August Klingemann
Die Nachtwachen des Bonaventura
Erste Nachtwache
Die Nachtstunde schlug; ich hullte mich in meine abenteuerliche Vermummung, nahm die Pike und das Horn zur Hand, ging in die Finsterniss hinaus und rief die Stunde ab, nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bosen Geister geschutzt hatte.
Es war eine von jenen unheimlichen Nachten, wo Licht und Finsterniss schnell und seltsam mit einander abwechselten. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Riesenbilder voruber, und der Mond erschien und verschwand im raschen Wechsel. Unten in den Strassen herrschte Todtenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm, wie ein unsichtbarer Geist.
Es war mir schon recht, und ich freute mich uber meinen einsam wiederhallenden Fusstritt, denn ich kam mir unter den vielen Schlafern vor wie der Prinz im Mahrchen in der bezauberten Stadt, wo eine bose Macht jedes lebende Wesen in Stein verwandelt hatte; oder wie ein einzig Ubriggebliebener nach einer allgemeinen Pest oder Sundfluth.
Der letzte Vergleich machte mich schaudern, und ich war froh ein einzelnes mattes Lampchen noch hoch oben uber der Stadt auf einem freien Dachkammerchen brennen zu sehen.
Ich wusste wohl, wer da so hoch in den Luften regierte; es war ein verungluckter Poet, der nur in der Nacht wachte, weil dann seine Glaubiger schliefen, und die Musen allein nicht zu den letzten gehorten.
Ich konnte mich nicht entbrechen folgende Standrede an ihn zu halten:
"O du, der du da oben dich herumtreibst, ich verstehe dich wohl, denn ich war einst deinesgleichen! Aber ich habe diese Beschaftigung aufgegeben gegen ein ehrliches Handwerk, das seinen Mann ernahrt, und das fur denjenigen, der sie darin aufzufinden weiss, doch keinesweges ganz ohne Poesie ist. Ich bin dir gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt und unterbreche deine Traume von Unsterblichkeit, die du da oben in der Luft traumst, hier unten auf der Erde regelmassig durch die Erinnerung an die Zeit und Verganglichkeit. Nachtwachter sind wir zwar beide; schade nur dass dir deine Nachtwachen in dieser kalt prosaischen Zeit nichts einbringen, indess die meinigen doch immer ein Ubriges abwerfen. Als ich noch in der Nacht poesirte, wie du, musste ich hungern, wie du, und sang tauben Ohren; das letzte thue ich zwar noch jetzt, aber man bezahlt mich dafur. O Freund Poet, wer jezt leben will, der darf nicht dichten! Ist dir aber das Singen angebohren, und kannst du es durchaus nicht unterlassen, nun so werde Nachtwachter, wie ich, das ist noch der einzige solide Posten wo es bezahlt wird, und man dich nicht dabei verhungern lasst. Gute Nacht, Bruder Poet."
Ich blickte noch einmal hinauf, und gewahrte seinen Schatten an der Wand, er war in einer tragischen Stellung begriffen, die eine Hand in den Haaren, die andre hielt das Blatt, von dem er wahrscheinlich seine Unsterblichkeit sich vorrezitirte.
Ich stiess ins Horn, rief ihm laut die Zeit zu, und ging meiner Wege.
Halt! dort wacht ein Kranker auch in Traumen, wie der Poet, in wahren Fiebertraumen!
Der Mann war ein Freigeist von jeher, und er halt sich stark in seiner letzten Stunde, wie Voltaire. Da sehe ich ihn durch den Einschnitt im Fensterladen; er schaut blass und ruhig in das leere Nichts, wohin er nach einer Stunde einzugehen gedenkt, um den traumlosen Schlaf auf immer zu schlafen. Die Rosen des Lebens sind von seinen Wangen abgefallen, aber sie bluhen rund um ihn auf den Gesichtern dreier holder Knaben. Der jungste droht ihm kindlich unwissend in das blasse starre Antlitz, weil es nicht mehr lacheln will, wie sonst. Die andern beiden stehen ernst betrachtend, sie konnen sich den Tod noch nicht denken in ihrem frischen Leben.
Das junge Weib dagegen mit aufgelosstem Haar und offner schoner Brust, blickt verzweifelnd in die schwarze Gruft, und wischt nur dann und wann den Schweiss, wie mechanisch von der kalten Stirn des Sterbenden.
Neben ihm steht, gluhend vor Zorn, der Pfaff mit aufgehobenem Kruzifixe, den Freigeist zu bekehren. Seine Rede schwillt machtig an wie ein Strom, und er mahlt das Jenseits in kuhnen Bildern; aber nicht das schone Morgenroth des neuen Tages und die aufbluhenden Lauben und Engel, sondern, wie ein wilder Hollenbreugel, die Flammen und Abgrunde und die ganze schaudervolle Unterwelt des Dante.
Vergebens! der Kranke bleibt stumm und starr, er sieht mit einer furchterlichen Ruhe ein Blatt nach dem andern abfallen, und fuhlt wie sich die kalte Eisrinde des Todes hoher und hoher zum Herzen hinaufzieht.
Der Nachtwind pfiff mir durch die Haare und schuttelte die morschen Fensterladen, wie ein unsichtbarer herannahender Todesgeist. Ich schauderte, der Kranke blickte plotzlich kraftig um sich, als gesundete er rasch durch ein Wunder und fuhlte neues hoheres Leben. Dieses schnelle leuchtende Auflodern der schon verloschenden Flamme, der sichere Vorbote des nahen Todes, wirft zugleich ein glanzendes Licht in das vor dem Sterbenden aufgestellte Nachtstuck, und leuchtet rasch und auf einen Augenblick in die dichterische Fruhlingswelt des Glaubens und der Poesie. Sie ist die doppelte Beleuchtung in der Corregios Nacht, und verschmilzt den irdischen und himmlischen Strahl zu Einem wunderbaren Glanze.
Der Kranke wiess die hohere Hoffnung fest und entschieden zuruck, und fuhrte dadurch einen grossen Moment herbei. Der Pfaff donnerte ihm zornig in die Seele und mahlte jezt mit Flammenzugen wie ein Verzweifelnder, und bannte den ganzen Tartarus herauf in die letzte Stunde des Sterbenden. Dieser lachelte nur und schuttelte den Kopf.
Ich war in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewiss; denn nur das endliche Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken, wahrend der unsterbliche Geist nicht vor ihr zittert, der sich, ein freies Wesen, ihr frei opfern kann, wie sich die Indischen Weiber kuhn in die Flammen sturzen, und der Vernichtung weihen.
Ein wilder Wahnsinn schien bei diesem Anblicke den Pfaffen zu ergreifen, und getreu seinem Karakter redete er jezt, indem ihm das Beschreiben zu ohnmachtig erschien, in der Person des Teufels selbst, der ihm am nachsten lag. Er druckte sich wie ein Meister darin aus, acht teufelisch im kuhnsten Style, und fern von der schwachen Manier des modernen Teufels.
Dem Kranken wurde es zu arg. Er wendete sich finster weg, und blickte die drei Fruhlingsrosen an, die um sein Bette bluheten. Da loderte die ganze heisse Liebe zum letztenmale in seinem Herzen auf, und uber das blasse Antlitz flog ein leichtes Roth, wie eine Erinnerung. Er liess sich die Knaben reichen, und kusste sie mit Anstrengung, dann legte er das schwere Haupt an die hochwallende Brust des Weibes, stiess ein leises, Ach! aus, das mehr Wollust als Schmerz schien, und entschlief liebend im Arm der Liebe.
Der Pfaff seiner Teufelsrolle getreu, donnerte ihm, der Bemerkung gemass, dass das Gehor bei Verstorbenen noch eine langere Zeit reizbar bleibt, in die Ohren, und versprach ihm in seinem eigenen Namen fest und bundig, dass der Teufel nicht nur seine Seele, sondern auch seinen Leib abfodern wurde.
Somit sturzte er fort, und hinaus auf die Gasse. Ich war verwirrt worden, hielt ihn in der Tauschung wahrhaft fur den Teufel, und sezte ihm, als er an mir voruberfahren wollte, die Pike auf die Brust. "Geh zum Teufel!" sagte er schnaubend, da besann ich mich und sagte: "Verzeiht, Hochwurdiger, ich hielt euch in einer Art Besessenheit fur ihn selbst, und sezte euch deshalb die Pike, als ein "Gott sei bei uns!" aufs Herz. Haltet mir's diesmal zu Gute!"
Er sturzte fort.
Ach! dort im Zimmer war die Szene lieblicher worden. Das schone Weib hielt den blassen Geliebten still in ihren Armen, wie einen Schlummernden; in schoner Unwissenheit ahnte sie den Tod noch nicht, und glaubte, dass ihn der Schlaf zum neuen Leben starken werde ein holder Glaube, der im hohern Sinne sie nicht tauschte. Die Kinder knieten ernst am Bette, und nur der jungste bemuhete sich den Vater zu wecken, wahrend die Mutter, ihm schweigend mit den Augen zuwinkend, die Hand auf sein umlocktes Haupt legte.
Die Szene war zu schon; ich wandte mich weg, um den Augenblick nicht zu schauen, in dem die Tauschung schwande.
Mit gedampfter Stimme sang ich einen Sterbegesang unter dem Fenster, um in dem noch horenden Ohre den Feuerruf des Monchs durch leise Tone zu verdrangen. Den Sterbenden ist die Musik verschwistert, sie ist der erste susse Laut vom fernen Jenseits, und die Muse des Gesanges ist die mystische Schwester, die zum Himmel zeigt. So entschlummerte Jakob Bohme, indem er die ferne Musik vernahm, die Niemand, ausser dem Sterbenden horte.
Zweite Nachtwache
Die Stunde rief mich wieder zu meiner nachtlichen Handthierung; da lagen die oden Strassen, wie zugedeckt vor mir, und nur dann und wann flog ein Wetterleuchten luftig und rasch durch sie hin, und weit, weit in der Ferne murmelte es drein wie unverstandlicher Zauberspruch.
Mein Poet hatte das Licht ausgeloscht, weil der Himmel leuchtete und er dies leztere fur wohlfeiler und poetischer zugleich hielt. Er schauete hoch droben in die Blitze hinein, im Fenster liegend, das weisse Nachthemd offen auf der Brust, und das schwarze Haar struppig und unordentlich um den Kopf. Ich erinnerte mich an ahnliche uberpoetische Stunden, wo das Innere Sturm ist, der Mund im Donner reden, und die Hand statt der Feder den Blitz ergreifen mochte, um damit in feurigen Worten zu schreiben. Da fliegt der Geist von Pole zu Pole, glaubt das ganze Universum zu uberflugeln, und wenn er zulezt zur Sprache kommt so ist es kindisch Wort, und die Hand zerreisst rasch das Papier.
Ich bannte diesen poetischen Teufel in mir, der am Ende immer nur schadenfroh uber meine Schwache aufzulachen pflegte, gewohnlich durch das Beschworungsmittel der Musik. Jezt pflege ich nur ein paarmal gellend ins Horn zu stossen, und da geht's auch voruber.
Uberall kann ich allen denen, die sich vor ahnlichen poetischen Uberraschungen wie vor einem Fieber scheuen, den Ton meines Nachtwachterhorns als ein achtes antipoeticum empfehlen. Das Mittel ist wohlfeil und von grosser Wichtigkeit zugleich, da man in jetziger Zeit mit Plato die Poesie fur eine Wuth zu halten pflegt, mit dem einzigen Unterschiede, dass jener diese Wuth vom Himmel und nicht aus dem Narrenhause herleitete.
Mag dem indess sein, wie ihm wolle, so bleibt es doch heut zu Tage mit der Dichterei uberall bedenklich, weil es so wenig Verruckte mehr giebt, und ein solcher Uberfluss an Vernunftigen vorhanden ist, dass sie aus ihren eigenen Mitteln alle Facher und sogar die Poesie besetzen konnen. Ein rein Toller, wie ich, findet unter solchen Umstanden kein Unterkommen. Ich gehe deshalb auch nur jetzt blos noch um die Poesie herum, das heisst, ich bin ein Humorist worden, wozu ich als Nachtwachter die meiste Musse habe.
Meinen Beruf zum Humoristen musste ich hier freilich wohl zuvor erst darthun, allein ich lasse mich nicht darauf ein, weil man es uberhaupt jezt mit dem Berufe selbst so genau nicht nimmt, und sich dagegen mit dem Rufe allein begnugt. Giebt es doch auch Dichter ohne Beruf, durch den blossen Ruf und somit ziehe ich mich aus dem Handel.
Eben flammte ein Bliz durch die Luft, da schlichen drei an der Kirchhofsmauer hin wie Karnevalslarven. Ich rief sie an, doch war's schon wieder Nacht rings um, und ich sah nichts, als einen gluhenden Schweif und ein paar feurige Augen, und zu dem fernen Donner murmelte eine Stimme in der Nahe, wie zu einer Don Juans Begleitung: "Thu was deines Amtes ist, Nachtrabe; aber mische dich nicht ins Geisterwerk!"
Das war mir doch etwas zu arg, und ich warf meine Pike dahin wo die Stimme her kam; eben blizte es wieder da waren die drei in Luft zerronnen, wie Makbeths Hexen.
"Erkennt ihr mich nicht fur einen Geist an;" rief ich noch zornig hinterdrein, in der Hoffnung dass sie's vernahmen "und doch war ich Poet, Bankelsanger, Marionettendirekteur und alles dergleichen Geistreiches nach einander. Ich mochte doch Eure Geister gekannt haben im Leben wenn ihr anders wirklich bereits daraus seid! ob sich der Meinige mit ihnen nicht hatte messen konnen; oder habt ihr einen Zusatz von Geist erhalten nach eurem Tode, wie wir das Beispiel bei manchen grossen Mannern erfuhren, die erst nach ihrem Tode beruhmt wurden, und deren Schriften durch das lange Liegen an Geist gewannen; gleich dem Weine der mit dem zunehmenden Alter geistreicher wird."
Jezt war ich der Wohnung des exkommunizirten Freigeistes bis auf einige Schritte nahe gekommen. Aus der offenen Thur legte sich ein matter Schein in die Nacht hinein, und floss oft seltsam mit dem Wetterleuchten zusammen, auch murmelte es vernehmlicher von den fernen Bergen heruber, wie wenn das Geisterreich sich ernstlich ins Spiel zu mischen gedachte.
Auf der Hausflur war der Todte, der ublichen Sitte gemass, offen ausgestellt, um ihn her brannten wenige ungeweihte Kerzen, weil der Pfaff, teuflischen Andenkens, die Weihe verweigert hatte. Der Verstorbene lachelte in seinem festen Schlafe daruber, oder uber seinen eignen thorichten Wahn, den das Jenseits widerlegt hatte, und sein Lacheln glanzte wie ein ferner Wiederschein vom Leben uber die starren vom Tode verfestigten Zuge.
Durch eine lange, wenig erleuchtete Halle, schaute man in eine schwarz behangte Nische; dort knieten unbeweglich die drei Knaben und die blasse Mutter vor einem Altare die Gruppe der Niobe mit ihren Kindern in stummes angstvolles Gebet versunken, um Leib und Seele des Verstorbenen dem Teufel, dem der Pfaff sie zugesprochen, zu entreissen.
Der Bruder des Abgeschiedenen allein, ein Soldat, hielt im festen sichern Glauben an den Himmel und an seinen eigenen Muth, der es mit dem Teufel selbst aufzunehmen wagte, Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig und erwartend, und er schaute abwechselnd in das starre Antlitz des Todten und in das Wetterleuchten, das oft feindlich durch den matten Schein der Kerzen zuckte; sein Sabel lag gezogen auf der Leiche, und glich mit seinem wie ein Kreuz gestalteten Griffe einer geistlichen und weltlichen Waffe zugleich.
Ubrigens herrschte Todtenstille rings um, und ausser dem fernen Murren des Gewitters und dem Knistern der Kerzen vernahm man nichts.
So bliebs, bis in einzelnen ernsten Schlagen die Klocke Mitternacht ankundigte; da fuhrte plozlich der Sturmwind hoch oben in den Luften die Gewitterwolke wie ein nachtliches Schreckbild heruber, und bald hatte sie ihr Grabtuch am ganzen Himmel ausgebreitet. Die Kerzen um den Sarg verloschten, der Donner brullte zurnend, wie eine aufruhrerische Macht herunter und rief die festen Schlafer auf, und die Wolke spie Flamme auf Flamme aus, wodurch das starre blasse Antliz des Todten allein grell und periodisch beleuchtet wurde.
Ich sah jezt, dass der Sabel des Soldaten durch die Nacht blizte, und dieser sich muthig zum Kampfe rustete.
Es wahrte auch nicht lange die Luft warf Blasen auf, und die drei Makbeths Geister waren plotzlich wieder sichtbar, wie wenn der Sturmwind sie beim Scheitel herangewirbelt hatte. Der Blitz beleuchtete verzogene Teufelslarven und Schlangenhaar, und den ganzen hollischen Apparat.
Mich fasste in dem Augenblicke der Teufel bei einem Haare, und als sie die Gasse herauffuhren, mischte ich mich rasch unter sie. Sie stuzten, wie wenn sie auf bosen Wegen gingen, uber den vierten ungebetenen der zu ihnen stiess. "Nun zum Teufel! Kann der Teufel auch auf guten Wegen gehen!" rief ich wildlachend aus. "Drum lasst euch nicht irren, dass ich euch auf bosen antreffe. Ich bin eures Gleichen, Bruder, ich mache mit euch Gemeinschaft!" Das brachte sie wahrhaftig in Verlegenheit. Der Eine stiess ein "Gott sei bei uns!" aus, und kreuzte sich, was mich Wunder nahm, weshalb ich ausrief: "Bruder Teufel fall nicht so hart aus dem Karakter, ich mochte sonst beinahe an dir selbst verzweifeln und dich fur einen Heiligen halten, zum mindesten fur einen Geweihten. Uberlege ich's indess reiflicher, so muss ich dir wohl eher Gluck wunschen, dass du endlich auch das Kreuz verdauet hast, und von Haus aus ein eingefleischter Teufel, dich dem Scheine nach zu einem Heiligen ausbildetest!"
An der Sprache mochten sie es endlich weg haben, dass ich nicht einer ihres Gleichen ware, und sie fuhren alle drei auf mich ein, und sprachen nun gar in einem acht klerischen Tone von Exkommuniziren, u.d. gl. wenn ich sie in ihrer Handthierung storen wurde.
"Sorgt nicht," erwiederte ich, "ich habe bisher wahrlich an den Teufel nicht geglaubt, doch seit ich euch gesehen, ist er mir klar worden, und ich bin gewiss, dass ihr zunftfahig seid. Macht eure Sachen ab, denn mit der Holle und der Kirche kann's kein armer Nachtwachter aufnehmen."
Dahin fuhren sie, ins Haus hinein. Ich folgte bedenklich nach.
Es war ein furchtbares Schauspiel, Blitz und Nacht wechselten Schlag auf Schlag. Jezt war es hell und man sah das Handgemenge der drei um den Sarg und das Blitzen des Sabels in der Hand des eisenfesten Kriegsmannes, dazwischen schauete der Todte mit seinem blassen starren Gesichte unbeweglich wie eine Larve. Dann war es wieder tiefe Nacht, und nur fern, im Hintergrunde der Nische ein matter Schimmer und die knieende Mutter mit den drei Kindern rang im verzweifelnden Gebet.
Es ging alles still und ohne Worte zu; aber jezt krachte es auf einmal zusammen, wie wenn der Teufel die Oberhand erhielte. Die Blitze wurden sparsamer und es blieb langere Zeit Nacht. Nach einem Weilchen indess fuhren zwei rasch zur Thur heraus, und ich sah es durch die Finsterniss bei dem Leuchten ihrer Augen sie trugen wirklich einen Todten mit sich fort.
Da stand ich, in mich hineinfluchend vor der Thur; auf der Flur war es ganz finster, keine Seele regte sich, und ich glaubte auch dem wackeren Kriegsmanne, zum mindesten, den Hals gebrochen.
In diesem Augenblicke flammte ein heftiger Blitz, mit dem sich die Gewitterwolke vollig entlud, und blieb, gleichsam wie eine aufgepflanzte Fackel, eine zeitlang in der Luft, ohne zu verloschen. Da sah ich den Soldaten wieder ruhig und kalt am Sarge stehen, und die Leiche lachelte wie zuvor aber, o Wunder! dicht neben dem lachelnden Todtenantlitze grinsete eine Teufelslarve, und der Rumpf fehlte zum Ganzen, und ein purpurrother Blutstrom farbte das weisse Sterbegewand des schlafenden Freigeistes.
Schaudernd wickelte ich mich in meinen Mantel, vergass es, zu blasen und die Stunde abzusingen und floh meiner Hutte zu.
Dritte Nachtwache
Wir Nachtwachter und Poeten kummern uns um das Treiben der Menschen am Tage, in der That wenig; denn es gehort zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten: Die Menschen sind wenn sie handeln hochst alltaglich und man mag ihnen hochstens wenn sie traumen einiges Interesse abgewinnen.
Aus diesem Grunde erfuhr ich denn auch von dem Ausgange jener Begebenheit nur Unzusammenhangendes, das ich eben so unzusammenhangend mittheilen will.
Uber den Kopf zerbrach man sich am meisten die Kopfe, war es doch kein gewohnlicher, sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt. Die Justiz, der es vorgelegt wurde, wies die Sache von sich, indem sie ausserte, dass die Kopfe eben nicht in ihr Fach schlugen. Es war in der That ein boser Handel und man gerieth sogar in Streit daruber, ob man gegen den Soldat criminaliter verfahren, indem er einen Todschlag begangen, oder ihn vielmehr kanonisiren musse, weil der Erschlagene der Teufel. Aus dem leztern entsprang wieder ein neues Ubel; es wurde nemlich in mehreren Monaten keine Absolution mehr begehrt, weil man den Teufel jezt geradezu laugnete und sich auf den in Verwahrung genommenen Kopf berief. Die Pfaffen schrien sich von den Kanzeln heiser und behaupteten ohne weiteres, dass ein Teufel auch ohne Kopf bestehen konne, wovon sie Beweisgrunde, aus ihren eigenen Mitteln, anzufuhren, erbothig waren.
Aus dem Kopfe selbst konnte man in der That nicht ganz klug werden. Die Physiognomie war von Eisen; doch ein Schloss, das sich an der Seite befand, fuhrte fast auf die Vermuthung, dass der Teufel noch ein zweites Gesicht unter dem ersten verborgen hatte, welches er vielleicht nur fur besondere Festtage aufsparte. Das Schlimmste war, dass zu dem Schlosse, und also auch zu diesem zweiten Gesichte, der Schlussel fehlte. Wer weiss was sonst fur fruchtbare Bemerkungen uber Teufelsphysiognomien hatten gemacht werden konnen, da hingegen das erste nur ein blosses Alltagsgesicht war, das der Teufel auf jedem Holzschnitte fuhrt.
In dieser allgemeinen Verwirrung und bei der Ungewissheit, ob man ein achtes Teufelshaupt vor sich habe, wurde beschlossen, dass der Kopf dem Doktor Gall in Wien zugesandt wurde, damit er die untruglichen satanischen Protuberanzen an ihm aufsuchen mochte; jezt mischte sich plotzlich die Kirche ins Spiel, und erklarte dass sie bei solchen Entscheidungen als die erste und lezte Instanz anzusehen sei, sie liess sich den Schadel ausliefern, und wie es bald darauf hiess, war er verschwunden, und mehrere der geistlichen Herren wollten in der Nachtstunde den Teufel selbst gesehen haben, wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich nahm.
Somit blieb die ganze Sache so gut, wie unaufgeklart, um so mehr, da der einzige, der allenfalls noch einiges Licht hatte geben konnen, jener Pfaff nemlich, der das Anathema uber den Freigeist aussprach, an einem Schlagflusse plotzlich Todes verfahren war. So sagte es wenigstens das Gerucht und die Klosterherren; denn den Leichnam selbst hatte kein Profaner gesehen, weil er, der warmen Jahrszeit wegen, schnell beigesetzt werden musste.
Die Geschichte ging mir wahrend meiner Nachtwache sehr im Kopfe herum, denn ich hatte bis jezt nur an einen poetischen Teufel geglaubt, keinesweges aber an den wirklichen. Was den poetischen anbetrifft, so ist es gewiss sehr schade, dass man ihn jezt so ausserst vernachlassiget, und statt eines absolut bosen Prinzips, lieber die tugendhaften Bosewichter, in Ifland- und Kotzebuescher Manier, vorzieht, in denen der Teufel vermenschlicht, und der Mensch verteufelt erscheint. In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und Selbststandige; deshalb mogen wir denn auch weder achten Spass, noch achten Ernst, weder achte Tugend noch achte Bosheit mehr leiden. Der Zeitkarakter ist zusammengeflikt und gestoppelt wie eine Narrenjacke, und was das Argste dabei ist der Narr, der darin stekt, mogte ernsthaft scheinen.
Als ich diese Betrachtungen anstellte, hatte ich mich in eine Nische vor einen steinernen Crispinus gestellt, der eben einen solchen grauen Mantel trug, als ich. Da bewegten sich plozlich eine weibliche und eine mannliche Gestalt dicht vor mir und lehnten sich fast an mich, weil sie mich fur den Blind- und Taubstummen von Stein hielten. Der Mann liess es sich recht angelegen sein im rhetorischen Bombast, und sprach in einem Athem von Liebe und Treue; das Frauenbild dagegen zweifelte glaubig, und machte viel kunstlichen Handeringens. Jezt berief sich der Mann keklich auf mich, und schwur er stehe unwandelbar und unbeweglich wie das Standbild. Da wachte der Satyr in mir auf, und als jener die Hand gleichsam zur Betheuerung auf meinen Mantel legte, schuttelte ich mich boshaft ein wenig, woruber beide erstaunten; doch der Liebhaber nahms auf die leichte Achsel, und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt, wodurch es das Gleichgewicht in etwas verlohren.
Er verschwur jezt nacheinander in zehn Karaktern aus den neuesten Dramen und Tragodien seine Seele, wenn er jemals treulos; zulezt redete er gar noch in der Manier des Don Juan, dem er diesen Abend beigewohnt hatte, und schloss mit den bedeutenden Worten: "dieser Stein soll als furchtbarer Gast erscheinen bei unserm nachtlichen Mahle, meine ich's nicht redlich."
Ich merkte mir's und horte nun noch wie sie ihm das Haus beschrieb, und eine geheime Feder an der Thur, wodurch er diese offnen konne, zugleich auch die Mitternachtstunde zum Gastmale festsezte.
Ich war eine halbe Stunde fruher auf dem Plaze, fand das Haus, die Thur, nebst der geheimen Feder, und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu einem Saale, auf dem es dammerte. Das Licht fiel durch zwei Glasthuren; ich nahete mich der einen, und erblickte ein Wesen in einem Schlafrocke am Arbeitstische, von dem ich anfangs zweifelhaft blieb, ob es ein Mensch oder eine mechanische Figur sey, so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt, und nur bloss der Ausdruck von Arbeit geblieben. Das Wesen schrieb, in Aktenstosse vergraben, wie ein lebendig eingescharrter Laplander. Es kam mir vor als wollte es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus, uber ihr, kosten, denn alles Leidenschaftliche und Theilnehmende war auf der kalten holzernen Stirne ausgeloscht, und die Marionette sass, leblos aufgerichtet, in dem Aktensarge voll Bucherwurmer. Jezt wurde der unsichtbare Drath gezogen, da klapperten die Finger, ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nach einander; ich blickte scharfer hin es waren Todesurtheile. Auf dem Tische lagen der Justinian und die Halsordnung, gleichsam die personifizirte Seele der Marionette.
Tadeln konnte ich's nicht; aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die mechanische Todesmaschine, die willenlos niederfallt; sein Arbeitstisch wie die Gerichtsstate, auf der er in einer Minute mit drei Federzugen drei Todesurtheile vollstreckt hatte. Beim Himmel hatte ich die Wahl zwischen beiden, lieber ware ich der lebende Sunder, als dieser todte Gerechte.
Noch mehr ergriff es mich, als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossirtes Konterfei ihm unbeweglich gegenuber sitzen sah, als ware es an einem leblosen Exemplare nicht genug, und eine Doublette nothig, um die todte Seltenheit von zwei verschiedenen Seiten zu zeigen.
Jezt trat die Dame von vorhin ein, und die Marionette zog die Mutze ab, und legte sie angstlich erwartend bei sich hin. "Noch nicht schlafen gegangen?" sagte jene, "was fuhren Sie fur ein wildes Leben! die Phantasie ewig angespannt!" "Phantasie?" fragte er verwundert, "was meinen Sie damit? Ich verstehe die neuen Terminologien so selten, in denen Sie jezt reden." "Weil Sie sich fur nichts Hoheres interessiren; nicht einmal fur das Tragische!" "Tragisch? Ei allerdings!" antwortete er selbstgefallig, "sehen Sie hier, ich lasse drei Delinquenten hinrichten!" "O weh, welche Sentiments!" "Wie? Ich dachte Ihnen eine Freude damit zu machen, weil in den Buchern die Sie lesen, so viele ums Leben kommen. Deshalb habe ich auch, um Sie zu uberraschen, die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesezt!" "Mein Gott! Meine Nerven!" "O weh, Sie bekommen den Zufall jezt so haufig, dass mir jedesmal bang im Voraus wird!" "Ach ja, Sie konnen leider dabei nicht helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen Sie sich schlafen!"
Das Gesprach war zu Ende, und er ging, indem er sich den Schweiss von der Stirn trocknete. Ich beschloss in dem Augenblicke teuflisch genug, ihm noch, wo moglich, diese Nacht seine Frau in die hochnothpeinliche Halsgerichtsordnung auszuliefern, damit er Macht uber sie erhielte.
Es wahrte nun auch gar nicht lange, als mein Mars zu seiner Venus schlich. Mir fehlte zum Vulkan, da ich von Natur hinkte, und nicht zum Besten aussah, eben wenig mehr, als das goldne Nez, indess beschloss ich, in Ermangelung dessen, einige goldene Wahrheiten und Sittenspruchlein anzuwenden. Anfanglich ging es ganz leidlich zu; mein Bursche sundigte blos an der Poesie durch eine zu materielle Tendenz seiner Schilderungen; er malte einen Himmel voll Nymphen und sich neckender Liebesgotter an den Betthimmel unter dem er zu ruhen gedachte, den Weg dahin bestreute er mit Vexirrosen, die er zahlreich in zierlichen Redefloskeln von sich warf, und die Dornen die ihm dann und wann die Fusse verwunden wollten, umging er durch leichte frivole Wendungen.
Als der Sunder sich nun aber so in ein poetisches Element versezt, und die Moral vollig, dem Geiste der neuesten Theorien gemass, abgewiesen hatte, der grunseidne Vorhang vor der Glasthur herabrollte, und das Ganze ein Gardinenstuck zu werden begann, wandte ich rasch mein antipoeticum an, und stiess gellend in das Nachtwachterhorn, worauf ich mich auf ein leeres Piedestal, das fur die Statue der Gerechtigkeit, die bis jezt noch in der Arbeit, bestimmt war, schwang, und still und unbeweglich stehen blieb.
Der furchtbare Ton hatte die beiden aus der Poesie, und den Ehemann aus dem Schlafe geschreckt, und alle drei eilten plozlich zu gleicher Zeit aus zwei verschiedenen Thuren.
"Der steinerne Gast" rief der Liebhaber schaudernd, indem er mich erblickte;" Ah, meine Gerechtigkeit!" der Ehemann, "ist sie endlich fertig geworden; wie unerwartet hast du mich dadurch uberrascht, Liebchen!" "Reiner Irrthum", sagte ich, "die Gerechtigkeit liegt noch immer druben beim Bildhauer, und ich habe mich nur provisorisch auf das Piedestal gestellt, damit es, bei besonders wichtigen Gelegenheiten, nicht ganz leer sey. Es bleibt zwar immer mit mir nur ein Nothbehelf, denn die Gerechtigkeit ist kalt wie Marmor, und hat kein Herz in der steinernen Brust, ich aber bin ein armer Schelm voll sentimentaler Weichlichkeit, und gar dann und wann etwas poetisch gestimmt; indess, bei gewohnlichen Fallen fur das Haus mag ich immer gut genug seyn, und wenn es Noth thut, einen steinernen Gast abgeben. Solche Gaste haben das fur sich, dass sie nicht mitessen und auch nicht warm werden, wo es Schaden bringen konnte, dagegen die andern leicht Feuer fangen, und es dem Hausherrn vor der Stirn heiss machen, wie mir das Beispiel nahe liegt."
"Ei, ei, mein Gott, was ist denn das?" stammelte der Ehemann.
"Dass die Stummen zu reden anfangen, meinen Sie? das fliesst aus der Frivolitat des Zeitalters. Man sollte nie den Teufel an die Wand malen. Unsere jungen Herren von Welt setzen sich aber daruber hinaus, und missbrauchen dergleichen bei schwachen Seelen, um sich von der heroischen Seite zu zeigen. Da habe ich nun meinen Mann beim Worte genommen, ob ich gleich eigentlich nicht hieher gehore, sondern draussen auf dem Markte stehe im grauen Mantel als heiliger Crispinus von Stein."
"Du Gott, was soll man davon denken!" fuhr jener beangstet fort," es ist gar nicht in der Ordnung, und ein unerhorter Fall!"
"Fur den Rechtsgelehrten gewiss! dieser Crispinus war nemlich ein Schuster, legte sich aber aus besonderer Frommigkeit und einem wirklichen Uberflusse von Tugend auf die Dieberei, und stahl das Leder, um den Armen Schuhe daraus zu machen. Was lasst sich da entscheiden, reden Sie selbst! Ich sehe keinen andern Ausweg, als ihn zuerst zu hangen, und nachher zu kanonisiren. Aus ahnlichen Grunden musste man z.B. gegen Ehebrecher verfahren, die bloss um den Hausfrieden aufrecht zu erhalten, gegen die Gesetze verstossen; der animus ist hier offenbar ein loblicher, und darauf kommts doch hauptsachlich an. Wie manche Frau wurde nicht ihren Mann zu Tode qualen, wenn nicht ein solcher Hausfreund sich einfande, und aus reiner Moralitat zum Schurken wurde. Hier stehe ich eigentlich an meinem Thema, und wir konnen nun in Gottes Namen die hochnothpeinliche Halsgerichtsordnung aufschlagen. Doch ich sehe dass die Inquisiten bereits beide in Ohnmacht liegen; da mussen wir im Prozesse eine Pause machen!"
