1799_Schlegel_087 Topic 3

Friedrich Schlegel

Lucinde

Prolog

Mit lachelnder Ruhrung uberschaut und eroffnet Petrarca die Sammlung seiner ewigen Romanzen. Hoflich und schmeichelnd redet der kluge Boccaz am Eingang und am Schluss seines reichen Buchs zu allen Damen. Und selbst der hohe Cervantes, auch als Greis und in der Agonie noch freundlich und voll von zartem Witz, bekleidet das bunte Schauspiel der lebensvollen Werke mit dem kostbaren Teppich einer Vorrede, die selbst schon ein schones romantisches Gemalde ist. Hebt eine herrliche Pflanze aus dem fruchtbaren mutterlichen Boden, und es wird sich manches liebevoll daran hangen, was nur einem Kargen uberflussig scheinen kann. Aber was soll mein Geist seinem Sohne geben, der gleich ihm so arm an Poesie ist als reich an Liebe? Nur ein Wort, ein Bild zum Abschiede: Nicht der konigliche Adler allein darf das Gekrachz der Raben verachten; auch der Schwan ist stolz, und nimmt es nicht wahr. Ihn kummert nichts, als dass der Glanz seiner weissen Fittiche rein bleibe. Er sinnt nur darauf, sich an den Schoss der Leda zu schmiegen, ohne ihn zu verletzen; und alles was sterblich ist an ihm, in Gesange auszuhauchen.

Bekenntnisse eines Ungeschickten

Julius an Lucinde

Die Menschen und was sie wollen und tun, erschienen mir, wenn ich mich daran erinnerte, wie aschgraue Figuren ohne Bewegung; aber in der heiligen Einsamkeit um mich her war alles Licht und Farbe und ein frischer warmer Hauch von Leben und Liebe wehte mich an und rauschte und regte sich in allen Zweigen des uppigen Hains. Ich schaute und ich genoss alles zugleich, das kraftige Grun, die weisse Blute und die goldne Frucht. Und so sah ich auch mit dem Auge meines Geistes die Eine ewig und einzig Geliebte in vielen Gestalten, bald als kindliches Madchen, bald als Frau in der vollen Blute und Energie der Liebe und der Weiblichkeit, und dann als wurdige Mutter mit dem ernsten Knaben im Arm. Ich atmete Fruhling, klar sah ich die ewige Jugend um mich und lachelnd sagte ich: Wenn die Welt auch eben nicht die beste oder die nutzlichste sein mag, so weiss ich doch, sie ist die schonste. In diesem Gefuhle oder Gedanken hatte mich auch nichts storen konnen, weder allgemeine Zweifel noch eigne Furcht. Denn ich glaubte einen tiefen Blick in das Verborgne der Natur zu tun; ich fuhlte, dass alles ewig lebe und dass der Tod auch freundlich sei und nur eine Tauschung. Doch dachte ich daran eigentlich nicht sehr, wenigstens zum Gliedern und Zergliedern der Begriffe war ich nicht sonderlich gestimmt. Aber gern und tief verlor ich mich in alle die Vermischungen und Verschlingungen von Freude und Schmerz, aus denen die Wurze des Lebens und die Blute der Empfindung hervorgeht, die geistige Wollust wie die sinnliche Seligkeit. Ein feines Feuer stromte durch meine Adern; was ich traumte, war nicht etwa bloss ein Kuss, die Umschliessung deiner Arme, es war nicht bloss der Wunsch, den qualenden Stachel der Sehnsucht zu brechen und die susse Glut in Hingebung zu kuhlen; nicht nach deinen Lippen allein sehnte ich mich, oder nach deinen Augen, oder nach deinem Leibe: sondern es war eine romantische Verwirrung von allen diesen Dingen, ein wundersames Gemisch von den verschiedensten Erinnerungen und Sehnsuchten. Alle Mysterien des weiblichen und des mannlichen Mutwillens schienen mich zu umschweben, als mich Einsamen plotzlich deine wahre Gegenwart und der Schimmer der bluhenden Freude auf deinem Gesichte vollends entzundete. Witz und Entzucken begonnen nun ihren Wechsel und waren der gemeinsame Puls unsers vereinten Lebens; wir umarmten uns mit eben so viel Ausgelassenheit als Religion. Ich bat sehr, du mochtest dich doch einmal der Wut ganz hingeben, und ich flehte dich an, du mochtest unersattlich sein. Dennoch lauschte ich mit kuhler Besonnenheit auf jeden leisen Zug der Freude, damit mir auch nicht einer entschlupfe und eine Lucke in der Harmonie bleibe. Ich genoss nicht bloss, sondern ich fuhlte und genoss auch den Genuss.

Du bist so ausserordentlich klug, liebste Lucinde, dass du wahrscheinlich schon langst auf die Vermutung geraten bist, dies alles sei nur ein schoner Traum. So ist es leider auch, und ich wurde untrostlich daruber sein, wenn ich nicht hoffen durfte, dass wir wenigstens einen Teil davon nachstens realisieren konnten. Das Wahre an der Sache ist, dass ich vorhin am Fenster stand; wie lange, das weiss ich nicht recht: denn mit den andern Regeln der Vernunft und der Sittlichkeit ist auch die Zeitrechnung dabei ganz von mir vergessen worden. Also ich stand am Fenster und sah ins Freie; der Morgen verdient allerdings schon genannt zu werden, die Luft ist still und warm genug, auch ist das Grun hier vor mir ganz frisch, und wie sich die weite Ebne bald hebt bald senket, so windet sich der ruhige, breite silberhelle Strom in grossen Schwungen und Bogen, bis er und die Fantasie des Liebenden, die sich gleich dem Schwane auf ihm wiegte, in die Ferne hinziehen und sich in das Unermessliche langsam verlieren. Den Hain und sein sudliches Kolorit verdankt meine Vision wahrscheinlich dem grossen Blumenhaufen hier neben mir, unter denen sich eine betrachtliche Anzahl von Orangen befindet. Alles ubrige lasst sich leicht aus der Psychologie erklaren. Es war Illusion, liebe Freundin, alles Illusion, ausser dass ich vorhin am Fenster stand und nichts tat, und dass ich jetzt hier sitze und etwas tue, was auch nur wenig mehr oder wohl gar noch etwas weniger als nichts tun ist. So weit war an dich geschrieben, was ich mit mir gesprochen hatte, als mich mitten in meinen zarten Gedanken und sinnreichen Gefuhlen uber den eben so wunderbaren als verwickelten dramatischen Zusammenhang unsrer Umarmungen ein ungebildeter und ungefalliger Zufall unterbrach, da ich eben im Begriff war, die genaue und gediegne Historie unsers Leichtsinns und meiner Schwerfalligkeit in klaren und wahren Perioden vor dir aufzurollen, die von Stufe zu Stufe allmahlig nach naturlichen Gesetzen fortschreitende Aufklarung unsrer den verborgenen Mittelpunkt des feinsten Daseins angreifenden Missverstandnisse zu entwickeln, und die mannichfachen Produkte meiner Ungeschicklichkeit darzustellen, nebst den Lehrjahren meiner Mannlichkeit; welche ich im Ganzen und in ihren Teilen nie uberschauen kann, ohne vieles Lacheln, einige Wehmut und hinlangliche Selbstzufriedenheit. Doch will ich als ein gebildeter Liebhaber und Schriftsteller versuchen, den rohen Zufall zu bilden und ihn zum Zwecke gestalten. Fur mich und fur diese Schrift, fur meine Liebe zu ihr und fur ihre Bildung in sich, ist aber kein Zweck zweckmassiger, als der, dass ich gleich anfangs das was wir Ordnung nennen vernichte, weit von ihr entferne und mir das Recht einer reizenden Verwirrung deutlich zueigne und durch die Tat behaupte. Dies ist um so notiger, da der Stoff, den unser Leben und Lieben meinem Geiste und meiner Feder gibt, so unaufhaltsam progressiv und so unbiegsam systematisch ist. Ware es nun auch die Form, so wurde dieser in seiner Art einzige Brief dadurch eine unertragliche Einheit und Einerleiheit erhalten und nicht mehr konnen, was er doch will und soll: das schonste Chaos von erhabnen Harmonien und interessanten Genussen nachbilden und erganzen. Ich gebrauche also mein unbezweifeltes Verwirrungsrecht und setze oder stelle hier ganz an die unrechte Stelle eines von den vielen zerstreuten Blattern die ich aus Sehnsucht und Ungeduld, wenn ich dich nicht fand wo ich dich am gewissesten zu finden hoffte, in deinem Zimmer, auf unserm Sofa, mit der zuletzt von dir gebrauchten Feder, mit den ersten den besten Worten, so jene mir eingegeben, anfullte oder verdarb, und die du Gute, ohne dass ich es wusste, sorgsam bewahrtest.

Die Auswahl wird mir nicht schwer. Denn da unter den Traumereien, die hier schon, den ewigen Lettern und dir anvertrauet sind, die Erinnerung an die schonste Welt noch das gehaltvollste ist, und noch am ersten eine gewisse Art von Ahnlichkeit mit den sogenannten Gedanken hat: so nehme ich vor allen andern die dithyrambische Fantasie uber die schonste Situation. Denn wissen wir erst sicher, dass wir in der schonsten Welt leben: so ist es unstreitig das nachste Bedurfnis uns uber die schonste Situation in dieser schonsten Welt durch andre oder durch uns selbst grundlich zu belehren.

Dithyrambische Fantasie

uber die schonste Situation

Eine grosse Trane fallt auf das heilige Blatt, welches ich hier statt deiner fand. Wie treu und wie einfach hast du ihn aufgezeichnet, den kuhnen alten Gedanken zu meinem liebsten und geheimsten Vorhaben. In dir ist er gross geworden und in diesem Spiegel scheue ich mich nicht, mich selbst zu bewundern und zu lieben. Nur hier sehe ich mich ganz und harmonisch, oder vielmehr die volle ganze Menschheit in mir und in dir. Denn auch dein Geist steht bestimmt und vollendet vor mir; es sind nicht mehr Zuge die erscheinen und zerfliessen: sondern wie eine von den Gestalten, die ewig dauern, blickt er mich aus hohen Augen freudig an und offnet die Arme, den meinigen zu umschliessen. Die fluchtigsten und heiligsten von jenen zarten Zugen und Ausserungen der Seele, die dem, welcher das Hochste nicht kennt, allein schon Seligkeit scheinen, sind nur die gemeinschaftliche Atmosphare unsers geistigen Atmens und Lebens.

Die Worte sind matt und trube; auch wurde ich in diesem Gedrange von Erscheinungen nur immer das eine unerschopfliche Gefuhl unsrer ursprunglichen Harmonie von neuem wiederholen mussen. Eine grosse Zukunft winkt mich eilends weiter ins Unermessliche hinaus, jede Idee offnet ihren Schoss und entfaltet sich in unzahlige neue Geburten. Die aussersten Enden der zugellosen Lust und der stillen Ahndung leben zugleich in mir. Ich erinnere mich an alles, auch an die Schmerzen, und alle meine ehemaligen und kunftigen Gedanken regen sich und stehen wider mich auf. In den geschwollnen Adern tobt das wilde Blut, der Mund durstet nach Vereinigung und unter den vielen Gestalten der Freude wahlt und wechselt die Fantasie und findet keine, in der die Begierde sich endlich erfullen und endlich Ruhe finden konnte. Und dann gedenke ich wieder plotzlich und ruhrend der dunkeln Zeit, da ich immer wartete, ohne zu hoffen, und heftig liebte, ohne dass ich es wusste; da mein innerstes Wesen sich ganz in unbestimmte Sehnsucht ergoss und sie nur selten in halb unterdruckten Seufzern aushauchte.

Ja! ich wurde es fur ein Marchen gehalten haben, dass es solche Freude gebe und solche Liebe, wie ich nun fuhle, und eine solche Frau, die mir zugleich die zartlichste Geliebte und die beste Gesellschaft ware und auch eine vollkommene Freundin. Denn in der Freundschaft besonders suchte ich alles, was ich entbehrte und was ich in keinem weiblichen Wesen zu finden hoffte. In dir habe ich es alles gefunden und mehr als ich zu wunschen vermochte; aber du bist auch nicht wie die andern. Was Gewohnheit oder Eigensinn weiblich nennen, davon weisst du nichts. Ausser den kleinen Eigenheiten besteht die Weiblichkeit deiner Seele bloss darin, dass Leben und Lieben fur sie gleich viel bedeutet; du fuhlst alles ganz und unendlich, du weisst von keinen Absonderungen, dein Wesen ist Eins und unteilbar. Darum bist du so ernst und so freudig: darum nimmst du alles so gross und so nachlassig, und darum liebst du mich auch ganz und uberlasst keinen Teil von mir etwa dem Staate, der Nachwelt oder den mannlichen Freunden. Es gehort dir alles und wir sind uns uberall die nachsten und verstehn uns am besten. Durch alle Stufen der Menschheit gehst du mit mir von der ausgelassensten Sinnlichkeit bis zur geistigsten Geistigkeit und nur in dir sah ich wahren Stolz und wahre weibliche Demut.

Das ausserste Leiden, wenn es uns nur umgabe, ohne uns zu trennen, wurde mir nichts scheinen als ein reizender Gegensatz fur den hohen Leichtsinn unsrer Ehe. Warum sollten wir nicht die herbeste Laune des Zufalls fur schonen Witz und ausgelassene Willkur nehmen, da wir unsterblich sind wie die Liebe? Ich kann nicht mehr sagen, meine Liebe oder deine Liebe; beide sind sich gleich und vollkommen Eins, so viel Liebe als Gegenliebe. Es ist Ehe, ewige Einheit und Verbindung unsrer Geister, nicht bloss fur das was wir diese oder jene Welt nennen, sondern fur die eine wahre, unteilbare, namenlose, unendliche Welt, fur unser ganzes ewiges Sein und Leben. Darum wurde ich auch, wenn es mir Zeit schiene, eben so froh und eben so leicht eine Tasse Kirschlorbeerwasser mit dir ausleeren, wie das letzte Glas Champagner, was wir zusammen tranken, mit den Worten von mir: "So lass uns den Rest unsers Lebens austrinken." So sprach und trank ich eilig, ehe der edelste Geist des Weins verschaumte; und so, das sage ich noch einmal, so lass uns leben und lieben. Ich weiss, auch du wurdest mich nicht uberleben wollen, du wurdest dem voreiligen Gemahle auch im Sarge folgen, und aus Lust und Liebe in den flammenden Abgrund steigen, in den ein rasendes Gesetz die indischen Frauen zwingt und die zartesten Heiligtumer der Willkur durch grobe Absicht und Befehl entweiht und zerstort.

Dort wird dann vielleicht die Sehnsucht voller befriedigt. Ich bin oft daruber erstaunt: jeder Gedanke und was sonst gebildet in uns ist, scheint in sich selbst vollendet, einzeln und unteilbar wie eine Person; eines verdrangt das andre, und was eben ganz nah und gegenwartig war, sinkt bald in Dunkel zuruck. Und dann gibt es doch wieder Augenblicke plotzlicher, allgemeiner Klarheit, wo mehrere solche Geister der innern Welt durch wunderbare Vermahlung vollig in Eins verschmelzen, und manches schon vergessene Stuck unsers Ich in neuem Lichte strahlt und auch die Nacht der Zukunft mit seinem hellen Scheine offnet. Wie im Kleinen so, glaube ich, ist es auch im Grossen. Was wir ein Leben nennen, ist fur den ganzen ewigen innern Menschen nur ein einziger Gedanke, ein unteilbares Gefuhl. Auch fur ihn gibts solche Augenblicke des tiefsten und vollsten Bewusstseins, wo ihm alle die Leben einfallen, sich anders mischen und trennen. Wir beide werden noch einst in Einem Geiste anschauen, dass wir Bluten Einer Pflanze oder Blatter Einer Blume sind, und mit Lacheln werden wir dann wissen, dass was wir jetzt nur Hoffnung nennen, eigentlich Erinnerung war.

Weisst du noch, wie der erste Keim dieses Gedankens vor dir in meiner Seele aufsprosste und auch gleich in der deinigen Wurzel fasste? So schlingt die Religion der Liebe unsre Liebe immer inniger und starker zusammen, wie das Kind die Lust der zartlichen Eltern dem Echo gleich verdoppelt.

Nichts kann uns trennen und gewiss wurde jede Entfernung mich nur gewaltsamer an dich reissen. Ich denke mir, wie ich bei der letzten Umarmung im Gedrange der heftigen Widerspruche zugleich in Tranen und in Lachen ausbreche. Dann wurde ich still werden und in einer Art von Betaubung durchaus nicht glauben, dass ich von dir entfernt sei, bis die neuen Gegenstande um mich her mich wider Willen uberzeugten. Aber dann wurde auch meine Sehnsucht unaufhaltsam wachsen, bis ich auf ihren Flugeln in deine Arme sanke. Lass auch die Worte oder die Menschen ein Missverstandnis zwischen uns erregen! Der tiefe Schmerz wurde fluchtig sein und sich bald in vollkommenere Harmonie auflosen. Ich wurde ihn so wenig achten, wie die liebende Geliebte im Enthusiasmus der Wollust die kleine Verletzung achtet.

Wie konnte uns die Entfernung entfernen, da uns die Gegenwart selbst gleichsam zu gegenwartig ist. Wir mussen ihre verzehrende Glut in Scherzen lindern und kuhlen und so ist uns die witzigste unter den Gestalten und Situationen der Freude auch die schonste. Eine unter allen ist die witzigste und die schonste: wenn wir die Rollen vertauschen und mit kindischer Lust wetteifern, wer den andern tauschender nachaffen kann, ob dir die schonende Heftigkeit des Mannes besser gelingt, oder mir die anziehende Hingebung des Weibes. Aber weisst du wohl, dass dieses susse Spiel fur mich noch ganz andre Reize hat als seine eignen? Es ist auch nicht bloss die Wollust der Ermattung oder das Vorgefuhl der Rache. Ich sehe hier eine wunderbare sinnreich bedeutende Allegorie auf die Vollendung des Mannlichen und Weiblichen zur vollen ganzen Menschheit. Es liegt viel darin, und was darin liegt, steht gewiss nicht so schnell auf wie ich, wenn ich dir unterliege. Das war die dithyrambische Fantasie uber die schonste Situation in der schonsten Welt! Ich weiss noch recht gut, wie du sie damals gefunden und genommen hast. Aber ich glaube auch eben so gut zu wissen, wie du sie hier finden und nehmen wirst; hier in diesem Buchelchen, von dem du mehr treue Geschichte, schlichte Wahrheit und ruhigen Verstand, ja sogar Moral, die liebenswurdige Moral der Liebe erwartest. "Wie kann man schreiben wollen, was kaum zu sagen erlaubt ist, was man nur fuhlen sollte?" Ich antworte: Fuhlt man es, so muss man es sagen wollen, und was man sagen will, darf man auch schreiben konnen.

Ich wollte dir erst beweisen und begrunden, es liege ursprunglich und wesentlich in der Natur des Mannes ein gewisser tolpelhafter Enthusiasmus, der gern mit allem Zarten und Heiligen herausplatzt, nicht selten uber seinen eignen treuherzigen Eifer ungeschickterweise hinsturzt und mit einem Worte leicht bis zur Grobheit gottlich ist.

Durch diese Apologie ware ich zwar gerettet, aber vielleicht nur auf Unkosten der Mannlichkeit selbst: denn so viel ihr auch im einzelnen von dieser haltet, so habt ihr doch immer viel und vieles wider das Ganze der Gattung. Ich will indessen auf keinen Fall gemeine Sache mit einer solchen Race haben und verteidige oder entschuldige daher meine Freiheit und Frechheit lieber bloss mit dem Beispiele der unschuldigen kleinen Wilhelmine, da sie doch auch eine Dame ist, die ich uberdem auf das zartlichste liebe. Darum will ich sie auch gleich ein wenig charakterisieren.

Charakteristik der kleinen Wilhelmine

Betrachtet man das sonderbare Kind nicht mit Rucksicht auf eine einseitige Theorie, sondern wie es sich ziemt, im Grossen und Ganzen: so darf man kuhnlich von ihr sagen, und es ist vielleicht das beste was man uberhaupt von ihr sagen kann: Sie ist die geistreichste Person ihrer Zeit oder ihres Alters. Und das ist nicht wenig gesagt: denn wie selten ist harmonische Ausbildung unter zweijahrigen Menschen? Der starkste unter vielen starken Beweisen fur ihre innere Vollendung ist ihre heitere Selbstzufriedenheit. Wenn sie gegessen hat, pflegt sie beide Armchen auf den Tisch ausgebreitet ihren kleinen Kopf mit narrischem Ernst darauf zu stutzen, macht die Augen gross und wirft schlaue Blicke im Kreise der ganzen Familie umher. Dann richtet sie sich auf mit dem lebhaftesten Ausdrucke von Ironie und lachelt uber ihre eigne Schlauheit und unsre Inferioritat. Uberhaupt hat sie viel Bouffonerie und viel Sinn fur Bouffonerie. Mache ich ihre Gebarden nach, so macht sie mir gleich wieder mein Nachmachen nach; und so haben wir uns eine mimische Sprache gebildet und verstandigen uns in den Hieroglyphen der darstellenden Kunst. Zur Poesie glaube ich hat sie weit mehr Neigung als zur Philosophie; so lasst sie sich auch lieber fahren und reiset nur im Notfall zu Fuss. Die harten Ubelklange unsrer nordischen Muttersprache verschmelzen auf ihrer Zunge in den weichen und sussen Wohllaut der italianischen und indischen Mundart. Reime liebt sie besonders, wie alles Schone; sie kann oft gar nicht mude werden, alle ihre Lieblingsbilder, gleichsam eine klassische Auswahl ihrer kleinen Genusse, sich selbst unaufhorlich nacheinander zu sagen und zu singen. Die Bluten aller Dinge jeglicher Art flicht Poesie in einen leichten Kranz und so nennt und reimt auch Wilhelmine Gegenden, Zeiten, Begebenheiten, Personen, Spielwerke und Speisen, alles durcheinander in romantischer Verwirrung, so viel Worte so viel Bilder; und das ohne alle Nebenbestimmungen und kunstlichen Ubergange, die am Ende doch nur dem Verstande frommen und jeden kuhneren Schwung der Fantasie hemmen. Fur die ihrige ist alles in der Natur belebt und beseelt; und ich erinnere mich noch oft mit Vergnugen daran, wie sie in einem Alter von nicht viel mehr als einem Jahre zum erstenmal eine Puppe sah und fuhlte. Ein himmlisches Lacheln bluhte auf ihrem kleinen Gesichte und sie druckte gleich einen herzlichen Kuss auf die gefarbten Lippen von Holz. Gewiss! es liegt tief in der Natur des Menschen, dass er alles essen will, was er liebt, und jede neue Erscheinung unmittelbar zum Munde fuhrt, um sie da wo moglich in ihre ersten Bestandteile zu zergliedern. Die gesunde Wissbegierde wunscht ihren Gegenstand ganz zu fassen, bis in sein Innerstes zu durchdringen und zu zerbeissen. Das Betasten dagegen bleibt bei der ausserlichen Oberflache allein stehn, und alles Begreifen gewahrt eine unvollkommene nur mittelbare Erkenntnis. Indessen ist es doch schon ein interessantes Schauspiel, wenn ein geistreiches Kind ein Ebenbild von sich erblickt, es mit den Handen zu begreifen und sich durch diese ersten und letzten Fuhlhorner der Vernunft zu orientieren strebt; schuchtern verkriecht und versteckt sich der Fremdling und emsig ist die kleine Philosophin hinterdrein, den Gegenstand ihrer angefangenen Untersuchung zu verfolgen.

Aber freilich ist Geist, Witz und Originalitat bei Kindern gerade so selten wie bei Erwachsenen. Doch alles dies und so vieles andre gehort nicht hieher und wurde mich uber die Grenzen meines Zweckes fuhren! Denn diese Charakteristik soll ja nichts darstellen als ein Ideal, welches ich mir stets vor Augen halten will, um in diesem kleinen Kunstwerke schoner und zierlicher Lebensweisheit nie von der zarten Linie des Schicklichen zu verirren, und dir, damit du alle die Freiheiten und Frechheiten, die ich mir noch zu nehmen denke, im voraus verzeihst, oder doch von einem hohern Standpunkte beurteilen und wurdigen kannst.

Habe ich etwa unrecht, wenn ich die Sittlichkeit bei Kindern, Zartheit und Zierlichkeit in Gedanken und Worten vornehmlich beim weiblichen Geschlecht suche?

Und nun sieh! diese liebenswurdige Wilhelmine findet nicht selten ein unaussprechliches Vergnugen darin, auf dem Rucken liegend mit den Beinchen in die Hohe zu gestikulieren, unbekummert um ihren Rock und um das Urteil der Welt. Wenn das Wilhelmine tut, was darf ich nicht tun, da ich doch bei Gott! ein Mann bin, und nicht zarter zu sein brauche wie das zarteste weibliche Wesen?

O beneidenswurdige Freiheit von Vorurteilen! Wirf auch du sie von dir, liebe Freundin, alle die Reste von falscher Scham, wie ich oft die fatalen Kleider von dir riss und in schoner Anarchie umherstreute. Und sollte dir ja dieser kleine Roman meines Lebens zu wild scheinen: so denke dir, dass er ein Kind sei und ertrage seinen unschuldigen Mutwillen mit mutterlicher Langmut und lass dich von ihm liebkosen.

Wenn du es mit der Wahrscheinlichkeit und durchgangigen Bedeutsamkeit einer Allegorie nicht so gar strenge nehmen und dabei so viel Ungeschicklichkeit im Erzahlen erwarten wolltest, als man von den Bekenntnissen eines Ungeschickten fodern muss, wenn das Costum nicht verletzt werden soll: so mochte ich dir hier einen der letzten meiner wachenden Traume erzahlen, da er ein ahnliches Resultat gibt wie die Charakteristik der kleinen Wilhelmine.

