1798_Wolzogen_113 Topic 3

Caroline von Wolzogen

Agnes von Lilien

An meine Kinder

Fur Euch, meine Kinder, entriss ich diese Blatter dem Strome der Vergangenheit! Ich habe die Bluthenzeit meines Lebens noch einmahl durchlebt, wahrend ich sie schrieb. Die Natur gab mir jenen wohlthatigen Schleier, der den Bildern der Vergangenheit ihren lebendigen Zauber bewahrt, und mit ihm tausendfachen Genuss und reicheres Leben.

Die klare Ansicht einer fremden Existenz ist nie ganz ohne Wirkung auf unsre eigne. Was ich bin, oder was ich zu seyn wahne, und unter welchem freundlichen Einfluss des Schicksals ich es wurde, sollen Euch diese Blatter zeigen.

Alle Kunstforderungen musst Ihr hier aufgeben. Nur die Erinnerung bewegte meinen bildenden Sinn, und die Geister der Vergangenheit erschienen wie Ossians Geister auf fluchtigen Wolkengestalten.

Wie sanft ist der Ubergang aus der jugendlichen Tauschung zur Wahrheit des Lebens, wenn selbst der Besitz des hochsten Gutes, welches wir wunschten, uns in den Kreis der Wirklichkeit zuruckfuhrt! Es bleibt nichts unbefriedigtes in unsrer Seele, und das stille Geschaft einer hoheren Bildung nimmt seinen ununterbrochnen Fortgang, ohne von den beunruhigenden Traumen eines ungestillten Verlangens gestohrt zu werden.

Die Verbindung zweyer liebenden Seelen lost das sonderbare Rathsel unsrer Existenz, im Gefuhl einer ewigen Befriedigung und eines ewigen Strebens nach etwas Unerreichbarem.

Euer holdes Daseyn gab unserm Leben die schonste wurdigste Bedeutung. Eure klaren Augen, in denen die Welt sich von so einfachen Seiten spiegelte, Euer kindisches Begehren und Streben fuhrte uns sanft in die Unschuldswelt zuruck, erhielt den zartesten Bildern unsres Gemuths ihre frischen Farben, und klarte die Quellen des heiligsten innren Lebens auf. Als Ihr denken und wollen lerntet, sah ich mit Entzucken, dass das schone Verhaltniss der Gemuthskrafte Euch wie die Gestalt Eures Vaters angebildet wurde.

Den Kreis von Freunden, der sich um uns versammelte, vermochte keine Laune des Schicksals zu zerstreuen. Im Drang der Verhaltnisse hatten sich die edlen Naturen erprobt und bewahrt erfunden.

Kindliches Vertrauen verband alle Herzen, Muth und Weisheit vereinte sie zu edlem Wirken, Geist und Grazie webte das Band des Umgangs.

Eure verehrten Grosseltern lebten ein gluckliches Alter.

Mein Pflegevater wiegte Euch noch auf seinen Knieen. Mit freudestrahlendem Blick sah er in meinem altesten Sohn den kunftigen Herrn seines geliebten Dorfchens. Die stille Wirkung dieses edlen Geistes blieb unter uns ewig lebendig, sein Glaube gluhte in unserm Herzen.

Die Obergewalt der Gute in der Natur zu fuhlen, wie er, das war die Quelle und die Wirkung unsres Glucks.

Die Ruhe, die sich unter die blinde Nothwendigkeit beugt, todtet die schonsten Bluthen unsers Wesens, sie erzeugt nur das kraftige Selbstgefuhl eines Athleten; aber die Stille der Seele, die ihr eignes Gluck wieder in der Natur auszuathmen strebt, die liebliche Fulle der Freyheit und Schonheit, die Wohlthatigkeit des ganzen Daseyns, bildet sich nur in einem Gemuth, dem die Nothwendigkeit als hochste Gute erscheint.

Uber der Wiege meines ersten Kindes gelobte mir Julius auch Vater zu werden, und in dem ersten reinsten Naturverhaltniss alles liebende Vermogen seines reichen Herzens zu beschaftigen.

Bettina hatte sich schon ausgebildet unter den Augen der Grafin und ihres Vaters. Ihr Geist, ihr Talent war bezaubernd.

Sie scherzte selbst mit mir in Nordheims Gegenwart uber ihren ersten Jugendtraum; ich hielt sie fur ganz geheilt.

Bald fuhlte ich, dass sie Julius in einem neuen Lichte wahrnahm. Leidenschaftliche Liebe, Neigung ohne Grenzen war die Natur des Madchens, und Julius nahm sie mit dem zartesten Herzen auf. Er selbst schien sich mehr hinzugeben, als sie lebhaft zu ergreifen, aber es war im hochsten feinsten Sinn; sie wurden ein gluckliches Paar.

Die Gestalt des alternden Mutterchens macht einen sonderbaren Kontrast mit der gluhenden Leidenschaft die in diesen Blattern athmet. Die Zeit macht von selbst unser Leben zu einem vollendeten Gemahlde, in dem jede Farbe der allgemeinen Harmonie untergeordnet ist. Nur wenn ein irrer Wille dem stillen Naturgang widerstrebt, entstehen grelle Tone.

Euer Vater lachelte bey manchem Zug dieser Geschichte, und freute sich unter dem ergrauenden Scheitel, das freundliche Leben der Jugend noch einmahl aufgluhen zu sehen.

Wir freuten uns dessen, was wir gewesen sind und noch sind. Die Form ist unverandert geblieben. Wir gehen dann in den grossen Saal, und sehen unsre Bilder an.

Die Vergangenheit umleuchtet uns als ein freundlicher Strahl, und wenn wir uns die Hande drucken, die sich durch eine Reihe von Jahren zu mildem Wirken vereinten, dann fuhlen wir nicht, dass uns die Jugend entflohen ist, sondern dass eine neue Jugend in uns aufbluht.

Erster Theil

Ich wurde in dem Hause des Pfarrers zu Hohenfels, als seines Bruders Tochter erzogen. Sobald ich es verstehen konnte, sagte mir der Pfarrer, meine Eltern waren wahrend meiner ersten Kindheit gestorben, aber ich sollte ihn als meinen Vater ansehen. Ich erfullte dieses Verlangen in seinem vollen Sinn, denn ich fuhlte nie, dass meine Eltern mir fehlten. Er war ein seltener Mann, und ich werde in der Geschichte meiner Erziehung ausfuhrlicher seyn, als ich vielleicht sollte, weil sich sein Charakter in derselben am besten darstellt. Sein Gemuth war eine reine Harmonie, der sich jeder mit Vergnugen naherte, und ohne es zu suchen, wirkte er auf einen grossen Cirkel. Er liess sich gern und leicht in ein Gesprach ein, und wusste das gemeinste an die wichtigsten Gegenstande so naturlich und leicht anzuknupfen, dass er das innere Wesen der Menschen aufschloss.

Als mein Verstand reif genug war, um die Menschen gegen einander zu vergleichen, sagte ich oft meinem Vater, wie hoch uber alle andere erhaben Er mir erschiene. Mit einem milden Ernst in seinem Blick erwiederte er dann: Wenige zwang das Schicksal mit so freundlicher Gewalt auf der Bahn des Rechten zu bleiben, als mich. Manche Kraft wird zerstohrt, ehe sie ihre wahre Richtung empfangt. Ich hatte hohen Genuss und tiefes Leiden, aber die Flamme der reinen Liebe erhielt mein besseres Leben. Eine Welt von Erinnerungen schien sich bey solchen Ausserungen in seinem Innern zu entwickeln; sein Auge war gesenkt, er war in sich selbst versunken, aber schnell, als von einem neuen Feuer belebt, kehrten sich dann seine Blicke nach mir; er sagte mir ein freundliches Wort, gab mir einen kleinen Auftrag, welchen ich vorzuglich gern befolgte; ich fuhlte, dass irgend ein Gefuhl seinen Busen drangte, welchem er Gewalt anthat, und es war mir als schwebte auf seinen Lippen: "Du bist doch mein Liebstes in der Welt!" Uber meine Erziehung wachte er mit der Sorgfalt, mit der er jede einmahl ubernommene Pflicht beobachtete. Er beschaftigte sich mit mir in seinen ernsten Stunden, aber ich war auch sein liebstes Spiel in den wenig geschaftlosen Augenblicken, die er sich vergonnte. Ich entsinne mich, dass er mich fruh gewohnte, die Begriffe der Arbeit und Ordnung mit meinen Spielen zu verbinden; das geringste, einmahl angefangene Geschaft musste ich vollenden. Ich war weich und liebend gebildet, und konnte auch keine leise Ausserung der Unzufriedenheit von meinem Vater ertragen. Am tiefsten schmerzte mich, wenn er nach einer begangenen Unart mich wenige Stunden von sich entfernte. Das Einkommen, von welchem das Hauswesen bestritten wurde, war sehr massig, aber eine weise Einrichtung verbannte, mit aller unnutzen Verschwendung auf der einen Seite, auch allen Geiz auf der andern. Nichts ging verloren, also war genug da, um ein reines ordentliches Leben zu fuhren, und meine Jugend war reich an allen kleinen Freuden, die der Wohlstand erzeugt.

Diese einfachen Verhaltnisse, durch die Kunst meines Vaters geleitet, dienten mir zur Schule des Betragens fur das kunftige Leben. "Du sollst herrschen und dienen lernen, mein liebes Kind," sagte er mir zuweilen: "wenn man beides mit Einsicht und mit Achtung fur sich selbst zu thun versteht, so ist eins so leicht als das andere; aber sicher ist es Quelle mannichfaltiger Schiefheit und Verworrenheit in vielen Verhaltnissen, wenn unsere Fahigkeit ausschliessend fur das eine oder fur das andere entwickelt wurde. Die Ungeschicklichkeit, sich in irgend einer Lage zu betragen, zieht ein Heer kleiner Ubel um uns her, die endlich den Blick in die aussere Welt und in unser Inneres umdammern. Darum ube dich in allen Formen des Umgangs, und lerne jeden Menschen nach seinem individuellsten Daseyn behandeln, und dich selbst in jedem Verhaltniss auf die freieste und fur andere am wenigsten druckende Art stellen." Sein Beispiel, sein stillwirkendes Leben erklarte mir den tiefen Sinn dieser Rede.

Wenn mich nicht hausliche Geschafte abriefen, war ich grosstentheils in einem Kabinet, welches an meines Vaters Zimmer stiess. Ich fuhlte mich in voller Freiheit, und, war doch in immerwahrender Aufsicht. Da mein Vater selbst nie in eine gewisse Leere und Unbedeutenheit des Daseyns versank, so lernte ich sie auch nicht kennen; ich lebte in einem Cirkel stiller Geschaftigkeit, und mein jugendlicher Frohsinn entwickelte sich mit einigen Gespielen meines Alters. Die Kinder unserer Gutsherrschaft und ein paar Bauerkinder aus der Nachbarschaft lockten mich zu allen kindischen Spielen, und mein Vater sah es gern, wenn ich in korperlicher Behendigkeit die andern ubertraf; selbst Rosine durfte kein schiefes Gesicht machen, wenn ich mit zerrissener Schurze und Halstuch zuruckkam, aber ich selbst musste auch alles wieder in guten Stand bringen, und wenn sie dazu helfen wollte, so war es nur Gefalligkeit. Ich hatte einige Lehrstunden, um mich an regelmassige Arbeit zu gewohnen; aber mir damahls unbemerkbar war mein Vater, wahrend dem ganzen Lauf des Tages, mit meiner Bildung beschaftigt.

Wir lebten in einer lieblichen Gegend, und die mannichfaltigen und grossen Naturgestalten um mich her nahrten meinen Schonheitssinn. Das geheimnissvolle Leben der Natur ergriff mich fruh, und die sanften Schauer der Bewunderung dehnten meinen Busen in erhabenen Gefuhlen aus. Freundlich gesinnte Geister, schien mirs, wandelten im wechselnden Spiel des Lichtes um die Haupter der Berge, und in den buschigten Ufern des Flusses; ich empfand jenen namenlosen Zauber, in den der Genuss der Schonheit uns wiegt, in vollem Masse. Mein Vater ergriff diese reinsten aller Lebensmomente, um mein tiefstes Daseyn mit dem Gefuhl Gottes und der Unsterblichkeit zu beleben. Die christliche Religion lehrte mich mein Vater in ihrem wahren Sinn, kindlich und einfach, als das Resultat der reinsten menschlichen Natur, der wir streben mussen uns zu nahern, und sie in unserm innern und aussern Leben herzustellen.

Mein gluckliches Gedachtniss und mein leiser Sinn fur die Schonheit brachte meinen Vater auf den Gedanken, mich die alten Sprachen zu lehren, die er enthusiastisch liebte. Die langen Winterabende hinter den Spinnrocken oder am Strickzeug vergingen uns so, dass er mir Stellen aus den Alten vorsagte, die ich auswendig lernen und ubersetzen musste. Die Kunstgestalten der alten Welt sollten meine Einbildungskraft zum Schonen und Edeln stimmen, und mich lehren, meine Sinne fur den Eindruck des Gemeinen und Unwurdigen zu verwahren. Durch den Reiz der Neuheit dringt oft ein gemeiner Gegenstand an unser Gemuth, und aus Mangel an schonern Bildern, die ihn verdrangen konnten, umfangen wir ihn mit leidenschaftlichem Begehren.

Ich war immer beschaftigt, und durch einen wichtigen Gegenstand interessirt. Dieses erhielt meinem Vater die Zugel meiner Einbildungskraft in Handen. Freie Luft und Bewegung starkten meinen Korper. Ich lernte den Feldbau in allen Details kennen, legte im Obst- und Kuchengarten wohl selbst Hand an. Mein Sprachstudium, Ubungen des Stils im Deutschen und Franzosischen, Geographie, Naturlehre fullten die Morgenstunden, die von hauslichen Geschaften ubrig blieben. Des Nachmittags lehrte er mich Klavierspielen, und liess mich nach einer Sammlung guter Kupferstiche und Gypsabgusse, die er besass, zeichnen, um meiner Hand einige Fertigkeit zu geben, und mein Auge in der Richtigkeit der Verhaltnisse zu uben.

Sorglos und unbefangen flossen meine Tage dahin, die Liebe meines Vaters erfullte sie mit frohlichem Wechsel. Jede landliche Beschaftigung war uns ein kleines Fest, welches die gewohnte Lebensweise unterbrach, und der Fleiss wurde mir wieder zum Genuss, wenn ich meines Vaters Freude an meinen Fortschritten wahrnahm.

Mein Vater lebte grosstentheils einsam, und hatte von mancherlei Verbindungen in der Nachbarschaft nur einen alten Arzt auch als Freund des Hauses beibehalten. Es war ein Mann von ernsten strengen Sitten, und hochst bestimmten Begriffen. Ich furchtete ihn als Kind, aber jemehr ich heranwuchs, lernte ich ihn achten und beinah seinen Umgang lieben, da er mir immer etwas Neues aus der Natur und Menschenwelt zu lehren wusste, und eine Freude an meiner schnellen Fassungskraft bezeigte. Herzlich bedauerte ich seinen Tod. Mit diesem Freund verlor mein Vater den einzigen Umgang, der ihm zu einem Gedankenwechsel Anlass gab, und ich die Freude manches unterrichtenden Gesprachs.

