1806_Unger_101 Topic 3

Friederike Helene Unger

Bekenntnisse einer schonen Seele

Von ihr selbst geschrieben

An Casar

Die Lage, worin ich mich gegenwartig befinde, ist recht eigentlich dazu gemacht, meiner Phantasie einen ganz neuen Schwung zu geben. Abgeschnitten von Ihrem interessanten Umgang, mein angenehmer Freund, und auf mehrere Wochen getrennt von meiner theuren Eugenie, bin ich, mehr als jemals, auf mich selbst zuruck geworfen. Die susse Gewohnheit, mich Ihnen oder meiner Freundin mitzutheilen, wurde fur mich zur Folter werden, bote mir die Schriftsprache keinen Ausweg dar. Wenn ich mich lieber an Sie, als an meine Freundin, wende, so geschieht dies, weil ich aufs bestimmteste weiss, dass Sie nur allzu oft gewunscht haben, die Geschichte meiner Entwickelung vollstandig zu vernehmen. Wie vollendet Ihre Diskretion auch seyn mag, mein angenehmer Freund, dieser Wunsch musste in Ihnen entstehen, so oft Sie sich die Frage vorlegten: Woher es doch kommen moge, dass Ihre Mirabella, trotz ihrem Alter und ihrer Jungfrauschaft, noch immer ihren Platz in der Gesellschaft behauptet, und sogar ein Gegenstand der Zuneigung und Achtung bleibt? Gestehen Sie nur, dass Sie sich einige Muhe gegeben haben, dies Rathsel zu losen, ware es auch nur geschehen, um begreiflich zu finden, wie ich, zwischen einem Philosophen Ihres Schlages und einer so gebildeten Frau, als unsere gemeinschaftliche Freundin ist, in der Mitte stehend, ein Band abgeben kann, das man als nothwendig empfindet, und immer ein wenig ungern zerreissen sehen wird. Ich musste Sie aber sehr wenig kennen, wenn ich nicht vorher wissen sollte, dass die Hauptfrage, welche Sie sich in Hinsicht meiner vorgelegt haben, ohne sie jemals vollstandig beantworten zu konnen, immer die gewesen ist: Wie ich mit den korperlichen und geistigen Eigenschaften, in deren Besitz ich gewesen und allenfalls auch noch bin, eine Jungfrau habe bleiben konnen? In Wahrheit, dies ist das Hauptproblem, das geloset werden muss, wenn man mich in meiner Individualitat begreifen will.

Nun, mein angenehmer Freund, jegliche Frage, die Sie sich, wahrend unserer zehnjahrigen Bekanntschaft, in Beziehung auf mich vorgelegt haben mogen, soll Ihnen durch die nachfolgende Erzahlung beantwortet werden. Ich will den Zufall, der mir die Feder in die Hand gegeben hat, recht eifrig benutzen, Sie mir fur immer zu verbinden. Erst nach drei Wochen kann Eugenie zuruckkehren. Bis dahin gehore ich Ihnen, so viel ich die mit dem Schreiben unaufloslich verbundene Arbeit ertragen kann. Mein Wille ist der beste von der Welt; auch an Heiterkeit und Laune gebricht es mir nicht; denn der lange Winter, den wir seit einigen Wochen uberstanden haben, macht einem so angenehmen Fruhlinge Platz, dass das Gefuhl des inneren Lebens mit verdoppelter Starke zuruckkehrt.

Erwarten Sie aber in meiner Erzahlung keine Abentheuer; ich habe nie zu denjenigen gehort, denen dergleichen begegnen konnen. Was in meiner Geschichte Ausserordentliches ist, bleibt noch immer in der Regel, wenn man die Eigenthumlichkeit der Personen ins Auge fasst, welche einen so wesentlichen Einfluss auf meine Entwickelung hatten. Im Ubrigen wissen Sie, mein angenehmer Freund, dass es wenig Menschen giebt, die mit ihrem Geschick zufriedener sind, als ich. Die Natur wollte nun einmal, dass in der Reihe der Wesen auch ein solches Geschopf existiren sollte, wie ich bin. Eben so weit davon entfernt, mich als Muster darstellen zu wollen, als ich entfernt bin, meine eigene Anklagerin zu werden, will ich mich also nur in meiner Eigenthumlichkeit schildern. Ob diese gut sey, oder nicht, daruber mogen Andere entscheiden. Ich selbst bin, wenn ich die Wahrheit gestehen darf, dahin gelangt, dass mich nichts so sehr in Verlegenheit setzt, als die Frage: Ob dies oder jenes gut sey? und nehme, sowohl fur mich selbst als fur Andere, meine Zuflucht sehr gern zu dem Grundsatz: What ever is, is right.

Auch Sie, mein angenehmer Freund, werden mich so nehmen; und unter dieser Voraussetzung will ich Ihnen alles bekennen, was nur von einigem Interesse fur Sie seyn kann.

Erstes Buch

Wer meine Eltern gewesen sind, vermag ich nicht zu sagen; denn ich habe sie nie kennen gelernt. In einer gewissen Periode meines Lebens lag mir sehr viel daran, hinter das Geheimniss meiner Geburt zu kommen; allein so viel Muhe ich mir auch zu diesem Endzweck gegeben habe, so hab' ich mit aller angewandten Sorgfalt doch nur zu der Vermuthung aufsteigen konnen: Meine Existenz sey die Wirkung eines Missbundnisses, welches entweder durch meine Geburt, oder bald nach derselben aufgehoben wurde.

Meine Erinnerungen reichen bis zu meinem sechsten Lebensjahre herab. Wo ich auch vorher existirt haben mag, in diesem Alter brachte man mich, nach einer Reise, welche wenigstens drei Tage dauerte, in die Wohnung eines franzosischen Geistlichen, der mit seiner Schwester auf dem Lande lebte. Ich wunderte mich daruber, dass man mich auch hier Mirabella nannte, sobald ich aus dem Reisewagen gestiegen war; denn ich konnte nicht begreifen, wie ganz fremde Personen mich kennen konnten. Wesen und Namen war fur mich noch einerlei.

Welche Richtungen mein Inneres auch bis dahin erhalten haben mochte, so lag es in der Natur der Sache, dass sie durch die neue Lage verdrangt wurden; denn so lange der Mensch noch der Entwickelung fahig ist, bestimmt er sich nach seiner Umgebung, die um so kraftiger auf ihn einzuwirken pflegt, je abhangiger er in jedem Betracht von ihr ist. Eigenen Charakter darf man nur solchen Personen zuschreiben, die sich zu Meistern ihrer Umgebung gemacht haben.

Meine Erzieher waren, nach den Bildern, die mir von ihnen ubrig geblieben sind, sehr achtungswerthe Personen. Der Geistliche war namlich ein Mann von mannigfaltigen Talenten, und in jeder Hinsicht so gesetzt und verstandig, dass man hatte in die Versuchung gerathen konnen, ihn fur einen Deutschen zu halten; ja, ich muss bemerken, dass er mir von allen franzosischen Geistlichen, die mir jemals vorgekommen sind, immer als der einzige erschienen ist, der ein lebendiges Gefuhl von der Wurde seines Berufs hatte. Seine Schwester war seiner wurdig. Hochst reinlich in ihrem ganzen Wesen, geschickt in allem, was zu den Verrichtungen einer guten Hausmutter gehort, sanft und nachgiebig, weil sie in ihrem Verstande immer die nothigen Hulfsmittel fand, war sie das baare Gegentheil von dem, was Franzosinnen zu seyn pflegen. Dieselbe Deutschheit, welche ihren Bruder zu einem Mann machte, gab ihr die achte Weiblichkeit, die man bei so wenigen Franzosinnen antrifft, weil sie immer erst dann einen Werth errungen zu haben glauben, wenn sie aus ihrem Geschlecht getreten sind. Gleichwohl sprachen diese beiden Personen unter sich immer franzosisch. Hatte die Sprache ihr Wesen bestimmen konnen, so wurden sie Franzosen gewesen seyn; aber dies vermag keine Sprache in der Welt. Nur der Umgang, oder die Totalitat gleichartiger Eindrucke, bestimmt die Individualitat.

In dem Hauswesen herrschte die grosste Ordnung. Der Bruder bewegte sich in seinem Kreise, die Schwester in dem ihrigen. Beide Kreise beruhrten sich; aber sie griffen nie in einander, weil dies der Freiheit der Bewegung geschadet haben wurde. Es war in der That eine Freude, zu sehen, wie diese Geschwister sich gegenseitig achteten. Grossmuthig durch sein ganzes Wesen, fand der Bruder nie den Widerspruch der Schwester, wenn seine Liberalitat ihrer Sparsamkeit in den Weg trat. Nicht minder entging der okonomische Geist der Schwester der Kritik des Bruders. Beide schienen, ohne formliche Verabredung, darin uberein gekommen zu seyn, dass sie sich als vernunftige Wesen in ihrem Thun und Treiben respektiren wollten, da es in der Natur der Sache lag, dass sie sich gegenseitig erganzen mussten, wenn sie den Charakter der Menschlichkeit in der Staatsburgerei retten wollten, von welcher sich Niemand ganz losreissen kann. Des Bruders einzige Liebhaberei war eine Baumschule; allein auch in dieser Liebhaberei folgte er nur seinem Hange zur Grossmuth und zum Wohlthun. Da er von seinen Einkunften nichts verschenken konnte, ohne sich zu schaden; so wollte er wenigstens die Produkte seines Fleisses verschenken. Die ganze Nachbarschaft versorgte er mit jungen Baumstammen von der edelsten Gattung, ohne jemals eine Entschadigung in baarem Gelde dafur anzunehmen.

Je mehr der ganze Gang des Hauswesens den Bedurfnissen meines Alters entsprach, desto leichter gewohnte ich mich daran; und da meine Pflegeeltern unter sich selbst so einig waren, dass alles, was Leidenschaft genannt werden mag, aus ihrem Bezirk verbannt war, so konnte es nicht fehlen, dass ich in diese ihre Stimmung hineingezogen wurde. In so fern Liebe ein bestimmtes Gefuhl ist, das zur Aufopferung treibt, war dies Gefuhl nicht in mir; aber ich theilte die Harmonie des Hauses, und theilte sie um so mehr, weil ich von allen Hausgenossen gleichmassig behandelt wurde, und die Entstehung dessen, was man Eigensinn zu nennen pflegt, in mir ganz unmoglich war. Was mir immer vorgehalten werden mochte, ich nahm es als Beschaftigung des Thatigkeitstriebes, und fand daher meine Rechnung eben so sehr im Lehrzimmer, als in der Kuche und im Garten. Nur in Hinsicht der Autoritat unterschied ich meine Umgebung. Die meines Pflegevaters gab den Ausschlag uber jede andere. Ihn betrachtete ich im eigentlichen Sinne des Worts als das Haupt, und wo sein Ausspruch einmal erfolgt war, da galt mir kein anderer. Hatte man mir damals gesagt: Es ist ein Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung, so wurde ich, vorausgesetzt, dass zwei so abstrakte Dinge nicht ganz fur mich verloren gewesen waren, auf der Stelle geantwortet haben: Das weiss ich recht gut; denn die Wahrheit ist bei meinem Vater und die Meinung bei den Andern. Das Geschlecht, zu welchem ich gehorte, gab mir diese Deferenz. War ich ein Knabe gewesen, so wurde die Autoritat meiner Pflegemutter entschieden haben.

Ich habe oft gedacht, dass die Erziehung jedes menschlichen Wesens, das nur einigermassen gerathen soll, hochst einfach seyn musse. Es kommt zuletzt doch nur darauf an, dass man eine achtunggebietende Individualitat gewinne. Wie will man aber zu einer solchen gelangen, wenn es durchaus nicht gestattet ist, bleibende Falten zu schlagen, die, sie mogen nun in Gefuhlen oder in Ideen zum Vorschein treten, allein den Charakter ausmachen? In Stadten, vorzuglich aber in Hauptstadten, besteht die Erziehung eigentlich darin, dass der eine Eindruck sogleich durch den andern vernichtet werde, so dass der Zogling am Ende in einem leeren Nichts dasteht; dies ist eine nothwendige Folge der allzuweit getriebenen Zusammengesetztheit der Richtungen, welche der Zogling (ob mit oder ohne Absicht, gilt hier gleich viel) in den Stadten erhalt. Auf dem Lande kann so etwas durchaus nicht statt finden; da der Richtungen an und fur sich wenigere sind, so ist die ganze Erziehung einfacher, und die naturliche Folge davon ist, dass das Innere des Zoglings eine bestimmte Form annimmt, die sich zuletzt von selbst gegen alle Unform vertheidigt, und im Kampfe mit derselben zu einer hoheren Entwickelung fuhrt.

Ganz unstreitig verdanke ich nicht nur den grossten, sondern auch den besten Theil meines Wesens der Erziehung, die ich in dem Hause meines Pflegevaters erhielt. Die Gewohnung zur Reinlichkeit musste mir die Reinlichkeit zum Bedurfniss machen; und indem der materielle Schmutz ein Gegenstand des innigsten Abscheues fur mich wurde, konnte der immaterielle, vermoge des Zusammenhanges, worin das Physische mit dem Geistigen im Menschen steht, keinen Eingang bei mir finden. Mit der Liebe zur Reinlichkeit aber stand die Schamhaftigkeit in der vollkommensten Harmonie. Da das Wohnhaus geraumig genug war, so hatte jedes Mitglied der Familie sein eigenes Schlafzimmer; dabei erforderte eine hergebrachte Sitte, nicht anders als vollkommen angekleidet aus demselben zu treten. Jene Einrichtung und diese Sitte brachten die Wirkung hervor, dass, wie ungezwungen der Umgang im Ubrigen auch seyn mochte, doch Keiner von uns begriff, wie es moglich sey, sich in Gegenwart eines Andern aus- oder anzukleiden. Ich mochte ein Alter von zehn Jahren erreicht haben, als der Anblick eines achtjahrigen Knaben, der sich in meiner Gegenwart die Strumpfe aufband, mich in eine solche Verlegenheit setzte, dass ich nicht im Zimmer bleiben konnte; und der blosse Umstand, dass ich diese Scene niemals habe vergessen konnen, beweiset mehr, als alles, was ich daruber zu sagen vermag, wie sehr die Schamhaftigkeit in mein Wesen ubergegangen war. Dies verhinderte indessen nicht, dass ich den Umgang mit Knaben, so oft dazu Gelegenheit war, nicht unendlich interessanter gefunden hatte, als den mit jungen Madchen. Ein geheimer Zug that hier alles; allein wie unwiderstehlich er immer seyn mochte, so folgte ich ihm doch, ich will nicht sagen, mit Vorsichtigkeit denn diese war fur mich gar nicht vorhanden sondern mit Beibehaltung alles dessen, was mir einmal zur Gewohnheit geworden war, und woruber ich nicht weiter Herr werden konnte. Und so geschah es, dass ich selbst in einem Alter, dem die Herrschsucht ganz fremd ist, die widerstrebende Natur meiner Gespielen mannlichen Geschlechts in den Strudel meiner Individualitat zog, und diese rettete, ohne fur sie zu kampfen. Fremde Personen nannten mich nicht selten die gesetzte Mirabella; meinen Pflegeeltern hingegen war eine solche Benennung eben so fremd, als mir; unstreitig weil sie einsahen, dass mit dieser Gesetztheit keine Art des Zwanges oder des Calculs verbunden war. Ich bewegte mich minder lebhaft, weil die Freiheit mir habituell war, und ich folglich keine Aufforderung hatte, mich zu ubernehmen.

Mein Pflegevater lehrte mich Zeichnen, Rechnen, Lesen, Schreiben; und nachdem ich ein Alter von zwolf Jahren erreicht hatte, kam der Unterricht in der Naturgeschichte und Geographie hinzu. Wie sehr er auch Geistlicher war, so befasste er sich doch nicht mit der Unterweisung in der Religion; unstreitig aus keinem anderen Grunde, als weil er noch kein bestimmtes Dogma in mich niederlegen wollte. Auch trug er mir nie eine formliche Moral vor; und deute ich sein Wesen recht, so hatte er dazu den sehr vernunftigen Grund, dass die Liebe keiner Regulative bedarf, und dass der Hass sie verachtet. Seine Urtheile uber Menschen und menschliche Verhaltnisse waren die eines gebildeten Mannes, der zwar an Unverstand, aber nicht an Bosheit glaubt, und sich daher immer zur Nachsicht und Schonung berufen fuhlt. Nie hab' ich ihn in Leidenschaft gesehen; und wenn der Charakter eines Weisen in der Apathie enthalten ist, so war er mehr als tausend Andere ein Weiser.

Von meiner Pflegemutter lernte ich Stricken, Nahen, Brodiren; alles dieses in einem hohen Grade von Vollkommenheit. Wie sehr auch meine Lehrerin in ihren Wirthschaftsangelegenheiten versenkt schien, so fehlte es ihr doch durchaus nicht an Kunstsinn. Die Gewalt des Wahren war fur sie eben so wenig vorhanden, als fur irgend ein Weib; aber die Gewalt des Schonen offenbarte sich in allen ihren Schopfungen, in so fern sie alles verabscheuete, was den ewigen Gesetzen der Harmonie widersprach. Zwar sagt man: "Nur das Wahre sey schon"; allein, so weit meine Beobachtung reicht, gilt dieser Ausspruch nur in Beziehung auf Manner; fur Weiber ist nur das Schone wahr, das heisst, sie wollen immer und ewig nur das Schone, unbekummert um das Wahre. Vielleicht ruhrt dieser Unterschied der Geschlechter daher, dass bei den Mannern sich die Phantasie dem Verstande, bei den Weibern hingegen der Verstand der Phantasie unterordnet. Wie dem aber auch seyn mag, noch immer soll das Weib geboren werden, bei welchem die Schonheit des Euclideischen Systems Sache der Empfindung oder Anschauung ist.

Unbemerkt wuchs ich unter so wohlthatigen Einflussen, als meine Pflegeeltern waren, heran. Meine Entwickelung ging um so glucklicher von statten, da nichts vorhanden war, was sie hatte storen oder verhindern konnen. In einem Alter von funfzehn Jahren war mein Wuchs vollendet, und meinem Umriss nach hatte man mich fur ein junges Madchen von achtzehn bis zwanzig Jahren halten konnen. Uber das Mittelmaass hinaus gross und von einer anziehenden Fulle, vereinigte ich Brunettheit mit einer blendenden Weisse, und keiner von meinen Gesichtszugen widersprach der Weiblichkeit. Wer mich sah, verweilte mit Wohlgefallen bei meinem Anblick; was man aber ganz laut bewunderte, war die Uppigkeit meines kastanienbraunen Haarwuchses; ich hatte ihn als Schleier gebrauchen konnen, so lang und dicht war er. Die Aufmerksamkeit, welche mir alle Fremden bewiesen, fuhrte mich vor den Spiegel, der mir bisher durchaus gleichgultig gewesen war; ich suchte den Grund dieser Aufmerksamkeit, und wer will es mir verargen, dass ich ihn in dem Abstich fand, den meine Gestalt von denen meiner Umgebung machte? Mit Wahrheit aber kann ich versichern, dass mich das oftere Hintreten vor den Spiegel nicht eitel machte; diese Beschauung gewahrte mir nur ein Bild von mir selber, und mit dem Bilde die Uberzeugung, dass ich, wo nicht schon, doch wenigstens hubsch sey; zu Anspruchen und zur Coketterie verleitete sie nicht, und konnte sie nicht verleiten, weil meine Vorzuge mir von Niemand bestritten wurden. Man konnte glauben, ich sey in meiner Jugend sehr eitel gewesen, da mir ein so bestimmtes Bild von mir selbst geblieben ist; allein das ist das Eigenthumliche der weiblichen Einbildungskraft, dass sie im Stande ist, die Bilder fest zu halten, welche derselbe Gegenstand in seinen verschiedenen Entwikkelungsperioden gegeben hat. Schwerlich wird irgend ein Mann die Gestalt, welche er als Jungling hatte, in spateren Jahren bei sich selbst zur Anschauung bringen konnen; ein Weib aber kann dies ohne alle Muhe, und wenn sie sich auf Malerei versteht, so muss an der Wahrheit des Bildes, das sie von ihrem fruheren Wesen entwirft, auch nicht das Geringste abgehen, vorausgesetzt nur, dass ihre Einbildungskraft nicht durch Eitelkeit verdorben worden ist.

Es war um diese Zeit ofters davon die Rede, dass meine Erziehung nur in der Hauptstadt vollendet werden konnte; und da mir die Nothwendigkeit einer hoheren Ausbildung nicht einleuchtete, so rief der Gedanke an eine nahe Trennung von meinen Pflegeeltern die ersten traurigen Gefuhle auf, die ich bis jetzt gehabt hatte. Ob ich diese meine Pflegeeltern liebte oder nicht, war mir bisher eben so unbekannt geblieben, als dem wirklich Gesunden das Gefuhl der Gesundheit. Jetzt, wo ich der sussen Gewohnheit mit ihnen zu leben, entsagen sollte, wurde mir zuerst klar, wie innig ich mit allen meinen Neigungen an ihnen hing. Meine Traurigkeit war um so tiefer, je grosser meine Unerfahrenheit war, und je weniger ich folglich der Lockung folgen konnte, welche mit der Aussicht auf neue Verhaltnisse in der Regel verbunden ist. Dieselbe Stimmung waltete bei meinen Pflegeeltern ob; es lag nur allzu sehr am Tage, dass auch sie sich seit neun Jahren verwohnt hatten, und dass es ihnen Muhe machte, dem naturlichen Bedurfniss des Menschen, zu lieben und geliebt zu werden, schnell zu entsagen. Selbst mein Pflegevater verlor einen guten Theil seiner gewohnlichen Heiterkeit, wahrend seine Schwester, den edleren Theil ihres Wesens hinter dem unedleren verbergend, nicht aufhorte zu bedauern, dass ihr fur ihre Wirthschaft eine so zuverlassige Stutze entrissen wurde, als sie seit drei Jahren an mir gehabt.

Das Schicksal nahm sich der ganzen Familie dadurch an, dass mein Pflegevater als Prediger in die Hauptstadt berufen wurde. Ich sage: "das Schicksal," weil ich mich nicht anders ausdrucken kann. Unstreitig ging auch dies sehr naturlich zu, und allen meinen spateren Vermuthungen nach, hatte mein Pflegevater seine Berufung bei weitem mehr dem Verhaltniss zu verdanken, in welchem er zu mir stand, als seinen personlichen Eigenschaften, wie achtungswerth diese auch seyn mochten. Dem sey indess wie ihm wolle, es war uns allen herzlich lieb, dass wir zusammen bleiben konnten.

Das einzige Problem, das noch zu losen war, bestand in der Trennung von dem Grund und Boden, auf welchem wir bisher gelebt hatten, die Nachbarschaft mit inbegriffen. Vorzuglich fiel es meinem Pflegevater schwer, sich von seiner Baumschule zu trennen, die ihm um so theurer seyn musste, weil die Entwickelung in ihr nach solchen Gesetzen erfolgte, deren sich die Willkuhr vollkommen bemachtigen kann. Er pflegte ofters zu sagen: Er habe nie heirathen mogen, weil er nichts so sehr verabscheut habe, als den Gedanken an ein ungerathenes Kind; aber er freue sich daruber, dass er ein Gartner geworden sey, weil die Gartnerei ihm jede Schadloshaltung gewahre, die der Kinderlose wunschen konne. Dem ungeachtet gab das Menschliche in ihm den Ausschlag uber das Rasonnement, so oft beide in Opposition geriethen; und dies zeigte sich auch gegenwartig, da die grossmuthige Zuneigung, die er fur mich gefasst hatte, ihn den Kummer uberwinden liess, der mit einer ewigen Trennung von seiner geliebten Baumschule unaufloslich verbunden war. Wie sehr sie ihm am Herzen lag, zeigte sich in der Folge sehr haufig, indem sein Gemuth ihn in den Abendstunden regelmassig den Gedanken an seine Baumschule zuruckrief, bis er nach einigen Jahren die Nachricht erhielt, dass sie durch die ganzliche Vernachlassigung seines Nachfolgers eingegangen sey. Der Seufzer, der ihm bei dieser Gelegenheit entfuhr, sagte sehr deutlich, wie viel er mir aufgeopfert hatte; in der That um so mehr, je uneigennutziger und anspruchsloser er in jeder Hinsicht war.

Nach unserer Ankunft in der Hauptstadt sollte ich vor allen Dingen Musik und Tanz lernen. Beides wurde ich mit grosser Leichtigkeit gelernt haben, hatte ich solche Lehrer gefunden, als mein Pflegevater war. Es fehlte mir weder an Lust, noch an Fahigkeit; aber die Eigenthumlichkeit meiner Lehrer verhinderte alle Fortschritte, die ich hatte machen konnen, und wurde auf diese Weise die Ursache, warum zwei Talente, die ich erwerben konnte, mir immer fremd geblieben sind.

Mein Lehrer in der Musik galt fur einen Meister in seiner Kunst. Ware er blos Kunstler gewesen, so wurde von seinem Wesen so viel auf mich ubergegangen seyn, als sich mit meiner Natur vertrug; allein da er zugleich ein galanter Mann seyn wollte, so musste das, was er seine Artigkeit nannte, ihm einen so lacherlichen Anstrich bei mir geben, dass wesentliche Fortschritte in der Musik unter seiner Leitung fur mich unmoglich wurden. Alles ging vortrefflich, so lange er mich fur eine junge Person seines Standes hielt; sobald er aber gehort hatte, dass man mich Fraulein Mirabella nannte, veranderte er seine Methode auf Kosten seiner Kunst. Bis dahin hatte er ganz treuherzig gesagt: So und so muss es seyn. Jetzt bat er, dass es mir belieben mochte, es so und so zu machen. Griff ich f statt fis, so bat er sich ein gnadiges fis aus. Uberhaupt war seine Deferenz gegen das Vorurtheil des Geburtsadels so gross, dass er es nicht offenbaren konnte, ohne mich aus allen meinen Angeln zu heben. Unbeschreiblich weh that mir diese Wegwerfung; und um den unangenehmen Gefuhlen zu entgehen, welche so wie der Mann nun einmal war, von dem Unterricht nicht getrennt werden konnten, gebrauchte ich den Ausweg, ihn allein ans Clavier zu setzen, und das zu singen, was er spielte. Auf diese Weise bildete ich meinen Sinn fur Musik aus, ohne jemals die gewohnliche Fertigkeit zu erwerben, welche sich durch die Fingerspitzen offenbaret; und ich weiss nicht, ob diese Ausbildung nicht die vorzuglichere war, da sie hinreichte, um zur Kenntniss dessen zu gelangen, was wahre Musik ist, und mich im Ubrigen von jener Virtuositat, welche die Weiblichkeit vernichtet, entfernt hielt. Im Grunde hab' ich nie bedauert, dass ich keine grosseren Fortschritte gemacht habe.

Mein Tanzmeister war das vollkommenste Gegentheil von meinem Lehrer in der Musik. Ein geborner Franzose, lebte und webte er in seiner Kunst, welche in seinem Urtheil das Complement aller menschlichen Vollkommenheiten war. Ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass er auf das allervollkommenste in ihr untergegangen war; denn nichts verdiente seine Schonung, was der vollendeten Ausubung der Tanzkunst in den Weg trat. Wie wurde mir gleich in der ersten Lection zu Muthe, als er, nach den ersten Vorzeigungen, mich unsanft bei der Schulter fasste, um meinen Fussen durch die seinigen die kunstmassige Stellung zu geben! Alles, was Gemuth genannt werden kann, wurde in mir aufgeregt, und hatte ich nicht die Idee eines Lehrers festgehalten, so wurde ich auf der Stelle die verletzte Schamhaftigkeit geracht haben. Mit gluhenden Wangen kehrte ich auf mein Zimmer zuruck, als die Lection geendigt war; und als meine Pflegemutter mich fragte, was mich in einen solchen Aufruhr gesetzt habe, war ich schlechterdings nicht im Stande, ihr irgend eine Antwort zu geben; so gross war meine Verworrenheit. Zagend ging ich in die zweite Lection. Dass meine Geschicklichkeit dadurch nicht gewann, versteht sich ganz von selbst. Mein Lehrer sprach mir den Muth ein, der die grosse Mehrheit aufrichtet, mir aber gar nicht fehlte. Die Ubung wurde fortgesetzt, wiewohl ich schon halb betaubt war. Anstatt zu rechter Zeit abzubrechen, gerieth der Meister in den gemeinen Kunsteifer; und indem er sagte, dass eine so edle Figur, wie die meinige, sich auch edel bewegen musse, sturzte er auf mich zu, und bog, weil ich die Fusse nicht auswarts genug setzte, meine Knie mit den seinigen aus einander. Dies war aber mehr, als ich ertragen konnte. Eine Beleidigung meiner Schamhaftigkeit hatte ich verschmerzt; einen Angriff auf dieselbe glaubte ich ahnden zu mussen. Ich sprang also unmittelbar nach geschehener That auf den Meister zu, gab ihm eine Ohrfeige und lief athemlos auf mein Schlafzimmer. Jetzt musste die Sache zur Sprache kommen. Der Meister, der nicht wusste, wie er zu der Ohrfeige gekommen war, beklagte sich daruber bei meinem Pflegevater, und als mich dieser zur Rechenschaft forderte, kam mit meiner Unschuld die seinige freilich an den Tag, die Lectionen aber waren einmal fur allemal abgebrochen, weil ich erklarte, dass ich lieber gar nicht tanzen lernen, als allein unterrichtet werden wollte. Diese Erklarung hatte die Folge, dass man noch einige andere junge Madchen in die Lectionen zog; aber wie sehr mein Gefuhl dadurch auch erleichtert werden mochte, so konnte ich mich doch nie gewohnen, das Tanzen als eine freie Kunst zu nehmen. Mit brennenden Wangen ging ich in den Tanzsaal; mit brennenden Wangen verliess ich ihn. Es war mehr ein Abaschern gegen den Willen des Gemuths, als eine Bewegung auf Geheiss desselben, was ich Tanzen nennen musste; und daher ist es unstreitig gekommen, dass ich mein ganzes Leben hindurch so gleichgultig gegen dies Vergnugen geblieben bin, dem Andere so bereitwillig Gesundheit und Leben aufopfern. Auch bin ich in dieser Hinsicht immer eine Stumperin gewesen.

Obgleich die Lekture damals noch nicht zu den Dingen gehorte, welche die Elemente einer weiblichen Erziehung ausmachen; so war ich doch durch meinen Pflegevater von meinem funfzehnten Jahre an mit drei franzosischen Dichtern bekannt geworden, die ich unablassig las und beinahe auswendig lernte. Es waren de la Fontaine, Peter Corneille und Racine. Die Fabeln des erstern zogen mich unendlich an, weil in ihnen eine Welt enthalten ist, worein ein jugendlicher Geist sich nur mit Entzucken verlieren kann. Corneille und Racine beschaftigten mich gleich sehr; und ob man gleich glauben sollte, dass ich, als Frauenzimmer, meine Rechnung nur bei dem letzteren gefunden haben konne, so gestehe ich doch ohne Bedenken, dass die Starke Corneille's mir wenigstens eben so zusagte, als die Sentimentalitat Racine's; ja dass ich dem ersteren um des kraftigen Gemuthes willen, das aus ihm spricht, im Ganzen den Vorzug gab, wie eifrig auch die Manner darauf bestehen mochten, dass ich nur den letzteren lieben konnte und durfte. Ich musste mich sehr irren, oder ein Schriftsteller interessirt immer nur in so fern, als seine Gedanken Abgrunde enthalten, in welche man nur schwindelnd blickt. Mit der naturlichen Vorliebe, welche der Mensch fur das Grosse und Starke hat, hab' ich in der Folge versucht, mir auch Shakspears Geist anzueignen; allein dies hat mir nie gelingen wollen, und hab' ich mich anders gehorig beobachtet, so ist es der Mangel an Zuchtigkeit in den Werken des Englanders, was mich bestandig von ihm zuruckgeschreckt hat. Shakspear hat nur fur Manner geschrieben, und Weiber, welche seine Trauerspiele und Lustspiele mit Vergnugen lesen, verderben nichts mehr an sich selbst, wenn sie Pferde zureiten, Armeen kommandiren, und jedes andere Geschaft verrichten, das die Natur dem Manne zugetheilt hat. Sie haben ihren Lohn dahin, indem sie der Weiblichkeit entsagt haben.

So lange ich auf dem Lande gelebt hatte, waren mir gewisse Empfindungen ganz unbekannt geblieben. Dahin gehorten die des Mitleids und Erbarmens, fur welche es auf dem Dorfe, das ich in der Gesellschaft meiner Pflegeeltern bewohnte, keine Gegenstande gab, weil der Uberfluss an Naturgutern wohl zur Gefalligkeit, aber nicht zur Grossmuth fuhren kann. In die Hauptstadt versetzt, fand ich nur allzubald Gelegenheit, aus mir selbst heraus zu treten, um mich mit der zahllosen Menge derjenigen zu identifiziren, welche, ausgeschlossen von den Vortheilen der gesellschaftlichen Arbeit, ihre Zuflucht zu der menschlichen Milde nehmen mussen. Je weniger ich auf den Anblick des Kummers und der Ohnmacht vorbereitet war, desto heftiger wirkte er auf mich ein. Ich gab, was ich nur einigermassen entbehren konnte, und that mir nicht eher genug, als bis ich die Entdeckung gemacht hatte, dass man fur Hulfsbedurftige nichts thut, so lange man ihnen nicht gerade das giebt, was ihnen nothwendig ist. Von jetzt an gewann mein Mitgefuhl den Charakter der Thatigkeit; und ob es gleich dadurch an innerer Starke verlor, so war doch jeder Akt der Milde mit desto mehr Vergnugen fur mich verbunden, je bestimmter ich mir sagen konnte, wodurch ich ihn zu Stande gebracht hatte. Jenes mussige Wohlthun, wodurch man sich zuletzt entweder von einem unangenehmen Gefuhl loskauft, oder sich die eigene Unbedurftigkeit klar macht, ist mir seitdem immer fremd geblieben; und was die Vertheidiger der Selbstheit auch immer zur Rechtfertigung ihres Systemes sagen mogen, so hab' ich immer an mir selbst zu bemerken geglaubt, dass ausser der Selbstheit noch etwas anderes im Menschen ist, das, mag man es doch nennen wie man wolle, allein zu Aufopferungen und Anstrengungen fur die Gesellschaft fuhren kann. Es war, wenn ich nicht irre, eine Franzosin, welche uber ihre Thure schrieb: Sparsamkeit ist die beste Quelle der Grossmuth; aber diese Frau empfand bei weitem richtiger, als Helvetius dachte, der in seinen Werken etwas Bewundernswurdiges geleistet haben wurde, wenn er das Problem seiner eigenen herrlichen Natur geloset hatte.

Der Zeitpunkt war gekommen, wo ich in die Gemeinschaft der Christen durch einen formlichen Akt aufgenommen werden musste. Mein Pflegevater selbst wollte diesen Akt verrichten, und bereitete mich daher auf das sorgfaltigste dazu vor. So viel ich mich seines Unterrichts noch jetzt erinnern kann, unterschied er Christenthum von christlicher Religion. Das erstere setzte er in eine gewissenhafte Anwendung des Moralprincips auf alle die gesellschaftlichen Verhaltnisse, in welchen sich das Individuum befindet; in der letzteren erblickte er eine Sammlung von Anschauungen des Inneren der menschlichen Natur, welche die Dumpfheit des Mittelalters in Mysterien verwandelt hatte. Nach ihm war z.B. die Lehre von der Dreieinigkeit mit einer Art von Nothwendigkeit aus dem Innern des Menschen hervorgegangen. "Von jeher," sagte er, "war das Bestreben des menschlichen Geistes darauf gerichtet, das Unbegreifliche zu begreifen. Hierbei konnte es nicht fehlen, dass der Mensch sich zuletzt selbst an die Stelle der ersten Ursache aller Erscheinungen setzte. Da eine Kraft in ihm vorhanden war, aus welcher alle seine Schopfungen hervorgingen, so stellte er diese Kraft (den Geist) symbolisch als den Vater dar. Eine andere Kraft in ihm (das Gemuth) enthielt die ewigen Aufforderungen zu neuen Schopfungen; und wie hatte diese Kraft schicklicher personifizirt werden konnen, als unter dem Bilde des Sohnes, der den Vater liebt und von ihm geliebt wird? Die dritte Kraft ging aus dem Verhaltnisse der beiden ersteren hervor, und war in sich selbst das Bewusstseyn der grosseren oder geringeren Harmonie der beiden ersteren Krafte (Gewissen); daher die symbolische Bezeichnung derselben durch den heiligen Geist, der von Vater und Sohn ausgeht. Die Lehre von der Dreieinigkeit lag also wesentlich im Menschen, und ist im Grunde genommen die umfassendste Reflection, die der Mensch jemals uber sich selbst gemacht hat. Ein Gegenstand des blinden Glaubens und des spottenden Zweifels, so lange das Innere noch nicht erwacht ist, wird sie ein Gegenstand der unmittelbaren Anschauung und der innigsten Uberzeugung, so bald man anfangt, sein eigenes Wesen zu zergliedern. Wie viele Spotter unserer Zeit wurden plotzlich verstummen, wenn es moglich ware, ihnen den wahren Sinn des neuen Testaments und der ersten Kirchenvater einzuimpfen! Man findet es gegenwartig ehrenvoll ein Atheist zu seyn; aber nur weil man nicht weiss, was ein Atheist ist. Sey man es immerhin in Beziehung auf den Gott der Priester, und so bald von einer furchtbaren Weltursache die Rede ist; aber ist die Weltursache von beiden nicht wesentlich verschieden? In Beziehung auf diese ist es an und fur sich unmoglich ein Atheist zu seyn, und versteht man das neue Testament auch nur einigermassen, so entdeckt man eine auffallende Harmonie zwischen Schrift und Vernunft. Was kann das Christenthum besser charakterisiren, als der Ausspruch: Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die Liebe treibet die Furcht aus? Und was ist zugleich erhabener und umfassender, als der Satz: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm? Wir mussen nur nicht ausser uns suchen, was nur in uns seyn kann; und wir sind alles, was wir werden konnen, wenn unser Geist mit unserem Gemuthe in einer solchen Harmonie stehet, dass die Verletzung desselben uns als eine Vernichtung unsers ganzen Wesens erscheinen muss."

Auf diese Weise erklarte mir mein Pflegevater jedes andere Dogma der christlichen Religion, mir das Geheimniss meines Inneren entschleiernd und mir Achtung vor mir selbst einflossend. Ein Ausspruch, der fur ihn einen tiefen Sinn enthielt, und den er mir oft wiederholte, um ein bleibendes Ideal in mich niederzulegen, war der Ausspruch, wodurch der Stifter des Christenthums seine Schuler aufforderte: Klug zu seyn, wie die Schlangen, und ohne Falsch, wie die Tauben. Auch ist mir dieser immer gegenwartig geblieben.

Der Sitte jener Zeiten gemass, durfte ein junges Madchen nicht eher offentlich erscheinen, als bis sie durch die Confirmation dazu berechtigt war; durch diese erhielt man gleichsam ein Beglaubigungsschreiben der Zulassigkeit und Wurdigkeit, und ich gestehe, dass ich diese Einrichtung ungern habe zu Grunde gehen gesehen, weil doch einmal eine gewisse Reife erfordert wird, um das sociale Interesse zu theilen. Mein erster Eintritt in die gesellschaftlichen Kreise der Hauptstadt war ohne allen Eclat. Nach den Vorbereitungen, die ich erhalten hatte, war ich nichts weniger, als verlegen; aber von allen den gesellschaftlichen Eigenschaften, wodurch man in die allgemeine Stimmung eingreift, war auch keine einzige in mir. Mein Ausseres schien in dieser Hinsicht bei weitem mehr zu versprechen, als mein Inneres zu halten im Stande war. Man brachte mich auf allerlei Witz- und Kitzelproben; ich bestand keine einzige derselben, weil mein Geist dazu durchaus nicht abgerichtet war. Dagegen trat mein Inneres bei jeder Gelegenheit so ungeschminkt, gesund und kraftig hervor, dass ich denjenigen, die mich durchaus nach sich modeln wollten, alle Lust benahm, ein hartes Urtheil uber mich zu fallen. Ich hatte sehr bald das Vergnugen, zu bemerken, dass man sich in allen ernsthaften Dingen vorzugsweise an mich wandte, und mir also den Mangel an Witz um der hoheren Verstandigkeit willen verzieh, die mir beiwohnte. Wie viel meine gute Miene dazu beitrug, die Gemuther mit meiner Eigenthumlichkeit zu versohnen, will ich nicht berechnen; so ausgemacht es auch ist, dass die Anspruchslosigkeit eines sonst klaren und regelmassig gebildeten Gesichtes immer damit endigen muss, die Herzen zu gewinnen. Mehr als alles Ubrige pronirte mich der Beifall bejahrter Frauen in der Meinung des Publikums. Es konnte nicht fehlen, dass ich mit den soliden Eigenschaften, die ich von meiner ersten Jugend an zu erwerben Gelegenheit gehabt hatte, ihnen unendlich mehr Beruhrungspunkte darbot, als andere junge Madchen oder Frauen; und indem sie die schwer erworbene Soliditat des Alters in mir wiederfanden, und sich also in mir verjungt erblickten, blieb ihnen schwerlich etwas anderes ubrig, als mir das Wort zu reden, wofern sie sich nicht selbst herabsetzen wollten.

Es kam auf diesem Wege nur allzubald dahin, dass ich von Allen gesucht wurde. Man mochte nun glauben, dass ich ein Gegenstand des Neides fur andere Madchen meines Alters geworden sey; dies war aber durchaus nicht der Fall. Da ich keiner in den Weg trat, so wurde ich mit meiner Gutmuthigkeit ein Stutzpunkt fur alle, so dass selbst diejenigen von ihnen, welche die meisten Anspruche auf Werthschatzung machten, mir gegenuber diese Anspruche fahren liessen, und sich, wenn sie uneins mit sich selbst geworden waren, auf mein Urtheil und meine Entscheidung bezogen. In Wahrheit, es mochte keine alltagliche Erscheinung seyn, ein junges Madchen von siebzehn bis achtzehn Jahren, das, wo nicht schon, doch wenigstens nichts weniger als hasslich war, in physischer und moralischer Kraft den Ausschlag uber ihres gleichen geben, und sich doch niemals uberheben zu sehen. Das Rathselhafte dieser Erscheinung wurde durch meine Erziehung geloset; allein diese Erziehung wurde wiederum dadurch zum Rathsel, dass die wenigsten Menschen weil es einmal das Eigenthumliche der menschlichen Natur mit sich bringt, sich vor allen Dingen mit sich selbst zu beschaftigen die Fahigkeit haben, solche Charaktere, als meine Pflegeeltern, zur Anschauung zu bringen. Ich blieb also immerdar ein Rathsel, das man nicht anders losen zu konnen glaubte, als durch Voraussetzung einer hoheren Natur, welche die Morgengabe meiner Geburt gewesen.

Ich selbst fing an, mir unbegreiflich zu werden, so wie ich in der Meinung Anderer hoher emporstieg. Dem Abstich, den ich durch meine Individualitat bildete, die Deferenz, welche man mir von allen Seiten her bewies, zuzuschreiben, dazu war ich mit aller Verstandigkeit doch noch zu unschuldig. Da ich nun in Zeiten lebte, wo man noch gar keine Ahnung davon hatte, dass eine vornehme Geburt nichts geben, wohl aber sehr viel nehmen kann, wenn nicht von staatsburgerlichem, sondern von rein-menschlichem Werth die Rede ist; so gerieth ich auf die naturlichste Weise von der Welt auf den Gedanken, dass ich uber mich selbst unfehlbar ins Reine gekommen seyn wurde, so bald ich mir die nothigen Aufschlusse uber meine Abkunft verschafft hatte. Ich wunderte mich, dass ich einen so gesunden Gedanken nicht langst gehabt hatte. "Man nennt dich," sagte ich zu mir selbst, "allenthalben Fraulein Mirabella; dies setzt voraus, dass deine Eltern von Adel gewesen sind. Warum ist aber nie von deinen Eltern die Rede? Du kannst doch kein isolirter Strahl seyn. Die ganze Welt um dich her giebt zu, dass du es nicht bist, und doch wirst du wiederum durch die ganze Welt gezwungen, dich dafur zu halten." Mit solchen Ideen wandte ich mich an meinen Pflegevater, zum voraus uberzeugt, dass er mir kein Geheimniss aus meiner Geburt machen wurde, wofern er nur selbst davon unterrichtet ware. "Sie wissen, mein theuerster Vater," redete ich ihn an, "wie grenzenlos meine Liebe und Achtung fur Sie ist. Hatte je ein menschliches Geschopf Ursach, mit seinem Geschick zufrieden zu seyn, so hab' ich alle moglichen Bewegungsgrunde, das meinige zu segnen; der Zufall, der mich Ihrer Pflege ubergab, war in jedem Betracht ein begluckender. Allein, da ich nur Ihre geistliche Tochter bin, und von der ganzen Welt, Sie selbst nicht ausgenommen, als solche behandelt werde: so sagen Sie mir doch endlich, wer die eigentlichen Urheber meines Daseyns sind. Ich weiss nicht, ob ich irgend etwas fur sie werde empfinden konnen; denn alles, was von Dankbarkeit und Liebe in mir ist, haben Sie und meine theure Pflegemutter unstreitig fur immer in Beschlag genommen. Aber mich druckt das Geheimnissvolle meiner Geburt; und der Wunsch, den Schleier, der auf ihr ruht, gelupft zu sehen, wird um so lebhafter, je ofter ich bemerke, welchen hohen Werth man auf die Abkunft legt, und wie man auch mich, um meiner vorausgesetzten guten Abkunft willen, auszeichnet. Es ist mir, als wenn mein Inneres gewinnen wurde, so bald die Ungewissheit, worin ich uber diesen Punkt bisher gelebt habe, beendigt seyn wird."

