Charlotte von Ahlefeld
Marie Muller
Erstes Kapitel
Marie Muller war die einzige Tochter eines wohlhabenden Burgers in L., sein Stolz und die Freude seines Alters. Ihre Schonheit zeichnete sie fruh vor allen Madchen ihres Standes aus, und ihr Vater sparte nichts, seinen Liebling auch durch eine sorgfaltige Erziehung uber sie zu erheben. Marie hatte Talente, und liebte ein hausliches Leben. In ihrer Eingezogenheit bildete sich ihr Verstand durch Lesen nutzlicher Bucher, und ihre Gefuhle wurden durch Nachdenken und Natur verfeinert und veredelt. Sie lernte Klavier, und begleitete ihr Spiel mit einer sanften, melodischen Stimme; jedoch nur im Geheim, um nicht verspottet zu werden, da sie wohl wusste, dass Vorurtheile den unteren Standen jedes Streben nach hoherer Ausbildung untersagen. Fast in allen weiblichen Arbeiten war sie Meisterin, und eine liebenswurdige Bescheidenheit erhohte den Werth ihrer Talente. Sie ubte sie nur, um ihrem Vater Freude zu machen, und ihre einsamen Stunden nutzlich und angenehm zu beschaftigen. In einer glucklichen Verborgenheit gingen ihre Tage voruber; unbekannt mit der Welt und ihren verfuhrerischen Freuden, hatte sich Marie freilich jenen feinen Ton hoherer Stande nicht erworben, der den Geist fesselt, aber in ihrem ganzen Wesen herrschte mit zauberischer Allmacht jene reine Innigkeit der unverdorbenen, und doch gebildeten Natur, die unwiderstehlich zum Herzen dringt.
Als sie achtzehn Jahr alt war, sagte der Vater: Marie! es ist Zeit, dass ich an Deine Versorgung denke. Ich bin alt und schwach, und wurde mit schwerem Herzen sterben, wenn ich Dich so allein zurucklassen musste. Sage mir, hast Du noch auf keinen Mann gesehn, mit dem Du glucklich seyn konntest? Ich will Dich nicht zwingen, nicht einmal u b e r r e d e n , aber wenn Du Den gefunden hast, den Du Deiner Liebe werth haltst, so entdecke Dich mir, und mache meine alten Tage froh durch Dein Zutrauen, und die Freude, Dich nach Deinem Herzen versorgt zu wissen.
Marie schlang ihre Arme um den redlichen Greis, und antwortete mit einer Thrane und einem holden Errothen: Guter Vater, red' Er nicht so ernsthaft von den Zeiten, wo ich Ihn verlieren werde. Er thut mir zu weh damit. Nicht um nach Seinem Tode, den der Himmel noch lange entfernen moge, einen Schutz zu haben, nein, um Seinem Willen zu gehorchen, will ich Ihm recht aufrichtig sagen, was ich denke. Mein Vetter Ludwig ist brav, und scheint mir gut zu seyn. Ich fuhle eine recht herzliche Freundschaft fur ihn, und glaube, ich wurde ihm einst gern meine Hand geben, wenn ich denn doch einmal heurathen muss.
O Marie! rief der gluckliche Alte, Du hast meinen grossten Wunsch erfullt, ohne es zu wissen. Langst wollt' ich Dir ihn vorschlagen, und jetzt kommst Du mir so freundlich zuvor. Er umarmte seine Tochter mit der ganzen Lebhaftigkeit seiner Freude.
Ludwig war der Sohn seines verstorbenen Bruders, ein offner, redlicher Jungling, seit seinen Kinderjahren mit Marien erzogen. Die Unbefangenheit jenes frohlichen Alters knupfte schon fruh das Band der festesten Freundschaft unter ihnen. Er hatte sich den Forstwissenschaften gewidmet. Unverdorben, wie die schone Natur, in der er immer lebte, war sein Sinn, und innig seine Liebe zu Marien. Sie hatte schon in den Tagen der Kindheit sein junges Herz erfullt, und war fester und ernster in spatern Jahren geworden. Wenn den wilden, brausenden Knaben nichts zu bandigen vermochte, so gelang es Marien mit ihrer milden, liebkosenden Stimme, die sich sanft und beruhigend in die Tiefen seiner Seele stahl. Ein freundlicher Blick, ein Wort von ihr ging ihm uber alles, und lenkte alle seine Handlungen und Wunsche. Auch Marie empfand ein herzliches Wohlwollen fur ihn. Leidenschaft war es nicht, die sie zu ihm hinzog, es war Kenntniss seines Innern, Achtung fur seinen edeln Karakter, lang gewohnte Vertraulichkeit, und die Unwissenheit ihres unbefangenen Herzens, das die Liebe noch nicht kannte.
Nach ihrer Erklarung saumte Muller nicht lange, den Jungling von seinem Gluck zu unterrichten. Ludwig eilte herbey, und empfing Mariens Gestandniss mit Entzucken. O Marie! rief der Freudetrunkne aus, wie reich macht mich Deine Liebe! Wann, wann willst Du mein seyn?
Sobald noch nicht, versetzte Marie. Du musst Dich erst noch mehr in der Welt umsehn, damit Dir dann ein ruhiges Leben desto besser behagt. O ich weiss wohl, wie Dirs zu Muth war, wenn wir so Sonntags hinaus an den Fluss gingen, und die Gegend breitete sich weit und fruchtbar vor uns aus; wie Du dann hinstarrtest, mit unbeweglichen Augen, und mich oft fragtest, schon als wir noch Kinder waren, ob ich mich nicht auch hinuber sehnte uber die blauen Berge, wie Du? Oder wenn wir in der Ferne ein Posthorn blasen horten, wie Dich das ergriff! Oder wenn ein leichter Reisewagen an uns voruber rollte da ward Dirs so eng um die Brust, und Thranen standen Dir oft in den Augen, dass mir's nur selten gelang, mit aller meiner Liebe Deinen finstern Unmuth zu zerstreuen. Geh, sieh Dich noch ein paar Jahre um, und dann Ihre Worte verloren sich in einen leisen Seufzer, und eine leichte Rothe flog uber ihr Gesicht.
Es ward beschlossen, dass Ludwig einen Prinzen, der ihm vorzuglich wohl wollte, als Jager noch ein oder zwey Jahr auf seinen Reisen begleiten sollte. Alsdann sollte er mit einem ihm angemessenen Dienst, der ihm versprochen war, die Hand seiner schonen Braut empfangen, eine Aussicht, die das Paradies vor ihm offnete.
O ihr seligen Traume und Hoffnungen der Liebe, warum erfullt euch die Wirklichkeit so selten? Die Zeit der Abreise nahte heran. Ludwig machte Anstalten, seinem neuen Berufe zu folgen. Lebe wohl, mein Freund! sagte Marie zu ihm in der Stunde des Abschieds. Gedenke meiner in der Entfernung, und kehre gut und brav wieder, wie Du von mir gehst.
Lebe wohl, Marie! antwortete Ludwig mit bebender Stimme, indem er ihr einen Ring von seinen Haaren gab, und grosse Thranen traten in sein redliches Auge. Darf ich Dir schreiben? Schreib meinem Vater, Ludwig, versetzte Marie, und neigte sich in seine Umarmung.
Ewig, ewig bin ich Dein! rief Ludwig, schloss sie fester an sein Herz, und eilte, wohin ihn sein Schicksal rief.
Ernsthaft stand Marie am Fenster, und sah ihm nach. Ihr ganzes Wesen bewegte sich mit Warme fur ihn. Er war so gut, er war so herzlichnie fuhlte sie das inniger als jetzt. Sie sah ihn noch, wie er vor ihr stand, im Schmerz der Trennung verloren, die hellen Thranen, die uber die braune Wange flossen, den schuchternen Blick, der auf ihr ruhte, mit stillen Bitten um ihre Treue. Ja, ich werde glucklich mit ihm seyn, rief sie, und ihr Auge hing noch immer an der Stelle, wo er verschwand. Sie setzte sich ans Fenster nieder, und versank in ernste Traumereyen.
Zwar oft, in ihren einsamen Stunden, hatte sich ihre Einbildungskraft ein Ideal entworfen, und diesem glich Ludwig nicht. Mit jeder mannlichen Vollkommenheit geschmuckt stand ein Bild vor ihrer Seele, dem sie huldigte in stiller Liebe; aber ach, wo sollte sie den finden, dem es ahnlich war? O wie wurde ich ihn lieben, seufzte sie oft, wenn ich ihm begegnete, ihm, der meinem Bilde gleicht! Aber ihre Sehnsucht war umsonst. Er ist nicht auf dieser Erde, sagte sie traurig, und suchte ihr Ideal zu vergessen. Als sich Ludwig mit allem Feuer seiner Leidenschaft um sie bewarb, stellte sie es tiefer in den Hintergrund ihrer Seele, weil sie uberzeugt war, es nie zu finden. Seine Gute, so anspruchlos und wahr, sein fester, mannlicher Sinn, seine innige Liebe zu ihr, erwarb ihm ihre Dankbarkeit und Freundschaft. Sie duldete seine Zartlichkeit, wenn sie sie auch noch nicht erwiederte, und sah mit Hoffnung und Ruhe in die Zukunft, die sie verbinden sollte.
Der Vater unterbrach ihre Gedanken, die sich mit fernen Tagen beschaftigten es war ein Gerausch auf der Strasse entstanden sie hatte es nicht bemerkt. Sieh doch, Marie, sagte er zu ihr, wer mag wohl der Herr seyn, der da an unserm Hause voruber reitet? Marie offnete das Fenster, und erblickte einen jungen, schonen Mann, der in einem einfachen Jagdkleide, umgeben von einigen Dienern in reicher Livree, auf einem muthigen Falben voruber ritt. Eine englische Dogge begleitete ihn mit frohem Gebell; Marie sah gedankenvoll hinab ein Armer bat um eine Gabe. Der Unbekannte hielt, und mit einer Leutseligkeit im Ton und Blick, die sein Geschenk noch ubertraf, warf er mit freundlichen Worten ihm ein Goldstuck zu, und sprengte rasch von dannen.
Er schien ohngefahr sechs oder sieben und zwanzig Jahr alt zu seyn, hatte eine schone Gestalt voll Anstand und Wurde, Augen, in denen eine sanfte Schwarmerey mit jugendlichem Feuer sich stritt, Lippen, auf denen der mildeste Ernst mit dem frohen Lacheln der Jugend sich paarte, eine Stirn, stolz und leicht emport, und regelmassige Zuge, durch eine sanfte Melancholie verschonert. Mit wilder Anmuth flogen die seidnen Locken um ihn her, und kuhn und gebieterisch wolbten sich die dunkeln Augenbraunen uber den ernsthaft lachelnden Blick.
Marie ging hinab in den Garten. Sie bewohnten ein schones Haus in der Vorstadt, dessen Garten eine freie Aussicht auf die lachende Landschaft hatte, die L. umgab. Sonst sass sie gern allein, in dem grunen Dunkel ihrer Lauben, aber heute war es ihr zum ersten Mal zu einsam. Eine ahnende Wehmuth bemeisterte sich ihrer, sie wusste sich ihr Gefuhl nicht zu erklaren, so sehr sie ihm auch nachhing, und buntverworrene Bilder umgaukelten sie.
Der Anblick des schonen Fremden hatte die Spuren von Ludwigs Abschied halb verloscht. Wer er wohl seyn mag? fragte sie sich selbst. Doch was kann m i r daran liegen, antwortete sie schnell, und setzte sich nieder zu ihrer Arbeit.
Aber es wollte ihr heute nichts gelingen. Mit Unwillen bemerkte sie es. Sie fuhlte sich so beklommen, alles schien ihr so ode, dass sie rasch aufsprang, und die Thur offnete, die auf die Strasse ging, um eine ihrer Nachbarinnen um ihre Gesellschaft zu bitten. Aengstlich sprang ihr, als sie heraustrat, die englische Dogge entgegen, die vor kurzem den Unbekannten begleitet hatte. Sie schien sich verlaufen zu haben, und eilte freundlich zu Marien, als ware sie langst mit ihr bekannt. Marie, deren weiches Herz von einem reichen Wohlwollen fur Menschen und Thiere erfullt war, nahm den Fluchtling gutig auf, und dachte nicht mehr an die Nachbarin. Der Hund trug ein Halsband von blauem Sammet, mit einem goldenen Schloss, dem die Buchstaben C. v. W. zierlich eingegraben waren.
Seh' Er, Vater! rief Marie, da er ihr entgegen kam, seh' Er den Hund des Herrn, der vorhin vorbei ritt. Er muss seine Spur verloren haben. Wir wollen ihn behalten, bis uns die Zeitungen melden, wem er gehort, damit wir ihn dann zuruckgeben konnen. Der Alte war es zufrieden, und Marie ubernahm die Pflege des schonen Thiers, das sehr bald ihre Zuneigung gewahr wurde, und sie erwiederte.
Zweites Kapitel
Es vergingen einige Tage. Marie dachte oft an Ludwig, doch ofter an den Fremden, dessen Bild sich ihrem Herzen tief eingepragt hatte. Immer erblickte sie ihn vor sich, den Glanz der schonen Augen vom milden Schimmer der Wohlthatigkeit uberflossen, und ihre Fantasie malte die schonsten Zuge, die sie jemals sah, aus, und grub sie tief in ihre Seele. Endlich trat der Vater mit einem Zeitungsblatt zu ihr. Lies, sagte er, man fordert Deinen Hausgenossen zuruck. Marie ergriff das Blatt, ihr Blick durchlief es fluchtig, bis sie den Namen fand, den sie suchte; mit einem tiefen Errothen las sie: Carl Graf von Wodmar. Wehmuthig betrachtete sie den Hund, der ihr so lieb geworden war, und der ruhig zu ihren Fussen schlummerte. Wir sollen uns trennen, sagte sie zu ihm, und neigte sich ihn streichelnd zu ihm herab, und ich hatte Dich so gern immer bey mir behalten. Was wolltest Du wohl mit dem grossen Thiere machen? versetzte der Alte. Nein, wir wollen ihn zuruckgeben, und ich kaufe Dir lieber einmal ein Bologneserhundchen, oder ein kleines Windspiel, wie es sich eher fur ein Madchen schickt.
Also ein Graf? sprach Marie zu sich selbst, als sie allein war, und ein tiefer Seufzer schwellte unwillkurlich ihren Busen. Wie schon ist er nicht! Mich dunkt, ich sah nie einen schonern Mann! Selbst Ludwig, der doch auch wohlgebildet ist, wurde mir neben ihm so gemein, so alltaglich vorkommen. Und wie gut muss er nicht seyn, fuhr sie mit geruhrter Stimme fort, denn er war so freundlich, und schien so gern zu geben, als der Arme um ein Almosen bat! Aber was geht es mir an? Sie wurde unwillig uber ihr Selbstgesprach, brach es schnell ab, und lief, ohne zu wissen warum, geschwind zu dem Vater, um ihn zu bitten, dass er doch gleich mochte im Zeitungs-Comtoir bekannt machen, wo der Hund abzuholen sey. Es geschah, und in wenig Stunden darauf klopfte jemand an die Thur. Marie rief herein, es war der Kammerdiener des Grafen.
Mein Herr dankt Ihnen sehr, hub er an, und wandte sich zum alten Muller, der seine Pfeife Tabak in Ruhe rauchte, dass Sie Sich so gutig seines verirrten Hundes angenommen haben, den er wie seine beiden Augen liebt. Er bittet, Sie mochten diese Kleinigkeit, hier wollte er dem Alten sechs Louisd'or in die Hand drukken, als ein Zeichen seiner Erkenntlichkeit annehmen.
Sie sind Ihren Dank eigentlich meiner Tochter schuldig, antwortete Muller. Ich habe wenig Verdienste um das Thier, denn Marie hat sichs nicht nehmen lassen, dafur zu sorgen. Der Kammerdiener machte eine Verbeugung an Marien, und wollte ihr das Gold uberreichen. Ihr holdes Gesicht gluhte, sie fuhlte sich in diesem Augenblick beleidigt, und von einer sonderbaren Beschamung durchbebt.
Sagen Sie Ihrem Herrn, sprach sie, dass ich, ohne mich belohnen zu lassen, meine Schuldigkeit thue. Der Hund ist sein, und ich gebe ihn unentgeldlich zuruck. Ihr Herr, fuhr sie zogernd fort, scheint von seinem Gelde den besten Gebrauch zu machen, indem er gutig seinen Ueberfluss unter die Armen vertheilt; bitten Sie ihn, die mir zugedachte Belohnung eben so anzuwenden. Sie liebkosete Pallas, so hiess der Hund, zum Abschied, entfernte sich dann, begleitet von den verwunderungsvollen Blicken des Kammerdieners, der niemals so viel Schonheit und Anmuth beisammen gesehn hatte.
Georg, dies war sein Name, kehrte zum Grafen zuruck, und nachdem er ausfuhrliche Rechenschaft von seinem Auftrage abgelegt hatte, ergoss er sich in eine Menge Lobspruche uber Mariens Reize. Der Graf, ein junger Libertin, wurde neugierig, eine Bekanntschaft zu machen, von der Georg ganz begeistert war. Sie hat mein Geld verschmaht, sagte er zu ihm, meinen Dank wird sie doch annehmen. Morgen will ich einen Augenblick hingehn, und sehn, ob dein Lob nicht ubertrieben ist.
Mariens Gemuth, das durch des Grafen Anblick bewegt worden war, fing gerade an diesem Tage an, wieder ruhig zu werden. Sie dachte ernsthaft an Ludwig und an die Zukunft, und eine sanfte Schwermuth bemachtigte sich ihrer, und fullte ihr Auge mit Thranen. Neben den schonen Grafen stellte sie im Geist ihren Ludwig mit seiner treuen Liebe, und so, glaubte sie, wurde ihr es leicht werden, den Mann zu vergessen, den sie gleichsam nur im Voruberfliegen gesehn hatte, und der wie ein Zauberbild aus einer schonen Ideenwelt vor ihrer Seele schwebte. Da horte sie einen leisen Gang vor ihrer Thur, endlich Pallas wohlbekanntes Bellen; unentschlossen stand sie noch da, als es klopfte; sie offnete, und der Graf mit seiner Dogge stand vor ihr. Pallas lief auf sie zu, und bezeugte ihr seine Freude, sie wieder zu sehn; sie neigte sich lachelnd zu ihm, und Wodmar, dessen Erwartung weit ubertroffen war, redete sie an. Verzeihen Sie, liebenswurdiges Madchen! sagte er, dass ich selbst komme, Ihnen den Dank zu uberbringen, den ich Ihnen schuldig bin. Er schwieg, aber sein Auge sprach fort. Marie schlug errothend die ihrigen nieder, eine susse Unruh bewegte ihr Innres: O gnadiger Herr! stammelte sie leise, und schwieg dann verlegen. Gerade zur rechten Zeit kam der alte Muller, der beym Anblick seines vornehmen Gastes in ein angenehmes Erstaunen gerieth. Der Graf wurde zum Sitzen genothigt, und Marie erlangte ihr unbefangnes Wesen wieder, als ihr der Vater den Auftrag gab, eine Flasche alten Rheinwein aus dem Keller zu holen, mit welcher er ihn bewirthen wollte. Wodmar folgte ihr mit seinen Blicken, Marie war schon wie ein Engel. Ihre einfache, aber saubre, burgerliche Kleidung lieh ihren Reizen nichts, ohne sie allzuneidisch zu verhullen. Sie war liebenswurdig durch sich selbst, und brauchte keiner fremden Hulfe um zu gefallen. Die holde Sittsamkeit auf ihrer leicht errothenden Wange, und die kunstlose Anmuth, die ihre Bewegungen schmuckte, alles dies gab ihrer Schonheit in seinen Augen doppelten Reiz.
Der Wein offnet die Herzen; besonders hatte er auf Mullern, der ihn selten zu trinken pflegte, fur den Grafen den wohlthatigsten Einfluss. Er wurde lustig und vertraulich. Wodmar besass die Gabe, sich mit einer Geschmeidigkeit, die man nur in der grossen Welt erlernt, in jede Lage zu fugen, und so verschlossen auch Muller gegen jede neue Bekanntschaft war, so offen wurde er bald gegen ihn. Diese abgeglattete Feinheit, die den Mann von Ton karakterisirt, diese Politur, die sich nur im Glanz der Hofe und eines rauschenden Lebens erwerben lasst, und ach! unter welcher oft die schonste Wurde des Menschen, die edle Einfalt und Unschuld des Herzens verloren geht, wie gefahrlich ist sie nicht dem stillen Biedersinn des redlichen Burgers, der keine Tiefe ahnet, wo er eine klare, ruhige Flache sieht.
Marie sass bescheiden in einiger Entfernung den beiden Trinkenden gegenuber. Ihr ganzes Gesicht wurde Glut, als der Vater in seiner gutmuthigen Geschwatzigkeit dem Grafen ihr Verhaltniss zu Ludwig entdeckte, unterm Spiegel ihm seinen Schattenriss zeigte, und das Glas mit den Worten: Er soll leben! hoch empor hob, und dann leerte. Das soll er, versetzte der Graf, indem er langsam trank, und einen ernsten, forschenden Blick auf Marien heftete, der dies Gesprach immer peinlicher wurde. Dann stand er auf, ging hin zu dem Schattenriss, und sah ihn an. Marie, die ihn in den letzten Tagen vernachlassigt hatte, putzte den Staub herunter, und mit einer stillen Melancholie in seinen Zugen betrachtete er den glucklichen Brautigam.
Lieben Sie Ludwig? fragte er leise Marien, auf deren Gesicht er einen verschwiegenen Kummer wahrzunehmen glaubte.
Ich schatze ihn hoch, war ihre Antwort.
Sie schatzen ihn, aber Sie lieben ihn nicht? fuhr er dringender fort. Ich bin ihm gut, versetzte das errothende Madchen. Reden Sie bestimmt, ich beschwore Sie bei dem Gluck meines Lebens! L i e b e n Sie Ihren Brautigam? Mariens Auge sank zu Boden; sie schwieg.
Des Grafen Blicke wurden inniger, eine brennende Rothe flammte auf seinen Wangen, er druckte ihre Hand, und setzte sich wieder zum Alten.
Marien wurde es zu eng im Zimmer. Sie eilte hinaus, und machte sich Vorwurfe uber ihr Betragen. Wie thoricht habe ich mich aufgefuhrt, rief sie aus. Muss nicht der Graf denken, dass mir Ludwig so gleichgultig ist, wie ein Fremder? Warum sagt' ich denn nicht, dass ich ihn liebe? und liebe ich ihn etwa nicht, fuhr sie nach einer Pause fort, hat ihm nicht seine Gefalligkeit, seine Treue, seine Liebe fur mich die meinige erworben? Sie dachte nach uber ihre Gefuhle, und sie wurden ihr klarer. Mit tiefem, edlem Unwillen uber sich selbst erblickte sie Ludwigs Bild in ihrem Herzen von des Grafen Liebenswurdigkeit ganz in Schatten gestellt. Sie wurde besturzt uber Empfindungen, die sie fur Sunde hielt. Ich war auf dem Wege mich zu verirren, sagte sie, und holte aus ihrem Schmuckkastchen Ludwigs Ring, den sie an ihren Finger steckte, und zartlich betrachtete. Vergieb mir, Ludwig! Dieser Ring, das Andenken Deiner Liebe soll mich erinnern was ich Dir schuldig bin, und mir selbst, wenn eine unselige Schwache es mir vergessen lassen sollte. Bei diesen Worten trocknete sie ihr Auge, das eine unwillkuhrliche Thrane benetzte, und ging wieder zu ihrem Vater, welcher allein war. Der Graf hatte so viel Vergnugen an seinem Umgange gefunden, dass er mit dem Versprechen gegangen war, ofter wieder zu kommen.
Es macht uns nicht immer glucklich, wenn es uns klar ist, was wir fuhlen. Mariens Nachdenken uber sich selbst fuhrte die erste dunkle Stunde ihres Lebens herbei. Ihre Lage erschien ihr jetzt in einem ganz andern Lichte, wie ehemals. Wo sie zu lieben glaubte, fand sie nur Freundschaft, und ihr Wohlgefallen an dem Grafen fuhrte sie zu aufkeimender Liebe. Noch immer erblickte sie ihn neben sich, als er, Ludwigs Schattenriss in der Hand, mit einem festen, ausdrucksvollen Blick sie ansah, als wollte er in ihrem Herzen lesen. Immer kehrte die susse Beklemmung wieder, die bei seinem Handedruck ihr Wesen mit einem wonnevollen Schauder durchdrang. Immer rief sie sich die Melodie seiner Stimme, die Zauberkraft seines Anblicks, die ruhrende Schwermuth zuruck, die seine Zuge bewolkte, und suchte dann das Bild wieder zu verloschen, mit dem sie sich so gern beschaftigte. Die reichen Fraulein sind doch glucklich, dachte sie oft, wenn sie allein war, und Er ihre Gedanken belebte. Sie durfen ihn anhoren, wenn er von Liebe spricht, sie durfen h o f f e n ! Aber i c h ich murre nicht uber meinen niedern Stand, ich murre nicht uber mein Schicksal, ich bin ja Ludwigs Verlobte. Er wird mich glucklich machen, meine Wunsche sind Traume, ich will sie vergessen. Sie bemuhte sich, es zu thun, es kostete ihr Seufzer, und oft auch heimliche Thranen, und Wodmars Bild grub sich dennoch mit unausloschbaren Zugen in ihr Herz.
Drey Tage waren vergangen seit seinem Besuche. Er wird nicht wiederkommen, sagte sie traurig zu ihrem Vater. Wer, mein Kind? antwortete Muller. Sie schwieg, lachelte schmerzlich, und setzte sich zum Klavier, um durch Musik die dumpfe Traurigkeit, die ihre Seele umlagerte, in milde Wehmuth aufzulosen. Der Vater ging seinen Geschaften nach, und liess sie allein mit ihrer Schwermuth, die er Ludwigs Abwesenheit zuschrieb. Da flog die Thur auf, sie sah sich um, und Todtenblasse wechselte schnell in ihrem Gesicht mit dem hohen Roth der Freude, die ihren schonen Augen doppelten Glanz gab, als sie den Grafen mit einem schmeichelhaften Erstaunen, sie am Klavier zu finden, vor sich stehn, und ihre Hande mit Innigkeit fassen sah.
Drittes Kapitel
Sie scheinen verwundert, mich wieder zu sehn, sagte er mit einem unaussprechlich sussen Ton, der tief in ihr Herz drang; darf ich hoffen, Ihnen willkommen zu seyn? Willkommen sind Sie wohl uberall, versetzte Marie, und sah verlegen zur Erde. Als sie zu viel gesagt zu haben fuhlte, fuhr sie fort: Darf ich fragen, was uns die Ehre Ihres Besuchs verschafft?
Der Wunsch, naher mit Ihnen bekannt zu seyn, holde Marie, antwortete der Graf, und sah ihr bittend ins Auge. Sehr neu ist unsre Bekanntschaft, aber warm und innig der Antheil, den ich an Ihnen nehme. Sie sind liebeswurdig, Marie! das fuhl' ich, und ich sage immer was ich fuhle; nehmen Sie mein Gestandniss mit Gute auf. Die himmlische Einfalt, die Reinheit, die Weiblichkeit Ihres Wesens hat mich bezaubert, und mir eine Achtung fur Sie eingeflosst, die ich noch fur sehr wenig Madchen empfunden habe. Mein Schicksal bestimmt mich, im Gerausch der grossen Welt zu leben; aber ich habe in ihrem Getummel nicht den Sinn fur hohere, obwohl stillere Freuden verloren, die allein beglucken. Darf ich Anspruche auf Ihre Freundschaft machen, Marie? Sie schmucken den Stand, zu dem Sie gehoren, und uber den ich sonst gleichgultig hinweg sah, Sie machen mir ihn werth. Darf ich, ermudet vom seelenlosen Einerlei des Hofes und meines gerauschvollen Lebens, zuweilen eine Stunde der Erholung an Ihrer Seite damit zubringen, dass ich Sie bewundre, und die Verhaltnisse beklage, die mich von Ihnen trennen?
Marie fuhlte sich von seiner Rede heftig ergriffen. O Herr Graf, sagte sie, und zog leise ihre Hand aus der seinigen; was kann Ihnen an der Freundschaft eines armen, unbedeutenden Madchens liegen?
Viel, alles! versetzte Wodmar mit Feuer. Unbeschreiblich ist der Eindruck, den Sie auf mich gemacht haben, e w i g wird seine Dauer seyn. Lassen Sie uns aufrichtig mit einander reden, Marie, und beantworten Sie muthig meine Frage: sind die Bande, die Sie an Ludwig knupfen, unaufloslich? Marie schwieg und weinte. Ist es keine Moglichkeit, fuhr er fort, eine Verbindung wieder zu zerreissen, die, wie ich an Ihren Thranen sehe, Sie nicht glucklich machen wurde?
Marie ermannte sich. Gnadiger Herr, nahm sie das Wort, ich bin Ludwigs Braut. Freiwillig hab' ich ihn gewahlt, und er verdient das Zutrauen, mit dem ich von ihm das Gluck meines Lebens erwartete. Diese Thranen o Herr Graf, verkennen Sie mich nicht, wenn ich gestehe, was ich vielleicht ewig verschweigen sollte diese Thranen fliessen nicht aus Reue, weil ich Ludwig meine Hand versprach; sie fliessen, weil ich fuhle, dass ich ihn glucklicher gemacht haben wurde, wenn ich Sie nie gesehen hatte.
Wodmar umschlang sie mit Entzucken. Ist es moglich, rief er, indem er sie fest an seine Brust druckte, ist es moglich, was ich kaum zu hoffen ahnete, dass ich meiner Marie nicht gleichgultig bin? Marie, mit fortgerissen durch den Sturm seiner Leidenschaft, barg ihr Gesicht an seinen Busen, und antwortete nur durch Thranen. So hab' ich denn endlich gefunden, was Jahrelang meine heisse Sehnsucht vergebens sucht, L i e b e in einem reinen, unverwahrloseten Herzen! Sein dankender Blick hob sich zum Himmel, und Marie entwand sich seinen Armen, um aufs neue in sie zuruck zu kehren.
Ja, rief sie endlich, und ihre Wangen gluhten hoher vom Morgenroth der Liebe, ja ich liebe Sie, aber ich w i l l meine Neigung beherrschen, denn sie ist ein Verbrechen.
Wie schwach ist ein Herz, zum ersten Mal von der heiligen Flamme der Liebe durchlodert, wie schwach ist es, sie zu loschen! Mariens Vorsatz war ernst, aber die Umarmungen des Geliebten erstickten ihn, und sie uberliess sich einem nie gefuhlten Entzucken. Eine neue Welt lag vor ihr, geschmuckt mit allen Farben des Lichts, und breitete eine rosenfarbne lachelnde Zukunft vor ihr aus. Ihr war, als fuhlte sie jetzt erst den ganzen Werth ihres unbemerkten Lebens, jetzt, da die Liebe sie in den schonen Schatten ihrer Myrthen nahm.
Eine selige Stunde war voruber, die Liebenden mussten sich trennen. Lebe wohl, Geliebter! hiess es beim Abschied; lebe wohl, Marie! antwortete der Graf, und tausend Kusse besiegelten den Bund ihrer Liebe. Endlich riss er sich aus den liebkosenden Armen, getrostet und beruhigt durch das Versprechen, das er mit zartlicher Gewalt ihr abgedrungen hatte, den andern Abend mit Aufgang des Mondes sie a l l e i n in ihrem Garten zu sehn.
Als er fort war, als sie ihn nicht mehr vor sich sah, als nach und nach die Stimme der Vernunft den Sirenengesang der Leidenschaft ubertaubte; da sank der Schleier von dem Abgrund, zum dem die Liebe sie hingefuhrt hatte.
Ach, ich bin verloren! rief sie aus: der goldne Frieden meines Gemuths, alle Freuden meines Lebens sind hin, denn nie wird er mein seyn. Sein Stand, sein Reichthum trennen ihn von mir auf ewig.
Der grosste Theil der Nacht ging schlaflos an ihr voruber. Endlich wiegten sie susse Bilder der Liebe in Vergessenheit ihres Kummers, und in Traume, aus denen sie frohlich erwachte. Der erste Morgenstrahl fand ihr Auge schon offen. Sie ging in den Garten, an dessen Ende ein kleines Gartenhaus hinab auf den Fluss und die fruchtbare Gegend blickte. Sie stieg hinauf; mild und erfrischend wehte sie die Morgenluft an, und mischte sich mit ihren Seufzern. Er ist Dein! schien ihr jetzt die ganze Natur in ihrem jugendlichen Schmucke zururufen; er ist Dein, las sie im Blau des unbewolkten Himmels; er ist Dein, sangen ihr die Vogel in ihrem Morgengesang. Da fiel ihr frohlicher Blick auf den Ring an ihrem Finger, und eine Thrane stieg in das heitre Auge, das jetzt nur Paradiese um sich her sah. Sie nahm ihn herunter: vergieb mir, Ludwig! sagte sie, und breitete ihre Arme nach der Ferne aus, vergieb, dass ich Dich tauschte. Ich kannte die Liebe noch nicht, als ich mich Dir verlobte. Kannst Du zurnen, wenn ich der sussen Stimme folge, die mich von Deinem Herzen hinweg ruft? O Karl, setzte sie hinzu mit der hohen Schwarmerey der ersten Liebe, in der Seele, wo Du wohnst, ist kein Raum fur einen andern! Sie sprachs, und warf den Ring in den Fluss, der in stolzen Wogen zu ihren Fussen dahin wallte.
Als die Sonne hoher herauf kam, ward es ihr enger um die Brust. Karls Bild schwebte unablassig vor ihren Augen, aber Wehmuth und Ahnungen beklemmten ihr Herz. Die Einsamkeit, die sie umgab, begunstigte ihr schwermuthiges Nachdenken uber Empfindungen, die ihr wohl und wehe thaten. Bald hing sie mit stillem Trauern, bald mit allem Feuer der Hoffnung an dem Andenken des Einzigen, und mit jedem Augenblick, der ihr die Stunde des Wiedersehns naher brachte, wechselte Schmerz und Freude in ihrer Seele.
Auch dem Grafen war es sonderbar zu Muth. Mariens Schonheit, ihr offnes, unverstelltes Gemuth, von der heftigsten Leidenschaft bewegt, ihre gutmuthige, kunstlose Einfalt, alles dies hatte einen um so tiefern Eindruck auf sein Herz gemacht, je seltner er diesen liebenswurdigen Eigenschaften noch begegnet war. Er besass ein lebhaftes Gefuhl. Ein Himmel voll Frohlichkeit stritt sich in ihm mit dem unaufhorlichen Toben unbefriedigter Wunsche, und gab seiner Bildung jenes innig zusammen geschmolzene Gemisch von Wehmuth und Freude, das schone Menschen doppelt verschonert. Mitten in dem Glanz seiner Anspruche, mitten in dem lauten, rauschenden Leben, in das er verflochten war, hob oft eine Sehnsucht seine Brust, die nichts zu stillen vermochte. Natur, Schonheit und Liebe war das Ideal seiner Traume, aber noch nirgends hatte er es realisirt gefunden, als jetzt durch Marien, die die Bilder seiner kuhnsten Hoffnung erfullte.
Er war aus einer grossen Familie, und einst der Erbe eines unermesslichen Vermogens. Die Erwartungen, zu denen er sich berechtigt sah, gaben ihm einen Stolz, der sich mehr auf die aussern Zufalle des Glucks, als auf innern Werth grundete. Seine Leidenschaften waren heftig und noch in ihrem ersten Brausen: um sie zu befriedigen, opferte er ihnen alles auf. Wenn sie schwiegen, war sein Herz weich und edel, und nicht selten voll Reue uber vergangene Ausschweifungen. Leider wurden aber immer schnell alle seine guten Vorsatze durch neue Vergehungen vergessen, denen er sich hingab. Sein Vater, der den Glanz seines Hauses liebte, hatte ihn mit Josephinen, Grafin von der Ecke, verlobt, welche Anspruche auf eine solche Verbindung machen konnte. Josephine gehorte ebenfalls einem der ersten Hauser an, eine halbe Million war ihre Mitgift, und ihr Geist und ihre Schonheit hob sie uber alle jungen Damen von Stande. Wodmar kannte sie nicht, aber er hing fest an dem Grundsatz, dass nur Rang und Vermogen die Ehen schliessen musse, und nicht die Liebe, die er sich unmoglich mit Fesseln denken konnte. Eine Verbindung mit Josephinen schmeichelte seinem Ehrgeiz, und schien ihm sein Verhaltniss zu Marien nicht zu storen. Josephine bekam seine Hand, Marie hatte sein Herz; Josephine fuhrte seinen Namen, Marien begluckte seine Liebe. Oeffentlich wollte er der Gemahl der einen, und in der Stille, gesichert durch die susseste Verborgenheit, der Geliebte der andern seyn: ein Plan, dem nichts im Wege stand, als Mariens Tugend.
Viertes Kapitel
Der Abend dammerte heran, mit lautem Herzensschlag begrusste Marie die sinkende Dunkelheit. Bleibe doch noch, mein Kind! sagte der Vater, als sie nach dem Abendessen ihm gute Nacht wunschte. Mir ist nicht wohl und ich bin mude, lieber Vater, antwortete sie und wurde roth. Es war ihre erste Luge: die erste Liebe ist gemeiniglich mit der ersten Luge verbunden.
Als sie die Treppe zum Garten herab ging, zitterte sie in susser Erwartung. Sie hielt sich an das Gelander, das der bluhende Jelangerjelieber umduftete, und gab sich wonnevollen Ahnungen hin, in die ein leiser Schmerz sich mischte. Da trat die blinkende Scheibe des Mondes hinter den Bergen hervor, und erhellte mit magischem Zauber die dammernde Gegend. O Marie! es war nicht allein die Nahe des Wiedersehns, die mit einem angstlichen Schauer Deine Seele erfullte, als Du bebend da standst, bestrahlt von seinem Golde; es war Dein Schutzgeist, der dich warnte. Ach, an die selige Stunde, der Du entgegen sahst, knupfte sich das Gluck Deines einsamen Lebens, und floh mit ihr auf leichtem Fittig voruber. Noch ware es Zeit gewesen, eine Leidenschaft zu ersticken, die Dich so unglucklich machte; aber umsonst! Der Wurf war gefallen, im Buche des Schicksals stand Dein Elend, und eine unwiderstehliche Allmacht riss Dich hin ins Verderben.
Sie schloss die Thur auf, und sah die lange, einsame Strasse hinab. Alles war leer und ode, nur in den dunkeln Buschen ihres Gartens klagte eine liebeflotende Nachtigall; endlich schwebte eine weisse Gestalt herauf er war's, er flog in die Thur, warf den Mantel ab, und lag in den Armen des harrenden Madchens, die ihn mit schweigender Inbrunst, mit stummen Entzucken empfing.
