Jean Paul
Flegeljahre
Eine Biographie
Erstes Bandchen
Nr. 1. Bleiglanz
Testament das Weinhaus
Solange Hasslau eine Residenz ist, wusste man sich nicht zu erinnern, dass man darin auf etwas mit solcher Neugier gewartet hatte die Geburt des Erbprinzen ausgenommen als auf die Eroffnung des van der Kabelschen Testaments. Van der Kabel konnte der Hasslauer Krosus und sein Leben eine Munzbelustigung heissen oder eine Goldwasche unter einem goldnen Regen oder wie sonst der Witz wollte. Sieben noch lebende weitlauftige Anverwandte von sieben verstorbenen weitlauftigen Anverwandten Kabels machten sich zwar einige Hoffnung auf Platze im Vermachtnis, weil der Krosus ihnen geschworen, ihrer da zu gedenken; aber die Hoffnungen blieben zu matt, weil man ihm nicht sonderlich trauen wollte, da er nicht nur so murrisch-sittlich und uneigennutzig uberall wirtschaftete in der Sittlichkeit aber waren die sieben Anverwandten noch Anfanger sondern auch immer so spottisch dareingriff und mit einem solchen Herzen voll Streiche und Fallstricke, dass sich auf ihn nicht fussen liess: Das fortstrahlende Lacheln um seine Schlafe und Wulstlippen und die hohnische Fistelstimme schwachten den guten Eindruck, den sein edel gebautes Gesicht und ein Paar grosse Hande, aus denen jeden Tag Neujahrsgeschenke und BenefizKomodien und Gratiale fielen, hatten machen konnen; deswegen gab das Zuggevogel den Mann, diesen lebendigen Vogelbeerbaum, worauf es ass und nistete, fur eine heimliche Schneuss aus und konnte die sichtbaren Beeren vor unsichtbaren Haarschlingen kaum sehen.
Zwischen zwei Schlagflussen hatt' er sein Testament aufgesetzt und dem Magistrate anvertraut. Noch als er den Depositionsschein den sieben PrasumtivErben halbsterbend ubergab: sagt' er mit altem Tone, er wolle nicht hoffen, dass dieses Zeichen seines Ablebens gesetzte Manner niederschlage, die er sich viel lieber als lachende Erben denke denn als weinende; und nur einer davon, der kalte Ironiker, der Polizei-Inspektor Harprecht, erwiderte dem warmen: ihr samtlicher Anteil an einem solchen Verluste stehe wohl nicht in ihrer Gewalt.
Endlich erschienen die sieben Erben mit ihrem Depositionsschein auf dem Rathause, namentlich der Kirchenrat Glanz, der Polizei-Inspektor, der Hofagent Neupeter, der Hoffiskal Knoll, der Buchhandler Passvogel, der Fruhprediger Flachs und Flitte aus Elsass. Sie drangen bei dem Magistrate auf die vom sel. Kabel insinuierte Charte und die Offnung des Testaments ordentlich und geziemend. Der Ober-Exekutor des letztern war der regierende Burgermeister selber, die Unter-Exekutores der restierende Stadt-Rat. Sofort wurden Charte und Testament aus der Rats-Kammer vorgeholt in die Ratsstube samtlichen Rats- und Erbherrn herumgezeigt, damit sie das darauf bedruckte Stadt-Sekret besahen die auf die Charte geschriebene Insinuations-Registratur vom Stadtschreiber den sieben Erben laut vorgelesen und ihnen dadurch bekannt gemacht, dass der Selige die Charte dem Magistrate wirklich insinuiert und scrinio rei publicae anvertraut, und dass er am Tage der Insinuation noch vernunftig gewesen endlich wurden die sieben Siegel, die er selber darauf gesetzt, ganz befunden. Jetzt konnte das Testament nachdem der Stadtschreiber wieder uber dieses alles eine kurze Registratur abgefasset in Gottes Namen aufgemacht und vom regierenden Burgermeister so vorgelesen werden, wie folgt:
Ich van der Kabel testiere 179* den 7. Mai hier in meinem Hause in Hasslau in der Hundsgasse ohne viele Millionen Worte, ob ich gleich ein deutscher Notarius und ein hollandischer Domine gewesen. Doch glaub' ich, werd' ich in der Notariatskunst noch so zu Hause sein, dass ich als ordentlicher Testator und Erblasser auftreten kann.
Testatoren stellen die bewegenden Ursachen ihrer Testamente voran. Diese sind bei mir, wie gewohnlich, der selige Hintritt und die Verlassenschaft, welche von vielen gewunscht wird. Uber Begraben und dergleichen zu reden, ist zu weich und dumm. Das aber, als was Ich ubrigbleibe, setze die ewige Sonne droben in einen ihrer grunen Fruhlinge, in keinen dustern Winter.
Die milden Gestifte, nach denen Notarien zu fragen haben, mach' ich so, dass ich fur dreitausend hiesige Stadtarme jeder Stande ebenso viele leichte Gulden aussetze, wofur sie an meinem Todestage im kunftigen Jahre auf der Gemeinhut, wenn nicht gerade das Revue-Lager da steht, ihres aufschlagen und beziehen, das Geld froh verspeisen und dann in die Zelte sich kleiden konnen. Auch vermach' ich allen Schulmeistern unsers Furstentums, dem Mann einen Augustd'or, so wie hiesiger Judenschaft meinen Kirchenstand in der Hofkirche. Da ich mein Testament in Klauseln eingeteilt haben will, so ist diese die erste.
2te Klausel
Allgemein wird Erbsatzung und Enterbung unter die wesentlichsten Testamentsstucke gezahlt. Demzufolge vermach' ich denn dem Hrn. Kirchenrat Glanz, dem Hrn. Hoffiskal Knoll, dem Hrn. Hofagent Peter Neupeter, dem Hrn. Polizei-Inspektor Harprecht, dem Hrn. Fruhprediger Flachs und dem Hrn. Hofbuchhandler Passvogel und Hrn. Flitten vor der Hand nichts, weniger weil ihnen als den weitlauftigsten Anverwandten keine Trebellianica gebuhrt, oder weil die meisten selber genug zu vererben haben, als weil ich aus ihrem eigenen Munde weiss, dass sie meine geringe Person lieber haben als mein grosses Vermogen, bei welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist.
Sieben lange Gesichtslangen fuhren hier wie Siebenschlafer auf. Am meisten fand sich der Kirchenrat, ein noch junger, aber durch gesprochene und gedruckte Kanzelreden in ganz Deutschland beruhmter Mann, durch solche Stiche beleidigt dem Elsasser Flitte entging im Sessionszimmer ein leicht geschnalzter Fluch Flachsen, dem Fruhprediger, wuchs das Kinn zu einem Bart abwarts mehrere leise Stoss-Nachrufe an den seligen Kabel, mit Namen Schubjack, Narr, Unchrist usw., konnte der Stadtrat horen. Aber der regierende Burgermeister Kuhnold winkte mit der Hand, der Hoffiskal und der Buchhandler spannten alle Spring- und Schlagfedern an ihren Gesichtern wie an Fallen wieder an, und jener las fort, obwohl mit erzwungenem Ernste:
3te Klausel
Ausgenommen gegenwartiges Haus in der Hundsgasse, als welches nach dieser meiner dritten Klausel ganz so, wie es steht und geht, demjenigen von meinen sieben genannten Hrn. Anverwandten anfallen und zugehoren soll, welcher in einer halben Stunde (von der Vorlesung der Klausel an gerechnet) fruher als die ubrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein paar Tranen uber mich, seinen dahingegangenen Onkel, vergiessen kann vor einem loblichen Magistrate, der es protokolliert. Bleibt aber alles trocken, so muss das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen, den ich sogleich nennen werde. Hier machte der Burgermeister das Testament zu, merkte an, die Bedingung sei wohl ungewohnlich, aber doch nicht gesetzwidrig, sondern das Gericht musse dem ersten, der weine, das Haus zusprechen, legte seine Uhr auf den Sessionstisch, welche auf 11 1/2 Uhr zeigte, und setzte sich ruhig nieder, um als Testaments-Vollstrecker so gut wie das ganze Gericht aufzumerken, wer zuerst die begehrten Tranen uber den Testator vergosse.
Dass es, solange die Erde geht und steht, je auf ihr einen betrubtern und krausern Kongress gegeben als diesen von sieben gleichsam zum Weinen vereinigten trocknen Provinzen, kann wohl ohne Parteilichkeit nicht angenommen werden. Anfangs wurde noch kostbare Minuten hindurch bloss verwirrt gestaunt und gelachelt; der Kongress sah sich zu plotzlich in jenen Hund umgesetzt, dem mitten im zornigsten Losrennen der Feind zurief: wart auf! und der plotzlich auf die Hinterfusse stieg und Zahne-bleckend aufwartete vom Verwunschen wurde man zu schnell ins Beweinen emporgerissen.
An reine Ruhrung konnte das sah jeder keiner denken, so im Galopp an Platzregen, an Jagdtaufe der Augen; doch konnte in 26 Minuten etwas geschehen.
Der Kaufmann Neupeter fragte, ob das nicht ein verfluchter Handel und Narrensposse sei fur einen verstandigen Mann, und verstand sich zu nichts; doch verspurt' er bei dem Gedanken, dass ihm ein Haus auf einer Zahre in den Beutel schwimmen konnte, sonderbaren Drusen-Reiz und sah wie eine kranke Lerche aus, die man mit einem eingeolten Stecknadelknopfe das Haus war der Knopf klistiert.
Der Hoffiskal Knoll verzog sein Gesicht wie ein armer Handwerksmann, den ein Gesell Sonnabend abends bei einem Schusterlicht rasiert und radiert; er war furchterlich erboset auf den Missbrauch des Titels von Testamenten und nahe genug an Tranen des Grimms.
Der listige Buchhandler Passvogel machte sich sogleich still an die Sache selber und durchging fluchtig alles Ruhrende, was er teils im Verlage hatte, teils in Kommission; und hoffte etwas zu brauen; noch sah er dabei aus wie ein Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser Hundearzt Hemet auf die Nase gestrichen, langsam ableckt; es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt.
Flitte aus Elsass tanzte geradezu im Sessionszimmer, besah lachend alle Ernste und schwur, er sei nicht der Reichste unter ihnen, aber fur ganz Strassburg und Elsass dazu war' er nicht imstande, bei einem solchen Spass zu weinen.
Zuletzt sah ihn der Polizei-Inspektor Harprecht sehr bedeutend an und versicherte: falls Monsieur etwan hoffe, durch Gelachter aus den sehr bekannten Drusen und aus den Meibomischen und der Karunkel und andern die begehrten Tropfen zu erpressen und sich diebisch mit diesem Fensterschweiss zu beschlagen, so wolle er ihn erinnern, dass er damit so wenig gewinnen konne, als wenn er die Nase schneuzen und davon profitieren wollte, indem in letztere, wie bekannt, durch den ductus nasalis mehr aus den Augen fliesse als in jeden Kirchenstuhl hinein unter einer Leichenpredigt. Aber der Elsasser versicherte, er lache nur zum Spass, nicht aus ernstern Absichten.
Der Inspektor seinerseits, bekannt mit seinem dephlegmierten Herzen, suchte dadurch etwas Passendes in die Augen zu treiben, dass er mit ihnen sehr starr und weit offen blickte.
Der Fruhprediger Flachs sah aus wie ein reitender Betteljude, mit welchem ein Hengst durchgeht; indes hatt' er mit seinem Herzen, das durch Haus- und Kirchenjammer schon die besten schwulsten Wolken um sich hatte, leicht wie eine Sonne vor elendem Wetter auf der Stelle das notigste Wasser aufgezogen, war' ihm nur nicht das herschiffende Floss-Haus immer dazwischengekommen als ein gar zu erfreulicher Anblick und Damm.
Der Kirchenrat, der seine Natur kannte aus Neujahrs- und Leichenpredigten, und der gewiss wusste, dass er sich selber zuerst erweiche, sobald er nur an andere Erweichungs-Reden halte, stand auf da er sich und andere so lang am Trockenseile hangen sah und sagte mit Wurde, jeder, der seine gedruckten Werke gelesen, wisse gewiss, dass er ein Herz im Busen trage, das so heilige Zeichen, wie Tranen sind, eher zuruckzudrangen, um keinem Nebenmenschen damit etwas zu entziehen, als muhsam hervorzureizen notig habe aus Nebenabsichten. "Dies Herz hat sie schon vergossen, aber heimlich, denn Kabel war ja mein Freund", sagt' er und sah umher.
Mit Vergnugen bemerkte er, dass alle noch so trokken dasassen wie Korkholzer; besonders jetzt konnten Krokodile, Hirsche, Elefanten, Hexen, Reben leichter weinen als die Erben, von Glanzen so gestort und grimmig gemacht. Bloss Flachsen schlugs heimlich zu; dieser hielt sich Kabels Wohltaten und die schlechten Rocke und grauen Haare seiner Zuhorerinnen des Fruhgottesdienstes, den Lazarus mit seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor, ferner das Kopfen so mancher Menschen, Werthers Leiden, ein kleines Schlachtfeld und sich selber, wie er sich da so erbarmlich um den Testaments-Artikel in seinen jungen Jahren abquale und abringe noch drei Stosse hatt' er zu tun mit dem Pumpenstiefel, so hatte er sein Wasser und Haus.
"O Kabel, mein Kabel", fuhr Glanz fort, fast vor Freude uber nahe Trauertranen weinend, "einst wenn neben deine mit Erde bedeckte Brust voll Liebe auch die meinige zum Vermod"
"Ich glaube, meine verehrtesten Herren", sagte Flachs, betrubt aufstehend und uberfliessend umhersehend, "ich weine" setzte sich darauf nieder und liess es vergnugter laufen; er war nun auf dem Trocknen; vor den Akzessitaugen hatt' er Glanzen das PreisHaus weggefischt, den jetzt seine Anstrengung ungemein verdross, weil er sich ohne Nutzen den halben Appetit weggesprochen hatte. Die Ruhrung Flachsens wurde zu Protokoll gebracht und ihm das Haus in der Hundsgasse auf immer zugeschlagen. Der Burgermeister gonnt' es dem armen Teufel von Herzen; es war das erstemal im Furstentum Hasslau, dass Schul- und Kirchenlehrers Tranen sich, nicht wie die der Heliaden in leichten Bernstein, der ein Insekt einschliesset, sondern, wie die der Gottin Freia, in Gold verwandelten. Glanz gratulierte Flachsen sehr und machte ihm froh bemerklich, vielleicht hab' er selber ihn ruhren helfen. Die ubrigen trennten sich durch ihre Scheidung auf dem trockenen Weg von der Flachsischen auf dem nassen sichtbar, blieben aber noch auf das restierende Testament erpicht.
Nun wurd' es weiter verlesen.
4te Klausel
Von jeher habe ich zu einem Universalerben meiner Activa also meines Gartens vor dem Schaftore, meines Waldleins auf dem Berge und der elftausend Georgd'ors in der Sudseehandlung in Berlin und endlich der beiden Fronbauern im Dorf Elterlein und der dazugehorigen Grundstucke sehr viel gefodert, viel leibliche Armut und geistlichen Reichtum. Endlich habe ich in meiner letzten Krankheit in Elterlein ein solches Subjekt aufgetrieben. Ich glaubte nicht, dass es in einem Dutzend- und Taschenfurstentumlein einen blutarmen, grundguten, herzlichfrohen Menschen gebe, der vielleicht unter allen, die je den Menschen geliebt, es am starksten tut. Er hat einmal zu mir ein paar Worte gesagt, und zweimal im Dunkeln eine Tat getan, dass ich nun auf den Jungling baue, fast auf ewig. Ja ich weiss, dieses Universalerben tat' ihm sogar wehe, wenn er nicht arme Eltern hatte. Ob er gleich ein juristischer Kandidat ist, so ist er doch kindlich, ohne Falsch, rein, naiv und zart, ordentlich ein frommer Jungling aus der alten Vaterzeit und hat dreissigmal mehr Kopf, als er denkt. Nur hat er das Bose, dass er erstlich ein etwas elastischer Poet ist, und dass er zweitens, wie viele Staaten von meiner Bekanntschaft bei Sitten-Anstalten, gern das Pulver auf die Kugel ladt, auch am Stundenzeiger schiebt, um den Minutenzeiger zu drehen. Es ist nicht glaublich, dass er je eine Studenten-Mausfalle aufstellen lernt; und wie gewiss ihm ein Reisekoffer, den man ihm abgeschnitten, auf ewig aus den Handen ware, erhellet daraus, dass er durchaus nicht zu spezifizieren wusste, was darin gewesen und wie er ausgesehen.
Dieser Universalerbe ist der Schulzen-Sohn in Elterlein, namens Gottwalt Peter Harnisch, ein recht feines, blondes, liebes Burschchen
*
Die sieben Prasumtiv-Erben wollten fragen und ausser sich sein; aber sie mussten forthoren.
5te Klausel
Allein er hat Nusse vorher aufzubeissen. Bekanntlich erbte ich seine Erbschaft selber erst von meinem unvergesslichen Adoptivvater van der Kabel in Broek im Waterland, dem ich fast nichts dafur geben konnte als zwei elende Worte, Friedrich Richter, meinen Namen. Harnisch soll sie wieder erben, wenn er mein Leben, wie folgt, wieder nach- und durchlebt.
6te Klausel
Spasshaft und leicht mags dem leichten poetischen Hospes dunken, wenn er hort, dass ich deshalb bloss fordere und verordne, er soll denn alles das lebt' ich eben selber durch, nur langer weiter nichts tun als:
a) einen Tag lang Klavierstimmer sein ferner
b) einen Monat lang mein Gartchen als Obergart
ner bestellen ferner
c) ein Vierteljahr Notarius ferner
d) solange bei einem Jager sein, bis er einen Hasen
erlegt, es dauere nun 2 Stunden oder 2 Jahre
e) er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen
f) er soll eine buchhandlerische Messwoche mit
Hrn. Passvogel beziehen, wenn dieser will
g) er soll bei jedem der Hrn. Akzessit-Erben eine
Woche lang wohnen (der Erbe musst' es sich
denn verbitten) und alle Wunsche des zeitigen
Mietsherrn, die sich mit der Ehre vertragen, gut
erfullen
h) er soll ein paar Wochen lang auf dem Lande
Schul halten endlich
i) soll er ein Pfarrer werden; dann erhalt er mit der
Vokation die Erbschaft. Das sind seine neun
Erb-Amter.
7te Klausel
Spasshaft, sagt' ich in der vorigen, wird ihm das vorkommen, besonders da ich ihm verstatte, meine Lebens-Rollen zu versetzen und z.B. fruher die Schulstube als die Messe zu beziehen bloss mit dem Pfarrer muss er schliessen ; aber, Freund Harnisch, dem Testament bieg' ich zu jeder Rolle einen versiegelten Reguliertarif, genannt die geheimen Artikel, bei, worin ich Euch in den Fallen, wo Ihr das Pulver auf die Kugel ladet, z.B. in Notariatsinstrumenten, kurz gerade fur eben die Fehler, die ich sonst selber begangen, entweder um einen Abzug von der Erbschaft abstrafe, oder mit dem Aufschube ihrer Auslieferung. Seid klug, Poet, und bedenkt Euren Vater, der so manchem Edelmann im -a-n gleicht, dessen Vermogen wie das eines russischen zwar in Bauern besteht, aber doch nur in einem einzigen, welches er selber ist. Bedenkt Euren vagabunden Bruder, der vielleicht, eh' Ihrs denkt, aus seinen Wanderjahren mit einem halben Rocke vor Eure Ture kommen und sagen kann: "Hast du nichts Altes fur deinen Bruder? Sieh diese Schuhe an!" Habt also Einsichten, Universalerbe!
8te Klausel
Den Hrn. Kirchenrat Glanz und alle bis zu Hrn. Buchhandler Passvogel und Flitte (inclusive) mach' ich aufmerksam darauf, wie schwer Harnisch die ganze Erbschaft erobern wird, wenn sie auch nichts erwagen als das einzige hier an den Rand genahte Blatt, worauf der Poet fluchtig einen LieblingsWunsch ausgemalt, namlich den, Pfarrer in Schweden zu werden. (Herr Burgermeister Kuhnold fragte hier, ob ers mitlesen solle; aber alle schnappten nach mehren Klauseln, und er fuhr fort:) Meine t. Hrn. Anverwandten fleh' ich daher wofur ich freilich wenig tue, wenn ich nur zu einiger Erkenntlichkeit ihnen zu gleichen Teilen hier sowohl jahrlich zehn Prozent aller Kapitalien als die Nutzniessung meines ImmobiliarVermogens, wie es auch heisse, so lange zuspreche, als besagter Harnisch noch nicht die Erbschaft nach der sechsten Klausel hat antreten konnen solche fleh' ich als ein Christ die Christen an, gleichsam als sieben Weise dem jungen moglichen Universalerben scharf aufzupassen und ihm nicht den kleinsten Fehltritt, womit er den Aufschub oder Abzug der Erbschaft verschulden mag, unbemerkt nachzusehen, sondern vielmehr jeden gerichtlich zu bescheinigen. Das kann den leichten Poeten vorwartsbringen und ihn schleifen und abwetzen. Wenn es wahr ist, ihr sieben Verwandten, dass ihr nur meine Person geliebt, so zeigt es dadurch, dass ihr das Ebenbild derselben recht schuttelt (den Nutzen hat das Ebenbild) und ordentlich, obwohl christlich, chikaniert und vexiert und sein Regen- und Siebengestirn seid und seine bose Sieben. Muss er recht bussen, namlich passen, desto erspriesslicher fur ihn und fur euch.
9te Klausel
Ritte der Teufel meinen Universalerben so, dass er die Ehe brache, so verlor' er die Viertels-Erbschaft sie fiele den sieben Anverwandten heim ; ein Sechstel aber nur, wenn er ein Madchen verfuhrte. Tagreisen und Sitzen im Kerker konnen nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden, wohl aber Liegen auf dem Kranken- und Totenbette.
10te Klausel
Stirbt der junge Harnisch innerhalb zwanzig Jahren, so verfallet die Erbschaft den hiesigen corporibus piis. Ist er als christlicher Kandidat examiniert und bestanden: so zieht er, bis man ihn voziert, zehn Prozent mit den ubrigen Hrn. Erben, damit er nicht verhungere.
11te Klausel
Harnisch muss an Eidesstatt geloben, nichts auf die kunftige Erbschaft zu borgen.
12te Klausel
Es ist nur mein letzter Wunsch, obwohl nicht eben mein Letzter Wille, dass, wie ich den van der Kabelschen Namen, er so den Richterschen bei Antritt der Erbschaft annehme und fortfuhre; es kommt aber sehr auf seine Eltern an.
13te Klausel
Liesse sich ein habiler, dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben auftreiben und gewinnen, der in Bibliotheken wohl gelitten ware: so soll man dem venerabeln Mann den Antrag tun, die Geschichte und Erwerbzeit meines moglichen Universalerben und Adoptivsohnes, so gut er kann, zu schreiben. Das wird nicht nur diesem, sondern auch dem Erblasser weil er auf allen Blattern vorkommt Ansehen geben. Der treffliche, mir zur Zeit noch unbekannte Historiker aber nehme von mir als schwaches Andenken fur jedes Kapitel eine Nummer aus meinem Kunst- und Naturalienkabinett an. Man soll den Mann reichlich mit Notizen versorgen.
14te Klausel
Schlagt aber Harnisch die ganze Erbschaft aus, so ists so viel, als hatt' er zugleich die Ehe gebrochen und ware Todes verfahren; und die 9te und lote Klausel treten mit vollen Kraften ein.
15te Klausel
Zu Exekutoren des Testaments ernenn' ich dieselben hochedlen Personen, denen oblatio testamenti geschehen; indes ist der regierende Burgermeister, Hr. Kuhnold, der Obervollstrecker. Nur er allein eroffnet stets denjenigen unter den geheimen Artikeln des Reguliertarifs vorher, welcher fur das jedesmalige gerade von Harnisch gewahlte Erb-Amt uberschrieben ist. In diesem Tarif ist es auf das genaueste bestimmt, wieviel Harnischen z.B. fur das Notariuswerden beizuschiessen ist denn was hat er? und wieviel jedem Akzessit-Erben zu geben, der gerade ins Erb-Amt verwickelt ist, z.B. Herrn Passvogel fur die BuchhandlerWoche oder fur siebentagigen Hauszins. Man wird allgemein zu frieden sein.
16te Klausel
Folioseite 276 seiner vierten Auflage fodert Volkmannus emendatus von Erblassern die providentia oder "zeitige Fursehung", so dass ich also in dieser Klausel festzusetzen habe, dass jeder der sieben AkzessitErben oder alle, die mein Testament gerichtlich anzufechten oder zu rumpieren suchen, wahrend des Prozesses keinen Heller Zinsen erhalten, als welche den andern oder streiten sie alle dem Universalerben zufliessen.
17te und letzte Klausel
Ein jeder Wille darf toll und halb und weder gehauen noch gestochen sein, nur aber der Letzte nicht, sondern dieser muss, um sich zum zweiten-, dritten-, viertenmal zu runden, also konzentrisch, wie uberall bei den Juristen, zur clausula salutaris, zur donatio mortis causa und zur reservatio ambulatoriae voluntatis greifen. So will ich denn hiemit darzu gegriffen haben, mit kurzen und vorigen Worten. Weiter brauch' ich mich der Welt nicht aufzutun, vor der mich die nahe Stunde bald zusperren wird. Sonstiger Fr. Richter, jetziger van der Kabel.
*
Soweit das Testament. Alle Formalien des Unterzeichnens und Untersiegelns etc. etc. fanden die sieben Erben richtig beobachtet.
Nr. 2. Katzensilber aus Thuringen
J. P. F. R.s Brief an den Stadtrat
Der Verfasser dieser Geschichte wurde von der Testamentsexekution, besonders vom trefflichen Kuhnold, zum Verfasser gewahlt. Auf einen solchen ehrenvollen Auftrag gab er folgende Antwort.
P. P.
Einem hochedlen Stadtrat oder einer trefflichen Testamentsexekution die Freude zu malen, dass Sie und die Klausel: Liesse sich ein habiler, dazu gesattelter Schriftsteller etc. mich aus 55000 zeitigen Autoren zum Geschichtschreiber eines Harnisch ausgelesen; Ihnen mit bunten Farben das Vergnugen zu schildern, dass ich mit solchen Arbeiten und Mitarbeitern beehrt worden: dazu hatt' ich vorgestern, da ich mit Weib und Kind und allem von Meinungen nach Koburg zog und unzahlige Dinge auf- und abzuladen hatte, ganz naturlich keine Zeit. Ja, kaum war ich zum Stadttore und zur Hausture hinein, so ging ich wieder heraus auf die Berge, wo eine Menge schoner Gegenden neben- und hintereinander wohnen: "Wie oft", sagt' ich droben, "wirst du dich nicht kunftig auf diesen
Hier send' ich dem etc. etc. Stadtrate die erste Nummer, Bleiglanz uberschrieben, ganz ausgearbeitet; ich bitte aber die trefflichen Exekutoren, zu bedenken, dass die kunftigen Nummern reicher und feiner ausfallen und ich mich darin mehr werde zeigen konnen als in der ersten, wo ich fast nichts zu machen hatte als die Abschrift der erhaltenen TestamentsKopie. Das Katzensilber aus Thuringen habe ganz erhalten; nachstens lauft das Kapitel dafur ein, das aus einer Kopie des gegenwartigen Briefes, fur die Leser, bestehen soll. Ein weder zu barocker noch zu verbrauchter Titel fur das Werk ist auch schon fertig; Flegeljahre ist es betitelt.
So hat denn die Maschine ihren ordentlichen Muhlengang. Wenn die van der Kabelsche Kunst- und Naturalien-Sammlungsiebentausendundzweihundertunddrei Stucke und Nummern stark ist, wie ich aus dem Inventarium ersehe: so werden wir wohl, da der Selige fur jedes Stuck sein ganzes Kapitel haben will, die Kapitel etwas einlaufen lassen mussen, weil sonst ein Werk herauskame, das sich langer ausstreckte als alle meine opera omnia (inclusive dieses) zusammengenommen. In der gelehrten Welt sind ja alle Kapitel erlaubt, Kapitel von einem Alphabet bis zu Kapiteln von einer Zeile.
Was die Arbeit selber anlangt, so verpfandet sich der Meister einem hochedlen Stadtrate dafur, dass er eine liefern will, die man keck jedem Mitmeister, er sei Stadt- oder Frei- und Gnadenmeister, zu beschauen geben kann, besonders da ich vielleicht mit dem sel. van der Kabel, sonst Richter, selber verwandt bin. Das Werk um nur einiges vorauszusagen soll alles befassen, was man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft; denn es soll ein kleiner Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A zum Buche der Seligen Dienstboten, angehenden Knaben und erwachsenen Tochtern wie auch Landmannern und Fursten werden darin die Collegia conduitica gelesen
Ein Stylisticum lieset das Ganze
Fur den Geschmack der fernsten, selber der geschmacklosesten Volker wird darin gesorgt; die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden als Mit- und Vorwelt
Ich beruhre darin die Vakzine den Buch- und Wollenhandel die Monatsschriftsteller Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem die neuen Territorialpfahle die Schwanzelpfennige die Feldmause samt den Fichtenraupen und Bonaparten, das beruhr' ich, freilich fluchtig als Poet
Uber das weimarsche Theater ausser' ich meine Gedanken, auch uber das nicht kleinere der Welt und des Lebens
Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein, obwohl diese jetzt so selten ist als ein Fluch in Herrnhut oder ein Bart am Hof.
Bose Charaktere, so mir der hochedle Rat hoffentlich zufertigt, werden tapfer gehandhabt, doch ohne Personlichkeiten und Anzuglichkeiten; denn schwarze Herzen und schwarze Augen sind ja naher in letztere gefasset nur braun; und ein Halbgott und ein Halbvieh konnen sehr gut dieselbe zweite Halfte haben, namlich die menschliche und darf die Peitsche wohl je so dick sein als die Haut?
Trockne Rezensenten werden ergriffen und (unter Einschrankung) durch Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Tranen geruhrt, wie man murbe Reliquien ausstellt, damit es regne
Uber das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen, und uber das achtzehnte human, uber das neueste wird gedacht, aber sehr frei
Das Schaf, das eine Chrestomathie oder Jean Pauls Geist aus meinen Werken auszog mit den Zahnen, bekommt aus jedem Bande einen Band zu extrahieren in die Hand, so dass besagtes gar keine Auslese, sondern nur eine Abschrift zu machen braucht, samt den einfaltigsten Noten und Prafationen
Gleich dem Not- und Hulfs-Buchlein muss das Buch Arzneimittel, Ratschlage, Charaktere, Dialogen und Historien liefern, aber so viele, dass es jenem NotBuchlein konnte beigebunden werden als Hulfs-Buch, als weitlauftiger Auszug und Anhang, weil jedes Werk der Darstellung so gut aus einem Spiegel in eine Brille muss umzuschleifen sein, als venezianische Spiegelscherben zu wirklichen Brillenglasern genommen werden
In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die errata Wahrheiten
Taglich wird das Werkchen hoher klettern, aus Lesebibliotheken in Leihbibliotheken, aus diesen in Ratbibliotheken, die schonsten Ehren- und ParadeBetten und Witwensitze der Musen
Aber ich kann leichter halten als versprechen. Denn ein Opus wirds...
O hochedler Stadtrat! Exekutoren des Testaments! sollt' es mir einst vergonnet werden, in meinem Alter alle Bande der Flegeljahre ganz fertig abgedruckt in hohen, aus Tubingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen
Bis dahin aber erharr' ich mit sonderbarer Hochachtung
Ew. Wohlgeb.
etc. etc. etc.
J. P. F. Richter
Legaz.
Koburg, den 6. Juni 1803 Die im Briefe an die Exekutoren versprochene Kopie desselben fur den Leser ist wohl jetzt nicht mehr notig, da er ihn eben gelesen. Auf ahnliche Weise setzen uneigennutzige Advokaten in ihren Kostenzetteln nur das Macherlohn fur die Zettel selber an, setzen aber nachher, wiewohl sie ins Unendliche fort konnten, nichts weiter fur das Ansetzen des Ansetzens an.
Ob aber der Verfasser der Flegeljahre nicht noch viel nahere historische Leithammel und Leithunde zu einer so wichtigen Geschichte vorzutreiben und zu verwenden habe als bloss einen trefflichen Stadtrat; und wer besonders sein herrlichster Hund und Hammel darunter sei daruber wurde man jetzt die Leser mit dem grossten Vergnugen beruhigen, wenn man sich uberzeugen konnte, es sei sachdienlich, es sei prudentis.
Nr. 3. Terra Miraculosa Saxoniae
Die Akzessit-Erben der schwedische Pfarrer
Nach Ablesung des Testaments verwunderten sich die sieben Erben unbeschreiblich auf sieben Weisen im Gesicht. Viele sagten gar nichts. Alle fragten, wer von ihnen den jungen Burschen kenne, ausgenommen der Hoffiskal Knoll, der selber gefragt wurde, weil er in Elterlein Gerichtshalter eines polnischen Generals war. Es sei nichts Besonderes am jungen Haeredipeta, versetzte Knoll, sein Vater aber wollte den Juristen spielen und sei ihm und der Welt schuldig. Vergeblich umrangen die Erben den einsilbigen Fiskal, ebenso rats- als neubegierig.
Er erbat sich vom Gerichte eine Kopie des Testaments und Inventars, andere vornehme Erben wandten gleichfalls die Kopialien auf. Der Burgermeister erklarte den Erben, man werde den jungen Menschen und seinen Vater auf den Sonnabend vorbescheiden. Knoll erwiderte: da er ubermorgen, das heisst den 13ten hujus, namlich Donnerstags, in Gerichts-Geschaften nach seiner Gerichtshalterei Elterlein gehe, so sei er imstande, dem jungen Peter Gottwalt Harnisch die Zitation zu insinuieren. Es wurde bewilligt.
Jetzt suchte der Kirchenrat Glanz nur auf eine kurze Leseminute um das Blattchen nach, worauf Harnisch den Wunsch einer schwedischen Pfarrei sollte ausgemalet haben. Er bekams. Drei Schritte hinter ihm stand der Buchhandler Passvogel und las schnell die Seite zweimal herunter, eh' sie der Kirchenrat umkehrte; zuletzt stellten sich alle Erben hinter ihn, er sah sich um und sagte, es sei wohl besser, wenn ers gar vorlese:
Das Gluck eines schwedischen Pfarrers
So will ich mir denn diese Wonne ohne allen Ruckhalt recht gross hermalen und mich selber unter dem Pfarrer meinen, damit mich die Schilderung, wenn ich sie nach einem Jahre wieder uberlese, ganz besonders auswarme. Schon ein Pfarrer an sich ist selig, geschweige in Schweden. Er geniesset da Sommer und Winter rein, ohne lange verdrussliche Unterbrechungen; z.B. in seinen spaten Fruhling fallt statt des Nachwinters sogleich der ganze reife Vorsommer ein, weissrot und blutenschwer, so dass man in einer Sommernacht das halbe Italien, und in einer Winternacht die halbe zweite Welt haben kann.
Ich will aber bei dem Winter anfangen und das Christfest nehmen.
Der Pfarrer, der aus Deutschland, aus Hasslau in ein sehr nordlich-polarisches Dorflein voziert worden, steht heiter um 7 Uhr auf und brennt bis 9 1/2 Uhr sein dunnes Licht. Noch um 9 Uhr scheinen Sterne, der helle Mond noch langer. Aber dieses Hereinlangen des Sternen-Himmels in den Vormittag gibt ihm liebe Empfindungen, weil er ein Deutscher ist und uber einen gestirnten Vormittag erstaunt. Ich sehe den Pfarrer und andere Kirchenganger mit Laternen in die Kirche gehen; die vielen Lichterchen machen die Gemeinde zu einer Familie und setzen den Pfarrer in seine Kinderjahre, in die Winterstunden und Weihnachtsmetten zuruck, wo jeder sein Lichtchen mithatte. Auf der Kanzel sagt er seinen lieben Zuhorern lauter Sachen vor, deren Worte geradeso in der Bibel stehen; vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernunftig, aber wohl ein redliches Gemut. Darauf teilt er mit heimlicher Freude uber die Gelegenheit, jeder Person so nahe ins Gesicht zu sehen und ihr wie einem Kind Trank und Speise einzugeben, das heil. Nachtmahl aus und geniesset es jeden Sonntag selber mit, weil er sich nach dem nahen Liebesmahl in den Handen ja sehnen muss. Ich glaube, es musst' ihm erlaubt sein.
(Hier sah der Kirchenrat mit einem fragenden Ruge-Blick unter den Zuhorern umher, und Flachs nickte mit dem Kopfe; er hatte aber wenig vernommen, sondern nur an sein Haus gedacht.)
Wenn er dann mit den Seinigen aus der Kirche tritt, geht gerade die helle Christ- und Morgensonne auf und leuchtet ihnen allen ins Gesicht entgegen. Die vielen schwedischen Greise werden ordentlich jung vom Sonnenrot gefarbt. Der Pfarrer konnte dann, wenn er auf die tote Mutter-Erde und den Gottesacker hinsahe, worin die Blumen wie die Menschen begraben liegen, wohl diesen Polymeter dichten:
"Auf der toten Mutter ruhen die toten Kinder in dunkler Stille. Endlich erscheint die ewige Sonne, und die Mutter steht wieder bluhend auf, aber spater alle ihre Kinder."
Zu Hause letzt ihn ein warmes Museum samt einem langen Sonnenstreif an der Bucherwand.
Den Nachmittag verbringt er schon, weil er vor einem ganzen Blumen-Gestelle von Freuden kaum weiss, wo er anhalten soll. Ists am heil. Christfest, so predigt er wieder, vom schonen Morgenlande oder von der Ewigkeit; dabei wirds ganz dammernd im Tempel; nur zwei Altar-Kerzen werfen wunderbare lange Schatten umher durch die Kirche; der oben herabhangende Taufengel belebt sich ordentlich und fliegt beinahe; draussen scheinen die Sterne oder der Mond herein der feurige Pfarrer oben im Finstern auf seiner Kanzel bekummert sich nun um nichts, sondern donnert aus der Nacht herab, mit Tranen und Sturmen, von Welten und Himmeln und allem, was Brust und Herz gewaltig bewegt.
Kommt er flammend herunter, so kann er um 4 Uhr vielleicht schon unter einem am Himmel wallenden Nordschein spazieren gehen, der fur ihn gewiss eine aus dem ewigen Sudmorgen heruberschlagende Aurora ist, oder ein Wald aus heiligen feurigen Mosis-Buschen um Gottes Thron.
Ists ein anderer Nachmittag, so fahren Gaste mit erwachsenen Tochtern von Betragen an; wie die grosse Welt diniert er mit ihnen bei Sonnenuntergang um 2 Uhr und trinkt den Kaffee bei Monschein; das ganze Pfarrhaus ist ein dammernder Zauberpalast. Oder er geht auch hinuber zum Schulmeister in die Nachmittagsschule und hat alle Kinder seiner Pfarrkinder gleichsam als Enkel bei Licht um sein GrossvaterKnie und ergotzet und belehret sie.
Ist aber das alles nicht: so kann er ja schon von 3 Uhr an in der warmen Dammerung durch den starken Mondschein in der Stube auf und ab waten und etwas Orangenzucker dazu beissen, um das schone Welschland mit seinen Garten auf die Zunge und vor alle Sinne zu bekommen. Kann er nicht bei dem Monde denken, dass dieselbe Silberscheibe jetzt in Italien zwischen Lorbeerbaumen hange? Kann er nicht erwagen, dass die Aolsharfe und die Lerche und die ganze Musik und die Sterne und die Kinder in heissen und kalten Landern dieselben sind? Wenn nun gar die reitende Post, die aus Italien kommt, durchs Dorf blaset und ihm auf wenigen Tonen blumige Lander an das gefrorne Museumsfenster hebt; wenn er alte Rosenund Lilienblatter aus dem vorigen Sommer in die Hand nimmt, wohl auch eine geschenkte Schwanzfeder von einem Paradiesvogel; wenn dabei die prachtigen Klange Salatzeit, Kirschenzeit, Trinitatissonntage, Rosenblute, Marientage das Herz anruhren: so wird er kaum mehr wissen, dass er in Schweden ist, wenn Licht gebracht wird, und er verdutzt die fremde Stube ansieht. Will ers noch weiter treiben, so kann er sich daran ein Wachskerzen-Endchen anzunden, um den ganzen Abend in die grosse Welt hineinzusehen, aus der ers her hat. Denn ich sollte glauben, dass am Stockholmer Hofe, wie anderwarts, von den Hofbedienten Endchen von Wachskerzen, die auf Silber gebrannt hatten, fur Geld zu haben waren.
Aber nun nach Verlaufe eines halben Jahres klopft auf einmal etwas Schoners als Italien, wo die Sonne viel fruher als in Hasslau untergeht, namlich der herrlich beladne langste Tag an seine Brust an und halt die Morgenrote voll Lerchengesang schon um 1 Uhr nachts in der Hand. Ein wenig vor 2 Uhr oder Sonnenaufgang trifft die oben gedachte niedliche, bunte Reihe im Pfarrhause ein, weil sie mit dem Pfarrer eine kleine Lustreise vor hat. Sie ziehen nach 2 Uhr, wenn alle Blumen blitzen und die Walder schimmern. Die warme Sonne droht kein Gewitter und keinen Platzregen, weil beide selten sind in Schweden. Der Pfarrer geht so gut in schwedischer Tracht einher wie jeder er tragt sein kurzes Wams mit breiter Scharpe, sein kurzes Mantelchen daruber, seinen Rundhut mit wehenden Federn und Schuhe mit hellen Bandern; naturlich sieht er, wie die andern auch, wie ein spanischer Ritter, wie ein Provenzale oder sonst ein sudlicher Mensch aus, zumal da er und die muntere Gesellschaft durch die in wenigen Wochen aus Beeten und Asten hervorgezogne hohe Bluten- und Blatterfulle fliegen.
Dass ein solcher langster Tag noch kurzer als ein kurzester verfliege, ist leicht zu denken, bei soviel Sonne, Ather, Blute und Musse. Schon nach 8 Uhr abends bricht die Gesellschaft auf die Sonne brennt sanfter uber den halbgeschlossenen schlafrigen Blumen um 9 Uhr hat sie ihre Strahlen abgenommen und badet nackt im Blau gegen 10 Uhr, wo die Gesellschaft im Pfarrdorfe wieder ankommt, wird der Pfarrer seltsam bewegt und weich gemacht, weil im Dorfe, obgleich die tiefe laue Sonne noch ein so mudes Rot um die Hauser und an die Scheiben legt, alles schon still und in tiefem Schlafe liegt, so wie auch die Vogel in den gelbdammernden Gipfeln schlummern, bis zuletzt die Sonne selber, wie ein Mond, einsam untergeht in der Stille der Welt. Dem romantisch bekleideten Pfarrer ist, als sei jetzt ein rosenfarbnes Reich aufgetan, worin Feen und Geister herumgehen, und ihn wurd' es wenig wundern, wenn in dieser goldnen Geisterstunde auf einmal sein in der Kindheit entlaufner Bruder herantrate, wie vom bluhenden Zauber-Himmel gefallen.
Der Pfarrer lasset aber seine Reisegesellschaft nicht fort, er halt sie im Pfarrgarten fest, wo jeder, wer will, sagt er, in schonen Lauben die kurze laue Stunde bis zu Sonnen-Aufgang verschlummern kann.
Es wird allgemein angenommen und der Garten besetzt; manches schone Paar tut vielleicht nur, als schlaf' es, halt sich aber wirklich an der Hand. Der gluckliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab. Kuhle und wenige Sterne kommen. Seine Nachtviolen und Levkoien tun sich auf und duften stark, so hell es auch ist. In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dammerung auf. Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdorfchen und an das Leben und Sehnen der Menschen und wird still und voll genug. Da greift die frische Morgensonne wieder in die Welt. Mancher, der sie mit der Abendsonne vermengen will, tut die Augen wieder zu; aber die Lerchen erklaren alles und wecken die Lauben.
Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an; und es fehlt wenig, so schilder' ich mir diesen Tag ebenfalls, ob er gleich vom vorigen vielleicht um kein Blutenblatt verschieden ist.
*
Glanz, dessen Gesicht die gunstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke war, sah, mit einigem Triumphe uber ein solches Werk, unter den Erben umher; nur der Polizei-Inspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem Gesicht: "Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem Verstande noch zu schaffen machen." Der Hoffiskal Knoll und der Hofagent Neupeter und Flitte waren langst aus Ekel vor der Lekture weg und ans Fenster gegangen, um etwas Vernunftiges zu sprechen. Sie verliessen die Gerichtsstuben. Unterwegs ausserte der Kaufmann Neupeter:
"Das versteh' ich noch nicht, wie ein so gesetzter Mann als unser sel. Vetter noch am Rande des Grabes solche Schnurren treiben kann." "Vielleicht aber", sagte Flachs, der Hausbesitzer, um die andern zu trosten, "nimmt der junge Mensch die Erbschaft gar nicht an, wegen der schweren Bedingungen." Knoll fuhr den Hausbesitzer an: "Geradeso schwere wie heute eine. Sehr dumm war's von ihm und fur uns. Denn nach Clausul. IX. 'Schlagt aber Harnisch', fielen ja den corporibus piis drei Viertel zu. Wenn er sie aber antritt und lauter Bocke schiesset"
"Das gebe doch Gott", sagte Harprecht.
" schiesset", fuhr jener fort, "so haben wir doch die Klauseln: 'Spasshaft sagt' ich in der vorigen' und 'Ritte der Teufel' und 'den Hrn. Kirchenrat Glanz und alle' fur uns und konnen viel tun." Sie erwahlten ihn samtlich zum Schirmherrn ihrer Rechte und ruhmten sein Gedachtnis. "Ich erinnere mich noch", sagte der Kirchenrat, "dass er nach der Klausel der Erb-Amter vorher zu einem geistlichen Amte gelangen soll, wiewohl er jetzt nur Jurist ist"
"Da wollt ihr namlich", versetzte Knoll geschwind, "ihr geistlichen Herren und Narren, dem Examinanden schon so einheizen, so zwicken wahrhaftig, das glaub' ich" und der Polizeiinspektor fugte bei, er hoffe das selber. Da aber der Kirchenrat, dem beide schon als alte Kanzel-Sturmer, als Baumschander kanonischer Haine bekannt waren, noch vergnugt einen Rest von Ess-Lust verspurte, der ihm zu teuer war, um ihn wegzudisputieren: so suchte er sich nicht recht sonderlich zu argern, sondern sah nach.
Man trennte sich. Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten, dessen Gerichtsagent er war, nach Hause und eroffnete ihm, dass der junge Harnisch schon langst habe als riech' er etwas vom Testamente, das dergleichen auch fordere Notarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen, und dass er am Donnerstag nach Elterlein gehe, um ihn dazu zu kreieren. (Knoll war Pfalzgraf.) So mog' er doch machen, bat der Agent, dass der Mensch bei ihm logiere, da er eben ein schlechtes unbrauchbares Dachstubchen fur ihn leer habe. "Sehr leicht", versetzte Knoll.
Das erste, was dieser zu Hause und in der ganzen Sache machte, war ein Billett an den alten Schulz in Elterlein, worin er ihm bedeutete, "er werde ubermorgen Donnerstags durch- und retourpassieren und unterwegs, gegen Abend, seinen Sohn zum Notarius kreieren; auch hab' er ein treffliches, aber wohlfeiles Quartier fur solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden." Vor dem regierenden Burgermeister hatt' er demnach eine Verabredung, die er jetzt erst traf, schon fur eine getroffne ausgegeben, um, wie es scheint, das Macherlohn fur einen Notar, das ihm der Testator auszahlte, vorher auch von den Eltern zu erheben.
In allen Erzahlungen und Ausserungen blieb er ausserst wahrhaft, solange sie nur nicht in die Praxis einschlugen; denn alsdann trug er (da Raubtiere nur in der Nacht ziehen) sein notiges Stuckchen Nacht bei sich, das er entweder aus blauem Dunst verfertigte als Advokat oder aus arsenikalischen Dampfen als Fiskal.
Nr. 4. Mammutsknochen aus Astrachan
Das Zauberprisma
Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Hasslau, so unruhig liefen die Seelen wie Wellen untereinander, um etwas vom jungen Harnisch zu erfahren. Eine kleine Stadt ist ein grosses Haus, die Gassen sind nur Treppen. Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd und stieg in Elterlein ab, um nur den Erben zu sehen; er war aber immer auf die Berge und Felder gelaufen. Der General Zablocki, der ein Rittergut im Dorfe hatte, beschied seinen Verwalter in die Stadt, um zu fragen. Manche halfen sich damit, dass sie einen eben angekommenen Floten-Virtuosen, van der Harnisch, fur den gleichnamigen Erben nahmen und davon sprachen; besonders tatens einhorige Leute, die, dabei taub auf dem zweiten Ohre, alles nur mit halbem horten. Erst Mittwochs abends am Dienstage war Testaments-Offnung gewesen bekam die Stadt Licht, in der Vorstadt bei dem Wirt zum weichen Krebs.
Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewohnlich in die Dinte ihres Schreib-Tages einiges Abendbier, um die schwarze Farbe des Lebens zu verdunnen. Da bei dem weichen Krebswirte der alte Schultheiss Harnisch seit 20 Jahren einkehrte: so war er imstande, wenigstens vom Vater ihnen zu erzahlen, dass er jede Woche Regierung und Kammer anlaufe mit leeren Fragen, und dass er jedesmal unter vielen Worten die alten Historien von seinem schweren Amte, seinen vielen juristischen Einsichten und Buchern und seiner "zweiherrigen" Wirtschaft und seinen Zwillingssohnen Abende lang vorsinge, ohne doch je in seinem Leben mehr dabei zu verzehren als einen Hering und seinen Krug Es fuhre zwar, fuhr der Wirt fort, der Schulz sehr starke hochtrabende Worte, sei aber ein Hase, der seine Frau schickte bei handfesten Vorfallen, oder er reiche eine lange Schreiberei ein; hab' auch ein zu nobles Naturell und konne sich uber eine krumme Miene zu Tagen kranken und habe noch unverdauete Nasen, die er im Winter von der Regierung bekommen, im Magen.
Nur von der Hauptsache, beschloss er, von den Sohnen, wiss' er nichts, als dass der eine, der Spitzbube, der Flotenpfeifer Vult, im 14 1/2 Jahre mit einem solchen Herrn er zeigte auf Hrn. van der Harnisch durchgegangen; und vom andern, der der Erbe sei, konne gewiss der Herr unten mit den schwarzen Knopflochern die beste Auskunft geben, denn es sei der Hr. Kandidat und Schulmeister Schomaker aus Elterlein, sein gewesener Prazeptor.
Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makulaturbogen einen Druckfehler mit Bleistift korrigiert, eh' er ihn dick um ein halbes Lot Arsenik wikkelte. Er antwortete nicht, sondern wickelte wieder weisses Papier uber das bedruckte, siegelte es ein und schrieb an alle Ecken: Gift! darauf uberwickelte und uberschrieb er wieder und liess nicht nach, bis ers siebenmal getan und ein dickes Oktav-Paket vor sich hatte.
Jetzt stand er auf, ein breiter, starker Mann, und sagte sehr furchtsam, indem er Kommata und andere Interpunktionen so deutlich im Sprechen absetzte als jeder im Schreiben: "Ganz wahr, dass er mein Schuler, und hinlanglich, erstlich, dass er so adel ist, zweitens, dass er treffliche Gedichte, nach einem neuen Metrum, machet, so er den Streckvers nennet, ich einen Polymeter."
Bei diesen Worten fing der Floten-Virtuose van der Harnisch, der bisher kalt die Runde um die Stube gemacht, plotzlich Feuer. Wie andere Virtuosen hatt' er aus grossen Stadten die Verachtung kleiner mitgebracht ein Dorf schatzen sie wieder , weil in kleinen das Rathaus kein Odeum, die Privathauser keine Bilderkabinette, die Kirchen keine Antiken-Tempel sind. Er bat verbindlich den Kandidaten um Ausfuhrlichkeit. "Fodert meine Pflicht schon", versetzte dieser, "dass ich morgen, bei der Heimkunft, dem Erben selber, die Eroffnung eines Vermachtnisses noch nicht eroffne, weil es erst die Obrigkeit, am Sonnabend, tuet, wieviel mehr, dass ich die ganze Geschichte eines lebenden Menschen, nie ohne seine Erlaubnis, kundtue, wieviel mehr Aber Gott, wer von uns wird die Leiche sein!" setzt' er dazu, da er die Stundenglocke ins Gebetlauten tonen horte; und griff sogleich zu einer darnebenliegenden Schlacht in der Zeitung, um dreist zu werden, weil wohl nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse gegen sein Totenbette macht als eine oder ein paar Quadratmeilen, worauf unzahlige rote Glieder und ein Tod nach dem andern liegt.
Uber diesen religiosen Skrupel-Luxus zog der Flotenist ein sehr verachtliches Gesicht und sagte indem er ein Prisma aus der Tasche holte und vier Lichter verlangte verdrusslich: "Ich konnte es bald wissen, wer die Leiche sein wird; aber ich will Ihnen, Hr. Kandidat, lieber alles erzahlen aus diesem Zauberprisma, was Sie mir nicht erzahlen wollen." Er sagte, das Prisma verschliesse die viererlei Wasser, welche man aus den vier Weltecken sammle, man reib' es am Herzen warm, fordere leise, was man in der Vergangenheit oder Zukunft zu sehen wunsche, und wenn man vorher etwas vorgenommen, was er ohne Todesgefahr nicht sagen durfte daher das Geheimnis immer nur von Sterbenden mitgeteilet werde oder auch von Selbstmordern , alsdann entstehe in den viererlei Wassern ein Nebel, dieser ringe und arbeite, bis er sich in helle Menschengestalten zusammengezogen, welche nun ihre Vergangenheit wiederholen oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen, wie man es eben gefordert.
Der Schulmeister Schomaker erhielt sich noch ziemlich gleichgultig und fest gegen das Prisma, weil er wusste, ihm habe, wenn er bete, kein Teufel viel an. Van der Harnisch zog seine Taufdecke aus der Tasche und sie sich uber den Kopf und war darunter rege und leise; endlich horte man das Wort: Schomakers Stube. Jetzt warf er sie zuruck, starrete erschrocken in das Prisma hinein und beschrieb laut und eintonig jede Kleinigkeit, die in dessen stillem Zolibats-Zimmer war, von einer Druckerpresse an bis auf die Vogel hinter dem Ofen, ja sogar bis auf die Maus, die eben darin umherlief.
Noch immer stiegen dem Kandidaten wenig oder keine Haare zu Berge; als aber der Seher sagte: "Irgendein Geister-Schatte in der leeren Stube hat Ihren Schlafrock an und spielt Sie nach und legt sich in Ihr Bette" so uberlief es ihn sehr kalt. "Das war etwas Gegenwart von Ihnen", sagte der Virtuose; "nun einige wenige Vergangenheit, und dann soviel Zukunft, als man braucht, um zu sehen, ob Sie etwan die diesjahrige Leiche werden."
Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Ruck- und Vor-Seherei entgegen; er versetzte, er halte sich ganz an die Geister, die es ausbaden mochten, und fing schon an, im Prisma zu sehen, dass der Kandidat als junger Mensch eine FruhpredigersStelle und eine Ehe ausschlug, bloss aus 11000 Gewissensskrupeln.
Der Wirt sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr, wovon das Wort Schlagerei vorklang. Schomaker, der noch mehr seine Zukunft als seine Vergangenheit zu horen mied, schlug auf moralische Unkosten der Geister den Ausweg vor, er wolle selber lieber die Geschichte der jetzt durch Vermachtnisse so interessanten Harnischischen Familie geben; Hr. v. d. Harnisch moge dabei ins Prisma sehen und ihm einhelfen.
Das hatte der qualende Virtuose gewollt. Beide arbeiteten nun miteinander eine kurze Vor-Geschichte des Testaments-Helden aus, welche man um so lieber im Vogtlandischen Marmor mit mausefahlen Adern denn so heisset die folgende Nummer finden wird, da sich nach so vielen Druckbogen wohl jeder sehnt, auf den Helden naher zu stossen, war's auch nur im Hintergrunde. Der Verfasser wird dabei die Pflicht beobachten, beide Eutrope zu verschmelzen zu einem Livius und diesen noch dadurch auszuglatten, dass er ihm Patavinitaten ausstreicht und etwas Glanzstil an.
Nr. 5. Vogtlandischer Marmor mit mausefahlen
Adern
Vorgeschichte
Der Schultheiss Harnisch der Vater des Universalerben hatte sich in seiner Jugend schon zum Maurergesellen aufgeschwungen und ware bei seinen Anlagen zu Mathematik und Stubensitzen denn er las Sonntage lang draussen im Reiche weit gekommen, hatt' er sich nicht an einem frohen Marientage in einem Wirtshause in das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen, in die Flasche. Vergeblich wollt' er am andern Morgen aus dem engen Hals wieder heraus; sie hatten ihn fest und darin. Er war unschlussig, sollt er hinausschleichen und sich in der Kuche die Vorderzahne ausschlagen, um keine fur die Patronen zum Regimente zu bringen, oder sollt' er lieber denn es konnt' ihn doch die Artillerie als Stuckknecht fassen vor den Fenstern des Werb- und Wirtshauses einen Dachsschliefer niedermachen, um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte kantonfrei. Er zog die Unehrlichkeit und das Gebiss vor. Allein der erlegte Dachs machte ihn zwar aus den Werber-Handen los, aber er biss ihn wie ein Zerberus aus seiner Gewerkschaft aus.
"Nu, nu", sagte Lukas in seinen Land-Bildern, "lieber einen Schlitz in dem Sumpf aufgerissen als einen in der Wade zugenaht." So sehr floh er, wie ein Gelehrter, den Wehrstand.
Damals starb sein Vater, auch Schultheiss; er kam nach Hause und war der Erbe des Hauses wie der Kronerbe des Amts; obwohl seine Kronguter in KronSchulden bestanden. In kurzem vermehrte er diese Kronguter betrachtlich. Er warf sich mit Leib und Seele auf das Jus versass seine kanonischen Stunden an angeborgten Akten und gekauften Buchern, teilte auf alle Seiten umsonst responsa aus, ganze Bogen und Tage lang jeden Schulzen-Aktus berichtete er schriftlich und konzipierte und mundierte das Schreiben mit schoner gebrochener Fraktur und schiefer Kurrent, wobei ers noch fur sich selber kopierte schauete als Schulz uberall nach, lief uberall hin und regierte den ganzen Tag. Durch alles dieses bluhte wenigstens das Dorf mehr als seine Acker und Wiesen, und das Amt lebte von ihm, nicht er vom Amte. Er konnte gleich den besten Stadtern, die ein gutes Haus machen, sich nun, wie die Sorbonne, als das armste unterschreiben (pauperrima domus). Alle verstandige Elterleiner traten darin einander bei, dass er ohne sein hantierendes Weib eine gesunde Vernunft in corpore , das an einem Morgen fur Vieh und Menschen kochte, grasete, mahte, langst mit dem Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstabe in der andern hatte von seinem regierenden Haus und Hof ziehen mussen, wovon er eigentlich nur der Pachter seiner Glaubiger war.
Nur eine Arzenei gabs fur ihn, namlich den Entschluss, das Haus und dadurch die Schultheisserei wegzugeben. Aber er liess sich ebensogerne kopfen, als er diese Arzenei nur roch oder einnahm, einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft.
Erstlich war die Dorfschulzenschaft seit undenklichen Zeiten bei seiner Familie gewesen, wie die Regentengeschichte derselben beweiset; sein Jus und Herz hing daran, ja seine ewige Seligkeit, weil er wusste, dass im ganzen Dorfe kein so guter Jurist fur diesen Posten zu finden war als er, wiewohl Sachverstandige erklarten, es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu einem romischen Kaiser nach der Goldnen Bulle1, namlich ein gerechter, guter und brauchbarer Mann. Sein Haus anlangend, so trat vollends folgender frappanter Jammer ein.
Elterlein war zweiherrig: am rechten Bachufer lagen die Lehnmanner des Fursten, am linken die Einsassen des Edelmanus; wiewohl sie einander im gemeinen Leben nur schlecht die Rechten und die Linken hiessen. Nun lief nach allen Flurbuchern und Grenzrezessen in alten Zeiten die Demarkationslinie, der Bach, dicht an des Schulzen Hause vorbei. Nachher veranderte der Bach sein Bette oder ein durrer Sommer nahm ihn gen Himmel; kurz Harnischens Wohnung wurde so weit hinubergebaut, dass nicht nur ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand, sondern auch eine Stubendecke und, wenn man ihn hinsetzte, ein Krupelstuhl.
Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel, so wie zugleich seine kameralistische Vorholle. Mit unsaglichem Vergnugen sah er oft in seiner Wohnstube die an der Wand ein furstlicher Grenz- und Wappenpfahl abmarkte sich um und warf publizistische Blicke bald auf landesherrliche, bald auf ritterschaftliche Stubenbretter und Gerechtsame und bedachte, dass er nachts ein Rechter ware weil er furstlich schlief und nur am Tage ein Linker, weil Tisch und Ofen geadelt waren. Es war seinen Sohnen nichts Seltenes, dass er sonntags vor dem Abendessen, wenn er viel gedacht hatte, mehrmals heiter und hastig den Kopf schuttelte und dabei murmelte: "Mein Haus ist einem redlichen Iktus2, sag' ich, ordentlich wie auf den Leib gemacht ein jeder anderer Mann wurde die besten importantesten Gerechtsame und Territorien darin verschleudern, weil er gar nicht der Mann dazu ware denn er ware in der Sache gar nicht zu Hause und ich alter verstandiger Iktus soll heraus, solls losschlagen, hore Vronel?" Erst nach langer Zeit antwortete er sich selber: "Nun und nimmermehr", ohne die Antwort Veronikas, seiner Frau, zu horen.
Freilich wenn er sich taglich gegen seine Glaubiger mehr in die Zitadelle seines Hauses zuruckzog und ihnen dabei wie andere Kommandanten die Vorstadte, namlich das Feld, d.h. die Felder raumte und, so gut er konnte, mit dem Hause zugleich seinen Schulzenposten, den Spielraum seiner Kenntnisse, zu versteigern aufschob, statt solchen zu steigern gleichsam sein schlagendes Herz, den Saitensteg seines lauten Lebens, wenn er das tat: so hatt' er noch vier von ihm selber gezeugte Hande im Auge, die ihm helfen und den Steg seiner hellsten Tone und Misstone wieder stellen sollten; namlich seine Zwillingssohne.
Als Veronika mit diesen niederkommen wollte, hielt er, als sei sie eine sizilianische oder englische Konigin, hinlangliche Geburtszeugen bereit, die nachher sich in Taufzeugen einteilten.
Das Kindbette hatt'er ins ritterschaftliche Territorium geschoben, weil es einen Sohn geben konnte, den man durch diese Bettstelle der Bettstelle den landesherrlichen Handen entzog, die ihm eine Soldatenbinde umlegen konnten statt der schon bestimmten Themisbinde. In der Tat trat auch der Held dieses Werkes, Peter Gottwalt, ans Licht.
Aber die Kreissende fuhr fort; der Vater hielt es fur Pflicht und Vorsicht, das Bette dem Fursten zuzuschieben, damit jeder sein Recht bekomme. "Hochstens gibts ein Madchen", sagte er, "oder was Gott will." Es war keines, sondern das letztere; daher der Knabe nach des Kandidaten Schomakers Ubersetzung den Namen des Bischofs von Karthago unter Geiserich, namlich Quod Deus vult, oder Vult im Alltagswesen bekam.
Jetzt wurden in der Stube scharfe Markungen, Einhegungen und Teilungs-Traktate gemacht, Wiegen und alles wurde geschieden. Gottwalt schlief und wachte und trank als Linker, Vult als Rechter; spaterhin, als beide ein wenig kriechen konnten, wurde Gottwalten, dem adeligen Sassen, das furstliche Gebiet durch ein kleines Gitterwerk das man bloss aus Huhner- und andern Stallen auszuheben brauchte leicht zugesperrt; und ebenso sprang der wilde Vult hinter seinem Pfahlwerk, der dadurch fast das Ansehen eines auf- und ablaufenden Leoparden im Kafig gewann.
Erst mit langer Muhe und Strenge schaffte Veronika die lacherliche Ab- und Erbsonderung ab; denn der alte Lukas hatte, wie jeder Gelehrte, eine besondere Hartnackigkeit der Meinungen und bei aller Ehrliebe steifen Kaltsinn gegen das Lacherlichwerden.
Bald wurde deutlich, dass wissenschaftliche Facher kunftig Gottwalts Fach sein wurden; ohne alle elterliche Vorliebe war leicht zu bemerken, dass er weisslokkig, dunnarmig, zartstammig und, wenn er einen ganzen Sommer Schafhirtlein gewesen, noch schnee- und lilienweiss in solchem Grade war, dass der Vater sagte: einen Stiefel woll' er mit einem Eiweiss-Hautchen statt Pfundleder ebensogut besohlen, als den Jungen zum Bauersmann einrichten. Dabei hatte der Knabe ein so glaubiges, verschamtes, uberzartes, frommes, gelehriges, traumerisches Wesen und war zugleich bis zum Lacherlichen so eckig und elastischaufspringend, dass zum Verdrusse des Vaters der sich einen Juristen nachziehen wollte jedermann im Dorfe, selber der Pfarrer, sagte, er musse, wie Casar, der erste im Dorfe werden, namlich der Pfarrer. Denn wie? fragte man Gottwalt, der blauaugige Blondin mit aschgrauem Haar und feiner Schneehaut wie? dieser soll einmal ein Kriminalist werden und unter dem grossen Triumphator Carpzov dienen, welcher bloss mit seinem Federmesser, wozu er das Themisschwert ausgeschliffen, an zwanzigtausend Mann niedergehauen? So schickt ihn doch, fuhr man fort, nur versuchsweise mit einem Gerichtssiegel zu einer blassen Witwe, die mit gefalteten Handen auf dem Sessel sitzt und die schwach und leise ihre Effekten anzeigt, und lasset ihn den Auftrag, unbehindert alle ihre alten Turen und Schranke und des Mannes letzte Andenken gerichtlich zu verpetschieren, vollziehen und seht zu, ob ers kann vor Herzklopfen und Mitleiden!
Aber der jungere Zwilling, Vult, sagte man in froherem Tone, der schwarzhaarige, pockennarbige, stammige Spitzbube, der sich mit dem halben Dorfe rauft und immer umherstreift und ein wahres tragbares theatre aux Italiens ist, das jede Physiognomie und Stimme nachspielt dieser ist ein anderer Mensch, dem gebt Akten unter den Arm oder einen Schoppenstuhl unter den Steiss. Wenn Walt am Fastnachtstage in der tanzenden Schulstube den Kandidaten und dessen Geige mit dem Basslein unterstutzte und mit nichts hupfte als mit ungemein freudigen Blicken und mit dem Bogen: so sprang Vult zugleich allein tanzend und mit einer Groschenflote im Maule herum und fand noch Zeit und Glieder zu vielem Schabernack Sollen solche Talente nicht fur das Jus benutzt werden, Herr Schulz? beschloss man
Sie sollens, sagt' er. Also Gottwalt wurde auf die Himmelsleiter gesetzt als zukunftiger Pfarrer und Konsistorialvogel; Vult aber musste sich die Grubenleiter in die delphische Rechtshohle zimmern, damit er ein juristischer Steiger wurde, von welchem der Schultheiss alle Ausbeuten seiner Zukunft erwartete, und der ihn aus der giftigen Grube ziehen sollte, zugleich mit Gold- und Silber-Geader umwunden, es sei nun, dass der Sohn Prozesse fur ihn fuhrte, oder schwere ihm ersparte, oder Gerichtshalter im Orte wurde, oder Regierungsrat, oder wie es etwa ginge, oder dass er ihm jeden Quatember viel schenkte.
Allein Vult hatte ausserdem, dass er bei dem Schulmeister und Kandidaten Schomaker nichts lernen wollte, noch das Verdrussliche an sich, dass er ewig blies auf einer Batzenflote, und dass er sich im 14. Jahr bei der Kirms unten vor die spielende Flotenuhr des Schlosses hinstellte, um bei ihr als seiner ersten Lehrerin, wenn nicht Stunden zu nehmen, doch Viertelstunden. Hier sollte Zeit sein, das Axiom einzuschichten, dass uberhaupt die Menschen mehr in Viertelstunden als in Stunden gelernt. Kurz, an einem Tage, wo Lukas ihn in die Stadt und unter das Rekrutenmass gefuhret (scheines- und ordnunghalber), lief er mit einem betrunkenen Musikus, der nur noch sein Instrument, aber nicht mehr sich und die Zunge regieren konnte, in die weite breite Welt hinein. Er blieb dann weg.
Jetzt musste Gottwalt Peter daran, ans Jus. Aber er wollte auf keine Weise. Da er stets las was das Volk beten heisset, wie Cicero religio von relegere, oft lesen, ableitet , so lief er dem Dorfe schon als Pfarrherrlein durch die Finger, ja ein Metzger aus Tirol nannte ihn bald den Pfarrbuben, bald den Pfarrknecht3, weil er in der Tat ein kleiner Kaplan und Kuster, namlich dessen Koadjutorie war, insofern er die schwarze Bibel gern auf die Kanzel trug, das Kommunikantentuchlein am Altare den Oblaten und dem Kelche unterhielt, allein den Nachmittagsgottesdienst, wenn Schomaker sich nach Hause geschlichen, hinausorgelte und ein fleissiger Kirchenganger bei Wochentaufen war. Ja, sah abends der Pfarrer nach dem Studieren mit Mutze und Pfeife aus dem Fenster, so hofft' er nicht zuruckzubleiben, wenn er sich mit einer leeren kalten Pfeife und weissen Mutze an seines legte, welche letztere dem Knabengesicht ein zu altvaterisches Ansehen gab. Nahm er nicht einmal an einem Winterabend ein Gesangbuch unter den Arm und stattete, wie der Pfarrer, bei einer ihm ganz gleichgultigen, arthritischen, steinalten Schneidersfrau einen ordentlichen Krankenbesuch ab und fing an, aus dem Liede "O Ewigkeit, du Freudenwort" ihr vorzulesen? Und musst' er nicht schon bei dem zweiten Verse den Aktus einstellen, weil ihn Tranen ubermannten, nicht uber die taube, trockne Frau, sondern uber den Aktus?
Schomaker nahm sich seines Lieblings so sehr an, dass er eines Abends vor dem Gerichtsmann "so hor' ich mich lieber nennen als Schulz", sagte Lukas frei erklarte, er glaubte, im geistlichen Stande komme man besser fort, besonders zarte Naturelle.
Da nun der Kandidat selber nichts geworden war als sein eignes Minus und seine eigne Vakanzstelle, so beantwortete der Gerichtsmann die Rede bloss mit einem hoflichen Gemurmel und fuhrte nur seine schimmlige Geschichte wieder auf, dass einmal ein juristischer Professor seine Studenten so angeredet habe: "Meine hochzuverehrende Herren Justizminister, Geheime Kabinettsrate, Wirkliche Geheime Rate, Prasidenten, Finanz-, Staats- und andere Rate und Syndikus, denn man weiss ja noch nicht, was aus Ihnen allen wird!" Er fuhrte noch an, im Preussischen werde die Stunde eines Advokaten auf 45 Kreuzer von den Gesetzen selber taxiert, und bat, man solle das nur einmal fur ein Jahr ausschlagen ferner einem rechten Juristen komme der Teufel selber nicht bei, und er wolle ebensogut ein Ferkel am eingeseiften Schwanz festhalten als einen Advokaten am jus -(welches wohl im edlern Stile heissen wurde: Kenntnis des Rechts ist die um einen Mann geschriebene Munz-Legende und verwehrt das Beschneiden des Stucks) und Heringe wie sein Peter Walt waren eben die ganzen Hechte; je dunner der Messerrucken, desto scharfer die Schneide; und er kenne Iktusse, die durch Nadelohre zu fadeln waren, die aber ungemein zustachen.
Wie immer, halfen seine Reden nichts; aber die verstandige Veronika, seine Frau, wollte gegen die Sitte der Weiber, die im hauslichen Konsistorium immer als geistliche Rate gegen die weltlichen stimmen, den Sohn aus dem geistlichen Schafstall in die juristische Fleischscharre treiben; und das bloss, weil sie einmal bei einem Stadtpfarrer gekocht habe und das Wesen kenne, wie sie sagte.
Diese hielt, als sie einst allein mit dem Sohne war, der mehr an ihr als am Vater hing, ihm bloss soviel vor: "Mein Gottwalt, ich kann dich nicht zwingen, dass du dem Vater folgst; aber hore mich an: das erstemal, wo du predigst, so tue ich meinen Trauerrock an und die weissen Tucher um und gehe in die Kirche und bucke mich unter der ganzen Predigt wie bei einer Leichenpredigt mit dem Kopfe nieder und weine, und wenn mich die Weiber fragen, so zeig' ich auf dich." Dieses Bild packte seine Phantasie so gewaltsam an, dass er weinend "nein, nein" schrie womit er das Trauer-Verhullen meinte und "ja, ja" zum Advozieren sagte.
So werden uns die Lebensbahnen, wie die Ideen, vom Zufall angewiesen; nur das Fort- und Absetzen der einen wie der andern bleibt der Willkur freigestellt.
Walt erlernte nun, wie Volker, Sprachen fast von selber. Er warf dadurch den Vater in ein FreudenMeer; denn Dorfleute finden, wie die Schulleute, fast bloss auf der Zunge den Unterschied des Lehr- und Nahrstandes. Der Ex-Mauerer bauete daher in einem trocknen Fruhjahr ohne allen Widerspruch des toten Dachshundes und des Gewerks ein eignes Studierstubchen fur seinen Iktus. Dieser frequentierte das Lyzeum (illustre) Johanneum; darauf wurd' er ins Gymnasium (illustre) Alexandrinum geschickt; welches beides niemand war als in kollegialischer Eintracht der Kandidat Schomaker allein, der Johann Alexander hiess. Anfangs hatte Walt noch mit Vulten, eh' er davongelaufen, die Kleintertia und darauf die Grosstertia sowohl besucht als reprasentiert; aber nachher musst' er ohne den Pfeifer die ganze Sekunda und Prima allein ausmachen, worin er das Hebraische, das in beiden Klassen die Theologen trieben, wie gewohnlich auch mit aufschnappte. Im zwanzigsten Jahre war er vom Gymnasium oder Gymnasiarchen unmittelbar als Abiturient abgegangen auf die hohe Schule Leipzig, in welche er aus Mangel einer hohern so lange taglich ging, als er es vor Hunger aushalten konnte. "Seit Ostern sitzt er bei den Eltern und wird morgen abends zum Notarius kreieret, um zu leben", beschloss der Kandidat Schomaker die artige Historie.
Nr. 6. Kupfernickel
Quod Deus Vultiana
Nach dem Ende der Geschichte trat der Flotenist mit grimmigem Gesicht an den betrubten Schulmeister, fragend: "Waret Ihr nicht wert, dass ich sogleich ins Prisma sahe und Euch darin als lange Leiche antrafe? Wie, Ihr moralischer Mikrolog, Ihr moralischer esprit de bagatelle, Ihr konntet Euch aus Furcht vor schatzbaren Weissagungen erfrechen, gegen Euer Gewissen die Geheimnisse zweier bedeutender Bruder und Eltern aus dem Laub herauszuziehen? Es soll Euch gereuen, wenn ich Euch entdecke, dass ich kein wahres Wort gesagt und dass ich die Geheimnisse nicht vom Prisma, sondern von dem davongelaufenen Flotenisten Vult selber erfahren, der ein ganz anderer Mensch ist. Ich habe mit dem Manne im andern Elterlein, namlich im Bergstadtlein bei Annaberg, vereint geblasen. Damit ich aber nach dem bisherigen Weismachen der Gesellschaft glaubhaft werde, so will ichs ihr so beschworen: ewig verdammt will ich sein, kenn' ich ihn nicht und habe ich nicht alles von ihm."
Es war kein Meineid; denn er war ja jener entlaufne Vult selber, aber ein starker Schelm.
Der Kandidat nahm alles friedlich hin, weil ihn eine neue Lage, in welche er sich immer so schnell geworfen fuhlte, dass er keine Sekunde Zeit zum Ausarbeiten eines moralischen Modells und Lineals bekam, uber alles abstiess. Es gab wenige Kasuisten und Pastoraltheologen, die er nicht gelesen, sogar den Talmud, bloss um selig zu werden.
Er hielt mit jedem Steckbrief seine eigne Person zusammen, um, im Falle sie zufallig der begehrten gleichsahe, sofort juristisch und sittlich gesattelt zu sein, so wie er sich haufig des Mords, der Notzucht und anderer Fraischfalle heimlich aus Spass anklagte, um sich darein zu finden, falls ein Bosewicht offentlich dasselbe tate im Ernst.
Er versetzte daher nur, dass er dem Bruder Gottwalt keine frohere Nachricht bringen konne als die von Vults Leben, da er den Fluchtling unendlich liebe. "So, lebt die Fliege noch?" fiel der Wirt ein. "Wir hielten sie samtlich fur krepiert. Wie sah er denn aus, gnadiger Herr?"
"Sehr wie ich (versetzte Vult und sah bedeutend trinkende Dikasterianten an), falls nicht das Geschlecht einen Unterschied macht; denn ich konnte wohl ebensogut eine verkleidete Ritterin d'Eon sein als diese bekannte Frau, Messieurs, ob wir gleich davon abbrechen wollen. Vult selber ist wohl der artigste Mann und der schonste, ohne es aber zu wissen, dem ich je ins Gesicht gesehen, nur zu ernst und zu gelehrt, namlich fur einen Musikus. Sie alle sollten ihn sehen, das heisset horen. Und doch so bescheiden, wie schon gesagt. 'Der Musikdirektor der Spharenmusik werd ich doch nie', sagt' er einst, sich verbeugend die Flote weglegend, und meinte wahrscheinlich Gott. Jeder konnte mit ihm so frei reden wie mit einem russischen Kaiser, der in Kaiserspracht in die Kulisse von der Buhne kommt und fuhlt, dass ihn Kotzebue geschaffen und er diesen. Er war herzensgut und voll Liebe, nur aber zu aufgebracht auf samtliche Menschen. Ich weiss, dass er Fliegen, die ihn plagten, einen Flugel auszupfte und sie auf die Stube warf mit den Worten: 'Kriecht! die Stube ist fur euch und mich weit genug', indes er gleichwohl mehreren altlichen Herren ins Gesicht sagte, sie waren siebenfache Spitzbuben, alte, obwohl in Milch eingeweichte Heringe, die sich dadurch fur frische gaben; inzwischen, setzt' er sogleich dazu, er hoffe, sie deuteten ihn nicht falsch, und bewies ihnen jede Artigkeit. Unsere erste Bekanntschaft machte sich, als er von einer furstlichen Versteigerung herkam und einen erstandenen Nachttopf aus Silber offentlich so narrisch vor sich her- und heimtrug, dass jede Gasse stutzig wurde, wodurch er ging. Ich wollte, er ware mit hier und besuchte die Seinigen. Ich habe eine so besondere Liebhaberei fur die Harnische, als meine Namensvettern, dass ich sogar im Leipziger Reichsanzeiger mir ihren Stammbaum und Stammwald bestimmt ausbat ohne Effekt."
Jetzt schied er kurz und hoflich und ging auf sein Zimmer, nachdem er bei allem milden Scheine eines Mannes von Welt den ganzen Tag alles getan, was er gewollt. Er roch ohne Anstand an Fensterblumen vorubergehend; er ruckte auf dem Markte einem bettelnden Judenjungen seinen schlechten Bettel-Stil vor und zeigte ihm offentlich, wie er anzuhalten habe er setzte seinen franzosischen Pass in keinen deutschen um, bloss deshalb, um unter dem Stadttore die samtliche Torschreiberei dadurch in Zank und Buchstabieren zu verflechten, indes er still dabei wartete und sagte, er steife sich auf seinen Pass und am ersten Tage machte er den Scherz der Zauberschlagerei, von welcher oben der Wirt dem Kandidaten ins Ohr erzahlt hatte. Er wusste namlich ganz allein in seinem Zimmer ein solches Kunst-Gerausch zu erregen, dass es die vorubergehende Scharwache horte und schwur, eine Schlagerei zwischen funf Mann falle im zweiten Stocke vor; als sie straffertig hinaufeilte und die Ture aufriss, drehte sich Quod Deus Vult vor dem Rasierspiegel mit eingeseiftem Gesichte ganz verwundert halb um und fragte, indem er das Messer hoch hielt, verdrusslich, ob man etwas suche; ja nachts repetierte er die akustische Schlagerei und fuhr die hineingukkende Obrigkeit aus dem Bette schlaftrunken mit den Worten an: "Wer Henker steht draussen und stort die Menschen im ersten Schlafe?"
Dies alles kam daher, dass er in jeder kleinen Stadt zuerst den Regimentsstab wenig schatzte, dann Obrigkeit und Hof, etwa Burger aber mehr. Bei einer solchen in Lustigkeit eingekleideten Verachtung konnt' ers nicht von sich erhalten, sich den Kleinstadtern, die ihn in seinen glanzenden Tagen unter Grossstadtern nicht gesehen, in diesen uberwolkten als Bauerssohn aus Elterlein zu zeigen; lieber adelte er sich selber eigenhandig.
Nach Hasslau war er nur gekommen, um ein Konzert zu geben, dann nach Elterlein zu laufen und Eltern und Geschwister inkognito zu sehen, aber durchaus ungesehen. Unmoglich wars ihm, dass er nach einem Dezennium Abwesenheit, worin er uber so viele europaische Stadte wie eine elektrische Korkspinne, ohne zu spinnen und zu fangen, gesprungen war, wieder vor seinen durftigen Eltern erscheinen sollte, aber namlich, o Himmel, als was?
Als durftiger Querpfeifer in langer Strumpfhose, gelbem Studentenkollet und grunem Reisehut und mit nichts in der Tasche (wenige Spezies ausgenommen) als mit einem Spiel gesiegelter Entree-Karten fur kunftige Flotenkonzerte? "Nein", sagt' er, "eh' ich das tate, lieber wollt' ich taglich Essig aus Kupfer trinken, oder eine Fischotter an meiner Brust grosssaugen, oder eine kantianische Messe lesen oder horen, eine Ostermesse". Denn wenn er auch zuletzt den phantastischen Vater endlich zu uberwaltigen hoffen konnte durch einige Musik-Stunden und durch Erzahlungen aus fremden Landern: so blieb doch die unbestechliche Mutter unverandert ubrig mit ihren kalten hellen Augen, mit ihren eindringenden Fragen, die seine Vergangenheit samt seiner Zukunft unerbittlich zergliederten.
Aber jetzt seit dem Abend und hundert andern Stunden hatte sich alles in ihm verandert aus dem fremden Zimmer brachte er die ruhige Oberflache und eine bewegte Tiefe in das seinige hinauf. Walts Liebe gegen ihn hatt' ihn ordentlich angegriffen dessen poetische Morgensonne wollt' er ganz nahe besehen und drehen und an ihre Achse Erddiameter und an ihre Kraft Licht- und Warme-Messer anlegen- Kabels Testament gab dem Poeten noch mehr Gewicht Kurz, Vult konnte kaum den kunftigen Tag erwarten, um nach Elterlein zu laufen, heimlich Walts Notariats-Examen zu behorchen und alle zu beschauen und am Ende sich dem Bruder zu entdecken, wenn ers verdiente. Mit welcher Ungeduld der gegenwartige Schreiber auf den offiziellen, den Helden endlich aus seinen tiefen Spiegeln hervorziehenden Bericht des folgenden Kapitels mag gepasset haben, ermesse die Welt aus ihrer.
Nr. 7. Violenstein
Kindheits-Dorfchen der grosse Mann
Vult van der Harnisch reisete aus der Hasslauer Vorstadt nach Elterlein aus, als die halbe Sonne noch frisch und waagrecht uber die tauige Fluren-Welt hinblitzte. Die Sonne war aus den Zwillingen in den Krebs getreten; er fand Ahnlichkeiten und dachte, er sei unter den vieren der Zwilling, der am starksten gluhe, des gleichen der zweite Krebs. In der Tat hatte schon in der Bergstadt Elterlein bei Annaberg seine Sehnsucht nach dem gleichnamigen Geburtsdorf angefangen und zugenommen auf allen Gassen; schon ein gleichnamiger Mensch, wieviel mehr ein gleichnamiger Ort drangt sich warm ins Herz. Auf der lebendigen Hasslauer Strasse die ein verlangerter Markt schien nahm er seine Flote heraus und warf allen Passagiers durch Flotenansatze Konzertansatze entgegen und nach, schnappte aber haufig in guten Koloraturen und in bosen Dissonanzen ab und suchte sein Schnupftuch oder sah sich ruhig um. Die Landschaft stieg bald rustig auf und ab, bald zerlief sie in ein breites ebenes Grasmeer, worin Kornfluren und Raine die Wellen vorstellten und Baumklumpen die Schiffe. Rechts in Osten lief wie eine hohe Nebelkuste die ferne Bergkette von Pestitz mit, links in Abend floss die Welt eben hinab, gleichsam den Abendroten nach.
Da Vult erst nachts anzulangen brauchte, so hielt er sich uberall auf. Seine Sanduhr der Julius-Tagszeiten waren die gemahten Wiesen, eine Linnaische Blumenuhr aus Gras: stehendes zeigte auf 4 Uhr morgens liegendes auf 5 bis 7 zusammengeharkte Ameishaufen daraus auf 10 Uhr Hugel aus Heu auf 3 Berge auf den Abend. Aber er sah auf dieses Zifferblatt der Arbeitsidylle an diesem Tag zum erstenmal, so sehr hatten bisher die langen Fussreisen das ubersattigte Auge blind gemacht.
Eben da der Hugel in dieser Sanduhr am hochsten anlief: so zogen sich die Kirsch- und Apfelbaume wie die Abend-Schatten lang dahin runde grune Obstfolgen wurden haufiger in einem Tale lief schon als dunkle Linie das Bachlein, das durch Elterlein hupft vor ihm grunte auf einem Hugel, von der Abendsonne golden durchschlagen, das runde dunne Fichtengeholz, woraus die Bretter seiner Wiege geschnitten waren, und worin man oben gerade in das Dorf hinuntersah.
Er lief ins Geholz und dessen schwimmendes Sonnen-Gold hinein, fur ihn eine Kinder-Aurora. Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorfglocke aus, und der Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter, dass ihm war, als sei er ein Knabe, und jetzt sei Feierabend; und noch schoner lauteten ihn die Viehglocken in ein Rosenfest.
Die einzelnen rotweissen Hauser schwankten durch die besonnten Baumstamme. Endlich sah er draussen das traute Elterlein dem Hugel zu Fussen liegen ihm gegenuber standen die Glocken des weissen Schieferturms und die Fahne des Maienbaums und das hohe Schloss auf dem runden Wall voll Baume unten liefen die Poststrassen und der Bach breit durchs offne Dorf auf beiden Seiten standen die Hauser einzeln, jedes mit seiner Ehrenwache von Fruchtstammen um das Dorfchen schlang sich ein Lustlager von HeuHugeln wie von Zelten und von Wagen und Leuten herum, und uber dasselbe hinaus brannten fettgelbe Rubsenflachen fur Bienen und Ol heiter dem Auge entgegen.
Als er von diesem Grenzhugel des Gelobten Kinderlandes hinunterstieg, hort' er hinter den Stauden in einer Wiese eine bekannte Stimme sagen: "Leute, Leute, sponselt doch euer Vieh; hab ichs nicht schon so millionenmal anbefohlen? Bube, sage zu Hause, der Gerichtsmann hat gesagt, morgen wird ungesaumt mit zwei Mann gefront, auf der Klosterwiese." Es war sein Vater; der mattaugige, schmachtige, bleichfarbige Mann (in dessen Gesicht der warme Heu-Tag noch einige weisse Farbenkorner mehr gesaet) schritt mit einer leuchtenden Sense auf der Achsel aus den Rainen in die Strasse herein. Vult musste umblicken, um nicht erblickt zu werden, und liess den Vater voraus. Dann fiel er ihm mit einigen klingenden Paradiesen der Flote, und zwar weil er wusste, wie ihm Chorale schmeckten mit diesen in den Rucken.
Lukas schritt noch trager fort, um langer zuruckzuhoren und die ganze Welt war hubsch. Braune Dirnen mit schwarzen Augen und weissen Zahnen setzten die Grassicheln an die Augenbraunen, um den vorbeipfeifenden Studenten ungeblendet zu sehen die Viehhirtinnen zogen mit ihren Wandel-Glockchen auf beiden Seiten mit Lukas schneuzte sich, weil ihn der Choral bewegte, und sah ein ungesponseltes Weide-Pferd nur ernsthaft an aus den Schornsteinen des Schlosses und Pfarrhauses und des vaterlichen hoben sich vergoldete Rauchsaulen ins windstille kuhle Blau
Und so kam Vult ins uberschattete Elterlein hinab, wo er das narrische verhullte traumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum, angehoben, und wo er im Bette zu diesem Traum, weil er erst ein kurzer Knabe war, sich noch nicht hatte zu krummen gebraucht.
Im Dorfe war das Alte das Alte. Das grosse Haus der Eltern stand jenseits des Bachs unverandert mit der weissen Jahreszahl 1784 auf dem Dach-Schiefer da. Er lehnte sich mit dem Flotenliede: "Wer nur den lieben Gott lasst walten" an den glatten Maienbaum und blies ins Gebetlauten hinein. Der Vater ging, sehr langsam unter dem Scheine des Umsehens, uber den Bachsteg in sein Haus und henkte die Sense an den holzernen Pflock an der Treppe. Die rustige Mutter trat aus der Ture in einem Manus-Wamse und schuttete, ohne aufs Floten zu horen, das abgeblattete Unkraut des Salats aus einem Scheffel, und beide sagten zueinander wie Land-Gatten pflegen nichts.
Vult ging ins nachbarliche Wirtshaus. Von dem Wirte erfuhr er, dass der Pfalzgraf Knoll mit dem jungen Harnisch Felder beschaue, weil die Notariusmacherei erst abends angehe. "Trefflich", dachte Vult, "so wirds immer dunkler, und ich stelle mich ans Backofenfenster und sehe ihrem Kreieren drinnen zu." Der alte Lukas trat jetzt schon gepudert in einer grossblumigen Damastweste an die Ture heraus und wetzte in Hemdarmeln an der Schwelle das Messer fur das Souper des Notarius-Schopfers ab. "Aber das Purschlein solls auch nicht herausreissen", setzte der Wirt hinzu, der ein Linker war; "der Alte hat mir seine schone Branntweinsgerechtigkeit verkauft, und der Sohn hat von der Blase studiert. Aber lieber das Haus sollt' er weggeben, und zwar an einen gescheuten Schenkwirt; sapperment! dem wurden Biergaste zufliegen, der Bierhahn ware Hahn im Korbe, aber ganz naturlich. Denn die Stube hat zweierlei Grenzen, und man konnte darin zuprugeln und kontrebandieren und bliebe doch ein gedeckter Mann."
Vult nahm keinen so spasshaften Anteil am Wirte, als er sonst getan hatte; er erstaunte ganz, dass er unter der Hand ordentlich in eine heftige Sehnsucht nach Eltern und Bruder, besonders nach der Mutter hineingeraten war, "was doch", sagt' er, "auf der ganzen Reise gar nicht mein Fall gewesen". Es war ihm erwunscht, dass ihn der Wirt beim Armel ergriff, um ihm den Pfalzgrafen zu zeigen, der eben in des Schulzen Haus, aber ohne Gottwalt ging; Vult eilte aus seinem, um druben alles zu sehen.
Draussen fand er das Dorf so voll Dammerung, dass ihm war, als steck' er selber wieder in der helldunkeln Kinderzeit, und die altesten Gefuhle flatterten unter den Nachtschmetterlingen. Hart am Stege watete er durch den alten lieben Bach, worin er sonst breite Steine aufgezogen, um eine Grundel zu greifen. Er machte einen Bogen-Umweg durch ferne Bauernhofe, um hinter den Garten dem Hause in den Rucken zu kommen. Endlich kam er ans Backofenfenster und blickte in die breite zweiherrige Grenzstube keine Seele war darin, die einer schreienden Grille ausgenommen, Turen und Fenster standen offen; aber alles war in den Stein der Ewigkeit gehauen: der rote Tisch, die roten Wandbanke, die runden Loffel in der holzernen Wand-Leiste, um den Ofen das TrockenGeruste, der tiefe Stubenbalken mit herunterhangenden Kalendern und Herings-Kopfen, alles war uber das Meer der langen Zeit, gut eingepackt, ganz und wie neu herubergefuhrt, auch die alte Durftigkeit.
Er wollte am Fenster langer empfinden, als er uber sich Leute horte und am Apfelbaum den Lichtschimmer der obern Stube erblickte. Er lief auf den Baum, woran der Vater Treppe und Altan gebaut; und sah nun gerade in die Stube hinein und hatte das ganze Nest.
Darin sah er seine Mutter Veronika mit einer weissen Kuchenschurze stehend, eine starke, etwas breite, gesund nachbluhende Frau, das stille, scharfe, aber hofliche Weiberauge auf den Hoffiskal gelegt dieser ruhig sitzend und an seinem breiten Kopfe das NabelGehenke eines Pfeifenkopfes befestigend der Vater gepudert und im heiligen Abendmahls-Rock unruhig laufend, halb aus achtender Angst vor dem grossen eingefleischten corpus juris neben ihm, das gegen Fursten und alle Welt geradeso keck war als er selber scheu, halb aus sorgender, das corpus nehm' es ubel, dass Walt noch fehlte. Am Fenster, das dem Baum und Vulten am nachsten war, sass Goldine, eine bildschone, aber bucklige Judin, auf ihr rotes Knaul niedersehend, woraus sie einen schafwollenen Rotstrumpf strickte; Veronika ernahrte die blutarme, aber fein-geschickte Waise, weil Gottwalt sie ungemein liebte und lobte und sie einen kleinen Edelstein hiess, der Fassung brauchte, um nicht verloren zu gehen.
"Der Knecht ist nach dem Spitzbuben ausgeschickt", versetzte Lukas, als der Fiskal unwillig erzahlte, Walt habe nicht einmal seine eignen Felder, geschweige des sel. van der Kabels seine ihm zu zeigen gewusst, sondern ihm einen Fronbauern Kabels dazu hergeholt und sei wie ein Grobian weggeblieben. Vom erfreulichen Testamente, sah Vult, hatte der Fiskal noch kein Wort gesagt.
Auf einmal fuhr Gottwalt in einem Schanzlooper herein, verbeugte sich eckig und eilig vor dem Fiskal und stand stumm da, und helle Freuden-Tranen liefen aus den blauen Augen uber sein gluhendes Gesicht.
"Was ist dir?" fragte die Mutter. "O meine liebe Mutter (sagt' er sanft), gar nichts. Ich kann mich gleich examinieren lassen."
"Und dazu heulst du?" fragte Lukas. Jetzt stieg sein Auge und sein Ton: "Vater, ich habe", sagte er, "heute einen grossen Mann gesehen." "So?" versetzte Lukas kuhl "Und hast dich vom grossen Kerl wamsen lassen und zudecken? Gut!"
"Ach Gott", rief er; und wandte sich an die aufmerksame Goldine, um es so dem Examinator mit zu erzahlen. Er hatte namlich oben im Fichtenwaldchen eine haltende Kutsche gefunden und unweit davon am Waldbugel einen bejahrten Mann mit kranken Augen, der die schone Gegend im Sonnenuntergange ansah. Gottwalt erkannte leicht zwischen dem Manne und dem Kupferstiche eines grossen deutschen Schriftstellers dessen deutscher Name hier bloss griechisch ubersetzt werde, in den des Plato die Ahnlichkeit. "Ich tat", fuhr er feurig fort, "meinen Hut ab, sah ihn still immerfort an, bis ich vor Entzuckung und Liebe weinen musste. Hatt' er mich angefahren, so hatte ich doch mit seinem Bedienten uber ihn viel gesprochen und gefragt. Aber er war ganz sanft und redete mit der sussesten Stimme mich an, ja er fragte nach mir und meinem Leben, ihr Eltern; ich wollt', ich hatt' ein langeres gehabt' um es ihm aufzutun. Aber ich macht' es ganz kurz, um ihn mehr zu vernehmen. Worte, wie susse Bienen, flogen dann von seinen Blumen-Lippen, sie stachen mein Herz mit Amors-Pfeilen wund, sie fullten wieder die Wunden mit Honig aus: O der Liebliche! Ich fuhlt' es ordentlich, wie er Gott liebt und jedes Kind. Ach ich mocht' ihn wohl heimlich sehen, wenn er betete, und auch, wenn er selber weinen musste in einem grossen Gluck. Ich fahre sogleich fort", unterbrach sich Walt, weil er vor Ruhrung nicht fortfahren konnte; bezwang sie aber etwas leichter, als er umhersah und gar keine sonderliche Fremde fand.
"Er sagte", fuhr er fort, "die besten Sachen. Gott, sagt' er, gibt in der Natur wie die Orakel die Antwort, eh die Frage getan ist desgleichen, Goldine: was uns Schwefelregen der Strafe und Holle deucht, offenbart sich zuletzt als blosser gelber Blumenstaub eines zukunftigen Flors. Und einen sehr guten Ausspruch hab' ich ganz vergessen, weil ich meine Augen zu sehr auf seine richtete. Ja da war die Welt ringsumher voll Zauberspiegel gestellt, und uberall stand eine Sonne, und auf der Erde gab es fur mich keine Schmerzen als die seiner lieben Augen. Liebe Goldine, ich machte auf der Stelle, so begeistert war ich, den Polymeter: 'Doppelte Sterne erscheinen am Himmel als einer, aber o Einziger, du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne.' Dann nahm er meine Hand mit seiner sehr weichen, zarten, und ich musste ihm unser Dorf zeigen; da sagt' ich kuhn den Polymeter: 'Sehet, wie sich alles schon verkehrt, die Sonne folgt der Sonnenblume.' Da sagt' er, das tue nur Gott gegen die Menschen, der sich mehr ihnen zuwende als sie ihm. Darauf ermunterte er mich zur Poesie, scherzte aber artig uber ein gewisses Feuer, was ich mir auch morgen abgewohne; Gefuhle, sagt' er, sind Sterne, die bloss bei hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner fuhrt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten. So mag gewiss der letzte Satz geheissen haben; denn ich horte nur den ersten, weil es mich erschreckte, dass er an den Wagen ging und scheiden wollte.
Da sah er mich sehr freundlich an, gleichsam zum Troste, dass mir war, als klangen aus den Abendroten Flotentone."
"Ich blies in die Roten hinein", sagte Vult, war aber etwas bewegt.
"Ja endlich, glaubt mirs, Eltern, druckt' er mich an seine Brust und an den lieblichen Mund, und der Wagen rollte mit dem Himmlischen dahin."
"Und", fragte der alte Lukas, der bisher, zumal wegen Platos vornehmen Amtsnamen, jede Minute gewartig gewesen, dass der Sohn einen betrachtlichen Beutel vorzoge, den ihm der grosse Mann in die Hand gedruckt, "er ist weggefahren und hat dir keinen Pfennig geschenkt?" "O wie denn das, Vater?" fragte Walt. "Ihr kennt ja sein weiches Gemut", sagte die Mutter. "Ich kenne diesen Skribenten nicht", sagte der Pfalzgraf; "aber ich dachte, statt solcher leerer Historien, die zu nichts fuhren, fingen wir einmal das Examen an, das ich anstellen muss, eh' ich jemand zum Notarius kreieren will."
"Hier steh' ich", sagte Walt, im Schanzlooper hinund von Goldinen wegfahrend, deren Hand er fur ihre Teilnahme an seiner Seligkeit offentlich genommen hatte.
Nr. 8. Koboldblute
Das Notariatsexamen
"Wie heisset Herr Notariand?" fing Knoll an Alles war namlich so, erstlich, dass Knoll als ein zusammengewachsenes, verknochertes Revolutionstribunal das Vorhangschloss des Pfeifen-Kopfes am eignen hatte und zu allem sass ferner, dass Lukas seinen auf zwei Ellenbogen wie auf Karyatiden gestutzten Kopf auf den Tisch setzte, jeder Frage nachsinnend, eine Stellung, die seine matten grauen Augen und sein blutloses Gelehrtengesicht, zumal unter dem Leichenpuder auf der gebraunten Haut, sehr ins nahe Licht setzte, so wie seinen ewigen regnerischen Feldzug gegen das Geschick ferner, dass Veronika dicht neben dem Sohne, mit den Handen auf dem Magen betend, stand und das stille Weiberauge, das in die narrischen Arbeits-Logen der Manner dringen will, zwischen Examinator und Examinanden hin und wieder gleiten liess und zuletzt, dass Vult mit seinen leisen Fluchen zwischen den unreifen Pelzapfeln sass und neben ihm da ja alle Leser durch ein Fenster in die Stube sehen auf den benachbarten Asten samtliche 10 deutsche Reichs- und Lese-Kreise oder Lesezirkel; so viele tausend Leser und Seelen von jedem Stande, was in dieser Zusammenstellung auf dem Baume lacherlich genug wird. Alles ist in der grossten Erwartung uber den Ablauf des Examens, Knoll in der allergrossten, weil er nicht wusste, ob nicht vielleicht manche mogliche Ignoranzen den Notariandus nach den geheimen Artikeln des Testaments auf mehrere Monate zuruckschoben oder sonst beschadigten.
"Wie heisset Hr. Notariand?" fing er bekanntlich an.
"Peter Gottwalt", versetzte der sonst blode Walt auffallend frei und laut. Der geliebte entflogne Gottermensch hob noch seine Brust; nach einem solchen Anblicke werden, wie in der ersten Liebe, uns alle Menschen zwar naher und lieber, aber kleiner. Er dachte mehr an Plato als an Knoll und sich und traumte sich bloss in die Stunde, wo er recht lange daruber mit Goldinen sprechen konnte. "Peter Gottwalt", hatt' er geantwortet.
"'Harnisch' muss noch bei", sagte sein Vater.
"Dessen selben Eltern und Wohnort?" fragte Knoll
Walt hatte die besten Antworten bei der Hand.
"Ist Hr. Harnisch ehelich geboren?" fragte Knoll
Gottwalt konnte schamhaft nicht antworten. "Das Taufzeugnis ist geloset", sagte der Schulz. "Es ist nur um Ordnung willen", sagte Knoll und fragte weiter:
"Wie alt?"
"So alt als mein Bruder Vult (sagte Walt), vierundzwanzig"
"Jahre namlich", sagte der Vater.
"Was Religion? Wo studiert? usw."
Gute Antworten fehlten nicht.
"Wen hat Hr. Harnisch von den Kontrakten gelesen? Wie viele Personen sind zu einem Gerichte erforderlich? Wieviel wesentliche Stucke gehoren zu einem ordentlichen Prozesse?" Der Notariand nannte sehr notige, schlug aber die Ungehorsams-Beschuldigung nicht an. "Nein, Herr, 13 sinds schon nach Beieri Volkmanno emendato", sagte der Pfalzgraf heftig.
"Hat man Kaiser Maximilians Notariats-Ordnung von anno 1512 zu Coln aufgerichtet nicht nur oft, sondern auch recht gelesen?" fragt' er weiter.
"Sauberer und eigenhandiger konnte mans ihm nicht abschreiben als ich, Hr. Hofpfalzgraf!" sagte der Schulz.
"Was sind Lytae?" fragte Knoll.
"Lytae oder litones oder Leute (antwortete freudig Walt, und Knoll rauchte ruhig zu seiner Vermengung fort) waren bei den alten Sachsen Knechte, die noch ein Drittel Eigentum besassen und daher Kontrakte schliessen konnten."
"Eine Zitation dazu!" sagte der Pfalzgraf.
"Moser", versetzte Walt.
"Sehr wohl", antwortete der Fiskal spat und ruckte die Pfeife in die Ecke des formlosen Mundes, der nun einer aufgeschlitzten Wunde glich, die man ihm ins Siberien des Lebens mitgegeben, "sehr wohl! Aber lytae sind sehr verschieden von litonibus; lytae sind die jungen Juristen, die zu Justinianus' Zeiten im vierten Jahre ihres Kurses den Rest der Pandekten absolvierten4; und die Antwort war eine Ignoranz."
Gottwalt antwortete gutmutig: "Wahrhaftig, das hab' ich nicht gewusst."
"So wird man wohl auch nicht wissen, was auf den Strumpfen, die der Kaiser bei der Kronung in Frankfurt anhat, steht?" "Ein Zwickel, Gottwalt", soufflierte hinter ihm Goldine. "Naturlich", fuhr Knoll fort; "Hr. Tychsen hat es uns folgendergestalt ins Deutsche ubersetzt aus dem arabischen Texte: 'ein prachtiges konigliches Strumpfband.'" Daruber, uber den Text und Ubersetzer der Strumpfe, fuhr das Madchen in ein freies Gelachter aus; aber Vater und Sohn nickten ehrerbietig.
Unmittelbar nachdem Walt aus der durchlocherten Fischwaage des Examens blode und stumm gestiegen war, ging der Pfalzgraf ans Kreieren. Er sprach mit der Pfeife und auf dem Sessel Walten den NotariatsEid auswendig zum Erstaunen aller vor; und Walt sagte ihn mit geruhrter Stimme nach. Der Vater nahm die Mutze ab; Goldine hielt ihre Strumpfwirkerei innen. Der erste Eid macht den Menschen ernst; denn der Meineid ist die Sunde gegen den Hl. Geist, weil er mit der hochsten Besonnenheit und Frechheit ganz dicht vor dem Throne des moralischen Gesetzes begangen wird.
Jetzt wurde der Notarius bis auf das letzte Glied, auf die Fersen gar ausgeschaffen. Dinte, Feder und Papier wurden ihm von Knollen uberreicht und dabei gesagt, man investiere ihn hiemit. Ein goldner Ring wurde seinem Finger angesteckt und sogleich wieder abgezogen. Endlich brachte der Comes palatinus ein rundes Kappchen (Barettlein hiess ers) aus der Tasche und setzte es dem Notarius mit dem Beifugen auf den Kopf, ebenso ohne Falten und rund sollen seine Notarien-Handel sein.
Goldine rief ihm zu, sich umzudrehen; er drehte ihr und Vulten ein Paar grosse blaue unschuldige Augen zu, eine hochgewolbte Stirne und ein einfaches beseeltes durchsichtiges, mehr von der innern als von der aussern Welt ausgebildetes Gesicht mit einem feinen Munde, welches auf einem etwas schiefen Torso stand, der wieder seinerseits auf eingeklappten KnieWinkeln ruhte; aber Goldinen kam er lacherlich und dem Bruder wie ein ruhrendes Lustspiel vor und im Schanzlooper wie ein Meistersanger aus Nurnberg. Noch wurd' sein Notariatssignet und das in Hasslau verfasste Diplom dieser Wurde ubergeben; und so hatte Knoll in seiner Glashutte mit seiner Pfeife den Notarius fertig und rund geblasen oder bloss in einer andern Metapher, er brachte aus dem Backofen einen ausgebacknen offnen geschwornen Notarius auf der Schaufel heraus.
Hierauf ging dieser zum Vater und sagte geruhrt mit Handedrucken: "Wahrhaftig, Vater, Ihr sollet sehen, welche Wogen auch....." Mehr konnt' er nicht vor Ruhrung oder Bescheidenheit sagen. "Konsideriere besonders, Peter, dass du Gott und dem Kaiser geschworen, bei Testamenten 'absonderlich derer Hospitaler und anderer notdurftiger Personen Sachen, desgleichen gemeine Wege befordern zu helfen'. Du weisst, wie schlecht die Wege ums Dorf sind, und unter den notdurftigen Personen bist du die allererste." "Nein, ich will die letzte sein", versetzte der Sohn. Die Mutter gab dem Vater einen silberhaltigen Papier-Wickel denn die Menschen versilbern, sozusagen, die Pille des rohen Geldes einander durch Papier, erstlich aus feiner Schonung des fremden Eigennutzes, und zweitens, um es zu verstecken, wenn es zu wenig sein sollte ; der Vater druckt' es hoflich in die fiskalische lang gedehnte haarige Hand mit den Worten: "Pro rata, Hr. Hoffiskalis! Es ist das Schwanz-Geld von unserer Kuh und etwas daruber. Vom Kaufschilling des Viehs soll der Notarius auskommen in der Stadt. Morgen reitet er das Pferd des Fleischers hinein, der sie uns abgekauft. Es ist blutwenig, aber aller Anfang ist schwer; beim Aufgehen der Jagd hinken die Hunde noch; ich habe manchen gelehrten Hungerleider gesehen, der anfangs von nichts lebte. Sei nur besonders vigilant, Peter, denn sobald der Mensch auf der Welt einmal etwas Braves gelernt"
"Ein Notarius", fing heiter Knoll unter dem GeldEinstecken an und hielt die Pfeife lange ans Licht, eh' er fortfuhr, "ist zwar nichts Sonderliches, im Reiche seynd viel' namlich Notarii, sagt der Reichs-Abschied von 15000 Art. XIV, wiewohl ich selber meines Orts nur Notarien machen kann, und doch kein Instrument."
"Wie mancher Pfalzgraf und mancher Vater", sagte leise Goldine, "keine Gedichte, aber doch einen Dichter."
"Indes ist in Hasslau", fuhr er fort, "so oft bald ein Testament, bald ein Interrogatorium, bald ein Vidimus, zuweilen, aber hochst selten eine donatio inter vivos zu machen; falls nun der junge Mensch advoziert"
"Das muss mein Peter", sagte Lukas
" Falls ers aber", fuhr er fort, "recht macht, anfangs schlechte, zweideutige Prozesse mit Freuden annimmt, weil grosse Advokaten sie von der Hand weisen, letztere haufig konsultiert, sich windet und buckt und dreht"
"So kann er ein rechtes Wasser auf desjenigen Muhle werden, der sein Vater ist, ja eine ganze Muhlwelle; er kann ihm ja nach Gelegenheit von Zeit zu Zeit ein betrachtliches Stuck Geld zufertigen", sagte der Vater
"O meine Eltern, wenn ich das einmal konnte!" sagte leise Walt entzuckt.
"O Gott, steh' mir bei", sagte Lukas zornig, "wer denn sonst? Etwan dein Spitzbube, dein Landlaufer und Querpfeifer, der Vult?"
Dieser schwur auf seinem Baume, vor einem solchen Vater sich ewig zu verkappen.
"Falls nun", fuhr Knoll lauter und unwillig uber das Storen fort, "der junge Anfanger kein eingebildeter Narr oder Neuling ist, sondern ein Mensch, der bloss im juristischen Fache lebt und webt, wie hier sein vernunftiger Vater, der vielleicht mehr vom Jus versteht...."
Nun konnte Lukas sich nicht mehr halten: "Hr. Hoffiskalis! Peter hat seines Vaters Sinn nicht; mich hatte man jura lassen sollen. Gott! ich hatte Gaben und mein Pferdgedachtnis und Sitzfleisch. Es ist nur ein schlechter Gerichtsmann, der nicht zugleich ein Zivilist ein Kameralist ein Kriminalist ein Feudalist ein Kanolist ein Publist ist, so weit er kann. Langst hatt' ich dieses mein Amt niedergelegt denn was zieh' ich weiter davon als jahrlich drei Scheffel Besoldung und die Fasskanne und viel Versaumnis und Verdrusslichkeit , war' im ganzen Dorf ein Mensch zu haben, ders wieder nahme und scharmant versahe. Wo sind denn die vielen Schulzen hierzulande, die vier Schulzenordnungen im Hause haben wie ich, namlich die alte gothaische, die kursachsische, die wurttembergische und die haarhaarische? Und setz' ich nicht in jede Bucherlotterie und erstehe die gescheutesten Sachen, unter andern: 'Julii Bernhards von Rohr vollstandiges Haushaltungs-Recht, in welchem die nutzlichsten Rechtslehren, welche sowohl bei den Landgutern uberhaupt, derselben Kauffung, Verkauffung und Verpachtung, als insonderheit bei dem Ackerbau, Gartnerei etc. etc. und andern okonomischen Materien vorkommen, der gesunden Vernunft, denen romisch- und teutschen Gesetzen nach ordentlich abgehandelt werden, allen denenjenigen, so Landguter besitzen, oder dieselben zu administriren haben, hochst nutzlich und ohnentbehrlich. Die andere Auflage. Leipzig, 1738 verlegts J. Ch. Martini, Buchhandler in der Grimmischen Strasse.' Es macht aber zwei Bande, sehen Sie!" "Ich habe sie selber", sagte Knoll. "Nun wohl! (schloss der Vater daraus weiter fort) Muss ein Gerichtsmann nicht wie ein Hufschmied die Taschen schon im Schurzfell bei der Hand haben, nicht erst in den Hosen? O du lieber Gott, Hr. Fiskalis, wo zu pfanden ist zu taxieren zu einquartieren mundlich und schriftlich Unzahliges anzuzeigen wo Kranze um Brunnen zu machen, Zigeuner aus dem Lande zu jagen, auf Strassen und Feuerschau zu schauen wo in Dorfern Pesten, Exzesse, Spitzbubereien sind; da ist ja ein Gerichtsmann der erste dabei und zeigt die Sachen an, sowohl bei loblicher Landeshauptmannschaft als, wenn der Fall, bei der Ritterschaft. Was Wetter! da kann er nicht wie eine Kanzeluhr die Woche nur einmal gehen, Tag fur Tag lauft er zum grossten Schaden seiner Wirtschaft in alle Locher in alle Felder und Walder in alle Hauser und nachher in die Stadt und rapportierts mundlich, worauf ers schriftlich aus der Tasche zieht. Es sollen mir Pferdner und Anspanner oder Hintersattler hertreten und sagen: Lukas, lasse die Flausen! Du bist auch da und da fahrlassig gewesen! O solche grosse Verleumder, sehen sie denn nicht, dass ich mich daruber klaftertief in Schulden stecke, und ware kunftig der Notarius und Tabellio nicht...."
"Hor einmal auf, Gerichtsmann", sagte Veronika und wandte sich an den Fiskal, dessen Schuldner ihr Mann war "Hr. Fiskal, er sagt das nur so, um etwas zu sagen. Begehren Sie nichts? Und ich habe nachher eine grosse Frage zu tun."
Lukas schwieg sehr willig und schon gewohnt, dass in seiner Ehe-Sonatine die linke Hand, die Frau, weit uber die rechte heraufgriff in die hochsten Tone zum harmonischen Vorteil.
Er schnapse gern vor dem Essen, versetzte Knoll zu Walts Erstaunen uber ein solches Postillions-Zeitwort von einem Stadt- und Hofmann.
Die Mutter ging und brachte in der einen Hand das Extrapost-Blut und Elementarfeuer, aber in der andern ein dickes Manuskript. Walt nahm es ihr blutrot weg. Goldinens Augen schimmerten entzuckt. "Du musst aus dem Liederbuch lesen", sagte die Mutter, "der gelehrte Herr sollen sagen, ob es taugt. Hr. Kandidat Schomaker will es sehr loben."
"Und ich lob' es wirklich", sagte Goldine. Da trat der Kandidat selber herein, warf sich bloss vor dem Fiskale krumm und salutierte mit blitzenden Augen. Er sah aus allen, dass die Freuden-Post des Testaments noch nicht in der Stube erschollen war. "Sehr spat", sagte Lukas, "der exzellente Aktus ist ganz vorbei." Ausfuhrlich beteuerte der Kandidat, er sei erst gegen Vesperzeit aus der Stadt gekommen; "ich steh' auch", sagte er und sah gern den Schulzen an, vergnugt, dass er nicht einen so vornehmen und bedenklichen Herrn wie Knoll beschauen musste, "schon seit einer geraumen Vierteil-Stunde unten im Hofe, habe mich aber vor funf Gansen, welche vor der Ture Flugel und Schnabel gegen mich aufgemachet, nicht hereingetraut." "Nein, sechs warens", sagte die satirische Judin. "Oder auch sechs", versetzte er; "genung, eine ist genung, wie ich gelesen, um einen Menschen durch einen wutigen Biss ganz toll und wasserscheu zu machen."
"Ah ca!" wandt' er sich zu Walten (mehr franzosisch konnt er nicht), "Ihre Polymeter!" "Was sinds?" fragte Knoll trinkend. "Herr Graf (sagte Schomaker und liess die Pfalz weg), in der Tat eine neue Erfindung des jungen Kandidaten, meines Schulers, er machet Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen einzigen, aber reimfreien Vers haben, den er nach Belieben verlangert, seiten-, bogenlang; was er den Streckvers nennt, ich einen Polymeter."
Vult fluchte aus Ungeduld zwischen den Apfeln. Walt stellte sich endlich mit dem Manuskripte und mit dem Profil seiner Bogenstirn und seiner geraden Nase vor das Licht blatterte uber alle Beschreibung lange und blode nach dem Frontispiz seines Musentempels der Kandidat tat mit der einen Hand in der Weste, mit der andern in der Hose drei Streck-Schritte nach Vults Fenster, um hinaus zu spucken. Stotternd, aber mit schreiender ungebildeter Stimme fing der Dichter an:
Nr. 9. Schwefelblumen
Streckverse
"Ich weiss nicht, ich finde jetzt kein rechtes Gedicht, ich muss auf Geratewohl ausheben:
Der Widerschein des Vesuvs im Meer
'Seht, wie fliegen drunten die Flammen unter die Sterne, rote Strome walzen sich schwer um den Berg der Tiefe und fressen die schonen Garten. Aber unversehrt gleiten wir uber die kuhlen Flammen, und unsere Bilder lacheln aus brennender Woge.' Das sagte der Schiffer erfreut und blickte besorgt nach dem donnernden Berg auf. Aber ich sagte: 'Siehe, so tragt die Muse leicht im ewigen Spiegel den schweren Jammer der Welt, und die Unglucklichen blicken hinein, aber auch sie erfreuet der Schmerz.'"
*
"Was weint denn der wunderliche Mensch, da er ja alles sich selber ausgesonnen?" rief Lukas. "Weil er selig ist", sagte Goldine, ohne es zu treffen; es war bloss das Weinen der Bewegung, die weder eine entzuckte noch betrubte, sondern nur eine Bewegung zu sein braucht. Er las jetzt:
"Der Kindersarg in den Armen
Wie schon, nicht nur das Kind wird leicht in den Armen gewiegt, auch die Wiege.
Die Kinder
Ihr Kleinen steht nahe bei Gott, die kleinste Erde ist ja der Sonne am nachsten.
Der Tod unter dem Erdbeben5
Der Jungling stand neben der schlummernden Geliebten im Myrtenhaine, um sie schlief der Himmel und die Erde war leise die Vogel schwiegen der Zephyr schlummerte in den Rosen ihres Haars und ruckte kein Lockchen. Aber das Meer stieg lebendig auf, und die Wellen zogen in Herden heran. 'Aphrodite', betete der Jungling, 'du bist nahe, dein Meer bewegt sich gewaltig, und die Erde ist furchtsam, erhore mich, herrliche Gottin, verbinde den Liebenden ewig mit seiner Geliebten.' Da umflocht ihm mit unsichtbarem Netze den Fuss der heilige Boden, die Myrten bogen sich zu ihm, und die Erde donnerte, und ihre Tore sprangen ihm auf. Und drunten im Elysium erwachte die Geliebte, und der selige Jungling stand bei ihr, denn die Gottin hatte sein Gebet gehort."
*
Vult fluchte gewaltig im Laube vor lauter Jubel, seine sonst leicht zufallende Seele stand weit den Musen offen: "Liebes Gottwaltlein! du allein sollst mich kennenlernen; ja bei Gott, das geht an, das muss er mit ausfuhren Himmel! wie wird der blode gottliche Narr erstaunen, wenn ichs ihm vorlege", sagte er und hatte einen neugebornen Plan im Sinne. "Ich sollte meynen (sagte Schomaker), dass er die Auktoren der Anthologie nicht ohne Nutz unter mir studieret." Da Knoll nicht antwortete, sagte der Vater: "Lies weiter!" Mit schwacherer Stimme las Walt:
"Bei einem brennenden Theatervorhang
Neue erfreuliche Spiele zeigtest du sonst, stiegst du langsam hinauf. Jetzt verschlingt dich schnell die hungrige Flamme, und verworren, unselig und dampfend erscheint die Buhne der Freude. Leise steige und falle der Vorhang der Liebe, aber nie sink' er als feurige Asche auf immer darnieder.
Die nachste Sonne
Hinter den Sonnen ruhen Sonnen im letzten Blau, ihr fremder Strahl fliegt seit Jahrtausenden auf dem Wege zur kleinen Erde, aber er kommt nicht an. O du sanfter, naher Gott, kaum tut ja der Menschengeist sein kleines, junges Aug auf, so strahlst du schon hinein, o Sonne der Sonnen und Geister!
Der Tod eines Bettlers
Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und stohnte sehr im Schlaf. Da rief der Arme laut, um den Greis aus einem bosen Traum aufzuwekken, damit den matten Busen nicht die Nacht noch drucke. Der Bettler wurde nicht wach, aber ein Schimmer flog uber das Stroh; da sah der Arme ihn an, und er war jetzt gestorben; denn Gott hatt' ihn aus einem langern Traum aufgeweckt.
Die alten Menschen
Wohl sind sie lange Schatten, und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde; aber sie zeigen alle nach Morgen.
Der Schlussel zum Sarge
'O schonstes, liebstes Kind, fest hinuntergesperrt ins tiefe dunkle Haus, ewig halt' ich den Schlussel deiner Hutte, und niemals, niemals tut er sie auf!' Da zog vor der jammernden Mutter die Tochter bluhend und glanzend die Sterne hinan und rief herunter: 'Mutter, wirf den Schlussel weg, ich bin droben und nicht drunten!'"
Nr. 10. Stinkholz
Das Kapaunengefecht der Prosaisten
"O Himmel, war's nur morgen, Bruderlein! Es ist verdammt, man sollte nie passen mussen", sagte Vult. "Ich habe genug", sagte Knoll, der bisher die eine Tabakswolke gerade so gross und so langsam geschaffen hatte wie die andere. "Ich meines Parts", sagte Lukas, "kann mir nichts Rechts daraus nehmen, und den Versen fehlt auch der rechte Schwanz, aber gib her." "Fromme und traurige Sachen stehen wohl darin", sagte die Mutter. Gottwalt hatte Kopf und Ohren noch in der goldnen Morgenwolke der Dichtkunst, und aussen vor der Wolke stehe, kam es ihm vor, der ferne Plato als Sonnenball und durchgluhe sie. Der Kandidat Schomaker sah scharf auf den Pfalzgrafen und passete auf Entscheidungen. Aus religioser Freiheit glaubte er uberall zu sundigen, wo er eilen sollte und wagen. Daher hatt' er nicht den chirurgischen Mut, seine Schulkinder ordentlich zu prugeln er angstigte sich vor moglichen Frakturen, Wundfiebern und dergleichen , sondern er suchte sie von weitem zu zuchtigen, indem er in einer Nebenkammer dem Zuchtling entsetzliche Zerrgesichter vorschnitt.
"Meine Meinung", fing Knoll mit bosem Niederzug seiner schwarzwaldigen Augenbraunen an, "ist ganz kurz diese: Dergleichen ist wahrlich rechter Zeitverderb. Ich verachte einen Vers nicht, wenn er lateinisch ist, oder doch gereimt. Ich machte selber sonst als junger Gelbschnabel dergleichen Possen und schmeichl' ich mir nicht etwas andere als diese. Ja als comes palatinus kreier' ich ja eigenhandig Poeten und kann sie also am wenigsten ganz verwerfen. Kapitalisten oder Rittergutsbesitzer, die nichts zu tun und genug zu leben haben, konnen in der Tat Gedichte machen und lesen, so viele sie wollen; aber nur kein gesetzter Mensch, der sein gutes solides Fach hat und einen vernunftigen Juristen vorstellen will der soll es verachten, besonders Verse ohne allen Reim und Metrum, dergleichen ich tausend in einer Stunde hecke, wenns sein muss"
Vult genoss still den Gedanken, dass er in Hasslau schon Zeit und Ort finden werde, dem Pfalzgrafen durch Ol ins Feuer und durch Wasser ins brennende Ol zur Belohnung irgendein Bad zu bereiten und zu gesegnen. Und doch konnt' ers vor Zorn kaum aushalten, wenn er bedachte, dass der Kandidat und der Pfalzgraf so lange dastanden, ohne des erfreuenden Testaments zu gedenken. Hatt' er sehen und schreiben konnen, er hatte einen Stein mit einem Rapport-Wikkel als sanfte Taubenpost durchs Fenster fliegen lassen.
"Horst du?" sagte Lukas. "Sie sind auch eben nicht schon geschrieben, wie ich sehe", und machte blatternd einen Versuch, das Manuskript ins Licht hineinzuhalten. Aber der bisher halbgesenkt in die Flamme blickende Dichter entriss es ihm plotzlich mit greifender Faust. "In den Nebenstunden aber denn doch so etwa?" fragte Schomaker, fur welchen der einzige Titel Hoffiskal einen Ruprechts-Zwilling und Doppelhaken in sich fasste; denn schon, wo einem Worte Hof oder Leib zum Vorsprung anhing und wars an einem Hofpauker und Leibvorreiter : da sah er in eine gehelmte Vorrede (praefation galeata) und hatte seine Schauer; wieviel mehr bei dem Worte Fiskal, das jeden auf Pfahle oder in Turme zu stecken drohte.
"In meinen Nebenstunden", versetzte Knoll, "las ich alle mogliche auftreibliche Aktenstucke und wurde vielleicht das, was ich bin. Uberspannte Floskeln hingegen greifen zuletzt in dem Geschaftsstil Platz und vergiften ihn ganz; ein Gericht weiset dergleichen dann zuruck als inept." "Naturlich denn und verzeihlich daher (fing Schomaker als Selbstkrummschliesser an), dass ich aus Unkunde der Rechtskunde diese mit der Poesie vereinbaren wollen; aber ganz wahrscheinlich deshalb, dass Hr. Harnisch, seinem alleinigen Fache heisser sich weihend, nun ganz vom poetischen absteht: nicht gewiss, gewiss, Hr. Notar?"
Da fuhr und schnaubte der bisher sanfte Mensch den Abfall des sonst lobenden Lehrers fur eine Hofmannerei ansehend, die gleich einem Balbiermesser sich vor- und ruckwartsbeugt, obgleich Schomaker bloss nicht fahig war, so auf der Stelle, in der Schnelle, einem Thron-Diener gegenuber und bei der Liebe fur den Schuler im Herzen sogleich das Jus auszufinden, sondern immer zu leicht furchtete, unter der Hand gegen seinen Fursten zu rebellieren, indes er sonst bei dem Bewusstsein des Rechts jeder Not und Gewalt entgegengezogen ware da schnaubte der sanfte Walt wie ein getroffener Lowe empor, sprang vor den Kandidaten und ergriff dessen Achseln mit beiden Handen und schrie aus lang gemarterter Brust so heftig auf, dass der Kandidat wie vor nahem Totschlag aufhupfte: "Kandidat! bei Gott, ich werde ein guter Jurist von fleissiger Praxis, meiner armen Eltern wegen. Aber, Kandidat, ein Donnerkeil spalte mein Herz, der Ewige werfe mich dem gluhendsten Teufel zu, wenn ich je den Streckvers lasse und die himmlische Dichtkunst."
Hier sah er wild ausfordernd umher und sagte wichtig: "ich dichte fort" alle schwiegen erstaunt in Schomaker hielt noch halbes Leben Knoll allein zeigte ein grimmiges eisernes Lacheln auch Vult wurde auf seinem Aste wild, schrie: "recht, recht!" und griff blindlings nach unreifen Pelzapfeln, um eine Handvoll gegen die prosaische Session zu schleudern. Darauf ging der Notar als Sieger hinaus, und Goldine ging ihm mit dem Murmeln nach: "Es geschieht euch recht, ihr Prosaner!"
Wider Vults Erwarten stellte der Notarius sich unter seinen Apfelbaum und hob nach der Sternenseite des Lebens, nach dem Himmel, das beseelte Antlitz, auf welchem alle seine Gedichte und Traume zu zahlen waren. Beinahe ware der Flotenspieler auf die verletzte Brust als ein weicher Pfuhl herabgefallen; er hatte gern den nassen guten Sangvogel, dem es wie der Lerche gegangen, die auf das Tote Meer, als ware es bluhendes Land, heruntersturzt und darin ersauft, hoch unter die trocknende Sonne gehalten; aber Goldinens Ankunft verbot die schone Erkennung, sie nahm Walts Hand, aber er schaute noch immer mit tauben Augen nach der Hohe, wo nur helle Sterne, keine trube Erde standen. "Hr. Gottwalt", sagte sie, "denken Sie nicht mehr uber die prosaischen Pinsel. Sie haben sie abgetrumpft. Dem Juristen streu' ich heute noch Pfeffer in den Tabak und dem Kandidaten Tabak in den Pfeffer." "Nein, liebe Goldine", fing er mit schmerzlich sanfter Stimme an, "nein, ich war es heute nicht wert, dass mich der grosse Plato kusste. War es denn moglich? Gott! es sollte ein froher letzter Abend werden. Teuere Eltern geben schwer erdarbtes Geld zum Notariate her der arme Kandidat gibt mir von Kindesbeinen an Lehrstunden fast in allem Gott segnet mich mit dem Himmel an Platos Herzen und ich Satan fahre so hollisch auf! O Gott, o Gott! Aber mein alter Glaube, Goldine, wie trifft er immer ein: nach jeder rechter inniger Seligkeit des Herzens folgt ein schweres Ungluck."
"Das dacht' ich gleich", sagte Goldine zornig; "man schlage Sie ans Kreuz, so werden Sie eine festgenagelte Hand vom Querbalken losarbeiten, um damit einem Kriegsknecht seine zu drucken. Haben denn Sie oder die Strohkopfe droben den heutigen Weinmonat, ich mochte sagen zum Weinessigmonat, versauert?" "Ich kenne", versetzte er, "keine andere Ungerechtigkeiten gewiss und genau, als die ich an andern verube; die, so andere an mir begehen, konnen mir wegen der Ungewissheit der Gesinnungen nie ganz klar und entschieden sein. Ach es gibt ja mehr Irrtumer des Hasses als der Liebe. Wenn nun einmal eine Natur, welche die Antithese und Dissonanz der meinigen ist, existieren sollte, wie von allem die Antithesen: so konnte sie mir ja leicht begegnen; und da ich ebensowohl ihre Dissonanz bin als sie meine, so hab' ich nicht mehr uber sie zu klagen als sie uber mich."
Goldine konnte, wie Vult, nichts gegen diese Denkweise einwenden, aber beiden war sie ausserst verdrusslich. Da rief sanft die Mutter den Sohn und heftig der Vater: "Renne, Peter, renne, wir stehen im Testament und werden vorbeschieden auf den 15 ten hujus."
Nr. 11. Fisettholz
Lust-Chaos
Der Pfalzgraf hatte das Erstarren uber Walts Sturmlaufen mit der Bemerkung flussiger gemacht, dass der "Sansfacon" es nicht verdiene, in einem wichtigen Testamente zu stehen, zu dessen Eroffnung er ihn vorzuladen habe, und dessen Bedingungen sich eben nicht sehr mit der Reimerei vertrugen. Da war das Anschlagerad und der Dampfer gerichtlich von des Schulmeisters ton- und wortvoller Seele abgehoben, und er konnte nun alle Glocken lauten er wusste und gab die angenehmsten Artikel des Testaments, welche der Fiskal durch die unangenehmen ganz bestatigte. Der Kandidat handelte so lange ungewohnlich sanft nach einer Beleidigung, bis man ihn ersuchte, sie zu vergeben. Lukas rief schon im halben Horen Walten wie toll hinein, um nur etwas zu reden.
Von zarter Schamrote durchdrungen, erschien dieser- niemand gab auf ihn acht man steckte im Testamente, ausgenommen Knoll. Dieser hatte gegen den Jungling seit dessen Vorlesen einen ordentlichen Hass gefasst so wie die Musik zwar Nachtigallen zum Schlagen reizt, aber Hunde zum Heulen , weil ihm der eine Umstand, dass ein so schlechter poetischer Jurist mehr als er erben sollte (was seinen fiskalischen Kern anfrass), mehr wehe tat als der andere suss, dass sein Eigennutz selber keinen Erben hatte auslesen konnen, der geschickter ware, die Erbschaft zu verscherzen.
Walt horte geruhrt der Wiederholung und Forterzahlung der Erb-Amter und der Erbstucke zu. Als um Lukas' Ohren jetzt die Worte 11000 Georgd'ors in der Sudsee-Handlung und zwei Fronbauern samt Feldern in Elterlein flatterten, stand sein Gesicht, das der plotzliche warme Sud-Zephyr des Gluckes umspulte, wie zergangen und verblufft da, und er fragte: "Den 15ten? 11000?" Darauf warf er seine Mutze, die er in der Hand hatte, weit uber die Stube weg sagte: "Den hujus dieses?" Darauf schleuderte er ein Bierglas gegen die Stubenture uber Schomakern weg. "Gerichtsmann", rief die Frau, "was ist Euch?" "Ich habe so mein Gaudium", sagte er. "Nun aber komme mir der erste beste Hund aus der Stadt, ich will ihn lausen, breit tret' ich das Vieh. Und wir werden alle geadelt, wie wir hier sitzen, und ich bleibe der adelige Gerichtsherr oder ich werde der Gerichthalter und studiere. Und auf meine Kabelschen Grundstucke sae ich nichts als Reps."
"Mein Freund", sagte verdrusslich der Fiskal, "Sein poetischer Sohn hat noch vorher einige Nusse aufzubeissen, dann ist der der Erbe."- Mit Freudentranen trat der Notar zum enterbten Fiskal und zog dessen zahe Hande mit der Versicherung an sich: "Glauben Sie mir, Freuden-Bote und Evangelist, ich werde alles tun, um die Erbschaft zu erringen, alles, was Sie gefodert haben ('Was wollt Ihr mit mir?' sagte Knoll, die Hande wegziehend) denn ich tue es ja fur Menschen (fuhr Walt fort, alle andere ansehend), die noch mehr fur mich getan, vielleicht fur den Bruder, wenn er noch lebt. Sind denn die Bedingungen nicht so leicht, und die letzte so schon, die vom Pfarrerwerden? Der gute van der Kabel! Warum ist er denn so gut gegen uns? Ich entsinne mich seiner lebhaft, aber ich dachte, er liebte mich nicht. Doch musst' ich ihm meine Streckverse vorlesen. Kann man denn zu gut von den Menschen denken?"
Vult lachte und sagte. "Kaum!"
Ganz blode und schamhaft trat Walt zu Schomaker mit den Worten: "Vielleicht verdanke ich der Dichtkunst die Erbschaft und gewiss die Dichtkunst dem Lehrer, der mir die vorige Minute vergebe!"
"So sei vergessen", versetzte dieser, "dass man mich vorhin nicht einmal Herr genannt, was doch so allgemein. Wonne herrsche jetz! Aber Ihr Hr. Bruder, dessen Sie gedachten, lebt noch und im Flore. Ein lebhafter Hr. van der Harnisch vergewisserte mich dessen, zohe mich aber in eine unerlaubte Ausschwatzung Ihres Hauses hinein, fur die mir Ihre Verzeihung so wenig entstehe als Ihnen die meine!"
Der Notar rief es durch das Zimmer, der Bruder lebe noch. "Im erzgeburgischen Elterlein traf ihn der Herr in der Stadt", sagte Schomaker. "O Gott, er kommt gewiss heut oder morgen, beste Eltern", rief Walt entzuckt. "'soll mir lieb sein", sagte der Schulz, "ich werd' ihm unter der Hausture mit der Habern-Sense die Beine abmahen und ihn mit einem Holzapfel erstecken, einen solchen Vagabunden!" Gottwalt aber trat zu Goldinen, die er weinen sah, und sagte: "o ich weiss es woruber, Gute" und setzte leise hinzu: "Uber das Gluck Ihres Freundes." "Ja bei Gott!" antwortete sie und sah ihn entzuckter an.
Die Mutter warf nur die Bemerkung, wie oft ihr Gemut durch ahnliche Sagen von ihres guten Kindes Wiederkunft betrogen worden, fluchtig unter die Manner, um sich bloss mit dem verdrusslichen Fiskale abzugeben, welchem sie freundlich alle bose Klauseln des Testaments deutlich abfragte. Den Pfalzgrafen aber verdross das von seiner Erbportion bestrittene Freudenfest am Ende dermassen, dass er hastig aufstand, die Zitationsgebuhren im Namen des Ratsdieners forderte und den mannlichen Jubelkopfen die Hoffnung aufsagte, ihn am Abendtische unter sich zu haben, weil er lieber, gab er vor, bei dem Wirte druben speise, der schon seinem Vater ein Darlehn schuldig sei, wovon er seit so vielen Jahren, sooft er Gericht halte, etwas abesse und abtrinke, um zu dem Seinigen zu kommen.
Als er fort war, stieg Veronika auf ihre weibliche Kanzel und hielt ihre Brandpredigten und Inspektionsreden an die Manner: sie musstens haben, wenn der Fiskal ihnen das Kapital aufkundigte; ihr Frohtun habe ihn als einen ausgeschlossenen Erben ja verschnupfen mussen. "Zieht denn aber er oder ich die Interessen fur jetzt, he? Er!" sagte Lukas. Schomaker fugte noch den Bericht bei, dass schon der Fruhprediger Flachs das Kabelsche ganze Haus in der Hundsgasse durch weniges Weinen erstanden. Der Schulz fuhr klagend auf und versicherte, das Haus sei seinem Sohne so gut wie gestohlen; denn weinen konne jeder; dieser aber sagte, es trost' ihn ordentlich uber sein Gluck, dass ein anderer armer Erbe auch etwas habe. Veronika versetzte: "Du hast noch nichts. Ich bin nur eine Frau, aber im ganzen Testamente merk' ich eine Partitenmacherei. Seit vorgestern wurde schon im Dorfe von Erbschaften gemunkelt von fremden Stadtherren, ich sagte aber gern meinem Gerichtsmanne nichts. Du, Walt, hast gar kein Geschick zu Welthandeln; und so konnen leicht zehn Jahre verstreichen, und du hast nichts, und bist doch auch nichts; wie dann, Gerichtsmann?" "So schlag' ich ihn", sagte dieser, "tot, wenn er nicht soviel Verstand zeigt wie ein Vieh; und von dir, Vronel, wars auch keiner, mich nicht zu avertieren."
"Ich verpfande mich", sagte Schomaker, "fur Hrn. Notars Finesse. Poeten sind durchtriebene Fuchse, und haben Wind von allem. Ein Grotius, der Humanist, war ein Gesandter ein Dante, der Dichter, ein Staatsmann ein Voltaire, der beides, auch beides."
Vult lachte, nicht uber den Schulmann, aber uber den gutherzigen Walt, als dieser sanft beifugte: "Ich habe vielleicht aus Buchern mehr Weltklugheit geschopft als Ihr denkt, liebe Mutter. Aber nun nach zwei Jahren, allgutiger Gott! Wenigstens malen wollen wir uns heute die glanzende Zeit, wo alle hier frei und freudig leben, und ich nichts von allem brauche und wunsche, weil ich zu glucklich auf zwei alten heiligen Hohen wohne, auf der Kanzel und dem Musenberg" "Du sollst dann auch", sagte Lukas, "streckversen den ganzen Tag, weil du doch ein Narr darauf bist, wie dein Vater aufs Jus." "Jetzt aber werd' ich sehr aufmerksam", sagte Walt, "das Notarienwesen treiben, besonders da ich es als mein erstes vorgeschriebenes Erbamt versehe; das Advozieren kann nun wohl wegbleiben."
"Seht ihr", rief die Mutter, "er will nur wieder recht uber seine langen Verse her, denn er hats ja vorhin so gotteslasterlich beschworen ich hab' es nicht vergessen, Walt!"
"So wollt' ich doch, dass Donner und Teufel", rief Lukas, der rein-froh sein wollte, "muss man denn aus jedem Turmknopf einen Nadelknopf machen wie du?" Er wollte gerade das Umgekehrte vorbringen. Er zog den Ehemannsvexierzug: "Schweig!" Sie tats immer sogleich, wiewohl mit dem Entschluss, etwas spater erst recht anzufangen.
Man schritt zur Abendtafel, wie man dastand, Walt im Schanzlooper, obgleich in der Heuernte, weil er sein Nanking-Rockchen schonte. Goldinens Freudenwein war mit vielen Tranen uber die Trennung des Morgens gewassert. Der Notar war unendlich entzuckt uber die Entzuckung des Vaters, welcher allmahlich, da er sie ein wenig verdauet hatte, nun milder wurde und anfing, mit Tranchiermesser und Gabel der noch fliegenden gebratenen Taube der Erbschaft entgegenzugehen und dem Sohne zum erstenmal in seinem Leben zu sagen: "Du bist mein Gluck." So lange verharrte Vult auf dem Baume. Als aber die Mutter nun erst die ausfuhrlichen Berichte Schomakers uber den Flotenspieler um ihr warmes Herz versammlen wollte, stieg er, um nichts zu horen, weil ihm der Tadel bitterer war als das Lob suss, vom Baume herunter, schon begluckt genug durch den Bruder, dessen Unschuld und Dichtkunst ihn so liebend-eng umstrickten, dass er gern die Nacht im Abendrot ersauft hatte, um nur den Tag zu haben und den Poeten an der Brust.
Nr. 12. Unechte Wendeltreppe
Reiterstuck
Fruh am betaueten blauen Morgen stand der Notar schon unter der Hausture reit- und reisefertig. Er hatte statt des Schanzloopers den guten gelben Sommerund Fruhlings-Rock von Nanking am Leibe, weil er als Universalerbe mehr aufwenden konnte, einen runden weissen braungeflammten Hut auf dem Kopf, die Reitgerte in der Hand und Kindestranen in den Augen. Der Schulz rief halt, sprang zuruck und sogleich wieder her mit Kaiser Maximilians Notariatsordnung, die er ihm in die Tasche steckte. Druben vor dem Wirtshause stand der knappe flinke Student Vult im grunen Reisehut und der Wirt, welcher der Familien-Antichrist und ein Linker war. Das Dorf wusste alles und passte. Es war des Universalerben erster Ritt in seinem Leben. Veronika die ihm den ganzen Morgen Lebensregeln fur Eroffnung und Erfullung des Testaments vorgezeichnet hatte zerrete den Schimmel am langen Zugel aus dem Stall. Walt sollte hinauf.
Uber den Ritt und Gaul wurde von der Welt schon viel gesprochen mehr als ein Elterleiner versuchte davon ein leidliches Reiterstuck zu geben, lieferte aber freilich mehr die rohen Farbholzer auf die Leinwand als deren feinsten Absud auch ist das mein erstes Tierstuck von Belang, das ich in die Gange dieses Werks aufhange und festmache : ich werde demnach einige Muhe daran wenden und die grosste Wahrheit und Pracht.
