Jean Paul
Des Luftschiffers Giannozzo
Seebuch
Erste Fahrt
Luftschiffs-Werft die Seligkeit eines Gespenstes
Leipzig
Trefft ihr einen Schwarzkopf in grunem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, dass er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbucher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt dieses Luft-SchiffsJournal von ihm unter dem Titel "Almanach fur Matrosen, wie sie sein sollten" heraus. Wahrlich, war' ich ein sakularischer Mensch wie Shakespeare: ich riebe mich vor Arger auf, dass die Wochenmenschen, die Allermannsseelen mich nur angreifen durften mit ihren schmutzigen Augen; die ersten Christen, die Griechen, die Agypter hatten mit grosserem Rechte Verbote der heiligen Bucher, als wir letzten Christen Verbote der unheiligen. Ich aber als ein schlechter Monatsheiliger mag mich allenfalls mit den Monatsrettichen, die unter mir grunen und feststecken, und mit den Mai-, Junius- und Juliuskafern, uber die ich hinfliege, und mit den Unterhaus-Gemeinen gemein machen und verunreinigen und kann ohne Schaden allgemein gelesen werden. Nahr' ich doch dabei die Hoffnung, dass ich die Allermannsseelen recht damit in Arger setze. Euch, ihr Bruder meines Herzens, aber lass' ich den Matrosen-Almanach als einen Ordensbecher nach, woraus ihr den Labe- und Leichentrunk nehmen sollt, wenn ihr lange Flore aufsetzt und umbindet, bloss weil euer Giannozzo den Hals gebrochen.
Konntest du doch jetzt unter meinem Luftschiff mithangen, Bruder Graul- dieser Name ist viel besser als dein letzter, Leibgeber : du machtest gewiss die Sanftenturen meiner Luft-Hutte weit auf und hieltest die Arme ins kalte Atherbad hinaus und das Auge ins dustere Blau Himmel! du musstest jetzt aufstampfen vor Lust daruber, wie das Luftschiff dahinsauset und zehn Winde hinterdrein und wie die Wolken an beiden Seiten als Marsch-Saulen und Nebel-Turme langsam wandeln und wie drunten hundert Berge, in eine Riesenschlange zusammengewachsen, mit dem Gifte ihrer Lavastrome und Lauwinen zornig zwischen den Ameisen-Kongressen der Menschen liegen und wie man oben in der stillen heiligen Region nichts merkt, was drunten quakt und schwillt.
Bruder Graul, hiemit sei dir mein Luft-SchiffsJournal mit einiger Achtung zugeeignet! Mein Etat hier oben ist dieser:
Du entsinnst dich unserer chemischen Nachte in Paris; aus diesen hat sich fur mich ein chemischer Tag abgeschieden; ich hab' ein Doppel-Azot (verzeih den Namen) ausgefunden, wodurch die Luft-Schifferei so allgemein werden kann, dass man die andere zu sehr verachten wird. Ausfuhrlich und deutlich fur jedes Kind will ich in zwei Minuten das ganze chemische Rezept samt der mechanischen Verrichtung da ich bei leichtem Winde sogar steuern kann hieher schreiben bloss in der Absicht, dass mein Schiff wie ein Wassertropfe in die Giessgrube der schweren, fur einen Ton und Bug ineinander schmelzenden Glokkenspeise der Menschheit springe Wetter! wie wird die weiche Masse in tausend Zacken und Knallen zerschiessen und alles hoch hinauswollen. Nehmet also, ihr Leute, ein halbes Pfund.....
Des Herausgebers Hand am Rand: Aber in unserer alles entmastenden Zeit halt' ich gewiss mit Recht dieses Revolutions-Rezept zuruck, bis wenigstens allgemeiner Friede wird. Dem Chemiker geb' ich etwas, wenn ich sage: Giannozzo ist im Besitz einer ganz neuen, noch einmal so leichten azotischen Luft er extrahiert sie sogar oben, wenn der Eudiometer mehr phlogistische Luft ansagt er lasset immer ein Naphtha-Flammchen brennen, wie unter dem Teekessel flackert er treibt droben oft die Kugel hoher, ohne das Abzugsgeld von Ballast auszuwerfen er hat einen Flaschenkeller von Luft bei sich die Kugel hat nur den Halbmesser anderer Kugeln, die nicht mehr tragen, zum Diameter sie besteht (wie mir Leibgeber schreibt, der sie gesehen) aus einem feinen, aber unbekannten Leder mit Seide uberzogen (vermutlich gegen den Blitz) Aber nun ists genug. Soweit der Herausgeber.
*
Was sagst du zu diesem Rezept? Dabei halt mich mein Leder-Wurfel, der auf allen 6 Seiten Fenster hat, auch auf dem Fussboden, hier im obern Dezember (der Juni drunten liegt uber 3000 Fuss tief) ganz warm, wie eine zerbrochene Bouteille einen Gurkenstengel. Ich warte sogar wie ein Paradiesvogel meinen Schlaf uber den Wolken ab und ankere vorher in der Luft. Der gleichzeitige Marsch und Kontremarsch der Wolken hat es dir langst gesagt, dass fast immer entgegengesetzte Winde in verschiedenen Hohen streichen. Zwischen zwei feindseligen Stromen halt nun nach den hydrostatischen Gesetzen durchaus eine neutrale ruhige Luftschicht still. Und in dieser schlaf' ich gemeiniglich.
Auf den ersten Gedanken der Auffahrt brachte mich das Wort: revenant. Einer sprach es zufallig vor mir aus; ich dachte an das Himmelsgluck, ein Gespenst zu sein da tat sich eine Pandorabuchse, ein Aolsschlauch von Phantasien auf. Ihr Geister! wie gern wollt' ich Grenzensteine verrucken und unrechtes Gut einsammlen, wenn ich dadurch die Geister-Maskenfreiheit uberkame, dass ich in schrecklicher Gestalt umgehen und jedem Schelm, der mir gefiele, das Gesicht zu einem physiognomischen Anagramm umzeichnen konnte. Bald wurd' ich vor dem Oberkriegskommissar als ein sanfter Haifisch gahnen bald einen welken roue mitten in seinen impedimentis canonicis als eine Riesenschlange umhalsen wie den Laokoon bald vor einem Sortiment von Bratenrokken, das die Kaferfressspitzen schon in die braune Pastete setzt, aus dieser belebt und nass aussteigen als greuliche Harpye und fast taglich wurd' ich fait davon machen, dass ich diese statistischen, kleinstadtischen Achtzehnjahrhunderter ohne Geister und Religion mitten in der Kammerjagerei ihrer Brotstudien, Brotschreibereien und ihres Brotlebens mit etwas Uberirdischem (ich fahre z.B. als ein Engel durch den Saal) aus der Trodelbude ihres abgeschabten Treibens und Glaubens hinaussprengte, so dass sie sich lieber fur toll hielten und fur krank und sogleich nach dem Kreisphysikus schickten Ach, das sind sanfte IdyllenTraume!
Aber es geschah doch etwas, wenn ich fullte und in die Luft flog; es wurden mir doch, wenn ich so luftseefahrend weniger wie Howard durch die Kerker als um den grossen Kerker aller kleinen reiste, Mittel und Wege gezeigt, besser auf die Menschen zu wirken, es sei nun, dass ich einige Steine meines Ballastes auf sie werfe, oder dass ich als herabkommender revenant wie ein Falke auf ihre Sunden stosse, oder dass ich mich ihnen unsichtbar mache und fest in solcher Lufthohe und Barometertiefe.
Vorgestern am ersten Pfingsttag, wo der heilige Geist aus dem Himmel niederkam, verfugt' ich mich aus Leipzig in denselben und stieg. Vor dem Peterstore neben der Kirche spannt' ich meine azotischen Flugel aus zum Gluck in einer Viertelstunde. Denn der Portier des Tores und der der Kirche (der Kuster) schlossen einen Verein und suchten die Polizei aufzuwecken, um es mir verstarkt zu wehren, damit ich nicht unmittelbar vor den langen Kirchenfenstern in die Hohe segelte und sie drinnen turbierte. Ich war aber bald uber das zugesperrte Stadttor weggeflogen. Die Wache hatte vielleicht erwartet, dass ich mir es aufschliessen liesse. Denn es ist da die gute Einrichtung, dass man die Tore, wie Janus seine, zur Zeit des Gottesfriedens in den Kirchen vollig sperrt damit die Zuhorer und noch mehr die Armenkatecheten darin nicht gestoret werden durchs Gehor und solche nur dann aufmacht, wenn Wagen kommen, damit die Passagiere ebensowenig dabei leiden; und so lauft Einfuhr der Ermahnungen und der Menschen gut nebeneinander fort.
Aber, o ihr Genien, warum schenk' ich hier diesem etwas antigenialischen Pleiss-Hanse-Athen leider wollt' es sich auf dem Getafel seiner Ebene mir gar nicht aus dem Gesicht verlieren nur drei Worte uber seine lackierte und getriebene Arbeit von Umgang, uber seinen Mangel an Eisenfressern und Uberfluss an Eisensaufern1 und uber den Handelsgeist, der nie sagt: ich und du, sondern: ich et du? Warum lass' ich mich herab zu dieser Ebene? Erstlich weil mich ihre galanten Gelehrten ergotzen, die stets einen schonen Mittelweg zu halten wissen, es sei von der scientia media der Philosophie die Rede oder von den Mittelstimmen der Poesie2; und zweitens, weil sich die Stadt doch taglich einen frohen Tag macht und aufs Land geht. Sonst wachset an Handelszweigen mehr Holz als Blute.
"Aber ich strecke meine Arme (an meinem innern Menschen und neuen Adam hangen beide) Dank-betend gegen dich aus, gottliche Sonne, und danke dir, dass ich dir naher bin und ferner von den Menschen, sowohl von den Sachsen als von allen andern! Ich will sterben, schlaf' ich diese Nacht drunten. Und doch mocht' ich an dem Steine liegen, wo du einschliefst, heiliger Gustav, und heute zu diesem Jakobs-Kopfkissen niederfahren!"
Das schrieb ich, da ich auf dem Schlachtfelde bei Lutzen den Gedachtnisstein sah, den ausgeworfenen Ballast, als Gustav blutig hoher fuhr; aber die Winde wurden meine Sanftentrager, und ich schlief uber euerem Gewolke.
Mein Schiff hab' ich da doch jedes so gut wie eine Glocke oder seine Mannschaft unter der Linie eine Taufe haben will den Siechkobel getauft.
Zweite Fahrt
Endigung der ersten die Krotenritter Frosch- und
Mausekrieg im Furstentum Vierreuter
In Luftschiffs-Journalen muss Ordnung sein; ich fange wieder an.
Vorgestern am Auffahrtstage war ich um die Welt nicht her unterzubringen auf diese; vom unsteten Wehen liess ich mich uber Sachsen hin- und herwurfeln. Ich oder der neue Trabant um die Erde mochte ihnen drunten etwan die scheinbare Grosse des alten haben. Mein Tischgebet verrichtete ich vor einem weichen Ei, das ich mir in Dintenwein3 auftrug. Ich konnte ein plasantes Leben hier oben fuhren, wenn ich mich nicht den ganzen Tag uber alles erboste, was ich mir denke und finde. Schon drunten war ich oft imstande, tagelang die Stube auf- und abzulaufen und die Faust zu ballen, wenn ich uber die bose Zwei (die bose Sieben fur mich), uber Ungerechtigkeit und Aufblasung reflektierte und mir die greuliche Menge der Schnapphahne und der Krahhahne vorsummierte, die ich in so vielen Landern und Zeiten muss machen lassen, was sie wollen, ohne dass ich den einen die Sporen, den andern den Kamm abschneiden, dort Kopfe, hier Fenster einschlagen konnte. O Bruder Graul, kennst du auch den Ingrimm, wenn der Mensch sich vergeblich ein paar Sundfluten oder Jungste Tage oder einen massigen Schwefelpfuhl wunscht, und es wie ein fauler Hund mit anschauen muss, wie zahllose Blut- und Schweinsigel, Kirchenfalken und Staatsfalken in allen Landern, Departements und den drei Zeit-Dimensionen ungestraft saugen, stechen, stossen und rupfen; wie sie, gleich dem grunen Wasserfrosch, der die bewohnten Schneckenhauser verdauet, Hauser und Lander verdauen; wie sie (die besagten Bestien) wie der Ochse des Phalaris sogar den Schrei des Menschenschmerzes in das Brullen einer wilden Tierstimme verkehren? O konnte man nur eine Woche lang als ein hubsches volles Gewitter uber die Menschenkopfe ziehen und sie zuweilen beruhren von oben herab, so wollt' ich nicht klagen!
Da ich vorgestern uber ein Dutzend Marktflecken und ein halbes kleiner Stadte wegging und durch meinen glasernen Fussboden und mein englisches Kriegsperspektiv herunterguckte in die Garten und Gassen und an die Fenster mitten unter die Visiten-Komodien mit Choren hinein: so sagt' ich: ihr armen Sunder allzumal, wollte Gott, ich ware ein Platzregen! Graul, du glaubst es nicht. Einer Sedezstadt zuzusehen, das passiert; aber eine ganze Sedezstadte-Bank, eine Austernbank, von oben zu uberschauen, das chagriniert. Ich sah in 22 Garten von mehreren Zwergstadten auf einmal das Knicksen, Zappeln, Hunds-, Pfauen-, Fuchsschwanzen, Lorgnieren, Raillieren und Raffinieren von unzahligen Zwergstadtern, alle (was eben der wahre Jammer ist) mit den Anspruchen, Kleidern, Servicen, Moblen der Grossstadter. Hier in der einen Tanzkolonne die Sedezstadterinnen mit bleihaltigen Gliedern und Ideen, aber doch in gebildete Shawls eingewindelt und in der griechischen Lowenhaut schwimmend, viele wie Huhner4 und Offiziere mit Federbuschen kranklich bewachsen, andere in ihren alten Tagen mit bunten Kleiderflugeln behangen als Denkzetteln der jungen, wie man sonst gebraunte Pfauen mit ungerupften Flugeln in der Bratenschussel servierte. In der entgegenstehenden Kolonne die Elegants und Roues, wie sie keine Residenzstadt aufweiset, die Narzissen-Jungerschaft des Handels, des Militars und der Justiz, deren modische Kruste in schneller Hitze ausbuk voll schwerer roher Krume, sprechend von Ton und schoner Welt, sehr badinierend uber die alte langschossige in der Stadt; nicht gerechnet eine Sammlung gepuderter zarter Junker-Gesichter, die aus Billards und Schlossern vorgucken, wie aus dem durchlocherten Kaninchenberg weisskopfige Kaninchen. Graul, uber einen ganz vollen sachsischen Garten dieser Art, einen Kaninchengarten, mit eleganten langhosigen Ohnehosen besamet, streckt' ich im Zorn transitorisch meinen Arm aus, wie Xanthippe ihren uber ihren Sokrates unter der Hausture, und goss es auf die Lustpartie
hinunter- mit Effekt, gebe der Himmel! Auf keine andere Weise als mit diesem Strichregen macht' ich meine erste Gastrolle in der kursachsischen Atmosphare als Jagdtaufer.
Aber so ist die ganze ungeweihte Erde. Man denkt sich nur immer die eigne Stadt als das Filial und das Wirtschaftsgebaude zu einer entfernten Sonnenstadt; konnte man aber durch alle Gassen auf der Kugel auf einmal hinunter- und hinaufsehen und so immer dieselbe Gemeinhut der Alltaglichkeit auf beiden Kugelhalften finden: so wurde man fragen: ist das die beruhmte Erde? "Das Spuckkastchen drunten, das Pissbidorchen, das ist der Planet", wurd' ich einem Seraph antworten, der vor mir vorbeifloge und mich bate, ihn zurechtzuweisen.
Das ist eben meine zweite Holle oben gedacht' ich meiner ersten , dass ich so unzahlige Narren, die wie Luftbetten nach jeder Erniedrigung sich selber wieder heben die Billionen, die sich den ganzen Monat die Huldigungsgeruste selber bauen die Repetieruhren, die es immer wiederholen, wie weit sie vorgeruckt alle die Trommelsuchtigen in tausend Dorfern, Gerichtsstuben, Expeditionsstuben, Lehrsalen, Ratsstuben und Kulissen und Souffleurlochern, welche lustig schwellen konnen, ohne dass man ihnen mit dem Trokar einen tapfern Stich geben kann, das ist meine Holle5, dass ich so viele Windschlauche mir denken muss, denen ich nie beikommen kann, weil manche einen ganzen Erdmesser weit von mir liegen. O Gott, nur einen Jungsten Tag der allgemeinen Demutigung gern fahr' ich dann ab!
Aber zuruck zu meinen andern Fahrten! Gestern am zweiten Pfingsttag erwacht' ich uber dem Furstentumlein Vierreuter6 und wurde gerade auf dessen Haupt- und Residenzstadt hergetrieben. Ich beschloss, in beiden meinen Kaffee zu trinken. Kurz vor dem Parisertore dreht' ich beide Hahne meiner Kugel auf, sowohl den fur die Ausfuhr leichter als den fur die Einfuhr schwerer Luft und fiel wie ein Stossvogel innerhalb der Wache nieder. Aber das machte diese dumm und wild, sie rief den Tor-Katecheten, und dieser wollte durchaus wissen, wer ich ware, ferner meine Geschafte, mein Logement und die Zeit meines Bleibens. Ich entgegnete ihm ganz hoflich, er wurde recht haben, grob zu fragen, so wie die Schildwache, den schiefen Schlagbaum gerade zu ziehen und sich davor grimmig zu postieren da kleine Furstentumer und deren Residenzen, wie kleine Juwelen, leichter zu verlieren waren , wenn ich draussen in einem Wagen vor dem Tor sasse und es ansahe; allein jetzt sei ich ja, wie er sehe, daruber weg und schon einpassiert. Er gab durchaus nicht nach, ich auch nicht. Der Wehrstand, in den ich mich setzte, lockte den halben Wehrstand der Wachtstube um mich, Haustruppen im eigentlichen Sinn, die nie ausserordentlichen Larm in der Welt gemacht ausser vor ihren eignen Ohren, wenn sie eben Gurken assen. Du sagtest einmal, Graul, du getrautest dich, wenn du am Grenzwappen standest, uber das ganze Furstentum leicht wegzupissen, so schmal lauf' es fort. Ich gab der Landmacht um mich herum etwas Ahnliches zu verstehen, indem ich sie fragte, ob man hierso wie eine gewisse Stadt vor einem blinden Tore eine lebendige Wache hatte nicht ebensogut vor wahre Tore blinde oder gemalte Wachen stellen konnte, die man gar nicht abzulosen brauchte.
Da sich darauf die Landmacht rustete, mich ernsthafter zu berennen: liess ich bloss meinen grunen Mantel ein wenig auseinanderfallen; sogleich schlug ich den Heerbann aus dem Felde mit einer Krote. Im ganzen Furstentum Vierreuter steht namlich kein Orden in grosserem Ansehen als der franzosische oder neufrankische, den der Furst selber gestiftet, damit er zum Grossmeister erhoben wurde von sich. Nach der Analogie von Deutschmeistern und deutschen Herren nennt er sich Frankenmeister und die Ritter Frankenherren. Sie tragen (denn er musste mich in Marseille auch zu einem machen) im Knopfloch an grunem Bande eine goldne Krote wenns nicht bloss ein Frosch sein soll (da sie so gross ist wie der am Fiedelbogen) ; vermutlich soll die Krote auf die franzosische Lilie (der Sage nach der Nachflor der Krote) hinfuhren.
Es ist gar nicht zu sagen wenn man nicht im Kammerkollegium sitzt , um wie viele Zolle der vierreutersche Ordensgeneral durch die Erfindung seines Frosch- oder Krotenordens dem Lande die Geldgurt weiter und voller gemacht, bloss weil er aus beiden kein Goldstaubchen hinausfliegen liess in fremde Lander fur fremde Titel. Erstlich der Furst selber, der, denk' ich, den besten und daher teuersten Titel verlangen darf, legt anstatt sich einen, z.B. das uberteuerte blaue Hosenband aus England zu verschreiben, eine wahre Staats-Aderlassbinde ein inlandisches Fabrikat um den Leib, das ihm keinen Heller kostet, sondern nur ein Wort, und er steht so gratis als Gross- oder Frankenmeister des Krotenordens fertig vor Europa da. Oder verlangt man, dass ein Herr, der das ganze Jahr Titel und Bander an alle Welt, oft an die grossten Tropfen und Auslander ausgeworfen, sich selber zu nichts kreieren und durch kein Selbstband zeigen soll, wie er sich ehre?
Zweitens: da die Menschen auf dem schlaffen Seile der seidnen Bander am liebsten tanzen: so konnen in Landern, die mit Metallsaiten bezogen werden sollen, gar nicht Basler Ordensbandfabriken genug errichtet werden, damit man die Menschen und ihr Geld bei der Ehre fasse! Der Frosch setzte mich und meine Injurien in Sicherheit und Achtung und darauf in den Gasthof, wo ich sogleich nach dem Balbier und nach dem Hofmarschall schickte, um durch beide den Zutritt zur Cour zu erwerben. Ich und der Furst waren uns einander ehemals in Marseille in den Kulissen des Theatre des Varietes aufgestossen und sehr bekannt geworden. Die Wahrheit zu sagen, wollt' ich dem Hofe Verdruss machen und mich nachher wieder in die Luft. Ich wurde angenommen; aber da ich im Verzugs- und Anstandssaale auftrat unter den Frankenherren ohne Courflagge und Courruder, ohne Haarbeutel und Degen: so musst' ich mich ein wenig auf dem Rucken und von der Seite ansehen lassen. Endlich erschien unser Frankenmeister mit seiner Meisterin. Ich wurde ihm prasentiert wie ein lebender Wechsel auf die Vergangenheit, aber nicht ausserordentlich honoriert und akzeptiert; die Arme, womit er sonst jugendlich an sich druckte, waren der eine durch das feste Halten des gewichtigen Zepters, der andere als Tragebalken und Atlas des Thronhimmels ganz steif geworden und die weichen Hande sehr kallos. Er konnte die Ellenbogen so wenig um mich zusammenschlagen als ein Wegweiser seine holzernen. Ich fuhrte ihn leise auf einige Juvenalia zuruck, besonders auf ein Inkognitohaus in Marseille, das eigentlich das wahre Theatre des Varietes war, wo ich ihn mehrere Sonntage vormittags damit ausser Fassung brachte, dass ich ihn daran erinnerte, wie gerade jetzt (in diesen etwas apokryphischen Horen) auf allen Kanzeln seines Landes in den kanonischen werde um das Vergnugen und die Tugend des Landesherrn geflehet werden und besonders darum, dass er gesund wiederkomme : er ging darauf allemal ans Fenster des Theaters und hatte Gedanken.
Aber heute brach er ab mit einem gezwungenen Lacheln. Serenissima sah stolz uber die oden Platze meines Korpers hin, wo ich mich als eine blosse Henne darstellte mitten unter so vielen Courhahnen mit Kamm und Sporen namlich ohne Haarbeutel und Degen. Sie ist eigentlich die Goldschaumschlagerin des zeremoniellen Rausch- und Knistergoldes; ihre Courparole Von hatte den Adam, ihren Urherrn, als einen tafelunfahigen von wenig oder gar keinen Ahnen weil Praadamiten schwer zu dokumentieren sind von ihrem Tischtuch verjagt. Sie wusste von den Romern, dass Sklaven oder (in der Sprache des Mittelalters) Leute frei wurden, wenn sie mit dem Herrn assen.
Endlich machte sich der Hof zum Marsche ins Tafel- oder Stummenzimmer mobil, und wir Kammerund Frankenherren meistens Leute, die nichts zu essen haben ausser im Bratenrock und die sich mit dem Degen an der Seite den Weg bahnen zur Schussel und samtliche Minister des Landchens drangen in keilformiger Ordnung voran, und die furstliche Familie schleifte leicht hintennach. Die Langeweile, als die Konigin des Balles, war bald hinten, bald vornen und flog wie eine muntere Hausfrau unter den Gasten umher.
Vierundvierzig Worte wurden zur Tafel geliefert und an funfundvierzigtausend Seufzer ich hatte Zeit zum Zahlen der Lieferungen als der grosste SeufzerLieferant. O ihr Deutschen, warum sprecht ihr so wenig, zumal am Hofe, und vollends die Vierreuter! Sprechen ist Wachen, Schweigen nur Schlaf. Wenn man in Neapel die Satisfaktion hat, zu erfahren, dass jeder Balbier und Schneider einen zweiten zum Fremden mitbringt, um, wahrend er rasiert oder misset, ein Sprechmitglied, einen Turniergenossen der Redeubung zu haben und dass sogar der Souffleur sich noch einen Zungenableiter und Mitlauter im Kasten halt: so weiss man nicht, was man in Deutschland zu dem allgemeinen Zungenkrebs und Lippenkrebs nur der letztere ist eine Krankheit bei Menschen sagen soll, und das ist eben wieder deutsch und stumm. Sobald der Deutsche mit seiner Historie fertig ist denn wie der Brite kein Fruhstuck ohne gedruckte Zeitung, so geniesset uberall der Mensch nichts ohne mundliche : so kommt er gar nicht wie der Franzose erst recht ins asthetische und philosophische Sprechen hinein, sondern er ist schon fertig mit allem.