Ihr Gluck und ihre Seligkeit war unbeschreiblich. Umschlossen von des Geliebten Armen, alle ihre Sorgen und Schmerzen eingewiegt durch die Schwure ewiger Liebe, durch die Betheuerungen unwandelbarer Treue, sah sie den Himmel offen, den L i e b e nur auf Erden gewahrt. Die Halfte der Nacht war voruber. Die feierliche Stille um sie her, nur dann und wann von Philomelens zartlicher Klage suss unterbrochen, Mariens Nahe, ihre Schonheit, die der Mondschein bis zur Verklarung erhob, ihre gluhende Liebe, ihre Unschuld, alles dies besturmte des Grafen pochendes Herz, von wilden Wunschen, von brennenden Begierden durchschauert. Er druckte sie heftiger an sich, Marie ahnete nichts. Sorglos uberliess sie sich seinen Liebkosungen, und erwiederte sie mit unbeschreiblicher Zartlichkeit. Diese Stunde hatte ihr Herz auf ewig an das seine geknupft.
Marie! rief Wodmar mit allem Zauber seiner schmelzenden Stimme, liebste, theuerste Marie! Du wirst mein, und nur der Tod soll mich von Dir trennen. Marie, freudig uberrascht, in ihren Hoffnungen und Wunschen, die bis jetzt schwiegen, ubertroffen, schmiegte sich unter sussen Thranen fester an des Geliebten sturmende Brust. Karl, stammelte sie leise, im Uebermass der Liebe und Wonne, ich D e i n , D e i n auf ewig! und ihre sussen Umarmungen umstrickten ihn enger.
Wodmar kam zu sich, und errothete. So verdachtlos traut sie Deinem Worte, sagt' er zu sich selbst, und du wolltest sie betrugen? Ein edler Unwille flammte in seinen Augen. Ein Blick auf Marien rief schnell die unheiligen Bilder zuruck, mit denen seine entweihte, gereizte Fantasie ihn umgab, aber er erstickte sie, indem er reinern Gedanken Raum in seiner Seele gab. Nein, ich will ihr Zutrauen nicht missbrauchen, war endlich das Resultat seines Kampfes mit sich selbst, ich will nicht das schone, frohe Auge zu bittern Thranen verdammen. Sie soll m e i n werden, aber freiwillig, durch einen Bund, den, wenn auch kein Priester seinen Segen daruber sprach, dennoch unsre Seelen ehren werden, nicht jetzt durch die Gewalt, die mir ihre unbefangne Unschuld, ihr wallendes Gefuhl uber sie giebt. Lebe wohl, Marie! rief er, indem er aufsprang, um seinem Entschluss treu zu bleiben, lebe wohl, ich muss fort!
Schon fort? seufzte Marie, und er unterbrach ihre Klage mit dem sussen Versprechen, ihr morgen zu schreiben. Der Gedanke ergriff sie mit Feuer, auch in der Abwesenheit v o n i h m , und d u r c h i h n zu horen. Lebe wohl, rief sie ihm nach, lebe wohl, flusterte sie noch in die Winde, als er schon fort war, und eilte auf ihr Lager, um von ihm zu traumen.
Am andern Morgen begrusste ein Brief von Wodmar sie bei ihrem Erwachen. Mit Entzucken betrachtete Marie die Zuge der geliebten Hand, mit stillen Seufzern sein grosses, grafliches Wappen. Ihr Siegel war ein bescheidner Vergissmeinnichtkranz mit ihrem Namen; das seinige bekront, und mit allem Prunk seines Standes geschmuckt. Es erinnerte sie an den Unterschied zwischen ihnen, den sie so gern vergass, und verminderte die Freude, mit der sie es erbrach. Aber als sie ihn gelesen hatte, mit bleichem Erstarren sank sie auf einen Stuhl, das Blatt flog auf die Erde, und ihr Blick hob sich mit allem Schmerz vernichteter Hoffnung zum Himmel. Kann wahre L i e b e dies wollen? rief sie heftig, und verlor sich in die Qualen ihrer betrognen Erwartung.
"Noch fuhl' ich die Glut Deiner Kusse, schrieb er, auf meiner brennenden Wange. Noch bin ich berauscht von dem sussen Nektar Deiner holden Umarmungen, und meine Liebe zu Dir ist bis zu der Ueberzeugung gestiegen, dass ich ohne Dich nicht leben kann. Marie! holder, liebevoller Engel! ich muss, ich will Dich besitzen!
"Mein Verhangniss bestimmte mich fur Glanz und Gerausch, ich m u ss der Konvenienz folgen. Meinem Herzen aber gnugt nicht der laute Schall betaubender Freuden, nur Deine Liebe und Dein stiller Besitz konnen es befriedigen. Opfre mir die Vorurtheile, die man Tugend nennt; entschliesse Dich, ganz fur mich zu leben, so wie auch ich, selbst als der Gemahl einer andern, nur fur Dich und Dein Gluck die ganze Fulle meines Daseyns anwenden will. Was ist jene Tugend, der wir in scheuer Demuth huldigen, weil man die Unwissenheit unsrer fruheren Jugend benutzte, uns eine unverdiente Ehrfurcht fur sie einzupragen? Wie ein Gespenst der Mitternacht tritt sie zwischen uns und das winkende Vergnugen, und vergiftet die Schale des seligsten Genusses, ehe sie noch die durstende Lippe beruhrt. Nein, die wahre Tugend, Marie, ist jene Gefalligkeit, die Gluck und Freude verbreitet, jene Treue, jene Liebe, die einem Einzigen alles aufopfert was ihr heilig war, jenes Hingeben, nicht aus Pflicht, sondern aus Zartlichkeit. Man h e i r a t h e t , wie die konventionellen Verhaltnisse, von denen man abhangt, es wollen: Stolz und Eigennutz knupfen das Band der Ehe in der grossen Welt. Man l i e b t , um seinem Herzen genug zu thun, um im Stillen Ersatz fur die Aufopferungen zu finden, die man gezwungen ist, dem unumstosslichen Schicksal zu bringen. Die Verborgenheit ist der schone, zauberische Schleyer, der die Liebe umweht und verschonert, wie das Rosengewolk des Morgens die aufgehende Sonne. Die Freiheit belebt ihre Wangen mit himmlischem Lacheln, und setzt ihr den Kranz auf, den Zwang und Pflicht nur murrisch zerpflucken. Ich bete die Liebe an, aber ich hasse die Ehe, die ihr Grab ist. Nie wird das Weib, das einst meinen Namen fuhrt, zu gleicher Zeit mein Herz besitzen. Es wird ewig fur Dich allein und mit festerer Treue schlagen, als wenn die nichtige Ceremonie vor dem Altar sie Dir verpflichtete.
"Lass mich aufrichtig mit Dir reden, Madchen meines Herzens! Ich kann Dich nicht heirathen. Dein Stand, uber den Dich zwar Deine Seele, aber leider nicht das Vorurtheil erhebt, und tausenderlei Rucksichten trennen mich von Dir fur die Welt; aber im Stillen will ich Dein seyn. Entschliesse Dich, mir die Bedenklichkeiten aufzuopfern, die Deine schuchterne Unschuld vielleicht meinen Wunschen entgegenstemmt. Einsam liegt in einer ruhigen, vom Gerausch abgesonderten Gegend eins meiner Guter, welches Dein seyn soll. Fern von Neid und Schmahsucht, die unsre Freuden tadeln wurden, will ich, wenn ich mich heraus stehlen kann aus dem abgeschmackten Larm meines lastigen Lebens, an Deinem Busen mein Paradies, in Deinen Armen meinen Himmel finden, und kurze, Augenblicke, die mir bei Dir entfliehen, werden mich fur ganze Monate des Zwangs und der Langenweile entschadigen.
"Dein Vater kann Dich begleiten, oder wenn er nicht einwilligt, so bringe der Liebe auch dies Opfer, und fliehe mit mir, mit Deinem Karl, dem Dein Vertrauen heilig ist, der Dir schwort, es mit der treuesten Zartlichkeit zu vergelten. Rede mit Deinem Vater, Marie! und verlass Dich auf das feierliche Versprechen, das ich Dir gebe, Dich glucklich zu machen, so wahr ich Dich liebe. Mit Sehnsucht erwarte ich eine Zeile von Deiner Hand, die mein Gluck bestatigt."
Als Marie noch einmal diesen Brief gelesen hatte, der ihr Herz und ihren Stolz zerriss, war ihr Entschluss gefasst. Sie war der Feder ungewohnt, und hatte deshalb Ludwig ihren Briefwechsel abgeschlagen, aber ihr gemisshandeltes Gefuhl half ihr jede Schwierigkeit uberwinden, und sie antwortete:
"Herr Graf! der entehrende Antrag, den Sie mir thun, heilt mich schnell von der hohen Meinung, die ich von Ihnen hatte. Ich habe Sie sehr geliebt, und schame mich nicht, es Ihnen zum letzten Mal zu bekennen. Aber die Grundsatze, die mir mein Vater fruh einflosste, sind starker, als meine Leidenschaft, und werden mir Kraft geben, Ihren Verlust zu ertragen. Ich hatte, als ich Sie kennen lernte, ein leichtes, frohes Herz, und einen unbefleckten Ruf. Wenn auch das erste dahin ist, so will ich mir doch die Reinheit meines Bewusstseyns, und die gute Meinung der Welt erhalten, gegen die ich nicht gleichgultig bin. Waren Sie ein Mann meines Standes, auf den Knieen hatte ich mir Sie, n u r S i e vom Himmel erbeten. Aber der Unterschied, den das Gluck zwischen uns gemacht hat, an den Sie mich so grausam erinnern, erlaubt mir keinen andern Gedanken, als den: dass Sie nicht fur mich geboren waren. Lassen Sie uns einander niemals wieder sehn! In dem engen Kreis meines hauslichen Lebens eingeschrankt, wird es mir zwar schwer werden, Ihr Bild, das meine ganze Seele beherrschte, zu verbannen, aber mein Selbstgefuhl, das mich nicht sinken liess, wird mich unterstutzen und mir Muth geben, fest in meinem Entschluss zu seyn. Hoffen Sie nicht, ihn jemals wankend zu machen, und leben Sie glucklich, ob Sie gleich die Ruhe meines heitern Gemuths vielleicht auf ewig unterbrachen. Ich will fur Sie beten, dass Gott Ihre falschen Begriffe von Tugend reinigen, und Sie so glucklich machen moge, als man nur seyn kann. M i c h sehn Sie niemals wieder."
Funftes Kapitel
Als sie diesen Brief geschrieben hatte, trug sie ihn zum Vater, gestand ihm alles, weinte an seinem Halse, und empfing seine Vergebung und seinen Beifall. Nie liebte wohl ein Vater sein Kind inniger! Er glaubte nun, sie wurde in Thranen zerfliessen, aber als die ersten voruber waren, wurde der Schmerz, sich nicht allein in ihren sussesten Hoffnungen, sondern auch in dem Karakter des Geliebten getauscht zu sehen, still und ernst. Sie suchte der Melancholie zu entfliehn, aber sie folgte ihr, wie ihr Schatten. Man sah ihr Auge trocken, und nur wenn sie aus ihrer Kammer kam, verrieth eine kleine Rothe, dass es sich in der Einsamkeit ergossen hatte. In ihren sonst so heitern Blicken wohnte jetzt jene ruhrende Freundlichkeit, die mit Thranen kampft, und das feinere, durch stille Duldung umschleierte Gefuhl karakterisirt, das schweigend seinen Kummer tragt, und ihn der Welt schonend verbergen mochte.
Um diese Zeit kam Ludwigs erster Brief an den Alten. Er athmete Herzlichkeit, Sehnsucht und Liebe. Marie las ihn, und ihr Gesicht von Schwermuth umwolkt, wurde ernster, als sie ihn zuruckgab. Was denkst Du, Marie? fragte Muller. Dass ich ihn nicht betrugen will, antwortete sie. Ludwig verdient ein freies, ganzes Herz, ein Herz noch nicht von Gram zerrissen, noch nicht von fremder Liebe erfullt. Wie, meine Tochter! Du konntest den Mann noch lieben, der Dich so tief herabwurdigen wollte? Mit Unwillen, sogar mit Verachtung wende ich mich von seinem entehrenden Antrag hinweg, versetzte Marie, aber ihn selbst ach mein Vater, ihn liebe ich noch immer mit aller Innigkeit, deren ich fahig bin. Die Welt hat seine Sitten verdorben, aber es ist nur ein vorubergehender Taumel, ein Schlaf seiner bessern Ueberzeugung, aus dem er gewiss erwachen wird.
Vielleicht gelingt es einem edlen Madchen seines Standes, ihn den rechten Weg liebevoll und sanft zu fuhren, von dem er abweichen wollte. Wenn er dann recht glucklich ist, fuhr sie fort, und senkte ihr thranenschweres Auge zur Erde, o dann will ich ihm gern verzeihen, dass er diese tiefe Wunde meinem Herzen schlug. Und Du willst Ludwigs Hoffnungen, die auch die meinigen sind, durch eine romanhafte Grille vernichten? sagte der Vater.
Ludwig wurde mit mir nicht glucklich seyn, erwiederte Marie. O erlaub' Er mir, guter Vater, einsam mein trubes Leben zu enden. Still und eingezogen will ich meinen Fruhling dahin fliehn sehn, Sein Alter erheitern, und alle die Pflichten erfullen, die Gott und mein Gewissen mir auflegen. Aber heirathen will ich nie! Brauche ich einst, wenn ich so unglucklich seyn sollte, Ihn zu verlieren, mannlichen Rath und mannliche Hulfe, so wird sie mir Ludwigs Freundschaft nicht verweigern. Sie umschloss den Vater mit heissen Thranen, sie bat, sie flehte so suss um ihre Freiheit, dass der gutige Alte ihr das feierliche Versprechen gab, sie niemals zu zwingen.
Wodmar war von Mariens entschlossener Antwort uberrascht worden. Er hatte ihrem zartfuhlenden Herzen die feinsten Empfindungen fur Ehre und Tugend zugetraut, aber bei dieser gluhenden Liebe fur ihn zweifelte er an ihrer Beharrlichkeit. Ein Blick, ein Kuss, ein Wort, dachte er, wurde sie uberreden: aber er hatte sich betrogen. Er kam taglich in ihr Haus, aber die alte Magd hatte den bestimmten Auftrag, ihn abzuweisen. Er schrieb mit alle der feurigen Beredsamkeit, mit der das Laster seine Wunsche vertheidigt; Marie sandte ihm seine Briefe unerbrochen zuruck. Er wandte sich an eine ihrer Nachbarinnen, und sparte weder Geld noch Schmeichelei, um durch ihre Vermittelung Marien wenigstens zu sehn, und sie mit sich auszusohnen; aber das edle, beleidigte Madchen vermied jede ihrer Schwachheit gelegte Schlinge, und war immer dem Auge ihres Verfuhrers unsichtbar.
Mit jeder neuen, vergeblichen Muhe machte der Unmuth, sie umsonst angewendet zu haben, des Grafen brennende Begierde nach Mariens Anblick lauer. Es ist ein uberspanntes Geschopf, sagte er missvergnugt zu sich selbst, das geheirathet, aber nicht geliebt seyn wollte; eine Tugendheldin, wie man sie in Romanen findet, weiter nichts. Aber Mariens Bild, mit der ganzen Harmonie ihrer Reize, das ihm die Erinnerung so oft zuruck rief, stellte sich dann immer seinem Unwillen gegenuber, und besiegte ihn schneller, als er wunschte. Er fuhlte eine Leere in seiner Brust, die ihm jede Freude verbitterte, und alle seine ehemalige gute Laune verdarb. Vergebens suchte ihn Georg durch neue Bekanntschaften zu erheitern, vergebens ihn zu gewaltsamen Mitteln, sogar zu einer Entfuhrung zu bewegen. Die Stimme seines Edelmuths unterdruckte die Stimme seiner gluhenden Wunsche, und er sagte mit fester Entschlossenheit: Nein! wenn sie nur in ihrer eingebildeten Tugend das hochste, einzige Gluck findet, dessen sie fahig ist, warum soll ich es ihr entreissen? Wer giebt mir das Recht, es zu thun? Ach, ich hatte meine Welt in Deiner Liebe gefunden, setzte er voll Wehmuth, mit allem Schmerz unbefriedigter Liebe hinzu, und Du wolltest mir Deine Grillen nicht opfern? Behalte sie denn, und sey glucklich, ich will Dich vergessen! Er seufzte, und mit jedem neuen Seufzer goss seine immer mehr und mehr besanftigte Fantasie stillere Ruhe und Ergebung in seine Seele.
"Komm, lerne Deine Braut kennen, schrieb ihm sein Vater aus der Residenz, sie verlasst in diesen Tagen die Pension, in der sie erzogen wurde, und ist bereit, Deine Hand anzunehmen. Ehe zwey Monat ins Land gehn, musst Ihr verbunden seyn."
Diese Nachricht ergriff den jungen Grafen mit einem sonderbaren Schrecken. Er war kein Freund des Ehestandes, indessen wollte er keinesweges dem Bande ausweichen, das ihn an Josephinen knupfen sollte, ob er gleich uberzeugt war, dass es einen Theil der Freuden seiner goldnen Unabhangigkeit stranguliren wurde. Eine lange Reihe ihm bisher so fremder Gedanken schloss sich an die Aussicht seiner nahen Verheirathung. Josephine soll schon und geistreich seyn, dachte er bei sich selber, sie wird mich wenigstens zerstreuen, wenn sie mich auch nicht zu fesseln vermag. Sein Trubsinn floh vor einer Menge Bilder der Zukunft, denen wenigstens die Neuheit Reize lieh. Noch einmal versuchte er Marien zu sprechen, aber umsonst, ihre Thur blieb ihm verschlossen, die Klagen, die er in seine Briefe goss, fanden nicht den Weg zu ihrem Herzen.
So reisete er ab, mit dem festen Vorsatz, ihr Andenken in ewige Vergessenheit zu begraben. Als sein Wagen durch die Vorstadt an ihrem Hause dahin flog, und an der Gartenmauer vorbei, uber die die dunkeln Linden flusternd sich beugten, die in jener glucklichen Nacht ihn und seine Marie in ihren vertraulichen Schatten nahmen, da ward ihm das volle Herz so gepresst, und noch einmal emporte sich laut sein Unmuth gegen ihre strenge Tugend. O, rief er unwillig aus, warum habe ich jene Stunden so ungenutzt verstreichen lassen, die mir Mariens Liebe auf immer erworben hatten, wenn ich nicht zu gewissenhaft gewesen ware! Jetzt ware sie mein, und meine flammende Zartlichkeit hatte langst ihre Zweifel beruhigt, und besser als alle die Grunde, mit denen ich ihre Unschuld einzuwiegen gedachte, mich dem Ziel meiner Wunsche genahert.
Er gab sich Muhe, sie zu vergessen, sie zu verachten, aber es war nicht moglich. Seine Sehnsucht nach ihr wuchs mit dem Raum, der sie trennte. Er erinnerte sich ihrer Liebkosungen, so suss und ruhrend, ihrer Reize, ihrer gluhenden Liebe, mit der holdesten Sittsamkeit verbunden, und ein tiefer Seufzer, dass dies alles nicht bestimmt war, s e i n Leben zu verschonern, klagte um die Vergangenheit. In seinen Unwillen gegen Marien mischte sich dennoch eine geheime Achtung fur ihre festen Grundsatze. Was fur eine Tugend muss das nicht seyn, sagte er, die eine so innige Neigung uberwindet? Sie muss glucklich machen, weil sie nach dem allgemeinen Wahne, der ihr huldigt, Anspruche auf ein besseres Leben giebt. Konnt' ich auch m i c h tauschen, und an sie glauben! setzte er hinzu; die Halfte der Freuden, die ich durch die Freimuthigkeit meiner Denkungsart genoss, gabe ich gern um diesen frommen Betrug meiner Sinne dahin.
Wahrend Wodmar mit dem Gedanken an Marien beschaftigt, seiner Braut tiefsinnig sich naherte, ward er von dieser mit zerrissnem Herzen erwartet. Josephine, fest entschlossen, dem Manne, den man ihr bestimmte, ihre Hand zu geben, ob sie ihn gleich nicht kannte und nicht liebte, ob sie gleich, ohne ihn gesehn zu haben, durch ein andres Bild, das in ihrer Seele wohnte, schon sogar wider ihn eingenommen war, Josephine, die mit heimlichen Thranen sich die Entsagung ihres Lieblingswunsches errungen hatte, musste oft ihren ganzen Stolz zuruckrufen, um das Beben zu ersticken, das bei der Annaherung seiner Ankunft sie uberfiel.
Ach, sie war nicht glucklich, so viel sie auch beneidet wurde. Unter einer kalten, stolzen Aussenseite verbarg sie ein weiches, gefuhlvolles Herz, das mehr verlangte, als Geld und einen graflichen Brautigam. Ihr Sinn war ernst und melancholisch, tiefe Gefuhle lagen in ihrer Brust, und wenn auch der Zwang ihres Standes sie mit einer Hulle von Kalte uberzog, wie der Schnee die duftenden Veilchen, so lohnte sich doch das Aufsuchen bei diesen wie bei jenen. Ihre Eltern, zu unbedeutend, um viel von ihnen zu sagen, verliessen die Residenz als Josephine vierzehn Jahr alt war, weil ihr gutes Vernehmen mit dem Hof durch ihre allzugrossen Anspruche auf Auszeichnung gestort worden war. Josephine, mit der man sich im Prunk eines glanzenden Lebens wenig beschaftigt hatte, ob sie gleich die einzige Tochter, und, was der Welt noch mehr galt, die einzige Erbin ihrer Eltern war, Josephine bedurfte noch einer feinern Ausbildung, um vollendet zu seyn, und da man bei dem finstern Missmuth, der die Ihrigen aufs Land begleitete, zweifelte, ihr diese selbst geben zu konnen, so liess man sie in einer Erziehungsanstalt, die vieles Aufsehn machte, und die erst vor kurzem durch eine gewisse Madam Wilmuth errichtet worden war.
Madam Wilmuth war eine Witwe mit vielen Kenntnissen, aber einem geringen Vermogen. Vor ihrer Verheirathung hatte sie sich als Gouvernante in verschiedenen grossen Hausern alle die Fahigkeiten erworben, die das eben so schwere, als ehrenvolle Amt einer Erzieherin verlangt. Aus einer glucklichen Ehe war ihr ein einziger Sohn geblieben, der durch alle die guten Anlagen, die sich schon fruhe in ihm entwickelten, den Schmerz uber den Verlust ihres geliebten Mannes milderte, und in eine stille Trauer verwandelte, die ihr lieber war, als alle Freuden eines Herzens, das noch nie gelitten hat, und dem der susse Gram fremd ist, mit dem man verhullte Aussichten, vergebliche Hoffnungen, verlorne Freunde betrauert. Als sie Witwe ward, bot man ihr in den angesehensten Familien die Erziehung der Tochter an, aber eine gewisse Unabhangigkeit war ihr lieb geworden, und sie konnte sich nicht entschliessen, ihr zu entsagen. Sie nahm ihr kleines Vermogen zusammen, um eine Kostschule zu errichten, und es gelang ihr. Die Sanftmuth ihres Wesens, so viel Vertrauen einflossend, die Nachsicht, mit welcher sie ihre Zoglinge behandelte, vor der so gern jugendliche Herzen sich offnen, und der gutmeinende Ernst, mit dem sie tadelte und strafte, erwarb ihr die Liebe und Achtung der Eltern und Kinder. Josephine schloss sich mit Innigkeit an die ehrwurdige Matrone. So warm war man noch nie ihren Empfindungen begegnet, so herzlich hatte man noch nie ihren Gefuhlen geantwortet, wie jetzt, und sie sah sich zu einem neuen, bessern Leben erwacht, zu einem Leben, welches ihr im einformigen Kreise ihrer bisherigen Existenz immer wie ein schones Ideal vorgeschwebt war, aber ohne die Hoffnung, es je realisirt zu sehn.
Madam Wilmuths Methode war sehr einfach, die Herzen ihrer Untergebenen mit dem festen Bande einer zartlichen Freundschaft an sich zu ziehen. Sie bewies ihnen Vertrauen, und nahm dafur im schonen Tausche das ihrige hin. Sie tadelte immer nur den Fehler, nicht die Person, die ihn hatte, und vermied auf alle Weise die Eigenliebe zu verwunden, die, wenn sie richtig geleitet wird, oft die edelsten Gemuther bilden hilft. Ihr Ton war so mutterlich und schonend, dass er tief in die zarten Seelen eindrang, und sie mit kindlicher Liebe erfullte. Seyd wahr und einfach, sagte Madam Wilmuth ihren Zoglingen oft, und sie wurden es, weil ihr Beispiel dasselbe sagte. Sie lehrte die jungen Madchen immer thatig, nie mussig seyn, weil Fleiss eine der lieblichsten Blumen im Kranz weiblicher Tugenden ist. Sie empfahl ihnen Verschwiegenheit, und zeigte ihnen, dass durch den Mangel derselben schon oft der stille Friede einer ganzen Familie zertrummert, die Eintracht der festesten Freundschaft unterbrochen, das Gluck der innigsten Liebe gestort worden sey. Thranen zitterten dann in Josephinens schonem, blauem Auge, und sie that sich und Madam Wilmuth das feierliche Gelubde, jedes Geheimniss, das ihr die Zukunft anvertrauen wurde, treu in ihrem Busen, wie in einem Grabe, zu verwahren. Seyd streng gegen eure eignen Fehler, aber nachsichtig und duldend gegen die Fehler andrer, bat Madam Wilmuth; aber Josephine schuttelte dann zweifelnd mit dem Kopf, denn ob sie gleich den ersten Theil dieser Lehre an sich selbst anwandte, so konnte sie doch gegen fremde Fehler kaum die Miene der Toleranz beobachten, und kaum fremde Schwachen nur bemitleiden. Sie fuhlte ihren innern Werth und die Kraft zum Guten zu sehr in sich, als dass sie nicht von Andern alles das hatte fordern sollen, was sie selbst zu leisten im Stande war. Madam Wilmuth konnte diesen Stolz, der sich auf die Reinheit ihres Herzens grundete, weder missbilligen noch vertilgen. Sie suchte ihn blos zu mildern, und es gelang ihr. Dieser Stolz, dachte sie bei sich selbst, wenn sie ihn in seiner ganzen Wurde erhalt, wird sie niemals sinken lassen. Sie wird sich fest und rein auf der Spiegelglatte des Hofs erhalten, und die Klippen der grossen Welt vermeiden, ohne an ihnen gescheitert zu seyn.
Josephine war die alteste ihrer Pflegetochter, und da sie von dem allgemeinen Unterricht der Kleinern ausgeschlossen war, so brachte sie den grossten Theil ihrer zeit in der belehrenden Gesellschaft der Madam Wilmuth zu. August Wilmuth pflegte auch, so oft es sein Dienst erlaubte, er war Offizier, diese stillen Stunden zu theilen, die das sanfte, unterrichtende Wesen seiner Mutter, und Josephinens heitrer Geist, durch einen freundlichen Ernst gemassigt, zu Stunden des Himmels umschuf.
August war ein liebenswurdiger junger Mann, noch in der ersten Bluthe der Jugend. Seine Gestalt war angenehm, ohne schon zu seyn, denn sie trug den Stempel der Gute und des Edelmuths. Er verband dieses Gefuhl und reine Moralitat mit einem festen Karakter, und die Liebe und Verehrung, die er fur seine Mutter empfand, machte seinen Sinn weich und biegsam, und gab ihm eine Sanftheit, die seinen Umgang sehr angenehm machte. Er hatte noch nie geliebt. Oft, in der Einsamkeit, in der er gewohnlich lebte, gab er sussen Traumereien Raum in seiner Seele, und seine Fantasie webte immer mit leiser Ahndung die Freuden einer glucklichen Liebe in die Bilder der Zukunft, die er sich entwarf. Aber noch hatte er das Wesen nicht gesucht und nicht gefunden, das ihm fahig schien, die Leere seiner Seele zu fullen. Schone Gesichter waren ihm wie schone Blumen, ein lieblicher Anblick, aber noch keins hatte seine gluckliche Ruhe unterbrochen.
August zeichnete sehr schon. Seine Mutter stellte ihn scherzend als Lehrmeister ihrer Untergebnen an, und da man sich von beiden Seiten Muhe gab, und mit einander zufrieden war, so liess sie ihm ein Amt, das er so wohl zu verwalten wusste. Josephine hatte viel Geschicklichkeit, und fand Geschmack an der Malerey; sie machte sehr bald grosse Fortschritte, und August beschaftigte sich am liebsten mit ihr, weil ihre Leichtigkeit zu lernen seinem Bestreben, ihr nutzlich zu seyn, gefallig zu Hulfe kam.
So mochten ungefahr zwei Jahre vorubergegangen seyn. Josephine war eins der schonsten Madchen geworden, aber August, der ihre Reize nach und nach sich hatte entfalten sehn, bemerkte es nicht, weil er an ihren Anblick gewohnt war. Die Gelegenheit sich taglich zu sehn und zu sprechen, hatte bei Josephinens liebenswurdigen Eigenschaften ihr seine ganze Zuneigung erworben, aber sie war nicht leidenschaftlich, sondern wie die ruhige Liebe des Bruders zu der Schwester. Auch Josephine fuhlte ein Wohlwollen fur ihren Freund, das mit einer stillen, reinen Flamme in ihrem Innersten loderte, und ihr Herz mit dem zarten Vertrauen der heiligsten Freundschaft ihm offnete. Es ward ihr wohl in seiner Gesellschaft, und die Stunde, die zum Zeichnen bestimmt war, wurde allemal von ihr mit froher Ungeduld erwartet. Das Vergnugen, das sie in seinem Umgang fand, leuchtete aus ihren Augen, und entging Augusts Blicken nicht, der ihr Wohlwollen zu schatzen wusste, und sich immer mehr ihr mit warmern Gefuhlen naherte, je mehr er sah, dass Josephine sich mit der ganzen Unschuld ihrer reizenden Unbefangenheit an ihn anschloss. Um diese Zeit wollte August einen Versuch im Portraitmalen machen. Er bat Josephinen um die Erlaubniss, sie malen zu durfen, und sie erlaubte es gern. Schnell waren seine Anstalten getroffen, und Josephine sass in einer schonen, ungezwungenen Stellung, die ihr eigen war, ihrem jungen Maler gegenuber.
Sechstes Kapitel
Es ist gefahrlich fur ein Paar junge, unerfahrene Herzen, die noch nicht ihr Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Lebens trieben, deren Unschuld bisher die Stimme der Natur in leise Seufzer erstickte, sich Blick an Blick, Auge in Auge, Seele in Seele, gegenuber zu sitzen.
Josephine, die sonst ganze Stunden mit August allein gewesen war, ohne im mindesten verlegen zu seyn, ohne eine hohere Rothe auf ihren Wangen, ohne einen lautern Herzensschlag in ihrem Busen zu fuhlen, Josephine sah sich jetzt kaum genothigt, ihrem Freund unverwandt ins Auge zu schauen, als sie eine susse Beklemmung ergriff, die ihrem Gesicht eine noch nie empfundene Glut, ihrem Blick einen sonderbaren Blitz, sogar eine Thrane gab. So unbeschaftigt hatte sie noch nie vor ihm gesessen, so war er ihr noch niemals vorgekommen. Sein Auge, sonst sanft und ruhig, schien jetzt von einem Feuer beseelt, das bald auch Josephinens Wesen durchschwarmte, und zuletzt war das Resultat ihres ununterbrochenen Einanderansehns die Bemerkung, die jedes zum ersten Mal machte, dass sie ausserordentlich liebenswurdig waren.
Josephine stand auf, und August gab ihr das Bild hin. Es war nur eine fluchtige Skizze, aber mit allem Liebreiz des Originals ausgestattet. Josephine erstaunt uber ihre eigne Anmuth, mit der sie noch so wenig bekannt wer, errothete, und sagte, indem sie es mit gesenktem Blick betrachtete: O, Wilmuth! Sie haben mir geschmeichelt, ich bin nicht so schon.
Ich bin nicht so glucklich gewesen, Sie ganz zu treffen, versetzte August, aber wie war' es auch moglich, dies schone Auge, aus dem der Himmel lacht, diese milde, majestatische Stirne, diese sussen, freundlichen Lippen, diese bluhenden Wangen, wie vom Morgenroth uberzogen, getreu zu schildern. Kein Pinsel wird je Ihre Liebenswurdigkeit ganz erreichen, und ich habe dies zu sehr gefuhlt, als dass ich hatte hoffen durfen, glucklicher zu seyn.
Wollen Sie mich stolz machen, sagte Josephine, oder, welches mir wahrscheinlicher dunkt, uber mich spotten?
Keines von beiden, antwortete Wilmuth mit einem tiefen Seufzer, ich will schweigen.
Er entfernte sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung, und die junge Grafin blieb zuruck, und sah ihm nachdenkend nach. Diese einzige Stunde hatte auf einmal Licht uber das Dunkel ihres Herzens verbreitet. Das Wohlwollen, das sie fur August empfand, fuhlte sie um vieles erhoht. Es war inniger, zartlicher geworden, und galt nicht mehr allein seiner Gute und seinem sanften edlen Karakter, sondern auch seiner Gestalt, in der vollen Bluthe der Jugend und Gesundheit. Sie rief sich sein Bild zuruck, sein grosses, flammendes Auge, aus dem die erwachende Leidenschaft sprach, seine angenehmen Zuge, durch die Glut seiner Empfindungen doppelt seelenvoll und belebt, den Adel seiner Figur, die Wurde seines Ganges, den Ton seiner Stimme. Ihr war, als nahme eine unsichtbare Hand auf einmal den Schleier hinweg, der sie verhindert hatte, seine Anmuth eher zu fuhlen und zu sehen. Mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht breitete sie ihre Arme aus, und rief August! August! mit bebendem Laut, und umsasste die leere Luft, als war' es der geliebte Jungling. Dann ging sie in ihr Zimmer, und warf sich traumend aufs Sopha. Ach, es giebt eine Schwermuth, in manchem Zeitpunkt des Lebens so suss, die unzertrennliche Begleiterin der ersten Liebe.
In den goldnen Flittertagen, wo die Kraft zu lieben im Innern der Seele erwacht, wo der Gegenstand schon gefunden ist, der uns die Fuhlbarkeit unsers Herzens lehrt, da halt der susse Sturm namenloser Gefuhle, die Ungewissheit der Gegenliebe, an die sich die Hoffnung wie ein strahlender Engel anschliesst, immer eine Thrane im Auge bereit, die die holde Wehmuth hervorbringt, welche die Tochter der Liebe und des Schmerzes ist. O, man mochte sie nicht vertauschen um alle Freuden, die uns spaterhin das Schicksal reicht, diese susse, frohe, wehmuthsvolle Unruh, die die Brust beklemmt, welche bisher nur die Unschuld kannte, und jetzt mit ihr die Liebe verschwistert fuhlt.
Auch August suchte die Einsamkeit, die Freundin und Vertraute liebekranker Herzen, mit Josephinens Bilde auf, an dem seine Blicke voll schwarmerischer Innigkeit hingen. Ach, sie allein vermag diese unendliche Leere zu fullen, rief eine innere Stimme in ihm mit dem zauberischen Tone der Liebe. Er druckte das Bild an sich, und benetzte es mit Thranen. Ach, wenn sie mich wieder liebte wie unendlich selig war' ich da! Er verfolgte diese Idee mit dem ganzen Feuer der Leidenschaft, und susse, trugerische Hoffnungen erwachten in ihm. Zwar sah er die Unmoglichkeit sie jemals zu besitzen, aber er setzte die Tauschung fort, die ihm so wohlthatig war, und seine gluhende Fantasie fuhrte ihn in die Zaubergefilde einer ertraum ten Zukunft, wo Josephine das Gestandniss seiner Empfindungen mit einem frohen Errothen vernahm, und mit dem Bekenntniss ihrer Gegenliebe belohnte. Sie wurde sein, und bei dem Gedanken offnete sich ihm der Himmel. Armer August!
Als sie am andern Tag sich wieder sahen, las Wilmuth in dem Antlitz seiner Josephine eine susse Verwirrung. Sie schlug die Augen nieder, wenn sie seinen Blicken begegnete, und betrachtete ihn mit stummen Entzucken, in das sich einige Wehmuth mischte, wenn es unbemerkt geschehen konnte. Endlich waren sie allein. Josephine setzte sich zu ihren Zeichnungen nieder, ihr Herz pochte laut. Sie wunschte und furchtete eine Erklarung. Aber Wilmuth schwieg.
Diese Landschaft, hub sie endlich mit bebender Stimme an, macht mir sehr viel Freude zu zeichnen. Der Hintergrund ist so feyerlich, die blauen Berge, die sich in die tiefen, einsamen Thaler verlieren, der Strom, der sich tobend vom Gipfel des Felsen hinabsturzt, und schaumend im Thale dahinstromt, und hier an der Seite die friedliche Hutte, mit Epheu bezogen, die so ruhig die sanfte Anhohe hinunter blickt, auf der sie steht, es ist ein so lieblicher Kontrast zwischen den erhabnen Naturschonheiten, und der stillen Hauslichkeit in dieser Landschaft. Meinen Sie nicht auch, Wilmuth?
O, gewiss, versetzte August, und heftete sein Auge auf das einfache Hauschen, das auf einem waldigen Hugel lag. Es blickt sich schon auf das majestatische Gebirge und auf den tobenden Strom, der herab braust. Aber schoner, fuhr er mit leiser, geruhrter Stimme fort, schoner muss sichs dort in der isolirten Hutte wohnen, die aus dem Grunen so freundlich heraus sieht. Ich kann mich von dem Gedanken nicht losreissen, dass irgend eine ungluckliche Liebe, die die Welt verdammte, aber die Gott gut hiess, in ihr einen Zufluchtsort gegen die Sturme des Schicksals suchte und fand.
Die die Welt verdammte, aber die Gott gut hiess? wiederholte Josephine kaum horbar.
Ja, Fraulein! antwortete August, der sich in wehmuthigen Traumen verlor. Gesetzt, dass ein Paar Herzen, aufgefordert durch die Natur und ihre Uebereinstimmung in allen Punkten, sich zu lieben, mit der ganzen Wahrheit jener heiligen Gefuhle an einander hingen, und die Konvenienz trate zwischen sie, und die Welt tadelte ihre reine Liebe, o wie beneidenswerth waren sie dennoch, wenn sie beide den Muth hatten, einander die Verhaltnisse zu opfern, die sie trennen wollten! Wenn sie einer Welt entsagten, die so voll von Vorurtheilen ist, und in einer ahnlichen Einsamkeit durch wechselseitige Liebe und Treue einander Alles waren! Glauben Sie nicht, dass Gott eine solche Liebe segnen wurde, auch wenn sie Menschen verdammten? Glauben Sie nicht, setzte er lebhafter hinzu, dass eine solche Liebe reichen Lohn fur jede Aufopferung in sich selbst hat?
Ich weiss es nicht, sagte Josephine, indess bin ich der Meinung, dass eine solche Liebe, so schon sie auch ist, doch immer denen nur ein Ideal bleiben muss, die hohere Verbindlichkeiten haben.
Hohere Verbindlichkeiten? fragte August verwundert.
