Jean Paul
Des Feldpredigers Schmelzle
Reise nach Flatz
mit fortgehenden Noten;
nebst Der Beichte des Teufels
bei einem Staatsmanne
Vorrede
Ich glaube, mit drei Worten ist sie gemacht, so wie der Mensch und seine Busse aus ebenso vielen Teilen.
1) Das erste Wort ist uber den Zirkelbrief des Feldpredigers Schmelzle zu sagen, worin er seinen Freunden seine Reise nach der Hauptstadt Flatz beschreibt, nachdem er in einer Einleitung einige Beweise und Versicherungen seines Mutes vorausgeschickt. Eigentlich ist selber die Reise nur dazu bestimmt, seine vom Geruchte angefochtene Herzhaftigkeit durch lauter Tat suchen zu bewahren, die er darin erzahlt. Ob es nicht inzwischen feine Nasen von Lesern geben durfte, welche aus einigen darunter gerade umgekehrt schliessen, seine Brust sei nicht uberall bombenfest, wenigstens auf der linken Seite, daruber lass' ich mein Urteil schweben.
Ubrigens bitte ich die Kunstkenner, so wie ihren Nachtrab, die Kunstrichter, diese Reise, fur deren Kunstgehalt ich als Herausgeber verantwortlich werde, bloss fur ein Portrat (im franzosischen Sinne), fur ein Charakterstuck zu halten. Es ist ein will- oder unwillkurliches Luststuck, bei dem ich so oft gelacht, dass ich mir fur die Zukunft ahnliche Charakter-Gemalde zu machen vorgesetzt. Wann konnte indes ein solches Luststuckchen schicklicher der Welt ausgestellt und bescheret werden als eben in Zeiten, wo schweres Geld und leichtes Gelachter fast ausgeklungen haben, zumal da wir jetzt wie Turken bloss mit Beuteln rechnen und zahlen (der Inhalt ist heraus) und mit Herzbeuteln (der Inhalt ist darin)?
Verachtlich wurde mirs vorkommen, wenn irgendein roher Dintenknecht rugend und offentlich anfragte, auf welchen Wegen ich zu diesem Selbst-Kabinetts-Stucke Schmelzles gekommen sei. Ich weiss sie gut und sage sie nicht. Dieses fremde Luststuck, wofur ich allerdings (mein Verleger bezeugts) den Ehrensold selber beziehe, uberkam ich so rechtlich, dass ich unbeschreiblich ruhig erwarte, was der Feldprediger gegen die Herausgabe sagt, falls er nicht schweigt. Mein Gewissen burgt mir, dass ich wenigstens auf ehrlichern Wegen zu diesem Besitztume gekommen, als die sind, auf denen Gelehrte mit den Ohren stehlen, welche als geistige Horsaals-Hausdiebe und Katheder-Schnapphahne und Kreuzer die erbeuteten Vorlesungen in den Buchdruckereien ausschiffen, um sie im Lande als eigne Erzeugnisse zu verhandeln. Noch hab' ich wenig mehr in meinem Leben gestohlen als jugendlich zuweilen Blicke.
2) Das zweite Wort soll die auffallende, mit einem Noten-Souterrain durchbrochne Gestalt des Werkleins entschuldigen. Sie gefallt mir selber nicht. Die Welt schlage auf und schaue hinein und entscheide ebenfalls. Aber folgender Zufall zog diese durch das ganze Buch streichende Teilungslinie: ich hatte meine eigne Gedanken (oder Digressionen), womit ich die des Feldpredigers nicht storen durfte, und die bloss als Noten hinter der Linie fechten konnten, aus Bequemlichkeit in ein besonderes Neben-Manuskript zusammen geschrieben und jede Note ordentlich, wie man sieht, mit ihrer Nummer versehen, die sich bloss auf die Seitenzahl des fremden Haupt-Manuskripts bezog; ich hatte aber bei dem Kopieren des letztern vergessen, in den Text selber die entsprechende einzuschreiben. Daher werfe niemand, so wenig als ich, einen Stein auf den guten Setzer, dass dieser vielleicht in der Meinung, es gehore zu meiner Manier, worin ich etwas suchte die Noten gerade so, wie sie ohne Rangordnung der Zahlen untereinander standen, unter den Text hinsetzte, jedoch durch ein sehr lobenswurdiges kunstliches Ausrechnen wenigstens dafur sorgte, dass unter jede Text-Seite etwas von solchem glanzenden Noten-Niederschlag kame. Nun, die Sache ist einmal geschehen, ja verewigt, namlich gedruckt. Am Ende sollte ich mich eigentlich fast daruber erfreuen. In der Tat und hatt' ich jahrelange darauf gesonnen (wie ichs bisher seit zwanzigen getan), um fur meine Digressions-Kometenkerne neue Licht-Hulsen, wenn nicht Zug-Sonnen, fur meine Episoden neue Epopoen zu erdenken: schwerlich hatt' ich fur solche Sunden einen bessern und geraumigern Sundenbalg erfunden, als hier Zufall und Setzer fertig gemacht darreichen. Ich habe nur zu beklagen, dass die Sache gedruckt worden, eh' ich Gebrauch davon machen konnen. Himmel! welche fernsten Anspielungen (hatt' ichs vor dem Drucke gewusst) waren nicht in jeder Text-Seite und Noten-Nummer zu verstecken gewesen, und welche scheinbare Unangemessenheit in die wirkliche Gemessenheit und ins Noten-Untere der Karten; wie empfindlich und boshaft ware nicht in die Hohe und auf die Seite heraus zu hauen gewesen aus den sichern Kasematten und Miniergangen unten, und welche laesio ultra dimidium (Verletzung uber die Halfte des Textes) ware nicht mit satirischen Verletzungen zu erfullen und zu erganzen gewesen!
Aber das Schicksal wollte mir nicht so gut; ich sollte von diesem goldnen Handwerks-Boden fur Satiren erst etwas erfahren drei Tage vor der Vorrede.
Vielleicht aber holt die Schreibwelt bei dem Flammchen dieses Zufalls eine wichtigere Ausbeute, einen grossern unterirdischen Schatz herauf, als leider ich gehoben; denn nun ist dem Schriftsteller ein Weg gezeigt, in einem Marmorbande ganz verschiedne Werke zu geben, auf einem Blatte zugleich fur zwei Geschlechter, ohne deren Vermischung, ja fur funf Fakultaten zugleich ohne deren Grenzverrukkung zu schreiben, indem er, statt ein ekles garendes Allerlei fur niemand zu brauen, bloss dahin arbeitet, dass er Noten-Linien oder Demarkationslinien zieht und so auf dem namlichen funfstockigen Blatte die unahnlichsten Kopfe behauset und bewirtet. Vielleicht lase dann mancher ein Buch zum vierten Male, bloss weil er jedesmal nur ein Viertel gelesen.
3) Das dritte Wort hat bloss zu sagen, dass die Beichte des Teufels bei einem Staatsmanne ein unschuldiger Kalender-Anhang des Buches sein soll, der kein Beichtsiegel erbricht.
Wenigstens den Wert hat dieses Werk, dass es ein Werkchen ist und klein genug; so dass es, hoff' ich, jeder Leser fast schon im Buchladen schnell durchlaufen und auslesen kann, ohne es wie ein dickes erst deshalb kaufen zu mussen. Und warum soll denn uberhaupt auf der Korperwelt etwas anderes gross sein als nur das, was nicht zu ihr gehort, die Geisterwelt?
Baireuth, im Heu- und Friedens-Monat 1807
Jean Paul Fr. Richter
Zirkelbrief des vermutlichen katechetischen
Professors Attila Schmelzle an seine Freunde,
eine Ferien-Reise nach Flatz enthaltend, samt
einer Einleitung, sein davonlaufen und seinen
Mut als voriger Feldprediger betreffend
Nichts ist wohl lacherlicher, meine werten Freunde, als wenn man einen Mann fur einen Hasen ausgibt, der vielleicht gerade mit den entgegengesetzten Fehlern eines Lowen kampft, wiewohl nun auch der afrikanische Leu seit Sparrmanns Reise als ein Feigling zirkuliert. Ich bin indes in diesem Falle, Freunde, wovon ich spater reden werde, ehe ich meine Reise beschreibe. Ihr freilich wisst alle, dass ich gerade umgekehrt den Mut und den Waghals (ist er nur sonst kein Grobian) vergottere, z.B. meinen Schwager, den Dragoner, der wohl nie in seinem Leben einen Menschen allein ausgeprugelt, sondern immer einen ganzen geselligen Zirkel zugleich. Wie furchtbar war nicht meine Phantasie schon in der Kindheit, wo ich, wenn der Pfarrer die stumme Kirche in einem fort anredete, mir oft den Gedanken: "Wie, wenn du jetzt geradezu aus dem Kirchstuhle hinauf schrieest: ich bin auch da, Herr Pfarrer!" so gluhend ausmalte, dass ich vor Grausen hinaus musste! So etwas wie Rugendas' treffen und Landsturme bei Toulon auffliegende Flotten und in der Kindheit Prager Schlachten auf Klavieren und kurz, jede Karte von einem reichen Kriegsschauplatz; dies sind vielleicht zu sehr meine Liebhabereien, und ich lese und kaufe nichts lieber; es konnte mich oft zu manchem versuchen, hielte mich nicht meine Lage aufrecht. Soll indes rechter Mut etwas Hoheres sein als blosses Denken und Wollen: so genehmigt ihr es am ersten, Werteste, wenn auch der meinige einst dadurch in tatige Worte ausbrechen will, dass ich meine kunftigen Katecheten, so gut es in Vorlesungen moglich, zu christlichen Heroen stahle. Es ist bekannt, dass ich immer wenigstens zehn Acker weit von jedem Ufer voll Badgaste und Wasserschwimmer fern spazieren gehe, um fur mein Leben zu sorgen, bloss weil ich gewiss voraussehe, dass ich, falls einer davon ertrinken wollte, ohne weiteres (denn das Herz uberflugelte den Kopf) ihm, dem Narren, rettend nachspringen wurde, in irgendeine bodenlose Tiefe hinein, wo wir beide ersoffen. Und wenn das Traumen der Widerschein des Wachens ist, so frag' ich euch, Treue, erinnert ihr euch nicht mehr, dass ich euch Traume von mir erzahlet habe, deren sich kein Casar, Alexander und Luther schamen darf? Hab' ich nicht um nur an einige zu erinnern Rom gesturmt und mich mit dem Papste und dem Elefantenorden des Kardinal-Kollegiums zugleich duelliert? Bin ich nicht zu Pferde, worauf ich als Revue-Zuschauer gesessen, in ein bataillon quarre eingebrochen und habe in Aachen die Perucke Karls des Grossen, wofur die Stadt jahrlich 10 Rtlr. Frisiergeld zahlt, und darauf in Halberstadt von Gleim Friedrichs Hut erobert und beide aufeinander aufgesetzt und habe mich doch noch umgekehrt, nachdem ich vorher auf einem ersturmten Walle die Kanone gegen den Kanonier selber umgekehrt? Hab' ich nicht mich beschneiden und doch als Jude mich zahlen lassen und mit Schinken bewirten, wiewohls Affenschinken am Orinoko waren (nach Humboldt)? Und tausend dergleichen; denn z.B. den Flatzer Konsistorial-Prasidenten hab' ich aus dem Schlossfenster geworfen Knall- oder Alarmfidibus von Heinrich Backofen in Gotha, das Dutzend zu 6 gr. und jeder wie eine Kanone knallschlagend, hab' ich so ruhig angehort, dass die Fidibus mich nicht einmal aufweckten und mehr.
Doch genug! Es ist Zeit, mit wenigem die Verleumdung meines Feldpredigeramtes, die leider auch in Flatz umlauft, bloss dadurch, wie ein Casar den Alexander, zu zerstauben, dass ich sie beruhre. Es sei daran wahr, was wolle, es ist immer wenig oder nichts. Euer grosser Minister und General in Flatz, vielleicht der grosste uberall denn es gibt nicht viele Schabacker , konnte allerdings, wie jeder grosse Mann, gegen mich eingenommen werden, doch nicht mit dem Geschutz der Wahrheit; denn letzteres stell' ich euch hier her, ihr Herzen, und druckt ihrs nun zu meinem Besten ab! Es laufen namlich im Flatzischen unsinnige Geruchte um, dass ich aus bedeutenden Schlachten Reissaus genommen (so pobelhaft spricht man), und dass nachher, als man Feldprediger zu Dank- und Sieges-Predigten gesucht, nichts zu haben gewesen. Das Lacherliche davon erhellt wohl am besten, wenn ich sage, dass ich in gar keinem Treffen gewesen bin, sondern mehrere Stunden vor demselben mich so viele Meilen ruckwarts dahin gezogen habe, wo mich unsere Leute, sobald sie geschlagen worden, notwendig treffen mussten. Zu keiner Zeit ist der Ruckzug wohl so gut ein guter aber wird fur das Meisterstuck der Kriegskunst gehalten und mit solcher Ordnung, Starke und Sicherheit zu machen als eben vor dem Treffen, wo man ja noch nicht geschlagen ist.
Ich konnte zwar als hoffentlicher Professor der Katechetik zu solchen Verfumfeiungen meines Mutes still sitzen und lacheln denn schmied' ich meine kunftigen Katecheten durch sokratisches Fragen zum Weiter-Fragen zu: so hab' ich sie zu Helden gehartet, da nichts gegen sie zu Felde zieht als Kinder Katecheten durfen ohnehin Feuer furchten, nur Licht nicht, da in unsern Tagen wie in London die Fenster eingeworfen werden, wenn sie nicht erleuchtet sind, anstatt dass es sonst den Volkern mit dem Lichte ging wie den Hunden mit dem Wasser, die, wenn man ihnen lange keines gibt, endlich die Scheu vor dem Wasser bekommen und uberhaupt sauselt fur Katecheten jeder Park lieblicher und wohlriechender als ein schwefelhafter Artilleriepark, und der Kriegsfuss, worauf die Zeit gesetzt wird, ist ihnen der wahre teuflische Pferdefuss der Menschheit.
Aber ich denke anders ordentlich als ware der Patengeist des Taufnamen Attila mehr, als sichs gehort, in mich gefahren, ist mir daran gelegen, immer nur meinen Mut zu beweisen, was ich denn hier wieder mit einigen Zeilen tun will, teuerste Freunde! Ich konnte diese Beweise schon durch blosse Schlusse und gelehrte Zitate fuhren. Z.B. wenn Galen bemerkt, dass Tiere mit grossen Hinterbacken schuchtern sind: so brauch' ich bloss mich umzuwenden und dem Feinde nur den Rucken und was darunter ist zu zeigen, wenn er sehen soll, dass es mir nicht an Tapferkeit fehlt, sondern an Fleisch. Wenn nach bekannten Erfahrungen Fleischspeisen herzhaft machen: so kann ich dartun, dass ich hierin keinem Offizier nachstehe, welcher bei seinem Speisewirt grosse Bratenrechnungen nicht nur machen, sondern auch unsaldiert bestehen lasst, um zu jeder Stunde, sogar bei seinem Feinde selber (dem Wirte), ein offnes Dokument zu haben, dass er das Seinige (und Fremdes dazu) gegessen und gemeines Fleisch auf den Kriegsfuss gesetzt, lebend nicht wie ein anderer von Tapferkeit, sondern fur Tapferkeit. Ebenso wenig hab' ich je als Feldprediger hinter irgendeinem Offizier unter dem Regimente zuruckstehen wollen, der ein Lowe ist und mithin jeden Raub angreift, nur dass er, wie dieser Konig der Tiere, das Feuer furchtet oder der wie Konig Jakob von England, welcher, davonlaufend vor nackten Degen, desto kuhner vor ganz Europa dem sturmenden Luther mit Buch und Feder entgegenschritt, gleichfalls bei ahnlicher Idiosynkrasie sowohl mundlich als schriftlich mit jedem Kriegsheer anbindet. Hier entsinn' ich mich vergnugt eines wackern SousLieutenants, der bei mir beichtete wiewohl er mir noch das Beichtgeld schuldig ist, so wie noch besser seinen Wirtinnen das Sundengeld , welcher in Rucksicht der Herzhaftigkeit vielleicht etwas von jenem indischen Hunde hatte, den Alexander geschenkt bekommen als einen Hunds-Alexander. Der Mazedonier liess zur Probe auf den Wunderhund andere Heldenoder Wappen-Tiere anlaufen erstlich einen Hirschen aber der Hund ruhte; dann eine Sau er ruhte; sogar einen Baren er ruhte; jetzt wollt' ihn Alexander verurteilen, als man endlich einen Lowen einliess; da stand der Hund auf und zerriss den Lowen. Ebenso der Souslieutenant. Ein Duellant, ein Auswarts-Feind, ein Franzose ist ihm nur Hirsch und Sau und Bar, und er bleibt liegen; aber nun komme und klopfe an sein altester starkster Feind, sein Glaubiger, und fodere ihm fur verjahrte Freuden jetziges Schmerzen-Geld ab und woll' ihm so Vergangenheit und Zukunft zugleich abrauben: der Lieutenant fahrt auf und wirft den Glaubiger die Treppe hinab. Leider steh' ich auch erst bei der Sau und werde naturlich verkannt.
Quo sagt Livius XII. 5. mit Recht- quo timoris minus est, eo minus ferme periculi est, oder zu deutsch: je weniger man Furcht hat, desto weniger Gefahr ist fast dabei; ich kehre den Satz ebenso richtig um: je weniger Gefahr, desto kleiner die Furcht; ja es kann Lagen geben, wo man ganz und gar von Furcht nichts weiss worunter meine gehort. Um desto verhasster muss mir jede Afterrede uber Hasenherzigkeit erscheinen.
Ich schicke meiner Ferienreise noch einige Tatsachen voraus, welche beweisen, wie leicht Vorsicht d.h. wenn ein Mensch nicht dem dummen Hamster gleichen will, der sich sogar gegen einen Mann zu Pferde auflehnt fur Feigheit gelte. Ich wunschte ubrigens nur, ich konnte ebenso glucklich einen ganz andern Vorwurf, den eines Waghalses, ablehnen, wiewohl ich doch im Folgenden gute Fakta beizubringen gedenke, die ihn entkraften.
Was hilft der Helden-Arm ohne ein Helden-Auge? Jener wachset leicht taglich starker und nerviger, dieses aber schleift sich nicht so bald wie Glaser scharfer. Indes eben die Verdienste der Vorsicht fallen weniger ins Auge (ja oft mehr ins Lacherliche) als die des Mutes. Wer mich z.B. bei ganz heiterem Himmel mit einem wachstuchenen Regenschirme gehen sieht: dem komm' ich wahrscheinlich so lange lacherlich vor, als er nicht weiss, dass ich ihn als Blitzschirm fuhre, um nicht von einem Wetterstrahl aus blauem Himmel (wovon in der mittlern Geschichte mehr als ein Beispiel steht) getroffen zu werden. Der Blitzschirm ist namlich ganz der Reimarussche; ich trage auf einem langen Spazierstocke das wachstuchene Sturmdach, von dessen Giebel sich eine Goldtresse als Ableitungskette niederzieht, die durch einen Schlussel, den sie auf dem Fusssteig nachschleift, jeden moglichen Blitz leicht uber die ganze Erdflache ableitet und verteilt. Mit diesem Paradonner (paratonnere portatif) in der Hand will ich mich wochenlang ohne die geringste Gefahr unter dem blauen Himmel herumtreiben. Indes deckt diese Taucherglocke noch gegen etwas anderes gegen Kugeln. Denn wer gibt mir im Herbste Schwarz auf Weiss, dass kein versteckter Narr von Jager irgendwo, wenn ich die Natur geniesse und durchstreife, seine Kugelbuchse in einem Winkel von 45 so abdruckt, dass sie im Herunterfallen bloss auf meinem Scheitel aufzuschlagen braucht, damit es so gut ist, als wurd' ich seitwarts ins Gehirn geschossen?
Es ist ohnehin schlimm genug, dass wir nichts gegen den Mond haben, uns zu wehren der uns gegenwartig beschiesst mit Gestein wie ein halber turkischer; denn dieser elende kleine Erd-Trabant und Laufer und valet de fantaisie glaubt in diesen rebellierenden Zeiten auch anfangen zu mussen, seiner grossen Landesmutter etwas zuzuschleudern aus der DavidsHirtentasche. Wahrhaftig, jetzt kann ja ein junger Katechet von Gefuhl nachts mit geraden Gliedern in den Mondschein hinauswandeln, um manches zu empfinden oder zu bedenken, und kann (mitten im Gefuhl erwirft ihn der absurde Satellit) als zerquetschter Brei wieder nach Hause gehen. Bei Gott! uberall Klingenproben des Muts! Hat man muhsam Donnerkeile eingeschmolzen und Kometenschwanze anglisiert: so fuhrt der Feind neues Geschutz im Mond auf oder sonst wo im Blau!