Nur die drei Minister so schreibt man Prasident, wenns mit grossen oder Anfangsbuchstaben stehen soll hatten den Mut (weil man sie haben musste), zuweilen ein weises und langweiliges Wort zu sagen. Leute von Jahren und von hohen Amtern exerzieren uberall das Servitut der Langenweile, dieser Figurantin der Weisheit. Die Menschen machen es mit sich wie die Vogelfanger mit dem Hasenbalg, sie stulpen ihn zu einem Eulenkopf um (wie er auf Minervens Panzer sitzen konnte): dann fangen sie das leichtfertige Gevogel.
Und dem fliegt Giannozzo so gern an der Spitze vor. Ich verfiel da wieder auf meinen alten HotelSpass. Ich glaubte namlich einiges Leben in die EssKonsulta zu bringen, wenn ich mich stellte, als entflohe meines. Anfangs liess ich einige nicht schrecklose Zuckungen uber das Gesicht weglaufen; man sah sie sehr aufmerksam an; ich trug noch ein paar harte nach und sank unversehens in die Ohnmacht. Ich wurde von einem Kaferschwarm von Bedienten aufgefangen und umschnurrt. Da ich wieder auf den Sessel und zum Besinnen kam, fand ich zu meiner Lust den Diskurs allgemein. Ich musste jeden aus der Angst des Rezidivs herausziehen, damit man mich nur sitzen liesse. Sooft nun wieder Mattigkeit einfiel und Tafeljammer: so lehnt' ich mich zuruck und spielte auf meinem Gesicht mit matten Krausel- und Anfangsbuchstaben von Versterben; aber ein schwacher Zickzack von Mienen reichte hin, alle zu beseelen und mich wieder aufrecht zu setzen. Die kahlkopfigsten Hofleute wollen sich wie sie mir abermals schmeichelten keines so amusanten Diners entsonnen haben, als dieses durch meine mimischen Konfigurationen war. Ich selber wurde uberhaupt allgemein gesucht, weil ich aus der Luft herabgefahren war und man mich wieder auffahren zu sehen hoffte. Abends im Novitatentempel so hiess als Widerspiel des Antikentempels ein schlechter Speisesaal im Park bracht' ich gar etwas in der Tasche mit, was die Gaste in so viel Feuer und Handlung setzen sollte als die Pucelle oder jede andere Muse und was ich auf dem Kirchturm, den ich deswegen zum Spass bestiegen, eingesteckt hatte; es waren ein paar Fledermause.
Es fiel darauf ein Land- und Lufttreffen zwischen den Froschrittern und Fledermausen im Saale vor, dass der offizielle Bericht durchaus bekannt zu werden verdient, den ich an auswartige Machte davon aufgesetzt unter dem imposanten Titel:
Frosch- und Mausekrieg im Novitatentempel zu
Vierreuter
Als der Schelm Giannozzo eben vor dem warmen Suppenteller sass und jeder andere auch: schlupft' er heimlich mit der Linken in die Tasche und holte unter der Chauve-souris-Maske des Schnupftuchs unbemerkt (weil der Hof auf die Loffel sah) seine Fledermause hervor und liess solche unter der Tafel los. Wenige Sekunden darauf ging die Lust-partie a la guerre an, die zweite Hof-Dame sah zuerst als Vorpost und enfant perdu die fliegenden Drachen oben fahren und rief nicht "wer da", sondern wusst' es sogleich und schrie bloss: perdu, weil sie: enfant ausliess. Die andern Damen riefen in zwei Sprachen: Himmel! wenige Herren: Holle! die meisten beides. Auf dieses Kriegsgeschrei sprangen viele der meisten Krotenritter von ihren Sesseln auf und wieder darauf hinauf und zogen ihre Hof-Raufer, um sich mit den Mausen auf Hieb und Stoss zugleich und sogleich einzulassen. Die schwere Kolonne, deren Backen und Bauch am Hofpol wie Wasser im Frost konvex geworden waren, erwartete den Feind auf dem Fussoden und hielt die Huften-Bajonette vor. Das Bedientenvolks-Aufgebot rannte aufgebracht umher, die meisten schlugen mit der Fahne der Serviette, womit sie den Teller gebreitgedruckten Halbpfundern von Tellern. Bloss ihr Chef, der alte ernste, hinter Stuhlen grau gewordene Haushofmeister, stand vom Schrecken halb erwurgt und von seinem Verstande verlassen da und versuchte gegen beide Unglucksvogel einige schwache Luftstreiche mit dem Sabel des Trenchiermessers, die man jedoch als Kommandoschwenkungen auf der vorteilhaftern Seite nehmen konnte. Nur der Generalissimus und Frankenmeister nahm mit einem unbegreiflichen Mute (der ganze Hof ist hier der Nachwelt der beste Burge) noch ganz gefasset funf oder sechs Loffel Suppe zu sich, wahrend diese schon eine soupe dansante geworden und das Treffen allgemein, die Ministers aufgestanden und die meisten Weiber und Kammerjunker schon entflohen waren. Fur einen Mann dieses Muts war es, auch wenn er nicht der Kommandeur des Froschordens ware, wohl nichts weiter, als was sich von ihm prasumieren lasset, dass er den Loffel weglegte und sich, mit nichts als einem Hasenbrecher in der Hand armiert, mitten ins dickste Gefecht mit dem Flugelwerk begab. Von dem Schelm Giannozzo muss man doch das Gute sagen, dass er die Furstin als die Schachkonigin deckte als Turm, vor ihr auf einem Stuhl postiert und mit einer Gabel die Mause parierend; ja es schreibt den Schelm in die Rubrik grosser Helden ein, dass er vermogend war, mitten unter den Schwertern zu raillieren, das Treffen ein Schifferstechen und dergl. zu nennen und seinen eignen Krotenorden nur wenig zu schonen.
Da nun der selber zu seiner pratorianischen Kohorte abreisende Frankenmeister sich an die Spitze der Frosch- und Krotenmausler setzte: so wirkte er, wie Ziskas Haut auf der Trommel, auf sein Heer; es entstand ein Handgemenge ohnegleichen die Krotenritterschaft nahm sich zusammen, und das Flugstechen fing nun erst, da die Ritter bisher ofters vom Geflugel uberflugelt worden und der Ubermacht gewichen waren, recht erbittert und glucklich an. Wahrlich das jetzige Geschrei der Weiber das Blinken der Stossgewehre das Flattern der Fahnen und Mause das Sturmlaufen der Froschmausler das Stehen der drei Minister, die den Flug der Vogel beobachteten als Augure der erwurgte sinnlose Haushofmeister mit dem Messer, der noch schwenkte das alles zusammen formierte ein Schauspiel, dergleichen man im Novitatentempel zwar kein braveres, aber auch kein terribleres je gesehn hat, ausgenommen etwan sein Ende. Denn der Ordens- und Obergeneral war so glucklich, den rechten feindlichen Flugel mit dem Hasenbrecher unter sich zu bringen und solchen wirklich zu erstossen; worauf sich sogleich weil in derselben Zeit der Schelm Giannozzo den linken Flugel an dem rechten der Maus in geschickter Stechweite mit seiner Gabel aufspiesste und so alle Gefahr voruber war der samtliche Hof in corpore zu dem Sieger und der Maus hinzudrangte und jeder ihm wie an einer Geburtstags-Cour seine Gluckwunsche abstattete. Aus dem lebendigen Gefangenen an der Gabel und dessen Krummschliesser wurde, wie es schien, weniger gemacht, und der besagte Schelm mit seinem Vogel schien nur den roten Adler zu tragen an ihr, Serenissimus aber den schwarzen.
Ende des beruhmten vierreuterischen Kriegs
Nach den Krotenritterspielen stand die Lust wie ein langes Morgenrot uber der Tischgenossenschaft. Sie wollte noch ein Abendrot dazu haben, namlich meine Auffahrt in der Nacht; und ich wurde daher allgemein geachtet, wie es Menschen pflegen. Ich sah oft "liebenswurdige herrliche Gesellschafter", die es darum waren, weil sie wie Hahne krahen, oder funf Kartenkunste machen konnten, oder weil sie einen Pudel mit hatten, der halben Menschenverstand besass; so wurden meine beiden besten Kugeln, die im Kopf und die in der Brust, bloss durch die arostatische gehoben. Zur Belohnung bat ich den Hof, nach meiner Auffahrt eine Stunde lang achtzugeben, ich wurde oben unter den Sternen dreimal den Novitatentempel umkreisen und mich senken.
Ich ging ins Wirtshaus und fuhr auf und davon.
Dritte Fahrt
Das Fisch-Eden das Saturnianer-Land
das Dorfchen Dorf
Den wahren Himmel auf Erden, sagt' ich oft, besitzt wohl niemand als ein Seefisch. War' ich einer, z.B. ein Haifisch, so konnt' ich unter dem Eishimmel des Nordpols hervorbrechen, vor der kalten Zone vorbeischwimmen, dann vor der gemassigten und am Gleicher halten und wie andere Normanner Menschen rauben und dann meine Reise um die Welt fortsetzen. Ich hatte uberall etwas zu fressen, namlich meine Wasser-Sassen, die Stockfische, und wo ich frore oder schwitzte, sah' ich mein gemassigtes Klima unter den Flossfedern, in das ich untertauchen konnte. Welches herrliche, freie, weite Reich, worin wir Hai- und andere Fische neben einigen gestrandeten Weltteilen und Inseln, wovon die wenigsten schwimmen, leben ohne Blitz und Uberschwemmung, ohne Durre und Misswachs und ohne Fischseuche!
Fast wie einem solchen Fisch im Wasser war mir gestern nachts in der Luft, als ich herauskam aus dem Novitatentempel, welche luftende Freiheitsluft gegen den Kerkerbrodem unten! Hier ein rauschendes Nachtluft-Meer, drunten ein morastiges Krebsloch! Ich machte die Sanftenfenster dem frischen Luftzug auf und blies vor Lust mit meinem Posthornchen hinaus. Drunten auf meinem zuruckgelassenen Meersboden stieg ein Dieb in eine Kirche ein unweit davon stieg ein Monch aus einem Kloster als Selbstdieb heraus in den Wald liefen Wilddiebe auf dem Felde Wachter gegen das diebische Wild ferner Reisende Sentimentalisten u.s.w. Was ging mich das tiefe Volk an? Ich ging zu Bette.
Saussure klagt schon uber die Schlafrigkeit auf Hohen; auf meiner gedeihen die Mohnkopfe noch besser. Ich erwachte erst, da ich schon uber dem Saturnianerlande schwebte. Es verdient seinen schonen Namen, da wirklich Saturns goldnes Alter sich da noch aufhalt. Der Hof, der Hofprediger und die Kammer sagen es dem Fursten an Geburtstagen, weil sie das Land mehr bereisen und kennen als er. Wenn je ein saturnianisches Lustrum so auf der Erde weilte, wie Hesiod es beschreibt sagen sie und schlagen den alten Sanger auf , eines, wo die seligen Menschen ohne Ackerbau, ohne Gold und ohne Fleischessen lebten: so ists hier in unser Land versteckt; wo ist, fragen sie, hier muhsamer Bau des Landes, das alle seine Gaben freiwillig gebiert, die freilich nicht von jedem zu geniessen sind? Wo wird weniger Blut vergossen und Fleisch gegessen als da, wo fast gar kein Viehstand ist? Und was das Gold anbelangt, das eben in goldnen Zeitaltern erweislich nur im Namen steckt, so haben wir die echtesten Papiere in Handen, um das Alibi desselben zu dokumentieren; denn das Blei, das unlegiert im Lande rouliert, ist eben die rechte Gedachtnis- und Kronungsmunze des Saturns, den die Chemiker einmutig zum Namenszug dieses Metalles aufgestellt. In andern Landern wird oft eine Regierung die gluckliche unter dem Saturn genannt, weil dieser, wenn nicht seine Landeskinder, doch seine apanagierten Prinzen vor Liebe aufzuessen suchte.
Mittags futterte ich im saturnianischen Dorfe "Dorf" sowohl mich (freilich mager genug) als das ganze Dorf fur 2 Taler 48 5/8 Kreuzer ab. Samtliche Dorfer kamen vor Erstaunen uber die Mildtatigkeit eines so reichen Herrn da der goldhaltige Paktolus sonst nur von unten, wo er entspringt, hinauffliesset, ich aber gerade so viel verschenkte, als der Graf zu Wied-Runkel als seinen Anteil fur NiederisenburgGranzau zum Kammerzieler7 gibt und uber den famosen Geldhaufen von drittehalb Talern, der in lauter Albus vor ihnen lag ich sage, samtliche Dorfer kamen teils vor Erstaunen daruber und teils vom Getrank halb von Sinnen.
Abends frass ich in Wien.
Ich mag heute nichts mehr schreiben.
Vierte Fahrt
Der Wiener Schub das Schul-Pferd Herr v.
Fahland die sentimentalischen Spitzbuben das
schlimme Rotonden-Loch
Der Siechkobel stiess noch vor tags vom Lande ab, weil ich erst in Wien gewesen. Ein fataler satirischer Sudwind trieb mich aber so, dass ich oben gerade mit dem "Wiener Schub"8, dem Vagabonden-Florilegium, parallel fahren musste. Osterreich frankiert dieses Provinzialkonzilium an Baiern dieser Kreis akzeptiert die ostindische oder europaische Kompagnie von Selbstpanisten als Transitogut und verfuhrt es nach Schwaben Schwaben behalt die Mission, die wie ein Steppenfeuer den Kreis ordentlich unter sich verteilt und besetzt, so dass nachher die Kolonisten und Emissarien einzeln zusammengesucht und aufgehangen werden. Schwaben kann man, insofern diese Metastase der Krankheitsmaterie des Reichskorpers dahin geschieht, nach der Analogie der Ordenslandkarten, die ein Benediktiner-, ein Jesuitendeutschland etc. haben, als ein Vagabundendeutschland mappieren.
Da der Wind mehr gerade ging als der Schub: so konnt' ich bald divergieren und bei einem Postmeister einkehren, dessen Sohn zu nichts taugt als zu seinem Sukzessor. Er liess mich sein englisches Pferd im Stall besehen und betasten, das sich auf Hutabziehen, Totanstellen, Kussen, Verbeugen versteht. Ich setzt' ihn zu Rede, warum er nicht dem guten Vieh die Erziehung seines Sohnes anvertraue, damit dieser den Fuchs als seinen Ober-Hof- und Konduitenmeister und Schulfuchs ritte. Der Mann ist selber nicht weit her; sonst konnt' er das Kunst- und Musenpferd, das sich so allmahlich tot anstellen kann, auch in die Tragodienproben des Pestitzer Theaters reiten, damit die Akteurs vom Fuchse sterben lernten, um zu leben.
Der ganze Tag verdiente uberhaupt gar nicht, dass man ihn durchlebte; und am Abend argerte mich noch dazu der Abend. Kurz vor Sonnenuntergang sah ich die Stadt Mulanz9 kaum noch 6 Meilen entfernt; "ich kann im Neste pernoktieren", sagt' ich, "da ich mit so gutem Ruckenwinde darauf lossegle." In der Nahe des Parks, uber welchen weg ich in die Stadt fahren musste, ging im Mondenschimmer Herr v. Fahland (schon ein fataler Name!) mit einem ganz schwarz eingekleideten weiblichen Herzen. Ich kenne und segelte ich uber der hochsten Wolke Fahlanden am Gange der Arme gleich; er ist in Mulanz Zensor des asthetischen Fachs. Gott geb' ihm noch heute eine hollische Nacht! O ihr schwachen Weiber, welche von euch, wenn man die gute alte, immer treu und jungfraulich bleibende Abbeville10 aus Billigkeit ausnimmt, halt das grosste Feuer aus, das man auf sie gibt, namlich das poetische? Pulsiert nicht hinter eurer falschen Brust aus Wachs wie jetzt symbolisch Mode wird ein ahnliches Herz aus Wachs, das sich nur fest und unverandert erhalt in der Kalte, das aber vor der mannlichen und poetischen Flamme herunterrinnt, die mit der Spitze gen Himmel zeigt, obwohl mit Grundflache und Nahrung auf der Erde aufsitzend?
Die sinnlichen, ehrlichen Roues in Frankreich hatten sonst 365 Weiber in einem Jahre, aber doch nacheinander; aber die poetischen Rouants (diese Seelen-Radebrecher) haben ebenso viele auf einmal zu derselben Zeit und heissen das Simultanliebe, uber welche J.P. in seinem Hesperus unverantwortlich leicht weggeht. Ich, Giannozzo, vierreuterscher Frosch- und Frankenritter, muss zwar in manchen Punkten so gut auf meine Brust schlagen als in unzahligen auf fremde Rucken, und es wird niemand, dem ich oft in Paris oder Wien begegnet bin, auf meinem Grabstein hypothekarische Versicherungen einhauen lassen, dass ich ein Tugendspiegel gewesen; aber wahrlich ich beging allzeit meine Todsunde und damit schabab; nie hingegen, nie blies ich ein armes dummes Herz mit Ather auf und liess den Globen an meinem Faden bald hoch, bald niedrig fliegen und tat zuletzt einen derben Schnitt hinein, dass es mir als ein welkes Hautchen vor die Fusse niederfiel nach langem Ziehen, Schwellen, Weinen, Irren und Zagen, und seiner und meiner satt.
"Aber du, Fahland, Fahland, hast du nicht acht Braute in vier Stadten und heiratest die neunte in der funften? Und was hast du so spat im Park mit der schwarzen Schleier-Eule vor?" so sagt' ich oben und sah zu (mit dem Kriegsperspektiv), was er machen wolle.
Auch wusst' ichs voraus. Er steckte ein Buch in die Tasche, ganz entschieden einen Roman und wohl gar von dem aus Feucht-Wangen11 geburtigen Jean Paul; pagina jungit amicos, d.h. eine oder ein paar Seiten aus einem Zahren-Buch kopulieren Seelen und ihre Leiber, oder Kuppelpelze. Asserit A, negat E, verum universaliter ambae; d.h. er bejaht Liebe, sie verneinet sie, aber beide nur so ins Blaue hin, aus dem ich eben herniedersah. Beide gingen wie mein Ruckenwind, wie es schien, einer Rotonda zu, in welche nirgends einzuschauen ist als durch ein grosses Loch von oben. Fahlands Zeigefinger war eine Hand in margine fur das Buch der Natur; sein Herz hatte wie ein Huhnerauge Gefuhl fur das schone Wetter, und er fuhr mit den Mautners-Suchnadeln seiner Empfindungen in alle Schonheiten der Natur, in Sterne und Kafer. Fahland, wie seine ganze Diebesbande, halt das Abendrot und ganze Haine bloss als Springwurzeln an das weibliche Herz, damit dieses Vorlegeschloss der Person aufspringe; mit der Erdkugel und einigen Himmelskugeln und der zweiten Welt beeren sie die Schlinge fur das dumme Schneussvogelein vor.
Es charmierte mich, dass der Zensor im asthetischen Fache auf der empfindamen Reise zur Rotonde verblieb; ich half oben dem schwachen Wind mit Rudern nach als dessen Vorspann. Der Zensor liess schon die Korsarenflagge, das weisse Schnupftuch, flattern und trocknete seinen Augapfel; die Schwarze steckte die weisse auf und trocknete damit auch. O guter Himmel, treibe sie in die Rotonde und mich oben gerade uber das Loch! Man nehme solchen Zensoren in asthetischen Fachern das Ungluck und also die Klage daruber: so hat man ihnen ihr Liebesgluck genommen; wie an dem Raucherstecken der Speck der Schweine, die in die Buchmast gegangen, so tropfen Tropfen dieser Art unaufhorlich und hohlen sich das Herz aus, worauf sie fallen. Ich habe ein Mandel davon beiderlei Geschlechts aufgerechnet, das jetzt ganz verdrusslich und erkaltet wird durch zartliche Musik, bloss weil das Mandel die besten erotischen Qualen langst verscherzet hat und sich also aller Verluste verlustig sieht, denen etwan in klagenden Arien nachzuweinen ware.
Das Schnupftuch dieses Geifertuchlein bartiger Kinder ist die beste Herzensflossfeder, die ich je an solchen Fischen gesehen; die Madchen sind wie Kalk, den der Freskomaler so lange bearbeiten und bemalen kann, als er nass ist. O warum bin ich nicht der Teufel oder seine Grossmutter, um solche Neptunisten die zu Vulkanisten zu erbarmlich sind abzuholen und abzutrocknen in der Holle?
Der halbe Mond stand mitten auf der Himmelsmoschee wie ein turkischer. Das Paar sah sich nicht um, sondern nur nach dem Mond, der wie ein Juwelenschmuck uber dessen Haaren stand; es nahm also geblendet mich und meinen nur noch 100 Schritte von ihnen gehenden Weltkorper nicht wahr. Es war so wind- und landstill, dass ich Fahlanden hinaufhoren konnte, da er sagte: "Die Gewalt des ungeheuern Schicksals, Edle, etwa? Nein, dagegen bin ich lowenstark, sobald nur mein Herz an deinem klopft." Dieses Zusammenklopfen mochte schwerlich ohne verrenkte Gruppierung tulich sein, es musste denn eines von beiden Herzen rechts vorgeschoben werden.
Endlich besah er den Mond und fragte ihn oder den bekannten Mann im Mond, wenn er nicht den Mann unter demselben meinte, namlich mich , ob er (der Mond, oder der Mondmann oder ich) vielleicht so still und heilig glanze, weil er mit ihm schwelge und leide und wandle. "Ich will dich aber allein und abgesondert anschauen, du Heiliger, in deinem Tempel; komm du mit, du Heilige!" Mit diesen Worten, womit er sich und das einsame Besehen des Monds durch das Rotonden Spundloch introduzierte, war er mit der Schwarzen in den Tempel hinein. Ich fuhr oben nach.
Matrosen, wie sie sein sollten, wofur dieser Almanach geschrieben, braucht die unsagliche Muhe nicht langweilig abgemalt zu werden, die sich ein Luftschiffer geben muss, wenn er den geizigen Wind die waagrechte Ferne die steilrechte das Offnen beider Lufthahne und den Bogen, den er halb sinkend, halb wie eine Bombe zwischen beiden Fernen beschreibt gerade so berechnen will, dass er zuletzt auf einmal (die Hahne sind ganz aufgedreht) in das Rotondenloch hineinschiesset. Verdammt! ich schoss freilich so und ankerte; aber nie verfluchter. Ich blieb mit meiner Sanfte im Introitus stecken, der sie zwischen den beiden Turgriffen so in der Mitte fing, dass ich nicht aufmachen und mich durch Auswurf einiges Ballastes wieder aus dem Schweissloch heben konnte; ich hatte meinen Ballon gleichsam als eine Peterskuppel auf diesen Tempel gebauet.
Vor allen Dingen sucht' ich mehrere Bannstrahlen aus meinem Souffleurloch auf das mauschenstille Paar hinunterzuschleudern, eh' es davonlief, und druckte mich in der Sanfte so aus: "O mein Herr Zensor im asthetischen Fach, der Passagier, der hier in der klaglichen Fassung uber Ihnen schwebt ich meine nicht meines Geistes, sondern des Mastkorbes seine , kennt Sie sehr gut und hat in der Luft alles gehort und behorcht. Sie Heuchler! Springt man so um mit Ganslein, wie ganz gewiss das schwarze da unter mir in der Rotonde ist? Braucht man das Herz zum Diebsdaumen den Pegasus zum Schiesspferd gegen diese einfaltigen Trappen und die schone Nacht zum Nachtgarn und den Sternenhimmel zum Lerchenspiegel? Herr Federschutz! Stellet ihr Spitzbuben nicht den Mond als Tellerfalle der Nymphen auf und den Regenbogen als Sprenkel? Ich vermische die Anspielungen, aber ich frage jetzt den Teufel nach Stil, Herr Zensor, aber nicht morum! Und die Tranen-Stuckgiesserei! und das eigne Herz, das ihr so zerschnitten vormalt, wie es sonst die Hosen der Vorfahren waren. Magdalene sundigte doch, um zu weinen, aber ihr weinet, um zu sundigen, eine teuflische Antithese, aber im Handeln! Wollte Gott, ich konnte mich nur aus der verdammten Schiessscharte, in die ich bloss hineinfeuern muss, hinabmachen. Sie sollten mich kennen lernen. Warum defendiert sich niemand drunten? Wo stehst du denn, stiller Spitzbube?"
Aber da ich zufallig einen Blick uber den Park warf, stieg das begossene Paar schon weit von mir und meiner Hangekanzel uber einen mondhellen Hugel hinuber. Ich schlug daher weil ich nicht die ganze Nacht in dem Predigt-Eingang hangen wollte ein Sanftenfenster ein und kroch aufs Dach heraus und war im Zorn gleichsam ein aufs Haus gesetzter roter Hahn. Erst nach langem Toben konnt' ich mir den Park-Inspektor erschreien, der mich gern, da er mich so sitzen sah, auslachte und herunterholte.