Allegorie von der Frechheit

Sorglos stand ich in einem kunstreichen Garten an einem runden Beet, welches mit einem Chaos der herrlichsten Blumen, auslandischen und inlandischen, prangte. Ich sog den wurzigen Duft ein und ergotzte mich an den bunten Farben; aber plotzlich sprang ein hassliches Untier mitten aus den Blumen hervor. Es schien geschwollen von Gift, die durchsichtige Haut spielte in allen Farben und man sah die Eingeweide sich winden wie Gewurme. Es war gross genug, um Furcht einzuflossen; dabei offnete es Krebsscheren nach allen Seiten rund um den ganzen Leib; bald hupfte es wie ein Frosch, dann kroch es wieder mit ekelhafter Beweglichkeit auf einer unzahligen Menge kleiner Fusse. Mit Entsetzen wandte ich mich weg: da es mich aber verfolgen wollte, fasste ich Mut, warf es mit einem kraftigen Stoss auf den Rucken, und sogleich schien es mir nichts als ein gemeiner Frosch. Ich erstaunte nicht wenig, und noch mehr, da plotzlich jemand ganz dicht hinter mir sagte: "Das ist die offentliche Meinung, und ich bin der Witz; deine falschen Freunde, jene Blumen sind schon alle welk." Ich sah mich um und erblickte eine mannliche Gestalt mittlerer Grosse; die grossen Formen des edlen Gesichts waren so ausgearbeitet und ubertrieben, wie wir sie oft an romischen Brustbildern sehn. Ein freundliches Feuer strahlte aus den offnen lichten Augen, und zwei grosse Locken warfen und drangten sich sonderbar auf der kuhnen Stirn. "Ich werde ein altes Schauspiel vor dir erneuern," sprach er: "einige Junglinge am Scheidewege. Ich selbst habe es der Muhe wert gehalten, sie in mussigen Stunden mit der gottlichen Fantasie zu erzeugen. Es sind die echten Romane, vier an der Zahl und unsterblich wie wir." Ich schaute wohin er winkte, und ein schoner Jungling flog kaum bekleidet uber die grune Ebne. Schon war er fern und ich sah nur noch eben, dass er sich auf ein Ross schwang und davon eilte als wollte er den lauen Abendwind uberflugeln und seiner Langsamkeit spotten. Auf dem Hugel zeigte sich ein Ritter in voller Rustung, gross und hehr von Gestalt, beinah ein Riese: aber die genaue Richtigkeit seines Wuchses und seiner Bildung nebst der treuherzigen Freundlichkeit in seinen bedeutenden Blicken und umstandlichen Gebarden gab ihm dennoch eine gewisse altvaterische Zierlichkeit. Er neigte sich gegen die untergehende Sonne, liess sich langsam auf ein Knie nieder und schien mit grosser Inbrunst zu beten, die rechte Hand aufs Herz, die linke an der Stirn. Der Jungling, der zuvor so schnell war, lag nun ganz ruhig am Abhange und sonnte sich in den letzten Strahlen; dann sprang er auf, entkleidete sich, sturzte in den Strom und spielte mit den Wellen, tauchte unter, kam wieder hervor und warf sich von neuem in die Flut. Fernab im Dunkel des Hains schwebte etwas in griechischem Gewande wie eine Gestalt: aber wenn es eine ist, dachte ich, so kann sie kaum der Erde angehoren; so matt waren die Farben, so eingehullt das Ganze in heiligen Nebel. Da ich langer und genauer hinsah, zeigte sich's, dass es auch ein Jungling sei, aber von ganz entgegengesetzter Art. Haupt und Arme lehnte die hohe Gestalt an eine Urne; seine ernsten Blicke schienen bald ein verlornes Gut auf dem Boden zu suchen, bald die blassen Sterne, die schon zu schimmern begannen, etwas zu fragen; ein Seufzer offnete die Lippen, um die ein sanftes Lacheln schwebte.

Jener ernste sinnliche Jungling war unterdessen der einsamen Leibesubungen uberdrussig geworden und eilte mit leichten Schritten gerade auf uns zu. Er war nun ganz bekleidet, fast wie ein Schafer, aber sehr bunt und sonderbar. Er hatte so auf einer Maskerade erscheinen konnen, auch spielten die Finger seiner Linken mit den Faden, an denen eine Maske hing. Man hatte den fantastischen Knaben eben so gut fur ein mutwilliges Madchen halten mogen, das sich aus Laune verkleidet. Bisher ging er in gerader Richtung, aber plotzlich wurde er unsicher; er ging erst auf die eine Seite, dann eilte er zuruck nach der andern und lachte dabei uber sich selbst. "Der junge Mensch weiss nicht, ob er sich zur Frechheit oder zur Delikatesse halten soll," sagte mein Begleiter. Ich sah zur Linken eine Gesellschaft schoner Frauen und Madchen; zur Rechten stand eine grosse allein, und da ich hinsehen wollte nach der gewaltigen Form, begegnete ihr Blick dem meinen so scharf und kuhn, dass ich die Augen niederschlug. Mitten unter den Damen war ein junger Mann, den ich sogleich fur einen Bruder der andern Romane erkannte. Einer von denen wie man sie gegenwartig sieht, aber viel gebildeter; seine Gestalt und sein Gesicht war nicht schon, aber fein, sehr verstandig und ausserst anziehend. Man hatte ihn eben so gut fur einen Franzosen wie fur einen Deutschen halten konnen; seine Kleidung und seine ganze Art war einfach, aber sorgfaltig und vollig modern. Er unterhielt die Gesellschaft und schien sich fur alle lebhaft zu interessieren. Die Madchen waren sehr beweglich um die vornehmste Dame und schwatzten viel unter einander. "Ich habe doch noch mehr Gemut wie du, liebe Sittlichkeit!" sagte die eine; "aber ich heisse auch Seele und zwar die schone." Die Sittlichkeit wurde etwas blass und die Tranen schienen ihr nahe zu sein. "Ich war doch gestern so tugendhaft," sagte sie, "und mache immer grossere Fortschritte in der Anstrengung. Ich habe genug an meinen eignen Vorwurfen, warum muss ich noch welche von dir horen?" Eine andre, die Bescheidenheit, war neidisch auf die welche sich die schone Seele nannte und sprach: "Ich bin bose mit dir, du willst mich nur als Mittel brauchen." Die Dezenz, da sie die arme offentliche Meinung so hulflos auf dem Rucken liegen sah, vergoss drittehalb Tranen und gebardete sich dann auf eine interessante Weise, das Auge zu trocknen, welches aber gar nicht mehr nass war. "Wundre dich nicht uber diese Offenheit," sagte der Witz; "sie ist weder gewohnlich noch willkurlich. Die allmachtige Fantasie hat diese wesenlosen Schatten mit ihrem Zauberstabe beruhrt, damit sie ihr Inneres offenbaren. Du wirst gleich noch mehr horen. Aber die Frechheit redet von freien Stucken so."

"Der junge Schwarmer da," sagte die Delikatesse, "soll mich recht amusieren; der wird immer schone Verse auf mich machen. Ich werde ihn in der Ferne halten wie den Ritter. Der Ritter ist freilich schon, wenn er nur nicht so ernsthaft und feierlich aussahe. Der klugste von allen ist wohl der Elegant, der jetzt mit der Bescheidenheit spricht; ich glaube, er persifliert sie. Wenigstens hat er uber die Sittlichkeit und ihr fades Gesicht viel Hubsches gesagt. Er hat doch mit mir am meisten gesprochen, und konnte mich wohl einmal verfuhren, wenn ich mich nicht anders besinne, oder wenn keiner erscheint, der noch mehr nach der Mode ist." Der Ritter hatte sich der Gesellschaft nun auch genahert; die linke Hand stutzte sich auf den Griff des grossen Schwertes, und mit der rechten bot er den Anwesenden hoflichen Gruss. "Ihr seid doch alle gewohnlich und ich habe Langeweile," sagte der moderne Mann, gahnte und ging fort. Ich sah nunmehr, dass die Frauen, die ich beim ersten Blick fur schon gehalten hatte, eigentlich nur bluhend und artig, ubrigens aber unbedeutend waren. Sah man genau zu, so fanden sich sogar gemeine Zuge und Spuren von Verderbtheit. Die Frechheit schien mir nun weniger hart, ich konnte sie dreist ansehen und musste es mir mit Verwunderung gestehn, dass ihre Bildung gross und edel sei. Sie ging hastig auf die schone Seele zu und griff ihr gerade ins Gesicht. "Das ist nur eine Maske," sagte sie; "du bist nicht die schone Seele, sondern hochstens die Zierlichkeit, oft auch die Koketterie." Dann wandte sie sich zum Witz mit den Worten: "Wenn du die gemacht hast, die man jetzt Romane nennt, so hattest du deine Zeit auch besser anwenden konnen. Kaum hie und da finde ich in den besten etwas von der leichten Poesie des fluchtigen Lebens: aber wohin ist sie entflohen, die kuhne Musik des lieberasenden Herzens, sie die alles mit sich fortreisst, so dass der Wildeste zartliche Tranen vergiesst und die ewigen Felsen selber tanzen? Keiner ist so albern und keiner so nuchtern, der nicht von Liebe schwatzt: aber wer sie noch kennt, hat kein Herz und keinen Glauben, sie auszusprechen." Der Witz lachte, der himmlische Jungling winkte Beifall aus der Ferne, und sie fuhr fort: "Wenn die, welche unvermogend am Geist sind, Kinder mit ihm zeugen wollen; wenn die, welche es gar nicht verstehn, zu leben wagen: das ist hochst unanstandig, denn es ist hochst unnaturlich und hochst unschicklich. Aber dass der Wein schaumt und der Blitz zundet, ist ganz richtig und ganz schicklich." Der leichtfertige Roman hatte nun gewahlt; er war bei diesen Worten schon um die Frechheit und schien ihr ganz ergeben. Sie eilte Arm in Arm mit ihm davon und sagte nur im Vorbeigehn zu dem Ritter: "Wir sehn uns wieder." "Das waren nur ausserliche Erscheinungen," sprach mein Beschutzer, "und du wirst gleich das Innere in dir schauen. Ubrigens bin ich eine wahre Person und der wahre Witz; das schwore ich dir bei mir selber, ohne den Arm in die Unendlichkeit auszustrecken." Alles verschwand nun, und auch der Witz wuchs und dehnte sich, bis er nicht mehr war. Nicht mehr vor und ausser mir, wohl aber in mir glaubte ich ihn wieder zu finden; ein Stuck meines Selbst und doch verschieden von mir, in sich lebendig und selbststandig. Ein neuer Sinn schien mir aufgetan; ich entdeckte in mir eine reine Masse von mildem Licht. Ich kehrte in mich selbst zuruck und in den neuen Sinn, dessen Wunder ich schaute. Er sah so klar und bestimmt, wie ein geistiges nach Innen gerichtetes Auge: dabei waren aber seine Wahrnehmungen innig und leise wie die des Gehors, und so unmittelbar wie die des Gefuhls. Ich erkannte bald die Szene der aussern Welt wieder, aber reiner und verklart, oben den blauen Mantel des Himmels, unten den grunen Teppich der reichen Erde, die bald von frohlichen Gestalten wimmelte. Denn was ich nur im Innersten wunschte, lebte und drangte sich gleich hier, ehe ich selbst den Wunsch noch deutlich gedacht hatte. Und so sah ich denn bald bekannte und unbekannte liebe Gestalten in wunderlichen Masken, wie ein grosses Karneval der Lust und Liebe. Innre Saturnalien, an seltsamer Mannichfaltigkeit und Zugellosigkeit der grossen Vorwelt nicht unwurdig. Aber nicht lange schwarmte das geistige Bacchanal durch einander, so zerriss diese ganze innre Welt wie durch einen elektrischen Schlag und ich vernahm ich weiss nicht wie und woher die geflugelten Worte: "Vernichten und Schaffen, Eins und Alles; und so schwebe der ewige Geist ewig auf dem ewigen Weltstrome der Zeit und des Lebens und nehme jede kuhnere Welle wahr, ehe sie zerfliesst." Furchtbar schon und sehr fremd tonte diese Stimme der Fantasie, aber milder und mehr wie an mich gerichtet die folgenden Worte: "Die Zeit ist da, das innre Wesen der Gottheit kann offenbart und dargestellt werden, alle Mysterien durfen sich enthullen und die Furcht soll aufhoren. Weihe dich selbst ein und verkundige es, dass die Natur allein ehrwurdig und die Gesundheit allein liebenswurdig ist." Bei den geheimnisvollen Worten, die Zeit ist da, fiel wie eine Flocke von himmlischem Feuer in meine Seele. Es brannte und zehrte in meinem Mark; es drangte und sturmte sich zu aussern. Ich griff nach Waffen, um mich in das Kriegsgetummel der Leidenschaften, die mit Vorurteilen wie mit Waffen wuten, zu sturzen und fur die Liebe und die Wahrheit zu kampfen: aber es waren keine Waffen da. Ich offnete den Mund, um sie in Gesang zu verkundigen, und ich dachte, alle Wesen mussten ihn vernehmen und die ganze Welt sollte harmonisch wiederklingen: aber ich besann mich, dass meine Lippen die Kunst nicht gelernt hatten, die Gesange des Geistes nachzubilden. "Du musst das unsterbliche Feuer nicht rein und roh mitteilen wollen," sprach die bekannte Stimme meines freundlichen Begleiters. "Bilde, erfinde, verwandle und erhalte die Welt und ihre ewigen Gestalten im steten Wechsel neuer Trennungen und Vermahlungen. Verhulle und binde den Geist im Buchstaben. Der echte Buchstabe ist allmachtig und der eigentliche Zauberstab. Er ist es, mit dem die unwiderstehliche Willkur der hohen Zauberin Fantasie das erhabene Chaos der vollen Natur beruhrt, und das unendliche Wort ans Licht ruft, welches ein Ebenbild und Spiegel des gottlichen Geistes ist, und welches die Sterblichen Universum nennen." Wie die weibliche Kleidung vor der mannlichen, so hat auch der weibliche Geist vor dem mannlichen den Vorzug, dass man sich da durch eine einzige kuhne Kombination uber alle Vorurteile der Kultur und burgerlichen Konventionen wegsetzen und mit einemmale mitten im Stande der Unschuld und im Schoss der Natur befinden kann.

An wen sollte also wohl die Rhetorik der Liebe ihre Apologie der Natur und der Unschuld richten als an alle Frauen, in deren zarten Herzen das heilige Feuer der gottlichen Wollust tief verschlossen ruht, und nie ganz verloschen kann, wenn es auch noch so sehr verwahrlost und verunreinigt wird? Nachstdem freilich auch an die Junglinge, und an die Manner die noch Junglinge geblieben sind. Bei diesen ist aber schon ein grosser Unterschied zu machen. Man konnte alle Junglinge einteilen in solche, die das haben, was Diderot die Empfindung des Fleisches nennt, und in solche die es nicht haben. Eine seltne Gabe! Viele Maler von Talent und Einsicht streben ihr ganzes Leben umsonst danach, und viele Virtuosen der Mannlichkeit vollenden ihre Laufbahn, ohne eine Ahndung davon gehabt zu haben. Auf dem gemeinen Wege kommt man nicht dahin. Ein Libertin mag verstehen mit einer Art von Geschmack den Gurtel zu losen. Aber jenen hohern Kunstsinn der Wollust, durch den die mannliche Kraft erst zur Schonheit gebildet wird, lehrt nur die Liebe allein den Jungling. Es ist Elektrizitat des Gefuhls, dabei aber im Innern ein stilles leises Lauschen, im Aussern eine gewisse klare Durchsichtigkeit, wie in den hellen Stellen der Malerei, die ein reizbares Auge so deutlich fuhlt. Es ist eine wunderbare Mischung und Harmonie aller Sinne: so gibt es auch in der Musik ganz kunstlose, reine, tiefe Akzente, die das Ohr nicht zu horen, sondern wirklich zu trinken scheint, wenn das Gemut nach Liebe durstet. Ubrigens aber mochte sich die Empfindung des Fleisches nicht weiter definieren lassen. Das ist auch unnotig. Genug sie ist fur Junglinge der erste Grad der Liebeskunst und eine angeborne Gabe der Frauen, durch deren Gunst und Huld allein sie jenen mitgeteilt, und angebildet werden kann. Mit den Unglucklichen, die sie nicht kennen, muss man nicht von Liebe reden: denn von Natur ist in dem Manne zwar ein Bedurfnis aber kein Vorgefuhl derselben. Der zweite Grad hat schon etwas Mystisches, und konnte leicht vernunftwidrig scheinen wie jedes Ideal. Ein Mann der das innere Verlangen seiner Geliebten nicht ganz fullen und befriedigen kann, versteht es gar nicht zu sein, was er doch ist und sein soll. Er ist eigentlich unvermogend, und kann keine gultige Ehe schliessen. Zwar verschwindet auch die hochste endliche Grosse vor dem Unendlichen, und durch blosse Kraft lasst sich also das Problem auch bei dem besten Willen nicht auflosen. Aber wer Fantasie hat, kann auch Fantasie mitteilen, und wo die ist, entbehren die Liebenden gern, um zu verschwenden; ihr Weg geht nach Innen, ihr Ziel ist intensive Unendlichkeit, Unzertrennlichkeit ohne Zahl und Mass; und eigentlich brauchen sie nie zu entbehren, weil jener Zauber alles zu ersetzen vermag. Aber still von diesen Geheimnissen! Der dritte und hochste Grad ist das bleibende Gefuhl von harmonischer Warme. Welcher Jungling das hat, der liebt nicht mehr bloss wie ein Mann, sondern zugleich auch wie ein Weib. In ihm ist die Menschheit vollendet, und er hat den Gipfel des Lebens erstiegen. Denn gewiss ist es, dass Manner von Natur bloss heiss oder kalt sind: zur Warme mussen sie erst gebildet werden. Aber die Frauen sind von Natur sinnlich und geistig warm und haben Sinn fur Warme jeder Art.

Wenn dieses tolle kleine Buch einmal gefunden, vielleicht gedruckt, und gar gelesen wird, so muss es auf alle glucklichen Junglinge ungefahr den gleichen Eindruck machen. Nur verschieden nach den verschiedenen Stufen ihrer Ausbildung. Denen vom ersten Grad wird es die Empfindung des Fleisches erregen; die vom zweiten kann es ganz befriedigen; und denen vom dritten soll bloss warm dabei werden.

Ganz anders wurde es mit den Frauen sein. Unter ihnen gibt es keine Ungeweihten; denn jede hat die Liebe schon ganz in sich, von deren unerschopflichem Wesen wir Junglinge nur immer ein wenig mehr lernen und begreifen. Schon entfaltet, oder noch im Keime, das ist gleichviel. Auch das Madchen weiss in ihrer naiven Unwissenheit doch schon alles, noch ehe der Blitz der Liebe in ihrem zarten Schoss gezundet, und die verschlossne Knospe zum vollen Blumenkelch der Lust entfaltet hat. Und wenn eine Knospe Gefuhl hatte, wurde nicht das Vorgefuhl der Blume deutlicher in ihr sein, als das Bewusstsein ihrer selbst?

Darum gibt es in der weiblichen Liebe keine Grade und Stufen der Bildung, uberhaupt nichts allgemeines; sondern so viel Individuen, so viel eigentumliche Arten. Kein Linne kann uns alle diese schonen Gewachse und Pflanzen im grossen Garten des Lebens klassifizieren und verderben; und nur der eingeweihte Liebling der Gotter versteht ihre wunderbare Botanik; die gottliche Kunst, ihre verhullten Krafte und Schonheiten zu erraten und zu erkennen, wann die Zeit ihrer Blute sei und welches Erdreich sie bedurfen. Da wo der Anfang der Welt oder doch der Anfang der Menschen ist, da ist auch der eigentliche Mittelpunkt der Originalitat, und kein Weiser hat die Weiblichkeit ergrundet.

Eines zwar scheint die Frauen in zwei grosse Klassen zu teilen. Das namlich, ob sie die Sinne achten und ehren, die Natur, sich selbst und die Mannlichkeit: oder ob sie diese wahre innere Unschuld verloren haben, und jeden Genuss mit Reue erkaufen, bis zur bittern Gefuhllosigkeit gegen innere Missbilligung. Das ist ja die Geschichte so vieler. Erst scheuen sie die Manner, dann werden sie Unwurdigen hingegeben, welche sie bald hassen oder betrugen, bis sie sich selbst und die weibliche Bestimmung verachten. Ihre kleine Erfahrung halten sie fur allgemein und alles andre fur lacherlich; der enge Kreis von Rohheit und Gemeinheit, in dem sie sich bestandig drehen, ist fur sie die ganze Welt, und es fallt ihnen gar nicht ein, dass es auch noch andre Welten geben konne. Fur diese sind die Manner nicht Menschen, sondern bloss Manner, eine eigne Gattung, die fatal aber doch gegen die Langeweile unentbehrlich ist. Sie selbst sind denn auch eine blosse Sorte, eine wie die andre, ohne Originalitat und ohne Liebe.

Aber sind sie unheilbar weil sie ungeheilt sind? Mir ist es so einleuchtend und klar, dass nichts unnaturlicher fur eine Frau sei, als Pruderie (ein Laster an das ich nie ohne eine gewisse innerliche Wut denken kann) und nichts beschwerlicher als Unnaturlichkeit, dass ich keine Grenze bestimmen, und keine fur unheilbar halten mochte. Ich glaube ihre Unnatur kann nie zuverlassig werden, wenn sie auch noch so viel Leichtigkeit und Unbefangenheit darin erlangt haben, bis zu einem Schein von Konsequenz und Charakter. Es bleibt doch nur Schein; das Feuer der Liebe ist durchaus unverloschlich, und noch unter der tiefsten Asche gluhen Funken.

Diese heilige Funken zu wecken, von der Asche der Vorurteile zu reinigen, und wo die Flamme schon lauter brennt, sie mit bescheidenem Opfer zu nahren; das ware das hochste Ziel meines mannlichen Ehrgeizes. Lass mich's bekennen, ich liebe nicht dich allein, ich liebe die Weiblichkeit selbst. Ich liebe sie nicht bloss, ich bete sie an, weil ich die Menschheit anbete, und weil die Blume der Gipfel der Pflanze und ihrer naturlichen Schonheit und Bildung ist.

Es ist die alteste kindlichste einfachste Religion, zu der ich zuruckgekehrt bin. Ich verehre als vorzuglichstes Sinnbild der Gottheit das Feuer; und wo gibts ein schoneres, als das was die Natur tief in die weiche Brust der Frauen verschloss? Weihe du mich zum Priester, nicht um es mussig zu beschauen, sondern um es zu befreien, zu wecken, und zu reinigen: wo es rein ist, erhalt es sich selber, ohne Wache und ohne Vestalinnen.

Ich schreibe und schwarme, wie du siehst, nicht ohne Salbung; aber es geschieht auch nicht ohne Beruf, und zwar gottlichen Beruf. Was darf sich der nicht zutrauen, zu dem der Witz selbst durch eine Stimme vom geoffneten Himmel herab sprach: "Du bist mein lieber Sohn an dem ich Wohlgefallen habe." Und warum soll ich nicht aus eigner Vollmacht und Willkur von mir sagen: "Ich bin des Witzes lieber Sohn;" wie mancher Edle, der auf Abenteuer durchs Leben wanderte, von sich sagte: "Ich bin des Gluckes lieber Sohn."

Ubrigens wollte ich eigentlich davon reden, welchen Eindruck dieser fantastische Roman auf die Frauen machen wurde, wenn der Zufall oder die Willkur ihn fande und offentlich aufstellte. Es ware auch in der Tat unschicklich, wenn ich dir nicht in aller Kurze mit einigen kleinen Beweisen von Weissagung und Divination aufwartete, um mein Recht auf die Priesterwurde darzutun.

Verstehen wurden mich alle, keine so missverstehen und so missbrauchen wie die uneingeweihten Junglinge. Viele wurden mich besser verstehen als ich selbst, aber nur Eine ganz, und die bist du. Alle ubrigen hoffe ich wechselweise anzuziehen und abzustossen, oft zu verletzen und eben so oft zu versohnen. Bei jeder gebildeten wird der Eindruck ganz verschieden, und ganz eigen sein; so eigen und so verschieden wie ihre eigentumliche Art zu sein, und zu lieben. Clementinen wird das Ganze bloss interessieren als eine Sonderbarkeit, hinter der aber doch wohl etwas sein konnte; einiges indessen wird sie richtig finden. Man nennt sie hart und heftig, und doch glaube ich an ihre Liebenswurdigkeit. Ihre Heftigkeit versohnt mich mit ihrer Harte, obgleich beide sich dem aussern Anschein nach vermehren. Ware die Harte allein, so musste sie Kalte und Mangel an Herz scheinen; die Heftigkeit zeigt, dass heiliges Feuer da ist, was durchbrechen will. Du kannst leicht denken wie sie einem mitspielen wurde, den sie im Ernst liebte. Die weiche und verletzbare Rosamunde wird sich eben so oft anneigen als wegwenden, bis "scheue Zartheit kuhner wird und nichts als Unschuld sieht in inn'ger Liebe Tun". Juliane hat eben so viel Poesie als Liebe, eben so viel Enthusiasmus als Witz: aber beides ist zu isoliert in in ihr, darum wird sie bisweilen uber das kuhne Chaos weiblich erschrecken, und dem Ganzen etwas mehr Poesie und etwas weniger Liebe wunschen.

Ich konnte so noch lange fortfahren, denn ich strebe aus allen Kraften nach Menschenkenntnis, und ich weiss meine Einsamkeit oft nicht wurdiger anzuwenden, als indem ich daruber reflektiere, wie diese oder jene interessante Frau in diesem oder jenem interessanten Verhaltnisse wohl sein und sich verhalten durfte. Doch genug fur jetzt, sonst mochte es dir zu viel werden, und die Vielseitigkeit deinem Propheten ubel geraten.

Denke nur nicht so arg von mir und glaube, dass ich nicht allein fur dich sondern fur die Mitwelt dichte. Glaube mir, es ist mir bloss um die Objektivitat meiner Liebe zu tun. Diese Objektivitat und jede Anlage zu ihr bestatigt und bildet ja eben die Magie der Schrift, und weil es mir versagt ist, meine Flamme in Gesange auszuhauchen, muss ich den stillen Zugen das schone Geheimnis vertrauen. Dabei denke ich aber eben so wenig an die ganze Mitwelt, als an die Nachwelt. Und muss es ja eine Welt sein, an die ich denken soll: so sei es am liebsten die Vorwelt. Die Liebe selbst sei ewig neu und ewig jung, aber ihre Sprache sei frei und kuhn, nach alter klassischer Sitte, nicht zuchtiger wie die romische Elegie und die Edelsten der grossten Nation, und nicht vernunftiger wie der grosse Plato und die heilige Sappho.

