der Anfang war die erste), am Schwanengesange, am Ende-Triller; denn wie im Leben die Geburt und der Tod, im Gesellschaftzimmer der Eintritt und der Austritt die beiden Flugel sind, womit man steigt oder fallt, so im Gedichte Niess konnte also nicht unaufhaltsam genug sturmen und laufen und deklamieren und sich begleiten lassen von Musik, um, wie ein Gewitter, gerade den starksten und entzundendsten Schlag beim Abzuge zu tun.

Indes horen mitten in diesem Gerassel von poetischen Streit- und Siegwagen Vorleser eigner Sachen gleichwohl manches leise Wort, das daruber ausfliegt. Niess vernahm mitten im Dichter-Sturm sehr gut Theodas Wort: "Ja er ists und hat sich selber kopiert im Ritter." "Und tut doch immer," sagte die Nachbarin, "als ginge ihm das ganze Gedicht nichts an." Es war Niessen auf keine Weise moglich, bei solchen Ausspruchen, dass er da sei und sich im alten Ritter selber getroffen habe, und bei dem allgemeinen Klatschen und Anblicken und Anfragen der Bewunderung, sich etwa in den Kopf zu setzen, er sei gar nicht gemeint, nur der neue Soldat. Sondern eine warmere Minute und hohere Stelle, um sich zu enthullen und zu entwolken, dies sah er wohl ein konnte kein Sternseher fur ihn errechnen, als der Kulminationund Scheitelpunkt war, den er eben vor sich hatte, um die Wolke des Inkognito seinem Phobus auszuziehen. Zum Gluck war er fruher darauf gerustet und hatte daher da er langst wusste, dass die Menschen die ersten Worte eines grossen Mannes, sogar die kahlsten, langer behalten und umtragen als die besten nach einem Umgange von Jahren schon auf der Kunststrasse, zehn Meilen vom Lesesaal, folgende improvisierende Anrede ausgearbeitet:

"Ehrwurdige Versammlung, fand' ich nur die ersten Worte! Auf eine solche Sympathie einer so gebildeten Gesellschaft mit mir durft' ich ohne Eigenliebe nicht rechnen. Aber eine Herzergiessung verdient die andere, und ich gebe mich willig dem Ungestum der Augenblicke preis. Moge, ihr Herrlichen, euch jeder Schleier des Lebens so abgehoben werden als jetzt, und nie decke sich euch ein Leichenschleier statt eines Brautschleiers auf. Ich war namlich mein eigner Vorlaufer; denn ich bin wirklich der Theudobach, dessen Ankunft ich auf heute in Briefen ansagte."

"Der sind Sie nicht, mein Herr," sagte der Hauptmann "ich heisse von Theudobach Sie aber, wie ich hore, Herr von Niess. Was Sie fur Ihre Werke ausgeben, sind ganz andere und die meinigen."

Niess blickte ihm ganz erstarrt ins Gesicht. Besonnener springt der Mensch plotzlich zu hoch als zu tief Theudobach stand fast gebietend mit seinem Macht-Gesicht, Krieger-Auge, hohen Wuchs neben dem zu kurzen Dichter, von welchem nun jedes Weiber-Auge abfiel; aber er ermannte sich und sagte: "Ich kenne Sie nicht, aber Deutschland mich." -"Herr von Niess," versetzte Theudobach, "dasselbe ist gerade mein Fall."

Unversehends trat Theoda, welche langst vor Begeisterung unbewusst aufgestanden war, aus der verblufften Schwester-Gemeine heraus vor Theudobach und sagte zu ihm im hohen Zurnen gegen den vieldeutigen Niess: "Sie sind der Mann, den wir alle achten, oder aller Glaube lugt." Der Hauptmann sah das kuhne Feuer-Madchen verwundert an und wollte erwidern; aber Niess rief zornig dazwischen: "An mich haben Sie geschrieben, nicht an diesen Herrn, meld' ich jetzt, und ich an Sie." "O Gott, ich?" sagte Theoda.

"Mein Name Theudobach, Herr von Niess, ist kein angenommener, ich habe nur einen; und es gibt nur meinen noch in der Welt; Sie fuhren eingestanden zwei, wovon ich nur den meinigen reklamiere und Ihnen den Ihrigen billig lasse. In der allgemeinen deutschen Bibliothek konnen Sie meinen Namen Theudobach neben meinem rezensierten Werke finden. Jede andere Erklarung konnen wir uns an andern Orten geben", setzte er mit einigen Blicken hinzu, die sehr gut als Funken auf das Zundpulver einer Pistole fallen konnten.

"Sehr gern!" versetzte Niess, um nur zuerst auf der Adelprobe zu bestehen; aber auf das Vorhergehende konnte er kein Wort zuruckgeben vor Uberfulle von Antworten. Wer zu viel zu sagen hat, sagt meistens zu wenig, Niess noch weniger.

Noch habe ich in der allgemeinen Welt-Geschichte von Essig und Zopf die ohnehin mein Fach nicht ist, weil ich vielmehr selber eines in ihr fullen und fodern will kein rechtes Beispiel (unter so vielen abgesetzten Gunstlingen und Konigen) aufgetrieben, das einigermassen dazu taugen konnte, Niessens Falle und Verfalle die gehorige Beleuchtung zu geben, wenn jemand sehen wollte, wie einem Manne zumute gewesen, den man auf einmal vom Musenberge auf die Quartanerbank, vom Throne eines Sonnen-Gottes auf den Altar seiner Opfertiere, die er vermehren soll, oder von Allem zu Nichts herunterwirft Gehenkte, auf den Zergliederungtischen erwachend unter dem Messer anstatt im Himmel, sind nichts dagegen. "O, ich bin stolz!" sagte Niess und ging davon.

27. Summula

Nachtrag

Keine Seele bekummerte sich um den davongelaufnen, von seinem Siegwagen herabgepurzelten Deklamator. Doch lachte man ihm allgemein nach. Ein Mann von Belesenheit wenigstens im Junistuck der Minerva von 1804, wo die Notiz steht sagte sehr laut: Niess hab' es mit seinem Namengeben gemacht wie die Einwohner von Nootka, welche Gott den Namen Quautz geben; der Mann hatte verbindlich fur Theudobach reden wollen; aber in der Eile war ihm auf der Zunge das Lob in Essig umgeschlagen.

"Fahrt man so fort," sagte ein Korrespondent einer ungelehrten Gesellschaft, "so weiss am Ende keiner von uns, was er geschrieben, und der halbe Meusel sitzt im Sand."

Der Hauptmann nahm mit einer kurzen Entschuldigung, dass er sich seines Geschlechtnamens so offentlich angenommen, und mit einer besonderen Verbeugung an Theoda schnell seinen Ruckzug; und die Menschen sahen seinem Kopfe nach.

Ungefahr tausendunddreihundert Siegkranze folglich gerade soviel als Theagenes von Thasus in den griechischen Spielen erbeutet trug er auf seinem Kopfe, seinen Schultern und seinem Rucken davon; aber warum?

28. Summula

Darum

Man hielt ihn fur den grossen Theater-Dichter, dessen Stucke die meisten gehort. Ich will eine kurze Abschweifung und Summel daranwenden, um zum Vorteil der Buhnen-Dichter zu zeigen, warum sie leichter grossere Eitelkeit-Narren werden als ein anderer Autor. Wie fallt erstlich der letzte mit seinen verstreueten Leser-Klausnern ein wenig verehrt von blossen gebildeten Menschen beklatscht in den hundert Meilen fernen Studier-Zimmerchen und zweimal hintereinander gelesen, nicht vierzigmal angehort, wie fallt ein solcher Ruhm-Irus und Johann ohne Land schon ab gegen einen Buhnen-Dichter, der nicht nur diese Lorbeer-Nachlese auch auf dem Kopfe hat, sondern ihr noch die Ernte beifugt, dass der Furst und der Schornsteinfeger und jedes Geschlecht und Alter seine Gedanken in den Kopf und seinen Namen in den Mund bekommen dass oft die erbarmlichsten Marktflecken, sobald glucklicherweise ein noch elenderes Maroden-Theater von Groschengaleristen einruckt, sich vor den knarrenden Triumphkarren vorspannen, worauf jene den Dichter nachfuhren, so dass, wenn gar der Dichter die Truppe selber dirigiert, er an jedem Orte, wo beide ankommen, den englischen Wahlkandidaten gleicht, die auf vielen Wagen (Lord Eardley auf funfzig) die Wahlmanner fur den Sitz im Hause der Gemeinen an den Wahlort bringen lassen. Noch hundert Vorteile konnt' ich vermittelst der Auslassfigur (figura praeteritionis) anfuhren, die ich lieber weglasse, solche z.B., dass einen Theaterautor (und oft steht er dabei und hort alles) eine ganze Korporation von Handen gleichsam auf den Handen tragt (daheim hat ihn nur ein Mann in seiner Linken und blattert mit der Rechten verdriesslich) dass er auswendig gelernt wird nicht nur von Spielern, sondern am Ende von deren Wiederkehr-Horern dass er in allen stehenden, obgleich langweiligen Theaterartikeln der Tag- und Monatblatter stets im selben Blatt von neuem gelobt wird, weil die Buhnen-Schelle immer als Taufglocke seines Namens und das Einblaser-Loch als sein delphisches Loch wiederkommt. Woraus noch manches folgt, z.B. dass ein gemeiner Autor, wie z.B. Junger, ja Kotzebue, langer in seinen gehorten Stucken lebt als in seinen gelesenen Romanen. Daraus erklart sich die Erscheinung, dass das kalte Deutschland sich fur Schiller (und mit Recht, denn es sundigte von jeher nur durch Unterlassen, nie durch Unternehmen) so sehr und so schon anstrengt, und fur Herder so wenig. Denn misst der Wert den Dank: so hatte wohl Herder als der fruhere, hohere, vielseitigere Genius, als der orientalisch-griechische, als der Bekampfer der Schillerschen Reflexion-Poesie durch seine Volklieder, als der Geist, der in alle Wissenschaften formend eingriff, und der nur den Fehler hatte, dass er nicht mit allen Flugeln flog, sondern nur so wie jene ProphetenGestalten, wovon vier ihn bedeckten und nur zwei erhoben, dieser Tote hatte ein Denkmal nicht neben, sondern uber Schiller verdient; waren, wie gedacht, die Komodianten nicht gewesen oder das Publikum nicht, das fur die Vielseitigkeit wenig anschliessende Seiten mitbringt. Ubrigens wie man lieber von Personen als von Sachen hort, so steht auch der gewohnlichste Theater-Dichter als ein Nachttisch-Spiegel, der dem Parterre Personen und dieses selber darstellt, schon darum dem Sachen-Dichter als einem blossen Juwel voran, der nur Feuerfarben wirft und unverwustlich nichts darstellt als sich und das Licht. Ubrigens ist dies fur uns andere Undramatiker eben kein Ungluck; denn wir haben uns eben darum zum schonen Lose einer leichtern liebenswurdigen Bescheidenheit Gluck zu wunschen, zumal wenn wir berechnen, was aus uns, da jetzo schon ein paar Zeitungen und einige Teetische uns (ich selber kenne mich oft kaum mehr) sichtbar aufblasen, vollends durch das Luftschiff der Buhne fur trommelsuchtige Narren geworden waren, so wie Schweinblasen, die schon auf Bergen schwellen, auf Hohen der Luftballe gar zerplatzen.

29. Summula

Herr von Niess

Er kam nicht zum Abendessen.

30. Summula

Tischgebet und Suppe

Der Tumult der Erkenn- und Verkennszene mischte die Essgaste schon auf dem Gange zur Tafel zu bunten Reihen der Freude zusammen. Der Sternenhimmel, Blasmusik und Baume voll Lampen und hauptsachlich der abends angekommene und mitsoupierende grosse Mann bezauberte und vereinigte alles. Viele Madchen, die Niessens Stucke aus Leihbibliotheken und auf Buhnen hatten kennen lernen, gingen unter dem Schirme wechselnder Schatten ganz nahe und anblickend neben seiner schonen Gestalt vorbei. Als er in seiner Uniform dem weiblichen Jagd-Tuch oder Rebhuhnergarn oder Frauen-Tyras und mit der hohen Feder (die auf dem Kopfe erhabner aussieht als hinter dem Ohre) so dahinschritt und die Menge uberragte wie der ursprungliche Theudobach (nach Florus) seine Tropae, und er als das Zwillinggestirn der Weiber, als Dichter und Krieger zugleich, sich durch seinen Himmel bewegte und mit Auge und Stimme so entschieden gegen mannliche Wesen und doch mit beiden so scheu und bescheiden gegen weibliche einhertrat: so riss ein allgemeines Verlieben ein; und hinter ihm sah, da er mit dem funfschneidigen Melpomenens-Dolch und mit dem Kriegerschwert alles schlug, der Weg wie eine weibliche Wahlstatt aus: der einen war der Kopf, der andern das Auge, der dritten das Herz verwundet. Er aber merkte gar nichts von den samtlichen Verwundeten, die er hinter sich nachfuhrte. Bisher mehr astronomisch zu den Himmelsternen hinauf- als zu den weiblichen Augensternen herabzusehen gewohnt, zeigte er nicht den geringsten Mut vor einem ganzen Augensternhimmel; und vor einigen, welche den Busen mit nichts bedeckt hatten als mit ein paar Locken und Blumen, wollt' er gar das Hasenpanier ergreifen. Jedoch schickte er seinen Blick heimlich nach dem Madchen herum, das, ihm so unbekannt, dreist ihm vor einer Menge beigestanden hatte.

Theoda war aber langst durch das Gedrange zu ihrem Vater hingeeilt, wie unter dessen schirmende Fittiche gegen ihr Herz und das Volk. Sie war berauscht und beschamt zugleich, dass sie so offentlich, mehr eine Leserin als ein Madchen, sich in den Zweikampf von Mannern als Sekundantin gemischt. Erst durch langes Bitten rang sie dem Vater die Erlaubnis ab, ihn dem Dichter vorzustellen, wiewohl ers ein Selber-Spektakelstuck nannte.

Neben ihm stand sie, als sie ihren Lebens-Abgott, den bald Lichter, bald Schatten reizend bedeckten, herkommen sah und sie ihm aus der Ferne unbeschamter in das edle Antlitz schauen konnte. Sie stellte mit kindlicher Lust ihren Vater dem beruhmten Genius vor. "Meine Tochter" nahm Katzenberger leicht den Faden auf "hat mich mit Ihrem Kunstlerruhm bekannt gemacht; ich bin zwar auch ein Artista, insofern das Wort Arzt eine verhunzte Verkurzung davon ist; aber, wie gesagt, nur Menschen- und ViehPhysikus. Daher denk' ich bei einer Hauskrone und Lorbeerkrone mehr an eine Zahnkrone oder bei einem System sehr ans Pfortadersystem, auch Hautsystem, und ein Blasen- und ein Schwanenhals sind bei mir nicht weit genug getrennt. Mir sehen Sie dergleichen wohl nach! Dagegen weis' ich Sie auf meine Tochter an."

Der Hauptmann machte, d.h. zeigte die grossten Augen seines Lebens; er fand in diesem Badeorte zu viel Wirrwarrs-Knoten. Doch aus Dankbarkeit gegen das Madchen, das heute einen so kuhnen Anteil an seinem Schicksale genommen, sagt' er nur: "Das schone Fraulein, dem ich viel Dank schuldig bin, hat bloss Ihren Namen zu nennen vergessen."

"So seid ihr Volk;" wandte sich der Vater an die Tochter- "wenn ihr nur eure Taufnamen habt, unter Briefen und uberall; nach des Vaters Namen fragt ihr keinen Deut. Ich und sie heissen Katzenberger, Herr von Theudobach!"

Der Hauptmann, der nach mathematischer Methode aus allen bisherigen Hindeutungen auf einen Briefwechsel mit ihm gar nichts heraussummiert hatte als den Heischesatz, dass man hier erst hinter manches kommen musste, setzte wie jeder Sternseher fest: "Zeit bringt Rat; ein jeder Stern, besonders ein Bartstern, muss erst einige Zeit rucken, bevor man die Elemente seiner Bahn aufschreibt; folglich rucke der heutige Abendstern nur weiter, so weiss ich manches und rechne weiter." Man setzte sich zu Tisch und Theoda sich neben den Hauptmann; Erdferne von ihm ware ihr diesen Abend Wintertod gewesen. Sie hatte noch auf vaterliche Nachbarschaft gerechnet; aber der Doktor, der sich von beiden Leuten nichts versprach als einen Abend voll dichterischer Sachen, einen Teich voll schwimmender Bluten ohne Karpfen und Karauschen und Hechte, hatte sich langst weggebettet unten hinab; und vom Doktor hatte sich wieder weit abgebettet der Brunnenarzt Strykius in einer geistigen Ehescheidung von Tische. Theoda schwieg lange neben dem geliebten Manne, aber wie voll Wonne und Reichtum! Und alles um sie her uberfullte ihre Brust! Uber die Tafel wolbten sich Kastanienbaume in die Zweige hing sich goldner Glanz, und die Lichter schlupften bis an den Gipfel hinauf, uber welchen die festen Sterne glanzten unten im Tale ging ein grosser Strom, den die Nacht noch breiter machte, und redete ernst herauf ins lustige Fest in Morgen standen helle Gebirge, auf denen Sternbilder wie Gotter ruhten- und die Ton-Feen der Musik flogen spielend um das Ganze hinunter, hinauf und ins Herz.

Theoda, durch jeden eignen Laut einen vom Dichter zu verscheuchen furchtend und fur ihre sonst scherzende Gesprachigkeit zu ernst bewegt, stimmte wenig mit der redelustigen Gesellschaft zusammen, welche desto lauter und herzhafter sprach, je mehr die Musik tobte; denn Tisch-Musik bringt die Menschen zur Sprache, wie Vogel zum Gesang, teils als Feuerund Schwungrad der Gefuhle, teils als ein Ableiter fremder Spur-Ohren.

Bloss der Hauptmann konnte sein Ich nicht recht mobil machen; er hatte so viele Fragen auf dem Herzen, dass ihm alle Antworten schwer abgingen. Theoda, welche schon nach Niessens Schilderung mehr Angrenzung an Niessische Leichtigkeit erwartet hatte und vollends von einem Dichter, konnte sich die in sich versenkte Einsilbigkeit nur aus einem stillen Tadel ihrer offentlichen Anerkennung erklaren; und sie geriet gar nicht recht in den scherzenden Ton hinein, den Madchen oft leicht gegen ihre Schreibgotter, auch aus einer mit Seufzern und Wonnen uberhauften Brust, anzustimmen wissen.

Der Brunnenarzt Strykius, der sich ihm mit einem festgenagelten Anlacheln gegenubergesetzt, befiel und befuhlte ihn mit mehren Anspielungen und Anspulungen seiner Werke; aber der Hauptmann gab bei seiner Unwissenheit uber den Dichter und daruber, dass man ihn dafur hielt unglaubliche Quer-Antworten, ohne zu verstehen und ohne zu berichtigen. So gewiss horen die meisten Gesellschafter nur einen, sich selber; so sehr bringt jeder statt der Ohren bloss die Zunge mit, um recht alles zu schmecken, was uber dieselbe geht, Worte oder Bissen. Hat sich ein Mann verhort, folglich nachher versprochen und endlich darauf sich aufs Unrechte und Rechte besonnen: so blickt er verwundert herum und will wissen, wie man seinen zufalligen Unsinn aufgenommen; er sieht aber, dass gar nichts davon vermerkt worden, und er behalt dann zornig und eitel den wahren Sinn bei sich, ohne die fremden Kopfe wieder herzustellen in das Integrum des eigenen. Daher verstehen sich wenig andere Menschen als solche, die sich schimpfen, weil sie von einerlei Anschauungen ausgehen.

Hier fuhrt mich die lange vorstehende Bemerkung beinahe in die Versuchung, nach vielen Jahren wieder

ein Extrablattchen

zu machen. Denn eben die gedachte Bemerkung hab' ich erst vor einigen Tagen im neuesten Bande des Kometen gelesen; ja ob sie nicht gar (wie fast zu befurchten) noch in einem dritten Buche von mir sich heimlich aufhalt, das weiss der Himmel, ich aber am wenigsten. Denn woher sollt' ich nach ein paar Jahrzehenden wissen oder erfahren, was in meinen so zahl- und gedankenreichen Werken steht, da ich sie ausgenommen unter dem Schreiben fast gar nicht oder nur zu oberflachlich lese, sobald nicht zweite oder dritte Auflagen gefodert werden, in welchem letzten Falle ich mich sogar ruhmen darf, dass ich den Hesperus dreimal (zweimal im achtzehnten Jahrhundert und einmal im neunzehnten) so aufmerksam durchgelesen als irgendein Mitleser aus einer Leihbibliothek, welcher exzerpiert. Eben seh' ich noch zum Gluck' da ich, wie gesagt, mich unter dem Schreiben immer lese, dass ich den Satz oben fragweise angefangen, unten aber wegen seiner unbandigen Lange mit einem Fragzeichen zu schliessen vergessen. Denn um zuruckzukommen kann ich wohl bei der Menge wichtiger Bucher, welche die Vergangenheit und das Ausland aus allen Fachern liefern und wovon ich noch dazu die besten, vor vielen Jahren gelesenen wieder durchgehen muss, weil ich sie jetzo besser verstehe, der neuen Supplementbibliotheken in jeder Messe gar nicht zu gedenken kann ich da wohl Lust und Zeit gewinnen, einen mir so alltaglichen und bis zur Langweile bekannten und auswendig gelernten Autor wie mich in die Hand zu nehmen? Was in unserem Jahrhundert Gelehrte zu lesen haben, welche Berge und Bergketten von Buchern, leidet keine Vergleichung mit irgendeinem andern, ausgenommen mit dem nachsten zwanzigsten, wo sich die Sachen noch schlimmer zeigen, namlich 200 neue Buchermessen mehr. Wahrlich, da brauch' ich keine Sorbonne, welche mir wie einmal dem Peter Ramus das Verbot auflegt, die eignen Werke zu lesen. Aber warum fahrt, bellt, schnaubt und schnauzt denn irgendein kritischer Schosshund mich an, wenn ich statt des eignen Lesens nichts wiederhole als zuweilen eigne Gedanken? Sinds aber vollends Gleichnisse: so mocht' ich nur erst den fremden Mann kennen, der bei meiner Uberschwangerung damit solche aus neunundfunfzig Banden behielte; vollends nun aber der eigne Vater, welchem Gebornes und Ungebornes durcheinanderschiesst und der oft (der gute Mann!) zehn ungedruckte Geburten auf dem Papiere ungetauft liegen lasst und dafur eine alte, schon gedruckte unwissend wieder in die Kirche tragt und uber das Bekken halt. Da Strykius, wie gesagt, durch alle Halbantworten Theudobachs nicht aus seinem Missverstandnis, dieser sei der Dichter, herauskam, so liess er sich auch durch nichts halten, er musste der ganzen auf dem Gesichte des Hauptmanns konvergierenden Gesellschaft zeigen, dass er selber Verdienst schatze und besitze. "Das Wetter" (dacht' er bei sich) "soll den Dichter erschlagen, wenn er nicht merkt, dass ich mir etwas aus ihm mache." Er knupfte daher von neuem so an: "Ich darf wohl unberufen im Namen der ganzen Gesellschaft unsere Freude uber die Gegenwart eines so beruhmten Mannes ausdrucken. Sie haben zwar bessere Gegenden gezeichnet; aber auch unsere verdient von Ihnen aufgenommen zu werden."

Der Hauptmann, der, zum Genie-Corps gehorig, sich dabei nichts denken konnte als eine militarische Zeichnung zum Nachteil der Feinde, nicht eine poetische zum Vorteil der Freunde, gab aufgemuntert, weil er endlich doch ein vernunftiges, d.h. ein HandwerksWort zu horen und zu reden bekam, zur Antwort: "Wenn hier eine Festung ist, so tu' ichs; jede ist ubrigens uberwindlich, und mich wunderte besonders, in demselben Buche Anleitung zur unuberwindlichen Verteidigung und zur sieghaftesten Belagerung anzutreffen, wovon ja eines eo ipso falsch sein muss."

Hier lachelte Strykius verschmitzt, um dem Krieger zu zeigen, dass er die Allegorie ganz gut kapiere; ihm war namlich, wie allen Prosa-Seelen, nichts gelaufiger als die vermoosete Ahnlichkeit zwischen Liebe und Krieg.

Der Hauptmann fuhr etwas verwundert fort: "Mich dunkt durch Approchen, durch die dritte Parallele, wobei man uber die Brustwehr fechten kann durch falsche Angriffe" (Hier nickte Strykius unaufhorlich zu und wollte immer lachelnder und schalkhafter aussehen) "und am Ende durch den Generalsturm wird jede Jungfrau von Festung erobert."

"Ich weiss nicht," setzte der Hauptmann, ganz erbittert uber den anlachenden Narren, hinzu "ob Sie wissen, dass ich zum Genie-Corps gehore."

"O wer wusste es nicht von uns," erwiderte er schelmisch, "und eben das Genie tragt den Kocher voll Liebepfeile."

Da wurde wie von einem Schlagfluss der Arzt aus seinem Anlacheln weggerafft durch des zurnendroten Hauptmanus Wort: "Herr, Sie sind ein Arzt, und darum verstehen Sie nichts von der Sache."

Ohne weiteres wandte er sich zu Theoda und fragte mit sanfter Stimme: "Sie, Vortreffliche, scheinen mich zu kennen, aber doch weiss ich nicht wodurch." "Durch Ihre Werke", sagte sie furchtsam.... "Sie hatten die einen gesehen und die andern gelesen....?" sagte er und wollte uber den Unterschied zwischen seinen um die Festung gebauten Werken und seinen darin geschriebnen noch ein Wort fallen lassen, als sie ihre Augen gegen ihn aufhob und auftat wie ein Paar Ehrenpforten... Aber beide wurden unterbrochen.

31. Summula

Aufdeckung und Sternbedeckung

Theoda bekam ein versiegeltes Paket mit der Bitte auf dem Umschlag, es sogleich zu offnen. Sie tats. Anfangs kam bloss ein Band der allgemeinen deutschen Bibliothek heraus dann in diesem, zwischen dem Titelblatte und dem gestochenen Gesicht eines beruhmten Gelehrten, ein Briefchen von Niess und dann das Briefchen von Theoda an Theudobach.

Niess schrieb: "Ich ehre Ihr Feuer. Ich verdamme meines. Ich bin selber der Dichter, fur dessen Freund bloss ich mich leider unterwegs ausgegeben, und dessen Feind ich eigentlich dadurch geworden. Ich vergebe Ihnen gern Ihren offentlichen Widerspruch gegen den meinigen; aber als Gegengeschenk bitt' ich Sie, mir auch meine vielleicht indiskrete, doch abgedrungene Eroffnung zu verzeihen, dass Sie an mich geschrieben. Hier ist Ihr Brief, hier ist die Abschrift meiner Antwort darauf. Hier ist sogar noch mein, wenn nicht getroffnes, doch zu erratendes Gesicht vor der allgemeinen deutschen Bibliothek und dazu eine Rezension Seite 213 darin, worin freilich nichts Wahres ist als die Namen-Jagd, dass ich namlich meinem Geschlechtnamen Niess den Vornamen Theudobach vorgesetzt. Kurz ich bin der Dichter der unbedeutenden Trauerspiele, die mir jetzo selber eines bereiten. Ich verwunsche jede Minute, wo ich Ihnen etwas so Gleichgultiges verbarg, als mein Name ist. Das Bessere habe ich vielleicht zu wenig verfehlt. Hier ist nun Ihr Brief meine Handschrift mein Gestandnis sogar mein Zerr-Bild. Am Himmel entfernt sich die Venus nicht uber 47 Grade vom Bilde des Dichtergottes; wollen Sie Sich weiter entfernen?"

Schweigend gab Theoda dem Hauptmann Niessens Brief, Rezension und Kupferstich mit der Unterschrift: Theudobach von Niess. Ihr Herz quoll, ihr Auge quoll. "Was hatt' ich ihm getan," rief es in ihr, "dass er mein Herz so nahe aushorchte dass er mich zu einem offentlichen Irrtum verlockte und dass ich beschamt dem Volks-Lacheln preisgegeben bin; was hatt' ich ihm getan?" Sie dauerte der edle Mann neben ihr, als ob sie und der Poet zusammen ihm Lorbeer und Genie abgeplundert hatten und sie wollte, als hatte sein Herz davon Risse bekommen, alle gern mit ihrem ausfullen. Wie anders klang und schnitt jetzt die Musik in die Seele! Wie anders sahen die Riesenwache von Baumen und die tollkuhnen Nachtschmetterlinge an den Lichtern aus! So ist das Leben und Schicksal immer nur ein ausseres Herz, ein widerscheinender Geist, und wie die Freude die Wolken zu hohen, nur leichtern Bergen aufhebt, so verkehrt der Kummer die Berge bloss zu tiefern festern Wolken. Theoda sah recht starr in die kleine Morgenrote des heraufziehenden Mondes, um durch starkes Aufmerken und Offenhalten das Zusammenrinnen einer Trane zu verhindern; als aber der Mond heraufkam, musste sie die Augen abtrocknen.

32. Summula

Erkennszene

Der Hauptmann las sehr lange im Briefe und in der Rezension, um Licht genug zu bekommen. Lange durchsah er Niessens Bildnis vor der allgemeinen deutschen Bibliothek, dessen Ahnlichkeit ihm nicht recht einleuchten wollte; weil diese uberhaupt Kopfe vorne vor dem Titelblatte nicht viel kenntlicher darstellte als im Werke selber. Doch wird damit nichts gegen den gebliebenen Wert eines Werkes gesagt, das von jedem guten Kopfe Deutschlands ohne Ausnahme wenigstens eine volle Seite, noch dazu mit NamensUnterschrift aufweist, namlich die mit seinem Kopfe vorne vor dem Titelblatte. Der Hauptmann, der so plotzlich aus der Sonnenfinsternis in den hellen Mittag herabfiel, wandte sich gar nicht an Theoda, sondern zuerst an die Tischgesellschaft erklarte laut, nicht er sei der grosse Dichter, sondern Herr von Niess er habe zwar etwas geschrieben, uber die alte hollandische Fortifikation aber er ersuche also jeden, die Bewunderung, die er ihm zugedacht, zuruckzunehmen und der Behorde zu schenken. Darauf riss er ein Blattchen aus der Schreibtafel und schrieb an Herrn von Niess: er nehme gern sein unschuldiges Missverstandnis zuruck, stehe aber zu jeder andern Genugtuung bereit.

Als dies alles bekannt wurde und dem Brunnenarzt zuerst , so brachte dieser jeden Abgrund versilbernde Mondschein sogleich zwei laute Toasts aus: "Einen Toast auf den Mathematiker von Theudobach! Einen Toast auf den Dichter Theudobach von Niess!" rief er. So tanzte der frohe Mann nicht nur nach jeder Flote, sondern wie H-n nach jeder Flotenuhr, die eben ausschlagt, und auf die vorige schnelle Anrede des Hauptmanns an ihn, welche, aus der Tafelsprache in die Schlachtsprache ubersetzt, doch nur sagen wollte: krepiere! versetzte er freudig: auf Ihr langes Leben!

Jetzt endlich kehrte sich Theudobach an die Jungfrau, welche auf ihre Kosten ihn mit dem Sonnenlehn eines grossen Dichters belehnet hatte, und wand, indem er schmerzlich und vergeblich uber Gutmachen nachsann, die bittende Frage herauf: wie alle diese Missverstandnisse moglich gewesen? "Ich bitte Sie," sagte sie mit muder Stimme, "meinen Vater zu fragen, der alles weiss." Er schwieg. Trauerndes Nachdenken auf dem starken Mannergesicht ruhrte die Jungfrau immer starker; ihre Seele litt zu viel und konnte wieder nicht alle Zeichen verbergen, welche die fremde Teilnahme vermehrten. Hastig stand sie endlich auf sagte ihrem Vater etwas ins Ohr dieser nickte, und sie verschwand.

33. Summula

Abendtisch-Reden uber Schauspiele

Auch Katzenberger hatte unten einige Werthers Leiden ausgelitten, und zwar schon bei der Krebssuppe, weil da noch die ganze Tischgesellschaft, als eine niedere Geistlichkeit, zum Kirchdienste fur den DichterGott angestellt sass, welcher der Hauptmann zu sein schien; wozu noch der Kummer stiess, dass er seinen Strykius nicht vor sich hatte. Ein solcher Wirttisch war fur Katzenberger ein Katzentisch. Er erklarte deshalb gern ohne Neid der nachsten Tisch-Ecke, dass er als Arzt uber Buhnen-Skribenten seine eigne Meinung habe, und folglich eine diatetische. Ein Lustspiel an und fur sich, fuhr er fort, verwerfe niemand weniger als er; denn es errege haufig Lachen, und wie oft durch solches Lachen Lungengeschwure, englische Krankheit nach Tissot, Ekel (wenn auch nicht gerade der am Stucke selber), ja durch blosse Spass-Vorreden Rheumatismen gehoben worden, wiss' er ganz gut. Ja, da Tissot eine Frau anfuhre, die nicht eher als nach dem Lachen Stuhle gehabt, so halt' er allerdings ernsthaft einen Sitz im Komodienhause fur so gut als ein treibendes Mittel, so dass jeder aus seiner Leidengeschichte, wie man sonst bei einer andern getan, ein Lustspiel machen konnte.33 Daher, wie der Quacksalber gern einen Hanswurst, so sehe der Arzt gern einen Lustspieldichter bei sich, damit beider Arzneien nach Verhaltnis ihres Werts von gleichmassigen Spassen unterstutzt und eingeflosst wurden.

"Das Trauerspiel aber, Herr Doktor?" fiel ein junger Mensch ein, der zu beantworten glaubte, wenn er befragte.

Gleichwohl glaub' er fuhr er ohne Antwort fort Verstopfung und dergleichen ebensoleicht durch einige Sennes- und Rezeptblatter zu heben als durch ein vielblattriges Lustspiel, und ein Apotheker sei hier wenig verschieden von einem Hanswurst. Er konne sich denken, dass man ihm hier das Trauerspiel einwerfe; aber entweder errege dieses gar nichts (dann gahnte man ebensogut und noch wohlfeiler in seinem warmen Bette) oder es errege wahre Traurigkeit, wenn auch nur halbstundige; nun aber sollten doch Dichter, dachte man, wie Kotzebue und deren Kunstrichter so viel durch Aufschnappen aus der Arzneikunde zufallig wissen, dass Traurigkeit Leber-Verstopfung, folglich Gelbsucht woher sonst der gelbe Neid der Trauerspieler gegeneinander? zurucklasse, ferner entsalzten Urin, ein scharfes Tranen (der grosste Beweis der Blut-Anstemmung in den Lungen) und sogar Darmkrampfe. Auf letzte habe man sogar bei Wesen, die in gar kein Schauspiel gehen oder sonst Seelenleiden gehabt (denn es gebe keine andere, da nur die Seele, nicht der blosse Korper empfinde und leide), namlich bei traurigen Hirschen34 geschlossen aus den kleinen Knotchen in ihrem Unrate als den besten Zeichen von Krampfen.

"Erharteten freilich" fuhr er feurig fort "Buhnen-Tranen, gleich Hirschtranen, zu Bezoar: so schrieb' ich wohl selber dergleichen Spass und bewegte das Herz. Aber jetzt, beim Henker! muss der wahre Arzt mitten unter den weichsten, himmlischsten Gefuhlen der Damenherzen so scharf das Weltliche dazwischen kommandieren als ein Offizier unter der Messe seinen Leuten das Gewehr-Strecken und Heben. Vielleicht aber gab' es einen Mittelweg, und es ware wenigstens ein offizineller Anfang, wenn man das Trauerspiel, so gut es ginge, dem Lustspiel naher brachte, durch eingestreute Possen, Fratzen und dergleichen, die man denn allmahlich so lange anhaufen konnte, bis sie endlich das ganze Trauerspiel einnahmen und besetzten." Eine solche Anastomose und Kirchenvereinigung des Weh- und Lustspiels, setzte er hinzu, eine solche Reinigung der Tragodie durch die Komodie ware zuletzt so weit zu treiben ja in einigen neuesten Tragodien sei so etwas , dass man durch ganze Stucke hindurch recht herzlich lachte. Er fragte, ob denn komische Darstellung so schwer sei, da man in Frankreich im siebzehnten Jahrhundert die ernstesten biblischen Geschichten35 in burlesken Versen begehrte und bekam; wie er denn uberhaupt wunsche, dass ernste Dinge, z.B. Manifeste, Todesurteile etc., ofter im gefalligen Gewand, namlich burlesk vorgetragen wurden. Er berief sich noch auf die sonst im Trauerspiel so ernsten Franzosen, denen Noverre die tragischen Horatier Corneilles als einen pantomimischen Tanz gegeben; folglich in Sprungen, welches schon an den griechischen Namen der Tragodie, namlich Bockspiel, erinnere; sogar er selber getraue sich, seinen starksten Schmerz uber einen Verlust, z.B. seines Freundes Strykius, durch blosses Tanzen auszudrucken, in einem Schaferballett oder in einem Hopstanz oder im Fandango.

"Also hatt' ich", beschloss er, "die entkraftende Empfindsamkeit, die man uns auf den Tranenwegen der Meibomischen Drusen, der Tranenkarunkel u.s.w. hereinschiessen lasst, leicht durch Possen gedammt."

Hier konnte ein winddurres Landfraulein aus dem Vordorf und der Vorstadt der Hauptstadt, das sich langst auf Ruhrung gelegt, sich nicht langer halten: "Dies kann er Narren weismachen", sagte sie leise vor seinen Katzenohren zu ihrer Mutter. "Narrinnen allerdings nicht", sagte er noch leiser zu obigem Posthalter im ersten Bande. Das hagere Fraulein fuhr leise gegen die Mutter fort: "Freilich rohe Kerls ruhrt nichts; eine Seele aber, die zarte gespannte Nerven hat, fuhlt allein, was weiche Nerven heissen, und fragt nach nichts bei der Ruhrung. Ach wie weit sind noch alte Personen hinter den jungsten oft zuruck!"

Auch der Doktor versetzte wieder leise: "Mangel an Fett, Herr Posthalter, konnen Sie im ersten Bande von Walthers kostlicher Physiologie gefunden haben der sich vom Berliner Zergliederer Walter so unterscheidet wie beider Wissenschaften, also wie Geist von Korper Fett-Mangel macht zu empfindsam; denn die Nerven liegen halb nackt da und stossen sich an alles. Ein Fetter hingegen fuhrt sie, wie Eier, unter diesem Uberguss gut bewahrt bei sich; Speck schutzt gegen geistige Hitze und gegen ausserliche Kalte."

Giftig redete den dicken Doktor selber das Fraulein an und sagte: "Ich kenne doch manche beleibte Personen von Empfindung."

"Von diesem Schlage" versetzte er, "durfte ich selber sein, meine reizende Grauaugige! Im Vorbeigehen bei Ihren himmelgrauen Augen will ich doch anmerken, dass es gar keine blauen und keine schwarzen Augen unter den Menschen gibt (grune und gelbe jedoch), sondern was sie so nennen, sind nur graue und braune, weil die Iris nie blau und schwarz aussieht. Aber zuruck! Ob ich nun gleich als ein Mann von Talg hier am Tafel-Ende den Fettschweif vorstelle, den sich das kirgisische Schaf nachfahrt auf einem Wagelchen: so hab' ich doch auch zwei Augen und ein Schnupftuch; wie oft hab' ich nicht unter dem heftigsten Lachen Tranen vergossen! Desgleichen bei Kalte von aussen im Schlitten. Uberhaupt wie konnte man als gefrorne Winterbutter erscheinen, ware man nicht ausserst weich? Nur das Weiche kann gefrieren, Gnadige, nicht das Harte."

Zum Gluck fur einen Waffenstillstand unterbrach eben den Doktor der oben toastende Strykius mit seinen Neuigkeiten. Schwer ging jenem die unbegreifliche Verwandlung der beiden Edelmanner in ihr Widerspiel ein. Als er aber endlich das Wahre begriff und erhorte, und dass Niess bisher wie die alten Manuskripte ohne Titelblatt gewesen und endlich sich eines vorgebunden, sein Namens-Pergament, und dass er bloss nach Autor-Sitte sich den Namen Theudobach geborgt und eingeatzt: so konnte sich der Doktor einiger Bemerkungen und Verwunderungen nicht enthalten, sondern gestand: "ein anderer als er hatte dies ebensogut erraten konnen die Namen-Rasur und Tonsur durch Rezensenten gebe leicht Namen-Alibi und Namen-Nachdrucke der Autoren." Ja er fand hierin Ahnlichkeit zwischen grossen Autoren und grossen Spitzbuben, dass beide bei ihrem Geschafte fremde Namen annehmen, und fuhrte aus des badischen Hofrats Roth Jauner-Liste von 1800 mehre zweite AutorNamen an, wie sonst franzosische Prinzen zweimal getauft wurden, z.B. den grossen Allgeier den durren Herrgott den kleinen Pappenheimer den reichen Bettler oder Spatzendarm den grossen Sauschneider den Hennenfanger den welschen Mattheis kurz lauter Namen, woruber die Gauner-Bande die wahren so vergisst wie das Publikum bei Autoren.

34. Summula

Brunnen-Beangstigungen

Nach dem Entwickelungabende erschien Theoda nie an der offentlichen Tafel mehr; weder vaterlicher Spott noch Zank bezwangen sie. Hinter ihrer jungfraulichen Scherzhaftigkeit und Entschlossenheit, das Rechte sogar auf Kosten der Form und Gewohnheit zu ergreifen, lag ein empfindliches, lange nachfuhlendes Herz verborgen; leider hielt dieses jetzt die Dornen der Ubereilung in seinen Wunden fester. Wie sollte sie Unbescholtene das kleine Gewehrfeuer der weiblichen Blicke ertragen? Und doch liess sie sich von diesen mit Quecksilber gefullten organisierten Nachtschlangen noch lieber anleuchten, als von den zwei Brautfackeln der Augen des Hauptmanns anglanzen, der damit in ihren offen gelassnen Herzenkammern alles hatte sehen konnen, was er gewollt. Nur Niess stiess ihr ohne besondere Verlegenheit von ihrer Seite auf; gegen ihn und dessen Passagier-Charaktermaske glaubte sie, wiewohl sie eigentlich ihm das offentliche Unrecht angetan, ordentlich das meiste Recht zu haben. Man mag nun dies daraus herleiten, dass die weibliche Seele leichter vergibt, wenn sie Unrecht gelitten, als wenn sie es getan oder dass sie Irrtumer lieber verdoppelt als zurucknimmt und sich lieber am Gegenstand derselben racht als an sich selber bestraft oder dass ihr sich ihr Inneres so abspiegelt wie im Spiegel sich ihr Ausseres, namlich jedes Glied verkehrt und das linkische Herz auf der rechten Seite oder man mag es daraus erklaren wollen, was fast das Vorige ware, nur in andern Wendungen, dass Frauenseelen dem milden Ole gleichen, welches, entbrannt, gar nicht zu loschen ist (denn Wasser verdoppelts) ausser durch die kuhle Erde und dass sie sich wie der Vesuv durch Auswurfe nur desto mehr erheben oder dass ihre Fehler den Menschen gleichen, welche nach Young durch den Krieg (d.h. durch das Erlegen) sich erst recht bevolkern kurz wie man Theodas Betragen auch ableite: ich bin der Meinung, dass ich mehr Recht habe, wenn ich behaupte, dass sie Herrn von Niess weniger liebt als den Hauptmann. Ich berufe mich hier auf nichts als auf die Summeln, die noch kommen.

Ihre Brunnenbelustigungen bestanden jetzo ausser einigen hinter Schnupftuch und Bett- und Fenstervorhang versteckten Tranen darin, dass sie zuweilen mit ihrem Vater ausging, der etwas an sich hatte, um damit Junglinge leicht wegzuscheuchen, oder dass sie einsam die Berge der Blumen-Ebene bestieg, wenn eben Ball, Schauspiel oder Essen war oder dass sie in das Tagebuch an ihre Freundin fluchtete, wie an eine nah herubergeflogne Brust. Dieses erzahle sich denn selber.

35. Summula

Theodas Brief an Bona

"Bona! Ich war dir nie ernst genug, jetzt dacht' ich, war' ichs. Doch kann ich mich irren, und ich bin vielleicht nur wund. Herzen und Glocken bekommen so leicht Sprunge bei starkem Bewegen. War' ich nur mit meinem an deinem schneeweissen Halse: es sollte bald heil sein. Grame dich nicht voraus, ich habe nichts verloren, nicht einmal ein Stuckchen Liebe, bloss ein paar Dummheiten. Nur der Mond, der mir beim Aufgang die Augen wasserte, steigt jetzt immer hoher und zieht mit Gewalt blutwarme Tropfen aus der Brust herauf; so zieh' er denn fort.