Funfte Fahrt
Herr v. Gehrischer die Mulanzer Plan zu einem
Galgen-Jubilaum samt der Jubelrede
Wer konnte einen Tag lang unter den Mulanzern aushalten, wenn er nicht sein Kajute-Fenster zum Glaser schicken musste? Herrn Gehrischer, einem Hotel-Bekannten, dem ich in Europa wenigstens dreissigmal entgegenkam, tat ich die Ehre an, sein Gast zu sein zu gleicher Zeit mit zwolf andern. Niemand kann nach jemand weniger fragen als wir beide nach einander; "Giannozzo ist ein sehr plasanter Hanswurst, gewiss nicht ohne Talent, aber dabei malizios und impertinent!" sagte er; ich sage, von Gehrischer ist der Stellvertreter der Menschheit. Aus seinem Kopf voll Sprachen und Kenntnisse aus seinem Stammbuch voll grosser Namen aus einem Bilderkabinett, einem Musikzimmer, einem Buchersaal und Geldkasten, aus allen diesen Perlen der Menschheit setzt er doch nur eine abgeschabte passive Figur wie einen Nussknacker zusammen, der nur andern die Kerne reicht, ein Ding, das (seinesgleichen ausgenommen) nichts macht, kein Werk, kein Gluck, kein Ungluck, nicht einmal einen Streich. Durchstreicht diesen lebendigen Gedankenstrich, ihr merkt die Korrektur nicht, weil der langere Strich noch da ist. Wie gesagt, er ist der Taschenspiegel der Menschheit. Hell steigt der Genius vom Himmel nieder, und das Gewolke erglanzet weit, wenn er es durchdringt; und der atherische Geist beruhrt die Erde: da verwandelt sich alles die Felsen gehen auf und zeigen stille grosse Gestalten auf die Leinwand und die Mauern fallt der Widerschein von fernen Gottern und ihren Himmeln alle Korper erklingen, Sehne, Holz und Gold, und die Luft durchfliegen Lieder ; aber die dumpfe Menschenherde hebt ein wenig den Kopf von der Weide verwundert auf und buckt sich wieder und graset weiter; nur einige werden geheiligt und knien verklart.
Was die Mulanzer anlangt, so treibt dieses ruhige Chor und Kaugelag kein Gott von der Gemeinhut; wollt ihr sie aber naher taxieren, ohne euch um mehr als drei Pfund zu verrechnen? Kommt mit mir zum grossen Ball, den Gehrischer ihnen heute gab. Ganz Mulanz von Stand ist da, ob er gleich etwas darin setzt das ist sein einziger Possess-Titel des Werts , dass er, wie die alten deutschen Bucher, ohne Titel bleibt. Wie es einen gelehrten Adel gibt, so gibts einen goldnen, der fur den tafelfahigen offne Tafel halten kann.
Sie kamen, sahen und siegten uber alles, was sie erwartete auf den Tischen. Himmel! es waren aufgeklarte Achtzehnjahrhunderter sie standen ganz fur Friedrich II., fur die gemassigte Freiheit und gute Erholungs-Lekture und einen gemassigten Deismus und eine gemassigte Philosophie sie erklarten sich sehr gegen Geistererscheinungen, Schwarmerei und Extreme sie lasen ihren Dichter sehr gern als ein Stilistikum zum Vorteil der Geschafte und zur Abspannung vom Soliden sie genossen die Nachtigallen, wie die Italiener andere, als Braten und machten mit der Myrte, wie die spanischen Backer mit der andern, den Ofen heiss sie hatten die grosse Sphinx12, die uns das Ratsel des Lebens aufgibt, totgemacht und fuhrten den ausgestopften Balg bei sich und mussten es fur ein Wunder halten, dass ein anderer eines annimmt. Genie, sagten sie, verwerfen wir gewiss nie, nur feil's und nur fur ein Ding brennt ihr frostiger Geist, fur den Leib; dieser ist solid und reell, dieser ist eigentlich der Staat, die Religion, die Kunst, und diesem diene die Berliner Monatsschrift.
O wie mir dieses blankgescheuerte Blei der polierten Alltaglichkeit, dieses destillierte Wasser, dieser geschonte Landwein ein Greuel ist! Ich bin ohnehin schon langst die seichte Menschheit durchgewatet und ein Misanthrop der Kopfe weit mehr als der Herzen13 geworden, weil am Ende jeder Kopf uns mit seinem Ufer und seinem Meersgrunde erschuttert und erschreckt; aber nun gar ihr allgemein-deutsch-bibliothekarischen Menschen, ihr Kopiermaschinen der Kopien, die ihr niemals ahnet und nichts erratet als Ebenbilder, wie selig seid ihr; denn wenn Madame des Houlieres in ihren Idyllen schon einen mouton glucklicher preiset als einen Menschen: wie muss es erst einer sein, der beides zusammen ist!
Doch fehlet es den Mulanzern nicht so sehr an ungemeinen Menschen, dass nicht von Zeit zu Zeit einige gemeine aufstanden, welche mit der Fichtischen Schule Klagen uber den Uberfluss an Trivialitat repetierten; selber auf dem Gehrischerschen Balle hopseten drei dergleichen Titus-Kopfe mit; so mangelt es auch in Piemont an Hunden nicht, an welchen ebensogut Kropfe sitzen als an den Piemontesern, noch in Asien an Affen mit Pocken der Menschen.
Morgen das ist das einzige Erfreuliche feiert in einer langen burgerlichen, kanonischen, militarischen, adeligen Prozession Mulanz seine Belehnung mit der Stadtgerechtigkeit vor 100 Jahren. Da nun die Deutschen nichts Seelenloseres, Langweiligeres, Kalteres, Kanzleimassigeres, Schlafrockigeres haben als ihre Komparativen ausgenommen ihre Jubilaen, Prozessionen, Kronungs- und andere Feierlichkeiten: so sitz' ich noch so spat in der Nachmitternacht, wo ich dieses schreibe, ein wenig auf und verfasse etwas Spottisches, das ich, wenn ich morgen absichtlich durch mein publikes Ab- und Aufsegeln dem Jubel dazwischenkomme, auf den langen Zug herunterwerfen kann, adressiert an den Magistrat des Orts und lautend, wie folgt:
Fluchtiger Plan zu einem Jubilaum des Mulanzer
Galgens
Eine Stadt und ein Galgen sind nicht bloss topographisch so nahe aneinander, dass alle Kriminalisten diesen nur fur die fernste Pforte und Vorpost derselben ansehen; sein Pilaster-Dreizack ist die trinomische Wurzel der stadtischen Sittlichkeit und bildet die drei Staatsinquisitoren, auf denen alles ruht.
Wer einen Galgen sieht, erfreuet sich, weil er weiss, dass eine Stadt sogleich nachkommt nach diesem dreibalkigen Telegraph oder sechseckigen Bierzeichen derselben.
Daher glaubt ein ganz fremder Herr der morgen schon uber die jubelierende Kette hinfahrt , den Anteil, den er am untern Jubel nimmt, nicht am schlechtesten dadurch an den Tag zu legen, dass er auch zu einem Jubilaum des Galgens dieses so nahen Balkenvorsprungs und Heiden-Vorhofs der Jubelstadt der Orts-Obrigkeit als Andenken folgenden schlechten Vorriss hinterlasset und herunterwirft:
Die Prozession zum Jubelgebaude formiert sich unten am Rathause und bricht in folgender Stufenfolge auf: Zuerst gehen die Spezial-Inquisiten, weiss gekleidet und in der von der Realterrition beizubringenden Meinung, man knupfe sie auf; ja den reifsten kann man wirklich dazu nehmen. Hinter ihnen kommen samtliche General-Inquisiten beiderlei Geschlechts; die Hand- und Faustzeichnungen der seit 100 Jahren in effigie Gehangnen hangen ihnen als Medaillons auf der Brust. An diese schliessen sich an (es soll ihre Ehre nicht versehren) die bisherigen Statisten im Pranger, da dieser von den grossten peinlichen Geistern nie fur etwas anderes angesehen wurde als fur die Stiftshutte und Sakristei zu dem auf der nordischen Saulenordnung stehenden Jubel-Pantheon.
Dicht hinter ihnen schleichen die Fiskale und Defensores, mit langen Papierrollen in der Hand, gleichsam als wollten die Edeln an diesem feierlichen Tage amtieren, namlich anklagen und verteidigen.
Es wird das Einerlei unterbrechen, wenn zwischen den Statisten und den Advokaten ein Artillerietrain von 300 Festungs-Karren auffahrt, worauf die Kriminalakten des Sakulums aufgeschlichtet liegen. Die Bagagewagen konnen wenn die Abkunft auszumitteln ist von den Deszendenten der Kuhe gezogen werden, deren Haut sonst uber diesen Jubelweg gezogen wurde.
Die malefizische Obrigkeit seh' ich jetzt dahinziehen.
Verurteilte Gassenkehrer laufen von Zeit zu Zeit zwischen alle und fegen gewandt sie wollen den Jubel heben.
Nach der Fraisherrschaft erwart' ich das peinliche Offizialat, die maitres des hautes oeuvres und die maitresses einige alte corpora delicti Diebsdaumen zerbrochene Stuhle und Banke Brecheisen, und was, beim Henker! sonst noch als Attribut etwan schmucken und ergreifen kann. Denn soll ich alles vorreissen, so ist man dumm.
Der Fraisdienerschaft tritt die Schuldienerschaft auf die Ferse dieser die Geistlichkeit dieser der Magistrat und am Ende, was Beine hat und einen Begriff davon, was Galgen-Jubilaen bedeuten.
Es wurde vernunftig und symmetrisch sein, wenn dem vordern abstossenden, aus den Spitzbuben formierten Pole der Jubelsuite hinten einer korrespondieren wollte, der anzoge, aus Hasardspielern gemacht, so dass (wenn ich zierlich reden darf) der lange Jubelstab an beiden Enden magnetisch geschlagen ware, in der Mitte aber indifferent; allein die Spieler werden nicht aus der Mitte wollen.
Unaufhorlich hort man lauten mit dem Armensunderglocklein, aber nicht mit allen Glocken.
Langt der Zug am Galgen an: so windet sich die Blumenkette als ein Kranzchen um ihn und nimmt ihn in die Mitte unter unaufhorlichem Rufen: er lebe! Die Stadt-Soldateske gibt drei Salven. Oben zwischen den drei Pfeilern halt auf einer Leiter schon der Galgenpater, der die Jubel-Leute langst erwartete, um sie mit folgender Jubelrede zu empfangen, die ihm wahre Ehre macht:
"Teuerste Jubelseelen!
Die wichtige Statte, wo ich stehe, ist das Thema meiner Kasualrede. Wir haben uns alle versammlet, um die drei Pfeiler, zwischen denen ich rede, als die Eckpfosten unserer Sittlichkeit, als die Karyatiden, welche das Staatsgebaude halten, zu ehren durch ein jubilierendes Betragen. Wie leicht wird uns allen Redlichkeit und Achtung des Eigentums durch den taglichen Anblick dieser Hermes-Saulen, dieser fuhrenden Wolken- und Feuersaulen der Kinder Israels! Alle Stadtkirchen scheinen nur die Filiale zu dieser Rotunda mit drei Turmen zu sein, welche, wie eine Zitadelle, fur die Stadt und deren allgemeine Sicherheit und Tugend wacht. Bei der ausgebreiteten Begierde, gleich Schwangern zu stehlen, welche sich auf uns von Kindern und Wilden vererbt tut uns ein offentlicher Ort wohl, wo Mumien hangen, die anders als die agyptischen bei Gastmahlern unsere Gesetzprediger und freres terribles sind.
Ja sogar beinharte Seelen, wie solche, die ich an der Spitze des Jubelkondukts marschieren sah, setzen sich in fromme um, wenn sie dieses offne Bethaus betreten und da ihre Andacht verrichten. Wenn ich nachher die Matrikel der bussenden Bruder verlese, die seit 100 Jahren hier ihr steilrechtes Erbbegrabnis gesucht und gefunden haben: so wird man nicht sieben finden, die zum Teufel fuhren; alle andere wurden nach den gewohnlichen kriminalistischen Ponitenzen ich meine die Ohrenbeichte des Spezialverhors, das Geisseln (aber von fremder Hand), das Kerzenhalten (auch in fremder) hier in dieser peinlichen Mission ganz umgekehrt und wiedergeboren, wandten sich auf der Stelle um, schlugen den rechten engen Weg ein, der freilich in wenig Minuten aus war, und wurden unter dem Beten, wie Loyola14, ordentlich emporgezogen. So konnten sie leicht als Gesetze ad valvas (hujus) templi affigiert bleiben.
Diese Wiedergeburt erfolge nun, wovon sie will es sei davon, dass alle Hohen wie die Berghohen den Menschen lautern, oder dass das Luftbad, worin der Badgast hangt, den Wasserbadern gleiche, welche auch den innern Menschen abwaschen15 : so wurd' es alten Sundern von Stande ebenso guttun und sie ebensogut umschmelzen, als ob man sie in eine Kapuzinerkutte vor dem Sterben steckte, wenn man bloss den Strick vom Kapuziner nahme und sie daran hier vor ihrem Ende befestigte; und wer sollte ihnen das nicht mit mir wunschen?
Betrachtet diesen Dreizack, der das Land beherrscht, und zahlt unter den Mulanzern, die er seit einem Sakulum bei Ehren erhalten, besonders drei Klassen, die Fallierer, die Nachdrucker und die Spieler. Der Dreizack macht, dass die Bankeruttierer-Firma ob sie gleich die Reichsgesetze16 sonst unter die Diebe rubrizieren nicht wie diese auf Chausseen mit Pistolen und auf Leitern an Fenstern stehen muss (was doch immer so ausserst misslich fur Ehre und Leben ist), sondern zu Hause bleiben und auf die anstandigste und die sicherste Weise im Schlafrock und Komtoir die Seelenkraft, welche die Philosophie das Begehrungsvermogen nennt, vollig entwickeln kann, indem sie durch eine dem PapierAdel ahnliche Papier-Kaperei ein Handelsfreund von jedem wird; Freund sagen sie mit den Griechen des Wohlklangs wegen statt Dieb. Nach einiger Zeit lasset der fallite Handelsfreund, anstatt in Hauser einzubrechen, sie bloss fallen, und anstatt viele fremde Kaufladen aufzusprengen, schliesset er bloss seinen eignen zu. Nun hat er (der Staat bemerkt es mit Wohlgefallen, wie schon der alte Deutsche und fast alle Wilde Raub ausser Lands vergonnten) wie ein inlandisches Lotto fremdes Geld und Gut ins Land gezogen. Er wartet noch eine kurze Zeit, bis der Gerichtshof ihm die bulla compositionis17, gleichsam den RetourKaperbrief, ausgefertigt, und dann zieht er sich er musste denn noch einmal in die See als Algierer stechen mit dem besten Vermogenszustande und allgemein geehrt samt seiner Familie zuruck und verzehrt wie ein Krokodil den Raub auf dem Lande. Welchem Fallierer unter uns ist daher nicht der Galgen venerabel?
Auch der Nachdrucker halt sich an dessen drei Herkulessaulen. Man reisse dieses tertium comparationis ein, so lauft der Schelm von Weib und Kind und rennt in den Spessarter Wald und passet Messleuten auf, statt Messbuchern. Wie viele Nachdrucker- die sonst gestohlen hatten haben sich bisher redlich und unter dem Schutze des Staats, der sie wie die Geier um London zu schonen befiehlt, bloss durch das lachende Intestat-Erben der Verleger, deren Verleger sie sind Erben sag' ich mit den Zigeunern, welche des Wohlklangs wegen das Stehlen so nennen , samt ihrer Familie so gut ernahrt, dass sie statt eines bloss vom Ehrensolde gebaueten Meierschen Hauses18 ein grosseres, vom Unehrensolde errichtetes von Trattnerisches in die Gasse stellen konnten!
Ich sage, wie viele taten das bloss aus Ehrliebe, um nicht als Seiltanzer am straffen vertikalen Seile da aufzutreten, wo ich es sage!
Dieser Vorteil ware aber nicht betrachtlich genug, da dem deutschen Staate am Hangen oder Gehen von vier oder sieben Spitzbuben wahrlich wenig gelegen sein kann denn hoher belauft sich schwerlich die Zahl der Edlen von T bis Z, welche die Druckerschwarze zum Vier- oder Siebenrauberessig19 machen , nicht vorteilhaft genug ware die ganze Kaperei, sag' ich, wenn nicht samtliche Leser, Edle in ganz anderem Sinn als Trattner, sich Pfeifen aus diesem Rohre schnitten; aber das Wichtige ist eben, dass alles mitstiehlt.
Die Beute, welche der Total-Plagiarius durch Ersparen des Ehrensolds und der Assekuranzpramie macht, repartieren die samtlichen Kaufer unter sich, deren Rauberhauptmann er ist. Obgleich auf jeden Kaufer zweiter Drucke nur wenige Groschen Erbportion fallen so dass von einem so geringen Verkaufspreise ihrer Ehrlichkeit nicht aller Anstrich von Schande weggehen will , so wird doch das gestohlne Gut durch die Wiederholung wenn man sich die ganze Bibliothek aus der Nachdruckerei verschreibt sehr verstarkt und noch ausser diesem durch den Zweck gestempelt, die eigne schone Seele auf die fremde schone, die nachgedruckt worden, zur Veredlung zu impfen. Denn man wahlt nur einen geliebten moralischen Ehrensoldner oder Autor zum Bestehlen, wie man in Nitri nur der Geliebten Kleinigkeiten, Nippes etc. raubt. So wachset der Lorbeer der Literatur an Galgenpfeilern wie an Parnassen hinauf.
Endlich wer gab uns, wer bildete uns so viele und so gute Hasardspieler als die angeregten Pfeiler? Die deutsche Geschichte sagt uns, dass der Adel sonst vom 'Sattel oder Stegreif' lebte, namlich vom Rauben unter freiem Himmel. Das Reich schrankte es durch die drei Pfeiler auf eines zwischen den vier Pfahlen ein, welches man Pharao, vingt-un, Creps u.s.w. heisset. Daher man bloss burgerlichen Menschen Hasardspiele nie vergonnen kann, weil sie die Rechte der Raubschlosser nie besessen. In Spaa mussen sogar Juden, wenn sie als Bankiers und Croupiers auftreten wollen, sich unter der Hand eigenhandig zu Michaelsrittern erheben. Mit den Galgen brache man zu Messzeiten, wo so sehr gespielt und gestohlen wird, zugleich die Spieltische ein, und der abgesetzte Bankier musste sogleich aufsitzen und in dem nachsten Hohlwege reisen, um dem Viehhandler nach der Geldkatze zu greifen. Nein, lieber lasset uns Galgen und Ehrlichkeit behalten und dabei ein Spiel Karten.
Und uberhaupt was soll ich erst lange einteilen steigen meine drei Saulen mit ihren Fruchtgehangen durch alle Stockwerke des Staatsgebaudes! Allgemein hat man conscientiam dubiam, Gewissens-Skepsin Hunger und Sattigung herrschen in vermischter Regierungsform uber die Welt alle Stande haben wenig, wollen viel; und doch wird wenig gestohlen! Denn die Gedachtnissaulen stehen da und machen aus allgemeiner Not allgemeine Tugend; sie halten jeden von uns zu einem blossen Nahrungszweige von dem im ganzen verbotenen Baume an, zum Borgen, zum Liquidieren, zum Handel und Wandel, zum kleinen Kustenhandel mit Amtern, Kindern, Rechten in dem wie der menschliche Korper aus lauter Gefassen gebaueten Staatskorper arbeiten, wie in jedem geschwachten, die einsaugenden starker als die ausdunstenden; alle Kassen stehen daher da, man hat die Stadtkassen, die Heilandskassen, die Regimentskassen, die Steuerkassen die Beamten bitten Gott um Ehrlichkeit20, wenn die Jahre kommen, wo sie zu leben haben der breite Weg Rechtens bedeckt, wie in Ungarn die breiten Strassen, das fruchtbare Land die Residenzraubvogel steigen hoher, um zu stossen alles gedeiht, die Welt ist ehrlich und satt, und der Galgen ist der allgemeine Protektor.
Gehangen daran werden freilich von Zeit zu Zeit mehrere Galgen-Schneussvogel, wie wir denn da unten am heutigen Jubeltage einen ganzen dergleichen Flug vor uns haben; aber auch dem Fluge kann man diese Freitreppe zum Hangebette von sehr annehmlichen Seiten zeigen, und ich als Geistlicher, der uber alles trosten soll und der hier ein betrubtes Kondukt vor sich hat, wo die Leiche und der Leidtragende eine Person formieren, bin zu einem Trostsermon verpflichtet. Bedenkt also, ihr Spezial- und andere Inquisiten damit trost' ich euch , dass alles sterben muss und mithin irgendwo, also auch auf dieser HandelsFreundschaftsinsel zieht die ungeheuern Korporationen in Erwagung, welche schon vor euch hier ihre eignen Anker und Schlussvignetten geworden, auch die nach euch beherzigt, dass es ja noch schlimmer ware, wenn man euch lebendig spiesste, schunde oder in Ol sotte erwagt, dass ihr weniger euer Leben (das lauft hinter dem Sperrstrick fort) als eure Armut hergebt, weil ja der Staat, so wie er in Blotzheim in Oberelsass unter zwei gleich edeln Junglingen, die Augrafen werden wollen, gerade dem armsten den Kranz und die Schaumunze uberreicht, ebenso unter zwei gleich grossen Adspiranten gerade den armen diese drei Gedachtnissaulen einnehmen lasset macht euch recht trostliche Bilder von der Sache ( denn, wie Young sagt, nicht der Tod, sondern dessen Bild und Pomp erschreckt, das Lauten, die Prediger, das Herausfuhren), nennt sie mildernd eine Pfanderstrafe, einen blossen mors civilis, einen kosmischen Untergang, eine Aposiopesis, ein Calando, scheinbare Selbst-Funeralien wie Karls V., die freilich wie ja auch bei Karln am Ende reell ausgehen und wenn ihr noch andere aus Leichenreden erinnerliche, mir zu lange Salben daruberstreicht, z.B. von Kurze des Lebens und Hangens, vom Prufungsstand, von der Mehrheit der Welten : so werdet ihr es gelassen ertragen, dass andere (was so viele erst muhsam von sich erringen) euch hangen.
Nun lasset uns diesen Galgen verlassen, wenn wir miteinander gerufen haben: er lebe, denn er lasset leben."
Darauf prozessiert man wieder zuruck. Nachts ist die geschmackvollste Stadt- und Galgen-Erleuchtung frugales Gastmahl von den Henkergeldern (es kann ein Spitzbube zu deren Ersparung auf freien Fuss gelassen werden) den Hausarmen wird viel gereicht dabei Kanonen-Salven Gesundheit-ausbringen Ball bis in die spate Nacht oder langer.... Verdammt! soll ich euch denn alles vorpfeifen?
Sechste Fahrt
Das Welttheater der Brocken Imprimatur und
Vorrede des Teufels zum Brockenbuch
das Menuett-Solo
Heute bei Zeiten macht' ich den Siechkobel segelfertig, um zur Rechten uber den langweiligen Jubelstrang wegzugehen. Als die Prozession vorn und hinten auf den Raupenfussen war, lichtete ich die Anker, und das Schiff erreichte nach 5 Sekunden seine hochste Schnelle. Den Jubelplan hing ich aus meiner Hangematte an einem Faden heraus, den ich immer langer werden liess. Weg war der Mulanzer Jubel die Stadt sah den Kobel an die Feierlichkeit wurde von der Neugier aufgefressen mein Kutter wogte im hohen Blau, mein Plan sank die Prozessionsraupen schritten zwar vor, aber mit aufguckenden Kopfen, blasende und singende unter ihnen verfluchten Noten und Text und verliessen beide hundertmal es war sehr erbarmlich, der Mangel an Ruhrung, der Frost gegen den Zweck, die Nachfahrt meiner Himmelfahrt und das beschwerliche Fortfussen dabei das niederschwebende Jubelprogramm spannte alle Blicke und Muskeln ich schnitt es ab und als man sich unten um dasselbe zusammenballte, wickelte mich ein Sturm in seinen Mantel und entflog mit mir.
Viertehalbtausend Fuss tief rannte die weite Erde ich glaubte festzuschweben unter mir dahin, und ihr breiter Teller lief mir entgegen, worauf sich Berge und Holzungen und Kloster, Marktschiffe und Turme und kunstliche Ruinen und wahre von Romern und Raubadel, Strassen, Jagerhauser, Pulverturme, Rathauser, Gebeinhauser so wild und eng durcheinander herwarfen, dass ein vernunftiger Mann oben denken musste, das seien nur umhergerollte Baumaterialien, die man erst zu einem schonen Park auseinanderziehe.