Noch eine Geschichte sei genug, um zu beweisen, wie lacherlich gerade die ernsthafteste Vorsicht bei allem innern Mute oft aussen dem Pobel erscheint. Reiter kennen die Gefahren auf einem durchgehenden Pferde langst. Mein Unstern wollte, dass ich in Wien auf ein Mietpferd zu sitzen kam, das zwar ein schoner Honigschimmel war, aber alt und hartmaulig wie der Satan, so dass die Bestie in der nachsten Gasse mit mir durchging, und zwar leider bloss im Schritte. Kein Halten, kein Lenken schlug an; ich tat endlich auf dem Selbststreitross Notschuss nach Notschuss und schrie: "Haltet auf, ihr Leute, um Gottes Willen aufgehalten, mein Gaul geht durch!" Aber da die einfaltigen Menschen das Pferd so langsam gehen sahen wie den Reichshofrats-Prozess und den ordinaren Postwagen: so konnten sie sich durchaus nicht in die Sache finden, bis ich in heftigster Bewegung wie besessen schrie: "Haltet doch auf, ihr Pinsel und Pensel, seht ihr denn nicht, dass ich die Mahre nicht mehr halten kann?" Jetzt kam den Faulpelzen ein hartmauliges, schrittlings ausziehendes Pferd lacherlich vor halb Wien bekam ich dadurch wie einen BartsternSchwanz hinter meinen Ross-Schweif und Zopf nach Furst Kaunitz, sonst der beste Reiter des Jahrhunderts (des vorigen), hielt an, um mir zu folgen ich selber sass und schwamm als aufrechtes Treib-Eis auf dem Honigschimmel, der in einem fort Schritt fur Schritt durchging ein vieleckiger rockschossiger Brieftrager gab rechts und links seine Briefe in den Stockwerken ab und kam mir stets mit satirischen Gesichtszugen wieder nach, weil der Schimmel zu langsam auszog der Schwanzschleuderer (bekanntlich der Mann, der mit einer zweispannigen Wassertonne uber die Strassen fahrt und sie mit einem drei Ellen langen Schlauch aus einem blechernen Trichter benetzt) fuhr den Hinterbacken meines Pferdes nach und feuchtete wahrend seiner Pflicht jene und mich selber kuhlend an, ob ich gleich kalten Schweiss genug hatte, um keines frischern zu bedurfen ich geriet auf meinem hollischen trojanischen Pferd (nur war ich selber das untergehende Troja, das ritt) nach Matzleinsdorf (einer Wiener Vorstadt), oder warens fur meine gepeinigten Sinne ganz andere Gassen. Endlich musste ich abends spat nach dem Retraiteschuss des Praters im letztern zu meinem Abscheu und gegen alle Polizeigesetze auf dem gesetzlosen Honigschimmel noch herumreiten, und ich hatte vielleicht gar auf ihm ubernachtet, wenn nicht mein Schwager, der Dragoner, mich gesehen und noch fest auf dem durchgegangenen Gaule gefunden hatte. Er machte keine Umstande fing das Vieh tat die lustige Frage: warum ich nicht voltigiert hatte, ob er gleich recht gut weiss, dass dazu ein holzerner Gaul gehort, der steht und holte mich herab und so kamen alle berittene Wesen unberitten und unbeschadigt nach Hause.
Aber nun endlich einmal an meine Reise!
Reise nach Flatz
Ihr wisst, Freunde, dass ich die Reise nach Flatz gerade unter den Ferien machen musste, nicht nur weil Viehmarkt und folglich der Minister und General von Schabacker da war, sondern vornehmlich weil er (wie ich von geheimer Hand sicher hatte) jahrlich den 23. Juli am Abend vor dem Markttage um funf Uhr so voll Gaudium und Gnade sich ausliess, dass er die meisten Menschen weniger anschnauzte als anhorte und erhorte. Die Gaudiums-Ursache vertrau' ich ungern dem Papier. Kurz, ich konnte ihm meine Bittschrift, mich als unschuldig vertriebenen Feldprediger durch eine katechetische Professur zu entschadigen und zu besolden, in keiner bessern Jahrs- und Tags-Zeit uberreichen als abends um 5 Uhr Hundstags-Anfangs. Ich setzte mein Bittschreiben in drei Tagen auf. Da ich weder Konzepte noch Abschriften desselben schonte und zahlte: so war ich bald so weit, dass ich das relativ Beste ganz vollendet vor mir hatte, als ich erschrocken bemerkte, dass ich darin uber dreissig Gedankenstriche in Gedanken hingeschrieben hatte. Leider schiessen diese Stacheln heutzutage, wie aus Wespen-Steissen, unwillkurlich aus gebildeten Federn hervor. Ich warf es zwar lange in mir hin und her, ob ein Privat-Gelehrter sich einem Minister mit Gedankenstrichen nahern durfe so sehr auch dieses ebene Unterstreichen der Gedanken, diese waagrechten Taktstriche poetischer Tonstucke und diese Treppenstricke oder Achillessehnen philosophischer Sehstucke jetzt ebenso allgemein als notig sind ; allein ich musste doch am Ende (da Ausschaben Standespersonen beleidigt) das beste Probstuck wieder umschreiben und mich wieder eine halbe Viertelstunde am Namen Attila Schmelzle qualen, weil ich immer glaube, diesen so wie die Brief-Adresse, die beiden Kardinalgegenden und -punkte der Briefe, nie leserlich genug zu schreiben.
Erste Station von Neusattel nach Vierstadten
Der 22te Juli oder Mittwochs nachmittags um 5 Uhr war von der Postkarte der ordentlichen fahrenden Post selber zu meiner Abreise unwiderruflich anberaumt. Ich hatte also etwa einen halben Tag Zeit, mein Haus zu bestellen, welchem jetzt zwei Nachte und drittehalb Tage hindurch meine Brust als Brustwehr oder Verhack mit meinem Ich abgehen sollte. Sogar mein gutes Weib Bergelchen, wie ich meine Teutoberga nenne, reisete mir unaufhaltsam den 24ten oder Freitags darauf nach, um den Jahrmarkt zu beschauen und zu benutzen; ja sie wollte schon sogleich mit mir auskleine Bedientenstube und publizierte ihr die Hausgesetze und Reichs-Abschiede, die sie nach meinem Abschiede den Tag und die Nacht erstlich vor der Abreise meiner Frau und zweitens nach derselben auf das punktlichste zu befolgen hatten, und alles, was ihnen besonders bei Feuersbrunsten, Diebs-Einbruchen, Donnerwettern und Durchmarschen vorzukehren oblag. Meiner Frau ubergab ich ein Sach-Register des Besten in unserm kleinen Registerschiffe, was sie, im Falle es in Rauch aufginge, zu retten hatte Ich befahl ihr, in sturmischer Nacht (dem eigentlichen Diebs-Wetter) unsere Windharfe ans Fenster zu stellen, damit jeder schlechte Strauchdieb sich einbildete, ich phantasierte harmonisch und wachte; desgleichen den Kettenhund am Tage ins Zimmer zu nehmen, damit er ausschliefe, um nachts munterer zu sein. Ich riet ferner' auf jeden Brennpunkt der Glasscheiben im Stalle, ja auf jedes hingestellte Glas Wasser ihr Auge zu haben, da ich ihr schon ofter die Beispiele erzahlet, dass durch solche zufallige Brennglaser die Sonne ganze Hauser in Brand gesteckt. Auch gab ich ihr die Morgenstunde, wo sie Freitags ab- und mir nachreisen sollte, so wie die Haustafeln scharfer an, die sie vorher dem Gesinde einzuscharfen hatte. Meine liebe kerngesunde, bluhende Honig-Wochnerin Berga antwortete ihrem Flitterwochner, wie es schien, sehr ernsthaft: "Geh nur, Alterchen, es soll alles ganz scharmant geschehen Warest du nur erst voraus, so konnte man doch nach! Das wahrt ja aber Ewigkeiten." Ihr Bruder, mein Schwager, der Dragoner, fur den ich aus Gefalligkeit das Passagiergeld trug, um auf dem Postkissen einen an sich tapfern Degen und Hauinsfeld sozusagen als korperlichen und geistigen Verwandten und Spillmagen vor mir zu haben, dieser zog uber meine Verordnungen (was ich leicht dem Hage- und Kriegsstolzen vergab) sein braunes Gesicht ansehnlich ins Spottische und sagte zuletzt: "Schwester, an deiner Stelle tate ich, was mir beliebte; und dann guckte ich nach, was er auf seinem Reglements-Zettel hatte haben wollen." "O," versetzte ich, "Ungluck kann sich wie ein Skorpion in jede Ecke verkriechen; ich mochte sagen, wir sind den Kindern gleich, die am schon bemalten Kastchen schnell den Schieber aufreissen, und heraus fahrt eine Maus, die hackt" "Maus, Maus, Raus, Raus!" (versetzte er, auf und nieder trabend) "Herr Schwager, aber es ist funf Uhr; und Sie werden schon finden, wenn Sie wiederkommen, dass alles so aussieht wie heute, die Hunde wie die Hunde und meine Schwester wie eine hubsche Frau: allons donc!" Er war eigentlich schuld, dass ich aus Besorgnis seines Missdeutens nicht vorher eine Art von Testament gemacht.
Ich packte noch entgegengesetzte Arzneien, sowohl temperierende als erhitzende, gegen zwei Moglichkeiten ein ferner meine alten Schienen gegen Arm- und Beinbruche bei Wagen-Umsturzen und (aus Vorsicht) noch einmal so viel Geld-Wechsel, als ich eigentlich notig hatte. Nur wunschte ich dabei wegen der Misslichkeit des Aufbewahrens, ich war' ein Affe mit Backentaschen oder ein Beuteltier, damit ich in mehr sichere und empfindungsvolle Taschen und Beutel solche Lebens-Pretiosen verschanzte. Rasieren lasse ich mich sonst stets vor Abreisen aus Misstrauen gegen fremde mordsuchtige Bartputzer; aber diesmal behielt ich den Bart bei, weil er doch unterwegs, auch geschoren, so reich wieder getrieben hatte, dass mit ihm vor keinem Minister ware zu erscheinen gewesen.
Ich warf mich heftig ans Kraft-Herz meiner Berga an und riss mich noch heftiger ab, aber sie schien uber unsere erste Ehe-Trennung weniger in Jammer als in Jubel zu sein, viel weniger besturzt als seelenvergnugt, bloss weil sie auf das Scheiden nicht halb so sehr als auf das Wiedersehen und Nachreisen und die Jahrmarkts-Schau ihr Augenmerk hatte; doch warf und hing sie sich an meinen etwas dunnen und langen Hals und Korper fast schmerzhaft als eine zu fleischige derbe Last und sagte: "Fege nur frisch davon, mein scharmanter Attel (Attila) und mache dir unterwegs keine Gedanken, du aparter Mensch! Haben wir denn zu klagen? Einen oder ein Paar Puffe halten wir mit Gottes Hulfe schon aus, solange mein Vater kein Bettelmann ist Und dir aber, Franz," fuhr sie gegen ihren Bruder ordentlich zornig fort, "bind' ich meinen Attel auf die Seele, du weisst recht gut, du wuste Fliege, was ich tue, wenn du ein Narr bist und ihn wo im Stiche lassest." Ich verzieh ihr hier manches Gut-Gemeinte; und euch Freunden ist ihr Reichtum und ihre Freigebigkeit auch nichts Neues.
Geruhrt sagt' ich: "Nun, Berga, gibts ein Wiedersehen fur uns, so ists gewiss entweder im Himmel oder in Flatz, und ich hoffe zu Gott, das letztere." Stracks gings rustig davon. Ich sah mich durch das Kutschen-Ruckfenster um nach meinem guten Stadtchen Neusattel; und es kam mir geruhrt vor, als richte sich dessen Turmspitze ordentlich als ein Epitaphium uber meinem Leben oder meinem vielleicht tot zuruckreisenden Leichnam in die Hohe; wie wird alles sein, dacht' ich, wenn du nun endlich nach zwei oder drei Tagen wiederkommst? Jetzt sah ich mein Bergelchen uns aus dem Mansardenfenster nachschauen; ich legte mich weit aus dem Kutschenschlage hinaus, und ihr Falkenauge erkannte sofort meinen Kopf; Kusse uber Kusse warf sie mir mit beiden Handen herab, dem ins Tal rollenden Wagen nach. "Du herziges Weib," dacht' ich, "wie machst du deine niedrige Geburt durch die geistige Wiedergeburt vergesslich, ja merkwurdig!"
Freilich das Postkutschen-Gelag und Pickenick wollte mir weniger schmecken; lauter verdachtiges, unbekanntes Gesindel, welches (wie gewohnlich die Markte tun) der Flatzer durch seine Witterung einlockte. Ungern werd' ich Unbekannten ein Bekannter; aber mein Schwager, der Dragoner, war, wie immer, schon mit allem, mit Himmel und Holle herausgeplatzt. Neben mir sass eine hochst wahrscheinliche Hure Auf ihrem Schosse ein Zwerg, der sich auf dem Jahrmarkte wollte sehen lassen Mir gegenuber blickte ein Kammerjager mich an Und unten im Tale stieg noch ein blinder Passagier mit einem roten Mantel ein. Mir gefiel gar niemand, ausgenommen mein Schwager. Ob nicht die Hure meine Bekanntschaft zu einer eidlichen Angabe benutzen, ob nicht Spitzbuben unter den Passagieren mich und meine Eigenheiten und Zufalle studieren wurden, um auf der Tortur mich in ihre Bande zu flechten dafur konnte sich mir niemand verpfanden. An fremden Orten schau' ich schon ungern und aus Vorsicht an irgendein Kerkergitter lange empor, weil ein schlechter Kerl darhinter sitzen kann, der eilig herunterschreiet aus blosser Bosheit: "Drunten steht mein Spiesskamerad, der Schmelzle!" oder auch weil ein vernagelter Scherge sich denken kann, ich suchte meinen Konfoderierten oben zu entsetzen. Aus einer wenig davon verschiedenen Vorsicht dreh' ich mich daher niemals um, wenn ein Star mir nachruft: Dieb!
Was den Zwerg selber anlangt, so konnt' er meinetwegen mitfahren, wohin er wollte; aber er glaubte ein besonderes Frohleben in uns zu bringen' wenn er uns verhiesse, dass sein Pollux und Amtsbruder, ein seltener Riese, der ebenfalls der Messe zur Anschau zuzog, gegen Mitternacht uns unfehlbar mit seinem Elefanten-Schritte nachkommen und sich einsetzen oder hintenaufstellen wurde. Beide Narren beziehen namlich gemeinschaftlich die Messen als gegenseitige Messhelfer zu entgegengesetzten Grossen: der Zwerg ist das erhabne Vergrosserungsglas des Riesen, der Riese das hohle Verkleinerungsglas des Zwergs. Niemand bezeugte grosse Freude an der Aussicht der Nachkunft des Mas-Kopisten des Zwergs, ausgenommen mein Schwager, der (ist das Wortspiel erlaubt) wie eine Uhr bloss zum Schlagen gemacht zu sein glaubt und mir wirklich sagte: "Konn' er einmal oben in der ewigen Seligkeit keine Seele zuweilen wamsen und koram nehmen, so fahr' er lieber in die Holle, wo gewiss des Guten und der Handel eher zu viel sein werden." Der Kammerjager im Postwagen hatte, ausserdem schon, dass uns niemand sehr einnimmt, der bloss vom Vergiften lebt, wie dieser Freund Hein der Ratten und diese Mause-Parze, und dass ein solcher Kerl, was noch schlimmer, sogleich ein Mehrer des Ungeziefer-Reichs zu werden droht, sobald er nicht dessen Minderer sein darf dieser hatte uberhaupt so viel Fatales an sich, zuerst den Stechblick wie eines Stiletts dann das hagere scharfe Knochen-Gesicht in Verbindung mit seinem Vorrechnen seines ansehnlichen Gift-Sortiments dann (denn ich hasste ihn immer heisser) seine geheime Stille, sein geheimes Lacheln, als seh' er in irgendeiner Schlupf-Ecke eine Maus, ahnlich einem Menschen Wahrlich mir, der ich sonst ganz andern Leuten stehe, kam endlich sein Rachen als eine Hunds-Grotte vor, seine Backenknochen als Untiefen und Klippen, sein heisser Atem als Kalzinier-Ofen und die schwarzhaarige Brust als Welk- und Darr-Ofen
Ich hatte mich auch glaub' ich nicht viel versehen; denn bald darauf fing er an, der Gesellschaft, worin ein Zwerg und ein Madchen war, ganz kalt zu berichten, er habe schon zehn Leiber mit dem Dolch nicht ohne Lust durchstossen habe gemachlich ein Dutzend Menschen-Arme abgehauen, vier Kopfe langsam gespalten, zwei Herzen ausgerissen und mehr dergleichen und keiner davon, sonst Leute von Mut, hab' ihm im geringsten widerstanden "Aber warum?" setzt' er giftig hinzu und nahm den Hut vom hasslichen Glatzkopf, " ich bin unverwundbar. Wer von der Gesellschaft will, lege auf meiner Glatze so viel Feuer an, als er will, ich lass' es ausbrennen."
Mein Schwager, der Dragoner, setzte sogleich einen brennenden Tabaksschwamm auf den Schadel, aber der Jager stand es so ruhig aus, als war' es ein kalter Brand, und er und der Dragoner sahen einander wartend an, und jeder lachelte sehr narrisch "es tue ihm bloss sanft", sagt' er, "wie eine gute Frostsalbe, denn dies sei uberhaupt die Winterseite an seinem Leibe." Hier griff mein Schwager ein wenig auf dem nackten Schadel umher und rief verwundert: "er fuhle sich so kalt an wie eine Kniescheibe." Nun hob der Kerl auf einmal nach einigen Vorrustungen zu unserem Entsetzen den Viertels-Schadel ab und hielt ihn uns hin, sagend: "er habe ihn einem Morder abgesagt, als ihm zufallig der eigne eingeschlagen gewesen"; und erklarte nun, dass man das erzahlte Durchstechen und Arm-Abhauen mehr als Scherz zu nehmen habe, indem ers lediglich getan als Famulus auf dem anatomischen Theater. Inzwischen wollte der Scherztreiber doch keinem von uns sehr schmecken und zu Hals, so dass ich, als er den Kapselkopf, den Reprasentations-Schadel, wieder aufsetzte, schweigend dachte: diese Mistbeet-Glocke hat gewiss nur den Ort, nicht die Gift-Zwiebel verandert, die sie zudeckt.
Am Ende wurde mirs uberhaupt verdachtig, dass er so wie samtliche Gesellschaft (auch der blinde Passagier) gerade demselben Flatz zuschifften, wohin ich selber gedachte; besonderes Gluck brauchte ich mir davon nicht zu versprechen; und mir ware in der Tat das Umkehren so lieb gewesen als das Fortfahren, hatt' ich nicht lieber der Zukunft getrotzt.
Ich komme endlich auch auf den rot gemantelten blinden Passagier, wahrscheinlich ein Emigre, oder ein Refugie (denn er spricht das Deutsche nicht schlechter als das Franzosische), entweder namens Jean Pierre oder Jean Paul ungefahr oder ganz namenlos. Sein roter Mantel ware mir ungeachtet dieser Farbenverschmelzung mit dem Scharfrichter der in vielen Gegenden trefflich Angstmann heisst an sich herzlich gleichgultig geblieben, ware nicht der besondere Umstand eingetreten, dass er mir schon funfmal in funf Stadten (im grossen Berlin, im kleinen Hof, Koburg, Meiningen und Baireuth) wider alle Wahrscheinlichkeit aufgestossen, wobei er mich jedesmal bedeutend genug angesehen und dann seines Wegs gegangen. Ob er mir feindlich nachsetzt oder nicht, weiss ich nicht; nur ist auf alle Falle der Phantasie kein Objekt erfreulich, das mit Observations-Corps oder aus Schiessscharten vielleicht mit Flinten halt und zielt, die es jahrelang bewegt, ohne dass man weiss, in welchem es abdruckt. Noch anstossiger wurde mir der Rotmantel dadurch, dass er auffallend seine weiche Seelenmilde pries; dies schien beinah auf Ausholen oder Sichermachen zu deuten. Ich erwiderte: "Mein Herr, ich komme eben, wie hier mein Schwager, vom Schlachtfeld her (die letzte Affare war bei Pimpelstadt) und stimme vielleicht deshalb zu stark fur Mark-Kraft, Brust-Sturm, Stoss-Glut, und es mag fur manchen, der eine brausende Wasserhose, eigentlich Landhose von Herz hat, gut sein, wenn seine geistliche Lage (ich bin darin) ihn mehr mildert als wildert. Indes gehort jeder Milde ihr eisernes Schrankengitter. Fallt mich irgendein unbesonnener Hund bedeutend an, so tret' ich ihn freilich im ersten Zorn entzwei, und nachher hinter mir treibts mein guter Schwager vielleicht noch zweimal weiter, denn er ist der Mann dazu. Vielleicht ists Eigenheit, aber ich beklag's (gesteh' ich) noch heute, dass ich als Knabe einmal einem anderen Knaben drei erhaltene Ohrfeigen nicht derb zuruckgereicht, und mir ist oft, als musst' ich sie seinen Enkeln nachzahlen. Wahrlich, wenn ich auch nur einen Jungen vor den schwachen Kraften eines ahnlichen Jungen feig entlaufen sehe, so kann ich das Laufen nicht fassen und will ihn ordentlich durch einen Machtschlag erretten." Der Passagier lachelte, indes nicht zum besten. Er gab sich zwar fur einen Legations-Rat aus und schien Fuchs genug dazu zu sein, aber ein tollgewordener Fuchs beisst mich am Ende so wasserscheu als ein toller Wolf. Ubrigens fuhr ich unbekummert mit meinem Anpreisen des Mutes fort, nur dass ich absichtlich statt des lacherlichen Bramarbasierens, welches gerade den Feigen recht verrat, fest, still, klar sprach. "Ich bin", sagt' ich, "bloss fur Montaignes Rat: man trage nur Furcht vor der Furcht."