Ja, erwiederte Josephine. Ich fuhle, dass es oft Pflicht seyn kann, das Urtheil der Welt zu verlachen, wenn es unserm wahren Gluck im Wege steht. Ich bin fest uberzeugt, dass die erste Stimme, der wir folgen mussen, die Stimme unsrer Vernunft und unsers Herzens, nicht die des Publikums seyn muss; aber eben so sehr bin ich auch uberzeugt, dass man alles Mogliche thun soll, eine Liebe zu ersticken, die man uberhand nehmen sieht, ohne die Hoffnung, sie laut und stolz bekennen zu durfen. Setzen Sie den Fall, ich liebte, liebte einen Mann unter meinem Stande, der jede liebenswurdige Eigenschaft hatte, nur nicht die kleinen unseligen Vorzuge, die Rang und Reichthum geben und die ein volles Herz gewiss leicht entbehrt, setzen Sie den Fall, ich liebte ihn mit der innigsten Leidenschaft, ich ware seiner Gegenliebe gewiss, so gewiss ich mit keinem andern glucklich seyn konnte, was, glauben Sie, wurde ich thun?
Sie wurden ihn glucklich machen, und selbst glucklich seyn! sagte August heftig bewegt, denn ihm war, als entscheide sich jetzt das Schicksal seines ganzen Lebens.
Nein, Wilmuth! antwortete Josephine mit Ruhrung und einer Thrane im Auge. So lange der Segen meiner Eltern den Bund nicht heiligte, den mein Herz geschlossen hatte, so lange wurde mich selbst die zartlichste Liebe nicht zuruckhalten, ihn wieder zu brechen. Die Pflichten eines Kindes gegen seine Eltern sind das heiligste in der Natur, und wehe dem, der sie nicht erfullt. Nein, ich werde nie ungehorsam seyn! Schon der Gedanke, meine liebsten Wunsche dem kindlichen Gehorsam aufgeopfert zu haben, wurde Trost in meinen Kummer mischen, und indem ich, um ihrem Willen zu folgen, dem meinigen entsagte, wurde ich Ersatz in der beruhigenden Ueberzeugung finden, meine Schuldigkeit gethan zu haben.
Liebenswurdiges, edles Madchen! rief August, ich bewundre Sie, ob ich Ihnen gleich nicht nachahmen konnte. Den sonst so schonen, festen Ton seiner Stimme hatte die Anspruchslosigkeit auf Gluck gebrochen, die sein Herz mit Wehmuth fullte. Sein Auge, in das eine helle Thrane trat, schien zu sagen: O warum so viel Edelmuth, und so wenig Liebe!
Josephine hatte ihm wirklich in dem, was sie sagte, ihre wahrsten Gedanken enthullt. Sie war jetzt uberzeugt, dass der warme Antheil, den sie an ihm nahm, das Wohlwollen, das sie fur ihn fuhlte, und die Achtung, die ihr eine lange Bekanntschaft mit den vielen guten Seiten seines Karakters eingeflosst hatte, durch genaues Nachdenken uber alle diese Gefuhle zur zartlichsten Liebe geworden war. Fur einige Stunden konnte sie sich mit sussen Hoffnungen tauschen, und o wie selig waren diese Stunden nicht! Sie uberliess sich mir dem ganzen Ungestum eines jungen Herzens, in dem alle Empfindungen im Bluhen sind, der Schwarmerei, die sie dahin riss; aber dieser Zustand der Bezauberung dauerte nicht lange, und dann stand mit desto bitterern Farben die wirkliche Welt vor ihr, aus der eine gereizte Fantasie sie entruckt, und in eine idealische versetzt hatte.
Ich liebe ihn, rief ihr ganzes Wesen, aber ich will ihn vergessen, weil ich ihn nie besitzen darf! Ach, es war so schwer. Sie sah ihn wieder, und sein Anblick anderte ihren Entschluss. Laut sprachen alle ihre Gefuhle in ihr: Das ist der einzige Mann, mit dem Du glucklich seyn kannst, und indem sie sich mit frohem, kurzem Vergessen von der Erinnerung ihrer Verhaltnisse hinwegwandte, wunschte sie das Gestandniss seiner Liebe, um es mit allem Feuer der ihrigen erwiedern zu konnen. Als aber August von einer Leidenschaft sprach, von Gott gebilligt, aber von der Welt verdammt, da trat das Andenken ihres Standes wie ein Gespenst der Mitternacht zwischen die klopfenden Herzen, die sich einander nahern wollten, und sie rief alle Krafte ihrer Seele zusammen, um mit Ruhe und scheinbarer Gelassenheit ihm jede Hoffnung benehmen zu konnen, die, wie sie wusste, vergeblich gewesen ware.
Josephine stand auf, um sich zu entfernen, weil sie fuhlte, dass ein langeres Bleiben ihrem Vorsatz gefahrlich war, und dass die angenommene Gleichgultigkeit, mit der sie gesprochen hatte, schon warmeren Empfindungen zu weichen anfing. August, in seinen Schmerz verloren, sah sie mit unbeschreiblicher Wehmuth an; in ihr schones, ernstes Auge, welches lacheln wollte, stieg eine glanzende Thrane, sein Schicksal spiegelte sich in ihr. Er sank vor ihr nieder, ein Gefuhl ohne Namen beklemmte seine Brust. Die Erklarung einer Liebe entfloh seinen bebenden Lippen, und Josephine, zu schwach, ihr uberwallendes Herz zu besiegen, gab ihm in einer langen Umarmung das Bekenntniss der ihrigen hin.
In spaten Zeiten noch hing August gern an der Erinnerung dieser Stunde. Das Weh der Hoffnungslosigkeit, das sich in den ersten Kuss der Liebe mischte, milderte das Entzucken sich geliebt zu sehn, und goss Wehmuth in den Jubel der Freude.
O, Wilmuth! rief Josephine, warum haben Sie mich genothigt, das Schweigen zu brechen, das ich mir gelobte. Ich liebe Sie, aber ich m u ss , ich w i l l diese Neigung bekampfen, und sollte ich unterliegen.
Wie, Josephine? Ist das Liebe? Ich wurde um Ihrentwillen die ganze Welt aufopfern, wenn Sie es wollten, und diese heilige Flamme in meiner Brust, die Sie entzundet haben, wurde mir eine reiche Belohnung meiner Entsagung seyn, auch wenn mir nichts bliebe, als sie; und Sie wollen das ganze Gluck meines Lebens zertrummern, weil mir das Schicksal keine Ahnen gab?
Ist Ihr Gluck nicht auch das meinige? versetzte Josephine. O August! Sie werden nicht allein unglucklich seyn, wenn ich Ihnen auf ewig entsagen muss. Aber ich kenne meine Eltern. Die leiseste Ahndung unsrer Liebe, und ich ware verloren. Ach, Wilmuth, ein andrer hat schon von ihnen das Versprechen meiner Hand, ich kann nichts thun, als gehorchen, und um Sie weinen! Sie verbarg ihr Gesicht in seinen Busen, und liess ihren Thranen freien Lauf.
Sie konnten nichts thun, als gehorchen, und um mich weinen? sagte August. O, Josephine, Sie konnen mehr, wenn Sie mich lieben. Hier, er hielt ihr die Landschaft entgegen, und zeigte auf die einsame Hutte: hier ist ein Zufluchtsort fur treue Liebe, und mit allem, was ich bin und habe, will ich Ihnen die Opfer versussen, die Sie mir bringen.
Haben Sie vergessen, antwortete Josephine mit einem schmerzhaften Lacheln, dass ich Pflichten auf mir habe, denen meine Leidenschaft weichen muss? Durft' ich meinem Herzen folgen, o wie gern entsagt' ich allen den Vortheilen, die mir das Gluck gab, um Ihnen zu beweisen, dass ich es nicht in Glanz und Gerausch suche. Aber ich habe keinen eignen Willen. Graf Wodmar ist fur mich bestimmt. Ich kenne ihn nicht, ich werde ihn niemals lieben, ach, ich werde vor Schmerz sterben, wenn ich ihn heirathen muss, aber ich werde ihm dennoch meine Hand geben.
O, nein, Sie werden nicht sterben, erwiederte August bitter. Sie werden leben, um zu glanzen, und um bewundert zu werden; und das Herz elend zu sehn, das Sie so unbegranzr liebte, wird Ihrer Eitelkeit nur einen Triumphbogen erbauen, ohne ihrem Auge eine Thrane zu kosten.
Er ging stolz und beleidigt nach der Thure. Josephine breitete ihre Arme nach ihm aus, aber sie war stumm im Uebermass ihres Kummers. Hatte er nur einen Blick zuruckgeworfen, der Anblick ihres Schmerzes hatte ihn versohnt, aber er ging, und Josephine verbarg ihre Thranen in ihrem Zimmer.
Siebentes Kapitel
Langsam und still ging eine ganze Woche voruber, Wilmuth kam nicht zu seiner Mutter, Josephine war melancholisch. Madam Wilmuth bemerkte es wohl, aber sie glaubte, die ihr angekundigte Verbindung mit einem Mann, von dem sie nichts wusste als den Namen, ware Ursach genug zur Schwermuth fur ein junges Madchen. Ueberdies ruckte die Stunde der Trennung heran, und da Josephine ihrem Herzen fast unentbehrlich geworden war, so that ihr der Gedanke wohl, dass auch diese ungern von ihr scheide.
Augusts Wegbleiben begrub sein Bild nicht in Vergessenheit bei Josephinen. Ihr Blick durchlief mit heiliger Erinnerung die ganze Vergangenheit, und jede mit ihm verlebte Stunde trat lachelnd vor das Auge ihrer Seele zuruck. Seine Gutmuthigkeit, sein sanfter Ernst, sein bescheidnes Wissen, wie sehr unterschied es ihn von allen Mannern ihrer Bekanntschaft. Ach, warum bin ich nicht in der glucklichen Beschranktheit des Mittelstandes geboren, seufzte sie. Er ware dann mein, und in stiller Hauslichkeit verlebte ich meine Tage in den Armen der Liebe. Oder warum mussten meine Bruder sterben? Ach, dass sie noch lebten, ich ware dann nicht mehr das einzige Kind, die einzige Hoffnung meiner Eltern, und wenn ich sie verliesse, um den Eingebungen meines gluhenden Herzens zu folgen, so standen sie nicht allein in der Welt, und wohlgerathene Sohne wurden sie uber den Verlust einer Tochter trosten, die glucklicher in ihrer Armuth ware, als sie es jemals mit allem ihren Reichthum seyn kann!
Sie malte sich mit allem Zauber ihrer lebhaften Fantasie eine reizende Zukunft an Augusts Seite. In eine einsame, romantische Gegend baute sie im Geist eine Hutte fur sich und ihn, mit Epheu bezogen, und mit Garten umringt, in denen ihre einfache Nahrung wuchs. Der heiterste Himmel lachte uber diesen Aufenthalt des Friedens und der Liebe mit ewiger Klarheit herab, die Natur breitete ihren schonsten Teppich um ihn aus, und Gluck und stille Zufriedenheit war das Loos seiner frohen Bewohner. O wie ist man glucklich, wenn man, noch vom frischen Morgenroth der ersten Jugend umglanzt, sich solchen Traumereien uberlasst! Denn nur selten ist es in der wirklichen Welt s o , wie es seyn konnte keine Rose bluht ohne Dornen, kein Abendhauch weht durch die Fluren, der sich nicht mit Seufzern mischte. Es war einmal eine Zeit, in der ich glaubte, nur die Erinnerung reiche dem Herzen, das die Gegenwart verwundet, ihren lindernden Balsam, aber auch diese Ueberzeugung gehort zu den Irrthumern meiner Jugend. Denn zu den genossenen Freuden, die man sich zuruckruft, gesellt sich das herbe Andenken an alles, was man langst verloren, langst betrauert hat. Jede vergossne Thrane netzt noch einmal das Auge, jeder Seufzer hebt noch einmal die Brust. Zwar breitet die Erinnerung einen milden Schleier uber die Szenen unsers Kummers und unsrer hingeschwundnen Freuden, aber er benimmt nur die erste Scharfe, nicht die langsam verzehrende Bitterkeit, die der Gram uns giebt. Aber in den frohen Augenblicken, in denen man sich in idealische Welten traumt, vergisst man die Leiden der wirklichen, und jeder Wunsch, der im Gerausch verstummt, wird in der Stille laut, weil die bewegte Seele Kraft fuhlt ihn zu erreichen, obgleich nur im Traum.
Von dem lachelnden Gemalde, das Josephinens Einbildungskraft entwarf, und zu dem Liebe und Schwarmerei ihr die Farben reichten, wandte sie ihr Auge auf die ernsten Bilder der Zukunft, die ihrer wartete. Sie sah sich im Glanz des Hofs, mit ihrem traurigen, unerwiederten Herzen, an der Seite eines Mannes, dessen Wahl sie aus Konvenienz war, und der sie bei ihrem Rang und Vermogen mit eben so viel Lastern geheirathet hatte, als sie ihm Tugenden zubrachte. Sie fuhlte einen heftigen Widerwillen gegen ihn, als den Storer ihrer hier so ruhigen Existenz bei Madam Wilmuth. Sie nahm sich vor, ihm recht verachtlich zu begegnen. Aber, dachte sie dann wieder, vielleicht ist er so wenig Herr seines Willens, wie ich. Wer weiss, ob nicht die Verbindung mit mir Bande zerreisst, die sein Herz knupfte, ob er nicht eben so ungern wie ich an die Zeit denkt, in der er seine Freiheit, und vielleicht eine gluckliche Liebe mir opfern muss. Ihr Widerwillen verwandelte sich in Mitleid. Nein, rief die Stimme ihrer angebornen Gute in ihr, ich will ihm die Burde, die wir gemeinschaftlich tragen mussen, so viel wie moglich versussen. Ich will es ihm nie fuhlen lassen, dass ein Andrer meine Neigung besitzt. Ich will, wenn er gut ist, ihn schatzen, wenn er Fehler hat, sie schonen, ich will alles thun, was ich kann, um meine Pflichten zu erfullen.
Jene heilige Ruhe, die jeden guten Vorsatz begleitet und belohnt, erfullte ihre Seele, und ward ihr zur Aufmunterung, ihren Entschluss auszufuhren. August beherrschte indess ihre Gedanken noch immer mit der Zartlichkeit, die er ihr eingeflosst hatte, und die er so sehr verdiente. Er will mich nicht wieder sehn, sagte sie zu sich selbst, als acht Tage voruber waren, und er noch immer nicht kam, er will das Bild der Unglucklichen durch Entfernung aus seinem Herzen bannen, der Unglucklichen, die ihm entsagen muss. Sie fand sich durch sein Betragen geehrt, er wurde ihr noch werther durch die Delikatesse, mit der er ihre Schwache behandelte. Den Unwillen, mit dem er von ihr schied, hatte sie ihm langst vergeben, sie glaubte, und hatte Recht zu glauben, dass bei einem unparteiischen Nachdenken uber sie, selbst die leiseste Spur desselben schon langst verschwunden sey. Aber Madam Wilmuth bemerkte mit Verwunderung, dass sich August gar nicht mehr sehn liess. Seine Wohnung war nicht weit von der ihrigen, sie beschloss, selbst hinzugehen, und ihn zu fragen, was ihn abhielt, zu ihr zu kommen.
Ein wenig blass, aber ruhig fand sie ihn bei seinen Zeichnungen. Als er seine Mutter gewahr wurde, stand er auf, kusste ihre Hand, und bezeugte ihr seine Freude, sie bei sich zu sehn.
Wie, mein Sohn! sagte Madam Wilmuth verwundert, weder Krankheit noch Geschafte haben Dich abgehalten, mich zu besuchen? und wahrend ich mich unruhig nach Dir sehnte, sitzest Du ganz phlegmatisch bei Deinen Malereien, da Du doch weisst, wie viel Freude es mir macht, Dich bei mir zu haben?
Seine Wangen farbten sich mit einem schwachen Roth bei den sanften Vorwurfen seiner Mutter. Sein Auge wurde feucht, er sank an die mutterliche Brust, und brach in einen Strom von lang verhaltnen Thranen aus. Was ist Dir, August? rief Madam Wilmuth besturzt, was hast Du fur Kummer? Rede, entdecke Dich mir, so hab' ich Dich noch nie gesehn!
O, meine Mutter, schluchzte August, und druckte sich fester an sie, ich bin sehr unglucklich!
August, Du erschreckst mich! Was hast Du gemacht? Ach es muss etwas sehr schlimmes seyn, da Du es nicht wagtest, Dich mir anzuvertrauen, und wie konnte ich so etwas von Dir erwarten.
August gab sich Muhe sich zu sammeln, und stillte seine Thranen. Nein, beste Mutter, sagte er, befurchten Sie nichts. Ich bin unglucklich, aber Ihrer Liebe nicht unwerth. Meiner Ruhe hab' ich das schmerzhafte Opfer gebracht, nicht mehr zu Ihnen zu kommen, wo ich sonst meine glucklichsten Stunden verlebte, aber wenn ich auch schwach bin, so verdiene ich doch gewiss Ihr Mitleid, Ihren Rath, Ihren Trost.
Mein Herz war immer Ihren Augen offen, aber ach, seine wichtigsten Bewegungen sind Ihnen doch entgangen. Ich liebe, liebe Josephinen mit einer Leidenschaft, die lange in mir schlummerte, da ich sie nur fur Achtung hielt, die aber mit aller Heftigkeit meiner lebhaften Gefuhle jetzt erwacht ist. Josephine ist das erste Madchen, das mir gefallen, das erste, das mein Innerstes geruhrt hat. Sie wissen selbst, wie liebenswurdig sie ist, ach, konnen Sie mich tadeln, wenn ich den Abgrund fliehe, dem ich so nahe bin?
Madam Wilmuth stand da in ein bitters Erstaunen verloren. Und weiss Josephine um Deine Liebe, rief sie, liebt sie Dich wieder?
Ich konnte ihr nicht verschweigen, was ich fur sie empfand, versetzte August. Die Stimme der Hoffnung, die mich zum Gestandniss aufrief, war trugerisch, aber doch lag sie zu tief in mir, als dass ich sie hatte vertilgen konnen. Josephine liebt mich wieder, aber mehr als mich, ihren Stand, ihre Verhaltnisse, ihre Pflichten. Ich will sie nicht wiedersehn! Meine verweinten Augen sollen sie nicht zu meinem Vortheil bestechen. Zeit und Entfernung von ihr werden mich beruhigen, und vor allen Dingen dann Ihr trostender Umgang, liebe Mutter! und die Vorstellung, dass Josephine glucklich ist ohne mich. Ach, ich hatte ihr freilich die Opfer nicht ersetzen konnen, die sie mir hatte bringen mussen, um mich glucklich zu machen. Ich hatte ihr nichts geben konnen, als mein Herz voll unbeschreiblicher Liebe, und, indem er in ihre Arme fiel, und sie unter neuen Thranen umschloss, eine Mutter, die sie doch in jenem Stande, auf den sie stolz ist, nicht so gut und edel finden wird, wie die, die dann die ihrige geworden ware.
So unangenehm auch der Madam Wilmuth die ganze Sache war, die fur diese Liebe traurige Folgen vorher sah, da sie den festen, stillen, rief empfindenden Karakter ihres Sohns kannte, so entschuldigte doch ihr mutterliches Herz Augusts Unbesonnenheit, mit der er sich Josephinen entdeckt hatte, und sie beschloss, alles mogliche zu thun, um die Flamme zu loschen, die so hell noch in ihm brannte.
August! sagte sie zu ihm, Du hast nicht die rechten Mittel gewahlt, Josephinen zu vergessen. Der Weg, den Du betreten hast, bringt Dich ihr immer naher, statt Dich von ihr zu entfernen. Wenn du ihren Anblick noch so sorgfaltig meidest, wird sie doch immer vor dem Auge Deiner Fantasie stehn, und am Ende nicht mehr wie ein Madchen, sondern wie ein Ideal, und deswegen gefahrlicher vor Deiner Einbildungskraft schweben. Nein, sieh' Josephinen taglich, sage Dir immer vor, wenn Dich ihre Liebenswurdigkeit entzuckt, dass sie die Braut eines Andern ist, dass Dir die Ehre zum heiligen Gesetz macht, zu schweigen. Nach und nach wird Deine Liebe sich in Freundschaft verwandeln, und diese verbieten Dir Josephinens Verhaltnisse nicht. Josephine selbst wird Dir, ihrer Pflichten eingedenk, die Hand zur Rettung aus dem Labyrinth bieten, in das Dich die Liebe fuhrt.
August kampfte mit sich selber. Er wollte sie vermeiden, und doch sehnte er sich nach ihr, und wenn er ihr Bild, das seine Einsamkeit theilte und schmuckte, mit liebevollen Blicken betrachtete, wachten alle seine ubertaubten Wunsche, das schone Original selbst zu sehn, in seiner Seele auf, und es kostete ihm viel, sie zu ersticken. Madam Wilmuth bestritt seine Zweifel, sein Herz war mit im Spiel, er gab nach, und versprach ihr, den andern Tag zu kommen. Ruhiger als Madam Wilmuth wirklich war, schied sie von ihm, und begab sich nachdenkend nach Hause.
Was sie erfahren hatte, war ihr sehr unangenehm, und machte ihr viel Unruh. Sie kannte Josephinens Lage, und hatte sie oft im Stillen bemitleidet. Da sie wusste, dass ihre Bestimmung einst war, die Gattin eines Mannes zu werden, den die Konvenienz ihr erwahlte, so hatte sie mit der grossten Sorgfalt uber Josephinens Herz gewacht, um es frey zu erhalten. Sie wird weniger unglucklich seyn, dachte die gute Frau, wenn sie, ohne die Liebe zu kennen, ihrem kunftigen Gemahl ihre Hand giebt. Ein wenig Herzlichkeit von seiner Seite zu der Achtung, die sie gewiss auch dem leichtsinnigsten Libertin einflosst, und jene gluckliche Unwissenheit bei ihr, zu ihrem angebornen Wohlwollen, wird vielleicht eine Ehe, die nur Stolz und Eigennutz schlossen, zu einer glucklichen machen. So dachte Madam Wilmuth, und erhielt Josephinen in einer strengen Eingezogenheit. Ihr Umgang mit August war so unbefangen, und blieb, bis er den unglucklichen Einfall hatte, sie zu malen, so ganz in den Granzen einer ruhigen, weit von der Liebe entfernten Freundschaft, dass sie nicht das geringste von der Vertraulichkeit furchtete, die sie unter beiden herrschen sah. Josephinens stille Trauer, die sie der nahen Veranderung ihres Standes und der Trennung zuschrieb, die ihnen in wenig Monaten drohte, ihr Hang zur Einsamkeit, ihre leidende Gestalt; alles dies erschien ihr jetzt in einem andern Lichte. Sie fuhlte sich gekrankt durch Josephinens Heimlichkeit, mit der sie ihr die wahre Ursach ihres Kummers verborgen hatte, und doch lag in ihrem Schweigen wieder etwas Edles, das sie zwang, dem Madchen zu verzeihen, und es zu achten, das im Stillen litt, und seine Liebe bekampfte, ohne seinen Schmerz auf andre zu verbreiten, denn musste es der zartlichen Mutter nicht weh thun, ihren Sohn hoffnungslos lieben zu sehn?
Achtes Kapitel
Sie ging zu ihr mit einer niedergeschlagenen Miene. August ist sehr krank, sagte sie, Josephine wurde so bleich, wie ihr Gewand. Krank? wiederholte sie mit bebenden Lippen. Ja, versetzte Madam Wilmuth. Ein geheimes Leiden der Seele, vielleicht eine ungluckliche Liebe, sagte der Arzt, wird ihn
O, Himmel, schrie Josephine, indem sie schnell aufsprang, und kraftlos wieder zuruck fiel, er stirbt, und ich, ich bin seine Morderin!
Madam Wilmuth sah sie mit einem befremdeten Blick an. Was fallt Ihnen ein, was ist Ihnen, Josephine? Ach konnen Sie mir verzeihen? Nein, niemals, niemals werde ich mir selbst vergeben, rief die Grafin, August liebte mich, er gestand mir's, ich liebte ihn wieder! Aber die Vorurtheile, die Strenge meiner Eltern, die ich kannte, ach ich benahm ihm jede Hoffnung, weil ich's fur meine Pflicht hielt; aber jetzt, ihn zu retten ist auch eine Pflicht, und ich muss, ich will sie erfullen.
Wie Josephine? sagte Madam Wilmuth sehr ernsthaft, so schnell konnen Sie Ihre Entschlusse andern? Einen Vorsatz, den Sie Sich selbst, den Sie Ihren Eltern schuldig zu seyn glaubten, der sich auf eine feste, ruhige Ueberlegung grundete, diesen konnten Sie auf einmal in einem leidenschaftlichen Augenblick aufgeben, um dann lebenslang Ihre Unbesonnenheit zu bereuen? Josephine stand vor ihr mit gesenktem Auge, und tief errothenden Wangen.
Es ist wahr, hub sie endlich an, ich glaubte, es sey meine Pflicht, die Stimme zum Schweigen zu bringen, die so laut in meinem Herzen zu Augusts Vortheil spricht. Meinen Eltern, die meine Neigung niemals billigen wurden, bin ich das Leben schuldig, Ihnen, theure Freundin! mehr als dies. Sie lehrten mich gut seyn, und zeigten mir den Weg des Friedens, indem Sie mir gute Grundsatze einflossten, und meinen Begriffen eine richtige Stimmung gaben. Wenn nun August ohne mich nicht leben kann, so wie ich ohne ihn gewiss nie glucklich bin, o wodurch konnte ich Ihnen meinen Dank und meine Zartlichkeit starker beweisen, als wenn ich durch die freiwillige Entsagung aller meiner Anspruche Ihnen einen Sohn, mir einen Mann erhielte, den wir beide lieben, der mir alles ersetzen wird, was ich ihm opfere, alles! Ihr Auge fullte sich mit Thranen. Meine Eltern! rief sie weinend aus, aber mit Fassung setzte sie hinzu: Ja, auch meine Eltern! Heilig sind die Rechte, die Sie, meine zweite Mutter, auf mich haben, sie geben meiner Liebe die Sanction der Pflicht.
Nein, meine Josephine! antwortete Madam Wilmuth innig geruhrt. Weder ich noch August konnen die Opfer annehmen, die Sie uns bringen wollen. Ihre Eltern vertrauten mir in Ihnen ihren grossten Reichthum, ihre einzige Hoffnung an. Ich habe den fruchtbaren Boden gebaut, den ich fand, und bin reichlich belohnt fur jede kleine Muhe, die mir Ihre Erziehung machte, durch die Folgsamkeit, mit der Sie meine Lehren annahmen. Wenn ich mir Rechte auf Ihre Dankbarkeit erworben habe, o so bitt' ich Sie, Josephine! bleiben Sie bei Ihrem ersten Vorsatz, der fur ihre Ruhe und die meinige am heilsamsten ist, nehmen Sie die Hand des Gemahls an, den Ihnen Ihre Verwandten gewahlt haben, und bleiben Sie immer die Freundin meines Sohns. Er ist nicht so krank, als ich ihn schilderte; musst' ich nicht diesen Kunstgriff brauchen, um Sie zur Sprache zu bringen, da eine gegenseitige Erklarung uns so nothwendig war? Der Balsam der Freundschaft wird ihn heilen, und die Ueberzeugung, dass Ihr Gluck von ihm Entsagung fordert. Glauben Sie mir, und war' er auch dem Tode nahe, so wurd' ich ihn doch lieber sterben, als Sie in Ihrer Pflicht wanken sehn. Nein, meine Liebe! vergessen Sie einen jungen Mann, den die Leidenschaft hingerissen hat, zu sprechen, wo er ewig hatte schweigen sollen, und sehen Sie mit Muth in die Zukunft, die auch ohne ihn Ihren Weg mit Blumen bestreuen wird. Dies Erwachen der ersten Gefuhle, wie oft betrugt es nicht die jungen, unerfahrnen Herzen, welche glauben, dass von ihm das ganze Gluck des Lebens abhangt, und dass es zertrummert ist, wenn Verhaltnisse sich den ersten Wunschen entgegen stellen. Ach, Josephine, die erste Liebe macht nur selten, fast mocht' ich sagen, nie glucklich; denn sie ist nur ein Rausch, der die Sinne fesselt, die noch nicht wissen, was sie wollen. Und wenn er verfliegt, o was vermag dann die Leere auszufullen, die wir uberall empfinden? Mit uberspannten Erwartungen erreichen wir das Ziel unsrer Hoffnung, wenn es uns erlaubt ist, uns ihm zu nahern, und fast immer sehn wir, dass die rosenfarbnen Traume schwinden, eben wenn wir glauben, dass sie in schonere Wirklichkeit ubergehn sollen.
Ach, seufzte Josephine, werd' ich nicht ewig mein Loos beweinen mussen, wenn August nicht mein wird? Wie werd' ich einen Andern lieben konnen, wenn Er in meiner Seele herrscht?
Achtung und Freundschaft sind Gefuhle, versetzte Madam Wilmuth, die die Liebe ersetzen, und uberleben. Sie werden glucklich seyn, Josephine! wenn Ihr kunftiger Gemahl Ihnen beides einflosst, und auch er wird ein besseres Loos haben, als wenn Sie ihn liebten, wie Sie vielleicht August lieben.
Wie meinen Sie das? fragte Josephine verwundert.
Leidenschaft, fuhr Madam Wilmuth fort, nimmt uns die Gewalt uber uns selbst, durch die wir erst Gluck und Freude in die geselligen Zirkel verbreiten konnen, die uns umgeben. Sie stumpst den scharfen Blick ab, den ein freies Herz in die Welt wirft, und wie konnen wir ohne diesen Blick sehen, was dem Gegenstand wohl oder wehe thut, den wir beglucken wollen? Ach, Josephine! unsere Bestimmung ist ja, mit Selbstverlaugnung die Seufzer der Sehnsucht zu ersticken, die unsre Brust heben, und die Rosen, die auf unserer Laufbahn bluhn, zu entblattern, um sie auf die Wege Andrer zu streuen. Wollen Sie ihn nicht erfullen, diesen traurig-schonen Beruf der Entsagung? Kann Sie das Bewusstseyn nicht trosten, dass Sie die Wunsche Ihrer Eltern auf Kosten der Ihrigen befolgt haben?
Josephinens Blicke netzten sich mit Thranen. Ja, rief sie endlich aus, Sie haben Recht, meine theure, mutterliche Freundin! Ich will mich fugen in mein Schicksal. Unterstutzen Sie mich, wenn ich wanke. Ach, Madam Wilmuth, wie kommt's, dass ich, sonst so streng in meinen Meinungen gegen mich und Andre, jetzt auf einmal so schwach bin? Ehmals glaubt' ich, ein innerliches Gefuhl in mir, auf das ich stolz war, wurde gleichsam mechanisch meine Wahl bestimmen, wenn ich mich fur den rechten oder unrechten Weg entscheiden sollte. Und jetzt, der kindliche Gehorsam fuhrt mich auf die Dornenbahn meiner Pflichten, aber meine ganze Neigung widerstrebt.
Madam Wilmuth antwortete: Das liegt so in uns egoistischen Menschen. Unsere Forderungen gegen Andre sind streng, aber uns scheinen sie leicht, weil wir uns einbilden, dass wir in ahnlichen Fallen alles leisten konnten, was wir fordern. Dieses allzugrosse Selbstvertrauen macht oft, dass unsre Vorsatze scheitern, und dass wir dann in unsrer ganzen Schwache gedemuthigt da stehn. Wir sehen alsdann, dass es leicht ist, zu wissen, was gut oder bose ist, aber schwerer das Gute auszuuben, als es von Andern zu verlangen. Eine solche Bekanntschaft mit unserer eignen Unvollkommenheit ist nicht unnutz, denn sie macht tolerant, und langsam und bescheiden arbeitet man daran, starker, fester und besser zu werden.
Josephine war allein, und dachte nach uber ihre Empfindungen. Madam Wilmuth hatte sie nicht uberzeugt, dass sie glucklicher mit Wodmar durch Achtung und Freundschaft, als mit August durch die innigste Liebe werden wurde, denn wer konnte die Leidenschaft uberzeugen, die mit ihrer ganzen, ersten Allmacht sich in einem siebzehnjahrigen Busen regt, aber sie hatte doch eine leise Hoffnung in ihrem Herzen geweckt, dass es moglich seyn konnte, und die dornenvolle Zukunft, der sie entgegensah, mit einigen duftenden Rosen verschonert. Sie uberlegte sich alles noch einmal. Es dunkte ihr edel und gross, dem Manne, den sie liebte, aus Gehorsam zu entsagen, und voll Duldung und Unterwerfung dem ernsten Rufe ihres Schicksals zu folgen. Selbst die wehmuthsvollen Traume, in die ihre ungluckliche Liebe sie wiegte, waren ihr suss, und nahrten ihre Festigkeit. Ach, dem menschlichen Herzen sind die Freuden weniger nothwendig, als der Schmerz vielleicht weil es fruher mit diesem als mit jenen bekannt wird. August stellte sich vor das Auge ihrer Fantasie mit seinem thranenvollen, gutmuthigen Gesicht, das der Kummer gebleicht hatte. Sie streckte ihre Arme mit Ruhrung aus, das geliebte Schattenbild zu umfangen, das sich ihre Einbildungskraft mit goldener Tauschung schuf, aber sie zog sie wieder zuruck, denn die Konvenienz, der sie doch einmal geopfert war, stand drohend ihr zur Seite. Diese zartlichen Empfindungen, die sie ihrem unbekannten Brautigam opferte, erfullten sie jetzt nach und nach nicht mit Unwillen, sondern mit einem sanften Wohlwollen fur ihn, das zart-fuhlende Herzen immer fur die Gegenstande empfinden, fur die sie viel thaten, viel verloren, viel vergessen mussten.
Es ist wahr, dachte sie, der Unterschied unsers Standes ist eine Kluft, die mich entweder von August oder von meinen Eltern trennt. Und soll ich denen, die mir das Leben gaben, nicht die Neigung meines Herzens als ein Zeichen meiner Dankbarkeit zum Opfer bringen, um ihre Wunsche zu erfullen, die mich gern gross und glucklich sahen? Zwar kann die Natur es billigen, wenn man seinem Gluck entsagt? Konnen Eltern die entscheidende Stimme verlangen, wenn es auf das Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes ankommt? und doch, doch! setzte sie ihr Selbstgesprach fort, und gelobte sich feierlich, gehorsam zu seyn. Der Gedanke, unrecht und undankbar gehandelt zu haben, sagte sie zu sich selbst, wurde Wermuth in den Wonnebecher der Liebe mischen, und ein ewignagender Wurm an meinem Innern seyn. Aber wenn ich nun allen meinen rosenfarbnen Hoffnungen auf Lebensgluck Lebewohl sage, und dem Mann meine Hand gebe, dem nie mein gebrochnes Herz gehoren wird, o da wird mein Bewusstseyn Balsam in die Wunde traufeln, die mir das grausame Verhangniss schlug.
August kam, wie er es seiner Mutter versprochen hatte; Josephine flog ihm entgegen. Sie reichte ihm die zitternde Hand, die er ergriff, und an seine Lippen druckte. Madam Wilmuth war in angstlicher Erwartung Zeuge dieses traurigen Augenblicks. Nehmen Sie mit diesem Handedruck, sagte Josephine ernst und wehmuthswoll, aber ruhig, nehmen Sie mit diesem Handedruck die Versicherung meiner ewigen Freundschaft. August! ich darf Ihnen nichts als Freundin seyn, aber das will ich Ihnen bleiben, so lange diese Augen offen stehn, und so lange diese Lippen Ihren Namen stammeln konnen. Ich habe gekampft mit meinem Herzen, und es ist nun ruhig. Seyn Sie es auch, August! Sollte ein Mann nicht mehr vermogen, als das schwache Madchen? Sollte ich Ihnen mehr Starke der Seele zugetraut haben, als Sie wirklich besitzen? O, nein, nein Wilmuth! ich habe mich nicht in Ihnen geirrt, wenn ich, da ich Sie nicht lieben darf, von Ihnen gleichen Muth erwartete, ein Schicksal zu tragen, das nun einmal unsre Bestimmung ist. Nicht wahr, Sie tadeln mich nicht, dass ich eine folgsame Tochter bin, obgleich mein Gehorsam mir und Ihnen so viel kostet?
August verhullte sein thranendes Auge. Es giebt eine Zukunft, antwortete er, in der keine Vorurtheile mehr herrschen. Da werden wir uns wieder finden, das weissagt mir meine Seele. Bis dahin ewige, ewige Freundschaft!
Madam Wilmuth umarmte eins nach dem andern. Seyd fest, meine Kinder! sagte sie, und beide versprachen es.
Das alte Verhaltniss war nun so ziemlich unter beiden wieder hergestellt, bis auf jene holde Unbefangenheit, die ehemals die gluckliche Unwissenheit ihrer Gefuhle begleitete, und die die schonste Wurze ihres Umgangs war. August und Josephine sahen sich taglich, und die Flamme ihrer Leidenschaft brannte noch immer insgeheim fort, ob sie gleich offentlich gedampft zu seyn schien. War Madam Wilmuth bei ihnen, so wachte jedes uber seine Worte und Bewegungen, waren sie aber allein, so entschlupfte Josephinen ein tiefer, lang zuruckgehaltner Seufzer, der seinen Wiederhall in Augusts Busen fand. Sie sahen sich dann an, und ihre Blicke wurden feucht. August beruhrte mit wonnevollem Beben ihre blonden, seidnen Locken, so oft es unbemerkt geschehen konnte, und wenn ihn ihr Gewand bestreifte, so durchdrang ein susser Schauer sein innerstes Wesen. Josephine hing mit truben Blicken an seiner angenehmen Gestalt, wenn er nicht hinsah, begegnete aber sein Auge dem ihrigen, so schlug sie es nieder, und wurde roth, und oft schwamm es in einer stillen Thrane, wenn sie es wieder erhob. Ihre Lieblingsbeschaftigung wurde jetzt das Zeichnen. Ihm widmete sie den grossten Theil ihrer Zeit, mit der sie sonst karg war. Da sass sie, und betrachtete die Gemalde, die vor ihr lagen, mit flammenden Blicken, denn August hatte sie entworfen, und die Liebe beseelte ihren Pinsel. Die einsamsten Gegenden wahlte sie sich, und sie dunkten ihr paradiesisch zu seyn, wenn sie im Geist sie mit August bewohnte. Diesen Traumen uberliess sie sich so gern, sie machten sie heiter, ob sie gleich mit der Unmoglichkeit einer Erfullung gepaart waren. Ihre gluhende Fantasie zauberte den Himmel einer glucklichen Liebe um sie her, von dem sie so weit entfernt war, und grub das Bild des Geliebten immer tiefer in ihre Brust. Sie schwiegen beide, aber dies Schweigen war gefahrlicher wie der Erguss ihrer gepressten Herzen gewesen ware, denn jede Klage, die verstummen muss, jede Thrane, die nur im Verborgnen fliessen darf, und jeder Seufzer, der sich verstohlen mit den Luften mischt, ist ein Dolchstich fur das kranke Gemuth, denn nur der Schmerz ist zu heilen, der sich mittheilen darf.