Auf der Flache, die auf allen Seiten ins Unendliche hinausfloss, spielten alle verschiedenen Theater des Lebens mit aufgezogenen Vorhangen zugleich einer wird hier unter mir Landes verwiesen druben desertiert einer, und Glocken lauten herauf zum furstlichen Empfang desselben hier in den brennend-farbigen Wiesen wird gemahet dort werden die Feuersprutzen probiert englische Reuter ziehen mit goldnen Fahnen und Schabaracken aus Graber in neun Dorfschaften werden gehauen Weiber knien am Wege vor Kapellen ein Wagen mit weimarschen Komodianten kommt viele Kammerwagen von Brauten mit besoffnen Brautfuhrern Paradeplatze mit Parolen und Musiken hinter dem Gebusche ersauft sich einer in einem tiefen Perlenbach, nach dem dabei zusehenden Kniegalgen zu urteilen lange Fahren mit vielen Wagen ziehen unten uber breite Strome und ich oben gleichfalls, aber ohne Fahrgeld ein Schieferdecker besteigt den Stadtturm, und ein sentimentalischer Pfarrsohn guckt aus dem Schalloch, und beide konnen (das kann ich viertehalbtausend Fuss hoch observieren, weil die dunne Luft alles naher heranhebt) sich nicht genug uber das hundert Fuss tiefe Volk unter sich verwundern und erheben Gartendiebinnen mit Brustavisen stehen in Prangern wie Heilige in Kapellen sehr umrungen einer auf Knien und hinter der Binde muss drei Kugeln seiner dreifarbigen Kokarde wegen in den Pelz auffangen ein fur die Kirmess angeputztes Dorf samt vielen notigen Verkaufern und Kaufern dazu katholische Wallfahrten, von schlechtem Gesang begleitet ein lachender, trabender Wahnsinniger muss eingefangen werden funf Madchen ringen entsetzlich die Hande, ich weiss nicht warum uber hundert Windmuhlen heben im Sturm die Arme auf die bluhende Erde glanzt, die Sonne brennt aus den Stromen zuruck, die muntern Schmetterlinge unten sind nicht zu sehen und die hohen Lerchen nur dunn zu horen, oder ich tausche mich sehr das Leben hier schweigt und ist gross und droht fast Gott weiss, welcher gewaltige bose oder gute Geist hier in dieser stillen Hohe dem Treiben grimmig-grinsend oder weinend-lachelnd zusieht und die Tatzen ausstreckt oder die Arme, und ich frage eben nichts nach ihm ....
Da jetzt sich zwei streitende Geier wie Wetterhahne auf meine Rotonda setzten und horsteten: so setzt' ich mich auch als Outside-Passenger21 auf meine Sanfte heraus, mich an den Strick des Schiffes klammernd; allein da ich so im wilden ewigen Szenenwechsel funf Stunden lang hingefahren war uber eine Religion und Landschaft und Reichsstadt nach der andern, uber eine Saat von Volkern, wovon wie Blumen das eine um 5 Uhr morgens, das andere um 9 Uhr, das dritte um 2 Uhr zum Tage erwacht und der Sonne aufgeht, oder auch dumm einschlaft und als so auf dem langen Farbenklavier des Lebens alle finstere und lichte Farben vor mir laufend aufgehupfet waren: so wurde mir auf meinem alles zusammenspinnenden Weberschiffe miserabel, leer und wehmutig zumute; ein giftiger Stechapfel von Schmerz, von der Grosse meines Herzens, ritzte meine Brust, und ich niesete sehr nahe am Weinen weinte aber nicht. Nein, nein, glaubt nicht, Paternosterschnuren von Welten uber mir, dass ich getrostet und weinerlich je aufschauen und sagen werde: ach dort droben! O das Dortdroben werden auch Siechkobel umschiffen, und die Schiffskapitane darin werden Kalender genug machen uber ihr nur anders verrenktes Personale unter ihnen und werden zur Erde sagen: wahrscheinlich tout comme chez nous!
Ein Mensch wie ich zumal wenn ihm der Sturm die Halsvenen lange zugeschnurt und den Kopf bluttrunken und schlafrig gemacht steigt lieber und gescheuter in sein Wachthauschen zuruck und schlaft den Rausch des Athers aus. Aber narrisch wurd' ich geweckt: die Fregatte war auf einen Felsen gestossen meine Kajute war mit goldnem Feuer gefullt draussen stand eine Finsternis aufrecht. Ich war am Brokken gestrandet, die schwarze Flut der Nacht schlug an das Geburge, und die Abendflamme der Sonne schoss uber sie streifend aus der Tiefe herauf.
Ich sprang ans Land und knupfte meinen unruhigen Kutter an das Brockenhauschen fest. Der Philosoph22 erklar' es, warum mir dieselbe Hohe hier auf dem festen Lande erhabener erschien als in der Luft. Im Hauschen fand ich einen vergessenen Quartanten vom Brockenbuch, der mich durch die Eitelkeit, Heuchelei und Leerheit der Menschen wieder in meinen gewohnlichen Grimm und Ekel und dadurch in den Stand setzte, noch so spat eine kurze Vorrede davor auf den leeren Revers des Titelblattes in des Teufels Namen zu schreiben, eines Fakultisten, der, ob er gleich bei seinen Lebzeiten nur anonym in den gelehrten Instituten arbeiten will, doch als der Kurator und Nutritor des gelehrten Deutschlandes und der grosste Polygraph seine anerkannten Verdienste behalt.
Imprimatur und Vorrede des Teufels zum
Brockenbuch
Als Zensor hab' ich bloss zu versichern, dass in dieser Reisebeschreibung von mehrern Verfassern, betitelt: das Brockenbuch, nichts vorkommt, was gegen die Ehre und das Interesse meines Obersten, Beelzebubs, laufen konnte, wenn man nicht so unbillig sein will, blosse poetische Gesinnungen fur wirkliche zu nehmen. Als Privatgelehrter und Vorredner wunscht' ich einen und den andern meiner Mitteufel auf den vorteilhaftern Standpunkt fur dieses Stamm- und Phrasesbuch zu setzen. Vielen von uns und nicht eben den schlechtesten muss es anfangs wunderlich und anstossig vorkommen, dass gerade in unserem Kirchenstaat, unserem Nonnenkloster und Altare und unserer Kanzel23 so nahe, de- und theistische Gesinnungen im Manuskript frei geaussert werden, Floskeln von Anbetung Gottes, Reinheit der Empfindung, Erhebung uber die Welt, kurz die gesalbte Sprache jener noch immer nicht ausgerotteten Puritaner oder Katharer, die bekannter unter dem Namen Religiosisten sind. Allein der Billige erwagt, dass es doch offenbar Dichter oder poetische Prosaiker sind, welche in dieser Liederkonkordanz so sprechen. Die Poesie aber muss frei sein und blosse Form, und es muss ihr wenn man sie nicht wie einige Teufel von mehr Herz als Kopf zum Stoff verkorpern will jede Empfindung, auch die allersittlichste, darzustellen zugelassen sein. Ist es nicht unbillig, darum von blossen Darstellungen auf das Herz zu schliessen und den Dichter nicht von dem Menschen abzusondern, da man doch in weit schwierigern Fallen Werke wie das des Petronius (nach Lipsius) lesen und (nach Bayle) sogar schreiben kann ohne den geringsten Einfluss auf das Herz? Sind denn die gebildeten Europaer Nordamerikaner, welche die Traume der Nacht am Tage zu realisieren suchen?
Wo so etwas hielte nicht eine so gluckliche Scheidewand zwischen Phantasie und Handeln fest mehr zu befahren gewesen ware, das ware bei den Theologen gewesen, welche aus demselben Grunde, warum Pomponius Latus und Hemon de la Fosse24 durch das Bewundern der alten Autoren endlich zu wirklichen Heiden umschlugen und den Gottern opferten, sich taglich in die Gefahr begaben, durch das ewige Lesen und Loben der Bibel und des biblischen Personale und durch den taglichen Umgang mit ersten Christen (vermittelst der Kirchengeschichte) zuletzt die Gesinnungen selber anzunehmen, in denen sie auf Kanzeln und Pulten webten und lebten, und so mit dem nun seit so vielen Jahrhunderten abgereisten ersten Christentum auf einer Retourfuhre zum allgemeinen Erstaunen wiederzukommen; allein die Sachen sind besser abgelaufen, und der eigne Charakter der Exegeten und Kirchenhistoriker hat sich so festzuhalten gewusst, dass bis diese Stunde ein erster Christ uberhaupt so selten erscheint als ein Steinbock.
Um auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an unserer vorliegenden Liederkonkordanz zuruckzukehren, so ist es eine meiner schonsten Erfahrungen, dass die meisten von ihnen sie mogen hier oben empfunden und gesungen haben, was sie wollen , sobald sie wieder ins Halberstadtische herunter sind, wieder zu sich kommen und ihren armen alten Adam, der wie Antaus oben in der Luft ganz verwelkte und einrunzelte, auf der Erde lustig herausfuttern. Die morganischen Feen der poetischen Bergpredigt fahren ganzlich unten auseinander, wenn die vornehmen Reisenden sich in unsere Antichristenheiten25 zerstreuen und wir ihnen die Reiche der Welt viel anziehender in den Tiefen zeigen konnen als auf Tempelzinnen. In der Tat sollten Teufel sich mehr bedenken, ehe sie uber die Menschen, die doch ihre adoptierten Kinder sind, herfahren und sie fur Tugend-Puritaner erklaren, bloss weil sich einer und der andere auch in erhabenen Empfindungen im Vorubergehen scherzweise versuchen will. O wie ungerecht! Fressen sie sich denn darum sofort in den Kerl auf immer ein, und zieht er damit wie mit Hitzblattern und Hockern im Halberstadtischen und unter Reussen und Preussen raudig herum? Mir wenigstens sind solche Uberbeine des Erhabenen weder in Bordellen, noch Kaffeehausern, noch Spieltischen an solchen Reisenden zu Handen gekommen. Die Schlange wechselt zwar oft die Haut, aber nie die nutzlichen Giftzahne. Die Sache ist: mit den Menschen ist es wie mit den Zibetkatzen; wie diese stets einen von andern geschatzten, ihnen aber verdrusslichen Zibet in ihrem Beutel hecken, so setzen und haufen jene heimlich in ihrem Herzbeutel einen gewissen Religionsfond an, der druckt und weg muss. Der Hollander zieht alle drei Tage seine eingebauerte Katze am Schwanze ein wenig vor und schopft mit einem Loffel den kostbaren Fumet-Unrat heraus; gleicherweise tritt von Zeit zu Zeit der Dichter auf das Theater und auf das Papier und sondert sogenannte tugendhafte Empfindungen ab und der Leser mit; darauf wird ihnen wieder ganz leicht, und sie sind nach der Ausschopfung zu allen Streichen tuchtig. Der Tyrann vergiesset seine Kotzebuischen Tranen in der Frontloge und der Lustling auf dem Parterre, nachher gehen beide heim, und jener lockt den Untertanen, dieser seiner Herzenskonigin ganz andere ab. Genies sind daher vollends des Teufels lebendig, wie andere es spater sind.
Ganz besonders interpunktier' ich hier das bekannte In puncto puncti. Wie Aristoteles vom Epos verlangt, dass es dem untatigen Teil desselben den reichsten Sprachschmuck anlege, der weg- bleibt, wo Charaktere und Handlung regieren: so ist da, wo keine Handlung ist es sei im Leben oder in der Liebe , die reichste poetische tugendhafte Diktion nicht nur erlaubt, sondern sogar notig; und dann muss man weitergehen. Was nun besonders die Weiber betrifft, welche wie der Gott Anubis halb zu den obern, halb zu den untern Gottern gehoren: so muss ihnen auch so geopfert werden wie diesem, namlich doppelt, auf einmal wie jenem weisse und schwarze Hunde; der Mann, der an ihren Altar tritt, muss ein Herz darauf ausbreiten, worin, nach einer richtigen Vermischungsrechnung, Ruchlosigkeit und Sentimentalitat in beide Kammern geschickt verteilt sind. Von den Sentimentalen kann nun ein grosser Teil auf den Bergen geholt werden.
Mit diesen wenigen, sehr oft abschweifenden Reflexionen hab' ich gegenwartige Brockenkonzilienakten und Zeugenrotuls der Brocken-Schonheiten den Teufeln ubergeben wollen. Ist der Stil oft nicht der beste: so bedenken sie, dass sie selber den heidnischen Orakeln und den christlichen Hexen keinen bessern eingegeben haben, wenn sie nicht gar hier der vielen Lugen wegen wieder die Vater derselben sind. Uber die Rapport- und Passagierzettelschreiber in diesem Grundund Lagerbuch sag' ich nichts, da sie selber nichts sagen und sagten. Im Brockenhauschen.
Ein Teufel.
Ich trat jetzt trube und wild auf den Brocken heraus. Die Sterne brannten den Himmel hinab und schimmerten um das dustere Geburge. Der Nebel der alten Zeiten tat sich auf, und ich sah darin unten auf der weiten Ebene die unzahligen Scheiterhaufen gluhen, welche bloss Unschuldige zernagten. Um mich lagen aufgeturmte Felsenklotze wie Quader niedergebrochner Riesenschlosser; und das Renntiermoos der kalten Zone bedeckte als Schimmel der Erde das alte nackte Berghaupt. Der Sturm schnaubte um mich und mein flatterndes Schifflein herum und fuhr wild unter die Sterne hinaus und schien sie zu rutteln. Mein Haar baumte sich wie eine Mahne, aber im Innersten war mir gross und duster, und ich wunschte, jetzt erschiene mir der Teufel, ich fuhlte mich so erhaben und kalt wie er. Aber o wie hohl klang mir in der Stille das Leben! Drunten liegen die muden Wachslarven auf dem Hinterkopf, hier oben steht eine reflektierende auf dem Hals, sagt' ich und griff uber mein Gesicht, um solches wie eine Larve abzunehmen und zu besehen. In der Mitternacht dammerte ein langes Morgenrot und wollte erfreuen; aber ich lachte daruber, dass uns das auch wieder einen fluchtigen Freudenmorgen und Trost vorspiegele; da war mir plotzlich, als sei die ganze Welt und mein Leben in einem Paar Traumen weggetropft, und das Ich sagte zu sich selber: ich bin gewiss der Teufel; schrieb ich nicht vorhin?
Jetzt packte auf einmal eine seltsame Erscheinung mein ganzes Wesen an. Eine weisse flatternde Figur sprang den Berg herauf. Funfzehn Schritte von mir stand sie still. Die Augen waren geschlossen, das Haar schwarz, die Augenbraunen borstig, die Nase gebogen gross, die Arme haarig, die Barenbrust unbedeckt und der Nachtwandler26 im Hemde. Endlich fasst' er dieses am Hexentanzplatz wie eine Schurze mit beiden Handen und fing eine narrische Menuett mit sich selber an; er kehrte sich um, ein schwarzer Schlangenzopf wuchs lang hinab; er fuhr wieder herum und sprang und wollte zartlich minaudieren. Mir wurd' er so verhasst, dass ich ihn hatte hinunterwerfen mogen. Endlich rannt' er, die Arme emporgehoben, davon. Mich schauderte dieses tragisch-komische Konterfei und Fieberbild des Lebens und die aussere Nachaffung meiner Gedanken.
Aber ich konnte nun auf diesem wie ein Alb drukkenden Berge nicht mehr dauern, sondern fuhr in meine Sanfte, schnitt sie los und schwamm ins weite lebendige Nachtmeer hinaus.
Siebente Fahrt
Das grosse Bette der Ehren das weisse Meer das
anonyme Paradies die romantischen
Bekanntschaften Durchgang des Globen durch
Sonnen
Aber zwischen Himmel und Erde wurd' ich am einsamsten. Ganz allein wie das letzte Leben flog ich uber die breite Begrabnisstatte der schlafenden Lander, durch das lange Totenhaus der Erde, wo man den Schlaf hinlegt und wartet, ob er keine Scheinleiche sei. Die grossen Wolken, die unten aufeinanderfolgten, waren der kalte Atem eines bosen Geistes, der in der Finsternis versteckt lag. Ein Hass gegen alles Dasein kroch wie Fieberfrost an mir heran; ich sagte wieder: ich bin gewiss ein boser Geist. Da riss mich ein zweiter Sturm dem ersten weg und schleuderte mich uber unbekannte entlaufende Lander fort.
Plotzlich zog ich uber eine anmutige Ebene voll zerstreueter Laubbaume, ganz mit Affen des Lebens, mit Korpern bedeckt, die sich wie Mittagsschlafer warmer Lander zum Schlummer ausstreckten. Neben einem Feuer lagen ihre Kleider da sah ich einen Mann, der einen in seinem Arme hangenden Leichnam entkleidete. O Holle, es war dein Boden, es war ein unbegrabnes Schlachtfeld! Ich warf Steine auf das Ungeheuer ich brullte ihm aus den Luften: Teufel! Teufel! zu ich wurde in einen eiskaltern Himmel aufgezuckt und der Orkus des Mords floh zuruck, und bluhende Weinberge flogen daher.
Aber der Erdengreuel hatte durch ein giftiges Fieber meine Herzensmuskeln gelahmt; und ich senkte mich erschopft tiefer der Warme entgegen und liess, von Grimm und Wachen matt, die vergeblichen Augen unter ihre Augenlider kriechen.
Wie sonderbar und hold vertraumt' ich den aussern Traum! "Von der Stadt Gottes ist wie von Pompeja erst eine Gasse aufgedeckt!" So rief es im Traum; dann wiederholte es bloss sinnlose Worte: Pompeja Hesperien warme Blutenwalder warme Blutenwalder und dunkle Wellen der Lust liefen uber mich hinuber.
Ein helles Glanzen weckte mich. Wo wohn' ich? sagt' ich. Ich glitt warm angeweht auf einem unabsehlichen silbernen, aus den zu zartem Schaum geschlagenen Sternen zusammenwallenden Meere weiter ein Meer, weich und weiss wie Schneenebel, wie Lichtduft alle Fenster meiner Hutte schimmerten ich war ganz erleuchtet. Ich schiffte in dem uber die Nachterde hingedeckten Wolkenhimmel, in dessen Flut der aufgegangne Mond wie ein Schwan mit seinem Glanzgefieder alle Wogen durchstrahlend stand, eh' er herausflog ins Blaue.
Statt wie ein Wasservogel langer uber der weissen Flache wegzustreifen, riss ich meine Lufthahne auf und tauchte mich unter in die lichte Flut der zusammenspringenden Naphthaquellen So ging es selig dahin in der weissen busenwarmen Nacht Ich wusste nicht, welches Land unter mir grune Ich wuhlte mich noch tiefer in den silbernen Dampf- Ein paarmal walzte sich der Blutenrauch von Garten herauf Einmal fuhren Waldhorner wie Blitze durchs Gewolk und tanzten nahe vor mir wie Geister in der Luft. Lange war es still Wieder klingelte ein Glockenspiel, also aus einer zugedeckten Stadt unter mir Dann wurd' es kuhl Das Meer zerriss in lange Berge, und weite Spalten schaueten auf die Erde.
Ich senkte mich zu den lauten festschwebenden Lerchen hernieder und endlich zu den Nachtigallen in Zweigen und beruhrte einen unbekannten Boden zwischen schlafenden Blumenbeeten mit Felsen unter Efeu und Orangebluten weiss, die der Morgenwind statt der Fruchte abschuttelte mit Rasensitzen, in elysaische Felder hinausgerichtet- und ringendes Morgenrot und Mondlicht durchschnitten einander und vergossen wunderliches Licht auf der Zauberstatte In der Ferne liefen Pappelreihen vor Lusthausern vorbei, an runden, heitern, mit Wein ubersponnenen Bergen flogen Segel hin, und uberall zeigte ein durchsichtiger Kastanienwald eine freudige Welt. Ich wurde von dem dunkeln Paradies wie von einem stummen Kinde angelacht; alles, was unbekannt um mich lag, glich einem alten erinnerten Wiegenliede, nicht einer kunstgartnerischen Georgika. So hold und neu! Gebe nur Gott, sagt' ich, dass ich wieder von dannen fahre, ohn' es von einem gehort zu haben, wie das Land sich schreibt!
Die Weinberge wurden immer heller unter dem feurigen Morgenduft gefarbt. Ein Mohr in turkischer Kleidung lief uber eine grune Gartenbrucke. Da ich mich jedem Rocke zu begegnen hutete, der eine Erkennung nicht auf dem Theater, sondern des Theaters nach sich ziehen konnte, so wich ich fernen Tritten ins auslandische Buschwerk unter Nachtigallen aus. Endlich trat die Sonne wie ein Musengott in den Morgen und nahm die Erde als ihr Saitenspiel in die Hand und griff in alle Saiten.
Ich war ein anderer Mensch, ich kusste den Bluten den Tau lechzend und liebend ab. Da hort' ich italienische Verse munter weggesungen. Eine grosse weibliche Gestalt, gluhend wie der Morgen, mit keckem Schritt, dunklem Haare und schwarzem Auge, kam umherblickend und singend uber die Brucke nach und hatte, wie es schien, den Mohren vorangeschickt. Ich ging auf die glanzende Heldin zu, sie stand sogleich wartend. Welcher Sonne schauete ich geradezu in den Jugendglanz aller Reize! Ich sagte italienisch, ich kame heute vom Brocken und bate sie, mir alles zu sagen, nur nicht, wie sie oder die Gegend heisse, die ich vor mir sahe. Sie sah messend und lachelnd mich und besonders meinen grunen, romisch umgeworfenen Mantel an: "Ihr seid", sagte sie italienisch, "aus Rom der Maler ?" "Giannozzo!" sagt' ich. "Giannino?" sagte sie lachelnd. "Der!" sagt' ich27 und machte sie mit meiner Luftfahre bekannt. Ich bat sie ernsthaft um ein Fruhstuck durch den Mohren, um wirklich niemand hier zu sehen und zu horen als sie. Sie befahl ihm franzosisch, es auf den Pharus zu bringen; "vite," sagte sie, "et ne dis pas qu'oui!"
"Ihr gefallet mir damit," (sagte sie unter dem Ersteigen der aussen laufenden Wendeltreppe des Pharus) "Ihr liebt die Poesie; nichts ausser ihr ist schon, die Jugend ist auch eine." Ich sagte nur weniges Bose von denen, die aus den Blumen der Poesie immer eine Blutreinigung kochen, und von denen, welche die der Freuden nur wie Lesezeichen in ihre Akten und Handelsbucher legen.
Oben auf dem Pharus schauete man in eine ausgebreitete Welt hinaus, die sich tief in Sudosten mit Geburgen schloss, wahrscheinlich den schweizerischen. Der Mohr brachte mir Wein. Teresa denn einen Taufnamen musst' ich haben sprach von der Liebe und von ihren Brautfuhrerinnen, der Malerei und der Musik, so gross und so frei wie wenige Manner. Welch eine schopferische, gerustete Zeit zieht daher, welche das grosse, dumpfe Nonnenkloster des weiblichen Geschlechts abbrechen und die finstern Monchsschleier von den schonsten Augen reissen wird. Sie blickte oft nach Norden, und ich sah sie dann recht an. Welche schone, dunkle Augen halb unter dem sanften Augenlide ruhend gegen die Gewohnheit der schwarzen nur in einem sanften Glanzen bleibend, das weder wuchs noch fiel und das nur ein heller Tau zuweilen dunn uberzog! Sie entdeckte mir offenherzig, wornach sie so nordlich sehe und abweiche ihr Geliebter wollte diesen Morgen kommen.
"Liebt nur recht, Schone," (sagt' ich) "und so recht uber alle Beschreibung! Aber gebt mir eine von Ihm!" Ich wurde nachher, setzt' ich dazu, einen Pomeranzenzweig mit einer Frucht abreissen und ihr ihn, wenn ich den Geliebten auf meiner Hohe sahe, herabwerfen zum Zeichen. Ihr gottliches Auge glanzte nicht feuriger, nur feuchter. Es war, beschrieb sie ihn, ein rotgekleideter Jungling auf einem Rappen, mit einem grunen Reitknecht auf einem Schimmel. Ich holte drunten einige mit Gas gefullte Kugelchen von Goldschlagerhaut und liess sie als Wetterhahne und Leuchtkugeln auffliegen, um den obern Wind uber der Windstille zu erforschen. Zum Glucke weht' er sehr sudlich und trieb mich der Reitbahn des Junglings entgegen. Ich sagt' ihr alles. "Nun geht!" sagte sie. Meine Avisfregatte war schnell zum Auslaufen ausgerustet und hing nur an einem Gelander mit einem darum geschlungenen Kettchen fest. Mein Herz schwamm, berauscht, im Glanze der Schonheit und des romantischen Morgens. "Nehmt Euch doch recht in acht, Giannino!" sagte sie. Ich stieg unter dem stolz aufarbeitenden Bucentauro ein und liess sie das Kettlein losen. Da zog ich ihr drei Rosen aus der Brust und buckte mich zur Gebuckten heraus und flog mit dem Raube eines Flammenkusses von den uppigen, vollen Lippen in den Himmel hinauf. "Addio, caro!"rief sie nach; "addio, carissima!" rief ich herab.