Ach Bona, ich weine! Denn ich habe dumm gefehlt; und du sollst heute alles wissen. Nur wird es mir sauer, dir das lange historische Zeug auszubreiten, da ich dessen so satt und genug habe. Wir brauchen einen ganzen Herbst dazu, eh' wir beide fertig sind mit der Sache.

Herr von Niess ist ein Spitzbube: er ist eben der Dichter Theudobach eigenhandig, zu dem er mich geleiten wollen. So also ist eine heutige Manns- und Schreibperson! Wenn nun, sage mir, die bessern Schauspiel-Dichter nicht redlicher sind als ihre Schauspieler oder irgendein feinster Dieb: auf was hat sich eine gute Seele zu verlassen? Auf Gott und eine Freundin, wahrlich auf sonst nichts. War' ich nur uber deine Sorge und Burde hinweg und ware dein Kind an deiner Brust: so fragte ich keinen Deut nach Begebenheiten, sondern sasse bei dir und erzahlte sie.

Kurz das geschmeidige gewundene Schlangenwesen der Manner, das sich bis sogar in den Sonnentempel der Kunst einschlangelt, legte sich auch an mich und meinen Vater und kroch ein, unter dem Namen von Theudobachs Freund. Er konnte mithin jedes Wort horen, was ich von ihm dachte: es war so gut, als war er mit meiner Seele in mein Gehirn eingesperrt.

Um uns alle recht in seinem blauen Dunste herumzufuhren, sprengt' er aus, der Poet komme erst abends, wenn er seinen Ritter vorlase. Vermutlich war sein Plan, wenn wir so alle mitten im Jubilieren uber seinen Ritter und im Vormusizieren des Standchens sassen, vom Sessel aufzustehen und zu sagen: ich bin der Mann selber. Zum Ungluck fur ihn und fur mich versalzte ihm ein Namenvetter das ganze Te deum. Es tritt namlich gerade, als uns Frauen die Herzen steilrecht himmelan brennen, ein edler junger Mann herein, den alle Madchen fur den Maler und fur das Urbild des Ritters zugleich ansehen mussen, nicht etwa ich allein. In einem Traum kusst' ich einmal einer hohen himmlischen und doch sanften Gestalt des noch ungesehenen Dichters die Hand; gerade so sah der Fremde aus. Da sein Name wirklich Theudobach war und er auch allerlei geschrieben, wiewohl nur uber Mathematik: so war er neugierig und zornig hieher gereiset, um zu sehen, wer ihm hier seine Rolle nachspiele. Kurz in der Minute, da Niess sich als den Theudobach demaskierte, steht der zweite bessere da, der ihn in die alte Niessische Chauve-souris-Maske zurucksteckt. Und wahrlich, wer nur beide nebeneinander stehen sah, den Hauptmann Theudobach in einer Gestalt, seines riesenmassigen Urahns nicht unwurdig, und das feine Schachfigurchen Niess, an ihm hinauf sturmlaufend, der musste es machen wie ich und an alle deine vernunftige Ratschlage nicht denken. Ich ging namlich offentlich zum Hauptmann und erklarte ihn fur den Dichter. Mir gluht hier schmerzlich das Gesicht, und ich denke an meines Vaters Wort: 'Durch Eiligkeit entstehe oft Feuer, und durch Langsamkeit werd' es starker; weil die Leute die Sachen gerade umkehrten.' Indes war jeder meiner Meinung auch noch unter dem Abendessen gleichwohl lauf' ich jetzt als das Maulbronner SundenBockchen herum und werde von den andern SundenZicklein meines Geschlechts heimlich angemeckert. Denn Niess schickte mir unter dem Essen meinen Brief an ihn und seinen Kupferstich; kurz der Star wurde mir mit der Starnadel gestochen und ein bisschen das Herzchen dabei.

O, wie war ich hinter meiner Augenbinde, als hatte ich sie mir vom Amor geborgt, so ruhig-froh! Wenn ich dir erst kunftig einmal male, wie himmlisch der Sternen-Abend war, solange mir ihn nicht mein Schmerz umzog wie rein-heiter ich an der Seite des guten Menschen sass, den ich noch fur den poetischen Traumgott meiner Jugendtraume ansah, und wie froh ich mein Auge auf alles um mich warf, auf die erleuchteten Baume, auf jeden Gast am Tisch, wie auf die Sterne uber mir wie immer das freudige Herz uberkochen wollte und wie ich gern die armen Nachtschmetterlinge verscheucht hatte, die sich an den Lichtern zerstorten und wie ich in die aufdammernden Wolken in Osten mit feuchten Augen sah und dachte: wie gar zu selig wird dich vollends dein begluckender Mond machen, wenn er dich so findet.... Er fand mich nicht mehr so er fand mich voll Scham und Gram, ich sah ihn an dein stillendes Auge ware mir heilsamer gewesen ich grub meines ordentlich ein in seinen Glanz und dachte dann nach: wie anders, anders es gewesen ware, ware alles so geblieben, welch eine unvergessliche Paradieses-Nacht, die noch in keinem Traume gewohnt, ich hatte durchleben und ewig im Herzen halten durfen! Es sollte nicht sein, das zu grosse Gluck. Indes, glaub' ich, durchquellt keine Trane so heissschmelzend den ganzen Menschen als die, die er fallen lassen muss, wenn er, ebenso heiter wie andere, in einem weiten, duftenden, wehenden Arkadien angelangt und stehend, plotzlich von irgendeinem einsamen Ungluck umgriffen wird und nun mitten unter dem allgemeinen Gesange: 'Freut euch des Lebens', den er mitsingt, leise sagt: freuet euch des Lebens, meines ist anders.

Ach wozu dies alles? Aber eine wichtige Regel macht' ich mir; und ich wollte, besonders die Manner hielten sie heilig: schone, o schone jede Seele bei einem Lustfeste, weil es ihr viel zu wehe tut, mitten in der allgemeinen Freuden-Ernte ganz allein gar nichts zu haben, und doch noch bei dem Zentner-Ach in der Brust mit einem leichten Lachel-Gesicht dazustehen; daher sollten besonders die Liebhaber und die Eltern uns arme Madchen mit Qualen verschonen auf Ballen, Hochzeitfesten, Maienfesten, Weinlesen. Ach wir leiden nie mehr als in Gesellschaft; die Manner vielleicht in der Einsamkeit! Ich weiss es nicht.

Jetzo sah ich nicht mehr ab, warum ich Umstande mit der Tafel machen sollte; unglucklich konnt' ich ja in der Einsamkeit so gut sein als in der Gesellschaft. Ich ging davon; und sagt' es dem Vater. Das AllerDummste (dacht' ich) denken doch die Bade-Gastinnen ohnehin von mir; also ist nichts zu verderben an den Dummheiten.

Ich konnte aber unmoglich schon nach Haus und unter die Dach-Enge; ich musste ins Weiteste; ich wollte die Sterne bei mir behalten. Da senkte mein ganzes Herz sich plotzlich auf die unsichtbare Brust meiner toten Mutter. Ich dachte an die Zauberhohle, durch deren wunderbare Lichter sie einst die auf ihren Armen aufhupfende Tochter durchgetragen; und ich erfragte unten im Dorfe den Hohlen-Eingang. Der Mond schien an die Pforte; die Kinder hatten davor gespielt und Ketten von Dotterblumen und ein kleines Gartchen von eingesteckten Weiden zuruckgelassen. Ich offnete die Ture, um vor die weite, wie ein Leichnam in die Hohle begrabne Finsternis zu treten; aber als der Mond seinen Schimmer lang hineinwarf und ich meinen Schatten drinnen in der Hohle liegen sah: so schauderte michs; ich sah die Schattengestalt meiner Mutter in ihrem Grabe schlafen; da eilt' ich davon und dachte mir dich und dein Wohl, um mein Herz zu warmen. O lebe wohl!

Spatere N. S. Sein Herz ist sein Gesicht; ich rede vom Hauptmann. Aus Zartheit wich er mir bisher aus; aber er schickte mir durch meinen Vater ein Blattchen, worin er alle Schuld des offentlichen Missverstandnisses auf sich nimmt und durch seine Zuruckziehung, um es nicht zu bestatigen, dafur zu bussen gesteht. Du wirst es lesen. Es gehe dem braven Jungling wohl!

Aber unendlich sehne ich mich aus diesem Gottesacker voll bluhender Nesseln und begrabner Schonheiten hinweg an deine treue Brust hinan; dennoch muss ich ausharren, weil mein Vater nicht eher reisen will, als bis er, wie er fast so ernsthaft versichert, dass man bange wird, seinen Rezensenten abgestraft. Erfahr' ich indes deine Niederkunft: so bin ich ohne weiteres ohne Vater und ohne Wagen zu Fusse bei dir, bei meiner alten schonern Zeit. Sonderbar ists, dass hier so manche noch ausser uns weilen, die alle nicht baden und nicht trinken, namlich Niess und sogar der Hauptmann."

36. Summula

Herzens-Interim

Nun liefen vier Menschen wie vier Akte immer naher in dem Brennpunkt eines funften zusammen. Aber Niess gehorte nicht unter die Strahlen. Nachdem er lange und vergeblich bei Theoda auf den Thron des Autors sich als Mensch hinzusetzen versucht; nachdem er den vielschneidigen Schmerz empfunden, dass ein blosses Madchen und ein begeistertes fur ihn dazu und eine Reisegefahrtin obendrein den Dichtergeist nur als zufallige Flamme wie das S. Elms-Feuer an seinen Masten gefunden oder nur wie Blumen auf rohem Stamm: so war er seiner Sache gewiss und Theodas ledig und der Brunnenbelustigungen froh, namlich des allgemeinen Lobes. Die Trompete der Fama blaset am leichtesten die Madchen aus dem mannlichen Herzen. Er war jetzt imstande, sich selber zu leben und seine Unsterblichkeit einzukassieren ganz Maulbronn schwamm ihm zu er konnte (er tats auch) seinen Stock aus Vergessenheit liegen lassen, damit ihn am Bade-Morgen die schoneren Hande herumtrugen und die Herzen dabei glossierten. Er konnte mit wahrem dichterischen Tiefsinn uberall lustwandeln und keinen Menschen bemerken, da es ihm genug war, wenn er bemerkt wurde in seinen Schopfungen mitten am hellen Tage. Er konnte sich hundertmal offentlich vergessen, um ebensooft an sich zu erinnern. Ohnehin konnte (und musste) er den Maulbronner Schauspielern als flugelmannischer Vor-Souffleur vorsitzen und sich in der umherstehenden Lern-Truppe wie in einem Spiegelzimmer vervielfachen.

Dies alles heilte das Herz; denn es gab Lust und Tumult, worin man eben Lieben so leicht versaumt als die Christen an Kirchweih-Tagen (Kirmes) die Fruhpredigt. Am meisten aber wurd' er von seiner Passion durch den Absatz heil, den seine Haare bei den Damen fanden. Da er voraussah, dass seine Verehrerinnen nach einer Reliquie von ihm so laufen wurden als das Volk nach dem Lappen eines Gehenkten, wiewohl jene fur das Bezaubern, und dieses gegen dasselbe: so hatt' er absichtlich seine Haar-Schur dem Bade aufgehoben und daher seinem Bedienten verstattet, sie anzukundigen und mit seiner Pegasus-Mahne einen kleinen Schnitthandel anzulegen. In der Tat schlug die Spekulation mit dem Flor von seinen Haarzwiebeln so gut ein als der hollandische mit Blumenzwiebeln; ja eine Grafin wollte den ganzen Artikel allein an sich bringen zu einer adeligen und genialen Perucke, so versessen war alles auf die Geburten seines fruchtbaren Kopfes, es mochten Gefuhle oder Locken sein. Dieser Handelflor seines Bedienten, wovon ihm selber gerade das Geistigste zuwehte, das Lob, liess ihn, wie gedacht, Theodas Verlust mannlicher verschmerzen, als er sonst gehofft; indes ob er ihr gleich seine Kronungen, d.h. seine Tonsuren, nicht am sorgfaltigsten zu verhehlen strebte, so warf er als heiliger Vater der Musen doch mitten unter seinem Kardinalgefolge aus angeborner Gutmutigkeit statt der Bannstrahlen sanfte Sonnenblicke von Zeit zu Zeit auf die verlassene Geliebte, um, wie er hoffte, sie dadurch unter ihrer Last, wo moglich, aufrecht zu erhalten.

Hingegen den Hauptmann sah er kaum an erstlich vor Ingrimm zweitens weil er ihn nicht sah oder selten. Der gute Messkunstler dem sich jetzt das Leben mit einem neuen Flor bezogen hatte, und welchem der Brunnen-Larm sich zur Trauermusik einer Soldatenleiche gedampft war nirgend zu sehen als uber den unzahligen Druckfehlern seines mathematischen Kastners, welche er endlich einmal, da er sie bisher immer nur improvisierend und im Kopfe umgebessert, von Band zu Band mit der Feder ausmusterte. So wenig er nun Ursache hatte, dazubleiben, so wenig hatt' er Kraft, fortzureisen. Bracht' er sich selber auf die Folter und auf die peinliche Frage, was ihn denn plage und nage, so fragte er nichts heraus als dies, es gehe ihm gar zu nahe, dass er ein unschuldiges Frauenzimmerchen durch seinen missverstandnen NamenWettkampf mit Niess zu einer Etourderie hingelockt und sie mit Gewalt in die Busszellen der Einsamkeit gejagt "Die Wunden ihres Ehrgefuhls", sagt' er sich, "mussen sie ja noch heisser schmerzen als einen Mann die des seinigen; und ich ware ja ein Hund, wenn ich nicht alles tate, was ich konnte, und nicht so weit wegbliebe von ihr als nur menschenmoglich." Dennoch fuhr er oft mitten aus den kaltesten Rechnungen die ihn eben weniger zerstreuten, weil sie ihn weniger anstrengten als einen andern zahne-knirschend und schmerzen-gluhend auf vom Buche (er hatte unbewusst fortgerechnet und fortgefuhlt) und sagte: "O mein Gott! was ist denn? Dies hole der Teufel, o Gott!"

Ein redlicher Krieg- und Messkunstler von Jungling, der in seinem Leben nichts Weibliches weiter innig geliebt als seine Mutter und welchem bisher das leichte Blut so ungedammt durch das stilloffne Herz geflogen, weiss gar nicht, wie er sich einmal einen ganz andern Gang und Schlag erklaren und erleichtern soll; er seufzt und weiss nicht woruber und wofur. Er mochte sterben und leben, toten und kussen, weinen und lachen; aber er kann doch nicht seine sussgluhende Holle ausloschen mit allen Tranen der ersten Sehnsucht.

Wie wohlgemut und froh halt dagegen ein Mann wie Niess, der schon ofter den heissen Liebe-Gleicher passiert ist, den bittersten Herzen-Harm aus! Ordentlich mit Lust schmilzt er in Tranen und schnalzt wie ein lustiger Fisch. Das Gefuhl, das bei einem mathematischen Theudobach eine druckende Perle in der Auster ist, tragt er als eine schmuckende aussen an sich. Kurz er gehort zu den Leuten, wovon ich einmal Folgendes getraumt. Ich hatte aber vorher gelesen, wie man in Osterreich die Kompagnien zum Beten so kommandiert: "Stellt euch zum Gebet! Hergestellt euch zum Gebet! Kniet nieder zum Gebet! Auf vom Gebet!" Da der Flugelmann alle andachtigen Handgriffe deutlich vormacht und fruher als die Kompagnie sein Herz zu Gott erhebt, dankend oder flehend: so kann kein Kerl aus der ganzen so fur die Andacht zugestutzten Kompagnie im Beten stolpern ohne eigne Schuld, und falls einer eine Minute langer als der Flugelmann Gott verehrte, so wird er mit Recht vom Offizier zu allen Teufeln verflucht. In meinem Traume aber war von einem nahern Anbeten die Rede und waren mehr Kommandoworter in Gang. Ich war zugleich der Offizier und der Flugelmann die grosste Schonheit Baireuths sass auf dem Kanapee und ich sagte zu meiner Rotte: "Hergestellt euch zum Anbeten! Kniet nieder zum Anbeten! Sehnet euch! Hand gekusst! Seufzer ausgestossen! Tranen vergossen! Fallt in Verzweiflung! Ermannt euch! Aufgelacht! Aufgestanden!" Und so hab' ich und die Rotte das Roman-Exerzitium siebenmal in so kurzer Zeit durchgemacht, dass wir fertig waren, eh' ich erwachte.

37. Summula

Neue Mitarbeiter an allem Bonas Brief an Theoda

Noch immer blieb der Doktor Strykius ungeprugelt und Theoda voll Sehnsucht nach Bona, und der Hauptmann unentschlossen zur Reise: als der Landesherr des Badeorts ankam und mit ihm die Aussicht auf neue scenes a tiroir, auf neue Spektakelstucke und Szenenmaler fur diese kleine Buhne; besonders die Aussicht auf die Erleuchtung der Hohle. "Wird die Hohle erleuchtet," dachte der Doktor, "so find' ich vielleicht einen entlegenen finstern Winkel darin, worin ich den Hohlen-Aufseher (Strykius) vor der Hand mit einem Imbiss der zugedachten Henkermahlzeit bewirte; oder mit einem Vorsabbat seines Hexensabbats dergleichen ware eben wahre Kriegbefestigung im juridischen Sinne ja ein blosser im Finstern recht geworfner Stein ware wenigstens eine Ouverture fur seinen nicht offnen Kopf. In jedem Falle kann ich bei der Erleuchtung die Knochen der Hohlenbaren, die darin liegen sollen, besser suchen und holen; der Kerl bleibt mir ja immer." Wirklich wurde die Erleuchtung der Hohle, gleichsam die einer unterirdischen Peterskuppel, auf den nachsten Sonntag angekundigt. Fur Theoda nahte das mutterliche Totenfest "Weiter wollt' ich ja hier nichts mehr", sagte sie.

Vormittags am sehnlich erwarteten Sonntag langte aus Pira zu Fusse der schweiss-bleiche Zoller und Umgelder Mehlhorn mit einem Gevatter-Brief an den Doktor an. Glaubwurdige Zeugnisse hat man zwar nicht in Handen, womit unumstosslich zu beweisen ware, dass Katzenberger auf seinem Gesichte uber diese Freudenbotschaft besondern Jubel, ausserordentliche Erntetanze oder Freudenfeuer, mit Freudentranen vermischt, habe sehen lassen; aber so viel weiss man zu seiner Ehre desto gewisser, dass er sich im hochsten Grade anstrengte (er beruft sich auf jeden, der ihn gesehen), starke Freude zu aussern, nur dass es ihm so leicht nicht wurde, auf die Schwefelpaste seines Gesichts die leichten Rotelzeichnungen eines matten Freudenrots hinzuwerfen; besonders wenn man bedenkt, dass er auf seinem Janus-Gesicht zwei einander deckende Gefuhle zu beherbergen hatte, Lust und Unlust. Kurz er bracht' es bald dahin, dass er, da er anfangs so verblufft umhersah wie ein Hamster, den ein schwuler Hornung vorzeitig aus dem Winterschlaf reisst, dann lebendig aufblickte und aufsprang. Gegen den gutmutigen Mehlhorn war aber auch Harte so leicht nicht anwendbar; er stand da mit dem weissen Vollgesicht, so lauter Nachgeben, lauter Hochachten und Hoffen und Vaterfrohlocken! Wenigstens der Teufel hatte ihn geschont.

Da ohnehin an kein Abschrecken vom Gevatterbitten mehr zu denken war: so uberschuttete ihn der Doktor mit allem, was er Bestes, namlich Geistiges hatte, mit Herzens-Liebe, Hochachtung, innern Freudenregungen und dergleichen verschwenderisch, gleichsam mit einem Patengeschenk edlerer Art, um nur an schlechte massive Gaben gar nicht zu denken. Sein Herz fuhlte sich weit seliger dabei, wenn er eine geliebte Hand recht herzlich drucken und schutteln durfte, als sie fullen musste.

Da ihm bei jeder Geburt Missgeburten in den Kopf kamen solche hatt' er mit Jubel aus der Taufe gehoben und beschenkt mit seinem Namen Amandus , so warf er bei der Moglichkeit wenigstens einiger wissenschaftlichen Missbildung nur wie verloren die Frage hin: "Der Junge ist wohl hochst regelmassig gebaut?" "Herr Doktor," versetzte der Zoller, " wahrlich wir alle konnen Gott nicht genug dafur danken; er ist aber, wie die Wehmutter sagt, wie aus dem Ei geschalt fur sein Alter."

"Aus dem Leuwenhoekischen Ei fur sein Alter von neun Monaten," versetzte er etwas verdriesslich, "was? Versteigen Sie sich doch um Gottes Willen nicht mit einem Anachronismus in die Physiologie!" "Gott, nein" fuhr Mehlhorn fort, "und die Wochnerin ist gottlob so frisch wie ich selber." "Ja, das ist sie, Gott sei Dank!" rief Theoda, nach der Lesung des Briefchens von Bona, in das wir alle auch hineinsehen wollen, und sturzte vor Freude dem Zoller an den Hals, der muhsam einen dicken Schal unter der Umhalsung aus der Tasche herausarbeitete, um ihn zu ubergeben. "Noch heute", sagte sie, "geh' ich zu Fusse mit Ihnen und laufe die ganze Nacht durch, denn sie verlangt mich, und nichts soll mich abhalten." Bona hatte sie allerdings zum Schutzengel weniger ihrer Person als des Haushaltens angerufen, aber eigentlich nur, um selber Theodas Engel zu sein, deren ungluckliche Lage, wo nicht gar ungluckliche Liebe, sie nach ihren letzten Tageblattern zu kennen glaubte und zu mildern vorhatte.

Allein Mehlhorn konnte sein Ja und seine Freude uber die schnelle Abreise nicht stark genug ausdrukken, sondern bloss zu schwach; denn da der Mann einen Tag und eine Nacht lang mit seinem GevatterEvangelium auf den Beinen gewesen: so sehnte er sich herzlich, in der nachsten statt auf den Beinen nur halb so lange auf dem Rucken zu sein im Bette. Der Vater sagte, er stemme sich nicht dagegen, gegen Theodas Abreise; uberall lass' er ihr Freiheit. Er sah zwar leicht voraus, dass sie der Umgelder als galanter Herr unterwegs kostfrei halten wurde; aber solchen elenden Geld-Rucksichten hatt' er um keinen Preis die Freiheit und die Freilassung einer volljahrigen Tochter geopfert. Dazu kam, dass er sich offentlich seines Gevatters schamte; der Zoller war namlich in der gelehrten Welt weder als grosser Arzt noch sonst als grosser Mann bekannt. Was er wirklich verstand das Zollwesen , hatte Katzenberger ihm langst abgehort; aber der Doktor gehorte eben unter die Menschen, welche so lange lieben, als sie lernen was die armen Opfer so wenig begreifen, welche nie vergessen konnen, dass sie einmal von dem Ubermachtigen geachtet worden.

Katzenbergers Herz war in dieser Rucksicht vielleicht das Herz manches Genies; wenigstens so etwas von moralischem Leerdarm. Bekanntlich wird dieser immer in Leichen leer gefunden nicht weil er weniger voll wird, sondern weil er schneller verdaut und fortschafft; und so gibts Leer-Herzen, welche nichts haben, bloss weil sie nichts behalten, sondern alles zersetzt weitertreiben.

Aber schnell nach der Einwilligung des Doktors erkannte die vorher freudenberauschte Theoda die nahern Umstande der Zeit. Hier fiel ihr Licht auf ihren unbesonnenen Antrag, den Gevatter totzugehen. Sie nahm ihn erschrocken zuruck und schlug ihm sofort den schonern und hellern Gang vor, den in die abends erleuchtete Hohle.

Aber um sich fur ihr Entsagen zu belohnen, las sie den folgenden Brief der Kindbetterin wieder und ruhiger:

"Herz! Ich darf dir nicht viel antworten auf alle deine gelehrten Briefe. Ich bin diese Nacht niedergekommen, und zwar mit einem herrlichen, grossen Jungen, der wie das Leben selber aussieht; und ich argere mich nur, dass ich ihn nicht gleich an die Brust legen darf, meinen schreienden Amandus; auch ich bin nicht sonderlich schwach, ob mir gleich der Physikus Briefschreiben und Aufstehen bei Seligkeit verboten. Du hast, du Leichte, dein dickes Halstuch, das du durchaus in der Abendkalte nicht entraten kannst, bei mir liegen lassen, du Leichtsinnige, und mein einfaltiger Mehlhorn konnte es in allen Kommoden nicht herausfinden, bis ich endlich selber aufstand und es erst nach einer Stunde ausstoberte, weil der Mensch den Schal fur einen Mantel oder so etwas angesehen und ihn unter die andern Sachen hineingewuhlt hatte. Zur Strafe muss er dir in der Rocktasche das bauschende Ding hintragen. Aber wie ich lese, bist du ja um und um mit lauter Fallgruben von Mannsleuten umgeben. O, komme doch recht bald nach Pira und pflege mich, und wir wollen daruber recht ordentlich reden, denn ich kann die Feder nicht fuhren, wie etwa du. Deinen Niess konnt' ich keine Stunde leiden; der Hauptmann ware mehr mein Mann. So einen musst du einmal haben, einen Vernunftigen und Gesetzten, keinen Phantasten, denn ich wundere mich oft, wie du bei deinem Verstande und Witze, wo wir Weiber alle dumm vor dir stehen, doch so narrisch und unuberlegt handeln und dir oft gar nicht sogleich helfen kannst, aber doch andern die herrlichsten Ratschlage erteilst. Hatte ich deine Feder und ware so vif wie du, ich wollte mich in der Welt ganz anders stehen. Jedoch bin ich herzlich zufrieden mit meinem Mehlhorn, da ers mit mir auch ist in unserer ganzen Ehe, weil er einsieht, dass ich die Haussachen und Weltsachen so gut verstehe wie er sein Zollwesen. Nur bitte ich dich instandig, mein Herz, lasse ja niemal zu, dass ihm dein Herr Vater etwan aus Hoflichkeit viel mit Wein zuspricht; Mehlhorns schwacher Kopf vertragt auch den allerschlechtesten Kratzer nicht, den ihm etwa dein Herr Vater vorsetzen mochte; sondern er spricht darauf ordentlich kurios-stolz und sogar, so sehr er mich auch lieb hat, gegen mein Hausregiment, was dir gewiss nicht lieb uber deine alte Freundin zu horen ware. Und dich wilde Fliege selber beschwor' ich hier ordentlich, giesse im Bade vor so vielen Leuten nicht dein altes Teeloffelchen voll Arrak in deinen Tee; denn du haltst immer den Loffel zu lange uber der Tasse und giessest fort, wenn es schon uberlauft, und dann uberlauft es bei dir auch, wenn du diese Wirtschaft trinkst. Tu es ja nur bei mir, nur nicht dort. Nun so komme nur recht schleunig zu

deiner

Bona.

Schreibe mirs wenigstens, im Falle du nicht kannst. Deine Tanzschuhe hast du auch stehen lassen, und er hat sie mit eingesteckt." So weit der Brief. Was nun den zu Gevatter gebetenen Katzenberger anlangt, so besass er zu viel Ehrgefuhl und Geld, als dass er sich nicht hatte verpflichtet fuhlen sollen, seinen Gevatter an der offentlichen Wirttafel mit schlechtem Tisch-Kratzer zu erfreuen und ihn eine glanzende Tafel voll Blasmusik abgrasen zu lassen, wo ausser Grafen und Herren der Volkerhirt selber sass; so wurde denn ein erster Tisch- oder Fechter-Gang verabredet und angetreten, wohin, denk' ich, alles, was in der kunftigen Nachwelt Anspruch auf hohere Bildung macht, uns ohne weiteres, wenn auch in bedeutender Ferne (namlich von Zeit) ohnehin nachfolgen wird.

(Der Schluss folgt im dritten Bandchen.)

Werkchen

I.

Die Kunst, einzuschlafen

(Aus der Zeitung fur die elegante Welt)

Fur die jetzigen langen Nachte und fur die elegante Welt zugleich, die sie noch langer macht, ist eine Kunst, einzuschlafen, vielleicht erwunscht, ja fur jeden, der nur einigermassen ausgebildet ist. Es gibt jetzo wenige Personen von Stand und Jahren, die, das Gluck ihrer hohern Feinde ausgenommen, irgendein anderes so sehr beneideten als das einer Haselmaus oder auch eines nordischen Baren, dessen Nachtschlummer bekanntlich gerade so lange als seine Nordnacht wahrt, namlich funf Monate. Unsere Zeit bildet uns in Kleidern und Sitten immer mehr den warmern Zonen an und zu, und folglich auch darin, dass man wenig und nur in Morgen- und Mittagstunden schlaft; so dass wir uns von den Negern, welche die Nacht kurzweilig vertanzen, in nichts unterscheiden als in der Lange unserer Weile und unserer Nacht. Hoch oben wird immer mehr die eigne Menschheit nicht wie von Alexander aus dem Schlafe umgekehrt aus dem Mangel desselben erraten. Gibt es nicht in allen Residenzen Junglinge von Welt und Geburt, welche (besonders wenn die Glaubiger erwachen) gern so lange schliefen, bis sie sturben, oder doch bis ihre Vater? Und was hilfts manchem jungen Menschen, dass er Franklins Wink, nachts zum bessern Schlafe die Betten zu wechseln, so gut er weiss, befolgt? Aus dem Gegengift wird in die Lange ein Gift.

Kurz, wer jetzo noch am festesten schlaft die Glucklichen in den Wachstuben auf der Pritsche ausgenommen , ist einer oder der andere Homer und die sogenannten zehn torichten Jungfrauen, welche in der Bibel den Brautigam verschlafen.

Wenn ich gleichwohl mehre geistige Mittel, einzuschlafen, freigebig anbiete, noch dazu in einem kurzen Aufsatze nicht in langen dicken Banden : so sind sie in der Tat nicht jenen Wustlingen gegonnt und geschrieben, welche durch lauter maitres de plaisirs zu esclaves de plaisirs gemacht in der Nachtzeit, in welche sonst die alte Jurisprudenz die Folter verlegte, bloss darum die ihrige ausstehen, weil sie sonst ihre Freuden und Nachtviolen darin pfluckten. Sie mogen wachen und leiden, diese Sabbatschander des taglichen Sabbats der Natur.

Gibt es hingegen einen Minister, der an einem Volke oder einen Autor, der an einem Werke arbeitet, und beide so feurig, dass sie ebensoviel Schlaf verlieren als versussen oder irgendeinen weiblichen Kopf, der das Nah- und Fang-Gewebe seiner oder fremder Zukunft so wie die Spinnen die ihrigen gern um Betten und immer in der Nacht abweben ebenso im Finstern ausspinnt, und der folglich kein Auge zutut oder gibt es irgendeinen andern von Idee zu Idee fortgetriebenen Kopf- z.B. meinen eignen, den bisher der Gedanke, die Kunst, einzuschlafen, fur die Zeitung fur die elegante Welt zu bearbeiten, an der Kunst selber hinderte : so sei allen diesen so geplagten und geschatzten Kopfen mit Vergnugen der Schatz von Mitteln, einzuschlafen, mitgeteilt, worunter so manche oft nichts helfen dem einen, doch aber dem andern und den ubrigen.

Nicht Einschlafen, sondern Wiedereinschlafen ist schwer. Nach dem ersten schlummernden Ermatten fahrt der obige Staatmann wieder auf, und irgendeine Finanz-Idee, die ihm zufliegt, halt er, sich abarbeitend, fest, wie der Habicht eine in der Nacht erpackte Taube bis an den Morgen in den Fangen aufbewahrt; dasselbe gilt ganz vom Bucherschreiber, dessen Innres im Bette, wie nachts ein Fischmarkt in Seestadten, von Schuppen phosphoresziert und nachglanzt, bis es so licht in ihm wird, dass er alle Gegenstande in seinen Gehirnkammern unterscheiden kann und an seinem Tagwerke wieder zu schreiben anfangt unter der Bettdecke. Dies ist ungemein verdriesslich, besonders wenn man keine Mittel dagegen weiss.

Ich weiss und gebe sie aber; samtlich laufen sie in der Kunst zusammen, sich selber Langweile zu machen, eine Kunst, die bei gedachten logischen Kopfen auf die unlogische Kunst, nicht zu denken, hinauskommt.

Wir wollen indes einen weitern Anlauf zur Sache nehmen. Es wird allgemein von Philosophen und Festungkommandanten angenommen, dass ein Mensch, z.B. eine Schildwache, imstande sei, schlafrig und wach zu bleiben. Ja ein Philosoph kann sich zu Bette legen, Augen und Ohren verschliessen und doch die Wette ausbieten und gewinnen, die ganze Nacht zu verwachen bloss durch ein geistiges Mittel, durch Denken; folglich setzt diese Willkur die andere voraus, einzuschlafen, sobald man das Mittel der Wette nicht anwendet, wie wir abends ja an ganzen Volkern sehen, wenn sie zu Bette gehn.

Der Schlaf ist, wie ich im Hesperus bewiesen, das starkende Ausruhen nicht sowohl des ganzen Korpers oder der Muskeln u.s.w. als des Denkorgans, des Gehirns, daher durch lange Entziehung desselben nichts am Korper erkrankt als das Gehirn, namlich zum Wahnwitz. Wird es bei dem Tiere durch kein Empfinden, beim Menschen durch kein Denken mehr gereizt, so zittert dieses willkurliche Bewegorgan endlich aus. Sobald der Mensch sagt: ich will keine einzige Vorstellung, die mir aufstosst, mehr verfolgen, sondern kommen und laufen lassen, was will: so fallt er in Schlaf; nachdem vorher noch einzelne Bilder ohne Band und Reihe, wie aus einer Bilderuhr, vor ihm aufgesprungen waren, blosse Nachzuckungen des gereizten Denkorgans, denen der Muskelfasern eines getoteten Tieres ahnlich. Das Erwachen dagegen beginnt das gestarkte und nun reizende Organ, wie das Einschlafen der nachlassende Geist.

Die gottliche Herrschaft des Menschen uber sein inneres Tier- und Pflanzenreich wird zu wenig anerkannt und eingeubt, zumal von Frauen; ohne jene schleppt uns die Kette des ersten besten Einfalls fort. "Tritt aber nicht", kann eine Frau sagen, "das Leichenbild meines Schmerzes uberall ungerufen mitten im Fruhling und im Garten desselben wie ein Geist aus der Luft, bald hier, bald da, und kann ich der Geistererscheinung wehren?"

Wende das Auge von ihr, sag' ich, so verschwindet sie und kommt zwar wieder, aber immer kleiner; siehst du sie hingegen lange an, so vergrossert sie sich und uberdeckt dir Himmel und Erde. Nicht die Entstehung, sondern die Fortsetzung unserer Ideen unterscheidet das Wachen vom Traume; im Wachen erziehen wir den Fundling eines ersten Gedankens oder lassen ihn liegen; im Traume erzieht der Fundling die Mutter und zugelt sie an seinem Laufzaume.

Um zum nahen Einschlafen wieder zu kommen, so bekenn' ich indes, dass jenes gewaltsame Abbestellen und Einstellen alles Denkens ohne philosophische Ubung wohl wenigen gelingen wird; nur der Philosoph kann sagen: ich will jetzt bloss mein Gehirn walten lassen ohne Ich. Dieses Vermogen, nicht zu denken, kann also nicht uberall bei der eleganten und denkenden Welt vorausgesetzt werden. Die Juden haben unter ihren hundert Danksagungen an jedem Tage auch eine bei dem Krahen des Hahns, worin sie Gott preisen, dass er den Menschen hohl erschaffen, desgleichen locherig. Jeder elegante Welt-Mensch wird bis zu einem gewissen Grade bis zum Kopfe in das Dankgebet einfallen, weil er in der Tat keine Lucken in der Welt lieber auszufullen sucht als seine eignen.

Allein nicht jeder hat abends das Gluck, hohl zu sein und also, da die Leerheit des Magens nicht halb so sehr als die des Kopfes das Einschlafen begunstigt, letztes zu erringen. Es mussen folglich brauchbarere Anleitungen, den Kopf wie einen Barometer luftleer zu machen, damit darin das zarte elektrische Licht der Traume in seinem Ather schimmere, von mir angegeben werden.

Wenn alle Einschlafmittel, nach den vorigen Absatzen, d.h. Grundsatzen, in solchen bestehen mussen, die den Geist vom Gehirne scheiden und dieses seiner eignen Schwere uberlassen: so muss man, da doch die wenigsten Menschen verstehen, nicht zu denken, solche Mittel wahlen, die zwar etwas, aber immer dasselbe Etwas zu denken zwingen.

Da ich wohl ein guter Einschlafer und Schlafer, aber einer der mittelmassigsten Wiedereinschlafer bin: so geben mir meine Nacht- und Bett-Lukubrationen vielleicht ein Recht, uber die Selbeinschlaferkunst hier der Welt nach eignen Diktaten zu lesen.

Ich musste von mir selber sprechen und mich uber mich ausbreiten, wenn ich die Leser an mein Bette fuhren wollte, um sie von diesem Heidenvorhof aus weiter zu geleiten zum Katheder.

Nur dies kann ich vielleicht sagen, dass ich ganz andere Anstalten als die meisten Leser treffe, um nicht aufzuwachen. Wenn z.B. so mancher Leser bei dem Einschlafen eine Hand aus Unvorsicht auf die Stirn oder an den Leib oder nur ein Bein aufs andere legt: so kann das geringste, dem Schlafe gewohnliche Zukken der vier Glieder samtlichen Rumpf aufwecken und aufkratzen; und dann ist die Nacht ruiniert, und er mag zusehen. Dagegen man sehe mich im Bett! Nie beruhre doch jemand im Schlaf ein lebendiges Wesen, welches ja er selber ist. Der kleinlichern Vorsichtregeln gedenk' ich gar nicht, z.B. gegen den Hund, der auf der Stubendiele mit dem Ellenbogen hammert oder auf einem wankenden Stuhl mit zwei Stuhlbeinen auf- und abklappert, wenn er sich kratzt. Und doch leidet der unvorsichtige Leser so viel im Bette als ich, weil wir beide nie scharfer denken und reicher empfinden als in der Nacht, diese Mutter der Gotter und mithin Grossmutter der Musen; und ginge am Morgen nicht der Korper mit Nachwehen herum, es gabe kein besseres Braut- und Kindbett geistiger Sonntaggeburten als das Bette, ordentlich als wenn die Schlaffedern zu Schreibfedern auswuchsen.

Eh' ich endlich meine elf Mittel, einzuschlafen, folgen lasse, merk' ich ganz kurz an, dass sie samtlich nichts helfen; denn man strengt sich sehr dabei an, und mich hat jedes Schlaf genug gekostet; aber dies gilt nur fur das erstemal. Eben hat mir mein scharfsinniger Freund E. noch ein zwolftes entdeckt, namlich gar nicht einschlafen zu wollen.

Aber seitdem, d.h. seit anderthalb Jahrzehenden, hab' ich noch drei neue Selberwiegen im Bette zur Welt gebracht, so dass es kunftig eines jeden eigne Schuld bleibt, wenn er, mit meinen vierzehn Handgriffen zum Einwiegen seines Kopfs in Handen, gleichwohl seine Augen noch so offen behalt wie ein Hase, der indessen daruber gar nicht zu tadeln ist, da ers eben im Schlafe tut.

Nach langem Uberlegen, wie ich meine drei neuen Schlafmittel in dieser dritten Auflage unter die elf alten einschalten konnte mit Beibehaltung alles Spasses der fruhern Rangordnung, fand ichs endlich als zweckdienlichst, sofort nach dem neunten Einschlafmittel die drei neuen einzuschieben und darauf mit den alten bis zum vierzehnten ordentlich fortzufahren; anders wusst' ich nicht einzuflechten ohne namhaften Verlust meiner und der Leser.

1) Das erste Mittel, das schon Leibniz als ein gutes vorschlug, ist Zahlen. Denn die ganze Philosophie, ja die Mathematik hat keine abstrakte Grosse, die uns so wenig interessiert als die Zahl; wer nichts zahlt als Zahlen, hat nichts Neues und nichts Altes, indessen doch eine geistige Tatigkeit, obwohl die leichte der Gewohnheit, so wie ein Virtuose ohne grosse geistige Anstrengung nach dem Generalbasse phantasiert, den er doch mit grosser erlernte. Buxton, der eine Zahl von 39 Ziffern im Kopfe mit ihr selber multiplizierte, sank nach tiefen Rechnungen in tiefen Schlaf. Die Alten hatten an den Bettstellen das Bildnis Merkurs, dieses Rechners und Kaufmanus, und taten an ihn das letzte Gebet. Es lasst sich wetten, dass niemand leichter einschlaft als ein Mathematiker, so wie niemand schlechter als ein Verse- und Staatmann.

Allein dieses Leibnizische Zahlen wird an schwachen Schlafern unsers Jahrhunderts nur mittelmassige Wunder tun, wenn man entweder schnell oder uber hundert (wodurch es schwerer wird) oder mit einiger Aufmerksamkeit zahlt. Ebenso muss man, wie hohere Rechenkammern, nichts darnach fragen, dass man sich verzahlt. Unglaublichen Vorschub tut aber dem Schlafe ein kleiner, meines Wissens noch unbekannter Handgriff, namlich der, dass man im Kopfe die Zahlen, welche andere Schlafer schon fertig ausgeschrieben anschauen, selber erst gross und langsam hinschreibt, auf was man will. Verfasser dieses nahm dazu haufig eine lange Wetter- oder auch Stohrstange und zeichnete, indem er sie am kurzen Hebelarme hielt, mit dem langen oben an das Zifferblatt einer Turmuhr (indes ist Schnee ebensogut) die gedachten Zahlen an, so lang und so dick, dass er sie unten lesen konnte. Diese so unendlich einformige Langsamkeit der Operation ist eben ihr punctum saliens oder Hupfpunkt und schlafert so sehr ein; und was das Lacherliche dabei anlangt, so geht wohl jeder im Bette daruber hinweg. Einem solchen Langsam- und Stangenschreiber rate man aber unsere arabischen Ziffern ab, deren jede einen neuen Zickzack fodert, sondern er schreibe romische an seinen Turm (wie alle Turmuhrblatter haben), welche bis 99 nichts machen als lauter herrliche, recht herpassende Linien, namlich gerade. Will ein Einschlafer Turm und Stange nicht: so kann man ihm raten, recht lange Zahlen, und zwar wie Trochaen auszusprechende, sich vorzuzahlen, z.B. einundzwanzig Billionen Seelen Zahl, zweiundzwanzig Billionen Seelen Zahl u.s.w.; nur aber kann man einem Einschlafer nicht genug einscharfen, das Zahlen ausserst langsam und schlafrig zu verrichten. Indes diese Beobachtung hochstmoglicher Faultierlangsamkeit ist wohl Kardinalregel aller Einschlafermittel uberhaupt.

2) Tone, sagt Bako, schlafern mehr ein als ungegliederte Schalle. Auch Tone zahlen und werden gezahlt. Da aber hier nicht von fremden, sondern von Selbentladungen das Einschlafern ist der einzige schone Selbermord die Rede ist: so gehoren nur Tone her, die man in sich selber hort und macht. Es gibt kein sussres Wiegenlied als dieses innere Horen des Horens. Wer nicht musikalisch phantasieren kann, der hore sich wenigstens irgendein Lieblinglied oder eine Trauermusik in seinem Kopfe ab; der Schlaf wird kommen und vielleicht den Traum mitbringen, dessen Saiten in keiner Luft mehr zittern, sondern im Ather.

3) Vom zweiten Mittel ist das dritte nicht sehr verschieden, sich namlich in gleichem Silben-Dreschen leere Schilderungen langsam innen vorzusagen, wie ich z.B. mir: wenn die Wolken fliegen, wenn die Nebel fliehen, wenn die Baume bluhen etc. Darauf lass' ich aufs Wenn kein So folgen, sondern nichts, namlich Entschlafen; denn die kleinste Rucksicht auf Sinn oder Zusammenhang oder Silbenzahl wurde, wie ein Nachtwachter-Gesang, alles wieder einreissen, was das poetische Selberwiegenlied aufgebaut.36 Da aber nicht jeder Talent zum Dichten hat zumal so spat im Bette : so kommen ja dem Nicht-Dichter zu Tausenden Bett-Lieder mit diesem poetischen faulen Trommelbass entgegen, wovon er nur eines auswendig zu lernen braucht, um fur alle Nachte damit sein Gluck zu machen. Unschatzbar ist hier unser Schatz von Sonetten, an denen wie an Raupen-Puppen nichts sich lebendig regt als das Hinterteil, der Reim; man schatzet es nur noch nicht genug, wie sicher das ReimGlockenspiel uns in einen kurzern Schlaf einlaute, als der langste ist. Ich wurde hiezu auch auswendig gelernte Abendsegen vorschlagen, da sich durch sie wahrscheinlich sonst Tausende eingewiegt, wenn ich nicht besorgte, dass sie ungewohnten Betern, z.B. Hofleuten, durch den Reiz der Neuheit mehr Schaden und Wachen brachten als Nutzen.

