Friederike Helene Unger
Albert und Albertine
Die fruhe sich verloren hatten,
Die finden sich im Abendschatten,
Und eilen Hand in Hand zur Ruh.
Erstes Kapitel
Vergebens hatte Albertine am Ufer des Baches Gras und Gestrauch durchsucht; nirgend, nirgend war der werthe Ring zu finden. "Er ist verloren," rief sie schmerzlich. Die Abendsonne rothete ihr Gesicht und liess eine Thrane der Beangstigung sichtbar werden.
Traurig liess sie sich am Ufer des Baches nieder, das zarte Handchen auf ein Polster von Moos stutzend. Plotzlich fiel, unfern von ihr, ein Schuss im Schilf; sie sprang auf. Eine mannliche Stimme rief voll Entsetzen: Herr Jesus! und in dem Augenblick stand ein junger, schoner, stattlicher Jager vor Albertinen.
Albert hatte an dem Gerausch vernommen, dass sich da, wo er nur Enten vermuthete, etwas viel Besseres in seiner Schusslinie befande. Rasch warf er die Flinte von sich und eilte der Stelle zu.
Uber alle Beschreibung uberraschte ihn die Gegenwart des reizvollen jungen Madchens, das er, dem schlichten anspruchlosen Anzuge nach, fur ein gewohnliches Landmadchen gehalten hatte, wenn der edle hohe Anstand der schonen Gestalt und die Fulle von Geist aus dem dunkelblauen Auge, ihn nicht eines andern belehrt hatte.
Im ersten Momente glaubte Albert, ein leichtes Gesprach anknupfen zu konnen. Jetzt aber schamte er sich so, dass er sich nur in Alltagsformeln uber den Schrecken auszubreiten wusste, den ihr sein Schuss verursacht haben musste.
"So leicht erschrecke ich nicht," antwortete Albertine ganz unbefangen; "ich schiesse zum Scherz wohl selbst zuweilen ein Gewehr ab."
Jetzt buckte sie sich, und begann von neuem den Ring zu suchen. Albert buckte sich und suchte emsig mit, ohne zu wissen was? "Was suchen denn Sie?" fragte Albertine lachelnd. Albert sahe ihr ins Auge und lachelte beschamt. Nun erzahlte sie, dass sie am fruhen Morgen hier mit einer Freundin gewesen sei, Krauter zu suchen, wobei sie einen Ring verloren habe, welchen sie erst nachher vermisste.
"Der Ring ist von grossem Werth?" sagte Albert. "F u r m i c h von unsaglichem," erwiederte Albertine lebhaft. "Ein Haargeflecht von ganz so schonem glanzend blondem Haar, als das Ihrige ist, umschlingt ihn." Hier zeigte sie mit kindlicher Unschulds Geberde auf Alberts volle blonde Locken, die seine schone weisse Stirn umflossen.
Albert errothete. Gewiss ein Pfand der Liebe, dass sie der Ring so kummert, dachte er mit einigem Unmuthe. Doch war er zu delicat, irgend eine Bemerkung der Art laut werden zu lassen. Der reine Ausdruck ihres unschuldvollen Gemuthes gebot ihm Ehrfurcht. Daher keine Frage um Stand und Namen. Auch Albertine fragte nicht darnach; ihr war es genug, er war liebenswurdig und bescheiden; auch hatte der reine Tenor seiner biegsamen Stimme, schon leise zu seinem Besten bei ihr gesprochen. Zutraunsvoll legte sie ihren Arm in den seinigen, als sie sich wegbegeben wollte, wobei sie ungezwungen ausserte, ihrem Onkel, der gern Gesellschaft bei sich sahe, wurde seine Bekanntschaft sehr angenehm seyn.
Unterweges sprach Albert von den Vorzugen des Landlebens. Albertine druckte sich mit Warme uber Naturgenuss aus; doch gestand sie freimuthig, das fortwahrende Landleben habe ihr Langeweile gemacht, deshalb habe sie ihren Bruder verlassen und sich zu ihrem Onkel begeben, der nur die Sommermonate auf seinem Landsitze zubringe.
Alberten gefiel dies offene Gestandniss, je seltener es war; weil mehrentheils die entschiedensten Weltfrauen sich fur die Stille des Landlebens zu erklaren affectiren, die dann freilich ihrer erschlafften Existenz durch Landluft und Badecur neue Spannung, zum Vollgenuss des bunten Weltlebens verschaffen mussen.
Schon schwebte Alberten eine Artigkeit hieruber auf der Zunge, doch hielt er sie zuruck, als er Albertinen sich uber so mancherlei, so sinnig und gehaltreich auslassen horte; er wurde sich ihr gegen uber mit irgend einer Stutzer Galanterie, unbeschreiblich fade erschienen seyn. So wie sich ihm mit jedem ihrer Worte, neue Schonheiten ihrer geistvollen Bildung entwickelten, wurde sie ihm interessanter. Der lange Weg langs der duftenden Wiese und durch das kleine Buchenwaldchen, dunkte ihm gar zu kurz, als sie an Albertinens Wohnort, einem geschmackvollen einladenden Landhause angekommen waren.
Zweites Kapitel
Durch einen Lauben-Gang bluhender Akazien, wurde Albert in einen elegant geschmuckten Salon eingefuhrt, wo einige Herrn und Damen um einen Theetisch versammelt sassen. Ganz isolirt thronte ein zierlicher Herr aus der Classe alter Junglinge, hoch in einem grunattlassenen Armstuhl, die geschwollenen Beine weit uber ein elastisches Kissen vor sich hinstreckend. Er war Albertinens Onkel, der reiche, ubersatte Banquier Dammrig.
Als Albertine ihm ihren Begleiter vorstellte, luftete er ein wenig das seidne Baret vom kunstlich nachlassigen Haar und fragte mit grellem nasenden Ton: "wer wen hm, hm, hat man die Ehre?" Albertine blickte verlegen auf Alberten; daran hatte sie warlich noch nicht gedacht. Plotzlich flog es ihr durch die Seele, sie konne wohl etwas thorichtes begangen haben. Befriedigend war ihr also seine Antwort, als er sich Albert von Ulmenhorst nannte. Wie er sagte, war er erst kurzlich von seinen Reisen zuruck gekommen und bewohne jetzt sein in der Nachbarschaft gelegenes Gut Ulmengrund.
Die sussen Wortlein: v o n und R e i s e n , durchfuhren den weiblichen Kreis, der bis dahin keine Notiz von dem schonen Jager genommen hatte, wie ein elektrischer Schlag. Zum hohen Verdrusse eines jungen strupfkopfigen Schongeistes, der eben ein Manuscript vorlesen wollte, rief die prima Donna der kleinen Witzbuhne mit geziertem Tone: "Albertine! wollen Sie uns ihren Fremden nicht auch vorstellen. Mon cher, ich pratendire, sie sollen uns den fremden Herrn nicht vorenthalten." Dieser mon cher, war der Onkel mit den geschwollenen Beinen.
Albertine stellte ihren Begleiter mit der leichten Grazie und dem unbefangenen Anstand, womit sie alles that, der ubrigen Gesellschaft vor. Albert wurde durch den Platz neben der prima Donna der Madame Rosamund ausgezeichnet, welches der junge Schwedenkopf gar ungnadig zu vermerken schien; denn er schnitt greuliche Gesichter und warf das Manuscript recht ungezogen auf den Tisch, auch machte er Alberten nur so eben Platz, als ob es in einem grossen Gedrange gewesen ware, wie dieser vor ihm vorbei zu seinem Sitze ging; dabei erwiederte er dessen hofliche Verneigung gar nicht, und setzte sein Gesprach so laut fort, als ob gar keine Veranderung in der Gesellschaft vorgefallen sei, ausser dass er jetzt auf eine unverstandige Weise, in der Geschwindigkeit einige Invectiven gegen den Adel einzumischen affectirte, nachher Alberten in allem widersprach, ohne jedoch das Gesprach unmittelbar an ihn zu richten; denn das ware ja hoflich gewesen.
Als eine von den Damen anmerkte, es sei ein sonderbarer Zufall, welchem die Gesellschaft die Gegenwart des Herrn von Ulmenhorst verdanke, schnitt der Strupfkopf Alberten die Antwort vor dem Mund weg, um zu beweisen, dass es eigentlich gar keinen Zufall gabe. Nachdem er nun eine gute Zeit lang den Begriff durch ein gar kunstvolles Raisonnement verzerrt und verdustert hatte, liess er ab; er hatte nun seine Absichten erreicht, Alberten um das Gesprach zu bringen und die hohe Bewundrung der Damen zu verdienen, die gar nicht begreifen konnten, wo er in aller Welt nur allen Verstand hernahme? Albert an seinem Theile begriff nicht, wie einer zum frohen Geistesgenusse versammelten Gesellschaft, so ein pedantischer Galimatias hingegeben werden durfe. Dabei aber wurde er inne, dass er sich in einem asthetischen Theeklub befande, in einer der Witz-Trodel-Buden, wo alte Waare neu aufgestutzt, von Unkundigen angestaunt wird. Er nahm sich vor, ein stiller, aber desto aufmerksamerer Beobachter zu seyn.
Albertine warf es Alberten scherzend vor, dass er sie beinahe erschossen hatte. Auch hier warf sich der Rundkopf mit wieherndem Gelachter dazwischen, indem er bemerkte, dies gabe einen schonen Stoff zu einem komischen Heldengedichte, indem es ganz neu sei, dass der Ritter seine Dame fur eine wilde Ente ansahe. Albertine errothete; Albert schwieg indignirt, ob dem arroganten Ton, und die Damen begriffen wieder nicht, wo ihr Freund all den Witz hernahme?
"Wollen Sie uns nicht etwas von ihren Reisen mittheilen, mein Herr von Ulmenhorst?" lispelte Frau Rosamund. "Das musste interessant seyn," setzte der Tituskopf Wassermann hinzu. Albert antwortete den Damen etwas, wobei ihm der Name W e i m a r entfiel. Alle Weiber fassten dies rasch auf und alle fragten im Unisono: "also haben sie Gothe gesehen?"
"Er war der Zweck meines dasigen Aufenthalts."
"Oh! Oh! Gothe!!" wieder im Unisono.
"Bitte, bitte, lieber, lieber Herr von Ulmenhorst, sagen Sie uns doch recht viel, aber recht recht sehr viel, von Papa Gothe," zwitscherte das liebe alte Kind Elisa, Dammrigs Schwester. "Wir werden Sie ja naher kennen lernen."
Schon offnete Albert freundlich die Lippen, den Frauen zu willfahren, als Wassermann sich wuthig dazwischen sturzte. Ein Ungeweihter sollte nie uber Gothe sprechen, sagte er; den e r ganz allein nur verstand und begriff. Uberdem war er ein Philosoph, der alle Dinge wusste, alles ergrundete und sich nie der erbarmlichen Krucke der invaliden Menschheit, der Erfahrung bediente, die ihm ein Greuel war. Nur in dem grossen Lazarethe geistiger Kruppel brauchte man diesen traurigen Nothbehelf. Wollten es die guten Gotter, sagte er oft, ich ware taub und blind geboren, meine Begriffe uber tausend Erscheinungen waren in und aus mir selber ausgesprochen, richtiger, als sie es durch die gemeine Einwirkung der Sinne geworden sind!
So gestand er zwar jetzt, dass er Gothe in seinem ganzen Leben nie anders, als in sehr unvollkommenen Abbildungen gesehen habe; indess stehe ihm das Bild des Verehrten so lebendig aus seinen Werken vor der Seele, dass er ihn Zug fur Zug abzucontrefayen im Stande sei. Und nun begann der gute Wassermann das Werk; er sprach vom ewigen Schnitte des Gesichts, von Mundwinkeln, von Lippenoffnung, vom Augenaufschlagen, von Nasenflugeln. Sie begreifen es, meine Damen, das acht gebildete Wesen, das rein menschliche, muss stets von schoner Form umgeben seyn. Aber der rohe Haufen hat keine Ahnung von dem Formellen, will nur immer Stoff und wieder Stoff. Sie verstehen mich, meine Schonen!
Es erscholl ein zweideutiges: O ja! Albert schuttelte bedenklich den Kopf und betheuerte auf seine Ehre, an dem allen sei keine Sylbe wahr; Gothe's Bild sei durchaus Zug vor Zug verfehlt. Als hier Wassermann rasend schrie, Ulmenhorst musse sich resigniren und eingestehen, Gothe sei ihm eine zu hohe unbegreifliche Erscheinung, die sich ihrer Uberlegenheit uber gemeine Menschen Natur bewusst, wie ein Gott da stehe, wurde der zartsinnigen Elise bange; sie durchschnitt den beginnenden Streit mit der Frage, ob Albert den grossen Dichter der Iphigenie wohl im Negligee gesehen habe? und von welcher Facon er es trage? Hier bekam Wassermann einen schonen Anlass, uber die kleinliche Neugier der Weiber zu spotten; denn nie liess er eine Gelegenheit vorbei, etwas Verachtliches uber das Geschlecht zu sagen, dem er insgeheim mit Heisshunger nachjagte.
"Gothe" erwiederte Albert, als er endlich zum Worte kommen konnte, "erscheint allen, die ihn begreifen, deren unbefangene Natur in seine schone Individualitat eingreift, im liebenswurdigsten Negligee, und nie erscheint er solchen aufgesteift mit dem ranailleusen 'Minister Air,' wie der gute Lavater das irgendwo sehr sonderbar nennt. Diese Seite wendet er nur heterogenen Naturen und unberufenen Erklarern der seinigen mit gerechtem Selbstgefuhl zu."
"Mochte ich mich diesem Edlen entgegen ranken konnen," lispelte Elisa! "Mochte ich in der seligen Fluth des Genusses seiner Freundlichkeit untergehen konnen!" Frau Rosamund belachelte Elisens Schwarmerei und meinte, die Gute werde die Sehnsuchtsklange ihrer Seele in Klagliedern grunen lassen mussen.
Wassermann schoss wahrend dem grimmige Blicke und schwieg, weil ihm eben nicht etwas recht grobes einfiel.
"Unserm Freunde schwebt ein schoner Einfall auf den Lippen," sagte Laurette, schneidend boshaft; "heraus damit."
"Um der Gotter willen! Mademoiselle, verschonen Sie mich mit dergleichen Voraussetzungen. Witz, nebst seinen Aborten, den Einfallen, uberlassen reelle Producenten gern den Damen und ihren vielfarbigen Rittern."
"Unser Freund spricht und spielt mit Sonnenstrahlen," entgegnete Frau Rosamund. Ernst und Scherz, Witz und Laune, horte sie, wie eine Schaar von Rosen, sich in ihm regen.
"Oh! a propos vom Witz! Wo bleibt Antonie? Immer bleibt sie uns noch die Vorlesung ihres Romans schuldig," sagte Elise.
"Ihr Bedienter hat jetzt nicht Zeit zum Schreiben; er muss die Farben reiben, Antoniens Jugend aufzufrischen," sagte Wassermann, im unangenehmsten Tone.
"Wie?" rief Laurette, ihm drohend; "haben Sie die platten Erzeugnisse dieser Schleichhandlerin mit fremden Gedanken, dieser Ideen Diebin, nicht bis in den Himmel erhoben?"
"Habe ich je ihren Wasch und Kochzeddel bewundert? sie sind warlich das Beste, was sie edirt. Ich habe irgendwo ihre Anspruche beleuchtet, und ich verspreche Ihnen, mes Dames, sie soll uns das Epigramm selbst vorlesen, wodurch ich sie vernichte."
"O schon! schon!" riefen Antoniens Herzensfreundinnen. "Die Narrin muss endlich auf ihr Nichts reducirt werden. Sie hat keinen Funken producirender Kraft."
"Kraft!" schrie Wassermann; "was ist Kraft? Am Ende doch nichts anders als eine precare Anleihe an die Phantasie, oder die Magd derselben. Warum vergeuden sie so viel Geistesaufwand an diese pitoyable Erscheinung." "Antoniens intellectuelle Tendenzen sind die miserabelste Misere, der schmutzigste Nachdruck des unverstandigsten Unverstands," setzte die superfeine Frau Rosamund mit gespitztem Maulchen hinzu.
"Schon, herrlich!" rief Wassermann. "Das war eine superbe Skizze zu einem grossen Gedanken."
"Sollte sich wirklich etwas Schones uber die gemeinste Gemeinheit sagen lassen?" meinte Laurette, eine zweite Nichte des Bankiers, die sich durch ihre Herzlosigkeit, ihren schneidenden absprechenden Ton, ihre Unempfanglichkeit fur zartere Weiblichkeit, ihr rasches Aufnehmen jeder Verschrobenheit, den Beinamen, d i e P h i l o s o p h i n in diesem Zirkel erworben hatte.
So schleppte sich das Gesprach in dem einmal angegebenen Ton uber Antonien, die sonst die Seele, das Idol dieser Versammlung zu seyn schien, immer weiter. Albert war nun im Ernste verstummt; ihm graute vor diesem Don Lucifer und der falschen Klike. Aber wohl thats ihm im Innersten, dass Albertine dem allem ganz fremd blieb und sich indess mit Aufmerksamkeit um ihren Onkel muhete, um den sich sonst Niemand zu bekummern schien.
Antonie hatte ganz lyrisch, mit Rosen bekranzt, und mit Gesang, den Kreis der Freunde, gleich einer himmlischen Erscheinung, plotzlich durchschweben wollen, sie hatte das freundliche, sie betreffende, Gesprach in einem anstossenden Cabinett belauscht und sturzte jetzt ziemlich furienartig, heraus. "Ha! Schlangen! ihr hattet mich umwunden; jetzt verletzt euer Gezisch mein Ohr! Unter den Blumen eurer verhassten Reden schlummern Nattern. Von nun an scheide ich von euch aus; aber empfinden, ja empfinden sollt ihr's. Euer Ruf ist dahin, den ubernehme ich; in den Koth mit ihm, und ihr, ihr fahret zur Holle!"
So sturzte sie heulend und schimpfend zur Thur hinaus, und gab Lauretten, die sich ihr in den Weg stellte, einen so kraftigen Stoss, dass diese taumelnd zuruck fiel.
Rosamunde erklarte, sie sei petrificirt. Elise behauptete, sie sei complett in einen Fels verwandelt. Laurette schickte Antonien ein schallendes Gelachter nach, weil ihr eben die Geistesgegenwart zu etwas recht Boshaftem fehlte.
Traurig legte Elise den Lorbeerkranz bei Seite, womit sie eben heut Gothe's neu angelangte, und in dem Versammlungssaal aufgestellte, Buste feierlich hatte kronen wollen; sie zwitscherte leise die dazu aus des Dichters Tasso erwahlten Worte, als sie den Kranz, bis auf weitern Bescheid, in den zierlichen Schrein zurucklegte.
"Die war ganz gottlich grob," rief der Herr mit den geschwollenen Beinen. Ihm hatte der Auftritt unsaglich viel Spass gemacht. Er nannte ihn ein wunschenswerthes Intermezzo in einem zum sterben trockenen Drama. Auch belachte der gute Herr die Szene sowohl, als seinen schonen Einfall daruber, so unmassig, dass er darob in einen Stickhusten gerieth, der vor der Hand aller Unterredung ein Ende machte.
Nachher bemerkte Madame Rosamund, die den Einfall mit dem Drama und dem Intermezzo sehr ubel empfunden hatte, mon cher werde besser thun, sich auf sein Zimmer zu begeben, als die Unterhaltung so ungeziemend zu unterbrechen. Mon cher, der je und je seinen Witz in platten Ausfallen gegen die Ehe und den Hausstand ergossen hatte, war gut genug erzogen, dem Winke einer gebietenden Maitresse sogleich zu gehorchen. Er rief einen Bedienten, der ihn wegfuhrte, indess er noch immer betheuerte, dieser Auftritt sei die artigste kleine Falschheit, die drolligste Plaisanterie, die ihm je vorgekommen sei.
Mit allerliebst freundlichem Gesicht folgte Albertine ihrem Onkel und trug ihm Tabatiere und Arzneiglas nach.
"Dem Kinde wird die Zeit unter uns lang," sagte Wassermann, Albertinen bedeutend nachwinkend, den andern Weibern die Cour zu machen. Im Herzen hielt er Albertinen weder fur ein Kind, noch seiner Bemerkung unwerth. "Es ist naturlich," entgegnete Rosamunde. "Wo soll sie's herhaben? Das ist vom Lande und kennt nur seinen Gellert und seinen Haushaltcalender." "Um Verzeihung, liebes Tantchen," gellte Laurette dazwischen, die, um sichs recht wohl seyn zu lassen, vor Rosamunden kroch, und sie Tante nennte; "um Verzeihung, sie hat wirklich auch die schone Genoveva und den Kaiser Octavian gelesen; ja wahrhaftig das hat sie." "Lassen sie mir das gute Kind mit Frieden," sagte Elisa gutmuthig; "es liegt recht viel in ihr und sie betreibt sehr ernste Studien mit ihrer Madame Euler."
Albert hatte in diesem Augenblick die Tante recht lieb, um des Guten willen, das sie von Albertinen sagte; er hoffte jetzt mehr von ihr zu erfahren, aber das Gesprach wendete sich, als von einem zu gehaltlosen Gegenstand, wieder von ihr ab und auf literarische Erorterungen, die, weil sie alle von einem Schlage waren, unserm Albert so wenig zusagten, dass er sich empfehlen wollte. Das gaben aber die Damen schlechterdings nicht zu, und die Wahrheit zu sagen, liess er sich auch recht gern erbitten. Albertine war ihm in den fluchtigen Augenblicken seiner Bekanntschaft mit ihr sehr werth geworden. Die Feinheit und Grazie ihres Benehmens war ihm nicht entgangen; er wunschte von ihren Verhaltnissen zu diesem seltsamen Geschlechte mehr zu erfahren; sie schien ihm keinem unter allen diesen durch Liebe anzugehoren, und die naturlichen Bande ziehen nicht stark genug, entgegenstrebende Naturen einander naher zu bringen.
Die sturmische Szene mit Antonien hatte alle Faden der Unterhaltung zerrissen; es war nicht moglich, fur diesen Abend zu einem ertraglichen Ton zu gelangen, und Wassermann raffte hastig und unter murrischen Ausserungen seine Hefte zusammen. Die Damen waren untrostlich uber den Misston, der die reine Harmonie der Gesellschaft gestort hatte, und hofften in kunftiger Session alles wieder in Einklang zu bringen. Und dann waren sie doch auch wieder so hoch erfreut, dass ihr Kranz durch eine so hoch und hehr bluhende Blume, an deren Wohlgeruch sie sich kunftig noch erquicken wurden, erweitert sei; nemlich sie freuten sich, dass Albert ein Genosse wurde; doch machten sie es zur Bedingung, dass Albert in den nachsten Sitzungen etwas von seinen geistigen Erzeugnissen vorlesen musse.
"O ja, thun Sie's ja," fugte Wassermann hinzu: "vermuthlich haben Sie sich auf Ihren Reisen nach grossen Mustern gebildet, und in dem, was der Mensch, der ein Ganzes ist, producirt, spricht er sich ganz aus." Diese Rede begleitete er mit einer unertraglich hamischen Pantomime und einem Lachen, das nicht beleidigender seyn konnte.
"Ich werde I h n e n etwas vorlesen, wenn die Damen es mir vergonnen wollen; ubrigens danken Sie es diesen, wenn ich Ton und Geberde bei ihren Reden ungerugt lasse und d i e s m a l mit dem geziemenden Stillschweigen verachte."
Elise, die susse Seele, warf sich mit einem "Bitte, Bitte, Herr von Ulmenhorst," dazwischen, legte ihren Arm in seinen, die andern folgten und sie schlenderten friedlich zum Speisesaal hin.
Herr Dammrig sass schon an der obern Ecke des Tisches, sein restaurirendes Kraftsuppchen geniessend. Albertine war im Gesprach mit einer Dame begriffen, die Albert vorher noch nicht gesehen hatte, deren geist- und gutevoller Ausdruck auf einem nicht mehr ganz jungen Gesicht, in dem alles sprach, was reichlichen Ersatz fur verbluhte Jugend giebt, ihn aber unbeschreiblich anzog. An der liebevollen Hinneigung zu Albertinen begriff er, dass es die Madame Euler seyn musse, mit der die junge Schone sich im Stillen so ernsthaft beschaftigen sollte.
Bei Tische war die Unterhaltung allgemein. Albertinen in ein b e s o n d e r e s Gesprach zu ziehen, gelang Alberten diesen Abend weiter nicht, und so ruckte die Stunde des Aufbruchs herbei, ohne dass er erfuhr, ob Albertine ihn genug auszeichne, um sein Wiederkommen zu wunschen. Denn als die Hauptacteurs des literarischen Klubs ihn zur nachsten Session einluden, gab sie durchaus kein Zeichen von Theilnahme; doch dunkte ihm, in ihrem lieblichen Gesicht sei ein holdes zustimmendes Lacheln aufgegangen, als der Onkel ihm treuherzig sogte: "ja kommen Sie, ich bitte, recht bald; da wollen wir den Andern einen Schmauss von unsern Reiseabentheuern auftischen. Ich bin weit gewesen, mein Herr von Ulmenhorst, und habe viel, viel gelebt. Ecce signum," indem er mit gellendem Gelachter auf sein verfallenes Postament hinwiess.
Albert empfahl sich zogernd, immer noch etwas von Albertinen erwartend; sie war aber merklich stiller geworden, als ihre unholde Cousine Laurette einigemal mit schnoden Reden scharf uber sie hingefahren war, und so musste er endlich wohl gehen.
Unterwegs uberdachte er dies artige Abentheuer und that den kleinsten Vorfallen desselben Gewalt an, irgend etwas wohlthuendes fur sein Herz heraus zu grubeln. Aber immer war es nichts weiter, als dass Albertine seinen Tiras gestreichelt, und da er jetzt gegangen war, das Fenster geoffnet hatte; ob, ihn noch mit den Augen zu begleiten, oder des Mondhellen Abends zu geniessen, war und blieb dem angehenden Verliebten die grosse, ihm lange unbeantwortete, Frage.
Drittes Kapitel
Und Albertine? hatte sie nur in den Mond, nicht nach dem schonen Jager gesehen? Wir wissen es nicht, und ihrer Freundin, mit der sie sich vor Schlafengehen ganz ruhig unterhielt, hat sie nichts davon vertraut. So gar kein armes Wortchen sollte sie uber eine neue interessante Bekanntschaft zu der Freundin ihres Herzens gesagt haben? Da ware sie ja die einzige junge Dame auf Erden, die nicht Stunden lang Bemerkungen uber so etwas mitzutheilen hatte. Albertine liess sich aber wirklich nichts weiter verlauten, als dass Ulmenhorst ein sehr rechtlicher junger Mann zu seyn schiene und durch sein Ausseres vortheilhaft fur sich einnahme. Das war es alles, guter Albert. Deine reizende neue Bekanntschaft hatte kein Herz und keine Hand mehr zu verschenken, warest du auch der heilbringende Engel Gabriel gewesen. Hand und Herz gehorten ihrem Louis, dessen Gattin sie schon in ihrem siebenzehnten Jahre geworden war. Der uber Deutschland losgelassene Krieg hatte ihn seit zwei Jahren von ihrer Seite gerissen und seit dem die Deutschen Armeen sich Frankreichs Grenzen genahert hatten, waren alle Nachrichten von ihm ausgeblieben; sie schwankte zwischen der grausamen Alternative, ob er gefangen oder bei dem Uberfall von Bitsch geblieben sei? Sie konnte das todtende Schweigen nicht erklaren. Da alle Erkundigungen fruchtlos blieben, musste sie sich beinahe fur eine Witwe halten, wogegen ihr Gefuhl allmachtig strebte und ihr ganzer jugendlicher Frohsinn nicht Stich hielt.
Bei seinem Ausmarsch hatte er Albertinen, sein Liebstes auf Erden, gebeten, ihrer grossen Jugend wegen nicht allein in dem grossstadtischen fluthenden Leben zu bleiben, sondern sich zu ihrem Bruder, der ein artiges Gut besass, auf das Land zu begeben. In diesen Augenblicken hochster Wehmuth hatte Albertine in einen Aufenthalt bei den Kamtschadalen gewilligt; auch erschien es dem jungen zarten Gemuth so idyllenhaft suss, im stillen Hain einsam um den Geliebten zu trauern. An den Winter hatte sie nicht gedacht; auch war es ihr in der ersten bangsten Periode der Trennung, kostliche Nahrung ihres Grams, allein in den weiten Fluren umher zu irren und auf Philomelens Klagetone zu lauschen. Wie sich in der Welt aber alles abnutzt, so auch durch zu haufige starke Anspannung der finstere Gram des jungen achtzehnjahrigen Weibes. Der Hain wurde ihr zu still; die Fluren zu ode und Philomelens ewiges Klaglied zu eintonig. Kurz, sie sehnte sich zu Menschen zuruck. So fand sie sich, halb beschamt, dass es so war, nach und nach wieder bei der Gesellschaft ein, die ihr dann auch bald gar zu beschrankt, zu einformig, doch gar zu still hauslich erschien.
Dem liebenden Bruder entgingen diese Ubergange nicht, so leise sie auch angedeutet wurden. Er bemerkte sie um so mehr ungern, da seine ubellaunige Gattin das ihrige dazu beitrug, Albertinen ihre Lage bei ihm zu verleiden.
Uberdem hatte Albertine durch den fruhen Verlust ihrer Eltern, zeitig die Vorzuge der Unabhangigkeit kennen gelernt; sie war ihrer regsamen Natur, die sich nirgends gehemmt fuhlen wollte, Bedurfniss geworden, und jede Beschrankung dunkte ihr ein Leiden zu seyn, dem sie sich nothgedrungen unterwarf. Von ihrer Ehe hatte sie nur erst das Flatterjahr genossen und noch wenig von dem, in der Natur der Sache gegrundeten, Ubergang des unterwurfigen Liebhabers zum despotisirenden Eheherrn erfahren, in welcher Periode der schone Jugend-Traum des Lebens seinen poetischen Schwung einbusst und bei einem hochst prosaischen Erwachen zerflattert. Die schone jugendliche Schwarmerin war durch die fruhe Trennung vom Geliebten, auf ihrer Hohe erhalten worden, und jetzt war sie durch eine frostige Hauslichkeit im Sinken begriffen. Albertinen war die Vorstellung eines so entseelenden Zustandes unertraglich; deshalb hatte sie in ihrem Kopfchen einen neuen Lebensplan ausgebrutet.
Der Verstellung unfahig, erklarte sie ihrem Bruder ganz unverholen, dass die Einformigkeit des Landlebens und der uble Humor seiner Frau zwei Dinge waren, die, durch ihren Verein, ihr das Leben verbitterten. Sie wunsche zum Onkel in die Stadt zu ziehen.
Ferdinand hatte eine solche Eroffnung langst gefurchtet, und doch fuhlte er sich jetzt, wie so ganz unvorbereitet; er sahe die Schwester schweigend und geruhrt, fast bis zu Thranen geruhrt, an. Suss schmeichelnd schlang sie ihren Arm um ihn. "Siehst du es nicht gern?" fragte sie, ihn freundlich ins Auge blikkend. "Mir wird die Zeit gar zu lang und deine Louise ist den lieben langen Tag durch immerfort so knurrig. Dich habe ich herzlich lieb, und nahme dich gern mit."
"Albertine, so entschieden sehe ich dich, uns zu verlassen!" Sie sah ihn betroffen und unentschlossen an. Ihr kleiner Lebensplan war entworfen und ihr durch Aussichten und Verhaltnisse mancher Art, die sie kunstlich genug hinein gewebt hatte, lieb geworden. Bei dieser Malerei bedient sich der feine weibliche Sinn, gewohnlich der hellsten Rosenfarbe, sich seine Zukunft zu decoriren, die jugendliche Hoffnung leiht ihr glanzendes Grun dazu und ungern giebt die angeregte Phantasie solche Gebilde auf. Und hat nicht selbst das Helldunkel einer ungewissen Zukunft oft mehr Reiz und Interesse, als die gefalligste Gegenwart?
Albertine liebte, wie gesagt, den Bruder aus Herzensfulle. Seine Traurigkeit ging ihr nahe. Ihr Plan war ihr doch aber auch schon gar zu lieb geworden. "Ich mochte bei Dir, aber auch in der Stadt seyn," wiederholte sie einige Male aus beklemmter Brust.
"Ware es nur nicht eben bei Onkel Dammrig, liebe Albertine!" "O der Onkel ist, bei mancher Schwache, doch gut und bieder und hat mich recht lieb." "Auch die Madame Rosamunde Wintergrun?" "Sieh nur, lieber Ferdinand, an die habe ich freilich auch schon gedacht," fiel Albertine rasch ein, wobei sie recht weise aus ihren lieben Augelchen blickte. "Sie ist freilich nicht die Beste und begegnet dem armen Onkel nicht aufs Beste, ist obendrein des Onkels was man nicht gern sagt, aber dafur ist die Seelengute Tante Elise da Und die Cousine Laurette. Laurette? Hm, mit der will ich mich schon vertragen. Zankt sie, so scherze ich und bringe ihre Sarkasmen in Liederchen."
"Mochtest du meiner Louise eine solche Nachgiebigkeit widerfahren lassen. Doch ich will dich nicht in Verlegenheit setzen; dein leichter Sinn mahlt dir jene Lage nur zu reitzend, deren bedenkliche und ernste Seite dir zu zeigen mir Pflicht ist."
Ernst und bedenklich! Das war es nun eben, wobei unsre junge Freundin gar nicht gern zu verweilen pflegte. "Ich bitte, lieber Ferdinand, erklare dich; aber fugte sie leise hinzu schone ..."
"Louis! und der Respect fur dich selbst, kann meiner Albertine beides je gleichgultig werden? Jene Weiber, welchen du dich zugesellen willst, machen von Seiten der Achtung wenig Anspruche an die Gesellschaft; sie geben und empfangen wenig. Ihre Losung ist, sich zu amusiren; das erreichen sie ohne grossen Aufwand von Kraften; zu den momentanen Unterhaltungen reichen sie mit ein Paar bon mots, einem Paar gut erzahlter Neuigkeiten des Tages aus, die sie hundertmal anbringen konnen. Sie haschen nach allem, was ihrem dunklen Triebe, sich selber zu entfliehen, entspricht. Es ist ihnen alles, zu diesem Ziele zu gelangen, gut genug. Deine jugendliche Unerfahrenheit werden sie mit hochtonenden Worten von gesellschaftlicher Toleranz, Humanitat, Selbststandigkeit, Verachtung der offentlichen Meinung, einwiegen; deine Achtung fur Zucht und Sitte werden sie eine pedantische veralterte Ansicht der Welt, blinde Anhanglichkeit an conventionelle Formen nennen; sie werden dir von der reinen Menschheit der Alten vorreden, zu deren jugendlichem Weltzeitalter wir weder zuruckkehren konnen noch durfen."
Albertinen ging es, wie es mancher meiner Leserinnen bei Ferdinands Tirade gehen wird; ihr wurde sie zu lang und sie sagte ganz rasch: "ach du siehst auch alles gar zu schwarz, lieber Ferdinand; ich habe noch wenig von der Welt gesehen; aber ich denke sie mir weder wie ein Elysium, noch wie eine Holle. Ich mochte gern Menschen sehen, mochte meiner Jugend mich freuen, mochte frei wahlen konnen, da meine Lage mir es gewahrt." "O Albertine, und das alles kannst du bei mir nicht! Ich fuhle, du hast Recht; aber Louis, der dich mir ubergab, hat sein vielleicht ungluckliches Loos, ihn um alle Rechte auf seine Zustimmung zu deinen Planen gebracht? oder meinst du, dass er sie billigen wurde?"
Albertine brach in helle Thranen aus. Sie warf sich ihrem Bruder um den Hals und weinte laut. Sie liebte ihren Louis treu und herzlich; aber er war doch nun. einmal nicht da; Albertine war noch nicht ganz neunzehn Jahr, und man sage was man will, Gegenwart und lange Abwesenheit ist so ganzlich zweierlei, auch fur den, der mehr als achtzehn Sommer sahe. Ferdinand mochte die nemliche Reflexion gemacht haben; er ertrug uberdem nicht leicht eine trube Miene im lieblichen Gesicht der Schwester. "So wollte ich dein zartes Herz nicht brechen. Du hast meine Einwilligung und meinen Seegen, und dann so trostet mich auch die Nahe deiner redlichen Freundin Euler, die dir alles ersetzen wird, was du in uns aufgiebst." Im Herzen hoffte Ferdinand, der Drang im jungen Gemuthe sollte sich wohl legen, wenn seine Frau nur erst mit darein sprache.
Louise that's bei Tische, aber ganz nach ihrer bittern Weise, bei der es recht merkbar wurde, dass sie ihre Schwagerin je eher je lieber los zu werden wunsche. Ferdinand sah leicht, dass er einen zwiefachen Kampf gegen geliebte Personen immer von neuem werde beginnen mussen; er resignirte sich also, da er sah, dass Widerstand nur mehr reitzen werde.
Bei dem nachsten Spatziergange flossen die Geschwister in herzlicher Wehmuth uber. Die Anstalten der Reise waren, wie man denken kann, emsig betrieben worden, und in wenig Tagen sollte sie vor sich gehen. Ferdinand sprach mit eindringender Innigkeit uber Albertinens kunftige Lage und Verhaltnisse. Seine Ansicht des grossstadtischen Lebens, in dem auch er sich wacker umhergetrieben hatte, war freilich grell, aber zum Theil richtig. Die Hauser der Grossen und Reichen, nannte er Treibhauser, worin die Jugend zur Fruhreife gezogen wird und meist vor der Reife abwelkt und verschrumpft; ihm waren sie das Grab zarterer Weiblichkeit, die Zerstorer jugendlicher Tugend. Er bat Albertinen, sich nicht so zu einer permanenten offentlichen Erscheinung herabzuwurdigen, dass sie in ihrem zwanzigsten Jahre nicht etwa schon so ein Alltagsvogelchen sei, auf das jeder, bei jeglichem offentlichen Anlasse sicher rechne, zu dessen Ansicht man Fremde einladen konne, weil es gewiss nirgends fehle. Im Heiligthum des Hauses wirkt, lebt und liebt das Weib, und wo es zu erscheinen wurdigt, muss es Ehrfurcht einflossen. So denk' ich, denkt und fuhlt dein Louis, so wunschen wir, dass unsre Albertine fuhlen moge.
Albertine verhies alles mit Kuss und Handschlag, noch als sie, in Wehmuth aufgelosst, in den Wagen stieg und Ferdinand ihr nur noch die Worte zuzurufen vermochte: "bleib gesund an Leib und Seele, meine Theure!"
Die Abwechselungen der Reise besanftigten ihren Schmerz, so dass sie in leidlich heiterer Stimmung bei Onkel Dammrig ankam.
Viertes Kapitel
Der Neugier aller, die an Frau Rosamunds Theetisch zu radotiren pflegten, in Ansehung der kleinen Dorf Cousine auf einmal zu gnugen, waren sie zu einer ausserordentlichen Session eingeladen worden, bei welcher Herrn und Damen in ihrem besten geistigen und leiblichen Putz erschienen. In ihrer Einfachheit geschmuckter als sie alle, die After-Griechinnen, trat Albertine mit dem Anstand einer Grazie aus dem Zeitalter des Praxiteles in ihren Kreis ein.
Bescheiden errothend nahm sie ihren Platz unter dieser drolligen asthetischen Genossenschaft, durch deren hochtonendes Wortgeklingel bei dem ersten Anklange dieses vielbesaiteten verstimmten Instruments, sie sich sogleich auf immer zuruck gestossen fuhlte
Herrn und Damen liessen es sich angelegen seyn, Albertinens Sinn fur's Grosse und Schone durch allerlei verfangliche Fragen und naseweise Zudringlichkeiten zu mustern und zu prufen. Nebenher liessen sich Herrn und Frauen, jedes in seinem Sinne, auch ganz menschlicher Weise herab, ihre korperliche Bildung, sammt Kleidung emsig, nach gemeiner Weiber Weise, zu mustern. Aber zu ihrem Leidwesen entdeckten sie, besonders an ersterer, durchaus keinen Fehl an ihr.
Tante Elise, die jetzt eben funf und vierzig Sommer sahe, schloss sich freundlich an das junge Mumchen, fragte um ihre Herzensangelegenheiten, sprach viel von ihrem eigenen Herzen, das zu ihrem eigenen Ungluck zu weich und hingebend sei; sie werde nie in der Liebe glucklich seyn. Sie wimmerte, dass der Wurm der Zeit die Lust der Seele stache; es sei ein Elend, dass die Freude das Menschenherz so mit Schmerz bestreuen konne. Wenn sie so im Ton der Zeit sprach, sah Albertine die Tante mit grossen Augen an; besser verstand sie es, wenn die gute Verbildete, mit dem jungen Gemuthe, ihr eignes Jugendleben noch einmal durchempfinden wollte, und ihr aus ihrer Werther-Periode das Schnupftuch zeigte, das, noch ungewaschen, welke Rosen einhullend, da lag, worein sie Werthers und Lottens Leiden so heisse Thranen geweint hatte. Auch war sie so glucklich, unter ihren heiligsten Besitzthumern einen Zahnstocher aufzubewahren, welchen der Dichter bei einer Gasterei auf der Tafel hatte liegen lassen und den sie mit schwerem Gelde von einem Marquer erstanden hatte. Die gute Elise sprach den Namen Gothe stets mit heiligem Schauer, wie den, einer ersten Liebe, aus. Dies war beinahe der einzige Beruhrungspunct zwischen ihr und ihrer Nichte, die den grossen Dichter innig kannte und verehrte, obschon sie eine sehr verschiedene Ansicht damit verband.
Laurette, die dem Onkel Dammrig als ein Vermachtniss eines im Handel verungluckten Bruders zugefallen war, fuhr uber alles, insbesondere aber uber diese Grillen ihrer Tante, die ihrer rauhen Natur gar nicht eingingen, mit der Schneide ihrer bittersten Kritik her. Albertine fand sie ihrer Bemerkung, wie sie sagte, ganz unwerth; indess ergrimmte sie doch ganz unphilosophisch im Geiste, als ihr Verehrer Wassermann, dem sie auch das Leben gallenbitter machte, Albertine eine ganz artige kleine Erscheinung hiess.