Gottlicher Morgen! Gottliches Weib! Ich schwebte schon in den kalten Monaten der Luft und blickte durch das Glas nach Norden; aber ich entdeckte nichts. Die Teresa stand wie eine Marmorgottin auf dem Pharus, aber kein Zweig fiel fur sie aus der Hohe.
Mit ihren frischen Rosen an den heissen Lippen und mit dem Fernglase an den brennenden Augen flog ich uber die Berge und Strome. Endlich, als die Bluhende dem bewaffneten Auge nur noch ein weisser Schatten hinter mir war, entdeckt' ich damit viele Meilen von mir einen rotgekleideten Menschen auf einem Hugel und neben ihm zwei leere Pferde weidend. Mein Auge wurde nass, da es sich auf zwei getrennte, einander von Bergen verdeckte Menschen richten konnte, beide schmachtend und traumend, er die heilige Zukunft in Suden suchend und sie ihre in Norden; indes fur mich wie fur einen Gott alles nur Gegenwart war. Ich riss ein Blatt aus diesem Buch, schrieb darauf: "Eile, Jungling, die schone Teresa wartet deiner auf dem Pharusturm", band es an den Pomeranzenzweig und warf es, da ich uber seine Augen wegzog, die sich schon lange auf das allein immer schneller fliegende Wolkchen im grossen Blau geheftet, uber ihm aus, und die Frucht riss das flatternde Blatt der Liebe steilrecht hernieder.
Ich wandte mich um die schone Teresa auf dem Pharus war verschwunden der Jungling sprengte die Hugel hinab und kehrte den Kopf haufig gegen das eilige erfreuende Wolkchen. O liebt, liebt, ihr Glucklichen!
Die Knospe meines Rosentags blatterte sich weiter auf. Um 10 Uhr senkt' ich mich in Lilar nieder. Die junge, erst vor einigen Wochen verheiratete Frau fuhrte mich zu meinem alten Freund Dian, der sich im Flotental abkuhlte. Wir tranken tapfer wieder. Er sah mich nie so gluhend. "Im Winter" (sagt' ich) "ist bei dem Volke die grosste Armut; nur der warme Geist ist ein reicher. Aber hier ists zu heiss; ich kuhle meinen Wein oben im Himmel." Auf! auf! rief ich und fuhr aus dem prachtigen Garten davon, den leider noch keiner unserer erbarmlichen Reiseskribenten nur mit einem Dintentropfen abgemalt.
Um 12 Uhr sank ich in Fantaisie bei Baireuth zum Essen nieder. Bluhendes, tonendes, schattendes Tal! Wiege der Fruhlingstraume! Geisterinsel des Mondlichts! Und deine Eltern, die Berge, die in dich hereinblicken, sind so reizend wie ihr Kind in seinem Kranz. Fort von der Lust zu der Lust!
Um 6 Uhr sank ich im Seifersdorfer Tale zum Goutieren nieder. Es war schon ein Josaphats-Tal von Schatten; das Abendlicht lief als vergoldetes Leistenwerk um die Berge. Stilles, reiches Tal! du umschliessest, wie ein geschmuckter brautlicher Busen, mit Blumen und Hugeln das Herz eng und suss, und es pocht feuriger im schonen Gefangnis. Fort, fort, der Sudost fliegt gerade uber Worlitz.
Mit der Sonne sank ich da in den wechselnden Garten, dessen Aussichten wieder Garten sind. Da war mir, als gehe die Sonne eben auf; alle Tempel blitzten wie von Morgenlicht erfrischender Tau uberquoll den Boden, und die Morgenlieder der Lerchen flogen umher. Lange, sonnentrunkne Perspektiven liefen wie glanzende Rennbahnen der Jugend, wie Himmelswege der Hoffnung hin das goldne Alter des Tags, der Morgen, schien meinem schonen Wahne umzukehren. Ach, kein Morgen und keine Jugend stehet von Toten auf ohne eine Nacht. Die langgegliederten Schatten standen wie angelandete Geister der Nacht an den Ufern und uberfielen bald die verlassene Welt. Aber ich sehnte mich nach meiner Sonne zuruck und stieg wieder auf, um ihr nachzusehen, wie sie hinter die letzten Geburge fallt. Droben sah ich sie zehnmal und jedesmal schneller untergehen und ich flog immer wieder durch das Abwerfen der Erdenlast vor ihr sterbendes Gesicht auf der ganzen Erdflache lag schon schwarzer Schlaf ich gab der Erde den letzten Stein zuruck da sah mich tief unter dem Himmel das erloschne Sonnenangesicht recht bedauernd an, als hatt' ich meinen letzten Freudentaumel gehabt28 und unversehends begruben es niedrige Wolken oder Berge. Sogleich warf hinter mir der Brocken den letzten falben Rosenkranz des toten Brauttags weg und sah duster in die Welt; und der Himmel wurde zusehends unter meinen Augen mit Sternenflocken weiss uberschneiet. "Teresa", rief ich, "dein Abend gluht jetzt heller als dein Morgen! Meiner ist blass, und der Morgen ist vorbei."
Achte Fahrt
Kerker Selbstdefension Spohr Scharweber
juristischer Nutzen der Elektrizitat
Morgens um 10 Uhr. "Achte Fahrt" schreib' ich nur, um abzuteilen; denn ich meines Ortes sitze jetzt an einem Orte gestern um diese Zeit trank ich in Lilar fest, wo ich nirgends, dass ich wusste, hinzufahren vermochte, ausgenommen zum Teufel etwan.
Freilich will ichs euch erzahlen was soll ich Gescheuteres anfangen? , so gram ich Millionen bin. Aber warum war ich gestern nicht unsaglich unmassig und sturzte nur Freudenbecher in mich, anstatt mich in Heidelberger Freudenfasser? Denn ich konnt's haben. Konnt' ich nicht zu Kinderballen unter dem Vorsitz der Madchen-Schulmeister herunterschiessen und auf eine Insel in der Elbe zur Sieste und zum musikalischen Karrenschieber Federle29 unter mir und mitten unter eine heilige Familie auf einer Waldhohe, wo bunte Shawls an jungen Baumchen wehten, der alte Vater rauchte und mit den dichterischen Augen auf den Welten des Fruhlings lag und die schone Tochter am wegflatternden Kaffeefeuer bluhte und die Mutter uber einige muntere kleine Springinsfelder Wache hielt? Aber ich wollte in das sanfte Leben der arkadischen Alpler nicht die Garung des meinigen giessen. Wo bin ich?
Leider hier? Ich flog gestern nachts lange irre und wollte, endlich mude, auf Erden in einem Wirtshaus schlafen. Leider wollte der angebissene Mohnolkuchen, der Mond, gar nicht herauf, und ich konnte von der Stadt, wohinunter ich gedachte, nichts als die Talglichter erkennen. Ich sank ihr demnach langsam und guter Dinge zu, ohne zu merken, dass ich mich dem verfluchten Mulanz, dem ich den Galgenjubel nachgelassen, in den Schoss setze. Da ich nur sehr gemach um mit den glasernen Sanftendielen auf nichts aufzustossen niederging und oft im Sinken hielt: so kam ich vor einem hellen Fenster im vierten Stock vorbei, durch welches ich den Zensor Fahland neben einem Bette knien sah, wovon nichts Schlafendes ersichtlich war als ein weisses Handchen, das der Beter hielt. Der Chemiker machte uber die Brennbarkeit weiblicher Diamanten seine Versuche. Ich druckte leicht das Fenster (an dessen Kloben mich heftend) auf und wollte seine auf dem Sessel schlafenden Strumpfe und andere zum Untern seiner Karten gehorige Kleider herausziehen, um ihn vor der Welt ins erbarmlichste Licht zu setzen; und es gelang auch aber indem ich seine Effekten in die Sanfte hineinhatte, schrie der Diamant im Bette: "Ein Rauber!" (er war da, aber neben dir, dummer Juwel! -) und unter mir riefen drei Nachtwachter dasselbe aus. Hatt' ich nur noch drei Pfund Steine ubrig gehabt von meinen sentimentalischen Aussichten in die Abendsonne , so konnt' ich mich heben; jetzt fiel ich samt der Fahlandischen Verlassenschaft dem Nachtwachtertrio in die Arme und Spiesse.
Ich werde mich eurentwegen nicht noch argern und meine nachtliche Galle wiederkauen dadurch, dass ich euch weitlauftig meine Tatlichkeiten, die ich an den Nachtwachtern bloss mit dem Posthornchen veruben konnte, das Anrucken eines neuen Kontingents, mein wutiges Faustkampfen und endlich mein gefangliches Abfuhren ins Rathaus sehr auseinandermalte.
Ists euch nicht zur Last genug, dass ich da noch sitze in der Haft? Man verschloss mich hier oben in diesen Saal, weil drunten alles besetzt ist durch den Wiener Schub, der mir endlich redlich nachgekommen. Eine hubsche Ehren- oder Schandwache vor der Saalture sieht auf mich. Verdammt! allerdings ist es sehr komisch; aber das ist eben verdammt. Mein Schiff und Geschirr seh' ich neben mir in einer fest verriegelten Kammer.
Eben lasset mich der Mulanzer Stadtrat auf 11 1/2 Uhr vor seine Session einladen.
Das Blut kocht mir auf; aber ich will einen Winter hineinwerfen und es kuhlen; ich will mit der Konsulta scherzend umspringen; ich will uberhaupt wie die confrerie de la Passion jede meiner Leidensgeschichten in ein Possenspiel einkleiden. Diese erbarmungswerten Aufklarer, die wie eine frostige Hokerin vor ihrem Lichtlein gekrummt sitzen, das den Kaufern ihre Apfel und Pfeffernusse zeigen soll, diese Ackerpferde der Natur, wie werden sie horchen, wenn ich lachle und gelassen bleibe und sie auf- und herumziehe! Sollten sie mir einen Eid antragen nur der Teufel gab' es ihnen ein : so wurd' ich in meiner gedachten Kalte um die Eidesverwarnung anhalten, und sobald sie aus ware, ersuchen, mich starker zu verwarnen, weil noch nichts durchschluge, und zuletzt wurd' ich dastehen, noch starkerer Verwarnungen gewartig, zum Meineid bereit. Himmel! es laufen hier vierzig Wege zum Scherz. Ich bin ein Honoratior. "Als solcher" (kann ich ganz schussfest sagen) "seh' ich auf, dass man bei Schwuren, wozu man mich treibt, die Ture zumache. Als solcher macht' ich mir von jeher auf einen Hausarrest Hoffnung, indes ein anderer sich mit offentlichem behilft. Als solcher erwartete ich von allen Gerichten stehend eine gerichtliche Einladung zum Sitzen und unterscheid' es von einer gerichtlichen Ladung zu sitzen. Der Honoratior dringt jede Stunde darauf, schriftlich vernommen zu werden anstatt mundlich30; ich dringe ebenso und will hiemit nicht gehort sein, sondern gelesen und sage kein Wort weiter." O es kann mir noch mehr einfallen; wer prophezeiet die Spasse des Menschen! Gleich bei dem Eintritt angesichts der Sitzung druck' ich, als bestach' ich, dem Knorpelfisch, dem hagern Ratsdiener, nichts in die Hand als meine. Herrlich, jetzt schlagts!
Nachmittags um 2, 3 oder 4 Uhr. Verdammt sei der Mensch samt seinen armen Hunden von Vorsatzen und die Mulanzer Schafshaupter und alles! Nur in der Luft dreitausend Fuss hoch sind noch Minuten von einem guten Tage zu haben. O ich konnte jetzt auch droben unter den Raben und Lerchengeiern sein! "Nun wird er", denkt die wurdige Lesewelt, "ordentlich anfangen, uns seine Fatalitaten artistisch genug vom Handedruck des Knorpelfisches an bis zum Zornschaum des Stadtsyndikus Spohr vorzutragen, damit es uns koniglich ergotze." Nein, edle Lesewelt der Schreibewelt, noch sind wenig Anstalten gemacht, dich zu dieser Buchpartie zu laden, zu diesem Armbrustschiessen auf mich auf der Stange. Freilich, uberlegt man wieder fluchtig, dass es mir auf dieser Lesewelt unmoglich an Seelen fehlen werde, die ich durch mein Referat ebensosehr erbittere als den Mulanzer Schoppenstuhl Ja, ja, ich seh' es fur meine Pflicht an, folgenden treuen Bericht von der Sache abzustatten:
Die Session war schon lange zu Tisch gesessen, als ich mit meinen Hummerscheren erschien als letztes Gericht. Der Stadtsyndikus Spohr, der sich nicht wie ein Scharfrichter ehrlich richtet, sondern unehrlich und dessen Gesicht die Schwefelpaste von den Diebsphysiognomien ist, die er in die Justizwaage geworfen, zeigt schon durch das nachgebliebene Aussere, dass er schon aus dem Spiegel diejenigen kenne, die er zu richten hat; so ist in Nurnberg ein Schwein oder Rind an diejenigen Hauser gemalt, welche das Recht haben, eines einzuschlachten. Herr Spohr hob mit der Spolienklage seine Sohnes an und hatte das corpus delicti, die Strumpfe und Halbkleider, dazu vor sich liegen. "Herr v. Fahland ist Ihr Sohn!" rief ich zweideutig, denn ich sah die niedrige Zweideutigkeit, dass er besagte corpora seinem Sohne zuschlage, um die Ehre seiner Tochter zu retten. Jetzt wurde der Spohrische Kopf ein mit Ehren- und Kleiderraubern feuernder Bruckenkopf- und meiner ein vorrennender Sturmblock. O es ist etwas ganz anders, eine gedachte Schlechtigkeit und Beleidigung diese ist scherzhaft zu handhaben und dann eine gegenwartige vor der Nase. Bei jeder lebendigen Schlechtigkeit fuhl' ich, dass meine Anthropophobie oder Kollerader gegen die Menschen, die zuweilen an Tagen wie gestern auf der Haut verschwindet, noch ihr altes schwarzes Blut treiben und strotzen konne.
Dazu trat noch der zweite Ratmann Scharweber als stolzer, kecker Mitschreiber an der Mulanzer Monatsschrift und Kantianischer Erlanger Rezensent der Taschenbucher bekannt und klagte mich als den Stadtpasquillanten (im Galgenjubel) an, als den Privatinjurianten des privilegierten Nachdruckers loci und zweier fallierten Handelsleute und endlich als den Harpunierer und halben Knochler der Nachtwachter. Ich fragte nach nichts mehr, nicht einmal nach mir warum soll der Mensch nur etwas wagen durfen, und nicht ebensogut viel und alles? Ich sagte zum Ratmannlein, das mich schon fruher einmal rezensiert hatte: "In der hiesigen Dezemberschrift und in der Erlanger Literaturzeitung moget Ihr laut reden und pfeifen als ein treuer Hofsekretsschlusselbewahrer31 des Geschmacks und der Satire; die Siebmacher verfertigen ohnehin zugleich Trommeln; aber, Feind Scharweber, Ihr werdet der echten Satire mehr aufhelfen als ihr Gegenstand denn als ihr Richter32; richtet hochstens da, wo Ihr nicht wie hier einen Namen unterschreiben, sondern nur einen unterhohlen musst. Gott hatt' Euch mehr Gaben bescheren sollen, Scharweber, damit Ihr eher wusstet, was Ihr wolltet, oder der andere in Satiren; Himmel, wurde nicht die Heiligkeit des satirischen Feuers beschmutzt, wenn es nur als der Namenszug einiger Schelme, eines Nachdruckers und Bankbruchigen, brennen wollte? Nein, die Kunst braucht die einzelnen Menschen nur als Farbenkorner, nicht als Urbilder. Sogar wenn ich die heutige Satire aufschriebe, setz' ich Euern Namen nur statt eines fingierten hinein."
Dieser Grimm behagte aber den Narren; sie schritten zum Protokoll und nahmen mich fur einen zu nah aufstossenden Hasen, den der Jager erst auslaufen lasset, bevor er ihn anplatzt. Scharweber fragte lachelnd meinen Namen und Stand ich nannte mich nur den Edelmann Giannozzo und beharrte dabei; "aber ich wurde mir," (sagt' ich) "wenn einer von ihnen stiftsund degenfahig ware, ein wahres Vergnugen daraus machen, solchen zu erstechen." Der Wecker des Protokolls rollte jetzt unverschamt ab, um meine Antworten ganz unbekummert; antwortet' ich z.B., ich hatte von Fahlands Ein- oder Auskleidung bloss einen Steckbrief verfassen und diesen dem Intelligenzblatt vertrauen wollen: so fragte der Ratmann weiter: "an wen ich ferner meine gestohlnen Sachen gewohnlich absetzte."
Ein Pferd auf dem Markte, das sich trotz Hieb und Stoss aufbaumte, befreiete meine knirschende Seele. Ritterliches Tier, dacht' ich, wenn der niedrige Hund, gepeitschet, heult und wedelt und dient: so trotzest du stumm und blutig und bist nur der Milde folgsam. Ich schwieg wie ein Pferd, sobald ich mein HonoratiorenPrivilegium schriftlicher Antworten im Ernste und nicht mehr im Spasse, o wie verwunsch' ich auch das! reden lassen.
Aber nun haft' ich hier ohne eine Ritze zur Flucht und mit langen Aussichten auf ein verfluchtes Leben, zumal bei meiner Offenherzigkeit.
In den Schwefelhohlen und Hundsgrotten ersticket man, wenn man sich buckt; an Gerichts- und andern Hofen, wenn man sich aufrichtet.
Den Tag darauf. Ich kontinuiere das Gestern. Die Aussicht auf heute war bloss, dass ich wurde geargert werden wie ein Truthahn, den man schlachten will. Das Auswanderungsverbot war an alle Wande meines Notstalles angeschlagen. Wurgt' ich die Wache nieder, so stand ich an der Hausture im aufsteigenden Knoten, und der Gerichts-Pobel ging mit mir herauf Durchs Fenster auf das Steinpflaster konnt' ich springen drei Stockwerke hoch. Meinen jetzt fixen Wandelstern, den Siechkobel, sah' ich hundertmal durch die Fugen an; konnt' ich dazu kommen welches platt unmoglich war, wenn ich nicht die Ture in Brand steckte, was ich fast wollte , so fullt' ich meinen Kobel halb inner-, halb ausserhalb des Fensters und entfuhr.
Jede Not liegt so lange als Inkube felsenschwer auf der Brust, als man kein Glied dagegen regen kann; fangt das Arbeiten dagegen an, so horet der Alb auf. In solchen Noten fallen einem nichts ein als wieder andere; habe die Beine im Fegefeuer, so kleben die Augen an der Holle. So griffs mich z.B. unsaglich an, dass ich indes elende Schreiber wie Alian und Pausanias auf dem Schneeballen und Pfebenkurbis, den sie ihren Kopf nennen, einen immergrunen Kranz herumtragen kunftig so wenig unsterblich werde als der Altonaer Postreuter. Lauter Zukunft peinigte mich als Gehulfe der Gegenwart: 1874 und 1882 schleicht die Venus wieder durch die Sonne, und es ist ganz unmoglich, dass du den Vorgang observierest, sagt' ich.
Aber da abends um 11 Uhr ein majestatisches Gewitter kam, das ordentlich zu gut und zu erhaben war fur die Werkeltagsstadt: so flog der gottliche Gedanke in mir auf, allemal, wahrend der Donner auf seiner Heerpauke furchterlich wirbelte, an die Kammerture wie ein Sprengblock mit dem ganzen Leibe anzurennen und sie etwan einzustossen. Ich rannte vor ich setzte nach jedem Blitze zu meinem Erdstoss an die Wache rechnete mich zum Donner und sang ihr Wetterlied und endlich schlugen zwanzig solche Pralltriller durch. Aber jetzt das schnelle halbe Fullen meiner Schnellkugel das Befurchten der Wache, mit der ich freilich bei der Wut meiner Arbeit wenig Umstande wurde gemacht haben das hundsuble Fortfullen, als ich die Kugel zum Fenster hinausgehangen das Reissen des Sturms das Anleuchten der Blitze das Verkundigungsfest des heraufsehenden Nachtwachters das Hereinsturmen ins Gefangnis die Holle des Losschneidens das Aufzucken das Nachsteigen kleinerer Trabanten und Kugeln d'Atour aus Buchsenlaufen das betrunkne, an alle Dacher gehende Antaumeln des noch nicht vollen Luftspringers das hebende Auswerfen der Mobeln und das Eintauchen ins dicke, triefende, spruhende Gewolke das alles soll bloss denen, die aus dem krachenden, brennenden Toulon rannten, den Hollenweg nach dem Hafen ein wenig wieder auffrischen.
Doch mocht' ich den Spass fast wieder erleben, denn es war keiner, sondern etwas Rechtes.
Neunte Fahrt
Das Schadenfeuer die Festung Blanchard der
Buhnen-Messer Rosiza
Die Erde war mir jetzt ein Meersboden voll ungestalter Seetiere, zu welchem ich mit meiner Taucherglokke gar nicht mehr herunterwollte, ob ich gleich neue Mobeln einzukaufen hatte. Nur einmal landet' ich auf einem Saatfeld, um frisches Gestein einzunehmen. Ich ging sehr hoch und konnte, als ich uber Kasselhessen33 schiffte, bloss dessen Mikromegas, den Herkules, sehen, aber weder Menschen noch Vieh noch Feldbau. Pernety schreibet sechs Fuss Sehweite vor fur ein Gesicht, das gemalet sein will; und so ist fur meinen Pinsel die Erde nach Verhaltnis gerade in der rechten Erdferne von meiner Zeichenfeder.
Es machte meine Liebe zum Erdkreis nicht fetter, dass in einem mir unbekannten Stadtchen am hellen Mittage ein Haus in vollen Flammen und doch die Zuschauer bloss das Feuer besprechend, nicht begiessend dastanden und keine Feuerglocke ging.34 Es nagte und leckte schon an einem nahen Sparrwerke. Der Bauherr des letztern dauerte mich sehr; dieses gewaltsame Festhalten an der Schwelle der Laufbahn hatte mich tyrannisiert als das Krummschliessen am Ziele derselben.
Jetzt ging der Luft-Kaper gegen die Festung Blasenstein zu; ich beschloss, die Besatzung zu alarmieren. Gerade uber ihr setzt' ich mich tiefer in der windstillen Region fest; und blies den Marseiller Marsch herunter. Himmel! nun wurde das Reichsfriedensprotokoll, die Festung, ein Kriegsschauplatz alles, was waffenfahig war, ruckte ins Freie aus, und die Festung tat einen Ausfall in die Festung selber in volliger Bereitschaft, den Feind uber sich nachdrucklich zu empfangen. Der Kommendant liess mir durch ein Sprachrohr zurufen, mich der Festung Blasenstein nicht weiter zu nahern, sonst muss' er schiessen lassen. Ich warf an einem Stein die franzosische Antwort herab: "Herr Kommendant! ich kenne Ihre Pflicht recht gut, aber ich kenne auch die meinige. Meine Schiffsmannschaft ficht bis auf den letzten Mann, falls Sie es wagten, uns zuerst feindselig zu behandeln. Sie sehen aus dem Stein, an den ich die Antwort gebunden, dass wir mehr Wachteln35 zu tapfern Kernschussen geladen haben als der Wachtelbischof auf Caprea36 indes Sie, mein Herr, Ihre Kanonen und Morser gar nicht gegen uns steilrecht nutzen konnen, sondern sich bloss auf kleines Gewehrfeuer zuruckgebracht sehen, das bis hieher, mehr zum Lauf- als Flugschiessen gebraucht, nicht viel tun kann. Aber ich geb' Ihnen mein Ehrenwort, dass meine Flotille Sie weder angreifen noch die Festung entern oder berennen soll, da sie bloss als Observationsflotte hier stehen will. Empfangen Sie, mein Herr etc. etc. etc.
Jean Jean
Burgerkapitan des Siechkobels."
Ich sah, dass der Kommendant einen kurzen Kriegsrat mit seinem Stabe hielt. Endlich horte ich wieder das Sprachrohr, und die Antwort der Festung war, ich sei ein Schlingel und mochte mich sogleich fortpacken, ohne langer zu spionieren. Ich replizierte durch den Stein: "Herr Kommendant, eine halbe Stunde Zeit bitte ich mir zu einer entscheidenden Antwort aus. Empfangen Sie, mein Herr, etc. etc. etc." So lange wollt' ich alles, was die stehende Sommerkampagne mitmachte, mit aufwarts gehaltnen Laufen, die gleichsam das Gewehr vor mir prasentierten, unten stehen sehen. Ich setzte folgendes auf: "Schlingel, mein Herr, ist ein Titel, den weder das Volkerrecht noch die grosse Nation an ihren Schiffskapitans gewohnt ist; ganz Europa ist aber Zeuge, dass Sie mir ihn beigelegt. Sich und der Ungeschliffenheit schreiben Sie es nun zu, wenn die grosse, aber geschliffene Nation Ihren Blasenstein vom Kaiser zum Faustpfand verlangt und dann schleift. Ich sehe, dass die Festung sich vor mir furchtet; verteilen Sie Gozens Todesbetrachtungen auf alle Tage unter Ihre Garnisonisten; diese beleben; der Krieger wird dreist, wenn er daraus immer zu sich sagt (jetzt sah ich hinunter, die Besatzung observierte in einem fort den Brief-schreibenden Kobel, der sie blockierte): 'Ich will stets mein Ende bedenken, damit es mir wohl gehe; jede Kugel, jeder Spiess soll mir zurufen: ich treffe dich, und wenn ich meine sterblichen Glieder beschaue, will ich mir vorhalten, wie leicht sie weggeschossen sind. Gedenke des Todes, Soldat!' Wie gesagt, das starkt. Indes sollen Sie meiner Scherenflotte wegen fur keinen Heller Belagerungsmunzen machen mussen; ich segle jetzt ab, nachdem ich Ihren ganzen Blasenstein genau genug besehen und abgezeichnet habe. Empfangen Sie etc."