Mein Pflegevater horte mich, seinem Charakter gemass, sehr ruhig an, und nachdem er mich auf einen Sessel hingezogen hatte, der neben seinem Lehnstuhl stand, antwortete er mir folgendes: "Dein Ursprung, meine geliebte Tochter, ist mir selbst immer ein Geheimniss geblieben. Es war der geheime Rath von K..., der mir deine Erziehung antrug. Von ihm hab' ich sehr regelmassig die Gelder erhalten, welche bei der ersten schriftlichen Verhandlung stipulirt wurden. Ob er aber im Stande ist, Auskunft uber deine Geburt zu geben, weiss ich nicht; ich habe es aber immer vermuthet, weil er dich in seinen Schreiben immer Fraulein Mirabella nannte. Wenn du von mir verlangst, dass ich ihn um Erorterungen bitten soll, so kann ich nicht umhin, dir eine abschlagige Antwort zu geben. Meiner Einsicht nach, wirst du wohl thun, wenn du die ganze Sache furs erste auf sich beruhen lasst. Ich gebe zu, dass diese Ungewissheit dich druckt; ich gebe sogar zu, dass es gut seyn wurde, wenn diese Ungewissheit gehoben werden konnte. Allein so lange deine Eltern nicht von selbst zum Vorschein treten, wirst du dich vergeblich bemuhen, sie kennen zu lernen und dich nur unglucklich machen. Zu deiner Beruhigung kann ich dir noch das sagen, dass (der Schleier, der auf deiner Geburt ruht, mag gelupft werden, oder nicht) dein Schicksal wenigstens in sofern gesichert ist, als du Vermogen genug hast, mit Freiheit in der Gesellschaft dazustehen. Diese Notiz verdanke ich den Erklarungen des geheimen Raths. Ich fuge nur noch hinzu: dass die Welt dich immer nach deinem Werthe nehmen wird, und dass es also nur von dir abhangt, das Allerhochste zu seyn."

Die Bemerkung, womit mein Pflegevater seine Antwort beschloss, sprach mich ungemein wohlthatig an; sie machte auf mich ungefahr eben den Eindruck, den ein kuhlendes Luftchen auf den erhitzten Wanderer macht. Ich fasste ihre Wahrheit sogleich, wiewohl ich in keine geringe Verlegenheit gerathen seyn wurde, wenn ich sie auf der Stelle hatte zergliedern sollen. Da mein Pflegevater mir unmittelbar vorhergesagt hatte, dass mein Schicksal vollkommen gesichert ware; so wurde ich mich, seinem Wunsch gemass, beruhigt haben, hatte er mir nicht zu verstehen gegeben, dass der geheime Rath von K... allein im Stande sey, das Dunkel aufzuhellen, das auf meiner Geburt ruhete. Auf eine sehr naturliche Weise erhielt meine Neugierde eine Bundesgenossin an der Eitelkeit. Was meinem Pflegevater nicht gelungen war, das konnte, dachte ich, mir gelingen; und da mir die besondere Aufmerksamkeit, womit der geheime Rath mich beehrte, so oft wir an irgend einem dritten Orte zusammentrafen, nicht entgangen war, so nahm ich mir vor, ihn, der mir, unter anderen Umstanden, ewig gleichgultig bleiben musste, so fur mich zu interessiren, dass er von selbst mit dem Geheimniss hervortrate. Mir schlug das Herz, indem ich diesen Vorsatz fasste; allein wie bestimmt ich auch fuhlen mochte, dass er meiner unwurdig sey, so hatte ich doch nicht den Muth, ihm zu entsagen, oder ihn nicht in Ausubung zu bringen. Wie wenig kannte ich die Welt! Derselbe Mann, der mir vorher in allen Dingen zuvorgekommen war, und, um mich liebkosen zu konnen, seinen Ernst beseitigt hatte, nahm die allerabschreckendste Amtsmiene an, so bald er bemerkt hatte, dass ich ihm naher trat. Was blieb mir nun noch anderes ubrig, als dem Rathe meines Pflegevaters zu folgen? Die Lektion, die mir fur meine Eitelkeit geworden war, tief empfindend, fasste ich den Entschluss, gar nicht weiter an meine Geburt zu denken. Dies gelang mir auch so gut, dass ich nur durch den Tod des geheimen Raths (der ungefahr ein halbes Jahr darauf erfolgte) an die Neugierde zuruck erinnert wurde, die mich einen Monat hindurch so eigenthumlich gequalt hatte. Als ich die Nachricht von diesem Tode erhielt, war mir zu Muthe, wie einem, der nicht in den Besitz des versprochenen Schatzes gelangt ist, weil seine Wunschelruthe nichts taugte.

Ich war um so gelassener, weil um diese Zeit mein Kopf in eben den Wirbel gezogen wurde, worin sich die Kopfe aller jungen Madchen von meiner Bekanntschaft dreheten. Nichts ergreift eine weibliche Einbildungskraft so heftig und sicher, als die lebendige Vorstellung des schonen Zukunftigen. Die ganze Gegenwart versinkt, wenn von etwas Schonen die Rede ist, das mit Gewissheit erwartet werden kann; ist dies Schone aber vollends ein Mann, so durfte in der Zusammensetzung des Weibes schwerlich etwas enthalten seyn, das verlorne Gleichgewicht sogleich wieder herzustellen. Wie fest ich auch war, und wie noch weit fester ich mich auch glaubte, so verlor ich doch die Tramontane, so bald ich nicht umhin konnte, die Freude zu theilen, welche das Fraulein Z... uber die Zuruckkunft ihres Bruders aus Italien empfand. Dies hing auf folgende Weise zusammen:

Ungefahr um eben die Zeit, wo meine Pflegeeltern mit mir in die Hauptstadt gezogen waren, hatte sich die Frau von Z... mit ihrer Tochter daselbst niedergelassen. Das Fraulein war von meinem Alter, und ihre nachste Bestimmung fiel mit der meinigen zusammen, in sofern wir unsere letzte Ausbildung in der Nahe eines Hofes erhalten sollten, der in dem Rufe stand, der allergesittetste in Deutschland zu seyn. Unsere Bekanntschaft war bald gemacht, und die Verschiedenheit unserer Charaktere brachte es mit sich, dass wir Freundinnen wurden. Unruhig, heftig, witzig, in ihrem Witze nicht selten beleidigend, und aus allen diesen Grunden zusammengenommen eben so oft von sich selbst, als von der Welt verlassen, bedurfte Adelaide (so hiess meine junge Freundin) einer Stutze, die sie nur in einem so sanften, stetigen und verstandigen Wesen finden konnte, als ich nun einmal war. Ich meiner Seits bedurfte eines starken Reizes, um mir, bei dem ganzlichen Mangel glanzender Eigenschaften, der inneren Gute meiner Natur bewusst zu werden; und da ich diesen Reiz vorzuglich in Adelaiden fand, so suchte ich sie wenigstens eben so sehr, als ich von ihr gesucht wurde. Unsere Freundschaft war weit davon entfernt, eine leidenschaftliche zu seyn; aber gerade weil ihr dieser Charakter fehlte, war sie nur um so zuverlassiger und traulicher. Bisweilen musste es das Ansehn gewinnen, als ob ich fur Adelaiden alles dasjenige ware, was der Mann, als Intelligenz und moralische Kraft genommen, dem Weibe ist; allein da das Weib, seinem geistigen Wesen nach, nie ein Mann werden kann, so geschah es nicht selten, dass sich unser Verhaltniss umkehrte. Es waren zwei Talente in Adelaiden, welche dies bewirkten: namlich das musikalische und das poetische. Ich fuhle, dass ich mich hier sehr unvollkommen ausdrucke; aber ich will versuchen, die Sache selbst ohne Kunstausdrucke zu fixiren.

Adelaide hatte eine ungemeine Fertigkeit auf dem

Claviere, und liebte es, Proben ihrer Geschicklichkeit abzulegen. In dieser Hinsicht passten wir vortreflich zusammen; denn da ein solches Talent nicht in mir war, und meine Liebe fur Musik darunter gar nicht litt, so halfen wir uns vortreflich aus, Adelaide mir, indem sie mir etwas vorspielte, ich Adelaiden, indem ich mich ihrer Kunst hingab, und diese von Zeit zu Zeit durch meine Stimme verschonerte. Ausserdem fand meine Freundin sehr viel Vergnugen am Versemachen. Dies war, genau genommen, ihre schwache Seite; allein da das, was unsere schwache Seite ausmacht, uns immer am meisten am Herzen liegt, so suchte Adelaide fur diesen Theil ihrer Beschaftigung soll ich sagen Bewunderung und Lob, oder Entschuldigung und Nachsicht? und ein sehr richtiger Instinkt sagte ihr, dass sie eins wie das andere nie erhalten konnte, wenn sie einen Mann zu ihrem Vertrauten machte. Es mochten Verse seyn, was sie meiner Beurtheilung vorlegte; Poesie aber war es gewiss nicht. Adelaidens ganze Zusammensetzung verhinderte sie, eine Dichterin zu werden; es fehlte ihr vor allen Dingen an dem Phlegma, das dazu, wie zur Ausubung jeder anderen schonen Kunst, erforderlich ist; mit allen poetischen Ideen, die ihr beiwohnten, konnte sie nie dahin gelangen, auch nur ein ertragliches lyrisches Ganze zu schaffen. Indessen passten wir auch in dieser Hinsicht herrlich zusammen. War in ihr die Erhebung, welche zu freien Schopfungen fuhrt, so war in mir die Ruhe, welche diese Schopfungen vollendet; und nachdem ich das Mechanische des Versbaues weg hatte, fehlte es mir nicht an Kraft, meiner Freundin da nachzuhelfen, wo sie von ihrer Unvollkommenheit in Stich gelassen wurde. Auf diese Weise lebten wir ohne alle Eifersucht, mehr als Schwestern, denn als Freundinnen, bis die Ankunft ihres Bruders unseren gegenseitigen Gefuhlen eine andere Wendung zu geben versprach.

Von diesem Bruder war dann und wann die Rede gewesen; aber ohne bemerkbare Warme und ohne Enthusiasmus, ungefahr so, wie man von Personen spricht, die man zwar liebt, mit denen man aber zufalligerweise in solchen Verhaltnissen lebt, dass es eine Thorheit seyn wurde, den Empfindungen nachzugeben, welche man fur sie unterhalt. Gegenwartig, wo Moritz (so hiess dieser Bruder) seine baldige Zuruckkunft angemeldet hatte, veranderte sich die Sprache. Seine Mutter, deren Liebling er immer gewesen war, brannte vor Ungeduld, ihn wieder zu sehen; allein sie sprach nicht davon, unstreitig weil die jungen Madchen, welche ihre Tochter besuchten, sehr wenig geeignet waren, ihre Gefuhle zu theilen. Adelaide hingegen, wie wenig sie auch in Beziehung auf ihren Bruder empfinden mochte, sprach unaufhorlich von ihm; und hatte ich damals die Erfahrungen haben konnen, welche mir ein fortgesetztes Studium der menschlichen Natur gegeben hat, so hatte mir einleuchten mussen, dass meine Freundin jenes Ideal, das jedes junge Madchen in seinem Kopfe tragt, treuherzig auf ihren Bruder anwandte; voll von der Voraussetzung, dass ein dreijahriger Aufenthalt in Italien ihm alle die Eigenschaften werde gegeben haben, welche den Mann vollenden. Da ich diese Erfahrungen nicht hatte, so konnte es schwerlich fehlen, dass Adelaide, zum erstenmale seit unserer Bekanntschaft, mit mir durchging. Wie alle ubrigen jungen Madchen, welche in das Familieninteresse eingeweiht waren, glaubte ich an die Wirklichkeit dessen, was Adelaide von ihrem Bruder sagte, und unter uns allen war gewiss keine Einzige, die nicht mit klopfendem Herzen den Augenblick herbeigewunscht hatte, in welchem entschieden werden musste, welcher der schonste und liebenswurdigste der Manner denn in diesem Lichte erschien uns der Herr von Z... den Vorzug geben wurde. Fur einen ruhigen Zuschauer wurde es unstreitig ein grosses Vergnugen gewesen seyn, zu sehen, wie Adelaide durch die Art und Weise, wie sie uber ihren Bruder sprach, zur Konigin des ganzen Madchenkreises erhoben wurde. Da war auch keine ihrer Launen, der man nicht nachgegeben hatte; ja, selbst ihre Sarkasmen verloren die scharfe Spitze, wodurch sie sonst verletzt hatten; und hatte sie den Vortheil des Augenblicks benutzen wollen, mit Tyranney uber uns alle zu walten, so wurde sie es ungestraft gekonnt haben. Ich selbst, obgleich von allen am wenigsten von Schwarmerei ergriffen, war in dieser Periode die Nachgiebigkeit selbst, und wurde eine ganze Nacht durchwacht haben, um in einen ihrer poetischen Versuche einen ertraglichen Sinn zu bringen.

Die Tauschung, worein uns Adelaidens Phantasie gesetzt hatte, horte nicht auf, als der von Z... wirklich angelangt war. Zwar sagte uns der Augenschein, dass er dem Bilde nicht entsprach, welches wir uns von seinen korperlichen Vorzugen entworfen hatten; allein korperliche Vorzuge sind etwas, das in der Phantasie des Weibes unter allen Umstanden der Liebenswurdigkeit weichen muss, und diese blieb unbestritten, so lange keine Beweise vom Gegentheil vorhanden waren. Aus dem Adonis, der Adelaidens Bruder seyn sollte, war ein Mann von mittler Grosse, festem Baue und einem Gesicht geworden, das, obgleich nicht ohne interessante Zuge, sehr wesentlich von den Blattern verunstaltet war, und sich zuletzt nur durch eine sehr feine Nase und ein Paar grosser schwarzer Augen auszeichnete. Auch seine Liebenswurdigkeit war ganz anderer Art, als wir sie uns gedacht hatten. Artig gegen alle, schien er keine einzige zu bemerken; und wiewohl wir alle Ursache hatten, mit einem so klugen Benehmen zufrieden zu seyn, so war doch jede gleich sehr davon emport, weil jede sich einbildete, dass er, ohne ungerecht zu seyn, ihr den Vorzug nicht versagen konnte. Indessen wurden wir alle in Athem erhalten; und diejenigen von uns, bei welchen das Temperament den Ausschlag uber den Verstand gab, legten es recht augenscheinlich darauf an, Entscheidung herbei zu fuhren. Einen solchen Wettstreit zu theilen, hielt ich nicht fur rathsam, nicht weil ich mein personliches Verdienst in einen allzu geringen Anschlag gebracht hatte, sondern weil ich das Unweibliche einer Bewerbung fuhlte. Mich zuruckziehend, uberliess ich den sammtlichen Freundinnen Adelaidens das Vergnugen, sich um einen Mann zu zanken, von welchem ich aufs bestimmteste ahnete, dass etwas in ihm seyn musse, wodurch er gegen die Aufmerksamkeit, die ihm von dem schonsten Theile meiner Bekanntschaft bewiesen wurde, gleichgultiger war, als seine Jahre es mit sich brachten.

Wenn Alles um uns her Politik treibt, so giebt es unstreitig kein sicherers Mittel, unseren Concurrenten den Rang abzulaufen, als stilles Zuruckbleiben und ruhiges Abwarten des vortheilhaften Augenblicks, wo die Ubrigen verzweifeln. Ich sage damit nicht, dass ich dieser Maxime gemass handelte, als ich mich aus dem Kreise zuruckzog, der Adelaiden umgab; ich folgte dabei keiner Idee, sondern nur einem Gefuhl. Allein die Idee hatte mich nicht sicherer leiten konnen, als das Gefuhl mich leitete. Kaum war Herr von Z... der Bewerbungen uberdrussig geworden, deren Gegenstand er war, so zog er sich in die Einsamkeit zuruck; und kaum war er den Augen seiner Bewerberinnen entschwunden, so sturzte der Thron zusammen, auf welchem Adelaide bis dahin die Huldigung aller ihrer Gespielen erhalten hatte. Verlassen und auf sich selbst zuruckgebracht, konnte diese meiner nicht langer entbehren; und als sie zu mir zuruckkehrte, fand sie alles, was sie ehemals an mir besessen hatte, um so eher wieder, weil kein formlicher Bruch uns getrennt hatte. Ich wollte, als sie mich aufforderte, ihren Besuch recht bald zu erwiedern, meine Entschuldigung von dem Aufenthalte ihres Bruders in dem Hause ihrer Mutter hernehmen; allein sie kam meinen Ausfluchten dadurch zuvor, dass sie eingestand: Sie habe sich bei der Beurtheilung des wahren Charakters ihres Bruders nicht wenig geirrt. "Ich kenne ihn gar nicht wieder," sagte sie. "Ehemals lauter Feuer, ist er jetzt lauter Eis. Wer sollte glauben, dass man sich auf einer Reise durch Italien in die Mathematik verlieben konnte! Und doch ist dies sein Fall. Tag und Nacht brutet er uber seinen Folard, und alle Exaltationen, deren er noch fahig ist, beziehen sich auf das verwunschte Kriegeshandwerk. Ich wurde ihn hassen mussen, wenn er nicht mein Bruder ware. Dir, liebe Freundin, aber kann ich mit vollkommner Wahrheit sagen, dass weder deine Jugend noch dein guter Name die mindeste Gefahr lauft, wenn du zu uns zuruckkehrst; alle Leute kennen ihn nach gerade als einen harmlosen Sonderling, der Keinem etwas zu Liebe noch zu Leide thut; ausserdem ist die Frage: Wie lange er noch bei uns verweilen wird. Denn es ist ihm hier viel zu enge, und ich stehe gar nicht dafur, dass er nicht uber kurz oder lang Soldat wird."

Adelaiden so reden zu horen, kam mir freilich unerwartet; allein da ich mich auf die Wahrheit ihrer Aussage verlassen konnte, so trug ich auch nicht weiter Bedenken, mich in ein Haus zuruck zu wagen, das von einem so harmlosen jungen Manne bewohnt wurde. Die erstenmale war ich mit Adelaiden allein, und ich gestehe, dass mich dies ein wenig beleidigte. Das drittemal fand sich indessen der junge Herr von Z... bei uns ein; und da wir gerade von Racine's Phadra sprachen, so nahm er Gelegenheit, uns uber das Eigenthumliche der franzosischen Poesie zu belehren. Er gab zu, dass dies eines der interessantesten Stucke ware, die jemals aus der Feder eines korrekten Dichters geflossen; "allein," fuhr er fort, "was ist Korrektheit gegen das Wesen der Poesie gehalten! Wie stolz auch die Franzosen auf ihre Dichter seyn mogen, und wie selbstgenugsam auch einer ihrer Didaktiker die italianische Poesie Schellengeklingel nennen mag, dennoch bin ich sehr geneigt, die wahre Poesie nur bei den Italianern zu suchen. Ich will, wenn die Wirklichkeit mir nicht langer behagt, eine von ihr durchaus verschiedene Welt, und diese finde ich durchaus nicht in den Werken franzosischer Dichter, wohl aber in denen der italianischen. Welche Schopfung ist in dem befreieten Jerusalem enthalten; und wo ist der Franzose, welcher behaupten durfte, eine ahnliche sey von ihm ausgegangen? Der rasende Roland welches Meisterstuck fur denjenigen, dessen Geist nicht in den Convenienzen des Lebens untergegangen ist! So hundert andere Dichterwerke der Italianer, welche hier aufzuzahlen am unrechten Orte seyn wurde. Was will ich denn, wenn ich einen Dichter in die Hand nehme? Nicht Wahrheit will ich, sondern Schonheit, Ubereinstimmung mit sich selbst, Harmonie in der hochsten Bedeutung des Worts. Wahrheit ist die Sache des Verstandes, und kann gelernt werden; Schonheit hingegen ist Sache des Gefuhls und der Anschauung, und eben deshalb uber das Lernen hinaus. Ich gebe zu, dass Wahrheit zuletzt auch schon ist; aber deswegen ist Schonheit nicht wahr, und so lange es noch einen Dichter auf der Welt giebt, d.h. so lange der letzte Funke der Phantasie noch nicht im menschlichen Geschlecht erloschen ist, verlange ich von dem, der sich mir als Dichter darstellt, dass er mir Vergnugen mache, ohne dass jemals in seinem Werke von Wahrheit die Rede sey. Gerade darin liegt die Schwache der franzosischen Poesie verborgen, dass die Franzosen das Wahre vom Schonen nicht zu trennen wissen, und das eine nicht ohne das andere geben wollen. Boileau's rien n'est beau que le vrai ist das Siegel des poetischen Unvermogens der Franzosen, die, wenn sie jemals Dichter werden wollen, von neuem geboren werden mussen. Es ist zuletzt nur die hohere Kraft des Menschen, die ihn zum Dichter macht, und in Hinsicht dieser Kraft stehen die Franzosen bei weitem den Italianern nach, die, so lange sie eine grosse Einheit bildeten, die ganze Welt eroberten, und als sich diese Einheit in Trennung auflosete, das Gefuhl ihrer vorigen Grosse so lange in sich konzentrirten, bis es endlich losbrach und idealische Welten schuf. Ich mochte nicht gern ubertreiben; allein soll ich meiner Uberzeugung gemass reden, so waren die Italianer zur Zeit ihrer Horaze und Virgile, welche die Welt einzig bewundert, noch Barbaren; zur Zeit ihrer Ariosto's, Tasso's und Guarini's hingegen ein hoch kultivirtes Volk."

Adelaide war, so wie ich, nicht wenig uber diese Erklarung erstaunt. Wir kampften fur unsern Corneille und Racine und Voltaire, so viel wir konnten; allein uber diesen Punkt fand fur den Herrn von Z... kein Capituliren statt. Als wir zuletzt, nicht ohne uns zu schamen, eingestanden, dass wir nicht berechtigt waren, Dinge zu bestreiten, die uns nie beruhrt hatten, und zugleich zu erkennen gaben, wie sehr wir in die Geheimnisse der italianischen Poesie eingeweihet zu werden wunschten: so war unser Antagonist sogleich erbotig, unser Mystagog zu seyn. Wirklich nahm der Unterricht im Italianischen gleich am folgenden Tage den Anfang, und unsere Fortschritte waren, wie unser Lehrer sie nur immer wunschen konnte. Ob Adelaide mich, oder ich Adelaiden fortriss, konnte nicht in Betrachtung kommen, da wir unter den verschiedensten Antrieben standen; sie, indem sie sich in ihrem Lieblingselement, der Poesie, bewegte; ich, indem ich die Autoritat eines Mannes ehrte, der mir durch die Eigenthumlichkeit seiner Urtheile taglich bedeutender wurde. Ubrigens hatten wir uns kaum acht Wochen ausschliessend mit dem Italianischen beschaftigt, als uns die ganze poetische Literatur der Franzosen ein Greuel war. Wie viel von diesem Abscheu auf Rechnung unseres Lehrers kam, war etwas, das wir nicht weiter untersuchten; aber schwerlich wurden wir durch uns selbst, oder unter der Leitung irgend eines anderen Lehrers, zu unserer entschiedenen Vorliebe fur die italianische Poesie gelangt seyn, und Adelaide namentlich ihre ganze franzosische Bibliothek fur eine gute Ausgabe des Aminta von Tasso feilgeboten haben. Solche Keckheit, wenn man sie in Weibern findet, ist immer das Produkt mannlichen Einflusses, und beruhet, so weit meine Beobachtung reicht, zuletzt nur auf Autoritat, nicht auf Gefuhl und Anschauung.

Wenn ich in meinen Urtheilen vorsichtiger war, so hatte diese Vorsichtigkeit ihren Grund nicht in einem schwacheren Gefuhl, sondern in dem Verhaltniss, worin das Gottliche der italianischen Poesie mit Adelaidens Bruder fur mich stand. Auf eine ganz eigenthumliche Weise waren beide fur mich eins; denn indem ich die erstere nur durch den letzteren in mich aufnehmen konnte, musste es mir vorkommen, als ware jene nur in diesem vorhanden. Dasselbe wurde Adelaiden begegnet seyn, ware Moritz nicht ihr Bruder gewesen. Sie konnte von der italianischen Poesie an und fur sich sprechen; ich hingegen musste immer den Herrn von Z... ins Spiel ziehen, und weil ich dadurch mein Geheimniss verrathen haben wurde, so schwieg ich lieber. Mein Geheimniss aber bestand darin, dass ich den Herrn von Z... uber alle Manner setzte, die mir jemals vorgekommen waren. Ausser meinem Pflegevater, dessen moralische Heiligkeit wenn ich mich so ausdrucken darf ungefahr eben so auf mich einwirkte, als das Licht, und den ich aus Gewohnheit hochachtete, hatten mich bisher alle Manner so gleichgultig gelassen, dass ich mit Wahrheit von mir sagen konnte: das ganze mannliche Geschlecht sey gar nicht fur mich vorhanden. Wodurch sich Herr von Z... von meinem Pflegevater unterschied, war mir nicht auf der Stelle klar; aber irgend eine Ahnung sagte mir, dass bei ihm ausser dem Lichte auch Warme sey. Es war, mit einem Worte, die Phantasie, wodurch er mich so unwiderstehlich an sich zog. Was ich damals nicht begriff, was mir aber seitdem sehr deutlich geworden ist, war: dass ein Weib an einem Manne zuletzt nie etwas anderes lieben kann, als jene schaffende Kraft, wodurch er, das Geschopf, wiederum zum Schopfer wird. Was Platon die irdische Liebe nennt, ist immer nur ein Abglanz der himmlischen, und ohne diese wurde jene gar nicht vorhanden seyn, wenigstens nicht in einer weiblichen Brust. Ich habe viele Weiber gekannt, die man ausschweifende nannte und als solche verabscheute. Die Unglucklichen fanden nur nie, was sie suchten. Sie wollten nicht den physischen Genuss; sie wollten jene Warme, die das Weib empfindet, wenn es, befreit von den Banden des Egoismus, ganz in Anderen lebt, und dadurch seine Bestimmung vollendet. Wie ganz anders wurden sie gerathen seyn, hatte der Zufall sich ihrer erbarmt! Von diesem verlassen, und ohne jemals einen entwickelten Begriff von dem Gegenstande ihres rastlosen Strebens gehabt zu haben, konnten sie freilich nicht anders endigen, als so, dass sie zuletzt als Abschaum der Gesellschaft dastanden; aber was sie zuerst in Bewegung setzte, war dieselbe gottliche Flamme, durch welche allein Veredelung zu hoffen ist. Ein Weib, das einmal einen Mann in der wahren Bedeutung des Wortes fand, ist der Untreue eben so unfahig, als ein Weib, das an einen Lotterbuben gerieth, mit den allerbesten Vorsatzen von der Welt sich nicht in den Schranken der Treue erhalten kann, so bald ein Mann ihr unter die Augen tritt. Dies beruht auf einem Naturgesetz, dem alle gesellschaftliche Institutionen weichen mussen; und wer sich jemals in der Welt umgesehen hat, kann sich hieraus erklaren, wie die schonsten Weiber an die (physisch) hasslichsten Manner gerathen, und woher das Ubergewicht ruhrt, das alle achte Kunstler uber das weibliche Geschlecht ausuben.

Ich ging, ich bekenne es, nach und nach in Adelaidens Bruder so vollkommen unter, dass ich nur in ihm lebte und webte. War aber jemals ein Mann unfahig, diese vollendete Hingebung auf eine unedle Weise zu benutzen, so war es Moritz. Wie theuer ich ihm war, leuchtete aus seinem ganzen Betragen gegen mich hervor, das schwerlich liebevoller und zartlicher seyn konnte; allein er schien mir dadurch nur beweisen zu wollen, dass, wenn irgend ein weibliches Wesen ihn fesseln konnte, ich dies weibliche Wesen seyn wurde. Frei von aller Leidenschaft, hatte seine Hinneigung zu mir mehr den Charakter des Wohlwollens, als den der Liebe; wenigstens fehlte ihr diejenige Starke, welche zwei Wesen so verschmilzt, dass sie nur in gegenseitiger Anschauung leben. Ich fuhlte dies; und es schmerzte mich, die Wahrheit zu gestehen, um so tiefer, je unendlicher meine Liebe fur Moritz war. Allein was konnte, was musste geschehen, wenn es anders werden sollte? Ich grubelte in den Augenblicken, wo ich mir selbst wieder gegeben war, recht emsig daruber nach; aber ich sagte mir zuletzt immer, dass alle diese Grubeleien vergeblich seyn wurden, so lange ich die unbekannte Gewalt, welche Moritzen von mir zuruckzog, nicht genauer kennen gelernt hatte. Wie sehr furchtete ich, dass sie in mir selbst seyn konnte! Wie gewissenhaft erwog ich alle meine Ausserungen und in ihnen mein ganzes Wesen! Vergeblich fur meinen Endzweck; ich mochte mich betrachten von welcher Seite ich wollte, alles fuhrte mich zu dem Resultat, dass ich gut und edel sey; und in dieser Uberzeugung wurde ich nicht wenig bestarkt, als Adelaide, der mein innerer Zustand nicht entgangen war, mir gelegentlich sagte, dass ihr Bruder nicht ohne Warme und Enthusiasmus von mir spreche. War aber jene unbekannte Gewalt ausser mir worin bestand sie? Ich schloss auf eine fruhere Verbindung, auf ein gegebenes Wort und dergleichen zuruck.

Um hieruber ins Reine zu kommen, erkundigte ich mich bei Adelaiden mit aller nur moglichen Schonung nach den Verhaltnissen, worin ihr Bruder stehe; aber ihre Antwort war so beschaffen, dass mein Zustand dadurch nur verschlimmert wurde. "Glaube mir," sagte sie, "uber diesen sonderbaren Menschen kommen wir nur dadurch ins Reine, dass wir annehmen, er sey mit allen seinen herrlichen Eigenschaften doch nur ein kalter Egoist, den nichts beruhrt, was nicht ganz unmittelbar in seine Ideen und Entwurfe eingreift. Ich wenigstens werde sonst nicht klug aus ihm. Dafur kann ich dir einstehen, dass er in keinen Verbindungen lebt, welche der Freiheit Abbruch thun. Sollte man nicht glauben, er habe die eine oder die andere Bekanntschaft auf seinen Reisen gemacht, welche einer thatigen Zuruckerinnerung werth ware? Allein, wie erwiesen es auch ist, dass er mit den allerinteressantesten Personen gelebt hat, so hat er doch seit seiner Zuruckkunft, d.h. seit mehr als vier Monaten, bis jetzt an keine lebendige Seele geschrieben. Was in ihm vorgeht, mag Gott wissen. Jeder Augenblick, den er dem Umgange entziehen kann, ist noch immer dem Studium der militairischen Wissenschaften gewidmet. Die sonderbarste Liebhaberei von der Welt, wofern er nicht damit umgeht, sich auf seinen Gutern zu verschanzen! Ich mochte nur wissen, wie alle diese Zahlen und Linien denn mit etwas anderem beschaftigt er sich gar nicht ihn wach erhalten konnen. So etwas muss ja den Geist abstumpfen und todten; aber weit gefehlt, dass er dies zugeben sollte, besteht er, so oft ich hieruber mit ihm anbinde, darauf, dass dies nur eine andere Art der Poesie sey, die ihre Grundlage in der Wirklichkeit habe, und den Vorzug besitze, fur das gesellschaftliche Leben, das durch meine Poesie zu Grunde gerichtet werde, neues Interesse einzuflossen. Mehr bring' ich nicht aus ihm heraus; und wenn seine Behauptungen nicht Unsinn seyn sollen, so muss er sie vor denjenigen vertheidigen, die etwas mehr davon verstehen, als ich."

Nach diesen Aufschlussen musste ich annehmen, dass die Mathematik meine Nebenbuhlerin sey; allein wie hatte ich dazu kommen sollen, dieser Voraussetzung Wahrheit zuzuschreiben, da Moritz hochstens 25 Jahre zahlte? Der Reiz der Wissenschaft sey noch so gross, so ist er doch nicht fruher vorhanden, als der Besitz. Was uns aber zur Erwerbung treibt, ist nie die Wissenschaft, sondern irgend etwas Menschliches, dem sie als Mittel dienen soll. Was trieb nun meinen Moritz?

Ich war der Katastrophe, welche das Geschick meines Lebens entscheiden sollte, bei weitem naher, als ich glaubte; ehe ich aber der Aufschlusse erwahne, welche mir Moritz uber sein Inneres gab, muss ich von den Zeiten reden, in welchen dies vorfiel.

Der siebenjahrige Krieg war seit anderthalb Jahren begonnen, und nicht blos Deutschlands, sondern auch des ganzen Europa Augen waren auf den verwegenen Friedrich gerichtet, der lieber einen Kampf mit den grossten Machten des festen Landes eingehen, als nur einen Fingerbreit von dem einmal Erworbenen zuruckgeben wollte. Die Urtheile uber seinen Charakter waren verschieden, je nachdem sie von der Schwache oder der Starke ausgesprochen wurden. Die grosse Mehrheit, welcher innere Grosse ein unauflosliches Rathsel ist, verdammte ihn bis in den tiefsten Abgrund, als einen Rauber und als einen Tyrannen seiner eigenen Volker; indessen fehlte es nicht an Einzelnen, welche auf die Nothwendigkeit eingingen, worin sich der Monarch befand, und, seinen Muth bewundernd, zugleich seine Einsicht priesen. Wenn jene ihn nicht schnell genug zerschmettert sehen konnte, weil er sich gleich bei Eroffnung des Feldzuges Sachsens bemachtigt hatte; so wunschten diese seinen Unternehmungen jeden glucklichen Erfolg, uberzeugt, dass das Genie nur dann zerstort, wenn es aufbauen will, und fest versichert, es werde doch noch einmal eine schone Welt durch ihn ins Daseyn gerufen werden. Der Ausgang des wunderbaren Kampfes, in welchem der Verstand gegen die Masse zu Felde zog, beschaftigte alle Kopfe; und nicht selten geschah es, dass man sich in einer und derselben Familie uber eine von Friedrich gewonnene oder verlorne Schlacht freute und harmte, je nachdem die Mitglieder derselben ihm wohl oder ubel wollten. So sehr war seine Angelegenheit die des ganzen Deutschlands, dass seine Thaten selbst in die entferntesten Kreise drangen, und wenigstens die muntere Jugend fur den Helden ihrer Zeit begeisterten.

Der Hof, in dessen Nahe ich lebte, war nicht blos durch die Bande der Verwandtschaft an das preussische Haus gefesselt, sondern auch durch Charakterschwung und Genie dem grossen Friedrich besonders zugethan. In unserer Hauptstadt galt also nur das preussische Interesse. Wer sich von demselben losgesagt hatte, wurde nicht sowohl fur einen schlechten Burger, als vielmehr fur einen Einfaltigen gegolten haben, der das Edlere und Bessere nicht zu fassen vermogte. So lebendig war die Theilnahme an Friedrichs Siegen, dass sie von Privatpersonen in Familien-Zirkeln gefeiert wurden. Die Neugierde war unersattlich, wenn einmal von dem preussischen Konig die Rede war. Alles, was zu seiner Umgebung gehorte, wurde als Bestandtheil seines Wesens betrachtet; und so erhielten die Namen seiner vorzuglichsten Generale eine Illustration, welche sie schwerlich auf irgend einem anderen Wege erworben haben wurden.

Kein Jahr war reicher an Gluckswechseln, als das Jahr 1757. Im Anfang desselben Sieger, so dass Maria Theresia sich in Wien selbst nicht sicher glaubte, wurde Friedrich bald darauf aus Bohmen vertrieben. Von seinen Bundesgenossen verlassen, von allen Seiten mit Feinden umringt, dem Verderben blosgestellt, ermannte er sich zu neuen Triumphen. Die Schlachten bei Rosbach und Leuthen setzten ganz Europa in Erstaunen; vorzuglich die letztere, in welcher eine selbstgeschaffene Taktik dem dreimal starkeren Feinde den Sieg entriss. Die Wiedereroberung Schlesiens folgte diesem Siege. Gern hatte Friedrich auf seinen Lorbeern ausgeruht; denn der Krieg war gegen alle seine Wunsche erfolgt, und die Fortsetzung desselben storte ihn in edleren Entwurfen. Allein wie tief auch seine Feinde das Ubergewicht seines Genies empfunden haben mochten, so fuhlten sie sich noch nicht erschopft, und ihre Kampflust gebot seinen Neigungen.

Ich befand mich bald nach der Schlacht bei Leuthen eines Nachmittags in dem Hause der Frau von Z... Es war die Rede von dem neuen herrlichen Siege, den die preussische Tapferkeit erfochten hatte, und mit tiefgefuhlter Theilnahme sprach man von Friedrichs misslicher Lage bei seiner Ankunft in Schlesien, und von der Art und Weise, wie er, wenige Tage vor der Schlacht, seinen Generalen in einem Kriegsrath den Zustand seines Gemuthes offenbaret. Plotzlich sprang Moritz, der wahrend dieser Unterhaltung stumm und in sich selbst vertieft da gesessen hatte, von seinem Lehnstuhl auf, und, in die Mitte des Zimmers tretend, sprach er, starren Blickes und festen Tones, uns allen unerwartet, folgenden Monolog:

"Konnt' ich etwas an diesem Friedrich tadeln, so wurde es die Vorliebe seyn, die er fur franzosischen Geist und franzosische Sitte zeigt. Wie wenig kennt er sich selbst, wenn er Formen ehrt, die keine andere Grundlage haben, als die Flachheit selbst! Doch er gebehrde sich, wie er wolle, nie wird er das Gemuth eines Deutschen ganz verleugnen konnen. Durch dies kraftige, reiche Gemuth gebietet er selbst den Franzosen, deren Schongeisterei vor seinem Genie verstummt, und deren Hinterhaltigkeit vor seiner Ehrlichkeit erbebt. Ja, er ist das Grosste, was das Schicksal diesen Zeiten verleihen konnte; der einzige Mann seines Jahrhunderts, bestimmt, ein neues Geschlecht zu grunden, und in der Weltgeschichte mit unverwelklichem Lorbeer zu prangen. Wer seine Rechtlichkeit anklagt, vergisset, dass das Genie die unversiegliche Quelle neuen Rechtes ist, und jeglichen Beruf aus sich selber nimmt. Alle kraftigen Naturen, so viel ihrer in Deutschland ubrig geblieben sind, sollten Kreis um ihn schliessen und seine Sache zu der ihrigen machen. Was ist das Leben ohne Liebe, und wie kann man das Leben hoher ausbringen, als wenn man grosse Entwurfe befordern hilft! Ich weiss, dass diese Ziethen und Seidlitz und Keith nur Maschinen sind; allein war jemals der Mensch etwas anderes, als Werkzeug in den Handen des Schicksals, und was ist das Schicksal selbst, wenn es seinen letzten Grund nicht in der Idee eines vielumfassenden Kopfes hat? Friedrichs Planen dienen, ist die hochste Bestimmung, die man sich geben kann. Je grosser er der Nachwelt erscheint, desto mehr Verdienst hat man sich um die Mitwelt erworben; denn nur dadurch kann er wahrhaft gross werden, dass man kein Bedenken tragt, sich ihm aufzuopfern. Magnetisch fuhl' ich mich an ihn angezogen, und verdorben ist meine ganze Existenz, wenn ich nicht dahin gelange, mich in seinem Geiste zu spiegeln. Mich seiner wurdiger zu machen, hab' ich es nicht an Anstrengungen fehlen lassen. Jetzt hat die Stunde der Vollbringung geschlagen. Keinen Augenblick will ich verlieren."

Es war uns sonderbar zu Muthe bei diesem Monolog; denn so rucksichtslos wurde er gesprochen, dass unsere erste Ahnung keine andere seyn konnte, als die, dass Moritz von Sinnen gekommen sey. Adelaide, welche neben mir sass, umschlang mich mit ihrer Linken und starrte auf ihren Bruder hin. Ob auch ich auf ihn hinstarrte, oder die Augen niederschlug, weiss ich nicht; aber das weiss ich, dass ich nun mit einemmale gefunden hatte, was ich bisher vergebens suchte. Es war also Friedrich der Grosse, der sich zwischen mich und meinen Moritz in die Mitte stellte und unsere Vereinigung verhinderte. Einen solchen Nebenbuhler hatte ich nicht erwartet. Sollte ich ihm zurnen? Ich konnte es nicht. Er stand ja nur als Idol da; und war er wohl das meinige minder, als Moritzens? Ich begriff den inneren Zustand des jungen Mannes auf der Stelle; und wie sehr ich ihn anbeten mochte, so fuhlte ich doch, nach einem solchen Aufschluss, nicht das kleinste Verlangen, ihn an der Ausfuhrung seines Entwurfes zu verhindern. Wie Liebe ohne Eigennutz bestehen konne, begreifen wenige; aber noch weit wenigere haben die Kraft, sich eine leidenschaftslose Liebe zu denken. Ich mochte in diesen Bekenntnissen um keinen Preis zu viel oder zu wenig von mir sagen; aber das wag' ich zu behaupten, dass, wenn der Eigennutz meiner Liebe fur Moritz immer fremd geblieben war, die Leidenschaft von Stund an daraus verschwand. Ich kannte das Schone, ehe ich seine Bekanntschaft gemacht hatte; er versinnlichte es mir und wurde mir dadurch unendlich theuer. Jetzt, wo ich ihn in Regionen aufsteigen sah, die ich nie geahnet hatte, jetzt wurde er fur mich eben so das Symbol des Herrlichen, wie das Crucifix in den Handen eines glaubigen Catholiken das Symbol jeder Tugend ist. Was ich hier sage, konnen nicht Alle zur Anschauung bringen; aber wie soll ich es sagen, um mich deutlich zu machen? Genug, ich verliess das Haus der Frau von Z... mit ganz anderen Empfindungen, als diejenigen waren, mit welchen ich gekommen war; und ich behaupte, dass es unmoglich ist, zugleich ruhiger zu seyn, und einen gegebenen Mann bestimmter anzubeten, als beides bei mir der Fall war. Gelassen zog ich mich aus, nachdem ich zu meinen Pflegeeltern zuruckgekommen war; eben so gelassen ging ich zu Bette; und als ich am folgenden Morgen nach einem sanften Schlaf erwachte, war mein erster Gedanke: Moritz ist der erste aller Manner. Ich wollte mir die Gefahren vergegenwartigen, denen er entgegenging; aber damit wollte es mir durchaus nicht gelingen; die Stimmung, in welcher ich mich einmal befand, brachte es mit sich, an keine Gefahr in Beziehung auf Moritz zu glauben, und diese Idee, wie sonderbar sie auch erscheinen mag, war gewiss eine sehr richtige.