Onkel Dammrig, das Oberhaupt dieser curiosen Sippschaft, amusirte sich vortrefflich mit dem v e r s c h r o b e n e n Z e u g e , wie er diese allerneuste Cultur zu nennen pflegte. Er selbst war auf der Stufe der Bildung, die er in seinen jungern Jahren erreicht hatte, stehen geblieben, und hielt steif und fest sowohl an dem wirklich Schonen jener Periode, an dem jungen Tage, der zu der Zeit uber Deutschland aufgegangen war, als auch an der unglucklichen Mischung deutscher Kunst und gallischen Witzes. Wenn er daruber sprach, sagte er oft, zum grossen Skandal seiner Gesellschaft, den Anfang eines alten Kirchenlieds: "Der Tag der ist vergangen, die Nacht ist vor der Thur. Die Sonne ist untergegangen in den Wasserfluthen der neuern Poesie. Kinder! jenes erste war der achte Wein, dieses ist der Coffent." "Das verstehen Sie nicht, mon cher," sagte dann Frau Rosamund, "Sie sollten sich doch endlich resigniren, dass es Dinge giebt, welche Sie nicht begreifen;" und so liess er sich gewohnlich bedeuten und lenkte wieder ein.
Onkel Dammrig war im Ganzen kein schlimmer Mann, und bei weitem besser, als er scheinen wollte; denn es kam ihm vornehm und uber alle Massen galant vor, so, als die wahre verknocherte Sinnlichkeit, zum Beispiel fur andere dazustehen Er war ein Reichgeborener. Als ein solcher hatte er seine Kindheit und Jugend verlebt; als ein solcher war er auf Reisen gegangen, Empfehlungsschreiben nach London, Paris und Wien benutzend; als ein solcher hatte er sich endlich in seiner Vaterstadt niedergelassen, einen Theil seiner besten Jahre durchgeschwarmt, bis ihn die Welt fruhe auf ihre grosse Invalidenliste eintrug.
Jetzt glaubte er eine gewisse Hohe des Lebens erreicht zu haben, von welcher er, erfahrungsreich, mit grosser Beruhigung in die verlebten Jahre zurucksehen konnte, denn er hatte ja wirklich nicht alles das Bose gethan, wozu ihn sein Reichthum und grosser Wirkungskreis aufzufodern geschienen hatte. Nie hatte er den goldenen Regen bei den Danaen gespart, und waren durch seine Sorglosigkeit die lebendigen Folgen seiner Unordnungen, der Durftigkeit und Schande Preis gegeben; so gab er ja doch auch viele Thaler an die offentlichen Armenanstalten, wovon auch sie ihre Spende erhalten konnten; uberdem beschenkte er ja seiner Schwester und Bruder Kinder mit allerlei entbehrlichen Kleinigkeiten.
Als ihn die Welt nun allmahlig verliess, und die Tage eintraten, von welchen es heiss: "sie gefallen uns nicht!" als Gicht und Podagra den raschen Lauf seiner Fusse hemmten, wurde es ihm erinnerlich, dass er in seiner Jugend die Religion als ein Spezifikum in Leiden hatte anpreisen horen; er machte also einige schwache Versuche, sie aus der Rustkammer seines Gedachtnisses hervorzusuchen. Er nahm eine Bibel zur Hand, freute sich, dass der fromme David beinahe eben so tolle Streiche gemacht hatte, als er selbst; las von der keuschen Susanna und der schonen Konigin Esther, und vertiefte sich endlich so in das hohe Lied, dass er sich gar weltlich dabei gesinnt fuhlte, und vor der Hand das Bekehrungswerk noch einmal wieder zur Seite legte.
Waren dergleichen Anfalle uberstanden, so existirte der 48jahrige Greis ganz heiter, in der Erinnerung abgeschiedener Freuden. Besonders hatte er sein eignes Vergnugen, wenn Wassermann den Damen seines Hauses uber die Hetaren der Griechen demonstrirte, und was das fur ein herrliches Leben gewesen sei, als noch nicht die kleinlichen Gesetze eines kleinlichen Anstandes eingefuhrt waren, die, leider Gottes! auch bei den gebildetsten Frauen nur noch zu viel galten. Da erinnerte sich dann unser Dammrig recht lebendig an Phillis und Doris, und Lalage und Chloe, die er in seinem goldnen Fruhling recht elegisch bewundert hatte; seine alten Frequenzen machten ihm jetzt noch recht herzliche Freude.
Starker, als alles andere, mahnte ihn an seine Jugendsunden Madame R o s a m u n d W i n t e r g r u n . In einer seiner bussfertigen Perioden hatte sich ihm die Vorstellung hauslicher Freuden und weiblicher Umgebung aufgedrungen Heirathen? Alles, nur das nicht; eine so kalte, langweilige Episode in sein Freudenleben schieben: nein; das ging nicht! Aber eine Herzensfreundin, die es mit der Ehre und dem ganzen weiblichen Plunder von gutem Namen und Wohlstand nicht gar zu genau nimmt, so eine besass er schon in Rosamund, einer der gewandtesten und leichtfussigsten Schulerinnen Terpsychorens bei der grossen Oper. Auch sie hatte so reinen Moment der Zerknirschung zu uberstehen, indem eine ihrer bedeutendsten Freundschaften in der Auflosung war. Zwar verachtete sie, die in Absicht des Ranges sehr verwohnt war, von ganzem Herzen den burgerlichen Amanten; doch waren ihre Aussichten in diesen Herbsttagen ihres Lebens zu trube, als dass sie nicht ein freudiges Ja! gesagt hatte, als er das Anerbieten that, sie zur unumschrankten Besitzerin seines uppigsten Wohlstandes zu machen. Weil sie es aber Ehren halber fur ihren guten Namen bedenklich fand, bei ihm zu wohnen, entschloss er sich, ihr seine Schwestern Elise und Laurette als Ehrenretterinnen zur Seite leben zu lassen.
Rosamund war des Herrschens uber eine Schaar demuthiger Verehrer allzu gewohnt, als dass sie nicht sogleich versucht haben sollte, sich ihrer weiblichen Umgebung ganz zu bemachtigen. Mit Elisen, diesem sussen, geschmeidigen Wesen, gelang es ihr sehr leicht; schwerer machte Laurette ihr den Sieg. Doch erlag auch diese endlich dem feinen Gifte der Schmeichelei und dem steten Lobpreisen ihrer erhabenen Geistesqualitaten, so dass endlich dieses Kleeblatt so ungleichartiger Naturen, gleichsam in einander verwuchs und ein seltsames Ganzes darstellte, das mit vereintem Treiben, jedoch jedes sein besonderes Interesse der Eitelkeit durchsetzte.
Das Wohlleben und die Eleganz, worin sie einen guten Geschmack zu legen verstanden, zog bald ein leichtes Volkchen um sie zusammen, das so eben gut genug war, sie zu amusiren, und auch wieder nicht gut genug, sich an dem etwas schwankenden Rufe seiner Gonnerinnen zu stossen; wie es denn uberhaupt zum Amusements-System der schonen Welt gehort in Absicht der Sittlichkeit alles funf gerade seyn zu lassen. Die trefflichsten Weiber werden dann nur erst bemerkt und vorgezogen, wenn sie einen notablen dummen Streich gemacht haben.
Diese Cotterie wurde bald ein Cirkel, und zwar anmasslich ein asthetischer, weil einige junge, Schongeisterei treibende Herren hier ihre Schwungkraft ubten, ehe sie sich in hohere Regionen wagten.
Wir haben unsre junge Freundin in diesen Kreis eingefuhrt gesehen, und mussen sie uns nun betroffen und mit gesenktem Blicke da sitzend denken. Ihr reines, ihr frommes Herz, ihr wahrhaft jungfraulicher Sinn, dem hier nichts zusagte, fand gleich bei ihrem Eintritte nur zu viel Anlass, den raschen, kecken Schritt zu bereuen, den sie gethan hatte Von allen Seiten wurde sie mit Fragen besturmt, fur welche sie keine Antworten hatte; oder sie zu geben, zu bescheiden war. Tante Elise, die uberall dem Drange ihrer Gothe's-Existenz nicht widerstehen konnte, fragte ganz zart und liebend, ob die liebe Niece diesen Gott unter den Dichtern wohl kenne? "Sie sind seltsam, Tante!" rief Laurette dazwischen, "Anspruche der Art an unsere Verwandtin zu machen; sie hat auf ihrem Dorfe wohl schwerlich andere Poesie, als aus dem Gesangbuche der lieben Gemeine kennen gelernt. Diese Menschen ach Gott! sie dauern mich! sie mussen sich an die trivialsten Trivialitaten halten! Diese rohen Naturkinder! und was giebt's gemeineres, als die rohe Natur, mit der sie sich ganz umgeben, um in ihrer Plattheit unterzugehen. Manches liesse man in der Natur freilich so hingehen, in so fern nemlich ihre Kenntniss die Grundlage hoherer Geisteskultur wird; aber gestehen Sie, Tante! giebt es zum Beispiel etwas Gemeineres, als dieses ewig einformige Zirkeltreiben der Jahreszeiten! Was ist in diesen gemeiner, als der Winter? Wo ist ein krasserer Begriff, als ein Gewitter? Sieht man nicht hier schon offenbar, dass die Welt nur ein erster Versuch von einem Etwas ist, das es nicht besser zu machen verstand?"
"Ganz anders ware sie gerathen, hatten w i r sie zusammengeknetet!" rief ein junger Herr, Lauretten persiflirend. "Freilich!" entgegnete sie ganz feierlich; "denn es ist weder Philosophie, noch Geschmack in dem Dinge."
"Gott sei mir gnadig!" seufzte Albertine; "Sie rezensiren den Schopfer!" Indess wurde sie bald durch Rosamunden in ihren stillen Betrachtungen gestort, die zu viel Lebensart hatte, um in Gesellschaft zu beleidigen; daher nahm sie den Faden des Gesprachs wieder auf, und fragte Albertinen sehr freundlich, ob sie wohl etwas von dem Dichter, von welchem eben die Rede gewesen sei, gelesen habe? "Ich weiss nicht, ob ich sagen darf, alles; aber sehr viel las ich von ihm, ehe ich zu meinem Bruder auf's Land ging. Meine liebe Cousine scheint nicht zu wissen, dass ich nur den kleinsten Theil meines Lebens auf dem Dorfe lebte, und dass auch da mein Bruder und viele der Nachbarn schatzbare Bibliotheken besitzen, aus welchen zu schopfen, mir erlaubt war."
"Liebes Kind! das Lesen a l l e i n thut's nicht!" sagte hier Laurette boshaft. "Verstandest du auch, was du lasest? mochte ich hier, wie Paulus den Kammerer, fragen."
Wassermann schlug eine helle Lacht auf und rief: "O pfui! pfui! wie kann Jemand, der Anspruch auf Geschmack macht, aus der Bibel citiren! Pfui, Mademoiselle, wie konnen Sie uns das thun?"
"Persiflirend ist's erlaubt," entgegnete Laurette. "Ach Gott! ach Gott!" seufzte Albertine. Ihr liebes Herz erlag in Wehmuth.
Tante Elise fuhlte fein genug, sich in Albertinens Verlegenheit versetzen zu konnen. Sie machte sich also an sie, und indem sie das arme Kind vom allgemeinen Gesprach abzog, drang sie in sie, sich zu erklaren, welches von Gothe's gottlichen Erzeugnissen sie vorziehe, in welcher seiner herrlichen Schopfungen sie sich ganz heimisch fuhle. Aus Albertinens Antworten fand sich's bald, dass sie mehr als einheimisch in diesen Schopfungen war, dass ihr Sinn sie mit Geschmack und Geist durchdringe, ob sie gleich den grossen und liebenswurdigen Dichter nie zum Aushangeschilde ihrer Kultur missbrauchte.
Funftes Kapitel
Albertinens leichter Sinn und trefliches Herz liessen freilich ihre Missbilligung nie in Bitterkeit ubergehen. War aber die Verstimmung zu unleidlich, so fluchtete sie zu ihrer Freundin Euler. Neben so vielen verzerrten Physiognomien wird es uns wohl thun, die Bekanntschaft dieser angenehmen Frau zu machen.
Henriette war die einzige Tochter einer angesehenen burgerlichen Familie. Mit ihres Vaters Tode sank sie von ihrem Wohlstande, der sich nur auf ein hohes Gehalt gegrundet hatte, so merklich herab, und der ganze Muckenschwarm der Tischfreunde, die der Sonnenschein des Glucks herbeigezogen hatte, verschwand plotzlich Henriettens Mutter uberlebte ihren Unfall nicht lange, und die liebenswurdige Waise wurde zu einer alten, abgelebten Verwandtin gegeben, die sich um ihre Pflegebefohlne gar nicht bekummerte, wenn diese sich ihre elende Kost durch den angestrengtesten Fleiss wohl verdient hatte.
Zur Zeit des Wohlstandes war die im elterlichen Hause schon aufbluhende Henriette der Gegenstand mancher fluchtigen Verehrung gewesen. Wenn diese Schmetterlinge aber inne wurden, dass sich ihnen die keusch geschlossene Bluthe nicht uppig hinneigte, so flatterten sie von dannen; denn nie wird eine sittsame Schonheit, welche die laute Bemerkung vermeidet, zur unglucklichen Ehre, die Schonheit des Tages zu werden, gelangen. Sie hatte aber zu wenig Vermogen, als dass ihr heller, gebildeter Verstand und ihre erworbenen Talente ihr einen bestandigen Verehrer hatten gewinnen konnen.
Indem dieses nicht geschah, wurden Henriettens heisseste Wunsche erfullt. Sie hatte die Liebe ihres schonen Herzens einem Junglinge zugewendet, der in der That auch so, wie wir ihn gekannt haben, ihre innigste Zuneigung zu verdienen schien. Seine Armuth hatte ihn zu einer Schreiberstelle bei Henriettens Vater herabgewurdigt. Man sagt, korperliche Vorzuge pflegten junge Manner eben so eitel zu machen, wie junge Madchen. Wenigstens war dies der Fall mit unserm Karl Euler, der seiner Schonheit mit aller Sorgsamkeit einer vollendeten Kokette pflegte. Diese Frivolitat entging Henrietten um so mehr, da sie Karln nur immer in dem Verhaltnisse eines Untergeordneten sahe, da denn das Mitleiden dieser schonen Seele den Weg zur Liebe bahnte.
Nicht so entging Henriette dem gefahrlichen Spiele seiner brennenden, schwarzen Augen, worin er vor seinem Spiegel ein Meister geworden war. Henriette beging den fur ihr ganzes Leben entscheidenden Fehler, dieser unwurdigen Koketterie des Junglings nicht jene kalte Wurde entgegen zu setzen, womit sie so glucklich alle Geckerei aus ihrer Nahe verscheucht hatte. Der arme junge Mensch konnte es fur Verachtung halten, dachte sie. Aber kein anderer war's, als der Bube Amor, der ihr diese kleine Heuchelei eingab. Karl spurte jedem Schlage ihres Herzens, jedem ihrer unterdruckten Seufzer nach; und wenn er seine unwiderstehlichen Reize mit in Anschlag brachte, schien ihm Widerstand selbst bei einer Henriette unmoglich. Leider hatte er nur zu richtig geschlossen! Henriette gestand nach einigem jungfraulichen Weigern, dass sie ihn allen Mannern vorziehe, und verhiess, was auch sein oder ihr Loos seyn moge, die Seinige zu werden.
Als nach ihrer Eltern Tode sie, so zu sagen, sich selbst uberlassen war, wurde sie gern den feierlichen Bund geschlossen haben; denn obschon Karl nur vom Abschreiben lebte, wandte sie doch jetzt ihr Talent, die Malerei, zum Broderwerb an; und da sie durch den Meister, dem sie seine Kunst ablernte, viel Bestellungen nach Russland und Polen hatte und in der Landschafts- und Blumen Malerei immer bedeutendere Fortschritte machte, so glaubte sie einen genugsamen Haushalt versorgen zu konnen.
So rechnete die 18jahrige Henriette. Der 22jahrige Karl hingegen so: "Henriette ist die Gutmuthigkeit selbst; sie wird sich nicht weigern, das, was sie zu einer Haushaltung zureichend halt, zu anderm Endzwecke herzugeben. Ich will, ehe ich eine so ernsthafte Verbindung eingehe, meiner Jugend geniessen." Und so genoss der unwurdige Jungling, und verschwendete auf eine Weise, woruber sein guter Engel weinte, das muhsam erworbene Geld der Geliebten, die es als nothigen Aufwand bei Bewerbung um irgend eine Stelle angewendet, glaubte, indess er sie unter dem Vorwande hinhielt, keine Stelle sei ihrer werth.
Es verging ein Jahr nach dem andern unter diesen schwankenden Aussichten auf kunftige Versorgung fur Henrietten; und immer noch verlor sie den Glauben an Karln nicht so bedeutende Winke sie von vielen Seiten her erhielt. Dass er, ihrer Hand auszuweichen, nicht versorgt seyn wollte, fiel der treusten Seele auf Gottes Erde nicht ein. Und hatte sie irgend eine bekummernde Nachricht uber sein geheimes Verhalten gehort, so glaubte ihr zartes Gemuth ihm fur den momentanen Eindruck, den es auf sie gemacht hatte, Ersatz schuldig zu seyn; sie entzog sich irgend ein nothwendiges Bedurfrass (denn andere befriedigte sie nicht), ihm eine Freude durch irgend ein kleines Geschenk zu machen, welches er gewohnlich kalt annahm und oft noch an demselben Abend, irgend einer Unwurdigen einen freundlichen Blick abzugewinnen, zum Opfer darbrachte.
Karl hatte von Henriettens Fleiss so geschwelgt und seiner Jugend so reichlich genossen, dass er endlich auf die Hefen gekommen war. Er erkrankte und fuhlte jetzt mit Schrecken, dass er einer treuen Pflege bedurfe, die er nicht verdiente. Henriette weigerte sich keinen Augenblick ihm zu gewahren, was sie fur ihre heiligste Pflicht hielt. Sie betrat die Schwelle des Krankenzimmers mit dem Geistlichen zugleich, der ihre Hand in die brennende Hand des Schwindsuchtig-Kranken legte, und sie fur die wenigen Tage seines Lebens mit ihm verband.
Wenige Tage vor seinem Hinscheiden beging er die, wie er es dafur hielt, pflichtmassige Grausamkeit an der Armen, ihr ein vollstandiges Bekenntniss aller seiner Treulosigkeiten gegen sie abzulegen. Sie gab die Zusage ihrer herzlichen Verzeihung unter Stromen von Thranen. Nach einigen Tagen starb er, und ihr Gram war gemassigter, als er vielleicht ohne dies ungluckliche Bekenntniss gewesen seyn wurde.
Aber jetzt erst wurde die unertraglichste Burde des Kummers uber ihr Herz hingewalzt. Zu ehrlich, um irgend Einem Unrecht zu thun, ubernahm sie das Schuldenregister des Verstorbenen mit Aufopferung ihrer ganzen Haabe zu tilgen. Bei diesem Anlasse sahe sie Briefschaften und Rechnungen durch, die ihr ein schreckliches Licht uber die Verirrungen des Verstorbenen gaben. Sie war das Spiel des Mannes gewesen, dem sie so viel hingegeben hatte, und nie hatte er es erfahren, dass sie zwei sehr annehmliche Parthien, nach ihrer Eltern Tode, seinetwegen ausgeschlagen hatte. Aber ihr wahrhaft religioser Sinn entbrannte nicht uber die Vergehen des Einzelnen; doch harmte sie sich uber die allgemeine Gebrechlichkeit, der sogar eine Natur, wie die ihres Karls, unterliegen musste.
Allem zu genugen und allen Recht widerfahren zu lassen, arbeitete sie jetzt strenger, als je. Ihre Arbeiten erhielten durch ihre individuelle Lage einen sehr anziehenden Karakter, der die zarteren Saiten menschlichen Gefuhls hochst lieblich beruhrte. Um diese Zeit wurde Albertine ihre Schulerin und ihre Freundin. Der Unterschied der Jahre hinderte nicht den Einklang dieser gleichartigen Naturen. Die altere Freundin bewunderte neidlos die sich schon entfaltenden Geistesbluthen der jungern: und die jungere erndtete freudig die reiferen Geistesfruchte der altern ein.
Dies war das Herz, zu dem Albertine sich fluchtete, wenn das Missfallen an ihrer Umgebung ihrem Frohsinn gefahrlich zu werden drohete. "Ach, Henriette!" seufzte dann Albertine. "Diese Menschen sind erbarmlich verschroben!" fiel ihr Madame Euler in's Wort; "und halten sich obenein fur eminente Naturen, die uns armen Menschen Pobel unbegreiflich sind. Aber wir wollen sie schon begreifen, und dann sollen sie uns eine lustige Stunde machen!"
Sechstes Kapitel
Die schonen Sommertage waren dahin, und schon erinnerte die fruhere Dammerung und der nebelartige Thau, der sich Abends auf die Fluren senkte, dass der Herbst nahe sei, und die Familie zur Stadt zuruck kehren werde.
Albert war indessen um kein Haar breit weiter mit Albertinen gekommen. Sie war sich immer gleich: offen, ehrlich, ohne Kunst; und eben dies war die Ursache, dass es ihm schien, als sei ihr mit Liebe, die gern kleine Schleifwege einschlagt, und in mysteriosen Lauben weilt, gar nicht beizukommen. Ihr Thun und Treiben war so kindlich offen, und doch so klug, dass Albert sich in ihrer Nahe wie durch tiefe Ehrfurcht gebunden fuhlte; denn auch er war grad' und bieder; seine Bescheidenheit war wirkliche Bescheidenheit, nicht Linksheit oder Blodigkeit, die jungen Mannern ohne Gewandheit und Talent zum geselligen Leben, so oft den Ruf der Bescheidenheit zu Wege bringen.
Albertinens Umgang nicht zu entbehren, hatte er es sich gefallen lassen, ein Mitglied des ridiculen Klubs zu seyn, wobei ihm aber nicht lange gestattet war, eine mussige Rolle zu ubernehmen. Ein jeder sollte etwas vorzulesen bringen, und Wassermann bestand mit so stark vorblickendem hamischen Triumph. Albert solle eigne Arbeit produziren, dass dieser sich endlich etwas finster und drohend entschloss, folgendes Mahrchen der Gesellschaft zum Besten zu geben:
Prinzessin Gracula.
Ein Mahrchen.
In dem weiten Gebiete der Phantasie lag ein grosses, grosses Konigreich, welches noch kein Reisender entdeckt, kein Geometer ausgemessen und kein Geograph beschrieben hat.
Uber dieses herrschte ein Konig, der im Kleinen sehr gross und im Grossen sehr klein war; kurz, ganz so ein moralischer Kruppel, als hatten ihn schon, Jahrtausende hindurch, die Geschichtschreiber unter gehabt. Dieser Konig hatte eine Gemahlin; und wie es in allen Mahrchen der Welt Sitte ist, hatte dieses konigliche Paar denn auch keine Kinder. Doch ging der Konig darin von der alten Sitte ab, dass er sich ganz und gar nichts daraus machte. Unserm Fricando hatte das Muhe gemacht, und die armseligen 24 Stundchen Ruhe, die er sich taglich von seinen Regierungssorgen abstahl, verbittert. Ausser vom Gesottenen und Gebratenen, nahm er von wenig Dingen Notiz. Die Natur wie eine weite, wohl versehene Speisekammer vorstellte. Seine Handbibliothek, woraus sein Hofzwerg ihm vorlas, bestand aus eitlen Verdauungsbuchern, nemlich Vademecums und Parodien, travestirten Trauerspielen und Munchhausiaden. So war unser erzgute Fricando!
Ganz ein Anderes war's mit seiner Konigin, der schonen Sentimentale. Sie nahm von allem, was war und nicht war, Notiz, und lebte und webte in Kunstgenussen. Mahler, Zeichner und Kunstler aller Art wimmelten so chaotisch in ihrem Schlosse, dass sie oft einander den Weg verrannten. Und Musik! ja, Musik tonte aus allen Gemachern; sogar am heimlichen eine Aeolsharfe. Die schone Sentimentale bekummerte sich um alles, was in ihrem weiten Reiche vorging; sie ennuyirte sich todtlich erfuhr sie nicht gleich alles. Dem nun vorzubeugen, war ihr Schloss nach allen Richtungen hin mit Telegraphen umgeben, und ein ganzes Heer Aeronauten stand auf ihren Wink bereit, ihr das Neueste vom Neuen zuzufuhren.
Einst erwachte nach einer kurzen, sechsstundigen Sieste unser Fricando sehr heiter. Sentimentale, [die unter andern auch eine Alterthumsforscherin war, und das Alte gern so dicht als moglich an das Neue schob,] war eben in der wichtigen Untersuchung vertieft, ob der Knauel, den Ariadne dem Theseus aus dem Labyrinth zu kommen gab, Seide, Baumwolle oder Zwirn gewesen sei? als sie durch ein unmassiges Gelachter des theuren Gemahls gestort wurde. "Ha, ha, ha, ha!! " "Nun?" "Und noch einmal ha, ha, ha, ha! Das sollten Sie lesen, Madame Konigin; es ist verteufelt amusant!" "Also wohl ein Kochbuch, weil es Euer Majestat so treflich vorkommt." "Nicht so anzuglich, wenn ich bitten darf, schone Frau Konigin! Es heisst lies doch noch einmal den Titel, Zwerg!" Der kleine Unhold las: "Der Grobian" eine Zeitschrift.
"Sie haben keine Idee, Madame! was die Kerls sich gottlich herunterreissen. Eine Malice, ein Ingrimm, ein Hamischseyn kein Lazaroni hunzt den andern so aus, wie dieses Geschlecht einander thut. Wessen Grobheit mich am meisten amusirt, der hat fur mich den Sieg errungen."
Sentimentale warf das Naschen auf. Den Konig verdross, dass sie so wenig in seinen Geschmack einging, und er setzte hinzu: "in Ihrer philosophischen Hexensprache steht's freilich nicht. Aber so sind Sie immer. Was mir schmeckt, davorekelt Ihnen; es muss erst alles vergriecht werden, soll's Ihnen mundrecht seyn. Ihr guten Gotter und Feen, was soll ich denn noch anfangen, Sie zufrieden zu stellen? Haben wir nicht die besten Koche? Ist unsre Konditorei nicht im besten Stande? Tont nicht, bis zum ubel werden, Musik um uns her? Haben Sie nicht in jeder Minute Gelegenheit, sich zu Tode zu tanzen?"
Fricando sank nach dieser langen Rede erschopft in's weiche Polster zuruck; so lange er lebte, hatte er noch nicht so lange haranguirt. Mit grosser Wurde antwortete die Konigin: "Was das alles fur einfaltige Reden sind! Schicken Sie erst den garstigen Zwerg fort; dann will ich horen, ob sie capabel sind, Raison anzunehmen."
Fricando expedirte seinen armen kleinen Lector mit einem Fusstritt, wie so mancher treue Diener expedirt wird, der das Ungluck hat, hasslich zu seyn und der Gebieterin seines Herrn zu missfallen.
Jetzt stand Sentimentale auf und schritt mit koniglichem Anstande das Zimmer umher, wobei sie schmerzvoll und hochst pathetisch in die merkwurdigen Worte ausbrach: "Ich ennuyire mich! Ich ennuyire mich! Ich ennuyire mich!"
"Potz Wetter, wie konnen Sie so dumm reden!" erwiederte nun seiner Seits Fricando, mit nicht minder hohem Anstande. "Haben Sie nicht Hoffraulein, so jung, wie sie von der Mutter kommen! Faseln Ihre Kammerlinge nicht so schnakisch, wie nur irgend welche unterm Monde? Was soll ich thun, das vertrakte Wort nicht mehr zu horen?"
"Machen Sie, dass es anders ist! Doch ein Wort, wie tausend. Ich thue einen Vorschlag, den Sie gewahren mussen. An der Grenze unsers Konigreichs, wo der schone Strom der Freude die Zuckerbergwerke bespult; in der Gegend, wo Euer Majestat eingemachte Pomeranzen und gebrannte Mandeln wachsen, wohnt in einer Grotte der Marzipangebirge der Genius Frivolo. Er ist Priester eines Orakels; das soll er befragen, warum mir, eben mir die Schmach der Kinderlosigkeit wurde? Denn das ist's, das sollen Sie wissen: Kinder will und muss ich haben; und sollte ich, gleich der koniglichen Ananas, nur eine Frucht bringen und dann welken, so will ich die Seufzer meines Volks um einen Erben mir nicht langer durch meine Telegraphen zurufen lassen. Jede Zofe, jedes Hoffraulein bekommt richtig seine Erben, und ich allein soll meinen Dienerinnen zuruckstehen? Noch kam, so hore ich, kein einsames Weib vom Frivolo einsam zuruck. Dahin, dahin, o mein Geliebter, lass uns ziehn!" fugte sie schmeichelnd hinzu.
Fricando schmunzelte und sagte ganz gutmuthig: "Wie heisst der Kerl? Hat er einen guten Mundkoch?"
Sentimentale hatte nun gewonnen. Dreimal durchkusste sie Etagenweise des Konigs dreifaches Kinn und erzahlte recht redselig alle die schonen Waaren her, die in jenen Gegenden zu haben waren. "Nun, so reisen wir!" sagte Fricando gahnend. "Wenn's mir weiter keine Muhe macht und der Weg durch kein Hungerland fuhrt, bin ich von der Parthie."
Schon wollte die Konigin ihre Befehle zur Abreise ertheilen, als dem Konig noch ein Bedenken aufstiess. "Horen Sie doch, Frau Sentimentale! was soll's denn seyn, wenn der Kerl, der Hexenmeister, wie Sie da sagen, Rath schafft? Ein Prinzchen, oder Prinzesschen?"
"Einen Erben!" antwortete die Konigin, halb verdriesslich.
"Nun, nun, machen Sie mir darum nicht gleich so ein Kirieleisons-Gesicht! Obschon ich an meinem Theile gleich gern bliebe, wie ich bin; denn die Vaterschaft, habe ich all mein Tage gehort, macht nur Plage; so dachte ich doch, die Prinzesschen waren auch ganz schnurrige Dingerchen, besonders wenn so ein Mauschen gut kochen lernt."
"Kochen! Regieren, wollen Sie sagen!"
"Meinetwegen auch regieren. Ich habe in einer Druckschrift gelesen, dass die Damen gewiss und wahrhaftig oft recht erschrecklich-prachtig regieren konnen. Da kam auch drin vor von einer Kaiserin von England und einer Kurfurstin von Russland"
Sentimentale wendete sich von ihm und machte ihre Reise-Anstalten. Hundert Wagen wurden mit Bayonner Schinken, Bohmischen Fasanen-Pasteten aus Frankreich und Leckereien aller Art beladen, damit der gute Herr auf der weiten Reise keinen Abgang der Krafte verspuren sollte. Dann wurden wieder andere hundert Wagen mit Ober- und Unter-Zofen, nebst Toilettbedurfnissen aller Art fur die Konigin befrachtet; denn Frivolo war ein Elegant, und wusste immer um ein Haar um die neusten Moden.
Auf der Reise war unserm Fricando so wohl, wenn er sein Gefolge ubersah, dass ihm oft das Wasser in dem Mund zusammenrann. In solchen Augenblicken umarmte er seine Gemahlin, und versicherte, sie sei ihm so schon, wie der niedlichste Ortolan und so kostlich, wie die beste Hollsteinsche Auster.
Frivolo hatte durch seinen Boten uber und unter der Erde Nachricht von der Reise des koniglichen Paars erhalten. Der schone Genius war galant; Frivolo fand in Spalten und Kluften Kollationen, von Geistern bereitet, und Sentimentale uberall Spiegel, die ihr ihre graziose Gestalt, schon verklart, wieder gaben.
Frivolo hatte sich erschopfen mussen (wenn bei einem Genius so etwas moglich ware) ob der uberschwenglich guten Aufnahme. Sentimentale sonnte sich Tage hindurch unermudet an dem Glanz seiner schonen Augen, indess der gute Fricando Tage lang auf den Knien um das Orakel herumrutschte, etwas zu erhalten, das ihm der Gott der Hahnreischaft schon gewahrt hatte.
Da die poetische Periode in der Liebe gewohnlich die ist, welche der des hochsten Uberdrusses vorangeht, und Frivolo jetzt begann, Sentimentalen mit Sonnetten, worin sogar ihre Huneraugen gefeiert wurden, zu uberschwemmen, verspurte sie, dass es nun wohl Zeit sei, abzureisen. Frivolo wunschte von Herzen gluckliche Reise, und der ehrliche Fricando versicherte treuherzig, es habe ihm lange nicht so gut geschmeckt, er werde dem wackern Mundkoch seinen Fasanen-Orden ertheilen. Und damit hopp, hopp! knarr, knarr! auf und davon.
Jetzt ging's wieder uber Berg und Thal, uber Thal und Berg, bis sie in einen dunkeln, dunkeln, schaurigen Wald kamen. Da begab sich's, dass der arme Konig durchaus zu Bette verlangte; er litt an Indigestion. In dem wilden Walde war nun, wie jedermann sich leicht vorstellt, weder an Bette, noch an Sopha (ausser denen von Moos, welche die Dichter sehen) gar nicht zu gedenken. Also war alles in grosser Besturzung, denn Seine Majestat gnarrten unablassig: "ich will zu Bette, ich will zu Bette!" Wie gross war aber auch die Freude, als sie ein Licht durch das Dikkicht schimmern sahen. Sogleich wurde darauf los gesteuert. Das Lichtlein schien sich bald zu entfernen, bald ganz verschwunden zu seyn. Endlich und endlich, durch Dornen und Hecken, hatten sie's erreicht, als es eben ganz erlosch. Sie befanden sich vor einer kleinen Hutte, worin dem Anscheine nach kaum der konigliche Bauch Raum haben wurde. Als nun der konigliche Ober-Hof-Anpocher die Thure der Hutte manniglich mit Faust und Fuss bearbeitet hatte, rief eine heisere weibliche Stimme: "Gleich, gleich! Man kann doch so nicht vor den Leuten erscheinen!" Drauf ging's von Neuem: klopp, klopp! dass der Wald wiederhallte; und inwendig auf Pantoffeln: klapp, klapp! dass allen Zeit und Weile lang wurde. Nach langem klopp, klopp, und klapp, klapp, erschien endlich an der geoffneten Thure eine Alte, wie sie noch keines Menschen Auge je gesehen hatte. Aus hundertjahrigen Furchen blitzten Augen, wie Brillanten. Strenge und Milde schienen sich ewig um den Alleinbesitz dieser stark ausgesprochenen Zuge gestritten zu haben. Und so ridicul ihr imponirender Ton gegen ihren bettelhaften Aufzug abstach, hatte keiner, sogar die Pagen nicht, den Muth, daruber zu lachen.
Sie zog bei dem durftigen Schimmer einer erloschenden Lampe Konig und Konigin ziemlich unmanierlich herein; den ubrigen warf sie trotzig die Thure vor der Nase zu. Vergeblich suchte Fricando's Blick in dem engen Raum einen Sopha; nur ein ledernes hartes Ruhebett, das sein Seculum zuruckgelegt hatte, war vorhanden. Er strekte seinen gemarterten Leichnam darauf hin, dass die Stutzen der alten Hutte krachten.
Jetzt ging's mit der Alten wieder von Neuem los: klipp, klipp, klapp, klapp; darauf Thur' heraus, Thur' herein. Das Feuer war bald zusammengeschurt, unverstandliche Worte uber den Kessel gemurmelt und ein herzstarkendes Suppchen fur den Konig, ein niedlich Ragout von Kolibris fur die Konigin stand auf dem wackelnden runden Tischgen vor ihnen.
"Hm! Hm! vom grossen Gecken-Konig, vom eitlen Frivolo, kommt ihr also zu mir, schone Dame? Wer mich zuerst gesehen hat, sieht ihn nicht; wer mich zuletzt sieht, sieht mich zu spat. Nun, das Orakel war euch gunstig, wie ich vernahm. Moge die Reise euch nicht gereuen!"
"Was wisst ihr von mir?" sagte Sentimentale, die sich eines geheimen Schauers vor dem grausenhaften Weibe nicht erwehrte. "Wer bist du, Weib, das mich kennt, das mein Inneres durchblickt? Hexe oder Kobold? Sag', wer bist du?"
"Ich bin die erstgebohrne Tochter der Zeit: d i e E r f a h r u n g ," antwortete die Alte ganz ruhig. "Sinnlos taumelt die junge Welt an mir voruber, ihren Sumpfen zu. Die neue Weisheit, die auf den Dachern predigt, verstosst mich; der Stolz will ohne mich daher schreiten. So entwich ich in meine Einode, bis ein durch meine geheime Anhanger erleuchtetes Geschlecht mich wieder in meine Rechte einsetzen wird."
"Nun denn, du Eltermutter aller klugen Weiber, du Erstgeborne der Zeit, sage mir, wenn ich nun einen Erben erhalte"
"Frivolo," entgegnete die Alte, "Frivolo hat"
"Bitte, bitte unterthanig!" schmeichelte Sentimentale, angstlich auf Fricando blickend. Der schnarchte aber schon, dass es im tiefen Walde wiederhallte. "Bitte um meines Kindes Zukunft!"
"Deine Tochter wird wunderschon, wunderklug seyn. Machst du sie aber nicht auch wundergut, so wirst du das Orakel, das zu deinen Wunschen Ja! sprach, in die Tiefen des Orkus wunschen."
"Wie fang' ich's an," fragte die Konigin verlegen, "dass sie wundergut wird?"
"Sei es selbst!"
"Gut! Aber schreib mir mein Verhalten vor!"
"Lass sie nicht sich in den Irrgarten der Sophisten verirren! Bewahre ihren Fuss vor den Rosengebuschen der Wollust. Hute, dass die Perle des schaumenden Bechers ihre Lippen nicht beruhre Ich komme zu Gevatter; so wie du mich siehst, kann ich mich gar schmuck herausputzen."
Indess schrieb die Konigin den Spruch der Alten in ihr Souvenir; nur wenn sie diese um nahere Erklarung bat, war sie stumm, wie das Grab.
Als nun das Konigspaar wieder daheim war, erhob sich im Lande ein Thun und Treiben, als sollte eine Welt geschaffen werden. Dabei gab's gar wunderliche Reden, wie es unter eleganten und uneleganten Damen nun so der Brauch ist; einige der Erstern wussten sogar fur gewiss, das Orakel habe der Konigin einen leibhaften Affen zum Thronerben gewahrt.
Fricando freute sich wie ein Kind auf den schonen Gevatterschmauss. Recht Landesvaterlich versprach er dem Jean Hagel eine Cocagna, wie noch kein Feenkonig sie gegeben hatte. Uber die Crater der Vulcane, welche Sentimentale um des geisterhebenden Anblicks willen mit in ihre Parks gezogen hatte, wurden, Holz zu ersparen, grosse Suppen-Kessel und PunschBowlen gemacht, dass das Volk sich vollauf labe, indess Sentimentale die feinern und geistigern Genusse fur den beau monde besorgte, wobei unter andern ein See von Saffran-Essenz war, woraus grosse PrahmSpritzen dem Publikum unaufhorlich diesen beliebten Wohlgeruch altromischer Nasen zufuhrte; welches freilich die artigen Transparente der atherischen Chemise-Tragerinnen nicht gnadig vermerkten, und den Antiquar in die Holle wunschten, welcher den Nasen diesen Schmauss zubereitete.
Unter solchen Zurustungen kam Zeit und Stunde herbei; die kleine Infantin stellte sich richtig ein. Der erste Schrei, welchen das Wunderkind in die Welt hinein schrie, setzte das Bonnen- und Ammenheer in Exstase. "Haben Sie's gehort! All' ihr Gotter! horten Sie's? Musik kam aus der kleinen Kehle. So wahr ich lebe, eine Kantilene von Mozart!" rief die Hebamme. Alles kam uberein, sie habe in Musik geschrieen. Die Nachricht ging von Mund zu Mund; jeder nannte den Komponisten, den er kannte, bis denn in den Vorstadten eine Arie aus der Donau-Nymphe daraus wurde. Die Konigin glaubte das Wunder; denn die Schmeichelei hatte es gehort. Doch gab's in der Stadt auch alte Damen, die darnach spaheten, ob der neugeborne Affe auch sehr grimmig sey?
Und jetzt ging's an ein Gevatterbitten! Alle Papierfabrikanten im ganzen weiten Reiche brachten kaum so viel Papier zusammen, als der geplagte Papa zu Gevatterbriefen verbrauchte.
Aber was wahr ist, nie hatte noch zuvor die Sonne einen so festlichen Tag, wie diesen, beschienen. Aus hoher Luft, aus tiefen Kluften kam's auf Tauben, Sperbern, Adlern und Kranichen, mit Mausen, Ratten und Maulwurfen angeritten und angefahren. Silphen, Genien, Gnomen und Feen prunkten in bunten Schaaren und glanzenden Reihen um unsre Konigstochter her, der zierliche Frivolo mitten unter ihnen. Keiner fehlte noch, als die Waldmutter, die denn auch in groteskem Aufzuge erschien.
Als nun die Firmelung vor sich gehen sollte, sah der Bonze sich verlegen nach dem Namengeber um. "Poularde soll sie heissen!" rief Fricando, dass es durch die grosse Versammlung dreimal wiederhallte; darob eine junge Fee so hell aufquickte, dass schier die ganze Ceremonie in's Komische heruber gespielt worden ware. "O nein, nein, nicht Poularde!" zwitscherte Sentimentale aus ihren atherischen Bettumhangen heraus. "Gracula soll sie heissen; so w i l l i c h !" Die junge Fee lachte wieder, aber nicht so laut, und Fricando gab sich, wie er gewohnlich nach einem solchen Spruch zu thun pflegte.
"Nun, so weihe denn dein Kind schon durch den Namen zur Thorheit des Zeitalters ein; meinetwegen!" sprach die alte Waldmutter. "Jetzt opfert eure Gaben, ihr Andern da; du luftiges Gesindel und ihr wampigten Unholde unter der Erde, ihr Gnomen-Pobel nahet euch, ich muss von dannen!"
"Einmal her und Einmal hin,
Fort, zur schonen Konigin!"
Sie naheten Alle und Gracula wurde mit allem beschenkt, was die Schonheit glanzend machen und den Verstand erweitern kann; doch keine dachte an der Gaben schonste: an ein schones, weibliches Herz, an ein Gemuth, das die Schonheit einzig schon macht, das den Verstand einzig zur schonen Gabe erhoht. Gracula wird tanzen, ehe sie gehen kann. Sentimentale wird die susse Schmeichelei zur Warterin ihres Kindes machen, wird mich verachten, Gracula wird in bunten maandrischen Kreisen den Tanz des Lebens fruhe beginnen und uber ihre eigene Fusse fallen. Und jetzt adieu!"
Dreimal her und dreimal hin,
Fort von dir, du Konigin!
Eil' ich meinem Walde zu,
Furder stort nicht meine Ruh!
So die Waldfrau und polternd und scheltend fuhr sie von dannen.