Ich schickte den Brief-Stein oder die Brief-Wachtel samt einem Fluge anderer hinab, und der Orlogkobel fuhr hoher hinan und hinweg, unter dem entschlossenen Nachfeuern der ganzen Besatzung.
Der Tempel der Natur war voll ruhiger Kolossen gelagert, aber der Mensch stieg klein und kleinlich auf ihnen herum; er steht in diesem Tempel wie die romischen Deputat-Juden in dem christlichen, wo sie niesen, husten, scharren, um nur dem Bekehren zu entkommen. Aber warum hab' ich das Ungluck auf meiner ganzen Fahrt, dass kein Nordost blaset, der mich uber die Schweiz fuhrte?
Diese hehre, heilige Gegend konnt' ich wenigen, am wenigsten dem daherfliegenden Frosch, der sich gerade wie ein anderer im dunnen Luftraum aufblaset, namlich dem erbarmlichen Luft-Styliten Blanchard vergonnen, der fur Geld seinen Kustenhandel nahe an der Erde trieb, und der jetzt mit dem tiefern Gegenwinde daherfuhr. Ich, zu einem Luft-Treffen fertig, stiess wie ein Falke auf sein Schiff, sah' es aber leck nur langsam sinken; der Sunder hatte manches an sich, was er hatte brechen mogen, den Hals kaum gerechnet. Mog' einer diesem Windschiffer einmal hinter einer Windbuchse nachschauen!
Als ich uber das Laucher Komodienhaus wegzog, dankt' ich dem Himmel, dass ich nichts davon sah als dessen Zeitmesser an den Mauern. Wie Wasseruhren an den griechischen Festen (nach Aristoteles) den wetteifernden Buhnenstucken die Dauer ihrer Auffuhrung zumassen: so standen nicht tragbare, sondern tragende Wasseruhren, die Laucher Herren, gegen die Wand des Hauses gebogen, und die Lange der Szenen war aus der Lange ihres Standes leicht zu ermessen.
Hasslich spat ging ich in Rosiza nieder in der Judenstrasse (keiner Judengasse), bloss um meine Schaukel zu amoblieren. Doch musst' ich mich noch abends mit dem Wirt uberwerfen, der durchaus wissen und nachher notifizieren wollte, zu welchem Tore ich einpassiert sei, weil man den Torzettel mit seinem Nachtzettel konfrontiere. Da ich nun zu gar keinem hereingekommen: so liess er mich offiziell visitieren, um zu wissen, ob ich nicht den Konig betroge. Am andern Tag stieg ich und ein Drache, den ein Junge als meinen Statisten und Nuntius de latere emporschickte, nebeneinander in die Luft; die Strasse war etwa mit einer funf Schuh hohen Lavaschicht von zuschauenden Rosizer-Kopfen uberschuttet, welche immer weiterfloss. Rosiza wollte mich mit meinen alten Freunden mit seinem Freiheitsgeiste und seinem Gesellschaftstone so verstricken wie sonst; aber der Sudsudwest blies, und ich war des bewohnten Landes satt und so durstig nach dem leeren, reinen Meer.
Zehnte Fahrt
Stadt Ulrichsschlag Herr van der Haft der Staat
ein Industriekomtoir Kleiderordnung fur Bucher
In diesem Ich-Besteck, in diesem Leibe, braucht man, man ziehe immer die reine Seeluft des Luftsees ein, doch stets seinen Taler Geld. Welcher Luft-SchiffsHerr von Bedeutung ware nicht bei einem Sudsudwest, der in die Ostsee trug, gerade uber Ulrichsschlag weggesegelt, wenn er nicht leider darin gerade einen Grossoheim hatte, dem er einen Prima-Wechsel prasentieren kann?
Diese dumpfe, wuhlende, in der Walkmuhle der Arbeit dampfende Stadt wovon ganze Gassen an einem Knochen, an eine Silberstange nagen und schaben taub gegen Freude und heiss dahinrennend wie ein Gaul, dem man eine bleierne Kugel ins Ohr gesetzt, und in den Gehirnkammern von einer gedruckt diese fleissige Stadt und Menschen-Hollanderei hatte das Gluck, meinen Grossohm zu behausen, den Herrn van der Haft, einen edlen Bankier, der aus dem Geld nicht viel macht, sondern nur wieder Geld und der das "nach Belieben" auf den Komodienzetteln uber setzt in "tel est notre plaisir" und daher weniger gibt als der Geringste.
Ich ware aber beinahe in die zugesperrte Judengasse einen brutenden, summenden Schwarmsack von Menschen gefahren, hatten mich nicht glucklicherweise zwei Juden37, welche Hand in Hand abbliesen und absangen, um sich wechselseitig zu dekken, seitwarts hinaus gesungen und geblasen durch die Doppelsonate und das doppelte Ausrufungszeichen. Im Vechter-Viertel lief ich im Gasthof zum Vielfrass ein. Den Morgen darauf trug ich meinen Wechsel ins Franecker, wo mein Oheim wohnt.
Es versetzte meine Phantasie magisch ins schone Holland, wo zwar die Besitzer unreinlich, aber die Besitzungen so ausserst reinlich sind, da die Magd vom Haus, als ich uber die neugewaschene Hausflur gestiefelt wegschreiten wollte, mich auffing und mir sagte, ich musste mich aufsetzen, sie trage mich zum gnadigen Herrn ins Zimmer. Ich ritt als narrischer Zentaur ohne Bugel und Zugel auf dieser Filial-Rosinante vor die Stubentur meines guten Schwertmagens hin und sass ab. Ein altes, lachelndes, rundes, voll Radien gestrichenes, wie ein Dotter im dicken Eiweiss einer Perucke schwimmendes Gesichtlein, auf einem Korperlein sesshaft, nahm mir mit vielen Hoflichkeiten den Prima-Wechsel aus der Hand und fragte mich ich hatte mich nicht genannt , ob die Zahlung an Ordre zu stellen sei; "ich bin Herr Giannozzo selber und Sie mein Herr Grossohm", sagt' ich Er bewillkommte ohne Erstaunen seinen Urneffen, sagte sogleich darauf, der Wechsel a uso sei hier erst nach 3 Respit-Tagen und 14 Usos-Tagen zahlbar, er woll' ihn aber (er dachte, ich wurde sein Gast) ohne einigen Abzug noch heute "vergnugen". Als ich ihm freilich sagte, ich bliebe im Vielfrass, tat es ihm leid.
Wahrend der Zahlung a vista schritt ich im Zimmer auf dem Kreuz-Trottoir und breiten Stein zweier Wollendecken auf und ab und konnt' es nicht von mir erhalten, dass ich nicht uber den wollenen Fusssteig austrat ins junge Holz. Ich strich das Geld ein, und zauderte mit der Ubergabe des Wechsels. Was mich wundert, ist die allgemeine Ehrlichkeit der Menschen: so sehr es scheint, als wenn sie einander ordentlich nicht traueten da ihnen Wort und Schrift noch keine hypothekarische Versicherung der Bezahlung scheinen , so sah' ich oft mit meinen Augen, dass der eine das Kapital dem andern und dessen Gewissen zuweilen 3, 4 und mehr Minuten anvertrauete, ohne das Papier ausgewechselt zu haben. Waren die Menschen weniger ehrlich: so musste man fodern, dass der, der einen personlichen Wechsel bezahlte, indem er mit der einen Hand den Wechsel zuruckholte, mit der andern das Geld hinreichte, weil er das Papier ja sonst unbezahlt wutig fressen konnte. Wir ehren uns selber durch dieses Vertrauen. Freilich geben edle Seelen z.B. mein Grossonkel Summen Geldes da dieses dem Gifte so ahnlich und wie dieses in grossen Portionen gefahrlich ist und nur in kleinen offizinell wie Materialhandler dieses Gift-Metall oder Metallgift nur gegen obrigkeitliche Permisse und Scheine aus; aber das ist gutes Herz, der andere soll sich nicht damit vergiften durch die grosse Portion. Ich ritt wieder uber die Hausflur hinuber, eingeladen zu einem Ess-Jubilaum oder Ess-Quinquenell auf morgen; denn von funf zu funf Jahren gibt er ein Essen. Ich komme jetzt davon. Man seh' es einem Urneffen nach, wenn er selber seinem Schwertmagen zumal von dessen Tischtuch herkommend mehreres nachsieht und dessen Filzigkeit, so gut er kann, schon anstreicht; denn, in der Tat, ein alter Mann, der immer noch tiefer ins kalte Alter hineinsegelt, gleicht zu sehr den Schiffen, die nach Norden gehen, welche stets mehr Vorrat laden mussen als die, welche nach heissen Landern laufen. Grabt nicht das ganze Jahrhundert nach den beiden besten Heilmitteln der Sauere und der Kalte? das ist aber Kalk und Phlogiston; und beides macht nach den Chemikern glucklicherweise die einzigen Bestandteile des Goldes aus. Wer ist nun sauerer und kalter als ein Graukopf? Es gibt kostbare Gastmahle, wo man wie in der Poesie mehr auf Form als Stoff, mehr auf Loffel und Schusseln invitiert ist als auf ihr Eingebrachtes; mir und der Ulrichsschlager Kaufmannschaft wurde vom Ohm das feinste Steingut, funf herrliche Schusseln von Silber vorgesetzt, und zuletzt wurde ein niedliches Dessert-Besteck von Gold aufgetischt. Noch langer als das Tischtuch war das Tischgebet; und kein Handelsmann schamte sich wie ein Weltmann, das Wort Gott oft zu brauchen. Nein, ich knirsche die Zahne uber die gewinnsuchtigen Heuchler, die Menschen, welche bei ihren Bergwerken, bei ihren Lotteriedevisen38 Gott wie einen Fursten zu Gevatter bitten, damit er ihnen ehrenhalber ein Patengeld in die Windeln schiebe welche bei dem Allerheiligsten wie wir bei einem Titularrat immer seinen Titel anbringen, um ihm zu schmeicheln und abzubetteln. War' ich der liebe Gott: so sollten mir die Hollander, die vorher, eh' sie mit ihren Heringsbuisen auslaufen, eine Predigt und ein Lied anhoren und um Heringe seufzen, nicht einen Schwanz fangen. O das grosste Sammelsurium von Widerspruch, Wahnsinn, Habsucht und Tucke ist ein menschliches gedrucktes Gebet! Nur du, heiliger Fenelon, konntest beten, denn du liebtest Gott!
Ein Ulrichsschlager klagte uber die Handwerksmissbrauche und brachte bei, dass der Professor Hausen erwiesen, dass schon einer mittelmassigen Stadt wie unserer z.B., sagt' er bloss durch den blauen Montag in 1 Jahr netto 13541 Tl. 16 Gr. vor die Hunde gehen. O wenn ich diese Saite hore! "Meine Herren!" (fing ich an) "das ist erst nur eine StaatsBankerutt-Quelle und mehr nicht. Aber ringsum springen die Quellen wie Bocke. Ausser der Gesundheit wird durchaus nichts hasslicher verschwendet als ihr Surrogat, die Zeit. Welche entsetzliche Summen kostet einem Land der Schlaf, da es durch strenge Schlaf-Edikte leicht dahin zu bringen ware, dass es nicht mehr schliefe als jeder Nachtwachter! Werfen wir nicht jahrlich wieder 13541 Tl. 16 Gr. zum Fenster hinaus, dass wir den Sonntag feiern am Tage, da wir wie andere Volker nachts in die Kirche gehen konnten, wo die Dunkelheit die Andacht, und die Schlaf-Karenz die Busse nicht verderben wurde? So muss auch nicht als etwas Kleinliches aus der Unkosten-Rechnung alles das ausgelassen werden, was das Land jahrlich an zwei Personen einbusset durch Balbieren, indes mit dem Barte der Staat wuchse und durch Donnerwetter, weil dabei nur Gebetbucher ergriffen werden und durch stehende Tischgebete, die man ja sitzend still in sich unter dem Kauen verrichten konnte und durch fremde Passagiere, denen der Staatsburger durchs Fenster nachsieht da jeder Narr, der in der Stadt nichts verzehrt und nur durchpassiert, um dieselbe reiten konnte und besonders durch das allgemeine Mussiggehen und Faulpelzwerk der linken Hand und zweier Fusse. Was Nicolai zu allem diesen sagt, mocht' ich wissen. Abgerechnet die wenigen Spinner mit zwei Handen oder die Krippel, die einen guten Fuss schreiben, nicht eigenhandig (m. ppr.), sondern eigenfussig (p. ppr.) oder die Wilden, welche mit den Fussen stehlen und ausser den langen Fingern und Diebsdaumen noch lange Diebszehen haben und in einem andern Sinn Rauber zu Fusse sind: so tun gerade drei Viertel am Menschen nichts, und er hangt voll Faultiere. Sapperment! kann nicht die Hand oben und der Fuss unten ein Paar Handwerke zugleich treiben? Ist der Tanzmeister, indem er unten mit den Fussen das Seinige tut, nicht zu gleicher Zeit der grosste Spieler oben auf dem Geigelein? Und konnte einer, der von oben herab Friseur, Stricker, Wollenkratzer, Former ware, nicht zugleich von unten hinauf ein Laufer, Fusslanger, Tretrad-Wandler und Orgel-Balgentreter sein? Wahrlich, der Staat konnte durch ein strenges Wegschneiden aller dieser Ess-, Bet-, Buss- und Gliederferien dahin hinaufgearbeitet und gezogen werden, dass er ein ordentliches grosses Raspel- und Arbeits-Haus wurde, uberall mit emsigem Sitz- und Greif-Fleisch ausgepolstert, alle darin schwitzend, keuchend, kartatschend, scheuernd und wutend, ohne sich nur umzugucken und ohne sich zu scheren um Lust und Liebe und Himmel und Holle. Ulrichsschlager! ihr seid fast die Leute dazu."
Ich werde sogleich fortfahren bei ihnen; ich will nur erst ein solches Arbeitshaus herzlich zu 10000 Teufeln wunschen und in die Holle (eine solche Vorholle) und vorher unter dasselbe einen hubschen Minengang zum Aufsprengen.
"Anlangend das Geld," (fuhr ich fort) "dieses Herz des innern Menschen, so bedaur' ich seit Jahren die Staaten, die es verfressen und versaufen. Die besten schneiden ihren Festungs-Sassen nur das Kaffeewasser ab; aber warum lassen sie zu, dass der Kaffee seine Reprasentanten ins Unterhaus schickt, Zichorien, Eicheln, Ruben und den Satan? Warum stopft man dieselben Grunde schreien der Gluckseligkeitslehre nur eine Quelle zu? Warum wird Tee, Wein, Fleisch, Bier, Gebacknes so frei zugelassen? Desgleichen Obst, Gemuse und alles nur Leckerhafte, da gesundes Brot seinen Mann ernahrt? Mit alle diesem konnte ja gehandelt werden nach auswarts und ein hubscher Pfennig Geld ins Inland gespielt alle Waren wurden, wenn mans tate, wie bei den edeln Hollandern die franzosischen Bucher, nur spediert und verlegt, ohne das geringste Konsumo Ulrichsschlager! wurde dann nicht das Staatsgebaude ein grosser, blanker Silberschrank und alle Untertanen Preziosa fur den Fursten, die er angreifen konnte in der Not?"
Ein geniessender Mensch nimmt mich zwar nicht ein, weil der Genuss das selbstsuchtige Selbst entblosset; aber ein sich Freuender erfreuet mich, weil die Freude ein reiner Ather ist, worin alle Spharentone klingen und fliegen konnen. Madame Helvetius wunschet, es gabe Flusse von Brei, damit nur der Magen in Ruhestand kame; wer wurde dann an ihren Ufern wohnen? Offenbar Otaheiter, Griechen, Italiener, Hindus, zu denen die Gron- und Feuerlander und andere Turmer aus den beiden Hungerturmen der Pole herubergucken konnten.
Van der Haft und die ubrigen Hafte fanden ein paar Detail-Handler ausgenommen meine Grundsatze ganz durchdacht, aber fast zu strenge und schwer ausfuhrbar. Der Grossonkel nahm mich nach dem Essen er hatte 2 1/3 Glas Wein im alten Kopf freundlich beiseite und bat mich, ihm ohne Scheu sub rosa zu entdecken, auf was ich eigentlich mit meinen aronautischen Versuchen hinzweckte. "Ich?" (sagt' ich) "auf nichts, auf Spass!" "Ernsthaft, Neffe! Hohenmessungen, astronomische oder meteorologische Versuche, Untersuchungen der Wolken konnen Sie mir ohnehin eingestehen; aber greifen Ihre muhsamen Reisen nicht mehr ins praktische Leben?" "Wahrlich, bloss zur Lust leb' ich oben und aus Ekel am Unten." "Und deshalb setzen Sie Ihre Gesundheit in der kalten, feinen Luft zu?" "Herr, die setzt jeder Schuster, jeder Autor, jeder Stubensitzer zu; denn um ganz gesund zu leben, muss man leben wie ein Vieh, wie ein Bar oder Hirsch." "Und wenn Euch eine Gewitterwolke an sich zieht?" "Darauf dacht' ich oft; dann war's aus; aber ich werde wohl mein Ziel vorher fassen warum will ichs meinem guten Grossohm nicht sagen? Ich reise als geographisch-militarischer Luft-Spion, nehme dann in Schwaben franzosische Dienste und versuche mein Gluck, wenn mich keine Kugel trifft." "Das hor' ich gern, Neffe!" sagte der Narr. O die Blinden! dem Magen darf man sie erlaubtens alles opfern, die Jahre, das Blut, sogar ein Stuck Tugend; aber dem Herzen, der Lebensfreude nichts, als was jener vom Opferaltar ungefressen ubrig lasset, und die heilige Psyche ist euch nichts als der Futtermarschall, Erzkuchenmeister und Erbvorschneider, ach, der Kuchenjunge des Magensacks! Geht, ich will wieder hinauf!
Ich konnte heute im Vielfrass keine Zeile mehr in mein Seebuch schreiben, aber hereinheften will ich ein herpassendes Aufwandsgesetz, das ich im Namen des Fursten Saturns (sein Land kam oben vor) als expedierender Sekretar abgefasset.
Kleiderordnung fur samtliche einwohnende
Bucher unsers Landes
Wir etc. etc. etc. werden mit ausserstem Missfallen den Luxus innen, der in unsern Staaten um sich frisset. Bettler prunken schon in kouleurten humoristischen Habiten, aus einem teuern Gehacke von allen Zeugen genaht, als wandelnde Farbenpyramiden wie Motten einher, indes ihr Stand ihnen zuruft, gleich Grazien und Wurmern bloss den spartischen Schleier der allgemeinen Zucht um sich zu schlagen; wir wollen aber hoffen, dass es nur auslandische Bettler sind, welche freilich die spartische Nationalkleidung unseres Landes nichts angeht.
Allein bei den Buchern ist der Kleiderluxus ebenso klar als enorm. Geistliche, andachtige Werke, die sonst im bescheidnen Priester-Ornat und Trauermantel einherwandelten, kleiden sich wie Gecken nach englischem Schnitt und tragen Tressen und reden doch von Gott. Juristen-Kinder gingen sonst wie die Schweine, namlich in deren Leder, oder auch in Schafskleidern, oder ein holzerner Skaphander war der Rock der Gerechtigkeit, und ihre vier Hufen waren mit Eisen beschlagen; jetzt springen sie uns als Halbfranzen, als Perlhuhner entgegen, und wollen gleichwohl Leute en longue robe vorstellen. Es sind die alten Folianten gar nicht mehr, ob sie gleich ihre Sprache reden.
Die Arzte gehen in Marmor anstatt wie sonst in Halbtrauer Die historischen, die philosophischen Werke tragen sich, wie sie wollen Andere sind im demineglige broschiert Einige laufen turkisch oder im turkischen Papier Die sogenannten Monatsschriften haben zwar nichts an sich als die Haut, tatowieren sich aber diese bunt Viele Romane kleiden sich so ausschweifend, z.B. in drap d'or, dass sie sich immer in Uberrocke und Staub- und Pudermantel stecken mussen.
Den argsten Unfug verfuhren aber die NeujahrsHausierer und Gratulanten, die Almanache. Diese zusammengebrachten Kinder schlagen ihren guten durftigen Eltern, die selten etwas Ganzes anhaben, wenig nach, sondern schamen sich ihrer und treten in goldnen Gilets, in Seidenrocken oder als patres purpurati (in Maroquin) daher und schnalzen als Goldschleien durch die Finger. Diese Kreaturen sind ordentliche Schaltiere, sitzend immer in Rinden- oder Wachthauschen, Sanften, elastischen Korsetts oder kleinen Selbstrepositorien39 woraus man sie erst kriegt und lockt, wenn man sie an ihrem bunten Scharpen- oder Ordensbande zupft.
Wir etc. etc. konnen nun nicht langer zusehen, dass das Gold und die Farbe, die sonst der Chrysograph und Rubrikator in die Bucher anbrachte, jetzt wie oft bei den Besitzern nur aussen an ihnen klebe dass gutes Leder, das so sehr zu Hosen, Trommeln und Schreibtafeln den Menschen dienen kann, von Buchern getragen werde dass das beste, starkste Papier statt nutzlicher patriotischer Waren Bucher einfasse, die ja selber um jene Waren gehoren und dass dieses gottlose Wesen so steige wie in London. Sondern es soll jetzt von Uns verordnet werden, dass die samtlichen Bucher-Schneidermeister, anstatt Tuchlieferanten zu sein, bei ihrer Heftnadel bleiben und nur Buchhefter, aber nicht Buchbinder sind, wie sie immer in den "Nachrichten an die Buchbinder" heissen. Die Nationalkleidung aller Werke soll naturlich und wie die der Zeitungen und vernunftigen Monatsschriften sein, namlich entweder ein Schmutztitel vornen und das Ende und Bergleder (das Register) hinten, oder hochstens die beiden weissen Buchbinder- oder HemdBlatter.
Bloss diejenigen Werke, die an den Hof zur cour en robe gehen wollen, oder sogenannte Dedikationsexemplare sollen die gewohnliche Buch-Toilette machen und in goldgestickten Anzugen und in feiner, weisser Wasche erscheinen, worauf der Hofbuchbinder, der grand maitre de garderobe der Bucher, vorzuglich zu sehen hat. Denn da das Widerspiel der Biber, wovon die einsamen ein schmutziges abgerissenes Fell, die geselligen aber ein feines nettes haben, sowohl von den Menschen als den Buchern gilt: so ist gerade ein Hof der Ort, wo sich das feine Kleid eines guten Buches am besten konserviert, zumal vom furstlichen Wappen gedeckt, und wo niemand Hand an das schone Gold seines Bauches legt. etc. etc. etc. etc.
*
Ich durstete nach dem Meer; und siehe, ein Sturm arbeitet jetzt draussen, der mich noch heute uber seine Wuste fuhren kann.
Elfte Fahrt
Das Meer und die Sonne
In Norden dammerte die Sonne hinter den Orkaden rechts nebelten die Kusten der Menschen als ein stilles, weites Land der Seelen stand das leere Meer unter dem leeren Himmel vielleicht streiften Schiffe wie Wasservogel uber die Flache, aber sie liefen zu klein und weiss unter dem Schleier der Ferne Erhabene Wustenei! uber dir schlagt das Herz grosser! Auch du gehst fort, bleiche Sonne, und als ein weisser Engel hinab ins stille Kloster der Eismauern des Pols und ziehest dein bluhendes, auf den Wogen golden schwimmendes Brautgewand nach dir und hullst dich ein! Die Blasse im Rosenkleide! wo ist sie jetzt? Wird sie in ein warmes, reges Auge schimmern zwischen den Eisfeldern? Ich schaue herab auf den finstern Winter der Welt! Wie stumm und unendlich ists da unten! Das allgewaltige fortgestreckte Ungeheuer regt sich in tausend Gliedern und runzelt sich, und nichts bleibt gross vor ihm als sein Vater, der Himmel! Grosser Sohn! fuhrest du mich zum Vater, wenn ich einmal zu dir komme?