"Ich wurde" (versetzte der Legationsmann unnutz spitzfundig) "wieder furchten, dass ich mich nicht genug vor der Furcht furchtete, sondern zu feig bliebe."
"Auch dieser Furcht", erwidert' ich kalt, "steck' ich Grenzen. Ein Mann kann z.B. nicht im geringsten Gespenster glauben und furchten; gleichwohl kann er nachts sich in Todesschweiss baden, und zwar bloss vor Angst, wie sehr er sich entsetzen wurde (besonders mit welchen Nachwehen von Schlagflussen, fallenden Suchten u.s.w.), falls nichts als bloss seine so lebhafte Phantasie irgendein Fieber- und Vexierbild vor ihn in die Lufte hineinhinge." "Man sollte daher", fiel mein Schwager, wider Gewohnheit moralisierend, ein, "das so arme Schaf von Mann auch gar mit keinem Geister-Spuk foppen, der Hase kann ja auf der Stelle auf dem Platze bleiben."
Ein lautes Gewitter, das dem Postwagen nachfuhr, veranderte den Diskurs. Ihr, Freunde, erratet wohl alle da ihr mich nicht als einen Mann ohne alle Physik kennen lernen meine Massregeln gegen Gewitter: ich setze mich namlich auf einen Sessel mitten in der Stube (oft bleib' ich bei bedenklichem Gewolk ganze Nachte auf ihm) und decke mich durch mein Reinigen von allen Leitern, Ringen, Schnallen etc. etc., und durch mein Absitzen von allen Blitzabsprungen immer so, dass ich kaltblutig die Spharen-Musik der Donner-Pauke vernehme. Diese Vorsicht hat mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe; und ich wunsche mir noch heute Gluck, dass ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich tags vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres und ohne vorher das Abendmahl zu nehmen, ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein schweres Gewitter (was wirklich in die KirchhofsLinde einschlug) daruberstand; ich kam auch sogleich nach der Entladung der Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche zuruck und war so glucklich, noch hinter dem Henker (als dem letzten) zu kommen und das Liebesmahl zu geniessen.
So denk' ich fur meine Person; aber im vollen Postwagen traf ich Menschen, denen Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter sich furchterlich uber unserem Kutschenhimmel versammelten und prasselnde Feuerklumpen, als warens Johanniswurmchen, im Himmel umherspielten; und als ich endlich ersuchen musste, das schwitzende Post-Konklave mochte nur wenigstens Uhren, Ringe, Gelder und dergleichen zusammenwerfen, etwa in die Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter am Leibe hatte: so tats nicht nur keiner, sondern mein eigner Schwager, der Dragoner, stieg gar mit gezognem nacktem Degen auf den Bock hinaus und schwur, er leite ab. Ich weiss nicht, war der desperate Mensch ein gescheuter oder keiner; kurz unsere Lage war furchterlich, und jeder konnte ein gelieferter Mann sein. Zuletzt bekam ich gar einen halben Zank mit zweien von der rohen Menschenfracht der Kutsche, dem Vergifter und der Hure, weil sie fragend fast zu verstehen gaben, ich hatte vielleicht bei dem angepriesenen Pretiosen-Pickenick nicht die ehrlichsten Anschlage gehabt. So etwas verwundet die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte es nun starker als oben; dennoch musst' ich den ganzen notigen Erbitterungs-Wortwechsel so leise und langsam als moglich fuhren und haderte sanft, damit nicht am Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche in Hitze und Schweiss geriete und in unsere Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdunstungen durch den Kutschenhimmel herabfahren liesse. Zuletzt setzt' ich der Gesellschaft das ganze elektrische Kapitel deutlich, aber leise und langsam ich wollte nicht ausdampfen auseinander; und suchte besonders von der Furcht abzuschrecken. Denn in der Tat vor Furcht konnte jeden der Schlag ja ein doppelter, mit dem elektrischen ein apoplektischer treffen, da aus Erxleben und Reimarus genug bewiesen ist, dass starkes Furchten durch Dunsten den Strahl zulockt; ich stellte daher in ordentlicher Angst vor meiner und fremder Furcht den Passagieren vor: dass sie jetzt durchaus bei unserer schwulen Menge, bei dem die Blitze spiessenden Degen auf dem Kutschbock und bei dem Uberhang der Wetterwolke und selber bei so vielen Ausdunstungen anfangender Furcht, kurz bei so augenscheinlicher Gefahr nichts furchten durften, wollten sie nicht samt und sonders erschlagen sein. "O Gott!" rief ich, "nur Mut! Keine Furcht! Nicht einmal Furcht vor der Furcht! Wollen wir denn, als zusammengetriebene Hasen hier sesshaft, von unserem Herrgott erschossen sein? Furchte sich meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche heraus ist, nach Belieben an andern Orten, wo weniger zu befurchten ist, nur aber nicht hier!"
Ich kann nicht entscheiden da unter Millionen kaum ein Mensch an der Gewitterwolke stirbt, aber vielleicht Millionen an Schnee und Regenwolken und dunnen Nebeln , ob meine Kutschen-Predigt Anspruch auf Menschen-Rettungs-Preise zu machen hatte, als wir samtlich unbeschadigt einem Regenbogen entgegen in das Stadtchen Vierstadten einfuhren, wo ein Posthalter in der einzigen Gasse wohnte, die der Ort hatte.
Zweite Station von Vierstadten nach Niederschona
Der Posthalter war ein grober Patron und ein Schlager; eine Gattung von Menschen, die ich unaussprechlich hasse, weil meine Phantasie mir immer vorspiegelt, ich konnte vielleicht aus Zufall oder wider Willen ihnen ein recht hohnisches und impertinentes Gesicht schneiden und mir solche Gesellen auf den Hals hetzen, und darauf spur' ich schon Ziehen von Mienen. Zum Glucke konnt' ich diesmal (gesetzt, ich hatte ein Fehl-Gesicht geschnitten) mich mit meinem Schwager, dem Dragoner, bewaffnen, fur dessen Riesenmacht dergleichen ein Leckerbissen ist. Denn er kann zum Beispiel vor keinem Wirtshause, worin eine Schlagerei laut wird, vorbeigehen, ohne hineinzutreten und sogleich unter der Ture zu schreien: "Macht Friede, ihr Hunde!"; darauf unter seinem Schein von Friedens-Deputation nimmt er ohne Verzug, als war' es eine amerikanische Friedenspfeife, das nachste Stuhlbein in die Hand und deckt damit das schlagende Personale hinuber und heruber zu, oder er nahert die harten Kopfe der Parteien (er schlagt sich zu keiner) einander mit Gewalt, indem er in jede Hand einen am Hinterhaupte fasst; dann ist der Kauz im Himmel.
Ich fur meine Person vermeide diskrepante Zirkel mehr, als dass ich sie aufsuche, so wie auch jeden toten oder totgemachten Menschen; der vorsichtige Mann sieht leicht voraus, was davon zu holen ist, entweder verdriessliches und missliches Zeugschaft-Geben oder oft gar (wenn die Umstande sich verschworen) peinliches Nachfragen uber Mitschuld.
In Vierstadten stiess mir nichts von Wichtigkeit auf als zu meinem Grausen ein Hund ohne Schwanz, der durch die Stadt oder Gasse lief. Ich zeigte erbittert im ersten Feuer den Passagieren den Hund und legte ihnen die Frage vor: ob sie denn eine medizinische Polizei fur trefflich bestellt ansahen, welche wie die Vierstadter es zuliesse, dass Hunde offentlich herumsprangen, denen der Schwanz fehlte. "An was", sagt' ich, "halt' ich mich denn, wenn dieser weggeschnitten und mir jede solche Bestie entgegenrennen und ich weder aus dem eingezogenen noch aufgerichteten Schwanze, da der ganze weggehackt ist, einen Schluss ziehen kann, ob das Vieh toll ist oder nicht? So wird der gescheuteste Mann wutig und gebissen und scheitert bloss aus Mangel eines Schweif-Kompasses." Der nachkommende blinde Passagier (er liess sich jetzt als sehender einschreiben, Gott weiss zu welchen Endzwecken) spann vor mir meinen eignen Satz, dem er zugehoret, fast bis ins Komische aus und erregte zuletzt in mir den Verdacht, er mache durch eine, aber sehr starke Schmeichelnachahmung meines Sprechstils Jagd auf mich: "Der Hundsschwanz", sagt' er, "ist wohl fur uns Alarmstange und Irrenanstalt, damit man in keine komme, gleichsam die aussern Vorposten der Wut man schneide den Kometen den Schwanz, den Bassen den Rossschweif, den Krebsen den ihrigen (denn ausgestreckter bedeutet krepierte) ab: so ist man in den gefahrlichen Angelegenheiten des Lebens ohne Leitseil, ohne Avertisseur, ohne Hand in margine und man kommt um, ohne vorher zu wissen wie."
Ubrigens lief diese Station ohne Zank und Not voruber. Alles schlief gegen 10 Uhr ein, sogar der Postillon, ausser ich. Ich stellte mich zwar schlafend, um zu beobachten, wer sich etwa aus guten Grunden nur schlafend stelle; aber alles schnarchte fort, der Mond warf seine verklarenden Strahlen nur auf herabgesunkne Augenlider.
Herrlich konnt' ich jetzt Lavaters Rat befolgen, an Schlafende vorzuglich die physiognomische Elle anzusetzen, weil der Schlaf wie der Tod die echte Form grober auspragt. Andere Schlafer ausserhalb der Postkutsche wurd' ich mit gedachter Elle weniger auszumessen raten, immer in einiger Besorgnis bleibend, dass etwa ein Kerl, der sich nur schlafend stellte, sogleich als ich nahe genug stande, wie im Traume aufsprange und dem physiognomischen Messkunstler in die eigne Gesichtsbildung einen so hinterlistigen Fauststreich versetzte, dass sie in keinem physiognomischen Fragmente, weil sie selber eines geworden, mehr florieren konnte, weder in punktierter Manier noch in geschabter. Und kann denn nicht der ehrlichste Schlafer von der Welt, eben wahrend ihr uber dessen physiognomische Leichen-Offnung her seid, losschlagen, von der Ehre in einem Prugel-Traume angehetzt, und euch vielleicht mit wenigen Handgriffen und Fusstritten in einen viel ewigem Schlaf einwiegen, als der gewesen, woraus er aufgefahren?
In meinem sogenannten silhouettierenden Schattenspiele kommt der Gesichter-Inhalt der schlafenden Postkutsche selber vor; erst darin werde ich euch breit belegen, warum mir der Gifttrager mit der Mord-Kuppel teuflisch erschienen der Zwerg alt-kindisch die Hure matt und schlaff-frech mein Schwager ruhiggesattigt von Rache oder von Essen der LegationsRat Jean Pierre aber, Gott weiss warum, als ein halber Engel, wiewohl er sich denken lasst, der halbe Engel, da nur der schone Korper, nicht die andere, im Schlaf vergangene Halfte, die Seele, vor mir wirkte.
Beinahe vergass' ichs, dass ich doch in einem Dorfchen, wahrend beide Schwager, der Dragoner und der Postillon, tranken, eine kleine Furcht glucklich bestanden, weil das Schicksal zweimal auf meiner Seite gewesen. Ich sah unweit eines Jagdschlosses neben einem schonen Baumklumpen eine weisse Tafel mit schwarzer Inschrift schimmern. Dies liess mich hoffen, dass mich dort ein kleines Sarg-Kunstwerk, ein EhrenPfahl, irgend ein Treff-, Zier- und Spiess-Dank fur einen Toten erwarte. Auf einem unbetretenen blumigen Gewinde gelang' ich vor dem Schwarz auf Weiss an und lese im Mondschein mit Entsetzen: "Jedermann wird hier vor dem Selbstschuss gewarnt!" So stand ich also vielleicht einen Fusszehen-Nagel breit von dem Buchsenhahn, womit ich, wenn ich die Ferse ruckte, mich selber als einen verblufften Stocknarren und Ladstock in die andere Welt unter die Seligen hineinschoss. Ich suchte vor allen Dingen mich mit den Fussnageln in den Boden wie einzubeissen und einzufressen weil ich wenigstens so lange am holden Leben bleiben konnte, als ich mich fest pflockte neben der daliegenden Atropos-Schere und Henkersbuhne ; darauf wunscht' ich mich zu entsinnen, auf welchen Steigen der Teufel mich unerschossen herbeigefuhrt. Aber vor Angst hatt' ich alles ausgeschwitzt und wusste gar nichts im nahen Mollendorf war kein Hund zu ersehen und zu erschreien, der mich etwa aus dem Wasser hatte holen konnen, und die beiden Schwager soffen selig. Indes ich fasste Mut und Entschluss schrieb auf einem Pergamentblatte meinen letzten Willen so wie meine zufallige Sterbart nieder und meinen Todesdank ans Bergelchen und flog dann mit vollen Segeln auf geradewohl und geradeaus den kurzesten Weg hindurch, unter der Voraussetzung, mich bei jedem Schritte niederzuschiessen und mir so mit eigner Hand auf mein noch langes Lebenslicht den Bonsoir oder Lichttoter zu setzen. Aber ohne Schuss kam ich an.
In der Schenke lachte freilich mehr als ein Narr uber mich, weil, was nur ein Narr wissen konnte, die Warnungstafel schon seit 10 Jahren ohne Schusse dageblieben, wie oft diese ohne jene.
So aber stehts, ihr Freunde, mit unserer Jagdpolizei, die gegen alles warnt, nur nicht gegen Warnungstafeln.
Ubrigens hatt' ich fast auf der ganzen Station leichte Handel mit dem Postillon, weil er nicht von Viertelstunde zu Viertelstunde halten wollte, wenn ich ausstieg, um zu pissen. Leider sind freilich von Postknechten keine Urinpropheten zu erwarten, da so selten Gelehrte aus Hallers grosser Physiologie es wissen, dass Aufschieben der gedachten Sache teuflisches Steingut niederschlagt und zuletzt den Inhaber selber, weil diese Steingrube seltener der Blasensteinschneider als der Tod mit einem Grabe schliesst. Hatten Postknechte gelesen, dass Tycho de Brahe wie eine Bombe am Zerspringen starb: sie hielten lieber an; sie fanden bei solchen mir so unerwarteten Kenntnissen es vernunftig, dass ein Mann seinen Leichen-Stein zwar einmal auf sich, aber nicht in sich tragen will. Bin ich denn nicht sogar in Weimar oft aus den langsten Abschieds-Auftritten Schillers mit Tranen in den Augen hinausgelaufen, bloss um, wahrend seine Minerva mich im ganzen erweichte, nicht von deren Medusenkopf auf der Brust partiell versteinert zu werden? Und kam ich nicht ins weinende Komodienhaus zuruck und fiel munterer in die allgemeine Ruhrung ein, weil ich dann nichts mehr zu erleichtern brauchte als mein Herz?
Sehr im Finstern kamen wir in Niederschona an.
Dritte Station von Niederschona nach Flatz
Als ich am Posthause, mit dem Auge auf meinen Mantelsack geheftet, in Gedanken dastehe: schmettert und schnaubt ein Vieh von Nachtwachter mir so nahe und unversehends mit seiner Nacht-Tuba ins Ohr, dass ich ordentlich zuruckspringe, ich, den schon jede heftig-schnelle Anrede verdriesst. Gibts denn keine medizinische Polizei gegen solche geblasene StundenLarmfidibus und Larm-Kanonen, durch welche doch keine knallenden entbehrlich werden? Eigentlich sollte niemand mit dem Nachtwachter-Horne investieret werden als ein vernunftiger Mann, der sich schon einen Bruch geblasen oder gehoben hatte und der imstande ware, seinen Stunden-Vers so leise abzusingen, dass man nichts horte.
Was ich langst erwartet und der Zwerg vorausgesagt, traf jetzt ein: aus der hohen Posthaus-Pforte trat, tief sich buckend, der Riese heraus und hob im Freien eine unvernunftig grosse Statur und Dito-Kopf mit der ellenhohen Mutze und Feder empor; mein Schwager ihm zur Seite schien nur sein vierzehnjahriger Sohn zu sein und der Zwerg gar sein auf zwei Beinen aufwartendes Schosshundchen. "Lieber Freund," sagte mein neckender Schwager, der ihn an mich und die Postkutsche geleitete, "steig' Er ruhig ein, wir machen Ihm samtlich gern Platz. Kremp' Er sich nur recht zusammen, und leg' Er den Kopf aufs Knie: so gehts." Der unnutze Necker hatte so gern den fast einfaltigen Giganten dem ers bald abgemerkt, dass dessen Gehirn kein schlauer Gast, sondern die negative Grosse seines Rumpfes war unter uns im bangen Postschrank und Notstall vor sich gesehen, zu einem Giesspuckel eingeknullt und krumm geschlossen. "Giht doch nit! Giht gar nit!" sagte der Riese, als er hineinsah. "Der Herr Soldat wissen vielleicht nicht," versetzte der Zwerg, "wie gross ein Riese ist; und Er denken, weil Ich hineingehe Aber das ist ein anderes Loch Ich will uberall hineinpassen, man sage mir nur wo"
Kurz es war kein Ausweg fur den Postmeister und den Riesen, als dass sich dieser hinten auf das Passagier-Warenlager stellte und setzte, sich als eine Tranenweide heruberbeugend uber den ganzen Kutschenkasten. Mich selber konnte ein solcher Ruckenwind und Ruckhalt nicht ausserordentlich ergotzen; und ich traue (hoff' ich) jedem von euch, ihr Freunde, zu, dass er hinter einem solchen Rucken-Dekret so gut und so hell wie ich uberschlagen hatte, was ein Kerl und Riese hinter ihm, ein Nach-Fahrer in allerlei Sinne, etwa Mordendes probieren konne, es sei nun, dass er durch das Ruckenfenster des Wagens einbrache und angreife oder sich uberhaupt mit Titanen-Macht oben uber den Kutschenhimmel hermache. Indes fing der oben mit gekreuzten Armen auf dem Kasten liegende Elefant der aber von seinem Gleichnis mehr die druckende Masse als das fliegende Geistes-Licht zu haben schien bald zu schlafen und zu schnarchen an; ein Elefant, wovon (wie ich immer froher einsah) mein Schwager, der Dragoner, leicht der Kornak und Bandiger sein konnte, ja schon gewesen war.
Da jetzt mehr als eine Person schlafen wollte (mit Recht), ich hingegen wachen: so bot ich gern meinen Fahr-Ehrensitz, den Vordersitz, (auch um manchen Neid der Passagiere zu tilgen) solchen Personen an, die auf ihm ein wenig schlummern wollten. Der Legationsmann ergriff das Anerbieten und den Lehn-Polster mit Hast und entschlief an der Rucklehne des Titans hinter ihm. Etwas unbegreiflich blieb mir dergleichen Post-Schlaf von einem diplomatischen Charge d'affaires. Ein Mann, der so mitten unter einer blutfremden, oft blutdurstigen Genossenschaft entschlaft, kann ja, wenn er im Schlummer und Wagen spricht (denkt nur alle an den sachsischen Minister vor dem siebenjahrigen Kriege!), hundert Geheimnisse, tausend Schandtaten herausstossen, die er kaum verubt hat. Sollte nicht jedem Minister, Gesandten oder andern Mann von Ehre und Stand ordentlich grausen vor Tollwerden oder hitzigen Fiebern, da ihm kein Mensch dafur steht, dass er nicht darin mit den grossten Skandalen herausfahrt, wovon vielleicht die Halfte Lugen sind?
Endlich nach der langen Julius-Nacht kamen wir Passagiere samt der Aurora vor Flatz an. Ich sah scharf und weich nach den Turmspitzen; ich glaube, dass jeder Mensch, der in einer Stadt etwas Entscheidendes zu suchen hat, und dem sie entweder ein Richtplatz seiner Hoffnungen oder deren Ankerplatz, entweder Schlacht- oder Zuckerfeld wird, sein Auge am ersten und langsten auf die Turme der Stadt als auf die Zeigefinger und Zungelchen seiner Zukunftswaage heftet; gleichsam architektonische Berge, welche, wie die naturlichen, die Thronen unserer Zukunft sind. Als ich mich damit zu dichterisch gegen Jean Pierre herausliess, so antwortete er geschmacklos genug: "Die Turme solcher Stadte sind ja die Alpenspitzen, worauf wir den Alpenkase unserer Zukunft suchen und melken." Wollte der Legations-Peter mit diesem Stile mich lacherlich machen oder nur sich? Entscheidet!
"Hier ist der Ort, die Stadt," sagt' ich heimlich zu mir, "wo heute viel und uber Zukunfte entschieden wird, wo du diesen Abend um funf Uhr deine Bittschrift und halb dich selber ubergibst; geh' es doch gut! Geh' es herrlich! Werde Flatz, dieser Waffenplatz deiner kleinen Bestrebungen, zugleich die Baustelle von Lust- und Luft-Schlossern zweier Herzen, des deinigen und des weiblichen!"