4) Ein gutes Mittel, einzuschlafen nicht sowohl als wieder einzuschlafen, ist, falls man aus einem Traum erwacht, sich in diesen mit den schlafrigen Augen, indem man ihm unaufhorlich nachschaut, wieder einzusenken; bald wird die Welle eines neuen Traumes wieder anfallen und dich in ihr Meer fortspulen und eintauchen. Der Traum sucht den Traum. Im grossen Schatten der Nacht spielt jeder Schatten mit uns Sterblichen und halt uns fur seinesgleichen.

5) Hefte dein inneres Nachtauge lange auf einen optischen Gegenstand, z.B. auf eine Morgenaue, auf einen Berggipfel, es wird sich schliessen. Uberhaupt sind Landschaften weil sie unserm innern Menschen, der mehr Augen hat als Ohren, leicht zu erschaffen werden, und weil sie uns in keine mit Menschen bevolkerte und erweckende Zukunft ziehen die beste Schaukel und Wiege des unruhigen Geistes.

6) Das sechste Mittel half mir mehre Nachmitternachte durch, aber es fodert Ubung; man schaut namlich bloss unverruckt in den leeren schwarzen Raum hinein, der sich vor den zugeschlossnen Augen ausstreckt. Nach einigen Minuten, wenn nicht Sekunden, wird sich das Schwarze farben und erleuchten und so den Chaos-Stoff zu den bunten Traum- oder Empfindbildern liefern, welche in den Schlaf hinuberfuhren.

7) Wer seine Augen schliessen will, mache an seinem innern Januskopfe zuerst das Paar, das nach der Zukunft blicket, zu; das zweite, nach der Vorzeit gerichtet, lasse er immer offen. Am Tage vor einer Reise oder Haupttat schlaft man so schwer als am Tage nachher so leicht; die Zukunft ergreift uns (so wie den Traum) mehr als die Gegenwart und Vergangenheit. Im Hause eines Toten, aber nicht eines Sterbenden kann man schlafen. Dass Kato in der Nacht vor seinem Entleiben schlief wie die Seidenraupe vor der Einpuppung , ja sogar schnarchte, ist schwerer, als was er nachher tat. Dass Papst Klemens XIIII.37 am Morgen vor seiner Kronung geschlafen, merkt die Weltgeschichte mit Recht an; denn am Abende darauf, da er auf dem Stuhle sass, war es ganz leicht; auf dem Wege zum Throne und auf dessen Stufen wird uberall weniger geschlafen und das Auge zugemacht als oben in den weichsten Betten der Ehren und lits de justice. Euere Vergangenheit konnt ihr daher zu grosse Tiefen und Hohen darin ausgenommen mit Vorteil vor dem Einschlafen durchlaufen; aber nicht an den kleinsten Plan und Brief und Aufsatz des nachsten Morgens denken.

8) Fur manche geubte gewandte Geister im Kopfe mag das wildeste Springen von Gegen- zu Gegenstand aber ohne Vergleichungzweck , mit welchem der Verfasser sich sonst einschlaferte, von einiger Brauchbarkeit sein. Eigentlich ist dieses Springenlassen nichts anders, wenn es gut sein will, als das obige Gehenlassen des Gehirns; der Geist lasst das Organ auszucken in Bildern.

9) Seelenlehrer und deren Seelenschuler schlafern sich ein falls sie wollen , wenn sie geradezu jede Gedankenreihe ganz vorn abbrechen, die neue wieder und so fort, indem sie sich fragen bei jedem Machtigen, was sie ausdenken und vollenden mochten "Kann ich denn nicht morgen eine Stunde langer wach liegen und meine Kopfarbeit auf dem Kopfkissen verrichten? Und warum denn nicht?" Wer aber so wenig Denkkraft hat, dass er sie damit nicht einmal hemmen kann, wo er will, der hore hier wieder ein Ausmittel; namlich er horche sich innen zu, wie ihm ohne sein Schaffen ein Substantivum nach dem andern zutont und zufliegt, z.B. mir gestern: "Kaiser Rotmantel Purpurschnecke Stadtrecht Donnersteine Hunde Blutscheu atque panis piscis crinis Karol magnus Partebona et so weiter."

10) Niemand merkte noch scharf genug darauf, dass er zwei der besten Saemaschinen der Schlummerkorner an seinem eignen Kopfe herumtrage, namlich seine beiden Gehorgange, nach aussenhin Ohren genannt. Hochstens nahm vielleicht einer und der andere wahr, dass ihm Einschlaferndes zufliesse durch die Gehorgange in Hofkirchen, in Redesalen akademischer Mitglieder, in Freimaurerlogen und in Theaterlogen, wiewohl er am hellen Tage wenig Gebrauch davon zu machen wusste; aber ich darf wohl mich als den Erfinder ansehen, welcher die eignen Gehorwerkzeuge, auch ohne alle Unterstutzung fremder Sprachwerkzeuge und folglich in der Einsamkeit der Nacht und der Bettstelle, als die besten Schlaftrunkzubringer zuerst beobachtet hat. Wie namlich Mazen sich durch Wasserfalle einschlaferte, oder wie in den achtziger Jahren der Wunderdoktor Schlippach in der Schweiz ein besonderes Schlafzimmer hatte, worin alle Kranke entschliefen an den um dasselbe niederrauschenden Stromen: so tragen wir alle ja ahnliche Wasserfalle in uns, ich meine die Pulsadern Springbrunnen und Blutadern-Wasserfalle, welche unaufhorlich dicht neben unsern Ohrnerven rauschen, und die jeder sogar am Tage mit einiger Aufmerksamkeit nach Innen, aber noch lauter in der Nacht auf dem Kopfkissen vernehmen kann. Nun auf dieses innere Rauschen richte ein Beflissner des Wiedereinschlafens recht bestimmt sein Seelenohr; und er wird mir danken, wenn er erwacht, und es ruhmen, dass er durch mich fruher eingeschlafen. Noch trefflicher wirkt dieses zehnte Mittel ein, wenn man ihm noch das sechste als ein adjuvans beimischt, was ich in meiner nachtlichen Praxis selten vergesse.

11) Das eilfte Einschlafmittel ist irgendeine Historie, die man sich metrisch in den freiesten Silbenmassen vorerzahlt. Gewohnlich nehm' ich des biblischen Josephs Geschichte dazu und halte damit gut sieben, ja bis zwolf Nachte Haus; ich weiss jedoch jedesmal was mich wundert, ich mir aber nachstens vollig erklaren werde , wo ich im Erzahlen stehen geblieben. Dabei hat der Schlaflustige nun zum Gluck auf Numerus der ohnehin schon als Zahl im ersten Schlafmittel oder auf Wohlklang der im zweiten unter den Tonen vorkommt nicht die geringste Rucksicht zu nehmen notig, ebensowenig als auf falsches Verkurzen oder Verlangern der Fusse da nur das Aufziehen und Ausstrecken der leiblichen von Wichtigkeit ist ; kurz der Schlaflustige pfeife auf dem Haberstroh sein Haberrohr, wie er nur mag, und zwar je falscher, je besser; ja wenn er sogar mit allen moglichen unpoetischen Freiheiten jetziger Versubersetzer und Versund Sonettenschmiede sich handhabt: so wird er immer noch finden, dass man dichtend leichter hundert Menschen einschlafert als einen einzigen, namlich sich. Um desto mehr ahme er die gedachten Dichter nach, damit er Schonheiten, die im Bett nur Anstosse waren, moglichst vermeide. So sing' ich wenigstens meine epische Josephiade ab und fange sie jambisch an "Der traum'r'sche Joseph kame einst zu seinen Brudern, erzahlte voller Stolze ihnen seine folg'nden Traume" etc. so dass ich mich um kein Rezensieren kummere, sondern mich frage "Stecken denn der Doktor Merkel aus Riga und der Hofrat Mullner aus Weissenfels mit dir unter einer Decke und liegen mit ihren Schlafmutzen neben deinem Kopfe rechts und links auf einem Kopfkissen? Mithin, so dichte nur zu!"

12) Kein gemeines Einschlafmittel sondern vielmehr ein neues und das zwolfte ist Buchstabieren unendlich langgestreckter Worter, wie sie die Kanzleien des Reichstags, des Bundtags, die wienerischen samtlich, ja die meisten deutschen als hohere bureaux des longitudes uns hinlanglich zulangen und schenken. Einen solchen Kanzlei-Molossus-Koloss nun erstlich sich langsam vorzubuchstabieren ja zweitens vorher sich ihn gliederweise hinzuschreiben, ware wohl das Hochste, was ein Schlaflustiger von sich fodern konnte zum Denkpausieren, wenn ich es nicht drittens daruber hinaus zu treiben wusste durch meinen neuern Kunstgriff, dass ich, ob ich gleich das innere Aussprechen des unabsehlichen Lang-Wortes durch Zerstucken in Silben noch mehr verlangere und diese Silben wieder durch Hinschreiben von neuem auseinanderziehe, mich doch nicht damit begnuge, sondern, wie gesagt, drittens gleich anfangs jeden Buchstaben einer Buchstabiersilbe selber vornehme und ihn geduldig fertig mache und deswegen, anstatt wie ein Schriftgiesser zu eilen, der einen schon in die Patrize oder Schriftbunze eingeschnittenen Buchstaben in der kupfernen Matrize einschlagend auspragt, vielmehr meinen Buchstaben, es sei Spasses halber z.B. das O im Worte Osterreichisches, Punkt nach Punkt oder punktatim durch gelbe Messingnagelkopfe ausfertige, die ich, wie man sonst gepflegt, so lange hintereinander auf einen Kutschenschlag einschlage, bis das O als Zirkel dasteht und ich zum E ubergehen musste wohin es aber eben nie kommt, weil ich uber dem O als Zyklus und Zirkel, den ich mit meinen Nagelkopfen, wie ich will, erweitere, langst in Schlaf gefallen bin, von welchem schon jetzo ich und wohl die Leser selber durch das blosse langweilige Darstellen auf dem Papier angefallen werden. Nein, kein Argus behielt von allen seinen Augen nicht zwei im Bette offen, zumal da er die Flote zum Einschlafern selber blast.

13) Das dreizehnte Seelen- und Bett-Laudanum kann jeder gebrauchen, er habe so viele Ideen, als er will, oder so wenige oder gar keine. Ich schame mich, es aber anzugeben, da es in nichts Geistigerem besteht als darin, dass man die funf Finger, einen nach dem andern, langsam auf oder unter dem Deckbette auf- und niederbewegt und fortfahrt und daran so lange denkt, bis man, ohne daran zu denken, an kein Aufheben oder Achtgeben mehr denkt, sondern schnarcht. Es ist erbarmlich, dass unser Geist so oft der Mitbelehnte des Leibes ist und besonders hier das Faustrecht der toten Hand und deren Fingersetzung hat, und dass sein geistiger oder geistlicher Arm in der Armrohre des weltlichen steckt. Schlafdurstige, also Schlaftrunkene, z.B. Soldaten, Postillione, schlummern im Reiten und Marschieren halb ein, bloss weil gleiche Bewegungen des Korpers dieselben langweilig-geistigen, die das Gehirn wenig mehr reizen, in sich schliessen. Lasst man aber den schlafenden Postillion die Pferde abspannen, einziehen, abschirren und futtern: so wird und bleibt der Mann ganz wach; bloss weil seine (korperlichen und geistigen) Bewegungen jetzt immer etwas anderes anzufangen und abzusetzen haben. Der Grund ist: die Einformigkeit fehlt. Wenn man in Tangotaboo (nach Forster) die Grossen dadurch einschlafert, dass man lange und linde auf ihrem Leibe trommelt: so ist der Grund gar nicht von diesem vorletzten Mittel verschieden. Denn das

14) ist das letzte. Da die Kunst, einzuschlafen, nichts ist als die Kunst, sich selber auf die angenehmste Weise Langweile zu machen denn im Bette oder Leibe findet man doch keinen andern Gesellschafter als sich , so taugt alles dazu, was nicht aufhort und ohne Absatze wiederkehrt. Der eine stellt sich auf einen Stern und wirft aus einem Korbe voll Blumen eine nach der andern in den Weltabgrund, um ihn (hofft er) zu fullen; er entschlaft aber vorher. Ein anderer stellt sich an eine Kirchenture und zahlt und sieht die Menge ohne Ende, die herauszieht. Ein dritter, z.B. ich selber, reitet um die Erde, eigentlich auf der Wolkenbergstrasse des Dunstkreises, auf der wahren, um uns hangenden Bergkette von Riesengebirgen, und reitet (indem er unaufhorlich selber das Ross bewegt) von Wolke zu Wolke und zu Pol-Scheinen und Nebelfeldern, und dann schwimmt er durch langes Blau und durch Aquator-Gusse, und endlich sprengt er zum andern Pole wieder zu uns herauf. Ein vierter Schlaflustiger setzt irgendeinen Genius bis an den halben Leib in eine lichte Wolke und will ihn mit Rosen rund umlegen und uberdecken, die aber alle in die weiche Wolke untersinken; der Mann lasst indes nicht ab und umblumet weiter in die Runde und immer fort und die Blumen weichen und der Genius ragt wahrhaftig ich schliefe hier, hielte mich nicht das Schreiben munter, unter demselben selber ein. So wird uns nun der Schlaf- dieses schone Stilleben des Lebens- von allem zugefuhrt, was einformig so fortgeht. So schlafen Menschen uber dem Leben selber ein, wenn es kaum acht oder neun Jahrzehende gedauert hat. So konnte sogar dieser muntere Aufsatz den Lesern die Kunst, einzuschlafen, mitteilen, wenn er ganz und gar nicht aufhorte.

II.

Das Gluck, auf dem linken Ohre taub zu sein

Der Verfasser dieses Aufsatzes, der das oben gedachte Gluck schon von Kindheit auf genossen, wird sich fur belohnt ansehen, wenn er durch ihn einige Leser der Zeitung fur die elegante Welt, die vielleicht jahrelang einhorig, wie Kant einaugig, gewesen, ohne es zu wissen, anreizt, dass sie ein Ohr um das andere zuhalten, um zu erforschen, ob etwan eines davon die Gaben seines linken hat.

Ausser der Wasserspitzmaus die bekanntlich im Wasser die Ohren mit Klappen schliessen kann und ausser den Fledermausen mit Ohrdeckeln wusst' ich niemand, am wenigsten Menschen, welche ahnliche, den Augenlidern gleiche Ohrenlider hatten; fast jeder hort, und zwar selten die angenehmsten Sachen. Ist man hingegen mit einseitiger Taubheit versehen, so wird leicht mit einem Finger zweiseitige auf so lange, als man braucht, zusammengebracht; besonders sieht der Einhorige vier Platze gleichsam vier Freudenweltteile vor sich aufgetan, den Musiksaal, das Schauspielhaus, das Gesellschaftzimmer und das Bette.

Ich will, wenn es verziehen wird, die Leser in die vier Pfahle meines Himmels hineinfuhren; mogen auch sie einige taube Bluten der Freude pflucken.

Einseitige Taubheit ist in einem Musiksaale, wo man weniger Ton- als Misstonkunstler zu geniessen bekommt, vielleicht so schatzbar als starkes Gahnen. Nach Haller ist man so lange taub, als man gahnt, und die gutige Natur schreibt also selber das Gahnen als das nachste Schirmmittel gegen langweilige Einwirkungen vor. Ein Einhoriger aber erreicht denselben Zweck, nur viel hoflicher, wenn er die Hand, anstatt vor den Mund, unter leichtem Vorwand vor das HorOhr halt, wie ich, und so lange aufmerksam ausruht, als das Zerrtonstuck dauert. Goethe wunscht den Zuhorern Unsichtbarkeit der Spieler, namlich ihrer Gebardungen; wer nun noch Unhorbarkeit kunstlich dazusetzen kann, hat, glaub' ich, alle Vorteile verknupft, die von schlechten Konzerten zu ziehen sind. In guten gewinnt ein Mann, der steht und geht, noch grossere durch Einhorigkeit; denn er kann, sooft neben seinem gesunden Ohre Lob- und andere Spruche wie Prosa die zarte Poesie des Tonens storen und qualen, sich leicht so gut wegstellen, dass er der rohen Klapperjagd neben sich geradehin das tote Ohr zukehrt.

Im Schauspielhause ist Einhorigkeit noch notiger, ja unschatzbar; nicht nur, weil sich oft das Tonspiel mit dem Schauspiel vereinigt folglich der vorige Vorteil mit dem folgenden noch auch bloss, weil beide Kunste die Einzigkeit haben (welche die Tanzkunst durch Figuranten vermeidet), dass Meister und Schuler zugleich (es mussten denn jene fehlen) ein Kunstwerk verknupft gebaren noch etwa, weil es hundert Grunde dafur gibt sondern hauptsachlich, weil unzahlige dafur da sind, indes einer hinreiche fur alle. Es haben namlich nicht nur mehre Personen, welche ihre Logen auf ganze Jahre mieteten, die gute Bemerkung gemacht, dass es bei den meisten Traueroder gar Schau- oder vollends Lustspielen wenig mehr zu gewinnen gebe als im Grec-Spiel, im Pochspiel und im Sticheln, sondern auch ich, aber ohne uber Nachteil zu klagen. Denn mit einem Finger, der sich ans rechte Ohr anlehnt, halt' ich mir den Poeten und seine agierenden Truppen so gut vom Leibe, als ob ich warm zu Hause sasse in der Vorstadt, ungemein heiter aussehend und wohl verschanzt. Sooft vollends in der Oper die Musik aufhort, so eilt niemand mehr als ich mit der Rechten womit die anderen klatschen ans gute Ohr und mauert die heilige Jubelpforte der Tone, z.B. eines Mozarts, so lange damit zu, bis das Sprechen etwas nachgelassen; aber eben dieser herrliche Wechsel zwischen zwei Ohren macht mich vielleicht zu einem leidenschaftlichern Operfreunde, als ich offentlich gestehen darf. Le Sage, ein Liebhaber der Pariser Buhne, setzte, als er ganz taub geworden, die Besuche derselben fort und schopfte den alten Genuss daraus, zum Erstaunen vieler; ich aber erklare mirs ohne Muhe aus dem Vorigen. Ich habe sogar einen wackern Geschaftmann gekannt, welcher, um kein Schauspiel zu versaumen, in jedes mit seinem Aktenpack unter dem Arme kam, sich ins Punschzimmer setzte und da so lange neben seinem Glase seine Akten durchging, bis das Stuck geendet war und er sich erfrischt und neu belebt mit andern Zuschauern nach Hause begab. Ja ware bei der jetzigen Buhnenverbesserung nicht nach dem Muster der Orientfursten, welche ihrem Weiberrate der funfhundert jungen nur Manner zu Vorstehern geben, die keine sind, sondern stumme, taube und beinahe (als Zwerge) unsichtbare eine Buhne zu erbauen moglich, welche die Spieler durch perspektivische Kunste in eine so abgemessne Entfernung von den Zuhorern stellte, dass diese sich wirklich tauschten und nichts zu horen und zu sehen glaubten?

Nirgend ist aber wohl partielle Taubheit von grosserem Nutzen als da, wo sie am haufigsten anzuwenden ist, im Sprech oder Horzimmer, das grosste auf der Erde, wenn diese es nicht selber ist. Da es auf der einen Seite so unschicklich ist, einen Nebenmenschen mitten in seiner Rede stehen zu lassen und davonzugehen oder auch ihm ganz lass und abgespannt zuzuhoren oder vollends vor seiner Unterhaltung beide Ohren zuzuhalten und da doch auf der andern Seite in mehren deutschen Reichkreisen und Zirkeln und cercles fast an jedem Abend Dinge gesagt werden, an welche man sich den Morgen darauf mit der grossten Langweile erinnert: so kenn' ich kein grosseres Gluck, ich meine keine schonere Ausgleichung zwischen Selber- und Menschen-Liebe, als linke Taubheit; vergnugt und munter ruh' ich vor meinem gesprachigen Nachbar auf der Hand mit dem rechten Ohre, um es zu decken, und betreibe ohne Handel und Skandal (das Vexierohr halt' ich ihm offen hin) meine innern Angelegenheiten wahrend der auswartigen.

Dies alles muss jetzt viel weitlauftiger gesagt und dann wiederholt werden.

Jeder hat Stunden, wo er klagt, dass sie ihm langweilig hinflossen, weniger wegen Mangel an Gesellschaft als wegen Dasein derselben.

Jeder hat gesellige Tage, die er Novemberhefte des Lebens nennt, um figurlich und beissend zu sein er will namlich damit entweder sagen, jede Sache werde in Gesellschaften zweimal gesagt, gleichsam von Doppelspaten gezeigt, oder sonst etwas

Jeder Deutsche hat Jahre, wo er uber neue Auflagen des Vademekums in Gesellschaften ergrimmt uber die mundlichen Geschaftbriefe der Geschaftmanner uber die langweilige Theaterjournalistik des Kriegtheaters

Jeder Deutsche hat seine Zeit, wo er wunscht, die ubrigen Deutschen mochten sich mehr aufs Reden legen, da sie, ungleich den Kindern, fruher schreiben als sprechen gelernt, und wo er auf Sprechklubs in London und auf bureaux d'esprit in Paris fur sie dringt, damit sie, sagt er, eine lebendige Sprache mehr lebendig als zu tot reden und nicht, wie Muscheln, die besten Perlen erst durch langes Modern aufdecken und hergeben

Und so weiter; denn jeder Deutsche klagt hauptsachlich, dass der andere gesellig lieber Erzahlungen mache als Bemerkungen lieber fremde Einfalle als eigne lieber die langsten Erzahlungen als schone lieber Berichte als contes lieber Stichworte des Spiels als sonst ein gutes Wort

Wird gar von Amt-, Huldigung-, Kanzelrednern oder von dem Bruder Redner (einem sehr ernsten frere terrible) gesprochen, so sind die Klagen wirklich herb

Aber hier liegt nun die Schuld (darauf sollte die lange Periode wo moglich fuhren) viel weniger an den Sprechern als an den Horern selber, welche, anstatt wie gute Barometer nur eine Offnung zu haben, zwei Ohren offnen und folglich Luft einlassen. Ein Mann aber mit einhorigem Ohr das er so leicht zumacht als ein dummes Buch schatzt geselligen Verkehr. Kann er denn nicht dies weiss er mitten unter gedachten Reden wie zufallig ans Hor-Ohr den Stockknopf legen oder den Kopf auf die Hand oder es sonst verschliessen oder, ohne es zu tun, sich umdrehen und jedem sein geschlossnes Ohr zuwenden und dadurch so glucklich werden als wenige? Wie selig war ich oft in den vornehmsten Mannerzirkeln, wo, als in Epikurs- und Augias-Stallen, die kotigsten Anekdoten aller Art umliefen, wenn ich, nichts als mein blindes Ohrtor zeigend, in meinem zugemauerten Konklave mitten unter moralischen Sterkoranisten die kostlichsten biographischen Madonnen erzeugte und anbetete! Ahnlicherweise durften sonst in Julich und Berg (einige Dorfer ausgenommen) Protestanten an katholischen Heiligen-Tagen, nach Reichgesetzen, nur arbeiten, wenn sie Turen und Fenster verschlossen. Wie wurd' ich oft von mancher Erzahlung gelabt, wenn sie lang und langweilig genug war, dass ich wahrend ihres Verlaufs, mit offenem Gesicht am verschlossnen Kopf, heiter am neuesten Druckbogen fortarbeiten konnte, z.B. an diesem! Wurd' ich dann wieder, wie ein Siebenschlafer und Epimenides, wach, so umzog mich eine verjungte Welt, und frische Gesprache versuchten ihr Heil.

Hier komme ich leider scheinbar in den Fall der Buchhandler und Fursten, welche das Allgemeinste oft als Herold dem Bestimmtesten vorausschicken, die Ewigkeit dem Markttage, wenn ich auf die Partie Ohren-Korke oder Horschirme aufmerksam und begierig mache, welche mir ein abgedankter Vielkunstler, der lange auf Buhnen, Floten, Karten und Weiberherzen gespielt, als Faustpfander einer kleinen Schuld auf dem Halse gelassen. Die Schirme (dem Anfuhlen nach von Resina mit etwas Baumwolle) sind gut und geschmackvoll genug. Meine Adresse ist: J. P. F. Richter, Legationrat, in Herrn Registrator Schramms Hause in Baireuth.38 Als mir der Tonkunstler dieser geselligen Still-Leben die mundlichen Empfehlungen derselben vormachte, versucht' ich einige von den Schirmen dem Ohre ein und fand sie bewahrt. Der Kunstler erzahlte noch zu ihrem Vorteil, er habe, da er leider alles leichter bei sich behalte als ein Geheimnis, zwei seiner Sperrohren, als er in die Loge zum | aufgenommen worden, aus Meineidangst zu sich gesteckt und damit kurz vor dem Vortragen der Geheimnisse sich die Ohren, gleich Zahnen, so wohl plombiert, dass er kein einziges vernommen, sondern noch bis diese Stunde seinen Schwur spielend erfulle; ja er stehe, setzt' er hinzu, jedem kuhn zur Rede, der ihn probieren wolle, ob er etwas wisse. So viel ist gewiss, dass man mit dieser Ohrklausur oder diesem Ton-Ableiter und Ohr-Portier jedem, welchen hohen Standes er auch sei, auf der Stelle Schweigen auferlegen kann, er mag noch so laut fortreden; der Mann ist ein e-muet (stummes E) fur mich und kann nicht einlaufen in den gesperrten Hafen der Gesellschaftinsel. Jetzt aber zum Wichtigern zuruck!

Da wohl der Vorteil kein Publikum in der Welt interessiert, dass ich schon von Natur zur Hoflichkeit geschaffen bin, namlich als Linkstauber jeden an meiner Rechten, als der Hor- und Windseite, gehen zu lassen, um doch in Diskurse zu geraten: so bitt ich die Welt, sofort den vierten Nutzen der Einhorigkeit zu betrachten und mit mir an mein Bette zu treten, wo ich liege aber eben auf dem Hor-Ohr und folglich nicht einmal merke, wie viel eintreten.

Je naher man dem langsten Schlafe kommt, desto mehr achtet man das Vorschlafen. Einem alten Manne ware daher mein linker Vorzug mehr zu gonnen; seinen Regenschirm muss er ja zugleich gegen Schnee und Hagel tragen. Es sei nun, weil der Schlaf ein Vorspiel und Vorzimmer des Todes ist, welcher alle Sinne fruher schliesst als das Ohr, oder weil man in jenem (wie in diesem) die Augen zumacht, auf Augenschluss aber (nach Eschkes Bemerkung) leiseres Horen folgt, oder weil der scheue Greis mehr befurchtet und mithin behorcht, genug er kann wenig schlafen vor Larm. So bedeutet es nasses Wetter, wenn Turen und Fenster nicht zugehen. Hunde Mause Wirthausgaste Redoutenwagen der eigne Atem, der zu laut wird alles weckt den Mann und wacht um ihn; die Fruhlingsturme, die ihm nicht viel Blumenstaub ins welke Leben wehen, samt den Passatsturmen der Nachtwachter brechen in seine Ohren ein und stehlen den Schlaf. Ich hingegen, mit der Gabe, ein Ohr weniger zu haben, lege mich (ausser in verdachtigen Zeiten und Orten) auf das behaltene und hore nichts mehr, sondern nur Traume am Janustempel des Lebens sind die Flugelturen geschlossen der allgemeine Friede kehrt ein und das Ubrige ist aus.

III.

Die Vernichtung

Eine Vision

Jede Liebe glaubt an eine doppelte Unsterblichkeit, an die eigne und an die fremde. Wenn sie furchten kann, jemals aufzuhoren, so hat sie schon aufgehort. Es ist fur unser Herz einerlei, ob der Geliebte verschwindet oder nur seine Liebe. Der Zweifler an unserer Ewigkeit leihet, wenn ein schones Herz vor ihm auf ewig auseinanderbricht, wenigstens der Vollkommenheit desselben, um es fortzulieben, in einem hochsten Wesen Unverganglichkeit und findet den Liebling, der unter der dunkeln Erde zusammensinkt, in einem durchbrochnen Sternbilde am Himmel wieder.

Der Mensch der sich immer zu selten und andere zu oft befragt hegt nicht nur heimliche Neigungen, sondern auch heimliche Meinungen, deren Gegenteil er zu glauben wahnt, bis heftige Erschutterungen des Schicksals oder der Dichtkunst vor ihm den bedeckten Grund seines Innern gewaltsam entblossen. Daher wird es uns leicht, die Uberschrift dieses Aufsatzes kalt zu lesen oder gar die Vernichtung anzunehmen und zu begehren; aber wir zittern, wenn unser Herz uns den grausamen Inhalt des Wahns aufdeckt, dass die Erde, in die wir alle unser gesunkenes Haupt zur Ruhe legen wollen, nichts sei als der breite Enthauptungblock der blassen gebuckten Menschen, wenn sie aus dem Gefangnis kommen. Alsdann zundet (wie ofter) die Warme des Herzens wieder Licht in der Nacht des Kopfes an, so wie Tiere, die das Leben durch einen elektrischen Funken verloren, der in den Kopf sprang, es durch einen zweiten wiederfinden, den man in die Brust leitete.39

Ottomar lag im aussersten Hause eines Dorfs, aus dem man die Aussicht auf ein noch unbegrabenes Schlachtfeld hatte, an einem giftigen Faulfieber ohne Hoffnung darnieder. In jeder Nacht trieb sein heisses erschuttertes Herz das aufgelosete Blut, wie einen Hollenfluss, voll zerrissener ungeheurer Bilder vor seinem Geiste vorbei, und der dunkle reissende Strom aus Blut spiegelte den durchwuhlten Nachthimmel und zerstuckte Gestalten und zerrinnende Blitze ab. Wenn der Morgen kuhlend wiederkam, und wenn das Gift des Fiebertarantelstichs aus dem muden Herzen verflogen war: so tobte vor ihm das unbewegliche Gewitter des Kriegs mit unaufhorlichen Blitzen und Schlagen; und diese blutigen durchbohrten Bilder standen dann in seinen mitternachtlichen Phantasien vor ihm als Leichen auf.

In der Mitternacht, die ich jetzt beschreiben will, erreichte sein Fieber die kritische und steile Hohe zwischen dem Grabe und dem Leben. Seine Augen wurden Vergrosserspiegel in einem Spiegelzimmer, und seine Ohren Hor-Rohre in einem Sprachgewolbe sein Krankenwarter streckte Riesenglieder vor ihm aus die wimmelnden Gestalten des ubermalten Bettvorhangs wurden dick und blutrot und schossen auf und fielen in einem Schlachtgetummel einander an eine siedende Wasserhose zog ihn in ihren schwulen Qualm hinauf und ruckte ihn brausend und wetterleuchtend uber Meere weiter und unten aus dem tiefsten Innersten krochen kleine scharfe Gespenster, die ihn schon in dem Fieber der Kinderjahre verfolgt hatten, mit klebrigen kalten Krotenfussen an der warmen Seele herauf und sagten: wir qualen dich allemal!

Plotzlich, als das verfinsterte Herz sich aus dem heissen Krater des Fiebers zuruckrollend hinaufarbeitete, uberzog die Stubendecke der gelbe Widerschein einer nahen Feuerbrunst. Sein trocknes heisses Auge starrte halb geschlossen die durchsichtigen Bilder seines Vorhangs an, die mit der fernen Lohe flatterten. Auf einmal dehnte eine Gestalt sich unter ihnen aus mit einem leichenweissen unbeweglichen Angesichte, mit weissen Lippen, mit weissen Augenbraunen und Haaren. Die Gestalt suchte den Kranken mit gekrummten langen Fuhlhornern, die aus den leeren Augenhohlen spielten. Sie wiegte sich naher, und die schwarzen Punkte der Fuhlhorner schossen, wie Eisspitzen, wehend um sein Herz. Hier trieb es ihn mit kaltem Anhauchen ruckwarts; und ruckwarts durch die Mauern und Felsen und durch die Erde, und die Fuhlhorner zuckten wie Dolche um seine Brust; aber wie er ruckwarts sank brach die Welt vor ihm ein die Scherben zerschlagner Gebirge, der Schutt staubender Hugel fiel danieder und Wolken und Monde zerflossen wie fallender Hagel im Sinken die Welten fuhren in Bogenschussen uber die leichenweisse Gestalt herab, und Sonnen, von ergriffenen Erden umhangen, sanken in einem langen schweren Fall danieder und endlich staubte noch lange ein Strom von Asche nach....

"Weisse Gestalt, wer bist du?" fragte endlich der Mensch "Wenn ich mich nenne, so bist du nicht mehr", sagte sie, ohne die Lippen zu regen, und kein Ernst, keine Freude, keine Liebe, kein Zorn war noch auf dem marmornen Gesichte gewesen, und die Ewigkeit ging voruber und veranderte es nicht. Sie drangte ihn auf einen engen Steig, der aus den Erdschollen gemacht war, die unter das Kinn der Toten gelegt werden; der Weg durchschnitt ein blutiges Meer, aus welchem graue Haare und weisse Kinderfinger wie Bluten an Wasserpflanzen blickten, und er war mit brutenden Tauben und nassen Schmetterling-Flugeln und Nachtigalleneiern und Menschenherzen uberdeckt. Die Gestalt zerquetschte alle durch Daruberschweben, und sie zog ihren langen grauen, auf dem weiten Blute schwimmenden Schleier nach, der aus der nassen Leinwand gemacht war, die uber den Augen der Toten gelegen. Die roten Wogen stiegen um den bangen Menschen auf, und der einkriechende Weg ging nur noch uber kalte, glatte Erdschwamme und endlich bloss uber eine lange kuhle glatte Natter....

Er glitt herab, aber ein Wirbelwind wandte ihn herum, vor ihm breitete sich unabsehlich eine schwarze Eisscholle aus, auf der alle Volker lagen, die auf der Erde gestorben waren, starre eingefrorne Leichenheere und tief unten im Abgrund lautete ein Erdbeben seit der Ewigkeit ein kleines geborstenes Glockchen; es war die Totenglocke der Natur. "Ist das die zweite Welt?" fragte der trostlose Mensch. Die Gestalt antwortete "Die zweite Welt ist im Grabe zwischen den Zahnen des Wurms." Er blickte auf, um einen trostenden Himmel zu suchen, aber uber ihm stand ein fester schwarzer Rauch, das ausgebreitete Bahrtuch, das zwischen den Welten-Himmel und zwischen diese dustere frostige Lucke der Natur gezogen war; und der Schutthaufen der Vergangenheit dampfte aus der Tiefe auf und machte das Leichentuch schwarzer und breiter. Jetzo lief der Widerschein einer hinabfallenden entzundeten Welt mit einem roten Schatten uber die finstere Decke, und eine ewige Windsbraut verwehte sinkende Klagstimmen herein:

"Wir haben gelitten, wir haben gehofft; aber wir werden gewurgt. Ach Allmachtiger, schaffe nichts mehr!"

Ottomar fragte: "Wer vernichtet sie denn?" "Ich!" sagte die Gestalt und trieb ihn unter die eingefrornen Leichenheere, unter die Larvenwelt der vernichteten Menschen. Wenn die Gestalt vor einer entseelten Maske voruberging, so spritzte aus dem zugefallenen Auge ein blutiger Tropfen, wie ein Leichnam blutet, wenn ihm der Morder nahetritt. Er wurde unaufhaltsam durch das stumme Trauergefolge der Vergangenheit hindurchgefuhrt, durch die morsche Wesenkette, durch das Schlachtfeld der Geister. Da er so vor allen eingeascherten Geschwistern seines Herzens vorbeiging, in deren Angesicht noch die zerrissenen Hoffnungen einer Vergeltung standen und vor den armen Kindern mit glatten Rosenwangen und mit dem erstarrten ersten Lacheln und vor tausend Muttern mit den eingesargten Sauglingen auf dem Arm und da er sah die stummen Weisen aller Volker, mit der erloschenen Seele und mit dem erloschenen Licht der Wahrheit, die unter dem uber sie geworfenen Leichentuche verstummt, wie Singvogel, wenn wir ihr Gehause mit einer Hulle verfinstern und da er sah die versteinerten Leidtragenden des Lebens, die unzahligen, welche gelitten, bis sie starben, und die andern, die ein kurzes Entsetzen zerriss und da er sah die Angesichte derer, die vor Freude gestorben waren, und denen noch die todliche Freudentrane hart im Auge hing und da er sah alle Frommen der Erde stehen mit den eingedruckten Herzen, worin kein Himmel und kein Gott und Gewissen mehr wohnte und da er sah wieder eine Welt herunterfallen, und ihre Klagstimmen voruberweheten "O! wie vergeblich, wie so nichtig ist der Jammer und der Kampf und die Wahrheit und die Tugend des Lebens gewesen!" und da endlich sein Vater mit der eisernen Kugel erschien, welche die Leichen des Weltmeers einsenkt, und da er aus dem weissen Augenlide eine Blutzahre druckte: so rief sein zu kaltem Grimm gerinnendes Herz: "Gestalt aus der Holle, zertritt mich nur bald; das Vernichten ist ewig, es leben nur Sterbende und du. Leb' ich noch, Gestalt?"

Die Gestalt trieb ihn sanft an den Rand des immer weiter gefrierenden Eisfeldes. In der Tiefe sah er den Schutt von Gehausen zerdruckter Tierseelen, und in den Hohen hingen zahllos die Eisstrecken mit den Vernichteten aus hoheren Welten, und die Leiber der toten Engel waren oft aufrechte Sonnenstrahlen, oft ein langer Ton oder ein unbeweglicher Duft. Bloss uber der Kluft nahe dem Totenreiche der Erde stand allein auf einer Eisscholle ein verschleiertes Wesen und als die weisse Gestalt voruberzog, hob sich selber der Schleier auf es war der tote Christus, ohne Auferstehung, mit seinen Kreuzes-Wunden, und sie flossen alle wieder, wegen der Nahe der weissen Gestalt!

Ottomar sturzte auf die brechenden Knie und blickte auf zum schwarzen Gewolke und betete: "O guter Gott, bringe mich wieder auf meine gute Erde, damit ich wieder vom Leben traume!" und unter dem Beten flohen die roten blutigen Schatten gesturzter Erden uber das weite Leichentuch aus festem Rauch. Jetzt streckte die weisse Gestalt ihre Fuhlhorner verlangert wie Arme gen Himmel und sagte: "Ich ziehe die Erde herab, und dann nenne ich mich dir."

Indem die Fuhlhorner mit ihren schwarzen Enden immer hoher stiegen und zielten, wurde ein kleiner Spalt des Gewolkes licht; dieser riss endlich auseinander, und unsere taumelnde Erde sank fliehend hindurch, gleichsam zum ziehenden greifenden Rachen einer Klapperschlange herab. Und indem die umnebelte Kugel naher fiel, regnete es Blut und Tranen auf ihr in ihr rotes Meer, weil Schlachten und Martern auf ihr waren.

Die graue enge Erde schwankte durchsichtig mit ihren regen jungen Volkern nahe uber den starren toten Volkern ihre Achse war ein langer Sarg aus Magnetstein mit der Uberschrift: Die Vergangenheit; und im Erdkern schwebte ein rundes Feuer, das den Schlussel des langen Sarges schmolz die Lilienund Blutenbeete der Erde waren Schimmel ihre Fluren waren die grune Haut auf einer festen Moderlache ihre Walder waren Moose und ihr spitzer Alpengurt ein Stachelrad, ihre Uhren schlugen in einem fort aus, und die Stunden wurden eilig Jahrhunderte, und kein Leben dehnte die Zeit aus man sah die Menschen auf der Erde wachsen und dann rot und lang werden und dick und grau sich bucken und hinlegen. Aber die Menschen auf der Erde waren sehr zufrieden. Auf ihr sprang wohl der Todesblitz regellos unter den sorglosen Volkern umher, bald auf das heisse Mutterherz, bald auf die glatte runde Kinderstirn, bald auf die kalte Glatze oder auf die warme Rosenwange. Aber die Menschen hatten ihren sanften Trost; die sterbenden Geliebten, die begrabenden und die weinenden Augen hingen leicht an den brechenden, Freund an Freund, Eltern an Kindern, und sie sagten "So zieht nur hin, wir kommen ja wieder zusammen hinter dem Tode! und scheiden nicht mehr."

"Ich will dir zeigen," sagte die Gestalt, "wie ich sie vernichte." Ein Sarg wurde durchsichtig im weichen Gehirn des darin zusammenfallenden Menschen blickte noch das lichte Ich, vom Moder uberbauet, von einem kalten finstern Schlaf umwickelt und vom zersprungenen Herzen abgeschnitten. Ottomar rief: "Lugende Gestalt, das Ich glimmt noch wer zertritt den Funken?" Sie antwortete "Das Entsetzen! Sieh hin!" Eine Dorfkirche hatte sich gespaltet: ein bleierner Sarg sprang auf, und Ottomar sah seinen Korper darin abbrockeln und das Gehirn bersten; aber kein lichter Punkt war im offenen Haupte. Nun machte die Gestalt ihn starr und sagte "Ich habe dich aus dem Gehirn herausgezogen du bist schon lange gestorben" und umgriff ihn schnell und schneidend mit den kalten metallenen Fuhlhornern und lispelte: "Entsetze dich und stirb, ich bin Gott"...

Da sturzte eine Sonne herein, die den weiten Himmel einnahm, zerschmelzte die Eiswuste und das Larvenreich und flog ihren unendlichen Bogen brausend weiter und liess eine Flut von Licht zuruck, und der durchschnittne Ather klang mit unermesslichen Saiten lange nach. Ottomar schwamm im Ather, rings mit einem undurchsichtigen Schneegestober aus Lichtkugelchen ubergossen; zuweilen schnitt der Blitz einer fliegenden Sonne durch die weisse Nacht hinab, und eine sanfte Glut wehte dann voruber. Der dichte weite Lichtnebel wallete auf den Tonen des Athers, und seine Wogen bewegten den Schwebenden. Endlich sank der weite Nebel in Lichtflocken nieder und Ottomar sah die ewige Schopfung rings um sich liegen, uber ihm und unter ihm zogen Sonnen, und jede fuhrte ihre blumigen Erdenfruhlinge an sanften Strahlen durch den Himmel.

Der zusammengesunkene Sonnenduft wallete schon weit im Ather als eine blitzende Schneewolke hinab, aber den Sterblichen hielt noch im Himmelblau ein langer Lautenton auf seinen Wellen empor: da hallete es plotzlich durch den ganzen grenzenlosen Ather hindurch, als liefe die allmachtige Hand uber das Saitenspiel der Schopfung hinuber. In allen Welten war ein Nachklang wie Jauchzen; unsichtbare Fruhlinge flogen mit stromenden Duften voruber; selige Welten gingen ungesehen mit dem Lispeln einer ubervollen Wonne nahe vorbei; neue Flammen flatterten in die Sonnen; das Meer des Lebens schwankte, als hobe sich sein unermesslicher Boden; ein warmer Sturm wuhlte Sonnenstrahlen und Regenbogen und Freudenklange und Wolken aus Rosenkelchen untereinander. Auf einmal wurd' es in der Unermesslichkeit still, als sturbe die Natur an einem Entzucken ein weiter Glanz, als wenn der Unendliche durch die Schopfung ginge, lief uber die Sonnen, uber die Abgrunde, uber den bleichen Regenbogen der Milchstrasse und uber die Unermesslichkeit und die ganze Natur bewegte sich in einem sanften Wallen, wie sich ein Menschenherz bewegt und hebt, wenn es verzeihen will -Da tat sich vor dem Sterblichen sein Innerstes wie ein hoher Tempel auf, und im Tempel war ein Himmel, und im Himmel eine Menschengestalt, die ihn anblickte mit einem Sonnenauge voll unermesslicher Liebe. Sie erschien ihm und sagte: "Ich bin die ewige Liebe, du kannst nicht vergehen"; und sie starkte das zitternde Kind, das vor Wonne sterben wollte. Der Sterbliche sah durch heisse Freudentranen dunkel die unnennbare Gestalt ein nahes warmes Wehen schmelzte sein Herz, dass es zerfloss in lauter Liebe, in grenzenlose Liebe die Schopfung drang erblassend, aber nah an seine Brust- und sein Wesen und alle Wesen wurden eine einzige Liebe und durch die Liebetranen schimmerte die Natur als eine bluhende Aue herein, und die Meere lagen darauf wie dunkelgruner Regen, und die Sonnen wie feuriger Tau vor dem Sonnenfeuer des Allmachtigen stand die Geisterwelt als Regenbogen, und die Seelen brachen, von einem Jahrtausend ins andere tropfend, sein Licht in alle Farben, und der Regenbogen wankte nie und wechselte nur die Tropfen, nicht die Farben.