Die Gesellschaft der Salmschen Familie, unserer Gutsherrschaft, wurde mir uninteressanter, jemehr sich mein Geschmack bildete. Aber mein Vater hiess mich oft sie besuchen, damit ich meine Eigenheiten der Gesellschaft anschmiegen lernte, und von der Ausserung einer gewissen Sonderbarkeit befreyt bliebe, die man leicht in der Einsamkeit gewinnt. Durch naturliche Gutmuthigkeit, die gern jeden glucklich und frey in seiner eigenen Sphare sich bewegen sieht, lernte ich leicht den Ton der Unterhaltung treffen, der fur die Familie passend war, und diejenigen Seiten meines Wesens verbergen, die sie nicht fassen mochte. Die Fraulein liebten meinen Umgang, weil ich weder in Kleiderpracht noch in sogenannten feinen Manieren mit ihnen rivalisirte, und wenn mein naturlicher Anstand und mein reinliches einfaches Hauskleid ein Lob von ihren Eltern, oder einem Fremden, welcher zum Besuch bey ihnen war, erhielt, so waren die Eigenschaften einer Pfarrerstochter doch so ganz unter der Sphare ihrer Anspruche, dass keine Aufwallung des Neides ihr Wohlwollen gegen mich unterbrach. Ich fuhlte mich, ohnerachtet ihres guten Betragens gegen mich, dennoch fremd in ihrem Hause, und wenn ich dann mit dem Ausdruck herzlicher Sehnsucht wieder zu meinem Vater kam, sagte er mir mit einem tiefsinnigen Blicke: Madchen, Madchen! Du gewohnst dich so ganz nur in Odem der Liebe zu leben; ich furchte, du wirst sonst nirgends zu Hause seyn. So erreichte ich mein achtzehntes Jahr.

Es war einer der ersten schaurigten Herbstabende. Ein dichter Nebel lag in den Thalern, der Wind trieb sturmisch graue Wolken uber den ostlichen Himmel, und der West flammte in tiefem Purpurroth. Gelbe Blatter flogen aus den schon halbnackten Wipfeln der Baume, und flatterten an den Fenstern vorbei. Das Knistern des Feuers im Kamin versammlete den ganzen kleinen Haushalt. Alle Bilder des herannahenden Winters spielten in der ersten erwarmenden Flamme empor, und jedes Mitglied der Familie durchflog in Gedanken den Kreis seiner Geschafte, die Freuden und Leiden, denen es in diesem Zeitraum entgegen sah.

Mein Vater sass mit jener weisen Ruhe, die des Wechsels gewohnt ist, und Jahre wie Tage gleichmuthig vor sich hinziehen sieht, in seinem Lehnstuhl. Er legte den Plutarch aufgeschlagen aus der Hand, weil es finster wurde, und nahm die grossgedruckte Bibel vor sich, um einen Text fur die nachste Sonntagspredigt zu wahlen. Rosine ging im Zimmer auf und ab, das blank gescheuerte Gerathe aus der Kuche herbeizuholen, welches ich mit zierlicher Ordnung in den Wandschrank im Hintergrunde des Zimmers aufstellte. Man zog die Thurschelle, und mein Vater rief: Agnes, mein Kind! Schon war ich an der Hausthure. Es war halbfinster, doch konnt' ich noch bemerken, dass eine fremde Gestalt hereintrat. Was wunschen Sie, mein Herr? fragte ich; und er erwiederte: "Ich bin ein Reisender und sehr ermudet, man kann mich im Gasthof nicht aufnehmen; darf ich hoffen, dass der Herr Pfarrer es verzeihen wird, wenn ich ihn um ein Nachtlager bitte?"

Die Stimme war einnehmend, und erregte einen sonderbaren Antheil in meinem Herzen, so dass ich die gewohnte Gastfreiheit meines Vaters, mit lebhafterm Ausdruck als gewohnlich verkundigte. Das wird Ihnen mein Vater mit Vergnugen geben, sagte ich, treten Sie herein. Er trug seine Bitte meinem Vater nochmahls vor; dieser hiess ihn freundlich willkommen, und setzte sich wieder an seinen Tisch bei dem Fenster, um einige Gedanken aufzuzeichnen, die ihm fur seine Predigt eingefallen waren. Der Fremde war ein grosser schoner Mann, seine Kleidung war sehr einfach, und deutete weder Armuth noch Reichthum an. Ich trug ihm einen Stuhl zum Kamin, und setzte mich mit meinem Strickzeug ihm gegenuber. Die Flamme im Kamin warf einen hellen Schimmer auf sein Gesicht; und ich nahm feste und anmuthige Zuge wahr, aus denen nicht mehr die erste Fulle der Jugend leuchtete. Rosine hatte unterdessen Licht herbeigeholt, mein Vater schrieb fort, und alles war still. Ich suchte vergebens nach ein paar Worten, um eine Unterhaltung anzuknupfen, aber nichts war mir gut genug von allem, was mir einfiel, und nie scheuete ich mich mehr, etwas Unbedeutendes zu sagen, als in diesem Augenblick. Die Furcht, er mochte mein Schweigen fur Unaufmerksamkeit oder fur Mangel an feiner Sitte halten, machte mir es gleichwohl peinlich. Er schien keinen Anspruch auf Unterhaltung zu machen, und sah still nach dem Feuer. Zuweilen streifte sein Blick im Zimmer umher, und nur einmahl ruhte er auf mir. Es war etwas unaussprechlich anziehendes in seinem dunkelbraunen Auge; mild und still fasste es die Gegenstande, aber zugleich so tiefeindringend, als mochte es das verborgenste im Herzen erspahen. Mein Strickgarn fiel zu Boden, er hob es auf, und gab es mir mit gerader gutmuthiger Hoflichkeit. Der Faden hatte sich um seine Hand geschlungen, sie ruhete einige Sekunden in der meinen, und ein Ring fiel von seinem Finger. Wahrend ich den Ring aus dem Faden loswickelte, hatte ich Zeit, auf der blauen Emaille den Nahmen A m a l i e zu lesen.

Der Fremde nahm ihn mit einem fluchtigen Errothen zuruck. Ob seine gebuckte Stellung, oder die Nahe des Feuers es verursacht hatten? oder ob der Ring lebhaftere Gefuhle in ihm erregte? oder ob er den Nahmen seiner Schwester, seiner Freundin, oder seiner Frau am Finger trug? Diese Fragen kreuzten sich in meinem Kopf, und neben dem bemerkte ich die feingeformte Hand, die so eben in der meinen gelegen hatte. Nun legte mein Vater ein Zeichen in seine Bibel, und nahte sich dem Kamin. Freundlich zog er mit der linken Hand sein ledernes Kappchen vom Haupt, reichte die rechte dem Fremden, und hiess ihn nochmahls willkommen. Sie rauchen vielleicht eine Pfeife Tabak in der kalten Herbstluft? fragte mein Vater. Der Fremde winkte Beifall. Ich trug nun auch den Theetisch zum Feuer, so kam alles in Ordnung, und der kleine Zirkel naherte sich einander vertraulicher, als der blaue Dampf in leichten Gewolken umherzog, und der gute Thee balsamisch duftete. Nach acht griechischer Sitte schritt man erst zum Gesprach, nachdem der Gast gespeist worden war.

Wahrscheinlich kommen Sie heute von A.? sagte mein Vater. Sie hatten dann eine schlimme Tagreise, es ist eine von unsern schlechtesten Strassen im Lande. "So unwegsam und holpericht die Strasse ist," erwiederte der Fremde, "so mild und freundlich scheinen mir die Menschen, die daran wohnen, und mit dem Tausche ware man wohl gern zufrieden, wenn man es uberall so haben konnte."

M e i n V a t e r . Ja brave gute Leute gibt es hier, und gibts uberall, hoffe ich. Seit funf und zwanzig Jahren liegt meine Welt in dem engen Zirkel von wenigen Stunden beschrankt, und wenn es mir in diesem dunkel und verwirrt scheint, so habe ich doch immer ein sicheres Mittel, wieder ins Klare zu kommen.

D e r F r e m d e . Und welches?

M e i n V a t e r . Ich suche mir die individuellsten Verhaltnisse des Menschen, der mir grundschief und verdorben scheint, ganz bekannt zu machen. Sein Alter, Stand, Erziehung, Temperament, Vermogen, Freundschaften u.s.w. Dann greife ich in meinen eigenen Busen, und furwahr violes, vieles in seiner Handlungsweise wird mir da leichter erklarlich, was mir ausser jenen Beziehungen ungeheuer dunkte.

D e r F r e m d e . Glauben Sie an den Saamen des Bosen in der Menschennatur?

M e i n V a t e r (lachelnd). Nicht in dem Sinn, wie Sie vielleicht meynen, mein Herr; aber ich glaube, und fuhle den Saamen der Schwachheit in jeder menschlichen Brust; glaube, dass nicht jeder sich halten kann, in der schonen Freiheit des Herzens, dass er oft das begehrt, was er nicht sollte, und dadurch zum Sklaven wird, weil er aus dem Gleichgewicht seines innren Wesens heraustritt, wo er Konig und Herr seyn konnte.

D e r F r e m d e . So sind wir eins! O wie freut, es mich, wenn ich ein Gemuth finde, das seine Einheit bewahrte, das seine Wahrheit und Liebe lebendig erhielt! Wer in diesem schonen Kreise der Menschheit zu bleiben strebt, kann nicht irren, denn Wahrheit und Liebe sind das Wesen der Religion und Philosophie, und erhalten die Gesundheit und Grazie der Empfindung. Ihr seyd nun einmahl die privilegirten Seelenarzte fuhr er freundlich lachelnd fort und mich dunkt, ich sey bey einem der bescheidensten, mithin der erfahrensten. Wie bewahrt sich die Seele am freiesten im Kampf mit den widerstrebenden Eindrucken von aussen, und der Verdorbenheit um sich her?

M e i n V a t e r . Freund, vor allem mocht' ich Ihnen sagen: Alle gute Gabe kommt von oben herab, vom Vater des Lichts!

D e r F r e m d e . Und wenn es Seelen giebt, die nur die Richtung gegen das Licht kennen? Es windet sich die eingeschlossene Blume nach der Seite, wo ihr der Lichtstrahl entgegendringt, aber die dunklen Schranken weichen nicht, und ihre Farben bleiben matt und bleich. Was sollen diese thun?

M e i n V a t e r . Sich des geahneten Lichtes freuen, bis das Schicksal, oder eine bis jetzt ungeahnete neue Kraft in ihrem Gemuth die Schranken zerbricht. Jedes wahre innige Verlangen deutet auf die anziehende Kraft eines fernen Gegenstandes.

Der Fremde stand lebhaft von seinem Sitze auf, stellte sich dicht v o r meinen Vater, sah ihm fest, aber freundlich, ins Auge. Uber meine Wangen flog eine gluhende Rothe. Du wahrer Junger Deines Herrn, sagte er mit sanftgehobener Stimme, indem er meines Vaters beide Hande fasste; Du besitzest seine Milde und seinen grossen Sinn; wie lange suchte ich vergebens eine Seele, wie die Deine? Mein Vater sah innig zufrieden aus, und es war seit diesem Augenblick ein herzlicheres Verstandniss zwischen uns dreyen. Welcher feinfuhlende Mensch hatte nicht solche Momente, in welchen die Seele gleichsam als in ein feineres Element versetzt, zartere, innigere Beziehungen wahrnimmt, und sich leichter und fester an eine andere anzuschliessen vermag, deren Schonheit sie im reinern, erhohteren Licht erblickt!

Rosine hatte den Tisch gedeckt, und das Abendbrod aufgetragen, welches aus unsern gewohnlichen zwei Schusseln bestand, und wegen des, Gastes nur mit einem kleinen Nachtisch vermehrt wurde.

Mein Vater hatte die Gewohnheit in seinem Hause, dass immer ein kleiner Vorrath vorhanden seyn musste, um einen guten Freund bewirthen zu konnen. Traktirt wurde nie, und kein Fremder konnte an einem ungewohnlichen Treiben und Larmen in Kuche und Keller wahrnehmen, dass er Ungelegenheit verursachte. Ich bat mit der geringen Bewirthung vorlieb zu nehmen, und der Fremde erwiederte freundlich, es sey nichts gering, was mit solcher Gute und Anmuth gereicht werde, er habe nie einen bessern Reisbrey gegessen, und wirklich liess er sich ihn treflich schmecken. Das Einfache, Edle in seinem Betragen ruhrte mich sonderbar, und ich hatte es an keinem andern Manne meiner Bekanntschaft noch bemerkt. Sein Schweigen gegen mich gefiel mir vorzuglich; mir schien es, als lage eine Art von Achtung darinnen, und als hielte er mich fur eine gewohnliche unbedeutende Unterhaltung zu gut. Oft fand ich seine Augen auf mich gerichtet, und der stille Antheil, den ich an seiner Unterhaltung mit meinem Vater nahm, schien ihm nicht zu entgehen.

Das Gesprach begann sich wieder anzuknupfen, als der junge Herr von Salm, der Sohn unsers Gutsherrn, hereintrat. Er war eben von der Universitat gekommen, um seine Eltern wahrend der Ferien zu besuchen. So vorlaut der junge Herr auch sonst seyn mochte, so still war er in der Gesellschaft meines Vaters, der keine Plattheit, welche sich mit Anmassung ausserte, ungerugt hingehen liess. Er sah den Fremden aufmerksam an, der ihm ohngeachtet seines einfachen Anzugs zu imponiren schien. Lange trug er sich mit einer Frage, die er endlich bey einem Stillstand des Gesprachs herauspolterte; denn wenn er nicht ungestraft vorlaut seyn durfte, so war er schuchtern. Auch wollte er nicht gern Fremden eine geringe Meinung von sich geben, und hub darum immer mit etwas Gelehrtem an. Darf ich fragen, mein Herr, ob Sie gute Lateiner in Ihrer Stadt an der Schule haben? Fur diesesmahl war ich mit seiner Frage sehr wohl zufrieden, denn ich hoffte etwas von unsers Gastes Wohnort durch sie zu erfahren. Die Antwort befriedigte mich nur halb. Ich war seit drey Jahren ausser Deutschland auf Reisen, Herr von Salm, und kenne also den gegenwartigen Zustand der Schulen nicht. Er sprach nach diesem mit meinem Vater uber den Nutzen, die alten Sprachen grundlich in der Jugend erlernt zu haben, und endlich kamen sie auf ihre Lieblingsschriftsteller. Es freute mich wahrzunehmen, wie sehr mein Vater das Urtheil des Fremden ehrte, und die mannichfaltige Schonheit und Anmuth zu bemerken, die sich bey regerem Interesse des Geistes in seinen Zugen entfaltete.

Herr von Salm, halb verlegen und halb unmuthig,

keinen Antheil an der Unterredung zu haben, sagte mir halbleise, er ginge, um seine Schwester zu mir abzuholen. Wie gern hatte ich fur diesen Abend ihre Gesellschaft entbehrt! Der Fremde wandte sich gegen mich, als uns Herr von Salm verlassen hatte, und fragte mich, ob diese Familie meine einzige Gesellschaft sey, und ob ich vergnugt in dieser Einsamkeit lebte? Ich erwiederte, dass es mir nur sehr selten einfiele, mannichfaltigern Umgang zu wunschen, und dass ich mich nie entschliessen konnte, ihn zu suchen, wenn ich die Gesellschaft meines Vaters dadurch verlieren musste. Es kamen mir leicht Thranen ins Auge, wenn ich an die Trennung von meinem Vater dachte, weil er selbst oft mit Ruhrung von der unfehlbaren Trennung sprach, die uns fruh oder spat, doch so sicher, drohte. Ich war diesen Abend, seit der Erscheinung unsers Gastes so sonderbar gespannt, dass ich mich vergebens bemuhte, meine hervorquellenden Thranen zuruckzuhalten. "Gutes Kind," sagte der Fremde lebhaft, und sah mir freundlich theilnehmend ins Auge: "halten Sie diese schonen Thranen nicht zuruck. Nichts burgt so sicher fur die Weisheit der Eltern, und die Gute der Kinder, als wenn diese das vaterliche Haus lieben." Mein Herz schlug heftig, und ich fuhlte einen noch nie empfundenen sussen Schauer durch meine Nerven zittern; wir schwiegen alle einige Minuten, der Fremde sah starr, doch lieblich vor sich hin; endlich wandte er sich zu meinem Vater und sagte mit gemilderter Stimme: Wie glucklich sind Sie durch Ihre Tochter! "Ja ich bin es so sehr durch sie, als ware sie es durch die Natur." Der Fremde sah den Pfarrer hier fragend an, und ich selbst fuhlte zum erstenmahl etwas Geheimnissvolles mit meiner Existenz verbunden. Als mein Vater die Augen niederschlug, und schwieg, schlossen sich die schon zu einer Frage geofneten Lippen des Fremden. Erndten Sie auch sichtbar Segen an Ihrer Gemeinde? sagte er nach einigen Momenten des Nachdenkens. Ja, Gott sey Dank, antwortete mein Vater, mein Bemuhen bleibt nicht fruchtlos. Es war ein wildes Volkchen, als ich herkam. Eigennutzig und diebisch aus Faulheit und Ungeschicklichkeit, und voller Streitsucht aus Unwissenheit und Misstrauen. Aber jetzt fangt es an, sich in die Ordnung zu fugen.