Welcher Goldblick! Im Abendrot gluht Aurora an. Was reisset so schnell das schwarze Leichentuch vom Wasser-Orkus weg? Wie brennen die Lander der Menschen wie goldne Morgen! O kommst du schon wieder zu uns, du herrliche, liebe Sonne, so jung und rosenrot, und willst wieder freundlich hinziehen uber den langen Tag und uber die Garten und Spiele der Menschen? Gluhe nur herauf, Unsterbliche! Ich stehe noch kalt und bleich an meinem Horizont und gehe noch hinunter zu dem dunkeln Eise; aber werd' ich auch wie diese, o Gott, warmer und heller aufgehen und wieder einen heitern Tag durchlaufen in deiner Ewigkeit?
Zwolfte Fahrt
Die hohe Schule St. Gorgen dasige Philosophen
und Philologen das falsche Echo kostbares
Fragment von J. P.
Jetzt wurd' ich vielleicht nach der Schweiz gelangen, wenn der Wind nur noch drei Tage so sudlich fortbliese. Es schadete nichts, dass ich bloss auf einen einzigen mit meinem Luft-Marktschiff einen WindMarkt, die Universitat St. Gorgen40, bezog. Unter der Niederfahrt flog ich vor einem hohen Fenster vorbei, wodurch ich den beruhmten Deutschlands-Renner Langheinrich, der schneckenmassig jedes passierte Stadtchen mit seiner reisehistorischen Dinte beschleimt, steif auf einem Sessel sitzen sah, ich weiss aber nicht denn er steht schon als dessus de porte vor der all gemeinen deutschen Bibliothek , liess der Harttraber sich ab zeichnen oder einseifen. Beilaufig! warum verschleudert man ein ganzes heraldisches Figuren-Kabinett von so vielen Okonomen, Philologen, Juristen als Titelblatts-Vorzimmer fur Krunitzens Enzyklopadie, die allgemeine deutsche Bibliothek u.s.w.? Die Physiognomen und Maler wollen mit diesen emsigen, aber so gemeinen Gesichtern wenig verkehren, da ohnehin auf allen Wochen-Markten solche physiognomische Ware umsonst zu haben ist. Der Liebhaber und Freund will gern den Kopf besonders haben zum Genuss, ohne den schweren Band. So hab' ich z.B. mir eine ganze Suite solcher Kopfe aus grossen Werken geschnitten und fuhre die Suite bei mir; gelang' ich nun einmal zum ruhigen Stillsitzen welches jeden Morgen nach der ersten Tasse schwarzen Kaffee geschieht , so zieh' ich meinen Kopf hervor, prage dessen Projektion recht tief dem meinigen ein und tue dann meinerseits auch fur die Kehrseite etwas. So werd' ich ewig durch Kopfe von Kopf gehoben und verfeinert und gehe dann leicht als geseimter Honig aus der Welt.
Ich lief zu keinem einzigen Genie in St. Gorgen. Mein Stolz wurde sich dagegen aufbaumen, wenn ich vor den Thronsessel der sogenannten Genies auf unsichtbaren Regenwurmfussen mich hinziehen wollte, da er und ich das egoistische Pusten und Blasen und sogar die mundliche Leerheit dieses fliegenden Corps seit Jahren kennen; von ihnen ist wenig mehr zu holen als das Weiber- oder Kunkellehn, der Korper, von einem andern, obwohl unberuhmten Mann aber sehr oft ein gescheutes Wort, so wie nur unberuhmte Leute, deren literaturbriefliche Rezension die Antwort des Freundes ist, die bessern Briefe schreiben. Aber ich hospitierte sehr in St. Gorgen. Ich freuete mich den ganzen Tag, dass offentliche Lehrer das jus Archivi41 haben und ich ihnen also Sachen glauben durfte, die sie gar nicht erwiesen. In drei philosophischen Horsalen sonderte ich besser ab, namlich mein Leib, der Appetit wurde gescharft und das Muskelnspiel zumal auf dem Gesichte frisch beseelt42 welches alles das zuverlassigste Zeichen war, dass ich noch mit gemassigtem und unschadlichem Tiefsinn wirtschaftete und die Wahrheit hetzte, so wie die drei LehrstuhlStatisten ebenfalls; waren wir vier syllogistischen Figuren mit starkem und unnaturlichem zu Werke gegangen, so hatten die sechs nicht naturlichen Dinge mehr gelitten als gewonnen, und wir waren nach Hause gekommen ganz verstopft, gesichtsfaltig, muskelschwach und halb aufgeloset. Warum halten aber Kreis- und Stadtphysici bloss bei sich, und nicht auch bei philosophischen Adjunkten darauf, dass nie langer und tiefer philosophiert werde, als es dem Magen Freude macht? Stille Narren in Bicetre flechten in ihren guten Stunden Strohschachteln; leere, feste Wortformen sind dergleichen, und jeder Philosoph wird sie flechten, der seinen Muskeln und Zuhorern mehr geben als nehmen will.
Nachher hospitiert' ich weiter herum bei den Philologen, Historikern und Asthetikern. Ein alter Prorektor gewann mich durch das komische Licht, das er auf sich warf, da er den Ovid von der Liebe ernsthaft und murrend durchging, ohne als bleicher Bleicher der klassischen alten Wasche und Dezennien lang den Schimmel der Varianten und Konjekturen mahend in seinem Leben mehr torichte Jungfrauen gekannt zu haben als die funf Direktricen davon in den vier Evangelisten. Aber wird ein gesetzter Schulmann, der unter den Hetaren bloss mit der babylonischen und unter den idealischen Madonnen bloss mit seiner Hausehre und der Wickelfrau im Vorbeigehen verkehrte, nicht ordentlich verschwendet, wenn ihn Redakteure notigen, im Schlafrock und Schlafkranz durch Zimmer voll junger, in Verse oder doch zu Papier gebrachter Liebender mit der Rezensionsfeder hinter dem Ohre invigilierend zu marschieren und das allgemeine Knien, Anbeten, Liebeserklaren, Brennen aus dem Munde und Kussewerfen in allen Stuben genau zu examinieren und sozusagen zu kredenzen wie abgeschmackt und widrig schmeckts dem alten Manne! und nachher Tabellen davon einzureichen? Warum setzen dem Schulmann die Flammen, denen er in seiner Wirklichkeit entrann, noch auf dem Papiere nach?
Vor den deutschen Kathedern fand ich wieder, was ich sonst in den deutschen Buchern verfluchte, namlich ihre Liebe zu Bindwortern; sie schlichten Reifen in Gestalt eines Fasses aufeinander, und dann haben sie ein Fass. Die Setzer stellen zwischen jedes Wort ein sogenanntes Spatium; die Deutschen verlangen auch wohltuende Spatia zwischen den Gedanken und nehmen dazu Worte und Perioden. Einen, der mit seiner Sache auf einmal herausplatzt, sehen sie ganz verblufft und erschrocken an; und fahrt er gar fort und springt wieder von Bergspitze zu Bergspitze, ohne erst ordentlich hinab- und hinaufzuschleichen: so verlieren sie den Gipfelspringer sogleich aus dem Gesichte und erholen sich lieber an ihrem Reichsanzeiger, worin kein Mensch von vornen anfangt, sondern eher. Indessen hat der Fehler sein Gutes: der deutsche Autor und der Ton, die beide das Wasser nur in sich ziehen, aber nicht durchlassen, machen eben dadurch Quellen.
In meinem Wirtshaus fand ich um einen beruhmten deutschen Romanschreiber, dessen Autorschaft eine lange deutsche Ubersetzung seines franzosischen Geschlechts-Namens ist, einen Bogen Manuskript geschlagen, dessen ganz artige Sentenzen durchgestrichen waren; ich schalte ihn ab, um ihn hinter die zwolfte Fahrt zu heften. 43
Letztlich hospitiert' ich auch bei vier St. Gorgnerinnen, Professorinnen; schon das akademische Gericht, das sie uber die St. Gorgner Lehrstuhle hielten, konnte mich uberzeugen, dass eine Universitat wenigstens in Rucksicht ihres friedlichen kollegialischen Lebens dem Sacke nicht ungleich sei, worin man sonst einen Vatermorder ertrankte, und in welchem ein Hahn, eine Schlange, ein Hund und ein Affe (oder in dessen Ermangelung eine Katze) noch ausser dem Morder als Amtsbruder beisammen hauseten.
Ich ging etwan drei Stunden spater ab als der langweilige Langheinrich, der sich einsetzte, um der Sitzwelt ausser dem Konterfei seines Gesichts auch eines von den Landern in die Hand zu geben, die er fur wurdig hielt, dass er darin stallen liess. Ich sah ihn unten auf einer weiten Ebene fahren. Als sein Postillon zufallig den Dessauer-Marsch blies, setzt' ich mein Hornchen an und repetierte wie ein Widerhall den Marsch schwach und stark dreiundzwanzigmal. Langheinrich steckte den Kopf heraus und ubersah die leere Ebene, aus welcher das unbegreifliche Echo aus nichts akustisch herzuleiten war; indes verleibte er das merkwurdige Ereignis der Reisebeschreibung ein, um den Physiker zu befragen, was er sich bei dem dreiundzwanzigmaligen Wiederholen da, wo alles platt ist moralisch liesse sichs eher glauben , zu denken habe.
Das folgende ist das gedachte Manuskript:
*
Ich beschwore es, dass es kein einziges Land gibt, worin einem Fursten eine treue, alles berichtende Ambassade vom ersten und letzten Range so notig und erspriesslich ware als sein eignes.
*
Wenn die Weiber von Weibern reden, so zeichnen sie besonders an der Schonheit den Verstand, und am Verstande die Schonheit aus, am Pfau die Stimme, das Gefieder an der Nachtigall.
*
Die Frau spielt auf der Buhne besser in einer Rolle, wo sie sich zu weinen stellt, als in einer, wo sie zu weinen hat.
*
Die Menschen verraten ihre Absichten nie leichter und starker, als wenn sie sie verfehlen.
*
Der Scherz ist unerschopflich, nicht der Ernst.
*
Dem sentimentalen Heuchler lasse nicht lange Reden zu, weil er sich durch diese erweichen will. Manche konnen nur weinen, wenn sie reden.
*
Keine Versprechungen werden schwerer und spater gehalten als die, bei welchen die Zeit der Erfullung nicht bestimmt ist. Daher geben viele oft dem Freunde das geborgte Geld nicht zuruck.
*
Man glaubt seine Fehler dadurch wieder gutzumachen, dass man sie sogleich hinterher bereuet; warum setzet man denn nicht voraus, dass der andere seine auch bereue, und dass er sie auch damit entsundige?
*
Verschwiegenheit wird darum so schwer, weil sie oft gar keine Grenzen der Dauer kennt. Eine funfzig Jahre lang dauernde gute Handlung wird dem Menschen gar zu sauer.
*
Unsere Begierde verschluckt, wie der Armpolype, mit der Beute zugleich die eignen Arme, die diese ergriffen.
*
Wie Geruch zu Geschmack, so verhalt sich Erinnerung zur Gegenwart.
*
In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten.
*
Die Reformatoren vergessen immer, dass man, um den Stundenzeiger zu rucken, bloss den Minutenzeiger zu drehen brauche, oft den Terzienzeiger.
*
Gleich dem Jungsten Tage verwandelt uns die Poesie, indem sie uns verklart, ohne uns zu verandern.
*
Nur im Leiden sitzt man uber seine Fehler zu Gerichte, wie man nur im Finstern Blaschen in grossen Spiegeln untersucht und findet.
Dreizehnte Fahrt
Die Atonie des Jahrhunderts das Bad Herrenleis
cu de Candide Bauernhochzeit und Predigt dazu
Ich fliege gerade den Schweizer-Bergen zu; nur treiben die wie feindliche Parteien umherstreifenden Gewitterwolken, die meinen Globus attrahieren, ihn zu haufigen Konjunktionen mit der Erde nieder. Heute morgens ging ich ins Bad Herrenleis herab, wo ich jetzt sitze. Die invalide beau monde, die eben den Brunnen umrang, lief mit den Bechern zu mir heran. Ich machte kalt vor ihnen allen wie etwan vor einer zuschauenden Wiederkau-Herde meine Sachen zurechte. Eine hubsche Sammlung von Gesichtern! Jedes war an seinen Eigentumer als das schwarze Tafelein angeschlagen, das im Hauptspital zu Wien am Bette eines Kranken hangt und worauf dessen Klistiere, Zuckungen, Husten, Stuhle und Durst verzeichnet sind! Der grossere Teil davon gehorte noch dazu nicht zu den dienenden, sondern regierenden Brudern, welche in irgendein Teilchen von diesem Weltteilchen ihren Kranken- und Furstenstuhl eingesetzet haben. So wird regiert, der Krankenwarter vom Siechling, der Blinde vom Hunde, die Frau vom Manne. Denn seitdem die Weiber mannlich, und die Manner weibisch werden, wie in Aachen Hirten Madchen pfeifen, die Knaben aber nur singen, seit dieser Dynastie regiert ein Weib beinahe sich selber mehr als einen Mann, weil List und Schwache lieber befiehlt als Starke und leichter beherrschet als Recht. Obgleich die Frage ist, was mehr plagt, ob die Schwere oder die Blendung einer Krone, ob die Handschwielen oder die Rucken-Striemen vom Zepter: so konnen die Menschen doch nicht einmal einen Ball, ein Essen, ein Schiessen durchfuhren ohn' eine Ballkonigin, einen Ess-, Opfer-, Schutzenkonig, die Vizekonige nicht einmal angeschlagen. Kurzsichtige Langhalse schreien uber die Augenbraunen eines Monarchen, welche, so wie sie finster nieder- oder heiter aufwartsgehen, eine Welt senken oder heben; aber zeigt mir in der Geschichte nur einen republikanischen Boden funf Kubikfuss breit, wo nicht dieselben Augenbraunen wuchsen! Jeder Minister, jeder Generalissimus in Rom oder Paris hat Haare uber dem Augenknochen, an deren einem Lander uber den Abgrund hangen44. Glaubt ihr Menschen denn etwa, dass ihr nicht kleinlich und Opfertiere des Zufalls waret und dass ihr nicht Gott tausendmal dankt, wenn ein anderer aus Hoflichkeit sich in eurem Namen entschliesset? Warum achtet ihr die Gewohnheit so sehr, diese Geschafts- und Waffentragerin der Willenlosigkeit, und den Gebrauch, diesen Kurator des abwesenden Geistes? Kommt ihr und die Frosche nicht um, aus euren stehenden Teichen in frisches, immer reges Flusswasser geworfen? Duldet ihr nicht hochstens nur ein Original, wie Lubeck nur einen Juden, und Millionen Kopisten, anstatt umgekehrt so viele Originale und wenige Kopisten? Und brutet nicht jedes Original gerade sein Gegenteil aus, den Nachahmer und Affen, und sitzt daher nicht in den deutschen und kritischen Waldern der gemeine Affe der Schweineschwanz-Affe der Hundskopf der weisse Bartaffe der schwarze der mit dem flugelahnlichen Bart der Hutaffe der blau- der weissmaulige der Gibbon unzahlige Paviane und noch mehrere Meerkatzen? Endlich da die auslaufende Menschheit wie eine Sanduhr doch nur wieder geht durch Umkehren: wenden sich nicht die Menschen wie zusammengeschichtete, nach Amerika adressierte Soldaten in Schiffen wieder zu gleicher Zeit und in Massa um, so dass dabei mehr eine Reformation herauskommt als Reformierte? Ich bescheide mich daher gern, dass die sattelfesten steifgestiefelten Deutschen mir auf alle jene weit voneinander entlegenen Gleichnisse von ihrer Sattelfestigkeit nur mit wahrem Abscheu nachgesprungen sind.
Jetzt ists Mitternacht; man glaube nicht, dass ich einen ganzen Tag, den ich hatte verfahren konnen, im Schwitzbad Herrenleis wurde versessen haben, wenn nicht die westliche Deklination des Windes gewesen ware; womit ich mich noch besonders beruhige, ist mit der Hoffnung, dass ich vielleicht (man gonne mir den frommen Traum) den Schwitz-Badort, namlich den geadelten Teil davon, in einen mehr als gewohnlichen Grimm und Harnisch gebracht.
Und zwar als Hochzeitprediger. Ich fand namlich viele alte Bekannte, einen boheimischen Grafen, einen von der berlinischen Legations-Pepiniere, einen Landhofrichter und unsern alten Saufaus mit dem Stern45. Ich sprach mit dir, lieber Graul!
Hier ist nun die allgemein gelobte Furstin Candide, fur welche man gern alle Tage etwas anstellte, geschweige an ihrem Geburtstage. Um dir nur ein Beispiel der allgemeinen Verehrung zu geben, so erzahl' ich dir, dass sie die hiesige Gartenschaukel Candidens Steiss (cu de Candide) heissen, seitdem sie darin gesessen. Es kam von einem franzosischen Spasse her. Der besagte Saufaus machte, da sie in der Schaukel aufgezogen wurde, um hinauszufliegen, den sehr guten Calembourg: "Elle se leve le cu premier, mais c'est la premiere fois"46; dadurch verfiel ein anderer darauf, die Schaukel einen Pariser cu de Herrenleis zu nennen; bis endlich der samtliche Adel sich leicht vereinte, die Prinzessin und die Schaukel durch den obigen Titel zu verewigen. Eine Furstin oder ihr Mann oder ein Genie huste, niese, stolpere an irgendeiner Bank oder Alpe in einem Park u.s.w.: so verewigt die Alpe die Sache und sich und nennt sich nun Nepomuzenas oder Nepomuks etc. Husten, Niesen etc. So purzelte zum Beispiel im Park zu Brussel Peter der Grosse aus dem Wein, wovon er gefullt herkam, in das dazugehorige Wasser in einem steinernen Becken: seitdem steht der Vorfall oder Fall ans Becken geschrieben. So weiset uns Leipzig im Paulinums-Zwinger vorher lag der Tropf in der Pauliner Kirche Tetzels Knochen vor; wozu freilich kommt, dass einer Stadt, die mit so vielen Waren handelt, ein Mann nicht gleichgultig bleiben kann, der den Ablass dazu verkauft.
Diese schone Furstin nun und ihren Geburtstag hielt der gesamte Badadel fur wert, dass er an demselben eine boheimische Bauern-Hochzeit ihr in bauerischen Verkleidungen vorspielte; ich erbot mich zum Hochzeitpater, ich konnte meinen grunen Mantel als den nurnbergischen Kopuliermantel brauchen. Der Zug zog einige Bauerinnen waren Lilien und Engel die Bauerngarnitur sah freilich mehr wie eine Schnur gedorrter Birnen aus, es waren Krebse in der Mause, namlich unter dem Schein der Schalenpanzer nur eiweiche Naturen Die Prinzessin wurde schon uberrascht, aber nur von keinem Einfall; denn die Masken konnten nichts einkleiden als sich; bloss der Saufaus hatte einen, als Brautvater; die Bauern blieben hoflich und stumpf. Die Hof-Deutschen halten die Anziehstube schon fur die spasshafte Buhne. Lange Libertinage macht nur die Weiber kluger, aber die Manner dummer; die jungen Leute zunden sich wie Branntewein an, und ihr Geist brennt weg; bloss Titel und Zeichen ihres vorigen Verstandes tragen sie noch auf dem Gesichte fort, wie leere Bouteillen auf Tafeln die silberne Ordenskette ihres Inhalts. Aber wie schlecht mussen die Grossen sein, da sie nicht einmal das Gefuhl ihrer steigenden Entkraftung bessert!
Die langweilige Szene wurde mit Ergebung und Applaus gar durchgespielt. Ich lernte in Wien im Sperl, im Fasen, im Mondschein es sind Schenken mehrere "Saal- oder Tanzmenscher" kennen, denen der Wirt fur jede Nacht vierzig Kreuzer gibt, welche sie mit seinen Gasten vertanzen; solche Freudentanze hat nun mein Badadel schon an Hofen fur Pensionen u.s.w. zu machen gelernt.
Damit nur was passierte, sagt' ich, ich ware der Hochzeitredner und wunschte wohl anzufangen. Ich stieg auf den cu de Candide, sah, darin aufgestellt, an der um mich versammelten gelben, welken, gedunsenen, suffisanten, platten Vexierbauern-Massa fast ironisch hin und her und sagte, so viel ich noch davon weiss, mit zynischer Badfreiheit dieses:
"Teuere Dorfgemeine!
Ich will euch und das Brautpaar heute bloss froh machen und weise des Endes bloss starker auf die Vorzuge hin, die euer sonst verachteter Stand so sehr vor dem vornehmen voraus hat. Denn ihr schatzt sie nicht genug. Bedenkt ihr oft genug, ihr Kerngesunden, was ihr fur Baummark unter eurer Rinde und was ihr fur Bluten an euren Zweigen tragt? Seht euch alle an und dann haltet euch in Gedanken einen Augenblick gegen die Grossen in Stadten und Baddorfern, die ihr etwa kennt damit ihr den Unterschied merkt-, ach wie erbarmlich murbe, rosenfalb, gelbblatterig sehen die Armen aus! Ich bete oft fur sie. Mehrere haben sich, so wie sich Scharfrichter ehrlich richten, zur Tugend hinaufgesundigt, z.B. zur unwillkurlichen Enthaltsamkeit, da ihnen als Moralisten freiwillige lieber ware; einige sterben den ganzen Tag und leben ein wenig im Schlafe; die meisten zerfahren.
Euch, ihr festen unschuldigen Landleute und Boheimer, sind das freilich ganz andere bohmische Dorfer, als ihr bewohnt; euer gesundes Lebenslicht haben noch keine sanfte Fruhlingslufte ausgeblasen oder schneller brennen lassen. Wie, ihr steht den herrlichen, kecken, freien, muskulosen, brustbreiten, eingewurzelten, augenfeurigen Wilden so nahe (nur seid ihr gebildeter) und wisset nicht, was ihr damit habt?
Hort, euch neidet der Vornehme; zuerst um eure Anlagen zur Sunde und dann zur Tugend. Er betrachtet eure starken Fauste, womit ihr so leicht totmachen konnt so wie erschaffen , und erwagt dann sein Nichts. Ja, er beneidet das gesunde Tier wie euch und wunscht, das menschliche Steissbein, das nach den Anatomen das guldene ABC und der Ansatz zum tierischen Schweife ist, ware weiter fortgesetzt. Wie Monche bewohnen sie die fruchtbarsten Gegenden Europas, mit dem 'Gedenke des Todes' auf der Brust. Ich sag' euch, so wie Vornehme in Frankreich die Rechtschreibung ihrer Werke gern vom Setzer und Korrektor annehmen, so wurden sie die moralische Orthographie ihres Lebens von ihrem Beichtvater und Leichenredner mit Vergnugen empfangen, war's ihnen nur vorher vergonnt, ein recht unorthographisches zu fuhren.
Nicht einmal das Kleinere, eure Tugenden, entrinnen dem Neide der Grossen, gute Boheimer! Die armen Reichen und Vornehmen, die noch immer eine gewisse Passion fur die Tugend nicht verlassen will und die vielmehr auf diese erpicht sind wie Spinnen und Mause auf Musik, mussen sich aus Unvermogen aufs Anschauen dieser Grazie auf Buhnen, Bildern und romantischen Papieren einziehen; aber wie gerne waren sie gleich euch im Besitz derselben, wenn sichs geben wollte! Ihr wisset kaum, was ihr habt, Zuhorer! Kranklichkeit gebiert Furcht; aber diese, die sonst die Gotter erschuf, vernichtet jetzt das Gottliche. Es ist entsetzlich bis zum Ekelhaften, wie weit ein Gemutsschwachling sich an andern nicht sowohl versundigen kann als an sich, und es ist ordentlich jammerschade, dass er ein Ich hat; so sind auch Leute in physischer Ohnmacht wegen Lahmung der Schliessmuskeln nicht in der besten Lage, sondern in ahnlicher. Daher sagt und weht kein Mensch von einigem Stande mehr scharf Ja oder Nein, sondern er blaset (wie die Winde Nordostwind etc.) Janeinja oder Neinjanein; so wie auch einige deutsche Gelehrte anfangs sagen 'Allerdings'- dann 'Freilich' dann 'Indes' dann 'Insofern' dann 'Wiewohl' dann 'Demungeachtet' endlich 'Vielleicht'. Daher sind die Grossen so hart und kalt gegen eure Not; denn Kranke sind es gegen jede ausserhalb ihres Bettes.
Seid indes nicht unbillig gegen den Hohern; wenn ihr euren Rock auszoget, wurdet ihr vielleicht nach dem Sprichwort als Bauern, die Edelleute geworden, am scharfsten scheren. Ihr habt freilich mehr Geschmack fur Essen als fur Kunste und Poesien; aber ihr ubertrefft wieder den Adel an Adel und Zufriedenheit. Ihr seid keine Odmanner Odelmanner (meine heilige Statte schaukelt zu sehr) keine Athelinge Olinge47 Stadtjunker Gottesjunker48 aber Leute oder Litte Gotteshausleute Halbfreie Dreiviertelfreie Halbspanner Kossaten Das fatale Schaukeln! Ihr habt zwar nichts mit dem Edelmann gemein als das Ackern mit dem polnischen; aber ihr seid doch keine Badgaste, sondern gesunde Badwirte Ihr seid, wenn nicht zu Rittern, doch zu Bauern geschlagen Ihr lebt unter dem Zepter der schonsten Landesherrin und begeht heute ihren Geburtstag an einem Hochzeittage. Ihr seid (das bedenkt) arbeitsam, stark, jung, froh, keck, fest, feist-"
Das Schwingen der Kanzel notigte mich, ohne Amen herauszuspringen. Man lachte und wurde um nichts besser; ich wusst' es vorher. Man dankte mir; ich fragte nichts darnach. Morgen entfahr' ich gewiss, der Wind dreht sich nordlicher. Tiefe Langweile fullet mit stehendem Atzwasser den Napf meines Herzens. Sogar die derben Ulrichsschlager muss ich neben diesen Herrenleisern wieder vorziehen. Wie miserabel!