Im Gasthofe zum Tiger stieg ich ab.
Erster Tag in Flatz
Kein Mensch wird sich anfangs in meiner Tigerhotels-Lage stark enthusiasmieren uber die nachsten Aussichten. Ich als der einzige mir bekannte Mensch, besonders von der Seite der Liebe (vom abgehenden Dragoner nachher!), sah aus den Fenstern des mit Marktgasten sich vollstopfenden Gasthofs heraus und auf das Nachstromen des Marktheeres hernieder und konnte sehr bald bedenken, dass eigentlich niemand als Gott und die Spitzbuben und Morder genau wussten, wieviel von beiden letztern darunter mit einschwammen, um vielleicht die unschuldigsten Marktgaste teils zu enthulsen, teils zu enthalsen. Meine Lage hatte etwas gegen sich mein Schwager hatte, weil er alles blind herausschlagt, es fallen lassen, dass ich im Tiger abstiege (o Gott, wann lernen solche Menschen geheimnisreich bleiben und auch den elendesten Bettel des Lebens unter Deckmanteln und Schleiern bloss deshalb zu tragen, weil so oft eine lausige Maus einen Eis- und Golgatha-Berg gebiert als ein Berg eine Maus?) Samtliches Post-Gesindel sass samtlich im Tiger ab die Hure der Kammerjager Jean Pierre der Riese, der schon am Stadttore ausstieg und den Grosskopf des Zwergs als eignen Kopf durch Mantel-Bemantelung uber die Strassen trug, damit er um einen halben Zwerg gratis riesenhafter erschiene, als er eigentlich fur Geld zu sehen war.
Es kam nun auf jeden ausgestiegenen Passagier an, ob er zum Tiger, dem Wappentiere des Gasthofs, den Prototypus machen und welches Lamm er dann fressen, aussaugen, abrupfen wollte. Auch mein Schwager verliess mich, um einem Rosstauscher nachzuziehen, behielt aber fur seine Schwester sein Zimmer neben meinem; dies sollte, wie es schien, Aufmerksamkeit fur sie verraten. Ich blieb einsam meiner Tatkraft uberlassen. Gleichwohl dacht' ich unter so vielen Spitzbuben, die mich umzingelten, wenn nicht gar belagerten, warm an eine ferne, redliche Seele, an meine Berga in Neusattel, ein Mark- und Kraftherz, das vielleicht manchem schwachen Ehe-Bundner mehr Schutz gewahren als verdanken wurde. Erscheine nur morgen mittags recht bald, Berga, sagte mein Herz, und womoglich noch vormittags, damit ich dein JahrmarktsParadies um so viele Stunden langer ausdehne, als du um fruhere anlangst!
Ein Geistlicher lauft mitten im Weltsturm leicht in einen Freihafen ein, in die Kirche; die Kirchenmauer ist seine Schiesshaus-Mauer und Fortifikation; und darhinter sitzen gleichergestimmte und friedlichere Seelen beisammen als auf dem Marktplatz kurz ich ging in die Hofkirche. Inzwischen wurde ich in meiner Lieder-Andacht ein wenig verruckt durch einen Heiducken, der einem wohlgekleideten jungen Herrn mir gegenuber die Doppellorgnette von der Nase abriss, weil in Flatz, so wie in Dresden, Glaser, die verkleinern und nahern, gegen den Hof verstossen; ich hatte zwar selber eines aufgesetzt, aber es vergrosserte. Ich konnte mich unmoglich dahin bringen, die Brille abzunehmen, und ich werde hier, furcht' ich, wieder als Starrkopf und Waghals aussehen; bloss dies hielt ich fur schicklich, in einem fort mit ihr ins Gesangbuch zu blicken und nicht einmal, da der Hof einrauschte, aufzuschauen, um Winke zu geben, dass sie erhaben geschliffen. Die Predigt ubrigens war gut, wenn auch nicht immer fein bedacht fur eine Hofkirche; denn sie mahnte von unzahligen Lastern ab, zu deren Widerspielen, den Tugenden, ein anderer Prediger so leicht hatte ermahnen konnen! Unter dem ganzen Gottesdienste trachtete ich wahre tiefe Ehrerbietung an den Tag zu legen, sowohl gegen Gott als gegen meinen erhabnen Landesherrn. Zur letztern Ehrerbietung hatte ich noch meinen Privatgrund; ich wollte solche namlich recht offentlich und stark wie mit erhabnen Schrift-Punzen auf meinem Gesicht auspragen, um irgendeinen eingefleischten Schadenfroh am Hofe Lugen zu strafen, der etwa meine neuliche Widerlegung von Linguets Lob auf Nero und meine deutsche freie Satire auf diesen wahren Tyrannen selber, die ich ins Flatzische Wochenblatt eingeschickt, mochte zu einem heimlichen Charaktergemalde meines Fursten umzudrehen beliebet haben. Leider kann man jetzt kaum auf den hollischen Teufel selber eine Stachelschrift abfassen, ohne dass irgendein menschlicher sie auf einen Engel appliziert.
Als endlich der Hof aus der Kirche in den Wagen stieg, hielt ich mich in solcher Entfernung, dass mein Gesicht unmoglich ware zu sehen gewesen, falls ich etwa in der Nahe kein ehrerbietiges, sondern ein zu stolzes gezogen hatte. Gott weiss, wer mir allein jene toll-kecken Phantasien und Geluste eingeknetet hat, die vielleicht einem Helden Schabacker mehr anstanden als einem Feldprediger unter ihm. Ich kann hier nicht umhin, eine der frechsten euch, meinen Freunden, zu vertrauen, wurfe sie auch anfangs ein zu grelles Licht auf mich. Es war bei meiner Ordination zum Feldprediger, als ich zum heiligen Abendmahle ging am ersten Ostertag. Wahrend ich nun so dastand, weich bewegt vor dem Altargelander mit der ganzen Manner-Gemeinde ja, ich vielleicht starker geruhrt als einer darunter, weil ich als ein in den Krieg Ziehender mich ja halb als einen Sterbenden betrachten durfte, der nun wie ein zu Henkender die letzte Seelen-Mahlzeit empfangt , so warf in mir mitten in die Ruhrung von Orgel und Sang etwas sei es nun der erste Osterfeiertag gewesen, der mich auf das sogenannte alte christliche Ostergelachter brachte, oder der blosse Abstich teuflischer Lagen gegen die geruhrtesten kurz etwas in mir (weswegen ich seitdem jeden Einfaltigern in Schutz nehme, der sonst dergleichen dem Teufel anschrieb!) dies Etwas warf die Frage in mir auf: "Gab' es denn etwas Hollischeres, als wenn du mitten im Empfange des heiligen Abendmahls verrucht und spottisch zu lachen anfingest?" Sogleich rang ich mich mit diesem Hollenhund von Einfall herum versaumte die starksten Ruhrungen, um nur den Hund im Gesichte zu behalten und abzutreiben kam aber, von ihm abgemattet und begleitet, vor dem Altars-Schemel mit der jammervollen Gewissheit an, dass ich nun in kurzem ohne weiteres zu lachen anfangen wurde, ich mochte innen weinen und stohnen, wie ich wollte.
Als daher ich und ein sehr wurdiger alter Burgermeister uns miteinander vor dem langen Geistlichen verbeugten und letzterer mir (vielleicht kam er mir auf dem niedrigen Kniepolster zu lang vor) die Oblate in den klemmen Mund steckte: so spurt' ich schon, dass an den Mundwinkeln alle Lachmuskeln sardonisch zu ziehen anfingen, die auch nicht lange an der unschuldigen Gesichtshaut arbeiteten, als schon ein wirkliches Lacheln darauf erschien und als wir uns gar zum zweiten Male verneigten, so grinst' ich wie ein Affe. Mein "Nebenmann, der Burgermeister, redete ganz mit Recht, als wir hinter den Altar um gingen, mich leise an: Um Gottes Willen, sind Sie ein ordinierter Prediger oder ein Pritschenmeister? Lacht denn der lebendige Gott-Seibeiuns aus Ihnen?" "Ach Gott! wer denn sonst?" sagt' ich; erst nachher bracht' ich meine Andacht ernsthafter zu Ende.
Aus der Kirche (ich komme wieder in die Flatzer) ging ich in den Gasthof zum Tiger und ass an der Wirtstafel, weil ich nie menschenscheu bin. Vor dem zweiten Gerichte reichte mir der Kellner einen leeren Teller, worauf ich zu meinem Erstaunen einen franzosischen Vers mit der Gabel eingekratzt erblickte, der nichts Geringeres enthielt als ein Pasquill auf den Kommandanten von Flatz. Ohne Umstande bot ich den Teller der Tischgesellschaft hin und sagte, ich hatte das pasquillantische Geschirr, wie sie sahen, eben bekommen und bate sie zu bezeugen, dass der Handel mich nichts angehe. Ein Offizier wechselte sogleich mit mir Teller. Bei dem funften Gerichte durft' ich mich Uber die chemisch-medizinischen Unkenntnisse der Tischgesellschaft verwundern, indem ein Hase, aus welchem ein Herr mehrere Schrotkorner, das heisst also ein mit Arsenik versetztes und durch den warmen Essig nun aufgelostes Blei, offentlich herausgezogen und vorgezeigt hatte, von den Zuschauern (mich ausgenommen) lustig fortgespeiset wurde.
Unter den Tischgesprachen fasste mich eines gewaltig bei meiner schwachen Seite, bei meiner Ehre. Es wurde namlich der Gerichts-Gebrauch der Residenz erzahlt, dass ein unzuchtiges Madchen jeden, wen eine solche Dirne dazu wahle, in den Vater ihres Wurms verkehren konne bloss durch ihr Eidwort. "Schrecklich!" sagt' ich, und mir stand das Haar zu Berg "Auf diese Weise kann sich ja der erste beste Hausvater mit Frau und Kindern oder ein Geistlicher, der im Tiger logiert, von der ersten schlimmsten Aufwarterin, die er oder die ihn leider abends zufallig kennen lernen, um Ehre und Unschuld gebracht sehen!" Ein altlicher Offizier fragte: "Soll denn aber das Madchen sich lieber zum Teufel schworen?" Welche Logik! "Oder gesetzt," fuhr ich ohne Antwort fort, "ein Mann reiset mit jenem Wiener Schlossergesellen, der nachher Mutter wurde und mit einem Sohnchen niederkam, oder mit irgendeinem verkleideten Ritter d'Eon, mit dem er haufig ubernachtet; und der Schlossergeselle oder der Ritter durfen dann ihre Beilager beeidigen: so kann ja kein zarter Mann zuletzt mehr mit einem andern reiten und fahren, weil er nicht weiss, wann dieser die Stiefel auszieht und die Weiberschuhe an und ihn dann zum Vater schwort und sich zum Teufel!"
Aber einige von der Tischgesellschaft vergriffen sich in meinem Kanzel-Feuer so sehr, dass sie schafsmassig zu glauben andeuteten: ich selber sei in diesem Punkte nicht richtig, sondern lax. Beim Himmel! ich wusste da nicht mehr, was ich frass und sprach. Zum Glucke wurde mir gegenuber eben die Luge irgendeiner franzosischen Niederlage ausgesagt; da ich nun an den Strassen-Ecken die franzosische und deutsche Proklamation angesehen, welche jeden, der Kriegs-Berichte namlich nachteilige anhort, ohne sie anzuzeigen, vor das Kriegsgericht bestellt: so konnt' ich als ein Mann, der sich nie gern vergessen will, wohl nichts Klugers tun als davongehen mit leeren Ohren und nur dem Wirte rapportieren warum.
Es war keine unrechte Zeit, denn absichtlich um 4 1/2 Uhr wollt' ich mir den Bart scheren lassen, um gegen funf so recht mit einem vom BalbiermesserGlattzahn geleckten Kinn, wie glattes Velinpapier, ohne Wurzelstocke von Kinnhaaren (Barthaar ist Pleonasmus) auf- und vorzutreten. Vorher goss ich, wie Pitt vor Parlamentssitzungen, verdammt viel Pontak mit wahrem Ekel in meinen Magen hinunter gegen jede Heilslehre und Sperrordnung desselben, nicht sowohl um den leichten, fremden Bartputzer zu bestehen als den Minister-General Schabacker, mit welchem ich eines und das andere Feuerwort zu wechseln vorhatte.
Es kam der gewohnliche Fremden-Balbier des Hotels, hatte aber sogleich in seinem viellinigen ausgezackten Gesichte mehr von einem endlich tollwerdenden als von einem weiser werdenden Manne an sich. Tolle nun hass' ich unglaublich und bin daher in kein Tollhaus zu bringen, weil da der erste beste Wutige mich mit Riesenfausten erschnappt, wenn er mag, und weil ich uberhaupt der Ansteckung wegen nicht weiss, ob ich wieder mit dem Verstande herauskomme, den ich hineintrage. Gewohnlich sitz' ich (bin ich eingeseift) dergestalt auf dem Stuhle, dass ich beide Hande (den Blick spann' ich scharf gegen das balbierende Gesicht) auf den Schenkeln dem Zwerchfell des Balbiers gegenuber schlagfertig liegen habe, um ihn bei der kleinsten zweideutigen Bewegung wie wutig umzustossen.
Ich weiss kaum recht, wie es zuging, aber indes ich mich ins narrisch-gewundene Gesicht des Bartputzers vertiefe und da er eben das lang' gewetzte SchlachtMesser etwas vorschnell gegen meine entblosste Gurgel fuhrte: so gab ich dem Feld- und Bartscherer einen so plotzlichen Stoss auf den Nabel, dass der Mann sich im Fallen bald selber selbstmorderisch die Gurgel abgeschnitten hatte. Mir blieb freilich nichts davon als Gutmachungen und eine gegen meine sonstigen Grundsatze umgebundne geschwollne Krawatte als Deckmantel dessen, was unbeschoren geblieben.
Jetzt brach ich denn endlich zum General auf und trank die Pontaks-Reste noch unter der Schwelle aus. Ich hoffe, in mir lagen Plane fertig, richtig zu antworten, ja zu fragen. Das Bittschreiben hatt' ich in der Tasche und in der rechten Hand. In der linken hatt' ich dessen Duplikat. Mein Feuer half mir leicht uber alle ministeriellen lebendigen Zaune hinuber, und ich befand bald mich unverhofft im Vorzimmer unter seinen vornehmsten Lakaien, die, soviel ich merkte, nichts verpassen sollten. Ich uberreichte dem ansehnlichsten meine papierne Bitte mit der mundlichen, sie seinerseits zu uberreichen. Er nahm sie, aber unverbindlich. Ich wartete tief in die Stunde 6 Uhr hinein vergeblich, worin allein dem frohen Generale manches vorzutragen ist. Endlich erseh' ich einen Stief- oder Duzbruder des vorigen Lakaien und wiederhole mein Gesuch; dieser rennt umsonst umher, um Bruder oder Schreiben zu suchen nichts war zu finden; wie glucklich war ich, dass ich das Duplikat der Bittschrift mitten im Pontak vor dem Rasieren mir wieder abgeschrieben und also bloss aus dem Grundsatz, dass man immer ein zweites holzernes Bein im Mantelsack eingepackt haben musse, wenn man ein erstes am Leibe habe und aus der Furcht, dass, wenn mir das Urschreiben auf dem Wege vom Tiger zu Schabacker verloren ginge, meine ganze Reise und Hoffnung zu Wasser musste werden dies, sag' ich, war gut, dass ich das Repetierwerk des Ur-Schreibens eingesteckt hatte und folglich in jedem Falle etwas, und zwar ein detto, einzuhandigen vermochte. Ich handigte dasselbe ein.
Leider nur war schon sechs Uhr vorbei. Der Lakai aber blieb nicht lange aus, sondern brachte mir bald ich mochte sagen den Predigt-Text dieses Zirkelbriefes die fast rohe Antwort (die ihr, Freunde, aber aus Achtung fur mich und Schabacker geheimzuhalten habt): "falls ich der Attila Schmelzle beim Schabakkerschen Regiment ware, so mocht' ich mich nur mit meinem Hasenpanier wieder zum Teufel scheren, wie ich bei Pimpelstadt getan." Ein anderer ware auf dem Platze geblieben; ich aber ging ganz derb davon und versetzte dem Kerl: "Ich schere mich auch willig zum Teufel und schere mich den Teufel darum." Unterwegs untersucht' ich mich selber, ob nicht etwa der Pontak aus mir gesprochen wiewohl schon die Untersuchung widerspricht, da kein Pontak untersucht ; aber ich fand, dass nur ich, mein Herz, vielleicht mein Mut etwas gesprochen; und wozu denn uberhaupt Kleinmut, da das Vermogen meiner guten Frau mich ja besser besoldet als zehn katechetische Professuren, und da sie alle Ecken meines Buchs des Lebens mit so viel goldnen Beschlagen versieht, dass ichs, ohne es abzunutzen, immer aufschlagen kann! Schwangere mogen bei Schrecken an den Hintern greifen, um das Muttermal des Versehens dorthin zu verstecken; ich griff bei dem Mute ans Herz und sagte: "Schlage dich nur tapfer durch! wer auch dabei geschlagen werde!" Ich fuhle mich ganz erhoben und erhitzt ich dachte mir Republiken, wo ich als Held nach Hause kommen konnte ich sehnte mich in jene heroischen GriechenZeiten hinein, wo ein Held vom andern Prugel gern einsteckte und sagte: schlage nur, aber hore mich!, und aus unseren feigen heraus, wo man kaum Schimpfworte aushalt, geschweige mehr ich malte mir es aus, wie ich mich fuhlen wurde, wenn ich in glucklichern Umgebungen After-Thronen umwurfe und vor ganzen Volkern auf Grosstaten wie auf Tempelstufen unsterblich aufstiege und in gigantischen Zeiten ganz andere und grossere Manner zu ubermannen und zu ubertreffen fande als jetzt den MilbenPobel um mich her und hochstens einen und den andern Vulkanello. Ich dachte und machte mich immer wilder, und ich selber berauschte mich (also kein Pontaks-Rausch, der bekanntlich mehr durch als ohne Trinken wachst) und gestikulierte offentlich als ich mich fragte: "Willst du ein blosser Staats-Schosshund werden ein Hunds-Hund ein pium desiderium eines impii desiderii ein Ex-Ex ein NichtsNichts? O Sackerment!" Daruber stiess ich mir aber meinen Hut in den Markt-Kot. Da ich ihn aufhob und sauberte, sah ich uberall, wie verschossen er war, und entschloss mich, sogleich einen neuen zu kaufen und anfangs selber zu tragen in der Hand.
Ich vollzogs und erhandelte einen vom feinsten Kaliber. Sonderbar, durch diesen Hut, als war's ein Magister-Hut, wurde in der Ziegengasse ordentlich mein Kopf gepruft und examiniert. Da namlich der General Schabacker darin daherfuhr und ich (wie sich wohl von selber versteht) mich nicht durch gemeine Grobheit, sondern durch Hoflichkeit rachen wollte: so bekam ich eine der kitzlichsten Aufgaben zu losen vor. Schwenkt' ich namlich bloss den feinen Filz, den ich schon in der Hand trug, behielt aber den verschossenen auf dem Kopfe: so konnt' ich einem Grobian von Haus aus ahnlich sehen, der nichts abzieht; zog ich hingegen den alten vom Kopfe und hofierte damit: so spielten zwei Filze auf einmal (ich mochte nun den andern mitbewegen oder nicht) die Sache ins Lacherliche. Nun stimmt doch ab, ihr Freunde, eh' ihr weiterleset, wie man sich hier herauszuziehen hatte, ohne den Kopf zu verlieren! .... Ich glaube, vielleicht dadurch, dass man bloss den Hut verliert; kurz und gut, ich liess eben geradezu den Putz-Hut aus der Hand in den Kot fallen, um mich instand zu setzen, den SudelHut einsam abzunehmen und mit notiger Hoflichkeit zu schwenken ohne einen Anstrich von Lacherlichkeit.
Im Tiger liess ich um etwas schliessen zu lassen den brillantierten Fein-Fein-Fein-Filz fruher ausbursten als den Kotsassen- oder Scharteken-Hut.
Nun ging ich, meine wichtige Vergangenheit in der Adjustier- und Probierwaage tragend, feurig auf und nieder. Der Pontak musste ich weiss wohl, dass es hienieden nur unechten gibt ein noch unechterer gewesen sein; so sehr jagte er meine Phantasie in ein Feuer nach dem andern. Ich sah jetzt in ein weites glanzendes Leben hinein, wo ich ohne Amt lebte bloss von Geld; und das ich gleichsam mit den delphischen Hohlen und zenonischen Gangen und Musenbergen aller der Wissenschaften ubersaet sah, die ich ruhig treiben konnte. Besonders konnte ich mich mehr auf Preisschriften bei Akademien legen, deren (namlich der Schriften) sich kein Urheber jemals zu schamen braucht, weil eine ganze kronende Akademie in jedem Falle fur den Koronanden steht und errotet. Schiesst auch der Preiswerber neben der Krone vorbei, so bleibt er doch stets unbekannter und anonymer (da man seine Devise nicht entsiegelt) als ein anderer Autor, der zwar namenlos ein Langohr von Buch ediert, den aber doch bald ein literarisches Eselbegrabnis (sepultura asinina) offentlich vor der halben Welt einsenkt.