D e r F r e m d e . Welcher Mittel bedienten Sie sich?

M e i n V a t e r . Mein Herr, ich fing es von der umgekehrten Seite an, als man es gewohnlich treibt. Mir scheint es ein Irrthum, wenn man wahnt, man musse alle Kultur sogleich beim Geistigen anfangen; ich meyne, man kommt immer zu fruh daran, ehe das Leibliche in Ordnung ist, und sogenannte aufgeklarte Gesinnungen seyen nur taube Bluthen, wenn sie nicht aus dem gesunden Stamme eines ordentlichen reinlichen Lebens Nahrungssaft einsaugen. Wenn das Volk durch Arbeitsamkeit sichern Unterhalt findet, so kommt Ordnung und Sitte von selbst. Wirkliche Noth hebt alle moralische Bande auf; der Mensch, den sie druckt, ist im Zustande des Kriegs gegen die Gesellschaft. Wenn die physischen Bedurfnisse massig befriedigt sind, sprosst die Seele aus eigener Kraft in Gedanken auf, und die Gefuhle des Rechten und Guten, des Glaubens und der Hofnung entkeimen ihrem mutterlichen Boden, als starke, gesunde Gewachse. Die Erfahrungen, die ich in meinem kleinen Kreise machte, scheinen mir beweisend. Ich war so glucklich, durch die Hulfe meiner vorigen Gutsherrschaft vieles fur den Wohlstand dieses Dorfchens thun zu konnen. Unser voriger Herr war nicht allein ein vortreflicher Landwirth, er kannte auch alle Produkte und Bedurfnisse der umliegenden Gegend auf das genaueste, verstand in hohem Grad die Kunst, die Menschen zu behandeln, und sie zu seinen guten Zwecken zu lenken. Er richtete den Feldbau und alle Arbeiten seiner Unterthanen nach den Bedurfnissen der benachbarten Orte ein, so sehr es die Eigenthumlichkeiten des Bodens gestatteten. Da er das Zutrauen aller besass, so verband sein Geist das Ganze, und jeder Einzelne fand irgend einen Vortheil in seiner Haushaltung dadurch. Uberall wusste unser Herr Zugang zur vortheilhaftesten Absetzung der uberflussigen Produkte, und so entstand nach und nach durch die Sicherheit des Erwerbs der Geist der Arbeitsamkeit und stillen Ordnung. Wenig Mussigganger blieben in der Gemeinde, und die Gemuther bildeten sich gesund und sittlich. Im Anfang wurde der Geldbeutel ihres Herrn mehr in Anspruch genommen, als meine Seelenarzneien. Jetzt, bey einem ruhigen und arbeitsamen Leben, und nach den Eindrucken, die die Jugend, mit welcher ich mich gleich anfanglich beschaftigte, empfing jetzt nahet sich mir der grosste Theil meiner Gemeinde im achten Gefuhl edlerer Bedurfnisse. Die Jugend wunscht Aufklarung uber manche Gegenstande des Denkens, und oft Regeln fur das Leben von mir, und das Alter spricht gern von seinen Hofnungen nach dem Tode. O warum musste uns unser treflicher Herr so bald entrissen werden!

Seit wann ist er gestorben? fragte der Fremde mit sichtbarer Bewegung. Ich habe nicht einmahl den Trost, erwiederte mein Vater, zu wissen, dass seine Seele in ein besseres Leben hinubergegangen ist; er lebt vielleicht noch im Elend, in trauriger Gemuthsverwirrung, in Gefangenschaft; nur Gewalt kann ihn von uns trennen, wenn er noch am Leben ist, und dieses bange Schweigen des Todes gegen Herzen, die ihn so innig liebten, verursachen. Er lebte so mit seinem ganzen Herzen in diesem Dorfchen, dem Kreise seiner Wohlthatigkeit; willig hat er es nicht verlassen, es liegt eine uns undurchdringliche Nacht auf seinem Schicksal!

Die Gemuthsbewegung des Fremden stieg immer hoher, und er fragte mit zitternder Stimme: Auf welche Art verschwand er?

Es sind achtzehn Jahr, als unser Herr eines Morgens befahl, sein schnellstes Pferd zu satteln; er zog seine Jagdkleidung an, ritt an meinem Hause vorbey, und rief mir zu, an die Gartenthur, die etwas entfernter von der Strasse ist, zu kommen. Er reichte mir einen Beutel, und sagte: Hier haben Sie einen kleinen Fond zu unsern Einrichtungen fur meine Unterthanen. Es mochten vielleicht Hindernisse fur unsere Plane in den nachsten Zeiten entstehen; diese Summe, denke ich, soll hinreichen, sie furs erste sicher zu stellen. Leben Sie wohl, mein bester Freund. Er wandte das Gesicht von mir ab, aber ich hatte eine ungewohnliche Spannung in seinem Wesen wahrgenommen, seine Hand schien zu zittern, als er mir den Beutel reichte. Die Ahndung eines Unglucks flog durch meine Seele, und als ich meine Arme nach ihm erhob, um seine Hand zu drucken, und noch ein Wort von ihm zu vernehmen, gab er dem Pferde die Sporen, und war mir pfeilschnell aus den Augen. Noch einmahl sah er sich nach mir um, und seitdem sah ich ihn nie wieder.

Es sind achtzehn Jahr verstrichen, aber noch liegt jener Augenblick als gegenwartig in meiner Seele, und nie seh' ich den kleinen Fusssteig, der in den Wald fuhrt, ohne dass alle Schrecken seines Abschieds mich uberfallen. Dort ritt er hin, und warf den letzten, gewiss schmerzlichen Blick auf sein Eigenthum. Alle Herzen waren sein, und er in dem bluhenden Mannsalter von dreyssig Jahren, mit einer Fulle der Thaten im Busen, musste das alles verlassen! Die Unruhe jener ersten bangen Tage seines Verschwindens ist unaussprechlich. Ich fand die Summe von zweitausend Thalern in dem Beutel, und dieses vermehrte meine Besorgnisse, als seyen sie ein Vermachtniss, wenigstens deuteten sie eine lange Abwesenheit an. Ich kannte seine Vermogensumstande, seine Guter waren nicht schuldenfrey, und nur durch eine sehr strenge Okonomie in allen Ausgaben fur seine Person gewann er den Uberschuss, den er zum Besten seiner Unterthanen verwendete. Seit funf Inhren, die er hier verlebte, sah ich ihn immer nach dem festen Plan handeln, seine Guter von Schulden zu befreyen, und sich durch kluge Wirthschaft eines unabhangigen Einkommens zu versichern. Die Summe von zweitausend Thalern konnte er nicht erubrigt haben, und es musste eine fremde gewaltsame Lage ihn nothigen, von seinem Plan abzugehen. Oft hatte er mir gesagt, wie glucklich er durch das Gefuhl sey, frey und unabhangig auf seinen Gutern zu leben, und wie kein anderes Verhaltniss ihn anziehen konnte, weil ihm keines so naturlich und ehrwurdig schiene.

Die Unterthanen, welche gewohnt waren, ihren Herrn alle Sonntage bey ihren Vergnugungen zu sehen, besturmten mich mit Fragen nach ihm, und ich musste suchen, meine qualende Unruhe zu verbergen. Seinem Jager und Verwalter hatte er, gleichsam im Scherz, weil er eben uberflussig Geld habe, ihren Lohn auf drey Jahre vorausbezahlt. Ich schickte sie und einige meiner zuverlassigsten Bauern in der Gegend umher, aber keiner konnte eine Spur von dieses geliebten Herrn Aufenthalt entdecken. So vergingen mehrere Wochen, die Bauern wurden immer unruhiger und drangen mit Fragen in mich. Als ich endlich sagen musste, ich wisse eben so wenig als sie, und theile ihre Besorgnisse, entstand ein allgemeiner Jammer. Sie liefen sturmend im ganzen Schlosse umher, und am selbigen Abend durchsuchten sie das ganze Jagdrevier und alle Walder der Gegend mit Fackeln, und behaupteten, man habe ihren geliebten Herrn ermordet, und sie mussten die Morder ausfundig machen. Keiner wollte an seine Arbeit, bis sie ihn gefunden hatten; es war in der Erndtezeit, aber sie liefen lieber Gefahr ihren Unterhalt fur das ganze Jahr zu verlieren, ehe sie sich vorwerfen wollten, nicht alles fur ihren Herrn gethan zu haben. Nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen horten sie endlich auf meine Ermahnungen, ihr Schmerz wurde stiller, und sie gingen wieder an ihre gewohnte Arbeit. Die Hofnung, welche ich ihnen machte, dass die Entfernung ihres Herrn von kurzer Dauer und freiwillig sey, weil er fur sie bey seiner Abreise gesorgt habe, stellte am besten Ruhe und Ordnung wieder her. Ich selbst nahrte diese susse Tauschung, bis ich eine Reise nach S. unternahm, wo ein vertrauter Freund meines Herrn sich aufhielt. Dieser bat mich, alle Nachforschungen einzustellen; er schien mit dem traurigen Geheimniss seiner Flucht bekannt zu seyn. "Sehen Sie unsern Freund als einen Todten an, er kann uns nur durch ein Wunder wiedergegeben werden, meine Pflicht erlaubt mir nicht Ihnen mehr zu sagen." Diese Worte schlugen alle meine Hofnungen danieder.

Der Herr von Salm wusste es bey der Ritterschaft durchzusetzen, dass er, als Mitbelehnter, auch die Administration des Guts erhielt; er zog nach einem Jahre ein; man fand alles im besten Stand, und keine neue Schuld im Verzeichniss angezeigt. Den Schreibtisch in unsers Herrn Kabinet fand man ganz leer, und der Jager sagte: er habe in den letzten Tagen viele Papiere verbrannt. Nirgends konnte ich seitdem eine Spur seines Aufenthalts entdecken. Vor zwey Jahren starb sein Freund in S., und mit ihm ist meine letzte Hofnung verschwunden.

Der Fremde wurde immer bewegter, und druckte meinem Vater mit feuchten Augen die Hand, sah dann lange stumm vor sich hin, und als die Thranen von neuem seine Augen schwellten, verbarg er das Gesicht in seinen gefaltenen Handen.

So oft ich diese Geschichte auch schon gehort hatte, so horte ich sie doch immer mit gleichem Interesse, und von Kindheit an war es meine liebste Unterhaltung gewesen, meinen Vater von seinem verschwundenen Freund erzahlen zu horen. Wenn die Altesten des Dorfes an schonen Sommerabenden unter den Linden versammelt waren, und ich mit meinem Vater vom Spatziergang zuruckkommend bey ihnen ausruhte, kam wohl einer, legte ihm traulich die Hand auf den Arm, und flusterte ihm ins Ohr: Ja unser Herr sollte wiederkommen! Mehrere kamen herbey, und man sprach von seiner Regierung und sehnte sich nach ihr zuruck, wie nach der goldenen Zeit.

Der lebhafte Eindruck, den diese Geschichte auf unsern Gast machte, freute mich innig. Mir war es, als machte ihn dieser Antheil an einen so oft wiederkehrenden Gegenstand unserer Gesprache noch heimischer in der Familie; auch ergriff mich eine dunkle Ahndung, er sey in das geheimnissvolle Schicksal jenes so geliebten Mannes enger verflochten, als er es aussere. Es war ein bedeutendes Schweigen in dem kleinen Zirkel; unsere Herzen naherten sich einander ohne Worte; die junge Familie von Salm unterbrach es zu meinem Verdruss.

Die Fraulein hatten ihren Sonntagsstaat angelegt, da sie von einem Fremden gehort hatten, und kamen mit zierlichen Verbeugungen und einer franzosischen Exklamation zur Thure herein. Nachdem sie den Fremden steif und vornehm gegrusst hatten, musterten sie ihn von Kopf zu Fuss mit neugierigen Augen, und flusterten dann zusammen: obgleich seine Kleidung nicht nach dem neuesten Schnitt sey, so habe er doch einen vornehmen Anstand. Er hatte fur die Verbeugung hoflich gedankt, und nach einigen fluchtigen Blicken auf die Damen, zog er sich mit meinem Vater in ein Fenster zuruck. Die Fraulein sprachen viel uber ihre Reise nach S., von den vornehmen Familien, mit denen sie dort Bekanntschaft zu machen dachten, und von ihrer Verwandschaft mit ihnen. Sie sprachen von diesem allen mit ungewohnlich lauter Stimme, aber da alle Versuche, die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich zu ziehen, fehlschlugen, flusterten sie wieder heimlich zusammen: es sey schwerlich ein Mann von Stande, da er keine der guten Familien dieser Gegend zu kennen schiene.

Das Gefluster, welches sich die jungen Damen oft bis zu einer beleidigenden Art uber einen dritten erlaubten, den sie fur unbedeutend hielten, war mir unertraglich; ich schlug ein Spiel vor. Die Fraulein, die nun einmahl die Hofnung aufgegeben hatten, durch ihre glanzende Unterhaltung die Aufmerksamkeit unsers Gastes zu fesseln, uberliessen sich nunmehr auch ganz ihrer ungebundensten Laune, und wahlten die blinde Kuh. Das nachste Zimmer wurde geofnet, und der junge Salm musste sich die Augen verbinden. Er that es nur nach wiederhohlten Neckereyen seiner Schwestern, da er noch immer eine hohe Meynung von dem Fremden hegte, und noch hofte, seine Gelehrsamkeit in einer Lucke des Gesprachs einzuschieben. Endlich kam das Spiel in Gang, und ob ich gleich immer mit der halben Seele bey meinem Vater und dem Fremden war, so konnte ich doch nur abgetrennte Worte vornehmen. Ich horte meinen Nahmen wiederhohlt nennen, sie sprachen eifrig, die Augen des Fremden suchten mich oft, und leuchteten mir wie ein Blitz in die Seele; bey jedem Stillstand des Gesprachs nahte er sich unserm Spiel immer mehr, und schien es mit Antheil anzusehen. Die Fraulein blieben mit ihren hohen Absatzen und langen Schleppen uberall hangen, und liefen so ungeschickt, dass sie oft hinfielen, wahrend ich in meinem leichten Hausanzuge und platten Schuhen leicht forthupfte. Es freute mich nicht wenig, zu fuhlen, dass die Augen unsers Gastes nur mir folgten, und zum erstenmahl bemerkte ich mit Vergnugen, wenn unsere Schatten auf der weissen Wand durch einander hupften, dass ich eine schlankere Gestalt hatte, als meine Gespielinnen. Endlich kam die Reihe an mich, die Augen zu verbinden. Ich lief ein paar Minuten im Zimmer umher, dann nach der Thur, wo mein Vater und der Fremde standen, und fasste den Letzten beym Arm, um ihn in unser Spiel zu ziehen. Ich that dieses in einem Ausbruch frohlicher Jugendlaune, die mich leicht bey solchen Spielen ergreift; selbst meinen Vater neckte ich oft so. Als ich schon des Fremden Arm gefasst hatte, fiel mir erst ein, mich zu fragen, ob ich dieses auch hatte thun sollen? Und mein unbefangenes Gemuth wunderte sich wieder uber diese Frage, da es ihren geheimnissvollen Sinn noch nicht verstand. In dieser Verwirrung hielt ich immer den Arm fest, bis er sich von meiner Hand losmachte, und meinen Leib umfasste.