Es wird nach allem, was ich bisher gesagt habe, schwerlich auffallen, wenn ich hinzufuge, dass ich nicht unterliess, meine Freundin, wie bisher, zu besuchen, und mich dadurch dem Herrn von Z... zu nahern; ich konnte dies jetzt um so eher thun, da das Verhaltniss, worin ich mit ihm stand, durch die Bestimmtheit, welche seine letzte Erklarung ihm gegeben hatte, eine Unschuld gewann, die es zu einem kindlichen machte. Von dem Auftritte des vorhergehenden Tages war nicht weiter die Rede, nachdem Moritz uber das Pathos, womit er seinen inneren Zustand verrathen, gelachelt hatte. Uber andere Gegenstande wurde gescherzt; ja irgend eine Freude, die ich nicht beschreiben kann, die aber das unmittelbare Resultat der aufgehobenen Spannung war, herrschte in allen Gesichtern und sprach aus allen Gedanken, als Moritz, ich weiss nicht ob am dritten oder vierten Tage nach der oben beschriebenen Scene, die augenblickliche Abwesenheit seiner Mutter und Schwester benutzend, meine Hand ergriff und folgende Rede an mich richtete:

"Ich gestehe Ihnen, meine Theure, dass ich vor ungefahr einer Woche an den Konig von Preussen geschrieben habe, um ihm meine Dienste anzutragen. Schon lange war dies mein geheimer Entschluss; allein ehe ich ihn zur Ausfuhrung bringen konnte, bedurfte es mehrerer Vorbereitungen, mit welchen ich erst jetzt zu Stande gekommen bin. Viele werden diesen Schritt tadeln; allein ich bleibe ruhig, wenn ich weiss, dass Sie, meine Theure, nicht zu meinen Tadlern gehoren. Sagen Sie selbst, ob mir etwas anderes ubrig blieb? Funf und zwanzig Jahre alt, befinde ich mich in dem Wechselfall, entweder Civildienste zu nehmen, oder auf meine Guter zu gehen, wenn ich durchaus nicht Soldat werden soll. Civildienste wohin konnen sie fuhren? Meiner Berechnung nach nur zur Erbarmlichkeit. Jedes einzelne Geschaft, das man als Civilbeamter betreibt, vorausgesetzt, dass man nicht an der Spitze eines Departements steht, ist zuletzt nichts weiter, als eine anstandigere Art von Besenbinderei, die, wie gut sie auch remunerirt werden mag, den inneren Menschen todtet, indem sie den Staatsburger belebt. Soll ich Prozesse instruiren, oder Landesverordnungen entwerfen, oder Kammerherrendienste thun? Meine Kraft wurde mich von jedem Subalternposten, den man mir geben konnte, verdrangen. Ich habe nicht Athem genug, die lange Dienstcarriere zu ertragen. Mich interessirt das in einander greifende staatsburgerliche Leben, aber nur im Grossen, nicht im Kleinen; um das Detail lieb zu gewinnen, musst' ich vor allen Dingen meinem ganzen Wesen entsagen, d.h. aufhoren, ein Edelmann zu seyn. Wahr ist, ich konnte mich auf meine Guter begeben und Herrscher in meinen eignen Staaten seyn. Aber zu welchem Zweck? Meine Vorfahren haben genug erworben, um mich zufrieden zu stellen. Ich will erhalten, was auf mich vererbt worden ist; aber ich will es weder vermehren, noch angstlich darauf bedacht seyn, Schatze zu sammeln. Kommt Zeit, kommt Rath. Furs Erste will ich mich zum Bewusstseyn meiner Existenz erheben; und da dies nur im Felde moglich ist, so will ich in den Krieg ziehen. Mich lockt dazu vor allen Dingen die Grosse des Helden, der unbezwungen gegen ganz Europa ankampft. Je kritischer seine ganze Lage ist, desto starker ist mein Beruf, ihn mit meinen Kraften zu unterstutzen. Ich werde keinen materiellen Vortheil davon haben, das weiss ich vorher; aber es wird mich in Athem setzen, und das ist mir genug. Werd' ich meinen Wunschen gemass angestellt, so komme ich in seine Nahe und finde Gelegenheit, den grossten Charakter unseres Jahrhunderts zu studiren. Und was will ich mehr? Der Ruckzug auf meine Guter steht mir immer offen. Trete ich ihn nach einigen Jahren an, so habe ich, bis dahin wenigstens, mein Leben hoch ausgebracht und mich mit seltenen Erfahrungen bereichert. Diese Grunde, meine Theure, haben mich bestimmt. Sollten Sie etwas dagegen einzuwenden haben?"

Meine Antwort auf diese Frage war: "Sie haben sich, mein edler Freund, durch diese Analyse vor sich selbst zu rechtfertigen gesucht; aber ich glaube nicht, dass es einer solchen Rechtfertigung bedarf. Es war genug, dass Ihr Gemuth so entschieden hatte. Friedrichs Wesen umschliesst alles, was Sie gross und edel nennen; darum drangen Sie sich in seine Nahe, wie ich mich in die Ihrige gedrangt habe. Ich verstehe Sie vollkommen; und weil ich Sie verstehe, muss ich Ihre Schritte billigen. Wie konnten Sie erwarten, dass wir hierin verschiedener Meinung seyn wurden? Dies sind wir nie gewesen, dies konnen wir niemals werden. Der Streit ist nur fur diejenigen vorhanden, die sich einander nicht begreifen; wir aber konnen, dunkt mich, nur zusammen sprechen, nicht mit einander disputiren. Ich, die Ihnen so viel verdankt, ich sollte dieselben Ideen, die Sie in mich niedergelegt haben, gegen Sie wenden? Wie ware dies nur moglich! Ich habe nicht das Allermindeste gegen Ihren Entschluss vorzubringen; erlauben Sie nur, Ihnen zu sagen, dass Sie im Schlachtgetummel mir eben so gegenwartig seyn werden, als Sie es in diesem Augenblicke sind."

Um keinen Preis hatte ich eine andere Antwort geben konnen, und ihre Wahrheit ergriff den Herrn von Z... so sehr, dass er in ein tiefes Nachdenken versank. Mutter und Schwester kehrten zu uns zuruck, und nun war von anderen Dingen die Rede. Schwerlich ist jemals eine Liebeserklarung in dieser Form gemacht worden; und schwerlich meinten es gleichwohl zwei Liebende ernstlicher und redlicher mir einander. Mit welchem Feuer wurden wir uns umfasst haben, hatte es keinen Friedrich den Zweiten gegeben! Wir fuhlten auf das deutlichste, dass wir fur einander da waren, aber wir fuhlten zugleich, dass der Augenblick unserer Verbindung noch nicht gekommen sey.

Ein Eilbote uberbrachte in einem koniglichen Handschreiben die Nachricht von Moritzens Anstellung im Gefolge des Monarchen nach einem monatlichen Garnisondienst. Die Anstalten zur Abreise wurden unverzuglich gemacht. Mein Herz klopfte bei dem Anblick derselben, und eine schwarze Ahnung bemachtigte sich meines Gemuths; aber ich half beim Einpacken, indem ich Pflicht nannte, was ich zu meiner Zerstreuung that. Moritz war wechselsweise exaltirt und niedergeschlagen, und ich sah nur allzudeutlich, wie er sich zugleich an mich angezogen und von mir zuruckgehalten fuhlte. Einmal sagte er mir: "Es bleibt eine ewige Wahrheit, dass die Ruhe nur in dem Gemuthe der Weiber ist." Ich hatte nicht das Herz darauf zu antworten, wiewohl ich fur den Augenblick sehr viel gegen diese ewige Wahrheit einzuwenden hatte.

Die Stunde der Trennung ruckte immer naher. Ich wollte einem formlichen Lebewohl ausweichen, weil ich mich nicht stark genug dazu glaubte; allein Moritz hatte meine Absicht allzugut errathen, um sie nicht zu vereiteln. Uberraschend erschien er in meiner Wohnung, und mit einer Miene, welche mir seinen inneren Zustand als sehr aufgeregt darstellte, uberreichte er mir, ausser einem Ringe, sein Bildniss im Kleinen an einer leichten goldenen Kette mit der Bitte, beides zu seinem Andenken zu tragen. Ich nahm Ring und Bildniss mit dem Versprechen an, dass ich sie tragen wollte, und fragte den Geber: Ob er gleiches Unterpfand von mir zu besitzen wunschte? Auf seine bejahende Antwort verabredeten wir den Ort, wohin ich beides schicken sollte. Moritz zauderte noch. Ich legte ihm die Frage vor: Ob er noch etwas wunsche? "Einen Kuss, Mirabella!" war seine Antwort. "Wiewohl es der erste ist," entgegnete ich, "den ein Mann von mir erhalt; so bin ich doch nicht berechtigt, dieses Zeichen weiblichen Wohlwollens dem vorzuenthalten, den ich fur den ersten der Manner halte." Mit diesen Worten reichte ich ihm meine Lippen. Meine Thranen ergossen sich; die seinigen nicht minder. Und so schieden wir aus einander, hoffend, dass wir uns wiedersehen wurden.

Moritz horte nicht auf, mir gegenwartig zu seyn, weil er abwesend war. Ring und Bildniss hatten nur eine untergeordnete Kraft, die sich bisweilen ganz verlor. Eine hohere lag in der italianischen Poesie; denn noch immer dauerte die Tauschung fort, vermoge welcher diese fur mich mit Moritz einerlei war. So oft ich das befreiete Jerusalem in die Hand nahm, unterhielt ich mich nicht mit Tasso dieser war gar nicht fur mich vorhanden sondern mit dem Geliebten, durch welchen sich in mir die Fahigkeit entwikkelt hatte, in diesem Gedicht ein Meisterwerk zu schatzen. Vermoge eines besonderen Mechanismus meines Inneren fing ich die Lekture nie mit der Betrachtung des Bildnisses an, das Moritz mir zuruckgelassen hatte; wohl aber endigte ich mit derselben. Und diese Eigenthumlichkeit ist mir mein ganzes Leben hindurch geblieben; ich kann noch immer keinen Vers eines italianischen Dichters horen oder lesen, ohne sogleich an Moritz zu denken und mir die ganze Periode zu vergegenwartigen, in welcher ich seine erste Bekanntschaft machte, und durch ihn Richtungen erhielt, die mir eine ganze Ewigkeit hindurch bleiben mussten.

Moritz schrieb haufig an mich und die Seinigen. Am liebsten sprach er von dem grossen Konig, der ihn in seinen Strudel gezogen hatte. In einem seiner Briefe druckte er sich folgendermassen aus: "Uber Friedrichs ganzes Wesen ist ein unwiderstehlicher Zauber verbreitet, der eben so sehr aus seinen grossen blauen Augen, als von seinen kleinen geschlossenen Lippen spricht. Eine Folge dieses Zaubers ist, dass er in dem Urtheil seiner Umgebung immer Recht hat. Viele hassen ihn, weil sie nicht von ihm geliebt werden; aber sie vollbringen seine Befehle deshalb nicht langsamer, als ob die feurigste Liebe sie beseelte. Um als Diener eines solchen Monarchen in keinem Widerspruche mit sich selbst zu stehen, muss man auf Gegenliebe Verzicht leisten konnen; denn er hat sie nicht in seiner Gewalt. Das grosse Ganze mit seinem Gemuthe umspannend, kann er zu Individuen nicht mit Liebe herabsteigen, ohne sein Wesen zu zerstoren. Sie gelten ihm etwas, aber nur im Vorbeigehn, nur im Fluge, nur in so weit sie sich deutliche Begriffe von seinem Geschafte machen und keine Anspruche an den Menschen bilden, die der Monarch nicht erfullen kann, ohne seiner Pflicht zu entsagen. Wer dies nicht fassen kann, weil es ihm an Kraft fehlt, aus sich selbst heraus zu gehen und sich gewissermassen mit dem Konige zu identifiziren, der ist verloren, wenigstens in sofern sein Verhaltniss zu dem Konige nie ein angenehmes fur ihn werden kann. Wie neu mir auch der Dienst noch ist, so erkenne ich doch schon aufs deutlichste, dass ich, um jedem Widerspruch zu entgehen, in welchen ich mit mir selbst gerathen konnte, von vorn herein allem Egoismus entsagen und nur in der Liebe leben muss; und um mir die Auflosung dieses schweren Problems zu erleichtern, wiederhole ich mir unaufhorlich, dass Friedrich nichts anderes ist, als die allgemeine Intelligenz des Staates, an dessen Spitze er steht, und dass ich fur alle Dienste, die ich ihm leisten kann, hinlanglich belohnt bin, wenn ich ihn als allgemeine Intelligenz begriffen habe. In der That, das ist das grosse Ziel, das ich mir vorgesetzt habe. Erreiche ich es jemals, so hat die Stunde meines Abschiedes in eben dem Augenblick geschlagen, wo ich es erreicht habe. Eben so unbefangen, ehrlich und uneigennutzig, als ich in Friedrichs Dienste getreten bin, verlasse ich dieselben, indem ich dem Monarchen melde, dass ich die Reife erhalten habe, die ich beim Eintritt in seine Dienste suchte. Die Urtheile um mich her beruhren mich nicht, weil ich die Quelle derselben aufgefunden habe; wenn das Gemuth die Stelle des Verstandes vertritt, so ist Schiefheit und Verwirrung unvermeidlich. Man muss, einem Friedrich gegenuber, nicht als Mensch, sondern nur als Staasdiener gelten wollen; man muss sich mit ihm identifiziren, ohne jemals zu verlangen, dass er sich mit uns identifizire."

Moritz, welcher, unmittelbar nach der Ubergabe von Schweidnitz, in die Nahe des Konigs gekommen war, begleitete sein Idol als Adjutant auf dem Zuge nach Mahren. Viele unvorhergesehene Hindernisse hemmten den Lauf der Kriegsoperationen. Als alle endlich uberwunden waren und Olmutz belagert werden konnte, fehlte es an den Belagerungsmitteln, weil es den Osterreichern gelungen war, einen grossen Theil derselben zu zerstoren. Die Lage des preussischen Heeres in Mahren war um so kritischer, da Laudon eine solche Stellung genommen hatte, dass der Ruckzug nach Schlesien wo nicht unmoglich, doch wenigstens sehr gefahrlich geworden war. Nur Friedrichs uberlegenes Genie konnte hier Rettung bringen. Ein Marsch, auf den der osterreichische General nicht gerechnet hatte, weil er uber lauter Gebirge fuhrte, brachte das preussische Heer in verschiedenen Abtheilungen durch Bohmen und die Grafschaft Glatz dennoch nach Schlesien zuruck. Gewiss waren die Muhseligkeiten dieses Marsches fur jeden unbeschreiblich; aber, wie andere sie mehr oder weniger empfinden mochten, fur Moritz waren sie, wenigstens seinen Briefen nach, gar nicht vorhanden. Uberhaupt war es auffallend, dass er nie von den Beschwerden seiner Existenz, sondern nur immer von den neuen Ideen sprach, womit sie ihn bereicherte.

Bekanntlich waren die Russen, wahrend Friedrich in Mahren verweilte, aus Preussen, welches sie als Eigenthum verschonten, verheerend nach Pommern und der Mark vorgedrungen. Kustrin, dessen Festung sie allein verhindern konnte, in das Herz des preussischen Staates einzudringen, wurde von ihnen belagert und in einen Aschenhaufen verwandelt. Der Sturm, womit der russische General die Festung bedrohete, sollte anheben, als sich die Nachricht von der Ankunft des Konigs verbreitete. Mit vierzehntausend Mann war Friedrich aus Schlesien aufgebrochen, den Barbaren, die nur zerstoren konnten, das Handwerk zu legen. In einem verhaltnissmassig kurzen Zeitraum hatte er unter grossen Beschwerden sechzig deutsche Meilen zuruckgelegt; und so wie er sich dem Kriegesschauplatz genahert hatte, war sein Gemuth von den Brandstatten und Trummern ergriffen worden, welche den verheerenden Zug der Russen bezeichneten. Die Stimmung, worin er sich befand, ging, wie ein elektrischer Strahl, auf seine Krieger uber. In allen entwickelte sich der Gedanke: dass Verschonung eines solchen Feindes ahndungswurdiger Frevel sey, den man an der Menschheit selbst begehe. Racheschnaubend naherten sich die Preussen den Russen, und in dem Heere der letzteren erfuhr man nur allzubald, dass die ersteren keinen Pardon geben wurden. Eine morderische Schlacht lag im Hintergrunde.

Sie wurde bei Zorndorf geliefert. Was Andere vor mir beschrieben haben, mag ich nicht wiederholen. Genug, diese Schlacht war die Verklarung der preussischen Tapferkeit. Der Konig selbst sturzte sich in jegliche Gefahr. Um ihn her fielen seine Adjutanten, seine Pagen. Gleich einer ehernen Mauer stand der linke Flugel der Russen da, als der rechte bereits geschlagen war. Was diesem geschehen war, musste auch jenem zu Theil werden, wenn Friedrich seine Staaten mit Erfolg retten wollte. Seidlitz eroffnete das Gemetzel, indem er die russische Reiterei warf. Es wurde vollendet; aber indem Moritz als Adjutant hiehin und dorthin flog, fiel er, von einer Flintenkugel, welche der Zufall leitete, ereilt, eine halbe Stunde vor dem Ausgang einer der merkwurdigsten Schlachten des siebenjahrigen Krieges, mit vielen anderen Edlen, welche im Kampfe furs Vaterland hier ihr Grab fanden. Erst am folgenden Tage fand man ihn unter den Todten. Die Kugel war durchs Herz gefahren. Den Tod hatte er also nicht empfunden.

Seine Briefe blieben aus. Eine schwarze Ahnung trat in unsere Seelen. Die Sache selbst war gewiss, ehe die Bestatigung erfolgte. Endlich erfolgte auch diese. Die Mutter war trostlos; denn es war ihr einziger Sohn, den sie verloren hatte, und dieser einzige Sohn war um so mehr ihr Stolz, je unerreichbarer ihr die Hohe war, auf welcher er als geistiges Wesen stand. Adelaide weinte; allein ihr Kummer war weder tief, noch von Dauer; die Wandelbarkeit ihres Wesens rettete sie von einem langen Schmerze. Ich Was soll ich von mir sagen? Dass es keinen Ersatz fur mich gebe, fuhlte ich tief; aber in der Grosse meines Verlustes selbst lag ein Trost, der, wenn ich ihn auch auf niemand ubertragen konnte, doch aufs bestimmteste von mir empfunden wurde. Nur das begranzte Etwas kann ein Gegenstand menschlicher Empfindung werden, und das Gemuth in angenehme oder unangenehme Bewegungen setzen; das unendliche Alles ist immer nur ein Gegenstand des Geistes, und kann daher nie auf die Empfindung zuruckwirken. Weil ich in Moritz untergegangen war, konnte ich nicht um ihn weinen. Eine zweite Alceste, hatte ich fur ihn eben so bereitwillig sterben konnen, als er fur sein eigenes Ideal gestorben war; aber seinen Verlust bejammern konnte ich nicht. Er war ja nicht der Meinige, wie ich die Seinige war. Dem Gemahl hatte ich folgen mussen in den Tod; den Brautigam konnte ich um so eher uberleben, weil es sehr problematisch war, ob das Verhaltniss, worin ich mit ihm stand, so modifizirt werden konnte, dass aus dem Brautigam ein Gemahl wurde. Denn nur seinem Ideale hatte Moritz gelebt. Wollte er sich mit mir verbinden, so musste er aus seinem Wesen heraustreten. Konnte er das, wenn er es auch wollte? Konnte er es nicht, so musste zwischen uns eine Kluft befestigt bleiben, welche durch nichts auszufullen war; und die naturlichste Folge davon war, dass ich mich in einer ewigen Sehnsucht verzehrte. Und hatte ich durch seinen Tod das Mindeste an ihm verloren? In sofern er fur mich das Symbol des Schonen und Edlen war, existirte er fur mich noch immer. Auf ihn musste ich zuruckkommen, so oft ich einen Maassstab gebrauchte, das unsichtbare Grosse nach allen seinen Dimensionen zu erforschen. War er gleich nie der Meinige gewesen, und war es gleich jetzt physisch unmoglich geworden, ihn als Gemahl zu besitzen; so konnte ich doch nie aufhoren, die Seinige zu seyn und ihn mit aller der Hingebung zu lieben, die meiner durch ihn veredelten Natur eigen war.

Ich sage nicht, dass ich in jenen Ungluckstagen, wo Mutter und Schwester durch die Bestatigung seines schonen Todes zu Boden geworfen wurden, so dachte; aber ich sage, dass ich so empfand, wenn es anders erlaubt ist, diesen Ausdruck da zu gebrauchen, wo Ruhe und Resignation obwalten. So also, und nicht anders, hatte ich mich gegen den Vorwurf der Fuhllosigkeit vertheidigen mussen, ware er mir gemacht worden. Ich wurde sehr Wenigen verstandlich geworden seyn; aber alle diejenigen, welchen ein uber die gewohnlichen Schranken hinausgehendes Verhaltniss nicht ganz unbegreiflich gewesen ware, wurden den Muth verloren haben, mich zu verdammen. Aller Widerspruch, den man an mir entdeckt zu haben wahnen konnte, lag nicht in mir, sondern in den mangelhaften Vorstellungen derer, die davon beleidigt waren. Man hatte mich, man hatte Moritz ganz kennen mussen, um zu begreifen, wie ich bei seinem Tode gelassen seyn konnte. Ich bin versichert, dass Moritz, ware mir sein Schicksal zu Theil geworden, auch ruhig geblieben seyn wurde, wiewohl ich von allen weiblichen Geschopfen das einzige war, dem er wohlwollen konnte. Nur da, wo eine Identifikation zweier Wesen vorhergegangen ist, kann eine Trennung mit todtlichen Schmerzen verbunden seyn; nicht da, wo sie noch im Hintergrunde der Zukunft liegt und aus weiter Ferne winkt. Ubrigens war es, in Beziehung auf Moritzens Mutter und Schwester, ein Gluck fur mich, dass ich mich genug fur sie interessiren konnte, um mit ihnen zu weinen nicht um Moritz, sondern aus jener reinen Sympathie, welche sich bei allen besseren, von keiner Art des Egoismus zusammen geschrumpften Menschen wiederfindet, so oft sie Thranen des Kummers oder der Freude vergiessen sehen. Was beide beklagten, war fur mich noch kein Gegenstand der Klage; aber sie selbst waren Gegenstande des Mitleids, und so vermischten sich unsere Zahren, wahrend der edlere Theil meines Selbst eben so unumwolkt blieb, als, nach dem Ausdruck des ersten aller Sanger, der Wohnsitz der seligen Olympier ist. So wenig war ich in meinem ganzen Wesen gestort, dass kein einziges meiner Geschafte stockte. Es kam mir zwar vor, als ware ich in vielen Dingen hurtiger und bestimmter geworden; und in sofern dies wirklich der Fall war, konnte meine grossere Hurtigkeit und Bestimmtheit nur daher ruhren, dass mich das Problem, Moritz zu dem Meinigen zu machen, weniger beschaftigte. Ich kann aufs Heiligste versichern, das ich bei der Auflosung dieses Problems nie an seiner Rechtlichkeit zweifelte; durch diese musste er mir zu Theil werden. Das Einzige, was mir immer zweifelhaft blieb, war: Ob seine hohere Natur ihn, seinen Wunschen gemass, zu mir hinfuhren wurde? Und bei diesem Zweifel musste ich nothwendig sehr viel von meiner naturlichen Klarheit einbussen.

Zweites Buch

Mein Verhaltniss mit dem Herrn von Z... hatte mich seit Jahr und Tag sehr isolirt; allein die gute Meinung, welche man vorher von mir gehabt hatte, war sich gleich geblieben; und so fand ich bei meinem Zurucktritt in die gesellschaftlichen Zirkel, welche ich ehemals besucht hatte, denselben Empfang wieder, womit man mir in allen Dingen zuvor zu kommen gewohnt war. Die etwanigen Bewegungen des Neides, wenn ja dergleichen in dem Busen der einen oder der andern meiner Gespielen vorhanden gewesen waren, hatte Moritzens Tod zum Stillstand gebracht; man naherte sich mir mit desto mehr Freundschaft, je bestimmter man voraussetzte, dass dieser Tod mich sehr unglucklich gemacht hatte. Ich sprach, ganz der Uberzeugung gemass, welche das Anschaun mit sich fuhrt, mit Enthusiasmus von dem Vollendeten; aber ich uberliess es Anderen, mein Schicksal zu beklagen, weil ich mich hiermit nicht befassen konnte, ohne zur Lugnerin zu werden, was ich aus allen Kraften verabscheuete. Dafur hatte ich denn freilich den Verdruss, Condolenzen uber Condolenzen annehmen zu mussen, von welchen die eine noch abgeschmackter war, als die andere. Uberhaupt bemerkte ich bei diesem meinen Zurucktritt in die Gesellschaft, dass ich seit Jahr und Tag eine so sprode Individualitat gewonnen hatte, dass ich fur den Umgang unendlich weniger taugte, als vorher. Ich untersuchte nicht, ob die Personen, mit welchen ich gerade zu schaffen hatte, uber oder unter meinem Horizont waren; allein ich fuhlte, dass zwischen mir und ihnen irgend eine Antipathie obwaltete, die, sie mochte nun gegrundet seyn, worin sie wollte, die grosste Aufmerksamkeit auf mich selbst nothig machte, da ich als ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht berechtigt war, den Ausschlag zu geben. Selbst mit dem grossten Wohlwollen und den hellsten Ideen kann man dahin kommen, die Gesellschaft zu fliehen; ja, in solchen Eigenschaften liegt zuletzt der starkste Bewegungsgrund zur Isolirung, oder wenigstens zur Beschrankung auf einige Wenige, da einmal kein Einzelner verlangen kann, dass alle Ubrigen sich in seine Form schmiegen sollen, und es von der anderen Seite doch etwas sehr Wesentliches ist, seine Individualitat zu retten. Sind wir einmal breit getreten, so mag es immerhin etwas Gutes seyn, aller Menschen Freund seyn zu konnen; allein so lange wir es noch nicht sind, mussen wir alles, was unseren Charakter ausmacht, als das kostlichste Kleinod bewahren, weil eine kraftig ausgesprochene Individualitat zuletzt mehr werth ist, als die ganze Gesellschaft. Ich sollte dies nicht sagen, weil ich ein Weib bin; aber meine Rechtfertigung liegt in dem Stillschweigen, welches die Manner in Beziehung auf diese Wahrheit behaupten.

Adelaide, welche mir unter diesen Umstanden besonders theuer wurde, nicht weil der Unterschied, den die Natur selbst zwischen uns gelegt hatte, durch die Lange der Zeit aufgehoben war, sondern weil die Gewohnheit des Beisammenseyns den Ausschlag uber diesen Unterschied gab Adelaide sah sich seit dem Tode ihres Bruders, der sie zu einer sehr reichen Erbin gemacht hatte, von Bewerbern umgeben, welche den Augenblick, wo sie sich fur den einen oder den anderen von ihnen erklaren wurde, nicht zeitig genug erleben konnten. Das Ungluck des armen Madchens bestand recht eigentlich darin, dass unter diesen Bewerbern kein einziger war, der ihr Achtung abgewinnen konnte. Ich habe immer bemerkt, dass diejenigen Frauenzimmer, welche im Besitze bestimmter Talente sind, in die grosste Verlegenheit gerathen, so bald es darauf ankommt, uber ihre Person zu disponiren; und in dieser Verlegenheit befand sich auch Adelaide. Was ihre Freier am meisten in Betrachtung zogen, ihr Vermogen, war gerade das, worauf sie den geringsten Werth legte. Dagegen brachte sie ihre Fertigkeit in der Musik und Poesie, oder vielmehr im Clavierspielen und Versemachen, in einen desto hoheren Anschlag; und wo nun unter den jungen Mannern ihres Standes denjenigen finden, den sie der Erwerbung solcher Talente in ihrer Person wurdig gehalten hatte? Es gab Einen, der sich nur hatte zeigen durfen, um mit offenen Armen von ihr empfangen zu werden; aber dieser Eine war fern, im Kriegesstrudel umgetrieben, vollkommen unbekannt mit der Schonen, welche ihn uber alle Manner ehrte; es war der beruhmte Kleist, dessen einzelne Gedichte damals anfingen bekannter zu werden, und der, wenig Monate darauf, in der Schlacht bei Cunersdorf verwundet, sein Leben nur rettete, um es im Lazareth auszuhauchen. Alle Ubrigen mochten sie noch so sehr loben; da ihr die Idee blieb, dass sie von der Sache selbst nichts verstanden, so konnte sie nicht umhin, sie sammt und sonders als ein Pack feiler Schmeichler zu verachten. Mir leuchtete schon damals ein, dass Adelaide fur eine Ehe so gut als verdorben sey. Hatte sie kein bedeutendes Vermogen gehabt, so hatte es nur gewisser Umstande bedurft, um ihr die Weiblichkeit wiederzugeben, welche die Talente ihr genommen hatten; durch die Herrschaft, welche sie als reiche Eigenthumerin uber die Umstande ausubte, musste sie ewig verhindert werden, in die volle Weiblichkeit zuruck zu treten. Sie war klug genug, um nur dem Manne, dessen Anspruchslosigkeit ihr vollendete Freiheit versprach, ihre Hand zu geben; allein, weil bei ihr alles ins Unendliche ging, so bedurfte sie fur ihre Eigenthumlichkeit eines Beschrankers, und da sie diesen in ihrem Gatten nicht fand, so war es wohl kein Wunder, wenn sie in der Folge von der Sonderbarkeit zur Seltsamkeit und von dieser zur Albernheit uberging.

Herr von M..., den sie wahlte, war ein beguterter Landedelmann, von gesundem Geist und guten Sitten. Er war unstreitig die beste Parthie, die Adelaide machen konnte; das Schlimme war nur, dass es fur Adelaiden keine gute Parthie gab. Vermoge der Eigenthumlichkeit ihres Geistes standen ihre Mittel nie in einem nur ertraglichen Verhaltniss zu ihren Zwecken. Man hatte mit grosser Wahrheit von ihr sagen konnen: Sie setze einen Ocean in Bewegung, um eine Feder fortzuschaffen. Die Liebe ihres Gatten zu gewinnen, glaubte sie sich die Hochachtung der ganzen Welt erwerben zu mussen. Wie bot sie alles auf, um die Meinung zu erwerben, dass sie eine Frau von grossem Verstande sey, und wie blieb sie immer und ewig hinter ihrer Erwartung zuruck! Ein besonderes Ungluck fur sie war ihre Kinderlosigkeit. Diese setzte sie in eine Art von Wuth, welche sich dadurch offenbarte, dass sie alles vereinigen wollte, was nur immer ein Gegenstand des menschlichen Wissens ist. Nachdem sie alle Zweige der Naturgeschichte studirt hatte, endigte sie mit dem Studium der Mathematik; aber ihr armer Mann wurde ihr in eben dem Maasse unausstehlicher, in welchem sie selbst gelehrter wurde. Eine Scheidung, die aus allen Grunden nothwendig geworden war, erfolgte, so bald Herr von M... eingesehen hatte, dass seine Individualitat sich nur auf diesem Wege retten liess. Adelaide zog in eine Hauptstadt, um den Bibliotheken und Gelehrten naher zu seyn, als sie es bisher gewesen war; aber auch diese Art der Existenz wurde ihr nur allzubald lastig und abgeschmackt. Sie warf sich in die sogenannte schone Kunst, und um diesem Studium mit desto besserem Erfolge obzuliegen, ging sie nach Italien, wo sie grosse Summen verschwendete. Die Briefe, die ich von Zeit zu Zeit von ihr erhielt, sagten mir, wie uber Alles reizend ihr diejenige Periode ihrer Jugend erschiene, in welcher sie meine Bekanntschaft gemacht, und wie alles, was sie unternahme, um sich zu zerstreuen, doch nicht die Kraft habe, sie uber die Dauer weniger Stunden zu beglucken. Es wurde Thorheit gewesen seyn, ihr mit einem guten Rath an die Hand zu gehen, von welchem sie keinen Gebrauch machen konnte; auch sah sie selbst sehr deutlich ein, dass sie nicht mehr genesen konnte. Den Hang nach ewiger Bewegung befriedigte sie dadurch, dass sie von einem Lande in das andere reisete. Von England aus meldete sie mir: Die europaische Welt mache ihr Langeweile, und darum sey sie fest entschlossen, nach Asien zu gehen. Seit dem hab' ich nichts von ihr erfahren. Mehreren Anzeigen zufolge ist sie auf ihrer Reise nach Ostindien am Kap der guten Hoffnung gescheitert. Anders, aber nicht besser, konnte eine Person endigen, in welcher die Phantasie den Ausschlag uber den Verstand gab, indess das Schicksal dafur gesorgt hatte, dass es ihr nicht an Mitteln fehlte, jeden noch so seltsamen Einfall ins Werk zu richten. Ihre ganze Geschichte hab' ich, der Zeit vorgreifend, an diesem Orte conzentrirt, um nicht auf sie zuruckkommen zu durfen, nachdem wir uns einmal getrennt hatten, und nur neben nicht mit einander gehen konnten.

Um eben die Zeit, wo Adelaide sich mit dem Herrn von M.... verband, wurde mir die Stelle einer Gesellschaftsdame bei der jungsten Tochter unseres Fursten angetragen, welche damals ein Alter von funfzehn Jahren erreicht hatte. Dieser Antrag war um so ehrenvoller, weil ich berechtigt war, ihn als das Resultat der guten Meinung zu betrachten, in welche ich mich bei dem Publikum gesetzt hatte. Mehr indessen, als die Ehre, bestimmte mich die Liebenswurdigkeit der jungen Prinzessin, uber welche nur Eine Stimme war. Das Einzige, was mich von der Annahme abschrecken konnte, war meine eigene Individualitat, die, wie es mir vorkam, sehr schlecht zu den Verhaltnissen passte, welche ein Hof in sich selbst zu erzeugen pflegt. Als dieser Punkt zwischen meinem Pflegevater und mir zur Sprache kam, beruhigte mich dieser durch folgende Vorstellungen, die mir immer gegenwartig geblieben sind:

"In dem Leben mit Seinesgleichen," sagte er, "hat man entweder gar keinen, oder nur einen sehr schwachen Antrieb, die eigene Individualitat zu verbergen; und indem man sie mit Unbefangenheit Preis giebt, lauft man bestandig Gefahr, dadurch anzustossen, weil jeder einmal die seinige retten will. Nicht so im Umgange mit Vornehmeren. Hier kommt es darauf an, solche Formen zu gewinnen, dass man selbst die kraftigste Individualitat rettet, ohne jemals dadurch zu beleidigen. Es ist wahr, dass es Personen giebt, die zuletzt nichts weiter haben, als die Form; allein dies ist nicht sowohl die Wirkung des Hoflebens, als vielmehr die einer ursprunglichen Leerheit, welche sich hinter Reprasentation verkriecht. Wer einmal inneren Gehalt und eigentlichen Kern hat, fur den ist das Untergehen in der Form unmoglich; dagegen gewinnt er durch die Form eben das, was der Diamant durch die Politur erhalt. Vollendet ist zuletzt doch nur derjenige Mensch, der mit der gefalligsten Form den meisten inneren Gehalt verbindet, den das Individuum erwerben kann. Und gehe von diesem Grundsatz aus, so giebt es fur dich, meine liebe Mirabella, keine bessere Schule, als den Hof. In ihr soll dir das Siegel der Vortrefflichkeit aufgedruckt werden; denn in ihr sollst du lernen, wie man, ohne weder seiner Individualitat zu entsagen, noch durch dieselbe anzustossen, allen Menschen ohne Ausnahme gebietet. Konnt' ich befurchten, dass du zu lauter Form wurdest, so wurde ich der Erste seyn, der dich von der Annahme des dir gemachten Antrages zuruckschreckte; denn nichts ist mir in der Welt so sehr zuwider, als ein gehaltloser Mensch, wenn ein solcher noch Mensch genannt werden kann. Aber indem ich dies ganz und gar nicht befurchte, erwarte ich nichts Geringeres von dir, als eine Vereinigung oder vielmehr Verschmelzung der schonen Form mit einem reichen Wesen; gerade wie bei dem Diamant, um bei dem einmal gebrauchten Bilde zu bleiben. Besorge nicht, dass man dir irgend eine Gewalt anthun werde. Alle tugendhaften Neigungen, die in dir sind, wirst du befriedigen konnen, wenn du Verstand genug hast, deine Pflichten scharf ins Auge zu fassen. Selbst deinen Gewohnheiten brauchst du nicht zu entsagen, wofern du nicht fur gut befindest, neue anzunehmen. Sehr bald wirst du die Entdeckung machen, dass man sich auch bei Hofe nicht von dem allgemeinen Gesetze dispensiren kann, den Menschen nur nach seinem inneren Werth zu schatzen, und dass es neben dir noch manche Andere giebt, die davon nicht weniger haben, weil sie gefallige Manieren damit verbinden. Das beste Mittel, dich auf der Stelle geltend zu machen, ist, dich an diese anzuschliessen, und dabei deine Stellung so zu nehmen, dass du immer aus der Schussweite der Partheien bleibst. Da ich deine Gutmuthigkeit kenne, so warne ich dich vor nichts so ernstlich, als vor allem Befassen mit Empfehlungen. Verbinde so viel Bedurftige, als du immer kannst, das heisst, so viel deine Einkunfte und deine Krafte uberhaupt erlauben; aber setze deine Freunde nicht in Contribution, weil du sie dadurch zu Gegengefalligkeiten berechtigen wurdest, die zu sehr unangenehmen Verwickelungen fuhren konnten. Das grosse Problem, das du zu losen hast, besteht, so weit ich diese Region kenne, darin, dass du von Allen abzuhangen scheinest, und immer deine volle Freiheit behauptest. Man nennt den Boden, den du betreten sollst, schlupfrich; er mag es auch im Ganzen genommen seyn. Allein wer in einem naturlichen Gleichgewicht mit sich selbst stehet, bewegt sich zuletzt selbst auf einer spiegelglatten Eisflache mit Leichtigkeit und Anmuth; und meiner Mirabella darf ich es zutrauen, dass sie da nicht fallen werde, wo sich so viele Andere vor ihr aufrecht erhalten haben."

Diese Bemerkungen meines Pflegevaters beruhigten mich, indem sie mir zugleich die Vermuthung zufuhrten, dass Alles vorher mit ihm verabredet worden sey. Wenigstens gerieth ich auf den Gedanken, dass seine Connivenz, ausser dem padagogischen Zwecke, den er nicht verhehlte, auch einen politischen haben konnte, da er, seiner Gewohnheit ganz entgegen, in dieser Angelegenheit bei weitem entschlossener war, als ich ihn bei minder wichtigen kennen gelernt hatte. Wie dem aber auch seyn mochte, so hatten alle meine Bedenklichkeiten nach dieser Unterredung ein Ende; und vertrauensvoll trat ich meine neue Laufbahn an.

Sowohl der Furst als dessen Gemahlin empfingen mich mit einer ausgezeichneten Huld, welche mir um so mehr wohlthat, da sie sich weniger in Lobspruchen, als in ich mochte sagen elterlicher Affection offenbarte, und mir zuraunte, dass es nur von mir abhange, um am Hofe wie zu Hause zu seyn. Prinzessin Caroline ihrer Seits kam mir mit aller der Naivetat entgegen, wodurch sie der Zauber aller ihrer Bekannten war. Da sie mich schon sonst gesehen hatte, so lag in meinem Wesen nichts Fremdes fur sie; und dies musste mir nothwendig um so lieber seyn, weil in meiner Miene sehr viel Ernsthaftes war, wodurch ich leicht zuruckschrecken konnte. Ich befand mich gegenwartig in einem Alter von drei und zwanzig Jahren, und die hohere Cultur, die mir durch Studium und Schicksale zu Theile geworden war, konnte mich, einer so jungen Person, als Prinzessin Caroline, gegenuber, nur allzuleicht zu einer Verwechselung der Gesellschaftsdame mit der Gouvernante verfuhren. Um diesem Ubelstand auszuweichen, nahm ich mir vor, alles zu vermeiden, was einer formlichen Lehre oder Zurechtweisung ahnlich sahe, mich, wie man es gegenwartig nennt, gehen zu lassen, und immer nur auf die Unterhaltung der Prinzessin, wenn gleich so bedacht zu seyn, dass ich nicht von ihr gezogen wurde. Der Erfolg rechtfertigte meine Maximen. Ohne nur ein einzigesmal auf Albernheiten oder Fadaisen eingegangen zu seyn, wurde ich der Prinzessin so nothwendig, dass sie nicht von meiner Seite wich, so lange es ihre ubrigen Verhaltnisse erlaubten, in meiner Gesellschaft zu seyn. Da ich mich zugleich in einer gewissen Zuruckgezogenheit hielt, und alle, mit welchen ich, oder welche mit mir zu thun hatten, mit gleicher Aufmerksamkeit behandelte; so gewann man mich in kurzer Zeit lieb. Vielleicht wusste man nicht, was man von mir denken sollte; allein mir war es auch nur darum zu thun, dass Niemand Nachtheiliges von mir denken mochte.

Ich wunschte, meine Gewohnheiten mit denen des Hofes in Harmonie zu setzen; und dies wurde mir nicht schwer, so bald die Tagesordnung des Hofes mir gelaufig geworden war. Seit meinem sechsten Jahre gewohnt, um funf Uhr des Morgens, im Winter wie im Sommer, aufzustehen, behielt ich diese Sitte bei, indem ich mir berechnete, dass die drei bis vier Stunden, die ich auf diesem Wege gewann, nicht ubel angewendet seyn wurden, wenn ich sie meinen Privatangelegenheiten widmete. Mochte ich also auch noch so spat ins Bette kommen und dies war, ich gestehe es, Anfangs keine geringe Beschwerde fur mich so war ich immer zu derselben Zeit aus dem Bette. Mein erstes Geschaft war alsdann, mich mit kaltem Wasser zu waschen, und mein nachstes, mich vollstandig fur den Vormittag anzuziehen. War ich damit fertig, so las oder schrieb ich im Winter, und verrichtete fur mich oder fur andere irgend eine weibliche Handarbeit im Sommer. Immer war es mein Stolz gewesen, den grossten Theil meiner Bekleidung selbst verfertigen zu konnen; und diesen Stolz behielt ich bei, weil er mir niemals schaden konnte. So lange ich bei meinen Pflegeeltern lebte, war ich nie allein, wenn ich auch noch so fruh aufstand; denn meine Pflegemutter wenigstens war immer schon vor mir aus dem Bette. Es kam mir daher anfangs ein wenig schauerlich an, wenn ich, besonders im Winter, wo die Natur um funf Uhr selbst noch schlaft, das einzige wachende Wesen im ganzen Schlosse war; doch, da ich einmal durchaus nicht im Bette bleiben konnte, wenn ich ausgeschlafen hatte, so suchte ich das unangenehme Gefuhl des Alleinseyns durch eine verdoppelte Thatigkeit zu zerstreuen, und dies gelang mir so gut, dass es sich nach und nach ganzlich verlor. Sobald die Prinzessin aufgestanden war, fruhstuckte ich mit ihr, und von diesem Augenblick an war ich in allem, was Gewohnheit war, au courant des Hofes, ohne mir auch nur die kleinste Abweichung zu gestatten.

In Hinsicht meiner Neigungen hatte ich grossere Muhe, mich in den Hof zu schicken. Es gab besonders zwei Punkte, worin ich sehr gern meinem Genius allein gefolgt ware, hatte es in meiner Gewalt gestanden, die Bedingungen zu machen. Der eine war der Tanz, der andere das Spiel.

Um den Tanz zu lieben, fehlte es mir offenbar an Temperament; und da man nicht mit Erfolg tanzen kann, wenn man nicht gern tanzt, so war ich in einer desto grosseren Verlegenheit. Es kam aber noch dazu, dass die Prinzessin Caroline uber diesen Punkt ganz entgegengesetzter Neigung war, und nicht aufhorte, mich in ihr Interesse ziehen zu wollen. Ich that zuletzt, was in meinen Kraften stand, und erreichte dadurch alles, was ich zu erreichen nur wunschen konnte. Aber im Ganzen genommen blieb mir der Tanz zuwider, und mein liebster Trost war immer, dass die Gelegenheit dazu nicht taglich wiederkehrte.

Spielen hatte ich nie gelernt, wiewohl es mir auch dazu nicht an Gelegenheit gefehlt hatte. An den Hof versetzt, sah' ich sehr bald ein, dass Fertigkeit in dieser Beschaftigung eine von den Haupttugenden sey, die ich mir erwerben musste. Allein wie in den Besitz dieser Fertigkeit gelangen? Ich liess mich unterrichten, und ohne Muhe fasste ich die Regeln des Spiels. Doch wie wenig hatte ich dadurch gewonnen! Die Hauptsache war und blieb, diese Regeln mit Leichtigkeit und Grazie anzuwenden; und dahin konnte ich es nicht bringen. Es fehlte mir ganz offenbar der Spielgeist. Um ihn zu erhalten, sagte ich zu mir selbst: "das Spiel, so wie es am Hofe getrieben wird, ist ein pis aller; weil es unmoglich ist, eine grosse Gesellschaft auf eine edle Weise in Thatigkeit zu setzen, so hat man diesen Ausweg erfunden, sie nicht ganz unbeschaftigt zu lassen. Ohne Spiel wurde man in den Hofzirkeln von der Langenweile zu Tode gemartert werden, und jeder den Hof fliehen; eben deswegen aber muss jeder, der dem Hofe keine Schande machen will, sich auf das Spiel verstehen." Allein, wie ich mich auch stacheln mochte, ich kam in der Sache selbst nicht weiter; ich war und blieb zerstreut, verlor mein Geld, und wurde gern das Doppelte verloren haben, wenn ich nur hatte dispensirt bleiben konnen. Endlich schlug sich der Furst selbst grossmuthig ins Mittel; und indem er erklarte, dass es kunftig immer von mir abhangen sollte zu spielen oder nicht zu spielen, fand ich in meiner Abneigung von dem Spiele den Keim zu einer seltenen Tugend, die ich genauer analysiren muss.