"Inquisiten?" fragte der Ehemann mechanisch. "Ich sehe keine, die dort ist meine Ehehalfte!"
"Schon gut, wir wollen fur's erste bei ihr stehen bleiben. Ehehalfte! Ganz recht! das heisst: das Kreuz oder die Qual in der Ehe und wahrhaftig das ist schon eine exemplarische Ehe, wo dieses Kreuz nur die Halfte ausmacht. Seyd Ihr nun, als die zweite Halfte, der Ehesegen, so ist Eure Ehe wirklich ein Himmel auf Erden."
"Der Ehesegen!" sagte jener mit einem tiefen Seufzer.
"Keine sentimentale Randglosse, lieber Freund, werfen wir hier vielmehr einen Blick auf den zweiten Inquisiten, der ebenfalls aus Schrecken, uber den steinernen Gast, in Ohnmacht liegt. Wenn wir Personen von Rechtswegen, Milderungsgrunde aus moralischen Prinzipien herleiten durften, so mogte ich schon sein Defensor seyn, und wollte wenigstens die Strafe des Kopfens, die die Carolina uber ihn verhangt, von ihm abwenden; zumal da bei solchen Schachern das Kopfen doch nur in effigie angewandt werden kann, weil bei ihnen, ernstlich genommen, von einem Kopfe nie die Rede ist!"
"Die Karolina sollte auf einmal so grausam geworden seyn!" sagte jener ganz konfus. "Vorhin schauderte sie doch noch, als ich vom Hinrichten sprach!"
"Ich verdenke es Euch nicht" antwortete ich, "dass ihr beide Karolinen mit einander verwechselt; denn Eure lebende Karolina ist, als Ehekreuz und Folter, leicht mit der hochnothpeinlichen zu vertauschen, die ebenfalls keinen Himmel voll Geigen abhandelt. Ja fast mochte ich behaupten, eine solche eheliche sey noch viel arger als die kaiserliche, indem in dieser wenigstens in keinem einzigen Falle von lebenslanglicher Folter die Rede ist."
"Aber mein Gott, das kann doch nicht so fort gehen!" sagte er auf einmal wie zu sich kommend. "Man weiss nicht so recht mehr, ob man wacht oder traumt; ja ich hatte Lust mich zu betasten und zu zwicken, blos um zu sehen, ob ich wachte oder schliefe, wenn ich nicht darauf schworen wollte, vorher wirklich den Nachtwachter gehort zu haben!"
"Ei mein Gott!" rief ich aus. "Jezt erwache ich; Ihr habt mich beim Namen gerufen, und es ist noch mein Gluck, dass ich mich gerade nicht zu hoch befinde, etwa auf einem Dache, oder in einer dichterischen Begeisterung, um mir jezt beim Herabfallen den Hals zu brechen. So aber stehe ich glucklicherweise nicht hoher, als hier die Gerechtigkeit stehen soll, und da bleibe ich noch menschlich und unter den Menschen. Ihr starrt mich an, und konnt Euch nicht darin finden; doch will ich's Euch sogleich losen. Ich bin Nachtwachter hier, und zugleich Nachtwandler, wahrscheinlich weil sich beide Funktionen in Einer Person vorstehen lassen. Wenn ich nun als Nachtwachter mein Amt verrichte, so kommt mir oft die Lust an als Nachtwandler mich auf scharfe Spitzen, wie auf Dachspitzen oder andere kritische Stellen in dieser Art zu begeben; und so bin ich denn auch wahrscheinlich hier auf das Piedestal der Themis gekommen. Es ist eine verzweifelte Laune, die mich noch um den Hals bringen kann; indess fugte es sich doch oft, dass ich dadurch die guten Einwohner dieser Stadt auf eine eigene Weise vor Diebstahlen gesichert habe, eben weil ich in alle Winkel zu kriechen pflege, und das gerade die unschadlichsten Diebe sind, die ihr Handwerk nur draussen herum an den Laden mit Brechstangen exerciren. Dieser Punkt glaub ich, entschuldigt mich; und somit gehe es Euch wohl!"
Ich entfernte mich, und liess den Ehemann und die andern beiden, die nun auch wieder zu sich gekommen waren, erstaunt zuruck. Wie sie nachher sich noch mit einander unterhalten haben, weiss ich nicht.
Vierte Nachtwache
Zu den Lieblingsortern, an denen ich mich wahrend meiner Nachtwachen aufzuhalten pflege, gehort der Vorsprung in dem alten gothischen Dome. Hier sitze ich bei dem dammernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft selbst wie ein Nachtgeist vor. Der Ort ladt zu Betrachtungen ein; heute fuhrte es mich auf meine eigene Geschichte, und ich blatterte, gleichsam aus Langerweile, mein Lebensbuch auf, das verwirrt und toll genug geschrieben ist.
Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus, und pagina V handelt nicht von meiner Geburt, sondern vom Schatzgraben. Hier sieht man mystische Zeichen, aus der Kabbala und auf dem erklarenden Holzschnitte einen nicht gewohnlichen Schuhmacher, der das Schuhmachen aufgeben will, um Gold machen zu lernen. Eine Zigeunerin steht daneben, gelb und unkenntlich und das Haar struppig um die Stirn gezauset; sie unterrichtet ihn im Schatzgraben, giebt ihm eine Wunschelruthe und zeigt auch genau den Ort an, wo er in drei Tagen einen Schatz heben soll. Ich habe heute blos die Laune mich bei den Holzschnitten in dem Buche aufzuhalten, und somit gehe ich zum
zweiten Holzschnitte
uber. Hier ist der Schuhmacher wieder, ohne die Zigeunerin; sein Gesicht ist diesmal dem Kunstler schon weit ausdrucksvoller gelungen. Es hat kraftige Zuge und zeigt an, dass der Mann nicht blos bei den Fussen stehen geblieben, sondern ultra crepidam gegangen ist. Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen des Genies, und macht es einleuchtend, wie derjenige, der ein guter Hutmacher geworden ware, einen schlechten Schuhmacher abgeben muss, und auch im Gegentheile, wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt. Das Lokale ist ein Kreuzweg, die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das Zikzak am Himmel einen Blitz bedeuten. Es ist klar, ein anderer ehrlicher Mann von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon; unser Genie aber lasst sich nicht storen. Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben; und ist auch schon daruber aus gewesen, sein erobertes Schatzkastlein zu offnen. Doch, o Himmel, sein Inhalt ist wohl nur allein fur den kuriosen Liebhaber ein Schatz zu nennen denn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kastlein, und zwar ohne alle fahrende Habe, und schon ein ganz fertiger Weltburger.
Was mein Schatzgraber fur Betrachtungen uber seinen Fund angestellt hat, davon steht nichts auf dem Holzschnitte, weil der Kunstler die Grenzen seiner Kunst nicht im mindesten hat uberschreiten wollen.
Dritter Holzschnitt
Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nothen. Auf einem Buche sitze ich, aus einem lese ich; mein Adoptiv-Vater beschaftigt sich mit einem Schuhe, scheint aber zugleich eigenen Betrachtungen uber die Unsterblichkeit Raum zu geben. Das Buch worauf ich sitze, enthalt Hans Sachsens Fastnachtsspiele, das woraus ich lese, ist Jakob Bohmens Morgenrothe, sie sind der Kern aus unserer Hausbibliothek, weil beide Verfasser zunftfahige Schuhmacher und Poeten waren.
Weiter mag ich nicht im Erklaren gehen, weil in dem Holzschnitte von meiner eigenen Originalitat zuviel die Rede ist. Ich lese also lieber das hiezugehorige
dritte Kapitel
fur mich in der Stille. Es ist von meinem Schuhmacher, der so weit es ging, meinen Lebenslauf selbst fortgefuhrt hat, verfasst, und hebt so an:
"Wunderlich wird mir gar oft zu Muthe, wenn ich den Kreuzgang betrachte." Es war nemlich dem Gebrauche gemass, der Ort wo ich gefunden, bei meiner Taufe, zu mir Gevatter geworden. "Uber einen gewohnlichen Leisten kann ich ihn nicht schlagen, denn es ist etwas Uberschwengliches in ihm, etwa wie in dem alten Bohme, der auch schon fruh uber dem Schuhmachen sich vertiefte und ins Geheimniss verfiel. So auch er; kommen ihm doch ganz gewohnliche Dinge hochst ungewohnlich vor; wie z.B. ein Sonnenaufgang, der sich doch tagtaglich zutragt, und wobei wir andern Menschenkinder eben nichts Absonderliches zu denken pflegen. So auch die Sterne am Himmel und die Blumen auf der Erde, die er oft unter einander sich besprechen und gar wundersamen Verkehr treiben lasst. Hat er mich doch neulich uber einen Schuh gar konfus gemacht, indem er mich anfangs uber die Bestandtheile desselben befragte, und als ich ihm darauf Rede und Antwort gegeben hatte, plozlich uber jede einzelne Substanz Aufklarung verlangte, immer hoher und hoher sich verstieg, erst in die Naturwissenschaften, indem er das Leder auf den Ochsen zuruck fuhrte, dann gar noch weiter bis ich mich zulezt mit meinem Schuhe hoch oben in der Theologie befand und er mir grad heraus sagte dass ich in meinem Fache ein Stumper sei, weil ich ihm darin nicht bis zum lezten Grunde Auskunft geben konnte. Ebenfalls nennt er die Blumen oft eine Schrift, die wir nur nicht zu lesen verstanden, desgleichen auch die bunten Gesteine. Er hoft diese Sprache noch einst zu lernen, und verspricht dann gar wundersame Dinge daraus mitzutheilen. Oft behorcht er ganz heimlich die Mucken oder Fliegen wenn sie im Sonnenschein summen, weil er glaubt sie unterredeten sich uber wichtige Gegenstande, von denen bis jezt noch kein Mensch etwas ahnete: Schwazt er den Gesellen und Lehrburschen in der Werkstatt dergleichen vor und sie lachen uber ihn, so erklart er sie sehr ernsthaft fur Blinde und Taube, die weder sahen noch horten, was um sie her vorginge. Jezt sizt er Tag und Nacht bei'm Jakob Bohme und Hans Sachs, welches zween gar absonderliche Schuhmacher waren, aus denen auch zu ihrer Zeit niemand klug werden konnte.
Soviel ist mir sonnenklar; ein gewohnliches Menschenkind ist dieser Kreuzgang nicht, bin ich doch auch auf keine gewohnliche Weise zu ihm gekommen.
Nie wird mir der Abend aus dem Sinne kommen, als ich unmuthig uber meinen wenigen Verdienst hier auf dem Dreifusse eingeschlummert war; dass es gerade ein Dreifuss sein musste, soll, wie man mir sagt, nicht ohne Einfluss gewesen sein es traumte mir wie ich einen Schaz fande in einer verschlossenen Truhe, doch gebot man mir diese Truhe nicht eher zu offnen, bis ich erwacht sein wurde. Das war alles so deutlich und selbst verstandig, indem Traum und Wachen sich ganz klar von einander unterschieden, dass es mir nie wieder aus dem Kopfe wollte, und ich zulezt mit einer Zigeunerin Bekanntschaft machte, um den Versuch wirklich anzustellen.
Es ging alles in der Ordnung; ich hob die Truhe die ich im Traume gesehen, besann mich zuvor, ob ich wirklich wachte, und offnete sie dann; aber statt des Goldes was ich erwartete, hatte ich dieses Wunderkind aus der Erde gehoben.
Anfangs war ich wohl etwas betreten daruber, weil solch ein lebendiger Schaz zum mindesten von einem todten begleitet sein muss, wenn ein Ubriges dabei heraus kommen soll, und der Bube war mutternakt, und lachte noch dazu daruber, als ich ihn darauf ansah. Als ich mich besonnen hatte, nahm ich indess die Sache tiefer und hatte meine eigenen Gedanken dabei, weshalb ich meinen Schaz sorgsam nach Hause trug."
So weit mein ehrlicher Schuhmacher, als ich plozlich durch eine sonderbare Erscheinung unterbrochen wurde. Eine grosse mannliche Gestalt in einen Mantel gehullt, schritt durch das Gewolbe, und blieb auf einem Grabsteine stehen. Ich schlich mich leise hinter eine Saule, wo ich ihr nahe war, da warf sie den Mantel von sich, und ich erblickte hinter schwarzen tief uber die Stirne herabtretenden Haaren ein finsteres feindliches Antlitz mit einem sudlichen blasgrauen Kolorit.
Ich trete immer vor ein fremdes ungewohnliches Menschenleben mit denselben Gefuhlen hin, wie vor den Vorhang hinter dem ein Shakspearsches Schauspiel aufgefuhrt werden soll; und am liebsten ist es mir, wenn jenes so wie dieses ein Trauerspiel ist, wie ich denn auch neben dem achten Ernst nur tragischen Spass leiden mag, und solche Narren wie im Konig Lear; eben weil diese allein wahrhaft kek sind und die Possenreisserei en gros treiben und ohne Rucksichten, uber das ganze Menschenleben. Die kleinen Wizbolde und gutmuthigen Komodienverfasser dagegen, die sich nur blos in den Familien umhertreiben, und nicht, wie Aristophanes, selbst uber die Gotter sich lustig zu machen wagen, sind mir herzlich zuwider, eben so wie jene schwachen geruhrten Seelen, die statt ein ganzes Menschenleben zu zertrummern, um den Menschen selbst daruber zu erheben, sich nur mit der kleinen Qualerei beschaftigen, und neben ihrem Gefolterten den Arzt stehen haben, der ihnen genau die Grade der Tortur bestimmt, damit der arme Schelm, obgleich geradebrecht, doch mit dem Leben zulezt noch davon gehen kann; als ob das Leben das Hochste ware, und nicht vielmehr der Mensch, der doch weiter geht als das Leben, das grade nur den ersten Akt und den inferno in der divina comedia, durch die er, um sein Ideal zu suchen, hinwandelt, ausmacht.
Mein Mann, der hier nahe vor mir auf dem Grabsteine kniete, einen blankgeschliffenen Dolch, den er aus einer schon gearbeiteten Scheide gezogen, in der Hand, schien mir acht tragischer Natur zu sein, und fesselte mich in seine Nahe.
Feuerlarm hatte ich eben nicht Lust zu machen, im Falle er etwas Ernsthaftes unternehmen wurde, eben so wenig wollte ich als Vertrauter in der Koulisse stehen, um im funften Akte bei dem Stichworte zu rechter Zeit bereit zu sein, meinem Helden den Arm zu halten; denn sein Leben kam mir vor gleichsam wie die schon gearbeitete Scheide in seiner Hand, die in der bunten Hulle den Dolch verbarg, oder wie der Blumenkorb der Kleopatra, unter dessen Rosen die giftige Schlange lauschte, und wo das Drama des Lebens sich einmal so zusammengestellt hat, muss man die tragische Katastrophe nicht abwenden wollen.
Ich hatte einen Konig Saul, als ich noch Marionettendirekteur war, dem er aufs Haar glich; auch in allen seinen Manieren grade solche holzerne mechanische Bewegungen, und einen so steinernen antiken Stil, wodurch sich Marionettentruppen vor lebenden Schauspielern auszeichnen, die heut zu Tage auf unsern Theatern nicht einmal auf die rechte Weise zu sterben verstehen.
Es war schon alles dicht bis zum Niederfallen des Vorhangs beendigt, da blieb dem Manne plotzlich der schon zum Todesstosse aufgehobene Arm erstarrt, und er kniete wie ein steinernes Denkbild auf dem Grabsteine. Zwischen der Dolchspitze und der Brust, die sie durchschneiden sollte, war kaum noch eine Spanne weit Raum, und der Tod stand ganz dicht an dem Leben, doch schien die Zeit aufgehort zu haben und nicht mehr fortrucken zu wollen und der eine Moment zur Ewigkeit geworden zu sein, die auf immer alle Veranderung aufgehoben.
Mir wurde es ganz unheimlich, ich sah erschrocken hinauf nach dem Zifferblatte der Kirchenuhr, auch hier stand der Zeiger still und grade auf der Mitternachtszahl. Ich schien mir gelahmt und rings um war alles unbeweglich und todt; der Mann auf dem Grabe, der Dohm mit seinen starren hohen Saulen und Monumenten und den umher knieenden steinernen Rittern und Heiligen, die unbeweglich auf eine neue hereinbrechende Zeit und ein Fortschreiten in derselben, wodurch sie entfesselt wurden, zu harren schienen.
Jezt war's voruber, das Raderwerk der Uhr machte sich Luft, der Zeiger ruckte fort, und der erste Schlag der Mitternachtsstunde hallte langsam durch das ode Gewolbe. Da schien, wie durch das Anziehen des Uhrwerks, der Mann auf dem Grabe wieder Bewegung zu erhalten, der Dolch rollte rasselnd auf dem Steine hin, und zerbrach.
"Verwunscht sei die Starrsucht," sagte er kalt, wie wenn er's schon gewohnt ware, "sie lasst mich nie den Stoss vollfuhren! " Damit stand er, wie, wenn nichts weiter vorgefallen ware, auf, und wollte sich wieder entfernen.
"Du gefallst mir," rief ich, "es ist doch Haltung in deinem Leben, und achte tragische Ruhe. Ich liebe die grosse klassische Wurde im Menschen, die viel Worte hasst, wo viel gethan werden soll; und ein solcher salto mortale, wie der, zu dem du eben bereit warst, ist doch nichts kleines, und gehort zu den Forcestukken, die man, bis zulezt, aufspart."
"Kannst du mir zu dem Sprunge verhelfen," sagte er finster, "so ist's gut; sonst bemuhe dich nicht weiter in Lobspruchen und Bemerkungen. Uber die Kunst zu leben ist mehr als zuviel geschrieben, doch suche ich noch immer einen Traktat, uber die Kunst zu sterben, vergeblich; und ich kann nicht sterben!"
"O besassen doch dieses dein Talent manche von unsern beliebten Schriftstellern!" rief ich aus, "Ihre Werke konnten dann immerhin Ephemeren bleiben, waren sie selbst doch unsterblich, und konnten ihre ephemerische Schriftstellerei ewig fortsetzen, und bis zum jungsten Tage beliebt bleiben. Leider aber kommt fur sie die Stunde nur zu fruh, in der sie und ihre Eintagsfliegen mit ihnen sterben mussen. O Freund, konnte ich dich doch in diesem Augenblicke zu einem Kozebue erheben, dieser Kozebue ginge dann nie unter, und selbst am Ende aller Dinge lagen noch seine lezten Werke in dem Hogarthschen Schwanzstucke, und die Zeit konnte ihre lezte Pfeife die sie da raucht, mit einer Szene aus seinem lezten Drama anbrennen, und so begeistert, in die Ewigkeit ubergehen!"
Der Mann wollte jezt still abtreten, und ohne, wie ein schlechter Akteur, noch zum Schlusse eine gewaltige Tirade zu machen; ich aber hielt ihn bei der Hand, und sagte: "Nicht so eilig, Freund, ist es doch nicht nothig, da du immer Zeit hast, so lange nur uberhaupt von der Zeit selbst die Rede sein kann; denn aus deinen Worten zu schliessen, halte ich dich fur den ewigen Juden, der, weil er das Unsterbliche lasterte, zur Strafe schon hier unten unsterblich geworden ist, wo alles um ihn her vergeht. Du siehst finster, du einziger Mensch, dessen Leben der Zeiger der Zeit, der als ein scharfes, nie im Morden innehaltendes Schwerdt, auf dem Zifferblatte umherfliegt, nimmer durchschneiden soll, und der nicht eher vergehen kann, als bis ihr eisernes Raderwerk selbst zertrummert. Nimm die Sache von der leichten Seite; denn es ist doch spasshaft und der Muhe werth, dieser grossen Tragikomodie der Weltgeschichte bis zum lezten Akte als Zuschauer beizuwohnen, und du kannst dir zulezt das ganz eigne Vergnugen machen, wenn du am Ende aller Dinge uber der allgemeinen Sundfluth auf dem lezten hervorragenden Berggipfel als einzig Ubriggebliebener stehst, das ganze Stuck, auf deine eigene Hand, auszupfeifen, und dich dann wild und zornig, ein zweiter Prometheus, in den Abgrund zu sturzen."
"Pfeifen will ich," sagte der Mann trozig, "hatte mich nur der Dichter nicht selbst mit ins Stuck verflochten als handelnde Person; das verzeih ich ihm nimmer!"
"Um so besser!" rief ich, "da giebt es wohl gar noch zu guter lezt eine Revolte im Stucke selbst, und der erste Held emport sich gegen seinen Verfasser. Ist das doch auch in der, der grossen Weltkomodie nachgeafften kleinen nicht selten, und der Held wachst am Ende dem Dichter uber den Kopf, dass er ihn nicht mehr bezwingen kann. O ich hatte wohl Lust deine Geschichte anzuhoren, du ewig Reisender, um daruber mich auszuschutten vor Lachen; wie ich denn oft bei einer achten ernsten Tragodie brav zu lachen pflege, und im Gegentheile beim guten Possenspiele dann und wann weinen muss, indem das wahrhaft Kuhne und Grosse immer zugleich von den beiden entgegengesetzten Seiten aufgefasst werden kann!"
"Ich verstehe dich, Spassvogel," sagte der Mann! "Bin auch gerade jezt wild genug um zu lachen, und dir meine Geschichte zu erzahlen. Doch, beim Himmel, lass dir keine ernste Miene dabei entwischen, sonst machst du mich in dem Augenblicke stumm!"
"Sorge nicht, Kamerad, ich lache mit," antwortete ich, und jener sezte sich unter eine steinerne, am Grabe betende Ritterfamilie, und hub an:
"Es ist, du wirst mir's zugeben, verdammt langweilig, seine eigene Geschichte von Perioden zu Perioden, so recht gemuthlich, aufzurollen; ich bringe sie deshalb lieber in Handlung, und fuhre sie als ein Marionettenspiel mit dem Hanswurst auf; da wird das Ganze anschaulicher und possirlicher.
Zuerst giebt es eine Mozartsche Symphonie von schlechten Dorfmusikanten exekutirt, das passt so recht zu einem verpfuschten Leben, und erhebt das Gemuth durch die grossen Gedanken, indem man zugleich bei dem Gekrazze des Teufels werden mogte. Dann kommt der Hanswurst, und entschuldigt den Marionettendirektor, weil er es wie unser Herrgott gemacht, und die wichtigsten Rollen den talentlosesten Akteuren anvertraut habe; er leitet grade daraus aber auch wieder das Gute her, dass das Stuck ruhrend ausfallen musse, eben wie es bei grossen tragischen Stoffen der Fall sei, die durch kleine gewohnliche Dichter bearbeitet wurden. Uber das Leben und den Zeitkarakter macht er die hochst albernen Bemerkungen, dass beide jezt mehr ruhrend als komisch seyen, und dass man jezt weniger uber die Menschen lachen als weinen konne, weshalb er denn auch selbst ein moralischer und ernsthafter Narr geworden, und immer nur im edlen Genre sich zeige, wo er vielen Applaus bekame.
Darauf treten die holzernen Puppen selbst auf; zwei Bruder ohne Herzen umarmen sich, und der Hanswurst lacht uber das Zusammenklappern der Arme, und uber den Kuss, wobei sie die steifen Lippen nicht bewegen konnen. Der eine holzerne Bruder bleibt im Marionettenkarakter, und druckt sich unendlich steif aus, macht auch lange trockene Perioden, worin gar kein Leben hinein kommen will, und die deshalb Muster im prosaischen Style abgeben. Die andere Puppe aber mochte gern einen lebendigen Akteur affektiren, und spricht hin und wieder in schlechten Jamben, reimt auch wohl gar zu Zeiten die Endsylben, und der Hanswurst nikt dabei mit dem Kopfe, und halt eine Rede uber die Warme des Gefuhls in einer Marionette, und uber den eleganten Vortrag bei tragischen Gedichten. Darauf geben sich die Bruder die holzernen Hande und gehen ab. Der Hanswurst tanzt ein Solo zur Zugabe, und dann redet im Zwischenakte Mozart wieder durch die Dorfmusikanten.
Jezt gehts weiter. Zwei neue Puppen treten auf, eine Kolombine mit einem Pagen, der den Sonnenschirm uber sie ausspannt; die Kolombine ist die prima donna der Gesellschaft, und ohne Schmeichelei das Meisterstuck des Formenschneiders. Wahrhaft griechische Konture, und alles an ihr ins Ideale hinubergearbeitet. Der eine Bruder kommt, derjenige, der vorher in Prosa sprach; er erblickt sie, schlagt sich auf die Stelle des Herzens, redet darauf plozlich in Versen, reimt alle Endsylben, oder bringt die Assonanz in A und O an, dass die Kolombine daruber erschrickt, und mit dem Pagen davon lauft. Jener will ihr nachsturzen, rennt aber, weil der Marionettendirektor hier ein Versehen macht, sehr hart gegen den Hanswurst, der nun, aus dem Stegreife, eine sehr boshafte satirische Rede halt, worin er ihm darthut, dass es seinem Schopfer dem Marionettendirektor nemlich nicht gefalle, ihm die Dame zu bestimmen, und dass dadurch eben das Stuck recht toll und komisch werden wurde, indem ein melancholischer Narr die possirlichste Person in einem Possenspiele abgabe. Die andere Puppe stosst Fluche aus, lastert sogar in Verzweiflung auf den Direktor, wobei den Zuschauern vor Lachen die Thranen aus den Augen sturzen. Zulezt fasst sie aber doch noch Hoffnung die Dame wiederzufinden, und beschliesst wenigstens das ganze Theater zu durchsuchen. Der Hanswurst begleitet sie.
Im dritten Akte erscheint die Kolombine wieder, und thut sehr schon mit der andern Brudermarionette, sie singen auch ein zartliches Duett mit einander, und wechseln sodann die Ringe, worauf ein alter geschaftiger Pantalon mit Musikanten ankommt, die viel lustige Musik abspielen, wobei man nur allein die Tone nicht hort, was auf die Zuschauer einen sonderbaren Eindruck macht. Zulezt wird bei der stummen Musik getanzt, und der Pantalon macht recht gute Bemerkungen uber sein musikalisches Gehor, vertheidigt auch das Mahrchen, dass die Tone am Nordpole gefroren, und nur im warmen Suden wieder aufthaueten und horbar wurden. Das Alles ist so sonderbar, dass man schlechterdings nicht weiss, ob man's ernsthaft oder lustig nehmen soll; einige gescheute Leute unter den Zuschauern halten's gar fur toll.
Als jene beiden ersten endlich zu Bette gegangen sind, kommt der Hanswurst mit dem andern Bruder wieder. Dieser spricht, wie er weite Reisen von einem Pole zum andern gemacht, und doch die Kolombine nicht gefunden, weshalb er verzweifeln und sich ums Leben bringen wollte. Der Hanswurst offnet eine Klappe an der Brust der Marionette und findet wirklich jezt zu seinem Erstaunen ein Herz darin, woruber er besorgt wird und in der Angst mehrere gescheute Ideen bekommt, z.B. dass Alles in dem Leben, sowohl der Schmerz wie die Freude, nur Erscheinung sei, wobei nur blos das ein boser Punkt, dass die Erscheinung selbst nie zur Erscheinung kame, weshalb die Marionetten es denn auch niemals ahneten, dass man sie zum Besten hatte und blos zum Zeitvertreibe mit ihnen spielte, sondern sich vielmehr sehr ernsthafte und bedeutende Personen dunkten. Er will ihm darauf das Wesen einer Marionette selbst begreiflich machen, konfundirt sich aber bestandig dabei, und steht nach einer langen sehr drolligen Rede wieder am Ende da, wo er anfing. Nun lachte er in der Stille hamisch ins Faustchen und geht ab.
Im vierten Akte treffen die beiden Bruder zusammen, und indem der mit dem Herzen redet, werden plotzlich die stummen Tone aus dem vorigen Akte horbar, und begleiten die Worte, woruber der Bruder ohne Herz ganz konfus wird. Arlequin kommt nun auch dazu und spottet uber die Liebe, weil sie keine heroische Empfindung sei, und nicht fur das allgemeine Beste benuzt werden konne. Er fordert auch den Direktor auf, sie fur die Folge ganz abzuschaffen, und reine moralische Gefuhle bei seiner Truppe einzufuhren. Zulezt dringt er auf eine Revision des Menschengeschlechts und auf einige hochstnothige Weltreparaturen; besteht auch sehr trozig darauf zu wissen, weshalb er den Narren eines ihm unbekannten Publikums abgeben musse.
Nun wird eine tragische Situation sehr schlecht ausgefuhrt. Die schone Kolombine erscheint nemlich, und als der Bruder ohne Herz sie dem andern als seine Gemahlin vorstellt, fallt dieser ohne ein Wort zu sagen, hochst ungeschickt, mit dem holzernen Kopfe auf einen Stein. Jene beiden laufen fort, um Hilfe zu senden; der Hanswurst aber hebt ihn auf und indem er ihm die blutige Stirn abwischt, bittet er ihn ganz gelassen, dass, weil es keine Dinge an sich gabe, er sich den Stein, so wie die ganze Geschichte lieber aus dem Kopfe schlagen moge. Auch lobt er den Direktor, dass er das griechische Fatum abgeschaft und dafur eine moralische Theaterordnung eingefuhrt habe, nach der Alles zulezt sich gut auflosen musse.
Der lezte Akt ist nun gar zum Todtlachen. Erst werden alberne Walzer gespielt, um die Gemuther zu besanftigen; dann erscheint die Marionette mit dem Herzen, und beweiset der Kolombine durch Syllogismen und Sophismen, dass der Direktor die Puppen vertauscht, und sie, in einem Irrthume, seinem Bruder zur Gemahlin gegeben, da sie doch dem komischen Ausgange des Stucks gemass, ihm selbst gehore. Die Kolombine scheint ihm zu glauben, will aber doch aus Moralitat und Achtung gegen den Marionettendirektor es nicht gehabt haben, worauf er in Verzweiflung gerath und kurze Anstalt sie zu entfuhren macht. Sie stosst ihn verachtlich zuruck, da gebehrdet er sich wie ein Rasender, rennt die holzerne Stirn gegen die Wand, und wendet die Assonanz in U an. Zulezt sturzt er fort, und schleudert nur noch den schonen Pagen aus dem zweiten Akte, der eben schlaftrunken, im Nachtkleide, vorubergehen will, in das Zimmer, das er hinter sich zuschliesst.
Nach einer kurzen Pause erscheint er wieder mit der Bruder-Marionette, die einen gezogenen Degen in der Hand halt, und nach einer kurzen steifen Tirade, erst den Pagen, dann die Kolombine und endlich sich selbst niederstosst. Der Bruder steht ganz stier und dumm unter den drei holzernen Puppen, die rings umher auf der Erde liegen; dann greift er, ohne ein Wort weiter zu sagen, ebenfalls nach dem Degen, um auch sich selbst, zu guter lezt, hinterherzusenden; doch in diesem Augenblicke reisst der Drath, den der Direktor zu starr anzieht, und der Arm kann den Stoss nicht vollfuhren und hangt unbeweglich nieder; zugleich spricht es wie eine fremde Stimme aus dem Munde der Puppe und ruft: 'Du sollst ewig leben!'
Nun erscheint der Hanswurst wieder um ihn zu besanftigen und zu trosten, fuhrt auch unter andern, als er es gar zu arg macht, argerlich an, wie albern es sei, wenn es einer Marionette einfiele uber sich selbst zu reflektiren, da sie doch blos der Laune des Direktors gemass, sich betragen musse, der sie wieder in den Kasten lege, wenn es ihm gefiele. Dann sagt er auch manches Gute uber die Freiheit des Willens und uber den Wahnsinn in einem Marionettengehirne, den er ganz realistisch und vernunftig abhandelt; alles das um der Puppe zu beweisen, wie toll es eigentlich von ihr sei dergleichen Dinge sehr hoch zu nehmen, indem alles zulezt doch auf ein Possenspiel hinausliefe, und der Hanswurst im Grunde die einzige vernunftige Rolle in der ganzen Farce abgabe, eben weil er die Farce nicht hoher nahme als eine Farce."
Hier hielt der Mann einen Augenblick inne, und sagte dann in recht lustig wilder Laune: "Da hast du das ganze Fastnachtsspiel, worin ich selbst den Bruder mit dem Herzen dargestellt habe. Ich finde es ubrigens recht wohl gethan, seine Geschichte so in Holz zu schnizzen und abzuspielen, man kann dabei recht boshaft sein, ohne dass die Moralisten etwas dagegen einwenden, und es eine Lasterung heissen durfen. Auch erscheint alles recht erhaben unmotivirt, wie es doch in den ursprunglichen Verhaltnissen wirklich ist, obgleich wir albernen Menschen im Kleinen gern motiviren mogen, dagegen unser Director es gar nicht thut, und keine Rechenschaft giebt, weshalb er so manche verpfuschte Rolle, wie ich z.B. eine bin, in seinem Fastnachtsspiele nicht ausstreichen will. O schon seit vielen Menschenaltern habe ich mich bestrebt aus dem Stucke herauszuspringen, und dem Direktor zu entwischen, aber er lasst mich nicht fort, so pfiffig ich es auch anfangen mag. Das Uberdrussigste dabei ist die Langeweile, die ich immer mehr empfinde; denn du sollst wissen, dass ich hier unten schon viele Jahrhunderte als Akteur gedient habe, und eine von den stehenden italienischen Masken bin, die gar nicht vom Theater herunterkommen."
"Ich hab's auf alle Weise versucht. Anfangs gab ich mich bei den Gerichten an, als grossen Bosewicht und dreifachen Morder; sie untersuchten's und thaten endlich den Ausspruch: ich musse leben bleiben, indem sich aus meiner Defension ergabe, wie ich nicht in bestimmten und ausdrucklichen Worten den Mord beauftragt, und er mir nur hochstens als eine geistige Handlung zuzurechnen sei, die nicht vor ein forum externum gehore. Ich verwunschte meinen Defensor, und die Folge war ein leichter Injurienprozess, womit man mich laufen liess."
"Darauf nahm ich Kriegsdienste, und versaumte keine Schlacht; doch zeichnete das Schicksal meinen Namen auf keine einzige Kugel, und der Tod umarmte mich auf der grossen Wahlstatte unter tausend Sterbenden, und zerriss seinen Lorbeerkranz, um ihm mit mir zu theilen. Ja ich musste nun gar in dem verhassten Drama eine glanzende Heldenrolle ubernehmen, und verwunschte knirschend meine Unsterblichkeit, die mir auf allen Seiten in den Weg trat."