Idylle uber den Mussiggang

"Sieh ich lernte von selbst, und ein Gott hat mancherlei Weisen mir in die Seele gepflanzt." So darf ich kuhnlich sagen, wenn nicht von der frohlichen Wissenschaft der Poesie die Rede ist, sondern von der gottahnlichen Kunst der Faulheit. Mit wem sollte ich also lieber uber den Mussiggang denken und reden als mit mir selbst? Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde, da mir der Genius eingab, das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu verkundigen, zu mir selbst: "O Mussiggang, Mussiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottahnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb." Ich sass, da ich so in mir sprach, wie ein nachdenkliches Madchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach, sah den fliehenden Wellen nach. Aber die Wellen flohen und flossen so gelassen, ruhig und sentimental, als sollte sich ein Narcissus in der klaren Flache bespiegeln und sich in schonen Egoismus berauschen. Auch mich hatte sie locken konnen, mich immer tiefer in die innere Perspektive meines Geistes zu verlieren, wenn nicht meine Natur so uneigennutzig und so praktisch ware, dass sogar meine Spekulation unaufhorlich nur um das allgemeine Gute besorgt ist. Daher dachte ich auch, ungeachtet mein Gemut in seiner Behaglichkeit so matt war, wie die von der gewaltigen Hitze aufgelosten und hingesunknen Glieder, ernstlich uber die Moglichkeit einer dauernden Umarmung nach. Ich sann auf Mittel das Beisammensein zu verlangern, und kunftig lieber alle kindlich ruhrenden Elegien uber plotzliche Trennung zu verhuten, als uns wie bisher an dem Komischen einer solchen Fugung des Schicksals zu ergotzen, weil es nun doch einmal geschehen und unabanderlich sei.

Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des Ideals brach und erschlaffte, uberliess ich mich dem Strome der Gedanken, und horte willig alle die bunten Marchen an, mit denen Begierde und Einbildung, unwiderstehliche Sirenen in meiner eignen Brust, meine Sinne bezauberten. Es fiel mir nicht ein das verfuhrerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren, ungeachtet ich wohl wusste, dass das meiste nur schone Luge sei. Die zarte Musik der Fantasie schien die Lucken der Sehnsucht auszufullen. Dankbar nahm ich das wahr und beschloss, was das hohe Gluck mir diesmal gegeben, auch kunftig durch eigne Erfindsamkeit fur uns beide zu wiederholen, und dir dieses Gedicht der Wahrheit zu beginnen. So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewachs von Willkur und Liebe. Und frei wie es entsprossen ist, dacht' ich, soll es auch uppig wachsen und verwildern, und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und Sparsamkeit die lebendige Fulle von uberflussigen Blattern und Ranken beschneiden.

Gleich einem Weisen des Orients war ich ganz versunken in ein heiliges Hinbruten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen, vorzuglich der deinigen und der meinigen. Grosse in Ruhe, sagen die Meister, sei der hochste Gegenstand der bildenden Kunst; und ohne es deutlich zu wollen, oder mich unwurdig zu bemuhen, bildete und dichtete ich auch unsre ewigen Substanzen in diesem wurdigen Styl. Ich erinnerte mich, und ich sah uns, wie gelinder Schlaf die Umarmten mitten in der Umarmung umfing. Dann und wann offnete einer die Augen, lachelte uber den sussen Schlaf des andern und wurde wach genug um ein scherzendes Wort, eine Liebkosung zu beginnen: aber noch ehe der angefangene Mutwille geendigt war, sanken wir beide fest verschlungen in den seligen Schoss einer halbbesonnenen Selbstvergessenheit zuruck.

Mit dem aussersten Unwillen dachte ich nun an die schlechten Menschen, welche den Schlaf vom Leben subtrahieren wollen. Sie haben wahrscheinlich nie geschlafen, und auch nie gelebt. Warum sind denn die Gotter Gotter, als weil sie mit Bewusstsein und Absicht nichts tun, weil sie das verstehen und Meister darin sind? Und wie streben die Dichter, die Weisen und die Heiligen auch darin den Gottern ahnlich zu werden! Wie wetteifern sie im Lobe der Einsamkeit, der Musse, und einer liberalen Sorglosigkeit und Untatigkeit! Und mit grossem Recht: denn alles Gute und Schone ist schon da und erhalt sich durch seine eigne Kraft. Was soll also das unbedingte Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und Mittelpunkt? Kann dieser Sturm und Drang der unendlichen Pflanze der Menschheit, die im Stillen von selbst wachst und sich bildet, nahrenden Saft oder schone Gestaltung geben? Nichts ist es, dieses leere unruhige Treiben, als eine nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile, fremde und eigne. Und womit beginnt und endigt es als mit der Antipathie gegen die Welt, die jetzt so gemein ist? Der unerfahrne Eigendunkel ahndet gar nicht, dass dies nur Mangel an Sinn und Verstand sei und halt es fur hohen Unmut uber die allgemeine Hasslichkeit der Welt und des Lebens, von denen er doch noch nicht einmal das leiseste Vorgefuhl hat. Er kann es nicht haben, denn der Fleiss und der Nutzen sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, welche dem Menschen die Ruckkehr ins Paradies verwehren. Nur mit Gelassenheit und Sanftmut, in der heiligen Stille der echten Passivitat kann man sich an sein ganzes Ich erinnern, und die Welt und das Leben anschauen. Wie geschieht alles Denken und Dichten, als dass man sich der Einwirkung irgend eines Genius ganz uberlasst und hingibt? Und doch ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Kunsten und Wissenschaften, das Wesentliche ist das Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivitat moglich. Freilich ist es eine absichtliche, willkurliche, einseitige, aber doch Passivitat. Je schoner das Klima ist, je passiver ist man. Nur Italianer wissen zu gehen, und nur die im Orient verstehen zu liegen; wo hat sich aber der Geist zarter und susser gebildet als in Indien? Und unter allen Himmelsstrichen ist es das Recht des Mussiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet, und das eigentliche Prinzip des Adels.

Endlich wo ist mehr Genuss, und mehr Dauer, Kraft und Geist des Genusses; bei den Frauen, deren Verhaltnis wir Passivitat nennen, oder etwa bei den Mannern, bei denen der Ubergang von ubereilender Wut zur Langenweile schneller ist, als der Ubergang vom Guten zum Bosen?

In der Tat man sollte das Studium des Mussiggangs nicht so straflich vernachlassigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden! Um alles in Eins zu fassen: je gottlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen ist, je ahnlicher werden sie der Pflanze; diese ist unter allen Formen der Natur die sittlichste, und die schonste. Und also ware ja das hochste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

Ich nahm mir vor, mich zufrieden im Genuss meines Daseins uber alle doch endliche, und also verachtliche Zwecke und Vorsatze zu erheben. Die Natur selbst schien mich in diesem Unternehmen zu bestarken, und mich gleichsam in vielstimmigen Choralen zum fernern Mussiggang zu ermahnen, als sich plotzlich eine neue Erscheinung offenbarte. Ich glaubte unsichtbarerweise in einem Theater zu sein: auf der einen Seite zeigten sich die bekannten Bretter, Lampen und bemalten Pappen; auf der andern ein unermessliches Gedrange von Zuschauern, ein wahres Meer von wissbegierigen Kopfen und teilnehmenden Augen. An der rechten Seite des Vorgrundes war statt der Dekoration ein Prometheus abgebildet, der Menschen verfertigte. Er war an einer langen Kette gefesselt, und arbeitete mit der grossten Hast und Anstrengung; auch standen einige ungeheure Gesellen daneben, die ihn unaufhorlich antrieben und geisselten. Leim und andre Materialien waren im Uberfluss da; das Feuer nahm er aus einer grossen Kohlenpfanne. Gegenuber zeigte sich auch als stumme Figur der vergotterte Herkules, wie er abgebildet wird mit der Hebe auf dem Schoss. Vorn auf der Buhne liefen und sprachen eine Menge jugendlicher Gestalten, die sehr frohlich waren, und nicht bloss zum Schein lebten. Die jungsten glichen Amorinen, die mehr erwachsenen den Bildern von Faunen; aber jeder hatte seine eigne Manier, eine auffallende Originalitat des Gesichts, und alle hatten irgend eine Ahnlichkeit von dem Teufel der christlichen Maler oder Dichter; man hatte sie Satanisken nennen mogen. Einer der kleinsten sagte: "Wer nicht verachtet, der kann auch nicht achten; beides kann man nur unendlich, und der gute Ton besteht darin, dass man mit den Menschen spielt. Ist also nicht eine gewisse asthetische Bosheit ein wesentliches Stuck der harmonischen Ausbildung?" "Nichts ist toller," sagte ein andrer, "als wenn die Moralisten euch Vorwurfe uber den Egoismus machen. Sie haben vollkommen unrecht: denn welcher Gott kann dem Menschen ehrwurdig sein, der nicht sein eigner Gott ist? Ihr irrt freilich darin, dass ihr ein Ich zu haben glaubt; aber wenn ihr indessen euren Leib und Namen oder eure Sachen dafur haltet, so wird doch wenigstens ein Logis bereitet, wenn etwa ja noch ein Ich kommen sollte." "Und diesen Prometheus konnt ihr nur recht in Ehren halten," sagte einer der grossten; "er hat euch alle gemacht, und macht immer mehrere eures gleichen." In der Tat warfen auch die Gesellen jeden neuen Menschen, so wie er fertig war, unter die Zuschauer herab, wo man ihn sogleich gar nicht mehr unterscheiden konnte, so ahnlich waren sie alle. "Er fehlt nur in der Methode!" fuhr der Satanikus fort: "Wie kann man allein Menschen bilden wollen? Das sind gar nicht die rechten Werkzeuge." Und dabei winkte er auf eine rohe Figur vom Gott der Garten, die ganz im Hintergrunde der Buhne zwischen einem Amor und einer sehr schonen unbekleideten Venus stand. "Darin dachte unser Freund Herkules richtiger, der funfzig Madchen in einer Nacht fur das Heil der Menschheit beschaftigen konnte, und zwar heroische. Er hat auch gearbeitet und viel grimmige Untiere erwurgt, aber das Ziel seiner Laufbahn war doch immer ein edler Mussiggang, und darum ist er auch in den Olymp gekommen. Nicht so dieser Prometheus, der Erfinder der Erziehung und Aufklarung. Von ihm habt ihr es, dass ihr nie ruhig sein konnt, und euch immer so treibt; daher kommt es, dass ihr, wenn ihr sonst gar nichts zu tun habt, auf eine alberne Weise sogar nach Charakter streben musst, oder euch einer den andern beobachten und ergrunden wollt. Ein solches Beginnen ist niedertrachtig. Prometheus aber, weil er die Menschen zur Arbeit verfuhrt hat, so muss er nun auch arbeiten, er mag wollen oder nicht. Er wird noch Langeweile genug haben, und nie von seinen Fesseln frei werden." Da dies die Zuschauer horten, brachen sie in Tranen aus, und sprangen auf die Buhne um ihren Vater der lebhaftesten Teilnahme zu versichern; und so verschwand die allegorische Komodie.

Treue und Scherz

Du bist doch allein Lucinde? Ich weiss nicht... vielleicht... ich glaube Bitte, bitte! liebe Lucinde. Weisst du wohl wenn die kleine Wilhelmine, Bitte, bitte! sagt, und man tut's nicht gleich, so schreit sie's immer lauter und ernsthafter, bis ihr Wille geschieht. Also das hast du mir sagen wollen, darum sturzest du so ausser Atem ins Zimmer und hast mich so erschreckt? Sei nicht bose, susses Weib! o lass mich, mein Kind! du Schone! mach mir keine Vorwurfe, gutes Madchen! Nun, wirst du noch nicht bald sagen: schliess die Turen zu? So?... Gleich will ich dir antworten. Nur erst einen recht langen Kuss, und wieder einen, dann noch einige und viele andre mehr. O, du musst mich nicht so kussen wenn ich vernunftig bleiben soll. Das macht bose Gedanken. Die verdienst du. Kannst du wirklich lachen, meine verdriessliche Dame? Wer hatte das denken sollen! aber ich weiss wohl, du lachst bloss weil du mich auslachen kannst. Aus Lust tust du es nicht. Denn wer sah nur eben so ernsthaft aus wie ein romischer Senator? Recht entzuckend hattest du aussehen konnen, liebes Kind! mit deinen heiligen dunklen Augen, mit deinen langen schwarzen Haaren im glanzenden Widerschein der Abendsonne, wenn du nicht da gesessen hattest, als sassest du zu Gericht. Bei Gott! du hast mich so angeblickt, dass ich ordentlich zuruckfuhr. Ich hatte bald das Wichtigste vergessen, und bin ganz in Konfusion geraten. Aber warum sprichst du denn gar nicht? Bin ich dir zuwider? Nun das ist komisch! du narrischer, Julius! wen lasst du zum Reden kommen? deine Zartlichkeit fliesst heute ja wie ein Platzregen. Wie dein Gesprach in der Nacht. O das Halstuch lassen Sie nur, mein Herr. Lassen? Nichts weniger als das. Was soll so ein elendes dummes Halstuch? Vorurteile! Aus der Welt muss es. Wenn uns nur nicht jemand stort! Sieht sie nicht schon wieder aus, als ob sie weinen wollte! Du bist doch wohl? Warum schlagt dein Herz so unruhig? Komm lass mich's kussen. Ja du sagtest vorhin von Turen zuschliessen. Gut, aber so nicht, nicht hier. Geschwind herunter durch den Garten, nach dem Pavillon, wo die Blumen stehn. Komm! o lass mich nicht so lange warten. Wie Sie befehlen mein Herr! Ich weiss nicht, du bist heute so sonderbar. Wenn du anfangst zu moralisieren, lieber Freund, so konnten wir eben so gut wieder zuruckgehen. Lieber gebe ich dir noch einen Kuss und laufe voran. O fliehen Sie nicht so schnell Lucinde, die Moral wird Sie doch nicht einholen. Du wirst fallen, Liebe! Ich habe dich nicht langer warten lassen wollen. Nun sind wir ja da. Und du bist auch eilig. Und du sehr gehorsam. Aber jetzt ist nicht Zeit zu streiten. Ruhig, ruhig! Siehst du, hier kannst du weichlich ruhn und wie es recht ist. Nun wenn du diesmal nicht... so hast du gar keine Entschuldigung. Wirst du nicht wenigstens erst den Vorhang niederlassen? Du hast recht, die Beleuchtung wird so viel reizender. Wie schon glanzt diese weisse Hufte in dem roten Schein!... Warum so kalt, Lucinde? Lieber, setze die Hyacinthen weiter weg, der Geruch betaubt mich. Wie fest und selbststandig, wie glatt und fein! Das ist harmonische Ausbildung. O nein, Julius! lass, ich bitte dich, ich will nicht. Darf ich nicht fuhlen, ob du gluhst wie ich? O so lass mich doch die Schlage deines Herzens lauschen, die Lippen in dem Schnee des Busens kuhlen!... Kannst du mich wegdrucken? Ich werde mich rachen. Umarme mich fester, Kuss gegen Kuss; nein! nicht mehre, einen ewigen. Nimm meine Seele ganz und gib mir deine!... O schones herrliches Zugleich! Sind wir nicht Kinder? Sprich doch! wie konntest du nur erst so gleichgultig und kalt sein, und nachher wie du mich endlich fester an dich zogst, machtest du in demselben Augenblick ein Gesicht, als wenn dir etwas weh tate, als ob es dir leid ware, dass du meine Glut erwidertest. Was ist dir? du weinst? Verbirg nicht dein Gesicht! Sieh mich an, Geliebte! O lass mich hier an dich liegen, ich kann dir nicht in die Augen sehen. Es war recht schlecht von mir, Julius! Kannst du mir verzeihen, du liebenswurdiger Mann! Wirst du mich nicht verlassen? kannst du mich noch lieben? Komm zu mir, mein susses Weib! hier an meinem Herzen. Weisst du noch neulich, wie schon es war, wie du in meinen Armen weintest? wie leicht dir wurde? Aber sprich nun auch, was ist dir, Liebe? bist du bose auf mich? Auf mich bin ich bose. Ich konnte mich schlagen... Dir freilich ware ganz recht geschehen; und wenn Sie sich kunftig wieder einmal ehemannlich betragen, mein Herr! so werde ich schon besser dafur sorgen, dass Sie mich auch wie eine Ehefrau finden sollen. Darauf kannst du dich verlassen. Ich muss lachen, wie es mich uberrascht hat. Aber bilden Sie sich nur nicht ein, mein Herr, dass du so unmenschlich liebenswurdig bist. Diesmal war es eigner Wille, dass ich meinen Vorsatz brach. Der erste und der letzte Wille ist immer der beste. Dafur, dass die Frauen meistens weniger sagen, als sie meinen, tun sie bisweilen mehr als sie wollen. Das ist nicht mehr als billig: der gute Wille verfuhrt euch. Der gute Wille ist etwas sehr gutes, aber das ist schlimm an ihm, dass er immer da ist, auch wenn man ihn nicht will. Das ist ein schoner Fehler. Aber ihr seid voll von bosem Willen und verstockt euch darin. O nein! wenn wir verstockt scheinen, so ist's bloss weil wir nicht anders konnen und also nicht bose. Wir konnen nicht, weil wir nicht recht wollen; es ist also nicht boser Wille, sondern Mangel an Willen. Und an wem liegt da wieder die Schuld als an euch, dass ihr uns nicht mitteilen wollt von eurem Uberfluss, und den guten Willen allein behalten wollt? Ubrigens ist's ganz wider Willen gesehen, dass ich hier so in den Willen geraten bin, und ich weiss selbst nicht was wir damit wollen. Indessen ist's immer besser, wenn ich mein Mutchen an einigen Worten kuhle, als wenn ich das schone Porzellan zerschluge. Bei dieser Gelegenheit habe ich mich doch von meinem ersten Erstaunen uber Ihr unerwartetes Pathos, Ihre vortreffliche Rede und Ihren ruhmlichen Vorsatz etwas erholen konnen. In der Tat ist dies einer der seltsamsten Streiche von denen, die Sie mir die Ehre verschafft haben kennen zu lernen; und so viel ich mich erinnern kann, haben Sie schon seit einigen Wochen bei Tage nicht in so gesetzten und vollen Perioden geredet, wie in Ihrer gegenwartigen Predigt. Ist es Ihnen gefallig, Ihre Meinung in Prosa zu ubersetzen? Hast du den gestrigen Abend und die interessante Gesellschaft wirklich schon ganz vergessen? Freilich, das wusste ich nicht. Also daruber bist du bose, weil ich zu viel mit Amalien gesprochen habe? Sprechen Sie doch so viel Sie wollen und mit wem Sie wollen. Aber artig sollst du mir begegnen, das will ich haben. Du sprachst so sehr laut, der Fremde stand gleich daneben, ich war angstlich und wusste mir nicht anders zu helfen. Als unartig zu sein, weil du ungeschickt warst? Verzeih mir nur! Ich bekenne mich schuldig, du weisst wie verlegen ich mit dir in Gesellschaft bin. Es tut mir leid in Gegenwart der andern mit dir zu sprechen. Wie schon weiss er sich heraus zu reden! Lass mir so etwas nie hingehen, und sei recht aufmerksam und strenge. Aber sieh, was du nun getan hast! Ist es nicht Entweihung? O nein! es ist nicht moglich, es ist mehr als das. Gesteh mir's nur, es war Eifersucht. Den ganzen Abend hattest du mich unfreundlich vergessen. Ich wollte dir heute fruh alles schreiben, aber ich habe es wieder zerrissen. Und da ich eben kam? Verdross mich deine gewaltige Eil. Konntest du mich lieben, wenn ich nicht so brennbar und elektrisch ware? bist du es nicht auch? hast du unsre erste Umarmung vergessen? In einem Augenblick ist die Liebe da, ganz und ewig, oder gar nicht. Alles Gottliche und alles Schone ist schnell und leicht. Oder sammelt die Freude sich etwa so wie Geld und andere Materien durch ein konsequentes Betragen? Wie eine Musik aus der Luft, uberrascht uns das hohe Gluck, erscheint und verschwindet. So bist du mir erschienen, du Teurer! Aber willst du mir verschwinden? Das sollst du nicht, ich sage es dir. Ich will nicht. Ich will bei dir bleiben, uberhaupt und auch jetzt. Hore ich habe grosse Lust einen langen Diskurs uber die Eifersucht mit dir zu halten: aber eigentlich sollten wir erst die beleidigten Gotter versohnen. Lieber erst den Diskurs, und hernach die Gotter. Du hast recht, wir sind noch nicht wurdig, und du fuhlst es lange nach, wann du gestort und verstimmt wurdest. Wie schon ist es dass du so empfindlich bist! Ich bin nicht empfindlicher wie du, nur anders. Nun so sage mir: ich bin nicht eifersuchtig; wie kommts, dass du eifersuchtig bist? Bin ich's denn ohne Ursache? Antworten Sie mir! Ich weiss ja nicht was du meinst. Nun eifersuchtig bin ich eigentlich nicht; aber sage mir, was ihr den ganzen Abend zusammen gesprochen habt? Auf Amalien also? ist das moglich? So eine Kinderei! Von gar nichts habe ich mit ihr gesprochen, und darum war es amusant. Und habe ich nicht eben so lange mit Antonio gesprochen, den ich doch eine Zeit her fast alle Tage sah? Ich soll also wohl glauben, du sprichst mit der koketten Amalia wie mit dem stillen ernsthaften Antonio? Nicht wahr, es ist nichts wie klare reine Freundschaft? O nein, das sollst du nicht glauben, und musst es auch nicht glauben; so ist es gar nicht. Wie kannst du mir eine solche Albernheit zutraun? denn etwas recht Albernes ist es, wenn so zwei Personen von verschiedenem Geschlecht sich ein Verhaltnis ausbilden und einbilden, wie reine Freundschaft. Mit Amalien ist es gar nichts, als dass ich sie zum Scherz liebe. Ich mochte sie gar nicht, wenn sie nicht ein wenig kokett ware. Gabe es nur mehr solche in unserm Zirkel! eigentlich muss man alle Frauen im Scherze lieben. Julius! ich glaube du wirst ganz narrisch. Nun versteh mich wohl; nicht eigentlich alle, sondern nur alle, die liebenswurdig sind und die einem eben vorkommen. Das ist also weiter nichts als was die Franzosen Galanterie und Kokett nennen. Weiter nichts, ausser dass ich's mir schon und witzig denke. Und dann mussen die Menschen wissen, was sie tun und was sie wollen, und das ist selten der Fall. Der feine Scherz verwandelt sich in ihren Handen gleich wieder in groben Ernst. Dieses im Scherz lieben ist nur gar nicht scherzhaft zuzusehen. Daran ist der Scherz unschuldig; das ist nichts wie die fatale Eifersucht. Verzeih mir, Liebe! ich will nicht auffahren, aber ich begreife durchaus nicht wie man eifersuchtig sein kann: denn Beleidigungen finden ja nicht statt unter Liebenden, so wenig wie Wohltaten. Also muss es Unsicherheit sein, Mangel an Liebe und Untreue gegen sich selbst. Fur mich ist das Gluck gewiss und die Liebe Eins mit der Treue. Freilich wie die Menschen so lieben, ist es etwas anders. Da liebt der Mann in der Frau nur die Gattung, die Frau im Mann nur den Grad seiner naturlichen Qualitaten und seiner burgerlichen Existenz, und beide in den Kindern nur ihr Machwerk und ihr Eigentum. Da ist die Treue ein Verdienst und eine Tugend; und da ist auch die Eifersucht an ihrer Stelle. Denn darin fuhlen sie ungemein richtig, dass sie stillschweigend glauben, es gabe ihres gleichen viele, und einer sei als Mensch ungefahr so viel wert wie der andre, und alle zusammen nicht eben sonderlich viel. Du haltst also die Eifersucht fur nichts anders als leere Rohheit und Unbildung. Ja oder fur Missbildung und Verkehrtheit, was eben so arg, oder noch arger ist. Nach jenem System ist es noch das beste, wenn man mit Absicht aus blosser Gefalligkeit und Hoflichkeit heiratet; und gewiss muss es fur solche Subjekte eben so bequem als unterhaltend sein, im Verhaltnis der Wechselverachtung neben einander weg zu leben. Besonders die Frauen konnen eine ordentliche Passion fur die Ehe bekommen; und wenn eine solche erst Geschmack daran findet, so geschieht es leicht, dass sie ein halbes Dutzend nach einander heiratet, geistig oder leiblich; wo es denn nie an Gelegenheit gebricht, mit Abwechselung delikat zu sein und viel von der Freundschaft zu reden.- Du hast schon vorhin so gesprochen als hieltest du uns zur Freundschaft unfahig. Ist das wirklich deine Meinung? Ja! aber die Unfahigkeit, glaube ich, liegt mehr in der Freundschaft als in euch. Ihr liebt alles was ihr liebt ganz, wie den Geliebten und das Kind. Diesen Charakter wurde selbst ein schwesterliches Verhaltnis bei euch annehmen. Darin hast du recht. Die Freundschaft ist fur euch zu vielseitig und einseitig. Sie muss ganz geistig sein und durchaus bestimmte Grenzen haben. Diese Absonderung wurde euer Wesen nur auf eine feinere Art eben so vollkommen zerstoren wie blosse Sinnlichkeit ohne Liebe. Fur die Gesellschaft aber ist sie zu ernst, zu tief und zu heilig. Konnen denn Menschen nicht miteinander reden, ohne danach zu fragen, ob sie Manner oder Frauen sind? Das durfte sehr ensthaft ausfallen. Aufs hochste mochte es einen interessanten Klub geben. Du verstehst was ich meine. Es ware schon viel, wenn man da frei und witzig reden durfte, und weder zu wild noch zu steif ware. Das Feinste und das Beste wurde immer fehlen, was uberall, wo sich ein bisschen gute Gesellschaft zeigt, Geist und Seele davon ist. Und das ist der Scherz mit der Liebe und die Liebe zum Scherz, der ohne den Sinn fur jenen zum Spass herabsinkt. Aus diesem Grunde nehme ich auch die Zweideutigkeiten in Schutz. Tust du das im Scherz oder zum Spass? Nein, nein! ich tue es im vollen Ernst. Aber doch nicht so ernsthaft und so feierlich wie Pauline und ihr Liebhaber? Gott behute! ich glaube, die liessen die Betglocken anziehen, wenn sie sich umarmen, falls es nur schicklich ware. O! es ist wahr, meine Freundin, der Mensch ist von Natur eine ernsthafte Bestie. Man muss diesem schandlichen und leidigen Hange aus allen Kraften und von allen Seiten entgegenarbeiten. Dazu sind die Zweideutigkeiten auch gut, nur sind sie so selten zweideutig, und wenn sie es nicht sind und nur einen Sinn zulassen, das ist eben nicht unsittlich, aber zudringlich und platt. Leichtfertige Gesprache mussen geistig und zierlich und bescheiden sein, so viel als moglich; ubrigens aber ruchlos genug. Das ist gut, aber was sollen sie grade in der Gesellschaft? Sie sollen das Gesprach frisch erhalten, wie das Salz an den Speisen. Es fragt sich gar nicht, warum man sie sagen soll, sondern nur wie man sie sagen soll. Denn lassen kann und darf man's doch nicht. Es ware ja grob mit einem reizenden Madchen so zu reden, als ob sie ein geschlechtsloses Amphibion ware. Es ist Pflicht und Schuldigkeit immer auf das anzuspielen, was sie ist und sein wird; und so unzart, steif und schuldig, wie die Gesellschaft einmal besteht, ist es wirklich eine komische Situation, ein unschuldiges Madchen zu sein. Das erinnert mich an den beruhmten Buffo der selbst oft sehr traurig war, wahrend er alle zu lachen machte. Die Gesellschaft ist ein Chaos, das nur durch Witz zu bilden und in Harmonie zu bringen ist; und wenn man nicht scherzt und tandelt mit den Elementen der Leidenschaft, so ballt sie sich in dicke Massen und verfinstert alles. So mogen hier wohl Leidenschaften in der Luft sein: denn es ist beinah finster. Gewiss haben Sie Ihre Augen zugeschlossen, Dame meines Herzens! Sonst wurde eine allgemeine Klarheit unfehlbar das Zimmer durchstrahlen. Wer ist wohl leidenschaftlicher, Julius! ich oder du? Wir sind's beide genug. Ohne das mochte ich nicht leben. Und sieh! darum konnte ich mich mit der Eifersucht aussohnen. Es ist alles in der Liebe: Freundschaft, schoner Umgang, Sinnlichkeit und auch Leidenschaft; und es muss alles darin sein, und eins das andre verstarken und lindern, beleben und erhohen. Lass dich umarmen, du Treuer! Aber nur unter einer Bedingung kann ich dir die Eifersucht erlauben. Ich habe oft gefuhlt, dass eine kleine Dosis von gebildetem, verfeinertem Zorn einen Mann nicht ubel kleidet. Vielleicht ist's dir so mit der Eifersucht. Getroffen! und also brauche ich sie nicht ganz abzuschworen. Wenn sie sich nur immer so schon und so witzig ausserte wie heute bei dir! Findest du das? Nun wenn du das nachstemal schon und und witzig auffahrst, werde ich dir's auch sagen und dich loben. Sind wir nun nicht wurdig, die beleidigten Gotter zu versohnen? Ja, wenn dein Diskurs ganz zu Ende ist, sonst sage noch das ubrige.