"Die alte Narrin!" sagte Frivolo, suss lachelnd. "Die alte Narrin!" wiederholte das gefallige Echo der Hofleute; "die alte Narrin!" bis es sich leise verhallend bei der aussersten Schildwacht verlor, die ihr noch, den Gewehrkolben trotzig aufstossend, den Refrain nachschickte. Im Herzen hielt Sentimentale die Waldmutter gar nicht fur so eine Narrin, als sie sich jetzt den Schein davon gab; sie beruhigte sich aber leicht, wie das alle Sentimentalen so in der Art haben, und dachte: ich will den Rousseau studiren und den Campe; zum Noth- und Hulfsbuchlein wird mir auch noch die Frau le Prince de Beaumont zur Hand gehen, da soll's ja wohl werden. Uberdem wird uns Grossen ja alles so leicht in die Hande gespielt; wir werden ja doch mit so geringem Kraftaufwande vortrefliche Wesen, dass es sich keines so grossen Aufhebens daruber verlohnt.
Erzogen werden, hiess bei Sentimentalen, erschrecklich viel fremde Begriffe auffassen lassen. Gracula's Wiege wurde gleich in den ersten Wochen mit Kunstlern und Gelehrten aller Art umgeben; denn sie dachte: je fruher, je besser! Dem jungen, thierisch stieren Auge wurden Antiken und Gemmen in Menge vorgehalten, dass der Kunstsinn sich fruhe bilden solle. Andere declamirten Gedichte uber des Puppchen Wiege hin, so dass, wenn die Elegie schwieg, die Pindarische Ode herrasselte. Wieder Andere disputirten uber spitzfindige philosophische Satze, wobei sich die Kleine immer besonders unruhig gebardete und mit den Fusschen strampelte, woraus die Herren schlossen, dass sie mit dem Zeitalter fortschreiten wolle.
Sentimentale starb vor Ungeduld nach den ersten Sprachlauten des Wunderkindes. An einem schonen Morgen sturzten einige Dutzend Bonnen und deren Gehulfinnen mit der freudigen Nachricht athemlos herein: die Prinzessin habe Worte gesprochen! "Worte? Ihr Narrinnen, was fur Worte?" "Das ist's eben! Ach, ach, gna dig ste Ko ni gin frei lich ist's das eben" stotterte die Alteste der Bonnen noch ausser Athem hervor. Da kam's heraus; es waren fremde Worte, wie Zauberformeln gewesen. "Ich hab's immer gesagt, es ware nicht gut, sich mit Hexen und Hexenmeistern abzugeben!" meinte die alte Gouvernante. "Ich will's selbst horen!" sagte die Konigin, und erhob sich wurdevoll nach der Kinderstube.
Gracula gestikulirte mit den Handchen, wie ein Professor, und rief Mutterchen lustig entgegen: "Mama ich nicht ich" und nun folgte ein ganzes schwerfalliges Heer der Worter, woruber zuletzt an ihrer Wiege gestritten war.
Uberwaltigt vom Entzucken, sank Sentimentale in eine leichte zwolfstundige Ohnmacht. Als sie die Augen wieder aufschlug, war ihr Erstes, dass sie den Sekretar rief: "O Musje Sekretar, sei er so gut, und mache er einen Aufsatz; aber so recht was man einen Aufsatz nennt, und melde er's aller Welt, in aller Welt Avisen, dass meine Prinzessin schon ein Inbegriff der tiefsten Gelehrsamkeit ist. Aber wie gesagt, so recht was man einen Aufsatz nennen mochte. Aber hort er, Musje Sekretar? Keine Schmeichelei, die verbitte ich mir; die Wahrheit ist Wunders genug!"
Und der gescheute Sekretar stiess so kraftig in die Trompete, dass es bald im Lande, wie im Auslande, zu einem allgemeinen Schreiben und Dichten kam. Die Postpferde erlagen unter der Last der Ballen, die sie nach der Residenz schleppten, und die Kinderstube der kleinen Gracula musste erweitert werden, alle die Oden und Dedicationen zu fassen, welche von hochst aufrichtigen Bewunderern der einjahrigen Beschutzerin der Wissenschaften und Freundin der Wahrheit in unterthanigster Devotion vor hochstdero Wiege gelegt wurden.
Zu der Zeit aber gab es einen erschrecklich gelehrten Professor, der den Leuten das Cranium betastete und dann auf ein Haar wusste, wozu sie sich in der Welt geschickt haben wurden, so dass mancher, der bei funfzig Jahren, zu dem Volke gesprochen hatte, bei Gelegenheit der Betastung erfuhr, dass er, seinen Anlagen nach, ein Schneider hatte werden mussen. Anderen, die beim Herrschen ergraut waren, tastete er ein Kutschertalent heraus, und so mehr. Diesen Wundermann berief Sentimentale an ihren Hof, und befahl, dass er das kleine Kopfchen ihrer Tochter befuhlen und beschauen musse; doch wurde ihm leise bedeutet, es werde hoffentlich alles so seyn, dass Ihro Majestat Frau Sentimentale nur Freude und Wonne nebst lieblichem Wesen die Fulle davon haben werde.
Der Professor aber war ein Mann ohne alle Hofsitte, ging gerade mit der Sprache heraus, und sagte seine Resultate so keck dahin, als ware weder Pension noch Titel zu verlieren gewesen. "Gracula," so sprach er, "hat viel leere Facher, worin sie allerlei fremde Waare lassen kann. Mit dem Selbstdenken sieht's so, so aus; aber eine richtige Nachbeterin kann sie werden; denn die Gedachtnisskammer ist so raumig und gross, als zu dem Judicio nur eine kleine LumpenSpelunke angewiesen ist. Aber nun noch etwas! sie wird sich den Lichtern der Welt darin gleich stellen, dass sie mit dem Kopfe fuhlt und alles durch den Verstand abthut. Wegen Herzensangelegenheiten kann man ganz sicher seyn; denn wo andern Madchen das Herzchen pickert, liegt ein felsenharter Kieselstein."
Hier rief die ganze Akademie, die bei dem Experimente hatte zugegen seyn mussen:
Hoch und gelehrt,
Sie ist es werth,
Dass sie als eine Saule steh
In nostro docto corpore.
Nach diesem wuchs Gracula ganz gewaltig an Schonheit und Geist, zur Freude der Mutter, mehr als des Vaters, der es sehr ubel nahm, wenn das Tochterchen sich den Kopf zerbrach, zu welcher Kathegorie der Wesen Papa wohl gehore? und ihm endlich wohl gar im Pflanzenreich seinen Platz anwiess.
Im Vertrauen gesagt, riss auch der Mama ins Geheim oft die Geduld uber die widerliche Selbststandigkeit des Madchens aus, und sie verwiess ihr oft die emporenden Raisonnements, womit sie sich schon uber alle kindliche Verhaltnisse hinaus zu schwatzen verstand. Und wenn sie die Weisheitsmanner, die den Unterricht der Prinzessin uber sich hatten, deshalb zur Rede stellte, bekam sie zur Antwort: "es sei zwar wahr, Gracula habe eine sehr kecke Ansicht der Dinge; es wurde doch aber ubel gethan seyn, einer solchen Genialitat den Spielraum zu beschranken, u. d. m."
"Was hat die alte Waldnarrin wohl mit ihrem Sibillinischen Wortkram gewollt?" fragte sich Sentimentale zuweilen. Die Rosen mogen bluhen, der Becher mag perlenden Schaum aufsprudeln; ein Wesen, das so wie Gracula allen Erscheinungen der Sinnenwelt Hohn spricht, ist bewahrt genug. Ein Kiesel, wo das Herz seyn soll" "Aber sie hat Sinne und sehr rasches Blut!" antwortete eine Stimme, die Sentimentale sogleich fur die der Waldmutter erkannte, die in dem Augenblicke vor ihr stand. "Sentimentale," sprach sie, "deine Tochter ist jetzt funfzehn Jahre. Sie steht am Scheidewege. Lass dich erbitten, mach' mich zu ihrer Gouvernante! An der Hand der Erfahrung kann sie nicht straucheln!"
"Was soll mir die alte Krucke?" sagte Gracula, die eben in's Zimmer trat. "Ich hoffe, Madame! Sie trauen es Ihrer Tochter zu, dass sie durch sich selbst etwas seyn konne." Die Alte hob ihr elfenbeinernes Stabchen, und sagte bedeutend: "Gracula, die Rosen bluhen, der Becher lockt, das Blut ist heiss. Du tanzest am Scheidewege; hute dich, allein zu stehen!" "Ich falle gewiss nicht, gute Madame!" sagte die Prinzessin hofmassig. Und die Alte sagte nun zurnend: "Wehe dir und abermal Wehe, wenn du nach diesem mein Antlitz sehen wirst! Schrecklich wird dir's seyn. Lebt wohl! Gewarnt seyd ihr!"
Sentimentalens weiches Gemuth konnte sich uber diese Erscheinung lange nicht zufrieden geben. Sie fing an, die Tochter zu huten. "Sparen Sie die Muhe!" sagte diese. "Ich kann das Gangeln nicht leiden. Auch der Eltern Marionette mag ich nicht seyn. Ein selbststandiges Wesen muss von allem sich beruhren lassen, ohne etwas in sich aufzunehmen. Keiner muss seine Individualitat um taube Nusse aufgeben." So betete sie ihren Lehrern nach.
An einem Abend, wo bei der Konigin ein grosser literarischer Cirkel sich einfinden sollte, verirrte sich Gracula in dem Park, uber den kathegorischen Imperativ grubelnd und einen Satz, den sie irgendwo gelesen hatte, auswendig lernend, weil er noch diesen Abend als selbst erfunden vorgefuhrt werden sollte. Sie hatte sich so weit vom Schlosse entfernt, dass sie nicht die sinkende Sonne die goldnen Zinnen rothen und in die kristallnen Dachfenster glanzen sah; zu ihren Fussen vernahm sie ein leises Rauschen und Zischen. Es kam von einer kleinen, bunten, wunderschonen Schlange, die sich in allerlei kunstlichen Schlingungen zu ihren Fussen bewegte, vorwarts glitt, wenn sie ging, und still lag, wenn sie stehen blieb. Gracula verfolgte dies Spiel so lange Zeit, dass die Dammerung daruber eintrat. Sie wollte zuruck; aber wie seltsam wurde sie uberrascht, als die kleine Schlange sich so kraftig um ihren Fuss wand, dass sie ihn nicht von der Stelle zu bewegen vermochte, und rings um sie her sich hohe, bluhende Rosenhecken zogen, sie dicht einzuschliessen. "Das sind gewiss die Wunder des elfenbeinernen Stabchens der Alten!" sagte die Prinzessin fest und schritt vorwarts; denn die Schlange schoss von ihrem Fuss ab, einer Rosenlaube zu, wohin Gracula ihr folgte.
"Folge der Verfuhrerin nicht!" erscholl's aus der Luft; sie betrugt dich. Da die Stimme der Erfahrung leicht zu erkennen war, so antwortete die Prinzessin mit edlem Trotze: "Ich gehe und will siegen!" "Gefahr meiden, ist sicherer, als sie suchen," entgegnete die Stimme. "Nur der Kruppel bedarf der Krucke!" sagte die Prinzessin und ging.
Jetzt trat aus einer Laube, geflochten von Rosen und Mirthen, ein Madchen, von uberirdischer Schonheit. Ihre uppigen Locken hielt ein Kranz von Tuberosen und Granaten. Um den vollen Busen und die entblossten Schultern schwebte ein durchsichtiger Schleier. Ihre Miene war lachend und einladend. Freundlich reichte sie der jungen Philosophin die Hand und sprach; "Komm herein zu mir, schone Konigstochter! Lass uns freundlich kosen! Was vergeudest du die goldene Zeit der Jugend, die nie wiederkehrt, mit alten Peruckenstocken und unverstandlichem Geschwatz. Traume, wenn du nicht anders kannst; aber traume froh. Willst du Weisheit? Raisonnement? Sieh hier, hier ist, wie es deinem Alter zusteht; es ist meine Lebensphilosophie." Ein Buch lag vor dem Madchen aufgeschlagen, es hiess: das Paradies der Liebe. "Hier lerne leben und geniessen!"
Gracula trat sprode zuruck, und gab dem Madchen ihre kalteste philosophische Prunkmiene zum Besten. Das Madchen lachte und sprach: "Das kenne ich. Du wirst mir nicht entgehen. Deine Stunde ist da. Sei ein Madchen, schone Konigstochter! Begehe nicht den schwersten Raub an dir selbst! Betruge dich nicht langer um deine Jugend; gieb den austrocknenden Plunder auf!"
"Noch einmal: wer bist du, wildes, ungezahmtes Madchen? Deine Gegenwart flosst mir unbekannte Schauer ein. Woher kommt das? Wer bist du?"
"Die Mutter und die Zwillingsschwester des Menschengeschlechts. Die grosse Natur gehort zur Halfte mir. Ich gebahr alle; mit jedem Mutterkinde saugte ich den mutterlichen Busen. Massig genossen, segne ich meine Verehrer, die Unmassigen lohne ich wie weiland Circe ihre Liebhaber, und uberlasse sie meiner jungern Schwester, die auch meine Tochter ist."
"Aber wer bist du? Wer ist diese seltsame Schwester?"
"Ich bin die Wollust; meine Schwester die Uppigkeit."
"Nun denn, so hebe dich von mir! Sollten meine intellektuellen Krafte"
"Still, Still! Diese Worter machen mir Kopfweh. Ziere dich nicht, Puppchen! Komm hier und trink' von meinem Wein! Diesen Becher, der sich immer wieder schaumend fullt, schickt dir Frivolo. Er blieb sein Pathengeschenk dir schuldig."
Ein kleiner, Bacchus gestalteter Genius reichte Gracula den vollen Becher hin. Sie nippte, nippte wie eine Braut im Beiseyn des Brautigams. Voluptas trank und reichte ihr den Becher schakernd wieder hin. Gracula trank nun auch, wurde aber nur redselig, nicht frohlich, und die schwerfalligen Sentenzen lossten sich jetzt wie Marmorblocke vom Felsen aus ihrem Gehirn los. Voluptas lachte, und sagte: "Ist's mir doch, als wohnte ich einem Magisterschmause bei. Rolle mir deine schweren Sentenzen nicht uber'n Hals, sie erdrucken mich. Ich will dir ein Liedchen singen. Hore!" Und die Wollust sang ein Lied, wie die Wollust es nur zu singen weiss. Es regte die geheimsten Triebe der Sinnlichkeit auf. Gracula errothete, ward aber immer freier und freier; denn in all dem Plunder, womit sie den Kopf vollgepfropft hatte, fand sie kein Granchen Kraft, den Anregungen ihrer Sinnlichkeit zu widerstreben. Der ganze Maximenkram war kalt an dem Kiesel in ihrer Brust voruber gestreift.
Auf diese erste Zusammenkunft folgten viele andere; und aus keiner kam sie ungeahndet zuruck. Ihre Lehrer, welchen diese Veranderung nicht entgehen konnte, griffen zum Theil in ihren Busen, und sagten seufzend: "Gracula ist worden, wie unser Einer! Die hohe, hehre Philosophie ist ihr ein Spiel des Witzes, eine blosse Verstandesubung, durch welche sie sich zu jeder ihrer Unordnungen beschonigende Motive anzulugen weiss."
Endlich wurde Voluptas ihrer immer noch pedantischen Schulerin mude, und uberliess sie dem Umgange ihrer jungern Schwester. Nun sprachen beide dem berauschenden Becher fleissig zu, und die Prinzessin sank, aller weiblichen Wurde vergessend, sich gross in der Verachtung der guten Meinung anderer achtend, in die Arme des schonen Tanzers Salto.
Des Zwangs, den ihr Stand ihr auferlegte, mude, beschloss sie, mit ihrem Liebhaber in ein fernes Land zu entfliehen. Ja aber ihre Ehre! Ha! was ist Ehre? Ein leerer Schall, eine eingebildete Existenz in fremder Meinung; eine konventionelle Ubereinkunft pedantischer Menschen. Die Hottentotten, die Feuerlander, die Neuseelander, alle haben ihre eigene Ehre; welches ist nun die rechte? Wer darf den schwankenden Begriff fixiren? Vater und Mutter werden sich gramen? Hui! das ist nun wieder so ein Begriff zum Zerlegen. Nur dem grossen Haufen imponirt er. Mein Vater: ist's der Konig? ist's ein Anderer? Was weiss ich! Die Mutter! Je nun, bei allem Respect glaube ich doch schwerlich, dass sie sich eben mein Individuum dachte, als ich wurde. Ich kam, weil sie es nicht hindern konnte; soll ich's ihr danken? Und ist, was wir kindliche Liebe nennen, etwas anders, als die susse Gewohnheit, neben einander zu existiren? Wurde ich nicht eben das fur jeden, mit dem ich lebte, fuhlen? Aber die Eltern thaten mir Gutes; sie erzogen mich. Gut, gut; das thun sie ihren Hundchen und Hunerchen auch; und meine Erziehung waren sie ihrer Ehre schuldig. Also, was hielte mich zuruck? Fort, fort! Einen Schritt in's weite Leben hineingewagt; ich will meine Selbstheit dokumentiren; und damit auf und davon! Ohne Reue, ohne wehmuthigen Ruckblick, liess sie den armen Fricando und die gute breiweiche Sentimentale in den Armen des sussesten Schlafes zuruck.
Als dem armen Fricando beim Erwachen die Trauernachricht wie ein Saftchen beigebracht wurde, entfiel das bonbon der erstarrenden Lippe, und er erseufzte so schwer, dass die lodernde Flamme im Kamin davon erlosch. Sentimentale uberliess sich dem lautesten Jammer, worein alles stimmen sollte. Die Theater wurden geschlossen; die Marionetten still an die Wand gelehnt; die Saffran-Essenz-Sprutzen versiegten, und damit alles die Farbe der Melancholie truge, liess sie ein Edikt ausgehen, dass Jedermann schwarzen Kaffee trinken sollte. Alle Tone der Freude schwiegen, und nur die durch ihre Seufzer bewegte Aeolsharfe gab ihr sympathetisch das Echo ihrer Klagen zuruck.
Indess irrte ohne bestimmten Zweck das fluchtige Paar uber Berg und Thal. Gracula fuhlte zum Erstenmal etwas von der Beklommenheit der schonen Vaestula, als sie mit dem rothkopfigen Unhold in einer Tonne steckte. Salto war am Geiste ein vollstandiger Pervonte. In einer schauerlichen Monddammerung kamen sie durch einen dicken Wald, wo sie weder Weg noch Steg fanden. Salto war hochst murrisch und plagte seine Schone mit den bittersten Vorwurfen, dass er sich ihretwegen hier unter den wilden Thieren herumtreiben musse, da er sanft und suss in seinem Eiderdunenbette sich wiegen konnte. Voll innigen Missmuths befahl Gracula vor einer Hutte zu halten, die dem Scheine nach irgend einem treuherzigen Kohler gehorte; allein, die Waldmutter trat heraus. Der Mond bedammerte so eben nur die schauerliche Gestalt, sie kennbar zu machen.
"Gracula kommt vermuthlich, sich eine Krucke auf ihrem schlupfrigen Wege zu bestellen. So werde und sei denn, was du durch dich selbst werden konntest: ein thorichter Affe!" Sie schwang, indem sie sprach, eine Gerte, dass es durch die Luft pfiff; und krik, krik, krak, krak, bei Gracula, und krik, krik, krak, krak, bei Salto so wahr ich lebe! er ein Affe, sie eine Meerkatze!
Ihr schoner, bequemer Reisewagen verschwand, und statt dessen hob sie ein plumper holzerner Kasten in die Luft, wo er von den Wolken ganz gemachlich uber Seen und Felsen daher geschaukelt wurde.
"Mon Dieu! was ist das?" rief Salto. "Oh Dio!" die Prinzessin. Der Kasten war dunkel; sie fuhlten, dass etwas mit ihnen vorgegangen war; doch eigentlich was? erriethen sie nicht; nur an Epigrammen uber die Alte fehlte es nicht. Endlich fiel ein Strahl der Morgendammerung durch eine Offnung des Kastens. "Grand Dieu!" schrie Salto, voll Entsetzen; "ich weiss gar nicht, Madame! wie Sie mir vorkommen? Man sollte beinahe denken es will so scheinen, als ob" "Nun, Affe! was ist's?" rief Gracula wuthend. Das war das rechte Wort. "Ein Affe; aber auf Ehre, ein recht completter, tuchtiger Affe!"
"Ich rase, ich will zur Furie werden; ich will sie, dich, alle, alle zerreissen!" "Gemach, Madame, gemach! Was soll ich nun erst nicht alles thun! Sie? Sie sind glucklich, weil Sie als eine Philosophin auch hieruber sich beruhigen werden; aber ich pauvre diable, que je suis!" "Ach, ich habe den Henker von der Philosophie! Wer ist der Narr, der pratendirt, dass sie in's innere Leben eingreife, wenn sie meiner Schonheit nicht Bewunderer verschafft. Nie habe ich mich ihrer anders bedient," antwortete Gracula. "Aber mich verlangt, wie das enden wird?"
Sie waren dem Ende ihrer Reise nahe. Der Kasten liess sich auf ein schones grunendes Eiland nieder. Salto sprang leicht, wie immer, zuerst aus dem Futteral, und meinte, er fuhle sich ganz wenig verwandelt; ihm sei, wie immer. Gracula trat langgeschwanzt und melancholisch daher. Ein heller Wasserquell zeigte ihr sogleich ihr scheussliches Bild, woruber sie laut aufkreischte. Aber eine Stimme rief: "Verzweifle nicht! Siehe! Beobachte! Lerne! Jeder Grad von Veredlung und Selbsterkenntniss wird dir zugerechnet."
Traurig und einsam setzte sich unser Ungeheuerchen auf einen Baum, und betrachtete still die langgeschwanzte possierliche Kameradschaft, die sich nach und nach versammelte, und worunter sich Salto schon ganz einheimisch fuhlte. Gracula hing den Kopf und dachte ganz ernstlich nach; das Resultat war der Entschluss, der bewillkommenden Stimme zu folgen, zu lernen und still zu beobachten. Froh bemerkte sie, dass schon dieser Entschluss ihr frommte; denn aus einer scheusslichen Meerkatze wurde sie ein zierliches Affchen, niedlich geschmeidig und das artigste DosenGesichtchen. Die Stimme rief: "Wohl dir, Babiole! du siehst, ich halte Wort!"
Vom heissen Hunger getrieben, sah sich Babiole nach Nahrung um. Ein Mandelbaum bot ihr seine Frucht, und zum Dessert reichte ihr die susse Orange ein anderer. In dem Schatten dieser Baume barg sich Babiole, ahnungsvoll ihr Schicksal erwartend, als aus einem gegenuber stehenden Baume eine mannliche Stimme sang:
Wo tanzt sie nun ein Labyrinth? Wo fullt
Ihr Lied den Hain? welch gluckliches Gewasser
Wird schoner durch ihr Bild?
"Ha! wieder ein Wunder! Ein altfrankisches unasthetisches Thier, das noch dem Kleist singt!" sprach sie laut. "Welche Silbertone umsauseln mein Ohr! Tone noch einmal, susse Harmonie, dass ich dich finde!" sagte die Stimme, die gesungen hatte. Babiole sprang hervor, und ihr entgegen ein schlanker Elegant vom drolligen Geschlechte.
"Warst du ein Mensch? Sprich: habe ich Unglucksgefahrten?" "Seit ich Sie sehe, Schonste Ihres Geschlechts! fuhle ich kein Ungluck mehr," sagte der Fremde, wobei er sich grazios seine Sitzschwulen rieb. "Ob ich ein Mensch war, weiss ich so recht eigentlich nicht; denn die Meinungen waren daruber getheilt, und die Pluralitat nannte mich immer einen Affen."
"Wer warst du als Mensch?"
"Ein Elegant, unterthanigst aufzuwarten. Mein Beruf war, mein Gesicht an allen offentlichen Orten spatzieren zu fuhren, die Damen zu lorgniren, sie in Gesellschaft zu unterhalten, den Schoosshundchen Bisquit mitzubringen, das Modejournal immer zuerst in die Gesellschaft einzufuhren, alle neuen Broschuren aufzustobern, die Schauspiel Affichen zu prasentiren, beim Thee mit zu lastern und das Stichblatt zu seyn, woran die Damen ihren Witz ubten. Ich vertrug auch en galant homme ihre Grobheiten. Sonst erinnere ich mich nicht, etwas gethan zu haben."
"Solche Dinger sah ich viel am Hofe meiner Eltern. Sei mein Fuhrer; ich bin hier fremd!"
Unser Papillon liess sich das nicht zweimal sagen, und trat sein Kammerherrngeschaft sogleich an, indem er betheuerte, mit dem Locale vollkommen bekannt zu seyn.
"Wie kamst du aber zu deiner Verwandlung, Herr Ritter?"
"Ich ich war so ein kleiner loser Vogel, hatte mich ein wenig sarkastisch uber eine kleine, niedliche Hexe von Fee amusirt, und dafur beschenkte sie meine zierlichen Glieder mit diesem braunen Frack jusqu'a revoir."
"Gut! So lass uns denn gehen. Zeige mir die Wunder dieses Orts! Ich will alles sehen."
"Haben meine Gnadigste Dero Flacon zur Hand, wenn bei dem Anblick, der bevorsteht, die Nerven leiden sollten?"
"Du siehst, man tragt hier a l'antique keine Taschen; wo sollte das Flacon herkommen? Doch, sei unbekummert; Nerven kannte ich nie, war immer fest und kalt, wie Erz."
Jetzt sprangen sie leicht uber eine Dornenhecke, die einen grossen Raum, einem Kirchhofe ahnlich, einschloss. Vor ihnen lag ein Verhack von umgesturzten Monumenten, an welchen die Namen grosser Manner noch lesbar waren. Hohlaugige, bleiche Gestalten, die Kinder der Furien, mit dem Neide erzeugt, vertrieben ihre Zeit damit, dass sie diese Denkmaler mit Schlangen geisselten und den giftigen Geifer ihrer Lippen daruber hinsprudelten. Weiter hin waren Hianen und Schakals in Menge, welche in die Graber wuhlten und dann die Todten zu verschlingen schienen.
"Was treiben jene da?" fragte Babiole.
"Als Menschen machten sie die Geschichte;" sagte Pappillon. "Hier fahren sie fort, grosse Menschen klein zu machen; diesem den Kopf, jenem das Herz zu nehmen. Manchen haben sie schon so beputzt und beschnippert, dass er aus einem Riesen, der er seinem Zeitalter war, ein wahrhafter Pygmae geworden ist."
"C'est tout, comme chez nous!" sagte Babiole. "Lass uns weiter gehen! Der Modergeruch ekelt mich an; lass uns zu jenem Feuer eilen; mich friert." "Ah pour ca! daran werden Sie sich nicht erwarmen, meine Gnadigste! Das sind nur Johanniswurmchen, verwandelte Dichter und Schongeister. Freilich machen sie einen furchterlichen Spectakel, und immerfort Anstalt, mit ihren Leuchten alle grosse Dichter der Nation zu verzehren. Aber endlich mussen sie es doch jenem gelben zahnefletschenden Weibe dort uberlassen, die sich, glaube ich, Madame Kritik nennt. Aber die hat auch Zahne, die! Die vorigen Jahrhunderte hat sie schon hintergeschlungen; jetzt macht sie sich an's gegenwartige. Bon appetit! Madame!" rief er ihr zu, fasste Babiole's Handchen, und huy, von Zweig zu Zweig, nach einem schonen Raum von Orange, Mirthen und Granaten beschattet, wo sie eine grosse, bunte Versammlung antrafen.
Pappillon wusste alles, kannte alles, lasterte, apologisirte nach Laune, hatte uberhaupt nur ganz wenig von seiner Natur eingebusst. Er sprang unter den Haufen, nannte sie alle bei Namen, kusste Handchen, Pfotchen, Krallchen, was es zu kussen gab, und prasentirte seine neue Bekanntschaft.
Babiole ward bald inne, dass hier Freiheit und Gleichheit war; denn keiner nahm Notiz von ihrem Range. Ihr Sauersehen hielt keinen in Respect. Sie sturmten mit Fragen auf sie ein, ob der neue Musenalmanach schon erschienen ware? welche Philosophie jetzt die neuste Mode sei? ob der vierte Theil der Donau-Nymphe schon gegeben worden? ob die kurzen Taillen und langen Schleppen noch Mode waren? ob Wallenstein noch nicht travestirt sei? u.s.w. Babiole war ganz betaubt, und wusste nicht Antworten zu finden; uberdem war sie auch dadurch zerstreut worden, dass sie unter den Fragenden manche ihrer Hofdamen zu erkennen glaubte.
"Hier sind bekannte Stimmen," sagte sie; "ich bitte, belehren Sie mich, ob ich sie kenne?" Eine gravitatische Elster nahte sich, und nach vielen unnutzen Worten kam's heraus, dass sie die Ehre gehabt habe, der Prinzessin Gracula erste Kammerfrau zu seyn. Zwei kleine zierliche Papchens erklarten sich als Hofdamen der Prinzessin. Das ubrige war ein buntes Gemisch, wie die Feen, die oft die reizenden Sterblichen beneiden, sie sich aus ihren Zirkeln ausgelesen hatten; doch fand Babiole immer mehr, dass sie sich en pays de connoissance befande, fing an, ihres Elendes zu vergessen und die neue Situation amusant zu finden. Suchen die mehrsten Weiber wohl mehr?
Nach vollendetem Fragen schritt man zu der Tagesordnung, das heisst: zum Lastern; denn dieses war ein Klubb, den sie den sympathetischen nannten. Zuerst wurden die abwesenden Mitglieder der Gesellschaft vorgenommen, ihr Ausseres, ihr Inneres; Voraussetzungen galten fur Fakta; kurz, es ging ganz so, dass Babiole sich an ihrer Mutter Hof versetzt wahnte. Nachher kam es an den Menschen, den sie eine ernsthafte Bestie nannten; er betriebe, hiess es, seine Spielereien so feierlich. Endlich war auch dieser Quell der Unterhaltung versiegt, und Papillon brachte in Vorschlag, dass sie als ein Spiel des Witzes, jedes die Geschichte seiner Verwandlung erzahlen solle. Einige fanden, dass es amusiren wurde, und stimmten ihm bei. Ein artiges Affchen hub an zu sagen: die seinige sei sehr kurz. Auf dem letzten Ball habe sie, freilich ein wenig stark, in einer Hopps-Anglaise einem hubschen jungen Offizier zu minaudirt, und habe dabei einen Hopps gemacht, der sie in dieser Gestalt, nach diesem Eilande, unter diese Gesellschaft versetzt habe." "Die Gotter wissen es, wie bosartig diese Feen sind," nahm eine alte, dicke Mopshundin das Wort. "Eben als ich meinen 60sten Lenz erlebte, dichtete ich ein Lied an meinen Daphnis, und siehe da! wahrend dem Dichten verkurzten sich meine Finger; kurz, wie Sie mich hier sehen, kam ich, die Feder noch in der Hand, in diese noble Kompagnie, die mich mit dem Namen Amourette begrusste." "Ja, ja!" miaute eine fette, rothe Katze; "traue Einer den Feen! Ich habe blos so ein wenig meinen Scherz mit der Schongeisterei getrieben. Eigentlich wusste und verstand ich blutwenig; aber ich trieb doch einen ganz eintraglichen Schleichhandel mit den Urtheilen und Kritiken Anderer. Ich half manche literarische Malice in Kours bringen, und liess mir's oft bei Wind und Wetter, Nacht und Nebel nicht verdriessen, um einen erhaschten boshaften Einfall auszubringen, oder eine Feindschaft anzuzetteln, von Haus zu Haus, bis in die fernsten Vorstadte zu laufen. Von einem solchen Gange wurde ich in dies rothe Pelzchen, das kaum ein Schanzlooperchen zu nennen ist, gehullt, nebst meinem Gatten, diesem fetten Kater, der hier neben mir schnarcht, auf einem vertrakten Fuhrwerk durch die Luft hierher spedirt."
So kettete sich Erzahlung an Erzahlung, Geschwatz an Geschwatz, bis zuletzt die Gesellschaft einstimmig sagte, es sei nun an Babiole, ihre Verwandlungsgeschichte zu erzahlen. Babiole wurde nachdenkend und ernst; plotzlich ermannte sie sich, erzahlte ihre Begebenheiten, ohne sich im mindesten zu schonen. Dabei gab sie zu erkennen, sie vermuthe mit Grund aus einigen ihr einst unbekannten Regungen, der Kiesel in ihrer Brust sei mit ihrem Menschseyn verschwunden; sie glaube jetzt wirklich ein wahres, fleischernes, warmes, weiches Herz in sich zu verspuren; denn wenn sie ihrer Eltern gedenke, fuhle sie immer ein Wallen, wovon ihr Auge nass wurde.
Indem erscholl's: "Es lebe Frivolo und die Frivolitat! Es lebe der grosse Frivolo!" Da sprang, hupfte, kroch, flog, schwirrte alles im bunten Gewirre durch einander. Er erschien mit graziosen Verneigungen, bemerkte in der Geschwindigkeit alle einzelne Schonheiten der anwesenden Damen, das Porte bras dieser, die sanfte Lippenoffnung jener, die Grazie, womit diese ihren langen Schweif, jene die fatalen Sitzschwulen verbarg. Bei dem allen suchte sein Blick durch die Menge noch Etwas. Babiole war es! Er fand sie, druckte sie zartlich an sein Herz. "Deine Feindin ist schier versohnt, theure Gracula! Dein offnes Gestandniss in dieser Gesellschaft ist ihr ein wichtiger Schritt zu deiner Veredlung. Noch eine kurze Prufung, und du hast uberwunden. Ich komme nicht allein. Deine koniglichen Eltern sind mit mir. Ihr Gram um dich eignete sie bald, meine Unterthanen auf diesem Eilande zu werden."
Babiole fiel ihren Eltern zu Fussen und umarmte sie mit einer Fulle des Gefuhls, wobei an keinen Kiesel mehr zu denken war. Er war an dem sanften Feuer der gesunden Vernunft, das an die Stelle jener Philosopheme getreten war, zerflossen, und das Herz, weil es ihr jetzt oft ziemlich schwer war, aus dem Kopfe an seine rechte Stelle herabgesunken.
Keuchend sagte der arme Fricando, der auch zu einer Umarmung heranwatschelte: "Da sehen wir's nun, Frau Sentimentale, was bei dem leidigen gelehrten Wesen herauskommt! Affen werden wir, leibhafte Affen. Und das wollte ich mir wohl noch gefallen lassen, waren nur die verwunschten Knackmandeln nicht, die einem Unverdaulichkeit zuziehen. Dies Geschlecht versteht sich verteufelt schlecht auf die Kuche!"
Das Konigspaar war also nicht verwandelt? Ach! der gute Fricando hatte durch Dickleibigkeit in der That nur noch sehr wenig Menschliches an sich, so dass es kaum lohnte, das wenige noch zu verwandeln. Und Sentimentale? Je nun, ob die Fee den Schwachen der Mutterliebe eine solche Nachsicht angedeihen liess, oder ob es alte Freundschaft war; genug: sie war bis jetzt noch Sentimentale geblieben!
Jetzt erschien die Fee E r f a h r u n g , in einem Aufzuge, der aus den Rustkammern aller Volker zusammengebracht schien. Als Dekan der loblichen Feenschaft, war das Richteramt ihr geworden. Frivolo's Departement war ein ihr untergeordnetes. "Schadlicher Genius!" sprach die Alte, "verschwinde, herrsche hinfort nur uber alte Jungfern und Hagestolze. Durch den Beschluss hoherer Geister, ist dir der Vorzug ewiger Jugend genommen. Fuhre dein geschniegeltes Figurchen unter sterblichen Damen zur Schau umher, und werde so ein eitler, verspotteter, alter Jungling!"
Wenigen gab sie menschliche Gestalt zuruck; die meisten schob sie tiefer in die Thierheit hinein, weil sie, wie fast in jeder Strafanstalt, nicht gebessert, sondern sich verschlimmert hatten. Zu Fricando sprach sie: "Verlass den Thron, auf dem es sich zu hart und zu unbequem sitzt, und vertausche ihn mit einem weichen Grossvaterstuhl, der schon langst in einem reichen Kloster seine Arme nach dir ausbreitet. Schlummere, vegetire dort als Prior, und erwarte da dein seliges Ende bei Ganseleber- und Karpfenzungen-Pasteten. Der beste Mundkoch ist dir zugegeben."
"Sentimentale, die liebliche Gestalt eines Taubchens, wird dir nicht zuwider seyn. Nur eine kurze Zeit, und euer aller Schicksal ist gelosst!"
"Noch einer Prufung bist du unterworfen, Prinzessin! unter welcher deine Anlagen sich still und gross entwickeln mogen. Ich versetze dich als Marmorgebilde in den Prunksaal des elterlichen Pallastes. Bei menschlicher Sprachfahigkeit, verdamme ich dich zu beharrlichem Schweigen. Hore! Dulde! Schweige! Ein einziger Laut verwandelt dich in kalten Marmor, der du zu seyn scheinst."
Ein Donnerschlag beschloss die Szene. Die darauf reprasentirt hatten, grunzten, grinzten, bellten, miauten von dannen, wohin ihnen ihre Natur ihre Bestimmung anwiess.
Gracula stand nun gebildet in karrarischem Marmor, schon, wie die Venus von Medici, im grossen Saale des elterlichen Pallastes. Sentimentale setzte sich wehmuthig-gurrend auf der Tochter kalten Busen. Ach! i h r war er nie warmer gewesen!
Schaaren von Kennern und Neugierigen drangten sich um die neue, wundervolle Erscheinung, von der Niemand begriff, woher sie gekommen sey. Nur der Hofmarschall gab schlau zu verstehen, er wisse es wohl; denn er habe sie aus dem Herkulanum fur 100,000 Zechinen erhatten, die ihm der Tresorier auch ganz treuherzig wieder erstattete.
In den ersten Tagen der Ausstellung ubte sich bloss die Kritik der Kenner am Ebenmaass, und der Streit war, zu entscheiden, ob das schone Weib wirklich antik oder untergeschoben sey?
An einem schonen Morgen machte eine Erkerbewohnerin des Schlosses, eine uralte Charteke von Hofschranze die Entdeckung: die schone Marmorfrau sei der verschollnen Prinzessin auf ein Haar ahnlich. Diese Nachricht trieb eine unerhorte Menge Kenner und Kennerinnen zusammen; und jetzt erst begann die grosse Prufungsstunde der Weiblichkeit. Aber es hiess: horen, dulden, schweigen! Die Prinzessin bestand!
"Wie!" sagte eine Kennerin; "diese vollendete Schonheit ware die Unholdin Gracula? Diese zierlich gerundeten Arme! Jener reichten ja die Hande bis an der Ferse! Und dieser Mund, hold sich offnend, wie eine zarte Rosenknospe! Der Prinzessin Mund war wie in Afrika geformt. Ihre ganze Natur war Sauerstoff!"
"Ja!" sagte eine Matrone das ist wahr, unausstehlich war sie! Wohl dem Lande, dass sie den faux pas machte!"
"In der Nasenspitze finde ich doch etwas von ihrer Bosheit; von der albernen Anmaassung, mit der sie, als ein eminentes Wesen, uber alles hinwegtrat!"
"Das war nur fur die Welt!" sagte ein Stutzer; "unter vier Augen, ich versichre auf Ehre, war sie nichts weniger, als sprode!"
"Sie soll von Zwillingen entbunden seyn!" sagte eine paussbackigte Rathin.
"Allerliebste Buben! ich versichere. Sie sind bei einer Muhme von der Muhme meiner Kammerfrau in Kost!" antwortete das Weib eines Oberpriesters.
"Wer war an Allem Schuld, als die gelehrte Narrin, ihre Mutter, die durchaus ein kleines Wunder haben wollte! Zu der Zeit ihrer Geburt raunte man sich seltsame Dinge zu!" sagte wieder Einer.
Das Taubchen achzete leise, und schlug die Flugel einigemal, wie wenn sie die Arme zum Himmel ausbreiten wollte, um Suhne des Vergangenen herabzuflehen.
Die Prinzessin litt unsaglich. Sie horte sich schmahen, schandlich verleumden, ihre wirklichen und angedichteten Fehler aufs Bitterste herrechnen. Die Operation war schmerzlich, aber sie bewirkte eine grundliche Kur. Sie horte, duldete und schwieg!
Jetzt nahte sich ihr eine junge Dame, die sie oft ihren ganzen Ubermuth hatte fuhlen lassen, weil sie diese schlichte, unverkunstelte Natur fur Beschrankung hielt. "Was werd' ich nun horen!" sagte sich die Prinzessin. Ihr Herz schlug fast horbar unter dem Marmor.
"Gewiss, meine Damen!" sagte Eliante, "Sie tadeln die Prinzessin hochst unbillig. Sie war, wo moglich, schoner noch, als dies Marmorgebilde. Sie war meine Freundin nie, so gern ich die ihrige geworden ware. Denn hinter jener unglucklichen Verbildung, welche die Folge einer schiefen Ansicht ihrer Mutter war, schlummerten hundert schone Anlagen. Ich, an meinem Theile, habe sie nimmer gehasst, so tief sie mich auch krankte."
"Sie haben recht, Eliante!" sagte ein stattlicher Herr; "die arme Prinzessin wurde z u v i e l erzogen. Die schwerfalligste Schmeichelei umgab schon ihre Wiege. Sie hat nie durch die Gelehrsamkeit bis zum Menschen durchdringen konnen."
Das Taubchen bewegte immerfort die Flugel und gurrte. Man fand es auffallend, dass das Sinnbild treuer Liebe auf dem kalten Marmor hause.
So vergingen der Prinzessin Tage und Wochen, und die Fee liess sich immer noch nicht weder sehen, noch horen. Fast erlag sie unter der Last unerhorter Schmahungen. Was die Grossen so selten glauben, horte sie jetzt mit eignen Ohren: dass dem Publiko keine einzige ihrer noch so geheim gehaltenen Handlungen entgehet; dass ihre Schiefheiten scharf bemerkt, das Gute aber nur entstellt und im verjungten Maassstabe erwahnt wird.
Der Strom verlief sich endlich; man fand es gar nicht mehr amusant, in die Ausstellung zu gehen; denn endlich trafen sich immer dieselben Gesichter wieder. Uberdem war in der Stadt ein Hundetheater eroffnet, wohin die schone Welt ihre, ihr so lastige, Zeit zu todten ging.