"Tausendmal sezte ich den Giftbecher an die Lippen, und tausendmal entsturzte er der Hand, ehe ich ihn leeren konnte. Zu jeder Mitternachtsstunde trete ich, wie die mechanische Figur an dem Zifferblatte einer Uhr, aus meiner Verborgenheit hervor, um den Todesstoss zu vollfuhren, gehe aber jedesmal, wenn der lezte Schlag verhallt ist, wie sie, zuruck, um so fort ins Unendliche wieder zu kehren und abzugehen. O wusste ich nur dieses immerfort sausende Raderwerk der Zeit selbst aufzufinden, um mich hinein zu sturzen und es auseinander zu reissen, oder mich zerschmettern zu lassen. Die Sehnsucht diesen Vorsaz auszufuhren bringt mich oft zur Verzweiflung; ja ich mache selbst wie im Wahnsinne tausend Plane es moglich zu machen dann schaue ich aber plozlich tief in mich selbst hinein, wie in einen unermesslichen Abgrund, in dem die Zeit, wie ein unterirdischer nie versiegender Strom dumpf dahin rauscht, und aus der finsteren Tiefe schallt das Wort ewig einsam herauf, und ich sturze schaudernd vor mir selbst zuruk, und kann mir doch nimmer entfliehen."
Hier endete der Mann, und in mir stieg die heisse Sehnsucht auf, dem armen Schlaflosen das wohlthatige Opium mit eigener Hand zu reichen, und ihm den langen sussen Schlaf, nach dem sein heisses uberwachtes Auge vergeblich schmachtete, zuzufuhren. Doch furchtete ich, dass in dem entscheidenden Augenblicke sein Wahnsinn von ihm weichen konnte, und er, sterbend, das Leben, eben um der Verganglichkeit willen, wieder liebgewinnen mogte. O, aus diesem Widerspruche ist ja der Mensch geschaffen; er liebt das Leben um des Todes willen, und er wurde es hassen, wenn das, was er furchtet, vor ihm verschwunden ware.
So konnte ich nichts fur ihn thun, und uberliess ihn seinem Wahnsinn und seinem Schicksale.
Funfte Nachtwache
Die vorige Nachtwache wahrte lange, die Folge war, wie bey Jenem, Schlaflosigkeit, und ich musste den hellen prosaischen Tag, den ich sonst meiner Gewohnheit gemass, wie die Spanier, zur Nacht mache, durchwachen, und mich in dem burgerlichen Leben und unter den vielen wachen Schlafern langweilen.
Da konnte ich nun nichts bessers thun, als mir meine poetisch tolle Nacht in klare langweilige Prosa ubersetzen, und ich brachte das Leben des Wahnsinnigen recht motivirt und vernunftig zu Papiere, und liess es zur Lust und Ergozlichkeit der gescheuten Tagwandler abdrucken. Eigenlich war es aber nur ein Mittel mich zu ermuden, und ich wollte es in dieser Nachtwache mir vorlesen, um nicht zum zweitenmale mit der Prosa und dem Tage mich einlassen zu mussen.
Das geschieht denn auch nun jezt ganz plan, wie folget:
"Don Juans Vaterland war das heisse gluhende Spanien, in dem Baume und Menschen sich weit uppiger entfalten und das ganze Leben ein feurigeres Kolorit annimmt. Nur er allein schien wie ein nordischer Felsen in diesen ewigen Fruhling versezt zu sein, er stand kalt und unbeweglich da und nur dann und wann lief ein Erdbeben unter ihm hin, dass sie erschraken, und es ihnen unheimlich in seiner Nahe wurde.
Sein Bruder Don Ponce dagegen war jungfraulich mild, und wenn er sprach, bluheten seine Worte in Blumen auf und schlangen sich um das Leben, durch das er wie durch einen grun verhullten Zaubergarten hinwandelte. Alle liebten ihn; Juan hasste ihn nicht, aber sein Ausdruck war ihm zuwider, weil er nichts ruhig und gross zu nehmen wusste, sondern alles durch uberladene Verzierungen verkleinerte, und uberall seine bunten Schnorkel zuvor anpinseln musste, um sich die Dinge gefallig zu machen, wie schlechte Poeten, die die uppig reiche Natur noch zum zweitenmale auszuschmucken versuchen, statt eine neue selbststandige, durch eigene Kraft zu erschaffen.
Ohne Theilnahme lebten sie bei einander, und wenn sie sich umarmten, so schienen sie wie zwei erstarrte Todte auf dem Bernhard Brust gegen Brust gelehnt, so kalt war es in den Herzen, in denen weder Hass noch Liebe herrschte; nur Ponce hielt ihre unbeweglich lachelnde Maske vor das Gesicht und verschwendete viel freundliche Worte bei einem reinen angenehmen Vortrage ohne genialische Harten und herzliche Rohheit. Juan wurde dann nur sproder und zuruckstossender und dieser strenge Norden wehete feindlich in den milden Suden dass die erkunstelten Blumen schnell entblatterten.
Das Schicksal schien sich zu erzurnen uber die Gleichgultigkeit zweier verwandten Herzen, und es warf tuckisch Hass und Aufruhr zwischen sie, damit sie, die die Liebe verschmaht hatten, als zornige Feinde sich einander nahern mochten.
Es war zu Sevilla als Juan untheilnehmend einem Stiergefechte beiwohnte. Sein Blick schweifte von dem Amphitheater ab, uber die uber einander emporsteigenden Reihen der Zuschauer, und haftete weniger bei der lebenden Menge als den bunten phantastischen Verzierungen und den gestickten Teppichen die die Balustraden bedeckten. Endlich wurde er auf eine einzige noch leere Loge aufmerksam, und er starrte mechanisch dahin, wie wenn hier erst der Vorhang des wahren Schauspiels fur ihn sich heben wurde. Nach einer langen Pause erschien eine einzelne ganz in schwarze Schleier gehullte hohe weibliche Gestalt, und hinter ihr ein bildschoner Page, der durch den ausgespannten Sonnenschirm sie vor der Hitze schuzte. Sie blieb unbeweglich auf der Tribune stehen, und eben so unbeweglich stand ihr Juan gegenuber; es war ihm als wenn das Rathsel seines Lebens hinter diesen Schleiern verborgen ware, und doch furchtete er den Augenblick wenn sie fallen wurden, wie wenn ein blutiger Bankos Geist sich daraus erheben sollte.
Endlich war der Moment gekommen, und wie eine weisse Lilie bluhete eine zauberische weibliche Gestalt aus den Gewandern auf, ihre Wangen schienen ohne Leben und die kaum gefarbten Lippen waren still geschlossen; so glich sie mehr dem bedeutungsvollen Bilde eines wunderbaren ubermenschlichen Wesens, als einem irdischen Weibe.
Juan fuhlte zugleich Entsetzen und heisse wilde Liebe, es verwirrte sich tief in ihm, und ein lauter Schrei war die einzige Ausserung die seinem Munde entfuhr. Die Unbekannte blickte rasch und scharf nach ihm hin, warf in demselben Augenblicke die Schleier uber, und war verschwunden.
Juan eilte ihr nach, und fand sie nicht. Er durchstrich Sevilla vergeblich; Angst und Liebe trieben ihn fort und wieder zuruck, doch aber erschien ihm oft in einzelnen schnell voruberfliegenden Sekunden der Augenblick in dem er sie finden wurde eben so entsezlich als erwunscht; er bemuhete sich diese Ahnung nur ein einzigesmal festzuhalten um sie zu begreifen, aber sie rauschte jedesmal wie ein nachtlicher Traum schnell an ihm voruber, und wenn er sich besann war es wieder dunkel und Alles in seinem Gedachtnisse ausgeloscht.
Dreimal hatte er ganz Spanien durchkreiset, ohne das blasse Antlitz wieder zu treffen, das todtlich und liebend zugleich in sein Leben zu schauen schien; endlich trieb ihn ein unwiderstehliches Heimweh nach Sevilla zuruck; und der erste der ihm dort begegnete, war Ponce.
Beide Bruder schienen vor einander zu erschrekken, denn beide waren einander fremd bis zum Rathsel geworden. Juans Harte war verschwunden und er stand ganz in Flammen wie ein Vulkan, durch dessen tausendjahrige Schichten das innere Feuer sich mit einemmale Luft machte; aber in seiner Nahe schien es jezt nur um so gefahrlicher. Ponces ehmalige Milde dagegen war zu Sprodigkeit geworden, und er stand kalt neben dem gluhenden Bruder da, aller falscher Flitter war von seinem Leben abgefallen, und er glich einem Baume der seines verganglichen Fruhlingsschmuckes beraubt, die nackten Aste starr und verworren in die Lufte ausstreckt. So entzundet derselbe Blizstrahl einen Wald dass er tausend Nachte hindurch den Horizont beleuchtet, indess er fluchtig uber die Heide hinfahrt und nur die sparlichen Blumen versengt dass sie verdorren und keine Spur zurucklassen.
Kalt hoflich bat Ponce Don Juan ihn zu seiner Wohnung zu begleiten, damit er ihm seine Gemahlin vorstellen konne. Juan folgte mechanisch. Es war eben die Zeit der Siesta; die Bruder traten in einen von dichtem Weinlaube umhullten Pavillon da ruhete an einem marmornen Denksteine eben die blasse Gestalt schlummernd und unbeweglich, neben dem steinernen Genius des Todes, dessen umgesturzte Fackel ihre Brust beruhrte. Juan stand starr und eingewurzelt, die finstere Ahnung stieg rasch vor seinem Geiste auf und verschwand nicht wieder, und wurde furchtbar deutlich, wie das sich plozlich auflosende Rathsel des Oedipus. Dann verliessen ihn die Sinne, und er sank bewusstlos auf den Stein nieder.
Als er wieder erwachte, fand er sich allein, und nur der stumme ernste Jungling war bei ihm zuruk geblieben. Sturm und Aufruhr im Innern, sturzte er hinaus ins Freie.
Und alles war um ihn her verwandelt und anders worden; die alte Zeit schien sich wiederzugebahren, und das graue Schicksal erwachte aus seinem tiefen Schlafe, und herrschte wieder uber Erde und Himmel. Eine Furie verfolgte ihn, wie den Orestes, auf jedem Schritte, und hob oft tuckisch das Schlangenhaar, und zeigte ihm ihr schones Antliz.
Ponce musste auf langere Zeit Sevilla verlassen, da schlich Don Juan aus seiner tiefen Verborgenheit hervor, wie ein lichtscheuer Verbrecher. In seiner Seele war alles fest und entschieden, doch floh er seinen eigenen Umgang, um dem dunkeln Gefuhle keine Worte zu geben, und sich nicht gegen sich selbst erklaren zu mussen. So suchte er, gegen sich geheimnissvoll, Ponces Landgut auf, und trat in Donna Ines Zimmer; sie erkannte ihn rasch, und die weisse Rose bluhete zum erstenmale roth und gluhend auf, und die Liebe belebte Pygmalions kaltes Wunderbild. Die Abensonne brannte durch Laub und Bluthen, und Ines schob kindlich schuldlos den Wangenpurpur dem Himmelsfeuer zu, das sie anstrahlte: dann ergriff sie bebend die Harfe, und wie Juan ihr Spiel mit der Flote begleitete, hub das verbotene Gesprach ohne Worte an, und die Tone bekannten und erwiederten Liebe. So bliebs bis Juan kuhner wurde, die mystische Hieroglyphe verschmahete, und die schone geheimnissvolle Sunde in heller Rede offenbarte. Da schwand die Dammerung vor der Unschuldigen, sie schien erst jezt wie durch einen feindlichen Fackelglanz alles um sich her zu erkennen, und nannte zum erstenmale schaudernd und erschrocken den Namen "Bruder!"
Die Sonne ging in demselben Augenblicke unter, und das eben noch gefarbte Antliz war schnell wieder blass wie zuvor.
Juan verstummte; Ines zog die Klocke, und eben jener Page, schon wie der Liebesgott, trat in das Zimmer. Juan entfernte sich ohne ein Wort zu reden.
Es war schon ganz finster draussen im Walde, er schritt gedankenlos vor sich hin, plozlich stand Don Ponce dicht vor ihm, rasch zog er den Dolch und fuhrte wild den Stoss, jezt kam er zur Besinnung; der Dolch stekte tief in dem Stamme eines Baumes, und nur seine Phantasie hatte den Brudermord begangen.
Ponce kehrte endlich zuruck, aber Ines gedachte der Stunde nicht gegen ihn, und verhullte Liebe und Vergehen tief in ihre Brust. Juan hasste den Tag, und lebte von jezt an nur in der Nacht, denn was in ihm vorging war lichtscheu und gefahrlich. Sobald es finster wurde wandelte er jedesmal von dem Orte seines Aufenthalts hin nach Ponces Landgute, und blikte nach Ines Fenstern, doch wenn der Morgen wieder grauete, entfernte er sich wild und grollend. Einmal sah er Ines und den Pagen beim Lichtscheine, und seine Phantasie schuf ein Mahrchen, wie Ines ihn, des Junglings wegen, zuruckgesezt habe, und nur diesem die sussen Stunden der Nacht heimlich weihe; da schwur er in wilder Eifersucht dem schonen Knaben den Tod, und beschloss die erste Gelegenheit zur Ausfuhrung zu ergreifen. Das Licht auf ihrem Zimmer erlosch nicht, er wahnte den Pagen noch immer an ihrer Seite, harrte bebend vor Wuth und Liebe bis zur Mitternachtsstunde, dann schlich er, seiner nicht mehr machtig, ein halb Wahnsinniger, hervor bis zur Thur des Hauses und fand sie nur angelehnt. Mit ungewissen wankenden Schritten ging er vor sich hin, und kam vor Ines Zimmer ein rascher Druck, und es war geoffnet.
Da lag die Blasse wieder wie an dem Sarkophage, das Nachtgewand war nur leicht um sie her gewunden, und in das Saitenspiel, das sie, noch schlummernd, an die Brust lehnte, schlangen sich braune Lockenkranze. Juans Lippen entfuhr unwillkuhrlich der Name seines Bruders, da glaubte er plozlich in der Schlafenden die Furie zu erblicken, die zwischen ihnen beiden aufgestiegen, und die Locken die das schone Antliz umwallten, schienen sich in Schlangen zu verwandeln. Dann war sie aber wieder das Weib seiner Liebe, und er sank, ausser sich, zu ihren Fussen nieder, und drukte seine heissen Lippen in ihre Brust. Sie taumelte erschrocken empor, erkannte ihn beim Scheine des Nachtlichts, stiess ihn mit heftiger Kraft von sich, und ihr Blik druckte Schauder und Entsezen aus.
Der einzige Blick zerschmetterte ihn, doch erhob sich schnell sein boser Damon, und er sturzte fort, bewusstlos was er thun wollte ein blutiger Vorsatz lag dunkel vor seiner Seele.
Von dem Gerausche erweckt taumelte der Page schlaftrunken aus einem Zimmer im Vorsaale, er ergriff ihn und sagte rasch: "Deine Gebietherin verlangt nach dir, sie will in die Fruhmesse!" Der Page rieb sich die Augen, er blikte ihm nach, und sah noch wie er in Ines Zimmer verschwand. Das Schicksal hatte die Katastrophe tuckisch vorbereitet; Don Juan fand des Bruders Schlafgemach, riss ihn aus dem ersten Schlummer, und rief ihm die Untreue seines Weibes zu. Ponce fuhr rasch auf und wollte Erklarung, aber er zog ihn heftig mit sich fort, und drukte ihm nur auf dem Wege seinen Dolch in die Hand; dann schob er ihn in das Zimmer.
Es war todtenstill um Don Juan, er stand furchtbar einsam in der Nacht, und suchte zahneklappernd in dumpfer Angst die eben weggegebene Waffe. Jezt entstand ein Gerausch und die Thur flog wie von selbst aus den Angeln.
Da wurde das schrekliche Nachtstuck beleuchtet. Der schone Knabe lag schon im festen Todesschlummer auf dem Boden, und aus Ines Brust floss der purpurrothe Strom, und haftete auf dem schneeweissen Schleier wie vorgestekte Rosen.
Juan stand starr wie eine Bildsaule; Ines blikte ihn fest an, aber die blasse Lippe blieb geschlossen und enthullte nichts, dann senkte sich der tiefe Schlaf sanft uber ihre Augen.
Als sie starb erwachte erst Ponce, und er schien jezt zum erstenmale zu lieben, weil er die Liebe verlohr, und ein liebendes Herz zu fuhlen, um es zu durchbohren. Er vermahlte sich still wieder mit Ines.
Don Juan stand stumm und wahnsinnig unter den Todten.
Sechste Nachtwache
Was gabe ich doch darum, so recht zusammenhangend und schlechtweg erzahlen zu konnen, wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die gross und herrlich dabei werden, und fur ihre goldenen Ideen goldene Realitaten eintauschen. Mir ists nun einmal nicht gegeben, und die kurze simple Mordgeschichte hat mich Schweiss und Muhe genug gekostet, und sieht doch immer noch kraus und bunt genug aus.
Ich bin leider in den Jugendjahren und gleichsam im Keime schon verdorben, denn wie andere gelehrte Knaben und vielversprechende Junglinge es sich angelegen sein lassen immer gescheuter und vernunftiger zu werden, habe ich im Gegentheile stets eine besondere Vorliebe fur die Tollheit gehabt, und es zu einer absoluten Verworrenheit in mir zu bringen gesucht, eben um, wie unser Herrgott, erst ein gutes und vollstandiges Chaos zu vollenden, aus welchem sich nachher gelegentlich, wenn es mir einfiele, eine leidliche Welt zusammen ordnen liesse. Ja es kommt mir zu Zeiten in uberspannten Augenblicken wohl gar vor, als ob das Menschengeschlecht das Chaos selbst verpfuscht habe, und mit dem Ordnen zu voreilig gewesen sei, weshalb denn auch nichts an seinen gehorigen Platz zu stehen kommen konne, und der Schopfer bald moglichst dazu thun musse die Welt, wie ein verunglucktes System auszustreichen und zu vernichten.
Ach, diese fixe Idee ist mir ubel genug bekommen, und hatte mich selbst beinahe einmal um mein Nachtwachteramt gebracht, indem es mir in der letzen Stunde des Sakulums einfiel mit dem jungsten Tage vorzuspuken und statt der Zeit die Ewigkeit auszurufen, woruber viele geistliche und weltliche Herren erschrocken aus ihren Federn fuhren und ganz in Verlegenheit kamen, weil sie so unerwartet nicht darauf vorbereitet waren.
Drollig genug machte sich die Szene bei diesem falschen jungsten Tages Lerm, wobei ich den einzigen ruhigen Zuschauer abgab, indess alle Anderen mir als leidenschaftliche Akteurs dienen mussten. O man hatte sehen sollen was das fur ein Getreibe und Gedrange wurde unter den armen Menschenkindern und wie der Adel angstlich durch einanderlief, und sich doch noch zu rangiren suchte vor seinem Herrgott; eine Menge Justiz und andere Wolfe wollten aus ihrer Haut fahren und bemuheten sich in voller Verzweiflung sich in Schaafe zu verwandeln, indem sie hier den in feuriger Angst umherlaufenden Wittwen und Waisen grosse Pensionen aussezten, dort ungerechte Urtheile offentlich kassirten und die geraubten Summen wodurch sie die armen Teufel zu Bettlern gemacht hatten, sogleich nach Ausgang des jungsten Tages zuruck zu zahlen gelobten. So manche Blutsauger und Vampyre denunciirten sich selbst als Hangens und Kopfens wurdig und drangen darauf, dass noch in der Eile hier unten ihr Urtheil an ihnen vollzogen wurde, um die Strafe von hoherer Hand von sich abzuwenden. Der stolzeste Mann im Staate stand zum erstenmale demuthig und fast kriechend mit der Krone in der Hand und komplimentirte mit einem zerlumpten Kerl um den Vorrang, weil ihm eine hereinbrechende allgemeine Gleichheit moglich schien.
Amter wurden niedergelegt, Ordensbander und Ehrenzeichen eigenhandig von ihren unwurdigen Besitzern abgeloset; Seelenhirten versprachen feierlich kunftighin ihren Heerden neben den guten Worten noch obendrein ein gutes Beispiel in den Kauf zu geben, wenn der Herrgott nur diesesmal es noch beim Einsehen bewenden liesse.
O was kann ichs beschreiben wie das Volk vor mir auf der Buhne in und durcheinander lief und in der Angst betete und fluchte und jammerte und heulte; und wie jeglicher Maske auf diesem zusammengeblasenen grossen Balle, die Larve von dem Antlitze fiel und man in Bettlerkleidern Konige und umgekehrt, in Ritterrustungen Schwachlinge und so fast immer das Gegentheil zwischen Kleid und Mann entdeckte.
Es freute mich dass sie lange vor ubergrosser Angst das Zogern der himmlischen Kriminaljustiz gar nicht bemerkten, und die ganze Stadt Zeit hatte, alle ihre Tugenden und Laster aufzudecken und sich gleichsam vor mir, ihrem lezten Mitburger, vollig zu entblossen. Das einzige geniale Stuckchen verubte ein satirischer Bube, der schon vorher aus Langerweile entschlossen war in das neuen Sakulum nicht mit hinuberzuwandern, und jezt in der letzten Stunde des alten sich erschoss, um den Versuch zu machen ob in diesem Indifferenzmomente zwischen Tod und Auferstehen, das Sterben noch auf einen Augenblick moglich sei, damit er nicht mit der ganzen ubergrossen Lebenslangeweile in die Ewigkeit ohne weiteres hinubermusse.
Ausser mir gab es ubrigens nur noch eine ruhige Person, und zwar den Stadtpoeten, der aus seinem Dachfenster trotzig in das Michel Angelos Gemalde hinabschauete, und auf seiner poetischen Hohe auch das Weltende poetisch nehmen zu wollen schien.
Ein Astronom nahe bei mir merkte endlich an, dass dieser grosse actus solennis sich doch etwas zu lange verzogere und dass das feurige Schwerdt im Norden, statt des Gerichtsschwertes auch wohl nur als ein blosser Nordschein zu nehmen sei. In diesem entscheidenden Momente, da schon einige von den Schachern die Kopfe wieder empor recken wollten, hielt ichs fur nuzlich, sie wenigstens wahrend einer kurzen erbaulichen Rede noch in ihrer Zerknirschung festzuhalten zu suchen, und ich hub folgender Gestalt an:
"Theuerste Mitburger!
Ein Astronom kann in diesem Falle nicht als ein kompetenter Richter angesehen werden, indem ein so wichtiges Phanomen, das uber uns am Himmel heraufzuziehen scheint, keinesweges wie ein unbedeutender Komet berechnet werden kann, und nur einmal wahrend der ganzen Weltgeschichte erscheint; lasst uns darum unsere feierliche Stimmung nicht so leichtsinnig aufgeben, sondern vielmehr einige fur unsern Standpunkt wichtige und zweckmassige Betrachtungen anstellen.
Was liegt uns wohl am Weltgerichtstage naher als ein Ruckblick auf den unter uns wankenden Planeten, der nun mit seinen Paradiesen und Kerkern mit seinen Narrenhausern und Gelehrten Republiken zusammensturzen soll; lasst uns deshalb in dieser lezten Stunde, da wir die Weltgeschichte abschliessen wollen, nur kurz und summarisch uberschauen, was wir, seit dieser Erdball aus dem Chaos hervorgestiegen, auf ihm getrieben und ausgefuhrt haben. Es ist seit Adam her eine lange Reihe von Jahren wenn wir nicht gar die Zeitrechnung der Chineser als die gultige annehmen wollen was haben wir aber darin vollbracht? Ich behaupte: Gar Nichts!
Staunet mich nicht so an; der heutige Tag ist eben nicht dazu eingerichtet sich wichtig zu machen, und es thut Noth dass wir uns uber Hals und Kopf noch ein wenig mit der Bescheidenheit zu beschaftigen suchen.
Sagt mir, mit was fur einer Mine wollt ihr bei unserm Herrgott erscheinen, ihr meine Bruder, Fursten, Zinswucherer, Krieger, Morder, Kapitalisten, Diebe, Staatsbeamten, Juristen, Theologen, Philosophen, Narren und welches Amtes und Gewerbes ihr sein mogt; denn es darf heute keiner in dieser allgemeinen Nationalversammlung ausbleiben, ob ich gleich merke, dass mehrere von euch sich gern auf die Beine machen mochten um Reisaus zu nehmen.
Gebt der Wahrheit die Ehre, was habt ihr vollbracht, das der Muhe werth ware? Ihr Philosophen z.B. habt ihr bis jezt etwas Wichtigers gesagt, als dass ihr nichts zu sagen wusstet? das eigentliche und am meisten einleuchtende Resultat aller bisherigen Philosophien! Ihr Gelehrten, was hat eure Gelehrsamkeit anders bezwekt als eine Zersezung und Verfluchtigung des menschlichen Geistes um zulezt mit Musse und einfaltiger Wichtigkeit an das ubriggebliebene caput mortuum euch zu halten. Ihr Theologen, die ihr so gern zur gottlichen Hofhaltung gezahlt werden mochtet, und indem ihr mit dem Allerhochsten liebaugelt und fuchsschwanzt, hier unten eine leidliche Mordergrube veranstaltet und die Menschen statt sie zu vereinigen in Sekten auseinander schleudert und den schonen allgemeinen Bruder- und Familienstand als boshafte Hausfreunde auf immer zerrissen habt. Ihr Juristen, ihr Halbmenschen, die ihr eigentlich mit den Theologen nur eine Person ausmachen solltet, statt dessen euch aber in einer verwunschten Stunde von ihnen trenntet um Leiber hinzurichten, wie jene Geister. Ach nur auf dem Rabensteine reicht ihr Bruderseelen vor dem armen Sunder auf dem Gerichtsstuhle euch nur noch die Hande und der geistliche und weltliche Henker erscheinen wurdig neben einander!
Was soll ich gar von euch sagen, ihr Staatsmanner, die ihr das Menschengeschlecht auf mechanische Prinzipien reduzirtet. Konnt ihr mit euern Maximen vor einer himmlischen Revision bestehen, und wie wollt ihr, da wir jezt in einen Geisterstaat uberzugehen im Begriffe sind, jene ausgeplunderten Menschengestalten placiren, von denen ihr gleichsam nur den abgestreiften Balg, indem ihr den Geist in ihnen ertodtetet, zu benuzen wusstet. O, und was drangt sich mir nicht noch alles auf uber die einzeln stehenden Riesen, die Fursten und Herrscher, die mit Menschen statt mit Munzen bezahlen, und mit dem Tode den schandlichen Sklavenhandel treiben.
O es hat mich toll und wild gemacht, und wie ich die Erdenbrut jezt vor mir herum kriechend erblicke mit ihren Verdiensten und Tugenden, so mogte ich nur auf eine Stunde bei diesem allgemeinen Weltgerichte der Teufel sein, blos um euch eine noch kraftigere Rede zu halten!
Die feierliche Handlung zogert noch immer, wie ich sehe, und es wird euch zur Bekehrung noch Raum gegeben, so betet und heult denn, ihr Heuchler, wie ihr es kurz vor dem Tode zu machen pflegt, wenn ihr euer verpfuschtes Leben nicht besser anzuwenden wisst, und unfahig geworden seid, langer zu sundigen.
Hinter Euch liegt die ganze Weltgeschichte wie ein alberner Roman, in dem es einige wenige leidliche Karaktere, und eine Unzahl erbarmlicher giebt. Ach, euer Herrgott hat es nur in dem einzigen versehen, dass er ihn nicht selbst bearbeitete, sondern es euch uberlies daran zu schreiben. Sagt mir, wird er es jezt wohl der Muhe werth halten, dass verpfuschte Ding in eine hohere Sprache zu ubersetzen, oder muss er nicht vielmehr, wenn er es in seiner ganzen Seichtigkeit vor sich liegen sieht, es im Ingrim zerreissen, und euch mit euren ganzen Planen der Vergessenheit uberantworten? Ich seh's nicht anders ein! denn ihr alle, wie ich euch hier erblicke, konnt ihr wohl mit Recht auf den Himmel oder die Holle Anspruch machen? Fur jenen seid ihr zu schlecht, fur diese zu langweilig!
Die Gerichtsanstalten ziehen sich noch in die Lange, doch rathe ich euch werdet nicht etwa beruhigter, rafft euch vielmehr zusammen, um, bis es unter uns kracht, noch einige hubsche Fortschritte in der Zerknirschung gemacht zu haben. Ich will mit den triftigsten Grunden losbrechen: der Herr verschonte einst Sodom und Gomorra um eines einzigen Gerechten willen, doch konntet ihr frech genug sein zu folgern, dass er einiger leidlich Frommen wegen einen ganzen Erdball voll Heuchler bei sich beherbergen werde. Thue jemand unter euch auch nur einen einzigen vernunftigen Vorschlag, wohin man euch plaziren soll! Schon der seelige Kant hat es euch dargethan, wie Zeit und Raum nur blosse Formen der sinnlichen Anschauung sind; nun wisst ihr aber dass beide in der Geisterwelt nicht mehr vorkommen; jezt bitte ich euch, die ihr nur allein in der Sinnlichkeit lebt und webt, wie wollt ihr Raum finden, da wo es keinen Raum mehr giebt? Ja, was wollt ihr gar beginnen, wenn es mit der Zeit zu Ende geht? Selbst auf eure grossten Weisen und Dichter angewandt, bleibt die Unsterblichkeit zulezt doch auch nur ein uneigentlicher Ausdruck, was soll sie fur euch arme Teufel bedeuten, die ihr keine andere Handlung ausgeubt habt, als die, mit Waaren, und keinen andern Geist kennt, als den Weingeist, durch den eure Poeten ein Analogon von Begeisterung in sich hervorbringen. Da gebe nur jemand einen leidlichen Rath; ich wenigstens weiss beim Teufel nicht, wo ich mit euch hin soll!"
Hier bemerkte ich eine Unruhe in der Versammlung vor mir, und horte auch ganz deutlich, wie einige junge Freigeister, welche jezt Synonyma mit Geistlosen sind, keklich behaupteten, dass das ganze nur ein falscher Lerm gewesen. Der eine aus der Versammlung hatte auch bereits wieder seine Krone aufgesezt, und der erste Rathsstand, der sich selbst vorhin denunciirte, ausserte erbosst: dass es strenge Ahndung verdiene mit einer ganzen respectiven Stadt Komodie zu spielen, und dass man sich an mich als den ersten Lermstifter halten musse.
Ich gab jezt klein zu, und bat nur noch, indem ich mich an den Mann mit der Krone wandte, um einen Augenblick Gehor; worauf ich folgendes bemerkte: "Wie ein solches Gerichtstagansagen, selbst wenn es blos blinder Lerm, doch von einigem Nutzen sein konne, und es sogar zu wunschen ware, dass durch physikalische Experimente und einige Centner Beerlappenmehl, um von den Anhohen und Thurmen damit herabzublitzen, regelmassig, von Staats wegen, ein solcher Vorspuk gemacht werden mogte, damit der Mann mit der Krone, der in keinem Falle allwissend, dann und wann dadurch eine allgemeine Staatsrevision veranstalten, und den Staat selbst in puris naturalibus mit allen seinen Gebrechen erblicken konnte, da er ihm sonst nur immer in Galla und tauschend durch die Staatsschneider oder Beschneider, die Gunstlinge und Rathe ausgeschmukt, vorgefuhrt wurde. Ja, ich truge selbst darauf an, mir als erstem Erfinder dieses Staatsexperiments ein Patent uber meine Erfindung auszufertigen, bloss um die Nebensporteln die an einem solchen pseudojungsten Tage vorfielen, als z.B. die Seegenswunsche der vielen wieder emporgeholfenen armen Teufel, die Fluche der gesturzten Heiligen u.d.g. in meinen Sakel zu ziehen."
Ja ich wagte zulezt, durch die Todtenstille um mich her kuhner gemacht, zu bemerken, "wie ich selbst heute schon eine solche Revision durch meinen Feuerlarm veranstaltet hatte, und es nicht ubel gerathen sei gleich jezt an eine massige Reparatur zu gehen, und das verschobene Staatsgebaude wieder leidlich durch einige Amterentsetzungen, Hinrichtungen u.s.w. einzurucken."
Keiner redete, als ich ausgesprochen, ein Wort, und der Mann schob die Krone auf dem Haupte hin und her, als wenn er mit sich unschlussig ware; das endliche Resultat war indess, dass meine Erfindung als unanwendbar verworfen wurde, und ich aus hochster Gnade nur als ein Narr angesehen werden, und fur diesesmal noch mit der Amtsentsetzung gegen mich innegehalten werden solle.
Damit indess ein ahnlicher Lerm nicht wieder fur die Folge zu besorgen, so wurden durch eine Kabinetsordre die von Samuel Day erfundenen watchmanns noctuaries eingefuhrt, wodurch ich von einem singenden und blasenden Nachtwachter auf einen stummen reduzirt wurde1, wobei man zum Grunde anfuhrte, dass ich durch mein Blasen und Rufen mich den Nachtdieben verriethe, und es deshalb als unzweckmassig abgeschafft werden musse.
Die Tagdiebe waren so mit einemmale meiner Aufsicht entzogen, und ich wandle jezt stumm und traurig durch die oden Strassen, um in jeder Stunde meine Karte in die Nachtuhr zu schieben. O es ist unglaublich, was seitdem der Schlaf befordert ist, und wie so mancher, der bei seinen geheimen Sunden nichts als den jungsten Tag furchtete, seitdem meine Gerichtsposaune zerbrochen ist, ruhig und fest in seinen Kissen liegt.
Siebente Nachtwache
Ich bin einmal auf meine Tollheiten gekommen; nun ist aber mein Leben selbst die argste von allen, und ich will diese Nacht, da ich mir doch durch Blasen und Singen die Zeit nicht mehr vertreiben darf, in der Rekapitulation desselben fortfahren.
Ich bin schon oft daran gegangen vor dem Spiegel meiner Einbildungskraft sizend, mich selbst leidlich zu portraitiren, habe aber immer in das verdammte Antliz hineingeschlagen, wenn ich zulezt fand, dass es einem Vexirgemalde glich, das von drei verschiedenen Standpunkten betrachtet, eine Grazie, eine Meerkaze und en face den Teufel dazu darstellt. Da bin ich denn uber mich verwirrt geworden, und habe als den lezten Grund meines Daseins hypothetisch angenommen, dass eben der Teufel selbst, um dem Himmel einen Possen zu spielen, sich wahrend einer dunkeln Nacht in das Bette einer eben kanonisirten Heiligen geschlichen, und da mich gleichsam als eine lex cruciata fur unsern Herrgott niedergeschrieben habe, bei der er sich am Weltgerichtstage den Kopf zerbrechen solle.