Susser Moment des Lebens, wo Sinn und Geist zuerst in der holden himmelanstrebenden Flamme emporfliegen, wie allgegenwartig bleibst du einem zartfuhlenden Gemuth! Ich war anstandig erzogen, in der hochsten Reinheit und Keuschheit des Sinns und der Einbildung; diess war der erste Mann, gegen den ich meine volle Weiblichkeit empfand. Ich fuhlte mich seit seiner Gegenwart von jenem magischen Gewebe umsponnen, das die Blicke der Liebe zu erzeugen scheinen, und in dem all unser Thun zarter, feiner und bedeutender wird. Bey seiner Beruhrung bebten meine Nerven, und eine hohe Heiligkeit schwebte um sein Wesen, die schauernd meinen Busen beklemmte. In diesem nahmenlosen sussen Gemisch der ersten Regungen des Herzens stand ich sprachlos, und versuchte nicht der sussen Gewalt, die mich umwand, zu entfliehen. Fallen Sie nicht, liebes Kind, sagte er sanft, als ich endlich seinen Arm leise wegruckte, und umfasste mich von neuem. Ich suchte meine tiefe Bewegung durch einen Scherz zu verbergen, und verlangte, er sollte an meiner Stelle ins Spiel. Er loste mir das Tuch um die Augen ab. Als ich ihn ansah, waren seine Blicke fest auf mich gerichtet, und eine unaussprechliche Lieblichkeit milderte ihren Ernst. Sie haben mich also gefangen, Liebe; wollen Sie mich auch fest halten? sagte er mit dem zartesten, doch halb ernsten Ton, der in der Modulation seiner klangvollen Stimme meine tiefste Seele ergriff. Er mischte sich nun auf eine leichte, frohliche Art fur einige Momente in unser Spiel; seine schone Gestalt und die grosse Leichtigkeit und Grazie seiner Bewegungen entfaltete sich in vollem Reiz. Als er sich zuruckzog, gab er mir die Binde zuruck, und sagte: ich hatte ihn um zwanzig Jahre verjungt; eigentlich durfe man Amors Binde im vierzigsten nicht mehr tragen.

Er sah mich bey den letzten Worten scharf an; mir war, als suchte er eine Widerlegung in meinen Blikken. Bald hernach bat er meinen Vater um die Erlaubniss, sich zur Ruhe zu legen, indem er sehr ermudet sey, und morgen eine starke Tagreise vor sich habe. Er ging sachte aus dem Zimmer, ohne weder mich noch die andere Gesellschaft zu grussen. Mein Vater folgte ihm.

Als er zur Thur hinaus war, ergossen sich die Fraulein mit ihrem Bruder in tausend Vermuthungen und Fragen uber die Erscheinung dieses Fremden. Nicht weniger drangen sie in mich, alle kleinen Umstande seiner Ankunft zu erzahlen. Die Gegenwart meines Vaters machte sie etwas zuruckhaltender. Er hatte einen edlen Ton in seinem Hause eingefuhrt, und alles unnothige leere Geschwatz wurde soviel als moglich verbannt, weil es nur aus kleinen Gesinnungen entsteht, und sie auch wieder nahrt. Der junge Salm, der doch den Werth des Geistes und der Kultur genug erkennen konnte, um grosse Achtung dafur zu aussern, ergoss sich in Lobeserhebungen uber den Fremden. Ein vortreflicher Mann! rief er mit jenem affektirten Enthusiasmus, in den Seelen von geringen Fahigkeiten leicht verfallen: in Wahrheit ein vortreflicher Mann! begann er von neuem, wie er schon und bieder spricht, welch ein Feuer in seinem Auge, und wie etwas Grosses und Vornehmes in seinem ganzen Benehmen liegt, als stehe ihm alles an, was er zu thun gedenkt, und als sey er uberall der Herr. Und durch Simplizitat und Verstand Herr, sagte mein Vater, welches die beste Herrschaft ist. Die Fraulein fielen auch ein, und fanden, er habe gute Fassons; einen Tadel, der schon auf den Lippen schwebte, schienen sie nur aus Furcht vor meinem Vater zu unterdrucken Im Ganzen schien es ihnen doch aufgefallen zu seyn, dass die wenige Aufmerksamkeit, die er der ganzen jungen Gesellschaft bezeigt hatte, nur einzig auf mich gerichtet war. Wie froh war ich, als die Gesellschaft endlich Abschied nahm, und mich meinem Herzen uberliess! Mein Vater gab mir sogleich gute Nacht, und hiess mich das Fruhstuck gegen sieben Uhr bereiten.

Selbst meinen Vater verliess ich gern, zum erstenmahl in meinem Leben. Ich ordnete das nothigste fur den morgenden Tag, und ging in mein Zimmer. Ich sank auf einen Stuhl neben dem Bette, und uberliess mich den lieblichen Bildern, die allgewaltig auf meine Seele eindrangen.

Nur der vergangene Abend lag mir vor den Sinnen, aber in welchen Zauberfarben, die mein ganzes Daseyn uberglanzten, wie eine neu hervorbrechende Sonne! Mein Wesen ging mir in einer nie empfundenen erhohten Kraft auf, eine Welt susser Ahndungen umfasste mich, und statt in flacher Dammerung lag das Leben mit seinen Hohen und Tiefen klar vor meinem geistigen Auge. Immer fuhlte ich den Druck seiner Hand aufs neue wieder, kindisch legte ich die meine auf die Gegend des Armes, die er beruhrt hatte, um gleichsam den Eindruck fest zu halten, und ihn in allen meinen Nerven wiedertonen zu lassen.

Holdes Zaubergefuhl der Liebe, wo Sinn und Geist sich in einem allgewaltigen Klang vermahlen! Ich genoss diese einzigen Momente, voll und rein, in allem Reiz der sussen mystischen Dammerung, die die Freuden der Liebe im Busen eines sittsam erzogenen Madchens umschleiert. Mich hinzugeben dem unaussprechlichen, hohen und schonen, der mir als eine Gottergestalt erschien; in ihm, durch ihn nur zu leben, zu empfinden, alles dieses ging mir in der Seele auf, und mein Inneres zerfloss in der Gewalt und im Wechsel dieser seligen Bilder. Die Stunde der Mitternacht ging so voruber, und vergebens legte ich mich zum Schlummer, nachdem ich mir ein nettes, weisses Morgenkleid zurecht gelegt hatte. Holde Traume umfingen mich, und der Geliebte erschien mir in tausend Gestalten und unter tausend verschiedenen Situationen.

Der Morgen begann. In wenigen Stunden wirst du ihn sehen, sagte ich mir und die sonderbare Furcht, mit welcher der Mensch allem hoch und heilig geachteten begegnet, ergriff mich. Die schlaflose Nacht bewirkte auch noch physische Ermattung; mit zitternder Hand kleidete ich mich an, und schlich leise durch Rosinens Zimmer, um sie noch eine Stunde Schlaf geniessen zu lassen. Kaum wagte ich zu athmen, als ich auf dem Vorsaal an der Thur des Geliebten vorbey kam. Aufs neue ergriff mich das Bild des vergangenen Abends, als ich in das Wohnzimmer trat; die Magd war noch nicht aufgestanden, es zu reinigen, und es lag und stand noch alles umher, wie ich es am Abend verlassen hatte. Ich setzte mich auf den Stuhl, wo der geliebte Mann gestern gesessen hatte. Das Morgenroth flammte in Osten, die Haupter der Berge waren verklart, und bald von Strahlen ubergoldet. Die ferne Gebirgkette, und die niedern Hugel, die unser Thal einschlossen, schwammen im blauen Dufte des Herbstes, und das harmoniereichste Farbenspiel belebte die liebliche Landschaft. Silbern glanzte der Fluss aus den Schatten des Ufers, die sich allgemach verloren. Wie neu erschien mir diese liebe, so bekannt gewordene Gegend. Sein Bild war gemischt mit allem was mir erschien, und alles Schone schien mir nur ein Theil seines Wesens. Die Magd trat herein, um das Zimmer zu reinigen, und nur um die Sonderbarkeit meines fruhern Erwachens zu entschuldigen, berief ich sie uber ihr spates Aufstehen. Es ist so spat noch nicht, erwiederte sie, und der Fremde wird auch gerne ausruhen wollen.

Diese Worte, die ersten die ich an diesem Tage vernahm, sie trennten mich auf einmahl von meiner innern Welt freundlicher Bilder, wie die feindliche Scheere der Parzen das Leben von dem goldenen Lichte des Tages. Der Fremde! wiederhohlte ich bey mir selbst; das ist er, und wird es vielleicht immer fur dich bleiben, und du raumtest ihm dein ganzes Herz so leicht ein. Die Thranen sturzten aus meinen Augen, und ich eilte ins Kabinet meines Vaters, welches ich alle Morgen selbst mit leisen Schritten aufraumte, um durch kein unzeitiges Gerausch seinen Morgenschlummer zu unterbrechen.

Der Vorhang innerhalb der Glasthur war verschoben, und ich sah sein Gesicht gegen die Thur gewendet. Welche Wurde und heitere Stille schwebte uber der reinen Stirn, deren Falten nur ruhiges Denken gezeichnet hatte! welche Lieblichkeit athmete der sanft geofnete Mund, um welchen Antheil, Mitleid und sorgliche Liebe sanfte Linien gezogen! Die milde segnende Hand lag auf der Decke, und druckte sanft auf die leis athmende Brust. Diese Stille umfing mich, und mein Busen wallte leichter und stiller. Ach fur diese Beiden zu leben! sagt' ich bey mir selbst; keiner ohne den andern kann mich ganz glucklich machen! Ich vollfuhrte mein gewohnliches Geschaft, und ging dann in die Kuche, um das Fruhstuck anzuordnen.

Nachdem alle hauslichen Geschafte geordnet waren, setzte ich mich an das Pianoforte, um das Erwachen meines Vaters zu erwarten. Kaum hatte ich Naumanns Kora aufgeschlagen, und ein paar herzerhebende Akkorde aus dem schonen Chor: Geist aller Welten etc. gegriffen, so horte ich die Thur sich hinter mir ofnen. Mein Herz schlug hoch, und die Noten verwirrten sich vor meinen Augen. Es war der geliebte Mann, und aller Zauber meiner Traume schwebte um seine Gestalt. Die Furcht, meine Empfindungen mochten auf meinem Gesicht ausgedruckt seyn, brachte mich in beynahe schmerzliche Verwirrung. Er grusste mich sanft, seine Stimme schien mir noch ruhrender, als am vergangenen Abend. Er liess mich nicht vom Klavier ausstehen, und begleitete meine zitternden Noten mit dem reinsten vollkommensten Gesang. Ruhe durchstromte mich, die Morgenrothe flammte um uns her, und der erhabene Sinn dieser Musik fullte meine Seele; ich konnte ihn bald mit meiner Stimme begleiten, und unser Gesang floss so rein in einander, wie der Odem der Liebe. Mein Vater kam noch wahrend des Gesangs aus seinem Kabinet, und blieb still hinter uns stehen. Als ich ausgespielt hatte, ging der Fremde freundlich auf meinen Vater zu, und fasste seine Hande. "Wir hielten unser Morgengebet; lieber Vater, mochte ich jeden Tag mit so reiner Andacht beginnen! Der stille Geist Eures Hauses hat mich ergriffen, Ihr seyd glucklich, Euch fehlt nichts, mir fehlt auch nur eines und vielleicht konnen Sie mirs geben." Er druckte hier des Alten Hande heftiger an seine Brust, und seine Augen fielen auf mich; ich stand bebend auf, den Stuhl ans Klavier gelehnt. Mein Vater sah ihm heiter ins Auge, und als er seine Hande nicht los liess, sagte er sanft: "Gern, gern, wenn ichs kann!" Ich konnte mich nicht langer halten, schlich mich an dem Fremden vorbey, und eilte an ein Fenster auf den Vorplatz; die Thranen sturzten aus meinen Augen. Als ich mit dem Fruhstuck zuruck kam, schien mir's als hatte ich die Unterredung gestohrt; mein Vater schien sehr ernsthaft, der Fremde bewegt, und es schien eine Wolke vor seiner Stirn zu liegen. Der Ring blickte mir wieder ins Auge, indem er nachdenklich seine Tasse Kaffee ausleerte, und der Nahme zog wie eine Last mein Herz aus der goldenen Zauberwelt zuruck. Der Nahme ist nicht unbedeutend, sagte ich bey mir selbst; ein so feinsinniger Mann tragt kein Zeichen des Andenkens, als wenn es ihm herzlich werth ist. Ob er nur eine Schwester hat? Als er bey einer kleinen Abwesenheit meines Vaters sich mir naherte, sanft die Locken beruhrte, die uber meine Schultern wallten, und dann mit bewegter, leiser Stimme sprach: Gutes, liebes Kind, o mochte ich etwas fur Ihre Gluckseligkeit thun konnen! dann schwoll mein Herz wieder in freundlichen Hofnungen, und der Nahme war vergessen. Er machte sich reisefertig, ein Schauer fasste mich, als er Hut und Stock ergriff: vielleicht seh' ich ihn zum letztenmahl, sagte mir eine Ungluck weissagende Stimme in meinem Innern, denn er hatte nichts geaussert uber seinen Aufenthalt, noch seine ubrigen Verhaltnisse. Bebend stand ich, und hielt mich am Fenstergesimms, denn meine Kniee fingen an zu wanken, wahrend er von meinem Vater mit einer treuherzigen Umarmung Abschied nahm. Nun nahte er sich mir, schlang sanft den einen Arm um meinen Leib, und druckte seine Lippen auf meine gluhende Wange. Vergessen Sie mich nicht, sprach er mit holder Stimme, und kaum konnte ich die hervorsturzenden Thranen zuruckhalten. Schon war er an der Thur, und sah noch einmahl auf mich zuruck, als wir das Rollen eines ankommenden Wagens vernahmen. Er warf einen Blick aus dem Fenster, und befahl dem Kutscher zu halten: er wurde augenblicklich einsteigen; aber eine Dame rief ihm aus dem Kutschenfenster zu, sie wunsche hier eine halbe Stunde auszuruhn. Er erwiederte, sie hatten wenig Zeit zu verlieren; aber sie war schon beim Aussteigen, ehe sie seine Antwort ganz vernommen hatte, und mein Vater war an die Thur geeilt, sie zu empfangen.

Der Empfang der Dame liess mir keine Zeit, mich meinen Empfindungen zu uberlassen; aber ich war in der disharmonischsten Stimmung. Freude uber die aufgeschobene Abreise, und diese neue Erscheinung, die sich so schnell zwischen meinen Freund und mich drangte, kampften in meinem Busen. Sein Betragen schien mir gezwungener, seitdem sie unter uns war, und druckte doch Achtung und Neigung fur sie aus. Ihre Zuge waren schon, aber sie versprachen mehr Verstand, als Gefuhl. Der Firniss der feinen Welt, der uber ihr Betragen gezogen war, entfernte mich, ohne mir zu misfallen. Sie begegnete mir auch nur mit jener, Menschen von feinen Sitten mechanisch gewordenen Gefalligkeit.

Ihre Entfernung, mein liebster Freund, hat mir Sorgen gemacht, sagte sie halb laut in franzosischer Sprache; ich furchtete, es ware Ihnen ein Unfall begegnet. Er dankte mit einer Beugung des Kopfes fur ihre Theilnahme, und wandte sich dann gegen uns. Ich habe in dieser liebenswurdigen Gesellschaft einen der glucklichsten Abende meines Lebens zugebracht, und wunschte, Sie hatten ihn mit mir genossen. Die Dame sah mich scharf an, und zeigte mir nach dieser Ausserung mehr Aufmerksamkeit. Nicht ein Wort entfiel, aus welchem mir ihr gegenseitiges Verhaltniss hatte klar werden konnen. Es schien mir grosse Vertraulichkeit zwischen ihnen zu herrschen; vergebens wunschte ich den Nahmen Schwester zu horen, und ich wagte es nicht, auszudenken, dass sie vielleicht verheirathet seyn konnten.