Wie ich sie nennen soll, weiss ich nicht; ihrem Wesen nach aber bestand sie darin, dass, indem ich fur alle Nichtspielenden die Gesellschaftsdame machte, ich die in der That nicht leichte Kunst lernte, mich mit allen Menschen, wenn ich mich so ausdrucken darf, zu ihrer und meiner Zufriedenheit aus einander zu finden. Es war zuletzt die Langeweile, die mich zur Unterhaltung hintrieb; aber, indem ich diesem Stosse folgte, abstrahirte ich sehr bald, dass man, um mit Erfolg zu unterhalten, so wenig als moglich von dem Seinigen geben, und so viel als moglich von dem Fremden empfangen musse. In wenigen, sehr bestimmt ausgedruckten, das Individuum, welches man vor sich hat, tief ergreifenden Fragen muss die Kraft enthalten seyn, nicht nur Mittheilung uberhaupt, sondern auch diejenige Art der Mittheilung zu erzwingen, welche den sammtlichen Verhaltnissen des Hofes entspricht. Die Fragen an und fur sich wurden nichts bewirken, wenn sie nicht unter solchen Wendungen gemacht und von solchen Manieren begleitet waren, dass, wahrend das Gemuth in den Fesseln des Fragenden einhergeht, der Geist in Freiheit gesetzt wird. Vor allen Dingen kommt es darauf an, den Stolz, der in der Frage selbst liegt, so zu verschleiern, dass er gar nicht sichtbar wird. Eine Kunst, auf welche sich nur sehr Wenige verstehen, die aber, wenn ich nicht irre, das Criterion der gesellschaftlichen Bildung ist. Das ganze Manovre, welches man in dieser Hinsicht macht, setzt den allerschnellsten und feinsten Takt voraus; denn der kleinste Fehlgriff zerstort das Werk, weil man sogleich aus der Stellung gehoben wird, in welcher man sich nothwendig befinden muss, um Anderen die Tauschung zuzufuhren, dass man nur mit ihnen beschaftigt sey. Wer sich nicht ganz in seiner Gewalt hat, wird von seiner eigenen Kunst uber den Haufen geworfen; denn es kommt nicht nur darauf an, dass man schicklich anfange und gut fortfahre, sondern auch, dass man vortrefflich endige. Die ganze Unterhaltung muss ein Sonnet seyn, in welchem ein interessanter Gedanke so verarbeitet wird, dass die Hauptidee den Beschluss macht. In der That, jene italianischen Improvisatoren, welche jedes beliebige Thema so ausbilden, dass es mit allen Farben der Poesie zum Vorschein tritt, haben die grosste Ahnlichkeit mit wirklich ausgebildeten Hofleuten; und der Zauber, welche beide in den Gemuthern zurucklassen, ist vollkommen derselbe. Alle Saiten sanft beruhren, und aus dem Instrument, worauf wir spielen, eine solche Harmonie hervorlokken, wodurch wir selbst nie beleidigt werden, das Instrument selbst aber entzuckt wird dies ist es, worauf wir ausgehen mussen, und was wir gewiss erreichen, wofern es uns nicht an der scheinbaren Entsagung fehlt, die alles Eigenthumliche nur deshalb in den Hintergrund stellt, damit es desto unerreichbarer bleibe. Ob Uberlegenheit des Geistes die unerlassliche Bedingung der besten Ausubung dieser Kunst sey, mocht' ich weder bejahen, noch verneinen, da sie es bei den einen wirklich, bei den anderen gar nicht ist. Ich glaube wenigstens bemerkt zu haben, dass man, wie in vielen anderen Dingen, so auch in dieser Kunst, durch gewisse Eigenschaften des Gemuthes eben so weit kommt, als durch die des Geistes; und der grosste Theil ihrer Ausuber durfte sie wohl durch die ersteren erwerben. Vielleicht ist dies aber nur Schein, und wenn in irgend einer Kunst, so muss in dieser Geist und Gemuth in dem vollkommensten Gleichgewicht stehen.

In welcher bestimmten Individualitat ich auch als Weib dastehen mochte, so gab die Weiblichkeit in mir doch den Ausschlag uber alles; und da der Grundcharakter des Weibes Resignation ist, so wurde mir die Erlernung jener nahmenlosen Kunst, die ich so eben beschrieben habe, dadurch nicht wenig erleichtert. Fur mich selbst gewann ich dabei auf eine doppelte Weise; einmal indem jene sprode Eigenthumlichkeit, die ich an den Hof gebracht hatte, sich nach und nach verlor, ohne dass mein Charakter im Wesentlichen dabei litte; zweitens indem sich mein Gesichtskreis durch alle die Ideen erweiterte, welche mir durch die Mittheilung ganz absichtslos zugefuhrt wurden. In Beziehung auf den ganzen Hof aber fullte ich eine Lucke aus, die man vor meiner Ankunft mehr empfunden als deutlich gedacht hatte. Hatte ich in jenem zarten Alter uber diese Beziehung raisonnirt; so wurde ich auf das Resultat gestossen seyn, dass der ganze Hof, als geistiger Mittelpunkt genommen, in mir conzentrirt ware; allein daran dacht' ich damals eben so wenig, als irgend einer von denen, die ich in den Stand setzte, ihren Neigungen rucksichtsloser zu folgen.

Die Oberhofmeisterin war im Besitz aller der Formen, welche ihr Geschaft mit sich fuhrte; aber sie war zugleich so sehr in der Reprasentation untergegangen, dass sie, auch wenn sie noch einer Erhebung fahig gewesen ware, allen Geist fur eine Todsunde erklart haben wurde. Man nannte sie in der Regel Madame Etiquette; und diese Benennung beleidigte sie nie, theils weil sie sich bewusst war, als Reprasentantin der Etiquette einen hohen Werth zu haben, theils weil sie keine Ahnung davon hatte, dass es neben dem staatsburgerlichen Werth noch einen anderen giebt, der zuletzt alles entscheidet. Das einzige Menschliche, was in ihr zuruckgeblieben war, bestand in einer Art von Witz, wodurch sie zwar sehr zum Lachen reizte, wobei es aber sehr unentschieden blieb, ob sich das Lachen mehr auf ihre Einfalle, oder auf den Widerspruch bezog, in welchem diese Einfalle mit ihrer Person und ihrem Geschafte als Oberhofmeisterin standen. Es war namlich eine gute Mundvoll Zweideutigkeiten, wodurch sie sich auszeichnete: eine uble Angewohnheit, die sie unstreitig ihrer ersten Erziehung zu verdanken hatte, um so ubler, weil sie langst uber das Alter hinaus war, wo der weiblichen Erfahrenheit ein freieres Wort verziehen wird. Aus allen diesen Grunden nun konnte kein Abstich auffallender seyn, als der, den ich gegen sie bildete. Ich sage in der That nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass in ihr und mir zwei Extreme einander gegenuber standen, von welchen man das eine die vollendete Unweiblichkeit, das andere die hochste Jungfraulichkeit nennen konnte. Dieser Gegensatz blieb nicht unbemerkt; und wenn man sich auch nicht daruber ausserte, so lag die Sache selbst doch dadurch an dem Tag, dass man, aus uberwiegender Achtung fur mich, eine Frau vernachlassigte, welche, dem Range nach, die erste nach der Furstin selbst war. Mir war dabei oft sehr peinlich zu Muthe; allein, wie sehr man sich auch an mich anschliessen mochte, so sah die gute Oberhofmeisterin darin immer nur die grossere Freiheit, welche sie als leidenschaftliche Lhombrespielerin fur sich gewann, und das Hochste, was ihr Neid ihr auszupressen vermochte, war: dass ich in ihrem Alter auf gleicher Linie mit ihr stehen wurde; eine Prophezeihung, welche niemals eintreffen konnte, weil ich mit meinen Eigenschaften daruber hinaus war, ihre Erfahrungen zu machen. Abgesehen von dieser Opposition, wirkte die Stellung, welche ich genommen hatte, dadurch sehr eigenthumlich auf mich zuruck, dass ich, indem ich fur alle vorhanden seyn musste, fur keinen Einzelnen vorhanden seyn konnte. Selbst wenn Moritzens Bild mir wie dies wirklich der Fall war nicht als Ideal vorgeschwebt hatte, so wurde ich durch das Problem, dessen Auflosung ich einmal ubernommen hatte, von allem, was Liebe im engeren Sinne des Wortes genannt wird, entfernt geblieben seyn. Ich hatte mich, trotz meines jugendlichen Alters, von der Liste der fuhlenden Wesen gestrichen, um mich auf die der Intelligenzen setzen zu konnen.

Mein Pflegevater freuete sich nicht wenig uber diese Verwandlung meines Wesens; sie entsprach seinen Erwartungen von mir eben so sehr, als seinen Wunschen. Unstreitig wurde sie noch vollkommner gewesen seyn, hatte nicht mein Verhaltniss zu der Prinzessin Caroline meinen ursprunglichen Charakter, d.h. denjenigen, mit welchem ich an den Hof gekommen war, auf das wesentliche festgehalten.

Wie der ganze ubrige Hof, so war auch die Prinzessin von der Verbindung belehrt, in welcher ich mit dem Herrn von Z... gestanden hatte; und da sie sich in einem Alter befand, worin keine Unterhaltung willkommner ist, als diejenige, welche einen Liebeshandel zum Gegenstand hat, so bat sie mich in den Augenblicken, wo wir allein waren, sehr oft, ihr etwas von meiner Geschichte zu erzahlen. In sofern ich selbst die Heldin derselben war, wurd' ich es schwerlich der Muhe werth gehalten haben, den Mund zu offnen; aber da ich das Andenken an meinen Moritz liebte, so liess ich mich immer bereitwillig finden, der Prinzessin mitzutheilen, was ihn in seiner eben so kraftigen als edlen Individualitat darstellte. Merkwurdig war der Erfolg meiner Erzahlung dadurch, dass niemals eine von uns beiden dadurch geruhrt wurde, dies Wort in seinem gewohnlichen Sinne genommen. Meine Erzahlung enthielt gewiss alle Elemente des Tragischen; aber auf unsere Thranendrusen wirkten diese nie zuruck. Ich selbst war wie begeistert, und mein Zustand riss die Prinzessin zu einem ahnlichen hin; doch alles, was sich mit Wahrheit von uns sagen liess, war: dass wir uns im hochsten Grade interessirt fuhlten, ohne in unserem Gemuthe im Mindesten verwirrt zu seyn.

Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, eine artistische Bemerkung zu machen, die, wie sehr sie auch den gewohnlichen Theorien widersprechen mag, mir vollkommen richtig scheint. Sie ist: "dass die wahre Tragodie das Gemuth nicht foltern, sondern heben musse, so dass der Zuschauer, nachdem der Vorhang gefallen, nicht mit beklommenem, sondern mit freudigem Herzen die Buhne verlasst." Es ist gewiss nur immer die Schuld des Dichters, wenn dies nicht der Fall ist. Wer sich eines tragischen Stoffes so zu bemachtigen versteht, dass er die Entwickelung in ihrer Nothwendigkeit fortfuhren kann, der befriediget zugleich unser Gemuth und unseren Verstand; und dabei ist die volle Heiterkeit des ganzen Menschen nicht nur moglich, sondern sogar nothwendig. Wer hingegen den tragischen Stoff zerreisset, und aus poetischem Unvermogen die Einbildungskraft der Zuschauer nothigt, das Ganze, das er selbst nicht zu Stande bringen konnte, an seiner Stelle zu schaffen; der kann nicht anders als verwirren, angstigen und foltern. Will man wissen, wer der eigentliche Meister in der tragischen Kunst ist? Derjenige unstreitig, der alles so anzuordnen weiss, dass das Nothwendige immer mit Freiheit vollzogen wird, so dass das Schicksal nie uber den Helden, dieser hingegen bestandig uber jenes siegt, sogar alsdann, wenn er vom Schicksal zerschmettert wird. Wer dies nicht kann, der ist und bleibt ein Pfuscher in der Tragodie, gut genug fur den Pobel, dem es immer nur um Gemuthsbewegung zu thun ist, aber zu schlecht fur gebildete Menschen, welche die Freiheit im Kampf mit der Nothwendigkeit obsiegen sehen wollen. Wollte man sagen, dass ich hier als Aristokratin spreche, so wurde meine Antwort seyn: "Die grosste Aristokratin ist die Kunst selbst, die sich nur in der Region des Idealen bewegen will, weil sie weiss, dass sie, ohne abgeschmackt zu werden, diese Region nicht verlassen kann." Doch ich lenke wieder ein.

Indem ich der Prinzessin gegenuber meine ganze Individualitat festhielt, so konnte es schwerlich fehlen, dass, vermoge der achtungsvollen Anhanglichkeit, die sie fur mich empfand, von meinem ganzen Wesen sehr viel auf sie uberging. Ich mochte nicht sagen, dass ich mich zu ihr herabliess; dies war durchaus unnothig, da alle ihre Anlagen von einer solchen Beschaffenheit waren, dass ich sie mit Leichtigkeit zu mir heraufziehen konnte. Es kam dahin, dass wir Studien und Vergnugungen gemein hatten und in einer solchen Harmonie lebten, dass man uns fur geborne Schwestern hatte halten konnen. Im Scherz nannte mich die Prinzessin bisweilen ihren Moritz; und dies mochte ich auch in der That seyn, wenn nur von dem geistigen Verhaltniss die Rede ist, das zwischen ihr und mir statt fand. Ob ich durch Ubertragung meiner Eigenthumlichkeit der Prinzessin nutzlich oder schadlich wurde, war etwas, woran ich gar nicht denken konnte, da die Verhaltnisse, in welche sie zu treten bestimmt war, tief im Hintergrunde lagen; wenn ich aber auch daran gedacht hatte, so wurde mich keine Klugheit abgehalten haben, meinen ganzen Charakter zu behaupten, weil dieser zuletzt doch das Einzige ist, was der Mensch sein nennen kann, und jede kunstliche Modifikation desselben baare Narrheit genannt werden muss. Ich habe mich hinterher, ich gestehe es, sehr haufig uber die Unbefangenheit gewundert, womit der Furst seine einzige Tochter eine Entwickelung gewinnen sah, welche sie in ihren kunftigen Verhaltnissen nur unglucklich machen konnte; allein mir selbst hab' ich nie den mindesten Vorwurf daruber gemacht, dass ich die Urheberin dieser Entwickelung war; denn ehe man mich zur Gesellschaftsdame wahlte, hatte man ausmachen sollen, ob meine Wahl nicht schadliche Folgen haben konnte. Es ging hierin, wie es in der Welt gewohnlich geht: An das Wesentliche dachte man nicht, und nachdem der Schaden einmal geschehen war, konnte er nicht wieder gut gemacht werden. War es aber auch meine oder der Prinzessin Schuld, dass diejenigen, welche, ihrem Stande nach, zu uns hatten passen sollen, als ob sie fur uns geboren gewesen waren, nicht zu uns passten? Wir konnten unserm Wesen nicht entsagen, ohne uns herabzuwurdigen; aber diejenigen, mit welchen wir zu schaffen hatten, konnten dies sehr wohl; und alles Ungluck, das uns begegnete, ruhrte nur daher, dass sie in ihren Gewohnheiten allzu tief versunken waren, um das Edlere und Bessere zu lieben.

Ehe ich die Rathsel lose, welche in dem vorhergehenden Abschnitt enthalten sind, muss ich, aus Achtung fur die Zeitfolge, noch des Todes meines Pflegevaters erwahnen. Er starb, nachdem ich ungefahr drei Jahre am Hofe gelebt hatte. Uber sein Hinscheiden weiss ich nur das zu sagen, dass es das Hinscheiden eines achten Christen war, der, wenn seine letzte Stunde geschlagen hat, mit Ergebung in den Mittelpunkt der Gesellschaft zurucksinkt, welcher er sich, sein ganzes Leben hindurch, nutzlich zu machen gestrebt hat. Das Testament, welches er zuruckliess, war ganz eigenthumlichen Inhalts, in sofern er seiner eigenen Schwester den kleinsten, mir hingegen den grossten Theil seines Vermogens mit dem Zusatze vermachte, dass davon nie etwas auf seine Verwandten zuruckfallen sollte. Ich erbte auf diesem Wege von ihm nicht weniger als dreissigtausend Thaler; eine ungleich grossere Summe, als wofur man sein Vermogen bis dahin angenommen hatte. Das Wahre von der Sache aber war unstreitig, dass die eben genannte Summe nicht zu seinem Vermogen gehorte, sondern ihm nur von denjenigen anvertrauet war, die es fur gut befanden, meine Abkunft zu verschleiern. Immer hatte ich so viel gewonnen, dass ich, ohne mein Kapital anzugreifen, von den Zinsen desselben mit Anstand und Freiheit leben konnte. Dies war die Ansicht, welche ich fasste, sobald ich mich uber den Hintritt meines Pflegevaters beruhigt hatte; und dieser Ansicht gemass nahm ich mir vor, nie zu heirathen, indem ich noch immer daran verzweifelte, einen Mann zu finden, wie der Herr von Z... gewesen war. Auf meine Verhaltnisse am Hofe wirkte die Unabhangigkeit, die ich durch mein Vermogen erworben hatte, nicht weiter zuruck; denn diese waren so gut, als sie werden konnten, da ich mich schon vorher durch meine innere Kraft frei gemacht hatte.

Ich war kaum mit meiner Erbschaft im Reinen, als das ...sche Furstenhaus um die Hand der Prinzessin Caroline fur den Erbprinzen Carl werben liess. Ohne gerade glanzend zu seyn, war dieser Antrag ehrenvoll; auch wurde er keinesweges zuruckgewiesen. Was man von dem Erbprinzen sagte, war so beschaffen, dass er zu den frohesten Erwartungen berechtigte; man schilderte ihn namlich als einen schonen jungen Mann von den besten Sitten und den herrlichsten Eigenschaften des Gemuths und des Geistes. Der ganze Hof schatzte die Prinzessin glucklich, einen solchen Bewerber gefunden zu haben; und sie selbst gab sich der sussen Tauschung, alle ihre Wunsche nach kurzer Frist erfullt zu sehen, nur allzu bereitwillig hin. Da unser Hof den Rang vor dem ...schen hatte, so wurde nur die Bedingung gemacht, dass der Erbprinz sich in eigner Person bewerben mochte, und diese Bedingung zu erfullen, erschien derselbe anderthalb Monate darauf. Eine schone Figur, mit einem Gesichte, dem es weniger an Adel, als an bestimmten Ausdruck fehlte! So wie sich der Prinz zum erstenmale produzirte, musste er gefallen. Die Prinzessin Caroline war eben so bezaubert von seinem Betragen, als von seiner Gestalt. Mir entging, bei einer fortgesetzten Aufmerksamkeit auf den Prinzen, nicht, dass eine gewisse Heftigkeit in ihm war, die sich auf den ersten besten Gegenstand wirft, weil sie denjenigen noch nicht gefunden hat, der sie anhaltend beschaftigen konnte; allein, wie wichtig mir meine Entdeckung um der Prinzessin willen seyn mochte, so hielt ich es doch nicht der Muhe werth, daruber ein Wort fallen zu lassen, da sie einen Fehler betraf, der sehr leicht zu verbessern ist. Die Vermahlung wurde ohne Carolinens Einwilligung beschlossen und vollzogen worden seyn; aber dies war so wenig nothwendig, dass in dem vorliegenden Falle das Herz recht eigentlich im Bunde mit der Politik zu seyn schien, oder vielmehr wirklich war. Das Einzige, was die Prinzessin sich ausbedung, war, dass es ihr erlaubt seyn mochte, mich als Gesellschaftsdame mit an den ...schen Hof zu nehmen; eine Bedingung, die man sehr gern gestattete.

Von der Vermahlung der Prinzessin, welche einige Monate darauf an unserem Hofe vollzogen wurde, kein Wort; denn sie war, wie dergleichen immer zu seyn pflegen. Vierzehn Tage darauf erfolgte die Abreise. Wahrend der Reise hatte ich mehr als eine Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, dass meine erste Entdeckung in Betreff des Erbprinzen eine sehr richtige gewesen sey, und ich gestehe, dass ich jetzt anders daruber urtheilte, als vorher; allein wenn mir die Mittheilung meiner Entdeckung fruher nicht der Muhe werth geschienen hatte, so war sie jetzt zu spat, und mein Vorsatz konnte kein anderer seyn, als mich mit der grossten Behutsamkeit zu betragen, im Fall meine Freundin selbst aus ihrer bisherigen Tauschung erwachen sollte. Diesem Vorsatze gemass betrug ich mich so, dass ich die junge Furstin zu keiner Vertraulichkeit aufforderte, wie bestimmt ich es ihr auch schon am vierten Tage nach unserer Abreise ansah, dass sie ihren Busen gegen mich auszuschutten wunschte. Als wir endlich an Ort und Stelle angelangt waren, wurden wir zwar mit allem Pomp empfangen, der bei solchen Gelegenheiten herkommlich ist; aber uber Tauschungen dieser Art erhaben, wie wir einmal waren, rekognoszirten wir nur das Terrain, worein uns das Schicksal geworfen hatte. Ein jeder warf sich, wie sich dies von selbst versteht, in seine besten Atours, und die Erscheinung einer so liebenswurdigen Prinzessin, als Caroline war, trug gewiss nicht wenig dazu bei, dass alle Bewillkommungen und Gluckwunsche nur desto besser von statten gingen; bei allem dem aber konnten wir nicht verfehlen, die Entdeckung zu machen, dass irgend ein dusterer Geist uber diesem Hof walten musse, ein unmittelbares Gefuhl sagte uns dies, ohne alle kunstliche Vernunftschlusse.

Die nachsten vierzehn Tage klarten unsere Ahnung denn mehr war unsere Entdeckung nicht ganzlich auf. Alles beruhete auf einem Missverhaltniss der Herzogin zu dem Herzoge. Von Gewissenszweifeln geangstigt und im hochsten Grade aberglaubisch, war die erstere (ihre Kinder allein ausgenommen, welche sie aus unbezwingbarem Instinkt liebte) sich selbst und allen Menschen abhold, wahrend der letztere, wenn gleich nicht minder zum Aberglauben geneigt, mit einer gesunderen Constitution die Freuden, welche er im eigenen Familienkreis nicht finden konnte, ausserhalb desselben suchte, und, weil er sie auch da nicht fand, in der Regel murrisch und auffahrend war, und dadurch alles von sich zuruckschreckte. Dies hatte auf Carolinens Gemahl in sofern zuruckgewirkt, als er in dem vergeblichen Bestreben, seinen sich selbst so ungleichen Eltern genug zu thun, zuletzt ungeduldig und uber die Gebuhr heftig geworden war. Unfahig seinen Vater zu lieben, und eben so unfahig sich mit seiner Mutter zu identifiziren, war er, von seinem eigenen Herzen verleitet, die Beute aller derjenigen geworden, in deren Arme er sich geworfen hatte. Wie gesund auch sein Verstand in seinen Anlagen war, so hatte er ihn doch nie in den Besitz der Mittel fuhren konnen, durch welche man sich seiner ganzen Umgebung bemachtigt; und je mehr er zwischen hundertfaltigen Rucksichten dahin schwankte, desto unzufriedener war er mit seiner ganzen Lage. Vor seiner Vermahlung mit einem liebenswurdigen Fraulein verbunden, hatte er dieser Verbindung entsagen mussen, ohne seinen Neigungen entsagen zu konnen; und wie diese Schwache von allen denjenigen gemissbraucht wurde, welche, aus fruherer Zeit her, im Besitz seines Vertrauens waren, lasst sich ohne Muhe denken. Kurz der ganze Hof war ein Vereinigungspunkt der Antipathien, und, was immer damit verbunden ist, der Intriguen. Keine einzige klare Seele, an welche man sich verdachtlos hatte anlehnen konnen! Und die Quelle von diesem allen war der Aberglaube in dem Geiste der Herzogin und des Herzogs, der von dem ersten Hofgeistlichen kraftigst unterstutzt wurde. Ich habe seitdem sehr oft Gelegenheit gehabt, die Bemerkung zu machen, dass furstliche Personen ungemein zum Aberglauben hinneigen; und so oft ich mir diese Erscheinung zu erklaren versucht habe, bin ich immer auf das Resultat gekommen, dass, wahrend alles, was ihnen untergeordnet ist, nur sie furchtet und verehrt, sie ihrer Seits auch etwas furchten und verehren wollen, weil es ihnen unmoglich fallt, der menschlichen Gebrechlichkeit diesen Tribut zu versagen. Nur wenige durften hiervon eine Ausnahme machen.

Indem ich diese Entdeckungen machte, nahm ich mich wohl in Acht, daruber mit der Erbprinzessin zu sprechen. Ich bot vielmehr meine ganze Heiterkeit auf, sie glauben zu machen, dass ich ganz unbefangen sey und bleibe. Es war mir, ich gestehe es, ein wenig peinlich, meiner Freundin gegenuber der Offenheit zu entsagen, womit ich sie bisher behandelt hatte; allein ich sagte mir wiederum, dass dies ein Opfer sey, das ich hoheren Verhaltnissen bringen musse. Sehr deutlich leuchtete mir ein, dass hier nichts zu verbessern sey, dass man aber aus ubel leicht arger machen konnte. Ich nahm mir also vor, meine Stellung immer so zu nehmen, dass ich, so viel an mir ware, die Sachen in einem ertraglichen Gange erhielte. Auf keinen Fall war ich gesonnen, die erste Confidenz zu machen; und war es irgend moglich, die Erbprinzessin von Confidenzen gegen mich zuruck zu halten, so wollte ich es nicht an mir fehlen lassen. Am meisten furchtete ich den Charakter der Herzogin, welche, nachdem ihre Schwiegertochter einmal mit eigenen Augen gesehen hatte, sehr leicht auf den unglucklichen Einfall gerathen konnte, sich vor ihr zu rechtfertigen, und mich daruber zum Zeugen zu nehmen. Ich sah dies so bestimmt vorher, dass ich vorlaufig auf den Gedanken verfiel, nichts zu thun, was der Herzogin Vertrauen zu mir einflossen konnte. In der That, ich war sehr ubel daran. An unserem Hofe hatte ich mit der grossten Freiheit gelebt; hier hingegen war ich von allen Seiten her so eingeklemmt, dass ich mich durchaus nicht bewegen konnte, ohne anzustossen und Quetschungen und Schrammen davon zu tragen. Meiner ganzen Natur nach ohne Falsch und ohne Hehl, war ich gegen meinen Willen zur Politik hingezogen. Hatte mich das Interesse fur meine Freundin nicht aufrecht erhalten, so wurde ich, gleich der Tochter Ludwigs des Funfzehnten von Frankreich, den Aufenthalt in irgend einem Carmeliterkloster der meschanten Lage vorgezogen haben, in welcher ich an diesem Hofe war. Der auffallende Entschluss jener Prinzessin hat mich nie in Erstaunen gesetzt, weil ich selbst erfahren habe, wie abgeschmackt und langweilig das Hofleben unter gewissen Bedingungen werden kann.

Die Erbprinzessin verstand mich vollkommen; auch in den zartesten Empfindungen und Ideen begegnete sie mir mit einem Takt, der, wenn ein Dritter als Zuschauer zwischen uns in der Mitte gestanden hatte, diesen nothwendig hatte bezaubern mussen. Wir, die wir drei Jahre hindurch in der vollkommensten Freundschaft gelebt hatten, welche auf Erden moglich ist, verabredeten jetzt stillschweigend unter uns, dass, obgleich unsere Unschuld dieselbe sey, es dennoch Geheimnisse gabe, welche wir Ursache hatten, uns gegenseitig zu verbergen. Hieraus entwickelte sich ein eigenthumliches Verhaltniss, das freilich nie Consistenz gewinnen konnte, aber, so lange es dauerte, unseren inneren Zustand so modifiziren musste, dass unsere gegenseitige Anhanglichkeit an einander verstarkt wurde. Sonst hatte sich die Erbprinzessin in ihrer Liebe zu mir eben so frei gefuhlt, als ich mich in der meinigen zu ihr. Jetzt hingegen, wo die in ihrem Gemahl eingeschlossene zuruckstossende Kraft sie in Ansehung des Spielraums liebender Gefuhle so wesentlich beschrankte, und wo ich meiner Seits durch die Erbarmlichkeit des Hofes ganz auf mich selbst zuruckgeworfen wurde, jetzt konnten wir den Stutzpunkt, dessen wir bedurften, nur eine in der anderen finden. Wir wurden glucklich gewesen seyn, hatten wir dem Zuge folgen durfen, der uns zu vereinigen versprach; aber gerade darin lag das Verzweifelnde unserer Lage, dass wir diesem Zuge nicht folgen durften; wenigstens nicht mit der Rucksichtslosigkeit, welche die Freundschaft gebietet. Wir beide ahneten, dass ein Zeitpunkt eintreten wurde, wo wir dem Verderben nur durch festes Aneinanderschliessen entrinnen konnten; aber wir wollten diesen Zeitpunkt nicht beschleunigen, welches unvermeidlich war, sobald wir zum voraus gemeinschaftliche Sache machten. Mochte das Problem, das wir uns aufgegeben hatten, immerhin nicht zu losen seyn; genug wir wollten, was die Klugheit gebot, so lange ehren, als es wahrer Freundschaft unbeschadet geschehen konnte.

Den ubrigen Mitgliedern des Hofes war ich ein unerklarbares Rathsel. Was sie durchaus nicht begreifen konnten, war, wie man an einem Hofe fremd und doch so abgeneigt seyn konnte, sich an irgend eine Parthei anzuschliessen. Diese meine Eigenthumlichkeit war ihnen um so unbegreiflicher, da ich, dem Anscheine nach, ganz isolirt dastand, und selbst von der Prinzessin, deren Gesellschaftsdame ich seyn sollte, vernachlassigt war. Gern hatte mich die eine oder die andere Parthei fur sich gewonnen; aber gerade das, was mich zum Gegenstand so mannichfaltiger Bewerbungen machte, musste mich behutsam und vorsichtig machen. Dies war namlich das bischen Verstand, wodurch ich mich auszeichnete. Wie bescheiden ich selbst auch daruber denken mochte, so konnte ich mir doch nicht verhehlen, dass ein Amalgam mit diesen Personen fur mich unmoglich sey. Es war vor allen Dingen ihre unbeschreibliche Flachheit, die mich von ihnen zuruckschreckte. In der That, man erweiset den Hofleuten in der Regel allzuviel Ehre, wenn man von ihrer Intrigue mit irgend einer Art von Achtung spricht, sollte diese Achtung sich auch nur durch Missbilligung und Abscheu ausdrucken. In keiner Sache tief, sind sie es eben so wenig in der Intrigue. An dem Kitzel fehlt es ihnen nicht, wohl aber an dem Geiste, der sich ein Ziel setzet und seine Mittel demselben anpasst. Es wurde wenigstens eine Art von Poesie in das Hofleben gebracht werden, wenn dieser Geist vorherrschte; allein dies ist so wenig der Fall, dass es immer und ewig nur die leidige Prose bleiben kann. Es ist wahr, jeder hat sein besonderes Interesse, dem er nachgeht; doch, indem man sich mehr von irgend einem Instinkt als vom Verstande leiten lasst, vertrodelt man das Leben, ohne jemals ans Ziel zu gelangen; und daher die grosse Zahl der Unzufriedenen, die, wenn sie endlich aus allen ihren Erwartungen herausgefallen sind, wenigstens ihre Rechtlichkeit retten wollen, und, indem sie von unerkannten Diensten sprechen, die sie geleistet haben, sich nur immer selbst verdammen. Kurz: die eigentliche Gemeinheit, in sofern sie mit Flachheit eins und dasselbe ist, wird nirgend sicherer und allgemeiner angetroffen, als an den Hofen, vorzuglich aber an den kleinen deutschen Hofen. Und dies gerade war, was mir in meiner neuen Lage eine Behutsamkeit gebot, welche man unbegreiflich nannte.

Mich zu erforschen schickte man das Factotum des

Hofes, den Herrn Hofcapellan, an mich ab. Dieser Mann, der, seinem Berufe nach, der rechtlichste und edelste des ganzen Hofes seyn sollte, war, wie es zu geschehen pflegt, nur der feinste und eigennutzigste; und so gross war die Verkehrtheit aller Mitglieder des Hofes, dass man ihn gerade um derjenigen Eigenschaften willen achtete, die ihn vor jedem intelligenteren Richterstuhle verdammen mussten. Seine Erscheinung kam mir nicht ganz unerwartet, wiewohl ich in dem Augenblick, wo er sich melden liess, auf seinen Empfang nichts weniger als vorbereitet war. Der Zufall wollte, dass Klopstocks Messiade aufgeschlagen vor mir lag, als er in mein Zimmer trat. Der hochwurdige Herr konnte, nachdem die ersten Begrussungen voruber waren, nicht umhin, einen neugierigen Blick auf meine Lekture zu werfen; und als er Klopstocks Messiade erblickte, die er wenigstens von Horensagen kannte, war seine erste Frage: Ob mir diese Lekture Vergnugen mache? "Unendliches," war meine Antwort; "ich erblicke in der Messiade eine Welt, wie sie sich noch keinem schaffenden Geist aufgeschlossen hat. Alles ist gross und erhaben, und weil man das Grosse und Erhabene nicht betrachten kann, ohne dem Kleinen und Niedrigen zu entsagen, so ware wohl zu wunschen, dass Klopstocks Schopfung sich in Jedermanns Handen befande. Aber ich bin versichert, fugte ich hinzu, dass dies Gedicht, anstatt wie andere Werke in dem Zeitstrom unterzugehen, einer ganzen Ewigkeit von Entwickelung trotzen und in eben dem Maasse an Werth gewinnen wird, in welchem es als reine Poesie dasteht." Dieser Gedanke fiel dem Herrn Capellan auf; und weil er ihn wirklich nicht verstand (was mir sehr wahrscheinlich geworden ist, seitdem ich andere seines Gelichters kennen gelernt habe), oder weil er gute Ursache hatte, ihn nicht verstehen zu wollen, legte er mir die naive Frage vor: Wie ich das meinte? "Ich meine," erwiederte ich, "dass wenn der religiose Geist, welcher die Messiade dictirt hat, langst verflogen seyn wird, dies Heldengedicht nicht nur noch bezaubern, sondern auch um so mehr bezaubern wird, je weniger sich der Glaube, oder vielmehr der Unglaube, bei der Lekture ins Spiel mischet." Der Capellan, der mich noch immer nicht verstand, liess irgend etwas Albernes fallen, wodurch er zu verstehen gab, dass er von mir voraussetze, nur Religiositat treibe mich zur Lekture der Messiade; und als ich hierauf nicht antwortete, nahm er sogleich Gelegenheit, uber die Irreligiositat des Zeitalters (welche ihm bei weitem vollendeter erschien, als sie wirklich war) ein Langes und Breites zu sprechen, und sich so eine Brucke zu bauen, um zur Herzogin zu kommen, die er als das Muster aller Furstinnen vorstellte. Eine nahere Bekanntschaft mit ihr, meinte er, wurde mir zeigen, wie sehr es zu wunschen ware, dass ihr Geist den ganzen Hof durchstromen mochte; und hierauf erfolgten neben den Lobeserhebungen, welche der Herzogin gemacht wurden, mehrere Winke, welche mich orientiren sollten. Ich liess den hochwurdigen Herrn ausreden, und als er das Bedurfniss fuhlte, wieder zu Athem zu kommen, setzte ich das Gesprach durch einige Bemerkungen fort, worin ich zu verstehen gab, dass, allen meinen Beobachtungen zufolge, der Hof wirklich von dem Geiste der Herzogin durchdrungen sey. "Ach wie viel fehlt daran," antwortete der Hofcapellan; "da ist z.B. der Kammerherr unseres geliebten Erbprinzen, ein Mann, dem ausser seinem Vortheile nichts heilig ist, und gegen den sich der ganze Hof verschworen sollte, da er es so geflissentlich darauf anlegt, die liebenswurdigste Prinzessin verhasst zu machen, um ...." "Still! still, Herr Hofcapellan! fiel ich ihm in die Rede; dies sind Dinge, uber welche wir nicht berechtigt sind zu sprechen. Die Wendung, welche Sie der Unterhaltung zu geben geruhen, ist mir so neu als interessant, aber ich darf darauf nicht eingehen, wenn ich nicht einmal fur allemal aus der Bahn weichen will, die ich mir vorgezeichnet habe." Der Hofcapellan sah mich mit so dummen Augen an, als wenn von Verschmitztheit und Rankesucht nie eine Spur in ihm gewesen ware. Offenbar erstaunte er daruber, an ein Wesen gerathen zu seyn, dem er nicht gewachsen war; und ob er sich gleich alle Muhe gab, in sein voriges Gleichgewicht zuruckzutreten, und seinen Besuch recht absichtlich verlangerte, um mir irgend einen Vortheil abzugewinnen, der alles, was zwischen uns vorgefallen war, wieder ins Gleiche bringen mochte, so schieden wir zuletzt doch so auseinander, dass von einer Gemeinschaft zwischen uns beiden, was auch immer ihr Gegenstand seyn mochte, nicht wieder die Rede seyn konnte.

Was den Kammerherrn des Erbprinzen betraf, so hatte ich langst bei mir ausgemacht, dass er bei weitem unschuldiger sey, als er in der Darstellung des Hofcapellans erschien. Sein Hauptverbrechen war, der Liebling des Erbprinzen zu seyn, dessen Gunst er durch nichts so sehr erobert hatte, als durch seine Polsterartigkeit, wenn man mir diesen Ausdruck gestatten will. Es ist wahr, es fehlte ihm nicht an Verstand; allein sein Verstand war nicht der schopferische, der Anderen gebietet, indem er ihnen Richtungen giebt, die sie aus sich selbst zu nehmen allzuschwach sind, sondern der legale, der nur immer den fremden Willen bearbeitet, und folglich gar nicht fur und durch sich existirt. Des Kammerherrn hochster Grundsatz war: der Erbprinz ist der Herr. Diesem Grundsatz gemass wagte er es nie, dem Erbprinzen zu widersprechen. Hatte dieser seine Gemahlin lieben konnen, so wurde er nichts dagegen einzuwenden gehabt haben; da aber der Erbprinz dies nicht konnte, so hatte der Kammerherr auch wiederum nichts dagegen, dass er seine Verbindung mit einer fruheren Geliebten fortsetzte, und that, was in seinen Kraften stand, die Wunsche des Prinzen in dieser Hinsicht zu befriedigen. Er meinte es gewiss mit der ganzen Welt gut; aber da es einmal unmoglich ist, der ganzen Welt zu genugen, so hielt er es nur mit dem, dem er seine Dienste einmal gewidmet hatte. Seine Furchtbarkeit war gewiss nicht weit her; indessen erschien er allen denjenigen furchtbar, welche in Erwagung zogen, dass es, nach dem Tode des Herzogs, nur von ihm abhangen werde, Premier-Minister zu seyn. Einem solchen Schlag zuvorzukommen, wollte man ihn so zeitig als moglich verdrangen. Wenn man mich in die Cabale zu verflechten wunschte, so geschah dies um der guten Meinung willen, die man von meinem Verstande gefasst hatte. Nichts beabsichtigte man weniger, als eine Vereinigung des Prinzen mit der Prinzessin, und der Hofcapellan hatte sich nur in das Complott ziehen lassen, weil er erfahren hatte, dass eben dieser Kammerherr im Punkt der Religion ein wenig locker sey. Indem ich also in dem Gegenstande des Partheihasses keinen Widersacher der Prinzessin erblickte, konnte ich unmoglich geneigt werden, mich mit den Ubrigen zur Entfernung eines Mannes zu vereinigen, der zuletzt der Unschuldigste von Allen war.

Ich konnte dies um so weniger, weil mir immer deutlicher einleuchtete, dass das Missverhaltniss zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin eben so sehr durch die Individualitat der letzteren als durch die des ersteren gehalten wurde. Es ist gewiss sehr zu bedauern, wenn die Tugend selbst die Quelle unseres Missgeschicks und unserer Leiden wird; allein dies ist unter gewissen Umstanden eben so nothwendig, als dass das Gegentheil der Tugend zum Missvergnugen mit sich selbst und zur Opposition gegen die ganze Welt fuhren muss. Es war ganz offenbar die Liebenswurdigkeit der Erbprinzessin, was sie ihrem Gemahl so verhasst machte. Ware der Prinz in den Besitz seiner Gemahlin gekommen, ohne vorher in einem ernsthaften Verhaltniss mit einer anderen Person gestanden zu haben; so wurde er, bezaubert von der Liebenswurdigkeit seiner Gemahlin, vielleicht sein ganzes Leben hindurch an keine Untreue gedacht haben. Da dies nicht nur nicht der Fall war; da die ehemalige Geliebte noch immer ihren Platz in seinem Gemuthe behauptete, und, von den Eigenschaften der Gemahlin unterrichtet, es sich vielleicht doppelt angelegen seyn liess, die Zuneigung des Prinzen zu fesseln; so konnte es schwerlich fehlen, dass dieser, von seinen Neigungen auf der einen, und von seinen Pflichten auf der anderen Seite gedrangt, in eine Leidenschaft gerieth, wie sie dem Menschen nur einmal eigen ist, so oft er sich zwischen zwei Feuern befindet. Erleichterung fur sich selbst konnte der Prinz unter diesen Umstanden nur dadurch erhalten, dass seine Gemahlin Eigenschaften offenbarte, welche die Untreue wo nicht rechtfertigen, doch wenigstens entschuldigen; da diese aber immer in derselben moralischen Schonheit dastand, und, ohne weder zur Rechten noch zur Linken aus der einmal vorgezeichneten Bahn zu weichen, nur immer darauf dachte, wie sie die Weiblichkeit retten wollte, so blieb ihm zuletzt nichts anderes ubrig, als entweder sich selbst, oder diejenige zu hassen, die ihn, wenn gleich gegen ihren Willen, in einem solchen Widerspruch mit sich selbst erhielt. In der That, mehr, als alles andere, war dies die Quelle der heftigen Ausbruche, welche sich der Erbprinz gegen seine Gemahlin erlaubte; und welche Wahrscheinlichkeit, dass sich dies jetzt noch abandern lassen werde! Um anhaltend zu hassen, darf man nur beleidigen; und wen es befremdet, dass furstliche Personen bei weitem tiefer in ihrem Hasse sind, als andere Erdensohne und Tochter, der darf nur bedenken, dass jenen die Beleidigung unendlich mehr kostet, als diesen, weil sie sich auf die Kunst des Ausweichens bei weitem besser verstehen, und, nur im hochsten Drange der Noth und nie ohne ihrem Wesen zu entsagen, zu dem, was man Unhoflichkeit nennt, gebracht werden konnen. Fasset man dies gehorig, so hat man den Schlussel zu sehr viel Erscheinungen, welche in der Regel ausserst schlecht interpretirt werden. Um nur nicht unhoflich seyn, oder beleidigen zu mussen, (und beides ist zuletzt einerlei) hat man sich, wer weiss wie oft, durch eine Vergiftung aus der Affaire gezogen. Dies ist besonders an grossen Hofen der Fall gewesen, wo man noch weit mehr Ursach hatte, die Folgen eines Skandals in Erwagung zu ziehen, als an kleineren, wo die Burgerei zuletzt, wenn gleich in einer etwas veredelten Gestalt, ihr Wesen forttreibt. Ware von den Scenen, welche taglich zwischen dem Prinzen und seiner Gemahlin statt fanden, nur eine einzige an dem franzosischen oder spanischen Hofe vorgefallen, so ware eine Trennung gleich viel unter welcher Form unvermeidlich gewesen. Ich will damit nicht sagen, dass ihre Feindschaft in der Periode, von welcher hier die Rede ist, den hochsten Gipfel erstiegen hatte; allein es giebt Verhaltnisse, bei welchen es gleich viel ist, welchen Grad der Verschlimmerung sie erreicht haben, so bald man sagen muss, dass sie aufgehort haben gut zu seyn. Die Erbprinzessin fuhlte sich warlich nicht minder unglucklich, weil ihr Gemahl noch einige Rucksichten nahm, die unter Personen furstlichen Standes nie wegfallen durfen, wenn sie nicht zu dem Pobel herabsinken wollen.

Ich machte sehr bald die Bemerkung, dass ein weit hoheres Maass von Kraft erfordert wird, die Dinge in einem gegebenen Zustande zu erhalten, als sie zu leiten. Das Erstere ist in der Regel ganz unmoglich; die menschliche Natur ist es, was diese Unmoglichkeit hervorbringt. Das letztere lasst sich bewerkstelligen; nur erfordert es eine Uberlegenheit des Geistes, wodurch man den Ausschlag uber seine ganze Umgebung giebt. Nichts war dadurch gewonnen worden, dass ich mich neutralisirt hatte; allein wie meine Taktik so verandern, dass ich das Verlorne wieder gewann? Diese Aufgabe war schlechterdings nicht zu losen, da ich es mit Personen zu thun hatte, durch welche sich kein einziger von den Planen ausfuhren liess, die ich entwerfen konnte. Unaussprechlich leiden sah ich die Prinzessin, und eben so unaussprechlich blutete mein Herz bei diesem Anblick; aber wie ich sie retten, oder wenigstens erleichtern sollte, daruber konnt' ich durchaus nicht mit mir selbst ins Reine kommen. Der Zufall that zuletzt mehr, als ich erwartet hatte.