Neuntes Kapitel
Der Sommer nahte seinem Ende. An einem schonen Morgen im Anfang des September sassen August und Josephine im Garten, Josephine arbeitete still, und beide sahen gedankenvoll vor sich nieder.
Wie doch alles vorubergeht! sagte August, indem er auf ein Beet verbluhter Blumen wies, vor wenig Tagen noch war's hier so bunt, und nun ach, Josephine! wir haben sie nicht gepfluckt, diese Blumen, weil wir ihnen eine langere Dauer zutrauten, und die Natur bestrafte unser Zogern. Wann werden wir lernen den Augenblick benutzen? Wenige Wochen vielleicht nur noch, und wir sind auf immer geschieden. Wie mancher Tag, wie manche Stunde der Vergangenheit ist voruber geeilt, ohne dass ich Sie gesehn habe, und wer weiss, wie karg mir die vom Schicksal zugemessen sind, in denen ich Sie noch sehen kann. Und doch ist die Erinnerung an Sie, an Ihre Gute, an Ihr liebevolles Wesen, selbst an diese unbenutzten Stunden, wo ich von Ihnen traumte, das einzige, was einen Strahl von schwermuthiger Freude in mein kunftiges Leben weben wird. Wie will ich mir das Andenken jener unwiederbringlichen Zeiten erneuern, in denen das Heiligthum Ihrer Seele mir offen lag! wie will ich mir alle jene kostlichen Augenblicke zuruckrufen, wenn die goldnen Tage des Beisammenseyns wie ein schoner Traum dahin geflohn sind, und mir nichts mehr bleibt, als ihr Bild und mein Schmerz!
O, glauben Sie, Wilmuth! versetzte Josephine mit feuchtem Auge, glauben Sie, dass ich weniger als Sie an diese unvergesslichen Jahre zuruckdenken werde? Aus dieser Einsamkeit herausgerissen, in der mir so wohl war, in neuen Verhaltnissen, vor denen mir schaudert, in die gerauschvollen Freuden der grossen Welt verflochten, denen ich ruhig in der Ferne zusah, ohne sie mir zu wunschen, glauben Sie nicht, dass ich hochst unglucklich seyn, und mich immerdar sehnen werde nach dem entschlupften Labsal der Ruhe, die mir diese Stille gewahrte. Ach, Wilmuth, ein Gefuhl ohne Namen presst mir die Brust, wenn ich in die Zukunft blicke. Hier unter dem schonen, blauen Himmel, der meinen Kampf sieht, geloben Sie mir ewige Freundschaft. Nicht in der kalten, alltaglichen Bedeutung, in der man sie gewohnlich sich verspricht, nein, im ganzen heiligen Sinne dieses Worts, fur dieses und jenes Leben. Vorurtheile trennen uns fur diese Welt, aber nicht den ewigen Bund unsrer Seelen.
August beugte sich herab auf ihre Hand, und eine sanftere, schonere Empfindung, als alles vorhergegangene Verlangen seiner Liebe, fullte sein Herz. Ja, Wilmuth! fuhr Josephine fort, und ihr Auge glanzte heiter, als erblickt' es Paradiese, ja Sie sollen immer mein erster, vertrautester Freund bleiben. In Ihren Busen will ich meinen Kummer ausgiessen, mit Ihnen will ich die Freuden theilen, die ich sparsam auf meiner kunftigen Laufbahn finden werde. Nehmen Sie den Namen Bruder von mir an, da ich nicht Geliebter sagen darf. Als Ihre Schwester ist es mir erlaubt, Ihnen alle die Liebe und Freundschaft zu versichern, die ich fur Sie empfunden habe. Als Ihre Schwester darf ich Ihnen schreiben, was mich krankt und freut, und wenn ich auch vor jedermann meinen stillen Gram verhulle, so soll doch immer mein theurer Bruder den wahren Zustand meines Gemuths erfahren, und mit mir trauern, dass gerade ich, ich mit diesem Herzen voll warmer Liebe ein Opfer der Konvenienz geworden bin!
Sie sanken an einander in eine lange, sprachlose Umarmung. August zitterte an ihrem Busen, aber Josephine umfasste ihn mit der ganzen Unschuld und Reinheit des Verhaltnisses, das sie sich erfunden hatte, ihre Wehmuth zu lindern, ohne strafbar zu seyn. Die Ruhe und Ergebung eines Engels glanzte in dem milden Blick, mit dem sie in Augusts flammende Augen sah.
Madam Wilmuth naherte sich ihnen langsam und verlegen. Jetzt gilts, Josephine! sagte sie, jetzt ist die Stunde gekommen, die allen Ihren Muth, alle Ihre Standhaftigkeit fordert. Ein reitender Bote hat diesen Brief an Sie gebracht, und zugleich, ihre Stimme fing an zu brechen, die Nachricht, dass wir uns trennen mussen. Josephine erkannte die Hand ihrer Mutter, und ward bleich. August stand unbeweglich wie ein Marmorbild.
Als die erste Betaubung voruber war, ermannte sich August, hob den Brief auf, der Josephinens zitternden Handen entfallen war, und sagte mit ruhiger Fassung: Lesen Sie, Josephine! Kann er etwas schlimmeres enthalten, als was wir schon wissen? Vielleicht, und eine kleine Bitterkeit mischte sich unwillkurlich in seinen Ton, vielleicht den Tag Ihrer Hochzeit, aber u n s kann ja nichts mehr scheiden! Nein, Josephine! die Freundschaft, die unsre Herzen verknupft, ist ewig, wie die Zukunft, die uns hinter dem Grabe erwartet!
Josephine erbrach mit Beben den furchtbaren Brief. Bei jeder Zeile, die sie las, nahm der Schmerz zu, der ihr Innerstes folterte, und als sie geendigt hatte, ward ihr Auge dunkel, das Blatt entfiel ihr, und August fing sie in einer tiefen Ohnmacht in seine Arme auf.
"Sobald Du diese Zeilen erhalten hast, lautete der mutterliche Brief, so mache Dich zur Abreise fertig. Du wirst von den Handen Deiner Eltern den Gemahl empfangen, den wir Dir bestimmt haben. Er verdient unsre Wahl. Schonheit, Geist, Reichthum und hohe Geburt machen ihn zu einer der ersten Partien im Lande. Der zwanzigste Oktober ist zu Deiner Vermahlung bestimmt. Saume daher keinen Augenblick, mit dem Wagen, der Dich abholen wird, sogleich die Stadt zu verlassen."
Grafin von der Ecke.
Josephine, liebes, theures Madchen! rief August, das schone Geschopf an sein Herz druckend, das aus Liebe zu ihm so bleich war, komm wieder zu Dir, fasse Muth, beruhige Dich! Josephine offnete das matte Auge, und fand sich in den Armen ihres Geliebten. Suss war ihr Erwachen, denn alles Vorhergegangne lag wie ein schwerer Traum hinter ihr, sie lachelte bewusstlos die bittere Erinnerung an, die sie fur ein Bild ihrer Fantasie hielt, und fuhlte sich nur wieder unglucklich, als der grausame Brief ihr bewies, dass die Dinge wirklich so waren. Der kalte Schauder, der alle ihre Adern bei der Nahe ihrer Verbindung durchdrang, hatte sie erst gelehrt, wie sehr sie August liebte. Als jener furchterliche Zeitraum noch in weiter Entfernung von ihr war, glaubte sie sich stark genug, mit festem Sinn den Mann ihrer Liebe dem kindlichen Gehorsam aufopfern zu konnen. Es schien ihr gross und erhaben, die Neigung ihres Herzens ernstern Pflichten zu unterwerfen, und das Gefuhl ihres Werthes und ihrer Gewalt uber sich selbst, regte sich stolz und schwarmerisch bei dieser grossen Gelegenheit, wo es sich zeigen konnte. Aber da der Gedanke einer nahen, und wahrscheinlich ewigen Trennung mit aller seiner Bitterkeit vor sie trat, jetzt, da sie mit jedem Tage sich fester an den liebenswurdigen Freund schloss, und es tiefer fuhlte, wie glucklich sie mit ihm seyn konnte, jetzt loschte die stille Thrane der Liebe das Fantom ihres Stolzes aus.
Ist er denn wirklich fur mich verloren? sagte sie zu sich selbst, als sie allein war. Hab' ich denn einen einzigen Versuch gemacht, das Gluck meines Lebens zu retten? Ich will es wagen ich will mich meiner Mutter entdecken, ich will sie in das Herz blicken lassen, das nur Augusts Liebe erwiedern kann. Welche Mutter konnte gleichgultig bei dem ewigen Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes seyn, welche Mutter konnte ihr einziges, flehendes Kind den Vorurtheilen opfern, vor denen es zuruckbebt!
Zwar mischten sich leise bittre Zweifel in ihre aufkeimende Hoffnung, aber sie fasste Muth, und entschloss sich fest zu seyn. Hab' ich nicht durch die schmerzlichste Bemuhung zu gehorchen, schon meine Pflichten erfullt? fuhr sie in ihrem Selbstgesprach fort, und ist nicht das Streben nach Gluck zu naturlich in der Brust des Menschen, als dass es Sunde seyn konnte? Die Welt wird freilich einen Schritt tadeln, der nicht in ihre Konventionen passt, aber was ist das Urtheil der Welt gegen ein langes, trauriges Leben, hingeschleudert an einen Mann, den ich nicht kenne, der mich nur aus Eigennutz wahlt, weil mir das Ungluck Vermogen gab. Und muss ich denn mit der Welt leben? finde ich nicht alles, was sie mir entziehen kann, in dem engen aber schonen Kreise meines stillen, hauslichen Glucks wieder? Ja, ich will mich mit frohem Sinn uber ihren Beifall und ihren Tadel erheben und hinwegsetzen. Augusts treue Liebe, ein einsames, landliches Leben, der Umgang seiner Mutter, die Einwilligung meiner Eltern, Gott, es ware zu viel, zu viel der Wonne fur ein Herz, das schon anfing, das Hoffen zu verlernen!
Josephine sah jetzt gefasster dem Abschied entgegen, da sie diese sussen Bilder einer ertraumten Zukunft nahrte. Sie rief sich das Andenken ihrer Eltern ins Gedachtniss zuruck, welches, da sie ihr durch die lange Trennung ganz fremd geworden waren, freilich ihre Hoffnungen nicht belebte, aber auch nicht niederschlug. Das Wiedersehn nach so manchem fern verlebten Jahre, glaubte sie, wurde die Eisrinde schmelzen, mit der Stolz und hofische Eitelkeit ihre Herzen uberzogen hatte, und dieser Glaube war so wohlthatig fur sie, dass sie sich hinwegwandte von allem, was ihn hatte vermindern konnen.
Nicht so August. Ihm war, als risse sich mit Josephinen der bessre Theil seines Ichs von ihm los. Als die Stunde des Scheidens schlug, breitete sich uber sein ganzes Gesicht eine todtliche Blasse aus. Leise verhallte der Ton, aber in seiner Seele klang er fort, wie die Sterbeglocke aller seiner Freuden. Josephine hatte ihm ihren Vorsatz verschwiegen, um ihn durch diese grosse Probe ihrer Liebe zu uberraschen, wenn er ihr gluckte. Ihr Auge hatte keine Thrane, nur einen Blick voll Seele, der Treue gelobte, und um Treue bat. Madam Wilmuth umarmte sie weinend, Josephine dankte ihr mit stiller Ruhrung fur alle ihre Liebe und Gute. Wir sehn uns bald wieder, flusterte sie zuversichtlich in den letzten Abschiedskuss, und vielleicht frohlicher! Drauf reichte sie August, der unbeweglich und ganz versunken in seinem Schmerz da stand, mit einem sussen Lacheln die Hand, aber bald mischte sich Wehmuth in ihre Miene. Leben Sie wohl, sagte sie mit leiser Stimme, und schnell wurde ihr Blick feucht, denn eine trube Ahndung durchflog ihr Innres, leben Sie wohl, mein Freund, und erhalten Sie mir ihr Andenken. Ich werde Ihnen schreiben, ich werde i m m e r an Sie denken, ich werde Sie n i e m a l s , n i e m a l s vergessen! Ein paar Thranen rollten ihre Wangen herab, sie eilte in den Wagen, und schnell flog er mit ihr und ihrem Kummer dahin.
Eine Kammerfrau ihrer Mutter sass neben ihr, und betrachtete sie mit Theilnahme. Josephine war nicht aufgelegt zum Reden. Sie durchdachte stumm und in sich gekehrt den Plan, den sie sich entworfen hatte, und sah ihn wechselsweise in der Ebbe und Fluth ihres Muthes bald gelungen, bald vernichtet.
Sie scheinen traurig zu seyn, gnadige Grafin, nahm das Madchen endlich das Wort, und ich dachte, niemand hatte mehr Ursach zur Freude, als Sie. O, wenn Sie wussten, wie schon der junge Graf ist, wie herrlich das aussieht, wenn er in seinem hohen Whisky mit den sechs muntern Schimmeln daher gefahren kommt, Sie wurden gewiss vergnugt seyn.
Gluckliches Geschopf, seufzte Josephine, das mich vielleicht um den lastigen Glanz beneidet, den ich verachte! Ach, wie gern wollte ich Dir um Deine unbefangene Lage den schonen Brautigam mit allem seinem Schimmer uberlassen, und in der Mittelmassigkeit, die das Loos Deines Standes ist, zufrieden seyn! Hannchen schuttelte verwundert den Kopf, denn sie konnte die Grafin nicht begreifen. Josephine schwieg auch, und wurde immer dusterer, je naher sie dem Ziel ihrer Reise kam. Endlich, als sie in einem Vorwerk ihres Vaters abstieg, um da nach ihrer Mutter Vorschrift die Nacht zu bleiben, hoben sich ihr aus weiter, blauer Ferne die Thurme ihres Schlosses von einem waldigten Berggipfel entgegen, und ein paar Thranen stiegen in ihr Auge, die der Gedanke erpresst hatte: Wie wird sich Dein Schicksal entscheiden?
Zehntes Kapitel
Am andern Morgen zogerte Josephine mit ihrer Abreise so lange als moglich. Ungestort konnte sie hier sich ihren Traumen uberlassen, und sie that es mit aller der schmerzlichen Wollust, die durch die tiefe Ruhe der Natur, durch ihren blauen, klaren Himmel, an dem nicht ein einziges Wolkchen zu sehn ist, und durch die reine, kuhle, vom Sonnenstrahl gemilderte Luft den Anfang des Septembers so reizend macht; Josephine ging hinaus ins Freie, ganz versunken in ihr Nachdenken, die Unruhe der Ungewissheit, und die Wehmuth ihrer Zweifel. Auf einmal horte sie hinter sich ein Gerausch, wie den Tritt eines Mannes. Sie sah sich um, ahndend hob sich ihr Busen, eine hohe Rothe stieg in ihre Wangen, und mit einer Verwirrung, die ihr keine Worte liess, erwiederte sie den Gruss des Unbekannten, der sich ihr mit einem freimuthigen Anstand als den Grafen Wodmar, ihren Brautigam, darstellte.
Einige Minuten standen sie sprachlos einander gegenuber, Wodmar beobachtender als Josephine, die mit lachelnden Lippen gegen die Trauer ihres Auges zu streiten suchte, um dem Mann, der sie mit gluhenden Blicken betrachtete, die Thrane zu verbergen, die es truben wollte. Aber vergebens, sie kam aus einem vollen Herzen, das zu wund war, um mit Fassung diese Ueberraschung zu ertragen, und ehe sie es verhindern konnte, rollten sie uber ihre brennende Wange. Lange sah sie der Graf ernst, fest und stumm an, endlich ergriff er bewegt ihre Hand, und fuhrte sie an seine Lippen.
Diese schonen Augen sollen nie wieder weinen, sagte er, wenn es von mir abhangt, jede Ursach des Kummers von Ihnen zu entfernen.
Unsre Familien haben uber uns entschieden, versetzte Josephine leise mit bebendem Ton, ohne ihn anzusehn. Mochte Ihre Verbindung mit mir keine glucklichere storen!
Wodmar dachte an Marien, und konnte einen Seufzer nicht unterdrucken, den der Ruckblick in eine schone, aber kurze Vergangenheit forderte. Aber er wusste seinem innerlichen Schmerze eine heitre Aussenseite zu geben, und versicherte Josephinen mit aller Beredsamkeit, die er besass, dass der Ruf ihrer Liebenswurdigkeit, und das Ideal ihrer Anmuth, das er sich getraumt, und nun realisirt gefunden hatte, bisher einzig sein Herz beschaftiget hatte. Josephine, in deren edlen Seele das Verlangen lag, immer mehr zu geben, als sie empfing, wurde roth und beschamt, als sie fuhlte, dass sie niemals diese Zartlichkeit wurde belohnen konnen, die der Graf ausserte. Sie fand ihn schoner und angenehmer, als das Bild, das ihr ihre Einbildungskraft von ihm entworfen hatte. Der Unmuth der gestorten Liebe, mit dem sie immer ehmals an ihn dachte, und Augusts ihm gefahrliche Nahe, hatten ihm in ihrer Fantasie eine finstre unfreundliche Gestalt gegeben, von der sie keine Spur an seinem wirklichen Selbst fand.
Aber nichts desto weniger war ihr Vorsatz fest, dem Mann, dem, ohne dass er diese glanzenden, aussern Vorzuge wie Wodmar besass, dennoch alle die heiligen Gefuhle ihrer ersten Liebe gehuldigt hatten, treu zu bleiben. Sie nahm sich vor, zuerst mit ihrer Mutter von der Lage ihres Herzens, und dann mit Wodmar selbst zu reden. Sie traute ihm Edelmuth genug zu, ihr freiwillig zu entsagen.
Sie reisten ab. Er war ihr in dem schonen Whisky entgegen gekommen, der auf Hannchen einen so tiefen Eindruck gemacht hatte, und Josephine nahm ohne eine Weigerung den Platz an seiner Seite ein, indess Hannchen ihnen in dem andern Wagen folgte. Welch' ein schones Paar! murmelte die Menge, die sich versammelt hatte, Braut und Brautigam zu sehen. Beide zeigten in der Art, wie sie diesen unpartheiischen Lobspruch aufnahmen, die Verschiedenheit ihrer Denkungsart. Josephine zog bescheiden den Schleier uber ihr lieblich errothetes Angesicht, nachdem sie freundlich dem Gruss gedankt hatte, der von allen Seiten ihr winkte. Sie verbarg sich lieber, als dass sie schimmerte. Der Graf hingegen liess stolz und zufrieden sein triumphirendes Auge umhergehn, ergriff selber die Zugel der Pferde, und lenkte sie stehend, um durch die ganze Anmuth seiner schonen Figur noch mehr um die Bewunderung zu buhlen, die ihm so suss war. Endlich, als sich nach und nach die Gaffenden verloren, setzte er sich wieder nieder zu seiner Braut, die, als sie sich unbemerkt sah, den Flor von ihrem Gesicht entfernte, der ihr neidisch den schonen Tag verbarg.
Sie sprachen wenig mit einander, aber sie dachten viel. Josephine ging im Geist in die Rosenauen der vergangnen Zeiten zuruck, und hing mit stillem Gram an den Bildern ihrer sussesten Wunsche. Wodmar verglich sie mit Marien, ohne die Traumereien zu storen, denen sie nachhing. Sie waren beide schon, Josephine stolzer, Marie ruhrender in ihrer Bildung. Die innige, hingebende Zartlichkeit, die diese Letztere fur ihn empfunden hatte, malte mit doppelt reizenden Farben ihr trauriges Bild in seine Seele, und die Sehnsucht nach ihrem Wiedersehn und ihrem Besitz wachte mit aller der Leidenschaft seines Wesens in ihm auf. Ein tiefer Seufzer machte seiner Brust Luft, von der sussen Qual seiner Erinnerung und seiner Wunsche beklemmt; Josephine sah ihn schuchtern an, sie hatte nicht den Muth, ihn um dessen Ursach zu fragen, noch wenige ahndete sie sie. Wodmar, dem es wie einem Mann von Welt nicht an der Gewandtheit fehlte, jeden Umstand zu seinem Vortheil zu nutzen, liess ihr in Anspielungen merken, die ihre Feinheit verstand, dass sie selbst der Gegenstand seiner Seufzer sey. Die Sonne loderte eben im Abendroth hinter dem waldigten Gipfel der westlichen Anhohe, als sie ankamen. Noch spiegelte sich die sterbende Gluth in den grossen Bogenfenstern, die wie brennende Spiegel aussahen, und eine sanfte Ruhrung ergriff Josephinen beim Anblick der stolzen Gebaude, die im milden Abendlicht vor ihr lagen. Eine grosse Anzahl von Bedienten empfing sie mit einer so schuchternen Ehrfurcht, dass sie daraus sehr leicht auf die Art ihrer Eltern, mit ihnen umzugehn, schliessen konnte. Wodmar leitete ihre wankenden Schritte zu einem Saal, wo die ganze Familie beisammen war.
Josephine, erschuttert und zartlich bewegt durch den Anblick ihrer Eltern, die sie liebte und ehrte, denn ihre Grundsatze waren edel, und zogen sie mit einer geheimen, unwiderstehlichen Macht zu denen hin, die ihr das Leben gaben, Josephine sank auf ihre Kniee in frommer, kindlicher Regung nieder, und benetzte die Hand ihrer Mutter, die ihr entgegen kam, mit den bittersussen Thranen des Wiedersehns.
Die Versammlung war gross, und beobachtete ein feierliches Schweigen, nicht gemacht, Josephinens schuchterne Schwermuth zu zerstreuen. Besonders fremd und traurig waren ihr die finstern Blicke ihres Vaters, mit denen er von Zeit zu Zeit ihre ganze Gestalt und ihr Benehmen musterte. Sie befolgte daher gern seinen Befehl, sich umzukleiden, weil ihr der Zwang, in dem sie sich befand, peinlich wurde. Als sie die Zimmer betrat, die sie bewohnen sollte, war ihr erster Gang zu den Fenstern, von denen sie eine herrliche Aussicht in die weiten, tiefen Thaler hatte, die das Felsenschloss umgaben. Sie sah mit einer unbeschreiblichen Empfindung den Weg zuruck, den sie gekommen war, der sich in der Ferne in einer dunkeln Krummung verlor. Die Thranen waren ihr so nahe, die Brust so beklemmt, all' ihr Muth mit der Sonne gesunken, die ihre letzten bebenden Strahlen, und lange Schatten auf die Fluren warf. Auf einmal rauschten die Flugelthuren auf, und ihre Mutter trat herein.
Verzeih, meine Tochter, sagte sie, dass ich Dich uberrasche, aber Du wirst aus meinem Besuch sehn, dass ich es gut mit Dir meine. Dein Vater ist nicht ganz zufrieden mit Deiner Art, Dich vorzustellen, und ich muss selbst gestehn, dass Dein Niederknieen und Deine Thranen etwas sehr Romaneskes hatten. Indessen muss man dies der burgerlichen Erziehung zurechnen, die Du gehabt hast, und deren Rost sich bald in besseren Gesellschaften abreibt. Um nun den Eindruck wieder auszuloschen, den dies auf meinen Gemahl zu Deinem Nachtheil gemacht hat, will ich Dir Verhaltungsregeln geben, wo Du Dich noch nicht zu betragen weisst. Furs erste kleide Dich so elegant an, wie moglich, und bediene Dich dieses Schmuckes, den Dir Wodmar bestimmt. Sie reichte ihr ein Kastchen, das Josephine erschrocken auf den Tisch setzte.
Die Grafin von der Ecke war einnehmend, wenn sie wollte. Sie hatte mehr Sanftheit in ihrem Gesicht, als in ihrem Herzen, mehr Verstand in ihren Augen, als in ihrem Kopf, und wusste besser Vertrauen einzuflossen, als es zu verdienen. Die mutterliche Gute ihres Tons zog Josephinen zu ihr hin. Jetzt, dachte sie, ist vielleicht der einzige Moment, wo ich wagen darf, fur das Gluck meines Lebens zu reden. Und sie that es mit klopfendem Herzen.
O, meine Mutter, sagte sie mit bittender Stimme, wenn ich mich anders benommen habe, als ich sollte, so verzeihen Sie meiner Unerfahrenheit in den Sitten und Gebrauchen der grossen Welt, verzeihen Sie dem Schmerz, der mich zu Boden druckte, und der mir die Ruhe meines ganzen Lebens kosten wird, wenn Sie mir, gutigste Mutter, Ihren Beistand versagen. Verwundert sah sie die Grafin an. Was kannst Du fur einen Schmerz haben, da alle Umstande sich vereinigen, Dich glucklich zu machen? Josephine sank in ihre Umarmung, und druckte sich fest an die Brust, von der sie Theilnahme erwartete. Ach, rief sie aus, kann all' der Glanz, den Sie mir bereiten, aller Ueberfluss, dem ich entgegen sehe, mich uber den Kummer einer hoffnungslosen Liebe trosten?
Die Grafin wand sich aus Josephinens Armen, die sie umschlangen, trat einen Schritt zuruck, und sah sie starr und unbeweglich an. Das liebe Madchen war in heftiger Wallung. Ja, fuhr sie mit dem Feuer der Verzweiflung fort, die alles wagt, weil sie nur wagen oder verlieren kann, ja ich liebe, liebe einen Mann, dessen Adel der Seele mir das Wortchen v o n zehnfach ersetzt, das seinem Namen fehlt. Sprachlos fiel die Grafin in einen Stuhl, und Josephine sagte ihr alles.
Elende, Verworfne! waren die ersten Worte, die die alte Grafin zu stammeln vermochte, und Du hast den Muth, den Wunsch einer Mesallianze zu nahren, und ihn sogar, was alle menschliche Vorstellung ubertrifft, zu aussern? Schande Deiner Familie, die sich so viel von Dir versprach! Sie wurde noch ein Weilchen in diesem Ton fortgefahren haben, wenn nicht ein Bedienter den jungen Grafen gemeldet hatte, der in eben diesem Augenblicke herein trat. Sogleich verdrangte eine Meeresstille in ihrem Gesicht alle Spuren des vorigen Sturms, lachelnd stand sie auf und wandte sich zu Wodmar, der mit Blicken voll Sorgfalt und Liebe an seiner Braut hing, die blass und leblos mit weit offnem Auge auf eine Stelle sah. Wir wollen Josephinen jetzt Zeit zu ihrem Anzug lassen, lieber Graf! sagte sie. Meine Tochter, ich habe vergessen, Dir zu sagen, dass noch heute Abend Deine Verlobung ist. Josephine ist Ihnen sehr verbunden fur die schonen Juwelen, setzte sie hinzu, indem sie seinen Arm ergriff und mit ihm das Zimmer verliess. Die arme Josephine! Dahin war ihre letzte, einzige Hoffnung, dahin die Traume einer beneidenswerthen Zukunft, mit denen sie oft ihren Gram zur Ruhe gewiegt hatte. Sie warf sich auf ein Sopha und uberliess sich dem Schmerz ihrer getauschten Erwartung, der milder wurde, als er sich in Thranen ergoss.
Hannchen trat herein, sie anzukleiden. Sie hatte vor Begierde, die schonen Diamanten zu sehn, kaum die Zeit erwarten konnen, wenn sich die Grafin entfernen wurde. Mit einem gutmuthigen Neid betrachtete sie die blitzenden Steine, und ihr eitler Sinn konnte nicht begreifen, wie es moglich war, einen solchen Schmuck zu haben, und dabei zu weinen.
Eilftes Kapitel
Josephine war fur heute unfahig, den Befehl ihrer Mutter zu befolgen. Zwar zog sie sich, Dank sey Hannchens emsiger Bemuhung, aufmerksam genug an, zwar band sie sogar mit zitternden Handen das reichgefasste Bild des Grafen an einer Schnur von Brillanten um den Hals, aber kaum war der brautliche Anzug vollendet, als sie in eine dumpfe Bewusstlosigkeit versank, die sich mit einem Fieber endigte.
Hannchen benachrichtigte die Familie von diesem Unfall, der jedermann uberraschte, ausgenommen die Grafin. Wodmar, in dessen Herzen ihre Anmuth, wenn auch nicht Liebe, doch einen innigen Antheil entflammt hatte, eilte, sie zu sehen. Bleich wie eine Lilie, lag sie da, und aus ihrem geschlossnen Auge drangen schonere Perlen, als er ihr gegeben hatte. Die Grafin befahl, sie zu Bette zu bringen und einen Arzt zu holen, und man begab sich wieder weg.
Einige Tage lag Josephine ohne Besinnung: endlich, als sie wieder zu sich selbst kam, und als ihre Seele wieder ruhig genug wurde, an vergangene Dinge zu denken, reifte ein Entschluss, in ihr, ihrer wurdig, der schone Entschluss die rosenfarbnen Bilder ihrer Liebe dem Willen des Schicksals zu opfern. Sie fing langsam an zu genesen; mit stummer Geduld ertrug sie die Vorwurfe ihrer Mutter, und versprach zu gehorchen. Sie bemuhte sich sogar, ihre ehemaligen Wunsche zu vergessen, aber das war unmoglich. Wie das immergrunende Epheu sich um ode Mauern windet, so schlangen sich holde Erinnerungen um die versinkenden Trummer ihrer Freuden.
Wodmar sah ihren innern Kampf. Ihr ganzes Wesen war Huld und Gute, und das Bemuhen, ihm die ausgezeichnetste Achtung zu bezeigen, aber Liebe war es nicht, wie er sie an Mariens Herzen empfunden hatte, so gluhend, so einzig, so entgegen kommend allen seinen Gefuhlen. Sein Stolz war beleidigt, denn das pflichtmassige, stille Wohlwollen, mit dem ihm Josephine begegnete, gnugte seiner Eitelkeit nicht, die Liebe verlangte, auch wenn er selbst kalt blieb. Wie anders war doch Marie! seufzte er oft im Stillen, wenn seine unzufriedne Seele die Sehnsucht, geliebt zu werden, fullte. Alle ihre Reize, selbst ihre hartnackige Weigerung, auf eine unrechtmassige Weise sein zu seyn, stellten sich seiner Einbildungskraft wieder dar, und erhohten die Begierde, sie zu besitzen. Aber ach, nur vergebens! Mariens Tugend war unerschutterlich, und wenn auch seine nahe Verbindung mit Josephinen nicht gewesen ware, so vernichtete doch ihre niedre Herkunft, trotz der Allmacht, mit der ihn ihre Liebenswurdigkeit anzog, jeden Anspruch auf seine Hand.
Der Zeitpunkt seiner Vermahlung ruckte immer naher. Josephine sah diesem feierlichen Tag mit einem stummen Gram entgegen, den sie nur in der Stille enthullte. Gegen ihren Brautigam war sie sanft und duldend, keine Klage erleichterte ihr Herz, und still, wie die Ergebung, mit verschlossenen Lippen, die sich zu lacheln bemuhten, trug sie ihren Schmerz, und nur ungesehen liess ihr volles Auge seine bittre, einsame Thrane auf den Boden fallen.
Erst wenig Tage vor dem gefurchteten zwanzigsten Oktober hatte sie Kraft genug, ihrem August die Entscheidung ihres Schicksals und ihren gescheiterten Vorsatz zu schreiben. Sie that es mit zerrissenem Herzen.
"Auch den letzten lichten Strahl von Hoffnung, schrieb sie ihm, der noch beim Abschied heimlich die dustere Nacht meines Innern erleuchtete, ist nun verschwunden. Ich m u ss den Mann heurathen, den mir meine Eltern bestimmt haben, und ich will suchen, ihn glucklich zu machen. O, Wilmuth, glauben Sie nicht, dass es mir so leicht wird, Ihnen auf ewig zu entsagen, aber ich bemuhe mich, die Gedanken zu verbannen, die wider mein Schicksal murren. Die Anspruche, die mir die Erfullung meiner Pflichten auf ein besseres Leben giebt, wo ich laut gestehen darf, was ich empfand, diese sind's allein, die mich zu trosten vermogen uber ihren unersetzlichen Verlust.
Leben Sie wohl, theurer Freund meiner schonsten, glucklichsten Jahre! Nehmen Sie den Dank Ihrer fernen Josephine noch einmal fur alle Ihre Liebe und Treue. Ach, wenn ich sie Ihnen auch nicht lohnen konnte, so hatte sie doch kein Herz tiefer empfunden, als das meinige, keines. Ihren Werth inniger erkannt. Nur nach Jahren erst schreib' ich Ihnen wieder. Dann wird vielleicht, und Gott erhore mein Gebet, das darum fleht, dann wird vielleicht nicht mehr Leidenschaft meine Feder fuhren, dann werden die Wunsche, die meine Seele nahrt, sich selbst aufgezehrt haben, da das Schicksal sie niemals stillen wird, und meine heisse Liebe wird geworden seyn, was sie werden muss: innige Freundschaft, an der unser ehemaliges Verhaltniss keinen Theil mehr hat. Die Zeit wird Ihr Andenken in mir nicht v e r l o s c h e n , nur m i l d e r n , und auch in der kaltern Sprache der Freundschaft noch werden sich unsre Seelen verstehn."
Endlich erschien der zwanzigste Oktober, und mit dem sinkenden Laub sanken auch die Thranen ihrer Entsagung. Wodmar bemerkte den Kummer, den sie verhehlen wollte, der aber nur zu deutlich aus ihrem verloschten Auge und ihrer bleichen Wange sprach. Fehlt Ihnen etwas, Josephine? frug er mit zurnendem Befremden, als er sie zu der feierlichen Ceremonie abholen wollte, die auf sie wartete, um ihre Hande zu vereinigen, und er sie blass, bebend und in Thranen fand. Diese sonderbare Traurigkeit, der Sie Sich uberlassen, ist zu gross und anhaltend, als dass sie aus den Regungen Ihrer Sittsamkeit entstehen sollte, wie mich Ihre Mutter uberreden will. Haben Sie vielleicht Vorstellungen vom Ehestande, die Ihnen Schrecken machen, so seyn Sie ruhig. Ich werde alles thun, was in meinen Kraften steht, Ihnen ein frohes, gluckliches Loos zu bereiten. Oder, fuhr er mit ernsteren, forschendern Blicken fort, sollten Sie nur mir, gerade mir, ungern diese Hand geben, da vielleicht ein Andrer Ihr Herz besitzt? Hab' ich vielleicht, ohne es zu wissen, Hoffnungen vernichtet, die einen andern Gegenstand hatten, als mich? O, Josephine, Ihr einsames Gramen ist mir nicht entgangen, ob es Ihnen gleich so schien. Reden Sie, was ist seine Ursach?
Josephine warf sich zum erstenmal in ihrem Leben in seine Arme mit einer Heftigkeit, die ihr der aufgeregte Schmerz lieh. Wodmar! rief sie aus, schonen Sie mit Gute und Nachsicht die Schwachen meines nicht ganz glucklichen Herzens. Ich fuhle, dass ich Ihnen eigentlich mehr seyn sollte als ich bin, und es macht mich traurig, dass ich es noch nicht kann. Aber haben Sie Geduld, mein Freund, wenn ich auch nicht mit dem Feuer der Leidenschaft, das wohl ohnedem bald verraucht, an Ihnen hange, so soll mir doch stets meine Schuldigkeit heilig und kein Opfer zu theuer seyn, wenn es Ihr Gluck erkauft.
Den Graf befriedigte diese Erklarung nicht, im Gegentheil beleidigte sie seinen Stolz, da er in ihr nur das verschleierte Gestandniss ihrer Liebe zu einem Andern sah. Aber sie war so schon mitten in ihrem Kummer, dass er mit einem grausamen Vergnugen sie lange betrachtete. Er sah an ihr nur die Anmuth, nicht die Bitterkeit ihrer Thranen, nicht die Seufzer ihres Schmerzes, nur den schwellenden Busen, den sie hoben; und so sehr er auch Willens war, ihr seine gereizte Empfindlichkeit unverhullt zu zeigen, so konnte er doch ihrer Schonheit, die ihre Fursprecherin war, nicht widerstehn, und eine gluhende Umarmung war seine einzige Antwort.
Ruhiger folgte ihm nun Josephine in den von hundert Kerzen erleuchteten Hochzeitssaal, und in den bebenden Ton, mit dem sie das feierliche Ja aussprach, goss sie die ganze Sanftmuth ihres Herzens. Wir sind nun verbunden, Josephine! sagte ihr Gemahl, als sie allein waren, aber um beide glucklich zu seyn, wollen wir die Uebereinkunft treffen, einander wechselsweise nicht in unsrer Freiheit zu beschranken. Sie sind ganz Meisterin Ihrer Zeit und Ihres Willens, und Ihr feines Gefuhl ist mir Burge, dass Sie, auch wenn Sie Sich ganz selbst uberlassen sind, nichts trotz Ihrer Jugend unternehmen werden, was meiner Liebe und meines Namens unwerth ware, und den zarten Ruf beflecken konnte, den Sie zu erhalten, Sich und mir schuldig sind. Die grosse Welt spottet uber eine zartliche Ehe, und ich muss gestehn, ich bin zu stolz, als dass ich verliebt in meine Frau scheinen mochte; wenn ich also in Gesellschaften Ihre Liebenswurdigkeit weniger zu fuhlen, und diesen schonen Augen, die ich zu Hause mit so vielem Vergnugen aufsuche, weniger zu begegnen scheine, als ich sollte, so geben Sie nicht mir, sondern dem grossen Ton, in den man einstimmen muss, die Schuld dieser scheinbaren Vernachlassigung, und seyn Sie versichert, dass ich demohngeachtet das Gluck lebhaft empfinde, Sie zu besitzen. Ich mochte, wenn ich wahlen sollte, der Welt lieber verachtlich als lacherlich seyn, und unterwerfe mich deswegen willig diesem Zwang, um dies letztere zu vermeiden. Josephine horte ihm ernsthaft zu, ohne zu antworten. Seine Grundsatze emporten ihr Herz, und fullten es mit Kalte fur ihn, die sich ihrem Benehmen gegen ihn mittheilte. Wenig Tage nach ihrer Verheirathung fuhrte sie der Graf auf seine Guter, um sie ihr zu zeigen, ehe sie die Stadt bezogen, der seine Brust sehnlich entgegen klopfte, weil sie der Wohnort seiner unvergesslichen Marie war. Josephine, an ein einsames Leben gewohnt und nicht gestimmt, Theil an den Freuden der Stadt zu nehmen, ausserte den Wunsch, den Winter auf dem Lande zuzubringen, und Wodmar willigte gern ein, da die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen immer eine Scheidewand zwischen beiden war, die sie nicht zu ubersteigen vermochten, und da die, oft mit etwas Stolz und Strenge verknupfte Moralitat ihres Wesens ihn eben so sehr von ihr zuruckscheuchte, als ihre Schonheit ihn anzog. Aber werden Sie nicht Langeweile haben, den ganzen langen Winter hindurch? frug er Josephinen. O nein, versetzte diese, denn Beschaftigung wird meine Gesellschaft seyn.