Dieser verdammte Widerspruch in mir geht so weit, dass z.B. der Papst selbst beim Beten nicht andachtiger sein kann, als ich beim blasphemiren, da ich hingegen wenn ich recht gute erbauliche Werke durchlese, mich der boshaftesten Gedanken dabei durchaus nicht erwehren kann. Wenn andere verstandige und gefuhlvolle Leute in die Natur hinauswandern um sich dort poetische Stifts- und Thaborshutten zu errichten, so trage ich vielmehr dauerhafte und auserlesene Baumaterialien zu einem allgemeinen Narrenhause zusammen, worinn ich Prosaisten und Dichter bei einander einsperren mochte. Ein paarmale jagte man mich aus Kirchen weil ich dort lachte, und eben so oft aus Freudenhausern, weil ich drin beten wollte.
Eins ist nur moglich; entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.
Dem sei wie ihm wolle, und meine Physiognomie falle hasslich oder schon aus, ich will ein Stundchen treulich daran kopiren. Schmeicheln werde ich nicht, denn ich male in der Nacht, wo ich die gleissenden Farben nicht anwenden kann und nur auf starke Schatten und Drucker mich einschranken muss.
Mir gaben zuerst einige poetische Flugblatter einen leidlichen Namen, die ich aus der Werkstatte meines Schuhmachers fliegen liess; das erste enthielt eine Leichenrede die ich niederschrieb als diesem ein Knablein geboren wurde, und ich erinnere mich nur noch blos an den Anfang, der ohngefahr so lautete:
"Da kleiden sie ihn ein fur seinen ersten Sarg, bis der zweite fertig worden, an dem seine Thaten und Thorheiten eingegraben sind; so wie man Furstenleichen erst in einen provisorischen Sarg einzulegen pflegt, bis sie dann spater den zinnernen in die Gruft hinabtragen, der wurdig mit Trophaen und Inschriften verziert ist, und den Leichnam zum zweitenmale einsargen. Traut auch, ich bitte euch, dem Lebensscheine und den Rosen auf den Wangen des Knaben nicht; das ist die Kunst der Natur, wodurch sie, gleich einem geschikten Arzte, den einbalsamirten Korper eine langere Zeit in einer angenehmen Tauschung erhalt; in seinem Innern nagt doch die Verwesung schon, und wolltet ihr es aufdecken, so wurdet ihr eben die Wurmer aus ihren Keimen sich entwickeln sehen, die Freude und den Schmerz, die sich schnell durchnagen dass die Leiche in Staub zerfallt. Ach nur da er noch nicht gebohren war lebte er, so wie das Gluck allein in der Hoffnung besteht, sobald es aber wirklich wird, sich selbst zerstort. Jezt steht er nur noch auf dem Paradebette, und die Blumen die ihr auf ihn streut sind Herbstblumen fur sein Sterbekleid. In der Ferne rusten sich auch schon ringsum die Leichentrager, die seine Freuden und ihn selbst hinwegfuhren wollen, und die Erde bereitet schon seine Gruft fur ihn, um ihn zu empfangen. Uberall strecken nur der Tod und die Verwesung gierig ihre Arme nach ihm aus, ihn nach und nach zu verzehren, um zulezt wenn seine Schmerzen, seine Wonne, seine Erinnerung und sein Staub verwehet ist, vom Morden mude auf seiner leeren Gruft auszuruhen. Seine Asche hat die Natur dann schon langst wieder zu neuen Todtenblumen fur neue Sterbende verbraucht."
Das Ubrige von der Rede habe ich vergessen. Sie meinten das Ganze sei nicht ubel und nur blos die Uberschrift ein Fehler, indem offenbar statt Geburtstage, Sterbetage stehen musse; so wurde es dann auch bei vorkommenden Kinderleichen gebraucht.
Ein debutirender Autor hat mit grossen Schwierigkeiten zu kampfen, da er sich erst uberhaupt durch seine Werke bekannt machen muss; hingegen ein schon aufgetretener und einmal applaudirter, blos durch seinen Namen seine Werke beruhmt macht; indem die Menschen es nimmer sich uberreden konnen, dass grosse Poeten und grosse Helden ihre Stunden haben, in denen sie schlechtere Werke und schlechtere Handlungen ans Licht fordern als die schlechtesten anderer hochst alltaglicher Erdensohne. Hohe und Tiefe sind nie ohne einander, auf der Flache dagegen, ist der Sturz nicht zu befurchten.
Mich verfolgte indess das Gluck ordentlicherweise und ich erhielt fast mehr Reime zusammenzuflicken als Schuhe, so dass wir das alte Hans Sachsische Aushangeschild uber unserer Werkstatt wieder herstellen, und zwei fur den Staat wichtige Kunste amalgamiren konnten. Dazu erhielt ich fur ein Gedicht fast mehr bezahlt als fur einen Schuh, weshalb der alte Meister das lose Handwerk neben dem Brodhandwerke ungeneckt einherwandeln und meinen delphischen Dreifuss neben seinem gemeinnuzigen stehen lies.
Als eine vernunftige Anordnung der Vorsehung betrachte ich es ubrigens, dass manche Menschen in einen engen erbarmlichen Wirkungskreis und zwischen vier Mauern eingesperrt sind, wo in der dumpfen Kerkerluft ihr Licht nur matt und unschadlich aufflammen kann, so dass man hochstens dabei erkennt, dass man sich in einem Kerker befindet; da es im Gegentheile in der Freiheit wie ein Vulkan auflodern wurde, um Alles ringsum in Brand zu stecken. Bei mir fing es wirklich jezt schon an zu spruhen und zu funkeln, indess konnten nichts weiter als poetische Leuchtkugeln zum Vorschein kommen, um das Terrain zu rekognosciren, aber keine Bomben um zu zersprengen und zu verheeren. Eine furchtbare Angst ergriff mich oft, wie einen Riesen, den man als Kind in einen niedrigen Raum eingemauert, und der jezt empor wachst und sich ausdehnen und aufrichten will, ohne es im Stande zu sein, und sich nur das Gehirn eindrucken, oder zur verrankten Misgestalt in einander drangen kann.
Menschen dieses Schlages, wenn sie empor kamen wurden feindseelig sich aussern, und als eine Pest, ein Erdbeben oder Gewitter unter das Volk fahren, und ein gutes Stuck von dem Planeten aufreiben und zu Pulver verbrennen. Doch sind diese Enakssohne gewohnlich gut postirt, und es sind Berge uber sie geworfen wie uber die Titanen, worunter sie sich nur grimmig schutteln konnen. Hier verkohlt sich ihr Brennstoff allmahlig, und nur selten gelingt's ihnen sich Luft zu machen, und ihr Feuer zornig aus dem Vulkane gen Himmel zu schleudern.
Ich brachte das Volk indess schon durch mein blosses Feuerwerkern in Aufruhr, und die fluchtige satirische Rede eines Esels uber das Thema: warum es uberhaupt Esel geben musse, machte gewaltigen Lerm. Ich hatte bei Gott wenig Arges dabei gedacht, und das Ganze bloss aufs Allgemeine bezogen; aber eine Satire ist wie ein Probirstein, und jedes Metall das daran voruberstreicht lasst das Zeichen seines Werthes oder Unwerthes zuruck; so gings auch hier der *** hatte das Blatt gelesen, und alles genau auf sich passend gefunden; weshalb man mich ohne weiteres in den Thurm sperrte, wo ich Musse hatte immer wilder zu werden. Dabei gings mir ubrigens mit meinem Menschenhasse wie den Fursten, die den einzelnen Menschen wohlthun, und sie nur in ganzen Heeren wurgen.
Endlich liess man mich los, als die fremde Zahlung aufhorte, denn mein alter Meister war Todes verfahren, und ich stand nun mutterallein da in der Welt, als ware ich aus einem andern Planeten herabgefallen. Jezt sah ich's recht, wie der Mensch als Mensch nichts mehr gilt, und kein Eigenthum an der Erde hat, als was er sich erkauft oder erkampft. O wie ergrimmte ich, dass Bettler, Vagabunden und andere arme Teufel, wie ich einer bin, das Faustrecht sich nehmen liessen, und es nur den Fursten zugestanden, als zu ihren Regalen gehorig, die es nun im Grossen ausuben; konnte ich doch wahrlich kein Stukchen Erde finden, um mich darauf niederzulassen, so sehr hatten sie jede Handbreit unter sich zertheilt und zerstuckelt, und wollten schlechterdings von dem Naturrechte, als dem einzigen allgemeinen und positiven nichts wissen, sondern hatten in jedem Winkelchen ihr besonderes Recht und ihren besonderes Glauben; in Sparta besangen sie den Dieb, je kunstfertiger er zu stehlen verstand, und nebenan in Athen hingen sie ihn auf.
Zu etwas musste ich indess greifen um nicht zu verhungern, hatten sie doch alles freie Gemeingut der Natur bis auf die Vogel unterm Himmel und die Fische im Wasser an sich gerissen, und wollten mir kein Fruchtkorn zugestehen ohne gute baare Bezahlung. Ich wahlte das erste beste Fach, worin ich sie und ihr Treiben besingen konnte, und wurde Rhapsode wie der blinde Homer, der auch als Bankelsanger umherziehen musste.
Blut lieben sie uber die Maassen, und wenn sie es auch nicht selbst vergiessen, so mogen sie es doch fur ihr Leben uberall in Bildern, Gedichten und im Leben selbst gern fliessen sehen; in grossen Schlachtstucken am liebsten. Ich sang ihnen daher Mordgeschichten und hatte mein Auskommen dabei, ja ich fing an mich zu den nuzlichen Mitgliedern im Staate, als zu den Fechtmeistern, Gewehrfabrikanten, Pulvermullern, Kriegsministern, Arzten u.s.w., die alle offenbar dem Tode in die Hand arbeiten, zu zahlen, und bekam eine gute Meinung von mir, indem ich meine Zuhorer und Schuler abzuharten, und sie an blutige Auftritte zu gewohnen mich bemuhete.
Endlich aber wurden mir doch die kleineren Mordstucke zuwider, und ich wagte mich an grossere an Seelenmorde durch Kirche und Staat, wofur ich gute Stoffe aus der Geschichte wahlte; liess auch hin und wieder kleine episodische Ergozlichkeiten von leichteren Morden, als z.B. der Ehre, durch den tuckischen guten Ruf, der Liebe, durch kalte herzlose Buben, der Treue, durch falsche Freunde, der Gerechtigkeit, durch Gerichtshofe, der gesunden Vernunft, durch Zensuredikte u.s.w. mit einfliessen. Da aber war es vorbei, und es wurden in kurzen mehr denn funfzig Injurienprozesse gegen mich anhangig gemacht. Ich trat auf vor Gericht als mein eigener advocatus diaboli; vor mir sassen an der Tafelrunde ein halb Duzend mit den Gerechtigkeitsmasken vor dem Antlize, worunter sie ihre eigene Schalksphysiognomie und zweite Hogarthsgesichtshalfte verbargen. Sie verstehen die Kunst des Rubens, wodurch er vermittelst eines einzigen Zuges ein lachendes Gesicht in ein weinendes verwandelte, und wenden sie bei sich selbst an, sobald sie sich auf die Gerichtsstuhle niederlassen, damit man diese nicht fur arme Sunderstuhlchen anzusehen geneigt sein mochte. Nach einer strengen Verwarnung, die Wahrheit auf die mir vorgelegten Anklagen zu sagen, hub ich so an:
"Wohlweise! Ich stehe hier als beschuldigter Injuriant vor Ihnen, und alle corpora delicti sprechen wider mich, worunter ich auch Sie selbst zu zahlen fest willens bin, indem man corpora delicti nicht nur als die Gegenstande aus denen man auf ein bestimmtes Verbrechen schliessen kann, z.B. Brechstangen, Diebsleitern u.d. gl. sondern auch als die Leiber selbst in denen das Verbrechen wohnt, ansehen konnte. Nun aber ware es nicht ubel gerathen, dass Sie selbst nicht nur als gute Theoretiker die Verbrechen kennen lernten, sondern sie auch als brave Praktiker auszuuben verstanden, wie denn schon manche Dichter sich ernstlich beklagen, dass ihre Rezensenten selbst, nicht einen einzigen Vers zu machen im Stande waren, und doch uber Verse richten wollten; und was wurden Sie, Wohlweise, zu entgegnen haben, wenn Ihnen, der Analogie gemass, ein Dieb, Ehebrecher oder irgend ein anderer Hundsfott dieses Gelichters, uber den Sie richten wollten, eine ahnliche Nuss aufzuknacken gabe und sie nicht fur kompetente Rezensenten in ihrem Fache anerkennen wollte, weil sie in praxi selbst noch gar nichts prastirt.
Die Gesetze scheinen auch in der That hierauf hinzudeuten, und eximiren Sie als Gerichtspersonen in manchen Fallen von den Verbrechen, wie Sie denn z.B. ungestraft erwurgen, mit dem Schwerdte um sich schlagen, mit Keulen niederhauen, verbrennen, sakken, lebendig begraben und viertheilen und foltern durfen; lauter grobe Missethaten, die man keinem andern als nur Ihnen hingehen lasst. Ja auch in kleineren Vergehungen, und namentlich in dem Falle, worin ich mich jezt als Inquisit hier befinde, sprechen Sie die Gesetze frei, so erlaubt Ihnen die lex 13. 1. und 2. de iniuriis geradezu diejenigen zu injuriiren, die Sie selbst wegen Injurien in Ihrem Gerichtsgarn gefangen halten.
Es ist unglaublich welche Vortheile aus dieser Einrichtung fur den Staat fliessen konnten; wurden nicht z.B. eine Menge Verbrechen mehr zu Tage gefordert werden konnen, wenn respektive Gerichtsherren in eigner Person die Lusthauser besuchten, und die Lust vollzogen, um die Inkulpirten sogleich ohne weiteres zu uberfuhren; wenn sie ebenfalls als Diebe sich unter die Diebe mischten, blos um ihre Kameraden hangen zu lassen; oder wenn sie selbst den Ehebruch vollzogen, um die etwanigen Ehebrecherinnen und solche die Lust und Liebe zu diesem Verbrechen haben und als schadliche Mitglieder des Staates zu betrachten sind, kennen zu lernen.
Guter Himmel, das Wohltatige einer solchen Einrichtung ist so klar, dass ich gar nichts weiter hinzufugen mag, und bloss dieses unmassgeblichen Vorschlags halber meine Lossprechung verdient hatte.
Ich gehe indess zu meiner Vertheidigung selbst uber, Wohlweise! Mir ist hier eine iniuria oralis und zwar nach der Unterabtheilung eine gesungene Injurie zur Last gelegt. Ich durfte schon hier einen Grund der Nullitat der Anklage finden, indem Sanger offenbar sich zu der Kaste der Dichter zahlen, und es diesen leztern, eben weil sie nach der neuern Schule keine Tendenz bezwecken, erlaubt sein musse in ihrer Begeisterung zu injuriiren und blasphemiren so viel sie nur wollten. Ja es durfte einem Dichter und Sanger schon deshalb dies Verbrechen nicht zugerechnet werden, weil die Begeisterung der Trunkenheit gleichzusezen ist, die ohne weiteres, wenn der Trunkene sich nicht culpose in diesen Zustand versezt hat, welches offenbar bei einem Begeisterten nicht anzunehmen ist, indem die Begeisterung eine Gabe der Gotter, von der Strafe befreit. Indess will ich meine Vertheidigung noch bundiger formiren, und verweise sie deshalb auf die Schriften unserer vorzuglichsten neuern Rechtslehrer, in denen es bundig dargethan ist, dass die Gerechtigkeit schlechterdings nichts mit der Moralitat zu schaffen habe, und dass nur eine die aussern Rechte verlezende Handlung als ein Verbrechen V.R.W. imputirt werden konne. Nun aber habe ich nur moralisch injuriirt und verwundet, und weise deshalb die Klage vor diesem Gerichtshofe als unzulanglich ab, indem ich als moralische Person unter dem foro privilegiato einer anderen Welt stehe.
Ja, da nach Weber uber Injurien im ersten Abschnitte pag. 29 an denjenigen Personen die auf das Recht auf Ehre Verzicht gethan haben, keine Injurie begangen werden kann, so darf ich auch der Analogie gemass folgern dass ich Sie da Sie als Icti und Gerichtspersonen schlechthin von der Moralitat sich losgesagt haben, hier an offener Gerichtsstatte mit allen moglichen moralischen Injurien uberhaufen darf; ja, wenn ich Sie kalte gefuhllose unmoralische, obgleich wohlweise und gerechte Herren zu nennen wage, so ist das vielmehr als eine Apologie als Injurie zu halten, und ich weise schlechthin jede von hier ausgehende gerichtliche Anspruche als unzulanglich ab."
Hier hielt ich inne und alle sechs sahen sich eine Weile an ohne zu dezidiren; ich wartete ruhig. Hatten sie mir als Strafe das Wippen, das Trillhaus, den spanischen Mantel, Schmauchen, Riemschneiden oder gar das Aufreissen des Leibes, welches in Japan fur sehr ehrenvoll gehalten wird, zuerkannt, mich wurde es gefreuet haben, gegen die Bosheit die der erste Rechtsfreund und Vorsizer verubte, als er den Ausspruch that, dass mir schlechterdings das Verbrechen nicht zugerechnet werden konnte, indem ich zu den mente captis zu zahlen sei und mein Vergehen als die Folge eines partiellen Wahnsinns betrachtet werden musse, weshalb man mich ohne weiteres an das Tollhaus abzuliefern habe.
Es ist zu arg, ich mag heute nicht weiter rekapituliren, und will mich schlafen legen.
Achte Nachtwache
Die Dichter sind ein unschadliches Volkchen, mit ihren Traumen und Entzuckungen und dem Himmel voll griechischer Gotter, den sie in ihrer Phantasie mit sich umhertragen. Bosartig aber werden sie sobald sie sich erdreisten ihr Ideal an die Wirklichkeit zu halten, und nun in diese, mit der sie gar nichts zu schaffen haben sollten, zornig hineinschlagen. Sie wurden indess unschadlich bleiben, wenn man ihnen nur in der Wirklichkeit ihres freien Plazchen ungestort einraumen und sie nicht durch das Drangen und Treiben in derselben eben zum Ruckblik in sie zwingen wollte. Fur den Maasstab ihres Ideals muss alles zu klein ausfallen, denn dieser reicht uber die Wolken hinaus und sie selbst konnen sein Ende nicht absehen, und mussen sich nur an die Sterne als provisorische Grenzpunkte halten, von denen indess wer weiss wie viele bis heute unsichtbar sind und ihr Licht sich noch auf der Reise zu uns herab befindet.
Der Stadtpoet auf seinem Dachkammerchen gehorte auch zu den Idealisten, die man mit Gewalt durch Hunger, Glaubiger, Gerichtsfrohne u.s.w. zu Realisten bekehrt hatte, wie Karl der Grosse die Heiden mit dem Schwerdte in den Fluss trieb, damit sie dort zu Christen getauft wurden. Ich hatte mit dem Nachtraben Bekanntschaft gemacht und lief wenn ich meine Karte als einen Zeitschein in die Nachtuhr geschoben hatte, oft zu ihm hinauf, um seinem Gahren und Brausen zuzuschauen, wenn er dort oben als begeisterter Apostel mit der Flamme auf dem Haupte gegen die Menschen zurnte. Sein ganzes Genie konzentrirte sich auf die Vollendung einer Tragodie, worin die grossen Geister der Menschheit deren Korper und blosse aussere Hulle sie gleichsam nur erscheint, die Liebe, der Hass, die Zeit und die Ewigkeit als hohe geheimnissvolle Gestalten auftraten, durch die statt des Chors ein tragischer Hanswurst, eine groteske und furchtbare Maske, hinlief. Der Tragiker hielt das schone Antliz des Lebens mit eiserner Faust unverruckt vor seinen grossen Hohlspiegel, worinn es sich in wilde Zuge verzerrte und gleichsam seine Abgrunde offenbarte in den Furchen und hasslichen Runzeln die in die schonen Wangen fielen; so zeichnete er's ab.
Es ist gut, dass es viele nicht begriffen, denn in unserm Lorgnetten Zeitalter sind die grossesten Gegenstande so entrukt worden, dass man sie hochstens nur noch in der Ferne undeutlich durch die Vergrosserungsglaser erkennt; dagegen die kleinen recht grundlich kultivirt werden, weil Kurzsichtige in der Nahe um so scharfer sehen.
Er hatte das Ganze bereits beendigt, und hoffte dass die Gotter die er dabei angerufen, sich ihm diesmal wenigstens als ein goldener Regen offenbahren wurden, durch den er seine Glaubiger, den Hunger und die Gerichtsdiener von sich verscheuchen konnte. Heute war der Tag an dem das imprimatur des wichtigsten Zensors, des Verlegers, hatte einlaufen mussen, und mich trieb die Neugierde zu ihm hinauf und die Sehnsucht ihn in dem frohlichen Gelage der Erdengotter zu erblicken. Ist es nicht traurig dass die Menschen ihre Freudensale so fest verschlossen halten und durch Geharnischte2 bewachen lassen, vor denen der Bettler, der sie nicht bestechen kann, erschrocken zuruckweicht!
Ich stieg keuchend in den hohen Olymp hinauf und offnete den Eingang; aber statt eines Trauerspiels, das ich nicht erwartet hatte, fand ich ihrer zwei, das rukgehende vom Verleger, und den Tragiker selbst der das zweite aus dem Stegereife zugleich gedichtet und als Protagonist3 aufgefuhrt hatte. Da ihn der tragische Dolch gemangelt, so hatte er in der Eile, was bei einem improvisirten Drama leicht ubersehen werden kann, die Schnur die dem auf der Retourfuhre begriffenen Manuscripte als Reisegurt gedient, dazu auserwahlt, und schwebte an ihr als ein gen Himmel fahrender Heiliger, recht leicht und mit abgeworfenem Erdenballast uber seinem Werke.
Es war ubrigens in der Stube ganz still und fast schauerlich; nur ein paar zahme Mause, spielten als einzige Hausthiere friedlich zu meinen Fussen und pfiffen, entweder aus guter Laune, oder aus Hunger; fur das leztere schien beinahe eine dritte zu entscheiden, die sehr eifrig an der Unsterblichkeit des Dichters, seinem retourgegangenen opere posthumo, nagte.
"Armer Teufel, sagte ich zu ihm hinaufblickend, ich weiss nicht ob ich deine Himmelfarth komisch oder ernsthaft nehmen soll! Drollig bleibt es allerdings, dass du als eine Mozartsche Stimme in ein schlechtes Dorfkonzert mit eingelegt bist, und eben so naturlich dass du dich daraus weggestohlen; in einem ganzen Lande von Hinkenden wird eine einzige Ausnahme als ein seltsames verschrobenes lusus naturae verlacht, eben so wurde in einem Staate von lauter Dieben die Ehrlichkeit allein mit dem Strange bestraft werden mussen; es kommt Alles in der Welt auf die Zusammenstellung und Ubereinkunft an, und da nun deine Landsleute nur an ein abscheuliches kreischendes Geschrei statt des Gesanges gewohnt sind, so mussten sie dich eben deines guten gebildeten Vortrags wegen zu den Nachtwachtern zahlen, wie ich denn deshalb auch einer geworden bin. O die Menschen schreiten hubsch vorwarts und ich hatte wohl Lust meinen Kopf nach einem Jahrtausende nur auf eine Stunde lang in diese alberne Welt zu stecken; ich wette darauf ich wurde sehen wie sie in den Antikenkabinetten und Museen nur noch das Frazzenhafte abzeichneten und nach einem Ideale der Hasslichkeit strebten, nachdem sie die Schonheit langst als eine zweite franzosische Poesie fur fade erklart hatten. Den mechanischen Vorlesungen uber die Natur wunschte ich auch beizuwohnen in denen es gelehrt wird wie man eine Welt mit geringem Aufwande von Kraften vollstandig zusammenstellen kann, und die jungen Schuler zu Weltschopfern ausgebildet werden, da man sie jezt nur zu Ichsschopfern anzieht. Guter Gott was mussen nach einem Jahrtausend nicht fur Fortschritte in allen Wissenschaften gemacht sein, da wir jezt bereits so weit sind; man muss dann, Naturreparirer, eben so haufig wie jezt Uhrmacher haben; Korrespondenzen mit dem Monde fuhren, von dem wir heutiges Tages schon Steine heraberhalten; Shakspearsche Stucke in den untersten Klassen als Exercitien ausarbeiten; die Liebe, die Freundschaft, die Treue, wie jezt den Hanswurst, schon nicht mehr auf den Theatern dulden; Tollhauser nur noch fur Vernunftige aufbauen; die Arzte als schadliche Mitglieder des Staates ausreuten, weil sie das Mittel gegen den Tod aufgefunden; und Gewitter und Erdbeben so leicht veranstalten konnen, wie jezt Feuerwerke. Armer schwebender Teufel, wie wurde es da mit deiner Unsterblichkeit aussehen, und du hast wohlgethan dass du dich rasch aus dem Staube machtest."
Ich wurde aber plozlich in meiner guten Laune geruhrt, so wie ein heftig Lachender zulezt in Thranen ausbricht, als ich in einen Winkel blikte, wo seine Kindheit gleichsam als die einzige Freude und zugleich als die einzige zuruckgebliebene Mobel dem Erblassten stumm und bedeutend gegenubergestellt war; es war ein altes verwittertes Gemalde, auf dem die Farben schon halb verloscht, so wie dem Aberglauben nach auf den Portraiten Verstorbener die Wangenrothe verfliegt. Es stellte den Poeten dar, wie er als ein freundlicher lachelnder Knabe an der Brust seiner Mutter spielte; ach das schone Antliz war seine erste und einzige Liebe und sie war ihm nur sterbend untreu geworden. Hier in dem Bilde lachte die Kindheit noch um ihn, und er stand in dem Fruhlingsgarten voll geschlossener Blumenknospen, nach deren Dufte er sich sehnte und die ihm nur als Giftblumen aufbrachen und den Tod gaben. Ich musste mich schaudernd abwenden als ich die Kopie, den lachelnden umlokten Kindskopf, mit dem jezigen Originale dem schwebenden Hypokratischen Gesichte verglich, das schwarz und schreklich wie ein Medusenhaupt in seine Jugend schauete. Er schien noch in der lezten Minute den lezten Blik auf das Gemahlde geworfen zu haben, denn er hing dagegen gekehrt und die Lampe brannte dicht davor wie vor einem Altarblatte. O die Leidenschaften sind die tuckischen Retouschirer, die den bluhenden Rafaelskopf der Jugend mit den fortschreitenden Jahren auffrischen und durch immer hartere Zuge entstellen und verzerren, bis aus dem Engelshaupt eine Hollenbreugelische Larve geworden ist.
Der Arbeitstisch des Dichters, dieser Altar des Apoll, war ein Stein, denn alles vorrathige Holz, bis auf den abgeloseten Rahmen des Gemaldes, war langst bei seinen nachtlichen Opfern zur Flamme verzehrt. Auf diesem Steine lagen das rukgekehrte Trauerspiel, der Mensch uberschrieben, und zugleich der Absagebrief des Poeten an das Leben; dieser lautete so:
"Absagebrief an das Leben
Der Mensch taugt nichts, darum streiche ich ihn aus. Mein Mensch hat keinen Verleger gefunden weder als persona vera noch ficta, fur die lezte (meine Tragodie) will kein Buchhandler die Druckkosten herschiessen, und um die erste, (mich selbst) bekummert sich gar der Teufel nicht, und sie lassen mich verhungern, wie den Ugolino, in dem grossten Hungerthurme, der Welt, von dem sie vor meinen Augen den Schlussel auf immer in das Meer geworfen haben. Ein Gluck ist's noch dass mir so viel Kraft ubrig bleibt, die Zinne zu erklimmen und mich hinabzusturzen. Ich danke dafur, in diesem meinem Testamente, dem Buchhandler, der ob er gleich meinem Menschen nicht forthelfen wollte, mir doch wenigstens die Schnur in den Thurm hinabwarf, an der ich in die Hohe kommen kann.
Ich denke es ist lustig droben, und eine gute freie Aussicht; besser ist's in alle Wege, selbst wenn ich nichts sehen sollte, als hier unten, denn ich weiss nichts mehr darum; aber der alte Ugolino tappte, vor Hunger blind geworden, in seinem Thurme umher, und war sich seiner Blindheit bewusst und das Leben kampfte noch gewaltig in ihm, dass er nicht untergehen konnte.
Ach ich habe zwar, wie er, in meinem Kerker auch noch mit holden Knaben getandelt, die ich einsam in der Nacht erzeugte und die um mich her spielten als eine bluhende Jugend und goldene helle Traume; in ihnen die ich hinterlassen wollte, schloss ich mich warm an das Leben; aber sie haben auch sie verstossen, und die hungrigen Thiere, die sie mit mir einsperrten, haben sie zernagt, dass sie mich nur noch in der Erinnerung umgaukeln.
Mag's sein; die Thur ist fest hinter mir zugeworfen, und das leztemal, dass sie sie offneten, war's nur um den Sarg meines lezten Kindes hereinzutragen; ich hinterlasse nun nichts, und gehe dir trozig entgegen, Gott, oder Nichts!"
Dies war die lezte zurukgebliebene Asche von einer Flamme, die in sich selbst ersticken musste. Ich sammelte sie, und so viele Reliquien von dem Menschen ich den hungrigen Mausen noch entreissen konnte, sorgfaltig, indem ich mich gewaltsamerweise zum Erben der Hinterlassenschaft einsezte.
Bringt mich der Himmel unverhofft einmal in eine bessere Lage, so gebe ich das Trauerspiel: der Mensch, so zernagt und unvollstandig es auch ist, auf meine Kosten heraus, und vertheile die Exemplare gratis unter die Menschen. Fur jezt will ich nur etwas vom Prologe des Hanswurstes mittheilen. Der Poet entschuldigt sich in einer kurzen Vorrede daruber, dass er den Hanswurst in eine Tragodie einzufuhren wagte, mit eigenen Worten folgendermassen:
"Die alten Griechen hatten einen Chorus in ihren Trauerspielen angebracht, der durch die allgemeinen Betrachtungen die er anstellte, den Blick von der einzelnen schrecklichen Handlung abwendete und so die Gemuther besanftigte. Ich denke es ist mit dem Besanftigen jezt nicht an der Zeit, und man soll vielmehr heftig erzurnen und aufwiegeln, weil sonst nichts mehr anschlagt, und die Menschheit im Ganzen so schlaff und boshaft geworden ist, dass sie's ordentlicherweise mechanisch betreibt, und ihre heimlichen Sunden aus blosser Abspannung vollfuhrt. Man soll sie heftig reizen, wie einen asthenischen Kranken, und ich habe deshalb meinen Hanswurst angebracht, um sie recht wild zu machen; denn wie, nach dem Sprichworte, Kinder und Narren die Wahrheit sagen, so befordern sie auch das Furchtbare und Tragische, indem jene es unschuldig hart vortragen, und diese gar daruber spotten und Possen damit treiben. Neuere Asthetiker werden mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen."
Das was ich noch von dem Manuscripte mittheilen will, lautete so:
"Prolog des Hanswurstes zu der Tragodie:
der Mensch
Ich trete als Vorredner des Menschen auf. Ein respektives zahlreiches Publikum wird es leichter ubersehen, dass ich meiner Handthierung nach ein Narr bin, wenn ich fur mich anfuhre, dass nach Doktor Darwin4 eigentlich der Affe, der doch ohnstreitig noch lappischer ist als ein blosser Narr, der Vorredner und Prologist des ganzen Menschengeschlechts ist, und dass meine und Ihre Gedanken und Gefuhle sich nur blos mit der Zeit etwas verfeinert und kultivirt haben, obgleich sie ihrem Ursprunge gemass doch immer nur Gedanken und Gefuhle bleiben, wie sie in dem Kopfe und Herzen eines Affen entstehen konnten. Doktor Darwin, den ich hier als meinen Stellvertreter und Anwald auffuhre, behauptet namlich, dass der Mensch als Mensch einer Affenart am mittellandischen Meere sein Dasein verdanke, und dass diese blos dadurch dass sie sich ihres Daumenmuskels so bedienen lernte, dass Daumen und Fingerspitzen sich beruhrten, sich allmahlig ein verfeinertes Gefuhl verschaffte, von diesem in den folgenden Generationen zu Begriffen uberging und sich zulezt zu verstandigen Menschen einkleidete, wie wir sie jezt noch taglich in Hof- und anderen Uniformen einherschreiten sehen.
Das Ganze hat sehr viel fur sich; finden wir doch nach Jahrtausenden noch hin und wieder auffallende Annaherungen und Verwandschaften in dieser Ruksicht, ja ich glaube bemerkt zu haben, dass manche respektive und geschazte Personen sich ihres Daumenmuskels noch jezt nicht gehorig bedienen lernten, wie z.B. manche Schriftsteller und Leute die die Feder fuhren wollen; sollte ich darin nicht irren, so spricht das sehr fur Darwin. Auf der andern Seite finden wir auch manche Gefuhle und Geschicklichkeiten in dem Affen, die uns offenbar bei dem salto mortale zum Menschen entfallen sind, so liebt z.B. eine Affenmutter noch heutiges Tages ihre Kinder mehr als manche Furstenmutter; das einzige was dies widerlegen konnte, ware noch, wenn man anfuhren wollte dass diese sie, eben aus ubergrosser Liebe vernachlassigte um das zu bezwecken, was jene nur etwas schneller durch das Erdrucken ihrer Jungen erreicht.
Genug ich bin mit Doktor Darwin einverstanden, und thue den philanthropischen Vorschlag, dass wir unsere jungeren Bruder, die Affen in allen Welttheilen, hoher schazen lernen, und sie, die jezt nur unsere Parodisten sind, durch eine grundliche Anweisung, den Daumen und die Fingerspizen zusammen zu bringen, so dass sie mindestens eine Schreibfeder fuhren konnen, zu uns herauf ziehen mogen. Ist es doch besser mit dem ersten Doktor Darwin die Affen fur unsere Vorfahren anzunehmen, als so lange zu zogern bis ein zweiter gar andere wilde Thiere zu unsern Adscendenten macht, welches er vielleicht durch eben so gute Wahrscheinlichkeitsgrunde belegen konnte, da die meisten Menschen, wenn man ihnen das Untertheil des Gesichts und den Mund, mit dem sie die gleissenden Worte verschwenden, verdekt, in ihren Physiognomien eine auffallende Geschlechtsahnlichkeit besonders mit Raubvogeln, als z.B. Geiern, Falken u.s.w. erhalten, ja da auch der alte Adel seine Stammbaume eher zu den Raubthieren, als Affen hinauffuhren kann, welches, ausser ihrer Vorliebe zur Rauberei im Mittelalter, auch noch aus ihren Wappen erhellet, in denen sie meistentheils Lowen, Tieger, Adler und andere dergleichen wilde Thiere fuhren.