Der Alliebende schaute an seine volle Schopfung und sagte: "Ich lieb' euch alle von Ewigkeit ich liebe den Wurm im Meer und das Kind auf der Erde und den Engel auf der Sonne. Warum hast du gezagt? Hab' ich dir nicht das erste Leben schon gereicht und die Liebe und die Freude und die Wahrheit? Bin ich nicht in deinem Herzen?" Da zogen die Welten mit ihren Totenglocken voruber, aber wie mit einem Kirchengelaute von Harmonikaglocken zu einem hoheren Tempel, und alle Klufte waren mit Kraften und jeder Tod mit Schlaf gefullt.

Nun dachte der Ubergluckliche, sein dunkles Erdenleben sei auch geschlossen; aber tief unten stieg die in Gewolk gekleidete Erde herauf und zog den Menschen aus Erde wieder in ihre Wolken hinein. Der Alliebende hullte sich wieder in das All. Aber ein Schimmer lag noch auf einem langen Eisgebirge weit hinter den Sonnen. Die hohen Eisberge flossen am Schimmer strahlend auseinander, gebuckte Blumen flatterten angeweht uber die zerschmolzene Mauer auf, ein unabsehliches Land lag aufgedeckt im Mondlicht weit ins Meer der Ewigkeit hinein, und er sah nichts darin als unzahlige Augen, die heruberblickten und seligweinend glanzten, wie ein Fruhling voll warmen Regens unter der Sonne funkelt, und er fuhlte am Sehnen und am Ziehen seines Herzens, dass es alle seine, dass es alle unsere Menschen waren, die gestorben sind.

Der Sterbliche blickte, schneller auf die Erde zufallend, mit erhobenen betenden Handen nach der Stelle im Himmelblau empor, wo der Unendliche seinem Herzen erschienen war und ein stiller Glanz hing unverruckt an der hohen Stelle. Und als er noch schwerer den erleuchteten weichenden Dunst unserer Kugel betrat und zerteilte: stand noch immer der Glanz im Ather fest, nur tiefer an der umrollenden Erde....

Und da er unsern kalten Boden beruhrte, erwachte er; aber der feste Glanz stand im blauen Osten noch und war die Sonne.

Der Kranke stand unten im Garten, der erste herbe giftige Traum hatte ihn hinabgedrangt die Morgenluft wehte das Feuer war geloscht sein Fieber war geheilt und sein Herz in Seelenruhe.

Und wie die Qual des Fiebers den hollischen, und der Sieg der Natur den himmlischen Traum geboren; und wie wieder der folternde Traum den Scheidepunkt, und der labende die Genesung beschleunigt hatte: so werden auch unsere geistigen Traume unsere Seelenfieber nicht bloss entzunden, sondern auch kuhlen und heilen, und die Gespenster unseres Herzens werden verschwinden, wenn wir von seinen Gebrechen genesen.

Drittes Bandchen

Dritte Abteilung

38. Summula

Wie Katzenberger seinen Gevatter und andere

traktiert

Auch Theoda begab sich wieder an die offentliche Tafel, namlich zum letzten Male und an dem Arme des Zollers, der, ganz stolz auf die Ehre einer so vornehmen Nachbarschaft und auf den Schein, weniger der Gast des Vaters als der Wirt der Tochter zu sein, sie an ihren Sessel geleitete. Es ist zweifelhaft, ob ihr Entschluss der offentlichen Erscheinung bloss von ihrer Gevatter-Freude herkam oder von ihrer Achtung gegen Mehlhorn, der ohne ihre Nachbarschaft nur eine sehr kalte an der vaterlichen finden konnte; oder vom Gedanken der Abreise und vom Aufwachen ihres alten Stolzes oder (wer konnt' es wissen) vom Wunsche, an der Tafel einen Fursten zum ersten Male zu erblicken, oder gar den Hauptmann Theudobach zum letzten Male, oder von der Aussicht in die abends aufleuchtende Eden-Grotte; oder aus unbekannten Ursachen; sehr zweifelhaft, sag' ich, ist es, aus welcher von so vielen Ursachen ihre Umanderung entsprang, und mein Beweis ist der, dass es wahrscheinlich ist, alle diese Grunde zusammen samt allen unbekannten haben mitgewirkt.

Theoda sollte diesmal immer froher werden; noch vor dem Essen sah sie ihren Vater uber 100 Vaterunser lang vom Fursten gehalten und gehort. Der Furst horte, wie andere Fursten, Gelehrte aller Art fast noch lieber und noch langer, als er sie las; vollends einen, der wie Katzenberger nicht sein Landeskind, seine Landesplage oder sonst von ihm abhangig war; er befragte ihn besonders uber die Heilkrafte des Brunnens. Der Doktor setzte sie sehr hoch hinauf und sagte, er habe ein kleines chemisches Traktatchen in der Tasche, worin er dargetan, der Maulbronner Brunnen vereinige als Schwefel-Wasser alle Krafte des Aachner, des Zaysenhauser im Wurttembergischen und des Wildbads zu Abach, wie schon das hassliche Stinken nach faulen Eiern verspreche. Hier wollt' er das Traktatchen aus der Tasche ziehen, brachte aber dafur einen langen Barenkinnbacken mit Zahnen halb heraus, den er in der Barenhohle schon ohne Hulfe der Illumination aufgefunden und zu sich gesteckt. "Ei, wie bose!" sagt' er, "hab' ich die Untersuchung doch zu Hause gelassen. Aber ich habe immer die Taschen voll anatomischer Praparate!" Der Furst, leicht den verponten Knochendiebstahl und willkurlichen Knochenfrass wahrnehmend, ging lachelnd daruber mit der Bitte hinweg, ihm den Traktat zu senden; und tat die Frage, ob es ihm im Bade gefalle. "Ungemein," versetzte er, "ob ich es gleich nicht selber gebrauche; aber fur einen Arzt ist schon der Anblick so vieler Presshaften mit ihrer unterhaltenden Mannigfaltigkeit von Beschwerden, die alle ihre eigne Diagnose verlangen und alle verschieden zu heben sind, eine Art Brunnenbelustigung, gleichsam eine volle Flora von Welkenden. Der ordentliche Brunnenarzt freut sich hier wie ein Lumpensammler, wenn recht viel zerrissen ist; es gibt dann unter dem Lumpenhakker viel verklartes feines Postpapier in die andere Welt zu liefern, und der Badort ist ein schoner Vorhof zum Kirchhofe." Den Fursten wunderte und erfreute am Arzte sehr die Satire auf den eignen Stand, und er lachelte; allein er bedachte nicht, dass eigentlich jeder am meisten uber seinen als den ihm bekanntesten, der Hofmann uber den Hof, der Autor uber das Schriftstellerwesen, ja der Furst uber Seinesgleichen Spott ausgiesst, nur ihn aber andern nicht gern erlaubt. "Raten Sie mir doch, Herr Professor," fragte der Furst, "welche Motion ist die beste?" "Gehen, Durchlaucht, als die rechte Mitte zwischen Reiten und zwischen Fahren", antwortete Katzenberger. "Aber ich gehe taglich, und es hilft mir wenig", versetzte der dickleibige Regent. "Wahrscheinlich darum," sagte der Doktor, "weil Hochstderoselben vielleicht nur mit den Fussen gehen; was zum Teil seine Nachteile hat " (der Furst sah ihn fragend an) "denn auch mit den Handen muss zu selber Zeit gegangen und sich bewegt werden, da wir Saugtiere in Rucksicht des Korpers ja Vierfusser sind, wie Moscati sehr gut, nur mit Ubertreibungen, bewiesen." Er setzte nun die Sache mehr ins Licht und zeigte "das Venenblut steige ohnehin schwer die Fusse herauf, haufe sich aber noch mehr in ihnen an, wenn man sie allein in Bewegung und Reizung setzt; und dann sei fur den ganzen ubrigen Venenblutumlauf nur schlecht gesorgt.40 Daher mussen durchaus die Oberfusse oder Arme als Mitarbeiter wenigstens von hohen Personen, die mit ihnen nicht am Sagebocke oder hinter dem Garnweberstuhl oder auf der Drechselbank hantieren wollen gleich stark mit den Unterfussen auf- und abgeschleudert werden, zumal da schon nach Haller in seiner Physiologie das einfache Aufheben eines Armes den Puls um viele Schlage verstarke." Und hier machte der Doktor dem Fursten den offizinellen Gang mit gehenden Perpendikelarmen so geschickt vor, dass er, wie ein trabendes Pferd, Ober- und Unterbeine in entgegengesetzter Richtung vorwarts und hinterwarts schlug; und die ganze Badgesellschaft sah von fernen den unbegreiflichen und unehrerbietigen Schwenkungen des Doktors vor dem Fursten zu. "In der Tat," sagte der Furst lachelnd, "dies muss man versuchen, wenn auch nicht in grosser Gesellschaft." "Dann", fuhr der Doktor fort, "kann man noch mehr tun. Da eigentlich das Sauern oder Entkohlen des Blutes das Ziel alles Lustwandelns ist: so halt' ich auf Spaziergangen meinen Mund ausserordentlich weit aufgesperrt, um so die Luft stromweise in meine Lungen einzuschutten zum Oxydieren. Ja, ich darf Ihrer Durchlaucht vorschlagen, dass Sie in Zeiten, wo das Wetter nicht zum Gehen ist, dafur recht gut das Reden wahlen konnen, weil dieses das Blut herrlich sauert durch das schnellere Einatmen der Lebensluft und das Ausatmen der Stickluft. Daher erkranken wir Professoren haufig in den Ferien durch Aussetzen der Vorlesungen, mit welchen wir uns zu sauern und zu entkohlen pflegen. Auch der treffliche, in unsern Zeiten zu wenig erwahnte Unzer, Ihro Durchlaucht, bemerkt im achtzigsten Stucke seines Arztes ganz wahr, dass den Verruckten das unaufhorliche Sprechen und Singen die Motion ersetze." Da nahm endlich der Furst von dem beruhmten Gelehrten- der seinen Buckling mehr nur mit dem innern Menschen machen konnte, obwohl nur vor einem van Swieten, Sydenham, Haller, Swift mit grosserer Hoflichkeit Abschied, als Katzenberger verhaltnismassig erwiderte, ja mit zu grosser fast. Warum aber? vielleicht weil uberhaupt Fursten gern dem fremden Gelehrten am hoflichsten begegnen weil ihre Hoflichkeit sie noch nichts kostet weil sie ihn erst angeln wollen weil ein von innen aus Freigemachter bei ihnen unter die Freiherrn und Freifrauen tritt, d.h. unter ihresgleichen weil die Sache ohne Folgen (gute ausgenommen) ist weil die Fursten gern alles tun, aber nur einmal, auch das Beste weil die ganze Sache kurz abgetan, und lang abgesprochen wird weil sie einmal in Erstaunen ihrer Herablassung setzen wollen, welches bei Untertanen sie zu viel kosten wurde weil sie vom Manne spater an der Tafel etwas sagen wollen und ihn also vorher etwas sagen lassen mussen und weil sie eben dasselbe ohne alle Grunde taten, um so mehr da sie den besagten Mann schon halb vergessen, wenn er noch dasteht, und sich nach Jahren nicht gut mehr erinnern, wer der Mensch gewesen und endlich, weil es doch beim Himmel auch Fursten gibt, welche, wie Friedrich II., die schonste Ausnahme machen und einen Gelehrten noch hoher wurdigen als ein Gelehrter.

Indes auch einheimische Schriftsteller konnten die Sache benutzen und sich vor solchen von ihren Fursten, die auf ihnen wie Sultane auf verschnittenen niedergebuckten Zwergen sich in den Sattel schwingen wollen, geradezu als Tanzbaren aufrichten und auf die Hinterfusse treten. Um so unbegreiflicher bleibt es darum, dass bisher die Arzte und die Rechtsgelehrten gegen die hohern Stande nicht zehnmal grober ausfallen, als sie tun, und nicht so grob, als die Virtuosen der Zeichen-, der Ton-, der Schau- und der Tanzkunst langst getan; denn ohne jene, die ja erst Lang-Leben und Wohlleben verschaffen, sind alle Springer und Geiger unbrauchbar, indem alle Philosophen daruber einig sind, dass man, um wohl zu leben, zuvorderst leben musse. Doch sprech' ich jenen nicht alle Grobheit ab, sondern nur den grossten Grad. Etwas anders sind Dichter, Weltweise und Moralisten, ja Prediger (in unsern Tagen); diese konnen nie hoflich genug sein, weil sie nie unentbehrlich genug sind.

Endlich setzte sich der Doktor mit dem Glanze, den er als ein Lichtmagnet an sich gezogen vom FurstenSterne, kalt zu seinem Mehlhorn und seiner Tochter. Der Umgelder hatte beinahe den Hunger verloren vor Anbetung des Fursten und vor Bewunderung Katzenbergers, der so leicht mit jenem diskuriert hatte. Unter dem Essen lenkte der Doktor die Rede aufs Essen und merkte an, er wundre sich uber nichts mehr, als dass man, bei der Seltenheit von Kadavern und vollends von lebendigen Zergliederungen, so wenig den fur die Wissenschaft benutze, in dem man selber stecke, besonders im Sommer, wo tote faulen. "War' es Ihnen zuwider, Herr Mehlhorn, wenn ich jetzo z.B. den Genuss der Speisen zugleich mit einem Genusse von anatomischen Wahrheiten oder Seelenspeisen begleitete?" "Mit tausend Wohlgefallen, teuerster Herr Doktor," sagt' er, "sobald ich nur kapabel bin, Ihrer gelehrten Zunge zu folgen." "Sie brauchen bloss zu meinem Sprechen zu kauen; namlich bloss von der Kaufunktion will ich Ihnen einen kleinen wissenschaftlichen Abriss geben, den Sie auf der Stelle gegen Ihre eigne, als gegen lebendiges Urbild, halten sollen. Nun gut! Sie kauen jetzt; wissen Sie aber, dass die Hebelgattung, nach welcher die Kaumuskeln Ihre beiden Kiefern bewegen (eigentlich nur den untern), durchaus die schlechteste ist, namlich die sogenannte dritte, d.h. die Last oder der Bolus ist in der grossten Entfernung vom Ruhepunkte des Hebels; daher konnen Sie mit Ihren Hundzahnen keine Nuss aufbeissen, obwohl mit den Weisheitzahnen. Aber weiter! Indem Sie nun den Farsch da auf Ihrem Teller erblicken: so bekommt (bemerken Sie sich jetzt) die Parotis (hier ungefahr liegend) so wie auch die Speicheldruse des Unterkiefers Erektionen, und endlich giesst sie durch den stenonischen Gang dem Farsche den notigen Speichel zu, dessen Schaum Sie, wie jeder andere, bloss den ausdehnenden Luftarten verdanken. Ich bitte Sie, lieber Zoller, fortzukauen, denn nun fliesset noch aus dem ductus nasalis und aus den Tranendrusen alles nach, woraus Sie Hoffnung schopfen, so viel zu verdauen, als Sie hier verzehren. Nach diesem Seedienst kommt der Landdienst."

Hier lachte der Zoller uber die Massen, teils um hoflich zu erscheinen, teils das Missbehagen zu verhehlen, womit er unter diesem Privatissimum von Lehr-Kursus alles verschlang; gleichwohl musst' er fortfahren, zu geniessen.

"Ich meine unter dem Landdienst dies: jetzt greift Ihr Trompetermuskel ein und treibt den Farsch unter die Zahne Ihre Zunge und Ihre Backen stehen ihm bei und wenden und schaufeln hin und her ausbeugen kann der Farsch unmoglich auswandern ebensowenig, weil Sie ihn mit zwei hautigen Klappen (Wangen im gemeinen Leben) und noch mit dem Ringmuskel oder Sphinkter des Mundes (dies ist nur Ihr erster Sphinkter, nicht Ihr letzter, damit korrespondierender, was sich hier nicht weiter zeigen lasst) auf das scharfste inhaftieren und einklammern kurz der Farsch wird trefflich zu einem sogenannten Bissen, wie ich sehe, zugehobelt und eingefeuchtet. Nun haben Sie nichts weiter zu tun (und ich bitte Sie um diese Gefalligkeit), als den fertigen Bolus in die Rachenhohle, in den Schlundkopf abzufuhren. Hier aber hort die Allmacht Ihres Geistes, mein Umgelder, gleichsam an einem Grenzkordon auf, und es kommt nun nicht mehr auf jenes ebenso unerklarliche als erhabne Vermogen der Freiheit (unser Unterschied von den Tieren) an, ob Sie den Farsch-Bissen hinunterschlucken wollen oder nicht (den Sie noch vor wenigen Sekunden auf den Teller speien konnten), sondern Sie mussen, an die Sperrkette oder Trense Ihres Schlundes geheftet, ihn nun hinabschlingen. Jetzt kommt es auf meine gutige Zuhorerschaft an, ob wir den Bissen des Herrn Zollers begleiten wollen auf seinen ersten Wegen, bis wir weiterkommen."

Mehlhorn, dem der Farsch so schmeckte wie Teufelsdreck, versetzte "wie gern er seines Parts dergleichen vernehme, brauch' er wohl nicht zu beschworen; aber auf ihn allein komm' es freilich nicht an." "Ich darf denn fortfahren?" sagte der Doktor. "Vortrefflicher Herr," versetzte eine altliche Dame, "Ihr Diskurs ist gewiss uber alles gelehrt, aber unter dem Essen macht er wie desperat." "Und dies ist", erwiderte er, "auch leicht zu erklaren; denn ich gestehe, dass ich selber unter allen Empfindungen keine kenne, die starker, aber auch grundloser ist und die weniger Vernunft annimmt, als der Ekel tut. Nur zwei Beispiele statt tausend! Ich hielt mir im vorigen Herbste ein Paar lebendige Schnepfen, die ich mit unsaglicher Muhe zahm gemacht, teils um sie zu beobachten, teils um sie auszustopfen und zu skelettieren. Da ich nun meinen Gasten gern Ausgesuchtes vorsetze: so bot ich einigen Leckermaulern darunter Schnepfendreck, wie gewohnlich mit Butter auf Semmelscheiben gerostet, an, und zwar so wie ihn taglich meine beiden Schnepfen unmittelbar lieferten. Aber ich darf Sie als ehrlicher Mann versichern, meine Gnadige, auch kein einziger bezeigte statt einiger Lust etwas anderes als ordentlichen Abscheu vor dem vorgesetzten Dreck; und weshalb eigentlich? Bloss deshalb nun komm' ich auf unsern Punkt , weil das Schnepfengedarm nicht mit auf die Semmelscheiben gestrichen war und die Gourmands nur blossen Netto- und keinen Bruttodreck vor sich erblickten. Ich bitte aber hier jeden vernunftigen Mann zu urteilen, ob ich meine Sumpfvogel da sie ganz die Kost erhielten (Regenwurmer, Schnecken und Krauter), aus der Schnepfen von jeher den Liebhabern wieder eine Kost auf den ersten Wegen zugefuhrt ob ich, sag' ich, solche etwan abschlachten sollte (wie jener seine Henne, die ihm taglich goldne Eier legte), um gleichsam die Legdarme aufzutischen. Es kommt mir vor, als ob solche Liebhaber die nussbraunen Locken der schonen Damen am Tische nicht anders nach ihrem Geschmacke finden konnten, als noch in Papilloten eingemacht. Man denke doch an den Dalai Lama, der seine Verehrer, die grossten Fursten und Glaubige, auch taglich mit seinen eignen Schnepfen-Reliquien beschenkt; aber keinem darunter ist es noch eingefallen, diesen asiatischen Papst wie eine Schnepfe zu schiessen oder zu wurgen, um ihn in Bausch und Bogen zu haben, sondern man ist zufrieden mit dem, was er geben kann.

Dies ist das eine Beispiel vom Unsinne des Ekels. Aber das starkere kommt. Wein, Bier, Likor, Bruhe, kurz nichts ist uns so rein, so einheimisch und so zugeartet und bleibt so gern tagelang (was nichts Fremdes kann) in unserm Munde als etwas, wovon der Besitzer, wenn es heraus ware, keine halbe Teetasse trinken konnte Speichel. Ist aber dies kein wahrer Unsinn, so war's auch keiner, sondern vernunftig, wenn ich meinen trefflichen Herrn Kollegen Strykius verabscheute aus Ekel, bloss weil er, obwohl mir in Wissenschaft und Streben so verwandt und durch Freundschaft gewissermassen ein Teil meines Innern, ausser mir stande neben meinem Stuhle."

Daneben war wirklich der Brunnenarzt Strykius im Mute des Wein-Nachtisches getreten. Uber des Doktors Mut und Gluck bei dem Fursten und besonders uber das Armwerfen des einen und uber das Anlacheln des andern konnt' er kaum zu sich kommen; denn er selber lag, kaum von einem Furstenfinger beruhrt, wie manche Raupen gebogen und steif da oder fiel wie eine Hangspinne am Faden nieder auf den Boden; und er wurde als Geburthelfer eines Kronprinzen unter den furstlichen Wehen hochstens gesagt haben: wollen Ihre Durchlaucht nicht die hohe Gnade haben, einzutreten in die Geburt und das Licht der Welt erblicken? Auch wollte er seinem Landesherrn von weitem seine innigen Verstandnisse mit einem so gelehrten Manne vorzeigen. Aber Katzenberger liess ihn seinen Schein und sein Annahern ziemlich bezahlen; denn er kam auf einem schwachen, nicht sehr maskierten Umweg auf seinen Rezensenten zuruck. (Der Umweg war bloss die Einschrankung des vorigen Satzes uber den Abscheu, namlich die Bemerkung, dass ihn allerdings sein Kunstrichter, obwohl Handwerk, genoss, anekle.) Er sprach davon, was wir leider so oft in diesem Werkchen gelesen, von der Sunde, eine Stimme fur mehre, fur drei Instanzen zu verkaufen, einen geschwornen Meineidigen fur eine Jury, einen Judas fur elf Apostel. Er brachte dann wieder was wir alle leider so oft von ihm gehort, so dass ich die Leser fast noch mehr bedaure als mich die alten kalten Einkleidungen seines kunftigen Ausprugelns zu Markte und ausserte (denn ich fuhre nicht alles an), ihn quale sehr die Wahl, wie ers zu halten habe, da er von der einen Seite recht gut dem Kunstrichter bloss die Haare ausziehen konne, weil nach Aretaus schon blosses Abscheren Wahnsinn heile (wie an den Tituskopfen der Revolution noch zu sehen), aber da er auch von der andern Seite noch starker zu Werke gehen und den Kerl, wie Bierflaschen, durch Schrot reinigen konne, welcher Schrot, freilich anders als bei der Flasche, bloss durch einen Schuss in ihn zu bringen ware, wiewohl man bei Blei des Feindes Gesundheit stets riskiere, weil dasselbe stets vergifte, es fliesse nun langsam und suss in Wein aufgelost in den Magen, oder es fahre im ganzen roh durch Magen und Leib.

"Bon!" versetzte Strykius und verstand Spass. "Wer Leben wiedergibt, kann es auch zurucknehmen, und Sie konnen ermorden, weil Sie oft genug geheilet haben. Doch Scherz beiseite! Ich habe, guter Katzenberger, Ihre kostlichen Werke erst nach den Rezensionen gelesen- "

"Ganz naturlich!" unterbrach der Doktor.. "Und ich habe etwas darin gefunden, was ich noch von niemand gehort, dass Sie namlich einem beruhmten Englander aufs Haar gleichen", fuhr Strykius fort.

"Wem aufs Haar?" fragt' er.

"Dem wackern Doktor und Romancier Smollet in London. Weniger in Wissenschaft denn hier weiss ich nicht genau, ob Smollet besondere Vorzuge besessen als im Humor; wie, Herr Doktor?"

"Prugelszenen", versetzte er, "hat er allerdings einladend dargestellt, und insofern durft' ich etwas von ihm haben, wiewohl nicht in theoretischer Darstellung, sondern etwan in praktischer; denn ich frage Sie als Unbefangenen ernstlich, ob es eine grossere Halunkerei gibt, als mit sieben Stimmen aus drei Zerberus-Kehl-Kopfen "

"Wir kennen dies, Freund. Vielleicht haben wir beide etwas getrunken! wenigstens ich", sagte Stryk; "Sie bleiben Smolletus secundus. Aber zum Zeichen, wie mich auch das Kleinste an Ihnen interessiert, sag' ich Ihnen ganz leise ins Ohr: Ihre linke Beinkleiderschnalle ist eine stahlerne, und die rechte ist bronzen. Sie verzeihen doch, mein Trefflicher, einem Kollegen, der sich gleichfalls nicht von gelehrten Zerstreuungen fur frei erklart, diese freimutige Bemerkung, die ich wahrhaftig bloss wegen einiger Augen und Blicke der erbarmlichsten Gemeinheit gemacht." "Schon vor Jahren," versetzte der Doktor, "seitdem ich von jedem Paare eine Schnalle verloren, hab' ich meine Knie ganz absichtlich so eingeschnallt, weil ich mir immer sagte: da jeder nur eine Schnalle auf einmal bemerken kann und dann eine gleiche voraussetzt: was musste dies fur ein Narr sein, der auf beide Schnallen Jagd machte und so ihren Unterschied sich recht einkeilte? Hatt' ich aber wohl unrecht, mein Freund?" Katzenberger war mit einem unuberwindlichen Hass gegen das Aufwallen knechtischer Herzlichkeit, gegen jenes ekle Uberfliessen der Liebedienerei da geplagt, wo er gerade Gallergiessungen vorgereizt und erwartet hatte; und hier war er leichter von fremder Susslichkeit zu erbittern als von Bitterkeiten selber.

Da er nun das Seinige getan, namlich gesagt, so richtete er die Frage: "Kommt der Leibmedikus Semmelmann doch dem Fursten nach?" mit einer seltsamen Miene an Strykius, welche fast tun sollte, als wolle sie Erbitterung und Hinterlist verbergen. Strykius starrte plotzlich in eine ganz neue, aber hubsche Perspektive hinein glaubte zu wittern, dass der Doktor den Leibmedikus Semmelmann fur den prugelbaren Rezensenten halte und versetzte: "Kunftige Woche!"

39. Summula

Doktors Hohlen-Besuch

Eine Stunde vor Sonnenuntergang war die Hohle mit Lampen erleuchtet. Der Brunnenarzt, zugleich Hohlen-Inspektor, hatte einen fluchtigen, aber guten Einfall, als er im engen langen Eingange stand. Katzenbergers kalte Handhabung seiner, zumal vor den Augen seines Fursten, hatt' ihn wahrhaft verdrossen; denn gern liess er sich Herabwurdigung gefallen, aber sein Ehrgefuhl litt empfindlich, sobald man sie ihm nicht unter vier Augen antat.

Daher geriet er auf den Gedanken: jetzt, wenn der Doktor durch die wie ein Sperrkreuz laufende Ture in den engen dustern Gang eintrete und einige Minuten lang vom Taglichte so blind in diese untere Welt komme als ein neugeborner Hund in die obere, ihm auf seine beissigen Antikritiken eine leise anonyme Antwort zu geben. Diese, hoffte er nun, wurde erschopfend sein, wenn sie seinen Geiz und seine Geburthelferkunst zugleich angriffe. Aus diesem Grunde legte er sein spanisches Rohr wie eine Lanze gegen die einzige im Gange hangende Lampe ein und stiess sobald der blinde Katzenberger unter sie kam und links umhergriff die ganze Lampe behend auf dessen Achsel und Armel herab; darauf, als er ihm Licht und Ol genug in eine dazu erst nachzuschiessende Wunde voraus eingegossen, trug er die notige Wunde nach, indem er sein Rohr, wahrend der Drehkrankheit des Doktors, so geschickt wie einen Stundenhammer auf dessen geburthelferische Fingerknochel fallen liess, als woll' er den Arm von unten radern.

Noch eh' Katzenberger ausgetanzt und ausgerungen hatte und denken und sehen konnte: stand der Brunnenarzt nach einigen schnellen, weiten, leisen, in Nebengange eingebognen Schritten schon mitten auf dem schimmernden Marktplatz der Hohle in Bereitschaft da, dem unruhigen Freunde mit Gruss und Liebe entgegenzugehen und ihn anders als vorher zu empfangen, indem er ihm inbrunstig die herabwelkende Hand bloss druckte. Katzenberger sah ihn scharf an, lachelte unversehends und schauete umher, bald auf die Lampen, bald auf seine wunden Fingerknochel, und sagte: "Herrlich, uberraschend! Und alles so Ihrer Hande Werk?" "Das wohl nicht," versetzte Strykius, "aber Plan und Ideen gab ich ziemlich her."

"Serenissimus" fuhr Katzenberger fort und zog seinen Hohlen-Barenkinnbacken aus der Tasche "haben neulich, als ich diesen Barenknochen zufallig statt meines Traktatchens uber das Bad aus der Tasche brachte, den kleinen Raub, soviel ich gemerkt, nicht ungnadig aufgenommen. Ganz gewiss, Herr Hohleninspektor, lassen Sie mich auch wohl den zweiten Kinnbacken hier hab' ich nur den linken aus der Hohle mitnehmen, obgleich hier dieser Knochenraub sonst andern verboten sein soll; was entscheiden Sie?" "Sie werden nur lange im Finstern suchen mussen, bis Sie den rechten dazu finden, Herr Professor", sagte Strykius. "Und so lange will ich auch suchen," antwortete Katzenberger, "bis ich meinen zweiten Kinnbacken habe. Denn es ist mir ordentlich," (fuhr er fort und schwenkte den Barenknochen sehr in die Hohe) "als wenn ich ihn als einen Eselkinnbacken gegen meinen kritischen Philister fuhren konnte, gegen den Rezensenten, den Sie kennen. Der Bar ist am Kopf am schwachsten, so auch mein Rezensent, und konnt' ich solchen homoopathisch, Ahnliches durch Ahnliches, kurieren, wenn ich diese Kinnbacken statt menschlicher als Sprachwerkzeuge bewegte, als tote Streitflegel gegen einen lebendigen Streitflegel; wie, mein Bester?" "Dort seh' ich ja wohl Ihr Fraulein Tochter herkommen", versetzte Stryk.

40. Summula

Theodas Hohlen-Besuch

Spat kam Theoda mit Mehlhorn, in dessen ehrlichem, warmen Herzen sie sich ordentlich wie zu Hause befand; denn eine schone Seele kann eine schwache, die bloss zum Widertonen geboren ist, so lange geniessen, ja mit sich verwechseln, bis sie ein solches Echo auch den Tierstimmen untertanig findet.

Theoda trat mit dem Gedanken an die mutterliche Schlafhohle in den kuhlen dustern Gang und sah anfangs nur Nacht unten und Licht-Sternchen oben endlich tat sich ihr das Schattenreich auf, mit einer schimmernden Sternendecke und mit Hugeln, Felsen, Grotten und Hohlen in der Hohle. Alles schien eine Unterwelt zu bedeuten; der Volkstrom, den sie so lange draussen im Taglichte in die Tur einfluten sah, schien hier, wie ein Menschengeschlecht in Grabern, ganz vertropft zu sein; und bald erschien auf den Hugeln da ein Schatte, bald kam aus den langen Gangen dort einer her. Ihr Herz, das heute so manchen Abschied nahm und dem das Gekluft immer mehr zum Schlafsaale der Toten wurde, schlug zuletzt so ernst und beklommen, dass das gutmutige, heitere Gesprach Mehlhorns sie in ihren Erinnerungen und Phantasien storte; sie wollte allein denken und recht traurig; die ganze Wolbung war nur die grossere Eisgrube des Todes; ein Grubenbau der Vergangenheit, so wie ein Gebeinhaus der Hohlenbaren, deren unverruckt gelassene Gerippe alle mit den Kopfen an der Wandung lagen, wie zum Ausgange.

Sie brachte, obwohl muhsam, ihren Begleiter dahin, dass er ihr den Genuss der Einsamkeit zuliess und selber den seinigen mit den grossern Mannerschritten auf dem durchbrochenen Boden suchte.

Jetzt ungestort ging sie unter den andern Lichtschatten herum sie kam vor eine kleine BergschlossRuine dann vor ein Schiefer-Hauschen, bloss aus Schiefern voll Schiefer-Abdrucke gemacht dann tonte auf den entfernten unterirdischen Alpen zuweilen ein Alphorn die Hohlungen hindurch sie kam an einen Bach, in welchem die unterirdischen Lampen zum zweiten Male unterirdisch widerglanzten dann an einen kleinen See, worin eine abgespiegelte Gestalt gegen den umgekehrten Himmel hinunterhing; es war die Bildsaule der Furstin-Mutter, die ihr Sohn dicht neben ihrem Grabe aufgestellt. Theoda eilte zu dem blassen Marmor, wie zu einer stillen Geistergestalt, und setzte sich auf das Grab daneben. Sie durfte jetzt alles vergessen und nur an ihre Mutter denken und sogar weinen; wer konnt' es im Dunkel bemerken?

Theudobach kam aus Felsengangen gegen sie daher, dessen schone Gestalt ihr durch den Zauber des Helldunkels noch hoher aufwuchs. Sie erschrak nicht, sondern sah liebreich zu seiner entblossten Stirn empor, auf der das Licht einer unbefleckten Jugend bluhte; "er habe sie heute", fing er an, "lange gesucht, weil er diesen Abend noch uber Pira nach Hause abreise; denn er konne nicht gehen, bevor er noch einmal sein Betragen entschuldigt und ihre Verzeihung mitgenommen."

"Recht gut!" sagte sie "Morgen hatten Sie mich ohnehin umsonst gesucht; ich geh' ebenfalls ab; und was das Ubrige anbetrifft: ich vergebe Ihnen herzlich; Sie vergeben mir; und wir wissen beide nicht recht was: so ist alles vorbei." Dieses brachte sie in einem Tone vor, der sehr leicht und scherzend sein sollte, eben weil ihre Augen noch in der Wehmut der vorigen Ruhrung schwammen. Auf einmal tonte von einem blasenden Musikchore auf einem fernen Felsen das Lied heruber: Wie sie so sanft ruhn! Heftig fuhr sie vom Grabe auf und sagte, unbekummert, dass ihre Tranen nicht mehr zu halten waren, mit angestrengtem Lacheln: "Eine Abschied-Gefalligkeit konnten Sie mir wohl erweisen einen Freund meines Vaters in Ihrem Wagen mitzunehmen bis Pira." "Mit Freuden!" sagt' er. "So hol' ich ihn her", versetzte sie und wollte davoneilen; er hielt sie an der Hand fest, blickte sie an, wollte etwas sagen, liess aber die Hand fahren und rief: "Ach Gott, ich kann Sie nur nicht weinen sehen." Sie eilte in einen Felsen-Talweg hinein, er folgte ihr unwillkurlich nach da fand er sie mit dem Kopfe an eine Felsenzacke gelehnt; sie winkte ihn weg und sagte leise: "O lasst mich weinen, es fehlt mir nichts, es ist nur die dumme Musik." "Ich hore keine" (sagte der Krieger ausser sich und riss sie vom Felsen an sein Herz) "O du himmlisches, gutes Wesen, bleib' an meiner Brust ich meine es redlich, muss ich von dir lassen, so muss ich zugrunde gehen." Sie schauerte in seinen Armen, das weinende Angesicht hing wie aufgeloset seitwarts herab, die Tone drangen zu heftig ins gespaltene Herz, und seine Worte noch heftiger. "Theoda, so sagst du nichts zu mir?" "Ach," antwortete sie, "was hab' ich denn zu sagen?" und bedeckte das errotende Gesicht mit seiner Brust. Da war der ewige Bund des Lebens zwischen zwei festen und reinen Herzen geschlossen.

Aber sie fasste sich in ihrer Trunkenheit zuerst und nahm seine Hand, um wieder in die weite Mitte des schimmernden Himmelgewolbes vor die Zuschauer zu gehen. Als jetzt dem Musikchore ein zweites, in tiefe Ferne gelegt, antwortete als ein Echo: so hielten beide Gluckliche das leisere Tonen noch fur das alte laute, weil die Saiten ihres Herzens darein mitklangen. Und als Theoda heraustrat vor den Glanz des brennenden Gewolbes, wie anders erschien es ihr nun! Eine Unterwelt lag vor ihr, aber eine elysische; unter der weiten Beleuchtung flimmerten selber die Wasserfalle in den Grotten und die Wassersprunge in den Seen uberall auf den Hugeln, in den Gangen wandelten selige Schatten, und auf den fernen Widerklangen schienen die fernen Gestalten zu schweben alle Menschen schienen einander wiederzufinden, und die Tone sprachen das aus, was sie entzuckte das Leben hatte ein weisses Brautkleid angezogen wie in einem vom Mondschein glimmenden Abendtau und in Lindenduft und Sonnen-Nachrote schienen der seligen Theoda die weissgekleideten Madchen zu gehen, und sie liebte sie alle von Herzen und sie hielt alle Zuschauer fur so gut und warm, dass sie offentlich wie vor einem Altare hatte dem Geliebten die Hand geben konnen.

In dieser Minute liess der Furst eine heimliche, nach dem Abendhimmel gerichtete Eichenpforte des Hohlen-Bergs aufreissen und liess die Abendsonne wie einen goldnen Blitz durch die ganze Unterwelt schlagen und mit einer Feuersaule durch sie lodern "Ach Gott, ist denn dies wahr, sehen Sie es auch?" sagte Theoda zu ihm, welche glaubte, sie erblicke nur ihr innres Entzucken in das aussere Glanzen ausgebrochen und ihr Gesichte vorspielend, da gleichsam die goldne Achse des Sonnenwagens in der Nachtwelt ruhte und mit dem Glanz-Morgen, den er ewig mitbringt, die Lichter ausloschte und die Hohen und die Wasser ubergoldete da der ferne Mond-Tempel wie ein Sonnen-Tempel gluhte da die bleiche Bildsaule am See sich in lebendigem Rosenlichte badete und auseinanderbluhte da das angezundete Fruhrot des Lebens an der einsamen Abend-Welt plotzlich einen bevolkerten Lustgarten voll wandelnder Menschen aufdeckte.

Und doch, Theoda, ist dein Irrtum keiner! Was sind denn Berge und Lichter und Fluren ohne ein liebendes Herz und ein geliebtes? Nur wir beseelen und entseelen den Leib der Welt. Ist ein Garten eine engere Landschaft, so ist die Liebe nur ein verkleinertes All; in jeder Freudentrane wohnt die grosse Sonne rund und licht und in Farben eingefasst.

Lange noch immer wars Theodan, als wenn die Strahlen hin einweheten und zitterten. Die Sonne senkte sich hoher an der seltsamen Klippendecke hinweg, bis alles mit einem kurzen Nachschimmern entschwand. Wahrend der Finsternis, ehe drinnen die Lichter wieder, wie draussen die Sterne, aufgingen, begleitete Theudobach die Geliebte aus der unvergesslichen Hohle.

41. Summula

Drei Abreisen

Unter dem frischen, wehenden, lebensfrohen Abendhimmel fanden beide den Doktor und den Zoller. Theoda erinnerte sich sogleich an Theudobachs Versprechen, dem letzten die langsame Fussreise abzunehmen, und berichtete dem Zoller das Anerbieten. Er verbeugte sich haufig, aber der Doktor nahm das Wort: "Du mochtest nur gern, ich merk' es, recht bald ans Wochenbett deiner Bona kommen und zum Patchen. Haltst du aber die Nacht-Strapaze aus?" Sie erschrak ordentlich, denn sie hatte, als sie zuerst die Bitte fur Mehlhorn getan, daran keinen andern Anteil fur sich erwahlen konnen als den, tags darauf allein die Fussreise zu machen "O Fraulein!" sagte der Hauptmann bittend und plotzlich so aufgeheitert, als er eine Minute vorher bewolkt geworden von der Aussicht, dass er, gemass seinem Versprechen der Abreise und Fracht, eben jetzt, da ihm Sonne, Mond und Sterne uber Maulbronn aufgegangen, nichts davon vor der Hand wegzufahren habe als den Umgelder. Theoda sann einen Augenblick nach, sah ihren Vater an, fragte noch einmal den Zoller: ob ihm ein zweites NachtWachen nicht beschwerlich sei, und gab, da er versetzte "Im mindesten nicht, da man ihn ja nachts tagtaglich wecke", leise die Antwort: "So wie Sie denn wollen, Vater!"

Alle waren nun zufrieden mit ihren Perspektiv-Malereien die Liebenden mit der steilrechten Himmelfahrt, Mehlhorn mit der waagrechten, Katzenberger mit der Aussicht in eine Hollenfahrt zu Strykius als ein auferstandner Gekreuzigter.

Theoda nahm ihren Vater noch beiseite und bat ihn mit mehr Ernst als gewohnlich um einen leichten Gefallen; sie habe, sagte sie, allerdings noch franzosisches Blut genug, um ihre unerschrockne Mutter nachzuahmen, die ihr von ihren kuhnen Reisen mit Mannern erzahlt habe, nur aber an diesem Orte, wo die Menge ihre offentliche Verwechslung des Hauptmanns mit dem Dichter nicht vergessen, wohl aber missdeuten werde, sei es notig, dass er ihre Abreise einige Tage verschweige und dass sie jetzt zu Fuss ins nachste Dorf vorausgehen durfe, indes beide Herren wahrend des tumultuarischen Abendessens abreisen konnten, um weniger bemerkt zu sein.

"Was willst du denn eigentlich?" (fragte Katzenberger) "Ich tus ja." Sie musste ihm noch kuhner die Bitten wiederholen. "Und weiter nichts? Wahre Weiber-Schulfuchserei! So laufe nur, denn etwas ist doch daran, an deinem Zartgehor; ich sogar hore ungern mich verleumden von Rezensenten: geschweige ein Madchen; empfindliche Ohren sind bei Madchen so gut wie bei Pferden gute Gesundheit-Zeichen. Nur vergiss nicht" setzt, er noch dazu bei ihrem Abschiede "schandlich vor lauter Lieben und Lieben den Vater und dich." "O Vater!" sagte sie. "Ja du ganz besonders;" (fuhr er fort) "oder was gilt denn dir Vaterliebe, Gesundheit und Wirtschaft und alles gegen deine Bona? Sag es." Denn nur letzte hatt' er gemeint.

So flog sie denn noch seliger aus dem Badorte hinaus als in denselben hinein, nachdem sie vorher dem Dichter von Niess seine falschnamigen Geschenke zuruckgesandt. Jeder gute Mensch, sogar ein boser, der sie, einsam und ihrer Mutter ihr Seelen-Gluck mit betenden Tranen zuschreibend, auf dem Wege nach dem nachsten Dorfe hatte laufen und sich anstrengen sehen, hatte ihr nachgewunscht: "So werde nur recht glucklich, du furchtloses und schuldloses Madchen! Es ware fur einen, der dich kennt, zu hart, dich im Ungluck und das kalte Messer des Grams in deinem Rosen-Herzen zu sehen. Nein, ihr Liebenden, in dieser nie wiederkommenden Nacht sprecht euch beide selig und heilig, in hoherem als romischen Sinn!"

Theudobachs Wagen rollte schon hinter ihr, da sie kaum das Dorfchen erlangt hatte.

42. Summula

Theodas kurzeste Nacht der Reise

Warum wollen wir in der schonsten Julius-Nacht nicht lieber zuerst den Paradiesvogeln nachfliegen und erst spater in Maulbronn uns mit Katzenberger und seinem Stiefbruder an die Tafel des UnliebeMahls setzen? Wenigstens ich fur meine Person fliege mit ihnen; in der nachsten Summel sind ich und die Leser wieder beisammen im Bad. Es vergehen viele Jahre und viele Herzen, eh, einmal das Schicksal den Himmel der Liebe wieder so mit einem aussern voll Sterne einbaut und verdoppelt; denn nur im Schlachtgetummel der Not wird meistens der Zauberkelch der Liebe schleunig geleert; aber diesmal wollte irgendein Liebe-Engel, der die Erde regiert, zwei unschuldige Jugend-Herzen mit allem segnen und belohnen, was sich unsre fruhen Traume malen. Eine gestirnte duftende Sommernacht hindurch, uber welche das Mutter-Auge des Mondes wachte, durften beide, nach dem ersten Feuer-Worte der Liebe, einander fortsehen und forthoren. Ihr Begleiter schlummerte anfangs scheinbar aus Hoflichkeit, dann wahrhaft aus Notwendigkeit. Und wie flog das Leben vorbei und die Baume und die schlafenden Dorfer, und nur einzelne Tone der Nachtigall zogen ihnen nach und sprachen ihren Seelen nach! Theodas Herz zitterte, aber freudig, mit dem Boden unter dem aufrollenden Wagen; ihr war immer, als hore sie die Tone der Hohle fort, uberall klang die Welt zuruck, und es wurde ihr zuletzt im Rausche der Nacht, als stehe sie wieder mit ihrem Geliebten an der Felsenwand, an der sich ihr Leben entschieden. Die Dorfer, die Stadte, das Erdengetummel schwanden hin, und nur die Sterne und die Berge blieben der Liebe. Die Welt schien ihnen die Ewigkeit, die Sterne gingen nur auf und keine unter. Endlich stieg der Stern der Liebe wie ein kleiner hellblinkender Mond im Morgen auf, die Morgenrote gluhte ihnen entgegen, und die Sonne zog in die Rosen-Glut hinein. Hinter ihnen uber den Bergen, wo sie sich gefunden hatten, wolbte sich ein Regenbogen hoch in den Himmel. Und so kamen sie an, eine Seele in die andere gesunken, den Nachtschimmer in den Tages- Glanz ziehend, und ihre Blikke waren traumtrunken.