Als ich nach einem kleinen Geschaft ins Zimmer zuruckkam, fuhlte ich, dass man von mir gesprochen hatte. Die Dame bat mich, neben ihr zu sitzen, nahm meine Hand, freute sich, mich so unvermuthet kennen zu lernen, und hofte, wir wurden uns bald und ofters wiedersehen, um uns naher zu kennen. Sein Auge war mit innigem Wohlgefallen auf uns geheftet. Ich fing an, die Dame als ein Band zwischen ihm und mir anzusehen; dieses gab vielleicht meinem Betragen gegen sie die Farbe der Neigung. Ach, ihn zu sehen, in seinem Kreise zu athmen, wie viel schien mir dieses in dem Augenblicke der Trennung! Die Dame sprach viel und scharfsinnig mit meinem Vater uber Literatur, fremde Lander und Sitten. Wie interessant konnte mir ihr Umgang seyn, wenn sie die Schwester des geliebten Mannes ware!

Zum zweitenmahl kam der Moment des Abschiedes, aber die Lage war verandert. Die Reinheit der ersten ungemischten Empfindung war durch die Dazwischenkunft der Dame mit mehreren kleinen Leidenschaften gefarbt. Am machtigsten wirkte der Stolz, die tiefen Bewegungen meines Herzens den Augen eines scharfbeobachtenden Weibes verbergen zu wollen. Ich folgte der Gesellschaft mit einer sonderbaren Dumpfheit des Sinnes an den Wagen. Wir werden uns wieder sehen, mein bestes Kind, sagte die Dame, als sie mich beym Abschied umarmte; Ihr guter Vater hat es mir zugesagt. Der Geliebte druckte noch einmahl schweigend meine Hand an seine Lippen; er sagte kein Wort, das Hofnung des nahen Wiedersehens zeigte. Lieber Vater, sagte er noch mit einem Blick stiller Liebe zu uns, man steigt vom Himmel auf die Erde, wenn man von Ihnen scheidet; geben Sie mir Ihren Segen! Aber wie schmerzlich bebte mein Busen, als er sich gegen die Dame mit den Worten wendete: "Liebe Amalie, nicht wahr, Sie fuhlen es mit mir, dass man dieses gastfreundliche Haus nur ungern verlassen kann?" Das ist also diese Amalie, sagte ich bey mir selbst. Ach ein gluckliches, gluckliches Weib, so an der Seite des liebenswurdigsten Mannes durch die offene schone Welt zu fliegen! Susses Geschaft, fur ihn zu sorgen, und wieder die zarte Sorge seiner Liebe zu seyn! Mein Vater blieb gedankenvoll neben mir stehen, bis das Rasseln des Wagens in der weiten Ferne verstummte, fasste dann meine Hand, und hiess mich einige Stunden ruhen. Ich zitterte bey seiner Beruhrung. Der Gedanke, mit ihm allein zu seyn, mit ihm, in dessen Gegenwart kein Geheimniss in meiner Seele bleiben konnte, ergriff mich, und in schmerzlicher Bewegung sank ich weinend an seine Brust. Mein gutes, gutes Kind, sagte er mit trostender, weicher Stimme, Du bedarfst der Ruhe sehr, suche einige Stunden Schlummer zu finden, Deine Nerven sind verspannt; Du findest mich im Garten.

Vergebens suchte ich dem Rath meines Vaters zu folgen; der Schlaf floh mein bewegtes Gemuth. Ich ging an meine Hausgeschafte, und das liebste war mir, das Zimmer des Fremden wieder in Ordnung zu bringen. Mein Vater war still und nachdenkend beym Mittogsessen, aber voll zarter Theilnahme gegen mich. Als ich mich nach Tische wieder entfernen wollte, hiess er mich ihn in den Garten begleiten.

Wir sassen an einem kleinen Hugel, von dem wir die freie Aussicht in ein enges Thal hatten, wo zwischen dunklen Fichten ein Waldstrom hinbrauste. Er zog seinen Homer aus der Tasche, und las die ruhrende Klage Andromache's. Das Gefuhl meines eigenen Leidens floh, mein ganzes Wesen war von Andromache's Schmerz durchwuhlt, und als der Zauber der hohen Dichtung von mir wich, war meine Seele wie rein gebadet durch einen Strom des erhoheten Lebens.

Ich liebte, aber ich liebte reiner; meine Sehnsucht war still und lieblich. Das Bild des Geliebten lag in meiner ruhigen Brust in all' seiner Schonheit, einfach und gross, wie der Mond auf der Flache des ruhigen Sees. So horte die Liebe auf, eine Krankheit fur mich zu seyn. Die Tage der Woche gingen in dem gewohnten Zirkel einfacher Beschaftigungen hin. Alles hatte seine Zeit, aber alles war so weise vertheilt, dass jedes pedantisch lastige Ansehn dabey vermieden war. Wer die Wohlthat des einformigen Lebens nie empfunden hat, der sieht nur Langeweile dabey; aber wer es gekannt hat, wie die Seele nach Zerstreuungen und Weltgewuhl ihr besseres Ich in einer thatigen Einsamkeit wieder findet, wie sie sich endlich der aussern Stille und Ordnung anschmiegt, und sie in sich einsaugt, der wird vielleicht diese Lebensweise die glucklichste nennen.

So verwebte sich das Bild meines Freundes mit allen meinen Beschaftigungen, aber sanft waren die Wallungen des Verlangens in meinem Busen, und zart die Sehnsucht. Mein Vater war noch sorgsamer und zartlicher gegen mich als gewohnlich; wenigstens schien seine Aufmerksamkeit noch ununterbrochener auf mich gerichtet zu seyn. Ruhrend war mir sein Schweigen uber die neuen Bewegungen meines Herzens. Er fuhlte sie tief, aber mit zarter Schonung vermied er jedes Wort, das eine Erklarung hatte herbeyfuhren konnen. Solche Momente des Schweigens erzeugen Jahre der Freundschaft; die Seelen scheinen sich inniger zu nahern, als bedurften sie schon der Worte nicht mehr. Aber dieses Schweigen, mir so werth und meinem wunden Gemuth so wohlthatig, dunkte mir auch ein Beweis zu sehn, dass meine Liebe hofnungslos sey.

Ach diese Amalie ist sein Weib! sagte mir oft eine Stimme im Innern, aber eine andere widerlegte die erste. Nein, er wurde sich nicht erlaubt haben, dir mit solcher Herzlichkeit zu begegnen. Lag nicht in seiner Rede der ganze Sinn, dass er mich zu besitzen wunsche? So gern gab mein hoffendes Herz der zweiten Stimme Gehor!

In Rosinens Betragen war eine sonderbare Feierlichkeit. Nach meines Vaters Beispiel war auch zwischen ihr und mir alles unnutze Geschwatz verbannt, und wir respektirten uns gegenseitig zu sehr, dass wir nicht hatten wunschen sollen, uns immer nur etwas Passendes und Vernunftiges zu sagen. Rosine, die noch mit der alten Gewohnheit der Schwatzhaftigkeit zu kampfen hatte, und die sich uberdem bey mir, ihrem Zogling, der dankbarsten Achtung so gewiss hielt, uberliess sich doch zuweilen in der Abwesenheit meines Vaters ihrer geschwatzigen Laune. Jetzt wartete ich seit mehrern Tagen vergebens auf ein Wort uber die neue Begebenheit, die in einem so einformigen Leben nothwendig Eindruck auf sie gemacht haben musste. So gern hatte ich den geliebten Nahmen von irgend einem lebendigen Wesen aussprechen horen. Es ware mir ein Zeugniss der Wirklichkeit fur die ganze Scene gewesen, die oft als ein leichter Traum aus meiner Seele zu entfliehen drohte.

Mehrere Tage verstrichen ohne Nachricht von dem Fremden. Mit neugieriger Eile nahm ich alle ankommenden Briefe in Empfang, und besahe alle Aufschriften und Siegel genau, denn ich kannte den grossen Korrespondentenzirkel meines Vaters. Am funften Posttage endlich erschien ein Brief mit grossem unbekannten Siegel; mit zitternder Hand reichte ich ihn meinem Vater beym Aufstehen, und vergass vor gluhender Ungeduld das Fruhstuck herbeyzuhohlen. Der Alte besah Aufschrift und Siegel, legte den Brief langsam auseinander, und setzte sich zum ruhigen Lesen. Ich kannte alle feinen Falten auf dem stillen Gesicht meines Vaters; mit Zittern nahm ich die Wirkung wahr, welche der Innhalt dieser Zeilen auf ihn machte, ein gewisses Staunen, in dem noch etwas Freudiges lag, das aber bald in eine Wolke des Schmerzens vor seiner Stirne verschwand. Meine Unruhe wuchs, als er den Brief hastig einsteckte, und mit einer ruhig seyn sollenden Miene nach dem Fruhstuck fragte. Der Tag verstrich, als wenn eine gewitterschwule Luft den Athem presst; die gewohnten Geschafte wurden gethan, aber die gedankenschwere Stirn des Hausvaters verbreitete Dusterheit uber alles.

Nach einem einsamen Spatziergang fand mich mein Vater bey seiner Zuruckkunft allein im Zimmer; ich fuhlte mich gedruckt, da er den ganzen Tag vermieden hatte, mit mir allein zu seyn, und hielt schon die Thurklinke in der Hand, mich zu entfernen. Bleib, mein Kind! rief er mir zu, ich habe dir sehr wichtige Dinge zu sagen, die mir das Herz pressen und die ich nur mit Geduld und Glauben an die ewige Gute mit Ruhe ertragen werde; die Zeit ist gekommen, wir mussen uns trennen. Ich flog mit einem lauten Schrey an seinen Hals, seine Thranen traufelten auf meine Wangen, und wir hielten uns sprachlos umschlossen. Nachdem unser Schmerz sich gemildert hatte, fuhr er mit zitternder Stimme fort: Die Vorsicht hat mir deine Bildung anvertraut, mein bestes einziges Kind, und ich fand das susseste Geschaft meines Lebens darinnen. Gott hat mich nicht reich gemacht, aber ich machte mir es zur Pflicht, von meinem kleinen Einkommen jahrlich so viel zuruckzulegen, dass du nach meinem Tod fur Mangel und Abhangigkeit sicher seyn konntest. Meine einzige Sorge war, wo du leben wurdest? Unter dem Zirkel unserer bisherigen Bekannten war niemand, dem ich dich mit ruhigem Gemuth hatte anvertrauen konnen. Meine Freunde sind zu weit entfernt, und alle in Familienverhaltnissen, die fur dich nicht taugen. Wir mussen uns nach einem Zufluchtsort fur dich nach meinem Tode umsehen. Stille deine Thranen; einem siebenzigjahrigen Mann muss der Tod so bekannt seyn, als der Schlaf, und wir finden uns ja wieder beym Erwachen! Ein heiterer Strahl fiel aus seinem Auge in meine Seele, und das Leben schwand vor mir hin als eine Wolke, mit seinen Freuden und seiner Noth; ich blickte gelassen zu meinem Vater und zum Himmel auf.

So sehr ich durch deine Entfernung leiden werde, mein bestes Kind, fuhr mein Vater fort, so danke ich doch der Vorsicht fur den Wink zu einem kunftigen Aufenthalt fur dich, bey Menschen, die meine Achtung verdienen, und die durch Geisteskultur und feine Sitten dein Leben anmuthig und glucklich machen konnen. Die Dame, welche jungst bey uns war, ist die Grafin von Wildenfels. Ihr Ausseres verspricht Feinheit und Bildung, aber ich kenne auch ihren Charakter durch einen meiner vertrauten Freunde, und ich kann dich ohne Sorge ihrer Fuhrung anvertrauen. Sie wunscht dich fur den nachsten Winter zu ihrer Gesellschafterin, und will aus besonderm Antheil, welchen sie an dir nimmt, noch einige kleine Talente dir erwerben helfen, die du in unserm einsamen Aufenthalt entbehren wurdest. Bist du mit der Grafin und der neuen Lebensart zufrieden, so wird sie dich gern immer um sich haben. Sie wohnt fur jetzt in D**. "Ich werde ihn wiedersehen!" war mein erstes Gefuhl bey den Worten meines Vaters, aber die lieblichen Hofnungen, welche bey diesem Gedanken meinen Busen fullten, wurden bald von dem schmerzlichen Gefuhl der Trennung verscheucht. "Du versuchst die neue Lage fur ein halbes Jahr," sagte mir mein Vater, als er meinen tiefen Schmerz wahrnahm; "misfallt sie dir ganz, so kehrst du zu mir zuruck, schliessest meine Augen, und ich empfehle dich unserm himmlischen Vater. Aber ich kann nicht wunschen, den Sonnenschein weniger Tage fur mich durch den Frieden deines kunftigen Lebens zu erkaufen. Wende alles an, um dein Gemuth zu der neuen Welt gefallig zu stimmen, in welche du eintreten wirst."

Schon in drey Tagen wollte mich die Grafin durch ihre Kammerfrau abhohlen lassen. Meine Seele zerfloss in schmerzlichen Gefuhlen. Alle Freuden einer glucklichen Kindheit, alle einsam genossene Stunden der erwachenden Jugendfantasie gingen in den Tagen der Trennung wieder auf, und drangten sich fester an mein Gemuth. Ich ging durch das Dorf, und empfing mit geruhrtem Herzen den treugemeinten Segenswunsch der guten Landleute; mein Vater, welcher den Verstandigsten unter seiner Gemeinde gern Rechenschaft von seinem Thun und Lassen gab, hatte auch uber meine Reise mit ihnen gesprochen, und ihnen gesagt, dass er sich um einen Aufenthalt fur mich nach seinem Tode umsehen musste. Einige der Wohlhabendsten drangen mit Bitten in ihn, fur die Zukunft nicht zu sorgen, und wollten mich durchaus zwingen, Geschenke anzunehmen, die fur ihre Umstande ansehnlich waren. In jedem Abschied, den ich nehmen musste, fuhlte ich schon den allerschmerzlichsten, den von meinem Vater.

Die Salmische Familie empfing meinen Abschiedsbesuch mit ungewohnlicher Feierlichkeit. Ich umarme Sie vielleicht als eine grosse Dame, wenn wir uns wiedersehen, sagte mir die alteste Fraulein beym Abschied. Ich achtete nicht mehr auf ihre Rede, als wie auf einen gewohnlichen Madchenscherz, und erzahlte sie in diesem Tone Rosinen. Die gute Alte sah mich einige Minuten lang forschend an, fuhrte mich mit geheimnissvollem Schweigen in ihr Kabinet, und verschloss die Thure hinter uns. Sie druckte mich an ihre Brust, bedeckte mein Gesicht mit Kussen und Thranen, und rief aus: "Du bist unschuldig, bestes Kind, Gott sey Dank, du bist unschuldig! Ach ich war so traurig; ich wahnte, du wusstest um den Heurathsantrag des Fremden, und furchtete deine Liebe und dein Vertrauen verloren zu haben, weil du mir nicht ein Wort daruber sagtest. Jetzt sehe ich, dass ich dir Unrecht that. Schweigen konntest du gegen mich, aber dich verstellen und die Unwissende spielen, das kann mein aufrichtiges gutes Madchen nicht." Von was schwatzest du, Mutterchen? erwiederte ich, indem ich sie mit grossen Augen anstarrte. Liebes Kind, du sollst alles wissen, aber schweigen musst du, selbst gegen deinen Vater, so hart es dir auch ankommen mag. Nein, ich begreife deinen Vater nicht, so sehr ich auch sonst alles recht gethan finde, was er thut: mir mag er's verzeihen, dass ich meiner Agnes alles entdecke.