In der Apokalypsis stand so lang ein alter verschimmelter Schimmel, bis ihn der Fleischer bestieg und aus ihr in die Zeit heruberritt. Der poetische Lenz liegt weit hinter dem Gaul, wo er eignes Fleisch statt des fremden trug und mit eignen Haaren den Sattel auspolsterte; er hat das Leben und den Menschen dieses reitende Folterpferd der wunden Natur zu lange getragen. Der aus zitternden Fuhlfaden gesponnene Notar, der den Tag vorher im Stalle um dessen Keilschrift der Zeit, um die Stigmen von Sporen, Sattel und Stangengebiss, herumging, hatte fur Geld keinen Finger in die Narben legen konnen, geschweige am Tage darauf die Knuten-Schneide oder den Sporendolch. Hatte doch der Himmel dem KonfoderationsTiere des Menschen nur irgendeinen Schmerzenslaut beschert, damit der Mensch, dem das Herz nur in den Ohren sitzt, sich seiner erbarmte. Jeder Tierwarter ist der Plagegeist seines Tiers; indes er gegen ein anderes, z.B. der Jager gegen das Pferd, der Fuhrmann gegen den Jagdhund, der Offizier gegen Leute ausser dem Soldatenstande, ein wahres weichwolliges Lamm ist.
Dieser Schimmel betrat am Morgen die Buhne. Der Notar hatte den Tag vorher den Gaul an eine seiner Gehirnwande festgebunden und wie die rechte Seite des Konvents und des Rheins sich immer die linke vorgestellt, um daran aufzusteigen; in alle Stellungen hatt' er in seinen vier Gehirnkammern das Schulross gedreht, geschwind es links bestiegen und so sich selber vollig zugeritten fur den Gaul. Dieser wurde gebracht und gewandt. Gottwalts Auge blieb fest an den linken Steigbugel gepicht aber sein Ich wurd' ihm unter den Handen zu gross fur sein Ich seine Tranen zu dunkel fur sein Auge er besteige, merkt' er, mehr einen Thron als einen Sattel die linke Rossseite hielt er noch fest; nur kam jetzt die neue Aufgabe, wie er die eigne linke so damit verknupfen konnte, dass beide die Gesichter vorwarts kehrten.
Wozu die teuflische Qual! Er probierte, wie ein preussischer Kavallerist, rechts aufzuspringen. Pfiffen Leute wie Vult und der Wirt seine Probe aus, so zeigten sie weiter nichts, als dass sie nie gesehen hatten, wie emsig preussische Kavalleristen auf dem rechten Bugel aufsitzen lernen, um gesattelt zu sein, falls einmal der linke entzweigeschossen wird.
Auf dem Sattel hatte nun Walt als Selbst-Quartiermeister das seinige zu tun, alles zu setzen sich gerade und sattelfest , auszubreiten die Finger in die Zugel, die Rockschosse uber den Pferderucken , einzuschichten die Stiefel in die Steigeisen ; und anzufangen den Abschied und Ausritt.
An letztern wollte der gesetzte Schimmel nicht gerne gehen. Walts delikates Ruckwartsschnalzen mit der Gerte war dem Gaule so viel, als wichse man ihn mit einem Pferde-Haar. Ein paar mutterliche Handschlage auf den Nacken nahm er fur Streicheln. Endlich kehrte der Gerichtsmann eine Heugabel um und gab ihm mit dem Stiel auf den Hinterbacken einen schwachen Ritterschlag, um damit seinen Sohn als Reiter aus dem Dorfe in die Welt zu schicken, sowohl in die gelehrte als schone. Das war dem Tier ein Wink, bis an den Bach vorzuschreiten; hier stand es vor dem Bilde des Reiters fest, kredenzte den Spiegel, und als der Notar droben mit unsaglicher Systole und Diastole der Fusse und Bugel arbeitete, weil das halbe Dorf lachte, und der Wirt ohnehin, glaubte der Harttraber seinen Irrtum des Stehens einzusehen, und trug Walten von der Tranke wieder vor die Stallture hin, stort' aber die Ruhrungen des Reiters bedeutend.
"Wart nur!" sagte, ins Haus laufend, der Vater, kam wieder und langte ihm eine Buchsenkugel zu: "Setz ihm die ins Ohr", sagt er, "so will ich kavieren, er zieht aus, weil doch das Blei die Bestie kuhlen muss, glaub' ich."
Kaum war das Rennpferd, wie ein Geschutz, mit dem Kopf gegen das Tor gerichtet und das Ohr mit der Schnellkugel geladen: so fuhr es durchs Tor und davon; und durch das mit Augen bestellte Dorf und vor des Kandidaten Gluckwunsch flog der Notarius voruber, oben sitzend, mit dem Giessbuckel des ersten Versuchs, als ein gebogenes Komma. "Weg ist er!" sagte Lukas und ging zu den Heuschobern hinaus. Still wischte die Mutter mit der Schurze das Auge und fragte den Grossknecht, worauf er noch warte und gaffe. Nur ein weinendes Auge hatte Goldine mit dem Tuche bedeckt, um mit dem andern nachzublicken, und sagte: "es geh' ihm gut!" und ging langsam in sein leeres Studierstubchen hinauf.
Vult eilte dem reitenden Bruder nach. Als er aber vor dem Maienbaume des Dorfes voruberging und am Fenster die schonaugige Goldine und im Hausgartchen die einsame Mutter erblickte, die mit tropfenden Augen, noch im Sitzen gebuckt, grosse Bohnen steckte und Knoblauch band: so uberstromte seines Bruders warmes mildes Blut plotzlich sein Herz, und er lehnte sich an den Baum und blies einen Kirchenchoral, damit beider Augen sich susser loseten und ihr Gemut aufginge; denn er hatte an beiden den kecken scharfen Seelen-Umriss innigst wert gewonnen.
Es war schade, dass der Notarius, der samt dem Schimmel auf Wiesenflachen zwischen grunschimmernden Hugeln, im blauen wehenden Tage flog, es nicht wusste, dass hinter ihm sein Bruder sein fernes Dorfchen und geruhrte liebe Herzen mit Echos erfulle. Oben auf einem Berge legte Walt sich auf den Hals des Flugpferds, um aus dem Ohr die Druckkugel zu graben. Da er sie erwischt hatte: so trat das Tier wieder gesetzter einher als ein Mensch hinter einer Leiche; und nur der Berg schob es herunter, und in der Ebene ging es, wie ein silberner glatter Fluss, unmerklich weiter.
Jetzt genoss der zur Ruhe gesetzte Notarius ganz seine sitzende Lebensart auf dem Sattel und den weiten singenden Tag. Sein hoher Aufenthalt auf der Sattelwarte stellte ihm, diesem ewigen Fussganger, alle Berge und Auen unter ihn, und er regierte die glanzende Gegend. An einer neuen Anhohe stieg ein Wagenzug von sieben Fuhrleuten auf, den er gern zu Pferde eingeholt und uberritten hatte, um nicht in seinen Traumen durch ihr Umschauen gestort zu werden; aber am Hugel-Fusse wollte der gerittene Blondin so gut die Natur geniessen die fur ihn in Gras bestand als der reitende und stand sehr fest. Walt setzte sich zwar anfangs dargegen und stark, wirkte auf viele Seiten des Viehs vor- und ruckwarts; aber da es auf dem Feststehen bestand, liess ers fressen und setzte sich selber herum auf dem Sattel, um die ausgedehnte Natur hinter sich mit seligen Blicken auszumessen und gelegentlich diese sieben spottischen Fuhr-Hemden so weit vorauszulassen, dass ihnen nicht mehr unter die Augen nachzureiten war.
Am Ende kommt doch eines, ein Ende , der Bereiter wunschte am Hugelfusse, als er sich wieder vorwarts gesetzt, sich herzlich von der Stelle und etwa hinauf; denn die sieben Plejaden mussten nun langst untergegangen sein. Auch sah er den netten Studenten nachkommen, der das Besteigen gesehen. Aber setzte irgend jemand besondern Wert auf Ernte-Ferien, so tats der Schimmel , vor solcher Anhohe vollends stand er im Drachenschwanz, im aufsteigenden Knoten die Zaume, die Fussballe auf der Erde, alle brachten ihn nicht vorwarts. Da nun der Notar auch die lebendige Quecksilberkugel jetzt nicht wieder mit diesem fixierten weissen Merkurius verquicken wollte wegen der unglaublichen Muhe, sie aus dem Ohr zu fischen : so sass er lieber ab und spannte sich seiner eigenen Vorspann vor, indem er sie durch den Flaschenzug des Zugels wirklich hinaufwand. Oben bluhte frische Not: hinter sich sah er eine lange katholische Wallfahrt nachschleichen, gerade vor sich unten im langen Dorfe die bose Fuhr-Sieben trinken und tranken, die er einholen musste, er mochte wollen oder nicht.
Es grunte ihm auf der andern Seite Hoffnung, aber fruchtlos; er hatte Aussichten, durch des Kleppers Allegro ma non troppo den haltenden Fuhrleuten ziemlich vorzusprengen; er ritt erheitert in starkem Schritt den Berg hinab, ins Dorf hinein; aber da kehrte das Filial-Pferd ohne sonderliches Disputieren ein, es kannte den Wirt, jeder Krug war seine Tochter-, jeder Gasthof seine Mutterkirche. "Gut, gut", sagte der Notar, "anfangs wars ja selber mein Gedanke" und befahl unbestimmt einem Unbestimmten, dem Gaule etwas zu geben. Jetzt kam auch der flinke Grunhut nach. Vults Herz wallete auf vor Liebe, da er sah, wie der erhitzte schone Bruder von der schneeweissen Bogenstirn den Hut luftete, und wie im Morgenwehen seine Locken das zarte, mit Rosenblute durchgossene kindliche Gesicht anflatterten, und wie seine Augen so liebend und anspruchlos auf alle Menschen sanken, sogar auf das Siebengestirn. Gleichwohl konnte Vult den Spott uber das Pferd nicht lassen: "Der Gaul", sagt' er, mit seinen schwarzen Augen auf den Bruder blitzend und die Mahne streichelnd, "geht besser, als er aussieht; wie ein Musenpferd schwang er sich uber das Dorf." "Ach das arme Tier!" sagte Walt mitleidig und entwaffnete Vulten.
Samtliche Passagiere tranken im Freien die Pilgrime gingen singend durchs Dorf alle Tiere auf dem Dorfe und in der Luft wieherten und kraheten vor Lust der kuhlende Nordost durchblatterte den Obstgarten und rauschte allen gesunden Herzen zu: weiter hinaus ins freie weite Leben! "Ein sehr gottlicher Tag", sagte Vult, "verzeihen Sie, mein Herr!" Walt sah ihn blode an und sagte doch heftig: "O gewiss, mein Herr! Die ganze Natur stimmt ordentlich ein jubelndes herzerfrischendes Jagdlied an, und aus den blauen Hohen tonen doch auch sanfte Alphorner herunter."
Da hingen die Fuhrleute die Gebisse wieder ein. Er zahlte schnell, nahm den Uberschuss nicht an und sass im Wirrwarr auf, willens, allen vorzufliegen. Es ist ein Grundsatz der Pferde, gleich den Planeten nur in der Sonnen-Nahe eines Wirtshauses schnell zu gehen, aber langsam daraus weg ins Aphelium; der Schimmel heftete seine vier Fuss-Wurzeln als Stifte eines Nurnberger Spielpferdes fest ins lackierte Brett der Erde und behauptete seinen Ankerplatz. Der bewegte Zaum war nur sein Ankertau fremde leidenschaftliche Bewegung setzt' ihn in eigne nicht umsonst schnalzte der leichte Reiter in grun-atlassener Weste und mit braunen Hutflammen, er konnte ebensogut den Sattel uber einen Bergrucken geschnallet haben und diesen spornen.
Einige der sanftesten Fuhrleute bestrichen die Hinterbeine des Quietisten; er hob sie, aber ohne vordere. Lange genug hatte nun Walt auf sein Mitleiden gegen das Vieh gehort; jetzt warf er ohne weiters dem Trauerpferd den Schusser ins Ohr die Kugel konnte die Massa, den Queue fortstossen ins grune Billard. Walt flog. Er rauschte schnell dicht hinter der HuhnerKette von Pilgern, die scheu auseinanderspritzte, bis leider auf eine an der Spitze gehende taube Vorsangerin, die Reiten und Warnen nicht vernahm umsonst zupften seine sterbenden Finger voll Todesnot im Ohr und wollten Kugelzieher sein seine fliegende Kniescheibe rannte an ihr Schulterblatt und warf sie um sie erstand schleunigst, um fruhe genug, unterstutzt von allen ihren Konfessions-Verwandten, ihm uber alle Beschreibung nachzufluchen. Weit hinter dem Fluchen bracht' er nach langer Ballotage die Glucksund Ungluckskugel zwischen dem Daumen und Zeigefinger heraus, teuer schworend, nie dieses OberonsHorn mehr anzusetzen.
Wenn er freilich jetzt die Bestie wie eine Harmonika traktierte, namlich langsam so dass jeder die grossten Schulden auf ihr absitzen konnte, sogar ein Staat, wenns anders fur diesen einen andern Schuldturm geben konnte ausser dem Babelturm : so war' es wohl gegangen, hatt' er sich nicht umgedreht und gesehen, was hinter seiner Statua equestris und curulis zog; ein Heer, sah er, setz' ihm hitzig mit und ohne Wagen nach, Pilger voll Fluche, sieben weisse Weisen voll Spass und der Student. Der menschliche Verstand muss sehr irren oder an dem, was er nachher tat, hatte die Vermutung aus dem Vorigen grossen Teil, dass der nachschwimmende Hintergrund nicht nur seinen Durchgang durch ein Rotes Meer erzwingen, sondern dass sogar das Meer selber mit ihm gehen wurde; weil er auf seinem lebendigen Laufstuhl niemand zu entrinnen vermochte. Schon das blosse Zuruckdenken an den Nachtrab musste wie Larmtrommeln in die schonsten leisen Klange fahren, die er jetzt am blauesten Tage aus den Himmels-Spharen seiner Phantasie leicht herunterhoren konnte.
Deshalb ritt er geradezu aus der Landstrasse uber Wiesen in eine Schaferei hinein, wo er halb gleichgultig gegen lacherlichen Schein, halb mit errotender Ruhmliebe fur Geld, gute Worte und sanfte Augen es sich von der Schaferin erbat, dass dem Schimmel so lange denn er verstand nichts von Ross-Diatetik Heu vorgesetzet wurde, bis etwan die Feinde sich eine Stunde voraus und ihn mathematisch gewiss gemacht hatten, dass sie nicht zu ereilen waren, gesetzt auch, sie futterten zwei Stunden.
So neu-selig und erloset setzt' er sich hinter das Haus unter eine schwarzgrune Linde in den frischen Schatten-Winter und tauchte sein Auge still in den Glanz der grunen Berge, in die Nacht des tiefens Athers und in den Schnee der Silberwolkchen. Darauf stieg er nach seiner alten Weise uber die Gartenmauer der Zukunft und schauete in sein Paradies hinein: welche volle rote Blumen und welches weisse Blutengestober fullte den Garten!
Endlich nach einer und der andern Himmelfahrt machte er drei Streckverse, einen uber den Tod, einen uber einen Kinderball und einen uber eine Sonnenblume und Nachtviole. Kaum wollte er, da das Pferd Heu genug hatte, von der kuhlen Linde fort; er entschloss sich, heute nicht weiter zu reisen als nach dem sogenannten Wirtshaus zum Wirtshaus, eine kleine Meile von der Stadt. Indes eben in diesem Wirtshaus hatten alle seine Feinde um 1 Uhr halt und Mittag gemacht; und sein Bruder war dageblieben, um ihn zu erwarten, weil er wusste, dass die Landstrasse und der Schimmel und Bruder durch den Hof liefen. Vult musste lange passen und seine Gedanken uber die nachsten Gegenstande haben, z.B. uber den Wirt, einen Herrnhuter, der auf sein Schild nichts weiter malen lassen als wieder ein Wirtshausschild mit einem ahnlichen Schild, auf dem wieder das gleiche stand; es ist das die jetzige Philosophie des Witzes, die, wenn der ahnliche Witz der Philosophie das Ich-Subjekt zum Objekt und umgekehrt macht, ebenso dessen Ideen sub-objektiv widerscheinen lasset; z.B. ich bin tiefsinnig und schwer, wenn ich sage: Ich rezensiere die Rezension einer Rezension vom Rezensieren des Rezensierens, oder ich reflektiere auf das Reflektieren auf die Reflexion einer Reflexion uber eine Burste. Lauter schwere Satze von einem Widerschein ins Unendliche und einer Tiefe, die wohl nicht jedermanns Gabe ist; ja vielleicht darf nur einer, der imstande ist, denselben Infinitiv, von welchem Zeitwort man will, im Genitiv mehrmals hintereinander zu schreiben, zu sich sagen: ich philosophiere.
Endlich um 6 Uhr horte Vult, der aus seiner Stube sah, den Wirt oben aus dem Dachfenster rufen: "He, Patron, scher' Er sich droben weg! Will Er ins Kukkucks Namen wegreiten?!" Das Wirtshaus stand auf einem Birken-Hugel. Gottwalt war seitwarts aus dem Wege an den herrnhutischen Gottesacker hinaufgeritten, aus welchem der Schimmel Schoten aus den Staketen zog, wahrend der Herr das dichterische Auge in den zierlichen Garten voll gesaeter Gartner irren liess. Wiewohl er den Kalkanten der groben Pedalstimme nicht durch die Birken sehen konnte: so zog er doch da den Menschen uberhaupt nach einer Grobheit feinstes Empfinden schwer verfolgt sogleich den rupfenden Russel aus dem Spaliere auf und gelangte bald mit den Schoten im nassen Gebisse vor der Stalltur an.
Er tat an den sehr ernst unter seiner Ture stehenden Wirt von fernen umsonst wollt' er gar vor ihn hinreiten barhaupt am Stalle die Frage, ob er hier mit seinem Gaul logieren konne.
Ein ganzer heller Sternenhimmel fuhr Vulten durch die Brust und brannte nach.
Auch der Wirt wurde sternig und sonnig; aber wie war' er sonst hatt' er hoflicher aus dem Dache gesprochen darauf gekommen, dass ein Passagier zu Pferde in dieser Nahe der Stadt und Ferne der Nacht ihn mit einem Stillager beehren werde. Als er wahrnahm, dass der Passagier ein besonderes Vieleck oder Dreieck mit dem rechten Beine uber dem Gaule absitzend beschrieb, und dass er die schweren, mit einem organisierten Sattel behangenen Schenkel ins Haus trug, ohne weiter nach dem Tiere oder Stalle zu sehen: so wusste der Schelm sehr gut, wen er vor sich habe; und lachte zwar nicht mit den Lippen, aber mit den Augen den Gast aus, ganz verwundert, dass dieser ihn fur ehrlich und es fur moglich hielt, er werde den Hafer, den er morgen in die Rechnung eintragen konnte, schon heute dem Schimmel vorsetzen.
"Nun geht", sagte Vult bildlich, der mit Herzklopfen die Treppe hinab dem Bruder entgegenging, "ein ganz neues Kapitel an." Unbildlich geschiehts ohnehin.
Nr. 13. Berliner Marmor mit glanzenden
Flecken
Ver- und Erkennung
Unten im Korrelationssaal und Simultanzimmer der Gaste forderte der Notar nach Art der Reise-Neulinge schnell einen Trunk, eine einmannige Stube und dergleichen Abendmahlzeit, damit der Wirt nicht denken sollte, er verzehre wenig. Der lustige Vult trat ein, tat mit Welt-Manier ganz vertraulich und freute sich sehr des gemeinschaftlichen Ubernachtens: "Wenn Ihr Schimmel zu haben ist", sagt' er, "so hab' ich Auftrag, ihn fur jemand zu einem Schiesspferd zu kaufen, denn ich glaube, dass er steht." "Es ist nicht der meinige", sagte Walt. "Er frisset aber brav", sagte der Wirt, der ihn bat, nachzufolgen in sein Zimmer. Als ers aufschloss, war die Abendwand nicht sowohl ganz zerstort denn sie lag ein Stockwerk tiefer unten in ziemlichen Stucken als wahrhaft verdoppelt denn die neue lag als Stein und Kalk unten darneben-. "Weiter", fugte der Herrnhuter seelenruhig bei, als der Gast ein wenig erstaunt mit dem grossen Auge durch das sieben Schritt breite Luftfenster durchfuhr, "weiter hab' ich im ganzen Hause nichts leer, und jetzt ists Sommer." "Gut", sagte Walt stark und suchte zu befehlen; "aber einen Besen!" Der Wirt lief demutig und gehorchend hinab. "Ist unser Wirt nicht ein wahrer Filou?" sagte Vult. "Im Grunde, mein Herr", versetzte jener freudig, "ist das fur mich schoner. Welcher herrliche lange Strom von Feldern und Dorfern, der hereinglanzt und das Auge tragt und zieht; und die Abendsonne und rote und den Mond hat man ganz vor sich, sogar im Bette die ganze Nacht!" Diese Einstimmung ins Geschick und ins Wirtshaus kam aber nicht bloss von seiner angebornen Milde, uberall nur die ubermalte, nicht die leere Seite der Menschen und des Lebens vorzudrehen, sondern auch von jener gottlichen Entzuckung und Berauschung her, womit besonders Dichter, die nie auf Reisen waren, einen von Traumen und Gegenden nachblitzenden Reisetag beschliessen; die prosaischen Felder des Lebens werden ihnen, wie in Italien die wirklichen, von poetischen Myrten umkranzt und die leeren Pappeln von Trauben erstiegen.
Vult lobte ihn wegen der Gemsenartigkeit, womit er, wie er sehe, von Gipfeln zu Gipfeln setze uber Abgrunde. "Der Mensch soll", versetzte Walt, "das Leben wie einen hitzigen Falken auf der Hand forttragen, ihn in den Ather auflassen und wieder herunterrufen konnen, wie es notig ist, so denk' ich." "Der Mars, der Saturn, der Mond und die Kometen ohne Zahl storen (antwortete Vult) unsere Erde bekanntlich sehr im Laufe; aber die Erdkugel in uns, sehr gut das Herz genannt, sollte beim Henker sich von keiner fremden laufenden Welt aus der Bahn bringen lassen, wenns nicht etwa eine solche tut wie die weise Pallas oder die reiche Ceres und die schone Venus, die als Hesper und als Luzifer die Erdbewohner schon mit dem lebendigen Merkur verbindet. Und erlauben Sie es, mein Herr, so werfen wir heute unsere Soupers zusammen, und ich speise mit hier vor der Bresche, wo das Mondsviertel in der Suppe schwimmen und die Abendrote den Braten ubergolden kann."
Walt sagte heiter ja. Auf Reisen macht man abends lieber romantische Bekanntschaften als morgens. Auch trachtete er, wie alle Junglinge, stark, viele zu machen, besonders vornehme, unter welche er den lustigen Kauz mit seinem grunen Reisehute rechnete, diesem Gegenhut eines Bischofs, der einen nur innen grunen und aussen schwarzen tragt.
Da kam der Wirt und der Besen, um den BauAbhub und Bodensatz uber die Stube hinauszufegen; in den linken Fingern hing ihm ein breiter, in Holz eingerahmter Schiefer. Er zeigte an, sie mussten ihre Namen darauf setzen, weil es hierzulande wie im Gothaischen ware, wo jeder Dorfwirt den Schiefer am Tage darauf mit den Namen aller derer, die nachts bei ihm logieret hatten, in die Stadt an die Behorde tragen musste.
"O man kennt euch Wirte", sagte Vult und fasste die ganze Tafel, "ihr seid wohl ebenso begierig darhinterher, was euer Gast fur ein Vogel ist, als irgendein regierender Hof in Deutschland, der gleich abends nach dem Tor- und Nachtzettel aller Einpassanten greift, weil er keinen bessern Index Autorum kennt als diesen."
Vult setzte mit einem angeketteten Schiefer-Stift auf den Schiefer mit Schiefer- so wie unser Fichtisches Ich zugleich Schreiber, Papier, Feder, Dinte, Buchstaben und Leser ist seinen Namen so: "Peter Gottwalt Harnisch, K. K. offner geschworner Notarius und Tabellio, geht nach Hasslau." Darauf nahm ihn Walt, um sich auch als Notarius selber zu verhoren und seinen Namen und Charakter zu Protokoll und zu Papier zu bringen.
Erstaunt sah er sich schon darauf und schauete den Grunhut an, dann den Wirt, welcher wartete, bis Vult den Schiefer nahm und dem Wirte mit den Worten gab: "Nachher, Freund! ce n'est qu'un petit tour que je joue a notre hote", sagt er mit so schneller Aussprache, dass Walt kein Wort verstand und daher erwiderte: "Oui." Aber durch seinen verwirrten Rauch schlugen die freudigsten Funken; alles verhiess, glaubte er, eines der schonsten Abenteuer; denn er war dermassen mit Erwartungen ganz romantischer Naturspiele des Schicksals, frappanter Meerwunder zu Lande ausgefullet, dass er es eben nicht uber sein Vermuten gefunden hatte bei aller Achtung eines Stubengelehrten und Schulzensohns fur hohere Stande , falls ihm etwa eine Furstentochter einmal ans Herz gefallen ware, oder der furstliche Hut ihres Hrn. Vaters auf den Kopf. Man weiss so wenig, wie die Menschen wachen, noch weniger, wie sie traumen, nicht ihre grosste Furcht, geschweige ihre grosste Hoffnung. Der Schiefer war ihm eine Kometenkarte, die ihm Gott weiss welchen neuen feurigen Bartstern ansagte, der durch seinen einformigen Lebenshimmel fahren wurde. "Hr. Wirt", sagte Vult freudig, dem seine beherrschende Rolle so wohl tat wie sein sanfter Bruder ohne Stolz, "servier' Er hier ein reiches Souper, und trag' Er uns ein paar Flaschen vom besten aufrichtigsten Kratzer auf, den er auf dem Lager halt."
Walten schlug er einen Spaziergang auf den benachbarten Herrnhuter Gottesacker vor, wahrend man fege. "Ich ziehe droben", fugt' er bei, "mein Flauto traverso heraus und blase ein wenig in die Abendsonne und uber die toten Herrnhuter hinuber; lieben Sie das Flauto?" "O wie sehr gut sind Sie gegen einen fremden Menschen!" antwortete Walt mit Augen voll Liebe; denn das Ganze des Flotenspielers verkundigte bei allem Mutwillen des Blicks und Mundes heimliche Treue, Liebe und Rechtlichkeit. "Wohl lieb' ich", fuhr er fort, "die Flote, den Zauberstab, der die innere Welt verwandelt, wenn er sie beruhrt, eine Wunschelrute, vor der die innere Tiefe aufgeht." "Die wahre Mondachse des innern Monds", sagte Vult. "Ach sie ist mir noch sonst teuer", sagte Walt und erzahlte nun, wie er durch sie oder an ihr einen geliebten Bruder verloren und welchen Schmerz er und die Eltern bisher getragen, da es ein kleinerer sei, einen Verwandten im Grabe zu haben, als in jeder frohen Stunde sich zu fragen: mit welcher dunklen, kalten mag jetzt der Fluchtling auf seinem Brett im Weltmeer ringen? "Da aber Ihr Hr. Bruder ein Mann von musikalischem Gewicht sein soll, so kann er ja ebensogut im Uberflusse schwimmen als im Weltmeer", sagte er selber.
"Ich meine", versetzte Walt, "sonst dachten wir so traurig, jetzt nicht mehr; und da war es kein Wunder, wenn man jede Flote fur ein Stummenglockchen hielt, das der in Nacht hinaus verlorne Bruder horen liess, weil er nicht zu uns reden konnte." Unwillkurlich fuhr Vult nach dessen Hand, gab sie ebenso schnell zuruck, sagte: "Genug! Mich ruhren hundert Sachen zu stark Himmel, die ganze Landschaft hangt ja voll Duft und Gold."
Aber nun vermochte sein entbranntes Herz keine halbe Stunde langer den Kuss des bruderlichen aufzuschieben; so sehr hatte die vertrauende unbefangene Bruderseele heute und gestern in seiner Brust, aus welcher die Winde der Reisen eine Liebes-Kohle nach der andern verweht hatten, ein neues Feuer der Bruderflammen angezundet, welche frei und hoch aufschlugen ohne das kleinste Hindernis. Stiller gingen jetzt beide im schonen Abend. Als sie den Gottesakker offneten, schwamm er flammig im Schmelz und Brand der Abendsonne. Hatte Vult zehn Meilen umher nach einem schonen Postamente fur eine Gruppezwillings-bruderlicher Erkennung gesucht, ein besseres hatt' er schwerlich aufgetrieben, als der Herrnhuter Totengarten war mit seinen flachen Beeten, worin Gartner aus Amerika, Asia und Barby gesaet waren, die sich alle aufeinander mit dem schonen Lebens-Endreim "heimgegangen" reimten. Wie schon war hier der Knochenbau des Todes in Jugend-Fleisch gekleidet und der letzte blasse Schlaf mit Bluten und Blattern zugedeckt! Um jedes stille Beet mit seinem Saat-Herzen lebten treue Baume, und die ganze lebendige Natur sah mit ihrem jungen Angesicht herein.
Vult, der jetzt noch ernster geworden, freuete sich, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach vor keinem Kenner zu blasen habe, weil seine Brust, solcher Erschutterungen ungewohnt, heute nicht genug Atem fur sein Spiel behielt. Er stellte sich weg vom Bruder, gegenuber der strahlenlosen Abendsonne, an einen Kirschbaum, aus welchem das Brust- und Halsgeschmeide eines bluhenden Jelangerjelieber wie eigne Blute hing; und blies statt der schwersten Floten-Passaden nur solche einfache Ariosos nebst einigen eingestreueten Echos ab, wovon er glauben durfte, dass sie ins unerzogne Ohr eines juristischen Kandidaten mit dem grossten Glanz und Freuden-Gefolge ziehen wurden.
Sie tatens auch. Immer langsamer ging Gottwalt, mit einem langen Kirschzweige in der Hand, zwischen der Morgen- und Abend-Gegend auf und nieder. Seliger als nie in seinem trocknen Leben war er, als er auf die liebaugelnde Rosen-Sonne losging und uber ein breites goldgrunes Land mit Turmspitzen in Obstwaldern und in das glatte weisse Mutterdorf der schlafenden stummen Kolonisten im Garten hineinsah, und wenn dann die Zephyre der Melodien die duftige Landschaft wehend aufzublattern und zu bewegen schienen. Kehrt' er sich um, mit gefarbtem Blick, nach dem Osthimmel und sah die Ebene voll gruner auf- und ablaufender Hugel wie Landhauser und Rotunden stehen und den Schwung der Laubholzwalder auf den fernen Bergen und den Himmel in ihre Windungen eingesenkt: so lagen und spielten die Tone wieder druben auf den roten Hohen und zuckten in den vergoldeten Vogeln, die wie Aurorens Flocken umherschwammen, und weckten an einer dustern schlafenden Morgenwolke die lebendigen Blicke aufgehender Blitze auf. Vom Gewitter wandt' er sich wieder gegen das vielfarbige Sonnenland ein Wehen von Osten trug die Tone schwamm mit ihnen an die Sonne auf den bluhenden Abendwolken sang das kleine Echo, das liebliche Kind, die Spiele leise nach. Die Lieder der Lerchen flogen gaukelnd dazwischen und storten nichts.
Jetzt brannte und zitterte in zartem Umriss eine Obstallee durchsichtig und riesenhaft in der Abendglut schwer und schlummernd schwamm die Sonne auf ihrem Meer- es zog sie hinunter ihr goldner Heiligenschein gluhte fort im leeren Blau und die Echotone schwebten und starben auf dem Glanz: Da kehrte sich jetzt Vult, mit der Flote am Munde, nach dem Bruder um und sah es, wie er hinter ihm stand, von den Scharlachflugeln der Abendrote und der geruhrten Entzuckung uberdeckt und mit blodem stillen Weinen im blauen Auge. Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben. Auch dem Flotenspieler quoll jetzt die Brust voll von ungestumer Liebe. Walt schrieb sie bloss den Tonen zu, ruckte aber wild und voll lauterer Liebe die schopferische Hand. Vult sah ihn scharf an, wie fragend. "Auch an meinen Bruder denk' ich", sagte Walt; "und wie sollt' ich mich jetzt nicht nach ihm sehnen?"
Nun warf Vult kopfschuttelnd die Flote weg ergriff ihn hielt ihn von sich, da er ihn umarmen wollte sah ihm brennend ins fromme Gesicht und sagte: "Gottwalt, kennst du mich nicht mehr? Ich bin ja der Bruder." "Du? O schoner Himmel! Und du bist mein Bruder Vult?" schrie Walt und sturzte an ihn. Sie weinten lange. Es donnerte sanft im Morgen. "Hore unsern guten Allgutigen!" sagte Walt. Der Bruder antwortete nichts. Ohne weitere Worte gingen beide langsam Hand in Hand aus dem Gottesacker.
Nr. 14. Modell eines Hebammenstuhls
Projekt der Athermuhle der Zauberabend
Fur zwei luftige Komodianten, die den Orest und Pylades sich einander abhoren, musste jeder beide halten, der ihnen aus dem Wirtshaus nachsah, wie sie unten in einer abgemahten Wiese sich in Lauf-Zirkeln umtrieben, mit langen Zweigen in der Hand, um ihre Vergangenheiten gegeneinander auszutauschen. Aber der Tausch war zu schwer. Der Flotenspieler versicherte, sein Reiseroman so kunstlich gespielt auf dem breiten Europa so niedlich durchflochten mit den seltensten confessions stets von neuem gehoben durch die Windlade und Hebemaschine der Flute de travers ware zwar fur die Magdeburger Zenturiatoren, wenn sie ihm nachschreibend nachgezogen waren, ein Stoff und Fund gewesen, aber nicht fur ihn jetzt, der dem Bruder andere Sachen zu sagen habe, besonders zu fragen, besonders uber dessen Leben. Etwas von dieser Kurze mocht' ihm auch der Gedanke diktieren, dass in seiner Geschichte Kapitel vorkamen, welche die herzliche Zuneigung, womit der unschuldige, ihn freudig beschauende Jungling seine erwiderte, in einem so weltunerfahrnen reinen Gemute eben nicht vermehren konnten; er merkte an sich da man auf Reisen unverschamt ist , er sei fast zu Hause.
Walts Lebens-Roman hingegen ware schnell in einen Universitatsroman zusammengeschrumpft, den er zu Hause auf dem Sessel spielte durch Lesen der Romane, und seine Acta eruditorum in den Gang eingelaufen, den er in den Horsaal machte und zuruck in sein viertes Stockwerk wenn nicht das van der Kabelsche Testament gewesen ware; aber durch dieses hob sich der Notar mit seiner Geschichte.
Er wollte den Bruder mit den Notizen davon uberraschen; aber dieser versicherte, er wisse schon alles, sei gestern beim Examen gewesen und unter dem Zanke auf dem Pelzapfelbaum gesessen.
Der Notar gluhte schamrot, dass Vult seinen ZornKaskatellen und seinen Versen zugehorcht; er sei wohl, fragt' er verwirrt' schon mit dem Hrn. van der Harnisch angekommen, der mit dem Kandidaten von ihm gesprochen. "Jawohl", sagte Vult, "denn ich bin jener Edelmann selber." Walt musste fortstaunen und fortfragen, wer ihm denn den Adel gegeben. "Ich an Kaisers-Statt", versetzte dieser, "gleichsam so als augenblicklicher sachsischer Reichsvikarius des guten Kaisers; es ist freilich nur Vikariats-Adel." Walt schuttelte moralisch den Kopf. "Und nicht einmal der", sagte Vult, "sondern etwas ganz Erlaubtes nach Wiarda6, welcher sagt, man konne ohne Bedenken ein 'von' entweder vor den Ort oder auch vor den Vater setzen, von welchem man komme; ich konnte mich nach ihm ebensogut Herr von Elterlein umtaufen als Herr von Harnisch. Nennt mich einer gnadiger Herr, so weiss ich schon, dass ich einen Wiener hore, der jeden burgerlichen Gentlemen so anspricht, und lass' ihm gern seine so unschuldige Sitte."
"Aber du konntest es gestern aushalten", sagte Walt, "die Eltern zu sehen und den Jammer der Mutter unter dem Essen uber dein Schicksal zu horen, ohne herab und hinein an die besorgten Herzen zu sturzen?"
"So lange sass ich nicht auf dem Baume Walt", sagt' er, plotzlich vor ihn vorspringend "Sieh mich an! Wie Leute gewohnlich sonst aus ihren Not- und Ehrenzugen durch Europa heimkommen, besonders wie morsch, wie zerschabt, wie zerschossen gleich Fahnen, braucht dir wohl niemand bei deiner ausgedehnten Lekture lange zu sagen; ob es gleich sehr erlautert wurde, wenn man dir dazu einen Fahnentrager dieser Art dir unbekannt, aber aus einem altgraflichen Hause geburtig und dessen Ahnenbildersaal mit sich als Hogarths Schwanzstuck und Finalstock beschliessend wenn man dir jenen Grafen vorhalten konnte, der eben jetzt vollends in London versiert und einst nie mehr Arbeit vor sich finden wird, als wenn er von den Toten auferstehen will und sich seine Glieder, wie ein Fruhstuck in Paris, in der halben alten Welt zusammenklauben muss, die Wirbelhaare auf den Strassendammen nach Wien die Stimme in den Konservatorien zu Rom seine erste Nase in Neapel, wo sich mehrere Statuen mit zweiten erganzen seine anus cerebri (diese Gedachtnis-Sitze nach Hoboken) und seine Zirbeldruse und mehrere Sachen in der Propaganda des Todes mehr als des Lebens Kurz der Tropf (er hat mir den Redefaden verworren) findet nichts auf dem Kirchhof neben sich als das, worein er jetzt wie andere Leichen auf dem St. Innozenz-Kirchhof in Paris, ganz verwandelt ist das Fett. Nun aber beschau mich und die Junglingsrosen das Mannermark die Reisebraune die Augenflammen das volle Leben: was fehlt mir? Was dir fehlet etwas zu leben. Notar, ich bin nicht sehr bei Geld."
"Desto besser", versetzte Walt so gleichgultig, als kenn' er das Schopfrad aller Virtuosen ganz gut, das sich immer zu fullen und zu leeren, eigentlich aber nur durch beides umzuschwingen sucht, "ich habe auch nichts, doch haben wir beide die Erbschaft"... Er wollte noch etwas Freigebiges sagen, aber Vult unterfuhr ihn: "Ich wollte vorhin nur andeuten, Freund, dass ich mithin in Ewigkeit nie mich in verlorner Sohnes-Gestalt vor die Mutter stelle und vollends vor den Vater! Freilich, konnt' ich mit einer langen Stange von Gold in die Hausture einschreiten! Bei Gott, ich wollte sie oft beschenken ich nahm einmal absichtlich Extrapost, um ihnen eine erkleckliche Spiel-Summe (nicht auf der Flote, sondern auf der Karte erspielt) zugleich mit meiner Person schneller zu uberreichen; leider aber zehr' ichs gerade durch die Schnelle selber auf und muss auf halbem Weg leer umwenden. Glaub es mir, guter Bruder, ob ichs gleich sage. Sooft ich auch nachher ging und flotete, das Geld ging auch floten."
"Immer das Geld!" sagte Walt, "die Eltern geht nur ihr Kind, nicht dessen Gaben an; konntest du so scheiden und zumal die liebe Mutter in der langen nagenden Sorge lassen, woraus du mich erloset?" "Gut!" sagt' er. "So mog' ihnen denn durch irgendeinen glaubwurdigen Mann aus Amsterdam oder Haag, etwan durch einen Hrn. van der Harnisch, geschrieben werden, ihr schatzbarer Sohn, den er personlich kenne und schatze, emergiere mehr, habe jetzt Mittel und vor tausenden das Pra und lange kunftig an, so wie jetzt aus. Ach was! Ich konnte selber nach Elterlein hinausreiten, Vults Geschichte erzahlen und beschworen und falsche Briefe von ihm an mich vorzeigen die noch dazu wahre waren , namlich dem Vater; die Mutter, glaub' ich, erriete mich, oder sie bewegte mich, denn ich liebe sie wohl kindlich! Scheiden, sagtest du? Ich bleibe ja bei dir, Bruder!"
Das uberfiel den Notarius wie eine versteckte Musik, die an einem Geburtstage herausbricht. Er konnte nicht aufhoren, zu jubeln und zu loben. Vult aber eroffnete, warum er dableibe, namlich erstlich und hauptsachlich, um ihm als einem arglosen Singvogel, der besser oben fliegen als unten scharren konne, unter dem adeligen Inkognito gegen die sieben Spitzbuben beizustehen; denn, wie gesagt, er glaube nicht sonderlich an dessen Sieg.
"Du bist freilich", versetzte Walt betroffen, "ein gereiseter Weltmann, und ich hatte zu wenig gelesen und gesehen, wollt' ich das nicht merken; aber ich hoffe doch, dass ich, wenn ich mir immer meine Eltern vorhalte, wie sie so lange angekettet auf dem dunstigen Ruderschiffe der Schulden ein bitteres Leben befahren, und wenn ich alle meine Krafte zur Erfullung der Testaments-Bedingungen zusammennehme, ich hoffe wohl, dass ich dann die Stunde erzwinge, wo ihnen die Ketten entzweigeschlagen und sie auf ein grunes Ufer einer Zuckerinsel ausgeschifft sind und wir uns alle frei unter dem Himmel umarmen. Ja ich hatte bisher gerade die umgekehrte Sorge fur die armen Erben selber, an deren Stelle ich mich dachte, wenn ich sie um alles brachte; und nur die Betrachtung machte mich ruhig, dass sie doch die Erbschaft, schlug' ich sie auch aus, nicht bekamen und dass ja meine Eltern weit armer sind und mir naher." "Der zweite Grund", versetzte Vult, "warum ich in Hasslau verbleibe, hat mit dem ersten nichts zu tun, sondern alles bloss mit meiner gottlichen Windmuhle, die der blaue Ather treibt, und auf welcher wir beide Brot du erbst indes immer fort , soviel wir brauchen, mahlen konnen. Ich weiss nicht, ob es sonst nicht noch fur uns beide etwas so Angenehmes oder Nutzliches gibt als eben die Athermuhle, die ich projektieren will; die Frisiermuhlen der Tuchscherer, die Bandmuhlen der Berner, die Molae asinariae oder Eselsmuhlen der Romer kommen nicht in Betracht gegen meine."
Walt war in grosster Spannung und bat sehr darum. "Droben bei einem Glas Kratzer", versetzte Vult. Sie eilten den Hugel auf zum Wirtshaus. Drinnen taten sich schon an einem Tische, der die Marschalls-, Pagen- und Lakaientafel war, schnelle Fresszangen auf und zu. Der Wein wurde auf einen Stuhl gesetzt ins Freie. Das weisse Tischtuch ihres verschobenen Soupers glanzte schon aus der wandlosen Stube herab. Vult fing damit an, dass er dem Modelle der kunftigen Athermuhle das Lob von Walts gestrigen Streckversen vorausschickte dass er sein Erstaunen bezeugte, wie Walt, bei sonstigem Uberwallen im Leben, doch jene Ruhe im Dichten habe, durch welche ein Dichter es dem Wasserrennen der Bayerinnen gleichtut, welche mit einem Scheffel Wasser oder Hippokrene auf dem Kopfe unter der Bedingung wettlaufen, nichts zu verschutten, und dass er fragte, wie er als Jurist zu dieser poetischen Ausbildung gekommen.
Der Notarius trank mit Geschmack den Kratzer und sagte, zweifelnd vor Freude: wenn wurklich etwas Poetisches an ihm ware, auch nur der Flaum einer Dichterschwinge, so kame es freilich von seinem ewigen Bestreben in Leipzig her, in allen vom Jus freigelassenen Stunden an gar nichts zu hangen, an gar nichts aufzuklettern als am hohen Olymp der Musen, dem Gottersitze des Herzens, wiewohl ihm noch niemand recht gegeben als Goldine und der Kandidat; "aber, guter Vult, scherze hier nicht mit mir. Die Mutter nannte dich schon fruh den Spasser. Ist dein Urteil Ernst?" "Ich will hier den Hals brechen, Tabellio", versetzte Vult, "bewunder' ich nicht dich und deine Verse aus voller Kunstseele. Hor erst weiter!"
"Ach warum werd ich denn so uberglucklich? (unterbrach ihn Walt und trank). Gestern find' ich den Plato, heute dich, gerade zwei Nummern nach meinem Aberglauben. Du hortest gestern alle Verse?" Mitten unter dem heftigen Auf- und Abschreiten suchte er immer das Wirtskind, das im Hofe unter der Baute von Kartoffeln-Samenkapseln furchtsam aufguckte, jedesmal sehr anzulacheln, damit es nicht erschrake.
Vult fing, ohne ihm zu antworten, sein MuhlenModell folgendermassen vorzulegen an, sehr unbesorgt, wie jeder Reisende, uber ein zufalliges funftes Ohr:
"Andachtiger Mitbruder und Zwilling! Es gibt Deutsche. Fur sie schreiben dergleichen. Jene fassen es nicht ganz, sondern rezensieren es, besonders exzellenten Spass. Sie wollen der poetischen Schonheitslinie ein Linienblatt unterlegen; dabei soll der Autor noch nebenher ein Amt haben, was aber so schlimm ist, als wenn eine Schwangere die Pocken zugleich hat. Die Kunst sei ihr Weg und Ziel zugleich. Durch den judischen Tempel durfte man nach Lightfoot nicht gehen, um bloss nach einem andern Orte zu gelangen; so ist auch ein blosser Durchgang durch den Musentempel verboten. Man darf nicht den Parnass passieren, um in ein fettes Tal zu laufen. Verdammt! Lass mich anders anfangen! zanke nicht! Trinke! Jetzt:
Walt!
Ich habe namlich auf meinen Flotenreisen ein satirisches Werk in den Druck gegeben als Manuskript, die gronlandischen Prozesse in zwei Banden anno 1783 bei Voss und Sohn in Berlin. ('Ich erstaune ganz', sagte Walt verehrend.) Ich wurde dich inzwischen ohne Grund mit Lugen besetzen, wenn ich dir verkundigen wollte, die Bekanntmachung dieser Bande hatte etwan mich oder die Sachen selber im geringsten bekanntgemacht. Nimmt man sechs oder sieben Schergen, zugleich Schacher und Schachter, aus und hier fallen zwei auf die Allgem. deutsche Bibliothek, die also wohl einer sind , so hat leider keine Seele die Scripta getadelt und gekannt. Es ist hier wegen deiner Ungeduld nach der versprochenen Athermuhle wohl nicht der Ort, es glucklich auseinanderzusetzen warum; habe genug, wenn ich dir schwore, dass die Rezensenten Sunder sind, aber arme, echte Gurkenmaler, die sich daher Gurken herausnehmen, Grenzgotter ohne Arme und Beine auf den Grenzhugeln der Wissenschaften, und dass wir alle hinauf und hinab florieren wurden, gab' es nur so viele gute Kunstrichter als Zeitungen, fur jede einen, so wie es wirklich so viele meisterhafte Schauspieler gibt als eine in die andere ubergerechnet Truppen.
Es ist eine der verwunschtesten Sachen. Oft rezensiert die Jugend das Alter, noch ofter das Alter die Jugend, eine Rektors-Schlafhaube kampfet gegen eine Junglings-Sturmhaube
Wie Kochbucher arbeiten sie fur den Geschmack, ohne ihn zu haben
Solchen Sekanten, Kosekanten, Tangenten, Kotangenten kommt alles exzentrisch vor, besonders das Zentrum; der Kurzsichtige findet nach Lambert7den Kometenschwanz viel langer als der Weitsichtige
Sie wollen den Schiffskiel des Autors lenken, namlich den ordentlichen Schreib-Kiel, sie wollen den Autor mit ihrem Richterstabe, wie Minerva mit ihrem Zauberstabe den Ulysses, in einen Bettler und Greis verkehren
Sie wollen die erbarmlichsten Dinge bei Gott (Des Notars Gesicht zog sich dabei ins lange, weil er wie jeder, der nur gelehrte Zeitungen halt, aber nicht macht und kennt, von einer gewissen Achtung fur sie, vielleicht gar einer hoffenden, nicht frei war.) Indes jeder Mensch fuhr jener fort sei billig; denn ich darf nicht ubersehen, dass es mit Buchern ist wie mit Pokelfleisch, von welchem Huxham dartat, dass es zwar durch massiges Salz sich lange halte, aber auch durch zu vieles sogleich faule und stinke Notarius, ich machte das Buch zu gut, mithin zu schlecht."
"Du wimmelst von Einfallen (versetzte Walt); scherzhaft zu reden, hast du so viele Windungen und Kopfe wie die lernaische Schlange."
"Ich bin nicht ohne Witz", erwiderte Vult in vergeblicher Absicht, dass der Bruder lache, "aber du reissest mich aus dem Zusammenhang. Was kann ich nun dabei machen? Ich allein nichts; aber mit dir viel, namlich ein Werk; ein Paar Zwillinge mussen, als ihr eigenes Widerspiel, zusammen einen Einling, ein Buch zeugen, einen trefflichen Doppel-Roman. Ich lache darin, du weinst dabei oder fliegst doch du bist der Evangelist, ich das Vieh darhinter jeder hebt den andern alle Parteien werden befriedigt, Mann und Weib, Hof und Haus, ich und du. Wirt, mehr Kratzer, aber aufrichtigen! Und was sagst du nun zu diesem Projekt und Muhlengang wodurch wir beide herrlich den Mahlgasten Himmelsbrot verschaffen konnen, und uns Erdenbrot, was sagst du zu dieser Musenross-Muhle?" Aber der Notar konnte nichts sagen, er fuhr bloss mit einer Umhalsung an den Projektmacher. Nichts erschuttert den Menschen mehr zumal den belesenen als der erste Gedanke seines Drucks. Alte tiefe Wunsche der Brust standen auf einmal aufgewachsen in Walten da und bluhten voll; wie in einem sudlichen Klima fuhr in ihm jedes nordische Strauchwerk zum Palmenhain auf; er sah sich bereichert und beruhmt und wochenlang auf dem poetischen Geburtsstuhl. Er zweifelte in der Entzukkung an nichts als an der Moglichkeit und fragte, wie zwei Menschen schreiben konnten, und woher ein romantischer Plan zu nehmen sei.
"Geschichten, Walt, hab' ich auf meinen Reisen an 1001 erlebt, nicht einmal gehort; diese werden samtlich genommen, sehr gut verschnitten und verkleidet. Wie Zwillinge in ein Dintenfass tunken? Beaumont und Fletcher, sich hundsfremd, nahten an einem gemeinschaftlichen Schneider-Tische Schauspiele, nach deren Naht und Suturen noch bis heute die Kritiker fuhlen und tasten. Bei den spanischen Dichtern hatte oft ein Kind an neun Vater, namlich eine Komodie, namlich Autoren. Und im ersten Buch Mosis kannst du es am allerbesten lesen, wenn du den Professor Eichhorn dazu liesest, der allein in der Sundflut drei Autoren annimmt, ausser dem vierten im Himmel. Es gibt in jedem epischen Werke Kapitel, woruber der Mensch lachen muss, Ausschweifungen, die das Leben der Helden unterbrechen; diese kann, denk' ich, der Bruder machen und liefern, der die Flote blaset. Freilich Paritat, wie in Reichsstadten, muss sein, die eine Partei muss so viele Zensoren, Buttel, Nachtwachter haben als die andere. Geschieht nun das mit Verstand, so mag wohl ein Werk zu hecken sein, ein Ledas-Ei, das sich sogar vom Wolfischen Homer unterscheidet, an dem so viele Homeriden schrieben und vielleicht Homer selber."
"Genug, genug", rief Walt. "Betrachte lieber den himmlischen Abend um uns her!" In der Tat bluhten Lust und Lebens-Lob in allen Augen. Mehrere Gaste, die schon abgegessen, tranken ihren Krug im Freien, alle Stande standen untereinander, die Autoren mitten im tiers-etat. Die Fledermause schossen als Tropikvogel eines schonen Morgens um die Kopfe. An einer Rosenstaude krochen die Funken der Johanniswurmlein. Die fernen Dorfglocken riefen wie schone verhallende Zeiten heruber und ins dunkle Hirtengeschrei auf den Feldern hinein. Man brauchte so spat auf allen Wegen, nicht einmal in dem Geholze, Lichter, und man konnte bei dem Schein der Abendrote die hellen Kopfe deutlich durch das hohe Getreide waten sehen. Die Dammerung lagerte sich weit und breit nach Westen hinein, mit der scharfen Mond-Krone von Silber auf dem Kopfe; nur hinter dem Hause schlich sich, aber ungesehen, die grosse hohle Nacht aus Osten heran. In Mitternacht glomm es leise wie Apfelblute an, und liebliche Blitze aus Morgen spielten heruber in das junge Rot. Die nahen Birken dufteten zu den Brudern hinab, die Heu-Berge unten dufteten hinauf. Mancher Stern half sich heraus in die Dammerung und wurde eine Flug-Maschine der Seele.
Vult vergabs dem Notar, dass er kaum zu bleiben wusste. Er hatte so viele Dinge und unter ihnen den Kratzer im Kopfe; denn in diesem entsetzlichen Weine, wahrem Weinbergs-Unkraut fur Vult, hatte sich der arme Teufel dem Wein so hoch klang wie Ather immer tiefer in seine Jahre zuruckgetrunken, ins 20te, 18te und letzlich ins 15te.
Auf Reisen trifft man Leute an, die darauf zuruckschwimmen ins erste Jahr, bis an die Quelle. Vormittags predigen es die Abte in ihren Visitationspredigten: werdet wie die Kinder! Und abends werden sie es samt dem Kloster, und beide lallen kindlich.
"Warum siehst du mich so an, geliebter Vult?" sagte Walt. "Ich denke an die vergangenen Zeiten", versetzte jener, "wo wir uns so oft geprugelt haben; wie Familienstucke hangen die Bataillenstucke in meiner Brust ich argerte mich damals, dass ich starker und zorniger war und du mich doch durch deine elastische wutige Schnelle aller Glieder haufig unterbekamst. Die unschuldigen Kinderfreuden kommen nie wieder, Walt!"
Aber der Notar horte und sah nichts als Apollos flammenden Sonnenwagen in sich rollen, worauf schon die Gestalten seines kunftigen Doppelromans kolossalisch standen und kamen; unwillkurlich macht' er grosse Stucke vom Buche fertig und konnte sie dem verwunderten Bruder zuwerfen. Dieser wollte endlich davon aufhoren, aber der Notar drang noch auf den Titel ihres Buchs. Vult schlug Flegeljahre vor; der Notar sagte offen heraus, wie ihm ein Titel widerstehe, der teils so auffallend sei, teils so wild. "Gut, so mag denn die Duplizitat der Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden, wie es auch ein neuerer beliebter Autor tut, etwan: Hoppelpoppel oder das Herz." Bei diesem Titel musste es bleiben.
Beide mengten sich wieder in die Gegenwart ein.
Der Notar nahm ein Glas und drehte sich von der Gesellschaft ab und sagte mit tropfenden Augen zu Vult: "Auf das Gluck unserer Eltern und auch der armen Goldine! Sie sitzen jetzt gewiss ohne Licht in der Stube und reden von uns." Hierauf zog der Floten ist sein Instrument hervor und blies der Gesellschaft einige gemeine Schleifer vor. Der lange Wirt tanzte darnach langsam und zerrend mit dem schlafrigen Knaben; manche Gaste regten den Takt-Schenkel; der Notarius weinte dazu selig und sah ins Abendrot. "Ich mochte wohl", sagt' er dem Bruder ins Ohr, "die armen Fuhrleute samtlich in Bier freihalten." "Wahrscheinlich", sagte Vult, "wurfen sie sich dann aus point d'honneur den Hugel hinunter. Himmel! sie sind ja Krosi gegen uns und sehen herab." Vult liess den Wirt plotzlich, statt zu tanzen, servieren; so ungern der Notarius in seine Entzuckung hinein essen und kauen wollte.
"Ich denke roher", sagte Vult, "ich respektiere alles, was zum Magen gehort, diese Montgolfiere des Menschen-Zentaurs; der Realismus ist der Sancho Pansa des Idealismus. Aber oft geh' ich weit und mache in mir edle Seelen, z.B. weibliche, zum Teil lacherlich, indem ich sie essen und als Selbst-Futterbanke ihre untern Kinnbacken so bewegen lasse, dass sie dem Tier vorschneiden."
Walt unterdruckte sein Missfallen an der Rede. Begluckt assen sie oben vor der ausgebrochenen Wand; die Abendrote war das Tafellicht. Auf einmal rauschte mit verlornem Donnern eine frische Fruhlingswolke auf Laub und Graser herunter, der helle goldne Abendsaum blickte durch die herabtropfende Nacht, die Natur wurde eine einzige Blume und duftete herein, und die erquickte gebadete Nachtigall zog wie einen langen Strahl einen heissen langen Schlag durch die kuhle Luft. "Vermissest du jetzt sonderlich", fragte Vult, "die Parkbaume, den Paruckenbaum, den Gerberbaum oder hier oben die Bedienten, die Servicen, den Goldteller mit seinem Spiegel, damit darauf die Portion mit falschen Farben schwimme?" "Wahrlich nicht", sagte Walt; "sieh, die schonsten Edelsteine setzt die Natur auf den Ring unseres Bundes" und meinte die Blitze. Die Luftschlosser seiner Zukunft waren golden erleuchtet. Er wollte wieder vom Doppelromane und dem Stoff dazu anfangen und sagte, er habe hinter der Schaferei heute drei hineinpassende Streckverse gemacht. Aber der Flotenist, einer und derselben Materie bald uberdrussig und nach Ruhrungen ordentlich des Spasses bedurftig, fragte ihn: warum er zu Pferde gegangen? "Ich und der Vater", sagte Walt ernst, "dachten, eh wir von der Erbschaft wussten, ich wurde dadurch der Stadt und den Kunden bekannter, weil man unter dem Tore, wie du weisst, nur die Reiter ins Intelligenzblatt setzt." Da brachte der Flotenist wieder den alten Reiterscherz auf die Bahn und sagte: der Schimmel gehe, wie nach Winkelmann die grossen Griechen, stets langsam und gesetzt er habe nicht den Fehler der Uhren, die immer schneller gehen, je alter sie werden ja vielleicht sei er nicht alter als Walt, wiewohl ein Pferd stets etwas junger sein sollte als der Reiter, so wie die Frau junger als der Mann ein schones romisches Sta Viator, Steh, Wegmachender! bleibe der Gaul fur den, so darauf sitze....
"O lieber Bruder", sagte Walt sanft, aber mit der Rote der Empfindlichkeit und Vults Laune noch wenig fassend und belachend, "zieh mich damit nicht mehr auf, was kann ich dafur?"
"Nu, nu, warmer Aschgraukopf", sagte Vult und fuhr mit der Hand uber den Tisch und unter alle seine weiche Locken, streichelnd Haar und Stirn, "lies mir denn deine drei Polymeter vor, die du hinter der Schaferei gelammet."
Er las folgende:
Das offne Auge des Toten
Blick mich nicht an, kaltes, starres, blindes Auge, du bist ein Toter, ja der Tod. O drucket das Auge zu, ihr Freunde, dann ist es nur Schlummer. "Warst du so trube gestimmt an einem so schonen Tage?" fragte Vult. "Selig war ich wie jetzt", sagte Walt. Da druckte ihm Vult die Hand und sagte bedeutend: "Dann gefallts mir, das ist der Dichter. Weiter!"
Der Kinderball
Wie lachelt, wie hupfet ihr, blumige Genien, kaum von der Wolke gestiegen! Der Kunst-Tanz und der Wahn schleppt euch nicht, und ihr hupfet uber die Regel hinweg. Wie, es tritt die Zeit herein und beruhrt sie? Grosse Manner und Frauen stehen da? Der kleine Tanz ist erstarrt, sie heben sich zum Gang und schauen einander ernst ins schwere Gesicht? Nein, nein, spielet ihr Kinder, gaukelt nur fort in eurem Traum, es war nur einer von mir.
Die Sonnenblume und die Nachtviole
Am Tage sprach die volle Sonnenblume: "Apollo strahlt, und ich breite mich aus, er wandelt uber die Welt, und ich folge ihm nach." In der Nacht sagte die Viole: "Niedrig steh' ich und verborgen und bluhe in kurzer Nacht; zuweilen schimmert Phobus' milde Schwester auf mich, da werd' ich gesehen und gebrochen und sterbe an der Brust."
"Die Nachtviole bleibe die letzte Blume im heutigen Kranz!" sagte Vult geruhrt, weil die Kunst geradeso leicht mit ihm spielen konnte als er mit der Natur, und er schied mit einer Umarmung. In Walts Nacht wurden lange Violenbeete gesaet an das der erquickten Landschaft heran und die hellen Morgentone der Lerche sooft er das Auge auftat, fiel es in den blauen vollgestirnten Westen, an welchem die spaten Sternbilder nacheinander hinunterzogen als Vorlaufer des schonen Morgens.
Nr. 15. Riesenmuschel
Die Stadt chambre garnie
Walt stand mit einem Kopfe voll Morgenrot auf und suchte den bruderlichen, als er seinen Vater, der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht, mit weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah. Er hielt ihn an. Er musste lange gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene Mauer herunter verteidigen. Darauf bat er den muden Vater, zu reiten, indes er zu Fusse neben ihm laufe. Lukas nahm es ohne Dank an. Sehnsuchtig nach dem Bruder, der sich nicht zeigen durfte, verliess Walt die Buhne eines so holden Spielabends.
Auf dem waagrechten Wege, der keinen Wassertropfen rollen liess, bewegte sich das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne, dem der Vater von der Sattel-Kanzel unzahlige Rechts- und Lebensregeln herabwarf. Was konnte Gottwalt horen? Er sah nur in und ausser sich glanzende Morgenwiesen des Jugendlebens, ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussee, ferner die dunklen Blumengarten der Liebe, den hohen hellen Musenberg und endlich die Turme und Rauchsaulen der ausgebreiteten Stadt. Jetzt sass der Vater mit dem Befehle an den Notarius ab, durchs Tor zum Fleischer zu reiten, in sein Logis, und um 10 Uhr in den weichen Krebs zu gehen, wo man auf ihn warten wolle, um mit ihm gehorig vor dem Magistrate zu erscheinen.
Walt sass auf und flog wie ein Cherub durch den Himmel. Die Zeit war so anmutig; an den Hauserreihen glanzte weisser Tag, in den grunen tauigen Garten bunter Morgen, selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheissen, weil es seinem Stalle nahe und aus dem herrnhutischen hungrig kam. Der Notarius sang laut im Fluge des Schimmels. Im ganzen Furstentum stand kein Ich auf einem so hohen Gehirnhugel als sein eigenes, welches daran herab wie von einem Atna in ein so weites Leben voll morganischer Feen hineinsah, dass die blitzenden Saulen, die umgekehrten Stadte und Schiffe den ganzen Tag hangenblieben in der Spiegelluft.
Unter dem Tore befragte man ihn, woher? "Von Hasslau", versetzte er entzuckt, bis er den lacherlichen Irrtum eilig umbesserte und sagte: "Nach Hasslau." Das Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die bevolkerten Gassen an den Stall, wo er mit Dank und in Eile abstieg, um sofort seine "chambre garnie" zu beziehen. Auf den hellen Gassen voll Feldgeschrei, gleichsam Kompaniegassen eines Lustlagers, sah ers gern, dass er seinen Hausherrn, den Hofagent Neupeter, kaum finden konnte. Er gewann damit die Zeit, die verschuttete Gottes-Stadt der Kindheit auszuscharren und den Schutt wegzufahren, so dass zuletzt vollig dieselben Gassen ans Sonnenlicht kamen, ebenso prachtig, so breit und voll Palaste und Damen, wie die waren, durch welche er einmal als Kind gegangen. Ganz wie zum ersten Male fasste ihn die Pracht des ewigen Getoses, die schnellen Wagen, die hohen Hauser mit ihren Statuen darauf und die flitternen Opern- und Galakleider mancher Person. Er konnte kaum annehmen, dass es in einer Stadt einen Mittwoch, einen Sonnabend und andere platte Bauerntage gebe, und nicht jede Woche ein hohes Fest von sieben Feiertagen. Auch sehr sauer wurd' es ihm zu glauben sehen musst' ers freilich , dass so gemeine Leute wie Schuhflicker, Schneidermeister, Schmiede und andere Akkerpferde des Staats, die auf die Dorfer gehorten, mitten unter den feinsten Leuten wohnten und gingen.
Er erstaunte uber jeden Werkeltagshabit, weil er selber mitten in der Woche den Sonntag anhabend den Nanking gekommen war; alle grosse Hauser fullte er mit geputzten Gasten und sehr artigen Herren und Damen an, die jene liebe-winkend bewirteten, und er sah nach ihnen an alle Balkons und Erker hinauf. Er warf helle Augen auf jeden vorubergehenden lackierten Wagen und auf jeden roten Schal, auf jeden Friseur, der sogar werkeltags arbeitete und tafelfahig machte, und auf den Kopfsalat, der im Springbrunnen schon vormittags gewaschen wurde, anstatt in Elterlein nur sonntags abends.
Endlich stiess er auf die lackierte Ture mit dem goldgelben Titelblatt "Material-Handlung von Peter Neupeter et Compagnie" und ging durch die Ladenture ein. Im Gewolbe wartete er es ab, bis die hinund herspringenden Ladenschurzen alle Welt abgefertigt hatten. Zuletzt, da endlich nach der Anciennete der Mahlgaste auch seine Reihe kam, fragte ihn ein freundliches Purschchen, was ihm beliebe. "Nichts", versetzte er so sanft, als es seine Stimme nur vermochte, "ich bekomme hier eine chambre garnie und wunsche dem Hrn. Hofagenten mich zu zeigen." Man wies ihn an die Glasture der Schreibstube. Der Agent mehr Seide im Schlafrock tragend als die Gerichtsmannin im Sonntagsputz schrieb den Brief-Perioden gar aus und empfing mit einem apfel-roten und runden Gesichte den Mietsmann.
Der Notarius gedachte wahrscheinlich, mit seinem Rossgeruch und seiner Spiessgerte zu imponieren als Reiter; aber fur den Agenten den wochentlichen Lieferanten der grossten Leute und den jahrlichen Glaubiger derselben war ein Schock berittener Notarien von keiner sonderlichen Importanz.
Er rief ganz kurz einem Laden-Pagen herrisch zu, den Herrn anzuweisen. Der Page rief wieder auf der ersten Treppe ein bildschones nettes, sehr verdrussliches Madchen heraus, damit sie den Herrn mit der Spiessgerte bis zur vierten brachte. Die Treppen waren breit und glanzend, die Gelander figurierte Eisengirlanden, alles froh erhellt, die Turschlosser und Leisten schienen vergoldet, an den Schwellen lagen lange bunte Teppiche. Unterwegs suchte er die Stumme dadurch zu erfreuen und zu belohnen, dass er sanft ihren Namen zu wissen wunschte. Flora heisset der Name, womit das schone murrische Ding auf die Nachwelt ubergeht.
Die chambre garnie ging auf. Freilich nicht fur jeden ware sie gewesen, ausgenommen als chambre ardente; mancher, der im Roten Hause zu Frankfurt oder im Egalitats-Palaste geschlafen, hatte an diesem langen Menschen-Koben voll Ururur-Mobeln, die man vor dem glanzenden Hause hier zu verstecken suchte, vieles freimutig ausgesetzt. Aber ein Polymetriker im Gottermonat der Jugend, ein ewig entzuckter Mensch, der das harte Leben stets, wie Kenner die harten Kartons von Raffael bloss im (poetischen) Spiegel beschauet und mildert der an einer Fischer-, Hunds- und jeder Hutte ein Fenster aufmacht und ruft: ist das nicht prachtig draussen? der uberall, er sei im Eskurial, das wie ein Rost, oder in Karlsruh, das wie ein Facher, oder in Meinungen, das wie eine Harfe, oder in einem Seewurm-Gehause, das wie eine Pfeife gebauet ist, die Sommerseite findet und dem Roste Feuerung abgewinnet, dem Facher Kuhlung, der Harfen Tone, der See-Pfeife desfalls Ich meine uberhaupt, ein Mensch wie der Notarius, der mit einem solchen Kopfe voll Aussichten uber die weite Bienenflora seiner Zukunft hin in den Bienenkorb einfliegt und einen fluchtigen Uberschlag des Honigs macht, den er darein aus tausend Blumen tragen wird, ein solcher Mensch darf uns weiter nicht sehr in Verwunderung setzen, wenn er sogleich ans Abend-Fenster schreitet, es aufreisset und vor Floren entzuckt ausruft: "Gottliche Aussicht! Da unten der Park ein Abschnitt Marktplatz dort die zwei Kirchturme druben die Berge Wahrlich sehr schon!" Denn dem Madchen wollt' er auch eine kleine Freude zuwenden durch die Zeichen der seinigen.
Er warf jetzt sein gelbes Rockchen ab, um als Selbstquartiermeister in Hemdarmeln alles so zu ordnen, dass, wenn er von der verdrusslichen Erscheinung vor dem Stadtrate nach Hause kame, er sogleich ganz wie zu Hause sein konnte und nichts zu machen brauchte als die Fortsetzung seines Himmels und seinen Streckvers und etwas von dem abgekarteten Doppelroman. Den Abhub der Zeit, den Bodensatz der Mode, den der Agent im Zimmer fallen lassen, nahm er fur schone Handelszeichen, womit der Handelsmann eine besondere Sorgfalt fur ihn offenbaren wollen. Mit Freuden trug er von zwolf grunen, in Tuch und Kuhhaar gekleideten Sesseln die Halfte man konnte sonst vor Sitzen nicht stehen ins Schlafgemach zu einem lackierten Regenschirm von Wachstuch und einem Ofenschirm mit einem Frauen-Schattenriss. Aus einer Kommode einem Hauschen im Haus zog er mit beiden Handen ein Stockwerk nach dem andern aus, um seine nachgefahrne fahrende Habe dareinzuschaffen. Auf einem Teetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das Heisse getrunken werden, da es beides so kuhlte. Er erstaunte uber den Uberfluss, worin er kunftig schwimmen sollte. Denn es war noch eine Paphose da (er wusste gar nicht, was es war) ein Bucherschrank mit Glasturen, deren Rahmen und Schlosser ihm, weil die Glaser fehlten, ganz unbegreiflich waren, und worein er oben die Bucher schickte, unten die Notariats-Handel ein blau angestrichener Tisch mit Schubfach, worauf ausgeschnittene bunte Bilder, Jagd-, Blumen- und andere Stucke, zerstreuet aufgepappet waren, und auf welchem er dichten konnte, wenn ers nicht lieber auf einem Arbeitstischchen mit Rehfussen und einem Einsatz von lackiertem Blech tun wollte endlich ein Kammerdiener oder eine Servante, die er als Sekretar an den Schreibtisch drehte, um auf ihre Scheiben Papier, eine feine Feder zur Poesie, eine grobe zum Jus zu legen. Das sind vielleicht die wichtigern Pertinenzstucke seiner Stube, wobei man Lappalien, leere Markenkastchen, ein Nahpult, einen schwarzen basaltenen Kaligula, der aus Brustmangel nicht mehr stehen konnte, ein Wandschranklein u.s.w. nicht anschlagen wollte.
Nachdem er noch einmal seine Stiftshutte und deren Ordnung vergnugt uberschauet und sich zum Fenster hinausgelegt und unten die weissen Kiesgange und dunkeln vollaubigen Baume besehen hatte: machte er sich auf den Weg zum Vater und freuete sich auf den Treppen, dass er in einem so kostbaren Hause ein elendes Wohn-Nest besitze. Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Kuvert an die Hofagentin festgehalten. Es roch wie ein Garten, so dass er bald auf der Duftwolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schonsten Koniginnen und Herzoginnen und Landgrafinnen hineinschwamm; indes hielt ers fur Pflicht, durch das Ladengewolbe zu gehen und das Kuvert redlich mit den Worten abzugeben: hier sei etwas an Madame. Hinter seinem Rucken lachte samtliche Handels-Pagerie ungewohnlich.
Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an. Dieser stellte ihn als Universalerben samtlichen Gasten vor. Er schamte sich, als eine Merkwurdigkeit dieser Art lange dem Beschauen blosszustehen, und beschleunigte die Erscheinung vor dem Stadtrat. Verschamt und bange trat er in die Ratsstube, wo er gegen seine Natur als ein hoher Saitensteg dastehen sollte, auf welchen andere Menschen wie Saiten gespannt waren; er schlug die Augen vor den Akzessit-Erben nieder, die gekommen waren, ihren Brotdieb abzuwagen. Bloss der stolze Neupeter fehlte samt dem Kirchenrat Glanz, der ein viel zu beruhmter Prediger auf dem Kanzel- und dem Schreibpulte war, um zur Schau eines ungedruckten Menschen nur drei Schritte zu tun, von dem er die grosste Begierde forderte, vielmehr Glanzen aufzusuchen.
Der regierende Burgermeister und Exekutor Kuhnold wurde mit einem Blick der heimliche Freund des Junglings, der mit so errotendem Schmerz sich allein, vor den Augen stehender gefrassiger Zuschauer, an die gedeckte Gluckstafel setzte. Lukas aber besichtigte jeden sehr scharf.
Das Testament wurde verlesen. Nach dem Ende der 3ten Klausel zeigte Kuhnold auf den Fruhprediger Flachs, als den redlichen Finder und Gewinner des Kabelschen Hauses; und Walt warf schnell die Augen auf ihn, und sie standen voll Gluckwunsche und Gonnen.
Als er in der 4ten Klausel sich anreden horte vom toten Wohltater: so ware er den Tranen, deren er sich in der Ratsstube schamte, zu nahe gekommen, wenn er nicht uber Lob und Tadel wechselnd hatte erroten mussen. Der Lorbeerkranz und die Zartlichkeit, womit Kabel ihm jenen aufsetzte, begeisterte ihn mit einer ganz andern, heissern Liebe als das Fullhorn, das er uber seine Zukunft ausschuttete. Die darauf folgenden Stellen, welche fur den Vorteil der sieben Erben allerlei aussprachen, versetzten dem Schultheiss den Atem, indem sie dem Sohne einen freiern gaben. Nur bei der 14ten Klausel, die seiner unbefleckten Schwanenbrust den Schandfleck einer weiblichen Verfuhrung zutrauete oder verbot, wurde sein Gesicht eine rote Flamme; wie konnte, dachte er, ein sterbender Menschenfreund so oft so unzart schreiben?
Nach der Ablesung des Testaments begehrte Knoll nach der 11ten Klausel "Harnisch muss" einen Eid von ihm, nichts auf das Testament zu entlehnen. Kuhnold sagte, er sei nur "an Eides Statt" es zu geloben schuldig. "Ich kann ja zweierlei tun; denn es ist ja einerlei, Eid und an Eides Statt und jedes blosse Wort", sagte Walt; aber der biedere Kuhnold liess es nicht zu. Es wurde protokolliert, dass Walt den Notarius zum ersten Erbamt auswahle Der Vater erbat sich Testaments-Kopie, um davon eine fur den Sohn zu nehmen, welche dieser taglich als sein Altes und Neues Testament lesen und befolgen sollte Der Buchhandler Passvogel besah und studierte den Gesamt-Erben nicht ohne Vergnugen und verbarg ihm seine Sehnsucht nach den Gedichten nicht, deren das Testament, sagt' er, fluchtig erwahne Der Polizei-Inspektor Harprecht nahm ihn bei der Hand und sagte: "Wir mussen uns ofters suchen, Sie werden kein Erb-Feind von mir sein, und ich bin ein Erbfreund; man gewohnt sich zusammen und kann sich dann so wenig entbehren wie einen alten Pfahl vor seinem Fenster, den man, wie Le Vayer sagt, nie ohne Empfindung ausreissen sieht. Wir wollen einander dann wechselseitig mit Worten verkleinern; denn die Liebe spricht gern mit Verkleinerungswortern." Walt sah ihm arglos ins Auge, aber Harprecht hielt es lange aus.
Ohne Umstande schied Lukas vom geruhrten Sohne, um die Kabelschen Erbstucke, den Garten und das Waldchen vor dem Tore und das verlorne Haus in der Hundsgasse, so lange zu besehen, bis der Ratsschreiber den Letzten Willen mochte abgeschrieben haben.
Gottwalt schopfte wieder Fruhlings-Atem, als er die Ratsstube wie ein enges dumpfiges Winterhaus voll finsterer Blumen aus Eis verlassen hatte; so vieles hatt' ihn bedrangt; er hatte der unreinen Mimik des Hunds- und Heisshungers gemeiner Weltherzen zuschauen und sich verhasst und verworren sehen mussen die Erbschaft hatte, wie ein Berg, die bisher von der Ferne und der Phantasie versteckten und gefullten Graben und Taler jetzt in der Nahe aufgedeckt und sich selber weiter hinausgeruckt der Bruder und der Doppelroman hatten unaufhorlich ihm in die enge Welt hinein die Zeichen einer unendlichen gegeben und ihn gelockt, wie den Gefangnen bluhende Zweige und Schmetterlinge, die sich aussen vor seinen Gittern bewegen.
Der liebliche Jesuiterrausch, den jeder den ganzen ersten Tag in einer neuen grossen Stadt im Kopfe hat, war in der Ratsstube meistens verraucht. An der Wirtstafel, an der er sich einmietete, kam unter der rauhen ehelosen Zivil-Kaserne von Sachwaltern und Kanzelisten uber seine Zunge, ausser etwas weniges von einer geraucherten, nichts, kein warmer BruderLaut, den er hatte aussprechen oder erwidern konnen. Den Bruder Vult wusst' er nicht zu finden; und am schonsten Tage blieb er daheim, damit ihn dieser nicht fehlginge. In der Einsamkeit setzte er ein kleines Inserat fur den Hasslauer Kriegs- und Friedens-Boten auf, worin er als Notarius anzeigte, wer und wo er sei; ferner einen kurzen anonymen Streckvers fur den Poetenwinkel des Blattes-Poets corner-, uberschrieben
Der Fremde
, , , , , , . Gemein und dunkel wird oft die Seele verhullt, die so rein und offen ist; so deckt graue Rinde das Eis, das zerschlagen innen licht und hell und blau wie Ather erscheint. Bleib' euch stets die Hulle fremd, bleib' es nur der Verhullte nicht.
*
Schwerlich werden einem Hasslauer Ohre von einiger Zarte die Harten dieses Verses z.B. der Proceleusmatikus: kel wird oft die der zweite Paon: die Hulle fremd der Molossus: bleib' euch stets entwischen; durfte aber nicht der Dichter seine Ideen-Kurze durch einige metrische Rauheit erkaufen? Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, dass es dem Dichter keinen Vorteil schafft, dass man seine Streck- und Einverse nicht als eine Zeile drucken lassen kann; und es ware zu wunschen, es gabe dem Werke keinen lacherlichen Anstrich, wenn man aus demselben armlange Papierwikkel wie Flughaute flattern liesse, die herausgeschlagen dem Kinde etwan wie ein Segelwerk von Wickelbandern sassen; aber ich glaube nicht, dass es Gluck machte. Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten, weil er glaubte, er musse auf ihnen an die beiden Tochter und die Frau des Hauses seinen Namen abgeben; und gab sie ab. Als er eilig seine Inserate in der nahen Zeitungsdruckerei ablieferte: fiel sein Auge erschreckend auf das neueste Wochenblatt, worin noch mit nassen Buchstaben stand: "Das Flotenkonzert muss ich noch immer verschieben, weil ein schnell wachsendes Augen-Ubel mir verbietet, Noten anzusehen.
J. van der Harnisch."
Welch einen schweren Kummer trug er aus der Drukkerei in sein Stubchen zuruck! Auf den ganzen Fruhling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen, sobald sein freudiger Bruder die freudigen Augen verloren, die er an seiner Seite darauf werfen sollte. Er lief mussig im Zimmer auf und ab und dachte nur an ihn. Die Sonne stand schon gerade auf den Abendbergen und fullte das Zimmer mit Goldstaub; noch war der Geliebte unsichtbar, den er gestern von derselben Sonnenzeit erst wiederbekommen. Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an, aus sturmischem Heimwehe nach ihm, zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen konnen: guten Morgen und lebe wohl, Vult!
Da ging die Ture auf und der festlich gekleidete Flotenist herein. "O mein Bruder!" rief Walt schmerzlich-freudig. "Donner! leise", fluchte Vult leise, "es geht hinter mir nenne mich Sie!" Flora kam nach. "Morgen vormittag demnach, Hr. Notarius", fuhr Vult fort, "wunsche ich, dass Sie den Mietkontrakt zu Papier brachten. Tu parles francais, Monsieur?" "Miserablement", versetzte Walt, "ou non." "Darum, Monsieur, komme ich so spat", erwiderte Vult, "weil ich erstlich meine eigne Wohnung suchte und bezog und zweitens in einer und der andern fremden einsprach; denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will, der tue es in den ersten Tagen, wo er einpassiert; da sucht man noch die seinige, um ihn nur uberhaupt zu sehen; spater, wenn man ihn hundertmal gesehen, ist man ein alter Hering, der zu lange in der aufgeschlagenen Tonne auf dem Markte blossgestanden."
"Gut", sagte Walt, "aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus, da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las"- und zog leise die Ture des Schlafkammerchens zu, worin Flora bettete. "Die Sache bleibt wohl die", fing Vult an und stiess kopfschuttelnd die Pforte wieder auf "pudoris gratia factum est atque formositatis"8, erwiderte Walt auf das Schutteln "bleibt wohl die, sag' ich, was Sie auch mogen hier eingewendet haben, die, dass das deutsche Kunstpublikum sich in nichts inniger verbeisset als in Wunden oder in Metastasen. Ich meine aber weiter nichts als soviel: dass das Publikum z.B. einen Maler sehr gut bezahlt und rekommandiert, der aber etwan mit dem linken Fusse pinselte oder einen Hornisten, der aber mit der Nase bliese desgleichen einen Harfenierer, der mit beiden Zahnreihen griffe auch einen Poeten, der Verse machte, aber im Schlafe und so demnach auch in etwas einen Flautotraversisten, der sonst gut pfiffe, aber doch den zweiten Vorzug Dulons hatte, stockblind zu sein. Ich sagte noch Metastasen, namlich musikalische. Ich gab einmal einem Fagottisten und einem Bratschisten, die zusammen reiseten, den Rat, ihr Gluck dadurch zu machen, dass der Fagottist sich auf dem Zettel anheischig machte, auf dem Fagott etwas Bratschen-Gleiches zu geben, und der andere, auf der Bratsche so etwas vom Fagott. Ihr machts nur so, sagt' ich, dass ihr euch ein finsteres Zimmer wie die Mundharmoniker oder Lolli bedingt; da spiele denn jeder sein Instrument und geb' es fur das fremde, so wie jener ein Pferd, das er mit dem Schwanze an die Krippe gebunden, als eine besondere Merkwurdigkeit sehen liess, die den Kopf hinten trage. Ich weiss aber nicht, ob sie es getan."
Flora ging; und Vult fragte ihn, was er mit der Turschliesserei und dem Latein gewollt.
Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder und sagte dann, er sei nun so, dass er sich schame und quale, wenn er eine Schonheit wie Flora in die knechtischen Verhaltnisse der Arbeit gesturzt und vergraben sehe; eine niedrig hantierende Schonheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem niederlandischen Gemalde. "Oder jener Correggio, den man in Schweden an die koniglichen Stallfenster annagelte als Stall-Gardine"9, sagte Vult; "aber erzahle das Testament!"
Walt tats und vergass etwan ein Drittel: "Seit die poetischen Athermuhlflugel, die du Muhlenbaumeister angegeben, sich vor mir auf ihren Hohen regen, ist mir die Testaments-Sache schon sehr unscheinbar geworden", setzte er dazu.
"Das ist mir gar nicht recht", versetzte Vult. "Ich habe den ganzen heutigen Nachmittag auf eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors gehalten, um die Hrn. Akzessit-Erben von weitem zu sehen so die meisten davon verdienen den Galgenstrang als Nabelschnur der zweiten Welt. Du bekommst wahrlich schwere Aufgaben durch sie." Walt sah sehr ernsthaft aus. "Denn", fuhr jener lustiger fort, "erwagt man dein liebliches Nein und Addio, als Flora vorhin nach Befehlen fragte, und ihr belvedere, d.h. ihre bellevue von schonem Gesicht und dazu das enterbte Diebs- und Siebengestirn, das dir vielleicht bloss wegen der Klausel, die dich um ein Sechstel puncto sexti zu strafen droht, eine Flora so nahe mag hergesetzt haben, die zu deflorieren"
"Bruder!" unterbrach ihn der zorn- und schamrote Jungling und hoffte, eine ironische Frage zu tun, "ist das die Sprache eines Weltmanus wie du?" "Auch wollt' ich effleurer sagen statt deflorer", sagte Vult. "O, reiner starker Freund, die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh, womit man auf dem glatten reinen kristallenen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel forthumpelt auf gemeiner Gasse." Er brach ab und fragte nach der Ursache, warum er ihn vorhin so traurend gefunden. Walt, jetzt zu verschamt, sein Sehnen zu bekennen, sagte bloss, wie es gestern so schon gewesen und wie immer, so wie in andere Feste Krankheiten10fallen, so in die heiligsten der Menschen Schmerzen, und wie ihm das Augen-Ubel in der Zeitung wehe getan, das er noch nicht recht verstehe.
Vult entdeckt' ihm den Plan, dass er namlich vorhabe, so gesund auch sein Auge sei, es jeden Markttag im Wochenblatt fur kranker und zuletzt fur stockblind auszurufen und als ein blinder Mann ein Flotenkonzert zu geben, das ebenso viele Zuschauer als Zuhorer anziehe. "Ich sehe", sagte Vult, "du willst jetzt auf die Kanzeltreppe hinauf; aber predige nicht; die Menschen verdienen Betrug Gegen dich hingegen bin ich rein und offen, und deine Liebe gegen den Menschen lieb' ich etwas mehr als den Menschen selber." "O wie darf denn ein Mensch so stolz sein und sich fur den einzigen halten, dem allein die volle Wahrheit zufliesse?" fragte Walt "Einen Menschen", versetzte Vult, "muss jeder, der auf den Rest Dampf und Nebel loslasset, besitzen, einen Auserwahlten, vor dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt: guck hinein. Der Gluckliche bist nun du; bloss weil du soviel du auch, merk' ich, Welt hast doch im ganzen ein frommer, fester Geselle bist, ein reiner Dichter und dabei mein Bruder, ja Zwilling und so lass es dabei!"
Walt wusste sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die fremde; er sah der schonen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und Hitzblattern des Reiselebens nach und glaubte, ein Schattenleben wie seines hatte Vulten diese vielfarbige moralische Nesselsucht gewiss erspart. Bis tief in die Nacht brachten beide sie mit friedlichen Entwurfen und Grenzrezessen ihres Doppelromans zu, und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen Himmelskugel stieg so hell am Horizonte empor, dass Walt den andern Tag weiter nichts brauchte als Stuhl und Dinte und Papier und anzufangen. Froh sah er dem morgenden Sonntag entgegen; der Flotenist aber jenem Abend, wo er, wie er sagte, wie ein Finke geblendet pfeife.
Nr. 16. Berggur
Sonntag eines Dichters
Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und der Turme dunkelrot vor der fruhen Juli-Sonne standen, und verrichtete sein Morgengebet, worin er Gott fur seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an den Geburgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzuckungen oder Paradiesvogel flogen stumm auf den Sonntag zu. Walt hatte sich gefurchtet, seine namenlose Wonne laut zu machen, wenns nicht vor Gott gewesen ware. Er begann nun den Doppelroman. Es ist bekannt genug, dass unter allen Kapiteln keine seliger geschrieben werden (auch oft gelesen) als das erste und dann das letzte, gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend. Besonders erfrischt' es ihn, dass er nun einmal ohne allen juristischen Gewissensbiss auf dem Parnass spazierengehen durfte und oben mit einer Muse spielen; indem er, hofft' er, gestern im juristischen Fache das Seinige gearbeitet, namlich das Testament vernommen und erwogen. Da den Abend vorher war ausgemacht worden, dass der Held des Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte als bloss nach einem Freunde, nicht nach einer Heldin: so liess er ihn es zwei Stunden, oder im Buche selber so viele Jahre lang, wirklich tun; er selber aber sehnte sich auch mit und uber die Massen. Das Schmachten nach Freundschaft, dieser Doppelflote des Lebens, holt' er ganz aus eigner Brust; denn der geliebte Bruder konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater einen Freund ersparen.
Oft sprang er auf, beschauete den duftigen goldhellen Morgen, offnete das Fenster und segnete die ganze frohe Welt, vom Madchen am Springbrunnen an bis zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel. So ruckt die Bergluft der eignen Dichtung alle Wesen naher an das Herz des Dichters, und ihm, erhoben uber das Leben, nahern die Lebendigen sich mehr, und das Grosste in seiner Brust befreundete ihn mit dem Kleinsten in der fremden. Fremde Dichtungen hingegen erheben den Leser allein, aber den Boden und die Nachbarschaft nicht mit.
Allmahlich liess ihn der Sonntag mit seinem Schwalbengeschrei, Kirchengelaut, seinen Ladendiener-Klopfwerken und Nach-Walkmuhlen an Sonntagsrocken in allen Korridoren schwer mehr sitzen; er sehnte sich nach einem und dem andern leibhaften Strahl der Morgensonne, von welcher ihm in seinem Abendstubchen nichts zu Gesichte kam als der Tag. Nachdem lange der Schreibtisch und die sonnenhelle Natur ihre magnetischen Stabe an ihn gehalten und er sich vergeblich zwei Ichs gewunscht, um mit dem einen spazierenzugehen, wahrend das andere mit der Feder sass: so verkehrte er dieses in jenes und trug die Brust voll Himmelsluft und den Kopf voll Landschaften (Aurorens Gold-Wolkchen spielten ihm auf der Gasse noch um die Augen) uber den frohen lauten Markt und zog mit dem Viertels-Flugel der furstlichen Kriegsmacht fort, welcher blies und trommelte, und der Nikolaiturm warf dazu seine Blasemusik in die untere hinein, die mit ihr im verbotenen Grade der Sekunde verwandt wurde. Draussen vor dem Tore horte er, dass das magische, wie von fernen kommende Freudengeschrei in seinem Innern von einem schwarzen fliegenden Korps oder Chor Kurrendschuler ausgesprochen wurde, das in der Vorstadt fugierte und schrie. Herrlich wiegte sich in bunter Fulle der van der Kabelsche Garten vor ihm, den er einmal erben konnte, wenn ers recht anfing und recht ausmachte; er ging aber verschamt nicht hinein, weil Menschen darin sassen, sondern erstieg das nahe Kabelsche Waldchen auf dem Hugel.
Darin sass er denn entzuckt auf Glanz und Tau und sah gen Himmel und uber die Erde. Allmahlich sank er ins Vortraumen hinein was so verschieden vom engern Nachtraumen ist, da die Wirklichkeit dieses einzaunt, indes der Spielplatz der Moglichkeit jenem freiliegt. Auf diesem heitern Spielplatze beschloss er das grosse Gotterbild eines Freundes aufzurichten und solches ganz so zu meisseln was er im Romane nicht gedurft , wie ers fur sich brauchte. "Mein ewig teurer Freund, den ich einmal gewiss bekomme", sagt' er zu sich, "ist gottlich, ein schoner Jungling und dabei von Stande, etwa ein Erbprinz oder Graf; und eben dadurch so zart ausgebildet fur das Zarte. Im Gesicht hat er viel Romisches und Griechisches, eine klassische Nase, aus deutscher Erde gegraben; aber er ist doch die mildeste Seele, nicht bloss die feurigste, die ich je gefunden, weil er in der Eisen-Brust zur Wehre ein Wachs-Herz zur Liebe tragt. So treuen, unbefleckten, starken Gemuts, mit grossen Felsen-Kraften, gleich einer Bergreihe, nur gerade gehend ein wahres philosophisches Genie oder auch ein militarisches oder ein diplomatisches daher setzt er mich und viele eben in ein wahres Staunen, dass ihn Gedichte und Tonkunst entzucken bis zu Tranen. Anfangs scheuete ich ordentlich den gerusteten Kriegsgott; aber endlich einmal in einem Garten in der FruhlingsDammerung, oder weil er ein Gedicht uber die Freundschaft der zuruckgetretenen Zeiten horte, uber den griechischen Phalanx, der bis in den Tod kampfte und liebte, uber das deutsche Schutz- und Trutzbundnis befreundeter Manner, da greift ihm das Verlangen nach der Freundschaft wie ein Schmerz nach dem Herzen, und er traumt sich seufzend eine Seele, die sich sehnet wie er. Wenn diese Seele das Schicksal will, dass ichs sei endlich neben seinen schonen Augen voll Tranen steht, alles recht gut errat, ihm offen entgegenkommt, ihn ihre Liebe, ihre Wunsche, ihren guten Willen wie klare Quellen durchschauen lasset, gleichsam als wollte sie fragen: ist dir weniges genug?, so konnt' es wohl ein zweites gutes Schicksal fugen, dass der Graf, gleich Gott alle Seelen liebend, auch wie ein Gott sich meine zum Sohne des Herzens erwahlte, der dem Gotte dann gleich werden kann dass dann wir beide in der hellsten Lebensstunde einen Bund ewiger, starker, unverfalschter Liebe beschwuren".....
Den Traum durchriss ein schoner langer Jungling, der in roter Uniform auf einem Englander unten auf der Heerstrasse voruberflog, dem Stadttore zu. Ein gut gekleideter Bettler lief mit dem offnen Hute ihm entgegen dann ihm nach, dann voraus- der Jungling kehrte das Ross um der Bettler sich und jetzt hielt jener, in den Taschen suchend, den stolzen Waffentanz des schonen Rosses so lange auf, dass Walt ziemlich leicht die Melancholie auf dem prangenden Gesicht, wie Mondschein auf einem Fruhling, bemerken konnte, sowie einen solchen Stolz der Nase und der Augen, als konn' er die Siegszeichen des Lebens verschenken. Der Jungling warf dem Manne seine Uhr in den Hut, welche dieser lang an der Kette trug, indem er mit dem Danke dem Galoppe nachzukommen suchte.
Jetzt war der Notarius nicht mehr imstande, eine
Minute aus der Stadt zu bleiben, wohin der Reiter geflogen war, der ihm fast als der Freund, namlich als der Gott vorkam, den er vorher im Traume mit den Abzeichen aller ubrigen Gotter (signis Pantheis) geputzet hatte. "Befreunden", sagt' er zu sich, in seinem romantischen, durch das Testament noch gestarkten Mute, und auf sein liebe-quellendes Herz vertrauend, "wollten wir uns leicht, falls wir uns erst hatten." Er ware gern zu seinem Bruder gegangen, um sowohl das durstende Herz an dessen Brust zu kuhlen, als ihn uber den schonen Jungling auszufragen; aber Vult hatte ihn gebeten, der Spionen wegen und besonders vor dem Blinden-Konzert den Besuch viel lieber anzunehmen als abzustatten.
Mitten aus dem heiligen Opferfeuer rief ihn der
Hofagent Neupeter in seine dunkle Schreibstube hinein, damit er darin vor dem Essen einige Wechsel protestierte. Wie an einem Kafer, der erst vom Fluge gekommen, hingen an ihm die Flugel noch lang unter den Flugeldecken heraus; aber er protestierte doch mit wahrer Lust, es war sein erster Notariats-Aktus; und was ihm noch mehr galt seine erste Dankhandlung gegen den Agenten. Nichts wurde ihm langer und lastiger als das erste Vierteljahr, worin ein Mensch ihn beherbergte oder bediente oder bekostigte, bloss weil ihm der Mensch so viele Dienste und Muhen vorschoss, ohne von ihm noch das Geringste zu ziehen. Er protestierte gut und sehr, musste sich aber vom lachelnden Kaufmann den Monatstag ausbitten und war uberhaupt kaum bei sich; denn immerhin komme ein Mensch mit der poetischen Luftkugel, die er durch Adler in alle helle Atherraume hat reissen lassen, plotzlich unten auf der Erde an, so hangt er doch noch entzuckt unter dem Glob' und sieht verblufft umher.
Das war der Sonntags-Vormittag. Der Nachmittag schien sich anders anzufangen. Walt war von der hellen Wirtstafel wo er mit seinem Puder und Nanking zwischen Atlas, Manchester, Lackzopfen, Degen, Batist, Ringen und Federbuschen wettgeeifert und gespeiset hatte in seine Schattenstube im volligen Sonntagsputz zuruckgegangen, den er nicht ausziehen konnte, weil eben der Putz in nichts als in einigem Puder bestand, womit er sich sonntaglich besaete. Sah er so weiss aus, so schmeckt' er freilich so gut als der Furst, was sowohl Sonntage heissen als Putz. Sogar dem Bettler bleibt stets der Himmel des Putzwerkes offen; denn das Gluck weht ihm irgendeinen Lappen zu, womit er sein grosstes Loch zuflickt; dann schauet er neugeboren und aufgeblasen umher und bietet es still schlechtem porosen Bettelvolk. Nur aber war der frohe Vorsatz, den ganzen Nachmittag seinem Kopfe und seinem Romane dichtend zu leben, jetzt uber seine Krafte, bloss wegen des Sonntags-Schmucks; ein gepuderter Kopf arbeitet schwer. So musste zum Beispiel gegenwartiger Verfasser steckte man ihn in dieser Minute zur Probe in Konigsmantel, in Kronungsstrumpfe, in Sporenstiefel, unter Kurhute , auf solche Weise verziert, die Feder weglegen und verstopft aufstehen, ohne den Nachmittag zu Ende gemalt zu haben, denn es geht gar nicht im herrlichsten Anzug; ausgenommen allein bei dem verstorbenen Buffon, von welchem Madame Necker berichtet, dass er zuerst sich wie zur Gala und darauf erst seine Bemerkungen eingekleidet, um welche er als ein geputzter und putzender Kammerdiener herumging, indem er ihnen vormittags die Nennworter anzog, und nachmittags die Beiworter.
Den Notar storte ausser dem Puder noch das Herz. Die Nachmittags-Sonne glitt jetzt herein, und ihre Blicke sogen und zogen hinaus in die helle Welt, ins Freie; er bekam das Sonntags-Heimweh, was fast armen Teufeln mehr bekannt und beschwerlich ist als reichen. Wie oft trug er in Leipzig an schonen Sonntagen die Vesper-Wehmut durch die entvolkerten Alleen um die Stadt! Nur erst abends, wenn die Sonne und die Lust-Gaste heimgingen, wurd' ihm wieder besser. Ich habe geplagte Kammerjungfern gekannt, welche imstande waren, wochentlich siebenthalbe Tage zu lachen und zu springen, nur aber sonntags nach dem Essen unmoglich; das Herz und das Leben wurd' ihnen nachmittags zu schwer, sie strichen so lange in ihrer unbekannten kleinen Vergangenheit herum, bis sie darin auf irgendein dunkles Platzchen stiessen, etwan auf ein altes niedriges Grab, worauf sie sich setzten, um sich auszuweinen, bis die Herrschaft wiederkam. Grafin, Baronesse, Furstin, Mulattin, Hollanderin oder Freiin, die du nach weiblicher Weise immer noch herrischer gegen die Sklavin bist als gegen den Sklaven sei das doch sonntags nach dem Essen nicht! Die Leute in deinem Dienste sind arme Landteufel, fur welche der Sonntag, der in grossen Stadten, in der grossen Welt und auf grossen Reisen gar nicht zu haben ist, sonst ein Ruhe-Tag war, als sie noch glucklicher waren, namlich noch Kinder. Gern werden sie, ohne etwas zu wunschen, leer und trocken bei deinen Hoffesten, Hochzeit- und Leichenfesten stehen und die Teller und die Kleider halten; aber an dem Sonntage, dem Volks- und Menschenfest, auf das alle Wochen-Hoffnungen zielen, glauben die Armen, dass ihnen irgendeine Freude der Erde gebuhre, da ihnen zumal die Kinderzeit einfallen muss, wo sie an diesem Bundes-Feste der Lust wirklich etwas hatten, keine Schulstunde schone Kleider spasshafte Eltern Spielkinder-Abendbraten grunende Wiesen und einen Spaziergang, wo gesellige Freiheit dem frischen Herzen die frische Welt ausschmuckte. Liebe Freiin! wenn dann am Sonntage, wo gedachte Person weniger in der Arbeit, der Lethe des Lebens, watet, das jetzige dumpfe Leben sie erstickend umfangt und ihr uber die Unfruchtbarkeit der tauben Gegenwart die helle Kinderzeit, die ja allen Menschen einerlei Eden verheisset, mit sussen Klangen wie neu heruberkommt: dann strafe die armen Tranen nicht, sondern entlasse die Sehnsuchtige etwan bis Sonnenuntergang aus deinem Schlosse!
Als der Notar sich noch sehnte, sturmte lustig Vult herein, den Mittagswein im Kopf, ein schwarzes Seidenband um ein Auge, mit offenem Hals und losem Haar, und fragte, warum er noch zu Hause sitze, und wieviel er vormittags geschrieben. Walt gab es ihm. Als ers durchhatte, sagte er: "Du bist ja des Teufels, Gotterchen, und ein Engel im Schreiben. So fahre fort! Ich habe auch (fuhr er mit kalterer Stimme fort und zog das Manuskript aus der Tasche) diesen Morgen in unserm Hoppelpoppel oder das Herz: gearbeitet und darin ausgeschweift, so viel als notig fur ein erstes Kapitel. Ich will dir den Schwanzstern (so nenn' ich jede Digression) halb vorsagen wenn du mich nur, o Gott, mehr zu goutieren wusstest! , nicht vorlesen, denn eben darum! Ich fahre im Schwanzstern besonders wild auf die jungen Schreiber los, die von dir abweichen und in ihren Romanen die arme Freundschaft nur als Tur- und Degengriff der Liebe vornen an diese so unnutz anbringen wie den Kalender und das genealogische Verzeichnis der regierenden Haupter vornen an die Blumenlesen. Der Spitzbube, der Krankling von Schwachling von Helden will namlich auf den ersten paar Bogen sich stellen, als seufz' er ziemlich nach einem Freunde, als klaffe auf sein Herz nach einer Unendlichkeit schreibt sogar das Sehnen nach einem Freund, wenns Werk in Briefen ist, an einen, den er schon hat zum Epistolieren ja er verrat noch Schmachtungen nach der zweiten Welt und Kunst; kaum aber ersieht und erwischt die Bestie ihr Madchen (der Operngucker sieht immer nach dem Freunde hin), so hat sie satt und das Ihrige; wiewohl der Freund noch elendiglich mehrere Bogen nebenher mitstapeln muss bis zu dem Bogen Ix, auf welchem dem geliebten Freunde wegen einer Treulosigkeit des Madchens frei gesagt wird, es gebe auf der Erde kein Herz, keine Tugend und gar nichts. Hier spei' ich, Bruder, auf das schreibende Publikum Feuer; Spitzbube, so rede ich im Schwanzstern an, Walt, Spitzbube, sei wenigstens ehrlich und tue dann, was du willst, da doch dein Unterschied zwischen einem Freund und einem Liebhaber nur der zwischen einem Sau- und einem Hunds-Igel ist!"
Hier sah Vult lange das Papier, dann Walten an. "Der ist aber?" fragte dieser. "So fragt auch mein Schwanzstern", sagte jener. "Keiner namlich. Denn es gibt eben keine Schwein-Igel nach Bechstein11, sondern was man dafur nahm, waren Weibchen oder Junge. Mit den Schweins-Dachsen ists ebenso. Was hilfts, ihr romantischen Autoren (las Vult weiter und sah immer vom Papier weg, um das Komische mehr zu sagen als, weil ers wenig konnte, vorzulesen), dass ihr euere unterirdische Blattseite gegen den Himmel aufstulpet? Sie dreht sich wieder um; wie an Glastafeln wird nur euere der Erde zugekehrte Seite betauet; wie an elektrischen Katzen musset ihr vorher aus eurem Burzel einen Funken locken, bevor ihr einen aus dem Kopfe wieder bekommt und vice versa. Seid des Teufels lebendig; aber nur offen; liebt entsetzlich, denn das kann jedes Tier und jedes Madchen, das sich deshalb fur eine Edle, eine Dichterin und einen WeltSolitar ansieht aber befreundet euch nicht, was ja an liebendem Vieh so selten ist wie bei euch. Denn ihr habt nie aus Johann Mullers Briefen oder aus dem Alten Testament oder aus den Alten gelernt, was heilige Freundschaft ist und ihr hoher Unterschied von Liebe, und dass es das Trachten nicht eines Halbgeistes nach einer ehelichen oder sonstigen Halfte, sondern eines Ganzen nach einem Ganzen, eines Bruders nach einem Bruder, eines Gottes nach einem Universum ist, mehr um zu schaffen und dann zu lieben, als um zu lieben und dann zu schaffen..... Und so geht denn der Schwanzstern weiter", beschloss Vult, der sich nicht erwehren konnte, ein wenig die Hand des Bruders zu drucken, dessen voriges FreundschaftsKapitel ordentlich wie helles warmes angebornes Blut in sein Herz gelaufen war.
Walt schien davon entzuckt zu sein, fragte aber, ob nicht auch oft die Freundschaft nach der Liebe und Ehe komme, oft sogar fur dieselbe Person ob nicht der treueste Liebhaber eben darum der treueste Freund sei ob nicht die Liebe mehr romantische Poesie habe als die Freundschaft ob jene am Ende nicht in die gegen Kinder ubergehe ob er nicht fast hart mit seinen Bildern sei; und noch mehr wollte Gottwalt lindern und schlichten. Aber Vult fuhr auf, sowohl aus voriger Ruhrung als aus Erwartung eines viel weniger bedingten Lobes, hielt sich die Ohren vor Rechtfertigungen der Menschen zu und klagte: er sehe nur gar zu gut voraus, wie ihm kunftig Walt eine Erbosung nach der andern versalzen werde durch sein Uberzuckern; beifugend, in ihrem "Hoppelpoppel oder das Herz" gewannen ja eben die sussen Darstellungen am meisten durch die scharfsten, und gerade hinter dem scharfen Fingernagel liege das weichste empfindsamste Fleisch; "aber", fuhr er fort, "von etwas Angenehmerem, von den sieben Erb-Dieben, wobei ich mir wieder deinetwegen Muhe gegeben! Ich muss etwas bei dir sitzen."
"Noch etwas Angenehmes vorher", versetzte Walt und schilderte ihm den roten gotterschonen Jungling, und dass solcher, wie ein Donnergott auf einem Sturmvogel, zwischen Aurora und Iris gezogen und unter dem blauen Himmel wie durch eine Ehrenpforte geritten ware. "Ach nur seine Hand", endigte er, "wenn ich sie je anruhren konnte, dacht' ich heute, zumal nach dem Freundschaftskapitel. O kennst du ihn?"
"Kenn ihn so nicht, deinen Donner- und Wetter Gott (sagte Vult kuhl und nahm Stock und Hut). Verschimmle nur nicht in deinem Storchnest lauf hinaus ins Rosental wie ich, wo du alle Hasslauer beau monde's-Rudel mit einem Sau-Garn uberziehen und fangen kannst, und ihn mit. Vielleicht jag' ich darunter den gedachten Donnergott auf moglich ists der Graf Klothar. Nein, Freund, ich gehe absichtlich ohne dich; auch tu uberhaupt nicht draussen, als ob du mich sonderlich kenntest, falls ich etwa zu nahe vor dir vorubergehen sollte vor Augenschwache; denn nachgerade muss ich mich blind machen, ich meine die Leute. Addio!"
Nr. 17. Rosenholz
Rosental
In drei Minuten stand der Notar, dem Vults Verstimmung entgangen war, freudig auf dem grunen Wege nach dem Hasslauer Rosentale, das sich vom schonen Leipziger besonders dadurch unterscheidet, dass es sowohl Rosen hat als auch ein Tal und daher mehr der Fantaisie bei Bayreuth ahnlich ist, die bloss die Zukkerbackerarabesken und Phantasie-Blumen und Prunk-Pfahle vor ihm voraus hat. Aus der Stadt zog er eigentlich kaum, denn er fand die halbe unterwegs; und alle seine Seelen-Winkel wurden voll Sonnenlicht bei dem Gedanken, so mitzugehen unter Leuten, die mitgehen, mitfahren, mitreiten. Rechts und links standen die Wiesen, die wallenden Felder und der Sommer. Aus der Stadt lief das Nachmittags-Gelaute der Kirche in die grune warme Welt heraus, und er dachte sich hinein, wie jetzt die Kirchenganger sich herausdenken und ihn und das freie luftige Leben gottlich finden wurden in den schmalen, kalten, steinernen Kirchen auf langen leeren Banken einzeln schreiend, mit schonen breiten Sonnenstreifen auf den Schenkeln und mit der Hoffnung, nach der Kirche nachzumarschieren so schnell als moglich.
Die Zugherings-Herde von Menschen legte sich in die Bucht des Rosentals an. Die Laubbaume taten sich auf und zeigten ihm die glanzende offne Tafel des Julisonntags, die aus einbeinigen Tafelchen unter Baumen bestand "kostlich", sagte der Notar zu sich, "ist doch wahrlich das allgemeine Sesselholen, Zeltaufschlagen, Rennen gruner Lauferschurzen, Weglegen der Schals und Stocke, Ausziehen der Korke und Wahlen eines Tischchens, die stolzen Federhute zwischendurch, die Kinder im Grase, die Musikanten hinten, die gewiss gleich anfangen, die warmbluhenden Madchen-Stirnen, die durchschimmernden Gartenrosen unter den weissen Schleiern, die Arbeitsbeutel, die Goldanker und Kreuze und andere Gehenke auf ihren Halsen und die Pracht und die Hoffnung, und dass noch immer mehr Leute nachstromen O ihr lieben Menschen, macht euch nur recht viel Lust, wunsch' ich!"
Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen, um kein geselliges zu storen. Vom Zuckerguss seines stillen Vergnugtseins fest uberlegt, sass er daran, sich erfreuend, dass jetzt fast in ganz Europa Sonn- und Lusttag sei, und nichts begehrend als neue Kopfe, weil er jeden zwischen die Augen nahm, um auszufuhlen, ob er dem roten Jungling angehore, wornach seiner Seele alle ihre Blutenblatter standen.
Ein Geistlicher spazierte voruber, vor dem er sitzend den Hut abnahm, weil er glaubte, dass Priester, gewohnt, durch ihre Rockfarbe jeden Hut zu bewegen auf dem Lande, jedesmal Schmerzen in der Stadt empfinden mussten, wenn ein ganz fester vorbeiginge. Der Geistliche sah ihn scharf an, fand aber, dass er ihn nicht kenne. Jetzt trabten zwei Reiter heran, von welchen der eine wenig zu leben hatte, der andere aber nichts, Vult und Flitte.
Der Elsasser tanzte reichgekleidet und lustig obgleich seine te deum laudamus in laus deo bestanden nach seinem eignen Gesang vom Steigbugel unter seine Bekanntschaften, d.h. samtliche Anwesende hinein; geliebt von jedem, dem er nichts schuldig war. Er uberstand lustig eine kurze Aufmerksamkeit auf sich als den Menschen, der die Kabelsche Erbportion eingebusset, welche er schon als Faustpfand so oft wie den Reliquienkopf eines Heiligen vervielfacht unter seine Glaubiger verteilt hatte, weil das marseillische Schiff, worauf er eine grosse, ebensooft verpfandete Dividende hatte, jedem zu lange ausblieb. Walt wunderte und freute sich, dass der singende Tanzer, der alle Weiber grusste, der kuhn ihre Facher und Sonnenschirme und Armbands-Medaillons handhabte und kuhner die Hang-Medaillen und Hanguhren von jeder weissen Brust mit den Fingern ans Auge erhob, sich gerade vor den Tisch der drei hasslichsten postierte, denen er Wasser und Aufwarter holte, sogar schone Gespielinnen. Es waren die drei Neupeterischen Damen, bei welchen Gottwalt gestern drei Visitenkarten abgegeben. Der Elsasser machte in kurzem umherlaufend das ganze Rosental mit dem dort sitzenden Nanking bekannt, der den alten Kabel beerbte; aber Walt, zu aufmerksam auf andere und zu wenig sich voraussetzend, entging durch sein menschenfreundliches Traumen dem Missvergnugen, das allgemeine Schielen zu sehen. Zuletzt trat Flitte gar zu ihm und verriet durch einen Gruss ihn der Kaufmannschaft. Unter allen sieben Erben schien der lustige Bettler gerade am wenigsten erbittert auf Walten zu sein; auch dieser gewann ihn herzlich lieb, da er zuerst den Spielteller der Musikanten nahm, belegte und herumtrug, und gern hatt' er ihm ein grosses Stuck der Erbportion oder des Testaments zum Lohne mit daraufgeworfen.
Der Notar war besonders auf die feinste Lebensart seines Bruders neugierig. Diese bestand aber darin, dass er sich um nichts bekummerte, sondern auswarts tat, als sitz' er warm zu Hause und es gebe keine Fremden auf der Welt. Sollt' es nicht einige Verachtung oder Harte anzeigen, dachte Walt, durchaus keine fremde erste Stunde anzuerkennen, sondern nur eine vertraute zweite, zehnte etc.? Dabei machte Vult das ruhigste Gesicht von der Welt vor jedem schonsten, trat sehr nahe an dieses, klagte, sein Auge komme taglich mehr herunter, und blickte (als ScheinMyops) unbeschreiblich kalt an und weg, als sitze die Physiognomie, verblasen zu einem gestaltlosen Nebel, an einer Bergspitze hangend vor ihm da. Sehr fiel dem Notarius welcher glaubte, auch gesehen zu haben in Leipzig in Rudolphs Garten, was feinste Sitten und Menschen sind, und mit welchen forcierten Marschen junge mannliche Kaufmannschaft weibliche bedient und bezaubert, gleichsam willige cartesianische Teufelchen, die der Damenfinger auf- und niederspringen lasset sehr fiel ihm Vults mannliche Ruhe auf, bis er zuletzt gar seine Definition des Anstands anderte und sich folgende fur den "Hoppelpoppel" aus dem weltgewandten Bruder abzog: "Korperlicher Anstand ist kleinste Bewegung; namlich ein halber Schritt oder schwacher Ausbug statt eines Gemsensprunges ein massiger Bogen des Ellenbogens statt einer ausgereckten spitzen Fechter-Tangente, das ist die Manier, woran ich den Weltmann erprobe."
Zuletzt wurde der Notar auch keck und voll Welt und Lebensart und stand auf mit dem Vorsatz, wacker hin und her zu spazieren. Er konnte so zuweilen ein Wort seines Bruders von der Seite wegschnappen; und besonders irgendwo den roten Liebling des Morgens auffischen. Die Musik, welche die Dienste des Vogelgesangs tat eben durch Unbedeutsamkeit, schwemmte ihn uber manche Klippe hinuber. Aber welche Flora von Honoratioren! Er genoss jetzt das stille Gluck, das er oft gewunscht, den Hut abzuziehen vor mehr als einem Bekannten, vor Neupeter et Compagnie, die ihm kaum dankten; und er konnte sich nicht enthalten, manche frohe Vergleichungen seiner jetzigen lachenden Lage im Hasslauer Rosental mit seiner sonstigen anonymen im Leipziger anzustellen, wo ihn ausser den wenigen, die er nicht richtig bezahlen konnte, fast keine Katze kannte. Wie oft war er in jener unbekannten Zeit versucht, offentlich auf einem Beine zu tanzen, oder auch mit zwei zinnernen Kaffeekannen in der Hand, oder geradezu eine Flammen-Rede uber Himmel und Erde zu halten, um nur Seelen-Bekannte sich ans Herz zu holen! So sehr setzt der Mensch der alter kaum bedeutenden Menschen und Buchern zulauft junger schon bloss neuen Leuten und Werken feurig nach.
Mit Freuden bemerkt' er im Gehen, wie Vult in seine Ruhe und Wurde so viel insinuante Verbindlichkeit, und in sein Gesprach so viele selber an Ort und Stelle geerntete Kenntnisse von Europens Bilderkabinetten, Kunstlern, beruhmten Leuten und offentlichen Platzen zu legen wusste, dass er wirklich bezauberte; worin ihn freilich seine Verbindung mit seinen schwarzen Augen (darin bestand besonders seine schwarze Kunst bei Weibern) und wieder die Kalte, welche imponiert (Wasser gefriert sich immer erhoben), sichtbar unterstutzte. Eine alte Hofdame des regierenden Hauschens von Hasslau wollte schwer von ihm weg; und bedeutende Herren befragten ihn. Aber er hatte den Fehler, nichts so sehr zu lieben das Bezaubern ausgenommen als Entzaubern darauf, und besonders die Sucht, Weiber, wie ein elektrisierter Korper leichte Sachen, anzuziehen, um sie abzustossen. Walt musste uber Vults Einfalle uber Weiber bei Weibern selber erstaunen; denn er konnte im Vorubergehen recht gut vernehmen, dass Vult sagte: sie kehrten stets im Leben und sonst, wie an ihren Fachern, gerade die reichste bemalte Flache andern zu und behielten die leere und mehr dergleichen, als z.B.: sie machten, wie man die Coeurs auf Karten zu Gesichtern mit malerischer Spielerei umgewandelt, wieder leicht aus ihrem und einem fremden Gesicht ein Coeur oder auch: die rechte poetische, aber spitzbubische Art der Manner, sie zu interessieren, sei, ihnen immer die geistige Vergangenheit, ihre Lieblingin, vortonen zu lassen, als z.B. welche Traume vergangen, und wie sich sonst das Herz gesehnt usw.; das sei die kleine Sourdine, die man in die Weite des Waldhorns stecke, dessen nahes Blasen dann wie fernes Echo klinge.
"Sie pfeifen auf der Flote?" sagte die Hofagentin Neupeter. Er zog die Ansatze und Mittelstucke aus der Tasche und wies alles vor. Ihre beiden hasslichen Tochter und fremde schone baten um einige Stucke und Griffe. Er steckte aber die Ansatze kalt ein und verwies bittend auf sein Konzert. "Sie geben wohl Stunden?" fragte die Agentin. "Nur schriftliche", versetzt' er, "da ich bald da, bald dort bin. Denn langst liess ich in den Reichs-Anzeiger folgendes setzen:
'Endes Unterschriebener kundigt an, dass er in portofreien Briefen die ausgenommen, die er selber schreibt allen, die sich darin an ihn wenden, Unterricht auf der herrlichen Flute traversiere (sie hier zu loben, ist wohl unnotig) zu geben verspricht. Wie die Finger zu setzen, die Locher zu greifen, die Noten zu lesen, die Tone zu halten, will er brieflich posttaglich mitteilen. Fehler, die man ihm schreibt, wird er im nachsten Briefe verbessern.'
Unten stand mein Name. Gleicherweise kegle ich auch in Briefen mit einem sehr eingezognen Bischof (ich wollt', ich konnt' ihn nennen); wir schreiben uns, redlicher vielleicht als Forstbeamte, wieviel Holz jeder gemacht; der andere stellt und legte seine Kegel genau nach dem Briefe und schiebt dann seinerseits."
Die Hasslauer mussten lachen, ob sie gleich ihm glaubten; aber die Agentin strich sich mit innerer Hand so rot als einen Postwagen, dessen Stosse Hr. Peter Neupeter am besten kannte, an und fragte die Tochter nach Tee. Das Kirwanentee-Kastchen war vergessen. Flitte war froh, sagte, er sitze auf nach dem Kastchen, hoffe es in funf Minuten aus der Stadt herzureiten, und sollte sein Gaul fallen d.h. der geborgte, denn sein Zutritt in allen Hausern war auch einer in allen Stallen und er denke sogar noch dem Hrn. van der Harnisch eine bewahrte Starbrille mitzubringen. Vult behandelte, glaubte Walt, das Anerbieten und das Mannchen etwas zu stolz.
Wirklich kam Flitte nach 7 Minuten zuruckgesprengt, ohne Starbrille denn er hatte sie nur versprochen aber mit dem Neupeterischen Tee-Kastchen von Mahagoni, dessen Deckel einen Spiegel mit der Tee-Doublette aufschlug.
Plotzlich fuhr Vult, als aus dem sogenannten Poetengange des Rosentals eine reiche rote Uniform mit rundem Hut heraustrat, auf den spazierenden Notarius los tat kurzsichtig, als glaub' er ihn zu kennen fragte ihn unter vielen Komplimenten leise, ob jener rote Bediente des Grafen von Klothar der bewusste sei entschuldigte sich nach dem Kopfschutteln des besturzten Notars laut mit seinem Kurzblicke, der jetzt Bekannte und Unbekannte durcheinanderwerfe, und setzte hinzu: "Verzeihen Sie einem Halbblinden, ich hielt Sie fur den Herrn Waldherrn Pamsen aus Hamburg, meinen Intimen" und liess ihn im Bewusstsein einer Verlegenheit, deren Quelle der redliche Notar nicht in seiner Wahrhaftigkeit suchte, sondern in seinem Mangel an Reisen, die immer das Holzerne aus den Menschen wegnehmen, wie die Versetzungen das Holzige aus den Kohlruben.
Jetzt trat nach dem dienerischen Abendrote der Aurora, hinter welcher der Notar seine Lebens-Sonne finden wollte, wirklich der Reiter des Morgens im blauen Uberrock, aber mit Federbusch und Ordensstern aus dem dichten Laubholze heraus samt Gesprachen mit einem fremden Herrn. Der Flotenspieler brauchte bloss auf einen brennenden Blick des Notars seinen kalten zu werfen, um fest zu wissen, dass der Morgen-Mann dem Feuerherzen des Bruders wieder erschiene, den er nur aus Ironie mit der Verwechslung des roten Bedienten mit dem blauen Herrn geneckt. Walt ging ihm entgegen; in der Nahe erschien diesem der Musengott seiner Gefuhle noch langer, bluhender, edler. Unwillkurlich nahm er den Hut ab; der vornehme Jungling dankte stumm fragend und setzte sich ans erste beste Tischchen, ohne durch den sprungfertigen Rot-Rock etwas zu fodern. Der Notar ging auf und ab, um, wie er hoffte, vielleicht unter das Fullhorn der Reden zu kommen, das der schone Jungling uber den Begleiter goss. "Wenn auch.... (fing der Jungling an, und der Wind wehte das Hauptwort Bucher weg) nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch." Wie ruhrend und nur aus dem Innersten in das Innerste dringend klang ihm diese Stimme' welche des schonen wehmutigen Flors um das Angesicht wurdig war! Darauf versetzte der andere Herr: "Die Dichtkunst fuhrt ihre Inhaber zu keinem bestimmten menschlichen Charakter; wie Kunstpferde machen sie Kussen und Totstellen und Komplimentieren und andere fremde Kunste nach; sind aber nicht die dauerhaftesten Pferde zum Marsch." Das Gesprach war offenbar im Poetengange aufgewachsen.
"Ich bin gar nicht in Abrede", versetzte der blaue Jungling ruhig ohne alle Gestus, und Gottwalt ging immer schneller und ofter voruber, um ihn zu horen, "sondern vielmehr in der Meinung, dass jede, auch willkurliche Wissenschaft, dergleichen Theologie, Jurisprudenz, Wappenkunde und andere sind, eine ganz neue, aber feste Seite an den Menschen oder der Menschheit nicht nur zeige, auch wirklich hervorbringe. Aber desto besser! Der Staat macht den Menschen nur einseitig und folglich einformig. Der Dichter sollte also, wenn er konnte, alle Wissenschaften d.h. alle Einseitigkeiten in sich senden; alle sind dann Vielseitigkeit; denn er allein ist ja der einzige im Staat, der die Einseitigkeiten unter einen Gesichtspunkt zu fassen Ruf und Krafte hat und sie hoher verknupfen und durch loses Schweben alles uberblicken kann."
"Ganz evident", sagte der Fremde, "ist mir das nicht." "Ich will ein Beispiel geben", versetzte der Graf Klothar. "Im ganzen mineralogischen, atomistischen oder toten Reiche der Kristallisation herrschet nur die gerade Linie, der scharfe Winkel, das Eck; hingegen im dynamischen Reiche von den Pflanzen bis zu den Menschen regiert der Zirkel, die Kugel, die Walze, die Schonheitswelle! Der Staat, Sir, und die positive Wissenschaft wollen nur, dass sein Arsenik, seine Salze, sein Demant, sein Uranmetall in platten Tafeln, Prismen, langrautigen Parallelepipedis usw. anschiessen, um leichter eingemauert zu werden. Hingegen die organisierende Kraft, eben darum die isolierende, will das nicht, das ganze Wesen will kein Stuck sein; es lebt von sich und von der ganzen Welt. So ist die Kunst; sie sucht die beweglichste und vollste Form und ist, wie sonst Gott, nur wie ein Zirkel oder ein Augapfel abzubilden."
Aber der Notar zwang ihn aufzuhoren. Er hatte sich daruber Skrupel gemacht, dass er so im Auf- und Abschleichen die obwohl lauten Meinungen des edeln Junglings heimlich weghorche; daher lehnt' er sich aus Gewissen an einen Baum und sah unter dem Horen dem Blaurock deutlich ins Gesicht, um ihn anzuzeigen, dass er aufpasse. Aber den Jungling verdross es und er verliess den Tisch.
Herzlich wunschte der nachgehende Notar den Flotenisten herbei, um durch ihn mehr hinter den Donnergott zu kommen. Zum Glucke teilte und durchschritt der Graf einen bunten Menschen-Klumpen, der sich um ein Kunstwerk ansetzte. Es war ein knabenhohes und langes Kauffahrteischiff, womit ein armer Kerl auf der Achse zu Lande ging, um mit diesem Weberschiffchen die Faden seines hungrigen Lebens zu durchschiessen und zusammenzuhalten. Als der Notar sah, dass der Jungling sich ans Fahrzeug und Notruder des Menschen stellte, drang er ihm nach, um dicht neben ihm zu halten. Der Schiffspatron sang sein altes Lied von den Schiffsteilen, den Masten, Stengen, Reen, Sege'n "und Touw-Werk" ab. "Das muss ihm hundslangweilig werden, es taglich wiederholen", sagte der Herr zum Grafen.
"Es folgen sich", versetzte dieser mit einigem Lehrtone, "in jeder Sache, die man taglich treibt, drei Perioden: in der ersten ist sie neu, in der nachsten alt und langweilig, in der dritten keines von beiden, sondern gewohnt."
Hier kam Vult. Der Notar gab ihm durch Winke die entbehrliche Nachricht des Funds. "Aber, Patron", sagte der Graf zum Schiffsherrn, "die Brassen der Fock-Ree mussen ja mitten von dem grossen Stag an nach den Schinkel-Blocken laufen, dann sieben oder sechs Fuss tiefer nach dem grossen Stag durch die Blocke und so weiter nach dem Verdeck. Und wo habt Ihr denn den Vor-Teckel, die Schoten des VorMars-Segels, die Gy-Touwen des Bezaans-Segels und das Fall von dem Seyn?" Hier liess der Graf verachtend den Schiffer, der seinen Mangel durch Bewunderung fremder Kenntnis verkleistern wollte, in einer zweiten aufrichtigern uber eine Geld-Fracht stehen, dergleichen ihm sein Proviantschiff und Brotwagen noch nie aus den beiden Indien des Adels- und des Burgerstandes zugefahren.
Walt auch in einem sussen Erstaunen uber die nautischen Einsichten bei so viel philosophischen liess den blauen stolzen Jungling schwer durchpassieren und sich von ihm statt an die Brust doch recht an die Seite so lange drucken, dass der Blaurock ziemlich ernsthaft ihn ansah. Vult war verschwunden. Der Jungling flog bald mit seinem Bedienten auf schonen Pferden davon. Aber der Notarius blieb als ein Seliger in diesem Josaphats-Tal zuruck, ein geheimer stiller Bacchant des Herzens. "Das ist ja gerade der Mensch", sagt' er heftig, "den du feurig wolltest, so jung, so bluhend, so edel, so stolz hochstwahrscheinlich ein Englander, weil er Philosophie und Schiffsbau und Poesie wie drei Kronen tragt. Lieber Jungling, wie kannst du nicht geliebt werden, wenn du es verstattest!"
Jetzt verschuttete die Abendsonne unter ihre Rosen das Tal. Die Musikanten schwiegen, von dem Spielteller das Silber speisend, der umgelaufen war. Die Menschen zogen nach Hause. Der Notarius ging noch eilig um vier leere Tische, woran holde Madchen gesessen, bloss um die Freude einer solchen Tischnachbarschaft mitzunehmen. Er wurde nun im langsamen Strome ein Tropfen, aber ein rosenroter heller, der ein Abendrot und eine Sonne auffasste und trug. "Bald", sagt' er sich, als er die drei Stadtturme sah, an welchen das Abendgold herunterschmolz, "erfahr' ich von meinem Vult, wer er ist und wo und dann wird mir ihn Gott wohl schenken." Wie liebt' er alle Junglinge auf dem Wege, bloss des blauen wegen! "Warum liebt man", sagt' er zu sich, "nur Kinder, nicht Junglinge, gleichsam als waren diese nicht ebenso unschuldig?" Ungemein gefiel ihm der Sonntag, worin jeder sich schon durch den Anzug poetisch fuhlte. Die erhitzten Herren trugen Hute in Handen und sprachen laut. Die Hunde liefen lustig und ohne scharfe Befehle. Ein Postzug Kinder hatte sich vor eine volle Kinderkutsche gespannt, und Pferde und Passagiere waren sehr gut angezogen. Ein Soldat mit dem Gewehr auf der Achsel fuhrte sein Sohnchen nach Hause. Einer fuhrte seinen Hund an seinem rotseidnen Halstuch. Viele Menschen gingen Hand in Hand, und Walt begriff nicht, wie manche Fussganger solche Finger-Paare und Liebes-Ketten trennen konnten, um nur gerade zu gehen; denn er ging gern herum. Sehr erfreuet' es ihn, dass sogar gemeine Magde etwas vom Jahrhundert hatten und ihre Schurzen so weit und griechisch in die Hohe banden, dass ein geringer Unterschied zwischen ihnen und den vornehmsten Herrschaften verblieb. Nahe um die Stadt unter dem ersten Tore rasete die Schuljugend, ja ein gedachtes Madchen gab der herrischen Schildwache einen Blumenstrauss keck neben das Gewehr und so schien dem Notar die ganze Welt so tief in die Abendrote geworfen, dass die Rosenwolken herrlich wie Blumen und Wogen in die Welt hineinschlugen.
Zweites Bandchen
Nr. 18. Echinit
Der Schmollgeist
Es braucht keinen grossen diplomatischen Verstand, um zu erraten, dass der Notar in der Sonntags-Nacht nicht zu Hause blieb, sondern noch spat zu dem Theaterschneider Purzel gehen wollte, wo sein Bruder wohnte, um bei ihm mehr uber den blauen Jungling zu horen. Aber dieser empfing heruntereilend ihn auf der Gasse, die er als Saal und Corso des Volks in Feier-Nachten erhob und zum Spaziergange vorschlug. Ziemlich entzuckt nahms Walt an. So Sonntags in der Nacht unter den Sternen mit Hunderten auf- und abzugehen, sagt' er, das zeig' ihm, was Italien sei; zumal da man den Hut aufbehalten und ungestort zu Fusse traumen konne. Er wollte sofort viel reden und fragen, aber Vult bat ihn, bis in andere, einsamere Gassen zu schweigen und nicht du zu sagen. "Wie so gern!" sagte Walt. Unbemerkt war ihm in der Dammerung die Brust voll Liebe gelaufen wie eine Blume voll Tau sooft er durfte, streift' er mit der Hand ein wenig an eine jede blutfremde vorbeigehende an, weil er nicht wissen konne, dacht' er, ob er sie je wieder beruhre ja er wagt' es in schattigern Stellen der Nacht sogar, zu Erkern und Balkons, wo deutlich die vornehmsten Madchen standen, aufzusehen und sich von der Gasse hinaufzudenken mitten darunter mit einer an der Hand als Brautigam, den sein Himmel halb erstickt. Endlich spannt' er vor dem Flotenspieler in einer schicklichen Sackgasse das glanzende historische Blatt von seinem innern Bankett und Freuden-Gewuhle eines Nachmittags auf, der darin bestand als Vult neugierig naher nachsah , dass er draussen hin und her gegangen und den Blaurock getroffen. "Man sollte geschworen haben", versetzte Vult, "Sie kamen eben aus Gladheim12statt aus dem Rosentale her und hatten sich entweder die Freia oder die Siofna oder die Gunnur oder die Gierskogul oder die Mista oder sonst eine Gottin zur Ehe abgeholt, und ein paar Taschen voll Weltkugeln als Brautgabe dazu. Doch ists zu ruhmen, wenn ein Mann das Galakleid der Lust noch so wenig abgetragen die Faden zahl' ich auf meinem , ausgenommen wenn der Mann nicht bedenkt, dass Zauberschlosser leicht die Vorzimmer von Raubschlossern sind." Aber jetzt wies ihm Walt den Berg der heutigen Weinlese, den blauen Jungling, und fragte nach dessen Namen und Wohnung. Der Bruder erwiderte gelassen, es sei der Graf Klothar, ein sehr reicher, stolzer, sonderbarer Philosoph, der fast den Briten spiele, sonst gut genug. Dem Notar wollte der Ton nicht gefallen, er legte Vulten Klothars reiche Worte und Kenntnisse vor. Vult erwiderte, darin seh' er fast einige merkliche Eitelkeit des Stolzes. "Ich konnt' es nicht ertragen", versetzte Walt, "wenn Menschen gewisser Grosse demutig waren." "Und ich kann", versetzte Vult, "es nicht erdulden, wenn der englische Stolz, oder der irlandische oder der schottische, der sich sehr gut in Bucher-Darstellungen ausnimmt, in der Wirklichkeit auftritt und pustet. In Romanen gefallt uns fremde Liebe und Stolziererei und Empfindelei; aber druber hinaus schlecht."
"Nein, nein (sagte Walt), wie mir denn dein eigener Stolz gefallt. Wenn wir uns recht fragen, so erzurnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund daher kann uns oft Demut ebensogut qualen; daher ist unser Hass des Stolzes kein Neid gegen Vorzuge; denn indes wir allezeit grossere uber uns anerkennen und nur erstohlne, vorgespiegelte hassen: so ist unser Hass nicht Liebe gegen uns, sondern eine gegen die Gerechtigkeit." "Sie philosophieren ja wie ein Graf", sagte Vult. "Hier wohnt der Graf." Mit unsaglicher Freude sah Walt an die leuchtenden Fensterreihen einer Garten-Villa hinauf, die der Gasse den glanzenden Rucken zeigte und in welche ein langer Garten durch eine breite Vorhalle von BaumenOrdnungen fuhrte. Jetzt liess Walt vor dem Bruder eine durstige Seele in alle ihre Gedichte und Hoffnungen der Liebe ausbrechen. Der Flotenspieler sagte (eine gewohnliche Ergiessung seines Zorns): "freilich in gewissen Stucken indessen zumal so insofern ja freilich, o Himmel!" und fugte bei, seines schwachen Bedunkens sei Klothar vielleicht nicht weit von dem entfernt, was man im gemeinen Sprachgebrauch einen Egoisten nennt. Walt hielt es jetzt schon fur Freundes-Pflicht, den unbekannten Grafen hieruber heftig zu beschutzen, und berief sich auf dessen edle Physiognomie, die gewiss darum, vermutete er, so trube beschattet sei, weil er fruchtlos nach einer Sonne sehe, die ihm auf irgendeinem Altare voll Opfer-Asche den alten Phonix der Freundschaft erwecke; und ganz reiner Liebe schliesse gewiss kein Herz sich zu. "Wenigstens setzen Sie vorher", sagte Vult, "eh' Sie vor seinen Kammerdiener treten, einen Furstenhut auf, ziehen einen Stern an, binden ein blaues Hosenband um: dann mogen Sie bei ihm zur Cour vorfahren; so nicht wohl. Ich ja selber, der ich von einem so eisgrauen Adel bin, dass er vor Alters-Marasmus fast erloschen ist, musste vorher bei ihm eigne Verdienste vorschutzen. Und wie wollen Sie ihm Ihre Freundschaft promulgieren? Denn blosses Hegen derselben tuts nicht."
"Von morgen an", sagte Walt unschuldig, "such' ich ihm so nahe zu kommen, dass er alles deutlich lesen kann in meinem Herzen und Gesicht, was die Liebe an ihn hineingeschrieben, Vult!" "Van der Harnisch zum Henker! Was ist zu vulten? Sie bauen demnach auf Ihren Diskurs und dessen Gewalt?" versetzte Vult. "Jawohl", sagte Walt, "was hat denn der Mensch ausser so seltnen Taten noch anderes?" Aber den Flotenspieler uberraschte an einem so bescheidenen Wesen, das hohere Stande vergotterte, dieses stille feste Vertrauen auf Sieg ausnehmend. Die Sache war indes, dass der Notar schon seit geraumen Jahren, wo er Petrarcas Leben gelesen, sich fur den zweiten Petrarca still ansah, nicht bloss in der ahnlichen Zeugungskraft kleiner Gedichte oder darin, dass der Welsche von seinem Vater nach Montpellier geschickt wurde, um das Jus zu studieren, das er gegen Verse spater fahren liess , sondern auch und hauptsachlich darin mit, dass der erste Petrarca ein gewandter zierlicher Staatsmann war. Der Notar glaubte, er durfe, nach den Reden zu schliessen, die er mehrmals siegend an Goldinen und die Mutter gehalten, ohne Unbescheidenheit auf einige Ahnlichkeit mit dem Italiener rechnen, falls man ihn nur in die rechten Lagen brachte. So geht eigentlich in dieser Minute kein Jungling in ganz Jena, Weimar, Berlin u.s.w. uber den Markt, der nicht glauben musste, als Schrein Sakramenthauschen Heiligenhaus Rindenhaus oder Mumienkasten irgendeines jetzt oder sonst lebenden Geister-Riesen heimlich herumzulaufen, so dass, wenn man besagten Schrein und Mumienkasten aufschluge, der gedachte Riese deutlich ausgestreckt darin lage und munter blickte. Ja Schreiber dieses war fruher funf bis sechs grosse Manner schnell nacheinander, so wie er sie eben gerade nachahmte. Kommt man freilich zu Jahren, namlich zu Einsichten, besonders zu den grossten, so ist man nichts.
"Wir wollen doch in einem fort hier auf- und abgehen", sagte Walt, der in Vults Repliken, zumal von seiner Himmelsluft berauscht, nichts spurte als dessen Manier. "Ins Bette lieber; wir storen vielleicht Klotharn, der schon darin liegt, denn ich hore, morgen verreiset er auf einige Tage sehr fruhe" berichtete Vult, als woll' er, ordentlich sich selber zur Pein, aus Walts vollem Herzen recht viel Liebe vorpressen.
"So ruhe sanft, Geliebter!" sagte Walt und schied gern von der lieben Stelle und dann vom verdrusslichen Bruder. Voll Freude und Friede zog der Notar nach Hause in die stillen Gassen schaueten nur die hohen Sterne er sah im Marktwasser einer nach Norden offnen Strasse die Mitternachts-Rote abgespiegelt im Himmel zogen helle Wolkchen wie verspatet aus dem Tage heim und trugen vielleicht oben die Genien, die den Menschentag reich beschenket hatten und Walt konnte, als er so glucklich in sein einsames dammerndes Stubchen zuruckkam, sich sowohl des Weinens als des Dankens nicht enthalten.
Sehr fruh bekam er am Morgen von Vulten ein Briefchen mit einer versiegelten Inlage, uberschrieben: "tempori!"
Jenes lautete:
"Freund, ich fodere nichts von Euch als eine kurze Unsichtbarkeit, bis mein Blinden- und Flotenkonzert gegeben ist, zumal da ich dazu Grunde habe, die Ihr selber habt. Schreiben konnen wir uns sehr. Wachst mein Erblinden so hastig fort wie bisher: so blas' ich den vierzehnten, obgleich als stockblinder Dulon, bloss um nur das arme Ohren-Publikum nicht langer aus einem Wochentagsblatt ins andere zu schleppen. Ich bitt' Euch, macht kein Instrument, ohne mirs zu schreiben. Ich hoffe, dass Ihr die FamilienEhre schonet, wenn Ihr in den Webstuhl tretet, um das bewusste Freundschafts-Band zu weben, und dass Ihr darauf rechnet, dass ich notigstenfalls auch ein paar Fussstosse im Stuhle mitzutun bereit ware. Auf Beilage setzt Euer Siegel neben meines und schickt sie zuruck; zu gehoriger Stunde wird sie vor Euch einst erbrochen. Addio!
v. d. H.
N. S. Man muss jetzt meiner Augen wegen mit ellenlangen Buchstaben an mich schreiben wie diese da." Letzteres tat Walt in seiner Antwort gern, aber der Blindheit gedacht' er nicht, aus Wahrheitsliebe. Er versprach alles Verlangte und beklagte leidend die Trennung einer so kurzen Vereinigung; beteuerte aber, dass Vult jeden Schritt und jedes Gluck bei dem Grafen mit ihm schriftlich teilen solle. Ubrigens erkannte Walt in dieser Unsichtbarkeit den Bruder nur als einen rechten Weltluchs, der sich auch gegen das kleinste Wetterleuchten des Zufalls einbauet, das den Menschen oft mitten in seiner besten Dunkelheit vom Scheitel bis zur Sohle aufrecht erhellet.
Das geheime Paket hatte man dem Notar ebensogut unversiegelt geben konnen, so sehr erfreute er sich, eine Gelegenheit der Treue gegen andere und sich zu erleben.
Das versiegelte Blatt lautete so:
"Da es ungewiss ist, ob Du je diesen Brief an Dich lesen darfst: so kann ich offen genug schreiben. Es hat mich ungemein und diese ganze Nacht durch gekrankt, lieber Bruder wer weiss, ob wir uns noch so anreden bei dem Erbruche dieses Blattes, der entweder im schlimmsten oder im besten Falle geschieht , dass Du von der Freundschaft Deines Bruders nicht so wie er von Deiner befriediget wirst, sondern schon eine neue suchst. Dass ich Deinetwegen im dummen Hasslau bleibe, oder dass ich fur Dich mit Wurg-Engeln und Scharf- und Hollenrichtern mich herumschlagen wurde daraus kann nicht viel gemacht werden; aber dass ein Mensch, dem auf seinem Reisewagen das Herz halb ausgefahren, geradert, ja abgeschnitten worden, doch fur Dich allein eines mitbringt, das darf er anrechnen, zumal in einem Tausche gegen Deines, das zwar unbeschreiblich rein und heiss, aber auch sehr offen der Windrose aller Weltgegenden dasteht. Und nun wirds gar einem Grafen aufgemacht, der als Freund den Thron besteigt, indes ich auf dem Geschwisterbankchen oder Kinderstuhlchen sitze o Bruder, das durchbrennt mich. So rottenweise, so in der Landsmannschaft aller Menschen auch mit geliebt zu werden und um ein Herz sich mit seinem samt hundert andern Herzen wie ein Archipelagus von Zirkel-Inseln herumzulagern Freund, das ist mein Geschmack nicht. Ich muss wissen und halten, was ich habe.