O Schicksal, warum lassest du so wenige deiner Menschen eine solche Nacht, ach nur eine Stunde daraus erleben? Sie wurden sie nie vergessen, sie wurden mit ihr als mit dem Fruhlings-Weiss und Rot die Wusten des Lebens farben sie wurden zwar weinen und schmachten, aber nicht nach Zukunft, sondern nach Vergangenheit und sie wurden, wenn sie sturben, auch sagen: auch ich war in Arkadien! Warum muss bloss die Dichtkunst das zeigen, was du versagst, und die armen blutenlosen Menschen erinnern sich nur seliger Traume, nicht seliger Vergangenheiten? Ach Schicksal, dichte doch selber ofter!

43. Summula

Praliminar-Frieden und Praliminar-Mord und

Totschlag

Wir kehren vom Nachfluge hinter den unschuldigen Paradiesvogeln zuruck, um noch einen Abend lang in die Buhne hineinzusehen, wo freilich kein erster Liebhaber spielt, obwohl ein letzter Hasshaber. Katzenberger ist Held und Regisseur zugleich. Gewissermassen sing' ich in der 43. Summel, wie Homer den Zorn des Achilles, so Katzenbergers seinen.

Dieser seit dem tuckischen Handschlag in stiller Trauer und Wut hatte diesen Abend dazu erlesen, um die Wolfgrube fur seinen Freund mit noch einigen Blutenzweigen mehr zu bedecken und ihn an dieselbe zu geleiten, um den Isegrimm, wenn er unten sass, oben zu empfangen und anzureden mit einem und dem andern Wort. Zufallig musst' er sich an der Wirtstafel dem Fursten nahe setzen, folglich auch dessen Hintersassen und Unedelknaben oder Edelknechte, dem Arzte Strykius. Der Doktor pries vor dem Landesherrn stark die Hohle und alles; aber bloss um uberall auf den Inspektor derselben, auf Strykius, schmeichelhafte Lichter zu werfen. Dieser wollte uberall den Weihrauch wieder auf ihn zuruckblasen; der Doktor versicherte aber, sein Lob sei um so unbestochner, da sie beide oft in arztlichen Sachen frei auseinandergingen. Da er absichtlich bloss mit der Linken ass: so fragt' ihn der Furst daruber; er antwortete: wie mehre damit gemalt, so esse er noch leichter damit, bis eine schwache Wunde seiner Rechten, die er im Hohlen-Eingange von einem mit der Lampe herabfallenden Stein erhalten, sich geheilt; und dabei schuttelte er die schlaffe Rechte und sah heiter genug aus.

Nur der Brunnenarzt stutzte innerlich daruber hin und her; inzwischen erhob er die Hohle und den Hohlen-Baren, den Doktor, hoch, doch zu hoch; aber er gehorte unter die wenigen Seelen, die von Natur klein sind; mit Seelen ists nun wie mit Vergrosser-Linsen: je kleiner und winziger diese sind, desto breiter und ausgezogner stellen sie den Gegenstand vor. So, je kleiner Herz oder Auge ist, desto grosser stellt es das Kleinste dar; am Grossen erliegt ein Vergrosserglas; vielleicht ein Wink fur Fursten, welche gern sich und der Welt gross erscheinen wollen, dass sie sich mehr nach Menschen umsehen, welche klein genug zugeschliffen sind zu bedeutenden Vergrosserungen.

Der Furst schlich sich am Ende unter die Baume und gar davon, wie die nachziehenden Lakaien bewiesen. Katzenberger hatte nun endlich die Freude haben konnen, seinen Strykius ganz allein zu geniessen und die Frucht abzuschalen; aber die alte widerwartige Landedeldame, die fruher uber seine medizinischen Tischreden ein Fi! ausgerufen, war so spat sehr nahe sitzen geblieben, nicht etwan aus heimlicher Hinneigung zu Katzenberger, sondern aus Dorfgehorsam gegen ein lindes sieches weiches Hoffraulein, das gerade von den Geruchten seiner kecken Ausserungen nach ihm und nach seinen Ratgebungen fur ihr Wohl und Wehe desto lusterner gemacht worden; denn fur eine Dame von Stand war ein wilder zackiger Doktor bloss ein englischer Park voll Stechgewachse. Die junge Dame hatte die alte, wie gewohnlich, zum Schilderhaus oder zur Brandmauer ihrer freundschaftlichen Gefuhle verbraucht oder als weibliches Messgeleite des Anstands. Da nun der Doktor der fein erriet, um grob zu handeln sehr leicht fand, dass er bloss die Alte fortzutreiben habe, um beide weg zu haben: so tat er das Seinige und genierte vorzuglich die Alte. "Es zeige zu seiner arztlichen Freude" wandte er sich an sie "schone Jugendkrafte, dass sie sich so spat und kuhn der Nachtluft aussetze, die oft viel Jungern schlecht zuschlage." "Meine Brust ist ganz gesund", antwortete sie kurz. "Doch dadurch allein, meine Schonste," versetzte Katzenberger, "ware wohl Ihr Brustfell nicht vor nachtlicher Entzundung gedeckt. Aber Sie haben gewiss damit allzeit selber gesaugt, und wieviele Kinder wohl? Schon an und fur sich eine der edelsten tierischen Verrichtungen, um die ich Sie bis auf jedes Saugtier von Amme beneide." Strykius, der sie kannte, nahm eiligst das Wort fur die stumm-Entrustete und sagte hastig: er sei im vollstandigsten Irrtum uber das Fraulein "Nu, nu, mein Freund," erwiderte der Doktor, "unter die Saugtiere gehoren wir doch alle, wenn sich auch gleich nur die schonere Halfte unter die Saugtiere zahlen darf. Aber unser Herr Brunnenarzt" fuhr er gegen die beiden Fraulein fort "lag von jeher gern vor Damen auf den Knien und dies, glaub ich, mit' Recht; denn er weiss als Arzt, der Schelm, recht gut, dass die Knie, wie stark er sie auch beuge, den feurigsten Blutumlauf nicht im geringsten einhemmen. Wenn ein unmedizinischer Liebhaber vielleicht dachte, die grossen Aderstamme der Beine liefen an den Kniescheiben hinauf und wurden also durch das Drucken der Scheiben auf den Boden so gut wie unterbunden: so weiss dagegen unser Arzt aus seinem Sommering, dass es anders ist und dass die grossen Adern unten um die Kniekehle liegen und nicht leiden und stocken durch Biegen...."

Da war des Bleibens nicht mehr fur das Landfraulein, das unter die feinern Dorfdamen gehorte, welche vor einer Hofdame nie Fusse, Strumpfe, Knie, Beine anbehalten, sondern sie zu Hause ablegen, um nicht am Hofe damit anzustossen; zarte Wesen, welche wie Sirenen nur ihre Halfte zur Sprache bringen und aus Anstand sich nur als Busten geben. Zogernd und mit einer freundlichen Abschieds-Verbeugung an den Doktor zog das Hoffraulein dem aufbrechenden Landfraulein nach, das sich die grosste Muhe gab, bloss von Strykius den Abschied zu nehmen durch Knicks und Blick und gute Nacht.

Endlich sass Katzenberger ohne Scheidewand und Ofenschirm neben seinem Strykius. Er liess sogleich viel Achtundvierziger bringen und verrichtete vor der Welt das Wunderwerk, dass er den Brunnenarzt mitzutrinken bat.

"Langst schon hab' er sich verwundert," hob er an "dass die Arzte ungeachtet des Sprichwortes (experimentum fiat in corp. vil.) so wenig Versuche an ihrem eignen Korper machten und nicht die verschiedenen Arten wenigstens der angenehmen Unmassigkeiten durchgingen, um nachher besser zu verordnen. Ob sich nicht ein ganzes Collegium medicum so in die verschiedenen Unmassigkeiten teilen konnte, dass z.B. das eine Mitglied sich aufs Saufen, das andere aufs Essen, das dritte aufs Denken legte, das vierte aufs sechste Gebot, davon oder von der Unnutzlichkeit wunsche er doch einen Beweis zu vernehmen, und zwar um so mehr, da z.B. so viele gluckliche Kuren der Aphroditen- oder Cypris-Seuche durch junge Arzte in Residenzstadten bewiesen, dass ein solches Vorarbeiten und solche sich gelesene Selber-Privatissima der Praxis gar nicht schaden Er wolle nicht hoffen, dass man sich dabei ans Laster stosse, das hier als ein Pestimpfstoff der Arzt ja nur so wie der Schauspieler oder Dichter an sich selber darstelle, um zu lehren und zu heilen."

"Ich weiss fast," versetzte Strykius, der dasass mit dem Olblatt im Schnabel und wie Buridans Esel zwischen Ernst und Lacheln "wohinaus Sie damit wollen." "Hinein will ich damit, mit dem Weine namlich", sagte der Doktor und eroffnete ihm ganz frei, er sei gesonnen, sich gegenwartig vor seinen Augen zu betrinken, um den Effekt mit wissenschaftlichen Augen zu beobachten und jede Tatsache rein ausgespelzt zuruckzulegen fur die Wissenschaft "Es wird" fuhr er fort "meinen Handel gewiss nicht schlechter machen, dass ein Mann vom Fache, wie Sie, dabeisitzt, den ich bitten kann, von seiner Seite mehr die nuchternen Beobachtungen uber mich anzustellen und deshalb langsamer als ich zu trinken, da es genug ist, wenn einer sich opfert. Spatere Folgen am nuchternen Morgen beobacht' ich allein." "Wie gebeten, zugesagt!" versetzte der Arzt.

Darauf ruckte der Doktor noch mit einer Bitte ganz leise heraus, Strykius moge, da seinen schwachen Kopf der Wein leicht so zurichte wie der verschluckte Traubenkern den Anakreon, in diesem Falle sein Leib- und Seelenhirt, seinen Gesundheit- und Gewissens-Rat machen und besonders dann, wenn er wie alle Trinker am Ende anfangen sollte zu weinen, zu umhalsen, zu verschenken, ja die grossten Geheimnisse auszuplaudern, ihn warnen und lenken und notfalls mit Gewalt nach Hause ziehen; er geb' ihm Vollmacht zu jeder Massregel, mog' er selber betrunken dagegen ausschlagen, wie er wolle.

Der Brunnenarzt sagte lachelnd, er versprech' es fur den undenklichen Fall, erwarte aber denselben LiebeDienst, falls er selber hineingeriete.

In der Tat ging bisher der Doktor mit Anschein genug zu Werke und Strykius fing an, aus den geleerten Flaschen schone Hoffnung Katzenbergerischer Ehrlichkeit zu schopfen; doch war es mehr Trug; denn jenem, der sich langst als einen ehemaligen (wie Pitt in London) sogenannten Sechs-Flaschen-Mann gekannt, blieb das schone Bewusstsein, dass er bei allem Trinken nicht aus den Fussstapfen der Griechen wanke, welche bekanntlich den Rachegottinnen nur nuchtern opferten und deshalb keinen Wein vor ihnen libierten oder weggossen.

Jetzo beruhrt' er wieder von weitem den Rezensenten und sagte, er sei im Badmonat bloss nach Maulbronn wie die Juden zum Ostermonat nach Jerusalem gegangen, um das kritische Passahlamm oder den Passahsundenbock zu schlachten und zu geniessen; noch aber fehle der Bock, und kam' er an, so sei doch manches anders, als ers haben mochte. Strykius konnte nicht anders, als er musste stutzen. Bei der dritten Flasche oder Station hielt es der Doktor fur seinen Schein zutraglich, ein wenig mit seinem Verstandigsein nachzulassen und mehr ins Auffallende zu fallen; uberhaupt mehr den Mann zu zeigen, der nicht weiss, was er will. "Noch gehts gut, Herr Kollege," sagt' er, "doch sieht man, was der Mensch vertragt. Ich ware jetzt imstande, jedem, der wollte, unangenehme Dinge mit einer solchen juristischen Kautelarjurisprudenz zu sagen, dass der Mann an keine Injurienklage denken durfte. Es bote mir z.B. eine vornehme ResidenzFrau ihr Herz und Hand, so konnt' ich, da es nach Quistorp41 fur Kleinigkeiten einen recht hamischen Dank zu sagen, keinen Animus injuriandi, Schimpfoder Schmah-Willen verrat, der trefflichen Dame ins Gesicht versichern: gut! Ich nehme noch dies an; aber nun beschamen Sie mich mit keinen grossern Geschenken, da ich noch nicht einmal Ihre Kleinigkeiten zu vergelten vermocht. Dies konnt' ich.

So weiss ich aus demselben Quistorp die andere Einschrankung, dass man nie beschimpfe, wenn man bloss die Sachen seines Neben- und Mit-Menschen (nicht ihn) verachtlich heruntersetzt, als etwan seinen Anzug, seine Gastmahler u.s.w. Ich wurde also mit Vorbedacht, da doch am Menschen alles nur fremde Sache ist, ausser seiner Moralitat, die er sich, wie der preussische Soldat die Knopfe, auf eigne Kosten anschaffen muss, ohne Ehrenklage im hochsten Grade anzuglich und geringschatzig z.B. von den schwachen Talenten oder Gesichtzugen eines Rezensenten sprechen, beides Sachen, die der Tropf sich nicht geben kann; ebenso wollt' ich auf viele deutsche Kronen und Thronen (ein schoner weiblicher Reim) losziehen, ohne die Besitzer, die ja beides teils halb auf, teils unter sich haben, im geringsten zu meinen. Doch ich kehre zu meinem Satze zuruck beilaufig ein ganz gutes Zeichen, denn Trunkne konnen, wie Verruckte, nie dieselbe Sache unverandert wiederholen und stehen hier tief unter Autoren und Advokaten. Und Rechtswissenschaft ist nicht einmal mein Fach (doch trinken wir recht auf sie!); aber Heilkunde bleibt es stets. Wie gesagt, ich sagte vorhin von Injurien und dergleichen. Wo finden Sie hier, Herr Doktor, den Vollzapf?"

Strykius beschwor nach allen Seiten hin das Widerspiel "Dies sag' ich, beim Teufel, ja selber," versetzte der Doktor "und wozu denn Ihr Fluchen? Ich denke, ich kenne mich und viele. Manches bringt mich auf, daruber ist keine Frage. Nur wunscht' ich zu wissen, ob jemand von der trefflichen, nie hoch genug zu achtenden Gesellschaft um uns her etwas an mir merke; aber freilich Fox und Pitt konnten nur halb so viel vertragen.

Mein lieber Herr Brunnenarzt, Sie brauchen, bei Gott, nicht zu lacheln, als lag' ich schon in den Lagen, fur welche ich Ihre Vormundschaft bestellte. Sie sehen, ich weiss noch alles. Hab' ich aber ein Geheimnis verraten? Seh' ich irgendeinen Kopf doppelt? Kaum einfach. Verschenk' ich schon ausser dem Einschenken? Und wo stehen mir dumme Tranen der Liebe und Trunkenheit im Auge? Im Gegenteil verspur' ich eher harten Humor zum Totschlagen, besonders schlug' ich gern einem Manne aus Ihrer Residenzstadt, der mir mit seinen Augen- und Weisheitzahnen ins Bein gefahren, diese auf der Stelle aus. Die Bestie kommt aber erst, wie Sie sagten, kunftige Woche."

"Sie erhitzen sich, Guter", sagte Strykius. "Aber fur das Recht und fur jeden Rechtschaffnen, der es mit mir so redlich meint als du, Stryk! Herr Brunnenarzt, ich sage du zu Ihnen, wie der Russe zu seinem Kaiser. Einen Kuss, aber einen Judas den zweiten! Denn du weisst aus dem Neuen Testament, wo der Brief des zweiten Judas steht. Der erste Judas war nie mein Mann."

Strykius gab Katzenbergern einen Buhnen-Kuss "Trinke zu, heize ein, zund an, mein Zund-Stryk! Ohne Wein war dem Urdeutschen kein Vertrag heilig. O, wenn ich daran denke! Ein Freund ists Hochste. Ich sage dir, Stryk, einst hatt' ich einen, und wir herzten einander und er mich alles tat ich fur ihn und machte meinen Schnitt fur ihn ich hatt' in seinem Namen gestohlen. Halt, dacht ich, haltst du auch stich? Ich wollte ja in der Eile etwas Ihnen darstellen; sage mirs, Bruder!" "Das Bewahren Ihres mir unbekannten Freundes", versetzte der Brunnendoktor. "Und dies willst du besser wissen als ich? Stich, sagt' ich ja vorhin, halt er, wenn er sich bewahrt und seinem Freunde zu verzeihen weiss. Der nur ist mein Freund. Deshalb macht' ich mir eine leichte Streitsache mit ihm zunutz und schleuderte diesem Freund, um recht zu wissen, woran ich mit ihm ware, eigentlich um seine Liebe gegen mich zu erproben, einen vollen Bumper oder Willkommen mit allen Kraften an den Kopf; darauf beobachtete ich scharf und kalt, wie er bei dieser ersten Freundschaft-Anker-Probe standhalte und sich betrage. Aber wir prugelten sogleich uns mit vier Handen durch, und der Treulose hasste mich hinterher wie einen Hund. Dies hatt' ich von meiner ersten leichten Liebe-Probe; was hatt' ich mir vollends von einem so wankelmutigen Freunde zu versprechen gehabt, hatt' ich ihn noch ganz anders und scharfer auf die Kapelle gebracht, z.B. um Haus und Hof oder gar ums Leben? Anders sollen, hoff' ich, unsere Freundschaft-Proben ablaufen. Mich meinerseits erschlagen Sie, wenn Sie wollen; ich umhalse Sie stets sogleich in der frohen Ewigkeit und sage: willkommen, mein Stryk, mein herauffuhrender Franziskaner-Strick und Galgen- und Treppen-Strick Doch dies sind Wortspiele und elend genug."

Der Brunnenarzt hatte bisher, zumal vor mehren Maus-Ohren an der Tafel, den bedachtigen Mann gespielt und sich wenig anders gegen den Trunk-Sprecher ausgelassen als mit leichtem Nein, Ja und Wink. Nur Neugier nach dem Ausgange, Scheu vor dem wild-begeisterten Doktor, mehr Hoffnung, ihn vor der Welt zuletzt beschamend zu verwickeln, und sogar einiger angetrunkener Mut pichten ihn auf dem Folterstuhle fest. Nuchtern erhielt er sich ubrigens durch Meid-Kunste ja mehr als der Doktor selber, der sich zuletzt doch durch Reden betrank.

Erst bei der vierten Flasche uberzeugte jener sich, dass im Weine oder im Doktor wirklich Wahrheit sei; mehre versprochne Rausch-Nachwehen und Feuermaler waren schon da, nur das geweissagte Verschenken wollte sich nicht einstellen. Der Doktor warf allerlei seltsame Winke hin, dass er sehr gern wolle, der Furst ware nicht da, aber wohl dafur ein anderer Mann fur einen dritten, der prugelt "Kennst du seinen Leibmedikus Semmelmann recht?" sagt' er. "Langst als den gelehrtesten Arzt und feinsten Mann und meinen Freund", versetzt' er etwas laut, um von furstlichen Spionen, die den Geblendeten der Tafellichter rings im Blatter-Dunkel ungesehen belauschen konnten, besser vernommen zu werden "Nun so sag' ich dir, ich bin noch schwankend, ob ich gegen Taganbruch diesen deinen Freund ganz totschlage oder nur halb. Weisst du," (fing er leise an und fuhr sogleich laut fort) "wer dieser Semmelmann im innersten ist, Stryk? Der Fallstrick, der Galgenstrick, der Ehrenkronenrauber, kurz der Rezensent meiner Werke." "Wie? Herr Kollege!" sagte Strykius. "Kein Wort weiter, er wird totgemacht! Flex, heda! mein Kerl fahrt augenblicklich vor bei Herrn Brunnenarzt Strykius, meine Tochter wird nicht geweckt sie soll nichts wissen, bis ich wiederkomme, und das ohne alle Umstande."

Wenn wirklich, wie schon Swift nach Rochefoucault sagt, wir in jedes Freundes Ungluck etwas weniges finden, was uns heimlich erlabt: so musste allerdings der Brunnenarzt in der Aussicht auf die Ausprugelung seines Freundes Semmelmann etwas Behagliches finden, da er so lange diese sich selber zugedacht geglaubt; auch wurde diese Behaglichkeit durch die Betrachtung eher vermehrt als vermindert, dass der Leibmedikus, sein Nebenbuhler, der als Weg-Aufseher der ersten und zweiten Wege des Fursten mehre Wege Rechtens und Himmelfahrten und bedeckte Wege und enge Passe des Landes besetzte, vom beruhmten Katzenberger vielleicht durch Prugel konnte um einigen Kredit, wenn nicht um Glieder und mehr gebracht werden. Dies hielt ihn aber nicht ab, vielmehr spornte es ihn an, sich nicht nur unter vier Ohren, sondern vielleicht vor mehr als zehn Hormaschinen des Hofs im Finstern entschieden des Leibmedikus oder der Semmelmannschen Unschuld anzunehmen, und zwar mit um so grosserer Warme der Uberzeugung, je gewisser er wusste, dass er selber die Rezension gemacht.

"Mein bester Kollege", begann er, "moge mich nur horen! Wie stark der Argwohn gegen den Herrn Leibmedikus gegrundet, entscheid' ich am wenigsten, da ich Journale, worin etwas stehen soll, als z.B. die Gothaischen Anzeigen, die Oberdeutsche Literatur-Zeitung, die neue allg. deutsche Bibliothek und dergleichen Unrat, mehr mithalte als mitlese. Aber trefflicher kuhner Amt- und Waffenbruder! Lassen Sie mich doch auch reden! Kennen Sie die Misslichkeit solcher Namen-Ablauschungen wie die Ihres Herrn Richters? Ich halte Semmelmann, soweit ich ihn kenne, durchaus fur unschuldig; doch gesetzt, aber nicht zugegeben, Sie hatten recht; aber Freund, wie kann ein Gelehrter mit einem andern Gelehrten (zur Abwagung zwei solcher hab' ich keine Gewichte) den geistigen Zwist mit Waffen ausfechten wollen, die nichts treffen als Leiber? Bei Gott, ich bin hier nicht bestochen, und die fremde Sache nehm' ich kuhn fur eigne.."

"Ich habe dich Spitzbuben wirklich ruhig ausgehort, bloss nur um dir vorlaufig darzutun, dass ich, bei Gott! bei Verstand bin wie einer und nach niemand frage Was verschlagen alle Flaschen im Magen gegen das wenige, was aus ihm davon in den Kopf steigt? Aber, wie gesagt, das ist mein Satz, oder ich weiss nicht, was wir sagen. Und doch ein Spitzbube bist du selber, so gross wie Semmelmann, weil du ihm ahnelst und beistehst. Denn du bist, nimm mirs nicht ubel, lieber Stryk, von Hause aus ein milder Mann mit einem weichen Herzen im Brustkastchen, und es ist dir nachzusehen, wenn du aus verdammter verhasster Liebe Schubjacke und Stricke (ich rede gesetzt) verfichst; denn dein Angesicht ist ein sanfter Olgarten, wo man Blut schwitzt, und du bist am ganzen Leibe mit Selber-Dampfern wie mit Blutigeln besetzt. Du weisst nur zu gut, wer mich rezensiert hat; aber siehst ihn nur nicht gern erschlagen. Ein Knicker ist Semmelmann auch, und nichts hass' ich mehr als so einen geizigen Hund, der mir nichts herschenkt, der selber seinem Hund nichts zu fressen gibt aus Gras, das dem Tier nur schmeckt, wenn sich das Wetter andert. Hat er nicht bloss aus Geizhalsigkeit meine Praxis beneidet, obwohl ausser Lands, und meinen Ehrensold und die wenigen Ehrenpforten und Ehrenlegionen, die ich mir etwa erschrieben? Ist der Leibmedikus nicht der grosste Schmeichler des Hofs und denkt bei dem Fursten, weil ich, bei Gelegenheit der Hamatosen und Missgeburten, nichts von den mineralischen Bestandteilen des Landes-Bades angebracht, Ehre einzulegen, wenn er mir eine grossere nimmt, als er hat? Die Sache ist: seine Zunge gleicht der Bienenzunge, welche einem Fuchsschwanz ahnlich ist und die fur sich Honig saugt, und fur andere Gift. Wie gesagt, Bruder! Ich erhebe dich vielleicht zum Leibmedikus, wenn ich den alten erschlage, mags horen, wer will."

"Guter Amtbruder," sagte Strykius, "jetzt in der Nachtkalte tritt die vorher abgeschlossene Bedingung ein, nolens volens" "Dummes Wort, ich will entweder nolens oder volens" "Fein bemerkt! Wir gehen dann miteinander zu mir auf einen warmen Tee", sagte Stryk und nahm ihn mit.

44. Summula

Die Stuben-Treffen der gebotene Finger zum

Frieden

Unterwegs stammelte er nach Vermogen, und was er sagte, sollte nicht sowohl Sinn haben als wenigen "Ich brauche keinen guten Rat," sagt' er, "so wenig als ein Hund Zahnpulver und -stocher ich werde meine Sache schon so machen, dass man vielleicht dies oder jenes davon sagt Mancher ist ein geiziger Hund, und ziehe mir einmal einen Hundsschwanz gerade, ich bitte sehr Gut, der Mann soll abstehen, wie Fische vom Donnerwetter, auch ungetroffen, oder wie ein Wagen voll Krebse, wenn unten ein Schwein durchkriecht."

Sie fanden den Wagen vor Strykius Ture, der sich wieder laut gegen das Nacht-Fahren erklarte und den Doktor die Treppe hinaufzog, um droben leiser sich uber den Leibmedikus auszuschutten. Er schickte sogar den Bedienten, sobald er den Ofen fur den Tee geheizt, mit Auftragen in ferne, schon zugesperrte Hauser davon, um unbehorcht zu bleiben.

Der Wein die Nacht die Einsamkeit der Schlag auf die Hand dieses Ineinandergreifen so vieler Zufalls-Rader brachte den Doktor auf einmal in der Stube so weit, als er nach andern Planen kaum in einer Woche sein konnte. Er zog daher einen Taschen-Wind-Puffer heraus, schoss die Kugel in die Wand zog und spannte einen zweiten und sagte: "Ein lautes Wort von dir, so schiess' ich dich leise nieder, und ich fahre davon. Du bist mein Rezensent, Dieb, nicht der ehrliche gelehrte Semmelmann und ich bin noch nuchterner als du Saufaus. Schweig; ein Wort, ein Schuss! Es macht mich schon dein blosses Waschschwamm-Gesicht mit seinen schlappen Vorderbacken und seinem Gelachel halb wutig. Ein Strafexempel muss ich nun an dir zum Vorteil der ganzen gelehrten Welt diese Nacht statuieren; nur steh' ich noch an, ob ich dich ganz aufreibe oder bloss lahmschlage oder gar nur ins Gesicht mehrmals streiche. Hier schleudr' ich noch zum Uberfluss den Hakenstock von dem Giftpfeil auf deinen Nabel ab (der Stock fuhr aber ans Knie) sieh den auslandischen Pfeil, womit ich dich harpuniere auf ewig, wenn du schreiest oder laufst. Jetzt verantworte dich leise, nenne mich aber Sie; denn ich bin der Richter und du der Inquisit."

"In der Tat," (hob der Brunnenarzt an) "es wird mir schwer, nach vielen heutigen geschickten scherzhaften Rollen von Ihnen und insofern so angenehmen diese mit einem Uberfall auf Leib und Leben nicht fur Scherz zu nehmen, besonders da Sie ja nicht ganz gewiss wissen konnen, ob ich die Rezensionen gemacht."

"Hier werf' ich dir" sagte der Doktor, in die Tasche fahrend, und nahm das Heft des Pfeils in den Mund, um mit dem Windpistol fort zu zielen "deine Handschrift aus der Druckerei vor die Fusse, Rauber zu Fuss."

"Gut, dies entschuldigt Ihre erste Hitze gewiss; aber erwagen Sie auch, dass uberall von jeher der Gelehrte, besonders der Kunstrichter, gegen den Gelehrten zum Vorteile der Wissenschaft auf dem Papier eine freie Sprache fuhrt, die er sich nie im Zimmer unter vier Augen..."

"Zum Wissenschaft-Vorteil? Ist es nicht jammerschade, dass Leute wie du auch nur das Geringste davon verstehen? Konnen solche Leute unwissend genug sein? Die Wissenschaft ist etwas so Grosses als die Religion fur jene sollte man ebensogut Mut und Blut daransetzen als fur diese und doch wagen die Rezensenten nicht einmal ihre Namens-Unterschrift daran. Eine Sunde pflanzt sich nicht fort, und jeder Sunder erkennt sie an; ein unterstutzter Irrtum kann ein Jahrhundert verfinstern. Wer sich der Wissenschaft weiht, besonders als Lehrer der Leser, muss ihr entweder sich und alles und jede Laune, sogar seinen Nachruhm opfern "

"Wie schon gesagt und gedacht!" lispelte Strykius. "Schweig! oder er ist ein Rezensent wie du; und der Teufel hole jeden Esel, der schreibt, und den er reitet; es ist genug, wenn das Tier spricht. Mache mir jetzt etwas Tee zurecht, denn das Wasser kocht; schneide aber deine Hosenknopfe ab, damit du mir nicht entlaufst."

"Lieber mein Leben lass' ich als meine Ehre," sagte Stryk "bloss aufknopfen will ich den Hosensack und herunterlassen; und es tut ja der Lange wegen denselben Dienst..."

Wahrend er im Hemd muhsam das Teewasser aufgoss: zog der Doktor den Widerruf hervor und sagte, wenn er ihn beschwore und unterschreibe, so woll' er ihm das Leben selber schenken und ihn nur an den Gliedern, wo er es fur gut befinde, mit dem Stab Sanft bestreifen. Strykius schwur und schrieb. Darauf begehrte der Doktor, dass ers auswendig vor ihm lerne, weil er selber das Dokument wieder zu sich stecken musse. Der Arzt predigte den Aufsatz endlich auswendig (der Hosensack war seine Kanzel) her. "Gut!" sagte Katzenberger "Nun haben wir beide nichts Wichtiges weiter miteinander abzumachen, als kollegialisch zu uberlegen, welches von den Gliedmassen ich denn vor dem Einsitzen zu zerschlagen habe; wir haben die Wahl. Wir konnten die Nase nehmen und solche breitschlagen; teils weil du auf meine grobe knollige kurze Fuhrmanns-Nase etwas heruntersiehst, teils weil nach Lavater sich unter allen Gliedern die Nase am wenigsten verstellen kann, und du also bei deiner Vermummerei Gott und mir danken wirst, wenn du ein aufrichtiges Glied weniger hast Wir konnten aber auch zum Kopfe greifen, womit oder worin du besonders gesundigt und rezensiert, und ich konnte, da er noch nicht offen genug scheint, wenigstens die sieben Sinnenlocher, die der Vorderkopf hat, auch dem Hinterkopf durch den Natur-Trepan eines sogenannten Stocks einoperieren Oder vor und von der Hand konnten so viele Finger, als leider rezeptieren und rezensieren, bequem dezimiert werden Oder ich konnte auch das Pistol an deine Wade halten und sie durchschiessen, um aus der Hamatose zu sehen, ob sie eine falsche sei Die Auslese wird schwer, du hast verdammt viel Glieder, und ich glaube, gerade so viel, als Pestalozzi in seinem Buch der Mutter aufzahlt Oder wahlt man am besten das Ganze, die dreihautige Oberflache, und zeigt man sich dir mehr von der liebenden Seite, wann ich eben auf dich, als meinen Nachfolger, beeidigten Priester und Lehrboten, geradeso wie der Franziskus und andere Heilige die Wundenmaler von ihrem erscheinenden Herrn bekamen, alle die blauen und braunen und gelben Flekken, womit mich in mehr als einer Prugel-Disputa mancher Raffael angemalt, gleichsam als stigmata ubertrage und abfarbe, um unsere Vereinigung zu zeigen Nun so stimme doch mit uber das Glied, sage, welches!"

"Mein Herz", versetzte er. "So vertraut spricht man nicht mit mir", sagte Katzenberger. "Meines mein' ich ja", sagte Stryk.

"In dies Glied mogen die Weiber ihre dummen Wunden machen! Herr, hier liegt Euer dummer Dachsschliefer, der niemand anbellt und anwedelt; das unnutze Vieh sollt Ihr mir, wenn ich unter den wahlbaren Gliedmassen etwas naschen soll, zum Zerschneiden mitgeben und vorher vor meinen Augen erdrosseln, da ich die Bestie sonst nicht fortbringe!" "Er ist", sagte der Arzt, "nur so still, weil er vor Alter keine funf Sinne mehr hat; erdrosseln kann ich das treue Tier unmoglich, aber hergeben will ich ihn, da er doch bald abgeht."

Hier hob er den leben- und schlaftrunknen Dachsschliefer auf und gab ihm den Judas- und den Todeskuss. "Behalt ihn, unwissenschaftlicher Narr!" rief der Doktor; "eh' ich ein veraltetes Vieh, lieber meine zehn Finger gab' ich her!" Dieser Zufall offnete plotzlich dem Brunnenarzt einen Himmel und eine Aussicht: "Ich besitze hier", sagt' er, "im Kabinett aus dem Fraisch-Archiv eine alte abgedurrte Hand, zwar keine ausnehmende Missgeburt, aber es ist doch eine Hand mit sechs Fingern, die nicht jeder am Arme hat."

"Si bon! Ganzer Mann! Schatz, gebt mir die Hand, nicht Euere so geh' ich ab und schone jeden Hund." Wahrend Strykius die Sechsfingerhand als einen Reichsabschied gegen das Faustrecht aus dem Kasten holte, saete Katzenberger hinter dessen gebognem Rucken mehre Knallkugelchen auf verschiedne erwarmte Platze des Ofens und legte nicht sowohl Feuer als Donner ein, um auch in seiner Abwesenheit das Strykische Gewissen nachts oder sonst mehrmals furchterlich zu wecken durch Larmkanonen, Notschusse, Turkenglocken oder andere Metaphern. Wahrend der Donnersaat sprach er fort und sagte ins Kabinett hinaus: "Ich bin aber heute so weich wie ein Kind; das macht der Trunk. Darwin bemerkt schon langst, dass sich den Saufern die Leber, folglich die Galle verstopfe; daher ihre Gallensteine und Gelbsuchten."

Strykius brachte die eingeraucherte Hand, wogegen Esaus und Van Dyks Hande dem Doktor nur als invalide oder defekte erschienen. Nachdem er den PlusFinger genau daran besehen: musste sie ihm jener selber in die Tasche stecken, damit er in der gerusteten Stellung verbliebe. Freundlich und ganz verandert bat er, ihm ein Flaschchen mit Tee mitzugeben, um es ruhiger im Wagen zu trinken. "Nach der Schenkung der fremden Hand verzicht' ich gern auf jeden lebendigen Handdruck; Eure Kusshand in meiner Tasche hat alles ins reine und uns einander naher gebracht, und wir lieben uns, so gut wir konnen. Nur bitt' ich Euch noch, mir die Stockscheide, womit ich vorher in die Scheibe des Knies getroffen, selber an den Giftpfeil anzustossen, weil ich mich aus Misstrauen nicht bucke, Schatz!"

Als Stryk etwas angstlich die obere Halfte des Hakenstocks an die untere angeschienet hatte, handigte Katzenberger mit dem Gemsenhorn noch schleunig einen betrachtlichen Schlag den Schreibknocheln des Mannes ein es sollte ein Siegel auf die Bundakte sein und sagte "Nur ein Katzenpfotchen und Handschlag fur den in der Hohle, Addio!" Er eilte die Treppe hinunter und in den Wagen hinein, um schnell uber die Grenze des Hauses und Landes zu kommen. Noch im Dorfe begegnete ihm Stryks Bedienter, dem er neuen Dank an seinen Herrn mitgab, und vor dem er fahrend die Gesundheit desselben in Tee trank. Frohlockend fuhr er mit dem Reichtum von sechs Fingern und von zwei Allianz-Hasen im Geleise des Himmelweges seiner Tochter nach. Strykius sang zu Hause Dankpsalmen an seine Geschicklichkeit und an das Geschick, dass er sich durch eine tote Hand aus einer lebendigen gerettet, und machte singend die Beinkleider und dann die Hausture zu; erst da er die letzte dem Bedienten wieder offnete, stimmte er Kriegslieder und Wettergebete gegen dessen ungeheures Aussenbleiben an und gegen den Rauber von Doktor. Sein erster Gedanke war, diesem in einer ganz neuen Zeitung durch die zehnte Hand statt einer Benefiz- lieber eine Malefizkomodie zu geben und ihn zu einem Mitgliede in die Unehren-Legion der erbarmlichen Autoren aufzunehmen. Ferner hatt' er den zweiten Gedanken, bei sich anzustehen, ob er uberhaupt einen ihm mit dem Pistol auf der Brust abgenotigten Eid und Widerruf nur wirklich zu halten habe. Da platzte auf dem Ofen eine Knallkugel, und sein Gewissen, von dieser Krachmandel gestarkt, sagte: "Nein, halte deinen Eid und nimm dir nur die Zeit; denn nach zwanzig Jahren kannst du ebensogut widerrufen, wenn du nicht stirbst, als morgen."

45. Summula

Ende der Reisen und Noten

Die sechs Finger und acht Hasenbeine waren so erquickende Zuckerrohre, an denen Katzenberger unterwegs saugte, dass er nach dem Unfall wenig fragte, sowohl die Abrechnung der Reisekosten mit Niessen vergessen zu haben als das Aufheben des weggeworfenen Windpistols bei Stryk. Das letzte sollten ihm, beschloss er, ein paar hofliche Zeilen nachholen. Er liess galoppieren, um noch vor Untergang des Mars uber das grosspoleiische Grenzwappen hinauszufahren. Dann stieg er in Fugnitz aus und genoss bei Licht seine Missgeburten ruhiger.

Nach einem kraftigen Extrakt von kurzem Schlaf flog er der Tochter nach und durch das Stadtchen Huhl mit gezognem Giftpfeil vor dem Hause des Pharmazeutikus vorbei. Dieser stand eben unter der pharmazeutischen Glasture und unter der WappenSchlange seiner Offizin neben dem Orts-Physikus und zeigte diesem ohne Hutabziehen und sonstige GrussSchusse mit ausgestrecktem Arme den Giftmischer und Hasendieb.

Erst spat, bei Licht-Anzunden, kam er zu Hause an. Er horte, Theoda, die schon vormittags angelangt, sei bei ihrer Freundin. Halb verdrusslich machte er sich nach Mehlhorns Wohnung im Erdgeschosse auf, welches fur ihn den Vorteil hatte, da es abends durch Fensterladen verschlossen war, dass man ungesehen durch sie hineinsehen konnte.

Katzenberger war ein Mann von vielen Grundsatzen, worunter er einen hatte, den zarte Seelen, welche die menschliche, von keiner sichtbaren Gegenwart gemilderte Scharfe der Urteile uber taube Abwesende schwer ertragen, ihm nicht so leicht nachbefolgen konnten, namlich den, zu horchen und zu luken. Darum erklarte er besonders Fenster-Laden der Erdgeschosse fur die besten Operngucker und Hormaschinen, die er nur kenne; und sagte, solche Laden schlossen etwas wohl dem Rauber, aber nichts dem Herzen zu und man schaue nie ruhiger und scharfer in Haushaltungen als durch zarte Ritzen, entweder in einen offnen Himmel oder offnen Schaden, und er wisse dieses aperturae Jus oder diese servitus luminum et prospectus, kurz diese Licht-Anstalt mit nichts zu vergleichen als mit Totenbeschau und Leichenoffnung; nie sei er von solchen Fensterladen weggegangen, ohne irgendeinen Gewinn davonzutragen, entweder eines Schmahwortes auf ihn oder sonst einer Offenherzigkeit.

Durch den Fensterladen sah er nun mit Erstaunen die Wochnerin Bona im Bette und in ihren Handen zwei fremde Hande, die sie aufeinanderdruckte, Theodas und Theudobachs, indem sie ihr klares, obwohl mattes Auge mit so viel Entzuckung und Teilnahme zu den beiden Liebenden aufhob, als sie ihrem Zustand erlauben durfte. Er sah ferner, wie der Umgelder mit (geborgten) Weinglasern und mit (bezahltem) Weine ohne Anstand, aber lebhaft umhersprang und den Aufguss seiner eignen Begeisterung einer himmlischern vorhielt und anbot, sogar der neuen Kindbetterin, welche indes mitten in der ihrigen genug Bedachtsamkeit besass, diesen bosen Honigtau des Wochenbettes auszuschlagen. Er vernahm sogar, dass der Zoller ein Wagstuck mit seiner Zunge bestand und sagte: "Gnadigster Herr Gevatter, aufs hohe Wohl unseres Paten!" Von dem Nachmittag und der vorigen Nacht war also (sah er durch die Spalten) das Pfund jeder Stunde gewissenhaft benutzt und auf Zinsen der Liebe angelegt. Nie sah die blasse hellblauaugige Bona verklarter und durchsichtiger aus als in dieser Stunde des Mit-Entzuckens, aber ihre Verklarung verschonerte auch die fremde; denn ein liebendes Paar erscheint zarter und himmlischer durch den Widerschein einer teilnehmenden Freude.

Jetzt horte der Doktor den Zoller ausrufen: "Ich gabe meine Hand darum, waren der Herr Doktor Gevatter da; meine scharmanten Brautleute waren aufgeraumter und stiessen an." Der Zoller hatte als ein Mann, der wenig anders noch in der Welt scharf beobachtet hatte als Zoll und Umgeld, aus Theodas Bleich- und Ernst-Sinn den Schluss gezogen, sie bange vor des Vaters Entscheidung; wiewohl die heitere Rose bloss vor der heissen Sonne der Liebe und Entzuckung zur weissen erblasste. Der tiefe Ernst der Liebe griff ihr ganzes munteres Wesen an. Der Hauptmann, schon von Natur und Wissenschaft ernst, war durch die plotzliche unberechnete Lohe der Liebe nur noch ernster geworden; denn sonst irgendeine aussere Storung (Perturbation) seines Liebe-Hesperus durch den Vater Saturn oder Mars kam ihm bei seiner mathematischen Hartnackigkeit und kriegerischen Entschlossenheit gar nicht in Betracht, ja wenig in Sinn. Mehlhorn fuhr fort: "Ich setze meine Ehre zum Pfande, die Sache geht." Vergeblich winkte ihm Bona. "Ich weiss sehr gut," sagt' er, "was ich sagen will; ich kenne meinen teuersten Herrn Gevatter Doktor so gut als euch selber, und vermachen ihm Dieselben auf Ihrem herrlichen Rittergut Ihre ganze Hohle voll Barenknochen zum Ausleeren: so weiss ich, was ich weiss."

Der Doktor argerte sich am Fensterladen, dass Mehlhorn bei Kraften sein wollte und keck denn derselbe Liebhaber aller Kraft-Menschen wird doch verdriesslich uber einen Schwachling, welcher plotzlich, wenn auch nur im Trunk-Mut, etwas vorstellen und dadurch das Verhaltnis der Unterordnung schwachen will ; doch sagte zu sich der Doktor: "Ubrigens ists gut, und ich bin Herrn Theudobachs gehorsamer Diener und Schwiegervater, wenn es mit der Hohle richtig ist."

Der Doktor trat gelassen ins Zimmer und sah jeden unverlegen an. Die verschiedenen Konzertisten der harmonischen Liebe mussten gegen den eintretenden Taktschlager sich in angemessenen Spielen der Harmonie darstellen. Die Tochter hatt' es am leichtesten, sie hatte einen Vater zu empfangen und zu kussen. Auch der Zoller unternahm bei so viel Wein im Kopf mit Erfolg die schwersten Umhalsungen. Nur der Schwiegersohn, Theudobach, begab sich gegen Katzenberger, der ohnehin mit lauter Winterseiten besetzt war, mit Anstrengung in das gewohnliche krause Hoflichkeit-Gefecht zwischen kuhlen Schwiegervatern und heissen Schwiegersohnen. Je feuriger und reifer der Doktor das Ja im Herzen hatte, desto fester verkorkte er es darin; schon auch darum, um dem ergotzenden Ringel-Frontanze um sein Vaterherz herum zuzusehen. Bona durchblickte sogleich die Ineinanderwirrung; der nun trocknere Hauptmann, der neben dem Alten die Hand der Tochter nicht fortbehalten konnte, schien ihr Anstalt zum Abzuge in sein Quartier im Sinne zu haben, um sich aus demselben an den Nordmann mit der Feder zu wenden. Auch der geheizte Kopf des Zollers, schiens ihr, versprach mit allen seinem Reverberier-Feuer nicht viel Licht fur den Ausgang der Sache.