Noch einen Monat hielt es der Graf in der landlichen Abgeschiedenheit aus, die ihm anfing herzlich zur Last zu werden. Die Jagd war sein einziges Vergnugen, und er hing ihr mit Leidenschaft nach, aber sie konnte doch nicht ganz die Wunsche seines Herzens stillen, die nach susseren Freuden strebten. Marie war und blieb der Inbegriff seiner schmerzlichsten Sehnsucht. Er suchte alles hervor, um die Gedanken zu entfernen, die ihn immer auf ihr Andenken leiteten; er versammelte eine Menge junger Wustlinge um sich her, und bemuhte sich durch die larmende Frohlichkeit, die unter ihnen herrschte, die Seufzer seiner Liebe zu ersticken: aber das Denkmal, das verschwundne Freuden zurucklassen, ist nicht zu verloschen. Er suchte es zu verbannen, wenn er sich mit seinen Freunden der zugellosesten Laune uberliess, und wirklich floh vor ihrer sturmischen Munterkeit das Bild seines sussen, ehemalichen Glucks, und seiner Marie. Aber ein Augenblick der Einsamkeit gab seiner Erinnerung ihre ganze Kraft wieder, die die Zerstreuung geschwacht hatte, und er fuhlte sich missvergnugter als jemals.
Eine Menge Entwurfe beschaftigten nun seine Seele. Ueberall stand ihm Mariens Festigkeit im Wege, aber er liess doch den Muth nicht sinken, denn er rechnete auf die Ueberreste ihrer Liebe, und auf Betrug.
Zwolftes Kapitel
Endlich erschien der Augenblick, wo er dem Landleben und seiner Frau Lebewohl sagte; er that es mit heiterm Sinn, und auch Josephine sah ihn ohne Kummer abreisen. Seine Gegenwart legte ihrer Schwermuth Fesseln an, denn sie hielt es fur ihre Pflicht, ihm zu verbergen, dass ein andres Bild als das seinige mit Flammenzugen in ihre Seele gegraben war. Nie soll er fuhlen, gelobte sie sich in der Stunde der Vermahlung, dass ich einen Andern liebe. Alle Folgen dieser unglucklichen Leidenschaft sollen mich allein treffen, und verschwiegen und ohne Klagen will ich leiden, bis mein Herz bricht oder ihn vergisst!
Der Graf kam glucklich in der Stadt an, und all' sein Blut gerieth in Wallung, als sein Wagen an Mariens Hause dahin rollte. Vergebens sah er an alle Fenster: ohne sie zu erblicken, fuhr er voruber. Die trauliche Dammerung empfing ihn, als er in seine Wohnung trat, und begunstigte die Erinnerung der Vergangenheit. Er fand Mariens Briefe, die er zuruckgelassen hatte, weil es einst sein ernstliches Bemuhen war, sie zu vergessen. Wie lebhaft trat nicht, als er sie jetzt wieder las, das Andenken jener gluhenden Stunden vor seine feurige Einbildungskraft, und mahnte ihn an die unbeschreibliche Seligkeit, die er in ihren Armen genossen. Es war ihm unmoglich, seinen ersten Versuch, sie zu sehn, bis auf den morgenden Tag aufzuschieben. Er hullte sich in einen Mantel, und trat nicht ohne heftige Bewegung den Gang zu ihrem Hause an.
Es war verschlossen, er zog die Klingel, man offnete. Eine unbekannte Person kam ihm mit einem Lichte entgegen und frug nach seinem Begehren. Er erkundigte sich nach dem alten Muller. Mein Gott, wissen Sie denn nicht, dass er nun schon beinah vier Monate todt ist? Wodmar trat erstaunt zuruck. Und seine Tochter? Hat dies Haus verkauft, und wohnt bei einer Muhme in der andern Vorstadt. Besturzt verliess er die geliebte Schwelle und ging zuruck.
Am andern Tage fand er ohne Muhe Mariens neue Wohnung. Ungestum pochte sein Herz, als er sich ihr naherte. Mariens Muhme war eine Stickerin; dies gab ihm den Muth, geradezu zu gehn, denn Mariens edles Zurnen versprach ihm furs erste nicht den besten Empfang. Er fragte nach Frau Kohler, und man machte ihm die Thur eines kleinen aber reinlichen Zimmers auf, in welchem Tante und Nichte arbeiteten. Mit einem unbeschreiblichen Aufruhr aller seiner Empfindungen trat er hinein. Die tiefe Trauer, nicht allein in Mariens Kleidung, sondern auch in ihrem Wesen, lieh ihrer Schonheit einen neuen, doppelten Reiz, und gab ihr etwas unendlich Ruhrendes. Den Glanz, den ihre schonen Augen durch Thranen verloren hatten, ersetzte eine sanfte Melancholie, die ihre ernsten Blicke bewohnte. Als sie aufsah und ihn erkannte, ward sie bleich, dann wieder gluhend roth, und die Nadel fiel aus ihrer zitternden Hand. Wodmar naherte sich schuchtern, grusste beide mit einem Anstrich von Scham, Verwirrung und Reue, der ihn, wie er wohl wusste, nicht verstellte, und bat die Alte, ihm die Muster ihrer Stickereyen zu zeigen, weil er einige Bestellungen machen wollte. Sie ging und Wodmar und Marie blieben allein.
Sie fuhlte tief die Gefahr dieses Augenblicks, stand auf und wollte sich entfernen. In ihrer Haltung lag ein Adel, eine Wurde, die den Grafen noch mehr entflammte, dessen Innres alle Begierden mit dreifacher Macht durchschauerten, die das reizende Madchen jemals in ihm erweckt hatte. Er hielt sie auf. Marie! rief er mit einer Stimme, deren liebe-athmender Ton zart, aber innig die leise-tonendsten Saiten ihrer Empfindung beruhrte, Marie! willst Du kein Wort zu meiner Vertheidigung horen? kein Wort von Versohnung? Sie wandte sich weg und verhullte ihr weinendes Angesicht. O, Marie! fuhr er fort, indem er vor ihr niederkniete, und sie ohngeachtet ihres Widerstrebens umfasste, kannst Du dem Mann verzeihen, der Deine engelreine Tugend so bitter beleidigte? Kannst Du ihm vergeben, wenn er reuig zu Dir zuruckkehrt, und wieder gut machen will, was sein Leichtsinn verdarb? Sieh', ich wollte Deinem Bilde entfliehn, aber es folgte mir, wie das Andenken Deiner ehemaligen Liebe! Umsonst sucht' ich Dich zu vergessen, alle wonnevollen Stunden voruber geflohner Zeiten, alle Freuden, die ich an Deinem Busen genossen, alle noch schonern Traume der Zukunft, deren Erfullung ich hoffte, vereinigten sich, mir mein Leben ohne Dich zur Qual zu machen. Und Du solltest mich verstossen, Marie! da nur D e i n e Hand mich wieder auf die rechte Bahn zu leiten vermag? Du solltest Dein Herz, das mich ehedem so zartlich liebte, jetzt auf ewig fur mich verschlossen haben, jetzt, da ich es erst verdiene?
Marie richtete sich auf und sah ihm mit einem Blick ins Auge, in dem ein Himmel voll Selbstgefuhl lag. Warum, sagte sie ernst und ruhig, warum erinnern Sie mich an Zeiten, deren ich nur noch wie eines Traumes gedenke? Warum unterbrechen Sie durch Ihren Anblick den Frieden meiner Einsamkeit aufs neue?
Um, rief der Graf vor Freude zitternd, als er die Milde sah, mit der sie zu ihm sprach, um Dir, Geliebte meines Herzens, die grosste Probe von der Wahrheit meiner Reue und meiner Liebe zu geben, indem ich Dich durch eine rechtmassige Verbindung zu der meinigen mache. Starr blickte Marie in die zartlichen Augen des Geliebten: O wenn dies nur eine Bethorung meiner Sinne ist, seufzte ihr Herz, so moge sie nie der Wirklichkeit weichen. Lass mich niemals erwachen, gutiger Gott, wenn ich jetzt traume!
Frau Kohler kam jetzt wieder und war ausserst erstaunt, den schonen Fremden vor ihrer Nichte auf den Knieen, und diese in Thranen zu finden. Es waren die sussen Thranen der Vergebung, in denen sie die letzten Funken ihres Unmuths erstickte, und die die dustern Spuren einer bittern Vergangenheit in ihrer Seele verloschten. Wodmar sprang auf, gab sich der Alten zu erkennen, und entdeckte ihr den Vorsatz, ihre Nichte zu heirathen. Er war unwiderstehlich, wenn er bat, und war es doppelt, wenn er die Befriedigung seiner Leidenschaften hoffte.
Frau Kohler merkte wohl, dass sich die Liebenden langer kannten, als heute, es wurde ihr nicht schwer zu sehen, dass Marie den schonen Grafen liebte, und wie war' es anders moglich gewesen? Ihr sorgenloses Herz ohne allen Argwohn, von dieser gluhenden Liebe gefesselt, die die erste ihres Lebens war, sah in ihm nur das, was er scheinen wollte, den Bereuenden, Zuruckkehrenden, der ihr und seiner Zartlichkeit alle Vortheile seines Standes zum Opfer bringen, und die Tage ihrer Trauer um ihn ihr nun vergolden wollte. Zwar regten sich noch Zweifel in ihr, aber sie betrafen mehr sie selbst, als die Redlichkeit des Geliebten. Werd' ich Dir auch, rief sie zaghaft aus, durch alles, was ich bin und habe, die Opfer belohnen konnen, die Du mir bringst? Ach, bedenke wohl, was Du thun willst! Du musst dann jeder Verbindung entsagen, die Deinem Stand und Deinem Reichthum angemessner ware, und fur ein armes Burgermadchen leben, das nie aus dem engen Kreise ihrer Hauslichkeit kam, und nichts weiss, als Dich zu lieben. Wird Dirs dann niemals gereuen, wenn Du die vornehmen Fraulein und Grafinnen siehst, die Deine arme Marie in allem so weit ubertreffen, dass Du m i c h gewahlt hast zur Gefahrtin Deines glanzenden Lebens? O, geliebter Karl, meine ganze Seele hangt an Dir, aber mit frohem Muth will ich Dir entsagen, wenn Du glaubest, durch mich nicht so glucklich zu werden, wie ich durch Dich!
Hore mich, Marie! sprach der Graf. Ich liebe Dich mit unendlicher Leidenschaft, und kann nur mit D i r glucklich seyn, und sonst mit Keiner. Gern sagt' ich zu Dir: theile den Glanz meiner aussern Lage mit mir, aber ich habe einen sehr ehrgeizigen Vater, und kenne ihn zu gut, als dass ich mir schmeicheln konnte, er wurde jemals in unser Gluck willigen. Die Vorurtheile der Konvenienz sind ihm heiliger, als die Gesetze der Natur, und Fluch und Enterbung wurde mein Loos seyn, wenn ich es wagen wollte, ihm meine Liebe zu Dir zu entdecken. Aber wenn Du in mir nicht den Grafen, sondern nur den Menschen, nicht den glanzenden Schimmer, sondern nur meine feste Anhanglichkeit liebst, wenn Dir mein stiller Besitz genugt, so willige in eine heimliche Heirath, bis der Tod meines Vaters einst die Freiheit in meine Hande giebt, laut die schonen Fesseln zu bekennen und zu zeigen, die uns vereinigt haben. Ich habe ein einsames, abgelegenes Gut, welches Dich und unsre Freuden dem Blick der Welt verbergen kann, bis ich unsre Verbindung gestehn darf. Meine Liebe soll Dir die Einsamkeit versussen, meine Treue, mein Dank Dir lohnen fur Deine Einwilligung!
Marie, errothend, halb in Scham, halb in Freude verloren, schloss ihn in ihre Arme und sagte mit ruhrender Zartlichkeit: O Karl, wenn ich wirklich hoffen kann, Dich glucklich zu machen, so werde auch ich es seyn, und ware eine Wuste mein Aufenthalt. Aber eine Thrane trat in ihr glanzendes Auge, wie konnt' ich jemals mich selbst ertragen, wenn nur die leiseste Reue uber Deine Wahl Dich anwandelte!
Wie leicht ist ein liebendes Herz uberredet. Marie glaubte gern und froh den Schwuren ihres Wodmars, und Frau Kohler fand sich zu sehr geschmeichelt von der vornehmen Verwandtschaft, die ihr bevorstand, als dass sie hatte an der Wahrheit seiner Betheuerungen zweifeln konnen. Der Graf bat sie um Verschwiegenheit und um ihre Begleitung fur Marien. So schwer ihr auch das erste vorkam, denn sie hatte gern der ganzen Stadt das Gluck ihrer Nichte erzahlt, so fuhlte sie sich doch durch sein zweites Anerbieten viel zu geehrt, als dass sie ihm nicht unbedingt hatte Gehorsam versprechen sollen. Jetzt schied Wodmar und liess beide in den sussesten Traumen von Ehre und Liebe zuruck. Als er nach Hause kam und nun ganz allein mit seinen Gedanken war, regte sich sein Gewissen mit schmerzlichen Stichen, und der Betrug, den er sich erlauben wollte, stand mit seiner ganzen Abscheulichkeit vor seiner Seele. Aber er wusste bald seine Absichten, so schwarz sie auch waren, zu entschuldigen.
Sind wir nicht am glucklichsten, sprach er zu sich selber, wenn ein freundlicher Wahn uns tauscht, und eine holde Bethorung, ein Traum, uns giebt, was uns ewig die Wirklichkeit versagt? Es ist wahr, ich hintergehe Marien, aber nur um sie glucklich zu machen. Dieses zartliche Herz, das mich nie vergessen konnte, ungeachtet ich sie so sehr beleidigt hatte, wurde im einsamen Kummer gebrochen, und ihre Reize verwelkt seyn, wenn ich nicht kame, sie ins Leben zuruck zu rufen. Und kann ich ihr nicht diese Tauschung, in der sie die Erfullung ihrer Wunsche findet, verlangern, so lange ich will? Sichere ich ihr nicht, im Fall sie auch den Betrug entdeckt, der sie zu der meinigen macht, ein hinlangliches Auskommen fur sie und ihre Kinder? Und steht es nicht bey mir, ihr, so lange sie lebt, meine wahren Verhaltnisse zu verbergen? Wer wird es wagen, ihr zu entdecken, dass ich verheirathet bin, wenn ich es verbiete? Nein, fuhr er beruhigt fort, sie musste mir es eigentlich selbst Dank wissen, dass ich mich zur List herabgelassen habe, ihre Bedenklichkeiten zu uberwinden, ohne ihre Tugend, die ihr so heilig ist, scheinbar zu verwunden. Ich mache mir keine Vorwurfe mehr! Sie wird ihr Gluck in dem meinigen finden.
Dreizehntes Kapitel
Er besuchte nun Marien taglich, theils verkleidet, theils in der Dammerung, die ihn den Blicken der Neugierigen verbarg. Sie verlangte noch zwei Monate Frist, um mit dem Ende ihrer Trauer den Anfang ihres Glucks zu beginnen, und Wodmar, der die Wintervergnugungen leidenschaftlich liebte, bestritt ihre billige Bitte nicht, und uberliess sich indessen allen den Freuden, die sich ihm darboten, schon zufrieden, das schone Ziel ihres Besitzes vor Augen zu haben. O, wenn mein Vater noch lebte, sagte Marie zuweilen, wenn sie suss berauscht von der wonnevollen Aussicht ihrer kunftigen Tage in seinen Armen lag, wie wurde er sich freuen, seine Tochter der Tugend getreu und glucklich zu sehen! Als er starb und ich vor seinem Bette kniete, seinen letzten Segen zu empfangen, nahm er mit seiner kalten Hand die meinige und ermahnte mich, nie meine guten Grundsatze zu vergessen! Sey noch so arm und verlassen, sagte er, so wirst Du dennoch nicht unglucklich seyn, wenn Dein Gewissen rein ist, und Dein Bewusstseyn Dich an keine Handlung erinnert, vor der Du errothen musst. Eine gute Auffuhrung, eine edle Denkungsart belohnt sich von selbst. Wenn sie auch oft die Welt vergisst und ubersieht, so ist der innere Frieden, den sie mitten in Verfolgung und Elend dem Herzen gewahrt, reichlicher Ersatz fur die Entsagungen, die sie fordert. Denn glaube mir, es kommt eine Stunde, wo uns alles, was uns im Leben schon und glanzend schien, schal und unschmackhaft, mit verblichenen Farben vorkommt, wo wir jeden kleinen Fehltritt schmerzlich bereuen, jede ubereilte That ungeschehen wunschen, weil das sterbende Auge wie durch ein Vergrosserungsglas seine begangnen Fehler sieht, und der Glaube an Vergeltung Dornen auf das Krankenlager streut! O, wohl mir, dass ich meine Schuldigkeit that, so viel mir's moglich war, dass ich mich bemuhte, gut zu seyn, und den Keim der Tugend in Dir nicht zu ersticken, sondern zu bilden! Ehre mein Andenken, indem Du meinen Lehren getreu bleibst, Dein Ohr dem Sirenengesang des Lasters, Dein Auge den Lockungen der Verfuhrung entziehst, und nur guten, frommen Empfindungen Raum in Deiner Seele giebst!
Der gute Vater! fuhr Marie mit sanften Thranen fort, wie ruhig starb er nicht, als ich ihm alles dies versprach! Und ehe der Tod noch sein Auge schloss, fragte er mich mit brechendem Blick und Ton: Was wird aus Ludwig? Ich konnte nur mit Seufzern und Thranen antworten. Er verstand mein Schweigen, druckte mir die Hand und sagte mit einer Gute, an die ich nie denken werde, ohne vor dankbarem Schmerz ausser mir zu seyn: Ich will Dich nicht uberreden, meine Tochter! ich will Dir nicht einmal meine Wunsche sagen, aus Furcht, Du mochtest sie als die letzten, die ich thue, auf Kosten Deiner Neigung erfullen. Aber prufe Dich wohl, wenn Du einst eine Wahl triffst, ob sie auch verdient, dass Du ihr Ludwig opferst. Hier wurde sein Auge immer dunkler und starrer, nur dann und wann flackerte es wild auf, und wurde dann wieder ruhig, ehe eine ewige Nacht es bedeckte. Ach, da vergingen mir die Sinne, und ich fiel hin auf die geliebte Leiche, und wunschte mich an ihre Stelle.
Wodmar fuhlte sich von dieser einfachen Erzahlung heftig ergriffen, ein leiser Schauer durchflog wie Fieberfrost alle seine Glieder, aber er versteckte unter dem Anschein einer Ruhrung, die ihm Marien noch werther machte, seine wahren Empfindungen.
Das war der Tod eines braven Mannes, sagte Frau Kohler, und war doch nicht ganz frei von Unruh und Angst; wie muss nicht der Bosewicht sterben, dessen Leben nichts als eine Reihe vorsetzlicher, muthwilliger Sunden war? Ach in der Todesstunde schweigt der Larm der Frohlichkeit, mit dem er sein Gewissen in gesunden Tagen zu ubertauben pflegte, und alle seine Laster treten nackt und schwarz um sein Sterbelager, und haben die bunten Farbenkleider von sich geworfen, in denen er ehedem gewohnt war sie zu erblicken. Wenn sich nun dem Gotteslaugner, dem Betruger, dem Verfuhrer, und oft findet man alles in e i n e r Person, wenn sich ihm nun die dunkle Aussicht in das Land, woher keiner wiedergekommen ist, uns zu sagen, wie es dort aussieht, mit allen Schrecknissen des Todes offnet, und der Gedanke an die Vergeltung, die uns dort verheissen ist, fullt seine Seele mit Verzweiflung und durchfahrt sein Innres wie tausend Dolche, o wie gern gabe er die Wollust ganzer Jahre, in der er schwelgte, fur einen einzigen Tropfen Linderung, den eine gute Handlung seiner namenlosen Angst bote! Wie wird nicht jeder seiner Seufzer ein Fluch der Vergangenheit, jede Erinnerung ein Anspruch, den die Verdammniss auf ihn macht!
O, horen Sie auf, rief der Graf, indem er bebend von seinem Stuhle sprang, und sich dann in lebhafter Bewegung wieder neben Marien warf, und sein Gesicht, in dem Fieberhitze mit Todesblasse wechselte, an dem ihrigen verbarg, horen Sie auf mit Ihren schrecklichen Bildern, und lassen Sie uns lieber die Armen schweigend bedauern, deren Leben sich so furchterlich endigt. Marie umschlang ihn mit einem ernsten Gefuhl von Wohl und Wehe. Lass uns gut seyn, mein Karl! sagte sie, und dann wird unsre letzte Stunde ruhig wie die vergangenen, nur ein wenig feierlicher voruberziehn!
Wodmar hatte kein Bleibens mehr. Mit Wermuthsbitterkeit war in ihm die Stimme des Gewissens erwacht, die er durch die anmuthigen Hoffnungen einer rosenfarbnen Zukunft in Schlummer gewiegt hatte. Er eilte nach Hause. Das Verbrechen, das er begehn wollte, die einsamen Qualen des Sterbebetts eines Verfuhrers und die Ahndung einer Strafe nach dem Tode standen mit allen ihren Schrecken vor seiner feurigen Fantasie, und er wollte ihnen ausweichen, indem er Marien entsagte.
Aber Marien entsagen, Marien, die ihm mit jedem Tage reizender schien, die mit der ganzen Warme der ersten Liebe sich an ihn anschloss, Marien, die sich von ihm die Erfullung ihrer Traume versprach, die ohne ihn unglucklicher gewesen ware, als es vielleicht selbst nach der Entdeckung seines Betrugs moglich war, und dies alles in der Bluthe seiner Krafte und Jahre, bey diesem heissen Verlangen sie zu besitzen, bloss weil die gereizte Einbildungskraft einer frommelnden Matrone ihm eine Holle vorspiegelte, die, wenn er sie auch wirklich glaubte, doch noch weit, weit von ihm entfernt war! Und konnte er sich nicht dann noch bekehren, wenn ihn die Abnahme seiner Gesundheit und die Annaherung des Alters erinnern wurde, dass es Zeit sey? So raisonnirte er sich selber seine Unruh hinweg, und die Zerstreuungen thaten das ihrige.
Niemand war glucklicher als Marie; ihr jetziges Leben glich einem ungetrubten Fluss, auf den der Himmel sein Bild pragte, und der nur Sonnenschein und Klarheit in seinen Spiegel aufnahm. Auf rosenfarbnen Flugeln eilte der Winter voruber, sie legte die Trauerkleider ab, zwar noch mit einer Thrane dankbarer Ruckerinnerung an den Verstorbenen, die aber der Vorbote von sussern war. Es war gegen Ende des Marzes, als der Graf, da er sie zum erstenmal wieder in bunten Farben erblickte, sie an ihr Versprechen erinnerte, sein zu seyn. Marie errothete sanft und Wodmar kusste von ihren Lippen das Gestandniss ihrer Einwilligung.
Man machte Anstalten zur Abreise. Marie hatte eine ansehnliche Summe Geld aus dem Verkauf ihres Hauses und ihrer liegenden Grunde erhalten, die sie mit sich nahm. Eine andere legte sie nieder fur Ludwig, nebst einem Brief, in dem sie ihm ihr kunftiges Schicksal trotz dem Verbot des Grafen entdeckte. Sie glaubte ihm, sich, und selbst der Asche ihres Vaters diese Aufrichtigkeit schuldig zu seyn, und kannte Ludwigs sichern Charakter zu gut, als dass sie hatte nachtheilige Folgen von ihrem Zutrauen befurchten konnen.
Ich habe mich selbst betrogen, Ludwig! schrieb sie ihm, nicht ohne Kummer, weil sie voraussah, wie sehr ihn dieser Brief betruben wurde. Ich glaubte Dich zu lieben, aber es war nur Freundschaft, was ich fur Dich empfand, und sie gnugte meinem Herzen, als es noch unbefangen war und die Liebe noch nicht kannte. Aber jetzt, da ich den Mann habe kennen lernen, den ich allein mit Leidenschaft zu lieben vermag unter allen, jetzt nimm meinen innigsten Dank fur das Vertrauen, mit dem Du von mir das Gluck Deines Lebens hofftest, und die Bitte um Verzeihung, dass ich es niemals Dir gewahren kann. Ein heiliges, unauflosliches Band vereinigt mich in wenig Tagen mit dem Grafen von Wodmar, und es wird meinem kunftigen Gluck nichts fehlen, wenn ich Dich ruhig und zufrieden weiss, und dies wirst Du gewiss bald seyn, wenn es Dir auch jetzt weh thut, mich verloren zu haben. Denn die liebenswurdigen Eigenschaften Deines Herzens werden Dir bald eine Freundin erwerben, die Dich mehr verdient, als Marie, die, wenn sie Dir auch Wort gehalten, Dir doch nur ein getheiltes Herz hatte geben konnen, das Deiner unwerth gewesen ware, da Du ein ganzes verdienst. Nicht der Glanz, der mit dem Stande meines kunftigen Mannes verknupft ist, hat mich verblendet, sondern Liebe zu ihm selbst, die sich unwiderstehlich meines Wesens bemachtigte. Denn erst nach Jahren, wenn die Hindernisse nicht mehr sind, die jetzt die Konvenienz unsrer Verbindung entgegen stellen wurde, erst dann werd' ich offentlich diesen Glanz, der mir gleichgultig ist, mit ihm theilen und laut den Namen fuhren, der mich bis dahin in der Stille begluckt. Dir, mein Freund, theile ich im vollen Vertrauen auf Deinen Edelmuth und Deine Verschwiegenheit dieses mein heiligstes Geheimniss mit, um Dir mein schnelles Verschwinden zu erklaren. Nimm diese Summe als ein Andenken an mich und meinen gutigen Vater, der sie fur uns beide sammelte, und wenn wir uns einst nach langer Zeit wiedersehn, so lass mich in Dir den treuen Freund wiederfinden, der Du mir warst, so lange ich denken kann.
Als Marie diesen Brief geschlossen hatte, dunkte es ihr, als hatte sie sich nun von allem losgerissen, was sie bisher noch abhielt, ganz ihrem geliebten Grafen zu leben. Noch einmal ging sie auf den Kirchhof, um Abschied von dem Grabe ihres Vaters zu nehmen. Die ersten Veilchen, die es gab, hatte sie sich bringen lassen, und als ein Todtenopfer auf den braunen Hugel gestreut, der die theuern Ueberreste verbarg. Noch einmal sagte sie in stummen Gebeten fur den Frieden seiner Seele, ihm Dank fur alle seine vaterliche Sorge: es wurde ihr so wohl und doch so weh, dass sie ihren gedrangten Gefuhlen keinen Namen geben konnte. Wie eine dunkle Gewitterwolke zog eine bange Ahndung an ihr voruber, aber der Sonnenstrahl der Liebe leuchtete drein und verminderte ihre Schwermuth.
Vierzehntes Kapitel
Sie reisten am andern Morgen ab, Marie ohne Betrubniss die Stadt zu verlassen, in der sie geboren und erzogen war, denn fern von ihren Mauern warteten sussere Bande auf sie, als sie noch jemals getragen hatte. Schon auf der ersten Station holte sie der Graf ein, und nun setzten sie vereint ihre Reise fort.
Gluckliche Tage! auch lange nachher hob noch bei ihrem Andenken ein stiller Seufzer Mariens Brust, und schien sie zuruck zu wunschen. An der Seite des Mannes, den sie liebte und der nun bald ihr auf ewig angehoren sollte, die schonsten Gegenden ihres Vaterlandes gleichsam zu durchfliegen, Freude und Belehrung in jedem Gegenstand zu finden, an dem sie vorubereilten, dazu die sanfte, laue Luft und der ungetrubte Himmel des ersten Fruhlings, die Neuheit, die das Vergnugen des Reisens fur sie hatte, und die schonende Zartheit, mit der der Graf, um sein Opfer noch mehr zu tauschen, mit ihr umging, endlich die Hoffnung einer nahen Vereinigung, die uber alles ihren eignen Zauber goss; war dies nicht genug, um ein schuldloses, empfangliches Herz, wie das ihrige, mit dem hochsten Grad des Entzuckens zu fullen?
Am dritten Tage kamen sie auf ein Landgut an, wo man sie schien erwartet zu haben. Wodmar fuhrte seine Marie in das alte prachtige Schloss, und gleich nach ihrer Ankunft verrichtete ein gewissenloser Betruger, den der Graf durch Bestechungen gewonnen hatte, mit allem Schein der Wahrheit die heilige Handlung der Vermahlung.
Sie blieben hier nur wenige Tage, denn Wodmar glaubte sich hier nicht verborgen genug; dann verliessen sie diesen, Marien so theuer gewordnen Ort, um den zu erreichen, der ihre kunftige Bestimmung war.
Nesselfeld lag nur sechs Meilen davon, aber immer einsamer wurde der Weg, der uber unfruchtbare Haiden und steinigte Felder dahin fuhrte. Endlich, als die ode Gegend immer flacher und flacher wurde, sahen sie es schon weit aus der Ferne liegen, denn es war das einzige Haus, das das Auge auf der ganzen leeren, mit Getreide sparsam bebauten Ebene erblickte. Einige wilde Kastanienbaume, deren Grun noch nicht erwacht war, warfen den Schatten ihrer unbekleideten Aeste auf den Hofraum, und an der grauen, halbbemoosten Steinwand schlangelte sich der gesellige Epheu empor. Sie stiegen ab, der Kastellan des Schlosses empfing sie und offnete ihnen die Zimmer, die fur sie bereitet waren. Ausser ihm und dem Schlossgesinde gab es meilenweit kein lebendiges Wesen in der Gegend, denn Nesselfeld lag ganz allein, ohne ein Dorf das dazu gehorte. Ein artig moblirtes Zimmer, mit einem schonen Klavier, uber welchem das wohlgetroffne Bild des Grafen in Lebensgrosse hing, war fur Marien bestimmt, und hatte eben dieses Bildes wegen unaussprechlichen Werth fur ihr Herz. Auch fand sie eine kleine Bibliothek, die ihr Unterhaltung genug in ihren Nebenstunden hoffen liess. Uebrigens hatte das Ganze ein etwas melancholisches Ansehn. Trat sie ans Fenster, halb von dem dustern Grun des Epheus verdunkelt, so breitete sich die unermesslich weite Flache vor ihren Blicken aus, die sich in ferne, zum Theil von Waldung geschwarzte Hohen verlor. Nirgends eine Spur von Leben und Thatigkeit, nirgends ein Gegenstand, auf dem das Auge mit Theilnahme hatte verweilen konnen! Aber Marien dunkte an der Seite ihres Karls die Gegend paradiesisch. Sie fuhlte sich so innig vertraut mit jedem Wehen der kosenden Fruhlingsluft, empfand so tief und mit so viel Dank das Gluck seiner Liebe, dass die Schwermuth ihres Aufenthalts keinen Eindruck auf sie machte.
Auch Wodmar lebte die glucklichsten Tage, die ihm noch jemals geworden waren, in den Armen dieses reizenden Geschopfs, und in dieser menschenleeren Einsamkeit. Er, der immer mehr gesucht als gefunden, immer mehr verlangt als genossen hatte, sah durch Mariens Zartlichkeit, die ihm immer neu blieb, die sussen Erwartungen ubertroffen, die er genahrt hatte. Bessere Regungen, als er noch jemals gekannt, kehrten bei ihrem sanften Umgang in sein Herz zuruck, und bittre Empfindungen durchbebten es bey dem Gedanken, sie so grausam hintergangen zu haben. Ach, er hatte oft die liebevolle Sorgfalt nothig, mit der sie seinen Kummer zu zerstreuen suchte, wenn sei Bewusstseyn ihm Vorwurfe uber den schwarzen Betrug machte, den er sich erlaubt hatte. Vielleicht, wenn seine Hand noch frei gewesen ware, hatte er mit ihr ihre granzenlose Liebe belohnt, vielleicht, wenn er den ganzen Umfang ihrer Gute, den ganzen Werth und die ganze Reinheit ihres Wesens, die sich ihm nun enthullte, vorher gekannt hatte, hatte er den schonsten Sieg uber sich selbst errungen und nie den goldnen Frieden ihrer Unbefangenheit gestort. Marie ware dann glucklich mit ihrem Ludwig, wenn auch nicht durch eine leidenschaftliche Liebe, doch durch gegenseitige Achtung und Gleichheit ihrer Verhaltnisse geworden, und der Staat hatte eine nutzliche, burgerliche Familie mehr gehabt. Aber nun, da alles geschehn war, was es ihm unmoglich machte, zuruck zu gehn, da ein feierliches Gelubde ihn an Josephinen, die zartlichste Neigung ihn an Marien band, da entschloss er sich wenigstens ihr so lang als moglich den durchbohrenden Schmerz der Entdeckung ihrer wahren Lage zu ersparen, und ihr einsames Leben so suss zu machen, als in seinen Kraften stand.
Einige Monate brachte er bei ihr zu, ohne sich andre Freuden zu wunschen, als ihm ihr Umgang bot. Nie hatte er im Getummel der grossen Welt geglaubt, dass Hauslichkeit so suss sey. Marie wusste sie durch eine immer gleiche Heiterkeit ihres lebhaften Geistes, durch ein bestandiges, freundliches Entgegenkommen seiner Wunsche, und durch die angenehmen Talente zu wurzen, die sie gesammelt hatte und zu vermehren suchte. Oft gingen sie Hand in Hand durch die sparsam grunende Wiese, uber die sich ein schmaler Bach, mit Weiden bepflanzt, lieblich-flusternd ergoss, und war gleich die Aussicht weit und leer, so blickten sie sich wechselsweise ins Auge, und glaubten im Paradiese zu wandeln. Oder sie sassen in der Mittagsstunde unter den Kastanien in ihrem Hofraum in ein susses Schweigen versunken, oft angenehmer noch, als das traulichste Geschwatz, und nahmen ihr einfaches Mittagsmahl ein. Sanft regte sich der laue Wind in den breiten, schattigten Blattern, und manche weiss und rothliche Bluthe wehte sein Hauch herab, um damit ihre Tafel zu schmucken. Oder sie sahen die Sonne untergehen, wie sie hinter die fernen Anhohen wie in ein Meer von Purpur sank, und Wodmar hinderte den rosenfarbnen Schimmer ihres Wiederscheins Mariens Gesicht zu erreichen, das die Gesundheit schoner geschmuckt hatte, als es das Abendroth vermochte; oder wenn der Abend herandunkelte, lockte Marie den Geliebten durch die silbernen, ruhrenden Tone, die sie dem Klaviere abzugewinnen wusste, in ihr stilles, friedliches Zimmerchen und begleitete sie, wenn er kam, durch ihren kunstlosen, aber reizenden Gesang, der ohne mit Kunsteleien uberladen zu seyn, unwiderstehlich zum Herzen drang.
War das Wetter trube und erlaubte ihnen nicht im Freien zu seyn, so schloss Marie den Bucherschrank auf, und sie lasen sich wechselseitig vor, oder der Graf unterrichtete sie im Zeichnen, worin er viel Geschicklichkeit besass, und freute sich der Fortschritte, die seine holde Schulerin in allem machte, was sie unternahm. Bald erfanden sie Desseins zu Stickereien, die dann Mariens Nadel auf seidnen Grund zauberte, wahrend Wodmar ihr vorlas, bald gaben sie sich mit ernsthaftern Dingen ab, entwarfen Landschaften, Monumente, oder zeichneten Kupferstiche nach, oder Wodmar lehrte sie Franzosisch und Marie begriff um ihres Lehrmeisters willen, alles mit erstaunender Leichtigkeit.
So flohen mit unbeschreiblich susser Eile die Stunden des Beisammenseyns voruber, und ernst und traurig nahte ihnen die Trennung. Marie weinte die bittre Thrane des Abschieds an seinem Herzen, und auch ihn beklemmte das Lebewohl mit namenloser Wehmuth. O wie gern hatte er ganze Jahre seines Lebens dahingegeben, um den Vorwurfen zu entfliehen, die ihm sein Gewissen mit jeder neuen Probe lauter machte, die ihm Marie von ihrer Liebe gab.
Die Gewohnheit, sie taglich zu sehen, und die anspruchlose, stille Gute ihres Charakters, und ihre ungeheuchelte Frommigkeit in einer Menge kleiner Vorfalle zu bemerken, seine jetzige, unzerstreute, einfache Lebensart, seine Entfernung von den verdorbnen Sitten der grossen Welt, und der wohlthatige Einfluss der Natur auf sein ganzes Wesen, hatten ihn besser und fuhlbarer fur Mariens Werth und seinen eignen Unwerth gemacht, als er es jemals war. Tiefe Schwermuth umhullte seine Stirn und trubte sein Auge, und er empfand die Wahrheit in ihrem ganzen Umfang: dass der Betrogne fast immer glucklicher ist, als der Betruger.
Endlich schied er. Marie sah ihm aus ihrem Fenster nach, so weit ihr Auge reichte; selbst auf der Staubwolke, hinter der sein Wagen verschwand, verweilte noch lange ihr Blick und dann verhullte sie ihn und seine Thranen. Wie war ihr nicht alles so leer, als Er ihr fehlte! Wie vermisste sie ihn nicht uberall, wo Er sonst mit ihr gegangen war, und wie ode dunkten ihr jetzt ihre Spaziergange, denen damals nur s e i n e Gesellschaft Anmuth und Reize lieh! Zwar hatte er ihr versprochen, oft zu schreiben, und auf diese Art sie und sich uber die Schmerzen der Trennung zu tauschen; aber ach! ist wohl der todte Buchstabe des Briefwechsels Ersatz fur die Abwesenheit des Geliebten? Konnte er sie entschadigen fur das Gluck ihn zu sehn, ihn zu sprechen, ihn zu umarmen?
Die ersten Tage vergingen ihr in tiefer Traurigkeit. Endlich verlor ihr Schmerz bei ihrer angebornen Milde etwas von seiner Scharfe, und die Hoffnung des Wiedersehns verwandelte ihn in eine sanfte Melancholie, die ihr theuer wurde. Sie ertrug gern die Einsamkeit, in die sie die Liebe verbannte, und wusste sie zu verschonern. Sie schrieb ihm taglich, und ihre Briefe trugen das Geprage der Sehnsucht, der Zartlichkeit und des innigsten Vertrauens. Sie arbeitete fleissig, denn es war fur ihn! Sie setzte ihr Zeichnen und ihr Franzosisch mit einem unermudeten Fleiss fort, und in den Abendstunden, die ihr sonst mit ihm so frohlich vergangen waren, folgte sie dem stillen Gebot ihrer Gefuhle und stimmte oft das traurige Lied aus Nina an, welches ihr Karl einst gelernt hatte, und das jetzt auf ihren Zustand passte:
Quand le bien-aime reviendra etc.
Funfzehntes Kapitel
In tiefe Betrachtungen verloren, setzte der Graf seinen Weg fort, und oft wandte er sein Auge zuruck, um noch einmal den Ort zu erblicken, wo er so unvergesslich glucklich gewesen war. Er fuhlte sich sonderbar erschuttert von den Empfindungen des Abschieds, die Thranen waren ihm so nahe, das Herz so weich und so geneigt zur Wehmuth, wie noch nie in seinem Leben. O, Marie! sagte er zu sich selbst, warst Du wirklich mein durch rechtmassige Verbindung, die ich laut bekennen durfte, wie Du jetzt im Stillen mein bist, durch Dein unverdientes Vertrauen in meine Redlichkeit, wie gern wollte ich dem eiteln Schimmer entsagen, der mir sonst so wichtig dunkte, um ganz fur Dich und die hauslichen Freuden zu leben, die Du mich erst kennen lehrtest!