Alle Pfeile der Schmahsucht waren nun auf die arme steinerne Dame verschossen, und sie hatte in edler Selbstuberwindung verharrt, keinen Seufzer gespendet, kein Ach! kein Oh! vernehmen lassen. Die Fee erschien!
Sophia1, deine Klugheit macht dich fortan dieses Namens, womit ich dich beehre, werth. Sophia, du hast nun in kurzer Frist ein Leben voll Erfahrung gewonnen. Gehe hervor, und benutze sie redlich!"
Ein Donner endete die Metamorphose. Sophia ging wie ein stralender Stern hinter einer Wolke, aus ihrer Marmorhulle hervor. Die Duegnen und Zofen quikten vor Schreck, und die Hofdamen lagen reihenweise in Ohnmacht, wobei keine an Attitude oder Faltenwurf gedacht hatte; denn es kamen wirklich ganz curiose Stellungen zum Vorschein. Die Hoflinge waren, sich mechanisch verbeugend, erstarrt mit krummen Rukken stehen geblieben und erwarteten ihr Urtheil.
Sophia war nun ihre Konigin, und sagte, statt zu strafen, allen Huld und Gnade zu; nur die Schmeichelei lag unter dem strengsten Bannfluche. Die Lehre, die sie bekommen hatte, wirkte bis auf's Mark bei ihr.
Eliante wurde ihre theuerste Freundin, und der stattliche Herr, der mit Elianten gesprochen hatte, ihr Rathgeber und Fuhrer. Doch blieb die Waldmutter immer die erste Instanz.
Lange noch blieb Sentimentale eine Taube, weil sie sich selbst unter dieser zarten Gestalt gefiel und die ewigen Liebkosungen ihr wohl thaten. Nur nach und nach bequemte sie sich wieder zur menschlichen Gestalt; doch behielt sie am langsten die Flugel. Ihr zu Ehren, trugen nun alle Damen Chemisen a la Sentimentale, von welchen sie sich bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz haben befreien konnen; sie bedienen sich ihrer, wie man sagt, zum rastlosen Umherflattern. Das soll aber auch das Einzige seyn, was sie von der Tauben-Natur sich angeeignet haben.
Die Waldmutter freute sich nun ihres Werkes, und brachte viel Zeit an diesem Hofe zu, wo sie das Amt eines geheimen Archivarius verwaltete. "Du musst dich vermahlen!" sagte sie einst zu Sophien. "Ich habe gewahlt, Mutter! Er ist es werth!" Bescheiden errothend reichte Sophia dem Sohne ihres alten Freundes und Rathgebers, einem Edlen des Landes, die Hand; und so machte sie an der Hand der Erfahrung, der Weisheit und Freundschaft, ihre Staaten zu den glucklichsten, welche je die Sonne beschien.
Siebentes Kapitel
Wir haben diese Kleinigkeit, die Albert der Kritik des Klubbs zum Besten gab, in einer unabgebrochenen Folge hergesetzt; Er selbst las sie in drei Abenden.
Onkel Dammrig amusirte es trefflich; er rieb oft wahrend des Lesens die Hande und rief: "Kostlich! Delizios! Da habt ihr's!" Die Damen hingegen sahen oft betroffen und etwas einfaltig aus. Aber Wassermann warf sich mit Wuth daruber her und kunstrichterte ohne Schonung. Weil nun dieser Kleinigkeit gar kein Werth beigelegt wird, wiederholen wir hier nicht Wassermanns Kritik, da sie ohnehin ihren Richtern, sammt den Wassermannern und Vadiussen nicht entgehen wird. Vadius, der Allgefallige, wusste freilich nicht so recht, nach welchem Winde er den Mantel drehen musse; indess liess Albert sie machen, und antwortete bloss der Tante Elisa, als sie ihn freundlich fragte: "Aber, mein Herr von Ulmenhorst, es scheint in der That, als waren Sie der weiblichen hohern Kultur sehr abhold?" "Der unzweckmassigen und verschrobenen von ganzem Herzen; denn nie geschah der achten Bildung so viel Abbruch, als durch diese. Uberhaupt gebe ich fur die ganze weibliche Verstandesbildung keine Priese Tabak, wenn sie ein Spiel der Eitelkeit ist und nicht Karakterbildung wird."
Laurette maulte. Albertine sah unbefangen drein, und bemerkte es auch nicht, dass Albert ihr bei seiner letzten Ausserung einen wohlgefalligen Blick zugeschickt hatte.
Albertine war eines hauslichen Geschafts wegen abgerufen worden; die Unterredung hatte indess eine andere Richtung genommen. Es war viel wahres und halb wahres uber den schonen Trieb der Menschheit, die Freundschaft, gesagt worden. Albert bewies aus seinen eignen Erfahrungen das Daseyn dieses schonsten Zuges und Beweises menschlichen Tugendsinnes, und sprach uber seine fruheren Verhaltnisse zu einem Freunde, den er leider nun in dem Kriege verloren habe. "Lindenhain," sagte er, "war das Muster junger Manner." Albertine trat eben bei diesen Worten wieder herein; sie horte den Namen, schlich leise naher und lauschte. "Durch seltsames Zusammentreffen von Umstanden wurden wir getrennt, horten lange nichts von einander; doch wenn ich nach meinem Herzen sprechen soll, ohne uns deshalb einander minder werth geworden zu seyn. Ich reisete aus, ihn aufzusuchen, und wenn auch nur als Volontair an seiner Seite zu fechten, als mir schon die ungluckliche Nachricht entgegen kam, er sei bei Bitsch geblieben." Albertine sank mit einem dumpfen Schrei hinter Albert ohnmachtig zur Erde. Sie hatte so eben aus seinem Munde die Bestatigung vernommen: ihr Louis, der von Lindenhain hiess, sei nicht mehr!
Albert war besturzt, obschon er nicht ahnete, dass er den Zufall veranlasst habe. Der hochste theilnehmende Schmerz ergriff ihn aber, als Laurette ihm mit der grossten Ruhe sagte: "Sie werden sich schlecht bei meiner Cousine empfohlen haben, Herr von Ulmenhorst! Der Lindenhain, dessen Tod Sie bestatigen, ist ihr Gemahl!"
Von diesen Worten wurde Albert wie von einem Schlage getroffen. Er blieb mit starren, auf Lauretten gerichteten Augen wie angewurzelt stehen, sprach keine Silbe, sturzte dann den Frauenzimmern nach, die Albertinen in ihr Zimmer brachten, kehrte an der Schwelle plotzlich um, schlug sich vor die Stirn, und eilte ohne Hut durch eine unwegsame Strasse, in der Dunkelheit eines Herbstabends, nach seinem Gute zuruck, wo er erst lange nach Mitternacht verstort ankam und sich in den Kleidern auf's Bette warf.
Seinem vertrautesten Freunde hat er nachher gestanden, dass selbst in dem Moment der hochsten Uberraschung und Besturzung, die Hoffnung einen Strahl in sein Herz geworfen und ihm Albertinens Besitz tief im Hintergrunde seiner Ahnung hingezaubert habe, ob er gleich das Auge davon, als von einer Versundigung an seinem verungluckten Freunde, schnell weggezogen habe.
Tante Elisa hatte sich indessen mit der gutmuthig
sten Theilnahme die Pflege ihrer Nichte angelegen seyn lassen, um welche Madame Rosamunde sich nur Wohlstandes halber, Laurette aber gar nicht bekummerte, obschon diese jetzt ganz treffliche Sachen uber Humanitat, Freundschaft und Verwandtenliebe zu sagen wusste, welchen aber ihr Wassermann nur halbes Ohr lieh; denn sein kaltes Gemuth war eben damit beschaftiget, die Zinsen von Albertinens Kapital sammt den Vortheilen zu berechnen, die der Besitz einer so hubschen Frau einem Manne wohl verschaffen konne. Onkel Dammrigs Mitleiden ging gewohnlich in Verdruss und uble Laune uber, weil er immer in seiner Art von Frohleben gestort zu werden besorgte.
Albertine verfiel in ein hitziges Nervenfieber, in
dessen guten Intervallen sie zu ihrem Bruder gebracht zu werden verlangte, indess man es fur rathsamer fand, sie, der bessern Hulfe wegen, in die Stadt zu bringen, wohin ihr die ganze Familie bald folgte, weil das abfallende Laub und die bereiften Morgenfluren den nahen Winter verkundeten.
Auch Albert verliess sein Gut, das ihm, ohne Alber
tinens Nahe, ein Exil zu seyn dunkte. So emsig er auch jeden Tag mehrere Male Nachrichten von ihr sich geben liess, zogerte doch seine Delikatesse, sich ihr, auch da es schon schicklich gewesen ware, vorzustellen. Er kannte die Zartlichkeit ihres Gemuths, das aber dennoch, sich selber gelassen, jeder Einwirkung der Vernunft und einer gesetzten Fassung empfanglich war.
Wassermann, den alle zarteren Verhaltnisse des Lebens leere Form und leidige Konvenienz dunkten, dachte jetzt auch: Nun, was ist's denn? Der erste Besitzer ist todt. Warum sollte ich seinen Nachlass nicht sobald als moglich erstehen? Mit diesem Vorsatze im Herzen, begann er Lauretten, der er fast erlaubt hatte, ihn nach ihrer Weise zu lieben, schnode und ausserst grob zu begegnen. Er widersprach ihr, ehe er noch ihre Meinung recht wusste, glaubte, um recht verstandlich zu seyn, ihr oft im Beiseyn eines Dritten ihre Neigung zu ihm vorrucken zu mussen, und ausserte mit hochster Unzartheit, dass er sie nicht erwiedern wolle.
In eben diesem Grade unfein waren seine Zuneigungs-Ausserungen gegen Albertinen, die ihm, wie er glaubte, nicht entgehen konne. Oft polterte er mit schweren, schmutzigen Stiefeln durch ihr Vorzimmer bis zu ihrem Bette hin, storte ihren seltnen heilsamen Schlummer, um ihr den Vorzug seiner Theilnahme angedeihen zu lassen; und nie verliess er sie, ohne sie auf die Ehre aufmerksam gemacht zu haben, welche er ihr durch seine Aufmerksamkeit zu erweisen glaubte.
Dieser, Albertinen so unwillkommnen und von ihr unaufgeforderten Liebe wegen, entstand ein Missverhaltniss im Ganzen, das Albertinen in seinen Folgen sehr bedeutend wurde, und das sie bald ausgetrieben haben wurde, hatte Tante Elisens fortdauernde Liebe und der vertraute Umgang mit ihrer Euler, ihm nicht das Gleichgewicht gehalten.
Achtes Kapitel
Jetzt, da Albertine wieder ausser Gefahr war und kleine Gesellschaften in ihrem eignen Zimmer anzunehmen anfing, wagte auch Albert einst um Zulassung bei denselben zu bitten. Albertine gewahrte es ihm mit sichtbarer Bewegung; und als er erschien, brach ihr Schmerz zum Erstenmale in einen Strom von Thranen aus. Denn bis dahin hatte sie, zum Schrecken ihrer Freundinnen, in ein dumpfes, thranenloses Schweigen hingebrutet, ohne der Ursache ihres Grams im mindesten zu erwahnen.
Die Wehmuth uberwaltigte sie so, dass sie, ihr Gesicht in ein Tuch verbergend, das Zimmer wankend verliess. Albert blieb betroffen zuruck, und war schon im Begriffe, sich ebenfalls zuruckzuziehen, als Madame Euler erschien und ihn in Albertinens Namen zu ihr zu kommen einlud.
Albertine wollte ihn etwas fragen; es erstarb ihr aber auf der bebenden Lippe, und so gut Albert es errieth, so wagte er doch nicht, es zu beantworten. Sie weinte so schmerzlich, dass Albert, dessen mannliches Herz leicht in anderer Gefuhle einging, nichts zu sagen vermochte, als: "hassen Sie mich nicht, dass ich der Trauerbote war!" "Wie sollte ich den hassen, der ihm werth war!" erwiederte Albertine. "Sie haben also die schreckliche Gewissheit?" setzte sie mit zitternder Stimme hinzu. "Leider sah ich den werthen Namen in der Todtenliste des Regimentes nach dem unglucklichen Uberfall! Seine theuren Uberreste setzte er leiser hinzu sind Preussischer Seits nicht gefunden, weil die grassliche Verwirrung und die Dunkelheit der Nacht jede Art von gewohnlicher Procedur unthunlich machte." Albertinens Brust hob sich konvulsivisch bei dieser lebhaften Vorstellung ihres Verlustes, und sie winkte Alberten mit der Hand, sich zu entfernen. Nach einer langen Zeit erschien sie, auf ihre Freundin gestutzt, bei der Gesellschaft. Wassermann, der Albertinen auf gewisse Weise schon als sein Besitzthum ansah, fuhr Alberten sehr ungeziemend an, dass er es gewagt habe, den eingewiegten Schmerz zu wecken; und Albertinen legte er mit seiner eigenthumlichen Disgrazie die Hand auf ihren schonen Arm, wobei er ihr mit seinem harten, herzund klanglosen Tone sagte: "Hin, ist hin, und todt, ist todt! spare die vergebne Noth!" Albertine antwortete sanft: "Ich bitte, mein Herr, lassen Sie mir meinen Gram, und bedenken Sie, dass wir mit einander nichts gemein haben. Unsere Naturen sind sich durchaus fremd!"
Wassermann zog ergrimmt die Hand zuruck, mit der er ihr, seinem Gefuhle nach, schon zu viel Ehre erzeigt hatte, und sein Zorn schwoll um so mehr, da Laurette in ein hamisches Gelachter ausbrach, welchem sie, um doch auch Albertinen eins abzugeben, hinzusetzte: "Es leben die Pruden!"
Albert war, wie uberall die Liebe in feinen Gemuthern leise und still waltet, schuchtern, sich dem Gegenstande derselben zu nahern, und richtete beinahe immer das Gesprach an Tante Elise, Laurette, oder lieber noch an Madame Euler. Das hielten nun die beiden Ersten fur nichts anders, als entstehende Liebe zu ihnen. An einem schonen Morgen fanden sie sich bei Albertinen ein, und Tante Elise erklarte nach manchem Rauspern und viel madchenhafter Ziererei, die als Fruhlingsbluthe reizend, als Herbstspatling aber widrig ist, sie wisse sich bei dieser neuen Liebe des guten Alberts nicht zu verhalten, da sie, nach der Untreue ihres letzten Geliebten, dem falschen Gott ganz zu entsagen, offentlich gelobt habe. Indess sei der Albert so lieb, so zartlich, so schon,2 "wie ein bluhender Mond. Der susse Ton des lieblichen Mundes, wenn er Worte voll Sehnsuchtsklange aushauchte, drehete sich in ihm wie Rader in den Flussen, und sie leugne nicht, dann wende sich ihre Sehnsucht um die Schaufeln."
"Nie hatte ich mir eine solche auffallende Selbsttauschung, bei so langer Erfahrung, als moglich gedacht!" ausserte Laurette schneidend. "Tante," sagte sie: "ich furchte sehr, auch diesen werden Sie auf die lange Liste ihrer Ungetreuen setzen mussen. Sagt Ihnen denn Ihr guter Verstand nicht, w e n er n u r meinen kann?" "Nun, und wen denn?" fragte Tante, ziemlich beleidiget. "Erklaren Sie sich, Mademoiselle!" Laurette erhob sich und machte Tanten in der Nahe eines Spiegels, der ihr ihre ganze Gestalt zeigte, einen tiefen, spottischen Knicks. "Ich denke, es hangt nur von mir ab, wie bald Sie erfahren sollen, wer von uns Beiden Gebieterin in Ulmenwalde wird!" Tante wusste in der Geschwindigkeit nichts Besseres zu sagen, als: "So, so!" und Albertine sagte freundlich: "welcher das gute Loos auch falle, werde ich mich herzlich freuen!"
"Ja!" sagte wieder die liebe, alberne Elise, die durch Albertinens Freundlichkeit entwaffnet wurde; "und wenn ich mir wieder das Gottliche denke, was dem Menschen werden konnte im Genuss freier Liebe, die kein Gesetz uber sich anerkennen durfte, als das allgemeine unverletzlicher Schonheit, die mit der Liebe Eins ist! Mochte man nicht an einer Menschheit verzweifeln, die sich selbst so druckende Fesseln schmiedete?" "Liebe Tante!" fragte Albertine, die eben Laurettens beissenden Spott furchtete, "kam diese Tirade nun wohl aus Ihrem eigenen sanften Sinn und Ihrem strengen sittlichen Gefuhle?"
Elise gestand, dass sie den Gedanken, weil er sie auf den ersten Anklang frappirte, einem jungen, ziemlich excentrischen Dichter gestohlen hatte.
"Meine liebe gute Tante muss nicht stehlen; sie ist reich genug an eigenem Vermogen!" antwortete Albertine schmeichelnd; und so wurden durch die Liebenswurdigkeit des einen Gemuths, die beiden andern wieder freundlicher gestimmt.
Neuntes Kapitel
Wenn der Schmerz beginnt, sich haufiger mit seinem Gegenstande zu beschaftigen, wenn er wagt, ihn in's Auge zu fassen und ihn so zu sagen von allen Seiten beruhrt und sich von ihm beruhren lasst, so vertheilt er sich bald in kleinere Ableitungen, und die Masse wird vermindert. Albertine beschaftigte sich, seit sie bestimmter von ihrem Verluste wusste, ganz mit demselben. Sie stellte sich jede mogliche Art der Todesquaal, die Greuel jener Nacht, alles, was sie uber diese grausenhafte Scene gehort hatte, vor, bis sie mit der Vorstellung vertraut wurde, dass der Schmerz seinen bittersten Stachel abstumpfte. Bald kam sie nicht mehr ungerufen vor ihre Seele, und es wurde schon Vorsatz, sich in jenen Seelenzustand von Zeit zu Zeit zu versetzen. Ihn einigermassen fest zu halten und bleibend zu machen, entwarf sie eine Zeichnung zu einem Gemalde, wobei sie freilich immer noch herzlich weinte; aber doch idealisirte die Phantasie schon mehr, als tiefer, schneidender Schmerz es zu gestatten pflegt. Und warum sollte es auch nicht so seyn? Warum sollte die kaum neunzehnjahrige Albertine an dieser wohlthatigen Einrichtung der Natur nicht auch Theil nehmen? Wehe dem armen Menschengeschlechte, musste es ein Leben hindurch Leid um die Gestorbenen tragen!
Albertine vergass nicht, aber sie verschmerzte endlich, was zu andern nicht in menschlicher Macht stand. Onkel Dammrig, der seiner eignen Behaglichkeit wegen keinen Traurigen um sich leiden mochte, bestand darauf, sie musse sich zerstreuen. Sie erschien also wieder in dem Kreis der Hausfreunde, und besuchte auch zuweilen wieder offentliche Orter. So wenig die sittsame Schonheit der hochst reizenden Albertine sonst war bemerkt worden, weil sie es nicht seyn wollte, so viel Aufsehen machte jetzt die interessante junge Wittwe, weil sie mit einem Hause in Verbindung stand, das viel Tischfreuden und Genuss mancher Art spendete. Wer auf Ton Anspruch machte, stand Albertinen im Schauspiele lorgnirend gegenuber, stiess mit dem Ellenbogen um sich und rannte im Gedrange alles ubern Haufen, beim Ausgange auf sie zu warten, um dann an der table d'hote von ihr, wie von einer Bekanntschaft, zu sprechen.
Anfanglich bemerkte Albertine von dem Allen nichts, aber die wohlerfahrne Madame Rosamund fasste desto sicherer alle die Vortheile auf, die in solchen Fallen dem abnehmenden Lichte einer Frau, die schon zu lange schon gewesen ist, durch die Allianz mit dem zunehmenden Lichte einer aufbluhenden Schonheit, zu Theil werden. Unter dem Vorwand, Albertinen zu zerstreuen, fuhrte sie die gute, unbefangene Seele uberall ein; und so gelang es ihr, sich nach und nach ein Gefolge von jungen Herren zu bilden, wobei sie ihren Zweck, sich zu amusiren und noch eine Art von Aufsehen zu machen, vollkommen erreichte.
Wir mussten der Wahrheit zu nahe treten, wenn wir behaupteten, Albertine habe sich sogleich in dieser ungewohnten Art zu seyn, gefallen. An stille, ernste Unterhaltung gewohnt, fand sie dies Umherwandern unsaglich fade, und froh eilte sie zu dem gehaltreichen Umgang ihrer Euler und Alberts, der sich ihr auf's Bescheidenste naherte, zuruck.
"Gefallt Ihnen denn Keiner von allen den jungen Mannern, die sich, wie Sie es doch wohl bemerken mussen, an Sie drangen?" fragte einst Rosamunde. "Nein, kein Einziger! Die Ernsthaften haben einen unleidlichen Anstrich von Pedanterie, und treiben das literarische Wesen ordentlich fabrikenmassig; und die andern, deren Munterkeit mich allenfalls noch unterhalt, sind so flach, laufen so ohne Unterschied jedem Weibe nach, dass es mich vielmehr beleidigt, von ihnen bemerkt zu werden, weil ich ihre Aufmerksamkeit mit dem elendesten Weiber-Pobel theile!" "Mit dieser Delicatesse wird Albertine ziemlich allein bleiben. Im geselligen Leben muss man tolerant seyn oder sich in eine Karthause verschliessen." "Keines von beiden, Madame! Ich denke, ich hoffe, es giebt einen Mittelweg." "Albertine, ich kenne die Welt; ich habe in ihr und mit ihr gelebt, ich habe immer gefunden, dass, um froh zu leben, man es nicht zu genau nehmen musse. Jedes Blumchen, das an unserm Wege aufspriesst, muss man pflucken." "Jedes? theure Madame! Auch die giftigen?" "Aus diesen bereitet man Arzeneien. Aber ich sehe, dass Sie meine gute Absicht, Sie in ein froheres, genussreicheres Leben einzufuhren, wenig erkennen werden. Ich werde Sie wieder Ihrer Euler und dem steifen Landjunker Ulmenhorst lassen mussen!" Albertinen that dieser Stich auf ihre Freunde unsaglich wehe; doch wollte ihre Gutmuthigkeit auch Rosamunden beweisen, sie sei nicht unerkenntlich. Sie ging aber hierin viel zu weit, indem sie sagte: "Ich bin Ihre, Madame! machen Sie mit mir, was Sie wollen! Sie sollen mich nicht undankbar finden!" Indem gedachte sie ihres Bruders. Der Muth sank ihr und die Unterredung endete damit, dass Rosamunde ihre Zusage fur diesen Abend zu einer Gesellschaft erhielt, die uber alle Beschreibung glanzend seyn sollte.
Zehntes Kapitel
"Das ist ein superber Anzug, Albertine, werden S i e den anlegen?" fragte die einfache Euler, die freilich ihre Toilette sehr beschranken musste. "Es ist mein Anzug fur diesen Abend. Der Onkel und die Rosamunde bestanden auf dieser Eleganz," antwortete Albertine, etwas verlegen. "Ach, es ist immer ein gutes Zeichen, wenn junge Wittwen so angelegentlich ihre Toilette besorgen," erwiederte Madame Euler. "O, nicht diese Sprache, meine Henriette! Bin ich denn nicht mehr Ihre Albertine?" indem sie sich an Henriettens Busen warf. "Ach, Albertine! wenn der Strudel Sie fassen sollte! Wenn dieses herzige, innige Wesen in jene kalte Herzlosigkeit der Welt sich verlore! Wenn Lindenhains Wittwe einen solchen Missgriff thate!" "Nein, Henriette, das ist zu viel! Noch hat kein unwurdiger Gedanke sein theures Bild in mir entweiht!" Albertine setzte sich wehmuthig an ihre Arbeit und retouchirte einiges an dem, seinem Andenken gewidmeten, Gemalde. Sie vertiefte sich so, dass sie erinnert werden musste, sich zu der Abendfete zu schmucken.
Die Gesellschaft, in die Rosamunde sie einfuhrte, war in der That glanzend. Das heisst, sie war ausserlich im hochsten Grade elegant. Albertine erkannte Manner vom ersten Range; zwar einigermassen travestirt, doch hielt sie das in ihrer Unerfahrenheit fur gewohnte Sitte. Indess schienen wieder die Damen nicht jener hohern Klasse anzugehoren. Obwohl sehr geschmuckt, horte sie in manchem aufgehaschten Fragmente eines Gespraches so gewohnliche Ausdrucke, als ob sie vielmehr den ganz untersten Klassen entronnen waren. Sie waren theils Rosamundens ehemalige Gefahrtinnen, theils die Hausfreundinnen jener travestirten grossen Herren, die sich's einmal mit ihrem Unterstabe wohl seyn liessen. Rosamunde durchkreuzte den grossen Saal in allen Richtungen, kusste und kosete mit der alten Kameradschaft, und sprach zu jedem mit grossem Geprange, Albertinens Namen v o n L i n d e n h a i n aus; wogegen die junge, schone Wittwe manch artiges Kompliment eintauschte.
Albertine war nie verlegen; aber die Ahndung, in was fur einer Gesellschaft sie sich befande, und ein unwillkuhrlicher Gedanke an ihren Bruder, gaben ihrem Betragen eine liebenswurdige Zuruckhaltung, die allerdings unter diesen Weibern eine ganz fremde Erscheinung war. Sie verliessen den Saal, und gingen in ein Nebenzimmer, wo Hazardspiele gespielt wurden. Rosamunde war eine leidenschaftliche Spielerin; sie trat an einen Pharaotisch, und uberliess Albertinen der Unterhaltung eines jungen Herrn von Stande, der bei einer schonen, interessanten Figur, alle Kunste der Verfuhrung im hochsten Grade, besonders die gefahrliche Schmiegsamkeit besass, sich in jeden fremden Karakter leicht einzufugen. Albertine befand sich bei seiner leichten, anmuthigen Unterhaltung sehr wohl; er hatte Lander und Menschen gesehen und von beiden das Interessanteste aufgefasst, welches wie ein sanft rinnender Bach von seinen Lippen floss. Albertine wurde nicht mude, ihm zuzuhoren, und was sollen wir's leugnen! ihn zu sehen, so dass Mitternacht vorbei war, als sie den Abend kaum begonnen zu haben meinte.
"Ich bitte; nur auf ein Wort!" rief Rosamunde Albertinen zu und trat verstort zu ihr. "Ich habe heut' entschiedenes Ungluck; haben Sie eine Borse bei sich?" Albertine gab ihr acht Louisd'or; und die Spielerin eilte damit zu den raubgierigen Geiern zuruck, die in sehr kurzer Frist die acht Louisd'or in ihren Handen hatten. Rosamunde rief Albertinen noch einmal auf die Seite. Der Baron Weissensee, eben der, der Albertinen so angenehm unterhalten hatte, bemerkte schnell die Verlegenheit der Dame und prasentirte ihr mit der feinsten Art seine volle Borse. Rosamunde wollte Umstande machen; er bat aber, so viel davon anzunehmen, als sie eben brauche, bekummerte sich auch nicht darum, wie viel sie nahm. Auch dieses liberale und galante Benehmen verfehlte seine Wirkung bei unserer jungen Freundin nicht. Mit diesem Gelde spielte Rosamunde sehr glucklich, und in einigen Stunden lag ein hoher Klumpen Gold vor ihr. Sie verliess endlich den Spieltisch um drei Uhr Morgens, und Albertine bemerkte, dass sie dem Baron nur zehn Goldstucke zuruck gab, da sie genau gesehen hatte, dass sie sich deren zwanzig zugezahlt hatte. Albertinen gab sie, ungeachtet sie so sehr viel gewonnen hatte, keinen Schilling zuruck, woruber diese sehr betroffen war, denn es war beinahe ihre ganze kleine Baarschaft, die sie ihr hingegeben hatte.
Der Baron Weissensee fuhrte die Damen zu ihrem Wagen, und erhielt leicht die Erlaubniss, ihnen in ihrem Hause aufwarten zu durfen, die er denn so gut benutzte, dass er nicht nur der tagliche Besuch war, sondern bald zu den nahern Hausfreunden gerechnet wurde; wogegen Albertine wenigstens nichts einwendete.
Als Albertine in ihrer Wohnung ankam, sah sie bei Elisen noch Licht, und horte, als sie vor ihrer Thure voruber musste, laut sprechen. Aus Besorgniss, es konne der Tante etwas zugestossen seyn, trat sie zu ihr hinein, und wurde durch den nymphenhaften Aufzug unsrer alten Jungfer seltsam uberrascht, die mit einem Blumenkranz auf dem fliegenden Haare, in einem ganz romantischen Kostume umherwanderte, ein Gedicht, was sie so eben gemacht hatte, sich laut vor zu deklamiren. Die Gegenwart der Nichte schien sie zwar anfangs verlegen zu machen, besonders da diese ihr Erstaunen nicht recht zu verbergen wusste; aber bald gewann die Dichterwuth wieder die Oberhand und sie machte Albertinen zur Vertrauten ihrer so schuchternen Muse.
Elise hatte von Kindesbeinen an so viel Verse gelesen und auswendig gelernt, dass ihr endlich kleine Mondscheinliederchen ganz artig gelangen, worin sie es denn freilich an Maienbluthenregen, Monddammerung und Rosenknospchen nicht fehlen liess. Albertine wurde an den blonden wallenden Locken bald inne, wem dies Gedicht gesungen sei.
"Sie wurden den jungen Mann unsaglich eitel machen, liebe Tante, wenn er je etwas davon erfuhre!" "Ei, mein liebes Kind! er weiss alles. Unter Liebenden muss nichts geheim bleiben. Sehen Sie da indem sie an ihren Schreibetisch trat die Fruchte meiner durchwachten Nachte!" Sie zeigte ein starkes Heft Gedichte vor, die Albert alle schon nach und nach erhalten hatte. Albertine wusste jetzt selbst nicht mehr, was sie denken sollte, und fragte ganz bescheiden: "und was hat er hierauf geantwortet?" "Ja, wenn ich sagen soll, eigentlich nichts; nur gedankt hat der bescheidene Jungling fur die Mittheilung, und mein Talent gepriesen." Albertine schwieg, hielt es jedoch fur Pflicht, der Tante in der Folge den Wahn schonend zu benehmen; als sie die Gute so uberselig sah, konnte sie es nicht uber ihr Herz bringen, ihr wehe zu thun. Sie ging jetzt zur Ruhe, und rieth der Tante Sappho, ein Gleiches zu thun.
Eilftes Kapitel
Sobald es bei Albertinen Tag wurde, welches heut eben nicht fruh geschah, kam Madame Euler, zu erfahren, wie es mit der glanzenden Gesellschaft abgelaufen sei? "Nun, Albertine, war der Abend, die Nacht, die sie durchwachten, all der Anstrengung, des Aufwandes werth?" Albertine gab ehrlich von allem Bescheid, auch von der angenehmen neuen Bekanntschaft mit dem Baron Weissensee. "Sie waren, furcht' ich, in keiner gar zu ehrenvollen Versammlung, und dieser Name Weissensee bringt mir einen dieses Namens in's Gedachtniss, der nach den Briefen, die ich in Eulers Nachlass fand, zu den ausgelassensten Wustlingen gehort, welche diese grosse Stadt aufzuweisen hat." "Nun, das kann dieser nicht seyn; er ist der feinste, liebenswurdigste Mensch, den ich noch je sahe." Jetzt liess sich Albertine ganz enthusiastisch zu seinem Lobe aus, wozu Henriette, schalkhaft lachelnd, immer: "dass dich!" sagte, und endlich: "Nun, wenn er so ist, kann er freilich der aus den Briefen nicht seyn. Wir werden ja sehen!"
Indem wurde Ulmenhorst gemeldet. Albertine machte, Gott weiss, warum? ein sauersusses Gesichtchen, als war's ihr eben nicht ganz recht. Wir wollen indess nicht glauben, dass ihr Selbstgefuhl ihr einen Vorwurf gemacht habe, als der Vertraute ihres Grams um den beweinten Gatten vor ihr erscheinen sollte.
Albert kam mit einem Auftrag, der ihn einigermassen verlegen machte. Er hatte bei seinem Bankier eine Summe von zweihundert Louisd'or fur Albertine von Lindenhain, die uber Lyon fur sie ohne Brief oder weitern Bescheid angekommen war, angetroffen. Sie war von der Municipalitat einem grossen Hause in Paris ubermacht und durch dieses hierher gekommen. Das Packchen war von Lindenhains Hand uberschrieben und mit seinem Wappen gesiegelt. So emsig ubrigens Albertine in dem Umschlage nach irgend einer weitern Bezeichnung suchte, fand sich nichts vor, das von Lindenhains Leben gezeigt hatte, und so nahm sie es unter tausend Thranen als das Vermachtniss des Sterbenden und gewiss in der Gefangenschaft Gestorbenen an.
Henriette suchte geschickt das Gesprach abzuleiten, Albertinens Zartheit zu schonen, und machte dagegen ihren gestrigen Abend zum Gegenstand der Unterredung. Albert beobachtete ein beharrliches Stillschweigen, und hielt beides, Tadel und Beifall, zuruck. "Kennen Sie einen Baron Weissensee?" fuhr sie fort, mit einem leichten Seitenblick auf Albertinen, die merklich errothete. "Ich kenne ihn!" antwortete Albert einsilbig. "Unsre Freundin findet ihn scharmant," setzte Henriette scherzend hinzu; "ist er's?" Albert verdusterte sich merklich, um so mehr, als er Albertinens bedeutende Verlegenheit bemerkte. Darauf antwortete er kalt: "Wenn Frau von Lindenhain ihn mit ihrem Beifall beehrt, kann es der, den ich kenne, der ein unbekannter Avanturier ist, nicht seyn!" Albert brach hiermit das Gesprach ab und empfahl sich ziemlich ernsthaft.
"Der Ulmenhorst ist ein ausgemacht wackerer junger Mann," sagte Henriette. "Ich weiss wohl, was ich wunsche." "Nun, und was denn?" "Dass Albertine seinen Werth fuhlen und ihn mit ihrer Hand lohnen mochte!" "Wie? Er liebt ja Tante Elisen!" "Tante Elisen? Gott erbarme sich! Ich weiss es besser. Nichte Albertinen liebt er." "Er hat mir doch nie etwas davon gesagt." "Manner seiner Art sagen nichts; sie haben eine eigene Sprache; sie hat freilich keine Worte, ist aber doch hochst verstandlich und ausdrucksvoll!"
In diesem Augenblick, als Albertine eben antworten wollte und auf eine unangenehme Art verlegen zu seyn schien, kam Rosamundens Zofe und ladete Albertinen zu ihrer Dame ein, indem der Herr von gestern Abend seine Aufwartung mache. "Es ist ein allerliebster junger Herr!" flusterte das Ding im Herausgehen Albertinen zu.
Henriette bemerkte mit wirklicher Bekummerniss den Eindruck, den diese Botschaft auf ihre Freundin machte; und als diese nicht zu wissen schien, wie sie geschwind ihre Toilette ordnen sollte, ohne Anlass zu den kleinen Neckereien der vertrauten Freundschaft zu geben, trat Henriette gutmuthig hinzu, reichte ihr eine feine Spitzenhaube und legte mit einem sanften Kuss einen Schawl um ihre Schultern, reichte ihr dann die Hand, und sagte: "Adieu, auf Wiedersehen!" "Nicht doch, Henriette! Sie mussen ihn kennen lernen." So schlenderten sie beide, Hand in Hand, in das Visitenzimmer.
"Sie sehen, ich bin nicht neidisch, liebe Lindenhain!" rief ihr Rosamunde entgegen, und schien dabei sich etwas damit zu wissen, dass sie der Schonheit und Jugend huldigte. "Ei, Madame Euler! wie kommt man denn einmal zu der Ehre, Sie ihrer Einsamkeit zu entlocken? Herr Baron, eine beruhmte Kunstlerin!" Die Dame wollte aus Eitelkeit ihrer ganzen Umgebung eine vollwichtige Bedeutung geben. Madame Euler lehnte das b e r u h m t bescheiden ab; aber durch den Ausruf: Kunstlerin! gewann das Gesprach eine interessante Wendung, wobei der Baron sehr einsichts- und geschmackvoll uber die Kunst sprach. Henriette schien sehr zufrieden mit ihm zu seyn, und sagte nachher Albertinen: "ist er, was er scheint, so ist Ihre kleine Partheilichkeit vollkommen gerechtfertigt. Indess furchte ich mich vor der erstaunlichen Regsamkeit seiner Muskeln. Bemerken Sie doch das ewige Spiel derselben, das seiner Bildung nicht funf Minuten nach einander denselben Ausdruck lasst. Im Ganzen ist er mir auch zu glatt, zu hell polirt, als dass er nicht h a r t e r Natur seyn sollte."
Albertine schwieg, fand aber im Herzen an dem Urtheile ihrer Freundin viel auszusetzen; seine Aufmerksamkeit schmeichelte ihrer kleinen Eitelkeit sehr, da er, nachdem er die Welt so durchkreuzt und gesehen hatte, sie dennoch auszeichnete. Sie verglich ihn, beinahe ohne es zu wollen, mit Alberten, den sie ein wenig dem Hintergrunde zuschob, so wie beinahe ohne ihr Zuthun, unter ihrem Krayon des Barons Gestalt auf den Vordergrund hervorging, als sie eine Idee ausfuhren wollte, worin er eigentlich gar nicht eingriff.
Zwolftes Kapitel
Bei dem Abendtisch fand sich der ganze Cirkel der Hausfreunde ein, wozu nun auch der Baron Weissensee gehorte. Wassermann war toll und bose uber diesen neuen Aristokraten, wie er ohne Umstande jeden Adlichen nannte, der ihm um so mehr zuwider war, weil er einen neuen gefahrlichen Rival bei Albertinen in ihm ahnete. Auch war seine Grobheit gegen den Baron ganz unbegranzt, und wo dieser nur den Mund aufthat, war er bereit, ihm auf's beleidigendste zu widersprechen. Traf es sich nun zum Ungluck, dass Albert mit dem Baron einerlei Meinung war, so schrie Wassermann uber den Esprit de Corps dieser Kaste, uber Despotisirung der Meinungen u.s.w. Bei dieser Wendung des Gespraches war Niemanden wohl, und alle waren froh, als es zu Tische ging.
Vorher nahm noch Albert einen Augenblick wahr, Albertinen leise zu sagen: der Baron Weissensee sei der nemliche, von dem er wisse, und sei aller Wahrscheinlichkeit nach ein Avanturier, ein entlassener Schauspieler, und gehore jetzt zu einer Spielerklicke. Es sei ihm heilige Pflicht der Freundschaft, ihr dieses zu sagen. Albertine dankte ihm etwas kalt und nicht ganz mit der Unbefangenheit, mit der sie sonst alles that. Albert zog sich bescheiden zuruck.
Uber Tische wurde unter Mancherlei, auch die Weltburgerschaft ein Gegenstand des Gesprachs. Wassermann erklarte sich wuthend dafur, und meinte, in Fallen, wo es auf's Wohl der Menschheit ankame, konne man seinen Kreis nicht weit genug ziehen. Albert behauptete, dies sei Bequemlichkeitstrieb, weil der Anforderungen fur die Ferne wenige waren. In der Nahe und in engen Kreisen zu wirken, sei sicherer, als seinen Wohlthatigkeitstrieb nach Amerika oder sonst in die Ferne zu schicken. Die nahern Anspruche der Verwandtschaft, nach diesen die der Mitburgerschaft zu erfullen, sei verdienstlicher, und fande dann ein grosser, vielumfassender Geist einen ferneren Wirkungskreis in seiner Sphare zu ziehen moglich, so ware dies freilich etwas Grosses, konne aber nie allgemeine Tugend werden. "Wie?" schrie Wassermann; "Sie wollten nicht mit Leib und Gut fur die armen, bedrangten Neger wirken? Mit meinem Leben mocht' ich's!" "Ich vor der Hand nicht!" sagte Albert ruhig; "noch habe ich zu viel Pflichten gegen meine Gutsunterthanen und gegen viele andre meiner Mitburger auszuuben." Wassermann uberschrie ihn und trieb es so arg, dass man hatte meinen sollen, er werde noch diese Nacht unter Seegel gehen, die Schwarzen zu befreien.
Indem erscholl's im Hause: "Feuer! Feuer!" Die Thuren des Speisesaales wurden aufgerissen, und die Domestiken sturzten todtenbleich mit der Nachricht herein: es brenne im Hinterhause; der Stall stehe in lichten Flammen.
Alle sprangen von ihren Sitzen auf und eilten heraus. Nur der einzige Wassermann blieb ruhig sitzen, trank sein Glas Champagner aus, sturzte sich noch eines ein, trank in der Geschwindigkeit einige vollstehende Glaser aus, packte von den Dessert-Tellern die Macaronen und sussen Orangen ein, suchte seinen Hut, nahm noch ganz ruhig ein Buch zu sich, welches er liegen sah, las eine Recension mit allem Bedacht, und verschwand, ohne sich nach dem schauerlichen Auftritt in dem befreundeten Hause umzusehen, ganz gelassen, wahrscheinlich, um von den Negern zu traumen.
Jetzt war ein Jeder nach seinem Karakter geschaftig. Albert war sogleich hingeeilt, die Pferde aus dem brennenden Stall zu ziehen. Albertine war durch den erstickenden Rauch in die Kutscherwohnung gedrungen, riss die schlafenden Kinder aus den Betten, und den Kafigt mit dem kleinen Zeisig vom Nagel, alles Lebende zu retten. Albert, der die Pferde seinen Bedienten ubergeben hatte, war ihr nachgeeilt; sie winkte ihm mit der Hand, nach einer Stiege, die nach oben fuhrte, hin. Albert flog herauf, obgleich die Flammen schon uber ihm zusammenschlugen, und brachte bald glucklich eine arme, alte, kranke Frau auf seinen starken Armen getragen. Viele der Herren schleppten Wasser; der Baron aber stand von ferne und bot Geld uber Geld, wer retten hulfe. Dammrig trippelte oben in seinem Reviere umher und gab zweckwidrige Befehle, die zum Gluck Niemand befolgte. Elise sank aus einer Ohnmacht in die andere und declamirte zwischen durch das Lied vom braven Manne von Burger in den Larmen hinein. Laurette schimpfte auf den mechanten Pobel, der einen solchen Aufstand im Hause angerichtet habe, und der nicht werth sey, dass er gerettet werde. Frau Rosamunde war an ihrem Theile sehr zweckmassig fur sich thatig, denn sie packte mit ihrer Kammerjungfer alles von Kostbarkeiten, was sie nur ansichtig wurde, zusammen, um, im Fall das Feuer weiter um sich griffe, damit abziehen zu konnen.