Es war an einem von den schonen Tagen, durch welche der Fruhling zum Sommer ubergeht, als die Prinzessin mich gegen Abend zu sich rufen liess. Ich eilte in ihre Nahe; wir waren allein. Der Vertrag, den wir stillschweigend geschlossen hatten, dauerte fort, und keine von uns beiden beabsichtigte einen Bruch desselben. Die Prinzessin bat mich indessen neben ihr Platz zu nehmen, und redete mich hierauf folgendermassen an: "Ich kenne jetzt keine angenehmere Zerstreuung, als die der italianischen Dichter, weil diese mich am schnellsten in die Regionen fuhren, wo ich die Wirklichkeit vergesse. Aber ich bin nicht langer im Stande, dies hohe Vergnugen allein zu geniessen. Sie, meine geliebte Mirabella, sollen es mit mir theilen. Wenn ich Sie ersuche, meine Vorleserin zu seyn, so leitet mich dabei der besondere Eigennutz, die Musik der italianischen Poesie durch Ihre Stimme erhoht zu fuhlen. Wahlen Sie, welches Gedicht Sie wollen, und lesen Sie mir vor, was Ihnen beliebt." Mit der besonderen Zartlichkeit, die ich noch immer fur Tasso's befreites Jerusalem hatte, wahlte ich dies gottliche Gedicht; und da der Charakter der Erminia mich immer vor allen ubrigen weiblichen Charakteren, die in demselben entfaltet sind, angezogen hatte, so las ich den sechsten Gesang vor. Ich war bis an die Stelle gekommen, wo Erminia auf ihrer Flucht beim Anblick des Lagers der Christen in folgende Klagen ausbricht:

O belle agli occhi miei tende Latine,

Aura spira da voi che mi recrea,

E mi conforta, pur che m'avvicine.

Cosi a mia vita combattuta e rea

Qualche onesto riposo il Ciel destine,

Come in voi solo il cerco: e solo parme,

Che trovar pace io possa in mezzo all' arme.

Raccogliete me dunque, e in voi si trove

Quella pieta, che mi promise Amore etc.

Als die Prinzessin, von ihren Gefuhlen uberwaltigt, in die Worte ausbrach: "O ware doch auch fur mich eine Flucht moglich!" und unmittelbar darauf dem gepressten Herzen durch einen Strom von Thranen Luft machte. Mir fiel bei diesem Anblick das befreiete Jerusalem aus den Handen, und, meiner fruheren Vorsatze uneingedenk, warf ich mich zu den Fussen der Prinzessin nieder, sie beschworend, dass sie mir nichts verhehlen mochte. "Ich bin ganz die Ihrige," rief ich aus, "so bald Sie verlangen, dass ich es seyn soll."

Die Prinzessin sah mich mit der Miene der Ruhrung an, und nachdem sie sich gefasst hatte, sprach sie folgendes:

"Ich habe Sie nur allzugut errathen, Mirabella; um nicht zu verschlimmern, was sich nicht verbessern liess, nahmen Sie diese Stellung an, worin Sie die Dinge sich selbst uberliessen. Aber ich hatte Sie nie kennen lernen mussen, wenn ich auch nur einen Augenblick an Ihrer Bereitwilligkeit, alles was in Ihren Kraften steht, fur mich zu leiden und zu thun, hatte zweifeln sollen. In dem gegenwartigen Augenblicke folgen Sie mehr Ihrem Gemuthe, als Ihrem Verstande; aber dies liegt so sehr in der Natur der Sache, dass Sie mir dadurch nur um so theurer werden. Wie die Lage der Sachen ist, wissen Sie, ohne dass wir jemals daruber gesprochen haben. Auch jetzt wollen wir nicht ausfuhrlich daruber werden. Genug, dass ich die Verlassenheit, worin ich mich befinde, nicht langer ertragen kann. An irgend ein menschliches Wesen muss ich mich anschliessen konnen, wenn das Leben einen Werth fur mich behalten soll. Mein Gemahl kann es nicht seyn, und wer bleibt mir ubrig, als Sie? Ich stehe fur nichts, wenn Sie sich mir noch langer entziehen. Berechnen Sie hiernach, was Sie thun mussen. Die Politik, von welcher Sie sich bisher leiten liessen, hat Ihrem guten Herzen zuletzt am meisten Wehe gethan. Warum wollen Sie ihr noch langer folgen? Verderben lasst sich nicht, was schon im hochsten Grade verdorben ist. Ich verzeihe Alles, und verzeihe mit der hochsten Freudigkeit des Gemuths; aber meine Bedingung ist, dass Sie sich fester, als jemals, an mich anschliessen. Ihnen gegenuber werd' ich die Kraft haben, Alles zu ertragen, was mir noch bevorsteht; oder vielmehr, ich werde von nun an gar nichts mehr zu ertragen haben, und meines Daseyns von neuem froh werden. Hatt' ich von mir allein abgehangen, wer weiss, ob ich jemals in ein Verhaltniss getreten ware, wodurch eine Scheidewand zwischen uns errichtet werden musste? Da dies einmal geschehen ist, so wollen wir lieber gar nicht daran zuruckdenken. Gewiss, wir sind uns selbst genug; nur mussen wir fest zusammenhalten, und auf die Wirklichkeit um uns her so wenig als immer moglich zuruckblicken. Was hab' ich von meiner Freundin, von meiner Mirabella, zu erwarten?"

Meine Antwort auf diese Frage war, wie sie nach einer solchen Scene seyn konnte; ich wiederholte mein: "Ich bin die Ihrige mit Allem, was in mir ist;" denn ob sich gleich die Folgen dieser Vereinigung nicht berechnen liessen, so wollte ich doch lieber aus Heroismus edel, als aus Feigheit klug handeln.

Es war von diesem Augenblick an gleich viel, wo wir existirten; aber um der Prinzessin einige Erleichterung zu verschaffen, entwarf ich den Plan zu einem Sommeraufenthalt auf einem drei Meilen von der Hauptstadt gelegenen Lustschlosse, welches seit vielen Jahren unbewohnt geblieben war. Voraussehen liess sich, dass dieser Plan grosse Schwierigkeiten finden wurde; vorzuglich von Seiten der Herzogin, welche seit einiger Zeit ihre Schwiegertochter liebgewonnen hatte, weil sie wenigstens eben so unglucklich war, als die Herzogin selbst. Allein alle diese Schwierigkeiten liessen sich uberwinden, sobald es mir gelang, den Kammerherrn des Erbprinzen in mein Interesse zu verflechten. Ich trat zu diesem Ende mit ihm in Unterhandlungen, und so bald er eingesehen hatte, dass fur ihn selbst nichts dabei zu wagen sey, bestimmte er den Erbprinzen, seine Genehmigung zu geben. Es gewann fur den grossen Haufen der Hofleute das Ansehen, als sey eine Versohnung zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin erfolgt, weil ich darauf bestand, dass der Erbprinz, um den Schein zu retten, uns begleiten sollte, und er sich wirklich dazu hergab. Doch, von dem Nachmittag des zweiten Tages an, waren wir uns ganz selbst uberlassen, und so wenig um die Folgen unserer Isolirung bekummert, dass wir nur daran dachten, wie wir recht angenehm leben wollten. Ein ziemlich hoher Berg lag zwischen der Hauptstadt und dem Lustschlosse, und mehr bedurfte es nicht, uns glauben zu machen, dass wir von der ganzen Welt geschieden in dem Paradiese selbst lebten.

Die Lage des Lustschlosses war die reizendste, die man sich denken kann. Auf einer Anhohe gelegen, war es rechts durch unabsehbare Wiesen und links durch einen dunklen Tannenwald begranzt. Vorn dehnte sich ein geraumiger Garten aus, den man anzubauen nicht vernachlassigt hatte, und in welchem eine zahlreiche Orangerie neben den Treibhausern hin ihre Wohlgeruche verbreitete. Hinten war ein dicht verwachsener Park mit zahmen Wildprett angefullt, und an den Park lehnte sich eine Meierei mit hohen Lindenbaumen bepflanzt. Der Aufenthalt war uber alle unsere Ertwartungen romantisch und bequem. Ihn durch nichts zu verderben, hatten wir von der Dienerschaft nur diejenigen mitgenommen, die uns unentbehrlich waren. Ein halb geoffneter Wagen mit zwei Pferden war unsere einzige Equipage; aber auch von ihm wollten wir nur selten Gebrauch machen. Unsere Genusse sollten zugleich einfach und ausgesucht seyn; und dazu war vor allen Dingen nothig, dass der Tisch nie befrachtet, die Bibliothek hingegen mit allen den Dichtern angefullt war, die uns jemals entzuckt hatten; denn da die Wirklichkeit uns einmal verhasst war, so wollten wir ihr auf allen moglichen Fittigen entfliehen. Unser Leben sollte, wenigstens fur den nachsten Sommer, ein wahres Idyllenleben seyn, und um diese Idee immer gegenwartig zu haben, nannte mich die Prinzessin in eben dem Augenblick Chloe, wo sie mir gebot, sie selbst Daphne zu nennen.

Es fehlte uns beiden nicht an Erfindungskraft. Die ersten Morgenstunden wurden im Garten oder im Park verlebt, wo wir mit irgend einer leichten Arbeit in der Hand, mehr empfindend als denkend, uns nach allen Richtungen hin bewegten. Ward die Sonnenhitze uns allzustark, so begaben wir uns in einen Pavillon, wo wir abwechselnd vorlasen. Der Anfang wurde mit Gesners Idyllen gemacht; allein wir legten sie bald zuruck, weil es uns vorkam, als ob der grosste Reiz, den sie gewahren konnten, nicht in den Gemalden, sondern in der Einfassung enthalten sey. Ich hatte seit ungefahr einem halben Jahre einen Theil meiner Musse auf das Studium der spanischen Sprache und schonen Literatur gewendet, und die Prinzessin mit dieser Liebhaberei angesteckt. Indem wir fruhere Fortschritte gegenwartig zu unserem Vergnugen benutzen wollten, verfielen wir auf die Diana des Montemayor, und machten sehr bald die Entdeckung, dass dies Meisterstuck der sogenannten Schaferpoesie ohne Gleichen dasteht, und allen modernen Idyllendichtern zum Muster dienen muss, wofern der wahre Dichter eines Musters bedarf. Das dritte Buch der Diana, welches die Geschichte der unglucklichen Belisa enthalt, bezauberte uns vor allen; wir wurden nicht mude es zu lesen und wieder zu lesen, bis wir ganz davon durchdrungen waren. Bezauberte uns Montemayors Einfachheit, so entzuckte uns Boscan's und Garcilaso's kunstreiches Genie nicht minder. Es kam uns vor, als ob der Strom der Gedanken und Empfindungen in diesen Dichtern etwas ganz Eigenthumliches habe, wodurch er von Anfang bis zu Ende aufs innigste zusammenhange und immer nur Ein Erguss sey. Noch andere spanische und italianische Dichter wechselten mit diesen ab. War die Lekture geendigt; so kehrten wir in das Lustschloss zuruck, wo wir, im rechten Flugel, der lachendsten und unabsehbarsten Aussicht gegenuber, zu Mittag assen, und uns auf diese Weise selbst das Materielle vergeistigten. Nur die einfachsten Gerichte durften auf unserer Tafel erscheinen, und junges Geflugel war die einzige Fleischspeise, die wir uns erlaubten. Die schwulen Mittagsstunden wurden verschlafen, oder vertraumt, wofern dieser Ausdruck auf Personen anzuwenden ist, welche gewissermassen nie aus ihrem Traum erwachten. Gegen Abend fuhren wir aus. Die ganze umliegende Gegend wurde von uns besucht, und wo wir Gelegenheit fanden, unsere liebenden Gefuhle zu ergiessen, da blieb sie nicht unbenutzt. Ein leichtes Abendessen empfing uns bei unserer Zuruckkunft, und unmittelbar darauf erfolgte jener susse Schlummer, den Gesundheit und Unschuld geben.

In diesem Kreislauf von Beschaftigungen und Vergnugen verstrich ein Tag nach dem andern, bis ein Schreiben von dem Kammerherrn des Erbprinzen mir zu verstehen gab, dass ich die Achtung fur den Schein, auf welcher ich vor meiner Abreise in Beziehung auf die Prinzessin so nachdrucklich bestanden, seit meiner Ankunft auf dem Lustschlosse in Beziehung auf den Prinzen ganz aus den Augen gesetzt hatte. Der Vorwurf war gerecht; und wie schwer es uns auch fallen mochte, aus unserer Idyllenwelt, war' es auch nur auf wenige Stunden, herauszutreten, so musste doch irgend etwas geschehen, den begangenen Fehler wieder gut zu machen. Ungefahr vierzehn Tage nach unserer Ankunft auf dem Lustschlosse fuhren wir also in die Hauptstadt zuruck, um an dem Hofe zu mittag zu essen, und unmittelbar darauf in unsere Einsamkeit zuruckzukehren. Ich befurchtete bei dieser Gelegenheit, dass die Erbprinzessin alle die Ungeduld beweisen wurde, welche dann einzutreten pflegt, wenn wir uns von geliebten Formen losreissen mussen; allein meine Befurchtung war sehr uberflussig, und ich bemerkte jetzt zum erstenmale, wie meine Freundin, seit ihrer formlichen Wiedervereinigung mit mir, eine Ruhe gewonnen hatte, die sich durch nichts storen oder unterbrechen liess. Ein Seufzer aus der aussersten Tiefe der Brust, so bald wir das Stadtthor im Rucken hatten, war alles, was zum Vorschein trat, um ihre Liebe fur Freiheit, Offenheit und Unschuld zu beurkunden; und als wir an Ort und Stelle angekommen waren, drangte sich das Gestandniss hervor: dass sie nur an meiner Seite glucklich leben konne.

Derselbe Besuch wurde alle vierzehn Tage wiederholt, und zur Abwechselung erhielten wir auch wohl auf einige Stunden die Ehre, von dem Herzog oder dem Erbprinzen selbst besucht zu werden. So wie aber die Zeit vorruckte, fingen wir an, den Winter zu furchten, den wir uns als diejenige Jahreszeit dachten, in welcher die kunftige Freiheit durch die druckendste Sklaverei erkauft werden musste. Wohlmeinender, liebender und schuldloser konnten schwerlich zwei andere Wesen seyn; allein dies alles rettete uns nicht vor der Langenweile, der Krankung und dem Argwohn. Mit unseren Eigenschaften mussten wir das Schicksal mancher anderer Weiber theilen, die nur deswegen verkannt werden, weil man ihre Eigenthumlichkeit nicht zu begreifen vermag. Den Klang des Silbers kann man nur durch Silber erforschen; und eben so bedarf es einer sympathetischen Seele, um den wahren Gehalt eines edlen Gemuths kennen zu lernen. Warlich nicht alle Weiber sind lacherlich, die in die Regionen der Kunst und des Schonen streben. Wie konnen sie es vermeiden, wenn ihre bescheidensten Anspruche auf die Wirklichkeit unerfullt bleiben? Zuletzt will jede von uns, die nicht von der Wiege an verdorben ist, nur ihren rechtmassigen Theil an hauslicher Zufriedenheit; aber wenn auch dieser versagt wird, bleibt dann etwas anderes ubrig, als das wirkliche Gluck durch ein eingebildetes zu ersetzen? Manche, die von einem bosen Damon getrieben zu werden scheint, so lange sie disseits der Schwelle ihres Hauses verweilt; manche Andere, welche nur in der schonen Kunst lebt und alle ihre Nerven zerreisset, um als Schriftstellerin zu glanzen, wurden, wenn sie an den rechten Mann gekommen waren, das baare Gegentheil von dem geworden seyn, was sie jetzt sind. In der Begranztheit der meisten Manner liegt fur Weiber, die nur einigermassen einer Entwickelung fahig sind, eine zur Verzweiflung treibende Kraft. Das Weib will bewahren, was es instinktmassig fur sein Herrlichstes erkennt, die Weiblichkeit; aber durch die Einseitigkeit des Mannes aus sich selbst heraus getrieben, schwarmt es umher, die verlorne Stutze zu suchen, und findet es sie nicht in der Kunst, so muss es Ruhe in der Zerstorung seines Wesens finden. So endigen die meisten.

Unaufhaltbar naherte sich der Winter. Wir mussten unser Paradies verlassen und in die Hauptstadt zuruckkehren. Die Verhaltnisse am Hofe waren noch dieselben; aber das Gemuth der Erbprinzessin hatte durch den Aufenthalt auf dem Lustschlosse eine Verwandlung erfahren, welche nicht ohne Folgen bleiben konnte. So lange ihr Gemahl die einzige Stutze war, die es fur sie gab, musste sie sich ihm, wenn gleich gegen ihren Willen und gegen alle ihre Neigungen, unaufhorlich nahern; und da konnte es denn nicht fehlen, dass sie zuruckgestossen und einmal uber das andere beleidigt wurde. Jetzt, wo sie in mir, oder vielmehr in ihrer Liebe fur die schone Kunst, eine Stutze gefunden hatte, jetzt war ihr der Gemahl so gleichgultig, als ob er gar nicht vorhanden gewesen ware. Der Erbprinz mochte sich hieruber nicht wenig wundern; aber selbst dann, wenn er uber diese Verwandlung gar nicht nachdachte, musste es ihm sehr empfindlich seyn, dass er in seiner Gemahlin keinen Gegenstand des Hasses mehr hatte, wahrend er eines solchen fur seine anderweitigen Verhaltnisse bedurfte. Immer ruhig, immer gelassen und heiter, ohne irgend eine Spur von beleidigtem Stolze zu zeigen, und ohne irgend einen Anspruch zu bilden, wodurch sie den Neigungen ihres Gemahls in den Weg getreten ware, stellte sich die Erbprinzessin bestandig in den edelsten Formen dar, eben so sehr ein Gegenstand der Verzweiflung fur denjenigen, der ihr etwas anhaben wollte, als der liebenden Huldigung fur Alle, welche unbefangenen Gemuthes auf sie hinblickten. Dies musste zu neuen Entwickelungen fuhren; ich sah es vorher und zitterte vor dem Ausgange, aber ich begriff den ersten Anfang nicht eher, als bis er gemacht war.

Von den Eigenschaften seiner Schwiegertochter bezaubert, und, weil eben diese Schwiegertochter mit allem Glanze der Gesundheit und Schonheit bisher unfruchtbar geblieben war, nicht ohne Sorge fur seine Descendenz, wollte der Herzog von den Ursachen belehrt seyn, welche den Erbprinzen und dessen Gemahlin von einander entfernt hielten. Da fehlte es nun nicht an Personen, welche, sich der Erbprinzessin annehmend, alle Schuld auf das Verhaltniss schoben, worin ihr Gemahl noch immer mit seiner ersten Geliebten stand. Der Herzog war vor der Vermahlung seines Sohnes von diesem Verhaltnisse unterrichtet gewesen, hatte sich aber gar nicht traumen lassen, dass es noch immer fortdauerte. In Harnisch gesetzt durch die Entdeckung, wozu man ihm verholfen hatte, hielt er es fur seine Pflicht, diesem Unwesen auf dem Wege der Gewalt sogleich ein Ende zu machen. Ohne also auf die Individualitat seines Sohnes die mindeste Rucksicht zu nehmen, und ohne irgend eine von den Folgen, welche dieser Schritt nach sich ziehen konnte, scharfer ins Auge zu fassen, ertheilte er Knall und Fall den Befehl, dass Fraulein von M... nicht nur die Hauptstadt, sondern sogar seine Staaten innerhalb vier und zwanzig Stunden raumen sollte. Ich wurde alles aufgeboten haben, diesen Streich abzuwenden, ware ich davon unterrichtet gewesen; allein er fiel so plotzlich, dass er bereits vollendet war, als ich die erste Nachricht davon bekam. Wie sehr ich auch wunschen mochte, dass es fur die Erbprinzessin eine wahre Ehe geben mochte, so sah ich doch sehr deutlich ein, dass die Gewalt sie nie herbeifuhren werde. Mir war daher sehr ubel zu Muthe, als mich der Herzog einige Tage darauf zu sich berufen liess, und mir erklarte, dass, nachdem von seiner Seite alles geschehen sey, um ein gutes Verhaltniss zwischen der Erbprinzessin und seinem Sohne zu begrunden, er nun auch von mir erwartete, dass ich das Meinige thun wurde, um die Sachen in das gehorige Geleis zu bringen. So musste freilich der Herzog sprechen, der, weil er im Besitz der Gewalt war, alles nur in dem Lichte der Pflicht betrachten konnte; allein so konnte derjenige nicht sprechen, der das Wort zum Rathsel hatte und zu beurtheilen verstand, welche Hindernisse in der Erbprinzessin zuruckblieben, nachdem alle Hindernisse in dem Erbprinzen aus dem Wege geraumt waren. Ich versicherte und gewiss mit Wahrheit dass es nie an mir gelegen habe, den Erbprinzen in dem Besitz seiner liebenswurdigen Gemahlin begluckt zu sehen; ich fugte aber zugleich hinzu, dass man es der Zeit uberlassen musse, diejenige Vereinigung der Gemuther hervorzubringen, ohne welche eine Ehe nicht denkbar sey. "Das sind Chimaren," erwiederte der Herzog. "Was bedarf es hier der Zeit? Die Erbprinzessin ist hubsch; mein Sohn ist nicht hasslich. Daraus folgt, dass sich beide lieben konnen. Ich bin zufrieden, wenn ich vor meinem Tode einen wackern Enkel habe." Gegen eine solche Sprache lasst sich nie etwas einwenden, und ohne dem Herzog noch irgend eine Bemerkung zu machen, welche seine Logik kompromittirt hatte, entfernte ich mich mit dem Versprechen, dass ich fur die Erfullung seiner Wunsche alles thun wurde, was in meinen Kraften stande.

Die Erbprinzessin war gegen die Maassregel ihres Schwiegervaters so gleichgultig geblieben, als ob sie tausend Meilen von ihr entfernt genommen worden ware. Das Einzige, was sie dabei zu befurchten schien, war, dass der Prinz, der gewaltsamen Richtung folgend, welche sein Vater ihm gegeben hatte, sich ihr wieder nahern konnte. Sie war weit davon entfernt, ihn zu hassen; allein sie war eben so weit davon entfernt, ihn zu lieben. So theuer waren ihr seit Jahr und Tag ihre Beschaftigungen geworden, dass sie keinen anderen Wunsch hatte, als sich selbst uberlassen, d.h. ganz ungestort zu bleiben. Ich, meiner Seits, stand als die Urheberin dieser Vorliebe fur das Schone da, die sich ihrem ganzen Wesen so tief eingefugt hatte. Nie hatte ich eine andere Absicht gehabt, als ihr einen temporaren Ersatz fur das zu geben, was sie entbehren musste. Wenn das, wobei ich immer nur an ein pis aller gedacht hatte, vermoge der Vortrefflichkeit ihrer Anlagen, etwas ganz Anderes geworden war wer konnte die Schuld tragen, wenn sie nicht von eben diesen Anlagen ubernommen wurde? Wie achtungswerth, ja wie liebenswurdig sogar, die innere Nothwendigkeit seyn mochte, worin die Prinzessin meinen Blicken erschien; so konnte ich mir doch nicht verhehlen, dass diese Nothwendigkeit eben so eisern sey, als jede andere. Denn wie die Ideale, in welchen sie lebte und webte, wieder aus ihr verdrangen? So lange sie in ihrem bisherigen Geleise blieb, war fur die Wunsche des Herzogs nichts von ihr zu hoffen. Es wurde mir nichts gekostet haben, mein eigenes Werk in ihr zu zerstoren, weil ich wohl einsah, dass es zerstort werden musste, wenn die Prinzessin wieder in ihr emporkommen sollte; allein wie diese Zerstorung einleiten? Ich verzweifelte, so oft ich hieruber nachdachte; ich verzweifelte um so mehr, weil ich mich selbst genug kannte, um das Nothwendige in mir in einigen Anschlag zu bringen.

Da aber von meiner Seite irgend Etwas geschehen musste, so glaubte ich nicht besser zum Ziele kommen zu konnen, als wenn ich mich mit dem Kammerherrn des Erbprinzen zur Wiedervereinigung der beiden furstlichen Personen verbande. Ich ging von der Voraussetzung aus, dass er, als ein Mann von Verstand, vor allen Anderen mich verstehen musse, so bald ich ihm uber das Wesen der Prinzessin die Aufschlusse gabe, die Niemand geahnet hatte. Ehe aber diese Aufschlusse erfolgten, sondirte ich ihn uber die Gesinnungen des Erbprinzen in Beziehung auf dessen Gemahlin. Was ich erfuhr, entsprach meinen Wunschen und ubertraf alle meine Erwartungen; denn der Kammerherr sagte mir geradezu, dass der Erbprinz durch die Maassregel seines Vaters zwar politisch beleidigt, aber nicht menschlich gekrankt worden sey, da er es schon seit langerer Zeit darauf angelegt habe, sich aus der Klemme zu ziehen, worin er sich bisher befunden. Er fugte hinzu, der Erbprinz wurde schon seit mehreren Monaten zu seiner Gemahlin zuruckgekehrt seyn, hatte diese ihn nicht eine niederschlagende Gleichgultigkeit blicken lassen, wodurch sein Stolz nothwendig hatte geweckt werden mussen. Ich ruckte hierauf mit meinen Aufschlussen uber das Wesen der Erbprinzessin hervor. Der Kammerherr sah mich bei dieser Analyse mit so grossen Augen an, als ob von den sieben Wundern der Welt die Rede gewesen ware. Unstreitig verstand er mich nicht, ob er sich gleich das Ansehn gab, als hatte er dies langst vermuthet. "Indem nun," fuhr ich fort, "die Krafte so einander entgegen wirken, begreifen Sie sehr leicht, dass unser Plan, in so weit er auf Vereinigung des Erbprinzen mit seiner Gemahlin abzweckt, nur auf einem einzigen Wege durchgetrieben werden kann. Alles ist verloren, wofern die Individualitat beider gleich sehr respektirt wird. Von dem, was die Pflicht gebietet, kann hier gar nicht die Rede seyn; denn hat sie nicht immer geboten und ist sie nicht immer unter die Fusse getreten worden? Sie mussen von der Voraussetzung ausgehen, dass die Neigungen Ihres Herrn die Erbprinzessin in die Form hineingedrangt haben, worin sie jetzt erscheint, und alles aufbieten, was in Ihren Kraften steht, den Erbprinzen so zu stimmen, dass er keine unzeitigen Anspruche an die Gemahlin macht, die das Weib in ihr verwerfen muss. Meine Sache wird es seyn, die Erbprinzessin aus dem geistigen Schwerpunkt, in welchem sie versunken ist, wieder heraus zu heben und den Engel in ihr von neuem zu verkorpern. Gemeinschaftlich mussen wir dahin arbeiten, den Erbprinzen in eine Achtung zu setzen, die er bis jetzt noch nicht gefunden hat. Da ich mich nie uber ihn erklart habe, so kann ich, ohne mich mit mir selbst in Widerspruch zu bringen, alles Gute von ihm sagen. Sorgen Sie ihrer Seits dafur, dass es mir dazu nicht an Veranlassung fehle. Wir Weiber achten an den Mannern nichts so sehr, als die staatsburgerlichen Tugenden, und ich stehe Ihnen dafur, dass ich die Prinzessin in den Prinzen verliebt mache, so bald dieser aufhort, seine Bestimmung nur von Seiten der Genusse zu schatzen, welche damit verbunden sind. Uber kurz oder lang tritt er an die Stelle seines Vaters; bewegen Sie ihn doch, sich dazu in jeder Hinsicht vorzubereiten. Ganz neue Gefuhle mussen in der Erbprinzessin erwachen, wenn sie, welche nie abfiel, sondern nur verdrangt wurde, wieder an den Gemahl angezogen werden soll."

Entwurfe dieser Art konnen nur dann gelingen, wenn sie zwischen einer Palatine und einem Kardinal von Retz verabredet werden. Ich sage wohl nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass der veredelte Geist der Palatine auf mir ruhete, als ich diese Vorschlage that; aber der Kammerherr war weit davon entfernt, ein Kardinal von Retz zu seyn. Es war seine Legalitat, was ihn unfahig machte, mit mir vereinigt zu wirken. Gegen den Zweck hatte er nichts einzuwenden; eben so wenig konnte er die Mittel missbilligen; die Moralitat unseres Entwurfs war uber allen Zweifel erhaben. Aber woher den Muth nehmen, seinem Herrn eine Richtung zu geben! Dies war die Klippe, an welcher alles scheitern musste; und ich gestehe, dass, wenn ich diese Klippe geahnet hatte, ich meinen ganzen Entwurf fur mich behalten haben wurde. Der grosse, wenn gleich sehr verzeihliche, Fehler, den ich beging, bestand darin, dass ich Verstand und Genie verwechselte. Ich glaubte an dem Kammerherrn einen tuchtigen Gehulfen gefunden zu haben, weil er ein Mann von Verstand war; aber ich bedurfte eines Mannes von Genie, und davon war, genau genommen, keine Spur in dem Kammerherrn. Mochte er noch so sehr versichern, dass er mich vollkommen verstanden habe; er konnte meine Idee nur verderben.

Da meine Operationen von denen des Kammerherrn abhingen; so war ich auf nichts so aufmerksam, als auf das Betragen des Prinzen gegen seine Gemahlin. Gewisse Modifikationen in demselben zeigten mir an, dass eine Unterredung statt gefunden haben musse; aber diese Modifikationen hatten noch keinen so bestimmten Charakter, dass ich mit Sicherheit auf den Gehalt der Unterredung zuruckschliessen konnte. Mir schlug das Herz vor Ungeduld; in mehreren Billets zeigte ich dem Kammerherrn an, dass keine Zeit zu verlieren sey. Dieser mochte seiner Seits den besten Willen von der Welt haben; da er aber seiner Einsicht unterlag, so konnte er sein Geschaft nur verderben. Unfahig, einen solchen Charakter, wie der der Prinzessin nun einmal war, zur Anschauung zu erheben, und sich unstreitig einbildend, dass das, was wir erreichen wollten, sich auf mehr als einem Wege erreichen lasse, gab er seinem Herrn lauter solche Anschlage, dass dieser sich in der Achtung der Prinzessin noch weiter zurucksetzen musste. Soll ich das Betragen des Prinzen mit Einem Worte charakterisiren, so muss ich sagen, dass es ein galantes war. Was in aller Welt konnte aber die Prinzessin mehr emporen, als dieses Gemisch von Ehrerbietung und Verachtung, zusammengehalten durch Heuchelei und Niedertrachtigkeit? Sie hatte zu den allergemeinsten Naturen gehoren mussen, wenn ihr der Prinz auf diesem Wege achtungswerth geworden ware. Auch fuhlte sie sich tief verwundet; und ob sie gleich kein Wort fallen liess, wodurch sie ihren inneren Zustand offenbaret hatte, so zeigte doch eine gewisse unbeschreibliche Traurigkeit, wie heftig der Schmerz war, der ihr Innerstes durchwuhlte. Es lag am Tage, dass der Kammerherr sich nicht hatte von der Idee losreissen konnen, die er von der Gebrechlichkeit des weiblichen Geschlechts hatte; und wollen wir ihm hier Vorwurfe daruber machen, dass er in dieser Hinsicht auf Einer Linie mit den meisten Mannern stand, welche nie begreifen konnen, wie es ausser ihrer Realitat noch eine andere geben konne?

Es versteht sich von selbst, dass ich neutralisirt war, so bald die Sache diese Wendung genommen hatte; denn ich hatte mich nur zur Nachhulfe anheischig gemacht, und diese konnte nicht statt finden, so bald das ganze Werk verdorben war. Dies war indessen etwas, wovon sich der Kammerherr nicht uberzeugen konnte. Da er sich einem so schwierigen Geschafte einmal unterzogen hatte, so wollte er dies auch mit Verstand gethan haben. Hieruber fand kein Capituliren mit ihm statt; und weil ich ungern zankte, so blieb ich weit davon entfernt, ihm auch den glimpflichsten Vorwurf zu machen. Er selbst trat mit Vorwurfen hervor, so bald er sah, dass die Sache, anstatt von der Stelle zu rucken, nur schwerkraftiger und schlimmer wurde. Mir war hierbei sehr ubel zu Muthe; denn ich sah sehr deutlich ein, dass ich mich in die fatalste Lage von der Welt gesetzt hatte. Es konnte namlich nicht fehlen, dass ein Ungewitter von Gemeinheit uber meinem Haupte losbrach, sobald die von mir zuerst entworfene Wiedervereinigung des Erbprinzen mit seiner Gemahlin nicht wirklich erfolgte. Was blieb mir aber, wenn dies durchaus geschehen musste, anderes ubrig, als entweder meinem Gehulfen den Prozess machen, oder meinem ganzen Wesen zu entsagen und der Prinzessin eine Gemeinheit aufdringen, die mir selbst fremd war, und die sie ewig verabscheuen musste? Zu beidem war ich gleich unfahig; ich konnte daher nur die Hande in den Schooss legen, und den Donner, der mich vernichten sollte, voll Ergebung erwarten. In der That, mein Geschlecht ist in jeder Hinsicht sehr ubel daran. Werden die Plane eines Biedermannes vereitelt, so darf er sich deshalb rechtfertigen, und je kraftiger er die Wahrheit sagt, desto mehr ehrt man seine Tugend. Ein edles Weib hingegen kann die allertriftigsten Grunde der Rechtfertigung haben; sie darf davon immer nur innerhalb der Schranken der Weiblichkeit Gebrauch machen, wenn sie nicht alles verlieren will. Wie viele weibliche Thranen wurden unvergossen bleiben, wenn dem weiblichen Geschlecht die Sprache des Gemuths gestattet ware!

Was ich mit so viel Bestimmtheit vorhergesehen hatte, blieb nicht lange aus. Die ganze Schuld des Misslingens fiel auf mich zuruck, ob ich gleich nicht dahin gelangt war, auch nur einen Finger in der Sache selbst in Bewegung setzen zu konnen. Es kam nur noch darauf an, sich das Wie zu erklaren. Man erschopfte sich in Vermuthungen uber die Natur meines Verhaltnisses mit der Prinzessin; und da es unmoglich war, das Wort zum Rathsel zu finden, so machte man es wie immer: das Heiligste wurde bis zur Scheusslichkeit entheiligt. Man sprach ganz laut von Lastern, die uns selbst dem Namen nach unbekannt waren. Und welche Bewegungsgrunde legte man mir unter! Nach Einigen hatte ich es darauf angelegt, die Matresse des Prinzen zu werden; nach dem Urtheil Anderer war ich damit umgegangen, den Kammerherrn zu erobern, um, nach dem Tode des Herzogs, gemeinschaftlich mit ihm das Land zu regieren. Ein Paar Familien, welche seit hundert und funfzig Jahren im Besitz grosser Vorrechte waren, und sich steif und fest einbildeten, dass von der Behauptung dieser Vorrechte nicht nur die Wohlfahrt des Herzogthums, sondern auch die des ganzen heiligen romischen Reichs abhange, nannten mich eine Verderberin der guten Sitten, weil ich eine Fremde war und meine Gesellschaftsdamen-Stelle nicht ihrer Grossmuth verdankte. Der Herr Hofcapellan, auf dessen Intriguen ich nicht hatte eingehen wollen, vereinigte sich mit den Ubrigen, und eroffnete den formlichsten Kreuzzug gegen mich, indem er uber den Text predigte: Es ist besser, dass Einer umkomme, denn dass das ganze Volk verdorben werde. Rache, Neid und Bosheit liehen der Verleumdung ihre Waffen, um mich zu Grunde zu richten, und nie wirkte eine Verschworung, in welcher nichts verabredet war, conzentrirter. Hatte man wenigstens die Erbprinzessin verschont! Doch um mich zu sturzen, glaubte man die ganze Holle in Bewegung setzen zu mussen.

Verworren und dumpf hallten zu der Prinzessin und zu mir die Geruchte heruber, die man auf unsere Kosten verbreitete. Was sollte, was musste geschehen, um das Ungewitter abzuleiten? Ich gestehe, dass es Augenblicke gab, in welchen ich mich zermalmt fuhlte; aber diese Augenblicke gingen um so schneller voruber, weil meine Liebe fur die Prinzessin immer die Oberhand behielt. Noch hatte sie kein Wort von dem Entwurf erfahren, welcher zwischen dem Kammerherrn und mir zu ihrer Wiedervereinigung mit dem Erbprinzen war verabredet worden. Ich hielt es fur meine Pflicht, sie gegenwartig damit bekannt zu machen, weil in diesem Entwurfe alle die Unfalle eingewickelt lagen, die seitdem uber uns zusammengeschlagen hatten. Sie lachelte, als meine Erzahlung geendigt war. "Mein Wille war rein," fuhr ich fort; "meine Absicht edel; meine Mittel auf die herrliche Natur meiner Freundin berechnet." "Dies ist es nicht," erwiederte die Prinzessin, "was mir ein Lacheln abdringt; ich lachle nur daruber, dass meine Mirabella auch nur einen Augenblick an die Besieglichkeit der Gemeinheit glauben konnte. Doch was geschehen ist, lasst sich nicht andern, fuhr sie fort; und die Hauptsache ist und bleibt, welche Maassregeln wir ergreifen mussen, um aus diesem Kerker ins Freie zu kommen? Was meinen Sie?"

Ich sah es der Prinzessin an, dass sie grosse Lust hatte, mein Geschick zu theilen; allein dies war etwas, das ich aus allen Kraften, wenigstens fur den Augenblick, abwenden musste. Ich sagte ihr also: Ich nahme mit Freuden die ganze Schuld auf mich, und wurde mich daruber an Ort und Stelle schon zu verantworten wissen. Da man es nur auf meine Entfernung anlegte, so wollte ich auch die Einzige seyn, welche das Terrain raumte, ein noch grosserer Triumph ware zu viel Ehre fur diese erbarmlichen Seelen. Der Besiegte hatte in den Augen der Welt immer Unrecht, und darum musse die Prinzessin nicht als besiegt erscheinen. Ich gabe zu, dass ihr der Aufenthalt an diesem Hofe unertraglich seyn wurde, so bald ich mich entfernt hatte; allein es kame auch nur darauf an, einen besseren Vorwand zu finden, und dieser wurde nicht zu theuer erkauft, wenn die peinliche Lage der Prinzessin noch einige Monate fortdauerte. Am Ende hatte sie es doch immer in ihrer Gewalt, mit gebietender Herrlichkeit hervorzutreten, so bald sie es fur gut befande; denn all dies Volk, das sie in dem gegenwartigen Augenblick um meinetwillen verunglimpfe, wurde sie anbeten, so bald sie es verlangte. "Ob Egoismus, oder Liebe fur meine Freundin," fuhr ich fort, "meine Schritte leitet, daruber kann wohl kein Zweifel statt finden. Alles, was ich vernunftiger Weise bezwecken kann, ist: Rettung derjenigen, die ich gegen alle meine Absichten unglucklich gemacht habe. Ich will bleiben, so bald Sie mir beweisen konnen, dass mein Bleiben sicherer zum Ziele fuhrt. Allein davon werd' ich mich nie uberzeugen; denn der Kampf, in welchen wir gerathen sind, ist von einer so seltsamen Beschaffenheit, dass wir, selbst mit dem hochsten Muthe, die Flucht ergreifen mussen, wenn wir uns nicht fur immer besudeln wollen. Sagen Sie selbst, meine Freundin, wodurch wollen wir die Geruchte niederschlagen, die man gegen uns in Gang gebracht hat? Der blosse Versuch wurde uns brandmarken. In uns beiden ist so Vieles enthalten, was sich durchaus nicht vor Gericht stellen lasst; und wer wurden unsere Richter seyn, wenn wir es auch in unserer Gewalt hatten, unsere Gegner zu fassen? Das Leben gilt mir alles in Beziehung auf Sie; aber eben deshalb mochte ich nicht vor der Zeit untergehen. Hier konnen wir uns nur durch das Gefuhl unserer Ohnmacht vernichten. Hab' ich mich aber einmal aus dem Strudel gerettet, der uns in seinen Abgrund zu ziehen droht, so bekomm' ich meine ganze Freiheit wieder; und meine Energie wird um so grosser seyn, je ehrwurdiger mir das Ziel ist, das ich verfolge. Erlauben Sie mir, zu Ihren Eltern zuruck zu reisen, um diesen die nothigen Aufschlusse uber Ihre Lage zu geben."

Die Prinzessin empfand, dass ich Recht hatte. Es war nun nur noch davon die Rede, wie meine Entfernung einzuleiten sey. "Ich habe," sagte ich, "nur von Ihnen abgehangen, und kann daher meinen Abschied nur aus Ihren Handen erhalten." Die Prinzessin setzte sich sogleich nieder, um dem Herzog und ihrem Gemahl zu melden, dass sie fur gut befunden habe, mich zu entlassen, nachdem ich selbst darauf angetragen. Unter stummen Umarmungen schieden wir von einander, nicht ohne Thranen, diesen ewigen Symbolen der Ohnmacht. Mein Reisekoffer war bald gepackt, und nach zwei Stunden befand ich mich auf dem Wege nach W..., freier athmend, mit tausend Entwurfen fur die Zukunft beschaftigt, das Bild der geliebten Prinzessin immer vor Augen habend.

Ich kam wohlbehalten an. Mit meinem Berichte fand ich Eingang, so weit die elterlichen Gefuhle reichten; da diese aber bei furstlichen Personen durch politische Verhaltnisse in sehr engen Schranken gehalten werden, so war das letzte Resultat meiner grossmuthigen Unternehmung, dass man das Schicksal einer geliebten Tochter beklagte, und es ihrem Verstande uberliess, die Gewalt desselben zu brechen. Vergeblich sagte ich, dass dies nur dadurch geschehen konne, dass die Prinzessin zur Gemeinheit herabsanke. Die einzige Antwort, die ich hierauf erhielt, war: dass man sich nach seiner Umgebung bequemen musse. Unstreitig bedachten diejenigen, die mir diese Antwort gaben, nicht, wie abscheulich sie war; ich aber musste fortan den Muth verlieren, mich noch einmal zu verwenden. Zwar blieb ich in der Nahe des Hofes, und so oft ich an demselben erschien, wurde ich auf eine Art empfangen, welche sehr deutlich anzeigte, dass man mich um der Ideale willen ehrte, die aus mir sprachen; allein, da alle Beruhrungspunkte, in welchen ich ehemals gestanden hatte, wegfielen, so beschlich mich die Langeweile, und um dieser zu entrinnen, gab es keinen besseren Ausweg, als die Einsamkeit. Mit der Prinzessin blieb ich in Verbindung. Posttaglich empfing ich Briefe von ihr, worin sie mich mit den Begebenheiten des ...schen Hofes bekannt machte; posttaglich antwortete ich ihr, und jeder meiner Briefe enthielt irgend eine Aufforderung, ihren Charakter zu behaupten. Denn ich konnte mich durchaus nicht von der Idee losreissen, dass ein menschliches Geschopf alles preisgiebt, wenn es dem Heiligsten entsagt, das in ihm ist. Uber diesen Punkt war ich mit mir selbst vollkommen im Reinen; und wenn nur diese Denkungsart eine mannliche genannt werden kann, so ist es die meinige nicht blos gewesen, sondern auch immer geblieben.

Geschahe es, um meine Einsamkeit aufzuheitern, oder liebenden Gefuhlen einen unmittelbaren Gegenstand zu verschaffen, dass ich mich um diese Zeit eines von seinen Eltern verlassenen liebenswurdigen Kindes annahm? Vielleicht war noch etwas Hoheres dabei im Spiele. Der Mensch hort nicht auf, die Unschuld zu lieben, welche im Fortgange seiner Entwikkelung so nothwendig als unwiderbringlich verloren geht. Nun hatte ich zwar die meinige bisher bewahrt; allein je theurer sie mir zu stehen kam, desto mehr wunschte ich, recht viel an ihr zu besitzen. Sie mir nach ihrem ganzen Werthe zu vergegenwartigen, gab es unstreitig kein besseres Mittel, als die symbolische Reprasentation derselben in einem Kinde. Ich musste mich sehr irren, oder es ist nichts als verlorne Unschuld, was so viele Menschen so allmachtig zu Kindern hinzieht; in diesen wollen sie wiederfinden, was fur sie selbst nicht mehr vorhanden ist; in diesen wollen sie sich die Moglichkeit einer vom gesellschaftlichen Leben unbefleckten und selbst in ihrer hochsten Entwickelung schuldlos gebliebenen Seele denken. So etwas wirkte freilich nicht in mir; aber, ohne den ersten Anflug davon, wurd' ich schwerlich dahin gekommen seyn, mich mit einem Wesen zu verbinden, das in jeder Hinsicht ein Kind war. Von Ideen der Nutzlichkeit wurde ich durchaus nicht geleitet; das Nutzliche ordnete sich in mir dem Schonen ganz von selbst unter. Um ubrigens mein Wesen auf meinen Liebling zu ubertragen, erzog ich ihn nach eben den Maximen, welche meiner eigenen Erziehung zum Grunde gelegen hatten. Vor allen Dingen flosste ich ihm die Liebe zur Reinlichkeit und Ordnung ein. Uberhaupt dachte ich mir den Korper immer als den Abglanz der Seele; und so wie ich selbst von dem Bedurfniss der physischen Sauberkeit zu dem einer metaphysischen aufgestiegen war, so sollte dies auch bei meinem Zogling der Fall werden. Dies ist mir auch ganz nach Wunsch gelungen, und hatte das Schicksal nicht gewollt, dass meine Luise vor mir hinsterben sollte, so konnt' ich auf die Frau des Professors D... als auf ein Muster aller weiblichen Tugenden hinweisen, diejenigen gar nicht ausgenommen, die zu uben ich selbst nie Gelegenheit gehabt habe. Ich kann von meinem edukatorischen Verdienste jetzt nicht ausfuhrlicher sprechen, wenn ich meine eigene Entwickelungsgeschichte nicht allzuweit aus den Augen verlieren soll.