Das Gesagte mag hinlanglich sein, um meine Person und Maske vor der jezt aufzufuhrenden Tragodie: Der Mensch, zu rechtfertigen. Ich verspreche einem respektiven Publikum zum Voraus dass ich spashaft sein will bis zum Todtlachen, der Dichter mag es noch so ernsthaft und tragisch anlegen. Was soll es auch uberhaupt mit dem Ernste, der Mensch ist eine spashafte Bestie von Haus aus und er agirt blos auf einer grossern Buhne als die Akteure der kleinern in diese grosse wie in Hamlet eingeschachtelten; mag er's noch so wichtig nehmen wollen, hinter den Koulissen muss er doch Krone, Zepter und Theaterdolch ablegen, und als abgetretener Komodiant in sein dunkles Kammerchen schleichen, bis es dem Direktor gefallt eine neue Komodie anzusagen. Wollte er sein Ich in puris naturalibus oder auch nur im Nachtkleide und mit der Schlafmuze zeigen, beim Teufel jedermann wurde vor der Seichtigkeit und Nichtsnuzigkeit davon laufen; so behangt er's aber mit bunten Theaterlappen und nimmt die Masken der Freude und Liebe vor das Gesicht, um interessant zu scheinen, und durch das innen angebrachte Sprachrohr die Stimme zu erhohen; dann schaut zulezt das Ich auf die Lappen herab, und bildet sich ein sie machten's aus, ja es giebt wohl gar andere noch schlechter gekleidete Ich's, die den zusammengeflikten Popanz bewundern und lobpreisen; denn beim Lichte besehen ist doch die zweite Mandandane5 auch eine nur kunstlicher zusammengenahte, die eine gorge de Paris vorgestekt hat um ein Herz zu fingiren, und eine tauschender gearbeitete Larve vor den Todtenkopf halt.
Der Todtenkopf fehlt nie hinter der liebaugelnden Larve, und das Leben ist nur das Schellenkleid das das Nichts umgehangt hat, um damit zu klingeln und es zulezt grimmig zu zerreissen und von sich zu schleudern. Es ist Alles Nichts und wurgt sich selbst auf und schlingt sich gierig hinunter, und eben dieses Selbstverschlingen ist die tuckische Spiegelfechterei als gabe es Etwas, da doch wenn das Wurgen einmal inne halten wollte eben das Nichts recht deutlich zur Erscheinung kame, dass sie davor erschrecken mussten; Thoren verstehen unter diesem Innehalten die Ewigkeit, es ist aber das eigentliche Nichts und der absolute Tod, da das Leben im Gegentheile nur durch ein fortlaufendes Sterben entsteht.
Wollte man dergleichen ernsthaft nehmen, so mogte es leicht zum Tollhause fuhren, ich aber nehme es blos als Hanswurst, und fuhre dadurch den Prolog bis zur Tragodie hin, in der es der Dichter freilich hoher genommen und sogar einen Gott und eine Unsterblichkeit in sie hineinerfunden hat, um seinen Menschen bedeutender zu machen. Ich hoffe indess das alte Schicksal, unter dem bei den Griechen selbst die Gotter standen, darin abzugeben, und die handelnden Personen recht toll in einander zu verwirren, dass sie gar nicht klug aus sich werden, und der Mensch sich zulezt fur Gott selbst halten, oder zum mindesten wie die Idealisten und die Weltgeschichte, an einer solchen Maske formen soll.
Ich habe mich jezt so ziemlich angekundigt, und kann das Trauerspiel nun allenfalls selbst auftreten lassen mit seinen drei Einheiten, der Zeit auf die ich streng halten werde, damit der Mensch sich gar nicht etwa in die Ewigkeit verirrt des Orts der immer im Raume bleiben soll und der Handlung die ich so viel als moglich beschranken werde, damit der Oedipus, der Mensch, nur bis zur Blindheit, nicht aber in einer zweiten Handlung zur Verklarung fortschreite.
Gegen die Maskeneinfuhrung habe ich mich nicht gesperrt, denn je mehr Masken uber einander, um desto mehr Spass, sie eine nach der andern abzuziehen bis zur vorlezten satirischen, der hypokratischen und der lezten verfestigten, die nicht mehr lacht und weint dem Schadel ohne Schopf und Zopf, mit dem der Tragikomiker am Ende ablauft. Auch gegen die Verse habe ich nichts einwenden wollen, sie sind nur eine komischere Luge, so wie der Kothurn nur eine komischere Aufgeblasenheit.
Prologus tritt ab. "
Neunte Nachtwache
Es freut mich dass ich in den vielen Dornen meines Lebens doch wenigstens Eine bluhende volle Rose fand; sie war zwar so von den Stacheln umschlungen, dass ich sie nur mit blutiger Hand und entblattert hervorziehen konnte; doch aber pflukte ich sie, und ihr sterbender Duft that mir wohl. Diesen einen Wonnemonat unter den ubrigen Winter- und Herbstmonden verlebte ich im Tollhause.
Die Menschheit organisirt sich gerade nach Art einer Zwiebel, und schiebt immer eine Hulse in die andere bis zur kleinsten, worin der Mensch selbst denn ganz winzig stekt. So baut sie in den grossen Himmelstempel an dessen Kuppel die Welten als wunderheilige Hieroglyphen schweben, kleinere Tempel mit kleinern Kuppeln und nachgeafften Sternen, und in diese wieder noch kleinere Kapellen und Tabernakel, bis sie zulezt das Allerheiligste ganz en miniature wie in einen Ring eingefasst hat, da es doch ringsum gross und machtig um Berge und Walder schwebt, und in der glanzenden Hostie, der Sonne, am Himmel emporgehoben wird, dass die Volker davor niederfallen. In die allgemeine Weltreligion, die die Natur mit tausend Schriftzeichen geoffenbart hat, schachtelt sie wieder kleinere Volks- und Stammreligionen fur Juden, Heiden, Turken und Christen; ja die leztern haben auch daran nicht genug, sondern schachteln sich noch von neuem ein. Eben so ist es mit dem allgemeinen Irrhause, aus dessen Fenstern so viele Kopfe schauen, theils mit partiellem, theils mit totalem Wahnsinne; auch in dieses sind noch kleinere Tollhauser fur besondere Narren hineingebaut. In eins von diesen kleinern brachten sie mich jezt aus dem grossen, vermuthlich weil sie dieses fur zu stark besezt hielten. Ich fand es indess hier gerade wie dort; ja fast noch besser, weil die fixe Idee der mit mir eingesperrten Narren meistens eine angenehme war.
Ich kann meine Mitnarren nicht besser darstellen, als wenn ich gerade den Augenblick wahle wo ich sie dem besuchenden Arzte vorfuhren musste, was dann und wann geschah, weil mich der Aufseher des Instituts meiner unschadlichen Narrheit halber zum Vizeund Unteraufseher ernannt hatte. Ich that es das leztemal unter folgender Rede:
"Herr Doktor Ohlmann, oder Olearius wie Sie denn ihren Namen vor Dissertationen und Programmen, durch eine todte Sprache in die Unsterblichkeit ubersetzen wir laboriren zwar alle mehr oder minder an fixen Ideen; nicht nur einzelne Individuen, sondern ganze Gemeinheiten und Fakultaten, von denen z.B. viele der lezteren neben dem Vertriebe der Weisheit auch einem blossen Huthhandel obliegen, wodurch sie sogar nicht weise Haupter, bloss vermoge des leichten Aufdruckens eines solchen Huthes aus ihrer Fabrik in weise umzusetzen glauben; ja ihn oft selbst auf einen blossen Rumpf schlagen und so scheinbar Philosophen bilden, weil die Gesichter der lezteren vor ubergrossem Spekuliren sich ohnedies gewohnlich tief unter die Huthkrempe zu verkriechen pflegen. Ich habe der vielen Beispiele halber, die sich hier meinem Gedachtnisse aufdrangen, den Faden des Perioden verlohren, und reisse ihn lieber ganz ab, um von neuem anzuheben."
Ohlmann schuttelte hier seinen Doktorhut, wie wenn er daran zweifelte, dass man dem meinigen eine Doublette von diesem erhandelten Exemplare jemals verabfolgen lassen wurde.
"Sie schutteln, fuhr ich fort, weil mich der Himmel blos zu einem Narren kreirt hat, und nicht spaterhin der Kaiser zum Doktor? doch beseitigen wir das fur jezt noch und reden von meiner Tollheit und den Mitteln ihr abzuhelfen, lieber zulezt.
Hier No. 1. ist ein Beleg zur Humanitat, der mehr als alle Schriften daruber gilt; ich kann nie an ihm vorubergehen, ohne mich an die grossten Helden der Vorzeit, einen Curtius, Coriolan, Regulus und dergleichen zu erinnern. Sein Wahnsinn besteht darin, die Menschheit zu hoch und sich selbst zu niedrig anzuschlagen; deshalb behalt er, im Gegensaze schlechter Poeten, alle Flussigkeiten bei sich, weil er befurchtet durch ihre Freilassung eine allgemeine Sundfluth herbeizufuhren. Ich ergrimme oft, wenn ich ihn betrachte, daruber, dass ich sein eingebildetes Vermogen nicht in der That besize wahrlich ich that's, ich nahme die Erde als meinen pot de chambre in die Hand, dass alle Doktoren untergingen, und nur ihre Huthe in Menge oben schwammen. Es ist ein grosser Gedanke der arme Teufel fasst ihn nicht, denn sehn sie nur wie er da steht und sich qualt, und den Athem zurukhalt, blos aus reiner Menschenliebe, und wenn wir ihm jezt von dieser Seite nicht Luft verschaffen, so ist er des Todes. Mein recipe sind Feuersbrunste, ausgetrocknete Strome mit stillstehenden Muhlen und vielen Hungrigen und Durstigen an den Ufern. Eine Radikalkur, denke ich, soll die Holle des Dante abgeben, durch die ich ihn jezt alle Tage fuhre, und die er zu verloschen sich ernstlich vorgesezt hat. Seines ursprunglichen Handwerks nach, soll er ein Poet gewesen sein, der seine Flussigkeiten in keinen Buchladen ableiten konnte.
No. 2 und 3 sind philosophische Gegenfussler, ein Idealist und ein Realist; jener laborirt an einer glasernen Brust, und dieser an einem glasernen Gesasse, weshalb er sein Ich niemals sezt, was jenem eine Kleinigkeit ist, ob er gleich dagegen die moralische Anschauung vermeidet, und darum die Brust sorgfaltig bedeckt.
No. 4. sizt hier blos deswegen weil er in der Bildung um ein halbes Jahrhundert zu weit vorausgeschritten ist; es wandeln noch einige von der Art frei herum, die man aber, wie billig, alle auch fur toll halt.
No. 5. hielt zu verstandige und verstandliche Reden, deshalb haben sie ihn hieher geschickt.
No. 6. ist aus der Verruktheit den Scherz eines Grossen als Ernst zu nehmen, verrukt geworden.
No. 7. hat sein Gehirn versengt, dadurch dass er sich zu hoch in die Poesie verstieg, und
No. 8 dadurch, dass er bei vernunftigen Tagen es mit der Ruhrung in seinen Komodien zu ubermassig betrieb, seine Vernunft ganzlich weggeschwemmt. Jener glaubt jezt als Flamme zu brennen, so wie im Gegentheile dieser als Wasser dahin fliesst. Ich habe dann und wann versucht die widerstreitenden Elemente durch einen gegenseitigen Kampf zu verzehren, aber das Feuer fiel dann so heftig uber das Wasser her, dass ich
No. 9, der sich fur den Weltschopfer halt, herbeirufen musste, um sie wieder von einander zu scheiden.
Diese letzte Nummer halt oft hochst wunderliche Selbstgesprache, und Sie konnen jezt eben einem zuhoren, wenn sie anders Geduld dazu haben.
Monolog des wahnsinnigen Weltschopfers
"Es ist ein wunderlich Ding hier in meiner Hand, und wenn ichs von Sekunde zu Sekunde was sie dort ein Jahrhundert heissen durch das Vergrosserungsglas betrachte, so hat sich's immer toller auf der Kugel verwirrt, und ich weiss nicht ob ich daruber lachen oder mich argern soll wenn beides sich nur uberhaupt fur mich schickte. Das Sonnenstaubchen, das daran herumkriecht, nennt sich Mensch; als ich es geschaffen hatte, sagte ich zwar der Sonderbarkeit wegen es sei gut ubereilt war das freilich, indess ich hatte nun einmal meine gute Laune, und alles Neue ist hier oben in der langen Ewigkeit willkommen, wo es gar keinen Zeitvertreib giebt. Mit manchem was ich geschaffen, bin ich freilich noch jezt zufrieden, so ergozt mich die bunte Blumenwelt mit den Kindern die darunter spielen, und die fliegenden Blumen, die Schmetterlinge und Insekten, die sich als leichtsinnige Jugend von ihren Muttern trennten und doch zu ihnen zuruckkehren um ihre Milch zu trinken und an der Mutter Brust zu schlummern und zu sterben.6 Aber dies winzige Staubchen, dem ich einen lebendigen Athem einbliess und es Mensch nannte, argert mich wohl hin und wieder mit seinem Funkchen Gottheit, das ich ihm in der Ubereilung anerschuf, und woruber es verrukt wurde. Ich hatte es gleich einsehen sollen, dass so wenig Gottheit nur zum Bosen fuhren musse, denn die arme Kreatur weiss nicht mehr, wohin sie sich wenden soll, und die Ahnung von Gott, die sie in sich herumtragt, macht dass sie sich immer tiefer verwirret, ohne jemals damit aufs Reine zu kommen. In der einen Sekunde, die sie das goldene Zeitalter nannte, schnizte sie Figuren lieblich anzuschauen und baute Hauserchen daruber, deren Trummer man in der andern Sekunde anstaunte und als die Wohnung der Gotter betrachtete. Dann betete sie die Sonne an, die ich ihr zur Erleuchtung anzundete und die, mit meiner Studierlampe verglichen, sich wie das Funkchen zur Flamme verhalt. Zulezt und das war das argste dunkte sich das Staubchen selbst Gott und bauete Systeme auf, worin es sich bewunderte. Beim Teufel! Ich hatte die Puppe ungeschnizt lassen sollen! Was soll ich nur mit ihr anfangen? Hier oben sie in der Ewigkeit mit ihren Possen herumhupfen lassen? Das geht bei mir selbst nicht an; denn da sie sich dort unten schon mehr als zuviel langweilt und sich oft vergeblich bemuht in der kurzen Sekunde ihrer Existenz die Zeit sich zu vertreiben, wie musste sie sich bei mir in der Ewigkeit, vor der ich oft selbst erschrecke, langweilen! Sie ganz und gar zu vernichten thut mir auch leid; denn der Staub traumt doch oft gar so angenehm von der Unsterblichkeit, und meint, eben weil er so etwas traume, musse es ihm werden. Was soll ich beginnen? Wahrlich hier steht mein Verstand selbst still! Lasse ich die Kreatur sterben und wieder sterben, und verwische jedesmal das Funkchen Erinnerung an sich selbst, dass es von neuem auferstehe und umherwandle? Das wird mir auf die Lange auch langweilig, denn das Possenspiel immer und immer wiederholt, muss ermuden! Am besten ich warte uberhaupt mit der Entscheidung bis es mir einfallt einen jungsten Tag festzusetzen und mir ein klugerer Gedanke beikommt. "
"Was das fur ein verruchter Wahnsinn ist fiel ich ein, als Nro. 9 inne hielt. Wenn ein vernunftiger Mensch dergleichen vorbrachte, wurde man es wahrlich konfisziren."
Ohlmann schuttelte den Kopf und machte einige bedeutende Anmerkungen uber Gemuthskrankheiten uberhaupt.
Der Weltschopfer, der bei seiner Rede einen Kinderball in der Hand hielt und jezt mit ihm an zu spielen fing, fuhr nach einer Pause fort.
"Wie die Physiker sich jezt uber die veranderte Temperatur wundern, und neue Systeme daruber aufstellen werden. Ja diese Erschutterung bringt vielleicht Erdbeben und andere Erscheinungen zuwege, und es giebt ein weites Feld fur die Teleologen. O das Sonnenstaubchen hat eine erstaunliche Vernunft, und bringt selbst in das Willkuhrlichste und Verworrenste etwas systematisches; ja es lobt und preiset oft seinen Schopfer eben deshalb weil es davon uberrascht wurde dass er eben so gescheut als es selbst sei. Dann treibt es sich durch einander und das Ameisenvolk bildet eine grosse Zusammenkunft und stellt sich fast an, als ob etwas darin abgehandelt wurde. Lege ich jezt mein Horrohr an, so vernehme ich wirklich etwas und es summen von Kanzeln und Kathedern ernsthafte Reden uber die weise Einrichtung in der Natur, wenn ich etwa den Ball spiele und dadurch ein paar Duzzend Lander und Stadte untergehen und mehrere von den Ameisen zerschmettert werden, die sich ohnedas seitdem sie die Kuhpocken erfunden haben nur zu viel vermehren. O seit einer Sekunde sind sie so klug geworden, dass ich mich hier oben nicht schneuzen darf, ohne dass sie das Phanomen ernsthaft untersuchen. Beim Teufel! da ist es fast argerlich Gott zu sein, wenn einen solch ein Volk bekrittelt! Ich mochte den ganzen Ball zerdrucken!"
"Sehen Sie nur, Herr Doktor, fuhr ich fort als der Weltschopfer endete wie grimmig der Kerl es auf die Welt angelegt hat; es ist fast gefahrlich fur uns andere Narren, dass wir den Titanen unter uns dulden mussen, denn er hat eben so gut sein konsequentes System wie Fichte, und nimmt es im Grunde mit dem Menschen noch geringer als dieser, der ihn nur von Himmel und Holle abtrennt, dafur aber alles Klassische rings umher in das kleine Ich, das jeder winzige Knabe ausrufen kann, wie in ein Taschenformat zusammendrangt. Jeder vermag jezt aus der unbedeutenden Hulse, wie es ihm beliebt, ganze Kosmogonien, Theosophien, Weltgeschichten und dergleichen, samt den dazu gehorigen Bilderchen herauszuziehen. Gross und herrlich ist das allerdings; wenn nur das Format nicht so klein ware! Schon Schlegel hat es sehr auf die kleinen Bilderchen abgesehen, und ich muss gestehen dass mir eine grosse Iliade in Sedez herausgegeben, nimmer behagen will das heisst den ganzen Olymp in eine Nussschale packen, und die Gotter und Helden mussen sich entweder zum verjungten Maasstabe bequemen, oder ohne Gnade das Genik brechen!"
"Sie sehen mich an, Herr Doktor, und schutteln zum zweitenmale den Kopf! Ja, ja sie haben es getroffen; das Alles gehorte zu meiner Tollheit und im vernunftigen Zustande bin ich grade der entgegengesezten Meinung!"
"Lassen Sie uns den Weltschopfer verlassen!
Hier Nro. 10 und 11 sind Belege zur Seelenwanderung; der erste bellt als Hund und diente ehmals am Hofe; der zweite hat sich aus einem Staatsbeamten in einen Wolf verwandelt. Man kommt auf eigene Gedanken bei ihnen.
Nro. 12, 13, 14, 15 und 16 sind Variazionen uber denselben Gassenhauer, die Liebe.
Nro. 17 hat sich uber seine eigene Nase vertieft. Finden sie das sonderbar? Ich nicht! Vertiefen sich doch oft ganze Fakultaten uber einen einzigen Buchstaben, ob sie ihn fur ein oder nehmen sollen.
Nro. 18 ist ein Rechenmeister, der die lezte Zahl finden will.
Nro. 19 denkt uber einen Diebstahl nach, den der Staat an ihm beging; das darf er aber nur im Tollhause.
Nro. 20 ist endlich mein eigenes Narrenkammerchen. Treten Sie immer herein und schauen Sie sich um, sind wir doch vor Gott alle gleich und laboriren blos an verschiedenen fixen Ideen, wo nicht an einem totalen Wahnsinn bloss mit kleinen Nuanzen. Das dort ist ein Sokrates Kopf dem Sie die Weisheit, so wie jenem Skaramuz, die Narrheit an der Nase ansehen. Dies Manuscript enthalt eigenhandige Parallelen von mir uber beide, und ist zu Gunsten des Narren ausgefallen. Nicht wahr der Fleck musste kurirt werden? Es ist uberhaupt die verstockteste Seite an mir dass ich alles Vernunftige abgeschmackt, so wie vice versa finde ich kann mich der Grille gar nicht erwehren!
Oft zwar habe ich es versucht die Weisheit mit den Haaren an mich zu reissen, und habe deshalb privatim mit allen drei Brodfakultaten Umgang gepflogen, um mich demnachst offentlich, nach einem kurzen akademischen Musenbeilager, als eine heilige Dreizahl zum Besten der Menschheit einsegnen zu lassen, und mit den drei ubereinandergestulpten Doktorhuten einherzuschreiten. O dachte ich bei mir selbst; konntest du dann nicht blos durch leichten unbemerkbaren Hutwechsel als ein Proteus in praktischer und theoretischer Hinsicht umherwandeln! Uber die kurzeste Heilungsmethode der Krankheiten in Dissertationen verkehren, und den Kranken selbst auf dem kurzesten Wege von seinem Ubel entbinden! Den Sterbenden, nach rasch vertauschtem Hute, als Rechtsfreund umarmen und sein Haus bestellen, und endlich blos durch ubergeworfenen Mantel als Himmelsfreund ihm den rechten Weg zum Himmel zeigen. Wie in einer Fabrik durch verschiedene Maschinen, liesse sich auf diese Weise durch verschiedene Hute ein Hochstes und Leztes erreichen. Und welch ein Uberfluss an Weisheit und Gelde eine erwunschte Kombination der beiden entgegengeseztesten Guter, eine hochste Idealisirung der Zentaurennatur im Menschen, wo das wohlgesattigte Thier unten, den hohern Reiter kek einherstolziren lasst.
Doch ich fand bei naherer Ansicht Alles eitel, und erkannte in aller dieser gepriesenen Weisheit zulezt nichts anders als die Decke die uber das Mosesantlitz des Lebens gehangt ist, damit es Gott nicht schaue.
Sie sehen wohin das fuhrt, und es ist eben meine fixe Idee, dass ich mich selbst fur vernunftiger halte als die in Systemen deducirte Vernunft, und fur weiser als die docirte Weisheit.
Ich mochte wahrlich mit Ihnen zu einer medizinischen Berathschlagung mich verbinden, bloss um zu uberlegen, wie dieser meiner Narrheit beizukommen sei, und welche Mittel man dagegen anwenden konnte. Die Sache ist von Wichtigkeit, denn sagen Sie, wie kann man gegen Krankheiten sich auflehnen wollen, wenn man selbst, wie Sie wissen, mit dem Systeme nicht im Reinen ist, ja wohl gar das fur Krankheit halt, was hohere Gesundheit ist, und umgekehrt.
Ja, wer entscheidet es zulezt, ob wir Narren hier in dem Irrhause meisterhafter irren, oder die Fakultisten in den Horsalen? Ob vielleicht nicht gar Irrthum, Wahrheit; Narrheit, Weisheit; Tod, Leben ist wie man vernunftigerweise es dermalen gerade im Gegentheile nimmt! O ich bin inkurabel, das sehe ich selbst ein."
Der Doktor Ohlmann verordnete mir nach einigem Nachsinnen viele Bewegung und wenig oder gar kein Denken, weil er meinte, dass mein Wahnsinn, gerade wie bei andern eine Indigestion durch zu haufigen physischen Genuss, durch ubertriebene intellektuelle Schwelgerei entstanden sei. Ich liess ihn gehen!
Fur meinen Wonnemonat im Tollhause spare ich ein anderes Nachtstuck auf.
Zehnte Nachtwache
Das ist eine wunderliche Nacht; der Mondschein in den gothischen Bogen des Dohmes erscheint und verschwindet wie Geister an der Laterne des Thurmes klettert ein Nachtwandler herum, mit einem Sauglinge im Arme, es ist der Klokner; sein Weib schaut aus der Luke, handeringend, aber stumm wie das Grab, dass der schlafende Wanderer, der sicher, wie der sorglose Mensch, die gefahrlichsten Stellen zuruklegt, nicht beim Rufe seines Namens erwachend und schwindelnd mit dem Knaben in das tiefe Grab hinuntersturze. Gegenuber in der Vorstadt bricht ein Dieb in einen Pallast; aber es ist mein Revier nicht, und ich bin zum Stummsein verdammt; so mag er einbrechen! Ganz in der Ferne ist leise kaum vernehmbare Musik, wie wenn Mucken summen, oder Koch zur Nacht auf der Mundharmonika phantasirt; und oben am Horizont auf dem Eisspiegel der Wiese drehen sich leicht und luftig Schlittschuhlaufer, und tanzen den Baseler Todtentanz zu der Trauermusik.
Alles ist kalt und starr und rauh, und von dem Naturtorso sind die Glieder abgefallen, und er streckt nur noch seine versteinerten Stumpfe ohne die Kranze von Bluthen und Blattern gegen den Himmel. Die Nacht ist still und fast schrecklich und der kalte Tod steht in ihr, wie ein unsichtbarer Geist, der das uberwundene Leben festhalt. Dann und wann sturzt ein erfrorner Rabe von dem Kirchendache, und ein Bettler ohne Dach und Fach kampft mit dem Schlummer, der ihn so suss und lockend, in die Arme des Todes legen will, wie den leichtsinnigen Fischer die Nixe mit Gesang in die Wellen einladet.
Soll ich den Tod betrugen um das Bettlerleben? Beim Teufel ich weiss es ja nicht was besser ist Sein, oder Nichtsein! O die dort mit dem nachgeahmten Suden in ihren Schlafkammern, und dem gemahlten Fruhling an den Wanden, wenn draussen der wirkliche erstarret ist, werfen die Frage nicht auf, und sie bereiten sich selbst die Natur, wie ein leckeres Gericht auf ihren Tafeln, zu und geniessen sie gern nippend und in unterbrochenen Pausen, damit sie im Geschmack bleiben. Aber dieser Vogelfreie ruht der alten Mutter noch unmittelbar an der Brust, die eigensinnig und launisch, wie jede Alte, bald ihre Kinder erwarmt und bald sie erdruckt. Doch nein, du Mutter bist ewig treu und unveranderlich, und bietest den Kindern Fruchte in dem grunen Laube das sie beschattet, und Flammen und die Erinnerung an dich, wenn du schlummerst; aber die Bruder haben den Joseph verstossen, und verschliessen tuckisch die Gaben, die du ihm, wie den andern Kindern reichst. O die Bruder sind es nicht werth, dass Joseph unter ihnen wandle! Er mag entschlummern!
Da ist das Gesicht schon starr und kalt, und der Schlaf hat die Bildsaule seinem Bruder in die Arme gelegt; ich will sie hier aufrichten, dass sie wie ein Schreckbild, wenn die Sonne aufgeht, in den Tag schaue. O morderischer Tod, der Bettler hatte noch eine Erinnerung an das Leben und die Liebe die braune Locke seines Weibes hier unter den Lumpen auf der Brust; du hattest ihn nicht wurgen sollen, und doch
Der Traum der Liebe
Die Liebe ist nicht schon es ist nur der Traum der Liebe der entzuckt. Hore mein Gebet, ernster Jungling! Siehst du an meiner Brust die Geliebte, o so brich sie schnell die Rose, und wirf den weissen Schleier uber das bluhende Gesicht. Die weisse Rose des Todes ist schoner als ihre Schwester, denn sie erinnert an das Leben und macht es wunschenswerth und theuer. Uber dem Grabhugel der Geliebten schwebt ihre Gestalt ewig jugendlich und bekranzt und nimmer entstellt die Wirklichkeit ihre Zuge, und beruhrt sie nicht dass sie erkalte und die Umarmung sich ende. Entfuhre sie schnell die Geliebte, Jungling, denn die Entflohene kehrt wieder in meinen Traumen und Gesangen, sie windet den Kranz meiner Lieder und entschwebt in meinen Tonen zum Himmel. Nur die Lebende stirbt, die Todte bleibt bei mir, und ewig ist unsre Liebe und unsre Umarmung!
Horch! Tanzmusik und Todtengesang das schuttelt lustig seine Schellen! Rustig, immer zu; wer den andern ubertaubt, fuhrt die Braut heim. Schade nur, ich sehe zwei Braute, eine weisse und eine rothe zwei Hochzeiten, zu der einen im untern Stockwerk heulen die Klageweiber ihre Weise; einen Stock hoher pfeifen und geigen die Musikanten, und die Decke uber dem Todtenkammerlein und dem Sarge bebt und drohnt vom Tanze.
Erklart mir doch den nachtlichen Spuk!
Lenore reitet voruber die weisse Braut hier in der stillen Hochzeitkammer, liebte den Jungling der droben walzt; und, das ist Lebensweise, sie liebte, er vergass, sie erblasste, und er entgluhte fur eine rothe Rose, die er heute heimfuhrt, indem man diese wegtragt.
Das ist die alte Mutter der weissen Braut, am Sarge sie weint nicht; denn sie ist blind auch die weisse weint nicht und schlummert und traumt sehr suss.
Da sturmt der Hochzeitszug noch tanzend die Stiegen herab und der Jungling steht zwischen zwei Brauten. Er erblasst doch ein wenig. Still! Die blinde Mutter erkennt ihn am Gange. Sie fuhrt ihn zum Brautbette der schlummernden Braut.
"Sie hat sich fruher niedergelegt zur Hochzeitnacht, als du, erweck sie nicht, sie schlaft so suss, aber deiner hat sie gedacht bis zum Schlummer. Das ist dein Bild auf ihrem Herzen. O zieh die Hand nicht so erschrocken zuruk von der kalten Brust; die Nacht ist die langste wo der Frost am bittersten ist, und sie liegt einsam im Brautbett', ohne den Brautigam!"
Sieh! Da hat der Schrecken die rothe Rose auch erblasst und der Jungling steht zwischen den zwei weissen Brauten. Fort, fort, das ist Weltlauf. O wenn ich doch blasen und singen durfte.
Jezt schwebt die Leiche hin durch die Gassen, und der Laternenschein still hinterdrein an den Wanden, wie wenn der voruberwandelnde Tod sich dem schlummernden Leben nicht verrathen wollte. Der gefrorene Boden knirscht unter den Fusstritten der Leichentrager das ist der heimliche tuckische Brautgesang! Und sie bergen sie in ihr Kammerlein.
Aber nahe dabei singen und brausen noch Junglinge, und verschwenden das Leben, und die Liebe und die Poesie in einem kurzen raschen Rausche, der am Morgen verflogen ist wo ihre Thaten, ihre Traume, ihre Hoffnungen, ihre Wunsche, und alles um sie her nuchtern geworden und erkaltet ist.
Im Nonnenkloster der heiligen Ursula war noch spat in der Nacht ein unruhiges Treiben. Die Klocke schlug dann und wann leise und dumpf an, wie wenn man traumend sturmen hort, und an den Kirchenfenstern, deren Bogen uber die Mauer herabschaueten, flog oft ein ungewohnlicher aber schnell wieder verloschender Lichtglanz auf. Ich ging einsam um die Mauer herum, die wie ein geweiheter Zauberkreis die heiligen Jungfrauen umschliesst. Plozlich stiess ich auf jemand im Mantel was ich von ihm erfuhr, gehort in die folgende Winternacht; was ich that, noch in diese.
Der Pfortner an der aussern Mauer war ein alter tiefsinniger Menschenhasser, der mir herzlich zugethan war, als einem Gegenstande, den er mit seinem Zorne nach Belieben uberschutten konnte. Ich besuchte ihn oft zur Nacht um seiner Galle Luft zu machen; auch jezt ging ich zu ihm. Er sass in seiner Hutte bei einer Lampe, in der Gesellschaft eines schwarzen Vogels dem er eine Kappe uber den Kopf gezogen hatte, und mit ihm in Unterredung war.
"Kennst du das Wesen sprach der Pfortner dessen Antliz tuckisch lacht, wenn die vorgehaltene Larve Thranen vergiesst, das Gott nennt, wenn es den Teufel denkt, das im Innern, wie der Apfel am todten Meere, giftigen Staub enthalt, indess die Schaale bluhend roth zum Genuss einladet, das durch das kunstlich gewundene Sprachrohr melodische Tone von sich giebt indem es Aufruhr hineinruft, das wie die Sphynx nur freundlich lachelt, um zu zerreissen, und wie die Schlange bloss deshalb so innig umarmt, um den todlichen Stachel in die Brust zu drucken? Wer ist das Wesen, Schwarzer?"
"Mensch!" krachzte das Thier auf eine unangenehme Weise.
"Der Schwarze spricht weiter kein Wort sagte der Pfortner aber er beantwortet deshalb doch jede meiner Fragen auf das treffendste. Geh schlafen, Schwarzer!"
Der Vogel rief noch dreimal Mensch aus, und sezte sich dann, wie wenn er tiefsinnig nachdachte in eine finstere Ecke er schlummerte aber nur.
"Sie spielen Begrabens im Kloster fuhr der Alte fort willst du nicht zuschauen? Eine keusche Urselinerinn ist heute Mutter geworden; in der Legende ware 's freilich als ein Wunder aufgezeichnet; aber, so sehr haben sie Gott in die Karte geschauet, dass sie heutiges Tages an keine Wunder mehr glauben. Die heilige Jungfrau wird diese Nacht lebendig eingescharrt. Ich lasse dich ein; sieh's zum Zeitvertreibe an!"
Er nahm die Schlussel, die Angel pfiffen, und ich ging uber Graber durch den Kreuzgang. Fackelglanz flog oft rasch uber die Monumente, auf denen steinerne Jungfrauen betend schlummerten, mit kunstlich abgeformten Gesichtern, indess drunten die Originale schon die Masken abgeworfen hatten.
Ich stellte mich hinter einen Pfeiler, drunten war eine offene gemauerte Gruft ein einsames Entkleidungskammerchen fur den abgehenden Menschen im Kammerchen brannte eine blasse Todtenlampe und auf einem hervorragenden Steine befand sich ein Brod, ein Krug Wasser, ein Kruzifix und ein Gebetbuch. In der uber die Gruft gebaueten Kirche herrschte tiefe Stille unter den Heiligen, die von den Wanden herabschaueten, nur wenn dann und wann ein Windstoss durch das Orgelwerk fuhr, heulte eine Pfeife unangenehm.