Erst, als alles voruber war, und die Gesellschaft sich gegen Morgen zu einem Fruhstuck zusammen fand, bemerkte Albertine, dass sie den einen Arm sehr beschadigt habe. Albert, ohne ein Wort zu sagen, verschwand, und kam nach einer Viertelstunde mit einer Brandsalbe zuruck, die sogleich mit Erfolg angewendet wurde; indess der Baron diese Zeit mit fruchtlosem Bedauern und hundert kleinen Artigkeiten vertandelt hatte, die, wir mussen es leider zur Steuer der Wahrheit sagen, Albertinen so wohl thaten, als kaum nachher das erprobte Mittel, das der redliche Albert herbeigeschafft hatte.
"Und wo hat denn unser Kosmopolit Ende genommen?" fragte Onkel Dammrig. Ein jeder sagte seine Vermuthungen und ubte seinen Witz; nur Laurette, die ihren Mann um so besser kannte, als sie sich ihm in seinen okonomischen Angelegenheiten zur Vertrauten aufgedrangt hatte, behauptete, er habe seine weissseidnen Strumpfe und die Prunkweste nicht Preis geben wollen; und so verhielt sich's wirklich. Denn als er Mittags vom Onkel Dammrig geneckt wurde, stiess er's in der Argerniss heraus, dass dieses Mal in der That die neuen Strumpfe und die schone Weste den edlen Kosmopoliten unthatig erhalten hatten. Albertinen machte er ernste Vorwurfe, dass sie sich um nichts und wieder nichts in Ungelegenheit gesturzt hatte. "Um nichts und wieder nichts? Ich habe zwei liebe Kleinen gerettet, und das, wie Sie sehen, um einen sehr geringen Preis!" "Wer weiss auch noch, ob es ein Gluck fur die Welt und selbst fur die Kinder ist, dass sie am Leben erhalten sind? Der ungebildete Mensch steht nur eine Stufe uber dem Thier; und es ist nicht recht, wenn der nutzlichere, der gebildete sich fur das Untergeordnete wagt; sich der Welt zu erhalten, ist die hohere Pflicht!" "Abscheulich!" sagte Albertine, und wendete sich indignirt von ihm. "Und die lieben Neger?" fragte Onkel Dammrig, der nicht leicht eine Neckerei fahren liess. "Wassermann, Wassermann, mich dunkt, ihr System ist lahm und hinkt auch!" Unser Magister that, was er immer that, wenn er sich in die Enge getrieben fuhlte: er wurde grob. "Gewisse Leute," schrie er, "sollten sich doch endlich resigniren, und gestehen, dass sie vieles nicht begreifen und in das Wesen hoherer Naturen nicht einzugehen vermogen!" Ubrigens hatte der Weltburger sich mit keiner Sylbe nach dem traurigen Vorfall erkundigt, wie das doch wohl ein ganz Fremder gethan haben wurde.
Dreizehntes Kapitel
Wenn in den langeren Abenden Madame Rosamunde mit Albertinen und Lauretten, die sie scherzweise ihre Hofdamen nannte, ausser dem Hause ihr Wesen hatte, pflegte Onkel Dammrig zuweilen mit Schwester Elisen im Brette irgend eines der kinderleichten Spiele, die den Kopf nicht angreifen, zu spielen. Sie machte jetzt, bei ihrer belle passion fur Albert, die Zerstreute, so dass der Bruder das Spielen satt hatte, und eine Unterredung anfing, von der wir jetzt Folgendes erfahren haben.
"Ich denke immer, ehe wir's uns versehen, fuhrt der Ulmenhorst uns Nichte Albertinen davon!" "Wie so?" "Weil er rasend in sie geschossen ist." "Meinst du? Ich konnte dir die Sache ganz anders erklaren." "Wie das, Schwester?" "Ulmenhorst hat sein Herz einer ganz Andern zugewendet." "Das ware! Also nicht Albertinen?" "Nein! Davon bin ich uberzeugt." "Ich sage dir aber, ich verstehe mich auf solche Affairen; er ist sterblich in sie verliebt." "Possen! Das ist ein blosser, sinnreicher Schleier, den er einer weit ernstlichern Leidenschaft leihet." "Nun, so mochte ich doch wissen, in wen er hier, ausser diesem allerliebsten Weibchen, verliebt seyn konnte!" "Du mochtest es gern wissen?" "Freilich!" "In mich!" "In dich?" "In Niemand anders." "Potz, uber die alte Narrin!" "Herr Bruder!" Elise war allemal, wenn sie Herr, oder bei Frauenzimmern ein Ehrenwort hinzusetzte, auf dem hochsten Grad ihrer Empfindlichkeit, und weiter verstieg sich die gute arme Tante in den Regionen des Zornes auch nie. Also: "Herr Bruder! was soll der beleidigende Ausruf? Man ist doch noch nicht veraltert, und manche Jugend wurde auf dieses Auge (sie liess es lieblich schmachten) und diesen Teint eitel seyn. Und Doormann, Emmerich, Rothfelss und Feldhain mochten doch wohl den Beweis liefern, dass andere Leute nicht so geringe von der Macht dieser Reize denken, als der gutige Herr Bruder." "Diese Leute waren in dich verliebt?" "Ja; ganz unsterblich." "Und haben es dir gesagt?" "So verwegen war keiner; aber die Liebe hat eine stumme Sprache." "Sie lassen sich aber von keinem Auge im Hause sehen?" "Dank sei es ihrer diskreten Leidenschaft!" "Und der Rothfelss vollends macht sich uber dich lustig, wo er nur weiss und kann." "Ha! Wer kennt nicht die Rasereien der Eifersucht?" "Emmerich und Feldhain haben Weiber genommen." "Ach! der Depit fehlgeschlagener Hoffnung." "Schwester! du bist rein toll." "Herr Bruder! Sie sind sehr unartig!" Elise packte ihr Arbeitskorbchen zusammen, begab sich unmuthig auf ihr Zimmer, und seit diesem Abend blieben die Parthieen im Damenbrette auf lange Zeit ausgesetzt.
Mit dem Tod im Herzen, wie sie sagte, wartete sie auf Albertinens Zuhausekunft, und wie sie den leisen Fusstritt dieser Lieben uber sich horte, ging sie, ihr Herzeleid zu klagen. Aber wie vernichtet wurde sie, als Albertine ihr wehmuthig antwortete: "Ach, der Onkel wird wohl mehr denn zu recht haben; lesen Sie diesen Brief, liebe Tante!" Elise vermochte es kaum; doch fasste sie mit zitternder Hand das Blatt und las mit von Thranen verdunkeltem Blicke: "An Albertine von Lindenhain!
Seit dem glucklichen Augenblick, der mich in Ihre Nahe brachte, liebenswurdigste Freundin! habe ich Sie keinen Augenblick aus meinem Herzen gelassen. Ich wusste nicht, dass Sie meinem Freunde gehorten; unter der einfachen Benennung Albertine, wodurch Ihre Gesellschaft Sie bezeichnete, ahnete ich nicht die Gattin eines Mannes von Stande. Ich schwieg, weil ich Ihre Achtung verdienen, Ihre Zuneigung gewinnen wollte, ehe ich ein Gestandniss wagte, das ich jetzt mit der schweren Besorgniss, Ihnen zu missfallen, ablege. Verehrteste Freundin! es hat mir oft, besonders in den letzten Zeiten geschienen, als bemerkten Sie meine innige Verehrung, meine so herzliche Zuneigung wenigstens nicht so wohlgefallig, als das Gluck meines Lebens es heischt; und deshalb bitte ich jetzt um Ihre theure Hand, um Ihre Liebe, mit einem Grade von Schuchternheit, die kein redlicher Mann je fuhlen sollte! Albertine, verwirft mich Ihr Herz als unwurdig, der Nachfolger des Liebenswurdigsten der Manner zu seyn, so geben Sie mir es wenigstens nicht in harten Worten zu erkennen, und verweisen mich dann nicht aus dem Kreise Ihrer Freunde.
Meine aussern Glucksumstande sind nicht unwerth, Ihnen angeboten zu werden; und ich darf es Ihrem schonen Herzen, wenn es das Gluck des meinen will, vorschlagen, uber Ihr kunftiges ansehnliches Vermogen, zu Gunsten irgend einer von Ihnen geliebten Person, zu disponiren. Das meinige ist durch die Erbschaft einer Tante zu einer mir beinahe lastigen Starke angewachsen.
Albertine, Sie kennen mich; ich werde nicht den Tod suchen, verwerfen Sie mich: Aber durch Ihr 'Nein!' scheitert jeder frohe Lebens-Plan, verdustert sich meine ganze Zukunft. Denn Sie sind die Erste, die ich liebe, und ich fuhle, dass dieses Herz nie einer Andern gehoren kann. Ewig
Ihr
Albert von Ulmenhorst."
Als die arme Elise vor lauter Wehmuth dazu kommen konnte, fragte sie mit gebrochener Stimme: "Und haben Sie schon einen Entschluss gefasst, Nichte?" Albertine sagte, sie sei, ihrem Gefuhle nach, erst so kurze Zeit Wittwe, dass sie, selbst Wohlstandes wegen, noch an keine zweite Ehe denken konne; uberdem sei sie ja noch so jung und denke ihre Unabhangigkeit noch angenehm zu geniessen. "Ach!" seufzte Elise tief; "er liebt S i e darum um nichts desto weniger, der Falsche! O Gott! ich habe ihn so treu, so einzig geliebt. Ich habe ihm mit der ganzen Kraft meines Gemuthes gehuldigt. Albertine, Sie sind meine bitterste Feindin, Sie rauben ihn mir!" "Liebe Tante, ich bin unschuldig, bin, weiss es Gott, ganz unschuldig; denn ich suche seine Liebe nicht!" Elise ging schmerzlich weinend von ihr.
Am andern Morgen fuhr Elise, nachdem sie viel geraumt und gewirthschaftet hatte, mit ihrer Kammerjungfer aus. Mittags wurde sie vergebens erwartet; so den Abend, und da sie die Nacht ausblieb, suchte man in ihrem Zimmer nach, ob sie vielleicht eine Weisung hinterlassen habe, wo sie hingekommen sei? Auf ihrem Arbeitstische lag folgender offner Zettel: "Ihr alle habt mir das Herz gebrochen. Mein unfreundlicher Bruder und meine gute, schuldlose Nichte am meisten. Ich kann hinfort nicht mehr unter euch wallen. Ich gehe hin, wo mir nur wohl seyn kann. Keiner trage Sorge um die verstossene Elise; denn sie wird selig, selig, uberselig seyn. Kunftig mehr!
Elise Dammrig."
Keiner entzifferte diesen rathselhaften Brief, ausser Albert, der zu diskret war, der zartlichen Elegie, die er zum Abschiede erhalten hatte, zu erwahnen. Die Familie war hochst besturzt. Frau Rosamunde hatte wirklich eine und eine halbe Ohnmacht zu Stande gebracht; Albertine, die sich alle Schuld beilegte, war untrostlich; und wenn der Onkel Dammrig unter Thranen, die er hinter einem lappischen Lachen zu verbergen glaubte, ausrief: "Wo nur in aller Welt, ma soeur! oder auch, welches bei ihm gleichgeltende Ausdrucke waren, die alte Narrin, Ende genommen haben muss?" sagte Laurette immer mit angenommener Traurigkeit: "Wer weiss, in welchem Wasser die liegt! Mein Trost ist, dass sie den neunten Tag dann doch wieder zum Vorschein kommt, wie man sagt." Indess musterte sie in der Stille den Nachlass der armen Tante, worunter sie manches fand, was ihrer Habsucht schmeichelte.
Erst nach vierzehn Tagen, als sie alle Vermuthungen erschopft hatten, erhielten sie folgendes Schreiben. "Der Jammer hatte mein Herz gebrochen; denn E r fullte meine ganze Seele. Ihr hattet mich getodtet. Jetzt bin ich zum seligen Leben hervorgesprosst. Ich bin in dem Himmel, in der Nahe der Gotter, die meine Seele anbetete. Ja, Albertine, du Einzige, die du mich begreifst: ich sahe ihn! ich sprach ihn! Denke dir diese Seeligkeit des Himmels: ich sprach ihn! Ewigkeiten mocht' ich so ihn sehen; Ewigkeiten da wie angewurzelt stehen! Wie ich mich ihm entgegenrankte, dem hehren Dichter der Iphigenia! Wie da alles andere vor meiner Seele schwand!!! Jetzt, Albertine, du geliebte Verwandtin meiner Seele, geniesse des Vorzuges, von dem Goldlockigen geliebt zu werden, unbeneidet; noch einmal, ich bin in dem Himmel, in m e i n e m Weimar. Lebt wohl!
Elise Dammrig."
Jetzt ward allen wieder wohl, als sie nur wussten, wo die gute Schwarmerin hingekommen war, obschon die arme Albertine in die Erde sinken zu mussen glaubte, als der Onkel den Brief ohne alle Schonung in aller Gegenwart laut vorlas, wobei er lachte, dass er hatte ersticken mogen, und von Zeit zu Zeit Albertinen und Alberten mit dem undelikaten Ausruf: "Ha! Ha! da kommt's heraus!" ansah. Durch dieses Ereigniss wurde Albertine bewogen, fruher, als sie es wohl sonst gethan hatte, Alberten ein Korbchen zu flechten, das so zart, so fein, so mit Blumen umwunden war, wie es der feine weibliche Takt nur immer ersinnen konnte. Ihr Herz, ihr jetzt leider eingenommenes Herz wollte den Liebhaber entfernen und sich den Freund erhalten; ein Plan, der achtungswerthen Weibern sehr sicher zu gelingen pflegt und auch hier gelang.
Vierzehntes Kapitel
Albert hatte sich mehr Starke zugetraut, als er wirklich besass. Albertinens Antwort versenkte ihn in stillen Gram, der endlich in ein gefahrliches Fieber uberging. In den Paroxismen rief er Albertinen und den Tod, ihn zu retten aus dem Abgrund, worein er versinke. Die redliche Euler hielt sich verpflichtet, da es ihm in seiner blos verdungenen Hausgenossenschaft durchaus an einer zarten, pflegenden Hand fehlte, sich uber die Regeln eines angstlichen Wohlstandes hinauszusetzen und sich in sein Haus zu begeben. Durch sie erhielt Albertine alle Stunden Nachricht von seinem Befinden; denn bei allem, was wir an Albertinen missbilligen konnten, hatte sie immer noch nicht den Sinn fur einen Freund, wie Albert ihr war, eingebusst, wenn gleich ein fluchtiger Ubergang von Frivolitat sie jetzt einigermassen gefangen hielt.
Ein Ereigniss, das nicht zu den glucklichen gehorte, veranderte, wahrend Alberts Krankheit, ganzlich das Innere des Dammrigschen Hauses. Der Herr Prinzipal hatte. nach einer vieljahrigen Gewohnheit, sein ganzes Handelsgeschaft seinen Buchhaltern uberlassen, wovon einige an Aufwand es ihm beinahe gleich thaten; weil sie aber der Rosamunde ungeheure Zahlungen leisteten, sich ihrer kraftigsten Protection zu erfreuen hatten. Jetzt brach, was man einen vollstandigen Bankerutt nennen mochte, uber das Haus ein, ohne dass der sorglose Herr Dammrig die fernste Ahnung einer solchen Katastrophe gehabt hatte. Nachdem die ersten unmassigen Regungen seines unmannlichen Schmerzes voruber waren, liess er seine Hausgenossen zusammenkommen, und erklarte ihnen, was geschehen war und nun furder geschehen musse, nemlich eine totale Reform der eingefuhrten Lebensweise. Rosamunde sagte, nachdem sie in der Geschwindigkeit verschiedene Ohnmachten abgethan hatte, sie werde nun nicht mit ihm M i s e r e s c h m e l z e n , nachdem sie ihm ihre schonste Jugend aufgeopfert habe, welche sie doch, im Vorbeigehen gesagt, baare zwei und vierzig Jahre mit aller Anstrengung einer tapfern Koulissenheldin genossen hatte; und was das Misere schmelzen betrifft, hatte sie auch diesem mit grosser Klugheit vorgebeugt, indem sie sich ein betrachtliches Kapital, ohne die kostbaren Juwelen, welche sie besass, von ihm gerichtlich hatte schenken lassen. Indess erklarte sie doch grossmuthiglich, sie wolle vor der Hand im Hause bleiben, so lange, als man es ihnen selbst noch gestatten werde setzte sie trocken hinzu.
"Elise hat das Beste erwahlt; sie hat sich vor dem Sturm gerettet," sagte Dammrig geruhrt; "aber ihr, meine Nichten, wie wird es euch armen Kindern ergehen? Du, meine Philosophin, wirst in deiner Vernunft Grunde gegen das Ungemach finden." "Seyn Sie unbekummert, Onkel! Noch nie darbte der Verstand; es ware traurig, wenn die hohere Ausbildung zu nichts weiter fuhrte. Ich bin nicht gemacht, um verlassen zu werden; die ersten Hauser stehen mir offen und die besten Kopfe finden sich durch meinen Umgang geehrt," sagte sie stolz und entfernte sich, die Thranen verbergend, welche die Aussicht in eine beschranktere Lage ihrem verzartelten Sinne entlockte.
"Und du, Albertine, meine Gute, wirst du den armen Onkel nun verlassen wollen?" "Nein, mein theurer, guter Onkel. Ich genoss Ihre Grossmuth, und theile von nun an jedes Schicksal mit Ihnen. Nimmer, nimmer verlasse ich den Pflegebedurftigen, und was die Vorsehung mir zugetheilt hat, theile ich ehrlich mit Ihnen." "Dass sich der Himmel erbarme, armes Albertinchen!" indem er die Hande verzweifelnd zusammen schlug; "du weisst nicht alles, du Arme! du bist mit zu Grunde gerichtet. Dein Vormund gab mir dein Kapital zu Acht Procent, und ach, ich bin ein unglucklicher Mensch! Aber, Albertine, nenne mich einen Schurken, wenn ich nicht den letzten Bissen mit dir theile!"
Albertine war wirklich etwas betaubt; indess, nachdem sie die Hande gefaltet und andachtig in die Wolken geblickt hatte, warf sie sich ihrem Onkel mit treuer Herzensergiessung an die Brust, und bat, er mochte nur fur sich sorgen; sie traue auf die Gute Gottes, der sie nicht verlassen werde. Sie wolle ihren theuren Verwandten nun und immer nicht verlassen.
In einem Briefe meldete sie ihrer Euler, was sich zugetragen und was sie beschlossen hatte. Henriette gab ihr, ohne Vorwurf, zu verstehen, wie gut es gewesen ware, wenn sie Alberten angenommen hatte; jetzt verbiete es freilich ihre Ehre, ihn anzunehmen. Sie bot ihr auf jeden Fall ihr Haus an, billigte aber doch sehr das Zartgefuhl, womit sie sich ihrem Onkel geweiht hatte.
Die Reformen im Dammrigschen Hause gingen so schnell von statten, dass die Tischfreunde nicht einmal Zeit hatten, sich nach und nach mit Anstand zuruck zu ziehen, sondern urplotzlich abbrachen, und, so zu sagen, mit dem Pariser Koch zugleich abzogen. Noch einmal trank Wassermann einen einsamen, einfachen Thee mit der Familie, wobei ihn Laurette nach ihrer Weise in der Stille fragte: wann er denn nun um Albertinen anhalten werde? jetzt sei er doch eines Mitbewerbers los; welches er blos mit einem: "Ich habe warlich keine Eil!" beantwortete. Deutlicher erklarte er sich in einem Lachen, welches nur s e i n e m Gesichte gehorte, und auch von Laurettens e i g n e m Lachen beantwortet wurde.
Auffallend verschieden war das Benehmen der beiden Hausfreunde Ulmenhorst und Weissensee. Jener, dessen erster Ausgang nach seiner Genesung zu dem befreundeten Hause gerichtet wurde, begegnete Albertinen jetzt mit einer delikaten Zuruckhaltung, die er mehr auf ihren Verlust, als seine Verwerfung bezog, und in die ihr eignes zartes Gemuth leichter einging, als in die zunehmende Galanterie und lebhaftere Annaherung des Barons, worin die kleine Weiblichkeit des guten Kindes erhohete Leidenschaft sahe und nichts von der Undelikatesse ahnete, die ihre verschlimmerte Lage zu benutzen strebte.
Das eitle Gemuth Rosamundens ertrug nicht lange die erfolgte Stille des Hauses, worin Frivolitat und frivoler Genuss die stete Losung gewesen war. Der literarische Klub brachte, ausser Verspottung und Ridicules, wenig ein; sie liess ihn eingehen und etablirte eine formliche Pharaobank in ihrem Zimmer, wobei Albertine, ohne es in ihrer Unschuld zu ahnen, die Lockung war. Ausser einigen Spielern von Profession waren verschiedene alternde Damen aus der alten Kameradschaft, ein abgesetzter Hofmarschall, ein getaufter Jude, zwei oder drei junge Edelleute und der Baron Weissensee die tagliche Genossenschaft. Die erste Zeit ging Albertine blos ab und zu, ihren Onkel mit allerlei kleinen Bedurfnissen, deren er unendliche hatte, zu versorgen; denn nie ruhrte Laurette auch nur eine Hand, ihm einen Trunk Wasser zu reichen. Nach und nach weilte Albertine langere Zeiten als Zuschauerin, weigerte sich aber immer noch standhaft, Theilnehmerin zu werden, bis endlich einmal der Baron, der, ganz unleidenschaftlich, sich blos dem geselligen Zeitvertreibe zu leihen schien, und Rosamunde es von ihr erhielten, dass sie mit pointirte. Sie gewann, pointirte noch einmal und gewann wieder. Aufgemuntert durch diesen Erfolg, war sie jetzt fast jeden Abend von der Parthie, bei der Laurette anfing eine wichtige Rolle zu spielen, indem sie mit unausgesetztem Glucke spielte. Auch die arme Albertine wurde immer tiefer verwikkelt, und das um so leichter, da der Baron ihr nicht von der Seite wich, immer zwischendurch auf das Spiel und dessen Unmoralitat loszog, es indess billigte, wenn Albertine, so wie er selbst that, auch diese Lebenserfahrung erwarb, um dann das Ganze wie ein schmutziges Gewand abstreifen zu konnen.
O, der unwurdigen Ranke, durch welche die unschuldigste und reinste ihres Geschlechts in's Garn gelockt werden sollte! Die Spieler-Flitterwochen gingen fur Albertinen bald voruber. Der bisherige Gewinn samt den zweihundert Louisd'or, die Albert ihr eingehandigt hatte, gehorten im kurzen der Rauberbande am grunen Tische, und die ungluckliche Albertine gerieth in Verlegenheiten, wovon wir bald Bericht erstatten wollen.
Funfzehntes Kapitel
Wassermann hatte, mit der ihm beiwohnenden Rohheit des Gemuths, dem Hause, worin er so manche frohe Stunde verlebt hatte, entsagt, sobald der gewohnte Wohlstand daraus gewichen war. Albertine, die liebenswurdige Albertine ohne Vermogen, war ihm nur ein gewohnlicher Gegenstand seiner ungeordneten Sinnlichkeit, dem aber nachzustellen zu muhsam war. Indess hatte er. doch einmal den Vorsatz gefasst, durch eine Heirath reich zu werden, welches ihm die bequemste Art schien; denn sich in die Muhle des Staats einspannen zu lassen, wodurch er das Leben des Geschaftsmannes bezeichnete, dazu erschien er sich zu eminent. Er schaute unter den Tochtern des Landes umher, und siehe, es fand sich keine, die wurdig gewesen ware, die Frau des Magister Wassermann zu werden.
Indess erschien ihm, wahrend des phantasiereichen Zustandes zwischen Schlaf und Wachen, wo der unglucklich Liebende die Geliebte atherisch umarmt, der Dichter den Stoff zu Sonnetten und der Philosoph oft zu seinen Systemen auffasst, Antonie, die junge Wittwe, mit reinen 30,000 Thalern. Er rieb den Schlaf aus den Augen, uber rechnete seine unermesslichen Verdienste, seinen gelehrten Ruf, was dieser ihm noch in der Folge einbringen werde, wie die Potenzen sich drangen wurden, ihn an sich zu ziehen, und er beschloss, Antonien zu sich zu erheben.
Ein feindseliger Genius, der seinen Spass mit unserm Magister zu haben schien, wollte, dass an eben diesem Morgen, in eben demselben Zustand zwischen Schlaf und Wachen, Wassermann Antonien in den gehassigsten Farben erschien. Immer noch hatte die an ihrer empfindlichsten Stelle tief gekrankte Antonie Rache in ihrem Herzen gekocht. An den Weibern nahm sie sie uberall, wo nur Dampf aus einer Theemaschine aufbrodelte; auch war es ihr wirklich gelungen, Rosamundens Gesellschaft lacherlich zu machen, sie in einem offentlichen Blatte als eine solche bezeichnen zu lassen, und derselben einige frisch angekommene Schongeister zu entfuhren, so dass der schone Kranz zerstiebte. Aber fur Wassermann bereitete sie eine empfindlichere und vollstandigere Rache.
Als sie ihren literarischen Anhang stark genug hielt, veranstaltete sie durch denselben eine ausserst harte und beissende Recension eines der Wassermannschen Werke, worauf er, wie sie wusste, den hochsten Werth setzte, weil er, wie er sagte, sich ganz darin ausgesprochen hatte; und als das schone Werk der Finsterniss an den Tag gefordert war, schickte sie es, von einem hamischen Briefe begleitet, an den unglucklichen Magister ab. Dies geschah an eben dem Vormittage, an dem er ihr die Ehre seiner Bewerbung angedeihen zu lassen beschlossen hatte. Als sein Knabe mit Gruss und Brief von Madame Spurhauss hereinkam, riss er ihm den Brief aus der Hand und rief triumphirend: "Ha! sie kommt mir zuvor! Sie kommt mir zuvor! Ich dacht's; sie kann mich nicht vergessen! Ich war meiner zu gewiss. Und bin ich denn nicht Wassermann?"
Wer schildert den Schreck, die Wuth des Magisters, als er den Brief und die bezeichnete Stelle, die ihn betraf, gelesen hatte! Der rasende Roland musste ein blosser Stumper in tollen Geberden gegen unsern Wassermann gewesen seyn. Er zertrummerte die wenigen Habseligkeiten, die er besass, und trieb es so toll, dass sein Knabe in der Angst zum Arzte lief, der ihn im hef tigsten Fieber fand, welches sich in einigen Tagen als ein hitziges Gallenfieber zeigte. Im Dammrigschen Hause erfuhr man seinen Zustand, und Albertine war sogleich bereit, ihm auf die zarteste und schonendste Weise alle Arten von Erleichterung zukommen zu lassen, welches auch der edle Albert that, ohne dass der Kranke je erfuhr, von woher ihm so reichlicher Beistand gekommen war.
Sechszehntes Kapitel
Albertine war indessen durch die niedrigen Kunste ihrer Gesellschafter ganzlich umstrickt, welches selbst durch die edle Unbefangenheit ihres Gemuths gefordert wurde. Ihre liebende Seele widerstand nicht den Schmeicheleien derer, von welchen sie nur kalte Zurucksetzung gewohnt war. Henriette hatte oft vor, sie diesem Zustande gewaltsam zu entreissen und an ihren Bruder zu schreiben. Dieser war aber, einer Angelegenheit wegen, ausser Landes, und Albert widerrieth immer jede heftige Maassregel, weil er vielleicht zu sehr auf die Ruckkehr eines tugendhaften Gemuthes rechnete, ohne daran zu denken, dass es einem weiblichen und dazu verirrten Gemuth an Energie zur Ruckkehr gebricht. In der That wurde sie durch Verlegenheiten, die er nicht wissen konnte, am meisten aber durch eine geheime Zuneigung zu dem Verfuhrer zu sehr erschwert.
Albertine gerieth durch anhaltenden Verlust in Geldverlegenheiten, wobei sie das wieder gewinnen als die einzige Ressource ansah; da diese aber immer a b g e r e d e t e r m a ss e n fehlschlug, beging sie die erste Unbesonnenheit, sich ihrer Kammerjungfer zum Verkauf einiger Pretiosen zu bedienen. Da der Verkauf so uber Erwarten gut von Statten ging, fuhr sie damit fort, bis sie in der That nichts mehr zu verkaufen hatte, und in wirkliche Schuldennoth gerieth.
Tief in sich versenkt, sass sie da, gramte sich und gedachte wehmuthig der Zeit ihrer Reinheit, als sie noch mit offnem Auge jedem Blicke begegnen durfte. Jetzt war sie der Willkuhr einer verachtlichen Rotte uberlassen; ihrem Onkel, dem sie sich aufgeopfert zu haben glaubte, nutzte sie eigentlich zu nichts. Ihre edleren Freunde hatte sie diese letzte Zeit her vernachlassiget, und nie hatte sie es gewagt, sich ihrer Henriette, von der sie so manche freundliche Warnung bekommen hatte, zu entdecken, als diese ungerufen in's Zimmer trat. Albertine sturzte ihr mit heissen Thranen in die Arme!
"Liebste Albertine, Sie sind nicht glucklich!" "O nein, nein, ihre Albertine ist tief, tief gesunken. Sie kann nicht mehr glucklich seyn!" "Armes Kind! Was ist Ihnen begegnet? Sprechen Sie!" Albertine vermochte es nicht; Thranen erstickten ihre Stimme. Sie gab Henrietten einen Zettel, der eine grobe Mahnung um zweihundert Thaler, mit Androhung des Arrestes, enthielt. Albertine verbarg ihr Gesicht in die Sophakissen, indess die Freundin las.
Henriette sprach keine Sylbe, wischte die Thranen ab, und entfernte sich. "Henriette! Henriette!" rief Albertine ihr mit schwacher Stimme nach; "wenn auch du mich verlassest! Ach, ich hab' es verdient; wohl hab' ich's verdient, wenn die Vortreffliche mit Abscheu von mir weicht!" Indem kam Henriette mit beruhigender Freundlichkeit zuruck. "Endlich ist mir's vergonnt," sagte sie, "die Schuld der Freundschaft abzutragen! Hier, meine Albertine; diese Summe, die eben zureicht, Sie zufrieden zu stellen, ersparte ich, ich darf sagen, von meinem Uberflusse. Denn ich entbehrte nichts; ich darbte mir nichts ab. Nun? Was wird's? Warum dies Zogern?" "O ewig, ewig mussten diese Augen beschamt am Boden haften, unterfinge ich mich, in den Fruchten des redlichsten Fleisses, der edelsten Genugsamkeit zu schwelgen! Nein, Henriette," sagte Albertine mit trocknem, brennendem Auge und einer heftigen, krampfhaften Bewegung; "nein, Henriette! ehe verwese diese Hand im Gefangnisse, ehe sie sich zu diesem Altarraub ausstreckt. O, meine Freundin," setzte sie wehmuthig hinzu, "weiss ich's denn nicht, w i e Sie arbeiten? wie Sie sich die erlaubtesten Genusse versagen? wie edel Sie entbehren? Und ich Unwurdige sollte ! Aber nie, nie vergesse ich dieses Augenblicks, in dem ich mich von Ihnen verstossen wahnte!"
Als Henriette sah, dass die warmste Beredsamkeit der Freundschaft nicht zureichte, Albertinens Festigkeit uber diesen Punkt zu besiegen, liess sie ab, und sagte bekummert: "Nun dann, weil Sie durchaus das Herz betruben wollen, aus dem ich Ihnen dieses mir Entbehrliche anbot, so werden Sie sich doch nicht weigern, dieses zuruck zu nehmen?" Und hier breitete die Gute alle Kleinodien uber den Tisch hin, die Albertine nach und nach verkauft hatte. "Ich war die Kauferin. Verzeihen Sie der sorgsamen Freundschaft die kleine List, deren sie sich, um zu ihrem Zwecke zu kommen, bediente."
"Das ist zu viel, Henriette!" rief Albertine mit einem Erstaunen, in welches sich einiger Unwille zu mischen schien; "das ist zu viel! Das kommt nicht von Ihnen allein! S o fur mich zu wirken, vermogen Sie nicht allein, Henriette! Die Hand eines Dritten ist hier im Spiele, und ich kann, ich darf, was so reichlich bezahlt wurde, nie zurucknehmen. O, in welchen Abgrund von Schande und Verwirrung sehe ich mich verloren! O, mein Leichtsinn! Mein Leichtsinn!" "Wie kann meine Freundinn einem solchen Opfer einen so unermesslichen Werth beilegen! Weiss ich's denn nicht aus vielfacher Erfahrung, dass mir in ahnlichem Falle eben das von ihr widerfahren wurde? Bin ich nicht langst daran gewohnt, nur das Nothwendige zu haben? ich gab aber das Entbehrliche!" "Ach, Henriette, jedes Wort durchbohrt mich!" Hier schwieg sie. Ein Thranenstrom hemmte ihre Rede. Indess legte Henriette, ohne sich abhalten zu lassen, die Juwelen in Albertinens Toilette, umarmte ihre Freundin ernst und schweigend, nahete sich der Thure, kehrte noch einmal wieder, druckte sie geruhrt an ihr Herz und entfernte sich dann schnell.
Siebenzehntes Kapitel
"Albertine! Albertine! Sehen und horen Sie denn nicht?" rief Rosamunde Albertinen zu, die ihren Eintritt aus einem Seiten-Kabinet gar nicht bemerkt hatte und immer noch mit nachstrebenden Handen die Augen starr auf die Thure heftete, aus der Henriette verschwand. "Albertine, Sie sind in einer seltsamen Bewegung! Was ist Ihnen?" "Wie, Madame, Sie wissen nicht, dass ich verhaftet werden soll, wenn ich zweihundert Thaler nicht bezahle, die ich durch das heillose Spiel, wozu Sie mich verleiteten, schuldig geworden bin?" "Undankbare! ich habe es erwartet. Dass Sie kindisch wagten, ist das meine Schuld? Aber ich verzeihe Ihrem Unmuthe diesen Ausfall; erzahlen Sie mir doch; es wird ja so schlimm nicht seyn? Sie haben ja Juwelen; es werden sich ja Freunde finden, bei welchen Sie sie verpfanden oder verkaufen konnen. Lassen Sie einmal sehen!" Sie hatte nemlich die ganze Scene zwischen Henrietten und Albertinen belauscht. Albertine holte vertrauensvoll ihren Schatz. Rosamunde wog, taxirte, besah, tadelte alles. Die Perlen waren nicht rund, die Uhr nicht modern, die Diamanten nicht von reinem Wasser, die Ketten nur Kronengold; "indess zweihundert Thaler kommen zur Noth heraus. Ich gebe sie Ihnen. Nota bene, damit ist dann zugleich die kleine Schuld von ehemals quittirt. Sie quittiren es mir!" (Der Leser wird sich erinnern, dass Rosamunde acht Louisd'or von Albertinen borgte.) Albertine ging alles ein; der Handel kam ihr vortrefflich und Rosamunde hochst grossmuthig vor. "Nun mussen Sie mir aber," sprach diese, "auch einen Gefallen thun. Ich habe keine Parthie zur Maskerade fur diesen Abend, und mochte fur mein Leben gern hin. Laurette ist enrhumirt; Sie mussen mit; ich nehme keinen refus an!" "Wie, Madame! mit diesem zermalmten Herzen? mit diesem wunden Gefuhl meiner Strafwurdigkeit?" "O Himmel, wie Sie einen ennuyiren konnen! Die Sache ist ja vorbei; und damit gut. Geben Sie doch einmal diese veralterte Sentimentalitat auf; sie steht einem zwanzigjahrigen Gesicht, wie einem Junglinge die Alongen-Peruke des Altervaters. Albertine, seyn Sie dieses eine Mal nur gefallig. Der Baron fuhrt mich und der alte Hofmarschall Sie; daran konnte die prudeste Duegna nichts auszusetzen haben. Jetzt kann ich mich nicht daruber erklaren; aber gewiss spreche ich dort ohne Zwang einen gewissen Grossen, der unsern guten Onkel aus seinen Verdrusslichkeiten ziehen kann." "Jetzt, Madame, legen Sie mir als Verbindlichkeit auf, was ich als Gefalligkeit ungern eingegangen ware; denn in der That, mein Gemuth ist sonderbar erschuttert und sehr ernst gestimmt." "Eh, tant mieux, ma chere! so verjubeln Sie die Grillen! Nun genug; sie gehen; in einer Stunde schicke ich Ihnen das Maskenkleid. Addio, cara!" Sie hupfte wie ein junges Madchen davon und liess Albertinen ganz betaubt zuruck.
Nach einer Stunde kamen wirklich ein zierliches Maskenkleid und zweihundert Thaler in Sechsern. Albertine packte ihre Juwelen zusammen und schrieb die Quittung, die den heillosesten Betrug der Habsucht bestatigte.
Jetzt wollte sie diese Scheidemunze in Gold umsetzen lassen, denn die Schuld war in Gold zu bezahlen, als ihre Kammerjungfer mit einem Billet von dem bosen Schuldner erschien, der ihr fur gute Bezahlung dankte, die er durch einen Herrn erhalten hatte, und wogegen er ihr ihren Schuldschein zuruck schickte. Lisette fragte den Burschen aus; und nach dessen Beschreibung war der Herr kein anderer, als der Baron Weissensee gewesen; wie denn Lisette jetzt gestand, er habe durch sie selbst h e u t e fruh, da er ihrer Dame habe aufwarten wollen, ihre Verlegenheit erfahren, als er darauf bestanden hatte, die Ursache der Thranen, welche diese treue Dienerin vergoss, zu erfahren. Albertinens Delikatesse straubte sich zwar gegen die Vorstellung, dass sie einem jungen Mann eine Geldverbindlichkeit habe; indess, ganz in der Tiefe ihres Herzens wusste sie ihm fur eine so warme Theilnahme Dank, und uberdem stand es ja jetzt in ihrer Gewalt, die Schuld sogleich zu tilgen.
Achtzehntes Kapitel
Wir haben unsern alten Bekannten, Wassermann, in dem Paroxismus eines Gallenfiebers verlassen. Auch in diesem Zustand verliess ihn sein Genius nicht, und der Arzt, welchen sein Knabe geholt hatte, wusste gar nicht, mit was fur einer Gattung Menschen er es zu thun hatte. Wenn der Kranke immer durch W i r sprach, glaubte er, es sei ein Verruckter, der sich fur irgend eine grosse Potenz halte, bis endlich einmal der furchterliche Spruch: ohe jam satis, sich aus dem Ideenwirrwarr hervorthat. Jetzt wurde es ihm klar, wer der Kranke sei, und er ging ihm nun tuchtig mit Brechmitteln zu Leibe, die Galle von ihm zu schaffen. Doch blieb, so stark die Mittel anschlugen, immer noch hinreichend zur kunftigen Konsumtion ubrig. Als der Kranke ausser Gefahr, aber noch zu matt zum Schreiben war, dictirte er seinem Arzte einen Brief an Antonien, den dieser, pour la rarite du fait, wirklich niederschrieb; er war das Urbild des beleidigten Autorstolzes und der plattesten Grobheit. Ferner wendete er seine wieder erlangten Geisteskrafte sogleich zu einer Antikritik an, dergleichen die literarische Markthelfersprache ebenfalls noch nicht aufzuweisen hatte.
Als er sich so Luft gemacht, fuhlte er sich um ein Grosses erleichtert, und die volle Genesung ging nun schnell von statten. Der Arzt war, als er ihn bezahlen wollte, schon von unbekannter Hand sehr reichlich belohnt worden. Das kummerte nun den Magister weiter nicht, und er gab sich keinen Augenblick die Muhe, seinen unbekannten Wohlthater auszuforschen. Die Sache war geschehen; nun gut! Dankbarkeit gehorte nach ihm zu den Schwachlichkeiten invalider Gemuther; der Geber schafft sich selbst Vergnugen, indem er giebt; er findet sich in dem Gefuhle, dass er verpflichten kann, edel und gross: soll man ihm das danken? Wir, die wir eine andere Ansicht dafur haben, sind neugieriger gewesen, und haben erfahren, dass der edle Ulmenhorst eine so reichliche Spende gemacht hatte.
Nachdem er vollig genesen war, wachte seine ganze Wuth wieder in ihm auf, und es schien ihm unmoglich, ferner unter diesem literarischen Sodomsgeschlecht zu haufen. Er schied von dannen, und wurde keinem Menschen die Ehre erzeigt haben, Kunde von sich zu geben, hatte er nicht gehofft, aus den Trummern des Dammrigschen Wohlstandes konne sich noch fur ihn ein Reisegerathe und manches zu seinem Gebrauche vorfinden lassen; welches denn auch geschah. Der ehrliche Dammrig gab lachend, weil der Anblick des gelben Gerippes, worein Wassermann verwandelt war, ihn unendlich amusirte, alles, was er an Reisebedurfnissen hatte, und fand das Schlottern seiner weiten Kleider auf dem durren Leibe des Magisters hochst belustigend. Als man ihn fragte, wohin er ginge? antwortete er: "nach dem einzigen Ort, wo es eigentlich nur Menschen giebt, wo man sie nicht, wie hier, mit Leuchten suchen muss." Das hiess, er ging dahin, wo Elise ihren Himmel gefunden hatte.
Mit dieser gab er sich denn auch zusammen; denn sie hatte ein artiges, unabhangiges Vermogen und war der gute Wille selbst. Jetzt schmahete und lasterte er, trotz der gallenreichsten alten Jungfer. In der Dammrigschen Familie erwartete man mit jedem Posttag die Nachricht ihrer ehelichen Verbindung.
Neunzehntes Kapitel
Albertine trieb sich ohne allen frohen Genuss unter den wogenden Masken umher. Ihr Herz hob sich in den langsamen Pulsen innerer Trauer, unter dem bunten Gewande der Freude; in ihr Auge traten unwillkurliche Thranen, als der Klang der Saiten in ihr Ohr drang. Der Anblick des Barons weckte ihre ganze Empfindlichkeit uber das Vergangene, und sie glaubte, nicht ohne Affectation einen Punct unberuhrt lassen zu konnen, der ihr zwischen verschiedenen Geschlechtern eine nicht anstandige Vertraulichkeit schien. Ihre Verwirrung liess den Baron nur ahnen, was sie sagen wollte; er lehnte mit Feinheit und Grazie den Dank ab, (der ihm freilich auch nicht gebuhrte; denn Albert war der, der die Schuld in moglichster Eil und Verschwiegenheit getilgt hatte;) indess wusste Weissensee sich schnell zu orientiren, und liess es sich aus gewissen Ursachen gern gefallen, fur Albertinens Beschutzer gehalten zu werden, ohne dass es ihm einen Heller kostete.