Entsinnest du dich jenes Morgens, Liebe, als jener fremde schone Mann bey uns war? Du verliessest einmahl schnell das Zimmer, und er blieb allein mit deinem Vater; da war ich in dem Seitenkabinet. Du weisst, es ist nur durch eine Bretterwand von dem grossen Zimmer geschieden, und ich verstand alle Worte, die gesprochen wurden. Da die Rede von dir war, half mein Herz meinem Gedachtniss, mir entfiel nicht eine Silbe der Unterredung. Liebliches Geschopf! rief der Fremde aus, als du die Thur geschlossen hattest. O dass diese Wahrheit und Reinheit in deinem Wesen nie verfalscht werden mochte, ich ware dann der glucklichste Mann, dich gefunden zu haben! Mein Vater, unsere Gemuther sind eins in der Liebe der Wahrheit, unter uns braucht es keine Umschweife, Sie sollen mich ganz kennen, ich will Ihre Tochter ganz kennen, und ist alles, wie ich mirs denke, wie Sie es wunschen, dann bitte ich aus voller Seele: Vater gib sie mir zum Weibe! und ich gelobe es Ihnen, sie soll ein gluckliches Weib werden.

Sie kann sich nur selbst geben, sagte der Pfarrer. Du seyest seine Tochter nicht. Wessen Tochter sie ist, gilt mir gleich, erwiederte der Fremde. Ich besitze die Eigenschaften, die die Vater meist bey einer Heurath fur ihre Tochter suchen, ich bin reich, und von hoher Geburt. Aber wenn der Vater ihres Geistes mich werth findet, durch das holde Wesen glucklich zu werden, dann werde ich dreyfach glucklich seyn. Ich frage nach nichts was ihr ausseres Verhaltniss betrift, weil ich unabhangig bin, aber Sie werden einen sonderbaren Mann finden, der Ihnen seine Seele ofnen wird; ich schreibe Ihnen. Meine Adresse ist: Baron von Nordheim in D. Uber die aussere Existenz des lieben Kindes haben Sie keine Sorge von heute an. Kann sie mein Weib nicht werden, so schenk' ich ihr ein Vermogen, das sie unabhangig macht; aber sie muss kein Wort von meinem Plane wissen. Ihre Gute ruhrt mich tief, sagte mein Vater. Trostend ware es mir, meine Agnes als Weib eines edlen Mannes auf der Welt zuruck zu lassen; ihre Geburt ist mir selbst noch ein unergrundliches Geheimniss, und selbst meine Ahndungen daruber muss ich in meinen Busen verschliessen. Alles was ich sagen kann, ist " Du tratest wieder herein, mein Kind.

Wunderbar, klar und leicht wurde mir bey dieser Erzahlung. Sein Weib, des liebenswurdigen Mannes nachstes innigstes Verhaltniss! ich dachte es mit stillem Entzucken. Doch schamte ich mich beinahe, meinem Vater gegenuber, etwas gegen seinen Willen erfahren zu haben; und die peinliche Empfindung, ihm etwas verbergen zu mussen, liess mich mit mehrerer Ruhe an die Trennung von ihm denken.

Der Tag des Abschieds brach an, alle nahmenlose Liebe, die ich empfangen hatte, fullte einzig meine Seele; sprachlos lag ich zu den Fussen meines Vaters, als der Wagen vorfuhr. Er wollte mich trosten, aber Thranen erstickten seine Worte: Gott segne dich in Zeit und Ewigkeit, meine Tochter! rief er mit zitternder Stimme. Endlich schieden wir beide in jener stillen Erhebung der Seele, welche nur der tiefern Empfindung eigen ist.

Meine Begleiterin war ein gutes harmloses Geschopf, das mir meine neue Lage mit den glanzendsten Farben vorzumahlen strebte. Zum erstenmahl dachte ich jetzt uber meine Geburt und den Stand meiner Eltern nach. Ich fand mich fremd und allein in der Welt, da ich aus den Augen meines Vaters war. Das Gefuhl war mir schmerzlich, und ich ermunterte mein Gemuth nur durch das Bestreben, sich selbst gleich zu bleiben, und keiner aussern Lage Gewalt uber mich einzuraumen. Ernstlich nahm ich mir vor, meinen ganzen Sinn nur auf die Ausbildung der Talente zu richten, die ich jetzt erwerben konnte, und die meine Einsamkeit beschaftigen, und meine Unabhangigkeit in jeder Periode des Lebens mir versichern sollten. Reizend dachte ich mir es, durch eine feine Mahlerey eine Summe zu erwerben, und dann meinen Vater unvermuthet mit einem Buche, welches er sich langst gewunscht hatte, zu uberraschen. Ach ich wusste, dass er sich manches versagte, um mir irgend ein kleines Geschenk zu machen!

Die Neigung, welche mein Herz fullte, war zu rein, als dass ich sie mit einer Aussicht auf ausseres Gluck hatte verknupfen sollen. Wenn ich den geliebten Mann dachte, lagen alle Verhaltnisse unter mir, so wie einer glaubigen Seele in dem Gedanken des Himmels alles Irrdische entschwindet.

Den zweiten Tag meiner Reise hielt ich Mittag in N**. Die Kalte nothigte uns in der Wirthsstube zu bleiben, bis ein besonders Zimmer erwarmt wurde. Mehrere Reisende befanden sich darinnen. Ausser den gewohnlichen Fragen und Gesprachen, nahm niemand aus der Gesellschaft besondern Antheil an mir. Ein Mann sass nachdenklich am Feuer; als er mich erblickte, stand er auf und sah mich einige Minuten hindurch scharf an. Wohin geht Ihre Reise, mein schones Kind? redete er mich an; und als ich erwiederte: "nach D**." schuttelte er den Kopf einigemahl bedeutend, und murmelte: so jung, so schon! zwischen den Zahnen. Er war ein Mann von mehr als mittlerer Grosse, er trug einen dunkelblauen abgetragenen Uberrock, seine schwarzen Haare hingen zerstreut ums Haupt, und seine dustern Augen blickten scharf unter der hochgewolbten Stirne hervor. Seine Wasche war sehr fein und reinlich. Er zog eine Schreibtafel hervor, bat mich um meinen Nahmen und um den Ort meines Aufenthalts. Dann bat er mich, mich in ein gunstiges Licht zu setzen, weil er mein Portrait zu zeichnen wunsche.

Sein Benehmen dunkte mir sonderbar, aber es war von solch einer Unbefangenheit begleitet, dass man ihm seine Bitten nicht wohl versagen konnte. Sie sind unter einem glucklichen Zeichen gebohren, rief er aus, nachdem er einige Linien gezogen hatte. Es ist nichts Streitendes in deinen Zugen, holdes Geschopf! O ermude nicht, diese holde Einheit durch das innigste Streben deines Gemuthes zu erhalten! Deine ganze Tugend ist, das zu bleiben, wozu die Natur dich machte. Dieses klare, blaue Auge vermag die Wahrheit vom Irrthum zu scheiden, und unter dem freien Gewolbe dieser Stirn entwickeln sich die Gedanken rein und zart. Wie fein rundet sich das Naschen, noch schwankend, ob es sich mehr zur Vorsichtigkeit und Klugheit, oder zur gutmuthigen, beynahe leichtsinnigen Hingebung formen wird. Aber den Ubergang von der Nase zur Lippe, den hat ein guter Engel mit dem Finger der Liebe gezeichnet. Der Mund ist fest und unverstellt; er sprach nur Wahrheit und Liebe. Gutes Madchen, o lass deine unentweihte Lippen nie etwas anders reden! Gott gebe dir eine gluckliche Liebe, und du kannst ein vollkommenes Weib werden.

Er arbeitete wahrend dieser Rede, die er ganz als einen Monolog zu betrachten schien, an seiner Zeichnung fort. Als er die Hauptzuge entworfen hatte, hielt er mir das Blatt vor die Augen, und sagte mit einem feierlichen Ton: "So sind Sie jetzt; die Fulle der Jugend muss von der Zeit verweht werden, aber moge nach dreyssig Jahren derselbe reine Geist diese Formen durchathmen! Sahe ich Sie wieder, und zum gemeinen Weibe gesunken, dann soll dieses Blatt Ihr strafender Richter seyn. Sollte in diesen geradblickenden treuen Augen je Koketterie spielen, der liebeathmende Mund sich flach und falsch hin und her ziehen O ich sah schon mehr solche gefallene Engel! Wie ein armer Landmann auf einem vom Hagel zerschlagenen Acker, den vor wenig Stunden noch eine bluhende Saat schmuckte, so ging ich oft unter den Ruinen der Menschheit. Madchen, rief er aus, indem er mir freundlich die Hand bot, mache mir die Freude, ein reines einfaches Weib zu bleiben, dem Wahrheit und Liebe uber alles geht.

Das ganz eigene Wesen dieses Mannes hatte mich bewegt. Es war eine solche Wahrheit in seinem Ton und seiner Miene, dass alles Karrikaturmassige aus seinem sonderbaren Benehmen verschwand. Werde ich Sie bald wieder sehen? fragte ich mit einem herzlichen Antheil, der seinem Auge nicht entging. Gutes Kind, ich weiss selten, was ich thun werde. Meine Zeit ist nicht mein, und mein Wirken folgt dem grossen Laufe der Begebenheiten, deren tausendfache Rader auch mein Individuum forttreiben. Ich beobachte Sie vielleicht im Stillen und Ihnen unsichtbar, dann, wann Sie es am wenigsten vermuthen. Vielleicht auch verlange ich einmahl als Mahler Zutritt bey Ihnen. Sie sind der Kunst hold, uben Sie sie fleissig; gleich der Stimme eines treuen weisen Freundes bringt sie Klarheit und Frieden in die Seele. Er fuhrte mich an den Wagen, und legte ein aufgerolltes Gemahlde mir gegenuber. "Nehmen Sie dieses als ein kleines Andenken. Es sey ein Talisman, sagte er lachelnd, den Sie in Stunden der Liebe vor Augen haben; dann denken Sie noch, liebes Madchen, dass Sie eine gluckliche Mutter werden wollen." Ohne meinen Dank anzuhoren, war er mir aus den Augen, und ich erstaunte, als ich die Leinwand aufrollte, eine trefliche Kopie von Raphaels Madonna della Sedia zu finden.

Den nachsten Tag kam ich in D** an. Es war Abend, als ich bey dem Hause der Grafin vorfuhr. Eine lange Reihe von Zimmern war erleuchtet, man sagte mir, eine grosse Gesellschaft sey bey ihr versammelt, und sie habe befohlen, mich in ihr Kabinet zu fuhren. Nach wenigen Momenten erschien sie selbst, in einem sehr glanzenden Putz, der meinem Willkommen etwas Feierlicheres gab, als ich wollte; da ich mich in die Stimmung, ihr mit Liebe und Offenheit zu begegnen, versetzt hatte. "Ich fuhle, wie viel Sie mir durch die Trennung von Ihrem Vater aufopfern, mein bestes Kind," redete sie mich nach einer Umarmung an. "Ich werde alles anwenden Ihren Verlust ertraglicher zu machen; wenn Sie mich zufrieden mit sich sehen wollen, so sagen Sie mir mit der Offenherzigkeit einer Freundin alle Ihre Wunsche. Ich muss Sie jetzt fur ein paar Stunden verlassen, ich konnte die Gesellschaft heute nicht los werden. Sehen Sie sich in meinen Zimmern, unter meinen Buchern und Kupferstichen um, wenn es Ihnen Freude macht; hernach wird meine Kammerfrau Sie ankleiden, und ich hohle Sie zum Nachtessen ab. Sie verzeihen, dass ich mir die Freude mache, Sie diesen Abend nach meinem Geschmack geputzt zu sehen. Ich hatte es schon bemerkt bey unserer ersten momentanen Bekanntschaft, dass Sie von meiner Taille sind, und liess Ihnen ein Kleid nach dem neuesten Schnitt machen. Wir mussen es mit den alten Kindern, die man in den grossern Zirkeln so haufig antrift, nicht verderben," setzte sie lachelnd hinzu, und verliess mich.

Ich ging in den Zimmern umher, und die geschmackvolle Pracht, die ich uberall erblickte, machte einen gefalligen Eindruck auf mich. Meine Fantasie ward reger, und ich dachte mich in den mannichfaltigen Situationen, die mich vielleicht in diesem Hause erwarteten. Das Schlafzimmer der Grafin war am meisten nach meinem Geschmack. Alle Formen waren angenehm beruhigend, und die hellgrune Seide der Vorhange flog als ein leichtes Gewolk in den mahlerischsten Falten um das Ruhebette und die Fenster. Eine schone antike Lampe war in der Mitte des Platfonds durch goldene Ketten befestigt, und goss ein mildes Licht auf alle Gegenstande umher. Zwischen den Fenstern, gerade dem Ruhebette gegenuber, wallte ein seidener Vorhang herab uber ein Gemahlde. Ich hob ihn auf, und fand das Bild Nordheims in schoner geistvoller Wahrheit. Ach es schien mir jetzt nur ein Augenblick, seit er mich verliess! Der holde Zauber seiner Gegenwart bebte durch meine Sinne, gleich der wiederkehrenden Fruhlingssonne durch die Nerven eines Kranken. Alle Nebel waren verschwunden; er war wieder mein, und Sonnenschein und freundliches Daseyn umglanzten mich. Bald schwand die liebliche Magie; ich betrachtete das Bild. Er war in Lebensgrosse gemahlt, vor einer Herme stehend, welche die Buste der Grafin vorstellte; die eine Hand ruhte auf dem Marmor, und das Haupt war etwas gesenkt, gleich als war' er in Betrachtung verloren.

Welch ein inniges Verhaltniss muss er zu dieser Amalie haben? Kein anderes Portrait ist in diesem Zimmer, gleich als sey es ein Heiligthum der Liebe, nur fur diesen Einen bereitet! Die Grafin stand neben mir, ohne dass ich sie wahrgenommen hatte. Ihre grossen forschenden Augen waren fest auf mich gerichtet. Sie schien meine Verlegenheit nicht bemerken zu wollen, und sagte mit einem leichten Ton: "Sie werden das Bild vortreflich gemahlt und getroffen finden! Ich pflege es sonst immer so fur den Staub zu bewahren" Sie druckte an einer Feder, und ein Feld der Tapete bedeckte das Gemahlde. Sie schob ein kleines Ruhebette unter die Vorhange, und fuhrte mich aus dem Zimmer. Eine Wolke schien mir vor ihrer Stirn zu schweben, und ihr Betragen etwas minder herzlich zu seyn, doch sagte sie freundlich: "Ich werde Sie nun in die, fur Sie bereiteten, Zimmer fuhren; Sie bewohnen sie, so lang es Ihnen gefallt; ich werde meine liebe kleine Gesellschafterin immer zu fruh verlieren, und alle Kunste anwenden, um sie zu fesseln. Vielleicht hilft mir ein gewisser Geist, den magischen Kreis um sie zu ziehen."

Ich hatte ein Besuchzimmer, ein Schlafzimmer und ein Ankleidezimmer; alle drey waren anmuthig geschmuckt, und mit allen Bequemlichkeiten versehen. Ich musste mich ohngeachtet alles Widerstrebens, von der Kammerfrau ankleiden lassen, und als ich fertig war, fuhrte mich die Grafin zur Gesellschaft. "Sie waren vielleicht noch nie in so einem grossen Zirkel, als der ist, in den ich Sie heut einfuhre," sagte sie mir, wahrend wir uber die lange Gallerie gingen. "Ihr feiner Sinn wird Sie in jeder Lage ein passendes schones Betragen finden lassen. Die Kunst der grossen Zirkel, liebes Kind, ist ubrigens die der Unbedeutenheit."