Nur etwas dauerte mich voraus, das Leid meiner Berga, welcher ich morgen, der lieben Mude-Gereisten, die Ankunft und die abgekurzte Markt-Schau mit meiner abschlagigen Nachricht versalzen musste. Sie wollte sogern in Neusattel und wer verubelts einer reichen Pachters-Tochter etwas vorstellen und manche Honoratiorin ausstechen Jeder Mensch verlangt sein Parade-Platzchen und eine fruhere lebendigere Ehre als die letzte Ehre Besonders will eine so gute niedriggeborene, sich vielleicht mehr ihres metallischen als ihres geistigen Schatzes und Tilgungsfonds bewusst, doch bei Ehrengelagen Meisterin von irgendeinem Stuhl oder Stuhlchen sein und uber die erste beste dumme gerupfte Gans loci hinaufsitzen.
Dazu sind nun Ehemanner so unentbehrlich. Ich nahm mir daher vor, mir und folglich ihr einen der besten Titel, womit die Hofe in Deutschland (gleichsam wie in einem Auerbachs-Hof in Leipzig) vom Adel und Halbadel an bis zum Rate herunter in einem fort feilstehen, anzukaufen und dieser geadelten Seele durch meinen Viertels-Adel einen solchen AchtelsAdel zuzuspielen, dass (hoff' ich) manche gemeine nebenbuhlerische Neusattlerin, vom Neide halb geborsten, sagen und rufen soll: "Ei du dummes PachtersDing! Seht doch, wie das schwanzelt und wedelt! Es denkt nicht daran, was es mit ihm ware, wenn es keinen Geldsack und keinen Hofrat hatte!" Denn letzteres namlich musst' ich etwa vorher geworden sein.
Aber ich sehnte mich in der kalten Einsamkeit meines Zimmers und im Feuer meiner Erinnerungen unbeschreiblich nach dem Bergelchen ich und mein Herz waren mude vom fremden treibenden Tage niemand um mich her sagte mir ein gutes Wort, das er nicht in die Wirts-Rechnung zu bringen verhoffte. Freunde, ich schmachtete nach der Freundin, deren Herz gern das Blut zum Balsam fur ein zweites vergiesst ich verfluchte meine uberklugen Massregeln, dass ich nicht, um die Gute sogleich mit mir zu nehmen, lieber das dumme Hauswesen allen Spitzbuben und Feuerschaden preisgegeben Im Auf- und Abgehen ward es mir immer leichter, alles zu werden, jeder Kammerrat, Akzisrat, anderer Rat, und was sie nur befahl, wenn sie ankame.
"Mach dir nur einen guten Tag in der Stadt!" sagte Bergelchen diese ganze Woche hindurch. Aber wie ist einer ohne sie zu machen? Unsere Trauertranen trocknen auch Freunde ab und begleiten sie mit eignen; aber unsere Freudentranen finden wir am leichtesten in den Augen unserer Frauen wieder. Verzeiht, Freunde, diese Libationen meiner Ruhrung ich zeig' euch nur mein Herz und meine Berga Bedarf ich eines Ablass-Kramers, so nehmt den Pontaks-Kramer dazu.
Erste Nacht in Flatz
Gleichwohl nahm mir der Wein die Besonnenheit nicht, vor dem Bette-Gehen unter das Bette zu sehen, ob jemand darunter lauere, z.B. die Hure, der Zwerg oder der Legations-Rat, ferner den Schlussel unter den Tur-Drucker (die beste Sperr-Ordnung unter allen) zu schieben, dann zum Uberflusse meine Nacht-Schraube in die Ture einzubohren und endlich davor noch die Sessel ubereinander zu bauen und Beinkleider und Schuhe anzubehalten, weil ich durchaus nichts besorgen wollte.
Ich hatte aber noch andere Sachen des Nachtwandels wegen abzutun. Mir wars uberhaupt von jeher unbegreiflich, wie so viele Menschen zu Bette gehen und darin gesetzt liegen konnen, ohne zu bedenken, dass sie vielleicht im ersten Schlafe sich aufmachen als Nachtwandler und auf Dacher hinauskriechen und irgendwo erwachen, wo sie den Hals brechen und den Rest. Ja es ware mir schon Gefahr genug, wenn ein unbescholtner Mann, ein Feldprediger, im eigenen Bette einschliefe und etwa auf den Seidenpolstern im Schlafgemache der vornehmsten Dame in der Stadt aufwachte, von der er vielleicht sein Gluck erwartet. Bin ich zu Hause: so wag' ich wenig mit Schlaf; weil ich, da meine rechte Fusszehe jede Nacht mit einem drei Ellen langen Wickelbande (ich nenn' es scherzend unser eheliches Band) an die linke Hand meiner Frau angeschlungen wird, die Gewissheit habe, dass ich, falls ich aus dem Bett-Arrest herausginge, mit dem Sperrstrick sie wecken und ich folglich von ihr als meinem lebendigen Zaun an der Nachtschnur wieder ins Bett wurde zuruckgezogen werden. Im Gasthof aber konnt' ich nichts tun, als mich einige Male an den Bettfuss schnuren, um nicht zu wandern; obgleich alsdann einbrechende Spitzbuben neue Not mitbringen konnten. Ach, so gefahrlich ist alles Schlafen, dass leider jeder, der nicht auf dem Rucken wie ein Leichnam daliegt, besorgen muss, mit dem Ganzen schlafe auch ein oder das andere Gliedmass, ein Fuss, ein Arm, ein; und dann kann das entschlummerte Glied da es in der medizinischen Geschichte gar nicht daran an Exempeln fehlt am Morgen zum Amputieren gereift daliegen. Deshalb lass' ich mich haufig wecken, damit nichts einschlaft.
Als ich an den Bettpfosten gut angebunden und endlich unter die Bettdecke gekommen war: wurde ich wegen meiner Pontaks Feuertaufe aufs neue bedenklich und furchtsam vor meinen zu erwartenden Kraftund Sturm-Traumen welche leider nachher auch nichts Besseres wurden als Helden- und PotentatenTaten, Festungs-Sturme, Felsen-Wurfe ; noch aber seh' ich wenig diesen Punkt arztlich beherzigt. Medizinalrate und ihre Kunden strecken sich alle ruhig in ihren Betten aus, ohne dass nur einer von ihnen befurchtet oder untersucht, ob ihm ein wutiger Zorn (zumal wenn er schnell darauf kalt sauft im Traum) oder ein herzzerreissender Harm, was er alles in den Traumen erleben kann, am Leben schade oder nicht. War' ich, ich bekenn' es, eine Frau und mithin weiblich-furchtsam, zumal in guter Hoffnung, ich wurd' in letzterer uber die Frucht meines Schosses in Verzweiflung sein, wenn ich schliefe und folglich im Traum alle die von medizinischen Polizeien verbotenen Ungeheuer, wilden Bestien, Missgeburten und dergleichen zu Gesicht bekame, wovon eine ausreicht (sobald die bestatigte Lehre des Versehens wahr bleibt), dass ich Kreissende mit einem elenden Kinde niederkame, das ganz aussahe wie ein Hase und voll Hasenscharten dazu oder das eine Lowenmahne hinten hatte oder Teufelsklauen an den Handen oder was sonst noch Missgeburten an sich haben. Vielleicht wurden manche Missgeburten von solchem Versehen in Traumen gezeugt.
Nachts kurz vor 12 Uhr erwacht' ich aus einem schweren Traum, um eine fur meine Phantasie zu geisterhafte Geistergeschichte zu erleben. Mein Schwager, der sie mir eingebrockt, verdient fur seine ungesalzene Kocherei, dass ich ihn euch als den Braumeister des schalen Gebraudes ohne Schonen nenne. Ware Argwohn mit Unerschrockenheit vertraglicher: so hatte ich vielleicht schon aus seinem Sittenspruche uber dergleichen unterwegs so wie aus dem Fortbehalten seines Nebenzimmers, an dessen Mittelture mein Lager stand, leicht alles geschlossen. Mir war namlich, als wurd' ich angeblasen von einem kalten Geister-Atem, den ich auf keine Weise aus den entfernten und versperrten Fenstern herzuleiten vermochte; worin ichs denn auch traf, denn der Schwager hatt' ihn aus einem Blasebalg durchs Schlusselloch eingeschickt. Alles Kalte bringt in der Nacht auf Todes- und Geister-Kalte. Ich ermannte mich aber und harrte nun fing gar das Deckbette an, sich in Bewegung zu setzen ich zog es an mich es wollte wieder weiter behend setz' ich mich plotzlich im Bette auf und rufe: "Was ist das" Keine Antwort, uberall Stille im Gasthof das ganze Zimmer voll Mondschein Jetzt hob sich mein Zugpflaster, das Deckbette, gar empor und luftete mich, wobei mir war wie einem, von dem man ein Pflaster schnell abhebt. Nun tat ich den Rittersprung aus dem Teufels-Torus und zersprengte springend mein Nachtwandlers-Leitseil. "Wo ist der dumme Menschen-Narr," rief ich, "der die erhabne unsichtbare Geister-Welt nachafft, die ihm ja auf der Stelle erscheinen kann?" Aber an, uber, unter dem Bette war nichts zu horen und zu sehen. Ich schauete zum Fenster hinaus; uberall geisterhaftes Mondlicht und Strassenstille, und nichts bewegte sich als (wahrscheinlich vom Winde) auf dem fernen Galgenberg ein Neu-Gehenkter.
Jeder andere hatt' es so gut fur Selbsttauschung gehalten als ich; daher wickelte ich mich wieder in mein passives lit de justice und Luftbett ein, darin erwartend, inwiefern ich an Erschrecken erkalten sollte oder nicht.
Nach einigen Minuten fing das Deckbette, der teuflische Fausts-Mantel, sein Fliegen und Schiffs-Ziehen (ich allein war der Verurteilte) wieder an, der Abwechslung wegen hob auch wieder der unsichtbare Bettaufhelfer empor. Verfluchte Stunde! Ich mochte wissen, ob es im ganzen gebildeten Europa einen gebildeten oder ungebildeten Menschen gabe, der bei so etwas nicht auf Geister-Teufeleien verfallen ware; ich verfiel darauf unter der (sich selber) fahrenden Habe des Deckbettes und dachte, Berga sei Todes verfahren und fasse nun noch geistig mein Bette. Dennoch konnt' ich sie nicht anreden, so wenig als den Teufel, der hier einspielen konnte, sondern ich wandte mich bloss an Gott und betete laut: "Dir ubergeb' ich mich ganz, Du allein sorgtest ja bisher fur mich schwachen Knecht und ich schwore, dass ich anders werde." Ein Versprechen, das dennoch von mir soll gehalten werden, so sehr auch alles nur dummer Lug und Trug gewesen.
Mein Gebet verfing nichts bei dem unchristlichen Dragoner, der mich einmal im Zuggarn des Deckbettes gefangen hielt unbekummert, ob er ein Gastbette zum Parade- und Totenbette mache oder nicht er spann meine Nerven wie Golddraht durch engere Locher hindurch immer dunner bis zum Verschwenden und Verschwinden, denn das Bette marschierte endlich gar herab bis an die Mittelture.
Jetzt war es Zeit, ohne Umstande erhaben zu werden und mich um nichts mehr hienieden zu scheren, sondern mich dem Tode schlicht zu widmen: "Rafft mich nur weg," (rief ich und schlug unbedenklich drei Kreuze), "macht mich nur schnell nieder, ihr Geister; ich sterbe doch unschuldiger als tausend Tyrannen und Gottesleugner, denen ihr leider weniger erscheint als mir Unbefleckten." Hier vernahm ich eine Art von Lachen, entweder auf der Gasse oder im Nebenzimmer; vor diesem warmen Menschenton bluht' ich plotzlich wie vor einem Fruhling an allen Spitzen wieder auf. Ich verschmahte ganzlich die weggehaspelte Decke, die jetzt von der Ture nicht mehr wegkonnte; ich legte mich unbedeckt, doch warm und schwitzend genug, bald in den Schlaf. Ubrigens scham' ich mich nicht im geringsten vor allen aufgeklarten Hauptstadten und standen sie vor mir , dass ich durch meinen Teufels-Glauben und meine TeufelsAnrede einige Ahnlichkeit mit dem grossten deutschen Lowen bekommen, mit Luther.
Zweiter Tag in Flatz
Am Fruhmorgen spurt' ich mich aufgeweckt durch das bekannte Zudeckbett, es hatte sich wie ein Inkube auf mich gesetzt; ich gaffte auf; in einem Winkel sass still ein rotes, rundes, kernhaftes, aufgeputztes Madchen, wie eine volle Tulpe von Lebens-Frische aufgeblaht und leise flatternd mit bunten Bandern, gleichsam als mit Blattern. "Wer ist dort, wie kommt man herein?" rief ich halbblind; "Ich habe dich nur leise zugedeckt, und du solltest erst ausschlafen," sagte Bergelchen "ich bin die ganze Nacht gegangen, damit ich recht fruh kame; sieh nur her!" Sie zeigte mir ihre Stiefel, das einzige Reise-Stuck (die Achilles-Ferse), das sie vor dem Tore, als sie in der Mause der Toilette war, nicht hatte abstreifen konnen. "Brach" fragt' ich, uber ihre um 6 Stunden beschleunigte Nachkunft um so mehr besturzt, da ich es die ganze Nacht und selber jetzt uber ihr unbegreifliches Hereinkommen gewesen "brach etwan frischer Jammer uber uns aus und ein Brand, Mord, Raub?" Sie versetzte: "Der Ratz" (sie wollte sagen die Ratte) "ist gestern verreckt, dem du so lange nachgestellt; weiter passierte eben nichts." "Und auch alles ist richtig nach meinem Ordnungs-Zettel zu Hause besorgt?" fragt' ich. "Jawohl," versetzte sie, "ich hab' ihn aber gar nicht gelesen, er ist mir weggekommen, du hast ihn wohl mit eingepackt."
Indes ich verzieh alles der bluhenden kecken Ritterin oder Fussgangerin. Ihr Auge, dann ihr Herz brachte mir ja frisches kuhles Morgenwehen mit Morgenrot in meine schwulen Vorstunden. Auch musst' ich ja ohnehin nachher der freundlichen, ins Leben hineinhoffenden und hineinliebenden Seele den verdienten Himmel des heutigen Tages mit der truben Nachricht der fehlgeschlagnen Professur verfinstern. Daher vergab und verschob ich moglichst. Ich fragte, wie sie hereingekommen, da noch das ganze spanische Reiter-Werk von Sesseln an der Ture feststehe. Sie lachte, sich dabei nach Dorfsitte buckend, stark und sagte: sie hatte es vorgestern mit ihrem Bruder verabredet, dass er sie durch seine Stube, da sie meine Sperr-Vorsicht kennte, in meine einliesse, damit sie mich heimlich wecken konnte. Jetzt fuhr der Dragoner laut lachend ins Zimmer und sagte: "Wie geschlafen, Herr Schwager?"
Aber auf diese Weise war mir freilich die halbe Gespenstergeschichte wie von einem Biester und Hennings aufgeloset und aufgedeckt; und ich durchschauete sogleich des Dragoners ganzen Gespensterplan, den er ausgefuhrt. Etwas bitter sagte ich ihm meine Vermutung und der Schwester meine Geschichte. Aber er log und lachte, ja er versuchte noch frech genug, mir am hellen Morgen Geister zum zweiten Male weiszumachen und aufzuhalsen. Ich versetzte kalt, an mir find' er hierin sehr den unrechten Mann; gesetzt auch, ich ware einem Luther, Hobbes, Brutus ahnlicher, die samtlich Geister gesehen und gefurchtet. Er erwiderte und riss die Tatsachen aus ihrer Motivierung : "er sage ja weiter nichts, als dass er nachts irgendeinen armen Sunder ganz erbarmlich habe krachzen und lamentieren horen; und daraus habe er geschlossen, es sei eine arme desperate Nachtmutze von Mann, der ein Gespenst zusetze." Endlich gingen auch seiner Schwester die Augen uber die gemeine Rolle auf, die er mit mir zu spielen vorgehabt; sie fuhr ihn derb an, schob ihn mit zwei Handen aus meiner und seiner Ture schnell hinaus und rief nach: "Warte, du Schadenfroh, ich gedenk' dirs!" Darauf kehrte sie schnell sich um und fiel mir um den Hals und dabei am falschen Ort ins Lachen und sagte: "Der dumme Junge! Aber ich konnte das Lachen nicht mehr verbeissen; und der Narr soll doch nichts merken. Vergib dem Pinsel, du als ein gelehrter Mann, seine Eselei."
Ich fragte sie, ob sie auf ihrer Nachreise auf keine Geisterwelt gestossen sei wiewohl ich wusste, dass ihr Tiere, ein Wasser, ein halber Abgrund nichts sind ; nein, aber vor den geputzten Stadtleuten, sagte sie, habe sie sich am Morgen gescheuet. O wie lieb' ich diese weichen Harmonikas-Bebungen weiblicher Furcht!
Endlich musst' ich den Koloquinten-Apfel anbeissen oder anschneiden und ihr die Halfte davon zureichen, namlich die Nachricht der Fehlbitte um die Professur. Da ich aber das freudige Herz mit der vollstandigen rohen Wahrheit verschonen und einer schweren Fracht etwas abschneiden musste, die sich besser Mannerschultern aufpackt, so begann ich: "Bergelchen, die Professor-Sache geht einen andern, aber an sich guten Gang der General, nach welchem ich den Teufel und seine Grossmutter frage, legt es auf einen Generalsturm an und den soll er haben, so gewiss als ich die Nachtmutze aufhabe." "So bist du also noch nichts geworden?" fragte sie. "Vor der Hand zwar nicht!" versetzt' ich. "Aber doch bis Sonnabend abends?" sagte sie. "Das nicht", sagt' ich. "Nun so bin ich hart geschlagen, und ich mochte zum Fenster hinausspringen", sagte sie und drehte das Rosen- und Morgengesicht weg, um die feuchten Augen darin mir nicht zuzukehren, und schwieg sehr lange. Dann fing sie mit schmerzhaft zitternder Stimme an: "Du grosser Heiland, stehe mir am Sonntag in Neusattel bei, wenn mich die hochtrabenden vornehmen Weiber in der Kirche sehen und ich blutrot werde aus Scham!"
Jetzt sprang ich im Mitjammer aus dem Bette vor die liebe Seele hin, der die hellen Zahren uber die schonbluhenden Wangen flossen, und rief: "Du treues Herz, zermartre mich doch nicht so ganz! Gott soll mich strafen, wenn ich nicht noch in den Hundstagen alles werde, was du nur willst Sprich, willst du Bergratin werden oder Bauratin oder Hofratin, Kriegsratin, Kammerratin, Kommerzienratin, Legationsratin oder des Henkers- und Teufels-Ratin: ich bin dabei und werd' es und such' an. Morgen schick' ich reitende Boten nach Hessen und Sachsen, nach Preussen und Reussen, nach Friesland und Katzen-Ellenbogen und begehre Patente. Ja ich treib's weiter als einer und werde zugleich alles, Flachsenfinger Hofrat, Scheerauer Akzisrat, Haar-Haarer Baurat, Pestitzer Kammerrat (denn wir haben das Geld), und stelle dann allein und eigenhandig mit einem einzigen Podex und Corpus eine ganze Ratssitzung von auserlesenen Raten vor und stehe als eine ganze Ehrenlegion und ein Ehrengelag bloss auf zwei Beinen da Dergleichen hat noch kein Mensch getan."
"O! Nun du bist ja engel-gut!" (sagte sie, und frohere Zahren rollten) "du sollst mir selber raten, was die vornehmsten Rate sind, damit wirs werden." "Nein," fuhr ich beteuert fort, "dabei bleib' ich nicht einmal; mir ists nicht genug, dass du dich ordentlich bei der Kaplanin kannst als Bauratin melden lassen, bei der Stadtpredigerin als Legationsratin, bei der regierenden Burgermeisterin als Hofratin, bei der Chausseeeinnehmerin als Kommerzienratin, oder wie du wo willst" "Ach du mein gar zu gutes Attelchen!" sagte sie. "Sondern" (fuhr ich fort) "ich werde auch korrespondierendes Mitglied verschiedner besten gelehrten Gesellschaften in verschiedenen besten Hauptstadten (worunter ich bloss zu wahlen habe), und zwar kein gemeines wirkliches Mitglied, sondern ein ganzes Ehren-Mitglied; und dann streck' ich wieder dich als ein auf mir Ehrenmitglied wachsendes Ehrenmitglied aus."
Verzeiht, Freunde, diesen Breiumschlag oder Tauschungsbalsam fur eine verwundete Brust, deren Blut zu rein und kostlich ist, als dass man es nicht mit allen moglichen Stillungs-Mitteln aus Spinnweben ins schone Herz zuruckzuschliessen trachten sollte.