Unter dem Gedrange bemerkte Albertine eine Kosaken-Maske, von der sie nicht nur immer verfolgt, sondern auch scharf beobachtet schien. Sie redete ihn einige Male an, seiner los zu werden; aber er antwortete nicht, schuttelte den Kopf und legte seufzend die Hande auf seine Brust, welches ihrem Begleiter, dem Hofmarschall, Anlass zu manchem schaalen Scherze gab, an welchem unsre Freundin wenig Geschmack fand. Endlich drangte sich der Kosak noch einmal an sie, und sagte mit verstellter, doch leiser Stimme: "Weile nicht zu spat hier, schone Maske! Ein Sturm bricht uber dich ein!" Albertine wurde empfindlich, sehnte sich hinweg, und machte sich auf, ihre Gesellschaft zu suchen.
Indessen gingen in Albertinens Wohnung wunderliche Dinge vor, die wir, der Ordnung gemass, berichten wollen.
Albertine hatte nicht sobald das Haus verlassen, als sich ihr Zofchen, Lisette, an ihre Arbeit begab, die zu einem Geschenk fur den charmanten Monsieur George, des Barons Kammerdiener, bestimmt war. Schauerlich heulte der Wind durch die Kamine der grossen, jetzt leeren Gemacher. Unserm Lisettchen wurde es gar unheimlich um's Herz; sie fing an Riegel zu zuschieben und Schlosser zu verwahren, setzte sich wieder an's Tischchen, und lauschte gar angstlich nach der Thure hin, als plotzlich ein Gepolter entstand und eine kraftige Hand anklopfte. "Wer ist da?" wimmerte Lisettchen. "Gut Freund!" antwortete die Stimme von aussen. "Ich mache Niemand auf, der sich nicht nennt." "Lisette muss mir aufmachen, auch wenn ich mich nicht zu nennen fur gut finde." "Herr Jemine! wie wissen Sie denn meinen Namen?" "Weil ich gut Freund bin." "Herr Je! ich muss doch einmal sehen!" Lisette machte auf; da war sie aber eben so klug. Denn den Herrn im Reisekleide, der sich ziemlich keck und herrisch betrug, kannte sie gar nicht. Dass er aber unklug sei, nahm sie fur ausgemacht an; denn er sah zwar sehr schon, aber verwildert aus, sprach nicht, naherte sich Albertinens Bette, streckte die Hand bedeutend darnach hin, kusste die Decke, riss einen ihrer Handschuhe vom Tisch und kusste ihn ungestum, trat an die Staffelei, betrachtete das Gemalde, worauf der Gemahl sterbend abgebildet war, und weinte laut. Lisette hatte sich vor dem grossen wilden Mann hinter die Stuhle gefluchtet und antwortete ganz schuchtern, als er, nicht mit donnernder, sondern sehr affectvoller Sprache fragte: "ihre Dame ist also hab' ich denn recht verstanden? auf dem Ball?" "Auf dem Ball!" wiederholte er einige Male und immer weicher. "O Gott! wie feierlich versprach sie's mir! und hier, hier in diesem verfluchten Treibjagen nach Lust!" In diesem Affect entfiel dem Fremden ein Handschuh, und Lisette sah mit Entsetzen, dass er in dem Handschuh keine Hand hatte, und schrie wie Zeter Mordio: "Herr Jesu! Sie sind doch nicht unser seliger gnadiger Herr?" "Selig wahrhaftig nicht in diesem Augenblick! Schweige sie!" "Ach nein; ich will lieber den alten Herrn wecken; mir graut's mit dem Herrn allein." "Nicht von der Stelle! sag' ich ihr. Wer ich auch sei; ich muss ihre Dame sprechen. Ich bringe ihr Nachrichten, die ihr wichtig seyn mussen." Indess hatte sich Lisette den wilden Mann etwas besser besehen, und fand sein Antlitz sehr menschlich, ja sogar schon; und vollends, wenn er sprach, und die schonen Augen so auf einen richtete; und dann seine Gestalt, die schlank und doch kraftig, und sein Anstand, der so herrisch und doch auch wieder so milde, so ungezwungen edel war! Genug, Lisetten verging das Grausen so gut, dass sie gar redselig wurde und dem Fremden viel von ihrer Herrschaft erzahlte, die wohl die schonste Dame in der Stadt sei, der es aber auch nicht an Verehrern fehle. Den Baron Ulmenhorst habe sie abgewiesen; nun aber werde sie sich ehestens mit einem prachtigen jungen Herrn vermahlen, der so reich, als grossmuthig sei. Er habe heut' noch ein Stuckchen gemacht, darum die Damen ihm gewiss gut seyn mussen. Ihre Dame sei zwar eine recht gute Wirthin; aber die Gelder wollten doch nicht immer zureichen, und da habe der allerliebste Baron ihr aus der Noth geholfen, und so charmant, dass sie nicht einmal davon gewusst hatte. "Schlange, du lugst!" rief der Fremde entrustet. "Du lasterst einen Engel! Sprichst du noch eine Sylbe, du bist des Todes!" "Herr Je! man weiss doch auch gar nicht, wie man mit dem Herrn daran ist!" Jetzt hielt sie ihn wieder fur rein toll; und da sie viel von Albertinens Bruder gehort hatte, hielt sie den Herrn dafur, verliess das Gemach, nachdem sie frische Lichter hingestellt hatte, und den Fremden an Albertinens Bette sitzend, in tiefe Betrachtungen versenkt.
Zwanzigstes Kapitel
Albertine fand die Parthie, an der Hand des Hofmarschalls, der immer witzig seyn wollte, diesen Abend so langweilig, dass sie ihre Gesellschaft aufsuchte, die denn auch sogleich willig war, das Haus zu verlassen, weil es durch aus ennuyant sei, sie auch den grossen Herrn nicht angetroffen habe. Schon waren sie dem Ausgange nahe, als Rosa munde sich plotzlich wendete. "Da ist er!" rief sie. "Ich muss zuruck; dazu muss ich Sie haben, Herr Hofmarschall! Herr Baron, Sie fuhren indess die Frau von Lindenhain nach Hause; und Sie, Albertine, sind so gut, mich in meinem Zimmer mit dem Thee zu erwarten!"
Albertine fand nichts Bedenkliches darin, dem Baron ihren Arm zu geben. Indem aber diese Auswechselung geschah, streifte der Kosake dicht an ihr voruber und machte eine missbilligende Bewegung mit der Hand, die Weissensee nicht bemerkte. Dem Kosaken warf sein Diener einen braunen Mantel um, gab ihm Pistolen, die er am Gurtel befestigte, und nun bestieg derselbe, wie es Albertinen vorkam, indem sie in die Kutsche stieg, ein Pferd, worauf er schnell von dannen eilte.
Als sie sich mit dem Baron allein im Wagen befand, nahm er plotzlich ein Betragen an, wie sie es bei ihm noch nie gesehen hatte. Vertraut umschlang er ihren zarten Leib, und sprach von Leidenschaft und Liebe, indem er ihr einen Kuss zu rauben strebte. Angstvoll entwand sie sich ihm und versuchte den Kutschenschlag zu offnen; da bemerkte sie, dass sie in einer ihr unbekannten Gegend der Stadt sei, und eben uber eine Brucke fuhr, die zu einer entlegenen Vorstadt fuhrte. "Wo sind wir? Wo bringen Sie mich hin, Baron? Hier ist's nicht richtig!" "Es ist alles ganz richtig, meine Geliebte! Ich fuhre Sie in's Paradies der Liebe ein. Sie streben vergebens, sich los zu machen. Der Kutscher hat seine Anweisungen." Albertine benahm sich hier mit der ganzen Wurde der Tugend; sie tobte, sie schmahte nicht; sie schwieg, mit dem vollen Gewichte der Verachtung; ihr Herz war gebrochen, doch sagte sie ganz ruhig: "Ich hielt Sie fur einen ehrlichen Mann, der keines Bubenstuckes fahig sei; ich stehe unter dem Schutz der Gesetze und furchte Sie nicht; so verlassen ich in diesem schrecklichen Moment scheine, ahne ich die unausbleibliche Erlosung!" "Die Liebe begeht keine Bubenstucke und kennt keine Gesetze. Sie sind mein!" Der Wagen hielt vor einem kleinen, einsamen Hauschen. Ein altes Weib erschien auf ein Zeichen, mit einem Lichte an der Thure. Albertine weigerte sich, auszusteigen; der Baron wollte sie mit starkem Arme fassen, als er selbst von einem starkeren gefasst wurde.
"Was hast du vor, Nichtswurdiger?" rief eine Stimme. Albertine erkannte an dem Scheine des Lichtes den Kosaken, und in diesem ihren Erretter Albert. "Wer bist du, dass du es wagst, mich auf meinem Wege zu verfolgen?" "Der Freund dieser Dame, die du jetzt in dieser Hole des Verderbens vernichten willst." "O, dass ich keinen Degen habe!" "Sei ruhig; ich schlage mich nicht mit Nichtswurdigen; aber die Gesetze sollen dich schlagen, da du so vieler Unthaten uberwiesen bist. D i e s e bricht dir und deiner Rotte den Hals!"
Albertine horte bebend diesem seltsamen Gesprache zu, das sich damit endigte, dass die im Hinterhalt lauernden Polizeidiener hervortraten und den uberfuhrten Verbrecher in ihre Obhut nahmen.
Jetzt gab Albert sein Pferd seinem Diener, und stieg zu Albertinen in den Wagen. "Verzeihen Sie mir, meine arme, auf den Tod erschreckte Freundin! Ich konnte Ihnen diese Scene nicht ersparen; denn ohne diese Uberfuhrung seiner Nichtswurdigkeit, konnt' ich mich seiner nicht bemachtigen. Keiner weiss, wer Sie sind. Ihre Ehre ist ungefahrdet. Erst heute erfuhr ich mit Gewissheit seinen wahren Stand; und ich habe Anstalten getroffen, dass er morgen schon uber die Grenze gebracht wird."
Albertine war starr und stumm vor Schreck und Beschamung. Sie weinte still. Die letzte Periode ihres Lebens stand schwarz vor ihr, und schnitt scharf die vorigen goldenen Tage ihrer reinen Unbefangenheit von der Gegenwart ab. "Ich darf's Ihnen, Edelster der Freunde, nicht verhehlen, dass ich diesem Elenden unglucklicherweise Geldverbindlichkeiten habe." Albert erschrak, wurde aber sehr beruhigt, als sie ihm erklart wurden; da er denn bekennen musste, dass er der Unbekannte, der ihre Schuld getilgt habe, gewesen sei, indem er Madame Eulers Auftrage ausgerichtet habe. Albertine rief mit gefalteten, empor gehobenen Handen: "O, ihr einzigen, einzigen, edelsten Freunde! verdien' ich euch?"
Albert liess bei Madame Euler halten, aus Delicatesse, dass Albertine sich erst am Herzen dieser auserlesenen Freundin erholen mochte, ehe sie in ihrem Hause erschiene. Henriette stand da mit offnen Armen, ihre Albertine aufzunehmen; aber Albertine lag, ehe sie es hindern konnte, stumm weinend zu ihren Fussen. "Wollen Sie Ihre Albertine, Ihre arme, verirrte Albertine wieder annehmen?" "Jetzt haben Sie es versucht, meine einzige Liebe, wie sich's schutzlos leben lasst. Albertine, meine immer gute Albertine, begeben Sie sich unter den Schutz eines Mannes, d i e s e s Mannes. Albert, mocht' ich sagen durfen, dieses Kleinod sei dein!" Albert lag zu Albertinens Fussen; sein Blick sprach, flehete; Albertine reichte ihm die Hand, und verhiess ihm ihre Liebe. Henriette sprach geruhrt den Segen zu diesem schonen Bunde, durch den alle glucklich werden sollten.
Unter diesen Ereignissen war die Nacht beinahe vergangen. Albertine wunschte in ihre Wohnung zuruck zu kehren, und Henriette, die sich in dieser einzigen Situation nicht von ihr trennen konnte, wunschte sie zu begleiten. Sie kamen alle drei bei Albertinen an.
Die Begierde, mit der seltsamen Neuigkeit heraus zu platzen, hatte Lisetten dieses Mal wundersam munter erhalten. "Ach Herr Je!" begann sie; "hier ist recht was kurioses passirt!" Albertine, die irgend eine Beziehung auf ihre eigne Geschichte ahnete, stiess das Madchen leise zuruck, und wollte in ihr Schlafzimmer. "Aber so warten Sie doch, gnadige Frau! Da ist ja Einer drin, der nicht recht klug ist. Er ist, Gott verzeih' mir's! ganz gewiss Euer Gnaden gnadiger Herr Bruder, so wie ich mir den vorstelle."
Albertine vernahm nicht sobald das Wort Bruder, als sie rasch in's Zimmer flog, und der Gestalt, die sie bei den trube brennenden Kerzen leicht fur die ihres Bruders halten konnte, in die Arme. Albert und Henriette waren ihr auf dem Fusse gefolgt, die schone Scene des Wiedersehens mit zu feiern.
Lindenhain vermochte nicht zu sprechen; die Freude todtete die Worte. Langsam rollte die mannliche Thrane die Wange herab. Endlich kam ein: "O, meine Albertine!" in gebrochenen, bebenden Accenten hervor. Albertine vernahm den Laut der Stimme, richtete den Blick auf das Antlitz des vermeinten Bruders, riss sich mit einem Schrei des Entsetzens aus seinen Armen und sturzte an Henriettens Busen. "Es ist Louis, Louis!" achzete sie matt und bebend. "Mein Strafgericht beginnt!" Louis er war es wirklich blieb den zu Albertinens Umarmung ausgebreiteten Armen schweigend mit auf sie gerichtetem Blikke stehen. Endlich sagte er langsam und dumpf: "was ist mit dieser, dass sie sich des Wiederkehrenden nicht freut? Weiss sie es denn schon, dass ich ein Kruppel bin? Freilich ist die Hand, die ich zum Unterpfand der Treue gab, verloren. Aber sie, sie gab freiwillig die Hand, die noch mein ist!"
Er sprach mit sich selbst. Albert und Henriette blieben stumm. Albertinens Brust hob sich krampfhaft; sie wagte keinen Blick auf den fur sie Erstandenen. "Sind Sie es, Baron Weissensee, der mir dieses himmlische Herz stahl?" "Lindenhain, was darf den Mann so fassungslos machen, dass er seine altesten, besten Freunde nicht erkennt? Dass er seines Ulmenhorsts vergisst?" "Ulmenhorst! O Gott! Ja, er ist's, er ist's!" als er ihn beleuchtet hatte. "Aber verzeihe, wenn dieser Anblick, diese schrecklichen Vermuthungen mich fur diesen Moment ganz hinnehmen. O Albertine! jeder Vorwurf lost sich ja in Liebe auf. Komm! Sei wieder mein!" Albertine blickte einen Augenblick nach ihm hin, und verbarg schnell wieder das Angesicht an der Freundin Busen. "O, der strafende Blick! Dieses verruchte Kleid!" (ihr Maskenkleid) lispelte sie Henrietten zu.
"Albertine, bin ich dir denn nun schrecklich? Hat eine neue Liebe dich so ganz hingenommen? Siehe, Albertine, betteln muss ich um deine Liebe, betteln um mein Eigenthum. Ein armer, verstummelter Mensch darf nicht fordern. Siehe hier, wie sie deinen Ludwig zugerichtet haben!" der rechte Arm war bis an den Ellenbogen abgenommen "und hier diese zerfleischte Brust! Mag dies ein junges, rasches Weib von mir abwenden; aber so die erste Freude verbittern; o, o, das ist sehr hart!"
Albertinens Zartgefuhl malte ihr ihre Vergehen mit schwarzeren Farben, als sie es verdiente. Wir wissen, dass sie in Alberten nur den edlen Mann, den treuen Freund achtete; und wissen es gewiss, dass nur ein Wohlgefallen an der Unterhaltung des Weissensee und eine Auszeichnung desselben vor den andern Mannern, die sie sah, alles war, was sie sich vorzuwerfen hatte. Und sie hat es feierlich betheuert, dass sie keinen Mann auf Erden dem l e b e n d e n Lindenhain je vorgezogen haben wurde; wie sie sein Andenken auch heilig in der Tiefe ihrer Brust ehrte und werth hielt.
Als Albertine Lindenhains Wunden sah, als sie vernahm, wie er sich einen Kruppel nannte, hielt sich ihr Herz nicht langer. Der Verdacht, sie verlasse ihn deshalb, war ihr unertraglich. Ehe er die Worte noch ganz vollendet hatte, lag sie in seinen Armen. Ihr Herz ergoss sich nun in vollen, segnenden Stromen; in der vollstandigen Erweichung, in der sie war, wurde sie sich aller Arten von Vergehen, allenfalls auch Verbrechen, wie unsere Kirchenagenden uns so treuherzig zu thun zwingen, schuldig bekannt haben, hatte die vorsichtigere Henriette nicht den Strom gehemmt, indem s i e , die alte Freundin, sich auch von Lindenhain bemerken liess.
Jetzt, da die ersten tumultuarischen Bewegungen der von beiden Theilen gereizten Empfindsamkeit sich legten und der Gang des Gesprachs ruhiger daher floss, wurde auch Lindenhain aufgefordert, von seinem Benehmen Rechenschaft zu geben; und Ulmenhorst warf es ihm vor, dass alles, was er vielleicht missbilligen zu mussen glauben konne, nur durch sein storriges Schweigen, wodurch er die Nachricht von seinem Tode bestatigt habe, veranlasst sei. Lindenhain gab ihm Recht, und sagte: "Nur diese Liebe hier hat ein Recht, mich zur Rechenschaft zu ziehen. Sie wird viel zu verzeihen haben; aber kein Wort davon heute. Morgen erscheint meine Rechtfertigung."
Alle waren einstimmig dafur, dass man diese erste Zusammenkunft durch den Schlaf abbrechen musse, sich zu einer zweiten starkend zu bereiten. Besonders war die arme Albertine auf so mancherlei Weise angegriffen und erschuttert worden, dass wir ihr die Ruhe nach so erschopfenden Auftritten gern gonnen. Henriette blieb im Wohnzimmer auf dem Sopha, und Albert versprach, sich gleich fruh Morgens wieder einzustellen.
Ein und zwanzigstes Kapitel
Niemand war mehr erstaunt uber das, was sich in seinem Hause in der Nacht zugetragen und er so ganz verschlafen hatte, als Onkel Dammrig; obschon er das, was ihn eigentlich anging, erst noch erfahren sollte und wir selbst es noch nicht wissen. Uber den schnurrigen Spass mit dem todten Mann, der am Ende, wie's heraus kam, nicht todt war, wollte er sich immer zu Tode lachen. "Ja, ja!" wiederholte er beim Fruhstuck hundertmal, "ja, ja, Neveu, die luftigen Kerle, Ulmenhorst und Weissensee, hatten Ihnen Ihr Albertinchen bald weggekapert; aber sie hat sich gehalten, wie der leibhafte Paswan Oglu, hahaha! Nun hort, Kinder, das giebt nun auf Ehre eine recht scharmante Ehe en quatre, mit der Henriette oder Euler, wie sie da heisst. Ei, ei, dass Tante Elise das nicht erlebte!" So ging das in einem fort! Denn der arme Onkel war politisch; er wollte nicht gern das Gesprach uber gewisse andere Dinge aufkommen lassen, deren Erwahnung er mehr, als den Tod scheute; als da waren: sein ehrlicher Bankerutt, Albertinens verlornes Vermogen und was der odiosen Dinge mehr waren. Er hatte sich aber getrost alles Kopfbrechen hieruber ersparen konnen, denn Lindenhain war bereits auf's Zureichendste durch Albertinens Schwagerin, die g u t e Luise, unterrichtet, die es ihm, in ihrer beliebten schwarzen Kunst gearbeitet, mit den kleinsten Umstanden mitgetheilt hatte, wovon er sich aber aus Schonung nichts merken liess.
Es stand indess da oben geschrieben, dass Onkels guter Humor getrubt werden sollte. So wie der Trost, kommt auch oft die Unlust aus Winkeln her, wo man sie nicht vermuthet. Ein unholder Polizeibeamter war der Freudenstorer. Madame Rosamunde sollte wegen eines ihrer artigen launigen Einfalle arretirt werden; sie und ihre Gesellschaft hatten sich den kleinen Spass gemacht, einen jungen Auslander von der verfuhrerischen Last einer reichen Erbschaft zu befreien, indem sie ihn, wie es in der Kunstsprache heisst, ausgeschalt hatten. Weissensee hatte, in der Hoffnung sich durchzustehlen, seine edle Beschutzerin verrathen, mit der er nun die Reise in's Ausland angetreten hatte. Die kluge Rosamunde war nicht wieder uber Dammrigs Schwelle gekommen, sondern war vom Balle gleich der nachsten Granzstadt zugeeilt. Ihre Zofe hatte fur diesen Fall langst ihre Anweisungen. Auf den verabredeten Wink hatte sie sich eilig mit den Kostbarkeiten ihrer Gebieterin auf den Weg gemacht; in der Geschwindigkeit verfehlte sie aber des rechten, woran freilich Monsieur George, Weissensee's Kammerdiener, Schuld seyn mochte, der, als ein Fremder, die rechten Wege nicht alle in dem Kopf haben konnte. Die Herrschaft ging durch Sachsen nach Frankfurt am Main zur Messe, und die Dienerschaft kam auf dem allernachsten Wege in Hamburg wohlbehalten an, wo Minette lange untrostlich weinte; denn Monsieur George war mit Wechseln und Juwelen gleich in den ersten Tagen verschwunden.
In Laurettens Natur lag etwas, wodurch sie sich unwiderstehlich angereizt fuhlte, Hiobsposten zu uberbringen; auch diese brachte sie dem Onkel ohne alle Schonung, im durren Tone eines Gerichtsdieners, der sein Amt thut. Der arme Mann entfarbte sich, sank zuruck, und als er in sein Zimmer geschafft war, fand sich's, dass er vom Schlage geruhrt war. Doch hielt der Arzt den Zufall fur diesen Augenblick nicht todtlich.
Indess Albertine mit der herzlichsten Gutmuthigkeit um ihren Verwandten bemuht war, und sich kaum abmussigte, zuweilen ihr niedliches Amorkopfchen in die Thure herein zu stecken, ihrem Louis zu zuwinken oder ihm einen Kuss zu zuwerfen, war Laurette ihrer Seits bemuht, die Freuden des Wiedersehens zwischen den beiden zu verbittern. Sie gab Lindenhain mancherlei Winke uber Albertinens Auffuhrung und ihre Verhaltnisse zu den Mannern ihrer Bekanntschaft; aber nie gab es eine untreuere Ubersetzung, nie ein boshafteres Unterschlagen des Textes, als in dieser hollischen Erzahlung, der Lindenhain ganz ruhig zuhorte.
Als sie geendigt war, entgegnete er sehr kalt: "Ihr Gemalde hat viel Schatten, Cousine! Indess habe ich es von Ihrer Hand so erwartet. Mein Weib, meine engelgute Albertine, hat gleich in den ersten Stunden unserer Wiedervereinigung ihre ganze Beichte mit der Offenheit, die keine Zweifel gestattet, bei mir abgelegt, und ich habe sie mit der vollsten Zustimmung meiner Vernunft absolvirt. Gebe Gott, dass sie meiner Beichte eben das konne angedeihen lassen!"
"Die ist klug gewesen, wahrhaftig!" tief Laurette, indem ein gallichtes Roth ihre dickhautige Wange uberzog. "Die Dummen haben doch immer eine eigene Schlauheit, ihr Interesse wahrzunehmen!"
Albertine hatte in der That aus dem edelsten Antriebe ihres ehrlichen Gemuths ihrem Manne jegliches ihrer Verhaltnisse erzahlt, so ohne alle Selbstschonung, als es bei Menschen moglich ist. Mit der grossten Naivetat schilderte sie ihre aufgeregte Eitelkeit, und den fluchtigen Reiz, den Weissensee dadurch fur sie gehabt hatte; sie gestand, dass sie Ulmenhorst allen Mannern vorgezogen haben wurde, hatte das gutige Schicksal ihr nicht den Gatten wieder zugefuhrt. "Aber" setzte sie strafend hinzu "warum musste ich eine Wittwe heissen? Warum gab mein Louis zu, dass ich mich selbst dafur halten musste?"
Lindenhain lauschte mit brennender Wange und thranentrubem Auge der banglichen Erzahlung, bei der er oft unwillkurlich seine Stirne rieb. "Ach, Albertine!" rief er endlich, als sie schon einige Zeit schwieg, "Albertine, du bist ein Engel! In diesem Hause der Uppigkeit und des Wohllebens hast du die Feuerprobe bestanden. Wohl dir und wohl mir, dass der edle Albert der Mann war! Ach, Albertine, mochte ich dir nicht strafbarer erscheinen, mochten meine Bekenntnisse das Engelsherz nicht von mir wenden! Dir war ich ein Todter; mir lebte meine Albertine; lebte mir in allen ihren Reizen, in der Ausubung theuer verheissner Treue."
"Was hast du mir zu beichten? Ich furchte mich, zu horen," sagte Albertine, ihm unruhig in's Auge schauend. "Du wirfst einen Pfeil in meine Seele, der meine Freuden todtet."
"Du sollst alles horen; ihr alle, der ganze Kreis der Freunde sollt horen; ihr sollt zu Gericht uber mich sitzen, und ich will ehrlich seyn, wie du es gewesen bist!"
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Viele Tage waren verstrichen, wo die Familie einzig mit der Krankheit des alten Herrn beschaftigt war, der sich nach gerade wieder erholte, die Bubin Rosamunde, wie er sie nun selbst nannte, bei allen Teufeln wunschte, sich seiner Befreiung von dem unleidlichen Joche freute, und den Kreis seiner Freunde, die er nun erst recht unterscheiden lernte, um sein Bette versammelt zu sehen wunschte.
Dass dieses letztere geschah, veranstaltete Lindenhain selbst; denn ihm verlangte nach gerade, sich der Burde seines Herzens zu entledigen, da die Entwickelung so nahe vor der Thure seyn musste, von der auch wir noch nichts ahnen. Er hatte Ulmenhorst, Madame Euler, Laurette, die nicht ubergangen werden durfte, vor des Onkels Bette beschieden, der bald selbst Anlass gab, das Gesprach einzuleiten, indem er sagte, der Herr Neveu sei doch nun schon so lange hier, und man hatte noch nichts von seinen Schicksalen und Kriegesthaten erfahren, und wie er von den Todten auferstanden sei? "Es war hohe Zeit, Herr, dass Sie sich wieder einfanden, sonst hatte es mit der jungen Wittwe leicht eine Hochzeit geben konnen!" Dies sagte er, lose auf Albert blickend, der dadurch, dass ihn Lindenhain ungestum an seine Brust druckte, aus einer Verlegenheit kam, um in eine andere uberzugehen; denn ganz verstand er Lindenhains Umarmung nicht, da er von Albertinens Gestandnisse nichts wusste.
"Ja" fuhr der Onkel fort "erzahlen Sie doch vom Kriege; ich hore fur mein Leben gern davon. Ich war schon ein grosser Bengel, als Mama, selige, immer noch dafur hielt, ich werde wohl dem Kalbfelle folgen. Erstlich: weil ich so eine Art von einem kleinen Taugenichts war; und dann: weil ich als ein beinahe grosser Mensch noch immer mit bleiernen Soldaten spielte, mir Festungen von Marzipan baute und sie dann mit sturmender Hand einnahm. Ich gedenke immer noch eines tausend Spasses" Albertine fiel schlau genug ein, als sie den Onkel Anstalt machen horte, eine schon hundertmal erzahlte Kinderei wieder aufzuwarmen. "Lieber Onkel, der Arzt befiehlt, Sie sollen sich durchaus schonen!" Denn Albertinens Herz klopfte hoch vor angstlicher Erwartung, was Louis zu erzahlen habe, und darum mochte sie den Alten, den sie sonst mit der grossten Gefalligkeit radotiren liess, diesmal nicht anhoren.
"Meine Kriegsthaten" begann Lindenhain "wenn der Diensteifer der Subalternen je diesen Namen verdient, haben hiermit, (auf seinen abgenommenen Arm deutend,) ihr Ende erreicht. Aber leicht wurde es mir nicht, dieses Ehrenzeichen zu verdienen. Der merkwurdige Tag, an welchem ich zum einhandigen Bettler wurde, verdient eine Schilderung, die ich meinem beschrankten Talent nicht zutrauen darf."
Laurette fasste das Wort B e t t l e r auf, und brachte auf ihre Weise zur Erorterung, was so lange zu erwahnen, von allen Seiten vermieden wurde; nemlich den Verlust von Albertinens Vermogen. "Wussten Sie das damals schon?" fragte sie schneidend. "Nein," sagte Lindenhain, halb scherzend, "es gab da keine Lauretten. Wenn diese Vorstellung aber irgend einem guten Gemuthe krankend ist, dann kann ich die trostende Nachricht geben, dass das Schicksal mir und meiner Albertine mehr als zehnfachen Ersatz in der Erbschaft meiner alten Tante, der Grafin Bodenheim, deren Universalerbe ich bin, gegeben hat."
Alle sturmten nun gluckwunschend auf ihn ein. Ulmenhorst sagte herzlich und anspruchslos: "Auch ohne diese Erbschaft warest du noch reich; du hattest Albertinen und deinen Albert, der fur euch alle reich genug ist." Laurette konnte nicht aufhoren, Albertinens unerhortes Gluck zu preisen; und ganz leise, doch so, dass Albertine es deutlich vernehmen musste, setzte sie noch den Gellertschen Spruch hinzu: "Fur Gurgen ist mir gar nicht bange, der kommt gewiss durch seine Dummheit fort."
Jetzt ersuchten alle, Lindenhain mochte ihnen die Art seiner Gefangennehmung erzahlen. Und Lindenhain begann:
"Sie werden sich erinnern, dass unsre vortrefflichen Truppen, und mit ihnen das Regiment, zu welchem ich gehorte, sich durch Muhseligkeiten vielfacher Art und die aussersten Anstrengungen um ruhige Winterquartiere wohl verdient gemacht hatten. Indess war eine schwere Winterkampagne vorauszusehen. Die rauhe Witterung, gegen welche uns weder Zelte noch Hutten mehr Schutz gaben, und die ernstlicheren Anstalten der Feinde zum Angriff, machten die Lage unserer Armee immer bedenklicher, und unsern Wunsch, uns durch irgend etwas Entscheidendes herauszureissen, immer heisser. Nie hatten bejahrte Krieger mehr guten Willen und mehr wahren Heldensinn gesehen, als da ein Detaschement von 1600 Mann aus verschiedenen Bataillons ausgehoben wurde und Befehl erhielt, sich bei Nusweiler zu versammeln."
"Friedrichs und des edlen Braunschweigers Geist ruhete auf der auserlesenen Schaar, die von ihrer Bestimmung nichts wusste, so wie auf den Zuruckbleibenden, die sich laut daruber beklagten, dass sie ihre tapfern Kameraden den Weg zur Ehre allein antreten sahen."
"Ohne an's Sentimentale zu streifen, darf ich sagen, dass die ganze Scene sich ganz zum RomantischSchauerlichen eignete. Voll des entschlossensten Heldenmuthes, der sich nicht in rohe, wilde Fluche, sondern in ruhigen Vorsatz, das Ausserste zu thun, ausliess, schritt mit kuhnen, wiederhallenden Tritten die edle Schaar vorwarts. Das soldatisch-freundliche Lebewohl des Bruders oder Vetters, das ihnen die Zuruckbleibenden nachriefen, hatte ihren Muth mehr angefeuert, als erweicht. Es sollte ein schwerer Kampf mit dem eisernen Schicksale beginnen. Jeder ahnete es; keiner wusste bestimmt, was ihrer harrte. Es war eine feierliche Nacht, in der der Todes-Engel eine reiche Erndte hielt. Sie war herbstischkalt. Leichte Wolken streiften uber dem aufgeklarten Himmel, und machten, dass der Mond den Kriegeszug nur dammernd beleuchtete, und d i e weisse Binde, die jeder der Unsrigen am Arme trug, sichtbar werden liess."
"In feierlicher, furchtbarer Stille naherten sich unsere Detaschements der Bergfestung Bitsch, umgingen sie, und kamen auf der Strassburger Strasse, eben um Mitternacht, bei dem bedeckten Gange an. Unbesorgt pfiff sich die Schildwache an den ersten Pallisaden ihr: ca ira, und schien nicht an die Moglichkeit eines feindlichen Besuchs zu denken. Man horte unten ihr gewohnliches: sentinelle, prennez garde a Vous! und beides diente zur Richtschnur."
"In schauerlichem Schweigen kletterte nun die Kolonne den Berg hinan. Die Schildwache gewahrte den Feind erst, als er nur noch zwanzig Schritte von ihr entfernt war, und rief zweimal ihr: qui vit? worauf sie die Antwort: republique francaise! erhielt. Als sie ihren Irrthum einsah, warf sie das Gewehr hin und lief davon. Wir uberstiegen die Pallisaden und eilten dem bedeckten Gange zu."
"Jetzt wurde in der Stadt Larmen, nachdem zwei Posten Feuer gegeben hatten. Ein schrecklicher Tumult verbreitete sich; allenthalben erscholl: aux armes! aux armes! de ce cote, citoyens! ici Camerades!"
"So glucklich der erste Angriff geschehen war, so viel unubersteigliche Hindernisse setzten sich ihm jetzt entgegen. Wir fanden eine wuthende Gegenwehr. Handgranaten, Steine, Balken, Kugeln und gehacktes Eisen unterhielten einen unaufhorlichen morderischen Regen auf die andringenden Preussen."
"Ewig unvergesslich in Preussens Annalen wird die Unerschrockenheit bleiben, womit die vortrefflichen Truppen dem Tode, der in so vielerlei Gestalt unter ihnen wuthete, trotzten! Der Hinterste drangte den Vordersten; 'vorwarts, vorwarts!' war der ununterbrochene Ruf der Tapfern. Wahrend dieses morderischen Gefechtes, wo die Gefahr der Vertheidigung in gar keinem Vergleiche mit der des Angriffs stand, waren zwei Thore gesprengt worden. In dem engen Gange konnten nur drei Mann in Fronte stehen. Waren diese getodtet oder blessirt, so eilten von hinten andere herbei, ihren Platz zu ersetzen! Der Sterbende ward unter die Fusse getreten und seines Achzens durfte nicht geachtet werden, wenn gleich der Freund oder Bruder darin erkannt wurde. Die Blessirten, die noch gehen konnten, drangten sich an den Wanden bis hinten hin zuruck, wo sie fortgeschafft wurden."
"In der Dunkelheit und dem Tumulte waren Axte, Brecheisen und alle erforderlichen Instrumente verloren gegangen; die sie fuhrten, waren getodtet oder verwundet, die Dunkelheit liess nichts erkennen; ein wildes Durcheinanderrufen machte die Scene grasslich. Am dritten Thore standen wir nun, und alle Anstrengung, es zu sprengen, war vergebens. Vergebens floss das Blut der unerschrockenen Preussen. Nach vierstundigem Kampfe, der die Krafte der menschlichen Natur zu ubersteigen schien, folgte freilich Ermattung; aber kein Schatten von Muthlosigkeit entweihete den unbefleckten Heldeneifer der nun schon sehr zusammen geschmolzenen hochherzigen Preussen, davon jeder mit dem Blute seines Kameraden oder von eigenem bespritzt war."
"Mein Herz blutete, dass so edle, so unerhorte Anstrengung nicht mit Erfolg gekront wurde! Des Augenblickes, wo ich aufhorte, thatig mitzuwirken, bin ich mir nicht deutlich bewusst; denn indem mein Arm zerschmettert wurde, traf mich ein Steinwurf am Kopfe. Ich sank und wurde wahrscheinlich mit den Fussen der vorwarts Drangenden bis in eine Vertiefung der Mauer des Ganges gestossen und unter einen Haufen Todter geschoben."
"Hatten Sie kein eau de Cologne bei sich, Herr Neveu?" fragte Onkel Dammrig, ganz naiv. "Nein!" sagte Lindenhain kurzweg. "Das ist Schade; in dergleichen Fallen ist es hochst bewahrt. Stosse oder quetsche ich mich; gleich eau de Cologne zur Hand, und geheilt bin ich."
"Unter freiem Himmel, auf einem ruttelnden Wagen voll schwer Verwundeter, kam ich wieder zur schmerzlichsten Besinnung. Albertine, als ich sank, dacht' ich dein; als ich jetzt wieder auflebte, warst du, Liebe, mein erster Gedanke. (Albertine legte hier ihr Haupt auf seine Schulter und schluchzte horbar.) Ich war ein Gefangener, mein Korper verstummelt, und B i t s c h war nicht genommen! Fur den Erfolg war mein Leben mir nicht zu theuer; aber nun o Gott!"
"Beschwert von einem schwer Verwundeten, der im Sterben lag, musste ich in der unbequemsten Stellung liegen. Der Wagen eilte unaufhaltsam vorwarts; meine Schmerzen uberwaltigten mich; in Bouquenon wurde ich, als ein dem Tode Geweihter, bei Seite gelegt; ein Mitgefangener, leicht blessirter Landsmann bemerkte mein leises Athmen und sorgte dafur, dass ich untergebracht wurde."
"Dieses geschah nun glucklicherweise in dem Hause eines geschickten Wundarztes, der selbst, Krankheits wegen, die Franzosische Armee auf einige Zeit hatte verlassen mussen. Er untersuchte meine Wunden. Der Arm bis an den Ellenbogen war ohne Rettung verloren. Unerschuttert horte ich diese Nachricht, die mich dienstunfahig machte, nicht; denn selbst in der Dumpfheit des Sinnes, hatte ich Plane und Dispositionen gedacht, wie Preussen an dem Feinde Rache nehmen und ich mitwirken konne. Als er die Quetschung an meinem Kopf untersucht hatte, machte er Anstalt zu trepaniren, und erklarte, ohne diese Operation sei ich verloren, ob ihm meine Rettung durch sie ebenfalls auch ungewiss sei."
"O, mein Vater, so lassen Sie ihn ohne den Schmerz sterben; ich will ihn pflegen; ich will ihn retten; uberlassen Sie ihn mir, mein Vater, er soll genesen!"" rief mit Warme eine weibliche Stimme, und meinem Lager naherte sich ein schones, junges Frauenzimmer. Sie legte ihre Hand an meine kranke Stirn, und bemuhte sich, mir durch leises Streichen wohl zu thun."
Hier hob Albertine den Kopf von Lindenhains Schulter, und blickte ernsthaft und verlegen vor sich hin. Onkel Dammrig machte ein loses Gesicht und murmelte ein bedenkliches: "ha, ha!"
Lindenhain fuhr fort: ""Adelaide! was soll das?"" sagte der Vater. ""Wie kommst du, kleiner Naseweiss, zu dieser Vorschnelligkeit?"" ""Aber, mein Vater, Sie versprechen ja seine Besserung nicht; wozu den Greuel einer solchen Operation? Unter den nemlichen Bedingungen will ich ihm wohl thun. Sie wollen ihn todt plagen. Nein, nein! Er ist mein!""
Der Vater gab lachelnd nach. Er war jetzt selbst abgeneigt, sich mit meinem Arm zu schaffen zu machen, bis alle Anzeigen eine schnelle Operation nothwendig machten. Ein hitziges Fieber war die Folge davon, wobei meine Kopfwunde sich sehr ubel befand. Das schone Madchen hielt indess Wort; sie verliess ihren Kranken nicht. Und nie hatte ich der franzosischen Lebhaftigkeit so viel Ausdauer zugetraut, als dieses treffliche Madchen hier bewiess. Sie bestand jede Probe. Nachte hindurch liess sie mein krankes Haupt an ihrer Brust ruhen, ohne sich in den beschwerlichsten Stellungen auch nur zu ruhren. Ihre sanfte Hand kuhlte meine brennende Schlafe; sie verband mit der herzlichsten Sorgsamkeit meine Kopfwunde, die sich unter ihrer Aufsicht sehr gut anliess, wie der Vater wohlgefallig bemerkte. Ich weiss, Albertine, du kannst nicht bose werden, dass ich diesem guten Madchen von Herzen dankbar war, und aufrichtiges Wohlwollen fur sie empfand."
"O nein, ich bin es ja auch nicht!" sagte Albertine etwas kalt. Doch schwankte ihr Ton. Laurette lachte ihr unverwandt in's Gesicht. Der Onkel schnitt Gesichter nach seiner Weise, die spasshaft seyn sollten.
"Als mein Zustand ertraglicher wurde, brachte
Adelaide ihre Harfe in mein Zimmer. Sie durchschwebte die Saiten so leise und lieblich, dass die Melodie atherisch dahin lispelte, wie von einer Aeolsharfe. Ihr Gesang war rein und kunstlos."
"Sobald ich aufrecht sitzen konnte, verlangte ich
Schreibmaterialien, um dir, meine Albertine, Nachricht von deinem armen Invaliden zu geben. Adelaide brachte sie mir, mit einem so truben Gesichtchen, als ich bei ihr noch nicht gesehen hatte. Hier, meine Albertine, wird deine ganze Grossmuth aufgefordert werden; ich schrieb, ich schrieb oft, und meine Briefe sind nicht zu dir gekommen. Das Geheimniss wird sich enthullen."
Albertine antwortete wenig und unverstandlich. Sie
machte sich mit dem Thee, den eben der Bediente gebracht hatte, zu schaffen. Es war sichtbar, dass sie litte.
"So wie meine Genesung fortruckte" fuhr Lin
denhain fort "vermied Adelaide ganz unaffectirt, allein in meinem Zimmer zu bleiben. Eine altliche Gouvernante, die mit ihr dem Hauswesen vorstand, war immer zugegen. Adelaide las uns vor, oder spielte und sang, oder beschaftigte sich mit irgend einer Handarbeit. Sie war immer gleich freundlich und sorgsam; doch hatte sie offenbar etwas auf dem Herzen, das bei ihrer sonstigen Offenheit sie druckte. Einst, als sie mir den Thee reichte, blieb sie wie zerstreut in meiner Nahe stehen und spielte mit einem Stuckchen Papier, welches sie absichtslos in den Fingern zu rollen schien. Als sie mich verliess, sank das Papier aus ihrer Hand auf meinen Tisch und sie entfernte sich, merklich errothend. Es war beschrieben. Meine Neugier wurde rege. Ich las. Es enthielt folgende Worte: 'Ich habe von einem Ihrer Landsleute gehort, dass Sie verheirathet sind. Ist das wahr? Adelaide.'"
(Albertine, die bis jetzt wieder emsig strickte, stand auf, dem Onkel etwas zu reichen, so dass sie der Gesellschaft den Rucken zuwandte.)