Wollt' ich Dir freilich meinen schwulen Giftbaum, worunter ich diese Nacht geschlafen, aufblattern: so kenn' ich Dein schones, sanftes, opferndes Gemut; aber lieber wollt' ich ihn ganz abernten, eh' ich so demutig ware. Es verdriesset mich schon, dass ich vor Dir nur so viel schon am Grafen getadelt. Sieh selber wahle selber nur Deine Empfindung treibe Dich, hinzu oder hinweg. Umgekehrt vielmehr werd' ich Dir alle mogliche Flugwerke, Strickleitern und Schneckentreppen zum hohen Grafen machen und leihen, dem ich so gram bin; aber dann, wann Du entweder ganz bezaubert oder ganz entzaubert bist, los' ich das Siegel von folgender Schilderung dieses Herrn:
Er ist nicht zum Ausstehen. Eitelkeit des Stolzes und Egoismus sind die beiden Brenn- oder Frostpunkte seiner Ellipse. Mir missfallt ein junger elender Fant gar nicht denn ich seh' ihn nicht der ein Narr ist, ein Bilderdiener seines Spiegelbilds, ein Spiegel seiner Pfauenspiegel; und so gern ich in effigie jedem mannlichen Fratzen, der sich hinsetzen und als Elegant einem Mode-Journalisten sitzen kann, einen tapfern Fusstritt gabe: so bekummern mich doch die Narren zu wenig, ja ich konnte einem, der frei seine Eitelkeit erklarte, solche nachsehen... Hingegen einem, der sie leugnet der den Pfauenschweif hinter den Adlersflugeln einheften will der nur an Sonntagen schwarz gehet, weil da der Schornsteinfeger weiss gehet der sehr ernst sich bloss die Glatze auskammt der wie eine Spinne nachtlich das Gewebe, womit er die Sums-Mucke Lob einfangt, wieder verschluckt und dann wieder ausspannt und der die Anspruche des Philosophen und Narren gern verbande und der naturlich noch dabei vollends so egoistisch ist... Ich sage egoistisch.
Macht sich ein Mensch, Bruder, aus den Menschen nicht viel, so bin ich stiller als einer dazu; nur mach' er sich auch nicht mehr aus sich, und im Streitfall seines und fremden Glucks wahl' er grossmutig. Hingegen ein echter, recht frecher Selbstsuchtling, der ganz unverschamt gerade die Liebe begehrt, die er verweigert, der die Welt in einer Koschenille-Muhle mahlen konnte, um sich Weste und Wangen rot zu farben, der sich fur das Herz der Allheit ansieht, deren Geader ihm Blut zu- und abfuhrt, und der den Schopfer und Teufel und Engel und die gewesenen Jahrtausende bloss fur die Schaffner und stummen Knechte, die Weltkugeln fur die Dienerhauser eines einzigen erbarmlichen Ichs nimmt; Walt, es ist bekannt, einen solchen konnt' ich gelassen und ohne Vorreden totschlagen und verscharren. Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, grossmutige, obwohl zerreissende Lowen; der Egoismus aber ist eine stille sich einbeissende fortsaugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in der andern das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse, als falsch besetze. Der Egoist hat, wie Wurmer und Insekten, nur eine. Du, glaub' ich, vermietest deine rechte an Weiber, die linke an Manner und behilfst Dich, so gut Du kannst, im Herzohr oder Herzbeutel. Vom Grafen will ich Dir nichts sagen, als dass er als protestantischer Philosoph eine liebliche, aber katholische Braut Dir frappant ahnlich in der Liebe gegen jeden Atem des Lebens schlechterdings aus ihrer Religion in seine schleppen will, bloss aus egoistischer stolzer Unduldsamkeit gegen einen stillen Glauben in der Ehe, der seinen als einen falschen scholte.
Und dieses Menschen Kebs-Braut wolltest Du werden? Es schmerzet mich jetzt, wo ich mich ins Kuhle geschrieben, recht ins Herz hinein, dass Du Sanfter bis dahin, bis zur Eroffnung dieses Testaments dieses Briefs, so manche Plage von zwei Spitzbuben erdulden wirst, wovon der zweite ich selber bin. Denn wie ich bis dahin schmollen, Dich auf harte Proben stellen z.B. auf die, ob meine Unsichtbarkeit, Ergrimmung und Ungerechtigkeit Dir genug ans Herz gehe und wie ich uberhaupt des Teufels gegen Dich sein werde, ist Gott und mir am besten bekannt; denn ich kenne meine Schmoll-Natur, welche so sehr ich mir auf dieser Zeile das Gegenteil vornehme so wenig als ein schwimmender Kork in einem Gefass Wasser in der Mitte bleiben kann. Ach, auf jedem frischen Druckbogen des Lebens kommt immer unten der Haupttitel des Werks wieder vor.
Mein Ubel aber eben ist der Schmollgeist, esprit de depit d'amour, den mir eine der vermaledeitesten Feen muss in die Nasenlocher eingeblasen haben. Eine schlimmere Bestie von Polter- und Plagegeist ist mir in allen Damonologien und Geisterinseln noch nicht aufgestossen. Ordentlich als sei das Lieben nur zum Hassen da, erboset man sich den ganzen Tag auf das susseste Herz, sucht es sehr zu peinigen, breitzudrukken, einzuquetschen, zu vierteilen, zu beizen aber wozu? Um es halbtot an die Brust zu nehmen und zu schreien: o ich Hollenhund! So gottlos hielt ich mit Freunden Haus, noch gottloser freilich mit Freundinnen. Dreitausendzweihundertundfunfmal sohnt' ich mich mit einer thuringischen Geliebten in dem kurzen Wonnemonde unserer Liebe aus mit andern aber ofter ; und kundigte doch gleich darauf, wie ein kopulierter Furst, die Seelen-Trauung wieder durch Kanonenschusse und Mordknalle an, weil ich wieder den kleinsten schonsten allerliebsten Reif der Liebe fur Schnee ansah. Bei solchen Umstanden, das schwur ich feierlich, heirate der Teufel oder ein Gott; denn ist die Person nicht abwesend, die man zu lieben hat (abwesend gehts sehr; auch brieflich), oder was ebensogut ist, abgegangen mit Tod (Liebe und Testament werden durch Sterben erst ewig): so hat man nach den bekannten wenigen Flitter-Sekunden seine Blei-Jahre, bringt sein Leben wie an einem Kamin hin, halb den Steiss im Feuer, halb den Bauch im Frost, oder wie ein Stuck Eis im Wasser, oben von der schonen Sonne, unten durch die Wellen zerfliessend. Und da schaue Gott den Jammer! Jeder hute sich, lehr' ich oft genug, vor dem sauern Schmoll- und Salzgeist, weils keinen schlimmern gibt. Dass ich immer abreisete von alten Menschen zu neuen, muss ich eben tun, um nicht zu zanken, sondern noch zu lieben. Der Himmel weiss, wie ich Dich peinigen werde. Aber vorausgesagt hab' ichs hier in bester Laune; und dann sei dieses Blatt, wenn es aufgemacht wird, mein Schirm-, mein Feigen-, mein Olblatt.
Q. H."
Nr. 19. Mergelstein
Sommerszeit Klothars-Jagd
Jetzt fing das Notariat des Notarius ordentlich erst recht an. Er wurde der allgemeine Instrumenten-Macher der neugierigen Stadt. Gerichtlich bei den Testamentsexekutoren sind die Schuldverschreibungen, die Protokolle uber verdorbne Warenfasser, Pachtbriefe uber Handelsgewolbe, Kontrakte uber zu reparierende Stadtuhren und dergleichen niederlegt, die er in so kurzer Zeit ausfertigte, dass ein alter hinkender Notarius nicht wusste, was er dazu sagen sollte aus Grimm, sondern zu Gott hoffte, der Amtsbruder werde, was er da einbrocke, schon einmal auszuessen haben, wenn ihn einst die sieben Erben und die geheimen Testamentsartikel fur jedes Notariats-Verbrechen bei den Haaren nehmen, wie ja das sein tagliches Gebet zum Himmel sei. Walt fand nichts dabei unbegreiflich, als dass er freilich mehr sein Petschaft imstande sein sollte, die wichtigsten Dinge zu bestatigen, da er kaum begriff, wie er einst einen Ehemann oder Staatsburger abgeben konnte statt einem leeren Jungling.
Seinem Bruder schrieb er, wie er mitten unter den Instrumenten den Roman weiterwebe, indem er so lange, bis eine Kopie abtrockne, ungehindert dichten konne so wie d'Aguesseau behauptete, er habe viele seiner Werke im Zwischenraume gemacht, wo er sagte, qu'on serve, und wo man meldete, qu'il etoit servi. Aber Vult schrieb ihm Bitten und Gebote zuruck, ums Himmels willen bei sich zu sein, sich nie zu irren, kein Stunden-Datum und andere Beiwerke der Kontrakte zu vergessen, nie zu abbrevieren mit Zeichen oder notis, obgleich notarius davon herstamme; da er zumal sicher wisse, dass man jedem Federzug auflaure und dass ihm nur deshalb der Hoffiskal das Kunden-Heer zuweise.
Einst schrieb ihm etwas Ahnliches sein Vater Lukas nachdem er bisher jeden dritten Tag mundlich deswegen gekommen war in einem kalligraphischen, kopierten Briefe, worin er ihn bei der Erbschaft beschwor, in seinen Instrumenten nichts zu radieren, noch zweierlei Dinte zu nehmen, und darauf befragte, ob es ausser Treibers Spatzenrecht, Kluvers Hundsrecht und Mullers Bienenrecht nicht noch Wespenrechte, Huhnerrechte und Rabenrechte gebe, und was das Bienenrecht statuiere, wenn einer nur eine Biene totmache oder ein paar. Der Sohn schickte eine hofliche und ernste Antwort mit einer Spielkarte, worein er einen Maxd'or als einen Ehrensold fur den Rat gesteckt. Er hatte das Goldstuck gegen ubermassiges Agio von Neupetern erwechselt, um seine Eltern durch das Gold (den Phonix und Messias des Landvolks) in den dritten Himmel zu werfen. Die Botenfrau musst' ihm aber die Viertelstunde ihrer Ankunft bestimmen und beteuern, damit er erstlich bis dahin in den seligsten Traumen des nahen elterlichen Gluckes schwimmen und zweitens doch noch die Viertelstunde kosten konne, wo er entschieden wusste, das ganze Haus in Elterlein sei nun ausser sich vor Jubel uber den Maxd'or und lasse Schomakern aus dem Schulund die Goldwaage aus dem Pfarrhause dazu holen. Soviel susser wirds, lieber durch Boten als mit der Hand, lieber fernen Leuten als einem dasitzenden Mann zu schenken, der alles ausmacht, wenn er einsteckt und sich bedankt.
Seine alte Seelen-Schwester Goldine erhielt jetzt einen Brief. Vorn herein schrieb er: er ubertreib' es nicht, wenn er sowohl in Rucksicht seiner jetzigen Bekanntschaften als seiner kunftigen Hoffnungen sich fur ein Gluckskind des gutigsten Schicksals erklare; und nur mit griechischer Furcht vor der Nemesis bekenn' er, dass sein erster Ausflug fast zu glucklich, seine erste Ziel-Palme schon voll Fruchte sei und seine Abende einen Abendstern besassen, und die Morgen den Morgenstern.
Darauf ging er weiter zur Malerei des Sommerlebens, an welche er sich ohne Furcht mit folgenden Farben machte:
"Schon der Sommer allein erhobe! Gott, welche Jahreszeit! Wahrlich ich weiss oft nicht, bleib' ich in der Stadt, oder geh' ich aufs Feld, so sehr ists einerlei und hubsch. Geht man zum Tor hinaus: so erfreuen einen die Bettler, die jetzt nicht frieren, und die Postreiter, die mit vieler Lust die ganze Nacht zu Pferde sitzen konnen, und die Schafer schlafen im Freien. Man braucht kein dumpfes Haus; jede Staude macht man zur Stube und hat dabei gar meine guten emsigen Bienen vor sich und die prachtigsten Zweifalter. In Garten auf Bergen sitzen Gymnasiasten und ziehen im Freien Vokabeln aus Lexizis. Wegen des Jagdverbotes wird nichts geschossen, und alles Leben in Buschen und Furchen und auf Asten kann sich so recht sicher ergotzen. Uberall kommen Reisende auf allen Wegen daher, haben die Wagen meist zuruckgeschlagen, den Pferden stecken Zweige im Sattel und den Fuhrleuten Rosen im Mund. Die Schatten der Wolken laufen, die Vogel fliegen darzwischen auf und ab, Handwerkspursche wandern leicht mit ihren Bundeln und brauchen keine Arbeit. Sogar im Regenwetter steht man sehr gern draussen und riecht die Erquikkung, und es schadet den Viehhirten weiter nichts, die Nasse. Und ists Nacht, so sitzt man nur in einem kuhlern Schatten, von wo aus man den Tag deutlich sieht am nordlichen Horizont und an den sussen warmen Himmels-Sternen. Wohin ich nur blicke, so find' ich mein liebes Blau, am Flachs in der Blute, an den Kornblumen und am gottlichen unendlichen Himmel, in den ich gleich hineinspringen mochte wie in eine Flut. Kommt man nun wieder nach Hause, so findet sich in der Tat frische Wonne. Die Gasse ist eine wahre Kinderstube, sogar abends nach dem Essen werden die Kleinen, ob sie gleich sehr wenig anhaben, wieder ins Freie gelassen, und nicht wie im Winter unter die Bettdecke gejagt. Man isset am Tage und weiss kaum, wo der Leuchter steht. Im Schlafzimmer sind die Fenster Tag und Nacht offen, auch die meisten Turen, ohne Schaden. Die altesten Weiber stehen ohne Frost am offnen Fenster und nahen. Uberall liegen Blumen, neben dem Dintenfass, auf den Akten, auf den Sessions- und Ladentischen. Die Kinder larmen sehr, und man hort das Rollen der Kegelbahnen. Die halbe Nacht geht man in den Gassen auf und ab und spricht laut und sieht die Sterne am hohen Himmel schiessen. Selber die Furstin geht noch abends vor dem Essen im Park spazieren. Die fremden Virtuosen, die gegen Mitternacht nach Hause gehen, geigen noch auf der Gasse fort bis in ihr Quartier, und die Nachbarschaft fahrt an die Fenster. Die Extraposten kommen spater, und die Pferde wiehern. Man liegt im Larm am Fenster und schlaft ein, man erwacht von Posthornern, und der ganze gestirnte Himmel hat sich aufgetan. O Gott welches Freuden-Leben auf dieser kleinen Erde! Und doch ist das erst Deutschland! Denk' ich vollends an Welschland! Goldine, dabei hab' ich noch die trostende Aussicht, dass ich diesen Erntetanz der Zeit, den ich Ihnen hier in matter Prosa geschildert, weil ich Ihre Liebe, Ihr Vergeben kenne, mit ganz anderem poetischen Farben-Schmelze malen kann. Freundin, ich schreibe einen Roman. Genug, genug! was ich sonst noch gefunden, was ich vielleicht nach anderthalb Stunden finde Goldine, durfte ich diese Freuden in Ihr Herz ausgiessen! O musst' ich nicht vor die glanzenden Sonnenwolken verhullende Erdenwolken ziehen! Addio, Carissima!"
Aber hier sprang er auf, liess unabgeschrieben den Kaufbrief liegen, unter dessen Abfassung er heute eben vernommen, dass Klothar zuruck und der Himmel in der Nahe sei, und lief in des Grafen Garten. Im Schreiben war Walt Befehlshaber seiner Phantasie betrachtlich, aber im Leben nur Diener derselben; wenn jene spielend ihm ihre Blumen und Fruchte wechselnd in den Schoss hinein und uber den Kopf hinuber warf: so drang unaufhaltsam sein ernsteres Herz seinen Garten, seinem Gipfel zu und suchte den Zweig.
In Klothars Park hofft' er auf ein schones Begegnen. Alle Fenster der Villa standen offen, aber kein Kopf darin. Der Gartner, der ihn fur einen Gartenfreund nahm, ging ihm nach der Sitte mit einem Blumenstrauss in der Hoffnung entgegen, er werde diese Gartnersblumen-Schwabacher und Fernschreiberei lesen konnen und ihm dafur ein paar Groschen schenken. Der Notar weigerte sich hoflich vor dem bluhenden Geschenke, nahm es endlich mit den dankbarsten Mienen an und druckte den aufrichtigsten Dank noch mundlich vor dem Gartner aus, der sich mit den finstersten uberwebte, weil er keinen Heller bekam. Selig strich der Notar durch die Gange, in die dunkeln Busch-Nischen, an betitelte Felsen und Mauern, vor grune Banke der Aussichten und uberall flog ihm ein Blumenkranz auf den Kopf oder ein Sommervogel ans Herz, namlich wahre Freuden, weil er uberall ein Beet erblickte, woraus, wie er dachte, sein kunftiger Freund sich einige Blumen oder Fruchte des schnellen Lebens-Fruhlings ausgezogen. "Der edle Jungling kann", sagte Gottwalt an den verschiedenen Platzen, "wohl auf dieser Bank lang der Abendrote nachgesehen haben in diesem Blutendickicht dammernde Herzens-Traume ausgesponnen auf dem Hugel wird er an Gott gedacht haben voll Ruhrung Hier neben der Statue, o wenn er hier konnte die sanfte Hand seiner Geliebten genommen haben, falls er eine hat wenn er betet, tat ers gewiss in diesem machtigen Hain."
Es gab wenige Banke im Park, worauf er sich nicht niedersetzte, voraussetzend, Klothar habe fruher da gesessen. "Der englische Garten ist gottlich", sagt' er abgehend zum stillen Gartner an der Pforte, "abends erschein' ich gewiss wieder, liebster Mann."
Er machte auch zur versprochenen Zeit die Gartenture auf. In der Villa war Musik. Er verbarg sich und seine Wunsche in die schonste Grotte des Parks. Aus der Felsenwand hinter ihm drangen Quellen und uberhangende Baume. Vor ihm goss der glatte Fluss seinen langen Spiegel durch ein Auen-Land. Windmuhlen kreiseten ungehort auf den fernen Hohen um. Ein sanfter Abendwind wehte das rote Sonnengold aus den Blumen hoher um die Hugel. Eine weibliche Statue, die Hande in ein Vestalinnen-Gewand gehullt, stand mit gesenktem Haupte neben ihm. Die Tone der Villa hingen sich wie helle Sterne ins Quellen-Rauschen und blitzten durch. Da Gottwalt nicht wusste, welches Instrument Klothar spiele: so gab er ihm lieber alle in die Hand; denn jedes sprach einen hohen, tiefen Gedanken aus, den er dem Herzen des Junglings leihen musste.
Er entwarf sich unter sussen Klangen mehrmals den Umriss von der unerhorten Seligkeit, wenn der Jungling auf einmal in die Grotte trate und sagte: "Gottwalt, warum stehest du so allein? Komme zu mir, denn ich bin dein Freund."
Er half sich durch einige Streckverse an Jonathan (so wollt' er im Hasslauer Wochenblatte den Grafen verziffern), die ihm aber schlecht gelangen, weil sein innerer Mensch viel zu rege und zitternd war, um den poetischen Pinsel zu halten. Zwei andere Streckgedichte, unter welche er jene absichtlich im Wochenblatte zum Scheine mischen wollte, als sei alles Dichtung, waren viel besser und hiessen so:
Bei einem Wasserfalle mit dem Regenbogen
O wie schwebt auf dem grimmigen Wassersturm der Bogen des Friedens so fest. So steht Gott am Himmel, und die Strome der Zeiten sturzen und reissen, und auf allen Wellen schwebet der Bogen seines Friedens.
Die Liebe als Sphinx
Freundlich blickt die fremde Gestalt dich an, und ihr schones Angesicht lachelt. Aber verstehst du sie nicht: so erhebt sie die Tatzen. Eben kam der Gartner und befahl ihm an, sich wegzumachen, weil man den Garten schliesse. Er dankte und ging willig. Aber zu seinem Erstaunen fuhr er in der Theaterschneiders-Gasse nahe vor einem sechsspannigen Fackel-Wagen vorbei, worin Klothar sass nebst andern, so dass er im Garten manches, sah er, vergeblich empfunden. Er ging noch eine halbe Stunde vor Vults Fenstern auf und nieder, zwar ohne diesen zu sehen, der ihn sah, aber doch um ihn sich nahe zu denken.
Tags darauf hatt' er das Gluck, den Grafen, der mit einer alten krummen Dame englisch sprach, auf einem Garten-Gange zu treffen und vor dessen ernstem schonen Gesicht den Hut mit Liebes-Augen zu ziehen. Er suchte ihm noch sechs oder sieben Male aufzustossen und zog ebensooft aus Unbekanntschaft mit der Garten-Kleiderordnung den Salutier-Hut, was zuletzt dem Grafen so verdrusslich fiel, dass er unter Dach und Fach auswich. Auch der Gartner, der langst uber ihn und seine scharfen Beobachtungen des Landhauses seine eignen angestellt, wurde konfus und glaubte, etwas zu vermuten.
Noch spat abends kam ein Laufer vom polnischen General Zablocki der in Elterlein das bekannte Ritterschloss hatte mit dem Befehle, sich morgen ganz fruh Punkt 11 Uhr einzustellen, um etwas zu machen. "O Lieber, wenn doch mein Klothar ein Instrument bei mir bestellte! Gab' es denn eine holdere Gelegenheit?" dacht' er. Punkt 11 Uhr kam derselbe Laufer und bestellt' ihn ab. Aber an der Wirtstafel vernahm er, welche Himmelskugel nahe vor ihm seitwarts weggezogen war.
Die Tischgenossenschaft vereinigte sich namlich, das gottliche Gemut einer gewissen "Generals-Wina" zu erheben... Es gibt vielerlei Ewigkeiten in der armen Menschenbrust, ewige Wunsche, ewige Schrecken, ewige Bilder so auch ewige Tone. Der Laut Wina, ja nur der verwandte Winchen, Wien, Mine, Munchen, erfasste den Notar ebensosehr, als wenn er an Aurikeln roch, auf deren Duft-Wolken er sich so lange in neue auslandische Welten verschwamm, bis er entdeckte, dass er nur die fruhesten seines Lebens tauig ausgebreitet sehe. Und die Ursache war eben eine. In seiner Kindheit war namlich, da er an den Blattern blind dalag, ein Fraulein Wina, die Tochter des General Zablocki, dem das halbe Dorf oder die sogenannten Linken gehorte, mit der Mutter zum Schultheiss gekommen. In der Familie hatte sich erhalten, dass das kleine Madchen gesagt, der arme Kleine sei ja sehr tot, und sie woll' ihm alle ihre Aurikeln geben, weil sie ihm keine Hand geben durfte. Der Notar beteuerte, dass er sich es noch klar und suss erinnere, wie ihn Blinden der Aurikeln-Geruch durchdrungen und ordentlich berauscht und aufgeloset habe, und wie er ein peinliches Schmachten gefuhlt, nur eine Fingerspitze des Kindes, dessen susses Stimmchen ihm fern, fern herzukommen schien, anzuruhren, und wie er die kuhlen Blumenblatter an seinen heissen Lippen totgedruckt. Diese Blumen-Geschichte musst' ihm, erzahlt' er, in der Krankheit und nachher in der Gesundheit unzahlige Male erzahlt werden, er habe aber Wina nie aus seiner Kindheits-Dammerung gelassen und sie spater nie angesehen, weil er es fur Sunde gegen dieses fur das Tageslicht ordentlich zu heilige zarte Wesen gehalten. Wenn ansehnliche Dichter ihre Arme und Flugel zusammenstellen, um wie auf einem Minervens-Schilde eine Schonheit emporzuheben durch Wolken hindurch, uber schwache Monde, mitten unter die Nacht-Sonnen hinein: so hob doch Walt die ungesehene, suss sprechende Wina viel hoher, namlich in das dunkle tiefste Sternenblau, wo das Hochste und das Schonste gluht und strahlt, ohne Strahlen fur uns Tiefe; gleich den grossen Zentral-Sonnen Herschels, welche durch ihre unendliche Grosse ihren unendlichen Glanz wieder an sich ziehen und ungesehen in ihrem Feuer schweben.
Gottwalt fragte, ob diese Wina die Tochter Zablokkis sei. Er horte, es sei diese eben die Braut Klothars. Welche Uberraschung, sich einen mannlichen, markigen, scharfen Geist und Freund mit der sanften Liebe zu denken, mit dem Dampfer, der das Schmettern zu Nach- und Widerklangen erweicht, einen Heros neben einer heiligen Jungfrau und auf der andern Seite sich die Braut eines Freundes zu denken, diese hohere geistige Schwester, diese Gott geweihte Nonne im Tempel der Freundschaft (denn fur eine schone Seele gibt es keine schonere als des Freundes Geliebte) mehr Liebe und Freuden-Traume konnte eine einzige Nachricht schwerlich einem Menschen zuwerfen als die neue dem Notar, die neueste ausgenommen, dass heute beim General die Ehepakten aufgesetzet worden oder doch wurden. Der Notar, der aus seiner Abbestellung das Widerspiel wusste, fuhr ordentlich vor der aufgeschobenen Herzens-Szene zusammen, die ihm entgangen war; "ich glaube, ich sterbe", dacht' er, "vor Liebe gegen zwei solche Menschen, die ich auf einmal in ihrer fande; den Kontrakt wurd' ich ohnehin mit zehntausend Fehlern aufsetzen, und stande mein Kopf darauf."
Er horte aber noch mehr. Der Graf, sagte die Wirtstafel, heirate sie bei seinem Reichtum nur der Schonheit und Ausbildung wegen, denn er habe zehnmal mehr Geld als der General Schulden. "Was tuts", sagt' ein unbeweibter Komodiant, der Vater machte, "die Hehre soll die Liebe und Charis selber sein." "Zwar die Mutter in Leipzig, glaub' ich", versetzte ein Konsistorial-Sekretar, "konsentiert bequem, da sie lutherischer Konfession ist, so gut wie der Brautigam; aber der Vater" "Wieso?" fragte der Komodiant. "Tochter und Vater sind namlich Katholiken", antwortete der Sekretar. "Wird sie die Religion changieren?" fragte ein Offizier. "Das weiss man eben nicht (sagte der Sekretar); bleibt sie inzwischen bei ihrer, so sind sehr viele Dinge vorher auszumachen; und beide mussen durchaus zweimal kopuliert werden, einmal von einem lutherischen Geistlichen, hernach von einem katholischen." "Ihr Konsistorien", sagte der Offizier, "bleibt doch bei Gott ein ganzer wahrer diffiziler, nichtsnutziger, langweiliger Schnickschnack, der mich ordentlich revoltiert; wie stecht ihr ab gegen einen Feldprediger!"
So beklommen, als (nach der medizinischen Geschichte) Leute erwachen, die in ihrem Schlafzimmer einen Pomeranzenbaum hatten, der in der Nacht die Bluten auftat und sie mit seinem Duft-Fruhling uberfiel: so stand Walt, mit der suss-nagenden Geschichte am liebewunden Herzen, vom Tische auf. Er wollte, er musste die Brautleute sehen. Wina, die er fruher als der Graf wenigstens gehort, konnt' er ordentlich bitten, ihn dem Brautigam, und diesen, den er langst gesehen und gesucht, ihn der Braut vorzustellen. Sehr hatt' ihm an der Wirtstafel die Bemerkung gefallen, dass Wina eine Katholikin sei, weil er sich darunter immer eine Nonne und eine welsche Huldin zugleich vorstellte. Auch dass sie eine Polin war, sah er fur eine neue Schonheit an; nicht als hatt' er etwa irgendeinem Volke den Blumenkranz der Schonheit zugesprochen, sondern weil er so oft in seinen Phantasien gedacht: Gott, wie kostlich muss es sein, eine Polin zu lieben oder eine Britin oder Pariserin oder eine Romerin eine Berlinerin eine Griechin Schwedin Schwabin Koburgerin oder eine aus dem 13. Sakul oder aus den Jahrhunderten der Chevalerie oder aus dem Buche der Richter oder aus dem Kasten Noah oder Evas jungste Tochter oder das gute arme Madchen, das am letzten auf der Erde lebt gleich vor dem Jungsten Tage. So waren seine Gedanken.
Den ganzen Tag ging er in neuer Stimmung herum so kuhn und leicht, als lieb' er selber, war ihm und doch war ihm wieder, als wenn er zwar alle habe, aber keine er wollte Winen eine Brautfuhrerin zufuhren, in die er selber sterblich verliebt ware er lechzete nach dem Bruder, nicht um ihn daruber zu belehren oder zu vernehmen, sondern um eine liebe Menschenbrust zum Druck an seine zu haben ein grosser Regenbogen abends in Osten spannt' ihn noch hoher. Der leichte schwebende Bogen schien ihm ein offnes Farben-Tor fur ein unbekanntes Paradies es war der alte glanzende Siegesbogen der Sonne, durch welchen schon oft so viele schone, tapfere Tage gegangen, so viele sehnsuchtige Augen gesehen. Auf einmal fiel ihm ein gutes Mittel ein, drei Wunsche zu befriedigen, zwei laute und einen stillen.
Nr. 20. Zeder von Libanon
Das Klavierstimmen
Es ist bekannt, dass nach der sechsten Klausel des Testamentes der Notar auch einen Tag lang stimmen muss, um zu erben. Langst hatt' ihn ausser Vult noch sein Vater, der nicht erwarten konnte, wie der sogenannte Regulier-Tarif oder die geheimen Artikel Fehler setzen und strafen wurden, um Verwaltung dieses Erb-Amts als des kurzesten angelegen, um hinter die Ehrlichkeit des sel. Testators zu kommen; aber Walt hatte beiden stets das Unrecht entgegengesetzt, den alten gebenden Mann fur einen Schelm zu halten. Aus schonern Grunden hingegen konnt' er jetzt stimmen, wenn er wollte; diese waren die dreifache Hoffnung, er werde, da sein Stimm-Amt vorher im Wochenblatt dem Publikum musste angeboten werden, in die vornehmsten Hauser und Zimmer kommen die schonsten Tochter vorfinden (denn Tochter und Instrumente sind nicht weit auseinander) und wohl auch die kostlichen Mahagonipiano von Schiedmaier aufdekken, auf deren Tasten Klothar und Wina die beringten Finger gehabt.
Walt betrieb feurig die Sache ohne alles Ratfragen. Er zeigte seinen Willen den Testament-Exekutoren oder dem regierenden Burgermeister Kuhnold an. Dieser eroffnete ihm, dass er nach dem geheimen Regulier-Tarif 4 Louis aus der Erbschaftskasse erhalte, weil der Testator ihn keiner Verbindlichkeit fremder Bezahlung aussetzen wollen. Wie ein Vater ermahnte er ihn, sein Ohr unter dem Stimmen nicht zu zerstreuen, und er wurde ihm deutlicher raten, sagt' er, wenn es seine Pflicht erlaubte. "Auch ich geb Ihnen ein Instrument", setzt' er mit einem wohlwollenden Lacheln dazu. Walt in die Liebe verliebt erinnerte sich mit Vergnugen an Kuhnolds bekannte fruchttragende Ehe voll Tochter.
Die Sache wurde ins Wochenblatt gesetzt.
Der einsilbige Vult schrieb nach der Erscheinung desselben einen ganzen fast ernsthaften KautelarBogen voll Predigten uber Saiten-Nummern, SaitenSprengen und falsche Temperaturen, samt dem Flehen, doch nur einen Tag lang kein Dichter zu sein. "Sondern Instrumente, statt zu machen wie ein Notar, zu stimmen wie ein ordentlicher Regensburger Komitial-Mensch."
Am Abend vor dem Stimm-Tag erhielt Walt die Liste der Stimmhauser; aber darunter war weder sein Wohnhaus Neupeter war zu stolz dazu noch Klothars und Zablockis ihre, doch sonst hohe genug.
Als er am Morgen zuerst bei Kuhnold nach der anciennete des Meldens hatt' er zu hausieren als Stimmer ankam: fand er im netten, glatten KlavierZimmer statt der Dlles. Kuhnold den obengedachten hinkenden gramlichen Notar, den der Fiskal Knoll, als der Kardinalprotektor der sieben Erben, hergeschickt zum Zeugen aller Fehler, weil ein Notar, wie Deutschland weiss, zwei Zeugen schwer wiegt, folglich fur das Jus gerade jener nervus probandi und erster Grundsatz des Widerspruchs, jene geistige tonica dominante oder Primzahl ist, wonach so lange schon die Weltweisen wettrennen, um solche nur zu sehen; daher der Jurist in Minuten mehr beweiset als der Philosoph in Sakuln.
Auch war Knoll weitlaufig schriftlich darauf bestanden, den Stimm-Tag durchaus nicht zu Walts Notariats-Zeit zu schlagen was sich, replizierte Kuhnold, ja von selber verstanden hatte.
Das heiter-geordnete Zimmer ohne Tochter trug indes uberall die Farben-Asche weiblicher Schmetterlingsflugel, bunte Arbeiten und Arbeitszeug schoner Finger. Das Pianoforte war fast wie gestimmt, nur zu hoch um einen Ton eine Stimmgabel lag dabei auf den Tasten waren die Nummern der Saiten, auf dem Sangboden neben den Stiften das Tasten-Abc mit schwarzerer Dinte retouchiert fur Stille war in der Nachbarschaft gesorgt und Kuhnold kam zuweilen nachschauend, aber ohne ein Wort zu sagen. Er bot den Notarien ein Fruhstuck an. "Wollte Gott", dachte Walt, "eine oder die andere Tochter trug' es herein!" Eine runzlige, ehrliche, mannliche Haut von mehr Jahren als Haaren bracht' es so freundlich, als sei sie in der Tat der Wirt.
Redlicher Burgermeister von Hasslau, lasse mich in dieser Minute, wo ich eben die folgende Nummer und Naturalie Grossmaul oder Wydmonder samt Dokumenten von dir und der Post erhalte, die Geschichte mit der Versicherung storen, dass ich wissen wurde, wie hoch ich dich zu stellen habe warest du auch weniger der Schirmherr des ewig in Schlingen gehenden Notars-, schon daraus, mein' ich, dass du erstlich einen ganz alten (wahrscheinlich beweibten) Bedienten hast, und dass er zweitens noch vergnugt aussieht.
Beide Notarien fruhstuckten, und der Exekutor sprach, wahrend die Wachparade gleichsam mit ihrem Rauschgold und Knallsilber auf den Uniformen, mit einem Geschrei auf der Trommel, das nicht bloss an die Haut des sie uberziehenden Tiers erinnerte, vorbeimarschierte und niemanden sonderlich die Stimme und das Stimmen zuliess. Da hinter der Parade noch Musik englischer Bereiter zog: so versicherte Kuhnold, jetzt hore niemand sein Wort, geschweige den zartesten Misston.
So ging der ganze Vormittag unter fehler- und tochterlosem Stimmen voruber und beide Notarien zum Essen, jeder ganz verdrusslich, der hinkende daruber, dass er wie ein Narr dagesessen ohne das geringste mogliche Niederschreiben, der stimmende, dass er niemand gesehen. In gewissen Jahren versteht das mannliche und das weibliche Geschlecht unter "niemand" das eigne, und unter "jemand" das andere.
Zu Buchhandler Passvogel zogen darauf beide Notars. Dem Flugel des Stimm-Hauses fehlte nicht so sehr die Stimmung als Saiten dazu. Statt des Stimmhammers musste Walt mit einem Gewolb-Schlussel drehen und arbeiten fur Musikschlussel. Ein geschmucktes schones Madchen von 15 Jahren, Passvogels Nichte, fuhrte einen Knaben von 5, dessen Sohn, in seinem Hemde herum und suchte leise singend eine leise Tanzmusik aus den zufalligen Stimm-Tonen zusammenzuweben fur den jungen Satan. Der Kontrast des kleinen Hemdes und der langen Chemise war artig genug. Plotzlich sprangen die drei Saiten a, c, h, nach Hasslauer offiziellen Berichten, welche gleichwohl nicht festsetzen, in welchen gestrichnen Oktaven. "Ja lauter Lettern aus Ihrem Namen, G. Harnisch", sagte Passvogel. "Sie wissen doch die musikalische Anekdote von Bach. Es fehlt Ihnen nur mein p!" "Ich stimme am b", sagte Walt, "aber fur das Springen kann ich nicht." Da der hinkende Notar so viel Verstand besass, um einzusehen, dass ein Stimm-Schlussel nicht drei Saiten auf einmal sprenge: so stand er auf und sah nach und fands. "Aus dem Ach wird ja ein Bach (scherzte der Buchhandler ablenkend). Was macht der Zufall fur Wortspiele, die gewiss keine Bibliothek der schonen Wissenschaften unterschriebe oder schriebe!" Allein der hinkende Notar versicherte, die Sache sei sonderbar und protokoll-massig; und als er noch einmal den Sangboden besah, guckte gar hinter der Papier-Spirale aus dem Resonanz-Loche eine Maus heraus. "Die hats gemacht", sagt' er, schrieb es nieder und schuttelte so, als ob er vermute, der Buchhandler habe sie aus Absichten in den Sangboden schiessen lassen. Walt fragte auf einmal sich besinnend: "Stimm' ich denn fort? Ich sehe uberall die Mausspuren, und alles springt." Er legte den GewolbSchlussel sanft hin. Passvogel wollte als hitziger Mann ausfallen. Aber Walt entkraftete ihn durch die Erklarung, er wolle in der Stadt herumstimmen und zu ihm zuletzt, aber bei andern Saiten kommen.
Sie gingen zu Hrn. van der Harnisch, der sich auch auf die Liste gesetzt. Er sagte, er erwartete jede Stunde sein Miet-Pantalon, und liess beide fast eine ganze lauern. Es verschnupfte ordentlich den hinkenden Notar, der noch dazu nicht fasste, wie der stimmende den Edelmann so liebreich anschauen konnte. Walt schrieb alles dem bruderlichen Sehnen nach Wiedersehen zu, indes Vult dabei die Absicht hatte, dem Tage und Bandwurm, der an der Erbschaft frass, ein Stuck abzureissen. Endlich liess er beide unverrichteter Sache abziehen, nachdem er sie ein paarmal gefragt, ob sie noch da waren, weil er sie nicht hore in seiner Blindheit.
Sie kamen zu einer verwitibten schonen Stuckjunkerin, die sich mit ihrem Stickrahmen (eine Paukendecke stickte sie), sehr nahe an das gleissend-gebohnte Klavier setzte, das sie ihn vielleicht stimmen liess, um ihn fur sich zu stimmen. Er horchte so vergnugt auf ihre Anreden, dass er einmal den Stimmhammer auf den Sangboden fallen liess und ein paar Saiten abdrehte. Am Ende des Geschafts zeigte sie ihm das musikalische Wurfelspiel und bat ihn, damit zur Probe zu komponieren. Er tats und spielte seine erste Komposition vom Blatte; er wollte noch langer vorspielen denn nie spielt der Mensch lieber als nach dem Stimmen aber der hinkende Notar setzt' ihm die Testaments-Klausel entgegen. Die Stuckjunkerin machte selber einige prufende Griffe der Schosshund sprang empor und ging mit vier dergleichen uber die Tastatur und verstimmte ein wenig. Walt wollte nachhelfen; aber der hinkende Notar trieb ihn mit der Klausel von dannen. Er ging ungern. Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren, also um 5 oder 7 Jahre junger als eine Jungfrau von 30. Es freuete ihn, dass die Saite doch einmal der herrufende Klingeldraht der Schonheit geworden; aber Himmel, dacht' er, ein Stimmen kann ich ja im Doppelroman zur Einkleidung aller Zufalle gebrauchen!
Er musste zum Polizei-Inspektor Harprecht, der, wie sein Protokollist sagte, mit einer Herde Tochter geschoren sei. Harprecht empfing ihn sehr verbindlich, staubte ein altes Hackbrett eilig weiter ab und schob ihm dasselbe freundlich zum Stimmen vor. Tochter waren nicht zu sehen. Walt stutzte und sagte mit langer sanfter Hoflichkeit nein; er setzte auseinander, dass er, da in der 6. Klausel nur von Klavieren die Rede sei, durch heutiges Stimmen morgendes versprach er ihm gern gegen die vielen noch restierenden Stimm-Hauser auf der Liste (er wies sie vor) verstossen wurde, die alle ein gleiches Recht auf sein Stimmen ohne Geld besassen. Auch der hinkende Notar sagte, unter Klavier konne nicht wohl ein Hackbrett begriffen werden.
"Oft doch", versetzte mit alter Liebreichigkeit Harprecht, lachelnd bloss mit einem Mundwinkel, so wie er nur eine gerade Stirnfalte runzelte; allein er sei vielleicht so billig als einer; und da er mit dem Hoffiskal Knoll ein Instrument gemeinschaftlich gemietet fur ihre Kinder, so begleit' er ihn zum Stimmen desselben hin, um sich das Vergnugen seiner Gesellschaft etwas zu verlangern, durf' aber gewiss bei der Testaments-Exekution darauf antragen, dass das Kompanie-Instrument und also jeder Stimm-Fehler fur zwei gelte, wobei ja Hr. Harnisch genug an Zeit und Muhe erspare und gewinne. "Wahrlich", versetzte Walt, "ich wollt', es ware recht, ich fragte nichts darnach." Harprecht druckte ihm die Hand und sagte, einen solchen jungen Mann hatt' er langst zu finden gewunscht; und alle gingen. "Eben jetzt", sagte Harprecht unterwegs, "ist Tanz- und Klavierschule bei Knoll und alle meine Tochter."
Es wird nicht unter der Wurde der Geschichte sein, hier anzumerken, dass Harprecht und Knoll sich ein einziges Spinett als eine Finger-Tenne und Palastra fur ihre Jugend und deren partielle Gymnastik, ein passives Hammerwerk fur ihr aktives, gemeinschaftlich bestanden von einem alten Kanzelisten, und dass das Spinett alternierend von einem Semester zum andern in den Hausern beider Dioskuren stand. Harprecht hatte sogar den Curas und Meidinger aus der Gymnasiumsbibliothek fur die gallischen Stunden seiner Tochter geborgt und sagte, er schame sich dessen gar nicht.
Der kurzere Weg zum Fiskal ging durch grune, rote, blaue, bunte Garten, denen der Vor-Herbst schon die Fruchte farbte vor den Blattern; und Walt, dem die Vesper-Sonne so warmfreundlich ins Angesicht fiel, sehnte sich in den Abend-Glanz hinaus. "Waren Sie imstande", sagte Harprecht, "so auf der Stelle ein Gedicht in Ihrer neuen Gattung, die man so lobt, auf was man will, zu machen ? Etwa ein Gedicht uber die Dichter selber, z.B. wie sie glucklicherweise so hoch stehen auf ihrer fernen idealischen Welt, dass sie von der kleinen wirklichen wenig oder gar nichts sehen und also verstehen?" Er sann lange nach; und sah gen Himmel; endlich schlug aus diesem der schone Blitz eines Gedichtes in sein Herz. Er sagte, er hab' etwas; und bitt' ihn bloss, sich zu dessen Verstandnis an die astronomische Meinung zu erinnern, dass das, womit die Sonne leuchtet, nicht ihr Korper sei, sondern ihr Gewolke. Er fing an und deklamierte, in die Sonne schauend:
Die Tauschungen des Dichters
Schon sind und reizend die Irrtumer des Dichters alle, sie erleuchten die Welt, die die gemeinen verfinstern. So steht Phobus am Himmel; dunkel wird die Erde unter ihrem kalten Gewolke, aber verherrlicht wird der Sonnengott durch seine Wolken, sie reichen allein das Licht herab und warmen die kalten Welten; und ohne Wolken ist er auch Erde. "Hubsch und spitzig genug", sagte der Inspektor mit aufrichtigem Lob einer Ironie, die er im Streckvers fand, die aber nicht der Dichter, sondern das Schicksal hineingelegt. "In solcher Eile", versetzte Walt, "kann man zwar wohl den Gedanken schaffen denn jeder Gedanke des Menschen ist doch ein Impromptu aber gar zu schwer den rechten Vershau; ich gabe ein solches Gedicht nie offentlich."
Sie traten ins laute Knollische Zimmer ein, wo ausser dem Kompanie-Spinett und dem KompanieMusik- und Tanzmeisterlein noch der Zusammenwurf beider Nester war, die mit Fussen und mit Handen sausen und brausen wollten lauter hagere, schmalleibige, hanghautige, mokante, scharfe Madchen-Figuren von jedem Alter, worunter zwei Knaben mit turnierten. Samtliche Tanzschule harrete auf ihre Klavierschule, die wieder auf das Stimmen des Spinetts wartete.
Das Musikmeisterlein schwur, heute sei daran nichts zu brauchen, so toll klinge das Spinett. Gleichwohl hatte sich den Abend vorher der Polizei-Inspektor uber das Spinett gemacht, um, wie er sagte zum Fiskal, der ihn vertrauend machen liess, dem jungen Universal-Erben etwas vorzuarbeiten hatte aber die meisten Saiten zu tief herabgelassen ferner im Eifer der Vorarbeit zu dicke Nummern auf dreimal gestrichne Noten oder Tasten gespannt und in der Tat genug gefehlt.
Walt fing an. Er sprengte eine Saite nach der andern entzwei. Harprecht kegelte mit Saiten-Rollen aus der einen Hand in die andere und trachtete sehr, wie er sagte, seinem jungen Freunde ein ziemlich langweiliges Geschaft zu versussen durch Diskurse; auch reicht' er ihm die Saiten-Knaule, die er brauchte. Anfangs hielt der Notar den Tanz bei dem Klavierstimmen so gut aus, dass er sogar, da ihm keines Menschen Freudenstunde gleichgultig war, teils in das stimmende Oktaven- und Quinten-Probieren eine Art leichtern Tanz-Takt zu legen versuchte, teils ins Einhammern der Stifte, so unangenehm ihm auch die samtlichen Madchen erschienen, die sogleich in den jungsten Jahren die venia aetatis13, die einem Freiherrn uber 300 fl. in Wien kostet, auf dem Gesicht als Brautschatz mitgebracht.
Da aber jede Saite zersprang- und beinahe sein eignes Trommelfell, das er und andere spannten und aufschraubten : so ersuchte er um erforderliche Stille. Man schwieg allgemein er stimmte fort und larmte allein die Tanzschule samt dem Tanz- und Musikmeisterlein sah jede Minute dem Anfange der Klavierstunde entgegen Walt durchschwitzte die Wind- und Meerstille die Saiten sprangen jetzt statt der Tanzer das Stimmen verstimmte sein Herz und Spinett er hatte die annahende Nacht und die restierenden Stimmhauser voll schonster Tochter und Zimmer im Kopfe verdumpft hatt' er sich schon langst, weil keine Anspannung so hart ins Gehirn druckt als die des Ohrs an siebenundzwanzig Saiten-Sprunge hatte der hinkende Referent schon zu Papier gebracht und nun lautete die Abendglocke. Mit Wut warf der Notar den Stimmhammer ins Zimmer und rief: "Der Donner unds... Was ist das? Doch der burgerliche und der kanonische Tag ist jetzt zu Ende, Herr Inspektor, und alles; die Saiten zahl' ich."
Am Morgen darauf wurde ihm von Hrn. Kuhnold der geheime Artikel des Regulier-Tarifs eroffnet, welcher bestimmt verordnete, dass ihn jede Saite, die er im Erbamte des Stimmens zerrissen hatte, ein Beet der Erb-Acker kosten sollte, so dass er jetzt, nach dem Protokoll des Hink-Notars, um zweiunddreissig Saiten oder Beete armer war. Walt erschrak ungemein seines Vaters wegen. Aber als er dem regierenden redlichen Burgermeister in das traurige Gesicht recht sah, erriet er etwas, namlich dessen ganze gestrige Gute, die ihm durch ein hochgespanntes Instrument und durch jede andere Erleichterung und durch die Entfernung der schonen Tochter sowohl die Gelegenheit zu SaitenRissen im eignen Hause abschnitt als auch ein grosses Stuck Zeit zu mehreren in einem fremden. Dieser erquickende Gewinn einer schonen warmen Erfahrung erstattete ihm den metallischen Verlust so reichlich, dass er den Abschied vom Burgermeister mit einer frohen dankenden Ruhrung nahm, die jener nur halb zu verstehen scheinen musste.
Nr. 21. Das Grossmaul oder Wydmonder
Aussichten
Gottwalt schwur beim Eintritt in sein Haus, er finde darin nach einem solchen Stein-, Platz- und MauseRegen des Schicksals ein sehr hubsches Stuck Sonnenschein. Und Flora brachte das Stuck, namlich eine mundliche Einladungskarte weil man ihn einer schriftlichen nicht wert halten konnte, so lieb ihm auch ein Expektanzdekret eines Himmels, ein Wechselbrief auf Lust gewesen ware namlich morgen, Sonntags, mittags zu Neupeters Geburtstags-Diner auf einen Loffel Suppe zu erscheinen. Auf den DinerLoffel und das Souperbutterbrot, auf diese Ess-Pole laden die Deutschen ein, nie auf die Mitte, auf Hechte, Hasen, Saue und dergleichen. Flora sagte, des Grafen Klothars wegen feiere man die Geburt schon um 2 Uhr. Walt beteuerte, er komme gewiss.
Ihn wiegte darauf ein zweiter warmer Gluckswind, das Wochenblatt mit Vults Nachricht ans Publikum, er flote lieber Sonntags abends um 7 Uhr offentlich, so stockblind er jetzt sei, als dass er langer ein verehrtes Publikum forttausche und herumzerre in grossen Erwartungen. Dem Zeitungs-Blatte lag ein Billett an Walten bei, worin ihn Vult um einen Vorschuss von 2 Louis fur die Konzert-Dienerschaft ersuchte und um das Protokoll des Stimm-Tags und um ein Paar Ohren fur morgen und um das Ohren-Gehenk, das Herz.
Es hat nicht den Anschein, dass einen so schonen und schweren Terzentriller der Lust jene Gottin, die immer plotzlich ins arme, von rauhen Wirklichkeiten zerrissene Menschen-Ohr mit linden Melodien herabfahrt, je vor dem Notar geschlagen als eben den mitgeteilten. Er war selig und alles und redselig und schrieb erstlich: "Hier das begehrte Darlehn doppelt, was gestern von Kabel fur das Stimmen eingelaufen" dann schrieb er die kostlichen Hoffnungen auf Klothar zugleich die Streckverse auf den Grafen die bisherigen Pressgange und Kesseljagden nach diesem die Traume vom morgenden Flotengedackt und von der Zukunft eines freiern Bruder-Lebens ohne Blindheit und den Verlust von 32 Beeten.
Es furchte doch immer der Mensch die innerste Entzuckung, er glaube nur nie ganz toll, es werde jemals ein so leiser sanfter Himmels-Tau, wie sie ist, auf der sturmischen Erde und in ihren Windkluften die seltenen Windstillen finden, worin allein er sich in feste offne Blumenkelche einsenkt, gleichsam die helle gediegne Perle aus dem grauen Wolken-Meer. Sondern der Mensch erwarte, dass er den zweiten Brief sogleich erhalten werde, den Vult an Walt in folgender Stimmung schrieb:
Vult hatte sich namlich seit dem gestrigen Anblicke des Bruders mit ganz frischer Liebe fur denselben versorgt und sich besonders heimlich mit ihm befreunden wollen durch die Bitte, ihm vorzuschiessen er hatte sich gute Plane voll jauchzender Hoffnungen auf die Zeit nach dem Sonn- und Konzert-Tag entworfen und sich gesagt: "Sobald ich nur sehe, was ich gleich nach dem Konzerte tue, so fallen lauter Bundes-Feste des Zusammenlebens und schreibens vor, und mein versiegelter Brief an ihn wird taglich dummer" er war, wie oft, aus seinem eignen Himmelssein eigner Hollensturmer geworden er hatt' es recht tapfer gefuhlt, dass einige fliegende Winter des Herzens, den fliegenden Sommern so ahnlich, dessen freudige Warme nicht mehr wegnehmen als Eisstucke an den Ufern den Lenz.
So bekam er Walts obiges Freudengeschrei und Schreiben an einen Bruder, der solange als blinder Mann zu Hause gesessen gegen dessen Unsichtbarkeit der andere sich noch so wenig gestraubt auf welchen dieser noch kein einziges Streck-Gedicht gemacht, obwohl auf den fremden Narren zwei oder drei kurz an einen Mann, der den alliebenden Notar dreitausendmal mehr liebe und allein....
Folgendes setzte der Mann an Walten auf:
"Anbei folgen 2 Plus-Louis retour; mehr war ich nicht benotigt, obgleich kein Mensch soviel Geld bedarf als einer, ders verachtet. Das hole der Teufel, dass 32 Beete jetzt vom Feinde mit Unkraut angesaet werden. Solche Tonleitern sind mehr Hollen- als Himmelsleitern fur mich. Bei Gott, ein anderer als der eine von uns hatte vorher zu sich gesagt: pass auf! Kato schrieb ein Kochbuch; ein Streckdichter konnte wahrlich stimmen, wenn er wollte; nur umgekehrt gehts nicht, dass ein Koch einen Kato schreibt, sondern hochstens ein Cicero, dieser Cicerone alter Romer. Bose Traume, die echten Seelen-Wanzen des armen Schlafs, gegen welche mein Kopf nicht so viel verfangen will als ein Pferde-Kopf gegen LeibesWanzen, hatten mir manches vorgepredigt, was ich jetzt nachpredige vor Denenselben, mein Herr!
Noch zeigen Sie mir fast verwundert an, dass Ihnen, nach der Marsch-Ordre vom und zum General Zablocki dahier um 11 Uhr, gerade um dieselbe Stunde Kontreordre zum Kontre-Marsch zugekommen, ohne dass Sie zu erwagen scheinen, dass er sich einen ganzen Tag Zeit genommen, um sich zu andern. Herr, sind denn die Grossen nicht eben das einzige echte Quecksilber der Geisterwelt? Die erste Ahnlichkeit damit bleibt stets ihre Verschiebbarkeit ihr Rinnen Rollen Durchseigern Einsickern Verdammt! die rechten Gleichheiten dringen nach und sind nicht zu zahlen. Wie besagtes Quecksilber so kalt und doch nicht zu festem stoischem Eis zu bringen glanzend ohne Licht weiss ohne Reinheit in leichter Kugelform und doch schwer druckend rein und zugleich zu atzendem Gift sublimiert zusammenfliessend, ohne den geringsten Zusammenhang recht zu Folien und Spiegeln unterzulegen sich mit nichts so eng verquickend als mit edlen Metallen und noch, aus wahrer Wahl-Anziehung, etwan mit Quecksilber selber Manner, die sich mit ihnen befassen, sehr zum Ausspucken reizend Herr, das wollt' ich die grosse Welt nennen, deren goldnes Alter immer das quecksilberne ist. Aber auf solchen glatten, blanken Weltkugelchen siedle sich nur niemand an! Ubrigens folgen auch Einlassbilletts fur das Flotenkonzert; a revoir, Monsieur!
v. d. H."
*
Walten taten indes nur die Retour-Louis so weh, als waren sie von Louis XVIII. gepragt; sonst nahm er Vults Stampfen aus Zorn fur Tanzen aus Lust und fur Takt-Treten. Hatt' er ahnen konnen, mit welchen Peinigungen der Liebe er den Schmollgeist Vults wechselnd weg- und herbannte: er hatte in seiner ganzen Gegenwart wenige Hoffnungen gefunden. Jetzt schlief er mit der schonsten auf morgen ein.
Nr. 22. Sassafras
Peter Neupeters Wiegenfest
Der Notarius konnte den ganzen Morgen nichts Gescheutes machen als Plane, an einem solchen Ehrentage ein neuerer Petrarca zu sein, oder ein in einem Dorfe gebrochner Juwel, der sich auf der Edelsteinmuhle der Stadt schon sehr ausgeschliffen. Er hielt sich vor, das sei das erstemal, dass er in den schimmernden Tier-Kreis des feinsten Cercle oder Kranzchens rucke. "Gott, wie fein werden sie alles drehen", sagte er sich, "und vor Turnure kaum reden! Madame kann der Graf sagen , ich bin zu glucklich, um es zu sein. Hr. Graf, kann sie versetzen, Ihr Verdienst und Ihre Schuld Darf man das Erraten erraten? fragt er Sollte Fragen mehr erlaubt sein als Antworten? fragt sie Das eine erspart das andere, versetzt er Oh Graf, sagt sie Aber Madame, sagt er; denn nun konnen sie vor Feinheit nichts mehr vorbringen, und wenn sie toll wurden. Ich fur meine Person setze vieles in den Hoppelpoppel oder das Herz."
Walt goss sich beizeiten seinen Sonntags-Beschlag, den Nanking, als sein eigner Gelbgiesser Uber und setzte statt des braunflammigen Hutes den wollt' er in der Hand tragen mehr Puder als gewohnlich auf. Er ging geputzt ein paar Stunden leicht auf und ab. Er horte vergnugt einen Wagen nach dem andern vordonnern; "nur abgeladen!" sprach er, "lauter Fracht und. Messgut fur den Roman, in dem ich Leute von Stande so notig habe als Dinte. Und wie wird sich uns allen mein Klothar von so mannigfachen Seiten zeigen mussen; der alte treue Freund! Gott wird mir schon dazu verhelfen, dass ich auch etwas sagen kann zu ihm."
Da er endlich bei einem neuen Rollen es fur Zeit hielt, sich hinabzumachen und den Cercle zu schliessen und zu runden mit seinem eignen Bogen und Buckling: so stellt' er sich oben, mit seinem Hute in der Hand, ans Treppengelander und schauete so lange hiedurch hinab, bis er dem neuen Nachschuss sich zuschiessen konnte, um so unbemerkt und ohne sonderliche Kurvaturen im Saale einzutreffen. Er glanzte sehr, der Saal, die vergoldeten Schlosser waren aus den Papier-Wickeln herausgelassen, dem Luster der Staubund Busssack ausgezogen, die Seiden-Stuhle hatten hoflich vor jedem Steiss die Kappen abgenommen, und auf dem getafelten Fussboden war die Leinwand ganz von den Papiertapeten weggezogen, welche die ostindische Decke so zudeckten, dass diese sowohl sich als den getafelten Fussboden an einigen Winkeln leicht zeigte. Den Salon selber hatte der Kaufmann, weil lebendige Sachen zuletzt jeden kronen, mit Gasten-Gefullsel ordentlich wie ein hohes Pasteten-Gewolb saturiert, namentlich mit Aigretten Chemisen Schmink-Backen Rotnasen feinsten Tuchrocken spanischen Rohren Patentwaren und franzosischen Uhren, so dass vom Kirchenrat Glanz an bis zu netten Reisedienern und ernsten Buchhaltern sich alles mischen musste. Der grosse Kaufmann sucht weiter in keine hochste Klasse zu kommen als in die der Glaubiger, wenn seine hohen Schuldner fallieren. Er, als kalter stiller Justierer des Verdienstes, schatzt gleich sehr den niedrigsten Burger, wenn er Geld hat, und den hochsten Adel, wenn dessen altes Blut in silbernen und goldnen Adern lauft und dessen Stammbaum Nahrungs- und Handelszweige treibt. Freilich so wie dem Pater Hardouin die Munzen der Alten mehr historische Glaubwurdigkeit hatten als alles Schriftliche derselben so kann der abwagende Kaufmann Adels-Pergament und sonstige Ehren-Punktierkunst nie so hoch stellen als dessen Munzen, insofern er von fremder Zuverlassigkeit sprechen soll.
Schon die Anfurt des Ehrentages fand der Notar viel lustiger und leichter, als er nur hoffen wollen; denn er bemerkte bald, dass er nicht bemerkt wurde, sondern sich auf jeden Seidenstuhl setzen konnte und ihn zum Weberstuhl seiner Traume machen. Noch hatte er nichts vom Grafen noch vom Wiegenfest und den beiden Tochtern gesehen als endlich Klothar, der Esskonig, zu seiner Freude bluhend hereintrat, obwohl in Stiefeln und Uberrock, als hab' er sich mehr auf parlamentarische Wollen-Sacke zu setzen als auf seidne Agenten-Stuhle. "Hr. Hofagent", sagt' er, ohne die Versammlung zu prufen, "wenn Sie wollen, mich hungert verdammt." Der Hofagent befahl Suppe und Tochter; denn er schatzte den Grafen langst und innigst, weil er als der Agioteur von dessen Renten am besten wusste, wieviel er war, besonders ihm selber; und er behauptete oft, einem Manne von so vielen jahrlichen Einkunften solle doch jede vernunftige Seele es zugute halten, wenn er seine eignen Meinungen habe oder lese, was er wolle.
Plotzlich kam Musik mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten Geburtsfestliedern dann die beiden Tochter mit einer langen Blumen-Girlande, die sie Neupeter so geschickt uber den Korper wanden, dass er in einem bluhenden Ordenshand dastand die Kontoristen liefen und teilten die Gedichte aus und zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes Nun fing andere Instrumentalmusik an, um das Karmen oder vielmehr den Gesang desselben zu begleiten die Gesellschaft mit ihren Papieren in den Handen stimmte ihn an als ein langeres Tischgebet und selber Neupeter sah singend in sein Blatt. Vult hatte nicht unter die gehort, die dabei am ernsthaftesten geblieben waren, zumal als der blumige Ordens-Mann sich selber ansang; aber wohl Gottwalt war dazu gemacht. Ein Mensch, sobald er an seine Geburt denkt, ist so wenig lacherlich, als es ein Toter sein kann; da wir, wie sinesische Bilder, zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht gross, an welchen Schatten man denke. Walt qualte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme; und als es vorbei und der Alte sehr geruhrt war uber das fremde Gedachtnis fur sein Wiegenfest bei eigner Vergesslichkeit und die Seinigen ihm fruher gratulierten als die Fremden: so war kein Gluckwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als Gottwalts ferner und stiller; aber es beklemmte ihn, dass der Mensch "besonders, seh' ich, an Hofen", dacht' er gerade den heiligen Tag, wo er sein erneuertes Leben uberrechnen und ebnen sollte, im Rauschen fremder Wellen verhort dass er das neue Dasein mit der larmenden Wiederholung des alten feiert, anstatt mit neuen Entschlussen dass er statt der einsamen Ruhrung mit den Seinigen, deren Wiegen oder Graber seinen ja am nachsten stehen, den undankbaren Prunk und trockne Augen sucht. Der Notar setzte sich vor, seinen ersten Geburtstag, an den ihn ein guter Mensch erinnere denn noch hatt' er in seiner harten Armut keinen einzigen erlebt-, ganz anders zu begehen, namlich sehr weich, still und fromm.
Man setzte sich zu Tisch. Walt wurde neben den zweiten armen Teufel Flitten als der erste postiert und rechts neben den jungsten Buchhalter. Ihm verschlugs wenig; ihm gegenuber sass der Graf. Rund wie Geld, das wie der Tod alles gleich macht war die Tafel, gleichsam ein grosserer Kompanie-Teller. Der Notar, ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts, streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hande zwei rechte aus und suchte mit wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Sabel des Messers zu fuhren; belesen genug, um mit der Breite des Loffels zu essen, nicht mit der Spitze, erhielt er sich bloss bei bedenklichen Vorfallen durch die alte Vorsicht im Sattel, nicht eher anzuspiessen, bis ihm andere das Speisen vorgemacht; wiewohl er sie bei den Artischocken so wenig fur notig erachtete, dass er, Beweisen nach, deren bittern Stuhl und die Spitzblatter aufkauete, die er hatte in die hollandische Sauce getunkt ablecken konnen und sollen. Was ihm indes weit besser schmeckte als alles, was darin lag, waren die Senfdosen, Dessertloffel, Eierbecher, Eistassen, goldne Obstmesser, weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen Kuchenschrank abliefern konnte: "Esset ihr in Gottesnamen", dacht' er, "die Kibitzen-Eier, die Mainzer Schinken und RauchLachse; sobald ich nur die Namen richtig uberkomme durch meinen guten Nachbar Flitte, so hab' ich alles, was ich fur meinen Roman brauche, und kann auftischen."
In die hochste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen, der keine Umstande machte geradezu weissen Portwein forderte und einen Kapaunenflugel mit nichts abschalte als mit dem Gebiss des Gebacknen nicht zu gedenken, das er mit den Fingern annahm. Diese schone Freiheit eingekleidet noch in Stiefeln und Uberrock spornte Walten an, dass er, als mehrere Herrn Konfekt einsteckten fur ihre Kinder, sich es zur Pflicht und Welt rechnete, auch einige susse Papierchen oder Sussbriefchen, die ihm ganz gleichgultig waren, in die Tasche zu schaffen. Auch sein Nachbar Flitte, der ungemein frass und foderte, zeigte deutlich, wie man zu leben habe besonders wovon.
Indes war sein ewiger Wunsch der, etwas zu sagen und von Klothar vernommen, wenn nicht gar angeredet zu werden. Aber es ging gar nicht. Dem Grafen war aus Achtung ein philosophischer Nachbar, der Kirchenrat Glanz, an die linke Seite gebeten an die rechte die Agentin gesetzt; aber er ass bloss. Walt sann scharf nach, inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei, kein Wort zu sagen zur Hausfrau. Er behalf sich, wie ein Verliebter, mit optischer Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Es war ihm doch einige Erquickung, wenn der schone grafliche Jungling etwas vom Teller nahm oder die Flasche oder froh umhersah oder traumend in den Himmel hinter dem Fenster oder in den auf einem lieblichen Gesicht. Aber bitterbose wurd' er auf den Kirchenrat, der einer so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schonsten Gebrauch von derselben, da er doch so leicht, dachte Walt, uber Klothars Hand zufallig mit seiner hinstreichen konnte und vollends ihn ins Reden locken. Allein Glanz glanzte lieber er war vergotterter Kanzelredner und Kanzelschreiber auf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Munzen gepragt: Bononia docet14 wie andere Redner die Augen, so schloss er die Ohren unter dem Flusse der Zunge Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schloss er Klothars stolzen Mund. Daruber aber machte auch Walt seinen nicht auf. Er hielt es fur Tisch-Pflicht, jedem Gesicht eine FreudenBlume uber die Tafel hinuberzuwerfen die Artigkeit in Person zu sein und immer ein wenig zu sprechen. Wie gern hatt' er sich offentlich ausgedruckt und ausgesprochen! Leider wie Moses sass er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da, weil er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset, in das aufgetischte Zungen- und Lippen-Gehacke, das er fast roh und unbedeutend fand, etwas Bedeutendes seinerseits zu werfen, da es ihm unmoglich war, etwas Rohes wie der Kaufmann zu sagen: ein Westfale, der einen feinen Faden spinnt, ist gar nicht vermogend, einen groben zu ziehen. Je langer ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob, desto glanzender, glaubt er, musst' er aufgehen, und sinnet auf eine Sonne dazu; konnt' er endlich mit einer Sonne einfallen, so fehlt ihm wieder der schickliche Osten zum Aufgang, und in Westen will er nicht gern zuerst empor. Auf diese Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts.
Walt legte sich indes auf Taten. Die beiden Tochter Neupeters hatten unter allen schonen Gesichtern, die er je gesehen, die hasslichsten. Nicht einmal der Notarius, der wie alle Dichter zu den weiblichen Schonheits-Mitteln gehorte und nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte, um ein Wusten-Gesicht mit Reizen anzusaen, hatte sich darauf einlassen konnen, eine und die andere Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken. Es war zu schwer. Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche Hasslichkeit, die er fur einen lebenslangen Schmerz hielt: so sah er die Blonde (Raphaela hiess sie), die ihm zum Glucke blickschuss-recht sass, in einem fort mit unbeschreiblicher Liebe an, um ihr dadurch zu verraten, hofft' er, wie wenig er sich von ihren Gesichts-Ecken abstossen lasse. Auch auf die Brunette, namens Engelberta, liess er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick anfallen, wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids wurdigte. Es starkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden, dass beide Madchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen; als vergoldete Wirtschaftsbirnen, geschminkte Blatternarben, in herrlichen Franz gebundene Leberreime musste man sie anerkennen. Hoch musst' er bei dieser Denkungsart den sympathetischen Nachbar Flitte stellen, der mit ihm in Aufmerksamkeit und Achtung fur dieselbe hassliche Raphaela wetteiferte! Er druckte Flitten der als armer Teufel nichts weiter von der verhassten Schonheit wollte als die Hand mit dem Heiratsgut unter der Serviette die seinige; und sagte nach dem dritten Glas Wein: "Auch ich wurde mit einer Hasslichen zuerst sprechen und tanzen unter vielen Schonen." "Sehr galant!" sagte der Elsasser. "Sahen Sie aber je eine superbere Taille?" Diese nahm jetzt erst der Notar an beiden Tochtern auf Erinnern wahr; wer sie kopfte, machte jede zur Venus, ja mit dem Kopfe sogar konnte jede sich fur eine Grazie halten, aber in doppelten Spiegeln. Gelehrte kennen keine Schonheiten als physiognomische; Walt war majorenn geworden, ohne zu wissen, dass er zwei Backenbarte habe, oder andere Leute Taillen, schone Finger, hassliche Finger usw. "Wahrhaftig", antwortete der Notar dem Elsasser, "ich wollte wohl einer Hasslichen ohne allen Gewissensbiss die schone Taille ins Gesicht sagen und loben, um die Arme damit bekannt und darauf stolz zu machen." Wenn Flitte etwas gar nicht begriff, so fragte er nichts darnach, sondern sagte schnell ja. Walt heftete jetzt in einem fort recht sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille, um sie damit bekannt zu machen. Die Blonde schielte von seinen Blicken zuruck und suchte sich tugendhaft zu beunruhigen uber die Frechheit des jungen Harnisch.
"Wer mir lieber, Herr? die Blonde oder Braune?" sagte der Hofagent, vom Weine lustig. "Auf jeden Fall die Blonde, sag' ich; denn sie kostet vierteljahrlich der Kassa 12 Groschen weniger. Fur 3 Taler 12 Groschen gutes Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig (vinaigre de rouge) nota bene fur Blonde; fur Braune hingegen jede um nette 4 Tlr.; hat sie vollends schwarzes Haar, so muss ich gar die Flasche zu 4 Tlr 12 Gr. verschreiben. Raphel! du sollst leben!" "Cher pere", versetzte sie, "nennen Sie mich doch nur Raphaela." "Er verdients (dachte Walt, betroffen uber Neupeters Ungeschicklichkeit), dass sie sagte: ScherBar!" Denn so hatt' er verstanden.
"Heute gibt der arme blinde Baron sein FlotenKonzert", sagte schnell Raphaela; "ach, ich weiss noch, wie ich uber Dulon geweint." "Ich weiss des Menschen Namen nicht", sagte die brillantierte Mutter, namens Pulcheria, aus Leipzig, wohin sie beide Tochter mehrmals abgefuhrt, als in eine hohe Schule bester Sitten, "der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein Flausenmacher." Walt arbeitete in sich, weingluhend, an der schnellsten Verteidigung. "Sobald ein poweres Edelmannchen", sagte Engelberta spottisch, "nur etwas lernt und versteht, so nehm' ichs nicht so genau." "Wer weiss es denn", sagte die Mutter, "was er auf der Flote kann fur Leute, die schon was gehort haben?" "Er ist", fuhr Walt in grosster Kurze los, "nicht grob, nicht durftig, nicht ungeschickt, nicht manches andere, sondern wahrlich ein koniglicher Mensch." Hinterher merkt' er selber die unabsichtliche Hitze in seiner Stimme und Kurze; aber seinen sanften Geist hatte die absprechende Kauffrau uberrumpelt, die zwar in den Zeiten hubsch gewesen, wo sie Gellerten reiten sehen, die aber jetzt aus ihren eignen Relikten bestehend als ihr eignes Gebeinhaus als ihre eigne bunte Toilettenschachtel ihren kostbaren Anzug zum bemalten metallischen, mit Samt ausgeschlagenen, mit vergoldeten Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte. Walt hatte gar nicht wild sein wollen, nur gerecht. Man horte seine vorlaute Phrasis mit kurzem Erstaunen und Verachten an. Neupeter aber nahm sofort den Faden auf: "Bulchen", sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit, "ich will, weils doch eine arme Haut sein soll und noch dazu blind, drei Billette fur euch Weibsen holen lassen vom powern Wicht."
"Die ganze Stadt geht hin", sagte Raphaela, "auch meine teuerste Wina. O! Dank, cher pere! Wenn ich den Unglucklichen hore, zumal im Adagio, ich freue mich darauf, ich weiss, da 'sammlen sich alle gefangnen Tranen um mein Herz'15; ich denke an den blinden Julius im Hesperus, und Tranen begiessen die Freuden-Blumen."
Darauf sah sie nicht nur der Vater entzuckt uber ihren Sprechstil an ob er gleich als ein alter Mann den seinigen fortackerte desgleichen Flitte begeistert, sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in ihr Gesicht herauf, voll kurzer Wunsche, letzteres ware auszustehen oder doch zu heben durch Liebe, da er unter einem Dache mit ihr lebte. Aber ihm wurde durch Winas Ankundigung ein Sturm in die Seele geschickt sein beseeltes Auge hing sich an ihren Brautigam als plotzlich wieder Raphaela die grossten Revolutionen an dem Tische anstiftete durch die Frage an Glanz: "Wie kommts, Hr. Kirchenrat, um auf Sehende zu kommen, dass alle Bilder im Auge verkehrt sind, und wir doch nichts verkehrt erblicken?"
Dann als der Kirchenrat langsam und langweilig die Sache aus seiner Lekture so gut auseinandersetzte, dass die Tafel bewundern musste: so fing der Graf Feuer. Es sei, dass er satt war des Essens oder satt des Horens oder ubersatt der Glanzischen theologischen Halbwisserei und lingua franca, jener schalen Kanzel-Philosophie, wovon 1/4 moralisch, 1/4 unmoralisch, 1/4 verstandig, 1/4 schief ist und das Ganze gestohlen genug, der Graf begann und unterhielt ein so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenrat wozu die nahe Nummer Congeries von mausefahlen Katzenschwanzen aus- und eingeraumt wird dass er ordentlich nicht mehr Hass gegen das Mattgold der theologischen Moralisten und Autoren hatte zeigen konnen, wenn er auch der Flotenspieler Quod deus vult selber gewesen ware, der sich allerdings so aussprach: "Von alten Schimmelwaldchen der Philosophen klauben sich die Theologen die abgefallnen Lese-Fruchte auf und saen damit an. Diese grossten engsten Egoisten machen Gott zum frere servant der Ponitenzpfarren, wohin sie voziert worden, und auf dem Wege nach dem Filial glauben sie, die Sonnenfinsternis sei gekommen, damit sie weniger schwitzen und schattiger reiten und so fegen sie die Herzen und Kopfe, wie in Irland die Bedienten die Treppen, mit ihren Perucken."
Nr. 23. Congeries von mausefahlen
Katzenschwanzen
Tischreden Klothars und Glanzens
Nachdem also Glanz geaussert hatte: dass eben, da sich im Auge alle Gegenstande umwenden, also wir uns auch mit, wir mithin nichts von einem Umkehren spuren konnten So entgegnete der Graf: "Warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit umgekehrt? Warum greifen operierte Blinde nichts verkehrt? Was hat denn das Hautbildchen mit dem innern Bilde zu tun? Warum fragt man nicht auch, warum uns nicht alles ebenso klein als jenes Bildchen erscheine?"
Glanz ausserte nach Garve: unsere Vorzuge seien am Ende keine und daher Demut unsere Pflicht.
Der Graf entgegnete: "So seh' ich wenigstens nicht, warum ich Bettler demutig gegen den zweiten Bettler sein soll; und ist er gar stolz, so hab' ich ja einen zweiten Vorzug vor ihm, die Demut."
Es wurde ein schoner Satz aus Glanzens gedruckten Reden angefuhrt: dass die Kinder fur Geringschatzung des Alters die vergeltende Strafe gewiss von ihren eigenen Kindern empfangen wurden.
Klothar entgegnete: "Folglich hat das geringgeschatzte Alter auch einmal geringgeschatzt; und es geht ins Unendliche, oder man kann die Strafe erhalten ohne die Sunde."
Glanz ausserte, wie leicht das Gedachtnis zu uberladen sei.
Klothar entgegnete: "Das ist bloss unmoglich. Ist denn, etwas zu behalten, eine Beschwerde fur Gehirn oder Geist? Verspurt ein Mann den Schatz, den zwanzig Jahre Leben in ihm niederlegten, wohl an seinem Gedachtnis, als ware dieses belasteter als in der Jugend? Aber ferner: der Bauer tragt ebenso viele Ideen in seinem Gedachtnis als der Gelehrte, nur andere, Sachen, Baume, Acker, Menschen. Uberladung des Gedachtnisses kann also nichts heissen als versaumte Kultur anderer Krafte."
Glanz ausserte, man konne bei den Endabsichten leicht sich Voltairens Spotte aussetzen, dass die Nase fur die Brille geschaffen sei.
Klothar versetzte: "Und das ist die Nase auch: sobald alle Krafte einer Welt berechnet wurden, musste auch die Kraft in Anschlag kommen, Glaser zu schleifen."
Glanz ausserte: er sei ja dafur und finde in allen seinen gedruckten Reden in der kunstlichen Weltordnung einen unendlichen Verstand.
Klothar fragte: "Was soll gedachter Verstand dabei sein?"
Glanz ausserte: "Die Ursache."
Jener entgegnete: "Jede kunstliche Ordnung, z.B. im Korperbau, erklaren Sie doch jetzt aus blinden Kraften, nicht aus einer fremden Schopfung, diese Krafte wieder aus blinden, und wo wollen Sie denn in der durchaus mechanischen Endlichkeit mit dem Blitze der Geistigkeit einschlagen?"
Glanz ausserte spat darauf, eine hubsche, eingeschrankte Monarchie wie in England sei wohl am besten fur jeden.
Klothar versetzte: "Nur nicht fur die Freiheit. Warum hatten nur meine Voreltern die Freiheit, sich Gesetze zu wahlen, und ich nicht? Wohin ich fliehe, find' ich schon Gesetze. Das Ideal eines Staats ware, dass die kleinsten Foderativstaaten, die sich immer freie Gesetze gaben, sich in Foderativ-Dorfer dann in Foderativ-Hauser und zuletzt in Foderativ-Individuen zerfalleten, die in jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben konnten."
Glanz ausserte, durch kleinere Staaten wurden freilich eher die Kriege aufhoren.
Klothar versetzte: "Gerade umgekehrt. An mehreren Orten zugleich und haufiger in der Zeit entstanden sie. Soll auf der ganzen Erde der Krieg aufhoren: so muss sie in zwei ungeheure Staaten sich geteilt haben; davon muss der eine den andern verschlingen, und dann bleibt im einzigen Staate auf der Kugel Friede, und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden."
Glanz glaubte beim Dessert wenigstens soviel aussern zu durfen, dass es gut sei, dass die Aufklarung den Hexenglauben vertrieben.
Klothar entgegnete: "Noch nicht einmal untersucht hat sie ihn." Glanz schuttelte leicht. "Ich weiss nicht", fuhr jener fort, "welche von zwei Meinungen Sie haben, aber da Sie nur eine von beiden hegen konnen entweder die, dass alles Trug des Zeitalters, oder die, dass etwas Wunderbares bei der Sache ist: so mussen Sie in beiden Fallen irren."
Glanz schuttelte sehr, ausserte aber, er sei wie jeder Vernunftige der ersten Meinung.
Klothar versetzte: "Die Wundergeschichte der Hexen ist ebenso historisch bewiesen als die der griechischen Orakel im Herodot; und diese ists gerade so sehr als uberhaupt alle Geschichte. Auch Herodot unterscheidet sehr die wahren von den bestochenen Orakeln. In jedem Falle war es eine grosse Zeit, wo noch Gotter die Weltgeschichte lenkten und darin mitspielten; daher ist Herodot so poetisch wie Homer. Gemeine Seelen machen in der Hexen-Geschichte alles zum Werk der Einbildung. Wer aber viele Hexenprozesse gelesen, findet es unmoglich. Eine durch Volker und Zeiten reichende Einbildung festgehaltener, nuancierter Tatsachen ist so unmoglich als die Einbildung einer Nation, dass sie einen Krieg oder Konig habe, der nicht ist. Will man die Einbildung als Kopie einer solchen allgemeinen Einbildung erklaren, so hat man das Urbild vorher zu deduzieren.
Meist waren alte, durftige, einfaltige Frauen die Aktricen des Trauerspiels, mithin gerade am wenigsten fahig der Phantasie; auch malt die Phantasie mehr ins Grosse und Verschiedene zu gleich. Hier findet man nur erbarmliche wiederholte Geschichten der Nachbarschaft der Buhle, der Teufel, begleitet in gemeiner Kleidung die Frau zu Fusse auf irgendeinen benachbarten Berg, wo sie Tanz, bekannte Spielleute, elendes Essen und Trinken, lauter Bekannte aus dem Dorfe antrifft und nach dem Tanze mit dem Buhlen wieder heimgeht. Die Versammlungen auf dem Blocksberge konnen bloss fur dessen nachste Anwohnerinnen gelten; aber in andern Landern wurde nur der nachbarliche Berg zum Tanzplatz gewahlt. Will man alle Bekenntnisse fur Lugengeburten der Folter erklaren: so bedenkt man nicht, dass man in den Prozessen findet, dass sie oft nach der Tortur zwei, drei unbedeutende Bekenntnisse, die ihnen den Tod nicht ersparten, feierlich und angstlich widerriefen; und dass also der halbe Widerruf das halbe Gestandnis besiegelt, um so mehr, da man in damaligen Zeiten zu religios dachte, um mit Lugen auf der Zunge zu sterben.
Die berauschenden Getranke und Salben, womit sie sich sollen in den Traum vom Blocksberg und dergleichen gezaubert haben, sind nirgends aus den Akten erweislich oder nach der Physiologie moglich da es kein Getrank gibt, das faktisch bestimmte Visionen erschufe ; und dann, um nur beide zu brauchen, mussten sie sich ja schon fur Hexen halten."
Glanz ausserte: "Warum gibt es aber jetzt keine mehr? Und warum ist alles so naturlich und alltaglich dabei zugegangen, wie Sie vorhin selber einraumten? Doch mach' ich diese Einwurfe gar nicht, Hr. Graf, als wenn ich glaubte, dass Sie im Ernste jener Meinung waren."
Klothar versetzte: "Dann verkennen Sie meine Denkweise. Wie? Kann man aus dem Aussetzen oder Wegbleiben einer Erfahrung, z.B. einer elektrischen, einer somnambulistischen, auf ihre Unmoglichkeit schliessen? Nur aus positiven Erscheinungen ist zu beweisen; negative sind ein logischer Widerspruch. Kennen wir die Bedingungen einer Erscheinung? So viele Menschen und Jahre gehen voruber, kein Genie ist darunter; und doch gibts Genies; konnt' es nicht ebenso mit den Sonntags-Kindern sein, die Augen und Verhaltnisse fur Geister haben? Was Ihre Alltaglichkeit, die Sie einwenden, anlangt, so gilt diese auch fur jede positive Religion, die sich in die Alltaglichkeit ihrer ersten Apostel versteckt; alles Geistige schmiegt sich so scheinbar an das Naturliche an wie unsere Freiheit an die Naturnotwendigkeit."
Glanz ausserte: er wunsche nun doch sehr zu erfahren, was die zweite Meinung fur sich habe.
Klothar versetzte: "Zuerst die damaligen Zeugen fur die erste. Um eine Frau zu verurteilen, brauchte man statt der Tatsachen nur Zeugenschlusse; meistens aus drei ganz fremden Tatsachen, aus dem Alpdruck, dem Drachen-Einflug und einem schnellen Ungluck, z.B. Tod des Viehes, der Kinder etc., schlossen die Zeugen, und ihre Schlusse waren ihre Zeugnisse.
Zweitens lief der ganze Zauber-Erfolg auf ein Raupen- oder Schnecken- oder anderes Schadenpulver hinaus, das der Buhle, der Teufel, dem getauschten Weibe nebst einem Antritts- oder Werbe-Taler gab, den sie zu Hause oft als eine Scherbe befand. Die Macht des Teufels gab ihr weder Reichtum, noch einen Schutzbrief gegen den Scheiterhaufen. Ich schliesse aus allem, dass damals die Manner sich des Zauberglaubens bedienten, um unter der leichten Verkleidung eines teufelischen Buhlen die Weiber schnode zu missbrauchen; ja dass vielleicht irgendeine geheime Gesellschaft ihren Landtag unter die Hulle eines Hexen-Tanzes verbarg. Immer machten Manner in den Hexenprozessen den Teufel gegen die Weiber, selten umgekehrt Nur unbegreiflich bleibts, dass die Weiber bei dem damaligen Schauder vor dem Teufel, so wie vor der Holle, sich nicht vor seiner Erscheinung und vor der hollischen Umtaufe16und Apostasie entsetzet haben."
Glanz lachelte, ausserte aber, jetzt trafen sie beide ja vielleicht zusammen
Klothar versetzte sehr ernst: "Kaum! denn eine Nachspielerei hebt ein Urbild nicht auf, sie setzt eben eines voraus. Noch mangelt eine rechte Geschichte des Wunder-Glaubens oder vielmehr des GlaubensWunders von den Orakeln, Gespenstern an bis zu den Hexen und sympathetischen Kuren; aber kein engsichtiger und engsuchtiger Aufklarer konnte sie geben, sondern eine heilige dichterische Seele, welche die hochsten Erscheinungen der Menschheit rein in sich und in ihr anschauet, nicht ausser ihr in materiellen Zufalligkeiten sucht und findet welche das erste Wunder aller Wunder versteht, namlich Gott selber, diese erste Geistererscheinung in uns vor allen Geistererscheinungen auf dem engen Boden eines endlichen Menschen...."
Hier konnte sich der Notar nicht langer halten; eine solche schone Seelenwanderung seiner Gedanken hatt' er in dem hohen Jungling nicht gesucht. "Auch im Weltall", hob er an, "war Poesie fruher als Prosa, und der Unendliche musste vielen engen prosaischen Menschen, wenn sie es sagen wollten, nicht prosaisch genug denken."
"Was wir uns als hohere Wesen denken, sind wir selber, eben weil wir sie denken; wo unser Denken aufhort, fangt das Wesen an", sagte Klothar feurig, ohne auf den Notarius sonderlich hinzusehen.
"Wir ziehen immer nur einen Theater-Vorhang von einem zweiten weg und sehen nur die gemalte Buhne der Natur", sagte Walt, der so gut wie Klothar etwas getrunken. Keiner antwortete mehr recht dem andern.
"Gab' es nichts Unerklarliches mehr, so mocht ich nicht mehr leben, weder hier noch dort. Ahnung ist spater als ihr Gegenstand; ein ewiger Durst ist ein Widerspruch, aber auch ein ewiges Trinken ist einer. Es muss ein Drittes geben, so wie die Musik die Mittlerin ist zwischen Gegenwart und Zukunft", sagte der Graf.
"Der heilige, der geistige Ton wird von Gestalten geschaffen, aber er schafft wieder Gestalten"17, sagte Walt, den die Fulle der Wahrheit allein fortzog, nicht einmal mehr der Wunsch der Freundschaft.
"Eine geistige Kraft bildet den Korper, dann bildet der Korper sie, dann aber bewegt sie am machtigsten auf der Erde die Korper", sagte Klothar.
"O die unterirdischen Wasser der tiefen zweiten Welt, die den gemeinen weltweisen Berg-Knappen in seinem Bergbau storen und ersaufen, ihn, der Hohen nur zum Durchbohren und Vertiefen haben will diese sind eben fur den rechten Geist der grosse Todesfluss, der ihn in den Mittelpunkt zieht..." sagte Walt; er stand langst aufrecht am Tisch und hort' und sah nicht mehr.
"Echte Spekulaltion ", fing der Graf an.
"Mr. Vogtlander", unterbrach Neupeter, sich zum Buchhalter wendend und Klotharn am Arm haltend, da er gelehrten Diskursen ebensogern zuhorte als entsprang, "die 23 Ellen Spekulation haben Sie doch heute gebuchet18? Nun aber weiter, Herr Philosoph!" Der Graf horte den Misston des Missgriffs und schwieg und stand gern auf, die vergessene, langst wartende Gesellschaft noch lieber. Des Notars Keckheit und Rede-Narrheit hatte am meisten sie unterhalten. Der Kirchenrat Glanz hatt' es seinen Nachbarn leise zu verstehen gegeben, was sie von den graflichen Satzen zu halten hatten, und dass dergleichen ihn nicht weniger langweilte und anekelte als jeden.
Walt war in den dritten Himmel gefahren und behielt zwei ubrig in der Hand, um sie wegzuschenken. Er und der Graf trugen nun nach seinem Gefuhl die Ritterkette des Freundschafts-Ordens miteinander; nicht etwa, weil er mit ihm gesprochen der Notar dachte gar nicht mehr an sich und seinen Wunsch der Audienz , sondern weil Klothar ihm als eine grosse, freie, auf einem weiten Meere spielende Seele erschien, die alle ihre Ruderringe abgebrochen und in die Wellen geworfen; weil ihm sein kecker GeistesGang gross vorkam, der weniger einen weiten Weg als weite Schritte machte, und weil der Notar unter die wenigen Menschen gehorte, die mit unahnlichem Werte sympathisieren, wie das Klavier von fremden Blas- und Bogen-Tonen anklingt.
So lieben Junglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber spater stirbt ihnen der Vater, und die Mutter kann die Waisen schwer ernahren.
Wie ganz anders namlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig, vipernkalt und vipernglatt stehen die Menschen von Tafeln, selber an Hofen, auf, als sie sich davor niedergesetzt! Wie geflugelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! Neupeter bot leicht seinen Park dem Grafen an der schlug ein Walt drang nach. Unterwegs riss der Agent sein blumiges Ordens-Band entzwei und steckt' es ein, weil er, sagt' er, nicht wie ein Narr aussehen wolle.
Nr. 24. Glanzkohle
Der Park der Brief
Der Graf ging zwischen seinen Brautfuhrern, wovon der linke im Gehen das Spinnrad drehte zu einem Faden der Rede und Seile der Liebe; doch hielts oft schwer, in den engsten Gangen drei Mann hoch aufzumarschieren. Ein Markthelfer hielt sich hinter ihnen, um aus dem Sande alle sechs Fussstapfen auszubugeln. Der Agent fuhrte Klotharn vor die GlanzPartien des Parks in der Absicht, Ehrenflinten und -sabel da von Grafenhand zu empfangen vor Kinderstatuen unter Turm-Baumen vor Herkules-Wurggruppen unter Blumen; aber den Grafen griff nichts an. Neupeter zahlte das "schone Geld" aufs Rechenbrett hin, das ihm die Bildsaulen schon gefressen, besonders einige der feinsten, die er gegen Regenwetter in ordentliche, wasserdichte Uber- oder Reitersrocke eingewindelt, und bracht' ihn vor eine eingekleidete Venus im Wachtrock. Klothar schwieg. Neupeter ging weiter im Versuche und Garten, er setzte eigenhandig seinen Park herunter gegen einen in England und erhob z.B. Hagleys seinen daruber; "aber", sagt' er, "die Englander haben auch die Batzen dazu." Der Graf widerlegte nichts. Bloss Walt bemerkte: am Ende werde doch jeder Garten, sei er noch so gross, kurz jede kunstliche Eingrenzung klein und ein Kindergartchen in der unermesslichen Natur; nur das Herz baue den Garten, der noch zehnmal kleiner sein konne als dieser.
Darauf fragte der Kaufmann den Grafen, warum er nicht aufgucke, z.B. an die Baume, wo manches hange. Dieser sah auf; weisse Zolltafeln der Empfindung waren von Raphaelen darangeschlagen zum Uberlesen. "Bei Gott, meine Tochter hat sie ohne fremde Hulfe ersonnen", sagte der Vater, "und sie sind sehr neu und hochtragend geschrieben, so glaub' ich." Der Graf stand vor den nachsten Gefuhls-Brettern und Herz-Blattern poetischer Blumen fest; auch der Notar las den an die Welt wie an Arznei-Glaschen gebundnen Gebrauchzettel herab, welcher verordnete, wie man schone Natur einzunehmen habe, in welchen Loffeln und Stunden. Walten gefiel die Gefuhls-Anstalt, es waren doch Antritts- oder Oster-Programmen der Fruhlings-Natur, Frachtbriefe der Jahrszeiten, zweite, heimlich abgedruckte Titelblatter der NaturBilderbibel.
Dennoch strich Klothar stumm darunter hinweg. Aber Walt sagte, begeistert von den Baum-, Not- und Hulfs-Tafelchen: "Alles ist hier schon, die Partien, die Baume und die Tafeln. Wahrhaftig, man sollte die Poesie verehren, auch bis ins Streben darnach. Freilich wird nur die hochste, die griechische, gleich den Schachten der Erdkugel immer warmer, je tiefer man dringt, ob sie gleich auf der Flache kalt erscheint; indes andere Gedichte nur oben warmen." "Mein Mietsmann, Hr. Notar Harnisch", sagte schnell der uber dessen Nahe und Kecke verdrussliche Neupeter, als der Graf ihn bedeutend ansah. "Der Lac da um Ermenonville herum so lasset meine Frau den Teich nennen, weil sie sich auf Garten versteht, da sie aus Leipzig ist der Teich, sag' ich, ist bloss um die Insel herumgefuhrt, die ich um meinen seligen Vater, einen Kaufmann wie wenige, aufschutten lassen. Die Statue drinnen, das ist er selber nun." Auf der Teich-Insel sah unter Trauer- und Pappel-Baumen allein, gleichsam wie ein Robinson, der alte sel. Christhelf Neupeter in Stein gebracht heruber, ubrigens in seinem Borsen-Habit ausgehauen, wiewohl die in Marmor ubersetzte Beutelperucke und die petrifizierten Wickelstrumpfe und Rockschosse dem magern Manne nicht das leichte Aussehen gaben, das er nackt hatte haben konnen.
"Sagen Sie nur heraus, wie Ihnen der ganze Park und Quark vorkommt?" fragte Neupeter der Sohn. "Was bedeutet noch die holzerne wunderbare Pyramide (fragte der die Insel und den See umkreisende Graf), die mit der Basis halb uber dem Wasser schwebt?" Dem Hofagenten gefiel die Frage; er versetzte schelmisch: "In die Pyramide kann man ordentlich hineingehen durch eine Ture." "Cestius-Pyramide?" sagte Walt halblaut. Der Graf verstand den merkantilischen Schelm nicht. "Nun, es dient nun so", erlauterte er weiter, froh uber die Einkleidung jener Verkleidung, "bei der oder jener Gelegenheit wenn mans eben braucht ein Mensch trinkt mittags viel, besieht sich den Garten, und nun naturlich...."
"God d ", sagte der verstandigte Graf im Feuer, "ich muss in die Pyramide" und gab, des Agenten satt, das Zeichen des Zuruckbleibens. Ein Regenbogen darein war die Holz-Brucke durch Farben verkleidet fuhrte an die Pyramide. Der unschuldige Notar dachte zu zart, um alles zu verstehen. Der stolze Kaufmann, der hier das Stehenlassen ausserst unhoflich fand, murmelte halb fur sich, halb fur Walten: "Ein hoflicher, eigner Herr!" Er blieb nun nicht so lange, dass der Notar, der ein Riesen-Kniestuck vom Klothar anlegen wollte, solches hatte aufspannen konnen; sondern liess wieder diesen stehen, mit dem Pinsel voll Flammen in der Hand.
Ein zarter Genius war es, der den einsamen Gottwalt vom Betreten des Regen- und Brucken-Bogens zurucklenkte durch die Eroffnung der Wahrheit. Anderthalb Garten-Gange prallte davor der Jungling zuruck, den schon der vornehme Tafel-Zynismus mit den nackt gezognen Zahnstochern geargert; ohne doch auf den Agenten zu zurnen, dass er auf die vaterliche Pappel-Insel eine solche Spitzsaule pflanzen konnen; er hatte oft zu viel Liebe, um Geschmack zu haben, wie andere umgekehrt.
Als der Graf von Ermenonville zuruckgekommen: schlug Walt mehrere schmale Radien-Gange ein, um ihm zufallig aufzustossen und so, verschmolzen mit ihm, zu gehen. Aber der Graf, der alleinbleiben wollte, merkte das stete Nachstreichen und bog ihm verdrusslich aus. Auch dem Notar selber wurde am Ende das freundschaftliche Ballett versalzen, weil der Markthelfer mit seinem Verwaschpinsel als Schrittzahler hinter ihm blieb und ihm jeden Schritt dadurch vorrechnete, dass er ihn ausstrich.
"Welch ein ganz anderes Gluck ware es", traumt' er, "fiel' ich ins Lac-Wasser, und mein Jungling schleppte mich heraus, und ich lag ihm mit tropfenden Augen zu Fussen. Das denk' ich mir gar nicht weil es zu gross ware, das Gluck , wenn etwan gar er selber hineinsturzte und ich der Selige wurde, der sein stolzes Leben rettete und ihn an der Brust ins Dasein truge."
Indes fand er jetzt etwas Besseres auf seinem Wege, einen verlornen Brief an Klothar. Indem er sich umsah, ihn zu ubergeben, war der Graf unter die ins Haus gehende Gesellschaft zuruckgetreten. Er lief nach. Jener war schon davongeritten auf ein Dorf. Es war ihm nicht sonderlich bitter, dass er durch den Brief ein Recht in die Hande bekam, den Grafen morgen auf seinem eignen Zimmer aufzusuchen.
Er erstieg eilig das seinige nicht ohne Freude, dass er als der einzige Gast im Hause verbleibe, indes alle andere daraus fortmussten ; und besah und las ruhig droben den schon erbrochnen Briefaussen. Denn innen ihn zu lesen, auch irgendeinen andern fremden, lag ausser seiner Macht. Sein Lehrer Schomaker der, wie Vult sagte, fur Schimmelwaldchen Waldordnungen entwurfe behauptete, nicht einmal gedruckte durfe man lesen, wenn sie wider des Verfassers Wunsch erschienen, da die Leichtigkeit und die Teilhaber einer Sunde an dieser nichts anderten. Eine Taube mit einem Olzweig im Schnabel und in den Fussen flog auf dem Siegel. Der Umschlag roch anmutig. Er zog den Brief daraus hervor, faltete ihn auf von weitem und las frei den Namen Wina und legt' ihn eiligst weg... "Ich will ihm alle meine Aurikeln geben", hatte sie einst in der tiefen Kindheit gesagt, aus deren dunkeln uberbluhten Tempe unaufhorlich jene Tone wie bedeckte Nachtigallen heraufsangen. Jetzt aber beruhrte die zitternde Saite deren Klange bisher suss-druckend sein Herz umrungen hatten seine Finger; er hatte ordentlich die Vergangenheit, die Kindheit in der Hand Und heute trat vollends die Unsichtbare im Konzertsaale endlich aus der blinden Wolke
Seine Bewegung bedarf keines Gemaldes, da jede auf jedem erstarrt.
Er hielt jetzt den offnen Brief nahe unter die Augen, obwohl umgekehrt. Das Papier war so blauweiss-zart wie eine feinste Haut voll Geader die umgesturzte Handschrift so zierlich und gleich Blumengewinde waren den vier Papierrandern eingepresset er besah jeden und ging auf Aurikeln aus als er aber auf dem untern suchte, fuhr ihm die letzte Zeile ins Auge, mit sieben letzten Worten. Da steckt' er das Blatt erschrocken in die Hulle zuruck.
Es lautete aber das Schreiben an Klothar so: "Wozu meine langern Kampfe, die vielleicht schon selber Sunden sind? Ich kann nun nach Ihrem gestrigen entscheidenden Worte nicht die Ihrige werden; denn ich konnte Ihnen wohl so leicht und so gern Gluck und Leben und Ruhe opfern, aber meine Religion nicht. Ich schaudere vor dem Bilde eines erklarten Abfalls. Ihre religiose Philosophie kann mich qualen, aber nicht andern. Die Kirche ist meine Mutter; und nie konnen mich alle Beweise, dass es bessere Mutter gebe, von dem Busen der meinigen reissen. Wenn meine Religion, wie Sie sagen, nur aus Zeremonien besteht: so lassen Sie mir die wenigen, die meine mehr hat als Ihre. Denn am Ende ist doch alles, was nicht Gedanke ist, Zeremonie. Geb' ich eine auf, so weiss ich nicht, warum ich noch irgendeine bewahre. Halten Sie ja, wie ich, vor meinem Vater Ihre scharfe Foderung des Abfalls geheim, ich weiss, wie es ihn kranken musste. Ach lieber Jonathan, was konnt' ich noch sagen; jene Stille, die Sie oft rugen, ist nicht Laune noch Kalte, sondern die Trauer uber meine Ungleichheit gegen Ihren grossen Wert. O Freund, ist dieser Anfang unsers Bundes wohl der rechte? Mein Herz ist nur fest, aber wund.
Wina"
Er beschloss im ersten Feuer, das Schreiben ihr selber im Konzerte zuzustellen. Jetzt ubrigens, da er ein wenig seine heutige schwelgerische Lage uberschlug Diner mittags Konzert abends Sonntag den ganzen Tag : so konnt' er sich weiter nicht bergen, wie sehr er sich, gleich einem Grossen, schwindelnd auf dem Glucksrad umschwinge, oder eine wahre Nacht der Ergotzlichkeiten durchtraume, in der ein Sternbild voll freudiger Strahlen aufgeht, wenn ein anderes niedergeht, indes arme Teufel nichts haben als einen blau-dunkeln Tag mit beigefugter Sonne.
So macht' er sich denn Kopf und Brust voll flotender Vulte, heiliger Aurikelnbraute, feinster ihnen zu ubergebender Briefe auf den Weg zum ersten Konzert in seinem Leben. Denn fur die Leipziger Konzerte im Gewandhause hatt' er nie den dazugehorigen Eintritts- und Torgroschen erschwingen konnen, bekanntlich 16 Groschen schwer Geld.
Nr. 25. Smaragdfluss
Musik der Musik
Die Einlasskarte fest druckend, langte er in der langen Prozession mit an, die seine Flugelmannin und Wegweiserin war. Das Einrauschen des glanzenden Stroms, der hohe Saal, das Stimmen der Instrumente, das Schicksal seines Bruders machten ihn zu einem Betrunkenen, der Herzklopfen hat. Dem Lauf des goldfuhrenden Stroms sah er mit Freude uber die Goldwasche seines Bruders zu, er hatte die Wellen zahlen mogen. Vergeblich sah er nach ihm sich um. Auch Wina sucht' er, aber wie sollt' er einen Juwel in einer Ebene voll Tau-Glanz ausfinden? Nach seiner Schatzung und Vermessung mochten unter den ihm zugekehrten Madchen an 47 wahre Anadyomenen, Uranien, Cytheren und Charitinnen sitzen in Pracht; unter den abgewandten Rucken konnten sie sich noch hoher belaufen.
Er legte sich die Frage vor: wenn diese ganze Kette von 47 Paradiesvogeln aufstiege und er sich einen darunter herabschiessen sollte mit dem Amors-Pfeil, welchen er wohl nahme? Er brachte keine andere Antwort aus sich heraus als die: jede, die mir die Hand recht druckte und etwas bei der Natur und fur mich empfande. Da nun unter diesem schonen Hondecoeters19 fliegenden Korps unzahlige Raubvogel, Harpyen und dergleichen gewiss steckten: so ermesse doch aus diesem Selbstgesprach ein ganz junger Mensch, der seine erste Liebe zur ersten Ehe machen will, in was er rennen konne.
Eben stellte sich der Buchhandler Passvogel grussend neben den Notar, als Haydn die Streitrosse seiner unbandigen Tone losfahren liess in die enharmonische Schlacht seiner Krafte. Ein Sturm wehte in den andern, dann fuhren warme, nasse Sonnenblicke dazwischen, dann schleppte er wieder hinter sich einen schweren Wolkenhimmel nach und riss ihn plotzlich hinweg wie einen Schleier, und ein einziger Ton weinte in einem Fruhling, wie eine schone Gestalt.
Walt den schon ein elender Gesang der Kinderwarterinnen wiegte und der zwar wenige Kenntnisse und Augen, aber Kopf und Ohren und Herzohren fur die Tonkunst hatte wurde durch das ihm neue Wechselspiel von Fortissimo und Pianissimo, gleichsam wie von Menschenlust und weh, von Gebeten und Fluchen in unserer Brust, in einen Strom gesturzt und davongezogen, gehoben, untergetaucht, uberhullt, ubertaubt, umschlungen und doch frei mit allen Gliedern. Als ein Epos stromte das Leben unten vor ihm hin, alle Inseln und Klippen und Abgrunde desselben waren eine Flache es vergingen an den Tonen die Alter das Wiegenlied und der Jubelhochzeit-Gesang klangen ineinander, eine Glocke lautete das Leben und das Sterben ein er regte die Arme, nicht die Fusse, zum Fliegen, nicht zum Tanzen er vergoss Tranen, aber nur feurige, wie wenn er machtige Taten horte und gegen seine Natur war er jetzt ganz wild. Ihn argerte, dass man pst rief, wenn jemand kam, und dass viele Musiker, gleich ihrem Notenpapier, dick waren, und dass sie in Pausen Schnupftucher vorholten, und dass Passvogel den Takt mit den Zahnen schlug, und dass dieser zu ihm sagte: "ein wahrer ganzer Ohrenschmaus" fur ihn ein so widriges Bild wie im Furstentum Krain der Name der Nachtigall: Schlauz.
"Und doch muss nun erst das Adagio und mein Bruder kommen", sagte sich Walt.
"Den einer dort herfuhrt", sagte Passvogel zu ihm, "das ist der blinde Flautotraversist, und der Fuhrer ist unser blinder Hofpauker, der aber das Terrain besser kennt. Das Paar gruppiert sich indes ganz artig." Da der schwarzhaarige Vult jetzt langsam kam, das eine Auge unter einem schwarzen Band, mit dem andern starrblickend, den Kopf wie ein Blinder ein wenig hoch und die Flote am Munde haltend mehr um sein Lachen zu bedecken ; da er sich vom Pauker verbeugungs-recht stellen liess und da alle Schwatzereien stumm wurden und weich: so konnte Walt sich der Tranen gar nicht mehr enthalten, sowohl wegen der vorhergehenden als schon uber das blosse Gemalde eines blinden Bruders und uber den Gedanken, das Verhangnis konne den Spasstreiber beim Worte fassen; und zuletzt braucht' er wenig, um mit dem ganzen Saale zu glauben, Vult sei erblindet.
Dieser gab wie eine Monatsschrift stets das beste Stuck zuerst und fuhrte an, er gehe mit Einsicht von den allmahlich steigenden Virtuosen ab, weil die Menschen einander nach der Erstgeburt, und nicht nach der Nachgeburt schatzten und den schlimmen, mithin auch den guten Erstlings-Eindruck festhielten und weil man den Weibern, die von nichts so leicht taub wurden als von langer Musik, das Beste geben musste, wenn sie noch horten.
Wie eine Luna ging das Adagio nach dem vorigen Titan auf die Mondnacht der Flote zeigte eine blasse schimmernde Welt, die begleitende Musik zog den Mondregenbogen darein. Walt liess auf seinen Augen die Tropfen stehen, die ihm etwas von der Nacht des Blinden mitteilten. Er horte das Tonen dieses ewige Sterben gar nicht mehr aus der Nahe, sondern aus der Ferne kommen, und der herrnhutische Gottesacker mit seinen Abend-Klangen lag vor ihm in ferner Abendrote. Als er das Auge trocken und hell machte: fiel es auf die gluhenden Streifen, welche die sinkende Sonne in die Bogen der Saalfenster zog; und es war ihm, als seh' er die Sonne auf fernen Geburgen stehen und das alte Heimweh in der Menschenbrust vernahm von vaterlandischen Alpen ein altes Tonen und Rufen, und weinend flog der Mensch durch heiteres Blau den duftenden Geburgen zu und flog immer und erreichte die Geburge nie O ihr unbefleckten Tone, wie so heilig ist euere Freude und euer Schmerz! Denn ihr frohlockt und wehklagt nicht uber irgendeine Begebenheit, sondern uber das Leben und Sein, und eurer Tranen ist nur die Ewigkeit wurdig, deren Tantalus der Mensch ist. Wie konntet ihr denn, ihr Reinen, im Menschenbusen, den so lange die erdige Welt besetzte, euch eine heilige Statte bereiten oder sie reinigen vom irdischen Leben, waret ihr nicht fruher in uns als der treulose Schall des Lebens und wurde uns euer Himmel nicht angeboren vor der Erde!
Wie ein geistiges Blendwerk verschwand jetzt das Adagio, das rohe Klatschen wurde der Leitton zum Presto. Aber fur den Notar wurde dieses nur zu einer wildern Fortsetzung des Adagios, das sich selber loset, nicht zu einer englischen Farce hinter dem englischen Trauerspiel. Noch sah er Wina nicht; sie konnte es vielleicht im langen himmelblauen Kleide sein, das neben dem ihm zugewandten Rucken sass, der, nach den Kopffedern und nach der nahen Stimme zu schliessen die in einem fort, unter der Musik, die Musik laut pries , Raphaelen zukam; aber wer wusst' es? Gottwalt sah bei solcher Mehrheit schoner Welten unter dem Prestissimo an dem weiblichen Sternenkegel hinauf und hinab und druckte mit seinen Augen die meisten ans Herz, vorzuglich die schwarzen Habite, dann die weissen, dann die sonstigen. Unglaublich steigerte die Musik seine Zuneigung zu Unverheirateten, er horte die Huldigungsmunzen klingen, die er unter die Lieben warf. "Konnt' ich doch dich, gute Blasse", dacht' er ohne Scheu, "mit Freudentranen und Himmel schmucken. Mit dir aber, du Rosenglut, mocht' ich tanzen nach diesem Presto Und du, blaues Auge, solltest, wenn ich konnte, auf der Stelle vor Wonne uberliessen, und du musstest aus den weissen Rosen der Schwermut Honig schopfen Dich, Milde, mocht' ich vor den Hesperus stellen und vor den Mond, und dann wollt' ich dich ruhren durch mich oder sonst wen Und ihr kleinen hellaugigen Spieldinger von 14, 15 Jahren, ein paar Tanzsale voll Kleiderschranke mocht' ich euch schenken O ihr sanften, sanften Madchen, war' ich ein wenig das Geschick, wie wollt' ich euch lieben und laben! Und wie kann die grobe Zeit solche susse Wangen und Auglein einst peinigen, nass und alt machen und halb ausloschen?"
Diesen Text legte Walt dem Prestissimo unter.
Da er schon seit Jahren herzlich gewunscht, in einem schonen weiblichen Auge von Stand und Kleidung einer Trane ansichtig zu werden weil er sich ein schoneres Wasser in diesen harten Demanten, einen goldnern Regen oder schonere Vergrosserungslinsen des Herzens nie zu denken vermocht : so sah er nach diesen fallenden Licht- und Himmelskugelchen, diesen Augen der Augen, unter den MadchenBanken umher; er fand aber weil Madchen schwer im Putze weinen nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tucher. Indes fur den Notar war ein Schnupftuch schon eine Zahre und er ganz zufrieden.
Endlich fingen die in allen Konzerten eingefuhrten Hor-Ferien an, die Sprech-Minuten, in denen man erst weiss, dass man in einem Konzert ist, weil man doch seinen Schritt tun und sein Wort sagen und Herzen und Gefrornes auf der Zunge schmelzen kann. "Wer Henker", sagt Vult sehr gut in einem Extrablatt seines Hoppelpoppels oder das Herz, uberschrieben
Vox Humana Konzert
"Wer Henker wollte Ton- wie Dicht-Kunst lang' aushalten ohne das Haltbare, das nachhalt? Beider Schonheiten sind die herrlichsten Blumen, aber doch auf einem Schinken, den man anbeissen will. Kunst und Manna sonst Speisen sind jetzt Abfuhrungsmittel, wenn man sich durch Lust und Last verdorben. Ein Konzertsaal ist seiner Bestimmung nach ein Sprachzimmer; fur den leisen Ton der Feindin und Freundin, nicht fur den lauten der Instrumente hat das Weib das Ohr; wie ahnlicherweise nicht fur Wohlgeruch, sondern nur fur Geruch feindlicher und bekannter Menschen nach Bechstein die Nase der Hund hat. Bei Gott, man will doch etwas sagen im Saal, wenn nicht etwas tanzen. (Denn in kleinen Stadtchen ist ein Konzert ein Ball, und keine Musik ohne Spharentanz himmlischer Korper.) Dahero sollte das Pfeifen und Geigen mehr Nebensache sein und wie das Klingeln der Muhle nur eintreten, wenn zwei Steine oder Kopfe nichts mehr kleinzumachen haben. Aber gerade umgekehrt dehnen muss ich klagen, so gern ich auch allerdings einige Musik in jedem Konzerte verstatte, wie Glocken und Kirchenmusik vorher, eh Kanzeln bestiegen werden sich die Spielzeiten weit uber die Sprechzeiten hinaus, und mancher sitzt da und wird taub und darauf stumm, indes es doch durch nichts leichter ware als durch Musizieren, Menschen, so wie Kanarienvogel, zum Sprechen zu reizen, wie sie daher nie langer und lauter reden als unter Tafelmusiken. Nimmt man vollends die Sache auf der wichtigern Seite, wo es darauf ankommt, dass Menschen im Konzert etwas geniessen, es sei Bier oder Tee oder Kuchen: so muss man, wenn man erfahrt, dass das Musizieren langer dauert als das Trinken, gleichsam das Blasen zur Hoftafel langer als die Tafel selber, oder das Muhlen-Geklingel langer als das Zahne-Mahlen" und so weiter; denn der Hoppelpoppel gehort in sein eignes Buch und nicht in dieses. Jetzt, da sich die ganze neue Welt und Hemisphare der Schonheiten vordrehte und aufstellte, musste Wina zu finden sein. Raphaela stand schon herwarts gekehrt, aber die himmelblaue Nachbarin sass noch vor ihr. Der Notar erkundigte sich zuletzt geradezu bei Passvogeln nach ihr. "Die", versetzte der Hofbuchhandler, "neben der altern Dlle. Neupeter in Himmelblau mit Silber- mit den Perlenschnuren im Haarsie war bei Hof- Jetzt steht sie auf sie wendet sich wahrlich um. Aber gibts denn schwarzere Augen und ein ovaleres Gesicht ob ich gleich sehr wohl weiss, dass sie nicht regelmassig schon ist, z.B. scharfe Nase und die ausgeschweifte Schlangenlinie des entschiedenen Mundes, aber sonst, Himmel!"
Als Walt die Jungfrau erblickte, sagte die Gewalt uber der Erde: "Sie sei seine erste und letzte Liebe, leid' er, wie er will!" Der Arme fuhlte den Stich der fliegenden Schlange, des Amors, und schauerte, brannte, zitterte, und das vergiftete Herz schwoll. Es fiel ihm nicht ein, dass sie schon sei oder von Stand oder die Aurikeln-Braut der Kindheit oder die des Grafen; es war ihm nur, als sei die geliebte ewige Gottin, die sich bisher fest in sein Herz zu ihm eingeschlossen und die seinem Geiste Seligkeit und Heiligkeit und Schonheit gegeben, als sei diese jetzt aus seiner Brust durch Wunden herausgetreten und stehe jetzt, wie der Himmel ausser ihm, weit von ihm (o! alles ist Ferne, jede Nahe) und bluhe glanzend, uberirdisch vor dem einsamen wunden Geiste, den sie verlassen hat, und der sie nicht entbehren kann.
Jetzt kam Wina an der angeklammerten Raphaela, die aus eitler Vertraulichkeit sich neben ihr unter die Menge drangen wollte, den Weg zu Walten daher. Als sie ganz dicht vor ihm vorbeiging und er das gesenkte schwarze Zauber-Auge nahe sah, das nur Judinnen so schon haben, aber nicht so still, ein sanft stromender Mond, kein zuckender Stern, und woruber noch verschamte Liebe das Augenlid als eine AmorsBinde halb hereingezogen: so trat Walt unwillkurlich zuruck, und ein korperlicher Schmerz druckte in seinem Herzen, als werd' es uberfullt.
Da auf der Erde alles so erbarmlich langsam geht, sie selber ausgenommen, und da sogar der Himmel seine Rheinfalle in hundert kleine Regenschauer zersetzt: so ist ein Mensch wie Walt ein Seliger, dem statt der von hundert Altaren auffliegenden PhonixAsche der Liebe und Schonheit ganz plotzlich der ausgespannte goldne Vogel farbegluhend am Gesicht voruberstreicht. Den Zeitungsschreiber, den plotzlich Bonaparte, den kritischen Magister, den plotzlich Kant ansprache, wurde der Schlag des Glucks nicht starker ruhren.
Die Menge verhullte Wina bald, so wie den Weg auf der fernen Seite, den sie an ihre alte Stelle zuruck genommen. Walt sah sie da wieder mit dem himmelblauen Kleide; und er schalt sich, dass er vom verschwundenen Gesicht nichts behalten als die Augen voll Traum und voll Gute. Aber beides allein war ihm ein geistiges All. Das mannliche Geschlecht will den Stern der Liebe, gerade wie die Venus am Himmel, anfangs als traumerischen Hesperus oder Abendstern finden, der die Welt der Traume und Dammerungen voll Bluten und Nachtigallen ansagt, spater hingegen als den Morgenstern, der die Helle und Kraft des Tags verkundiget; und es ist zu vereinigen, da beide Sterne einer sind, nur durch die Zeit der Erscheinung verschieden.
Obgleich Walt die andern Madchen jetzt in sein Auge einlassen musste, so warf er doch ein mildes auf sie; alle wurden Winas Schwestern oder Stiefschwestern, und diese untergegangene Sonne bekleidete jede Luna jede Ceres Pallas Venus mit lieblichem Licht, desgleichen andere Menschen, namlich die mannlichen, den Mars, den Jupiter, den Merkur und sehr den Saturn mit zwei Ringen, den Grafen.
Dieser war Walten plotzlich naher gezogen als sei der Freundschafts-Bund schon mundlich beschworen ; aber Wina ihm ferner entruckt als stehe die Braut zur Freundin zu hoch. Ihren Brief ihr zu ubergeben, dazu waren ihm jetzt Kraft und Recht entgangen, weil er besser uberdacht, dass eine blosse Unterschrift des weiblichen Taufnamens nicht berechtigte, eine Jungfrau fur die Korrespondentin eines Junglings durch Zuruckgabe bestimmt zu erklaren.
Die Musik fing wieder an. Wenn Tone schon ein ruhendes Herz erschuttern, wie weit mehr ein tief bewegtes! Als der volle Baum die Harmonie mit allen Zweigen uber ihm rauschte; so stieg daraus ein neuer seltsamer Geist zu ihm herab, der weiter nichts zu ihm sagte als: weine! Und er gehorchte, ohne zu wissen wem es war, als wenn sein Himmel sich von einem druckenden Gewolke plotzlich abregnete, dass dann das Leben luftig-leicht, himmelblau und sonnenglanzend und heiss dastande wie ein Tag die Tone bekamen Stimmen und Gesichte diese Gotterkinder mussten Wina die sussesten Namen geben sie mussten die geschmuckte Braut im Kriegsschiff des Lebens ans Ufer einer Schaferwelt fuhren und wehen hier musste sie ihr Geliebter, Walts Freund, empfangen unter fremden Hirtenliedern und ihr rund umher bis an den Horizont die griechischen Haine, die Sennenhutten, die Villen zeigen und die Steige dahin voll wacher und schlafender Blumen Er notigte jetzt Cherube von Tonen, die auf Flammen flogen, Morgenrote und Blutenstaub-Wolken zu bringen und damit Winas ersten Kuss dammernd einzuschleiern und dann weit davonzufliegen, um den stummen Himmel des ersten Kusses nur leise auszusprechen.
Auf einmal, als unter diesen harmonischen Traumen der Bruder lang auf zwei hohen Tonen schwebte und zitterte, die den Seufzer suchen und saugen: so wunschte Gottwalt mitzitternd, am Traum des fremden Glucks zu sterben. Da empfing der Bruder ein misstoniges rauhes Lob; aber Walten war bei seiner heftigen Bewegung die aussere gar nicht zuwider.
Es war alles vorbei. Er strebte und nicht ohne Gluck am nachsten hinter Wina zu gehen; nicht um etwa ihr Gewand zu bestreifen, sondern um sich in gewisser Ferne von ihr zu halten, mithin jeden andern auch und so als eine nachruckende Mauer von ihr das Gedrange abzuwehren. Doch druckte er unter dem Nachgange sehr innig ihre Hand im Brief an Klothar.
Zu Hause setzt' er im Feuer, das fortbrannte, diesen Streckvers auf:
Die Unwissende
Wie die Erde die weichen Blumen vor die Sonne tragt und ihre harten Wurzeln in ihre Brust verschliesst wie die Sonne den Mond bestrahlt, aber niemals seinen zarten Schein auf der Erde erblickt wie die Sterne die Fruhlingsnacht mit Tau begiessen, aber fruh hinunterziehen, eh' er morgensonnig entbrennt: so du, du Unwissende, so tragst und gibst du die Blumen und den Schimmer und den Tau, aber du siehst es nicht. Nur dich glaubst du zu erfreuen, wenn du die Welt erquickst. O fliege zu ihr, du Glucklichster, den sie liebt, und sag es ihr, dass du der Glucklichste bist, aber nur durch sie; und glaubt sie nicht, so zeig ihr andere Menschen, der Unwissenden.
*
Beim letzten Worte sturmte Vult ohne Binde ungewohnlich lustig herein.
Nr. 26. Ein feiner Pektunkulus und Turbinite
Das zertierende Konzert
"Ich sehe!" rief der Flotenspieler mit einer Lustigkeit, worein sich Walt nicht schnell genug hinuberschaffen konnte. Er bat ihn, nur erst seine Augen-Kur anzuhoren; und dann zu sprechen, wovon er wolle. Walt war es am meisten zufrieden. "Es wird dir nicht bekannt sein", fing Vult an, "dass heute des Kapellmeisters Wiegenfest war; ob dir gleich aus dem guten Spiel aller Konzertisten bekannt werden konnte, dass sie sich noch fruher als den Zuhorer berauschet. Die Konzertisten sind von Hunden, die vom Herrn nur kleine Stucke, aber aus Furcht nie grosse annehmen, das Widerspiel Der Wein des Kapellmeisters war ihr Antihypochondriakus geworden, und sie hatten so viele Brunnenbelustigungen an diesem Wahrheitsbrunnen getrieben, dass der Violoncellist seine Bassgeige fur einen Himmel ansah; und die andern umgekehrt. Nun glomm ein schwacher Funke zum nachherigen Kriegsfeuer schon unter dem Essen durch das einzige Wort an, dass ein Deutscher von einem deutschen grossen Dreiklang sprach, worin Haydn, sagt' er, den Aschylus, Gluck den Sophokles, Mozart den Euripides vorstelle. Ein anderer sagte, von Gluck geb' ers zu, aber Mozart sei der Shakespeare. Jetzt mengten sich die Italier darein, zu Ehren des Kapellmeisters, und sagten, in Neapel geige man dem Mozart was. In der kurzen Zeit, wo ich mir die Kasse in die Hand legen lasse 60 Taler hab' ich ubrig, und hier hast du deine brach der Krieg wider die Unglaubigen in vollige Flammen aus, und als ich hinsah, fochten beide Nationen schon auf Hieb und Stoss.
Der Bassgeiger, ein Welscher, mochte zuerst mit seinem Fiedelbogen den Ellenbogen des Flute-a-becPfeifers im Feuer angestrichen, oder vielleicht auch auf solchen, wie auf eine Bass-Saite, pizzicato geschlagen haben um wohl Harmonie der Meinungen vorzulocken : kurz, als ichs sah, hatt' der Pfeifer den Bogen von ihm entlehnt und an ihm solchen das eigne Instrument sollte ganz bleiben bald wie einen Stechheber, bald wie eine Streichnadel versucht. Behend kehrte aber der Geiger den Bass um und rannte damit er hielt ihn am Geigenhals wie mit einem Mauerbock auf den Pfeifer los, wahrscheinlich um ihn umzurennen; der Flute-a-beczist lag denn auch nieder, nahm sich aber auf dem Boden erst der Nation hitzig an und fuhr dem Feinde mit der Flute a bec ins Gesicht und Maul, um ihn vielleicht so mit dem Schnabel der Flote mehr an sich zu ziehen am eignen.
Der erste Violinist und der zweite fochten eine kurze Zeit mit Pariser Bogen, nahmen aber bald die Geigen bei den Wirbeln als Streitkolben, als Faustel in die rechte Hand, um entweder Deutsch- oder Welschland hinaufzubringen; das Resonieren der Geigenbauche sollte ein Rasonieren der Kopfe vorstellen, aber es war wohl mehr Wort- und Ton-Spiel.
Du weisst, Hr. Husgen zu Frankfurt am Main hebt einen kostbaren Buschel Haare von Albrecht Durer auf20; ein Amateur hielt ein paar ahnliche herrliche Reliquien mit beiden Handen in die Hohe, in der einen die Perucke, die er einem Sanger ausgerauft, in der andern das naturliche Haar, was er darunter angetroffen.
Um den liegenden Schnabelpfeifer haufte sich das Handgemenge dichter; der Violincellist suchte den Bass von weitem tief in ihn zu drucken, naherte sich aber dadurch dem heftigen Flotabec, womit sich der Deutsche wie mit einem Kopulierreis, mit einer Fallund Eselsbrucke an den Welschen anzuschliessen strebte.
Den stehenden Sieger griff von hinten mit einem faulen Trommelbass ein deutscher Zugtrompeter an zur Schande der Deutschen ; den aber wieder ein welscher Bassetthornist von hinten angriff- zur Schande der Welschen ; worauf sich der Deutsche gegen den Welschen umkehrte, so dass nun beide in kurzem so glucklich waren, einander den Bruch, den sie sich sonst bliesen, jetzt um einen Bruch der Nationen zu heilen mit den Instrumenten zu stossen, wenn ich recht sah.
Ein feiger Stadtpfeifer griff in die Tasche und zog Mittelstucke heraus die er als Feldstucke von ferne auf die besten Kopfe warf, worauf ihm der Hofballettmeister mit dem Serpent, den er sonst blaset, zu Ohren kam.
O Zwillingsbruder! wie wunscht' ich samtlichen Spitzbuben zu ihrem Mord- und Totschlag Gluck! Nur ein Virtuose, der den Gyges-Ring scheinbarer Blindheit anhat, kann sehen, wie ihn Orchester auslachen und auskeltern vom Kapelldiener an bis zum Kapellmeister, und wie sie, wenn er sie muhsam zum Spielen gewonnen und gepresset, wieder ihrerseits von ihm gewinnen und pressen. Meine einzige Angst unter dem Waffentanz war, man moge mein Lachen und Sehen sehen; ich kratzte mir daher in einem fort als Deckmantel das Kinn.
'Ich glaube wahrlich gar', fing der blinde Hofpauker neben mir an. 'Freilich, freilich, mein Pauker!' versetzt' ich. 'Und zwar sehr wird meines Wissens und Horens zugeprugelt es soll eine schone dissertatiuncula pro loco zweier friedlichen guten Nationen vorstellen, wenn nicht eine Sonate a quarante mains Aber Himmel, warum schenkte das Gluck zu solchem reichen Ein- und Vielklang, zu solcher musikalischen Exekution und Stangenharmonie nicht noch mehr Gewehr Stangenharmonikas Posthorner Schulterviolen d'Amour-Violen gerade Zinken krumme Zinken Flageolettes Tubas Zithern Lauten Orphikas von Rollig Colestinen vom Konrektor Zink und Klavizylinder von Chladni samt deren beigefugten gehorigen Spielern! Wie konnten diese nicht damit sich schlagen und jeden! Wie konnte nicht gehammert, gestaucht, gesagt, gepaukt werden, mein bester stiller Pauker!'
Jetzt hatte die Prugel-Partie ihre Blute erreicht. Mehrere Stadtmusikanten und der Bratschist fassten, weil sie friedlich dachten, Notenpulte an und hielten sie umgekehrt vor, um sich bloss zu decken, eh' sie damit rannten ein Trompeter sprang mit dem Instrument auf eine Fensterbrustung und stiess und blies ausser sich darein und in die Kriegsflamme und schmetterte, herunterspringend, fort, als ein Kerl ihn an der Quaste niederzog Paukenschlagel flogen auf Kopf- und andere Haute ein Welscher band, weil der Bogen entzwei war, einem deutschen Spielmann die Rosshaare von hinten wie eine Vogelschneuss um den Kehlkopf- der Fagottist und der Hoboist hatten einander an den linken Handen, so dass sie tanzend in dieser bequemen, wie verabredeten Richtung jeder des andern Ruckgrat und Mark darin vor sich sahen und sich gegenseitig, wie Lauten, mit ihren Instrumenten, wie mit Fachern, schlagen konnten, die sonst bliesen In die hartesten Kopfe wurde mehr Feuer hineingeschlagen als heraus Wer einen Kamm und einen Delta-Muskel besass, liess beide schwellen, ohne nahere Rucksicht auf Religion Es kam eine betrachtliche Vereinigung des Organischen und Mechanischen zustande, Ruckenwirbel und Geigenwirbel verknupften sich, so Geigen- und sonstige Halse, die Kunstworter Vor und Nachschlag, Dreimalgestrichen, Hammerwerk, Kalkant bekamen lebendige organische Beziehung, die ohne dieses sonst als flaches Wortspiel ganzlich zu verwerfen ware jede Hand wollte der Geigen-Frosch sein, der fremde Haare zu Tonen anziehet und spannt
Ich wunschte nicht, dass du lachtest; denn ganz furios fuhr der ernstere Kapellmeister aus Neapel umher und herum rief Santo Gennaro schrie fragend, ob das sein Wiegenfest sei oder ordentliche Ordnung bewaffnete sich, weil man ihm nichts darauf versetzte, obwohl jedem etwas, mit einer Armgeige links, mit einem Waldhorn rechts setzte und stauchte das Horn mit der weiten Offnung siegenden Kopfen wie einen Stechhelm mit Feder-Bogen auf, doch so, dass er halb stiess schlug aber fort mit der Armgeige nach Knie- und allen Scheiben, die er traf.
Das musste zuletzt den Klavizembalisten, den Stadttertius, ein Mannlein, das sich selber nicht einmal an die Knie geht, geschweige langern Personen, dermassen ausser Fassung setzen, Bruder, da der Mann auf Sitten drang, aber auf mildere, dass er halb des Teufels hinter seinem Flugel mit einem Streit- und Stimmhammer auf- und niederlief und jeden verfluchte und Welsch- und Deutschland abkanzelte ganz frei. 'Was, Ihr dummer Teufel, Ihr Dampfhans, Ihr Schwengelgalgen!' rief der Kapellmeister, 'habt Ihr Euch dazu besoffen bei mir?' und wollte dem Tertius das Waldhorn aufsetzen, weil er geringen Unterschied darin fand, ob er ihn damit anblies wie einen jagdgerechten Hirsch oder damit halb erstiess; aber mit Stimmund Gesetzes-Hammer in den Handen behauptete der Tertius den rechten Flugel des Flugels, und der welsche Napler musste diesen erobern als einen Brukkenkopf.
'Was bedeutet denn auf einmal das Lachen im Saal?' sagte der Pauker zu mir. 'Herr', versetzt ich im Taumel, 'der Kapellmeister hat den kleinen Tertius unter dem Flugel beim Flugel erwischt und vorgezogen und hangt ihn jetzt, wie ein Paar Lederhosen, die ein Berliner trocknet, an den Beinen in die Luft.'
'Was Donner, Herr', sagte zu meinem Schrecken der Pauker, 'Sie sehen ja alles.' 'Eben diesen Augenblick', versetzt' ich, raumte aber eiligst das Schlag- und Schlachtfeld, um nicht selber darauf angestellt zu werden. Und so hab' ich denn ganz unerwartet mein voriges Gesicht, obwohl noch ein ausserst kurzes, fur Stadt und Land wieder erhalten durch galvanische Schlage von weitem.
Aber, mein Waltlein, eine so kostliche Nuntiaturstreitigkeit enharmonischer Konkordaten bedenk! Ist es nicht, als habe einer meiner besten Genien uns die Schlagerei als eine fertige Mauer mit Freskobildern fur unsern Hoppelpoppel oder das Herz absichtlich so vor die Nase hingeschoben, dass wir unser romantisches Odeon nur darauf hinzumauern brauchen, bis sich die Mauer gerade da einfugt, wo es krumm lauft, Bruder?"
"Wenn alle Personalitaten dabei auszutilgen sind", versetzte Walt, "gut! Froher ists auch zu lesen als zu sehen. Gottlob, dass du nur siehst! Ach was haben wir heute nicht zu reden, was gewiss in keinen Roman gehort und kommt!"
"Nicht?" sagte Vult. "Daruber liesse sich noch reden, Walt."
Nr. 27. Spatdruse von Schneeberg
Gesprach
Walt kam am ersten aus dem Lachen zu sich und zur ernsten Frage, wie Vult vor der Stadt seine AugenRolle jetzt hinausspiele. "Ich habe", sagte Vult, "schon einigen Schimmer, dann bessert sichs zusehends, zuletzt komm' ich mit einer grossen Kurzsichtigkeit davon." Der Notar bezeugte, wie er sich auf eine leichtere Zukunft freue, worin sich das Leben wie eine bunte Blume weit auftun wurde. Er ubergoss den Virtuosen, in der Hoffnung, ihn zu uberraschen, mit einem Fruhlingsregen von wohlriechenden Wassern des Lobs auf die Flote. Allein fahrende Ton-Meister, die man stets laut beklatscht, und nur hinter ihrem Rucken auspfeift, sind fast noch eitler als Schauspieler, welche doch zuweilen eine gute Monatsschrift kneipt und argert. "Ich darf mich", versetzte Vult, "wohl, ohne die Bescheidenheit zu verletzen, einiger Bescheidenheit ruhmen. Aber wie hortest du? Voraus und zuruck, oder nur so vor dich hin? Das Volk hort wie das Vieh nur Gegenwart, nicht die beiden PolarZeiten, nur musikalische Silben, keine Syntax. Ein guter Horer des Worts pragt sich den Vordersatz eines musikalischen Perioden ein, um den Nachsatz schon zu fassen."
Der Notar erklarte sich daruber ganz vergnugt; er teilte dem Flautisten die gewaltige Verstarkung des Eindrucks mit, die er selber der Flote durch die Szenen-Traume, durch die Madchen und durch Wina zugeschickt, ohne zu erraten, dass Vultens ganzes Gesicht an diesem Lorbeer verzogen kaue, weil er den Unmut seinem mangelhaften Streckvers zuschrieb, worin der Virtuose las. Dieser hatte das Gedicht in der Hoffnung aufgenommen, es lobe keine andern Schonheiten als musikalische. "Es ist", sagte der Notar stockend, "an die Braut des Grafen; ich bin auch nicht zufrieden mit manchem harten Fuss darin, ich meine den Ditrochaus ( ), den dritten Paon ( ) und den Jonikus mit dem langen Anfang ( )
aber im Feuer wird man leicht hart." "Wie Prugel z.B. und Eier", sagte Vult. "Aber, o Gott, wie horen deine Menschen! Sollte man nicht lieber seine Flote zum Blasrohr oder zur Kinder-Klistierspritze ansetzen oder zu Hobelspanen fur einen Sarg verschneiden, wenn man so die grassliche Bespritzung des einzigen Himmlischen erfahrt, das noch uber die Lebens-Spiessburgerei oben voruberfliegt?
Ich ziele nicht auf dich, Notar; aber du bringst mich darauf. Denn wie besonders Musik entheiligt wird obgleich jede Kunst uberhaupt das hore! Tafelmusik lass' ich noch gelten, weil sie so schlecht ist wie Tafelpredigten, die man in Klostern ins Kauen hinein halt; von verfluchten, verruchten Hofkonzerten, wo der heilige Ton wie ein Billardsack am Spieltische zum Spielen spielen und klingeln muss, red' ich gar nicht vor Grimm, da ein Ball in einem Bilderkabinett nicht toller ware; aber das ist Jammer, dass ich in Konzertsalen, wo doch jeder bezahlt, mit solchem Rechte erwarte, er werde fur sein Geld etwas empfinden wollen; allein ganz umsonst. Sondern damit das Klingen aufhore ein paarmal und endlich ganz, deswegen geht der Narr hinein. Hebt noch etwas den Spiessburger empor am Ohr, so ists zwei-, hochstens dreierlei: 1. wenn aus einem halbtoten Pianissimo plotzlich ein Fortissimo wie ein Rebhuhn aufknattert, 2. wenn einer, besonders mit dem Geigenbogen, auf dem hochsten Seile der hochsten Tone lange tanzt und rutscht und nun kopfunter in die tiefsten herunterklatscht, 3. wenn gar beides vorfallt. In solchen Punkten ist der Burger seiner nicht mehr machtig, sondern schwitzt vor Lob.
Freilich bleiben Herzen ubrig, Walt, die delikater fuhlen und eigennutziger. Ich habe aber Stunden, wo ich aufbrausen kann gegen ein paar verliebte Balge, die, wenn sie etwas Hohes in der Poesie oder Musik oder Natur vorbekommen, sofort glauben, das sei ihnen so recht auf den Leib gemacht, an ihren fluchtigen Erbarmlichkeiten, die ihnen selber nach einem Jahr bei noch grosserer als solche erscheinen, habe der Kunstler sein Mass genommen und komme mit dem gestickten Kronungsmantel und Isisschleier auf dem Armel zuruck, fur die Kunden. Ein Associe von Neupeter sieht bei solcher Gelegenheit nachts gen Himmel an die Milchstrasse und sagt zur Kauffrau: 'Edle, so empfange jenen Kreis als einen schlechten Ring von mir zum Zeichen und Braut-Gurtel unseres himmlischen Bunds.'"
"Ei, Bruder", sagte Walt, "du bist so hart: was kann denn ein Mensch fur eine Empfindung oder gegen sie, es sei in der Kunst oder grossen Natur? Und wo wohnen denn beide, so gross sie auch sind, als nur in einzelnen Menschen? Wohl mag er sie sich daher zueignen, als waren sie fur ihn allein. Die Sonne geht vor Schlachtfeldern voll Helden vor dem Garten der Brautleute vor dem Bette eines Sterbenden zugleich auf, ja in derselben Minute vor andern unter; und doch darf jeder nach ihr sehen und sie an sich heranziehen, als beleuchte sie seine Buhne nur allein und stimme ein in sein Leid oder in seine Lust; und ich mochte sagen, gerade so wie man Gott so anruft als den seinigen, indes doch ein Weltall vor ihm betet. Ach sonst war' es ja schlimm, wir sind ja alle einzelne."
"Gut, so nehmt die Sonne hin", sagte Vult, "aber nur der Paradiesesfluss der Kunst treib' eure Muhlen nicht. Darfst du Tranen und Stimmungen in die Musik einmengen: so ist sie nur die Dienerin derselben, nicht ihre Schopferin. Eine elende Pfeiferei, die dich am Todestage eines geliebten Menschen aus den Angeln hobe, ware dann eine gute. Und was ware das fur ein Kunst-Eindruck, der wie die Nesselsucht sogleich verschwindet, sobald man in die kalte Luft wieder kommt? Die Musik ist unter allen Kunsten die reinmenschlichste, die allgemeinste."
"Desto mehr Besonderes geht hinein", versetzte Walt;"irgendeine Stimmung muss man doch mitbringen; warum nicht die gunstigste, die weichste, da das Herz ja ihr wahrer Sangboden ist? Aber deine Lehre will ich nicht vergessen, namlich voraus- und zuruckzuhoren."
"Wie gings dir sonst?" fragte Vult murrisch. "Denn ich bleibe dabei, Wirklichkeit in die Kunst zu kneten zum Effekt ist so eine Mischung wie an manchen Deckengemalden, in welche der Perspektive wegen noch wirkliche Gips-Figuren geklebet sind. Erzahle!" Walt der Vults Murrsinn bloss seiner unkunstlerischen Horkunst zuschrieb und uber welchen ohnehin die Liebe ihren Traghimmel hielt erzahlte sanft und gern, wie eifrig er bisher den Grafen gesucht, wie er ihm bei Neupeter, dessen Diner er beschrieb, gegenuber gesessen, mit ihm gesprochen und an ihm gefunden, dass er durch die stolze Gewandtheit seines Geistes und durch den philosophischen Schwung uber enge Blicke und Winke dem Flotenspieler so ungemein ahnlich sei. "Du liebst Dubletten, doch wahrlich hier sind keine, Freund; aber nur weiter!" versetzte Vult, dem, wie Frauen, kein Lob der Ahnlichkeit gefiel.
Darauf zeigt' er Winas Briefumschlag her als Einlasskarte in Klothars Zimmer und Ohr. "Ja, ja, ganz naturlich uberhaupt (fing Vult an); aber nenne nur ins Henkers Namen nicht Spiess- und Pfahlburgerinnen wie die Dlles Neupeter Damen; in grossen Stadten, an Hofen gibts Damen, aber in Hasslau nicht. Dein hollisches Preisen! Ich will gehangen sein, sprichst du mehreren Mamsellen auf der Welt den Verstand ab als funfen, den funf torichten im Neuen Testamente. Und was haltst du von der weiblichen Tugend dieser scharmanten Wesen, der funf klugen, der Rosenmadchen, der Wickel- und Freifrauen und der ersten Sangerinnen? Aber ich weiss es schon."
"Nun, ich scheue mich nicht", versetzte der Notar, "wenigstens dir, meinem leiblichen Bruder, zu bekennen, dass ich bis diese Stunde keinen Begriff habe, dass ein vornehm gekleidetes schones Frauenzimmer sich sundlich vergessen konne; etwas anders ist eine Bauerin. Gott weiss wie heilig und zart alle insgeheim sind; wer wills wissen? Aber mein Blut, das weiss ich, konnt' ich fur jede hingeben."
Da sprang der Flautist wie von Verwunderung besessen im Zimmer auf und nieder, schnappte mit beiden Handen wie mit Schnappweifen, nickte mit dem Kopfe und wiederholte: "Vornehm gekleidetes!" Es ware zu wunschen, dass die Leserinnen sein anstossiges Erstaunen, wenn nicht rechtfertigen, doch entschuldigen wollten mit den Verhaltnissen, worein er auf seinen grossen Reisen geraten musste, da es, wie schon gemeldet worden, wenig grossere Stadte und hohere Stande gab, denen er nicht blies als anerkannter Flotenmeister. Das bessert seinen Handel um vieles.
Walt wurde von der mimischen Widerlegung sehr beleidigt: "Rede wenigstens!" sagt' er, "denn dies widerlegt mich nicht." Aber Vult versetzte mit dem gleichgultigsten Tone von der Welt: "De gustibus non und so weiter. Von etwas Schonerem! Aussertest du nicht vorhin etwas, als ob beide Dlles Neupeter sich in der Tat fur hasslich ansahen, und zeigtest ein Mitleid?" "Desto besser", sagte Walt, "wenn sie sich schoner finden. Bei allen Madchen entschuldige ich das, weil sie sich nur im Spiegel sehen, mithin, wie du aus der Katoptrik wohl weisst, gerade in einer noch einmal so grossen Ferne als der Fremde sie; jede Ferne aber, auch die optische, macht schoner."
"So scheints", sagte Vult erstaunt. "Spasseshalber will ich dir doch nur die drei Weiber, so weit ich sie im Klatschrosen-Tal kennen lernen, aufstellen. Die alte Engelberta nein, das ist die Tochter die Mutter also, mag noch hingehen; ihr Herz ist ein ausgesessener Grossvaterstuhl, und ubrigens hat sie von der Muschel-Auster nicht nur die Seele geerbt, sondern auch die Perlen. Freilich, ware der Agent weniger bemittelt, so wurde sie wohl, als Widerspiel der Osterreicher Infanterie, die im Kriege aus den Zwilchkitteln Brotsacke machen muss21, seinen Brotsack zu einem bunten Kittel verschneiden. Engelberta, nun sie scherzt zuweilen viele nennens Verleumden wie Festungen bei schlimmem Wetter, so tut sie immer Ausfalle, wiewohl man sie nicht eben belagert wehrt sich, wie ein Hamster gegen einen Mann zu Pferde, und ich konnte sie wie den Hamster am Stocke wegtragen, worein sie sich eingebissen. Raphaela sie empfinde, sagst du; aber doch nicht mehr als mein Fingernagel oder meine Ferse? frag' ich. Freilich will sie, ich bekenne es, an der Angelschnur ihres sentimentalischen Haar- und Liebesseiles und an der biegsamen Angelrute ihrer poetischen Blumenstengel sich einen hubschen Walfisch von Gewicht aus dem Meere heben was andere einen Ehemann nennen. An ihrem Ufer, zu ihren Fussen schnalzt der kleine glatte Elsasser Flitte, der gern lebte und sich gern als ein Goldfischchen in einem Gehause auf einer Tafel stehen sahe, Semmelkrumen aus schonsten Handen fressend. Die andern Aber was solls? An der ganzen Tafel dauert mich nichts als der sudliche Wein. Es ist Sunde, wenn ihn jemand anders trinkt als ein Kopf von Witz. Es ist Sunde gegen den heiligen Geist des Weins, wenn er Fracht-Magen gemeiner Menschen durchziehen muss."