Aber sie tat es kuhn ab; sie bat die Gesellschaft um einen einzigen Augenblick, um mit ihrem alten Arzte ein Wort zu reden. Man ging leicht, nur Mehlhorn schwer.

Sie leitete wirklich mit einigen Kranken-Fragen ein, ehe sie den Doktor zur Geschichte ihrer Freundin, zu der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft derselben uberfuhrte. Zuletzt kam ihr eben aus WochnerinSchwache ihre Schwache ganz aus dem Sinn, und sie liess Herz und Zunge flammen fur Theoda. Ihr verschwinde zwar, sagte sie, mit ihr das halbe Gluck des Lebens; wenn aber diese dadurch das ganze gewinne, so weine sie gern ihre heissesten Tranen.

Der Doktor bat, ihn mit den nahern Verhaltnissen des Mannes in Bekanntschaft zu setzen. Sie erzahlte, ihr Mann habe schon vormittags bei mehr als funf Studenten aus Theudobachs Nachbarschaft Nachrichten uber seine Umstande und uber die Wahrheit seiner Versicherungen einziehen mussen, aber lauter Bejahungen eingebracht, wie sich denn im ganzen Wesen desselben der Mann von Wort ausweise. Sie nahm so viel Anteil an Theudobachs Reichtum als Katzenberger selber; und es steht einer schonen Seele nicht ubel an, fur eine fremde dasselbe Irdische zu beherzigen, das sie fur sich selber versaumt "Sie konnen ja" setzte sie lachelnd hinzu "unter einem sehr guten Vorwand selber hinreisen und sich alles mit Augen befuhlen; er hat namlich auf seinem Gute eine Hohle voll Baren- und Gott weiss was fur Knochen. Fur die Tochter gibt er Ihnen freudig alles, was er von toten Baren hat; es wird schon was zu einem lebendigen Ubrig bleiben fur die Ehe."

"Ich" versetzte der Doktor- "bin gewissermassen dabei.

Weibleute kann man nicht fruh genug auf jungere Schultern abladen von alten; wir armen Manner werden bei allem Gewicht leicht in ihnen geschmolzen, wie z.B. Bleikugeln in Postpapier ohne dessen Anbrennen. Sie soll ihn vor der Hand haben, bedingt."

Hier war der Umgelder schon von der Ture (er hatte, um sie nicht aufzumachen, davor gehorcht) abgeflogen zum Braut-Paar; vierundzwanzig blasende Postillione stellte er vor, um das gewonnene Treffen anzusagen. Vielleicht hatten sie wenig dagegen gehabt, hatte sich der Sieg auch einige Stunden spater entschieden. Die Liebenden kamen zuruck, und in ihren Augen glanzte neue Zukunft, und auf den Wangen bluhte die Gegenwart. Der Umgelder wollte auf einem Umweg durch die Knochenhohle als einem tierischen Scherbenberge Roms der Sache naherkommen und tat dem Hauptmann die Frage, was er fur Schonheiten auf seinem Landgute verwahre. Aber dieser wandte sich, ohne Antwort und Umweg, gerade an den Vater und legte ihm den durchdachten Entschluss seines Herzens zum Besiegeln vor. Katzenberger murmelte, wie verlegen, einige Hoflichkeit-Schnorkel, bloss um sich bestimmtes Loben zu ersparen, und ausserte darauf: er sage ein bedingtes Ja und schiesse das unbedingte freudig auf dem Gute selber nach, wenn ihm und seiner Tochter der Hauptmann erlaube mitzureisen. "Warum soll ichs nicht sagen?" fuhr er fort, "ich bin ein gerader Mann mit dem ganzen Herzen auf der kleinen Zunge. Ich wunschte wirklich den unterirdischen Schatz zu sehen, dessen Herr Zoller gedachte, und Sie mogen immerhin dies fur einen Vorwand mehr aufnehmen, um meine naturhistorische Unersattlichkeit zu befriedigen." Ob er nicht eine wahre Verstellung in die scheinbare verbarg und eigentlich gerade dem Reichtum uber der Erde unter seinem Vorwand eines tiefern nachschauen wollte, konnte ausser der hellen Bona wohl niemand bejahen; sondern eine triumphierende Kirche frommer Liebe, ein Brockengipfel tanzender Zauberfreude wurde das Zimmerchen; und selber Katzenberger stellte in dieser Walpurgisnacht voll Zauberinnen schoner als sein Urbild (der Teufel) den umtanzten Brocken-Helden dar.

Nachdem er, um die allgemeine Entzuckung und die eigne lustiger zu ertragen, den notigen Wein getrunken: so macht' er sich unversehends, in der Flucht vor vier Dankstimmen, nach Hause und sagte unterwegs' die Augen gegen den Sternenhimmel gerichtet: "Rechn' ich auch nur fluchtig nach, dass ich einen achtfussigen Hasen eine sechsfingrige Hand die goldfingerige eines Schwiegersohns auf einer kurzen Reise gewonnen, wobei ich nicht einmal im Vorbeigehn die Strykische Schreibtatze anschlage, auf die ich geschlagen und schau' ich in die Hohle hinein, wo ich auf ganz andere Hohlenbaren als auf die kritischen stossen soll: so kann ein Mann, der auf einer Reise ums Weltmeer nicht mehr hatte fischen konnen als ich auf meiner ins Maulbronner Bad, dafur Gott, sollt' ich denken, nicht genug danken."

Werft noch vier Blicke in den kleinen Freudensaal der vom Vater-Ja begluckten Liebe und der begluckten Freundschaft zuruck, eh' ihr von allen auf immer geht! Solche Abende und Zeiten kommen dem durftigen Herzen selten wieder; und obgleich die Liebe wie die Sonne nicht kleiner wird durch langes Warmen und Leuchten, so werden doch einst die Liebenden noch im Alter zu einander sagen: "Gedenkst du noch, Alter, der schonen Juli-Nacht? Und wie du immer froher wurdest und deine Bona kusstest! Und wie du, Theoda," (denn beide fallen einander unaufhorlich in die Rede) "den guten Zoller herztest! Und wie wir dann nach Hause gingen, und der ganze Himmel funkelte, und das Sommer-Rot in Norden ruhte Und wie du von mir gingst, aber vorher einen ganzen Himmel in meine Seele kusstest, und ich im Lieberausche leis' an meinem Vater voruberschlich, um den muden nicht zu wecken Und wie alles, alles war, Theoda; ich bin kahl, und du bist grau, aber niemals wird die Nacht vergessen!" So werden beide im Alter davon sprechen.

Ende der Badgeschichte

Werkchen

I.

Wunsche fur Luthers Denkmal von Musurus

Ein gewisser, mir ganz unbekannter Musurus Ehrenmitglied von mehren Ehrenkorpern deutscher Gesellschaften fur Deutsche schickte mir vor einigen Wochen einen Aufsatz uber die Tempelkollekte42 zu Luthers Denkmal zu. Da ich nun befurchte, dass der Aufsatz, der im Grunde Deutschland mehr in ein lacherliches als in ein vorteilhaftes Licht zu setzen sucht, irgendeinem Monat- oder Kalender-Autor begegne, der ihn gar drucken lasst: so teil' ich ihn hier selber mit, um die Gelegenheit zu benutzen, manches, was er scherzhaft vorbringt, ernsthaft zu entkraften in einem kleinen Anhang. Hier folgt zuerst seine Arbeit unter dem Titel:

Geldersparendes Ideenmagazin zu Denkmalern

Luthers und Deutschlands

Sechstausend Taler und einige Groschen, die noch von Woche zu Woche anschwellen, haben wir nun im Lutherischen Deutschland zusammengelegt, was ich auch von der Vereinigung aller Stande sogleich erwartete. Mit solchen Summen so denk' ich

konnen wir wahrscheinlich etwas machen, wenn auch keine Statue, doch einen Anfang dazu, irgendein Glied. Es muss indes noch unendlich mehr einlaufen, wenn wir Deutschland verlassen und den Reichsanzeiger in Sprachen solcher Lander ubersetzen wollen, die mit uns zugleich hinter Luthers Freiheitfahne vom papstlichen Stuhle abgegangen sind; denn in Schweden, Danemark, sachsischem Ungarn, lutherischem Ostindien, der Schweiz, in Holl-, Eng- und Schottland muss jetzt eingefallen, und was nur von Landern sonst protestierte, mit Kollektenbuchsen durchzogen werden, damit sie der Mansfelder Gesellschaft steuern wie wir alle, wenn sie nicht von uns wollen rot gemacht sein. Gedenken denn so viele reichere Lander eine Religionumwalzung, wofur ein armeres sechstausend Taler zusammenschiesst, umsonst, ohne Taufgebuhren zu geniessen? Es mag daher den Vorschlagen, die ich nachher uber den besten Verbrauch der gedachten Almosensammlung wage, dieser vorausstehen, dass man die eingegangenen Monument- und Ehrengelder wohl nicht ergiebiger verwenden konnte als bloss fur Botenmeister, namlich fur Pfennige- und Deutmeister, fur Taler-, Kronen-, Adolphsd'or- und Croren-43Meister, welche man um diese Summen gewanne und in die Auslande verschickte, um da die betrachtlichsten Beitrage zu Luthers Denkmal in Mansfeld einzutreiben. Gott! wenn wir uns nur ausmalen, dass bloss funf Lords in London von dem Boten erobert wurden zur Unterschrift bevor sie selber mit den andern von der Landung Napoleons erobert waren : so langte dieses ja zu, dass wir das Quintupel des ausgegebnen Botenlohns, namlich des bisher eingenommenen Ehrensolds fur Luther, einzustecken bekamen! Sesostris Aufschrift auf seinen Tempeln: "Kein Eingeborner arbeitete daran" ubertruge wohl jeder mit wahrem Vergnugen auf den Lutherischen.

Ich teile jetzt da mich die Mansfelder Gesellschaft, wenn nicht im besten, doch in ihrem Stile, so dringend dazu auffordert meine Ideen uber den besten Verbrauch der Ehrensumme mit, welche durchaus in zwei grosse Klassen zerfallen: in der ersten werden die Vorschlage getan, etwas von ihr ubrig zu behalten, wenn man Luthern das Seinige setzt; in der zweiten die, wodurch gar die ganze Summe gespart wird.

Ich beginne bei der ersten. Zu verwundern ists aber noch zu helfen, da wir Geld haben in Mansfeld , dass wir uber Luthern einen ganz hohern Mann zu ehren vergessen, dem er selber, wie jeder grosse Mann, seine Bildung verdankt einen Mann, der bis auf den Jungsten Tag fortwirkt, solange noch ein lebendiger Mensch existieret der uns eigentlich zu Menschen machte einen Stammbaum aller Stammbaume, ob er gleich die Burgerlichen mehr begunstigt unsern Vater aller Landesvater kurz einen Mann, den der Schopfer zuerst inspirierte, nicht einige Gedanken, sondern die ganze Seele und welcher nicht nur der grosste war, sondern auch (was ausserst selten ist, da es nur einmal ist) der erste, und den ich gern die Mutterzwiebel und das Erzhaus der Menschheit nenne denn ich meine offenbar Adam zu verwundern und schwerlich zu entschuldigen ist es, sag' ich, dass fur einen Mann von solchem Einfluss, und mit allen Fursten verwandt, noch nichts getan worden, weder im protestantischen Deutschland noch sonst wo. Von seiner Frau gilt dasselbe. Ob aber Adam? der Jahrtausende Luthern vorarbeitete, nicht fruher Ehrenflinten und Ehrensabel und Ehrentrommelstocke in seine Hande von der Mansfelder Gesellschaft zu bekommen verdient als Luther, wird sie mir offentlich beantworten. Denn dies entschuldigt uns nicht, dass allerdings jeder Adams-Sohn von uns oder Postadamit seinem guten Vorvater bisher, so gut er konnte, jenes geistige und bleibende Denkmal in seinem Busen aufrichtete, das unter dem Namen alter Adam so bekannt ist als das Neue Testament. Aber sind denn Luthern nicht durch den neuen Adam dieselben Denkmaler gesetzt? Schlagt man die Millionen Nachkommen als lebendige, dem Erzvater gesetzte Statuen hoch an, wovon ihm jeder von uns einige setzt: so besitzt auch Luther an den umhergehenden Lutheranern dergleichen Karyatiden seines Ehrentempels genug. Doch dies ist mehr Scherz; was ich aber ernsthaft vorschlage, ist, dass, da wir das Geld einmal in Handen haben, wir es verteilen und beiden, sowohl Luthern etwas setzen, das uns Ehre macht, als auch Adam. Und warum ihnen allein? Denn ich gelange jetzt auf den Haupt- und Standpunkt. Warum wollen wir, wenn allen Festen eines gewissen grossen Fursten immer ein Taler abging, plotzlich so unerhort verschwenden, dass wir mit sechstausend solcher abgangigen Taler nur ein einziges Rosenfest, eigentlich ein Eichenfest, eines einzigen Mannes begehen wollen, als ob nicht der Sechstausend-Taler-Stock eine ungeheure Summe fur einen Mann aus Luthers Zeiten ware, wo ein Hering einen Heller kostete und Brennholz gar keinen? Wollen wir den Ruhm verlieren, dass wir bisher einerseits immer als Manner in Kredit gestanden, welche das Geld (auch fur Ehrensachen) nie weggeworfen, sondern jeden Heller ansahen und umwandten, ehe wir ihn einsteckten? Wir sind ferner auf der andern Seite (etwas ist wahr) bei Europa nicht zum besten, sondern mehr als Leute angeschrieben, welche ihren grossen Mannern ungern etwas Hoheres aufrichten, als was der Totengraber auf ihren Sarg aufsetzt und der Setzer auf dem Lumpenpapier, und welche die Werke ihrer Lieblingschriftsteller ungern um den Ladenpreis erstehen; wie dann zu unserer Schande hier ein Handelsmann existiert, der Wieland ordentlich anbetet und sich dessen samtliche Werke in einen ungeheueren Band hat binden lassen, um sich schadlos dafur zu halten, dass er keinen Nachdruck erschnappen konnen.

Aber, o Himmel, Gluck uber Gluck! Jetzo kann ja bei sechstausend Taler Tempel-Baubegnadigung alles wieder gut gemacht werden der alte Unehrenfleck ausgewaschen die Nation von sich geehret und rehabilitieret Kepler, Hutten, Herder, Lessing, Kant, Winckelmann, Albrecht Durer konnen nun erlangen, wornach mancher von ihnen so lange strebte, warme Anerkennung von der Nation. Denn ich schlage namlich vor, dass diese bisher sundlich vernachlassigten Seelen-Grossen nicht bloss, sondern auch alles ubrige geistige Bergvolk nun von uns in Luthers Pantheon, wozu die sechstausend aus der Nation gebrochne Bausteine schon daliegen, hineingeschafft und daselbst aufgestellt und mit einigem Nationalgefuhl und Stolz zusammen aufbewahret und verehret werden, um so die Baukosten zerstreueter Ehrensaulen fur jeden besondern Narren sich ohne Geschrei und Schande zu ersparen.

Dies muss geschehen; denn lassen wir nicht mehre Kopfe unter einen Lorbeerkranz zusammenkommen oder auf dem Mansfelder Triumphwagen nicht recht viele Sieger einsitzen: so sind wir bei der Nachwelt ( auf die wir alles bringen) zu wenig entschuldigt, dass wir einem Manne wie Luther erst so spat nach der letzten Ehre eine neue erzeigten, und dass er, so wie Tasso einen Tag vor seiner Kronung, ebenso ein Jahrhundert und langer vor der seinigen sterben musste, wir mussten uns denn damit helfen was ebenso erbarmlich als notwendig ware , dass wir auf Luthers Denk-Statue oder Kirche wenigstens von zwei Jahrzahlen eine wegliessen, entweder das Geburtjahr der Statue oder sein eignes. Aber warum, wenn nun ganze deutsche Kreise das Beste versuchen und sich vor einen vollbesetzten Sieg- und Kronungwagen gefursteter Geister spannen, soll man mit Kronungen knausern, sobald alles dazu da ist, Krone und Kopf? Nein, sondern Deutschland sei dann so ist mein Vorschlag wie ausser sich und erinnre sich eines jeden, der Gewicht hat, und schutte so mit einem Schlag den Schwarmsack herrlichster Honigbienen aufs Paradebette aus. Meusel muss nachgeschlagen, Schlichtegroll exzerpiert- und alles, was nur notdurftig unsterblich ist (denn die Ehre ist auch darnach), zu Papier und in den Tempel gebracht werden, weil ein einziger Teufel, der unsterblich ware (wie es wohl jeder in der Holle ist), der Nation als ein ewiger Schandpfahl ihres Patriotismus dableiben wurde, falls man ihn ohne Thron und ohne Krone liesse und alles muss ordentlich rotten- und herdenweise durch Ehrenpforten wie heraldisches Vieh in Luthers Rotunda auf ewige Ehren- und Nobelplatze eingetrieben werden und dann wie gewohnlich verehrt. Mir ists einerlei, auf welche Weise man einen und den andern unsterblichen Tropf, z.B. Gottsched veneriert, sobald er nur in der Rotunda mit hauset, und es mogen, wenn in diesem Familienbegrabnis der heiligen Familie des Genies grosse Manner in Lebensgrosse daliegen, die kleinen sich bis zu Schreibfingerknochen abstufen. Ist einmal so viel unsterbliche Mannschaft da: so lasse man gar denn mein Vorschlag soll keine Grenzen kennen jeden Rest hinein, der gestorben ist und gut geschrieben hat der Fussboden werde mit Gesichtern der Okonomen, wie in Rom der Gotter, musivisch ausgelegt gelehrte Wunderkinder wie Heinecke, Tanzmeister, Sprachmeister, Philologen, Numismatiker mogen an den Tempelsaulen als Schnorkel, Verkropfungen und Kalberzahne leben von Tempelstufe zu stufe trete der Fuss auf einen Advokaten von Belang und da man um das Mansfelder Pantheon fur den Zustrom der Verehrer Wirtschaftgebaude wird fuhren mussen, so werde auch das Mittelgut wirtschaftlicher, aber guter Merkels-Kopfe da untergebracht, bei welchen die Ausgiessung des heiligen Geistes so glucklich vorbeigefallen, dass sie trocken geblieben und endlich, droh' ichs denn zu hindern, wenn man zuletzt an den Inkognito-Ort, den schon der gedachte Zufluss verlangt, auch das literarische Schmiervieh (mit den Schafern zu reden) erbarmlich, wie gewohnlich geschieht, mit Namen an die Wand kratzt!

Gott! dann sahe ja Deutschland alle seine NationalGotterschaften in Mansfeld fur halbes Geld unter Dach und Fach gebracht und hinlanglich angebetet! Was fehlte noch darin?

Bloss was von Unsterblichen noch lebendig ware! Himmel! nun so schiesset doch nach und nehmt und stellet auch alle Lebendigen in Mansfeld auf, vom gewaltigen Vogel Rok in Weimar an bis zu seiner kritischen Vogelspinne in Berlin44 herunter, welche vielbeinig und erbost schon so lange auf der Reise um den breiten Vogel ist.

Und sogar mir Ehrenmitglied kann, freilich mit Einschrankung, darin mit gehuldigt werden! Oder ist nicht jeder lebende Liebling-Kopf ohne dieses vorgeschlagene Zuruckdatieren seiner Unsterblichkeit sonst zu schlimm daran in seinem Schlaf- oder Wachrock, den er mit blossen Knochen in Reih und Glieder stellt, wenn aus dem Gefangnis-Temple seiner Wirklichkeit erst nach dem Tod ein besserer Tempel, aus einer streitenden Kirche eine triumphierende werden soll?

Nun hatten wir endlich alles in die KonfoderationRotunda abgeliefert, was nur von Belang zu haben ware man musste denn darin, um nur das beschwerliche geldfressende Verherrlichen auf einmal und auf immer abzutun, sogar fur zukunftige Kopfe etwas leisten und auf eine mir ganz unbekannte Weise sie fruher auf die Nachwelt bringen wollen, als sie in der Welt erschienen waren, indem man ordentlich, wie freudetrunken, es zu meinem Erstaunen auf ein Allerheiligen-Fest anlegt. Ich meines Orts habe gar nichts dawider.

Ich gestehe, uberschaue ich dies alles kaltblutiger: so werd' ich leicht von dem holzernen Hering, der gewohnlich als Herold und Reprasentant ganzer essbaren Heringtonnen an den Kauffenstern hangt, auf den Gedanken gefuhrt, ob nicht ebenso alle grosse Manner auf einmal durch einen allgemeinen grossen Mann, durch eine Simultan- und Kompagnie-Bildsaule alle gewaltigen Walfische durch einen holzernen so darzustellen und zu verewigen standen, als das noch grossere Torenreich in Italien durch die bekannten vier komischen Masken, indem man fur jede der vier Fakultaten eine ernste Maske, einen ernsten Truffaldino fur die theologische u.s.w. wahlte. Diderot begehrt so statt der Einzelwesen ganze Stande auf die komische Buhne gebracht.

Doch werf' ich dies alles hin fur Klugere als ich. Die Mansfelder taten mir uberhaupt zu wehe, wenn sie mir die Torheit unterschoben, dass ich auf irgendeinem meiner Vorschlage steif bestande. Mir ist wahrlich jeder gleich; ich gebe ja nur Winke; ein sehr schwaches Verdienst, da man zum Winken mehr die Augenlider als die Augen gebraucht. Wie gewagt ist nicht folgender Wink!

Zwolftausend Gulden Tax 1200 Gulden Subskription-Regal dem Vizekanzler (was dies ist, weiss ich selber nicht, ich schreibe es bloss ab) 600 dem Sekretar und 1200 Kanzlei-Jura mussen nach de "erneuerten Chur-Mainzischen ReichshofkanzleiTaxordnung von 1659 den 6. Jan." durchaus in Wien dafur entrichtet werden (und mich dunkt ganz billig, da man neuerer Zeiten in Paris oft vielmal so viel abliefern musste, um nur ein Furst zu bleiben) , wenn man einer werden will. Ich glaube indes, so viel Nachschuss ware wohl der Mansfelder Operationskasse noch einzutreiben moglich, dass Luther ziemlich hoch davon konnte in Furstenstand erhoben werden, besonders da verstorbene Genies nicht mehr verlangen konnen sobald man lebendige nur adelt , als dass sie gefurstet werden. Ich fuge diesen Vorschlag fur Luther vergnugt dem Gelde bei, das schon eingekommen. Ein Mann wie Luther, welcher die Steigbugel, die sonst Fursten dem Papste unterhielten, abschnitt und ihnen reichte, damit sie selber aufstiegen, verdient wohl am ersten zu dem nacherschaffen zu werden, was er selber wieder schuf zum Fursten. Ich erwarte eher alles andere von der Reichshofkanzlei als den Adel nicht ausgenommen Weigerungen, verdrussliche Mienen, abgeschlagen wie gebeten, Satze des Widerspruchs, und zwar bloss daruber und darum, weil Luther schon tot sei. Wenn ers ist, wie ich einraumen will, so ist dergleichen seiner Standerhohung nicht mehr nachteilig als ein ahnlicher Tod den vier burgerlichen Ahnen, die geadelt einem neuen Edelmann unter der Erde vorausgeschickt und untergebettet werden. Was den Beweis furstlicher Einkunfte anlangt, den Luther in Wien zu fuhren hat, so tut der Reformator nur dar, dass er in Eisleben keinen Heller Ausgaben hat im Sarge; wodurch er so ein herrliches Nivellieren zwischen Einnahme und Ausgaben beweiset, dass ihm wohl wenige Fursten gleichkommen durften. Stammbaume werden gewohnlich mit einer Null von den Wappenkunstlern angefangen wie oft von den Zweigen fortgepflanzt ; bei dem verewigten Luther wurde sie ja ebensogut den Ewigkeitzirkel, seinen Ehering und den papstlichen Fischerring und uberhaupt viel bedeuten.

Ich las bisher zu meiner Freude manchen Vorschlag, an Luthers Prunktempel etwas Reelles, Nutzenhaftes, irgendein Schul- oder Armenhaus anzuschlingen, damit das dulce sich auf einem utile hobe. Ich glaube darin mein Deutschland wiederzuerkennen, das ich so oft eine lebendige Wirtschaft-Teleologie hiess im besten Sinn. Wenn wir schon in der Poesie, den Bienen gleich die daher auf unsern Kronungmantel zu sticken waren , auf der Rose der Schonheit nur den Honigtau des Nutzens suchten: so wird uns diese kamerale Kenntnis wohl mit mehr Recht in gemeinern Verhaltnissen von jedem zugemutet. Wir durfen gern den ordentlichen Regen himmlisch-rein, tau-schimmernd und fruhling-duftend finden; aber er kann uns nicht gleichgultig statt durstig machen gegen zwei wichtigere Strichregen im Jahre 166545, wovon der eine in Naumburg, nach Happel, in schonblauer Seide, der andere in Norwegen, nach Prator, in gutem Kammertuch niederfiel, von welchem sich der damalige Danenkonig zwanzig Ellen kommen lassen. Aber wollte ein solcher Tuch-Landregen einmal eine Armee in der Revue bedecken, o Gott! Ohnehin gibts mehr unnutze als nutze Sachen in der Welt. Nimmt man es scharf: so mochte man uber dergleichen Tranen vergiessen und dabei wunschen, dass letztere gleich den Hirschtranen zu etwas Brauchbarem wurden, zum Bezoar; und wenn das wenige Kochsalz (samt dem Natrum, phosphorsaurem Kalke und Kali), was Scheidekunstler aus den Zahren ziehen, in Betracht kame gegen die Meersalzlager an Frankreichs Kusten, so wurde mit Vergnugen selber der kalte Hollander sowohl vor Schmerzen uber gegebene Themen weinen als vor Lust.

Die deutsche wahre Achtung fur Nutzen (in Norden besteht er aus Pelz und Frass) verkenne man also auch im Vorschlag nicht, Luthers Ehrenkirche noch, wie so immer den Kirchen, ein Schulhaus anzuheften, wenns geht. Ich glaube indes, man wird weils nicht geht, wegen Schwache der Surpluskasse vor der Hand die Kirche weglassen und sich auf das Schulhaus einschranken, dessen Antlitzseite Luthern vorlaufig zugeeignet werden kann. Warum wendet man uberhaupt nicht die offentlichen Gebaude, die doch einmal gemauert werden mussen, zu den notigsten Ehrenpforten grosser Manner an und adressiert bloss das Portal; Die Nation suche doch fur ein Spinnhaus, das sie erbauet, einen grossen Theologen und zeige, wie Nationen danken fur ein Schlacht- oder ein Gebeinhaus einen Generalissimus ein Hatzhaus, ein Findelhaus ehre einen grossen Humanisten und der Pranger einen gewohnlichen Rezensenten eine Irrenanstalt greife nach ihrem Philosophen, und fur den seltenen Dichter wird sich immer ein Stockhaus, Hospital und Armenhaus mit einem Eingange finden. Auf diese Weise durfte vielleicht die Vermahlung der Schonheit mit dem Nutzen, der Unsterblichkeit mit der Sterblichkeit wohl so weit fortzutreiben sein, dass wir sogar Gotteroder Heroenstatuen als Schnellgalgen fur Leute kurzer Statur oder als Pranger fur langgewachsene verbrauchen lernten.

Erbarmlich ists uberhaupt, dass man so viel kostliches Geld zu Verewigungen verschwenden muss, z.B. zu teuern Statuen, die man anderswo in Arabien, in Eislandern, in bremischen Blei-Kellern und in den syrakusischen Katakomben umsonst haben konnte, wenn man, da es doch keine ahnlichere Statue von einem Menschen gibt als ihn selber, namlich seinen Leib, jeden Unsterblichen, wo nicht einbalsamiert aufstellen konnte, doch ausgebalgt. Warum haben wir Mumien ohne Namen und doch Namen ohne Mumien?

Ich merke endlich an, dass fur Luther zu viel Kronmunzen ausgeworfen daliegen. Ein Knoten ins Schnupftuch fur 6 000 Rtlr., um jenen nicht zu vergessen; eine Denkmunze, aus 6 000 eingeschmolzen, ist viel. Warum denket uberhaupt der Deutsche in und ausser Mansfeld auf einmal so hoch hinaus und schleudert sechstausend Taler fur einen Lorbeerkranz eines Kopfes hin, wofur die Lorbeerwalder ganzer rezensierender Redaktionen feilstehen?

Ist denn Luther nicht ohnehin schon im grossten Tempel aufgestellt, den jemand verlangen kann da Gott selber keinen grossern kennt , im Tempel der Natur? Wie sticht nicht jedes Mansfelder Gebaude ab gegen das Weltgebaude! Aber zweitens, ist nicht jede Unsterblichkeit fur den, der das savoir vivre (das Lebendigbleiben) versteht, fast um nichts zu haben?

Ein Schneider in Rom scherzt nach Gelegenheit eine alte unkenntliche Bildsaule steht neben seiner Hausture siehe, auf einmal ist sein Name verewigt, welcher Pasquino bekanntlich genug heisst. Eine Konigin, die Gemahlin Franz I. von Frankreich, speist gern eine gewisse Pflaume jetzt wachst ihr Name ewig als Obst am Pflaumenbaum Reine Claude. Der Bruder Ludwigs XIV. merkte dies bei Lebzeiten und ass eine andere Pflaumenart mit Lust siehe, auch er hangt verewigt an seinem Lorbeer- und Pflaumenbaum als Monsieur, sogar nach der Revolution. Kato, Casar, Pompejus sind noch heute jedem Jager bekannt und lebendig, weil ihre Schweiss- und Hatzhunde so heissen, so wie in Schottland die alten Heroen durch die fortgesetzten Hunde, die sie zu Gevatter bitten, noch lange leben werden.

Ich wollte, ich hatte an meiner Jugend Voltairen beleidigt: so hatt' ich nicht nur den deutschen Fursten bekannt werden konnen, sondern auch der Nachwelt. Die gedachte Berliner Vogelspinne werfe Goethen ein Fenster ein oder laufe ihm kalt an der Wade hinauf: so wird sie in den Spiritus einer Xenie gesetzt und konserviert sich darin trefflich. Warum uberhaupt so viele Umstande und Kronstadte gemacht, da eine Kronstatte, deren Breite nicht uber das Thronglied hinauszureichen braucht, schon auslangt und nachhalt? Diana hatte winzige Taschen-Tempelchen von Silber, als Gottin. Nun so nehme Luther als Mensch mit seinem Katechismus als kleinem Tempelchen des Ruhms und Ehrensaulchen vorlieb oder (wie es Voltaires-Kastchen gibt) mit Luthers Katechismusglas. Ja, fertigt nicht die Cansteinsche Bibeldruckerei (nebst Waisenhaus) seinen Seelenadelbrief jedem aus? Und hat nicht schon Dr. Seiler eine gute Bibelanstalt zum Eintreiben von Luthers Kronkosten gemacht und diese eingesteckt?

Wollen wir aber alle etwas Ausgezeichnetes fur seinen Namen tun: so fragt sich denn es kostet wenig , ob wir nicht, den Sinesern gleich, die ihren grossen Mannern zu Ehren Turme errichten, Luther zu Ehren die Kirchturme der lutherischen Konfession als Ehrensaulen seines Namens betrachten und annehmen wollen. Welche Menge Saulen! Ja man konnte noch weiter gehen die Kosten lasse ich immer nicht wachsen und, so wie es Rousseaus-, Voltaires-, Shakespeares-Gassen gibt, nach Ahnlichkeit der Judengassen, Luthers- oder gar Lutheraner-Gassen in Eisleben eintaufen, es sei nun im preussischen Anteil in der Neuhalfte der Siebenhitze, oder im kursachsischen in der Vorstadt Nussbreite, oder in der Alt-, in der Neustadt oder auch in Dresden und sonst, zum Beispiele in den verschiedenen Buchhandlergassen, welche so sehr fur und von Luther leben.

Findet ein Mansfelder Gesellschafter die Ehre zu winzig, so sag' ich: Herr, wenn noch neben Gassen sich ganze Lander und Kreise nach Luther nennen, was will er mehr oder Er?

Mich stach vorigen Jahrs in der Kirche ein Frauenzimmer mit einer Nadel in den Facher mit Namen. Ich schwur der Person, der Unterschied zwischen dem Facher und dem peplum Minervae, worin man grosse Heldennamen einstickte, sei, was Namens-Unsterblichkeit anlange, nicht der grosste, da auf der Erde der Boden zu ewigen Denkmalern ohnehin fehle, indem sie selber vergehe. Knetet mir nur erst eine unsterbliche Kugel, dann lasse ich Unsterbliche auf sie laufen. Und ich selber wurde ohne diese niederschlagende Betrachtung mich vielleicht unsterblicher gemacht haben, als ich absichtlich tun wollen, da ich meinen mathematischen Ehrenpunkt jetzo nur darin setze, ein Ehrenmitglied an anderen Ehrenmitgliedern abzugeben.

Ich rucke nun in meine zweite Klasse, worin ich den Deutschen einen Vorschlag versprochen, dem grossen Reformator das ewige Denkmal so zu setzen, dass die Summe von 6 000 Talern und einigen Groschen keinen Pfennig ausgibt.

Die ganze Summe, und was noch einkommen mochte, wird namlich sicher genug auf landesubliche Zinsen ausgeliehen. Dies ists. Das Kapital stehe samt seinen Prozenten nur sechs Jahrhunderte aus: so weiss ich nicht, was wem fehlen soll, Verewigung Luthern, oder Millionen uns. Man erlaube mir der Kurze wegen, nur ein wenig auszuholen.

An und fur sich kann ohnehin Luther noch keinen ausgestreckten Triumphwagen begehren, sondern vorlaufig erst eine Ovation, womit sich ein romischer Feldherr abgespeiset sah, wenn er den Krieg weder vollendet hatte noch gegen Freie gefuhrt. Letzteres beides ist Luthers Fall. Noch stehen Millionen Katholiken da. Luther krahete allerdings als Streithahn uber Europa hinuber und hoffte auf Tranen, als Petrus in Rom Christum durch Reprasentanten verleugnet hatte; aber spater wurde durch den Schmalkalder Kapaunenschnitt das leichte Krahen in feste Federn verwandelt. Man protestierte gegen weiteres Protestieren, und wie Muller nicht mit Mehl handeln durfen, so wurde Mehlhandlern, d.h. lutherischen Konfessionisten, verboten, Muller, d.h. Reformatoren, zu sein. Das Sprichwort verbietet, auf einem Grabe zu schlafen; dennoch wurde das Lutherische zum gesunden Schlafsaale und Schafstalle eines muden Jahrhunderts gemacht. Folglich kann Luther vor der Hand nur ovieren. Bleibt aber dessen ungeachtet nicht das Buch seiner Konsulat- und Kaiser-Wahl, worin die Nation ihre Geldsummen eingeschrieben, immer aufgeschlagen, der Reichs-Anzeiger namlich, das goldene Buch fur Luthers Adel, uberhaupt ein Werk, das in spaten Zeiten von ganz andern Deutschen wird studiert werden, als die es jetzo schreiben, weil man recht gut einsehen wird, dass es der beste deutsche Tacitus de moribus Germanorum ist, den man seit dem lateinischen hat?

Wir kehren aber zum Poch-, Wasch-, Rost-, Schmelz- und Treibwerke zuruck, zum Kapitale, das, als Ehrenschuld an Luther, die Religionoperationkasse sein kann, von der sich mehre ausser mir so viel versprechen. Stehe doch die Summe nur so lange auf Kredit als der Protestantismus selber aus: so muss sie ja, hoff' ich, da Geld wie Schnecken, Seehasen und Blumen sich mit sich selbst vermehrt, zu solchen Millionen wachsen In der Tat ich sonne mich am Goldglanz. Allein eben dieser Religionfond, diese lutherische biblia in nummis (biblisches Munzkabinett) sinds ja, was der Anhanger so wunscht. Nach den ersten Jahrhunderten stiege der Gotteskasten dermassen, dass man eine Luthers-Bank errichten konnte und musste; ein Bankodirektor (ein General superintendent sei es) wurde angestellt und dazu viele Kassierer samt anderen Bankoffizianten jahrlich wuchse Geld und Dienerschaft dieses schone patrimonium Pauli, entgegen dem papstlichen patrimonium Petri, gediehe zu lutherischen Besitzungen in Indien oder in Mansfeld. Andere Dinge wurden auf die leichteste Art mit dem Luthers-Kapitale verbunden, z.B. BergwerksKuxen, Lotterie und Lotto u.s.w. Und endlich wurde vielleicht das Schonste und Wichtigste versucht, namlich es wurde jedem Protestanten etwas von der Luthers-Kasse vorgestreckt.....

Ich denke, dann ists genug. Ein Mann, der Kredit gibt, bekommt taglich mehr Kredit; und mehr gehort zu keiner Unsterblichkeit.

Luther lebt so lange als England.

Hiemit schliesse ich mein kleines Ideen-Magazin ab und zu. Geld wollt' ich dem corpus evangelicorum uberall ersparen dessen bin ich mir bewusst , und sollte die Mansfelder Gesellschaft auch nur einen Groschen Einruckgebuhren meinetwegen aufwenden, so konnt' ich nichts davor. Indessen so viel erwartete das Europa, das ich kenne, von jeher von der Mansfelder humane Society, dass sie, schreibe sie fur oder wider mich, und wohne der eine oder der andere auf den 200 Brandstellen in Eisleben oder in der Siebenhitze, einem Ehrenmitgliede stets im Reichsanzeiger mit jener Hoflichkeit etwas auf sein Magazin antworten und versetzen werde, die bisher den einzigen und daher letzten Unterschied zwischen uns und den Hollandern gemacht und unterhalten hat, welche wirklich im philologischen Fache sonst zuweilen das ausserten, was man fruher in Griechenland Grobheit hiess.

Musurus,

Ehrenmitglied.

So weit Musurus. Ich wurde mich ordentlich lacherlich machen, wenn ich ausfuhrlich bewiese, dass vieles, wo nicht mehr, in dessen Magazin satirischer gemeint sei als ernsthaft; weil man den Aufsatz nur einigemal zu lesen braucht, um gerade hinter dem Feierkleide des Ernstes die Fastnachtlarve des Spasses zu erblicken. Freilich fiel manches unter der Aufrichtung von Luthers Obeliskus weniger gross als (wenn auch nicht kleinlich, doch beinahe) klein aus, von der Einladschrift und Einlaufsumme an bis zu wenigen Vorschlagen ihres Verbrauchs; und Musurus' Scherz und jeder Scherz verkleinert vollends alles, sogar das Kleinste. In unsern kalten, geizigen, glaubenslosen Tagen, wo die Religion nur noch die Kabinette und Gerichtsstuben hat (nicht diese etwa jene), ist die Erscheinung herzerhebend, dass man noch des alten herrlichen Luthers, dieses Hollensturmers vormaliger Himmelsturmer, durch ernste Taten gedenkt, indem auf der einen Seite eine von seiner Erinnerung begeisterte Gesellschaft rastlos und mutvoll ein anfangs so wenig versprechendes Unternehmen verfolgt, und indem sie auf der andern sich durch einen tatigen Anteil von vielen Seiten, wenn nicht belohnt, doch ermuntert sieht. Wessen Herz aus Religion und Menschen liebe die Nahrung zieht, dem quillt sie reichlich aus dem Anblicke einer gebenden Vereinigung zu, welche fur einen hohern Zweck als gewohnliche Waisenhaussteuer und aus hoherem Triebe opfert; auch wer seine Hand nicht offnete, muss geneigt sein, jede bruderlich zu drucken, die sich aufgetan. Eine Opferflamme entzundet die andere, und vielleicht ist der edle Schiller seine Todes- und Unsterblichkeits-Feiertage den Gerusten zu Luthers Tempel schuldig. Auch dem Reichsanzeiger komme bei der deutschen Staatenzersplitterung, welche nur vertiefte Glaser zum Zerstreuen, nicht erhobene zum Sammeln vorhalt sein Lob, das deutsche Unterhaus zu sein, welches deutsche Stimmen und Ohren und Gaben sammelt.

Oft wiegt die Bewunderung mehr auf der Geisteswaage als ihr Gegenstand; und folglich konnte die Begeisterung fur Luther sich selber adeln, unabhangig von Luthers Adel. Aber schauet an diesen immer grunen Eichbaum und seine Aste hinauf, an diesen Turm, der immer, wenn nicht ein Leucht-, doch ein Kirchturm war mit Sturmglocken und friedlichem Glockenspiele. Nicht seinen Marterer-Mut acht' ich am meisten, so viel eiserner er auch war, als er scheinen kann. Denn jedes kuhne Leben erscheint aus der Vergangenheit nach dem Umsturz der Schreckensbilder nicht so kuhn, und daher hat gegen die vielarmige, aus Nebeln schlagende Zukunft nur die grosse Seele Mut, gegen die ausgerechnete nackte Vergangenheit aber ein jeder Luther stand noch in den witterhaften Grubenwettern, die er anzundete und fur uns entwikkelte zu reiner Luft. Folglich bewundere ichs auch nicht am meisten, dass er, zu kraftig, ein blosser gleitender Dielenglatter (Zimmerfrotteur) der Kirche zu sein, lieber gleich Simson die Saulen angriff und umwarf. Sogar dies, dass er einen kernderben Deutschen in allen festen Muskeln und feinsten Nerven, einen Geharnischten voll Krieglust und voll Ton- und Kinderliebe darstellte, sogar diese Gottesaussteuer reicht nicht an sein anderes, schonstes Herzgut hinan, dass er namlich weder ein Dichter noch ein Schwarmer, sondern vielmehr ein vielseitiger Geschaftseher doch an Gott, an sich und sein Recht glaubte und mit diesem heiligen Glauben des Rechts, ohne welchen das Leben weder Ziel hat noch Gluck, wie neben einem Gott durch seine lange Laufbahn dreist und lustig schritt. Dieser nur aus der heiligsten Tiefe eines Gemuts wieder in ein heiligstes Leben aufsteigende Glaube uberwindet die Welt, die fremde und die eigne, die Drohung und die Lust, und die ganze gemeinere Menschheit wurde zu einer heiligen werden, ginge ihr der Gott voraus, welchen die hohere in sich mittragt. Luther hatte jenen himmlischen Mut im Herzen, wodurch sogar sein irdischer an Wert verliert, weil dieser dann dem Mute von Homers Gottern oder Miltons Engeln gleicht, die nur den Schmerz, aber nicht den Tod empfangen konnten. O richtet doch dem Seelenmute Denkmaler auf, nicht bloss weil er das ewig wiederkehrende, mehr auf der Menschheit als auf der Zeit thronende Papsttum erschuttert, sondern weil er allein die schleichenden Jahrhunderte wie mit zornigen Flugeln in die Hohe auftreibt.

Welche reine, widerirdische, hohere Wunsche und Meinungen halten sich nicht Jahrhunderte lange in tausend stillen Herzen auf und nichts geschieht als das Gegenteil , bis endlich ein Mann zur Keule greift und jede Brust aufspaltet und dem Himmel so viel Luft macht, als die Holle vorher hatte.