Der Zug ward endlich durch die Saulen sichtbar viele schweigende Jungfrauen und in der Mitte die wandelnde Braut des Todes. Der ganze Akt hatte fur einen poetisch weichlich gestimmten Zuschauer etwas Schauder erregendes, eben durch die fast mechanisch schrekliche Weise auf die er vollzogen wurde, gehabt, so wie denn die tragische Muse, je weniger Handeringens sie macht, um so mehr erschuttert. Mein Gemuth indess, (das einem mit Vorsatz widersinnig gestimmten Saitenspiele gleicht, auf dem daher niemals in einer reinen Tonart gespielt werden kann, wenn nicht anders der Teufel einmal ein Konzert darauf ankundigt) wurde wenig ergriffen, und es kam im Grunde nichts weiter als ein toller Lauf durch die Skala zuwege, der ohngefahr durch die folgenden Tone ging und in einer Disharmonie stehen blieb:
Lauf durch die Skala
"Das Leben lauft an dem Menschen voruber, aber so fluchtig dass er es vergeblich anruft ihm einen Augenblick Stand zu halten, um sich mit ihm zu besprechen, was es will, und warum es ihn anschaut. Da fliehen die Masken voruber, die Empfindungen, eine verzerrter wie die andere. Freude steh mir Rede ruft der Mensch weshalb du mir zulachelst! Die Larve lachelt und entflieht. Schmerz lass dir fest ins Auge schauen, warum erscheinst du mir! Auch er ist schon voruber. Zorn, warum blickst du mich an ich frage es, und du bist verschwunden.
Und die Larven drehen sich im tollen raschen Tanze um mich her um mich der ich Mensch heisse und ich taumle mitten im Kreise umher, schwindelnd von dem Anblicke und mich vergeblich bemuhend eine der Masken zu umarmen und ihr die Larve vom wahren Antlize wegzureissen; aber sie tanzen und tanzen nur und ich was soll ich denn im Kreise? Wer bin ich denn, wenn die Larven verschwinden sollten? Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler, dass ich mich selbst einmal erblicke es wird mir uberdrussig nur immer eure wechselnden Gesichter anzuschauen. Ihr schuttelt wie? steht kein Ich im Spiegel wenn ich davor trete bin ich nur der Gedanke eines Gedanken, der Traum eines Traumes konnt ihr mir nicht zu meinem Leibe verhelfen, und schuttelt ihr nur immer Eure Schellen, wenn ich denke es sind die meinigen? Hu! Das ist ja schrecklich einsam hier im Ich, wenn ich euch zuhalte ihr Masken, und ich mich selbst anschauen will alles verhallender Schall ohne den verschwundenen Ton nirgends Gegenstand, und ich sehe doch das ist wohl das Nichts das ich sehe! Weg, weg vom Ich tanzt nur wieder fort ihr Larven!"
Jezt steigt die Nonne in die Gruft hinab. O endet doch das Spiel dass ich's erfahre ob's eigentlich auf Scherz oder auf Ernst hinauslauft. Folgt doch noch auf dem lezten Wege der Braut des Todes eine Maske es ist der Wahnsinn. Die Larve lachelt heimlich ob dahinter das wahre Antliz schaudert, oder verzuckt ist wer sagt es mir?
Zwar mauern sie, der Braut zur Gesellschaft, eine Schlange ein den Hunger die sich ihr bald um die Brust schlingen, und bis zum Ich fortnagen wird. Wenn dann die lezte Maske auch verschwindet, und das Ich mit sich allein ist wird es sich wohl die Zeit vertreiben?
Nun klopfen die Hammer der Freimaurer dumpf durch das Gewolbe, und ein Stein nach dem andern fugt sich in das Gewolbe der Gruft. Jezt erblicke ich nur noch durch eine kleine Lucke beim Lampenschein das heimliche Lacheln der Begrabenen jezt blos ein wenig sich durchstehlenden Schimmer -- nun ist alles verdeckt, und die lebenden Todten singen zur guten Nacht ein ernstes miserere uber dem Haupte der Begrabenen.
Den Pfortner fand ich als ich zuruckkehrte, wie gewohnlich mit seiner alten finstern Maske beisammen. "Hassest du jezt die Menschen?" fragte er.
"Ich bin fast mit mir allein sagte ich und hasse oder liebe eben so wenig als moglich! Ich versuche zu denken, dass ich nichts denke, und da bringe ich's zulezt wohl so weit auf mich selbst zu kommen!"
"Nimm den Wurm mit fuhr der Alte fort, und hob die Decke uber einem schlummernden Kinde ich mag ihn nicht bei mir behalten, denn ich habe noch Anfalle von Menschenliebe, wo ich ihn leicht im Wahnsinn ersticken konnte!"
Ich nahm den Knaben in die Arme, und das noch traumende Leben versohnte mich wieder mit dem erwachten.
"Sie haben mir das Kind ubergeben es fortzuschaffen sprach der Pfortner denn sie dulden nichts Mannliches unter sich die frommen Jungfrauen, ausser in den Gemahlden, fur die Einbildungskraft; die Mutter des Knaben sahest du eben begraben, such jezt seinen Vater auf, oder schleudre den Burger in die Welt, es hat keine Gefahr mit der Menschenbrut, sie geht nicht unter."
"Ich kenne den Vater!" antwortete ich, und ging aus der Hutte. Draussen stand der Unbekannte im Mantel und hielt mich fest. "Die Braut ist begraben dies ist dein Sohn!" mit diesen Worten legte ich ihm den Knaben in die Arme, und er drukte ihn stumm ans Herz.
Eilfte Nachtwache
Folgendes ist ein Bruchstuck aus der Geschichte des Unbekannten im Mantel. Ich liebe das Selbst drum mag er selbst reden!
"Was ist denn die Sonne?" fragte ich eines Tages meine Mutter, als sie den Sonnenaufgang von einem Berge beschrieb. "Armer Knabe, du verstehst es nimmer, du bist blind geboren!" antwortete sie geruhrt und fuhr sanft mit der Hand uber meine Stirn und meine Augen.
Ich gluhete die Beschreibung hatte mich entzuckt; zwischen den Menschen und meiner Liebe zu ihnen lag eine Scheidewand wenn ich die Sonne nur einmal erblicken konnte, glaubte ich, wurde sie schwinden und ich mich eines nahern Umgangs mit meiner Mutter erfreuen durfen.
Meine Phantasie arbeitete von jezt an heftig, der sehnsuchtsvolle Geist strebte gewaltsam den Korper zu durchbrechen und in das Licht zu schauen. Dort lag das Land meiner Ahnung, das Italien voll Wunder der Natur und Kunst.
Sie sprachen viel von Nacht und Tag, fur mich gab es nur eins, einen ewigen Tag, oder eine ewige Nacht sie meinten es sei die letztere!
Ich sass in meinem Dunkel, und die wunderbare grosse Welt ging in meinem Geiste auf, aber die Beleuchtung fehlte, und ich stieg nun an dem Leben herum, wie an einem himmelhohen Felsen, mit verbundenen Augen; ich fuhlte die seidene Wange der Blume, trank ihren Duft aber ich traumte, die Blume selbst sei unendlich schoner als ihr Duft und ihre seidene Wange.
Ein lebhafter wunderbarer Traum liess mich in einer Nacht das Licht erblicken, und es war es wahrlich; aber als ich erwachte, bemuhete ich mich vergeblich den Traum wieder hervorzurufen.
Um diese Zeit stieg die Musik wie ein lieblicher Genius in meinen dunkeln Kerker, und schlang um ihre Saiten die zarten Blumenkranze der Poesie. Es war heiliger Boden den ich jetzt betrat das erste Italien meiner Sehnsucht.
Der Engel der zwischen den beiden Musen wandelte und sie mir zufuhrte, war ein Madchen, die himmlische Madonna hatte ihm ihren irdischen Namen hinterlassen. Maria war mit mir von gleichem Alter, und sie entzuckte den blinden Knaben durch ihre Lieder und Tone, und rief die Liebe und die Hoffnung aus ihren Traumen auf, dass sie zum erstenmale hell um sich schauten, und als die beiden schonsten Vestalen in das Leben traten.
Marie war eine elternlose Waise, und meine Mutter hatte, als sie sie zu sich nahm, ein feierliches Gelubde geleistet, das Kind dem Himmel zu weihen, wenn ich jemals das Licht erblicken wurde. Jezt sehnte ich mich wieder nach der Sonne, denn sie entfuhrte mir Marie und ihre Gesange.
Bald darauf horte ich ofter von einem Arzte reden, von dessen Kunst man sich viel zu meinem Vortheile versprach. Ich wankte zwischen entgegengesetzten Gefuhlen die Liebe zur Sonne und zu Marie war gleich heftig in meiner Seele. Fast mit Gewalt musste man mich dem Arzte entgegenfuhren.
Er gebot mir Ruhe und meine Brust hob sich sturmischer. Ich stand an den Pforten des Lebens, gleichsam um zum zweitenmale geboren zu werden. Jetzt empfand ich einen heftigen Schmerz an meinen Augen; ich schrie auf, denn mein Traum kehrte zu mir zuruk ich sah Licht! Tausend blizende Strahlen und Funken ein rascher Blick in den reichsten Schaz des Lebens.
Die vorige Nacht umgab mich dann wieder. Es war eine Binde um meine Augen gelegt, und ich durfte erst nach und nach in die neue Welt eingehen.
Nichts von den Zwischenraumen man zeigte mir nur wenige Gegenstande, und kein lebendiges Wesen, ausser dem Arzte, nahte sich mir, bis dieser mich endlich fur stark genug hielt das Grosseste zu ertragen.
Er fuhrte mich in die Nacht hinaus, uber meinem Haupte in der unermesslichen Ferne brannten die Sternbilder, und ich stand unter den tausend Welten wie ein Trunkener, Gott ahnend, ohne seinen Namen auszusprechen. Vor mir ragten die alten Ruinen einer vorigen Erde, die Berge, finster und rauh in die Nacht empor, ein mattes Wetterleuchten aus wolkenloser Luft spielte um ihre Haupter. Walder ruhten tief und verhullt zu ihren Fussen und schuttelten nur leise ihre schwarzen Wipfel. Der Arzt stand ernst und still neben mir einige Schritte weiter regte es sich wie eine verschleierte Gestalt.
Ich betete!
Plotzlich veranderte sich die Szene; uber die Berge schienen Geister heraufzuziehen, und die Sterne erblassten wie vor Schrecken, und hinter mir deckte sich ein weiter Spiegel auf das Weltmeer.
Ich bebte, denn ich glaubte Gott nahe sich.
Und auf die Erde druckten sich die Nebel und verhullten sie sanft aber am Himmel zogen die Geister machtiger heran, und wie die Sterne verloschten, flogen goldene Rosen uber die Berge empor in den blauen Himmel, und ein zauberischer Fruhling bluhete in der Luft immer machtiger und machtiger jetzt wogte ein ganzes Meer heruber, und Flamme auf Flamme brannte in die Himmelsfluthen.
Da stieg uber den Fichtenwald, in tausend Strahlen wiederleuchend, wie eine entzundete Welt die ewige Sonne empor!
Ich schlug beide Hande vor die Augen, und sturzte zu Boden.
Als ich wieder erwachte, da schwebte der Gott der Erde in den Luften, und die Braut hatte alle ihre Schleier zerrissen, und enthullte ihre hochsten Reize dem Auge des Gottes.
Uberall war Heiligthum der Fruhling lag wie ein susser Traum an den Bergen und auf den Fluren die Sterne des Himmels brannten als Blumen in dem dunkeln Grase, aus tausend Quellen sturzte das Lichtmeer herab in die Schopfung, und die Farben stiegen darin wie wunderbare Geister auf. Ein All von Liebe und Leben rothe Fruchte und bluhende Kranze in den Baumen, und duftende Gewinde um Hugel und Berge in den Trauben brennende Diamanten die Schmetterlinge als fliegende gaukelnde Blumen in den Luften Gesang aus tausend Kehlen, schmetternd, jubelnd, lobpreisend und das Auge Gottes aus dem unendlichen Weltmeere zurukschauend und aus der Perle im Blumenkelche.
Ich wagte den Ewigen zu denken!
Plozlich rauschte es hinter mir neue Schleier fielen von dem Leben ich schaute rasch zuruk und sahe ach zum erstenmale! das weinende Auge der Mutter!
O Nacht, Nacht, kehre zuruk! Ich ertrage all das Licht und die Liebe nicht langer!
Zwolfte Nachtwache
Es geht nun einmal hochst unregelmassig in der Welt zu, deshalb unterbreche ich den Unbekannten im Mantel hier mitten in seiner Erzahlung, und es ware nicht ubel zu wunschen dass mancher grosse Dichter und Schriftsteller sich selbst zur rechten Zeit unterbrechen mochte, so auch der Tod in der rechten Stunde das Leben grosser Manner Beispiele liegen nahe.
Oft erhebt sich der Mensch wie der Adler zur Sonne und scheinet der Erde entruckt, dass Alle dem Verklarten in seinem Glanze nachstaunen; aber der Egoist kehrt plozlich zuruk und statt den Sonnenstrahl wie Prometheus geraubt zu haben und zur Erde herabzufuhren, verbindet er den Umstehenden die Augen, weil er glaubt es blende sie die Sonne.
Wer kennt den Sonnenadler nicht, der durch die neuere Geschichte schwebt!
Was ubrigens meinen Unbekannten betrifft, so gebe ich nach romantischem Stoffe hungernden Autoren mein Wort, dass sich ein massiges Honorar mit seinem Leben erschreiben liesse sie mogen ihn nur aufsuchen und seine Geschichte beenden lassen.
In dieser Nacht war grosser Lerm. Aus der Hausthur eines beruhmten Dichters flog eine Perucke und hinter drein eilte ihr Besizzer, so dass es zweideutig war, ob er dem vorausfliehenden Gute nachseze, oder vielmehr nachgesezt werde. Ich hielt ihn dieser Zweideutigkeit halber fest, und liess ihn beichten.
"Mein Freund! sagte er Ich seze der Unsterblichkeit nach, und werde von ihr nachgesezt! Er selbst wird es wissen, wie schwer es ist beruhmt zu werden, wie noch unendlich schwerer aber zu leben; man klagt in allen Fachern uber Uberhaufung, so auch in dem Fache des beruhmt und lebendig seins, dazu beschwert man sich uber so manche in beiden Fachern angestellte schlechte Subjekte, dass man niemandem mehr auf sein Wort glauben will. Mir besonders hat man grosse Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und ich habe es durchaus zu nichts bringen konnen. Sage er selbst, was soll ein Mensch der nicht schon im Mutterleibe eine Krone auf dem Haupte tragt, oder mindestens, wenn er aus dem Eie gekrochen, an den Asten eines Stammbaums das Klettern lernen kann, in dieser Welt anfangen, wenn er weiter nichts mitbringt, als sein naktes Ich und gesunde Glieder. Ich kenne nichts einfaltigeres in der Zeit worin wir einmal leben, und wo die Amter, die Wurden, die Ordensbander und Sterne schon fruher fertig sind, als der, der sie tragen oder bekleiden soll. Mochte ein armer Teufel, der nicht mindestens bei seiner Geburt gleich in einen warmen Rock fahren kann, nicht lieber wunschen als ein Stumpf aus seiner Mutterleibe hervorzugehen, angestaunt und gespeiset zu werden? Ich denke er versteht mich Kamerad!
Ich hab's auf alle Weise versucht mich fortzubringen, aber immer vergeblich; bis ich endlich fand ich habe Kants Nase, Gothens Augen, Lessings Stirn, Schillers Mund, und den Hintern mehrerer beruhmter Manner; ich machte darauf aufmerksam und fand Eingang, ja man fing an mich zu bewundern. Jetzt trieb ich's weiter, ich schrieb an grosse Geister um alten abgelegten Trodel, und das Gluck wollte mir so wohl, dass ich jetzt in Schuhen einherschreite in denen einst Kant eigenfussig ging, am Tage Gothens Hut auf Lessings Perucke setze, und zu Abends Schillers Schlafmutze trage, ja ich ging noch weiter, ich lernte weinen wie Kotzebue und niesen wie Tiek, und er glaubt nicht welchen Eindruck ich oft dadurch zuwege bringe, die Kreatur wohnt nun einmal im Leibe, und hat es mit diesem lieber zu thun, als mit dem Geiste; es ist keine Spiegelfechterei, wenn ich ihm erzahle, dass jemand vor dem ich einst wie Gothe mit verkehrt gesetztem Hute und in die Rockfalten verborgenen Handen einherwandelte, mir die Versicherung gab, das amusire ihn mehr, als Gothens neueste Schriften. Man zieht mich seitdem an die vornehmsten Tafeln und ich befinde mich wohl dabei.
Nur heute fuhr ich ubel, denn als ich einen bekannten grossen Geist, der offentlich bedeutend auftritt, in seinen vier Pfahlen belauschen wollte, behandelte er mich als einen Dieb, ohnerachtet das was ich ihm in der Eile mit den Augen entwandte, nicht eben sehr ruhmenswerth war."
Er setzte sich nach diesen Worten Lessings Perukke wieder auf das Haupt und machte dabei noch folgenden Sarkasmus:
"Freund was hat man von dieser Unsterblichkeit, wenn nach dem Tode die Perucke unsterblicher ist, als der Mann der sie trug? Vom Leben selbst will ich nicht einmal reden, denn wahrend seines Daseins stolzirt nur der sterblichste Schlucker unsterblich einher, wahrend man nach dem Genius, wo er sich blicken lasst, mit Fausten ausschlagt erinnere er sich an das Haupt das vor mir in dieser Perucke steckte! Gute Nacht!"
Ich liess den Narren laufen.
Auf dem Gottesacker trieb sich ein junger Mensch herum im Mondenschein, ich konnte ganz nahe an ihn kommen und er bemerkte mich nicht, weil er beschaftigt war durch heftiges Gestikuliren und Deklamiren sich in eine massige Verzweiflung zu bringen das Mittel ist probat, und ich kannte wirklich einen Fruhprediger der durch nichts zu Thranen zu bewegen war, ausser wenn er sich selbst sehr heftig reden horte; es gelang ihm allmalig damit, ja er zog zulezt ein Pistol und sezte es sich verschiedene male an die Stirn, bis er endlich eine solche Hohe erreicht hatte, dass er kuhn genug war es abzudrucken es versagte, und bei der heftigen Bewegung entfiel ihm ein falscher Haarzopf. Da die Sache mir zulezt doch etwas misslich vorkam, so sprang ich hinzu, und uberreichte ihm den Entfallenen unter einer fur die Lage passenden Anrede. Er mochte's noch in der ersten Hitze fur einen Dolch halten und brachte einige ernsthafte wiewohl vergebliche Stosse damit zu Stande.
Ich suchte ihn durch die Bemerkung, dass tragische Situationen durch komische Nuancen, wie z.B. durch einen dem Konig Lear im Affekte entfallenen Haarbeutel u.d.g. gestort wurden, zu sich zu bringen, und es gelang mir in so weit, dass er sich auf den Grabhugel niedersetzte, und sich dazu verstand den falschen Haarzopf von mir wieder anheften zu lassen. Wahrend des Geschaftes versuchte ich es ihn durch eine Apologie des Lebens zu bekehren, die er ruhig anhoren musste, weil ich ihn bei den Haaren dazu hielt.
Apologie des Lebens
"Bei Gott, das Leben ist doch schon! Und was vermag Sie nur, junger Mensch, dass sie es leichtfertig wie diesen Haarzopf von sich schleudern wollen? Fassen Sie das Band; ich will wahrend des Wickelns so kurz als moglich ihnen einige Schonheiten zu entwickeln suchen.
Was giebt es auf der Erde das Sie im Himmel wenn anders ausser dem Lufthimmel uber uns noch ein zweiter, oder gar mehrere existiren sollten besser erwarten konnten? Finden Sie nicht hier unten Alles leidlich eingerichtet? Wissenschaften, Kultur und Sitten sind im schonsten Flore und wandern recht modern einher; der allgemeine Staat ist, wie Holland, mit Kanalen und Graben durchschnitten, worinn alle menschliche Fahigkeiten geschickt abgeleitet und vertheilt werden, damit nicht zu furchten steht, dass sie auf einmal in zu grosser Vereinigung das Ganze uberschwemmen mochten. Es giebt Menschen, die so vortheilhaft placirt sind, dass man sie als recht gute Hammer und Zangen betrachten kann, und die doch deshalb keinesweges an ihrer Unsterblichkeit Abbruch leiden; sehen sie nur diesen Koloss der Menschheit an, wie alles sich an ihm regt und arbeitet und verkehrt, der erste klettert uber den zweiten hinauf, und uber diesen wieder ein dritter, wie die Aquilibristen, dieser tragt Erfindungen, jener Systeme mit sich in die Hohe, und es kann nicht fehlen, dass dies Menschengeschlecht, das auf seinen eigenen Schultern immer hoher kommt, oder sich, wie Munchhausen, bei seinem eigenen Zopf emporzieht, zuletzt sich bis in den Himmel verklettert, und es ganz unnothig wird an einen zweiten zu denken. Halt der Zopf nur an diesem Menschheitskopfe und ist kein falscher, wie der, an dem ich wickele, was ist es denn noch nothig auf einem andern Wege als auf diesem sich in eine hohere Welt zu versetzen.
Was denken Sie auch dort zu gewinnen, Freund? Bessere Gesetze etwa? Fur unsere hienieden spricht das Alter! Bessere Sitten? Wir sind darin so empor gestiegen, dass wir fast daraus hinausgekommen und uber ihnen stehen! Bessere Verfassungen? Haben sie nicht, wie auf einer Landkarte die verschiedenen Farben, eine Menge vor sich liegen? Gehen Sie nach Frankreich, Freund, wo die Verfassungen mit den Moden wechseln, da konnen sie alle der Reihe nach anpassen, aus einer Monarchie in die Republik, und aus dieser wieder in eine Despotie fahren; sie konnen dort gross und klein, kurz nach einander, und zuletzt wieder ganz gewohnlich sein, was doch immer fur die Menschheit am interessantesten bleibt.
Freund, gegen den Menschenhass giebt es trefliche Mittel; ja ich habe das Exempel gehabt, dass ein gutes Gericht mich selbst einst vom Selbstmorde abbrachte, und ich gesattigt ausrief: "das Leben ist doch schon!" Wie andere den Kopf oder das Herz, so nehme ich den Magen fur den Sitz des Lebens an; an allem was je Grosses und Vortrefliches in der Welt geschah, ist meistentheils der Magen Schuld. Der Mensch ist ein verschlingendes Geschopf, und wirft man ihm nur viel vor, so giebt er in den Verdauungsstunden die vortreflichsten Sachen von sich, und verklart sich essend und wird unsterblich.
Welche weise Einrichtung des Staats dahero, die Burger wie die Hunde die man zu Kunstlern ausbilden will periodisch hungern zu lassen! Fur eine Mahlzeit schlagen die Dichter wie die Nachtigallen, bilden die Philosophen Systeme, richten die Richter, heilen die Arzte, heulen die Pfaffen, hammern, klopfen, zimmern, ackern die Arbeiter, und der Staat frisst sich zur hochsten Kultur hinauf. Ja hatte der Schopfer den Magen vergessen, behaupte ich, so lage die Welt noch so roh da wie bei der Schopfung, und sei jezt nicht der Rede werth.
Was denken Sie nun aber von jenem Leben, in das Sie diese innere Seele aller Bildung nicht mit hinuber nehmen, und wo sie nur geistig hineindringen wollen! Reissen Sie sich nicht los, ich schlinge jezt erst die Schleife, wodurch ich ihr Haar wieder mit dem Zopfe verbinde! Freund, der Geist ohne Magen gleicht dem Baren, der trag an seinen eigenen Pfoten saugt. Er ist nur der Schatzmeister dieses in ihm hangenden Sakels, und schneiden Sie ihm diesen ab, so ist's um ihn gethan. Giebt es eine Seelenwanderung, woran ich nicht zweifle, und fahren die abgeschiedenen Geister, wie denn das nicht unwahrscheinlich ist, eben so gut in Blumen und Fruchte u.s.w. als in Thiere wo liegt denn noch anders dieser Verbindungskanal der Geister, als in dem sie verschlingenden Magen, durch ihn steigen sie, nachdem das animalische wieder abgegangen ist, verfluchtigt in den Kopf empor, und es liegt so am Tage, dass wir die grossten Weisen, einen Plato, Hemsterhuis, Kant u.s.w. blos durch behagliches Hineinessen in uns aufnehmen konnen.
Denken Sie hier an Beispiele: Gothe, der den Hans Sachs, die Romantiker und Griechen in sich vereinigt, ist ein so guter Esser, als Dichter, und hat wahrscheinlich diese Geister vorweggespeiset; Bonaparte mag den Julius Casar zu sich genommen haben, und nur der Geist des Brutus scheint dort noch ungegessen sich irgendwo aufzuhalten.
Wie ist es moglich, Freund, dass Sie diesem Magen und diesem Leben entsagen, und uberhaupt aus dieser kunstlichen Maschine, in der Sie tausend Rader drehn und treiben, heraus fliegen wollen? Wie viele Buhnen liegen nicht um Sie her, auf denen Sie als Held agiren konnen! Schlachtfelder, Almanache, Litteraturzeitungen, das grossere und das kleinere Theater"
"Ich stehe am Hoftheater" fiel der junge Mensch ein, indem er eine Danksagungsverbeugung fur den wieder angehefteten falschen Zopf machte. "Das Pistol ist ubrigens ungeladen, und ich suchte mich nur hier am Grabe durch massiges Rasen in den Karakter eines Selbstmorders zu versetzen, den ich morgen darzustellen habe. Nuchternheit ist das Grab der Kunst! Ich fahre in die Leidenschaften moglichst hinein, wie in Schlachthandschuhe, ich spiele meine Karaktere mit Gefuhl, und bin wenigstens, wie die grossten Meister, auf einen Tag geizig, wenn ich einen Geizigen, oder toll, wenn ich einen Tollen dargestellt habe.
Dahin ging er, und liess mich fast abgeschmakt und lacherlich da stehn. "O falsche Welt!" rief ich grimmig aus "an der nichts mehr wahrhaft ist, selbst bis auf die Haarzopfe deiner Bewohner, du leerer abgeschmackter Tummelplatz von Narren und Masken, ist es denn nicht moglich auf dir zu einiger Begeisterung sich zu erheben!"
Es war mir, wie wenn ich mich jezt in der Nacht unter dem zugedeckten Monde, weit ausdehnte, und auf grossen schwarzen Schwingen, wie der Teufel uber dem Erdball schwebte. Ich schuttelte mich und lachte, und hatte gern alle die Schlafer unter mir mit eins aufgeruttelt, und das ganze Geschlecht im Negligee angeschaut, wo es noch keine Schminke, falsche Zahne und Zopfe und Bruste und Hintere auf- und an- und umgelegt, um den ganzen abgeschmakten Haufen boshaft auszupfeifen.
Dreizehnte Nachtwache
Ich stieg den Berg hinauf am Ausgange der Stadt es war die Tag- und Nachtgleiche des Fruhlings, und draussen lag die alte Fee, die Erde, und kochte ihre mitternachtlichen Zauberkrauter, um am Morgen nach abgeworfenem Silberhaare und ausgeglatteten Runzeln, schon umlockt und bekranzt als eine junge Nymphe aufzustehen, und ihre neugebornen Kinder an dem schwellenden Busen zu tragen. Unten im Thale blies ein Hirte das Alphorn, und die Tone sprachen so lockend von einem fernen Lande, und von Liebe und Jugend und Hofnung; ich dichtete zu ihrer Begleitung folgenden
Dithyrambus uber den Fruhling.
"Du erscheinst, und erschrocken flieht dein finsterer Bruder, und die Schilde und Panzer, worin er gewaffnet dastand, rasseln durcheinandersturzend und zerbrechen; und siehe errothend in Morgengluth tritt die junge Erde hervor, wie eine bluhende Jungfrau; und du kussest die Geliebte, Jungling, und schlingst ihr den Brautkranz in die Locken. Da sinkt der letzte Glatscher und das erstarrte Element wird frei, und fliesst still dahin zwischen Blumen und uberwolkt von grunen Gebuschen, die Berge halten ihre Sennenhutten hoch in die blaue Luft, und an ihren Abhangen kleben die gefleckten Heerden. Blumen bluhen und traumen Liebe, und die Nachtigall singt sie in den Gestrauchen. Die Baume schlingen ihre Zweige in duftige Kranze, und reichen sie zum Himmel empor; der Adler steigt betend in den Sonnenglanz auf, wie zu Gott, und die Lerche wirbelt ihm nach, jubelnd uber der geschmuckten Erde. Jeder duftende Kelch wird zu einer Brautkammer, jedes Blatt ist eine kleine Welt, und alles saugt Leben und Liebe an dem heissen Herzen der Mutter! Nur der Mensch "
Hier verstummte plozlich das Alphorn, und der lezte Ton und das lezte Wort verhallten langsam und sterbend.
"Hast du nur bis zu diesem Worte geschrieben, Mutter Natur? Und in wessen Hand uberlieferst du die Feder zur Fortsetzung? Kannst du es nimmer losen, warum alle deine Geschopfe traumend glucklich sind, und nur der Mensch wachend dasteht und fragend ohne Antwort zu erhalten? Wo liegt der Tempel des Apollo wo ist die Stimme, die einzig antwortende? Ich hore nichts, als Wiederhall, Wiederhall meiner eigenen Rede bin ich denn allein?
Allein! ruft die hamische Stimme. Mutter, Mutter, warum schweigst du? O du hattest das letzte Wort in der Schopfung nicht schreiben sollen, wenn du dabei abbrechen wolltest. Ich blattere und blattere in dem grossen Buche, und finde nichts, als das eine Wort uber mich, und dahinter den Gedankenstrich, wie wenn der Dichter den Karakter, den er vollfuhren wollte, im Sinne behalten, und nur den Namen hatte mit einfliessen lassen. War der Karakter zu schwierig zur Ausfuhrung, warum strich der Dichter nicht auch den Namen aus, der jetzt allein dasteht, sich anstaunt, und nicht weiss, was er aus sich selbst machen soll.
Schlag das Buch zu, Name, bis der Dichter bei Laune ist, die leeren Blatter, vor denen du nur als Titel stehst, vollzuschreiben!"
An dem Berge, mitten in das Museum der Natur, hatten sie noch ein kleines fur die Kunst gebaut, wohinein jetzt mehrere Kenner uns Dilettanten mit brennenden Fackeln zogen, um bei dem sich bewegenden Lichtscheine die Todten drinnen moglichst lebendig sich einzubilden. Ich habe auch dann und wann meine Kunstlaunen, aus mehr oder minderer Bosheit, und trete oft gern aus der grossen Kunstkammer in die kleine, um zu sehen wie der Mensch, auch ohne den Haupttheil alles Lebens, das Leben selbst, einblasen zu konnen, doch recht artig etwas bildet und schnitzt, wovon er nachher meint, es gehe noch uber die Natur.
Ich folgte den Kennern und Dilettanten!
Und vor mir standen die steinernen Gotter als Kruppel ohne Arme und Beine, ja einige gar mit fehlenden Hauptern; das Schonste und Herrlichste, wozu die Menschenmaske sich je ausgebildet hatte, der ganze Himmel eines grossen gesunkenen Geschlechts, als Leichnam und Torso wieder ausgegraben aus Herkulanum und dem Bette der Tiber. Ein Invalidenhaus unsterblicher Gotter und Helden, hineingebaut zwischen eine erbarmliche Menschheit.
Die alten Kunstler, die diese Gottertorsos gedacht und gebildet hatten, zogen verhullt vor meinem Geiste voruber.
Jezt kletterte ein kleiner Dilettant von den Anwesenden an einer medicaischen Venus ohne Arme, muhsam hinauf, mit gespiztem Munde und fast thranend, um, wie es schien, ihr den Hintern, als den bekanntlich gelungensten Kunsttheil dieser Gottin, zu kussen. Mich ergrimmte es, weil ich in dieser herzlosen Zeit nichts weniger ausstehen kann, als die Frazze der Begeisterung, wozu sich manche Gesichter verziehen konnen, und ich bestieg erzurnt ein leeres Piedestal, um einige Worte zu verschwenden.
"Junger Kunstbruder! redete ich ihn an. Der gottliche Hintere liegt Ihnen zu hoch, und Sie kommen bei Ihrer kurzen Gestalt nicht hinauf, ohne sich den Hals zu brechen! Ich rede aus Menschenliebe, denn es thut mir leid, dass Sie sich unter Lebensgefahr versteigen wollen. Wir sind seit dem Sundenfalle, vor dem Adam bekanntlich, nach der Versicherung der Rabbinen, seine hundert Ellen mass, merklich kleiner geworden, und schwinden von Zeit zu Zeit immer mehr, so dass man in unserm Sakulo vor allen solchen halsbrechenden Versuchen, wie der vorliegende ist, ernstlich warnen muss. Was wollen Sie uberhaupt bei der steinernen Jungfrau, die in diesem Augenblicke zu einer eisernen fur Sie werden wurde, wenn ihr nicht die achten Arme zum Umschlingen fehlten; denn mit den erganzten hat es keine Noth, sie dienen nicht einmal zu einer Berlichingensfaust, und gleichen nur den angehefteten holzernen, an den Korpern zerschossener Soldaten. O Freund, was die Kunstarzte der neuern Periode auch immer heilen und flicken mogen, sie bringen doch die von der tuckischen Zeit verstummelten Gotter, wie z.B. diesen daliegenden Torso, nicht wieder auf die Beine, und sie werden immer nur als Invaliden und emeriti hier in Ruhe gesezt verbleiben mussen. Einst, als sie noch aufrecht standen, und Arme und Schenkel und Haupter hatten, lag ein ganzes grosses Heldengeschlecht vor ihnen im Staube; jezt ist das umgekehrt, und sie liegen im Boden, wahrend unser aufgeklartes Jahrhundert aufrecht steht, und wir selbst uns bemuhen leidliche Gotter abzugeben.
Kunstfreund, wohin sind wir gekommen, dass wir es wagen, diese grossen Gottergraber aufzuwuhlen, und die unsterblichen Todten ans Licht zu ziehen, da wir doch wissen, wie hart bei den Romern die blosse Verletzung der Menschengrufte verpont war. Freilich achten Aufgeklarte diese Verstorbenen jezt geradezu fur Gotzen, und die Kunst ist nur noch eine heimlich eingeschlichene heidnische Sekte, die an ihnen vergottert und anbetet aber was ist es auch mit ihr, Kunstfreund? Die Alten sangen Hymnen und Aeschylus und Sophokles dichteten ihre Chore zum Lobe der Gotter; unsere moderne Kunstreligion betet in Kritiken, und hat die Andacht im Kopfe, wie acht Religiose im Herzen.