"Adelaide kam diesen Tag erst zur Abendsuppe mit ihrem Vater und der Gouvernante in's Zimmer. Sie war verlegen, und wich meiner Nahe wie meinem Gesprach aus. Ich hatte sehr bald Anlass Adelaidens Frage zu beantworten, indem der Vater von dem Glucke sprach, das er an der Seite seiner verstorbenen Gattin genossen hatte. Da nannte ich dich, meine Albertine, und ein Strom des reinsten Gefuhls deines Werthes, meine Liebe, ergoss sich von meinen Lippen."
(Albertine umarmte hier Lindenhain; doch schien es mehr Ehrenhalber, als aus dem Herzen zu seyn. Laurette fragte gespannt: "Nun? Und I h r e Adelaide?")
"Adelaide schien von der Warme meiner Schilderung ergriffen. Sie lachelte und wechselte die Farbe; bei den ruhrenden Situationen flossen ihre schonen Augen uber. Sie wunschte sich deine Freundschaft, meine Albertine!"
("Hm! Ich mochte sie wohl kennen!" sagte Albertine nachlassig.)
"Sie ist deiner Freundschaft werth, Albertine! Sie erhielt dir deinen Gatten; ihre Pflege und Aufsicht hat alles gethan."
"Meinen Gatten erhielt sie mir; aber auch sein Herz?" Es musste heraus. Albertine hielt sich nicht langer. Sie brach in Thranen aus, die sie gern verborgen und dem Hohne der Cousine nicht ausgesetzt hatte. Alle waren verlegen, und Lindenhain sagte schmerzlich: "ich darf nicht fortfahren, Albertine, wenn schon dies dich so erschuttert. Was ich noch zu sagen habe, setzt mich dann in die ausserste Verlegenheit!"
("Sieh nicht auf mich; ich bin ein albernes Ding. Es wird sich geben. Zeige mir deine Achtung durch Wahrhaftigkeit!")
"Nach diesem Gesprache fand ich Adelaidens Benehmen offner, herzlicher, zutraulicher, und fast mocht' ich's schwesterlich nennen. Sie sprach viel von meinem Vaterlande, von meiner Albertine, von dem Kummer unserer Trennung. Sie beschaftigte sich oft so unbefangen um mich her, als ob ich gar nicht zugegen gewesen ware. Doch sahe ich sie im Ganzen seltener, da ich schon im Stande war, selbst wieder fur meine Unterhaltung zu sorgen. Ich vermisste ihre Gesellschaft; denn die unschuldsvolle, sich selbst unbewusste Seele des Madchens war mir sehr werth geworden."
"Es war mir gar nicht gleichgultig, als wir von unsern Wunden hergestellte Gefangene tiefer in Frankreich hinein geschafft wurden. So sehr sonst meine Wunsche mich in's sudliche Frankreich versetzt hatten, so ungern ging ich jetzt dahin ab. Dem commissair ordonateur stellte ich vor, dass meine Dienstunfahigkeit mich nicht langer zum Kriegsgefangenen qualifizire; er gab mir aber den vielleicht schmeichelhaft seyn sollenden Bescheid: der Arm mache nicht allein den Feind gefahrlich; der Kopf war's. Er wusste wohl nicht, dass die Unsrigen erst zur offentlichen Wirksamkeit gelangen, wenn sie schon wieder ergrauen."
"Auf einem ziemlich anstandigen Fuhrwerke traten wir unsere Reise nach der Gegend von Toulouse an."
"Und Ihr Abschied von Adelaiden?" unterbrach ihn hier der Onkel. "Ich bin ganz verliebt in das allerliebste Madchen."
"War herzlich und meiner Seits von Dankbarkeit uberfliessend. Wie hatte ich anders gekonnt?" fuhr Lindenhain fort. "Noch aus Bouquenon schrieb ich einen langen, umstandlichen Brief an dich, meine Albertine, dem ich die kleine Summe beifugte, die mir, wie durch ein Wunder, erhalten war. Da ich in die Todtenlisten des Regiments eingetragen war, so darf ich mich nicht wundern, wenn Ihr, meine Theuren, weiter keine Schritte thatet, etwas von mir zu erfahren."
"Adelaide hatte sich viele Tage emsig mit meiner Reiseanstalt beschaftigt. Wie hatte das edle Madchen fur Alles gesorgt! Was die sorgsamste Aufmerksamkeit auf alle kleine Bedurfnisse nur ersinnen kann, fand ich hier bei einander. In einer kleinen bonbonniere fand ich zwanzig Louisd'or und diesen Ring von ihrem Haar, mit dem Zettelchen: pour la charmante Albertine! Hier, meine Albertine, ist er; trag' ihn diesem wurdigen Madchen zum Andenken!"
Alle machten jetzt grosse Augen, als Lindenhain den Ring hervorzog und ihn der sich halb weigernden Albertine an das Fingerchen schob. "Das ist ein stark Stuck, das!" sagte Onkel, die Hande reibend. Albertine, auf die aller Augen theils boshaft neugierig, theils mitleidig theilnehmend gerichtet waren, sprang auf, umarmte ihren Gatten weinend, und sagte unter Schluchzen: "Dein edles Zutrauen, mein Louis, reisst mich hin; du erhebst mich uber mich selbst! Wie ehrst du mich! Vergieb den Kampf in meinem Innern! Ich habe gesiegt; ja, ich hoffe, ich habe gesiegt!"
Kein Auge blieb trocken. Selbst Lauretten entwischte ein unwillkurliches: "recht brav!" Doch wollte Ulmenhorst das Wort Drama nachtonen gehort haben.
"Trage diesen Ring zum Zeichen dieser Stunde, meine gute, edle Albertine! Mein Glaube an dich hat mich nicht getauscht. Doch, ich eile zum Schluss meiner Erzah lung!"
"Mein neuer Aufenthalt war an sich viel reizender und gab meinen Beobachtungen reichen Stoff. Doch fehlte mir ein verwandtes Herz; wenn ich es mit einem Worte sagen soll, eine Deutsche Natur, nach der ich mich nun schon mit aller Kraft sehnte. Der geringste unserer Landsleute interessirte mich deshalb innigst; ich habe Denkarten unter ihnen getroffen, die den gebildetsten Standen Ehre machen wurden; auch bemerkte ich mit Vergnugen, dass ihre Gradheit, ihre ehrliche Treuherzigkeit, ihr Fleiss von den Landesbewohnern auszeichnend bemerkt wurden.
Einst kam ich von einem Spaziergange zu Hause; da hiess es: ein junger, schoner Knabe habe nach mir gefragt; er sei, um meiner zu warten, in die nahe Kirche eingetreten. Wer konnte hier nach mir fragen! Nach einer halben Stunde erschien wirklich ein sauber gekleideter Knabe in Bediententracht, in dem ich, beim ersten Anklang seiner Sprache, Adelaiden erkannte."
"Nun, nun, den Braten merkt' ich!" sprach der Onkel. Alle andere schwiegen betroffen.
"Um Gotteswillen!" rief das Madchen, "denken Sie nicht unrecht von mir! Stossen Sie mich nicht aus! Ich bin eine Waise, bin emigrirt, und wurde hulflos ohne ihren Schutz umher irren mussen!" Ich stand versteinert, und auf Ehre kann ich bezeugen, dass ich nichts weniger, als erfreut war. Sie bemerkte es, und erzahlte mir schnell, dass bald nach meiner Abreise ihr armer Vater angeklagt, in's Gefangniss geschleppt und schnell guillotinirt worden sei, weil er durch seine Theilnahme an den Preussen verdachtig geworden war. Ihr habe ein ahnliches Schicksal gedroht; sie habe sich daher diese Kleidung zu verschaffen gewusst und sei mit einer Dame hierher gekommen. Jetzt wolle sie mein Bedienter seyn; sie habe von einer Auswechselung der Gefangenen gehort; sie musse nun doch fort und wolle bei mir und Albertinen leben."
"Sie ist dir ganz nahe, Albertine! Wirst du sie, willst du sie aufnehmen? Dein Bruder, der Treffliche, der mich aufzusuchen reisete, fuhrt sie dir zu!"
"Erstehen wir das grosse Himmelbette des Grafen von Gleichen," sagte der Onkel lachend. "Das giebt eben so eine Geschichte. Auf meine Ehre!"
Albertinens Gemuth hatte sich aber nun einmal einen Schwung gegeben; sie blieb sich gleich und sagte edelmuthig: sie solle ihr willkommen seyn! Doch schien ihr der Ausweg nicht missfallig, als ihre kluge Freundin Euler sagte: dass die Vorsehung wohl vielleicht ihrer Einsamkeit eine Gefahrtin in Adelaiden bestimmt habe. Alle, auch Lindenhain, stimmte diesem Gedanken von Herzen bei, ausser Laurette, die sich hohnisch lachelnd auf die Lippen biss.
Jede Erwartung fuhrt etwas Bangliches mit sich. Es ist Albertinen nicht zu verdenken, wenn sie diese Nacht wenig schlief und sich ihrer nur zu geschaftigen Phantasie uberliess. Doch konnte sie weder in ihres Gatten, noch in des wackern franzosischen Madchens Betragen etwas Strafliches ergrubeln; und da sie denn nichts eingebusst zu haben hoffte, erschien sie sich in ihrer eigenen Grosse um so wohlgefalliger.
Ganz fruhe schon weckte sie ihren Louis, ihm das Geheimniss der ausgebliebenen Briefe abzufragen; denn sie hatte einen dunklen Argwohn gefasst, Adelaide konne sie unterschlagen haben. Ungern gestand ihr Louis, ihre eigene Schwagerin, ihres Bruders Frau, habe das Falsum begangen, sie los zu werden und sie mit ihrem Bruder zu entzweien. Sie hatte gehofft, Albertine werde als eine unabhangige Wittwe recht viel dumme Streiche machen und in Noth und Verwirrung gerathen. Die Briefe waren jederzeit unter der bruderlichen Addresse gekommen; da hatte Frau Louise stets schlau gewusst, sie auf die Seite zu bringen, indem sie das Briefgeschaft in der nachsten Stadt durch ihre Boten besorgen liess; und was vermag nicht ein listiges Weib, das seines Gatten unumschranktes Vertrauen usurpirt! eines Gatten, dessen Seele, rein von Betrug, am wenigsten die Schlange ahnet, die er an seinem Herzen erwarmt.
Drei und zwanzigstes Kapitel
Die durchwachte und durchphantasierte Nacht gab unserer Freundin ein etwas krankliches Ansehen, welches ihren Gatten um so mehr in Verlegenheit setzte, da der guten Albertine wahrscheinlich heute ein kampfvoller Tag, Adelaidens Ankunft, bevorstand. Albertine gestand, dass ihr Herz, sie wisse nicht bestimmt, weshalb, heute unruhiger, als noch sonst je klopfe. "Ist sie sehr schon?" fragte sie beim Fruhstuck, nachdem sie eine Zeit lang in Gedanken gesessen hatte. "Mehr, als schon; sie ist hubsch!" sagte Lindenhain. "Die Schonheit, in so fern sie auf Regeln beruht, ist oft kalt. Hubsche Weiber gefallen immer. Du, meine Albertine, bist schon nach allen Erfordernissen der Kunst, und zugleich auch hubsch, durch den Geist, der so annehmlich aus jedem deiner von ihm belebten Zuge spricht." Albertine seufzte, ohne zu antworten, lachelte ihm du bout des Levres zu, und sprang bei jedem schwer daher rollenden Wagen ans Fester. Louis bemerkte diese innere Unruhe der Geliebten nicht ohne Bekummerniss.
Was oft in Fallen der Art begegnet, geschah auch hier. Albertine hatte nach angstlichem Lauschen und Harren und immer gespannter Aufmerksamkeit nach aussen hin, den rechten Augenblick doch versaumt. Die Thure ihres Zimmers ging rasch und weit auf; und plotzlich herein traten der Bruder und seine schone Begleiterin; und dahin war Albertinens Fassung!
Die Wahrheit zu sagen, war in diesem seltsam entscheidenden Momente selbst Lindenhains festes mannliches Herz nicht ganz in seinem Gleichgewichte. Ware Albertine nicht so ganz mit sich selbst beschaftigt gewesen, wurde ihr das Schwankende und Ungewisse in ihres Gatten Benehmen nicht entgangen seyn; die ganze Scene bekam dadurch einen Anstrich von Steifheit und Zwang, welcher der Unbefangensten unter allen, Adelaiden, schmerzlich auffiel; ihre schonen Augen fullten sich mit Thranen; sie reichte ihrem Freunde die Hand und sagte mit unwiderstehlichem Ausdruck: "O mein Gott! ich bin hier nicht willkommen! Albertine nimmt mich nicht auf!"
Albertinens vortreffliches Herz fuhlte sich schnell in die Lage des verlassenen Madchens hinein, deren Thranen bis in ihr weiches Gemuth lebendig eindrangen. Mit unverkennbarer Gutmuthigkeit druckte sie Adelaiden an ihre Brust und hiess sie von Herzen willkommen. "Die freudige Uberraschung macht Ihren Freund stumm!" sagte sie, und zog Lindenhain zur Umarmung herbei. Er hatte sich indess gefasst, umarmte Adelaiden mit bruderlicher Herzlichkeit, und segnete sein Geschick, dass diese wirklich e r s t e Umarmung des schonen Madchens in Gegenwart und auf Geheiss seiner Gattin geschah.
Adelaide war keine der gemeinen Franzosischen Schonheiten, die dem sinnlichen Mann durch dreisten Blick und ein impertinentes Naschen gefallen. Sie hatte bei sehr sprechenden schonen Augen regelmassige Zuge, eine schone Farbe, schone Zahne, eine gefallende Mittelgestalt, die, wenn nicht engelschon, doch hochst elegant und grazios war. Albertine hatte das alles im ersten Augenblick weg, und kam sich bei der Vergleichung, die sie in der Geschwindigkeit anstellte, ganz bescheidentlich wie gar nichts, wie ein kleines Landputchen vor. Adelaide fuhlte den untersuchenden Blick Albertinens mit einiger Verlegenheit, und ihn von sich abzuwenden, reichte sie ihr die Hand, und fragte: "Sie weisen mich also nicht von sich, schone Frau? Sie wollen meine Beschutzerin seyn?"
Lindenhain hatte, weiss Gott, warum, gar keinen Muth, sich in das Gesprach mit einzulassen; er sass zerstreut da, und als Albertine mit der Antwort zu zogern schien, trat eilig der Bruder dazwischen, und gab in seiner Schwester Seele die bindendsten Zusicherungen, welchen Albertine gleich, ohne Zwang und unbedingt zustimmte.
Aber keiner fand die neue Hausgenossin so sehr nach seinem Geschmack, als Onkel Dammrig. Er suchte in der Eile den ganzen Vorrath seines veralterten Franzosischen zusammen, sich in den galantesten Floskeln du bon vieux tems mit ihr zu unterhalten, wobei er die Nasentone recht nationell zu accentuiren, nicht vergass. Es war eine Freude zu sehen, wie jung er wurde, wie er die Ohren spitzte und sich zusammen nahm.
Adelaide war die Hoflichkeit und Gefalligkeit selbst; sie lieh sich allem und allen. Nur in Lauretten schien ihr sonst so biegsamer Sinn nicht eingehen zu konnen. Laurette gab ihr zweideutige Seitenblicke und an Seitenhieben liess sie es auch nicht fehlen. Durch sie wurde die Konversation genirt, weil sie durchaus ihr fehlerhaftes Franzosisch unter dem Vorwand nicht wollte horen lassen, dass sie, eine Deutsche, es lacherlich finde, mitten in Deutschland Franzosisch zu sprechen; es sei hoflicher, wenn die fremd angekommenen sich bequemten. Adelaide that's mit leichter Art, und lachte dann selbst uber ihr gebrochnes Deutsch.
Laurette beschwerte sich uber die Unzulanglichkeit des weiblichen Umgangs fur gebildete Geister. "Die Weiber im Allgemeinen" sprach sie "haben eine so erbarmliche kleine Ansicht der Welt, werden so breit uber Dinge, die der Gebildetere liegen oder ganz fallen lasst, sind entweder zu gespannt, oder vegetiren in der traurigsten Schlaffheit; wie soll man mit ihnen auskommen?"
Adelaide nahm die Parthie ihres Geschlechts, und behauptete, es sei demselben nicht zu verargen, wenn seine Ansicht der Welt und ihrer Verhaltnisse nicht die Kraft und Eindringlichkeit des mannlichen Blicks habe. "Bedenken Sie doch, Mademoiselle, in welchem Licht uns die Welt erscheinen muss, da unser Geist nur zu den infiniment petits gebildet wird, und wie jedes rechtliche Weib, das seinem Gatten oder seiner Familie nutzlich werden will, sich zu den unedelsten Details des Hauswesens verstehen muss. Wer so sehen muss, der wird doch gewiss zuletzt ein moralischer Myops."
Laurette hatte, wie alle dickhautige und erdfahle Weiber thun, jedes feinere Kolorit im Verdachte des Schminkens; sie liess es sich auf unfeine Art merken, dass sie die Fremde fur geschminkt hielt. Adelaide antwortete ganz unbeleidigt: "Und warum nicht, Mademoiselle? Hatte die Natur mir von d e r Seite einen Mangel gelassen, wurde ich ihm ohne Bedenken nachhelfen, weil ich es fur Weibespflicht halte, meine Erscheinung so hubsch als moglich seyn zu lassen, und weil ich das Rothauflegen, in so fern es der Gesundheit unschadlich gemacht wird, fur nicht straflicher halte, als jedes andere Mittel, wodurch wir den Sinnen schmeicheln wollen. Erlaubte ich mir aber je eine moralische Schminke, wollte ich mehr scheinen, als seyn; ich wurde meinen Beschutzern nie wieder in die gutigen Augen blicken konnen. Legen Sie a u ss e r l i c h immer ein wenig auf, Mademoiselle; es wurde Ihnen recht gut kleiden."
Unter dergleichen und andern noch erheiterndern Gesprachen wurde Onkel ganz begeistert, und fing wirklich schon an, der Gesellschaft in entferntere Zimmer nachzuschurren. Adelaide und Ferdinand von Rehthal, Albertinens Bruder, hatten allen neues, rascheres Leben mitgetheilt; nur Albert allein schien nicht ganz zwangfrei. Unbeobachtet war er still und duster, und in seiner Seele schien etwas zu arbeiten, das die Zeit erst daraus loswinden sollte.
Vier und zwanzigstes Kapitel
Lindenhain machte zuerst die Bemerkung, dass es Zeit werde, an einen bestimmten Lebensplan zu denken, und er schlug Albertinen vor: sie wollten mit dem kleinen Kreis der Freunde gemeinschaftlich daruber zu Rathe gehen. "Aber wie ist's mir denn? Albert hat sich ja in einigen Tagen nicht sehen lassen; er wird doch nicht krank seyn?" Die Weiber begreifen mit ihrem richtigen Takte sehr schnell. Albertine fuhlte, dass etwas vor sei, wobei sie einbussen wurden. Sie redete Lindenhain zu, Albert um sein Ausbleiben zu befragen. "Wo steckst du Albert? Stelle dich ein; du sollst der Konferenz beiwohnen, die wir halten wollen, unsern gemeinschaftlichen Lebensplan zu entwerfen; denn dass unser Bleiben nicht hier ist und seyn kann, weisst du. Wir wollen fort, Dich aber, der Du uns unentbehrlich bist, nicht zurucklassen. Siehe zu, wie Du das einrichtest. Es hoffet auf Dich und harret Dein
der Deine
Lindenhain"
An Lindenhain!
"O, dass Du so gut bist, dass Albertine so gut ist, dass ihr alle so vortrefflich seid! und ich doch einen Lebensplan entwerfen muss, der mich weit aus Eurem Kreise ruckt!
Hore mich an, Lindenhain, zurne mir nicht, und gieb mir Freundesrath! Durch Henrietten weiss ich, dass Albertine Dir alle Folgen Deines vermeinten Todes mitgetheilt hat. Ich lernte sie kennen und hielt sie fur ein Madchen der Familie, bei der sie lebte. Mein Loos war mit dem ersten Worte, das sie sprach, geworfen. Sie wird Dir's gesagt haben, dass mein Betragen ihr die Geheimnisse meines Herzens auch nicht von fern ahnen liess. Es war nachher, als ich in ihr Deine Wittwe erkannte, nicht strafbar, sie zu lieben. Strafbar aber ware es, die Gattin meines Freundes zu lieben; und wurd' ich, musst' ich das nicht, wenn ich mit jedem Tage neue Bluthen dieses trefflichen Geistes, dieser herrlichen Natur sich vor mir entwickeln sahe. Lindenhain, ich war berechtigt zu hoffen; sie war die Meine, erschienst Du nicht. Fuhlst Du die Glut, zu der diese Hoffnung meine Liebe anfachte? Freilich habe ich sie tief in mein innerstes Herz zuruckgedrangt; aber wird sie in jeder Minute sich nicht vordrangen wollen? Soll ich den Kampf in jeder Minute neu beginnen mussen? Werde ich in jedem Augenblick, indess so viel Liebenswurdigkeit vor mir her waltet, die Kraft haben, meine Gefuhle mit Erfolg zu bekampfen? Ich kenne mich selbst nicht genug; ich weiss nicht, was noch aus mir werden kann, darum lass mich Euch fliehen, wenigstens auf einige Jahre, weil ich Eurer Achtung noch werth bin, wahrend es noch in meiner Gewalt steht; im kurzen wurde es vielleicht nicht mehr. Wer aufhoren konnte, Albertinen zu lieben, hat nie die Liebe gekannt. Gehab Dich wohl!
Dein
Albert."
"An Albert!"
"Sei nicht wunderlich, du Guter! Ich weiss a l l e s ; und eben, weil ich alles weiss, musst Du, sollst Du bleiben. Ich kenne Dich und kenne Albertinen; und eben weil ich Euch Beide kenne, sollst Du und musst Du bleiben, und mit uns leben, wie immer. Ich sage Dir, so wenig das den Verliebten eingeht; durch taglichen Gebrauch stumpft sich der Stachel ab, den die Abwesenheit und die, uber die Verliebten waltende, Phantasie bis zum Unleidlichen scharft. Ich sage Dir, bleib bei uns! Du bist keines schlechten Streiches fahig und Albertine eben so wenig. Die feine Grenzlinie, welche ihr feiner Sinn zwischen dem Gatten und dem Freunde zieht, wird Dir einleuchten und Dich streng in Deinen Granzen beschranken. Albertinens unverhaltene Ausserung ihrer herzlichen Zuneigung zu Deinem Freunde, wird Dir keinen Augenblick der Verirrung gestatten. Wenn Albertinens lieblicher Reiz Dich entzuckt, wirst Du daneben auch ihre kleinen Fehler bemerken; sie ist ein lieber Engel, der bestimmt ist, meinem Leben Glanz zu geben und Klarheit; aber sie ist auch ein Weib. Dessen wird Dich der tagliche Umgang belehren. Albert, so wie ich Euch kenne, ware es Neid, erbarmliche Missgunst, wenn ich das schone, freundliche Verhaltniss, darin ihr ohne mich standet, zerreissen sollte. Lerne Dich selbst kennen und schatzen; Du bist nicht der, der in der Flucht seine Sicherheit suchen musste. Denke Dir meinen Freund so, wie ich ihn mir denke. Unzerreissbar sei der Bund der Freundschaft mit Deinem
Lindenhain."
Albert gab sich nur nach langem Kampfe. Er wollte immer nicht zugeben, dass die Abwesenheit der Liebe gunstiger, als das Beieinanderleben sei. Madame Euler sagte, als sie gefragt wurde, lachelnd: so viel sie davon erfahren, glaubte sie, der Hauptmann habe Recht.
Jetzt machten die Freunde ernstliche Anstalt, uber einen haltbaren Lebensplan ubereinzukommen; und bald kam Folgendes zu Stande.
Ulmenhorst bezog sein Gut; Lindenhain kaufte eins in der Nachbarschaft, und erstand zugleich den Landsitz, welchen der Onkel in seinem Wohlstande besessen hatte, worauf er ihn auch wieder einsetzte. Madame Euler, an die Adelaide sich unzertrennlich gekettet hatte, wohnte mit derselben in einem sehr eleganten Pavillon auf Lindenhains Gute; und Rehthal, der sich von seiner Frau schied, die er wegen des schlechten Streiches mit den untergeschlagenen Briefen, nicht wieder an seiner Seite leiden konnte, so viel Albertine die Strafbare auch entschuldigte und fur sie bat, verkaufte sein Gut und wohnte bei Ulmenhorst. Da war denn immer Einer in und durch den Andern glucklich, und nur Laurette saete zuweilen Unkraut unter den Weizen.
Onkel Dammrig fand den Plan so delizios, lebte wieder von Neuem auf, und verjungte sich ganz so an dem reinen Feuer aus Adelaidens Augen, dass er oft in der Freude seines aufgewarmten Herzens sein altes: "Damotas war schon lange Zeit" mit heiserer Stimme anstimmte, und sich freute, wenn er es den Damen nach dreierlei Kompositionen, mit altvaterischen Manieren verbramt, vorsingen konnte.
Musik, Mahlerei, worin auch nun Albertine anfing vortrefflich zu werden, ernste Wissenschaft, leichter Scherz, kleine dramatische Ubungen, landwirthschaftliches Treiben gaben dem, ohne den Umgang der Musen so einformig hauslichen Landleben Mannichfaltigkeit und reichen Genuss. Eintracht pflanzte uberall die Friedenspalmen hin, und selbst Laurettens Geist schien unter der Milde dieses Himmels von seiner Scharfe zu verlieren, obschon dem ungeachtet Onkel sie oft seinen Pfahl im Fleisch und den Klotz an seinen Beinen nannte, und von Herzen wunschte, dass ein von Gott und allen Weibern Verlassener sich doch erbarmen und sie ihm abnehmen mochte. Ob irgend eine Hoffnung dazu fur ihn und die arme Hartsinnige grunte, werden wir im folgenden Kapitel erfahren.
Funf und zwanzigstes Kapitel
"Sagen Sie mir doch, Ulmenhorst, was ist's, dass Sie jetzt so haufig verstimmt scheinen, und oft mitten im frohen Gesprach sich einer eigensinnigen Laune uberlassen, die uns Ihre Unterhaltung verkummert?" fragte Henriette. Albert errothete, legte seine Hand sanft auf ihre Schulter. "Morgen sollen Sie's erfahren, wenn Sie mir helfen wollen?" "Wenn ich kann, gern!" Und das Gesprach war abgebrochen.
Henriette hatte ganz andere Besorgnisse, und fuhlte sich erleichterten Herzens, als sie folgendes Billet gelesen hatte. "Leiser beruhrt die weibliche Hand wunde Herzen; leihen Sie mir die Ihrige, meine Freundin, eines zuruckzudrangen, das sich unaufgefordert zu mir hinneigt. Nie gab ich Lauretten Anlass, mich fur Ihren Liebhaber zu halten; nie fuhlte ich fur diese niedrigste aller Weiber; das ware sie mir, auch ohne die Nahe ihrer englischen Cousine! Und dennoch macht sie Anstalt, mich mit sturmender Hand zu erobern. Ich verschweige, wie weit sie, aller weiblichen Delikatesse trotzend, sich vergass. Das macht mich bei ihrem Eintritte still, weil ich mich in ihrer Seele schame. Ihrer Zartheit, meine Freundin, traue ich es zu, dass Sie den verirrten Sinn sanft zuruckfuhren werden. Zu hart war's mit mannlicher, mit meiner Hand. Uberdem hat sie sich, meiner leisen Zurechtweisungen nicht achtend, mir nur frecher entgegen geworfen. Ungern wurde ich Sie indessen dem Spotte des Onkels und der Verachtung Anderer ausgesetzt sehen. Sie ist ein Weib, Albertinens Verwandte und muss geschont werden. Nach meinem Gefuhle darf ein Mann die Fehler nicht strafen, die er veranlasst. Leben Sie wohl! Von Ihnen hofft seine Befreiung
Ihr
Albert von Ulmenhorst."
Henriettens Verlegenheit war gross, nicht geringer Albertinens, als sie folgenden Brief von der verschollenen Tante Elise erhielt. "Bitte, bitte, sei nicht bose, Nichte Albertinchen, wenn ich unter den Wellen seligen Genusses, die uber mir zusammen schlugen, eurer zu vergessen schien. Athemlos, in Wonne gelosst, schwebt mein Geist dem Deinen wieder entgegen und fleht um Einklangsseligkeit. Du Einzige gewahrst sie mir.
Den Bruder grusse mit dem Kuss der Liebe. Nichte Lauretten sage ach Gott! die Arme! wie wird ihr Herz in dem Ocean der Krankung sich nach einem errettenden Felsen sehnen! Die Arme!!! Sage ihr, weil es doch einmal gesagt werden muss, es ginge unmoglich an, dass Doctor (nicht mehr Magister) Doctor Wassermann sie heirathen konne, wie sie gern will, weil er mich schon geheirathet hat. Die Musen schlossen den ewigen Bund. Ach, was ist die Liebe fur ein susses Ding! Die Welt nennt mich alt. Alt? Was ist das nun? Die Hulle, das Kleid wird alt; der Geist bluht in ewig schoner, jugendlicher Form. Wer nicht alt werden will, wird es nicht. Ich gestehe freilich, dass mein Wassermann nicht ganz das Ideal meiner Vorstellungen ist. Sein ernster Sinn verschmaht die leichten Bluthen des meinigen; oft windet er mir einen Kranz von Wermuth, wo ich Rosen brechen mochte; ofterer fuhrt er mich unter Lauben von Cypressen, und lehnt meine Leier an die Thranen-Weiden der herben Vorwurfe; mehr nennt er mich eine unerschaffene Ceder auf Libanon, denn eine Rose im einsamen Thale; aber dennoch verehre ich den Theuren grenzenlos. Ich beuge mich vor seinem starkern Geist, und neige mich, wie das zarte Schilf im Sturme.
Begeistert durch die Nahe des Empyraum, streben unsre Geister hinanwarts, hinanwarts!!! Mein Bertram arbeitet, im Vertrauen sei's gesagt, an einem grossen epischen Trauerspiel, von wie vielen Akten, das wissen die Gotter! Den Stoff giebt die christliche Mythe, das Weltgericht. Sie begreifen, Nichte, wie reich! wie wenig er dem Ubelstande der Lokalitat ausgesetzt ist. Von Adam bis auf den Saugling dieser letzten Stunden, passt alles hinein. Den Chorus geben die zur Rechten, und die zur Linken stehenden, den diese letztern als Bocke naturlich nur makkern. Sie werden tuchtig herunter gemacht vom Richter, und das giebt die Entwickelung. Denn sehen Sie, Nichtchen, sonst erfuhre man ja gar nicht, warum die ganze Scene veranstaltet ist. Die Schafchen zur Rechten tanzen ein Schlussballet zu dem Chorus und somit gut!
Sagen Sie es aber Niemand; es soll uberraschen, will Bertram. Auch Eurer Elise Geist producirt und ersetzt die leibliche Descendenz. Nichtchen, ich, ich schwarme einen Roman, wie meine reiche Phantasie ihn mir hinzaubert. Wir waren bis jetzt in dem Wahn, meine Liebe, das Wesen des Romans ware Natur und treues Sittengemalde. O ganz und gar nicht! Richardson und der erzgemeine Fielding sollten jetzt einmal aufstehen und lernen. Ihren abgeschmackten Dictionen sieht man's gleich beim ersten Blick an, dass ihre Verfasser Englander sind, in England schrieben und von Englandern gelesen seyn wollten. Das ist nun eben unrecht. Es muss alles r e i n i d e a l i s c h , r e i n p o e t i s c h seyn. Lieber muss man Schranke und Kommoden redend einfuhren, ehe man's den Personen anmerkt, wer sie sind, und was sie wollen? Und dann, so muss auch die Moral nicht so Fuderweise darin aufgestapelt liegen. Dadurch entsteht dann die reine Menschheit. Ich sage dir, Nichtchen, die wenigen Figuren, die ich zu meinem Roman brauche, sollen, so zu sagen, wie die Figuren im Puppenspiel, zwischen Himmel und Erde schweben, an einem unsichtbaren Drath, und ihrem Thun und Lassen soll keiner abmerken, ob sie in jene oder diese Region gehoren. Da vermeide ich dann die gemeine Naturlichkeit und weiche dem platten konventionellen Leben aus.
Lebe wohl! Troste Laurettchen! Sage ihr, sie soll sich an dem Duft meines Glucks erlaben, und schreiben, schreiben; es fullt Kuche und Keller. Lebe wohl! Die Deinige, im Rosenduft der Freude
Elise Wassermann."
Albertinens Besturzung uber diesen Brief und ihre Verlegenheit in Ansehung ihrer Cousine, entging Lindenhain nicht. Seine Neugier wurde dadurch erregt und sie konnte ihm die Mittheilung nicht versagen. "Missverstanden, Tante! abermals missverstanden!" rief er. "O, ihr ehrwurdigen, erhabenen Geister, wie werdet ihr verstanden und von Kleinmeistern und Pfuschern gehudelt! Bittet fur uns!"
Laurettens ungluckliche Konstellation wollte einmal ihre Demuthigung. Ein dritter Brief an sie selbst kam an.
"Mademoiselle!
Dero Anfrage nach Lessing, siehe Minna von Barnhelm, ob ich keine Frau Vadius brauche? ist so acht komisch, so wahrhaftig naiv, dass wir, meine verlobte Frau Braut, Madame Antonie Spurhauss und ich, sie nicht genug haben bewundern und belachen konnen. Nein, meine Geschatzte! ich brauche keine Frau V a d i u s , sintemal mich der Himmel schon mit einer versorgt hat, die so j u n g , als s c h o n , so r e i c h , als k l u g ist. Der wegwerfende Stolz, mit dem Sie sonst dem armen Secretar Vadius begegneten, wird Ihnen nicht weiter zugerechnet, so wenig, wie der coup de desespoir, womit die alternde Jungfer Brandbriefe ausschickt. Meine Antonie ist in dem Fall, einer Kammerjungfer zu bedurfen; fuhlten Sie sich geschickt zu dieser Stelle, so soll sie Ihnen unverhalten seyn. Das Vergangene sei vergessen. Mit dem gutmuthigsten Ernst bietet Ihnen zu Ihrem redlichen Unterkommen die Hand
Ihr
Cyprian Vadius."
Laurette war braun vor Arger; sie kochte Wuth, und drohte eine furchterliche Explosion, die denn auch bald erfolgte, und sich uber die hauslichen friedlichen Fluren verderbend ergoss. Wie alle gemeine Gemuther, fand sie in allem ausser sich die Schuld, nur in sich selbst ahnete sie sie nicht. Sie war nicht klug genug, die derbe Weisung in sich selbst zu verarbeiten; so sehr die Freundinnen es zuruck zu treiben sich bemuhten, ward sie nicht ruhig, bis alle Hausgenossen, selbst die geringste Dienstmagd, mit in ihren Unmuth stimmten und den Verbrecher mit entehrenden Namen nannten.
Wie sollten die Freundinnen es wagen, ihr von den beiden andern Briefen Kunde zu geben?
"Schwester Lieschen hat also den Wassermann wirklich geheirathet?" sagte Onkel uber Tische. "Ja!" sagte Albertine verlegen. "Dass sich Gott erbarme!" rief Laurette keck. "Da muss die gute Tante recht heirathslustig gewesen seyn! Man lege ihre Jahre mir noch zweimal zu, ich mochte den pedantischen Narren nicht. An ihm liegt es nicht, dass ich Tanten nicht zuvorgekommen bin!" Dammrig ruckte auf dem Stuhl hier hin, dort hin, rausperte sich und fing an: "Nichte, es will doch verlauten" Albertine erschrak, gab Adelaiden einen Wink, und dieser liebe Schalk brachte dem Onkel seinen alten Spruch: ce, que nous aimons! zu, in den er sogleich einstimmte. Die Stimmung wurde nun heiterer, das Gewitter verzog sich, und Laurette war fur dieses mal losgelassen.
Sechs und zwanzigstes Kapitel
"Was fur mich denn nirgend vorhanden ist, sollen die Andern auch nicht haben!" sprach Laurette, und Satanas lachelte in seiner Holle, und der freundliche Horizont uber den Hauptern der Lieben, mit deren Schicksal wir uns beschaftigen, schien sich schon ob dem ungluckschwangern Vorsatz zu schwarzen.
Laurette hielt Wort. Uberall zuruckgewiesen, wo sie unterzukommen suchte, im Gefuhl ihrer Verachtlichkeit, warf sie, wo sie nur Brennstoff ahnete, die Funken des Argwohns und der Zwietracht, die in ihrem Busen einen Heerd hatten, bedachtig hinein, und bliess und schurte, bis alles in lichten Flammen stand.
Im ganzen Kreise nannte man die Familie Lindenhain und Ulmenhorst die Glucklichen oder auch die Guten, und jedem schien's Gewinn, in ihre Mitte eingelassen zu werden. Lange hiessen sie noch so fur jeden nicht Vertrauten, als langst schon die Stutzen jedes hauslichen Glucks, Liebe und Zutrauen, zu wanken anfingen. Schmerzvoll ist die Erwahnung einer wiederholt bestatigten Erfahrung, dass es unter dem Monde nichts Bestandiges giebt.
Als der Krieg Albertinen von ihrem Gatten schied, hatte sie, wie wir schon wissen, nur das rosenfarbene schone erste Jahr der Ehe mit ihm durchlebt. Beide hatten sich nur im schonsten Lichte, im lachendsten Kolorit gesehen, dessen Interesse durch die schwankende Aussicht einer bevorstehenden Trennung durch den Krieg immer neu belebt wurde. Sie kannten im Grunde einander sehr wenig, und nur in dem Lichte, worin Liebende sich sehen, das heisst: im allerromantischsten. Lindenhain hatte in dem Hause gewohnt, worin Albertine mit ihrer kranklichen Mutter, der Frau von Rehthal, Dammrigs jungster Schwester, sehr eingezogen lebte. Kaum, dass sie den Aufenthalt des schonen Junglings, den sie nur im Vorbeigehen durch die Jalousien gesehen hatte, in ihrer Nahe ahnte. Er hingegen hatte die umgebende Gegend genau rekognoscirt, und nicht sobald erfahren, dass eine leibhafte Liebesgottin hier neben dem trubseligen Memento mori einer kranken Mutter throne, so liess er sich bei den Damen melden.
Er wurde sehr goutirt; und um irgend ein Band anzuknupfen, schlug der junge Officier einen Kommerztractat vor, der eine Auswechselung geistiger Waare betraf, da beide Theile Besitzer guter Bibliotheken waren, und uberdem Lindenhain alles Neuste, woran die Damen ziemlich arm waren, herbeizuschaffen versprach. Der junge Nachbar frachtete, in Ermangelung der Domestiken, sein Waarenschifflein immer selbst in den Hafen und genoss seines Lohnes in dem schonen Errothen der sussen Albertine, die dem schonen Buchermann die Zufuhr immer selbst abnahm.
Um diese Zeit nahm eben Albertine Stunden in der Zeichen- und Malerkunst bei ihrer Henriette. Da traf es sich immer ganz besonders, dass Lindenhain eben aus irgend einem Kollegium kam, wenn Albertinens Stunde aus war; und da sie in einem Hause wohnten, so war nichts naturlicher, als dass sie des Weges zusammen gingen. Albertine sagte das unverholen ihrer Mutter, und die Mutter, die keine Prude war, lachelte und sagte: "Der Lindenhain ware mir schon eben recht; dass er auch ein Officier ist!" "Und warum keinen Officier, Mutter? Giebt es, ausser diesem, einen Stand, in welchem der naturliche Karakter und eine bestimmte Denkungsart am meisten beibehalten werden kann? Kann der Soldat nicht so frei, so gerade, so kuhn verbleiben, als die Natur den Mann gemacht hat?"
"Wo haben Sie diese Philosophie her, mein Fraulein?" sagte die freundliche Mutter. "Hast du so ernstlich uber den Nachbar nachgedacht? Ich leugne dir nicht, dass der Stand in meinen Augen grosse Vorzuge hat; aber sieh nur, wie viel Wittwen macht nicht der bose Krieg! Wie viel Wittwen von lebenden Mannern! Denn das, was du sagest, giebt dem 'Ein anderes Stadtchen, ein anderes Madchen' seine volle Kraft." "Ach, Mutterchen, der Nachbar vereint in sich die Vorzuge seines Standes mit der Kultur der friedlicheren Klasse." "Nun, Albertine, wenn er kame, es ware mir nicht zuwider; aber ein Ungluck, dass diese edle Klasse nur erst Brod bekommt, wenn sie es nicht mehr beissen kann!" Albertine sagte lustig: "Mag's!" und hupfte, froh, so viel schon bei der Mutter gewonnen zu haben, an ihre Arbeit.
Und es geschah, wie sie gewunscht hatten. Nach einem kurzen Urlaub, wo Lindenhain die Erbschaft seines Vaters ubernommen hatte, erschien er mit einer offnen, ungekunstelten Bewerbung um die schone Nachbarin, und erhielt, ohne Ziererei und Bitte um Bedenkzeit, ein herzliches Ja!
Die verwelkliche Rosenkette umschlang Beide; sie taumelten in ihrem sussen Duft dahin. Die gute Mutter starb bald nachher, und ihr ansehnliches Vermogen, das, wie wir wissen, leider! bei ihrem Bruder stand, machte Albertinen auch von dieser Seite zu einer sehr guten Parthie.
Nach einem im seligsten Genusse verlebten Jahre, bekam das Regiment Ordre zum Aufbruch. Das junge Paar war untrostlich. Albertine zog, wie wir wissen, zu ihrem Bruder und ihr Gatte in den Krieg, der, wir konnen es nicht leugnen, bei weitem mehr sein Element war, als die Mirthenlauben von Paphos. Als seine Albertine, wie es ihm schien, in Sicherheit war, zog er mit hoch aufklopfendem Herzen und den hell lodernden Flammen der Kriegslust, seinen Fahnen nach.
Sieben und zwanzigstes Kapitel
Man sage, was man will, der Krieg, zu Wasser oder zu Lande, verwildert die Naturen, giebt dem Hange zum unstaten Leben Nahrung, erhalt in steter Spannung und befriedigt nur durch grosse, entscheidende Katastrophen; nur das Grosse und Riesenmassige genugt den Mitwirkenden. Dass Lindenhain, der von der Natur so ganz zum Soldaten geeignet war, sich eine Zeit lang in der landlichen Stille, in friedlicher Thatigkeit, in zweier lieblichen Weiber Mitte gefiel, war mehr der Neuheit und Seltenheit wegen, als dass es seinem innern Geschmack zugesagt hatte. Bald wurde es ihm zu enge; er schnappte nach Luft; ihm war nur wohl, wenn er des Tages ein paar Pferde mude geritten hatte; und endlich war's auch Albertinen wohl, so herzlich sie ihn liebte, wenn sich das liebe Ungethum vom Hause entfernte.