Wir kommen auf das Denkmal endlich. Was will uberhaupt irgendeines? Unmoglich Unsterblichkeit geben denn jedes setzt eine voraus , und nicht der Thronhimmel tragt den Atlas, sondern der Riese den Himmel. Sind die Taten nicht durch Mund oder Schrift in die Welt ubergegangen: so ist die Ehrensaule nur ihre eigne; und der goldne Name oben musste wie der zufallige Bleifedername unten wirken, den die voruberlaufende Kleinheit daranschreibt. Luther vollends dessen Siegzeichen Lander und Jahrhunderte und dreissigjahrige Kriege sind braucht wenig, als ein blitzendes Wagengestirn am deutschen Himmel stehend, ja aus gleichzeitigen Sternen damaliger Zeit als Polarstern ubrig geblieben. Es gibt also nur zweierlei Denkmale da das dritte sich der Taten-Mensch selber aufrichtet auf Jahrhunderten durch ein Jahrhundert , namlich nur zwei korperliche. Das erste, in der Erscheinung gemeine tragt der Seelentriumphator oder ein Donnermensch wie Luther selber an sich, den Leib. Das ehrwurdige Streben der Menschen nach Reliquien eines geheiligten Menschen wirft Abendstrahlen auf das erste Denkmal, das einer grossen Seele die Natur selber mitgegeben, den Korper, und dieser zieht alles in seine verklarende Nachbarschaft. Wie Heiligenleiber die Andacht fremder Seelen nahren, die sie vielleicht der eignen erschwerten: so umschliesst das Grab eines grossen Mannes die wahre Reliquie, welche, zumal an Junglingen, die Wunder der Starkung und Heiligung tut. Wenn die Griechen ihren Themistokles in Magnesia auf dem Markte begruben und den Euchitas zu Plataa im Tempel Dianas; wenn sonst die Christen ihre Kaiser und Bischofe in die Vorhofe der Tempel; und wenn ein Heiliger und ein Altar immer zusammenkommen: war' es nicht ein seelenweckender Gebrauch, wenn Herz- und Kraftmenschen, die gegen die Zeit Sturm gelaufen, die ganzen Landern und Zeiten Angelsterne, Schutzengel oder Huldgotter gewesen, fur ihre Uberreste in den Kirchen ihre letzte Statte fanden? Ja, liesse einmal Deutschland gemeinschaftliche Hauptstadte und darin etwas Hoheres als eine Westminsterabtei weil in diese Rang und Reichtum ebensowohl fuhren als Wert , namlich eine Rotunda grosser Toten bauen und einweihen: wohin konnte der Jungling schoner wallfahrten und sich mit Feuer fur das Leben rusten als zu und in diesen heiligen Grabern?

Ich hoffe nicht, dass die medizinische Polizei, was das Begraben in Kirchen anlangt, ihre Paragraphen aufschlagt und mir entgegenhalt, dass die genialen Leiber ebenso stanken wie dumme Denn falls nicht mehre Menschen in jeder Kirche begraben werden als das Paar Unsterbliche, die ihr ein Jahrhundert ums andere liefert: so halten die Kirchganger schon die Luft aus, womit jene zuruckwehen. Auch hatte weder den Dom, noch die St. Nikolais-Kirche, noch die haberbergische in Konigsberg das Selbergebeinhaus, womit der alte Kant sich zuletzt auf der Erde umherschob, bedeutend verpestet, wenn es in einer davon da untergekommen ware.46 Jetzo wird der Zweck eines orientalischen Konigs, der sich 12 Graber machen lasst, um das geheim zu behalten, worin er liegt, bei grossen Menschen noch leichter dadurch erreicht, dass man gar keines weiss; und wenn sich funf Stadte um des Cervantes und nach Suidas neunzehn um Homers Geburtstelle stritten: so konnen wir uns dadurch auszeichnen' dass sich vierundzwanzig um die Begrabnisstelle eines grossen Mannes zanken.

Das Denkmal der zweiten Gattung, das einzige, das die Zeitgenossen setzen, ist das kunstlerische, wovon eigentlich hier fur Luthers Namen die Rede ist. Was sprach denn bei den Alten die kolossale Statue, der Portikus, die Ehrensaule, der Ehrenbogen, der Ehrentempel aus? Gleich der Schauspielkunst zwei Ideale, ein geistiges durch ein plastisches. Denn ein Denkmal ist etwa nicht der blosse Metall-Dank der Nachwelt der besser auf einer Goldstange dem Lebenden oder dessen Nachkommen zu reichen ware ; es ist auch nicht der blosse Herzerguss der dankbaren Begeisterung, der viel besser mit Worten oder vor dem Gegenstande selber stromte; auch nicht blosse Verewigung fur die Nachwelt, fur welche teils er selber besser und ein Blatt Geschichte langer sorgt; sondern ein Denkmal ist die Bewunderung, ideal, d.h. durch die Kunst ausgedruckt. Eine jahrlich vor dem Volke abzulesende Musterrolle grosser Muster ware noch kein Denkmal, aber wohl ware eine pindarische Ode eines, in Griechenland abgesungen. Schillers Geburttagtest, das durch Darstellung seiner Gotterkinder begangen werden soll, erhebt sich kunstlich zu einem Denkmale durch eben diese Kinder, die den Vater vergottern. Doch ist das Gemalde, am starksten aber ist die Bildsaule und die Baukunst welche beide stets das Grosse leichter verkorpern als das Leichte und Kleine, und welche die gegenseitige Nachbarschaft und Vereinigung ihrer Wirkung verdienen, wie der Leib und die Seele einander, d.h. die Bildsaule und der Tempel das rechte Mutterland der Denkmaler. Die Bewunderung, sagt' ich, nicht die Erinnerung welche ein platter Leichenstein, eine jahrlich erneuerte Holzstange mit einem schwarzen Namenbrettchen oben und am Ende eine Schandsaule auch gewahrte sei aber darzustellen; dies vermag nur eben die Kunst, indem sie aus ihrem Himmel der Gottergestalten eine sichtbare herunterschickt und jene Gefuhle des Grossen in uns entzundet, mit welchen wir die aufgeflogene, den Gegenstand des Denkmals, im gottlichen Rausche der Bewunderung verkorpert sehen. Ich stehe vor der Pyramide, vor dem Obelisk: wie von einem Liebeund Zaubertrank beruckt, schaue ich weit in eine kolossale Welt hinein, und darin sehe ich nun eben den Menschen gross und glanzend gehen, dessen blosser Name an dem Denkmale steht. Erhebt einen Saulentempel in die Luft und schreibt darauf: Luthero! so ists genug und sogar sein Gesicht entbehrlich, das mit etwas fetter Monchschrift geschrieben ist; die sichtbare Ehrenkirche fuhrt schon den Kraftpriester der unsichtbaren heran vor unser Herz. Die eigne Gestalt des Gedenk-Menschen ist folglich dem Denkmale nicht notwendig, ja z.B. die von Voltaire durch Pigalle sogar schadlich, wenn sie nicht von der Taufe der Kunst die Wiedergeburt empfangen hat; daher die Griechen die Ubergrosse der Lebensgrosse fur ihre Statuen wahlten. Wie wenig man ahnlich oder gar ikonisch abbilden will, sieht man daraus, dass man nicht statt der Bildsaulen, welche durch Nacktheit und Marmorglanz stets grosser erscheinen, lieber verjungte macht, sondern sich der ahnlichern Zwerg-Statuen bei Fursten und Grossen enthalt. Man stelle eine Spiegelstatue, namlich ein Wachsbild, sogar in idealen Gewanderwindeln, in einen Ehrentempel: so ists so viel, als geriete der lebendige Gegenstand selber als Spazierganger in seine Vergotterungkirche. Nur die Kunst spricht durch einen aussern Menschen den innern aus; darum baue sie das Tabor der Himmelfahrt im Prunktempel.

Um desto weniger tue das Denkmal im Feierkleide der Kunst Wochentagdienste des Nutzens, z.B. als Schul- oder Waisenhaus; eine Missheirat der Kunst und des Bedurfnisses, die man bei den Barbaren und auf dem romischen Marsfelde wiederfindet, wo die heiligen Ruinen zu Viehtranken und Waschstangen niedersinken. Die grossten Prunkzimmer, welche die Erde tragt, sind leer und ohne Stuhl und Tisch, Raffaels Stanzen. Wer wird unter dem Fluge der Bewunderung daran denken, was sie eintrage?

Und was ist aller Vorteil so oder anders ernahrter oder unterwiesener Armen gegen die Himmelbeute, wenn an einer kraftigen Jungling-Seele im Unsterblichkeittempel, wie in einer lauen Fruhlingnacht, alle Knospen aufbrechen und duftend auffahren wenn die Statue eines grossen Menschen mit Memnons-Tonen ein grosses Herz anspricht und erweckt und es zurechtweiset fur ein langes Leben und wenn ein Sonntag sechs Wochentage bestimmt und heiligt?

In der geistigen Welt ist die Wirkung so oft grosser als die Ursache wie umgekehrt, und eine Maria gebiert einen Gottmenschen; daher gibts in ihr keine andere Elle und Waage als das Hochste, das eben jede verschmaht. Die Erde ist ein Gottesacker voll Scheinleichen; es wehe ein lebendiger Hauch, und eine Welt erwacht. Er weht aber im Kunsttempel eines grossen Mannes.

Wenn in der Zeit eine Religion nach der andern und eine Gotterlehre nach der andern untergeht, die die Menschen zu Geistern macht: so bauet wenigstens Menschentempel, worin die geistigen Grossen an das Grosste erinnern und das Bewundern ans Beten. Schlosser in Ather sind besser als die Luftschlosser.

Moge Luther dieser geistige Donnermonat uns auch hierin reformieren und beleben, obwohl nur mit dem Regenbogen seines Denkmals, und die Deutschen den Griechen nacherziehen! Ohne Denkmaler fur Unsterblichkeit gibts kein Vaterland, aber freilich auch ohne dieses nicht jene. Soll der gemeinen Vergotterung oder Versteinerung der Fursten und Reichen nicht die hohere Apotheose regierender und reicher Geister das Gleichgewicht halten? Soll nichts verewigt werden als ein Name, den wir vergessen oder nicht kennen? Wenn man in Griechenland auf allen Wegen und Hohen nur durch stille Sternbilder der entruckten Unsterblichkeit ging, und wenn das Auge und das Herz voll Feuer und manches zu einer Sonne wurde, die der Tod in jene schimmernde Reihen selber einsetzte: so begegnen wir bei uns auf physischen Hohen nur geistiger Erniedrigung, und, wie von Heeren, werden die Galgen-Anhohen von zerstorten Missetatern besetzt, und der einzige Sokrates-Genius, der Nein zu uns sagt, ist der Nachrichter. Aber nicht die Furcht, nur die Begeisterung tut Wunder, nicht der Brechwein, sondern der Wein berauscht; und welchen der Galgen bessert und hebt, ist fast schon an ihm.

O! Werft lieber, wie der Russe, auf eine Gestalt in Verzuckungen das verhullende Tuch und nehmt von einem glanzenden Angesicht die Mosisdecke, als dass ihr beides umkehrt und Gebrechen lieber als Krafte fortpflanzt!

Die reinste Empfindung hienieden, sagt Chateaubriand, ist die Bewunderung; und zugleich, setze ich hinzu, die wirksamste in den edlern Lebensteilen. Ein versinkendes Volk erstickt das heilige Feuer der Achtung in Moderasche; je weniger Achtung fur andere, desto weniger fur sich, und umgekehrt. Darum heisst es: ein Volk heiligen, wenn man es achten lehrt; und darum warmt die Opferflamme auf dem Altar eines Menschen das Leben ganzer Zeiten aus. Aber nur auf Stein, es sei der Statue oder des Tempels, brennt dieses Feuer. Auf dem blossen Druckpapier wohnen alle Volker und Zeiten mit ihrer toten Unsterblichkeit; hingegen das steinerne Denkmal tragt einen Helden aus dem Heer auf den Sonnenthron, der eine Welt auswarmt. Auf dem Papiere bewundert nur der Einsame; hingegen vor dem Denkmale wird die bewundernde Menge von der Menge begeistert; nicht das Licht, sondern die Warme wachst, unaufhorlich zuruckgeworfen, in menschenvollen Salen, weil das Gewissen die Herzen ahnlicher macht als die Anlagen die Kopfe.

Darum konnte das Schauspielhaus welches beinahe das einzige Olympia, Forum und Ober- und Unterhaus ist, das uns zu einem Volke fur eine Flamme sammelt und verdichtet das schonste deutsche Pantheon werden, wo die Nation ihre Unsterblichen thronen und zuruckglanzen und ihre Opferflammen zu einem Feuer und in einen Himmel steigen sieht. Darum ists so erfreulich, dass einem andern Reformator auf der Buhne, die er selber umgeschaffen, die Trauer- und Hochzeitfackeln angezundet werden, dem ewigen Schiller. Nicht er am meisten, der den Mondregenbogen der britischen Reflexionpoesie zu einem Sonnenregenbogen, wenn auch nicht zu einem reinen Phobus entzundete und den dichterischen Zauberkreis wenigstens durch ein unendliches Zaubervieleck ersetzte, sondern er, welcher, der Kunst den Kunstler opfernd, lieber aufflog, als nur fortflog, und untere Ferne und obere Kalte gern mit hoherer Bahn bezahlte, so dass sogar seine spatern Irrtumer nur Opfer sind, wie seine fruheren Fehltritte nur Fehlfluge. Aber doch wird ein Herz, das Tranen um den hohen Menschen und Gedanken fur die Ewigkeit hat, seine Totenfeier am schmerzlichsten und am innigsten begehen mussen, wenn es bedenkt, dass er unter allen deutschen Dichtern gerade mit der Leichenfackel, die nun auf ihm brennt, am weitesten in die andere Welt hineinleuchtete und schon mit seinem jugendlichen Fruhrot das Schattenreich glanzend farbte. Nun zieht er hinter den Abendwolken des Lebens, worauf er so oft Morgen- und Abendrot (fur den Dichter nur ein Rot) geworfen und das dankbare Auge kann auf nichts sehen als auf seinen Flug und seine Flucht. Die aus verschiedenen Hohen einander entgegenziehenden Wolken der Urteile werden bald verfliegen; und sein Stern wird alsdann, sowohl unbewolkt als unvergoldet, lichtrein am ewigen Himmel gehen.

II.

Uber Charlotte Corday47

Ein Halbgesprach am 17. Juli

Der regierende Graf von -ss hegte eine solche Liebhaberei fur sittliche Heroen, dass er einen Bildersaal ihrer Gestalten und eine Bibliothek weniger von grossen Schriftstellern als uber grosse Menschen unterhielt, und dass ihm ein Messias teuerer war als eine Messiade und Plutarch lieber als Tacitus. Er war und handelte selber in Paris so lange bei dem Niederreissen der Bastille mit, als die Stadt noch nicht in eine grossere durch die Bergpartei verkehrt war. Da ich nun wusste, dass er nach seinem weltlichen Heiligenkalender die Geburt-, Todes- und Taten-Feste grosser Menschen feierte zu welcher stillen Feier er nichts gebrauchte als ihre Geschichte, ihr Bild und sein Herz und dass er folglich auch das unbewegliche Jubelfest von Cordays Todestag den 17ten Juli begehen wurde; und da mir ferner bekannt war, dass man ihn in seinem unausgesetzten Allerheiligen-Tag doch immer storen wurde, man komme, wenn man wolle: so ging ich am 17ten abends zu ihm, wiewohl bloss um meinen in ein historisches Bildnis der Tagheiligen Corday verwandelten Auszug aus dem Moniteur darzubringen und vorzulesen. Eigentlich brachte ich ihm weniger eine Gabe als ein Opfer, da ich unter dem Zusammenstellen mich von dem Moniteur 1793 mit unbeschreiblichem Ekel vor der damaligen Bluttrunkenheit der blutdurstigen Bergpartei, vor deren leerem betrunkenen Schwatzen, Poltern und Taumeln musste erfullen lassen.

Als ich ankam, traf ich schon seinen Regierungprasidenten bei ihm an; einen rechtlichen kuhlen Mann, der Zeit und Raum gefunden, zwischen seinen Aktenstossen sogar Kants metaphysische Sittenlehre aufzulegen und aufzuschlagen er schien seinen regierenden Herrn fast nur zu besuchen, um ihn zu bekriegen und abzusetzen in der Philosophie. Indes eben weil nur die poetischen Grundsatze des Grafen, nicht aber dessen befestigt-fortdringenden Handlungen den prosaischen Grundsatzen des Prasidenten zuwider liefen: so schloss sich dieser aus Ahnlichkeit und Unahnlichkeit zugleich desto fester an sein (jetzo nicht mehr unmittelbares) Reichsfurstchen an und an den Kampf mit ihm.

Bei meinem Eintritt war das Gemalde der Disputa schon auseinandergerollt "Girtanner schrieb" so sagte der Prasident "folgendes mit Recht: 'Maria Anna Charlotte Corday aus Saturnin des Vignaux (in der Nieder-Normandie) ist noch verabscheuungswurdiger als Marat, weil er nur Meuchelmorde veranstaltete, sie aber einen beging, und weil der Zweck kein Mittel heiligt.'"

Etwas widerwartig trat das Zitat mir und dem Cordays-Tage aus dem Juli- oder Ernte-Monat und meiner in der Tasche mitgebrachten Geschichte derselben entgegen "O Gott!" sagt' ich (mit jener umgesturzten Uberfulle von Uberzeugung, die eben darum vor Strom es kaum zu Tropfen bringt) "Gerade umgekehrt!"

Da es schon bekannt ist, dass der Prasident nicht nur aus meiner Antwort, sondern auch uberhaupt aus mir als Weltweisen nichts machte: so fuhr' ich gern zu seiner Rechtfertigung an, dass er es mit mir als Poeten gut meinte, da er einen ordentlichen Dichter nicht fur unwurdig erklarte, der einkleidende Schneidermeister eines philosophischen Schul- und Lehr-Meisters zu werden und als der wahre Volklehrer dem Haufen manches zu versinnlichen, was der Meister vom Stuhle zu sehr vergeistigte, so dass seine Schreibfeder, indes die philosophische als Schwanzfeder hinten den Vogel steuere, als Schwungfeder im Flugelknochen ihn hebe.

Darauf fuhr ich ruhiger fort "Das Veranlassen des Mordes scheint niedriger zu sein als jedes Begehen desselben, weil es feiger ist weil es zwei fremde Leben aussetzt und weil es die dingende und die mordende Seele zugleich vergiftet. Und wenn eine offentliche, uneigennutzige, kriegerische, das eigne Leben absichtlich hingebende Hinrichtung ein Meuchelmord ist: wie nennt dann Girtanner einen heimlichen, bezahlten, gefahrlosen Mord?"

Der Prasident fragte lachelnd: "ob man das fremde Leben opfern darf? Ja ich mochte vorerst wissen, ob nur das eigne wegzugeben ist. Kann die Sittlichkeit ihre eigne Aufhebung durch den Tod gebieten und sich durch eine Handlung das Mittel (was unstreitig das Leben ist) benehmen, sich zu wiederholen? Denn der Glaube an ein zweites Leben kann die unbedingten Moral-Mandata ohne Klausel fur das erste nicht leuterieren und reformieren. Wohl ist Wagen des Lebens erlaubt, aber nur bei der Moglichkeit seiner Erhaltung, nicht bei der Gewissheit seines Verlustes."

"Meiner Antwort" sagt' ich "tut es vielen Vorschub, dass ich geradezu leugnen kann, es habe noch irgend jemand sein Leben geopfert; denn da die Natur es jedem ohnehin abnimmt, so kann er nur Jahre und Tage hingeben, nicht aber das heilige unschatzbare Leben selber; ja er legt auf den Opferaltar eine Gabe von einem ihm unbekannten Gewicht, vielleicht ein Jahrzehend, vielleicht eine Stunde. Und wird denn nicht alles rechte geistige Leben eine vergiftete Hostie fur das korperliche? Ist nicht sogar jeder Schacht und jede Handwerkstube ein Welkboden und Darrofen des Korpers, so dass nur das Tier-Leben die rechte und langste Spinnschule fur die Parze Lachesis bliebe? Am Ende hatte man, nach einer solchen philosophischen Heils-Lehre, die hypochondrische Berechnung uber die Einbusse einiger Lebensstunden bei jedem einzelnen kleinen Opfer fur den andern durchzumachen die Tugend liefe auf Hufelands Rat langer zu leben hinaus, und man musste Arzneikunde studieren, um nicht verdammt zu werden. Wenn auch gleich einige Philosophen die Tugend, wie einen Prozess, nicht gern mit der Exekution anfangen, sondern gelassener mit mund- und schriftlichen Verhandlungen: so kenn' ich wieder andere, z.B. Sie und Regulus, welche, wie dieser, in der Wahl zwischen gewissem Tode und Meineide, doch lieber die Abkurzung ihres moralischen Spielraumes erwahlten. Aber wozu dies alles? Entweder ist von ausserem Erfolge die Rede sodann kann die Innerlichkeit (Intension) des Lebens die Ausdehnung (Extension) desselben so freigebig verguten, dass eine Todesstunde, welche Volker beseelt und begeistert, ein kaltes tatenloses Jahrzehend uberwiegt , oder es wird vom Heiligsten gesprochen: dann setzt die Sittlichkeit, hoff' ich, nicht Vernichtung, nicht einmal Unsterblichkeit voraus, sondern Ewigkeit. Der Engel in der Menschheit kennt wie Gott immer seinen ewigen Wohnhimmel, keine Zeit und Zukunft oder irgendeine Sinnenrechnung; dieser Engel, nicht nach und von Jahren wachsend, da es in der Ewigkeit keine gibt, ist aus Gewohnheit blind gegen die gefarbten Schatten und Nachtschatten der Endlichkeit, weil sein Blick sich in der ewigen Sonne verliert."

"Der Krieger," sagte der Graf, "der auf eine Mine beordert wird, damit er den Feind dahin locke und mit ihm zugleich auffliege, hat nur meine Bewunderung, wenn er es weiss und doch stirbt."

"Zu schliessen ware vielleicht daraus," erwiderte der Prasident, "entweder, dass demnach es ganz und gar keinen Selbmorder mehr gabe, oder dass jeder einer, nur ein subtiler ware. Aber eine schwierigere Untersuchung steht uns bevor Namlich, mit welchem Rechte erhebt, frag' ich bei Corday, ein Mensch, der kein vom Ganzen angenommener Richter ist, sein einsames Privaturteil zu einem unerwarteten KabinettBefehle und zu einem Todesurteile, das er noch dazu selber, ohne jemand zu verhoren oder zu befolgen, in demselben Nu ausspricht und vollstreckt, wie Corday als Scharfrichterin eines Scharfrichters tat? Welcher Heinrich ist denn vor seinem Ravaillac geschirmt? Ja, wie dieser48 irrte Marats Morderin und griff zugleich in Zweck und Mittel fehl, wiewohl keiner eines adeln kann. Denn sie nahm Marat fur den wichtigen Kopf des Staats-Bandwurms, von den Journalen Perlet und Courier francais verleitet; aber sie hatte, wie Archenholz meint, besser Robespierre und Danton, d.h. die Instrumentenmacher anstatt des Instruments, zerstort oder am besten (wie Gentz auch glaubt) gar niemand angefallen, weil entweder das Opfer aus der herrschenden Partei zum Blutzeugen, also zum Blutracher und Verkundiger derselben wurde, oder jede hingerichtete doch nur einer zweiten, ebenso schlimmen zuruckte, wie diesmal der Gemeinde-Rat zu Paris. In Ihrer Sprache wurden Sie sagen: der am Schwanze angeschnittene Blutigel sog nur durstiger fort; die Ausbruche auch dieses Vulkans geben nur neue Berge von Bergparteien."

Ich versetzte "Da ich kein Sokrates bin, so behalt' ich lange Reden leicht. Wurde Sie, frag' ich von vornen zuruck, falls es nur einen All-Morder gabe, nicht der Unwille der Retter- und Racher-Liebe so ubermannen, dass Sie seine Rolle an ihm selber wiederholten? Wurden Sie Gewissensbisse haben, wenn Sie als blosser Mensch, nicht als Prasident, ohne alle Kriminal-Akten und Pein-Gesetze eigenhandig den Teufel, den Beelzebub, den Obersten der Teufel niedergestossen hatten? Wenn wir uns so sehr furchten, die Richter eines Menschen zu sein: so seh' ich doch nicht ab, wie wir nur einen Tag lang leben und gegen andere Menschen handeln wollen, ohne uns, obwohl uber kleinere Falle, zu ihren Richtern, zu ihrem Kampfund Friedensrichter, zur ersten Instanz aufzuwerfen und einzusetzen. Und wer darf oder sollte uberhaupt richten als der geistige Konig uber geistige Kriegsgefangene? Und musste nicht irgend einmal ein Kuhner uber eine Menge die Todes-Urteile festsetzen, nach denen wieder jene Kuhnen gerichtet werden, die eines uber einen einzelnen fallen mit eigner Gefahr?

Sie sprachen, lieber Prasident, von Kabinett-Befehlen eines Einzelnen, der keine Kabinettrate hat. Aber gab' es auf der Erde keine anderen oder schlimmeren Eigenmacht-Ukasen als die der von der Natur selber zu unsichtbaren Obern der unsichtbaren Untern gekronten Magnaten oder der sittlichen Heroen: so konnte die sittliche Mittelwelt ruhig schlafen; nur aber die unsittliche Unterwelt, der eben keine Ruhe gebuhrt, busste diese ein. Eine Volkmenge von Cordays wurde die einzelnen Marats in der Geburt erstikken (wie jetzt die Marats-Menge die einzelnen Cordays), eine Brutus-Menge wurde die Casars zwar nicht unterdrucken (denn grosse Seelen wissen auf mehr als eine Weise zu regieren, und nur eine schlechte Welt beherrschen sie schlecht), aber wohl lenken und veredeln.

Ubrigens ist von den einzelnen Cordays so viel fur die Menge zu furchten als von den Steinwurfen der Mond-Vulkane fur die Erde.

Sie gedachten noch Ravaillacs. Warum haben noch alle bisherigen Jahrhunderte einen solchen Unterschied zwischen Heinrichs Morder und Casars Toter gemacht, als der zwischen Mord und Tugend ist; und warum ertruge kein Herz den Romer auf der Folterbuhne ungeruhrt, hingegen mit Freuden den Konigs-Moloch? Aber allerdings entscheidet eben der gewaltige Unterschied, dass Brutus nicht als Einzelwesen, sondern als kriegerisches Oberhaupt einer angegriffnen Verfassung handelte und daher sich nicht vor Richterstuhlen, sondern bloss auf Schlachtfeldern zu rechtfertigen brauchte. Auch Corday bekampfte und durchbohrte nicht als Burgerin einen Staatsburger, sondern als Kriegerin in einem Burgerkriege einen Staatsfeind, folglich nicht als Einzelne einen Einzelnen, sondern als gesundes Partei-Mitglied ein abtrunniges krebshaftes Glied.49 In jeder weitgreifenden Handlung wagt das Herz, wenn nicht sich, doch sein Gluck; nur wenigen Glucklichen hat das Schicksal ein reines Verhaltnis zum Tun beschieden, aller guter Wille der Absicht reicht nicht aus, da wir, obwohl nicht fur den Erfolg, aber doch fur dessen Berechnung, die oft eine des Unendlichen ist, zu stehen haben. Unsere Psyche kann, mocht' ich sagen, gleich den Vogeln nie steilrecht oder gerade auffliegen, sondern nur auf dem schiefen Umweg. Rechnen wir mit zitternder Hand, so gleichen wir den moralischen Schulmeistern, die oben auf dem Ufer einer Sundflut sitzen, und die vor einem gedeckten grunenden Sessiontische voll Zeugenverhore, Geburtscheinen und Konduitenlisten so lange uber die Frage: wer wohl, in Betracht seines besondern Werts und Alters, zuvorderst aus den schwimmenden Volkern herauszuholen ware, abrechnen und abstimmen, bis samtliche ausgeschatzte Welt ersoffen ist und die Flut vertropft. Ich weiss nicht, was mit einem solchen Kleinmut noch anders auf der Erde zu wagen und durchzusetzen ist als etwan das, was z.B. am heutigen 17. Juli oder Alexius-Tage der Kalender anrat: saet Ruben und raufet den Flachs. Ans Hinwagen irgendeines Lebens ware dann so wenig zu denken, dass man nicht einmal mit der Auflosung der Frage zu Rande kame: ob man nur eines geben durfe; ob man nicht zu kuhn verfahre, wenn man auf die Erde einen ganz neuen unbekannten Menschen einfuhre, fur dessen Anlagen und Einflusse man gerade so wenig stehen konne als fur dessen Schicksale, indem er ja der jahrliche Septembriseur jeder zwolf Monate und des Jahrhunderts werden und durch diese in Gift-Garten des Geistes und in Hungerwusten des Korpers unheilbar untergehen konne. Ich erstaune dann uber einen, der heiratet."

"Aber", versetzte der Prasident, "was geht die reine Absicht der Erfolg an? Die allwissende und allmachtige Vorsehung mag mit sich selber diesen ausmachen; ich bin keine. Gesetzt z.B. eine Frau riefe in der Nacht um Hulfe, und ich eilte hinzu und brachte aus meinem Sandwege einige leicht Funkchen gebende Sandkornchen mit in die mir unbekannte Pulvermuhle, und hundert Menschen flogen in die Luft: was hatt' ich denn verschuldet? Nichts, rein nichts!"

"Gewiss," sagt' ich, "aber eine unbesiegliche Trauer bliebe Ihnen doch zuruck. Da uberhaupt der Mensch nicht bloss gross wollen (wo ja, ohne Rucksicht auf Aussen und Innen, Mogen und Vermogen ohne Zeit ineinanderfallen), sondern auch gross handeln will: so muss er durchaus noch auf etwas, was jenseits des Reichs der Absicht liegt, hinuberstreben; zwei gleich reine Helden der Menschheit, wovon der eine im Kerker rasten muss, der andere ein weites Leben ausschaffen darf, wurden den Unterschied ihrer ausseren Rollen wie einen zwischen Ungluck und Gluck empfinden. Kurz wir wollen wirklich etwas; wir wollen die Stadt Gottes nicht bloss bewohnen, sondern auch vergrossern. Nur dringen wir vor lauter Verboten selten zu den Geboten selber hindurch und brauchen sechs Wochentage, um auf einem Sonntage anzulanden. O, was zu fliehen ist, weiss sogar der Teufel; aber was zu suchen ist, nur der Engel."

"Wir wollen auf die Corday zuruckkommen", sagte der Prasident "es wirft sich sogar uber Notwehr, d.h. den Erkauf meines Lebens durch ein fremdes, die Frage der Rechtmassigkeit auf. Warum soll das meinige stets mehr wiegen als das fremde? Ich fur meine Person konnte deshalb den grossern Verteidigung-Mut weniger gegen Angriffe des meinigen als gegen die eines fremden, z.B. meiner Kinder, beweisen, wie eine Mutter nur fur diese, nicht fur sich eine Lowin wird."

"Allerdings entscheiden hier Lebens-Abwagungen nicht," sagt' ich, "weil sonst zwei Drittel der Menschen vogelfrei wurden, sondern die verletzte GeistesMajestat, die am Leibe oder Leben so beleidigt wird wie ein Furst an seinem beschimpften nachsten Diener, soll geracht und behauptet werden. Jeder Despot tastet in meinem korperlichen Leben nur mein geistiges an. Weswegen sonst glaubt der Beleidiger sich Genugtuung durch den Zweikampf zu verschaffen? als weil dieser die verletzte Geister-Gleichheit durch ein gleiches Doppel-Losen um das Leben wieder heilt?" "Unsere Moral" fing der Graf an "scheint mir zu sehr eine Hauslichkeit-Moral und mehr eine Sitten- als Tatenlehre Sie ist bloss eine Geschmack-Lehre fur das schaffende Genie. Es gibt ebensowohl sittliche Genie-Zuge, die darum nicht in Regeln und von Regeln zu fassen, also nicht voraus zu bestimmen sind, als es asthetische gibt; beide indes andern allein die Welt und wehren der fortlaufenden Verflachung. Es erscheine ein Jahrhundert lang in einer Literatur kein Genie, in einem Volke kein Hochmensch: welche kalte Wasser-Ebene der Geschmack- und der Sittenlehre! Alle Grossen und Berge in der Geschichte, an denen nachher Jahrhunderte sich lagerten und ernahrten, hob das vulkanische, anfangs verwustende Feuer solcher Ubermenschen, z.B. Bonaparte Frankreich durch Vernichtung des nur durch Schwachen vernichtenden Direktoriums, kuhn auf einmal aus dem Wasser. Allerdings haufen sich auch durch leere Korallen endlich Riffs und Inseln zusammen; aber diese kosten ebenso viele Jahrhunderte, als sie dauern und beglucken; wenn hingegen der Feuer-Reformator mitten aus einer faulenden, moderigen Welt eine grunende, aus einem Winter einen Vorfruhling emportreiben soll: so muss er die zeugenden Jahrhunderte des tragen Werdens zum Vorteile der geniessenden durch eine Kraft ersetzen, welche jedesmal fallend und bauend zugleich ist. Wer nun diese Kraft besitzt, hat das Gefuhl derselben oder den Glauben und darf unternehmen, was fur den Zweifler Vermessenheit und Sunde ware bei seinem Mangel des Glaubens und folglich auch der Kraft. Was grosse Menschen in der Begeisterung tun, worin ihnen ihr ganzes Wesen, die hohere Menschheit neu erhoht und verklart sich spiegelt, so wie dem tiefer gestellten Menschen in seiner Begeisterung seine dunkele Menschheit erglanzt das ist Recht und Regel fur sie und fur ihre Nebenfursten, aber nicht fur ihre Untertanen; daher kommt ihre scheinbare Unregelmassigkeit fur die Tiefe. Die Sonnen stehen und ziehen uberall am Himmel; aber die Wandel-Erden sind auf ihren Tierkreis eingeschrankt und an eine Sonne gebunden. "

"Es muss", setzt' ich dazu, "etwas Hoheres zu suchen geben, als bloss Recht, d.h. nicht Unrecht zu tun worauf doch die folgerechte Sittenlehre sich eingrenzt ; aber dies Hohere ist in einer Unendlichkeit von Reizen und Bestimmungen so wenig durch das Sitten-Lineal auszumessen oder geradzurichten als die raffaelischen und die lebendigen Figuren durch mathematische Figuren."

"Mangel an Glaubensmut, kann man sagen," fuhr der Graf fort, "nicht etwa Mangel an Wohlwollen, erkaltet und erschlafft die Menschen, die meisten wurden der Gewissheit eines grossen schonen Welt-Erfolgs ihr Leben hinopfern, das sie ja so oft bei kleinern Fallen fur eine Unmassigkeit, Rechthaberei u.s.w. weggeben. Aber dieser Glaubens-Mut ist eben entscheidend und gottlich und durch nichts zu erstatten. Da, wo Feige ohne Richtung treiben, bestimmt er seiner Welt die Himmels-Gegend, in welcher, wie man fur die Luft-Kugeln vorgeschlagen, er nur von einem AdlerGespann gelenkt und gezogen wird; und Flugel sind seine Arme. Mit diesen Flugeln schlagt eben der Adler die weiche Welt haufig mehr wund als mit Klauen und Schnabel. O ich mochte in keinem Leben leben, das kein grosser Geist anruhrte und durchgriff und umschufe; vor keiner Buhne mocht' ich stehen, wo es nichts gabe als den Chor der Menge, der, wie der theatralische bei den Griechen, bloss aus Greisen, Sklaven, Weibern, Soldaten und Hirten bestand. Welcher Unterschied, an etwas sterben, und fur etwas sterben! O sie sollen immer hinziehen unter ihre Opfertore, auf ihre Blutgeruste, auf ihre tarpejischen Felsen, jene grossen Seelen uber der Erde; schwingt euch kuhn auf die schwarzen Flugel des Todesengels, sie entglimmen bald farbig und glanzend, ihr, Sokrates, Leonidas, Morus und selber du, edle Corday, deren unbewegliches Jubelfest eines heiligen Todes der heutige Tag feiere!"

"Sie sind schon", sagt' ich, "auf diesem breitesten Flugel, der alles wegtragt, davongeflogen, aber uns sind Heiligen-Bilder auf Altaren zuruckgeblieben zum Anbeten und zum Erleuchten mit Altarlichtern. Das schonste Beleuchten ist wohl die Wiederholung ihres Lebens, war's auch bloss die historische; das Leben wird nur angeschaut, nicht begriffen. Die Begriffe die ihrer Natur nach schon aus den gemeinsten Wesen das Lebendige niederschlagen lassen vollends aus ungemeinen zum Vorteil des Allgemeinen gerade das Kostlichste fallen und bewahren hochstens aus ihnen die Muttermaler, indem immer die Mannigfaltigkeit der Irrwege den Begriff mehr bereichert als die lebendige Einheit der Recht-Bahn. Ein historisches Zusammenleben mit einem Heros kann oft ein wirkliches darum ubertreffen, warum die Schimmerfarben eines Vogels nicht auf seinen zum Fluge ausgebreiteten Flugeln erscheinen, sondern auf seinem zur Ruhe zusammengelegten Gefieder."

Ich entdeckte nun dem Grafen, dass ich wirklich fur den heutigen Abend eine historische Zusammenstellung der Seelen-Zuge Cordays unternommen und mitgebracht hatte. Dies schien ihn herzlich zu erfreuen, wiewohl er neue Zuge leichter mitteilen als empfangen konnte. Er schlug sogleich vor, den freien Himmel und einen in zwei Lindenbaume eingebaueten Altar zum Tempel unserer Betrachtung zu wahlen, um den Untergang der Heldin und der Sonne vereinigt starker anzuschauen. Der Prasident versicherte, er hore mit Freuden zu, nur werde man ihm auch den schonsten Eindruck historischer Kunst-Ruhrung doch fur keinen Widerruf seiner Satze anrechnen. Der Abend war reizend, mit Gesang und Duft gefullt, nur dass in Suden weisse Wolkenberge aufwuchsen und mit ihren Kratern voll Feuer dem Norden zuruckten. "Ich muss aber voraussagen," sagte jetzt der Prasident, der sehr ernsthaft am Himmel uber sich herumsah "dass ich, sollte das Gewitter naherkommen," (denn es donnerte von ferne schon) "mitten im grossten Genusse der Geschichte mich davonmachen werde, weil ich gegen meinen Grundsatz, uber die moralische Pflicht der Lebens-Schonung, um keinen Preis verstossen will." Der Graf warf ein, wie es nie in seinem Tale eingeschlagen; aber er schuttelte unbekehrt den Kopf.

Im Lindenkabinett empfing uns Corday selber, namlich das Bildnis ihrer schonen und grossen Gestalt, das der Graf mit Muhe echt erobert hatte.50

Denn noch am erblasseten Gesichte, das schon von der Hand des Henkers durch einen Backenstreich verunreinigt worden, nagte die Parteiwut fort und suchte die Schonheit, die sie entseelt hatte, nun auch zu entstellen, so wie die thessalischen Hexen sich in Tiere verwandeln und dann den Toten das Gesicht abfressen.51 Indes musste derselbe Chabot, der im Konvent den getoteten Marat einen zu weichherzigen Mann genannt52, dont le coeur bon et dont l'humanite etoient accoutumes a des sacrifices habituels die totende Corday hingegen un des monstres que la nature vomit pour le malheur de l'humanite dieser musste gleichwohl von ihr sagen: avec de l'esprit, des graces, une taille et un port superbes elle paroit etre d'un delire et d'un courage capables de tout entreprendre.

Ich sah diese zweite Jeanne d'Arc lange an sooft ich sie auch schon angesehen und fing ihre kurze Taten- und Leidensgeschichte schuchtern, als sei diese zu kalt gemalt, vorzulesen an.

"Die redlichen und feurigen Deutschen hatten alle die Revolution bei deren Anfange mit keiner aus der Geschichte hoffend vergleichen sollen, weil in dieser noch kein zugleich so verfeinerter und moralisch vergifteter Staat wie sich der gallische in seiner Mutterloge Paris und in den mitregierenden hohern Standen und Stadten aussprach je sich aus seinen Galeerenringen gezogen hatte; sie hatten alle von einem Erdbeben, das so viele Gefangnisse und Tiergarten aufriss, nicht viel hoffen, noch weniger dabei an Rom und Sparta denken sollen, wo die Freiheit bei einer nicht viel grossern Verderbnis aufhorte, als die war, bei der sie in Paris anfing. In jedem Jahrhundert wird der Sunder (aber auch der Heilige) in der Brust grosser, bloss weil er besonnener wird. Die Deutschen sahen es endlich, wie die weite elektrische Wolke der Revolution die Kroten und die Frosche und den Staub in die Hohe zog, indes sie die erhabenen Gegenstande umschlug; gleichwohl hielten viele, solange sie konnten, die Hauptsumme fur eine zufallige und sogar notige Partei wider die Gegner, die Vendee-Parzen und die Koblenzer Emigres.

Es scheint unglaublich ohne die Erfahrung in Burgerkriegen die Revolution aber war ein geistiger durch ganz Europa , wie lange der Mensch politische Unveranderlichkeit fort behauptet auf Kosten der moralischen; so wie jeder auch in Familienkriegen gern ein paar Tage langer bei einer Partei, als sie recht hat, beharret, ja hinter der zufallig genommenen Stuhllehne eines Spielers stehen bleibt, mit dem Wunsche, dass er durchaus gewinne.

Der Tornado des Sakulums, der eiskalte Sturm des Terrorismus, fuhr endlich aus der heissen Wolke und schlug das Leben nieder. Nicht die, deren Vermogen oder Leben geopfert wurde, litten am bittersten, sondern die, denen jeder Tag eine grosse Hoffnung der Freiheit nach der andern mordete, die in jedem Opfer von neuem starben, und vor die sich allmahlich das weinende Bild eines sterbenden, von Ketten und Vampyren umwickelten Reichs als Preis aller Opfer gekrummt hinstellte! Dieses Totenbild ruckte, als am 31. Mai die letzten Republikaner, die Girondisten, den leiblichen und geistigen Plebejern das Feld nicht zum Besaen, sondern zum Verheeren raumen mussten, am schmerzlichsten nahe an ein grosses weibliches Herz.

Als Louvet mit andern von der Bergpartei am 31. Mai verjagten Republikanern in Caen bei Barbaroux wohnte: so kam ofters eine schone stolze Jungfrau, von einem Bedienten begleitet, dahin und wartete im Saale auf Barbaroux mit einer scheinbaren Vorbitte fur einen ihrer Verwandten, wiewohl in der wahren Absicht, die verjagten Republikaner naher zu prufen. Die Jungfrau war schon unter die Unsterblichen gegangen, da sich Louvet ihrer wieder erinnerte als einer hohen Gestalt voll jungfraulicher Wurde, Milde und Schonheit, sittsam, sanft entschlossen, eine Blume gleich der Sonnenblume, die den ganzen Tag mit ihrer einfachen Blute der Sonne folgt, die aber nach dem Untergang und vor dem Gewitter sich mit Flammen fullt.

Er hatte Charlotte Corday gesehen.

Ihr Leben war schon fruher ein ungewohnlicher Vorhimmel vor ihrem Tode gewesen. Griechen und Romer und die grossen Schriftsteller der neueren Zeit hatten sie erzogen und sie (nach ihrer Aussage) zu einer Republikanerin vor der Republik gemacht. Sie war kuhn bis sogar in die Religion hinuber. Als das Revolution-Tribunal sie fragte: 'Haben Sie einen Beichtvater?', so antwortete sie: 'Keinen.' Es fragte: 'Halten Sie es mit den vereideten Priestern oder mit den unvereideten?' Sie antwortete: 'Ich verachte beide.' Folglich kein religioser Fanatismus reichte oder weihete dem jungfraulichen Wurgengel das Schwert. Bei aller Glut ihres innern Wesens und allem Glanz ihrer Gestalt blieb doch fremde und erwiderte Liebe von ihr abgewiesen; sie achtete die Manner wenig, weil eine weibliche Seele in der Liebe ein hoheres Wesen sucht53 und ihre erhabnere nicht einmal das ahnliche fand; daher sie, als der Prasident mit gewohnlicher Harte gefragt, ob sie schwanger sei, versetzte: 'Ich fand und kannte noch keinen Mann, den ich meiner wurdig geachtet hatte, denn Marat lebte noch.' Die Expeditionstube des weiblichen Lebens kam ihr enge, dumpf und staubig vor. 'Die republikanischen Franzosen,' (schrieb sie an Barbaroux) 'begreifen es nicht, wie eine Frau ihr Leben, dessen langste Dauer ohnehin nicht viel Gutes erschafft, kaltblutig dem Vaterlande opfern konne.'" "Nur die Jungfrau" unterbrach der Graf "stirbt fur Welt und Vaterland; die Mutter bloss fur Kinder und Mann. Jene ist noch eine Alpenpflanze, an welcher die Blume grosser ist als die ganze Pflanze. Du edle Charlotte, du liebtest nicht und warest so gross."

"Wenn schon gewohnliche Weiber" fuhr ich fort "ihr Leben mehr in Phantasien fuhren als wir, namlich insofern sie mehr mit dem Herzen denken, wir aber mehr mit dem Kopfe, und wenn sie daher oft durch ein grosses Leben um die zugesperrte Wirklichkeit umherirren: so hat dies noch mehr bei genialen Weibern statt, in welchen die hohere Kraft des Kopfes nur mehr der hoheren Kraft des Herzens gehorcht (aber nicht wie bei uns befiehlt), und deren Ungluck daher haufig so gross wird als ihr Wert.