Lehrjahre der Mannlichkeit

Pharao zu spielen mit dem Anscheine der heftigsten Leidenschaft und doch zerstreut und abwesend zu sein; in einem Augenblick von Hitze alles zu wagen und sobald es verloren war, sich gleichgultig wegzuwenden: das war nur eine von den schlimmen Gewohnheiten, unter denen Julius seine wilde Jugend versturmte. Diese eine ist genug, den Geist eines Lebens zu schildern, welches in der Fulle der emporten Krafte selbst den unvermeidlichen Keim eines fruhen Verderbens enthielt. Eine Liebe ohne Gegenstand brannte in ihm und zerruttete sein Innres. Bei dem geringsten Anlass brachen die Flammen der Leidenschaft aus; aber bald schien diese aus Stolz oder aus Eigensinn ihren Gegenstand selbst zu verschmahen, und wandte sich mit verdoppeltem Grimme zuruck in sich und auf ihn, um da am Mark des Herzens zu zehren. Sein Geist war in einer bestandigen Garung; er erwartete in jedem Augenblick, es musse ihm etwas Ausserordentliches begegnen. Nichts wurde ihn befremdet haben, am wenigsten sein eigner Untergang. Ohne Geschaft und ohne Zweck trieb er sich umher unter den Dingen und unter den Menschen wie einer, der mit Angst etwas sucht, woran sein ganzes Gluck hangt. Alles konnte ihn reizen, nichts mochte ihm genugen. Daher kam es, dass ihm eine Ausschweifung nur so lange interessant war, bis er sie versucht hatte und naher kannte. Keine Art derselben konnte ihm ausschliessend zur Gewohnheit werden: denn er hatte eben so viel Verachtung als Leichtsinn. Er konnte mit Besonnenheit schwelgen und sich in den Genuss gleichsam vertiefen. Aber weder hier noch in den mancherlei Liebhabereien und Studien, auf die sich oft sein jugendlicher Enthusiasmus mit einer gefrassigen Wissbegier warf, fand er das hohe Gluck, das sein Herz mit Ungestum foderte. Spuren davon zeigten sich uberall, tauschten und erbitterten seine Heftigkeit. Am meisten Reiz hatte der Umgang aller Art fur ihn und so oft er auch sogar sie uberdrussig ward, waren es doch die gesellschaftlichen Zerstreuungen, zu denen er endlich immer wieder zuruckkehrte. Die Frauen kannte er eigentlich gar nicht, ungeachtet er schon fruh gewohnt war, mit ihnen zu sein. Sie erschienen ihm wunderbar fremd, oft ganz unbegreiflich und kaum wie Wesen seiner Gattung. Junge Manner aber, die ihm einigermassen glichen, umfasste er mit heisser Liebe und mit einer wahren Wut von Freundschaft. Doch war das allein fur ihn noch nicht das rechte. Es war ihm, als wolle er eine Welt umarmen und konne nichts greifen. Und so verwilderte er denn immer mehr und mehr aus unbefriedigter Sehnsucht, ward sinnlich aus Verzweiflung am Geistigen, beging unkluge Handlungen aus Trotz gegen das Schicksal und war wirklich mit einer Art von Treuherzigkeit unsittlich. Er sah wohl den Abgrund vor sich, aber er hielt es nicht der Muhe wert, seinen Lauf zu massigen. Er wollte lieber gleich einem wilden Jager den jahen Abhang rasch und mutig durchs Leben hinuntersturmen, als sich mit Vorsicht langsam qualen.

Bei diesem Charakter musste er oft in der geselligsten und frohlichsten Gesellschaft einsam sein, und er fand sich eigentlich am wenigsten allein, wenn niemand bei ihm war. Dann berauschte er sich in Bildern der Hoffnung und Erinnerung und liess sich absichtlich von seiner eignen Fantasie verfuhren. Jeder seiner Wunsche stieg mit unermesslicher Schnelligkeit und fast ohne Zwischenraum von der ersten leisen Regung zur grenzenlosen Leidenschaft. Alle seine Gedanken nahmen sichtbare Gestalt und Bewegung an und wirkten in ihm und wider einander mit der sinnlichsten Klarheit und Gewalt. Sein Geist strebte nicht die Zugel der Selbstherrschaft fest zu halten, sondern warf sie freiwillig weg, um sich mit Lust und mit Ubermut in dies Chaos von innerm Leben zu sturzen. Er hatte weniges erlebt und war doch voll Erinnerungen, auch aus fruher Jugend: denn ein sonderbarer Augenblick von leidenschaftlicher Stimmung, ein Gesprach, ein Geschwatz aus der Tiefe des Herzens blieb ihm ewig teuer und deutlich, und noch nach Jahren wusste er's genau, als ware es gegenwartig. Aber alles was er liebte und mit Liebe dachte, war abgerissen und einzeln. Sein ganzes Dasein war in seiner Fantasie eine Masse von Bruchstucken ohne Zusammenhang; jedes fur sich Eins und Alles, und das andre was in der Wirklichkeit daneben stand und damit verbunden war, fur ihn gleichgultig und so gut wie gar nicht vorhanden.

Noch war er nicht ganz verdorben als im Schoss der einsamen Wunsche ein heiliges Bild der Unschuld in seine Seele blitzte. Ein Strahl von Verlangen und Erinnerung traf und entzundete sie und dieser gefahrliche Traum war entscheidend fur sein ganzes Leben.

Er gedachte an ein edles Madchen, mit dem er in ruhigen glucklichen Zeiten der frischen Jugend aus reiner kindlicher Zuneigung freundlich und frohlich getandelt hatte. Da er der erste war, welcher sie durch sein Interesse an ihr reizte, so wandte auch das liebliche Kind ihre junge Seele nach ihm hin, wie sich die Blume zum Licht der Sonne neigt. Dass sie kaum reif und noch an der Grenze der Kindheit war, reizte sein Verlangen nur um so unwiderstehlicher. Sie zu besitzen, schien ihm das hochste Gut; er war entschlossen alles zu wagen und glaubte nicht ohne das leben zu konnen. Dabei verabscheute er die entfernteste Erinnerung an burgerliche Verhaltnisse, wie jede Art von Zwang.

Er eilte zuruck in ihre Nahe und fand sie ausgebildeter, aber noch eben so edel und eigen, so sinnig und stolz wie ehedem. Was ihn noch mehr reizte als ihre Liebenswurdigkeit, waren die Spuren von tiefem Gefuhl. Sie schien nur frohlich und leichtfertig durchs Leben zu schwarmen wie uber eine blumenreiche Ebne, und verriet doch seinem aufmerksamen Auge die entschiedenste Anlage zu einer grenzenlosen Leidenschaftlichkeit. Ihre Neigung, ihre Unschuld und ihr verschwiegenes und verschlossenes Wesen boten ihm leicht Mittel dar, sie allein zu sehen, und die Gefahr, die damit verbunden war, erhohte den Reiz des Unternehmens. Aber mit Verdruss musste er sich's gestehen, dass er seinem Ziele nicht naher kam und schalt sich zu ungeschickt, ein Kind zu verfuhren. Willig uberliess sie sich einigen Liebkosungen und erwiderte sie mit schuchterner Lusternheit. Sobald er aber diese Grenzen zu uberschreiten versuchte, widersetzte sie sich, ohne beleidigt zu scheinen, mit unerbittlichem Eigensinn; vielleicht mehr aus Glauben an ein fremdes Gebot als aus eignem Gefuhl von dem, was allenfalls erlaubt sei und von dem, was durchaus nicht.

Indessen wurde er nicht mude zu hoffen und zu beobachten. Einst uberraschte er sie, als sie es am wenigsten erwartete. Sie war schon lange allein gewesen und mochte sich ihrer Fantasie und einer unbestimmten Sehnsucht mehr als gewohnlich uberlassen haben. Da er dies gewahr ward, wollte er den Augenblick, der vielleicht nie wieder kame, nicht verscherzen und geriet durch die plotzliche Hoffnung selbst in einen Taumel von Begeisterung. Ein Strom von Bitten, von Schmeicheleien und von Sophismen floss von seinen Lippen. Er bedeckte sie mit Liebkosungen und er geriet ausser sich vor Entzucken, da das liebenswurdige Kopfchen endlich an seine Brust sank, wie sich die zu volle Blume an ihrem Stengel senket. Ohne Zuruckhaltung schmiegte sich die schlanke Gestalt um ihn, die seiednen Locken der goldnen Haare flossen uber seine Hand, mit zartlicher Sehnsucht offnete sich die Knospe des schonen Mundes, und aus den frommen dunkelblauen Augen strahlte und schmachtete ein ungewohntes Feuer. Sie setzte den kuhnsten Liebkosungen nur noch schwachen Widerstand entgegen. Bald horte auch dieser auf, sie liess plotzlich ihre Arme sinken, und alles war ihm hingegeben, der zarte jungfrauliche Leib und die Fruchte des jungen Busens. Aber in demselben Augenblick brach ein Strom von Tranen aus ihren Augen, und die bitterste Verzweiflung entstellte ihr Gesicht. Julius erschrak heftig; nicht sowohl uber die Tranen, aber er kam nun mit einem Male zur vollen Besinnung. Er dachte an alles was vorhergegangen war, und was nun folgen wurde; an das Opfer vor ihm und an das arme Schicksal der Menschen. Da uberlief ihn ein kalter Schauder, ein leiser Seufzer stahl sich aus tiefer Brust uber seine Lippen. Er verschmahte sich selbst von der Hohe seines eignen Gefuhls, und vergass die Gegenwart und seine Absicht in Gedanken von allgemeiner Sympathie.

Der Augenblick war versaumt. Er suchte nur das gute Kind zu trosten und zu besanftigen, und eilte mit Abscheu von dem Orte hinweg, wo er den Blutenkranz der Unschuld mutwillig hatte zerreissen wollen. Er wusste wohl, dass mancher seiner Freunde, der noch weniger an weibliche Tugend glaubte wie er, sein Benehmen ungeschickt und lacherlich finden wurde. Er war beinah selbst dieser Meinung, da er wieder mit Kalte zu uberlegen anfing. Indessen hielt er seine Dummheit doch fur ausgezeichnet und interessant. Er glaubte, es sei notwendig, dass edle Naturen in gemeinen Verhaltnissen und in den Augen der Menge einfaltig oder rasend erscheinen mussten. Da bei dem nachsten Wiedersehn, wie er schlau bemerkte oder sich einbildete, das Madchen eher unzufrieden schien, dass es nicht ganz verfuhrt sei, bestatigte er sich in seinem Misstrauen und geriet in eine grosse Erbitterung. Es wandelte ihn beinah eine Art von Verachtung an, zu der er doch so wenig berechtigt war. Er floh, zog sich wieder in die alte Einsamkeit zuruck und verzehrte sich in seiner eignen Sehnsucht.

So lebte er von neuem eine Zeit auf die alte Weise in einem Wechsel von Schwermut und Ausgelassenheit. Der einzige Freund, der Kraft und Ernst genug hatte, ihn trosten und beschaftigen zu konnen und auf dem Wege zum Verderben einzuhalten, war weit entfernt, und seine Sehnsucht also auch von dieser Seite unbefriedigt. Heftig streckte er einst die Arme nach ihm aus, als musse er nun endlich da sein, und trostlos liess er sie wieder sinken, nachdem er lange vergeblich gewartet. Er vergoss keine Trane, aber sein Geist fiel in eine Agonie von hoffnungsloser Wehmut, aus der er sich nur zu neuen Torheiten ermannte.

Er freute sich laut, da er im Glanz der prachtvollen Morgensonne auf die Stadt zurucksah, die er schon als Kind geliebt und wo er nur noch eben so ganz lebte, und die er nun auf immer zu verlassen hoffte. Er atmete schon das frische Leben der neuen Heimat, die ihn in der Fremde erwarten sollte, und deren Bilder er schon mit Heftigkeit liebte.

Er fand bald einen andern reizenden Wohnort, wo ihn zwar nichts fesselte, aber doch vieles anzog. Alle seine Krafte und Neigungen wurden rege durch die neuen Gegenstande; ohne Zweck und Mass in seinem Innern, nahm er teil an allem Aussern, was nur irgend merkwurdig war, und liess sich uberall ein.

Da er auch in diesem Gerausch bald Leerheit und Uberdruss empfand, so kehrte er oft zuruck zu seinen einsamen Traumen und wiederholte das alte Gewebe seiner unbefriedigten Wunsche. Eine Trane entfiel ihm uber sich selbst, da er einst im Spiegel sah, wie trube und stechend das Feuer der unterdruckten Liebe aus seinem dunkeln Auge brannte und wie sich unter wilden schwarzen Locke leise Furchen in die kampfende Stirn gruben, und wie die Wange so bleich war. Er seufzte uber seine ungenutzte Jugend; sein Geist emporte sich und wahlte unter den schonen Frauen seiner Bekanntschaft die, welche am freisten lebte und am meisten in der guten Gesellschaft glanzte. Er nahm sich vor, nach ihrer Liebe zu streben und er erlaubte seinem Herzen, sich ganz zu uberfullen mit diesem Gegenstande. Was so wild und willkurlich begonnen wurde, konnte nicht gesund endigen, und die Dame, welche eben so eitel als schon war, musste es sonderbar und mehr als sonderbar finden, wie Julius sie mit der ernsthaftesten Aufmerksamkeit formlich zu umgeben und zu belagern anfing und dabei bald so dreist und zuversichtlich war wie ein alter Besitzer, bald so schuchtern und fremd wie ein vollig Unbekannter. Da er sich so seltsam zeigte, hatte er bei weitem reicher sein mussen, als er war, um solche Anspruche haben zu durfen. Sie hatte ein leichtes, munteres Wesen und ihm schien sie artig zu reden. Aber was er an der Geliebten fur gottlichen Leichtsinn nahm, war nichts als ein gedankenloses Schwarmen ohne eigentliche Freude und Frohlichkeit, und auch ohne Geist, ausgenommen so viel Verstand und Schlauigkeit, als es braucht, um alles absichtlich und zwecklos zu verwirren, die Manner zu locken und zu lenken und sich selbst in Schmeicheleien zu berauschen. Zu seinem Unglucke erhielt er einige Zeichen von Gunst; von der Art, welche die Geberin nicht binden, weil sie sich nie dazu bekennen darf und welche den gefangenen Neuling durch den Zauber der Heimlichkeit noch unaufloslicher fesseln. Ihn konnte schon ein verstohlner Blick und Handedruck ganz bezaubern, oder ein Wort, was vor allen gesagt in seiner eigentlichen Beziehung und Anspielung nur ihm verstandlich war, wenn die einfache und wohlfeile Gabe nur durch den Schein einer eignen sonderbaren Bedeutsamkeit gewurzt wurde. Sie gab ihm, wie er glaubte, ein noch deutlicheres Zeichen und es beleidigte ihn tief, dass sie ihn so wenig verstehe, dass sie ihm so sehr zuvorkomme. Er war nicht wenig stolz darauf, dass ihn das beleidigte und doch reizte es ihn unwiderstehlich, wenn er dachte, er durfe nur schnell sein und die gunstige Gelegenheit ergreifen, um ohne Hindernis ans Ziel zu gelangen. Er machte sich schon bittre Vorwurfe uber seine Langsamkeit, als er plotzlich Verdacht schopfte, ihr Zuvorkommen sei nur Tauschung, sie meine es auch mit ihm nicht ehrlich; und da ein Freund ihn vollends aufklarte, konnte ihm kein Zweifel bleiben. Er sah, dass man ihn lacherlich finde und musste sich gestehn, dass es ganz in der Ordnung sei. Daruber geriet er etwas in Wut und hatte leicht Unheil begonnen, wenn er diese leeren Menschen, ihre kleinen Verhaltnisse und Missverstandnisse und das ganze Spiel geheimer Absichten und Rucksichten nicht genau beobachtet und also grundlich verachtet hatte. Auch wurde er wieder ungewiss und da sein Argwohn nun keine Grenzen mehr kannte, so war er gegen sein eignes Misstrauen misstrauisch. Bald sah er den Grund des Ubels nur in seinem Eigensinne und ubertriebnem Zartgefuhl und fasste dann neue Hoffnung und neues Zutrauen; bald sah er in allem Ungluck, was ihn in der Tat absichtlich zu verfolgen schien, nur das kunstliche Werk ihrer Rache. Alles schwankte, nur das ward ihm immer klarer und fester, dass vollendete Narrheit und Dummheit im Grossen das eigentliche Vorrecht der Manner sei, mutwillige Bosheit hingegen mit naiver Kalte und lachender Gefuhllosigkeit eine angeborne Kunst der Frauen. Das war alles, was er lernte durch sein angestrengtes Bestreben nach Menschenkenntnis. Im einzelnen verfehlte er immer auf eine scharfsinnige Art das Rechte, weil er uberall kunstliche Absichten voraussetzte und tiefen Zusammenhang, und gar keinen Sinn hatte fur das Unbedeutende. Dabei wuchs seine Leidenschaft zum Spiel, dessen zufallige Verwickelungen, Sonderbarkeiten und Glucksfalle ihn auf eben die Art interessierten, wie wenn er in hohern Verhaltnissen mit seinen Leidenschaften und ihren Gegenstanden aus reiner Willkur ein hohes Spiel wagte oder zu wagen glaubte.

So verwirrte er sich immer tiefer in die Intrigen einer schlechten Gesellschaft und was ihm noch ubrig blieb von Zeit und Kraft in dem Wirbel der Zerstreuungen, wandte er auf ein Madchen, die er so sehr als moglich allein zu besitzen strebte, obgleich er sie unter denen gefunden hatte, die beinah offentlich sind. Was sie ihm so interessant machte, war nicht allein das weshalb sie allgemein gesucht und gleichsam beruhmt war, ihre seltne Gewandtheit und unerschopfliche Mannichfaltigkeit in allen verfuhrerischen Kunsten der Sinnlichkeit. Ihr naiver Witz uberraschte ihn mehr und reizte ihn am meisten, wie die hellen Funken von rohem tuchtigem Verstand, vorzuglich aber ihre entschiedne Manier und ihr konsequentes Betragen. Mitten im Stande der aussersten Verderbtheit zeigte sie eine Art von Charakter; sie war voll von Eigenheiten und ihr Egoismus nicht im gemeinen Stil. Nachst der Unabhangigkeit liebte sie nichts so unmassig wie das Geld, aber sie wusste es zu brauchen. Dabei war sie billig gegen jeden, der nicht sehr reich war und selbst gegen die andern treuherzig in ihrer Habsucht und ohne Ranke. Sie schien ganz sorgenlos nur in der Gegenwart zu leben und war doch immer auf die Zukunft bedacht. Sie sparte im Kleinen um nach ihrer Art im Grossen zu verschwenden und im Uberflussigen das Beste zu haben. Ihr Boudoir war einfach und ohne alle gewohnlichen Meublen, nur von allen Seiten grosse, kostbare Spiegel und wo noch Raum ubrig blieb, einige gute Kopien von den wollustigen Gemalden des Correggio und Tizian, desgleichen einige schone Originale von frischen, vollen Blumen- und Fruchtstucken; statt der Lambris die lebendigsten und frohlichsten Darstellungen in Basrelief aus Gips nach der Antike; statt der Stuhle echte orientalische Teppiche und einige Gruppen aus Marmor in halber Lebensgrosse: ein gieriger Faun, der eine Nymphe, die im Fliehen schon gefallen ist, eben vollig uberwinden wird; eine Venus, die mit aufgehobenem Gewande lachelnd uber den wollustigen Rucken auf die Huften schaut und andre ahnliche Darstellungen. Hier sass sie oft auf turkische Sitte Tage lang allein und die Hande mussig im Schoss, denn sie verabscheute alle weiblichen Arbeiten. Sie erfrischte sich nur von Zeit zu Zeit mit Wohlgeruchen und liess sich dabei von ihrem Jockey, einem bildschonen Knaben, den sie sich in seinem vierzehnten Jahre eigens verfuhrt hatte, Geschichten, Reisebeschreibungen und Marchen vorlesen. Sie gab wenig darauf acht, ausser wenn etwas Lacherliches vorkam, oder eine allgemeine Bemerkung, die sie auch wahr fand. Denn sie achtete nichts und hatte Sinn fur nichts als fur Realitat und fand alle Poesie lacherlich. Sie war einmal Schauspielerin gewesen, aber nur kurze Zeit und sie machte sich gern lustig uber ihr Ungeschick dazu und uber die Langeweile, die sie dabei ausgestanden. Es war eine von ihren vielen Eigenheiten, dass sie bei solchen Gelegenheiten in der dritten Person von sich sprach. Auch wenn sie erzahlte, nannte sie sich nur Lisette, und sagte oft, wenn sie schreiben konnte, wollte sie ihre eigne Geschichte schreiben, aber so als ob es ein andrer ware. Fur Musik hatte sie gar kein Gefuhl, fur die bildenden Kunste aber so viel dass Julius oft mit ihr uber seine Arbeiten und Ideen sprach, und die Skizzen fur die besten hielt, die er unter ihren Augen und bei ihrem Gesprach entworfen hatte. Doch schatzte sie an Statuen und an Zeichnungen nur die lebendige Kraft, und an Gemalden nur den Zauber der Farben, die Wahrheit des Fleisches und allenfalls die Tauschung des Lichtes. Sprach ihr jemand von Regeln, vom Ideal und von der sogenannten Zeichnung, so lachte sie oder horte nicht zu. Selbst etwas zu versuchen, so viele bereitwillige Lehrer sich auch anboten, war sie viel zu trage und verwohnt und befand sich zu wohl bei ihrer Lebensart. Auch traute sie allen Schmeicheleien nicht und blieb fest uberzeugt, sie wurde es mit aller Not und Arbeit in der Kunst zu nichts Ordentlichem bringen. Lobte man ihren Geschmack und ihr Zimmer, in welches sie nur selten auserwahlte Lieblinge fuhrte, so ruhmte sie dagegen auf eine komische Weise zuerst das gute alte Schicksal, die schlaue Lisette und dann die Englander und Hollander als die besten Nationen unter allen, die sie kenne; weil die volle Kasse einiger Neulinge von dieser Sorte zuerst einen guten Grund zu ihrer reichlichen Einrichtung gelegt hatte. Uberhaupt freute sie sich sehr damit, wenn sie jemanden, der dumm war, ubervorteilt hatte: aber sie tat es auf eine drollige, fast kindische Art, mit Witz und mehr aus Ubermut als aus Rohheit. Ihre ganze Klugheit wandte sie darauf, sich der Zudringlichkeit und Unart der Manner zu erwehren, und es gelang ihr so sehr, dass die rohen, wusten Menschen mit einer innigen Achtung von ihr sprachen, die dem, welcher sie nicht kannte und nur von ihrem Gewerbe wusste, sehr komisch dunkte. Das war es auch, was den neugierigen Julius zuerst reizte, eine so sonderbare Bekanntschaft zu suchen und er fand bald noch mehr Ursach zu erstaunen. Bei den gewohnlichen Mannern litt und tat sie, was sie schuldig zu sein glaubte; genau, mit Geschicklichkeit und mit Kunstsinn, aber ganz kalt. Gefiel ihr ein Mann, fuhrte sie ihn gar in ihr heiliges Cabinet; so schien sie eine ganz neue Person zu werden. Sie geriet dann in eine schone bacchantische Wut; wild, ausschweifend und unersattlich vergass sie beinah der Kunst und verfiel in eine hinreissende Anbetung der Mannlichkeit. Darum liebte sie Julius, und auch weil sie ihm so ganz ergeben schien, ungeachtet sie davon nicht viele Worte machte. Sie merkte bald, ob jemand Verstand habe, und wo sie den zu finden glaubte, ward sie offen und herzlich, und liess sich dann gern von ihrem Freunde erzahlen, was er von der Welt wusste. Mancher hatte sie belehrt, keiner aber hatte ihr innerstes Wesen so verstanden, so fein geschont und ihren eigentlichen Wert so geachtet wie Julius. Darum hing sie auch mehr an ihm als sich sagen lasst. Sie erinnerte sich vielleicht zum erstenmal mit Ruhrung an ihre erste Jugend und Unschuld und gefiel sich nicht in der Umgebung, mit der sie sonst ganz zufrieden war. Julius fuhlte das und freute sich damit, aber er konnte nie uber die Geringschatzung Herr werden, die ihm ihr Stand und ihr Verderben einflosste, und sein unausloschliches Misstrauen schien ihm hier gerecht zu sein. Wie entrustet war er daher, als sie ihm einst unerwarteter Weise die Ehre der Vaterschaft ankundigte. Und er wusste es doch, dass sie trotz ihres Versprechens noch vor Kurzem Besuche von einem andern angenommen hatte. Das Versprechen konnte sie ihm nicht abschlagen. Sie selbst hatte es wahrscheinlich gern gehalten, aber sie brauchte mehr als er geben konnte; sie wusste nur eine Art, Geld zu erwerben, und aus einer Delikatesse, die sie einzig fur ihn hatte, nahm sie nur das wenigste von dem, was er geben wollte. Alles das bedachte der aufgebrachte Jungling nicht, er hielt sich fur betrogen, er sagte es ihr mit harten Worten und verliess sie in dem leidenschaftlichsten Zustande, wie er glaubte, auf immer. Nicht lange nachher suchte ihn der Knabe mit Tranen und Klagen und liess nicht ab, bis er mit ihm ging. Er fand sie fast entkleidet in dem schon dunkeln Cabinet, er sank in die geliebten Arme, mit denen sie ihn so heftig an sich riss wie sonst, aber sie sanken sogleich an ihm nieder. Er horte einen tiefen stohnenden Seufzer, es war der letzte; und da er sich ansah, war er mit Blut bedeckt. Voll Entsetzen sprang er auf und wollte fliehen. Er verweilte nur, um eine grosse Locke zu ergreifen, die neben dem gefarbten Messer auf dem Boden lag. Sie hatte dieselbe in einem Anfalle von begeisterter Verzweiflung kurz zuvor, ehe sie sich die vielen Wunden gab, von denen die meisten todlich waren, abgeschnitten. Wahrscheinlich mit dem Gedanken, sich dadurch dem Tode und dem Verderben als Opfer zu weihen. Denn nach der Aussage des Knaben sprach sie dabei mit lauter Stimme die Worte: "Lisette soll zu Grunde gehen, zu Grunde jetzt gleich: so will es das Schicksal, das eiserne."