Angefeuert durch das Beispiel der Freundinnen, ergab sich Albertine jetzt mehr, als je, den Kunsten; es freute dann Lindenhain wohl, wenn unter ihrem Pinsel etwas Meisterhaftes entstand, aber er schalt doch auch, wenn etwas Wirthschaftliches versaumt oder aufgeschoben war. Er bedachte nicht, dass es in der Natur der Dinge liegt, und dass es unbillig ist, vom Weibe zu fordern, was der s e l t n e Mann nur vermag: allem zu genugen. Wurde sich weibliches Talent im Wettstreite mit dem mannlichen nicht ungehemmter entwickeln, musste sich das Weib nicht zugleich hundert zeitversplitternden Arbeiten hingeben? Und die Hand auf's Herz, ihr Kunstlerinnen, und schriftstellerischen Weiber, wenn ihr den Pinsel aus der Hand legt, wenn euch eben ein Reim oder lebhaftes Bild auf der Zunge schwebt, gehet ihr dann mit eben so lebhaftem Interesse in die Kuche oder an den Waschschrank, als ihr euch an euren Schreibetisch oder an die Staffelei setzet? Ich sage nein! und der Mann, der es von euch fordert, dass die Geistesunterhaltung untergeordnet bleiben soll, ist ein unbilliger. Wer wird, wenn er Nectar haben kann, noch gern sauren Landwein trinken! Aber das Weib, das im Gefuhl ihrer Pflicht und Wurde, eines thut und das andere nicht lasst, ist das beste.
Albertine hatte nie in einem grossern Kreise gewirkt; sie musste sich erst hineinstudiren. Die Erfahrung macht die Wirthin, und jene wird oft mit Schaden erst erlangt. Dadurch wurde sie unmuthig; es wurde ihr schwer, mancher Kleinigkeit, die es in ihren Beziehungen freilich nicht ist, Interesse abzugewinnen, und Lindenhains Vorwurfe verleideten ihr das Ganze. Das versauerte die Masse um so mehr, da Laurette gewohnlich bei den Vorwurfen, die Albertine oft, indelicat genug, im Beiseyn mehrerer erhielt, laut lachte oder bejahend einstimmte.
Bei der krankelnden Mutter hatte Albertine eigentlich sehr wenig gelebt, und ihre Phantasie hatte sich durch Lesen und in sich selbst eine Welt gebildet, die nur wenig Ahnlichkeit mit der wirklichen hatte. So hatte sie Freundschaft, Liebe und Ehe kennen lernen, und so war sie untrostlich, dass besonders die Ehe ihrem Ideale, aus Dichtern und Romanen geschopft, so wenig entsprach.
Lindenhain war, wir haben es schon selbst gestanden, durch den Krieg in etwas verwildert; doch schrieb Albertine diesem mehr auf die Rechnung, als darauf gehorte, und auf die des zum Ehemann gewordenen Liebhabers zu wenig. Der Genuss des zur G e w o h n h e i t gewordenen Guten, kam auch nicht in Anschlag. Es kam Mislaut in die schone Harmonie des Ganzen. Albertine harmte sich im Stillen. Adelaidens liebenswurdige Munterkeit wehrte dem Unwesen eine lange Zeit; aber endlich wurde auch sie mit angesteckt. Sie warf Lindenhain bald scherzhaft, bald ernstlich seine ehemannische Laune vor. Sie sagte zuweilen drollig: "Capitaine, Capitaine! Ich habe Ihre Kopfwunde schlecht geheilt; Sie phantasiren noch." Da kam es denn zu Erorterungen, zu Mittheilungen von allen Theilen, und es konnte Albertinen nicht angenehm seyn, dass eben Adelaide das Depot der beiderseitigen Beschwerden wurde. Als Schiedsrichterin war sie viel zu schon und zu jung.
Fur Lauretten waren diese Verhaltnisse wahrer Genuss. Sie lebte wie von neuem auf, und wusste bald Albertinen auf Lindenhains Vertrauen zu Adelaiden, bald Lindenhain auf Albertinens erheiterte Laune, wenn Albert zugegen war, geschickt aufmerksam zu machen. Lindenhain war nicht eifersuchtig; aber der oft Betrogene war misstrauisch; auch misstrauisch gegen seine Albertine, gegen Albert, gegen den besten Menschen; und dies war ein Zug in seinem Karakter, den Albertine noch nicht kannte, den er nie Anlass gehabt hatte, gegen sie zu entwickeln, und den er selbst nicht kannte, als er Alberts Entfernung hintertrieb. Mass sich Lindenhain mit Albert, so fiel ihm sein fehlender Arm schmerzlich auf's Herz. Mass sich Albertine mit Adelaiden, so sahe sie in sich die gewohnte Ehefrau, bei der alles Pflicht und Schuldigkeit, wie bei jener alles freier Antrieb und Edelsinn war. Noch waren aller Herzen rein; aber was sollte in der Folge daraus werden?
Was daraus werden musste. Ein verstimmtes Instrument, das nur noch Misslaute von sich gab. Henriette, die es lange nicht hatte bemerken wollen, mischte sich endlich, von Albertinen aufgefordert, darein. Sie redete Lindenhain an's Herz, der ihr eine kecke Antwort gab, und unter andern sagte: "er wisse sich zu bescheiden; ein Kruppel konne freilich nicht viel Anspruche machen; er fande es endlich nicht unnaturlich, wenn ein schones, junges Weib einen bildschonen Mann, dessen Gattin sie ohnehin hatte werden wollen, vorzoge."
"Lindenhain, nehmen Sie mir es nicht ubel, jetzt sind Sie gemein. Eifersucht wurde ich der Liebe verzeihen; aber Misstrauen in die edelsten Menschen pfui! schamen Sie sich! Und wer durfte es Albertinen verdenken, wenn sie des ewig vorwerfenden, zurechtweisenden Umganges, der die Arme zur Marionette herabsetzt, uberdrussig, sich in der Gegenwart eines sanfteren, heitern, geistreichen Freundes erheitert fuhlte? Wenn dies in ihrem Betragen nicht sichtbar wurde, musste sie eine Heuchlerin seyn?"
Lindenhain schwieg, schien in sich zu gehen, und versprach, sich zu bessern. Bald flusterte Satan Laurette ihm zu: sie hat dich verklagt; das war unrecht. Und es blieb, wie es war. Oft, wenn er Albertinen mit gesenktem Kopfe, wie ein dahinwelkendes Maienblumchen sahe, und uberdachte, mit wie edlem Zutrauen sie sein Verhaltniss zu Adelaiden aufgenommen hatte, ward er innig erweicht, druckte sie ungestum an sein Herz und gelobte sich, den reinen Engel ganz glucklich zu machen.
Bald aber gewannen wieder die Miseren des hauslichen Lebens, so wie sein Hauptlaster, die bose Laune, die Oberhand, die durch das immerwahrende schmerzliche Entbehren seines Armes gescharft wurde. Die arme Albertine wurde fur alles, was im Hause misslang, auch fur Zufalligkeiten, verantwortlich gemacht, und Onkel Dammrig, dem die Dissonanzen schmerzlich im Herzen wiederhallten, weil er Albertinen sehr liebte, sagte oft halb scherzend, halb traurig: "Heut kriegt die arme Albertine gewiss wieder Schelte; der Barometer steht auf Regen."
Albertine hatte drei kleine Narben am Kinn, deren Daseyn sie und die Ihrigen bei jeder Pocken-Epidemie beruhigten; sie glaubten, dass sie sie in fruher Kindheit gehabt habe. Die Pocken wutheten im Dorfe, und Albertine ging unbesorgt in allen Hutten umher, ihre Hulfe zu vertheilen. Sie erkrankte ob der Muhwaltung, wie man glaubte; aber sie hatte sich Blattern und zwar von der giftigsten Art geholt. Schrecken und Jammer uberfiel die Ihrigen; keiner wich von ihrem Lager; selbst der krankliche Onkel trippelte an ihr Bett hin und bejammerte das entstellte Engelsbild. Lindenhains Feuerseele schlug jetzt, durch die Gefahr der Leidenden angefacht, in helle Flammen auf. Nie glaubte er sie inniger geliebt, nie ihre sanfte Duldsamkeit mehr bewundert zu haben. In der Hitze der Trubsal gelobte er mehr zu halten, als er seiner Natur nach vermochte. Albertine reichte ihm freundlich die Hand, und gab vor, sich an einem Blick auf eine glucklichere Zukunft zu laben, an den sie langst nicht mehr glaubte.
Aber wer begreift, wer schildert Adelaidens Edelmuth! Die schmerzliche Lage der jungen Frau, wenn sie nun aller Schonheit beraubt, entstellt von diesem Lager aufstande, entging ihrem schnellen, richtigen Blicke nicht. S i e sollte schon, und ihre beschutzende, grossmuthige Freundin eines so einnehmenden Vorzugs beraubt seyn? Lindenhain sollte einen Vorwand gegen die arme Albertine haben? Das ertrug das edle Madchen nicht; sie wollte mit ihr zugleich hasslich werden, wollte keinen Vorzug an sich dulden, wollte auch die Blattern haben, die sie noch nicht gehabt zu haben glaubte. Sie lehnte ihr Gesicht an Albertinens, ass von ihrem Bissen, trank aus ihrem Becher, und was auch eingewendet werden mochte, schlief an ihrer Seite. Nie gab es eine Warterin, wie diese; nie wurde ein Kranker gepflegt, wie Albertine.
Aber das Gift theilte sich ihr nicht mit. Sie bekam einen unschadlichen Ausschlag, und das war alles. Ihre erhaltene Schonheit und die Verehrung und Liebe Aller waren der gerechte Lohn ihres Edelsinns und ihrer unerhorten Aufopferung.
Acht und zwanzigstes Kapitel
Albertinens Leben war zwar gerettet; aber wer fasst den Jammer! sie blieb des Lichtes ihrer Augen, ihrer wunderschonen blauen Augen beraubt! Der unwiederbringliche Verlust ihrer Schonheit wurde gegen dieses schwere Ungluck kaum bemerkt. In dem Fruhling ihrer Tage, in dem Rosengarten ihres Lebens, umgab das schreckliche Dunkel der Blindheit den Sinn, durch den uns der Anblick der Wunder in Gottes schoner Natur einen Strahl dauernder Freude und hoherer Andacht in die Seele sendet. So lange noch ein Schimmer von Hoffnung war, ergab sie sich still den Fugungen der Arzte. Als nun aber die immer wiederholten neuen Versuche alle tauschten, uberliess sie sich einem stillen Gram, der um so ruhrender war, da sie ihn in sich verschloss und er ihren zarten Korperbau sichtlich angriff.
An dem bebenden Ton ihrer Lieben vernahm sie die zuruckgehaltene Wehmuth derselben. Lindenhains Schmerz ausserte sich, wie seine Natur es wollte, mit Ungestum und meist im Style des Vorwurfes. "Warst du nicht in jene unglucklichen Hutten gegangen, das Ungluck ware nicht geschehen! Was gingen dich jene Kinder an?" Das druckte dann die arme Albertine ganz darnieder; sie suchte seine Hand, bedeckte sie demuthig mit Kussen, und bat ihm ihr Ungluck ab. Ernst und besonnen schlug sie ihm die Scheidung vor, da sie den Zweck des Hausstandes nicht mehr erfullen konne, und nun im Dunkeln wandeln musse; "weil ich meinen Lieben nur Leiden, statt der gehofften Freuden geben kann!" setzte sie schmerzlich hinzu. "Ach, mein Theurer, nur ein stilles Winkelchen raume mir ein; die Zeit wird auch mir den Frieden geben, der so unverkennbar das Erbtheil aller des Lichts Beraubten ist! Du bist zu jung und lebenslustig, als dass es recht seyn konne, dein Dasein an das einer armen Unglucklichen zu ketten, und ihre Last mit zu schleppen."
Dergleichen Auftritte, die nur zu oft in der ersten Zeit vorkamen, uberwaltigten dann des Mannes Herz; seine Thranen flossen, und mit von Schmerz aufgelostem Herzen sturzte er hinaus ins Freie, ritt zwecklos umher, und kehrte duster und schweigend dann erst zuruck, wenn seinem Pferde die Krafte, ihn weiter zu tragen, entgingen.
Wenn er dann Albertinens Klagetone am Fortepiano vernahm, indem sie ein Lied, das sie selbst uber ihren Zustand gedichtet und componirt hatte, mit dem himmelsussen Ausdruck inniger Schwermuth sang, oder wenn er sie, beim raschen Eintritte in's Zimmer, mit zum Himmel gebreiteten Armen betend fand, so regte sich der wuthendste Schmerz von neuem. Er druckte sie an seine hochklopfende Brust, und doch schauderte seine sinnliche Natur bei der Annaherung des armen kleinen Ungeheuers zusammen. In seiner Brust war das Mitleiden kein milder Trieb; es war Leidenschaft, ungestume, zerstorende Leidenschaft, die seine Kraft zermalmte und sich in sich selbst aufrieb.
Ruhrender noch war der Anblick, wenn die Un
gluckliche sich bestrebte, ihrem Hauswesen, wie in gesunden Tagen, vorzustehen, und ehe der Mechanismus der Gewohnheit ihren Bewegungen zu Hulfe kam, tappend umher irrte, und oft ganz entgegengesetzte Richtungen nahm. Als einst bei einem solchen Anlasse Lindenhain selbst in Laurettens Augen Thranen sah, sturzte er auf sie zu, und umarmte sie heftig. Laurette aber schamte sich ihrer Ruhrung, und behauptete, es sei ihr nur Staub in's Auge geflogen.
Albertine gewohnte sich allmahlich an ihre Lage,
und trug mit frommer Resignation, was nicht mehr zu andern war. Uberdem hatte sie die gluckliche Gemuthsanlage, an allen ihren Lebenszustanden sich die beste Seite aufzusuchen und sie sich anzueignen. Sie litt jetzt nur noch in ihren Freunden, in ihrem Gatten. Sie entwarf sich einen neuen, ihrem Zustande angemessenen Lebensplan. Adelaide hatte ihr Unterricht auf der Harfe gegeben; ihr gluckliches Talent hatte dieses ihr Lieblingsinstrument sich bald zu eigen gemacht. Sie wechselte mit Musik und Handarbeiten, die sie zur Bewunderung fertig machte. Henriette oder Adelaide lasen ihr vor, oder sie uberliess sich ihren eigenen Betrachtungen; auch gewann sie bald die Fertigkeit, leserlich zu schreiben, und nie war ihre Phantasie reger und bluhender gewesen, als da ihr die aussern Eindrucke versagt waren.
An schonen Tagen sass sie in den Lauben ihres Gartens und ubersah mit den Augen ihres Geistes die ihr bekannte schone Gegend. Sie hatte in guten Tagen einen Schatz von Ideen und Kenntnissen gesammelt, mit dem sie nun in ihren Leidenstagen wucherte und diese versusste.
Wie ihr Freund Albert an ihr Theil nehmen musste, sagt uns die vergangene Zeit. Schon war er im Begriff gewesen, die Gegend zu verlassen, weil er aus einigen Winken, die Henriette ihm, ohne es beinahe zu wollen, gab, geschlossen hatte, Lindenhain habe sich selbst nicht genug gekannt, als er seinen Vorsatz, Albertinen nicht mehr zu sehen, ihm ausredete. Als aber das Ungluck uber seine Freunde ausbrach, wich jede andere Rucksicht; denn nun war alles anders, und jetzt war es ihm Pflicht, der Leidenden alles zu werden, was er ihr, seiner redlichen Uberzeugung nach, seyn durfte.
Wenn sie so im traulichen Zirkel um sie sassen und er auf ihre Rede lauschte; wenn ihr heiterer Sinn und ihr heisses Gefuhl fur alles Edle und Grosse wie ein himmlischer Trost in seiner Seele aufging: dann bemerkte er nicht, dass ihre Gestalt verandert war; dann war sie ihm schon, wie in den ersten Wonnetagen seiner Bekanntschaft mit ihr; dann sah er nicht die tiefgenarbte Wange, den verzogenen Mund, den dicken rothen Kreis um das ehemals so schone Auge, aus dem ihm der ganze Himmel gelacht hatte.
Ganz anders wirkte der nemliche Anblick auf Lindenhain. Nie warf er den Blick auf Albertinen, dass er nicht zusammen schauderte; sich ihr zu nahern, kostete ihm Uberwindung; nur was von schonen Lippen kam, fand er geistreich. Die Scharfe des Schmerzes stumpfte sich freilich mit der Zeit ab, ging aber in Verdruss und Abneigung gegen den Aufenthalt in seinem Hause uber. Die Eifersucht stachelte ihn jetzt nicht mehr, und es war ihm eben recht, wenn Albert und der ganze Zirkel um Albertinen versammelt war, weil er sie dann unterhalten wusste und seine Gegenwart um so entbehrlicher war. Er wurde ein Jager; und zwar so leidenschaftlich, wie er alles in sich aufnahm. Oft kam er erst heim, wenn die Andern den Abendtisch schon verlassen hatten, oder er blieb auch Nachte aus, worauf dann die sanfte Albertine nichts weiter, als seufzend sagte: "Ach, ich kann es ihm ja nicht verdenken!"
Adelaidens zarter, herrlicher Sinn glanzte in seinem strahlendsten Lichte. Ihre Lage war delikat und ihr Verhaltniss zur Familie forderte eine feine Behandlung. In ihrem offnen, unbefangenen Betragen gegen Lindenhain veranderte sie nichts; es blieb sich gleich. Gleichwohl hatte sie ihn unsaglich geliebt und war zu einiger Erwiederung berechtigt. Jetzt hatte sie der Hulfe bedurftigen Albertine alles zugewendet, was ihr schones Herz zu geben hatte; und mehr noch, als kalte Principien, gab ihr ihre schone Natur ein, was sie dieser, da Finsterniss ihr Auge deckte, jetzt seyn musste.
Nur ungern verstattete man dem Onkel Zutritt zu Albertinen; er weinte laut, wie ein Kind, und druckte sich so klagend uber ihren Zustand aus, dass ihr Gemuth aus seinem Gleichgewicht kam, und wenn s i e ihn zu trosten bemuht war, oft laut in seinen Schmerz einstimmte.
Neun und zwanzigstes Kapitel
Die trube Scene ein wenig zu erheitern, wollen wir einen Vorfall berichten, der alle in Verwunderung, einige in Freude, andere in Verdruss versetzte.
An einem schonen Morgen kam ein armliches Fuhrwerk, von lebensmuden Pferden gezogen, vor das Schloss. Aus Decken und Manteln wickelte sich eine weibliche Gestalt heraus, die verschleiert, wie sie war, von Niemand sogleich erkannt wurde. Geruhrt warf sie sich Albertinen in die Arme, die sogleich am holden Lispeln, an dem warmen poetischen Ausruf, Tante Elisen erkannte. Die Gute weinte Albertinens Ungluck die heissesten Thranen, und dann ging ihre Bewunderung wieder bis zur Anbetung, als sie Albertinens himmlische Resignation sahe. Durch Henrietten erfuhr sie Adelaidens Geschichte, und auch diese umfasste sie mit einer hohen Begeisterung, die der Vergotterung nahe kam.
Ihre eigne Geschichte machte alle traurig; nur ein Gesicht verzog sich zum Hohn. Wer in dem Kreis der Guten das seyn konnte, errathen wir nur zu leicht.
"Waren Sie denn nicht mit ihm verheirathet, liebe Tante?" fragte Albertine. "Was man so recht eigentlich verheirathet nennen mochte," antwortete Elise, "waren wir nie. Wie mochte die Liebe dies erdruckende Joch tragen! Kein Priester sprach den Seegen, kein Ringewechseln bestatigte den Bund der Liebe. Lasen Sie nie das Paradies der Liebe, mon Neveu?" fragte sie Lindenhain. "O ja doch, ja!" antwortete dieser lachend, "ich fange an zu merken."
"Nun" fuhr Elise fort "muss die Liebe, wie sie im Menschen das Hochste und Lieblichste, die schonste Bluthe des Lebens ist, so auch das Freieste unter der Sonne seyn. Keine Liebe gedeiht im Treibhause der Ehe. Warum truge der Gott der Liebe Flugel, als zum Flattern?
'Dass er sich im Flattern ube,
Darum, darum tragt er sie!'
Wer mag ihn festhalten? Und wie wohlthatig ist die Trennung, wo er nicht mehr weilt!"
Nach einigem Weigern und mit sehr milderndem Ausdrucke kam es heraus, dass die gute, gar zu majorenne Elise uber ihr Vermogen zu Gunsten ihres flatterhaften Amors Wassermann disponirt habe. Seine Sinnlichkeit, das Streben nach heimlichen Genussen, und eine affectirte Geringschatzung jeder okonomischen Rucksicht bei grosser Geldgier, hatte ihn in Verlegenheiten gesetzt, aus welchen er sich durch Elisens Gutmuthigkeit zu ziehen hoffte, als Antonie ihn abwies. Elise gab, bis es an die letzte Obligation und ihre ziemlich kostbaren Juwelen kam; mit diesen im Koffer, hatte er sich von ihr entfernt, sie wusste nicht, ob zur grossen Nation hin, oder nach dem andern Freihafen fur Leute seiner Art, nach Amerika; sie wusste nicht, wo er nun eigentlich die helle Leuchte seines Geistes werde aufgehen lassen. So viel wusste sie, dass sie arm, verachtet und ausgelacht zu den ihrigen zuruck gefluchtet sei, aber reich beladen mit den Erzeugnissen Wassermannischen Geistes, womit sie nun einen Buchhandler zu beglucken und sich ein reichliches Auskommen zu verschaffen gedachte.
Dammrig accompagnirte ihre Erzahlung mit einem leisen Gemurmel zwischen Gesang und Rede, welches ihr hochst anstossig war. "Und sein Drama von Schafen und Bocken?" fragte Dammrig. "Erscheint!" "Und dein ubermenschlicher Roman, worin nichts naturlich zugeht, wo eine Komode die prima Donna ist?" "Erscheint!" "Spotte nur, spotte! Einen Schrank, einen Klotz kann man immer noch vernunftiger, als einen alten Ritter, worein ihr so verliebt seid, redend einfuhren. Im weiten Reiche der Phantasie, in ihren Schopfungen ist alles Leben. Das heilige Dichterfeuer belebt Steine und versetzt, wie der Glaube, Berge."
Dreissigstes Kapitel
Lindenhains Vermogenszustand reichte fur den Aufwand eines noch so vergrosserten Familienzirkels zu; und grossmuthig, wie er war, kummerte es ihn wenig, ob das Kapital durch zuruckgelegte Zinsen vergrossert wurde. Elise war uberdem allen von Herzen willkommen; sie war eine so gute Art von einer Narrin, dass so leicht kein Spott uber sie laut wurde. Albertine hatte nun eine neue liebevolle Seele mehr um sich, die das Vorleseramt ausschliessend ubernahm. Sie fuhlte, was sie vortrug, und ihr angenehmes Organ fugte sich in alle Modulationen des Ausdrucks leicht ein.
So gestaltete sich eine Form der Geselligkeit fur den liebenden Kreis, der immer mehr an Festigkeit gewann. Obgleich fur jeden besondere Wohnungen bestimmt waren, schloss sich doch der Kreis immer um Albertinen, der in ihrer Dunkelheit jeder gern die hulfreiche Hand reichen wollte. Henriette hatte sich eine Zeit her auf die Portratmalerei, worin sie sehr glucklich war, gelegt; aber auf die Lange verdross es sie, ein gluckliches Talent blos im Dienst der Eitelkeit zu verwenden, und die Vorwurfe derer, die ihres Lebens Fruhling in verschonter Gestalt hingezaubert haben wollten, wenn der Herbstwind schon uber die kahlen Scheitel wehte, wurden ihr zum Ekel. Sie gab also das Portratmalen wieder auf; und da sie uberdem schon ein hubsches Kapital erworben hatte, so schrankte sie sich blos auf einzelne grossere Sachen ein, die sie den Kabinetten der Freunde zum Andenken bestimmte.
Albertine wurde ihres Zustandes immer gewohnter und vergass beinahe des bessern. Lindenhains Launen sahe sie als naturliche Folge ihrer Lage an, und ertrug sie still, ohne Widerrede. Denn selten sprach er mit ihr, dass er nicht, ohne es selbst zu wollen, ihr etwas Unangenehmes sagte. Er verfiel oft in einen wirklichen Sergeanten-Ton, der beim Befehlen zugleich drohend den Stock aufhebt. Dann seufzte sie still und dachte: er liebt mich nicht mehr! Wer weiss, wie entsetzlich ich auch aussehe! Sie waren es insgesammt nun schon gewohnt, dass er in ihrer Mitte fehlte; und Albertine war froh, wenn sie nur, wenn auch spat, seine Stimme wieder horte.
An einem dustern December-Abend sassen sie um ein schones, freundliches Kaminfeuer versammelt. Draussen sturmte es mit Schnee und Regen. Schon einigemal war Albertine vergebens der Thure zugeeilt, was sie in ihrer Trubsal doch nie unterliess, weil der anschlagende Haushund die Ankunft seines Herrn zu melden schien. Zweimal hatte sie sich mit einem banglichen: "Nein, er ist es noch nicht!" wieder zu ihrem Sitz begeben, als der Jager verstort in's Zimmer trat und Albert etwas zuflusterte, worauf dieser erschrocken aufstand und eilig das Zimmer verliess.
Blinde horen sehr scharf. "Was ist's mit dem Grauschimmel? Mein Mann pflegt ihn zu reiten!" und schon irrte sie zur Thure hinaus. Unter den Domestiken war ein confuses Durcheinanderlaufen, und so erfuhr sie, der Grauschimmel sei allein zu Hause gekommen; Sattel und Zeug sei nass und in Unordnung. Albert hatte ihn schnell wieder bestiegen, und war schon fort; alle mannliche Domestiken waren ihm mit Fackeln und Leuchten gefolgt. In dem Forst bei dem Forster fanden sie ihn nicht. Sie streiften in allen Richtungen durch die Gegend; aber nirgend fanden sie eine Spur.
Welche schreckliche Nacht Albertine zubrachte, ware vermessen beschreiben zu wollen.
Mit kraftiger Stimme rief Albert durch den Wald den Namen des Freundes; es blieb todtenstill, nur der Widerhall antwortete. Gegen Morgen kam er in eine entferntere, wenig gangbare Gegend; es war ein See, mit einem Kranz von Hugeln umgeben. Auch hier rief er den Namen; da schlug Perdrix, Lindenhains Lieblingshund, an, und kam von dem See her auf ihn zugesturzt. Eine furchterliche Ahndung, was geschehen seyn konne, flog Albert durch die Seele. Er folgte der Weisung des treuen Hundes, und o des Jammers! Lindenhain lag todt in dem See! Vom jahesten Abhang des Hugels herunter war er vom stolpernden Pferde gesturzt; der entsetzliche Sturm hatte ihm den weiten Mantel so unglucklich um den Kopf gewickelt, dass er, der arme Einhandige, sich nicht hatte befreien konnen. Tief mit dem Kopf war er in's Moor gesunken, und so war der vollblutige Mann schnell am Schlage gestorben.
Hier ruhe die Feder, die schon zu viel Leiden schilderte. Dem Jammer Raum zu lassen, bleibe eine Lucke in dieser Geschichte, die das Trauerjahr in sich fasst, das Albertinen ein wirkliches ernstliches Trauerjahr wurde.
Ein und dreissigstes Kapitel
Albertine hatte den langen, truben Winter hindurch einem verzehrenden Nervenfieber fast unterlegen. Was Liebe, was Freundschaft vermag, gewahrten ihr die seltenen Freundinnen. Das zarte Gemuth der Leidenden untergrub seinen Frieden durch unverdiente Vorwurfe, es habe nicht genug geliebt und dadurch den Gatten von sich entfernt, dessen Bild jetzt in unumwolkter Klarheit in Albertinens Seele lebte. Alle seine kleinen Unarten und ublen Gewohnheiten waren ihr mit in die Gruft gesenkt; seine Tugenden nur, seine Grossmuth, sein mannlicher Sinn, seine fruhere Liebe, sein Feuereifer fur's Edle und Schone, der gebildete Geist, die warme Vaterlandsliebe, standen in edler Schone hoch emporstrebend um das Grab, das seine Fehler deckte. "Mein Ungluck, meine darauf entstandene dustre Stimmung entfernten ihn, und darum o Gott! darum war sein Ende so unglucklich; darum ging er in der Kraft der Jahre zu Grunde. O, ich habe nicht genug geliebt! O, dass ich mit ihm sturbe!" rief sie oft verzweifelnd aus.
"Selten, meine Albertine, verdienen wir den Vorwurf, dass wir zu wenig lieben," sagte Adelaide trostend. "Ach, wir lieben viel zu viel, kommen den Mannern mit viel zu viel ermudender Liebe entgegen. Mit viel zu viel Liebe tragen wir ihre Unarten. O, waren sie unsrer nicht so bis zum Ubermass gewiss, die Geschlechtsverhaltnisse wurden selbst noch in der Ehe zarter und pikanter seyn. Die Launen einer Ungetreuen, die Bizarrerien einer Maitresse fesseln das grillenhafte Wesen des Mannes starker, als die ausharrendste Liebe der Gattin. Nein, Albertine, ihre Freunde, ihr innigstes Bewusstseyn geben Ihnen das Zeugniss, dass Sie nicht zu wenig liebten. Auch ware es schrecklich, wenn unserm Menschen-Elende noch die Verantwortlichkeit fur alle zufalligen Folgen unsrer Worte und Handlungen aufgeburdet wurde."
Der Fruhling kam in aller seiner Glorie herbei. Albertine sass in ihrer Laube am Rosengelander und wagte zum Erstenmale wieder ihre Seele auf den Schwingen schwermuthiger Harmonie zu erheben. Sie hielt es beinahe fur Versundigung an dem Verstorbenen, sich erheitern zu wollen; nur Klagetone hauchten ihre Lippen in die Harfe oder das Klavier.
Albert war ihr Fuhrer, ihr Begleiter. Die Liebe, die er gewaltsam in sich zuruckgedrangt hatte, erhob sich jetzt, ungebunden von Pflicht, allgewaltig wieder in seiner Seele; die reinste, die geistigste. Doch hielt er schonend der Traurenden auch die leiseste Ausserung zuruck.
Einst kam er fruhe zur ungewohnlichen Stunde. "Albertine, meine Freundin!" rief er in den Vorsaal, worin sie eben war, hinein; "ich bin sehr glucklich gewesen. An dem Ufer des Baches, wo mein Gluck mich zuerst zu Ihnen fuhrte, warf ich mich ermudet an eben der Stelle hin, eine kleine Blumenpflanzung, die ich dort anlegte, zu besehen. Mein alter Tiras, der mich an dem glucklichsten Tage meines Lebens auch begleitete, grub sich neben mir ein Lager in das Moos. Da sahe ich, da fand ich rathen Sie einmal, was?" "Truffeln oder Pilze!" sagte Albertine heiter. "Nein, meine Theure, den Ring, der dazumal der Gegenstand ihres Spatzierganges war. Albertine, er ist in jedem Bezuge ein theures, theures Andenken!" Albertine streckte die Hand hastig darnach aus. "Ach, ich kann ihn nicht sehen!" sagte sie schmerzlich; "ich werde fuhlen, ob er es ist?" "Albertine, dieser Augenblick sei mir der feierlichste und heiligste meines Lebens! M i r sind Sie noch ganz so schon, als Sie es mir in den ersten Bluthetagen meiner Bekanntschaft waren; aber noch unendlich liebenswurdiger erscheinen Sie mir durch die Schonheiten Ihres Gemuths, das ich in jener Zeit nur ahnete. Albertine, Sie bedurfen eines Fuhrers, eines Beschutzers in den mancherlei Verhaltnissen Ihrer Lage. Und darf ich mahnen an jene Zeit, als Sie Wittwe zu seyn wahnten, was Sie dem Uberglucklichen zudachten? Albertine, ich liefere den Ring nicht aus, er werde denn ein Verlobungsring!"
Albertine schwieg betroffen; haufige Thranen drangen aus den geschlossenen Augen. Sie kannte Alberts feste, ruhige Besonnenheit; es war gewiss nicht der Enthusiasmus des Mitleidens, der ihn bestimmte; aber dem theuren Andenken des im Grabe Ruhenden thut es Abbruch, sagte ihr Zartgefuhl. Albert fuhlte sich in das Herz, dessen innerste Regungen er kannte, hinein, und begegnete fein und schonend den Einwurfen, die sie nicht sagte. Henriettens Dazwischenkunft entschied fur Alberten. Albertine war in Liebe und Dankbarkeit aufgelost, als der schone Bund der Vernunft und Liebe an dem Altare ihrer eigenen Kirche, umgeben von ihren Lieben, ruhrend und feierlich geschlossen wurde.
Zwei und dreissigstes Kapitel
Der Tag sollte im stillen Kreise der Freundschaft zugebracht werden. Henriette und Adelaide feierten ihn durch Gesang, den die eine gedichtet, die andere componirt hatte. Albertine setzte sich an's Fortepiano und uberraschte alle durch einen Gesang, der aller Herzen in Thranen aufloste. Er war Todtenfeier und Brautweihe, im ruhrendsten Verein. Sie hatte ihn in der Stille der Nacht vor ihrem Vermahlungstage gedichtet, und ihr gluckliches Talent hatte schnell die rechten Tone dazu gefunden.
Der Tag sollte aber noch in mehrerer Rucksicht mit Ereignissen bezeichnet werden. Die stille Feier wurde durch die Ankunft zweier Fremden unterbrochen, die sich als der Baron und die Baronin Rothensee melden liessen. Sie sollten nicht angenommen werden, waren aber schon in Vorsaal eingetreten. Albert ging ihnen entgegen, und fuhrte bald, zum Schrecken aller, wen anders, als die Frau Rosamund und den Baron Weissensee herein.
Mit edler Unverschamtheit naherte sie sich ihrem beleidigten alten Freunde, der kein Wort zu sagen wusste und das Haupt tief auf die Brust herabsenkte, als sei er der Beleidiger. "Sie haben es mir wahrscheinlich gedankt, dass ich Sie von einer lastigen Hausgenossin befreite. Mein Gemahl, der Baron, ist im Stande, Ihnen jeden, mir zu Gunsten gemachten Aufwand zu ersetzen. Aber ich sehe Sie alle versammelt; nur Ihre Albertine fehlt!" "Hier, hier!" sagte Dammrig, aus seiner Verlegenheit hervortretend und Albertinen bei der Hand fassend. "Gott im Himmel!" Rosamund ware beinah einmal im Ernste ohnmachtig geworden; sie druckte die Arme heiss weinend an ihr Herz. Albertine erkannte des Barons Stimme, fasste seine beinahe vor Schrecken erstarrte Hand und sagte sanft: "Sehen Sie mich doch jetzt recht an, Herr Baron! Dies einzige sei meine Rache!" Der Baron trat erbleichend zuruck und schob fast mechanisch den Hut vor die Augen. Albert war zu glucklich, um einen verjahrten Streit aufzufrischen, und zu gastfrei, jemand unter seinem Dache zu beleidigen; um so weniger, da die Fremden sagten, sie gingen in einer Stunde weiter, und Petersburg sei das Ziel ihrer Reise, wo sie sich mit ihrem Vermogen niederzulassen gedachten. Die Wahrheit war, dass sich das Hochfreiherrliche Paar auf der dortigen Buhne engagirt hatte.
"Mademoiselle sind noch unversagt?" fragte Rosamunde, sich an Lauretten wendend. Ergrimmt erwiederte diese, zu Aller Erstaunen: "Es ist heute mein Verlobungstag, und hier ist mein Verlobter!" indem sie den Herrn Pastor Ehrich, der die Trauung verrichtet hatte, bis mitten in's Zimmer zog. Der zogernde, hocherrothende Mann stammelte unvernehmlich ein Kompliment an seinen Gutsherrn, das eine Bewerbung um die Cousine vorstellen sollte, der aber der Braut in dieser desperaten Situation kraftig nachhalf. Die Hand der Dame wurde dem nothgedrungenen Brautigam unverweigerlich zugestanden, und der Onkel, dem die gute Laune zuruckgekommen war, sang in seinem gewohnlichen heisern Falsett:
"So werd' ich armer Erdenkloss
Mit Ehren meine Nichte los!"
Laurette nahm die Gluckwunsche an; der Brautigam, der nicht wusste, wie ihm geschehen war, erwiederte sie mit stillen Bucklingen und niedergeschlagenem Auge, und wenn ein Laut aus seinem Munde kam, war er so weinerlich, dass jeder, der die Dame kannte, sich den Zusammenhang der Sache lebhaft dachte.
Damit wir nicht nothig haben, die schon zu haufig vorkommende Laurette wieder einzufuhren, sei sie hiermit abgefertigt. Sie freiete und liess sich freien; war ihrem Manne, der ihre Keckheit ganz treuherzig fur Verstand hielt, eine wahre Megare; ihren Stieftochtern denn der Mann war Wittwer alles, was Wahrheit und Dichtung je von Stiefmuttern gesagt hat, und ihrem Gesinde ein Schrecken. Die Geburt eines Kindes kostete ihr das Leben. Sie starb unbedauert und uber ihre Gruft weht der Wind in Nesseln und Dornen, die keine Freundeshand davon hinwegpfluckt.
Drei und dreissigstes Kapitel
Fried' und Freude wohnte mit den Edeln. Keiner gewahrte, dass die, von der alles Gluck ausging, selbst des schonsten beraubt war. Alberts unablassiges Streben war, einen Kreis von immer jungen Freuden um seine Theure zu ziehen, so dass sie, ihres Unglucks vergessend, ganz in seiner Liebe lebte, die nicht vulkanischer Natur, sondern ein ewiges ruhiges Feuer, wie jenes, das allen Dingen Leben und Gedeihen giebt, war. Ihren Nachbarn, auch den fernern, sich mitzutheilen, stifteten sie einige Feste, die sie Volksfeste nannten, woran alles, auch der Huttenbewohner, auf der Guterbesitzer Kosten Theil nahm. Z.B. wenn der erste Schnee fiel, wenn das erste Gewitter war, wenn die Baume bluhten; die Heut, die Kornerndte: dann war den Sonntag Tanz, und Bier und Braten im Herrschaftshause fur die Gemeine, und Thee und Musik fur die Herrschaft. Den Thee nannten sie die Wasser-Feten, der aber freilich mit allem verbramt wurde, was der Wohlstand zulasst.
Als sie eines Tages im traulichen Zirkel versammelt sassen, forderte Albert den Onkel und die Tante auf, ihm etwas aus den Kinderjahren seiner lieben Albertine zu erzahlen. Beide begannen zugleich und jeder bestritt die Erzahlung des andern und berichtigte sie nach seiner Weise, bis Elise ihrem Bruder mit komischem Zorn ein an ihrem Busen abgewelktes Blumchen an den Kopf warf (denn auch im Zorne war sie zart) und sie die Erzahlung allein uber sich zu nehmen verlangte. "Albertine" sagte sie "war uns allen ein kleiner, vom Himmel gesandter Engel; aber schon als Knospchen war sie einst dem Welken nahe; eine ruchlose Amme, die ganz ungesund war die arme Albertine musste mit dem unseligen Geschopfe zugleich mediciniren, und dann ohne die naturliche Nahrung der Kinder aufgezogen werden"
Albert sprang mit ungewohnlichem Feuer von seinem Sitze, umarmte plotzlich die Tante mit dem Ausruf: "Vortrefflichste Tante! ist das wahr? Wissen Sie das gewiss?" Elise erschrak zum Erblassen und betheuerte die Wahtheit ihrer Erzahlung, die dann auch Dammrig bestatigte. Nun verlangte sie den Grund zu Alberts Freude zu erfahren. "Wie!" rief er, wie ausser sich; "dann ist ja noch Hoffnung, freudige Hoffnung fur meine Geliebte. Ein Madchen meiner Familie befand sich im nemlichen Fall und wurde im drei und zwanzigsten Jahre von ihrer Blindheit hergestellt. Fort, fort zum Arzte, der dies Wunder bewirkte!"
Albertine hoffte nicht, aber sie ergab sich allem, was der sorgsame, liebevolle Gatte beschloss. Sie reisten zum Arzt; er sah, untersuchte und verzweifelte nicht. Die Schuldlose, die Reinste unterwarf sich einer Behandlung, wie das sich selbst bestrafende Laster sie erfahrt, und in vierzehn Wochen o, des schonen Lohnes ihrer frommen Resignation! sahe sie den ersten Lichtschimmer wieder. Still betend, begrusste sie das ihr wieder auflebende Licht. Laut jubelnd trat Albert vor sie, als sie zuerst wieder sein Antlitz dammernd erblickte. In einem halben Jahre kam sie sehend aus zwei recht schonen gestarkten Augen zuruck. Ihr Dank, ihre Freude, als sie an den Busen der Freundinnen sank, grenzte an Verzuckung; sie erlag beinahe der Starke ihres Gefuhls. Zogernd aber und banglich nahte sie sich dem Spiegel, den scheuen Blick kaum auf ihre Gestalt wagend.
Albert gab es nicht zu, dass sie irgend etwas uber ihre so sehr veranderte Bildung sagte; er kusste allen Harm von der Lippe hinweg. Nur Freude, und wieder Freude, und uberall Freude, sollte die Losung seyn!
Der Arzt wurde fast koniglich belohnt. Henriette wurde bald nachher die gluckliche Gattin von Albertinens Bruder, der von der seinigen, ihrer Unredlichkeit wegen, sich hatte scheiden lassen, und blieb so im Kreise der Guten, ein theures Mitglied desselben.
Adelaide fand sich durchaus so im schonen Gefuhle ihrer Tugenden glucklich, dass sie in ihrer Lage nichts zu verandern wunschte. Das schone, jugendliche Madchen schlug jede Verbindung aus; sie gestand jetzt, dass ihre erste und einzige Liebe mit Lindenhain begraben sei! Albertinens Kinder zu bilden, die lieblich wie junge Sprosslinge an den Wasserbachen emporbluhten, war ihr ernstes und liebstes Geschaft. Albertine pries sich oft selig, dass sie durch kein Vorurtheil die schone Emigrantin von sich entfernt hatte; selig, dass sie durch Trubsal, die ihr, als sie da war, nicht Freude zu seyn dunkte, zu den schonsten Freuden des Lebens eingegangen war. Und endlich sagen wir: Selig sind, die, wie diese, reines Herzens sind; denn auch sie werden den Kelch reiner Freuden schmecken!
Fussnoten
1 Die Weisheit. 2 Sind Ausdrucke, die irgendwo ein Dichter brauchte.