"O Gott", sagte Walt, "wie oft brauchst du nicht den Ausdruck gemeine Menschen, aber so erzurnt dabei, als habe sich das Gemeine freiwillig von einer Hohe herabbegeben oder das Ungemeine zu einer hinauf, indes du doch milder von Tieren und Feuerlandern sprichst!"
"Warum? Mich erbittert die Zeit, das Leben, der Satan. Uberhaupt aber was hilfts? Grusse den Grafen von mir herzlich morgen. Von den ehrlichen sieben Erben haben dir doch ein paar an nahe 32 Beete gestohlen, ganz gegen meine Meinung weniger als gegen deine. Inzwischen Addio!" sagte Vult, schied hastig, uber den geringen Erfolg verdrusslich, womit er mit seiner Welt und Kraft den unerfahrnen Meinungen des sanften Bruders gebot.
Walt sagte mit zartlichster Stimme gute Nacht, aber ohne Umarmung, und er sah ihn nur mit Lieb' und Trauer an. Er warf sich vor, dass er durch seine Urteile den kunstlerischen Bruder so wenig belohnet, und dass er diesem die Beete verloren habe. "Wenigstens aber hab' ich ihm doch", sagt' er, "die Tafelschmahungen gegen ihn22verschwiegen." Er hielt es nur fur erlaubt, ein Lob hinter dem Rucken, nicht einen Tadel hinter dem Rucken dem Gegenstande mitzuteilen.
Nr. 28. Seehase
Neue Verhaltnisse
Am Morgen eilte der Notar mit Winas Brief zum Grafen, ubergab aber nichts, weil vergoldete Wagen und Bediente an der Ture und deren Herren im Besuchszimmer standen; was hatte ich davon? fragt' er sich. "Ich komme wieder, wenn niemand darin ist", sagt' er zum Bedienten, dem das wie eine Diebs-Erklarung klang.
Im Speisehause fand er auf dem Tischtuche das Wochenblatt und Klothars gedruckte Bitte darin, ein redlicher Finder soll' ihm seinen Brief wieder zustellen.
Am Tische hort' er, dass der General Zablocki seinen Koch ein Dienstjubilaum feiern lasse. Der Komodiant leitete die Feier aus dem Herzen des Generals, ein Offizier aus dessen Gaumen und Magen her; "der Jubelkoch", fugt' er bei, "ist ihm so nahe wie eine Kompanie oder sein Schwiegersohn." Walt lief wieder in die Villa des Grafen hinaus Dieser ass eben bei dem General.
Zu erklaren ist allerdings einer der keckesten Gedanken die je Walten Sporen und Flugel angesetzt , welcher ihm unter Klothars Gartenture anflog, sobald man erwagt, dass er das Sonntags-Konzert noch im Kopfe haben musste und im Herzen ohnehin. Daher ist es wohl nur ein Nebenumstand dabei aber er trug mit bei , dass der General der halbe Besitzer von Elterlein war und Gottwalt ein Linker. Gleichwohl wollt' er anfangs sich erst mit seinem Bruder beraten, ob er angehe, der Gang; liess es aber unterwegs, um ihn, hofft' er, abends mehr mit der Nachricht zu fassen und aufzurutteln, dass er ganz kuhn beim polnischen General gewesen, um Winas Brief an dessen Schwiegersohn auszuliefern.
Sehr spat brach er dahin damit auf, um nicht ins Essen zu fallen. Auch sollte jeder Mensch gegen Abend namlich nie gegen Morgen, wo der Geist noch den Korper und das Gestern verdauet mit Gesuchen und sich zu Grossen kommen, welche er vielleicht alsdann halb betrunken und halb-menschlich, es sei vom Mittags-Essen oder Mittags-Trinken, zu finden hoffen darf. Auf dem Wege dahin wallete Gottwalts Herz wie ein angewehtes Blumenbeet bei dem Gedanken auf, dass er dem Hause zugehe, worin Wina so lange als Kind und Jungfrau gelebt. Auf der letzten Gasse musst' er mit dem Plane der Ubergabe ins Reine kommen. "Anders", sagt' er sich, "kanns doch nicht gehorig delikat ausfallen, als wenn ichs so mache, dass ich mich beim General denn der Graf ist doch nur Gast ordentlich melden lasse, mich dann entschuldige und sage, dass ich dem Hrn. Grafen etwas in einem Seitenzimmer zu ubergeben habe, dieser und seine Braut mogen nun dabeistehen oder nicht; und dabei seh' ich doch auch einmal einen General, ja einen polnischen." Sehr sucht' er sich unterwegs keine andere Freude vorzuhalten als die, einen General zu horen. Drei Viertel-Stunden hatt' er einmal in Leipzig am Hotel de Baviere gelauert, um einen Ambassadeur einsteigen zu sehen. Denselben Durst hatte sein Herz nach dem Anblick eines preussischen Ministers. Dieses Triumvirat war ihm der Dreizack der Gewalt, der Feinheit und des Verstandes; feinere Turnuren, als die sind, womit dieser Staats-Trident guten Morgen, guten Abend und alles sagen werde (indes ohne Blumen), konnt' er nicht wohl fur moglich halten, weil er glaubte, sie denen gleichsetzen zu konnen, womit Louis XIV. und Versailles auf die Nachwelt kamen. Nur drei Personen, gleichsam Kuriatier, stellt' er diesen drei Horatiern entgegen und sogar voraus deren Gemahlinnen; oft liess er besonders eine Ambassadrice durch seinen Kopf gehen, welche es war, eine russische, danische, franzosische, englische etc. "Bei Gott", sagt' er, "sie ist ganz Gottin sowohl in betreff der zartesten Ausbildung und Tugend als des feinsten Teints, Gesichts und Anzugs; aber warum hab' ich armer Teufel noch keine Ambassadrice zu Gesicht bekommen?"
Endlich stand er vor dem Zablockischen Palast. Die Auffahrt und das Ketten-Gehenke an Pfeilern waren neue Siebenmeilenstiefel fur seine Phantasie; er freute sich auf die Nacht, wo er diese gespannte bange Stunde auf dem Kopfkissen frei und ruhig beschauen und behandeln werde. Er trat in den Palast, er sah rechts und links breite Treppen mit Eisengelandern grosse Flugelturen sogar einen rennenden Mohr mit weissem Turban geputzte Menschen gingen herab, heraus, hinein Turen wurden oben auf- und zugemacht Treppen berennt. Schwer wars fur einen Notar, sich einen Menschen auf der Hausflur auszusuchen, dem die Bitte vorzutragen war, dass er zum General wolle.
Eine Viertelstunde stand er, hoffend, einer der Leute wende sich an ihn und frag' ihn und entwickle dann alles; aber man lief voruber. Zuletzt spazierte er frei in der Hausflur auf und nieder einmal eine halbe Treppe hinan hielt sich die grossten Manner aus der Weltgeschichte vor, um einen lebendigen besser zu handhaben und bracht' es endlich zu einer Frage nach dem General an ein Madchen.
Sie wies ihn an den Portier. Der Himmel hat ofter eine Vorholle als einen Vorhimmel trostet' er sich vielleicht die ganze gelehrte Vorwelt hat schon auf ahnlichen Palast-Fluren geschwitzt. Eine Himmelsture tat sich ihm auf; heraus trat ein altlicher gepuderter verdrusslicher Mann, der ein breites Gehange uber dem Leib und einen Stock mit einem schweren SilberGiebel trug. Walt, ganz unvermogend, das lederne Bandelier fur etwas anders zu halten als fur ein Ordensband und den Portier-Stab fur einen Kommandound Generalstab und den Portier fur den General, machte ohne viele Umstande einige Verbeugungen und naherte sich dem Tursteher hoflich murmelnd.
"Das hilft alles nichts", sagte der Portier, "gegenwartig schlafen Exzellenz, man muss sich gedulden."
Aber niemand braucht aus Walts Verwechslung viel zu machen, wenn man soviel von der Welt gesehen, dass keine moglich ist, sondern dass jeder vornehme Inhaber eines Turhuters selber wieder einer ist, nur an einer hohern Ture, entweder an einer kaiserlichen, koniglichen, furstlichen Gnaden- oder an einer Fallture, entweder als Klopfer, der das Hereinwollen, oder als Klingel, die das Hereinkommen ansagt, und jeder wie Janus als Schwellen-Gott ein anderes Gesicht gegen die Gasse kehrend, ein anderes gegen das Haus. Sind manche gute Gemuter nur Portiers an blinden Toren: so stecken sie doch ihren Sperrgroschen von Proselyten des Tors so gut ein wie die schlimmsten, die wenigstens den Janustempel wie eine offentliche Bibliothek gern offnen.
Sehr rot trat der Notar in das lustige Domestikenzimmer, das Geisselgewolbe eines durftigen Gelehrten. Bediente sind parasitische Menschen an Menschen, Dorfer, wo auf den Briefen die nachste Poststation angezeigt werden muss. Doch die Zablockischen waren gut gelaunt und schon-betrunken vom KuchenJubel; Walt sass unbeunruhigt da. "Wo ist der Bonsoir, Freund?" fragte ein eintretender Lakai. Walt glaubte sich gemeint und den Abendgruss vermisset, nicht aber den Licht-Toter; er versetzte frisch: "Bon soir, mon cher!" In der Tat kam es endlich dahin, dass ein Bedienter vor ihm vorausging und er hinterdrein, durch Vorsale voll langer Kniestucke uber glatte Zimmer weg und endlich vor ein Kabinett, das der Bediente zwar auf-, aber erst zumachte, da er hinein war, bevor ers ihm auftat.
Der General, ein stattlicher, mannlich-schoner, stark genahrter, lachelnder Mann, fragt' ihn mit freundlicher Miene und Stimme, was Monsieur Harnisch wunsche. "Exzellenz, ich wunsche", fing er an und hielt die Wiederholung des Zeitworts fur Welt, "dem Hrn. Grafen von Klothar einen verlornen Brief zu ubergeben, da ich ihn hier zu finden hoffe." "Wen?" fragte Zablocki. "Den Hrn. Grafen von Klothar", versetzte Walt. "Wollen Sie mir den Brief vertrauen, so kann ich ihn sogleich ubergeben", sagte Zablocki. Der Notar hatte sich viel schonere Entwicklungen versprochen; jetzt lief alles fast auf nichts hinaus; dem Vater musst' er den Brief der Tochter abstehen und lassen. Er tats, da der Umschlag entsiegelt war, mit den feinen Worten: er bring' ihn so offen, als er ihn gefunden. Er wollte damit vielerlei leise andeuten seine eigene Rechtschaffenheit, ihn nicht gelesen zu haben, sein Erwarten der Nachahmung und noch allerhand Gefuhle. Der General steckte ihn, nach einem leichten Entzifferungsblick auf die Uberschrift, gleichgultig ein und sagte, er habe soviel Schones uber seine Flote gehort, er wunsche sie selber einmal zu horen. Grosse sind ebenso vergesslich als neugierig; doch konnt' es Zablocki auch tun, um reden zu horen.
Walten wars angenehm, zu berichtigen: "Ich wunschte", sagt' er fein, "ich wurde nicht verwechselt, oder vielmehr (fugt' er bei, da ihm das gerade einen zweiten, ganz entgegengesetzten Sinn geben wollte) ich konnt' es werden." "Ich verstehe Sie nicht", sagte der General. Walt entdeckte ihm kurz, er sei aus dessen Elterleinischem Territorium geburtig, und sein Vater sei der Schulz. Jetzt glaubte er an Zablocki den wahren menschenliebenden MenschenDulder ganz zu erkennen, als dieser sich des Schulzen, der so oft als ein Mauerbock sich an dessen Gerichtsstube die Horner abgestossen, vielmehr mit den freundlichsten Mienen und sogar der van der Kabelschen Erbschaft entsann, ja teilnehmend eine genauere Geschichte derselben zu horen begehrte. Die lieferte Walt gern, nett und heiss; indes halb schwindelte er vor Freude, wenn er von der Hohe und Spitze in die Dorfer hinuntersah, auf der er neben einem Grossen stand und ihn so lange anreden und sich gut ausdrukken durfte. Mit Freuden hatt' er fur ein so menschenliebendes Herz, das er nie im Verband eines Ordensbandes gesucht hatte, einen Zacken oder Stein aus der polnischen Krone ausgebrochen, oder diese fur den schonen Kopf zugeschmolzen, um durch ein Prasent damit erkenntlich zu sein. In etwas druckt' er seine Liebe weil er nichts Naheres hatte, die Blicke ausgenommen streichelnd auf dem Kopfe eines Windhunds aus, der sich hochbeinig an seine Schenkel anpresste.
"Haben Sie eine franzosische Hand?" fragte der General auf einmal und schob ihm ein Papier vor zu einem Probeschuss. Walt sagte: er verstehe es leichter zu schreiben, in mehr als einem Sinn, als zu sprechen und verdank' es seinem Lehrer. Allein welchem Worte er unter so vielen Tausenden, die Gallien hat, das Schnupftuch zuwerfen sollte, das wusst' er schwer, da das Wort doch etwas vorstellen sollte. "Was Sie wollen", sagte endlich Zablocki. Er sann aber fort. "Das Vaterunser", sagte jener. In der Geschwindigkeit konnt' ers unmoglich ubersetzen.
"Vorzuglich", fuhr der General fort, als jener noch nachdachte, "wurd' ich auf rein franzosische Endbuchstaben sehen, dergleichen, wie Sie wissen, s, x, r, t, p sind." Walt verstand die franzosische Benennung dieser Lettern nicht recht, aber sehr wohl das franzosische Camnephez23; Schomaker, der jahrelang keinen gallischen Dialog und Brief zu machen hatte erstlich weil dazu stets eine zweite Person gehort, zweitens weil auch eine erste erforderlich ist, er aber gar nichts davon verstand , dieser Kandidat hatte echt-franzosische Handschrift und Aussprache vermittelst dergleichen Kaufmannsbriefe und Reisediener zu einer so ausserordentlichen Hohe hinaufgetrieben wie vielleicht, ausser Hermes und einem zweiten Romancier, kein Autor von Gewicht ohne Stand. Und Walt hatte beides bei ihm erlernt.
"O vortrefflich!" sagte der General, als endlich jener Winas franzosische Adresse an Klothar probierend hinschrieb. "Recht gut ja! Nun hab' ich ein ziemliches Paket franzosischer Briefe uber einen Gegenstand auf meinen Reisen gesammelt von verschiedenen alten und neuen Personen , welche ich sehr gern in ein Buch abgeschrieben sahe, da sie sonst leicht sich verspringen. Wenn Sie denn taglich an dem Buche memoires eotiques mag es heissen eine Stunde hier in meinem Hause schrieben...."
"Exzellenz", stotterte Walt mit blitzenden rednerischen Augen, "wenn uber den zartesten Gegenstand kein Ja zart genug sein kann" "Gehts nicht?" fragte der General. "O am besten", versetzte jener, "und jede Minute." "Ich werde", sagte Zablocki, "die Briefe zusammensuchen und Ihnen die KopierStunde nachstens bestimmen lassen." Darauf machte Zablocki den vornehmen Entlassungs-Buckling, Walt macht' ihn leicht zuruck und harrte lange auf weitern Verfolg, bis er endlich da der General sich umstellte und durchs Fenster guckte den Abschied, dessen Schnelle er schwer mit dem warmen Gesprache paaren konnte, herausbrachte durch Uberlegung. Jetzt musst' er etwas suchen, was ebenso schwer zu finden war als vorhin der Eingang, namlich der Ausgang am glatten Kabinett. Keiner wollte vorstechen. Leise uberstrich er mit den Handen die fugenlosen Wandtapeten, weil er sich schamte, zu fragen, wie er hereingekommen. Uber drei Wande glitt er mit dem Bugel der Hand, bis er endlich in eine Ecke auf ein goldenes Kreuz einer Ture griff. Er dreht' es mit Vergnugen um, und es tat sich ein Wandschrank auf, worin Winas himmelblaues Konzert-Kleid lang und nahe niederhing. Staunend guckte er hinein und wollte noch lange davor erstaunen, als sich der General, der das Handstreicheln und Glatten vernommen, endlich umdrehte und ihn vor dem Schranke mit dem Schauen halten sah; "ich wollte hinaus", sagt' er. "Das geht hier", sagte Zablocki und offnete eine Ture, wo das wirklich zu machen war.
Das Schicksal mag ihm absichtlich die kleine Schamrote auf seinen Sieges-Weg mitgegeben haben, um damit einigermassen das Bewusstsein zu dampfen, womit er, so mit Ehrenmedaillen und Bassas-Rossschweifen behangen, so mutig durch Zimmer und Haus marschierte, dass er sich auf der Strasse mit einigen mass, die, wie er, zu Fusse kamen von Hof. Indes hatte er alle Welt lieb und verbarg sich am wenigsten, wie mancher dahin gehe, der ohne Schuld solche Erhebungen nie erlebe. Daraus messe die Welt ab, wie vollends ein durftiger Leutnant, der Sonntags seine seidenen Beine unter der Hoftafel gehabt, um 4 1/4 Uhr, mit dem Kurial-Kratzer und der ChampagnerFolie im Kopfe, nach Hause gehen mag, mit welchem Selbstbewusstsein, meint man; Julius Casar selber kann dem Ortshalter aufstossen, und dieser wird bloss fragen: "Jul, aber woher kommst denn du, wuste Fliege?"
Mit grosster Sehnsucht, vor allen Dingen auf Vults Tisch einige schwache Zeichnungen der heutigen Kronungsstadt und Ehrenpforte zu legen, klopfte Walt an dessen Ture; sie war zu und mit Kreide stand daran: "Hodie non legitur."
Nr. 29. Grobspeisiger Bleiglanz
Schenkung
Nach einigen Tagen kam der Gartner von Alkinous' Garten denn das war Walten Klothars Kutscher und lud ihn in die Villa ein. Der Notar hatte kaum in grosster Eile ein ganzes Philadelphia der Freundschaft auf einer Freundschaftsinsel gebauet und ein Sortiment Lorenzosdosen gedreht weil er die Einladung fur einen Lohn der Brief-Gabe nahm , als der EdenGartner die Treppe wieder heraufkam und durch die Turspalte nachholte, er solle was zum Verpetschieren einstecken, es waren Notarius-Handel.
Indes wars in jedem Falle etwas. Er traf als Notarius im reichen Landhaus Klothars zugleich mit dem Fiskal Knoll ein. Aber als er die vergoldeten Quartanten, die vergoldeten Wandleisten und das ganze Wohnzimmer des Luxus ubersah: so ruckte die eigne Wohnung den Grafen weiter von ihm weg als die fremden bisher. Klothar fuhr, ohne aus beiden Ankommlingen viel zu machen, im Streite mit dem Kirchenrat Glanz und dessen flachem Tolerieren so fort: "Der Wille arbeitet den Meinungen mehr vor als die Meinungen dem Willen; man gebe mir eines Menschen Leben, so weiss ich sein System dazu. Glaubens-Duldung schlosse auch Handelns-Duldung in sich ein. Ganz tolerant ist daher niemand, Sie sind es z.B. nicht gegen Intoleranz." Glanz gab recht, bloss weil sein Ich beschrieben wurde. Aber der Notar stellte weil er ohnehin mussig stehen musste den Einwand auf: "Ganz intolerant ist auch kein Mensch, kleine Irrtumer vergibt jeder, ohne es zu wissen. Aber freilich sieht der Eingeschrankte, gleichsam im Tal Wohnende nur einen Weg; wer auf dem Berge steht, sieht alle Wege."
"Ins Zentrum gibts nur einen Weg, aus dem Zentrum unzahlige", sagte der Graf zu Glanz. "Wollen Sie indessen sich an meinen Sekretar setzen, Hr. Notar, und den gewohnlichen Eingang zu einem Schenkungs-Instrument fur Fraulein Wina von Zablocki in meinem Namen machen? Ich heisse Graf Jonathan von Klothar." Die Namen Jonathan und Wina zitterten dem Notar wie Apfelbluten auf die Brust herab. Er setzte sich und schrieb voll Lust: "Kund und zu wissen sei jedermann durch diesen offenen Brief, dass ich Graf Jonathan von Klothar heute den" Walt fragte den Juristen um den wievielsten; "der 16.", sagte dieser. Hoflich nahm er keinen neuen Bogen, sondern schabte am Schreibfehler des alten lange. Unter dem Schaben konnt' er auf des magern haarigen Knolls Vorlesung uber Ehekontrakte hinhoren, neben welchem der schone Graf ihm wie der edle Hugo Blair in der Jugend, dessen geist-erhebende Predigten seine Flugel und seine Himmel zugleich gewesen, vorkam. Ein Kontrakt zwischen Wina und Jonathan ein eigensuchtiges do ut des war ihm eine widrige widersprechende Idee, da man wohl mit dem Teufel einen Pakt macht, aber nicht mit Gott. Er benutzte das Wegschaben des Datums als eine freie Sekunde und sagte (ebenso keck, wenn ihm etwas Rechtes einfiel, als blod' im andern Falle): "Ob ich gleich ein Jurist bin, Hr. Fiskal, und ein Notar, so bedauer' ich bei jedem Ehe-Kontrakt, den ich machen muss, dass die Liebe, das Heiligste, Reinste, Uneigennutzigste, einen groben juristischen eigennutzigen Korper annehmen muss, um ins Leben zu wirken, wie der Sonnenstrahl, der feinste, beweglichste Stoff, mit der heftigsten Bewegung nichts regen kann ohne Vermischung mit dem irdischen Dunstkreis."
Knoll hatte mit saurem Gesicht nur auf die Halfte des Perioden gehort; der Graf aber mit einem gefalligen. "Ich lasse", sagt' er, aber mit sanftester Stimme, "wie schon gesagt, keine Ehestiftung machen, sondern nur ein Schenkungs-Instrument." Da trat ein Bedienter des Generals mit einem Briefe ein. Klothar schnitt ihn aus dem Siegel ein zweiter, aber entsiegelter lag darin. Als er einige Zeilen im ersten gelesen, gab er dem Notar ein schwaches Zeichen einzuhalten. Den eingeschlossenen macht' er gar nicht auf; Walten kam er sehr wie der von ihm gefundne vor. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete Klothar den Boten; aber auch mit einer Bitte um Vergebung das Zeugenpaar und den Notarius: er sei zweifelhaft, sagt' er, ob er jetzt fortfahren lasse; aber da ers sei, so lass' er lieber nicht. Einige Schatten von innern Wolken flogen Uber sein Gesicht. Walt sah zum ersten Male einen geliebten Menschen, noch dazu einen Mann, in verhehlter Bekummernis und die fremde besiegte wurd' in ihm eine siegende. Eigennutzig war' es jetzt, dacht' er, nur daran zu erinnern (wie er anfangs gewollt), dass er den Brief gefunden und gegeben; desgleichen wahrhaft grob, nur darnach zu fragen, ob der Schwiegervater solchen ausgehandigt. Beim Abschied wollte der Graf ihm etwas Harteres in die Hand drukken als seine eigne. "Nein, nein", stotterte Walt. "Meine Verbindlichkeit", sagte der Graf, "ist dieselbe, Freund." "Ich nehme nichts an als die Anrede!" sagte Walt, wurd' aber wegen seines Ideen-Sprungs wenig verstanden. Klothar drang verwundert und halb beleidigt in ihn. "Aber meinen Bogen nahm' ich gern", sagte Walt, weil es ihm so wohlgetan, darauf zu schreiben: Ich Jonathan von Klothar. "Hr. Graf", sagte Knoll, "der Bogen gehort wohl uns sieben Erben, schon wegen der Rasur"; und wollt' ihn nehmen. "Sie sei ja eingestanden, o Gott!" sagte Walt erzurnt und behauptete den Bogen ein zorniger Tropfe und Blick entbrannt' in seinen blauen Augen diesen zu entschuldigen, druckt er eilig Klothars Hand und floh davon, um sich zu trosten und andern zu vergeben.
"Ach", dacht' er unterwegs, "wie weit ists von einem ahnlichen Herzen zum andern! Uber welche Menschen, Kleider, Ordenssterne, Tage geht nicht der Weg! Jonathan! ich will dich lieben, ohne geliebt zu werden, wie ich deine Wina liebte; es ist mir vielleicht moglich; aber ich wunschte doch dein Portrat."
Nr. 30. Misspickel aus Sachsen
Gesprach uber den Adel
Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal. Er konnte dessen Verschwinden nicht fassen; die Sonnenfinsternis des Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare. Bald hielt er ihn fur ersoffen bald fur verreiset bald fur entlaufen bald fur begluckt durch ein seltenes Abenteuer. Er suchte den zweimal besiegelten Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombinieren und rechnete einige Hoffnung heraus. Immer macht' er die Betrachtung, wie wenig auch die besten Gewinnund Verlust-Rechnungen von der Zukunft in der dunkeln Rechenkammer, die uns verhangen ist, bestatigt werden! Welche freudige glanzende Bilder hatt' er sich nicht schon weit in seine Zukunft hineingestellt, welche Bilder davon, wie er mit seinem Bruder in taglicher Auswechselung wachsender Empfindungen und Ideen und Bekanntschaften leben und mit wenigen Freimauerer-Zeichen der Verwandtschaft den Grafen in den feurigen Bund hineinziehen werde, indes aus allen nichts wurde als die gedachte Betrachtung! Aber schon bei dem peloponnesischen Kriege und uberhaupt in der Geschichte der Volker sowohl als seines Lebens hatt' er zuerst bemerkt, dass in der Geschichte was sie einem alles motivierenden Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht so unendlich wenig Systematisches in Leid oder Freude vorfalle, und dass man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer truben oder lichten Konsequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errate; denn uberall werden im historischen Bildersaal der Welt aus den grossten Wolken kleine, aus den kleinsten grosse um die grossten Sterne des Lebens ziehen sich dunkle Hofe und nur der verhullte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen.
Die Botenfrau aus Elterlein brachte Walten folgendes Briefchen vom Bruder: "Morgen abends komm' ich, geh mir entgegen. Eben schneidet Deine Mutter einer Bettlerin Brot vor; denn ich bin in Elterlein im Wirtshaus.
Ich habe seitdem in einigen bedeutenden Marktflekken geblasen fur Geld; es wachsen freilich mehr Graser als Blumen, doch heben jene diese, ich rede von Menschen. Es wird Dir anvertraut, dass ich vor meiner Abreise aus Hasslau so verstimmt war wie eine WindHarfe oder wie die Glocke einer Brockenkuh. Ich weiss nicht wovon; ich wollt' aber, ein bedeutender Freund, oder gar Du hattest meine Saiten so durcheinander geschraubt, kurz einer von Euch beiden hatte mich ein wenig beleidigt und meinen Schmollgeist zitiert. Ich wurde mich das hatte mich wieder ausgestimmt ohne Verlust von 32 Saiten oder Zahnen mit ihm tuchtig uberworfen haben; ich hatte hasslich gedonnert, gehagelt, gewettert; das macht, wie gesagt, gutes Blut.
Denn nichts ist schadlicher, Notarius, sowohl in Ehen als Freundschaften seiner Seelen, als ein langer unaufgeloseter Verhalt auf einem Misston bei einem wechselseitigen fortwahrenden Zusammenstimmen in allen zartesten Pflichten, so dass die Narren sich abstossen, ohne sonst zu verstossen; da doch solche Seelen in jeder bedeutenden Spaltung auf nichts so eifrig denken sollten, als sie bis zum rechten Zanke zu treiben, worauf sich Versohnen von selber einstellte. Der Braunstein liefert bei massiger Erhitzung Stickgas; aber zwing ihn zum Gluhen, so haucht er ja Lebensluft. Aus der Knallbuchse fliegt der Pfropf nicht anders heraus als durch einen zweiten.
Zum Gluck konnen wir beide jeden Hader entraten, sogar den starksten. Doch zuruckzukommen ich bekam bald Luft, sobald ich nur im Freien war und ritt und blies und schrieb. Ertragliche Sachen und Schwanzsterne setzt' ich fur unsern Hoppelpoppel oder das Herz teils auf dem Sattel auf, teils sonst. Wahrlich ich wurde Dir ganz gut; deswegen, glaub' ich, konnt' ichs ordentlich nicht lassen, sondern musste nach Elterlein. Ich dachte: 'Dein Freund ist doch da so gewiss ans Licht gekommen, und seiner desgleichen', und was man so sagt, wenn man denkt.
Ein lang verschobenes Werk konnt' ich da verrichten. Da ich, wie ich Dir ofters gesagt, dem entlaufenen jungen Harnisch Vult mit seiner Flote mehrmals aufgestossen: so konnt' ich dem alten Schulzen schone Nachrichten und Briefe vom Wildfang geben. Ich liess den Vater ins Wirtshaus kommen. Der und der Edelmann sei ich (sagt' ich dem staunenden Manne), und sein Sohn sei mein Intimer er befinde sich wohl auf den Postwagen, wo man ihn ausser den Konzertsalen zu suchen habe es geh' ihm so gut wie mir selber er wurd' ihn nicht kennen, stand' er vor ihm da, so schon verandert sei er, schon mit der volljahrigen Stimme, deren Diskantschlussel der Bart dadurch abgedreht worden, dass er selber einen Bart bekommen und er lass' ihn grussen. Er versetzte, es freue ihn uber die Massen, dass ein solcher braver Herr wie ich gut auf seinen Halunken von Sohn zu sprechen sei, und es widerfahre ihm und dem Flegel eine wahre Ehre. Ich warf noch einiges ein zur Entschuldigung des guten abwesenden Menschen und reicht' ihm zum Behalten den bewussten Brief desselben aus Bayreuth an mich, worin er, einige musikalische Klagen uber die dasigen Ohren ausgenommen, fast bloss von seiner geliebten Mutter spricht. 'Auch dessen Herrn Bruder, jetzigen Notar, kenn' ich sehr wohl' fugt' ich bei und schlug vor seiner Nase einen schwachen Riss von Deinen Hohen und Tiefen auf: 'Mehr nicht als 32 Beete hat der admirable Mann sich mit dem Stimm-Hammer weg (nicht zu-) geschlagen, und die Stadt halt es bei so vielen Saiten, die er unter sich hatte, mehr fur ein Wunder als fur einen Bock', sagt' ich, um ihn fur Deine kunftige Nachricht davon auszurusten mit dem lindesten Herzen von der Welt. Es wollte ihm aber schwer ein, das Herz; und er schimpfte auf Deinen Kopf. Er erlebe wenig Freude an seinen Sohnen, beschloss er, und der Teufel konne die Spitzbuben holen, wenn er wolle. Ich schickte den Bauer ganz kurz und hochtonig fort, da er zu vergessen anfing, dass seine Zwillinge meine Achtung in einigem Grade besassen.
Abends als ich auf der schonsten Hohe des Zablockischen Gartens lag und fur uns eine Satire uber den Adel entwarf und dabei der untergehenden Sonne ins grosse Engels-Auge sah, die ein lumpiges Dorfchen ebensogut als ihren Hof von Welten anschauet, und als uber mir auf den leichten roten Wolkchen manche Bilder des Lebens dahinschifften, da erklang plotzlich eine kostliche kunstgerechte Singstimme, die mich aus allen Satiren, Traumen, untergehenden Sonnen wegjagte ins Ohr hinein, in dessen Labyrinth, wie im agyptischen, Gotter begraben liegen. Die Generals-Tochter sang; sie hatte, wie vornehme Madchen auf ihren Rittergutern pflegen, der Sonne und der Einsamkeit denn horchende Bauern sind nur stille Blumen und Vogel in einem Hain ein ganzes leidendes Herz mit Tonen auseinandergetan. Sie weinte sogar, aber sanft; und da sie sich allein glaubte, trocknete sie die Tropfen nicht ab. Sollte der edle Klothar, dacht' ich, seine Braut in dunkle Farben kleiden, weil sie eine taille fine geben? Das schwerlich!
Endlich sah sie mich, aber ohne zu erschrecken, weil der blinde Konzertist, wofur sie mich noch halten musste, ja ihr nasses Auge und Angesicht nicht kennen konnte. Sie, die Unwissende, sah sich nach meinem Fuhrer um, indes sie leise ihr Busenlied ertonen liess. Bekummert um den hulflosen Blinden, ging sie langsam auf mich zu, begann ein fremdes frohes Lied, um sich mir unter Singen so zu nahern, dass ich nicht zusammenfuhre, wenn man mich plotzlich anredete. Ganz nahe an mir unter den heitersten Tonen floss ihr Auge heftig uber aus Mitleid, und sie konnt' es nicht eilig genug lichten, weil sie mich anschauen wollte. Wahrlich ein gutes Geschopf, und ich wollt', es ware keine Braut oder eine Frau! Wie ein Rosenbeet bluhten, zumal vor der Abendsonne, alle ihre wohlwollenden Gefuhle auf dem kindlichen Gesicht; und bedenk' ich die zarten schwarzen Bogen der schonsten schwarzen Augen, so hatt' ich Augenlust und Augenbraunenlust zugleich und genug. Aber wie kann ein Mann zu einer Schonheit sagen: heirate mich meines Orts! da ja durch die Ehe, wie durch Eva, das ganze Paradies mit allen vier Flussen verlorengeht, ausgenommen den Paradiesvogel daraus, der schlafend fliegt? Eine schone Stimme aber zu ehelichen durch Ehepakten das ist Vernunft; ausserdem dass sie, wie die Singvogel, immer wieder zuruckkehrt das Gesicht aber nicht , so hat sie den Vorzug vor diesem, dass sie nicht den ganzen Tag dasteht, sondern manchmal. Kenn' ich denn nicht mehr als einen abgeschabten Ehemann gelb geworden gerade dadurch, wodurch gelbes Elfenbein weiss wird, durch langes Tragen an warmer Brust , der sogleich die Farben anderte, wenn die Frau sang, ich meine, wenn das welsche Luftchen aus warmer alter Vergangenheit narrisch und tauend das Polar-Eis seiner Ehe anwehte?
Fast als schame sich Wina, neben einem Blinden allein zu sehen, gab sie wenig auf die Himmelfahrt der Sonne acht. Sie horte auf zu singen, sagte ohne Umstande, wer vor mir stehe, und fragte, wer mich gefuhret habe. Ich konnte sie unmoglich mit dem Gestandnis guter Augen beschamen, doch versetzt' ich, es habe sich um vieles gebessert, ich sahe die Sonne gut, und nur nachts steh' es mit dem Sehen schlecht. Um einen Handlanger meiner Augen zu erwarten, fing sie ein langes Lob meiner Flote an, der man in grosster Nahe, sagte sie, nicht den Atem anhore, und erhob die Tone uberhaupt als die zweiten Himmels-Sterne des Lebens. 'Wie halt aber das Gefuhl die immerwahrenden Ruhrungen der Flote aus, da sie doch sehr der Harmonika gleicht?' fragte sie. Wer so gut sange, sagte ich, als sie, wurde am besten wissen, dass die Kunst sich vom personlichen Anteil rein halten lerne. Soviel hatt' ich sagen sollen, nur nicht mehr; aber ich kann das nie: 'ein Virtuose', fugt' ich bei 'muss imstande sein, wahrend er aussen pfeift, innen Brezeln feil zu halten, ungleich den Brezel-Jungen, die beides von aussen tun. Ruhrung kann wohl aus Bewegungen entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch Butter gibt, aber nur stehende Kase.'
Sie schwieg sehr betroffen, als ware sie Du nahm einige Dornenreiser weg, die mich Dornenstrauch stechen konnten und sie dauerte mich halb, zumal als ich sehr ihrem zu haufigen Augenlider-Nicken zusah, da ihr lieblich lasset, ohne dass ich recht weiss warum.
Sie sagte, sie gehe, um mir aus dem Schlosse einen Fuhrer zu holen, und ging fort. Ich stand auf und sagte, es brauch' es nicht. Da sie mich forttappen sah, kehrte sie lieber um und befahl mir zu warten; sie wolle mir bis ins Wirtshaus vorausgehen und jeden Anstoss und Eckstein melden. Die Freundliche tats wahrhaftig und ging mit dem ewig nach mir umgebogenen Halse, bis sie einem jungen Lehnbauer hinter seinem Pfluge begegnete, dem sie ein Stuck Geld und die Bitte gab, mit dem blinden Herrn vor das Wirtshaus zu fahren. Sie sagte liebreich gute Nacht, und die langhaarigen Augenlider nickten zu schnellen Malen uber den grossen Augen.
Der Satan hole vergib aber, Notarius, den Fluch den Grafen von Klothar, wenn er einer so gutmutigen Weiberseele nur die dunneste, leichteste Zahre aus den schonen brautlichen Augen presste, dem armen Kinde, das das einzige ist, dem ich noch die freie Reichs-Ritterschaft gegonnt. Denn mit wieviel Gall' und Grimm ich in jedes Adels-Dorf eintrete, worin wenn bei den Romern ein ganzes Volk fur das Geisseln eines Menschen votieren musste umgekehrt nur ein stimmender Mensch zum Prugeln eines Volks erfordert wird, das kennst Du; aber in Winas Elterlein dacht' ich ganz sanft.
Wie uberall, besonders im Brautstand gegen den Ehestand: so halten die Menschen, wie in der Musik, den Vorschlag langer und starker als die Hauptnote; und Klothar konnte doch schon im Vorschlag fehlen?
Einen schwachen Streckvers in Deiner Manier fertigte ich im Wirtshaus auf sie:
Bist du Philomele?
Nein; denn du hast zwar ihre Stimme; aber du bist unvergleichlich schon!
So wirst Du schon fruher nachgeahmet als gedruckt. Nachher, nach dem Speisen zog ich im Dorf herum. Ich dachte an einen Dir bekannten ersten und zweiten Abend so sehr, dass mir vorkam schreib es auf Rechnung einer und der andern Liebe als sei manches von der Vergangenheit nachher vergangen. Eiligst, wenn Du diesen Brief erhaltst was genau nachmittags gegen drei Uhr sein muss, weil ichs bei der Botenfrau auf diese Weise und Stunde bestellt habe , laufst Du mir entgegen. Bei Gott, ich denke oft an vieles. Und was ist denn das Leben als der ewige Ci-devant? Werden denn nicht die reinsten Trommeten der Lust krumm gebogen und mit Wasser gefullt durch blosses Blasen? Muss man denn nicht die langsten Himmelsleitern die freilich kurzer sind als die Hollenleitern bloss damit sie stehen, unten auf Dreck aufsetzen, ob man sie gleich oben an Sternbilder und Polarsterne anlegt? Ganz verdrusslich macht mich dergleichen, sonst nichts. Inzwischen seh' ich sehr auf Antwort, auf mundliche namlich, womit Du sogleich entgegengehst dem Wirtshaus zum Wirtshaus und dem Dir sehr bekannten oder was Gott will.
Quoddeus etc.
N. S. Walt, wir konnten Bruder sein, ja Zwillinge! Schon der Stamm-Namen verkittet uns, aber noch weit mehr! "
Walt nahm Flugel, aber sein Herz war schwer oder voll. Alles, was je ein Ritter zu Pferde fur leidende Weiber zu tun gelobte, war er zu Fusse zu leisten bereit fur jede und dann fur Wina noch unzahligemal so viel. Auf dem Wege nach dem Wirtshaus begegneten ihm Neupeters Tochter an Flittes Armen. "Vielleicht wissen Sie es", redete ihn Raphaela an und stimmte den Ton so schleunig um, dass man das Hinaufstimmen vernahm, "da Sie beim Generale schreiben und aus Elterlein her sind, was meine ungluckliche Wina macht, ob die Teure noch dort ist?" Vor Schrecken konnt' er kaum auf den Beinen, geschweige auf Vults schlaffem Lugen-Seile stehen: "Sie ist noch da", sagt' er, "schreibt man mir eben. Ich schreibe noch nicht bei ihr. Ach warum ist sie denn unglucklich?" "Es ist jetzt bekannt, dass ihrem Vater, dem General, ein unschuldiger Brief von ihr in die Hande geriet, und dass darauf ihr Bund mit dem Grafen aufgehoben wurde, o die Gute!" versetzte Raphaela und weinte etwas auf der Landstrasse. Aber ihre Schwester verdammte, verdrusslich blickend, die Strassen-Ausstellung hoher Bekanntschaften und Tranen; und der lustige Elsasser drohte ihr aus dem warmen Gewolke oben Regen und schwemmte sie damit davon.
Raphaela hatte Walts verliebte Blicke uber der Tafel nicht ubersehen mit ihren geruhrten; zur Liebe gehoren ohnehin wie zur Garung sie ist ja selber eine zwei Bedingungen, Warme und Nasse; und mit letzterer begann Raphaela gern. Es gibt weibliche Wesen sie darf sich darunter rechnen , die nichts so gern haben als Mitleiden mit fremden Leiden, besonders mit weiblichen. Sie wunschen sich ordentlich recht viel mitzuleiden und suchen Freundinnen gerade in der Not am liebsten, ja sie wecken durch Mitteilen fremde Seelen zu gleicher Teilnahme und finden wahren Genuss in fremden Tranen denn soviel vermag die Tugend durch Ubung , so wie etwa der Zaunkonig nie lustiger springt und singt als vor Regenwetter. Mendelssohn, der das Mitleid unter die vermischten Empfindungen bringt, halt eben darum reine fur weniger schmackhaft.
Nur den Notar traf die bittere Ausnahme, dass ihn das Doppel-Ungluck des Paares gluhend durchstach und durchgrub ob ihn gleich ein guter Engel nicht auf den Argwohn fallen liess, ob nicht sein an den Vater ubergebener Brief das Scheidungsdekret geworden ; indes setzt' er sich mehr an Klothars als an Winas Stelle und stieg in die Brust des Junglings hinein, um von dort aus recht um die bluhende Braut zu trauern und in Klothars Namen an nichts zu denken als an das geliebte Madchen.
Er kam traurig im Wirtshaus zum Wirtshaus an. Vult war noch nicht da. Die kurze Zeit hatte schon manches wieder mit ihrer Sichel abgemaht erstlich vom bluhenden herrnhutischen Gottesacker das Grummet zweitens am Wirtshaus ein Vergissmeinnicht und Jelangerjelieber der Erinnerung, namlich die ausgebrochene Abendwand, wovor er mit dem Bruder gegessen, war zugemauert. Vult kam. Mit Flamme und Ruhrung flogen beide einander zu. Walt bekannte, wie er geschmachtet nach Vulten, wie er die Geschichte der Abwesenheit verlange, und wie sehr er eines Bruders bedurfe, um das Herz voll vermengter Gefuhle in das verwandte zu giessen. Der Flotenspieler wollte seine Geschichte zuletzt berichten und begehrte die fremde zuerst. Walt tats, erzahlte ruckwarts, erstlich Raphaelens Erzahlung aber so wie er zweitens den Schenkungsakt des Grafen samt der durch den Brief der Tochter jetzt gut motivierten Unterbrechung, drittens die Glucksfalle bei dem General berichtete und endlich mit den zusammengefassten Flammen seines Sehnens nach Klothar schloss: so anderte Vult das mitgebrachte Gesicht brach noch vor dem Wirtshaus auf schickte den leeren Gaul durch einen ausserordentlichen Schlag in Stadt und Stall voraus und bat Walten, mitzugehen und fortzufahren und nach keinem Regen zu fragen.
Er tats. Vult steckte seine Floten-Ansatze aneinander und blies zuweilen einen lustigen Griff. Bald hielt er sein Gesicht dem warm tropfenden Abend-Himmel unter und wischte die Tropfen daraus, bald schlug er ein wenig mit der Flote in die Luft.
"Jetzt weisst du alles, mein guter Mensch, urteile!" sagte endlich Walt. Vult versetzte: "Bester, poetischer Fleu- und Florist! Was soll ich urteilen? Verdammtes Regnen! Der Himmel konnte auch trockner sein. Ich meine, was ist zu urteilen, wenn du mir uber keinen Menschen beitrittst? Hinterher werd' ich dann ganz schamrot, dass ich als ein Mensch, der vielleicht kaum vor ein paar Stadttore hinaus-, und durch ein paar Flugelturen hineingekommen denn ich sass stets , gegen einen Welt- und Hofmann wie du recht behalten will, der, die Wahrheit zu sagen, uberall gewesen, an allen Hofen in allen Hafen Glucks- und Ungluckshafen in allen Kaffee- und Teehausern Europens in belle-vue, in laide-vue in Mon-plaisir, in Ton-plaisir und Son-plaisir und so etwas weiter herum; das war ich aber nicht, Walt!"
"Verspottest du ernsthaft meine arme Lage, Bruder?" fragte Walt. "Ernsthaft?" sagte Vult. "Nein, wahrlich mehr spasshaft. Was den General anlangt, so sag' ich, dass, was du Menschenliebe an ihm nennst, nur Anekdotenliebe ist. Schon im gelehrten Deutschland gelten keine Wasser fur tiefe als die flach breiten, vollends aber im geadelten; nur breite lange Geschichte wollte der General von dir aus Langweile, wenn er sie auch schon wusste. Freund, wir BucherMenschen so taglich, so stundlich in Konversation mit den grossten belebtesten Mannern aus der gedruckten Vorwelt, und zwar wieder uber die grossten Weltbegebenheiten wir stellen uns freilich den Hunds-Ennui der Grossen nicht vor, die weiter nichts haben, als was sie horen und essen bei Tafel. Gott danken sie auf Knien, wenn sie irgendeine Anekdote erzahlen horen, die sie schon erzahlen horten; aber ich weiss nicht, was du dazu sagst?"
"Uber Sachen", versetzte Walt, "kann man leicht die fremde Meinung borgen und glauben, aber nicht uber Personen. Wenn die ganze Welt gegen dich sprache: musst' ich wohl eher ihr als mir glauben?"
"Naturlich", sagte Vult. "Was Wina anlangt, so ists mir ganz lieb, dass sie ihre weichen Finger wieder aus den graflichen Ringen gezogen. So weiss ich auch, dass zwischen dir und dem Grafen die Missheirat eurer Seelen ruckgangig wird."
Daruber erschrak der Notar ordentlich. Er fragte angstlich: "warum?" Vult blies einen Laufer. Er setzte dazu, dass er dem Jungling seit dem Verluste einer solchen Jungfrau noch heftiger anhange; und fragte wieder: "warum, lieber Bruder?" "Weil du", versetzte dieser, "nichts bist, gar nichts als ein offener, geschworner Notar, der Graf aber ein Graf; du wurdest ihm auch nicht grosser, wenn du dich nach alter Weise noch einen tabellio nenntest einen protocollista einen judex chartularius scriniarius exceptor." "Unmoglich", versetzte Walt, "ist in unsern Tagen ein philosophischer Klothar adelstolz; ich hort' ihn selber die Gleichheit und die Revolution loben."
"Wir Burgerliche preisen samtlich auch die Fallund Wasenmeister sehr und ihren sittlichen Wert, erlesen aber doch keinen zum Schwiegervater und fuhren keine maitresse des hautes oeuvres et des basses oeuvres zum Tanze. Gott, wenn soll einmal mein Jammer enden, dass ich immer von abgelegtem Adelstolze schwatzen hore? Sei so hoflich, Walt, mir einige Grobheiten gegen dich zu erlauben. Bei Gott, was verstehst denn du von der Sache, vom Adel? oder die Schreiber daruber?
Ich wollte, du bliebest ein wenig stehen oder krochest in jenen Schaferkarren und horchtest mir daraus zu; ich zoge aus der Satire, die ich bei Sonnenuntergang im Zablockischen Garten gemacht, das aus, was herpasset.
Den adeligen Stolz in einen auf Ahnen oder gar in deren Verdienste zu setzen, ist ganz kindisch und dumm. Denn wer hatte denn keine Ahnen? Nur unser Herrgott, der sonach der grosste Burgerliche ware; ein neuer Edelmann hat wenigstens burgerliche, es musst' ihm denn der Kaiser vier adelige ruckwarts datierend mit geschenkt haben, wovon wieder der erste geschenkte Ahn seine neuen vier geschenkten bedurfte und so fort. Aber ein Edelmann denkt so wenig an fremde Verdienste, dass er sich lieber von 16 adeligen Raubern, Ehebrechern und Saufausen als ihr Enkel an einen Hof oder in ein Stift oder auf einen Landtag geleiten lasset, als von einem Schock und Vortrab ehrlicher Burgerlichen davon hinwegfuhren. Worauf stolziert denn der Edelmann? Zum Henker, auf Gaben; wie du und ich als Genies, wie der Millionar durch Erbschaft, wie die geborne Venus, der geborne Herkules. Auf Rechte ist niemand stolz, sondern auf Vorrechte. Letztere, sollt' ich hoffen, hat der Adel. Solang' er ausschliessend an jedem Hofe aufwarten, tanzen, der Furstin den Arm und die Suppe geben darf und die Karte nehmen; solange die deutsche ReichsGeschichte von Haberlin noch nie ein Paar burgerliche Weibs-Fusse am Sonntag unter einer Hof-Tafel angetroffen und vorgezogen (der Reichs-Anzeiger rede, wenn er kann); solange Armeen und Stifte und Staaten ihre hochsten reichsten Frucht-Zweige nie von gemeinen harten Handen pflucken lassen, die bloss auf die Wurzeln Erde schaffen und von den Wurzeln leben mussen: so lange ware der Adel toll, wenn er nicht stolz ware, auf solche Vorrechte, mein' ich.
Burgerliche werden, wie die Gewachse im alten System von Tournefort, nach Blumen und Fruchten klassifiziert; Adelige aber viel einfacher, wie von Linne, nach dem Geschlechts- (Sexual-) System; und es gibt dabei keine Irrtumer. Den Adelstand ferner verknupft die Gleichheit der Vorrechte durch ganz Europa. Er besteht aus einer schonen Familie von Familien; wie Juden, Katholiken, Freimaurer und Professionisten halten sie zusammen; die Wurzeln ihrer Stammbaume verfilzen sich durcheinander, und das Geflechte lauft bald hier unter dem Feudal-Acker fort, bald dort heraus am Thron hinan. Wir burgerlichen Spitzbuben hingegen wollen einander nie kennen; der Burgerstand ist ungefahr so ein Stand wie Deutschland ein Land, namlich in lauter feindselige Unterabteilungen zersprengt. Kein Harnisch in Wien fragt nach Harnischen aus Elterlein, kein Legationsrat in Koburg nach einem in Hasslau oder Weimar.
Darum fahrt der Adel in ein Fahrzeug mit Segeln eingeschifft, der Burger in eines mit Rudern. Jener ersteigt die hochsten Posten, so wie das Faultier nur die Gipfel sucht. Aber was haben wir Teufel? Besitzen wir unbeschreibliche Verdienste: so konnen diese nicht adeln, sondern sie mussen geadelt werden; und dann sind wir zu brauchen, sowohl zu einem Ministers- als sonstigen Posten.
Doch der Adel erkennt auch selber seine Kostbarkeit und unsere Notwendigkeit gern an; denn er schenkt selber deswegen wie etwan die Hollander einen Teil Gewurz verbrennen oder die Engellander nur siebenjahrig ihre Wasserblei-Gruben auftun, damit der Preis nicht falle in seiner Jugend der Welt fast nur Burgerliche, und sparsam erst spater in der Ehe eines und das andere Edelkind; er macht lieber zehn Arbeiter als eine Arbeit, weil er den Staat liebt und sich.
O schweige noch! freilich war dies nur Ausschweifung in der Ausschweifung. Abnahme des Adelsstolzes wollen neuerer Zeit viele noch daraus sehr vermuten, dass ein und der andere Furst mit einer Burgerstochter tanzte, wie ich trotz meines gelehrten Standes mit einer Bauerstochter, oder dass ein Furst zuweilen einen Gelehrten oder Kunstler zu sich kommen liess, wie den Klavier- und den Schneidermeister auch, nicht in seinen Zirkel, sondern zum Privatgesprach. 'Meine Leute, mes gens' sagen sie von den Bedienten, um sie von uns andern Leuten zu unterscheiden.
Warum reitest und kletterst du aber so eifrig an einem der hochsten Stammbaume hinan? Dass ich meines Orts droben sitze, als Herr van der Harnisch, hat seinen guten Grund: ich fenstere auf dem Gipfel meinen Zirkel aus und erhebe, was drunten ist, euch Burger-Pack; kein Mensch kann sich ruhmen, den Adel noch so geargert zu haben als ich; nur in Stadten, wo ich nicht von Geburt war, musst' ich mich von ihm argern lassen, wenn er unter dem Vorwand, meine Person zu schatzen, mich zur Tafel bat, um meine Flote zu kosten; dann blies ich aber nichts, sondern ich dachte: ich pfeif' euch etwas. Dem weich' ich jetzt ganz aus."
Walt versetzte: "Ich will deinem halben Ernste ganz offen antworten. Ein Dichter, fur den es eigentlich gar keine gesperrten Stande gibt, und welchem sich alle offnen sollten, darf wohl, denk' ich, die Hohen suchen, wiewohl nicht, um da zu nisten, sondern den Bienen gleich, welche ebensowohl auf die hochsten Bluten fliegen als auf die niedrigsten Blumen. Die hohern Stande, welche nahe um das sonnige Zenith des Staates leuchten, als hohe Sternbilder, sind selber schon fur die Poesie durch eine Poesie aus der schweren tiefen Wirklichkeit entruckt. Welch eine schone freie Stellung des Lebens! War' es auch nur Einbildung, dass sie sich fur erhoben hielten, und das zwar geistig denn jeder Mensch, der Reiche, der Gluckliche ruht nicht eher, als bis er aus seinem Gluck sich ein geistiges Verdienst gemacht : so wurde dieser Wahn Wahrheit werden; wer sich achtet, den muss man achten. Welch eine hohe Stellung, alle mit einerlei Freiheit, alles zu werden alle im Triumphwagen derselben Ehre, die sie beschutzen mussen "
"Es ist pechfinster", sagte Vult, "aber ich bin wahrlich ernsthaft."
" die einzelnen Namen verewigt und in WappenWerken wie Sterne gezahlt und fortglanzend, indes im Volke die Namen wie Tautropfen ungeordnet verloschen und in der heiligen Nahe des Fursten, der sie zart behandelt und im Wechsel seiner Reprasentation, es sei als Gesandte oder Generale oder Kanzler naher dem Staate verwandt, dessen grosse Segel sie aufziehen, wenn das Volk nur rudert wie auf einer Alpe nur von hohen Gegenstanden umrungen hinter sich die glanzende konigliche Linie der alten Ritter, deren hohe Taten ihnen als Fahnen vorwehen, und in deren heilige Schlosser sie als ihre Kinder einziehen "
"Glaube mir auf mein Wort", sagte Vult, "ich lache nicht "
" vor sich den Glanz des Reichtums, der Guter, der Hofe und einer bluhenden Zukunft Und nun vollends die schone freie Bildung, nicht zu einem abgehauenen eckigen Staats-Gliede, sondern zu einem ganzen geformten Menschen, welche ihnen Reisen, Hofe, gesellige Freuden unter Gemalden, unter Tonen und am meisten ihre noch mehr gebildeten, schonen Frauen, deren Reize kein Gewicht der Not und Arbeit erdruckte, leicht und froh zuspielen, so dass im Staate der Adel die italienische Schule ausmacht, und das arme Volk die niederlandische."
Der Flotenspieler hatte bisher ofters, wiewohl mit verdachtiger Stimme, geschworen, er ziehe nicht eine Miene zum Lachen beteuert, er wolle nicht Vult heissen, wenn er die Finsternis benutze und darin still lachle wiederholt, er sei kein solcher Mann, der lache, sondern so ernst wie ein Totenvogel. Jetzt aber lachte er hell und sagte indes so viel: "Walt, um wieder einmal auf deinen Grafen zu kommen schere dich nichts um mein dummes Gelachter uber etwas anders, ich bin doch ernsthaft , den du sonach in Bildungs-Bezug fur einen Raffael haltst und dich fur einen Teniers, wie wollet ihr zwei Figuren euch denn auf einer Leinwand paaren?"
Walt schwieg verwundet, weil er sich gar nicht fur einen Teniers, sondern eher fur einen Petrarca ansah. Aber Vult drang heftig auf das Bindemittel, das der Bruder sich zutraue.
"Ich glaubte, dadurch", sagt' er leise demutig, "wenn ich ihn recht liebte." Vult wurde etwas bewegt, blieb aber unerbittlich und sagte: "Um dir aber zuzutrauen, dass du deine Liebe einem solchen Herrn zeigen konntest, musst du dich, so bescheiden du auch tust, innerlich fur einen zweiten Karpser halten, ganz gewiss?"
"Wer war dieser?" fragte Walt.
"Balbieramtsmeister in Hamburg, wovon noch die Karpserstrasse in der Stadt da ist, weil er darin wohnte; ein Mann, darf ich dir sagen, von so feinen Sitten, so voll belebter Reden, so zauberisch, dass Fursten und Grafen, die nach Hamburg kamen, ihr erstes und grosstes Vergnugen nicht im Pestilenzhaus oder auf dem Dreckwall oder im Scheelengang und in den Alster-Alleen suchten und fanden, sondern lediglich darin, dass unser Balbier zu Hause war und sie vorlassen wollte."
Der Notar, sich fur einen versteckten Petrarca haltend, vermochte gar nicht, den Balbier-Amtsmeister so hoch uber sich zu sehen; er sagte aber, erweicht durch einen ganzen Nachmittag, nichts als die Worte: "Wie glucklich ist ein Edelmann! Er kann doch lieben, wen er will. Und war' ich einer, und ein redlicher gemeiner Notar gabe mir nur einige warme Zeichen seiner Liebe und Treue: wahrlich ich wurde sie bald verstehen und ihn dann nicht ein Minute lang qualen, ja ich glaube, eher gegen meinesgleichen konnt' ich stolzer sein."
"Himmel, weisst du was", fing plotzlich Vult mit anderer Stimme an, "ich habe ein sehr treffliches Projekt in der Tat fur diesen Fall das beste denn es loset alles auf und bindet dich und den Grafen (falls er deinem Bilde entspricht) schon auf ewig."
Walt zeigte ihm seine Entzuckung daruber ganz und die Neugier, womit er es zu horen kaum erwarten konne. Aber Vult versetzte: "Ich glaube, morgen oder ubermorgen lass' ich mich mehr heraus." Walt flehte um das Projekt, sie waren nahe am Stadttore und Abschied. Vult antwortete: "So viel kann ich sagen, dass ich nie Proschekt sage, sondern entweder franzosisch projet oder lateinisch projectum." Walt fragte, ob er denn nicht seine Freude uber den blossen Vorschlag merke, und ob er nicht denke, dass sie noch starker steige durch Eroffnung. "Gewiss!" sagte Vult. "Allein das projet gehort ja in eine ganz andere Nummer, sag' ich dir, denn die heutige ist aus und gute Nacht!"
Nr. 31. Pillenstein
Das Projekt
"Purzel tuts", fuhr heftig Vult in die Stube des Notars, der freudig versetzte: "Das gebe Gott, und was denn?" " Ich erklare alles, und Purzel ist der Theaterschneider, mein Hausherr", erwiderte Vult mit den Blitzen der Laune im Auge, weil er eben die Digression uber den Adel fur den Doppel-Roman zu Papier gebracht. "So viel gibst du zu, dass du einige Heftoder Demantnadeln zur Bundes-Naht mit Klothar was eben mein Projekt sein will vonnoten hast. Handlungen freilich galten von jeher fur die besten Fahren zum Herzen, fur die rechten Kernschusse zur Brust, da Worte nur Bogenschusse sind, oder was man will. Einem einen Uhrschlussel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehause eines Menschen auf als dreissig dejeuners in einem Monat von 31 Tagen. Wolltest du also dem Grafen z.B. nur einen Stein ins Fenster werfen oder an das Schulterblatt: so kamest du sogleich mit ihm in Handlung und darauf leicht in nahere Verbindung; oder ebenso auch, wenn du im Finstern auf ihn losfahren, ihn bei den Rockklappen packen und nicht loslassen wolltest, weil du ihn fur deinen Bruder gehalten hattest, den du so unbeschreiblich liebtest, gabest du vor. Da aber das nicht geht, so hore: Mein Hausherr Purzel hat jetzt viele turnier- und tafelfahige Kleider in Arbeit, die er fur das Theater kehrt und wendet; ich staffiere dich mit einem vollstandiger aus habe vorher dem Grafen, da ich ihn kenne, in einem Billett geschrieben, ich wunschte sehr, eines Abends vor ihm zu blasen bringe dich dann mit (sprich noch nicht) und lasse dich von ihm ohne besonderes artikuliertes Lugen fur einen Edelmann ansehen, bloss weil du (das macht man ihm weis) mein Freund bist und wir miteinander umgehen. Dann kann sich das Adels-Pergament unmoglich mehr als Scheide- und Brand-Mauer und Ofenschirm zwischen eure Flammen ziehen; und falls der Graf wirklich nicht, wie ein Eisstuck, ebensoviel Eis unter dem Wasser verbirgt, als er daraus vorhebt: so seh' ich euch, weil du unter und hinter der Flote ihm alles sagen und zeigen kannst, vielleicht am Altar der Freundschaft verbunden stehen, und ich bin freudig das Kopuliermesser24. Jetzt sprich!"
"Gottlich, gottlich!" rief Walt und umhalsete Vulten. "Ich stehe dann auf dem Wagenstern der Liebe und rolle durch Himmel. Aber wenn ich ihn habe, den Lieben, ja dann muss ich durchaus noch denselben Abend meinen durftigen Namen sagen; nicht nur ein heisses Herz, auch ein offnes muss ich ihm bringen; es tut dann nichts mehr."
Allein der bunte Zauberrauch verzog und senkte sich bald, womit seinen romantischen Geist anfangs das Wagstuck berauschte. Das Gewissen stellte sich kalt mit der Waage hin und wog nach Skrupeln. Er konnt' es nicht recht finden, die Freundschaft mit einem Blendwerk anzufangen, wenn er dieses auch nachher vertilge. Der Bruder versicherte darauf, er woll' ihn bloss fur seinen Verwandten desselben Namens ausgeben, was ja wahr sei, ferner das von im Feuer der Rede vergessen. "Aber wenn ich nun zuletzt sage, ich bin dein Zwillingsbruder, was sagst denn du?" sagte Walt. "Herr Graf, sag' ich", versetzte Vult, "er ist allerdings der Bruder, ja Zwillingsbruder meines Herzens, und geistige oder kanonische Verwandtschaft, dacht' ich, galte wohl hienieden, da ja unser Herrgott selber eine dergleichen mit uns Bestien im allgemeinen verstattet und sich unsern Vater nennen lasst. Ist diese Verwandtschaft nicht wahr?"
Walt schuttelte. "Was", fuhr der Flotenspieler fort, "es ware nicht so, namlich dass wir uns geistig verbruderten? O Zwilling, wer ist verwandter? bedenke! Wenn Korper Seelen runden und Herzen gatten, so dacht' ich, ein Paar Zwillinge um neun Monate fruher einander verschwistert als alle andere Kinder in ihrer zweischlaferigen Bettstelle des ersten Schlafes ohne Traum teilend alle und die fruhesten und wichtigsten Schicksale ihres Lebens unter einem Herzen schlagend mit zweien in einer Gemeinschaft, die vielleicht nie im Leben mehr vorkommt gleiche Nahrung, gleiche Note, gleiche Freuden, gleiches Wachsen und Welken beim Teufel, wenn ein solcher Fall, wo im eigentlichsten Sinn zwei Leiber eine Seele ausmachen, wie ja der alte und erste Aristoteliker, namlich Aristoteles selber, begehrt zur Freundschaft; zum Sakerment, wenn von solchen Personen nicht der eine Zwilling sagen durfte, er sei mit dem andern geistig genug verwandt, Walt, wo ware denn noch Verwandtschaft zu haben auf Erden? Kann es denn, du ordentlicher Bruder-Morder, fruhere, nahere, altere, peinlichere Freundschaften geben als bei solchen Zwillingen? O Gott, du lachst ja uber Geruhrte!" schloss er wild und fuhr heftig mit der ganzen breiten Hand uber die Augenknochen.
"Da war' ich ja der Holle wert", rief Walt und fing dessen Hand, um sie auf sein nasses Auge zu dekken "O Bruder, Bruder, weisst du es denn nie, wie ich dich fasse und deinen weichen Geist im starksten Scherz? Ach wie ist dein Inneres so schon und mild, und warum weiss es denn nicht die ganze Welt? Darum aber, was war' ich, wenn ich es litte, was du bei Klothar wagen wolltest fur mich? Nein, fremde Opfer mag man wohl annehmen, um von Martern loszukommen, aber nie, um mit ihnen Freuden einzukaufen. Die Sache geht nicht, guter Vult!"
Aber hier war dieser schon die Treppe hinab. Indes, je mehr der Notar nachsann, desto unbilliger fand ers, auf Vultens Kosten den Himmel der Freundschaft zu erstehen. Zuletzt schrieb er ihm bestimmt, sein Gewissen leid' es unmoglich.
Wenige Stunden darauf antwortete Vult folgendes:
P. P.
"Fraterkul! Eben erhalt' ich des Grafen Jawort mit Deinem Neinwort; Du musst also mit, oder meine Ehre leidet gewaltig. Fleuch und flieh in einer guten Stunde zu mir. Dein Umkleid oder Masken-Charakter liegt schon auf dem Stuhl. Der Friseur ist bestellt mit Vorsteck-Locken. Sporen und die Steifstiefel darzu stehen auch fertig. Glaube mir aber auf Ehre, dass ein Buhnen-Habit fur dich ausgelesen ist, der nicht simuliert, sondern nur dissimuliert. Ein anders als was ich tue und miete ware, wenn ich Dich in einen Berghabit oder in eine Monchskutte oder in einen Waffenmantel oder in ein Bischofs-Pallium oder in englische Kapitans-Uniform oder in den Satan und seine Grossmutter steckte; so hingegen fallest Du proper aus und unkenntlich, und dabei doch sittlich und wahr. Versuch ihn nur bei mir an, Deinen polnischen Rock und Mantel der Liebe fur Klothar. Purzel denkt gut, ja wohlfeil. Ich schmachte freudig nach dem Spass. Der nicht zu gedenken, den Du weglassen musst. Dir zu schreiben vergess' ich ganz, dass ich namlich als ich den guten Grafen anfangs ins Rosental eingeladen zu einem matten Souper, naturlich ohne Deiner Erwahnung von ihm umgekehrt in seinen Garten invitieret worden. Komme bestimmt, ich brenne. Denn dieser Abend fallet Definitiv-Sentenzen und Mandate ohne Klauseln uber 40 bis 50 tausend Abende nachher. Gegenwartiges schreib ich fast geruhrt; Garrick wusste das blosse Alphabet so herzusagen, dass die Leute dazu tranten; aber woraus besteht denn alles, was angreift, als aus Alphabeten? Herzen gleichen GanseEiern: die, so in lauem Wasser nicht sich bewegen, sind faule und tote Gott, ich werde heute so blasen, so trillern! Ich freue mich freilich zu sehr. P. S. Ich muss Dir doch berichten anfangs wollt' ich nicht , dass Dein kunftiger Freund Klothar morgen fruh um 3 Uhr auf und davon reiset, wie er sagt, nach Dresden eigentlich aber wohl, wie ich sage, nach Leipzig, um durch die protestantische Mutter die katholische Braut sich anzuohren. Bist du nicht der vollstandige Schomaker II.: so kommst Du heute und schlagst als Burger mit dem Edelmann den PedalTriller der verwobenen Freundschaft. Denn wo ware Luge, sobald ich nicht sage und Du ohnedies nicht , dass Du ein Edelmann bist, sondern ich nur anfangs, dass Du mein Freund und Du zuletzt, dass Du ein Notarius bist wo, frag' ich?" "Ach, ich komme freilich!" schrieb Gottwalt zuruck.
Nr. 32. Heller im Straussenmagen
Menschenhass und Reue
Personen, die Vults alten, noch versiegelten Brief an Walt gedruckt gelesen, durchschauen am ersten alle geheime Zwecke bei seiner Einkleidung des reinen Notars und finden deren nicht weniger als zwei. Der erste geheime Zweck Vults ist wahrscheinlich der, sich mehr zu argern als bisher und dadurch indem er der bruderlichen Freundschaft gegen den Grafen zusieht oder gar der Erwiderung derselben sich zu jenem zornigen Ausbruch aufzutreiben, ohne welchen, seiner bekannten Meinung nach, an Versohnungen gar nicht zu denken ist, ausser an schlechte. Freundschaftliche Eifersucht ist viel starker als liebende, schon weil sie nicht, wie diese, ihren Gegenstand zu verachten vermag. Die zweite Absicht Vults bei dem Verkleiden kann sich nur auf den Wechsel- oder Hornschluss grunden, dass der Graf den Notar wenn dieser den adeligen Pfauenschwanz fallen lassen als nackte Notariats-Krahe entweder wild aus Herz und Garten jagt (dann gewanne eben Vult), oder ihm, wie eine Krahe der andern, nichts aushackt (dann konnte Vult sehr zanken und sich spat versohnen); und einen dritten Fall gibt es eben nicht.
Der Notar kam ziemlich beklommen bei dem Bruder an. "Hier", sagte Vult, "liegt der menschenhassende Meinau aus Kotzebues Menschenhass und Reue auf dem Stuhl" und zeigte auf den feinsten Uberrock, den Purzel fur edle Buhnen-Charaktere gekehrt hatte, ferner einen langhaarigen Rundhut, gespornte Steifstiefel, drei Ellen lange Halsbinden fur den Hals, um die Farben im Gesicht zu unterbinden, und seidene Unterkleider. Aber was vorher leicht durch den Ather der Einbildung flog, steckte jetzt fest vor Walt in der unbehulflichen Gegenwart, und die Sunde zerfiel in Sunden.
"Beim Henker", sagte Vult und streifte dem Notarius das Zopflein herunter, "skrupelst du doch, als konnt' es nicht ebensogut eine An- als Verkleidung vorstellen. Besteht denn ein Edelmann in einem Paar Stiefeln und Sporen? Versauere mir nichts!"
Ein Friseur erschien. Das ganze Haar musste in unzahlige Locken zuruckrollen. Darauf wurd' er hermetisch mit Seide und Tuch versiegelt; und sein Kern wuchs ganz in die Kotzebuesche Schote hinein.
Unterwegs schwur ihm Vult, er sei schon wegen der Dammerung unkenntlich genug; und ein Grosser sehe und behalte kein Burgergesicht. Am Ende wurd' ihm selber der Notar, der bluhend, liebe-zitternd neben ihm ging, ordentlich zum menschenfeindlichen Meinau. "Es fehlt nicht viel", sagt' er, "so fall' ich dich an, weil ich denke, ich habe Meinau vor mir, der sich einige Akte lang schmeichelte und angewohnte, die Menschen zu hassen aus Madchen-Liebe, wie etwan Hasen durch Schlagen dahin zu bringen sind, dass sie trommeln wie Krieger. Weichen Schlamm und Sumpf soll der Kollegienrat K. abmalen, aber nicht Dieterichs-Felsen. Mit seinen Patent-Herzen, wie Pott mit Patent-Fussen zum Knien, steh' er feil, sogar mit verachtlichen, aber nur nicht mit verachtenden! Da sei der Teufel so sanft wie ein Exjesuit, wenn man uberall vor und auf der Buhne Junglingen begegnet, die Fait von Menschen-Verachtung machen, weil ein Madchen sie ein wenig verachtet hatte Tropfe, bei denen der misanthropische Tollwurm nur, wie bei Hunden, im Zungenbande besteht und denen er, wie Kindern der Wurm, abginge, wenn man sie starkte Walt, unterstehst du dich auch und hassest die Menschen?" "Nicht einen, auch nicht einen unglucklichen Menschenfeind (sagt' er unendlich sanft), aber du fragst doch sehr hart." "Vergib", versetzte Vult, "ich fahr' schon seit zehn Jahren auf und los, wenn ich nur etwas vom Theater rieche, und war's nur ein Souffleur, oder der Souffleur des Souffleurs, der Poet, ja ein blosser Hofrat da doch die meisten TheaterHelden, wie in Dorpat die Professoren, Hofrats-Rang haben ; denn, das Schauspielervolk ausgenommen; zeigt nichts eine so ekle Gemeinheit als das Buhnenschreibervolk; Spieler und Schreiber verkorpern und beseelen sich wechselseitig; und bekielen sich mit Lanierschwanzen" "Lanierschweife?" fragte Walt.
"Sind der Schwanz", versetzte Vult, "den ein Falkenier einem abkraftigen Falken in die offnen Kiele des ausgefallenen kunstlich einklebt mit ein wenig Hausenblasenleim. Die armen Schauspieler (transzendente Statisten) sind die Statuen, welche25jeden Abend eine Seele von ihren Bildhauern oder Dichtern fodern, um davon zu leben."
Sie kamen im Park an, wo ihnen der Graf mit seiner einfachen, ernsten, vornehmen Haltung entgegenging. "Es ist mein Freund und Verwandter gleiches Namens", stellte Vult den gekehrten Meinau dem Grafen vor, " seine Liebe zur Flote treibt ihn mir nach." Walt machte statt vieler Entschuldigungen die ihm der Bruder abgeraten ganz keck nur einen Buckling, weil der Graf, hatte Vult gesagt, wenig Welt besasse, wenn er ihn in seinem Garten ausfragen wollte, wie ein Katechet unter dem Tore.
Walt dachte gleichfalls zu redlich, um vor dem Grafen etwas anders, nur den schwachsten Gedanken, zu verkleiden als seinen Leib. Vult hatte recht gehabt, dass Grosse, die auf Reisen und an Hofen an zwanzig Heere von Menschen gesehen, nicht leicht den Nachtrab aus einem Notarius sonderlich im Kopfe behalten und aufheben; Klothar sah ihn ein wenig sinnend an, kannte aber den viellockigen, zopflosen, dickbindigen Kavalier in der Dammerung nicht.
Letzterem wurd' es etwas eng in seiner MeinausHaut. Die Verkleidungen in Romanen bilden die in der Wirklichkeit den Menschen zu lustig vor. Wie im Zimmer das Wetter, so ist im Freien die schone Natur der Notpfennig und Hecktaler des Gesprachs Walt hatte dem Grafen kein Hehl, dass diese Stelle (wo er einmal abends dem Musizieren zugehoret hatte), mit der Katarakte hinter dem Rucken, der Vestalin-Statue dabei, den fernen Hohen, ihre wahren Reize habe. Klothar aber wollte wenig daraus machen, sondern versicherte, jeder Park gefalle nur einmal.
Der Flotenspieler war so wortkarg und hoflich gegen den Grafen, als dieser selber und sparte Laune und Zunge nur der Flote auf. Die Gebruder Harnisch wurden mit einem mehr aus Blattern als aus Beeren gequetschten Wein bewirtet. Der Graf trank keinen; Walt aber einigen, um wie ein Schmied VerstarkungsWasser ins Feuer zu sprengen. Vult, uber den Kratzer und alles aufgebracht, ging schnell mit der Flote auf und ab, ohne zu blasen.
Klothar uberliess ihn seiner Laune. Endlich fing er (lustwandelnd dabei) sein Flotenkonzert ein wenig an und blies aus Kunstler-Kalte gegen jenen nur obenhin zerstuckte Phantasier-Galoppaden musikalische Halbfarben zu Halbschatten starke Eingriffe in die Floten-Saiten, wie sie die Faust eines Sturmwinds auf die Aolsharfe tut.
Beiden Kavalieren wurde durch dieses melodramatische Absetzen das Gesprach angenehm durchschossen, in welches sie miteinander geraten durften unter solcher Musik. Der englische Park wurde ein Postschiff, worauf beide nach England ubersetzten, um es einmutig zu besehen und zu erheben. Klothar lobte die britische Ungeselligkeit: "Zu gewissen Fehlern gehoren Vorzuge", sagte er. "Nur Blumen schlafen, nicht Gras", sagte Walt, der durch Poesie und Ubersicht leicht die fremde Meinung in seine ubersetzte und umgekehrt. Wer immer nur die Morgen- und Sonnenseite sucht, findet leicht uberall Warme und Licht. Klothar behauptete, dass die Freundschaft keinen Stand kenne, wie die Seele kein Geschlecht. Walt tournierte seine Anwort dergestalt, dass sie so klang: "Auch im Bestreben, die Ungleichheit zu vergessen, mussen beide Freunde gleich sein"; aber seine Aussprache war ein wenig bauerisch, und sein Auge blickte nicht fein, sondern es stromte klar uber von Liebesfeuer. Der Graf stand ruhig auf und sagte, er entferne sich nur einen Augenblick, um die Abreise eine halbe Stunde spater anzuordnen, und er gestehe, er sei selten so leicht verstanden worden als diesen Abend.
Mit unsaglicher Entzuckung sagte Walt leise zu Vult: "Habe Dank, habe Dank, mein Vult! O so sollte man doch nie das Benehmen eines Menschen gegen uns, und war' es noch so frostig, zum Masse seines Wertes machen! Wieviel reiche Seelen gehen uns durch Stolz verloren! Ich sag' ihm nachher alles, Vult." "Der Kratzer aber", versetzte Vult, "konnte etwas besser sein. Das tu! Ich halt' ihn selber fur keinen selbstsuchtigen Eisvogel und Frost-Zuleiter weiter. Er wusste zwar von deinem Gesichte und von der schnellen Kur meiner stadtkundigen Erblindung nichts mehr; es mag aber mehr in seiner Memorie liegen und ohnehin darin, dass ein fremder Mensch ihm weniger sein muss als sein eigner." Und hier ergoss er sich, ohne Antwort abzuwarten, in seine Flote, seine zweite Luftrohre, sein Feuerrohr, und blies schon trefflich, als der Graf kam.
Dieser horte das Spiel aus und sagte nichts. Walt konnte nichts sagen; er hatte den Mond, den Grafen, den Wein, die Flote und sich selber im Kopfe. Der Mond hatte die mit Windmuhlen besetzten Hohen erstiegen und glanzte vom Himmel herunter in die weite Ebene und den Fluss voll Licht. Der Notar sah auf dem Gesicht des Junglings ein ernstes, tiefes und schmachtendes Leben wehmutig im Mondschein bluhen. Die Tone wurden ihm ein Tonen, die Flote setzt' er schon als ein Posthorn auf den Bock, das ihm den neuen Freund und die susseste Zukunft davonblase in weite Fernen hinein. "Und wo kann der Gute wiederfinden", dachte Walt, "was er verlassen und beweinen muss, eine Geliebte wie Wina?" Langer konnt' er sich nicht halten, er musste die zarte Hand des Grafen haben.
Da er unbeschreiblich delikat sein wollte, und zwar in einem Grade, der, hofft' er, uber die altesten franzosischen Romane der franzosischen Weiber hinauslief: so erlaubt' er sich nicht von weitem zu bemerken, dass die Achse an Klothars Braut-Wagen zerbrochen sei. "Wir hatten uns fruher", sagte der Graf und druckte die Hand, "sehen sollen, eh' die Sphinx, wie ein sehr wackerer Dichter die Liebe beschreibt, mir die Tatzen zeigte." Walt war der wackere Dichter selber gewesen. Mit diesem silbernen Leitton wurd' er ordentlich von dem zur Saite gespannten Liebesseil, das ihn gab und worauf er tanzte, aufgeschnellt, er konnte die Himmel nicht zahlen (der Flug war zu schnell), wodurch er fuhr. Er druckte mit seiner zweiten Hand seine erste recht an die fremde ergriffene und sagte nichts von seiner dichterischen Vaterschaft, sondern : "Edler Graf, glauben Sie mir, ich kannte Sie schon fruher, ich suchte und sah Sie lange Blase, Guter", wandt' er sich plotzlich zu Vult, der zwischen Himmel und Holle auf- und niederfuhr mit jener mannlichen Lustigkeit, die dem weiblichen hysterischen Lachen gleicht, "milder, blase Hirtenlieder, Lautenzuge, Gottesfrieden."
Vult spielte noch funf oder sechs Kehrause und Valetsturme und horte gar auf, weil er sich zu gut dunkte und es zu lacherlich fand, den Abfall von seinem Herzen, den Text abtrunniger Empfindungen in Musik zu setzen. "Auch ich entsinne mich Ihrer Erscheinung, aber dunkel, doch wunsch' ich Ihr Inkognito nicht zu brechen", versetzte der Graf. "Nein, es werde gebrochen (rief der Notar), ich bin der Notarius Harnisch aus Elterlein, derselbe, der den Brief des Frauleins Wina im Park fand und ubergab."
"Was?" sagte der Graf gedehnt und stand als Konig auf; er besann sich aber wieder und sagte ruhig: "Ich bitte Sie sehr ernsthaft um Ihren Namen und besonders um die Eroffnung, inwiefern Sie in die Brief-Sache verwickelt waren." Walt sah sich nach dem Flotenisten um; aber dieser war nach seinen Sturm-Stossen in die Flote seitwarts in einen Gang getreten, um zwei Herzens-Ergiessungen aus dem Weg zu gehen, wobei nach seiner Uberzeugung nichts Geringeres als es selber ersoff.
Walt erschrak uber des Grafen Erschrecken und sagte: er wunsche herzlich, nichts Unangenehmes gesagt zu haben. "Gott, was ist mit meinem Bruder?" rief er; eine Schlagerei und Vults Stimme larmten im Gebusch. "Im Park ist keine Gefahr", sagte der Graf, "nur weiter, weiter!" Walt erzahlte schnell das Finden des offnen Briefes im Park. "Was, Monsieur?" rief jener laut neben dem lauten Wasserfall. "Er kann sich unterstehen, meine Briefe, die Er in meinem Parke aufgelesen, dem Generale zu ubergeben, um sich bei ihm einzuschmeicheln, weil dieser der Rittergutsherr von Elterlein ist, Herr?"
Walt wurde wie von zwei Blitzen getroffen, gelahmt und gereizt; mit sterbender milder Stimme sagt' er: "Ach Himmel! das ist aber zu ungerecht Ungluck uber Ungluck ich bin wohl unschuldig- Nein, nein, nur nicht so entsetzlich ungerecht sei man Und es war in Neupeters Park."
Vult horte Klothars Stimme und lief aus der Mooshutte her, worin er aus Verdruss seine alte Kunst, mit seinem Ich eine prugelnde Stube vorzustellen, getrieben hatte. Walt stand an der Statue der Vestalin, die den Kopf senkte, als war' er ihr Ehemann. Der Flotenist, auf eine noch geistigere Schlagerei treffend, als seine gewesen, sah aus allem, dass Walt seine adelige Hulse und Raupen-Haut abgesprengt habe und als feste unbewegliche Puppe dahange. Er bat sich sogleich vom Grafen einige Erklarung des Unwillens aus.
"Sie liegt in der Sache", versetzte, ohne ihn anzusehen, dieser, "nur begreif' ich nicht, wie man keck genug dieselbe Person aufsuchen kann, deren Briefe man lieset, man usurpiert und man in falsche Hande spielt, die ausdrucklich darin verbeten wurden." "O ich habe nichts gelesen", sagte Walt, "ich habe nichts getan; aber ich erdulde gern das harteste Wort, da ich ein solches Ungluck uber Sie gebracht", sagte Walt und zog im Krampf der Hand einen kurzen Theaterdolch aus dem menschenfeindlichen Uberrock und schwang ihn unbewusst. Der Graf bog sich ein wenig zuruck vor dem Sack-Stilett: "Was soll das?" sagt' er zornig. "Herr Graf", fing Vult sehr stark an, "auf mein Ehrenwort, er hat nichts gelesen, sag' ich, ob ich gleich nicht weiss, von was die Rede ist. Gottwalt, besieh, was du in der Hand hast!" Gluhend stiess dieser die Waffe in die Scheide der Tasche.
"Herr van der Harnisch", wandte Klothar sich zum Flotenspieler, "von Ihnen hab' ich mir eine besondere Erklarung auszubitten, inwiefern Sie mir diesen Notar unter fremdem Namen prasentieren konnten." "Ich stehe zu jeder da", versetzte Vult, "als meinen Freund und Verwandten gab ich ihn das bleibt er ich konnt' ihn auch als mutmasslichen Gesamt-Erben der van der Kabelschen Erbschaft prasentieren. Ist sonst noch eine Erklarung notig?" "Ich wurde sie fordern", versetzte der Graf, "wenn ich nicht eben in den Reise-Wagen stiege." "Ich bin erbotig, nachzusteigen und darin auseinanderzusetzen oder uberall", sagte Vult und ging dem Grafen beleidigt nach, der auf seinen Wagen mit stolzer Kalte zuschritt. "O hor auf mich, schone mich", bat Walt, "du weisst nicht, was ich ihm genommen."
"Der Narr soll nicht hitzig reden, und du bist auch einer", fuhr er den Notarius an. "Hr. Graf, Sie sind mir noch Antwort schuldig", sagte Vult. "Gar keine; aber ich frage: Sind Sie beide Bruder?" sagte Klothar.
"Vater und Mutter mussen Sie fragen, nicht mich", sagte Vult. Der ungluckliche Notar konnte matt den Sargdeckel nicht aufstossen, zu welchem hinunter er die polternden Zurustungen zu einem Duelle uber seinem Kopfe horte. "Wenn Sie niemand unter falschem Titel prasentiert haben als sich selber, so brauch' ich keine Erklarung; von Burgerlichen forder' ich keine", sagte der Graf und sass im Wagen. Vult liess die Ture nicht schliessen und rief noch hinein: "Konnen denn nicht die zwei Narren von Adel sein oder gar drei?" Aber der Wagen rollte fort, und er blieb mit vergeblicher Tapferkeit zuruck.
Walt konnte erdruckt dem Menschen kein Gluck nachwunschen, dem er das grosste genommen; nicht einmal im Herzen wagt' er es, Wunsche auszudenken. Ohne Worte schlich er mit dem stillen Bruder aus dem verlornen Eden-Garten. Vult sah den Bruder unter der innern tiefhangenden Wetterwolke gebogen gehen; aber er sprach kein Wort zum Trost. Walt nahm dessen Hand, um sich an ein Herz anzuhalten, und fragte: "Wer kann mich noch lieben?" Vult schwieg und hielt seine Hand nur schlaff; Walt entzog sie; das steife scharfe Schweigen hielt er fur eine Strafpredigt gegen seine Versundigung. Er ging weinend durch die lustigen Abend-Gassen, neben einem Bruder, um dessen eifersuchtige Brust die Tranen wie versteinernde Wasser nur Stein-Rinden ansetzten.
"Warum hast du mich beschutzen wollen?" sagte Walt. "Ich war ja nicht unschuldig. Weisst du alles mit dem Briefe?" Vult schuttelte kalt den Kopf; denn Walts fruhere Erzahlungen davon waren, wie alle seine von sich, aus bloder Demut zu karg und unbestimmt gewesen, als dass Vult sein altes, von der Welt gewecktes historisches Talent, jede Begebenheit ruckund vorwarts zu konstruieren und zu der kleinsten eine lange Vergangenheit und Zukunft zu erfinden, sehr dabei hatte zeigen konnen. Walt hatte von diesem Hoftalent nichts an sich; er sah und strich in einem fort ein Faktum malend an; und weiter bracht' ers nie.
Walt erzahlt' ihm nun das ungluckliche Ubergeben von Winas Brief an ihren Vater. "Ei Teufel!" rief Vult verandert, denn er erriet nun alles und erschrak uber die Verwicklung, in welche er den Bruder gezogen, "schuppe dich droben bei mir ab." "Ja", sagte Walt, "und ob ich gleich kein Ungluck wollte, so hatt' ich doch die Absicht nicht haben sollen, den Vater und die Braut zu sehen. Ach wer kann denn sagen im vielfach verworrenen Leben: ich bin rein. Das Schicksal halt uns (fuhr er auf der Treppe fort) im Zufalle den Vergrosserungsspiegel unserer kleinsten Verzerrung vor Ach uber dem leisen leeren Wort, uber sanften Klangen steht eine stille bedeckte Hohe, aus der sie einen ungeheuern Jammer auf das Leben herunterziehen26."
"Schale dich nur zuvorderst aus dem Hunds-Meinau heraus", sagte Vult sanfter, als sie ins stille von Mondlicht gefullte Zimmer traten. Schweigend hob der Notar den Kotzebuischen Zuckerguss, wie ein Strom sein Eis, tat sanft den Uberrock und KoadjutorHut ab und strich die Locken wieder aus. Als Vult im Mondlicht dem betrubten Schelm das dunne Nankingrockchen wie einen Gehenkten am Aufhang-Bandchen hinlangt' und er es uberhaupt uberlegte, wie lacherlich der Bruder mit dem Korkwams der Verkleidung auf dem Trocknen sitzen geblieben: so dauerte ihn der getauschte stille Mensch in seinen weiten Steifstiefeln unsaglich, und ihm brach mitten im Lacheln das Herz in zwei Stucke von Tranen entzwei. "Ich will dir", sagt' er, sich hinter ihn wie hinter ein Schiesspferd stellend, "das Zopflein machen. Nimm aber das Zopfhand zwischen die Zahne; das eine Ende."
Er tats fast verschamt. Als Vult gar das weiche Krauselhaar unter die Finger bekam und den bruderlichen Rucken vor sich hatte der sehr leicht den Menschen auf einmal tot, fern und abwesend darstellt und durch diese Linienperspektive des Herzens das fremde mitleidig bewegt : so hielt er dem Kopfe den Zugel des Haares ganz kurz am Genick, damit Gottwalt sich nicht umkehren konnte, weil er ihm mit fast schwerer Stimme (weinen konnt' er in solcher Stellung frei und lustig, wie er wollte) die Frage tat: "Gottwalt, liebst du einen gewissen Quoddeus Vult noch?"
In der Stimme lag etwas Geruhrtes. Walt wollte sich eiligst herumwerfen, aber er wurde an den Haaren gehalten. "O Vult, liebst du mich denn noch?" rief er weinend und liess das Zopfband fahren.
"Mehr als jeden und alle Spitzbuben hienieden", versetzte Vult und konnte schwer reden, "und darum krachz' ich wie ein Hund und wie ein Weib. Beisse wieder aufs Zopfband!" Aber der Notar fuhr schnell herum und wurde schneeweiss, als er Tranen uber das wellenschlagende Gesicht des Bruders rinnen sah: "O Gott! was fehlt dir?" rief er. "Vielleicht nichts oder so etwas", sagte Vult, "oder gar Liebe. So fahr's nur heraus, das verfluchte Wort, ich war eifersuchtig auf den Grafen. Es ist nicht sauber vom Bruder, sagt' ich mir, dass er so reviert und jagt, da man ihm mehr zugetan ist als allen Menschen, die der Satan samtlich hole, und von welchen ich in der Tat so schlimm denke als irgendein Kirchen-Vater, ein griechischer oder romischer. Er muss nur nicht denken, mich mit lumpiger Geschwister-Liebe abzufinden. Mein junges Leben steht schon sehr trocken da, die Freihafen der Liebe hat ihr Meer verlassen und keine Katze kann hinein und ankern Bruder, ich hatte oft einige Tage voll Ohrenbrausen, Nachte voll Herzgespann Der Donner, ich weinte einmal abends gegen halb 12 Uhr "
Er musste aber innehalten, die Unterlippe des besturzten Notars zog ein heisser schwerer Liebesschmerz tief herunter. "Was betrubt dich so?" fragte Vult. Walt schuttelte schritt weit auf und ab nahm bald ein Glas, bald ein Buch in die Hand sah nichts an schauete in den hellen Mond und weinte heisser. "So sei es gut!" sagte Vult; "wir wollen die alten sein" und umarmte ihn, aber Walt riss sich bald los. Endlich fasst' er sich und sagte schmerzlich: "Muss ich denn alles unglucklich machen? Du bist heute der dritte Mensch. Die drei Wachskinder in meinem Traum."
Vult fragte, um ihn von den Schmerzen abzufuhren, dringend nach dem Traum. Ungern, eilig erzahlte Walt: "Verhullte Gestalten gingen vor mir vorbei und fragten mich, warum ich nicht jammerte und nicht blass wurde. Eine nach der andern kam und fragte. Ich zitterte vor einer ungeheuern Entschleierung. Da flogen drei bildschone Kinder aus Wachs vom Himmel, sie blickten freundlich, grussten mich. 'Gebt mir die weissen Handlein und zieht mich hinauf', sagt' ich. Sie taten es, aber ich riss ihnen die Arme mit der Brust aus, und sie fielen tot herunter. Und schon als ich erwachte, sah ich noch einen fernen dunkeln Leichenzug, der auf den Knien weiterzog. Der Traum ist eingetroffen."
Vult, dem der zornige Schmerz wie weggezaubert war, machte jetzt alle Anstalten zur Kur des fremden; er stellte ihm alles auf der leichtern Seite vor, klagte den giftigen Schmollwinkel in seiner linken Herzenskammer an, in welchem ein Schmoll-Kobold und Werwolf hause und feurig blicke, zog das Silber von den Giftpillen ab, die er bisher in seine Billette eingewickelt hatte, und machte sein Naturell bekannt, das ohne tuchtigen Zank nicht traktabel werde, wie die Haubenlerche allezeit singe, wenn sie keife, und schwur, Walt sei nicht der erste, dem er mit diesem Seelen-Pips beschwerlich falle, sondern der letzte; denn dessen grenzenlose Leutseligkeit stelle ihn gewiss davon her.
Aber Walt wollte wenig Vernunft annehmen, hielt alles fur opfernde Zartheit und warf ein, dass ihn Vult ja eben gegen den Grafen so feurig beschirmt und bisher zu diesem sogar den Weg gebahnet habe. "Aus Gift, Schatz", sagte Vult, "und einigem Stolz dazu, nur darum. Hier", fuhr er fort und holte den mit zwei Siegeln verschlossenen Brief hervor, "lies den Beweis, ich habe dich voraus gerechtfertiget, und mich besonders."
Der Notarius machte aber das Blatt nicht auf, er sagte, er glaubte aufs Wort und verstehe ihn endlich, und jetzt sei ihm wieder um vieles besser. Vult liess es dabei und druckte sich dem Bruder mit der lang verschobenen heissen Umarmung an das Herz, die seinen wilden Geist erklarte.
Und der Bruder wurde glucklich und sagte: "Wir bleiben Bruder."
"Nur einen Freund kann der Mensch haben, sagt Montaigne", sagte Vult.
"Oh! nur einen", sagte Walt "und nur einen Vater und nur eine Mutter, eine Geliebte und nur einen, einen Zwillings-Bruder!"
Vult versetzte ganz ernsthaft: "Jawohl, nur einen! Und in jedem Herzen bleibe nur die Liebe und das Recht."
"Spasse wieder wie sonst, ich lache gewiss, so gut ich kann", sagte Walt, "zum Beweise deiner Versohnung; dein Ernst durchschneidet sehr das Herz."
"Wenn du willst, so kann wohl gescherzt werden", sagt' er. "Und nein! Bei Gott nein! Wenn die Kamtschadalen glauben nach Steller , von zwei Zwillingen habe jederzeit der eine einen Wolf zum Vater: so bin ich wahrlich dieser Wolfs-Bastard-MestizeMondkalb, du schwerlich. Jetzt, da wir alle klar uber die Verwicklung sprechen konnen, darf ich dir sagen, dass du durchaus rein und recht gegen den Grafen gehandelt; nur dass du zu wenig Egoismus hast, um irgendeinen zu erraten. Klothar hat fast grossen wahrlich, ich greife heute niemand an, sondern schlage dir nach Aber die Philosophen, junge gar, wie er, sind doch bei Gott den Augenblick egoistisch. Menschenliebende Maximen und Moralien sind, weisst du, nur Scherwenzel; ein Licht ist kein Feuer, ein Leuchter kein Ofen; dennoch meint samtliches philosophisches Pack das Deutschland hinauf und hinab, sobald es nur sein Talglicht in das Herz trage und auf den Tisch setze, so heize das Licht beide Kammern zulanglich."
"Lieber Vult", sagte Walt mit der allerzartlichsten Stimme, "erlasse mir die Antwort; ich darf heute am wenigsten uber den unglucklichen Klothar aburteilen, dem ich das Schonste genommen, und der nun einsam in der Nacht hinreiset mit nachtlichem Herzen in nachtliche Zukunft. Du bist rein, nicht ich; du kannst sprechen."
"So sprech' ich", sagt' er, "der Philosoph hat sich diesen Abend gehautet; und das bedeutet, wenns Spinnen tun, klares Wetter. Apropos! haute dich, aber besser und physisch!" Das tat Walt; jener hielt ihn, als er sich zum Entkleiden auf den Stiefelknecht stellte. "Wie lachelt der Mond", sagte Vult, "im Zimmer herum!" Darauf setzte er hinzu: "Stelle dich in den sussen Schein und nimm wieder das Band-Ende zwischen die Zahne; jetzt flecht' ich dir dein Zopflein mit ganz andern Empfindungen und Fingern als vorhin, pomposer Krauskopf!" Darauf schieden sie ruhig und liebreich.
Drittes Bandchen
Nr. 33. Strahlglimmer
Die Bruder Wina
Selige, heilige Tage, welche auf die Versohnungsstunde der Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blode und jungfraulich, der Geliebte neu und verklart, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen vergessenen Krieg nicht. Schlachten heitern den bezognen Himmel auf; beide Bruder standen nach der ihrigen im hellsten Wetter da und sahen sich und alles schon beleuchtet. Walt, der nichts war als Lieben und Geben, wusste jetzt gar nicht, wie er beides noch zarter, noch warmer gegen seinen Bruder sein konnte; denn er trachtete nach dem hochsten Grade; die Narben der kleinen Gewissensbisse brannten ihn noch ein wenig, und die Tranen des sonst durren Vults hatt' er in seiner Seele aufgehoben. Vult stand selber als ein Mensch mit neuen Melodien aus dem Kanon der Liebe da. Ob er diese gleich mehr durch Taten als durch Zeichen wirken liess, so war sie doch zu sehen; sein haufiges Kommen, sein Nachgeben, seine Milde, seine Helfbegierde und bei dem Abschiede wenn er eben schnell genug die Treppe und Unsichtbarkeit erwischen konnte oft sein Bruder-Kuss verrieten sein Inneres. "Niemand", sagte einst Walt zu ihm, "kann ruhrender aussehen als du, wenn du eben die Milde in deine Feueraugen bringst; so kamen mir immer die Sparter vor, wenn sie mit ihren Floten auf das Schlachtfeld zogen." "Es muss mir freilich lassen", sagte er, "als wenn ein Seehund Mama sagt27; ja ich mochte es fast einen leisen pianen Sturmwind nennen. Aber ernsthaft zu sprechen, ich bin jetzt noch bei Konzert-Geld und deswegen ein gutes frohes Lamm; mein Leben ist ein Buch voll geschlagnen Golds, die Blatter sind so weich und so beweglich, freilich Gold-Blattchen auch, mein Kind!"
Walt nahm solche Reden gar nicht ubel. Soweit indes auch Vult das Lieben trieb da er sich fur den nachsten und lachenden Thron-Erben des abgegangenen Freund-Grafens ansehen konnte , so merkte er doch, dass er darin seinen Bruder nur bezahle, nicht beschenke, und dass dieser ihm stets um einen warmen Tag voraus war. Einst horte Vult von seinem Klingeldraht er hiess eine ganze Madchenpension so die ganze heftige Schutzrede wieder, womit der sanfte Walt gerade in der Liebes-Pause fur ihn gegen seine Antipathetiker an Neupeters Tafel aufgetreten war. Walt hatte ihm nicht ein Wort davon gesagt wiewohl aus Liebe nicht bloss gegen den Bruder, sondern auch gegen alle Welt, so wie er aus doppelter Liebe das Kabelsche Testament, das den Bruder ein wenig beleidigen konnte, zu zeigen verweigerte. Vult druckte ihm beim Eintritt im Feuer der Liebe beide Achseln und machte solchem dadurch Luft, dass er die Neupeterschen scherzend handhabte. Aber er traf die falsche Zeit, wo Walt am Hoppelpoppel schrieb und den Schreib-Arm allen funf Weltteilen liebend, fuhrend bot und wo er so sehr an den verlornen Klothar dachte, weil er eben im Buch Freudenfeste findender und gefundner Seelen beging. Mit eigner wehmutiger Freude schrieb er jetzt daran unter dem Betrauern des abgestorbenen Freundes, so wie sonst mit Schmerzen unter dem Nachjagen nach ihm; und wunderte sich uber den Unterschied. Der schone Begeisterungs-Mittag bei Neupeter, auf welchen ihn Vult durch seinen Dank zuruckfuhrte, stellte ihm den Grafen zu nahe wieder an die Brust; er bekannte es dem Bruder ganz offen, wie ihm der Ferne mit seinem ausgeleerten Dasein und mit der verlornen Wina immer in dem Kopfe liege und so schwer auf der Brust wie er ihn einsam in dem zugesperrten Wagen sitzen und zuruckdenken sehe wie ihn ein solcher aus seinem Himmel in einen Kafig getriebene Adler erbarme und wie darum keine Marter bitterer auf der Erde gefunden werde als das Bewusstsein, einem edlen Geist irgendeine zugefuhrt zu haben. "O Vult, troste mich nur recht, wenn du kannst", sagt' er bei dem heftigsten Ausbruch. "Mein unschuldiger Wille trostet mich wenig. Wenn du zufalligst, ohne bose Absicht, ja in der besten vielmehr, durch einen der Holle entflognen Funken ein Krankenhaus oder ein unschuldiges Schweizerdorf oder ein Haus voll Gefangner angezundet hattest, und du sahest die Flammen und darauf die Gerippe: ach Gott, wer halfe dir?"
"Mir die kalte Vernunft und dir ich (sagt' er, aber ohne Groll). Denn ich werde mich bei der Madchenpension hart neben mir an nach den nahern Umstanden erkundigen. Als ich noch im Erblinden stand, sass ich jeden Abend druben; es ist die schnelleste Wiener Klapperpost, die mir noch vorgekommen, da sie manche Sachen schon liefert, indem sie noch geschehen. Der Graf wird nicht wie du durch Zufalle entschuldigt fur seine niedrigen Voraussetzungen uber das Lesen und Ubergeben des Briefs; er macht es ganz nach Art der Grossen und der gallischen Tragiker, die, um etwas zu erklaren, lieber die grosste Sunde als eine kleine annehmen, lieber eine Blutschande als Unkeuschheit." Der Notar gestand, Klothars Versundigung erleichtere die Last der seinigen; blieb aber bei seinem Gefuhl. In der Gesellschaft kann man einen Menschen leichter herabsetzen als hinauf; bei Walt umgekehrt. Vult ging und versprach, bald wiederzukommen.
Eines Nachmittags hupfte Flitte, dessen Tanzsaal die ganze Stadt war, in Walts Stubchen. Er war gewohnt, an jedem Orte so viele und gute alte Bekannte zu zahlen, als Einwohner darin waren; daher schlug er den zur Volksmenge gehorigen Notar ohne Umstande zur Freundes-Menge. Dieser glaubte gern, er komme seinetwegen, und wurde durch die Freude und die Angst, einen solchen Weltmann zu beherbergen, etwas ausser sich gebracht. Sein Ich fuhr angstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf unten in den beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideen-Kornchen aufzutreiben, das er dem Elsasser zutragen und vorlegen konnte zum Imbiss. Er fand wenig, was diesem schmeckte, aber der Elsasser hatte auch keinen Hunger und keine Zahne. Gelehrte Studierstuben-Sassen, welche die ganze Woche, tagaus tagein, im Bankett und Picknick der feinsten, reizendsten Ideen und Gerichte aus allen Weltaltern und Weltteilen schwelgen, bilden sich gar zu leicht ein, dass der Welt- und Geschaftsmann verdrusslich und trocken bei ihnen werde, wenn sie ihn nicht immer heiss und fett mit Ideen ubergiessen am Bratenwender des Gesprachs, indes der Geschaftsmann schon zufriedengestellt ware, wenn er sasse, und der Weltmann, wenn er am Fenster stande oder vernahme, dass die Markgrafin gestern bei Tafel unmassig genieset und dass der Baron von Kleinschwager, dessen Namen er gar nie gehort, diesen Morgen bloss durchpassiert, ohne anzuhalten. Gelehrten kann das schwerlich zu oft vorgestellt werden; sie ziehen sonst immer einen Proviant-Wagen fur die Gesellschaft mit mehreren oder wenigern Gedanken nach oder gar mit Witz. Rechte gewohnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, dass einer das sagt, was der andere schon weiss, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiss, so dass jeder sich zweimal hort, gleichsam ein geistiger Doppeltganger.
Mit Flitten, der so leer an Realien war als Gottwalt an Personalien, konnte dieser wenig anfangen. Indes sprach, sang und tanzte der Elsasser, so gut es ging, trat oft ans Fenster und oft ans Bucherbrett und suchte daruber etwas zu sagen, weil er gern vor jedem mit dem prahlte, was jeder eben war. Einige Menschen sind Klaviere, die nur einsam zu spielen sind, manche sind Flugel, die in ein Konzert gehoren; Flitte konnte nur vor vielen reden; und blieb im Duett fast zu dumm.
Als endlich der gute Notar an der Langweile, die er zu machen glaubte, selber eine fand denn im Gesprach, wie im Pharao, ist erwiesen der Gewinn (des Vergnugens wie des Geldes) nie grosser als der Einsatz von beiden : so studierte er am Elsasser heimlich den Franzosen (denn Elsass, sagt' er, ist doch franzosisch genug) und goss ihn im Vorbeigehen ab fur den Abgusssaal seines Romans und hob ihn auf.
Unter dem Giessen macht' er plotzlich das Fenster zu und eine Verbeugung in den Garten durchs Glas hinaus, weil ihn Raphaela, welche drunten neben Wina der Vespersonne entgegenging, mit zuruckgewandtem Kopfe leicht gegrusset hatte. Da flog Flitte herbei. Raphaela drehte sich, blickte schnell noch einmal um und erkannte nun diesen. Wina ging langsam und wie schwere Schmerzen tragend darneben, den Kopf nach der Abendsonne gehoben und das Schnupftuch mehrmals in die Augen druckend. Raphaela schien heftig zu sprechen und einzudringen und ordentlich an jeder nebligen Lebens-Stelle verborgnen tiefen Tranen-Quellen nachzugraben.
Walt vergass sich so, dass er laut seufzete. "Ich glaube nur", setzt' er gemassigter hinzu, "dass die gute Generals-Tochter weint." "Drunten?" fragte Flitte kalt. "So ists in Verzweiflung uber den eingebussten Grafen; denn sie kann seinen Verlust nicht uberleben. Ein andermal! au revoir ami!" So flog er in den Garten hinab.
Walt setzte sich nieder, stutzte den Kopf auf die Hand, die seine Augen zudeckte, und hatte einen langen reinen Schmerz. Er war nicht imstand, das liebliche Angesicht des schonen Madchens oder dessen Leiden zu behorchen mit Blicken, wenn sie den Garten herwarts kam. Er erschrak vor der ersten Stunde, wo er bei ihrem Vater kopieren und ihr aufstossen konnte. Die untergehende Sonne warmte ihn endlich mutterlich aus dem Winterschlafe der bosen Stunde auf. Der Garten war leer; er ging hinunter. Er wusste nicht, was er drunten wollte. Im Gebusch flatterte ein halb zerrissenes feines Brief-Papierblatt. Er nahm es, es war von weiblicher Hand und enthielt eine aus einem fremden Briefe kopierte Stelle, wie er aus den sogenannten Gansefussen ersah. Ein halbes Blatt, ein entzweigeschlitztes, eine Kopie eines zweiten Briefes einen ersten hatt' er nie gelesen konnt' er wohl ansehen und lesen: "' Blumen entzwei. Glaub es mir. O wie leicht und froh verschmerzt man eignen Schmerz! Wie so schwer den fremden, den man, wiewohl schuldlos und gezwungen, hergefuhrt! Wie kann ein Wesen, das doch auch ein schlagendes Herz hat, ganze Volker weinen lassen, wenn schon der erste Ungluckliche, den man machen mussen, so wehe tut? Verbirg und verschweige aber meine Klage gewissenhaft, damit sie nicht meinen Vater quale, der so leicht alles erfahrt! Doch du tust es ohnehin. Indessen steht mein Entschluss so fest als je; nur will ich ihn bezahlen durch Schmerzen. Ich kann jetzt nichts tun als leiden und besser werden, ich gehe haufiger in die Kirche, ich schreibe ofter an meine Mutter, ich bin gefalliger gegen meinen Vater, gegen jede Menschenseele. Denn es gehort sich, dass ich, da mir die Kirche befiehlt, Freuden zu nehmen, es anderswo einbringe, wo sie es erlaubt, einige zu vermehren. Meine haben langst aufgehort und fruher, als ich Ihn verloren. O sei Du glucklich, meine liebe Raphaela!' Daraus kannst du sehen, Schonste, wie diese Wunde meiner W. mein zu weiches Herz zerdrucken muss. Leb wohl! Das goldne Herz, wenn Du es nicht schon beim Schmied bestellet hast, muss durchaus drei Lot wiegen. Den Hasenbrecher und das Armband hat meine Mutter bekommen.
Deine Raphaela."
Walt wurde unter dem Lesen aus seinem Fenster namentlich gerufen von Vult mit den freudigsten Mienen; er las es unterwegs gar aus. "Du kannst", fing jener lustig an, "meine eustachische Famas-Trompete? Namlich meine kumaische Sibylle der Vergangenheit? Das heisset meine Mietfackel? Himmel, verstehest du mich noch nicht? Ich meine meine historische Oktapla und acht partes orationis (denn so viele Madchen sinds)? Zum Henker, die Schnappweife? Die Pension namlich! Von dieser nun erfahr ich eben folgendes aus reinster Quelle, weil der General, der sie zuweilen besucht, ihr, wie alle Neugierige, ebensoviel vorerzahlt als abhorcht.
Genau genommen, ists die Dogaressa und Direktrice der Madchen, die dem General fur ein paar Neuigkeiten und Hoflichkeiten geradesoviel Tochterseelen opfert, als mir referieren, acht. Es war vorgestern, dass der General sein Wiegenfest beging und nach seiner Sitte das hl. Abendmahl vor seinem Mittagsmahl nahm und darauf der Seelen-Arzenei viel nachtrank. Die Tochter muss allemal mit beichten. Ich weiss nicht, ob du viel mit ausschweifenden Grossen umgegangen, zu welchen Monche am leichtesten sagen wie zu Hunden: faites la belle, fur welche der Ohrenbeichtstuhl das Absonderungsgefass ihres geistigen Ubertrunks und Uberfrasses ist, und welche, wie der Norden, ihre Bekehrung den Weibern verdanken, willst du anders Ludwigs XIV. letzten Stunden glauben. Kurz der General mag so etwas sein. An seinem Geburts- und Beicht-Tage liebt' er von jeher seine Tochter ganz besonders, weil er eine Art Taufwasser um zwei entlegne Sakramente durch Flussigkeiten zu vereinen den ganzen Tag unter der Gehirnschale dem Kopfe aufgiesset. Er hat uberhaupt das Gute, dass er aufrichtig gut gegen sie ist; er sieht ihr sogar nach, dass sie der ihm verhassten protestantischen Mutter in Leipzig anhangt. Da er nun so den ganzen Tag mit seiner Beicht- und Vater-Tochter beisammen bleibt: so trinkt und weint er sehr. Er foderte jetzt Rechenschaft von ihr, warum sie noch so trauerte, dass sie fast den Grafen mehr zu lieben schiene als ihren Gott und die hl. Kirche und ihren Vater. Sie antwortete heftig: das sei es am wenigsten; sogar dem Kirchenrate Glanz, der ofters mit ihr uber den hl. Glauben gesprochen, habe sie nur hoflich zugehort; den Grafen aber nicht mehr geliebt als jeden guten Menschen! Zablocki fragte erstaunt, warum sie ihn, bei ihrer Freiheit der Wahl, doch heiraten wollen. 'Ich dachte', sagte sie, 'ich konnt' ihn vielleicht zu unserer Religion durch rechtes Aufopfern bringen.' Walt! einen Philosophen bekehren! Tauft und tonsuriert lieber eine Perucke!
Der General lachelte und weinte zugleich vor Lust, lief aber immer mehr auf das weiche zarte Wesen Sturm, stieg ins offne Herz und holte sich das zweite Geheimnis. Sie hoffte namlich, ihrer abgeschiedenen protestantischen Mutter (und wohl dem verschuldeten Vater) zuzeiten ein Kopfkissen aus dem reichen Ehebette zuzuwerfen; gestand es aber ohne Metaphern. Da konnte sich der trunkene Vater nicht enthalten, zu schworen, ihm solle lieber ein Traubenschuss in den Magen fahren, oder sein Warschauer Prozess verloren gehen, woll' er je einem solchen seelentreuen Kinde etwas abschlagen oder aufdringen. Und so weiter! Bist du getrostet?"
Walt schwieg; Vult bat ihn um das zerrissene Blatt in seiner Hand. Er las es froh und fand darin seinen Bericht besiegelt und machte seinen Spass uber Raphaelens weibliche Weise, Herz und Wasche, Grosstes und Kleinstes ineinanderzustecken. Aber Walt sagte, eben das, so wie ihr Erzahlen, beweise, dass die Weiber mehr episch seien, die Manner hingegen lyrisch.
Ein Laufer Zablockis kam hinein und meldete, er solle morgen um 4 Uhr erscheinen zum bewussten Kopieren. Er verbarg muhsam den ganzen Abend die Starke seiner Bewegungen.
Nr. 34. Inkrustierte Kletten
Kopierstunde
Um 4 Uhr erschien Walt vor dem General, der wie gewohnlich lachelnd den Blauaugigen aufnahm. Vergeblich hatte er vor einer Erinnerung an den Brief oder einer Erscheinung der Verfasserin gezagt. Zablocki gab ihm die namenlosen oder nur taufnamigen Briefe auf dem schon geaderten Sekretar samt Schreibbefehlen und ging davon. Mit so sehr ausgesuchten End-Lettern oder Final-Schweifen als nur je aus Paris versandt werden nebst viel schlimmern Polaritaten, z.B. Robespierrischen Schweifen, Culs de Paris, kopierte der Notar und sah sich spat um.
Das schone Kabinett war von den Tapeten zu einer Blumenlaube gemalt, aber voll Blumendufte, die aus einer wahren kamen, und voll gruner Dammerung. Die Jalousie-Gitter waren vorgezogen, fur ihn ein gruner Schleier eines blendenden Tags; sogar im Winter grunte ihn dieses Blatter-Skelett der vertrockneten bunten Zeit wie ein Zauber an. "In dem nahen Wandschrank hangt er", sagt' er sich, "Winas himmelblaues Kleid, denk' ich." Wie auf einer sanftwallenden Wolke sass er und schrieb oft eine briefliche Wendung ab, die sich fur seine Lage sehr gut schickte. Es wiegt' ihn auf und nieder, dass er sich doch mit ihr, mit derjenigen in einer Zimmer-Ebene, unter einem Dache befand, mit welcher er das Trauerband derselben Schmerzen trug und die ihm nach dem Untergang der Freundschaftssonne als stiller Liebes-Hesperus fortschimmerte.
Er kopierte mit gespitzten Ohren, weil er (nicht ohne alle Hoffnung) in der Furcht dasass, dass Wina gar ins Kabinett und an einen oder den andern Sekretar fliege, den holzernen oder den lebendigen. Indes kam nichts. Er uberlegte sehr, ob er nicht in den Wandschrank einbrechen und das himmelblaue Kleid als den blauen Ather der fernen Sinne leicht anruhren sollte mit Hand oder mit Mund als der General eintrat, ihn erschreckte und das Kopieren pries und schloss.
So glucklich ging die Schreibstunde und die Gefahr, Wina zu sehen, voruber, und er wankte heim mit einem Kopfe, der sich ein wenig im Herzen vollgetrunken hatte.
Auf den Turmknopfen und Park-Gipfeln lag noch susses rotes Sonnenlicht und weckte zugleich das Sehnen und Hoffen der Menschen in und ausser Hasslau.
Er kopierte den zweiten Tag, stets mit derselben Angst, dass Wina die Ture aufmache. Der dritte aber wo wieder nichts kam machte ihn, wie jeden Krieger die Zeit, so mutig und so zum Mann am vierten, dass er in der Tat sich sehnte nach Gefahr. Ganze Nachte musste jetzt das fromme Madchen vor seiner Seele stehen er hatte dabei seinen ewigen Fruhling , bloss weil er einen Plan nach dem andern entwarf und verwarf, wie er noch jetzt, um die Folgen des offnen Briefs zu verguten, etwan durch die Sanfte fur den Grafen wirken konnte. Es wollte ihm aber nie etwas Bedeutendes einfallen.
Am vierten Tage hort' er, unter dem Abschreiben einer schonen erotischen Gestikulation im Briefe, eine weibliche Singstimme, die, obwohl aus dem dritten Zimmer, doch ebensogut aus dem dritten Himmel kommen konnte. Er kopierte feurig weiter; aber eine Sonnenstadt nach der andern erbaueten in ihm diese Orpheus-Tone, und die Felsen des Lebens tanzten nach ihnen. Er erinnerte sich noch recht gut, was ihm Vult uber Winas Singen geschrieben. Als er darauf unter dem Heimgehen dieselbe Stimme fortsingend vor sich mit einer Schachtel unter dem Arm auf der Treppe sah und auf jeder Staffel erstaunte und nachdachte: so macht' es ihm das schlechteste Vergnugen von der Welt, diese Stimme auf der Gasse zu einer andern sagen zu horen, ihre Fraulein denn es war die Putzjungfer komme erst nachsten Freitag aus Elterlein zuruck er spurte ordentliches Sehnen, einmal in seinem Geburtsortlein zu sein und aus der so heissen Stadt herauszukommen.
Himmel, schloss er indes, wenn schon diese Putzjungfer Karyatide der fernen Gottin so singt, wie muss erst diese glanzen, sowohl im Gesang als sonst! Er wurde unendlich begierig, einem Widerscheine der heiligen Nachbarschaft Winas ins Gesicht zu sehen, uberhaupt einer Person, deren gottlichen Geist der Tone er, hinter ihr gehend, anbetete, kurz der Soubrette. Denn er glaubte langst, eine erste Sangerin sei gewiss nicht die letzte Monatsheilige oder eine Sirene; und eine babylonische Hetare behalte keine Stimme, gesetzt sie hatte eine besessen; eine Meinung, die gutmutige Weltleute mehr seiner Unbekanntschaft mit Buhne und Welt zuschreiben sollten als seiner Dummheit.
Er mochte kaum drei schnellere Schritte getan haben, um ihr vorzukommen: als er drei Fluche und ein Kotwort vernahm. Er drehte sich heftig um, mit der glanzenden Ordenskette in Handen, die er der anscheinenden Ordensschwester der Sklavinnen der Tugend vom Sing-Halse gerissen; und in einer dunkeln Allee der Stadt liess er Tranen fallen, daruber, dass eine solche rauhe Seele eine Singstimme besitze, und dass sie der heiligen so nahe wohne. Hoch aber zog Winas Gestalt in ihrem glanzenden Wolkenhimmel weiter; und ihm war, als konne nur ein Tod ihn, wie zu Gott, so zur Gottin bringen.
Nr. 35. Chrysopras
Traumen Singen Beten Traumen
Am Freitage darauf, wo Wina wiederkommen sollte, sprang er, ohne an sie zu denken, so innig-vergnugt aus dem Bette in den Tag, als war's ein Brauttag. Er wusste keinen Grund, als dass er die ganze Nacht einen immer zuruckflatternden Traum gesehen, wovon er kein Bild und Wort und nichts behalten als einige anonyme Seligkeit. Wie Himmelsblumen werden oft Traume durch die Menschennacht getragen, und am Tageslicht bezeichnet nur ein fremder Fruhlingsduft die Spuren der verschwundenen.
Die Sonne blitzte ihm reiner und naher, die Menschen sah er wie durch einen Traum der Trunkenheit schoner und werter gehen, und die Quellen der Nacht hatten seine Brust mit so viel Liebe vollgegossen, dass er nicht wusste, wohin er sie leiten sollte.
Zu Papier sucht' er sie anfangs zu bringen, aber kein Streckvers und kein Kapitel gelang. Er hatte einen Tag wie nach einer vertanzten Nacht: man will nichts machen als hochstens Traume, und auch nicht anderes haben alles soll sanft sein, sogar die Freude sie soll nicht mit Windstossen an den Flugeln reissen, still sollen die ausgestreckten Schwingen das dunne Blau durchschneiden und durchsinken nur Abendlieder will der Mensch sogar am Morgen, aber kein einziges Kriegslied, und ein Flor, aber ein hellgefarbter, bezieht und dampft die Trommel des ErdenTobens.
Walt konnte nichts anders machen "nur heute kein Instrument, das gebe Gott!" wunschte er als einen Spaziergang in das van der Kabelsche Holzchen, das er einst erben kann, und wo er den entfremdeten Grafen zum erstenmale auf der Erde gesehen. Um ihn flogen, gingen, standen Traume aus tiefen Jahrhunderten aus Bluten- und Blumenlandern aus Knabenzeiten ja ein Traumchen sass und sang im spannenlangen grunen Weihnachts-Gartchen der Kindheit, das sich der kleine Mensch auf vier Radern am Faden nachzieht. Siehe, da bewegte vom Himmel sich ein Zauberstab uber die ganze Landschaft voll Schlosser, Landhauser und Waldchen und verwandelte sie in eine blutendicke Provence aus dem Mittelalter. In der Ferne sah er mehrere Provenzalen aus Olivenwaldern kommen sie sangen heitere Lieder in heiterer Luft die leichten Junglinge zogen voll Freude und voll Liebe mit Saitenspielen in die Taler vor hohe goldbedeckte Burgen auf fernen Bergspitzen aus den engen Fenstern sahen ritterliche Jungfrauen herunter sie wurden herabgelockt und liessen in den Auen Zelte aufspannen, um mit den Provenzalen ein Wort zu reden (wie in jenen Zeiten und Landern, wo die Erde noch ein leichtes Lustlager der Dichtkunst war, und der Troubadour, ja der Conteur sich in Damen hochsten Standes verlieben durfte) und ein ewiger Fruhling sang auf der Erde und im Himmel, das Leben war ein weicher Tanz in Blumen.
"Susse Freudentaler hinter den Bergen", sang Walt, "ich mochte auch hinuberziehen in das morgenrote Leben, wo die Liebe nichts verlangt als eine Jungfrau und einen Dichter ich mochte druben in wehender Fruhlingsluft mit einer Laute zwischen den Zelten mitgehen und die stille Liebe singen und schnell aufhoren, wenn Wina vorbeiginge."
Darauf kehrte Walt in sein Kammerchen zuruck, fand aber, mit seiner geographischen und historischen Provence in der Brust, so wenig Platz darin, dass er mit einiger Kuhnheit denn die Poesie hatt' ihn sehr gleich und frei gemacht in Neupeters Park hinabspazierte, wo er Floren, mit Fruchten wie eine Pomona beschwert, in den Wurf kam und die Hand gab. Dem Dichter glanzet die ganze Welt, doch aber eine herzogliche, konigliche Krone matter als ein schoner weiblicher Kopf unter Krone und Herzogshut, oder als ein anderer, der nichts aufhat als den Himmel uber sich; er ist bescheiden, wenn er einer Furstin, und aufgerichtet, wenn er einer Hirtin die Hand gibt; nur zu den Vatern beider lasset er sich oft gar nicht herab.
In einer Laube fand er ein Strumpfhand. Ein italischer Vers denn Raphaela verstand welsch, obwohl er nicht und ihr Name war darauf gestickt. Da er an diesem geistigen Morgen merkte, dass er einen provenzalischen Ritter und Poeten zugleich in sich verbinde: so fasst' er den freien Entschluss, das Strumpfband denn er hielts fur ein Armband selber Raphaelen, die er brieflesend schleichen sah, mit einigen bedeutenden Worten zu uberreichen. Er legte das Band weich vorn auf die flache Hand wie auf einen Prasentierteller und trug es ihr zart mit der Wendung entgegen die er aus vielen andern uber weltlichen Arm und Arm aus den Wolken ausgelesen : er sei so glucklich gewesen, ein schones Band der Liebe zu finden, eine Sehne an Amors Bogen, gleichsam den grossern Ring an schoner Hand, und er wisse nicht, wer glucklicher sei, der, so ihn abzoge, oder der ihn anlegte. Raphaela errotete beschamend-verschamt, nahm das Band, steckt' es schnell ein und ging stumm fort; Walt dachte: fast ein gar zu zartes Gemut!
Er brachte noch viel von seiner Morgenfreude an die Wirtstafel: als er zu seinem Erstaunen da erfuhr was er schon langst gewusst , dass an der Juden-Vigilie, am Freitag, die Katholiken fasteten. Er legte Messer und Gabel neben den Teller hin. Keinen Bissen und war' er aus dem Reichs-Ochsen in Frankfurt bei der Kaiserkronung ausgeschnitten gewesen hatt' er noch an die Zunge heben konnen. "Ich will nicht kostlich schwelgen", dachte er betagtes Vakzinefleisch war aufgesetzt , "in der Stunde, wo eine so wohlwollende Seele wie Wina darben muss."
Wie eine Ehefrau hatte er bei der Gleichgultigkeit gegen eigene Ess-Entbehrungen ein weinendes Erbarmen uber fremde. Er dachte nach und fand es immer harter, dass die Kirche auch Nonnen fasten liesse, nicht die Monche allein; da es vielleicht schon genug ware, wenn nur Spitzbuben, Spieler, Morder nichts Rechts zu essen hatten.
Er ging in die Kopierstube zum General, nicht nur mit dem volligen Wunsche, das Madchen zu sehen, das heute an seinem romantischen Tage eine Martyrin gewesen, sondern auch mit der Gewissheit, sie sei von Elterlein zuruck und erscheine. Wahrend er mit unsaglichem Vergnugen einen ausserst frechen Brief einer gewissen Libette, wie er nur aus der moralischen Lutetia28voll Epikurs-Stalle kommen kann, ins reine schrieb denn er schmeckte in diesen Freudenkelchen nur den Abendmahlswein der geistigen Liebe und keinen geschwefelten , so drang aus den halboffenen Zimmern kein Laut in sein Kabinett, den er nicht zu einer Ankundigung einer Erscheinung zitternd machte. Wie in weiten dichten Waldungen ferne lange Tone hier und dort romantisch durchklingen: so kamen ihm einzelne Akkorde auf dem Fortepiano Rufe des Generals Antworten an Wina vor. Endlich hort' er wirklich Wina selber im nachsten Zimmer mit ihrem Vater vom Singen sprechen. Er gluhte bis zur Stirn hinauf und buckte den unruhigen Kopf fast bis an die Feder nieder. Sie hatte jenen innigsten, herzlichsten, mehr aus der Brust als Kehle heraufgeholten Sprachton, den Weiber und Schweizer viel haufiger angeben als andre Leute.
Indem der General eintrat und Walt flammend fortkopieren wollte: hatt' er das Ungluck, dass das Madchen Singnoten aus dem Kabinette fliegend wegholte, ohne dass er vor lauter Zartheit etwas gesehen hatte, wenn man nicht die weisse Schleppe zu hoch anschlagen will. Bald darauf fing im zweiten Zimmer ihre Singstimme an "O nein doch", rief der General durch die offnen Turen, "den letzten Wunsch von Reichardt meint' ich29."
Sie brach ab und fing den begehrten Wunsch an. "Singe", unterbrach er sie wieder, "nur die erste und letzte Strophe ohne die ennuyanten." Sie hielt inne, mit Fingern uber den Tasten schwebend, und antwortete: "Gut, Vater!" Die Verse heissen:
Wann, o Schicksal, wann wird endlich
Mir mein letzter Wunsch gewahrt:
Nur ein Huttchen, klein und landlich;
Nur ein kleiner eigner Herd;
Und ein Freund, bewahrt und weise,
Freiheit, Heiterkeit und Ruh'!
Ach und sie, das seufz' ich leise,
Zur Gefahrtin sie dazu.
Vieles wunscht' ich sonst vergebens;
Jetzo nur zum letztenmal
Fur den Abend meines Lebens
Irgendwo ein Friedens-Tal;
Edle Muss' in eigner Wohnung
Und ein Weib voll Zartlichkeit,
Das, der Treue zur Belohnung,
Auf mein Grab ein Veilchen streut.
Wina begann, ihre susse Sprache zerschmolz in den noch sussern Gesang, aus Nachtigallen und Echos gemacht sie wollte ihr liebewarmes Herz in jeden Ton drangen und giessen, gleichsam in einen tonenden Seufzer; den Notar umfing der lang getraumte Seelenklang mit der Herrlichkeit der Gegenwart so, dass ihn das heranrollende Meer, das er von fernen rollen und wallen sah, nun mit hohen Fluten nahm und deckte. Der General sah unter dem Singen die Kopie des frechen letzten Briefes mit einiger witziger Heiterkeit auf dem Gesichte durch und fragte lachelnd: "Wie gefallt Ihnen die wilde Libette?" "Wie der jetzige Gesang, so wahr, so innig und so tief gefuhlt", versetzte Gottwalt. "Das glaub' ich auch", sagte Zablocki mit einem ironischen Mienen-Glanz, den Walt fur HorVerklarung nahm.
"Was sind so Ihre vorzuglichsten Notariats-Instrumente bisher gewesen?" fragte der General. Walt gab viele kurz und schleunig an, sehr verdrusslich, dass er sein Ohr wie sein Leben zwischen Gesang und Prosa teilen sollte. Ob er gleich sich so weniger Seelenkrafte und Worte dabei bediente, als er nur konnte: so war fur Zablocki doch kein Mensch weder aus Wetzlar noch Regensburg oder aus irgendeinem schriftstellerischen bureau des longitudes et des longueurs zu lang, zu weitschweifig, sondern bloss zu abrupt. "Ich glaube", fuhr Zablocki fort, "Sie machten auch einige Sachen fur den Grafen von Klothar?"
"Keine Zeile", versetzte Walt zu eilfertig; er war vollig von den schonen Tonen weggespult und begriffs nicht, dass der General, der selber diese schonen Laute vorgeschrieben, sie uber platte verhoren wollte. "O Gott, wie kann ein Mensch nicht im harmonischen Strome untersinken, sondern daraus noch etwas vorstecken, besonders die Zunge? Ist das moglich, zumal wenn es einen so nahe angeht wie hier den verwaisten General?" Walt glaubte namlich, der General, der von der Frau und auch von der Jugend geschieden war, habe solche und ahnliche Zeilen wie
Jetzo nur zum letztenmal
Fur den Abend meines Lebens
Und ein Weib voll Zartlichkeit
bloss als Nachtigallen-Darstellungen eigener SeelenKlagen singen lassen. Es konnte ihn weit mehr ruhren zumal da es auch viel reiner war , wenn er Ton-Spruche auf fremde Leiden und Wunsche, als wenn er sie auf eigne bezog; und darum war ihm der vergebliche Anteil an Zablocki so unlieb.
Vult aber, dem er alles vortrug, sprach spater den Weltmann mit diesen Worten frei: "Er ist an HofKonzerte gewohnt, mithin an Taub-Bleiben wie Cremen ist das Weltleben gleich kalt und suss; indes hat der Weltmann oft viel Ohr bei wenig Herz (wie andere umgekehrt) und behorcht wenigstens die Form der Tonkunst ganz gut."
"Keine Zeile", hatte Walt eilfertig gesagt. "Wieso?" versetzte Zablocki. "Mein Gerichtshalter sagte mir gerade das Gegenteil." Hier entfuhren Walten die Tranen; er konnte nicht anders, die letzten Sang-Zeilen hatten ihn mit- und weggenommen; die Scham uber die unwillkurliche Unrichtigkeit trug weniger bei: "Wahrhaftig", versetzt' er, "das meint' ich eben; denn die Schenkungs-Akte wurde unterbrochen die ersten Zeilen schrieb ich naturlich." Der General schrieb die Verwirrung des geruhrtesten Gesichts nicht der schonern Stimme zu, sondern seiner eignen brach gutmutig mit den Abschiedsworten ab, dass er auf einige Wochen das Kopieren einstelle, weil er morgen mit seiner Tochter nach Leipzig auf die Messe reise. Hier horte das Singen auf; und Walts kurzes Entzucken.
Nr. 36. Kompassmuschel
Traume aus Traumen
Auf der hellen Gasse war dem aus dem Zablockischen Hause wankenden Notar, als sei ihm etwas aus den Handen gezogen, etwa ein ganzer brennender Christbaum oder eine Himmelsleiter, die er an die Sonne anlegen wollen. Plotzlich sah er ohne zu fassen wie die bose Aftersangerin oder Putzjungfer des Generals und vor ihr Wina gehen, in die katholische Kirche. Letztere macht' er ohne Umstande zur Simultankirche und trat der zarten Nonne nach, um von ihr die Zeile: "Wann, o Schicksal, wann wird endlich" fortsingen zu horen; denn sein inneres Ohr horte sie noch ganz deutlich auf der Gasse.
Im Tempel fand er sie kniend und gebogen auf den Stufen des Hochaltars, ihr schmuckloser Kopf senkte sich zum Gebet, ihr weisses Kleid floss die Stufen herab. Der Messpriester in wunderlicher Kleidung und Bedienung machte geheimnisvolle Bewegungen die Altarlichter loderten wie Opferfeuer ein Weihrauchwolkchen hing am hohen Fensterbogen und die untergehende Sonne blickte noch gluhend durch die obersten bunten Scheiben hindurch und erleuchtete das Wolkchen unten im weiten Tempel war es Nacht. Walt, der Lutheraner, dem ein betendes Madchen am Altare eine neue himmlische Erscheinung war, zerfloss fast hinter ihrem Rucken in Licht und Feuer, in Andacht und Liebe. Als ware die Heilige Jungfrau aus dem beflammten Altarblatte, worauf sie gen Himmel stieg, herabgezogen auf die Stufen, um noch einmal auf der Erde zu beten, so heilig-schon sah er das Madchen liegen. Er hielt es fur Sunde, funf Schritte weiter vorzutreten und der Beterin gerade ins fromme Angesicht zu sehen, obgleich diese funf Schritte ihn funf goldne Sprossen auf der Himmelsleiter hoher gebracht hatten. Zuletzt zwang ihn sein Gewissen, gar selber wiewohl er protestantisch dachte hinter den stillen Gebeten einige eigne leichte zu verrichten; die Hande waren schon langst gehorig gefaltet gewesen, eh' er nur darauf gedacht, etwas dazu zu beten.
Es ist aber zu glauben, dass in der Welt hinter den Sternen, die gewiss ihre eignen, ganz sonderbaren Begriffe von Andacht hat, schon das unwillkurliche Handefalten selber fur ein gutes Gebet gegolten, wie denn mancher hiesige Handdruck und Lippendruck, ja mancher Fluch droben fur ein Stoss- und Schussgebet kursieren mag; indes zu gleicher Zeit den grossten Kirchenlichtern hienieden die Gebete, die sie fur den Druck und Verlag ohne alle Selbst-Rucksichten bloss fur fremde Bedurfnisse mit bestandiger Hinsicht auf wahre mannliche Kanzelberedsamkeit im Manuskripte ausarbeiten, droben als bare Fluche angeschrieben werden. Wenn nun solche Lichter dort von einem und dem andern Engel des Lichts ausgeschneuzet werden, wenn solche Konsistorialvogel zu volligen Galgenvogeln gerupft im Himmel fliegen: so durfen verkannte Galgenvogel dieser Art in ihren theologischen Journalen, falls sie droben welche schreiben, mit Recht darauf aufmerksam machen, dass die zweite Welt wunderliche Heiligen habe und noch manche Aufklarung brauche, bis sie so weit vorrucke, dass sie Gebete auf dem Theater und Gebete auf dem Schreibepult, nach einem liturgischen Stilistikum, sozusagen abgeflucht, gleich gut aufnehme.
Walt blieb, bis Wina aufstand und voruberging, um sie anzusehen. Er konnt' es aber nachher gar nicht begreifen, dass er, als sie in der grossten Nahe war, unwillkurlich wie krampfhaft die Augen zugedruckt; "und was halfs mir viel", sagt' er, "dass ich ihr durch drei Gassen hinter ihr nachguckte?"
Er schweifte aus der Stadt hinaus. Es war ihm, als wenn zwei einander entgegenwehende Sturme eine Rose mitten im Himmel schwebend erhielten. Draussen stand ein langes bergiges Abendrot wie ein Nordschein am Himmel und machte Licht. Er suchte jetzt seine alte Sitte hervor, grosse Erregungen z.B. wenn er irgendeinen Virtuosen gesehen, und war's auf dem Tanzseile gewesen dadurch zu nahren und zu stillen, dass er sich frei einen Superlativ des Falls austraumte, wo er die Sache noch millionenmal weitertrieb. Er wagte dreist den herrlichsten Traum uber Wina und sich. "Wina ist eine Pfarrerstochter aus Elterlein", fing er an, "zufallig reis' ich durch mit Suite; ich bin etwa ein Markgraf oder Grossherzog, namlich der Erbprinz davon noch jung (doch ich bins jetzt auch), so bildschon, sehr lang, mit so himmlischen Augen, ich bin vielleicht der schonste Jungling in meinem Lande, ganz ahnlich dem Grafen Sie sah mich vor dem Pfarrhause vorbeisprengen auf meinem Araber; da wirft ein Gott aus dem Himmel den unausloschlichen Brand der Liebe in ihre arme zarte Brust, als er das Zeichen, einen Erbprinzen auf einem Araber, erblickt. Ich sah sie aber nicht im Galopp.
Ich halte mich indes im schlechten Wirtshaus nicht lange auf, sondern besteige ohne Suite den nahen Himmelsberg, wovon man mir versicherte, dass er die schonsten Aussichten des Dorfchens um sich sammle. Und ich fand es auch wahr. Ich komme vor die hinabsteigende Sonne, auf goldnen Bergen der Erde stehen goldne Berge der Wolken; o nur die gluckliche Sonne darf hinter die seligen Geburge gehen, welche das alte, ewig verlangte rosenrote Liebestal des Herzens umschliessen Und ich sehne mich bitter hinuber, weil ich noch nicht lieben durfte als Prinz, und traume mir Szenen. Da schlagt eine Nachtigall hinter mir so heiss, als zoge sie ihren Ton gewaltsam aus meiner Brust; sie sitzt auf der linken Schulter der Pfarrtochter, die, ohne von mir zu wissen und mich zu sehen, herauf vor die Abendsonne gegangen war. Und ihre beide Augen weinen, und sie weiss nicht warum, denn sie schreibts den Tonen ihrer zahm gemachten Philomele zu. Ein Wesen seh' ich da, wie ich noch nie gesehen, ausgenommen im Konzert doch es ist eben Wina eine Menschen-Blume seh' ich, die ohne Bewusstsein prangt und deren Blatter nichts offnet und schliesset als der Himmel. Abendrote und Sonne mochten ordentlich gern naher zu ihr, das Purpurwolkchen wunschte herunter, weil sie die Liebe selber ist und wieder die Liebe selber sucht, sie zieht alles Leben an sich heran. Eine Turteltaube lauft um ihre Fusse und girrt mit zitternden Flugeln. Die andern Nachtigallen flattern fast alle aus ihren Buschen und singen um die singende herum.
Hier wendet sich ihr Blau-Auge von der Sonne und fallt aufgeschlagen auf mich; aber sie zittert. Auch ich zittere, aber vor Freude, und auch ihretwegen. Ich gehe zu ihr durch die schlagenden Nachtigallen hin; wir sind uns in nichts gleich als in der Schonheit, denn meine Liebe ist noch heisser als ihre. Sie buckt ihr Haupt und weint und bebt, und ich glaube nicht, dass allein mein hoher Stand sie so erschuttert.
Was gehen mich gefurstete Hute und Stuhle mehr an? Ich schenke alles dem Gott der Liebe hin; 'wenn du mich auch kennst, Jungfrau', sag' ich, 'so liebe mich doch.' Sie redet nicht, aber ihre Nachtigall fliegt auf meine Schulter und singt. 'Sieh!' sag' ich ehrerbietig und mehr nicht; und nehme ihre rechte Hand und drucke sie mit beiden Handen fest an mein Herz. Sie will sie aber mit der linken holen und losmachen; aber ich fasse und drucke nun auch die linke. So bleiben wir, ich seh' sie unaufhorlich an, und sie blickt zuweilen auf, ob ichs noch tue. 'Jungfrau, wie ist dein Name?' sag' ich spat. So leise, dass ichs kaum vernehme, sagt sie: 'Wina.' Mich durchzittert der Laut wie eine ferne alte Bruder-Stimme.
'Wina bedeutet Siegerin', antwort' ich. Sie druckt, glaub' ich, schwach meine Hand; die Liebe hat sie erhoben, uber Pfarrers- und uber Prinzenstand. So blick' ich sie unaufhorlich an, und sie mich zuweilen die rufenden Nachtigallen schliessen uns ein die bluhenden Abendwolken gehen unter- der lachelnde Abendstern geht unter der Sternenhimmel zieht sein Silber-Netz um uns wir haben die Sterne in der Hand und in der Brust und schweigen und lieben. Da fangt eine ferne Flote hinter dem Himmelsberge an und sagt alles laut, was uns schmerzt und freuet: 'Es ist mein guter Bruder', sag' ich, 'und im Dorfe wohnen meine lieben Eltern.'" Hier kam Walt zu sich; er sah umher, im Flusse (er stand vor einem) sank sein Furstenstuhl ein, und ein Wind blies ihm die leichte Krone ab. "Es war' auch zuviel fur einen Menschentraum, sie gar zu kussen", sagt' er und ging nach Hause. Unterwegs pruft' er die Rechtmassigkeit des Traums und hielt ihn so Stuck fur Stuck an den moralischen Probierstein, dass er ihn auf die beste Weise zum zweiten Male hatte. So halt sich die fromme Seele, welche bange schwimmt, gern an jedem Zweige fest, der auch schwimmt. So ist die erste Liebe, wiewohl die unverstandigste, doch die heiligste; ihre Binde ist zwar dicker und breiter denn sie geht uber Augen, Ohren und Mund zugleich , aber ihre Schwungfedern sind langer und weisser als irgendeiner andern Liebe.
Vor Neupeters Hause unten sah er lang zu seinem Fenster auf, seine Zelle kam ihm ordentlich fremd vor und er sich, und es war ihm, als musse der Notar jede Minute oben herausgucken auf ihn herunter. Plotzlich fing am Fenster eine Flote an; er fuhr sehr kurz zusammen, da sein lieber Bruder ihn droben erwartete. Er brachte ihm das Feuer zu, in welches Wina ihr mildes Ol gegossen. Vult war ganz liebreich und freundlich; denn er hatte unterdessen im Doppel-Roman das neue Stuck Gartenland besehen und umschritten, das Walt bisher daran fertig gemacht und gemauert und hatte da gefunden, dass die grunen Hangbrucken, die vom Herkules-Tempel der Freundschaft wegfuhrten, sehr schon gut gebogen und angestrichen, die Moosund Rinden-Einsiedelei der ersten Liebe aber, die sich selber noch fur einsam und einherzig halt, vortrefflich, namlich still und dunkel und romantisch angelegt worden, so dass nun nichts weiter mehr fehlte als die Vogelhauser, Klingel-Hauschen, Satyrs und andere Garten-Gotter, die Vult seines Orts und Amts von der Brucke an ausschweifend zu postieren hatte.