Charlotte Corday, auf einer Freiheit-Hohe einheimisch und es erlebend, dass sich plotzlich um sie her ihr ganzes Vaterland als eine geistige oder doppelte Schweiz aufrichtet und hohe Alpen voll Ather, Idyllenleben und Heimwehe der Freiheit in den Himmel stellt; ergriffen und erhitzt vom Fruhlingmonat der grossen zuruckkehrenden Freiheit und Welt-Warme; diese Corday, deren langbedecktes heiliges Feuer auf einmal mit dem allgemeinen Enthusiasmus zusammenlodern darf, so, dass nun die alten Ideale ihres Herzens lebendig und rustig aufstehen und dem Leben die Fahnen hoch vortragen, und dass der ganze Mensch Tat wird, der Kenntnis kaum mehr achtend, so wie das durch die Nacht rennende Ross nicht die Funken achtet und flieht, die es aus seiner schnellen Bahn ausschlagt diese Corday erlebt dennoch die Bergpartei.

Sie erlebt namlich noch vor dem 31ten Mai den Untergang aller heiligsten Hoffnungen, wo die Freiheit entweder entfliehen oder verbluten muss wo Revolutionen sich durch die Revolution walzen, und der Staat ein Meer wird, dessen Bewohner sich bloss fressen und jagen wo am zerfallenden, verstaubenden Freiheit-Riesen nichts ubrig und fest bleibt als die Zahne wo zuletzt das Vaterland sich in einzelne Glieder zerstucken muss, um mit gesunden die unheilbaren von sich abzulosen, und wo Corday sagen musste: 'Ich bin mude des Lebens unter einem gefallenen niedrigen Volk!'

Sie erlebt einen Marat, das unbedeutende, heuchelnde, rohe, mechanische, auch ausserlich-hassliche, bluttrunkene, aufgeblasene54 Wesen, das mehr als Blutigel denn als Raubtier leckte das die Septembriseurs bloss mietete, bezahlte und lobte, und das wirklich keinen Menschen mit eigener Hand umbrachte, sondern nur sich55 das die Morder des Generals Dillons gern noch zu Mordern seiner Offiziere machen und mit dem Blute von noch 250 000 Kopfen die Weinlese der Freiheit erst recht dungen und begiessen wollte das am 31ten Mai einen Interimskonig56 begehrte, weil die Extreme sich beruhren und der hochsten Freiheit ein unumschrankter Diktator notiger sei als ein beschrankter das (nach Cordays Aussage) durch ausgeteiltes Geld zum Burgerkrieg entflammte ein Wesen, in welchem sich wieder die Bergpartei abschattet, das, als es zwei Tage vor seinem Tode hingerichtet war, im Konvent ein franzosischer Kato, ein unsterblicher Gesetzgeber und Volkfreund genannt, fur dessen Strafgottin neue Qualen (l'effroi des tourmens) gefodert und das einmutig zu einem Schmuck des Pantheons erklart wurde und in der Todesnacht der Corday unter Kanonenschussen und Prozessionen verscharrt."57

"Lasset uns wegtreten vom modernden Tier", sagte der Graf, "und unser Auge an der glanzenden Gottin erquicken, die das Tier mit dem Fusse wegstossen musste, als sie durch die Ehrenpforte der Unsterblichkeit eindrang."

"Jetzt rusteten sich in Caen, der Freistatte vieler fortgetriebenen Republikaner, 60 000 Mann gegen die anarchische Freistadt. Corday, heilig uberzeugt, dass der grosse Hilfzug eigentlich nur gegen einen Menschen, den vierjahrigen Meuchelmorder und Mordbrenner Frankreichs, Marat, gelte, dachte freudig in sich (so sagte sie aus) 'Ihr sucht alle nur einen Menschen; ich kann ja euer Blut ersparen, wenn ich bloss meines und seines vergiesse.' Sie sah sich fur die Freiwillig-dienende des kriegenden Departements von Calvados an, folglich fur eine Kriegerin gegen den Staatsfeind, nicht fur die Straf-Parze einer obrigkeitlichen Person.

Am zweiten Juni erschien ihrem Geiste der Entschluss, zu sterben, zuerst; wie jener Engel dem Apostel im Kerker. So viele Junglinge sah sie um sich her dem Freiheitzuge nach Paris, dem grossen Grabe, zustromen: da reichte sie dem Engel die Hand, der sie aus dem Leben fuhren wollte."

"O wenn man doch", sagte der Graf, "in jene tiefe Stunde tiefer schauen konnte, wo die Heldin zu sich sagte: 'Mein Leben sei voruber, alle heiteren Aussichten verschlinge die einzige; Verzicht sei getan auf alles Geliebte und Erfreuende, auf Vater, auf Freunde und Kinder, auf irdische Zukunft und auf alles, was um mich her die Menschen begluckt; gebt mir die Todesfackel statt der Brautfackel; und die Todesgottin drucke als Blumengottin das feste schwarze Siegel auf mein Rosenleben!' Es ist bekannt, dass die Heldin darauf einen ganzen Monat lang ihren grossen Vorsatz schweigend in der Brust bewahrte. Aber wie leicht und klein mussten ihr in dieser Zeit die Spiele und Plagen des Lebens erscheinen, wie frei ihr Herz, wie rein jede Tugend, wie klar jede Ansicht! Sie stand jetzt auf dem hochsten Gebirge und sah die Wetterwolken nur aus der Tiefe, nicht aus der Hohe kommen und sich von ihnen kaum verhullt und benetzt, indes die andern, die tiefen Menschen auf dem Boden, angstlich nach dem Gewolke aufblickten und auf dessen Schlag harrten. Der edle Krieger, der handelnde Republikaner, der gottbegeisterte Mensch, sie haben diese hohe Stellung, die sie so sehr fur alles hausliche Einnisten in bequeme warme Freuden entschadigt und erkaltet."

"Den 7. Juli reisete sie nach Paris ab, nachdem sie ihrem Vater, um Einverwickelung und Vaterangste abzuwenden, geschrieben, dass sie vor dem harten Anblicke des Burgerkriegs nach England entweiche. Schweigend, ohne einen Ratgeber, ohne eine teilnehmende oder starkende Seele, schied das 25jahrige Madchen von allen geliebten Wesen und trat in der heissen Jahreszeit die lange Reise zum Altare an, wo es bluten wollte. 'Ich befand mich', schreibt sie an Barbaroux, 'in der Postkutsche in Gesellschaft guter Bergbewohner, die ich ganz nach ihrem Wohlgefallen reden liess; ihr Geschwatz, das so dumm war als ihre Personen unangenehm, diente nicht wenig, mich einzuschlafern. Ich wachte gewissermassen nicht eher auf, als da ich in Paris ankam.' Mit dieser festen Ruhe so wie mit dieser kalt-hellen Ansicht tat sie den ersten wie den letzten Schritt zu ihrem Blutgeruste hinauf. Den Helden begeistert die mitziehende Hilf-Schar; diese Heldin ging einsam nur mit ihrem Herzen und mit dem unsichtbaren Todesschwert zur Richtstatte "

" des Opfertiers und der Opferpriesterin zugleich" unterbrach der Graf. "Aber es konnte nicht anders sein; sie wusste ja, sie bringe mit ihrem Marats-Dolche den Freiheit-Zepter mit, und sie sei, obwohl unbekannt der blinden Masse, in ihrem Siegwagen nach Paris schon angetan mit den Feierkleidern der glanzenden Zukunft. Ruhe und Stille und Kalte mussten ja der starken Seele kommen durch den festen Glauben, dass sie, sie allein, mit einem einzigen Tode ihres Korpers einen Burgerkrieg und Burgermord verhute und dem wunden Vaterland mehr als eine Schlacht gewinne58 und dass sie (dies musste sie sehen) ganz anders mit dem hingegossenen Blute der Jugend, der Schonheit, des Geschlechtes und des Vaterlandes beschame, befeuere, befruchte als ein sterbender Mann und Greis. O selig, selig ist der, welchem ein Gott eine grosse Idee beschert, fur die allein er lebt und handelt, die er hoher achtet als seine Freuden, die immer jung und wachsend ihm die abmattende Eintonigkeit des Lebens verbirgt! Als Gott (nach der Fabel) die Hande auf Muhammed legte, wurd' ihm eiskalt; wenn ein unendlicher Genius die Seele mit dem hochsten Enthusiasmus anruhrt und begabt, dann wird sie still und kalt, denn nun ist sie auf ewig gewiss."

"Donnerstags (den 11ten Juli) kam Charlotte Corday in Paris als auf dem Richtplatz ihres Vaterlandes und ihres vorigen innern Lebens und ihres jetzigen aussern an, wiewohl als ein stiller weisser Mond, der da aus dem heissen hohlen Krater aufgehen muss wie vor Neapel der Mond aus dem Vesuv. Sie ging zuerst zum Deputierten Duperret (einem noch nicht vertriebenen, aber schon angeklagten Girondisten, den man erst spater hinrichtete), ubergab ihm einen Brief von Barbaroux und bat ihn, sie zum Minister des Innern zu begleiten, dem sie Papiere einer Freundin abzufordern habe. Er entschuldigte sich mit seiner Tischgesellschaft und versprach, sie den andern Morgen zu sehen und zu begleiten. Er erzahlte darauf seinen Gasten, wie sonderbar und ausserordentlich ihm das ganze Betragen und Sprechen dieser Jungfrau vorgekommen. Am Freitag Morgen bat sie Marat in einem Billet um Zugang, unter dem Vorwand republikanischer Geheimnisse; sie kam nach einer Stunde, aber umsonst. Eigentlich war dieses Misslingen schon ein zweites; denn anfangs hatte sie ihn und folglich sich mitten im Konvent opfern wollen. Solche Fehlschlagungen oder Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die lange Reise, das heisse Wetter u.s.w., hatten einem entnervten moralischen Kraftgenie, das leicht fur einen Abend zu einem ahnlichen Feuer auflodert, sehr bald die Flamme ausgeweht. Denn die meisten jetzigen moralischen Kraftausserungen sind nur epileptische; geistige und korperliche Nuchternheit sind jetzt notige Zutaten der Helden wie sonst Abgange derselben. Corday blieb mit Leib und Seele nuchtern und fest.

Endlich kam der rechtschaffene Duperret zu ihr ihr gewunschter Besuch des Ministers war vereitelt sie fand Duperret zwar standhaft fur das Rechte, aber verschlossen, und sie riet ihm bloss dringend, aus dem Konvent sich nach Caen, wo er mehr Gutes wirken konne, zu begeben. Als er ihr am Richt- und Todestage Marats den Gegenbesuch machen wollte, wich sie ihm aus, um keinen Menschen in ihren Sturz zu ziehen. Die hohe Alpenrose hatte nur einen stechenden Dorn, bloss gegen einen Menschen.

Noch abends am Freitage schrieb sie an Marat und ersucht' ihn dringender um einen Einlass am Morgen.

Der Sonnabend kam; sie kaufte erst diesen Morgen ihren Dolch im Palais-Royal und verbarg die Parzenschere in ihrem Busen. Darauf begab sie sich zu Marat mit der doppelten Gewissheit, jetzo sterbe er unter ihren Handen und zugleich sie selber unter denen des Volks. Er, obwohl an Sunden krank und im Bade, liess sie vor sich. Sie nannte ihm frei alle Namen der in Caen und Evreux begeisterten Girondisten, die gegen die Bergpartei sich verschworen hatten, d.h. die Namen aller ihrer Lebens- und EwigkeitFreunde. 'Nun, in wenig Tagen', versetzte er, 'werd' ich sie alle in Paris guillotinieren lassen.' Da nahm plotzlich die Nemesis Cordays Gestalt an und drehte Marats Schlachtmesser um gegen sein eignes Herz und endigte so den niedrigen Menschen.... Aber ein gelindes Gericht von Gott und Menschen ergehe uber die bisher so unbefleckte Hand, die ein hoherer Geist in ein beschmutztes Blut eintauchte."

"Dies Gericht wird ergehen", sagte der Graf "Rein wie die Wetterwolke schlug und zuckte sie einmal aus ihrem Himmel auf die kotige Erde und zog darauf in ihm weiter. Aber wie sonderbar wies mit dem Bade und mit den letzten blutdurstigen Worten das Schicksal dem Racheengel die todliche Stelle an! Durch ahnliche Verkettungen der Zufalle fielen fast alle Bosewichter; das Verhangnis stehet uber der Welt mit seinem Geschoss, unten knien die Verbrecher hinter ihren Augenbinden, und die Brust tragt ein schwarzes Herz; und an diesem zeigen sie ihm das todliche Ziel!"

"Ruhig und ohne Flucht liess sie sich gefangen nehmen. Als der Postmeister Drouet59 mit ihr zur Abtei fuhr, und er den Pobel, der sie umbringen wollte, durch die Erinnerung an das Gesetz zum Gehorsam brachte, so fiel sie in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, war sie in Verwunderung, dass der Pobel sie noch leben lassen, und dass dieser, den sie fur eine Zusammensetzung von Kannibalen gehalten, dem Gesetz gehorcht hatte. Das Weinen der Weiber schmerzte ihre Seele, aber sie sagte: 'Wer sein Vaterland rettet, den kummert es wenig, was es kostet.'

Die Scheide des Dolchs, einiges Geld, ihr Taufschein und Pass, eine goldene Uhr und eine Adresse ans Volk wurden bei ihr gefunden. Bei dem Eintritt in die Abtei rannte ein Jungling mit der Bitte herzu, ihm statt ihrer Gefangnis und Tod zu geben; er erhielt beides nur wie sie.60 Wer auf den Toten eine Trane fallen lasst, stirbt ihm nach, sagt der Aberglaube; so totet in der Despotie die Trane, welche auf das schuldlose Opfer rinnt. Die ganze Nacht sprach das begeisterte Madchen von den Rettmitteln der Republik: 'Ich habe das Meinige getan,' sagte es vergnugt (nach Drouets Bericht), 'die andern mogen das ubrige tun.'

Um diese Zeit horte der edle Mainzer, Adam Lux, von ihr sprechen, wiewohl als von einer wahnsinnigen alten Betschwester und aristokratischen Schwarmerin; aber bald darauf schauete ein starkes Herz in ein zweites; er begegnete ihr auf ihrem Sieg- und Leichenwagen zur Guillotine und bestieg ihn bald darauf selber (am 10ten Oktober)61, weil er die Heldin und die Freiheit verteidigt hatte."

Hier nahm der Prasident, da das Gewitter nicht mehr seitwarts, sondern gerade uber ihm spielte, Abschied von uns und entschuldigte sich.

"Nur eine Minute lang will ich", begann der Graf, "unterbrechen, um mit Ihnen an das bedeckte verschattete Grabmahl dieses herrlichen Adam Lux, einer Romer-Seele, einer Hermanns-Eiche, zu treten, um daran ein altdeutsches Leben wieder zu lesen, wie es wenige fuhren. Lux, ein Landmann und glucklicher Vater, war als ein Mainzer Abgesandter nach Paris gegangen, um (friedlicher, als spater geschehen) sein Vaterland an Frankreich anzureihen. Er hatte aber in seiner Katos-Brust mehr mitgebracht als er finden konnte im damaligen Pariser Blut-Sumpf: eine ganze romische und griechische Vergangenheit und Rousseaus eingesognen Geist und die Hoffnung einer steigenden, siegenden Menschheit. Da er nun kam und sah, so gingen ihm die Freuden und Hoffnungen unter, und er behielt nichts als sich, sein deutsches Herz; nur die verjagten, an der Zeit reifenden Girondisten waren mit ihren Wunden Balsam fur die seinige. Forster und andere Freunde hielten ihn muhsam ab, dass er sich nicht zum Beweise zugleich seiner Treue und Trostlosigkeit vor dem Konvente den Dolch in die hart ausgeplunderte Brust einstiess. Nun konnte er nichts weiter tun (ehe Corday den ihrigen ergriffen), als still und fest sein und mit der gluhenden Brust auf den fressenden Wunden ruhen; ins Holz von Boulogne verbarg er sich und las Brutus' Briefe an Cicero; sein Angesicht blieb faltenlos, sogar heiter; denn die hohe Seele hoffet langer das Hohe als die niedere, und wenn am Hugel schon der Schatten liegt, so gluhet der Berg noch lange der Sonne nach.

Da begegnete dieser feste, von der Zeit umhullte Geist der geopferten wie opfernden Corday auf ihrer Treppe zur Gruft oder eigentlich bei ihrer Himmelleiter; er sah ihr stilles grosses Untergehen und die Henkers-Entheiligung ihres Hauptes und den alles verdrehenden Wahnsinn. Nun druckte ihn das Leben und die Zeit zu schwer; die niedergebogne alte Flamme seiner Seele loderte aufwarts, er schrieb ein sehr gemassigtes Blatt fur Corday, ein zweites gegen den letzten oder 31ten Wonnemonat, gegen die Vertreiber der Republikaner.

Er wurde ins Gefangnis la Force geworfen; aber sein Geist und seine Zunge blieben frei. Er empfing darin keinen Schmerz als den von seinem wohlmeinenden Bekannten Wedekind, der ins Journal de la Montagne, um ihn zu retten, die Luge einschickte, Lux habe nur aus wirklichem Wahnsinn der Liebe fur Corday so geschrieben. Aber er foderte kraftig den Widerruf ab und wiederholte damit die deutsche Kaltblutigkeit, womit er in der fruheren Schrift fur Corday zugleich sie bewundert und getadelt hatte. Man bot ihm fur Verstummen leibliche Freiheit an; er verwarf den ekeln Koder und sprach nicht nur fort, sondern drang durch Briefe bei den Wohlfahrt- und SicherheitAusschussen und bei dem Prasidenten und dem offentlichen Anklager des Revolution-Tribunales62 immer warmer darauf, dass man ihn vor Gericht bescheide. Endlich erfullte man ihm am 10. Okt. morgens seine Foderung; abends um 4 Uhr war er da, wo er hingehorte, im Lande einer dauerhaften Freiheit bei dem Genius, der ihn mit diesem himmlischen Herzen heruntergeschickt.

Und kein Deutscher vergesse ihn! Aber wie wird alles im Rauschen der fortziehenden Zeit ubertaubt und vergessen! Welche hohe Gestalten stiegen nicht aus dem unreinen Strome und glanzten und sanken; wie Wasserpflanzen in die Hohe gehen, um zu bluhen, und dann, mit Fruchten beladen, untersinken."

Ich fuhr fort "Er starb rein und gross zugleich. Dies war schwer in einer Zeit wie die seinige; denn durch die gewaltsamen einmutigen Bewegungen eines Volks wird leicht das zarte moralische Urteil, wie durch ein Erdbeben die Magnetnadel, entkraftet und verruckt. Der Geist der Zeit, von welchem jeder durch seinen einzelnen sich rein zu halten glaubt, besteht ja aus nichts als vielen einzelnen Geistern; und jeder ist fruher der Schuler als der Lehrer des Jahrhunderts, wie fruher ein Sohn als ein Vater; nur aber dass, weil wir die Farbe des sakularischen Geistes bloss in grossen Massen spuren, jene uns aus den einzelnen Wesen, woraus sie allein zusammenfliesst, verschwindet; wie ein einziges, aus dem grauen Welt-Meer geschopftes Glas Wasser rein und hell zu sein scheint. Auch uber den festen Mainzer, der ungleich dem Revolutionhaufen nicht nur Segel, sondern auch Anker hatte, regierte ein Geist der Zeit oder vielmehr ein Geist des Volks er war ein Deutscher."

"Ich sehne mich wieder", sagte der Graf "nach der grossen Corday; ihr Bild vor mir tut mir so wohl wie der jetzige Donner uber uns; es blickt ja so heiterruhig, als war' es das Urbild, in die Blitze."

"Den dritten Tag der Gefangenschaft den Corday den zweiten nach ihrer tatigen Vorbereitung zur innern Ruhe nennt schrieb sie die unvergesslichen Briefe an Barbaroux und an ihren Vater. Ihr Urteil darin uber den toten Marat hatte noch die alte feste Strenge, von keiner Weichherzigkeit fur eine Leiche bestochen. Auf gleiche Weise gab sie dem Revolutiontribunal auf die Frage: wie sie Marat fur ein Ungeheuer halten konnen, da er ihr, nach ihrer schriftlichen Klage uber Verfolgung, den Zutritt gestattet, zur Antwort: 'was sei denn das, gegen sie menschenfreundlich und gegen alle Menschen ein Wutrich gewesen zu sein?' Sie bat in ihrem zweiten Briefe ihren Vater um Verzeihung ihrer Aufopferung und sagte: 'Freuen Sie sich, dass Sie einer Tochter das Leben gaben, die zu sterben weiss. Mich beweine keiner meiner Freunde! Ihre Tranen wurden mein Andenken beflecken, und ich sterbe glucklich.'

Den Brief an Barbaroux endigte sie mit den Worten: 'Morgen um 5 Uhr fangt mein Prozess an, und ich hoffe an demselben Tage in Elysium mit Brutus und einigen andern Alten zusammenzukommen; denn die Neuern reizen, da sie so schlecht sind, mich nicht.'

Mittwochs den 17ten stand sie vor dem Revolutiontribunal. Was sie davor und uberall bisher sagte, wurde aus einem andern Munde wie erhabene Spruche klingen; aber wer im Grossen einmal lebt, der zeigt unbewusst und unangestrengt nichts als seine Erhohung, und er bewohnt bloss die Ebene auf einem Gebirge. Wenn indes die so sanfte Gestalt dem AlbasBlutrate so schneidend und strafend antwortete: so denke man daran, dass kein edler Mann weniger tun konnte, der nun die aufgeblasenen befleckten Richter so vieler unbefleckten Seelen auf einmal vor sich sahe; Leute, der Konigschlange gleich, die sich mit ihren Ringen in Gestalt eines trankenden Brunnens aufmauert, um die Tiere anzulocken und dann erquetschend zu umwickeln.

Cordays Leben hatte nur noch eine freie Minute, und in dieser gab sie auf lauter schlechte Fragen diese Antworten: 'Alle Rechtschaffene sind meine Mitschuldigen. Die Franzosen haben nicht Kraft genug, um Republikaner zu sein.'63 Und nach einer Verwechslung64 ihrer mit einer andern Frau, die den Fleischer Legendre sprechen wollen, versetzte sie: 'Ihr begreift doch, dass man nicht zwei solche Taten auf einmal verrichtet, und mit Marat musste man beginnen.'

Sie empfing ihr Todesurteil vom Richter so heiter, als sie es einen Monat fruher uber sich selber ausgesprochen hatte. Sie dankte ihrem Verteidiger, dem Burger Chauveau, fur seine mutige Verteidigung und sagte, sie konn' ihn nicht belohnen, bitt' ihn aber, als ein Zeichen ihrer Achtung den Auftrag anzunehmen, fur sie eine kleine Schuld im Gefangnis zu bezahlen.

Abends bestieg sie ihren Leichenwagen, auf dem sie den schleichenden Weg zum Sterbebette zwei lange Stunden machte, angezischt und angeheult vom Volk, fur das sie sterben wollte. Sie war bitter-allein, ohne irgendeinen Verwandten ihres Herzens oder ihres Schicksals. Bloss unwissend begegnete sie in der Strasse St. Honore dem, der das eine war und das andere wurde, dem Adam Lux aus Mainz. O warum musste ihr Blick, der die anhohnende Menge vergeblich nach einem gleichflammenden Herzen durchsuchte, diesen Bruder ihres Innern nicht finden und kennen, warum blieb ihr die letzte Entzuckung der Erde verweigert, die Uberzeugung oder der Anblick, dass der Glaubensgenosse und Verteidiger ihres Herzens und der kunftige Marterer ihrer Tat sie jetzo begleite an ihr Grab, dann in dasselbe, und dass eine edle Seele der ihrigen nachweine und darauf nachziehe? Und er war ihr so nahe und sah ihre letzte Minute! Aber er hatte das Gluck verdient, sie sterben zu sehen. Die ganze Fruhlingwelt in des Republikaners Herz bluhte wieder auf, da er diese Ruhe der Verklarung auf der jugendlichen Gestalt im roten Sterbekleide65, diese auf dem langen Todeswege unverruckte Unerschrokkenheit in den stolzen und durchdringenden Augen, und wieder diese unter dem ewigen Verhohnen zartlichen, mitleidigen und feuchten Blicke sah, deren Engelhuld seinem so mannlichen Herzen ebenso bitter war als suss. Nein, wer ein solches Wesen leben und leiden sah, kann es nicht beweinen, nur nachahmen; das vom Wetterstrahle der Begeisterung getroffne Herz duldet nichts Irdisches mehr an sich; so wie bei den Alten die vom heiligen Blitze des Himmels getroffne Stelle nicht mehr betreten und uberbaut werden konnte."

"War' es denn Sunde," sagte der Graf, "wenn man nach gewissen Gedanken keine mehr denken wollte? Wenn ich jetzt herzlich wunschte, dass mir gegenuber dem Bilde dieser Uranide der grosse schone Donner das kahle Leben ausloschte? War' dies Sunde? Ach warum muss der arme Erdensohn meistens in Wintern aller Art sterben, selten im Feuer und Fruhling?"

"Freundlich und ruhig bestieg Charlotte Corday", fuhr ich fort, "die Trauerbuhne, wo sie diesen Erdennamen ablegte, und grusste die wilden Tiere unter dem Geruste so sanft, dass sogar diese zahm sich niederlegten. Lasset uns nicht lange auf dieser blutigen Stelle verweilen, wo so viele Seufzer und Schmerzen wohnen und nachtonen; und du selber, Charlotte, hast hier die letzten uber dieses Schlachtfeld des wurgenden Marats, uber dieses Erbbegrabnis freier Herzen empfunden! Ein Wurger nahm ihr die jugendlichen Lokken, enthullte das jungfrauliche Herz, das noch einmal in der blassen Todesstunde das keusche Blut auf die verschamten Wangen trieb und legte das bluhende Leben unter die aufgespannte Parzenschere und es entflog in die ewige Welt.... O nur nicht mehr als einen Augenblick habe der Erdenschmerz, der Erdentod den hohen Geist verfinstert, wie der Berggipfel die Sonne des langsten Sommertags nur eine Minute verdeckt, zwischen ihrem Unter- und Aufgang! Du aber, edler Mainzer, gehe nun mit deiner entbrannten Seele heim und sage noch einmal die kuhne Wahrheit und kehre dann auf dieses Sterbegeruste zuruck! Und niemand von uns weine uber die Hohe, sondern er opfere wie sie, was Gott von ihm begehrt, es sei das Leben oder weniger!" Die Erzahlung war geendigt. Ich fasste die Hand des Grafen, der weinend seinen Mund auf Cordays Bild gedruckt. Das Gewitter hing brausend auf uns herein und schien vom unaufhorlichen Blitze wie uberschleiert oder verfluchtigt. Auf einmal trat im Westen unten an den Wetterwolken die stille Abendsonne heraus wie ein grosses, aber wolkennasses Auge, und wir sahen die weinende niedergehen; und dachten schweigend langer uber Helden und Heldinnen der Freiheit nach.

III.

Polymeter

Das Menschen-Herz

Mir traumte, ich sei unnennbar selig, aber ohne Gestalten und ohne alles und ohne Ich, und die Wonne war selber das Ich. Als ich erwachte, so rauschte und brannte vor mir der Fruhling mit seinen Freudengussen wie ein von der Morgensonne durchstrahlter Wasserfall, die Erde war ein aufgedeckter Gottertisch, und alles war Blute, Klang und Duft und Lust. Ich schloss froh weinend das Auge und sehnte mich nach meinem Traume wieder.

Der Mensch der Bedurfnisse und der hohere

Mensch

Der Mensch, gepresst wie die gekrummte Feder in der Uhr, dreht an seiner Kette die Stundenrader, um sich wieder auszudehnen, und hat er sich fur einen Tag befreit: so wird die Uhr schnell aufgezogen, und er windet wieder die Kette langsam von neuem ab. Der hohere Mensch geht als eine Welt in dem Himmel und wendet sich taglich um seine Sonne.

Die Menschenfreude

Stets zwischen zwei Disteln reift die Ananas. Aber stets zwischen zwei Ananassen reift unsere stechende Gegenwart, zwischen der Erinnerung und der Hoffnung.

Der Eichenwald

Falle meinen heiligen Eichenwald nicht, o Furst, sagte die Dryade, ich strafe dich hart. Er fallte ihn aber. Nach vielen Jahren musste er sein Haupt auf den Richtblock hinstrecken, und er sah den Block aufmerksam an und rief: er ist von Eichenholz.

Der Pfeil des Todes

Sobald wir anfangen zu leben, druckt oben das Schicksal den Pfeil des Todes aus der Ewigkeit ab er fliegt so lange, als wir atmen, und wenn er ankommt, so horen wir auf. "O sturben wir doch auch so alt und lebenssatt wie unser Jubel-Greis!" sagen dann diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.

Ahrenlesen armer Kinder

Seht hier Bluten, die schon Fruchte tragen!

Die Tranen

Wir haben alle schon geweint, jeder Gluckliche einmal vor Weh, jeder Ungluckliche einmal vor Lust.

Volker-Proben

Nur mit den gewaltigen Brennspiegeln werden Edelsteine untersucht, mit Eroberern die Volker.

Der Eroberer

O wie gleichst du so oft deinem Rom! Voll eroberter Weltschatze, voll Gotterbilder und Grossen, bist du mit Ode und Tod umgeben nichts grunt um Rom als der giftige Sumpf, alles ist leer und wild, und kein Dorfchen schaut nach der Peterskirche. Du allein mit deiner Sunde schwillst unter dem Sturm, wie unter Gewittern Leichen sich aufblahen.

Der traurige Tag

Umfangt dich der traurige Tag mit seinem Nebel, der leer, dumpf, dicht und grau dir die ganze Welt verhullt: so denke daran, in was ihn verwandelt die Vergangenheit und Dichtkunst; in leichten glanzenden Wolkchen steht er am Himmel oder in Abendroten oder er schimmert, niedergefallen, als Morgentau auf den Auen, die er dir bedeckt hatte.

Die Blumen auf dem Sarge der Jungfrau

Streuet nur Blumen auf sie, ihr bluhenden Freundinnen! Ihr brachtet ja sonst ihr Blumen bei den Wiegenfesten. Jetzo feiert sie ihr grosstes; denn die Bahre ist die Wiege des Himmels.

Die Treulosigkeit

Dem treuen Madchen brach das Herz, nachdem sie den Treulosen geliebt. Ach, sagte sie, warum bricht es zu spat? Der Demant zerspringt schon, wenn ein treuloses Herz nur annaht, und warnt das treue.

Die Verkannte

Ungluckliche, du tragst die Dornenkrone auf dem blutigen Haupte, doch ewige Rosen bluhen auf deiner Brust.

Die Zeiten

Die Vergangenheit und die Zukunft verhullen sich uns; aber jene tragt den Witwen-Schleier und diese den jungfraulichen.

Der Dichter

Der Dichter gleicht der Saite: er selber macht sich unsichtbar, wenn er sich schwingt und Wohllaut gibt.

Das Leben

Ihr nennt das Leben mit Recht die Buhne. Den Geistern, die uns zuschauen, sind unsere truben Versenkungen und frohen Auffluge auf der Buhne keine von beiden, sondern nur unser Spielen.

Die Treue

"O ich wohne ja in deinem Auge", sagte der kleine Bruder, als er sich im schwesterlichen erblickte. "Und ich wohne gar in deinem!" sagte die Schwester. "Gewiss, so lange ihr euch seht," dachte der Vater, "denn die Augen der Menschen sind ihren Herzen ahnlich."

Die Hof- und die Landtrauer

Nur der Hof und Grosse durfen um einen Fursten offentlich trauern; nun so sei es um einen bosen. Aber den Landesvater beweine das ganze Land. Das armste Kind ist ja seine Waise.

Der Dichter

Wohl habe ich Fruchte und Blumen zusammengebunden, wie im Bluten-Strausse auch die reife Pomeranze erscheint; aber auch die Frucht ist nur Blute, und der Herbst duftet mit dem Fruhling zugleich.

Die Freuden des Dichters

Gonnt und gebt dem Dichter Freuden; er bringt sie euch verklart als Gedichte zuruck, und er geniesst die Blumen, um sie fortzupflanzen; denn er ist der Biene ahnlich, die von den Blumen, aus denen sie Sussigkeit trinkt, den Blumenstaub weitertragt und zu neuen jungen Blumen aussaet. Lasst ihn nach Italien fliegen, denn er bringt es auf seinen Flugeln als hangenden Garten der Dichtkunst mit.

Rat

Sprecht nicht: wir wollen leiden; denn ihr musst. Sprecht aber: wir wollen handeln; denn ihr musst nicht.

Die Politik

Sie verhullt wohl sich, aber sie zeigt der Welt ihre Toten, ihre Schlachtfelder und Schlachtstadte und ihre neuen Flusse, die sich halb aus Blut, halb aus Tranen durch die Auen schlangeln. So geht in Rom die Bruderschaft der Leichen weiss vermummt, aber ihre Toten tragt sie aufgedeckt, und die Mittagsonne scheint auf das kalte, blinde Gesicht.

An die Feinde der Freiheit

Zerschlagt nur jeden Bund ihrer Freunde und zerstuckt jedes Buch sogar mit dem, der es hinstellte, um darin die Geister-Sonne, die Freiheit, im Aufgange zu zeigen: nun glanzt die Sonne nicht mehr aus einem Spiegel, sondern neu aus jeder Scherbe des zertrummerten. Die ruhige Meer-Ebene mit einer stillen Sonne im Busen lodert aufgesturmt mit verworrenen zahllosen Sonnen auf den zahllosen Wogen.

Der All-Geist

Tausend Sonnen schiessen in Augenblicken uber das Feld des Sternrohrs66, und neue Tausend fliegen nach. Der All-Geist ruht und schauet; und die Sonnen und das All eilen voruber, aber ihr wetterleuchtender Flug ist ihm ein unbeweglicher Glanz, und vor ihm steht das verfliegende All fest.

Fussnoten

1 Kotzebues Reise nach Italien, B. II. 2 In der ersten Ausgabe seiner Beitrage zur geheimen Geschichte der Menschheit wurde eine Rede uber den moralischen Anstoss, den der Leser an gewissen Behauptungen nehmen wurde, mit einer Vignette beschlossen, die ihn mit der letzten Wirkung eines Brechpulvers darstellt. 3 Fur Leserinnen nur ungefahr ubersetzt: 1. uber die Blutmachung, 2. uber die Missgeburten, 3. uber die Wasserscheu. 4 So heissen in Pira, wie in einigen Reichsstadten, Umgeld- und Zoll-Einnehmer. 5 Nach dem Aberglauben wird der zu Gevatter gebeten, bei welchem der Priester den Kelch von neuem nachfullt. 6 Das Zodiakal-Licht wird fur den in die Laufbahn der Erde hineinreichenden Dunstkreis der Sonne gehalten. 7 Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Die Saugetiere I. B. S. 34. 8 Der Verfasser weiss nicht gewiss, ob er diese naturhistorische Bemerkung aus Bechsteins Werken oder aus dessen Munde hat. 9 Bekanntlich der Name eines pharmazeutischen Beigehulfen und Gesellen. 10 Der Kalenderanhang nimmt unter die Heptarchie der 7 regierenden Planeten auch die Sonne auf und gibt ihr gerade auf das Valetjahr des Sakulums den Zepter. 1801 regiert der Morgenstern, der 1809 wieder regiert als Abendstern, und 1799 der Mars. Ich nenne solche sonderbare Zusammentreffungen den Witz des Schicksals. So haben nach Gibbon die Auguren prophezeiet: das romische Reich werde so viele Jahrhunderte dauern, als Romulus Geier zur Rechten gesehen; und es traf ein. 11 Im eigentlichen Sinn eine, wenn nach Buffon die Erde ein Kind der mit einem Kometen zusammengekommnen Sonne ist. 12 Bekanntlich werden auf einen Monat die in ihrer Laufbahn liegenden Gestirne unsichtbar. 13 Nach Berg ist auf ihr jenes, nach Swinden diese. 14 Pirke Afoth 5. K. Mischn. 6. 15 Nach Hermanns Bemerkung. 16 Im Winter ist die Sonne in der Erdnahe; und die Erde lauft schneller. 17 Eine tut es in London am Kronungstage des Konigs. 18 Apollo stand dem Jupiter gegen die Titanen bei. 19 Da nach Fulda e der Vokal der Liebe und der Familie ist daher das Wort fur beide mit seinen beiden e: Ehe und da nach Wenzel (in seinen Entdeckungen uber die Sprache der Tiere, 1800) eh der Schmerzlaut aller Tiere ist: so malt unsere E-Sprache uns fast als ein familienliebe-volles und etwas martervolles Volk zugleich. 20 Z.B. im ganzen ersten Gedichte: "Die Wiese." 21 Z.B. in der hohen Erzahlung: "Der Karfunkel". 22 Fast uberall, z.B. S. 50 u. 68 S. 81 u.s.w. 23 Postponendis postpositis. 24 Zuerst gedruckt in der Zeitung fur die elegante Welt 1804. 25 Dieses war einmal in Paris eine moralische SpielFrage, welche unter gleich lieben Personen in einem untersinkenden Kahne man opfern musse und welche retten. 26 Erster Band, S. 114. 27 Erst 40 Tage nach dem Tode wurde ein gallischer Konig begraben; und so lange speist' er auf der Serviette. Ein Pralat oder Kardinal verrichtete das Tischgebet vor ihm. 28 Im Kolnischen aber erhielt (s. Magazin zur geistund weltlichen Statistik 1. Jahrg. VIII. 2.) der Mundkoch 602 Taler Salar, und ein Regierungrat 250; so dass jeder nach Verhaltnis das bekam, was er fordern konnte. 29 Dieses ist mathematisch wahr. Die Vergrosserung die nichts ist als eine nahere Annaherung erschafft und organisiert ja z.B. nicht den Flaum der Schmetterling-Flugel, den sie aus der relativen Ferne heruberzieht (so wie nicht die nahe Grosse, sondern die ferne Kleinheit einer Gegend scheinbar ist), mithin, da jede Mucke unter dem Mikroskop die enthullten Aderchen u.s.w. und deren Verhaltnisse wirklich hat, die jenes zeigt: so wird sie ja darunter nicht vergrossert, sondern nur weniger verkleinert gezeigt; weil die Vergrosserung im umgekehrten Verhaltnis der Fokus-Ferne besteht und diese am Ende so klein gedacht werden kann, dass nur noch die der Kristallinse von der Retina ubrig bliebe und man das Objekt in, nicht vor dem Auge haben musste. Die absolute genstandes, des Fokus und der Retina. Es gibt also auf der Erde gar keine Vergrosserung, sondern nichts als Verkleinerungen. 30 Alle diese fluchtigen Untersuchungen sollen sich in tiefere verwandeln wenn mir die Vorsehung Krafte und Tage gonnt, das Kampanertal (uber die Unsterblichkeit der Seele), an welchem ein Vierteljahrhundert lang mein Inneres und meine Leiden und Freuden weiter gearbeitet haben, in Kampanertaler auszudehnen. 31 Die Erhebung oder das Seegesicht ist die optische Tauschung, dass ferne, noch unter dem Gesichtskreise liegende Kusten sich schon heraufgehoben zeigen. 32 Im funften Bande. 33 Die Confrerie de la Passion 1380; der Bischof von Angers machte fur sie aus der Passion eine Komodie. 34 Hallers Physiologie. Bd. 5. 35 Flogels Geschichte der komischen Literatur. 36 Man kann sich auch eine lange Handlung, z.B. das Saen des Korns bis zu dessen Dreschen und Backen, in freien Trochaen oder Jamben ohne Schmuck vorsagen wie ich. 37 So, aber nicht XIV, und so VIIII, nicht aber IX u.s.w. muss vor jedem obigen Einschlafen geschrieben werden, wenn man nicht vom Denken erwachen will. 38 Gegenwartig in Herrn Schwabachers Hause in der Friedrichstrasse. 39 Reimarus neuere Werke vom Blitze. 40 Dasselbe bemerkt Puchelt im kostlichen Werke uber "das Venensystem in seinen krankhaften Verhaltnissen"; ein Werk, worin der Gang des Untersuchens den Verfasser so auszeichnet als der Gewinn durch dasselbe. 41 Quistorps Grundsatze des teutschen peinlichen Rechts. 1. Bd. 2te Auflage. 42 Damals, als ich diese "Wunsche" in einer Monatschrift, die in Berlin 1805 herauskam, drucken liess, waren nach mehren Jahren Kollektierens 6000 Taler aufgebracht. 43 Eine Crore in Ostindien macht 100 Laks. 44 Merkel. 45 Tharsanders Schauplatz ungereimter Meinungen. I. S. 365. 46 Doch wurden seine Manen von Konigsberg auf eine andere Weise wurdig geehrt, die mehr griechisch Philosoph selber in ihren Testamenten etwas aussetzten damit sich an ihren Geburttagen die Jugend auf ihren Grabern lustig machte so wurde ohne Kants Zutun die Veranstaltung getroffen, dass sein Wohnhaus zu einem guten Kaffee- und Billardhause eingerichtet worden, worin die Jugend, vornehmlich die akademische, durch Abspannung ihrer Anspannungen sich freudig an den grossen Mann erinnern kann, dem sie das Haus zu danken hat. 47 Zuerst gedruckt im "Taschenbuch fur 1801. Herausgegeben von Fr. Gentz, J. P. und Joh. Heinr. Voss". 48 Die mit dem edeln Heinrich gescheiterten Entwurfe zur grossten Frieden-Allianz sind bekannt. Zum Kriege werden die Quadrupel-Allianzen leichter. 49 Ein hochst achtbarer Gelehrter voll Geist und Herz wandte obige Stellen sehr irrig auf einen fanatischen Jungling an, der an einem dustern Jugendfeuer eine Tat auskochte, welche, wie er selber nicht an Brutus, so auch nicht an dessen Tat anders erinnern kann als dadurch, dass in beiden Fallen gerade die Freiheit, wofur Leben geopfert wurde, sich selber noch starker nachgeopfert sah. Der Unseligst-Verblendete raubte ein doppeltes Leben das fremde und seine, denn jeder Morder ist Selbmorder nicht fur Handlungen, etwas Schrecklichern als zu einem Inquisitiontribunal auf; denn er war zugleich Richter nur einer, nicht ein Gericht , Anklager, Zeuge und Scharfrichter und strafte am Leben sein Opfer, im Winkel, ohne Defensor und Verhor, ohne Aufschub, ohne die Fristen, welche dem grossten Ubeltater die Menschlichkeit gern bewilligt zur Abrechnung mit den Seinigen und sich, und unter dem Giftgefuhl eigner Schuldlosigkeit und fremder Sundengewalt. O bringet doch nicht bei solcher Verblendung des Gehirns und Herzens zugleich welche jedem Brausejungling den Dolch statt der Feder in die Hand gabe zum Widerlegen des Anders-Glaubigen die Opferung des eigenen Lebens in hohen Anschlag, sondern zahlt die Selbermorde des gemeinen Volkes, des weiblichen Geschlechtes im Pobel, aller Verarmenden, aller Unbesonnenen, der Spieler, der matten Lebensschwelger, kurz der Feigen, die keinem Drohen einer Stunde oder einer Woche gewachsen sind. 50 Ihr herrliches Gesicht steht in des I. B. V ten Hefte der neuen Klio von 796. 51 Apulejus' Verwandlungen. 52 Moniteur de l'annee 1793. Nro. 197. 53 Wenige Manner wurden eine Corday, eine Jeanne d'Arc heiraten wollen, aber die meisten Weiber gewiss einen Brutus und ahnliche, und insofern steht die weibliche Liebe hoher. In der Freundschaft kehren es aber beide Geschlechter um. 54 Marat gedachte in seiner Perioptrik (s. in Lichtenbergs Magazin der Physik B. 1.) etwas Newtonisches zu liefern und wollte den Prof. Charles erstechen, weil er ihn widerlegte; er schickte an die Akademien zu Rouen und zu Lyon erstlich eine Preisfrage mit 50 L'dor uber seine Perioptrik, dann eine Antwort und wollte sein Geld, als man ihn nicht damit kronte. S. Eberts Unterhaltungen vermischten Inhalts. 1794. 2tes Heft. 55 Denn Louvet sagt in quelques notices pour l'histoire et le recit de mes perils etc. p. 50, dass, ohne Corday, Marat in zwei Tagen an seiner amerikanischen Krankheit von selber gestorben ware. 56 Minerva, August 1793. S. 376. 57 Moniteur de l'annee 1793. Nro. 197. 58 S. ihr Verhor und das Schreiben an Barbaroux. 59 Moniteur in angefuhrter Stelle, Nro. 198. 60 Louvet am angefuhrten Orte. 61 Frankreich 1800, 9. St. S. 79 etc. 62 Frankreich l. c. 63 Moniteur l. c. 64 Denn Freitags vorher hatte eine Unbekannte diesen Volkmorder mit Heftigkeit zu sprechen gesucht. 65 Das sogenannte Bluthemd der Verurteilten. 66 In einer Viertelstunde flogen 116 000 Sterne durch das Feld von Herschels Teleskop.