Die Gesellschaft sass grosstentheils beym Spiel, die Grafin prasentirte mich an einigen Tischen unter dem Nahmen der Fraulein von Lilien. Lilien war der Nahme meines Vaters, nach welchem ich mich immer mit Freude und Stolz nennen horte; aber die F r a u l e i n fiel mir auf; es war mir widrig, mich mit fremden Federn zu schmucken, und mein Stolz konnte sich zu keinem Schein bequemen. Fur jetzt musste ich's schon schweigend hingehen lassen. Man that ein paar leere Fragen an mich, auf die ich eben so flache Antworten gab. Die Grafin hiess mich zu ihrer Parthie hinsitzen, und begegnete mir mit der gefalligsten Achtung, die bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich zog. Nach geendigtem Spiel glaubte mir jeder etwas sagen zu mussen, und Fragen nach meinem vorhergehenden Aufenthalt, nach meiner Reise, wechselten mit Schmeicheleyen ab. Die Grafin wusste auf eine geschickte Art alle Fragen nach meinen vorigen Verhaltnissen abzuschneiden, welches mir, da seit Rosinens Entdeckungen das Gefuhl einer sonderbaren geheimnissvollen Existenz druckend auf meinem Herzen lag, zum erstenmahl eine dankbare, zarte Neigung fur sie einflosste.

Bey der Abendtafel, wo der grossere Theil der Gesellschaft sich entfernt hatte, wurde die Unterhaltung zusammenhangender, und ich konnte mir den Umriss von einigen Charakteren entwerfen. Ich kannte noch wenig vom konventionellen Leben und der Sprache der Weltleute. Meine einfachen Grundsatze fanden so manches paradox, womit der durch Gewohnheit geschmeidige Sinn sich ohne Muhe aussohnet. Es war mir so naturlich, als dass die Nacht auf den Tag folgt, den Betrogenen zu beklagen und den Betruger zu hassen, die Tugend der Ehre, und die Ehre dem eigenen Vortheil vorzuziehen. In den Urtheilen dieser Gesellschaft sah ich alle diese Begriffe umgestossen; selbst die Leidenschaften, die eine ungewohnliche Kraft des Gemuths erfordern, als die Liebe und der Ehrgeiz, dienten vielen Personen aus derselben zum Spott. Mir schien diese Hohe, von der sie auf alle achten Verhaltnisse unsers Daseyns herabblickten, eine schauervolle Ode zu seyn; nur Dornen und Disteln wachsen auf dem Felsengrunde des Egoismus. Die Grafin gab kein Zeichen weder des Tadels noch der Billigung. Ihr Charakter blieb fleckenlos fur mich; aber warum sind diese Menschen ihre Gesellschaft? Noch eine junge weibliche Gestalt, und zwey junge Manner, die ihr zur Seite sassen, zogen mich durch ein liebenswurdiges einfaches Betragen an. Einer der Manner warf oft betrachtende Blicke um sich, wenn eine gemeine, niedrige Gesinnung sich ausserte, oder zeigte durch feinen Spott die Nichtigkeit des Gesagten. Die Dame war mir als Fraulein von R** vorgestellt worden, und ich fuhlte, dass sie und ihre beiden Nachbarn mich genau beobachteten.

Die Grafin brachte gewohnlich einige Abende jeder Woche in der Gesellschaft des Fursten zu, und ich musste sie begleiten. Der Furst war zwischen sechzig und siebenzig Jahren, und belastigte sich und andere noch mit der steifen, altfranzosischen Etiquette, die die deutschen Furstensohne am Hofe der franzosischen Konige erlernt, und auf ihren Boden, freilich in etwas verminderten Dimensionen verpflanzt hatten. Der Furst hatte durch Alter und Gewohnheit sich beynahe naturlich unter dieser schweren Rustung des Ceremoniels bewegen lernen. Gegen die Frauen beobachtete er die feine hochgespannte Hoflichkeit der alten Ritterzeit, so dass sein Ausseres fur diese nicht ungefallig war; aber ausser der Sphare der feinen Manieren durfte er keinen Moment gerathen, um ertraglich zu seyn. Seine Kinder suchten so viel wie moglich entfernt von ihm zu leben, weil sie nur den Despoten in dem Vater fanden. Der Sohn blieb auf Reisen, so lange es der Anstand erlaubte, und machte nur seltene Besuche bey seinem Vater; die Prinzessin, von der man als einer der besten sanftesten Seelen sprach, lebte unter dem Vorwand ihrer Gesundheit bey ihrer verheuratheten Schwester.

Die Karrikaturen unter den Hofleuten schienen mir bald lacherlich, bald beweinenswerth. Die Ehrfurcht, die sie sogleich bey der Erscheinung ihres Herrn aus ihren Herzen in ihre Hande und Fusse rufen konnten; ein gnadiger oder zorniger Blick, der wie ein elektrischer Schlag durch ihren Korper fuhr, und seine naturlichen Bewegungen veranderte; das augenblickliche Beugen ihrer Meinung nach der letzten Ausserung der furstlichen Lippen, dieses alles war mir unbegreiflich; ich stand wie vor einem Puppenkasten, so wenig Menschliches, Wahres sorach an mein Herz. Der Furst bezeigte mir viel Aufmerksamkeit, als mich die Grafin vorstellte, und meine naturliche Unbefangenheit schien ihm, als eine ungewohnliche Erscheinung, keinen unangenehmen Eindruck zu machen. Die Grafin verstand es vortrefflich mit dem Fursten umzugehen, und diese schwere Masse alter verrosteter Gefuhle und Vorstellungen oft in ein gefalliges Spiel zu setzen. Ich schloss daraus, dass die Geistesarmuth der Hofleute vielleicht selbst den Fursten bewog, ihnen nur als Maschinen zu begegnen. Fraulein R**, die beiden Herren von Alban, und der Arzt des Fursten, der sich als eine unentbehrliche Person fuhlte, diese blieben in ihrem naturlichen Wesen.

Nach der Tafel kam Fraulein R** auf mich zu, und stellte mir die beiden Albans vor. Sie hatten Langeweile wahrend der Tafel, sagte mir Fraulein R**, aber wir genossen nicht wenig Vergnugen, indem wir Sie beobachteten. Natur und Grazie sind uns hier eine seltene Erscheinung. Ich hoffe, Sie halten sich kunftig zu uns. Wie Sie uns hier sehen, fuhr sie lachelnd fort, machen wir drey, die beiden Herren von Alban und ich, einen kleinen Staat im grossen Staat der Gesellschaft aus. Herr von Alban der jungere behauptet aus Ihrer Physiognomie zu sehen, dass Sie zu uns gehoren mussen, und ich fuhle es.

Wenn Sie in Ihren Staat nur stille friedliche Burger aufnehmen, erwiederte ich, so denke ich Ihr Vertrauen zu verdienen. Zu grossen Geschaften und Negoziationen hoffe ich, werden Sie ohnedem ein Landmadchen, das die Welt noch so wenig kennt, nicht brauchen wollen. Wen die Natur so reich machte, fiel der jungere Alban ein, den kann die Kunst wenig lehren. Ubergeben Sie sich uns nur ohne Bedingungen, lassen Sie mich nur Fraulein Lilien mit unserer Verfassung bekannt machen, rief Fraulein R** und fuhrte mich in ein Fenster. Die zwei Herren und ich, fuhr sie fort, sind von Kindheit an zusammen aufgewachsen. Ein guter Genius bewahrte uns vor einigen Thorheiten der Welt um uns her. Wir haben vielleicht andere dafur, aber wir bleiben dabey doch froh und unschadlich. Wir hassen die Falschheit, wir verachten die Kleinheit, die nur den Schein sucht, fliehen die Leerheit, und suchen uns selbst dafur zu bewahren. Da wir nicht alt und vornehm genug sind, um den Ton anzugeben, so helfen wir uns mit dem pythagoraischen Schweigen so gut durch, als wir konnen. Wir sind durch unsere Verhaltnisse verbunden, einen grossen Theil unsers Lebens in den grossen Zirkeln zu verlieren, wo die Mittelmassigkeit das Regiment fuhrt, aber wir streben, unser eigenes Selbst unverdorben durch den Strom der Gesellschaft hindurch zu treiben. Aber Sie mussen unsere Art zu seyn erst beobachten und prufen. Ich danke, fuhr sie fort, der Existenz dieser kleinen Gesellschaft vieles von meiner moralischen Bildung. Viele gute Menschen haben stillschweigend unter sich dasselbe Bundniss, aber es schleicht sich nach und nach eine Art von Tragheit unter ihnen ein, die unter dem Nahmen der Toleranz am Ende alles, und sich selbst mit allem Andern hingehen lasst, wie es kann oder will. Wir vermeiden dieses durch ein Gesetz, uns alle acht Tage Rechenschaft von unsern Beobachtungen zu geben. Die Mittheilung unserer Gedanken zwingt uns, unsere Wahrnehmungen aufzuklaren. Wir leben glucklich durch diese Verbindung unter den heterogenen Menschen, die uns umgeben. Ich fand auch das Gluck meines Herzens in unserm kleinen Zirkel. Der altere Alban wird mein Gemahl werden, sobald unsere Familienverhaltnisse es erlauben. Mein kunftiger Schwager ist eigentlich die Seele des ganzen Verhaltnisses durch die grosse Lebhaftigkeit seines Verstandes und seiner Einbildungskraft. Der ruhigere, aber nicht weniger tiefe Blick meines Albans macht einen angenehmen Kontrast mit der gluhenden Fantasie seines Bruders. Oft belehrt uns die Erfahrung, dass Julius, dieses ist der Nahme meines Schwagers, durch seine Fantasie uns und sich selber getauscht hat. Wir lachen ihn aus, und glauben ihm doch das nachste mahl wieder. Theilen Sie uns Ihre Bemerkungen und Ihre Erfahrungen, wenn Sie wollen, mit, nehmen Sie dagegen das Gelubde der Aufrichtigkeit und Freundschaft von uns an.

Julius von Alban trat zu uns, und sagte halb feierlich: Nehmen Sie die Gelubde dreyer Menschen an, die nach dem hohen Sinn der Schonheit streben. Noch rein von jedem verfinsterten Hauche der Weltluft wird uns die himmlische Klarheit Ihrer Seele die Gegenstande im treuesten Spiegel wiederstrahlen. Mit Vergnugen, liebe Fraulein R**, antwortete ich, werde ich meine besten Gedanken vor Ihnen und Ihren Freunden darlegen, weil ich Belehrung von Ihnen erwarte. Julius schien mehr Warme von mir zu erwarten, aber es lag von jeher in meinem Wesen, dass ein exaltirter Ausdruck meine eignen Empfindungen herabstimmte. Mein Vater hatte mich immer gelehrt, grosse Worte nur fur wirklich grosse Dinge zu brauchen.

Ich verlebte alle Abende in derselben Gesellschaft in verschiedenen Hausern. Fraulein R** und die beiden Albans waren geistvoll und liebenswurdig. Mein Herz ofnete sich gegen sie; vorzuglich zog mich ihre zarte Neigung fur ihren Brautigam an; der Odem der Liebe ist einer sehnsuchtsvollen Seele so erquickend. Die Grafin war sehr gefallig gegen mich, aber die glatten Weltsitten, vielleicht noch mehr meine Zweifel uber ihr Verhaltniss zu meinem Freund, hielten jedes vertrauliche Wort in meinem Busen zuruck. Sie schien auch nur auf mein Ausseres wirken zu wollen, und sagte mir nach den ersten Tagen: "Ich bin zufrieden mit Ihrem gesellschaftlichen Betragen, und bewundere, wie Ihr Vater auch hier nur die freye schone Natur in Ihnen entfaltet hat. Sie besitzen die Elemente der feinen Lebensart, sanfte bescheidene Gefalligkeit, und einen heitern Geist, der immer die momentane Lage richtig fasst, und das passendste, was in ihr zu thun ist, findet."

Wir sahen uns ubrigens sehr selten allein, und ich konnte nicht begreifen, wie die Grafin mit so viel Geist und Geschmack, und in solch einer freyen Lage, den grossten Theil ihrer Zeit in leeren, geistlosen Zirkeln verlor. Ich bewunderte ihr Talent, mit dem grossen Haufen zu leben, ohne dabey von ihrer feinern Individualitat etwas einzubussen. Sie wusste die gehorige Entfernung der feinen Lebensart vortreflich zu benutzen, um ihr Verhaltniss zu fremdartigen Menschen auf die leichteste, beste Art zu stellen, und sich selbst die Ausserung jeder gemeinen Empfindungsart zu ersparen. Da sie selbst bey den Zwisten der kleinen armseligen Eitelkeit immer von Leidenschaft frey blieb, so wurde sie die Vertraute jeder Partey. Nur selten zeigte sich ein Funke ihres uberlegenen Verstandes, vor welchem der Kurzsinn und die elende Egoisterei, gleich den lichtscheuen Vogeln, in ihre Dunkelheit zuruckflohen. In kleinern gewahlteren Zirkeln schien sie mir oft eine Schulerin der Aspasia. Jedes geringe Talent fuhlte sich in ihrer Gegenwart erhoht, und jedes edle wahrhaft menschliche Gefuhl starkte sich. Die Unterhaltung war meist nur durch ihren Geist interessant, aber er wirkte in so leisen fluchtigen Zugen, dass man seine Wirksamkeit, wie das Element welches uns immer umgiebt, nur genoss, nicht bemerkte. Ich achtete diese Talente, aber in einem gewissen Alter erwirbt sich Einseitigkeit eher Vertrauen und Liebe, als Vielseitigkeit.

Der theure Nahme wurde nicht genannt, und meine bebenden Lippen wagten keine Frage. Hat er nicht befohlen, seine Briefe nach D** zu addressiren? Warum wird eines so vorzuglichen Mannes nirgends gedacht? Und vor allen, warum spricht die Grafin nicht ein Wort von ihm, da sie doch mein Herz bey seinem Bilde uberraschte? Das erste leidenschaftliche Begehren weckt in dem jungen Gemuth alle Krafte zur Tugend und zum Laster. Ein qualender Argwohn fullte meine Seele, die Grafin habe mich in ihr Haus genommen, um mich von meinem Geliebten zu entfernen, und seine vielleicht fluchtige Neigung fur mich durch die Abwesenheit zu unterdrucken. Vielleicht sucht er mich eben jetzt bey meinem Vater auf, findet mich nicht, und das hochste Gluck des Lebens, seine Liebe, geht mir fur immer verloren. Diese ganze Lage, nebst der Sehnsucht nach meinem Vater, zog eine schwarze Wolke vor mein Gemuth, die meine neuen Freunde mit Antheil bemerkten, und durch eine verdoppelte Gefalligkeit zu zerstreuen suchten.

Der Umgang mit den beiden Albans wurde mir immer interessanter, vorzuglich durch die Kenntniss von der politischen Welt, die sie mir mittheilten. Sie hatten beide in den wichtigsten Geschaften gearbeitet, und kannten die Menschen, welche die Staatsmaschine dirigirten. Ich las die neuern Geschichten der europaischen Staaten, und lernte die Begebenheiten an einander reihen, aus denen das Gemahlde der gegenwartigen Welt entstand. Die beiden Bruder freuten sich meines lebhaften Sinnes und Verstandes fur diese Verhaltnisse, aber mit wundem Herzen fuhlte ich, dass Fraulein R** sich von mir entfernte, jemehr sich die Bruder mir naherten; ihre Augen ruhten mit Sorge und Unruh auf mir, wenn ich mit ihrem Brautigam sprach, und sie war nie ganz frey und heiter, als wenn sie mich mit Julius allein beschaftigt sah. Julius heftete sich jeden Tag inniger an mich; meine Liebhabereyen wurden die seinen; er bildete sich mit dem zartesten Sinn nach meinem Geschmack, sein Ausdruck wurde einfacher, da sein Gefuhl tiefer wurde, und mein Herz konnte ihm eine zarte Neigung nicht versagen.