Er pries gewaltig, wiewohl heute das Lob den Notar weniger entzuckte als erweichte. "Bruderlein", sagt' er, "kennt' ich dich und die Macht der Kunst nicht so gut, so schwur' ich, du warest schon auf dem elektrischen Isolier-Schemel der ersten Liebe gestanden und hattest geblitzt; so wahr und hubsch steht jeder Funke da." Denn Vult hatte bisher, ungeachtet oder vielmehr wegen aller Offenherzigkeit des Bruders, das Vergissmeinnicht der Liebe nicht in ihm bemerkt, weil alles in ihm voll Liebes-Blumen stand, und weil Vult selber jetzt nicht viel aus den Weibern machte. Sein Schmollgeist, sagt' er oft, meide den weiblichen; man musse aus einem lackierten Stabchen, das nur fur die weiblichen Blumen in der Erde steht, eine romische Saule werden, deren Kapital jene Blumen bloss bekranzen.
Sehr erstaunte Walt der im Doppel-Roman nur der Dichter, namlich das stille Meer gewesen, das alle Bewegungen, der Seegefechte und des Himmels, abspiegelt, ohne selber in einer zu sein , als Vult aus dem Buche von weitem schliessen wollte, er liebe vielleicht. Er glaubte dem gereiseten Flotenisten aufs Wort; sagte aber selber keines davon und war heimlich ganz vergnugt, dass ers jetzt gerade so habe, wie ers hinschreibe. Stundenlang frappierte ihn eine neue Rolle, worin er etwas zu spielen hatte, was schon millionenmal auf allen Planeten gespielet worden.
Als nun die Bruder nach ihrer Gewohnheit ihre gegenseitigen Tagesgeschichten gegeneinander austauschen wollten: so ging dem Notar die seinige sehr schwer und klebend von der Zunge; er hielt sich mehr an den General und an dessen memoires erotiques, um seine eignen zu decken.
Er lobte die geistige reine Blute in jenen; Vult lachelte daruber und sagte: "Du bist eine verdammt gute Seele!" Die Liebe, welche das ganze Herz offnet, so wie verschenkt, verschliesset und behalt doch den Winkel, wo sie selber nistet; und diktiert dem besten Jungling die erste Luge, wie der besten Jungfrau die langste.
Walt begleitete bei seinen innern Bewegungen, deren Blutkugelchen wie hohere Kugeln einen freien Himmel zum Bewegen brauchten den Bruder nach Hause. Dieser begleitete erfreut wieder jenen; Walt wieder diesen, um vor Winas Fenstern auf dem Heimwege vorbeizukommen. So trieben sie es oft, bis der Notarius siegte.
Einsam unter dem breiten Sternenhimmel konnt' er die gluhende Seele recht ausdehnen und abkuhlen. "Sollt' ich denn den romantischen, so oft gedichteten Fall jetzt wirklich in der Wirklichkeit erleben, dass ich liebte?" sagte er. "Nun so will ich", setzt' er dazu, und der bisher winterlich eingepuppte, gefrorne Schmetterling sprengte die Puppen-Hulse weit ab und fuhr auf und wiegte feuchte Schwingen, "lieben wie niemand und bis zum Tod und Schmerz denn ich kanns ja gut, da sie mich nicht kennt und nicht liebt und ich ihr nichts schade und sie sehr von Stand ist und jetzt vollends auf einen Monat verreiset. Ja es sei ihr ganz und voll hingereicht, das unbekannte Herz, und wie unterirdischen Gottern will ich ihr schweigend opfern. O ich konnte diese Sterne fur sie pflukken zum blitzenden Juwelen-Strauss und weiche Lilien aus dem Monde darein binden und es in ihrem Schlafe neben ihr Kissen legen; wusst' es auch kein Wesen, wer es getan, ich ware zufrieden."
Er ging die Gasse herab an Zablockis Haus. Alle Lichter waren ausgeloscht. Eine kernschwarze Wolke hing sich uber das Dach; er hatte sie gern herabgerissen. Alles war so still, dass er die Wanduhren gehen horte. Der Mond schuttete seinen fremden Tag in die Fenster des dritten Stockwerks. "O war' ich ein Stern", so sang es in ihm, und er horte nur zu, "ich wollte ihr leuchten; war' ich eine Rose, ich wollte ihr bluhen; war' ich ein Ton, ich drang' in ihr Herz; war' ich die Liebe, die glucklichste, ich bliebe darin; ja, war' ich nur der Traum, ich wollt' in ihren Schlummer ziehen und der Stern und die Rose und die Liebe und alles sein und gern verschwinden, wenn sie erwachte."
Er ging nach Hause zum ernsten Schlaf und hoffte, dass ihm vielleicht traume, er sei der Traum.
Nr. 37. Eine auserlesene Kabinettsdruse
Neues Testament
Der September war so schon, der die schonste Rose, Wina, versetzt hatte, dass dem Notar Rock, Stube und Stadt zu enge wurde; er wollte ein wenig in die weite Welt hinaus. Er reisete unsaglich gern, besonders in unbekannte Gegenden; weil er unterwegs glaubte, es sei moglich, dass ihm eines der romantischsten lieblichsten Abenteuer zuflattere, von dem er noch je gelesen. Daher war das erste, was er in einer neuen Stadt machte, kleine Stundenreisen um sie herum. Hatt' er aber lange da gewohnt, so lief er zuzeiten in eine neue Gasse ein und machte sich mit besonderem Vergnugen glaublich, er sei eben auf Reisen in einer ganz fremden Stadt, aus der er noch dazu die Freude hatte, in seiner anzulangen, sobald er nur um die Ecke umbog. Ja sah er nicht traumend dem Laufe der Chausseen nach, die wie Flusse die Landschaft schmucken, weil sie, wie diese, ohne Wohin und Woher unendlich ziehen und das Leben spiegeln? Und dacht' er jetzt nicht, auf einer davon geht das stille Madchen dahin und sieht den blauen Himmel und den Vater an und denkt an vieles?
Nur war er lange im Zweifel und Skrupel, obs nicht Sunde sei, das wenige von den Eltern und Instrumenten gewonnene Geld bloss vergnugt zu verreisen, zumal da der Bruder Vult nach seiner Gewohnheit wieder anfing, nicht viel zu haben. Er las alle moralischen Regeln des reinen Satzes genau durch, um zu erfahren, ob er diese suss tonende Ausweichung oder diese Quinten-Fortschreitung von Lust zu Lust in sein Kirchenstuck aufnehmen durfe; und noch war er unentschieden, als Flitte alles dadurch entschied, dass er den Stadtturmer, bei welchem er wohnte, zu ihm schickte und sagen liess, er liege auf dem Sterbebette und wunsche noch diesen Abend sein Testament durch einen Notar zu machen.
Wenn die Welt hinter dem Notar den Turm besteigen soll, wo der Elsasser sich todlich gebettet, so mussen ihr vorher, ohne lange daruber zu reden, die notwendigsten Treppen hingestellt werden, die zu seinem Lager bringen; alles war so:
Das Gluck ist ein so schlechter Freund als dessen Gunstlinge die Natur gibt den Weisen auf die Lebensreise zu wenig Diatengelder mit Flitte war ein solcher Weiser, und wiewohl er langst die Regel kannte, dass das Ende des Geldes wie das eines Parks geschickt verborgen werden musse: so fehlt' ihm doch der allgemeine nervus rerum gerendarum zu dieser List.
In Stadten, wo Flitte nur durchflog, vermocht' er leichter etwas, und war' es auch nur dadurch gewesen, dass er sich als seinen eigenen reichen Bedienten ankleidete und sich selber anmeldete als seinen Herrn und zum zweitenmal ohne den Kerl wiederkam. In Hasslau tat es ihm einen Monat lang gute Dienste, dass er auf seine Kosten einen Teich abziehen und darin nach einem kostbaren Tafelsteine stochern und wuhlen liess, den er wollte hinein verloren haben. Aber der Hunger, der ebensowohl als Philipp II., zumal unter des letztern Regierung, der Mittagsteufel heissen sollte, und noch mehr der Kleiderteufel und jeder Tag hatten ihm allmahlich ein anstandiges Gefolge von Lehnlakaien oder valets de fantaisie, das immer hinter ihm ging unter dem bekannten Namen Glaubiger, in die Dienste gefuhret und zugewalzt. Oft schickten diese wahren Kammer-Mohren ihre eignen Laden- und andere Diener als Mephistophelesse, die, ohne zitiert zu sein, ihn selber zitierten.
Deswegen zog er auf den Glockenturm seinen Schuldturm , um durch die unzahligen Treppen manche Besuche zu verleiden, oder aus dem Glockenstuhle vorauszusehen. Unten in der Stadt schwur er stets, er hab' es getan, um eine schone freie Aussicht zu geniessen, so sehr er auch die Beschwerden sich vorher habe denken konnen. Unter seinen Glaubigern war nun ein junger Arzt, namens Hut, der sich sehr aufblies und der wenige Patienten hatte, weil er ihnen das Sterbliche auszog und sie verklarte. Dieser Hut hatte den vier grossen Brownischen Kartenkoniginnen seine vier ganzen Gehirnkammern eingeraumt der Sthenie die erste vorn heraus der Hypersthenie die zweite der Asthenie die dritte der Hyperasthenie die vierte als wichtigste , so dass die vier grossen Ideen ganz bequem allein ohne irgendeine andere darin hausen konnten. Gleichwohl macht' er mit der heiligen Tetraktys von vier medizinischen syllogistischen Figuren selber noch keine sonderliche; der alte Spass uber den Doktorhut des Dr. Huts wurde stets erneuert.
Der galante Flitte tat nun seinem Glaubiger folgenden Antrag: Die Stadt stecke voll Vorurteile er selber in leichten Schuldengesetzt aber, er stelle sich ein wenig todlich krank und mache sein Testament: so heile erstlich durch einen Betrug sich die Stadt von ihrem Selbstbetrug, wenn Hr. Dr. Hut ihn offentlich wiederherstelle, und er selber zweitens, wenn er sein Vermogen dem Hofagent Neupeter vermache, gewinne diesen nach der schon langst gewonnenen Tochter und konne sie heiraten und Herrn Hut leichter bezahlen. Der Doktor ging weigernd den Antrag ein.
Nach wenigen Tagen erkrankte der Elsasser sehr todlich erbrach sich ass und trank nichts mehr (ausgenommen in seltenen einsamen Augenblicken) nahm das Abendmahl, das er und andere, wie er dachte, ja auch in gesunden Tagen nahmen. Endlich musste zum Notar in der Nacht geschickt werden, damit er den Letzten Willen aufsetzte.
Walt erschrak; Flittens tanzende bluhende Jugend hatt' er geliebt, und ihn dauerte ihre Niederlage. Schwer, schwul, bewolkt legt' er den langen hohen Treppen-Gang zuruck. Die dicke Glocke schlug 11 Uhr, und ihm klangs, als bewegte der Todesengel den Leichen-Kloppel darin. Matt und leise und geschminkt (aber weiss) lag der Elsasser da, unter sieben Testierzeugen, wovon der Fruhprediger Flachs auch einer war, der es mit seinem blassen langen Gesicht zu keinem Vesperprediger bringen konnte.
Walt nahm stumm voll Mitleids des Patienten Hand mit der Rechten und zog mit der Linken sein Petschaft und Papier aus der Tasche; und uberzahlte mit den Augen kurz die Zeugen. Er foderte drei Lichter, weil sie das promptuarium juris von ihm foderte zu Nachttestamenten; war aber mit einem elenden zu frieden, weil auf dem ganzen Leucht-Turm kein zweites zu haben stand, desgleichen kein drittes, und er viel zu mitleidig und zu eilig war, jemand in die Nacht und den Turm herabzuschicken nach Licht.
Der Kranke fing an, das erste Vermachtnis zu diktieren, nach welchem dem Kaufmann Neupeter Flittens ganze Dividende am langst erwarteten westindischen Schiffe zustarb, desgleichen ein versiegeltes, mit OUF bezeichnetes Juwelenkastchen, das von den Gebrudern Heiligenbeil in Bremen abzufodern war. Es war sichtbar, dass Flitte, obwohl halb tot, doch uberall auf diktierte gut stilisierte Schreibart ausging. Aber Walt musste einhalten und einen Loffel Wasser fordern, um einige Dinte aus dem Dintenpulver zu machen, in das er eintunkte. Als die Dinte fertig war, fand er wieder sehr ungern, dass die neue ganz anders aussehe als die alte, und dass er so das Instrument geradezu entgegen allen Notariats-Ordnungen mit doppelter Dinte hinschreibe. Gleichwohl bracht' ers nicht uber sein hofliches Herz, alles zu zerreissen und von neuem anzuheben.
Darauf testierte der Kranke dem durftigen Flachs seine silbernen Sporen und seinen mit Seehund bezognen leeren Koffer und die Reitpeitsche. Dem Dr. Hut vermacht' er alles, was er an Aktiv-Schulden in der Stadt zu fodern hatte.
Er musste innenhalten, um einige Krafte zu schopfen. "Auch vermach' ich dem Hrn. Notar Harnisch", hob er mit schwacher Stimme wieder an, "fur das Vergnugen, ihn zu kennen, alles, was sich teils an Barschaft, teils an Wechseln nach meinem Tode bei mir vorfinden mag, und was sich gegenwartig nicht uber 20 Friedrichsd'or belaufen wird, daher ich ihn bitte, vorlieb zu nehmen, und meinen goldnen Fingerring noch beifuge."
Walt konnte kaum die Feder fuhren; und wollt' es auch nicht mehr; denn er errotete vor so vielen Zeugen und von einem sterbenden Menschen, dem er nichts vergelten konnte, so ansehnlich beschenkt zu werden; er stand auf, druckte stumm vor Mitleiden und Liebe die gebende Hand und sagte nein und bat ihn, doch einen Arzt zu wahlen.
"Dem Hrn. Stadtturmer Heering" wollte Flitte fortfahren, sank aber, geschwacht durch Sprechen, aufs Kissen zuruck. Heering sprang herbei, lockerte die Kissen besser auf und setzte den Patienten ein wenig in die Hohe. Es schlug 12 Uhr; und Heering sollte nachschlagen; aber er wollte in einen solchen Aktus nicht hammern auf der Glocke, sondern erhielt Stille, damit man den Testierer forthore: "ihn also bedenk' ich mit meinem feinen weissen Zeuge, desgleichen mit allen meinen Kleidern nur die Reitstiefel gehoren der Magd und allem, was noch von einer reichbesetzten Tabatiere in meinem Koffer ubrigbleibt, wenn man davon Leichen- und andere Kosten bestritten hat."
Bald nach einigen Legaten und nach den Formalitaten, die den letzten Willen eines Menschen noch mehr erschweren als den schlimmsten vorher, war alles abgetan. Noch drang der sichtbar mehr ermattende Elsasser darauf, dass der Notar jetzt alle seine Effekten mit dem Notariatsspiegel zupetschiere. Er tats, da ihm alle Promptuarien, sowohl von Hommel als Muller, dafur burgten, dass ers konne.
Es war ihm bitter, von dem armen lustigen Vogel der ihm Federn und goldne Eier zuruckliess zu scheiden und ihn schon in den Krallen der rupfenden Todes-Eule um sich schlagen zu sehen. Heering leuchtete ihm und samtlichen Zeugen herab. "Mir wills schwanen", sagte der Turmer, "dass er die Nacht nicht ubersteht, ich habe meine kuriosen Zeichen. Ich hange aber morgen fruh mein Schnupftuch aus dem Turme, wenn er wirklich abgefahren ist." Schauerlich trat man die langen Treppenleitern durch die leeren dumpfen Turm-Geklufte, worin nichts war als eine Treppe, herunter. Der langsame eiserne Perpendikelschlag, gleichsam das Hin- und Hermahen der an die Uhr gehangenen Eisen-Sense der Zeit das aussere Windstossen an den Turm das einsame Gepolter der neun lebendigen Menschen die seltsamen Beleuchtungen, die die getragene Laterne durch die oberste Empore hinunter in die Stuhlreihen flattern liess, in deren jeder ein gelber Toter andachtig sitzen konnte, sowie auf der Kanzel einer stehen und die Erwartung, dass bei jedem Tritte Flitte verscheiden und als bleicher Schein durch die Kirche fliegen konne, das alles jagte wie ein banger Traum den Notar im dustern Lande der Schatten und Schrecken umher, dass er ordentlich von Toten auferstand, als er aus dem schmalen Turme unter den offnen Sternenhimmel hinaustrat, wo droben Auge an Auge, Leben an Leben funkelte und die Welt weiter machte.
Flachs, als Geistlicher von den vier letzten Dingen mehr lebend als ergriffen, sagte zu Walt: "Sie haben Gluck bei Testamenten." Aber dieser bezog es auf seinen Stil und Stand, er dachte an nichts als an das narrische hupfende Lebens-Karnaval, wo der zu ernsthafte Tod am Schlusse den Tanzern nicht nur die Larven abzieht, auch die Gesichter. Im Bette betete er herzlich fur den jetzt kampfenden Jungling um einige Abendrote oder Fruhlingsstrahlen in der wolkigen Stunde, welche auf jeden Menschen wie ein unendlicher Wolkenhimmel plotzlich oben herunterfallt und ihn zugehullt aufloset. Er druckte dabei fest die Augen zu, um uber nichts Zufalliges etwan zusammenzuschaudern.
Nr. 38. Marienglas
Raphaela
Als Gottwalt erwachte, hatt' er anfangs alles vergessen, und die Abendberge vor seinem Bettfenster standen so rot im Morgenschein, dass sein Wunsch der Reise wiederkam darauf der Einwurf der Armut endlich der Gedanke, dass er aber ja uber 20 Louisd'or gebiete. Da sah er nach dem Stadtturm, worauf als einem castrum doloris nun der verstorbne Flitte liegen konnte, und wollte traurig aufblicken.
Aber sein Gesicht blieb aufgeheitert, so mitleidig er auch die Augen aufzog; die romantische Reise in solchen blauen Tagen in solchen Verhaltnissen so plotzlich geschenkt das war ihm ein Durchgang durch die helleste Gluckssonne, wo es Licht staubt und man sich ganz mit Flimmern uberlegt.
Ganz verdrusslich zuletzt daruber, dass er nicht traurig werden wollte, fuhr er ohne Gebet aus den Federn und horte sein Herz ab. Er mochte aber fragen und zanken, solang' er wollte, und dem Herzen den blassen jungen Leichnam auf dem Turme hinhalten und dessen zugedruckte Augen, die mit keiner Morgensonne mehr aufgingen: es half gar nichts, die Reise und mithin die Reisegelder behielten ihren Goldglanz, und das Herz sah sehr gern hinein. Endlich fragt' er aufgebracht, ob es denn, wie er sehe, des Teufels lebendig sei, und ob es, wenn es konnte, etwa den armen Testator nicht sogleich und mit Freuden rettete und aufbrachte? Man besanftigte ihn ein wenig durch die Antwort: mit Freuden und auf der Stelle. Hier fiel ihm das Versprechen des Turmers ein, ein weisses Schnupftuch als Trauerflagge am Turme auszustekken, wenn der junge Mensch verschieden ware. Da er aber droben keines fand und doch daruber einige Freude verspurte: so entliess er das arme verhorte Herz und war ordentlich auf sich argerlich, ohne Not dem ehrlichen guten Schelm so zugesetzt zu haben.
Er hatt' aber nur diesen Schelm fragen sollen, wie ihn bei zehnmal grosserer Erbschaft z.B. der Tod des Bruders gestimmt haben wurde: so wurd' er, wenn er gefunden hatte, dass dann die Last viel zu schwer, der Kopf zu gebeugt gewesen ware, um nur etwas anderes zu sehen als das Grab und den Verlust, leicht den Schluss gezogen haben, dass nur die Liebe den Schmerz erschaffe, und dass er vergeblich einen zu grossen bei einer zu kleinen fur den Elsasser von sich gefordert.
Jetzt sah er ein weisses Schnupftuch, aber nicht am Turm, sondern an Raphaelen, die im Parke traurig lustwandelte, und welcher die modische Taschenlosigkeit das Gluck gewahrte, diesen Schminklappen des Gefuhls, diese Flughaut der Phantasie in der Hand zu haben. Sie sah oft nach dem Turme, einigemal an sein Fenster, grusst' ihn mitten im Schmerz; ja als wenn sie ihm winke, hinunterzukommen, kam es ihm vor, aber nicht glaublich genug, weil er aus englischen Romanen wusste, wie weit weibliche Zartheit gehe. Indes kam Flora und bat ihn wirklich hinab.
Er ging zur Bewegten als ein Bewegter. "Ich denke mir leicht", dacht' er sich auf der Treppe, "wie ihr ist, wenn sie an den Stadtturm sieht und droben den einzigen Menschen bald aufgebahret glauben muss, der nur durch eine herzlichste Liebe, wie eine mutterliche gegen ein missgeschaffnes Kind, den Eindruck ihrer Widrigkeit schon uberwand." "Verzeihen Sie meinen Schritt", fing sie stockend an und nahm das Schnupftuch, diese Schurze eines trocknen Herzens, von den feuchten Augen weg, "wenn er Ihnen mit der Delikatesse, die mein Geschlecht gegen Ihres behaupten muss, sollte zu streiten scheinen."
Schade oder ein Gluck wars, dass sie gerade diese Phrasis nicht dem hastigen Quoddeus Vult sagte; denn da es schwerlich in Europa oder in Paris oder Berlin einen Mann gab, der es in dem Grade so verfluchte und erriet als er, wenn eine Frau bestimmt auf ihr Geschlecht und auf das fremde und auf die notigen Zartheiten zwischen beiden hinwies und es haufig anmerkte, wie da mancher Handkuss sie eine unreine Seele erraten lasse, dort mancher wilde Blick, und wie das zartere Geschlecht sich gar nicht genug decken konne: so wurde der Flotenspieler ohne Umstande geaussert haben: eine freimutige H- sei eine kecke Heilige gegen solche Abgrunde feiger und eitler Sinnlichkeit zugleich er kenne dergleichen Herzen, welche das Schlimme argwohnen, um nur es ungestraft zu denken, die es wortlich bekriegen, um es langer festzuhalten ja manche sehen sich wohl gar in der Arzneikunde ein wenig um, damit sie im Namen der Wissenschaft (diese habe kein Geschlecht) ein unschuldiges Wort reden konnen und lagern sich vor dem Altar und uberall wie Friedrich II. so schlachtfertig, en ordre de bataille, wie auf dem Sofa. "Wahrlich", setzt' er dazu, "sie gehen ins leibliche oder ins geistige Zergliederungshaus, um die Leichen zu sehen. 'Unschuld, nur wenn du dich nicht kennst, wie die kindliche, dann bist du eine; aber dein Bewusstsein ist dein Tod.'"
So scheint, gleichnisweise, zermalmtes Glas ganz weiss, aber ganzes ist beinahe gar unsichtbar.
So dachte aber nicht Walt: sondern als Raphaela an ihn die obige Anrede gehalten, gab er die aufrichtige Antwort, dass er nicht einmal bei seinem eignen Geschlechte, geschweige bei dem heiligsten, das er kenne, irgendeinen Schritt anders auslege, als das fremde Herz begehre.
Indes hatte sie ihn weiter nichts zu fragen als: wie der Sterbende dem sie als einem Freunde ihres Vaters wohl gewollet, wie allen Menschen, und den sie sehr bedauert sich in der Nacht bei seinem Letzten Willen (wovon durch die sieben Zeugen als durch sieben Tore ebenso viele Brote hinlanglicher Nachrichten der Stadt herausgereicht waren) sich benommen habe, was sie gern zu wissen wunsche, da ein Sterbender ein hoheres Wort sei als ein Lebender.
Der Notar antwortete gewissenhaft, das heisset als ein Notar, und sagte, er hoffe, nach dem Schnupftuch zu schliessen, er sei noch lebendig. Sie berichtete, dass der Dr. Hut, der gerufen worden, ihn zwar angenommen, aber als einen verlornen Menschen, und sie wunschte dem Doktor, mit ihrem weichen Leumund, keine ungluckliche Kur.
"Das ist doch schon was, und die uberlebte Nacht dazu", versetzte Walt ganz wohlgemut. Aber sie versicherte, sie troste sich leider nicht so leicht und sie sei uberhaupt so unglucklich, dass das fremde Leiden, auch das kleinste ihrer Verwandten, sie heftig angreife und sie Tranen koste. Sie brach in einige aus; sie wurde von sich so leicht als von andern schwer geruhrt. Auch ist das Sprechen vom Weinen bei Weibern ein Mittel zum Weinen.
Der Notar war seelenvergnugt uber alle die Ruhrungen, die er teils sah, teils teilte. Liebes FrauenWeinen war ihm eine so seltene Kost als langer gruner Ungar, Nierensteiner Hammelhoden, Wormser Liebefrauen-Milch oder andere Weine, die bei Hrn. Kaufmann Corthum in Zerbst zu haben sind. Er blickte ihr mit allen Zeichen des teilnehmenden Herzens in ihre Augen voll Wasser-Feuer und hatte wohl gewunscht, die Delikatesse englischer Romane verstattete ihm, ihre zarte weisse Hand in etwas zu fassen, welche vor ihm stark im besonnten Grune gaukelte und in den Tau der Gebusche fuhr und darauf ins Haar, um es damit nach der Vorschrift eines Englanders wie andere Gewachse zu starken.
Beide stellten sich jetzt der Pyramide und dem steinernen Grossvater auf der Insel gegenuber an eine Urne aus Baumrinde. Raphaela hatte eine Lesetafel mit der Inschrift: "Bis daher dauere die Freundschaft" darangemacht. Sie schlang den Arm aufwarts um die Urne, so dass er immer schneeweisser wurde durch Bluts-Verhalt, und versicherte, hier denke sie oft an ihre ferne Wina von Zablocki, die ihr leider jahrlich zweimal, durch die Michaelis- und die Ostermesse, nach Leipzig vom Generale entfuhret werde, seinem Vertrage mit der Mutter zufolge. Ohne ihr Wissen war ihr Ton durch langes Beschreiben der Schmerzen ganz munter geworden. Walt lobte sehr ihre Freundschaft und ihre Freundin. Sie erhob die Freundin noch gewaltiger als er. Da konnt' er nicht langer mit dem anschwellenden Herzen bleiben. Mit Zuruckberufung des alten Klagetons und einem Trauerblick gegen den Turm schied sie von dem Jungling.
In diesem aber wurde ein Flug von Dammerungsvogeln um seine Ideen so zu nennen wach und flog ihm 36 Stunden lange dermassen um seinen Kopf, dass er ihnen nicht anders zu entkommen wusste als zu Fuss, durch eine Reise. Winas lebendigeres Bild die September-Sonne, die aus blauem Ather brannte mogliches Reisegeld und ein ganzes wunschendes Herz, das alles auf der einen Seite und auf der andern und schlimmen Dr. Huts lautes Bedauern und Rezeptieren Flittes laute Agonien Heerings peinliches Schnupf- oder Bahrtuch, das jede Minute flattern konnte Walts versaumte poetische Sing-Stunden (denn was war in solcher Krisis zu dichten?) viele gesperrte Traume und endlich 36 innere Fecht-Stunden dazu so viel und nicht weniger musste sich ineinanderhaken, damit Walt, weils nicht mehr auszuhalten war, keine weitere Umstande machte, sondern zwei notige Gange, den ersten zu den TestamentsVollstreckern, um den dritten langen anzusagen als Notariats-Pause; und darauf den zweiten zum Flotenspieler, um ihm hundert Anlasse zur Reise und die Reise zu melden.
Beide Bruder freuten sich wochenlang auf alles, was jeder nun dem andern Geschichtliches werde zu erzahlen haben, wenn er wochenlang weggewesen; jetzt war Walt der Geber. Vult hatte sich uber viel zu wundern. Sehr schwer fiel es ihm, die juristische Regel, dass Worte eines Sterbenden Eiden gleich gelten wie die eines Quakers, auf den prahlenden Flitte anzuwenden; indes blieb ihm die Angel verdeckt, um welche sich die ganze Tauschung drehte. "Mir ist", sagt' er, "als hatten die Narren dich zum Weisen; ich weiss aber nicht wo. Um Gottes willen, junger Mensch, sei eine Kutsche (folge einem altern) und habe hinten dein rundes Fensterchen, damit kein Dieb dir Geld abschneidet oder Ehre."
"Ich habe leider nichts zu erzahlen", sagte Vult.
Aber der Notar konnte zum Gluck noch viel mitteilen. Er erzahlte chronologisch denn Vult gebots, weil jener sonst alles ausliess und mit hochster Behutsamkeit denn Walt kannte dessen unmetrische Harten gegen Weiber Raphaelens Gesprach. Allein es half wenig; er hasste alles Neupetersche und besonders das weibliche. "Raphaela", sagt' er, "ist lauter Lug und Trug." "Und einer so armen Hasslichen", versetzte Walt, "konnt' ich einen vergeben, obgleich weder mir noch einer noch einem Geliebten." "Sie will nur, das mein' ich", fuhr Vult fort, "sich auf ihre innere Brust brusten, und wahrend ein Liebhaber ausloscht, einen Sukzessor im truben Tranenwasser erfischen. Ein Weib ist ein weiblicher Reim, der sich auf zwei Laute reimt; ein mannlicher auf einen. Es ist nicht viel besser, Alter, als wenn sie als Falkenier zu dir Falken sagte und sich als Taube dir vorwurfe: rupf an, Mannchen!"
"Die Moglichkeit solcher Tauschungen", sagte Walt, "seh' ich wohl auch voraus, und dein Argwohn ist mir oft nichts Neues; aber uber die Wirklichkeit in jedem Falle, daruber ist der Skrupel. Und Liebe kann ja ebensowohl stimmen als Hass verstimmen. Ist Raphaelens Freude uber mein Lob auf ihre Freundin kein schones Zeichen?" "Nein", sagte Vult. "Nur eine Schonheit ist an ausschliessende Grade des Lobes und Feuers verwohnt und hasset jede Unvollstandigkeit und Teilung der fremden Empfindung; aber eine untergeordnete Gestalt ist genotigt zur Zufriedenheit mit mittlern Stufen und vergibt manches, ausgenommen manches."
Walt hatte nichts weiter zu berichten als seinen Plan, den reinen Himmel zu atmen auf einigen Tagreisen, wo er auf nichts ausgehe als auf den Weg. Vult genehmigte ihn stark. Jener wollte sehr scheiden; aber der Flotenspieler, durch Reisen der Abschiedsabende gewohnt, machte nicht viel Wesens, sondern sagte lustig: "Fahre dahin, fahre daher, gute Nacht, gluckliche Reise."
Die schonsten Reise-Winke standen am Himmel. Glanzendscharf durchschnitt die Mondsichel der Abendblumen das Blau; frische Morgenluft strich schon uber dunkelroten Wolken-Beeten am Himmel; und ein Stern nach dem andern verhiess einen reinen Tag.
Nr. 39. Papiernautilus
Antritt der Reise
Am Morgen sah er auf der Schwelle reisefertig noch einmal seine dunkle westliche Stube an, darauf sogar in die Kammer hinein und flog mit zwei liebreichen Blicken, die einen Abschied bedeuten sollten, und mit einem an den Turm, dem der Tod noch kein Schnupftuch zugeworfen, freudig auf einen leeren Platz am Tore hinaus, wo er sich uberall umsehen und unter den vier Holz-Armen eines Wegzeigers bei sich festsetzen konnte, wohin er gegenwartig gedenke, ob nach Westen, Norden, Nordosten oder Osten; aus Suden, dem Stadttor, kam er aber her.
Seine Hauptabsicht war, den Namen der Stadt gar nicht zu wissen, der er etwa unterwegs aufstiess, desgleichen der Dorfer. Durch eine solche Unwissenheit hofft' er ohne alles Ziel unter den geschlangelten Blumenbeeten der Reise umherzuschweifen und nichts zu begehren sowie zu besehen, als was er eben habe- in einem fort bei jedem Tritte anzukommen sich in jedes goldgrune Lust-Waldchen zu betten, und stand' es hinter ihm in jeder Ortschaft selber den Namen der Ortschaft zu erfragen und daruber sich ganz heimlich zu ergotzen und dabei, bei solchen Massregeln in einem solchen Strich Landes, der vielleicht mit Landhausern, Irrgarten, Tharanden, plauischen Grunden vorher, Bergschlossern voll heruntersehender Frauleins-Augen, Kapellen voll aufgehobner BeterAugen und uberhaupt mit Pilgern, Zufallen und Madchen ordentlich ubersaet sein konnte, in romantische Abenteuer von solcher Zahl und Gute hineinzugeraten, als er freilich nie erwarten wollen.
"Mein guter Unendlicher in deinem blauen Morgenhimmel", betete er in seiner durchdringenden Entzuckung, "lasse doch die Freude dasmal nichts vorbedeuten."
Er hatte sich in acht genommen, an den Wegweiser hinaufzusehen, der wie ein Affe vier Arme hatte, um nicht etwa an den abgewaschenen Armrohren einer Stelle ansichtig zu werden, von welcher die Zeit, besonders die Regenzeit, den Namen der Post-Stadt noch nicht rein weggerieben hatte. Am welt- und geistlichen Arm-Paar war' er diese Gefahr nicht gelaufen, sondern dieses zeiget allgemeiner ins Blaue.
In Norden lag Elterlein; in Osten standen die Pestitzer oder Lindenstadter Geburge, uber welche diese Strasse nach Leipzig auch eine Lindenstadt weglief; zwischen beiden nun nahm der Notar den Weg, um die Hohen, hinter welchen die holdselige Wina jetzt rollte oder ruhte, niemals aus den Augen zu verlieren, welche bald aus Blumenkelchen, bald aus Wolken auf Geburgen trinken wollten. -Ein Gluck ists fur den gegenwartigen Beschreiber der Reise und des Reisenden, dass Walt selber fur sein und des Flotenisten Vergnugen ein so umstandliches Tage- oder Sekunden-Buch seiner Reise gleichsam als ein Opferund Sublimier-Gefass des Lebens vollgefullt, dass ein anderer weiter nichts zu tun braucht, als den Deckel diesem Zucker- und Mutterfasse auszuschlagen und alles in sein Dintenfass einzulassen fur jeden, der trinken will. Der leidende Mensch hat einen erfreueten notig der erfreuete in der Wirklichkeit einen in der Poesie und dieser, wie Walt, verdoppelt sich wieder, wenn er sich beschreibt.
"Fast wollt' ich hoffen", so fangt Walt das Sekunden- und Tertienbuch an Vult an, "dass mein liebes Bruderlein mich nicht auslachen werde, wenn ich meine unbedeutende Reise nicht sowohl in deutsche Meilen als russische Werste abteile, welche als blosse Viertelstunden freilich sehr kurz sind, aber doch nicht zu kurz, ich meine fur einen Menschen auf der Erde. So wie es nicht auszukommen ware mit dem fluchtigen Leben, wenn man es, statt an Minuten- und Stunden-Uhren, lieber an Achttage- oder gar SakularUhren abmasse, gleichsam einen kurzen Faden an ungeheuern Welt-Radern: so mochte man, zumal wenn ein Reich es tut, dem es am wenigsten an Raum fehlt, das russische, dieselbe Entschuldigung haben, wenn man, da der kleine Fuss und der Schuh des Menschen sowohl sein eignes Mass als das seiner Wege ist, fur blosse Fussreisen die Werste zum Wegmesser erwahlt. Die Ewigkeit ist ganz so gross als die Unermesslichkeit; wir Fluchtlinge in beiden haben daher fur beide nur ein kleines Wort, Bruder: Zeit-Raum."
Als er seine erste Werste nordostlich antrat, Winas Geburge und die Fruh-Sonne zur Rechten und mitlaufende Regenbogen in den betaueten Wiesen zur Linken: so schlug er die Hande als Schellen einer morgenlandischen Musik gegeneinander vor Lust und wurde so leicht und behend von sich selber dahingetragen, dass er kaum aufzutreten brauchte! Lauferschuhe und Hosensacke der Ohnehosen geben dem Menschen, wenn er sonst lange Stiefel und kurze Hosen trug, fast Flugel. Sein Gesicht war voll Morgenluft, und ein Orient der Phantasie war in seinen Blicken gemalt. Sein samtliches Munzkabinett oder Studentengut hatt' er eingesteckt, als Surplus- und Operationskasse, um an dieser Geld-Katze einen Schwimm-Gurtel fur alle Hollen- und ParadiesesFlusse zugleich zu haben. Er bewegte sich durch das widerstrebende Leben so frei wie der Schmetterling uber ihm, der nichts braucht als eine Blume und einen zweiten Schmetterling. Der Kunststrasse, woran er einen ganzen Klumpen Reformatoren und Weg-Frotteurs stampfen und klopfen sah, ging er aus dem Wege, weil er sich nicht damit plagen wollte, entweder einen Morgengruss lang durch sie hinzuziehen, oder den namlichen lacherlich immer von neuem zu sagen und doch wohl falsch abzusetzen. Hugelauf, talein lief er in nassen Gras-Bluten und verlor und erhielt abwechselnd die Stadt, von welcher er indes wunschte, dass er sie endlich einbusste, weil ihm sonst immer nicht recht war, als sei er fort.
Er musste noch zwei starke Werste zurucklegen, ehe sie hinter den Obsthugeln unterging. Noch war ihm nichts Besonders unterwegs begegnet als der Weg selber, als er seinen Gruss einem Menschen, dessen Gesicht ein Schnupftuch zuband, im Fluge zuwerfen konnte. Er ging so lange fort, bis er glauben durfte, der Mann habe sich umgesehen, und er konn' es auch, ohne zusammenzustossen. Aber eben sah jener her. Er ging wieder weiter und blickte um der Bandagist seinerseits auch. Als ers zum drittenmal tat, merkte er, dass der Mann trotzig stehen bleibe, und dass ihn die Rucksicht gar verdrusse. Da liess ihn Walt laufen und stehen.
Er stiess bald so wuchsen die Abenteuer auf drei alte Frauen und eine blutjunge, welche mit hochaufgeturmten Korben voll Leseholz aus einem Waldchen kamen. Auf einmal standen sie alle in gerader Linie zugleich hintereinander still, die schweren Korbe auf den schief-untergestellten Stecken auflehnend, die sie vorher als Badinen getragen. Sein Herz machte viel daraus, dass sie, wie Protestanten und Katholiken in Wetzlar, ihre Ferien und Feiertage des Gehens gemeinschaftlich abtaten, um beisammen zu bleiben und fort zu reden. Nie entwischte seinem Auge die kleinste Handvoll Federn oder Heu, womit sich der Arme die harte Pritsche in der Wachtstube seines Lebens etwas weicher bettet und sich die Marterbank auspolstert. Ein liebender Geist spuret gern die Freuden der Armen aus, um daruber eine zu haben; ein hassender aber lieber die Plagen, seltener um sie zu heben, als um uber die Reichen zu bellen, die er vielleicht selber vermehrt.
Herzlich gern wollt' er den Fracht- und Kreuztragerinnen einige Groschen Trage-Lohn auszahlen; er schamte sich aber vor so vielen Zeugen einer warmen Tat. Darauf schob ein Mann einen Karren voll hoher klappernder Blechwaren daher; sein Tochterchen war als Vorspann vorgelegt; beide keuchten stark. Es zwang ihn, sich mit dem Karrenschieber zusammenzuhalten und sich auf die eine Waagschale zu stellen, den Karrner auf die andere. Da er nun sogleich bemerkte, wie sehr er mit seinen Gluckslosen und Zukkerhuten den Karrner uberwiege der alten Holzweiber nicht einmal zu gedenken ; da er finden musste, dass sein freies fliegendes Fortkommen, gegen das trage Karren- und Stunden-Rad des Mannes gemessen, mehr der freudigen leichten Weise beikomme, wie die Grossen reisen: so wurd' er rot uber seinen Reichtum und Stand er sah die Weiber noch halten und lehnen er lief zuruck mit vier Gaben und eilig davon.
"Bei Gott", schreibt er in sein Tagebuch, um sich ganz zu rechtfertigen, "der armselige fluchtige Sinnen-Kitzel einer bessern Nahrung, welchen etwan ein paar geschenkte Groschen bereiten konnen, und uberhaupt der Genuss, der kann nie der Anlass werden, dass man die Groschen so freudig hinreicht; aber die Freude, die man dadurch auf einen ganzen Tag lang in ein ausgehungertes Herz und in seine welken, kalten, engen Adern auswarmend hineingiesset, dieser schonste Himmel anderer Menschen ist doch wohl wohlfeil genug damit erkauft, dass man selber einen dabei hat." Hier kramt er weitlaufig seinen alten Traum von dem Glucke eines reisenden Mylords aus, auf einmal durch eine offne volle Hand ein ganzes Dorf unter Bier und Fleischbruhe zu setzen und in ein Elysium langer Erinnerung.
Mit drei Himmeln im unschuldigen Gesicht noch einen mehr hatt' er auf den Gesichtern hinter sich gelassen glitt er leicht von Tautropfen zu Tautropfen. Das Herz wird wie ein Luftschiff durch den Auswurf des schwersten Ballastes, des Geldes, so leicht, so schnell, so hoch. Indes traf er ziemlich spat in dem nur vier kleine Werste entlegenen Harmlesberg ein. Denn uberall sass und schrieb, oder stand und sah er oder las alles jede Inschrift einer Steinbank und wollte keine Kleinigkeit ubergehen, sie musste denn Bevolkerung, Stallfutterung, Wiesenwuchs, Lehmboden und dergleichen betroffen haben.
"Drinnen will ich", sagt' er zu sich, "da ich doch einem grossen Herren ahnlich scheinen soll, mein dejeuner dinatoire einnehmen", und trat in den Krug.
Nr. 40. Cedo nulli
Wirtshauser Reisebelustigungen
Der Notarius, der unter die Menschen gehorte, welche wohl jahrelang daheim sparen konnen, aber nicht unterwegs hingegen andere kehren es gerade um , foderte keck sein Nossel Landwein. Dabei ass und sass er und beobachtete vergnugt die Wirtsstube, den Tisch, die Banke und die Leute. Als einige Handwerkspursche ihren Kaffee bezahlten: bemerkte er sehr wahr, dass die Milchtopfchen in Franken ihren Giessschnabel dem Henkel gegenuber haben, in Sachsen aber links oder gar keinen. Mit gedachten Purschen ging seine Seele heimlich auf Reisen. Gibt es etwas Schoneres als solche Wanderjahre in der schonsten Jahrszeit und in der schonsten Lebenszeit, bei solchen Diatengeldern, die man unterwegs bei jedem Meister erhebt, und bei solcher Leichtigkeit, in die grossten Stadte Deutschlands ohne alle Reisekosten zu gehen, und sobald kaltes nasses Wetter einbricht, sogar auf einem Arbeitsstuhl hauslich zu nisten und zu bruten wie der Kreuzschnabel im Winter? "Warum (schreibt sein Tagebuch Vulten) mussen die armen Gelehrten nicht wandern, denen das Reisen und das Geld dazu gewiss ebenso notig und dienlich ware als allen Gesellen?"
"Draussen im Reich", sagte stets Walts Vater, wenn er bei Schneegestober von seinen Wanderjahren erzahlte; und daher lag dem Sohne das Reich in so romantischem Morgentau blitzend hin als irgendeine Quadratmeile von Morgenland; in allen Wandergesellen verjungte sich ihm die vaterliche Vergangenheit.
Jetzt fuhr ein Salzkarrner mit einem Pferde vor, trat ein, wusch sich in einer ganz fremden Stube offentlich und trocknete sich mit dem an einem Hirschgeweih hangenden Handtuch ab, ohne noch fur einen Kreuzer verzehrt oder begehrt zu haben. Walt bewunderte den kraftigen Weltmann, ob er gleich nicht fahig gewesen ware, sich nur unter vier Augen die seinigen zu waschen. Dennoch exerzierte er da er in etwas getrunken einige Wirtshaus-Freiheiten und ging in der Stube wohlgemut umher, ja auf und ab.
Ob er gleich nicht imstande war, unter einer fremden Stubendecke den Hut aufzubehalten sogar unter seiner sah er ungern bedeckt aus dem Fenster aus Artigkeit : so hatt' er doch seine Freude daran, dass andere Gaste ihren aufhatten und sonst uberall von den herrlichen akademischen Freiheiten und Independenzakten der Wirtsstuben den besten Gebrauch machten, es sei, dass sie lagen oder schwiegen oder sich kratzten. Ihm schienen die Wirtsstuben ordentlich als hubsche geraumliche, aus abgebrochenen eingeascherten Reichsstadten unversehrt herausgehobene reichsunmittelbare Diogenes-Fasser vorzukommen, als hubsche aus Marathons-Ebenen ausgestochne Grunplatze, vom Keller grunend gewassert.
Es wurde schon erwahnt, dass er auf und ab ging; aber er ging weiter und denn das Wirtshausschild setzt' er als Achilles-Schild vor, den Weinbecher als Minervens-Helm auf- schrieb unter aller Augen ein und das andere Texteswort in seine Schreibtafel, um, wenn er allein ware abends im Quartier, daruber zu predigen. Auch trug er ein, dass auf dem Schilde des Wirtshauschens ein Schilderhauschen stand.
Der Mut der Menschen wachset leicht, ist er nur herausgekeimt; Kommende grussten leise, Gehende laut; der Notarius dankte beiden lauter. Er war so freudig bei einem Freudenbecher, den nicht einmal sachsischer Landwein hatte wassern konnen. Er liebte jeden Hund, und wunschte von jedem Hund geliebt zu sein. Er knupfte deswegen mit dem Wirtsspitze um nur etwas fur das Herz zu haben ein so enges Band von Bade-Bekanntschaft und Freundschaft an, als ein Stuckchen Wursthaut bei solchen Wesen sein kann. Fur warmherzige Neulinge sind wohl stets die Hunde die Hundssterne, durch deren Leitung sie zur Warme der Menschen zu gelangen suchen, sie sind sozusagen die Saufinder und Truffelhunde tief versteckter Herzen. "Spitz, gib die Pfote", rief der Wirt in Harmlesberg. Spitz, oder der Spitz denn der Gattungsname ist, was bei dem Menschen selten, in Deutschland und in Hasslau zugleich der personliche, ausgenommen in Thuringen, wo die Spitze Fixe heissen Spitz druckte dem Notar die Hand, soweit er wusste.
"Gebt dem Herrn auch eine Patschhand, Bestien", rief der Wirt, als drei kleine, armlange, geputzte Madchen von einerlei Statur und Physiognomie an der Hand einer jungen schonen, aber schneeblassen Mutter hereintraten aus der Schlafkammer. "Es sind Drillinge und sollen zu ihrer Frau Patin", sagte der Wirt. Gottwalt schwort im Tagebuch, dass etwas "Allerliebsteres, Herzinniglicheres" es gar nicht gebe, als drei so liebe hubsche, niedliche Madchen von einerlei Hohe mit ihren Schurzchen und Haubchen und runden Gesichterchen sind, wobei nur zu bedauern sei, dass es Drillinge gewesen, und nicht Funflinge, Sechslinge, Hundertlinge. Er kusste sie alle vor der ganzen Wirtsstube kurz und wurde rot; es war halb, als hab' er die zarte bleiche Mutter mit der Lippe angeruhrt; auch sind ja die guten Kinder die schonste Wesen- und Jakobsleiter zur Mutter. Dabei sind solche winzige Madchen fur Notarien, welche ohne Mut und ohne Elektrisier- und Sprachmaschine fur erwachsene Madchen dazustehen furchten, ordentlich die schonen Ableiter und Zuleiter, geschenkte Rechenknechte fur den Augenblick; man wundert sich frohlich und heimlich, dass man ein Ding wie ein Madchen so dreist umhalset. Walt wurde der Kleinen spater satt als sie seiner. Er war ja dem Drilling als eigner Zwilling viel verwandter als alle Gaste in der Stube. Er beschenkte sie geldlich zur hochsten Freude der Mutter. Dafur bekam er drei Kusse, die er lange zurucklieferte, nur bei sich betrubt, dass ein Tauschhandel solcher Artikel selber so fruh dem Tausche der Zeit heimfalle. "Ei, Herr guter Harnisch!" sagte der Wirt. Walt wunderte sich uber die Kenntnis seines Namens, aber nicht ohne Vergnugen, ja mit einiger Hoffnung, dass es, nach einem solchen Anfange zu urteilen, wohl noch seltsamere Avanturen zu erleben gebe. Er wollte daher lieber nicht fragen, wie und wo und wann, aus Furcht, um seine Hoffnung zu kommen.
Mit Wollust sah er zu, wie der Vater sich von den Kindern Apfel abkaufen liess, um Walts Geld von ihnen zu haben und wie die Mutter dem ersten Drilling Brot zulangte, damit er wie der davon furchtsam eine Ziege unter dem Fenster abknuppern liesse und wie der zweite herzhaft in einen Apfel einbiss, ihn dem dritten zum Beissen hinhielt, und wie beide ihn wechselnd anbissen und reichten und jedesmal lachelten. "O war' ich nur ein wenig allmachtig und unendlich", dachte Walt, "ich wollte mir ein besonderes Weltkugelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne hangen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte als lauter dergleichen liebe Kinderlein; und die niedlichen Dinger liess' ich gar nicht wachsen, sondern ewig spielen. Ganz gewiss, wenn ein Seraph himmelssatt ware oder sonst die goldnen Flugel hangen liesse, konnt' ich ihn dadurch herstellen, dass ich ihn einen Monat lang auf meine springende jubelnde Kinderwelt herabschickte, und kein Engel konnt', solange er ihre Unschuld sahe, seine eigene verlieren."
Endlich ruckten die Kinder, einander an den Handen zu fuhren befehligt, mit der Mutter aus, zur Frau Patin. Ein langer Tiroler mit grunem Hut, von welchem bunte Bander flatterten, trat singend hinein. Walt trank und brach auf. Schon war draussen die Welt, sogar noch in Harmlesberg. Im Dorfe wurde Zimmerholz mit lauten Schlagen zugehauen und, mit der roten Messschnur angeschnellet, in gerade Formen abgeteilt; alle Kinderszenen unter dem Bauholz seines Vaters kamen mit dem Rosenhonig der Erinnerung aus den Kindheitsrosen beladen zuruck. Bleicherinnen mit grossen Huten begossen, leicht gebuckt, die weissen Beete aus Flachs-Lilien. Aus dem Hut, den ein Madchen an langen Bandern an der Hand herunterhangen liess, floh er zu den blauen, gelben Glaskugeln eines Gartens auf und wiegte sich uberall.
Jetzt kam er in die lange Gasse des aus Bergen wie aus Palasten zusammengereiheten Rosana-Tals hinein Edens Gartenschlussel wurden ihm vorn uberreicht, und er sperrte es auf. "Der vollige Fruhling ist da, der Orpheus der Natur, sagt' ich (schreibt er), denn die Wiesen bluhen ja die Dotterblumen stehen so dicht den Heu-Bergen ziehen kleine Kinder mit grossen Rechen kleine Hugel zu oben aus den Waldern der Berge ruft die Waldlerche und die Drosseln herrlich herunter schone Fruhlingswinde ziehen durch das lange Tal die Schmetterlinge und die Mucken halten ihren Kinderball, und der Rosennachtfalter oder das Goldvogelchen sitzt still auf der Erde die Blatter der Kirschbaume gluhen rot, wie ihre Fruchte, nach, und statt blasser Bluten fallen schon bemalte Blatter und im Fruhling wie im Herbste zieht die Sonne am Spinnrade der Erde fliegendes Gewebe aus wahrhaftig es ist ein Fruhling, wie ich noch selten einen gesehen."
Im hohen Ather waren zarte Streifen Silberblumen gewebt, und meilen-tief darunter zog langsam ein Wolken-Geburge nach dem andern hin; zwischen diese aufgebauete Kluft im Blau flog Walt und wandelte auf dem Himmelswege aus Duft leicht dahin und sah oben noch hoher auf. Doch sah er auch herab ins heimliche Tal sah den stillen glatten Fluss darin gleiten Walder bogen sich liebend von einem Bergrucken hinein, am andern glanzten Trauben und Weinbergshauschen und reife Beete. Er fuhr wieder hernieder in sein langes Tal, wie auf einen Eltern Schoss.
"Wie geht es sich so schon in den Saulenhallen der Natur, auf dem Grun und zwischen dem Grun, in ewiger Begleitung des unendlichen Lebens!" sang er, ohne besondere Metrik, laut hin und sah sich um, damit niemand seine Singstimme belausche. "Wallet nur hin, ihr hubschen Schmetterlinge, und geniesset die Honigwoche des kleinen Seins ohne Hunger, ohne Durst30 ein schones Sonnenleben ein Liebessein und die einzige Kammer des Herzens ist nur eine ewige Brautkammer der Liebe beugt die Blumen lasset euch wehen spielt im Glanz und entzittert nur linde wie Bluten dem Leben."
Er sah eine Herde stummer Nachtigallen, die sich zum nachtlichen Abzug rusteten. "Wo fliegt ihr hin, ihr sussen Fruhlings-Klange? Sucht ihr die Myrte zur Liebe, sucht ihr den Lorbeer zum Sange? Begehrt ihr ewige Bluten und goldne Sterne? So fliegt nur ohne Sturme unter unsern Wolken fort und besingt die schonsten Lander, aber fliegt dann liebesbrunstig in unsern Fruhling zuruck und singt dem Herzen in schmachtenden Tonen das Heimweh nach gottlichen Landern vor.
Ihr Baume und ihr Blumen, ihr neigt euch hin und her und mochtet noch lebendiger werden und reden und fliegen, ich liebe euch, als war' ich eine Blume und hatte Zweige; einstens werdet ihr hoher leben." Und da bog er einen tief ans Wasser sich neigenden Zweig gar ein wenig in die Wellen hinein.
Plotzlich hort' er in tiefer Ferne hinter sich eine Flote durch das Tal gleichsam auf dem Strom herunterkommen, dem Wehen entgegen. Die Ferne ist die Folie der Flote; und ihm, der mehr ihren Ton als ihren Gang verstand, war keine nahe gute nur halb so lieb. Die Tone schienen nachzukommen, doch schwacher. Am Wege stand eine Steinbank, die ihn in dieser Einsamkeit schon an die Menschensorge fur andere Menschen erinnerte. Er setzte sich ein wenig darauf, um gleichsam zu danken. Aber er legte sich bald ins hohe Ufer-Gras, um der guten Erde, die zugleich der Stuhl, der Tisch und das Bette der Menschen ist, naher zu sein, und regte sich wenig, um die im warmen stillen Uferwinkel spielenden Eintags-Fischchen nicht wegzuschrecken. Er liebte nicht einen und den andern Lebendigen, sondern das Leben, nicht einmal die Aussichten, sondern alles, die Wolke und den Gras-Wald der goldnen Wurmchen, und er bog ihn auseinander, um ihren Aufenthalt zu sehen und ihre Brotbaumchen und ihre Lustgartchen. Er hielt lieber mit Schreiben und Dichten auf seiner Schreibtafel innen, wenn ein buntes weiches Wesen uber die glatte Flache sich wegarbeitete, als dass er es weggeschnellet oder gar erdruckt hatte. "Gott, wie konnte man ein Leben toten, das man recht angesehen, z.B. nur eine halbe Minute lang", fragt' er. Er horte die Flote, die gleichsam aus dem Herzen der stummen Nachtigallen sprach. Heisse Freudentropfen sog das dunkle Geton aus seinem von tausend Reizen uberfullten Auge. Jetzt schlugen ein paar grosse helle Tropfen aus einer warmen Flug-Wolke uber ihm auf seine flache Hand herab er sah sie lange an, wie er es sonst als Kind bei Regentropfen gemacht, weil sie vom hohen fernen heiligen Himmel gekommen. Die Sonne stach auf die weisse Haut und wollte sie wegkussen er kusste sie auf und sah mit unaussprechlicher Liebe nach dem warmen Himmel auf, wie ein Kind an die Mutter. Er sang nicht mehr, seitdem er horte und weinte. Endlich stand er auf und setzte seinen Himmelsweg fort, als er einige Schritte in der Nahe einen aus der Hutschnur eines Fuhrmanns entfallenen Zollzettel auf dem Wege gewahr wurde. In der Hoffnung, dass er dem Mann vielleicht nachkomme und ihn finde, hob er das Blattchen auf; weil ihm nichts Fremdes klein, wie nichts Eignes wichtig vorkam, und weil sein poetischer Sturm leichter einen Gipfel bog als eine Blume. Wenn die Leidenschaft glutverworren auffliegt wie ein brennendes Schiff: so fliegt die zarte Dichtkunst des Herzens nur auf wie eine goldne Abendrot-Taube, oder wie ein Christus, der gen Himmel geht, weil er eben die Erde nicht vergisset.
Die Flote floss ihm immer durch das Bette des Tales nach, ohne doch weder naherzukommen, wenn er stand, oder zuruckzubleiben, wenn er lief.
Jetzt schwang sich die Landstrasse plotzlich aus dem Tale den Berg hinauf. Die Flote drunten wurde still, da sich oben die Weltflache weit und breit vor ihm auftat und sich mit zahllosen Dorfern und weissen Schlossern anfullte und mit wasserziehenden Bergen und mit gebognen Waldern umgurtete. Er ging auf dem Bergrucken wie auf einer langen Bogen-Brucke uber die unten grunende Meeresflache zu beiden Seiten hin.
Er war ganz allein und vor Ohren sicher, er pfiff frei daher figurierte Chorale, Phantasien und zuletzt alte Volksmelodien und horte nicht einmal auf, wenn er einatmete. Gegen die Natur aller andern Blasinstrumente bleibt diese Mundharmonika, wie die andere, romantisch und suss in grosser Nahe keinen halben Fuss vom Ohre und wie bei der Musik im Traum ist hier der Mensch zugleich der Instrumentenmacher, Komponist und Spieler, ohne im geringsten einen andern Lehrmeister dazu gehabt zu haben als wieder sich, den Schuler selber.
Immer betrunkner und glucklicher wurde Walt, als er auf dieser ersten Schaferpfeife, auf diesem ersten Alphorn fortblies, dem Morgenwinde entgegen, der die Tone in die Brust zuruckwehte; und zuletzt wurd' ihm, als komme das verwehte Geton aus weiter Ferne her. Da er lange so ging und traumte da er von dem Bergrucken bald links in die Hirtenstucken der Wiesen hinuntersah und zu den Kirchturmen von Altengrun von Joditz von Talhausen von Wilhelmslust von Kirchenfelda und die Jagd- und Lustschlosser erblickte, deren beide Namen allein, wie romantische Zauberworte, alte Gegenden und Paradiese der Kinderseele erscheinen liessen da er bald wieder rechts hinunterschauete auf die zweite Ebene, worin sich der gerade Fluss seines Tales, die Rosana, freigeworden, auf einem blumigen Tanzplatz schlangelte und das Silber-Schild der Sonne trug und immer zeigte und da er das Auge auf die Lindenstadter Geburge warf, wo unter den hohen hellen Laubholzwaldern die dunklen Tannenwaldungen gleichsam nur als breite Schlagschatten zu stehen schienen und da er in den Himmel sah, worin still und leicht die Wolke und die Taube flog und da in den Waldern des Tals die Herbstvogel schrien und in den Steinbruchen einzelne Schusse lang forthalleten: so schwieg er wie aus Andacht vor Gott und dachte dem, was er singen wollte, nach, als ob der Unendliche nicht auch das Denken hore; bis er mit leiser Stimme den Streckvers sang und wiederholte, den er schon langst gemacht:
"O wie ist der Himmel, wie die Erde so voll freudiger Stimmen! Viel schoner als dort, wo einstens der Chorus laut jammerte und nur Niobe schwieg und unter dem Schleier stand mit dem unendlichen Weh, jauchzen die Chore im Himmel und auf Erden, und nur der Allselige ist still, und der Ather verschleiert ihn."
Darauf sah er gen Himmel, nannte Gott zweimal du und schwieg lange; und hielt es fur erlaubt, sogleich an Wina zu denken. Plotzlich kam ein altes vertrautes, aber wunderbares Mittagsgelaute aus den Fernen heruber, ein altes Tonen wie aus dem gestirnten Morgen dunkler Kindheit; siehe, meilen-tief in Westen sah er Elterlein hinter unzahligen Dorfern liegen und glaubte die alte Dorfglocke zu erkennen und Winas weisses Bergschloss, ja sogar das elterliche Haus. Er dachte voll Sehnen an seine fernen Eltern an das Stilleben der Kindheit und an die sanfte Wina, die ihm, auch im Stilleben ihrer Kindheit, einst die Aurikeln in die Hand gelegt sein Auge hing an den ostlichen Geburgen im stillen Blau, hinter welche er wie hinter Klostermauern Wina als sanfte Nonne in Blumen ihres Klostergartens sinnend gehen liess. Glocken aus mehreren Dorfern tonten zusammen der Morgenwind rauschte starker der Himmel wurde blauer und reiner der bunte leichte Teppich des Erdenlebens breitete sich uber die Gegend aus und flatterte an den Enden, und Walt wohnte, wie ein Traum, nur in der Vergangenheit.
Er sang voll Seligkeit und nannte ihren Namen nicht: "Es zieht in schoner Nacht der Sternenhimmel, es zieht das Fruhlings-Rot31, es schlagt die Nachtigall und der Mensch schlaft und merkt es nicht; endlich geht sein Auge auf, und die Sonne sieht ihn an. O Lina, Lina, du gingst auch voruber mit deinen Blumen mit den sussen Tonen und mit Liebe aber mein Auge war blind; nun ist es aufgetan, allein die Blumen sind verwelkt, die Worte sind vergangen, und du glanzest hoch als Sonne."
Hier kehrte er um vor dem lauten Wehen; er fand die Welt sonderbar still um sich; nur das Gelaute klang allein und leise, wie Schalmeien der Kindheit, und er wurde sehr bewegt. Er lief wieder und sang immer heisser: "Nasses Auge, armes Herz, siehst du nicht den Himmel und den Lenz und das schone Leben? Warum weinest du? Hast du was verloren, ist dir wer gestorben? Ach ich habe nichts verloren, mir ist nichts gestorben; denn ich habe noch nicht je geliebt, o lass mich weiter weinen!"
Zuletzt sang er nur einzelne Fusse noch, ohne besondern Zusammenhang er kam eiliger durch Beete durch grune Taler uber klare Bache durch mittagsstille Dorfer vor ruhendem Arbeitszeug vorbei auf dem Zauberkreis der Hohen stand Zauberrauch der Sturmwind war entflohen, und am klaren Himmel blieb das grosse unendliche Blaue zuruck Vergangenheit und Zukunft brannten hell und nahe, entzundet von der Gegenwart der Blumenkelch des Lebens umschloss ihn buntdammernd und wiegte ihn leise und Pans Stunde ging an
"Jetzt ergriff mich", schreibt er in seinem Tagebuche, "Pans Stunde, wie allemal auf meinen Reisen. Ich mochte wohl wissen, woher sie diese Gewalt bekommt. Nach meiner Meinung dauert sie von 11 und 12 bis 1 Uhr; daher glauben die Griechen an die Pans-, das Volk an die Tags-Geisterstunde, auch die Russen32. Die Vogel schweigen um diese Zeit. Die Menschen schlafen neben ihrem Arbeitszeug. In der ganzen Natur ist etwas Heimliches, ja Unheimliches, als wenn die Traume der Mittagsschlafer umherschlichen. In der Nahe ist es leise, in der Ferne an den Himmels-Grenzen schweifet Geton. Man erinnert sich nicht sowohl der Vergangenheit, sondern sie erinnert sich an uns und durchzieht uns mit nagender Sehnsucht; der Strahl des Lebens bricht in seltsam-scharfe Farben. Allmahlich gegen die Vesper wird das Leben wieder frischer und kraftiger."
Nr. 41. Trodelschnecke
Der Bettelstab
In Grunbrunn kehrt' er ein. Im Wirtshaus hielt er seine Wachsflugel ans Kuchenfeuer und schmolz sie ein wenig. In der Tat braucht der Mensch bei den besten Flugeln fur den Ather doch auch ein Paar Stiefel fur das Pflaster. Da der Speisesaal schon voll Hunde und Herren war: so setzt' er sich lieber unter eine Vorhalle oder Vordachung zu Tisch, die so breit war als der Tisch. Es war ihm, als sei er ein Patriarch, da er in einem offnen freien luftigen Halb-Haus am Hause sitzen und die ganze sich aufblatternde Welt umherhaben konnte. Er sah hinaus in die ihm fremden Gegenden und Felder, und er fuhlte sich einem leichten Troubadour alter Zeiten gleich, nachdem er zusammengerechnet hatte, dass er jetzt schon in einer Ferne von neunzehn Wersten von seiner Heimat lebe. Er trug in sein Reisebuch die okonomische Gewohnheit ein, die er vor sich sah, die Wiesen mit einem Kohloder anderen Fruchtbeete zu umrandern, anstatt dass man sonst umgewandt Beet-Felder in Wiesen-Raine einschliesst; und bemerkte gegen einen neben ihm essenden Bauersmann, das sehe sehr niedlich aus.
Man liess ihn lange in seinem Nachklange des melodischen Vormittags, in jener epischen Stimmung sitzen, worin er das Kommen und das Verschwinden der Sterblichen im Wirtshause ansah, und warten, bevor man ihm sein Tischtuch und seinen Teller Essen auftrug. Es ist vielleicht der Muhe wert, zu bemerken, dass er nicht aufass, teils aus Freundlichkeit gegen den Wirt, um ihn nicht um die Nachlese zu bringen, teils weil der Mensch, gleich seinen UnterKonigen, dem Adler und dem Lowen, eine besondere Neigung hat, nie rein aufzuspeisen, wie man an Kindern am ersten wahrnimmt. Der Notar begriff gar nicht, wie der Bauersmann und andere Gaste imstande sein konnten, den Teller ordentlich zu scheuern und zu trocknen und jeden abgeglatteten Knochen noch zu trepanieren und, wie Kanonen und Perlen, zu durchbohren.
Nach dem Essen stellte er sich vor die offne Saalture der Tafelstube, um mit dem im Zaubertal gefundenen Zollzettel in der Hand und mit dessen Ubergabe zu warten, bis die speisenden Fuhrleute, die er in corpore anzureden und zu befragen scheuete, einzeln herauskamen. Da stand ein junges, schnippisches dreizehnjahriges Fuhrmannlein in blauem Hemde und dikker weisser Schlafmutze auf, drehte ganz heimlich des Wirts Sand-Uhr um und wollte dem Mann im eigentlichen Sinne (denn es war erst ein Drittel StundenSand verlaufen) die Zeit vertreiben.
Aber der Notar fuhr erboset hinzu und kehrte die Umkehrung um, viel zu unvermogend, ein hamisches Unrecht, das er gegen sich erdulden konnte, gegen einen andern zu ertragen.
Diese Hitze setzt' ihn in den Stand, den Zettel vor der ganzen table d'hote emporzuheben und auszurufen, ob ihn jemand verloren. "Ich, Herr", sagte ein langer herubergestreckter Arm und ergriff ihn und nickte einmal kurz mit dem Kopfe statt der warmen Danksagung, auf die Walt aufgesehen.
Auf dem Fenster sah er neben der Uhr das Schreibbuch des Wirts-Kindes liegen, dem zu drei Zeilen die drei Worte Gott Walt Harnisch vorgezeichnet waren. Er war sehr daruber erstaunt und fragte den Wirt, ob er etwan Harnisch heisse. "Karner ist mein Name", sagte dieser. Walt zeigte ihm das Buch und sagte, er selber heisse, wie da stehe. Der Wirt fragte grob, ob er denn auch wie die vorige Seite heisse: Hammel Knorren Schwanz etc.
Jetzt wollte der Notar wieder Flugel anstatt der Pferde nehmen und fort, und vorher bezahlen, als ihn ein Bettelmann dadurch aufhielt und erfreuete, dass er sein Almosen in Naturalien eintreiben wollte und um ein Glas Bier bettelte, wahrscheinlich ein stiller Anhanger des physiokratischen Systems. Da der Mann unter dem Einkassieren der kleinen Naturalbesoldung seinen Bettelstab in eine Ecke stellte: so gab das dem Notar Gelegenheit, diesen dornigen, schweren Stab in die Hand zu nehmen. Walt hob und schwang ihn mit dem besondern Gefuhl, dass er nun den Bettelstab, wovon er so oft gehort und gelesen, wirklich in Handen halte.
Zuletzt da er sich es immer warmer auseinandersetzte, wie das der letzte und dunnste Mast eines entmasteten Lebens, ein so durrer Zweig aus keinem goldnen Christbaum, sondern aus der Klag-Eiche sei, eine Speiche aus Ixions Rad wurd' er erfasset; er handelte dem Bettelmann, der vom Ernst nicht anders zu uberzeugen war als durch Geld, den Stab ab, die einzige Nippe, die der Mann hatte. "Dieser Stab", sagte Walt zu sich, "soll mich wie ein Zauberstab verwandeln und besser als eine Lorenzo-Dose barmherzig machen, wenn ich je vor dem grossen Jammer meiner Mitbruder einst wollte mit kaltem oder zerstreuetem Herzen vorubergehn; er wird mich erinnern, wie braun und welk und mude die Hand war, die ihn tragen musste."
So sagt' er strafend zu sich; und der weichherzige Mensch warf sich, ungleich den hartherzigen, vor, er sei nicht weichherzig genug, indes jene sich das Gegenteil schuld geben. Er brauchte dieses Stanglein seiner fruchtbringenden Blumen nicht; aber da, wo diese Wetterstange selber wachset, auf den Schlachtfeldern und um die Lustschlosser vierzehnter Ludwige herum, die schon gleich mit Zahnen auf der Welt ankommen33, an Orten, wo die geheimen Treppen und Throngeruste aus solchem Marter-Holz gezimmert werden, in Landern, wo der Bettelstab der allgemeine oder General-Stab ist, vielleicht durch den militarischen selber, da wurd' es ein erwunschtes Legat sein, wenn jeder Bettler seinen Stab in ein eignes StaatsHolzer-Kabinett vermachte; wenigstens ist zu glauben, wenn neben jedem Kommando-Stab und Zepter ein solcher lage, er diente als Balancierstange und schluge vielleicht wie ein Moses-Stecken aus manchen harten Thron-Felsen weiches Wasser.
Der Notar verliess sein Quartier mit dem Exulantenstab so froh als es zu erwarten war, da er den Verkaufer desselben in Erstaunen und Freudentranen gesetzt; und besonders da er uber die goldne Ernte von Abenteuern hinsah, die er bloss in einem halben Tage eingeerntet. "Wahrlich es ist stark", sagt' er, "in Harmlesberg weiss man meinen Namen schon mundlich in Grunbrunn gar schriftlich eine wunderbare Flote geht und steht mit mir einen fremden Wanderstab hab' ich desfalls Gott, was kann mir nach solchen Zeichen nicht in einem ganzen langen Nachmittag passieren? Hundert Wunder! Denn es schlagt erst halb 2 Uhr." So schloss er und sah mit frohlockenden Augen in den blau-ausgewolbten Himmel hinein.
Nr. 42. Schillerspat
Das Leben
Im nachsten Flusse wusch er den Bettelstab und die Hande ab, in welche er ihn vor dem Verkaufer aus Schonung frei genommen. Der erste Akt der Wohltatigkeit, den er nach dem Kaufe des Stabes verrichtete, war einer mit dem Holze selber an Floss-Holz. Er konnt' es nicht ertragen, dass, wahrend mitten im Strome viele Floss-Scheite lustig und tanzend hinunterschwammen, eine Menge anderer, die nicht unbedeutender waren, sich in Ufer-Winkeln stiessen, drangten und elend einkerkerten; eine solche Zurucksetzung auf die Expektantenbank verdienten die Floss-Scheite nicht; er nahm daher seinen Bettelstock und half so vielen hintangesetzten Scheiten durch Schieben wieder in den Zug der Wogen hinein, als neben ihm litten; denn alle Scheite sowie alle Menschen zu befordern, steht ausser dem Vermogen eines Sterblichen.
Er holte darauf einen kleinen zerlumpten Jungen ein, der barfuss in einem Paar roten Pluschhosen voll unzahliger Glatzen ging, das, von einem Manne abgelegt, eine Pump- und Strumpfhose zugleich an ihm geworden war. Der Knabe hatte nichts bei sich als ein Glaschen, mit dessen Salbe er sich unaufhorlich die rotkranken Augen bestrich. Walt fragte ihm sanft seine Leidensgeschichte ab. Sie bestand nur darin, dass er von seiner Stiefmutter weggelaufen, weil sein Vater, ein Militar, von dieser weggelaufen, und dass er sich zu den Franzosen zu betteln hoffe. "Kannst du hessische Groschen brauchen?" fragte Walt, der zu seinem Schrecken zu grosses Geld bei sich fand. Der Knabe sah ihn dumm an, lachelte dann, wie uber einen Spass, und sagte nichts. Walt wies ihm einen. O, sagt' er, das kenn' er wohl, sein Vater hab' ihn oft wechseln lassen. Der Notar erfuhr endlich, der Knabe sei ein Hesse und gab ihm alle vaterlandische Groschen.
Allmahlich ausserte jetzt der Bettelstab seine feindselige Kraft, eine Wetterstange zu sein, welche Gewitter zieht. Walt konnte den Fruhling des Vormittags durchaus nicht wieder zuruckbringen, sondern musste den Herbst vor sich stehen sehen, der gerade so episch macht als der Lenz lyrisch und romantisch. Er durft' es dem Stock sehr aufburden, dass er nach den Leipziger Bergen sah und doch ganz vergeblich hinter ihnen auf der andern Seite in die Leipziger Ebenen herabzufahren suchte bis vor Winas Gartenture, weil der Stock sich gleichsam unter den Berg-Schlitten stemmte und stulpte.
Er sah nur das Fliehen und Fliegen des Lebens, die Eile auf der Erde, die Flucht des Wolkenschattens, indes am Himmel die Wolke selber nur langsam zieht, und die Sonne gar wie ein Gott steht und blickt. Ach in jedem Herbst fallen auch dem Menschen Blatter ab, nur nicht alle.
Er sah eine abgefressene Wiese, aber violett von ausgeschlossenen giftigen Herbstblumen. Auf ihr larmten Zugvogel, die miteinander den Plan zu ihrer Nachtreise zu bereden schienen. Auf der Landstrasse fuhr ein rasselnder Wagen hin, unter den Hinterradern boll ein Hund. Am fernen Bergabhange schritt eine weibliche weisse Gestalt kaum merkbar hinter ihrem dunkelbraunen Manne, um in irgendeinem unbekannten Dorfchen ein Glas und eine Tasse zu geniessen und dazu vor- und nachher soviel von schoner Natur, als unterwegs gewohnlich vorkommt. In der Nahe trippelten zwei weissgeputzte Madchen von Stande, mit Blumen und Schnupftuchern in den Handen, durch die grunen Saaten-Furchen, und die gelben Schals flatterten zuruck.
Er ging vor einem bis an die Himmelswagen hinauf geturmten sogenannten Brautwagen vorbei, worauf alle die Wachsflugel, Flugeldecken, Glasfedern und der Federstaub einerseits, und die Steiss- und Schwanzflossen, die Brust- und Ruckenflossen, die Danaidengefasse, Wasserstucke, Wasserwaagen, Regenmesser und Trockenseile andererseits unter dem Namen Hausgerate aufgeladen waren, welche der Mensch durchaus hienieden haben muss, um nur einigermassen halb durch das Leben zu schwimmen, halb daruber zu fliegen. Der Eigentumer aber schritt voll Empfehlungen der grossten Vorsichtsregeln fur seine aufgepackten Flugel und Flossen neben dem Wagen her und versprach sich und andern Schritt vor Schritt ganz andere, blauere Tage in der Zukunft, als er in seinem vorigen unbekannten Neste gehabt.
Darauf kam Walt auf ein Filial-Dorfchen von funf oder sechs waschenden, fegenden Hausern und rauchenden Backofen. Die Junglinge hoben mit Stangen und halber Lebensgefahr einen Maienbaum mit roten Bander-Fahnen in die Hohe, der fur ein Dorf wohl nicht weniger ist, als was eine Vogelstange fur eine Mittelstadt. Die Madchen, welche die Bander hinaufgeschenkt, sahen hochrot dem Aufbaumen zu und hatten nichts im seligen Kopf und Herzen als den morgendlichen Kirmes-Tanz um den Baum mit den allerbedeutendsten Purschen des Orts.
Darauf begegnete der Notar einem schwer ausgeschmuckten eilfjahrigen Madchen mit einer Krucke was ihn unsaglich erbarmte , und die Frau Patin lief aus dem Ortchen ihrem Kirmesgast schon entgegen.
Darauf kam ein an sich selber angeketteter Malefikant zwischen seinen Kerker-Fuhrern; alle priesen, soweit sie mit Worten noch vermochten, das Bier des vorigen Dorfs; auch der Malefikant.
Er kam durch das ansehnlichere Dorf, worin das Filial nur eingepfarrt war. Da die Mutterkirchen-Ture gerade offen stand aus dem kurzen dicken Turme wurde etwas geblasen, worein wieder der Viehhirt blies so ging er ein wenig hinein; denn unter allen offentlichen Gebauden besucht' er Kirchen am liebsten, als Eispalaste, an deren leere Wande das Altarlicht seiner frommen Phantasie sich mit Glanz und irrenden Farben am schonsten brach und umhergoss. Es wurde drinnen getauft. Der Taufer und der Taufling schrien sehr vor dem Taufengel. Vier oder funf Menschen waren nach ihrer Art sonntaglich blasonniert, graviert, mit getriebner Arbeit vom Schneider bedeckt; nur aus den vornehmsten Kirchen-Logen, den adeligen, schaueten Magde, die Arme in blaue Schurzen wie in Unter-Schals gewickelt, im demi-neglige des Wochentags heraus. Wirtschafts-Kleidung in heiliger Statte war ihm harter Misston. Der Pate des getauften Urenkels war der Urgrossvater desselben, der das Schreihalschen kaum halten konnte vor Jahren, und dessen abgepfluckte winterliche nackte Gestalt Walten besonders dadurch ins Herz drang, dass der alte Mann funf oder sechs schneeweisse Haare mehr nicht zu einem grauen Zopflein zusammengesammelt und gedreht hatte, um sich zu zeigen.
Dass der alte Mensch dem jungen so nahe war, das Kind des Grabes dem Kinde der Wiege, die gelben Stoppeln dem heitern Maienblumchen, das ruhrte den Notar noch eine Stunde uber das Dorf hinaus. "Spielet doch Kindtaufens", sagt' er zu einigen Kindern, die ein Kreuz trugen und Begrabens spielen wollten. Gerade aus dem Herzen flog ihm in den Kopf der Streckvers:
"Spielet jauchzend, bunte Kinder! Wenn ihr einst wieder Kinder werdet, buckt ihr euch lahm und grau; unter dem weinerlichen Spiele bricht der Spielplatz ein und uberdeckt euch. Wohl auch abends bluht im Osten und Westen eine Aurora, aber das Gewolke verfinstert sich, und keine Sonne kommt. O hupfet lustig, ihr Kinder, im Morgenrot, das euch mit Bluten bemalt, und flattert eurer Sonne entgegen."
Die Zauberlaterne des Lebens warf jetzt ordentlich spielend bunte laufende Gestalten auf seinen Weg; und die Abendsonne war das Licht hinter den Glasern. Sie wurden gezogen, und es musste vor ihm voruberlaufen unten im Strom ein Messschiff ein niedriger Dorfkirchhof an der Strasse, uber dessen Rasenmauer ein fetter Schosshund springen konnte eine Extrapost mit vier Pferden und vier Bedienten vornen der Schatte einer Wolke nach ihr ins Licht der Schatte eines Rabenzugs zerrissene hohe graue Raubschlosser ganz neue eine polternde Muhle ein zu Pferde sprengender Geburtshelfer der durre Dorfbalbier mit Schersack ihm nachschiessend ein dicker uberrockiger Landprediger mit einer geschriebenen Erntepredigt, um fur die allgemeine Ernte Gott und fur seine den Zuhorern zu danken ein Schiebkarren voll Waren und ein Stab Bettler, beide um die Kirmessen zu beziehen ein Vor-Dorfchen von drei Hausern mit einem Menschen auf der Leiter, um Hauser und Gassen rot zu numerieren ein Kerl, auf seinem Kopfe einen weissen Kopf von Gips tragend, der entweder einen alten Kaiser oder Weltweisen vorstellen sollte oder sonst einen Kopf- ein Gymnasiast spitz auf einem Grenzstein sesshaft, mit einem Leih-Roman vor den Augen, um sich die Welt und Jugend poetisch ausmalen zu lassen und endlich oben auf ferner Hohe und doch noch zwischen grunen Bergen ein vorschimmerndes Stadtchen, worin Gottwalt ubernachten konnte, und die helle Abendsonne zog alle Spitzen und Giebel sehr durch Gold ins Blau empor.
"Wir sind laufende Strichregen und bald herunter", sagt' er, als er auf einem Hugel bald ruck-, bald vorwarts sah, um die Kette der auseinandereilenden Gestalten zu knupfen. Da stieg ihm ein Bilder-Handler mit seiner auf eine Walze gefadelten flatternden Bilder-Bibel und Bilder-Galerie auf dem Nabel nach und fragte, ob er nichts kaufe. "Ich weiss gewiss, dass ich nichts kaufe", sagte Walt und gab ihm zwolf Kreuzer, "aber lassen Sie mich ein wenig dafur darin herumblattern."
"Wer lieber als ich", sagte der Mann und bog seinen Thorax zuruck und sein Bilderbuch ihm entgegen. Hier fand der Notar wieder die stehenden Bilder der laufenden Bilder, das Leben fuhr mit Farben auf dem Papiere durcheinander, die halbe Welt- und RegentenGeschichte, Potentaten und herkulanische Topf-Bilder und Hanswurste und Blumen und Militar-Uniformen, und alles uberlud den Magen des Mannes. "Wie heisset das Stadtlein droben?" sagte Walt. "Altfladungen, mein lieber Herr, und die Berge dort sind eine prachtige Wetterscheide, sonst hatte uns vorgestern das liebe Gewitter alles angezundet (versetzte der Bildermann); indes hab' ich noch schone aparte Stucke zum Ansehen" und blatterte das bunte Hang-Werk mit beiden Handen auf. Walts Auge fiel auf eine Quodlibetszeichnung, auf welcher mit Reissblei fast alle seine heutigen Weg-Objekte, wie es schien, wild hingeworfen waren. Von jeher hielt er ein sogenanntes Quodlibet fur ein Anagramm und Epigramm des Lebens und sah es mehr trube als heiter an jetzt aber vollends; denn es stand ein Januskopf darauf, der wenig von seinem und Vults Gesichte verschieden war. Ein Engel flog uber das Ganze. Unten stand deutsch: "Was Gott will, ist wohlgetan"; dann lateinisch: "quod Deus vult, est bene factus." Er kaufte fur seinen Bruder das tolle Blatt.
Der Bildermann verliess den Hugel mit Dank. Walt heftete das von dem Voruberzuge unseres malenden und gemalten Lebens geruhrte Seelen-Auge auf den wetterscheidenden Berg, der ganz unter den Rosen der Sonne mit einzelnen Felsen-Schneiden und mit Schafen gluhte, und er dachte:
"So fest steht er nun ewig da fruh, als noch keine Menschen hier waren, schnitt er auch die schweren Wetterwolken entzwei und zerbrach ihre Donnerkeile und machte es hell und schon im Tale ohne Augen Und wie tausendmal mag das Abendrot im Fruhlingsglanz herrlich ihn vergoldet haben, da noch kein Leben unten stand, das in die Herrlichkeit mit Traumen versank. Bist du denn nicht, du grosse Natur, gar zu unendlich und zu gross fur die armen Kleinen hier unten, die nicht jahrelang, geschweige Jahrtausende glanzen konnen, ohn' es zu zeigen? Und dich, o Gott, hat noch kein Gott gesehen. Wir sind ganz gewiss klein."
Je mehr es Abend wurde, desto mehr ging das epische Gefuhl in das susse romantische uber, und hinter den Rosen-Bergen wandelte wieder Wina in Garten. Denn der Abend farbet zugleich die optischen und geistigen Schatten bunter an. Er sehnte sich nach einem fremden Menschenworte; zuletzt drangt' er sich an einen Mann, der einen Schiebekarren voll Wolle ungemein langsam schob und immer stand und nach der Sonne sah.
Er sei, sagte dieser sehr bald aufgeregt, sonst nur ein Hutmann gewesen und habe auf einem glasernen Horn sein Vieh so in der Stadt zusammengeblasen, dass mancher Hutmann etwas daran gewendet hatte, wenn ers Blasen halb so hatte lernen konnen. Nicht ein jedweder sei es kapabel. Und er wunschte zu wissen, ob andern Hirten ihr Vieh so nachgegangen, wenn sie durch die Elbe vorausgewatet; ihm sei es wie Soldaten nachgezogen; und Gott behut' ihn, dass er sich dessen ruhmte, aber wahr sei's.
Der Notar hatte uber nichts soviel Freude, als wenn arme Teufel, die niemand lobte, sich selber lobten. "Ich schiebe noch ganzer funf Stunden durch", sagte der Mann, den der Anteil ins Reden setzte, "die frische Nacht hab' ich dazu sehr gern." "Das kann ich mir leicht denken, mein Alter (sagte Walt, der den unvergesslichen dichterischen Mann von Tockenburg vor sich glaubte); im zweiraderigen Schaferhauschen, wo Er doch meist im Fruhling schlaft, hatt' Er ja den ganzen Sternenhimmel vor sich, wenn Er aufwachte. Ihm ist die Nacht gewiss besonders lieb?"
"Ganz naturlich, denk' ich", versetzte der Schafer; "denn sobalds frisch wird und es tapfer tauet, so zieht die Wolle die Nasse etwas an sich und schlagt mehr ins Gewicht, das muss ein rechtschaffener Schafer wissen, Herr. Denn zum Zentner wills doch immer etwas sagen, wenns auch nicht viel ist."
Da liess ihn Walt mit einer zornigen guten Nacht stehen und eilte dem rauchenden Bergstadtchen zu, wo er, nach den heutigen Dorfern zu schliessen, im Nachtquartier unter solche Abenteuer zu geraten verhoffte, die vielleicht ein anderer mit Wurzeln und Bluten geradezu ausheben und in einen Roman verpflanzen konnte.
Nr. 43. Polierter Bernsteinstengel
Schauspieler der Maskenherr der Eiertanz die
Einkauferin
Er kehrte im Ludwig XVIII. ein, weil der Gasthof vor dem Tore lag, vor dessen Fragmaschinen er nie gern vorbeiging, namlich stillstand. Das erste Abenteuer war sogleich, dass ihm der Wirt ein Zimmerchen abschlug; es sei alles von Franzels Truppe besetzt, sagte der Ludwigs-Wirt, der hohere Posten und Stockwerke nur solchen, die auf den hohern des Wagens und der Pferde kamen, aufschloss, hingegen den Fussboden Fussboten anwies. Walt sah sich gezwungen, den lauten Markt der Gaststube mit der Aussicht zu bewohnen, dass wenigstens sein Schlafkammerlein einsam sei.
Er setzte sich in den halbrunden Ausschnitt eines Wandtisches hinein und zog einen Hausknecht, da er nahe genug voruberkam, gelegentlich an sich und trug ihm hoflich seine Bitte um Trinken vor, die er mit drei guten Grunden unterstutzte. Ohne Grunde hatt' ers sechs Minuten fruher bekommen. Am Klapptischchen tat er nichts, als in einem fort die Schauspieler und -spielerinnen im allgemeinen hochachten, die aus- und eingingen, dann noch besonders an ihnen hundert einzelne Sachen unter andern den mit dem Glattzahn aufgestrichenen Manns-Habit die entgegengesetzten Schwimmkleider der Weiber die allgemeine hohe Selbstschatzung, wodurch jeder Akteur leicht der Munzmeister seiner Preismedaillen und sein eigner Chevalier d'honneur war, und jede Aktrice leicht ihre Dekorationsmalerin den Buhnen-Mut in der Wirtsstube das Gefuhl, dass der Sockus oder der Kothurn ihre Achilles-Fersen beschutze die bunte Naht ihrer Diktion, die aus so vielen Stucken so gut zugeschnitten war als die Uniformen, welche sich die Frankreicher aus Bettdecken, Vorhangen und allem, was sie erplunderten, machten und den reinern Dialekt, den er so sehr beneidete. "Darunter ist wohl keine einzige Person", dacht' er, "die nicht langst und oft auf der Buhne eine rechtschaffene oder bescheidene oder gelehrte oder unschuldige oder gekronte gespielt", und er impfte, wie Junglinge pflegen, dem Holze der Buhne, wie des Katheders und der Kanzel, den Menschen ein, der darauf nur steht, nicht wachset.
Was ihn betrubte, war, dass alle Gesichter, sogar die jungsten, die Alten-Rollen spielten, indes auf der Buhne, wie auf dem Olymp, ewige Jugend war, wenns der Zettel begehrte.
Im Abenddunkel fiel ihm ein Mensch auf, der keine Miene ruckte, mit allen sprach, aber hohl, oft, wenn ihn einer fragte, statt der Antwort dicht an den Frager trat, mit dem schwarzen Blicke einmal wetterleuchtete und darauf sich umwandte, ohne ein Wort zu sagen. Er schien zu Franzels frucht-essender Gesellschaft zu gehoren; dennoch schien diese wieder sehr auf ihn zu merken. Der Mann liess sich jetzt eine Melone bringen und eine Dute Spaniol, zerlegte sie, bestreuete sie damit und ass die Tabaks-Schnitte und bot sie an. Eben kamen Lichter herein, als er den Teller dem staunenden Notar vorhielt, der vollends sah, dass der Mensch eine Maske, doch keine unformliche, vorhatte und der bekannten eisernen glich, die so alte Schauder in seine Phantasie geworfen. Walt bog und schuttelte sich; es war ihm aber einiges lieb, und er trank.
Darauf stieg die Maske auch diese Phrasis, wenn ein Wort eine ist, war ihm ein schwarz-bedeckter Wagen, der Tote und Tiger fuhren konnte auf einen Fensterstock, machte das Oberfenster auf und fragte einige Akteurs, ob sie ein Ei durch das Fenster zu werfen sich getraueten. "Warum?" sagte der eine, "warum nicht?" der andere. Die Maske machte aber mit etwas Verstecktem in der Hand einige Linien in die Luft und versetzte kalt: "Jetzt vielleicht keiner mehr!" Er wolle alle Eier zweifach bezahlen, sobald einer nur eines durchwerfe, sagt' er. Ein Akteur nach dem andern schleuderte alle Eier fuhren schief die Maske verdoppelte den Preis der Aufgabe es war unmoglich Walt, der sonst auf dem Lande so oft in die Schleudertasche gegriffen, tat die Geldtasche auf und bombardierte gleichfalls mit einem Groschen Eier ebensogut hatt' er eine Bombe geworfen ohne Morser Eine ganze Bruttafel und Poularderie von Dottern floss von den Fenstern hernieder.
"Es ist gut", sagte die Maske; "aber noch bis morgen abend um diese Zeit bleibt die eier-feindliche Kraft im Fenster; dann kann jeder durchwerfen" und so ging er hinaus. Der Wirt lachelte, ohne sonderlich zu bewundern, gleichsam als schien' er mehr zu berechnen, dass er morgen auf seiner Rechentafel aus diesen Eiern die beste Falkonerie von Raubvogeln ausbruten konnte, die ihm je in Fangen einen Fang zugetragen.
Da die Maske nicht sogleich wiederkam, so ging der Notar mit dem Gedanken: "Himmel, was erlebt nicht ein Reisender in Zeit von 12 Stunden!" auch hinaus als sei er nach neuen Wundern hungrig , nach seiner Weise die Vorstadt im Zwielicht zu durchschweifen. Eine Vorstadt zog er der Stadt vor, weil jene diese erst verspricht, weil sie halb auf dem Lande an den Feldern und Baumen liegt, und weil sie uberall so frei und offen ist.
Er ging nicht lange, so traf er unter den hundert Augen, in die er schon geblickt, auf ein Paar blaue, welche tief in seine sahen, und die einem so schonen und so gut gekleideten Madchen angehorten, dass er den Hut abzog, als sie vorbei war. Sie ging in ein offenes Kaufgewolbe. Da unter den festen Platzen ein Kaufladen das ist, was unter den beweglichen ein Postwagen, namlich ein freier, wo der Romanschreiber die unahnlichsten Personen zusammenbringen kann: so behandelte er sich als sein Selbst-Romanschreiber und schaffte sich unter die Schnittwaren hinein, aus welchen er nichts kaufte als ein Zopfband, um doch einigermassen ein Band zwischen sich und dem Blau-Auge anzuknupfen.
Das schone Madchen stand im Handel uber ein Paar gemslederne Mannshandschuh, stieg im Bieten an einer Kreuzerleiter hinauf und hielt auf jeder Sprosse eine lange Schmahrede gegen die gemsledernen Handschuhe. Der besturzte Notar blieb mit dem Zopfband zwischen den Fingern so lange vor dem Ladentisch, bis alle Reden geendigt, die Leiter erstiegen und die Handschuhe kaufsunlustig dem Kaufmann zuruckgeworfen waren. Walt, der sich sogar scheute, sehr und bedeutend in einen Laden zu blicken, bloss um keine vergeblichen Hoffnungen eines grossen Absatzes im Vorbeigehen in der feilstehenden Brust auszusaen, schritt erbittert uber die Harte der Sanftaugigen aus dem Gewolbe heraus und liess ihre Reize, wie sie die Handschuhe, stehen. Schonheit und Eigennutz oder Geiz waren ihm entgegengesetzte Pole. Im Einkaufe nicht im Verkaufe sind die Weiber weniger grossmutig und viel kleinlicher als die Manner, weil sie argwohnischer, besonnener und furchtsamer sind und mehr an kleine Ausgaben gewohnt als an grosse. Das Blau-Auge ging vor ihm her und sah sich nach ihm um; aber er sah sich nach der Brief-Post um, deren Horn und Pferd ihm nachlarmte. Am Posthorne wollte seiner Phantasie etwas nicht gefallen, ohne dass er sichs recht zu sagen wusste, bis er endlich herausfuhlte, dass ihn das Horn sonst das Fullhorn und Fuhlhorn seiner Zukunft jetzt ohne alle Sehnsucht ausgenommen die nach einer dastehen lasse und anblase, weil der Klang nichts male und verspreche, als was er eben habe, fremdes Land. Auch mag das oft den Menschen kalt gegen Briefpostreiter unterwegs machen, dass er weiss, sie haben nichts an ihn.
Im Ludwig XVIII. fand er die Briefpost abgesattelt. Diese fragte ihn, da er sie sehr ansah, wie er heisse. Er fragte warum. Sie versetzte, falls er heisse, wie er hiess, so habe sie einen Brief an seinen Namen. Er war von Vults Hand. Auf der Adresse stand noch: "Man bittet ein lobliches Postamt, den Brief, falls Hr. H. nicht in Altfladungen sich befinden sollte, wieder retour gehen zu lassen, an Hrn. van der Harnisch beim Theaterschneider Purzel."
Nr. 44. Katzengold aus Sachsen
Abenteuer
Der Brief von Vult war dieser:
"Ich komme erst jetzt aus den Federn indes Deine Dich wohl schon wersten-weit getragen, oder Du sie und schreibe eilig ohne Strumpfe, damit Dich mein Geschriebenes nur heute noch erreitet. Es ist 10 Uhr, um 10 1/2 Uhr muss der Traum auf die Post.
Ich habe namlich einen so seltsamen und prophetischen gehabt, dass ich Dir ihn nachschicke, gesetzt auch, Du lachst mich einen Monat lang aus. Deine ganze heutige und morgende Reiseroute hab' ich klar getraumet. Belugt mich der Quintenmacher von Traum und trifft er Dich in Altfladungen nicht an worauf ich schworen wollte; so lauft er retour an mich, und es ist die Frage, ob ich ihn einem Spottund Spassvogel wie Du dann je vorzeige.
Ich sah im Traum, auf der Landzunge einer Wolke sitzend, die ganze nordostliche Landschaft mit ihren Bluten-Wiesen und Miststatten; dazwischen hin eine rennende, schmale, gelbrockige, jubelnde Figur, die den Kopf bald vor sich, bald gen Himmel, bald auf den Boden warf und naturlich warest Du es. Die Figur stand einmal und zog ihr Beutelchen, dann fuhr sie in Harmlesberg in den Krug. Darauf sah ich sie oben auf meiner Wolkenzinne durch das Rosana-Tal ziehen, den Bergrucken hinauf, vor Dorfern vorbei. In Grunbrunn verschwand sie wieder im Krug. Wahrhaftig dichterisch wars vom Traumgott gedacht, dass er mich allzeit 6 Minuten vorher, eh' Du in einen Krug eintratest, ein Dir ganz ahnliches Wesen vorher hinschlupfen sehen liess, nur aber glanzender, viel schoner, mit Flugelchen, wovon bald ein dunkelblauer, bald ein hellroter Strahl, so wie es sie bewegte, meinen Wolken-Sitz ganz durchfarbte; ich vermute also, dass der Traum damit nicht Dich denn den langhosigen Gelbrock zeigt' er mir zu deutlich , sondern Deinen Genius andeuten wollte."
Vor Bewegung konnte Walt kaum weiterlesen; denn jetzt fand er das Ratsel fast aufgelost wenn nicht verdoppelt durch ein grosseres , warum namlich der Harmlesberger Wirt seinen Namen kannte, warum bei dem Grunbrunner derselbe dem Kinde im Schreibbuche vorgezeichnet war, und warum er bei dem Bildermann das seltsame Quodlibet gefunden. Ordentlich aus Scheu, nun weiter und tiefer in die aufgedeckte Geisterwelt des Briefs hineinzusehen, erhob er in sich einige Zweifel uber die Wahrhaftigkeit desselben und fragte den trinkenden Postreiter, wann und von wem er den Brief bekommen. "Das weiss ich nicht, Herr", sagt' er spottisch; "was mir mein Postmeister gibt, das reit' ich auf die Station, und damit Gott befohlen." "Allerdings", sagte Walt und las begierig weiter: "Darauf sah ich Dich wieder ziehen, durch viele Orter, endlich in eine Kirche gehen. Der Genius schlupfte wieder voraus hinein. Abends standest Du auf einem Hugel und nahmest im Stadtchen Altfladungen Nachtquartier. Hier sah ich vor der Wirtshausture Deine verherrlichte Gestalt, namlich Deinen Genius, mit einem dunklen behangnen Wesen kampfen, dessen Kopf gar kein Gesicht hatte, sondern uberall Haare."
"Gott!" rief Walt, "das ware ja der MaskenMensch!"
"Das Wesen ohne Gesicht behauptete die Ture, aber der Genius fuhr als eine Fledermaus in die Dammerung zu mir hinauf, sprengte dicht an meiner Wolken-Spitze seine Flugel wie Krebsscheren ab und hinab und fiel als Maus oder Maulwurf in die Erde (etwa eine Meile von Altfladungen) und schien fortzuwuhlen (denn ich sah es am Wellenbeete) bis wieder zu Dir und warf unweit einer Kegelbahn einen Hugel auf. Es schlug acht Uhr in den Wolken um mich herum; da kam das Ungesicht zum Hugel und steckte etwas wie eine Maulwurfsfalle hinein. Du aber warst hinterher, zogst sie heraus und fandest, indem Du damit bloss den Erd-Gipfel wegstrichest, einige hundert- -jahrige Friedrichsd'or, die der Genius, Gott weiss aus welcher Tiefe und Breite, vielleicht aus Berlin, gerade an die Stelle fur Dich hergewuhlt"....
Jetzt kam wirklich die Maske wieder. Walt sah sie schauernd an; hinter der Larve steckte gewiss nur ein Hinterkopf, dacht' er. Es schlug dreiviertel auf acht Uhr. Der Mann ging unruhig auf und ab, hatte ein rundes schwarzes Papier, das, wie er einem Akteur sagte, an Herzens Statt auf dem Herzen eines arkebusierten Soldaten zum Zielen gehangen, und schnitt ein Gesicht hinein, wovon Walt im Tagebuch schreibt: "Es sah entweder mir oder meinem Genius gleich. Die unabsehliche Winternacht der Geister, wo die Sphinxe und Masken liegen und gehen und nicht einmal sich selber erblicken, schien mit der Larve herausgetreten zu sein ins Sommerlicht des Lebens."
Da es acht Uhr schlug, ging die Larve hinaus Walt ging zitternd-kuhn ihr nach im Garten des Wirtshauses war ein Kegelschub, und der Notar sah (wobei er massig zu erstarren anfing) wirklich die Larve einen Stab in einen Maulwurfshugel stecken. Kaum war sie zuruck und weg, so nahm er den Stab als ein Streichholz und rahmte sozusagen den Hugel wie Milch ab Die Sahne einiger verrosteten Friedrichsd'or konnt' er wirklich einschopfen mit dem Loffel.
Die wenigen haltbaren Grunde, warum der Notar nicht auf die Stelle fiel und in Ohnmacht, bringt er selber bei im Tagebuch, wo man sie weitlauftiger nachlesen kann; obgleich zwei schon viel erklaren; namlich der, dass er ein Strom war, der gegen die starkste Gegenwart heftig anschlug, indes ihn bloss der auflosende Luft-Himmel der Zukunft dunn und verfliegend in die Hohe zog, wie er nur wollte. Jetzt aber nach dieser Menschwerdung des Geisterwesens stand Walt neben seinesgleichen. Der zweite Grund, warum er stehenblieb, war, weil er im Briefe weiter lesen und sehen wollte, was er morgen erfahren und welchen Weg er nehmen werde. "Es war wahrhaftig das erstemal in meinem Leben", schreibt er, "dass ich mich der seltsamen Empfindung nahte, ordentlich so hell wie uber eine Gegenwart hinweg in eine Zukunft hineinzusehen und kunftige Stunden zweimal zu haben, jetzt und einst."
In der Gaststube war die Maske nicht mehr. Er las herzklopfend die Marsch- und Lebensroute des Morgens:
"Darauf wurde der Traum wieder etwas menschlicher. Ich sah, wie am Morgen darauf Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen vorflogen, um Dich zu locken; Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach St. Lune lieber nach Rosenhof. Daruber fiel das Un-Gesicht in Stucken herab, einen Totenkopf und einige Knochen sah ich deutlich von der Wolke. Der Genius wurde in der Ferne eine helle Wolke; ich glaub' aber mehr, dass er sie nur um sich geschlagen. Du trabtest singend aus Deinem Mittagsquartier, namens Joditz, durch eine Landschaft voll Lustschlosser bis an die Rosana, die Dich so lange aufhielt, bis Dich die Fahr-Anstalt hinubergefahren hatte in die passable Stadt Rosenhof. Mir kams vor, soweit ich die tief in den Horizont hinunterliegende Stadt erkennen konnte, als habe sich uber ihr der Genius in ein grosses blendendes Gewolke auseinandergezogen und Dich und die Stadt zuletzt darin aufgefasset, bis die Wolkenstrecke unter immer starkerem Leuchten und Auswerfen von Sternen und Rosen und Gras zugleich mit meinem Traume auseinanderging.
Und damit wollt' er, denk' ich, nur bedeuten, dass Du Dich im Stadtlein recht divertieren und darauf auf den Heimweg machen wurdest.
Wie eine solche Traumerei in meinen Kopf gekommen, lasset sich nur dadurch begreiflich machen, dass ich seit gestern immer Deinen eignen mit seiner Romantik darin gehabt.
Ich wollte, Dein Name ware so beruhmt, dass der Brief Dich fande, wenn bloss darauf stunde: an Hrn. H., auf der Erde; wie man z.B. an den Mann im Monde recht gut so adressieren kann. Die schonste Adresse hat jener allein, an den man bloss die Aufschrift machen braucht: an Den im Universum.
Reise klug wie eine Schlange, Bruder. Habe viele Weltkenntnis und glaube nicht wie Du Dir einmal merken lassen , es sei tunlich, dass sich auf der Briefpost blinde Passagiere aufsetzen konnten oder auch sehende, und lass ahnliche Fehlschlusse. Sei verdammt selig und lebe von den alten Friedrichsd'oren, die der Maulwurf ausgeworfen, in einigem Saus und Braus. Erkies, o Freund, nur kein Trauerpferd zu einem Stekkenpferd; da ohnehin jedes Kreuz, vom Ordenskreuze an bis zum Eselskreuz herab, entweder genug tragt oder genug druckt. Meide die grosse Welt moglichst; ihre Hopstanze sind aus F-moll gesetzt. Das Schicksal nimmt oft das dicke Sussholz, an welchem die Leute kauen, als einen guten Prugel vor und prugelt sie sehr Ich wunschte doch nicht, dass Du gerade auf der ersten Stufe des Throns gleich neben dem Furstenstuhlbein standest, wenn ihn der neue Regent zur Kronung besteigt, und dass er Dich dann zu etwas erhobe, in den Adelstand, zu einem Kammer- oder Jagdjunker oder so; wie ein solcher Regent wohl pflegt, weil er in seiner neuen Regierung gerade nichts fruher macht als das Edelste, namlich Menschen, d.h. Kammer-Herrn, Edelleute usw., und erst spater den Staat und dessen Gluck, so wie die alten Theologen34behaupten, dass Gott die Engel vor der Erde und zwar darum erschaffen, damit sie ihn nachher bei deren Schopfung lobten
Ich wunscht' es nicht, sag' ich, dass Du dem jungen neugebacknen und neubackenden Fursten die gedachte Ehre antatest und eine annahmest wahrlich ein Thron wird, wie der Vesuv, gerade hoher durch Auswerfen von Hohen und Hohen um ihn her ; und mein Grund ist dieser: weil Du, gesetzt, Dir wurde irgendeine bedeutende mannliche oder weibliche Hof-, ja Regierungs-Charge zuteil, doch nicht eher ein ruhiges Leben und eine starke Pension bekamest als nach einem tapfern, verflucht grossen Fehltritt oder bei ganzlicher Untauglichkeit zu irgend etwas, worauf der Hofmensch Abschied und Pension begehrt und nimmt, gleich dem verurteilten Sokrates, der sich eine ahnliche Strafe vor Gericht diktierte, namlich lebenslanglichen Freitisch als Prytan; wie untuchtig aber Du zu rechter Untuchtigkeit bist, das weisst Du am besten Kannst du wahlen auf deiner Spannen-Reise, so besuche lieber den grossten europaischen Hof als die kleinsten deutschen, welche jenen in nichts ubertreffen (in den Vorzugen am wenigsten) als in den Nachteilen, wie man denn wahrgenommen, dass auch die Seekrankheit (was sie gibt und nimmt, kennst Du) viel arger wurgt auf Seen als auf Meeren Suche dein Heil an Hofen mehr in groben Taten als in groben Worten; diese werden schwerer verziehen Ein Hofmann vergibt zwar leicht, aber mit Gift Auf diesen schlupfrigen Abhangen des Throns betrage Dich uberhaupt ganz trefflich und bedenke, dass man da, wie die Griechen zu Homers35Zeiten, die Verwunschungen nur leise zu tun habe, weil die lauten auf den Urheber zuruckspringen Sage Fursten, Markgrafen, Erzherzogen, Konigen zwar die Wahrheit, aber nicht grober als jedem ihrer Bedienten, um Dich von republikanischen Autoren zu unterscheiden, die sich lieber vor Verlegern als vor Potentaten bucken Gegen Malteser-Damen, Konsulesse, Hof- und andere Damen vom hochsten Rang sei kein Pariser Bisamschwein, d.h. keine parfumierte Bestie, kein verbindlicher Grobian, der auf die manierlichste Weise von der Welt des Teufels gegen sie ist Sei der schonste, langgewachsenste, schlankeste Mann von 30 Jahren, der mir noch vorgekommen Kurz, bleibe ein wahres Musterbild, bitt' ich Dich als Bruder! Uberhaupt, sei passabel!
Ich schliesse den langsten ernsthaften Brief, den ich seit zehn Jahren geschrieben; denn es schlagt 10 1/2 Uhr, und er soll durchaus noch fort. Himmel aber! wo magst du jetzt sein? Vielleicht schon mehr als wersten-weit von unserm Hasslau, und erfahrest nun an dir selber, wie leicht es grossen Reisen wird, den Menschen auszubalgen und umzustulpen wie einen Polypen, und was es auf sich habe, wenn Hafen und Markte und Volker vor uns vorubergehen, oder wir, was dasselbe ist, vor ihnen und wie es einem ziemlich schwer ankommt, nicht zu verachtlich auf Stubenhokker herabzusehen, die vielleicht noch nie uber 10 Meilen weit von ihrem Sparofen weggekrochen und fur welche ein Urteil uber ein paar Reisende wie wir eine Unmoglichkeit ist. Solche Menschen sollten, Freund, nur einmal an ihrer eignen Haut erfahren, wie schwer das britische Gesetz, dass Leute, die aus der Stadt kommen, denen ausweichen sollen, die in selbige reisen36, manchem Weltmann moralisch zu halten falle: sie sahen uns beide anders an. Fahre wohl! Folge mir, noli nolle!
v. d. H.
Postscr. Hebe diesen Brief, im Falle du ihn bekommst sonst nicht , auf, es sind Gedanken darin fur unsern Hoppelpoppel."
Nr. 45. Katzenauge
Ess- und Trink-Wette das Madchen
Es mag nun hinter dem Traum ein Geist oder ein Mensch stecken, dachte Walt, eines der grossten Abenteuer bleibt er immer. Das schwang ihn uber die ganze Stube voll Gaste weg; er fuhr auf dem romantischen Schwanzstern uber die Erden hinaus, die wir kennen. Die Friedrichsd'ore, von denen er viel vertun wollte, waren die goldnen Flugeldecken seiner Flugel, und er konnte ohne Eingriffe in den vaterlichen Beutel sich ein Nossel Wein ausbitten, gesetzt auch, der Elsasser Testator komme wieder auf.
So froh gestimmt und leicht gemacht, bahnte er sich durch das theatralische Gewimmel der Stube seinen bestandigen Hin- und Herweg, wie durch ein Kornfeld, streifte oft an Chemisen vorbei, stand vor manchen Gruppen still und lachelte kuhn genug in fremdes Gesprach hinein. Jetzt trat die Blauaugige, welche keine Mannshandschuhe gekauft, ins Zimmer. Der Direkteur der Truppe schnaubte offentlich Winen (so verkurzt' er Jako-bine) hart an, weil sie ihm zu teuere Handschuhe mitgebracht. Mit Vergnugen entschuldigte Walt innerlich ihren Handelsgeist mit der alten Theater-Einrichtung solcher Truppen, dass sie nichts ubrig haben, und dass aller Goldstaub nur Geigenharzpulver ist, das man in ihr Feuer wirft. Das Madchen heftete, wahrend der rohe Direkteur um sie donnerte, die heitersten Blicke auf den Notarius und sagte endlich, der Herr da moge doch den Ausspruch tun und zeugen. Er tats und zeugte stark.
Aber der Donnerer wurde wenig erschuttert. Da trat die Maske wieder ein. Walt scheuete seinen bosen Genius. Sie schien ihn wenig zu bemerken, aber desto mehr den geizigen Prinzipal. Endlich brachte sie es durch leises Disputieren dahin, dass zu einer Wette der Regisseur 10 Taler in Silber auf den Tisch legte und jene ebensoviel in Gold.
Eine Flasche Wein wurde gebracht, eine Schussel, ein Loffel und eine neugebackne Zweipfenning-Semmel. Es wurde nun vor dem ganzen Stuben-Publikum die Wette publiziert, dass der Masken-Herr in kurzerer Zeit eine Flasche Wein mit dem Loffel aufzuessen verspreche, als der Direkteur seine Semmel hinunterbringe; und dass dieser, wie gewohnlich bei Wetten, gerade auf das Umgekehrte wette. Da die Wette gar zu ungleich schien: so beneideten die meisten Hintersassen des Theater-Lehnsherrn ihrem Vorgesetzten das ungeheure Gluck, so leicht bloss durch ein Semmel-Essen zwei preussische Goldstucke, die nicht einmal aus dem Lande ausgefuhrt werden durfen, in seines einzufuhren.
Alles hob an, der Larvenherr hielt die Weinschussel waagrecht am Kinn und fing das schnellste Schopfen an.
Der Gross- und Brotherr der Truppe tat einen der unerhortesten Bisse in die Semmel, so dass er wohl die Halb- oder Drittels-Kugel sich ausschnitt. Jetzt ass er unbeschreiblich er hatte eine halbe Weltkugel auf dem Zungenbein zu bewegen, zu zerstucken, zu mazerieren, also auf trocknem und nassem Weg zugleich zu scheiden was er von Dienst-Muskeln in der Wett-Hohle besass, musste aufstehen und sich regen, er spannte und schirrte den Beiss- und den Schlafe-Muskel an, die bekanntlich immer zusammenziehen ferner den innern Flugelmuskel, den aussern und den zweibauchigen die Muskeln druckten nebenher die notigsten Speicheldrusen, um Menstrua und Alkaheste zu erpressen, der zweibauchige die Kieferdruse, der Beissmuskel die Ohrdruse, und so jeder jede. Aber wie in einem Ballhause wurde der Magenball im Munde hin- und hergeschlagen; die Kugel, womit er alle zehn Taler wie Kegel in den Magen schieben wollte, wollte durchaus die Schlundbahn nicht ganz passieren, sondern halb und in kleinen Divisionen, wie ein Armee-Kern. Auf diese Weise indessen verlor der theatralische Kommandeur, der den Larvenherrn unaufhorlich und ungehindert schopfen sehen musste, eine unschatzbare Zeit, und indem er den TeufelsAbbiss muhsam, cahiers-weise oder in Rationen ablieferte und schluckte, hatte der Wett-Herr schon zwei Drittel mit dem Loffel leicht aufgetrunken.
Ausser sich wirkte Franzel in alle seine Muskeln hinein mit den Ceratoglossis und den Genioglossis plattiert' er die Zunge, mit den Styloglossis exkaviert' er sie darauf hob er Zungenbein und den Kehlkopf empor und stiess die Unglucks-Kugel wie mit Ladstocken hinab. An anatomischen Schling-Regeln fehlt' es ihm gar nicht.
Noch lag eine ganze Drittels-Semmel vor ihm, und der Larvenherr inkorporierte schon zusehends das vierte Viertel, sein Arm schien ein Pumpenstiel oder sein Loffel.
Der Ungluckliche schnappte nach der zweiten Hemisphare der Hollenkugel in Betracht der Zeit hatt' er ein entsetzliches Divisionsexempel vor sich oder in sich, eine lange Analyse des Unendlichen er schauete kauend die Zuschauer an, aber nur dumm und dachte sich nichts bei ihnen, sondern schwitzte und malmte verdrusslich vor sich die zwanzig Taler auf dem Tische sah er grimmig an und wechselnd den LoffelSaufer zu reden war keine Zeit, und das Publikum war ihm nichts die elende Pechkugel vom Drachen konnt' er nicht einmal zu Brei zersetzen (es floss ihm nicht) ans Schlucken durft' er gar nicht denken, indes er sah, wie der Maskenherr den Wein nur noch zusammenfischte
Das fuhlt' er wohl, sein Heil und Heiland ware man gewesen, hatte man ihn auf der Stelle in eine Schlange verkehrt, die alles ganz einschluckt, oder in einen Hamster, der in die Backentaschen versteckt, oder ihm den Thyreopalatinus ausgerissen, der die Esswaren hindert, in die Nase zu steigen.
Endlich schuttete der Maskenherr die Schussel in den Loffel aus und Franzel stiess und worfelte den Semmel 'globe de compression' noch hin und her, so nahe am erweiterten Schlundkopfe, aber ohne das geringste Vermogen, die Semmel durch das so offne Hollentor zu treiben, so gut er auch aus den anatomischen Horsalen wusste, dass er in seinem Maule uber eine Muskel-Hebekraft von 200 Pfund zu befehlen habe.
Der Larvenherr war fertig, zeigte endlich dem Publikum die leere Schussel und die vollen Backen des Direkteurs und strich das Wettgeld mit der Rechten in die Linke, unter der Bitte, Hr. Franzel solle, wenn er etwas darwider und die Semmel schon hinunter habe, bloss das Maul aufmachen. Franzel tats auch, aber bloss um den teuflischen Fangeball durch das grossere Tor davonzuschaffen. Der Maskenherr schien froh zu sein und bot dieselbe Wette wieder aus, bei welcher er glanzende Erleichterungen vorschlug, z.B. statt einer Semmel bloss einen ganzen kleinen Kuh- oder Ziegenkase, kaum Knie- oder Semmel-Scheiben gross, auf einmal in den Mund zu nehmen und hinabzuessen, wahrend er trinke ut supra; aber man dachte sehr verdachtig von ihm, und niemand wagte.
Den Notar hatte der Direkteur zu sehr gedauert, wenn er vorhin die schone Blondine sanfter angefahren hatte. Diese sass und nahte und hob, sooft sie mit der Nadel aufzog, die grossen blauen Augen schalkhaft zu Walten auf, bis er sich neben sie setzte, scharf auf die Naht blickte und auf nichts dachte als auf eine schickliche Vorrede und Anfurt. Er konnte leicht einen Gesprachsfaden lang und fein verspinnen, aber das erste Flockchen an die Spindel legen konnt' er schwer. Wahrend er neben ihr so vor seiner eignen Seele und Gehirnkammer antichambrierte, schnellte sie leicht die kleinen Schuhe von ihren Fussen ab und rief einen Herrn her, um sie an den Trockenofen zu lehnen. Mit Vergnugen war' er selber aufgesprungen; aber er wurde zu rot; ein weiblicher Schuh (denn er gab fast dessen Fuss darum) war ihm so heilig, so niedlich, so bezeichnend wie der weibliche Hut, so wie es am Manne (sein Schuh ist nichts) nur der Uberrock ist und an den Kindern jedes Kleidungsstuck.
"Ich dachte, Sie sagten endlich etwas", sagte Jakobine zu Walten, an dem sie statt der Zunge den Rest mobil machte, indem sie ihr Knaul fallen liess und es am Faden halten wollte. Er lief der Gluckskugel nach, strickte und drehte sich aber in den Faden dermassen ein, dass Jakobine aufstehen und diesen von seinem Beine wie von einer Spindel abweifen musste. Da sie sich nun buckte und er sich buckte und ihre Postpapierhaut sich davon rot beschlug denn ihr schlechter Gesundheitspass wurde ausser und auf der Buhne mit roter Dinte korrigiert und er die Rote mit Glut erwiderte; und da beide sich einander so nahe kamen und in den unordentlichsten Zwiespalt der Rede: so war durch diese tatige Gruppierung mehr abgetan und getan fur Bekanntschaft, als wenn er drei Monate lang gesessen und auf ein Praludium und Antrittsprogramm gesonnen hatte. Er war am Ariadnens-Faden des Knauls durch das Labyrinth des Rede-Introitus schon durch, so dass er im Hellen fragen konnte: "Was sind ihre Hauptrollen?" "Ich spiele die unschuldigen und naiven samtlich", versetzte sie, und der Augenschein schien das Spielen zu bestatigen.
Um ihr rechte Freude zu machen, ging er, so tief er konnte, ins Rollen-Wesen ein und sprach der stummen Nahterin feurig vor. "Sie reden ja so langweilig wie der Theaterdichter", sagte sie, "oder Sie sind wohl einer? Dero werten Namen?" Er sagte ihn. "Ich heisse Jakobine Pamsen; Hr. Franzel ist mein Stiefvater. Wo gedenken Sie denn eigentlich, Hr. Harnisch?" Er versetzte: "Wahrscheinlich nach Rosenhof." "Hubsch", sagte sie. "Da spielen wir morgen abends." Nun malte sie die gottliche Gegend der Stadt und sagte: "Die Gegend ist ganz superb." "Nun?" fragte Walt und versprach sich eine kleine Muster- und Produktenkarte der Landschaft, ein dunnes Blatterskelett dasigen Baumschlags und so weiter. "Aber Was denn?" sagte die Pamsen, "die Gegend, sag' ich, ist die gottlichste, so man schauen kann. Schauen Sie selber nach."
Da trat der Larvenherr unbefangen hin und sagte entscheidend: "Bei Berchtolsgaden im Salzburgischen ist eine ahnliche, und in der Schweiz fand ich schonere. Aber kunstliche Zahnstocher schnitzen die Berchtolsgadner" und zog einen aus der Weste, dessen Griff sauber zu einem Spitzhund ausgearbeitet war.
"Wer Lustreisen machen kann", fuhr er fort, "mein Herr, findet seine Rechnung vielleicht besser im Badort St. Lune, wo gegenwartig drei Hofe versieren, der ganze flachsenfingische, dems gehort, darnach der Scheerauer und der Pestitzer und ein wahrer Zufluss von Kurgasten. Ich reise morgen selber dahin."
Der Notar machte eine matte Verbeugung; denn das Geschick hatt' ihn auf diesen ganzen Abend verurteilt, zu erstaunen. "Allmachtiger Gott", dacht' er bei sich, "ist denn das nicht wortlich so wie in des Bruders Briefe?" Er stand auf- (Jakobine war aus Hasse gegen den um 10 fl. reichern Larvenherm langst weggelaufen mit dem Nahzeug in den Handen) und sah am Lichte diese Briefstelle nach: "Ich sah, wie am Morgen Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen vorflogen, um Dich zu locken; Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach St. Lune lieber nach Rosenhof" Er sah nun zu gewiss, die Maske sei sein boser Genius, Jakobine Pamsen aber, nach manchem zu urteilen, sein bester, und er wunschte sehr, sie ware nicht aus der Stube gegangen.
Hatt' er schon vorher den Entschluss gefasset, lieber dem Briefe und Traume zu folgen nach Rosenhof, weil er aus Homer und Herodot und ganz Griechenland eine heilige Furcht gelernt, hohern Winken, dem Zeigefinger aus der Wolke mit frecher Willkur zu widerstehen und gegen ihn die Menschenhand aufzuheben: so wurde sein Entschluss des Gehorsams jetzt durch die Zudringlichkeit der Maske und die Einwirkung Jakobinens und durch das Netz neu verstarkt, worin Menschen und Vogel sich der Farbe wegen fangen, weil es mit der allgemeinen der Erde und Hoffnung angestrichen ist, namlich der grunen.
Jakobinen sah er nicht mehr als bloss auf ihrer Turschwelle mit einem Lichte, da er uber die seines Kammerleins trat. Er uberdacht' es darin lange, ob er nicht gegen die Menschheit durch Argwohn verstosse, wenn er den Nachtriegel vorschiebe. Aber die Maske fiel ihm ein, und er stiess ihn vor. Im Traume war es ihm, als werd' er leise bei dem Namen gerufen. "Wer da?" schrie er auf. Niemand sprach. Nur der hellste Mond lag auf dem Bettkissen. Seine Traume wurden verworren, und Jakobine setzt' ihn immer wieder in das rosenfarbne Meer ein, sooft ihn auch die Maske an einer Angel auf einen heissen Schwefel-Boden geschleudert.
Nr. 46. Edler Granat
Der frische Tag
Am fruhen Morgen brach die Truppe, wie Truppen, die Zelte larmend ab und aus dem Lager auf. Die Fuhrleute staubten das Nachtstroh von sich. Die Rosse wieherten oder scharrten. Die Frische des Lebens und Morgens sprengte brennenden Morgentau uber alle Felder der Zukunft, und man hielt es sehr der Muhe wert, solchen zuzureisen. Das Getose und Streben belebte romantisch das Herz, und es war, als reite und fahre man gerade aus dem Prosa-Land ins Dichter-Land und komme noch an um 7 Uhr, wenn es die Sonne vergolde. Als vor Walten die uber alles blasse Jakobine wie ein bleicher Geist einsass, sah er in den Traum und Abend hinein, wo er diesen weissen Geist wieder finden, auch uber die Blasse fragen konnte; denn er erriet fast leichter Seelen-Schminke als Wangen-Schminke, diese rote Herbstfarbe fallender Blatter statt der Fruhlingsrote jungfraulicher Blute. Weisse Schminke erraten Gelehrte noch schwerer oder gar nicht, weil sie nicht absehen konnen, sagen sie, wo sie nur anfange.
Die Maske sass auf und sprengte seitab nach St. Lune zu. Gottwalt wusste, dass, wenn er den Weg nach Joditz einschluge, der weissagende Traum, dass er da mittags essen werde, schon halb in Erfullung gehe; er nahm also diesen Weg. Es sei, dass der zweite Reisetag an der Natur den blendenden Glanz abwischet, oder dass sein unruhiger Blick in das geweissagte Rosenhof und dessen Gaben das leise Grun der Natur, das wie ein Gemalde nur in ein stilles Auge kommt, verscheuchte: genug, statt des gestrigen beschaulichen Morgens hatt' er jetzt einen strebenden, tatigen. Er sass selten nieder, er flog, er stand und ging als Befehlshaber an der Spitze seiner Tage. War' ihm Don Quijotes Rosinante auf einer Wiese grasend begegnet, er hatte sich frei auf die nackte geschwungen (er ware sein eigner Sattel gewesen), um in die romantische Welt hineinzureiten bis vor die Hausture einer Dulzinee von Toboso. Er sah vorrubergehend in eine hakkende Olmuhle und trat hinein; die Riesenmaschinen kamen ihm lebendig vor, die hauenden Russel, die unaufhaltbaren Stampf-Machte und Klotze wurden von seltsamen Kraften und Geistern geregt und aufgehoben.
Durch den rein-blauen Himmel brausete ein unaufhorlicher Sturm der seine eigne Windharfe war ; aber nichts weht weiter in Zauber- und Zukunfts-Lander als eine solche unsichtbare tonende Gewalt. Geister flogen im Sturm; die Walder und Berge der Erde wurden von Uberirdischen geschuttelt und geruckt;die aussere Welt schien so beweglich zu werden, wie es die innere ist.
Uberall lagen auf den Felsen Ritterschlosser in den Garten Lustschlosser an den kleinen Rebenbergen weisse Hauserchen zuweilen da eine rotglanzende Ziegelhutte, dort das Schieferdach einer Korn- oder Papiermuhle. Unter allen diesen Dachern konnten die seltensten Vater und Tochter und Begebenheiten wohnen und heraustreten und auf den Notar zugehen; er versah sich dessen ohne Furcht.
Als eine zweite Strasse seine zu einem Kreuzwege, diesem Andreaskreuze der Zauberinnen, durchschnitt: so wehten ihn tiefe Sagen schauerlich aus der Kindheit an; im Brennpunkte der vier Welt-Ecken stand er, das fernste Treiben der Erde, das Durcheinanderlaufen des Lebens umspannt' er auf der wehenden Stelle. Da erblickt' er Joditz, wo er Vults Traume nach essen sollte. Es kam ihm aber vor, er hab' es schon langst gesehen, der Strom um das Dorf, der Bach durch dasselbe, der am Flusse steil auffahrende Wald-Berg, die Birken-Einfassung und alles war ihm eine Heimat alter Bilder. Vielleicht hatte einmal der Traumgott vor ihm ein ahnliches Dorfchen aus Luft auf den Schlaf hingebauet und es ihn durchschweben lassen37. Er dachte nicht daran, sondern an Abenteuer und an die Natur, die gern mit Ahnlichkeiten auf Steinen und in Wolken und mit Zwillingen spielet.
Im Joditzer Wirtshaus wurd' er wieder uberrascht durch Mangel an allem Uberraschenden. Nur die Wirtin war zu Hause und er der erste Gast. Erst spater kam mehr Leben an, ein Boheimer mit vier Verkaufschweinchen und dem Hunde; aber da dieser sehr lamentierte, dass er lieber vier Herden treiben und absetzen wollte als allemale die letzten Aser, mit denen es nie ein Ende nehme: so liess sich Walt seine Sonnenseite nicht langer zur Winterseite umdrehen, sondern zog mit einer Portativ-Mahlzeit davon.
Er gelangte in einen felsigen stillen Wald und glitt vom Weg ab und lief so lange einer immer enger ablaufenden Schlucht nach, bis er an die sogenannte stille Stelle kam, die er im Tagebuche so beschreibt:
"Die Felsen drangen sich einander entgegen und wollen sich mit den Gipfeln beruhren, und die Baume darauf langen wirklich einander die Arme zu. Keine Farbe ist da als Grun und oben etwas Blau. Der Vogel singt und nistet und hupft, nie gestort auf dem Boden, ausser von mir. Kuhle und Quellen wehen hier, kein Luftchen kann herein. Ein ewiger dunkler Morgen ist da, jede Waldblume ist feucht, und der Morgentau lebt bis zum Abendtau. So heimlich eingebauet, so sicher eingefasset ist das grune Stilleben hier und ohne Band mit der Schopfung als durch einige Sonnenstrahlen, die mittags die stille Stelle an den allgewaltigen Himmel knupfen. Sonderbar, dass gerade die Tiefe so einsam ist wie die Hohe. Auf dem Montblanc fand Saussure nichts als einen Tag- und einen Nachtschmetterling, was mich sehr erfreuete. Am Ende wurde ich selber so still als die Stelle und schlief ein.
Ein Zaubertraum nach dem andern legte mir Flugel an, die bald wieder zu grossen Blumenblattern wurden, auf denen ich lag und schwankte. Endlich war mir, als rufe mich eine Flote beim Namen und mein Bruder stehe dicht an meinem Bette. Ich schlug die Augen auf, allein ich horte fast gewiss noch eine Flote. Ich wusst' aber durchaus nicht, wo ich war; ich sah die Baumgipfel mit Glut-Rot durchflossen; ich entsann mich endlich muhsam der Abreise aus Joditz und erschrak, dass ich eine ganze Nacht und den prophezeieten Abend in Rosenhof hier verschlafen hatte; denn ich hielt die Rote fur Morgenrote. Ich drangte mich durch den tauenden Wald hindurch und auf meine Strasse hinaus ein prachtiges Morgen-Land faltete vor mir die gluhenden Flugel auf und riss mein Herz in das allerheiterste Reich. Weite Fichtenwalder waren an den Spitzen gelbrot besaumt, freilich nur durch mordende Fichtenraupen. Die liebe Sonne stand so, dass es der Jahreszeit nach 5 3/4 Uhr am Morgen sein mochte, es war aber, die Wahrheit zu sagen, 6 1/2 Uhr abends. Indes sah ich die Lindenstadter Geburge rot von der entgegenstehenden Sonne ubergossen, die eigentlich der ostlichen Lage nach uber ihnen stehen musste.
Ich blieb im Wirrwarr, obgleich die Sonne vielmehr fiel als stieg, bis ein junger hagerer Maler mit scharfen und schonen Gesichtsknochen und langen Beinen und Schritten und einem der grossten preussischen Hute vor mir dahin voruber wollte, mit einer Maler-Tasche in der Hand. 'Guten Morgen, Freund', sagt' ich, 'ist das die Strasse nach Rosenhof, und wie lange?' 'Dort hinter den Hugeln liegts gleich. Sie konnen in einer Viertelstunde noch vor Sonnenuntergang ankommen, wenn die Fahre eben da ist.' Er entlief mit seinen gedachten Schritten, und ich sagte: 'Dank, gute Nacht.' Es war mir aber gewaltsam, als wenn sich die Welt ruckwartsdrehte, und als wenn ein grosser Schatte uber das Sonnen-Feuer des Lebens kame, da ich den Morgen zum Abend machen musste." So weit seine Worte.
Jetzt stand der Notar still, drehte sich um, eine lange Ebene hinter ihm schlossen unbekannte Berge zu; vor ihm standen sie, wie Sturmbalken der Gewitter, gehornt und gespalten hinter den Hugeln gen Himmel, und die Berg-Riesen trugen die hohen Tannen nur spielend. Der fliegende Landschaftsmaler, sah er, setzte sich auf die Hugel und schien, nach seiner Richtung zu schliessen, die verdeckte Stadt Rosenhof auf sein Zeichenpapier heraufzutragen. Gott, dachte Walt, nun begreif' ichs einigermassen, wie die Stadt liegen mag, wie gottlich und himmlisch, wenn der Landschaftsmaler von Bedeutung sich davor setzt und nur sie abreisset, indes er hinter seinem Rucken eine Landschaft weiss, die einen Fremdling, der jene nicht kennt, ordentlich mit Abend-Glanz und Ansicht uberhauft.
Als er oben vor die Aussicht kam, stand er neben dem Stand- und Sitzpunkte des Malers still und rief nach dem ersten Blick auf die Landschaft aus: "Ja, das ist des Malens wert." "Ich zeichne bloss", sagte der gebuckte Maler, ohne aufzublicken. Walt blieb stehen, und sein Auge schweifte von dem breiten Rosana-Strome zu seinen Fussen aufwarts zur Stadt am Ufer und Geburg und stieg auf die waldigen zwei Felsen-Gipfel uber der Stadt und fiel auf die Fahre, die, voll Menschen und Wagen zwischen Seilen, zu seinem Ufer voll neuer Passagiere heruberglitt, und sein Auge flog endlich den Strom hinab, der, lang von der Abendsonne beglanzt, sich durch funf grune helle Inseln brennend drangte.
Die Fahre war gelandet, neues Schiffsvolk und Fuhrwerk eingestiegen, sie wartete aber noch und, wie es ihm vorkam, auf ihn. Er lief hinab und sprang auf das Fahrzeug. Allein es wartete auf schwerere Befrachtung. Er schauete auf drei hier einlaufende Strassen hinauf. Endlich bemerkte er, dass im Abendglanze ein zierlicher Reisewagen mit vier Pferden, lange Staubwolken nachschleppend, daherrollte.
Daruber musste der Notar frohlocken, weil schon ein Fuhrmanns-Karren mit Pferden auf der Fahre stand und der Reisewagen mit den seinigen sie noch viel gedrangter und bunter machte, als sie es schon durch den Kongress von Bettlern, Boten, Spaziergangern, Hunden, Kindern, Wandergesellen und Grummet-Weibern war, wozu noch der Tiroler, der Geburtshelfer und der Bettelmann kam, die ihm unterwegs begegnet waren. Die Fahre war ihm ein zusammengepresster Marktplatz, der schwamm, ein stolzes Linien-Schiff zwischen zwei Linien-Seilen, ein Bucentauro, aus welchem seine Seele zwei Vermahlungsringe auswarf, einen in den Seestrom, einen in den glanzenden Abendhimmel. Er wunschte halb und halb, die Uberfahrt wollte sich durch einige Gefahr, die andern nichts schadete, noch trefflicher beleben.
Ein schoner stattlicher Mann stieg vorher aus dem angekommenen Wagen aus, eh' dieser auf das enge Fahrzeug getrieben und da gehorig eingeschichtet wurde; er traue seinen Pferden nicht, sagte der Herr. Walt fuhr ihm fast ohne ausgezeichnete Hoflichkeit entgegen vor Jubel, denn er sah den General Zablocki vor sich. Dieser, durch Reisen haufiger an solche Erkennungen gewohnt, bezeugte ein ruhiges Vergnugen, seinen erotischen Sekretar hier anzutreffen. Der lange Postzug stolperte endlich in die Fahre mit dem Wagen herein, und aufzitternd sah Walt, dass Zablockis schone Tochter darin sass, die Augen auf die funf Inseln heftend, welche der Sonnenglanz mit Rosenfeuer uberschwemmte. Sein Herz brannte sanft in seinem Himmel, wie die Sonne in ihrem, und ging selig auf und selig unter. Schon der leere Bekannte war' ihm auf unbekanntem Boden wie ein Bruder erschienen; aber nun die still geliebte Gestalt sie gab ihm einen Seelen-Augenblick, den kein Traum der Phantasie weissagt.
Er stand an der Morgenseite des Kutschenschlags und durfte allda ohne Bedenken, da auf der Fahre alle Welt fest stehen muss, verharren und in einem fort hineinsehen (er hatte sich gegen den Wagen umgekehrt); er schlug aber die Augen oft nieder, aus Furcht, dass sie ihre herumwende und von seinen gestoret werde, ob er gleich wusste, dass sie, geblendet von der Sonne, anfangs so viel sahe als nichts. Er vergass, dass sie ihn wahrscheinlich gar nie angesehen. Nach der herrlichen Pracht-Sonne und nach den funf Roseninseln sah er nicht hin, sondern genoss und erschopfte sie ganz dadurch, dass er der stillen Jungfrau und dem stummen Abendtraume, womit sie auf den goldnen Inseln ruhte, mit tausend Wunschen zusah, es mog' ihr doch noch besser ergehen, und himmlisch, und darauf noch herrlicher.
Von weitem wars ihm, als wenn die Rosana flosse und die Fahre schiffte und die Wellen rauschten, und als wenn die waagrecht einstromende Abendsonne Hunde und Menschen mit Jugendfarben uberzoge und jeden Bettler und Bettelstab vergoldete, desgleichen das Silber der Jahre und Haare. Aber er gab nicht besonders acht darauf. Denn die Sonne schmuckte Wina mit betenden Entzuckungen und die Rosen der Wangen mit den Rosen des Himmels; und die Fahre war ihm ein auf Tonen sich wiegender Sangboden des Lebens, ein durch Abendlicht schiffendes Morgenland, ein Charons-Nachen, der das Elysium trug zum Tartarus des Ufers. Walt sah unkenntlich aus, fremd, uberirdisch, denn Winas Verklarung warf den Widerschein auf ihn.
Ein Kruppel wollte ihm in der Nahe etwas von seiner Not vorlegen, aber er fasste nicht, sondern hassete es, wenn ein Mensch an einem solchen Abend nicht selig war, wo sich die bisher betrubte Jungfrau erheiterte und sich die Sonne gleichsam wie eine liebe warme Schwester-Hand an das Herz druckte, das bisher oft in mancher kalten dunkeln Stunde schwer geschlagen.
"Hatt' er nur kein Ende, der Abend", wunschte Walt, "und keine Breite die Rosana oder man beschiffte wenigstens ihre Lange, fort und fort, bis man mit ihr ins Meer verschwamme und darin unterginge mit der Sonne."
Eben war die Sonne uber dem Strome untergegangen. Langsam wandte Wina das Auge ab und nach der Erde, es fiel zufallig auf den Notar. Er wollte einen Gruss voll Verehrungen spat in den Wagen werfen, aber die Fahre schoss heftig vom Ufer zuruck und zerstiess das wenige, was er zusammengebauet.
Der Wagen fuhr bedachtlich ans Land. Walt gab an 4 Groschen Fahrgeld; "fur wen noch?" fragten die Fahrleute. "Fur wer will", versetzte Walt; darauf sprangen, ohne zu fragen und zu zahlen, mehr als zu viele ans Land. Der General wollte zu Fuss in die schone Garten-Stadt, Walt blieb neben ihm. Jener fragte, ob ihm gestern keine Komodianten begegnet. Er berichtete, dass sie diesen Abend in Rosenhof spielten. "Gut!" sagte Zablocki "so essen Sie abends bei mir im Granatapfel- Sie ubernachten doch? und morgens sieht man in Sozietat die ganze splendide Felsen-Gruppe, die Sie droben uber der Stadt bemerken."
Die Entzuckung uber diese Gabe des Geschicks spricht Walt in seinem Tagebuch kurz so aus: "Wie ich vor ihm daruber meine Freude aussprach, lieber Bruder, das kannst du dir vielleicht besser denken als ich jetzt."
Nr. 47. Titanium
Kartause der Phantasie Bonmots
Es gibt schwerlich etwas Erquicklicheres, als abends mit dem General Zablocki hinter dem Wagen seiner Tochter zwischen den Garten voll Rosenstrauche in die schone Stadt Rosenhof einzugehen ohne alle Sorge und voll Ausmalungen des Abendessens zu sein und den schonen Ess-Rauch uber der Stadt ordentlich fur die Zauberwolke zu halten, womit der gute Genius in Vults Briefe sie uberzogen und von den wirtlichen reinen breiten Gassen und den leichten verganglichen Spielen und Zwecken des Lebens immer gerade zu den draussen uber der Vorstadt stehenden finstern Gebirgshauptern aufzusehen, die so nahe aus ihrer kalten Hohe auf die Hauser und die Turme herunterschauen. Besonders nahm den Notar die grunende Gasse ein, wo der Granatapfel logierte: "Mir ist ordentlich", sagte er begeistert und redselig zum General, "als ging' ich in Chalcis in Euboa38oder auch einer andern griechischen Stadt, wo so viele Baume in den Gassen standen, dass man die Stadt kaum sah. Gibt es eine schonere Vermischung von Stadt und Land als hier, Exzellenz? Und ist Ihnen nicht auch der Gedanke suss, dass hier zu einer gewissen Zeit, so wie in Montpellier, alles in Rosen und von Rosen lebt, wenn man auch gleich jetzt nichts davon sieht als die Dornen, Herr General?"
Dieser, der nicht darauf gehorcht hatte, rief seinem Kutscher einen derben Fluch zu, weil er mit seinem Wagen fast an dem Franzelschen geentert hatte. Walt sagte, das seien die Akteurs; und forderte vom Wirt ein vortreffliches Zimmer, das man ihm leicht zugestand, weil man ihn fur einen Sekretar Zablockis ansah, was noch dazu richtig war in Rucksicht der erotischen Memoiren. Da er dareingefuhret wurde, erstaunte er schon vorlaufig uber den Prunk des Prunkzimmers und wurde geruhrt von seinem Glucksschwung, was zunahm, als er den Bettelstab, dem er seinen Hut aufsetzte, an den Spiegeltisch stellte. Da er aber in hochster Bequemlichkeit und Seelen-Ruhe auf und ab ging, die Papiertapeten statt des ihm gewohnlichern Tapetenpapiers die drei Spiegel die Kommode-Beschlage mit Messing-Masken die FensterRouleaus und vollends die Bedientenklingel ausfand: so lautete er diese zum erstenmal in seinem Leben, um sogleich ein Herr zu sein und, wenn er eine Flasche Wein sich bringen lassen, nun die sussquellende Gegenwart gehend auszuschlurfen und uberhaupt einen Abend zu erleben, wie irgendein Troubadour ihn genossen. "Troubadours", sagt' er sich, indem er trank, "ubernachteten oft in sehr vergoldeten Zimmern der Hofe den Tag vorher vielleicht in einer Moos- und Strohhutte wie Tone durchdrangen sie hohe und dicke Mauern und dann pflegten sie sich darin noch die schonste Dame von Stand zu aufrichtiger Liebe auszulesen und, gleich Petrarca, solche in ewiger Dichtung und Treue gar nie selber zu begehren" setzt' er dazu und sah an die Wand des Generals.
Zablockis Zimmer war seinem durch eine zweimal verriegelte Wand- und Transito-Ture versperrt und verknupft. Er konnte gehend denn stehend zuzuhoren, hielt er fur Unrecht auspacken und jedes heftige Wort des Vaters an Bediente und den sussen Ton, worein Wina sie, wie eine Aolsharfe den Sturmwind, auf der Stelle ubersetzte, leicht vernehmen. Ob er gleich hoffte, unten in der breiten Gaststube Jakobinen wieder und viel bekannter anzutreffen: so hielt er es doch fur seliger, neben der nahen Nonne Wina als Wandnachbar auf und ab zu spazieren und sie unaufhorlich sich vorzustellen, besonders das grosse beschattete Auge und die Freundlichkeit und Stimme und das Abendessen neben ihr.