Vierzehnte Fahrt
Letzte
Der Wind geht so frisch und gerade, dass ich abends sehr gut auf einer Alpe aussteigen kann, wenn ich den ganzen Tag nur hier oben schreibe und speise. Ich tue das, mein Schiff ist ein ordentliches schweres Proviantschiff. Speis und Trank hebt indes sogar mit der Zeit den Menschen und sein Schiff.
In meinem Innern ist aber noch schwules Wetter von den peinlichen Traumen zuruck, an denen ich die ganze Nacht wie auf heisser, schlupfriger, zuruckrieselnder Vesuvsasche mich vergeblich zu einer festen, ebenen Stelle hinaufarbeitete. So traumte mir, ein kohlenschwarzer Hahn stehe und kratze auf meiner blutigen Brust, um sich mein Herz auszuscharren. Ferner, mein Posthornchen schrie durch vier Traume hindurch wie lebendig und gepeinigt in den hochsten, scharfsten Tonen und gluhte hellrot von einem heissen Atem, den ein Traum ganz leise "das stille Ding" nannte. Sogar du, mein lieber Graul, wurdest unter diese Manen des Wachens geschickt; ich lief dir entgegen, aber du konntest dich durchaus nicht umwenden, du musstest mir bloss wie eine Gliedergruppe die herumgedrehten Arme ruckwarts entgegenrecken und drucktest mich sehr warm an deinen Rucken und Zopf und sprachst die Worte ohne vielen Nexus: "Spass bleibt Spass so der liebe Mensch. Giannozzo, aber so komm doch zu mir!" Aber du liessest mich nicht um dich herum, sondern stricktest mich fester an und riefest doch lauter: "Giannozzo, wo lebst du, Lammchen? Kannst du mir nicht erscheinen? Wahrlich ich gedenke deiner, armer Teufel!"
Vielleicht find' ich dich in der Schweiz, guter Graul, wenn du gehalten, was du geschrieben.
Eben seh' ich unter mir allerlei laufende Anzeiger, die mir wie die Inschrift einer Gassenecke sagen, wo ich bin; mehrere Konzertisten des Wiener Schubs arbeiten schon als Solospieler in den Waldern und spielen eigne Sachen; ich stehe also uber Schwaben.
Wie grunen die Weinberge! Wie glanzet der Nekkar! Aber immer mehr ist mir, als hatt' ich diese Ebenen schon in alten Traumen durchwandelt.
Ja, ich habe recht; jetzt zieh' ich uber den unbekannten Zauber- und Morgengarten, wo das schwarze Auge der grossen Teresa neben mir glanzte und wo ich aus ihrer Brust die Rosen zog. Hier nimm sie wieder, Teresa, ich werfe sie in deine Lustgefilde zuruck. Ach du stehst jetzt nicht auf dem Pharusturm. Nie werde deinem grossen Geiste der Flugel verwundet!
Am Horizont wachset ein Vulkanen-Halbzirkel von zackigen Gewitterwolken auf. Ich hore von weitem donnern. Auf den Gletschern wohnt der schone lange Blitz der Mittagssonne, und ich werde, hoff' ich, fruher an den Bergen hangen als das Wetter.
Westlich seh' ich jetzt den Munster und, wie ich glaube, den Strassburger Telegraphen, dessen Zeigefinger des Todes fast erhaben und schauerlich ist; wie eine Parze regt er seine Schere die Zunge der Volkerwaage, der in- und deklinierende Kompass der Zeit.
Der Donner rollet immer lauter und voller heran, und doch stehen die weissen Wettergeburge noch so niedrig im Himmel. O Teufel, er kommt aus einer Schlacht! Soldatenhaufen sprengen uber Hugel Landleute rennen ein Dorf brennt als Wachfeuer in einem Garten seh' ich tote Pferde, und ein Kind tragt einen abgerissenen Arm fort.
Nun seh' ich die Ebene und die Rauchklumpen, die die brennende Holle auftreibt. Wie mich hineingelustet! Mein Wind lauft gerade uber das dunkle, breite Sterbebette der Volker; und da will ich mich in den entzundeten Schwaden senken und mitschaumen wie der elende Mensch. Ich hore nur die dumpfen Axtschlage, womit der Tod sein Schlachtvieh trifft, aber noch keine Stimme des Viehs Ringsum im Blauen liegen die Gewitter des Himmels ruhig an der Erde und schauen gerustet zu, bis sie aufstehen und auch in die Schlacht ziehen. Was willst du auf meiner Kugel, schwerer niederdruckender Rauber? Hast du ein Kind von einer stillen Alpe geholt'49 und willst es hier verzehren, wie Direktoren ein Hirtenland? Fort, du bist der schwarze Hahn, der diese Nacht nach meinem Herzen grub O wie hoch ist seit zwei Minuten der Jammer gewachsen!
*
Entsetzlich! Jetzt darf ich sie recht hassen, die Menschen, diese lacherlichen Kauze und Weisheitsvogel im Hellen, die sogleich zerrupfende Raubvogel werden, sobald sie ein wenig Finsternis gewinnen. Nur mit Schiesspulver tun sie alles; nur damit reinigen sie die Kerkerluft der Lander; damit machen sie die Wunde, die ihnen das wutige Laster gebissen, weiter und heil. Jahrhundertelang arbeitet die Habsucht in ihrer Silberhutte, und dann ist endlich in den Giftfangen eurer Herzen so viel Arsenik angelegt, dass mit dem Huttenrauch alles, was lebt und bluht, fahl und kahl zu machen ist. Himmel! wie zog heute der Edelstein der zweiten Welt die Spreu von Seelen gierig an! Und unten stand der Teufel und hatte einen kleinen Markt mit Gliedern fur Leute aufgeschlagen (z.B. Fursten und Direktoren), die an ihre Heiligen gern Votivglieder hangen wollen, um fur ihre salvierten zu danken.
Ein Windstoss warf mich plotzlich mitten uber die wolkige Brandstatte voll Waffenglanz; ich riss die Lufthahne auf und vergrub mich in den Dampf, worin nur das Basiliskenauge des Todes seine heissen Silberblicke auf- und zutat. Ich war nicht nahe und tief genug am Blinken der Bajonette am Feuerregen des Geschutzes am Blutregen auf der Erde an den Stimmen der Pein an der weissen Gestalt des Verblutens Nur die sanfte Musik, die Heroldin des Seufzers aus Liebe und der Trane aus Freude, musste unten im Jammer sprechen wie ein Hohn, und die Heerpauke der Kartaunen schlug mit Erdstossen in die weichen, guten Tone, und die Trommel-Wirbel des kleinen Geschutzes gingen fort. O Gott! der Schmerz ging drunten auf und ab und trat unsere Gesichter mit Fussen und begrub den Toten nur unter Sterbende mein Herz drohnte da hort' ich das Wiehern der guten, unschuldigen Pferde Jetzt wurd' ich auch von der Wut gepackt, denn ich bin ja auch einer von denen drunten, und schleuderte grimmig und gerade alle Steine, die ich hatte, auf die ringende, vom Erdbeben eines bosen Geistes zum KampfWahnsinn untereinander geschuttelte Masse Mog' ich nur kein unschuldiges Pferd getroffen haben! 50
Da hob mich der Gewicht-Verlust plotzlich ins hohe Blau hinauf.
Wie glanzte die Sonne in ihrem stillen Himmel so ruhig und kalt uber der schwulen irdischen Holle, als waren die Kriegsfeuer der Menschen nur kranke fliegende Funken vor ihrem grossen Auge. Ich sah mich um nach dem Schlacht-Gewolke, und mein Auge weinte zornig, da ich mir die Tranentropfen der Volker dachte, die sich fur hineinleuchtende Kronen als ein stolzer Triumph- und Siegesbogen zusammenwolben. Ach das Schlechteste an der Menschheit oder Unmenschheit ist, dass kein Mensch, kein Furst, keine Zensur, und sei sie auch noch so tyrannisch oder unverschamt, die bitterste Ruge des Krieges verwehrt, und dass doch die Ehre und die Dauer desselben darum nicht kleiner wird.
Wunderbarer Tag! Hell ziehen schon die schimmernden Schweizergebirge mit ihren Tiefen und Zinnen vor mir heran und schutten den Rhein weg; aber hinter mir wachsen eilig die Gewitterwolken in den Himmel herauf und schweigen grimmig; die Lufte gehen immer langsamer und bewegen mich kaum.
Jetzt regt sich nichts mehr. Vor welcher Welt schweb' ich still! Vor mir donnert der Rhein, hinter mir das Wetter die Stadt Gottes mit unzahligen glanzenden Turmen liegt vor mir tief in der Ferne stehen auf ewigen Tempeln weisse helle Gotterbilder und der hohe Konig der Gotter, der Montblanc, und der auf die tiefe Erde herabgeworfene Rhein steigt als ein weisser Riesengeist wieder auf und hat den himmlischen Regenbogen um und schwebt silbern und leicht.
Was ist das? Kommt mein Schicksal? scharrt der schwarze Hahn? Ich wollte mich jetzt tiefer senken vor die herrliche, auf der alten ruhende neue Welt; aber ich konnte nicht, die Verbindung zwischen den Lufthahnen ist durch das schnelle Aufreissen in der Schlacht zertrennt; ich kann mich bloss, wenn ich nicht durch Windstosse eine Alpe erreiche, eh' mich das Gewitter ergreift, durch das Aufschlitzen der Kugel erretten.
Jetzt tragt mich ein Windstoss ganz nahe vor die gottliche Glanzwelt. Aber schon arbeiten die Wolken lauter als der Strom, die schwarze Wolkenschlange hinter mir ringelt sich auseinander und zischt und schillert schon neben mir in Osten Der Sonnenwagen geht schon tief im Erden-Staube. Wie fliegen die Goldadler der Flammen uberall, um die Sonne, um die Eiskuppeln, um den zerknirschten Rhein und um die giftige Wolke, und ruhen mit aufgeschlagenen Flugeln an grunen Alpen aus Ich glaube, ich soll heute sterben, das grosse Gewitter wird mich fassen. So sterb' ich gern, Verhullter uber mir; vor dem Angesicht der Berge und der Sonne und des gewolbten Blaues weicht gern mein Geist aus der einklemmenden Hutte und fliegt in den weiten, freien Tempel. Ich drucke die sonnenrote Stunde und die geburgige Welt noch tief ins brausende Herz, und dann zerbrech' es, woran es will.
O wie schon! In Morgen rauschen Donner und Fluten, und auf ihnen hangt statt des Regenbogens ein grosses, stilles Farbenrad, ein flammiger Ring der Ewigkeit aus Juwelen Die warme, sanfte Sonne glimmt nicht weit von den Gewitterzacken Noch sonnen die goldgrunen Alpen ihre Brust, und herrlich arbeiten die Lichter und die Nachte in den aufeinander geworfnen Welten der Schweiz durcheinander; Stadte sind unter Wolken, Gletscher voll Glut, Abgrunde voll Dampf, Walder finster, und Blitze, Abendstrahlen, Schnee, Tropfen, Wolken, Regenbogen bewohnen zugleich den unendlichen Kreis.
Jetzt gahnet ein Wolken-Rachen vor der Sonne; noch seh' ich einen Sennenhirten mit dem Alphorn, dessen Tone nicht heruberreichen, am purpurnen Abhang unter weissen Rindern, und ein Hirtenknabe trinkt an seiner Ziege den Abendtrank. Wie lebt ihr still im Sturme des Seins! O die schwarze Wolke frisset an der Sonne! Das erhabene Land wird ein Kirchhof von Riesengrabern, und nur die weissen, hohen Epitaphien der Gletscher glanzen noch durch.
Ich bin geschieden von der Welt die unendliche Wetterwolke uberdeckt die Schweiz und alles unter dem schwarzen Leichentuch regnet es laut unten auf der Erde es blitzt lange nicht und zogert furchterlich. Sterne quellen oben heraus, und mir ist, als schwammen ihre matten Spiegelbilder als silberne Flocken auf dem dustern Grund Ha! der Wind kehret um und treibt mich mitten uber die stumme, gefullte Mine, deren Lunte schon glimmt. Wie duster! Ach unter der Wolke werden noch Bergspitzen in sanftem goldnen Abendscheine stehen.
Kein Blitz, nur Schwule! Aber ich merke, die Wolke zieht mich zu sich. Ach! jetzt wolbt sich auf einmal zusehends ein zweites Gewitter uber mir; beide schlagen dann gegeneinander, und eines greift mich, jetzt versteh' ichs.
Bis auf die letzte Schlag-Minute schreib' ich, vielleicht wird mein Tagebuch nicht zerschmettert.
Nun geraten schon die Enden der Gewitter aneinander und schlagen sich. Wie hollenschwul! Oho! jetzt riss es meinen Charonskahn in den brauenden Qualm hinab! Ich sehe nicht mehr Was ist das Leben die feigen hockenden Menschen drunten singen jetzt gewiss zu Gott, und die Erbarmlichen werden gewiss jeden vermahnen bei meinem Leichnam Wie es hinauf- und hinabschlagt In Worlitz war mein letzter Tag, das ahnete ich ja Himmel! der heutige Traum hat ja mich und mein Ende klar getraumt; er soll auch ganz wahr werden, und ich will jetzt mit meinem Posthornchen wutig ins Wetter blasen, wie ihr Mozart drunten im Don Juan, und den Heuchlern auf dem Boden den Anbruch des Jungsten Tages weismachen Addio, Graul, ja wohl kannst du mich nicht auf der Brust umarmen......
*
Giannozzos Freund (Graul oder Leibgeber) erteilte mir weil sein Herz noch zu matt war vom Schmerze nur mit einfachen Worten folgenden Bericht von dem Tode des grossherzigen Junglings:
" Inzwischen braucht die Welt alles das gar nicht zu wissen; er heisse ihr Giannozzo und damit gut. Es ist eine besondere Schickung, dass dieser mein zwar nicht altester, doch kraftigster Freund mir zweimal begegnete, ohne dass ers wusste. Denn ich war der tanzende Nachtwandler, den er auf dem Brocken in der Menuett gesehen; und auf meinem Wege nach Bern wo ich meinen Clavis gemacht stand ich gerade am Rheinfall zu Schaffhausen, als er oben blies. Das Gewitter wutete furchterlich und nahe an der Erde und sturzte zugleich mit dem Rhein herunter. Wirklich vernahm ich und noch einige ein sonderbares, aber unharmonisches, abgestossenes, schneidendes Tonen droben aus dem finstern Wolkengewolbe. Endlich durchbrach dieses ein schmetternder Schlag: unweit von uns flog die zerschlitzte Kugel und die Sanfte daran auf einer Wiese nieder. Ich erkannte sogleich meinen teuern Freund. Sein rechter Arm und sein Mund waren weggerissen, das Horn zum Teil geschmolzen, seine langhangenden Augenbraunen auf den hohen Augenknochen kahl weggebrannt und sein Gesicht sehr zornig verzogen; alles andere aber unversehrt. Ich spreche die vernunftigen Worte nach, die mir sein Traum in den Mund gelegt: 'Giannozzo, wo lebst du, Lammchen? Kannst du mir nicht erscheinen? Wahrlich, ich gedenke deiner, armer Teufel!'"
Ende des zweiten Bandchens
Fussnoten
1 Er meint wohl die Eisenkuren. D. H. 2 Offenbar verrat hier Giannozzo seine Unzufriedenheit mit dieser wohlhabenden Stadt so wie seine individuellen Begriffe davon. Ich kann mir leicht gedenken, dass es ihm darin nicht sonderlich erging; aber der Mensch legt oft die Eier, die man ihm an den Kopf wirft. Leipzig zeichnet sich (wie vielleicht uberhaupt Handelsstadte, z.B. Hamburg, London und die belgischen) durch reichliches Wohltun gegen Arme aus; auch den Vorwurf der Volkshoflichkeit, den er macht, getrau' ich mir zur Halfte abzutreiben, was bei dem Berliner-Volke nicht anginge. 3 Vin tinto, der beste Wein in Algarbien und fast dintenschwarz. 4 Nach Doktor Pallas entstehen Federbusche auf Huhnerkopfen vom Beinfrass. 5 Diese Uberrechnung, wodurch Giannozzo verwildert, mildert andere Gerade die Vorstellung des aufgeblasenen Heers, dem man doch Schwimmblasen und Schwimmfusse nicht ausreissen kann, lasset uns jeden dastehenden Stolzen, der mit dem Winde segelt, den er macht, und jeden Eiteln, der von der Luft lebt, die andere ausatmen, als einen Toren mehr, viel leichter ertragen. D. H. 6 Der wahre Name aber heisset, wenn anders die Zensur nicht Sternchen dafur setzt, ***** 7 Fabris Geogr. fur alle Stande I.T.I.B. Seite 538. 8 Jahrlich geht von Wien ein solcher Galgenvogelstrich wie andre Vogelstriche zweimal ab. 9 Auf den Karten heisset sie ***** 10 Semper fidelis hiess diese Stadt wegen ihrer Untertanentreue, und Jungfer, weil sie nie erobert worden. 11 Solche Wortspiele oder Spielworte, die der Handwerksgruss von Giannozzos Gewerkschaft sind, hab' ich niemals ausserordentlich hoch angesetzt. Auch hab' ich oben eine ganze lange mokante Stelle weggeloscht, wo er bloss gegen die Leserinnen und die Ehrensaulen feuert, die ich ihnen hin und wieder aufgerichtet. D. H. 12 Bekanntlich lud Odip das getotete Tier auf einen Esel u.s.w. 13 Denn das Herz ist unendlich und ewig-neu. Wir konnen uns an den grossten Schonheiten und Wahrheiten Ubersattigen und ihnen Reiz und umriss durch den Genuss zerdrucken, aber keine schone Tat kommt uns veraltet oder zu oft, und uber den moralischen Zauber und Genuss herrschet keine Zeit. Diese seelenstarkende Unveranderlichkeit bauet sich nicht nur auf die Grenzenlosigkeit des freien Herzens, sondern auch auf die eigne Einrichtung unserer Natur, dass wir die moralische Schonheit und Freiheit und das Verdienst nur ausser uns finden und also lieben konnen, in uns aber nur moralische Wahrheit und Notwendigkeit antreffen und billigen. Ich werde einmal diesem, unsern ganzen innern Menschen und Lebenslauf durchziehenden Unterschied naher nachfolgen. A. d. H. 14 Von ihm und andern erzahlt man, dass ihr Korper wahrend der Andacht in die Hohe schwebte. 15 Wie man sonst glaubte, daher sie auch Seelenbader hiessen. 16 Quistorps peinl. Recht. S. 95. 17 Diese Bulle erlaubt gegen 6 bis 7 Prozent die Behaltung des gestohlnen Guts. 18 Der Philosoph Meier bekam in Halle eines fur ein Buch. 19 In Italien heisset der Vinaigre de quatre voleurs: vinaigre de sept voleurs. 20 Augustin betete: da mihi castitatem, sed non 21 so heisset in England der, der oben auf dem Kutschen-Himmel fahrt. 22 Dieser antwortet: weil er mit dem Brocken als Elle, aber nicht mit der durchsichtigen Atmosphare die Hohe messen konnte. D. H. 23 Der Teufel meint die sogenannte Teufels-Kanzel, den Hexen-Kongress etc. 24 Letzterer war Schulmeister unter Ludwig XII., man musst' ihn am Ende seiner klassischen Ketzereien wegen verbrennen. Essais historiques sur Paris de Saintfoix. 25 Christenheiten nennt man die Landdechaneien im Erzstift Trier. 26 Wahrscheinlich aus dem 1/4 Meile davon liegenden Brockenwirtshaus. 27 Giannozzo heisset der grosse Hans, Giannino Hanschen, indes scheint er recht absichtlich eine gewisse Dunkelheit uber diesen Morgen zu werfen. D. H. 28 Welche sonderbare Ahnung! D. H. 29 Ein in Deutschland reisender Kunstler, der mit einem Karren, indem er ihn schiebt, eine Janitscharenmusik macht. D. H. 30 Hommel observ. DCLXVIII. 31 Bekanntlich eine Charge am englischen Hofe. D. H. 32 Ob dieses Ratmannleinchen und dessen Rezensionen fingiert sind oder nicht, darf ich nicht entscheiden, weil ich die Literaturzeitungen nicht ordentlich genug lese, sondern so wie sie mir auf Casinos im Durchstreifen in die Hande geraten. D. H. 33 Es ist schwer zu begreifen, was er damit haben will, dass er den Namen umkehrt, so wie damit, dass er weiter unten Berlin, wovon er offenbar spricht, den Namen Rosiza schenkt, der einem Ortlein im ZillerKreis in Steiermark gehort. D. H. 34 Von solchen schiefen Seitenblicken wimmeln alle Reisehistorien zu Wasser und zu Land. Es ist ja offenbar, dass das Feuer in einem Residenzstadtchen brannte, wo man nicht eher Feuerlarm und Anstalten machen konnte, als bis es der furstlichen Familie vorher gesetzmassig angezeigt worden, weil sonst Schreck derselben die unmittelbare Folge vom Trommeln ware, zumal nachts. Allein da doch auch dieses spatere Notifizieren das Zusammenfahren der Familie nur verschiebt, nicht ersparet: so war' es vielleicht vernunftiger angefangen, wenn man ihr besonders im ersten Schlafe die ganze Not verhehlte und alles bloss leise loschte und nur durch stille Weckanstalten mit den Handen von Bette zu Bette die Leute zusammenbrachte, besonders da ich nicht sehe, inwiefern die Familie dabei interessiert ist, solange das Schloss nicht brennt. D. H. 35 Dreipfundige Handgranaten. 36 Das Wachtelbistum hat diesen Namen, weil die jahrlich zweimal daruberziehenden Wachteln viel eintragen. 37 So singt und wacht auch in Kowno in Polen (nach Schulz) ein Nachtwachter-Dualis aus Furcht zusammen. D. H. 38 Beide haben Namen wie z.B. Gotthilf, Gottes Sorge etc. D. H. 39 Futteralen. 40 Entweder es ist ** oder ***, aber gewiss nicht *. Den Reisenbeschreiber Langheinrich weiter unten kenn' ich weniger. D. H. 41 Nach diesem Jus machen Dokumente des Archivs auf Beweiskraft, auch wenn sie defekt, ohne Datum oder blosse Kopien sind, bloss durch ihren Ort Anspruch. Struvens Nebenstunden 6. Teil. 42 Nach Platners Anthropologie tut ein massiger Grad des Tiefsinns die oben gedachten guten Wirkungen auf die Gesundheit, so wie ein grosserer die bosen. D. H. 43 Wunderbar! Das Blatt ist, wie ich sehe, aus dem Manuskript zu meinem Jubelsenior. Es ist mir aber lieb, dass ers der Fahrt angeheftet, weil doch damit den Kritikern ein wenig gewiesen wird, wie hart ich mich selber zensiere und wie viel ich ausstreiche, was ein anderer drucken liesse. Mit diesen ausgestrichnen Manuskripten wird indes (so hor' ich) ein ansehnlicher Handel getrieben, und sie werden von Nachahmern haufig gesucht, welche die Striche wegradieren und die Blatter als neue eigne Arbeit, wieder mit der ihrigen geschickt vermischt, zum zweitenmal den Setzern geben. D. H. 44 Allerdings ist diese Unterordnung der Vielheit unter die Eins sogar in den Demokratien, obwohl temporell (aber nur temporell ist auch jede despotische), da; allein eben darum fodert mithin bereitet die praktische Vernunft ein ganz anderes MenschenReich, wo man nicht bis eins zahlt oder bis 5 oder bis 500, sondern bis ins Unendliche und wo keine andere Vernunft regiert als die eigne. Ist denn dieses moralische Reich darum unmoglich, weil es bloss moralische Mitglieder voraussetzt? Kann das in der grossern Zahl unmoglich sein, was in der kleinern schon wirklich war? D. H. 45 Mir unbekannt. D. H. 46 Es heisset zugleich: sie steht unrecht auf, aber erst zum erstenmal, und: sie erhebt sich mit dem H. zuerst. D. H. 47 Alte Worte fur Edelmann. D. H. 48 Stadtjunker hiessen sonst die Patrizier, Gottesjunker die canonici. D. H. 49 Er sieht den Lammergeier, der in der Schweiz oft Kinder raubt. D. H. 50 O Giannozzo, der Wahnsinn, womit du verwunden hilfst, ist eben der greuliche, der die Volker gegeneinandertreibt! D. H.