Der Eindruck, den diese uberraschende Tragodie auf den reizbaren Jungling machte, war unausloschlich, und brannte durch seine eigne Kraft immer tiefer. Die erste Folge von Lisettens Ruin war, dass er ihr Andenken mit schwarmerischer Achtung vergotterte. Er verglich ihre hohe Energie mit den nichtswurdigen Intrigen der Dame, die ihn verstrickt hatte, und sein Gefuhl musste laut entscheiden, dass jene sittlicher und weiblicher sei: denn diese Kokette gab nie eine kleine oder grosse Gunst ohne Nebenabsicht; und doch ward sie von aller Welt geachtet und bewundert, wie so viele andre, die ihr gleichen. Daruber widersetzte sich sein Verstand mit Heftigkeit allen falschen und allen wahren Meinungen, die man uber die weibliche Tugend hat. Es war Grundsatz bei ihm, die gesellschaftlichen Vorurteile, welche er bisher nur vernachlassigte, nun ausdrucklich zu verachten. Er gedachte an die zarte Louis, die beinah ein Raub seiner Verfuhrung geworden ware und er erschrak. Denn auch Lisette war von guter Familie, fruh gefallen, entfuhrt und in der Fremde verlassen, zu stolz gewesen umzukehren, und durch die erste Erfahrung so belehrt wie andre nicht durch die letzte. Mit schmerzlichem Vergnugen sammelte er manchen interessanten Zug von ihrer fruhen Jugend. Sie war damals mehr schwermutig als leichtsinnig, aber in der Tiefe ganz Flamme und schon als kleines Madchen traf man sie bei Gemalden von nackten Gestalten oder bei andern Gelegenheiten in sonderbaren Ausserungen der heftigsten Sinnlichkeit.

Diese Ausnahme von dem, was Julius fur gewohnlich hielt beim weiblichen Geschlecht, war zu einzig und die Umgebung, in der er sie fand, zu unrein, als dass er dadurch zu einer wahren Ansicht hatte gelangen konnen. Vielmehr trieb ihn sein Gefuhl, sich fast ganz von den Frauen und von den Gesellschaften, wo sie den Ton angeben, zuruck zu ziehen. Er furchtete seine Leidenschaftlichkeit und warf seinen ganzen Sinn auf die Freundschaft mit Junglingen, die wie er der Begeisterung fahig waren. Diesen ergab er sein Herz, nur sie waren fur ihn wahrhaft wirklich, die ubrige Menge gemeiner Schattenwesen freute er sich zu verachten. Mit Leidenschaft und mit Spitzfindigkeit stritt er innerlich und grubelte uber seine Freunde, uber ihre verschiedenen Vorzuge und Verhaltnisse zu ihm. Er erhitzte sich in seinen eigenen Gedanken und Gesprachen und war berauscht von Stolz und von Mannlichkeit. Auch gluhten sie alle von edler Liebe, unentwickelt schlummerte hier manche grosse Kraft, und sie sagten nicht selten in rohen aber treffenden Worten erhabene Dinge uber die Wunder der Kunst, uber den Wert des Lebens und uber das Wesen der Tugend und Selbststandigkeit. Vorzuglich aber uber die Gottlichkeit der mannlichen Freundschaft, die Julius zum eigentlichen Geschaft seines Lebens zu machen gesonnen war. Er hatte viele Verbindungen, und war unersattlich immer neue zu knupfen. Jeden Mann, der ihm interessant erschien, suchte er, und ruhte nicht, bis er ihn gewonnen und die Zuruckhaltung des andern durch seine jugendliche Zudringlichkeit und Zuversicht besiegt hatte. Es lasst sich denken, dass er, der sich eigentlich alles erlaubt hielt und sich selbst uber das Lacherliche wegsetzen konnte, eine andre Schicklichkeit im Sinne und vor Augen hatte als die, welche allgemein gilt.

In dem Gefuhl und Umgang des einen Freundes fand er mehr als weibliche Schonung und Zartheit bei erhabenem Verstande und fest gebildetem Charakter. Ein zweiter brannte mit ihm in edlem Unwillen uber das schlechte Zeitalter und wollte etwas Grosses wirken. Der liebenswurdige Geist des dritten war noch ein Chaos von Andeutungen: aber er hatte zarten Sinn fur alles und ahndete die Welt. Den einen verehrte er als seinen Meister in der Kunst wurdig zu leben. Den andern dachte er als seinen Junger und wollte sich nur vor der Hand zur Teilnahme an seinen Ausschweifungen herablassen, um ihn ganz zu kennen und zu gewinnen, und dann seine grosse Anlage zu retten, die so nah am Abgrunde wandelte wie seine eigne.

Es waren grosse Gegenstande, nach denen sie mit Ernst strebten. Indessen blieb es bei hohen Worten und vortrefflichen Wunschen. Julius kam nicht weiter und ward nicht klarer, er handelte nicht und er bildete nichts. Ja er vernachlassigte seine Kunst fast nie mehr, als da er sich und seine Freunde mit Projekten uberstromte von allen Werken, die er vollbringen wollte, und die ihm im Augenblick der ersten Begeisterung schon fertig schienen. Die wenigen Anwandlungen von Nuchternheit, die ihm noch ubrig blieben, erstickte er in Musik, die fur ihn ein gefahrlicher, bodenloser Abgrund von Sehnsucht und Wehmut war, in den er sich gern und willig versinken sah.

Diese innere Garung hatte heilsam sein konnen, und aus der Verzweiflung ware endlich Ruhe und Festigkeit hervorgegangen, und er ware klar geworden uber sich selbst. Aber die Wut der Unbefriedigung zerstuckte seine Erinnerung, er hatte nie weniger eine Ansicht vom Ganzen seines Ich. Er lebte nur in der Gegenwart, an der er mit durstigen Lippen hing, und vertiefte sich ohne Ende in jeden unendlich kleinen und doch unergrundlichen Teil der ungeheuren Zeit, als musse es nun in diesem endlich zu finden sein, was er schon so lange suche. Diese Wut der Unbefriedigung musste ihn bald mit seinen Freunden selbst verstimmen und entzweien, von denen die meisten bei den herrlichsten Anlagen ebenso untatig und mit sich uneins waren wie er. Dieser schien ihn nicht zu verstehn, jener bewunderte nur seinen Geist, ausserte aber Misstrauen gegen sein Herz und tat ihm wirklich unrecht. Da hielt er seine innerste Ehre gekrankt und fuhlte sich von geheimem Hass zerrissen. Er uberliess sich diesem Gefuhl ohne Scheu, denn er glaubte, nur wen man achten musse, durfe man hassen, und nur Freunde konnten einer dem andern das zarteste Gefuhl so tief verletzen. Der eine Jungling war durch eigne Schuld zu Grunde gegangen; der andre fing gar an selbst gewohnlich zu werden. Mit einem dritten war sein Verhaltnis verstimmt und fast gemein geworden. Es war ganz geistig gewesen, und so hatte es auch bleiben sollen. Aber eben weil es so zart war, musste mit der feinsten Blute alles verloren gehn, als die Gelegenheit es gab, dass einer dem andern Dienste leistete. Da gerieten sie in Wettstreite von Grossmut und Dankbarkeit und fingen endlich an, in der geheimsten Tiefe der Seele irdische Foderungen an sich zu machen und zu vergleichen.

Bald hatte der Zufall ohne Schonung aufgelost, was nur durch Willkur leidenschaftlich verbunden war. Immer mehr und mehr geriet Julius in einen Zustand, der von der Verruckung nur dadurch verschieden war, dass es einigermassen auf ihn ankam, wann und wie weit er sich seiner Gewalt hingeben wollte. Auch war sein ausseres Betragen jeder burgerlichen und gesellschaftlichen Ordnung gemass, und grade jetzt fingen die Menschen an, ihn vernunftig zu nennen, da eine Verwirrung aller Schmerzen sein Innres wild zerriss, und die Krankheit des Geistes immer tiefer und geheimer an dem Herzen nagte. Es war mehr eine Raserei des Gefuhls als des Verstandes, und das Ubel war nur um so gefahrlicher, weil er ausserlich froh und lustig schien. So war seine gewohnliche Stimmung, und man fand ihn sogar angenehm. Nur wenn er mehr Wein genossen hatte als gewohnlich, ward er uberaus traurig und zu Tranen und Klagen geneigt. Aber selbst dann sprudelte er, wenn andre zugegen waren, von bitterm Witz und allgemeinem Spott, oder er trieb sein Spiel mit sonderbaren und dummen Menschen, deren Umgang er nun uber alles liebte, und die er in die beste Laune zu setzen wusste, so dass sie sich von Herzen mitteilten und ganz zeigten, wie sie waren. Das Gemeine reizte und unterhielt ihn; nicht aus liebenswurdiger Herablassung, sondern weil es nach seiner Ansicht narrisch und toll war.

An sich selbst dachte er nicht, nur dann und wann uberfiel ihn ein klares Gefuhl, er werde plotzlich zu Grunde gehn. Die Reue unterdruckte er durch Stolz, und die Gedanken und Bilder des Selbstmordes waren ihm schon in seiner fruhsten jugendlichen Schwermut so gelaufig gewesen, dass sie den Reiz der Neuheit fur ihn verloren hatten. Einen solchen Entschluss auszufuhren, ware er sehr fahig gewesen, wenn er nur uberhaupt zu einem Entschluss hatte kommen konnen. Es schien ihm kaum der Muhe wert, weil er doch nicht hoffen wollte, der Langeweile des Daseins und dem Eckel uber das Schicksal auf diesem Wege zu entfliehn. Er verachtete die Welt und alles, und war stolz darauf.

Auch diese Krankheit wie alle vorigen heilte und vernichtete der erste Anblick einer Frau die einzig war, und die seinen Geist zum erstenmal ganz und in der Mitte traf. Seine bisherigen Leidenschaften spielten nur auf der Oberflache, oder es waren vorubergehende Zustande ohne Zusammenhang. Jetzt ergriff ihn ein neues unbekanntes Gefuhl, dass dieser Gegenstand allein der rechte, und dieser Eindruck ewig sei. Der erste Blick schon entschied, beim zweiten wusste er's, und sagte sich's, dass es nun gekommen, und wirklich da sei, was er so lange dunkel erwartet hatte. Er erstaunte, und erschrack, denn wie er dachte, dass es sein hochstes Gut sein wurde, von ihr geliebt zu werden und sie ewig zu besitzen, so fuhlte er zugleich dass dieser hochste und einzige Wunsch ewig unerreichbar sei. Sie hatte gewahlt und hatte sich gegeben; ihr Freund war auch der seinige, und lebte ihrer Liebe wurdig. Julius war der Vertraute, er wusste daher alles genau, was ihn unglucklich machte, und urteilte mit Strenge uber seinen eignen Unwert. Gegen diesen wandte sich die ganze Kraft seiner Leidenschaft. Er entsagte der Hoffnung und dem Gluck, aber er beschloss, es zu verdienen, und Herr uber sich selbst zu werden. Nichts verabscheute er so sehr, als den Gedanken, das Geringste von dem was ihn erfullte, auch nur durch ein undeutliches Wort, durch einen verstohlnen Seufzer zu verraten. Gewiss ware auch jede Ausserung widersinnig gewesen, und da er so heftig, sie so fein, und das Verhaltnis so zart war, hatte ein einziger Wink, von denen, die unwillkurlich scheinen, und doch bemerkt sein wollen, immer weiter fuhren, und alles verwirren mussen. Darum drangte er alle Liebe in sein Innerstes zuruck, und liess da die Leidenschaft wuten, brennen und zehren; aber sein Ausseres war durchaus verwandelt, und so gut gelang ihm der Schein der kindlichsten Unbefangenheit und Unerfahrenheit und einer gewissen bruderlichen Harte, die er annahm, damit er nicht aus dem Schmeichelhaften ins Zartliche fallen mochte, dass sie nie den leisesten Argwohn schopfte. Sie war heiter und leicht in ihrem Gluck, sie ahndete nichts, scheute also nichts, sondern liess ihrem Witz und ihrer Laune freies Spiel, wenn sie ihn unliebenswurdig fand. Uberhaupt lag in ihrem Wesen jede Hoheit und jede Zierlichkeit, die der weiblichen Natur eigen sein kann, jede Gottahnlichkeit, und jede Unart, aber alles war fein, gebildet, und weiblich. Frei und kraftig entwickelte und ausserte sich jede einzelne Eigenheit, als sei sie nur fur sich allein da, und dennoch war die reiche, kuhne Mischung so ungleicher Dinge im Ganzen nicht verworren, denn ein Geist beseelte es, ein lebendiger Hauch von Harmonie und Liebe. Sie konnte in derselben Stunde irgend eine komische Albernheit mit dem Mutwillen und der Feinheit einer gebildeten Schauspielerin nachahmen, und ein erhabenes Gedicht vorlesen mit der hinreissenden Wurde eines kunstlosen Gesanges. Bald wollte sie in Gesellschaft glanzen und tandeln, bald war sie ganz Begeisterung, und bald half sie mit Rat und Tat, ernst, bescheiden und freundlich wie eine zartliche Mutter. Eine geringe Begebenheit ward durch ihre Art sie zu erzahlen so reizen wie ein schones Marchen. Alles umgab sie mit Gefuhl und mit Witz, sie hatte Sinn fur alles, und alles kam veredelt aus ihrer bildenden Hand und von ihren suss redenden Lippen. Nichts Gutes und Grosses war zu heilig oder zu allgemein fur ihre leidenschaftlichste Teilnahme. Sie vernahm jede Andeutung, und sie erwiderte auch die Frage, welche nicht gesagt war. Es war nicht moglich, Reden mit ihr zu halten; es wurden von selbst Gesprache und wahrend dem steigenden Interesse spielte auf ihrem feinen Gesichte eine immer neue Musik von geistvollen Blicken und lieblichen Mienen. Dieselben glaubte man zu sehen, wie sie sich bei dieser oder bei jener Stelle veranderten, wenn man ihre Briefe las, so durchsichtig und seelenvoll schrieb sie, was sie als Gesprach gedacht hatte. Wer sie nur von dieser Seite kannte, hatte denken konnen, sie sei nur liebenswurdig, sie wurde als Schauspielerin bezaubern mussen, und ihren geflugelten Worten fehle nur Mass und Reim, um zarte Poesie zu werden. Und doch zeigte eben diese Frau bei jeder grossen Gelegenheit Mut und Kraft zum Erstaunen, und das war auch der hohe Gesichtspunkt, aus dem sie den Wert der Menschen beurteilte.

Diese Grosse der Seele war die Seite, von der Julius im Anfange seiner Leidenschaft ihr Wesen am meisten ergriff, weil diese zu dem Ernst derselben am besten stimmte. Sein ganzes Wesen war gleichsam von der Oberflache zuruckgetreten nach dem Innern; er versank in eine allgemeine Verschlossenheit und floh den Umgang der Menschen. Rauhe Felsen waren seine liebste Gesellschaft, am Gestade des einsamen Meeres hing er seinen Gedanken nach, und ging zu Rate mit sich selbst, und wenn das Sausen des Windes in den hohen Tannen rauschte, so wahnte er, die machtigen Wogen tief unter ihm wollten sich aus Teilnahme und Mitleiden ihm nahern, und schwermutig blickte er den fernen Schiffen nach und der sinkenden Sonne. Dieser Ort war sein Liebling, er ward ihm durch die Erinnerung zu einer heiligen Heimat aller Schmerzen und Entschlusse.

Die Vergotterung seiner erhabenen Freundin wurde fur seinen Geist ein fester Mittelpunkt und Boden einer neuen Welt. Hier schwanden alle Zweifel, in diesem wirklichen Gute fuhlte er den Wert des Lebens und ahndete die Allmacht des Willens. Er stand in Wahrheit auf frischem Grun einer kraftigen mutterlichen Erde, und ein neuer Himmel wolbte sich unermesslich uber ihm im blauen Ather. Er erkannte in sich den hohen Beruf zur gottlichen Kunst, er schalt seine Tragheit, dass er noch so weit zuruck sei in der Bildung und zu weichlich gewesen war zu jeder gewaltigen Anstrengung. Er liess sich nicht in mussige Verzweiflung sinken, sondern er folgte der weckenden Stimme jener heiligen Pflicht. Alle Mittel, die ihm die Verschwendung noch gelassen hatte, spannte er nun an. Er zerriss alle Bande von ehedem, und machte sich mit einem Streich ganz unabhangig. Seine Kraft und seine Jugend weihte er der erhabenen kunstlerischen Arbeit und Begeisterung. Er vergass sein Zeitalter und bildete sich nach den Helden der Vorwelt, deren Ruinen er mit Anbetung liebte. Auch fur ihn selbst gab es keine Gegenwart, denn er lebte nur in der Zukunft und in der Hoffnung, dereinst ein ewiges Werk zu vollenden zum Denkmal seiner Tugend und seiner Wurde.

So litt und lebte er viele Jahre, und wer ihn sah, hielt ihn fur alter als er war. Was er bildete, war gross gedacht und in altem Stil, aber der Ernst war abschreckend, die Formen fielen ins Ungeheure, das Antike ward ihm zu einer harten Manier, und seine Gemalde blieben bei aller Grundlichkeit und Einsicht steif und steinern. Es war vieles zu loben, nur die Anmut fehlte; und darin glich er seinen Werken. Sein Charakter war rein gebrannt im Leiden gottlicher Liebe und glanzte in heller Kraft, aber er war sprode und starr wie echter Stahl. Er war aus Kalte ruhig, und nur dann geriet er in Aufruhr, wenn ihn eine hohe Wildnis der einsamen Natur mehr als gewohnlich reizte, wenn er seiner entfernten Freundin treuen Bericht gab von dem Kampf seiner Bildung und dem Ziel aller Arbeit, oder wenn ihn die Begeisterung fur die Kunst in Gegenwart andrer uberraschte, dass nach langem Schweigen einige geflugelte Worte aus seinem innersten Gemut brachen. Doch das geschah nur selten, denn er nahm so wenig Anteil an den Menschen als an sich selbst. Uber ihr Gluck und ihr Beginnen konnte er nur freundlich lacheln und er glaubte es ihnen aufs Wort, wenn er bemerkte, wie sie ihn unliebend und unliebenswurdig fanden.

Doch schien ihn eine edle Frau etwas zu bemerken und vorzuziehn. Ihr feiner Geist und ihr zartes Gefuhl zog ihn lebhaft an, da sie noch durch den Reiz einer liebenswurdigen und dabei sonderbaren Gestalt und durch ein Auge voll stiller Schwermut erhoht wurden. Aber so oft er herzlicher werden wollte, ergriff ihn das alte Misstrauen und die gewohnte Kalte. Er sah sie haufig und konnte sich nie aussern, bis auch dieser Strom von Gefuhl zuruckfloss in das innere Meer allgemeiner Begeisterung. Selbst die Gebieterin des Herzens trat in ein heiliges Dunkel zuruck, und wurde ihm fern geblieben sein, wenn er sie wiedergesehn hatte.

Das einzige was ihn milder und warmer stimmte, war der Umgang mit einer anderen Frau, die er als Schwester ehrte und liebte, und die er auch ganz so betrachtete. Er stand schon langer in burgerlichen Verhaltnissen mit ihr, sie war kranklich und etwas alter wie er; dabei aber von hellem reifem Verstand, von gradem gesundem Sinn, und selbst im Auge der Fremden bis zur Liebenswurdigkeit rechtlich. Alles was sie unternahm, atmete den Geist freundlicher Ordnung, und wie von selbst entwickelte sich die gegenwartige Tatigkeit allmahlich aus der vorigen und bezog sich still auf die kunftige. In dieser Anschauung begriff es Julius klar, dass es keine andre Tugend gebe als Konsequenz. Aber es war nicht die kalte steife Ubereinstimmung berechneter Grundsatze oder Vorurteile, sondern die beharrliche Treue eines mutterlichen Herzens, das den Kreis seiner Wirksamkeit und seiner Liebe mit bescheidner Kraft erweitert und in sich selbst vollendet, und die rohen Dinge der umgebenden Welt zu einem freundlichen Eigentum und Werkzeug des geselligen Lebens bildet. Dabei war ihr jede Beschranktheit hauslicher Frauen fremd, und mit tiefer Schonung und gefuhlter Milde sprach sie uber die herrschenden Meinungen der Menschen, und uber die Ausnahmen und Ausschweifungen derer, die gegen den Strom leben: denn ihr Verstand war so unbestechlich als ihr Gefuhl rein und unverfalscht. Sie sprach uberhaupt gern, vorzuglich uber sittliche Gegenstande, wo sie den Streit oft ins Allgemeine spielte und auch wohl an Spitzfindigkeiten Gefallen hatte, wenn sie etwas zu enthalten schienen und sinnreich klangen. Sie war nicht sparsam mit Worten und ihr Gesprach ward durch keine angstliche Ordnung gelenkt. Es war eine reizende Verwirrung von einzelnen Einfallen und allgemeiner Teilnahme, von fortgesetzter Aufmerksamkeit und plotzlicher Zerstreuung.

Die Natur belohnte endlich die mutterliche Tugend der vortrefflichen Frau und es keimte, da sie es kaum hoffte, ein neues Leben unter ihrem treuen Herzen. Das erfullte den Jungling, der so sehr an ihr hing und an ihrem hauslichen Glucke den warmsten Anteil nahm, mit lebhafter Freude: aber es regte vieles in ihm an, was lange geschwiegen hatte.

Da nun einige seiner kunstlerischen Versuche auch in seiner Brust ein neues Zutrauen weckten, und ihn der erste Beifall grosser Meister aufmunterte; da ihn die Kunst an neue sehenswurdige Orte und unter fremde frohliche Menschen fuhrte: so erweichte sich sein Gefuhl und floss machtig, wie ein grosser Strom, wenn das Eis schmilzt und bricht, und die Wogen mit neuer Kraft sich durch die alte Bahn reissen.

Er war verwundert sich wieder ausgelassen und frohlich in der Gesellschaft der Menschen zu fuhlen. Seine Denkart war mannlich und rauh, aber sein Herz in der Einsamkeit wieder kindlich und schuchtern geworden. Er sehnte sich nach einer Heimat und dachte an eine schone Ehe, die mit den Foderungen der Kunst nicht streiten sollte. War er dann unter der Blute junger Madchen, so fand er leicht eine oder mehrere von ihnen liebenswurdig. Heiraten, meinte er, wolle er sie gleich, wenn er sie schon nicht lieben konne. Denn der Begriff und selbst der Name der Liebe war ihm uberheilig und blieb ganz in der Ferne. Bei solchen Gelegenheiten lachelte er dann uber die scheinbare Beschranktheit seiner augenblicklichen Wunsche und fuhlte wohl, wie unermesslich viel ihm noch fehlen mochte, wenn sie durch einen Zauberschlag sogleich erfullt wurden. Ein anderesmal lachte er lauter uber seine alte Heftigkeit nach so langem Enthalten, da ihm eine schnelle Gelegenheit einen frischen Genuss anbot, und sein Gemut durch einen Roman, der in wenigen Minuten angefangen, vollendet und beschlossen war, wenigstens von einigem Brennstoff befreite und erleichterte.