Wahrend ich mich in Luisen so hiess mein Zogling zum zweitenmale erzog, und, weil ich mir selbst lebte, auf keine Weise in der Stimmung gestort wurde, die mich zur Harmonie mit der ganzen Welt fuhrte, gerieth die Erbprinzessin aus einer misslichen Lage in die andere. Von ihren furstlichen Eltern verlassen, jeder anderen Stutze beraubt, den Intriguen des ...schen Hofes blosgestellt, und, weil sie uberall dieselbe Gemeinheit fand, zuletzt an sich selbst verzweifelnd, schwankte sie so lange hin und her, bis sie sich zu einer Aussohnung mit ihrem Gemahle entschloss. Von welcher Art diese Aussohnung war, ist leicht zu errathen; zwei so ungleiche Naturen konnen nie zu einem dauerhaften Einverstandniss zusammenschmelzen, nie diejenige Einheit bilden, ohne welche die Ehe nur ein leerer Schall ist. Immer war indessen die Parthie, welche die Prinzessin genommen hatte, die beste, die sie den Umstanden nach nehmen konnte; denn so lange sie auf ihrem Eigensinn beharrte, musste sie den Hof in einer verderblichen Gahrung erhalten, nicht zu gedenken, dass der Erbprinz von allen Personen ihrer Umgebung zuletzt noch die zuverlassigste und edelste war. Die Prinzessin trug einiges Bedenken, mich in diesem Schritte preiszugeben; allein ich selbst hob alle die Gewissensskrupel, welche sie sich hieruber machte. In der That, was konnte es mir, nachdem ich mein Schicksal einmal von dem der Prinzessin getrennt hatte, noch verschlagen, dass man mich am ...schen Hofe eine Furie nannte, welche sich zwischen dem Erbprinzen und dessen Gemahlin in die Mitte gestellt und den Frieden des Hofes gestort hatte? Ich kannte nach gerade die Welt allzugut, um nicht zu wissen, dass es den wenigsten Sterblichen verliehen ist, den Kern von der Schaale, das Wesen von den Formen desselben zu unterscheiden. "Wie man sich auch uber mich erklaren mag," schrieb ich der Prinzessin, "so ersuche ich Sie, keine Notiz davon zu nehmen. Mich treffen diese Urtheile nicht; und eben deswegen durfen sie Ew. Durchlaucht nicht beruhren. Die Hauptsache ist und bleibt, dass die ewigen Oscillationen des Hofes zum Stillstand gebracht werden; und wenn dies durch Aufopferung meiner Renommee zu Stande gebracht werden kann, so bin ich damit sehr zufrieden; ich schatze mich sogar glucklich, dass ich mich in Gedanken an die nicht unbedeutende Anzahl der besseren Menschen anschliessen kann, die man fur Verbrecher oder Wahnsinnige hielt, weil man sie durchaus nicht verstand. Ubrigens bin ich unbesorgt fur meine Freundin und Beschutzerin. Wie auch ihre Umgebung sey, sie wird den Idealen nicht ungetreu werden, die sie bisher zwar gemartert, aber auch hoch begluckt haben; und denke ich mir vollends, dass ihr im Verlaufe der Zeit die Verwandlung ihres Gemahls gelingen werde, so mochte ich die Stunde segnen, wo ich mich freiwillig aus ihrer begluckenden Gegenwart verbannete, um ihr ein besseres Geschick vorzubereiten. Es ist hochst selten der Fall, dass die Dinge gerade die Wendung nehmen, die wir ihnen geben mochten; aber dafur nehmen sie oft eine weit glanzendere."

Dieser Schluss meines Briefes druckte mehr meine Wunsche als meine Hoffnungen aus. Wie hatte ich auch das Mindeste hoffen konnen, da sich nicht begreifen liess, wie eine solche Verwandlung des Erbprinzen zu Stande kommen konnte? Hat sich das Zarte einmal in eine Verbindung mit dem Starken eingelassen, so muss es sich auch darauf gefasst machen, in ihm unterzugehen. Ich konnte nicht an die Prinzessin zuruckdenken, ohne mich der unglucklichen Johanna von Castilien zu erinnern, welche, mit dem Erzherzog Philipp vermahlt, so lange mit der Starke ihres Gemahls rang, bis alle ihre Nerven rissen. Der unbesiegliche Theil des Erbprinzen war jene Heftigkeit, vermoge welcher erschutternde Sensationen ihm allein lieb und werth waren. Er konnte der Mann, aber nie der Gemahl der Prinzessin werden; denn um das letztere zu werden, hatte er sie begreifen und verstehen lernen mussen, wozu auch nicht die mindeste Anlage in ihm war, ob man gleich nicht mit Wahrheit behaupten konnte, dass es ihm an gesundem Verstande und an einem gewissen Adel in den Gesinnungen fehle. Auf jeden Fall musste die korperliche Schonheit der Prinzessin fur dies Verhaltniss das Beste thun, und die Sinnlichkeit des Erbprinzen die Vermittlerin einer Harmonie werden, die, wie lange sie auch dauern mochte, ihre Dauer nie uber die den korperlichen Reizen von der Hand der Natur selbst gesetzten Schranken hinaus erstrecken konnte. Auch qualte mich in Beziehung auf die Prinzessin nichts so sehr, als der Gedanke an ein trostloses Alter, und mit Schaudern dachte ich an ihre Schwiegermutter zuruck, die, bei einem weit geringeren Grad von hellen Gedanken und bestimmten Empfindungen, so nahmenlos unglucklich geworden war, dass man ihr Schicksal verabscheuen musste.

Noch war seit unserer Trennung kein Jahr verstrichen, als mir die Prinzessin meldete, dass sie sich schwanger fuhle. Wie viel Muhe es ihr auch gekostet haben mochte, die mit diesem Gestandniss fur sie verbundene Schaamrothe zu uberwinden, so durchblitzte mich doch bei dieser Nachricht ich weiss selbst nicht welche Ahnung eines besseren Geschickes fur meine Freundin. Nicht als hatte ich kunftige Mutterfreuden in einen hohen Anschlag gebracht; wie hatte ich dies thun konnen, da ich aus Erfahrung wusste, dass die Kinder furstlicher Personen nur einen politischen Werth haben, und eben deswegen als Unterpfander gegenseitiger Liebe wenig oder gar nicht auf ihre Eltern zuruckwirken? Sondern weil ich mir sagte, dass der Zweck der ursprunglichen Verbindung meiner Freundin mit dem Erbprinzen jetzt erfullt wurde, und dass sich von dieser Erfullung ein hoheres Maass von Freiheit fur die vom Schicksal Verfolgte erwarten liesse. Meine Ahnung war, wie die Folge zeigen wird, sehr richtig; was mir aber fur den Augenblick die hochste Genugthuung gewahrte, war: dass der ganze ...sche Hof, von dem ersten Augenblick der erklarten Schwangerschaft der Erbprinzessin an, um meine Freundin Kreis schloss, dass der alte Herzog ausser sich war vor Freuden, seinen letzten Wunsch in Erfullung gehen zu sehen, dass selbst die Herzogin zu einem neuen Leben erwachte, als sie die erfahrne Rathgeberin machen konnte. Dazu kam noch, dass, ausser den Jagdparthien, welchen die Erbprinzessin gegen alle ihre Neigungen hatte beiwohnen mussen, noch alle ubrigen gerauschvollen und heftigen Zeitvertreibe eingestellt wurden, welche ihren gegenwartigen Zustand gefahrlich machen konnten. Der ganze Hof wurde durch die Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, in eine Stimmung gebracht, welche dem ruhigen, von keinen Leidenschaften zersetzten Gemuth meiner Freundin entsprach; und unaussprechlich war die Freude, als sie, nach Ablauf der gewohnlichen Zeit, von einem so starken als schonen Prinzen genass. Sie selbst meldete mir, wenig Tage nach ihrer Niederkunft, ihre Entbindung, und forderte mich auf, gegenwartig zu ihr zuruckzukehren, weil sie es in ihrer Gewalt habe, mich vor allen Verfolgungen zu sichern. Hatte ich dem Zuge des Instinkts folgen wollen, der mich unablassig zu meiner Freundin hintrieb; so hatte ich, wie lieb mir auch meine Einsamkeit geworden war, keinen Augenblick verlieren durfen, mich auf den Weg zu machen. Allein ich zog in Betrachtung, dass die temporelle Ergebenheit des Hofes gegen die Erbprinzessin, wie gross sie auch seyn mochte, keine wesentliche Veranderung in seinen Ideen und Tendenzen hervorgebracht haben konnte; und, wie wenig ich auch mein eigenes Selbst in Anschlag bringen mochte, so blieb es noch immer problematisch, ob meine Wiedererscheinung nicht das Gegentheil von dem wirken wurde, was die Erbprinzessin sich davon versprach. In diesem Sinne schrieb ich meine Entschuldigungen nieder; und um der Prinzessin, welche nicht aufhorte, sich nach mir zuruck zu sehnen, nicht auf einmal alle Hoffnung zu rauben, versprach ich zu kommen, so bald der Erbprinz seinem Vater in der Regierung gefolgt seyn wurde.

Dieser Zeitpunkt stellte sich weit fruher ein, als ich es geglaubt hatte; denn der alte Herzog starb wenige Monate darauf. Da die Prinzessin mich an mein Versprechen erinnerte, so machte ich mich auf den Weg, so bald ihr Gemahl mich in einem eigenhandigen Schreiben dazu aufgefordert hatte. Ich kam fruh genug an Ort und Stelle, um den Festlichkeiten der Succession beizuwohnen. Die junge Herzogin empfing mich mit all dem Enthusiasmus, welcher ihrer schonen Seele eigen war; aber eben dieser Enthusiasmus sagte mir auch, dass hier alles noch beim Alten sey; denn die Wiedererscheinung der Freundin musste minderen Eindruck machen, wenn zwischen Gemahl und Gemahlin eine wirkliche Harmonie statt fand. Ich sollte mich auf der Stelle entschliessen, den Posten einer Oberhofmeisterin bei der jungen Herzogin anzunehmen; allein wie hatte ich dies gekonnt, ohne dem warnenden Genius entgegen zu streben, der mir zuflusterte, dass hier kein Gedeihen fur mich sey? Im Grunde war ich nur gekommen, das Terrain zu rekognosziren. Ich bat also, dass man mir Zeit lassen mochte; und ich that wohl daran, mich nicht zu ubereilen. Der Geist des Hofes war durchaus derselbe. Kaum war es bekannt geworden, dass ich bestimmt sey, Oberhofmeisterin zu werden, als jene Paar Familien, von welchen oben die Rede gewesen ist, alles aufboten, um mich zu kranken und wieder zu entfernen. Ich war aufrichtig genug, daruber mit der Herzogin zu sprechen. Sie zog die Schultern, und eine Thrane des ohnmachtigen Unwillens drang aus ihren schonen Augen.

"Sie haben Recht, Mirabella," sagte sie, "hier kein Gedeihen zu erwarten; und konnten Sie noch in meiner Achtung gewinnen, so wurde es durch die Entsagung geschehen, womit Sie in Beziehung auf sich selbst zu Werke gehen, indem Sie die Stelle der Ersten Dame von sich ablehnen. Ich muss es ganz Ihrem Gutbefinden uberlassen, ob Sie bei mir bleiben wollen oder nicht. Welche Parthie Sie aber auch ergreifen mogen, nie werd' ich an Ihnen irre werden, so lange noch etwas in mir ist, wodurch ich das Edle von dem Gemeinen, das Schone von dem Hasslichen zu unterscheiden im Stande bin. Ich habe, um alles mit einem Worte zu sagen, weder das Recht, Sie unglucklich zu machen, noch die Befugniss, von Ihnen zu verlangen, dass Sie mich durch engeres Anschliessen an meine Person noch unglucklicher machen sollen, als ich gegenwartig bin; denn dies ist es doch zuletzt, was Sie allein vermeiden wollen."

Es giebt, behaupte ich, kein angenehmeres Gefuhl, als sich in einer grossmuthigen Idee errathen zu sehen. Und waren mir, wahrend meines kurzen Aufenthalts am ...schen Hofe, die grossten Beleidigungen widerfahren; so wurd' ich sie in diesem Augenblick vergessen haben. Ich kusste die Hand der Herzogin voll stummer Wehmuth, wahrend sie mit einem Blick, aus welchem etwas Gottliches strahlte, mich ihre ewig theure Mirabella nannte.

Um mir meinen Aufenthalt in der Nahe eines so herrlichen Wesens nicht unnothig zu verbittern, sorgte ich dafur, dass es noch an demselben Tage bekannt wurde, dass ich die Stelle einer Oberhofmeisterin abgelehnt hatte. Die Wirkungen dieser Nachricht zeigten sich bald. Um die Achtung der meisten Menschen zu gewinnen, darf man ihnen nur unbegreiflich werden. Je weniger man darauf gerechnet hatte, dass ich eine so eintragliche und ehrenvolle Stelle ausschlagen wurde, desto emsiger drangte man sich zu mir, um das Warum zu erforschen. Wie geschmeidig waren nun mit einemmale alle die Creaturen, welche sich noch kurz vorher so trotzig und boshaft bewiesen hatten! Dem Kammerherrn muss ich indessen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er sich auch jetzt seinem legalen Charakter gemass bewies. Kaum konnte ich mich bei seinem Anblick des Lachens enthalten, so feist und glanzend hatte ihn seine Legalitat gemacht, die in ihm, wie in allen anderen Menschen, sich ganz vortrefflich mit der goldenen Monchsregel vertrug: "dass man seine Pflicht handlich erfullen, den Herrn Abt in Ehren halten und die Welt gehen lassen musse, wie sie nun einmal gehen will." Es war eine Lust, zu sehen, wie der ehrliche Kammerherr, von seiner Corpulenz gedruckt, auf einem Lehnstuhl da sass, die Ellenbogen auf die Lehnen gestutzt, die Daumen um einander schiebend, und von Zeit zu Zeit so tief aufathmend, als ob die Burde der Weltregierung auf ihm lastete. Und diesen Ehrenmann hatte ich einmal in meine Ideale verwickeln wollen; und diesem Manne hatte ich zugemuthet, einem jungen Prinzen Erhebung und bleibenden Antrieb furs Edle zu geben! Fehlgriffe dieser Art werden in der Welt nicht selten gemacht; aber sehr selten lacht man daruber, weil man nicht auf die Kontraste merkt, zu welchen sie fuhren. Ich wollte einen Versuch machen, mit dem guten Kammerherrn uber unseren ehemaligen Entwurf zu plaisantiren; allein ich hatte kaum davon zu sprechen angefangen, als der Schweiss aus allen seinen Poren hervorbrach; unstreitig weil er sich noch sehr lebhaft der Folter erinnerte, auf die ich ihn gesetzt hatte.

Der bewaffneten Neutralitat, in welcher ich den Hofleuten gegenuber dastand, verdankte ich es, dass der Rest meines Aufenthalts am Hofe sehr angenehm war. Lange durft' ich aber nicht bleiben, wofern ich nicht Misstrauen und Eifersucht erregen wollte. Ich trennte mich also von der Herzogin, so bald ich es nur uber mich erhalten konnte. "Wir sehen uns wieder," sagte sie beim Abschied; "und so Gott will, kommt nun die Reihe des Aufsuchens an mich." Ich verstand dies so, als ginge sie damit um, ihre Eltern zu besuchen, und antwortete in diesem Sinne. Nahere Verabredungen wurden unter uns nicht genommen. Ich trat meine Ruckreise mit frohem Herzen an, weil mir volle Genugthuung zu Theil geworden war. Was ich nach meiner Zuruckkunft unserem Hofe berichtete, machte um so mehr Vergnugen, weil es eine indirekte Lobrede auf die Weisheit enthielt, womit man die Dinge sich selbst uberlassen hatte. Mit Vergnugen trat ich in meine Einsamkeit zuruck, welche nicht mehr einsam war, seitdem sie durch ein junges Geschopf belebt wurde, das sich taglich herrlicher entwickelte. Die Tage verstrichen mir als Minuten; aber sie dehnten sich desto mehr in der Erinnerung aus; ein sicheres Zeichen, dass sie weder gedanken- noch empfindungslos verlebt wurden. Das einzige, was mein Gemuth in einer unangenehmen Spannung erhielt, waren die Briefe der Herzogin voll bitterer Klagen uber ihr Geschick. Doch, ohne hieruber in ein Detail einzugehen, begnuge ich mich, im Allgemeinen zu erzahlen, wie sich ihr Geschick entwickelte, und wie wir gegen alle unsere Erwartungen ganz plotzlich wieder vereiniget wurden.

Das hohere Maass von Freiheit, welches der Herzog durch den Tod seines Vaters gewonnen hatte, wirkte in sofern nachtheilig auf seine hauslichen Verhaltnisse zuruck, als es ihn zu Liebeshandeln aufgelegt machte, welche sein Ansehn kompromittirten. Seine Gemahlin war nicht sehr geneigt, davon Notiz zu nehmen; allein, indem einzelne Hofleute, die schwache Seite des Herrn benutzend, sich ein Verdienst daraus machten, ihm behulflich zu seyn, so konnte es nicht fehlen, dass alle die Spaltungen erneuert wurden, welche den ...schen Hof in einer fruheren Periode zu einem so unangenehmen Aufenthalte gemacht hatten, und dass selbst die Herzogin litte. Es kam aber noch dazu, dass, wahrend sie auf der einen Seite durch das Daseyn eines Erbprinzen ihre Bestimmung erfullt hatte, der Herzog auf der anderen seiner Gemahlin gegenuber eine Scham empfand, die zu uberwinden er zuletzt allzugut war. Es war besonders dieser letzte Umstand, der das edelste Weib, das je die Sonne beschienen hat, lastig, wo nicht gar verhasst, machte. Die Herzogin fuhlte dies, wusste sich aber nicht eher zu rathen noch zu helfen, als bis sie auf den gesunden Gedanken gerieth, ihren Gemahl um die Erlaubniss zu einer Reise nach der Schweiz und Italien zu bitten. Ihr Vorschlag wurde auf der Stelle angenommen, und eine hinlangliche runde Summe zur Bestreitung der Reisekosten ausgemittelt. So wurde die Ahnung erfullt, die mich bei der ersten Nachricht von der Schwangerschaft der Herzogin durchblitzte.

Zwei Jahre mochten seit meiner Zuruckkunft verstrichen seyn, als ich ganz unerwartet ein Schreiben voll Jubels von der Herzogin erhielt, worin sie mir nicht nur den Ausgang des langen Kampfes meldete, den sie gekampft hatte, sondern auch sagte, dass sie, um bequemer zu reisen, nicht den ganzen Aufwand machen wurde, den die eigennutzige Grossmuth ihres Gemahls ihr zu machen erlaube. Ubrigens verstande es sich von selbst, dass ich sie begleiten sollte. "Nur auf diese Weise," schrieb sie, "konnten wir uns wieder vereinigen, und ich schatze mich glucklich, dass ich endlich zum Ziel gelangt bin." Ich hatte Muhe mich von meinem Erstaunen zu erholen; allein indem ich die Sache nahm, wie sie einmal da lag, fand ich mich darin, und machte meine Reiseanstalten mit allem Eifer, den meine Liebe fur die Herzogin mit sich fuhrte. Meine Luise nicht an Andere abzutreten, beschloss ich, sie mit mir zu nehmen.

Ich war, als dies geschah, ein und dreissig Jahre alt; die Herzogin sechs Jahre junger. Gesundheit und Erfahrung besassen wir in gleichem Maasse; unsere Kopfe hatten dieselbe Richtung genommen. War irgend ein Unterschied, den physischen nicht in Anschlag gebracht, zwischen uns, so bestand er darin, dass bei der Herzogin, welche durch eine weit hartere Schule gegangen war, als ich, die Empfindungen mehr Tiefe hatten, wahrend ich, ohne deshalb nur im Mindesten leichtsinnig zu seyn, die ersten Eindrucke bei weitem leichter uberwinden und zur Sprache bringen konnte. Selbst vermoge dieses Unterschiedes passten wir herrlich zusammen; denn indem die Herzogin in ihrer stillen Grosse blieb und sich nur selten aussprach, war ich gewissermassen ihr Dollmetsch, und ihr selbst um so willkommner, weil ich ihre Empfindungen in Ideen verwandelte.

Wenige Wochen nach ihrem letzten Schreiben kam sie bei ihren Eltern an. Diese waren wiederum sehr zufrieden mit der Wendung, welche das Schicksal ihrer Tochter genommen hatte. Sie freueten sich herzlich, sie wieder zu sehen; sie freueten sich aber noch weit mehr der bedeutenden Pension, welche ihr Gemahl ihr ausgeworfen hatte. Es wurden Feste veranstaltet, welche frohe Gefuhle wecken sollten, aber, wie immer, nur Langeweile erregten. Die Herzogin konnte den Augenblick nicht erwarten, wo sie in meiner Gesellschaft ihre Reise nach der hochgepriesenen Schweiz antreten sollte. Endlich schlug die Stunde, und wir reiseten in einer wenig zahlreichen Begleitung ab.

Drittes Buch

Befurchten Sie nicht, mein angenehmer Freund, dass ich in meinen Bekenntnissen von Dingen sprechen werde, welche Sie weit besser wissen, als ich. Mein Reise-Journal liegt zwar neben mir; allein ich werde mich wohl in Acht nehmen, Ihnen durch die Mittheilung desselben Langeweile zu machen. Alles, was ich Ihnen mitzutheilen habe, sind einzelne Bemerkungen, hergenommen von dem Eindruck, den Gegenstande der Natur und Kunst, oder auch sehr interessante Personen, wahrend meiner Reise auf mich gemacht haben. Auf diese Weise werd' ich dem Alltaglichen entrinnen, und die Geschichte meiner Entwickelung beendigen, ohne auch nur ein einziges Mal in den unverzeihlichen Fehler der Geschwatzigkeit verfallen zu seyn. Ich selbst finde meine Rechnung bei diesem Verfahren; denn das Schreiben ist in sich selbst eine so grosse Beschwerde, dass ich gar nicht begreife, wie Leute sie uberwinden konnen, die, um mich des gewohnlichen Ausdrucks zu bedienen, durchaus nichts auf ihrem Herzen und Gewissen haben. Doch zur Sache!

Wenn die meisten Reisenden gar keinen Beruf zum Reisen haben, so haben dafur diejenigen Individuen den allerbestimmtesten Beruf, die aus dem Kampf mit der Gesellschaft eine Empfindlichkeit davon getragen haben, vermoge welcher sie, in bleibenden Verhaltnissen, nur beleidigen oder beleidigt werden konnen. Auf Reisen hat man es in seiner Gewalt, seine ganze Eigenthumlichkeit zu behaupten; denn von dem Augenblick an, wo sie bekampft wird, reiset man weiter; und da dem Reisenden, besonders dem bemittelten Reisenden, alles entgegen kommt, so fehlt es nie an Gelegenheit zu neuen Verhaltnissen, die alsdann wiederum so lange dauern, als sie konnen.

In dieser Hinsicht war mein Bedurfniss zu reisen bei weitem nicht so stark, als das der Herzogin; allein da ich nur an meinen Idealen hing und in der Herzogin die Reprasentantin derselben liebte, so war es mir vollkommen gleichgultig, an welchem Orte ich existirte; und auf diese Weise begegneten die Wunsche meiner Freundin vortrefflich meinen Neigungen. Selbst die Reise nach der Schweiz liess ich mir sehr gern gefallen, ob ich gleich fur dieses Land nie die mindeste Zartlichkeit empfunden hatte. Die Vorliebe der Herzogin fur dasselbe grundete sich von der einen Seite auf die hohe Achtung, welche sie fur Haller unterhielt, von der anderen auf die Urtheile jungerer Dichter, welche die Schweiz als das Land der Freiheit und des Ruhmes besungen hatten. Um keinen Preis hatte sie sich von einer Reise dahin abwendig machen lassen.

Ich gestehe, dass, nachdem wir an Ort und Stelle angelangt waren, die Naturwunder der Schweiz einen starken Eindruck auf mich machten; allein wenn dieser Eindruck zur Erhebung fuhrte, so fuhrte er zugleich zur Niedergeschlagenheit; mit einem Worte: Er verwirrte das Gemuth und raubte die innere Freiheit, ohne welche es unmoglich ist, sich wohl zu befinden. Herrliche Einfassungen, eine uppige Vegetation und was immer damit zusammenhangt eine kraftige Animalitat zeichnen die Schweiz vor allen Landern Europa's aus; hat sie aber das, was der gebildete Mensch unaufhorlich sucht Menschen von hoherer Entwikkelung? Ich mochte nicht gern daruber absprechen; das aber kann ich mit Wahrheit behaupten, dass ich dergleichen in der Schweiz nicht gefunden habe. Eben deswegen ist mir dies Land immer als ein schoner Rahmen mit einem schlechten Bildniss erschienen. Ich habe nicht den Muth gehabt, dies jemals offentlich zu sagen, weil ich mich auf den allgemeinsten Widerspruch gefasst machen musste; allein deshalb wurde ich, wenn es einmal golte, mein Urtheil nicht minder standhaft vertheidigen. Worin die grosse Beschranktheit der Schweizer ihren letzten Grund hat, ob in ihrer Umgebung, oder in ihrer Verfassung, das mogen Andere entscheiden; genug dass sie allgemein ist, und dass, wenn man sich mit der Schweizerheit selbst nicht identifiziren kann, eigentlich kein Interesse fur diese Nation moglich ist. Selbst die Herzogin, so gross auch ihre Vorliebe fur die Schweiz war, trat zuletzt mit dem Gestandniss hervor, dass es ihr problematisch geworden sey, ob man die Schweizer zu den Menschen rechnen konnte, da sie immer und ewig auf demselben Punkt blieben, und die Entwickelung des ubrigen Europa kaum im Widerschlage theilten. "Ich wurde mich," sagte sie, "auf das todtlichste langweilen, wenn die todte Natur hier nicht den Ausschlag uber die lebendige gabe; um jener willen muss man dieser etwas nachsehen; es versteht sich ja auch von selbst, dass da, wo Adel ist, auch Gemeinheit seyn muss."

Nach meiner Zuruckkunft in Deutschland hab' ich, um meine Urtheile uber die Schweizer zu berichtigen, ihre Geschichte studirt; allein ich muss gestehen, dass mich mein Studium in diesen Urtheilen nur bestarkt hat. Und hier kann ich nicht umhin, die Bemerkung zu machen, dass die Vorurtheile uber die Schweiz in dem gegenwartigen Augenblick so allgemein sind, dass sie sich selbst uber den neuesten Geschichtschreiber dieses Volks erstrecken. Wie dieser Mann zu seiner Reputation gelangt ist, begreife ich durchaus nicht. Seine Art zu komponiren hat fur mich so viel Widerwartiges, als ob ich mit entblossten Fussen uber scharfe Kiesel laufen musste. Ich bin so leicht nicht abzuschrecken, wenn es Belehrung gilt; aber es ist mir nicht moglich, acht Blatter von ihm hintereinander zu lesen, ohne mich ermudet zu fuhlen, und ich fordere alle Leute von Geschmack und Bildung auf, mir zu sagen, ob es ihnen besser gelingt? Ich will nicht sagen, dass die Affektation selbst bei der Abfassung den Vorsitz gefuhrt habe, wiewohl ich nicht begreife, wie man ohne der Einfachheit den formlichsten Abschied gegeben zu haben, so schreiben kann; allein, wenn der Styl in historischen Compositionen auch noch so gleichgultig seyn sollte, so entsteht noch immer die Frage: Wo hier die historische Composition sey? Dieser Mann muss auch nicht die allerentfernteste Idee von einem Kunstwerk haben. Alle guten Geschichtsbucher, die ich bisher gelesen habe, enthielten in der Darstellung selbst so viel Nothwendiges, dass mein Geist wider seinen Willen angezogen und fortgerissen wurde; in der sogenannten Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft hingegen mag ich anfangen wo ich will, mein Interesse ist immer und ewig dasselbe, d.h. gleich null; und wenn es nicht vorher ausgemacht ist, dass die Schwerkraft der Schweizer eben so wenig eine eigentliche Geschichte gestattet, als die der Felsenwande, wovon sie umgeben sind, so kann die Schuld nur an der Unfahigkeit des Geschichtschreibers liegen, der es nicht versteht, die Notizen zu Thatsachen zu erheben, und durch die abgemessene Zusammenstellung dieser Thatsachen ein anziehendes Ganze zu bilden. Doch was geht mich die Kritik an? Ich bitte allen Grazien die Sunde ab, die ich hier begangen habe; dabei versichere ich aber, dass ich sie nicht begangen haben wurde, wenn ich es dem Deutschen verzeihen konnte, dass er sich in seinem Gotzendienst immer gleich bleibt, nicht ahnend, dass er von allen Bestandtheilen des menschlichen Geschlechts zuletzt der einzige wahre Gott ist und allein Verehrung verdient.

Wie es sich aber auch mit der Schweiz und ihren Bewohnern verhalten mag, immer bleibt es ausgemacht, dass man sich fur Italien, als das Land der schonen Kunst, nicht besser vorbereiten kann, als durch einen langeren Aufenthalt in der Schweiz. Schwerlich giebt es zwei Lander, die sich in jeder Hinsicht noch mehr entgegen gesetzt waren. In der Schweiz sind die Menschen nichts; in Italien hingegen sind sie alles. Mag das Weltgeschick die Bewohner dieses schonen Erdstrichs fur den Augenblick noch so sehr niedergedruckt haben; deshalb haben sie nicht aufgehort, die Herrn der Erde zu seyn; ihr ganzes Wesen kundigt an, dass sie es gewesen sind, und dass es nur begunstigender Umstande bedarf, damit sie es von neuem werden. Auf keinem Erdfleck hat es seit drei bis vier Jahrhunderten so viel Revolutionen gegeben, als in Italien; und ob man gleich, diesen langen Zeitraum hindurch, nie den rechten Punkt getroffen hat, so folgt doch daraus nicht, dass man ihn niemals treffen werde. Eine bessere politische Verfassung ist es, was den Volkern Italiens fehlt, und ist diese nur erst vorhanden, so wird sich die alte Grosse ganz von selbst wieder herstellen. Mailand und Toskana ausgenommen, hat die Natur im Ganzen genommen sehr wenig fur die Bewohner Italiens gethan; aber gerade dieser Umstand ist es, dem die Italianer diesen hohen Grad von Entwickelung zu verdanken haben, in dessen Besitz sie sich befinden.

Wir gingen nach einem zweijahrigen Aufenthalt in den verschiedenen Hauptstadten der Schweiz nach Italien. Da die Kunst der Magnet war, welcher uns zog, so eilten wir nach der Hauptstadt des Kirchenstaates, wo wir mehrere Jahre verweilen wollten. Unser Weg fuhrte uns durch das Mailandische nach Florenz. Hier machten wir die Bekanntschaft der Grafin Luisa Stolberg d'Albania, Gemahlin des Prinzen Stuart, Pratendenten von England; und mehr bedurfte es nicht, um uns auf der Stelle Fesseln anzulegen, die wir Muhe hatten wieder abzustreifen.

Denn welche eigenthumliche Richtungen wir auch in unserer Ausbildung genommen hatten, so zeigte uns doch jetzt die Erfahrung, dass wir nicht die Einzigen unserer Gattung waren. Die Grafin Luisa d'Albania war Unseresgleichen; auch hatten wir uns kaum kennen gelernt, als wir mit aller der Unzertrennlichkeit an einander hingen, welche gleichgestimmten Gemuthern eigen ist. Das Einzige, wodurch die Grafin sich von uns unterschied, war ihre Religiositat; da diese aber mit dem, was man kirchlichen Glauben nennt, durchaus nichts gemein hatte, so bildete sie auch keinen trennenden Unterschied. Es giebt offenbar Dinge, welche uber alle Beschreibung hinaus sind; und zu diesen Dingen gehort eine solche Religiositat, als die der Grafin war. Ihrem Wesen nach, so weit ich dasselbe habe beobachten konnen, bestand sie in einem unablassigen Streben nach Harmonie mit dem Universum. In ihr war also alles begriffen, was Philosophie und Poesie genannt werden kann; nicht etwa diejenige Philosophie, welche darauf ausgeht, einen dynamischen obersten Grundsatz fur das All der Welterscheinungen aufzufinden, sondern diejenige, welche uber alles, was Erscheinung ist, hinaus strebt, und sich in das Wesen der Dinge versenkt und mit Poesie einerlei ist. Wie die Grafin zu dieser Entwickelung gelangt war, weiss ich nicht mit Bestimmtheit anzugeben; unstreitig aber hatte ihre Verbindung mit einem so prosaischen Prinzen, als ihr Gemahl war, das Meiste dazu beigetragen. Zwischen beiden fand eben das Verhaltniss statt, welches mehrere Jahre hindurch die Herzogin gedruckt hatte; und da die Unmoglichkeit einer Trennung aus staatsburgerlichen Grunden fur die Grafin eine unwiderstehliche Gewalt erhalten hatte; so war ihr nichts anderes ubrig geblieben, als die freieren Sitten Italiens zu einer Verbindung zu benutzen, welche ihrem ins Unendliche hinstrebenden Geiste zwar eine Stutze gewahrte, allein doch bei weitem mehr versprach als wirklich leistete.

Der Mann, mit welchem die Grafin in Verbindung stand, war der Graf Vittorio Alfieri d'Asti, ein Piemontese, dessen Tragodien in Deutschland jetzt bekannter zu werden anfangen. Nie hab' ich einen Sterblichen kennen gelernt, der mir das Bild, das ich mir immer von dem jungeren Brutus, dem Morder Casars, entworfen habe, getreuer reprasentirt hatte. Ich kann mit Wahrheit sagen, dass er ein Romer im hochsten Sinne des Worts war; eine Natur, wie man sie in unseren Zeiten gar nicht mehr erwarten sollte. Eine lange, hagere Gestalt, bewegte er sich langsam, mit starrem, auf die Erde geheftetem Blick. Sein Gesicht war blass, seine Lippen fein und geschlossen, seine Zahne weiss und scharf, seine Nase regelmassig gebildet, seine Augen dunkelblau, seine Stirne gross, aber schon gewolbt. In seiner Miene lag neben unbegranztem Wohlwollen eine Wuth, die auch das Ausserste nicht scheuet; und dies war so ganz der Charakter seines Gemuthes, in welchem die sanftesten Empfindungen neben den allerheftigsten bestanden. In seinem Geiste flossen die Geister des Tacitus, Macchiavelli und J. J. Rousseau zusammen. Wie in einem der edelsten Romer aus den besten Zeiten der Republik, war in ihm Alles auf das Politische hingerichtet. Er hatte keinen Begriff davon, wie die Poesie sich selbst Zweck seyn konnte; und darum wollte er ihr einen politischen Zweck geben. Alle Monarchien der Welt zu sturzen, darauf arbeitete er in seinen Trauerspielen hin, und ohne diesen Zweck wurde er es nicht haben uber sich erhalten konnen, eine Feder anzusetzen. Gewissermassen war dies der bose Damon der ihn trieb; aber er war weit davon entfernt, ihn dafur anzuerkennen, und wurde wuthend geworden seyn, hatte man einen Versuch gemacht, ihm das Falsche seiner Idee zu zeigen. Was man gemeiniglich unter einem Aristokraten versteht, giebt nur eine schwache Idee von seinem Wesen, und ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass er die Reprasentation der Aristokratie in der hochsten Potenz war, gerade so, wie jeder alte Romer, nachdem die Universalherrschaft errungen war. Was er ewig bedauerte, war, in diesen elenden Zeiten geboren zu seyn, die keinen freien Aufflug durch Thaten gestatteten, und in dem Schreiben allein eine Entschadigung erlaubten. "Ich setze mich an den Schreibtisch, nur um meinem Unwillen Luft zu machen und meine Galle zu verdunnen," sagte er mir mehr denn zehnmal, und ich glaubte es ihm, weil dies mit seinem ganzen Wesen zusammenhing. Ein hochst charakteristischer Zug von ihm war, dass er, um ungehinderter schreiben zu konnen, oder, wie er sich auszudrucken pflegte, per poter scemar la bile, seiner Schwester einen sehr wesentlichen Theil seines grossen Vermogens abgetreten hatte.

Man hatte glauben sollen, dass die Grafin Luisa d'Albania und der Graf Vittorio Alfieri mit so entgegengesetzten Eigenschaften sehr wenig fur einander vorhanden gewesen waren. Allein, indem die Grafin mit der unendlichen Liebe, die in ihr war, einen Gegenstand der Hochachtung suchte, musste der Graf ihr theuer werden; und indem dieser mit seinem granzenlosen Unwillen gegen das Verderbniss seiner Zeiten doch Etwas lieben wollte, gab es fur ihn keinen anderen Gegenstand, als ein Weib von Luisa's Geprage. Beide bewunderten sich um so mehr, je weniger sie sich begriffen. War der Graf Brutus, so war die Grafin Portia. Dies Verhaltniss wurde zuerst durch unsere Dazwischenkunft abgeandert. Die Herzogin, welche einmal fur allemal mit dem mannlichen Geschlecht gebrochen hatte, schloss sich enger an Luisen an, weil sie in ihr die eigene Vollendung zu erblicken glaubte. Ich hingegen fuhlte mich an Vittorio Alfieri angezogen, unstreitig weil er nach Moritz der einzige Mann war, den ich achten konnte. Mir entging die Schwarmerei nicht, die aus ihm wirkte, und um keinen Preis hatte ich die Seinige werden mogen; allein, da die Phantasie zuletzt das Einzige ist, was ein Weib an einem Mann lieben kann, so huldigte ich in meiner Hinneigung zu dem Grafen, soll ich sagen der Schwache meines Geschlechtes, oder dem ewigen Gesetz, unter welchem es steht? Ubrigens war niemals eine Verbindung unter vier Personen inniger und schuldloser, als die unsrige.

Ich lernte nach und nach den Grafen ganz kennen. Selbst aus seinem besondern Antriebe zum Schreiben machte er mir kein Geheimniss, und es war warlich nicht seine Schuld, wenn ich seinen Tyrannenhass nicht theilte. Diese Trauerspiele der Freiheit (wie er seine Tragodien nannte), die einander so ahnlich sind, dass sie dem unbefangenen Auge nur als Variationen desselben Thema's erscheinen mussen, hatten alle nur einen und denselben Zweck, namlich Verunglimpfung der Furstenmacht. Aus der Emsigkeit und Anstrengung, womit der Graf arbeitete, hatte man schliessen sollen, dass ihm die Kunst uber Alles theuer ware; und doch war dies gar nicht der Fall. In ihm ordnete sich der Kunstler dem Grafen, oder, wenn man lieber will, dem Aristokraten, auf das allerbestimmteste unter; in der That so sehr, dass er sich selbst verachtet haben wurde, wenn er in sich nur den Kunstler gesehen hatte. Was ihn unaussprechlich verwundete, war die Unempfindlichkeit seiner Zeitgenossen gegen den Zweck seiner Schopfungen. Errathen sollten sie ihn und zu einem unendlichen Furstenhass hingerissen werden; und da weder das eine noch das andere erfolgte, indem die Zuschauer und Leser nur bei dem tragischen Schicksal seiner Helden verweilend, lieber dem Mitleid als dem Unwillen Raum gaben, so wurde der Graf bisweilen zu einer Verzweifelung getrieben, worin es keinen anderen Trost fur ihn gab, als die Idee eines unbegranzten Ruhmes, der seiner in besseren Zeiten harrete. Mit unbeschreiblicher Wollust erfullte ihn dagegen alles, was die Wahrheit seiner Grundidee auch nur von fernher bestatigte. Die Nordamerikanische Revolution war fur ihn eine Erscheinung von unberechenbarer Wirksamkeit fur den gesellschaftlichen Zustand von Europa; und so bestimmt sah er durch sie alle Thronen umgesturzt, dass er in einem Washington den Heiland der Welt verehrte. Was ihn zu seiner eigenen Gattung machte, war diese innige Vereinigung des Schonen mit dem Politischen, die sein Wesen so einzig bestimmte. Ob die Idee, von welcher er ausging, probehaltig war, oder nicht, das kann und mag ich nicht bestimmen; das weiss ich aber, dass sie in ihm eine philanthropische war. Giebt es fur die wahre Grosse keinen anderen Maassstab, als die Ideen, womit ein Individuum sich unablassig beschaftigt; so stand Vittorio Alfieri in einer Grosse da, welche die Mehrzahl gigantisch zu nennen gezwungen ist. Und welche Kindlichkeit bei dieser Grosse! Eben der Mann, dessen Kopf in politischer Hinsicht einem Vulkan glich, war durchaus unfahig, irgend ein Individuum zu kranken, selbst dann nicht, wenn er es verachten musste. Er selbst sprach hieruber, als uber einen ewigen Widerspruch zwischen seinem Herzen und seinem Kopf, und war nur allzuoft ungewiss, ob er sich fur einen Thersites oder Achilles halten sollte; dies ruhrte aber nur daher, dass er in seinem Unwillen und Hass die Liebe verkannte, welche die Quelle derselben war. In sich selbst war er ein Ganzes, wie die Natur es selten hervorbringt; allein, indem er sich nicht als ein solches erschien, konnte er, anstatt sich seiner Individualitat zu freuen, sich nur zerreiben und vor der Zeit zerstoren. Bewundernswurdig waren seine Affektionen in Beziehung auf einzelne Zweige der Kunst. Ware er blos Kunstler gewesen, so wurde die Kunst fur ihn eine einige gewesen seyn; denn er hatte in den Kunstlern nur immer die Poeten sehen konnen. Weil er aber Graf und Kunstler zugleich war, so schied er die Poesie von allen ubrigen Kunsten, und mehrere derselben beruhrten ihn gar nicht. So waren z.B. Malerei und Bildhauerei durchaus nicht fur ihn vorhanden, oder ihm wohl gar verhasst, weil sie der staatsburgerlichen Grosse dienten. Die Musik hingegen liebte er sehr, ob gleich auch nicht um ihr selbst willen, sondern weil sie ihn in einen Zustand versetzte, worin seine herrschende Stimmung sich in Harmonie auflosete. Uberall war der Adel seiner Natur auf eine ganz eigenthumliche Weise mit demjenigen verschwistert, den er seiner Geburt verdankte, und was er am wenigsten ins Reine bringen konnte, war: wie viel von seinem Wesen er sich selbst und wie viel er dem gesellschaftlichen Zustand verdankte? Nichts wollte er dem letzteren zu verdanken haben, und vielleicht hatte er nie eine Tragodie geschrieben, wenn ihm zeitig genug klar geworden ware, auf welchen Bedingungen seine ganze geistige Natur beruhete, oder, mit anderen Worten, wenn er sich als Aristokraten hatte zur Anschauung bringen konnen.

Sobald ich den Grafen genauer kennen gelernt hatte, verzieh ich ihm Alles, weil ich in ihm nur den verfehlten Monarchen sah. Ich konnte ihm nicht werden, was die Grafin d'Albania ihm gewesen war und noch war; dazu fehlte es mir an Einbildungskraft. Allein, indem ich mich zwischen beiden in die Mitte stellte, nahm ich der eisernen Nothwendigkeit, in welcher er dastand, das Lastige, das bis dahin von ihr unzertrennlich gewesen war. Er selbst fuhlte sich durch mich nicht wenig erleichtert; und ob er gleich nicht angeben konnte, worin diese Erleichterung bestand, so lag es doch nur allzusehr am Tage, dass er in seinem Wirken durch mich an Freiheit gewonnen hatte. Wir kamen taglich zusammen, bald bei der Grafin d'Albania, bald bei der Herzogin. Des Grafen Sache war, uns seine Compositionen mitzutheilen. Was er seine Poesie nannte, war freilich sehr wenig fur uns vorhanden; allein wir fanden dabei dennoch unsere Rechnung auf eine doppelte Weise. Einmal konnten wir nicht umhin, uber das reiche Gemuth eines Mannes zu erstaunen, der, unbekummert um die gewohnlichen Hulfsmittel der tragischen Kunst, seinen Personen eine solche innere Starke gab, dass die Handlung sich mit gleichem Interesse zum Ziele fortbewegte, ohne dass mehr als vier bis funf Werkzeuge dazu beitrugen; und in der That werden seine Tragodien von dieser Seite immer bewundernswurdig bleiben. Zweitens wurden wahrend der Vorlesung alle die schauerlichen Gefuhle in uns geweckt, welche den religiosen so nahe verwandt und doch so wesentlich von ihnen verschieden sind; wir glaubten uns von lauter Gespenstern umgeben, und ich erinnere mich auf das bestimmteste, dass, als der Graf an einem sturmischen Herbstabend seinen Orestes vorlas, die Herzogin sich fest an ihre Freundin anklammerte und starren Blicks auf den Grafen hinschaute, als wollte sie begreifen, wie eine Elektra oder Clytemnestra sich in seinem Gehirn hatte entwickeln konnen. Dergleichen Vorlesungen endigten sich in der Regel mit einem Streit uber die tragische Kunst. Der Graf sprach gern uber diesen Gegenstand, weil er nur etwas Vortreffliches liefern wollte; allein da sich, wie ich schon oben bemerkt habe, der Kunstler in ihm dem Grafen so wesentlich unterordnete, so war uber diesen Punkt kein Einverstandniss mit ihm moglich; der eigenthumliche Zweck seiner Tragodien verhinderte die Vortrefflichkeit derselben, ohne dass es moglich war, ihn davon zu uberzeugen. Ich hatte schon damals eine Ahnung davon, dass die wahre Tragodie das Gemuth des Zuschauers oder Lesers nicht martern, sondern erheben musse, und ohne Ruckhalt ausserte ich diese Ahnung; allein der Graf war hieruber durchaus entgegengesetzter Meinung, und ob er gleich die Weinerlichkeit von ganzem Herzen verabscheute, so bestand er doch auf Erzeugung eines grossen Unwillens, indem er sich einbildete, dass das Gemuth nur durch Gefuhle, nicht durch Ideen, erhoben werden konnte. Dies war ein Punkt, auf welchem er standhaft beharrete; und auf welchem er freilich beharren musste, wenn er nicht seinem ganzen Wesen entsagen wollte. Uberhaupt war es mehr die Individualitat des Grafen, als seine Kunst, was an ihm beschaftigen konnte. Am reinsten sprach sich diese Individualitat in seinen Sonnetten aus, welche vielleicht die schonsten sind, die Italien aufweisen kann. Hatte der Graf den Unterschied der lyrischen und dramatischen Poesie in Beziehung auf seine Natur gekannt, so hatte er es schwerlich jemals darauf angelegt, durch die letztere unsterblich zu werden.