Er horte endlich, dass der General sagte, er gehe ins Schauspiel, und dass Wina bat, zuruckbleiben zu durfen, und dass sie darauf ihrer Kammerdienerin der gottlosen Sangerin Luzie die Erlaubnis gab, sich im Stadtchen umzusehen. Alsdann wurde alles still. Er sah zum Fenster hinaus an ihres. Winas beide Fenster-Flugel (sie schlugen sich nach der Gasse auf) waren offen und ein Licht im Zimmer und am Wirtshausschild ein Schattenriss, der sich regte. Da er aber nichts weiter sah, so kehrte er wieder mit dem Kopf in seine Stube zuruck, worin er so gehend, trinkend, dichtend ein aus Rosenzucker gebackenes Zuckerbrot, ja Zucker-Eiland nach dem andern aus dem Backofen auf der Schaufel behutsam herausholte; "O ich bin so glucklich!" dacht' er und sah nach, ob man keine Armenbuchse an die Papiertapeten geschraubt, weil er in keinem Wirtshause vergass, in diese Stimm-Ritze unbekannter Klagstimmen, soviel er konnte, zu legen; aber das Zimmer war zu nett zu Wohltaten.
Es wurde sehr dunkel. Der fruhe Herbstmond stand schon als ein halbes Silber-Diadem auf einem Gebirgshaupt. Der Kellner kam mit Licht, Walt sagte: "Ich brauche keines, ich esse bei dem Hrn. General." Er wollte das stubenlange Mondlicht behalten. An der Fensterwand wurde ihm endlich dadurch eine und die andere Reise-Sentenz von fruhern Passagieren erleuchtet. Er las die ganze Wand durch, nicht ohne Zufriedenheit mit den jugendlichen Sentenzen, welche samtlich Liebe und Freundschaft und Erden-Verachtung mit der Bleifeder anpriesen. "Ich weiss so gut als jemand", schreibt er im Tagebuch, "dass es fast lacherlich, wenn nicht gar unbillig ist, sich an fremde Zimmerwand anzuschreiben; dennoch ergotzet den Nachfahrer ein Vorganger sehr dadurch, dass er auch dagewesen und die leichte Spur eines Unbekannten einem Unbekannten nachgelassen. Freilich schreiben einige nur den Namen und Jahrszahl an; aber einem wohlwollenden Menschen ist auch ein leerer Name lieb, ohne welchen eine entruckte verreisete Gestalt doch mehr ein Begriff bliebe als ein Begriffenes, weniger ein Mensch als eine luftige, auch wohl atherische Menschheit. Und warum soll man denn einen leeren Gedanken lieber haben und vergeben als einen leeren Namen?" Ich nehm' es gar nicht ubel, dass einer blosshin anschrieb J. P. F. R. Wonsidel: Martii anno 1793 oder ein anderer Vivat die A. etc., die B. etc., die C. etc., die J. etc. oder das Franzosische, Griechische, Lateinische, auch Hebraische. Und es stehen ja oft kostbare Sentenzen daran wie folgende: "Im physischen Himmel glauben wir stets in der Mitte zu sein; aber in Rucksicht des innerlichen glauben wir immer am Horizont zu stehen; im ostlichen, wenn wir frohlocken, im westlichen, wenn wir jammern." Er wagte zuletzt selber Winas und Walts Namen samt Datum ans Stammbuch so zu schreiben: W W. Sept. 179-. Er schauete wieder auf die mondhelle Gasse hinaus nach Winen und erblickte drei herausgelegte Finger und ein wenig weisse Hutspitze; dabei und davon liess sich leben und traumen. Er schwebte und spielte wie ein Sonnenstaubchen in den langen Mondstrahlen der Stube, er erganzte sich das stille Madchen aus den drei Fingern; er schopfte aus der nie versiegenden Zukunft, die beim Abendessen als Gegenwart erschien. Freuden flogen ihm als purpurne Schmetterlinge nach, und die beleuchteten Stubenbretter wurden Beete von Papillonsblumen drei Viertelstunden lang wunscht' er herzlich, so einige Monate auf und nieder zu gehen, um sich Wina zu denken und das Essen.
Aber der Mensch durstet am grossten Freudenbecher nach einem grossern und zuletzt nach Fassern; Walt fing an, auf den Gedanken zu kommen, er konne nach der vaterlichen Einladung ohne Ubelstand sich jetzt gar selber einstellen bei der einsamen Wina. Er erschrak genug wurde scham- und freudenrot ging leiser auf und ab horte jetzt Wina auch auf und nieder gehen der Vorsatz trieb immer mehr Wurzeln und Bluten zugleich nach einer Stunde Streit und Glut war das Wagstuck seiner Erscheinung und alle zartesten Entschuldigungen derselben fest beschlossen und abgemacht: als er den General kommen und sich rufen horte. Er riegelte, mit dem Hut-Stock in der Hand, seine Wandture auf; "diese ist zu, Freund!" rief der General, und er ging, den Missgriff nachfuhlend, erst aus seiner durch die fremde ein.
Bluhend von Traumen trat er ins helle Zimmer; halb geblendet sah er die weisse schlanke Wina mit dem leichten weissen Hute wie eine Blumengottin neben dem schonen Bacchus stehen.
Der letztere hatte ein heiteres Feuer in jeder Miene. Die Tochter sah ihn unaufhorlich vor Freude uber die seinige an. Bediente mussten ihm auf Flugeln das Essen bringen. Der Notar wog auf den seinigen, verschwebt in den Glanz dieses magischen Kabinetts, nicht viel uber das Gewicht von funf Schmetterlingen, so leicht und atherisch flatterte ihm Gegenwart und Leben vor.
Er setzte sich mit weit mehr Welt und Leichtigkeit an das Ess-Tafelchen, als er selber gedacht hatte. Der General, der ein unaufhorliches Sprechen und Unterhalten begehrte, sann Walten an, etwas zu erzahlen, etwas Aufgewecktes. Mit etwas Ruhrendem war' er leichter bei der Hand gewesen; so aber sagt' er: er wolle nachsinnen. Es fiel ihm nichts bei. Schwerer ist wohl nichts als das Improvisieren der Erinnerung. Viel leichter improvisiert der Scharf- und Tiefsinn, die Phantasie als die Erinnerung, zumal wenn auf allen Gehirn-Hugeln die freudigsten Feuer brennen. Dreitausend fatale Bonmots hatte der Notar allemal schon gelesen gehabt, sobald er sie von einem andern erzahlen horte; aber er selber kam nie zuerst darauf, und er schamte sich nachher vor dem Korreferenten. Sehr hatt' er das Schamen nicht notig, da solche Referendarien des fremden Witzes und solche Postschiffe der Gesellschaft meist platte Gehirne tragen, auf deren Tenne nie die Blumen wachsen, die sie da aufspeichern und auftrocknen.
"Ich sinne noch nach", versetzte Walt, geangstigt, einem Blicke Zablockis, und flehte Gott um einigen Spass an; denn noch sah er, dass er eigentlich nur uber das Sinnen sinne und dessen Wichtigkeit. Die Tochter reichte dem Vater die Flasche, die nur er seine Briefe aber sie aufsiegelte. "Trinken Sie dies Gewachs fur 48er oder 83er?" sagte der General, als man Walten das Glas bot. Er trank mit der Seele auf der Zunge und suchte forschend an die Decke zu blicken. "Er mag wohl", versetzt' er, "um die Halfte alter sein als mein voriger Wein, den ich eher fur jungen 48 er halte; ja (setzt' er fest darzu und blickte ins Glas), er ist gewiss herrliche 83 Jahre alt." Zablocki lachelte, weil er eine Anekdote, statt zu horen, erlebte, die er schon weiter geben konnte.
Der General wollt' ihn aus dem stillen innerlichen Schnappen nach Bonmots herausfragen durch die Rede: wie er nach Rosenhof komme? Walt wusste keine rechte ostensible Ursachen wiewohl diese ihm gegenuber sass im weissen Hute anzugeben, ausgenommen Natur und Reiselust. Da aber diese keine Geschafte waren: so begriff ihn Zablocki nicht, sondern glaubte, er halte hinter irgendeinem Berge, und wollte durchaus hinter ihn kommen. Walt schuttelte von seinen poetischen Schwingen die kostlichen Berge und Taler und Baume auf das Tischtuch, die er auf dem seligen Wege mehr aufgeladen als durchflogen hatte. Zablocki sagte nach Walts langer Ausspende von Bildern: "Beim Teufel! nimm, oder ich fress nicht!" Wina denn diese hatt' er in jenem LiebesZorn angeredet, den weniger die Vater gegen ihre Tochter als die Manner gegen ihre Weiber haben nahm erschrocken ein grosses Stuck vom Schnepfen, dem Schosskinde des vaterlichen Gaumens, und reichte, hoflicher als Zablocki, den Teller dem betretenen Notar hinuber, um ein paar hundert Verlegenheiten zu ersparen. Walt konnte auf keine Weise fassen, wie bei so mundlicher lebendiger Darstellung der lebendigen, beinahe mundlichen Natur, als seine war, eine Schnepfe mit allem seinem Album graecum noch einige Sensation zu machen imstande sei. Poetische Naturen wie Walt sind in Nordlandern denn ein Hof oder die grosse Welt ist der geborne Norden des Geistes, sowie der geborne Gleicher des Korpers nichts weiter als Elefantenzahne in Siberien, die unbegreiflich an einem Orte abgeworfen worden, wo der Elefant erfriert.
Mit einschmeichelnder Stimme fragt' ihn wieder Zablocki, ob ihm noch nichts eingefallen; und Wina sah ihn unter dem Abendrote des rottaftenen Hutfutters so lieblich augen-nickend und bittend an, dass er sehr gelitten hatte, wenn ihm nicht die drei Bonmots, auf die er sich gewohnlich besann, endlich zugekommen waren, und dass er wieder nahe daran war, ein gelieferter Mann zu werden und alles zu vergessen, weil das kindlich bitthafte Auge zu viel Platz namlich allen in seiner Phantasie, Memorie und Seele wegnahm.
"Ein harthoriger Minister", fing er an, "horte an einer furstlichen Tafel" .... "Wie heisset er und wo?" fragte Zablocki. Das wusst' er nicht. Allein da der Notar den wenigen Historien, die ihm zufielen, keinen Boden, Geburtstag und Geburtsschein zuzuwenden wusste vorfabeln wollt' er nie : so braucht es Sozietaten nicht erst bewiesen zu werden, wie farbenlos er als Historienmaler auftrat, und wie sehr eigentlich als ein luftiger historischer Improvisatore. "Ein harthoriger Minister horte an einer furstlichen Tafel die Furstin eine komische Anekdote erzahlen und lachte daruber mit dem ganzen Zirkel unbeschreiblich mit, ob er gleich kein Wort davon vernommen. Jetzt versprach er, eine ebenso komische zu erzahlen. Da trug er, zum allgemeinen Erstaunen, die eben erzahlte wieder als eine neue vor."
Der General glaubte, so schnapp' es nicht ab; da er aber horte, es sei aus, so sagt' er spat: "Delizios!", lachte indes erst zwei Minuten spater hell auf, weil er gerade soviel brauchte, um sich heimlich die Anekdote noch einmal, aber ausfuhrlicher vorzutragen. Der Mensch will nicht, dass man ihm die spitze, blanke Pointe zu hitzig auf der Schwelle auf das Zwerchfell setze. Eine gemeine Anekdote ergreift ihn mit ihrem Ausgang froh, sobald er nur vorher durch viel Langeweile dahin getrieben wurde. Geschichten wollen Lange, Meinungen Kurze. Walt trieb die zweite anonyme Geschichte von einem Hollander auf und vor, welcher gern ein Landhaus, wegen der herrlichen Aussicht auf die See, besessen hatte, wie alle Welt um ihn, allein nicht das Geld dazu hatte. Der Mann aber liebte Aussichten dermassen, dass er alle Schwierigkeiten dadurch zu besiegen suchte, dass er sich auf einem Hugel, den er gegen die See hatte, eine kurze Wandmauer und darein ein Fenster brechen liess, in welches er sich nur zu legen brauchte, um die offne See zu geniessen und vor sich zu haben, so gut als irgendein Nachbar in seinem Gartenhaus.
Sogar Wina lachelte glanzend unter dem roten Taft-Schatten hervor. Mit noch mehr Anmut als bisher teilte Walt die dritte Anekdote mit.
Ein Fruhprediger, dessen Kehlkopf mehr zur Kanzel-Prosa als zur Altar-Poesie gestimmt war, ruckte zu einer Stelle hinauf, die ihn zwang, vor dem Altare das "Gott in der Hohe sei Ehr'" zu singen. Er nahm viele Singstunden; endlich nach vierzehn Singtagen schmeichelte er sich, den Vers in der Gewalt und Kehle zu haben. Die halbe Stadt ging fruher in die Kirche, um der Anstrengung zuzuhoren. Ganz mutig trat er aus der Sakristei (denn er hatte sich darin vom Singmeister noch einmal leise uberhoren lassen) und stieg gefasst auf den Altar. Alle Erzahler der Anekdote stimmen uberein, dass er trefflich angehoben und sich anstandig genug in den Choral hineingesungen hatte: als zu seinem Ruin ein blasender Postillion draussen vor der Kirche vorbeiritt und mit dem Posthorn ins Kirchenlied einfiel; das Horn hob den Prediger aus dem alten Sing-Geleise in ein neues hinein, und er sah sich gezwungen, das ernste Lied mitten vor dem Altare nach dem vorbeireitenden Trompeterstuckchen auf die lustigste Weise hinauszusingen.
Der General lobte sehr den Notar und ging heiter aus dem Zimmer; aber er kam nicht wieder.
Nr. 48. Strahlkies
Die Rosenhofer Nacht
Weder Jakobine noch der General machten je ein Geheimnis daraus namlich aus ihrem wechselseitigen; es kann also die Anverwandten von beiden auf keine Weise zu etwas Juristischem gegen den Verfasser der Flegeljahre berechtigen, wenn er im Strahlkies bloss kalt erzahlet, dass Zablocki ein wenig in den nachsten Garten spazieren gegangen, und die Aktrice Jakobine zufallig nicht sowohl, als in der guten Absicht, von ihrer Rolle der Johanna von Montfaucon im Freien zu verschnaufen. Noch viel weniger als schreibende Verfasser sind von hohen Anverwandten allgemeine Satze anzugreifen, wie z.B. dieser: dass sehr leicht der weibliche theatralische Lorbeer sich ruckwarts in eine Daphne verwandle und der Satz, dass eine Schauspielerin nach einer schweren tragischen Tugend-Rolle am besten ihr eignes Theater aux Italiens und ihre eigne Parodie werde am wenigsten dieser, dass das Militar, es sei auf Kriegs- oder Friedensfuss, den griechischen Mobeln gleiche, die meistens auf Satyrfussen standen und endlich der, dass wohl nichts einander mehr sucht und ahnlich findet (daher schon die Worte Kriegstheater und Theaterkrieg, Aktion und Staatsaktion, Truppen) als eben Theatertruppen die Kriegstruppen, und vice versa. Ich fahre also, nachdem ich berichtet, dass beide spazieren gegangen, gleich ihnen ruhig und ungestort, hoffe ich, fort.
Walts Gesicht wurde eine Rose unter dem Ausbleiben des Vaters. Wina heftete die Augen, die sich wie susse Fruchte unter das breite Laub der Augenlider versteckten, unter dem Hute auf ihr Strickzeug nieder, das einen langen Kinderhandschuh vollendete. Uber den Notar kam nun wieder die Furcht, dass sie ihn als den Auslieferer ihres Briefes zu verabscheuen anfange. Er sah sie nicht oft an, aus Scheu vor dem zufalligen Augen-Aufschlag Beide schwiegen. Weibliches Schweigen bedeutet ohnehin als das gewohnlichere viel weniger als mannliches. Die befeuernde Wirkung, welche der Wein hatte auf den Notar tun konnen, war durch seine Anstrengung, den feinsten Gesellschafter zu spielen, niedergehalten worden. Indes war' ihm die Lage nicht unangenehm gewesen, wenn er nur nicht jede Minute hatte furchten mussen, dass sie vorbei sei.
Endlich sah er sehr scharf und lange auf den StrickHandschuh und wurde so glucklich, sich einen Faden der Rede daraus zu ziehen; er schopfte namlich die Bemerkung aus dem Handschuh, dass er oft stundenlang das Stricken besehen, und doch nie begriffen.
"Es ist doch sehr leicht, Hr. Harnisch", versetzte Wina, nicht spottisch, sondern unbefangen, ohne aufzublicken.
Die Anrede "Herr Harnisch" jagte den Empfanger derselben wieder in die Denk- und Schweig-Kartause zuruck. "Wie kommts", sagt' er, spat heraustretend und den Strick-Faden wieder aufnehmend, "dass nichts so ruhrend ist als die Kleidungsstucke der lieben Kinder, z.B. dieses hier so ihre Hutchen Schuhchen? Das heisset freilich am Ende: warum lieben wir sie selber so sehr?"
"Es wird vielleicht auch darum sein", versetzte Wina und hob die ruhigen vollen Augen zum Notar empor, der vor ihr stand, "weil sie unschuldige Engel auf der Erde sind, und doch schon viele Schmerzen leiden."
"Wahrhaftig, so ist es (beteuerte Walt, indem Wina wie eine schone stille Flamme glanzend vor ihm aufstand, um ihr Madchen herzuklingeln) Und wie durfen Erwachsene klagen? Ich will wahrlich das Sterben eines Kindes (setzt' er hinzu und folgte ihr einige Schritte nach) ertragen, aber nicht sein Jammern; denn in jenem ist etwas so Heilig-Schauerliches." Wina kehrte sich um und nickte.
Luzie kam; Wina fragte, ob der General ihr nichts aufgetragen. Luzie wusste von nichts, als dass sie ihn in den nahen Garten hineinspazieren sehen. Rasch trat Wina ans mondhelle Fenster, atmete einmal recht seufzend ein und sagte schnell: "Den Schleier, Luzie! Und du weisst es gewiss, liebes Madchen, und auch den Garten?" Mit einer leisen Stimme, wie nur eine mahrische Schwester anstimmen kann, versetzte Luzie: "Ja, Gnadigste!" Wina warf den Schleier uber den Hut und redete, hinter diesem gewebten Nebel und fliegenden Sommer unbeschreiblich bluhend und liebreizend, den Notarius mit sanftem Stocken an: "Lieber Hr. Notar Sie lieben ja auch, wie ich horte, die Natur und mein guter Vater"
Er war schon nach dem Hut-Stock geflogen und stand bewaffnet und reisefertig da und ging hinter beiden mit hinaus. Denn ein fremdes Zimmer zu verlassen, fuhlt' er sich ganz berechtigt. Indes aber solches geschlossen wurde, kam er wieder vorauszustehen, nahe an der Treppe; und in ihm fing ein kurzes Treffen und Scharmutzel an uber die Frage, ob er mit entweder durfe oder solle oder weder eines noch das andere. Wina konnte ihn nicht zuruckrufen und so kam er, innen fechtend, auf die Treppe und trug das stille Handgemenge bis zur Hausture hinaus.
Da ging er ohne weiteres mit und setzte den Hut von seinem Stock auf den Kopf; aber er zitterte, nicht sowohl vor Furcht oder vor Freude, sondern vor einer Erwartung, die beide vereinigt. O es ist eine lacherliche und reine Zeit im Junglingsalter, wo im Jungling die alte franzosische Ritterschaft mit ihrer heiligen Scheu erneuert und wo der Kuhnste gerade der Blodeste ist, weil er seine Jungfrau, fur ihn eine von dem Himmel geflogne, eine nach dem Himmel fliegende Gestalt, so ehret wie einen grossen Mann, dessen Nachbarschaft ihm der heilige Kreis einer hohern Welt ist, und dessen beruhrte Hand ihm eine Gabe wird. Unselig, schuldvoll ist der Jungling, der niemals vor der Schonheit blode war.
Die drei Menschen gingen durch eine waldige Gasse dem Garten zu. Der Mond zeichnete die wankende Gipfel-Kette auf den lichten Fusssteig hin, mit jedem zitternden Zweig. Luzie erzahlte, wie schon der Garten und besonders eine ganz blaue Laube darin sei, aus lauter blauen Blumen gewebt. Blauer Enzian blaue Sternblumen blauer Ehrenpreis blaue Waldreben vergitterten sich zu einem kleinen Himmel, worin gerade im Herbst keine Wolke, d.h. keine Knospe war, sondern offne Atherkelche.
"Da die Blumen leben und schlafen", sagte Walt bei diesem Anlass, "so traumen sie gewiss auch, so gut wie Kinder und Tiere. Alle Wesen mussen am Ende traumen." "Auch die Heiligen und die hl. Engel?" fragte Wina. "Ich wollte wohl sagen: ja", sagte Walt, "insofern alle Wesen steigen und sich also etwas Hoheres traumen konnen." "Ein Wesen ist aber auszunehmen", sagte Wina. "Gewiss! Gott traumet nicht. Aber wenn ich nun die Blumen wieder betrachte, so mag wohl in ihren zarten Hullen der dunkle Traum von einem lichtern Traume bluhen. Ihre duftende Seele ist nachts zugehullt, nicht durch blosse Blatter, sondern wahrhaft organisch, wie denn unsere auch nicht durch blosse Augenlider zugeschlossen wird. Sobald nun einmal die farbigen Wesen am Tage Licht und Kraft verspuren: so konnen sie ja auch nachts einen traumerischen Widerschein des Tages geniessen. Der Allsehende droben wird den Traum einer Rose und den Traum einer Lilie kennen und scheiden. Eine Rose konnte wohl von Bienen traumen, eine Lilie von Schmetterlingen in dieser Minute kommt es mir ordentlich fast gewisser vor das Vergissmeinnicht von einem Sonnenstrahl die Tulpe von einer Biene manche Blume von einem Zephyr- Denn wo konnte denn Gottes oder der Geister Reich aufhoren? Fur ihn mag wohl ein Blumenkelch auch ein Herz sein, und umgekehrt manches Herz ein Blumenkelch."
Jetzt traten sie in den Zauber-Garten ein, dessen weisse Gange und finstere Blattergruppen einander wechselnd farbten. Die Berge waren, wie Nachtgotter, hoch aufgestanden und hoben ihr dunkles Erdenhaupt kuhn unter die himmlischen Sterne hinein. Der Notar sah den bisher auseinanderliegenden Farbentau der Dichtung an Winas Hand sich als einen Regenbogen aufrichten und im Himmel stehen als der erste glanzende Halbzirkel des Lebens-Kreises.
Er wurde so wie Wina immer einsilbiger immer vielsilbiger und betrank sich im Taufwasser seiner Worte, das er uber jeden Berg und Stern goss, der ihnen vorkam. Es gab wenige Schonheiten, die er nicht, wenn er vorbeiging, abschilderte. Es war ihm so wohl und so wohlig, als sei die ganze schimmernde Halbkugel um ihn nur unter seiner Hirnschale von einem Traume aufgebauet und er konne alles rucken und rauben und die Sterne nehmen und wie weisse Bluten herunterschlagen auf Winas Hut und Hand. Je weniger sie ihn unterbrach und abkuhlte: um so grosser machte er seine Ideen und tat zuletzt die grosste, jene ungeheure auf, worin die Welt zerschmilzt und bluht, so dass Luzie, die bisher weltliche Lieder murmelnd gesungen, damit aufhorte, aus Scheu vor Gottes Wort.
Eben wurde das Completorium gelautet, als Wina vor einer uberlaubten kleinen Kapelle vorbeiging. Sie ging wie verlegen langsam, stand und sagte Luzien etwas ins Ohr. Walt war ihrer Seele zu nahe, um nicht in sie zu schauen; er ging schnell voraus, um sie beten zu lassen und sie heimlich nachzuahmen. Luzie hatte leise Winen gesagt, seitwarts oben die schwarze Laube sei die blaue. In dieser wollte er die Beterin erwarten. Als er naher trat, flog aus der Laube Jakobine lustig heraus und warf ihm scherzend einen Schal uber den Kopf und entfuhrte ihn am Arme, um an seiner grunen Seite, sagte sie, die kostbare Nacht zu geniessen.
Ob er gleich nicht von weitem ahnte, mit welcher frechen Parodie der Morpheus des Zufalls den Menschen oft mit seinem Geschicke paare und entzweie: so widerstand doch der Spass und die Freiheit und der Kontrast dem ganzen Zuge seiner hohern Bewegungen. Er setzt' ihr eiligst auseinander, woher und womit er komme, und sah bedeutend nach der Kapelle, als werd' er von dort aus stark erwartet. Jakobine scherzte schmeichelnd uber Walts Damen-Gluck und verschloss ihm den Mund durch das Uberfullen seines Herzens. Indes er nun ausserlich scherzend focht und innen es auf allen Seiten uberschlug, wie er ohne wahre Grobheit Jakobinens Arm von seinem schutteln konne: so sah er, wie vom Eingange des Gartens her, den General auf die Tochter loskommen, sehr freudig ihre Hand in seinen Arm einpacken und mit dem Engel der Sterne davon und nach Hause laufen.
"Ach wie schnell gehen die schonen Sterne des Menschen unter!" dachte Walt und sah nach den Bergen, wo morgen ein paar Bilder davon wieder aufgehen konnten; und war nicht imstande, Jakobinen zu fragen, ob sie die Reize der schonen Nacht empfinde.
Diese flog kalt vor dem Notar ins Haus und verschwand auf der Treppe. Er brauchte diesen Abend nichts weiter als ein Kopfkissen fur seine wachen Traume und ein Stuck Mondschein im Bette. Aber in der Nachmitternacht so lange traumt' er fuhr wieder auf der Gasse eine Nachtmusik auf, welche Zablockis Leute abbliesen. Nachdem Walt die Gasse wie ein Lorettohauschen in die schonste welsche Stadt getragen und niedergesetzt nachdem er die herrlichen Blitze des Klanges, die an den Saiten wie an Metalldraht herabfuhren, auf sich einschlagen lassen und nachdem er die Sterne und den Mond nach der irdischen Spharenmusik in Tanz gesetzt und nachdem die Lust halb aus war: so flatterte Jakobine, deren Flustern er vorher fast im Nebenzimmer zu horen geglaubt, zur Ture hinein und ans Fenster, vor brennender Ungeduld, die Tone zu horen, nicht aber den Notar.
Walt wusste nicht sogleich, wo er war oder bleiben sollte. Er schlich sich heimlich und leise aus den Kissen in die Kleider und hinter die Horerin; wie angezundeter Flachs war er in hohere Regionen aufgeflogen, ohne einen Weg zu wissen. Nicht dass er von ihr oder von sich etwas besorgte; aber nur die Welt kannte er und ihre Parterres-Pfeifen gegen jedes kuhne Madchen, ein Ungluck, wogegen er lieber sich von der zweiten Famas-Trompete jagdgerecht anblasen liesse, um nur das Weib zu retten; und er wusste kaum, ob er nicht aus der Stube so lange unvermerkt entfluchten sollte, bis die Aktrice in ihre heimgegangen.
Sie horte drei Seufzer fuhr um er stand da sie entschuldigte sich sehr (zu seiner Lust, da er gefurchtet, er habe sein eignes Dasein zu exkusieren), dass sie in ein besetztes Zimmer gekommen, das ihr, da es ohne Nachtriegel gewesen, frei geschienen. Er schwur, niemand habe weniger dawider als er; aber Jakobinens Reinheit glaubte sich damit noch nicht rein gewaschen, sie fuhr fort und stellt' ihm unter dem musikalischen Getose, so laut sie konnte, vor, wie sie denke, wie ihr Nachtmusik in Mark und Bein fahre, an Fast- und Freitagen ganz besonders, weil da vielleicht ihr Nervensystem viel ruhrbarer sei, und wie dergleichen sie nie unter dem Bette lasse, sondern wie sie die erste beste Wasch-Serviette (sie hatte eine um) uber den Hals schlage, um nur ans Fenster zu kommen und zu horen.
Unter dieser Rede hatte eine fremde Flote so narrisch mit feindlichen Tonen durch die Nachtmusik gegriffen und geschrien, dass diese es fur angenehmer hielt, uberhaupt aufzuhoren. Jakobine sprach laut, ohn' es zu merken, weiter: "Man uberkommt dann Gefuhle, die niemand gibt, weder Freundin noch Freund."
"Etwas leiser, Vortreffliche, ums Himmels willen leiser!" sagte Walt, als sie den letzten Satz nach der Musik gesagt, "der General schlaft gerade nebenan und wacht. Wohl, wohl ist meistens fur ein weibliches Herz eine Freundin zu unmannlich und ein Freund zu unweiblich." Sie sprach so leise, als ers haben wollte, und fasste ihn an der Hand mit beiden Handen an, wodurch die dicke plumpe Serviette, die sie bisher mit den Fingern wie mit Nadeln zugehalten, auseinanderfiel. Er erfuhr, was Hollenangst ist; denn das leisere Sprechen und Beisammenstehen, wusst' er, konnt' ihn ja jede Minute, wenn die Ture aufging, bei der Welt in den Ruf eines Libertins, eines frechen MadchenWolfs setzen, der nicht einmal die Unschuld schonet, wofur er Jakobine hielt, weil sie sanfte blaue Augen hatte.
"Aber Sie wagen beim Himmel zu kuhn!" sagt' er. "Schwerlich, sobald nur Sie nicht wagen", versetzte sie. Er deutete, was sie von seinen Anfallen sagte, irrig auf seinen unbefleckten Ruf und wusste nicht, wie er ihr mit Zarte die Rucksicht auf seinen ohne Eigennutz denn ihr Ruf war ja noch wichtiger in der grossten Eile und Kurze (wegen des Generals und der Ture) auseinandersetzen sollte. Und doch war er von so guten ehrlichen Eltern, von so unbescholtenem Wandel und trug den Brautkranz jungfraulicher Sittsamkeit so lange vor dem Bruder und jedem mit Ehren er hatte den Henker davon, wenn der verfluchte Schein und Ruf hereingriff und ihm den gedachten Kranz vom Kopfe zog, gesetzt auch, es wuchs ihm nachher eine frische Martyrerkrone nach.
Ihm wurde ganz warm, das Gesicht rot, der Blick irre, der Anstand wild: "Gute Jakobine", sagt' er bittend, "Sie erraten es ist so spat und still mich und meinen Wunsch gewiss."
"Nein", sagte sie, "halten Sie mich fur keine Eulalia, Hr. v. Meinau. Schauen Sie lieber die reine keusche Luna an!" sagte sie und verdoppelte seinen Irrtum. "Sie geht", versetzte er und verdoppelte ihren, "in einem hohen Blau, das kein Erden-Wurf durchreicht. So will ich wenigstens meine Tur zuriegeln, damit wir sicher sind."
"Nein, nein", sagte sie leise, liess ihn aber mit einem Handdruck los, um ihre Serviette zurechte zu falten. Er kehrte sich jetzt um und wollte dem Nachtriegel zufliegen, als etwas auf den Boden hinflog ein Menschen-Gesicht. Jakobine schrie auf und rannte davon. Er nahm das Gesicht, es war die Maske des Larvenherrn, den er fur den bosen Genius gehalten.
Im Mondschein durchkreuzten sich seine Phantasien so sehr, dass es ihm am Ende vorkam, Jakobine habe selber die Maske fallen lassen und ihm und seinem armen Rufe nachgestellt. Er litt viel; es richtete ihn nicht auf, dass er sich der besten Behauptungen seines Bruders erinnerte, dass z.B. solche Befleckungen des Rufs heutzutage, gleich den Flecken von wohlriechenden Wassern, aus den Schnupftuchern und der weissen Wasche von selber herausgehen, ohne alle Prinzessen-Waschwasser und Fleckenausmacher es trostete ihn nicht, dass Vult ihn einmal gefragt, ob denn die jetzigen Fursten noch wie die alten gewisse moralische Devisen und Symbola hatten, dergleichen gewesen "praesis ut prosis" und andere spielende, und dass der Flotenist selber geantwortet, dergleichen habe jetzt nicht einmal ein tiefer Stand, und es konne uberhaupt, wenn schon in Tassos und Miltons christliche Heldengedichte die heidnische Gotterlehre hab' eindringen durfen, auch in unserem Christentum so viel Gotterlehre (wenigstens in betreff der schonsten Abgottin) Platz greifen, als wir gerade bedurfen und begehren.
Darauf dachte Walt wieder an die Moglichkeit, dass irgend jemand das arme unschuldige Madchen gesehen, und dass er ihren unbescholtnen Ruf anschmitze, der schloss er unbeschreiblich rein und fest sein musste, da sie so viel gegen die Weiblichkeit sich herausnehmen durfte Dann fiel ihm die 9te TestamentsKlausel "Ritte der Teufel" ein, die Ehebruch und ahnliche Sunden an ihm besonders bestraft Dann der General mit seiner heiligen Briefsammlung von erotischen Platonikerinnen Dann Wina und ihr Auge aus dem Himmel Der Notar bracht' eine der dummsten und elendesten Nachte zu, die je ein Mensch durchgelegen, der unter dem Ruckgrat keine Eiderdunen gehabt, welche freilich noch starker einheizen.
Nr. 49. Blatter-Erz
Beschluss der Reise
Heiliger Morgen! Dein Tau heilet die Blumen und den Menschen! Dein Stern ist der Polstern unserer dahingetriebenen Phantasien, und seine kuhlen Strahlen bringen und fuhren das verwirrte erhitzte Auge zurecht, das seinen eignen Funken nachsah und nachlief!
Als noch viele Sterne in die Dammerung schienen, rief der General den Notarius mit der frohesten Stimme aus dem Bette zur Berg-Partie; und dann nahm er ihn so liebreich auf bis an die Stirnhaare lachelte er empor , dass Walt sehr beruhigt war und beseligt; der General, dacht' er, wurde ganz anders mit mir reden, wenn er etwas wusste. Winas Angesicht bluhte voll zarter Morgen-Rosen; im Paradies am SchopfungsMorgen bluhten keine vollern.
Sie gingen zu Fusse dem zerspaltenen Geburge zu. Die Stadt war tief still, nur in den Garten rustete schon einer und der andere Beete und Rosenhecken fur den Fruhling zu, und die Rauchsaulen des Morgenbrots bogen sich uber die Dacher. Draussen flatterte schon Leben auf, die Singdrossel wurde in den nahen Tannen wach, unten an der Fahre klang das Posthorn heruber, und aus dem Geburge donnerte der ewige Wasserfall heraus. Die drei Menschen sprachen, wie man am Morgen pflegt gleich der grauen Natur um sie her, nur einzelne Laute. Sie sahen gen Osten, woran das Gewolke zu einem roten Vorgeburge des Tages anfing aufzubluhen, und es wehte schon leise, als atme der Morgen vor der Sonne her.
Wina ging an der einen Hand des Vaters, der in der andern einen sogenannten schwarzen Spiegel hatte, um daraus die Natur zum zweiten Male als ein Luftschloss, als einen Abgusssaal einzuschopfen. Die Fruhe Winas Morgenkleidung das Traumerische, das der Morgenstern auflosend im Herzen so unterhalt, als stehe er am Abendhorizonte und Walts Bewegungen von der Nacht her, so wie seine Hinsichten auf die nahe Scheide-Sekunde; das zusammen machte ihn sprachlos, leise, sinnend, bewegt, voll wunderbarer Liebe gegen das nahere Jungfrauenherz, welche so weich und vielknospig war, dass er sich auf unterwegs freuete, um in der bluhenden Seligkeit recht ruhig zu blattern.
Mit susser Stimme aber tat an ihn Wina die Bitte um Verzeihung des gestrigen Auseinanderkommens. Da er die Bitte nicht zuruckgeben konnte: so schwieg er. Darauf bat sie ihn, Raphaela zu grussen und ihr als Ursache ihres brieflichen Schweigens den Umweg uber Rosenhof nach Leipzig zu sagen. Der General, der so freimutig mit der Tochter vor dem Notarius sprach, als laufe dieser als ein tauber Schattenmann oder als ein stummer verschwiegner Affe mit, machte Winen geradezu Vorwurfe uber ihre vielseitigen Sorgen und Schreibereien und uber die ewigen Opfer ihres Ichs. Sie versetzte bloss: wollte Gott, sie verdiente den Tadel!
Als sie ins Geburge traten, kroch die Nacht in die Schluchten zuruck und unter die Talnebel unter, und der Tag stand mit der Glanz-Stirn schon in den Hohen des Athers. Plotzlich lenkte der General das Paar in eine Felsenspalte hinein, worin sie hoch oben das eine hochste Berghorn schon vom Morgen-Purpur umwikkelt sahen, das andere tiefer vom Nachtschleier umwunden, zwischen beiden schimmerte der Morgenstern die Jungfrau und der Jungling riefen miteinander: "O Gott!"
"Nicht wahr?" sagte der General und sah den Himmel im schwarzen Spiegel nach "das ist einmal fur meine Schwarmerin?" Langsam und ein wenig nickte sie mit dem Kopfe und mehrmals mit dem Augenlide, weil sie vom gestirnten Himmel nicht wegsehen wollte; fuhrte aber die vaterliche Hand an den betenden Mund, um ihm stiller zu danken. Darauf zankt' er ein wenig, dass sie so stark empfinde und die Gefuhle so gern aufnehme, die er ihr zuleite.
Schnell fuhrte er beide durch einen kunstlichen Weg vor das staubende Grab, worein sich der Wasserfall, wie ein Selbstmorder, sturzte, und woraus er als ein langer verklarter Strom auferstand und in die Lander griff. Der Strom sturzte ohne dass man sehen konnte, aus welcher Hohe weit uber eine alte Ruinenmauer hinuber und hinab.
Zablocki sagte darauf schreiend, wenn beide nicht scheueten, sich auf Gefahr eines schwachen DampfRegens mit ihm hart an der Mauer hin und durch deren niedrige, von lauter grunen Zweigen zugewebte Pforte durchzudrangen: so konnten sie auch etwas von der ebenen Landschaft sehen.
Er ging voraus, mit langem Arme sich Winen nachziehend. Als sie durch das halb versunkne Tor durch waren, sahen sie in Westen eine Ebene voll Kloster und Dorfer mit einem dunkeln Strom in seinem Tal und in Osten die Geburge, die wieder auf Geburgen wohnten und, wie die Cybele, mit roten Stadten aus Eis, wie mit Goldkronen, im hohen Himmel standen. Die Menschen erwarteten das Durchbrennen der Sonne, welche den Schnee des Erden-Altars schon sanft mit ihren warmen Rosen fullte. Der Donner des Wassers zog noch allein durch den Morgenhimmel. Jetzt blickte Gottwalt von Osten weg und in die Hohe, denn ein seltsamer Goldschein uberflog das nasse Grun da sah er uber seinem Haupte den festschwebenden Wasserfall vor der Morgensonne brennen als eine fliegende Flammenbrucke, uber welche der Sonnenwagen mit seinen Rossen entzundend rollte. Er warf sich auf die Knie und den Hut ab und die Hande empor, schauete auf und rief laut: "O die Herrlichkeit Gottes, Wina!"
Da erschien ein Augenblick niemand wusste wie oder wenn wo der Jungling auf die Jungfrau blickte und sah, dass sie ihn wunderbar, neu und sehr bewegt anschaue. Seine Augen offneten ihr sein ganzes Herz; Wina zitterte, er zitterte. Sie schauete auf zum Rosenund Feuerregen, der die hohen grunen Tannen mit Goldfunken und Morgenrot bespritzte; und wie verklart schien sie vom Boden aufzuschweben, und der rotbrennende Regenbogen leuchtete schon auf ihre Gestalt herunter. Dann sah sie ihn wieder an, schnell ging ihr Auge unter, und schnell auf, wie eine Sonne am Pol das herzerhebende Donnern und das Wetterleuchten des Stroms umrauschte, uberdeckte beide mit himmlischen goldnen Flugeln gegen die Welt der Jungling streckte die Arme nicht mehr nach dem Himmel allein aus, sondern nach dem Schonsten, was die Erde hat
Er vergass beinahe alles und war nahe daran, in Gegenwart des Vaters die Hand des Wesens zu ergreifen, das uber sein ganzes Leben diesen Sonnenblick der Zauberei geworfen. Wina druckte schnell die Hand uber ihre beiden Augen, um sie zu verdecken. Der Vater hatte bisher den Wasserfall im schwarzen Spiegel beobachtet und sah nun auf.
Alles wurde geendigt. Sie kehrten zuruck. Der General wunschte, dass man heftiger und deutlicher lobte. Das Paar konnt' es nicht. "Jetzt", sagt' er, "nach solcher Freude sehnet man sich nach einem rechten Janitscharen-Marsch!" Gottwalt erwiderte: "O wohl, namlich nach solchen Stellen daraus, die piano und aus Moll zugleich gehen, wodurch vielleicht die Entzuckung furchterlich stark hereinspricht, wie aus einem Geisterreich." "Es regnet heute noch", versetzte Zablocki, "die Morgenrote zieht sich narrisch uber den ganzen Horizont, so ganz besonders; aber der schone Morgen war doch wenigstens des Sehens wert, Wina?"
Sie gab kein Ja. Schweigend kam man nach Rosenhof. Zablockis Wagen, Pferde und Bedienten standen schon reisefertig da. Darauf flog alles auseinander und davon. Die Liebenden gaben sich kein Zeichen der vorigen Minute, und der Wagen rollte davon, wie eine Jugend und eine heilige Stunde.
Walt ging im Granatapfel noch einige nachblitzende Minuten in seiner Stube auf und ab, dann in die des Generals. In dieser fand er ein vergessenes beschriebenes Blatt von Wina, das er ungelesen, aber nicht ungekusset einsteckte, samt einem Flakon. Borstwisch und Sprenggefass, die Vorarbeiter neuer Gaste, trieben ihn in sein Zimmer zuruck. Er steckte die sonderbare Maske zu sich. Darauf machte er gleich unvermogend, langer zu bleiben und langer zu reisen sich trunken auf den Weg nach Hasslau zuruck. Er sehnte sich mit seinem Folioband voll Abenteuer unter dem Arm in die Stube Vults. Sein Herz hatte genug und brauchte keinen Himmel weiter als den blauen.
Jakobine warf ihm von der Treppe, die sie hinaufging, und er herunter, das Versprechen nach, im Winter in Hasslau zu spielen. Draussen verwelkte der rosenrote Himmel immer grauer und bis zu Regenwolken. An der Fahre musst' er lange warten. Es fing endlich an zu regnen. Aber da der Vorhang vor dem Singspiele der Liebe aufgegangen war: so wusst' er, mit Augen und Ohren unter ihren Gesangen und Lichtern wohnend, wenig oder nicht, ob es auf das Dach des Opernhauses regne oder schneie.
Da das Schicksal gern nach dem Feste der sussesten Brote dem Menschen verschimmeltes, wurmvolles aus dem Brotschrank vorschneidet: so liess es den Notar hinter Joditz auf Irrwege auf physische laufen, was dem Verhangnis leicht wurde, da er ohnehin nichts Ortliches behielt, nicht den Riss eines Parks, in welchem er einen ganzen Sommer lang spazieren gegangen. Dann musst' er die gebogne weisse Hutfeder, welche ohne Kopf von einem Kavalleristen aus einem Hohlweg vorstach, fur die Schwanzfeder eines laufenden Hahns ansehen und nachher den Irrtum dem Militar gutmeinend entdecken, der ihn sehr anschnauzte. In einem Kirmesdorf wurd' ihm aus den Fenstern eines betrunknen Wirtshauses ein wenig nachgelacht. Das Rosanatal lief voll Wasser. In einem schonen Gartenhaus spielte der Regenwind auf der Windharfe einen misstonigen Laufer und Kadenzen voll Schreitone, da er voruberlief.
Selig flog er seinen Weg denn er hatte Flugel am Kopf, am Herzen, an den Fussen und sass als geflugelter Merkur noch auf dem Flugelpferd , und ohne es kaum zu merken, kam er durch die vorigen Dorfer. Gleich dem Blitze lief sein Geist nur an den Vergoldungen des Welt-Gebaudes hin. Nur Wina und ihre Augen fullten sein Herz; an Zukunft, Folgen, Moglichkeiten dacht' er nicht; er dankte Gott, dass es noch einige Gegenwart auf der Erde gab.
Eine Freude kleinerer Art genoss er hinter Grunbrunn, wo ihm der boheimische Schweintreiber, dessen Klagen er in Joditz gehort, mit einem Pilger-Liede aufstiess und nichts von seinem Plagevieh mehr bei sich hatte als den Hund.
So trug ihn die rollende Erde ohne Erdstosse wiegend um die bedeckte Sonne. Gegen Abend sah er schon Hasslau, die Meilen waren ihm Wersten geworden. In Harmlesberg begegnete er noch einer alten Diebin, die man daraus bis an den Markstein mit dem Staupbesen gekehrt hatte.
Aus Hasslau kamen ihm Feuerspritzen entgegen, welche glucklich hatten loschen helfen. Als er im nassen knappen Badegewand mit fortleuchtenden Entzuckungen durch das Hasslauer Tor getreten: sah er an den Kirchturm, wo Flitte und Heering wohnten; und nahm freudig wahr, dass der Testator Flitte, so hergestellt und gesund wie ein Fisch im Wasser, aus dem Schalloch guckte.
Nr. 50. Halber Blasenstein eines Dachshunds
J. P. F. R.s Brief an den Hasslauer Stadtrat
P. P.
Hier ubersend ich den trefflichen Testaments-Exekutoren durch den Student und Dichter Sehuster die drei ersten Bande unserer Flegeljahre samt diesem Briefe, der eine Art Vor- und Nachrede vorstellen soll. Von dem geschickten Schon- und Geschwindschreiber Halter, bisherigen Infanteristen beim Regiment Kurprinz der zum Glucke des elend geschriebenen Manuskripts gerade in diesem Monat aus Bregenz mit freundlichem Abschied und gesunder Schreib-Hand nach Hause an das Schreibpult kam, nachdem er uber 4 Jahre sich auf mehreren Schlachtfeldern mit den Franzosen gemessen und geschlagen von diesem sind, darf ich hoffen, sowohl die drei Bande als dieser Brief so gut geschrieben, dass sie sich lesen lassen; folglich setzen und rezensieren ohnehin.
Will ich mich uber das Werk hier bis zu einem gewissen Grade aussern: so mussen einige allgemeine Sentenzen und Gnomen vorausgehen:
Nicht nur zu einer Perucke, auch zu einem Kopfe gehoren mehrere Kopfe Ferner: Jedem muss seine Nase in seinen Augen viel grosser und verklarter, ja durchsichtiger erscheinen als seinem Nebenmenschen, weil dieser sie mit andern Augen und aus einem viel fernern Standpunkte ansieht
Weiter: die meisten jetzigen Biographen (worunter auch die Romanciers gehoren) haben den Spinnen wohl das Spinnen, aber nicht das Weben abgesehen
Ferner: die Verdauung spuren, heisset eben keine spuren, sondern vielmehr Unverdaulichkeiten
Weiter: zur zweiten, bessern Welt, worauf alle Welt aus ist und aufsieht, gehoret auch der Hollenpfuhl samt Teufeln
Ferner: der Schatten und die Nacht sehen weit mehr als Gestalten und Wirklichkeit aus als das Tageslicht, das doch nur allein existieret und jene scheinen lasset Und zuletzt: man reiche dem Leser etwas in einer Nuss, so verlangt ers noch enger als Nuss-Ol; man breche fur ihn aus der steinigen Schale eine kostliche Mandel, so will er um diese wieder eine Hulse von Zucker haben
Bloss diese wenigen schwachen Satze wende ein verehrlicher Stadtrat auf das Buch und sich und den Leser an und frage sich: "Ist noch jetzt die Frage von diesen und jenem?"
Noch vier Punkte hab' ich ausserdem zu beruhren.
Der erste Punkt ist nicht der erfreulichste. Noch hab ich nicht mehr als Nummern vom Kabelschen Naturalienkabinett (denn dieser Brief ist fur den halben Dachshunds-Blasenstein) erschrieben; und fahre schon mit drei Banden vor, die abzuladen sind; da nun das Kabinett 7203 Nummern in allem besitzt: so mussen endlich samtliche Flegeljahre so stark ausfallen als die Allgemeine deutsche Bibliothek, welche sich doch von ihnen im Gehalte so sehr unterscheidet. Ich sage letzteres nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ichs selber fuhle. Indes werd ich nachstens in meinen Vorlesungen uber die Kunst, gehalten in der Leipziger Ostermesse 180439erweisen, erstlich dass (was man ja sieht) und zweitens warum der Epiker (in wessen Gebiet dieses Werk doch zu rubrizieren ist) unendlich lang werde und nur mit dem langen Hebels-Arme den Menschen bewege, anstatt dass der Lyrikus mit dem kurzen gewaltig arbeitet. Ein epischer Tag hat, wie der Reichstag, kaum einen Abend, geschweige einen Garaus; und wie lang Goethes "Dorothea", die nur einen Tag einnimmt, ist, weiss jeder Deutsche; der Reichsanzeiger wurde eine blosse prosaische Geschichte dieser poetischen Geschichte in den Flachenraum einer Buchhandler-Anzeige einzupressen vermogen.
Auch durfte ein verehrlicher Magistrat noch bedenken, dass die Autoren gleich gespannten Saiten welche oben und unten, Anfangs und Endes sehr hoch klingen und nur in der Mitte ordentlich ebenso im Eingange und nachher im Ausgange eines Werkes die weitesten und hochsten Sprunge machen (die immer Platz einnehmen), um sich teils zu zeigen, teils zu empfehlen, in der Mitte aber kurz und gut zu Werke gehen. Sogar diesen Dreiband hab' ich mit Briefen an Testaments-Exekutoren begonnen und beschlossen, um nur zu schimmern. Ich hoffe von den mittlern Banden der Flegeljahre das Beste, namlich lyrische Verkurzungen, worin meines Wissens Michelangelo ein wahrer Meister ist.
Der zweite Punkt ist noch verdrusslicher, weil er die Rezensenten betrifft. Es wird ihnen allen, weiss ich, so schwer werden, sich alles feinen und groben, schon aus dem Titel Flegeljahre geschopften und abgerahmten Spasses gegen mich zu erwehren, als es mir wirklich selber, sogar in einem offiziellen Schreiben an verehrliche Exekutoren, sauer ankommt, solchen Personen mit keinen versteckten Retorsionen und Antizipationen des Titels entgegenzugehen. Doch das liesse vielleicht sich horen, wenigstens machen und durch eine Grobheit wird leicht eine zweite fast zu einer Hoflichkeit Allein, verehrte Vater der Stadt, wie der Vorstadte, man packt Sie an, man fangt mit der Exekution bei den Exekutoren den Prozess an. "Allgemein", schreibt man mir sehr kurzlich aus Hasslau, Weimar, Jena, Berlin, Leipzig, "wundert und argert man sich hier, dass die Exekutoren des Kabelschen Testaments gerade Dir (Ihnen) die Biographie des Notarius, die nach der testatorischen Klausel ja ebensogut Richardson, Gellerren, Wielanden, Scarron, Hermesen, Marmonteln, Goethen, Lafontainen, Spiessen, Voltairen, Klingern, Nikolain, Mds. Stael und Mereau, Schillern, Dyken, Tiecken usw. aufgetragen werden konnte, eben Dir (Ihnen) zugewandt und das herrliche Naturalien-Kabinett dazu, das viele schon besehen.
Freunde und Feinde benannter Autoren wollen Dich (Sie) ohnehin den Hasslauer Magistrat in Journalen verdammt her untersetzen und heimschicken. Doch bitt' ich Dich (Sie), mich nicht zu nennen. Ein kunftiger Rezensent schwur hoch: er wolle nicht ehrlich sein, wenn er ehrlich bleibe bei so bewandten Umstanden."
Hiergegen lasset sich nie etwas machen, ausgenommen Antikritiken, die aber ins Unendliche gehen; denn ein Hund billt das Echo an; es tritt der alte Zyklus von Jucken und Kratzen und von Kratzen und Jucken ein. Das sind aber bose Historien; und der Autor leidet dabei unsaglich; er hat immer einen Namen zu verlieren, und nur der Rezensent einen zu gewinnen; er lobt sich uberhaupt das Lob und feiert so ungern nach seinem Namenstage noch einen Ekelnamens-Tag. Es ist ihm terribel und so unangenehm als irgend etwas, dass das deutsche Publikum von seinen Autoren, wie das englische von seinen Baren, wunscht, sie nicht nur tanzen, sondern auch gehetzt zu sehen. Ein jeder Autor hat doch oder solls haben so viel Stolz als irgendein Peha oder Tezet oder Iks oder ein anderer Kapital-Letter von Klopstock in dessen grammatikalischen Gesprachen, besonders da er ja der Chef dieser aufgeblasenen XXIIer Union oder dieser grande Bande des 24 Violons ou les vingt-quatre ist, die er in Glieder stellt auf dem Papier, wie er nur will.
Allerdings gab' es ein gutes Mittel und Projekt dagegen, hochedler Stadtrat, wenn es angenommen wurde. Hundertmal hab' ich gedacht: konnte nicht eine Kompanie wackerer Autoren von einerlei Grundsatzen und Lorbeerkranzen zusammentreten und soviel aufbringen, dass sie sich ihren eignen Rezensenten hielten, ihn studieren liessen und salarierten, aber unter der Bedingung, dass der Kerl nur allein seine Brotherren offentlich in den gangbaren Zeitungen streng, aber unparteiisch und nach den wenigen asthetischen Grundsatzen beurteilte, die ein solcher Famulant und Valet de Fantaisie haben und behalten kann? Wenn sich eine solche Ordonnanz sozusagen in seiner Chefsmanier einschlosse, nichts weiter triebe und wusste: sollte sie sich nicht niedersetzen und hinschreiben konnen: "Da und da, so und so ist die Sache; und wers leugnet, ist so gewiss ein Vieh als ein Affe."
Einigermassen, verehrlicher Stadtrat, hab' ich einen Anschlag; und er betrifft eben den jungen Mann, der Ihnen die Flegeljahre personlich uberbringt. Der Mensch heisst eigentlich Schuster, hat aber den dumpfen Namen durch ein Strichelchen mehr in den hellern Sehuster umgepragt. Anfanglich stosset er vielleicht einen wohlweisen Rat etwas ab durch sein Ausseres, durch den verworren-grimmigen Blick, Schweden- und Igelkopf, greulichen Backenbart und durch die Ahnlichkeiten, die er mit sogenannten Grobianen gemein hat. Heimlich aber ist er hoflich, und er hat uberhaupt seine Menschen, die er veneriert. Ich mochte diesen Schuster etwa 14 Tage, nachdem er sein Gymnasium als ein scheuer stiller leiser Mensch verlassen, der eben keinen besonderen Zyklopen und Enak versprach, 14 Tage darauf in Jena wieder gefunden haben Himmel! wer stand vor mir? Ein Furst, ein Gigant, ein Flegel, aber ein edler, ein Atlas, der den Himmel trug, den er schuf, setzend eine neue Welt, zersetzend die alte! Und doch hatt' er kaum zu horen angefangen und wusste eigentlich nichts Erhebliches; er war noch ein ausgestreckt-liegender Hahn, uber dessen Kopf und Schnabel Schelling seine Gleicher-Linie mit Kreide gezogen, und der unverruckt, ja verruckt darauf hinstarrt und nicht auf kann; aber eben er war schon viel und mehr, das fuhlt' er, als er verstand und schien. Dieses beweiset beilaufig, dass es ebensogut im geistigen Reiche eine schnelle Methode, den innern Menschen in 14 Tagen zu einem grossen Manne aufzufuttern, geben musse, als es die ahnliche im korperlichen gibt, eine Gans, schwebend gehangen, die Augen verbunden, die Ohren verstopft, durch Nahren in nicht langerer Zeit so weit zu bringen und zu masten, dass die Leber 4 Pfund wiegt.
In der Tat bestimmte mich dieses, da der gute Gigant nichts hat ausser Krafte, mit vier andern belletristischen herrlichen Verfassern (ich werde ihnen nie die Schuhriemen auflosen gesetzt, sie verlangtens) aus der Sache zu sprechen und sie zu fragen, ob wir uns nicht konnten zusammenschlagen und ihn auf den notigsten Akademien fur unser Geld absolvieren lassen: "Wir hobeln Sehustern", sagt' ich, "ganz nach unsern Werken zu, oder vielmehr er hat seine deduzierenden Theorien nach dem Meister und andern Stukken seiner Kostherren einzurichten, um einstens imstande zu sein, als unser Fixstern-Trabant, Brautfuhrer und Chevalier d'honneur unserer funf Musen, kurz als unser Rezensier-Markeur in den verschiedenen Zeitungen, die die Welt jetzt mithalt, zu beurteilen und zu schatzen."
Das nahm man an. Und wir Funfer hatten wahrhaftig keine Ursache, unsere Ausgaben zu bereuen, als wir spater, im ersten Semester horten, dass er die Polaritaten und die Indifferenz leiden konne, dass er ein transzendenter Aquilibrist sei und ein polarischer EisBar, dass er die Menschen indifferenziere, sich aber potenziere, dass er zwar kein Dichter, kein Arzt und kein Philosoph sei, aber, was vielleicht mehr ist, alles dieses zusammengenommen. Und in der Tat nannt' er uns bald darauf in seinen Rezensionen die funf Direktoren, ja die funf Sinne der gelehrten Welt, ich soll darunter der Geschmack sein, le Gout, el Gusto40spricht aber doch verdammt frei von jedem andern. "Gesetzt, mein feuriger Schuster", wandt' ich einstens ein, als er hingeschrieben hatte, er sehe voraus, in 4 oder 5 Jahren sei Goethe so tief herunter als gegenwartig Wieland "O was?" versetzt' er, "ich stecke zuweilen einen Kometen-Kern ins blaue AtherFeld und bekummere mich nicht, ob er aufgeht und fliegt als Feuer-Blume. An der Himmels-Achse der Unendlichkeit sind die Pole zugleich Gleicher, alles ist eines, Hr. Legaz.!"
Nun halten vier Treffer der Literatur (funf wurd' ich sagen, war' ich nicht darunter) bei einem Hochedlen Rate um das Maushackische Legat, das eben fur arme Studenten aufgeht, fur den guten Ohnehosen an; denn letzteres ist er, wechselnd eigentlich und uneigentlich, gleichsam als differenziere und indifferenziere er auch hier und wahle Realismus und Idealismus beliebig als zwei Wechselstandpunkte aus einem dritten. Ich meine aber so: er hat nichts. Sein Marquisat de Quinet41wirft zu wenig ab er braucht zu viele erregende Potenzen, wenn er selber eine sein soll, und Weinberge sind die Terrassentreppe zu seinem Musenberg wir funf Marquis verspuren das Ernahren eines sechsten auch stark; Wiese man nun aber Sehustern das Maushackische Legat zu: so konnt' ers pro forma in Jena oder Bamberg verzehren; und dabei gemachlich beurteilen, einige bekranzen und ganz weg haben, unzahlige kaum von der Seite ansehen, die Gemeinheit herzlich verachten, viele Sachen deduzieren, wie z.B. den Roman, den Humor, die Poesie, aus vier oder funf Termen und Schreibern, und vollig unter die sogenannten ganzen Leute gehoren. Der selige Maushack selber den ich zwar nicht kenne, der aber doch von der andern Welt muss endlich profitieret haben wurde droben, wenn er von diesen Fruchten seines Nachlasses horte, seelenvergnugt sagen: "Herzlich gonn' ich der wilden Fliege drunten das Legat, bloss weil sie um eine Welt fruher als ich von dem Reflexions-Punkte weggeflogen."
O Gott, Stadtrat! was ware noch zu sagen, wurd' es nicht gedruckt! Ein Autor gibt lauter Nusse aufzubeissen, welche dem Gehirne gleichen, das nach Le Camus ihnen gleicht, und die also drei Haute haben; wer aber schalet sie ab? Ein bekannter Autor ist allerdings bescheiden; das ist aber eben sein Ungluck, dass niemand weiss, wie bescheiden man ist, da man von sich nicht sprechen und es sagen kann. Er konnte seinem Stiefelknecht hundert Livreefarben anstreichen, er konnte den Eisen-Fang seines Windofens zu seinem brennenden Namenszug verschweifen und ringeln lassen, aber niemand weiss es, dass ers nicht tut. Erwagt man vollends, wie viele Schlachten Bonaparte, sowohl in als ausser Europa, ausstand und lieferte, bloss damit nur einmal sein Name richtig geschrieben wurde, ohne das U, wofur er jetzt den Franzosen jenes X macht, jenes algebraische Zeichen der unbekannten Grosse, erwagt man also, mit welcher Muhe ein Name gemacht und mit wie leichter er wieder ausgewischt wird: so ists wahrlich ein matter Trost, dass es in Rucksicht des Verkennens auch andern grossten Mannern nicht besser ergangen, z.B. dem grossen Gottsched, der selber sogar im Gellertischen Leipzig so manches erlitt, was man hier nicht wiederholen will.
Der vierte Punkt, wovon ich einem hochedlen Magistrate zu schreiben versprach, ist gerade ein narrischer, den der junge Schuster am besten ausfechten wurde in offentlichen Blattern.
Ein hochedler Stadtmagistrat wunschte namlich von weitem, dass das Werk etwas verweint und beweglich verfasset wurde. Aber wie war das noch tunlich in unsern Tagen, Verehrteste, die ein wahrer einziger heller Tag sind, wo die Aufklarung als ein eingeklemmter angezundeter Strick fortglimmt, an welchem an offentlichen Orten jedes Tabakkollegium seine Kopfe anzundet? Wer offentlich noch ein wenig empfinden darf und der ist zu beneiden , das sind entweder die Buchhandler in ihren Bucher-Geburts-Anzeigen, indem man alle etwanige Empfindsamkeit darin mit dem Eigennutz entschuldigen kann; oder es sinds die lachenden Erben in ihren Todes-Anzeigen, wo aus demselben Grunde der Korkzieher der Tranen darf eingeschraubt und angezogen werden. Sonst aber hat man gegen Weinen, besonders wahres, viel die Tranenkruge sind zerschlagen, die weinenden Marienbilder umgeworfen von zeitiger Titanomanie die besten Wasserwerke sind noch fruher angelegt als die Bergwerke, welche davon auszutrocknen sind wie in Schmelz-Hutten ist in die Seelenschmelz-Hutten, in die Romane, einen Tropfen Wasser zu bringen streng verboten, weil ein Tropfen das Glut- und Fluss-Kupfer zertrummernd auftreibt der Mensch fangt uberhaupt an, und zwar bei den Tranen (nach Hirschen und Krokodilen zu schliessen), das Tierische abzulegen, und das Menschliche anzunehmen, wo man bei dem Lachen anfangt, so dass jetzt eine poetische Zauberin, wie sonst eine prosaische Hexe, daran eben erkannt wird, dass sie nicht weinen kann.
Kurz, Ruhrung wird gegenwartig nicht verstattet leichter eine Ruckenmarksdurre als eine Augenwassersucht; und wir Autoren gestehen es uns manchmal untereinander heimlich in Briefen, wie erbarmlich wir uns oft wenden und winden, damit wir bei RuhrAnlassen (wir mussen selber daruber lachen) keinen Tropfen fahren lassen.
Ich schliesse diese Zeilen ungern; aber der Ohnehosen Schuster steht hinter dem Kopisten, Halter, schon gestiefelt und wartet auf die Kopie derselben mit der Jagdtasche; denn es ware kaum zu sagen, was ich den trefflichen Testaments-Vollstreckern noch zu sagen hatte uber das Werk. Mog' ich und die Welt nicht zu lange bei Ihnen auf die nachsten funfhundert Nummern passen mussen! Nachgerade gegen den vierten Band spinnt sich in der Biographie ordentlich merkbar eine Art von Interesse an. Denn nun mussen die kostbarsten Sachen kommen und im Anzug sein; und ich brenne nach Nummern. Uberall stehen Tellerfallen, und Dampfkugeln fliegen, Wildrufdreher schleichen, Hummerscheren klaffen Walts und Winas neuester Bund ist seltsam und kann unmoglich lange bleiben ohne die grossten Sturme, die bandelang rasen von Messe zu Messe Jakobinens Nachtvisite muss konfuse Folgen haben oder kanns doch der Larvenherr muss entlarvt werden (wiewohl ich ihn wahrlich errate; denn er ist mir zu kenntlich) Vult hat seinen Schmollgeist, ist erlogen von Adel, lebt von Luft, sturmt so leicht der testierende Elsasser ist ganz hergestellt und sieht zum Schalloch heraus die meisten Erben minieren gewiss, ich seh' aber, bekenn' ich, noch nichts des Helden Vater sitzt zu Hause und rennt und verschuldet Haus und Hof-Passvogel, Harprecht, Glanz, Knoll mussen sich sehen lassen und graben noch unter der Erde guter Gott, welche eine der verwickeltsten Geschichten, die ich kenne! Walt soll Pfarrer werden, und ich begreife nicht wie, und hundert andere Dinge nicht besser der Graf Klothar will heiraten, kommt zuruck und findet beim Himmel eine neue Wirtschaft und Historie, die ihm naturlich etwas frappieret Walt will unendlich gut und willig bleiben und ein zartes Gottes-Lamm, und soll daraus ein Schaf, ein Hammel werden, unter Wollen-Scheren, unter Schlachtmessern Schlingen, Flammen, Feinde, Freunde, Himmel, Hollen, wohin man nur sieht!......
Allerdings, verehrlichster Stadtrat! hat eine solche Geschichte noch kein Dichter gehabt; aber ein Jammer ist es eben und ein noch unbestimmliches Ungluck fur die ganze schone Literatur, dass sie wahr ist dass mir so etwas nicht fruher eingefallen als zugefallen dass ich ungluckliche Haut, an TestamentsKlauseln und Naturalien-Nummern gefesselt gehend wie an klein-schrittigem Weiberarm, nichts von romantischen Gaben und Bluten (indem ich doch auch unter den Romanciers mitlaufe) kunstlich pelzen darf auf solchen Stamm. O Kritiker! Kritiker, war's meine Geschichte, wie wollt' ich sie fur euch erfinden und schrauben und verwirren und quirlen und krauseln! Wurfe ich z.B. etwan nur ein schmales Schlachtfeld in eine solche gottliche Verwicklung ein paar Graber einen Schlegelschen Revenant des Euripidischen Ions42 funf Schaufeln voll italischer Erde oder sonst klassischer einen schwachen Ehebruch einen Klostergarten samt Nonnen von einem Tollhause die Ketten, wenn nicht die Hausler ein paar Maler und deren Stucke und den Henker und alles; ich glaube, Vollstrecker, es fiele anders aus als jetzt, wo ich bloss nur nachschreibend zusehen muss, wie die Sachen gehen und aus Hasslau kommen, ohne dass ich, im moglichen Falle ungewohnlicher Langweile, etwas anderes fur die Welt und fur Hrn. Cotta in der Gewalt hatte als wahres Mitleiden mit beiden, fast zu sehr vom Gewissen und sonst eingeklemmt und angepfahlt.
Aber mein Rezensent, der junge Schuster, der eben zwischen Schreiber und Abschreiber steht, treibt ausserordentlich und will fort und sieht verdrusslich nach dem Gottesacker hinaus. Noch schlusslich ersuch' ich die Vollstrecker, falls schwere Kapitel, die besondere Kraft und Stimmung fordern, im Anzuge sein sollten, mir sie bald und jetzt zu schicken, wo gerade meine Lokale (wozu auch mein Leib zu rechnen), mein Schreibfenster, das den ganzen Ilzgrund beherrscht (denn ich wohne im Grunerschen Hause in der Gymnasiumsstrasse), und das Bluhen der Meinigen (worunter mein empirisches Ich mit gehort) mich sichtbar unterstutzen; ja ich wurde wenn nicht solche Selbst-Personalien eher vor ein Publikum als vor einen Stadtrat gehorten dazu selber den gedachten Gottesacker schlagen, wo man eben jetzt (es ist Sonntags 12 Uhr) halb in der Salvatorskirche, halb auf deren Kirchhofe im Sonnenscheine zwischen Kindern, Schmetterlingen, Sitz-Grabern und fliegenden Blattern des Herbstes den singenden, orgelnden und redenden Gottesdienst so halt, dass ich alles hier am Schreibtische hore.
Ich konnte dabei manches empfinden; aber Rezensent drangt erbarmlich weil die Tage kurzer werden , und er ist schuld, dass ich in grosster Eile mit der grossten Hochachtung erharre
eines Hochedlen Stadtrats
Koburg, den 23. Okt. 1803.
J. P. Fr. Richter.
Viertes Bandchen
Nr. 51. Ausgestopfter Blaumuller
Entwicklungen der Reise und des Notariats
Der Notar glaubte wie ein erwachter Siebenschlafer eine ganz umgegossene Stadt zu durchtreten, teils weil er einige Tage daraus weggewesen, teils weil eine Feuersbrunst, obwohl ohne Schaden, da gehauset hatte. Noch in den Gassen blieb er auf Reisen. Auch zog das Volk, durchs Feuer aus der Alltaglichkeit aufgerissen, gescharet hin und her, um das Ungluck zu besehen, das hatte geschehen konnen. Walt lief zuerst zum Bruder mit dem grossten Drange, dessen Neugierde unglaublich zu spannen und zu stillen. Vult empfing ihn ruhig, sagte aber von sich, er sehe erhitzt aus und gebe das gluhende Gesicht der Feuers-Not schuld. Der Notar wollte ihn sofort mit den erlebten Reise-Wundern in die Hohe schrauben und droben erquicken; er schickte daher die lockendsten Ankundigungen voraus, indem er sagte: "Bruder, ich habe dir Sachen zu melden, in der Tat Sachen" "Auch ich", unterbrach Vult, "bin mit einigen sieben Wundern der Welt versehen und kann erstaunen lassen. Nur erst das erste! Flitte genas! Noch staunt und starret die Stadt." "Unter dem Lazarustor sah ich ihn schon am Schalloch stehen", versetzte Walt, eilig wegredend. "Das ist ganz naturlich", fuhr jener fort. "Denn der Dr. Hut, ein wahrer Chapeau wie wenige, hat ihn wieder auf die Hinterbeine gebracht, so dass der Testator sich selber beerbt als allernachster Anverwandte und du so wenig bekommst als der Rest. Wie freilich daruber die alten Arzte, besonders die altesten, welche in jeder Stadt als ein wahrer Rat der Alten einen Alterserlass (veniam aetatis) nicht von 20, sondern von allen irdischen Jahren dem jungsten erteilen und so die Sterblichkeit der Einwohner kostlich mit der Unsterblichkeit verknupfen, wie sie, sag' ich, daruber, dass ein so junger Wicht einen nicht altern herstellte, ausser sich sein mussen: dies kann man ganz naturlich noch wenig oder nicht bestimmen, bevor gar eine bekannte Arbeit von Flitte gedruckt und bekannt geworden. Es hat namlich der Elsasser eine schwache Danksagung ein paar Male umgearbeitet, worin er im Reichs-Anzeiger (Doktor Hut schiesst die Inserats-Gelder her) mitten vor der Welt Huten geruhrt genug dankt und beteuert, nie konn' ers ihm lohnen, was ein so wahres Gefuhl ist, da er nichts hat."
Walt konnte sich nicht langer eindammen: "Liebstes Bruderlein", begann er, "wahrlich mehr deinen Einfallen als deinen Berichten horcht' ich zu: denn das, was ich dir zu erzahlen... Deinen Brief namlich mit dem Wunder-Traum hab ich wirklich und in der Tat empfangen; aber was ware bloss dies? Eingetroffen ist er von Punkt zu Punkt, von Komma zu Komma; hore nur!"
Er legte ihm jetzt die Spiel-Wunder zum ersten Male vor (wegen der verworrenen Wellen der alles heranschwemmenden Flut) zum zweiten Male. Kein Abenteuer, selber das schlimmste, ist je so selig zu erleben als zu erzahlen. Ja er hatte beinahe von Winas liebendem Blick unter dem Wasserfalle in seinem Sturm den Schleier gehoben, hatt' er nicht auf dem ganzen Wege, mit Wina an einer Hand und mit Vulten an der andern, das Wichtigste vorlaufig bedacht und sich die starksten Grunde eingepragt gehabt, dass er durchaus Wina in den General einkleiden musse und Empfindungen, obwohl nicht Tatsachen, unterschlagen; so gern er auch in das einzige ihm vom Leben aufgeschlossne Herz die beiden Arme seines in Liebe und in Freundschaft geteilten Stroms ergossen hatte.
"Aus deinen Abenteuern in bezug auf meinen Brief", sagte Vult, "mach ich eben nicht das meiste ich lege dir nachher eine sehr gute Hypothese daruber vor , hingegen in Jakobinens 'Stelldich-ein' sah' ich mit Freuden klarer." Walt erzahlte dann den Nachtbesuch ganz wahr, hell und leicht und vergass keine einzige Empfindung dabei.
"Nichts will ich leichter erklaren", fing endlich Vult an. "Kann denn nicht ein Kerl, der alle Verhaltnisse weiss, dir durch Walder und Felder immer drei Schritte nach- oder vorgeschlichen sein mit der Flote geblasen haben deinen Namen in den Krugen und Hotels vorausgesagt die kleinste Sache bestellt und angestellt, z.B. mit dem Bilderhandler und dem Quodlibet und dessen quod deus vult est bene factus, statt factum und so fort? Was den Brief anlangt, so war er ja in meinem Namen und Stil so leicht zu schreiben, unterwegs aufzugeben, darin alles zu weissagen, was man eben selber vollfuhren wollte, das Geld aber eine Minute vorher einzugraben!" "Unmoglich!" sagte Walt. "Und vollends der Larvenherr?" "Hast du die Larve etwa in der Tasche?" sagte Vult. Er zog sie hervor. Vult druckte sie vor das Gesicht, funkelte ihn darhinter mit Zorn-Augen an und rief wild mit bekannter Stimme des Larvenherrn: "He? Bin ichs? Wer seid ihr?" "Himmel, wie ware denn das?" rief der erschrockene Walt. Sanft hob Vult die Larve ab, sah ihn ganz heiter an und sagte: "Ich weiss nicht, was deine Gedanken uber die Sache sind; ich sentiere, dass sowohl der Larvenherr und Flotenspieler als auch ich und der Briefschreiber dieselben Personen sind." "Mein Verstand steht still", sagte Walt. "Kurz, ich wars", beschloss Vult. Aber der Notar wollte seiner eigenen Besturzung nicht recht glauben. "Etwas Wunderbares", sagte er, "steckt gewiss noch hinter der Zauberei; und warum hattest du mich uberhaupt so sonderbar hintergangen?"
Aber Vult zeigte, dass er ihm einige Lust zuwenden, ja einige Unlust ersparen wollen. Er fragte schelmisch-blickend, ob er nicht zur rechten Zeit seine Maske ins Zimmer geworfen, ehe Jakobine die ihrige fallen lassen. Endlich sagte er gerade heraus, die Klausel des Testaments, welche fur Fleisches-Sunden um halbe Erbschaften bestrafe, sei allgemein bekannt, und Walt sei leider stets sehr unschuldig, auf nichts aber werde in einer Aktion ofter und besser geschossen als auf Schimmel wegen der Farbe der Unschuld die sieben Erben decken, wie kluge Feldherrn, ihr Lager mit Morast "kurz", beschloss er, "wie Taubenhandler wahrhaft betrugen und zwei Taubinnen oft fur ein ordentliches Paar Ehetauben ausgeben: hatte man es mit dir und der Aktrice nicht ebenso machen konnen, war' ich dir nicht nachgereiset?" Da wurde der Notar blutrot vor Scham und Zorn, sagte: "o garstig uber die Massen" setzte unter dem Umherfahren nach dem Hute hinzu: "in diesem Lichte steht ein armes Madchen bei dir? Und dein eigner Bruder dazu?" lief fort sagte wild weinend: "gute Nacht; aber bei Gott, ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll" und liess keiner Antwort Zeit. Vult argerte sich fast uber den unvermuteten Zorn.
"Ich, ich?" wiederholte Walt auf der Gasse innigstverletzt, "ich hatte mich versundigen sollen an einem Tage, wo mir Gott den ruhrendsten Reise-Abend bescherte und die fromme Wina mir so nahe lebte? Das wolle Gott nicht!"
Als er aber in sein Stubchen trat, uberflog ihn eine ganz besondere Seligkeit und zehrte den Schmerz auf; eine neue Empfindung wird an einem alten Orte lebendiger; es war Winas guter Blick unter dem Wasserfalle, der jetzt ein ganzes Leben wie ein Morgenlicht golden uberstrahlte und alle Taublumen darin blitzen liess. Vieles um ihn war ihm nunmehr zu eigen geworden sowie neu: der Park unten, in dessen Gangen er sie einmal gesehen, und Raphaela im Hause, die ihre Freundin war, gehorten unter die Habseligkeiten seiner Brust. Selber seinen eignen Roman Hoppelpoppel kannte er kaum mehr, auf so neue Gemalde des liebenden Herzens stiess er jetzt darin, von denen er erst diesen Abend recht fasste, was er neulich etwa damit haben wollen; nie fand ein Autor einen gleichtoniger gestimmten Leser als er heute. Er bauete sich sogleich ein zartes Bilderkabinett fur die Gemalde von den Auftritten, die Wina vermutlich diesen Abend haben konnte; z.B. im Schauspielhause oder in den Leipziger Garten oder in einer gewahlten Gesellschaft mit Musik. Darauf setzte er sich hin und beschrieb es sich mit Feuerfarben, wie ihr etwa heute sei in Glucks Iphigenie auf Tauris; dann machte er selige Gedichte auf sie; dann hielt er die Papiere voll Eden ins Talglicht und verkohlte alles, weil er, sagt' er, nicht einsehe, mit welchem Rechte er ohne ihr Wissen so vieles von ihr offenbare ihr oder andern.
Als er zu Bette ging, verstattete er sich, Winas Taume sich zu ertraumen. "Wer kann mir verbieten", sagt' er, "ihre Traume zu besuchen, ja ihr sehr viele zu leihen? Ist der Schlaf vernunftiger als ich? O sie konnte im wilden Wahnsinn desselben ja recht gut traumen, dass wir beide unter dem Wasserfalle standen, verbunden aufflogen in ihn, umarmend hinschwammen auf seinem flussigen Feuergolde und zum Sterben herabsturzten mit ihm und vergottert still nun weiterflossen durch die Blumen, in den Strahlen, sie mit ihrer Welle in meine schimmernd, und wir so uns ineinander verronnen in das weite hohe blaue reine Meer, das sich uber die schmutzige Erde deckt. Ach, wenn du so traumen wolltest, Wina!" Dann sah er auf dem Kopfkissen recht hell und scharf weil nachts in der wilden Zeit des Vortraums vor der Seele alle blasse Bilder junge Lebensfarben annehmen und die Gestalten blitzende Augen offnen das liebe, milde Auge Winas vor sich aufgetan und wie einen Mond, den der Tag zum Wolkchen verdunnte, am Nachthimmel herrschend strahlen; und er sank in das liebe Auge, wie ein Frommer in das Auge, unter welchem man Gott abbildet. Wie leicht und dunn ist ein Blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenroschen ist er, das der Mensch von der hochsten Stelle seines Lebens herunterbringt. Aber doch halt der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die ein Augenlid bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstandenen Blick und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Baumen fest! So sind Geister; denn da die Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit!
Am Morgen lag Sonnenschein und Seligkeit um ihn her. Alle Bluten zu Zankapfeln waren abgefallen. Die Morgenstunde hat Gold, aber das reinste, im Mund; die Sonne scheidet das in Schlacken vererzte Gemut; das finstere Ubermass, besonders des Hasses, hort auf. Walt sah sich um im Morgenlicht, fand sich wie von einem Arm aus den Wolken durch alle ubereinanderstehenden Wolken des Lebens durchgehoben ins Blau Wer liebt, vergibt, wenigstens den Rest dem Rest; er fragte sich, wie er denn gestern, gerade am Heimkehr-Feste, so gegen den armen Bruder aufbrausen konnen.
"Jawohl den armen Bruder", fuhr er fort; "denn er hat gewiss keine Geliebte, deren Liebesblick ihm wie ein Lebensbrennpunkt im Herzen bleibt." Nun ging er ganz ins Einzelne und stellte sich nach seinem Instinkte, der ihn stets in die fremde Seele trieb und in ihr uber sie hinzuschauen zwang an Vults Stelle, wie dieser nichts habe, nichts wisse (vom Wasserfalle namlich), wie er alles oder vieles so sehr gut meine, besonders fur Walt, wie er nur herrschsuchtig hart verfahre usw.
In dieser Gesinnung beschloss er, zum Bruder zu gehen und kein Wort zu sagen uber die Essig-Sache, sondern bloss mit seiner Hand eine schon im Mutterleib verknupft gewesene anzufassen und einiges gelassen zu besprechen, besonders was die bevorstehende Wahl eines neuen Erbamts betreffe.
Vult war verreiset. Ein Briefchen an Walt war an die Tur gesiegelt: "Bester! Ich reisete heute fluchtig ab, um in Rosenhof mein versprochenes Konzert zu blasen. Kunftig arbeit' ich viel fleissiger; denn wirklich tu' ich fur unsern Gesamt-Roman zu wenig, besonders da ich gar nichts dafur tue. Es entgeht uns nicht, dass ich lieber spreche im reissendsten Strome mich schwemmend als schreibe. Gut aber ists nicht, weder fur die Literatur noch das Honorar. In Schulen gilt sonst Rechen- und Schreib-Meister fur einen; ein trefflicher Buch-Schreibmeister hingegen ist selten ein Rechenmeister; leider bin ich nicht einmal einer von beiden und brauche doch Geld. Adieu! v. H."
"Der gehetzte Bruder!" sagte Walt, "so muss er sich jetzt das Geschenk erpfeifen, das er mir so spasshaft in die Hande gespielt; warum fall' ich immer so heftig aus und drucke den Guten?" Er fasste den ernstlichen Vorsatz, kunftig seinem Sturm- und Poltergeiste ganz anders den Zugel anzuziehen.
Aber Rosenhof warf bald heiteres Licht auf alles und heiligte fast den Flotenspieler, den er in den nachschimmernden Auen des schonsten Morgens mit Glanz besprutzt umherwaten sah.
Wackerer als je betrat er nun seine NotariatsGange wieder, die sich gegen das Ende seines Erbamts immer haufiger auftaten. Es war ihm ganz einerlei so freudig ging sein Puls , woruber er ein Instrument aufsetzte, ob uber die Verlassenschaft eines Hofpredigers oder uber eine angebohrte Ol-Tonne oder uber eine Wette: immer dacht' er an das Haus des Generals oder an den Wasserfall oder an Leipzig, und es konnte ihm gleichgultig sein (denn er gab nicht darauf acht), was er niederschrieb als offner kaiserlicher Notar.
So glanzend-umsponnen vom Nachsommer des Herzens, kam er aus dem September und dem Notariat endlich in den Oktober hinuber, wo er vor den Kabelschen Testaments-Exekutoren die Rechnung uber das bisherige Erbamt abzulegen hatte, vor welcher ihm nicht im geringsten bange war; denn Winas Blick hatte in ihm einen so feurigen Herzschlag entzundet, dass er mit einem solchen Fruhlings-Pulse vermochte, in jeder aussern Kalte des Schicksals warm zu bleiben.
Sein Vater Lukas hatte ihn neuerlich in mehreren Kopien von Brief-Originalen (die der Schulze behielt, weil im Briefschreiben das Original das schlechtere ist) seine Angst vor dem Notariats- Hintergrund und die Beteurung seiner "Herbeikunft" wissen lassen. Walten wurde die Wiederholung desselben durren Gedankens, die so manchen frischen erdruckte, sehr zur Last, und er wunschte nichts weiter als die alte Freiheit, an hundert Dinge zu denken. "Warum ist denn ein Irrweg so verdriesslich", sagt' er, "als bloss weil man so lange, bis man den rechten wieder erwischt, immer die abgeschabte platte Idee des Wegs besehen und behalten muss!" Die gemeinen Qualen des Lebens belasten weniger unter ihrer Geburt als wahrend ihrer Schwangerschaft, und der eigentliche Leidenstag geht 24 Stunden oder Zeiten fruher an als der aussere. Der erste Schritt, den Walt am anberaumten Morgen ins Rathaus tat, machte ihn zu einem andern Menschen, namlich zum alten die Sache war fur ihn vorbei, denn sie war so nahe. Zu bald kam er im Vorzimmer an, harrte aber vergnugt und machte einen Polymeter, worin er einige gute Gruppen besang, die in halberhobener Arbeit am Ratsofen mit aller der Warme dargestellt waren, welche die Jahreszeit an einem kalten Ofen erlaubt. Tanz-Horen, Fullhorner voll Heu, Fruchtschnure oder -stricke, Buschel von dicken festen Blumen oder Obst und sechs Fruhlinge aus Ton (denn es war ein Zirkulierofen) waren allerdings imstande, einen Dichter wie er zu heizen. Als noch immer die Ratsstube zublieb, so geriet er auf Neben-Ideen, ob namlich nicht ein ganzer Roman aus Ofen-Pasten darzustellen und zu entwickeln ware, besonders ein komischer. So vermag nur ein Mann vor einer wichtigen Wendepunktsstunde, z.B. vor einer Kronung, Schlacht, Selbstermordung, nicht aber seine Frau vor einer ahnlichen, z.B. vor einem Balle, zu dichten, zu schlafen, zu lesen.
Da endlich der Schirmherr der Kabelschen enterbten Erben, der Pfalzgraf Knoll, eintrat, so fing alles an und wurde gehorig vor den Burgermeister Kuhnold gestellt.
In seinem Leben war ihm nie so federleicht in einer Ratsstube gewesen; auf dem Staubfaden einer Lilie hatt' er sich schaukeln konnen. Er fiel aber bald von seiner Lilie ins Beet herunter, als der Schirmherr anfing vorzutragen und zu belegen, "dass der offne geschworne Notar bisher sehr absurd gewirtschaftet" dass er nicht nur erstlich und zweitens zweimal in Instrumenten abbrevieret drittens ein nachtliches (das Turm-Testament) mit zweierlei Tinte und viertens bei einerlei Licht geschrieben funftens einmal radiert sechstens einmal gar nicht angegeben, dass er ausdrukklich zur Aufrichtung des Instruments vorgefordert worden desgleichen siebentens in dem namlichen auch die Stunde nicht achtens den nagelein-braunen Bindfaden, womit die Klagschrift N. N. contra N. N. umwickelt gewesen, als einen gelben zu Protokoll gebracht neuntens Hauszeugen, als sie eidlich aussagten fur ihren Herrn, ihrer Pflicht vorher durch Handgeben sowohl zu entlassen als diesen Akt des Entlassens anzuzeigen ganz vergessen sondern dass er auch zehntens einen falschen Datum im Wechselprotest, ja eilftens neuerlich und ganz zuletzt ein Instrument gar an einem 31. September, der nicht existiere, auszufertigen wenig Anstand genommen. Nun wurd' er gerichtlich befragt, was er dawider einzuwenden habe. "Ich wusste eigentlich nichts'-" versetzt' er gegnerischerseits; "auch trau' ich fremdem Gedachtnis hier weit mehr als eignem. Doch was die Hauszeugen anlangt, so hielt ich es fur eigenmachtig und unmoglich, sie durch mein blosses Wort ihren Pflichten zu entnehmen und wieder zuruckzugeben." Darauf sagte Hr. Kuhnold, dieser Grund sei mehr edel gedacht als juristisch, und berief sich auf Hrn. Fiskal Knoll. Nichts sei lacherlicher, versetzte dieser und schob nun zehn bis zwanzig breite hohle Worte aneinander, um bei den Testaments-Exekutoren um das nachzusuchen, was sich von selber verstand die Eroffnung des hier eintretenden geheimen Artikels.
Eh' es Kuhnold tat, erwies er dem Pfalzgrafen, dass gar nicht alle Rechtsgelehrten allgemein zu NachtKontrakten drei Lichter begehrten, sondern nur mancher; und langte als Knoll auf seinem Satze beharrte bloss das promtuarium juris von Hommel oder Muller als den nachsten Beweis aus dem Schranke vor. Die Ratsbibliothek war nicht hoher als die vier Bande des promtuarium stark; dennoch fehlte ihr, wie den meisten offentlichen Bibliotheken, ein Katalog.
Knoll behielt sich das Seinige vor; Kuhnold gab aber nicht nach, sondern verlas den Straftarif; "dass namlich fur jeden juristischen Notariats-Schnitzer des jungen Harnisch jedem der sieben Erben ein Tannenbaum in Kabels Waldchen zu fallen verstattet sein sollte." Da er nun in zehn Sunden geraten war ohne die streitigen Lichter , so belief sich der Dezem, mit den sieben letzten Plagen multipliziert, auf den ansehnlichen Schlag von 70 Stammen, so dass Walt nie halb so gut dadurch gelichtet werden konnte als das Waldchen selber. "Nu", sagte der Notar, schnell beide Hande seitwarts auswerfend, "was ist zu machen?" Er wusste sich innerlich uber die Zufalle des Lebens so erheiternd zuzureden wie ein Schuster den Kunden uber neue Stiefel, die er bringt; sind sie zu enge, so sagt der Meister: "sie treten sich schon aus"; sind sie zu weit, so sagt er: "die Nasse zieht sie schon ein". So dachte Walt heimlich: "Das witzigt mich. Jetzt kann ich doch als Notar ruhig alle meine Instrumente machen, ohne dass mir geheime Artikel das geringste zu befehlen oder zu nehmen haben." Aber am Ende machte ihm doch der Fiskal Knoll den leichten poetischen Gotter-Ichor des Herzens schwer, dick und salzig, als dieser, ohne im geringsten durch die Freude uber den Gewinn von Schlagholz irre oder trunken zu werden, seine Protestation im Punkte der drei Lichter erneuert zuruckliess. Die stehende Gegenwart eines deutlich hassenden Wesens druckt und presst eine immer liebende Seele, die ihre Kalte schon fur Hass ansieht, mit dem schwulen Dunstkreis eines Gewitters, dessen Schlag weniger qualt als dessen Nahe. Betrubt, selber von Kuhnolds sanftem Worte, das ihm so vermeidliche Fehler eben als die unverzeihlichern vorwarf, ging er nach Hause; und er sah Vults Fluchen und Scherzen daruber schon entgegen.
Das erste, was er zu Hause machte, war ein Sprung aus demselben auf die schonen stillen Hohen der Oktober-Natur, um seinem Vater, dem Schultheiss, und dessen Scherbengerichte zu entspringen, der, wie er gewiss wusste, in die Stadt laufen wurde, um jede Scherbe des zerbrochenen Glucktopfes ihm an den Kopf zu werfen. Auf einer friedlichen Anhohe dem Waldchen gegenuber-konnt' er, wahrend er das medizinische Miserere des Schicksals durch Dichten und Empfinden in ein musikalisches verwandelte, recht gut wahrnehmen, dass schon mehrere Erben mit verstandigen Holzhauern im Erb-Forste lustwandelten, um eintrachtig mit Waldhammern ihr Gnadenholz anzuplatzen. Endlich ritt im Schritt Flitte an der Spitze einer holzersparenden Gesellschaft mit Axten, Sagen, Massstaben in den Handen den Wald hinan. Gleich einem Witwer, der seine Halbtrauer taglich in kleinere Bruche zerfallt, in Drittelstrauer, in ein 1/4, 1/8, 1/64 Teil wiewohl die Trauer oder der Zahler nie Null werden kann, nach mathematischen Gesetzen , verkehrte Walt bei diesem Anblick seine schwache Halbtrauer, arithmetisch zu sprechen, in einen unendlich grossen Nenner und in einen unendlich kleinen Zahler, d.h. er wurde das, was man gemeinhin froh nennt. "Es ist schon recht", dachte er, "dass ich dem guten Flitte fur seine gutmutige Erbeinsetzung meiner Person doch einen schwachen Dank durch meine Fehler zuschanze; er habe recht viele Freude dabei, nur keine Schadenfreude." Aber die Lustigkeit uber die HolzEinbusse wurde Walten etwas verkummert, als er den alten Schulzen aus der Stadt schreiten und ins Holz dringen sah, Martyrerkrone und Zepter tragend. Auf die angeplatzten Stamme lief Lukas zu fragte, sagte dies oder das und keifte durchschnitt den Gehau nach allen Ecken stritt ohne Vollmacht wider alles flog als ein fluchtiges Waldgericht und Forstkollegium hin und her, an jeden Busch, neben jede Sage machte die Wuste seines Gesichts immer durrer und arabischer, je mehrere Erben ankamen, die grossten Baumschander, die er sich denken konnte sah seufzend zu jedem Gipfel auf, der sturzen wollte und trieb nichts durch als forstgerecht den Weg, auf welchem der fallende Baum das Buschholz schonen musste.
Walt schaute erbarmlich heruber; so leicht er sonst sein schwarzes Schicksal wie sein weisses nur zu dichterischer Farbengebung verrieb, gleichsam zu Kohle und zu Kreide: so konnt' er sich doch den Holzschlag des Schlagholzes zu keinem dichterischen Baumschlag ausmalen, weil ihn der Vater peinigte. Er wartete aber fest dessen Weggang ab; dann fragte er nach der gluhendsten Abendrote vor seinen Augen nichts, sondern er liess in sich abstimmen, welches Erbamt, das seinen Vater freudig lasse, er jetzt zu wahlen habe.
Nun fehlte es ihm aus Mangel des Flotenspielers an einer Stimmensammlung und an irgendeiner, auch nur kleinsten Minoritat, weil die Majoritat selber (er) nur ein Mann stark war, welches, wenn nicht die kleinste denn oft ist gar kein Mann beim Stimmen , doch keine betrachtliche ist.
Endlich wahlte er das kurzeste Amt, namlich das siebentagige Leben bei einem Erben. Die Stelle daruber heisset im Corpus juris des Testaments claus. 6. Litt. g. so: "Er (Walt) soll bei jedem der Hrn. Akzessit-Erben eine Woche lang wohnen (der Erbe musst' es sich denn verbitten) und alle Wunsche des zeitigen Mietsherrn, die sich mit der Ehre vertragen, gut erfullen." Ein so kurzes Amt hoffte er ohne grosse Fehltritte und Fehlsprunge und mit einiger Ehre und in kurzem, noch eh' der Bruder erschiene, zu beendigen. Nach der Wahl des Amts musst' er wieder die neue desjenigen Erben anstellen, welchem die erste Ehre davon zuzuwenden sei. Er erlas sich zum wochentlichen Wohnen den, bei welchem er bisher gewohnt, Hrn. Neupeter. "Auch begehrts die Zarte", sagt' er.
Nr. 52. Ausgestopfter Fliegenschnapper
Vornehmes Leben
Nachdem er am Morgen die feinste Anrede an den Hofagenten in den Kopf gebracht hatte, woraus sie ohnehin noch nicht gekommen war: trat er vor Neupeter, der ihn in der Schreibstube neben einem brennenden Lichte mit dem Petschaft am nassen Maul und mit der Nachricht empfing, es sei Posttag. Wahrend der Kaufmann fortsiegelte, hielt er hinter dessen Rucken leicht seine Rede voll Zarte, bis dieser, da er ausgesiegelt hatte, das Licht ausputzte und fragte: "Was gibts?" Zerfahren war dem Notar der ganze Sermon.
Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten; in der Eile musste er nur darauf denken, aus dem Gesagten einen dunnen Bleiextrakt zu liefern. Der Hofagent ersuchte ihn aber, "mit solchen Schnurrpfeifereien den Leuten vom Halse zu bleiben".
Alle moglichen Sunden im neuen Amt hatt' er lieber getragen als dieses harte Turzuschlagen vor demselben. Jemanden nun ferner Ordensketten durch geschenktes Vorkaufsrecht der Wohnprobewoche uberhangen zu wollen, fiel ihm nicht mehr ein: sondern wo ein armer, aber guter Teufel, mit welchem sich mehr Tranen- als Himmelsbrot, z.B. ein elendes Wohnloch teilen liesse, anzutreffen und zu beglucken ware, darnach ging sein Sehnen, nicht sein Fragen; denn besagter Teufel war langst da, Flitte aus Elsass. Walt ging auf den Nikolai-Turm und trug, aber furchtsam, Flitten den Vorzug an, dass er bei ihm die erste Probewoche halten wolle. Der Elsasser umhalste ihn erfreuet und versicherte, er ziehe diesen Tag noch vom Turm herab, weil er ganz hergestellt sei und der frischen Turmluft weniger bedurfe. "Ich miete fur uns ein paar kostbare garnierte Zimmer beim Cafetier Fraisse; pardieu wir wollen leben comme il faut", sagt' er. Walt wurde zu selig. In einer halben Stunde hatte Flitte ein- und darauf ausgepackt; denn mit seinem Gerate hatt' er, wie eine Raupe und Spinne mit ihrem Fadengespinste, gewohnlich den Gang durch seine Wechselwohnungen bedeckt und bezeichnet; gleichsam mit schonen Haarlocken, die zum Andenken ausgerauft werden; und hatte sich, wie gedacht, wie Weltkorper durch Umlauf kleiner eingeschliffen. Er wagte es jetzt, aus seinem Turm seiner bisherigen Bastei und Grenzfestung gegen Glaubiger herabzurucken in ein unbefestigtes Kaffeehaus, weil er teils sein eignes Testament beerbet hatte, namlich den Kredit davon, teils das Kabelsche, in dessen Gutergemeinschaft ihn Walts neueste Fehler vor der Stadt einzusetzen schienen, teils die zehn Tannenstamme, Walts Klage-Eichen. Der "ausgestopfte Blaumuller" Nr. 51 erwahnte schon weitlauftiger, mit welchem Geprange er die durch Walt gesaete Fehler-Ernte von Steinobst und Kernhausern aufgeknackt und ausgekernet hatte, um sich der Stadt zu zeigen.
Walt schied am schonsten Nachsommer-Morgen halb wehmutig aus seiner leisen Klause; ihm war, als brauche sie ihn und habe dann so leer und allein Langeweile, besonders sein Sessel. Aber wie fuhr er, da er beim Cafetier Fraisse eintrat, vor der Garnitur der Zimmer, vor den langen Spiegeln voll Zuruckfahrern, vor den Ei-Spiegeln an den Wandleuchtern und vor der Rest-Pracht zuruck! Er erschrak. Flitte lachelte Fremden wollte Walt ein Ersparer sein; dass der gute Elsasser solche Palaste von Stuben miete, bedacht' er und stohnte sehr. Denn er hielts fur Aufwand seinetwegen, weil er nicht voraussetzte, dass Flitte unter die wenigen sogenannten Verschwender gehore, die wie der deutsche Kaiser schworen, nichts auf die Nachkommen zu bringen, Reich oder Reichtum, und welche wie hohe Staatsbediente Athens zum Zeichen ihrer Vaterlandsliebe nichts hinterlassen als Nachruhm und Schulden.
Walt zog ohne weiteres das aus der Kabelschen Operationskasse fur die Probewoche bewilligte Goldstuck hervor und legt' es mit den Worten auf den Tisch: "Dies bestimmte der Testator; ich wollte gern, es ware mehr." Wenige Menschen wurden noch so stark angefahren als er von Flitten, der ihn fragte, ob er denn beim Henker nicht sein Gast sei.
Aber nun hatt' er noch einen feinern Punkt, namlich den testatorischen Zweck seines Wohnens zu besprechen. Er nahm folgende Wendung: "Es wird ordentlich schwer, in diesen kostbaren heitern Zimmern und bei Ihnen an etwas so Juristisches wie das Testament und dessen Haupt-Klausel zu denken; da ich aber meine Freude nicht meiner Obliegenheit gegen meine Eltern opfern darf: so darf ich eben schwerlich, sondern ich muss Sie um den Vorschlag dessen bitten, worin ich etwa Fehler begehen konnte. Wahrlich, es wird mir schwerer zu fragen als zu handeln."
Der Elsasser fasste ihn nicht sogleich mit seinen Feinheiten: "Pah!", sagt' er, "was ist zu sakrifizieren? Wir parlieren und tanzen zusammen; das geht den alten Kabel nichts an." "Parlieren und tanzen?" versetzte der vom Notariat zusammengescheuchte Walt. "Und zwar beides zusammen? Ich kann hier nichts sagen, als dass schon eines von beiden einen unabsehbaren Spielraum zu Fehlern auftate, geschweige Wahrlich, an und fur sich oder fur mich, lieber Herr Flitte aber..." "Sacre ! wovon reden wir denn eigentlich? Wird denn ein Mensch auf der Erde pratendieren, dass man zum langnasigen Burgermeister lauft und ihm es vorsingt, wie man lustig gewesen ist?" Walt fasste schnell die Hand und sagte: "ich vertraue"; und Flitte umarmte ihn.
Sie fruhstuckten unter freudigen Gesprachen. Die langen Fenster und Spiegel fullten das geglattete Zimmer mit Glanz; ein kuhler blauer Himmel lachte hinein. Der Notar verspurte sich in vornehmer Behaglichkeit; das Glucksrad dreht ihn, nicht er das Rad, und er brauchte es nicht wie ein Wagenrad erst rot zu malen. Flitte las ihm zwei fur den Reichs-Anzeiger in wenigen Tagen ausgearbeitete Inserate vor; im ersten forderte er einen Generalkriegszahlmeister, Hrn. von N. N. in B., auf, ihm die Summe von 960 Albustalern fur Wein innerhalb 6 Monaten zu bezahlen, wenn er nicht gewartig sein wolle, dass er ihn offentlich an den Pranger in dem Reichs-Anzeiger stellte. Dem Notar entdeckte er gern den Namen des Mannes und der Stadt; indessen war an der Sache nichts. Das zweite Inserat enthielt mehr ungefarbte Wahrheit, namlich die Nachricht, dass er einen Compagnon mit 20000 Tlr. zu einem Weinhandel suche und wunsche.
Walts Gesicht glanzte von Freude, dass der gutmutige Mensch so viele Mittel habe, und erhob dessen vergoldete Wetterstangen des Lebens recht stark.
Flitte aber versetzte: "Sagen Sie mir aufrichtig, ob keine Stil- Fehler darin sind. Ich warf die Dinge in der Zeit einer kleinen Stunde hin." Walt erklarte, je kleiner eine Anzeige sei, desto schwerer werde sie; er wolle leichter einen Bogen fur den Druck ausarbeiten als dessen 1/24 Bogen. "Schadet wohl uberhaupt Lukubrieren viel? An der Makrobiotik sahen mich oft die Nachbarn bis 3 Uhr aufsitzen", sagte Flitte, nicht ganz unwahr, da er bisher durch seine Nachtmutze auf einem Haubenstock und durch ein Licht daneben einen makrobiotischen Leser auf die leichteste und gesundeste Weise vorgestellt hatte. Darauf schnurte er vor dem Notar, dessen herzliches aufrichtiges Bewundern und einfaltiges Vertrauen ihn mit susser Warme durchzog, ein Bundel seiner Liebesbriefe an sich auf, worin er, sein Herz und sein Stil sehr geschatzet wurde. Der Elsasser hatte das Paket von einem jungen Pariser, an den es geschrieben war, zum sichern Verschlusse bekommen.
Walt wusste sich so wenig zu lassen vor Beifallklatschen uber den Stil der schonen Schreiberin, dass der Elsasser am Ende beinahe selber glaubte, die Sache sei an ihn geschrieben; aber jener tats sehr deshalb, um nicht uber die Liebe selber viel zu reden. Da er als ein unerfahrner verschamter Jungling noch glaubte, die Empfindungen der Liebe mussten hinter dem Klostergitter, hochstens in einem Klostergarten leben, so sagt' er nur im allgemeinen: "Die Liebe dringt wie Opferrauch, so zart auch beide sind, doch im dicken Regenwetter durch die schwere Luft empor" wurde aber ungemein rot. "Surement", sagte der Elsasser, "die Liebe strebt jeden Tag immer weiter."
Flitte ging noch weiter und zeigte sich seinem Gaste gar gedruckt; er wies ihm namlich die feinsten Liebes-Madrigale, die er, wie er sagte, drucken lassen in Centesimo-Vigesimo-Format und nie uber einen 1/20 Bogen stark; es waren Verseblattchen, aus Pariser Zuckerwerk ausgeschalt, wahre Sussbriefchen, deren Plagiat Flitte sich dadurch erleichterte, dass er den sussen Einband aufass. Warum lasset die deutsche Poesie der franzosischen den Vorzug der sussesten Einkleidung; warum wollen wir namlich, wenn die Franzosen Zucker und Geback um ihre Verse wickeln, es umkehren und mit den unserigen Zucker und Gewurz einkleiden und einpacken? konnte man hier fragen, wenn es der Ort ware, hier zu antworten. Walt pries unmassig; der Elsasser schwamm auf Freudenol, ertrank beinah in Lobes-Salbol. Uber jeden Genuss, den man den Menschen wohlwollend zubereite, waltet der Zufall der Aufnahme, des Gaumens, des Magens, der ihn verarbeitet; hingegen fur den Genuss eines aufrichtigen Lobes hat ohne Ausnahme jeder Mensch zu jeder Stunde Ohr und Magen aufgetan; und er sagt ausser sich: "Lob ist Luft, die das einzige ist, was der Mensch unaufhorlich verschlucken kann und muss." Flitte nicht anders; neuerfrischt zog er den Notar auf die Stadtgassen hinaus, um ihm einige Freuden zu machen und sich Platz. Namlich die alten Glaubiger jagten ihm so eifrig nach als er neuen; da er nun die Maxime der Romer kannte, welche nach Montesquieu so weit als moglich vom Hause Krieg fuhrten: so war er selten zu Hause. Beide durchstrichen die Morgenstadt; und Walten wurde sehr wohl. Da Flitte der Stadt sich zeigen wollte namlich den Kabels-All-Erben Harnisch in der Probewoche , so sprach er mit vielen ein Wort; und der Notar stand glucklich dabei. Vor jedem Parterre-Fenster "parterre", sagte Flitte, "sprechen die Deutschen ganz falsch aus", klopft' er wie an einer Glasture an und sagte dem aufmachenden Madchenkopfe, dem noch die halbe Aurora des Morgenschlafs anschwebte, hundert gute Dinge, und die Tochter in der Morgenkleidung musste am Fensterrahmen fortnahen. Oft gab er ohne weiteres Fragen Kusse von aussen hinein was Walt fur einen Grad von Lebensart hielt, den nur einige Gunstlinge Frankreichs erreichten. Rauchte ein ansehnlicher Mann in der Schlafseide mit der Pfeife aus dem zweiten Stock herab: so sprach oder ging Flitte hinauf, und Walt tats mit. Jener kannte jeden lange; denn bei dem Hochburgerstande lehrte er die Kinder tanzen und beim Adel die Hunde; letzterem ging er auch auf heiligern Wegen nach, namlich zur AltarPartie. Denn da der Hasslauer Adel, wie bekannt und sonst gewohnlich ist, in corpore offentlich auf einmal als eine heilige Tischgesellschaft und Kompaniegasse das Abendmahl genoss: so war er hinterdrein und der letzte Mann, wie hinter den Burgerlichen der Scharfrichter; das einzige Mal ausgenommen, wo er wie ein Schieferdecker es bloss nahm, weil er einen Turm bestiegen. Walt betrat nie mehr Zimmer als an diesem Morgen. Sprengte ein Herr vorbei: Flitte wusste ein Wort uber den Gaul nachzuschicken, etwa dieses: er hinke. Stand ein Wagen fahrfertig: Flitte passte, bis man einstieg, und verhiess nachzukommen aufs Landgut. Kehrten verspatete Kaufleute von der Leipziger Messe zuruck: Flitte liess sie auf die Mess- Neuigkeiten von Hasslau nie so lange warten, bis sie unter Dach und Fach waren, sondern er packte aus, wahrend sie auspackten.
Walt wurde aller Welt vorgestellt und redete mehrmals.
Es ware schwer zu glauben, dass beide an einem Morgen so viele Besuche abgestattet haben, ware nicht die Gewissheit da. Sie gingen zu dem Spitzenoder Kloppelherrn Hrn. Oechsle und besahen die Sachen und die hubschen Klopplerinnen aus Sachsen und viele Knopfe aus Eger, in welche Vogel halb mit Farben, halb mit eigenen Federn gefasset waren. Walt hatte dessen schone Fusstapeten ganz mit Stiefelspuren verschont durch einen einzigen tapfern Weitschritt, den er uber sie sogleich in die gebohnte Stube tat.
Sie gingen ins Gartenhaus des Kirchenrat Glanz, wo Flitte seine Latinitat an dem Kupferstich eines Kanzelredners schwach zu zeigen suchte, indem er die darunter gesetzten lateinischen Verse und Notizen fertig und mit gallischer Aussprache ablas, ausgenommen bis zu den Worten mortuus est anno MDCCLX. Denn wer solche fremde Zahlen-Zeichen mehr in eigner als in fremder Sprache ablesen muss, weil er diese nicht versteht, fallt halb ins Lacherliche bei aller sonstigen Gelehrsamkeit.
Er ging mit Walt zum Postmeister, bloss um, wie er gewohnlich tat, nach Marseiller Briefen vergeblich zu fragen. Dem Postsekretar las er eine schwere franzosische Aufschrift vor. Walt pries dessen Accent und Prononciation aufrichtig. Auf der Strasse macht' ihm nun Flitte zehn vergebliche Male vor, wie er wenigstens beide Worte zu akzentuieren und zu prononcieren habe. Walt gestand, dass ihm mehr Ohr als Zunge fehle, druckte ihm die Hand mit dem Bekenntnis, dass er die meisten Franzosen gelesen, aber noch keinen gehort, und dass er deswegen so eifrig auf jeden Laut von Flitte horche; indes berief er sich auf den General Zablocki, ob er nicht vielleicht eine ertragliche Hand von Schomaker davongebracht. Darauf zeigte ihm Flitte gegenseitig Germanismen der Phrasen, die ihm noch anklebten.
Sie gingen zur Stuckjunkerin, bei welcher Walt neulich Saiten aufgezogen hatte. Diese sprach von dem Tode ihres Mannes und der Einascherung eines Palastes, den sie im belagerten Toulon gehabt, aus welchem sie nichts gerettet, als was sie zur Erinnerung ewig aufbewahrte, einen Nachttopf aus feinstem Porzellan. Der Zug entzuckte den Notar durch den vornehmen Zynismus, womit er im Hoppelpoppel Leute von Welt kolorieren konnte. Selten sieht ein romantischer Anfanger einen alten General oder jungen Hofjunker im Zwielicht z.B. pissen, ohne sich an den Schreibtisch niederzusetzen und niederzuschreiben: "Herren vom Hofe stellen sich gemeinhin im Zwielicht in Ecken." Man sprach viel franzosisch; und Walt tat, was er konnte, und sagte haufig: comment? Flitte zeigt' ihm nachher den Germanismus in der Frage.
Sie gingen in die weibliche, ihm durch Vult bekannte Pensions- Anstalt, worin noch mehr Gallizismen und noch mehr Schonheiten regierten. Flitten war nicht nachzufliegen im freien Artig- sein; doch wars ihm genug, nur nachzublicken und zwischen den Beeten voll Seelenlilien eng die eine Fusszehe an die Ferse der andern anzuschienen. "Ach ihr Lieben!" sagte sein Herz. Was er nur horte, erklang ihm so zart; "aber", dacht' er, "sind denn Frauenzimmer anders? Mitten im unreinen mannlichen Weltleben, das alle Strome und Leichen aufnimmt, sind sie ja abgesondert voll eigner Reinheit; im salzigen Weltmeer kleine Inseln voll frischen klaren Wasser; o diese Guten!"
Als er heraustrat, wurden ihm auf einem goldnen Essgeschirr des regierenden Fursten leichte Farschen, Rouletten und Frikandellen aufgetischt fur die Fressspitzen der Phantasie. Das Geschirr das Geschenk eines alten Konigs wurde namlich jahrlich zweimal offentlich auf dem Markte abgescheuert und geputzt unter den Augen eines kleinen Kommandos zu Fuss, das seine Waffen hatte, um es gegen ungeratene Landeskinder zu decken.
Sie gingen zum Galanteriehandler Prielmayer und liessen sich von der Pracht der weiblichen Welt umgeben.
Ein so freier, leichter, alle Stande mischender Vormittag war Harnischen noch nie vorgekommen; ein Musenpferd nach dem andern wurde seinem Siegeswagelchen angeschirrt, und es flog. Flittens Leben hielt er von jeher fur ein tanzendes Fruhstuck und fur einen the dansant; sein eignes hielt er jetzt fur ein eau dansant. Er genoss ebensosehr in Flitten den er sich wie sich begeistert dachte als in sich selber hinein; die elsassischen Sonnenstaubchen vergoldete und beseelte er zu poetischem Blutenstaub. Zuletzt macht' er, neben ihm gehend, heimlich folgende Grabschrift auf ihn:
Grabschrift des Zephyrs
Auf der Erde flog ich und spielte durch Blumen und Zweige und zuweilen um das Wolkchen Auch im Schattenland werd' ich flattern um die dunkeln Blumen und in den Hainen Elysiums. Stehe nicht, Wanderer, sondern eile und spiele wie ich. Um 10 Uhr bracht' ihn Flitte dem Hofe naher: "Wir gehen in die champs elysees und nehmen ein dejeuner dinatoire." Es war ein bejahrter Furstengarten, welcher den Weg zur ersten Chaussee im Lande gebahnt hatte. Unterwegs fingen zwar Warnungstafeln gegen Kinder und Hunde an; aber in den champs elysees wurde erst ordentlich alles verboten, besonders die elysischen Felder selber in keinem Paradies gab es so viele verbotene Baume und Frucht- und BlumenSperren auf allen Gangen bluhten oben oder keimten unten Kerker-Diplome und Aus- und Einwanderungsverbote unter Expektanzdekreten der Zuchtigung durchkreuzte jeder als ein lustwandelnder Zuchtling das Eden und feierte Petri Kettenfeier im Gehen und strapazierte sich hinter seinem Rucken mehr wie eine Wallfahrt durch Dantes Hollenkreise (der Himmel blieb nirgends als uber dem Kopfe) denn als ein katholischer Bussgang durch Christi Leidens-Stationen kam jedem unter dem schriftlichen Anschnauzen aller fluchenden Baume und Tempel sein Lustwandeln vor ja der Mensch verstimmte sich zuletzt in den champs und kam fatigiert heraus.
War Walt je froh und frei: so wars in diesen Feldern; sein innerer Mensch trug ein Thyrsus-Stabchen und rannte damit. Von allen diesen Warnungstafeln war namlich nichts mehr da als die Tafel, das Holz, Stein, Blech; die Warnung aber war gut vermooset, verraset, versandet. Kostliche Freiheit und Freilassung beherrschte nun Eden, wie ihm Flitte beschwur und bewies. Die ganze Sperrordnung war bloss in jenen Zeiten an der Tagesordnung gewesen, wo grosse und kleine Fursten ganz anders als jetzt die grossen (hoflich zu sprechen) etwas grob gegen Untertanen waren, und wo sie als Ebenbilder der Gottheit welche darin eben nicht von dem Maler geschmeichelt wurde , dem mehr judischen als evangelischen Gotte der damaligen Kanzeln ahnlich, ofter donnerten als segneten. "Was die Herrschaft jetzt etwa im Parke sehr lieb und gern hat", sagte Flitte, "dies ist schon besonders recht eingezaunt, so dass ohnehin niemand hinein kann."
Beide nahmen ihr dejeuner dinatoire, Morgenbrot und Morgenwein, in einem offenen und lustigen Kiosk, unweit des Gartenwirts. Der Notar war erwahntermassen selig; den auf- und absteigenden Tag- und Nachtgarten samt dem leichten, wie herabgeflogenen Lustschlosse, das ein versteinerter Fruhlingsmorgen schien, ferner die Waldchen, woraus bunte Lusthauschen wie Tulpen herauswankten, desgleichen die gemalten Brucken und weissen Statuen und die Regelschnure vieler Hecken und Gange das konnt' er dem Elsasser, dem ers zeigte, gar nicht feurig genug vorfarben, je langer er trank. Diesem gefiels naturlich; denn gewohnlich fuhrte er seine Claude-Lorrains nur mit dem einzigen Wort und Striche wacker aus: superb! Jeder aber hat seine andere Hauptfarbe der Bewunderung; der eine sagt: englisch! der andere: himmlisch! der dritte: gottlich! der vierte: ei der Teufel! der funfte: ei!
Walt aber sagte, obwohl zu sich: "Dies ist von Morgen an, oder ich irre entsetzlich? das wahre Weltleben Eleganter. Bin ich nicht wie in Versailles und in Fontainebleau; und Louis quatorze regiert zuruck? Der Unterschied ist schwerlich erheblich. Diese Alleen diese Beete Busche diese vielen Leute am Morgendieser lichte Tag!" Walten war namlich, der Himmel weiss von welchen Fruhblicken des Lebens, eine so romantische Ansicht von der Jugendzeit des galanten, liberalen, Lander, Weiber, Hofe besiegenden Ludwigs XIV. nachgeblieben, dass ihm dessen Jugend mit ihren Festen und Himmeln wie eine eigene Vorjugend schon als sanftes Feuerwerk in den Luften vorschwebte und wie der freie frische Morgen eines im Neglige spazierenden Hofs so dass ihn jeder Springbrunnen nach Marly warf, jede geschniegelte Allee nach Versailles und hohe Fontange-Kupferstiche an Schranken-Wanden ins damalige Konigsschloss, ja sogar die ausgeschnittenen aufgepappten Bildchen auf seinem Schreibtische flogen mit ihm in jene lustige Hof-, wenn auch nicht lustige Volkerzeit. "Ist nicht das Leben der Hofleute hatt' er sich mehrmals gesagt fortgehende Poesie (wenn anders die franzosischen Memoires nicht lugen), ohne pressende Nahrungs-Qualen und in geflugelten Verhaltnissen, und die Hofmanner konnen sich an jedem Musik-Abend verlieben und dann am Garten-Morgen mit den herrlichsten Geliebten spazieren gehen? O wie ihnen die Gottinnen bluhen mussen im frischen schminkenden Morgen rot!"
Dadurch genoss er im Garten einen ganz andern, schon beerdigten; als Feuerwerk hing das phantastische Nachbild uber dem liegenden Vorbild. Glucklicherweise tat ihm Flitte der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte den Gefallen, dass er mit dem Garten-Restaurateur in ein Gesprach geriet und ihn dadurch mit der kostlichen Einsamkeit zu einigen traumerischen Streifzugen beschenkte. Wie freudig tat er diese! Er sah alles und dabei an- die grunen Schatten, von Sonnen-Funken durchregnet die fernen Seen, einige wie dunkle Augenlider des Parks, einige wie lichte Augen die Barken auf Wassern die Brucken uber beide die weissen hohen Tempel-Staffeln auf Hohen die fernen, aber hell-herglanzenden Pavillons und hoch uber allen die Berge und Strassen draussen, die kuhn in den blauen Himmel hinaufflogen Sein Vormittag hatte sich stundlich gelautert, aus reinem Wasser zur Zephyr-Luft, diese oben zu Ather, worin nichts mehr war und flog als Welten und Licht. Den Bruder hatt' er gern hergewunscht Winas Blick unter dem Wasserfall sah er am hellen Tage. Er war selig, ohne recht zu wissen wie oder warum. Seine Fackel brannte mit gerader Spitze auf in der sonst wehenden Welt, und kein Luftchen bog sie um. Nicht einmal einen Streckvers macht' er, aus Flucht des Silbenzwangs, es war ihm, als wurd' er selber gedichtet, und er fugte sich leicht in den Rhythmus eines fremden entzuckten Dichters.
In diesem innern Wohlklang stand er vor einem sonderbaren Garten im Garten und zog fast nur spielsweise an einem Glockchen ein wenig. Er hatte kaum einige Male gelautet: so kam ein reich besetzter schwerer Hofdiener ohne Hut herbeigerudert, um einigen von der furstlichen Familie die Ture aufzureissen, weil das Glockchen den Zweck einer Bedientenglocke hatte. Als aber der vornehme Mensch nichts an der Ture fand als den sanften Notar: so filzte er den erstaunten Glockner in einer der langsten Reden, die er je gehalten, aus, als hatte Walt die Sturm- und Turkenglocke ohne Not gezogen.
Diesem war indes sein Inneres so leicht und fest gewolbt, dass das Aussere schwer eindringen konnte, nicht mit einem Tropfen in sein leichtes fliegendes Schiff; zu Flitten kehrte er sogleich zuruck. Sie gingen heim. Die grossen Essglocken riefen die Stadt zusammen, wie zwei Stunden spater kleinere den Hof; dies wirkte auf den satten Notar, der jetzt nicht zum Essen ging, sehr romantisch. Gibt es einen wahren Mann nach der Uhr, der zugleich die Uhr selber ist, so ists der Magen. Je dunkler und zeitlicher das Wesen, desto mehr Zeit kennt es, wie Leiber, Fieber, Tiere, Kinder und Wahnsinnige beweisen; nur ein Geist kann die Zeit vergessen, weil nur er sie schafft. Wird nun dem gedachten Magen oder Manne nach der Uhr seine Speise-Uhr um Stunden voraus- oder zuruckgestellt: so macht er wieder den Geist so irre, dass dieser ganz romantisch wird. Denn er mit allen seinen Himmels- Sternen muss doch der korperlichen Umdrehung folgen. Das Fruhstuck, das ein Spatstuck gewesen, warf den Notar aus einem Gleise, worin er seit Jahrzehenten gefahren war, so weit hinaus, dass vor ihm jeder Glockenschlag, der Sonnenstand, der ganze Nachmittag ein fremdes seltsames Ansehen gewann. Vielleicht macht daher der Krieg den disziplinierten Soldaten durch die Verkehrung aller Zeiten in unordentlichen Ebben und Fluten des Genusses romantisch und kriegerisch.
Um die Vesperzeit erschien ihm der Schattenwurf der Hauser noch wunderlicher, und in Fraissens Zimmer wurd' ihm die Zeit zugleich eng und lang, weil er wegen seiner untergrabenen Sternwarte nichts voraussehen konnte. Er wollte wieder Monde und begleitete Flitten in ein Billardzimmer, wo er verwundert horte, dass dieser die Balle nicht franzosisch zahlte, sondern deutsch. Hier entlief er bald aus dem magern Zuschauen allein hinaus an das schone Ufer des Flusses. Als er da die armen Leute erblickte, welche an diesem Tage nach den Stadtgesetzen fischen durften (obwohl ohne Hamen) und Holz lesen (obwohl ohne Beil): so erhielt er plotzlich an ihren heutigen Genussen eine Entschuldigung der seinigen, die ihm allmahlich zu vornehm und zu mussiggangerisch vorgekommen waren: "Auch ich habe" dacht' er, "heute vornehm genug geschwelgt und kein Wort am Roman geschrieben; doch morgen soll ganz anders zu Hause geblieben werden."
Die langen Abend-Schatten am Ufer und die langen roten Wolken legten sich ihm als neue grosse Schwingen an, welche ihn bewegten, nicht er sie.
Er durchstreifte allein die dammernden Gassen, bereit zu jedem Abenteuer, bis der Mond aufging und seine Mond-Uhr wurde. Da war der Wirrwarr gelichtet, und der Magen wusste, welche Zeit es sei. Vor Winas schimmerndem Hause trug er das vielfach erregte Herz auf und ab; da sank ihm in dasselbe eine stille Sehnsucht wie vom Himmel nieder, und den lustigen Erden-Tag kranzte die heiligste Himmels-Stunde.
Nr. 53. Kreuzstein bei Gefrees im
Bayreuthischen
Glaubiger-Jagdstuck
Am Morgen freuete sich Walt kindisch in den vergangenen Tag zuruck, weil dieser durch eine kleine Wendung sein Leben so schillernd gegen die Sonne gehalten, dass er eine Menge Tage an einem verlebte, indes sonst viele hintereinander fliegende, sich deckende Zeiten des Menschen kaum eine zeigen. Heute aber blieb er zu Hause und schrieb sehr.
Das war Flitten nicht recht; zu Hause bleibende Einsamkeit war ihm wohl Wurze und Zukost der Gesellschaft, aber nicht diese selber. Indes wer nicht nachahmt, wird eben nachgeahmt; Walt hatte ihm mit seinem poetischen Saus und Braus so sehr gefallen ob er sich gleich als seine prosaische Sprech-Walze neben jenes dichterischer Spiel-Welle drehte und ihn selten verstehen oder beantworten konnte , und dessen ungewohnliches Anlieben und Anlegen hatte den umherfliegenden Menschen so sehr erwarmt, dass er selber mit zu Hause blieb, bloss bei ihm, ob er gleich besser als einer in der Welt voraussah, welche Glaubiger-Moskiten ihn heute stechen wurden, da Mucken bekanntlich uns mehr im Stehen als Gehen anfallen. Denn ein Grundgesetz der Natur ist dies: wer nichts baut als spanische Schlosser, rechne auf nichts als spanische Fliegen, welche so gewaltig ziehen. Ein zweites Gesetz ist: man kann nicht fruh genug bei einem schlechten Schuldner vorsprechen, der eben tags vorher Geld bekommen.
Es kam das gewohnliche wutende Heer, das der Elsasser immer als ein geheiltes zuruckschicken musste, zu rechter fruher Tageszeit an; und Flitte konnte es hier wie uberall in der besonders dazu gewahlten Audienz-Kammer empfangen, um solchem das einzige zu geben, was er hatte, Gehor. Bloss letzteres musste wieder der Notar versagen, der eifrig taub fortdichtete, wahrend Flitte von weitem seine Schlachten schlug. Es lohnet der Muhe, die Feldzuge fluchtig zu erzahlen, welche der Elsasser an einem Tage tat, bevor er abends das warme Winterquartier des Betts bezog. Der linke Flugel des taglich angreifenden Heeres war aus Juden geworben; und den rechten formierten Zimmer- und Pferde- und Bucher-Verleiher und samtliche Professionisten des menschlichen Leibs und deren Fisch-Weiber; und an der Spitze zog als Generalissimus ein Mann mit einer Tratte; die offiziellen Berichte davon sind aber folgende:
Am Fruh-Morgen im Nebel griff eine Karree Juden an; leicht schlug er sie mehr mit grobem Kriegsgeschrei als feiner Kriegslist zuruck und sagte nur: sie waren nur Juden, und er habe noch nichts, und was sie weiter wollten?
Beim Fruhstuck mit Walt berennte ihn ein Uhrmacher, von welchem er eine Repetier-Uhr gegen seine Zeige-Uhr und Geld-Assignate eingekauft hatte. Flitte schwur, sie repetiere schlecht, seine sei ihm ebenso lieb auch repetiert eine Zeige-Uhr wenigstens das Zeigen , und bot Auswechslung der Gefangnen an. Da nun der Mann die stumme schon selber verkauft hatte Flitte freilich auch die laute : so zog sich der Feind mit dem Verlust einer Uhr zuruck.
Spater sah zu er seinem Glucke aus dem Fenster und die Bewegungen des berittenen Feindes, eines Pferde-Verleihers. Er empfing ihn in der AudienzKammer, bekannt mit dessen einhauender Stimme und Kriegsgurgel; erstickte aber dessen Feldgeschrei durch die Dampfkugel, die er so warf: "Lieber Mann! kennt Er die Ecktanne in Kabels Wald, die eben mein Erbstuck geworden samt vielem anderem, des Kunftigen zu geschweigen? Eine Muhlwelle drechselt sich daraus her! Was brauchts Redens! Kurz, ich hatte sie schon halb einem andern versprochen; Er soll aber das Vorzugsrecht haben schatz' Er sie dann geb' Er nach Abzug der Schuld heraus, was honett ist was sagt Er, mein Freund?" Sein Feind versetzte, das sei einmal ein Wort, das Hand und Fuss habe, und raumte das Feld.
Hart hinter ihm trabte ein zweiter Pferdelieferant ein, in langem, blauen, uber dem Schurzfell aufklaffenden Uberrock, und schob grimmig und grussend die Ledermutze von hinten uber die halbe Stirne hinein: "Wie wirds?" fragt' er. "Finten und Quinten schlagen heute nicht an bei mir." "Gemach!" versetzte Flitte. "Kennt Er die Ecktanne etc.? Eine Muhlwelle drechselt etc. Kurz, ich hatte sie schon etc." Der Feind versetzte: "Ists aber Vexiererei: Gott soll Gott befohlen!"
Mit einer harthorigen Altreissin turnierte er gefahrlich, weil ihr Geschrei nur mit einem solchen empfangen werden musste, dass Walt es vernehmen konnte. Zum Gluck konnt' er einen alten vergoldeten Schaupfennig der schon 100 mal seine Belagerungsmunze und sein Hecktaler gewesen herausziehen und ihr hinhalten und bloss ins Ohr schreien: "Wechseln abends 6 Uhr!" Doch feuerte sie auf dem Schlachtfeld noch lange fort, weil sie sich nie verschoss. Die weibliche Bellona ist furchtbarer als der mannliche Mars.
"Nur hieher!" rief er; ein kurzstammiger, rundbakkiger, runder Apothekers-Junge kugelte sich herein. "Allhier uberbring' ich als Diszipel unserer Hechtischen Offizin laut Rechnung die Rechnung fur die arme Bitterlichin in der Hopfegasse, weil sich mein Herr Prinzipal bestens empfiehlt und die Heilungskosten dafur zu haben ersucht. Es ist nur von wegen unsrer Ordnung in der Offizin; denn ubermorgen werde ich bekanntlich zum Subjekt gesprochen." Vor dem sanften Feinde streckte er das Gewehr, eine halbe Pistole (auf alten Pistolenfuss), sagte aber: "Hr. Hecht lasset sich seine versilberten Pillen stark vergolden. Den Geburtshelfer richt Ers aus hab' ich schon saldieret." "Guter, guter Mann!" sagte Walt. "Die Frau war ja in den kummerlichsten Umstanden von der Welt und heute noch; und ist nicht einmal hubsch dabei", sagt' er.
Ungesehen war eben ein Heerbann eingeruckt, einen Banner stark, der so anfing: "Gehorsamer! Ein fur allemal, der Mensch lasst sich in die Lange nicht hanseln. Seit Pauli Bekehrung bin ich Sein Narr und laufe nach dem bisschen Mietzins. Herr, was denkt Er denn von unsereinem?" "Weiss Er wohl", versetzte Flitte, "dass ich nur messenweise zahle und uberhaupt mich gar nicht mahnen lasse, Er?" "So?" erwiderte der Banner. "Ich und noch drei Hausherren und der Stiefelwichser haben uns schon zusammengeschlagen und die Schuld dem Armen-Leute-Hause vermacht." "Wahhas, ungehobeltes Pack?" sang Flitte dehnend. "Das ist mir ja recht lieb. Eben gab ich dem Hechtischen Subjekt (der Herr da zeugts) ein halbes Goldstuck fur die blutfremde blutarme Bitterlich; was geht sie mich weiter an?" Hier hielt er ihm den einen, mit einem Ringe zugeschraubten vollen Beutelpol mit der Erklarung vor, der Zins sei hier fur ihn schon bereitgezahlt gewesen, jetzt bekomm' er keinen Deut; worauf der Feind nach vergeblichen Einlenkungen, das Armenhaus habe nichts Schriftliches, ohne alles klingende Spiel abzog, ausserst verdrusslich, dass der Beutel, wie bei den Turken, das Geld selber bedeutet habe.
Diesem folgte der 23ste Herr, der Territorialherrschaft uber ihn ausgeubt dem 23sten sukzedierte der 11te diesem der funfte- jeder, um den Grundzins, die Quatembersteuer, das Stattegeld fur den Winkel seines Staatsgebaudchens einzutreiben. Groben Herren gab er nichts als die Antwort, unter ihnen sei in die Zimmer mehr der Wind als das Licht eingedrungen, die Aufwartung schlecht und die Mobeln alt gewesen. Hofliche bezahlte er fur ihre Territorialrechte mit Territorialmandaten auf die zehn Erb-Stamme, mit den Bonbons der Bons. Darauf kam der Herr, der vor dem Turmer regiert hatte, ein frommer Huter, mit zwei grossen grauen Locken, welche aus dem knappen Lederkappchen vorwalleten, und bat ihn um ein Darlehn, gerade die Halfte der Schuld. Flitte gab ihm das Geld und sagte: "Ohnehin restiere ich, entsinn' ich mich recht, noch etwas, Herr Huter." "Es wird sich finden", sagt' er.
Nach dem Vesperbrot lief ein Bucherverleiher Sturm und Gefahr. Er forderte fur ein Buch a 12 Groschen und 12 Bogen genau 2 Tlr. Lesegeld auf 2 Vierteljahre. Flitte hatte namlich nach seiner Weise, keine Sache abzuborgen, die er nicht ihrer Bestimmung gemass wieder verborgte, das Werk so lange umlaufen lassen denn jeder ahmte ihm nach , dass es verloren war. Umsonst erbot er sich zum Drittel, zum Kaufe; der Verleiher bestand auf Lesegeld und fragte, ob viel mehr als ein Pfennig auf die Seite komme. Selber Walt suchte den Verleiher von seinem "Eigennutzen" zu uberzeugen. "Eigennutzig? das verhoff' ich eben; vom Eigennutzen lebt der Mensch", sagte der Verleiher. Flitte liess ihn ganz kurz ab- und wild in die nachste Gerichtsstube hineinlaufen, nachdem er bloss zehn Neujahrswunsche und funf Kalender, die er zur Auswahl gehabt und behalten, grossmutig bezahlet hatte.
Kurz vor 6 Uhr wollte das Paar ein wenig in die Luft, von der Flitte am liebsten lebte; auf der Hausschwelle bebte der Pinselmacher Purzel jungerer Bruder des Theaterschneiders ihnen entgegen mit einem ausgehohlten Gesicht wie ein Hohlglas (Stirnund Kinn-Rander waren konvex) das verschabte Uberrockchen auf die linke Seite hinubergeknopft mit einem langen Fadenwurm von Zopf aus Zopfhand und wackelnd mit dem rechten Knie: "Ihro gnadigen Gnaden", fing das Jammerbildchen an, "werden meinen Miniatur-Pinsel vorgestern herrlich und nett erhalten Ich stehe davor, dass der Pinsel ganz vortrefflich einigermassen und bitte denn um das wenige, was er kostet, und auch, dass Sie mir bei dieser Gelegenheit etwas schenken." "Hier!" sagte Flitte zum stillen lebendigen Friedensfest, ja ruhigen Reichs-Friedensprotokoll, zu Purzel dem Jungern. Abends machte den Waffentanz der Cafetier Fraisse mit einem Grossvatertanz aus. Er kam herauf, um hoflich anzumerken, es sei seine herkommliche Weise, Gasten aus der Stadt jeden Abend die Rechnung zur Einsicht vorzulegen, damit sie solche sahen und saldierten. Walt sah hier zum erstenmale einen franzosischen oder elsassischen Zorn ohne Ohren; es war ein sturzend-fortrollender Streit- und Sichelwagen, woran Fluche, Schwure, Blicke, Hande auf- und niederschlugen und zersabelten. Fraissen wurde das notige Geld vor die Fusse, ja an den Kopf geworfen, dann eingepackt und fluchend fortgezogen in des verreiseten Dr. Huts leeres Haus. Walt wehte durch seine niederblasenden Friedenspredigten die Flammen nur hoher auf. Eine verlebte Stunde war fur Flitte der einzige Epiktet.
Nr. 54. Surinamischer Aneas
Malerei Wechselbrief Fehdebrief
Licht und leicht flogen die Horen in Dr. Huts vielgehausigem Hause ein und aus und holten Honig. Hier, in diesem sonnenhellen Eiland der unschuldigen Freude, sah Walt keinen hoflichgroben Fraisse horte keinen Geld-Werber und Geld-Jager, der das durch Kontrakte eingezaunte Wild purscht, keinen aus den funf (Mosis-Bucher-)Klassen der Glaubiger, die uns ewig an die Lebens-Darre und Dorrsucht erinnern hier hort' er nur Liederchen und Sprunge; hier waren ganze Sackgasschen aus dem neuen Jerusalem. Denn was aus dem alten teils von Juden, teils von Christen einwanderte, konnt' er nicht horen, weil Flitte sich von seinen Arsenikkonigen der Metalle, den Glaubigern, bloss in einem fernen Schmollwinkel vergiften liess. Im ersten Stockwerke wohnte die streitende Kirche, Flitte und die Konige; im dritten die triumphierende, Flitte und Walt.
Indes brachte der Notar es doch nicht so weit, dass er gar nichts gemerkt hatte. "Ich wollt', ich ware kurzsichtiger (sagt' er sich); bedenkt man, wie froh und freigebig der gute Mensch schon ist in Drangsalen, und wie ers vollends ware ohne die geringsten Qualen denn wahrlich gewisse Menschen hatten Tugend, wenn sie Geld hatten , und mit welcher Sussigkeit er vom Reichsein spricht: wahrhaftig, so wusst' ich keinen schonern Tag als den, wo der arme Narr die hochsten Geldkasten und Geldsacke plotzlich in seiner Stube stehen sahe. Wie konnten einem solchen Menschen schon die Zinsen von den Zinsen der englischen Nationalschuld aufhelfen!" Er fragte, warum, da alle Leiden Ferien finden, denn die eines deutschen Schuldners nie absetzen, indes in England doch der Sonntag ein Ruhetag des verschuldeten Ohrs ist, wie sogar um die Verdammten (nach der judischen Religion) am Sabbat, am Feste des Neumonds und unter dem wochentlichen Gebete der Juden die Holle erstirbt und ein sanfter kuhler Nachsommer des begrabnen Lebens uber die heissen Abgrunde weht.
Lieblich uberwallete ihm das Herz, wenn er sich das Seelenfest ausfarbte, womit er den Flotenspieler durch den Elsasser und diesen durch jenen zu beschenken hoffte, wenn er Vulten die unschuldige liberale poetische Lebensfreiheit Flittens beschwure und diesem einen Spiel- und Edelmann zugleich zufuhrte: "O ich will dabei dem wackern Bruder das Bewusstsein und Gestandnis, geirrt zu haben, so sanft ersparen!" sagt' er entzuckt.
Immer warmer lebten beide sich in die Woche und ineinander hinein, sie hatten die Probewoche lieber wiederholt als geendigt. Flitten war das liebende warme Wesen, womit Walt wie mit einer elektrischen Atmosphare umgeben war, etwas Neues und Anziehendes; er konnte zuletzt schwer mehr ohne ihn aus dem Hause.
Walt machte daraus desto mehr, je weniger beide eigentlich, wie er fuhlte, einander unterhalten konnten; ihre Nervengewebe hatten sich verstrickt, sie waren wie Polypen ineinander gesteckt; doch frass jeder so auf eigne Rechnung, dass keiner weder der Magen noch die Nahrung des andern war.
Es kam der letzte Probe- und Flitterwochentag. Walt scheuete alles Letzte, jedes scharfe Ende, sogar einer Klage. Ein Ripienist von Vults Spiele im Rosenhof hatte dessen Eintreffen verkundigt. Auch der Dr. Hut wollte nachts anlangen. Einige schone Mitternachtsrote stand ihm bevor. Flitte bat ihn, diesen letzten Nachmittag, wo sie beisammen waren, ihn zu Raphaelen zu begleiten, welche ihm heute fluchtig sitze zu einem schlechten Miniatur- Portrat fur den Geburtstag ihrer Mutter: "Wir drei sind superbe allein", fugt' er hinzu. "Wenn ich nun male, parlier' ich wenig; und doch animiert Reden ein Gesicht unglaublich." Ob Walt gleich wenig delikate Welt darin fand, dass man ihn als Sprach- und Reiz-Maschine vor ein Sitzgesicht aufzustellen trachtete: so folgte er doch. Er wars schon gewohnt seit einer Woche, einige Male des Tags zu erstaunen uber Mangel an zartester Denkart, sowohl auf dem Markte als in den besten Hausern, welche ausserlich einen glanzenden Anstrich und Anwurf hatten.
Mit Vergnugen kam er in dem eigenen Hause wie in einem fremden an. Raphaela lachelte beiden von der obersten Treppe herab und fuhrte sie hastig in ihr Schreibzimmer hinein. Hier waren schon widersprechende Weine, Eise und Kuchen gehauft. Da eine Frau leichter das Herz als den Magen eines Mannes errat: so weiss sie freilich nicht, was er abends um 4 Uhr am liebsten trinkt. Ein Bedienter nach dem andern sah durch die Ture, um einen von Raphaelens Wunschen zu holen und erfullt zuruckzubringen. Die ganze Dienerschaft schien ihre Regierung fur eine goldne von Saturn zu halten; man sah einige von der weiblichen sogar im Park spazieren gehen. Die immer voller ins Zimmer hineinstromende Abendsonne und der Freudenglanz, der jedem Gesichte steht, bewarfen das Madchen und die Situation mit ansehnlichen Reizen. Flitte war gegen Raphaela nicht die Falschheit selber, sondern ein Funftelsaft von Wesen namlich ein Funftel galant, ein Funftel gut, eines sinnlich, eines geldsuchtig, ein Funftel ich weiss nicht was, als sie zu Walts Entzucken gesagt hatte: "Schmeicheln sollen. Sie meinem Gesichte nicht, es hilft nichts; machen Sie es nur, dass ma chere mere es wiedererkennt." Im Notar kroch heimlich die stille Freude herum, dass er jetzt gerade unter seinem eignen Zimmer stehe, im Hause zugleich Gast und Mietsmann, dass er ferner nicht die kleinste Verlegenheit spure denn Flitte war ihm nicht fremd, und uber eine Frau war schon zu regieren , und dass die schonsten Dufte und namenlosesten Mobel jede Ecke schmuckten: "Hatt' ich aber dies sonst als Bauernsohn aus Elterlein denken sollen?" dacht' er.
Flitte zog nun das Elfenbein und das Farbenkastchen hervor und erklarte dem Modelle' je freier und belebter es sitze, desto besser gluck' es dem Maler. Indes hatte sie ebensogut auf dem Nordpol sitzen konnen, er aber auf dem Sudpol kleben: die Ahnlichkeit war' ihm nicht anders gelungen; er, uberhaupt kein malerischer Treffer, wollte nichts treffen als das, was sie anhatte. Sie setzte sich hin und verfertigte das Sitz-Gesicht, das die Madchen unter dem Malen schneiden. Die noble masque, womit sich alsdann der Mensch uberstulpen will, ist das Kalteste, wozu er je sein Gesicht aushauet, so dass seltner Menschen als ihre Busten portratiert werden. Dieses Gesicht heisset in weiblichen Pensions- Anstalten das Sitz-Gesicht der Madchen; dann kommt das gespannte Frisiergesicht dann das essende Butterbrot-Gesicht, eines der breitesten endlich zwei Ballgesichter, das eine, die Wetterseite, fur die Putzjungfer, das andere, die Sonnenseite, fur den Tanzer. Walt kam jetzt in Gang und ins Feuer, und zwar um selber zu malen, nicht um andere malen zu helfen. Er kelterte -vortrefflich genug Auszuge aus seiner neuesten Reise um die Welt und mischte beiher ein, dass er ihre Freundin, Wina, unter der Katarakte gesehen. Unter allen Erzahlern und Unterhaltern sind Reisebeschreiber die glucklichsten und reichsten; in eine Reise um 1/1000000 der Welt konnen sie die ganze Welt bringen, und niemand kann ihnen (zweitens) widersprechen. Der Notar wollte sich seiner malerischen Starke in Sommer- und Herbst-Landschaften Flitte lieferte die Winterlandschaft noch starker bedienen und setzte zu einem wandbreiten goldnen Bergstucke der Rosenhofer Berghorner an; aber Raphaela war ganz entzuckt davon und brachte die Rede bald auf ihre Freundin Wina, um solche allein fortzuspinnen. Sie erhob deren Reize und Handlungen mit Feuer- sie zeigte ein Mahagoni-Kastchen, worin deren Briefe lagen sie wies die sogenannte Winens-Ecke im Winkel, wo diese gewohnlich sass und zwischen der Park-Allee der untergehenden Sonne nachsah sie glanzte ganz liebend und warm. Der Notarius war ziemlich schwach bei sich; nach seinen stillen Augen zu urteilen, jubelte er laut, feierte er Bacchanalien, trieb artes semper gaudendi, lieferte Lusttreffen, sprach sich selber die Seligsprechung ja er ging so weit, dass er sich zufallig hineinsetzte in Winas Ecke
Der Jubel wuchs ganz. Man trank fort in jeder halben Viertelstunde machte ein Diener die Ture auf, um einem zweiten spatern Befehle wegzufangen. Flitte wusste gar nicht, wie er auf einmal zu der Gluckseligkeit gelangte, dass man so viel sprach ohne alles Langweilen zum Henker, und dass Raphaela sich so herrlich enthusiasmierte. Zufallig ruckte Walt den Fenster-Vorhang, und eine Sonne voll warmer Tinten ubergoss Raphaelens Gesicht, dass sie es wegkehrte; auf sprang Flitte, wies ihr ihr Sbozzo, fragte, ob es nicht halb aus den schonen Augen gestohlen sei. "Halb? Ganz!" sagte Walt aufrichtig, aber einfaltig; denn sie hatte demselben Bildchen ebensogut mit dem Hinter-Kopfe und Stahlkamm gesessen. Der Elssaser gab ihr darauf einige Kusse offentlich. Er tats vermutlich zu abrupt, dachte zu wenig daran, dass auch erblickte Empfindungen so gut als gelesene vor dem Zuschauer wollen motiviert sein; Walt sah eiligst in den Park und stand endlich gar auf.