Einem sehr gebildeten Madchen gefiel er, weil er ihr seelenvolles Gesprach und ihren schonen Geist mit sichtbarer Innigkeit bewunderte, und ihr, ohne eine Schmeichelei auszusprechen, bloss durch die Art seines Umgangs huldigte, so gut, dass sie ihm nach und nach alles erlaubte, ausser das letzte. Und selbst diese Grenze setzte sie ihm nicht aus Kalte, noch aus Vorsicht und Grundsatz: denn sie war reizbar genug, sie hatte eine starke Anlage zum Leichtsinn und lebte in den freisten Verhaltnissen. Es war weiblicher Stolz und Scheu vor dem, was sie fur tierisch und roh hielt. So wenig nun ein solches Beginnen ohne Vollendung nach Julius Sinne war, und obgleich er uber die kleine Einbildung des Madchens lacheln musste, wenn er bei diesem verkehrten und verkunstelten Wesen an das Schaffen und Wirken der allmachtigen Natur, an ihre ewigen Gesetze, an die Hoheit und Grosse der Mutterwurde, und an die Schonheit des Mannes dachte, den in der Fulle der Gesundheit und Liebe die Begeisterung des Lebens ergreift, oder des Weibes, das sich ihr hingibt: so freute er sich doch bei dieser Gelegenheit zu sehn, dass er den Sinn fur zarten und feinen Genuss noch nicht verloren habe.

Bald aber vergass er diese und andre ahnliche Kleinigkeiten, da er eine junge Kunstlerin traf, welche das Schone gleich ihm leidenschaftlich verehrte, die Einsamkeit und Natur ebenso zu lieben schien. In ihren Landschaften sah und fuhlte man den lebendigen Hauch wahrer Luft, es war immer ein ganzer Blick. Die Umrisse waren zu unbestimmt, und zwar auf eine solche Weise, dass sie den Mangel einer grundlichen Schule verrieten. Aber alle die Massen stimmten zusammen zu einer Einheit fur das Gefuhl, die so klar und deutlich war, als sei es unmoglich, etwas anderes dabei zu fuhlen. Sie trieb die Malerei nicht wie ein Gewerbe oder eine Kunst, sondern bloss aus Lust und Liebe, und warf jede Ansicht, so wie auf ihren Wanderungen ihr eine gefiel oder merkwurdig schien, nach Zeit und Laune mit der Feder oder in Wasserfarben aufs Papier. Zum Ol hatte es ihr an Geduld und an Fleiss gefehlt, und selten malte sie ein Portrait, nur wann sie ein Gesicht sehr ausgezeichnet und wert hielt. Dann arbeitete sie mit der gewissenhaftesten Treue und Sorgfalt und wusste die Pastellfarben mit einer bezaubernden Weichheit zu behandeln. So bedingt und gering der Wert dieser Versuche fur die Kunst sein mochte, so freute sich Julius doch nicht wenig uber die schone Wildheit in ihren Landschaften und uber den Geist, mit dem sie die unergrundliche Mannichfaltigkeit und wunderbare Ubereinstimmung der menschlichen Gesichtszuge auffasste. Und so einfach die der Kunstlerin selbst waren, so waren sie doch nicht unbedeutend, und Julius fand in ihnen einen grossen Ausdruck, der ihm immer neu blieb.

Lucinde hatte einen entschiednen Hang zum Romantischen, er fuhlte sich betroffen uber die neue Ahnlichkeit und er entdeckte immer mehrere. Auch sie war von denen, die nicht in der gemeinen Welt leben, sondern in einer eignen selbstgedachten und selbstgebildeten. Nur was sie von Herzen liebte und ehrte, war in der Tat wirklich fur sie, alles andre nichts; und sie wusste was Wert hat. Auch sie hatte mit kuhner Entschlossenheit alle Rucksichten und alle Bande zerrissen und lebte vollig frei und unabhangig.

Die wunderbare Gleichheit zog den Jungling bald in ihre Nahe, er bemerkte, dass auch sie diese Gleichheit fuhle, und beide nahmen es gewahr, dass sie sich nicht gleichgultig waren. Es war noch nicht lange dass sie sich sahen und Julius wagte nur einzelne abgerissne Worte, die bedeutend aber nicht deutlich waren. Er sehnte sich mehr von ihren Schicksalen und ihrem ehemaligen Leben zu wissen, woruber sie gegen andre sehr geheimnisvoll war. Ihm gestand sie nicht ohne gewaltsame Erschutterung, sie sei schon Mutter gewesen von einem schonen starken Knaben, den ihr der Tod bald wieder entrissen. Auch er erinnerte sich an die Vergangenheit und sein Leben ward ihm, indem er es ihr erzahlte, zum erstenmal zu einer gebildeten Geschichte. Wie freute sich Julius, da er mit ihr uber Musik sprach, und seine innersten und eigensten Gedanken uber den heiligen Zauber dieser romantischen Kunst aus ihrem Munde horte! Da er ihren Gesang vernahm, der sich rein und stark gebildet aus tiefer weicher Seele hob, da er ihn mit dem seinigen begleitete, und ihre Stimmen bald in Eins flossen, bald Fragen und Antworten der zartesten Empfindung wechselten, fur die es keine Sprache gibt! Er konnte nicht widerstehn, er druckte einen schuchternen Kuss auf die frischen Lippen und die feurigen Augen. Mit ewigem Entzucken fuhlte er das gottliche Haupt der hohen Gestalt auf seine Schulter sinken, die schwarzen Lokken flossen uber den Schnee des vollen Busens und des schonen Ruckens, leise sagte er herrliche Frau! als die fatale Gesellschaft unerwartet hereintrat.

Nun hatte sie ihm nach seinen Begriffen eigentlich schon alles gewahrt; es war ihm nicht moglich zu kunsteln an einem Verhaltnis, das er sich so rein und gross dachte, und doch war ihm jede Zogerung unertraglich. Von einer Gottheit, dachte er, begehrt man nicht erst das, was man nur als Ubergang und Mittel denkt, sondern man bekennt sogleich mit Offenheit und Zuversicht das Ziel aller Wunsche. So bat auch er sie mit der unschuldigsten Unbefangenheit um alles, was man eine Geliebte bitten kann, und stellte ihr in einem Strome von Beredsamkeit dar, wie seine Leidenschaftlichkeit ihn zerstoren wurde, wenn sie zu weiblich sein wollte. Sie war nicht wenig uberrascht, aber sie ahndete wohl, dass er nach der Hingebung liebender und treuer sein wurde wie vorher. Sie konnte keinen Entschluss fassen, und uberliess es nur den Umstanden, die es so fugten, wie es gut war. Sie waren nur wenige Tage allein, als sie sich ihm auf ewig ergab und ihm die Tiefe ihrer grossen Seele offnete, und alle Kraft, Natur und Heiligkeit, die in ihr war. Auch sie lebte lange in gewaltsamer Verschlossenheit, und nun brachen zwischen den Umarmungen in Stromen der Rede das zuruckgedrangte Zutrauen und die Mitteilung mit einemmale hervor aus dem innersten Gemut. In einer Nacht wechselten sie mehr als einmal heftig zu weinen und laut zu lachen. Sie waren ganz hingegeben und eins und doch war jeder ganz er selbst, mehr als sie es noch je gewesen waren, und jede Ausserung war voll vom tiefsten Gefuhl und eigensten Wesen. Bald ergriff sie eine unendliche Begeisterung, bald tandelten und scherzten sie mutwillig und Amor war hier wirklich, was er so selten ist, ein frohliches Kind.

Durch das, was seine Freundin ihm offenbart hatte, ward es dem Junglinge klar, dass nur ein Weib recht unglucklich sein kann und recht glucklich, und dass die Frauen allein, die mitten im Schoss der menschlichen Gesellschaft Naturmenschen geblieben sind, den kindlichen Sinn haben, mit dem man die Gunst und Gabe der Gotter annehmen muss. Er lernte das schone Gluck ehren, was er gefunden hatte, und wenn er es mit dem hasslichen unechten Gluck verglich, was er ehedem vom Eigensinn des Zufalls kunstlich erzwingen wollte, so erschien es ihm wie eine naturliche Rose am lebendigen Stamm gegen eine nachgemachte. Aber weder im Taumel der Nachte noch in der Freude der Tage wollte er es Liebe nennen. So sehr hatte er sich beredet, dass diese gar nicht fur ihn sei und er nicht fur sie! Es fand sich leicht ein Unterschied, um diese Selbsttauschung zu bestatigen. Er hege, so war sein Urteil, eine heftige Leidenschaft fur sie und werde ewig ihr Freund sein. Was sie ihm gab und fur ihn fuhlte, nannte er Zartlichkeit, Erinnerung, Hingabe und Hoffnung.

Indessen floss die Zeit und die Freude wuchs. Julius fand in Lucindens Armen seine Jugend wieder. Die uppige Ausbildung ihres schonen Wuchses war fur die Wut seiner Liebe und seiner Sinne reizender, wie der frische Reiz der Bruste und der Spiegel eines jungfrauliches Leibes. Die hinreissende Kraft und Warme ihrer Umschliessung war mehr als madchenhaft; sie hatte einen Anhauch von Begeisterung und Tiefe, den nur eine Mutter haben kann. Wenn er sie im Zauberschein einer milden Dammerung hingegossen sah, konnte er nicht aufhoren, die schwellenden Umrisse schmeichelnd zu beruhren, und durch die zarte Hulle der ebnen Haut die warmen Strome des feinsten Lebens zu fuhlen. Sein Auge indessen berauschte sich an der Farbe die sich durch die Wirkung der Schatten vielfach zu verandern schien und doch immer eine und dieselbe blieb. Eine reine Mischung, wo nirgends Weiss oder Braun oder Rot allein abstach oder sich roh zeigte. Das alles war verschleiert und verschmolzen zu einem einzigen harmonischen Glanz von sanftem Leben. Auch Julius war mannlich schon, aber die Mannlichkeit seiner Gestalt offenbarte sich nicht in der hervorgedrangten Kraft der Muskeln. Vielmehr waren die Umrisse sanft, die Glieder voll und rund, doch war nirgends ein Uberfluss. In hellem Licht bildete die Oberflache uberall breite Massen und der glatte Korper schien dicht und fest wie Marmor, und in den Kampfen der Liebe entwickelte sich mit einemmale der ganze Reichtum seiner kraftigen Bildung.

Sie erfreuten sich des jugendlichen Lebens, Monate vergingen wie Tage und mehr als zwei Jahre waren voruber. Nun ward Julius erst allmahlich inne, wie gross seine Ungeschicklichkeit sei und sein Mangel an Verstand. Er hatte die Liebe und das Gluck uberall gesucht, wo sie nicht zu finden waren, und nun da er das Hochste besass, hatte er nicht einmal gewusst oder gewagt, ihm den rechten Namen zu geben. Er erkannte nun wohl, dass die Liebe, die fur die weibliche Seele ein unteilbares durchaus einfaches Gefuhl ist, fur den Mann nur ein Wechsel und eine Mischung von Leidenschaft, von Freundschaft und von Sinnlichkeit sein kann; und er sah mit frohem Erstaunen, dass er eben so unendlich geliebt werde wie er liebe.

Uberhaupt schien es vorherbestimmt, dass jede Begebenheit seines Lebens ihn durch ein sonderbares Ende uberraschen solle. Nichts zog ihn anfangs so sehr an, und hatte ihn so machtig getroffen, als die Wahrnehmung, dass Lucinde von ahnlichem ja gleichem Sinn und Geist mit ihm selbst war, und nun musste er von Tage zu Tage neue Verschiedenheiten entdecken. Zwar grundeten sich selbst diese nur auf eine tiefere Gleichheit, und je reicher ihr Wesen sich entwickelte, je vielseitiger und inniger ward ihre Verbindung. Er hatte es nicht geahndet, dass ihre Originalitat so unerschopflich war wie ihre Liebe. Ihr Aussehn sogar schien jugendlicher und bluhender in seiner Gegenwart; und so bluhte auch ihr Geist durch die Beruhrung des seinigen auf und bildete sich in neue Gestalten und in neue Welten. Er glaubte alles in ihr vereinigt zu besitzen, was er sonst einzeln geliebt hatte: die schone Neuheit des Sinnes, die hinreissende Leidenschaftlichkeit, die bescheidne Tatigkeit und Bildsamkeit und den grossen Charakter. Jedes neue Verhaltnis, jede neue Ansicht war fur sie ein neues Organ der Mitteilung und Harmonie. Wie der Sinn fur einander, wuchs auch der Glauben an einander, und mit dem Glauben stieg der Mut und die Kraft.

Sie teilten ihre Neigung zur Kunst und Julius vollendete einiges. Seine Gemalde belebten sich, ein Strom von beseelendem Licht schien sich daruber zu ergiessen und in frischer Farbe bluhte das wahre Fleisch. Badende Madchen, ein Jungling der mit geheimer Lust sein Ebenbild im Wasser anschaut, oder eine holdselig lachelnde Mutter mit dem geliebten Kinde im Arm waren beinah die hochsten Gegenstande seines Pinsels. Die Formen selbst entsprachen vielleicht nicht immer den angenommenen Gesetzen einer kunstlichen Schonheit. Was sie dem Auge empfahl, war eine gewisse stille Anmut, ein tiefer Ausdruck von ruhigem heitern Dasein und von Genuss dieses Daseins. Es schienen beseelte Pflanzen in der gottahnlichen Gestalt des Menschen. Eben diesen liebenswurdigen Charakter hatten auch seine Umarmungen, in deren Verschiedenheit er unerschopflich war. Die malte er am liebsten, weil der Reiz seines Pinsels sich hier am schonsten zeigen konnte. In ihnen schien wirklich der fluchtige und geheimnisvolle Augenblick des hochsten Lebens durch einen stillen Zauber uberrascht und fur die Ewigkeit angehalten. Je entfernter von bacchantischer Wut, je bescheidner und lieblicher die Behandlung war, je verfuhrerischer war der Anblick, bei dem Junglinge und Frauen ein susses Feuer durchstromte.

Wie seine Kunst sich vollendete und ihm von selbst in ihr gelang, was er zuvor durch kein Streben und Arbeiten erringen konnte: so ward ihm auch sein Leben zum Kunstwerk, ohne dass er eigentlich wahrnahm, wie es geschah. Es ward Licht in seinem Innern, er sah und ubersah alle Massen seines Lebens und den Gliederbau des Ganzen klar und richtig, weil er in der Mitte stand. Er fuhlte, dass er diese Einheit nie verlieren konne, das Ratsel seines Daseins war gelost, er hatte das Wort gefunden, und alles schien ihm dazu vorherbestimmt und von den fruhsten Zeiten darauf angelegt, dass er es in der Liebe finden sollte, zu der er sich aus jugendlichem Unverstand ganz ungeschickt geglaubt hatte.

Leicht und melodisch flossen ihnen die Jahre voruber, wie ein schoner Gesang, sie lebten ein gebildetes Leben, auch ihre Umgebung ward harmonisch und ihr einfaches Gluck schien mehr ein seltnes Talent als eine sonderbare Gabe des Zufalls. Julius hatte auch sein ausseres Betragen verandert; er war geselliger, und obgleich er viele ganz verwarf, um sich mit wenigen desto inniger zu verbinden, so unterschied er doch nicht mehr so hart, wurde vielseitiger und lernte das Gewohnliche veredeln. Er zog allmahlich manche vorzugliche Menschen an sich, Lucinde verband und erhielt das Ganze und so entstand eine freie Gesellschaft, oder vielmehr eine grosse Familie, die sich durch ihre Bildung immer neu blieb. Auch vorzugliche Auslander erhielten den Zutritt. Julius sprach seltner mit ihnen, aber Lucinde wusste sie gut zu unterhalten; und zwar so, dass ihre groteske Allgemeinheit und ausgebildete Gemeinheit zugleich die andern ergotzte, und weder ein Stillstand noch ein Misslaut in der geistigen Musik erregt ward, deren Schonheit eben in der harmonischen Mannichfaltigkeit und Abwechselung bestand. Neben dem grossen, ernsten Styl in der Kunst der Geselligkeit sollte auch jede nur reizende Manier und fluchtige Laune ihre Stelle darin finden.

Eine allgemeine Zartlichkeit schien Julius zu beseelen, nicht ein nutzendes oder mitleidendes Wohlwollen an der Menge, sondern eine anschauende Freude uber die Schonheit des Menschen, der ewig bleibt, wahrend die einzelnen schwinden; und ein reger und offner Sinn fur das Innerste in sich und in andern. Er war fast immer gleich gestimmt zum kindlichsten Scherz und zum heiligsten Ernst. Er liebte nicht mehr nur die Freundschaft in seinen Freunden, sondern sie selbst. Jede schone Ahndung und Andeutung die in der Seele liegt, strebte er im Gesprach mit ahnlich Gesinnten ans Licht zu bringen und zu entwickeln. Da ward sein Geist in vielfachen Richtungen und Verhaltnissen erganzt und bereichert. Aber die volle Harmonie fand er auch von dieser Seite allein in Lucindens Seele, wo die Keime alles Herrlichen und alles Heiligen nur auf den Strahl seines Geistes warteten, um sich zur schonsten Religion zu entfalten. Ich versetze mich gern in den Fruhling unsrer Liebe; ich sehe alle die Veranderungen und Verwandlungen, ich lebe sie noch einmal, und ich mochte wenigstens einige von den leisen Umrissen des entfliehenden Lebens ergreifen und zu einem bleibenden Bilde gestalten, jetzt da es noch voller warmer Sommer in mir ist, ehe auch das voruber und es auch dazu zu spat wird. Wir Sterblichen sind, so wie wir hier sind, nur die edelsten Gewachse dieser schonen Erde. Die Menschen vergessen das so leicht, hochlich missbilligen sie die ewigen Gesetze der Welt und wollen die geliebte Oberflache durchaus im Mittelpunkte wieder finden. Nicht also du und ich. Wir sind dankbar und zufrieden mit dem was die Gotter wollen und was sie in der heiligen Schrift der schonen Natur so klar angedeutet haben. Das bescheidne Gemut erkennt es, dass es auch seine wie aller Dinge naturliche Bestimmung sei, zu bluhen, zu reifen und zu welken. Aber es weiss, dass eines doch in ihm unverganglich sei. Dieses ist die ewige Sehnsucht nach der ewigen Jugend, die immer da ist und immer entflieht. Noch klaget die zartliche Venus um den Tod des holden Adonis in jeder schonen Seele. Mit sussem Verlangen erwartet und sucht sie? den Jungling, mit zarter Wehmut erinnert sie sich an die himmlischen Augen des Geliebten, an die sanften Zuge und an die kindlichen Gesprache und Scherze, und lachelt dann eine Trane, hold errotend, auch sich nun unter den Blumen der bunten Erde zu erblicken.

Andeuten will ich dir wenigstens in gottlichen Sinnbildern, was ich nicht zu erzahlen vermag. Denn wie ich auch die Vergangenheit uberdenke, und in mein Ich zu dringen strebe, um die Erinnerung in klarer Gegenwart anzuschauen und dich anschauen zu lassen: es bleibt immer etwas zuruck, was sich nicht ausserlich darstellen lasst, weil es ganz innerlich ist. Der Geist des Menschen ist sein eigner Proteus, verwandelt sich und will nicht Rede stehn vor sich selbst, wenn er sich greifen mochte. In jener tiefsten Mitte des Lebens treibt die schaffende Willkur ihr Zauberspiel. Da sind die Anfange und Enden, wohin alle Faden im Gewebe der geistigen Bildung sich verlieren. Nur was allmahlig fortruckt in der Zeit und sich ausbreitet im Raume, nur was geschieht ist Gegenstand der Geschichte. Das Geheimnis einer augenblicklichen Entstehung oder Verwandlung kann man nur erraten und durch Allegorie erraten lassen.

Es war nicht ohne Grund, dass der fantastische Knabe, der mir am meisten gefiel unter den vier unsterblichen Romanen, die ich im Traum sah, mit der Maske spielt. Auch in dem was reine Darstellung und Tatsache scheint, hat sich Allegorie eingeschlichen, und unter die schone Wahrheit bedeutende Lugen gemischt. Aber nur als geistiger Hauch schwebt sie beseelend uber die ganze Masse, wie der Witz, der unsichtbar mit seinem Werke spielt und nur leise lachelt.

Es gibt Dichtungen in der alten Religion, die selbst in ihr einzig schon, heilig und zart erscheinen. Die Poesie hat sie so fein und reich gebildet und umgebildet, dass ihre schone Bedeutsamkeit unbestimmt geblieben ist, und immer neue Deutungen und Bildungen erlaubt. Unter diesen habe ich, um dir einiges von dem anzudeuten, was ich uber die Metamorphosen des liebenden Gemuts ahnde, die gewahlt, von denen ich glaubte, der Gott der Harmonie konnte sie, nachdem ihn die Liebe vom Himmel auf die Erde gefuhrt und ihn zum Hirten gemacht, den Musen erzahlt oder doch von ihnen angehort haben. Damals an den Ufern des Amphrysos hat er auch, wie ich glaube, die Idylle und die Elegie ersonnen.

Metamorphosen

In susser Ruhe schlummert der kindliche Geist und der Kuss der liebenden Gottin erregt ihm nur leichte Traume. Die Rose der Scham farbt seine Wange, er lachelt und scheint die Lippen zu offnen, aber er erwacht nicht, und er weiss nicht was in ihm vorgeht. Erst nachdem der Reiz des aussern Lebens, durch ein innres Echo vervielfaltigt und verstarkt, sein ganzes Wesen uberall durchdrungen hat, schlagt er das Auge auf, frohlockend uber die Sonne, und erinnert sich jetzt an die Zauberwelt die er im Schimmer des blassen Mondes sah. Die wunderbare Stimme, die ihn weckte, ist ihm geblieben, aber sie tont nun statt der Antwort von den aussern Gegenstanden zuruck; und wenn er dem Geheimnis seines Daseins mit kindlicher Schuchternheit zu entfliehen strebt, das Unbekannte mit schoner Neugier suchend, vernimmt er uberall nur den Nachhall seiner eignen Sehnsucht.

So schaut das Auge in dem Spiegel des Flusses nur den Widerschein des blauen Himmels, die grunen Ufer, die schwankenden Baume und die eigne Gestalt des in sich selbst versunkenen Betrachters. Wenn ein Gemut voll unbewusster Liebe da, wo es Gegenliebe hoffte, sich selbst findet, wird es von Erstaunen getroffen. Doch bald lasst sich der Mensch wieder durch den Zauber der Anschauung locken und tauschen, seinen Schatten zu lieben. Dann ist der Augenblick der Anmut gekommen, die Seele bildet ihre Hulle noch einmal, und atmet den letzten Hauch der Vollendung durch die Gestalt. Der Geist verliert sich in seiner klaren Tiefe und findet sich wie Narcissus als Blume wieder.

Liebe ist hoher als Anmut und wie bald wurde die Blute der Schonheit fruchtlos welken ohne die erganzende Bildung der Gegenliebe!

Dieser Augenblick, der Kuss des Amor und der Psyche ist die Rose des Lebens. Die begeisterte Diotima hat ihrem Sokrates nur die Halfte der Liebe offenbart. Die Liebe ist nicht bloss das stille Verlangen nach dem Unendlichen; sie ist auch der heilige Genuss einer schonen Gegenwart. Sie ist nicht bloss eine Mischung, ein Ubergang vom Sterblichen zum Unsterblichen, sondern sie ist eine vollige Einheit beider. Es gibt eine reine Liebe, ein unteilbares und einfaches Gefuhl ohne die leiseste Storung von unruhigem Streben. Jeder gibt dasselbe was er nimmt, einer wie der andre, alles ist gleich und ganz und in sich vollendet wie der ewige Kuss der gottlichen Kinder.

Durch die Magie der Freude zerfliesst das grosse Chaos streitender Gestalten in ein harmonisches Meer der Vergessenheit. Wenn der Strahl des Glucks sich in der letzten Trane der Sehnsucht bricht, schmuckt Iris schon die ewige Stirn des Himmels mit den zarten Farben ihres bunten Bogens. Die lieblichen Traume werden wahr, und schon wie Anadyomene heben sich aus den Wogen des Lethe die reinen Massen einer neuen Welt und entfalten ihren Gliederbau in die Stelle der verschwundnen Finsternis. In goldner Jugend und Unschuld wandelt die Zeit und der Mensch im gottlichen Frieden der Natur, und ewig kehrt Aurora schoner wieder.

Nicht der Hass, wie die Weisen sagen, sondern die Liebe trennt die Wesen und bildet die Welt, und nur in ihrem Licht kann man diese finden und schauen. Nur in der Antwort seines Du kann jedes Ich seine unendliche Einheit ganz fuhlen. Dann will der Verstand den innern Keim der Gottahnlichkeit entfalten, strebt immer naher nach dem Ziele und ist voll Ernst, die Seele zu bilden, wie ein Kunstler das einzig geliebte Werk. In den Mysterien der Bildung schaut der Geist das Spiel und die Gesetze der Willkur und des Lebens. Das Werk des Pygmalion bewegt sich, und den uberraschten Kunstler ergreift ein freudiger Schauer im Bewusstsein eigner Unsterblichkeit, und wie der Adler den Ganymedes reisst ihn die gottliche Hoffnung mit machtigem Fittich zum Olymp.

Zwei Briefe

I.

Ist es denn wahr und wirklich, was ich so oft in der Stille wunschte und nicht zu aussern wagte? Ich sehe das Licht einer heiligen Freude auf deinem Antlitz lacheln, und bescheiden gibst du mir die schone Verheissung.

Du wirst Mutter sein!