Er kam auf dem Landgut an, wo er Josephinen verlassen hatte. Sie empfing ihn freudig und zartlich. Die Schwermuth ihrer unglucklichen Liebe hatte sich in der Einsamkeit selbst aufgezehrt, da sie keine Nahrung fand, und es war ihr nichts mehr davon ubrig geblieben, als ihrem Auge ein freundlich-umwolkter Blick, und ihrem Herzen eine Narbe und ein susses Andenken der Vergangenheit, das sie noch oft beschaftigte, ohne ihr mehr weh zu thun. Sie war schoner und bluhender geworden, als sie Wodmar je gesehen hatte, und die nahe Aussicht, Mutter zu werden, die sie ihm erst jetzt mit einem sussen Errothen gestand, webte um beide das innige Band einer gegenseitigen Achtung, durch Dankbarkeit und Zartlichkeit erhoht. Wodmar war ernster, stiller und einfacher geworden. Dies brachte ihn Josephinen naher, die ihn nun wirklich anfing zu lieben, und das Bild ihrer fruhern Leidenschaft immer mehr in den Hintergrund ihrer Seele stellte.
Die Erinnerung an Marien riss jedoch eine brennende Wunde in sein Herz. Es war ihm unmoglich, Josephinens, nur durch eine kleine Zuruckhaltung gemassigte Zartlichkeit so innig zu erwiedern, als sie verdiente. Der Gedanke, nicht allein Marien betrogen, sondern auch gegen das tugendhafteste Weib unedel gehandelt zu haben, trat wie ein boser Damon immer vor ihn und verbitterte seine Freuden. Die Hoffnung, Vater zu werden, erfullte ihn mit Dank und innigem Antheil gegen Josephinen, aber sein Aufenthalt bei ihr war ihm peinlich, da er sich von ihr geliebt sah, und sein Herz ihm sagte, wie unwerth er ihrer Anhanglichkeit sey, und wie unfahig, sie durch Gegenliebe zu vergelten.
Er war ganz verandert. Den Ausdruck und die Heftigkeit seiner sonst so sturmischen Gefuhle brach jetzt eine stille Sanftheit, die unwiderstehlich an brausenden Menschen ist, und ihm in den Augen seiner sanften Gemahlin noch ein Interesse mehr gab. Seine Sehnsucht nach Marien stieg bis zur Schwarmerey. Mit Blicken der Liebe sah er jede Wolke an und dachte: vielleicht hat sie uber der Gegend geschwebt, wo sie wohnt, und um mich trauert! und auch in der Ferne that ihm die Ueberzeugung wohl, der Gegenstand ihrer Liebe und ihres Verlangens zu seyn.
In dieser Stimmung verlebte er die Sommermonate. Im Anfang Augusts wurde Josephine von einem Knaben entbunden, und mit wehmuthiger Freude druckte er den Sohn ans Herz, und dankte der Mutter fur das kostbare Geschenk ihrer Liebe. Ein liebliches Roth stieg auf Josephinens vorher blasse Wange. Ich schenke Ihnen mehr, als diesen Knaben, liebster Wodmar, sagte sie mit schwacher und geruhrter Stimme, ich schenke Ihnen mein Herz, das von nun an ganz und auf ewig das Ihrige ist. Ungern gab ich Ihnen meine Hand, und die Grundsatze, die Sie im Anfang unserer Verbindung ausserten, stimmten so wenig mit den meinigen uberein, dass ich kalter gegen Sie war, als ich es vielleicht hatte seyn sollen. Aber ich fuhle mich jetzt, nicht allein durch dieses Kind, auf das wir gemeinschaftliche Rechte haben, sondern auch durch eine freiwillige, zartliche Neigung zu Ihnen hingezogen, mit welcher ich mich bemuhen will, Sie so glucklich zu machen, als ich es durch Sie seyn werde. Sie scheinen jetzt die Vorzuge eines hauslichen Lebens vor den Freuden der Stadt einzusehn; lassen Sie uns, wenn Ihr Herz ihnen entsagen kann, einen stillen, landlichen Aufenthalt immer dem Gerausch der grossen Welt vorziehn, oder wenn Ihr muntrer Sinn zuweilen nach Abwechselung verlangt, so geniessen Sie allein die Lustbarkeiten, die ich nicht kenne, und nicht kennen mag, weil sie niemals Reiz fur mich haben werden, und m i r erlauben Sie, immer so einsam fort zu leben, wie ich es jetzt gewohnt bin. Die Erziehung unsers Sohnes wird meinem Herzen und meinem Geist Beschaftigung geben, und mit alle der Liebe und Achtung, die ich fur Sie empfinde, werde ich Sie empfangen, bester Gemahl! wenn Sie mude des Herumschwarmens zuruckkehren, in meinen Armen auszuruhn.
Mit einem liebevollen Lacheln reichte sie ihm ihre Hand, und mit der andern druckte sie den Saugling fest an ihre mutterliche Brust, indem ihr Auge einen ganzen Strom von Liebe uber den schonen Mann ausgoss, der an ihrem Bette knieete, und Thranen der Beschamung und der Ruhrung weinte. Ihre ehemalige Gleichgultigkeit ware ihm lieber gewesen, als diese liebevolle Milde, die sein Inneres verwundete, denn sie hatte ihm eher den Schein eines Rechts gegeben, seine leidenschaftliche Anhanglichkeit an Marien zu entschuldigen und fortzusetzen.
Ja, meine Josephine! nahm er endlich das Wort, die grosse Welt hat keine Reize mehr fur den, der die stillern Freuden der Hauslichkeit in ihrem ganzen, schonen Umfang gekostet hat. Ich strebe nicht mehr nach den lacherlichen Thorheiten eines falschen Genusses, die mir sonst so suss dunkten; I h r e r werth zu seyn, sey fortan das Ziel meiner Muhe. O, wenn ich auch noch nicht ganz diese Liebe verdiene, die Sie mir eben bewiesen haben, so dulden, ertragen Sie mich mit Ihrer gewohnlichen Sanftmuth und Nachsicht, und seyn Sie versichert, dass mein Herz durch seinen eignen Kummer sich fur jede Handlung selbst bestraft, die es missbilligen muss.
Er entfernte sich hier schnell, das Tuch vor den Augen. Josephine sah ihm verwundert nach. Schon langst hatte sie einen gewissen Trubsinn an ihm bemerkt, der ihr zwar besser gefiel, als der gaukelnde, eitle Leichtsinn seines ehemaligen Betragens, der sie aber zu gleicher Zeit, und nicht mit Unrecht, auf einen heimlichen Gram schliessen liess, der an seinem Innern nagte. Da er aber nicht geneigt schien, sich zu entdekken, so wagte sie nicht, um die Ursache desselben in ihn zu dringen, denn der Schmerz, der sich selbst aufopfert, indem er sich verbirgt, war ihr heilig.
Sie erlangte bald ihre verlornen Krafte wieder, und die Mutterfreuden, die ihr so neu als entzuckend waren, beforderten ihre Genesung. Jetzt dachte sie mit einer Empfindung, die ihrer Ruhe nicht mehr gefahrlich war, an August, wie man eines Gespielen aus fruher Jugend gedenkt, von dem uns das Schicksal trennte, ohne uns mehr von ihm zuruck zu lassen, als eine wehmuthsvolle Erinnerung, der aber Zeit und Vernunft jede Bitterkeit nahm. Sie hatte versprochen, ihm zu schreiben, so bald sie sich diese Stimmung zugeeignet haben wurde, und jetzt war der Zeitpunkt, wo sie Wort hielt.
Die Sehnsucht nach Ihnen, schrieb sie, die mich zum Schreibtisch hinfuhrt, gehort nicht mehr der Liebe an, und darum bekenne ich sie Ihnen ohne zu errothen. Ein anderes Gefuhl, nicht weniger hehr und heilig wie das erste, hat seine Stelle eingenommen, und in meinem Herzen trage ich das Bild meines Gemahls und meines Freundes in seliger Eintracht. Sie werden mich keines Wankelmuths beschuldigen, Wilmuth! wenn ich Ihnen frey bekenne, dass dem Manne, der den Bund meiner ersten Liebe storte, jetzt meine zweite gehort. Er ist der Vater meines Kindes, und die Allmacht dieses Gedankens wurde mich schon zu ihm hinziehn, auch wenn er weniger liebenswurdig ware. Ich trat mit grosser Abneigung in den Ehestand, aber eben die geringen Erwartungen meines Glucks machten, dass ich nach und nach den Werth meines Mannes und meiner Lage zu fuhlen anfing. Ich bemuhte mich, jeden Wunsch zu ersticken, der wider meine Pflicht war, und bald gab mir eine hohere Macht den Frieden wieder, der meiner Seele fehlte. Ich bin Mutter, mit wonnevollen Thranen benetzte ich den Knaben, dem ich Ihren Namen gab, und gelobte ihm und seinem Vater Liebe und Sorgfalt fur meine ganze Lebenszeit. Nichts stort mehr das Gluck meiner Ehe, als die Besorgniss, noch immer so innig von Ihnen geliebt zu werden, wie sonst. Mochten Sie doch nichts mehr fur mich empfinden, als jene feste, unwandelbare, aber ruhige Freundschaft, die Sie mir einst in jener schonen Stunde gelobten. Mein Herz hat alle sussen Erinnerungen der Vergangenheit aufbewahrt, aber sie sind mir zum Traume geworden, von dem mir nur ein fluchtiges Schattenbild bleibt, das ich mit feuchtem, aber heiterm Auge ansehe, den ich zuruck haben mochte, und doch ruhig voruberfliehn sah. Sind Ihre Empfindungen fur mich dieselben, haben auch bey Ihnen Zeit und Abwesenheit und neue Gegenstande Balsam in die Wunde gegossen, die Ihnen die Liebe schlug, bin ich Ihrem Herzen noch werth, ohne ihm mehr gefahrlich zu seyn, o, so reichen Sie mir noch einmal die Hand, um den Bund zu erneuern, den wir schlossen, und er dauere bis die Morgenrothe eines zweiten Lebens tagt, und eine zweite Welt unsre festvereinten Seelen aufnimmt."
Wodmar begegnete Josephinen mit dem feinsten Zuvorkommen, mit dem leisesten Errathen aller ihrer Wunsche, und da er, je mehr sich ihm die Schonheiten ihres Geistes und ihres Herzens enthullten, mit immer tieferer Achtung sich an sie anschloss, glaubte sie sich so herzlich geliebt, als er es war. Aber ach, Marie war eine zu gefahrliche Nebenbuhlerin, und Josephine vermochte nicht mit dem zartlichsten Bemuhen, ihm die Trennung von ihr ganz zu ersetzen. Zu tief hatte sich ihr liebenswurdiges Bild in sein Inneres gegraben, und uberall wo er hinsah, vermisste er den Zauber, den w a h r e L i e b e uber alles verbreitet, was sie umgiebt.
Siebzehntes Kapitel
Josephine wunschte ihren Gemahl zu begleiten, da er Anstalt machte, im September auf seine andern Guter zu gehn, und er konnte diese billige Bitte, die sie mit so viel Zartlichkeit an ihn that, nicht abschlagen, wiewohl er diesmal gern allein gegangen ware, da der Zweck seiner Reise war, Marien, die so innig darum bat, wieder zu sehn. Vier lange Monate waren verflossen, seit er sich von ihr getrennt hatte, und laut klopfte sein Herz den Fluren entgegen, die sie bewohnte. Er beschloss, seine Gemahlin in Wodmarshausen (so hiess das Schloss, wo er Marien durch eine Scheinheirath betrogen hatte) zu lassen, einen Ritt nach Nesselfeld zu machen, sie zu sehn und zu umarmen.
Als sie sich Wodmarshausen naherten, war es Abend, und der Vollmond streute sein magisches Silber auf die schlummernden Fluren. Eine unendliche Sehnsucht ergriff den Grafen. Er lehnte sein gluhendes Gesicht mit Heftigkeit an Josephinens Wange, betheuerte ihr seine Liebe, und kleidete seine zartlichsturmischen Gefuhle, die Marien entgegen strebten, in Worte, die Josephinen geweiht waren, um seinem Herzen Luft zu machen. So fuhlen die Manner oft, was sie der einen versichern, fur eine andre. Josephine war entzuckt uber die Versicherungen, die er ihr gab; sie hatte ihn noch nie so gesehn, und erwiederte seine Betheurungen mit der ganzen Innigkeit ihrer Liebe.
Am andern Tag sagte Wodmar zu Josephinen, um sie vorzubereiten: Ich habe noch ein Gut in dieser Gegend, das ich ohngeachtet seiner unangenehmen, fast traurigen Lage dennoch liebe, und zuweilen besuche. Es liegt nur sechs Meilen von hier, in einer flachen oden Gegend; und ich zeigte es Ihnen gern, wenn seine Wohnung eingerichtet ware, mehr als eine Person aufzunehmen, und wenn ich Ihnen von einem Aufenthalt dort etwas anders als Unbequemlichkeit versprechen konnte. Indessen will ich doch hinreiten, da ich diese nicht achte, um den Castellan einmal wieder zu sehn, der sich immer so herzlich freut, wenn ich ihr besuche.
Die Grafin hatte keinen Argwohn, und liess ihren Gemahl ruhig von sich, der die Reise zur Geliebten wie im Fluge endete.
Er traf Marien am Klavier an, aber sie spielte nicht mehr, sondern schlug nur mit der einen Hand zuweilen einen schwermuthigen Ton an, indess ihr Auge mit dem reinsten Ausdruck des Verlangens auf dem Bilde ihres Karls verweilte, das ihr gegenuber hing. Ein einziges Licht erhellte sparsam das Zimmer sie hatte es so gestellt, dass nur die Zuge ihres Wodmars von seinem matten Schimmer beschienen wurden, und alle ubrigen Gegenstande in einer holden Dammerung schwammen. Leise hatte er die Thur geoffnet, leise sich unter dem heftigen Klopfen seiner Brust ihr nahe geschlichen, und nun, da er sie so tief mit sich beschaftigt sah, konnte er sich nicht langer halten, und schloss sie mit dem Ausruf: Liebste, beste Marie! fest in seine bebenden Arme.
Marien nahm der Schrecken die Sprache. Aber ihr Schrecken war suss, wie die Umarmung, in der sie ihn verbarg. Karl! mein Wodmar! stammelte sie an seinem Halse, und die beiden Glucklichen schwiegen im wonnevollen Rausche des Wiedersehns, der ihre Zunge fesselte.
Zwei gluckliche Tage brachten sie mit einander zu. Da musste Karl wieder scheiden. Und warum schon jetzt? fragte traurig Marie. Ich muss! war seine Antwort, die ein Seufzer begleitete: mein Vater ist in Wodmarshausen, und wurde Verdacht schopfen, wenn ich langer bliebe. Marie glaubte unbedingt seinen Worten, und sie trennten sich mit dem Vorsatz, sich bald und langer wieder zu sehn.
Auf dem ganzen einsamen Ruckwege beschaftigte sich der Graf mit dem Gedanken, wie es sich anfangen liesse, einige Wochen bei Marien zu seyn, ohne Josephinens Argwohn zu erregen, und der Genius der Liebe flusterte ihm einen Anschlag ins Ohr. Als er zuruckkam, sagte er seiner Gemahlin, dass ihn nothwendige Geschafte in die Stadt riefen. Er wurde von da uber Nesselfeld reisen, und ohngefahr den zwanzigsten Oktober wieder in Wodmarshausen seyn, um mit ihr den Jahrestag ihrer Verbindung zu feiern. Josephine war ihm schon im Voraus dankbar fur diese Aufmerksamkeit.
Er reiste ab, und nahm den Weg nach der Stadt, so lange man ihn sehen konnte. Dann wendete er um, und seine Rosse flogen mit ihm nach Nesselfeld. Wirklich hatte er einige Geschafte in der Stadt, aber sie erforderten nur wenige Tage, und er beschloss, sie erst nach seinem Aufenthalte bei Marien zu besorgen.
Sie empfing mit so viel Liebe, als sie ihn entlassen hatte, den Mann ihres Herzens wieder, und die Stunden des Beisammenseyns flogen auf goldnen Fittigen wie lachelnde Engel voruber. Der Graf, der sonst wie ein Schmetterling, unbestandig geliebt hatte, fuhlte mit jedem neuen Wiedersehn, dass sich Mariens Fesseln fester und enger um sein Wesen schlangen. Immer gebildeter fand er ihren Geist, immer reizender ihre Gestalt, immer holdseliger ihr einfaches gefalliges Betragen. Als er sich aufs neue von ihr trennen musste um in die Stadt zu reisen, beklemmte eine sonderbar schmerzliche Ahndung seine Brust beim letzten Lebewohl. Ihm war bei der Umarmung des Abschieds, als wurde er gewaltsam von ihr losgerissen, als wurde er sie niemals wiedersehn! Noch einmal druckte er sie an sich, und eine Thrane fiel aus seinem Auge, die bitterste seines Lebens, auf ihr umwolktes Gesicht. Ich komme noch zu Dir, Marie! rief er, eh' ich nach Wodmarshausen zuruckkehre, ich mache gern diesen Umweg, um Dich noch einen Tag zu sehn. Erwarte mich den neunzehnten bei Dir. Mariens feuchtes Auge blickte ihn freudig an, als wollt' es ihm fur die angenehme Verheissung danken, und mit gelindertem Schmerz sah sie ihn abreisen.
Indessen war es Josephinen einsam in dem grossen, prachtigen Schlosse, das sie bewohnte, und sie wunschte die Zuruckkunft ihres Gemahls. Wie weit ist es nach Nesselfeld? frug sie den Schlossverwalter. Nur sechs kleine Meilen, war die Antwort. Schade, dass die Wohnung so eng ist, fuhr die Grafin fort, ich machte mir sonst das Vergnugen, meinen Gemahl dort zu uberraschen, und ihm bis dahin entgegen zu kommen. Die Wohnung zu eng, Ihro Exzellenz? unterbrach sie das gesprachige Hannchen, die diese Reise wunschte, weil sie wusste, dass sie die Grafin mitnehmen wurde, und weil ihr der Aufenthalt in dem stillen Wodmarshausen misfiel: wie ich hier gehort habe, sind erst vor einigen Jahren ein paar schone Zimmer dort zum Bewohnen eingerichtet, und mit allen Bequemlichkeiten, die eine hohe Herrschaft braucht, versehen worden. Ist es nicht so, Herr Schlossverwalter?
Der Schlossverwalter hatte langst gemerkt, dass der lange Besuch im Fruhjahr, den der Graf dort abgestattet hatte, seine geheimen Ursachen haben musste. Da er seiner Wachsamkeit nicht traute, hatte er ihn die wenigen Tage, die er mit Marien in Wodmarshausen zubrachte, unter dem Vorwand einiger Geschafte entfernt, und die wenigen Menschen, die um sein Geheimniss wissen mussten, durch Bestechungen in sein Interesse gezogen, und ihre Verschwiegenheit erkauft. Den Schlossverwalter, dem man doch nicht alles so gewissenhaft verbarg, wie man sollte, verdross dieser Mangel an Zutrauen, den ihm der alte Graf nie hatte fuhlen lassen, und er glaubte nun eine schickliche Gelegenheit gefunden zu haben, seinem jungen Herrn zu zeigen, dass es besser gewesen ware, ihn mit um das Geheimniss wissen zu lassen. Da die Verantwortung nicht auf ihn fallen konnte, weil er nicht von des Grafen geheimen Freuden in Nesselfeld unterrichtet war, so nahm er freudig das Wort, und versicherte der Grafin, dass alles dort im guten Stande, und fahig sey, sie einige Tage recht bequem aufzunehmen. Was wurde der Herr Graf fur grosse Augen machen, setzte er schelmisch hinzu, wenn er Ihro Exzellenz so unvermuthet dort antrafe, und sahe, dass Ihnen seine Gesellschaft lieber ware, als alle Pracht und aller Ueberfluss ohne ihn in Wodmarshausen!
Josephine trug diesen Gedanken mit sich herum, und malte im Geiste mit so lachenden Farben sich das frohe Erstaunen ihres Gemahls, sie in Nesselfeld zu finden, dass sie endlich dem Verlangen nicht widerstehn konnte, ihn zu uberraschen.
Es wird ihm ein neuer Beweis meiner Liebe seyn, dachte sie, wenn ich, ohne mich durch die Schilderung abschrecken zu lassen, die er mir von Nesselfeld machte, in seine Arme eile, um ihn einen Tag fruher zu sehn. Und wenn ich auch nicht alles in dem Stande finde, wie ich es gewohnt bin; wie wenig braucht ein volles Herz, das sich der Gegenliebe des liebenswurdigsten Gemahls erfreut? wie wenig braucht eine Mutter, wenn sie den Sohn ihrer Liebe lacheln sieht!
Der kleine August, ganz das Ebenbild seines Vaters, der mit jedem Tage schoner wurde und werther seiner Mutter, war nebst seiner Warterin und Hannchen die einzige Begleitung der Grafin, als sie am achtzehnten Oktober in aller Fruhe die Reise nach Nesselfeld antrat. Als sich die ode Gegend wie eine menschen- und freudenleere Wuste um ihren Weg ausdehnte, fuhlte sich Josephine, schonerer Gefilde gewohnt, unaussprechlich beklommen. Immer einsamer wurde es um sie her, je weiter sie kam. Kein Baum, kein Strauch, kein Dorf, keine Spur von Menschenleben, so weit sie blickte! Nur an der steinigten Landstrasse, die zwei Stunden von Nesselfeld durch die unfruchtbaren Felder fuhrte, und die zuweilen ein einzelner Karner mit seiner Fracht bezog, grunte eine traurige Fichte, und Josephine, als sie an ihr voruber fuhr, konnte sich nicht enthalten, ihr verlassenes Schicksal zu beseufzen. Arme Ungluckliche! schenke nicht dem fuhllosen Baume, der gesund, wiewohl einsam in diesem durren Boden wurzelte, Deine Seufzer! Spare sie fur Dein eignes Schicksal, das sich Dir in wenig Stunden grausam enthullen wird!
Achtzehntes Kapitel
Es war ein lauer schoner Nachmittag, als Josephine vor Nesselfelds einsamen Gebaude abstieg. Marie sass unter den Kastanien in ihrem Hofraum und arbeitete. Als sie das hier so seltne Gerausch eines Wagens horte, sprang sie frohlich auf, in der Meinung, es sey ihr Geliebter, und trat heraus auf den Rasenplatz vor ihrer Thur, ihn zu bewillkommen. Aber wie gross war ihr Erstaunen, als sie eine junge, schone Frau mit weiblicher Begleitung und einem holden Knaben, der in den Armen seiner Amme schlummerte, auf sich zugehen sah. Befremdet und besturzt wich sie einen Schritt zuruck, und konnte sich das Rathsel nicht erklaren.
Auch Josephine konnte ihre Verwunderung nicht bergen, ein Madchen von so seltner Schonheit, und so sorgfaltig gekleidet, an diesem abgelegenen Orte zu finden. Marie trug ein einfaches aber seines weisses Kleid, dessen reizender Faltenwurf die ganze Anmuth ihrer schonen Gestalt verrieth, und ihre dunkeln, seidenen Locken leicht und kunstlos, wie von den Handen der Grazien geordnet, waren der ganze Schmuck ihres Hauptes. An ihrer Brust trug sie eine spate Rose vielleicht die einzige, die die Kunst in diesen oden Fluren hervorgebracht hatte, und an ihrer Hand den goldnen Ring der Treue, der ihr endlich Muth gab, der schonen Unbekannten entgegen zu gehn.
Josephine war sanft und gutig gegen jedermann. Aber die oftern Besuche ihres Mannes in Nesselfeld, die ihr einfielen, und die ausserordentlich interessante Bildung Mariens, die sie fur die Tochter des Castellans hielt, erfullten sie plotzlich mit einer geheimen Regung von Eifersucht, die der Art, mit der sie Marien entgegen sah, mehr Stolz und Kalte gab, als ihr gut stand.
Marie naherte sich ihr bescheiden, aber doch ohne die Wurde zu vergessen, die sie ihrem neuen Stande schuldig zu seyn glaubte, und frug Josephinen, welcher Zufall sie hierher bringe, da man sonst hier gar nicht gewohnt sey, Fremde zu sehn.
Josephine antwortete kurz: Ich glaube hier in meinem eignen Hause zu seyn, und komme nicht durch einen Zufall, sondern in der Absicht hierher, meinen Gemahl zu erwarten. Wollen Sie wohl so gutig seyn, mein Kind, und mir ein Zimmer anweisen?
Mariens Wangen fingen an zu gluhen. In Ihrem eignen Hause? sagte sie, ein wenig beleidigt durch den stolzen Ton, in dem die Grafin sprach. Mir dunkt, diese Wohnung gehort dem Grafen von Wodmar.
Ganz recht, versetzte Josephine, und da ich mit diesem verheirathet bin, so habe ich aller Wahrscheinlichkeit nach eben so viel Recht hier zu seyn, wie Sie, meine Liebe! ob Sie gleich andrer Meinung zu seyn scheinen. Darum bitte ich Sie noch einmal um ein Zimmer, denn ich bin ermudet.
Marie hielt Josephinen fur eine Verwandtin des Grafen, die dieses Mahrchen behaupten wollte, um sich desto mehr Gewicht zu geben. Mein Zimmer steht zu Ihren Diensten, sagte sie ein wenig unwillig, wiewohl ich viel zu gut weiss, dass Sie nicht die Gemahlin des Grafen sind. Er wird es nicht wenig schmeichelhaft finden, dass Sie so bestimmt behaupten, mit ihm verheirathet zu seyn.
Wie? ist er schon hier? rief Josephine.
Noch nicht, erwiederte Marie, aber ich erwarte ihn morgen.
S i e erwarten ihn, sagte Josephine empfindlich. Das ist doch sonderbar! Wer sind Sie denn, Mamsell, dass Sie ein Recht haben, ihn zu erwarten? Sind Sie die Tochter des Castellans, oder die Haushalterin? oder stehen Sie in besondern Verhaltnissen mit dem Grafen sind vielleicht gar der Magnet, der ihn so oft nach Nesselfeld zieht. Beinah sollt' ich es aus Ihrem entschiedenen Tone schliessen.
Marien verdross diese Begegnung unbeschreiblich. Sie konnte die Geringschatzung nicht ertragen, die ihr die Grafin bewies.
Wer i c h bin, weiss ich recht gut, antwortete sie, und wenn Wodmar da ware, durften Sie sich vielleicht dieses unartige Betragen nicht erlauben. Ich habe nicht nothig, uber das, was ich bin, zu errothen, aber vielleicht werden S i e es thun mussen, wenn Sie mich einmal naher kennen lernen, und einsehn, wie wenig ich verdiente, dass Sie mich so behandelten.
Diese Worte, die sie mit einem edlen Stolze sprach, machten Josephinen schweigen. Nun folgte sie ihr ins Zimmer, als ihr aber sogleich das Portrait ihres Gemahls in die Augen fiel, brauseten im Stillen die Wellen der Eifersucht von neuem. Wenn ich Sie anders behandelt habe, als Sie verdienen, sagte sie sanfter als vorher zu Marien, so vergeben Sie mir. Aber Ihr Benehmen gegen mich war gewiss auch nicht ganz, wie es seyn sollte. Ich hoffte, auf die Achtung und Gefalligkeit aller der Leute, die in meinem eignen Hause wohnen, Anspruche machen zu konnen. Sie sind mir aber mit einer Dreistigkeit und Zuversicht begegnet, als ob Sie selbst die Besitzerin dieses Landgutes waren. Sagen Sie mir doch, wer Sie sind, dass wir uns endlich einmal verstehen?
Marie kampfte mit sich selbst, ob sie sich entdekken sollte oder nicht. Zwar hatte ihr Wodmar die strengste Verschwiegenheit befohlen, und ihre Vernunft billigte seine Grunde. Aber da sie ganz gewiss glaubte, dass er des andern Tages selbst seinem Gaste ihre Verbindung entdecken wurde, um sie uber ihr stolzes Betragen zu beschamen, so konnte sie sich's nicht versagen, die Grafin roth zu machen.
Wenn ich Ihnen als die Frau dieses Hauses begegnet bin, versetzte sie Josephinen, so habe ich dadurch nicht mehr scheinen wollen, als was ich wirklich bin. Eine heimliche Heirath, fuhr sie fort, indem sie auf das Bild ihres Karls zeigte, hat mich zur rechtmassigen Frau dieses Mannes gemacht, von dem Sie mit so viel Zuversicht behaupten, er sey der Ihrige. Meine geringe Herkunft, deren ich mich nicht schame, halt meinen Gemahl ab, unsre Verbindung bekannt zu machen, so lange sein stolzer Vater lebt, der sie wieder trennen wurde; aber wenn ich auch nur im Stillen seinen Namen fuhre, so weiss ich doch, was ich ihm schuldig bin. Horen Sie morgen von ihm selbst die Bestatigung meiner Worte, und verzeihen Sie meine Auffuhrung, die sich an Ihrer Haushalterin freilich nicht entschuldigen liesse.
Immer bleicher wurde Josephine, und als Marie schwieg, konnte sie sich nicht mehr aufrecht halten, sondern sank bewusstlos in einen Sessel. Marie hielt in ihrer noch glucklichen Unwissenheit dies Erstarten der Fremden fur Schaam und Demuthigung, und suchte sie mit liebevoller Pflege und Sorgfalt zu ermuntern. Es gelang ihr, sie wieder zu sich selbst zu bringen. Josephine schlug ihre Augen auf, die in Thranen der Wehmuth schwammen. Arme Betrogne! rief sie, und fasste mitleidig Mariens Hand, die sie fur wahnsinnig zu halten anfing.
Ich bin nicht betrogen, sagte sie so sanft, als man die Meinung eines Kranken zu bestreiten pflegt: zu gleicher Zeit zog sie den Trauring von ihrem Finger, und reichte ihn ihr hin. Sehn Sie hier selbst das Unterpfand seiner treuen, gesetzmassigen Liebe.
Josephine nahm ihn mit bebender Hand. Arme Betrogne! rief sie noch einmal in einem noch schmerzlichern Tone, wie vorher, und zeigte ihr den ihrigen, und das Bild ihres Gemahls, das sie an einer goldnen Kette in ihrem Busen trug. Ein grausamer Betruger hat Dich mit falschen Hofnungen getauscht, und Dein Vertrauen in seine Redlichkeit gemissbraucht, um Dich zu verderben. Ich, ich bin Wodmars Frau, und bin es nicht heimlich, sondern im Angesicht seiner Familie und der meinigen geworden. Ihn zu uberraschen kam ich hierher, und finde Dich und das Ungluck meines Lebens!
Sie verhullte ihr Gesicht und weinte. Marie stand da wie vernichtet. Indem trat Hannchen herein, und trug den kleinen August seiner Mutter entgegen. Sieh hier die Zuge des Verrathers in diesem unschuldigen Gesicht, rief Josephine mit Heftigkeit, indem sie den Kleinen in ihre Arme schloss. Jetzt schwankten Mariens Kniee, und sie warf sich blass wie der Tod auf das Sopha.
Frau Kohler kam herein, das ganze Haus lief zusammen, die Grafin befand sich so krank, dass man sie zu Bette bringen musste. Marie lag nach einer Stunde noch immer unbeweglich in ihrer vorigen Stellung, weit offen und ohne Thranen ihr starres Auge, vor sich hinblickend, und unvermogend, nur ein Wort zu reden.
Am Bette der Grafin erfuhr Frau Kohler den ganzen schrecklichen Zusammenhang des Unglucks ihrer Nichte, und nur die Wiederholung der Geschichte der Grafin vermochte Marien aus ihrem dumpfen Hinbruten zu wecken. Wild rollte ihr Blick, wie die Verzweiflung, und in ihrer Seele wogte ein Meer von tobendem Schmerz. Die ganze Verratherei des Mannes, den sie angebetet hatte, war ihr nun klar, und erfullte sie mit Abscheu und Verachtung. Aber mit tausend Dolchen durchfuhren diese Gefuhle ihr Herz, in dem sein Name mit unausloschlicher Schrift, von der Hand der Liebe geschrieben, brannte, denn nichts zerreisst das Innere mehr, als wenn Verachtung an die Stelle der Zartlichkeit tritt.
Sie schwankte zu Josephinen; diese fuhlte durch alles, was sie durch Frau Kohler von Marien erfahren hatte, die lebhafteste Achtung fur ihre Tugend, und das innigste Mitleid fur ihr Ungluck. Ich bin nicht strafbar, sagte sie mit leiser gebrochner Stimme, beurtheilen Sie mich nicht so hart, wie mein Schicksal ist. Ach die Wahrheit schien auf seinen Lippen zu wohnen, und mein Herz voll Liebe glaubte ihm nur allzuleicht!
Josephine umarmte sie, und nun vermischten beide ihre Thranen. Es erleichterte Marien ihren Kummer, dass sie endlich weinen konnte. Und nun? was willst Du thun? frug Frau Kohler. Ihn niemals wieder sehn! versetzte Marie fest und mit Emporung. Ich will gehn, so weit mich meine Fusse tragen, es wird doch irgend ein Winkel in der Welt seyn, wo ich mich und meine unverdiente Schande verbergen kann. Vater in der Ewigkeit! seufzte sie unter hellen Thranen, ich habe die Lehren nicht leichtsinnig vergessen, die du mir auf dem Sterbebette gabst! Tief waren sie in mein Herz geschrieben, aber ein Bosewicht gewann meine Liebe durch Heuchelei, und meine Arglosigkeit riss mich ins Verderben. Aber ich habe nicht mit meinem Willen gesundigt, und der Ewige wird mir vergeben!
Nein, Sie mussen mich nicht verlassen, Marie! sagte Josephine. Bleiben Sie bei mir als meine Freundin, als meine Schwester, als die Gefahrtin meines Unglucks und meiner kunftigen truben einsamen Tage.
O gnadige Frau! rief Marie, ich empfinde tief die Grosse Ihrer Seele, mit der Sie mich behandeln. Aber kann ich je den Frieden wieder erlangen, um den mich Ihr grausamer Gemahl betrog, so ist es nur fern von allem dem moglich, was mich an ihn erinnern konnte. Lassen Sie mich diesen Ort fliehn, eh' noch die Nacht anbricht, denn morgen ach morgen hiess er mich ihn erwarten, und ich kann seinen Anblick nicht mehr ertragen!
Neunzehntes Kapitel
Aber wo wollen Sie hin? fragte Josephine. Fremd, vielleicht ohne Geld, in dieser leeren, Ihnen unbekannten Gegend? Nein, Sie mussen bleiben, bis ich Ihnen und Ihrer Verwandtin ein lebenslangliches, reichliches Auskommen gesichert habe.
Wie, beste Grafin? antwortete Marie, ich sollte hier bleiben, wo mich alles an die goldnen Hofnungen mahnt, mit denen ich dieses Haus betrat, und mit denen ich zuversichtlich in die Zukunft blickte? Ich sollte den Mann wiedersehn, der mich um die Ruhe, um das Gluck meines ganzen Lebens betrog? ich sollte vielleicht von der Hand meinen Unterhalt annehmen, die mich ins Verderben stiess? Nein, lassen Sie mich fort ich habe eine ansehnliche Summe, die mein eigen ist. Diese und die Arbeit meiner Hande wird mich und meine Tante ernahren, und der Abscheu, den ich jetzt fur ihn empfinde, wird mir Kraft geben, die Beschwerlichkeiten meiner Flucht zu ertragen.
Marie entfernte sich, und rief die ganze Starke ihrer Seele zusammen, um fest und entschlossen zu seyn. Schon war es Abend geworden, und kalt und feucht wehte die herbstliche Luft. Aber wie wenig wirken aussere Gegenstande auf ein Herz, das die Nothwendigkeit fuhlt, sich von dem loszureissen, den es liebte, um dem Gebote der Moralitat und der Verzweiflung zu folgen! Sie offnete ein Kastchen, das seine Briefe enthielt, packte sie zusammen, und hinterliess sie, ohne sie wieder anzusehn, der Grafin, als die Rechtfertigung ihres ehemaligen glucklichen Wahns. Die Geschenke, mit denen sie die Freigebigkeit des Grafen so reichlich uberhauft hatte, legte sie diesen Briefen bei, und riss sich mit blutendem Herzen von allem los, was ihr ehemals werth war.
Aber, wandte Frau Kohler ein, als sie die Anstalten zur Entfernung auf immer sah, ist es denn nicht genug, dass Dich der Graf durch eine falsche Heirath betrogen hat, soll er auch nicht einmal zur Strafe seines Verbrechens die Sorge fur unser anstandiges Auskommen haben? Sey klug, Marie! und bleibe da! Dass Du nicht wieder mit ihm lebst, billige ich sehr, denn es ware Sunde. Aber so aufs Gerathewohl in der Welt herum zu irren, ist er nicht werth, und ich bin zu alt und schwachlich, um Dir folgen zu konnen. Lass uns hier bleiben, und der Grafin die Sorge fur unsern Unterhalt uberlassen.
Frau Kohler war eine gute Frau, und so wie Marie, gebildeter als ihr Stand. Aber das feine Gefuhl ihrer Nichte hatte sie nicht, und sie wusste nicht, dass einer zarten Empfindung nichts schrecklicher ist, als Wohlthaten von einer Hand, die sie verachtet.
Wohl, sagte Marie kalt und bitter, so bleiben Sie denn, und leben Sie in Ueberfluss von dem Gnadengehalt des Verrathers. Ich will allein fort, denn ich ziehe eine Armuth in Ehren dem Reichthum eines Menschen vor, den ich verabscheuen muss. Frau Kohler suchte sie zu beruhigen, und Marie schien still uber den Entschluss nachzudenken, den sie fassen wollte. Aber er war schon fest. In einem Tuch verwahrte sie einige Wasche und ihr ererbtes Geld, und unbemerkt und leise schlich sie sich in dunkler Nacht die Treppe hinunter, und zum Hause hinaus.
Noch einmal blickte sie zuruck, nach den duster erleuchteten Fenstern ihres lieben, unvergesslichen Zimmerchens. Ach ein matter Schein stahl sich durch das dunkle Epheu, das es mit treuer Anhanglichkeit umgab, und zitterte herab auf den bereiften herbstlichen Boden. Unwillkuhrlich musste sie an alle die seligen Stunden denken, die sie innerhalb seiner traulichen Mauern an der Seite ihres Wodmars verlebt hatte, und vor dem Wonnegefuhl der Erinnerung verstummten noch einmal ihre Schmerzen, um dann desto heftiger zu toben. Ein paar Thranen stiegen in ihr Auge, und rasch wandte sie sich um. Fort, fort, sagte sie zu sich selbst, und die ganze Grosse ihres Unglucks uberfiel sie jetzt; o dass sich meine Vernunft mit meinem Glucke verloren hatte!