"Ich ware ja ein Satanas", dacht' er, "liess' ich sie nicht einander abherzen" und schlich unter einem landschaftsmalerischen Vorwand ein wenig auf sein Zimmer. Flitte machte sich, sobald er die Ture zugedruckt, vom schonen Munde wieder ans Malen desselben und punktierte fleissig. "Wie mussen jetzt die Seligen", sagte oben Walt, "einander an den Herzen halten, und die Abendsonne gluht prachtig dazwischen hinein!" In seine eigne Stube quoll das Fullhorn der Abendrosen noch reicher und weiter aus; dennoch standen seine verschlissenen Zimmer-Pieces (die Wohn- und die Schlaf-Kammer) im Abstich von der eben verlassenen Putz-Stube, und er mass die Kluft seines ausserlichen Glucks. Er wurde weich und wollte aus Sehnsucht, die Liebe wenigstens zu sehen, eben eilig hinunter, als Vult hereintrat. Ans Herz, ins Herz flog ihm Walt: "Ach so himmlisch", sagt' er, "dass du jetzt eben kommst!"
Vult, mit sanfter Stimmung zuruckkehrend, tat zuerst (nach seiner Gewohnheit) die Fragen nach fremder Geschichte, eh' er die nach eigner aufloste. Walt teilte frei und froh den Ablauf des Notariats-Amtes und den Verlust der 70 Stamme mit. "Schlimm ists nur", sagte Vult gelassen, "dass ich gerade selber verschwende und Geld verachte; sonst wurd' ich dir aus Vernunft, Gewissen, Geschichte zeigen, wie sehr und wie recht ich meine Ebenbildnerei an andern, z.B. an dir, verfluche. Verachtung des Geldes macht weit mehrere und bessere Menschen unglucklich als dessen Uberschatzung; daher der Mensch oft pro prodigo, nie pro avaro erklart wird." "Lieber ein volles Herz als einen vollen Beutel!" sagte lustig Walt und sprach sogleich von der neuen Erbamts-Wahl und von der schonen Flittes-Woche und vom Lobe des Elsassers: "Wie oft", beschloss er, "wunscht' ich dich her in unsere heimlichen geflugelten Feste hinein; auch damit du ihn weniger hart richten lerntest; denn dies tust du, Lieber!"
"Flitte scheint dir erhaben? ein Seelenklassiker oder so? Und seine Lustigkeit poetisches Segel- und Flugwerk?" fragte Vult. "Ich habe in der Tat", versetzte Walt, "recht gut seinen schonen Temperaments-Leichtsinn, der nur Gegenwart abweidet, von dem dichterischen leichten Schweben uber jeder unterschieden; er freuete sich nie lange nach."
"Hat er dich in deiner Probe-Woche, die du dir selber sehr gut ohne allen fremden Rat gewahlt, keine bedenklichen Sprunge machen lassen, die etwa Baume kosten?" sagte Vult. "Nein", versetzte Walt, "aber franzosische Fehltritte hat er mir abgewohnt." Hier fuhr der Notarius fort und bediente sich der fragenden Figur, ob Flitte ihm nicht das Feinste entdekket habe, z.B. dass man nie oder selten comment fragen musse, sondern hoflicher Monsieur oder auch Madame? Hab' ers nicht gerugt, fragte Walt, als er so ganz unfranzosisch bon appetit wunschte, oder eine Kammerfrau, femme de chambre, zur Kammerjungfer machte, oder einen friseur nicht coiffeur hiess? Hab' er ihm nicht gut erklart, warum porte-chaise dumm sei, weil man die Wahl habe zwischen einer chaise a porteur und porteurs de chaise?
"Ich glaube nicht", sagte Vult, "dass dich diese Sprachstunden mehr kosten als den Rest des KabelWalds." "Ein Hund woll' er heissen", sagte Walt, "schwur mir Flitte, benutz' ers. In der Rechtschreibung aber dient' ich ihm, z.B. jabot schrieb er chapeau. Ach, bekame der Arme nur weniger Glaubiger und mehr Geld!" "Das wird eben deine Klippe auf ihm", sagte Vult. "Wer arm wird nicht wers ist verdirbt und verderbt, und war's nur, weil er jeden Tag einen andern Glaubiger oder denselben anders zu belugen hat, um nur zu bestehen. So feiert er jeden Tag ein Fest der Beschneidung fremder Narren. So muss auch jeder Schuldner ungemessen prahlen; er muss mit Leibnizens Dyadik die 8 (z.B. Gulden) mit 1000 schreiben. Welche Reden jeden Tag eine andere hab' ich oft denselben Schuldmann an seinen Faust- und Pfand-Glaubiger halten horen und seine herrliche Unerschopflichkeit Dichtern und Musikanten gewunscht, womit er dasselbe Thema dass er namlich eben nichts habe so kostlich und suss immer mit Variationen vorzuspielen verstanden!" "Ich lasse dich erst ausreden", sagte Walt.
"So beschoss z.B., um es kurz zu machen", fuhr Vult fort, "der polnische Furst *** in W. jeden Glaubiger anders; denn ich stand dabei; gemeines tiefes Volk beschoss er teils mit dem dragon, der 40 Pfund schiesst, teils mit dem dragon volant, der 32 namlich er war grob gegen das Grobe Honoratioren, besonders Advokaten, denen er schuldete, griff er teils mit der coulevrine, die 20 Pfund schiesst, teils mit der demi-coulevrine an, die 10 hoher hinauf gebraucht' er den pelican, der sechs den sacre von 5 den sacret von 4 und gegen seinesgleichen, einen Fursten, den ribadequin, der 1 Pfund schiesst."
"Nun", begann Walt, "darf ich dir doch mit einiger Zufriedenheit berichten, dass der gute Mensch, weit entfernt, hartherzig zu sein, eben durch Arme selber ein Armer wird. Aus lauter guter Freude Uber ihn bezahlt' ich hinter seinem Rucken zwei Damenschneiderinnen; denn er selber braucht doch nur einen Herrenschneider, und zwar einen; so aber uberall; z.B. die Bitterlich."
Da entbrannte der Bruder sagte, dies sei vollends der Satan, im Dezember Hauser anzuzunden, um einige Brande an Hausarme auszuteilen niemand verschenke mehr als Personen, die man spater henke nichts sei weicher als Schlamm, der versenke -Tyrannen, solche Tranen-Rauber, sangen und klangen wie Seraphim, aber mit Recht, da Seraphim feurige Schlangen bedeuteten und hass' er etwas, so sei es diese Mischung von Stehlen und Schenken, von Mausen und Mausern
"O Gott, Vult!" sagte Walt, "kann der Sterbliche so hart richten? Soll denn ein Mensch sich gar nicht ein wenig liebhaben und etwas fur sich tun, da er doch den ganzen Tag bei sich selber wohnt und sich immer hort und denkt, was ihn ja schon mit den niedrigsten Menschen und Tieren zuletzt versohnt, namlich das Beisammensein? Wer nimmt sich denn eines armen Ichs von Ewigkeit zu Ewigkeit so sehr an als dieses Ich selber? Ich weiss recht gut, was ich sage; und jeden Einwurf. Doch basta! Nur mocht' ich wissen, wenn man wie du schon kalt und ohne Leidenschaft die armen Menschen so rauh richtet und nimmt: was dann werden soll in heftiger Hitze, wo man von selber ubertreibt. Vielleicht wie mit deiner Uhr, wovon du mir sagtest, dass der Stift, bloss weil er eben und recht passe, in kalter Zeit gut tue, aber in der Hitze, weil er sich ausdehne, das Werk aufhalte."
"Solltest du nicht getrunken haben?" sagte Vult, "du sprichst heute so viel; aber in der Tat sehr gut."
Nun bat ihn Walt, selber mitzutrinken und mit ihm hinabzugehen, um sich drunten mit eignen Ohren von seinem schonen Leben mit Flitte zu uberreden. "Der Tollheit wegen tu' ichs", versetzt' er, "ob ich gleich weiss, dass ich beiden burgerlichen Narren einen Eitelkeits-Jubel uber die Herablassung eines adeligen bereite; du aber musst mich mit einer Feinheit zu entschuldigen wissen, die kaum zu schatzen ist."
"Hr. v. Harnisch", fuhrte drunten Walt ihn ein, "fand mich in meinem Zimmer; wie sollt' ich, Demoiselle, nun mein Vergnugen schoner teilen, als dass ichs mit ihm und mit Ihnen zugleich teilte." Er warf dies so leicht hin und bewegte sich so leicht auf und ab auf den teils von Flitte bisher polierten Radern, teils auf den vom Wein eingeolten , dass Vult ihn heimlich auslachte und sich dabei argerte; er verglich still den Bruder mit Minervens Vogel, mit einer Eule, der der Vogelsteller gewohnlich noch einen Fuchsschwanz anheftet. Das erstemal, da ein Mensch, den wir vorher als unbeholfen gekannt, uns beholfen und gewandt vorubertanzt, will er unsrer Eitelkeit durch einen Schein der seinigen nicht sonderlich gefallen.
Vult war sehr artig sprach uber Malen und Sitzen lobte Flittes Miniatur-Punktierkunst als ziemlich ahnlich, ob die Farben-Punkte gleich so wenig als roter und weisser Friesel ein Gesicht darstellten und lockte dadurch den Bruder, der aufrichtiger lobte, in den Ausbruch der schelmischen Zartheit hinein: "Raphaela ist ja nicht weit von Raffael."
Als jene indes nach ihrem Trauerreglement der Lust, sich ihr Freudenol in Tranentopfen zu kochen, auf des Flotenspielers Musik, dann schnell auf die Blindheit und deren schonen Eindruck auf andere verfiel und sich nach seinem Augen-Stand erkundigte, unterbrach Vult sie kurz: "Das war nur ein Scherz fur mich und ist voruber Hr. Notar, wie konnen wir beide so mussig dastehen und reden, ohne zum Malen zu helfen?" "Hr. von Harnisch?" fragte Walt, ohne comment zu sagen. "Kann denn nicht einer von uns, Freund, vorlesen", versetzte Vult, "ist nichts dazu da? und ich dazu die Begleitung blasen? Wie oft sah ich auf meinen Reisen, dass Personen, welche sassen, sich hoben und entfalteten, weil nichts die Physiognomie, welche der Maler auffangen will, in ein so schones Leben setzt als eine mit Musik begleitete Vorlesung von etwas, das gerade anpasst!"
Raphaela sagte, sie nehme freilich ein Doppelgeschenk von Musik und Deklamation dankend an. Vult fasste einen nahen Musenalmanach blatterte sagte, er musse klagen, dass in allen Musenkalendern leider der Ernst zu hart mit dem Spass rangiere, wie in J. P...s Werken, wolle aber Hoffnung geben, dass er vielleicht durch Tone zu diesen Misstonen Leittone herbeischaffe und reichte Walten eine Elegie, mit der Bitte, sie vorzulesen und darauf unbekummert die satirische Epistel und dann das Trinklied.
Da dieser erfreuet war, dass er seinem Feuer eine Sprache, obwohl eine nachsprechende, geben durfte: so verlas er so heiss, laut und taub das sehr ruhrende Gedicht, dass er gar anfangs nicht vernahm, mit welchen narrischen 6/8-Takten, Ballett-Passaden, sogar mit einem Wachtelruf ihn der Bruder flotend sekundierte. Erst als er die satirische Epistel vorlas, horte er in der Kalte einigen Wider-Ton, dass namlich Vult dem Witze mit Lagrimosis-Passagen und einigen Silben aus Haydns sieben Worten zur Seite ging; er nahm sie aber fur Uberreste voriger Ruhrung. Dem Trinkliede nachher setzte Vult mehrere LanguidosHalte, gleichsam schwarz und weisse Trauerschneppen an. Der Widerstreit presste den Zuhorern einen gelinden Angstschweiss aus, der eben, wie Vult fest behauptete, ein Gesicht, das sitze, beseele.
Aber plotzlich trat ein ganz anderer Miss- und DurTon, der vier Fuss lang war, hoflich mit dem Hut in der Hand ins Zimmer. Es kam namlich der Reisediener des Kaufherrns in Marseille, bei welchem Flitte lange gewesen, und prasentierte ihm einen falligen Wechsel, den er auf sich ausgestellt.
Flitte verlor die Farben, die er Raphaelen geliehen, und verstummte ein wenig, und wurde wieder reich an roter. Endlich fragte er den Reisediener: "Warum er so spat am Verfalltage komme? Jetzt hab' er eben nichts." Der Diener lachelte und sagte, er habe ihn vergeblich gesucht zu seinem Verdrusse, denn er musse jede Minute fort, sobald er die Valuta habe. Flitte zog ihn aus dem Zimmer auf ein Wort; aber fast noch unter dem Worte trat der Fremde wieder mit gezuckten Achseln ein und sagte: "Entweder oder ; in Hasslau gilt das sachsische Wechselrecht." Lieber fuhr Flitte in die Holle, welche wenigstens gesellig ist, als in die Einsiedelei des Kerkers; dennoch lief er ohne eine sanfte Miene auf und ab und murmelte fluchende Angriffe; endlich sagt' er franzosisch Raphaelen etwas ins Ohr. Diese bat den Reisediener so lange um Geduld, bis eine Antwort auf ein Blattchen von ihr zuruck sei; es war eine Bitte an ihren Vater um Geld oder Burgschaft.
Flitte setzte sich wieder zum Malen mit jener Folie des Stolzes nieder, wovon der Diener eigentlich den Juwel besass. Walt jammerte leise und flatterte so angstlich um den Bauer als Flitte in demselben und folgte jedem Umherschiessen des eingekerkerten Vogels aussen am Gitter nach. Vult beobachtete scharf den gewandten Diener: "Sollt' ich Sie nicht", sagt' er, "in der Gegend von Spoleto schon gesehen haben, wovon die alten Romer, wie bekannt, die Opfer-Tiere hergeholt wegen der weissen Farbe?" "Ich war nie da und reise bloss nordlich (sagt' er), mein Name klingt zwar italienisch, aber nur meine Grosseltern warens." "Er heisset Mr. Paradisi", sagte Flitte.
Endlich kam Neupeters Antwort. Flitte sah keck mit Raphaela ins aufgehende Blatt: "Ich glaube, Du bist betrunken. Dein Vater P.N."
Mit grossem Schmerzen blickte sie sinnend auf die Erde. Der Elsasser war von oben und von unten geradert zu einem organischen Knaul und sann, wiewohl ins Blaue hinein. Paradisi trat hoflich vor Raphaela und bat um Vergebung, dass er sie und die Gesellschaft in der schonen Stunde des Malens unterbrochen habe; "aber", beschloss er, "Hr. Flitte ist in der Tat ein wenig mit schuld." "O sacre!" sagte er, "was bin ich?" "Sie kommen", fragte Raphaela, "aus Norden wieder hiedurch? und wann?" "In sechs Monaten, aus Petersburg", sagte der Reisediener. Darauf blickte sie ihn, dann den Notar mit feucht-bittenden Augen an. "O, Hr. Paradisi!" fuhr dieser heraus, "ich will ein Wort mit wagen ein Kriegszahlmeister, den Hr. Flitte im Reichs-Anzeiger auffodert, muss ihn dann gewiss bezahlt haben " "Lassen Sie denn keine Burgschaft bis zu Ihrer Ruckkehr zu, edler Signore?" fragte Raphaela. "Herr Harnisch!" sprach sie und zog ihn in ihr Schlafzimmer. "Nur auf ein Wort, Hr. Notar!" sagte Vult. "Gleich!" versetzte Walt und folgte Raphaelen.
"Ach guter Harnisch", fing sie leise an, "ich bitte Sie mit Tranen ich weiss, Sie sind ein edler Mensch und lieben den armen Flitte so aufrichtig denn ich weiss es von ihm selber Und er verdients, er geht Freunden durchs Feuer. Mit diesen meinen Tranen...." Aber ein nahe laute Trommelschule von Kriegs-Anfangern, ein taubstumm-machendes Institut, zwang sie unwillig innezuhalten. Er blickte ihr unter der Larmtrommel in die grossen runden Regen-Augen und nahm ihre weisse Wachs-Hand, um etwan durch beides ihre Bitte zu erraten. "Mit Wonne tu' ich alles", rief er im wohlduftenden Kabinette voll Abendsonnen und roter Fenstervorhange, voll Amor und Psychen und vergoldeter Standuhren mit herubergelegten Genien, "weiss ich nur was."
"Ihre Burgschaft fur Hrn. Flitten", fing sie an, "sonst muss er heute noch ins Gefangnis; hier in Hasslau, ich beteure Ihnen, borgt und burgt fur ihn kein Mensch, selber mein lieber Vater nicht. O ware meine Wina da; oder hatt' ich mein Nadelgeld noch...."
Sie schlug ihren weissen Bettvorhang auf die Seite und wies ihn oben auf die kurze Furche des blendenden Deckbettes mit den Worten: "Da liegt er stets am Morgen, der holdselige Wurm, den ich ernahre, ein Soldatenkind aber ich burg' Ihnen fur alles." "Hr. Notarius Harnisch", rief Vult aus dem Malerzimmer, "Sie sind hier notig!"
"Ich bin in der Tat selig", sagte Walt und faltete die gehobnen Hande. "Auch jene teuren Spielwaren dort auf dem Tisch schafften Sie fur Kinder an?" "Ach ich wollte lieber, ich hatte das Geld noch", sagte Raphaela. "Mit welcher Gesinnung ich Hrn. Paradisin Burgschaft leiste denn ich leiste sie brauch' ich wahrlich Ihnen in solchem Zimmer nicht auszusprechen; glauben Sie mir!" sagt' er. Sie sturzte aus einer von ihr halb angesetzten Umarmung zuruck, druckte die Hand und fuhrte ihn daran heiter in die Gesellschaft zuruck, der sie alles meldete. Der Reisediener dankte dem Madchen lange und verbindlich, kam aber mit einer feingekleideten Frage uber des Burgen Ruckburgschaft zum Vorschein. Sie schrieb hastig eine Bitte an ihren Vater, den der Diener langst fur solid gekannt, damit er diesen uber Walts kunftige Reichtumer belehre und bewahre. Paradisi ging handkussend damit ab und versprach, wiederzukommen.
Vult bat freundlich den Notar um einen Augenblick auf seinem Zimmer. Auf der Treppe dahin sagte er: "Himmel, Holle! Rasest du? Offne nur hurtig! Eile, fleh' ich! O Walt, was hast du heute gemacht im Schlafzimmer! Dreh nicht es ist Brot im Schlussel Klopf ihn aus Ist denn der Mensch ewig ein Hund, der zu passen hat? Was hast du darin gemacht! Wieder ein Ebenbild von dir; wenn nun Feuer ware! Aber so bist du uberall... Ein Ebenbild ware mir daraus wahrlich lieber entgegengehupft als du selber Gottlob!" Die Stube war offen. Walt begann: "Ich erstaune ganz." "Du merkst also nicht", sagte Vult, "dass alles ein vom Satan gedrehter Fallstrick ist, womit sie dich Hrn. Burgen wurgen und in den Fussblock schnuren, damit du dich ihnen nach der dummen Testamentsklausel43so lange verzinsest, als du sitzest?" "Ich furchte nichts", sagte Walt. "Du hoffest wohl", versetzte Vult, "der alte Kaufmann werde dir den Kredit schon abschneiden, dass man deine Burgschaft gar nicht annimmt?" "Das verhute der Himmel!" sagte Walt. "Du verburgst dich?" "Bei Gott!" schwur Walt.
Der Flotenspieler sank jetzt steilrecht und versteinert auf den Stuhl, starrte waagrecht vor sich hin, jede Hand auf eines von den aufgesperrten, rechtwinklichten Knien gelegt, und wimmerte eintonig: "Nun so erbarms denn Gott und wer will! Das sind also die Garben und Weinlesen, die ich davontrage nach allem Anspannen und Hiersein! Und der Teufel hauset, wie er will! Das ist der Lohn, dass ich wie der Rumormeister bald hinten, bald vornen im Heere ritt bei jedem Unfug. Nu so schwor' ich, dass ich tausendmal lieber einem Schiffsvolk mitten im Sturm auf einem Schaukel-Schiffe den Bart abnehmen will, als einen Dichter sauber scheren, den alles bewegt und erschuttert. Lieber den Brocken hinauf will ich als hinterster Leichentrager im Wedel-Mantel eine Leiche tragen und nachstemmen, als einen Poeten geleiten und fortschaffen hinauf und hinab; denn dem redlichen, nicht ganz viehdummen Bruder glaubt der Poet weniger als weichem Diebsgesindel, das ihn umstellt und mit Fussen tritt wie ein Topfer den Ton, um ihn zu kneten."
"Ich muss dir gestehen", erwiderte Walt sehr ernst, "dass der weichste Mensch zum erstenmal hart werden konnte gegen einen harten, der uber die Menschen stets ungerecht richtet."
"Wie gesagt", fuhr Vult fort, "das tut er nicht, der Poet. Vergeblich reitet ihm ein leiblicher Zwillingsbruder, wie dem Suworow ein Kosak, nach und hat den leichten Nachtstuhl fur ihn am Halse hangen, so dass er sich nur setzen brauchte aufs Gestelle er tuts nicht, sondern er zeigt sich und mehr dazu der Welt "
"An Menschheit glauben", versetzte Walt, "an fremde und eigne durch sein Inneres ein fremdes ehren und kennen das ists, worauf das Leben und die Ehre ankommt; alles ubrige hole der Henker. Wie, grossere Leute haben in grosseren Gefahren auf Leben und Tod vertrauet, ein Alexander hat sein Schein-Gift wahrend der Brief-Lesung seines Arztes getrunken; und ich sollte den heissen Tranen eines menschenfreundlichen Madchens nicht glauben? Nein, lieber nehm' ich diesen Stab, der ein Bettelstab ist, und gehe damit, so weit mich meine Fusse tragen..."
"Weiter kann auch kein Bettler", sagte Vult, "aber du unterbrichst. So dass also, will ich nur noch zusetzen, die Alten nicht ohne Anspielung dem Gotte der Dichter einfaltige junge Schafe geopfert. Daher ein Reichs-Hofrats-Schluss jeden, der einen Band Gedichte bei Trattner verlegen lassen, sofort pro prodigo erklaren sollte, da er in Betracht seiner ewigen gottlichen Apollos-Jugend von 15 Jahren zu burgerlichen Handlungen, z.B. Schenken unter den Lebendigen, nicht fahig ist, welche Volljahrigkeit befehlen Nun aber einmal gelassen, Bruder! Was ist denn das fur ein Leben dahier, zum Sakrament? Aber ganz ruhig! Vater, Mutter, Zwillingsbruder willst du Leuten opfern, von denen ich nichts weiter sage? Bedenk alles siebzig eben gefallte Notariats-Baume eine so unerwartete Verkettung so vieler Ketten manche deiner Irrsale auf dem Weg nach Rosenhof und in der Tat bist du auch heute ganz belebt durch den Wein. Am Ende fliegst du wohl gar mit Sperberund mit Weihes-Fittichen um das Brautherz der Sitzerin, Fuchs, und brauchst den Pinsel-Brautigam nur zum Lockvogel, du Raub- und Spassvogel! Doch du wirst rot. Was Raphaelens Tranen anlangt glaube mir, die Weiber haben grossere Schmerzen als die, woruber sie weinen!"
"Gott, wie desto trauriger!" rief Walt. "Weiber und Muller", sagte Vult, "halten versteckte Windlocher, damit Mehl fur sie verstaube, wenn der andere mahlt."
"Meinetwegen!" sagte Walt. "Ich gab einem Frauenzimmer mein Wort. Ich burge. Gott dank' ich nur, dass er mir eine Gelegenheit bescherte, das Vertrauen zu zeigen, das man zu den Menschen haben soll, will man nicht das eigne verlieren. Soll es aber sein lass mich reden in dieser Stunde , dass kein Gefuhl mehr wahrsagt, soll der Glaube und die Liebe bluten und verbluten: o so freu' ich mich, dass ich die Wunde nur empfange, aber nicht schlage. Ich burge entschieden. Vater-Zorn aber kennt er in seiner Dorf-Welt meine hohern Verhaltnisse? und Mutter-Zorn und Kerker und Not: es brech' ein; ich burge. Zurne du. Ich burge und gehe hinab."
Vult hielt ordentlich noch an sich, ganz besturzt und aus dem Sattel gehoben von Walts Sprungen, der jetzt immer weniger zu regieren war, je mehr er ihn stach und trieb vielleicht, weil der sanfteste Mensch, sobald man seiner Freiheit, statt zu schmeicheln, droht, spornstetig44wird : "Du gehst", sagte Vult, "(ich bitte dich gewiss ruhig), gehe bloss in dich. Fahre nicht, wie ein geblendeter Vogel, gerade in die Hohe! Kehr um. Ich flehe dich, Bruder!" "Und musst' ich gleich ins Gefangnis, ich hielte Wort!" sagt' er. "Verschimmle da", sagte Vult; "ich wehr' es nicht; nur aber die klarste Vernunft und Billigkeit behalt' ihr Recht nur das Gesindel triumphiere nicht Am Ende wird noch dazu erfahren, dass ich mit dir verwandt bin, und ich werde so verflucht ausgelacht als einer von uns Freund, Bruder, hore, Teufel!"
Er ging aber. "O du wahrer Linker45!" sagte gluhend der Flotenist. "Doch zusehen will ich dir unten, wie du vor meinen Augen die Wintersaat zur herrlichsten Sommer-Ernte von Distelkopfen fur Finken aussaest!"
Als sie eintraten, fanden sie das Liebespaar allein, der Reisediener war noch nicht zuruckgekommen zu Vults Verdruss, der oben manche Reden lange gesponnen hatte, um versaumen zu lassen. Walts Gesicht gluhte bewegt, auch die Stimme; dabei warf er Blicke auf Vult in Angst, dieser werde grob. Aber gegen alles Erwarten war der Flotenspieler eine Flote; er schauete so unbefangen an und sprach so sanft. "Malen Sie ganz lustig weiter", sagte Vult zu Flitten. "Daruber kann wohl jeder sein Lied singen, uber dergleichen Busstexte; manche besitzen ganze Liederbucher. Ich habe selber einmal in diesem Gesange der drei Manner im Feuer auf eine Weise eine Stimme gehabt, dass ichs beinah hier zum besten geben mochte, wenn ich wusste, dass es uns zerstreuete. Ich entsinne mich namlich noch sehr wohl, dass ich vorher in London eine Zeitlang in einer Sakristei wohnte und nachts den Kniepolster des Altars als Kopfkissen unterhatte, weil mir die Gelder ausblieben, die ich aus Deutschland bezog. Nicht ganz reich, noch weniger bequem kam ich mit noch sechs Emigranten auf der Post nach Berlin, aber nicht blind, sondern samt unserer ganzen geldersparenden Gesellschaft fur ein einmanniges Postgeld. Einer namlich liess sich stets einschreiben, welcher zahlte und offentlich vor der Welt einsass. Draussen stieg einer um den andern von uns auf, nach der anciennete der Mudigkeit, indes die ubrigen Deutschlandsfahrer neben dem Wagen auf beiden Seiten mitgingen; so dass vor dem zweiten Posthaus immer ein anderer Passagier absprang, als vor dem ersten aufgesprungen war. Die deutschen Posten fahren immer so gut, dass man schon mit fortkommt zu Fusse. In Berlin selber fuhr ich, weil mir die Gelder ausblieben, die ich aus England bezog, noch viel harter. Vom einzigen Berge da, monte di pieta, hatt' ich Aussicht; in grossen Stadten mietet man sich alles, Hauser, Pferde, Kutschen, bose Frauen, besonders aber zuerst Geld. In letzterem ging ich weit. Schulden fuhren wie andere Silber-Pillen erst den Morgen darauf, wenn man ausgeschlafen, das ab, was man noch hat. Eine Figurantin bei dem Ballett, welche ich heiraten wollte, weil sie die Unschuld selber war und folglich solche nie verlieren konnte, steigerte das Leid ohne Beileid, die Schulden, noch hoher, weil wir die Flitterund Honig-Wochen vor der Ehe abtaten, damit diese nachher ungestort aus einem Stuck gemacht ware; Flittern und Honig wollen aber gekauft sein. Wie wir freilich liebten, sie im bessern Sinne Figurantin, ich Figurist, mit welchen Konfigurationen davon ist kein anderer Zeuge mehr da denn sie wollte kein blosses Bruststuck als ihr Herzgrubenstuck, das ich in einer Ferne von 6 Schuhen malte, indem ich namlich, selber ein lebendiges Kniestuck, die niedrigen Beine aus Ehrfurcht hinter mich oder meine Schenkel zuruckwerfend, vor ihr stand auf den bekannten Scheiben der Kniee. Arzte haben oft bemerkt, dass plotzliches Erschrecken den Korper und dessen Finger so frostig-knapp einziehe und einklemme, dass Ringe, die letztern sonst nicht abzuschrauben waren, von selber abglitten. Es sollte mir so gut werden, etwas Ahnliches zu beobachten. Das gute TanzWesen erschrak so furchterlich, als ich nachher beschreiben werde, den 7. Februar im Karneval. Ich stiess bei ihr vorher meine gewohnliche Anzahl Seufzer in einer Minute aus namlich vierundzwanzig, wovon, weil man in einer nur zwolfmal atmet, die Halfte aus-, die Halfte eingezogen wird tat die alten Wunsche, ich mochte meinen Seufzern Luft machen konnen, als ob ein Seufzer aus etwas anderm bestande, und rief endlich im Feuer aus: 'Wieviel, du Kostbare, bin ich Berlin schuldig, dass ich dich kennen lernte, Unbezahlbare': als plotzlich bei diesen Worten, wie bei Stichworten, meine ganze Dienerschaft von Lakaien und meine ganze Herrschaft von Hausherren an der Spitze eines Jockeis hereindrangen auf mein Theater leider keines, worauf meine Kebsbraut sprang und Dinge von mir verlangten, die ich naturlich nicht bewilligen konnte. Meiner Geliebten die weniger darauf vorbereitet war als ich entglitschte vom erschrocknen erkalteten Ringfinger unser grosser Ring der Ewigkeit, und sie sagte im Schrecken ohne Bewusstsein verflucht grob: 'Herr von Lumpenhund!'
Wer in Berlin war, wundert sich gar nicht, sondern weiss, wie man da zuweilen angeredet wird, wenn man zwar von Stand und folglich nicht zu bezahlen ist, aber auch nicht zu bezahlen hat. Ich mutmasse, ich ware damals gestorben in der Friedrichs-Strasse, war' ich nicht zu meinem Glucke erkrankt an einem hitzigen Fieber. Die Krankheit weniger der Arzt rettete mich. Sie, Hr. Flitte wurden, hor' ich, von der Ihrigen auf dem Turm durch die Kunst gerettet; wahrscheinlich also eine ganz andere als die meinige. Mein Fieber organisierte mich so sonderbar, dass mir nicht nur die alten Haare ausfielen bloss zu einem Titus behielt ich schwachen kurzen Pelz , sondern auch die alten Ideen, vorzuglich verdrussliche.
Platner bemerkt recht gut sowie den teleologischen Vorteil davon , dass das Gedachtnis des Menschen das Susse weniger fahren lasse als das Bittere.
Mit mir obwohl nicht vom Krankenlager standen meine Glaubiger auf. 'Trefflicher Hr. Musikhandler Rellstab! mein Bedienter versichert, Sie hiessen so ', sagt' ich zu dem bekannten Manne, meinem starken Glaubiger, 'eben mach' ich mich vom hitzigsten Fieber von der Welt auf und habe alles, 1000000 Dinge, ja den Namen vergessen, den ich gewohnlich unterschreibe. Erklaren lasst sichs gut genug aus Physiologie, aus Schweissen, Fieberbildern und Ermattungen; aber verdrusslich ists fur einen Mann wie ich, der gern seine Nota von Musikalien abfuhrt, und dem doch alles entfallen. In dieser Not bitt' ich Sie, so lange zu warten, bis ich mich der Sache entsinne, guter Rellstab; dann, wahrlich, haben Sie Ihr Geld auf der Stelle im Hause, was sich im anderen Sinne ohnehin versteht.'
Darauf erschien der erste Theaterschneidermeister und Garderobier und ersuchte mich um das Seinige. Ich antwortete: 'Lieber Hr. Freytag denn Sie sind, hore ich, ein Namensvetter des heutigen Karfreitags entfahrt jedem Schuldner soviel auf dem Krankenbette als mir (z.B. etwa den Blutschuldnern, Ehrenschuldnern), so ists schlimm fur Glaubiger. Denn mir fur meine Person ist rein alles entfallen, was ich schuldig bin; Sie werden mir kaum glauben, wenn ich Sie an meine Krankenmatratze fuhre, wo ich so geschwitzt und gefiebert, dass ich nichts behalten habe. Munzen helfen hier wenig ohne Gedachtnis-Munzen; es ist aber betrubt, Rellstab.'
Er heisse Freytag, sagt' er. 'Das hole der Teufel', sagt' ich, 'brauch' ich auch gar einen Kor-Repetitor? Nun, ich will nicht vergessen, mich zu erinnern. '
Der Kammerherr Julius trat ein und wunschte zu meiner Genesung sich sowohl Gluck als die zwanzig Friedrichsd'or Spielgeld von mir. 'Ich soll Sie kennen', sagt' ich. 'Quoddeusvult? Ich hoffe, du verstehst mich', sagt' er. 'Entschieden!' sagt' ich. 'Aber du erschrickst; denn wenn ich weiss, ob ich mehr dir oder dem Mann im Mond oder dem Grosswesir Spielgeldschuldig bin: so will ich nicht krank gewesen sein. Recht hast du gewiss; aber sollte man sich denn nicht jedesmal, eh' man in ein hitziges Fieber verfallt, tausend Knoten ins Schnupftuch machen, um genesen manche besser zu losen als durch das Zuwerfen des Schnupftuchs? Sprich, Kammerherr! Pass also, bis mir die Memorie wieder aufhilft! aber verflucht fatal, dass ihr Leute vom Hofe ganz gegen Platners Bemerkung gerade nur das Fatale (weniger fast Fatalien) behaltet. Aber wie gehts ubrigens? Revue schon an?' 'Wie, im Winter, Vult?' sagte Julius. 'Nun, du siehst es selber', sagt' ich. 'Was macht denn die liebenswurdige Konigin? Manches, glaub' ich, vergisst man weniger.' Darauf bat ich ihn, nachstens mich zu erinnern, und wir schieden ganz gutlich.
Anders gings, als ich von der Langen Brucke in die Konigsstrasse wollte und mich ein gebildeter Jude aufhielt: 'Lieber Moses!' sagt' ich, 'bose Nachrichten! das Fieber hat mich zu einem Titus geschoren.' 'Bose!' unterbrach der Jude; 'wenn wir Juden einen schlimmen Fursten malen wollen, so sagen wir: das ist ein wahrer Titus! Die Tituskopfe bauen uns kein Jerusalem.' 'Sonst', fuhr ich fort, 'war Hebraisch, Judenteutsch, Neuhebraisch mein Fach, samt den Hulfssprachen, dem Chaldaischen, Arabischen alles ist vergessen durchs starke Fieber, Moses Sonst kannt' ich meine Schuldner auf hundert Schritte, die Glaubiger auf tausend weit.' 'Wechsel', versetzt' er, 'sind da gut' und prasentierte mir einen falligen noch uber der Spree".....
Hier machte aufgeheitert Hr. Paradisi die Ture auf und dankte Raphaelen sehr fur ihr Blatt und warf ein hofliches Auge auf Walt. Er nahm dessen Burgschaft an. Selten war der Notarius seliger und unseliger gewesen. Vults parodischer, zynischer Spass hatte ihm allein rein-bitter geschmeckt andern nur abgeschmackt ; indes ihn das neue Gluck erquickte, Flittes Entsatz und Schutzgeist zu werden. Vor Vults Ohren und Augen wurde kuhn und kalt die Wechselsache vollfuhrt und gerundet, und der Flotenspieler wurde uber die so frei auseinanderbluhende Gegenwart besturzt und erzurnt, obwohl heimlich; so wenig vertragt sogar der Kraftmensch fremde Starke und Konsequenz, sobald sie mehr wider ihn auftritt als fur ihn, weil jeder uberhaupt vielleicht von fremder mehr zu furchten als zu hoffen hat.
Als der Wechsel erneuert war, schied der Flotenspieler sanft von der Gesellschaft, besonders von Walt. Dieser begleitete ihn nicht. Er fragte Flitten, ob er die wenigen Stunden, die etwa seiner Probe-Woche noch abgingen, nicht in seinem eignen Zimmer verbringen durfe. Flitte sagte freudig ja. Raphaela druckte dankend Walten noch ihre zarte Hand in die seinige. Er ging in seine stille Stube zuruck, und beim Eintritte war ihm, als wenn er in Tranen ausbrechen sollte, ob vor Freude oder Einsamkeit oder Trunk oder uberhaupt, das wusst' er nicht; am Ende vergoss er sie vor Zorn.
Nr. 55. Pfefferfrass
Leiden des jungen Walts Einquartierung
Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang weder schlafen noch seinen Bruder lieben; sondern der Zorn war sein Traum, und das nachtliche Aufturmen zankender Grunde erhitzte ihn zuletzt dermassen, dass er, wenn Vult sich an dessen Bett gewagt hatte, vielleicht fahig gewesen ware, ihm zu sagen: "Ich rede nun anders mit dir, Bruder; setze dich aber nicht aufs scharfe Bettbrett, sondern mehr auf die Kissen herein!" Unbegreiflich und unverzeihlich fand er dessen Kraft, Menschen ins Gesicht hinein zu martern, den armen Flitte und ihn selber. Schon ofters hatt' er bei der Weltgeschichte versucht, in jene machtigen Schneeund Gletscher-Manner, welche mitten unter dem Hasse eines ganzen Hofs und Volks heiter glanzen und gedeihen, sich so gut poetisch zu versetzen als in andere Charaktere; aber es hatte nie besondern Erfolg er ware ebensogut einer Statue durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm griff schon ein MenschenAntlitz in die Seele, und war' es punktiert an der Puppe eines Nachtschmetterlings erschienen oder wachsern an der Puppe eines Kindes; er hatte beide nicht kalt eindrucken konnen mit dem Daumen.
Er stieg aus dem Bette in einen platt-gemahten Herbsttag: denn er wollte, wie er pflegte, lieben und der sussesten Empfindung kaum machtig sein; fand aber nichts Brauchbares dazu, sondern nur die Zukkersaure der vorigen Zuckerinsel. Jetzt stellte er sich, da es sein erstes Zurnen war, recht dazu an. Ein Herz voll Liebe kann alles vergeben, sogar Harte gegen sich, aber nicht Harte gegen andere; denn jene zu verzeihen ist Verdienst, diese aber Mitschuld.
Darauf machte er sich auf den matten Weg aufs Rathaus, um da, wie bisher, sich fur seine ErbamtsSunden wacker abstrafen zu lassen. Der Spassvogel Flitte, jetzt sein gestriger Unglucksvogel, war schon da denn er hatte fast nichts auf der Erde als Zeit ; samt Passvogeln, dem Buchhandler. Walt sah so liebegiessend dem Elsasser ins Auge, als hatte dieser sich fur ihn verburgt; nie warf irgendein Fegfeuer auf den Gegenstand, der es fur ihn schuldlos angezundet, vor seiner Seele irgendeinen gelben hasslichen Widerschein; vielmehr freuete er sich recht, allein im Fegfeuer zu stehen und den Fremdling rein aus den Flammen anzuschauen.
Der Testaments-Ober-Vollstrecker, Hr. Kuhnold, eroffnete nach der siebenten Klausel mochte doch jeder Leser das Testament aus dem Buche herausgeschnitten, broschiert, immer neben sich haben den geheimen Artikel des Reguliertarifs, der rechtmassig zu offnen war. In der Tat war darin auf jeden franzosischen Germanismus, den Flitte von ihm an Eidesstatt berichten wurde, ein Tag verspateter Erbschaft zur Schulstrafe gesetzt. Flitte erwiderte darauf, er wisse niemand, der soviel Organ fur franzosische Sprache besitze, sowie Kalligraphie dafur, als Herrn Walt, und er entsinne sich keines erheblichen Fehlers. Walt griff nach dessen Hand und sagte: "O wie schon, dass ich mir Sie so immer dachte! Aber meine Freude ist nicht so uneigennutzig, als sie scheint, sondern noch uneigennutziger." Der Ober-Vollstrecker wunschte ihm erfreuet Gluck desgleichen der Buchhandler und jener bat ihn um die Wahl des neuen Erbamtes.
Es ist sehr schlimm fur diese Geschichte, dass die Welt nicht die sechste Klausel "Spasshaft und leicht mags" auswendig kann, auf welcher doch gerade die Pfeiler des Gebaudes stehen. Der Notar wusste sie ganz gut, und der Buchhandler am besten. Als Walt in dem Seelen-Rausche uber die schonste Rechthaberei, die es gibt sich namlich nicht in guten Voraussetzungen von Flitte geirrt zu haben , nicht sogleich das Erbamt erlesen konnte, das er bekleiden wolle: trat Passvogel zu ihm und erinnerte ihn an den Buchstaben e der Klausel, welcher sagt: "Er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen." "Trefflich genug!" sagte Walt, verstand und erklarte sich dazu; in das vom Nacht-Zorne zerfressene Herz flossen die kleinsten Ergusse menschlicher Milde balsamisch-heilend ein.
Ausserhalb der Ratsstube fand er auf einmal sein Herz um- und dem Bruder wieder zugewandt; Flitte war gerechtfertigt, er selber entschuldigt, und er verzieh in Massen, bloss weil er so viel recht gehabt. Nachdem er eilig seinem geangstigten Vater den schonen Ablauf seines Wochenamtes geschrieben hatte: so machte er sich ernsthafter an seine alte Versetzung ins fremde Ich und fragte: "Kann denn Vult seine Handlungen nach andern Grundsatzen zuschneiden als nach seinen eigenen? Und wollt' er denn anders als ich selber eben fur mich handeln? Jeder begehrt von andern Gerechtigkeit und dann noch ein wenig Nachsicht dazu; ei gut, so geb' er andern auch beides, und das will ich tun." Er fand zuletzt in Vults Stosskraft eine Erganzung seiner eigenen weichwolligen Aussenseite; die Freundschaft und Ehe wird, so wie ein Fernrohr, durch Zusammensetzung erhobner und hohler Glaser gemacht.
Was half aber sein aufgetanes Herz? Niemand ging hinein. Liebes-schamhaft harrte er, dass Vult nur eine Viertels-Elle von einer weissen Friedensfahne flattern liesse, um sogleich mit Liebesaugen in die fremde Seele einzuziehen; aber nicht einen Fingerbreit davon streckte dieser aus, sondern er schickte ihm Ausschweifungen fur den Hoppelpoppel ohne ein Wort dazu. Walt sandte ihm mehrere Kapitel, die er in seinem Herzenskloster um so leichter aufgesetzt, da ihn Passvogel noch immer auf den ersten Korrekturbogen warten liess, so wie die Stadt ihn auf irgendein Notariats-Instrument, das ihn hatte storen und bereichern konnen. Ihnen fugt' er bloss zwei Streckverse bei:
I
Meine ganze Seele weint' denn ich bin allein; meine ganze Seele weint, mein Bruder!
II
Ich sah dich und liebte dich. Ich sah dich nicht mehr und liebte dich. So muss ich dich immer lieben, ich mag nun frohlocken oder weinen tief im Herz. Einen Tag darauf schickte ihm Vult die ausgearbeitetsten Ausschweifungen zu und gedachte des Genusses kurz, den ihm jetzt Walts Hoppelpoppel oder das Herz zufuhre, da jedes Kapitel mit wahrer Kunstwarme erschaffen sei und uberfeilt und schrieb noch, er selber schreibe zwar eifriger als je, durfe aber nicht entscheiden, wie glucklich und schrieb weiter nichts. "Nun denk' ich", sagte Walt zu sich, "weiss ich recht gut, woran ich bin, ich bin fast sehr unglucklich es ist vorbei mit dem Himmel, der sich hier auftat fur mein Armen-Auge Auf ewig ist mir der Bruder begraben und eingesenkt Tritt er etwan einmal vor mich, so, weiss ich wohl, ists ein Antlitz grimmig verzogen, und mich wird schaudern durch mein Herz. O mein Bruder, wie schon war es einst, als ich dich noch umarmte und zwar weinen musste, aber ganz anders!"
Darauf schrieb er wieder ein gutes Kapitel am Romane, schickt' es ihm mit folgendem, hier ganz mitzuteilendem Briefe:
Bruder!
Hier!
Dein Bruder
G.
Vult versetzte nichts darauf. Gottwalt erzurnte sich nach der Tertien-Uhr; dann hatt' er wieder lieb nach der Turm-Uhr. Nur die Traume drangen mit ihren greulichen aufgerissenen Larven in seinen Schlaf, jede musste wie ein Bruder aussehen, der ihn marterte auf einer unabsehlichen Folterleiter, auf der er ausgespannt lag von Stern zu Stern.
An einem November-Nachmittage ging er in das Wirtshaus zum Wirtshaus, wo er ihn, wie bekannt, nach einem langen Lebens-Winter gefunden hatte, wie einen Mai. Der herrnhutische Wirt prugelte eben, da er eintrat, die Wirtin aus dem Gasthofe hinaus, warf ihr seinen Jungen nach und schrie: war' er kein Christ, so wurd' er sie anders behandeln; so eben zahm' er sich, und kein boses Wort komme aus seinem Maule. Walten kannt' er gar nicht mehr, als dieser um das vorige, jetzt zugemauerte Oberzimmer anhielt, wo er im Juli geschlafen hatte. Teils Wurste, teils Flachs auf Stroh waren darin auseinandergebreitet.
Er entfloh auf den herrnhutischen Gottesacker, wo er einstens, als die Sonne unter und der Bruder aufging, so froh und so neu geworden. Aber die Baume waren, anstatt begrabne Gerippe laubig zu bedecken, selber steilrechte geworden dabei schneiete es regnerisch mehr das Gewolke als die Sonne ging unter und Abend und Nacht waren schwer zu sondern. Der Notarius sah aus wie der eben regierende November, der, noch weit mehr dem Teufel als dem April ahnlich, nie ohne die verdrusslichsten Folgen abtritt.
Von da trug er sich verarmet fern von jenem reichen Morgen, wo er neben dem reitenden Vater zu Fusse hergelaufen zuruck in die Stadt. Als er uber die kalt wehende Brucke ging und nichts um ihn war als die ode dunkle Nacht: so flogen zwei dicke Wolken auseinander der helle Mond lag wie eine Silberkugel einem weissen Wolkengeburge im Schoss, und der lange Strom wand sich erleuchtet hinab. Auf dem Wasser kam etwas herabgeschwommen wie ein Hut und ein Armel. "Geht es durch die Brucke unter mir durch", sagte Walt, "so nehm' ichs fur ein Zeichen, dass auch mein Bruder so von mir dahin geht; stosst es sich an die Pfeiler, so bedeutet es etwas Gutes." Er fuhr zusammen, da es unten wieder hervorkam; endlich fiel ihm ein, dass wohl gar ein ertrunkener Mensch unter ihm ziehen konne, ja Vult selber. Er sprang herunter ans Ufer herum, wo sich das schwimmende Wesen in eine Bucht voll Buschwurzeln verfangen hatte. Muhsam und zitternd hob er mit seinem Stabe einen leeren Armel, dann noch einen und darauf gar noch einige auf, bis er sehr sah, dass das Ganze nichts sei als eine ins Wasser geworfene, von der Jahrszeit abgedankte Vogelscheuche.
Aber ein Schauder dauert langer als sein Anlass oder Irrtum; er ging, noch sorgend fur den Bruder, in dessen Wohngasse, als seine Flote schon von ferne herauftonte und wie die Flut alle die offnen rauhen Klippen der Welt mit einem weichen Meer zudeckte. Der elende November, der herrnhutische Wirt, die Vogelscheuche und die leere Ebbe des Lebens gingen nun unter in schonen Wogen. Walt trat, weils finster war denn am Tage schauete er nur die lange Gasse hinab , dicht vor Vults Haus, obwohl in die MondsSchatten-Seite. Er druckte den Turdrucker wie eine Hand, weil er wusste, wie oft ihn die bruderliche musste angefasst haben. Vult, dies merkte er aus dem Schatten und dem Lichtschimmer gegenuber, musste mit dem Notenpulte nah' am Fenster stehen. Als wieder ein langer Wolkenschatten die Gasse heraufflog: schritt er queruber und guckte hinauf und sah hinter dem erleuchteten Notenpulte das so lange begehrte Gesicht; und weinte bitter. Er ging an ein grosses rotes Tor seitwarts, worauf Vults Schattenriss, aber greulich auseinandergezogen wie ein angenagelter Raubvogel, hing und kusste etwas vom Schatten, aber mit einiger Muhe, weil sein eigner viel verdeckte.
Gern war' er jetzt zu ihm hinaufgegangen mit der alten Bruder-Brust an sein Herz; aber er sagte: "Blies' ich selber droben, o so weiss ich alles wohl nein, es gabe fur mich kein fremdes Herz; aber er ist fast immer das Widerspiel seines Spiels und oft fast hart, wenn er sehr weich dahinflotet. Ich will ihn in seiner Geister-Lust nicht storen, sondern lieber manches zu Papier bringen und morgen schicken."
Er tats zu Hause, die Flotentone des Bruders fielen schon in das Rauschen seiner Gefuhle ein er versiegelte einen geistigen Sturm. Er legte dem Sturm zwei Polymeter uber den Tropfstein bei, dessen Saulen und Bildungen bekanntlich aus weichen Tropfen erstarren.
Erster Polymeter
Weich sinkt der Tropfen im Hohlen-Gebirge, aber hart und zackig und scharf verewigt er sich. Schoner ist die Menschen-Trane. Sie durchschneidet das Auge, das sie wund gebiert; aber der geweinte Diamant wird endlich weich, das Auge sieht sich um nach ihm, und er ist der Tau in einer Blume.
Zweiter
Blick' in die Hohle, wo kleine stumme Zahren den Glanz des Himmels und die Tempelsaulen der Erde spielend nachschaffen. Auch deine Tranen und Schmerzen, o Mensch, werden einst schimmern wie Sterne und werden dich tragen als Pfeiler.
Vult antwortete darauf: "Mundlich das ubrige, Lieber! Wie mich unser so wacker gefodertes Schreiben freut, weisst Du besser als ich selber." "So hol' ihn der Henker", sagte Walt, "ich habe mehr eingebusst als er, denn ich lieb' ihn ganz anders." Er war nun so unglucklich, als es die Liebe auf der Erde sein kann. Er webte ganz entblosst von Menschen und Geschaften seinen Roman fort, als das einzige dunne leichte Band, das sich noch aus seiner Stube in die bruderliche spannen liess.
An einem Abende, als der ausgewachsene reife Mond gar zu hell und losend schien, bedacht' er, ob es denn nicht schicklich sei, ordentlich Abschied zu nehmen. Er schrieb folgendes Briefchen:
"Empfange mich nicht Ubel, wenn ich diesen Abend um 7 Uhr komme. Wahrlich, ich nehme nur Abschied; alles wird auf der Erde ohne Abschied auseinandergesturmt; aber der Mensch nimmt seinen von einem Menschen, wenn er kann, wenn kein MeerSturm, wenn kein Erdbeben die Seelen-Nachsten plotzlich zerwirft. Sei wie ich, Vult; ich will Dich nur wiedersehen und dann nicht langer. Antworte nur aber nicht; weil ich mich furchte."
Er bekam auch keine Antwort und wurde noch furchtsamer und trauriger. Er ging abends, aber ihm war, als sei der Abschied schon vorbei. In Vults Stube war Licht. Welche Burde trug er die Treppe hinauf, nicht um sie oben abzuladen, sondern zu verdoppeln! Aber niemand sagte: komm herein! Das Zimmer war ausgeleert, die Kammerture offen auf einem Stalleuchter wollte ein sterbendes Licht verscheiden die Bettstelle beherbergte, gleich einer Scheune, nur fatales Stroh verzettelte Papier-Spane, Brief-Umschlage, zerschnittene Floten-Arien bildeten den Bodensatz verlaufener Tage es war das Gebeinhaus oder Gebeinzimmer eines Menschen.
Walt dachte im ersten Unsinn des Schreckens, Vult konne, wenn nicht damals, doch spater, im Wasser gelegen sein, und griff alle Papier-Reliquien mit gross tropfenden Augen halb unbewusst zusammen. Auf einmal rief die bassstimmige Frau des Theaterschneiders herauf, wer droben umtrabe. "Harnisch", versetzt' er. Da fuhr sie die Treppe herauf und schalt: das sei Harnischens Stimme nicht. Als sie ihn gar im Finstern sah denn er hatte das sterbende Licht getotet, weil jede Nacht besser ist, so wie der Tod besser als Sterben , so musst' er sich mit der Theaterschneiderin in ein anzugliches Hand-, namlich Wortgemenge uber seine Diebs-Tendenzen einlassen und zuletzt uber sein Lugen. Denn er hatte sich in der Eile fur Vults dasigen Bruder ausgegeben und doch gefragt, wohin Vult gekommen sei.
Verworren und gescholten wanderte er seiner Stube zu und schlich auf den Treppen voll Lichter und Leute der Hofagent gab einen tanzenden Tee gebuckt hinauf.
Da fand er sein Zimmer aufgetan und einen Mann darin mit Hammern arbeitend, um sich gut einzurichten in seiner neuen Wohnung. Es war Vult.
"Erwunschter", sagte Vult und nagelte an einer Theaterwand fort. "Aber guten Abend! Erwunschter, meint' ich namlich, kann mir nichts kommen, als du endlich kommst. Schon seit Schlag sieben vexier' ich mich ab, um alles aufs beste aufzustellen und etwa so einzurichten, dass keiner von uns nachher brumme oder grunze; unterstutze mich aber dabei, bei der gemeinschaftlichen Einrichtung, und hilf! Du siehst mich so an, Walt?"
"Vult? Wie? Sprich nur!" sagte Walt. "Es konnte doch etwas Himmlisches sein! Und sei nur von Herzen willkommen!" Hier lief er mit Kuss und Umhalsen an ihn; Vult konnte aber, da er in der einen Hand den Nagel hielt, in der andern den Hammer, nichts dazu ablassen als Gesicht und Hals und antwortete: "Die Hauptsache ist wohl, dass du jetzt ein vernunftiges Wort daruber horen lassest, wie die Sachen zu traktieren sind fur beiderseitige Lust. Denn ist einmal alles festgenagelt: so anderts der Mensch ungern. Mich deucht aber, so besitzest und beherrschest du gerade das eine Fenster und fast druber, und ich das andere; ein drittes fehlt."
"Ich weiss wahrlich nicht, was du vorhast, aber mache nur alles und sage dann, was es ist", sagte Walt. "So muss ich dich gar nicht verstehen", versetzte Vult, "oder du mich nicht. Solltest du kein Briefchen von mir erhalten haben?" sagte Vult. "Nein", sagte er.
"Ich meine das heutige", fragte jener fort, "worin ich schrieb, ich wurde dein Schweigen fur ein Ja auf meine Bitte nehmen, dass wir doch mochten zusammen wie ein Vogelpaar ein Nest oder Quartier bewohnen, dieses namlich? Wie?" "Nichts (sagte Walt). Aber du willst dies? O warum traut' ich denn deinem Gemute weniger? Gott zuchtige mich dafur! O wie bist du!"
"In diesem Falle muss ich das Blatt noch in der Tasche tragen", versetzte Vult und zog es hervor; "zuvorderst mussen wir aber unsern Stuben-Etat fur den Winter ins reine und aufs trockne bringen; denn, Freund, leichter vertragt sich ein Simultaneum von Religionsparteien in einer Kirche als eines von Zwillingen in einer Stube, wie sie denn schon als kleine Kraken nicht einmal im Mutterleibe es ein Jahr lang ausdauern, sondern sich sondern. Mein Wunsch ist allerdings, dass die Feuermauer, die ich zwischen uns Flammen gezogen und die Buhnenwand langt zum Gluck so nett , uns korperlich genug abtrenne, um uns nicht geistig zu trennen. Die Scheidewand ist auf deiner Seite mit einer schonen Reihe Palaste ubermalt, auf der meinigen ist ein arkadisches Dorf hingeschmiert, und ich stosse nur dieses Palast-Fenster auf, so seh' ich dich von meinem Schreibtische an deinem. Reden konnen wir ohnehin durch die Mauer und Stadt hindurch."
"Das ist ja kostlich", sagte Walt.
"Wir arbeiten dann in unserm Doppel-Kafig am Hoppelpoppel Tag und Nacht, weil der Winter fur Autoren und Kreuzschnabel die beste Zeit zum Bruten ist, und wir darin und die schwarze Nieswurz (was sind wir anders als Nieswurz der Welt?) im Froste bluhen."
"O herrlich", sagte Walt.
"Denn ich muss leider bekennen, dass ich bisher aus einer Ausschweifung in die andere, namlich aus spasshaften in reelle geraten und in der Tat wenig gegeben. So aber werden wir beide schreiben und dichten, dass wir rauchen; nur fur Bucher und Manuskripte wird gelebt, namlich von Honorarien. In 14 Tagen, mein guter Freund, kann schon ein sehr hubscher Aktenstoss an einen Verleger ablaufen vom Stapel."
"O gottlich", sagte Walt.
"Falls ein solches gemeinschaftliches Zusammenbruten in einem Neste ich als Tauber, du als Taubin nicht am Ende einen Phonix oder sonst ein Flugel-Werk aussitzen kann, das sich vor der Nachwelt so gut sehen lasset, dass sie ihre Vorwelt fragt, wer beide Bruder waren, wie lang, wie breit, wie sie gegessen, genieset, und was die Gebruder sonst fur Sitten und Mobeln und Narrheiten gehabt; wenn das, sag' ich, nicht der Fall bei uns sein soll: so will ich nicht im Ernste gesprochen haben."
"Ach du schoner Gott", rief Walt mit Freudenblikken.
"Fressen will ich meine Zunge vor Hunger und, wie man von Bomben sagt, krepieren, creper, wenn wir uns hier nicht lange vorher lieben, eh' wir uns zanken, kurz uberhaupt nicht Sachen vorfallen, wovon in Zukunft ein Mehreres mundlich." "Bei Gott, du gibst mir neues Leben", sagte Walt. "Haltst du es aber genehm", sagte Vult und fuhrte ihn in die Schlafkammer, "dass ich unsere Bettstellen durch die spanische Wand fur die spanischen Schlosser der Traume quer geschieden halte? Ich sehe sie aber mehr fur einen alten Bettschirm an."
"Du kennst daruber meine Grundsatze", sagte Walt; "ich hielt es schon in fruhern Jahren fur unschicklich, nur mit einem Freunde gymnastisch zu ringen oder ihn zu tragen, es musste denn aus Lebensgefahren sein."
Darauf zeichnete ihm Vult den ganzen Weg und engen Pass vor, worauf er hereinkommen, ferner seine Zukunfts-Karten. Schon langst hab' er, sagt' er, zu ihm ziehen wollen, teils aus Liebe fur ihn und den Hoppelpoppel, teils des halbierten Mietzinses halber, teils sonst. Neulich auf einem Spaziergange hab' er sich in die Gunst der guten Raphaela zuruckgeschwungen, mit welcher er als mit einem HebelsLangarm dann den Vater habe bewegt. Vor einer Stunde sei er mit der Theaterwand von Purzel und mit dem Koffer eingetroffen und habe den Stubenschlussel im bekannten Mausloch gefunden. "Nun erbrich aber doch mein Schreiben", beschloss er. Auf dem Umschlag stand: "An Hrn. Walt, abzugeben bei mir."
Walt bemerkte nicht, dass auf dem Briefe neben Vults Siegel auch seines stand und dass es jener alte war, worin Vult ihm in der Zukunft das nachtliche Poltern, Turen-Zuwerfen seines Polter- oder Schmollgeistes voraussagt, um nachher entschuldigt zu sein, und den wir fruher gelesen als Walt, oder vielmehr spater46. Walt glaubte eilig, er meine eine von heute an zukunftige Zukunft, und sagte, dahin komm' es nicht; aber als Vult ihm am Datum zeigte, dass eine vergangne geschildert sei: so fasste der Notar seine Hande mit beiden fest, sah ihm in die Augen und fing mit langem Ton der Ruhrung an: "Vult! Vult!" Den Flotenspieler druckte es, dass er einige Tropfen in die eignen Augen, uber die er mit den gefangnen Handen nicht hinfahren konnte, musste treten lassen: "Nun", fuhr er auf, "auch ich bin kein Kiesel; lasse mich aber auf mein Zimmer gehen und auspacken!" und fuhr hinter die Buhnenwand.
Er packte aus und stellte auf. Walt ging im seinigen auf und ab und erzahlte ihm uber die Stadt heruber seine bisherigen Versuche, ihren Seelen-TaufBund zu erneuern. Alsdann kam er wieder in den Verschlag und half ihm, sein Haus- oder Stubengerate ordnen. Er war so hulf-fertig, so freundlich-tatig, er wollte dem Bruder so viel Platz aufdringen samt Fenster Licht und Mobeln, dass Vult heimlich sich einen Narren schalt, dass er ihm den eigensinnigen Widerstand in der Flitteschen Wechselsache zu hart nachgetragen. Walt hingegen stellte seinerseits wieder heimlich den Flotenspieler ins grosste Glanzlicht, dafur dass er ihm zuliebe den Widerwillen gegen Raphaela ersticke; und nahm sich vor, alle schonen Zuge desselben unbemerkt aufzuschreiben, um sie als Rezepte nachzulesen, wenn er wieder knurren wolle. Die Gutergemeinschaft und Stuben-Verbruderung wurde auf die hellsten Grenzvertrage zuruckgebracht, damit man am Morgen gleich anfangen konnte, beisammen zu sein. Schon bemerkte Vult, man musse innerlich dem Zorne recht viel Platz machen, damit er sich abtobe und totrenne an den Gehirnwanden; dann werde ja dem Menschen nichts leichter, als mit dem gestorbenen Wolf im Herzen ein weiches Lamm zu sein aussen mit der Brust. Man konnte aber hier noch andere Bemerkungen machen, z.B.
Die starke Liebe will fur Fehler nur bestrafen und dann doch vergeben Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird: so ist daran bloss eine hassende Denkungsart uber alle Menschen schuld, die ihn dann in jedem einzelnen Falle ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht. Die hochste Liebe kennt nur Ja und Nein, keinen Mittelstand; kein Fegefeuer, nur Himmel und Holle; und doch hat sie das Ungluck, dass sie Geburten der Stimmung und des Zufalls, die nur zu Vorhimmel und Vorholle fuhren sollten, zu Pfortnerinnen von Himmels- und Hollentoren macht
Beide kleideten voreinander die eigentumlichsten Gefuhle in allgemeine Satze ein. Aber als Vult hinter dem Schirme ins Bett einstieg, sagt er: "Versetze mir nichts darauf denn ich stopfe mir eben die Ohren mit dem Kopfkissen zu , aber ich glaube selber, ich hatte dich bisher noch besser lieben konnen." "Nein, ich dich", schrie Walt.
Nr. 56. Fliegender Hering
Brief des Biographen Tagebuch
Gegenwartiger Biograph der jungen Harnische bekam nach dem Abschlusse der vorigen Nummer (des sogenannten Pfefferfrasses) von dem Hasslauer Stadtrate vier neue namlich den fliegenden Hering 56, den Regenpfeifer 57, die Giftkuttel 58 und die Notenschnecke 59 samt einem ausserst wichtigen Tagebuche Vults uber Walt. Darauf antwortete er den trefflichen Testaments-Exekutoren folgendes, was durchaus als ein Zeitstuck der Flegeljahre hereingehort.
"P. P.
Indem ich Ihnen, verehrlicher Stadtrat und Vollstrekker, die Ausarbeitung der 55sten Nummer Pfefferfrass zusende und den Empfang der vier neuesten Naturalien, der Nummern 56, 57, 58, 59, desgleichen des Vultischen Tagebuchs bescheinige: leg' ich zugleich die vier Kapitel fur das Nummern-Viereck bei, welche ich dadurch geliefert zu haben hoffe, dass ich das Vultische Tagebuch unzerzauset einwob und es durch Uberschriften in Kapitel schnitt und andere DruckerSachen anflocht, z.B. Gansefusse, um Vults jetzige Worte von meinen kunftigen zu scheiden. Man griffe ohne weiteres meinen Charakter an, wenn Sie mich deshalb etwan einen Schelm, einen Naturalien-Rauber scholten und einen Arbeits-Knauser. Sah' es ein verehrlicher Hasslauer Stadtrat etwan lieber was so unmoglich zu glauben , wenn ich den herrlichen Vult, einen zwar aussen ungemalten, aber innen schon glasierten Sauertopf, mit meinen Topferfarben umzoge? Oder kann irgendein Testament ansinnen, dass ich einem fremden Charakter etwas aus meinem eignen vorstrecke? Mich dunkt, ich und samtliche poetische Weberschaft haben oft genug bewiesen, wie gern und reich wir jedem Charakter und war' er ein Satan oder Gott von unserem leihen und zustecken. Wir gleichen am wenigsten dies durfen wir sagen jenem englischen Geizhalse, Daniel Dancer, welcher auf einen fremden Acker nichts von dem, was die Natur bei ihm ubrig hatte, wollte fallen lassen, sondern wie toll vorher auf seinen eignen rannte mit der Sache. Sondern recht freudig leihet der Romancier alles, was er hat und was er ist, seinen geschriebenen Leuten ohne das geringste Ansehen der Person und des Charakters! Folglich hatte wohl niemand Vults Tagebuch so gern umgeackert und besaet als ich, war' es notig gewesen.
Andere Grunde, z.B. Zeitmangel und Haus-Tumult, schutz' ich nicht einmal vor, weil diese sich auf personliche Vertrauungen grunden, womit man wohl schicklicher das Publikum als einen verehrlichen Stadtrat behelligt; worunter aber in jedem Falle die Nachricht gehoren wurde, dass ich gestern nach meinem Wechselfieber des Wechsels doch nur mit Stadten wieder aus Koburg abgezogen bin nach Bayreuth. Niemand muss uberhaupt die Zeit mehr sparen als einer, der fur die Ewigkeit nicht sowohl lebt das tut jeder Christ- als schreibt. Wieviel Blattseiten lasset denn die Biographia britannica unseres Ichs der Historiole des Universums ubrig? Wie ohnehin alles uns Dichter druckt, scheinen nur die alten Holzschnittschneider zu ahnen, wenn sie Bienen und Vogel diese bildlichen Verwandten unsers Honigs und unsers Flugs bloss als fliegende Kreuze zeichnen. Wer hangt an diesen Kreuzen als wir Kreuztrager, z.B.
Ihr
testierter
Biograph,
J. P. F. Richter?"
Bayreuth, den 13. August 1804. *
Jetzt geht Walts Geschichte so fort, namlich Vults Wochenbuch fangt so an: "Ich schwore hiemit mir, dass ich ein Tagebuch wenigstens auf ein Vierteljahr schreiben will; hor' ich fruher auf, so strafe mich Gott oder der Teufel. Von heute dem Tage nach dem gestrigen Einzuge geh' es an. Ja wenn mich der Gegenstand nicht ich, sondern Walt hinge, pfahlte, knebelte, zerfetzte, nach Siberien schickte, in die Bergwerke, in die zweite Welt, in die dritte, ja in die letzte: so fuhr' ich das Wochenbuch fort; und damit ich nicht wanke, so will ich mit den Fingern, die man sonst dazu aufhebt, es herschreiben:
Ich schwore.
Die Welt welche aber nie dieses Blatt bekommen soll kann sich leicht denken, uber wen das Wochenbuch gefuhret werde; nicht uber mich. Ein Tagebuch uber sich macht jeder Dinten-Mann schon an und fur sich, wenn er seine opera omnia schreibt; bei einem Schauspieler sinds die Komodienzettel; bei einem Zeitungsschreiber die Jahrgange voll Welthandel; bei einem Kaufmann das Korrespondenzbuch; bei einem Historienmaler seine historischen Stucke; Angelus de Constantio, der an seiner storia del regno di Napoli 53 Jahre verschrieb, konnte bei jeder Reichsbegebenheit sich die seinigen, obwohl nur auf 53 Jahre, denken; und so schreibt jeder Verfasser einer Weltgeschichte damit seine eigne mit unsichtbarer Dinte dazwischen, weil er an die Eroberungen, innern Unruhen und Wanderungen der Volker seine eignen herrlich knupfen kann. Wer aber nichts hat und tut, woran er seine Empfindungen bindet, als wieder Empfindungen: der nehme Lang- und Querfolio-Papier und bringe sie dazu, namlich zu Papier. Nur wird er Danaiden- und Teufelsarbeit haben: wahrend er schreibt, fallt wieder etwas in ihm vor, es sei eine Empfindung oder eine Reflexion uber das Geschriebene dies will wieder niedergeschrieben sein kurz der beste Laufer holet nicht seinen Schatten ein.
Und welch ein lumpiges knechtisches katoptrisches Nach-Leben, dieses grabes-luftige Zuruckatmen aus lauer Vergangenheit statt eines frischen Zugs aus frischer Luft! Das fluchtige Getummel wird ein Wachsfigurenkabinett, der bluhende flatternde Lebensgarten ein festes pomologisches Kabinett. Ists nicht tausendmal kluger, der Mensch ist von Gegenwart zu Gegenwart wie Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, und der frohliche Trieb tut seinen Windstoss in die Blumen und Wellen hinein, wirft Blumenstaubchen und Schiffe an ihren Ort und gahnt und stohnt nicht wieder erbarmlich zuruck?
Hingegen ein Tage- und Wochenbuch uber andere! Ich gesteh' es meinem geneigten Leser, dem guten Vult, dies ist etwas anderes; aber ich muss freilich sehen und anfangen.
Doch so viel lasset sich auch, ohne anzufangen, annehmen, dass mein Hausherrlein und Bruderlein Walt vielleicht zu einem historischen Roman (den Titel 'Tolpeljahre eines Dichters' verschwor' ich nicht) zu verbrauchen ist, namlich als Held, besonders da er eben in Liebes-Blute und vollends gegen eine Hasslichkeit47steht; wenn mich nicht der ganze neuliche Wechsel-Prozess und sein heisses Verteidigen und Beschauen ihres Gesichts und Herzens zu sehr betrugt. Nur ist durchaus erforderlich, dass ich als der Beschreiber des Lebens ihn geschickt, wie eine herkulanische Bucherrolle, auseinanderwinde und dann kopiere. Ich seh' auch nicht ein, warum ich nicht uberhaupt so gut einen gottlichen Roman schreiben sollte wie Billionen andere Leute. Mir selber ist Schriftstellerei so gleichgultig, Vult! Wie ich lebe, nicht um zu leben, sondern weil ich lebe, so schreib' ich bloss, Freund, weil ich schreibe. Worin soll denn das Ebenbild Gottes sonst bestehen, als dass man, so gut man kann, ein kleines Aseitatchen48ist und da schon Welten mehr als genug da sind wenigstens sich Schopfer taglich erschafft und geniesst, wie ein Messpriester den Hostiengott? Was ist uberhaupt Ruhm hienieden in Deutschland? Sobald ich mir nicht einen Namen machen kann, dass ich vom Niedrigsten bis zum Hochsten taglich genannt, gelobt und vor Begierde verschlungen werde diesen Namen aber hat in Deutschland weiter niemand als Broihann, namlich der erste Brauer des Broihanns , so erhebe mich doch nie ein Journal, fleh' ich. Ebensogern als einer Vergrosserung durch dasselbe will ich einem Erzengel zu Gebote stehen, welcher mit einem mittelmassigen Sonnen- und Weltenmikroskop auf dem Marktplatz der Stadt Gottes etwas verdienen will und daher, um andern neugierigen Markt-Engeln die Wunder Gottes und des Mikroskops zu zeigen, mich als die nachste Laus einfangt und auf den Schieber setzt mit vergrosserten Gliedmassen zum allgemeinen Bewundern und Ekeln.
Dies beiseite, so merk' ich noch fur dich besonders an, liebes Waltlein, falls du der zweite Leser dieses Wochenbuchs wurdest, wie dein Vult der erste ist in welchem Falle du aber ein ausgemachter ausgebalgter Spitzbube warest, der sein gestriges Wort brache, nie in meine Papiere zu blicken , ja ich setz es absichtlich zur Strafe der Lesung fur dich her, was ich jetzt behaupten werde, dass ich namlich dich echter zu lieben furchte, als du mich liebst. Ware dies gewiss: so ging' es schlimm. Sehr zu besorgen ist, mein' ich, dass du ob du gleich sonst wahrlich so unschuldig bist wie ein Vieh nur poetisch lieben kannst, und nicht irgendeinen Hans oder Kunz, sondern bei der grossten Kalte gegen die besten Hanse und Kunze, z.B. gegen Klothar, in ihnen nur schlecht abgeschmierte Heiligenbilder deiner innern Lebens- und Seelenbilder kniend verehrst. Ich will aber erst sehen.
Du wirst dich nicht erinnern, Waltchen, dass ich dir gestern oder heute morgen weisgemacht, dass ich nicht aus andern Grunden, sondern deinetwegen allein in deine Schweiss-, Dachs- und Windhunds-Hutte eingezogen bin. Folglich log ich nichts vor. Nur keine Luge sage der Mensch, dieser Spitzbube von Haus aus! Fast alles ist gegen einen Geist eher erlaubt, weil er gegen alles sich wehren kann, nur keine Luge, welche ihn, wie ein altromischer Henker die unmannbare Jungfrau, in der Form der innigsten Vereinigung schanden und hinrichten will.
Schauest du also so sehr spitzbubisch und ehrvergessen in dieses Journal: so erfahrst du hier nach dem vorigen Doppelpunkt, dass ich ein Narr bin und eine Narrin will, mit einem Wort, dass ich eben ein Fenster von dir wie zu einer Hinrichtung Damiens' um vieles Geld gemietet, bloss um aus dem Fenster mich selber hinzurichten, namlich hinunterzusehen in den Neupeterschen Park, wenn Wina, in die ich mich vergafft habe, zufallig mit deiner Raphaela lustwandelt. Ich freue mich darauf, wie wir beide an unsern Fenstern stehen und hinabschmachten und lacherlich sein werden. Nichts ist komischer als ein Paar Paare Verliebter; noch mehr war' es ein ganzer rechter und ein linker Flugel, der seufzend einander gegenuberstande; hingegen eine ganze Landsmannschaft von Freunden sahe nur desto edler aus.
Fur jeden ist eine Frau freilich etwas anderes; fur den einen Hausmannskost, fur den Dichter Nachtigallenfutter, fur den Maler ein Schauessen, fur Walten Himmelsbrot und Liebes- und Abendmahl, fur Weltmenschen ein indisches Vogelnest und eine pommersche Gansebrust kalte Kuche fur mich. Die Lungensucht, welche Liebende und die Warter der Seidenraupen jene wollen ja auch Seide dabei spinnen davontragen, wird mich als Seladon eher verlassen als ergreifen, weil ich so lange die lungengefahrliche Flote einstecke, als ich auf den Knien liege und spreche. Ich bin dir aber wirklich sehr gut, Wina, zumal da deine Singstimme so kanonisch ist und so rein! Aber ich will denn mein heutiges Tagebuch uber den Bruder anheben..."
Nachtrag zu Nr. 56. Der fliegende Hering
Das Vorstehende war zur Testaments-Exekution abgeschickt, als ich es von derselben dem trefflichen Kuhnold mit diesem Briefe wieder bekam: "Verehrtester Herr Legationsrat! Ich glaube nicht, dass die van der Kabelschen Erben das blosse Einheften der zugefertigten Dokumente, wie das Vultische Tagebuch ist, fur eine hinlangliche Erfullung der biographischen Bedingungen, unter welchen Ihnen das Naturalienkabinett testieret worden, nehmen werden. Und ich selber bin, gesteh' ich, mit den Vorteilen meines Geschmacks zu sehr dabei interessiert, als dass es mir gleichgultig sein sollte, Sie durch Vult verdrangt zu sehen. Ihr Feuer, Ihr Stil etc. etc. huldigen49.
Dazu steht noch vieles andere dagegen. Es kommen im Verfolge des Vultischen Tagebuchs zumal im Februar, wo er in vollen Flammen tobt Stellen vor, deren Zynismus schwerlich durch den Humor, weder vor dem poetischen noch sittlichen Richterstuhle, zu entschuldigen steht. Z.B. die am 4ten Februar, wo er sagt: 'das junge Leben als eine Sonne verschlingend verdauen und es als einen Mond kacken.' Oder da, wo er dem dezenten Bruder, um ihn zu argern, erzahlt, wie er, da er kein Wasser um sich gehabt, um es ins vertrocknete Dintenfass zu giessen, sich doch so geholfen, dass er eintunken konnte, um sein Paket Briefe, seinen 'Briefbeutel', zu schreiben. Das zweite mag eher hingehen, dass er, wenn er mit vielen Oblaten Pakete gesiegelt und doch keine Siegelpresse und keine Zeit, sondern zu viele Arbeit gehabt, sich bloss eine Zeitlang darauf gesetzt, um andere Sachen zu machen unter dem Siegeln. Es sind uberhaupt, Verehrtester, in unserer Biographie so manche Anstossigkeiten gegen den laufenden Geschmack vom Titel an bis zu den Uberschriften der meisten Kapitel , dass man ihn wohl mehr zu versohnen als zu erbittern suchen muss.
Noch einen Grund erlauben Sie mir, da er der letzte ist. Unsere Biographie soll doch, der Sache, der Kunst, der Schicklichkeit und dem Testamente gemass, mehr zu einem historischen Roman als zu einem nackten Lebenslauf ausschlagen; so dass uns nichts Verdrusslicheres begegnen konnte, als wenn man wirklich merkte, alles sei wahr. Werden wir aber dieses verhuten verzeihen Sie mein unhofliches Wir wenn wir bloss die Namen verandern, nicht aber den Stil der Akteurs? Denn wird man uns nicht auf die Spur kommen schon durch Vults unverandert geliefertes Tagebuch allein, sobald man dessen Stil mit dem Stil des Hoppelpoppels (auch dieser Titel gehort unter die Gesamt-Ruge), den die Welt gedruckt in Handen hat und dessen Verfasser seit dem neulichen Artikel im Literarischen Anzeiger jeder kennt, zusammenzuhalten anfangt? O ich furchte zu sehr.
Aber alle diese Noten storen die Verehrung nicht, womit ich ewig etc.
Kuhnold"
*
Ich antwortete folgendes: "Ich fluche, aber ich folge. Denn was half' es, den Deutschen zuzumuten und das Beispiel zu geben, nur wenigstens auf dem Druckpapier nicht einmal auf dem Reichsboden so keck zu sein, als ihre Vorfahren im 16ten, 17ten Sakul auf beiden waren? Gedachte sagen, sie hofften seitdem von den Franzosen weiter gebracht zu sein. Unser Diamant der Freiheit ist aus unserem Ringe in einen Drachenkopf gekommen, wo er nicht eher glanzen kann, als bis wir im Drachenschwanze stehen.
Ich weiss nicht, ob ich mich dunkel erklare, hoff' es aber.
Trefflichster! der Humorist hat zwar einen narrischen, widerlichen Berghabit zum Einfahren in seine Stollen; er verleibt sich zwar nach Vermogen alle Aus- und Miss-Wuchse der Menschheit ein, um das Beispiel der Missgeburten zu befolgen und zu geben, die in vorigen Jahrhunderten bloss darum mit fleischernen Fontangen, Manschetten und Pluderhosen geboren wurden, um damit der Welt, wie die Strafprediger errieten, ihre angezogenen vorzuwerfen und hiemit ware Vult entschuldigt-; aber wie gedacht, ich folge und schlage nichts ein als den alten aristotelischen Mittelsteig, der hier darin besteht, dass ich weder erzahle noch erdichte, sondern dichte; und wenn Scaliger in einem Werkchen von 8 Bogen uber seine Familie imstande war, vierhundertundneunundneunzig Verfalschungen anzubringen, wie Scioppius gut erwiesen50: so durfte in einem Werkchen von ebenso vielen Banden die Doppelzahl davon ebenso leicht als nutzlich ausfallen.
Vor dem Erraten der wahren Namen unserer Geschichte durfen wir, Hr. Burgermeister, uns nicht angstigen, da bisher fur keine von allen Stadten, die ich in meinen vielen Romanen abkonterfeiet habe, der Buschingische Name ausgespahet wurde, ungeachtet ich in einigen davon selber wohnte, sogar z.B. in Haelwebeemcebe und Efgeerenengeha.
Indes ersuch' ich die Testaments-Exekution, dass mir doch Vults Einleitung zu seinem Tagebuch samt unserem Briefwechsel daruber in den fliegenden Hering (Nr. 56) einzunehmen zugelassen werde, weil Sachen dadurch vorbereitet werden, die ohne das Tagebuch kein Mensch motivieren kann, namlich Vults schnelles Einziehen und Verlieben. Wahrlich Sie, verehrlicher Stadtrat, sind glucklich und erfahren nichts von den Vater- und Mutterbeschwerungen ertraglicher Autoren. Sie als Menschen stehen samtlich unter dem herrlichen Satze des Grundes, und der Freiheit dazu, und alles, was Sie nur machen oder sehen, bekommen Sie sogleich schon motiviert Aber Dichter haben oft die grossten Wirkungen recht gut fertig vor sich liegen, konnen aber mit allem Herumlaufen keine Ursachen dazu auftreiben, keine Vater zu den Jungfernkindern. Wie ihnen dann Kritiker mitspielen, die weniger mit als von kritischem Schweisse der hier die Krankheit, nicht die Krisis ist ihr Brot verdienen, wissen der Himmel und ich am besten. Der ich verharre etc. etc.
J. P. F. R."
*
Meiner Bitte wurde, wie man sieht, willfahren.
Nr. 57. Regenpfeifer
Doppel-Leben
"Der Himmel besteht wahrscheinlich aus ersten Tagen wiewohl die Holle auch , so sehr jauchzet mich heute dein elendes Nest an", sagte Vult beim Fruhstuck. Beide gingen in ihre Wohnungen an ihre Arbeiten nach Hause. Vult schrieb am Tagebuch ein wenig und schnitt zwei brauchbare Ausschweifungen sogleich heraus fur den Hoppelpoppel. Dann sah er aus dem Fenster und sprach zur freundlichen Raphaela herab, welche auf Vaters Befehl im Garten wachstehen musste, weil man die Bildsaulen wie die Orangerie-Kasten in die Winterquartiere trug. Da er voraussah, dass Walt ihn horen musste, so schneiete er zierlich-gefrorne Eisblumchen von Anspielungen auf Liebe, Kalte, Halbgotterchen und ganze Gottinnen hinab, welche, hofft' er, Walts und Raphaelens Warme schon zu schonen bunten Tropfen auftauen wurden. Raphaela liess ahnliche Eisblumen an seinen Scheiben anschiessen, und wurde im kalten Wetter des Gartens schon geheizt, bloss weil Vult ein Mann und ein Edelmann war. Fur manches Madchen sitze ein Ahnen-Mann auf seinem Stammbaum so entgliedert und zerschossen wie ein Schutzenvogel am dritten Tage auf der Stange, sie wird doch an ihm gern zur Konigin und will ihn erzielen. Mit einer Freude ohne Eifersucht gab sie ihm auf die Frage, wann der General mit seiner Tochter komme, die Hoffnung ihrer Nahe.
Kaum hatten die Gebruder mit grosserer Muhe wieder zu fliegen und zu scherzen angefangen im Roman: so stand Vult auf und murmelte so zu sich Walt musst' es horen : "Ich wusste nicht, warum ich nicht zu meinem einsamen Bruder einmal einen Spaziergang machte, da die Wege von hier zu ihm noch ebener und fester sind als selber in Kursachsen." Darauf offnete er das Kappfensterchen am gemalten Palaste der Buhnenwand und rief hindurch: "Kannst du mich horen? Ich hatte Lust, zu dir zu marschieren, wenn du eben allein warest." "Du Schelm, du guter", sagte Walt. Jener reisete denn um die Wand mit anderthalb Schritten und dem Wandnachbar entgegen mit vorgestrecktem Handschlag sagend: "Mich schrockt das Schneegestober draussen wenig ab, dich in deiner Einsiedelei aufzusuchen und sie vielleicht zu verwandeln in eine lachende Zweisiedelei." "Bruder", sagte Walt, vom Schreibetisch aufstehend, "konnt' ich komisch dichten oder durfte man einen Freund abschatten in Rissen und Schattenrissen: wahrlich ich schriebe jeden Schritt ab von dir. Aber ich glaube nicht, dass es sich geziemt, ein geliebtes Herz auf den poetischen Markt zur Schau zu legen. Bin ich etwa zu sehr im Schreibfeuer?"
"Nein", versetzte Vult, "auch nicht im Rechte; ists Zufall oder was, dass du in der Stube wieder ein Linker bist, und ich ein Rechter51? Aber ich muss endlich nach Hause, Alter, und da spassen vor Welt und Nachwelt." Er ging. Walt hielt es fur Pflicht, ihn auch bald zu besuchen, um ihm die Einsperrung in eine halbierte Stube ein wenig zu vergelten. Er sagte Vulten, wie heute so viele andere Zufalle sich zu ihrem Gluck vereinigten, dass z.B. der erste Schnee falle, der von jeher etwas Hausliches und Heimliches fur ihn aus der Kindheit gehabt, gleichsam die Maienblumchen des Winters und dass er heute von hier aus die ersten Drescher hore, diese Sprach- oder Spielwalzen des Winters. "Du meinst die Flegel", sagt Vult; "nur storet ihr Takt meiner Flote ihren." "Wie kommts beilaufig, mein Alter", sagte Walt, "dass ein fast so einfaltiger Vers, der den Takt von drei Dreschern nachklappen soll, etwas Anziehendes fur mich hat: 'Im Winter, mein Gunther, so drischt man das Korn; wenns kalt ist, nicht alt bist, tapfer gefrorn'?" "Es kann so sein", antwortete Vult, "dass der Vers in seiner Art vortrefflich ist und nachahmend, wer wills wissen? Oder auch, weil ihn uns unser Vater so oft aus Herrn v. Rohrs Haushaltungs-Recht vorlas. Namlich in Kursachsen hatte damals die Drescherzunft besondere Gesetze. Z.B. wer, wie du weisst, das halbe Vierte nicht nach dem Verse drasch: 'Fleisch in Topfen, lasst uns hopfen', bekam 40 Streiche mit der Wurfschaufel auf den Steiss. So wars ein Zunftartikel, dass man fur jeden Zank in der Scheune einen neuen Flegel abgeben musste; eine Strafe, welche bei literarischen Zwistigkeiten schon im Fehler selber abgefuhrt wird."
Beide hoben wieder das Schreiben an. "Ich dachte jetzt daran", rief ihm Vult aus dem Palastfensterlein, "als ich dich laut das Papier umwenden horte und innenhielt, wie von solchen Kleinigkeiten ganze europaische Stadte, fur die wir etwa arbeiten, mit ihren feinsten Empfindungen geradezu abhangen. Eine von Staub verdickte Dinte oder eine elende weisse, die sich spater schwarzt ein ahnlicher bestohlner Kaffee ein rauchender Ofen eine knuspernde Maus eine verdammte rissige Feder ein Bartscherer, der dich gerade mitten in deinem hochsten Schuss durch den Ather einseift und dir mit dem Bart die Flugel beschneidet sind das nicht lauter elende Wolkenflocken, welche einer ganzen Erde eine Sonne voll Strahlen, um einen Autor so zu nennen, verdecken konnen? Es ist ja ordentliche Fopperei der Welt. Auf der andern Seite ist es allerdings schreibe aber dann fort ebenso ermunternd und erhaben, dass der Tropfen Dinte, den du oder ich nachher aus der Feder aufs Papier im stillen hinflossen, Wasser fur die Muhlrader der Welt sein kann aushohlendes Atzwasser und Tropfbad fur das Riesengebirge der Zeit ein Riechspiritus und Hirschhorngeist fur manches Volk der Aufenthalt des Meergottes als Zeitgeistes oder sonst etwas Ahnliches dem Tropfen, womit ein Bankier oder ein Furst Stadte und Lander uberschwemmt. Gott! womit verdient man es, dass man so erhaben ist? Jetzt schreib aber."
Abends gegen vier Uhr horte Walt deutlich, dass Vult zu Floren sagte: "Eh' du uns bettest, schones Kind, so laufe zum Hrn. Notarius Harnisch, in meiner Nachbarschaft, und ich liess' ihn bitten, diesen Abend zum Tee, auf einen The marchant und bringe nur mir Licht, weil er dann keines braucht." Walt erschien, um das erstemal in seinem Leben einen Tee anders als nach Laxiermitteln zu trinken. Vult gab ihn mit Wein, den er nie vergass zu borgen. "Wenn die Alten schon den Ahorn mit Wein begossen, wieviel mehr wir den Lorbeer! Wer einen Hoppelpoppel schreibt, sollte ohnehin einen Hoppelpoppel trinken, ja er sollte beides vereinen und ein Punsch-Royalist werden, wenn du weisst, was Punch royal ist. Ich geniesse das Leben sub utraque." Beide fuhrten darauf ihre guten Diskurse, wie Menschen pflegen und sollen. Vult: "Ich sprech' unendlich gern vorher eh' ich das Gesprochne aufschreibe. Tausend Sachen lassen sich erfinden, wenn man keift und kriegt. Daher kommts vielleicht, dass man auf Akademien sich in alle Wurden und Erlaubnisse, zu lehren, nicht wie an Hofen hineinschmeichelt, sondern hineinzankt, d.h. disputiert, wozu Sprechen so notig; z.B. so bring' ich selber diesen Einfall oder den vormittagigen vom Flegel zu Papier." Walt: "Darum werden Briefe als Nachhalle der Gesprache so geschatzt." Vult: "Denn sogar zum Philosophieren ist ein zweites Menschengesicht behulflicher als eine weisse Wand- oder Papier-Seite." Walt: "O Lieber, wie hast du recht! Doch kann es nicht so sehr auf poetische Darstellungen passen als auf scherzhafte und witzige und philosophische; dir hilft Reden mehr, mir Schweigen." Vult: "Der Winter ist uberhaupt die fruchtbarste Lettern-Zeit; Schneeballen gefrieren zu Bucherballen. Hingegen, wie reiset und fliegt ein Mensch im Lenz! Hier waren Bilder leicht; aber die Ostermesse ist der beste Beweis." Walt: "Es ist, als wenn der Mensch, von neuen Bergen aus Wolken umschlossen, ohne Himmel und ohne Erde, bloss im Meer des Schnees treibend so ganz allein kein Sington und keine Farbe in der Natur ich wollte etwas sagen; namlich der Mensch muss aus Mangel ausserer Schopfung zu innerer greifen."
Vult: "Trink diese Tasse noch. O sehr wahr! Wiewohl wir heute eben nicht viel geschrieben und ich gar nichts."
Beide bedauerten nur, dass ihre so schone Gemeinschaft der Guter durch Mangel an Gutern etwas gestort wurde, indem alles, was sie von Gold in Handen hatten, sich bloss auf die Goldfinger daran einschranke. Weder Vult konnte auf dem Instrumente, das er blies, noch Walt mit den Instrumenten, die er jetzt selten zu machen bekam, sich viel verdienen. Armen-Anstalten fur beide mussten getroffen und jeder der Almosen-Pfleger des andern werden. Noch heute, ja auf der Stelle musste ein Zauberschlag von unabsehlichen Folgen getan werden; sie taten ihn im Weinfeuer mit vier Armen.
Sie schickten die ersten Kapitel und Ausschweifungen des Hoppelpoppel oder das Herz an den Magister Dyk in Leipzig zum Verlage.
Denn ein Werk kann immer mit dem hintern Ende noch in der Schneckenschale des Schreibpultes wachsen, indes das vordere mit Fuhlhornern schon auf der Poststrasse kriecht. Sie setzten ihre erste Hoffnung gutiger Annahme darum auf den Magister, weil sie glaubten, ein Buchhandler, der selber ein Gelehrter ist, habe doch immer mehr prufenden Geschmack fur Manuskripte als ein Buchhandler, der erst einen Gelehrten halt, welcher pruft.
Walt musste im Briefe auf Vults Welt-Rat sich stolz gebarden und viel begehren und sich alle Rechte der folgenden Auflagen vorbehalten. "Da Milton", setzte er hinzu"' 12 Guineen fur sein verlornes Paradies einstrich: so wollen wir, um in Leipzig zu zeigen, wie wenig wir uns ihm gleichsetzen, achtundvierzig begehren." Der Notar erstaunte, dass ein Autor, besonders er, die grosse Gewalt ausube, Papier, Druck, Format und Starke der Auflage 3000 Exemplare wurden dem Magister zu drucken erlaubt dem Verleger vorzuschreiben.
Vult trug darauf selber die Kapitel auf die sachsische Post, um, wie er sagte, einmal wieder die Welt zu sehen.
Am Tage darauf schufen beide sehr. Ein junger Autor glaubt, alles, was er auf die Post schickt, sei schon dadurch verlegt und gedruckt, und schreibt darum fleissiger. Kein Besuch, kein Fest, kein Mensch, kein Brief storte sie. Vult hatte kein Geld, und Walt war zum Sitzling geboren. Dichter bauen, wie die afrikanischen Volker, ihre Brotfelder unter Musik und nach dem Takte an. Wie oft fuhr Walt uberglucklich vom Sessel auf und durch die Stube mit der Feder in der Hand (Vult sah oben uber die spanische Wand hinein und merkt' es an) und ans Fenster und sah nichts und konnte den sussen Sturm kaum aus der Brust aufs Papier bringen und setzte sich wieder nieder! Darauf sagt' er uberfliessend: "Flote immer, mein Vult, du storest mich nicht; ich gebe gar nicht darauf acht, sondern verspure nur im allgemeinen das Ertonen vorteilhaft." "Sagt mir lieber, Ihr Kauz, von was ich jetzt auszuschweifen habe in Euerem Kapitel, damit wir beisammenbleiben!" sagte Vult.
Uber dem Essen bald auf Walts, bald auf Vults Zimmer dehnten beide die Mahlzeit in die Lange, die aus einer Portion fur zwei Menschen bestand, weil kein Wirt die zweite herborgte (was jedoch das Beisammenwohnen desto schoner motiviert), und zwar dadurch, dass sie mit hoherem Geschmacke sprachen als mit korperlichem und mehr Worte als Bissen uber die Zunge brachten. Sie rechneten aus, um wie viele Meilen die ersten Kapitel dem Magister Dyk schon naher waren, mit welchem Feuer der Hoppelpoppel ihn durchgreifen und aus allen Fugen schutteln wurde, und ob das Drucken etwa, wenn es anginge, nicht so schnell fortginge, dass mit dem Schreiben kaum nachzukommen ware. Vult bemerkte, wenn ein Romanschreiber gewiss wusste, dass er sterben wurde z.B. er brachte sich nur um , so konnt' er so seltsame herrliche Verwicklungen wagen, dass er selber kein Mittel ihrer Auflosung absahe, ausser durch seine eigne; denn jeder wurde, wenn er tot ware, die durchdachteste Entwicklung voraussetzen und darnach herumsinnen. "Weisst du denn gewiss, Walt, dass du am Leben bleibst? Sonst ware manches zu machen. Inzwischen seh' ich jetzt in unsrer Stube herum und denke daran, wie auffallend, falls wir nun beide durch unsern Hoppelpoppel uns unter Ehrenpforten und in Unsterblichkeits-Panthea hineinschrieben, unser Nest wurde gesucht und besucht werden jeden Bettel, den du an die Wand spucktest, wurde man wie aus Rousseaus Stube auf der Peters-Insel abkratzen und abdrucken die Stadt selber bekame einigen Namen, wahrscheinlich nach Ahnlichkeit von Ovidiopolis den Namen Harnischopolis Was mir aber die personliche Unsterblichkeit versauert, ist, dass mein Name nur lange wahrt, nicht lang52. O wer es wissen konnte bei der Taufschussel, dass er sich einen grossen Namen machte, wurde sich ein solcher Mann, wenn er sonst scherzt, nicht einen der ausgestrecktesten erkiesen, zum Beispiel (denn der Sinn hat nichts zu sagen) den Namen, den schon ein Muskel fuhrt, namlich Mr. Sternocleidobronchocricothyrioideus? Belesene Damen kamen zu ihm und redeten ihn an: Hr. Sternocl und konnten nicht weiter. Militars tatens nach und sagten: Hr. Sternocleido! Die Geliebte allein suchte den Namen auswendig zu konnen und liebt' ihn so lange, als sie aussprache: Teurer Mr. Sternocleidobronchocricothyrioid! Er wurde gern zitiert von Gelehrten, weil schon sein Name eine Zeile gilt vor Setzern und Kaufern. Apropos! Warum schickt denn der Sieben-Erbe Passvogel nicht den ersten Korrekturbogen, gemass allen Testaments-Klauseln in Hasslau?"
"Der Autor bessere noch an der Handschrift, liess er mir vorgestern sagen", sagte Walt. Darauf verschnauften sich beide in der Luft. Wie manchen fluchtigen Zug der hohern Stande schnappte der Notar auf der Strasse im Vorbeigehen auf fur seinen Roman! Die Art, wie ein Hasslauer Hofkavalier aus dem Wagen sprang oder wie eine Grafin aus dem Fenster sah, konnte romantisch niedergeschrieben werden und ein Mann fur tausend stehen und fallen! Diese Ubertragungs-Manier, ein Farbenkorn zu einer erhobenen Arbeit zu machen, erleichtert Bauernsohnen das Studium der hohern Stande unglaublich. Aus demselben Grunde besuchte Walt am liebsten die Hofkirche und tat die Augen auf.
Alsdann ging man nach Hause und ans Erschaffen, das so lange wahrte, bis es finster wurde. Auf die Dammerung verschoben sie um Licht zu ersparen teils weitlauftigere Gesprache, teils Flote. Wenn Vult so blies hinter der Wand und Walt so dort sass im Finstern und in den blauen Sternenhimmel sah und an den Morgen in Rosenhof dachte und an Winas Herz und Wiederkunft und unter dem mondhellen FlotenLichte sein klippenvolles Leben eine romantische Gegend wurde: o so stand er oft auf und setzte sich wieder hin, um den Bruder dadurch im Blasen nicht zu storen, dass er ihm bekannte, wie ihn jetzt die Minuten in Brautkleidern umtanzten und mit Rosenketten umflochten. Aber wenn er ausgeblasen hatte und nach der langen Polardammerung Licht kam: so sah ihn Walt forschend an und fragte froh: "Bist du zufrieden, Bruder, mit dieser sussen Enge des Lebens; und mit den Orchester-Tonen und innern Zauberbildern, die wir heute vielleicht ebenso reich, nur ungestorter, genossen haben als irgendein grosser Hof?" "Eine wahre Himmelskarte ist unser Leben", versetzte Vult, "freilich vor der Hand nur ihre weisse Kehrseite; doch einen Taler, den mir jemand auf die Karte legte, sah' ich nicht mit Unlust."
Am Morgen darauf sprach Walt von seinen schonen Aussichten auf die flotende Nachtigallen-Dammerung. Etwas muhsam wurde Vult zu einer neuen Wiederschopfung des melodischen Himmels gebracht. Aber mit desto grosserem Feuer erzahlte darauf der Notar, wie glucklich er die dammernde harmonische Horzeit angewandt habe, namlich zur Verfertigung einer Replik und eines Streckverses im Roman; der Held sei hab' er unter der Flote gedichtet getadelt worden, dass er uber das Wort einer alten, kranken, dummen Frau, welche ihn fur seine Gaben an jedem Abend in ihr Gebet eifrig einzuschliessen versprochen, sich innigst erfreuet; allein der Held habe versetzt: nicht ihres Gebetes Wirkung auf ihn ware ihm etwas, sogar wenn diese gewiss ware, sondern die auf sie selber, dass ein so frierendes Wesen doch jeden Abend in eine schone Erhebung und Erwarmung gelange. "Ist das kein wahrer Zug von mir, Vult?"
"Es ist ein wahrer von dir (sagte Vult). In der Kunst wird, wie vor der Sonne, nur das Heu warm, nicht die lebendigen Blumen." Walt verstand ihn nicht; denn oft kam es ihm vor, als finde Vult zuweilen spater den Sinn als das Wort.
Im nachsten Dammerungs-Feiertag und Feierabende, namlich im dritten, war der dritte abgeschafft, Vult griff kein Flotenloch, blies keine Note. Aber der Bruder nahm den kunstlerischen Eigensinn nicht ubel, hielt den Bruder fur so glucklich als sich und wandte nichts ein gegen einen Wechsel der Dammer-Partien. "Hab' ich denn nicht eine Luftrohre wie du, so gut zu Lauten gebohrt als die Flote? Kann ich denn dir nichts sagen, ohne das Holz ins Maul zu stecken? Diskurieren wir lieber beiderseits", sagte Vult.
In den folgenden Dammerungen kehrte dieser zur alten Sitte zuruck, hinter den Laternenanzundern die Gassen zu durchstreifen ein Abenteuer mit einer Schauspielerin zu bestehen Burgunder allein zu borgen (Walten hielt er, seit dieser ihn mit Zucker absusste, keines mehr wurdig) mit der Flote in fremde Floten auf der Gasse oder in die Kulisse einzutreten und sich endlich auf dem Kaffeehause halbtot zu argern, dass er am Ende so gut als einer sich unter die Hasslauer mische, und, allmahlich hinabgewohnt, sich mit ihnen in Gesprache verflechte, da er doch mit der festesten Verachtung im Sommer angekommen sei.
Walt blieb freudig zu Hause; er fand in den kleinsten Blumchen, die durch seinen Schnee hindurchwuchsen, so viel Honig, als er brauchte. Als die Tage abnahmen: so freuete er sich uber die Lange der Abenddammerung sowie des gestirnten Morgens; ohne dabei zu vergessen, dass er sich ebensogut, nur spater, uber die Zunahme freuen wurde. Der Mond war eigentlich sein Glucksstern, so dass er ihm in jedem Monate nicht viel weniger als 27 schone Abende oder Morgen herunterwarf; denn beinahe 14 Tage (nur die paar ersten ausgenommen) konnt' er auf dessen Wachstum bauen; von Vollmond bis zum letzten Viertel wurde ohnehin Elysiums-Schimmer, bloss spater, oft uber seinem Bette aufgetragen, und das letzte Viertel gab den Morgenstunden Silber in den Mund. Da einmal gerade in der Dammerung Ballmusik gegenuber war: so nahm er sich sein Stuck Winterlustbarkeit heraus, so gut wie einer. Die Musik drang unsichtbar, ohne den Armen-Zickzack und die Backen-Kurven des Orchesters, nur entkorpert mit seligen Geistern in sein dammerndes Stubchen. Er stellte sich zum Tanzen an, und weil es ihm an den schonsten Tanzerinnen nicht fehlte da ganze Harems und Nonnenschaften darin waren und mehrere Rosenmadchen und alles : so zog er Gottinnen von solchem Glanz zum Tanzen auf und machte mit ihnen obwohl leise, um unter seinen Fussen nicht rezensiert zu werden nach den fernen Takten, die er begleitete, so gut seine Pas, seine Seiten-, seine Vorpas zu Hopstanzen, zu Eier-, zu Schaltanzen, dass er sich vor jedem sehen lassen durfte, der nichts suchte als einen muntern Geist, der im Finstern umhersetzt. Was er in der Seligkeit zu scheuen hatte, war bloss Vults plotzlicher Eintritt.
Ihn der ohnehin nicht gewohnt war, dass er etwas hatte druckte kein Entbehren; er hatte Phantasie, welche helles Kristalisationswasser ist, ohne welches die leichtesten Formen des Lebens in Asche zerfallen.
Doch wurde sein Himmel nicht immer so phantastisch weit uber die Lufte der Erde hinausgehoben, er wurde auch zuweilen so real heruntergebaut wie ein Theater- oder ein Betthimmel. An Sonntagsgelauten, am Hofgarten, an frischer kalter Luft, an Winterkonzerten (die er unten auf der Gasse spazierend horte) hatt' er soviel Anteil als irgendeine Person mit Schlussel und Stern, der im Innern gerade beide fehlen. Ass er sein Abendbrot, so sagt' er: "Der ganze Hof isst doch jetzt auch Brot wie ich"; dabei setzte und benahm er sich zierlich und artig, um gewissermassen in guter Gesellschaft zu sitzen. An Sonntagen kauft' er in einem guten Hause sich einen der besten Borsdorfer Apfel ein und trug ihn sich abends in der Dammerung auf und sagte: "Ganz gewiss werden heute an den verschiedenen Hofen Europens Borsdorfer aufgesetzt, aber nur als seltner Nachtisch; ich aber mache gar meinen Abendtisch daraus und wenn ich mehr Leibliches begehre, du guter Gott, so erkenne ich deine Gute nicht, die mir ja in einem fort mit stillsten Freuden wie mit tiefen Quellen die Seele Uberfullt."
Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder voruberschiessende Freuden-Zweifalter dazu gehorte sogar ein erwachender gelber Schmetterling im Gartenhaus jeder Stern, der stark funkelte italienische Blumen, deren deutschen Treibscherben zwischen Schals er auf der Gasse aufgestossen eine bekranzte, zwischen Andacht und Putz gluhende Braut ein schones Kind ein Kanarienvogel in der Webergasse, der mitten im deutschen Winter in Kanarieninseln und in Sommergarten hinuberschauen liess und alles.
Flog Flora, die Bettmeisterin, mit hellen Gesangen die Treppen herauf, so horte er erste Sangerinnen fur seinen Teil.
Einst an einem Markttage hatt' er halb Italien mit einem ganzen Fruhling um sich. Der Tag schien dazu erlesen zu sein. Es war ein sehr kalter und heller Winternachmittag, worin Mucken in den schiefen Strahlen spielen, als er im Hofgarten den der gute Furst jeden Winter dem Publikum offnen liess die silbernen Schneeflocken der Baume unter der blitzenden Sonne in weisse Bluten, die den Fruhling uberluden, umdachte und darunter weiterspazierte. So plotzlich auf die Fruhlings-Insel ausgesetzt, schlug er in ihr die heitersten Wege ein. Er machte einen nahen an der Bude eines Samereienhandlers vorbei und hielt ein wenig vor dessen Budentisch, nicht um eine Dute zu kaufen wozu ihm ein Beet fehlte, da alle seine Morgen Lands nur in seinem Morgenland bestanden , sondern um den Samen von franzosischen Radiesen, Maienruben, bunten Feuerbohnen, Zuckererbsen, Kapuzinersalat, gelbem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und auf diese Weise (nach Vults Ausdruck, glaub' ich) einen Vorfruhling zu schnupfen. In der Tat geht unter allen Sinnen-Wegen keiner so offen und kurz in das fest zugebauete Gehirn als der durch die Nasenhohlen.
Darauf holte er sich beim Bucherverleiher vieles, was er von guten Werken uber Schmetterlinge, Blumen- und Feldbau erwischen konnte und las aufmerksam in den Werken, um sich die Lenz-Sachen vorzustellen, die darin auftraten. Bloss das Okonomische, Botanische und Naturhistorische uberhupfte er ohne besondern Verstand und Eindruck, weil er auf wichtigere Dinge zu merken hatte.
Als der Bruder fort war, stand gerade die Abendrote am Himmel und auf dem Schneegeburg, dieses Vorstuck Aurorens, dieser ewige Widerschein des Fruhlings.
Uber das Haus heruber war schon das Mondsviertel geruckt und konnte, nicht weit von der Rote, zugleich mit ihr in sein Stubchen kleine Farben und Strahlen werfen. "Wenn nicht der Winter nur eine langere Polar-Morgenrote des Fruhlings fur die Menschen ist", sagt' er, indem er aufstand, "so weiss ich in der Tat nicht was sonst." Der ganze Nachmittag war voll Fruhling gewesen und jetzt in der Abendstunde quoll gar ein Nachtigallenschlag wie aus einem aussern Blutenhain in seinen innern heruber. Er nahm einen Judenjungen, der im nachsten Wirtshaus schlug, fur eine wahre Nachtigall. Ein unmerklicher Irrtum, da die Philomele, die uns singt, eigentlich doch nirgends sitzt und nistet als in unserer Brust! Schnell, wie von einem Zauberer, wurden die steilen Felsenwande seiner Lage umher mit Efeu und mit Blumchen uberzogen. Der Mond kam heller herein, und Walt stand und ging mitten in seinem leisen Glanze traumend betend, es war ihm, als hoben und hielten ihn die geraden Strahlen und als habe er jeden gemeinen Gegenstand im Zimmer oder auf der Gasse mit Festtapeten zu verhullen, damit der Himmel nur Himmlisches auch auf der Erde beruhre. "So war es gerade einst", sang er mehrmals, auf jenen Abend deutend, wo er neben Winas Zimmer mondstill auf und ab ging. Ja er improvisierte singend den Polymeter: "Liebst du mich?" fragte der Jungling die Geliebte jeden Morgen; aber sie sah errotet nieder und schwieg. Sie wurde bleicher, und er fragte wieder, aber sie wurde rot und schwieg. Einst, als sie im Sterben war, kam er wieder und fragte, aber nur aus Schmerz: "Liebst du mich nicht?" und sie sagte ja und starb. Er versang sich immer tiefer in sein Herz Zeit und Welt verschwand er spielte wie eine sterbende Ephemere suss in den hellern Strahlen des Mondes und unter Mondsstaubchen : da kam Vult heiter zuruck und brachte die Nachricht, Wina sei angekommen, deckte aber sogleich deren Wert fur ihn selber durch eine zweite lustige zu (und lachte stark): dass er namlich, sagt' er, im Vorbeigehen zu seinem Schuster gegangen, um ihn zu fragen, ob er denn seit 14 Tagen keinen 15ten gefunden, um die Rehabilitierung, Palingenesie, Petersensche Wiederbringung seiner Stiefel (so drucke mancher leider ihr Besohlen aus) zu vollenden; er habe ihn aber nicht eher als auf dem Ruckwege gefunden, wo er auffallend ihm immer rechts in die Schattenseite ausgebogen; bis er nach langem Predigen gesehen, dass der Mann die Stiefel, welche der Busstext der Kasualrede waren, an den Beinen bei sich habe und herumtrage, um sie erst noch etwas abzutreten, bevor er sie flicke. "War dieser Spass, der noch dazu voll Anspielungen steckt, nicht soviel wert als das beste Paar Stiefel selber?" "Ist er denn so sonderlich?" sagte Walt. "Warum", fragte Vult besturzt, "siehst du so sonderbar aus? Warest du traurig?" "Ich war selig, und jetzt bin ichs noch mehr", versetzte Walt, ohne sich weiter zu erklaren. Die hochste Entzuckung macht ernst wie ein Schmerz, und der Mensch ist in ihr eine stille Scheinleiche mit blassem Gesicht, aber innen voll uberirdischer Traume.
Nr. 58. Giftkuttel
Erinnerungen
Der Notarius erwartete am Morgen nichts Geringeres und Gewisseres als einen Bedienten ausser Atem, der ihn eilig vor das Schreibepult des Generals bestellte. Nichts kam. Der Mittelmann glaubt, die Obermanner stehen darum auf den hohern Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu uberschauen; indes er selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern seines Vorsteigers heftet: und so alle auf und ab. Die mittleren Stande haben den hohern keine andere Vergesslichkeit schuld zu geben als die, welche die niedern wieder ihnen vorwerfen.
Die Dammerung konnte Vult kaum erwarten, um ein Dammerungsfalter zu werden und auszuflattern; Walt zahlte ebenso stark darauf, um ein Dammerungs-, ein Nacht- und ein Tagfalter zugleich zu sein, aber nur geistig und nur daheim.
Himmel! er wurd' es so sehr! Denn als Vult ganz spat und nicht in bester Laune nach Hause kam, fand er Walten hingegen darin, namlich in bester feurig schreitend fast verjungt, ja verkindlicht so dass er ihn fragte: "Du hast, ich schwore, heute Gesellschaft gehabt oder gesehen, und zwar die angenehmste, nur weiss ich nicht welche. (Er meinte heimlich Raphaela.) Oder hat der Magister Dyk gut geschrieben?"
"Ich erinnerte mich", versetzte Walt, "den ganzen Abend fort, und zwar der Kindheit; denn sonst hatt' ich noch nichts." "Lehre mich diese Gedachtniskunst", sagte Vult. "Das Schulmeisterlein Wutz von J. P. macht' es wie ich, so wunderbar errat ein Dichter das Geheimste. Ich mochte wohl tagelang uber die kleinen Fruhlingsblumchen der ersten Lebenszeit reden und horen. Im Alter, wo man ohnehin ein zweites Kind ist, durfte man sich gewiss erlauben, ein erstes zu sein und lange zuruckzuschauen ins Lebens-Fruhrot hinein. Dir offenbar' ichs gern, dass ich mir hohere Wesen, z.B. Engel, ordentlich weniger selig aus Mangel an Kindheit denken kann, wiewohl Gott vielleicht keinem Wesen irgendeine Kindheitsoder Vergissmeinnichts- Zeit mag abgeschlagen haben, da sogar Jesus selber ein Kind war bei seiner Geburt. Besteht denn nicht das gute Kinderleben nur aus Lust und Hoffnung, Bruder, und die Fruhregen der Tranen fliegen daruber nur fluchtig hin?"
"Fruh-Regen und alter Weiber Tanze und so weiter namlich junge Not und alte Lust und so weiter. Fall' ich noch in den Zeitpunkt deiner versus memoriales?" sagte Vult.
"Wahrlich, stets hob ich in Leipzig und hier nur Tage dazu heraus, wo du noch nicht mit dem Musikus entlaufen warst."
"So erinnere dich deines heutigen Erinnerns wieder vor mir", bat Vult; "ich stehe dir mit neuen Zugen bei."
"Ein neuer Zug aus der Kindheit ist ein goldnes Geschenk", sagte Walt "nur wirst du manches zu kindisch finden. ('Kindisch bloss', sagte Vult.) Ich nahm heute zwei Tage, nahe am kurzesten und langsten.
Der erste Tag fiel in die Adventszeit. Schon dieser Name und der andere 'Adventsvogel' umfliegt mich wie ein Luftchen. Im Winter ist ein Dorf schon, man kann es mehr uberschauen, weil man mehr darin beisammen bleibt. Nimm nur den Montag. Schon den ganzen Sonntag freuete ich mich auf die Schule am Montag. Jedes Kind musste um 7 Uhr bei Sternenschein mit seinem Lichtchen kommen; ich und du hatten schon bemalte von Wachs. Vielleicht mit zu grossem Stolze trug ich einen Quartband, einige Oktavbande und ein Sedez-Werkchen unter dem Arm."
"Ich weiss", sagte Vult, "du holtest der Mutter noch Semmel aus dem Wirtshause, als du schon den Markus und seinen Ochsen griechisch exponiertest."
"Dann fing die schone Welt des Singens und Lehrens in der sussen Schulstubenwarme an. Wir grossen Schuler waren hoch uber die kleinen erhoben; dafur hatten die Abc-Zwerge das Recht und es war ihnen zu gonnen , dass sie den Kandidaten laut anreden und ohne Anstand ein wenig aufstehen und herumgehen durften.
Wenn er nun entweder die Spezialkarte aufhing und wir am meisten froh waren, dass Hasslau und Elterlein und die umliegenden Dorfschaften daraufstanden oder wenn er von den Sternen sprach und sie bevolkerte und ich voraussah, dass ich abends den Eltern und Knechten dasselbe erweisen wurde oder wenn er uns laut vorlesen hiess: "
"Du weisst", fiel Vult ein, "dass ich dann das Wort Sakrament, er mochte sagen, was er wollte, immer mit einem Akzent herlas, als ob ich fluchte, desgleichen Donnerwetter. Auch war ich der einzige, der ins laute gemeinschaftliche Abbeten eine Art 3/8 Takt zu bringen versuchte."
"Ich hatte dem arbeitsamen Manne so gern Entzukkungen gegeben, wenn ich sie gehabt hatte. Ich betete oft ein leises Vaterunser, damit Gott ihn einen Finken, wenn er hinter seinem Kloben lauerte, darauf fangen liesse; und du wirst dich erinnern, dass ich stets die Schlachtschussel mit Fleisch (du aber nur den Suppentopf) zu ihm trug. Wie ich mich auf das nachste Wiedersehen in der Schule freuete!"
"Wer mich hart gegen den Schulmeister findet", sagte Vult, "dem halt' ich bloss vor, dass mir der Schulmann einmal eine angerauchte Pfeife abpfandete und sie in derselben Schulstube offentlich vor meiner Nase gar ausrauchte. Heisst dies exemplarischer Lebenswandel von Schulmeistern? Oder etwa dies, dass sie Fischchen-Fangen und Vogel-Stellen uns Scholaren sprichwortlich verbieten, wie Fursten die Wagspiele, sich aber selber erlauben? Daruber mocht ich einmal Manner in offentlichen Blattern horen."
"O die liebe erste Schulzeit! Mir war alles erwunscht, was gelehrt und geboten wurde, die kleinste Wissenschaft war ja ganz voll Neuigkeiten, indes ihr jetzt in Messen nur einige nachwachsen. Kam nun vollends der Pfarrer mit den grossen Augenbraunen im Priesterornat und verdunkelte doch den Kandidaten, wie ein Kaiser oder Papst einen Landesregenten, den er besucht: wie suss-schauerlich! Wie gross fiel jeder Laut seiner Bassstimme! Wie wollte man das Hochste werden! Wie wurde jedes Wort unsers Schomakers dreifach besiegelt durch seines!
Ich glaube, man ist schon darum in der Kindheit glucklicher als im Alter, weil es in ihr leichter wird, einen grossen Mann zu finden und zu wahnen; ein geglaubter grosser Mensch ist doch der einzige Vorschmack des Himmels."
"Insofern", sagte Vult, "mocht' ich ein Kind sein, bloss um zu bewundern, weil man damit sich so gut kitzelt als andere. Ja ich mochte als ein Fotus mit Spinnenarmen an die Welt treten, um die Wehmutter als eine Juno Ludovisi anzustaunen. Ein Floh findet leicht seinen Elefanten; ist man hingegen alter, so bewundert man am Ende keinen Hund mehr. Doch muss ich dir bekennen, dass ich schon damals unserem knurrenden Pfarrer Gelbkoppel aus seiner Kragen-Glorie einige Strahlen ausrupfte. Ich hatte, wie gewohnlich, ein Buch unter die Schultafel in der Absicht fallen lassen, hinunterzukriechen und drunten die Fruchtschnur von Hangfussen am Bank-Galgen lacherlich zu finden: als ich auch Gelbkoppels Wochen-Stiefel auf dem Boden antraf und durch den aufklaffenden Priesterrock die Hosen, die er bei dem Grummet-Aufladen angehabt, zu Gesicht bekam weg war seine ganze oben darauf gepelzte Wurde Der Mensch, wenigstens der Apostel, sei aus einem Stuck gekleidet, er sei kein halber Aposteltag, Walt!"
"Vult, bist du dergleichen nicht fast in mancher Bemerkung? Nun kam 11 Uhr heran, wo wir beide auf den Turm zum Lauten und Uhr-Aufziehen gehen durften. Ich weiss noch gut, wie du dich oben auf dem Glockenstuhl an das Seil der ausschwankenden Glokke hingst, um geschwungen zu werden, obgleich viele dir sagten, sie werfe dich durch das Schalloch. Ich hatte selber hindurchfliegen mogen, wenn ich so hinaussah uber das ganze kreuzweis gebahnte Dorf voll larmender Dreschtennen und an die dunkle Bergstrasse nach der Stadt und uber den weiten Schnee- Glanz auf allen Hugeln und Wiesen und dabei den blauen Himmel daruber her! Doch damals war der Erde der Himmel nicht sehr notig. Hinter mir hatt' ich die ernsthafte Glocke mit ihrer eiskalten Zunge und mit ihrem Hammer, und ich dachte mir es schauerlich, wie sie einsam in der frostigen Mitternacht zu mir ins tiefe Haus und warme Bette hinab reden werde. Ihr Summen und Aussummen in dieser Nahe umfloss den Geist mit einem sturmenden Meere, und alle drei Zeiten des Lebens schienen darin untereinander zu wogen."
"Bei Gott! Hier hast du recht, Walt. Nie hor' ich dieses Tonbrausen ohne Schauder und ohne den Gedanken, dass der Muller erwacht, sobald die rauschende Muhle stillsteht, unser Leib mit seiner Holz- und Wasserwelt; indes ergotzt die Betrachtung schlecht fur den Augenblick."
"Nimm nicht dein ernstes Herz so wieder zuruck, Bruder! Sollt' ich dein Gleichnis wieder mit einem beantworten, so wurd' ich sagen, diese Stille sei die auf dem Gipfel des Gotthardsberges Alles ist dort stumm, kein Vogel und kein Luftchen zu horen, jener findet keinen Zweig, dieses kein Blatt; aber eine gewaltige Welt liegt unter dir, und der unendliche Himmel mit allen ubrigen Welten umfangt dich rings. Willst du jetzt weitergehen in unserer Kindheit oder lieber morgen?"
"Jetzt, besonders jetzt. Der Kindheit werf' ich nichts vor als zuweilen Eltern. Wir stiegen also beide die langen Turmtreppen herunter "
" und im elterlichen Hause wurden wir durch die reinlichgeordnete Mittags-Welt erfreuet an der Stelle der truben Morgenstube; uberall Sonnenschein und Aufordnung. Da aber der Vater in der Stadt war und also das Mittagbrot schlechter und spater: so liess ich mir es bis nach der Schule aufheben, weil ich nicht zu spat in diese kommen wollte, und weil mir jetzt aus der Ferne durchs Fenster schon Kameraden und Lehrer wieder neu erschienen.
In der Schulstube grusste man die unveranderten Banke als neu, weil man selber verandert ist. Ein Schul-Nachmittag ist, glaub' ich, hauslicher, auch wegen der Aussicht, abends zu Hause und noch hauslicher zu bleiben. Ich freute mich auf das ungewohnliche Allein-Essen und auf den Vater mit seinen Sachen aus der Stadt. Ein ganzer Wolkenhimmel von Schneeflocken wirbelte herunter, und wir Schuler sahen es gern, dass wir kaum mehr die kleine Bibel lesen konnten in der ohnehin dunkeln traulichen Schulstube.
Draussen nun sprang jeder in neu-gefallnen Schnee sehr lustig mit den lange mussigen Gliedmassen. Du warfst deine Bucher ins Haus und bliebst weg bis zum Gebetlauten; denn die Mutter erlaubte dir das Austoben am meisten in Absein des Vaters. Ich folgte dir selten. Der Himmel weiss, warum ich stets kindischer, ausgelassener, hupfender, unbeholfen-eckiger war als du ich machte meine Kinds- oder Narrenstreiche allein, du machtest deine als Befehlshaber fremder mit."
"Ich war zum Geschaftsmann geboren, Walt!"
"Aber in der Vesper las ich lieber. Ich hatte erstlich meinen Orbis pictus, der, wie eine Iliade, das Menschen-Treiben auseinanderblatterte. Ich hatte auf dem Gesimse auch viele Beschreibungen, teils vom Nordpol, teils von alter Norden-Zeit, z.B. die fruhesten Kriege der Skandinavier usw., und je grimmig-kalter ich alles in den geographischen Buchern fand oder je wilder in den historischen: deso hauslicher und bequemer wurde mir. Noch kommt mir die altnordische Geschichte wie meine Kindheit vor, aber die griechische, indische, romische mehr wie eine Zukunft.
In der Dammerung verflatterte das Schneegestober, und aus dem reinen Himmel blitzte der Mond durch das Blumengebusch der gefrierenden Fenster Hell klang draussen in der strengen Luft das Abendlauten unter den aufgebaumten Rauchsaulen Unsere Leute kamen hande-reibend aus dem Garten, wo sie die Baume und Bienenstocke in Stroh eingebauet hatten Die Huhner wurden in die Stube getrieben, weil sie im Rauche mehr Eier legen Das Licht wurde gespart, weil man angstlich auf den Vater harrete Ich und du standen auf den Hand- und Fusshaben der Wiege unserer sel. Schwester, und unter dem heftigsten Schaukeln horten wir dem Wiegenlied von grunen Waldern zu, und der kleinen Seele taten sich tauschimmernde Raume auf Endlich schritt der geplagte Mann uber den Steg, bereift und beladen, und eh' er noch den Quersack abgehoben, stand sein dickes Licht auf dem Tisch, kein dunnes. Welche herrliche Nachrichten, Gelder und Sachen bracht' er mit und seine eigne Freude!"
"Wer bezweifelt seine Entzuckung weniger als ich, den er darin allemal ausprugelte, bloss weil ich auch mit entzuckt sein wollte und dadurch, springend und tanzend, den Larm erregte, den er in stiller Lust am meisten verfluchte; so wie ein Hund sich nie mehr kratzen muss, als wenn er freudig an seinem Herrn aufspringt."
"Scherze nicht! Und bedenke, was er uns mitbrachte; ich weiss es aber nicht mehr mir einen fur mein Geld gekauften Bogen Konzeptpapier, wovon ich damals nicht denken konnte, dass so etwas Breites, Nettes nicht mehr koste als zwei Pfennige. Fur die Schwester ein Abc-Buch mit Gold-Buchstaben schon auf der aussern Deckel-Schale und mit frischen saubern Tier-Bildern im Vergleich gegen unsre abgegriffenen alten."
"Schiesspulver als Digestivpulver fur das Schwein, wovon die wenigen Kornchen, die ich zusammenkehrte, mir bessere Feuerwerke auf einen Span bescherten als irgendeinem Konig ein dreissigjahriger Krieg."
"Das Beste war wohl der neue Kalender. Es war mir, als hielt' ich die Zukunft in der Hand, wie einen Baum voll Fruchtlage. Mit Lust uberlas ich die Namen: Latare, Palmarum, Jubilate, Kantate, wobei mir mein wenig Latein gute Dienste tat. Die Epiphanias waren mir verdrusslich, besonders zu viele; hingegen je mehrere Trinitatis-Sonntage fielen, desto langer grune, dacht' ich, die freudenreiche Zeit. Lacherlich kommt es mir vor, dass, eben da ich hinten im Kalender die Hasslauer Postberichte las, die kaiserliche reitende Post im Dorfe ins Horn stiess und ich den guten Menschen bewunderte und bedauerte, der nun, laut dem Berichte, mitten im Winter allein nach ganz Pommern, Preussen, Polen und Russland ritt; ein Irrtum, den ich erst in Leipzig fahren liess. Wenn nun darauf der Kandidat Schomaker zum Essen kam und wir vom Vater manche Historien mit Vergnugen zum zehntenmal horten wenn du nach dem Essen auf einer Span-Geige aus gewichstem Zwirnfaden kratztest und ich einen glimmenden Schleissen-Span zu einem Feuerrad umschwang und ich und du und der lange Knecht, der mir damals, wie den Kindern vielleicht alle gewohnte Gesichter, schon vorkam, spielten und sangen: 'Ringe, ringe Reihe, 's sind der Kinder dreie, Sitzen auf dem Holderbusch, Schreien alle Musch, Musch, Musch! Setzt euch nieder! Es sitzt 'ne Frau im Ringelein, Mit sieben kleinen Kindern. Was essens gern? Fischelein. Was trinkens gern? Roten Wein. Setzt euch nieder!' Innig erfreuet las ich neulich in Graters 'Bragur' das einfaltige Kinderding. Ich muss aber meinen Satz ganz anders angefangen haben."
"Nunmehr ist er geschlossen. Das Leben fangt, wie das griechische Drama, mit Possen an. Beginn, eh' du erwachst, deinen versprochenen Sommertag."
"Ich konnte ihn wohl von der Fassnacht anheben, wo der neuerstandene Fruhling lauter Sonnenstrahlen in die Schulstube voll kleiner geputzter Tanzer streuet, so dass es in den Seelen fruher bluhte als in den Garten. Schon der alte simple Vers: 'Zur Lichtmess essen die Herrn am Tag, zur Fassnacht tuns die Bauern auch nach' zog Abendrote und Blutenschatten um den Abendtisch. Gott, wie wehen noch die Namen Marientage, Salatzeit, Kirschenblute, Rosenblute die Brust voll Zauberduft! So denk' ich mir auch die Jugend meines Vaters bloss als einen ununterbrochenen Sommer, besonders in der Fremde; so wie ich meinen Grossvater und uberhaupt die zuruckliegende Zeit vor meiner Geburt immer jung und bluhend sehe. Da gabs schone Menschentage, sagt man sich. Wie frisch und hell springend, gleich Fruhlingsbachen, kommen mir die alten Universitaten, Bologna und Padua, vor mit ihren ungemessenen Freiheiten, und ich wunschte mich oft in diese hinein!"
"Macht' ich weniger aus dir, so musst' ich bei deinem Wunsche denken, es ware damals, ausser Hauspump, Buxen, Landesvater, auch gassatim Rumoren und Degen wetzen deine Sache gewesen; aber ich weiss gut, du wolltest zu allem nur ruhig sitzen und zusehen als Rector magnificus. Allein gib nun deinen heutigen Sommertag!"
"Es war das hl. Dreifaltigkeitsfest, und zwar das jener Woche, worin du auf und davon gingest. Nur vorher lasse mich noch bemerken, dass mir deine erwahnten Studenten-Worter teils neu klingen, teils roh. An diesem hl. Feste nun, das mit Recht in die schonste Jahreszeit fallt, gingen, wenn du es nicht vergessen, unsere Eltern immer zum hl. Abendmahl. Gerade an jenem Sonnabend wie denn uberhaupt an jedem Beichtsonnabend bezeigten die lieben Eltern sich noch gutiger und gesprachiger gegen uns Kinder als sonst; Gott aber schenke ihnen in dieser Stunde die Freude, die mir jetzt in ihrem Angedenken das Herz durchwallt! Die Mutter liess vieles im Stall durch Leute besorgen und betete aus dem schwarzen Kommunion-Buchlein. Ich stand hinter ihr und betete unbewusst mit herunter, bloss weil ich das Blatt umkehrte, wenn sie es herab hatte. Die Bauernstube war so rein und schmuck aufgeraumt fur den Sonntag wie am hl. Christabend war es am Beichtabend aber schoner und hoher dazu hing nun der reich-schwere Fruhling herein, und der Blutengeruch zog durch das ganze Haus und jeden Dachziegel Fruhling und Frommigkeit gehoren gewiss recht fur einander Ich sah nachher, als der Nachtwachter antrat, noch ein wenig aus dem Dachfenster, voll Dufte und Sterne war der Himmel uber dem Dorfe die Generalin ging so spat noch mit ihrem Kinde an der Hand auf dem Schlosswall spazieren, und das ganze Dorf wusste, dass sie morgen kommunizierte und ich und du die Kommunikantentuchlein dabei hielten Wahrlich, ob ich gleich schon Lateinisch sprechen konnte, die weissgekleidete Generalin kam mir als die Mutter Gottes vor, und das Kind als ihr Kind."
"Hat denn die Generalin einen Sohn?"
Walt sagte verlegen: "Ich stellte mir namlich ihre damalige Tochter so vor in der Ferne. Ich mochte jetzt noch vor Freude uber die Wundernacht weinen, wenn du nicht lachtest...."
"So weine zum Henker! Wer lacht denn, Satan, wenn einmal ein Mensch die Aufrichtigkeit in Person ist?"
"Es erschien denn das hl. Trinitatis-Fest mit einem blauen Morgen voll Lerchen und Birkendufte; und als ich aus dem Bodenfenster diese Blaue uber das ganze Dorf ausgespannt erblickte, wurde mir nicht, wie sonst an schonen Tagen, beklommen, sondern fast wie jauchzend. Unten fand ich die Mutter, die sonst nur in die Nachmittagskirche ging, schon angeputzt, und den Vater im Gottestischrock, wodurch sie mir, zumal da sie unser Sonntags-Warmbier nicht mittranken, sehr ehrwurdig erschienen. Den Vater liebt' ich ohnehin am Sonntag starker, weil er bloss da rasiert war. Ich und du folgten ihnen in die Kirche; und ich weiss, wie darin die Heiligkeit meiner Eltern gleichsam in mich heruberzog unter der ganzen Predigt; eine fremde wird in einem blutsverwandten Herzen fast eine grossere."
"Mein Fall war es weniger. Ich lebte nie lustiger als an ihren Kommuniontagen, weil ich wusste, dass sie es fur Sunde hielten, mich fruher als nach Sonnenuntergang auszuwichsen und weil sie nach dem Abendmahl auch das Mittagsmahl bei dem Pfarrer nahmen und wir folglich das Schachbrett zum Rosselsprung frei hatten. Steht es noch vor deiner Seele, malt es sich noch gluhend, farbt es sich noch brennend, dass ich an demselben Sonntage mit einem Taschenspiegel vom Chore herab den Sonnenglanz wie einen Paradiesvogel durch die ganze Kirche und sogar um die zugedruckten Augen des Pfarrers schiessen liess, indes ich selber ruhig mit nachsah und nachspurte? Und gedenkst du noch denn nun entsinn' ich mich alles , dass mich daruber der satanische Kandidat erwischte und der Vater nach der Kirche mich nach der peinlichen Halsgerichts-Ordnung von Karl, die (im Artikel 113) Gefangenschaft mit Besen-Streichen leicht vertauschen lasset, aus Andacht bloss einkerkerte, anstatt, was mir lieber gewesen, mich halbtot zu schlagen?"
"Du hieltest aber dennoch in der Kirche das rechte Altartuchlein bei der Oblate unter den Kommunikanten auf und ich das linke beim Kelch. Es soll nie von mir vergessen werden, wie demutig und ruhrend mir unser blasser Vater auf seinen Knien an der scharlachenen Altarstufe vorkam, indes der Pfarrer ihm sehr schreiend den goldnen Kelch vorhielt. Ach wie wunscht' ich, dass er stark tranke vom hl. Weine und Blut. Und dann die tief geneigte Mutter! Wie war ich ihr unter dem Trinken so rein-gut! Die Kindheit kennt nur unschuldige weisse Rosen der Liebe, spater bluhen sie roter und voll Schamrote. Vorher aber trat die majestatische lange Generalin in ihrem schwarzen und doch glanzenden Seidengewand an die Altarstufe, sich und die langen Augenwimpern senkend wie vor einem Gott, und die ganze Kirche klang mit ihren Tonen drein in die andachtige Gegenwart dieser idealen Herzogin fur uns alle im Dorf."
"Die Tochter soll ihr so ahnlich sehen, Walt?"
"Die Mutter wenigstens ist ihr sehr ahnlich. Darauf zog man denn aus der Kirche, jeder mit emporgehobnem Herzen die Orgel spielte in sehr hohen Tonen, die mich als Kind stets in helle fremde Himmel hoben und draussen hatte sich der blaue Ather ordentlich tief ins Sonntagsdorf hineingelagert, und vom Turme wurde Jauchzen in den Tag herabgeblasen Jeder Kirchganger trug die Hoffnung eines langen Freudentags auf dem Gesichte heim Die sich wiegende lackierte Kutsche der Generalin rasselte durch uns alle durch, nette, reiche Bedienten sprangen herab Uberhaupt, ware nur nachher nicht die Sache mit dir gewesen "
"Zu oft kaue sie nicht wieder!"
"Also ging der Vater im Gottestischrock ins Pfarrhaus und hinter ihm die Mutter. Und als ich, da sie abgegessen hatten, die Klingelture des Pfarrhofs offnete und schon die Truthuhner desselben mit Achtung sah; "
"Du brauchst mirs nicht zu verdecken, dass du mich druben aus meiner verfluchten Karzerkammer losbitten wolltest, weil ich zu sehr schrie und Fenster und Kopf einzustossen schwur."
"Die Bitte half wenig beim Vater; vielleicht weil der Pfarrer sagte, du hattest ihn zu sehr beleidigt und geblendet. Ich vergass leider bald dich und die Bitte uber dem herrlichen sussen Wein, den ich trank. Auf dem Lande hat man zu wenig Erfahrung der vornehmern Welt und bewundert ein Glas Wein. Der Pfarrer liess mich Entzuckten durch ein Prisma schauen und gleichsam jedes einzelne Stuck Welt mit einer Aurora und Iris umziehen. Ich bildete mir oft ein, ich konnte wohl, da ich so viel Gefuhl fur Malerei, sogar fur Farben an Schachteln, Zwickeln, Ziegelsteinen zeigte, fast mehr zum Maler taugen, als ich dachte. Da ich meinen Vater tief unten an der Tafel sitzen sah, dacht' ich mir das Vergnugen, ihn einst sehr auszuzeichnen, falls ich etwas wurde."
"Es ist auffallend, wie oft auch ich schon seit Jahren geschworen, mich meiner Herkunft zu entsinnen, wenn ich im Publikum bedeutend in die Hohe und Dicke wuchse, und mich weder deiner noch der Eltern zu schamen. Man kann fast nicht fruh genug anfangen, sich bescheiden zu gewohnen, weil man nicht weiss, wie unendlich viel man noch wird am Ende. Liebe fur Farben, wovon du sprachst, ist darum noch keine fur Zeichnung; inzwischen kannst du immer, wenn die eine Art Maler sich von fremder Hand die Landschaften, die andere sich die Menschen darin malen liess, beide Arten in dir vereinen. Vergib den Spass!"
"Recht gern! Wir zogen als vornehme Gaste durchs Dorf nach Hause, wo der Vater die Scharlachweste anlegte und mit mir und der Mutter spazieren ging, um abends gegen 6 Uhr im Gartenhauschen zu essen. Nun glaub' ich nicht, dass an einem solchen Abende, wo alle Welt im Freien und angeputzt und freudig ist und die Generalin und andere Vornehme mit rotseidnen Sonnenschirmen spazierengehen, irgendein Herz, wenn es zumal in einem Bruder schlagt, es ertragen kann, dass du allein im Kerker hausest."
"Sakerment!" sagte Vult.
"Sondern es war naturlich, dass ich und der Knecht dir eine Dachleiter ans Fenster setzten, damit du herunter konntest ins Dorf zur Lust. Nein, kein Spaziergang mit Menschen ist so schon als der eines Kindes mit den Eltern. Wir gingen durch hohe grune Kornfelder, worin ich die Schwester hinter mir nachfuhrte in der engen Wasserfurche. Alle Wiesen brannten im gelben Fruhlingsfeuer. Am Flusse lasen wir ausgespulte Muscheln wegen ihres Schillerglanzes auf. Das Flossholz schoss in Herden hinab in ferne Stadte und Stuben, und ich hatte mich gern auf ein Scheit gestellt und ware mitgeschifft! Viele Schafherden waren schon nackt geschoren und legten sich mir naher ans Herz, gleichsam ohne die Scheidewand der Wolle. Die Sonne zog Wasser in langen wolkigen Strahlen, aber mir kam es vor, als sei die Erde mit Glanzbandern an die Sonne gehangen und wiege sich an ihr. Eine Wolke, die mehr Glanz als Wasser hatte, regnete bloss neben, nicht auf uns; ich begriff aber damals gar nicht, als ich die Grenzen der nassen und der trocknen Blumen sah, wie ein Regen nicht allezeit Uber die ganze Erde falle. Die Baume neigten sich gegeneinander, als die Wolke tropfend Daruber wegwehte, wie die Menschen am Abendmahls-Altar. Wir gingen ins Gartenhaus, das innen und aussen nur weiss ist; aber warum glanzet dieser kleine Name Uber alle stolz gedeckte Prachtgebaude heruber und blinkt in seinem Abendrot sehr gegen fremdes Morgenrot? Alle Fenster und Turen waren aufgemacht Sonne und Mond sahen zugleich hinein die rotweissen Apfelknospen wurden von ihren starren struppigen Asten hineingehalten und zuweilen eine schneeweisse Apfelblute mit (o Vult, ich gebe den Apfel fur die Apfelblute gern) Die Bienen gaben dem Vater Zeichen eines nahen Schwarmens Ich fing mir in eine Schachtel Goldkafer, fur welche ich den Zucker langst aufgesparet hatte Noch glanzt mir das Gold und der Smaragd dieser Paradiesvogelchen hienieden, in Deutschland meint' ich Auch zog ich mir im Garten Schosslinge aus, um sie daheim anzupflanzen zu einem Lustwaldchen unter meinem Knie. Die Vogel schlugen wie bestellt in unserem Gartchen, das nur funf Apfelbaume und zwei Kirschbaume hatte und mehrere Pflaumenbaume samt guten Johannisbeerund Haselstauden. Zwei Finken schlugen, und der Vater sagte, der eine singe den scharfen Weingesang und der andere den Brautigam. Aber ich zog und noch jetzt meinen guten Embritz vor-"
"Deutlicher in der ornithologischen Sprache Emmerling, Goldammer, Groning, Gelbling, Geelgerst, Emberiza citrinella L."
" welcher, wie die Eltern sagten, sang: 'wenn ich eine Sichel hatt', wollt' ich mit schnied.' Was ist denn das Dunkle im Menschen-Innern, dass ich wirklich den einfachen Embritz, wenn ich durch Wiesen gehe und ihn an belaubten Abhangen hore, leider uber die gottliche Nachtigall, die freilich wenig rein durchfuhrt, sondern heftig springt, zu setzen suche? Floss aber nicht nachher die Abendrote in den ganzen Garten hinein und farbte alle Zweige? Kam sie mir nicht wie ein goldner Sonnentempel mit vielen Turmen und Pfeilern vor? Und gingen nicht auf den Wolkenbergen die Sternchen wie Maienblumchen auf? und die breite Erde war ein Webstuhl rosenroter Traume? Und als wir spat nach Hause wandelten, hingen nicht in den finstern Buschen goldne Tautropfen, die lieben Johannis-Wurmchen? Und fanden wir nicht im Dorfe ein ganz besonderes Fest-Leben, sogar die kleinen Viehhirten endlich im Sonntagsputz, und dem Wirtshause fehlte nichts als Musik, und auf dem Schlosse wurde gesungen?"