Lebe wohl Sehnsucht und du leise Klage, die Welt ist wieder schon, jetzt liebe ich die Erde, und die Morgenrote eines neuen Fruhlings hebt ihr rosenstrahlendes Haupt uber mein unsterbliches Dasein. Wenn ich Lorbeern hatte, wurde ich sie um deine Stirn flechten, um dich einzuweihen zu neuem Ernst und zu neuer Tatigkeit; denn auch fur dich beginnt nun ein anderes Leben. Dafur gib du mir den Myrthenkranz. Es steht mir wohl an, mich jugendlich zu schmucken mit dem Sinnbilde der Unschuld, da ich im Paradiese der Natur wandle. Was vorher war zwischen uns, ist nur Liebe gewesen und Leidenschaft. Nun hat uns die Natur inniger verbunden, ganz und unaufloslich. Die Natur allein ist die wahre Priesterin der Freude; nur sie versteht es, ein hochzeitliches Band zu knupfen. Nicht durch eitle Worte ohne Segen, sondern durch frische Bluten und lebendige Fruchte aus der Fulle ihrer Kraft. Im endlosen Wechsel neuer Gestalten flicht die bildende Zeit den Kranz der Ewigkeit, und heilig ist der Mensch, den das Gluck beruhrt, dass er Fruchte tragt und gesund ist. Wir sind nicht etwa taube Bluten unter den Wesen, die Gotter wollen uns nicht ausschliessen aus der grossen Verkettung aller wirkenden Dinge, und geben uns deutliche Zeichen. So lass uns denn unsre Stelle in dieser schonen Welt verdienen, lass uns auch die unsterblichen Fruchte tragen, die der Geist und die Willkur bildet, und lass uns eintreten in den Reigen der Menschheit. Ich will mich anbauen auf der Erde, ich will fur die Zukunft und fur die Gegenwart saen und ernten, ich will alle Krafte brauchen, so lange es Tag ist, und mich dann am Abend in den Armen der Mutter erquicken, die mir ewig Braut sein wird. Unser Sohn, der kleine ernsthafte Schalk wird um uns spielen, und manchen Mutwillen gegen dich mit mir aussinnen. Du hast recht, das kleine Landgut mussen wir durchaus kaufen. Es ist gut, dass du gleich die Anstalten getroffen hast, ohne auf meine Entscheidung zu warten. Richte alles ein, wie es dir gefallt; nur nicht gar zu schon, wenn ich bitten darf, aber auch nicht zu nutzlich und vor allen Dingen nicht zu weitlauftig.

Wenn du nur alles ganz nach deinem eignen Sinn machst, und dir nichts einreden lasst von Gewohnlichem und Schicklichem, so wird es schon recht sein, wie es sein muss und wie ich's wunsche, und ich werde eine herrliche Freude haben uber das schone Eigentum. Was ich sonst brauchte, hatte ich gedankenlos und ohne Gefuhl von Besitz. Leichtsinnig lebte ich uber die Erde weg, und war nicht einheimisch auf ihr. Nun hat das Heiligtum der Ehe mir das Burgerrecht im Stande der Natur gegeben. Ich schwebe nicht mehr im leeren Raum einer allgemeinen Begeisterung, ich gefalle mir in der freundlichen Beschrankung, ich sehe das Nutzliche in einem neuen Lichte und finde alles wahrhaft nutzlich, was irgend eine ewige Liebe mit ihrem Gegenstande vermahlt, kurz alles was zu einer echten Ehe dient. Die ausserlichen Dinge selbst flossen mir Hochachtung ein, wenn sie in ihrer Art tuchtig sind, und du wirst am Ende noch frohlockende Lobreden auf den Wert eines eignen Herdes und uber die Wurde der Hauslichkeit von mir horen.

Ich verstehe jetzt deine Vorliebe furs Landleben, ich liebe sie an dir, und ich fuhle wie du. Ich mag sie gar nicht mehr sehn, diese unbeholfnen Klumpen von allem was verderbt und krank ist in der Menschheit; und wenn ich sie im allgemeinen denken will, erscheinen sie mir wie wilde Tiere an der Kette, die nicht einmal frei wuten konnen. Auf dem Lande konnen die Menschen doch noch beisammen sein, ohne sich hasslich zu drangen. Da konnten, wenn alles ware wie es sollte, schone Wohnungen und liebliche Hutten wie frische Gewachse und Blumen den grunen Boden schmucken und einen wurdigen Garten der Gottheit bilden.

Freilich werden wir auch auf dem Lande die Gemeinheit wieder finden, die noch uberall herrscht. Es sollte eigentlich nur zwei Stande unter den Menschen geben, den bildenden und den gebildeten, den mannlichen und den weiblichen, und statt aller kunstlichen Gesellschaft eine grosse Ehe dieser beiden Stande, und allgemeine Bruderschaft aller einzelnen. Statt dessen sehen wir nur eine Unzahl von Rohheit, und als unbedeutende Ausnahme einige die durch Missbildung verkehrt sind! Aber in der freien Luft kann doch das einzelne, was schon und gut ist, nicht so erdruckt werden durch die schlechte Masse und durch den Schein ihrer Allmacht.

Weisst du, welche Zeit unsrer Liebe mir besonders schon glanzt? Zwar ist mir alles schon und rein in der Erinnerung, und auch an die ersten Tage denke ich mit wehmutigem Entzucken. Aber das Werteste unter allem Werten sind mir doch die letzten Tage, die wir zusammen auf dem Gute lebten. Ein neuer Grund, um wieder auf dem Lande zu wohnen!

Noch eins. Lass mir die Weinreben nicht zu sehr beschneiden. Ich schreibe dies nur, weil du sie gar zu wild und uppig fandest, und weil es dir einfallen mochte, das kleine Haus von allen Seiten durchaus sauber vor dir zu sehn. Auch der grune Rasenplatz muss bleiben wie er ist. Darauf soll das Kleine sein Wesen treiben, kriechen, spielen und sich walzen.

Nicht wahr, der Schmerz, den dir mein trauriger Brief erregt hat, ist vollig vergutet? Ich kann mich in allen diesen Herrlichkeiten und im Taumel der Hoffnung nicht langer mit Sorge qualen. Mehr Schmerz als ich hast du nicht dabei empfunden. Aber was liegt daran, wenn du mich liebst, wirklich liebst, so recht im Innersten, ohne einen Hinterhalt von Fremdem. Welcher Schmerz ware der Rede wert, wenn wir damit ein tieferes, heisseres Bewusstsein unsrer Liebe gewinnen? Auch du bist so gesinnt. Alles was ich dir da sage, wusstest du lange. Uberhaupt ist kein Entzukken und keine Liebe in mir, die nicht schon in irgend einer Tiefe deines Wesens verborgen lage, du Unendliche und Gluckliche!

Missverstandnisse sind auch gut, damit das Heiligste einmal zur Sprache kommt. Das Fremde, was dann und wann zwischen uns zu sein scheint, ist nicht in uns, in keinem von uns. Es ist nur zwischen uns und auf der Oberflache, und ich hoffe bei dieser Gelegenheit wirst du es ganz von dir und aus dir wegtreiben.

Und woher entstehen solche kleine Abstossungen als aus der gegenseitigen Unersattlichkeit im Lieben und Geliebtwerden? Ohne diese Unersattlichkeit gibt's keine Liebe. Wir leben und lieben bis zur Vernichtung. Und wenn die Liebe es ist, die uns erst zu wahren vollstandigen Menschen macht, das Leben des Leben ist, so darf auch sie wohl die Widerspruche nicht scheuen, so wenig wie das Leben und die Menschheit; so wird auch ihr Frieden nur auf den Streit der Krafte folgen.

Ich fuhle mich glucklich, dass ich eine Frau liebe, die so wie du lieben kann. So wie du ist ein grosseres Wort als alle Superlative. Wie kannst du nur meine Worte loben, da ich, ohne es zu wollen, welche traf, die dich so verletzen mussten? Ich mochte sagen, ich schreibe zu gut, um dir sagen zu konnen, wie mir im innersten Gemut ist. Ach Liebe! glaube es nur, dass keine Frage in dir ohne Antwort in mir ist. Deine Liebe kann nicht ewiger sein als die meinige. Kostlich ist aber deine schone Eifersucht auf meine Fantasie und ihre Wutbeschreibungen. Das bezeichnet recht die Grenzenlosigkeit deiner Treue, lasst aber doch hoffen, dass deine Eifersucht nahe daran sei, in ihrem eignen Ubermass sich selbst zu zernichten.

Es bedarf nun dieser Art von Fantasie der geschriebenen nicht mehr. Ich werde bald bei dir sein. Ich bin heiliger, ruhiger wie sonst. Ich kann dich im Geiste nur anblicken und stets vor dir stehn. Du fuhlst alles ohne dass ich's sage, und gluhst freudig halb den geliebten Mann halb das Kind im Herzen. Weisst du noch, wie ich dir schrieb, keine Erinnerung konne dich mir entweihen, du seist ewig rein wie die heilige Jungfrau von unbeflecktem Empfangnis, und nichts fehle dir zur Madonna wie das Kind?

Nun hast du es, nun ist es da und wirklich. Bald trage ich ihn auf dem Arm, bald erzahle ich ihm Marchen, bald unterrichte ich ihn sehr ernsthaft, bald gebe ich ihm gute Lehren, wie der junge Mensch sich in der Welt zu betragen hat.

Und dann kehrt mein Geist wieder zuruck zur Mutter, ich gebe dir einen unendlichen Kuss, ich sehe wie sich dein Busen sehnend hebt, und fuhle wie sich's unter deinem Herzen geheimnisvoll regt. Wenn wir nur erst wieder beisammen sind, wollen wir unsrer Jugend ganz eingedenk sein, und ich will die Gegenwart heilig halten. Wohl hast du recht: Eine Stunde spater ist unendlich viel spater.

Es ist hart, dass ich eben jetzt nicht bei dir sein kann! Ich beginne aus Ungeduld viel Narrisches. Ich streife fast von Morgen bis Abend umher in der herrlichen Gegend; ich eile als ob es wunder wie notwendig ware, und gerate endlich an einen Ort, wohin ich am wenigsten wollte. Ich gebarde mich als ob ich heftige Reden hielte; ich glaube allein zu sein und bin plotzlich unter Menschen; und muss dann lacheln, wenn ich bemerke, wie abwesend ich war. Auch schreiben kann ich nicht lange und will nur bald wieder hinaus, den schonen Abend an den Ufern des ruhigen Stroms zu vertraumen.

Heute habe ich unter andern auch vergessen, dass es Zeit war, den Brief abzusenden. Dafur erhalst du nun desto mehr Verwirrung und Freude. Die Menschen sind wirklich sehr gut mit mir. Sie verzeihn es mir nicht nur, dass ich so oft keinen Teil nehme und dann mit einemmale ihr Gesprach auf eine sonderbare Art unterbreche: sie scheinen sich sogar in der Stille an meiner Freude herzlich zu freuen. Besonders Juliane. Ich sage ihr nur weniges von dir, aber sie hat viel Sinn dafur und errat das ubrige. Es gibt doch nichts Liebenswurdigeres als das reine uneigennutzige Wohlgefallen an der Liebe!

Ich glaube freilich, ich wurde jetzt meine Freunde hier lieben, wenn sie auch weniger vortreffliche Menschen waren. Ich fuhle eine grosse Veranderung in meinem Wesen: eine allgemeine Weichheit und susse Warme in allen Vermogen der Seele und des Geistes, wie die schone Ermattung der Sinne die auf das hochste Leben folgt.

Und doch ist's nichts weniger als Weichlichkeit. Vielmehr weiss ich, dass ich alles was meines Berufs ist, von nun an mit grosserer Liebe und frischer Kraft treiben werde. Ich fuhlte nie mehr Zuversicht und Mut, als Mann unter Mannern zu wirken, ein heldenmassiges Leben zu beginnen und auszufuhren und mit Freunden verbrudert fur die Ewigkeit zu handeln.

Das ist meine Tugend; so ziemt es mir, den Gottern ahnlich zu werden. Die deinige ist es, gleich der Natur als Priesterin der Freude das Geheimnis der Liebe leise zu offenbaren und in der Mitte wurdiger Sohne und Tochter das schone Leben zu einem heiligen Fest zu weihen. Ich mache mir oft Sorge uber deine Gesundheit. Du kleidest dich gar zu leicht und liebst die Abendluft! Das sind gefahrliche Gewohnheiten, die du wie manche andre ablegen musst.

Denke, dass eine neue Ordnung der Dinge fur dich beginnt. Bisher hiess ich deinen Leichtsinn schon, weil er an der Zeit war und zum Ganzen stimmte. Ich fand es weiblich, wenn du mit dem Gluck scherzen, und alle Rucksichten zerreissen und ganze Massen deines Lebens oder deiner Umgebung vernichten konntest.

Nun ist aber etwas da, worauf du immer Rucksicht nehmen, worauf du alles beziehen wirst. Nun musst du dich allmahlich zur Okonomie bilden, versteht sich im allegorischen Sinn. In diesem Brief geht alles recht bunt durcheinander, wie im menschlichen Leben Gebet und Essen, Schelmerei und Entzucken. Nun gute Nacht. Ach warum kann ich nicht wenigstens im Traume bei dir sein, wirklich mit dir und in dir traumen! Denn wenn ich bloss von dir traume, ist's doch immer nur allein. Du willst wissen, warum du nicht von mir traumst, da du doch so viel an mich denkst? Liebe! schweigst du nicht auch oft lange uber mich? Amaliens Brief hat mir grosse Freude gemacht. Freilich seh' ich aus dem schmeichelnden Ton, dass sie mich nicht von den Mannern ausnimmt, die der Schmeichelei bedurfen. Ich verlange das auch gar nicht. Es ware unbillig zu fordern, dass sie meinen Wert auf unsre Weise anerkennen soll. Genug, dass eine mich ganz kennt! Sie erkennt ihn ja auf ihre Art so schon! Sollte sie wohl wissen, was Anbetung ist? Ich zweifle daran und bedaure sie, wenn sie es nicht weiss. Du nicht auch? Heute fand ich in einem franzosischen Buche von zwei Liebenden den Ausdruck: "Sie waren einer dem andern das Universum"

Wie fiel mir's auf, ruhrend und zum Lacheln, dass, was da so gedankenlos stand, bloss als eine Figur der Ubertreibung, in uns buchstablich wahr geworden sei!

Eigentlich ist's zwar auch fur so eine franzosische Passion buchstablich wahr. Sie finden das Universum einer in dem andern, weil sie den Sinn fur alles andre verlieren.

Nicht so wir. Alles, was wir sonst liebten, lieben wir nun noch warmer. Der Sinn fur die Welt ist uns erst recht aufgegangen. Du hast durch mich die Unendlichkeit des menschlichen Geistes kennen gelernt, und ich habe durch dich die Ehe und das Leben begriffen, und die Herrlichkeit aller Dinge.

Alles ist beseelt fur mich, spricht zu mir und alles ist heilig. Wenn man sich so liebt wie wir, kehrt auch die Natur im Menschen zu ihrer ursprunglichen Gottlichkeit zuruck. Die Wollust wird in der einsamen Umarmung der Liebenden wieder, was sie im grossen Ganzen ist das heiligste Wunder der Natur; und was fur andre nur etwas ist, dessen sie sich mit Recht schamen mussen, wird fur uns wieder, was es an und fur sich ist, das reine Feuer der edelsten Lebenskraft. Drei Dinge wird unser Kind gewiss haben: viel Mutwillen, ein ernsthaftes Gesicht und etwas Anlage zur Kunst. Alles andre erwarte ich mit stiller Ergebung. Sohn oder Tochter, daruber kann ich keinen bestimmten Wunsch haben. Aber uber die Erziehung habe ich schon unsaglich viel gedacht, namlich, wie wir unser Kind vor aller Erziehung sorgfaltig bewahren wollen; vielleicht mehr als drei vernunftige Vater denken und sorgen, um ihre Nachkommenschaft gleich von der Wiege in lauter Sittlichkeit einzuschnuren.

Ich habe einige Entwurfe gemacht, die dir gefallen werden. Auf dich ist sehr dabei gerechnet. Nur musst du die Kunst nicht vernachlassigen! Wurdest du fur deine Tochter, wenn es eine Tochter ware, lieber das Portrait oder die Landschaft wahlen?

Du Torin mit deinen ausserlichen Dingen! Du willst wissen, was mich umgibt, wo, wann und wie ich alles tue, lebe und bin? Sieh doch um dich, auf dem Stuhl neben dir, in deinen Armen, an deinem Herzen, da lebe und bin ich. Trifft dich nicht der Strahl des Verlangens, und schleicht mit susser Warme bis an dein Herz, bis an den Mund, wo es in Kussen uberstromen mochte?

Nun ruhmst du dich noch gar, dass du immer innerlich an mich schriebst und ich nur oft, du Sylbenstecherin! Erstlich denke ich immer so an dich, wie du es beschreibst, dass ich neben dir gehe, dich sehe, hore, spreche. Dann aber auch noch anders, besonders wenn ich des Nachts aufwache. Wie kannst du nur an der Wurdigkeit und Gottlichkeit deiner Briefe zweifeln! Der letzte blickt und leuchtet aus hellen Augen; es ist nicht Schrift sondern Gesang.

Ich glaube wenn ich noch einige Monate fern von dir ware, wurde dein Styl sich vollig ausbilden. Indessen finde ich es doch ratsamer, dass wir den Styl und das Schreiben nun lassen und die schonsten und hochsten Studien nicht langer aussetzen, und ich bin so ziemlich entschlossen, in acht Tagen schon zu reisen.

Zweiter Brief

Es ist sonderbar, dass der Mensch sich nicht vor sich selbst furchtet. Die Kinder haben recht, dass sie so neugierig und doch so bange in die Gesellschaft der unbekannten Geister hineinblicken. Jeder einzelne Atom der ewigen Zeit kann eine Welt von Freude fassen, aber sich auch zu einem unermesslichen Abgrund von Leiden und Schrecken offnen. Ich begreife nun das alte Marchen von dem Manne, welchen ein Zauberer in wenigen Augenblicken viele Jahre durchleben liess: denn ich habe die furchtbare Allmacht der Fantasie an mir selbst erfahren.

Seit dem letzten Briefe deiner Schwester es sind nun drei Tage habe ich die Schmerzen eines ganzen Menschenlebens gefuhlt, von dem Sonnenlicht der gluhenden Jugend, bis zum blassen Mondschein des weissen Alters. Jeder kleine Umstand, den sie mir von deiner Krankheit schrieb, bestatigte mich, mit dem was ich in der vorigen von dem Arzt gehort und selbst beobachtet hatte, in dem Gedanken, sie sei weit gefahrlicher, als ihr wusstet, ja eigentlich nicht mehr gefahrlich, sondern entschieden. In diesen Gedanken verloren, alle Krafte durch die Unmoglichkeit, aus der weiten Ferne zu dir zu eilen, gelahmt, war mein Zustand wirklich sehr trostlos. Erst jetzt weiss ich's recht, wie er war, da ich durch die frohliche Botschaft deiner Gesundheit wiedergeboren bin. Denn gesund bist du nun, so gut als vollig gesund. Das schliesse ich aus allen Berichten mit eben der Zuversicht, mit der ich vor wenigen Tagen das Todesurteil uber uns aussprach.

Ich dachte es mir gar nicht als noch kunftig oder als geschehe es jetzt. Alles war vergangen; schon lange warst du im Schoss der kuhlen Erde verhullt, Blumen keimten allmahlich auf dem geliebten Grabe, und meine Tranen flossen schon milder. Stumm und einsam stand ich und sah nichts als die geliebten Zuge und die sussen Blitze der sprechenden Augen. Unbeweglich blieb dieses Bild vor mir, nur trat bisweilen das bleiche Gesicht des letzten Lachelns und des letzten Schlummers leise an die Stelle, oder plotzlich verwirrten sich die verschiedenen Erinnerungen. Mit unglaublicher Schnelle veranderten sich die Umrisse, kehrten zur ersten Gestalt zuruck, und verwandelten sich von neuem, bis der uberspannten Einbildung alles verschwand. Nur deine heiligen Augen blieben im leeren Raum und standen unbeweglich da, wie die freundlichen Sterne ewig uber unsrer Armut schimmern. Unverruckt schaute ich nach den schwarzen Lichtern, die mit bekanntem Lacheln in die Nacht meiner Trauer winkten. Bald brannte ein stechender Schmerz aus dunkeln Sonnen mit unertraglichem Blenden, bald schwebte und floss ein schoner Glanz, als wollte er mich locken. Da war es, als wehte eine frische Morgenluft mich an, ich warf mein Haupt in die Hohe, und es rief laut in mir: "Warum sollst du dich qualen, in wenigen Augenblicken kannst du ja bei ihr sein."

Schon eilte ich, dir zu folgen, aber plotzlich hielt mich ein neuer Gedanke an, und ich sagte zu meinem Geist: "Unwurdiger, du kannst nicht einmal die kleinen Dissonanzen dieses mittelmassigen Lebens ertragen und du haltst dich schon fur ein hoheres reif und wurdig? Gehe hin zu leiden und zu tun was dein Beruf ist, und melde dich wieder, wenn deine Auftrage vollendet sind." Ist es nicht auch dir auffallend, wie alles auf dieser Erde nach der Mitte strebt, wie so ordentlich alles ist, wie so unbedeutend und kleinlich? So schien es mir stets; daher vermute ich und ich habe dir diese Vermutung, wenn ich nicht irre, schon einmal mitgeteilt, dass unser nachstes Dasein grosser, im Guten wie im Schlechten kraftiger, wilder, kuhner, ungeheurer sein wird.

Die Pflicht zu leben hatte gesiegt, und ich war wieder in dem Gewuhl des Lebens und der Menschen, ihrer und meiner ohnmachtigen Handlungen und fehlervollen Werke. Da befiel mich Entsetzen, wie wenn ein Sterblicher sich in der Mitte unabsehlicher Eisgebirge plotzlich allein fande. Alles war mir kalt und fremd und selbst die Trane gefror.

Wunderliche Welten erschienen und schwanden mir im angstlichen Traum. Ich war krank und litt viel, aber ich liebte meine Krankheit und hiess selbst den Schmerz willkommen. Ich hasste alles Irdische und freute mich, dass es bestraft und zerruttet wurde; ich fuhlte mich so allein und so sonderbar, und wie ein zarter Geist oft mitten im Schoss des Glucks uber seine eigne Freude wehmutig wird, und uns grade auf dem Gipfel des Daseins das Gefuhl seiner Nichtigkeit uberfallt, so schaute ich mit geheimer Lust auf meinen Schmerz. Er ward mir zum Sinnbilde des allgemeinen Lebens, ich glaubte die ewige Zwietracht zu fuhlen und zu sehen, durch die alles wird und existiert, und die schonen Gestalten der ruhigen Bildung schienen mit tot und klein gegen diese ungeheure Welt von unendlicher Kraft, und von unendlichem Kampf und Krieg bis in die verborgensten Tiefen des Daseins.

Durch dieses sonderbare Gefuhl ward die Krankheit zu einer eignen Welt in sich vollendet und gebildet. Ich fuhlte, ihr geheimnisreiches Leben sei voller und tiefer als die gemeine Gesundheit der eigentlich traumenden Nachtwandler um mich her. Und mit der Kranklichkeit, die mir gar nicht unangenehm war, blieb mir auch dieses Gefuhl und sonderte mich vollig ab von den Menschen, wie mich von der Erde der Gedanke trennte, dein Wesen und meine Liebe sei zu heilig gewesen, um nicht ihr und ihren groben Banden fluchtig zu enteilen. Es sei alles gut so und dein notwendiger Tod nichts als ein sanftes Erwachen nach leisem Schlummer.

Auch ich glaubte zu wachen, wenn ich dein Bild anschaute, das sich immer mehr zu einer heitern Reinheit und Allgemeinheit verklarte. Ernst und doch liebreizend, ganz Du und doch nicht mehr Du, die gottliche Gestalt umschienen von wunderbarem Glanz. Bald war es wie der furchtbare Lichtstrahl der sichtbaren Allmacht und bald ein freundlicher Schimmer goldener Kindheit. Mit langen stillen Zugen sog mein Geist aus der Quelle der kuhlen reinen Glut, sich heimlich berauschend, und in dieser seligen Trunkenheit fuhlte ich eine geistliche Wurde eigner Art, weil mir in der Tat jede weltliche Gesinnung ganz fremde war und mich niemals das Gefuhl verliess, dass ich dem Tode geweiht sei.

Langsam flossen die Jahre und muhevoll trat eine Tat nach der andern, ein Werk und dann wieder eines an sein Ziel, das so wenig das meinige war als ich jene Taten und Werke fur das was sie heissen nahm. Es waren mir nur heilige Sinnbilder, alles Beziehungen auf die eine Geliebte, die die Mittlerin war zwischen meinem zerstuckten Ich und der unteilbaren ewigen Menschheit; das ganze Dasein ein steter Gottesdienst einsamer Liebe.

Endlich nahm ich wahr, das sei nun das letzte. Die Stirn war nicht mehr glatt und die Locken wurden bleich. Meine Laufbahn war geendigt aber nicht vollendet. Die beste Kraft des Lebens war dahin und noch stand die Kunst und die Tugend ewig unerreichbar vor mir. Ich ware verzweifelt, hatte ich nicht beide in Dir gesehn und vergottert, holdselige Madonna! und Dich und Deine milde Gottlichkeit in mir.

Da erschienst Du mir bedeutend und winktest todlich. Schon ergriff mich ein herzliches Verlangen nach Dir und nach der Freiheit; ich sehnte mich nach dem geliebten alten Vaterlande und wollte eben den Staub der Reise von mir schutteln, als ich wieder ins Leben gerufen ward durch das Verheissen und die Gewissheit Deiner Genesung.

Nun ward ich meines wachen Traumes inne, erschrack uber alle die bedeutenden Beziehungen und Ahnlichkeiten und stand angstlich an dem unsichtbaren Abgrund dieser innern Wahrheit.

Weisst Du was mir am meisten klar dadurch geworden ist? Zuerst, dass ich Dich vergottre, und dass es gut ist, dass ich so tue. Wir beide sind eins und nur dadurch wird der Mensch zu einem und ganz er selbst wenn er sich auch als Mittelpunkt des Ganzen und Geist der Welt anschaut und dichtet. Doch warum dichtet, da wir den Keim zu allem in uns finden und doch ewig nur ein Stuck von uns selbst bleiben?