Ach, man soll die alten Gotter wieder begraben! Kussen Sie den Hintern, junger Mann, kussen Sie, und damit gut!
Auf der andern Seite, Freund, wollen Sie nicht mehr anbeten, so sollen Sie auch nicht weiter auf Kosten der Natur bewundern; denn der Menschwerdung dieser Gotter widersetze ich mich standhaft. Sie haben die Wahl; entweder beten, oder begraben!
Nicht so aufgeschaut, Lieber! Fuhren Sie die Natur, die achte meine ich, wo moglich in Person einmal in diesen Kunstsaal, und lassen Sie sie reden. Beim Teufel, sie wird lachen uber die komische Menschenmaske, die ihr so abgeschmackt wie der Popanz in Horazens Briefe an die Pisonen erscheinen muss.
Lassen Sie sie sprechen, ob sie jemals zu dieser Zehe diese Nase, zu diesem Munde jene Stirn, zu dieser Hand jenen Hintern wirklich geschaffen haben wurde; ich wette sie wurde verdriesslich werden, wenn Sie ihr so etwas einreden wollten! Dieser Apoll ware vielleicht ein Kruppel, hatte sie ihn von der kleinen Zehe fortgesetzt, dieser Antinous ein Thersites und jener tragische gewaltige Laokoon gar eine Art von Kaliban, wenn nach Naturgesetzen alles reformirt werden sollte. Ja was mochte dann wohl aus dieser Minerva werden, die jetzt bis zum hochsten Punkte des Ideals hinaufgearbeitet vor Ihnen steht, indem namlich das Haupt an ihr defekt ist, worin der weise Geist thront, der nach Geisterart sich unsichtbar gemacht hat.
Diese Minerva ohne Kopf erregt uberhaupt noch in weit grosserem Maasse meine Aufmerksamkeit, als der Agamemnon mit verhulltem Haupte, in dem bekannten Gemalde des Timanthes. So wie dieser namlich den Kunstlern die Regel gegeben hat, den hochsten unendlichen Schmerz nur errathen zu lassen, so scheint jene dasselbe in Hinsicht auf die Urschonheit anzudeuten. Unsere modernen richten sich auch danach, und ihre Kopfe sind in doppelter Hinsicht nur als Surrogate von Kopfen anzusehen, und stehen da oben nur gleichsam wie die Knopfe auf Thurmen, zum blossen Schlusse der Gestalt. Die Alten backten, wie jener Prometheus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Thon, aber sie schufen den Sonnenfunken mit hinein; wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; ja es giebt jetzt sogar eine allgemeine Feuerpolizei eine Zensur und Rezensur die schnell genug jedwede Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns nicht aufkommen. Weise Einrichtung des Staates, der lieber gute brauchbare Maschienen, als kuhne Geister unter seinen Burgern duldet, der den Fuchs selbst zum Balge herauspeitscht, um den Balg zu benutzen, der die Hande und Fusse, als dauerhafte Dreh- und Tretemaschienen, hoher anschlagt, als die Kopfe seiner Landeskinder. Der Staat hat, wie der Briareus, nur einen einzigen Kopf, aber hundert Arme von Nothen und damit gut!"
Ich endete erschrocken, denn bei dem tauschenden Fackelglanze schien sich der ganze verstummelte Olymp umher plozlich zu beleben; der zurnende Jupiter wollte sich aufrichten von seinem Sitze, der ernste Apoll griff nach dem Bogen und der klingenden Leier, machtig baumten sich die Drachen um den kampfenden Laokoon und die sinkenden Sohne, Prometheus formte mit den Stumpfen seiner Arme Menschen, die stumme Niobe schutzte das jungste ihrer Kleinen vor den herabstrahlenden Sonnenpfeilen, die Musen ohne Hande, Arme und Lippen regten sich durcheinander, wie wenn sie sich bemuheten die alten verklungenen Lieder zu singen und zu spielen aber es blieb alles still ringsum, und schien nur noch heftige zuckende Bewegung auf einem Schlachtfelde; nur tief im Hintergrunde stand, ohne Beleuchtung, starr und versteinert ein Furienchor, und schaute finster und schrecklich dem Gewuhle zu.
Vierzehnte Nachtwache
Kehre mit mir zuruck ins Tollhaus, du stiller Begleiter, der du mich bei meinen Nachtwachen umgiebst.
Du erinnerst dich noch an mein Narrenkammerchen, wenn du anders den Faden meiner Geschichte die sich still und verborgen, wie ein schmaler Strom, durch die Fels- und Waldstucke, die ich umher aufhaufte, schlingt nicht verloren hast. In diesem Narrenkammerchen lag ich, wie in einer Hole der Sphynx, mit meinem Rathsel eingeschlossen, und war fast auf dem glucklichen Wege, mich wahrhaft zur Tollheit, als dem einzigen haltbaren Systeme, zu bekennen, eben weil ich taglich Gelegenheit hatte die Resultate dieser allgemeinen Schule, mit denen der einzelnen zu vergleichen.
Ich will etwas ausholen! sagen die Schriftsteller, wenn sie vom Eie einer Sache anheben wollen, ich muss mich auch dazu bequemen, da ich in dieser Nacht das einzige Nachtigallenei meiner Liebe auszubruten gedenke; denn um mich her schlagen die Nachtigallen in allen Buschen und Gezweigen, und verbinden sich, wie ein Chor, zu einem einzigen Liebesgesange.
Ich spielte einst aus Ingrimm uber die Menschheit auf einem Hoftheater den Hamlet, als Gastrolle, um Gelegenheit zu haben, mich gegen das schweigend dasitzende Parterre eines Theils meiner Galle zu entledigen. An diesem Abende trug es sich zu, dass die Ophelia aus ihrem Vexirwahnsinne Ernst machte und formlich toll vom Theater ablief. Es gab gewaltigen Larm, und wie andere Direktoren sich mit dem Einstudieren der Rollen zu beschaftigen pflegen, so bemuhete sich dagegen der anwesende seine Prima Donna mit aller Anstrengung aus der gespielten herauszustudieren; doch vergeblich, die machtige Hand des Shakespear, dieses zweiten Schopfers, hatte sie zu heftig ergriffen, und lies sie zum Schrecken aller Gegenwartigen nicht wieder los. Fur mich war es ein interessantes Schauspiel, dieses gewaltige Eingreifen einer Riesenhand in ein fremdes Leben, dieses Umschaffen der wirklichen Person zu einer poetischen, die jetzt vor den Augen aller Vernunftigen, auf Kothurnen ernsthaft auf- und abging, und abgerissene Gesange, wie wunderbare Geisterspruche, horen liess. So sehr man auch mit den bundigsten Grunden in sie drang zur Vernunft zuruckzukehren, so heftig protestirte sie dagegen, und es blieb zuletzt kein anderes Mittel ubrig, als sie ins Tollhaus zu schicken.
Zu meinem nicht geringen Erstaunen traf ich hier wieder mit ihr zusammen. Ihr Kammerchen stiess dicht an das meinige, und ich horte sie taglich den Holzschuh und Muschelhut ihres Geliebten besingen. Ein Kerl wie ich, der aus Hass und Grimm zusammengesetzt ist, und nicht wie andere Menschenkinder seiner Mutter Leibe, sondern vielmehr einem schwangern Vulkane entbunden zu sein scheint, hat fur Liebe und dergleichen wenig Sinn; und doch beschlich mich hier im Tollhause so etwas, es ausserte sich zwar anfangs nicht in den gewohnlichen Symptomen, als Vorliebe fur Mondschein, poetischen Andrangs zum Kopfe und dergleichen; sondern vielmehr in dem heftigen Bestreben zur Errichtung einer Narrenpropaganda und einer ausgebreiteten Kolonie von Verruckten, um sie zum Schrecken der andern vernunftigen Menschen plozlich anlanden zu lassen.
Dies tolle Gefuhl indess, das sie Liebe nennen, und das wie ein Flicken vom Himmel auf diese durre Steppe der Erde heruntergefallen ist, fing doch am Ende auch bei mir an es ernstlicher zu nehmen, und ich machte zu meinem eigenen Entsetzen mehrere Gedichte in Versen, schaute auch in den Mond, und sang gar zu Zeiten mit, wenn draussen um das Tollhaus her die Nachtigallen pfiffen. Ich habe wahrhaft einmal einige Ruhrung an einem sogenannten melancholischen Abende verspurt; ja ich konnte in gewissen Stunden aus einem Loche meiner Kaukasushole schauen, und weniger denken als nichts. Auch Betrachtungen habe ich in diesem Zeitpunkte meiner Schreibtafel einverleibt, von welchen ich doch hier einige fur gefuhlvolle Seelen ausheben will.
An den Mond
Sanftes Antlitz voll Gutmuthigkeit und Ruhrung; denn beides musst du in dir vereinen, weil du nicht einmal am Himmel den Mund aufreissest, weder zum Fluchen, noch zum Gahnen, wenn tausend Narren und Verliebte ihre Seufzer und Wunsche zu dir hinaufrichten, und dich zu ihrem Vertrauten erkiesen; so lange du auch schon um die Erde herumgelaufen bist, als ihr Begleiter und Cicisbeo, so hast du dich doch bestandig als ein treuer Confident gehalten, und man findet kein einziges Beispiel in der Weltgeschichte bis zu Adam hin, wo du unwillig geworden warest, die Nase gerumpft, oder einige hamische Mienen angenommen hattest, ob du gleich diese Seufzer und Klagen schon tausend und abermaltausend male wiederholen hortest. Noch immer bist du gleich aufmerksam, ja man sieht dich so oft geruhrt das Wischtuchlein einer Wolke vorhalten, um deine Thranen dahinter zu verbergen. Welchen bessern Zuhorer konnte sich ein seine Werke vorlesender Dichter wahlen, als dich, welchen innigern Vertrauten ich, der ich hier im Tollhause mich liebend verzehre. Wie blass du bist, Guter, wie theilnehmend, und zugleich wie aufmerksam auf alle, die noch in diesem Augenblicke ausser mir stehen, und dich anschauen! Deine gutmuthige Miene konnte man leicht fur Einfalt halten, besonders heute, wo dein Antlitz zugenommen hat und recht rund und genahrt anzuschauen ist; aber du magst zunehmen, wie du willst, ich lasse mich dadurch in deinem Antheile nicht tauschen, bleibst du doch immer der Alte, und nimmst auch wieder ab, und verzehrst dich ja verhullst du nicht gar, wenn dich die Ruhrung uberwaltigt, dein Gesicht, wie der weinende Agamemnon, dass man nichts von dir sieht, als den vor Gram kahlen Hinterkopf! Leb wohl, Trauter, Guter!
An die Liebe
Weib, was willst du von mir, dass du dich an mich hangst? Hast du mir auch schon ins Gesicht geschaut? Du mit deinem Lacheln und deinen holden liebaugelnden Mienen, und ich, mit all dem Grimme und Zorne im Medusenantlitz! Traute, uberleg es, wir geben ein gar zu ungleiches Paar ab. Lass mich los, beim Teufel! ich habe nichts mit dir zu schaffen! Du lachelst wieder und haltst mich fest? Was soll die vorgehaltene Gottermaske, mit der du mich anblickst? Ich reisse sie dir ab, um das dahintersteckende Thier kennen zu lernen; denn in der That, ich halte dein wahres Gesicht nicht fur das reizendste. Himmel, das wird immer arger, ich girre und schmachte ganz erbarmlich willst du mich vollig rasend machen! Weib, wie kannst du nur Gefallen daran finden auf einem so kreischenden Instrumente, wie ich bin, spielen zu wollen! Die Komposizion ist fur einen Fluch gesetzt, und ich muss ein Liebeslied dazu absingen. O lass mich fluchen und nicht in so schrecklichen Tonen schmachten! hauche deine Seufzer in eine Flote, aus mir schallen sie wie aus einer Kriegstrommete, und ich ruhre die Lermtrommel, wenn ich girre. Und nun gar der erste Kuss o das andere liesse sich noch uberstehen, wie alles, was sich blos in der Sprache und in Tonen umhertreibt, und es ware mir immer noch erlaubt heimlich etwas anderes dabei zu denken aber der erste Kuss ich habe niemals gekusst, aus Abscheu gegen alle ruhrende und zartliche Heuchelei Unhold, wusste ich dass du mich dazu verleiten konntest, ich bote meine letzte Kraft auf, und schuttelte dich von mir! In solchen und dergleichen Fragmenten habe ich mich abgearbeitet, und mich ordentlich methodisch auszuschreiben gesucht, wie mancher Dichter, der seine Gefuhle so lange auf dem Papiere von sich giebt, bis sie zuletzt alle abgegangen sind, und der Kerl selbst ganz ausgebrannt und nuchtern dasteht.
Es schlug indess alles fehl bei mir, ja die Symptome wurden immer kritischer, und ich fing gar an in mich vertieft umherzuwandern, und fuhlte mich fast human und kleinlaut gegen die Welt gestimmt. Einmal meinte ich gar, sie konnte doch wohl die beste sein, und der Mensch selbst ware etwas mehr, als das erste Thier darauf, ja er habe einigen Werth und konne vielleicht gar unsterblich sein.
Als es so weit gekommen war, gab ich mich selbst verloren, und betrieb es jetzt ganz so langweilig und alltaglich wie ein anderer Verliebter. Ich entsetzte mich schon nicht mehr, wenn ich versifizirte, ja ich konnte auf eine langere Zeit geruhrt bleiben, und gewohnte mich an manche Ausdrucke, die ich sonst gar nicht in den Mund genommen hatte. Jetzt liess ich den ersten Liebesbrief vom Stapel laufen, den ich hier sammt dem andern Briefwechsel zu Erbauung anhange:
Hamlet an Ophelia
Himmlischer Abgott meiner Seele, reizerfullteste Ophelia! Dieser Eingang zwar, mit dem ich meinen ersten Brief an dich uberschrieb, als wir noch blos auf dem Hoftheater uns zum Vergnugen der Zuschauer liebten, konnte dich vielleicht tauschen, und es dir einreden wollen, als ob ich noch eben so wie damals an einem fingirten Wahnsinn und allen den metaphysischen Spitzfundigkeiten, die ich von der hohen Schule mitbrachte, laborirte. Aber lass dich dadurch nicht tauschen Abgott, denn ich bin fur diesesmal wirklich toll so sehr liegt alles in uns selbst und ist ausser uns nichts Reelles, ja wir wissen nach der neuesten Schule nicht, ob wir in der That auf den Fussen, oder auf dem Kopfe stehen, ausser dass wir das erste durch uns selbst auf Treu und Glauben angenommen haben. Es ist dies ein ganz verwunschter Ernst, Ophelia, und du sollst nicht etwa glauben, dass ich es als Persiflage von mir gebe. Ach, wie ist es alles jetzt verandert in deinem armen Hamlet diese ganze Erde, die ihm sonst wie ein verodeter Garten voll Dornen und Disteln, wie ein Sammelplatz voll pestilenzischer Ausdunstungen vorkam, hat sich jezt vor ihm in ein Eldorado verwandelt, in einen bluhenden Garten der Hesperiden; er war einst so frei und kerngesund, als er sie hasste, und ist jetzt ein Sklav und fast krank, da er sie liebt. Theuerste ich wollte dass ich Verhassteste sagen konnte, es gabe dann doch wenigstens nichts, was mich an diesen dummen Ball fesselte, und ich konnte ganz froh und lustig mich von ihm hinuntersturzen in das ewige Nichts also leider Theuerste! ich sage jetzt nicht mehr wie vormals zu dir: Geh in ein Nonnenkloster! denn ich bin toll genug zu glauben, wenn der Mensch liebe, so sei der Narr etwas, ob er gleich deshalb doch immer nur dem Tode rascher entgegen geht, und dieser ihm, bis sie sich beide endlich treffen und fest und ewig umarmen; es sei dies nun an dem Steine wo der heilige Gustav entschlummerte, auf dem Geruste wo die schone Maria blutete, oder an irgend einem noch bessern oder schlechtern Orte.
Ich weiss gewiss, der bose Feind schwebt hohnlachend uber der Erde, und hat die Liebe, als eine bezaubernde Maske, auf sie herabgeworfen, um die sich jezt alle Menschenkinder reissen, sie auf eine Minute lang vorzuhalten. Sieh, auch ich habe sie leider gefasst, und minaudire mit dem Todtenkopfe recht zartlich hinter ihr, und habe beim Teufel Lust das Menschenkind mit dir fortzupflanzen. O ware die verwunschte Larve nicht, es hatten dann die Erdensohne hienieden gewiss dem jungsten Tage einen Possen gespielt durch ein Gesez gegen die Bevolkerung, damit unser Herrgott, oder wer sonst zulezt den Erdball noch einmal anschauen will, ihn zu seiner Verwunderung von Menschen durchaus entvolkert gefunden hatte.
Doch lass mich endlich zu dem Punkte kommen, den ich leider, so sehr ich mir auch Muhe gebe, nicht umgehen kann zu meiner Liebeserklarung!
Zorniger, wilder, menschenfeindlicher hat es in mir seit meiner Geburt nicht ausgesehen, als in diesem Augenblicke, wo ich es dir aufgebracht hinschreibe, dass ich dich liebe. dich anbete, und dass ich nach dem Wunsche dich zu hassen und zu verabscheuen, keinen sehnlichern hege, als das Gestandniss deiner Gegenliebe zu vernehmen. Bis dahin dein
liebender Hamlet.
Ophelia an Hamlet
Liebe und Hass steht in meiner Rolle, und zulezt auch Wahnsinn aber sage mir was ist das alles eigentlich an sich, dass ich wahlen kann. Giebt es etwas an sich, oder ist alles nur Wort und Hauch und viel Phantasie. Sieh da kann ich mich nimmer herausfinden, ob ich ein Traum ob es nur Spiel, oder Wahrheit, und ob die Wahrheit wieder mehr als Spiel eine Hulse sitzt uber der andern, und ich bin oft auf dem Punkte den Verstand daruber zu verlieren.
Hilf mir nur meine Rolle zurucklesen, bis zu mir selbst. Ob ich denn selbst wohl noch ausser meiner Rolle wandle, oder ob alles nur Rolle, und ich selbst eine dazu. Die Alten hatten Gotter, und auch einen darunter, den sie Traum nannten, es musste ihm sonderbar zu Muthe sein, wenn es ihm etwa einfiel sich fur wirklich halten zu wollen, und er doch immer nur Traum blieb. Fast glaube ich der Mensch ist auch solch ein Gott. Ich mochte gern mich auf einen Augenblick mit mir selbst unterreden, um zu erfahren, ob ich selbst liebe, oder nur mein Name Ophelia und ob die Liebe selbst etwas ist, oder nur ein Name. Sieh, da suche ich mich zu ereilen, aber ich laufe immer vor mir her und mein Name hinterdrein, und nun sage ich wieder die Rolle auf aber die Rolle ist nicht Ich. Bring mich nur einmal zu meinem Ich, so will ich es fragen, ob es dich liebt.
Ophelia.
Hamlet an Ophelia
Grubele dergleichen Dingen nicht so tief nach, Theure, denn sie sind so verworrener Natur, dass sie leicht zum Tollhause fuhren konnten! Es ist Alles Rolle, die Rolle selbst und der Schauspieler, der darin steckt, und in ihm wieder seine Gedanken und Plane und Begeisterungen und Possen alles gehort dem Momente an, und entflieht rasch, wie das Wort, von den Lippen des Komodianten. Alles ist auch nur Theater, mag der Komodiant auf der Erde selbst spielen, oder zwei Schritte hoher, auf den Brettern, oder zwei Schritte tiefer, in dem Boden, wo die Wurmer das Stichwort des abgegangenen Konigs aufgreifen; mag Fruhling, Winter, Sommer oder Herbst die Buhne dekoriren, und der Theatermeister Sonne oder Mond hineinhangen, oder hinter den Koulissen donnern und sturmen alles verfliegt doch wieder und loscht aus und verwandelt sich bis auf den Fruhling in dem Menschenherzen; und wenn die Koulissen ganz weggezogen sind, steht nur ein seltsames nacktes Gerippe dahinter, ohne Farbe und Leben, und das Gerippe grinset die anderen noch herumlaufenden Komodianten an.
Willst du aus der Rolle dich herauslesen, bis zum Ich? Sieh dort steht das Gerippe und wirft eine Handvoll Staub in die Luft und fallt jezt selbst zusammen; aber hinterdrein wird hohnisch gelacht. Das ist der Weltgeist, oder der Teufel oder das Nichts im Wiederhalle!
Sein oder Nichtsein! Wie einfaltig war ich damals, als ich mit dem Finger an der Nase diese Frage aufwarf, wie noch einfaltiger diejenigen, die es mir nachfragten, und wunder glaubten was hinter dem Ganzen steckte. Ich hatte das Sein erst um das Sein selbst befragen sollen, dann liesse sich nachher auch uber das Nichtsein etwas Gescheutes ausmitteln. Ich brachte damals noch die Unsterblichkeitstheorie von der hohen Schule mit, und fuhrte sie durch alle Kategorien. Ja, ich furchtete wahrlich den Tod der Unsterblichkeit halber und beim Himmel mit Recht, wenn hinter dieser langweiligen comedie larmoyante noch eine zweite folgen sollte ich denke es hat damit nichts zu sagen!
Darum, theure Ophelia, schlag dir das alles aus dem Sinne, und lass uns lieben und fortpflanzen und alle die Possen mittreiben blos aus Rache, damit nach uns noch Rollen auftreten mussen, die alle diese Langweiligkeiten von neuen ausweiten, bis auf einen lezten Schauspieler, der grimmig das Papier zerreisst und aus der Rolle fallt, um nicht mehr vor einem unsichtbar dasizenden Parterre spielen zu mussen.
Liebe mich kurz und gut, ohne weiteres Grubeln!
Hamlet.
Ophelia an Hamlet
Du stehst einmal als Stichwort in meiner Rolle, und ich kann dich nicht herausreissen, so wenig wie die Blatter aus dem Stucke, worauf meine Liebe zu dir geschrieben ist. So will ich denn, da ich mich aus der Rolle nicht zurucklesen kann, in ihr fortlesen bis zum Ende und zu dem exeunt omnes, hinter dem dann doch wohl das eigentliche Ich stehen wird. Dann sage ich dir, ob ausser der Rolle noch etwas existirt und das Ich lebt und dich liebt.
Ophelia.
Hinter diesem Briefwechsel trat nun unser Wortwechsel ein, und jeder nachfolgende Wechsel, von den Blicken, Kussen und dergleichen an, bis zum Selbstwechsel.
Nach wenigen Monaten war das Stichwort zu einer neuen Rolle geschrieben. Ich war doch fast glucklich in der Zeit, und spurte in dem Tollhause zuerst einige Menschenliebe, so dass ich ernsthaft uber Planen brutete mit den Narren um mich her Plato's Republick zu realisiren. Doch da strich der Traumgott wieder alles aus!
Die Ophelia wurde immer blasser und vernunftiger, obgleich der Arzt meinte, der Unsinn sei bei ihr im Steigen; aber es war der Moment, wo ein grosser Sinn in ihn eintrat.
Es sturmte wild um das Tollhaus her ich lag am Gitter und schaute in die Nacht ausser der am Himmel und auf Erden nichts weiter zu sehen war. Es war mir, als stande ich dicht am Nichts und riefe hinein, aber es gabe keinen Ton mehr ich erschrack, denn ich glaubte wirklich gerufen zu haben, aber ich horte mich nur in mir. Ein Bliz, ohne nachfolgenden Donnerschlag, flog pfeilschnell, aber still durch die Nacht, und der Tag erschien und verschwand rasch in ihr, wie ein Geist. Neben mir auf der einen Seite rasselte ein Wahnsinniger schrecklich mit seinen Ketten, auf der anderen horte ich Ophelia abgerissene Stucke ihrer Balladen singen, doch wurden die Tone oft Seufzer, und zulezt schien mir alles eine grosse Disharmonie, zu der die rasselnden Ketten die begleitende Musik abgaben. Es dunkte mich, als entschliefe ich. Da sah ich mich selbst mit mir allein im Nichts, nur in der weiten Ferne verglimmte noch die letzte Erde, wie ein ausloschender Funken aber es war nur ein Gedanke von mir, der eben endete. Ein einziger Ton bebte schwer und ernst durch die Ode es war die ausschlagende Zeit, und die Ewigkeit trat jetzt ein. Ich hatte jezt aufgehort alles andere zu denken, und dachte nur mich selbst! Kein Gegenstand war ringsum aufzufinden, als das grosse schreckliche Ich, das an sich selbst zehrte, und im Verschlingen stets sich wiedergebar. Ich sank nicht, denn es war kein Raum mehr, eben so wenig schien ich emporzuschweben. Die Abwechselung war zugleich mit der Zeit verschwunden, und es herrschte eine furchterliche ewig ode Langeweile. Ausser mir, versuchte ich mich zu vernichten aber ich blieb und fuhlte mich unsterblich!
Hier vernichtete sich der Traum in seiner eigenen Grosse und ich erwachte tiefaufathmend das Licht war erloschen, ringsum tiefe Nacht; nur Ophelien horte ich leise ihre Balladen singen, wie wenn sie jemand damit in den Schlaf wiegte. Ich tappte an den Wanden aus meiner Kammer, neben mir schlichen draussen durch die Finsterniss noch Wahnsinnige und zischelten leise.
Ich offnete Opheliens Thur, sie lag blass auf ihrem Lager, bemuht ein todtes eben geborenes Kind an ihrer Brust in den Schlaf zu lullen; neben ihr stand ein irres Madchen und legte den Finger auf den Mund, wie wenn sie mir Stille zuwinkte.
Jezt schlaft es! sagte Ophelia und blickte mich lachelnd an, und das Lacheln war mir, wie wenn ich in ein aufgeworfenes Grab schaute. Gottlob, es giebt einen Tod, und dahinter liegt keine Ewigkeit! sprach ich unwillkuhrlich.
Sie lachelte fort und flusterte nach einer Pause, wie wenn die Sprache sich allmalig in Hauche auflosen und leise verschwinden wollte: Die Rolle geht zu Ende, aber das Ich bleibt, und sie begraben nur die Rolle. Gottlob dass ich aus dem Stucke herauskomme und meinen angenommenen Namen ablegen kann; hinter dem Stucke geht das Ich an! Es ist nichts! sagte ich schuttelnd. Sie fuhr kaum horbar fort: Dort steht es schon hinter den Koulissen und wartet auf das Stichwort; wenn nur der Vorhang erst ganz nieder ist! Ach, ich liebe dich! das ist die lezte Rede im Stucke, und sie allein will ich aus meiner Rolle zu behalten suchen es war die schonste Stelle! Das Ubrige mogen sie begraben!
Da fiel der Vorhang und Ophelia trat ab niemand klatschte und es war, als ob kein Zuschauer zugegen ware. Sie schlief schon ganz fest mit dem Kinde an der Brust, und beide waren nur sehr blass und man horte keine Athemzuge, denn der Tod hatte ihnen seine weisse Maske schon aufgelegt.
Ich stand sturmisch aufgereizt neben dem Lager und in mir machte es sich zornig Luft, wie zu einem wilden Gelachter ich erschrack, denn es wurde kein Gelachter, sondern die erste Thrane, die ich weinte. Nahe bei mir heulte noch einer; doch war es nur der Sturm, der durch das Tollhaus pfiff.
Als ich aufblickte, standen die Wahnsinnigen in einem Halbkreise um das Lager her, alle schweigend, aber seltsam gestikulirend und sich gebardend; einige lachelnd, andere tief nachsinnend, noch andere den Kopf schuttelnd, oder starr die weisse Schlummernde und das Kind betrachtend; auch der Weltschopfer war darunter, aber er legte nur bedeutend den Finger auf den Mund.
Es ward mir fast bange in dem Kreise!
Funfzehnte Nachtwache
So sehr es auch die tagliche Erfahrung lehrt, dass man an allen Platzen Narren duldet, so aufgebracht war man doch daruber, dass ich den Versuch angestellt hatte, sie fortzupflanzen, und mir wurde daruber sogar zur Strafe mein Narrenkammerchen aufgesagt.
Ach es war mir recht traurig, als ich von meinen Brudern Abschied nehmen sollte, um wieder unter die Vernunftigen zu laufen und wie nun die Thur des Tollhauses hinter mir in das Schloss rasselte, stand ich ganz einsam da und suchte melancholisch den Gottesacker auf, wo sie die Ophelia hingetragen hatten. O hatte ich nur mindestens einen Laertes auffinden konnen, um mit ihm an dem Grabe mich herumzuschlagen, denn ich hatte aus dem Tollhause einen verstarkten Hass gegen alle Vernunftige mitgebracht, die mit ihren platten nichtssagenden Physiognomien, jezt wieder um und neben mir wandelten.
Ein Reicher und ein Bettler haben den Vorzug vor anderen gewohnlichen Menschenkindern, dass sie ihrem Hange zum Reisen vollen Lauf lassen durfen. Der Reiche schliesst sich die Herrlichkeiten der Erde mit dem goldenen Schlussel in seiner Hand auf; der Arme hat ein Freibillet fur die ganze Natur, und er kann die hochsten und schonsten Wohnungen nach Belieben beziehen; heute den Atna, morgen die Fingalsgrotte; in dieser Woche den Sommeraufenthalt des Weisen am Genfersee, und in der folgenden die kostliche krystallene Halle des Rheinfalles, wo statt der Deckengemalde ihm die Sonne Regenbogen uber das Haupt webt, und die Natur seinen Pallast im immerwahrenden Zerstoren wieder aufbaut.
Zeigt mir einen Konig, der glanzender wohnen kann, als ein Bettler!
Ich reisete uberdies mit dem Vortheile, nirgend um meine Zeche gemahnt zu werden, oder mich fur die Nachtmahlzeit bei jemand anderm, als bei der alten Mutter selbst bedanken zu mussen; denn die Erde hatte noch Wurzeln in ihrem Schoosse, die sie mir nicht verweigerte, und sie reichte der durstigen Lippe in der dargebotenen Felsenschaale den frischen brausenden Trank des sturzenden Wasserfalls. Ich war recht froh und frei und hasste die Menschen nach Belieben, weil sie so klein und nichtsnutzig durch den grossen Sonnentempel hinschlichen.
Einst hatte ich mich eben von meinem Lager, einem duftenden blumigten Rasen, aufgerichtet, und schaute in die Morgenglut, die wie ein Geist aus dem Meere aufstieg, wobei ich, um das Nutzliche mit dem Angenehmen zu verbinden, eine aufgegrabene Wurzel anbiss. Es gehort zur menschlichen Grosse in der Nahe erhabener Gegenstande, Nebengeschafte zu betreiben, z.B. der aufgehenden Sonne, mit der Pfeife im Munde ins Antlitz zu schauen, oder wahrend der Katastrophe einer Tragodie Makkaroni zu speisen und dergleichen; die Menschen haben es darin sehr weit gebracht.
Als ich nun so behaglich da lag, wandelte mich die Laune zu einem Monologe an, den ich folgendergestalt hielt:
"Nichts geht doch uber das Lachen, und ich schlage es fast so hoch an, wie andere gebildete Leute das Weinen, obgleich sich eine Thrane leicht zu Tage fordern lasst, blos durch starkes Hinschauen auf einen Fleck, oder durch mechanisches Lesen Kotzebuescher Dramen, ja zuletzt schon durch heftig anhaltendes Lachen allein. Habe ich nicht letzthin einen ziemlich abgezehrten Mann beim Anblick der aufgehenden Sonne haufig Thranen vergiessen sehen, und andere standen nahe dabei und ruhmten es als ein Zeichen eines gefuhlvollen Gemuthes, und weinten zuletzt uber den Weinenden. Nur ich trat hinzu, und fragte: Freund, ruhrt der Gegenstand so heftig? Nicht doch; sagte jener, aber der Lichtstrahl wirkt nach neuern Beobachtungen, ausserdem dass er niesen und weinen zuwege bringt, auch auf das Erzeugen; und ich war in Italien! Ich verstand den Mann, der der Sonne zu etwas Reellerm ins Auge schaute, als zum blossen Phantasieren. Als ich mich lachend umdrehete, schalten die andern mich weinend in sehr harten Ausdrucken; ich lachte uber diesen Kontrast noch starker, und es fehlte wenig, so hatten sie mich aus Ruhrung gesteinigt!
Wo giebt es uberhaupt ein wirksameres Mittel jedem Hohne der Welt und selbst dem Schicksale Troz zu bieten, als das Lachen? Vor dieser satirischen Maske erschrickt der gerustetste Feind, und selbst das Ungluck weicht erschrocken von mir, wenn ich es zu verlachen wage! Was beim Teufel, ist auch diese ganze Erde, nebst ihrem empfindsamen Begleiter dem Monde, anders werth als sie auszulachen ja sie hat allein darum noch einigen Werth weil das Lachen auf ihr zu Hause ist. Es war alles auf ihr so empfindsam und gut eingerichtet, dass es dem Teufel, der sie einst zum Zeitvertreibe sich beschaute, zum Arger gereichte; um sich an dem Werkmeister zu rachen, schickte er das Gelachter ab, und es wusste sich geschickt und unbemerkt in der Maske der Freude einzuschleichen, die Menschen nahmen's willig auf, bis es zuletzt die Larve abzog und als Satire sie boshaft anschaute. Lasst mir nur das Lachen mein lebelang, und ich halte es hier unten aus!"
Hoho! rief es jetzt dicht an meinem Ohre und als ich mich umdrehete, schaute mir ein holzerner Hanswurst keck und trotzig ins Antlitz. "Er ist mein Patron! sagte ein grosser Kerl, der ihn mir entgegenhielt, und neben sich einen grossen Kasten stehen hatte. Er hat Talente zum Hanswurst, und ich brauche eben einen, denn der meinige ist mir heute verstorben. Hat er Lust, so schlage er ein; der Posten ist eintraglich, und wirft mehr ab, als Wurzeln fressen!"
Der holzerne Spassmacher schaute mich dabei vertraulich an, und ich fuhlte mich zu ihm hingezogen, wie zu einem Freunde. "Der Kerl ist in Venedig geschnitzt, sagte der Puppenspieler wie zur Aufmunterung und ich wette, er macht seine Sache besser, als irgend ein anderer; schaue er nur, er geht und steht, wie auf lebendigen Beinen, legt die Hand aufs Herz, trinkt und isst, wenn ich am Faden ziehe, und kann lachen und weinen, wie ein gewohnlicher Mensch, bloss durch einen leichten mechanischen Druck!"