"Und nahm mich nicht", fuhr Vult fort, "der gute Vater, als er mich in dieser Freude als Teilhaber fand, leise bei den Haaren mit nach Hause und prugelte mich so verflucht? O dass doch der Teufel alle Erziehungen holte, so wie er selber keine erhalten! Wer nimmt mir jetzt die Fest-Prugel ab und den Karzer? Du kannst dich leicht herstellen und entsinnen und vergnugt ausser dir sein und die Repetieruhr der Erinnerung aus der Tasche ziehen. Aber Holle, was hab' ich denn schmelzend mich zu erinnern als an die lausige Aurora eines aufgehenden Schwanzsterns? O wie glucklich, glucklich konnte man ein Kind machen! Dies probiere aber einmal einer bei einem greisen Schelm von 40 Jahren! Ein einziger Kindertag hat mehr Abwechsel als ein ganzes Manns- Jahr. Sieh an, wie er mich, wenn das kuhne Bild zu gebrauchen ist, aus einem zarten, weissen Kindesgesicht so zu einem braunen Kopfe geraucht und erhitzt hat wie einen Pfeifenkopf! Warme mich nicht mehr wieder so auf! Was seh' ich denn von Elysien und elysischen Ackern um mich her als ein paar Sessel? unsern Bett- und Stuben-Schirm? nichts zu trinken? dich guten Millionar bloss voll innerer Gedachtnismunzen? und einen holzernen Sitz der Seligen? O ich mochte... He, herein nur! Vielleicht bringt uns doch, Walt, ein Himmelsburger ein oder ein paar Himmelspforten und Empyreen."
Es schritt die gelbe Postmontur ein mit dem Hoppelpoppel oder das Herz unter dem Arm, das der Magister Dyk mit den Worten zuruckschickte, er verlege zwar gern Rabenersche und Wezelsche Plasanterien, aber nie solche. "Nu, ist das kein Sonnenblick aus unserm Freudenhimmel?" fragte Vult. "Ach", sagte Walt, "ich glaube, ich war eben vorhin und bisher zu glucklich; darauf kommt immer ein wenig Betrubnis Es ist doch gut, dass das Werk nicht auf der Post hin und her verloren gegangen." "O du weiches Holz!" fuhr jener auf. "Aber nicht du sollst es ausbaden, sondern der Magister. Ich will ihn waschen mit Seewasser, obs gleich nicht weiss macht."
Er setzte sich auf der Stelle nieder und schrieb im Grimm einen unfrankierten Brief an den Magister, worin die Hoflichkeit des Briefstils so gut als ganz hintangesetzt war.
Nr. 59. Notenschnecke
Korrektur Wina
Am Morgen kam wieder ein Manuskript, aber ein fremdes abgedrucktes; der Setzer der Passvogelschen Buchhandlung fur Walt war ein Setzer viel handigte den ersten Korrekturbogen ein, damit der Universalerbe der Kabelschen Verlassenschaft daran seinen Testamentsartikel erfulle. Das Werk, dessen Titel war: "Das gelehrte Hasslau, alphabetisch geordnet von Schiess", nun in aller Handen war sehr gut in deutscher Sprache mit lateinischen Lettern geschrieben, nur aber ganz schlecht oder unleserlich, und enthielt jeden Hasslauer, der mehr als eine Seite, namlich zwei, d.h. ein Blatt, fur Strasse und Welt gemacht, samt einem kurzen Nachtrag von den Lands-Gelehrten, die schon als Kinder verstorben. Wenn man zahlt, welche Menge von Autoren Fikenscher aus seinem gelehrten Bayreuth bloss dadurch hinaussperrt, dass er keinen aufnimmt, der nicht mehr als einen Bogen geschrieben sogar zwei reichen nach der Vorrede nicht hin, wenns bloss Gedichte sind , und welche noch grossere Meusel aus seinem gelehrten Deutschland verstosst, dadurch dass er nicht einmal Leute einlasst, die nur ein Buchlein geschrieben, nicht aber zwei: so sollte wohl jeder wunschen, in Hasslau geboren zu sein, bloss um in das gedruckte gelehrte zu kommen, da Schiess nicht mehr dazu begehrt zum Einlasszettel als etwas nicht Grosseres, als der Zettel ist, nur ein gedrucktes Blatt; denn sich mit noch wenigerem in einen solchen Charons-Kahn, der stets zur Unsterblichkeit des Edens entweder oder des Tartarus abfuhrt, einschiffen wollen, hiesse ja Schriftsteller einladen, die ganz und gar nichts geschrieben.
Der Notar fing sofort das Korrektieren an in die Korrekturzeichen hatt' er sich langst eingeschossen ; aber er fand statt der Hugel Klippen zu ubersteigen. Schiess schrieb eine gelehrte Hand und eine ungelehrte zugleich; der Korrekturbogen war aus Titeln, Namen, Jahrszahlen und solchen Sachen gewebt, die nirgends zusammenhangen als in Gott. Es ist daher die gemeine Meinung, dass Passvogel bloss zum Drucke des Notars den Druck des Werkes eingegangen. Vult wollte zwar bessern helfen, aber Walt fand fremde Hulfe gott- und treulos und korrigierte allein.
Eh' ers hintrug in die Buchhandlung, fragte ihn Vult, ob man nicht einen witzigen Einfall haben und er, Vult, nicht ihren Roman mit einem Briefe an Passvogel tragen konnte, worin er sich als den Verfasser ausgabe und sagte, der Endes-Unterschriebene stehe dem Leser eben vor der Nase. Es geschah. Beide trafen zufallig einander im Buchladen. Kaum sah Passvogel aus Vults Tasche eine Manuskript-Rolle stechen: so machte er sich nichts aus ihm weils ein Autor war , sondern setzte Walt, den Korrektor und Erben, hoher und uberlas freundlich den Bogen: "Der Hr. Autor", sagte er, "wird schon nachsehen."
Darauf uberreichte ihm Vult furchtsam den Brief samt Roman und sah begierig in seine lesende Physiognomie, wie sie sich bei der Stelle umsetzen wurde, wo der Briefschreiber dasteht als Brieftrager. Aber dem feinen, im Gesetze der geselligen Stetigkeit lebenden Manne tat der Riss und Zuck weh auf der eleganten Haut, und er sagte nach dem Uberlaufen des Titels verdrusslicher als gewohnlich, er bedaure, dass er schon uberladen sei, und schlage kleinere Buchhandler vor. "Wir Autoren", versetzte Vult, "gehen anfangs wie Hirsche, denen das zarte Gehorn erst entspriesset, mit gesenktem Haupte; aber spater, wenn es gross und hart zu sechzehn Enden ausgeschossen, schlagt man damit an die Baume heftig, und ich furchte, Hr Passvogel, ich werde im Alter grob." "Wieso?" sagte dieser.
Vult tat darauf, als kenn' er Walten von weitem, und sagte: wenn er als Kabelscher Erbe erst den ersten Bogen ubergeben, so schein' es fast, als wollten ihm die Erben das zwolfbogige Korrektoramt zu zwolf Wochen ausdehnen. Dann entsprang er nach seiner boshaften Sitte plotzlich, um dem Feinde die Replik zu entwenden.
Beide verliehen daheim vor allen Dingen dem Romane Flugel, weil die Hoffnung immer so lange zum Totliegenden gehorte als das Buch. Man schickte ihn an Hrn. Merkel in Berlin, den Brief- und Schriftsteller, damit er das Buch einem Gelehrten, Hrn. Nicolai, empfahle und aufheftete.
Mitten in den Genuss der abfahrenden Post fiel wieder ein Staubregen: der hinkende Notar, der bekannte Geschaftstrager der Erben, kam mit dem ersten Korrekturbogen und Schiessens Re-Korrekturen.
Walt hatte einundzwanzig Druckfehler stehen lassen. Schiess wies aus dem Manuskripte nach, dass er ein c statt einem e dann ein e statt eines c ein
statt eines s ein statt eines f ein Komma statt eines Semikolons eine 6 statt einer 9 ein h statt eines b ein n statt eines u und umgekehrt, da eben beide umgekehrt waren, habe stehen lassen usw. Walt sah nach und sann nach und sprach seufzend: "Wohl ists nicht anders!"
Arme Korrektoren! wer hat noch eurer Mutter-Beschwerungen und Kindsnoten in irgendeinem Buche ernsthaft genug gedacht, das ihr zu korrigieren bekommen! So wenig, dass Millionen in allen Weltteilen aus der Welt gehen, ohne je erfahren zu haben, was ein Korrektor aussteht, ich meine nicht etwa dann, wann er teils hungert, teils friert, teils nichts hat als sitzende Lebensart, sondern dann, wann er ein Buch gern lesen mochte, das er zwar vor sich sieht (noch dazu zweimal, geschrieben und gedruckt), aber korrigieren soll; denn verfolgt er wie ein Rezensent die Buchstaben, so entrinnt ihm der Sinn, und er sitzt immer trister da; ebensogut konnte einer sich mit einer Wolke, durch deren Dunststaubchen er eine Alpe besteigt, den Durst loschen.
Will er aber Sinn geniessen und sich mit nachheben: so rutscht er blind und glatt uber die Buchstaben hinweg und lasset alles stehen; reisset ihn gar ein Buch so hin wie die zweite Auflage des Hesperus, so sieht er gar keinen gedruckten Unsinn mehr, sondern nimmt ihn fur geschriebnen und sagt: "Man verstehe nur aber erst den gottlichen Autor recht!" Ja wird nicht selber der Korrektor dieser Klage bloss aus Anteil an dem Anteil, den ich zeige, so manches ubersehen?
Endlich brachte das schlechtsprechende und schon singende Kammermadchen des General Zablocki nicht nur Raphaelen ein Briefchen der Tochter, sondern auch um eine Treppe hoher Walten die Frage des Vaters, ob er nicht diesen ganzen Tag bei ihm schreiben konnte. "O Gott, gewiss!" sagte er und begleitete das Madchen drei Treppen herab.
Vult lachelte ihn seltsam an und sagte: er kopiere ja memoires erotiques mit und ohne Feder und jage Madchen; er Hund hingegen musse, wie die Schmetterlings-Puppe eines Naturforschers, sich in einer Schachtel von Stube zum Falter entfalten, wenn jener im Freien gaukle. "Allein", setzt' er dazu, "ein Greifgeier, ein Basilisk wie ich hat so gut seinen LiebesPips als ein Phonix wie du." Walt wurde sehr rot, er sah sein und Winas Herz gleichsam gegen das helle freie Tageslicht gehalten. "Nu, nu, versteige dich nur um drei Treppen hinauf oder hinab; indes ich daheim hinter meiner arkadischen Dorfwand ein Madrigal auf den Schmelz der Auen und der Zahne setze und Blumen und Lippen rote. Das Madchen gefiele mir selber, sie sollte eher ein Palast- als ein Kammermadchen sein." Sehr zornrot erwiderte Walt, der endlich eigne und fremde Verwechslung erriet: "Du tust gar nicht recht, da du weisst, wie mir dieses Madchen bei der besten Singstimme einmal durch unziemliche Reden aufgefallen."
Damit ging er so rasch und wild fort, dass Vult sich gestand, er wurde, wenn er nicht schon fruher dessen Liebe fur eine vornehmere Raphaela kennte, sie jetzt aus dem Grimm erraten, den blosse Heiligkeit unmoglich einbliese. Als der Notar in den grossen Zablockischen Palast, wovor und worin viele leere Wagen standen, und unter die kalte Dienerschaft kam: so wirkten Vults Scherze, die seine Liebe entweder wie Schiesspulver unter das Dach oder wie Ol in den Keller lagerten, verdrusslich nach, und er erstaunte nun erst, dass er Wina liebe und ihren Morgenblick aufbewahre. Sein Gluck bluhte als eine nackte Blumenkrone auf einem entblatterten Stiel. Spat kam er nach seinem Erinnern an fruhestes Vorfordern in das alte Schreibstubchen; und spater der General.
"Innigst" so spann Walt, nahe an ihn tretend, die Unterredung an, um sie dem andern nach den Gesetzen der Lebensart zu erleichtern "wunsch' ich Ihnen Gluck zum Gluck der Wiederkunft, wie damals im Rosenhof zur Abreise, wenn Sie sich dieser Kleinigkeit noch entsinnen. Mog' Ihnen Leipzig ein fortgesetzter Spaziergang gewesen sein!" "Sehr verbunden! (sagte Zablocki) Sie verpflichten mich, wenn Sie heute die bewussten Briefe zu Ende kopieren und mir Ihren Tag weihen." "Welchen nicht? War Ihr dreifaches Gluck verzeihen Sie die kecke Frage nicht, wie ich hoffe, der Jahrszeit ungleich?" fragt' er.
"Fur die spate Jahrszeit war das Wetter gut genug", versetzte Zablocki.
Da der Notar nichts Schwierigeres kannte, als zu fragen d.h. im Ozean zu angeln , nichts Leichteres aber, als zu antworten, weil die Frage die Antwort umkranze: so hielt er es fur Pflicht jedes Unter-Sprechers, auf den Ober-Sprecher nur die leichtere Last zu laden, und fragte sogleich. Wie bequem wohnen dagegen Manner, welche gerade das Widerspiel als Weltsitte kennen und ehren, unter ihrer Gehirnschale, und wie vergnugt, wenn sie vor Kronen und Kronerben treten! Aller Anreden gewartig und gewiss, machen sie ausser der Verbeugung nichts und keine eigne, sondern warten ab. Sogar nach der ersten Antwort passen die Weltmanner gelassen von neuem, weil kein anderer als der gekronte Kopf fortzuweben hat.
Der Notar machte darauf seine Abschriften von den verliebten Zuschriften, aber seine Seele wohnte mit ihren Fuhlfaden nirgends als in der Schnecke des Ohrs, um jedem Laute der verborgenen Lebensseele nachzustellen. Er schrieb keine Seite, ohne sich umzudrehen und das heilige Zimmer zu beschauen, das er einen ganzen Tag, aber als den letzten, bewohnen durfte, fur ihn, wenn kein Sonnen-, doch ein Mondtempel, dem nichts fehlte als die Luna dazu. Sogar der blaue Streusand voll Goldsand das blauweisse Dintenfass und Papier das blaue Siegellack und die Blumendufte, welche aus dem Nebenzimmer einwehten, schmuckten sein stilles Ather-Fest der Hoffnung. In der Liebe ist das Erntefest der Freude nicht um eine halbe Sekunde vom Saetage und Saefest der Freude verschieden.
Als er sich nun abschreibend abmalte, wie ihm das Herz schlagen wurde, das schon heftig schlug, wenn die Liebes-Gestalt aus seinem Kopf und langen Traume wie eine Gottin lebendig ins Leben sprange, namlich vor ihn hin: so kam nichts als das verhasste Kammermadchen mit einem Stick-Geruste, aber bald ihr nach die bluhende Wina, die Rose und das Rosenfest zugleich. Es ist schwer zu sagen, womit er sie anmurmelte, da er sie damit nicht anredete. Sie verbeugte sich so tief vor ihm, als ware er der goldne und figurierte Knopf am Oberstabe des Generals, und sagte das hochste Bewillkommungs-Wort und setzte sich an den Stickrahmen. Konnte sie nicht hundert Deckmantel ihrer Absicht, im Schreibzimmer zu sein, als ein Madchen finden und umlegen? Hatte sie nicht z.B. ihr blaues Kleid aus dem Wandschrank holen konnen oder das weisse oder den Schleier oder einmal eintunken wollen oder an der elektrischen Lampe ein Licht zum Siegeln anzunden oder hier den Vater ganz vergeblich suchen? So aber trat sie herein und setzte sich vor den Stickrahmen, um fur eine Stiftsdame einen Ordensstern aufgehen zu lassen, der fur den abschreibenden Sternseher, wie oft fur Tragerinnen, nichts werden konnte als ein Irr- und Nebelstern.
Der Schreiber schwamm nun in der Wonne einer himmlischen Gegenwart, wie in unsichtbarem Duft einer hauchenden Rose, Winas Dasein war eine sanfte Musik um ihn. Er sah zuletzt sehnsuchtig kuhn ihre gesenkten grossen Augenlider und den ernst geschlossnen Mund im Spiegel zu seiner Linken an, versichert der eignen Unsichtbarkeit und erfreuet, dass gerade zufallig, wenn er eben in den Spiegel sah, immer ein warmes Erroten das ganze niederblickende Antlitz uberfloss. Einmal sah er im Spiegel den Brautschatz ihres Blicks ausgelegt, sie zog leise wieder den Schleier daruber. Einmal, da ihr offnes Auge darin wieder dem seinigen begegnete, lachelte sie wie ein Kind; er drehte sich rechts nach dem Urbild und ertappte noch das Lacheln. "Ging es Ihnen seit Rosenhof wohl, Hr. Harnisch?" sagte sie leise. "Wie einem Seligen", versetzte er, "wie jetzt." Er wollte wohl etwas viel anderes, Feineres sagen; aber die Gegenwart unterschob sich der Vergangenheit und testierte in deren Namen. Doch gab er die Frage zuruck. "Ich lebte", sagte Wina, "mit meiner Mutter, dies ist genug; Leipzig und seine Lustbarkeiten kennen Sie selber." Diese kennt freilich ein darbender Musenund Schulzensohn wenig, der an den Rosen des kaufmannischen Rosentals nicht hoher aufklettert als bis zu den Dornen, weil er jene nicht einmal so oft teilt als ein Maurer-Meister einen furstlichen Saal, zu welchem dieser stets so lange Zutritt hat, als er ihn mauert. Indes denken sich die hoheren Stande nicht leichter hinab, zu Honoratioren besonders denn von Schafer-, d.h. Bauerhutten haben sie im franzosisch eingebundenen Gessner eine gute Modell-Kammer als sich die tiefern hinauf. "Gottlich ist da der Fruhling", antwortete er, "und der Herbst. Jener voll Nachtigallen, dieser voll weichen Duft; nur gehen der Gegend Berge ab, welche nach meinem Gefuhl durchaus eine Landschaft beschliessen mussen, doch nicht unterbrechen; denn auf einem Berge selber ist nicht die Landschaft, sondern wieder ein fernster Berg schon und gross. Die Leipziger Gegend enget also ein, weil die Grenze, oder vielmehr die Grenzlosigkeit, nichts der Phantasie ubriglasset, was, soviel ich gehort, nicht einmal das Meer tut, das sich am Horizont in den Ather-Himmel aufloset." "Sonderbar", versetzte Wina, "bestimmt hier die Gewohnheit des aussern Auges die Kraft des innern. Ich hatte eine niedersachsische Freundin, welche zum ersten Male von unsern Bergen ebenso beschrankt wurde als wir von ihren Ebenen." Der Notarius war uber ihre philosophische Sprachkurze da uberhaupt der Mann an der Frau geradesosehr seinen Kopf bewundert als seine Brust verdammt so betroffen, dass er nicht wusste, was er sagen sollte, sondern etwas anderes sagte. "Besuchten Sie zuweilen die Badeorter um Leipzig?" fragte sie spat. Da er darunter nicht Lauchstadt, sondern die Studenten-Badeorter in der Pleisse verstand und eine solche Frage von weiblichen Lippen zum vornehmen Zynismus rechnete: so umging er sie nach Vermogen in der Antwort: "Der Leipziger Magistrat habe zu seiner Zeit wegen mehrerer Unglucksfalle erst die bessern Badorter bestimmen lassen." Wina missverstand wieder sein Missverstehen. Und so kann in Deutschland und fast auf der Erde jeder, der sich verspricht, auf einen zahlen, der sich verhort; so wenige Ohren, ob sie gleich doppelt am Kopfe stehen, gibt es fur die hiesigen Zungen, und man findet noch schwerer ein offnes als ein kurzes.
Plotzlich sprang der General wie mit einem verschimmelten bleichen Gesicht herein aus dem Puderstubchen mit einem Bilde in der Hand und trocknete sich aus den Augenlidern den Puder wie Zahren ab. "Sage mir, wer ist ahnlicher, die Mutter oder die Tochter? In der Tat recht brav retuschiert!" Das Gemalde stellte Wina vor, wie sie zu einem ihr ahnlichen Tochterchen, das nach einem Schmetterling fing, ihr Gesicht herab an die kleine Wange beugt, sehr mutterlich-gleichgultig, ob sie vom Kinde uber dem Schmetterling ubersehen werde oder nicht. Im KunstFeuer fragte der General auch den Notar: "Ist denn die Mutter nicht so ausnehmend getroffen, meine Wina namlich, dass man die Ahnlichkeit sogar im Kinde wieder findet? Sprechen Sie als Dritter!" Walt, verlegen mit seiner Errotung uber den blossen Gedanken, das Kind sei Winas, versetzte: "Die Ahnlichkeit ist wohl Gleichheit?" "Und zwar auf beiden Seiten!" erwiderte Zablocki, ohne sehr den Notar zu fassen, der nach den gewohnlichen Voraussetzungen des Standes schon alles voraussetzen sollte, und zwar folgendes: Der General wollte seiner losgetrennten Gattin ein Denkmal seiner Zarte zuwenden, einen Spiegel, der nur sie abbildete, namlich ein festes Bild; hatt' aber leider aus Kalte sie sonst nie sitzen lassen, ausser zuletzt juristisch Zum Glucke war nun Wina ihr so ahnlich die wenigen Jahrzehente ausgenommen, wodurch sich Tochter hauptsachlich von Muttern zu unterscheiden suchen , dass die jetzige Wina als die vorige Mutter zu gebrauchen war, der man nichts als die vorige Wina in die Hand zu geben hatte, die, als Kind gemalt, eine Aurikel in der Linken halt und darauf einen weissen Schmetterling mit der Rechten setzt. Diese zweimal, als Bild und als Urbild, angewandte Wina wollte der General seiner Frau als einen olgemalten Ichs-Himmel auf Leinwand auftun, um sie in Erstaunen zu setzen, dass sie uber vierzig Meilen gesessen einem Maler.
Als der Vater fort war, machte Walt noch tiefer in Erstaunen und Unglauben gesetzt die Bemerkung, sie sehe dem schonen Kinde ahnlich, um nur herausgezogen zu werden. "O bliebe man sich nur auch in wichtigern Punkten ahnlich!" sagte Wina. "Auch war ich noch bei meiner Mutter; ich glaube, Sie oder ihr Bruder lag damals am Tage des Malens an den Blattern blind; denn sie ging mit mir in Ihr Haus. Schone Zeit! ich wollte gern die eine Ahnlichkeit auf mich nehmen, konnte ich damit meiner Mutter die andere zuruckfuhren."
Nun fuhr der Notar uber die Nahe des erhelleten Abgrunds, in den er hatte treten konnen, rot zuruck und furchtete ordentlich, die Betise fahre ihm noch wider Willen aus dem Halse. "Auch ich ginge gern in jene Blindheit zuruck; die Nacht ist die Mutter der Gotter und Gottinnen!" sagte er und wollte ertraglich auf die Aurikelbraut anspielen. Wina verstand nichts davon als den Ton und Blick; und so war es genug und gutgemacht.
Man rief sie zum Essen. Da er glaubte, er werde wie im Rosenhofer-Wirtshaus wieder an die GeneralsTafel gezogen: so stand er auf, um ihr den Arm zu bieten, sie stickte aber fort; und er stand nahe am Rahmen und sah herab auf das lockige Haupt, worin seine Welt und seine Zukunft wohnte, die sich in lauter Schonheiten verbarg das Fruchtgewinde des Geistes war vom Blumengewinde der Gestalt schon verhullt und schon verdoppelt. Sie stand auf. Jetzt naherte er sich mit dem rechten Arme, um sie fortzufuhren. "Ich werde sagte Wina sanft nach dem Essen wiederkommen und Ihrem Herzen eine Bitte bringen"; und sah ihn mit den grossen guten Augen unverlegen an und gab, wie zur Antwort auf seinen fragenden Arm, ihm ein wenig die ablenkende Hand in seine, um sie zu drucken. Mehr braucht' er nicht, der Liebe ist eine Hand mehr als ein Arm, wie ein Blick mehr als ein Auge. Er blieb reich zuruck am einsamen Esstische, den ein verdrusslicher Bedienter an den Schreibtisch gesetzt hatte. Seine Hand war ihm wie geheiligt durch das Wesen, das bisher nur von seiner Seele beruhrt wurde. Wer kann es sagen, warum der Druck einer geliebten Hand mehr innige Zauberwarme in die Seele sendet als selber ein Kuss, wenn nicht etwa die Einfachheit, Unschuld, Festigkeit des Zeichens es tut?
Er speiste an einer Gottertafel die Welt war der Gottersaal , denn er sann Winas nachster Bitte nach. Eine tun, heisst in der Liebe mehr geben, als eine erhoren. Aber warum macht die Liebe denn diese Ausnahme? Warum gibt es denn keine verklarte Welt, wo alle Menschenbitten so viel gelten und geben, und wo der Geber fruher dankt als der Empfanger?
Mit wunderbaren Gefuhlen irrte er um Winas Bitte herum, da er doch fuhlte, Wina sei ein durchsichtiger Juwel ohne Wolkchen und Federn. Denn dies ist eben die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch scharfer als sich, so dass man den blauen Himmel dadurch erblickt, durch welchen man wieder die Sterne sieht indes der Hass uberall Nacht sieht und braucht und bringt. Als er die wenigen Strahlen kusste, die am Sterne des Stifts und der Liebe aufgegangen waren oder gestickt: tat sein Himmel alle Wolken wieder auf, namlich die Flugelturen, und Wina erschien und schien. Er wollte sagen: "ich bitte um die Bitte"; aber er hielt es fur unzart, das eine Bitte zu nennen, was Wina eine genannt. So hatt' er den hochsten Mut fur sie, aber nicht vor ihr; und von den langen Gebeten an dieses Heiligenbild, welche er zu Hause sich aussann und vornahm, brachte er nichts zum Bilde selber auf seinen Knien als: amen oder ja, ja. "Sie sind zuweilen bei den hiesigen Tees?" fing Wina an und setzte, wie es ihr Stand tut, immer ihren Stand voraus. "Neulich bei mir, bei dem vortrefflichen Flotenspieler, den Sie gewiss bewundern." "Ich hor' dies heute von meinem Madchen", sagte sie, meinend die Nachricht des Beisammenwohnens; Walt aber nahm an, sie habe von seinem magern Weintee manches gehort.
"Ich meine vorzuglich, sind Sie ofters bei den geistreichen Tochtern des Hrn. Hofagenten? Eigentlich red' ich bloss von meiner Freundin Raphaela." Er fuhrte doch ohne die Wechsel- Not- den Abend an, wo sie fur den mutterlichen Geburtstag gesessen. "Wie schon!" sagte Wina. "So ist sie eben. Einst, als sie bei mir in Leipzig in eine lange Krankheit fiel, durfte ihrer Mutter nichts geschrieben werden, bis sie entweder genesen oder verschieden sei. Um dieser Liebe wegen lieb' ich sie so. Ein Madchen, das seine Mutter und seine Schwestern nicht liebte, ich weiss nicht, warum oder wie es sonst noch recht lieben konnte, nicht einmal seinen Vater." Walt wollt' es gern ausserst fein auf sie selber zuruckwenden und machte daher die allgemeine Bemerkung, dass Tochter, die ihre Mutter lieben, die besten und weiblichsten sind.
"Ich tauge nicht zu Wendungen, wie Sie horen, Hr. Sekretar. Empfangen Sie meine offne Bitte gutmutig auf einmal." Es war diese: Da Raphaelens Geburtsstunde in die Nachmitternacht oder Morgenstunde des Neujahrs einfalle: so wolle sie durch den Beistand Engelbertens sie durch leises Ansingen zur Feier des erneuerten Lebens wecken; wunsche aber zur durftigen Stimme eine Begleitung, namlich die Flote, und an wen konne sie sich schicklicher wenden als an Hrn. von Harnisch? Walt schwur freudig, dieser blase freudig dazu.
Sie bat auch um das Setzen des Gesangs; Walt schwur wieder. "Aber sogar um die Verse dazu muss ich Ihren werten Freund angehen", setzte sie unbeschreiblich-lieblich lachelnd hinzu, "da ich ihn aus unserer Zeitung als einen weichen Dichter des Herzens kenne."
Ganz froh erstaunt fragte Walt, was Vult darin gemacht. Sie sagt' ihm mit der den Literatoren noch gewohnlichern Verwechslung gleicher Namen folgenden Polymeter von ihm selber her:
Das Maiblumchen
Weisses Glockchen mit dem gelben Kloppel, warum senkst du dich? Ist es Scham, weil du, bleich wie Schnee, fruher die Erde durchbrichst als die grossen stolzen Farbenflammen der Tulpen und der Rosen? Oder senkst du dein weisses Herz vor dem gewaltigen Himmel, der die neue Erde auf der alten erschafft, oder vor dem sturmenden Mai? Oder willt du gern deinen Tautropfen wie ein Freuden-Trane vergiessen fur die junge schone Erde? Zartes, weisses Knospenblumlein, hebe dein Herz! Ich will es fullen mit Blikken der Liebe, mit Tranen der Wonne. O Schonste, du erste Liebe des Fruhlings, hebe dein Herz! Walten waren unter dem Zuhoren vor Freude und Liebe und vor Dichtkunst die Augen Ubergegangen und Wina hatte mit geweint, ohne es zu merken ; darauf sagt' er: "Ich habe wohl den Vers gemacht."
"Sie Lieber?" fragte Wina und nahm seine Hand, "und alle Polymeter?" "Alle", lispelte er. Da bluhte sie wie das Morgenrot, das die Sonne verspricht, und er wie die Rose, die schon von ihr erbrochen ist. Aber einander verborgen hinter den froher nachquellenden Tranen, glichen sie zwei Tonen, die unsichtbar zu einem Wohllaut zittern; sie waren zwei gesenkte Maienblumchen, einander durch fremdes Fruhlingswehen mehr nachbewegt als angenahert.
Jetzt horte sie den Vaterstritt. "Und sie machen den Text fur den Geburtstag" sagte sie. "O! (versetzte er) Ja, ja!" und durfte nicht fortreden, weil Zablocki eintrat und mit dem Vater- und Gatten-Schnauben ihr den arbeitsamen Verzug vorruckte, da sie, wie er sagte, wisse, dass die Neupeters dahin fuhr er mit ihr Burgerliche waren, und eh' er solche im kleinsten mankiere, komm' er lieber bei seinesgleichen um Stunden zu spat. Sie floh dahin; er rief sie aber zuruck, um selber mit einem Schlusselchen, so gross wie ein Staubfaden, ein goldnes Schloss an einer Kette auf ihrem schonen Halse aufzuschliessen und sie abzunehmen. Unter dem Aufsperren sah sie gutmutig dem Vater ins Auge; dann warf sie scheidend dem Notar einen Flugblick voll Weltall zu.
Kauen und Schlucken unter einem Adagio Pianissimo einer Tafelmusik hatte Walten nicht so widerstanden als die Annahme von Kopiergebuhren, die ihm der General jetzt aufnotigen wollte. Das Weigern hielt dieser anfangs scherzend aus, bis er durch den Argwohn, Walt handle aus Ehrgefuhl, sein eigenes so beleidigt fand, dass er so heftig schwur, ihn, wenn er nicht gehorche, nie mehr zu einem Notariats-Instrument ins Haus zu lassen, dass Walt sich entschloss, sich seine Himmelspforte nicht selber zuzuriegeln.
Nun war er allein und zum letzten Male als Kopist im Zimmer; und hatte, was der Mensch zum feinsten Glucke braucht, namlich einen Widerspruch der Wunsche: er wunschte nicht nur wegzukommen, um uber Winas Kopf zu Hause mit Sternen- Traumen auf und ab zu schweben, sondern auch dazubleiben, da er das Kronungszimmer seines Lebens zum letzten Male bewohnte. Die Sonne fiel immer feuriger hinein und vergoldete es zu einer Zauberlaube im elysischen Haine. Als er es verliess, war ihm, als falle ein bluhender Zweig herab, worauf bisher die Nachtigall seiner Seele gesungen. Wie lag zu Hause, wo ihm nichts fehlte als Vult aber dieser kaum , das Leben und der Traum im Leben wie vergoldetes Gewolk um ihn her! Tausend Paradieses-Zweige schlugen uber ihm unsichtbar zusammen und durchzogen ihn heimlich mit einem berauschenden Blutendufte, in dessen Eden er nicht hineinsehen konnte. Wenn bisher die Wolke zu stehen schien und der Mond zu fliehen: so sah er jetzt die Flucht der Wolken unter dem festen schonen Gestirn.
"Wenn sie nur recht innig liebt", dacht' er, "gesetzt auch, sie meinte mich nicht allein; die Hauptsache ist ihre Wonne Sie sollte dazu ordentlich mehrere Mutter haben, mehrere Vater und unzahlige Freundinnen!" Er freuete sich mehr als dreissigmal uber die Freude, womit Wina die Neujahrs-Nacht und jetzt unter seinen Fussen die Freundin anschauen werde. Dass sie ihn liebe und achte, wusst' er nun recht; aber nicht wie stark; den hochsten Grad ihrer Liebe gegen ihn sich jetzt zu denken, hiess ihm, sich abzuzeichnen, wie ihm sein wurde, wenn man ihn auf Millionen Weltstufen auf die Gipfel-Sonne geleitete, um ihn, den Notar, zum Gott zu kronen.
Er hatte schon viel von dem Geburtstags-Gedicht ohne sein Wissen ausgearbeitet bloss durch das Denken an Winas Bitte , als endlich Vult erschien. In der Angst, dieser schlage aus Kalte gegen Raphaela und den Adel das Musikfest ab, wollt' er ihn etwas kunstlich, wie in einem englischen Garten, auf feinen Schlangenlinien und mit Maandern vor den Vorschlag wie vor ein Denkmal fuhren. "Leider schrieb ich heute das letztemal beim General", sagt' er mit der seligsten Miene von der Welt. "Du willst sagen: 'Gottlob'", sagte Vult. Walt stolperte schon vornen in den Maander hinein und ertrank fast. "Ich hoffte bisher", versetzte Vult, "du solltest mich Stimmen-Narren allmahlich beim Vater einfuhren, damit die Tochter sange, wenn ich bliese." "Beides", schlug Walt heraus, "kannst du ohne ihn und mich jetzt haben, dies hab' ich dir sogar vorzuschlagen."
Der Flotenspieler fragte heftig. Walt bestand aber darauf, dass er, bevor er deutlich werde, ihm einen einzigen Zug von Raphaelen geben durfte; es war der schone vom Verschweigen des Krankseins.
Es gab keinen Charakterzug von der Welt, den der Flotenspieler je mit einem so abstrebenden Gesichte sich vorzeichnen lassen, als diesen; doch zog er den satirischen zuckenden Stachel in die Scheide zuruck, um nur den Vorschlag zu bekommen.
Walt qualte ihn so lange um sein Urteil hieruber, dass er losbrach: "Ich schwore dir ja, ich schatze die Handlung; der Teufel und seine Grossmutter konnten nicht zarter verfahren; es ist eine Redensart, ich meine wir beide. Nun sprich!"
Walt schlugs vor.
"Du bist ein guter Mensch", sagte Vult mit einer schwer zu bergenden Erfreuung, "ich nehm' es willig an. Ich scherze uberhaupt oft bloss. Als Mietsmann zeig' ich der Tochter vom Hause so gerne einige Aufmerksamkeiten und ich soll es. Doch die Wahrheit zu sagen ein boser Ausdruck, gleichsam als habe man vorher keine gesagt , so stimmt mich hier Wina mit ihrer reinen rollenden Perlen-Stimme noch mehr. Gott! wie kann nicht eine Singpartie gesetzt werden (besonders von mir), wenn man das edle portamento der Sopran-Person, deren diminuendo und crescendo und ihre herrliche Vereinigung von Kopf und Brust-Stimme du verstehst mich unmoglich, Bruder, ich spreche als Kunstler dermassen kennt wie ich! Mensch, glaubst du, dass ich damals, als ich sie in Elterlein horte, schwur, sie soll mit meinem Willen nie mehr a secco singen? a secco, Walt, heisst namlich allein; ein Punsch-Royalist wie ich kommt freilich auch leicht aufs Trockne, aber anders."
Walten schien es ein wenig, als komme Vult eben nicht vom festen Lande her. Beider Abend wurde aber im Feuer der Liebe vergoldet. Jeder glaubte, er sehe uber den Paradieses-Strom hinuber recht gut die Quelle der Freude des andern von weitem rauchen und nebeln. Walt zwang ihn scherzhaft, es auf einen Bogen zu schreiben, dass er morgen noch der heutigen Meinung sein und blasen und setzen wolle. Vult schrieb: "Ich will, wie Siegwart, den Mond zu meinem Bettwarmer machen oder ein Lauffeuer im Laufe aufhalten ja ich will die erste beste Glaciere von Prude heiraten und mir es also gefallen lassen, dass eine Jungfrau die Fruchte der Glutzeit zu Eiszieraten ausquetscht, z.B. zu Rosen- und Aprikoseneis, zu Stachelbeereis, zu Zitroneneis: wenn ich nicht die beste Flotenmusik sogleich mozartisch setze und blase zur Zauberflote, in der Minute, wo diese mein Bruder gedichtet und aufgeschrieben hat; und ich entsage jeder Exzeption, besonders der, dass ich heute nicht gewusst hatte, was ich morgen wollte."
"Ein wahrer Schelm ist doch mein Walt", dacht' er im Bette, "wurde ihn ein andrer wohl im Hauptpunkte so durchschauen wie ich? Kaum!"
Nr. 60. Scherschwanzel
Schlittschuh-Fahrt
Der nachste Tag des Notars war aus 24 Morgenstunden gemacht, weil er Uber das Geburtstagslied fur Wina nachsann. Der zweite bestand aus ebenso vielen Mittagsstunden, weil er es ausfuhrte. Es war, als musst' er sich selber verklaren, um Winas heiliges Herz auf seine Zunge zu nehmen; als musst' er in Liebe zerrinnen, um ihre Liebe gegen die Freundin in seiner Seele wie ein zweiter Regenbogen neben dem ersten nachzuglanzen. Da die Liebe so gern im fremden Herzen lebt: so wird sie noch zarter, wenn sie in diesem wieder fur ein drittes zu leben hat, wie das zweite Echo leise Uber die Milde des ersten siegt. Dies alles aber war nur leichtes Saen im Fruhling, wo lauter neue Sanger am Himmel flogen; aber am zweiten Tage fiel die heisse Ernte ein Walt musste um die atherischen Traume die feste Form des Wachens legen, namlich nicht nur die neue metrischer Verhaltnisse, sondern auch musikalischer, weil Vult oft den besten Gedanken weder sing- noch blasfahig fand. So muss sogar der Geist des Geistes, das Gedicht, aus seinem freien Himmel in einen Erdenleib, in eine enge Flugel-Scheide ziehen. Vult hingegen hatte leicht Gesang und Begleitung gesetzt; denn im unermesslichen Ather der Tonkunst kann alles fliegen und kreisen, die schwerste Erde, das leichteste Licht, ohne zu begegnen und anzustossen.
Da Walt bekanntlich das Gedicht in seinem Roman ganz abdrucken lassen, nur mit wenigen, aber unwesentlichen Abanderungen in den Stellen: "Wach auf, Geliebte, der Morgen schimmert, dein Jahr geht auf" dann: "Schlaferin, horst du nicht die Liebe rufen, und traumst du, wer dich liebt?" und endlich: "Dein Jahr sei dir ein Lenz und dein Herz im langen Mai die Blume" so setz' ich die Verse als allgemein bekannt voraus.
Jetzt war bloss die Schwierigkeit, Winen Musik und Text zuzuspielen. Walt schlug mehrere ausfuhrbare Mittel und Wege dazu vor, die sehr dumm waren, Vult schlug aber jedes aus, weil man beim Treibjagen der Madchen, sagt' er, nichts zu tun habe als ruhig zu stehen auf dem Anstand schussfertig, um sogleich abzubrennen, wenn sie das Wild vortreiben.
Indes wurde nichts gebracht; Wina verstand von den weiblichen Vermittlers- und Dietrichs-Kunsten soviel als Walt. Endlich erschien eine helle Dezember-Dammerung im Park, wo der lange See (es war ein schmaler Teich) mit dem Besen von Schnee gesaubert wurde, und wo spater, da der Mond scharf jeden durren Schatten-Baumschlag auf den weissen Grund abriss, nicht nur die drei Ursachen davon verschwanden in die nahe Rotonda ein schones Rindenhaus, das dem romischen Pantheon auffallend ahnlich war in der Offnung nach oben , sondern auch sogleich einander wieder herausfuhrten aufs See-Eis, weil die drei samtlich Schlittschuhe darin angeschnallet hatten, Wina sowohl als Raphaela und Engelberta.
"Gottlich", rief Walt, als er fahren sah, "fliegen die Gestalten wie Welten durcheinander, umeinander; welche Schwung- und Schlangenlinien!" Eben machte Engelberta, beide Arme malerisch aufgehoben, hernickende Fingerwinke. "Lauf mit deinem Musikblatt und sei drunten ein Mensch!" sagte Vult zu Walt. "Sie wollen uns beim Teufel." "Unmoglich", versetzte Walt, "betrachte doch die Dammerung und die Zarte!" "Fur ein Paar Stiefel hat doch der See noch Platz?" fragte Vult hinab und flatterte drei Treppen hinunter, um einen Ladendiener ohne weiteres zum Nachtragen von ein Paar Schlittschuhen zu kommandieren, die er voraussetzte.
Walt steckte das heilige Blatt voll Ton- und Dichtkunst an einen Ort, den er fur schicklicher als die Rocktasche ansah, namlich an dessen Geburtsort' d.h. unter die Weste ans Herz. Drunten am See-Teich liess er an seinem langen Buckling die drei Danksagerinnen vorubergleiten und teilend losen, weil er nicht offenbaren konnte, wieviel er jeder vom Ruckenbogen abschneide.
Aber welche entwickelnde Lebenskraft war mit Vulten aufs Eis gefahren, und wie schwebte der Geist uber dem Wasser, das gefroren war! Zuerst bald Winas Bart-, bald ihr Wandelstern, bald ihre gerade schiessende Sternschnuppe zu sein, damit fing er an sie Schachkonigin zu decken gegen jede Konigin, es sei als Laufer, als Springer oder Turm als Amors Pfeil zu fliegen, so oft sie Amors Bogen war es nicht zu leiden, wenn sie kuhner fliegen wollte als er, sondern sie so lange zu uberbieten, bis er selber uberboten wurde und dann leichter den Wettflug mit einem Doppelsiege schloss dies war die Kunst, womit seine schone, von der Welt erzogne Gestalt ihren Wert entwickelte in leichter Haltung und Wechslung.
Walt war am Ufer als Strandlaufer ausser sich vor Lust und warf laut den schonen Tanz- und SchwebLinien Kranze von Gewicht in so richtigen Kunstwortern zu, dass man hatte schworen sollen, er tanze. Er sprach noch vernehmlich von drei Grazien; "welche noch dazu", versetzte Vult, "wenn nicht um die Venus, doch um deren Mann tanzen; und was fehlt denn uns, Herr Harnisch, zu drei Weisen als die Zahl?" Nur musste Walt unter dem Bewundern beklagen, namlich sich und sein Strandlaufen; denn auf dem Eise ware er nicht viel leichter zu drehen gewesen als ein Kriegsschiff. Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen, zu welchen die durftige Erziehung nicht mit den Kunsten der Freude ausrustete, wie Tanz, Gesang, Reiten, Spiel, franzosisches Sprechen sind.
Gegen Raphaela war Vult der artigste Mann, den es auf dem Teiche gab, sagte ihr Hoflichkeiten uber ihre fur diesen Tanz gemachte Gestalt welche ihm und ihr leicht zu glauben waren, weil sie wirklich einige Zolle uber Wina hinaus mass und schnitt oder fuhr sogar ihr Namens-R mit den Schuhen in die Eisrinde wie in eine Baumrinde ein.
Sie nahm indes sein hofliches Ubermass ohne eignes auf; vielleicht weil das seinige den Scherz nicht genug verbarg und weil sie als eifersuchtige Freundin Winas unwillig die Hand sah, die er so offen nach dieser ausstreckte. Er uberhupfte oder uberfuhr es. Zu Engelberta sagt' er: "Wir wollen Geliebtens spielen." "Auf dem Eise bin ich dabei", erwiderte sie; und so neckten beide sich leicht und rasch mit ihrem Rollen-Schein, er mit edel- und weltmannischer Keckheit, sie mit kaufmannischer weiblicher. "Wusste man nur", schien sie zu denken, "ob er mehr ein seltsamer Haberecht ware als ein narrischer Habenichts: dann ware mehr zu tun."
Funfmal hatte schon Walt an sein Musikblatt gedacht, um es einzuhandigen, und es viermal vergessen, wenn Wina wie seine ganze Zukunft um sein Ufer flog oder gar ihn mit einem Blumenblicke bewarf, dem er zu lange nachtraumte. Endlich sagte er der Eisfahrerin: "Zwei Ja sind neben Ihnen." "Ich verstand sie nicht ganz", sagte sie lachelnd wiederkommend und entglitt. Er ging ihr am Ufer ein wenig entgegen aufs Eis: "Ihr Wunsch wurde auch der fremde", sagte er. "Wie ists mit der Flotenmusik?" fragte sie fliehend. "Ich trage Musik und Text bei mir, aber nicht bloss am Herzen", antwortete er, als sie wieder herfuhr. "Wie herrlich!" sagte sie umwendend und glanzte vor Freude.
Vult flog wie eifersuchtig fragend her: "Hat sie das Blatt?" "Sehr hingedeutet hab' ich dreimal", versetzte Walt, "aber wie naturlich fahrt sie nicht unweiblich vor mir aus und steht." Jener zog seine Flote offentlich vor und sagte laut, dass der ganze Teich es horte: "Hr. Harnisch, Sie haben vorhin mein Musikblatt eingesteckt? Jetzt blas' ich." Dieser reichte es (seinem Blicke mehr als seinem Worte) zu. Wina kam herbei. "Konnen Sie", sagte Vult laut zu ihr, es ubergebend, "im Mondschein noch lesen, was ich abspiele?" Das trauende Madchen sah ihn lieblich an und ernsthaft ins Blatt hinein, da er zu floten anhob. Am Harchen des Zufalls hing nun der ganze NeujahrsMorgen herab, zwar kein Schwert, aber eine blumige Krone. Gleichwohl tobt und jauchzet der Mensch wechselnd uber dasselbe Harchen, bloss weil es zur einen Zeit ein Schwert, zur andern ein Diadem uber seinem Kopfe halt und auf diesen fallen lasst.
Wina las lange auf dem Blatt Noten nach, die er gar nicht blies, bis sie endlich Vults End-Absichten merkte und erfullte. Wie flog sie dann der Flote nach, um mit Blicken zu danken und Walts Stand-Ufer voruber, um ihn anzuschauen und freudig uber die kalte Flache, weil ihre freundschaftlichen Wunsche so schon begunstigt waren und dieser Nacht nichts mehr fehlte als die erste des kunftigen Jahrs. Welche erfreuete Blicke warf sie auf ihre Freundin und zum Sternenhimmel! Dazu ging nun die umherirrende Flote, die wie mit einem Springstabe den Notar vom Eis der Erde ans Empyreums-Eis des Himmels aufhob. Alles war zwar selig, Vult besonders, Walt aber am meisten. "Ach wolltest du mir nicht", sagte Vult herfahrend mit vergnugtem Gesicht, "ein paar Doppel-Louis vorstrecken nur auf zwei Stunden, armer Wicht?" "Ich?" fragte Walt. Aber jener fuhr und blies frohlich weiter, um als Chorfuhrer mit Spharenmusiken den himmlischen Korpern auf dem Eise vorund nachzuschweben. Wenn die Tonkunst, welche schon in die gemeine feste Welt gewaltsam ihre poetische einschiebt, vollends eine offne bewegte findet: so wird darin statt des Erdbebens ein Himmelbeben entstehen, und der Mensch wird sein wie Walt, der das Ufer mit stillen Dankgebeten und lautem Freudenrufen umlief und seine Herzens-Welt, sooft die Flote sie ausgesprochen, immer von neuem und verklarter erschuf. Er sammelte alle fremde Freuden wie warme Strahlen in seiner stillgehaltenen Seele zum Brennpunkte. Den mit Sternen weissbluhenden Himmel liess er ins kleine Nachtigallenspiel herabhangen, und der Mond musste seinen Heiligenschein mit Winas Gestalt zusammenweben. "Dieser Mond", sagt' er sich, "wird in der Nachmitternacht des Neujahrs fast wieder so am Himmel stehen, und ich werde nicht nur die Flote und meine Gedanken, auch ihre Stimme horen. Die Sterne des Morgens werden blinken und ich werde erst unter dieser kunftigen Musik denken: So gross hatt' ich mir die Wonne am frohen Abend der Eisfahrt nie gedacht."
Jetzt trat er immer weiter in den Teich hinein oder stach weiter in die See oder ins Eismeer, um der Geliebten naher zu begegnen. Da sie ihn nun ein paarmal nahe umkreisete und seine Freudenblumen den hochsten Schuss taten und mit breiten Blattern wogten, mahte sie Zablockis Bedienter mit der Nachricht ab: der Wagen sei da. Der stolze Lakai erinnerte ihn wunderbar an Winas Stand und an seine Kuhnheit.
Nach der Flucht der drei nahm ihn Vult am Arme aufs Eis hinein und sagte: "Jede Lust ist eine Selbstmorderin, und damit gut. Aber gibt es denn ein kahleres Paar arme Haute als ich und du, samtlich? Denn wenn es ein Lumpen-Hundchen-Paar gibt, das drei durstige Engel den ganzen Abend trocken auf dem Wasser herumfahren lasset, weil es nicht so viel in der Tasche oder droben in der Stube zusammenbringen kann, um den Engeln nur die kleinste Erfrischung vorzusetzen, das wenige Kommiss-Eis ausgenommen, worauf sie fuhren : so ist wahrlich das Paar niemand als wir. Ach waren wir denn imstande, wenn sie schlechtes Wetter und kein Fuhrwerk hatten, nur eine Halbchaise anzuspannen und einen Floh dazu anzuschirren, wie einmal ein Kunstler in Paris eine samt Passagieren und Postillon so fein ausgearbeitet hatte, dass ein einziger Floh alles zog? Sonst war der Abend hubsch."
"O wahrlich! Freilich; aber gewiss so wenig als ich diesen Abend an leibliche Genusse dachte, so wenig vielleicht die guten Wesen! Die Frau hat einen Schmerz, eine Freude; der Mann hat Schmerzen, Freuden. Sieh nach, dies trifft schon mit den Worten auf der Tafel, die dort an der Eiche hangt."
"Eine Linde ists", sagte Vult. "So kenn' ich", versetzte Walt, "immer die Gewachse nur in Buchern. Darauf steht: 'Die schone weibliche Seele sucht, wie die Biene, nichts als Blute und Blume; aber die rohe sucht, wie die Wespe, nur Fruchte.'"...
"Ja sogar Ochsenleber, wie die Fleischer wissen." "O, alle", fuhr Walt fort, "waren heute so froh, und besonders uber dich! Nun ich sage dirs offen, habe ich dich je als freien, gewandten, kuhnen, alles schlichtenden Weltmann erkannt, so wars heute", sagte Walt und hob besonders sein Benehmen gegen Raphaela heraus. Vult bedankte sich mit einem Spasse uber sie. Es war der, dass Weiber den Augen glichen, die so zart, rein und fur Staubchen empfindlich waren, und denen doch Metallsafran, Cayennepfeffer, Vitriolspiritus und andere angreifende Atzmittel als Heilung dienen. Von Zeit zu Zeit liess er einen massigen Scherz gegen Raphaela los, um den Bruder von einer verdrusslichen Eroffnung seiner Liebe zuruckzuschrecken.
Allmahlich sanken beide sanft und tief in die Stille ihres Glucks. Von der schimmernden Gegenwart war ihnen nichts geblieben als oben der Himmel und unten das Herz. Der Flotenspieler mass seinen Weg zu Winas Ich zuruck und fand sich schon auf halbem Ihr Danken, ihr Blicken, ihr Nahern, Raphaelens Meiden langte zu, ihm fur die Neujahrsnacht, wo er alles durch einen Zauberschlag entscheiden wollte, die schonste Hoffnung zu lassen, und doch noch grossere Sehnsucht. Aber gerade diese war ihm fast lieber und seltner als jene; er dankte Gott, wenn er sich nach irgend etwas unbeschreiblich sehnte, so sehr musste er sich nach Sehnen sehnen. Aber die Entbehrungen und Schmerzen der Liebe sind eben selber Erfullungen und Freuden und geben Trost und brauchen keinen, so wie die Sonnenwolken eben das Leuchten der Sonne erzeugen und die Erdenwolken vertreiben.
Nur auf Walt, dessen dichterische Nachtigallen in seinem warmen Duft-Eden betaubend schlugen, machten die gottlichen Sterne und ein glucklicher Bruder zu starken Eindruck; er durfe, schwur er vor sich, dem aufgeschlossnen Freunde gerade die heiligste Herzens-Statte, wo Winas Denkmal in Gestalt einer einzigen Himmelsblume stand, nicht langer verdecken und umlauben. Daher schickte er ohne weiteres Hand-Drucke und Augen-Blicke als Vorspiele der schamhaften Beichte seiner kuhnsten Sehnsucht voraus, um ihn zu fragen und vorzubereiten; dann fing er an: "Sollte der Mensch nicht so offen sein als der Himmel uber ihm, wenn dieser gerade alles Kleinliche verkleinert und alles Grosse vergrossert?" "Mich vergrossert er wenig", versetzte Vult. "Lass' uns aber im Schatten gehen; sonst muss ich alles vorbeigehend lesen, was da von Empfindungen an die Baume genagelt ist. Denn so sehr mir Raphaela seit naherer Bekanntschaft in einem andern Lichte erscheinen muss als sonst, so hasse ich doch das gewaltsame Herauskehren und Umstulpen des Innern zum Aussern noch fort, als sei man eine kehrbare Tierpflanze. Wenn ein Madchen anfangt: 'eine schone weibliche Seele': so lauf' ich gern davon; denn sie besieht sich mit. Herzen hat ohnehin jedes so viele aufzumachen und zu verschenken als ein Furst Dosen, und beide enthalten das Bildnis des Gebers, nicht des Empfangers. Uberhaupt! Und so fort! Aber ich berufe mich auf dich selber, ob du wohl bei deiner und unserer Delikatesse fahig warest, von deinen heiligern Herzens-Gegenden, vom innersten und heissesten Afrika, alles bekannt zu machen und Landkarten davon zu stechen. Ein anderes, Bruder, sind Spitzbubereien der Liebe blosse schlimme Streiche Wiegenfeste des alten Adams alles dieses dergleichen wilde Fleisch am Herzen, oder, mocht' ich mit den Arzten sprechen, solche Extravasata, oder mit den Kanonisten, solche Extravagantia, kurz deine starken Ausschweifungen kannst du mir, ob ich sie dir gleich kaum zugetrauet hatte, ohne Schaden entblossen. Verliebte Liebe hingegen bedenke dies wenigstens fur kunftige Falle. Denn der vortreffliche Mann, dem du etwa deine Flamme und deren Gegenstand bekanntgemacht, weiss nicht recht, da er doch an deinen frohen Empfindungen den frohesten Anteil nehmen will, wie er die Person zu behandeln habe Ob ganz wie du? Aber dann fehlte gar der Unterschied, und du knurrtest wohl am Ende. Oder ob ganz matt und hochachtend? Dann wirst du gequalt und gedrangt, dass er dir mit seinen gipsernen Augen in deine nass-brennenden sieht. Der vortreffliche Mann schluckt jedes Wort zuruck, das nicht wie ein Wunderungs-O uber sie aussieht, dieser schone Selbstlauter, der im Munde ebensogut den Kreis als die Nulle nachspielt. Ihr beide oder ihr drei sitzt immer befangen nebeneinander. Der Mann schamt sich vor dem Mann stets mehr der Liebe als der Ehe; denn in der Ehe finden ein paar Freunde schon eher etwas zum Sympathisieren, z.B. Wechsel-Jammern uber ihre Weiber usw."
Walt schwieg, legte sich ins Bett und in die Traume hinein und tat die Augen zu, um alles zu sehen, was ihn begluckte.
Nr. 61. Labrador-Blende von der Insel St. Paul
Vults antikritische Bosheit die Neujahrs-Nacht
Auf die sussen Fruchte und Rosen, die sie an der Wetterseite ihres Lebens zogen, blies wieder ein rauhes Luftchen, namlich Hr. Merkel, der ihren Roman mit wahrer Verachtung zuruckschickte, den Waltischen Anteil noch ertraglich, den Vultischen aber nicht nur abgeschmackt fand, sondern gar dem Kuckuck Jean Paul nachgesungen, welcher selber schon ohne die Kuckucks-Uhr der Nachahmung langweilig genug klinge. Dieses brachte den Flotenmeister dermassen auf, dass er alle kritischen Blatter dieses Selbst-Redakteurs durchlief und darin bloss nach Ungerechtigkeiten, Bosheiten, Fehlschlussen, Fehlgriffen und Fehltritten so lange nachjagte, bis er ihm gerade so viele, als man Delille in seinem homme aux champs Wiederholungen53vorwarf, zum zweiten Einrucken zufertigen konnte in einem Briefe, namlich sechshundertunddreiundvierzig.
Der ganze Brief war voll Ironie, namlich voll Lob Anfangs erwahnte Vult achtend der Kritik im allgemeinen, welche er eine notige Zuchthausler-Arbeit nennt, da sie im Polieren des Marmors, Schleifen der Brillen, Raspeln der Farbeholzer und Hanfklopfen fur Stricke bestehe machte glaublich, dass, insofern Genies nur durch Genies, Elefanten nur durch Elefanten zu bandigen und zu zahmen waren, ein kritischer Floh sich ganz tauglich dazu anstelle, da er sich von anderen Elefanten weder in der Gestalt, noch, unter einem Vergrosserungsglase, in der Grosse unterscheide und noch den Vorzug habe, sich leichter ins Ohr zu setzen und uberall zu stechen und zu hupfen erklarte jedoch die gewohnliche Regelgeberei bei Mannern wie z.B. Goethe fur ebenso unnutz als eine zurechtweisende Sonnenuhr auf der Sonne ruckte nun Herrn Merkel nicht ohne Bosheit naher, indem er es erhob, dass er gerade an grossen Autoren, die es am ersten und stillsten vertrugen, sich am meisten zeige durch kleine Ergiessungen von Galle und Hirnwasser, so wie man nirgends (selten an kleine Privathauser) so oft als an erhabene und offentliche Gebaude wie Rats-, Opernhauser und Kirchen pisset. Er wunderte sich, dass das Publikum sich noch nicht die Qual und Arbeit stark genug vorgestellt, womit er ganz allein in den "Frauenzimmer-Briefen" das tote Musenpferd aus der Strasse wegzuschleppen strebte, eine Marter, wovon ein Wasenknecht zu sprechen wisse, der mehrere Tage ganz allein, weil jeder Vorbeigehende sich zur Handreichung aus Vorurteil fur zu ehrlich halte, an einem gefallenen Gaule abtrage nahm davon Gelegenheit, dessen Stolz im vorteilhaften Lichte zu erblicken, da M. allerdings uber die ungeheuren Riesenschenkel und den Riesenthorax seines Schattens vergnugt erstaunen musse, den er auf die Marker-Flache projektiere bei dem tiefen Stand der Morgensonne der neuen Zeit.
Da aber Vult im Verfolge anfangt, anzuglich zu werden, ja verachtend: so halt sich der Verfasser durch kein Kabelsches Testament und durch keine Labrador-Blende von der Insel St. Paul fur das Kapitel verbunden, den Rest hier zu exzerpieren; um so mehr, da nicht einmal Merkel selber das ganze Schreiben eingeruckt oder beantwortet hat, den ich hier offentlich zu bezeugen auffordere, ob nicht der unterdruckte Rest noch unschicklichere Angriffe enthalten habe und aus gleichen Grunden von ihm wie von mir unterschlagen worden ist.
Darauf wurde der Roman an Hrn. von Trattner in Wien geschickt, weil man dahin, sagte Vult, nur halb frankieren durfe. "Ich danke Gott, sobald ich nur hoffen kann", sagte Walt. Die neue Arbeit wurde der alten mit beigelegt. Der Buchhandler blieb dabei, dass er jede Woche nicht mehr als einen Korrektur- Bogen zuschickte und folglich dieses Erbamt des Korrektorats ungewohnlich ausdehnte. Der Notarius beging jede Woche zwar nicht neue Korrektorats-Fehler, aber unzahlige; nur uber den Buchstaben W keine, weil sein Wohl und Weh, Wina, damit anfing.
Tot-ode ware das Doppel-Leben der Bruder ausgefallen ohne die Liebe, welche den Baugefangenen der Not die hochsten Luftschlosser erbauen lasst, welches so viel ist, als sie bewohnen! Nichts ertragt die Jugend leichter als Armut (so wie das Alter nichts leichter als Reichtum); denn irgendeine Liebe sie meine ein Herz oder eine Wissenschaft erhellet ihre dunkle Gegenwart kunstlich und lasset sie im kunstlichen Tage so freudig sein, als sei es ein wahrer, wie Vogel vor dem Nachtlicht fortschlagen, weil sie es fur einen Tag ansehen.
Vult war nun entschlossen, in der Neujahrs-Nacht auf Winas Herz seine feindliche Landung mit der Flote in der Hand zu machen. Hoffnungen hatt' er da aus Gemeinschaft der Arbeit leicht die des Herzens wird und aus dem Faktor der Handelswitwe leicht ihr Mann genug: "Wenn ein Paar durch das Ausfuhren eines zweistimmigen Satzes nicht einstimmig werden: so irr' ich mich sehr", sagt' er. Walt hingegen entwarf keinen andern Eroberungsplan als den, Wina verstohlen anzuschauen vor Freude zu weinen ja heranzurucken mit sich und, wenn Gott ihm Finsternis oder sonst Gelegenheit bescherte, im Saus und Braus der Wonne ihre Hand zu kussen und gewiss irgend etwas zu sagen. Bis dahin sagte er ihr noch mehr, aber gedruckt auf Taffent und feinstem Papier.
Da er namlich durch seinen poetischen Anteil an der Hasslauer Zeitung das Vertrauen des Herausgebers so sehr gewonnen hatte, dass dieser von ihm die ganze Lieferung gedichteter Neujahrswunsche, eines betrachtlichen Handels-Artikels des Mannes, sich verschrieben, so legte er in die Blatter, die fur Madchen verkauft wurden, unzahlige Phonix-, Paradiesvogelund Nachtigallen- Eier zum Wunschen nieder, welche das Schicksal spater ausbruten sollte; namlich es gab mit anderen Worten wenig Freudenkranze, Freudenmonde, Freudensonnen, Freudenhimmel, Freudenewigkeiten, welche er auf dem Taffent nicht den verschiedenen Madchen wunschte, bloss in der Hoffnung, dass unter so vielen Wunschen wenigstens einer von so vielen Freundinnen Winas werde gekauft werden, fur diese. "O wohl zehn!" sagt' er. So kam Weihnachten heran und ging voruber, ohne dass aus der Asche der Kindheit die gewohnlichen schillernden Phonixe aufstiegen da die Neujahrs-Nacht ihnen zu nahe vorglanzte , und diese brach endlich mit ihrer Abend-Aurora an, die noch dem alten Jahre gehorte.
Noch abends beim Schimmer des Hesperus oder sonst eines Sterns verflucht' es Vult von neuem, dass er nichts weiter hatte als die schonste Gelegenheit, aber kein Geld, nachts den galantesten Mann von Welt bei den Jungfrauen zu spielen: "Ich wollte, ich ware wie schlechtere Musici mit dem Bettelorden der Neujahrsfahrer umhergeschifft und hatte wenigstens mir soviel erbettelt, um den Reichen zu machen", sagt' er. Sobald Engelberta ihn auf 4 Uhr morgens in die grosse gelbe Stube mit dem Bewussten bestellte: so ging er nachts mit Walt freudegluhend in das Weinhaus, wo er als ein alter Hausfreund den Tag vorher (es kostete ihm bloss seine feinen Beinkleider-Schnallen) Champagner-Wein ohne Kork aufs Eis setzen lassen, um, wie er sagte, die Ruinen ihres Hunds-Lebens ein wenig auszutapezieren.
Walt nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um zu begreifen, dass dem offenen Weine kein Weingeist verrauchet sei. Dann trank allen Nachrichten zufolge, die man hat jeder; doch so, dass beide einander als positive und negative Wolken entladend entgegenblitzten, Walt mehr mit scherzhaften Einfallen, Vult mit ernsten. In einer Blumenlese aus ihrem Gesprache wurden die Farben so bunt nebeneinander kommen, als hier zur Probe folgt:
"Der Mensch hat zum Guten im Leben so wenig Zeit als ein Perlenfischer zum Perlen-Aufgreifen, etwa zwei Minuten. Manche Staatseinrichtungen zunden ein Schadenfeuer an, um die eingefrornen Wasserspritzen aufzutauen, damit sie es loschen. Man steigt den grunen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben. Jeder bleibt wenigstens in einer Sache wider Willen Original, in der Weise zu niesen. Winckelmann verdient Suworows Ehrennamen Italiskoi. Heimlich glauben die meisten, Gott existiere bloss, damit sie erschaffen wurden; und die durch den Ather ausgestreckte Welten-Partie sei die Erdzunge ihres Dunst-Meers, oder ihre Erde sei die Himmelszunge. Jeder ist dem andern zugleich Sonne und Sonnenblume, er wird gewendet und wendet.
Viele Witzkopfe an einer Tafel, heisst das nicht mehrere herrliche Weine in ein Glas zusammengiessen?
Kann eine Sonne mit andern Kugeln als WeltKugeln beschossen werden? Sterben heisst sich selber durch Schnarchen wecken."
Und so weiter; denn im Verfolge war viel weniger Zusammenhang und mehr Feuer. So schlug endlich die Totenglocke des Jahrs; und der unsichtbare Neumond des neuen schrieb sich bald mit einer SilberLinie in den Himmel ein. Als die Glaser endlich geleert waren wie das Jahr: so lustwandelten beide auf der Gasse, wo es so hell war wie am Tage. Uberall riefen sich Freunde, die von Freuden-Gelagen herkamen, den Neujahrs-Gruss zu, in welchem alle Morgenund Abendgrusse eingewickelt liegen. Auf dem TurmGelander sah man die Anblaser des Jahrs mit ihren Trommeten recht deutlich; Walt dachte sich in ihre Hohe hinauf, und in dieser kam es ihm vor, als sehe er das Jahr wie eine ungeheure Wolke voll wirbelnder Gestalten am Horizont heraufziehen; und die Tone nannten die Gestalten kunftiger Stunden beim Namen. Die Sterne standen als Morgensterne des ewigen Morgens am Himmel, der keinen Abend und Morgen kennt; aber die Menschen schaueten hinauf, als gab' es droben ihren eiligen Wechsel und ihre Stundenund ihre Totenglocken und den deutschen Januar.
Unter diesen Gefuhlen Gottwalts stand die Geliebte als ein Heiligenbild, von Sternen gekront, und der Himmels-Schein zeigte ihre grossen Augen heller und ihre sanften Rosenlippen naher. Nicht wie sonst stellte ihm das alte Jahr, das an der Geburt des neuen starb, das Vergehen des Lebens dar; die Liebe verwandelt alles in Glanz, Tranen und Graber; und vor ihr beruhrt das Leben, wie die niedergehende Sonne auf den nordischen Meeren am langen Tage, nur mit dem Rande die Untergangs- Erde und steigt dann wieder morgendlich den Himmelsbogen hinauf.
Beide Freunde gingen Arm in Arm, endlich Hand in Hand in den Strassen umher. Walts kurze Lustigkeit war dem tiefern Fuhlen gewichen. Er sah sich oft um und in Vults Gesicht hinein: "So mussen wir bleiben in einem fort, wie jetzt", sagt' er. Geschwind druckte ihm Vult die Hand auf den Mund und sagte: "Der Teufel horts!" "Und Gott auch", versetzte Walt; und fugte dann leise, rosenrot und abgewandt hinzu: "In solchen Nachten solltest du auch einmal das Wort 'Geliebte!' sprechen." "Wie?" sagte Vult rot, "dies ware ja toll."
Nach langem Genuss des hellen Vorfestes sahen sie endlich Wina mit Engelberta wie eine weisse BlumenKnospe in das Feuerhaus einschlupfen. Hoffend auf die ausgearbeiteten Plane seiner Liebeserklarung und so glucklich wie ein Astronom, dem sich der Himmel aufklart, ehe sich der Mond total verfinstert, suchte Vult jetzt die Ohren des Bruders in etwas vom Liebhaber- Theater wegzustellen, indem er ihm vorhielt, wenn er in einiger Ferne z.B. unten im Park zuhorchte, wurden ihn die Tone viel feiner ergreifen. "Guckst du mir uber die Achsel: so ists soviel, als schnaubest du selber mit ins Flotenloch hinein, wobei wenig zu holen ist; und was uberhaupt die Heldin des ganzen Musikfestes zu einem Lager, das zwei junge Manner vor ihrem eignen im Bette aufschlagen, sagt, braucht doch auch Bedacht, mein Walt!" "Da es dir so lieb ist, so wend' ich nichts ein", sagte dieser und ging in den kalten Garten, wo der blendende Schnee so gut gestirnt war als der tiefe Ather.
Aber oben ging es wider Vults Vermuten, doch nicht wider dessen Wunsch. Engelberta versicherte, ihre Schwester wurde, da sie Flote und Stimme so kenne, vom ersten Anklang erwachen und alles verderben. "So muss die Musik in grosster Ferne anfangen und wachsend sich nahern." "Gut, das geschieht im Park", sagte Wina und eilte hinab. Auf der Treppe, hinter nahen Ohren, nahm Vult eiligst alle musikalische Abreden mit ihr, damit er auf dem einsamern Park-Wege nichts zu machen brauchte als seine Eroberung. Zu seinem Schrecken stand jetzt wie eine stille Pulverschlange, die bloss auf das Loszunden wartete, der Notar auf der Hauptstrasse, der mit seiner heitern Miene sich und andern versprach, mitzugehen und alles zu begleiten. Wina gab ihm einen freudigen Morgen-, dann noch einen Neujahrs-Gruss und die Frage: "Geht nicht alles vortrefflich?" "Sta, Sta, Viator!" sagte Vult und winkte ihm heftig ruckwarts, stillzuliegen was jener nachdenkend vollzog, "weil ich ja", dacht' er, "nicht weiss, was er fur Ursachen dazu hat".
"Ein wahrer, inniger Mensch und Dichter", begann Vult. "Seine Gedichte sind himmlisch", versetzte sie. "Dennoch haben Sie uns beide als Verfasser verwechselt?" fragt' er rasch, weil ihm wie einem Ewigen und Seligen jetzt nichts fehlte als Zeit. "Ein solcher Irrtum verdient nicht die geringste Verzeihung, sondern Dank. Eine andere, aber richtigere Verwechslung denk' ich mir eher (Wina sah ihn scharf an). Denn ich und er haben ein paar gegenseitige Zwillings-Geheimnisse des Lebens, die ich niemand in der Welt entdecke ausser Ihnen, denn ich vertraue Ihnen." "Ich wunsche nichts zu wissen, was ihr Freund nicht gern erlaubt", versetzte sie.
Jetzt sprang er, weil das Entdeckungs-Gesprach viel zu lange Wendungen nahm und er vergeblich auf langsamere Schritte sann, um ihr naher zu kommen, plotzlich vor eine Linde und las davon folgende Tafelschrift von Raphaelen ab: "Noch im Mondenschimmer tonen Bienen in den Bluten hier und saugen Honig auf; du schlummerst schon, Freundin, und ich ruh' hier und denk' an dich, aber traumst du, wer dich liebt?"
"Eilen wir nur", sagte sie. "Wie kostlich ist ihr Auge wiederhergestellt!" "Ich nehme auch alles lieber von Amor an, besonders die Giftpfeile, als die Binde; ich sah Sie stets, verehrte Wina, wer dabei von uns beiden am meisten gewinnt, das weiss nicht ich, sondern Sie", sagte er mit feiner Miene.
"Schon", fuhr er fort, "hat der Dichter in Ihren Gesang die Zeile eingewebt: 'traumst du, wer dich liebt?'" Darauf drehte er sich halb gegen sie, sang ihr leise diese Zeile, die er absichtlich zu diesem Gebrauche komponiert, ins treuherzige Angesicht, und sein schwarzes Auge stand im langen Blitze der Liebe. Da sie schwieg und starker eilte: so nahm er ihre Hand, die sie ihm liess, und sagte: "Wina, Ihr schones Herz errat mich, Ihnen will ich anders, ja, wenns nicht zu stolz ist, ahnlicher erscheinen als der Menge. Ich habe nichts als mein Herz und mein Leben; aber beides sei der Besten geweiht." "Dort, Guter!" sagte sie leise, zog ihn eiliger an die Stelle, wo sie spielen wollten; dann stand sie still, nahm auch seine andre Hand, hob die Augen voll unendlicher Liebe zu ihm empor, und auf ihrem reinen Angesicht standen alle Gedanken klar, wie helle Tautropfen auf einer Blume. "Guter Jungling, ich bin so aufrichtig als Sie, bei diesem heiligen Himmel uber uns versichere ich Sie, ich wurd' es Ihnen offen und froh gestehen, wenn ich Sie liebte, in dem Sinne, worin Sie es wahrscheinlich meinen. Wahrlich, ich tat' es kuhn aus Liebe gegen Sie. Schon jetzt schmerzen Sie mich. Sie haben meinen Morgen gestort, und meine Raphaela wird mich nicht froh genug finden."
Vult zog, schon ehe sie die letzten Worte sagte, die Flotenstucke heraus, setzte sie zusammen und gab, nur einen Blick hinwerfend, ein stummes Zeichen anzufangen. Sie begann mit erstickter Stimme, eine kurze Zeit darauf mehr forte, aber bald ordentlich.
Walt durchschnitt den Hauptgang unten hin und her, um beiden nachzublicken, bis sie ihm ferne in den Mondschimmer wie zergingen. Endlich horte er den wunderbaren Gruss-Gesang an die Schlafende, seine eigenen Worte, aus der Dammer-Ferne und sein Herz in eine fremde Brust versetzt, wie es der armen Schlaferin droben, an die selber er bisher gerade am wenigsten gedacht, die Worte sagt: "Erwache froh, geliebtes Herz!" Er sah deshalb aufrichtig mit Gluckwunschen an ihr Fenster hinauf, um sich zu entschuldigen, und wunscht' ihr alles, was Leben und Liebe Schones zu reichen haben, unter dem grossten Bedauern, dass ihr Flitte gerade verreiset sein musste. "Mochtest du dich doch, gutes Madchen", dacht' er, "taglich fur immer schoner halten, war' es auch nicht ganz wahr! Und deine Mutter, deine Wina musse auch so denken, um sich sehr an dir zu freuen!"
Auf einmal hort' er Engelberta, die ihm riet, er moge, wenn er sich warm laufen wolle, lieber ins Haus hinauf. Da ihn nun diese Aufmerksamkeit eines Zeugen storte: so ging er ins nahe Rindenhaus, wo er nichts sah als uber sich das nachtliche Himmelsblau mit dem hereinstrahlenden Monde und nichts horte und in sich hatte als die sussen Worte der fernen zarten Lippen. Er sah hinter der Rinde die schimmernde Wildnis des Himmels aufgetan und er jauchzete, dass das neue Jahr in seiner mit Sternen besetzten Morgenkleidung so gross und voll Gaben vor ihn trat.
Nun kam Wina, die melodische Weckerin zum Wiegenfesttage, immer naher mit starkeren Tonen, Vult hinter ihr, um die heissen Tranen des Unmuts, die er neben der Flote nicht trocknen konnte, niemand zu zeigen als der Nacht. In der Nahe gab ihr Engelberta auf das Schlafzimmer der Schwester und Walts Rinden-Rotunda winkende Zeichen, welchen sie zu folgen glaubte, wenn sie sich in die Rotunda singend verbarg, um da sich und ihr Fruhlings-Lied von der erwachenden Freundin finden zu lassen.
Sie fand den Notar mit dem Auge auf dem Monde, mit dem Geiste in dem blauen Ather ihre naheren Tone und Vults fernere hatten ihn berauscht und ausser sich und ausser die Welt gesetzt. Eigentlich versteht niemand als nur Gott unsere Musik; wir machen sie, wie taubstumme Schuler von Heinicke Worte, und vernehmen selber die Sprache nicht, die wir reden. Wina musste fortsingen und die Anrede durch ein englisches Anlacheln ersetzen.
Da er gleichfalls nichts sagen durfte, so lachelte er auch an, und sehr, und schwamm vor ihr in Liebe und Wonne. Als sie nun die schone melodische Zeile sang: "Traumst du, wer dich liebt?" und sie so nahe an seiner Brust die heimlichen Laute derselben nachsprach: so sank er auf die Knie, unwissend, ob zum Beten oder zum Lieben, und sah auf zu ihr, welche vom Mond wie eine obenherabgekommene Madonna umkleidet wurde mit dem Nachglanze des Himmels. Sie legte sanft die rechte Hand auf sein weichlockiges Haupt; er hob seine beiden auf und druckte sie an seine Stirn; die Beruhrung losete den sanften Geist in Freudenfeuer auf, wie eine weiche Blume in uppiger Sommernacht Blitze wirft Freudentranen, Freudenseufzer, Sterne und Klange, Himmel und Erde zerrannen ineinander zu einem Athermeere, er hielt, ohne zu wissen wie, ihre Linke an sein pochendes Herz gedruckt, und der nahe Gesang schien ihm wie einem Ohnmachtigen aus weiten Fernen herzuwehen.
Die Flote stand ganz nahe, das letzte Wort wurde gesungen. Wina zog ihn sanft von der Erde auf; er glaubte noch immer, es tone um ihn. Da kam mit freudigem Ungestum Raphaela hineingesturzt, an die Brust der Geberin des schonsten Morgens. Wina erschrak nicht, aber Gottwalt sie gab der Freundin eine ganze Freundin. Sie sagte zu Gottwalt, der nicht sprechen konnte: "Wir sehen uns abends wieder, am Montage?" "Bei Gott", antwortete er, ohne das Mittel zu kennen. Jetzt trat Vult hinzu und empfing von Raphaela lauten Dank, und er verliess schweigend mit Walt den seltsamen Garten.
Oben hing sich dieser warm an seinen Hals. Vult nahm es fur Freuden-Lohn seiner Bemuhung um Raphaelens Morgenfest und druckt' ihn einmal an die Brust. "Lass mich reden, Bruder", begann Walt. "O lass mich schlafen, Walt", versetzte er "nur Schlaf her, aber rechten tiefen, dunkeln; wo man von Finsternis in Finsternis fallt. O Bruder, was ist recht derber Schlaf nicht fur ein kostlicher weiter Landsee fur beidlebige Tiere, z.B. einen Aal, der matt vom schwulen Lande kommt, und der nun im Kuhlen, Dunkeln, Weiten schwanken und schweben kann! Oder leugnest du so etwas, und mehr?" "Nun, so gebe dir Gott doch Traume, und die seligsten, die ein Schlaf nur haben kann", sagte Walt.
Nr. 62. Saustein
Einleitungen
Walt hatte nun in seinem (mit Blumen ausgeschmuckten) Kopf nichts weiter als den Montag, an welchem er Wina sehen sollte, ohne zu wissen wo. Nach einigen Tagen liess ihm Raphaela durch Flora sagen, die Redoute am Montage sei durch eine Landestrauer verschoben. Er stutzte das Madchen an und sagte: "Wie, es war eine Redoute?" Als ihm Vult aber nachher auf die Achsel klopfte und anmerkte, wahrscheinlich habe ihn Engelberta dahin bestellt und lasse es fein genug durch die Schwester sagen, so ging ihm ein Licht, ja ein Stern uber Winas Montag auf. Seine Gehirnkammern wurden vier Maskensale; er schwur, so lange sich abzukargen und sollte er verhungern , bis er so viel Geld zusammen hatte, dass er zum erstenmal in seinem Leben den Larventanz besuchen und mitmachen konnte. "Hab' ich einmal eine Maske vor", dacht' er, "so tanz' ich selig mit ihr oder fuhre sie und frage wahrlich nichts darnach, wie alles aussieht." Wie sanft hatte es ihn beruhrt und gewarmt, wenn er seinen Zwillingsbruder an und in sein Herz und Geheimnis hatte ziehen konnen! Nur wars zu unmoglich. Die Schmerzen hatten in diesen harten Edelstein Winas Namen und Nein sehr tief geschnitten dies ertrug er nicht, sondern er wollte den Juwel selber abnutzen und abscheuern, damit nichts mehr daran zu lesen ware; nicht vor Liebe, sondern vor Ehrliebe, nicht vor Sehnsucht, sondern vor Rachsucht hatte er sterben oder toten konnen. In diesem Zustand war es jedem, der kein Notarius war, schwer, mit ihm auszukommen. Vor allen Dingen missfiel ihm die Nahe und die Ferne, er verfluchte Quartier und Stadt, jenes fein, diese geradezu, indem er sie eine Schaluppe zu Brants Narrenschiff- eine Loge zum hohen Licht voll ausgeloschter, stinkender Studierlampen ein Gebeinhaus von Gekopften ohne Schadelstatte eine Tierresidenz mit Viehmarkt und Tiergarten, feinen Kaferkabinetten und einigen Mauseturmen nannte; Ausdrucke, wovon er viele in den Hoppelpoppel oder das Herz hineinnahm. Walt leitete die Ergiessungen auf die Stadt doch auf sich selber, namlich als ob der Bruder sagen wollte: "Deinetwegen sitz' ich im Nest." "Ach warst du doch glucklicher, Vult", sagte er einmal, und nicht mehr. "Was hast du von mir gehort?" sagte zornig Vult. "Nun eben das vorige", versetzte er und nahm ihm den Argwohn, dass er um die Fehlschlagung seiner Liebes-Erklarung wusste.
Am schonen Halbzimmer mit der arkadischen Aussicht auf das gemalte Buhnen-Dorfchen verschliss jetzt aller vorige Glanz. Vult donnerte als ware Walt an der Storung des Flotens und Schreibens schuld hinter der Wand, wenn draussen ein guter angehender Zwerg von Tambour bei leidlichem Wetter sich auf der Trommel nach Vermogen ubte und angriff; oder wenn der naher wohnende Fleischer von Zeit zu Zeit ein Schwein abstach, das schrie, wenn er blies; oder nachts, wenn der Nachtwachter so abscheulich absang, dass Vult mehrmals im Mondschein ihm uber den Park hinuber die starksten Schimpf- und Drohworte zuschreien musste.
Die milde Warme des ewig liebenden Notars trieb und blahte seinen Sauerteig nur mehr auf; "auch ich ware an seiner Stelle", sagte Vult, "ein Gottes-Lamm und eine Madonna und ein Johannes-Schoss-Junger, wenn ich das hatte, wofur er seine Grazie halt."
Der Notar aber dachte bloss an den Larventanz und an die Mittel dazu. "O liebte nur mein Bruder irgendeine Geliebte, wie leicht und selig wollten wir sein! Wir druckten dann alle uns an eine Brust, und welche er auch liebte, es ware meine Geliebte mit. So ists leicht, ihm alles zu vergeben, wenn man sich an seine trube Stelle nur setzt!"
Zufallig verflogen sich in ihre Zimmer Lose einer Kleiderlotterie. Da nun Walt aus der Sattel- und Geschirrkammer der Masken manches brauchte und nichts hatte, und Vult gar noch weniger, und doch beide in die Redoute begehrten: so nahm jeder ein Los, um etwa eine Maske zu ziehen.
Beide scharrten das Losgeld zusammen, Vult unter vielem Fluchen auf ihre Nichtshaberei und unter dem Beschworen, es geh' ihm so schlimm als den Hinterbacken eines Gaules. Uberhaupt hielt er uber jeden Mangel und Unfall lange Schimpfreden gegen das Leben, indem er sagte, auf der Vorhollen-Fahrt sei das Leben ein Hemde-Wechseln, namlich mit HarenHemden, und zu jedem pis sage das Schicksal bis, und auf das Kanonen-Fieber folge das Lazarett-Fieber oder indem er fragte, ob nicht so das Gebiss den Zahnfrass bekommen musste, da es nichts anderes anzubeissen habe, wie Muhlsteine ohne Korner sich selber angreifen. Bald sagte er auch, das Leben sei durch Eis gut darzustellen auf einem Eisfeld habe man, ausser kalter Kuche und Gefrornes, noch seinen russischen Eispalast mit einem guten Eiskeller fur Kuhltranke, und, von Eisvogeln umsungen, drucke man den Glacier ans Herz, in der heissern Zeit eines Maifrosts. "Ich kann dir nicht sagen", sagt' er unter dem Anziehen einmal, "wie sehr ich wunschte, es ware bei uns wie bei den Dahomets in Ober-Guinea, wo niemand Strumpfe tragen darf als der Konig, und es ware jetzt wie unter Karl dem VII. von Frankreich, wo im ganzen Lande niemand zwei Hemden besass als seine Gemahlin." "Warum?" fragte Walt. "Ei, dann konnten wir uns recht gut mit unserm Stand entschuldigen", versetzte er.
Durch diese Ergiessungen fuhrte er eine Menge Verdruss ab, nur aber dem Bruder manchen zu, weil sich dieser fur die Quelle hielt. "Armut", antwortete Walt, "ist die Mutter der Hoffnung; gehe mit der schonen Tochter um, so wirst du die hassliche Mutter nicht sehen. Aber ich will gern dein Simon von Cyrene sein, der dir das Kreuz tragen hilft." "Bis namlich auf den Berg", versetzte jener, "wo man mich daran schlagt." Liebe kennt keine Armut, weder eigne noch fremde.
Endlich wurde die Kleider-Lotterie gezogen, auf welche beide sich bloss durch Lange der Zeit die grossten Hoffnungen angewohnt und weisgemacht hatten. Die Gewinste waren fur Nr. 515 (Walt) ein beinah vollstandiger Anzug von Schutzischem Gichttaffent, so dass er fur jeden Gichtischen, es mochte ihn reissen, in welchem Gliede es wollte, brauchbar war. Nr. 11000 (Vult) gewann ein ertragliches blaues Fuhrmanns-Hemd. In dieser Minute brachte der Postbote den Hoppelpoppel wieder, den sie an die Buchhandlung Peter Hammer in Koln mit vielen aufrichtigen Lobspruchen des Hrn. Hammers ablaufen lassen nachdem vorher leider das Mskr. von Hrn. von Trattner mit der kahlen Entschuldigung abgewiesen worden, er drucke selten etwas, was nicht schon gedruckt sei ; auf dem Umschlag hatte das lobl. Kolnische Postamt bloss bemerkt, es sei in ganz Koln keine Peter Hammersche Buchhandlung dieses Namens zu erfragen, und der Name sei nur fingiert.
Hatte Vult je die beste Veranlassung gehabt, uber die ewigen Erdstosse des Lebens zu fluchen, etwa zu fragen, ob nicht alle Hollenflusse fur ihn aufgingen und Eis und Flammen fuhrten, oder auch zu behaupten, dass in ihr Schicksal geradesogut Poesie zu malen sei als auf eine Heuschreckenwolke ein Regenbogen hatte er je eine solche Gelegenheit gehabt, so ware es jetzt gewesen, wenn er nicht aus diesem Schlagregen ware herausgekommen gar unter die Traufe eines Wasserfalls. Der Elsasser erschien, aber er gehorte noch zum Regen. Er dankte beiden sehr fur die Geburtstags-Arbeiten noch regnete es ; darauf aber, da er mit seinem Auftrage von Raphaela herausruckte, welche Walten einen vollstandigen Berghabit ihres Vaters, den er zuweilen in seinem Bergwerkchen Gott in der Hoh' sei Ehre trug, fur den Larventanz anbot als Flitte seine Gluckwunschungs-Mienen, und Walt seine Danksagungs-Mienen spielen liess dann beide wieder die Mienen umtauschten, und dies alles so wohlwollend gegeneinander, dass, wenn der Notar nicht der ausgemachteste Spitzbube des festen Landes war, Raphaela durchaus noch die Geliebte des Elsassers sein musste: so fiel auf einmal der lange Nebel und Vult in die Traufe.
"Gott verdamme, er liebt Wina (sagte Vult in sich) und sie wohl ihn!" Alle seine wilden Geister brauseten nun wie Sauren auf doch fest zugedeckt, ausgenommen im Tagebuch. "So falsch, so heimlich, so verdammt keck und wie toll emporstrebend dacht' ich mir doch den Narren nicht", sagte sein Selbstgesprach, "o recht gut! Bei Gott, ich weiss, was ich tue, hab' ichs nur ganz gewiss! Aber auf dem Larventanz entlarv' ich; der Plan geht leicht, darauf kommt der Teufel und holt. Erst recht klar will ich mich, zum Beweise meiner Freundschaft gegen ihn, uberzeugen lassen, und zwar von ihr selber. Himmel, wenn der Gluckliche meinen refus in der dummen Neujahrs-Nacht erfuhre! Ich tat' ihm viel an. O lieber Vult, so sei nur diesmal, eben deswegen, desto gezahmter und stiller und bandige dein Sprech-Zeug und Gesicht, bloss bis morgen nachts!"
Vults bisherige Fehlblicke entschuldigt leicht die Bemerkung, dass dieselbe Leichtigkeit, womit man sich einbildet, geliebt zu werden, ja auch weismachen musse, dass ein anderer geliebt werde, Walt von Raphaelen. Auch glaubte er, als Weiberkenner, die Weiber so verschieden, und folglich ihre Weisen, die Liebe zu bekennen, noch mehr, dass er nur eine Weise annahm, worauf zu fussen sei, welche aber nicht darin bestehe, dass die Frau etwa an den Hals oder an das Herz falle, sondern dass sie bloss einfach sage: ich liebe dich; "alles ubrige", sagte er, "sagt dies ganz und gar nicht."
Um also sich das Wort der Ruhe zu halten und kalt und fest wie ein Hamilton auf der heissen Lava-Rinde zu stehen, auf welcher er fortruckte: so sprach er, wovon er wollte, und berichtete Flitten, er und Walt duzten sich jetzt. Er riet sehr ernsthaft dem Notar, lieber im Gicht-Taffent eingescheidet auf dem Ball zu erscheinen; und als dieser sich in seinem und der Mittanzerin Namen ekelte vor der Krankenhulle: blieb jener dabei, er sehe hierin nichts als eine ungewohnliche Maske, die ganz unerwartet sei. "Doch fahre meinetwegen in den Berghabit ein und damit in den goldhaltigen Lustschacht; aber mein Fuhrmanns-Hemd wirf wenigstens uber das A-leder", sagte Vult. "Wenn in der Redoute", versetzte Walt, "sich das Leben und alle Stande untereinander und aneinander mischen: so mogen zwei sich wohl an einem Menschen finden und einen." "Verzeih nur das ganz gewohnliche Bergwort", sagte Vult, fur welchen es keine grossere Freude gab, als Walten ins verlegne Gesicht zu schauen, wenn er von Culs de Paris sprach, welche er anus cerebri Lutetiae nannte (so heisst der Anfang der vierten Gehirnkammer), nie ein anderes Wort zur Ubersetzung erlas als das gedachte, so sehr auch schon dem schwachen Kenner der deutschen Sprache der grosste Reichtum zum Wechsel vorliegt.
"Er kann namlich", wandt' er sich zu Flitten, "das bekannte Wort A- nicht leiden; ich bin hierin fast mehr frei wie irgendein Pariser oder Elsasser. Uberhaupt, Hr. Flitte, seh' ich doch nicht, warum die Menschen so viel Umstande machen, Sachen auf die Zunge zu bringen, zu welchen Gott selber mit seiner sagen musste: werdet! Zur Sunde sagte ers gewiss nicht. Kannst du denn uberhaupt je vergessen, Hr. Notar mehr frag' ich nicht , wenn du an der grossten Hoftafel Europens speisest, die es geben soll, dass hinter den feinsten Ordensbandern doch Splanchnologien liegen, wovon jeder die seinige unter die zierlichsten Menschen mitbringt und sich damit vor den heiligsten Herzen, weil er die Splanchnologie nicht wie seinen Mantel dem Bedienten geben kann, verbeugt? Wenigstens ist dies immer meine Entschuldigung, wenn er mich scharf vornimmt, weil ich die Feder an der innern unsichtbaren Uberrocks-Klappe abstreife, indem er immer einwirft, die abgewandte Flache sehe doch wenigstens der Geist; worauf ich ihm, wie gesagt, den Nabel der Menschheit entgegenhalte. Doch Scherz beiseite! Reden wir lieber von Liebe, die auf dem Larven-Ball gewiss nicht fehlen wird. Ewige, glaub' ich, dauert lange, und langer als man glaubt denn ich wusste nicht, warum ein Liebhaber die seinige beschwure, wenn er nicht damit versprache, sein Herz so lange brennen zu lassen als das Steinkohlenbergwerk bei Zwickau, das es nun ein Sakulum durch tut." "Vive l'amour!" sagte Flitte.
Vult erzahlte jetzt, Jakobine, die Schauspielerin, sei angekommen: "Sie wird auf dem Balle auch ihre Rolle spielen, spiele du weder den ersten noch den letzten Liebhaber, Walt. Es ist Teufelsvolk, die Weiber; scheinen sie schlimm, so sind sie es auch; scheinen sie es nicht, so sind sie es doch. Indes zieh' ich alle Jakobinen allen Pruden vor, welche ihre himmelblauen Netze durch den Ather aufspannen." Walt fragte, wie es denn eine arme Schone machen solle, wenn Schein und Sein nichts halfen. Allerdings ist eine gewisse Zuruckziehung ein Netz, aber eines um einen Kirschbaum voll susser Fruchte, nicht um die Sperlinge zu fangen, sondern um sie abzuhalten. Aber Vults Zunge schonte, ungleich dem Lowen, jetzt keine Frau.
Walt trug mit stillem Beklagen des verarmten Bruders alles ganz gern. Vor Vult hatte sich die Lebensseite in die Nachtseite gekehrt, darum musste er im Schatten kalt sein und, wie andere Gewachse, GiftLufte ausatmen. Hingegen der Liebe wendet sich die Himmelskugel, wie auch die irdische Welt sich drehe, stets mit aufgehenden Sternen zu. Wie ein Schiffer auf einem windstillen Meer, sieht sie ohne alle Erde Himmel uber, Himmel unter sich offen, und das Wasser, das sie tragt, ist bloss der dunklere Himmel. Als Vult mit Flitte freundlich fortging, dachte Walt: "Ich mach' ihm ja immer friedlicher; sogar mit dem Elsasser scheint er sich auszusohnen."
Nr. 63. Titan-Schorl
Larven-Tanz
"Nachts werden wir uns sehen", sagte Vult zu Walt am Morgen der Redoute und ging mit diesem Vorgrusse wie mit dem Entschleiern eines Schleiers davon. In der Einsamkeit brannte dem Notar der Tag zu hell fur die schone Nacht, woraus und wozu dieser Tag bestand. Unter dem Essen sehnte er sich nach dem Bruder, dessen leeres Gehause noch leerer wurde, weil er ihn abends antreffen sollte, ohne doch zu wissen in welcher Gestalt.
Walt ging in eine Larven-Bude und suchte lange nach einer Larve, welche einen Apollo oder Jupiter darstellte; er begreife nicht, sagte er, warum man fast nur hassliche vorstecke. Da Vult ihm geraten, erst um 11 Uhr in den vollen Saal zu kommen: so holte er im gemachlichen Anputzen sich aus jedem Kleidungsstuck wie aus Blumenkelchen feinen Traum-Honig. Das Ankleiden gerade in der Zeit des Auskleidens und das allgemeine spate Wachen und Larmen der Stadt sowie des Hauses farbte ihm die Nachtwelt mit romantischem Scheine, besonders der Punkt, dass er eine Rolle in diesem grossen Fastnachtsspiele hatte. Wie anders klingt das Rollen der Wagen, wenn man weiss, man kommt ihnen nach, als wenn man es hort, mit der Nachtmutze vor dem Bett-Brett stehend!
Da er aus dem Stubchen trat, bat er Gott, dass er es froh wieder finden moge; es war ihm wie einem ruhmdurstigen Helden, der in seine erste Schlacht auszieht. Mit hauslichem Gefuhle, in der Doppelmaske des Bergknappen und Fuhrmanns gleichsam zu Hause zu sein und nur wie aus zwei Mansardenfenstern zu gukken, trug er sich wie eine Sanfte uber die Gasse und konnte es kaum glauben, dass er so herrlich ungesehen und zweigehausig mit allen Seelen-Radern uberall vorbeigehe, wie eine Uhr in einer Tasche. Durch einen Irrweg, der sein Leben verfolgte, trat er zuerst in das Punschzimmer ein, das er fur den Tanzsaal hielt, worin Musik aus schicklicher Ferne schon-gedampft eindringe Ihn wunderte nichts so sehr, als dass er seine Bergkappe, einfahrend in die schimmernde Baumannshohle voll Figuren, nicht abzog. Als er sich kuhn aus der Maske mit den Augen ans Fenster legte, fand er umhersehend nicht ohne Verwunderung viele nackte Angesichter, mit der abgeschundenen Maske in der einen Hand, in der andern mit einem Glas. Das allgemeine Schopfen aus dem Gesundbrunnen oder Ordensbecher rechnete er zu den Ballgesetzen und verlangte sogleich sein Glas und darauf weil eine Admiralsmaske sein Flugelmann und Muster war noch eines. Wina sah er nicht, auch keinen Schein von Vult. Eine Ritterin vom Orden der Sklavinnen der Tugend ging gewandt umher und sah ihm sehr in die Augenhohlen hinein. Endlich fasste sie seine Hand, machte sie auf und zeichnete ein H darein; da er aber von dieser Fern- oder Naheschreibekunst nichts wusste, druckte er ihre Hand massig, anstatt solche zu beschreiben.
Endlich geriet er, da er das hereinstromende Nebenzimmer prufen wollte, in den wahren schallenden brennenden Saal voll wallender Gestalten und Hute im Zauberrauch hinaus. Welch ein gebarender Nordschein-Himmel voll widereinanderfahrender zickzackiger Gestalten! Er wurde dichterisch erhoben, da er, wie bei einer auferstehenden Erdkugel am Jungsten Tage, Wilde, alte Ritter, Geistliche, Gottinnen, Mohren, Juden, Nonnen, Tiroler und Soldaten durcheinander sah. Er folgte lange einem Juden nach, der mit herausgeschnittenen Schuldforderungen aus dem Reichs-Anzeiger behangen war, und las ihn durch, dergleichen einen andern, welcher die Warnungstafeln des furstlichen Gartens, an passende Gliedmassen verteilt, umhatte. Von einer ungeheuren Perucke voll Papilloten, welche der Trager abwickelte und austeilte, nahm er auch seine an und fand nichts darin als einen gemeinen Lobspruch auf seine bezaubernden Augen.
Am meisten zog ihn und seine Bewunderung ein herumrutschender Riesenstiefel an, der sich selber anhatte und trug, bis ein altvaterischer Schulmeister mit dem Bakel ihn so kopfschuttelnd ernst und zurechtweisend ansah, dass er ganz irre wurde und sich selber an sich und an seinem Fuhrmanns-Hemde nach einem Verstosse umsah. Als der Schulmann dieses merkte, winkte und rugte er noch heftiger, bis der Notar, der ihm erschrocken in die drauenden Augen geblickt, sich in die Menge einsteckte. Es war ihm etwas Furchterliches, in die dunkle unbekannte Augenhohle wie in die offne Mundung eines Geschosses hineinzuschauen und lebendige Blicke eines Unbekannten zu empfangen.
Noch hatte er weder Vult noch Wina gesehen; und ihm wurde am Ende bange, ob er auch in diesem Meere sie wie Perlen oder Inseln finde.
Auf einmal stellte sich eine Jungfrau mit einem Blumenkranz auf dem Kopfe vor ihn; aus dem Munde der Maske hing ein Zettel des Inhalts: "Ich bin die personifizierte Hoffnung oder Spes, die mit einem Blumenkranz auf dem Kopfe und einer Lilie in der rechten Hand abgebildet wird; mit dem linken Arm stutzt sie sich auf einen Anker oder eine starke Saule. S. Damms Mythologie, neue Auflage von Levezow . 454." Walt, der anfangs in jeder Sache mit den dummsten Gedanken geplagt war, wollte innerlich auf Wina raten, ware die Gestalt nur feiner und weniger gross gewesen. Die Hoffnung drehte sich schnell um; eine verlarvte Schaferin kam und eine einfache Nonne mit einer Halbmaske und einem duftenden Aurikelstrauss. Die Schaferin nahm seine Hand und schrieb ein H hinein; er druckte die ihrige nach seiner Gewohnheit und schuttelte den Kopf, weil er glaubte, sie habe sich mit einem H unterzeichnen wollen. Plotzlich sah er die Halbmaske, namlich das Halbgesicht der Nonne recht an, an der feinen, aber kecken Linie der Rosenlippen und am Kinn voll Entschiedenheit erkannt' er plotzlich Wina, welche bloss aus dem Dunkel mit sanften Augen-Sternen blickte. Er war mit der Hand schon auf dem Wege nach der Bergkappe, bis er sie nahe daran wieder in Maskenfreiheit setzte. "O wie selig!" sagt' er leise. "Und Sie sind die Mademoiselle Raphaela?" Beide nickten. "O was begehrt man denn noch in solcher geistertrunkenen Zeit, wenn man sich, verhullt wie Geister ohne Korper, in elysischen Feldern wiedererkennt?"
Ein Laufer tanzte daher und nahm Raphaela zum Tanzen davon: "Gluck auf, Hr. Bergknappe!" sagt' er entfliegend, dass Walt den Elsasser erkannte. Jetzt stand er eine Sekunde allein neben der ruhigen Jungfrau die Menge war einen Augenblick lang seine Maske Neu, reizend drang aus der Halb-Larve wie aus der Blutenscheide einer gesenkten Knospe die halbe Rose und Lilie ihres Gesichts hervor. Wie auslandische Geister aus zwei fernen Weltabenden sahen sie einander hinter den dunklen Larven an, gleichsam die Sterne in einer Sonnenfinsternis, und jede Seele sah die andre weit entfernt und wollte darum deutlicher sein.
Da aber Walt in dieser Stellung Miene machte, als wollte er einige Jubilaen dieser schonen Minuten feiern und erleben: so fragte ihn Wina, als Spes forschend die Sklavin der Tugend voruberfuhrte, ob er nie tanzte. Sogleich wurde er in den Tanz- Sturm geweht und half wehen, indem er tanzte wie die Romer, bei welchen nach Bottiger das mimische Tanzen in nichts bestand als in Bewegung der Hande und Arme. Mit den Fussen ging er feurig den Walzer bis zum Rastzeichen der Waage, wo der fliegende Schwarm hintereinander sich anlegte als Stand-Herde. Indes glaubt' er, er floge hinter einem mit Sommervogeln fliegenden Sommer. Wie ein Jungling die Hand eines beruhmten grossen Schriftstellers zum ersten Male beruhrt: so beruhrte er leise, wie Schmetterlingsflugel, wie Aurikeln-Puder, Winas Rucken und begab sich in die moglichste Entfernung, um ihr lebenatmendes Gesicht anzuschauen. Gibt es einen Ernte-Tanz, der die Ernte ist; gibt es ein Feuerrad der liebenden Entzukkung: Walt, der Fuhrmann, hatte beide. Da er aber keinen Fuss bewegen konnte ohne die Zunge: so war der Tanzsaal nur sein grosserer Rednerstuhl; und er schilderte ihr unter dem Tanz: wie da sogar der Korper Musik werde wie der Mensch fliege und das Leben stehe wie zwei Seelen die Menge verlieren und einsam wie Himmelskorper in einem Atherraum um sich und um die Regel kreisen wie nur Seelen tanzen sollten, die sich lieben, um in diesem KunstSchein harmonischer Bewegung die geistige abzuspiegeln. Als sie standen und er die Redoute mit ihrem tanzenden Sturmlaufen ubersah, so sagte er: "Wie erhaben sehen die Mantel und grossen Hute der Manner aus, gleichsam die Felsenpartie neben der weiblichen Gartenpartie! Ein Ball en masque ist vielleicht das Hochste, was der spielenden Poesie das Leben nachzuspielen vermag. Wie vor dem Dichter alle Stande und Zeiten gleich sind und alles Aussere nur Kleid ist, alles Innere aber Lust und Klang: so dichten hier die Menschen sich selber und das Leben nach die alteste Tracht und Sitte wandelt auferstanden neben junger der fernste Wilde, der feinste wie der roheste Stand, das spottende Zerrbild, alles, was sich sonst nie beruhrt, selber die verschiedenen Jahreszeiten und Religionen, alles Feindliche und Freundliche wird in einen leichten, frohen Kreis gerundet, und der Kreis wird herrlich wie nach dem Silbenmass bewegt, namlich in der Musik, diesem Lande der Seelen, wie die Masken das Land der Korper sind. Nur ein Wesen steht ernst, unbedeckt und unverlarvt dort und regelt das heitere Spiel." Er meinte den Redoutenmeister, den er mit einem nackten kleinen Gesicht und Kopfe in einem Mantel ziemlich verdrusslich achtgeben sah.
Wina antwortete leise und eilig: "Ihre Ansicht ist selber Dichtkunst. So mag wohl einem hohern Wesen die Geschichte des Menschengeschlechts nur als eine langere Ball-Verkleidung erscheinen." "Wir sind ein Feuerwerk", versetzte Walt schnell, "das ein machtiger Geist in verschiedenen Figuren abbrennt", und fuhr in seinen eckigen Walzer hinein. Je langer er ging, bis er stand, je machtiger pries er die Fruhlinge, die im Tanzflug ihm duftend begegneten. "O durfte ich mich heute fur die schonste Seele opfern, dann war' ich die glucklichste", sagt' er. Die Hoffnung (Spes) stand ihm uberall zur Seite, wenn er sprach. Die Nonne Wina, eine sanfte Taube, noch dazu mit dem Olblatt im Munde, bemerkte gar nicht, dass er ungestum spreche, und schien sich aus Kuhnheit uber Missdeutung fast so leicht wegzusetzen als er aus Unwissenheit.
Heute erschien sie ihm ganz vollendet, wiewohl er bisher jedes letztemal geglaubt hatte, er uberschaue ihren ganzen weiten Wert; wie der Mond schon vorher, eh' er mit vollem Lichte uber uns hangt, uns als eine vollendete Scheibe aufzugehen scheint.
Nach dem Ende des deutschen Tanzes ersuchte er sie da ihm ihre Nachsicht allmahlich zu einer Ehrenpforte seiner Kunst aufwuchs gar um einen englischen, bloss damit er recht oft ihre Hand fassen und recht lange den guten Lippen und Augen gegenuberstehen konnte, ohne aufspringen zu mussen. Sie sagte leise: "Ja!"
Noch leiser hort' er seinen Namen; hinter ihm stand Spes und sagte: "Gehe gleich durch die grosse Saalture und siehe links draussen umher." Es war Vult. Erfreuet fand er unter Unbekannten seinen lieben Bekannten wieder, den er auf seiner elysischen Insel herumfuhren konnte. Er ging hinaus; Spes ins funfte Kabinett; draussen winkte sie ihm aus einer Ture hinein. Walt wollte den Bruder umarmen, aber dieser fuhr nach beiden Turschlossern: "Bedenke das Geschlecht unserer Masken!" und schloss zu. Er warf seine Larve weg, und eine seltsame heisse Wusten-Durre oder trockne Fieberhitze brach durch seine Mienen und Worte. "Wenn du je Liebe fur deinen Bruder getragen", begann er mit trockner Stimme und nahm den Kranz ab und losete das Weiberkleid auf, "wenn dir die Erfullung eines innigsten Wunsches desselben etwas gilt, dessen Wichtigkeit du 24 Stunden spater erfahrst; und ist es dir unter deinen Freuden nicht gleichgultig, ob er die kleinsten oder grossten haben soll, kurz wenn du eine seiner flehentlichsten Bitten erhoren willst: so ziehe dich aus; dies ist die halbe; ziehe dich an und sei die Hoffnung, ich der Fuhrmann; dies die ganze."
"Lieber Bruder", antwortete Walt erschrocken und liess den im langen Erwarten geschopften Atem los, "darauf kann ich dir, wie sich von selbst versteht, nur zur Antwort geben: mit Freuden."
"So mache nur schnell", versetzte Vult, ohne zu danken. Walt setzte hinzu, sein feierlicher Ton erschrecke ihn beinahe, auch fass' er den Zweck des Umtauschs wenig. Vult sagte, morgen werd' alles heiter entwickelt, und er selber sei gar nicht verdrusslich, sondern eher zu spassend. Unter dem wechselseitigen Entpuppen und Verpuppen fiel Walt auf den Skrupel, ob er aber als Maskendame mit Wina, einer Dame, den versprochenen Englischen tanzen konne: "O, ich freue mich so sehr darauf", sagte er dem Bruder; "unter uns, es ist die allererste Angloise, die ich in meinem Leben tanze; aber auf mein heutiges Gluck und auf die Maske muss ich ein wenig rechnen." Da schossen auf Vults durrem Gesicht lebendige Mienen auf. "Himmel, Holle", sagte er, "ebensoleicht nach dem Takte will ich niesen, oder die Arme zuruckstrecken und meine Flute traversiere hinten anlegen, als, was du vorhast, nachtun. Deine Walzer bisher, nimm nicht die Nachricht ubel, liefen als gute mimische Nachahmungen, teils waagrechte des Fuhr-, teils steilrechte des Bergmanus, im Saale durch, aber einen Englischen, Freund! und welchen? Ein teuflischer, nicht einmal ein irlandischer wirds. Und erwagst du deine Mittanzerin, die ja schamrot und leichenblass wird einsinken als eine Ritterin von trauriger Gestalt, als deine leidtragende Kreuztragerin, sobald du nur stockst, plumpst, drunterfahrst als Schwanzstern? Aber dies ist nun alles so herrlich zu schlichten, als ich eben will. Der Pobel soll nun eben sehen, dass der Fuhrmann sich entlarven und aus dem Tanz Ernst machen kann. Denn ich tanze in deiner Maske die Angloise. Sogar in Polen galt ich fur einen Tanzer; geschweige hier, wo nichts von Polen tanzt als der Bar."
Walt blieb einige Minuten still, dann sagte er: "Die Dame, wovon ich meinte, ist Wina Zablocki, der ich die Muhe bisher gemacht haben soll. Aber da sie meiner Maske den Tanz versprochen, wie willst du mich und den Wechsel entschuldigen bei ihr?" "O dies ist eben unser Triumph (sagte Vult); aber du sollst nicht eher erraten, wie ich es mache, als morgen." Darauf entdeckte er ihm, er habe heute im Pharao so viel gewonnen, dass er durchaus ein Goldstuck als Stuckwerk zum Zerstucken von ihm annehmen musse, ware es auch nur, damit er unter den Zuschauern etwas zu tun habe, im Magenzimmer; dabei empfahl er ihm, sich als Spes mit keiner weiblichen Maske einzulassen, da aus einer guten Hoffnung leicht die andere werde.
Walts Abendstern trat allmahlich wieder ins Vollicht, und als er Vulten die Halbbuste anlegte und ihm ins sehr ernste Gesicht und Auge sah, so sagte er heiss: "Sei froher! Freuden sind Menschenflugel, ja Engelsschwingen. Ich bin nur heute zu sehr von allem berauscht, als dass ich dir meinen Wunsch fein genug ausdrucken konnte, wie du noch mehr lieben solltest als mich."
"Liebe", versetzte Vult, "ist, um in deiner Flotensprache zu reden, ewig ein Schmerz, entweder ein susser oder ein bitterer, immer eine Nacht, worin kein Stern aufgeht, ohne dass einer hinter meinem Rucken untertaucht Freundschaft ist ein Tag, wo nichts untergeht als einmal die Sonne; und dann ists schwarz, und der Teufel erscheint.
Aber ernsthaft zu sprechen, die Liebe ist ein Paradies- und Spassvogel ein Phonixvogel voll weicher Asche ohne Sonne ist zwar weiblichen Geschlechts, hat aber, wie die Ziege, Horner und Bart, so wie wieder deren Ehemann wahre Milch hat54. Es ist beinahe einerlei, was einer uber die Liebe sagt oder einwirft; denn alles ist wahr, zu gleicher Zeit. Hiermit setze ich dir den Blusenkranz auf, und verkleide dich in das, was du hast, die Spes. Gehe aber durch meine Ture in den Saal, wie ich durch deine sieh zu, schweige still und trinke fort!"
Walten kams beim Eintritt vor, als sehe jeder ihm den Larventausch an und kundschafte seinen Kern hinter der zweiten Hulse leichter aus als hinter der ersten. Einige Weiber merkten, dass Hoffnung hinter den Blumen jetzt blonde Haare statt der vorigen schwarzen trage, massen es aber der Perucke bei. Auch Walts Schritt war kleiner und weiblicher, wie sichs fur Hoffnungen geziemt.
Aber bald vergass er sich und Saal und alles, da der Fuhrmann Vult ohne Umstande Wina, die jeder kannte, an die regierende Spitze des englischen Tanzes stellte und nun zum Erstaunen der Tanzerin mit ihr einen Tanzabriss kunstlich entwarf und, wie einige Maler, gleichsam mit dem Fusse malte, nur mit grosseren Dekorationsstrichen. Wina erstaunte, weil sie den Fuhrmann Walt vor sich zu haben glaubte, dessen Stimme und Stimmung Vult wider Walts Voraussetzung hinter der Larve wahrhaft nachspielte, damit er nicht etwa als Lugner befunden werde, der sich fur den Notarius nur ausgebe.
Spat am Ende des Tanzes liess Vult im eiligen Handereichen, im Kreuzen, im fliegenden Auf- und Ableiten sich immer mehrere polnische Laute entwischen nur Hauche der Sprache nur irre, aufs Meer verwehte Schmetterlinge einer fernen Insel. Wie ein seltner Lerchengesang im Nachsommer klang Winen diese Sprache herab. Freudenfeuer brannten hinter ihrer halben Larve. Wie sie aus der einsilbigen Angloise in den sprachfahigen Walzer sich hinubersehnte, weil sie ihm ihr Erstaunen und Erfreuen gern anders als mit frohen Blicken sagen wollte, sahen seine, die keine frohen waren.
Es geschah. Aber das zuwehende Lob seiner so lange bedeckten Talente blatterte wieder eines auf, seine Bescheidenheit. Er habe, sagte er von sich in den besten Polonismen, so wenig Welt, so viel Einfalt wie wenig andere Notarien und heisse mit Recht Gottwalt, namlich Gott walte! Doch sein Herz sei warm, seine Seele rein, sein Leben leise dichtend; und er nehme, wie er vorhin im ersten Walzer gesagt, den Larventanz im Erdensaal gern und froh vom Landerer und Schaferballett an bis zum Waffen- und Totentanz.
Da jetzt der zweite Teil der Musik in jene sehnsuchtige Uberfulle, wie in tiefe Wogen, einsank, welche gewaltsamer als alle Adagios den innersten Boden der Sehnsucht heiss aus tiefem Meer aufhebt und da die Menschen und die Lichter flogen und wirbelten und das weite Klingen und Rauschen die Verhullten wieder in sich selber einhullte, so sagte Vult im Fluge, aber polnisch: "Mit grossblatterigen Blumengewinden rauscht die Lust um uns. Warum bin ich der einzige hier, der unaufhorlich stirbt, weil er keinen Himmel und keine Erde hat, Nonne? denn du bist mir beides. Ich will alles sagen, ich bin begeistert zur Pein wie zur Lust willst du einen Gottverlassnen aus einem Gottwalt machen? O gib ein Zeichen, aber eines Worts! Nur der Zunge glaube ich mein Hochgericht; sie sei mein Schwert, wenn sie sich bewegt, Nonne!"
"Gottwalt", sagte Wina erschuttert und schwerer als er dem Tanze folgend, "wie konnte eine Menschenzunge dies sein? Aber durfen Sie mich so qualen und sich?" "Nonne", fuhr er fort, "der Laut sei mein Schwert!" "Harter", antwortete sie mit leiser Stimme, "Sie foltern harter zum Schweigen als andere zum Reden."
Jetzt hatt' er alles, namlich ihr Liebes-Ja fur seinen Scheinmenschen oder Rollenwalt, und lachte den wahren aus, der als Rolle und als Wahrheit noch blosse Hoffnung sei und habe; allein sein erzurntes Gemut bequemte sich nun zu keinem Schattendank, sondern hartstumm tanzte er aus und verschwand plotzlich aus dem fortjauchzenden Kreise.
Lange hatte sich Spes mit lauter Segnungen einer Doppelwonne in der Nahe gehalten und sich und Wina zum besten Tanzer Gluck gewunscht, und in der Meinung, ihr sei gesagt, was ihn abbilde, hatte er ihre himmelsvollen Blicke ganz auf sich bezogen. Zum Ungluck schopfte er eben im Trinkzimmer, als der langweilige englische Tanz ausging, auf dessen Ende er seine Anreden verschoben Vult schwebte eben in der tanzenden Liebeserklarung, und Spes stand mit dem Blumenkranze auf dem Kopfe und dem Flatterzettel der Inschrift am Kinne leer-harrend da und musste dem langen Walzer zusehen. Kurz vorher, ehe dieser schnell abbrach, kam die Sklavin der Tugend und zog Spesen in ein Nebenzimmer. Hundert der seltensten Ereignisse hoffte Spes. "So, kennen Sie mich nicht mehr?" fragte die Maske. "Kennen Sie mich denn?" fragte Spes.
"Machen Sie nur einen Moment die Augen zu, so bind' ich ihre Maske ab und meine dazu", sagte sie. Er tats. Sie kusste ihn schnell auf den Mund und sagte: "Sie habe ich ja schon wo gesehen." Es war Jakobine. In diesem Augenblick trat der General Zablocki durch eine zweite Tur hinein: "Ei Jakobine, schon wieder bei der Hoffnung?" sagte er und ging zuruck. "Was meinte er damit?" sagte sie. Aber Walt lief erschrokken und halb nackt in den Saal und befestigte darin mit einiger Muhe die verschobene Maske wieder vor den bekranzten Kopf.
Wina und Vult waren nicht mehr zu finden; nach langem Suchen und Hoffen musste er ohne Umtausch als Hoffnung nach Hause gehen. So schloss der Larventanz voll willkurlicher Verhullungen endlich mit unwillkurlichen von grosserer Schwere.
Nr. 64. Mondmilch vom Pilatusberg
Brief Nachtwandler Traum
Vult war, sobald er Walts uberkuhne Liebe gegen Wina und deren Begunstigung, sowie seine eigne Niederlage, sich recht nah vor die eignen Augen gehoben hatte, nach Hause geeilt, mit einer Brust, worin die wilden Wasser aller Leidenschaften brausten, um sogleich an Walt so zu schreiben:
"Nur die Lacherlichkeit fehlte noch, wenn ich Dirs lange verdachte, dass Dein sogenanntes Herz nun auch endlich den Herzpolypen, den ihr Liebe nennt, in sich angesetzt, wenngleich manches dabei so wenig das Beste ist als Dein kunstliches Verstecken vor mir. Das aber nimmst Du mir jetzt nicht ubel, dass ich zum Teufel gehe und Dich allein Deinem Engel ablasse, da der Liebe die Freundschaft so entbehrlich und unahnlich ist als dem Rosenol der Rosenessig. Halte denn Deinen geistigen Schar- und sonstigen Bock aus, bis Du auf grunes Land aussteigst und auf der Stelle genesest, die schwerlich auf der Freundschaftsinsel ist. Himmel! zu was waren wir denn beide uberhaupt beisammen und ritten wie alte Ritter, auf einem Trauerund Folter-Pferd (equuleus) oder Folteresel? Etwa dazu, dass ich auf dem Wege und zum Besten Deiner Erbschaft Dich und Dein Pferd lenkte und hielte und keinen von Euch steigen oder fallen liess? Nun die sieben Erben wissen, ob ich ihnen geschadet. Uberhaupt, was sind denn die irrenden Menschen anders als Himmelskorper auf Erden, bei deren taglichen und jahrlichen Aberrationen und Nutationen man nichts machen kann als bloss den guten Zach dabei, namlich die Zachischen Tafeln davon? Ebenso hattest Du Dich auch sonst hintergangen, wenn Du Dir geschmeichelt hattest, ich wurde Dich sonderlich ausbilden und auspragen mit meinem Munzkopf. Ich lasse Dich, wie Du warst, und gehe, wie ich kam. Auch Du hast mich nicht merklich umgemunzt, so dass ich leicht schliesse, Du bist der so wahren Meinung, es sei im Geisterreich, so wie im Korperreich man trage das Fuhrmannshemde sowohl auf Redouten als auf Chausseen das Spurfahren verderblich.
Morgen bin ich in die freie Welt hinausgezogen. Der nahe Fruhling ruft mich schon ins weite helle Leben. Spielgeld, das meine Schulden bezahlt, liegt bei; und somit guten Tag. Fallt und klagt mich jemand an, Bruder, so verficht mich nicht; wahrlich, sobald man mich hasst, so frag' ich wenig darnach, ob man mich um drei Stufen starker hasse oder nicht; und wie viele Menschen verdienen es denn uberhaupt, dass man sich von ihnen lieben lasset? Mich ausgenommen, nicht zwei, und kaum.
Wir beide waren uns einander ganz aufgetan, sowie zugetan ohnehin; uns so durchsichtig wie eine Glastur; aber Bruder, vergebens schreibe ich aussen ans Glas meinen Charakter mit leserlichen Charakteren: Du kannst doch innen, weil sie umgekehrt erscheinen, nichts lesen und sehen als das Umgekehrte. Und so bekommt die ganze Welt fast immer sehr lesbare, aber umgekehrte Schrift zu lesen.
Wozu sollen wir denn miteinander und voneinander Plagen haben? Du, als liebender Dichter, als dichtender Liebhaber, haltst Deine kunftigen so leicht aus als ein Vogel das Erdbeben und ich meine so leicht als eine Winterlandschaft den Hagel. Aber warum war ich so dumm und trank taglich eine Flasche Burgunder weniger, ja oft zwei? Du bezahltest mirs nicht, dass ich nichts trank, und ich nicht einmal, wenn ich etwas trank. Oder glaubst Du, dass ein Mann, der seine Flote blaset, der mehr Welt hat, sah und genoss als alle seine Anverwandten, der in Paris und Warschau abends um 1 Uhr, nach Mitternacht, seine Tasse Suppe trank und seinen Loffel Eis speiste, so leicht sein Paris und Warschau als Du Dein Hasslau und Elterlein in einer Neupeterschen Mansardstube opfert, die nicht einmal den Quadratinhalt eines Opferaltars gross ist? Ich aber glaube, ich war ein Cook, der Freundschafts- und Gesellschaftsinseln entdeckte und darunter die schone Insel O-Waihi, welche aber den Entdecker und Weltumfahrer zuletzt, als er den Mastbaum wollte wieder zusammenschienen lassen, gar tot machte und auffrass.
Sogar meine Flote ist Dir entbehrlich, da Du einmal (was Du wohl vergessen) eine Hoboe fur eine Flote angesehen, namlich angehort. Und da Dir, wie Du sagst, uberall die hochsten Tone am meisten gefallen: so wirst Du immer musikalisch-glucklich bleiben, weil in der Tat alle Schrei-, Miss- und ZornTone, die den Ohren auf Gassen begegnen, stets hohe und hochste sind.
Meine Gedanken werfen sich so wild umher wie Granitblocke; aber ich schreibe hier im Finstern bei hellem Sternenlicht; ich habe keine Zeit die Post ist bestellt nichts noch eingepackt; und Du sollst nicht eher von meinem Unsichtbarwerden wissen als nach ihm. Mit Briefen, die ich Dir, hoff' ich, schicke, sollen Dir gar die wenigen Ausschweifungen zukommen, die unserem Hoppelpoppel noch fehlen, wenn er als fest zusammengeleimter und lang-geschwanzter Papierdrache aufsteigen will in Leipzig in der Zahlwoche.
Gehabe Dich wohl, Du bist nicht zu andern, ich nicht zu bessern; so wollen wir einander denn in wechselseitiger Luftperspektive entlegen erblicken, und jeder von uns sage: 'Warum warst du ein Narr und kein Lamm?' Und doch, Walt, bist Du allein an allem schuld."
*
Als er eben in das Papier noch den zweiten Inhalt, das Geld, gelegt hatte und eilte, um noch vorher sein Tagebuch, seine Noten und Notae und alles vorher fur die Post zugesperret zu haben, bevor der Bruder erscheine: horte er ihn kommen. Er warf sich vor dessen Eintreten aufs Bett und schnarchte als Fuhrbergmann ihm entgegen. Walt trat nahe an ihn, sah als Spes ins braungluhende Gesicht voll sturmischer Traume. Leise ging er umher, hauchte sich Tanzmelodien vor und legte als Text Liebesworte unter.
Zuletzt richtete sich Vult von diesem windstillen und hohen Himmel wie geargert auf, trat mit zugeschlossnen Augen im Zimmer umher und stellte sich als Nachtwandler an, um in solcher Rolle ungefragt einzupacken, und sobald jener schliefe, unbedauert fortzugehen. "Heda", rief er, "her, ihr Leute, und was es noch sonst fur Spitzbuben gibt, helft packen, Bestien, und schleppen! Greift mehr zu, ihr Helfershelfer! Soll ich denn nicht heute um 3 Uhr nach der Spitzbubeninsel, und unten steht schon mein Pferd gesattelt, wie?" Dabei zog er sich an. Walt begleitete seine blinden Schritte bewachend. "Allerdings, Freund, taugen die Menschen und die Gurken nichts, sobald sie reif sind; das ist ja mein eigner Satz. Der Mensch im allgemeinen verdient viele Nasen von Gott und mehrere Nasen, als sich je durch einen alten Theatervorhang gesteckt haben, den man daher an manchen Orten in Blech einfasste. Die Grunde sind freilich nicht jedem gelaufig."
Jetzt ging er in seinen Zimmerverschlag und packte, blinzelnd und sich oft von Walt abkehrend, sein Tagebuch und alles in den Koffer. "Auf der Flote? Nein, sondern auf dem Kamm will ich ihn kunftig anblasen und abkammen. Sagen Sie mir nichts von Liebe, Hr. Reisemarschall, sie ist zu dumm, eine hubsche Antike, die man den ganzen Tag erganzen muss ein Sonnentempel in Hosentaschenformat und das dumme Ding glaubt, es lebe. Ich hab' es von ihr selber. Der Mensch fuhrt sogar Gott vor einen Vergrosserungsspiegel, so unersattlich und so einfaltig ist er Stecht mich in Kupfer, wie einen britischen Kampfhahn, ich will eben ein Monatskupfer zum Wolfsmonat abgeben, liebster Artilleriesekretar!" Als er fertig war und bloss den Koffer zuzusperren brauchte, schien er nachzusinnen und auf eine neue Idee zu geraten. "Scher' Er sich weg, Leichenmarschall, ich sperre meinen Sarg schon selber zu und will auch den Schlussel als Hals-Gehenke tragen und niemand hineinlassen als einen oder den andern guten Freund. Was die ganze und halbe Trauer um mich anlangt, so soll sie niemand anlegen als ich. Musik wird als Requiem wahrend der Trauerzeit am wenigsten verboten, aber ich bestehe auf einem scharfen Trauer-Reglement. Der Nachtstuhl muss schwarz ausgeschlagen werden man lasse das Kammergeschirr wie den Degen stahlblau anlaufen; jede Maus in meinem Haus soll in Krepp gehen meine Papilloten konnen Trauerschneppen sein und der Zopf in einer Trauerschleppe herabfallen. Aber was Henker ist das? Dort steh' ich ja leibhaftig und erscheine mir eigenhandig. Warte, wir wollen gleich finden, wer von uns beiden wahren Du's der wahre und haltbarste ist."
Hier versetzte er sich und dem Notar zugleich einen derben Schlag und erwachte davon; erst nachdem er wie verdutzt sich von Walten lange auseinandersetzen lassen, wo und was er sei, wurde er dahin gebracht, sich angekleidet aufs Bett zu werfen. Indem beide einander eine Zeitlang bewachten, fielen beide in einen wahren Schlaf.
Jetzt weckte ihn Walt, der noch traumtrunken und in berauschter Vergessenheit der vorigen Szenen ihm aus dem Bette folgenden Traum aufdrang:
"Ich weiss kaum recht, wie oder wo der Traum eigentlich anging, wie ein Chaos wollte die unsichtbare Welt auf einmal alles gebaren, eine Gestalt keimte auf der andern, aus Blumen wuchsen Baume, daraus Wolkensaulen, aus welchen oben Gesichter und Blumen brachen. Dann sah ich ein weites leeres Meer, auf ihm schwamm bloss das kleine graue fleckige Welt-Ei und zuckte stark. Es wurde mir im Traum alles genannt, ich weiss aber nicht von wem. Dann fuhr ein Strom mit der Leiche der Venus durchs Meer; er stand fest, das Meer floss wieder an ihm hin. Darauf schneiete es helle Sterne hinein, der Himmel wurde leer, aber an der Mittagsstelle der Sonne entglomm eine Morgenrote; das Meer hohlte sich unter ihr aus und turmte in ungeheuren bleiernen Schlangen-Wulsten am Horizonte sich auf sich selber auf, den Himmel zuwolbend und unten aus dem Meeresgrund stiegen aus unzahligen Bergwerken traurige Menschen wie Tote auf und wurden geboren. Eine dicke Gruben-Nacht quoll ihnen nach. Aber ein Sturm schlug sich auf den Dampf und zerquetschte ihn zu einem Meer. Gewaltig fuhr er auf und ab und schuttelte alle Wellen, hoch oben im stillen Blau flog langsam eine goldene Biene leise singend einem Sternchen zu und sog an dessen weissen Bluten, und rund um den Horizont standen Turme heiter mit leuchtenden Gewitterspitzen, bis wieder ungeheure Wolken, als reissende Tiere gestaltet, ankamen und am Himmel frassen.
Da horte ich einen Seufzer, alles war verschwunden. Ich sah nichts als ein glattes stilles Meer, aus diesem brach die bose Feindin, ohne eine Welle zu machen, wie Licht durch Glas: 'Seit der Ewigkeit', fing sie an, 'ist das Wasser ol-glatt, das bedeutet eben den grossen Sturm. Ich soll dir, sagt man, das alteste Marchen erzahlen; bist du aber voruber?' Sie sah seltsam aus, sie war in Meergrun und Meerbluten gekleidet, kleine Flossfedern zuckten an ihrem Rucken, ihr Gesicht war meergrau und doch jung, aber voll kampfender Farben. Ehe ich antwortete, fuhr die bose Feindin fort: 'Es war einmal ein ewiges Marchen, alt, grau, taub, blind, und das Marchen sehnte sich oft. Dort tief in der letzten Welt- Ecke wohnt es noch, und Gott besucht es zuweilen, um zu sehen, ob es noch flattert und sich sehnt. Bist du denn voruber? So schaue die Tiere am Ufer an!' Am glatten Meere hinauf lag es voll reissender Tiere, welche schliefen, aber im Schlafe sprachen und einander einen uralten Heisshunger und Blutdurst erzahlten.
Ehe ich antwortete, versetzte die bose Feindin: 'Vernimm das alte Widerhallen; noch kein Wesen hat den Ton gehort, den es nachspricht. Wenn aber einst der Widerhall aufhort, so ist die Zeit vorbei, und die Ewigkeit kommt zuruck und bringt den Ton; sobald alles sehr still ist, so werd' ich die drei Stummen horen, ja den Urstummen, der das alteste Marchen sich selber erzahlt; aber er ist, was er sich sagt. Holle, du erschrickst wie ein Sterblicher, bist du denn nicht voruber, Tor?'
Noch eh' ich antwortete, wuchsen ihr die Flossfederchen zu hohen zackigen Schwingen aus, womit sie mich unverdient und grimmig schlug; da verschwand alles, nur das schone Tonen blieb. Es war mir, als sank' ich in geflugelte Wogen eines wolkenhohen Meeres. Wie ein Pfeil schnitt ich durch seine weltenlange Wuste; aber ich konnte durch die glaserne Flache nicht hindurch; sondern hing im dunkeln Wasser und schaute hindurch. Da sah ich draussen, nah oder fern, ich weiss es nicht, das rechte Land liegen, ausgedehnt, glanzend-dammernd. Die Sonne schien als Ephemere in ihren eignen Strahlen zu spielen, und die Strahlen horten auf. Nur die leisen Tone des rechten Landes flogen noch um mein Ohr. Goldgrune Wolkchen regneten heiss ubers Land, und flussiges Licht tropfte uberquellend aus Rosen- und Lilien- Kelchen. Ein Strahl aus einem Tautropfen schnitt heruber durch mein dusteres Meer und durchstach gluhend das Herz und sog darin, aber das Tonen erfrischte es, dass es nicht welkte. Ich sagte laut: 'Es regnet druben heisse Freudentranen; nur die Liebe ist eine warme Trane, der Hass eine kalte.' Tief hinten im Lande stiegen Welten, wie Dunstkugelchen, unter einem weit umhullten Sonnenkorper auf. In der Mitte drehte sich ein Spinnrad um, die Sterne waren mit tausend Silberfaden daran gereihet, und es spann sie immer naher und enger vom Himmel hernieder. An einer Lilie hing ein Bienenschwarm. Eine Rose spielte mit einer Biene, beide neckten sich mit ihren Stacheln und ihrem Honig. Eine schwarze Nachtblume wuchs gierig gen Himmel und bog sich immer heftiger uber, je heller es wurde; eine Spinne lief und wob emsig im Blumenkelche, um mit Faden die Nacht festzuhalten, ja den Leichenschleier der Welt zu spinnen; aber alle Faden wurden betaut und schimmerten, und der ewige Schnee des Lichts lag auf den Hohen.
'Es schlaft alles im rechten Lande', sagt' ich, 'aber die Liebe traumt.' Ein Morgenstern kam und kusste eine weisse Rosenknospe und bluhte mit ihr weiter ein Zephyr hing sich kussend an einen Eichengipfel einer der leisesten Tone kam und kusste eine Maiblume, und ihr Glockchen wurde heftig emporgeweht tausend warme Wolken kamen und hingen sich brunstig an Himmel und Erde zugleich Turteltauben wiegten sich dufttrunken auf Nachtviolen und warfen girrend sich die Kusse auf Blumenblattern zu.
Auf einmal quoll am Himmel ein scharfblitzendes Sternchen heraus es hiess die Aurora wie vor Lust riss sich einen Augenblick mein Meer auf. Statt der dammernden Ebene lag ein fester breiter Blitz vor mir. Aber es schlug sich wieder zu, das verdammerte Land erwachte, und alles wurde verandert; denn die Blumen, die Sterne, die Tone, die Tauben waren nur schlummernde Kinder gewesen. Nun umarmte jedes Kind ein Kind, und die Aurora klang unzahlig darein. Die hohe Bildsaule des Donnergottes stand in der Landes-Mitte. Ein Kind um das andere flog auf den Stein-Arm und setzte einen Schmetterling auf den lebendigen Adler, der den Gott umkreiset. Dann flatterte das Kind wie leichtsinnig auf die nachste Wolke und sah herab nach seinem andern, das liebende Arme aufhob. Ach so wird schon Gott, vor dem wir ja alle Kinder sind, unser Lieben nehmen! Darauf spielten die Kinder untereinander 'Liebens'. 'Sei meine rote Tulpe', sagte das eine, und das andere war sie und liess sich an die Brust stecken. 'Sei mein liebes Sternchen oben', und es war es und wurde an die Brust gesteckt. 'Sei mein Gott' 'und du meiner', aber dann verwandelten sich beide nicht, sondern sahen sich lange an voll zu grosser Liebe und verschwanden wie sterbend dahin. 'Bleibe bei mir, mein Kind, wenn du von mir gehst', sagte das bleibende; da wurde das scheidende in der Ferne ein kleines Abendrot, dann ein Abendsternchen, dann tiefer ins Land hinein nur ein Mondschimmer ohne Mond, und endlich verlor es sich ferner und ferner in einen Flotenoder Philomelenton.
Aber der Morgenrote gegenuber stand eine Morgenrote auf; immer herzerhebender rauschten beide wie zwei Chore einander entgegen, mit Tonen statt Farben, gleichsam als wenn unbekannte selige Wesen hinter der Erde ihre Freudenlieder heraufsingen. Die schwarze Blume mit der Spinne bog sich krampfhaft bis zum Knicken nieder. Zu einem Lilienkranze waren vom Rade die Sterne vom Himmel herabgesponnen und er nun hellblau gemacht. Der Allklang hatte die Blumen zu Baumen gereift. Die Kinder waren dem Auge zu Menschen gewachsen und standen endlich als Gotter und Gottinnen da und sahen sehr ernst nach Morgen und Abend.
Die Chore der Morgenroten schlugen jetzt wie Donner einander entgegen, und jeder Schlag zundete einen gewaltigern an. Zwei Sonnen sollten aufsteigen, unter dem Klingen des Morgens. Siehe, als sie kommen wollten, wurde es leiser und dann uberall still. Amor flog in Osten, Psyche flog in Westen auf, und sie fanden sich oben mitten im Himmel, und die beiden Sonnen gingen auf es waren nur zwei leise Tone, zwei aneinander sterbende und erwachende; sie tonten vielleicht; 'Du und ich'; zwei heilige, aber furchtbare, fast aus der tiefsten Brust und Ewigkeit gezogne Laute, als sage sich Gott das erste Wort und antworte sich das erste. Der Sterbliche durfte sie nicht horen, ohne zu sterben. Ich schlief in den Schlaf hinunter, doch schlaf- und todestrunken, war mir, als verhulle und vergifte mich der Blumenduft eines vorbeifliegenden Paradieses
Da fand ich mich plotzlich am alten ersten Ufer wieder, die bose Feindin stand wieder im Wasser; aber sie zitterte wie vor Frost und zeigte angstlich auf das glatte Meer hinter ihr, mit den Worten: 'Die Ewigkeit ist vorbei, der Sturm kommt, denn das Meer wird geregt.' Ich sah hin, und die Unermesslichkeit gor zu unzahligen Hugeln auf und zum himmelhohen Sturme; doch tief im Horizont wallete hinter den Zakken ein sanftes Morgenlicht empor. Aber ich erwachte; was sagst du, Bruder, zu diesem kunstlich-fugenden Traume?"
"Du sollst es sogleich horen in dein Bett hinein", versetzte Vult, nahm die Flote und ging, sie blasend, aus dem Zimmer die Treppe hinab aus dem Hause davon und dem Posthause zu. Noch aus der Gasse herauf horte Walt entzuckt die entfliehenden Tone reden, denn er merkte nicht, dass mit ihnen sein Bruder entfliehe.
Fussnoten
1 Aur. bull. II. r. homo justus, bonus et utilis. 2 Juristen. 3 Jener bedeutet in Tirol den Pfarrer, dieser den Diakonus. 4 Heinecc. hist. jur. civ. stud. Ritter. L. I. 393 5 Bekanntlich ist vor dem Erdbeben meist die Luft still, nur das Meer woget. 6 Wiarda uber deutsche Vor- und Geschlechtsnamen. S. 216221. 7 Lamberts Beitrage zur Mathematik. III. Bd. S. 236 8 "Es geschah der Schamhaftigkeit und Wohlgestalt zuliebe." 9 Winckelmann, Von der Nachahmung etc. 10 Weil die meisten Feste in grosse Wetter-Krisen treffen. 11 Dessen Naturgeschichte Deutschlands. I. Bd. 2. Auflage. 12 Das Freudental in Walhalla. 13 Alters-Erlass. 14 Bologna lehrt. 15 Die Redensart hat sie aus dem Hesperus. 16 Bekanntlich hob der Buhle die erste Taufe durch eine unreine wieder auf. 17 Die Figuren auf klingenden Glasscheiben. 18 d.h. zu Buch gebracht. Spekulation ist in Neupeters Sinn ein ungekreuzter halbleinener, halbseidener Pariser Zeug, der sich von der enzyklopadistischen Spekulation, ebenfalls da gewebt, zu seinem Vorteil unterscheidet. 19 ein grosser Vogelmaler. 20 Meusels neue Miszell. art, Inhalts. 10 Stuck. 21 Gesetzbuch fur die kais. k. Armee. 1785. S. 248. 22 An Neupeters Tische, wo er ihn kurz und stark verteidigt hatte. 23 Dieses Wort fasst die hebraischen Buchstaben in sich, die am Ende grosser und anders geschrieben werden. 24 Womit man bekanntlich Zweige pfropft. 25 Die Perser glauben, dass die Statuen am Jungsten Tage Seelen von den Bildbauern begehren werden. 26 Ein Wort, ein Glockenton reisst oft die Lauwins ins Fallen. 27 Nach Bechstein lernt er Worte, Papa etc., murmeln. 28 Diesen Namen Kotstadt trug sonst Paris in unbildlicher Beziehung. 29 S. 10 in Reichardts Lieder-Sammlung, worin manche das zehntemal besser klingen als das erstemal, und Dichter und Komponist meistens ihr gegenseitiges Echo sind. 30 Schmetterlinge haben nur eine Herzkammer und die meisten keinen Magen. 31 Die Abendrote in Norden. 32 Wenden und Russen nehmen eine Glieder raubende Mittags-Teufelin an. Lausitz. Monatsschrift 1797. 12. Stuck. 33 Ludwig XIV. wurde gezahnt geboren. 34 Bibliotheque universelle T. IX. p. 83. 35 Hermanns Mytholog. I. 36 Humes Vermischte Schriften, 3. Bd. 37 Es gibt zwar ein zweites Joditz mit gleicher Gegend das Kindheitsdorf des gegenwartigen Verfassers , es liegt aber nicht in Hasslau, sondern im Vogtland, wohin gewiss nicht der Notar gekommen. 38 Pausan. in Att. 39 in der Michaelis-Messe 1804. 40 Fur den Sprachforscher ist le Goust von el Gusto das Anagramm, oder umgekehrt, und welche Sprache versetzte die andere? 41 So nannte Scarron seinen Ehrensold vom Buchhandler Quinet. 42 Ion heisst der Kommende. 43 In der neunten steht ausdrucklich: "Tagreisen und Sitzen im Kerker konnen nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden." 44 So sagt man von Pferden, welche das Spornen zu nichts bringt als zum Stehen. 45 So hiessen in Elterlein bekanntlich die adeligen Insassen. 46 Bd. 11, S. 175180. 47 Gegen Raphaela, glaubt er. 48 aseitas, seine eigne Ursache sein. 49 Die Bescheidenheit erlaubt nicht, Lobspruche stehen zu lassen, die, wie leicht zu erraten, den Gegenstand zu einem literarischen Pair ausrufen und die desto grosser und folglich desto unverdienter sind, je feiner, gebildeter und aufrichtiger der Geschmack des Hrn. Burgermeisters bekanntlich ist. 50 Mencken de Charl. erud. ed. IV. 51 Bekanntlich heissen im Dorfe Elterlein die furstlichen Untertanen am rechten Bachufer die Rechten, die adeligen am linken die Linken. 52 Lange bezieht sich auf Zeit, lang auf Raum. 53 Im Appel aux principes, wozu noch 558 Antithesen vorgeworfen werden. 54 Nach Bechstein und anderen Naturforschern hat der Bock so gut als der Amerikaner Milch, und das alte Sprichwort ist richtig.