Und dann weiss ich's nun, dass der Tod sich auch schon und suss fuhlen lasst. Ich begreife, wie das freie Gebildete sich in der Blute aller Krafte nach seiner Auflosung und Freiheit mit stiller Liebe sehnen und den Gedanken der Ruckkehr freudig anschauen kann wie eine Morgensonne der Hoffnung.

Eine Reflexion

Es ist meinem Gemut nicht selten sonderbar aufgefallen, wie verstandige und wurdige Menschen mit nie ermudender Industrie und mit so grossem Ernst das kleine Spiel in ewigem Kreislauf immer von neuem wiederholen konnen, welches doch offenbar weder Nutzen bringt noch sich einem Ziele nahert, obgleich es das fruheste aller Spiele sein mag.

Dann fragte mein Geist, was wohl die Natur, die uberall so viel denkt, die List im Grossen treibt und statt witzig zu reden, gleich witzig handelt, bei jenen naiven Andeutungen denken mag, welche gebildete Redner nur durch ihre Namenlosigkeit benennen.

Und diese Namenlosigkeit selbst ist von zweideutiger Bedeutung. Je verschamter und je moderner man ist, je mehr wird es Mode sie aufs Schamlose zu deuten. Fur die alten Gotter hingegen hat alles Leben eine gewisse klassische Wurde und so auch die unverschamte Heldenkunst lebendig zu machen. Die Menge solcher Werke und die Grosse der Erfindungskraft in ihr bestimmt Rang und Adel im Reiche der Mythologie.

Diese Zahl und diese Kraft sind gut, aber sie sind nicht das Hochste. Wo schlummert also das ersehnte Ideal verborgen? Oder findet das strebende Herz in der hochsten aller darstellenden Kunste ewig nur andre Manieren und nie einen vollendeten Styl?

Das Denken hat die Eigenheit, dass es nachst sich selbst am liebsten uber das denkt, woruber es ohne Ende denken kann. Darum ist das Leben des gebildeten und sinnigen Menschen ein stetes Bilden und Sinnen uber das schone Ratsel seiner Bestimmung. Er bestimmt sie immer neu, denn eben das ist seine ganze Bestimmung, bestimmt zu werden und zu bestimmen. Nur in seinem Suchen selbst findet der Geist des Menschen das Geheimnis welches er sucht.

Was ist denn aber das Bestimmende oder das Bestimmte selbst? In der Mannlichkeit ist es das Namenlose. Und was ist das Namenlose in der Weiblichkeit? das Unbestimmte.

Das Unbestimmte ist geheimnisreicher, aber das Bestimmte hat mehr Zauberkraft. Die reizende Verwirrung des Unbestimmten ist romantischer, aber die erhabene Bildung des Bestimmten ist genialischer. Die Schonheit des Unbestimmten ist verganglich wie das Leben der Blumen und wie die ewige Jugend sterblicher Gefuhle; die Energie des Bestimmten ist vorubergehend wie das echte Ungewitter und die echte Begeisterung.

Wer kann messen und wer kann vergleichen was eines wie das andre unendlichen Wert hat, wenn beides verbunden ist in der wirklichen Bestimmung, die bestimmt ist, alle Lucken zu erganzen und Mittlerin zu sein zwischen dem mannlichen und weiblichen Einzelnen und der unendlichen Menschheit?

Das Bestimmte und das Unbestimmte und die ganze Fulle ihrer bestimmten und unbestimmten Beziehungen; das ist das Eine und Ganze, das ist das Wunderlichste und doch das Einfachste, das Einfachste und doch das Hochste. Das Universum selbst ist nur ein Spielwerk des Bestimmten und des Unbestimmten und das wirkliche Bestimmen des Bestimmbaren ist eine allegorische Miniatur auf das Leben und Weben der ewig stromenden Schopfung.

Mit ewig unwandelbarer Symmetrie streben beide auf entgegengesetzten Wegen sich dem Unendlichen zu nahern und ihm zu entfliehen. Mit leisen aber sichern Fortschritten erweitert das Unbestimmte seinen angebornen Wunsch aus der schonen Mitte der Endlichkeit ins Grenzenlose. Das vollendete Bestimmte hingegen wirft sich durch einen kuhnen Sprung aus dem seligen Traum des unendlichen Wollens in die Schranken der endlichen Tat und nimmt sich selbst verfeinernd immer zu an grossmutiger Selbstbeschrankung und schoner Genugsamkeit.

Auch in dieser Symmetrie offenbart sich der unglaubliche Humor, mit dem die konsequente Natur ihre allgemeinste und einfachste Antithese durchfuhrt. Selbst in der zierlichsten und kunstlichsten Organisation zeigen sich diese komischen Spitzen des grossen Ganzen mit schalkhafter Bedeutsamkeit wie ein verkleinertes Portrait und geben aller Individualitat, die allein durch sie und den Ernst ihrer Spiele entstehet und bestehet, die letzte Rundung und Vollendung.

Durch diese Individualitat und jene Allegorie bluht das bunte Ideal witziger Sinnlichkeit aus dem Streben nach dem Unbedingten.

Nun ist alles klar! Daher die Allgegenwart der namenlosen unbekannten Gottheit. Die Natur selbst will den ewigen Kreislauf immer neuer Versuche; und sie will auch, dass jeder einzelne in sich vollendet einzig und neu sei, ein treues Abbild der hochsten unteilbaren Individualitat.

Sich vertiefend in diese Individualitat nahm die Reflexion eine so individuelle Richtung, dass sie bald anfing aufzuhoren und sich selbst zu vergessen.

"Was sollen mir diese Anspielungen, die mit unverstandlichem Verstand nicht an der Grenze sondern bis in die Mitte der Sinnlichkeit nicht spielen sondern widersinnig streiten?"

So wirst Du und wurde Juliane zwar nicht sagen aber doch gewiss fragen.

Liebe Geliebte! darf der volle Blumenstrauss nur sittsame Rosen, stille Vergissmeinnicht und bescheidne Veilchen zeigen, und was sonst madchenhaft und kindlich bluht, oder auch alles andre was in bunter Glorie sonderbar strahlt?

Die mannliche Ungeschicklichkeit ist ein mannigfaltiges Wesen und reich an Bluten und Fruchten jeder Art. Gonne selbst der wunderlichen Pflanze, die ich nicht nennen will, ihre Stelle. Sie dient wenigstens zur Folie fur die hellbrennende Granate und die lichten Orangen. Oder soll es etwa statt dieser bunten Fulle nur eine vollkommne Blume geben, welche alle Schonheiten der ubrigen vereint und ihr Dasein uberflussig macht?

Ich entschuldige nicht, was ich lieber sogleich noch einmal tun will, mit vollem Zutrauen auf Deinen objektiven Sinn fur die Kunstwerke der Ungeschicklichkeit, welche den Stoff zu dem was sie bilden will, oft nicht ungern von der mannlichen Begeisterung entlehnt.

Es ist ein zartliches Furioso und ein kluges Adagio der Freundschaft: Du wirst Verschiednes daraus lernen konnen: dass Manner mit ungemeiner Delikatesse zu hassen verstehn, wie ihr zu lieben; dass sie dann einen Zank, wenn er vollendet ist, in eine Distinktion umbilden, und dass Du so viele Anmerkungen daruber machen darfst als Dir gefallig ist.

Julius an Antonio

I.

Du hast Dich sehr verandert seit einiger Zeit! Sieh Dich vor Freund, dass der Sinn fur das Grosse Dir nicht abhanden kommt, ehe Du es gewahr wirst. Was soll das geben? Du wirst endlich so viel Zartheit und Feinheit ansetzen, dass Herz und Gefuhl drauf geht. Wo bleibt da die Mannlichkeit und handelnde Kraft? Ich werde noch dahin kommen, Dir zu tun wie Du mir tust, seit wir nicht mehr mit einander sondern neben einander leben. Ich werde Dir Grenzen setzen mussen und sagen, wenn er auch Sinn fur alles hat, was sonst schon ist, so fehlt ihm doch der eine fur die Freundschaft. Doch werde ich den Freund und sein Tun und Lassen nie moralisch kritisieren; wer das kann, der verdient nicht das hohe seltne Gluck einen zu haben.

Dass Du Dich zuerst an Dir selbst vergreifst, macht die Sache nur schlimmer. Sage mir im Ernst, suchst Du die Tugend in diesen kuhlen Spitzfindigkeiten des Gefuhls, in diesen Kunstubungen des Gemuts, die den Menschen aushohlen und am vollen Mark seines Lebens zehren?

Schon lange war ich ergeben und still. Ich zweifelte gar nicht, dass Du, da Du so vieles weisst, auch wohl die Ursachen wissen wurdest durch die unsre Freundschaft untergegangen ist. Fast scheint es ich habe mich geirrt, da Du so erstaunen konntest, dass ich mich ganz an Eduard anschliessen will, da Du gleichsam nicht begreifend zu fragen schienst, wodurch Du mich denn beleidigt hattest. Wenn es nur das ware, nur etwas einzelnes, dann war er es den Misslaut einer solchen Frage nicht wert, dann wurde sich's von selbst beantworten und ausgleichen. Ist es aber nicht mehr wenn ich bei jeder Veranlassung es immer wieder als Entweihung fuhlen muss, dass ich Dir alles von Eduard wie es vorfiel, mitteilte? Getan hast Du freilich nichts gegen ihn, auch nicht laut gesagt: aber ich weiss und sehe recht gut wie Du denkst. Und wenn ich es nicht wusste und sahe, was ware denn die unsichtbare Gemeinschaft unsrer Geister und die schone Magie dieser Gemeinschaft? Es kann Dir gewiss nicht einfallen, Dich hier noch langer zuruckziehen und durch blosse Feinheit das Missverstandnis in Nichts auflosen zu wollen: denn sonst hatte auch ich wirklich nichts weiter zu sagen.

Unstreitig seid ihr durch eine ewige Kluft geschieden. Die ruhige klare Tiefe Deines Wesens, und der heisse Kampf seines rastlosen Lebens liegen an den entgegengesetzten Enden des menschlichen Daseins. Er ist ganz Handlung, Du bist eine fuhlende und beschauende Natur. Darum solltest Du eben Sinn fur alles haben und hast ihn auch, wo Du Dich nicht selbst absichtlich verschliessest. Und das verdrusst mich eigentlich. Mochtest Du den Herrlichen lieber hassen als verkennen! Aber wohin soll es fuhren, wenn man sich unnaturlich gewohnt, das wenige Grosse und Schone was noch etwa da ist, so gemein zu nehmen, als es der Scharfsinn nur immer nehmen kann, ohne die Anspruche auf den Sinn aufzugeben? Was man uberall sehn will, muss man endlich selbst werden.

Ist das die geruhmte Vielseitigkeit? Freilich beobachtest du dabei den Grundsatz der Gleichheit, und einem geht's nicht viel besser wie dem andern; nur dass jeder auf eine eigne Art verkannt wird. Hast Du nicht auch mein Gefuhl gezwungen uber das was ihm das Heiligste ist ewig zu schweigen gegen Dich wie gegen jeden andern? Und das darum, weil Du Dein Urteil nicht schweigen lassen konntest bis es Zeit war, und weil Dein Verstand uberall Grenzen erdichtet, ehe er seine eigenen finden kann. Du hast mich beinah in den Fall gebracht, Dir auseinandersetzen zu mussen, wie gross eigentlich mein Wert sei, wie viel richtiger und sichrer Du gegangen sein wurdest, wenn Du dann und wann nicht geurteilt sondern geglaubt, wenn Du hie und da in mir ein unbekanntes Unendliches vorausgesetzt hattest.

Freilich ist meine eigne Nachlassigkeit an allem schuld. Vielleicht war's auch Eigensinn, dass ich die ganze Gegenwart mit Dir teilen wollte, und Dich uber Vergangenheit und Zukunft doch nicht belehrte. Ich weiss nicht, es widerstand meinem Gefuhl, auch hielt ich's fur uberflussig, denn ich traute Dir in der Tat unendlich viel Verstand zu.

O Antonio, wenn ich an ewigen Wahrheiten zweifeln konnte, so hattest Du mich dahin gebracht, jene stille schone Freundschaft, die auf der blossen Harmonie des Seins und Zusammenseins beruht, fur etwas Falsches und Verkehrtes zu halten!

Ist es nun noch unbegreiflich wenn ich mich ganz auf die andre Seite werfe? Ich entsage dem zarten Genuss und sturze mich in den wilden Kampf des Lebens. Ich eile zu Eduard. Alles ist verabredet. Wir wollen nicht bloss zusammen leben, sondern im bruderlichen Bunde vereint wirken und handeln. Er ist rauh und herbe, seine Tugend ist mehr kraftig als empfindsam: aber er hat ein mannliches grosses Herz, und in jedem bessern Zeitalter ware er, das sage ich kuhn, ein Held gewesen.

II.

Es ist wohl schon, dass wir endlich einmal wieder miteinander gesprochen haben; ich bin es auch zufrieden, dass Du durchaus nicht schreiben wolltest, und auf die armen unschuldigen Buchstaben schiltst, weil Du wirklich zum Sprechen mehr Genie hast. Aber ich habe doch noch eins und das andre auf dem Herzen, was ich nicht sagen konnte und was ich versuchen will, Dir brieflich anzudeuten.

Warum aber auf diesem Wege? O mein Freund, wenn ich nur noch ein feineres gebildeteres Element der Mitteilung wusste, um das was ich mochte, in zarter Hulle leise aus der Ferne zu sagen! Das Gesprach ist mir zu laut und zu nah und auch zu einzeln. Diese einzelnen Worte geben immer wieder nur eine Seite, ein Stuck von dem Zusammenhange, von dem Ganzen, das ich in seiner vollen Harmonie andeuten mochte.

Und konnen Manner die zusammen leben wollen, zu zart gegen einander in ihrem Umgange sein? Es ist nicht als ob ich befurchtete, etwas zu Heftiges zu sagen, und dass ich darum gewisse Personen und gewisse Gegenstande in unserm Gesprach vermied. Daruber, denke ich, ist ja wohl die Grenzscheidung zwischen uns auf immer vernichtet!

Was ich Dir noch sagen wollte, ist etwas ganz Allgemeines; und doch wahle ich lieber diesen Umweg. Ich weiss nicht ob es eine falsche oder eine wahre Delikatesse ist, aber es wurde mir schwer fallen, viel von der Freundschaft mit Dir zu reden von Angesicht zu Angesicht.

Und doch sind's Gedanken uber diese, die ich Dir sagen muss. Die Anwendung und auf die kommt es am meisten an wirst Du leicht selbst machen konnen.

Fur mein Gefuhl gibt's zwei Arten von Freundschaft.

Die erste ist ganz ausserlich. Unersattlich eilt sie von Tat zu Tat und nimmt jeden wurdigen Mann auf in den grossen Bund vereinter Helden, schlingt den alten Knoten durch jede Tugend fester, und trachtet stets neue Bruder zu gewinnen; je mehr sie hat, je mehr begehrt sie.

Erinnre Dich an die Vorwelt und Du wirst diese Freundschaft, die den redlichen Krieg gegen alles Bose, wenn es auch in uns oder im Geliebten ware, kampft, uberall finden, wo die edle Kraft in grossen Massen wirkt und Welten bildet oder beherrscht.

Jetzt sind andre Zeiten, aber das Ideal dieser Freundschaft wird in mir sein, so lange wie ich selbst sein werde.

Die andre Freundschaft ist ganz innerlich. Eine wunderbare Symmetrie des Eigentumlichsten, als wenn es vorher bestimmt ware, dass man sich uberall erganzen sollte. Alle Gedanken und Gefuhle werden gesellig durch die gegenseitige Anregung und Ausbildung des Heiligsten. Und diese reingeistige Liebe, diese schone Mystik des Umgangs schwebt nicht bloss als fernes Ziel vor einem vielleicht vergeblichen Streben. Nein, sie ist nur vollendet zu finden. Auch hat da keine Tauschung statt, wie bei jener andern heroischen. Ob die Tugend eines Mannes Stich halt, muss die Tat lehren. Aber wer selbst in seinem Innern die Menschheit und die Welt fuhlt und sieht, der wird nicht leicht allgemeinen Sinn und allgemeinen Geist da suchen konnen wo er nicht ist.

Zu dieser Freundschaft ist nur fahig, wer in sich ganz ruhig wurde und in Demut die Gottlichkeit des andern zu ehren weiss.

Haben die Gotter einem Menschen eine solche Freundschaft geschenkt, so kann er weiter nichts, als sie mit Sorge vor allem was ausserlich ist bewahren und das heilige Wesen schonen. Denn verganglich ist die zarte Blute.

Sehnsucht und Ruhe

Leicht bekleidet standen Lucinde und Julius am Fenster im Pavillon, erfrischten sich an der kuhlen Morgenluft und waren verloren im Anschaun der aufsteigenden Sonne, die von allen Vogeln mit munterem Gesang begrusst ward.

Julius, fragte Lucinde, warum fuhle ich in so heitrer Ruhe die tiefe Sehnsucht? Nur in der Sehnsucht finden wir die Ruhe, antwortete Julius. Ja die Ruhe ist nur das, wenn unser Geist durch nichts gestort wird, sich zu sehnen und zu suchen, wo er nichts Hoheres finden kann als die eigne Sehnsucht.

Nur in der Ruhe der Nacht, sagte Lucinde, gluht und glanzt die Sehnsucht und die Liebe hell und voll wie diese herrliche Sonne. Und am Tage, erwiderte Julius, schimmert das Gluck der Liebe blass, so wie der Mond nur sparsam leuchtet. Oder es erscheint und schwindet plotzlich ins allgemeine Dunkel, fugte Lucinde an, wie jene Blitze, die uns das Gemach erhellten, da der Mond verhullt war.

Nur in der Nacht singt Klagen, sprach Julius, die kleine Nachtigall und tiefe Seufzer. Nur in der Nacht eroffnet sich die Blume schuchtern und atmet frei den schonsten Duft, um Geist und Sinne in gleicher Wonne zu berauschen. Nur in der Nacht, Lucinde, stromet tiefe Liebesglut und kuhne Rede gottlich von den Lippen, die im Gerausch der Tage ihr susses Heiligtum mit zartem Stolz verschliessen.

Lucinde

Nicht ich, mein Julius, bin die die Du so heilig malst; obschon ich klagen mochte wie die Nachtigall, und, wie ich innig fuhle, nur der Nacht geweiht bin. Du bist's, es ist die Wunderblume Deiner Fantasie, die Du in mir, die ewig Dein ist, dann erblickst, wenn das Gewuhl verhullt ist und nichts Gemeines Deinen hohen Geist zerstreut.

Julius

Lass die Bescheidenheit und schmeichle nicht. Gedenke, Du bist die Priesterin der Nacht. Im Strahl der Sonne selbst verkundigt's der dunkle Glanz der vollen Locken, der ernsten Augen lichtes Schwarz, der hohe Wuchs, die Majestat der Stirn und aller edlen Glieder.

Lucinde

Die Augen sinken, indem Du ruhmst, weil jetzt der laute Morgen blendet, und lust'ger Vogel buntes Lied die Seele stort und schreckt. Sonst mochte wohl das Ohr in stiller dunkler Abendkuhle des sussen Freundes susse Rede gierig trinken.

Julius

Es ist nicht eitle Fantasie. Unendlich ist nach Dir und ewig unerreicht mein Sehnen.

Lucinde

Sei's was es sei, Du bist der Punkt in dem mein Wesen Ruhe findet.

Julius

Die heil'ge Ruhe fand ich nur in jenem Sehnen, Freundin.

Lucinde

Und ich in dieser schonen Ruhe jene heil'ge Sehnsucht.

Julius

Ach, dass das harte Licht den Schleier heben darf, der diese Flammen so verhullte, dass der Sinne Scherz die heisse Seele kuhlend lindern mochte!

Lucinde

So wird einst ewig kalter ernster Tag des Lebens warme Nacht zerreissen, wenn Jugend flieht und wenn ich Dir entsage wie Du der grossen Liebe grosser einst entsagtest.

Julius

Dass ich doch Dir die unbekannte Freundin zeigen durfte und ihr das Wunder meines wunderbaren Glucks.

Lucinde

Du liebst sie noch und wirst sie ewig mein auch ewig lieben. Das ist das grosse Wunder Deines wunderbaren Herzens.

Julius

Nicht wunderbarer als das Deine. Ich sehe Dich an meine Brust gelehnt mit Deines Guido Locke spielen; uns beide bruderlich vereint die wurd'ge Stirn mit ew'gen Freudekranzen zieren.

Lucinde

Lass ruhn in Nacht, reiss nicht ans Licht, was in des Herzens stiller Tiefe heilig bluht.

Julius

Wo mag des Lebens Woge mit dem Wilden scherzen, den zart Gefuhl und wildes Schicksal heftig fortriss in die herbe Welt?

Lucinde

Verklart und einzig glanzt der hohen Unbekannten reines Bild am blauen Himmel Deiner reinen Seele.

Julius

O ew'ge Sehnsucht! Doch endlich wird des Tages fruchtlos Sehnen, eitles Blenden sinken und erloschen, und eine grosse Liebesnacht sich ewig ruhig fuhlen.

Lucinde

So fuhlt sich, wenn ich sein darf wie ich bin, das weibliche Gemut in liebeswarmer Brust. Es sehnt sich nur nach Deinem Sehnen, ist ruhig wo Du Ruhe findest.

Tandeleien der Fantasie

Durch die schweren lauten Anstalten zum Leben wird das zarte Gotterkind Leben selbst verdrangt und jammerlich erstickt in der Umarmung der nach Affenart liebenden Sorge.

Absichten haben, nach Absichten handeln, und Absichten mit Absichten zu neuer Absicht kunstlich verweben; diese Unart ist so tief in die narrische Natur des gottahnlichen Menschen eingewurzelt, dass er sich's nun ordentlich vorsetzen und zur Absicht machen muss, wenn er sich einmal ohne alle Absicht, auf dem innern Strom ewig fliessender Bilder und Gefuhle frei bewegen will.

Es ist der Gipfel des Verstandes, aus eigner Wahl zu schweigen, die Seele der Fantasie wiederzugeben und die sussen Tandeleien der jungen Mutter mit ihrem Schosskinde nicht zu storen.

Aber so verstandig ist der Verstand nach dem goldnen Zeitalter seiner Unschuld nur sehr selten. Er will die Seele allein besitzen; auch wenn sie wahnt allein zu sein mit ihrer angebornen Liebe, lauscht er im Verborgnen und schiebt an die Stelle der heiligen Kinderspiele nur Erinnerung an ehemalige Zwecke oder Aussichten auf kunftige. Ja er weiss den hohlen kalten Tauschungen einen Anstrich von Farbe und eine fluchtige Hitze zu geben und will durch seine nachahmende Kunst der arglosen Fantasie ihr eigenstes Wesen rauben.

Aber die jugendliche Seele lasst sich durch die Arglist des Altklugen nicht betoren, und immer sieht sie den Liebling spielen mit den schonen Bildern der schonen Welt. Willig lasst sie ihre Stirn umflechten von den Kranzen, die das Kind aus den Bluten des Lebens flicht, und willig lasst sie sich in wachen Schlummer sinken, Musik der Liebe traumend, und geheimnisvoll freundliche Gotterstimmen vernehmend, wie die einzelnen Laute einer fernen Romanze.

Alte wohlbekannte Gefuhle tonen aus der Tiefe der Vergangenheit und Zukunft. Leise nur beruhren sie den lauschenden Geist und schnell verlieren sie sich wieder in den Hintergrund verstummter Musik und dunkler Liebe. Alles liebt und lebt, klaget und freut sich in schoner Verwirrung. Hier offnen sich am rauschenden Fest die Lippen aller Frohlichen zu allgemeinem Gesange; und hier verstummt das einsame Madchen vor dem Freunde, dem sie sich vertrauen mochte und versagt den Kuss mit lachelndem Munde. Gedankenvoll streue ich Blumen auf das Grab des zu fruh entschlafnen Sohnes, die ich bald voll Freude und voll Hoffnung der Braut des geliebten Bruders darreiche, wahrend die hohe Priesterin mir winkt und mir die Hand reicht zu ernstem Bunde, bei dem ewig reinen Feuer ewige Reinheit und ewige Begeisterung zu geloben. Ich enteile dem Altar und der Priesterin um das Schwert zu ergreifen und mit der Schar der Helden in den Kampf zu sturzen, den ich bald vergesse, wo ich in tiefster Einsamkeit nur den Himmel und mich beschaue.

Welche Seele solche Traume schlummert, die traumt sie ewig fort, auch wenn sie erwacht ist. Sie fuhlt sich umschlungen von den Bluten der Liebe, sie hutet sich wohl die losen Kranze zu zerreissen, sie gibt sich gern gefangen und weiht sich selbst der Fantasie und lasst sich gern beherrschen von dem Kinde, das alle Muttersorgen durch seine sussen Tandeleien lohnt.

Dann zieht sich ein frischer Hauch von Jugendblute uber das ganze Dasein und ein Heiligenschein von kindlicher Wonne. Der Mann vergottert die Geliebte, die Mutter das Kind und alle den ewigen Menschen.

Nun versteht die Seele die Klage der Nachtigall und das Lacheln des Neugebornen, und was auf Blumen wie an Sternen sich in geheimer Bilderschrift bedeutsam offenbart, versteht sie; den heiligen Sinn des Lebens wie die schone Sprache der Natur. Alle Dinge reden zu ihr und uberall sieht sie den lieblichen Geist durch die zarte Hulle.

Auf diesem festlich geschmuckten Boden wandelt sie den leichten Tanz des Lebens, schuldlos und nur besorgt dem Rhythmus der Geselligkeit und Freundschaft zu folgen und keine Harmonie der Liebe zu storen.

Dazwischen ew'ger Gesang, von dem sie nur dann und wann einzelne Worte vernimmt, welche noch hohere Wunder verraten lassen.

Immer schoner umgibt sie dieser Zauberkreis. Sie kann ihn nie verlassen und was sie bildet oder spricht, lautet wie eine wunderbare Romanze von den schonen Geheimnissen der kindlichen Gotterwelt, begleitet von einer bezaubernden Musik der Gefuhle und geschmuckt mit den bedeutendsten Bluten des lieblichen Lebens.