Topp! rief ich, und nahm den Kasten auf die Schultern, und die holzerne Gesellschaft klapperte drinnen unter dem Tragen, wie wenn sie eine franzosische Revoluzion zum Zeitvertreib auffuhrte.
Im Wirthshause fanden wir das Theater, und schon Leute, die sichs ansehen wollten; der Direktor gab mir einen fluchtigen theoretischen Unterricht in der tragischen sowohl, wie in der komischen Kunst, auch eroffnete er mir zur Zerstreuung eine kleine Seitenthur, wo mein Vorganger im Hanswurst auf der Streu im Leichentuche lag, und seine Rolle ausgespielt hatte; das Gesicht war recht boshaft verzogen, und jener sagte: Er ist im Lachen verstorben, wodurch er sich hinter der Buhne einen Stickfluss zuzog!
Ein schoner Tod! erwiderte ich, und wir machten uns nun bereit die holzerne Treppe zu dirigiren. Mein Gefahrte hatte grosse Force in den Liebhabern und Liebhaberinnen, wovon er diese durch die Fistel sprach. Mein Hauptfach dagegen war der Hanswurst, doch hatte ich auch nebenzu die Konige zu besorgen. Als der Vorhang fiel, umarmte mich der Mann feurig, und sagte dass ich meinem Posten Ehre mache.
Wie theuer einem indess das Dirigiren zu stehen kommen kann, das hatten wir Gelegenheit auch unter Marionetten zu erfahren; die Sache trug sich folgendergestalt zu:
Wir hatten unsere Buhne in einem kleinen deutschen Dorfe, nahe an der franzosischen Grenze, aufgeschlagen. Sie gaben druben grade die grosse Tragikomodie, in der ein Konig unglucklich debutirte, und der Hanswurst, als Freiheit und Gleichheit, lustig Menschenkopfe, statt der Schellen, schuttelte. Wir hatten den unglucklichen Einfall den Holofernes auf das Theater zu bringen, und erhizten dadurch die zuschauenden Bauern so heftig, dass sie die Buhne ersturmten, unter den Schauspielerinnen uns die Judith entfuhrten, und mit ihr und dem abgeschlagenen holzernen Haupte des Holofernes geradeweges vor das Haus des Schulzen zogen, und nicht weniger als seinen Kopf von ihm forderten. Das in Anspruch genommene Haupt erblasste, als die Rebellen ihm das blutige holzerne entgegenhielten, und weil die Sache mir immer bedenklicher schien, so suchte ich ihr rasch eine andere Wendung zu geben. Ich bemachtigte mich des Holoferneskopfes, sprang auf einen Stein, und suchte in der Angst folgende Rede zu Stande zu bringen:
"Lieben Landleute!"
"Schaut dieses holzerne blutige Konigshaupt an, das ich hier hoch emporhalte. Es wurde, als es noch auf dem Rumpfe sass, durch diesen Drath regiert, den Drath regierte wieder meine Hand, und so fort bis ins Geheimnissvolle, wo das Regiment nicht mehr zu bestimmen ist. Dieses Haupt ist ein konigliches, ich aber, der an dem Drathe zog, dass es so oder so nickte, oder schuttelte, bin ein ganz gewohnlicher Kerl, und komme im Staate in gar keine Betrachtung. Wie konntet ihr euch also wohl gegen diesen Holofernes erzurnen, wenn er nickte, oder schuttelte wie ich es wollte? Ich denke ihr findet meine Rede vernunftig, Landleute! Doch aber scheint der Zorn uber dieses holzerne Haupt, sich bestimmt auf das Haupt eures Schulzen ubertragen zu haben und das finde ich unbillig. Ich will mich bildlich auszudrucken suchen: Mein Holofernes spielt nicht nach eurem Willen; wohlan, so schlagt mich, den gemeinen Kerl, auf die Hande, dass mein Minister, der Drath den ich anziehe, eine andere Richtung bekommt, und durch diese wieder der Konigskopf anmuthiger und verstandiger nicke oder schuttele. Was hat euch dieser arme Kopf gethan, dass ihr so mit ihm umspringt; er ist das mechanischste Ding auf der Welt und es wohnt nicht einmal ein Gedanke in ihm. Fordert doch von diesem Kopfe keine Freiheit, da er selbst nichts Analoges davon in sich enthalt. Auch ist es ein missliches Ding um das, war ihr Freiheit scheltet, ist es doch nicht das Marionettenspiel allein, was ihr heute gesehen habt, wo dem holzernen Konige der Kopf ohne weiteren Erfolg vom Rumpfe geschlagen wird, sondern ich habe dergleichen von noch fehlerhafterer Natur in meinem Kasten, wo der Dichter dem Stoffe nicht gewachsen war, und er nach Art politischer Poeten, die Republick an der er dichtete, zu einer Despotie verpfuschte. Ich kann dergleichen vor euch auffuhren! Unrecht bleibt es auch immer solche widernaturliche Strafen zu exerziren, als z.B. da auf das Kopfen zu bestehen, wo sich kein Kopf vorfindet, denn dieser holzerne ist nur blos fur das Auge da, und zum Gluck verstehe ich es, ihn wieder auf den Rumpf zu sezen, was nicht in jedem ahnlichen Falle glucken durfte. Und wehe meinen armen Marionetten, wenn es einmal einem wirklichen Kopfe einfiele, den holzernen hier in meiner Hand ersetzen zu wollen, und jener nun auf seine Weise nickte und schuttelte, und den Drath ganz abrisse da konnte eine Posse sich leicht zu einer ernsten Tragodie revolutioniren! Ich denke, ich habe genug gesagt, Landleute!"
Die Menschheit ist im Ganzen, wenn sie nicht grade an fixen Ideen leidet, eine ehrliche einfaltige Haut, und sie findet sich leicht in das Entgegengesezteste; ja ich glaube sie kann sich, wenn sie heute ein leichtes Band, das sie fesselte, zerrissen hat, morgen mit eben dem Enthusiasmus in Ketten werfen lassen. Einer der droben zuschaut, muss mit dem Volke Mitleid haben. So gaben auch heute meine Bauern das Revoluzioniren gutmuthig wieder auf, und liessen dagegen ihren Schulzen hochleben; leider nur verwandelte sich diese Freude der lebenden Akteurs in bitteres Leid fur meine holzernen.
Wir Direktoren erwachten namlich in der folgenden Nacht von einem anhaltenden Gerausche, das vom Theater her erschallte; anfangs schoben wir es auf Rollenneid, oder eine unter der Truppe ausgebrochene Kabale, als wir uns aber naher zu unterrichten suchten, fanden wir unten den Schulzen, dem ich eben das Haupt wieder auf dem Rumpfe befestigt hatte, mit dem Holofernes in der Hand, und von Gerichtsdienern begleitet, die die ganze Truppe im Namen des Staates zu Gefangenen machten, weil man sie fur politisch gefahrlich erklarte. Alle meine Einreden waren vergeblich, und sie zogen vor meinen Augen mehrere Konige und Herren, als den Salomo, Herodes, David, Alexander u.s.w. aus dem Kasten um sie fortzuschleppen. So inkonsequent verfahrt der Staat gegen seine eigenen Reprasentanten! Der lezte Mann war mein Hanswurst; ich erniedrigte mich fur ihn fast zu Bitten allein man that mir kund, dass durch ein strenges Zensuredikt alle Satire im Staate ohne Ausnahme verboten sei, und man sie schon zum voraus in den Kopfen konfiscire. Mit Muhe erhielt ich es nur auf einen Augenblick noch mit ihm abseits zu treten; ich nahm ihn mit mir hinter eine Koulisse, und hier in der Einsamkeit druckte ich unbelauscht seinen holzernen Mund an den meinigen und vergoss die zweite Thrane, denn er war ausser Ophelia das einzige Wesen, das ich in der Welt wahrhaftig geliebt hatte.
Mein Mitdirektor ging den ganzen darauf folgenden Tag wie ein Traumender umher, und am Abende fand man ihn, weil er die angesagte Tragikomodie nicht schuldig bleiben wollte, auf der Buhne an einer Wolke erhangt.
So traurig endete auch dieses Unternehmen, und ich suchte nun endlich mit Ernst, von den Muhseligkeiten des Lebens ermudet, mich unter den Menschen um einen soliden Posten zu bewerben. Es geht doch nichts auf Erden uber das Bewusstsein nutzlich zu sein und einen festen Gehalt zu geniessen; der Mensch ist nicht Kosmopolit allein, er ist auch Staatsburger! Das Nachtwachteramt war eben vakant geworden, und ich glaubte mich allenfalls tuchtig ihm mit Ehre vorzustehen. Die Welt ist jezt sehr gebildet und man fordert mit Recht grosse Talente von jedem einzelnen Burger.
Wohl dem der Konnexionen hat es gelang mir bei dem Diener des Ministers Zutritt zu erhalten, er hatte grade seine gute Stunde, und empfahl mich seinem Herrn; so wurde ich die Staatsleiter immer hoher gehoben und ging aus einer Hand in die andere, bis zur obersten Sprosse, wo ich einen Fussfall wagte, und man mir gnadig Hoffnung zum Nachtwachter machte. Eine nahere Prufung in der ich darthun musste, ob ich theils einen gemassigten Vortrag besasse, um den Monarchen wenn er schliefe nicht aus dem Schlafe zu wecken, theils aber auch einen angenehmen und gebildeten, um in schlaflosen Nachten seinen musikalischen Sinn nicht zu beleidigen, fiel nicht ganz unglucklich aus, und ich hatte die Freude mich, nachdem mir vorher noch weiteres Studium angelegentlich empfohlen war, als Nachtwachter angestellt zu sehen.
Sechszehnte Nachtwache
Ich wunschte dieses Ultimatum und Hogarthsche Schwanzstuck meiner Nachtwachen, recht deutlich vor Jedermanns Augen ausmahlen zu konnen; leider aber fehlen mir die Farben in der Nacht dazu, und ich kann nichts als Schatten und luftige Nebelbilder vor dem Glase meiner magischen Laterne hinfliehen lassen.
Wenn ich in der Laune bin Konige und Bettler in eine recht lustige bruderliche Gesellschaft zusammenzustellen, so wandle ich auf dem Kirchhofe uber ihre Graber hin, und denke sie mir, wie sie da unten im Boden friedlich neben einander liegen, im Stande der grossten Freiheit und Gleichheit, und nur in ihrem Schlafe satirische Traume haben, und hamisch aus den Augenholen grinsen. Unten sind sie Bruder, nur oben aus dem Rasen ragt hochstens noch ein moosigter Stein herauf, woran die alten zerschlagenen Wappen des Grossen hangen, indess auf dem Grabe des Bettlers nur eine wilde Blume sprosst, oder eine Nessel.
Ich besuchte auch in dieser Nacht meinen Lieblingsort, dieses Vorstadtstheater, wo der Tod dirigirt, und tolle poetische Possen als Nachspiele hinter den prosaischen Dramen auffuhrt, die auf dem Hof- und Welttheater dargestellt werden. Es war eine schwule druckende Luft, und der Mond schaute nur heimlich zu den Grabern herab, und blaue Blize flogen dann und wann an ihm voruber. Ein Poet meinte, die zweite Welt lausche in die untenliegende herunter ich hielt es nur fur affenden Wiederhall und matten tauschenden Lichtschein, der noch eine Weile dem versunkenen Leben nachgaukelt; wie der abgestorbene faulende Baum noch eine Zeitlang des Nachts zu glanzen scheint, bis er ganz in Staub zerfallt.
Ich war unwillkuhrlich an dem Denkmale eines Alchymisten stehen geblieben; ein alter kraftiger Kopf starrte aus dem Steine hervor, und unverstandliche Zeichen aus der Kabbala waren die Inschrift.
Der Poet trieb sich eine Zeitlang unter den Grabern herum, und besprach sich abwechselnd mit auf dem Boden liegenden Schadeln, um sich in Feuer zu setzen, wie er sagte; mir wurde es langweilig, und ich schlief daruber am Denkmale ein.
Da horte ich im Schlafe das Gewitter aufsteigen, und der Poet wollte den Donner in Musik sezen und Worte dazu dichten, aber die Tone ordneten sich nicht und die Worte schienen zu zersprengen und in einzelnen unverstandlichen Sylben durcheinander zu fliehen. Dem Poeten stand der Schweiss auf der Stirne, weil er keinen Verstand in sein Naturgedicht bringen konnte der Narr hatte das Dichten bisher nur auf dem Papiere versucht. Der Traum verwickelte sich immer tiefer. Der Poet hatte sein Blatt von neuem ergriffen und versuchte zu schreiben; zur Unterlage diente ihm ein Schadel er begann wirklich und ich sah den Titel vollendet:
Gedicht uber die Unsterblichkeit
Der Schadel grinsete tuckisch unter dem Blatte, der Poet hatte kein Arg daraus, und schrieb den Eingang zum Gedichte, worin er die Phantasie anrief ihm zu diktiren. Darauf hub er mit einem grausenden Gemalde des Todes an, um zulezt die Unsterblichkeit desto glanzender hervorfuhren zu konnen, wie den hellen strahlenden Sonnenaufgang nach der tiefsten dunkelsten Nacht. Er war ganz in seine Phantasieen vertieft und bemerkte es nicht, dass sich um ihn her alle Graber geoffnet hatten, und die Schlafer unten boshaft lachelten, doch ohne sich zu bewegen. Jezt stand er am Ubergange und fing an die Posaunen zu blasen und viele Zurustungen zum jungsten Tage zu machen. Eben war er im Begriffe alle Todte zu erwecken, da schien es als ob etwas Unsichtbares seine Hand hielte, und er blickte verwundert auf und unten in den Schlafkammern lagen sie noch alle still und lachelten, und niemand wollte erwachen. Schnell ergriff er die Feder von neuem und rief heftiger und sezte eine starke Begleitung von Donner und Posaunenschall zu seiner Stimme umsonst, sie schuttelten nur alle unmuthig unten und wandten sich auf die andere Seite von ihm weg, um ruhiger zu schlafen und ihm die nackten Hinterkopfe zu zeigen. "Wie, ist denn kein Gott!" rief er wild aus, und das Echo gab ihm das Wort "Gott!" laut und vernehmlich zuruck. Jezt stand er ganz einfaltig da und kauete an der Feder. "Der Teufel hat das Echo erschaffen!" sagte er zulezt "Weiss man doch nicht zu unterscheiden ob es bloss afft, oder ob wirklich geredet wird!"
Er setzte noch einmal rasch an, doch die Schriftzuge kamen nicht zum Vorscheine; da steckte er abgespannt und fast gleichmuthig die Feder hinter das Ohr und sagte monoton: "Die Unsterblichkeit ist widerspanstig, die Verleger zahlen bogenweis und die Honorare sind heuer sehr schmal; da wirft dergleichen Schreiberei nichts ab, und ich will mich wieder in die Dramen werfen!"
Ich erwachte bei diesen Worten, und mit dem Traume war auch der Poet vom Kirchhofe verschwunden; aber an meiner Seite sass ein braunes Bohmerweib und schien aufmerksam in meinen Gesichtszugen zu lesen. Ich erschrack fast vor der grossen gigantischen Gestalt, und vor dem dunkeln Antlize, in das ein seltsam barockes Leben mit eben so grellen Zugen niedergeschrieben schien. "Gieb mir die Hand, Blanker!" sagte sie geheimnissvoll, und ich reichte sie ihr unwillkuhrlich hin.
Je starker und sicherer der Mensch sich selbst gefasst halt, um so lappischer erscheint ihm alles Geheimnissvolle und Wunderbare, vom Freimaurerorden an, bis zu den Mysterien einer zweiten Welt. Ich schauderte heute zum erstenmale etwas, denn das Weib las aus meiner Hand mein ganzes voriges Leben, wie aus einem Buche mir vor, bis hin zu dem Augenblicke, wo ich als ein Schaz gehoben wurde (S. die vierte Nachtwache.) Darauf sagte sie: "Sollst auch deinen Vater sehen, Blanker; schau dich um, er steht hinter dir!" Ich wandte mich rasch und der ernste steinerne Kopf des Alchymisten blickte mich starr an. Sie legte die Hand auf ihn, und sagte sonderbar lachelnd: "Der ist's! und ich bin die Mutter!"
Das gab eine tolle ruhrende Familienscene die braune Zigeunermutter und der steinerne Vater, der halb aus der Erde hervorragte, als wollte er den Sohn halsen und an die kalte Brust drucken. Um die Familiengruppe zu runden umarmte ich beide, und als ich so mitten inne sass, erzahlte das Weib im Bankelsangervortrage:
"Es war in der Christnacht, als dein Vater den Teufel bannen wollte er las aus dem Buche, und ich leuchtete dazu mit drei besprochenen Kerzen unter dem Boden lief es hin, wie wenn die Erde Wellen schluge, und das Licht brannte blau. Wir hielten jezt an der Stelle, wo dem Himmel entsagt und der Holle geschworen wird, und blickten uns eine Weile schweigend an. Es ist zur Abwechselung! sagte dann dieser Steinerne und las die Stelle laut und vernehmlich zwischen uns lachte es leise, wir lachten laut mit, um nicht albern dazustehen. Nun fing es an in der Nacht um uns her sein Wesen zu treiben, und wir merkten, dass wir nicht allein waren. Ich schmiegte mich in dem gezogenen Kreise dicht an deinen Vater, wir beruhrten zufallig das Zeichen des Erdgeistes, und wurden warm beisammen. Als der Teufel erschien, erblickten wir ihn nur noch mit halb geoffneten Augen es war grade der Moment in dem du entstandest! Jener war recht bei Laune und erbot sich Pathenstelle zu vertreten; er mochte ein angenehmer Mann in seinen besten Jahren sein, und ich erstaune uber die Ahnlichkeit, die du mit ihm hast; nur siehst du finsterer aus, was du dir noch abgewohnen durftest. Als du geboren wurdest, hatte ich soviel Gewissenhaftigkeit dich in christliche Hande zu ubergeben, und spielte dich darum jenem Schazgraber zu, der dich erzog. Das ist deine Familiengeschichte, Blanker!" Welch ein helles Licht nach dieser Rede in mir aufging, das konnen sich nur Psychologen vorstellen; der Schlussel zu meinem Selbst war mir gereicht, und ich offnete zum erstenmale mit Erstaunen und heimlichem Schauder die lang verschlossene Thur da sah es aus wie in Blaubarts Kammer, und es hatte mich erwurgt, ware ich minder furchtlos gewesen. Es war ein gefahrlicher psychologischer Schlussel!
Ich mochte mich selbst, wie ich bin, geschickten Psychologen zur Secirung und Anatomirung vorlegen, um zu sehen ob sie das aus mir herauslesen wurden, was ich jezt wirklich las dieser Zweifel soll ubrigens der Wissenschaft selbst nicht zu nahe treten, die ich wahrlich hoch schaze, weil sie es sich nicht verdriessen lasst an einen so hypothetischen Gegenstand, als die Seele ist, Zeit und Muhe zu verschwenden.
Ich mochte einige von den Betrachtungen, die ich uber mich selbst in diesem Augenblicke gemacht hatte, laut geaussert haben, denn die Zigeunerin sprach wie ein Orakel: "Es ist grosser die Welt zu hassen, als sie zu lieben; wer liebt begehrt, wer hasst, ist sich selbst genug, und bedarf nichts weiter als seinen Hass in der Brust und keinen dritten!"
Die Worte dienten ihr zur Parole, und ich erkannte durch sie, dass sie zu meiner Familie gehore. Nach einer Weile sagte sie ganz heimlich: "Ich mochte den Alten da unten in seinem lezten chemischen Prozesse, den er mit sich selbst anstellt, wohl noch einmal sehen; er liegt schon lange im Boden ob wohl noch was von ihm ubrig ist? Wir wollen's doch anschauen!" Nach diesen Worten schlich sie uber Schadel und Todtenknochen hin nach dem Gebeinhause, kehrte mit Schaufel und Hacke zuruck und grub sich still und geheimnissvoll in die Erde.
Ich liess sie bei der sonderbaren Arbeit allein, denn druben wandelte einer mit vielen Ausbeugungen und Krummungen um die Graber hin, wie wenn er ihm im Wege stehenden Gestalten auswiche; oft schien er zu lacheln, oft aber wandte er sich erschrocken und zitternd ab, und floh einige Schritte, bis er wieder vor einem neuen Gegenstande zuruckzubeben schien. Als ich ihm nahe war, fasste er meine Hand, und sagte tiefaufathmend: "Gottlob ein Lebender! Begleite mich nur bis zu jenem Grabe!" Ich hielts fur Wahnsinn und schritt mit ihm fort, um das Ende zu erwarten, oft drangte er mich, wenn ich einem Grabe zu nahe kam zuruck, dass ich die Luft daruber nicht beruhren sollte, zulezt aber schien er mehr Muth zu fassen, und ruhte eine Weile zwischen drei grossen Monumenten aus; es waren umgesturzte Saulen, und an den Tafeln standen die Namen verstorbener Fursten.
"Hier konnen wir etwas verziehen; sagte er, denn uber den Grabern steht nichts als Stein und Denkmal, und drunten im Boden mag hochstens noch eine Handvoll Staub, neben den Kronen und Zeptern zu finden sein; solche grossen Herren vergehen schnell, weil sie im Uberflusse geniessen und schon im Leben eine grosse Masse erdigter Theile in sich aufnehmen."
Ich sah ihn erstaunt an, da fuhr er fort: "Ihr haltet mich wohl gar fur toll; aber darin irrt Ihr! Ich betrete diese Orte nicht gern, denn ich habe einen wunderbaren Sinn mit auf die Welt gebracht, und erblicke wider meinen Willen auf Grabern die darunter liegenden Todten mehr oder minder deutlich, nach den Graden ihrer Verwesung7. So lange der Verstorbene unten noch unversehrt ist, so lange steht fur mich seine Gestalt deutlich uber der Gruft, und nur wenn der Korper sich mehr und mehr auflost, verliert sich auch das Bild in Schatten und Nebel, und verfliegt zulezt ganz wenn das Grab leer ist. Die weite Erde ist zwar ein einziger Gottesacker, aber die Gestalten der Verweseten nehmen eine freundlichere Gestalt an und bluhen als schone Blumen wieder auf; hier aber stehen sie noch alle deutlich umher und blicken mich an, dass ich erschrocken vor ihnen zuruckweiche. Nichts sollte mich auch bewegen diese Statte zu betreten, wenn mich nicht eine Schaferstunde hier erwartete!"
"Da hatte Euer Liebchen auch einen freundlichern Ort fur Euch erwahlen sollen!" sagte ich unwillig uber seine unbekannte Schone, als er eine Weile inne hielt.
"Sie ist dazu gezwungen!" antwortete er. Denn sie hat hier ihre Wohnung aufgeschlagen!"
Jetzt begriff ichs und verstand ihn, als er auf ein fernes Grab deutete "Dort unten ruht sie sie starb in der Bluthe, und ich kann nur hier nach ihrem Brautbette wandeln. Sie lachelt mir schon aus der Ferne entgegen, und ich muss eilen; denn seit einiger Zeit wird die Gestalt immer luftiger, und nur das Lacheln um die Lippen ist noch ganz deutlich."
"Das ist doch mindestens einmal eine etwas ungewohnliche Liebschaft, die ich erlebe, setzte ich hinzu ubrigens ist auf der Erde nichts langweiliger als ein Verliebter!"
Wir wandelten jetzt weiter fort, und er entwarf mir im Gehen noch fluchtig einige Skizzen von den Inhabern der Wohnungen an denen wir vorbei mussten.
"Dort hat sich ein Hofnarr noch gut gehalten, er steht vollkommen da, bis auf den Spott und die Satire in seinen Minen. Hier harrt ein Poet der Auferstehung entgegen, aber von ihm selbst ist nur wenig noch dazu vorhanden, denn ich sehe bloss leichten Duft, und muss die Phantasie anstrengen, etwas Gescheutes hineinzufinden. Da erblicke ich eine Mutter mit dem Kinde an der Brust, und beide lacheln! (Es erschutterte mich, denn es war grade das Grab der Ophelia!) Hier liegen ein Finanzier und ein Politiker beisammen, aber an beiden ist schon vieles defekt. Jenes soll das Grab eines beruhmten Geizhalses sein, er halt noch mit der schon verschwindenden Hand den Zipfel seines Leichentuches fest!"
Jetzt waren wir zur Stelle, und er bat mich ihn zu verlassen; aus der Ferne sah ich nur noch wie er die Luft umarmte und heisse Kusse ausstromte es war eine recht seltsame Schaferstunde!
Indess hatte die Wahrsagerin das Grab des Vaters gesprengt, und der morsche Sarg hob sich aus dem Boden; neugierig gleitete das Mondlicht an den halb verwitterten Schildern und Verzierungen hinab, und das Kruzifix auf dem Deckel blinkte hell und weiss. Mir war doch ungewohnlich zu Muthe, als die alte graue Vergangenheit noch einmal sich in der Gegenwart umsah, und die lezte Wiege des Vaters, die ihn in den langen Schlummer wiegte, heraufstieg. Ich zogerte den Deckel zu heben, und redete in der Pause, um mir selbst Muth zu machen, einen Wurm an, den ich ergriff, als er sich eben bei dem Sarge aus dem Boden wuhlte:
"Ausser den Favoriten und Gunstlingen der Grossen und Herren, giebt es nur noch ein Volkchen, das es sich recht eigentlich an den Brusten der Majestat wohl sein lasst; und zu diesem gehorst du, Minirer! Der Konig ernahrt sich von dem Marke seines Landes, und du dich wieder von dem Konige selbst, um die verstorbene Majestat, wie Hamlet sagt, nach einer Reise durch drei oder vier Magen, wieder in den Schooss, oder mindestens in den Bauch ihrer getreuen Unterthanen zu fuhren. An dem Gehirne wie vieler Konige und Fursten hast du dich gemastet, du fetter Schmarozer, bis du zu diesem Grade von Wohlbeleibtheit gekommen bist? Den Idealismus wie vieler Philosophen hast du auf diesen deinen Realismus zuruckgefuhrt? Du bist ein unwiderlegbarer Beleg fur die reelle Nuzlichkeit der Ideen, da du dich an der Weisheit so mancher Kopfe wacker gemastet hast. Dir ist nichts mehr heilig, weder Schonheit noch Hasslichkeit, weder Tugend noch Laster; alles umwindest du Laokoons Schlange, und beurkundest deine intensive Erhabenheit an dem ganzen Menschengeschlechte. Wo ist jezt das Auge das so bezaubernd lachelte, oder so drohend gebot Du Satiriker sizest allein in der leeren Knochenhole und schauest frech und boshaft um dich, und machst das Haupt zu deiner Wohnung, und zu etwas noch schlechterm, in dem sonst die Plane eines Casar und Alexander geboren wurden. Was ist nun dieser Pallast, der eine ganze Welt und einen Himmel in sich schliesst; dieses Feenschloss, in dem der Liebe Wunder bezaubernd gaukeln; dieser Mikrokosmus, in dem alles was gross und herrlich, und alles Schreckliche und Furchtbare im Keime nebeneinander liegt, der Tempel gebar und Gotter, Inquisitionen und Teufel; dieses Schwanzstuck der Schopfung das Menschenhaupt! die Behausung eines Wurmes. O was ist die Welt, wenn dasjenige was sie dachte nichts ist und alles darin nur voruberfliegende Phantasie! Was sind die Phantasieen der Erde, der Fruhling und die Blumen, wenn die Phantasie in diesem kleinen Rund verweht, wenn hier im innern Pantheon alle Gotter von ihren Fussgestellen sturzen, und Wurmer und Verwesung einziehen. O ruhmt mir nichts von der Selbststandigkeit des Geistes hier liegt seine zerschlagene Werkstatt, und die tausend Faden, womit er das Gewebe der Welt webte, sind alle zerrissen, und die Welt mit ihnen. Auch der Alte hier in seiner Kammer wird schon seine Theaterkleider abgeworfen haben, und dieser boshafte Bube, in meiner Hand, kommt vielleicht eben von dem Kehraus, dem er hier in der vaterlichen Behausung beigewohnt hat; doch mag's sein ich will ergrimmt in das Nichts schauen, und Bruderschaft mit ihm machen, damit ich keine menschlichen Reste mehr verspure, wenn es auch mich zuletzt ergreift!"
Ich war jezt stark und wild genug den Deckel zu heben, ob ich gleich fuhlte, dass dieser Grimm und Zorn, wie Alles ubrige, auch mit zum Nichts gehore.
Wie seltsam als das stille Schlafkammerchen sich aufthat, in dem ich keinen Schlafer mehr erwartete, lag er noch unversehrt auf dem Kissen, mit blassem ernsten Gesichte und schwarzen krausen Haaren um Schlafe und Stirn; es war noch die abgeformte Buste vom Leben, die hier in dem unterirdischen Museum des Todes zur Seltenheit aufbewahrt wurde, und der alte Schwarzkunstler schien dem Nichts Troz bieten zu wollen.
"So sah er aus, als er den Teufel bannte!" sagte die Wahrsagerin "Nur haben sie ihm nachher die Hande gefaltet, dass er hier unten wider Willen beten muss!" "Und warum betet er denn?" fragte ich zornig da druben uber uns im Himmelssee funkeln und schwimmen zwar unzahlige Sterne, aber wenn es Welten sind, wie viele kluge Kopfe behaupten, so giebt es auch Schadel auf ihnen und Wurmer, wie hier unten; das geht so fort durch die ganze Unermesslichkeit, und der Baseler Todtentanz wird dadurch nur um so lustiger und wilder und der Ballsaal grosser O wie sie alle, die auf den Grabern umherlaufen, und auf einer tausendfach geschichteten Lava vergangener Geschlechter wie sie alle nach Liebe wimmern, und nach einem grossen Herzen uber den Wolken, woran sie mit allen ihren Erden einst ruhen konnen! Wimmert nicht langer diese Myriaden von Welten saussen in allen ihren Himmeln nur durch eine gigantische Naturkraft, und diese schreckliche Gebarerin, die alles und sich selbst mit geboren hat, hat kein Herz in der eigenen Brust, sondern formt nur kleine zum Zeitvertreib, die sie umher vertheilt haltet euch an diese, und liebt und girrt so lange diese Herzen noch zusammenhalten! Ich will nicht lieben, und recht kalt und starr bleiben, um wo moglich dazu lachen zu konnen, wenn die Riesenhand auch mich zerdruckt!"
"Der alte Schwarzkunstler scheint zu meiner Rede zu lachen! Weisst du es etwa besser, Teufelsbanner und steigt uber diesem zertrummerten Pantheon ein neues herrlicheres auf, das in die Wolken reicht, und in dem sich die kolossalen ringsumher dasizenden Gotter wirklich aufrichten konnen, ohne sich an der niedern Decke die Kopfe zu zerstossen wenn es wahr ware, so mochte es zu ruhmen sein, und es durfte schon die Muhe verlohnen zu zu schauen, wie mancher unermessliche Geist auch seinen unermesslichen Spielraum erhielte, und nicht mehr zu wurgen brauchte und zu hassen, um gross zu sein, sondern frei in die Himmel emporsteigen konnte, um dort sein strahlendes Gefieder auszubreiten. Der Gedanke konnte mich fast erhizen! Nur alle durften sie mir nicht erstehen wollen; alle nicht! Was wollten so viele Pygmaen und Kruppel in dem grossen herrlichen Pantheon, in dem nur die Schonheit thronen soll, und die Gotter! O man schamt sich dieser Gesellschaft ja oft genug schon auf Erden, wie konnte man den Himmel mit ihnen gemeinschaftlich theilen! Nur ihr mogt euch aus dem Schlummer erheben, ihr grossen koniglichen Haupter, die ihr mit den Diademen in der Weltgeschichte erscheint, und ihr begeisterten Sanger, die ihr von den Koniglichen entzuckt redet und sie verherrlicht! Die andern mogen ruhig schlafen und recht sanft, auch angenehme Traume haben, die gonne ich ihnen von Herzen!"
"Mit dir, alter Alchymist, mochte ich den Weg schon antreten; nur betteln sollst du mir nicht um den Himmel nicht betteln lieber ertroze ihn, wenn du Kraft hast. Die sturzenden Titanen sind mehr werth, als ein ganzer Erdball voll Heuchler, die sich ins Pantheon durch ein wenig Moral und so und so zusammengehaltene Tugend schleichen mochten! Lass uns dem Riesen der zweiten Welt gerustet entgegengehen; denn nur wenn wir unsere Fahne dort aufpflanzen, sind wir es werth dort zu wohnen! Lass das Betteln; ich reisse dir die Hande mit Gewalt auseinander!"
"Wehe! Was ist das bist auch du nur eine Maske und betrugst mich? Ich sehe dich nicht mehr Vater wo bist du? Bei der Beruhrung zerfallt alles in Asche, und nur auf dem Boden liegt noch eine Handvoll Staub, und ein paar genahrte Wurmer schleichen sich heimlich weg, wie moralische Leichenredner, die sich beim Trauermahle ubernommen haben. Ich streue diese Handvoll vaterlichen Staub in die Lufte und es bleibt Nichts!"
"Druben auf dem Grabe steht noch der Geisterseher und umarmt Nichts!"
"Und der Wiederhall im Gebeinhause ruft zum leztenmale Nichts!
Fussnoten
1 Diese Nachtuhren sind so eingerichtet, dass der Nachtwachter jedesmal in ein bis dahin verstektes Loch, das erst bei der bestimmten Stunde hervorrukt, einen Zettel stekt, zum Belege, dass er regelmassig umhergegangen ist. Am Morgen schliesst dann ein Polizeyoffizier die Uhr auf, um zu sehen, ob in jedem einzelnen Loche der Zettel sich vorfindet. 2 Auf den hollandischen Dukaten steht ein geharnischter Mann. 3 So hiess der eine Akteur der zu Thespis Zeit mit dem Chore die ganze Tragodie ausmachte. 4 S. dessen Gedicht uber die Natur. 5 Gothe's Triumpf der Empfindsamkeit. 6 Irgend ein Naturforscher stellt die Hypothese auf, dass die ersten Insekten nur Staubfaden an Pflanzen waren, die sich durch ein Ohngefahr von ihnen trennten. 7 Ein Beispiel dieser orginellen Geisterseherei findet sich, wenn ich nicht irre, in Moritz Magazin der Erfahrungsseelenkunde.