Zwei Jahre waren auf diese Weise verstrichen, als die Herzogin sich nach Rom zu sehnen begann. Die Grafin d'Albania versprach uns dahin zu begleiten; der Graf Vittorio Alfieri hingegen, welcher seine Mirrha angefangen hatte, wollte sich nach Siena begeben, um seinen republikanischen Ideen in diesem kleinen Freistaat ungehinderter nachhangen zu konnen. Es wurde die Verabredung genommen, dass der Graf uns, wahrend des nachsten Winters, in Rom auf einen Monat besuchen sollte, und dass wir gegen den nachstfolgenden Winter wieder in Florenz zusammentreffen wollten. Ein florentinischer Maler hatte die Gefalligkeit, uns begleiten zu wollen. Die Reise ging vor sich, wir kamen wohlbehalten in Rom an, und wurden, von der liebenswurdigen Grafin eingefuhrt, allenthalben unserem Stande gemass empfangen.

Obgleich der ausschliessende Zweck unseres Aufenthalts in Rom die Kunst und nahmentlich die Malerei war; so konnten wir doch nicht umhin, auch auf die Menschen einzugehen, von welchen wir uns umgeben sahen. Man nennt die Romer schlau und fein; allein man vergisst, dass sie mit diesen Eigenschaften eine Unschuld verbinden, welche erst dann aufhort, wenn eine gewisse Rohheit Forderungen an sie macht, die sie nicht befriedigen konnen, ohne ihrem Wesen zu entsagen. Einem vielseitig ausgebildeten Menschen muss, allen meinen Erfahrungen zufolge, in Rom sehr wohl zu Muthe seyn, weil er allenthalben auf seines Gleichen stosst. Dem vornehmeren Theil der Romer besonders ist ein Entwickelungsgrad eigen, wie man ihn, ausserhalb des Kirchenstaates, schwerlich auf irgend einem Erdfleck antrifft. Je unbestimmter und schwankender die gesellschaftlichen Verhaltnisse in Italien, besonders aber im Kirchenstaate, sind, desto starker ist die Aufforderung, welche jeder Einzelne hat, in diesem Kampfe aller gegen alle seine Existenz zu sichern. Daher die Feinheit, womit man sich gegenseitig behandelt. Schon von der fruhesten Jugend an nimmt das Studium menschlicher Krafte und Eigenthumlichkeiten seinen Anfang; es ist also kein Wunder, wenn man es hierin zu einem hohen Grade der Vollendung bringt. Das Verhaltniss der Kirche zum Staate, oder vielmehr das Verhaltniss des Mittelpunkts der Theokratie zu der Welt tragt nicht wenig dazu bei, dem Geiste der Romer eine Gewandtheit zu geben, wie man sie sonst nirgend findet; eine Gewandtheit, die, obgleich ursprunglich nur in den ersten Reprasentanten der Kirche vorhanden, von diesen selbst auf die untersten Volksklassen ubergeht. Mit Vergnugen erinnere ich mich einer Unterredung mit dem beruhmten Cesarotti, der, als von dem Charakter der Romer unter uns die Rede war, mir Folgendes zur Aufhellung desselben sagte:

"Unser ganzes gegenwartiges Wesen besteht aus drei Elementen, die, wie verschiedenartig sie auch scheinen mogen, den innigsten Zusammenhang unter einander haben. Das erste ist die Messertragerei; eine Folge des unvollkommenen gesellschaftlichen Zustandes, in welchem wir leben. Das zweite ist unsere Religiositat, welche mit unserer physischen Tragheit in enger Verbindung steht, und durch nichts so sehr gehalten wird, als durch den Umstand, dass von Rom aus aller kirchlicher Impuls geschieht. Das dritte ist unsere Kunst, wodurch wir, abgesehen von der Kraft selbst, welche sie moglich macht, nichts weiter beabsichtigen, als Sicherstellung unserer Eigenthumlichkeit. Man zerstore eines dieser Elemente in uns, so sind die beiden anderen zugleich zerstort. Auf den ersten Anblick sollte man freilich glauben, dass die Messertragerei dem hohen Aufschwunge, welcher in das Gebiet der Kunst fuhret, nicht gerade nothwendig sey. Ich will auch nicht im Allgemeinen behaupten, dass ohne Messertragerei keine Kunst statt finden konne. Aber etwas anderes ist Kunst uberhaupt, und etwas anderes romische Kunst insbesondere. Die letztere kann nur dadurch moglich werden, dass das Gemuth dem Geiste eine Erhebung giebt, wie sie nun einmal erforderlich ist, um das Ausserordentliche zu Stande zu bringen. Hatten wir eine regelmassige, nur fur den Kirchenstaat vorhandene Regierung, beschaftigte sich diese Regierung nur mit der Begluckung der Unterthanen, und fande Jeder im Ackerbau, in der Ausubung irgend eines Handwerks, in Fabrikarbeit und dergleichen, was zur Leibesnahrung und Nothdurft gehort; so waren wir gewiss eben so moralisirt, als die Burger anderer Staaten. Da wir keine solche Regierung haben, und auch alle ubrige Bedingungen geradezu wegfallen; so sind wir nicht moralisirt, aber wir sind Romer, und, was man auch zu unserem Nachtheil im Auslande sagen mag, unseren grossen Vorfahren bei weitem mehr verwandt, als die Kurzsichtigkeit es begreifen kann. Was unsere Vorfahren durch eine mit physischer Gewalt verbundene List vollzogen, das vollziehen wir durch die reine List. Die romische Universalmonarchie hat deshalb noch nicht aufgehort, weil es keine romische Imperatoren mehr giebt; die Bande, durch welche die Welt an Rom gefesselt ist, sind nur geistiger geworden. Wollen Sie leugnen, dass dies grosse Eigenschaften von Seiten der Romer voraussetze? Der wurde ein Thor seyn, der unseren gesellschaftlichen Zustand als Muster empfehlen wollte; wer ihm aber alle Kraft abspricht, der versundigt sich an der Wahrheit. Das staatsburgerliche Elend, das hier vielleicht grosser ist, als in irgend einem anderen europaischen Staate, muss vorhanden seyn, damit es einzelnen Menschen gelinge, uber die ganze Menschheit hervorzuragen. Das Wesen eines Romers ist auf ein ungemeines Maass von Kraft berechnet. Wer im Besitze desselben ist, der emergirt, und muss als ein Reprasentant der Romerheit betrachtet werden; wer es nicht ist nun der gehort zum Pobel, zu den Lasttragern der Gesellschaft. Von einem hoheren Standpunkt aus betrachtet, ist die Kraft immer dieselbe, und der Unterschied besteht nur in der temporellen Richtung, die sie genommen hat. Dasselbe Individuum, dass Sie heute als Bildhauer oder Maler in seiner Werkstatte bewundern, ist vielleicht nach acht Tagen ein Cardinal, und als solcher nicht minder bewundernswerth. Jene Universalitat, welche zu jedem ausgezeichneten Lebensgeschaft geschickt macht, finden Sie nur in dem Romer; und man mochte sagen, sie sey ihm angeboren, so bestimmt geht sie aus seinem ganzen Wesen hervor. Anderwarts zerquetschen staatsburgerliche Klemmen tausend und aber tausend Krafte; hier ist dies nicht der Fall, weil die Idee des Rechts uns fremd ist, und wir gewissermassen fortgesetzt im Zustande der Natur leben. Wer dem anderen ein Bein unterschlagen kann, hat auch die Befugniss dazu, und niemand fragt, ob er ungrossmuthig gehandelt habe. Jeder will der Erste seyn; jeder sich zum Mittelpunkt machen. Er thue es auf seine Gefahr; gelingen kann es ihm immer nur in sofern, als er allen Ubrigen zusammengenommen gewachsen ist. Moglich, dass unser Wesen in der Folgezeit sehr bedeutend abgeandert wird; aber so lange Rom das Centrum der Theokratie bleibt, wird es auch Romer geben, und uberall begreife ich nicht, was den Romer aus der Welt verbannen konnte, da sein Wesen nicht an eine einzelne Form gebunden, sondern immer in der Kraft gegrundet ist. Es ist vielleicht sogar wunschenswerth, dass irgend eine Revolution erfolge, die uns aus dem Schwerpunkt hebe, worin wir gegenwartig stehen. Ich furchte sie nicht, und uberlasse es kurzsichtigen Thoren ihren Eintritt zu bejammern. Die Stutzen meines Muthes sind diese sieben unfruchtbaren Hugel, welche so viele Jahrhunderte hindurch unendlich mehr stutzten."

Ich habe hier alles zusammengefasst, was ich uber die Romer zu bemerken hatte, damit ich ungestorter in meiner Erzahlung fortschreiten mochte. Sowohl die Herzogin als die Grafin d'Albania wurden sehr wenig von den Menschen um sie her beruhrt; die erstere, weil sie nur nach der Weihe strebte, welche die Kunst verleiht, die letztere, weil sie sich durch den Umgang in dem Fluge gehemmt fuhlte, den ihre Einbildungskraft zum Universum genommen hatte. Fleissig wurden die Tempel der Kunst besucht, deren Rom so viele hat; aber verschieden waren die Eindrucke, welche die Schopfungen der auserlesensten Geister auf uns machten. Die Grafin d'Albania begrusste sie als Jugendgespielen, an welche wir uns selbst dann noch hingezogen fuhlen, wenn wir in unserer Entwickelung weit uber sie hinausgegangen sind; sie war seit vielen Jahren mit ihnen vertraut, da sie aber ihrer Bildung zum Grunde lagen, so konnten sie nicht mehr in dieselbe eingreifen. Die Herzogin trat in die Sixtinische Capelle, in welche wir zuerst gefuhrt wurden, mit der holden Verwirrung einer Jungfrau, die sich plotzlich in einen Kreis wunderschoner Junglinge versetzt sieht; errothend starrte sie hin auf die dem Pinsel entquollenen Gestalten, als ob alle diese Bilder von jeher in ihrer Seele gelegen hatten, ohne dass ihr die Kraft geworden, sie selbst zu erzeugen. Was mich selbst betrifft, so empfand ich zwar das Ausserordentliche dieser Schopfungen; allein sie ubten keine anziehende Kraft an mir aus, es sey nun, weil der Verstand in mir den Ausschlag uber die Einbildungskraft gab, oder weil Vittorio Alfieri's Geist starker auf mich eingewirkt hatte, als ich mir selbst gestehen mochte; wenigstens muss ich bekennen, dass ich mich oft instinktmassig nach ihm umsah, um sein Urtheil zu erfahren.

Diese verschiedene Empfanglichkeit fur die Wunder der Kunst fuhrte zu eigenthumlichen Entwickelungen. Wahrend die Grafin daruber hinaus war, und ich dahinter zuruckblieb, ging die Herzogin darin unter. Eine langere Zeit hindurch schwankte sie zwischen verschiedenen Meistern hin und her; ihr Zustand konnte eine asthetische Betaubung genannt werden, so wie die Allgewalt des Schonen ihn erzeugen muss. Als sie sich aber nach und nach wieder sammelte und mit Bewusstseyn zu empfinden begann, da erklarte sie sich mit allem, was in ihr war, fur Raphael. Nie hat eine reinere Seele diesem unsterblichen Meister feuriger gehuldigt. Sie wurde nicht mude, seine Werke zu betrachten, und seine Schopfungen verdrangten aus ihr alle anderen Bilder, von welcher Art sie auch seyn mochten. Hab' ich sie anders gehorig beobachtet, so fuhlte sie sich allzuschwach, die Individualitat der Grafin in sich aufzunehmen; aber Raphaels Begranzung entsprach der ihrigen. Ihn begriff sie in allen seinen Bildungen, und wunderbar waren die Commentare, die sie daruber machte. Sie wusste z.B. alle Widerspruche zu losen, welche einzelne Kritiker in Raphaels Verklarung anzutreffen geglaubt haben, und nannte dies Werk die Apotheose des Kunstlers. Denn ihrer Versicherung nach, waren die beiden Handlungen, die man in diesem Gemalde erblickt, aufs innigste fur einander vorhanden, und das Wunder der Verklarung nur durch die fehlgeschlagene Heilung des besessenen Knaben bedeutend und idealisch. Dabei ruhmte sie die tiefe Menschenkenntniss, welche Raphael dadurch offenbaret, dass er den schonsten der Apostel in einer Unterredung mit Weibern, die ubrigen im Gesprach mit Mannern dargestellt habe; und was die in gleicher Linie laufenden Arme der Apostel betrifft, so behauptete sie, dass, die kunstgerechte Anordnung mochte sich noch so heftig dagegen erklaren, die Symmetrie der Composition sie nothwendig mache. Um ubrigens immer von Raphael umgeben zu seyn, setzte sie sich in den Besitz der besten Copien, vorzuglich in Kupferstichen; und so konnte es schwerlich fehlen, dass dieser Kunstler nach und nach der einzige Gegenstand ihrer Liebe wurde.

Es ist unstreitig schon ofter der Fall gewesen, dass ein hingeschiedener Geist einen noch vorhandenen einzig beschaftigt hat; allein schwerlich ist dies jemals auf eine so eigenthumliche Weise geschehen, als in der Liebe der Herzogin fur Raphael. So weit eine rein geistige Ehe denkbar ist, vermahlte sie sich auf das formlichste mit ihm. Es war zuletzt nicht der Kunstler, es war der Mann, den sie in ihm erblickte, die schaffende Kraft, die sie in ihm anbetete. Die Folgen furchtend, welche eine so eigenthumliche Wendung ihres Geistes nach sich ziehen konnte, suchte man ihren Enthusiasmus dadurch zu vermindern, dass man ihr Anekdoten von Raphaels Liederlichkeit erzahlte. Vergeblich; so keusch sie auch war, so wurde sie dadurch doch nicht beleidigt. "Wie konnte, erwiederte sie, Raphael anders seyn? Was ihr Liederlichkeit nennt, war bei ihm die Folge einer uppigen Fulle. Zugegeben, dass er langer gelebt hatte, wenn er haushalterischer mit seinen Kraften umgegangen ware, entsteht noch immer die Frage, ob diese Okonomie ihm moglich war? Und hat er etwa weniger gelebt, weil er im sechs und dreissigsten Jahre gestorben ist? Seine Schopfungen sagen, dass er viel gelebt hat, und was wir ihm alle beneiden sollten, ist, dass er die Kraftlosigkeit und Erschopfung des Alters nie empfand, sondern wie Achilles zu den Unsterblichen gewandert ist. Sagt mir, Raphael sey siebzig Jahre alt geworden, weil er durchaus verstandig gewesen sey, und ihr werdet euren Zweck erreichen. Was ihr seine Liederlichkeit nennt, redet ihm bei mir das Wort; denn wer das Schone so darstellt, wie Raphael es dargestellt hat, der kann nur das Schone lieben und nur in dem Schonen untergehn."

Und indem die Herzogin auf diese Weise ihrer Leidenschaft fur Raphael das Wort redete, verzehrte die innere Gluth, womit sie empfand, ihre physischen Krafte zusehends. Es war ein eigenthumliches Schauspiel, das der Grafin und mir in dieser Hinsicht gewahrt wurde; denn wir sahen eine Verklarung von statten gehen, wie man sie selten erlebt. Ohne dass irgend ein Lebensorgan angegriffen war, wurde die Herzogin nach und nach zu einem Schemen. Alles, was Kraft genannt werden kann, blitzte aus ihren grossen blauen Augen und sprach von ihren Lippen; aber andere Kennzeichen des Lebens waren nicht in ihr vorhanden. Sie selbst hatte keine Ahnung von ihrem nahen Hintritt, und sprach zu uns nur immer von ihrer Liebe; Ort und Zeit aber war darin untergegangen. In uns erstickte eine gewisse Feierlichkeit alle die gewohnlichen Gefuhle des Mitleides, des Bedauerns u.s.w. Immer musste es uns schmerzen, eine solche Freundin zu verlieren; aber wie hatten wir sie beklagen konnen, da sie nur in einem Ubermaass von innerem Leben ihren Untergang finden konnte? Noch ruhiger, als ich, war die Grafin d'Albania. Sobald sie wahrgenommen hatte, dass der Herzogin nicht mehr zu helfen sey, versetzte sie sich in diejenige Stimmung, wodurch sie dem hohen Flug ihrer Phantasie innerhalb des Gebietes der Kunst nachhalf. Wirklich wurden die letzten Augenblicke der Herzogin dadurch nicht nur aufgeheitert, sondern auch verlangert, und der Ankunft des Grafen Vittorio Alfieri war es aufbehalten, den kritischen Moment herbeizufuhren.

Er hatte seine Myrrha vollendet, als er bei uns ankam. Seiner eigenen Vorstellung nach war dies von allem, was er je gearbeitet hatte, das Beste. Er brannte vor Begierde, diese Tragodie vorzulesen, weil er es darin ausschliessend auf eine Huldigung der Grafin angelegt hatte. Meinen Wunschen nach sollte die Herzogin entfernt werden; aber dazu war keine Gelegenheit. Die Vorlesung nahm ihren Anfang, sobald es dunkel geworden war. Wir sassen dem Vorleser gegenuber. Die Herzogin theilte unsere Spannung nicht, wiewohl sie nicht ganz unaufmerksam war. So wie indessen der Charakter der Myrrha, in welchem des Heldenmuthigen genug, des Weiblichen aber nur allzuwenig ist, sich mehr entwickelte, nahm die Unruhe der Herzogin zu. Beim vierten Akt sank sie ganz unerwartet in die Arme der Grafin. Wir vermutheten nichts weniger als plotzlichen Tod; allein ihre Augen erhielten die Richtung der Verklarten, und zwei Zukkungen, welche unmittelbar darauf erfolgten, vollendeten den Hintritt.

Hatte Alfieri's Vorlesung die Herzogin getodtet, so war Alfieri dabei ganz unschuldig. Es giebt Krankheiten, in welchen ein kaltes Luftchen die Kraft hat, die leidende Maschine einmal fur allemal zu zerrutten. Eine ahnliche Bewandniss musste es mit dem Zustande der Herzogin haben. Die Grafin, wie tief sie auch von dem Tode unserer gemeinschaftlichen Freundin verwundet war, behielt ihre ganze Klarheit und vergoss daher keine Thrane. Was mich betrifft, so gesteh' ich, dass die Plotzlichkeit des Todesfalles verwirrend auf mich zuruckwirkte, und das Gefuhl der Ohnmacht so bestimmt in mir aufregte, dass ich weinen musste, um mir wieder klar zu werden. Unendlich mehr, als ich, war der Graf Vittorio ergriffen; die Kindlichkeit seines Gemuthes zeigte sich bei dieser Gelegenheit in ihrer ganzen Starke. Er, der in seinen Trauerspielen den Tod so oft vorbereitet hatte, dass man hatte glauben sollen, er sey in der Wissenschaft der Gesetze, nach welchen der Tod erfolgen muss, abgehartet worden er ertrug den vorliegenden Fall so ungeduldig, als ob er unter uns das einzige Weib gewesen ware. So wenig hatte er das Wesen der Herzogin ergrundet, dass er darauf bestand, sie lebe noch, und durch diese kuhne Behauptung uns in die Nothwendigkeit setzte, die geschicktesten Arzte herbei zu rufen. Uberflussige Maassregel! Sie, die kein Arzt hatte retten konnen, weil ihre Krankheit uber alle Hulfe hinaus war, wurde von den Arzten fur vollkommen todt erklart, und wohl hatte die Grafin Recht, wenn sie sagte: "Wie konnte sie noch langer leben, da sie am Ziele war?" Auch bin ich uberzeugt, dass die Herzogin, wenigstens in den letzten Tagen ihres Daseyns, eine Ahnung von dem nahen Aufhoren desselben hatte; denn, obgleich ihre ehemaligen Verhaltnisse mit ihrem Gemahl ganz in ihrer Erinnerung untergegangen waren, so gedachte sie doch noch des Sohnes, dem sie das Leben geschenkt hatte, und schmeichelnd bat sie mich, Erkundigungen von seinem Befinden einzuziehen. Dies wurde nicht geschehen seyn, hatte sie nicht die Abnahme ihrer physischen Krafte gefuhlt, und hatte dies Gefuhl sie nicht getrieben, der Mutterlichkeit den letzten Tribut zu bringen; denn es ist nun doch einmal die Mutter, die in einem vollendeten Weibe zuletzt stirbt.

Von der Leichenbestattung der Herzogin kein Wort, so glanzend sie auch war, da die Furstin fur eine gute Catholikin ausgegeben wurde, und die romische Geistlichkeit keine Ursache fand, diese Unwahrheit zu bestreiten. Ihr Tod wirkte vorzuglich in sofern auf mich zuruck, als er das Verhaltniss zerriss, in welchem ich bisher mit Vittorio Alfieri gestanden hatte. Nicht dass ich ihm nicht theuer geblieben ware; ich blieb ihm alles, was ich ihm jemals gewesen war. Allein die Grafin war der Zeit nach seine erste Liebe, und musste es auch dem Range nach bleiben, weil die Unendlichkeit, die in ihr war, durch kein anderes Weib ersetzt werden konnte. Auch die Grafin ihrer Seits fuhlte sich wieder an Vittorio angezogen, da die Herzogin nicht mehr war. Ich stand von nun an zwischen beiden in der Mitte, gleichsam als Dolmetsch ihres gegenseitigen Interesses. Sie baten mich, mit ihnen nach Florenz zuruck zu gehen, und ich that es in Ermangelung eines besseren Schicksals. Mehrere Jahre blieb ich bei ihnen, und war ein Zeuge von Alfieri's steigender Verwirrung und Luisa's wachsender Klarheit. In diesem Zeitraume verheirathete ich meine Pflegetochter mit dem Professor D..., einem Deutschen, dessen Bekanntschaft ich in Rom gemacht hatte, wo er jene lieb gewann und nicht eher rastete, als bis ich ihm erlaubte, sie zu ehelichen und mit nach Deutschland zuruck zu nehmen.

Der Pratendent von England war indess gestorben und bald darauf die franzosische Revolution ausgebrochen. Die Felsenmasse die bisher auf Vittorio Alfieri's Brust gelegen hatte, wurde durch diese beiden Ereignisse versprengt; denn das erstere erfullte alle die Wunsche, die er in Beziehung auf die Grafin unterhalten hatte, und durch das letztere glaubte er alle seine politischen Ideale der Realisirung nahe. Den Cothurn von sich schleudernd, fasste er den Entschluss, nach Frankreich zu gehen und ein Burger der neuen Republik zu werden. Die Grafin d'Albania war leicht beredet, ihm dahin zu folgen; denn von allen gleichgultigen Dingen war der Ort ihrer Existenz ihr das gleichgultigste. Auch ich sollte mit nach Frankreich gehen; da mir aber die Franzosen noch immer zuwider waren, und alles, was ich jetzt noch lieben konnte, sich in Deutschland befand, so entschuldigte ich mich so gut, als moglich, indem ich versprach, dass ich erst eine Reise in mein Vaterland machen und alsdann meine Freunde in Paris aufsuchen wollte. Beide gingen uber Turin nach Lyon, von wo aus sie ihre Wallfahrt nach der Hauptstadt des Reiches fortsetzten. Ich begab mich in die pisanischen Bader, um daselbst neue Bekanntschaften anzuknupfen, und mit diesen nach Deutschland zuruck zu gehen. Hier war es, wo ich meine Eugenia zuerst kennen lernte. Ehe ich aber in meiner eigenen Geschichte fortfahre, muss ich noch einen Blick auf die Grafin d'Albania und den Grafen Vittorio Alfieri werfen.

Nur Weniges hab' ich seit meiner Trennung von beiden erfahren. Die erstere kehrte nach Italien zuruck, sobald die Revolution eine blutige Wendung genommen hatte. Der letztere blieb in Paris, bis alle seine Erwartungen getauscht waren. In einer feurigen Ode besang er die Zerstorung der Bastille; in einer noch feurigern den Umsturz des Thrones. Als aber der Schrecken eintrat, da siegte seine Menschlichkeit uber alle seine Ideale. So gross wurde sein Abscheu vor allem, was um ihn her vorging, dass er sich mehr, als jemals, in der Einsamkeit begrub. Sich zu zerstreuen, lernte er Griechisch, und hatte ein Kunstler aus ihm werden konnen, so wurde es unter diesen Umstanden geschehen seyn. Doch die heitere Region der Kunst sollte ihm ewig verschlossen bleiben. Anstatt sich von den Schlacken der Aristokratie zu reinigen, wurde er trubsinnig und schwermuthig; und wie konnte dies ausbleiben, da von allem, was er geahnet hatte, das Gegentheil erfolgte und sein ganzes System uber den Haufen geworfen wurde? Nach einem achtjahrigen Aufenthalte in Frankreich kehrte er nach Florenz zuruck, wo die Grafin d'Albania unterdessen gestorben war. Hier lebte er seitdem zerbrochenen Herzens als ein von seinen Idealen Verlassener. Hat er nicht selbst die Dauer seines Lebens abgekurzet, so ist er wenigstens nicht ungern gestorben. Wenige Menschen haben im Kampfe mit sich selbst mehr gelitten. In einem Sonnet, das ich sorgfaltig aufbewahre, weil er es zu einer Zeit machte, wo er mit sich selbst hochst unzufrieden war, redet er sich also an:

Uom, sei tu grande, o vil?

Und seine Antwort ist:

Muori; il saprai.

Aber der ungluckliche Mann ist nie hinter das Geheimniss gekommen, das ihn einzig beschaftigte; denn nie konnte er seiner Verwirrung Meister werden; sie musste ihn todten. Ich habe oft gedacht, dass Alfieri in jenen Zeiten, wo das Feudalwesen in seiner Bluthe dastand, ein herrlicher, hoch hervorragender Mann gewesen seyn wurde. Nicht die Feder, sondern Lanze und Schwert waren ihm, allen seinen Anlagen nach, vom Schicksal beschieden; sein grosses Ungluck war dass seine Existenz in Zeiten fiel, wo sich von beiden kein Gebrauch mehr machen lasst. Sanft ruhe seine Asche; sie ruhe um so sanfter, weil alle Sturme, die sein Daseyn zerrutteten, innere Sturme waren, deren Wuth sich nicht beschwichtigen liess. Selbst Bonaparten, der das Problem der franzosischen Revolution so vollstandig geloset hat, musste Alfieri hassen, weil er nicht an seiner Stelle war.

Gleich bei der ersten Bekanntschaft fuhlte ich mich unwiderstehlich an Eugenien angezogen. Es war ihre Physiognomie, was mir die Versicherung gab, dass wir Freundinnen werden konnten; und da dieser Burge sich in diesem, wie in jedem anderen Falle, bewahrt hat, so so seh' ich mich genothigt, hier einen Theil meines Systemes in Ansehung freundschaftlicher Verbindungen zu enthullen. Ich werde von der einen Seite sehr viel Muhe haben, mich deutlich zu machen, und von der andern, gegen alle meine Neigungen, zu einer (wenn gleich kurzen) Dissertation uber das Verhaltniss der Physiognomie zur Freundschaft hingerissen werden. Allein ich muss mich jener Beschwerde und diesem Ubelstande unterwerfen, wofern meine Bekenntnisse nur einigermassen vollstandig ausfallen sollen.

Eine langere Zeit hindurch folgte ich in freundschaftlichen Verbindungen einem gewissen Instinkte, welcher mir sagte, dass mit diesen oder jenen Personen ein gutes Verhaltniss fur mich moglich oder unmoglich sey, weil ihre Physiognomie irgend eine Wendung hatte, die mich anzog oder zuruckschreckte. Das Wunderbare hierbei war, dass sich, bei genauerer Bekanntschaft mit eben diesen Personen, bestandig fand, dass die Aussage meines Instinktes eine sehr zuverlassige gewesen war. Eben deswegen wunschte ich alles Dunkle aus diesem Instinkte zu verbannen. Allein wie das, was bisher blosses Gefuhl, und zwar ein sehr verworrenes Gefuhl, gewesen war, in eine Formel verwandeln, die ich auf jede mir vorkommende neue Physiognomie anwenden konnte?

Dass die Physiognomie selbst nur etwas Symbolisches sey, leuchtete mir sehr bald ein. Eben so begriff ich ohne Muhe, dass sie als etwas Symbolisches nur auf das Gefuhl wirken konnte. Wollte ich nun das Gefuhl in Idee und den Instinkt in haltbare Formel verwandeln, so blieb mir nichts anderes ubrig, als das Symbolische aus der Physiognomie fortzuschaffen, und, wo moglich, in ihr den inneren Zustand des einzelnen Menschen, dessen blosser Typus sie war, zu erkennen und zu begreifen. Ich sagte mir selbst, dass dies nur auf dem Wege einer sehr genauen Analyse aller meiner Erfahrungen uber einzelne Menschen geschehen konnte.

Indem ich nun uber diesem Gedanken rastlos brutete, gelangte ich dahin, zwei Grundkrafte im Menschen zu unterscheiden, die eine durch Gemuth, die andere durch Geist zu bezeichnen, und die letzte Bestimmung jedes menschlichen Individuums in die Harmonie dieser beiden Grundkrafte zu setzen. Die Menschen unterschieden sich demnach sehr wesentlich von einander, je nachdem sie mehr Gemuth, oder mehr Geist, oder Gemuth und Geist in Harmonie gesetzt, waren. Da, wo das Gemuth den Ausschlag gab, musste ein rastloses Streben nach freundschaftlichen Verbindungen statt finden; allein, da in dem Gemuthe keine regulirende Kraft enthalten ist, so konnten die Gemuthreichen weder diskrete, noch standhafte und zuverlassige Freunde werden; sie mussten, vermoge ihrer ganzen Eigenthumlichkeit, immer zu unerfullbaren Anspruchen aufsteigen, und sich und ihre Freunde dadurch um den Genuss der eigentlichen Freundschaft bringen; es waren, um alles mit einem Worte zu sagen, nur Passaden in der Freundschaft mit ihnen moglich. Da, wo der Geist den Ausschlag gab, war an gar keine freundschaftliche Verbindung zu denken; denn der Geist ist sich unter allen Umstanden selbst genug, und, von dem Gemuthe getrennt, mehr eine umherschweifende, als regulirende Kraft. Nur da, wo Gemuth und Geist in Harmonie gesetzt sind, war eigentliche Freundschaft moglich, wiewohl nur immer unter der Bedingung, dass zwei gleichartige Wesen zusammen trafen; denn das blosse Gemuth des Freundes wurde eben so zerstorend auf die Harmonie zuruck gewirkt haben, als der blosse Geist desselben.

Mit diesen Grundbegriffen war ich im Stande, mir alle physiognomische Rathsel zu losen. Die Idee festhaltend, dass die Physiognomie immer nur etwas Symbolisches oder Typisches sey, sagte ich zu mir selbst: "Da, wo das Gemuth vorherrscht, muss die Physiognomie unregelmassig und verworren seyn; aus keinem anderen Grunde, als weil es an der regulirenden Kraft gebricht, welche einen bestimmten Charakter wirkt. Da, wo der Geist, vom Gemuthe verlassen, wild umherschweift, wird freilich keine Unregelmassigkeit und Verworrenheit sichtbar werden, allein der Physiognomie wird es an allem Adel fehlen, und ihre anziehende Kraft ganzlich vernichtet seyn. Nur da, wo Gemuth und Geist in Harmonie stehen, wird man im Antlitz des Menschen das Siegel seiner Oberherrlichkeit entdecken; und was auch der Zufall thun mag, ein solches Meisterstuck der plastischen Natur zu verunstalten, so wird es ihm doch nie gelingen, den Charakter desselben aufzuheben, weil dieser auf etwas Innerem beruhet, das uber allem Zufall erhaben ist."

Man urtheile uber dies Rasonnement, wie man wolle, fur mich ist es so hinreichend, dass ich aufrichtig bekenne, es vertrete bei mir die Stelle mathematischer Evidenz. Nie hat es mich irre geleitet, und eine grosse Menge von Erscheinungen hab' ich mir nur auf diesem Wege erklaren konnen.

Dahin gehort, dass eben die Nation, der wir das schone Ideal verdanken, fur die Freundschaft so ausschliessend vorhanden war, dass sie mit einem besonderen Sinne dafur ausgestattet schien. Allerdings hatte sie diesen besonderen Sinn; aber er lag in der Harmonie des Gemuths und des Geistes, welche den Griechen eigen und unstreitig das Resultat ihrer gesellschaftlichen Institutionen war. Dieselbe Harmonie aber, wodurch sie der wahren Freundschaft empfanglich wurden, wirkte auf ihre Gesichtsbildung und auf ihren ganzen Korperbau so zuruck, dass sie vorzugsweise in den Besitz der physischen Schonheit kommen mussten, und einer ihrer Philosophen vollkommen berechtigt wurde, zu behaupten: "Eine schone Seele konne nur in einem schonen Korper wohnen."

Wie verschieden von der griechischen Physiognomie ist die italianische und die franzosische! In der ersteren lauter Carrikatur, wenn gleich nicht selten erhabene und hochst interessante Carrikatur; meiner Theorie nach, aus keiner anderen Ursache, als weil in dem Italianer, von alten Zeiten her, das Gemuth den Ausschlag gegeben hat. In der letzteren bei weitem weniger Carrikatur, aber zugleich auch beinahe gar keine Spur von Erhebung und innerer Grosse, weil in dem Franzosen das Gemuth dem Geiste weicht, und dieser, von dem Gemuthe verlassen, sich immer nur in witzigen Combinationen, nie in grossen, viel umfassenden Ideen offenbaret. Vermoge dieses wesentlichen Unterschiedes ist der Italianer fur die Freundschaft unendlich empfanglicher, als der Franzose; nur dass jener durch die Heftigkeit seines Gemuthes sie unaufhorlich zerstort, wahrend dieser sie zu einem Spielwerk macht, woruber der Muthwille schaltet. Die edelste franzosische Physiognomie, welche mir jemals vorgekommen ist, hat Racine, so wie er von den Kunstlern gewohnlich dargestellt wird. Auch bin ich vollkommen uberzeugt, dass dieser Mann der wahren Freundschaft fahig war. Ware ich seine Zeitgenossin gewesen, so wurde ich mich mit ihm verbunden haben, hatte ihn gleich die ganze Welt treulos und falsch genannt; er konnte es nicht seyn, sobald er einen Gegenstand antraf, an welchem sich die Harmonie seines Gemuthes und Geistes, wovon seine Physiognomie immer nur das Symbol war, offenbaren konnte.

Um bei diesem Gegenstande nicht allzulange zu verweilen, will ich nur noch eine artistische Bemerkung machen, die mir von einiger Bedeutung scheint. Sie besteht darin, dass der Streit, ob die Schonheit oder der Charakter der eigentliche Vorwurf der schonen Kunst sey? ein sehr unnutzer Streit ist, weil es, nach allem bisher Gesagten, am Tage liegt, dass die Schonheit als etwas Sichtbares, nur immer das Resultat einer inneren Harmonie ist, die in sich selbst einen Charakter bildet, und zwar den hochsten, den es geben kann. Der Charakter ist also eben so sehr ein Vorwurf der schonen Kunst, als die Schonheit, oder vielmehr, beide sind in Beziehung auf die schone Kunst eins und dasselbe, so dass der Kunstler nie etwas anderes thut, als das Symbol der inneren Harmonie zwischen Gemuth und Geist darstellen. Das Ideal des Schonen ware demnach nichts weiter, als der Abdruck dessen, was von der inneren Harmonie ausserlich sichtbar wird, und daber versteht sich ganz von selbst, dass jeder Charakter, dessen Wesen nicht mehr auf innerer Harmonie beruht, aufhort, ein Vorwurf der schonen Kunst zu seyn; denn sonst wurde Carrikatur und Hasslichkeit mit Harmonie und Schonheit einerlei werden mussen.

Genug von meiner Lebensphilosophie und meinem Kunsttakt. Es kam blos darauf an, begreiflich zu machen, wie ich mich fur Eugenien so lebhaft interessiren konnte, ohne sie jemals gesehen oder von ihr gehort zu haben. Die anziehende Kraft, die sie an mir ausubte, brachte uns sehr bald naher; und ich glaube mit Wahrheit behaupten zu konnen, dass wir Freundinnen waren, ehe wir uns dem Namen nach kannten. Erst am dritten Tage unserer Bekanntschaft entdeckte sichs, dass wir beide geborne Deutsche waren; denn bis dahin hatten wir nur Franzosisch gesprochen, und uns in dieser Sprache uber jedes hohere Interesse, das Menschen an einander kettet, einverstandigt. War es mir angenehm, in Eugenien ein Weib kennen zu lernen, dem ich mich aufschliessen konnte; so war die Freude Eugeniens uber diese Entdeckung in Beziehung auf mich nicht geringer. Ob ich gleich um mehrere Jahre alter war, als meine neue Freundin; so verschwand doch der Unterschied des Alters vor unseren Augen. Was unserer Verbindung eine so plotzliche Innigkeit gab, dass wir von dem ersten Momente unserer Bekanntschaft an unzertrennlich waren, ist etwas, das sich nur dann wird sagen lassen, wenn die menschliche Sprache einen weit hoheren Grad von innerer Vollkommenheit erreicht haben wird. Genug, dass das Interesse, welches wir an einander fanden, von dem gewohnlichen wesentlich verschieden war. Waren wir Manner gewesen, so wurden wir uns gegenseitig achten gelernt haben; in dieser Achtung aber hatte unser Verhaltniss seinen hochsten Charakter gefunden. Da wir Weiber waren, so musste zu der Achtung sich noch die Liebe gesellen und unsere Freundschaft um so vollkommner werden. Denn fur den Mann, der, es sey durch welches Talent es wolle, immer seinen Stutzpunkt in der ganzen Gesellschaft hat, ist die Freundschaft mehr Luxus als Bedurfniss, wahrend sie fur ein Weib, das in der ganzen Gesellschaft nie einen Stutzpunkt haben soll, ein um so starkeres Bedurfniss ist, wenn das Weib auch der mannlichen Unterstutzung ermangelt. Freundschaft unter Weibern ist nur darum so selten, weil sie in der Regel in der Geschlechtsliebe untergeht; ein Fall, in welchem sich keine von uns beiden befand. Wenn Personen sich einander mit Vertrauen nahern, so ist das Erste, dass sie sich gegenseitig ihre Geschichte erzahlen; und ob dies gleich in der Regel sehr absichtslos geschieht, so offenbart sich doch auch hierin das Eigenthumliche der menschlichen Natur, die, weil sie nicht auf einmal wird, was sie werden kann, uber sich selbst nur dadurch Aufschluss zu geben vermag, dass sie aussagt, wie sie allmahlig zu Stande gebracht worden ist. Auch zwischen Eugenien und mir fand diese Art von Mittheilung statt, und Eugeniens Entwickelungsgeschichte war im Wesentlichen folgende:

Mit grosser Sorgfalt erzogen, hatte sie sich in einem Alter von siebzehn Jahren durch ihre Mutter bereden lassen, einem funfzigjahrigen Manne, der sich in ihre Unschuld verliebte, ihre Hand zu geben. "Auch mein Herz," fugte sie hinzu, "wurd' ich hingegeben haben, wenn dies von meinem Willen abgehangen hatte. Nicht als hatte ich einen Anderen geliebt; denn in einem solchen Falle wurde keine Macht der Welt im Stande gewesen seyn, mir eine meinen Neigungen entgegen strebende Richtung zu ertheilen. Sondern weil der Unterschied der Jahre ins Mittel trat, und ich an meinem Manne nicht lieben konnte, was er an mir liebte. Dies verschlug indessen fur die Soliditat unsers Verhaltnisses sehr wenig. Da mein Mann in jedem Betracht achtungswurdig war, so fand er meine ganze Hochachtung; und in so weit die Liebe durch diese ersetzt werden kann, hat er gewiss nie das Mindeste entbehrt. Etwas Eigenthumliches an ihm war, dass er nicht aufhorte, sich uber meine Kalte zu beklagen; allein diese Klage beruhrte mich sehr wenig von dem Augenblick an, wo ich einsah, dass das, was er meine Kalte nannte, seiner Warme sehr nothwendig war, und wo ich mich uber unser Verhaltniss hinlanglich orientirt hatte, um zu wissen, was sich daraus machen liesse, und was nicht. Im Grunde war es auch nur eine Art von Laune, welche meinem Manne diese Klagen eingab; denn im Ganzen genommen lebten wir zufrieden und vergnugt, bis der Moment eintrat, der uns fur immer trennen sollte. Dies geschah, nachdem wir eilf Jahre zusammen verlebt hatten. War es nun die Uberzeugung, dass ich nie an einen anderen Mann gerathen konnte, der mich aufrichtiger liebte, als er, oder lag seiner Forderung irgend eine andere moralische oder religiose Idee zum Grunde, die mir nicht ganz deutlich geworden ist genug mein Mann verlangte auf seinem Sterbebette, dass ich mich nie wieder vermahlen sollte; und sobald ich ihm mein Wort gegeben hatte, band er an die gewissenhafte Erfullung desselben den Besitz seines ganzen Vermogens, von welchem mir nur ein bedeutender Theil werden konnte, wenn die Anspruche einiger Verwandten in Betrachtung gezogen wurden. Nach seinem Tode entstand die Frage, ob ich verbunden sey, mein Versprechen zu halten. Die Jurisprudenz sprach mich davon los, weil die ganze Sache meinem Gewissen uberlassen war; da ich aber mein Versprechen nicht aus Eigennutz gegeben hatte, und in mir selbst auch nicht die allermindeste Versuchung wahrnahm, uber die freiwillig gesetzte Schranke hinauszugehen, so mochten mich meine Verwandten noch so sehr fur den einen oder den andern Bewerber interessiren, ich blieb meinem Vorsatz, Wittwe zu seyn, nicht minder getreu. Einmal sagte ich zu mir selbst, dass derjenige, der ein freiwillig geleistetes Versprechen, das er halten kann, nicht halt, gewissermassen zum Morder seiner Moralitat wird. Zweitens war es mir sehr problematisch, ob ich in einer zweiten Ehe finden wurde, was ich in der ersten hatte entbehren mussen. Zwar hatte ich es jetzt in meiner Gewalt, zu verhindern, dass der Unterschied der Jahre die Gleichheit der Gefuhle nicht aufhob; allein lag nicht in dem Mittel, das ich zu diesem Endzweck anwenden konnte, ein anderes noch wesentlicheres Hinderniss der Gleichheit? Ehemals hatten personliche Eigenschaften mich wahlbar gemacht. Diese waren zwar nicht verschwunden; allein neben ihnen standen staatsburgerliche Vorzuge von solcher Bedeutung, dass es ungewiss wurde, welche von beiden in einen hoheren Anschlag gebracht wurden. Ich verabscheuete aber nichts so sehr, als den Gedanken, einen Mann so sehr in Widerspruch mit sich selbst zu setzen, dass ein Heuchler aus ihm werden musste. Uberall konnt' ich nie gewinnen, wohl aber verlieren. Dies gerade machte mich vorsichtig. Um aber meinen Vorsatz desto leichter auszufuhren, fasste ich den Entschluss, bis zu einem gewissen Alter nirgend hauslich zu seyn; und kraft dieses Entschlusses haben Sie mich zu Pisa angetroffen, nachdem ich schon seit einigen Jahren umhergereiset bin, die Welt, die ich sonst nur in dem kleinsten Fragment gekannt habe, mehr im Grossen kennen zu lernen. Es ist nicht die zweite Ehe, der ich aus dem Wege gehe, sondern die ungluckliche Ehe; denn die Ehe selbst ist nach allen Erfahrungen, die ich daruber zu machen Gelegenheit gehabt habe, so wie das naturlichste und einfachste, so auch das genussreichste und edelste aller Verhaltnisse, in welches ich ohne Bedenken zurucktreten wurde, wenn ich glauben konnte, dass es fur mich einen so unschuldigen Gatten gabe, als ich eine unschuldige Gattin seyn wurde."