Sie ging muthig zu, da sie wusste, dass weder ein Graben noch ein Fluss das ewige Einerley dieser flachen Gegend unterbrach. Die Nacht wurde kalt, aber heiter, und ihre Dunkelheit erhob das Flimmern der Sterne am weiten Horizont, den sie uberschauen konnte. Ohne zu wissen, wo sie sich befand, war sie mehrere Stunden durch die steinigten Felder gegangen, und nach und nach verlor sie Nesselfelds matt erhellte Fenster aus den Augen. Endlich bemerkte sie einen rauhen Weg, den sie einschlug, weil sie hoffte, er werde sie zu Menschen fuhren. Aber hier verliessen sie ihre Krafte, und sie hatte Muhe, die einsame Fichte zu erreichen, die ihr der blasse Schimmer der Sterne zeigte. Hier warf sie sich nieder, und die Erschopfung und Mattigkeit, die sie fuhlte, schienen ihr die Vorboten des Todes zu seyn. Wie gern ware sie gestorben, da sie ihre Freuden uberlebt hatte! Ihre Gedanken fingen an sich dunkel in einander zu mischen, und sie glaubte das Ende ihres Lebens herannahen zu sehen. Eine unbeschreibliche Mudigkeit druckte ihr Auge zu, und sie fiel nicht in die Arme des Todes, sondern eines tiefen fast todtenahnlichen Schlummers.
Er dauerte noch in seiner ganzen ersten Festigkeit, als sie ein starkes, unsanftes Schutteln daraus erweckte. Langsam schlug sie die truben Augen auf, und erblickte einen braunen, von der Sonne verbrannten, gemeinen Mann, mit einer ehrlichen offnen Physiognomie, der in der linken Hand eine derbe Peitsche hielt, und mit der rechten bemuht war, sie aus dem Schlaf, der ihm bedenklich schien, zu ermuntern. Dabey war es heller Tag, und die Sonne schien sanft und warmend vom klaren blauen Himmel herab.
Wo bin ich? frug Marie mit heiserer Stimme, denn der nachtliche Frost hatte sie erkaltet. Auf der offnen Landstrasse, Jungfer! erwiederte der Mann mit einer Miene voll Verwunderung und Theilnahme. Wo gedenkt Sie denn hin, so allein? Wo ich hingedenke? versetzte Marie, und brach in einen Strom von Thranen aus. Ach meine Heimath ist nirgends mehr! Der Mann schuttelte den Kopf. Ey, Sie muss doch wohin wissen, sagte er gutmuthig, indem er ihr aufhalf; aber Marie fuhlte eine schmerzliche Lahmung in allen ihren Gliedern, und sank kraftlos wieder zuruck. Sey Sie gutes Muths, und hor' Sie auf zu weinen! Unser Herrgott verlasst Niemanden, der auf ihn baut; warum denn also Sie? Verzage Sie nicht; wenn Sie wirklich keine Heimath hat, so kann Sie leicht eine finden. Fleiss und Gottesfurcht lassen nicht zu Schanden werden!
Der redliche Ton und der biedre Ausdruck in seinem Gesicht, der diese trostenden Worte begleitete, ruhrten Marien. Sie bemerkte hinter sich einen kleinen Karrn, mit weisser Leinwand uberbaut, und mit einem einzigen Pferde bespannt, welcher ihrem unbekannten Freunde anzugehoren schien. Guter Mann, sagte sie, und bemuhte sich, ihre stromenden Augen zu trocknen, ich bin nicht so arm, dass mich d e r M a n g e l so tief betruben sollte; ich habe Geld, so viel ich zu meinem Unterhalt brauche, wenn es nur hier ruhiger war'! hierbey wies sie auf ihr Herz. Ich will nicht nach Ihrem Kummer forschen, Jungfer! antwortete der ehrliche Karner. Es weiss ein jeder, wo ihn der Schuh druckt! Aber ich sollte meinen, ein so junges Blut, wie Sie, konnte unmoglich schon viel Herzeleid in der Welt erlebt haben. H i e r kann Sie doch mein' Seel' nicht bleiben, es mag Ihr gegangen seyn, wie es will. Hat Sie Lust, so setze Sie sich in meinen Karrn, ich fahre eben ledig nach Hause, und will Sie umsonst mitnehmen, so lang bis es Ihr beliebt auszusteigen. Da, fuhr er fort, und holte aus seiner Tasche ein Stuck schwarz Brod und eine kleine Flasche mit Brandtewein, welches er ihr hingab, erquicke Sie Sich mit Speise und Trank, und hernach, wenn Sie mit will, soll's fort gehn.
Dankbar nahm Marie den gutherzigen Vorschlag des Karners an, und stieg mit seiner Hulfe in das nicht unbequeme Fuhrwerk, unter dessen Leinwandshimmel sie ein weiches Heulager fand. Der Fuhrmann schwang seine Peitsche, und langsam rollte der Karrn mit ihr dahin.
Sie hatte nicht viel Zeit, den traurigen Gedanken nachzuhangen, die ihr ihr Schicksal bot. Ihr Fuhrer war in einer gesprachigen Laune, und suchte sie, indem er nebenher ging, bald durch ein Liedchen, das er sang oder pfiff, bald durch Erzahlungen aus seinem hauslichen Leben zu unterhalten. An mir, sagte er, hat sich Gottes Segen reichlich bewiesen. Ich war vor zehn Jahren ein armer Bursch, und erwarb mir mit Dienen mein sparsames Stuckchen Brod. Mein Herr hatte ein grosses Freygut, und pflegte sein Getraide viele Meilen weit zu verfahren. Da er nun sah, dass ich treu war, und das liebe Vieh wohl in Acht nahm, so ubertrug er mir's, und ich musste viele Fuhren thun, die mir gluckten. Liese, die Hausmagd, war eine flinke Dirne, und ich wurde bald gewahr, dass sie mir allemal ein freundlicher Gesicht machte, wenn ich wieder kam, als wenn ich wegfuhr, woraus ich schloss, dass sie mir gut war. Ich konnte sie ebenfalls leiden, denn sie hatte schwarze Augen und rothe Backen, und war fix und gewandt, aber ich dachte: Konrad, geh' nicht so geschwind zu Werke! es gehort mehr als das zu einer guten Frau. Ich liess mir nichts merken, dass sie mir wohl gefiel, sondern gab Acht, und erkundigte mich unter der Hand, wie sie sich auffuhrte. Da sah ich denn selbst, und horte auch von andern, dass sie ein fleissiges, ehrbares, vertragliches Madchen war, die jedem das Seine gab, und still und ordentlich vor sich hin lebte. Nun erst frug ich: Liese, willst Du mich haben? Sie wurde roth bis uber die Ohren, hielt die Schurze vor die Augen, gab mir die Hand, und sagte: Ja! Das war nun wohl ganz gut, aber wovon leben? Liese hatte nichts als ein paar flinke Arme und ein ehrlich Gemuthe, und ich hatte bis jetzt auch noch nicht dran gedacht, etwas von meinem Lohne zuruck zu legen, denn ob ich gleich weder ein Spieler noch ein Saufer war, so liebt' ich doch Sonntags meinen Tanz, und versaumte keinmal, mich in der Schenke einzufinden, wo ich denn auch was aufgehn liess. Aber das wurde nun anders. Ich kam nicht mehr zum Hause hinaus, und ersparte jeden Groschen zu meiner kunftigen Wirthschaft. Liese machte es eben so, und nach ein paar Jahren hatten wir schon so viel gesammelt, dass wir uns konnten ein Huttchen mit einem Garten kaufen, welches eben im Dorfe feil war. Weil es baufallig war, bekamen wir es um einen geringen Preis, und ich wandte nun alle meine Feyerabende an, es auszubessern, und in guten Stand zu setzen. Endlich nahm ich Liesen, und kriegte eine gute, fleissige Frau an ihr. Wir tagelohnerten, und Liese spann noch nebenher; so verdienten wir reichlich was wir brauchten, und konnten noch einen Sparpfennig zurucklegen. Wie der nun allmahlig heranwuchs, schafft' ich mir ein Pferd und den Karrn an, weil ich mit dem Geschirr wohl umzugehn wusste, und that fur meinen ehemaligen Herrn, der mir immer noch wohlwollte, Fuhren fur's Geld. Jetzt hab' ich doch nun so viel erubrigt, dass der Hafer, den der Gaul frisst, auf meinem eignen Acker wachst, und dass ich das Getraide selbst kaufen kann, was ich verfahre. Dabey bin ich gesund und frohlich. Komm' ich nach Hause, so freut sich mir das Herz im Leibe, wenn ich meine freundliche Frau, und die vier gesunden Kinder seh', die sie mir gebohren hat. Dann ruh' ich mich wieder aus, besorge das Hausliche, mache mir einen guten Tag, und fahre dann wieder in die Welt hinein. O Sie glaubt nicht; Jungfer! was das fur ein frohes Leben ist. Alles was ich habe, hab' ich eignem Fleisse und meiner Zuversicht auf Gott zu verdanken, der mich niemals verlassen hat, und dies macht gutes Blut und frohe dankbare Herzen.
Marie horte den biedern Karner an, ohne ihn zu unterbrechen, aber ihrem Herzen, so wund und krank, gab die Schilderung seines einfachen hauslichen Glucks schmerzhafte Stiche.
Er blieb bei seinem Stande, seufzte sie, und strebte nicht nach einem hohern! O warum verleitete mich die Liebe, den meinigen zu vergessen?
Zwanzigstes Kapitel
Marie machte mit diesem Fuhrwerk einige Tagereisen, und es war ihr gleichgultig, in welchen Winkel der Erde es sie fuhren wurde. Die ganze Entwickelung ihres Schicksals dunkte ihr ein furchterlicher Traum zu seyn, aber vergeblich sah sie dem lindernden Augenblick des Erwachens entgegen. Abgeschiedenheit von der Welt und ihren Tauschungen war das einzige, was sie noch wunschte, und wohl ihr, dass ihre Fantasie ihr ihr Ungluck mit ungewissen Farben malte, sie oft ganze Stunden in dem Wahn liess, als habe sie getraumt, sie wurde sonst der Schwere desselben unterlegen seyn. So gewohnte sie sich nach und nach, fest ihren Blick auf die untergesunknen Trummer ihrer ehemaligen Seligkeit zu heften; sie gewohnte sich daran mit einer Ruhe, die nur das Bewusstseyn der reinsten Unschuld gewahrt, mit einer Verachtung, die an Grosse ihrer vorigen Liebe glich, dem fliehenden Schattenbild ihrer Freuden nachzusehn, und an den Unwurdigen zuruck zu denken, der ihr ehedem so werth war. Nicht als ob es ihr l e i c h t geworden ware, ihn zu vergessen; o nein, wahre Liebe, besonders wenn es die erste ist, die sich eines Herzens bemachtigte, baut ihrem Abgott in dem Heiligthum seines Innersten einen Altar, den nur muhsam die Hand der Zeit, selbst der gegrundeten Verachtung, umzusturzen vermag. Aber wenn sie das gefahrliche Gift der Liebenden, die schwarmerische, susse Erinnerung ihres sonstigen Glucks mit vollen Zugen schlurfen wollte, mischte sich ihr gemisshandeltes Gefuhl in das Andenken jener reizenden Vergangenheit, und verschwunden war dann die Glorie von Schonheit und Edelmuth, mit der ihre Einbildungskraft den Ungetreuen umgab. Sie lernte ihn verachten, und in einer reinen, weiblichen Seele ist dies der erste, entscheidendste Schritt zum ewigen Vergessen. Mit der Achtung losen sich die zartesten Bande des gegenseitigen Vertrauens auf, und die Liebe stirbt mit ihr dahin.
Am vierten Tage, als Konrad ruhig neben dem Karrn herging, und eben sein Morgenlied sang, erhob er auf einmal freudig Blick und Hand, und rief mit einer Stimme voll Gefuhl und Ruhrung: Dort, dort! indem er auf eine Kette von blauen, mit Duft umflossenen Gebirgen wies, die sich ihnen aus der Ferne entgegen hob; dort, setzt' er endlich hinzu, dort wohnen meine Frau und meine Kinder!
Die nahen Freuden des Wiedersehns machten ihn stumm, und Marien ihre Plane fur die Zukunft. Sie hatte mit ihrem gutherzigen Freund ausgemacht, dass sie gegen ein billiges Kostgeld, welches Liese bestimmen sollte, in seiner Hutte leben, und sich ganz nach ihrem eignen Willen beschaftigen wollte, aber die tiefe Schwermuth, die ihr ihr Ungluck gab, bedurfte so sehr eines theilnehmenden Wesens, dem sie ihren Kummer ausschutten konnte, um sich seine Burde zu erleichtern, sie war so sehr an einen vertraulichen, ihr angemessnen Umgang gewohnt, dass sie zum erstenmal bereute, die Bedenklichkeiten ihrer Muhme, ihr zu folgen, nicht mehr bestritten zu haben. Der Gedanke war ihr unertraglich, sie noch in Nesselfeld und abhangig von den Wohlthaten des Grafen zu wissen. Oft dachte sie an ihn zuruck mit einer sonderbaren Mischung von halb erstickter Liebe und Unwillen. Sie dachte sich sein Erschrecken, wenn er sie nicht wieder finden wurde, seine Trauer um ihren Verlust, seine Reue uber sein Verbrechen. O, dann war ihr Herz nur gar zu geschaftig, sein Bild mit den vortheilhaftesten Farben sich zu entwerfen, und ihren Zorn zu mildern. Weinend blickte dann ihr Auge zuruck, in die festlichen Tage der Vergangenheit, und nicht selten beschlich sie der leise Wunsch, der ihr allezeit eine Schamrothe kostete, dass sich der Schleier von neuem fest und dicht in einander weben mochte, der ihr ehemals die Tucke seines Herzens verhullte, oder diesen gestand sie sich schon selbst mit weniger Beschamung: dass er sich entschuldigen konnte, um doch wenigstens ihre Freundschaft zu verdienen. Aber alles war umsonst! Zertrummert war mit ihrer Hoffnung auch ihre Ruhe, und ihr blieb nichts ubrig zu ihrem Trost, als das stolze Selbstgefuhl, sich edel betragen zu haben, das so oft der Betrogne vor dem Betruger voraus hat.
Josephine war indessen nicht glucklicher. Sie hatte alles fur ihn gethan, was Pflicht und Liebe forderten, und durch das Opfer ihrer ersten Neigung, das sie ihm gebracht, durch die ganze Hingebung ihres Wesens und durch die Innigkeit, mit der sie an ihm hing, glaubte sie die heiligsten Rechte auf seine Treue erworben zu haben. Was hatte wohl tiefer ihr feinfuhlendes Herz verwunden konnen, als die Untreue des Mannes, den sie liebte, und der durch die feierlichsten Gelubde der Ihrige war! Das Gluck ihrer Ehe schien ihr unwiederbringlich dahin zu seyn!
Wie oft bereute sie nicht den Einfall, ihn zu uberraschen. Ohne ihn lebte sie noch glucklich in dem sussen Wahn, der ihr den Besitz seiner vollen Liebe und Treue vorspiegelte; ohne ihn ware auch Marie noch glucklich, fur die sie Mitleid und Achtung empfand. Als man sie gegen Morgen vermisste, und ohngeachtet alles Suchens nicht fand, war sie ausser sich. Sie furchtete, ohne dass sie wagte, Frau Kohler ihre Sorge zu gestehen, dass die Arme, Verzweifelnde sich durch eine rasche Handlung mochte gewaltsam von dem vernichtenden Gefuhl ihres Elends befreyt haben, und ihre Fantasie, die jetzt alles im schwarzen Licht erblickte, malte sich die schrecklichsten Bilder.
Endlich kam der Graf an. Schnell, und mit unruhig pochendem Herzen sprang er aus dem Wagen, und sturmte die Treppe heran. Ihm begegnete Frau Kohler. Wo ist Marie? fragte er, aber sie wandte sich mit einem Blick, der ihren ganzen Abscheu ausdruckte, von ihm weg, ohne ihn einer Antwort zu wurdigen. Er offnete verwundert die Thur ihres Zimmers, wie dunkte es ihm so todt und verlassen! Marie, rief er, wo bist Du? da trat Hannchen aus dem Schlafzimmer, und er erstarrte. Wie kommst Du hierher? schrie er mit einem furchterlichen Blick, und sie erzahlte ihm mit wenig Worten den ganzen Lauf der Sache.
Bey der Heftigkeit, die der Hauptzug seines Karakters war, schon vorher gereizt durch Frau Kohlers rathselhaftes Schweigen, stieg sein Zorn jetzt aufs Aeusserste. In seinen eignen Augen dunkte er sich in diesem Moment weniger strafbar als Josephine, die er fur die neidische Zerstorerin seiner geheimen Freuden hielt. Der Gedanke, Marien verloren zu haben, ihr jetzt vielleicht eben so abscheulich als ehedem werth zu seyn, brachte ihn der Raserey nahe. Der Kastellan, das Hausgesinde, selbst die treue Pallas, die doch seinen Verlust zu theilen schien, musste seinen Zorn fuhlen; er sandte alles aus, das Madchen seines Herzens zu suchen, und die Nachricht, dass man keine Spur von ihr entdecken konnte, erhohte seinen Schmerz und die namenlose Verzweiflung, die sich seiner Seele bemachtigt hatte.
Endlich gewann er es uber sich, vor das Bett seiner Gemahlin zu treten. Madam, hub er mit strenger Stimme an, ich habe nicht gehandelt, wie ich sollte, aber ich kann mich entschuldigen. Die gluhendste Liebe fesselte mich schon an Marien, eh' ich Sie noch kannte, und ihre Tugend vernichtete alle die Hoffnungen, mit denen ich nach ihrem Besitz strebte. Ich fasste den Entschluss, sie zu vergessen, denn ich bebte damals vor dem Gedanken zuruck, sie zu betrugen, und mit dem Vorsatz, Ihnen, wenn auch nicht meine Liebe, doch meine Aufmerksamkeit zu weihen, kam ich, um den Wunsch unserer Familien zu erfullen, und Ihnen meine Hand zu geben. O, Josephine! seine Stimme wurde sanfter, und durch Wehmuth gebrochen, weniger Stolz und mehr Warme von Ihrer Seite hatte mich damals an Sie gefesselt, und die Wunsche nach belohnter Liebe, deren Ziel nun Marie lebhafter als jemals wurde, in mir erstickt. Ihre Nachsicht und Gute, nur mit dem leisesten Schimmer von Zuneigung verbunden, hatte meine wilde Leidenschaft bezwungen, meine leichtsinnigen Grundsatze verbessert, und mich zum guten, glucklichen Menschen gemacht. Aber ich fuhlte nur allzu deutlich, dass Sie mit dem grossten Kampf dem Befehl Ihrer Eltern folgten, und dass Sie mit blutendem, widerstrebendem Herzen mir aus Pflicht verstatteten, Sie zu besitzen. Die Kalte, die Sie mir wahrnehmen liessen, die gleichgultige Verachtung, mit der Sie meine Gesinnungen beantworteten, statt mir liebevoll und duldend den bessern Weg zu zeigen, emporte meinen Stolz, und befriedigte die Forderungen eines Herzens nicht, das einst von Marien geliebt worden war. Ich musste Sie achten, aber lieben konnte ich Sie nicht! In meiner Seele stieg Mariens reizendes Bild wieder auf, und die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte mit doppeltem Feuer, da der Ihrige nur meine Eigenliebe verwundete, und mir die Achtung fur mich selbst raubte.
Diese allein war vorher der Schutzengel, der uber Mariens Tugend und der meinigen wachte. Ich errothete oft vor mir selbst, wenn ich mich beim Nachsinnen der Moglichkeiten antraf, durch die Marie auf eine unrechtmassige Weise mein werden konnte. Ich hielt mich fur besser als ich war, und dieser Glaube schutzte mich vor dem Sinken. Aber nun, als er dahin war, als Ihr Stolz auf Ihre unbefleckte Tugend mir so bitter hatte fuhlen lassen, wie viel mir fehlte Ihnen gleich zu seyn, da wagt' ich es Plane zu entwerfen, und Dinge zu denken, vor denen ich sonst mitten in meinen Ausschweifungen zuruck geschaudert ware. Ich sah Marien wieder, ich gewann sie durch das Versprechen einer heimlichen Heyrath, sie wurde vollzogen, und ich lernte von diesem guten, edlen, sanften Geschopf in glucklichen Stunden, die nur das Bewusstseyn meines Betrugs trubte, welche unglaubliche Kraft die moralische Natur des Menschen hat, sich unter dem Beyspiel bescheidner, schonender Gute wieder empor zu richten und zu veredeln, wenn sie auch noch so tief gesunken ist.
Ich empfand wieder den Werth meiner Bestimmung, fuhlte wie ich hatte handeln s o l l e n , und bereute mein Vergehn, trotz dem Gluck, das ich in Mariens Armen fand. Auch dass ich gegen Sie meine Pflichten verletzt, und gewissermassen Ihr Geringschatzung durch meine Handlung gerechtfertigt hatte, vermehrte meinen Kummer, aber ich sah Marien glucklich in ihrem Wahn, und gelobte mir, ihn zu verlangern, um ihrer Ruhe zu schonen.
So sah ich Sie wieder, und fand Sie verandert. Wo ich Fremdheit und Gleichgultigkeit erwartete, kam mir Liebe und Sanftmuth entgegen, und unsre gemeinschaftlichen Hoffnungen auf den Knaben, den Sie unter Ihrem Herzen trugen, knupften mich mit den Banden der innigsten Achtung und des warmsten Antheils an Ihr Wesen. Aber ach! es war zu spat, den Besitz meiner Liebe zu verlangen. Er gehorte Marien, die ihn durch tausend liebenswurdige, fruher erkannte Eigenschaften erworben hatte, und die auch trotz der Ferne mir nahe blieb, und immer auch durch andre Gegenstande zerstreut, meiner Seele gegenwartig war!
Das Geheimniss meiner Liebe zu Marien ward Ihnen verrathen, und Sie benutzten meine Abwesenheit, ein Gluck zu zerstoren, das mir die Vorwurfe meines Gewissens so oft verbitterte. Zu gut ist es Ihnen gelungen, und Marie ist fur mich auf immer verloren, ist vielleicht ein Raub ihres Schmerzes geworden. Aber triumphiren Sie nicht! Ich bin strafbar, und bekenne es frey, aber Sie wissen, warum ich es ward, und ich finde Entschuldigung genug in meinen Grunden fur mein Betragen gegen Sie, und Strafe genug durch die ewig tobende Holle in meiner Brust bei der Erinnerung meiner betrognen, unvergesslichen Marie! Leben Sie glucklich, aber fern von dem Menschen, der Ihnen nun nichts mehr seyn kann. Ich will mich bemuhen, mit Ergebung mein grausames Schicksal zu tragen, und Marie soll die Gottheit meiner reuigen Thranen seyn. Sorgen Sie fur meinen Sohn, und bedauern Sie seinen Vater, den Ihre unselige Neugierde und Eifersucht unglucklicher machte, als es sein eignes Herz im Stande war.
Mit diesen Worten entfernte er sich rasch, liess in die vaterliche Umarmung des Kleinen, den ihm Hannchen entgegen trug, um ihn zu besanftigen, eine gluhende Thrane fallen, und verliess sogleich den Schauplatz seiner ehemaligen Freuden.
Ein und zwanzigstes Kapitel
Josephine war unvermogend, auch nur mit einem einzigen Laut die ernste, vorwurfsvolle Rede ihres Gemahls zu unterbrechen. Sie hatte nicht geglaubt, dass ihr erstes Wiedersehn von d i e s e r Art seyn wurde, und dass er sie mit Vorwurfen uberhaufen werde, da sie sich allein berechtigt glaubte, sie ihm zu machen. Ihr Herz sprach sie frey von seinen Beschuldigungen, sie war sich nur der zartlichsten Absicht bey ihrer Reise nach Nesselfeld bewusst, und mit tieferm Schmerz, als sie noch vorher empfunden hatte, erfullte sein Verdacht, und das Gestandniss, dass er sie nie geliebt habe, ihr Innerstes. Hatte die Entdeckung seiner Untreue ihre zarten Nerven schon erschuttert, um wie viel mehr blutete nicht die Wunde ihres Herzens bei der rauhen unverdienten Art, mit der er sie verliess. Sie wurde kranker, man holte einen Arzt, er zweifelte an ihrer Genesung. Wodmar liess nichts von sich horen.
Indessen besiegte doch die Geschicklichkeit des Arztes die Starke der Krankheit, und Josephine fing langsam an, sich zu erholen. Die Liebe zu ihrem Sohne war das einzige, was sie noch an die Welt fesselte, in der sie schon so viel gelitten hatte. Aber je mehr sie sich nun auf ewig von ihrem Gemahl geschieden glaubte, je fester schloss sie sich mit aller mutterlichen Innigkeit an den Kleinen an, den sie als eine vaterlose Waise betrachtete, und in dieser traurigen Rucksicht doppelt liebte. Frau Kohler war immer um sie, und oft unterhielten sie sich von Marien, deren Schicksal Josephine noch trauriger fand, als das ihrige. Hab' ich doch noch meinen August, sagte sie zu sich selbst, wenn ihr in stillen Stunden ihre Lage mit den dustersten Farben erschien, und die Gegenwart ihr nichts bot, sie uber die Vergangenheit zu trosten. Hab' ich doch meinen August und durch ihn Beschaftigung, und Ersatz fur mein Herz. Aber Marie, was hat die, das ihr Entschadigung ware fur den verschwundenen Zauber ihrer Tauschung, in der sie so glucklich war! Wodmar konnte unmoglich Marien so dringend aufsuchen lassen, als es Josephine that. Jede Eifersucht, jeder Unwille, die sie einst fur sie empfunden hatte, war nunmehr in ihrer edlen Seele zu dem Verlangen geworden, ihr Loos so viel als moglich ihr zu versussen. Aber alle ihre Nachforschungen waren vergeblich, und Frau Kohler beweinte oft die Ungewissheit uber ihren Zustand.
Marie war unterdessen glucklich in dem friedlichen Dorfe angekommen, das Konrad bewohnte. Es lag in einer schonen, waldigten Gegend, in einem Thal, von freundlichen Gebirgen begranzt. An einer netten, reinlichen Wohnung hielt der Karner, und bey dem Gerausch des Fahrens sturzte die ganze Familie, die eben beim Mittagbrod sass, mit einem lauten Freudengeschrei heraus, den Vater zu bewillkommen. Liese heftete einen fragenden, aber gutmuthigen Blick auf ihren Gast, und Konrad erzahlte ihr, wo und wie er sie gefunden, und dass ihre Absicht sey, kunftig unter ihnen zu leben. Herzlich gern, war ihre Antwort, die sie mit einem biedern Handedruck begleitete, und sogleich ruckte man der neuen Hausgenossin einen Stuhl und einen Teller hin, und that, als hatte man sich schon Jahre lang gekannt.
Was Marien vorzuglich an diesen unverdorbenen, braven Kindern der Natur wohlgefiel, war ihr einfacher, frommer, fleissiger Lebenslauf, die Gutherzigkeit, mit der sie alles, was sie hatten und was ihnen ihr Fleiss erwarb, mit ihren armern Nachbaren theilten, und gegen sie insbesondere, die Achtsamkeit, mit der sie ihren Kummer schonten, ohne nach dessen Ursach zu forschen. Zwar war Liese keineswegs von jener Neugierde frei, die man Evens Tochtern, und vielleicht nicht mit Unrecht, Schuld giebt; zwar hatte sie gern gewusst, warum Marie in der Bluthe der Schonheit und Jugend so traurig war, warum sich oft ihre lieben Augen mit grossen Thranen fullten, ohne dass sie in den aussern Gegenstanden Anlass dazu fand, wo ihre Heimath, wie ihre Geschichte sey: aber sie furchtete mit einer Schonung, wie man sie in hohern Standen nur selten fur Leidende nahrt, der sanften Unglucklichen weh zu thun, und wartete mit Verlaugnung ihrer Gefuhle den Augenblick ruhig ab, wo sie sich ihr von selbst vertrauen wurde. Dieser erschien bald, da Marie in Liesens Blicken die redlichste Theilnahme an ihrem Schicksal und den Wunsch, es zu wissen, las. Sie verschwieg ihr nichts, und ihre ruhrende Erzahlung, die den Stempel der Wahrheit trug, kostete Liesens Augen den Zoll des Mitgefuhls und der Wehmuth. Aber, sagte sie und nahm sie liebreich bey der Hand, als Marie geendet hatte, und beyde noch mit ihren Thranen kampften, aber Jungfer Mariechen, ist es der Mann auch wohl werth, dass Sie Sich so um ihn gramt und abharmt, in Ihren besten Jahren? Wer weiss, ob er nicht jetzt, wo Sie seufzt und die Hande ringt, auf neue List und Bosheit denkt, eine andere zu berucken, denn vornehme Herren sollen gar schlimm seyn! Troste Sie Sich mit Ihrem guten Gewissen, das Ihr das Zeugniss giebt, nicht wissentlich gefehlt zu haben, und fuhre Sie ferner einen frommen, christlichen Wandel, so wird sich Ihr Gemuth auch nach und nach beruhigen. Aber so muss es nicht bleiben, Mariechen! Sie kann und muss noch eine brave Hausfrau werden und ein gluckliches Leben fuhren. Oft ist der Morgen trube, aber am Mittag scheint doch die liebe Sonne und zertheilt die Regenwolken, die sich am Himmel gesammelt hatten, und auf einen sturmischen Tag folgt oft ein helles Abendroth. Fasse Sie Muth und vertraue Sie auf Gott, es wird sich gewiss ein rechtschaffner, braver Mann finden, wenn er auch kein Graf ist, der Ihr Ihr voriges Herzeleid vergessen und Sie zu einer glucklichen Frau macht.
Ach, gute Liese! seufzte Marie unter neuen Thranen, s e i n Andenken wird mir ein ewiges Gegengift wider fein ganzes Geschlecht seyn.
Ey nun freilich, versetzte Liese, ich rede nicht von heute und morgen. Aber es hat alles seine Zeit in der Welt, warum denn nicht auch Ihr Kummer? Lasse Sie ihn nur austoben, es wird schon wieder still in Ihrem Sinne werden, und hernach denke Sie dran, dass Sie nicht blos deswegen da ist, um uber vergangenes Ungluck zu klagen, sondern auch um sich druber zu trosten, und nicht uber den Kanarienvogel, den man einmal auf dem Dache sah, den Sperling zu verachten, den man mit der Hand ergreifen kann. Ich musste mich recht irren, wenn sich nicht der Mann, den ich fur Sie im Kopfe habe, recht fur Sie schickte. Es ist der neue Forster oben auf dem Waldenberg, ein junger, stiller, ordentlicher Mensch, der sich in der kurzen Zeit, da er hier ist, schon bey Alt und Jung durch seinen guten Wandel beliebt gemacht hat. Es kame auf eine Bekanntschaft an, und dafur will ich schon sorgen, wenn ich glaube, dass es die rechte Zeit ist; er ist schon ein paar mal hier eingesprochen, denn Konrad hat Fuhren fur ihn thun mussen. Da hat er sich mit den Kindern abgegeben, als ob sie sein eigen waren, besonders gewann er die kleine Marie lieb und schenkte ihr etliche Silberkreuzer. Dabei sah er sie immer an und seufzte dazu, als ob er dachte: Wer doch auch so muntre, gesunde Kinder hatte!
In Mariens Herzen fanden die gutgemeinten Absichten der ehrlichen Liese keinen gefalligen Eingang, doch war sie dankbar fur die Warme, mit der sie sich fur ihr Schicksal interessirte, aber sie dachte keineswegs daran, dieses zu verandern. Ihre Liebe zu Wodmar, die sich so fest und innig in ihr Wesen verwebt hatte, war ihr zu gewaltsam entrissen und vernichtet worden, als dass sie nicht hatte sollen eine grosse und sehr traurige Leere in ihrem Innern fuhlen, aber noch hing sie zu schwarmerisch an den Ideen einer e i n z i g e n Liebe, als dass sie hatte daran denken konnen, diese Leere durch eine zweite Neigung auszufullen.
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Durch Fleiss und Wohlthun suchte sie den Gram zu bannen, der an die Stelle ihrer ehemaligen Munterkeit getreten war, und er ging nach und nach in jene stille Schwermuth uber, die immer die Begleiterin einer unbelohnten Liebe ist. Sie verhullte sich gewaltsam die Bilder einer Zeit, in der sie von unerschopflichem Gluck getraumt hatte, und kampfte mit allen Kraften ihrer Seele gegen die schmerzlich-sussen Erinnerungen, die sich ihr aufdrangen wollten.
Der Geist ihres Vaters schien sie unterstuzzend zu umschweben, wenn ein leiser Seufzer bisweilen ihren vorubergegangnen Freuden nachfloh, und jedesmal verwandelte sich bei seinem Andenken die Sehnsucht ihrer halb erstorbnen Liebe in heissen, unversohnlichen Hass, wie ihn Wodmars unedles Betragen gegen sie verdiente.
Zwar uberhob sie die Summe Geld, die sie besass, aller Sorgen um ihren anstandigen Unterhalt, aber sie war an ein thatiges Leben gewohnt und wusste, dass immerwahrende Beschaftigung ihr die starksten Waffen in die Hand geben wurde, ihren Schmerz zu besiegen. Sie brachte also ihre Tage unter unablassiger Arbeit zu, und suchte zu nutzen, so viel es ihr ihre eingeschrankte Lage erlaubte. Konrad und Liese segneten den Augenblick, wo sie in ihr Haus gekommen war, denn sie belehrte und erzog mit der zartlichsten Sorgfalt ihre Kinder.
Die Madchen unterrichtete sie in weiblichen Arbeiten, die Knaben in Lesen und Schreiben, und dabei suchte sie einfach, aber mit dem ganzen Zauber der Wahrheit, der auf ihren Lehren ruhte, ihren Verstand und ihre Herzen zu bilden, so viel es ihr Bedurfniss fur ihren kunftigen Stand schien. Dies fesselte die guten, unverdorbenen Kleinen mit dem schonsten Bande, das die Menschheit verknupfen kann, mit dem der Dankbarkeit an sie, und gab ihr susse Sorgen und schwermuthige Freuden. Der Glaube an eine bessere Zukunft jenseits des Grabes, an die Vergebung ihres unwissentlich begangenen Vergehens, schmiegte sich in trostender Gestalt an ihren Kummer, und erheiterte ihn wie der Sonnenstrahl das finstre Gewitter, aber er erweckte auch ihr Verlangen nach einem zweiten Leben, und die Welt lag vor ihr wie ein Thal vom herbstlichen Nebel verdunkelt. Nur auf die Spuren, wo sie einst gewandelt war, hatte das Schicksal Rosen gestreut, aber ihr Duft war verflogen und ihre Dornen blieben dem verlassenen Herzen zuruck.
Liese hatte mit Konrad den Plan indessen besprochen, dem jungen Forster zu Mariens Bekanntschaft zu verhelfen, denn ihre gluckliche Ehe machte es ihr nicht glaubhaft, dass ein so isolirtes Leben, wie Marie fuhrte, auch seine Reize, besonders fur die haben konnte, die so bitter betrogen worden war. Konrad gab ihr vollkommen Recht, aber die Sache war schwerer als sie schien. Der Forster lebte eingezogen und einsam in seiner romantischen Wohnung auf dem Waldenberg und schien keine Heurathsgedanken zu nahren. Auch war die Geselligkeit eben nicht seine hauptsachlichste Tugend, denn er liess sich nur selten, und auch dann nur ganz von weitem sehn, wenn er mit seinem getreuen Hunde und dem Gewehr uber die Schulter die untern Waldungen durchstrich.
Vergebens hatte ihn Konrad einigemal, wenn er ihm begegnet war, eingeladen, in seiner engen, landlichen Klause bei ihm einzusprechen; er schutzte Geschafte vor und schlug es ab. Vergebens hatte die kleine Marie, noch eingedenk seiner ehemaligen Liebkosungen, nach dem Willen ihrer Mutter, als Herbst und Winter voruber waren, und die schonere Jahrszeit die ersten Erdbeeren reifte, diese in ein Strauschen gebunden, und sie ihm auf seinen einsamen Berg getragen, in der Hoffnung, ihr erneuertes Andenken werde ihn zu einem Besuch bewegen; er druckte die Kleine mit Innigkeit an seine Brust, gab ihr Spielwerk und Zucker und die Erlaubniss, so oft zu ihm zu kommen, als sie nur selbst wollte. Aber dabei blieb's, und da Marie sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, seine Bekanntschaft z u s u c h e n , und der Forster eben so wenig Verlangen bezeugte, die ihrige zu machen, so glaubten Konrad und Liese am besten zu thun, wenn sie diese Sache, wie so manches andre, was ihnen einst am Herzen lag, dem lieben Gott und dem Zufall uberliessen.
Marie war nicht mehr das schone, bluhende Geschopf, das sie in den Tagen ihres Glucks gewesen war. Ihre Wange war zwar noch voll, aber der Kummer hatte sie abgebleicht, und dem sonst so frohen, heitern Auge seinen Glanz genommen. Auf ihren Lippen thronte nicht mehr jenes susse Lacheln, das sonst mit unwiderstehlicher Anmuth zum Herzen drang; aber der sanfte, resignirte Gram, der in ihren Zugen wohnte, storte die Harmonie derselben nicht, und gab ihnen ein ruhrendes Interesse, wenn er auch die frische Bluthe der jugendlichen Frohlichkeit, und der Gesundheit der Seele gebrochen hatte, die man sonst in ihrem Gesichte las.
Ihre Leiden hatten ihr eben so viel gegeben, als genommen, wenigstens ersetzte der ruhige Ernst ihres Wesens die Heiterkeit, die man an ihr vermisste, und man konnte der edlen Art, mit der sie ihren Schmerz trug und uberschleierte, weder seine Achtung, noch sein innigstes Mitgefuhl versagen. Sie glich einer Lilie, die im durren Boden verschmachtet, aber noch sterbend ihre sussen Geruche verbreitet.
Einst lockte sie ein schoner Sommerabend ins Freie. Sie war zu ihrer burgerlichen Tracht zuruckgekehrt und hatte mit dem Wahn eines hohern Standes alles abgelegt, was er ihr zu erlauben schien. Einsam durchwandelte sie die schonen Fluren, ohne sie zu bemerken, denn ihre Fantasie versetzte sie in die Tage ihrer ersten Jugend, und rief ihr noch einmal mit sussumdammerten Farben den ruhigen, einfachen Genuss ihres hauslichen Glucks und der Erfullung ihrer kindlichen Pflichten zuruck. Auch an Ludwig dachte sie in dieser stillen Stunde, und die Vorstellung, ihn vielleicht unglucklich gemacht zu haben, mischte Wermuth in ihre lachelnde Erinnerung. So ging sie an dem Geholze dahin, und jeder Beweis von Gute und Liebe, den er ihr sonst gegeben hatte, stiess einen neuen schmerzlichen Dorn in ihre Brust. Sie hatte keine Nachricht von ihm, und ach! sie wunschte auch keine, weil es ihre Leiden noch vermehrt haben wurde, ihn um ihrentwillen traurend zu wissen. Ach wer weiss, sagte sie unter stromenden Thranen, ob er nicht mit Hass und Unwillen an die Ungluckliche zuruck denkt, die ihn mit falschen Hoffnungen betrog! Aber konnt' er mir sein Mitleid verweigern, wenn er wusste, wie bitter mich das Schicksal bestraft hat, dass ich der Stimme der Leidenschaft folgte? Konnt' er grausam genug seyn und mir, die ich so verarmt an jeder Freude bin, den Trost seiner Vergebung und seines Bedauerns versagen? Ach, mochte er glucklich seyn, glucklicher als ich, und mochte mein Bild ihm nur in einer sanften Stunde vorschweben, wo sein Herz geneigt ware, mir den Kummer zu verzeihen, den ich ihm machte! Sie warf sich unter eine hohe, majestatische Eiche und versank in ernste, wehmuthsvolle Traume. Auf einmal rief sie eine sanfte, gebrochene Stimme aus einer bessern Welt zuruck, in der sie schwarmte. Mein Herz ist geneigt, Dir zu vergeben. Marie! sagte die Stimme bebend und leise, wie die Ruhrung zu sprechen pflegt, ach, es vergab Dir schon langst und alle mein Unwille fiel nicht auf Dich, sondern auf Deinen Verfuhrer.