Jetzt kamen schone, schonste Stunden. Ich hatte die Zeit besiegt wie mich und Berga; selten beseligt, so wie ich, ein Sieger zugleich die uberwindende und die uberwundene Partei. Berga holte ihren alten Himmel zuruck und zog die staubigen Stiefel aus und blumige Schuhe an. Kostlicher Morgentrunk! Wie berauscht ein liebendes Herz! Ich spurte ordentlich (ist die niedere Rede-Blume erlaubt) ein Doppel-Bier von Mut in mir, seitdem ich ein Wesen mehr um mich zu beschirmen hatte. Uberhaupt werd' ich was der treffliche General nicht ganz zu wissen scheint nicht wie andere durch Mutige mutiger, sondern am starksten durch Hasen, weil an mir das schlechte Beispiel sich zum Widerspiel umdreht. Kleine Pinselstriche mogen hier Mann und Frau mehr abschatten als verschatten! Als der nette Kellner mit der grun-seidenen Schurze Morgenbrezeln heraufbrachte weil ich gesagt hatte: Johann, zwei Portionen! , so sagte sie zu ihm: er verbande sie sehr damit, und hiess ihn Herr Johann.
Bergelchen mehr in Marktflecken als Hauptstadten aufgewachsen wurde ordentlich besturzt uber die Kaffeebretter, Waschtische, Papiertapeten, Wandleuchter, alabasterne Schreibzeuge mit agyptischen Sinnbildern und uber den vergoldeten Klingel-DrahtsKnopf, den ja jeder abdrehen und einstecken konnte. Daher hatte sie nicht den Mut, durch den Saal voll Kronleuchter zu gehen, bloss weil ein pfeifender vornehmer Federhut darin auf- und abspazierte. Ja ihrem armen Herzen wurde ordentlich die Brust zur Schnurbrust, wenn sie zum Fenster hinaus auf so viele geputzte und fahrende Stadter guckte (ich pfiff frisch ein gaskonisches Liedchen darunter hinein) und wenn sie daran dachte, wie sie nachher samt mir mitten durch dieses blendende Vorzimmer-Gewuhl brechen musste. Hier verfangen Schlusse noch weniger als Beispiele. Ich wollte mein Bergelchen durch einige meiner nachtlichen Traum-Gigantesken heben z.B. durch die, dass ich, auf einem Walfisch reitend, mit einer Dreizacks-Gabel drei Adler gespiesset und gespeist, und durch mehr dergleichen ; aber ich machte keinen Effekt, vielleicht weil ich eben dadurch dem furchtsamen Frauenherzen das Schlachtfeld naher als den Sieger, den Abgrund naher als den Springer daruber vor das Auge geschoben.
Jetzt wurde mir ein Pack Zeitungen gebracht voll lauter kraftigster Siege. Obgleich diese nur auf der einen Seite vorfallen und auf der andern ebenso viele Niederlagen vorkommen: so verquicken doch jene sich mehr mit meinem Blute als diese und flossen mir wie sonst Schillers Rauber eine wunderbare Neigung ein, irgend jemand auf der Stelle zu dreschen und zu fegen. Unglucklicherweise fur den Kellner hatte dieser sich eben, wie ein Heer, dreimalige Klingel-Ordre zum Marsche geben lassen, bevor er sich mobil und herauf gemacht. "Herr!" fing ich an, den Kopf voll Schlachtfelder und den Arm voll Triebe, ihn abzuklopfen, und Berga furchtete alles, da ich das ihr bekannte Zorn und Alarmzeichen gab, namlich die Mutze hinten am Hinterkopfe in die Hohe stiess "ist das Manier gegen Gaste? Warum kommt Er nicht prompt? Komm' Er mir nicht wieder so, und geh' Er, Freund!" Ungeachtet sein Ruckzug mein Sieg war, so kanonierte ich doch noch auf der Wahlstatt lebhaft fort und feuerte desto lauter (er sollt' es horen), je mehrere Treppen er hinuntergeflogen. Bergelchen die sich ganz entsetzte uber mein Ergrimmen, zumal in einem ganz fremden Hause und uber einen vornehmen Putzbengel mit Seidenschurz suchte alle ihre sanften Worte hervor gegen wilde einer Kriegsgurgel und gab mir Gefahren zu bedenken. "Gefahren", versetzt' ich, "wunscht' ich ja eben, nur gibts keine fur den Mann, stets wird er ihnen entweder obsiegen oder entspringen, entweder die Stirn bieten oder den Rukken."
Ich konnte kaum aufhoren, mich zu erbittern, so suss war mirs und so sehr fuhlt' ich mich vom Zornfeuer erfrischt und in der Brust wie von einem Geierfelle lind geheizt. Es gehort auch allerdings unter die unerkannten Wohltaten woruber man sonst predigte , dass man nie mehr in seinem Himmel und Monplaisir (ein Lustschloss) ist als so recht im Toben und Grimm. Himmel, was konnte nicht ein gewichtiger Mann darin versuchen? Die Gallenblase ist ja fur uns die grosste Schwimmblase und Montgolfiere, die uns nichts kostet als ein paar fremde teils Schimpfworte, teils Dummheiten. Und hat denn nicht der einsturmende Luther, mit dem ich mich auf keine Weise vergleiche, in seinen Tischreden bekannt: er predige, singe, bete nie so gut als im Zorn? Wahrlich, er allein reichte hin, manchen zum Zorne zu reizen.
Nun wurde der ganze Vormittags-Morgen mit Beschauen und Behandeln verbracht; und zwar am langsten in der breiten Gasse unseres Hotels. Berga sollte sich erst ins Markt-Gedrange einschiessen; sie sollte erst einsehen, dass sie mehr "nach der Modi", mit ihr zu reden, aufgeschmuckt sei als hundert andere ihres Ungleichen. Aber bald vergass sie uber den Haushalt den Anputz und auf dem Topfermarkte den Nachttisch.
Ich meines Ortes spielte bloss, wahrend ich voll echter Langweile sie auf ihren Marktplatzen voll langen Hinab-Hinaufhandelns umhergeleitete, in mir den verborgnen Weltweisen; ich wog das leere Leben und das schwere Gewicht, das man darauf legt, und die tagliche Angst des Menschen, dass dasselbe, diese leichteste Flaumfeder der Erde, davonfliege und ihn befiedere und mitnehme. Diese Gedanken verdank' ich vielleicht den Strassenbuben, die ihre Messfreiheit dazu anlegten, dass sie auf einander um mich her mit Steinen feuerten; ich dachte mich namlich dabei lebhaft in einen Mann hinein, der nie im Krieg gewesen und der also, da er nicht selber erfahren, dass oft tausend Kugeln keinen einzigen treffen, von so wenigen Steinwurfen doch besorgt, dass sie ihm Nase und Auge einschiessen. O das Schlachtfeld allein saet, dungt und bildet Mut, sogar gegen die taglichen, hauslichen und kleinsten Gefahren. Denn erst, wenn er aus dem Schlachtfeld kommt, da singt und kanoniert der Mensch, dem Kanarienvogel gleich, der, obwohl so melodisch, so scheu, so klein, so zart, so einsam, so weichfederig, gleichwohl dahin abzurichten ist, dass er Kanonen wenn auch von kleinerem Kaliber abfeuert.
Nach dem Mittags-Essen (auf unserem Zimmer) kamen wir aus dem Fegfeuer des Messgetummels, wo Berga an jeder Bude etwas zu bestellen und ihrer Nachtreterin etwas aufzuladen hatte, endlich im Himmel an, in der sogenannten Hunde-Wirtschaft, wie das beste Flatzer Wirts- und Lust-Haus ausser der Stadt sich nennt, wo Messens-Zeiten Hunderte einkehren, um Tausende vorbeigehn zu sehen. Schon unterwegs wuchs meinem Weibchen als meinem EllenbogenEfeu dermassen der Mut, dass sie unter dem Tore, wo ich mich, da nach der bekannten militarischen Prozessordnung nicht nahe an der Schildwache vorubergegangen werden darf, deshalb auf die entgegengesetzte Seite hinwarf, ruhig dicht am Schiess- und Stech-Gewehr der Torwache voruberstrich. Draussen konnt' ich ihr den umbetteten, vergitterten, riesenhaften, schon aussen mit Treppen aufsteigenden Schabackers-Palast mit Fingern zeigen, worin ich gestern gehauset und (vielleicht) gesturmt; "lieber den Riesen mocht' ich begucken", sagte sie, "und den Zwergen; zu was sind wir denn mit ihnen unter einem Dach?"
Im Lusthause selber fanden wir hinlangliche Lust, umrungen von bluhenden Gesichtern und Auen. Da setzt' ich mich heimlich in einem fort uber Schabakkers Refus mit Erfolg hinweg und machte mir uberhaupt bis gegen Mitternacht einen guten Tag; ich hatt' ihn verdient, Berga noch mehr. Gleichwohl sollt' ich noch nachts um 1 Uhr eine Windmuhle zu berennen bekommen, die freilich mit etwas langern, starkern und mehreren Armen schlagt als ein Riese, wofur Don Quixote eine solche Muhle gern angesehen hatte. Ich lasse namlich auf dem Marktplatz aus Grunden, die sich leichter denken als sagen, Bergelchen um einige zwanzig Schritte vorausgehen und begebe mich aus gedachten Grunden ohne Arg hinter eine versteckte Bude, die wohl die Silberhutte und der Silberschrank eines rohen Kramers sein mochte, und verweile davor naturlich nach Umstanden; sieh, kommt daher gerudert mit Spiess und Speer der Budenwachter und munzt und pragt mich so unversehends und unbesehen zu einem Schnapphahn und Raubfisch seiner Buden-Gassen aus, obgleich der schwache Kopf nichts weiter sieht, dass ich in einer Ecke stehe und nichts weniger tue als nehmen. Ein Ehrgefuhl ohne Kallus ist fur solche Angriffe niemals abgestumpft. Nur aber, wie war einem Manne, der nichts im Kopfe hat hochstens jetzt Bier statt Hirn , in der Nachmitternacht Licht zu geben?
Ich verhehle mein Wag-Mittel nicht: ich griff zum Fuchsschwanz, ich spiegelte ihm namlich vor, ich hatte einen sogenannten Hieb und wusste in der Betrunkenheit mich schlecht zu finden und zu halten ich spielte daher alles nach, was mir aus diesem Fache zu Gesicht gekommen, schwankte hin und her, setzte die Fusse tanzmeisterlich auswarts, geriet in Zickzacke hinein bei allem Aussegeln nach gerader Linie, ja ich stiess meinen guten Kopf (vielleicht einen der hellsten und leersten der Nacht) als einen vollen gegen wahre Pfosten
Gleichwohl sah der Buden-Vogt, der vielleicht ofter betrunken gewesen als ich und die Zeichen besser kannte, oder der es gar selber in dieser Stunde war, die ganze Verstellung fur blosses Blendwerk an und schrie entsetzlich: "Halt, Strauchdieb' du hast keinen Haarbeutel, du Windbeutel bist ja noch weniger besoffen als ich! Wir kennen uns wohl langer. Steh! Ich komm' dir nach. Willt du im Markt deine Diebsfinger haben? Steh, Hund, oder ich forciere dich!"
Man sieht hier seinen ganzen Zustand; ich entsprang zickzackig zwischen den Buden diesem rohen Trunkenbolde, so eilig als ich konnte; dennoch humpelte er mir nach. Aber meine Teutoberga, die einiges gehort, rannte zuruck, fasste den betrunkenen MarktPortier beim Kragen und sagte, obwohl (nach Dorfweise) zu schreiend: "Dummer Mann, schlaf' Er seinen Rausch aus, oder ich zeig's Ihm! Weiss Er denn, wen Er vor sich hat? Meinen Mann, den Feldprediger Schmelzle unter dem Herrn General und Minister von Schabacker bei Pimpelstadt, Er Narr! Pfui, scham' Er sich, Kerl!" Der Wachter brummte: "Nichts fur ungut!" und taumelte davon. "O du Lowin," sagt' ich im Liebes-Rausch, "warum bist du in keiner Todesgefahr, damit ich dir nun den Lowen zeigte als Gemahl!"
So gelangten wir beide liebend nach Hause; und ich hatte vielleicht zum schonen Tage noch den Nachsommer einer herrlichen Nachmitternacht erlebt, hatte mich nicht der Teufel uber Lichtenbergs neunten Band, und zwar auf die 206te Seite gefuhret, wo dieses steht: "Es ware doch moglich, dass einmal unsere Chemiker auf ein Mittel gerieten, unsere Luft plotzlich zu zersetzen durch eine Art von Ferment. So konnte die Welt untergehen." Ach, ja wahrlich! Da die Erdkugel in der grossern Luftkugel eingekapselt steckt: so erfinde bloss ein chemischer Spitzbube auf irgendeiner fernsten Spitzbubeninsel oder in Neuholland ein Zersetz-Mittel fur die Luft, dem ahnlich, was etwa ein Feuerfunke fur einen Pulverkarren ist: in wenig Stunden packt mich und uns in Flatz der ungeheuere herschnaubende Weltsturm bei der Gurgel, mein Atemholen und dergleichen ist in der ErstickLuft vorbei und alles uberhaupt Die Erde ist ein grosser Rabenstein mit Galgen geworden, wo sogar das Vieh krepieret Wurm- und Wanzenmittel, Bradleysche Ameisenpfluge und Rattenpulver und Wolfstreiben und Viehsterbekassen sind im Welt-Schwaden, im Welt-Sterb dann nicht sonderlich mehr vonnoten, und der Teufel hat alles geholt in der Bartholomaus-Nacht, wo man das verfluchte "Ferment" zufallig erfunden.
Indes verbarg ich der treuen Seele jeden TodesNacht-Gedanken, da sie mich doch entweder nur schmerzlich nachempfunden oder gar lustig ausgelacht hatte. Ich befahl bloss, dass sie am Morgen (des Sonnabends) fur die zuruckkehrende Landkutsche fertig und gestiefelt dastande, sollt' ich anders ihren Wunschen gemass an die Uberschwangerung mit Raten, die ihr so am Herzen lag, fruh genug kommen. Sie war so freudig meiner Meinung, dass sie gern den Jahrmarkt aufgab. Auch ruht' ich ruhig, mit der Fusszehe an ihre Finger geknupft, die ganze Nacht hindurch.
Der Dragoner nahm und zupfte mich am Morgen heimlich beim Ohre und sagte mir in dasselbe hinein, er habe ein lustiges Messgeschenk fur seine Schwester vor und reite deshalb auf seinem gestern vom Rosstauscher eingetauschten Rappen etwas fruher voraus. Ich bot ihm meinen Vor-Dank.
Am Morgen lief jeder lustig vom Stapel, ausgenommen ich; denn ich behielt noch immer, auch vor dem besten Morgenrote, das nachtliche Teufels-Ferment und Zersetz-Mittel meiner Gehirn-Kugel sowohl als der Erd-Kugel garend im Kopfe; ein Beweis, dass die Nacht mich und meine Furcht gar nichts hatte ubertreiben lassen. Der mir verdrussliche blinde Passagier setzte sich auch wieder ein und sah mich wie gewohnlich an, doch ohne Effekt; denn diesmal, wo ich Welt-Umwalzungen, nicht bloss die meinigen, im Kopfe hatte, war mir der Passagier mehr ein Spass und Spuk; da niemand unter Fuss-Absagen das Herz-Gespann verspurt oder unter dem Summen der Kanonen sich gegen das der Wespen wehrt, ebenso konnte mir ein Passagier mit allen Brandbriefen, die etwa sein verdachtiges Gesicht in meine nahe oder spate Zukunft wirft, bloss lacherlich zu einer Zeit vorkommen, wo ich bedachte, das "Ferment" konne ja mitten auf meinem Wege von Flatz nach Neusattel von irgendeinem Amerikas-, Europas-Manne, der ganz unschuldig versucht und versetzt, zufallig erfunden und losgelassen werden. Die Frage, ja Preisfrage ware aber nun, inwiefern es seit Lichtenbergs Drohung nicht etwa welt- und selbst-morderisch aussieht, wenn aufgeklarte Potentaten scheidekunstlerischer Volker es nicht ihren Scheidekunstlern, die so leicht Leib von Seele scheiden und Erde mit Himmel gatten, auferlegen, keine andere chemische Versuche zu machen als die schon gemachten, die doch bisher den Staaten weit mehr genutzt als geschadet.
Leider blieb ich in diesen jungsten Tag des Ferments mit allen Sinnen versunken, ohne auf der ganzen Ruckreise nach Neusattel mehr zu erleben und zu bemerken, als dass ich daselbst ankam, wo ich zugleich wieder den blinden Passagier seines Weges gehen sah.
Nur mein Bergelchen schauete ich in einem fort unterwegs an, teils um sie noch so lange zu sehen, als Leben und Augen dauern, teils um auch bei kleinster Gefahr derselben, es sei nun eine grosse oder gar ein ganzes hereinsturzendes Goldau und verzehrendes Welt-Gericht, wenn nicht fur sie, doch an ihr zu sterben und so verknupft mit ihr ein geplagtes und plagendes Leben hinzuwerfen,
worin ihr ohnehin nicht die Halfte meiner Wunsche fur sie erfullt geworden.
So ware denn meine Reise an sich vollendet gekront mit einigen Historiolen vielleicht kunftig noch belohnter durch euch, ihr Freunde um Flatz herum, wenn ihr darin etwa einige gut geschliffne Jatemesser finden solltet, womit ihr leichter das Lugen-Unkraut ausreutet, das mich bis jetzt dem wackern Schabacker verbauet Nur sitzt mir noch das verfluchte Ferment im Kopfe. Lebt denn wohl, solang' es noch Atmospharen einzuatmen gibt. Ich wollt', ich hatte mir das Ferment aus dem Kopfe geschlagen.
Euer
Attila Schmelzle.
N. S. Mein Schwager hat seine Sache ganz gut gemacht, und Berga tanzt. Kunftig das Nahere!
Beichte des Teufels bei einem grossen
Staatsbedienten
Ich hatte vor mehreren Jahren das Gluck, einen Staatsmann von Belesenheit, von noch mehr Witz, noch starkerer Phantasie und starkster Hypochondrie zu kennen und aus seinem Munde die eingebildete Beichte zu erfahren. Seitdem musste der krankelnde Beichtvater mit Tod abgehen wohin, weiss man nicht, falls nicht der Beichtsohn ihn aus Achtung zu sich abgeholt. Der brave Beichtiger wird im folgenden Beichtzettel nur unter dem Namen "unbescholtener Staatsbediente" aufgefuhrt, da wohl jeder, der ihn personlich kennt, den Namen erganzt.
Der Kardinal Richelieu hatte, wie bekannt, seine Stunden, wo er sich fur ein Pferd ansah und wie eines trabte und ansprang und so weiter; kam er wieder zu sich, so wusste er freilich am ersten, wen er dafur zu halten habe, welches Land fur sein Trauer-, Pack- und Lehn-Pferd, und welches fur sein Freuden- und Paradepferd. In der medizinischen und politischen Geschichte erscheinen dergleichen sieche Staatsmanner voll fixer Ideen haufig. Darunter gehorte nun der gedachte Beichtvater des Teufels, der unbescholtne Staatsmann, ebenfalls; langes Sitzen am Sessions und Schreibtisch und an deren Nachtischen, dem Ess-, Trink- und Spieltisch, und am Ende gar der Abschied und die Ungnade hatten dem Manne vermittelst des Korpers mehr Verstand genommen, als wenige besitzen, und ihn zuletzt ganz toll uber andere gemacht, und dann toll in und fur sich selber.
Schon eh' der Verfasser dieses der, nach neuerer Wort-Spiel-Sucht zu reden, die Beichte einer Beichte beichtet das Nahere durch den Staatsmann selber erfuhr, kam es fruheren Bekannten desselben bedenklich vor, dass er das Talent des mailandischen Arztes Cardan besessen, im Finstern jede Gestalt nicht so wohl erblicken zu lassen was sich mit einem gesunden Staatsmann weit eher vertruge als die selber zu erblicken, die er eben sehen und erdichten wollte. Wie oft sah er im Schwarzen der Nacht Schwarze der Goldkuste und beklagte seinen Magen!
Darauf geriet der aussen plagende, innen geplagte Mann nach langem Lesen von Legenden um die Goldstucke oder Munz-Kopfe endlich aufs Lesen der Legenden um die Nimbus- und Glorien-Kopfe.
Wer nun von uns die Legende des Jakobs de Voragine, wie er, in Handen gehabt, erinnert sich leicht daraus, dass die heilige Margaretha den Teufel, der zu ihr (gewiss in keiner frommen Absicht) gekommen war, so lange abprugelte, bis sie ihn dahin brachte, vor ihr seine Ohrenbeichte abzulegen. Sehr weiche Seelen kann vielleicht der Beichtsohn, der Teufel, dauern, der fruher zur Ponitenz als zur Beichte kam, wie man einen Angeklagten stets fruher auf die Folter als zum Bekenntnis bringt; aber der Pein-Rechts-Lehrer weiss, dass man sogar geringe Verbrecher oft, wie durch elektrische Peitschen, um Wahrheits-Funken halbtot schlagen muss, bis man nur so viel Licht in der Sache bekommt, dass man sie halb lebendig lassen kann.
Wir kommen auf den unbescholtnen Staatsmann zuruck. Einst am Vigilien-Abende seines Geburtsfestes fuhlte er sich ungewohnlich krank und fromm das Wiegenfest brachte ihn aufs Sargfest der Schluss, man sterbe am letzten Tag seines eignen Jahres leicht, weil man am ersten desselben geboren worden, leuchtete ihm ein seinen Tod und den Teufel dacht' er sich immer gern beisammen seine Gabe, im Finstern Beliebiges zu ersehen, wurde reger durch die Scheu davor nach so vielen Angst-Gedanken fiel er endlich gar auf die Knie, um womoglich ins Beten zu geraten.