Die letzte Bemerkung Eugenia's bezog sich auf neue Heirathsvorschlage, welche ihr in Pisa waren gemacht worden. Ob sie darauf eingehen sollte, oder nicht, daruber war sie nicht langer zweifelhaft, sobald der Zufall uns zusammen gebracht, und eine gewisse Sympathie uns mit einander verbunden hatte. Da sie keinen Beruf fuhlte, noch langer in Italien zu verweilen, und ich von einer unbestimmten Sehnsucht in mein Vaterland zuruckgetrieben wurde; so vereinigten wir uns leicht, durch das Tyrolische nach Wien zu gehen. Unsere Abreise ging vor sich, sobald die Badezeit voruber war. Wir kamen ohne Abentheuer in der Kaiserstadt an; und weil der Aufenthalt in den Hauptstadten fur Personen, die der Beobachtung noch nicht uberdrussig geworden sind, immer mit grossen Reizen verbunden ist, so nahmen wir uns vor, einige Jahre unter den Wienern zu verleben.

Schwerlich hatten wir uns an irgend einem anderen grossen Orte so theuer werden konnen, als in der Hauptstadt der osterreichischen Staaten. Hier lebten wir gewissermassen wie in einer Einode. Denn nicht genug, dass die Kraft der Hauptstadt eben so auf uns zuruckwirkte, als auf die ubrigen Bewohner derselben, in sofern sie uns isolirte, fanden wir durch Alles, was wir unsere Eigenthumlichkeit nennen konnten, ein besonderes Hinderniss freundschaftlicher Verbindungen. Dies war die mit Recht verschriene Sinnlichkeit des Volks, unter welchem wir lebten; eine Sinnlichkeit, uber welche wir hinaus waren, und die wir eben deswegen weder theilen noch achten konnten. Ist von den geselligen Tugenden der Wiener die Rede, so lasse ich ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren; sie sind gastfreundschaftlich und bieder, wie kein anderes Volk, das ich kennen gelernt habe. Allein in diesem Kreise durften auch alle ihre Vorzuge eingeschlossen seyn; denn sobald von etwas Hoherem die Rede ist, strengen sie sich vergeblich an, es zu fassen, und erliegen ihrem geistigen Unvermogen nur allzubald. Mit dem besten Willen, nur Deutsche zu frequentiren, sahen wir uns genothigt, unseren Geselligkeitstrieb im Umgange mit franzosischen Ausgewanderten zu stillen, wofern wir nicht ganz auf uns zuruckgebracht seyn wollten.

Jahr und Tag war auf diese Weise verflossen, als die franzosische Grafin C... sich enger an uns anzuschliessen begann. Hatte sie es mit mir allein zu thun gehabt, so wurde ihr die Lust dazu nach den ersten Versuchen vergangen seyn; denn meine physiognomische Formel sagte mir gleich bei der ersten Bekanntschaft, dass diese Frau, obgleich, vermoge ihres sehr gebildeten Verstandes, fur den Umgang wie geschaffen, zu denjenigen gehore, mit welchen man sich in kein bleibendes Verhaltniss einlassen muss, weil sie seiner unwurdig sind. Da Eugenia aber zwischen uns beiden stand, so war von ihrer Seite der Versuch zu wagen, von der meinigen zu erdulden. Ich war hochst begierig, die Triebfedern kennen zu lernen, welche sie in Bewegung gesetzt hatten; allein wie gespannt auch meine Aufmerksamkeit auf alle ihre Reden seyn mochte, so konnte ich doch eine langere Zeit hindurch nichts Unedles entdecken; und da meine Freundin mir den Vorwurf machte, dass ich in meinem Misstrauen zu weit ginge, so wurde ich nach und nach sogar geneigt, an der Wahrheit meiner Regel wenigstens in sofern zu zweifeln, als ich einzelne Ausnahmen gestattete.

Die Grafin war weit haufiger bei uns, als wir bei ihr; die Ursache lag in ihrer gegenwartigen Lage, welche eine strenge Okonomie nothwendig machte. Wie selten wir uns aber auch bei ihr zeigen mochten, so hatten wir doch nie das Vergnugen, irgend eine Spur von Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zu finden. Eugenia verzieh auch dies, wiewohl sie eingestand, dass alles anders seyn wurde, wenn die Grafin aus Einem Stucke ware. Ich mochte also noch so deutlich zu erkennen geben, dass wir durch eine engere Verbindung mit dieser Frau unserem Wesen entsagten; meine Winke waren verloren, und Eugenia schien sogar ein gewisses Ergotzen daran zu finden, dass sie eine Frau kennen gelernt hatte, welche alle Weiblichkeit in den Wind schlug und das Gemuth unter die Fusse trat.

Wir mochten unsere Besuche drei bis viermal wiederholt haben, als wir bei der Grafin eine gewisse Aurora kennen lernten, welche, um alles mit einem Worte zu sagen, die Grafin in Ungebundenheit des Geistes noch ubertraf, wiewohl es mir nicht entgehen konnte, dass sie sich, uns gegenuber, nicht wenig Gewalt anthat. Talentvoller und einschmeichelnder kann ubrigens kein Weib seyn, als diese Aurora es war. Zu einer Tassonischen Armida fehlte ihr die Schonheit; allein wer hatte diesen Mangel nicht verziehen, wenn er nur ein einzigesmal ein Zeuge ihrer heitern Laune, ihres sprudelnden Witzes, ihrer Sarkasmen auf sich selbst und der Kindlichkeit war, womit sie gelobte sich zu bessern? Alle Manner waren von Auroren wie bezaubert, und die Weiber trosteten sich mit dem Besitz soliderer Eigenschaften, welche Aurora keiner von ihnen streitig machte.

Wir wurden auf die Bekanntschaft des Chevalier de B... vorbereitet, und nicht lange darauf fuhrte die Grafin ihn bei uns ein. Ein schoner Mann, wenn von blossem Wuchse die Rede ist! In seinen Mienen lag etwas Hartes, das er vergeblich durch Geschliffenheit und gut gewandte Phrasen zu mildern suchte. Er behauptete und seine Manieren bewiesen es unwidersprechlich dass er bis zum Ausbruche der Revolution in den besten Cirkeln der Hauptstadt gelebt und mit dem Hofe durch die Prinzessin Lamballe in der engsten Verbindung gestanden habe; aber seine Auswanderung motivirte er so schlecht, dass er dem Titel eines Chevaliers die grosste Schande machte. Ubrigens war seine Parthie gleich nach der ersten Bekanntschaft genommen. Um namlich Eugenien mit Erfolg den Hof machen zu konnen, glaubte er mich mit tausend Artigkeiten uberschutten zu mussen. Was ihm durchaus nicht klar werden wollte, war das Verhaltniss, worin wir standen. Denn anstatt Eugeniens Freundin in mir zu sehen, betrachtete er mich fortgesetzt in dem Lichte einer Duenna, und indem er mich als eine solche behandelte, konnte er nicht verfehlen, mir alle Vorsichtigkeit einer Duenna einzuflossen und sich dadurch selbst zu schaden. Nur allzuoft ist es im Leben der Fall, dass die Combinationen der Listigen in sich selbst zusammensturzen, weil sie nicht umfasst haben, was sie zu ihrem eigenen Gedeihen umfassen sollten; und es ist mehr als merkwurdig, dass es, um solche Menschen mit Erfolg zu beherrschen und zu seinen Zwecken zu leiten, nur einer Ehrlichkeit bedarf, die alle List uberflussig macht.

Fur einen unbefangenen Einsichtsvollen hatte es ein Schauspiel ganz eigener Art seyn mussen, zwei deutsche Frauen ihre Eigenthumlichkeit gegen die Angriffe vertheidigen zu sehen, welche von zwei sehr gewiegten Franzosinnen, die von einem eben so gewiegten Franzosen unterstutzt waren, darauf gemacht wurden. Ich will unsere Gegner nicht beschuldigen, dass sie es darauf anlegten, uns zu demoralisiren; eine solche Absicht zu haben, hatten sie sich in ihrer wahren Gestalt erkennen mussen, welches durchaus nicht der Fall war. Allein die Demoralisation musste ganz von selbst erfolgen, sobald wir nachgiebig genug waren, uns von ihnen gebieten zu lassen. Und wie dies vermeiden? Die Unwiderstehlichkeit der Franzosen besteht gerade darin, dass sie es in der Kunst des Ausweichens so weit gebracht haben; sie respektiren, dem Scheine nach, jede ihnen gegenuberstehende Individualitat, weil sie wissen, dass man sich ihrer durch nichts so leicht bemachtigt, als durch diesen scheinbaren Respekt. Am allergefahrlichsten war Aurora. Nach einem gewissen Maassstab genommen, gab es fur sie gar keine Tugend; allein sie beschonigte alle ihre Laster oder Schwachen dadurch, dass sie kein Geheimniss daraus machte, und so oft die Sache ernsthaft zu werden begann, uber sich selbst plaisantirte. Zwischen der Grafin und dem Chevalier in der Mitte stehend, war sie ein ausgesuchtes Werkzeug zur Erreichung jedes egoistischen Zweckes; denn so vollkommen war alles edlere Gemuth in ihr ausgestorben, dass sie sich den grossten Abscheulichkeiten preisgegeben haben wurde, ohne nur eine Ahnung davon zu haben, dass es Abscheulichkeiten waren. Bewundernswurdig war es, dass alle diese Personen sich mit Idealen trugen, welche nie von ihnen wichen; allein sie blickten darauf hin, wie auf das goldene Zeitalter, und Astraa war fur sie auf immer entflohen. Unpartheiisch gesagt, fanden sie alles, was einen Werth in ihren Augen haben konnte, in uns wieder, und die Art des Interesses, welches sie fur uns fuhlten, mochte zuletzt nur darauf beruhen, dass wir ihre Gegensatze waren; allein, um dies anzuerkennen, hatten sie aus dem Gespinnst heraustreten mussen, womit sie sich umgeben hatten; und so weit reichte ihre Kraft nicht.

Uber alle Veredelung hinaus, konnten sie es immer nur darauf anlegen, uns in ihren Wirbel zu ziehen; und fur uns bestand die Aufgabe darin, wie wir uns in unserem eigenen Wirbel halten mochten. Eugenien schien die Gefahr minder gross, als mir. Als ich sie eines Tages auf das Verhaltniss aufmerksam machte, worein wir gerathen waren, antwortete sie mir: "Wir hatten es ja in unserer Gewalt, dies Verhaltniss aufzuheben, sobald wir es fur gut befanden. Sie selbst sahe sehr deutlich ein, dass sie dadurch nie gewinnen konnte; allein so lange der Verlust ertraglich ware, wurde sie nicht brechen, weil sie doch einigen Ersatz in dem Geistesreichthum dieser Personen fande. Uberall begriffe sie nicht, wie wir den langeren Aufenthalt in der Kaiserstadt ohne diesen Umgang ertragen wollten. Das Casperle zu besuchen, fuhlten wir uns zu gut, und ganz und gar in die Einsamkeit zuruck zu treten, ware weder heilsam noch unseren Planen entsprechend. Wie wenig Terrain der Chevalier bei ihr gewonne, davon ware ich selbst Zeuge. Nur Aurora amusire sie, als ein Wesen, das mit der ganzen Gesellschaft gebrochen habe und noch immer den Ausschlag geben wollte. Es gabe ja zuletzt kein anderes Mittel, zum Gefuhl seines Werthes zu gelangen, als der Umgang mit Personen dieser Art, die sich so treuherzig beredeten, die Geburt habe alles fur sie gethan."

So lange Eugenia dieser Ansicht getreu blieb, konnte ich ganz ruhig seyn. Ich storte also den Chevalier auf keine Weise in seinen Bewerbungen um meine Freundin, und sah es ruhig an, wie Aurora, anstatt die Ungebundenheit zu predigen, sie auf das allerliebenswurdigste reprasentirte. Meine ganze Aufmerksamkeit war nur darauf gerichtet, welche Wendung diese Verbindung nehmen werde, um einen bestimmteren Charakter zu gewinnen.

Die Grafin liess mich nicht lange warten. Nachdem sie einigemale in der Gesellschaft gegahnt hatte, brachte sie das Kartenspiel in Vorschlag. Der Chevalier und Aurora waren nicht abgeneigt davon; und da Eugenia und ich die Wirthe waren, so durften wir uns nicht versagen, wie fremd uns auch der Spielgeist seyn mochte. Als aber die Sache einmal in Gang gebracht war, fand kein Stillstand statt. Wie bedeutend auch unsere Verluste seyn mochten, so durften wir sie nur in dem Lichte solcher Tribute betrachten, welche der Freundschaft dargebracht wurden. Dies war indessen der geringste Nachtheil, den wir von unserer Nachgiebigkeit hatten. Ein nicht zu berechnender stand uns dadurch bevor, dass wir uns durch das Spiel mit unseren Gegnern identifiziren mussten. Es ist nun einmal das Eigenthumliche des menschlichen Geistes, immer dahin zu neigen, wo er die meiste Beschaftigung findet, sollte er sich auch dadurch zerstoren. So lange der Austausch von Ideen und Gefuhlen unsere einzige Unterhaltung gewesen war, fanden Eugenia und ich darin das Mittel, unsere Individualitat gegen jeden Angriff zu vertheidigen. Sobald hingegen alle Unterhaltung in Spiel ausgeartet war, kamen wir in eine so unvortheilhafte Stellung, dass aller Widerstand vergeblich wurde und in sich selbst verging. In der That, man braucht nur aus Neigung zu spielen, um das Gefuhl seines Werthes zu verlieren und jeder Erhebung unfahig zu werden; denn indem der Geist seine ganze Kraft auf das Spiel richtet, busset er sie in Beziehung auf alle edleren Gegenstande ein, auf die sie gerichtet werden konnte.

Indem ich diese Reflektionen machte, war ich auch auf den Ruckzug bedacht. Aber wie ihn einleiten? Eugenien zurucklassen und sie dem allerschlimmsten Schicksal preisgeben, war eins; und dies vermochte ich nicht uber meine Liebe fur sie. Eugenien die Augen offnen, war misslich, da das Spiel, welches sie liebgewonnen hatte, zwischen ihr und mir in der Mitte stand, und der freundschaftlichen Warme, womit sie mir sonst entgegen zu kommen pflegte, nur allzuviel Abbruch that. Ich machte den Anfang meiner Operationen damit, dass ich mich vom Spiele ausschloss und dadurch gewissermassen aus der Schussweite setzte. Dies musste sehr ubel aufgenommen werden; und dies wurde auch wirklich der Fall. Ohne mich indessen daran zu kehren, spielte ich die Beobachterin. Mir selbst zuruckgegeben, bemerkte ich mit Entsetzen, welche Fortschritte durch das Spiel in der Familiaritat gemacht waren. Aurora fand es gar nicht mehr der Muhe werth, ihre Gebrechen zu verschleiern; sie sprach daruber, als ob es unmoglich ware, Verstand zu haben und anders zu seyn, als sie. Der Chevalier hatte das Bischen Galanterie, das ihm vorher eigen gewesen war, an den Nagel gehangen, und behielt nur noch die Manieren eines Glucksritters. Die Grafin gebot mit einer Unverschamtheit, als ob alle Vorrechte in ihr vereinigt worden waren. Und Eugenia blieb bei allen diesen widerwartigen Ausserungen immer gelassen, weil sie fur den Augenblick die Scharfe des Gefuhls verloren hatte, wodurch man gegen fremde Anmassung emport wird. Ich schauderte vor dem Abgrund zuruck, in welchen ich meine Freundin sturzen sah; aber ich hatte nicht den Muth, sie darauf hinzuweisen, so lange sie nicht aus ihrer Gleichgultigkeit hervortrat.

Indessen hatten die Ausgewanderten nicht sobald wahrgenommen, dass ich ihrem Interesse abhold sey, als sie es darauf anlegten, Eugenien von mir zu trennen. Aurora wurde dazu gebraucht, dies Meisterstuck der Intrigue zu Stande zu bringen. Niemand hatte dazu mehr Geschicklichkeit; denn niemand war um den Unterschied zwischen Luge und Wahrheit weniger verlegen, und niemand verstand sich auf die Kunst des Lacherlichmachens besser, als Aurora. Um aber noch von einer anderen Seite her zu wirken, verstarkten sich die Grafin und der Chevalier dadurch, dass sie mehrere andere Ausgewanderte bei uns einfuhrten. Dies mochte sich zuletzt ganz von selbst machen, da der Gewinn, den man von Eugenien zog, die Lockspeise war; indessen wurde dadurch immer eine grosse Mehrheit zu Stande gebracht, in welcher sich Eugenia als die einzige Fremde erscheinen und alle Lust zum Widerstande verlieren musste. Es war zum Erstaunen, mit welcher Freiheit sich alle diese Personen um meine Freundin hinbewegten. Sie, welche fur alle der Mittelpunkt hatte seyn sollen, war nichts mehr und nichts weniger, als die Schussscheibe des Geldinteresses. So vollkommen war man hieruber mit sich selbst einig, dass man aus Poissardensinn gar kein Geheimniss mehr machte.

Ich sah alle diese Manovres mit Gelassenheit an, weil meine Stunde noch nicht geschlagen hatte. Um Eugenien von diesen Vampyren zu befreien, musste ich den Zeitpunkt abwarten, wo sie sich davon beschwert fuhlte. Dieser Zeitpunkt konnte moglicherweise nicht eher eintreten, als bis meine Freundin in Geldverlegenheit gerieth und ihre Zuflucht zu meiner Casse nahm. Ich enthielt mich das erstemal aller Bemerkungen uber ihre allzuweit getriebene Nachgiebigkeit; aber das zweitemal legte ich ihr ganz unverholen die Frage vor: Ob sie denn dieses eckelhaften Einerleies nicht uberdrussig wurde? Sie betrachtete mich nicht ohne Verwunderung; und als ich kuhn genug war, meine Frage zu widerholen, anwortete sie: "Was soll ich machen? Verstrickt, wie ich einmal bin, muss ich mein Schicksal ertragen. Ich selbst fuhle wohl, dass ich mich von meiner Hohe herabgeworfen habe; allein wie kann ich es anfangen, sie noch einmal zu erreichen?"

Ohne weder die Grafin, noch den Chevalier, noch Auroren, noch irgend einen von den Ubrigen anzuklagen, stellte ich sie Eugenien als Bedurftige dar, welche sie, aus irgend einem Instinkt, eben so behandelten, als sie ehemals den Hof behandelt hatten, und auf gleiche Weise von ihr abfallen wurden, sobald sie nichts mehr zu geben hatte. "Es ist," fugte ich hinzu, "ganz offenbar die Parasitenkunst, die sie treiben; die eckelhafteste von allen Kunsten, die es geben kann, weil sie ihre Grundlage weder im Verstande, noch im Gefuhl, sondern in einem dumpfen Egoismus hat, der sich nicht besser zu verschleiern weiss, als dadurch, dass er die Miene annimmt, fur das Vergnugen Anderer zu sorgen, wahrend er nur den grobsten Vortheil im Auge hat. Mag es doch in der Gesellschaft Personen geben, denen ihr Recht widerfahrt, wenn sie von einem Parasitenheer umlagert werden; allein zu ihnen zu gehoren, kann weder angenehm seyn, so lange man die Wahrheit noch von der Luge zu unterscheiden weiss, noch ehrenvoll, so lange man noch nicht in leerer Reprasentation untergegangen ist. Meine Freundin muss zu einem neuen Leben erwachen; und dies kann nur dadurch geschehen, dass sie solchem Volke den Rucken weiset und es seinem Schicksal uberlasst. Man muss die Kraft haben, einem Umgange zu entsagen, durch welchen man nicht veredelt werden kann; denn sonst lauft man Gefahr, wo nicht selbst verunedelt zu werden, doch wenigstens solche Schrammen und Quetschungen davon zu tragen, dass es unmoglich wird, noch einmal zu einem heitern Lebensgenuss aufzusteigen."

Recht absichtlich druckte ich mich mit dieser Starke aus, um einen tiefen Eindruck zu machen. Meinem Vorsatze nach wollte ich mich von Eugenien trennen, so bald sie dadurch beleidigt wurde. Dies war aber so wenig der Fall, dass nur von den Mitteln die Rede war, sich aus der Schlinge zu ziehen.

Eugenia wollte sogleich abreisen; dagegen aber hatte ich Mehreres einzuwenden. Vor allen Dingen sollte meine Freundin die Kaiserstadt mit eben so unumwolkter Seele verlassen, als sie in dieselbe eingetreten war. Ausserdem aber sollten diese Ausgewanderten, deren Rache ich vorhersah, nicht Raum gewinnen, hinter unserem Rucken zu sagen, was sie fur gut befinden wurden. Zu diesem doppelten Endzweck schlug ich Eugenien eine Reise in die Gebirgsgegenden Bohmens vor, deren bezaubernde Mannigfaltigkeit alle die peinlichen Gefuhle zerstreuen musste, die ihre Wangen mit Schaamrothe uberzogen; zugleich aber bat ich sie, davon nicht eher ein Wort zu sagen, als bis alle Reiseanstalten gemacht seyn wurden, und alsdann der Grafin in einem kurzen Billet ausser der Abreise zugleich den Tag der Zuruckkunft anzuzeigen. Eugenia gab sich meinen Anordnungen mit der Entsagung vertrauender Freundschaft hin. Nach wenig Tagen waren wir reisefertig. Welchen Eindruck unsere plotzliche Abreise auf die edle Gesellschaft machte, lasst sich nur dann berechnen, wenn man sie in ihrer Gemeinheit kannte. Sie mochte davon eben so betroffen seyn, als die National-Versammlung von der Flucht Ludwigs des Sechzehnten.

Unsere Reise brachte alle die Wirkungen hervor, die ich beabsichtigt hatte, und Eugenia dankte dem Himmel fur die Freiheit, die ihr zu Theil geworden war. Zur festgesetzten Zeit kehrten wir nach Wien zuruck. Die Ausgewanderten unterliessen nicht, sich wieder bei uns einzufinden, sobald sie unsere Ankunft erfahren hatten; allein wir hatten es jetzt in unserer Gewalt, jede beliebige Stellung gegen sie anzunehmen. Aurora stellte sich zuerst ein, und ganz offenbar legte sie es darauf an, uns durch ihre Familiaritat in das alte Geleise zuruck zu fuhren. Doch die Feierlichkeit, die wir ihr entgegensetzten, verwirrte sie so, dass sie sich ein Dementi uber das andere gab, bis sie mit Bekenntnissen hervortrat, auf welche wir gar nicht gefasst waren. Ihrer Aussage zufolge war unter allen diesen Personen keine einzige ehrliche Seele. Was sie von jeder einzeln sagte, soll mit Stillschweigen ubergangen werden. Genug, wir wurden, wenn auch nur die Halfte von Aurorens Offenbarungen Glauben verdiente, hinlanglich uberzeugt, dass wir es mit eigentlichem Auswurf zu thun hatten, der es wohl verdiente, von der Welt verlassen zu seyn und sich selbst zu bekampfen. Aurora selbst wunschte sich an uns anschliessen zu konnen; allein wir lehnten ihre Bitte ab, weil, wie gut auch ihre Vorsatze fur den Augenblick seyn mochten, ihr Inneres durch langen Missbrauch allzusehr verdorben war, um noch einmal zu genesen. Wir verweilten noch einige Wochen in Wien, um der Welt zu zeigen, dass es zwischen uns und den Ausgewanderten zu einem formlichen Bruch gekommen ware, den wir selbst zu Stande gebracht hatten. Alle Billets der Grafin, des Chevalier u. s. w., die wahrend dieser Zeit ankamen, wurden angenommen, aber nicht beantwortet. Der Verlust, den Eugenia gelitten hatte, war bedeutend genug; indessen liess er sich ertragen, wenn man in Anschlag brachte, dass sie bestimmt war, noch weit mehr zu verlieren, und nicht nur ihr Vermogen, sondern auch ihre Moralitat und ihre Ehre einzubussen. Hieruber hatte uns Aurora so vollstandige Aufschlusse gegeben, dass die Sache keinem Zweifel unterworfen war. Wien verliessen wir mit der traurigen Reflektion, dass, mit allem guten Willen uns an Deutsche anzuschliessen, wir unsere Zuflucht zu egoistischen Franzosen hatten nehmen mussen, die in uns nur die leichte Beute schatzten.

Wir durchreiseten einen grossen Theil des deutschen Reichs, um einen Aufenthalt zu finden, der unseren Neigungen entsprache; allein wir kamen nicht eher zur Ruhe, als bis Eugenia sich entschloss, in der Nahe von W... das Gut zu kaufen, das wir noch immer bewohnen.

Seit dieser Zeit leben wir in unserer eigenen Welt, hinlanglich geschieden und hinlanglich beruhrt von unserer Umgebung, um in voller Freiheit zu existiren. Unsere Sorge ging gleich Anfangs dahin, das Nutzliche dem Schonen so unterzuordnen, dass dieses ein hinreichendes Fundament in jenem erhielte; und dies ist uns uber alle Erwartung gelungen. Unser Gutchen ist der Wohnsitz der Reinlichkeit, der Ordnung, der Bequemlichkeit und Gastfreundlichkeit; und in sofern diese Schopfung von uns ausgegangen ist, macht sie, hoff ich, unserem Verstande keine Unehre. Die Angelegenheiten der Wirthschaft sind unter uns so getheilt, dass jede von uns ihren eigenen Wirkungskreis hat, ohne gleichwohl dadurch so beschaftigt zu seyn, dass wir ausser Stande waren, uns im Nothfall zu ersetzen; denn wir haben das Geheimniss aufgefunden: Alles so zu ordnen, dass es nur eines leichten Impulses bedarf, um das Ganze im Gange zu erhalten. Den Frieden neben die Thatigkeit zu stellen, dies ist die grosse Kunst bei allen Organisationen; und diese Kunst ist von uns ausgeubt worden.

Wir wurden noch immer glucklich seyn, wenn wir auch ganz von der Welt getrennt lebten. Dies ist aber nicht der Fall; wir leben vielmehr mitten in der Welt. Es kam darauf an, eine solche Stellung zu gewinnen, dass wir von dem Gerausch um uns her nur gerade so viel beruhrt wurden, als sich mit der Bestimmung vertrug, die wir uns selbst gegeben hatten. Zu diesem Endzweck konnten wir uns nur dem Umgange solcher Personen hingeben, die wirklich zu uns passten; allein, indem wir in dieser Hinsicht so klug als vorsichtig waren, brachten wir es dahin, dass wir die ganze Welt durch wenige Personen in einem kurzen Auszuge um uns herstellten. Wer sich mit dem Volumen befasst, wird davon erdruckt; wer hingegen Verstand genug hat, nur nach der Quintessenz zu streben, behalt seine ganze Freiheit und wird durch die hochsten Genusse belohnt.

Durch Sie, mein theurer Casar, wurde ich von neuem in die deutsche Literatur eingeweihet, die mir seit vielen Jahren fremd geworden war; und dafur danke ich Ihnen, wenn es eines Dankes bedarf. Ich habe mich uberzeugt, dass die Deutschen in jeder Kunst und Wissenschaft seit ungefahr dreissig Jahren Riesenschritte gemacht haben; und weit entfernt, an einen nahen Stillstand zu glauben, erwarte ich vielmehr von der Zukunft noch glanzendere Perioden. Mag doch die grosse Mehrheit der Schriftsteller in gar keine Betrachtung kommen; dies verschlagt demjenigen nichts, welcher einsieht, wie nothwendig sie sind, um einen ausgezeichneten hervor zu bringen. Auch das Gold erzeugt sich nur in Bleistufen; und wer verlangt es, dass kein Blei existiren soll? Alle materielle Industrie ist die Bedingung der immateriellen, und in dieser Ansicht mogen wir jene wohl verzeihen.

In der That, ich freue mich, die Zeit erlebt zu haben, in welcher Gothe's naturliche Tochter erscheinen konnte. Hoher als jedes andere Produkt desselben Meisters setz' ich dieses. Mag die Mitwelt daruber urtheilen wie sie wolle, die Nachwelt wird darin nur ein Dokument unseres gegenwartigen Culturgrades erblicken; und auf diese Weise erwarte ich nichts Geringeres, als dass die naturliche Tochter die Zeiten, in welchen wir leben, verherrlichen werde. Was ist es denn zuletzt, was die Lekture eines Reineke Fuchs so anziehend macht? Meinem Urtheile nach nichts anderes, als die Entdeckung, dass in diesem Gedichte eine grosse Welt dargestellt ist, die so und so gegen oder fur einander wirkte. Das Feudalwesen in seiner Glorie; dies ist der Inhalt des Reineke Fuchs, und es ware unendlich zu bedauern, wenn der Verfasser nicht allegorisirt hatte. Das Feudalwesen in seinem Verfall und nahen Zusammensturz; dies ist der Inhalt der naturlichen Tochter, und es ware eben so unendlich zu bedauern, wenn der Verfasser keinen Konig, keinen Herzog, keinen Grafen, keinen Weltgeistlichen, keinen Monch, keinen Gouverneur u.s.w. aufgefuhrt hatte. Beide Kunstwerke bezeichnen also bestimmte Entwickelungsepochen, und haben in dieser Hinsicht, wie verschieden sie auch ihrem Inhalte nach seyn mogen, gleichen Werth. Ist von der Kraft die Rede, durch welche beide ins Daseyn gerufen wurden, so mochte ich behaupten, dass sie in beiden Verfassern gleich gross war; so dass ich mich gar nicht daruber wundere, wie Gothe der Ubersetzer des Reineke Fuchs werden konnte; ein Werk, das mich bezaubert, und dessen sorgfaltiges Studium mich zu meiner Ansicht der naturlichen Tochter gefuhrt hat.

Man ruhmt es als einen grossen Vorzug der letzteren, dass die edlen Formen der Griechen in ihr conzentrirt sind. Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, dass die naturliche Tochter als Kunstwerk erbarmlich wenig seyn wurde, wenn nur die Formen in Betrachtung gezogen werden sollen. Auch ohne jemals den Aeschylus und Sophokles gelesen zu haben, musste Gothe, vermoge seines Verstandes, solche Formen erzeugen. Der Geist, welcher in der naturlichen Tochter lebt und webt, ist aber uber den der Griechen so unendlich erhaben, dass ich zweifle, Aeschylus und Sophokles wurden die naturliche Tochter verstehen, wenn sie ihnen in die Hande gegeben werden konnte.

Da ich einmal ein wenig in das Gothische Kunstwerk verliebt bin; so mussen Sie mir, mein angenehmer Freund, verzeihen, wenn ich zu diesen Bemerkungen noch einige andere hinzufuge, von welchen ich glaube, dass sie zur Sache gehoren.

Mir war bei der Lekture der naturlichen Tochter eben so zu Muthe, als bei der Betrachtung der Verklarung Raphaels. Anfangs wusste ich nicht, wodurch ich in diese Stimmung gerathen war; als ich aber tiefer nachdachte, entdeckte ich zwischen beiden Kunstwerken eine auffallende Ahnlichkeit, welche darin bestand, dass in beiden eine doppelte Handlung vorgeht, welche die hochste Einheit mit sich fuhrt. Wollen Sie sich gefalligst desjenigen erinnern, was ich weiter oben uber das Raphaelsche Kunstwerk als Urtheil meiner verewigten Freundin bemerkt habe; so mussen Sie gestehen, dass das Wunder der Verklarung zu der fehlgeschlagenen Heilung des besessenen Knaben in eben dem Verhaltnisse steht, worin sich die Revolution zu Eugenia's Schicksal befindet. Vereinigung des Epischen mit dem Dramatischen war wie Raphaels so auch Gothe's Zweck, und beide haben ihn auf das allervollkommenste erreicht, indem sie die doppelte Handlung so stellten, dass die eine die andere beleuchtet und aufklart. Ist nicht alles, was der Gothischen Eugenia begegnet, von einer solchen Beschaffenheit, dass es in dumpfes Erstaunen setzt, wofern man nicht an das zuruckdenkt, was der ganzen Gesellschaft, zu welcher sie gehort, bevorsteht? Nur auf diese Weise liess sich eine grosse Revolution auf die Buhne bringen; aber indem sie im Hintergrunde gehalten werden musste, so konnte es schwerlich fehlen, dass alle diejenigen (Zuschauer oder Leser), denen es an Einbildungskraft gebrach, von der Handlung sehr wenig ergriffen werden, und dass Gothe in dieser Hinsicht Raphaels Schicksal theilte, an dessen Verklarung die gewohnliche Critik zur Tadlerin werden musste.

Grosse, hocherhebende Gefuhle wollte der Dichter erzeugen, und solche hat er in allen denen erzeugt, die ihn zu fassen Kraft genug haben. Doch auf die Menge konnte er nicht einwirken. Dieser musste es sogar problematisch werden, ob sein Kunstwerk fur eine wahre Tragodie zu achten sey, da sie sich in derselben durch nichts gemartert und gefoltert fuhlte. Mit tiefer, alles umfassender Menschenkenntniss hatte der Dichter gezeigt, wie aus Eugenia's nicht gesetzmassiger Geburt sich, mit ihren seltenen Talenten und ungemeinen Eigenschaften, ihre Anspruche auf anerkannte Hoheit und ihre Schicksale entwickelten; allein sich mit einem solchen Wesen, wie diese Eugenia ist, zu identifiziren, ist der grossen Menge unmoglich; und da sie die Heldin des Drama's nicht vor ihren Augen vernichtet sieht, so entgeht ihr diejenige Vernichtung, welche Eugenia dadurch erfahrt, dass die Flammen der Revolution uber alle ihre Wunsche, Hoffnungen und Ideale zusammenschlagen. Nur dem gebildeten Zuschauer oder Leser ist es einerlei, ob er eine Iphigenia in Aulis zum Opferaltare fuhren, oder eine Eugenia ein Missbundniss eingehen sieht; und wie sehr der Dichter auf diese hohere Bildung gerechnet habe, liegt darin am Tage, dass er den Schmerz uber Eugenia ungluckseliges Geschick nicht besser besanftigen zu konnen glaubte, als wenn er ihrem letzten Schritte Vaterlandsliebe zum Grunde legte, und sie noch obendrein zur Gattin eines achtbaren Mannes machte. Ware Gothe's Empfindsamkeit allen Zuschauern und Lesern seiner Eugenia eigen, so mussten sie in eben die melancholische Stimmung gerathen, in welcher er sein Kunstwerk schuf. Es ist also nur das Missverhaltniss, worin Gothe, als Culturgeschopf, zu der Welt, auf welche er einwirken mochte, steht, was alle die schiefen Urtheile zu verantworten hat, die uber seine Eugenia, wie uber seine ubrigen Dramen, gefallt worden sind. Ob dies Verhaltniss immer dasselbe bleiben werde, mag ich nicht entscheiden; kommt aber die Welt auf ihrem Entwickelungsgange so weit, dass sie Gothen fassen lernt, so muss das Schicksal seiner Eugenia eben so tiefe Ruhrungen hervorbringen, als alles, woruber das Publikum gegenwartig in Thranen zerfliesset; nur mit dem Unterschiede, dass man sich in Gothe's Dramen zugleich im Gemuthe verwirrt und im Geiste erleuchtet, zugleich niedergedruckt und gehoben fuhlen wird.

So wie die Sachen gegenwartig stehen, ist dies unmoglich. Denn um bei der naturlichen Tochter stehen zu bleiben es ist nicht Eugenia's Individualitat allein, was den grossten Theil der Zuschauer oder Leser unberuhrt lasst; die ubrigen Personen des Drama's sind ihnen nicht minder unbegreiflich. Um in diesem Herzog den schwankenden Vasallen neben dem gefuhlvollen Vater, in diesem Sekretar das egoistische Werkzeug eines fremden Willens, in dieser Hofmeisterin die verzweifelnde Jungfrau, in diesem Gouverneur das Geschopf militairischer Disciplin, in dieser Abtissin die durch die weltliche Macht beschrankte Frau, in diesem Monch den religiosen Schwarmer, in diesem Gerichtsrath den uber sein Geschaft hoch erhabenen, das Recht idealisirenden Menschen zu fassen, muss man etwas mehr von der Welt begriffen haben, als die grosse Mehrheit, der alles, was gesellschaftliches Verhaltniss genannt werden mag, ein unauflosliches Rathsel ist. Ohne Zweifel hing es nur von dem Dichter ab, sein Kunstwerk dennoch der grossen Mehrheit angenehm zu machen; aber alsdann hatte er eben die Wege einschlagen mussen, welche Schakespear einschlug, so oft es ihm darauf ankam, ungemeinen Charakteren Eingang zu verschaffen; namlich viel Theatergerausch in nachtlichen Erscheinungen, Zweikampfen u.s.w. Da Gothe dies nicht gethan hat, so mussen wir annehmen, dass er dergleichen Behelfe verachtet; und wie kann man anders als sie verachten, wenn man nicht zu dem grossen Haufen gehort, oder fur ihn lebt? Die Unsterblichkeit sichert man sich nur dadurch, dass man die eigene Individualitat vor allen Verunstaltungen bewahrt; und wenn Alfieri uber irgend einen Punkt Recht hatte, so war es in der Behauptung, dass nur diejenige Schriftstellerei einen Werth haben konne, deren Inzentiv ein grosser, ewig dauernder Ruhm ist. Ich stelle mir vor, dass es mir an Gothe's Stelle Vergnugen machen wurde, in meinen dramatischen Werken die Verzweiflung der Schauspieler und Kritiker zu erblicken.

So viel uber Gothe's Eugenia, deren Lekture mir unaussprechliches Vergnugen gemacht hat; ein Kunstwerk, das sich in jedem Betracht den ersten Meisterwerken aller Nationen zur Seite stellen kann, ohne durch die Vergleichung zu leiden, und das ganz unstreitig das allervollkommenste ist, das der deutsche Geist jemals geschaffen hat.

Ich komme nach dieser Abschweifung auf mich selbst zuruck.

Durch die Lekture auserlesener Geisteswerke erhalte ich meinem eigenen Geiste die jugendliche Kraft, wodurch ich mich von anderen Personen meines Alters unterscheide. Allen meinen Erfahrungen nach, giebt es kein besseres Mittel, dem Alter auszuweichen. Eine Sammlung wirklich geistreicher Schriften hat den Vorzug selbst vor der besten Gesellschaft. Einmal behalt man seiner Bibliothek gegenuber die vollste Freiheit, welche nothwendig verloren geht, wenn man sich, im personlichen Umgange, fremden Individualitaten anschmiegen muss. Zweitens hat man den Vortheil, die Geister in ihren Sonntagsschmuck zu sehen, d.h. nicht verunstaltet durch Launen, Antipathien und alle die Wirkungen momentaner Eindrukke, welche die Mittheilung hemmen; denn wer sich einmal an sein Pult gesetzt hat, um mit der Welt zu sprechen, befindet sich gewiss in der ihm vortheilhaftesten Verfassung. Drittens hat man es in seiner Gewalt, aufzurufen welchen Geist man will, nur ihm zu leben, und ihm nur so lange zu leben, als man es fur gut befindet. In der That, ich wundere mich, wie so viele Personen, welche auf Bildung Anspruch machen, diese Vorzuge verkennend, den Geselligkeitstrieb nur dann zu befriedigen glauben, wenn sie sich durch den Umgang auf die Folter spannen lassen.

Da von meinen Schicksalen nicht weiter die Rede seyn kann, so bleibt mir nur noch ubrig, von meiner Lebensweise und meinen Erwartungen zu sprechen.

Ich habe die Gewohnheiten und Neigungen meiner Jugend immer beibehalten; ich konnte es, weil sie in jeder Hinsicht leicht und bequem waren, und that es, weil ich mich dabei wohl befand. Meiner Massigkeit verdanke ich, dass ich nie krank gewesen bin. Aber ich kann mit gleicher Wahrheit sagen, dass ich mich nie unglucklich gefuhlt habe; und dies bedeutet etwas mehr. Vielleicht sind die Gemuthskrafte nie so stark in mir gewesen, dass sie mich zu inneren Widerspruchen fuhren konnten; vielleicht aber auch hat die fruhe Gewohnung, ihren Anfallen zu begegnen, die Wirkung hervorgebracht, dass ich mir zu allen Zeiten klar und gleich bleiben konnte. Dem sey wie ihm wolle denn hieruber ganz ins Reine zu kommen, ist vielleicht unmoglich indem ich Anderen eben so sehr gelebt habe, als mir selbst, habe ich immer einer beneidenswerthen Ruhe und Heiterkeit genossen. Jungfrau bin ich geblieben, weil nach Moritz sich mir kein Mann dargestellt hat, dem ich meine Freiheit aufzuopfern der Muhe werth gehalten hatte; ich muss mich so ausdrucken, ob ich gleich bei mir uberzeugt bin, dass meine Jungfrauschaft nicht die Folge des Raisonnements bei mir gewesen ist. Ware ich Gattin und Mutter geworden, so wurde ich diesen Verhaltnissen keine Schande gemacht haben; denn Treue und Liebe lagen in meinem Wesen eingehullt. Als eine geborne Catholikin wurd' ich mich nach Moritzens Tode entschlossen haben, in irgend ein Kloster zu gehen; schwerlich aber ware dann aus mir geworden, was ich jetzt bin, und in sofern ich einen Werth auf mich setze, freue ich mich auch, eine Protestantin zu seyn. Ich furchte weder den Verfall, noch den Tod. Den ersteren betrachte ich als eine Folge des mangelnden Reizes, und so lange mir noch mein Bewusstseyn bleibt, werd' ich dafur sorgen, dass dieser Mangel mich nicht treffe. In dem letzteren seh' ich nur den Stillstand einer Maschine, die nicht fur die Ewigkeit geschaffen wurde. So lange ich lebe, werd' ich mich auch wohlbefinden. Mein Arkanum in dieser Hinsicht ist sehr einfach. Es heisst: Fliehe den Umgang mit alten und langweiligen Personen. Nichts verbittert das Leben so bestimmt und todtet so sicher, als das uberhandnehmende Gefuhl der Langenweile. Gewissen Anzeigen nach, werd' ich aber ein hohes Alter erreichen, ohne dass ich dies gerade wunsche. Denn blick' ich auf die Vergangenheit zuruck, so dehnt sie sich unermesslich vor mir aus, welches durchaus nicht der Fall seyn konnte, wenn der langweiligen Tage, Wochen, Monate in ihr sehr viele gewesen waren. Ich glaube namlich die Bemerkung gemacht zu haben, dass es in jedem Menschen ein von allen kunstlichen Zeitmaassen ganz unabhangiges giebt, nach welchem das Fortschreiten der Zeit durch Gefuhle und Ideen bezeichnet wird. Vermoge dieses naturlichen Zeitmaasses muss eben die Zeit, welche im Durchleben sehr rasch voruber zu fliegen scheint, in der Zuruckerinnerung eine grosse Ausdehnung gewinnen, und umgekehrt die trag voruber schleichende Zeit in der Erinnerung zusammen schrumpfen. Da ich aber die letzte Erfahrung durchaus noch nicht an mir selbst gemacht habe, so muss ich daraus schliessen, dass noch ein hohes Maass von Lebenskraft in mir ist, und ich fur eine ungewohnlich lange Dauer bestimmt bin. Doch dies komme, wie es wolle, ich werde mit meinem Geschick kunftig eben so zufrieden seyn, als ich es gegenwartig bin. Das Einzige, warum ich den Himmel bitten mochte, ist die Erhaltung der letzten Freunde, die er mir zufuhrte. Bessere werd' ich niemals wiederfinden, und ein freundloses Leben hat so viel Abscheuliches fur mich, dass ich lieber gar nicht mehr existiren will, wenn die nackte Existenz durch sich selbst bedingt ist. Und nun, mein theurer Casar, hab' ich Ihnen alles mitgetheilt, was Sie wissen mussten, um mich nach meinem ganzen Wesen zu begreifen. Von grosserer Ausfuhrlichkeit haben mich zwei Rucksichten abgehalten. Einmal wollte ich Ihnen so wenig Langeweile machen, als mir immer moglich ware, und Ihnen schlechterdings nichts von dem wiederholen, was sonst wohl zwischen uns beiden zur Sprache gekommen ist. Zweitens ich weiss, Sie verzeihen, dass ich bei einem so unangenehmen Geschafte, als das Schreiben nun einmal ist, auch an mich gedacht habe wollte ich mir durch alle diese Bekenntnisse nur die Abwesenheit meiner Freundin ertraglicher machen, und folglich nur bis zu ihrer Zuruckkunft an meinem Pulte kleben. Ich habe das Vergnugen, Ihnen zu melden, dass Eugenia ubermorgen ganz unfehlbar wieder eintreffen wird. Unstreitig werden Sie bald zu uns kommen, und dann Ihre Mirabella mit ganz anderen Augen betrachten, als es bisher der Fall war. Nun, es wird sich zeigen, ob ich durch meine Aufrichtigkeit bei Ihnen gewonnen oder verloren habe. Immer war es meine Sache, fur nichts mehr und nichts weniger gelten zu wollen, als was ich wirklich bin. Adieu.

Alexander Freiherr von

Ungern-Sternberg

(18061868)