Erschrocken sprang sie auf und trocknete die von Thranen verdunkelten Augen, die sie verhinderten, die Gestalt zu sehen, die so sanft zu ihr sprach. Ach, es war Ludwig, bleich wie sie und abgezehrt vom stillen Schmerze einer vergeblichen Liebe! Sprachlos und starr stand ihm Marie gegenuber, und ihre Betrubniss war beredter wie ihre Lippe.
Marie, sagte Ludwig, erwarte keine Vorwurfe von mir. Dein blasses Gesicht und Dein rothgeweintes, erloschnes Auge sagen mir, dass Du unglucklich bist, und dieser ruhrende Anblick wurde meinen heftigsten Hass entwaffnen, wenn ich den jemals hatte fur Dich fuhlen konnen. Kann ich etwas beitragen, Dir Deine Lage zu erleichtern, so rechne ganz auf Deinen ersten, Dir immer treugebliebnen Freund, und seine Thranen liessen sich nicht langer zuruckhalten, er umfing sie in einer schmerzlichen krampfhaften Umarmung, in der sich alle ihre stechenden Wunden regten und beruhigten, durch die Qualen der Erinnerung und den Balsam der Freundschaft!!!
Marie war unvermogend, nach diesem Auftritt, der ihr Herz zerschnitt, zu reden. Sie verlangte nach Hause, und Ludwig fuhrte sie durch die schlummernden Gefilde nach dem Dorfe und ihrer Wohnung zuruck. Oben von dem Gipfel des Waldenbergs blickte ein freundliches Ziegeldach, von Tannen umgeben, herab in das Thal, und auf ihm glanzten noch die letzten Strahlen der schon untergegangnen Sonne.
Dort wohn' ich, Marie! sagte Ludwig, indem er hinauf wies, dort hab' ich einsam an Dich gedacht und um Dich getrauert, ohne zu wissen dass ich Dir so nahe war. O, wie oft hat mich die Ungewissheit Deines Schicksals gequalt, und doch hatt' ich mich nicht entschliessen konnen, Dir den Wahn zu nehmen, in dem Du so glucklich schienst! Marie druckte ihm stumm die Hand, mit einem zermalmenden Gefuhle in ihrem Innern.
Und so unerwartet muss ich Dich wieder finden, fuhr er fort, nachdem ich die Hoffnung aufgegeben hatte, Dich jemals wieder anzutreffen. Und so blass, so leidend! O, Marie, Du konntest Dich keiner ruhrendern Beredsamkeit bedienen, als dieser Spuren eines tiefen Grams, die ich in Deinem Gesicht lese. Aber verbanne sie, ich bitte Dich darum! Dein Herz ist rein, Du liessest Dich nicht verfuhren, nur betrugen, und dies muss Dir Beruhigung seyn.
Marie konnte nichts antworten. Nur dann und wann erwiederte ein leiser Druck der Hand, von einem Seufzer begleitet, die Herzlichkeit, mit der er sprach. Endlich erreichte sie die friedliche Hutte, die sie bewohnte. Ach Ludwig! sagte sie beim Abschied, Ueberraschung und innre Vorwurfe haben meine Zunge gelahmt, aber ich fuhle Deine Gute! Geruhrt und innig druckte er sie noch einmal an sein ehrliches Herz und sie schieden.
Drei und zwanzigstes Kapitel
Als sie in ihre Kammer trat, warf sie sich mit den Kleidern aufs Bett und liess ihre wunden Augen weinen, so lange sie wollten. Ach, diesem guten, edlen Menschen habe ich seine Hoffnungen und seine Freuden genommen, rief ihr Inneres mit allen seinen blutenden Wunden, und wie leicht war' es mir gewesen, ihn mit ein wenig Verlaugnung meiner selbst froh und glucklich zu machen. O, hatt' ich meine unbesonnene Liebe uberwinden konnen und ihm die Hand gegeben, von der er sich so vieles Gluck versprach! Sein argwohnloses Herz hatte nie geahndet, dass eine heftige Leidenschaft das meine erfullte, und meine ruhige Ergebenheit hatte ihm genugt! Nach und nach waren in einem burgerlichen, hauslichen Leben, wie es sich fur mich schickte, die bunten, strahlenden Farben verblichen, mit denen ich mir Wodmars Liebe mahlte, und der Sieg uber mich selbst hatte meines Vaters Sterbestunde erheitert. Ach, und alles dies hatte mir nichts gekostet, als die Aufopferung einer Liebe, die mir nun so grausam mit aller Ruhe und Heiterkeit aus dem Herzen gerissen wurde, dass es an der Leere brechen wird, die darin zuruck blieb!
Der sanfte Mond erhellte nach und nach ihr kleines Gemach, aber in ihrer Seele blieb dustre Nacht und ununterbrochne Schwermuth. Und wie, fuhr sie fort mit ungestillten Qualen sich zu denken, wie, wenn er noch jetzt den Flecken, den die Vergangenheit unverdienter Weise auf meinen guten Namen wirst, wieder ausloschen wollte, indem er mir erlaubte, den seinen zu fuhren? Wurd' ich, k o n n t ' ich es annehmen? Konnten auf den Trummern dessen, was ich ehedem war, noch Blumen der Freude fur ihn sprossen? Nein, nein, rief sie dann laut unter neuen Thranen, nein, Ludwig, Du verdienst mehr, als ich Dir seyn kann, Du verdienst eine Gattin, die Dir frey ins Auge zu sehn vermogend ist, ohne dass es feucht und beschamt zu Boden sinken muss, bey der Erinnerung voriger Zeiten.
Schlaflos brachte sie die Nacht unter Schinerzen hin, die sie sich selbst machte, und wie mit einem Fieber kampfend fand sie Liese am andern Morgen mit erhitzten, geschwollenen Augen, die die Spuren des Wachens und des Weinens trugen. Marie erklarte ihr alles, ihr ehemaliges enges Verhaltniss mit ihrem Vetter Ludwig, den sie in dem Forster wieder gefunden hatte, ihre Erwartungen eines erneuerten Antrags, und ihren Entschluss, ihn auszuschlagen. Liese fand diesen Vorsatz unbillig und unklug. Wenn jemand einen Fehler begeht, sagte sie, und bereut ihn, und mochte ihn gern ungeschehen machen, ists denn da nicht unsre Schuldigkeit, ihm zu vergeben? Und wie viel mehr ist der nicht zu entschuldigen, der ohne zu wollen fehlte, und demohngeachtet so herzlich bereut, wie Sie? Nein, Jungfer Mariechen! gebe Sie ihm in Gottesnamen Ihr Jawort, wenn er es verlangt, und mache Sie Sich keinen Kummer uber das, was geschehn ist. Und wenn Sie auch selbst mit Wissen und Willen in Unehren mit dem Grafen gelebt hatte, so musste man doch wegen Ihres guten, frommen Wandels n a c h h e r ein Auge zudrucken, und der Mann ware immer noch glucklich zu schatzen, der Sie bekame. Bedenke Sie auch, dass Sie dem Forster fur manches Herzeleid Entschadigung schuldig ist, das Sie ihm zugefugt hat, und dass es im Alter wohl thut, wenn alle Bekannten um uns her sterben und uns vorangehn, einen treuen Freund, der bei uns aushalt, und liebe Kinder zu haben, die uns die Augen zudrucken.
Liese wurde ihr noch mehr Grunde vorgelegt haben, wenn nicht ein Morgenbesuch des Forsters ihre Rede unterbrochen hatte. Sie hielt sich nun fur uberflussig, lachelte fromm und bedeutend auf Marien und entfernte sich mit der Zuversicht, dass e r mehr auf sie wirken werde, als s i e . Ludwig erschrak, als die erste Rothe der Ueberraschung voruber war, die sein Kommen auf ihre Wangen trieb, uber die kranke, leidende Gestalt, die ihm weniger bleich und zusammen gebrochen im Rosenlichte des gestrigen Abends vorgekommen war, uber das lebensmude Auge, mit dem sie ihn ansah, und uber die blassen Lippen, mit denen sie sich bemuhte, zu lacheln. Marie, meine geliebte Marie! Du bist sehr krank! rief er aus, heftig bewegt von ihrem Anblick, der ihn einst in der vollen, frischen Bluthe der Gesundheit so sehr entzuckt hatte.
Ich bin es, Ludwig! versetzte Marie sanft, aber in meinem Herzen wohnt meine Krankheit. Wie ein Leichenstein liegt der Kummer auf meiner Brust und seine Schwere wird sie erdrucken. Aber ruhig, glucklich wird sie nicht eher seyn, bis sie der wirkliche Leichenstein auseinander presst!
Ludwig konnte seine Augen nicht mehr beherrschen. O Marie, rief er, konnte denn meine innige Liebe den Gram nicht vermindern, der Dich darnieder beugt? Konntest Du wirklich dem Manne, den Dein guter Vater einst werth hielt, Dich zu besitzen, die susse Sorge fur Dein Gluck verweigern? Ich will ja Deine Liebe nicht, denn ich weiss, dass sie noch immer dem Verrather gehort, so gern Du Dir Deine Gefuhle auch selbst verbergen mochtest. Ich will nur Deine Freundschaft, nur das Recht, Dir so viel Freuden zu geben, als ich kann!
Marie sank erbleichend, fast ohnmachtig in seine Arme. Nein, Ludwig! sagte sie rasch, ich lieb' ihn nicht mehr, weil ich ihn tief verachte! Aber was willst Du mit mir, Du, der Du das beste, glucklichste Madchen verdienst? Nein, lass mich einsam weinen, weinen, dass ich das begluckende Gefuhl meiner innern Ruhe verloren habe, und dann sterben!
So stirb an meinem Herzen! sagte Ludwig, und diese feierliche Minute schloss den Bund der Freundschaft und der Liebe. Marie versprach ihm die Seinige zu seyn.
Als es allmahlig ruhiger in ihnen wurde, erzahlte ihr Ludwig seine Schicksale seit ihrer Trennung. Mit den sussesten Hoffnungen, die ihn zu einer lachenden Zukunft berechtigten, war er mit seinem Prinzen ausgereiset, aber bald wiegte die immer zunehmende Entfernung seine Seele in eine dustre Schwermuth, die seinem Herrn nicht entging. Er gestand ihm seine Liebe, seine Sehnsucht nach der Geliebten, und seinen Wunsch, sie auf immer zu besitzen. Der Prinz horte ihm theilnehmend zu, sagte aber nichts darauf. Ohngefahr zehn Monate nach ihrer Abreise rief ihn der Prinz zu sich. Geh' und sei glucklich! sprach er mit nassen Augen, indem er ihm seine Bestallung als Forster auf dem Waldenberg gab, um die er sich heimlich fur ihn bemuht hatte. Und wenn Du recht froh mit Deinem jungen Weibe lebst, so denke auch an mich und bedaure mich, den Schicksal und Konvenienz auf ewig von dem Ziel seiner Wunsche scheiden. Der Prinz liebte ein Madchen unter seinem Stande. Sie zu vergessen und ihre gefahrliche Nahe zu fliehen, that er diese Reise. Ludwig konnte nie ohne die tiefste Achtung und Ruhrung von der Wurde sprechen, mit der er seine hoffnungslosen Leiden trug.
Auf den Flugeln der Sehnsucht eilte er nun zuruck, in der Hoffnung, seine Marie werde in froher Verwunderung sein Gluck mit ihm theilen. Aber ihr Haus war leer, ihr Vater begraben, sie selbst verschwunden; nur an ihrer Stelle fand er den Brief, der ihm furchterlichen Aufschluss uber alles gab, was ihm rathselhaft schien. Er schwieg von dem heftigen Schmerz, den er empfand, da er sah, dass Marien seine Erzahlung peinigte, die sie gleichwohl selbst von ihm gefordert hatte.
Er verliess die Stadt, die ihm nun unertraglich war, theilte die Summe Geld, die sie ihm beschieden hatte, unter ein paar arme Verwandten ans, und bezog mit finsterm, menschenfeindlichem Gram seinen Waldenberg. Eh' er sich noch auf immer der Einsamkeit uberliess, die ihn erwartete, bemuhte er sich um Nachrichten von dem Grafen von Wodmar. Man sagte ihm, dass er im vorigen Herbst sich mit einer jungen, schonen und reichen Grafin vermahlt habe, die einsam auf dem Lande lebte, da das Gerausch der Welt keinen Reiz fur sie habe. Da stand ihm das ganze Bubenstuck seines Nebenbuhlers vor den Augen. Er kannte Mariens strenge Grundsatze und ihre feste Tugend. Nur durch eine Scheinheurath war es moglich gewesen, zu ihrem Besitz zu gelangen. Bald loderte das Feuer seines Zorns zu dem Vorsatz auf, dem Betruger die Maske zu entreissen; bald aber, wenn er ihren Brief von neuem uberlas, sagte er zu sich selbst: Warum soll ich die goldne Tauschung vernichten, in der sie so selig schwarmt? Ach, sie wurde doch an m e i n e m Herzen keinen Ersatz finden fur den sussen Traum, aus dem ich sie weckte! So zog er sich ganz von der Welt in die Stille seines landlichen Lebens zuruck und ihr Andenken schwand nie aus seiner Seele, die sie immer betrauerte.
Auch Marie theilte ihm, nicht ohne innern Kampf, ihr voriges Leben mit, und schilderte ihm unparteiisch und treu ihre Bekanntschaft mit Wodmar, ihre Liebe, ihre Verbindung und dann die Entdeckung seiner Verratherey. Es griff sie an, von Dingen zu sprechen, die ihr nur die bittersten Erinnerungen erwecken konnten. Ludwig bemerkte es. Erzahle mir nichts mehr, meine gute Marie! sagte er schonend und sanft. Wende Deinen Blick weg von den truben, vergangenen Tagen und schaue froh in eine bessere Zukunft. Ich weiss ohne Dein qualendes Gestandniss, dass Deine reine Seele unfahig war, sich zu verirren. Marie weinte seiner Gute Thranen des Danks und der Ruhrung.
Ludwig blieb den ganzen Tag bey ihr und die gutmuthige Liese war ausser sich vor Freude uber ihren schnell gelungenen Plan. Am Abend fuhrte er seine Geliebte ins Freye und besuchte mit ihr die hohe Eiche, unter der er sie wiederfand. Stumm und selig ging er neben ihr her, schweigend und voll sanfter Wehmuth folgte Marie den grunen Spuren des Weges an seinem Arm, die sie gestern noch einsam betrat. Das volle, gluhende Abendroth goss selbst auf die ostlichen Wolken seinen reizenden Purpur aus, die Abendglocke tonte melodisch durch die stille Luft, die sie umgab, und schien ihr in dieser rosenfarbenen Minute der Nachhall ihrer ersten Jugend zu seyn, in der sie einst mit ahnlichen Aussichten, wie jetzt, nur nicht so traurig, vor Ludwig stand. Aber in ihre suss geruhrte Seele drang die herbe Vorstellung von allem, was sie ehemals davon geschieden hatte.
Vier und zwanzigstes Kapitel
Unter einem immerwahrenden Wechsel von Weh und Freude in Mariens Seele gingen einige Wochen voruber und Ludwig bestand nun auf die Erfullung ihres Versprechens.
Mit schwerem Herzen willigte Marie in eine Verbindung mit ihm auf ewig. Nicht als ob sich der leiseste Zweifel an seinem schonenden, vergebenden Edelmuth in ihr geregt hatte, nur zu tief hatte sie so manche Probe seiner Delikatesse durchdrungen; aber in ihrer Seele, in der sich alles auf Nebelgrund mahlte, fuhlte sie deutlich, dass ihr die Vergangenheit ewig eine Wunde bleiben wurde, die nur der Tod zu stillen vermochte. Was ihr ehemals im blendenden Rosenlicht der Liebe verzeihlich dunkte, schien ihr jetzt ein Verbrechen zu seyn, und dahin gehorte auch ihr wankelmuthiges Benehmen gegen Ludwig, und die Uebereilung, mit der sie im Rausch der Leidenschaft die Belohnung, die sie seiner festen Treue schuldig war, ihrem eignen, ertraumten Gluck und der Liebe eines Mannes opferte, der ihrer so unwerth war.
Aber Ludwig wollte nicht ohne sie leben und sie ergab sich sanft in seine Wunsche. Ihre Heurath wurde feierlich in der Kirche vor der ganzen versammelten Gemeinde vollzogen, und Konrad und Liese wohnten der Trauung mit einer so geruhrten, innigen Freude bey, als wurde ihre eigne Tochter vor dem Altar zur unzertrennlichen Gefahrtin des glucklichen Forsters geweiht.
Marie bezog nun mit ihrem Manne den Waldenberg, und ihre kleine, aber angenehme Wohnung war ganz so einsam, wie sie es wunschte. In nutzlichen Beschaftigungen brachte sie ihre Tage hin, und uber ihre Gestalt breitete sich eine holde Ruhe, die ihr Wesen beseelte und Ludwig die susseste Hoffnung gab, sie werde von ihrem Grame genesen. Aber er war nur erschopft, nicht gehoben, und fuhrte sie langsam dem offenen Grabe zu. Sie empfand immer einen schmerzlichen Unterschied zwischen ihrem und Ludwigs Innern. Je reiner und fleckenloser das seinige war, je vorwurfsvoller dunkte ihr das ihrige, und alle seine Liebe kam ihr nur wie ein mitleidiges Herabneigen zu einer unglucklichen Verirrten vor, so sehr er sich auch Muhe gab, ihr zu zeigen, dass er sie nicht allein liebte, sondern auch achtete. Ihrem traurenden Herzen that seine Gute weh, und je weiter er sich von jeder Erinnerung voriger Zeiten entfernte, je naher leitete sie ihr stiller Schmerz zu ihr hin.
Einige Monate war sie seine Frau gewesen, da uberfiel sie eine unbeschreibliche Mattigkeit. Ludwig pflegte sie mit aller Zartlichkeit, die er fur sie empfand, und suchte alles hervor, was sie erheitern und starken konnte. Ich habe einen Wunsch, liebster Mann! sagte sie zu ihm, den ich gern erfullt sahe, da ich vielleicht bald mein Auge auf ewig schliesse. Ludwig konnte das seinige nicht trocknen und ihr nur durch eine Bewegung mit der Hand zu verstehn geben, dass er ihn gewahren wurde.
Meine Muhme Kohler, fuhr sie fort, lebt wahrscheinlich noch immer in Wodmars Hause, ich wunschte sie in meinen letzten Stunden um mich zu haben und sie Dir zu hinterlassen, wenn ich sterbe. Sie wird Dein Hauswesen gut in Acht nehmen, bis Du zu einer zweiten Wahl schreitest, und sollte Deine kunftige Frau sie nicht um sich haben mogen, so lass sie zur guten Liese ziehn und gieb ihr, um meines Andenkens willen, so viel, als sie zu ihrem Auskommen braucht. Sie verliess aus Liebe zu mir ihre ruhige Lage in der Stadt, und hoffte Freuden mit mir zu theilen, die man uns vorspiegelte. Ach, sie hat nichts mit mir getheilt, als meine einsamen Tage, meine Thranen um den geliebten Vater, und mein Erstarren, als wir entdeckten, dass wir betrogen waren! Willst Du ihr schreiben, dass sie kommen soll? Ludwig that es mit einem namenlosen Kummer.
Noch eins, sagte sie, als er fertig war, und zog ihn liebevoll zu sich nieder. In ihren schonen Augen schwamm ein feuchter Schimmer, der sich in eine volle Thrane sammelte und ihre eingefallene, blassgerothete Wange hinab schlich, noch eins habe ich auf dem Herzen, aber ich thue es nicht ohne Deinen Beifall. Ich fuhle, dass der Tod mir nicht mehr fern ist, und seine Annaherung macht mich sanfter, als ich in den Tagen meiner sinkenden Gesundheit war. Vielleicht ist Wodmar schuld an meinem fruhen Sterben, vielleicht auch nicht! Aber ware er es auch, so ist es schon, den Abend seines Lebens mit einer edlen That zu bezeichnen und zu enden; drum erlaube mir einige Zeilen an ihn, in denen ich ihm sage, dass ich ihm vergeben habe, und dass ich diese Welt verlasse, ohne seinem Andenken zu fluchen. Ach, ich hasse ihn nur noch um Deinetwillen; die Schmerzen, die er m i r machte, hab' ich ihm langst verziehen. Willst Du, mein Ludwig! mir diese letzte Bitte erfullen, so wirst Du meinem Herzen noch neue Freude geben, ehe es bricht; willst Du es anders, nun so bring' ich Dir ohne Murren den kurzen Genuss, den sie mir gewahren wurde, zum Opfer.
Kannst Du noch fragen, unterbrach sie Ludwig auf ihre Hand gebeugt, die er fest an sein Herz druckte. Thu' alles, geliebte Seele, was Dir Freude macht! O, konnt' ich fur Dich sterben!
Marie liess sich also eine Feder bringen und Ludwig irrte im Walde umher, den Schreckensbildern zu entfliehn, mit denen ihr herannahendes Ende ihn umgab. Es war still in dem oden Krankenzimmer um sie her, wie in ihrer Seele, und sie nahm alle ihre Krafte zusammen, um diese Zeilen zu schreiben:
"Wenn Sie dieses Blatt erhalten, werden vielleicht die Hande schon verwesen, die es schrieben, und das Herz, das Sie geliebt hat, schlagt nicht mehr und schlummert in der Erde. Aber ehe es der Todeskampf stumm und kalt macht, will es noch einmal zu dem Ihrigen sprechen und Ihnen vergeben. Still und feierlich naht sich mir die Minute meines Sterbens, und ich sehe ihr heiter entgegen, denn sie erscheint mir wie eine geliebte Gestalt im Traum und offnet mir den Himmel. Ich habe nichts auf dieser Welt gehabt, als den kurzen, aber sussen Wahn Ihrer Liebe, den Schmerz betrogen worden zu seyn, und Thranen. Selbst die Zartlichkeit des besten, edelsten Mannes vermochte mir nichts mehr als doppelte Reue zu geben, dass ich ihn jemals meiner unglucklichen Leidenschaft aufopfern konnte; ich scheide also gern, da meiner traurenden Seele die Erde nur ein Kerker dunkt. Aber in diesen letzten Stunden meines Lebens wird mein Herz weich und geneigt zu vergeben. Nehmen Sie also mit dem letzten Lebewvhl, das ich Ihnen durch die weite Ferne zurufe, die uns trennt, die Versicherung hin, dass ich versohnt mit Ihnen sterbe. Ach, ich will es Ihnen nicht verbergen, dass mein Hass und mein Abscheu fur Sie mit meiner fallenden Gesundheit dahin floh, und meine Lippen soll auch im Tode keine Luge beflecken, dass ich Ihr Bild und alle meine ehemalige Liebe zu Ihnen in meinem brechenden Herzen mit ins Grab nehme. Seyn Sie glucklich in den Armen ihrer liebenswurdigen Gemahlin, und mein Andenken store nie Ihre Heiterkeit, sondern nur Ihren Leichtsinn, indem es Sie an die traurigen Folgen erinnert, die er hatte. Ich verzeihe Ihnen, ich wurde Ihnen noch mehr sagen, aber der Augenblick ist nun voruber, der mir erlaubte, offenherzig zu seyn, und alle die ubrigen, die ihm folgen, gehoren Ludwig und meinen Pflichten! Leben Sie ewig, ewig wohl! Einst, wenn Ihr Herz zur Tugend zuruckgekehrt ist und sich mude geschlagen hat im Getummel der Welt und unter dem Drucke des Lebens, dann Wodmar! o diese Hoffnung ist Deiner Marie suss, dann sehn wir uns wieder!"
Sie endigte diesen Brief mit vieler Heiterkeit und Ruhe des Geistes, siegelte ihn selbst und gab ihn Ludwig, mit der Bitte, ihn nach ihrem Tode zu besorgen. Konrad eilte so schnell, als es ihm moglich war, Frau Kohler zu holen, und Liese kam nicht von dem Krankenbett ihrer geliebten Freundin, und gab durch die unermudete Sorgfalt, mit der sie sie abwartete, und durch die redlichen Thranen, die sie bey ihrer immer zunehmenden Entkraftung vergoss, einen ruhrenden Beweis, wie gut der Mensch seyn kann, auch ohne Politur, die oft am innern Werthe nimmt, was sie dem Aeusserlichen an Glanz giebt.
Ludwig, dessen treues Herz sich, nachdem er sie wiedergefunden, fester als jemals an sie geheftet hatte, Ludwig, der jetzt den Moment sich nahen sah, in dem er sie fur dieses ganze lange Leben verlieren sollte, hatte keinen Trost fur seinen Schmerz, als den, der allen Unglucklichen bleibt, den Trost der Sterblichkeit.
Er verliess das Zimmer seiner geliebten Gattin keinen Augenblick, und bewachte unter Furcht und Hoffnung, die in ihm abwechselten, jede ihrer Bewegungen. Einst erwachte sie nach einem sanften Schlummer, ihr Auge blickte sich hell und selig um, und sie reichte in trunkner Freude Ludwig ihre Hande, der an ihrem Bette sass. O mein Ludwig! sagte sie, und die Glorie der Verklarung schien ihre bleiche Gestalt zu umschweben und lieh ihr ein uberirdisches Lacheln, ich habe den ganzen Himmel gesehn, und meinen Vater und mich selbst, in dem schonsten aller Traume! Ach, wie war mir so wohl im Kreise der Seligen! Unsre Erde lag wie eine dunkle Wolke unter mir, und ich konnte keine der lieben Gestalten erkennen, die ich zuruckgelassen hatte. Und doch wurde mein Herz weich vor Sehnsucht, die Seligkeit mit ihnen zu theilen, die mein ganzes Wesen durchstromte. Da senkte sich von der zweiten Welt, die ich bewohnte, eine blaue Nebelsaule hinab auf die verlassnen, dunkeln Gefilde meines ehemaligen Vaterlandes, und glanzender stieg sie wieder empor, susse Ahndung und Wehmuth schmelzten mein Herz! D u tratest aus dem blauen Duft, der Dich umgab, und mein Vater segnete unser Wiedersehn. Dann fuhrte mir der Engel der Versohnung auch Wodmar entgegen und wir umfassten uns alle in stiller Liebe, die niemand storte und niemand tadelte! Da verloren wir plotzlich unsre Gestalten, sie sanken hinab in offne Graber, aber unsre Seelen kannten sich doch und liebten sich, auch ohne die bekannte Hulle. Ihr Auge wurde starrer unter den freudigen Thranen, die es vergoss, ihr Mund bewegte sich noch lachelnd, aber ohne zu sprechen, und ohne Krampf und Zuckungen floh in Ludwigs Armen, wie der leise Athem der Fruhlingsluft, ihr entrinnendes Leben dahin!
Funf und zwanzigstes Kapitel
Frau Kohler kam an, um ihre Nichte begraben zu sehn. Sie weinte mit Konrad und Liesen bey der theuern Leiche, aber Ludwig konnte seine Thranen nicht mit den ihrigen vermischen. Sein Auge war trocken und starr, und so heftig auch der Schmerz in seinem Innern wuthete, so las man nichts von ihm auf seinem Gesicht, als die gleichgultige Betaubung, die seine erste Starke mit sich fuhrt. Er wirkte sich die Erlaubniss aus, ihre Ueberreste unter der Eiche begraben zu durfen, wo er sie zum erstenmal nach langer Trennung wieder gesehen hatte. Sie war schon vorher sein Lieblingsplatz und wurde es nun noch mehr, da unter ihrem Schatten das Liebste, was er auf der Erde hatte, schlummerte. Er setzte ihr ein einfaches Grabmal, mit dem Tag und Jahr ihrer Geburt und ihres Todes, und der simpeln Inschrift: Ihr Tod war schon und sanft, wie ihre Seele! Taglich besuchte er das Heiligthum seines Schmerzes, und Konrads Kinder, die den Grabhugel ihrer Freundin oft mit Blumen bestreuten, fanden ihn zuweilen ohne Spuren des Bewusstseyns, ganz verloren und versenkt in seine Schwermuth, oder auch in milden Thranen, die ihm endlich Zeit und Nachdenken gab. Er fuhrte sein Leben still und traurig fort, wie in den Tagen, da er Marien betrauerte, als sie sich durch ihre Liebe zu einem Andern von ihm losgerissen hatte, aber seine Empfindung war nicht mehr so herbe, wie damals, denn Marie war ja als die Seinige gestorben. Er dachte an keine zweite Verbindung, und Frau Kohler fuhrte mit der Sorgfalt einer Hausfrau seine Wirthschaft an Mariens Stelle. Jedes Ueberbleibsel von ihr war ihm eine heilige Reliquie, und in stillen Stunden, wo er sich frey von Zeugen glaubte, oder uber seinen Kummer der Zeugen vergass, vertiefte er sich schwermuthig in die Grosse seines Verlustes. Er pfluckte jede Blume aus dem Felde der Vergangenheit, um damit den Rautenkranz der Gegenwart zu schmucken, oder um sie in susser Tauschung auf die verheerten Ruinen seines Glucks zu streun. In die Rinde der Eiche, unter der sie ruhte, schnitt er ihren Namen, und nun war der geliebte Baum ihm doppelt werth. Hier fand ihn jeder Abend in Traumereien verloren, die ihm entweder die Zukunft jenseit des Grabes mit Farben der Hoffnung malten, oder alle Freuden seiner vergangnen Tage ihm wieder zuruck riefen. Oft glaubte er sich auch von Mariens Geiste umschwebt, und dann verliess er allemal mit erhohtem Muthe zum Leiden das Grab, in dem seine Geliebte und seine Gluckseligkeit ruhten. Er uberlebte sie nur einige Jahre, und Frau Kohler folgte ihm bald nach.
Mariens schriftliches Vermachtniss an den Grafen wurde ihm richtig uberbracht. Er hatte, da jede Muhe, ihren Aufenthalt auszuforschen, vergeblich war, in dumpfer Schwermuth seine Tage in der Stadt verlebt, aber ohne an ihrem Gerausch und seinen ehemaligen Gesellschaften Theil zu nehmen. Alle seine Heiterkeit war hin, immer erblickte er im Spiegel der Erinnerung Mariens Vertrauen und ihren gemisshandelten Glauben, der ihn an seine innere Entehrung mahnte. Er hatte, seit er so hart von Josephinen gegangen war, wohl oft mit Antheil und Zartlichkeit an diese arme, auch von ihm Betrogne gedacht, aber sie nicht wieder gesehn. Jene Vorwurfe, die er ihr mit so viel Bitterkeit in einer Stunde machte, wo sie des Balsams fur ihr zerrissenes Herz bedurfte, kamen nicht aus seinen Gedanken. Aber es liegt leider in den mehresten leichtsinnigen Menschen der Wunsch und das Verlangen, einen begangenen Fehler dadurch zu beschonigen, dass sie die Ursachen, die ihn veranlassten, nicht in sich selbst, wo sie wirklich zu Hause sind, sondern in dem andern suchen, der darunter leidet.
D a s G e w i s s e n weicht nie aus der menschlichen Seele, so oft es sich auch einschlummern lasst, und wenn auch der Strom der lauten Freuden den Bosewicht in dumpfer Betaubung mit sich fortreisst, so kommt doch endlich eine stille Stunde, der er nicht ausweichen kann, die ihm den Spiegel vors Gesicht halt, aus dem ihm zu seinem Schrecken alle seine Vergehungen in ungefarbter Hasslichkeit entgegen strahlen. Dann mocht' er gern den innern Stichen entgehn, die ihn peinigen, und sucht den kleinsten Flekken in dem Charakter auf, den er beleidigte, um sein Verfahren zu rechtfertigen. Wodmar hatte zwar anfangs mit einem unangenehmen Gefuhl Josephinens erste Kalte und den Stolz bemerkt, mit dem sie ihm begegnet war; aber da er sie nicht liebte, so war ihm nach und nach die Kluft lieb geworden, die die Verschiedenheit ihrer Denkungsart zwischen sie warf, da sie ihm wenigstens in seinen eignen Augen eine wichtige Entschuldigung seines Verfahrens gegen Marien schien. Er schatzte Josephinen, wie es ihre reine Tugend verdiente und er bereute es, ihrem weichen Herzen durch seine rauhe Begegnung weh gethan zu haben, aber er wagte es nicht, sie zu sehen, und die Ungewissheit, die ihn wegen Mariens Schicksal folterte, erlaubte ihm auch bis jetzt nur als Nebensache den Gedanken an sie.
Als er Mariens Brief erhielt, und ihre Hand auf der Aufschrift erkannte, ergriff ihn ein ahndungsvolles Beben. Er legte ihn unerbrochen vor sich hin, um einige Minuten sich den sussen Vermuthungen und Hoffnungen zu uberlassen, die ihn umgaukelten. Er glaubte sie versohnt, aber nicht erst an der Pforte der Ewigkeit, sondern noch in d i e s e m unvollkommnen Leben, das er ihr so sehr getrubt hatte. Aber als er das Blatt entfaltete, dessen wankende Schreibart ihm bewies, dass sie ihm ihre letzten Krafte geopfert hatte, als er es las und in dumpfer Besturzung wieder las, uberfiel ihn die grassliche Verzweiflung. Marie todt, und seine Anklagerin vor Gottes Richterstuhl! diese Gedanken vermochte er nicht zu trennen, so sehr auch Mariens sanfte Vergebung den letztern widerlegte. Sein Korper wurde so krank, wie seine Seele. Zwar rettete ihn seine Jugend und die geschickte Behandlung des Arztes von dem Tode, den er wunschte und furchtete, aber eine schwarze Melancholie blieb immer in seiner Seele zuruck, und nur als er umstandliche Nachricht von Mariens letzten Stunden und ihrem Ende eingezogen hatte, ging sie in eine weichere Art von Schmerz, in die tiefste Wehmuth uber. O Marie! sagte einst sein ganzes Wesen, womit kann ich Dir ein schoneres Monument bauen, als durch gute Thaten und die Erfullung meiner Pflichten! Womit kann ich Deinen schlummernden Staub besser ehren, als durch das Bestreben, Deiner werth zu seyn! Die traurende Josephine trat in diesem Augenblick vor seinen lebhaften Geist, und in ihrem schonen Auge hingen noch die Thranen, die er ihrem Herzen entpresst hatte, und sie zu trocknen schien ihm sein schonster Beruf. Er machte Anstalt zur Abreise. Josephine lebte eingezogen und still in Wodmarshausen und widmete alle ihre Zeit dem geliebten Kinde, das die einzige ihr noch ubrig gebliebne Quelle ihrer Freuden war. Sein Name und seine Sanftmuth rief den ersten Geliebten, und seine sich immer mehr entwickelnden Zuge den zweiten in ihr trauriges Andenken zuruck, und liess den Gedanken nie verloschen, dass sie Beide verloren. Ach, von dem ersten hatten sie die Vorurtheile ihres Standes geschieden, und von dem andern trennte sie auf ewig die Ueberzeugung seines Unwerths.
Der Graf kam an. Josephine empfing ihn mit ernster Wurde. Ich habe Sie beleidigt, theure Josephine! sagte er, aber die ungluckliche Ursach, die uns trennte, ist nicht mehr. Sie starb, indem sie mir vergab! Wollen Sie dem Beyspiel ihrer Versohnung folgen? Er reichte ihr hier Mariens Brief und schwieg. Josephine nahm ihn kalt und gleichgultig, aber sein Inhalt machte ihr Herz weich, und sanft wurde ihr stolzes Auge von Thranen uberzogen, die sie der Unglucklichen nicht verweigern konnte. Rasch wandte sie sich zu ihrem Gemahl, mit festem Entschluss und festem Blicke, obgleich einer geruhrten Stimme. Dieser Brief, sagte sie, indem sie ihn zuruck gab, sey unser Scheidebrief. Ich verlange nichts von Ihnen zur Entschadigung meines Kummers, als den Besitz meines Kindes, und die Sorge fur seine Erziehung, damit sein Herz rein bleibt von der Falschheit seines Vaters. Mit diesen Worten verliess sie ihn, ihre Wange von edlem Unwillen entflammt, und nie sah sie ihn wieder. Sie erfullte ihre Mutterpflichten mit der grossten Gewissenhaftigkeit, und ihr Sohn lohnte ihre Muhe durch den liebenswurdigsten Charakter, der sich unter ihrem Beispiel bildete und befestigte. In ihm fand sie den Ersatz aller ihrer Leiden. Wodmar zog sich nach einigen vergeblichen Versuchen, sie zu versohnen, nach Nesselfeld zuruck, wo er das Andenken seiner Marie beweinte. Er suchte sich oft durch Reisen zu zerstreuen, aber die Ruhe, die er zuweilen genoss, war nur Fuhllosigkeit, und wich schnell neuen Qualen, die ihm Vergangenheit und Zukunft gab und verhiess. Er suchte durch Wohlthatigkeit feinen Gram zu zerstreuen, aber er blieb fest in seiner Seele und wich nur spat dem Tode, der alle Wunden heilt.
Und August? hatte seine erste, ungluckliche Liebe nicht vergessen, sondern sie langsam in eine sanfte, aber feste Freundschaft umgestimmt, die er ewig fur Josephinen beibehielt. Jahre waren nothig, die Flamme der Leidenschaft in ihm zu dampfen, aber als es endlich geschehn war, loderte eine schonere in ihm auf, die er frey und stolz der ganzen Welt bekennen durfte, und ihrer reinen, wohlthatigen Warme freute sich Josephine.
Auch die Liebe behauptete noch ihre Rechte in seinen mannlichen Jahren an ihm, und schmuckte sie durch ein Madchen seines Standes, das seine Wahl verdiente. Als er verheurathet war, sah er erst Josephinen wieder, und die Erinnerung der vorigen Zeiten betrubte sie nicht mehr, sondern wurde durch die angenehme Wehmuth, die sie in die Freuden des Wiedersehns mischte, ein neues, zartes Band der Freundschaft. Madam Wilmuth und August mit seiner Familie zogen zu Josephinen aufs Land, und bei dem heitern Abendroth, das ihnen lachte, vergassen sie die Sturme des Morgens.