Da erschien ihm der Teufel anstandig gekleidet, namlich (wie es der unbescholtene Staatsbediente auch war) ganz schwarz, als geh' er in Gesellschaft oder an den Hof oder zur Beichte ein schwacher Ordensstern in Form des Morgensterns oder Luzifers verzierte den dunkeln Brust-Grund ganz artig Horn, Huf und Schwanz fehlten naturlich als zu schwerfallige Kronungs-Insignien, die jeder Furst uberall am Traualtar und Beichtstuhl weglasst kurz der Teufel konnte sich im ganzen sehen lassen.
Der grosse Staats- und Hofbediente, der ihn leicht erkannte, aber zum Schein, als ob er ihn fur etwas Besseres hielte, auf den Knien verblieb, fragte verbindlich, wen er so spat um 12 Uhr das Gluck habe, vor sich zu sehen.
Der Teufel verbeugte sich und hob weil er einen so ernsten, schwarzen, tonsurierten und knienden Mann am leichtesten fur einen Beichtvater halten konnte an, wie folgt:
"Ehrwurdiger lieber Herr, ich bekenne gern vor euch, dass ich zwar ein Teufel, aber kein sonderlicher Heiliger bin, sondern nur der beigeordnete Genius eines Staatsmannchens, das ich so und so geleitet habe. Ubrigens bin ich so gut wie die beste Welt und lasse mich finden. Freilich hat meine Grossmutter von ihrem siebenten bis in ihr 18tes Jahrhundert (nach Voigts Berechnung) neun Millionen Hexen ins Scheiterhaufenfeuer gelockt und sie zu Pulver gebraten fur ihre Zahne; wiewohl sie sich daruber leicht mit ihrer Vorliebe fur das weibliche Geschlecht entschuldigt, das, wie sie sagt, von niemand so sehr gehasset werde als von Weibern, sogar von alten. Indes war die Gute fruher bei Jahren als Eva und ich. Ihr Mann, mein guter Grossvater, zundete eintausendachthundertundsieben Kriegsfeuer an, um sich warm zu halten durchs Kalt-Machen der andern. Sein Enkel, ich, hat durch das grosse Staatsmannchen, dessen chevalier d'honneur et d'atour ich bin, bloss drei Sukzessions-Kriege und anderthalbe Antezessions-Kriege angezundet und gewiss mehr nicht; denn seine Zund-Rute, der Furst, war gar zu kurz; und so geh' ich denn zur Beichte meiner Sunden, die ich weniger begangen als eingegeben, nicht ohne jenes Bewusstsein von Unschuld uber, das ein armer Teufel wohl mehr braucht als irgendein anderer.
Ich bekenne, ehrwurdiger, an Gottes Statt hieher gesetzter Herr, dass ich nach der leider wankelmutigen und vielleicht nicht ganz unverdorbnen Natur der Teufel mein Staatsmannchen zu leidlichen Verfuhrungen seines Fursten verfuhret habe. Es war aber nicht eine Versuchung in der Wuste, sondern eine in der Gesellschaft. In der Tat bekam das grosse Staatsmannchen bald so wie Muhammed die fallende Sucht eine steigende und benutzte sie, wie der Prophet seine, ertraglich; er stieg wie gute Falken, um zu stossen. Wenn der Teufel (nach Luther) Gottes Affe ist, so konnte das Staatsmannchen bei seinem Fursten als dem gottlichen Ebenbilde schon nichts weiter werden als das Affen-Affchen.
Ich und das Mannchen fanden bald Grunde, warum, wenn nach dem romischen Rechte sogar fur den naturlichen Vater die Kinder nur Sachen, aber keine Personen sind, sich dies noch mehr fur den Landesvater und dessen Landeskinder reflektiere; dies brachte auf mehr Schlusse. Da nach den Rechten ohnehin kein Vertrag prasumiert wird, schlossen wir beide, so gilts am starksten vom wichtigen contrat social; viel lieber gelte ein Volkerrecht als das Volksrecht, sagten wir drei.
Ich bekenne wohl, ehrwurdiger Herr, dass ich freilich durch den Staatsmann den Hof-Zucker, wie jeden Zucker, durch Kriegs-Blut abklarte und raffinierte. Doch wollt' ich mich entschuldigen, wollt' ich nicht gerade beichten. Gewiss die meisten Opern, Kriege, Jagden und Konzerte wurden bloss zum Besten der Armen gegeben, welche dabei augenscheinlich gewannen an Zahl oder Bevolkerung ich sorgte durch ihn fur die klugere Stimmen-Minderzahl, so dass die gemeine Mehrzahl nichts im Leibe hatte als den Magen wir beiden liessen gegen drei Dichter, die verhungerten, stets einen Kastraten ersticken an Fett, der sie ab- und nachsang und ersetzte und wenn wir gerade den Hauptsachen ihren faulen Gang zuliessen, so geschah es gewiss nur in der Uberzeugung, wie schwer ein Mensch zu bessern ist, geschweige ein Land, da man jenen wie eine Saite zu spannen, dieses aber wie eine Glocke gar einzuschmelzen und umzugiessen hat, will man sie in einen andern Ton umstimmen. Ich sage, ehrwurdiger Herr, dies konnt' ich sagen, wenn ich nicht beichten wollte.
Ich bekenne gern, dass ich den guten Staatsmann vielleicht mehr zur Habsucht angeleitet, als er oder ich wird entschuldigen mogen. Nur ists schwer anders zu machen; im hohern Stand teilen sich Verschwendung und Geiz in Vater und Sohn; jeder von beiden muss davon eine Rolle ubernehmen; so wie entweder der Flachs dem Leindotter oder dieser jenem aufgeopfert werden muss. Wenn sonst in alten Zeiten der Teufel selber das Geld getragen brachte: so sieht er in den neuern wo er seinen Freunden nicht anders erscheinen kann als unsichtbar in ihrem Ich in der Gestalt desselben sich darauf eingeschrankt, dass er es ihnen bloss mit den Handen ihres eignen Leibes geben darf. Und so, ich bekenn' es, reichte ich meinem guten Prinzipal und Staatsbedienten viel, Ritterguter, Ehren- und Unehren-Posten und Bank-Kapitalien. Sein eigner Prinzipal, den er dabei einzuschlafern hatte, fand sich wie ein fett eingeschlafner Dachs bei dem Erwachen aus dem Winterschlafe abgemagert wieder; aber kann ein Furst, den so vieles beunruhigt, die Ruhe des Schlafes zu teuer bezahlen, er, der das Land, d.h. einen Elefanten, als Schoss und Lieblingstier tragen muss? Das Gewissen des Staatsmanns war leichter in Ruhestand zu versetzen; er konnte solches, wie der Stockfisch seinen Magen, heraustun und ausleeren und dann wieder zuruckschlucken und beladen; ja er bekehrte sich wochentlich ein paar Mal und versicherte oft, falls er verdammt wurde, so sei er so unschuldig als einer."
Hier stutzte der Beichtvater des Teufels oder der unbescholtene Staatsbediente etwas und schuttelte bewegt den Kopf.
"Es ist aber Faktum", fuhr der Beichtsohn fort. "Noch bekenn' ich, ehrwurdigster Pater, dass ich, sollte der Titel: Vater der Lugen der meinige bleiben, den Staatsmann zu meinem Sohne und Mantelkind und Erben an Sohnes Statt angenommen. Der blaue Dunst, den wir machten, ging als das grosste Blaufarbenwerk im Lande. Indes blieb er stets ein Freund jeder andern Wahrhaftigkeit und hasste herzlich jede Luge, die man ihm sagte; denn eben aus Liebe zu Wahrheiten behielt er die seinigen bei sich, wie der Kamtschadale den Tabakrauch aus Liebe zuruckschluckt, und darum sollten andere die ihrigen vor ihm, wie Deutsche den Rauch, zum Genusse ausblasen und dadurch mitteilen. Dennoch hatte ein solcher Mann von Wort, von nichts als Wort und Worten bei vielen fur zweideutig gegolten; ordentlich als wenn ein Mann keine Farbe hielte, der ja eben den ganzen Cour-Abend darauf sinnt, mehr als eine und jede zu haben und zu halten.
Noch eine und zwar die letzte Sunde, ehrwurdigster alter Pater, mocht' ich fast mit einer Spasshaftigkeit beichten, die wohl zu gross fur den Beicht-Stuhl, aber nicht fur meine vorige Harlekins-Rolle im altdeutschen Lustspiel ware; es betrifft sogenanntes Geschlecht. Was vom vorigen Erobern der Besitzungen gilt, dies gilt wohl noch starker vom Erobern der Besitzerinnen; kein Teufel erscheint einem Manne oder Weibe mehr korperlich als Suc- oder Incube, sondern er fahrt in dessen Ich und verdoppelt dasselbe daselbst. Wie es nun jetzt immer zweiunddreissig naturliche Kinder (zum Glucke) gegen einen unnaturlichen Vater gibt so hatte auch mein Staatsbedienter deren bloss in der Residenz 67, vielleicht nach der Zahl seiner Jahre. Die Landstadte und Dorfer waren fur ihn Filiale oder Tochter kirchen."
Hier (versicherte mich der hypochondrische Staatsbediente) hab' er nicht mehr knien konnen im Beichtstuhl, sondern den Kopf erhoben, aber der Teufel habe sogleich seinen tiefer gesenkt und dann mit etwas Lacheln fortgefahren:
"Wie gesagt, Ehrwurdigster, das Staatsmannchen versah als flinker Altarist am Altare der schonsten Meergottin, der nachherigen Hausfrau des Feuergottes, der nachhinkte, wenn sie vorschwamm, seinen Dienst ganz gut.
Sollt' ich wieder Schuld haben wie bei der Luge: so fuhr' ich wieder an, dass er gleichwohl kein lauer, sondern ein so aufrichtiger Freund und Liebhaber jeder weiblichen Unschuld war, als nur der Gott der NachParadiese der ersten Unschuld, namlich der der Garten, sein kann; denn jeder wahren Heiligen, beteuer' ich, setzte der Treffliche nach, bis in die Nonnenkloster hinein, ja eine heilige ewige Jungfrau hatte er ungeachtet seiner Staatslast taglich wie ein Nikodemus spat besucht und nur wie dieser den Heiligen-Schein vor den Pharisaern vermieden. Dass ich guter Teufel dies zuliess, ja unterstutzte, legt, hoff' ich, Ehrwurdigster, wohl am besten meine Absicht dar und verringert vielleicht die Ponitenz, Pater! Blosse Reliquien einer Heiligen, die bekanntlich schon uns Teufel von jeher verjagten, solche blosse tote Knochen und Uberbleibsel einer dahingeschiedenen Jungfrau zogen ihn niemals an, sondern machten ihn kalt; nur die Reinsten sollten sich vor ihm sehen lassen, und der Redliche sagte oft, sie seien gar nicht zu bezahlen, und klagte halb daruber. So sehr wusste er das jungfrauliche Herz zu schatzen, das (so sagt' er in einer passenden Bildnerei) wie ein neugebautes Schiff zum ersten Male in wahre Flammen aufschlagt, wenn es auf Walzen ins Weltmeer einrollt, indes es spater im kalten Salz- und Seewasser nur in phosphoreszierenden Flammen zieht, die es weder macht noch teilt.
Was des Staatsmannes ubernaturliche Kinder anlangt, um die paar ehelichen so zu nennen: so sorgte er eher zu viel und zu landesvaterlich fur sie und gab fur sie das Land durch verschiedene Auflagen als eine in usum Delphini und Delphinorum heraus; was ich aber fremder Schatzung uberlasse." Hier legte der Beichtvater oder Staatsbediente die Hand an den eignen Kopf anstatt auf den schuldvollen, der zu absolvieren war.
"Dies sind inzwischen meine Sunden," fuhr der Teufel fort, "sowohl die grossen als die grossten. Aber ferne sei es von uns beiden, ehrwurdigster Vater, dass ich Sie, die Sie weder Tod noch Mordsunden kennen, mit Ihrem sehr sichtbaren Schmerz uber meine Beichte bestache zu irgendeiner versussten Ponitenz. Nein! sondern ich will, um nur recht zu bussen, gerade von hier aus in einen frommsten Leib und Geist in Ihren fahren, Herr Pater!"
Weg war der Teufel; und die Ungewissheit seines Aufenthaltes setzte den unbescholtenen Staatsbedienten ordentlich in wahre Verlegenheit. "Es ist in jedem Falle sehr verdrusslich, Bester," fuhr er fort gegen mich in jener hypochondrischen Zweideutigkeit, die vor andern sich gern in Mutmassung verkleiden will "wenn man nach einer so hochst dummen Vision sich in noch dummern Stunden einbildet, man habe wirklich den Teufel im Leib, Vortrefflichster! Man wird irre an sich selber, wenn man den Exorzismus der Taufe sich sonach wie das Edikt von Nantes widerrufen denkt."
Hier ergriff ich die Gelegenheit, dem unbescholtenen Staatsmann meine Achtung zu bezeigen durch meine leichte Erklarung seiner Erscheinung. Ich ersuchte ihn, sich bloss ahnliche Tauschungen aus Moritzens und fast aller Seelenlehrer Magazinen zuruckzurufen, worin die unleugbarsten Beispiele reden, dass viele kranke Menschen sich doppelt gesehen; in diesem Falle hab' er, fuhr ich fort, den Trost, dass er bloss sich selber fur den Teufel genommen, und dass BeichtVater und Beicht-Sohn oder die Dreiheit von Staatsmannchen, Staatsbedienten und von dem aus beiden ausgehenden bosen Geist nur ein Wesen gewesen.
Der Greis sann etwas stark daruber nach; als ich aber ihn naher befragte, ob ihm das vermeinte Beichtkind etwas anderes bekannt, als was er schon gewusst, und ob er nicht selber uber frappante Beziehungen stutzig geworden und da ich ihm vorstellte, dass er Kraft und Witz und Scherz uberflussig besitze, um den Buffos-Charakter des Teufels in altchristlichen Mysterien jedesmal zu soutenieren und zu improvisieren und als ich endlich bemerkte, dass nur die Finsternis ihn verhindert hatte, die Ahnlichkeit zwischen seiner und der teuflischen Gesichtsbildung wahrzunehmen: so fuhr der Greis, nach einem fluchtigen Uberrechnen, wie erwachend aus einem schweren Traume, freudig nach meiner Hand und schuttelte sie mit den Worten: "Wahrlich, Freund, jetzt haben Sie absolviert, und zwar mich; aber wo hatt' ich meine Augen, Schonster!"
Fussnoten
103) Gute Fursten bekommen leicht gute Untertanen (nicht so leicht diese jene), so wie Adam im Stande der Unschuld die Herrschaft uber die Tiere hatte, die alle zahm waren und blieben, bis sie bloss mit ihm verwilderten und fielen. 5) Denn ein guter Arzt rettet, wenn nicht immer von der Krankheit, doch von einem schlechten Arzte. 100) Die Bucher liegen voll Phonixasche eines tausendjahrigen Reichs und Paradieses; aber der Krieg weht, und viel Asche verstaubt. 102) Lieber politischer oder religioser Inquisitor! Die Turiner Lichtchen leuchten ja erst recht, wenn du sie zerbrichst, und zunden dann sogar. 86) So wahr! In der Jugend liebt und geniesst man unahnliche Freunde fast mehr als im Alter die ahnlichsten. 128) In der Liebe gibts Sommerferien; aber in der Ehe gibts auch Winterferien, hoff' ich. 143) Die Weiber haben wochentlich wenigstens einen aktiven und passiven Neids-Tag, den heiligen, den Sonntag; nur die hohern Stande haben mehr Sonnals Werkeltage, so wie man in grossen Stadten seinen Sonntag schon Freitags mit einem Turken feiern kann, Sonnabends mit einem Juden Sonntags mit sich selber. Weiber gleichen kostlichen Arbeiten aus Elfenbein: nichts ist weisser und glatter, und nichts wird leichter gelb. 34) Nur die kleinen Tapeten- und Hinterturen sind die Gnadenturen; das grosse Tor ist die Ungnadenture, die Flugelturen sind halbe Januspforten. 21) Schiller und Klopstock sind poetische Spiegel vor dem Sonnengotte; die Spiegel werfen so blendend die Sonne zuruck, dass man in ihnen die Gemalde der Welt nicht gespiegelt sehen kann. 72) Den Halbgelehrten betet der Viertelsgelehrte an diesen der Sechzehnteilsgelehrte und so fort; aber nicht den Ganzgelehrten der Halbgelehrte. 35) Bien ecouter c'est presque repondre, sagt Marivaux mit Recht von geselligen Zirkeln; ich dehn' es aber auch auf runde Sessions- und Kabinettstische aus, wo man referiert und der Furst zuhort. 17) Das Bette der Ehren sollte man doch, da oft ganze Regimenter darauf liegen und die letzte Olung und vorletzte Ehre empfangen, von Zeit zu Zeit weichfullen, ausklopfen und sommern. 112) Gewisse Weltweiber benutzen in gewissen Fallen ihre korperliche Ohnmacht wie Muhammed seine fallende Sucht auch ist jene diese , bloss um Offenbarungen, Himmel, Eingebungen, Heiligkeit und Proselyten zu erhalten. 120) Mancher wird ein freier Diogenes, nicht wenn er in dem Fasse, sondern wenn dieses in ihm wohnt; und die gewaltige Hebkraft des Flaschenzugs in der Mechanik spurt er fast von einem Flaschenzuge anderer Art beim Flaschenkeller wiederholt und gut bewahrt. 3) Die Kultur machte ganze Lander, z.B. Deutschland, Gallien etc., physisch warmer, aber geistig kalter. 99) Gleichwohl hab' ich bei allem meinen Grimm uber Nachdruck doch nie den Ankauf eines Privilegiums gegen Nachdruck fur etwas anderes oder Schlechteres gehalten als fur die Abgabe, die bisher alle christliche Seemachte an die barbarischen Staaten erlegten, damit sie nicht beraubt wurden. Nur Frankreich hat, eben der Ahnlichkeit wegen, sowohl das Nachdrucks-Privilegium als die barbarische Abgabe abgeschafft. 1) Je mehr Schwache, je mehr Luge; die Kraft geht gerade; jede Kanonenkugel, die Hohlen oder Gruben hat, geht krumm. 32) Unser Zeitalter von einigen papiernes genannt, als sei es aus Lumpen eines besser bekleideten gemacht bessert sich schon halb, da es die Lumpen jetzt mehr zu Scharpien als zu Papieren zerzupft, wiewohl oder weil der Lumpenhacker (oder auch der Hollander) eben nicht ausruht; indes, wenn gelehrte Kopfe sich in Bucher verwandeln, so konnen sich auch gekronte in Staatspapiere verwandeln und ummunzen; in Norwegen hat man nach dem allg. Anzeiger sogar Hauser von Papier, und in manchen guten deutschen Staaten halt das Kammer-Kollegium (das Justiz-Kollegium ohnehin) seine eignen Papiermuhlen, um Duten genug fur das Mehl seiner Windmuhlen zu haben. Ich wunschte aber, unsere Kollegien nahmen sich jene Glasschneiderei in Madrid zum Muster, in welcher (nach Baumgartner) zwar neunzehn Schreiber angestellt waren, aber doch auch eilf Arbeiter. 39) Epiktet rat an, zu reisen, weil die alten Bekanntschaften uns durch Scham und Einfluss vom Ubergange zur hohen Tugend abhalten so wie man etwa seine Provinzialmundart schamhaft lieber ausser Lands ablegt und dann vollig gelautert zu seinen Landsleuten zuruckkommt; noch jetzt befolgen Leute von Stand und Tugend diesen Rat, obwohl umgekehrt, und reisen, weil die alten Bekanntschaften sie durch Scham zu sehr von neuen Sunden abschrecken. 2) Ein Soldat huldigt und gehorcht an seinem Fursten zugleich seinem Fursten und seinem Generalissimus; der Zivilist bloss seinem Fursten. 29) Und wie viel ist nicht in der Jurisprudenz Jurisimprudenz, ausgenommen bei Unrechts-Gelehrten! 39) "Die grossere Halfte" ist ein so messwidriger Ausdruck, dass ihn kein Messkunstler anders als von der Ehe, ja sogar nur von der seinigen gebrauchen konnte. 45) Die jetzigen Schriftsteller zucken die Achseln am meisten uber die, auf deren Achseln sie stehen; und erheben die am meisten, die an ihnen hinauf kriechen. 14) Manche Dichter geraten unter dem Malen schlechter Charaktere oft so ins Nachahmen derselben hinein, wie Kinder, wenn sie traumen zu pissen wirklich ihr Wasser lassen. 103) Die Grossen sorgen vielleicht so emsig fur ihre Nachkommen wie die Ameisen; sind die Eier gelegt, so fliegen die mannlichen und die weiblichen Ameisen davon und vertrauen sie den treuen Arbeitsameisen an. 10) Und liefert das Leben von unsern idealen Hoffnungen und Vorsatzen etwas anderes als eine prosaische, unmetrische, ungereimte Ubersetzung? 78) Die Weiber halten alles Weisszeug weiss, nur kein Buch, ob sie gleich vielleicht manchen polemischen Folianten, eh' er in die Papiermuhle gekommen, als Brauthemde am Leibe mogen getragen haben. Die Manner kehren es nur um. 7) Der geharnischte deutsche Reichskorper konnte sich darum schwer bewegen, weshalb die Kafer nicht fliegen konnen, deren Flugel recht gut durch Flugeldecken und zwar durch zusammengewachsene verschanzet sind. 8) Mit Staatseinrichtungen ists wie mit Kunststrassen: auf einer ganz neuen unbefahrnen, wo jeder Wagen am Strassenbau mit arbeiten und zerklopfen hilft, wird man ebenso gestossen und geworfen als auf einer ganz alten ausgefahrnen voll Locher. Was ist also hier zu tun? Man fahre fort. 3) Vor Gericht werden oft ermordete Geburten fur totgeborne ausgegeben, in Antikritiken totgeborne fur ermordete. 101) Nicht nur die Rhodier hiessen von ihrem Koloss Kolosser, sondern auch unzahlige Deutsche heissen von Luther Lutheraner. 88) Bis hieher hab' ich immer die Streitschriften der jetzigen philosophischen und asthetischen idealen Streitflegel, worin allerdings einige Schimpfworte und Trug- und Lugschlusse vorkommen, mehr von der schonern Seite genommen, indem ich sie bloss als eine Nachahmung des klassischen Altertums, und zwar der Ringer desselben angesehen, welche (nach Schottgen) ihren Leib mit Kot bestrichen, um nicht gefasst zu werden, und ihre Hande mit Staub anfullten, um den fremden zu fassen. 103) Oder sind alle Moscheen, Episkopalkirchen, Pagoden, Filialkirchen Stiftshutten und Panthea etwas anderes als der Heidenvorhof zum unsichtbaren Tempel und zu dessen Allerheiligsten? 40) Das Volk ist nur im Erzahlen, nicht im Rasonnieren weitlauftig; der Gelehrte ist nur in jenem, nicht in diesem kurz, eben weil das Volk seine Grunde nur als Empfindungen so wie die Gegenwart bloss anschauet, der Gelehrte hingegen beide mehr nur denkt. 9) Die Agypter nahmen bei einem Landes-Ungluck dadurch am Gott Typhon, dem sie es zuschrieben, Rache, dass sie seine Lieblinge von Felsen sturzten, die Esel. Ahnlicherweise haben sich in der Geschichte auch Staaten anderer Religion geracht. 70) In die Philosophie verhulle sich die Dichtkunst nur so wie in diese sich jene; Philosophie aber in poetischer Prosa gleicht jenen Trinkglasern in Schenken, welche, mit bunten Bilderschnorkeln umzogen, zugleich im Genusse des Getrankes und des Bildwerks, die oft widrig sich decken, storen. 158) Der Staat sollte ofter die Maul- und Kindertrommeln der Dichter nicht mit Regiments- und Feuertrommeln verwechseln, wieder umgekehrt sollte der Burger manche furstliche Trommelsucht nur fur eine Krankheit nehmen, worin der Patient bloss durch die unter die Haut eingedrungene Luft sehr aufgeschwollen ist. 89) In grossen Stadten lebt der Fremde die ersten Tage nach seiner Ankunft bloss von seinem Gelde im Gasthofe, erst darauf in den Hausern seiner Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde an, wie z.B. ich, so wird man gerade die ersten Jahre hindurch hoflich freigehalten, in den andern und langern aber denn man bleibt oft sechzig Jahre muss man wahrhaftig (ich habe die Dokumente in Handen) jeden Tropfen und Bissen bezahlen, als ware man im grossen Gasthofe zur Erde, was noch dazu wahr ist. 112) Ich sage aber Nein. Der Mensch stelle sich so wie seinen Hut wenn er sich und diesen nicht gerade gebraucht , beide um sie zu schonen, so lange auf den Kopf, bis wieder getragen wird. 10) Die Weltepochen feiern wie die spanischen Konige Regierungsantritt, Volljahrigkeit, Vermahlung gern mit Scheiterhaufen (Autodafes), Tressen-Ausbrennungen der weisen oder auch der Irrglaubigen. 144) Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich nicht zum Schreiben, sondern er weckt mit deren Brandgeruch Ohnmachtige auf, kitzelt mit ihr den Schlund des Plagiarius zum Wiedergeben und stochert mit ihr seine Zahne aus. Er ist der einzige im ganzen Gelehrten-Lexikon, der sich nie ausschreiben und ausschopfen kann, er mag ein Jahrhundert oder ein Jahrtausend vor dem Dintenfasse sitzen. Denn indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter das neue Buch nur aus neuem Stoff und Zuwachs schaffen legt der Rezensent bloss sein altes Mass von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke an, und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden, stets verschieden geschliffnen Glaser-Welt, die er beleuchtet, in neue Farben. 107) Deutschland ist ein langes erhabnes Gebirge unter dem Meer. 18) Unter Selbststillen versteht man nicht, wie beim Tatzen-saugenden Baren, dass man sich selber an die eigne Brust lege, sondern dass man andere nicht durch andere saugen lasse; so aber sollte auch das Wort Selbstliebe im Gebrauche sein. 97) Daher schliess' ich, dass Schmelzle gut predigt, schon aus seinen vielen Kenntnissen und Wortspielen. Die theologische Welt auf Kathedern noch mehr die auf Kanzeln, verdient das Lob, dass sie gleichsam der Lichtsammler oder Licht-Fang oder Lichtmagnet der besten Strahlen und Entdeckungen ist, die aus andern Wissenschaften ausgehen, besonders derer aus der Philosophie und Dichtkunst, sie selber entdeckt eigentlich nichts als eben die passiven Diebs-Inseln, wo sie ihre Gewurze abholt. So findet man in Predigten, z.B. in Marezolls Kanzelstucken, einen reichen Fund fremder Erfindungen; und uberhaupt gibts wenige Entdeckungen in der Philosophie und Moral, welche ein Jahrfunf oder Jahrzehend spater, nachdem sie ihren Schopfer beruhmt gemacht, nicht den Nachschopfer in der theologischen Welt diese Erbin ihrer Magd, der Philosophie noch zehnmal grosser und reicher gemacht hatten, sobald er nur Kanzel-Wasser genug zum Einflossen der fremden Bissen (boli) aufgegossen hatte. Aber hier mocht' ich gern auf einen Unterschied der meisten lutherischen Prediger von den Monchen zeigen, der nicht ganz zum Nachteil der erstern ausschlagt. Der Monch darf (C. 2. X. de stat. monach.) nichts Eigenes haben bei Strafe unehrlichen Begrabnisses, und jedes Eigentum wird ihm als Kirchenraub angerechnet. Mich dunkt aber, der lutherische Kanzelredner demutigt und entaussert sich weit mehr, wenn er auch im hohern Geistigen, wo er noch schon und frei zu wahlen hat da uber das Eigentum des Korperlichen ohnehin in seinem Namen das Kammerkollegium das Armuts-Gelubde ablegt , kurz, wenn er, was Gedanken anlangt, gar nichts Eignes hat und haben will. 71) Der Jungling ist aus Willkur sonderbar und freuet sich; der Mann ists unabsichtlich und gezwungen und argert sich. 198) Der Pobel und das Vieh schwindeln auf keinem Abgrunds-Abhang aber wohl der Mensch. 11) Das goldne Kalb der Selbstsucht wachst bald zum gluhenden Phalaris-Ochsen, der seinen Vater und Anbeter einaschert. 103) Das mannliche Schmarotzer-Gewachs an den weiblichen Rosen und Lilien muss (wenn ich dessen Schmeicheln recht fasse) wahrscheinlich bei den Schonen die Sitte der Italiener und Spanier voraussetzen, welche jede Kostbarkeit dem zum Geschenke anbieten, der solche sehr lobt. 199) Aber wenige gegenwartige Staaten, glaub' ich, kopfen unter dem Vorwande zu trepanieren oder heften (in einer gesuchtern Allegorie) die Lippen zusammen unter dem Vorwand, deren Hasenscharten zuzunahen. 12) Die Einzelwesen haben Lehrjahre, die Staaten Lehrjahrhunderte; aber sind beide freigesprochen, so sind doch wieder Lehrstunden und Sonntagsschulen nachzuholen. 67) Gastfreiheits-Wirt, willst du deinen Gast erforschen? Begleite ihn zu einem andern Wirte und hore zu! Ebenso: willst du deine Geliebte in einer Stunde besser kennen lernen als in einem Monate Zusammenliebens? Sieh ihr eine Stunde lang unter Freundinnen und Feindinnen (wenn dies kein Pleonasmus ist) zu! 80) Im Sommer des Lebens graben und statten die Menschen Eisgruben so gut als moglich aus, um sich doch fur ihren Winter etwas aufzuheben was fortkuhlt. 28) Es ist mir unmoglich, sogleich auf der Stelle unter dem Wasserasten Wald von Anspielungen in meinen Werken sogar diese ist wieder ein Ast herauszubringen und darauf zu fallen, ob ich je die samtlichen Hofe oder Hohen die (Bouguersche) Schneelinie Europas genannt habe oder nicht; ich wunschte aber Belehrung daruber, um es im widrigen Falle etwa noch zu tun. 36) Und so wunscht' ich uberall der erste zu sein, besonders im Betteln der erste Kriegsgefangne, der erste Kruppel, der erste Abgebrannte (ahnlich dem, der die erste Feuerspritze anfuhrt) erbeutet die Hauptsumme und das Herz; der Nachkommling spricht die Pflicht nur an; und endlich geht es mit dem melodischen Mancando des Mitleids so weit herunter, dass der letzte wenn der vorletzte wenigstens noch mit einem reichen "Gotthelf" beschwert abzieht nichts von der mildtatigen Hand mehr erhalt als deren Faust. Wie nun im Betteln der erste, so mocht' ich im Geben der letzte sein einer loscht den andern aus, besonders der letzte den ersten. So aber ist die Welt bestellt. 136) Ubersteigt ihr euere Zeit zu hoch, so geht es euern Ohren (von Seiten der Fama) nicht viel besser als sinkt ihr unter solche zu tief; wirklich ganz ahnlicher Weise spurte Charles oben in der Luftkugel und Halley unten in der Taucherglocke gleichen besondern Schmerz in den Ohren. 25) In der Jugend sieht man wie ein eben operierter Blindgeborner und was tut auch der Geburtshelfer oder die Geburtshelferin anders als operieren die Ferne fur die Nahe an, den Sternenhimmel fur greifbares Stubengerate, die Gemalde fur Gegenstande; und die ganze Welt sitzt dem Jungling auf der Nase, bis ihn, wie den Blinden, mehrmaliges Auf- und Zubinden endlich Schein und Ferne schatzen lehrt. 125) Am Ende muss man noch aus Angst und Not der warmste Weltburger werden, den ich kenne; so sehr schiessen die Schiffe als Weberschiffchen hin und her und weben Weltteile und Inseln aneinander. Denn es falle heute das politische Wetterglas in Sudamerika: so haben wir morgen in Europa Gewitter und Sturm. 19) Leichter, hat man bemerkt, ersteigt man einen Berg, wenn man ruckwarts hinaufgeht. Dies liesse sich vielleicht auch auf Staatshohen anwenden wenn man ihnen immer nur das Glied wiese, womit man sich daraufsetzt, und das Gesicht gegen das Volk unten gerichtet hielte, indes man in einem fort sich entfernte und hobe. 26) Wenige deutsche Gelehrte sind nicht originell, wenn man anders (wie wenigstens aller Volker Sprachgebrauch ist) jedem Originalitat zusprechen darf, der bloss seine eignen Gedanken auftischt und keine fremden. Denn da zwischen ihrem Gedachtnis, wo das Gelesene oder Fremde wohnt, und zwischen ihrer Phantasie oder Erzeugungskraft, wo das Geschriebne und Eigne entsteht, ein hinlanglicher Zwischenraum und die Grenzsteine so gewissenhaft und fest gesetzet sind, dass nichts Fremdes ins Eigne und umgekehrt heruberkann, so dass sie wirklich hundert Werke lesen konnen, ohne den Erdgeschmack des eignen einzubussen oder dasselbe sonst zu andern: so ist, glaub' ich, ihre Eigenheit bewahrt, und ihre geistigen Nahrungsmittel, ihre Plinzen, Laibe, Krapfen, Kaviare und Suppenkugeln werden nicht, wie nach Buffon die korperlichen, zu organischen Kugelchen der Erzeugung, sondern erscheinen rein und unverandert wieder. Oft denk' ich mir solche Gelehrte als lebendige, aber tausendmal kunstlichere Entriche von Vaukansons Kunst-Ente aus Holz. Denn in der Tat sind sie nicht weniger kunstlich zusammengefugt als diese, welche frisst und den Frass hinten wieder zu geben scheint- zarte Nachspiele der Ente, welche unter dem Schein, die Kost in Blut und Saft verwandelt zu haben, bloss einen vom Kunstler im Hinterleibe trefflich vorgerusteten Auswurf, der mit Speise und Verdauung gar nicht zusammenhangt, illusorisch in die Welt setzt und druckt. 15) Nach Ahnlichkeit der schon polierten englischen Einlegmesser gibts auch Einleg-Kriegsschwerter oder mit andern Worten Friedensschlusse. 13) Omnibus una salus sanctis, sed gloria dispar, das heisst schrieben sonst die Gottesgelehrten nach Paulus haben wir im Himmel alle dieselbe Seligkeit, aber verschiedene Ruhm-Stufen. Schon auf der Erde finden wir im Himmel der Schriftstellerwelt ein Vorbild davon. Namlich die Seligkeit der von der Kritik seliggesprochenen Autoren, der genialen, der guten, der mittelmassigen, der geistesarmen, ist bei allen die namliche, sie machen samtlich im ganzen fast einerlei Kameral-Gluck, denselben schwachen Profit. Aber Himmel, was hingegen Nach-Ruhms-Staffeln anlangt, wie tief wird nicht ungeachtet des namlichen Honorars und Absatzes schon bei Lebzeiten ein sogenannter Duns unter ein Genie hinabgestellt! Wird nicht oft ein geistesarmer Autor in einer Messe vergessen, indes ein geistreicher oder gar ein genialer durch funfzig Messen durchbluht und so erst sein 25 jahriges Jubilaum feiert, bevor er spat vergessen untergeht und im deutschen Ruhmtempel eingesenkt wird, der die bekannte Eigenheit der Kirchen des Ordens der Padri Lucchesi in Neapel nachahmt, welche bekanntlich (nach Volkmann) unter ihrem Dache eine Begrabnisstatte, aber kein Denkmal darauf verstatten? 79) Schwache und verschobene Kopfe verschieben und verandern sich am wenigsten wieder, und ihr innerer Mensch kleidet sich sparsam um ebenso mausern Kapaune sich nie. 89) Die Alten heilten sich im Zeiten-Ungluck mit Philosophie oder mit Christentum; die Neuern aber, z.B. in der Schreckenszeit, griffen zur Wollust wie etwa der verwundete Buffel sich zur Kur und zum Verband im Schiamme walzt. 108) Verwundert las ich, der Gruss im Gotthardstal sei Allegro! Denn nie wurd' ich in Wetzlar, in Regensburg oder Wien anders gegrusst als: Andante di molto! zuweilen jedoch: Allegro ma non troppo! Ja alte Generale grussten sich oft: Poco vivace. Ich erklare mir es daher, dass der Deutsche, wenn alle Volker die Fusse und Schuhe zu ihren Massen nehmen lieber mit Sessions-Steissen und Hosen abmisst. 181) Gott sei Dank, dass wir nirgends ewig leben als in der Holle oder im Himmel, auf der Erde wurden sonst wahre Spitzbuben aus uns und die Welt ein Haus von Unheilbaren, aus Mangel der Kurschmiede (der Scharfrichter) und der ableitenden Haarseile (am Galgen) und der Ekel und Eisenkuren (auf Richtstatten). So dass wir also wirklich unsere sittliche Riesenkraft gerade so auf der Schuld der Natur, die wir zu bezahlen haben, beruhend finden, als die Politiker (z.B. der Verfasser des neuen Leviathans) die Ubermacht der Englander auf deren Nationalschuld gestutzt erweisen. 63) Die, welche vom Volker-Lichte Gefahren befurchten, gleichen denen, die besorgen, der Blitz schlag' ins Haus, weil es Fenster hat; da er doch nie durch diese, sondern nur durch deren Blei-Einfassung fahrt oder an der Rauchwolke des Schornsteins herab. 76) Die okonomische, predigende Poesie glaubt wahrscheinlich, ein chirurgischer Steinschneider sei ein artistischer; und eine Kanzel oder ein Sinai sei ein Musenberg. 115) Nach Smith ist die Arbeit der allgemeine Massstab des kameralen Werts. Dies haben aber, wenigstens in Bezug auf geistigen und poetischen Wert, die Deutschen noch fruher eingesehen und meines Wissens stets den gelehrten Dichter uber den genialen und das schwere Buch voll Arbeit uber das flatternde voll Spiel gesetzt. 4) Der Heuchler kehret die alte Methode, wornach man mit einem nur an einer Schneiden-Seite vergifteten Messer die Frucht zerschnitt und die damit geatzte Halfte dem Opfer hinreichte und die gesunde zweite selber ass, so uneigennutzig gegen sich selber um, dass er gerade die gute moralische Halfte und Seite dem andern zeigt und gibt und nur sich die giftige vorbehalt. Himmel, wie schlecht erscheint einem solchen Manne gegenuber der Teufel! 66) Wenn die Bemerkung des Verfassers der Glossen richtig ist, dass die Postmeister in den grossern Landern zugleich auch die grobern sind: so hat Napoleon, der viele kleine Lander zu einem grossen korinthischen Erze zusammen schmolz und brannte, die Postmeister und Posthalter, z.B. im hoflichen Sachsen, gewiss nicht noch hoflicher gemacht, sondern sie eher aus der Komplimentierschule herausgeschickt. Was sie indes an Hoflichkeit verloren, gewinnen sie vielleicht in Briefporto wieder, da ich mir nicht denken kann, dass der Kardinal-Protettore del S. Imperio, dessen Briefe bekanntlich sonst alle postfrei durch das heilige romische Reich gelaufen nicht jetzt alles frankieren sollte, was er etwa zu melden hat. 67) Einzelne Seelen, ja Staatskorper gleichen organischen Korpern: zieht man aus ihnen die innere Luft heraus, so erquetscht sie der Dunstkreis; pumpt man unter der Glocke die ausserewiderstehende hinweg: so schwellen sie von innerer uber und zerplatzen. Demnach behalte jeder Staat innern und aussern Widerstand zugleich. 19) Mehr als ein Schriftsteller hat es hinter Hermes nach versucht, das Beispiel der Gattinnen und Arzte, welche einem Trunkenbold das Lieblingsgetrank auf immer durch einen eingeschwarzten krepierten Frosch oder durch Brechweinstein zu verleiden wussten, nachzuahmen und auf ahnliche Weise dem heisshungrigen Romanen-Leser den Roman durch haufige in denselben eingebrockte Predigten, Moralien und Langeweilen (dergleichen sollte krepierte Frosche vorstellen) dermassen zu versalzen und zu verekeln, dass er dann nach keinem Romane mehr griffe Aber der Ekel verfing wenig; und Hermesen selber gluckt' es am wenigsten; eher noch seinen Nachfolgern, bei denen der Wein sich weniger im Geschmacke von dem Brechwein unterschied, den sie dazu gegossen. 8) In grossen Salen wird der wahre Ofen in einen zierlichen Schein-Ofen verlarvt; so ist es schicklich und zierlich, dass sich die jungfrauliche Liebe immer in eine schone jungfrauliche Freundschaft verberge. 12) Die Volker lassen als Widerspiele der Strome, die in der Ebene und Ruhe am meisten das Unreine niederschlagen gerade nur im starksten Bewegen das Schlechte fallen, und sie werden desto schmutziger, je langer sie in tragen platten Flachen weiter schleichen. 23) Wenn die Natur das alte grosse Erdenrund, den Erden-Laib, von neuem durchknetet, um unter diesen Pasteten-Deckel neue Gefullsel und Zwerge hineinzubacken: so gibt sie meistens, wie eine backende Mutter ihrem Tochterchen, zum Scherze etwas weniges Pastetenteig davon (ein paar tausend Quadratmeilen solchen Teigs sind genug fur ein Kind) irgendeiner Dichter- oder Weisen- oder Heldenseele ab, damit das kleine Ding doch auch etwas auszuformen und aufzustellen habe neben der Mutter. Bekommen dann die Geschwister etwas vom Gebacke des Schwesterchens: so klopfen sie alle in die Hande und rufen: Mutter, kannst du auch so braten wie Viktoriechen? 104) Der unendliche Ton- und Feuer- und Bewegungs-Geist wollte, nachdem er ewig lange nichts gesehen als im innern Spiegel sein donnerndes, flammendes, fliegendes Bild, endlich einmal auch ein schones Still-Leben malen und schaffen, sich da hatt' er auf einmal das Universum gemacht, aber noch immer hangt das Still-Leben vor Gott, und er scheint es gern anzusehen, das All.