Da mich Fraulein R** Stimmung nothigte, seinen Umgang ausschliessend zu suchen, so uberliess er sich ganz der Hofnung, geliebt zu werden. Aus Schonung fur Elisen von R** konnte ich ihm den Grund meines Betragens nicht entdecken, und ich litt durch die Tauschung, in die ich ihn vielleicht uber mein Herz setzte. Julius war ein schoner junger Mann, ein vollkommenes Ebenmass war in seiner Gestalt und seinen Gesichtszugen, aber es fehlte dem Ganzen jener Ausdruck von Kraft, von ruhigem Bestand auf sich selbst, an den ein weibliches Herz sich gern anschmiegt. Er hatte poetisches Talent, und war oft versunken in seine Dichterwelt, wenn es darauf ankam, Wurde und Kraft in der Wirklichkeit zu zeigen. Nur dem achten Himmelssohn Genie gebuhrt es, aus der Klarheit seiner innern Welt als ein Fremdling auf die Erde zu schauen. Mein Geschmack war durch die Lekture der Alten zu sehr gebildet, um Julius Gedichte reizend zu finden. Aber ich selbst war meist der Gegenstand seiner Lieder, und sie sprachen nicht selten an mein Herz, da er sie mit so reiner Gutmuthigkeit und Anspruchlosigkeit uberreichte.

Elisa sagte mir mit klaren Worten, dass sie mich gern als ihre kunftige Schwagerin ansahe, und in den bunten Lebensansichten und Planen, in denen wir mit leichter, frohlicher Jugendfantasie umherschwarmten, war immer ein ununterbrochenes Zusammenleben vorausgesetzt.

Ich sehnte mich nach einer unabhangigen Existenz. Die gluckliche Unkenntniss der Verhaltnisse des Eigenthums war fur mich entflohen. Stolz, und eine beynahe kranke Empfindlichkeit trat an die Stelle der Sorglosigkeit; ich empfing das kleinste Geschenk mit einem unaussprechlichen Widerstreben. Nur von meinem Vater empfing ich ohne Widerwillen, aber seine eingeschrankten Umstande schufen mir Leiden einer andern Art. Es ist ein unaussprechlicher, zwischen Wonne und Schmerz schwebender Zustand des Herzens, mit dem wir ein Geschenk von einem armen Freund empfangen.

Als ich meinen Koffre in D** auspackte, fand ich ein Paquet mit funfzig Louisd'ors, von meines Vaters Hand uberschrieben: "Empfange und verbrauche es ohne Sorgen, ich geniesse meine beste Freude in dir." Ich nahm es mit dem Gelubde der grossten Sparsamkeit, und, um auch den Geschenken der Grafin auszuweichen, nahm ich die grosste Simplicitat in der Kleidung an. Es kostete mich nicht wenig Erfindungskunst, immer gut und der Mode gemass gekleidet zu seyn, um die Grafin nicht aufmerksam zu machen; sonst wurde ich gezwungen, ein neues Kleidungsstuck anzunehmen. Die Furcht, meinem Vater, selbst bey den eingeschranktesten Bedurfnissen, zur Last zu fallen, umzog mir oft die Aussicht in die Zukunft mit Sorge. Ich ubte mein Talent fur die Mahlerey, und, nicht ganz nach meiner Neigung, ausschliessend die Portraitmahlerey; diese sah ich als ein Mittel an, die Unabhangigkeit meiner Existenz zu erhalten, und meinem Vater ein gemachlicheres Alter zu verschaffen, indem ich ihn von aller Sorge fur mich befreyte. Je mehr wahre treue Neigung ich bey Julius fand, je fester war ich entschlossen, ihm meine Hand zu versagen, da ich mein Herz nicht ihm allein geben konnte. Er war zufrieden in meinem Kreise zu leben, meiner Freundschaft gewiss zu seyn; das Bekenntniss meiner lebhafteren Neigung, welches ich ihm fest versagte, erwartete er von der Zeit und der stillen Kraft seiner treuen Liebe. Der ernstliche Wunsch unsers ganzen kleinen Zirkels, mich in ihre Familie aufzunehmen, ruhrte mich um so mehr, da ihnen meine Lage ganz unbekannt war. Nie erlaubten sich meine Freunde eine Frage uber meine Verhaltnisse; nur im Allgemeinen schienen sie zu wissen, dass sie von Seiten des Vermogens nicht gluck lich waren. Aus ihrem volligen Schweigen uber mein vergangenes Leben konnte ich sogar schliessen, dass sie das Geheimniss meiner Geburt ahndeten. Ich schwieg ganz daruber, weil mir die Dunkelheit uber meine Existenz immer schmerzlicher wurde; nur in dem Fall, dass Julius dringender mit seinen Antragen wurde, nahm ich mir vor, ihm durch ein offenherziges Gestandniss meiner ganzen Situation, die Schwierigkeit einer Verbindung mit mir vorzustellen.

Es war ein heitrer Morgen. Ich genoss mit Elisen auf einem der offentlichen Spaziergange die lang entbehrten freundlichen Sonnenstrahlen. Unter mehreren bekannten und unbekannten Gestalten, die an unsrer Seite vorubergingen, erblickte ich den Mahler, dem ich auf meiner Reise begegnet war. Er ging ein paar mahl an uns vorbei, ohne zu grussen, blieb aber an den Schranken der Allee stehen, wo wir nothwendig vorbei mussten. Ich war im Begriff, ihn als einen Bekannten anzureden, und ihm fur sein Gemahlde zu danken; aber er fiel mir ins Wort, und uberreichte mir ein kleines zierliches Portefeuille, mit den Worten: Ich bin ein reisender Kunstler, liebes Fraulein. Sehen Sie diese Blatter durch, Sie haben die Gute, mir sie morgen um dieselbe Stunde auf diesen Platz wieder zu schicken; meine Adresse ist Johannes Charles. Er war uns aus den Augen, eh' ich ihm antworten konnte, und das Portefeuille blieb in meinen Handen. Wir sahen es auf einer Bank in der Promenade durch; es enthielt einige fein ausgefuhrte Landschaften und viele Skizzen, meistens Schweizeraussichten. Unter diesen fand ich einen Brief an Agnes Lilien uberschrieben, mit Bitte, ihn allein zu erofnen. Elise scherzte uber diesen Vorfall, und verlangte den Brief zu sehen. Ich will keines Menschen Vertrauen beleidigen, sagte ich halb ernsthaft, und steckte ihn ein, in der Vermuthung, dass er vielleicht ein aufrichtiges Gestandniss seiner Bedurfnisse enthielte, welches er mir lieber abzulegen wage, als einer ganz Unbekannten. Ich eilte in mein Zimmer, das Blatt zu erofnen. Es enthielt folgende Zeilen von einer kleinen, weiblich zarten Handschrift:

"Meine theure Agnes, deine Mutter schreibt diese Worte; ach schwere Verhaltnisse hielten mich bis jetzt gebunden! Ich konnte mich dieses Nahmens nicht werth machen noch immer liegen sie auf mir, und nur unter der Decke des tiefsten Geheimnisses kann ich das Gluck geniessen, das, was mir auf der Welt am theuersten ist, zu sehen. Johannes Charles wird dich morgen Abend gegen sechs Uhr zu mir bringen. Niemand darf um diese Zeilen und deinen Besuch wissen; suche einen Vorwand, um dich zu entfernen. Ist es dir fur morgen unmoglich einen zu finden, so komm einen andern Abend. Aber eile, ich bin krank, schmachte nach deinem Blick, und darf mich auch nur kurze Zeit an dem Ort, wo ich dich sehen kann, aufhalten. Auf Johannes Charles kannst du dich ganz verlassen, er ist mein Freund."

Meine Mutter meine Mutter! rief ich aus, und die Gewalt des neuen sussen Gefuhls machte sich durch einen Thranenstrom Luft. Ich werde das heiligste Band der Natur kennen lernen! rief ich aus; werde kein verlassnes Geschopf mehr seyn, auf das man immer, selbst in den sanften Ergussen der Freundschaft, mit einem gewissen Mitleiden hinblickt!

Aber wie konnte mich mein Vater in Hohenfels tauschen? Warum konnte er nicht mein Herz wenigstens mit einer leisen Ahndung meines Glucks beleben?

Ich verlor mich in diesen Gedanken. Meine innige Verehrung fur meinen Vater litt keinen Schatten der Schuld auf seinem heiligen Bilde. Er wollte dich nicht tauschen, sondern wurde selbst getauscht, sagte ich mir endlich. Aus sanfter Schonung wollte er mich nicht mit der Ansicht ungewisser Verhaltnisse qualen. War ich nicht reich genug in seiner Liebe?

Ich entsann mich jetzt auf alles dessen, was mir Rosine von meines Vaters Gesprach mit Nordheim gesagt, und jeder Zweifel uber das Betragen meines Vaters verschwand.

Mit gluhender Ungeduld erwartete ich den andern Morgen, um Charles zu sprechen. Die Winterlustbarkeiten waren ihrem Ende nahe, und wurden darum noch eifriger besucht. Den nachsten Morgen war Maskenball, und dieser erleichterte den Plan zu meinem Verschwinden im Hause. Ich legte in Charles Portefeuille, aus Vorsicht, im Fall ich ihn nicht unbeobachtet sprechen konnte, ein Billet mit den Worten: "Ich komme zur bestimmten Stunde, hohlen Sie mich um neun Uhr an der Gartenthure ab; ich bin bereit Ihnen uberall zu folgen." Zum erstenmahl musste ich Umwege brauchen, um mir den einsamen Morgenspaziergang zu verschaffen. Meine Lage, und das Vertrauen meines Vaters hatten mich vor allen kleinen Unwahrheiten, zu denen die Tyrannei des Scheins zwingt, bewahrt; mit widerstrebendem Herzen nahm ich meine Zuflucht zur List. Eine widrige Empfindung zieht meistens Reflexionen nach sich. Wie war' es, raunte mir ein boser Damon ins Ohr, als ich, statt zu Elisen zu gehen, wie ich gesagt hatte, die Strasse nach der Promenade einschlug, wie war' es, wenn man sich deiner Unerfahrenheit bediente, um dir Fallstricke zu legen? Ist es nicht eine Unbesonnenheit zu kommen? Aber der theure, theure Nahme, und sie ist krank! Eh' ich mich bey meinem Vater in Hohenfels Raths erhohlen kann, musste ich sie in der Ungewissheit lassen, konnte sie vielleicht verlieren, sie niemahls sehen.

Charles stand vor mir. Ich komme, ja ich komme, sagte ich bei mir selbst, mein Herz fodert es, mag mich die Welt auch verkennen. Charles gerades, edles Gesicht gab mir meine Ruhe wieder. So erscheint oft im Moment der Noth ein Genius, wie mir Treue und Wahrheit jetzt in seinen Zugen aufging, und allen Schatten von Betrug verbannte. Er war sauber gekleidet, seine braunen, sonst wildfliegenden Haare lagen naturlich, doch wohl geordnet um Stirn und Wangen, und in seinem Benehmen war etwas feierlich stilles. "Sie finden meine Antwort in dem Portefeuille. Wie geht es meiner theuern Mutter?" flusterte ich ihm ins Ohr, indem ich ihm das Portefeuille ubergab, denn mehrere meiner Bekannten naherten sich mir. "Ihre Mutter ist glucklich in der Hofnung, ihr geliebtes Kind zu sehen, erwiederte er; ich hoffe, ihre Unpasslichkeit entstand nur durch die weite und schnelle Reise. Sie kommen heut, ich lese es in Ihren Mienen." Ich winkte Ja, und entfernte mich schnell.

Die Grafin fuhr um funf Uhr in eine Assemblee, von der sie dann gleich auf den Ball gehen wollte. Unter dem Vorwand einer Unpasslichkeit erhielt ich, wiewohl ungern, die Erlaubniss zu Hause zu bleiben. Um allen Nachforschungen und allem Geschwatz der Bedienten auszuweichen, kleidete ich mich an, als wollte ich heimlich auf den Ball gehen, um die Grafin und meine Bekannten zu uberraschen. Die Grafin liebte solche Auftritte, hochstens konnte sie diesen Schritt nur jugendlich unbesonnen, und bei meinem Mangel an Weltkenntniss naturlich und verzeihlich finden. In einer weissen griechischen Kleidung, umhullt mit einem langen Schleier, eilte ich um sechs Uhr in den Garten, und verbat alle Begleitung, weil Niemand ausser meinem Kammermadchen wissen sollte, wie ich angekleidet sey. Charles erwartete mich schon, und fuhrte mich schweigend durch die am wenigsten besuchten Strassen der Stadt, bis zu einem Thore, wo ein Wagen unser wartete. Er half mir einsteigen, und setzte sich neben mich. Die Nacht war sehr finster, und ich konnte weder Weg noch Gegend erkennen. Ich musste ihm sagen, welche Massregeln ich im Hause der Grafin uber meine Entfernung genommen hatte. Er lobte meine Vorsicht, und sagte: Nun so mogen die Schellen der Thorheit auch einmahl den achten Gefuhlen der Natur dienen, die sie sonst mit ihrem Geklingel so oft ubertauben helfen! Er war sonst still und in sich gekehrt, seine Stimme war sanfter, als suchte er meine bewegte Seele in Gleichmuth zu wiegen Wir waren, so dunkte es mir, schon eine Stunde weit gefahren, und ein angstigender Zweifel flog durch meine Brust. Charles schien ihn im Augenblick zu ahnden. Liebes, liebes Madchen, haben Sie keine Angst, wir sind bald an dem Ort unsrer Bestimmung. Ach konnte ich jeden Zweifel ... er stockte, seine Stimme bebte, er nahm meine Hand zwischen seine beiden Hande, druckte sie an seine Lippen; ich fuhlte dass er weinte. Sein Schmerz lag mit solcher Gewalt auf meinem Herzen, als ware ich die Ursache desselben. Die Zukunft erklarte mir diese sonderbare Ahndung nur allzu gut.

Ein grosses erleuchtetes Haus glanzte mir aus der finstern Nacht entgegen, es lag einsam und war nur von einigen Nebengebauden umgeben. Hier werden Sie Ihre Mutter sehen, sagte mir Charles. Wir fuhren an einer langen Gartenmauer hin, und der Wagen hielt an einer kleinen Thure. Ein Schauer fasste mich beym Aussteigen. Die Nahe eines unaussprechlichen Glucks, die Furcht vor einem unbekannten Ubel, pressten meine Brust bis zum Ersticken. Meine Unschuld und Unerfahrenheit uber die Sitten in D ** verbargen mir was ich hatte furchten konnen. Jetzt erhielt mich die Nothwendigkeit, weiter zu gehen, bei klaren Sinnen, und mein Herz sammelte seine Krafte, um jeder Begebenheit zu begegnen. Die kleine Thure fuhrte zu einem langen schmalen Gang, den eine Lampe nur sparsam erleuchtete. Charles ofnete eine Seitenthure, und hiess mich hineingehen. Ich trat in ein dunkles Zimmer, Charles schloss die Thure hinter mir ab, und befahl mir auf dieser Stelle zu warten. Nach wenigen Augenblicken ofnete sich eine Thure mir gegenuber, aus welcher ein mattes Licht drang, und eine sanfte Stimme rief: "Komm herein, meine Agnes, deine Mutter erwartet dich mit Ungeduld." Ich folgte dem Ton dieser Stimme, und bei dem truben Schimmer einer einzigen Wachskerze, die im Hintergrunde des Zimmers brannte, erblickte ich eine Gestalt in einem weissen Gewand, die auf einem Sofa lag, und ihre Arme nach mir ausstreckte. O mein Kind! mein Kind! rief sie aus, endlich mein nach so langer Sehnsucht! Sie druckte mich fest an ihre Brust, und die sanftesten Wallungen der Natur und Liebe bewegten mein Innerstes. Meine Mutter weinte heftig. Ach dass ich dich so lang entbehren musste, dass alle meine Liebe fur dich sich nur in fruchtlosen Seufzern der Sehnsucht aushauchen konnte! Aber Gott sey Dank! jetzt habe ich dich! Sie sank ermattet auf den Sofa zuruck, ihre Augen schlossen sich, und wenn sie zuweilen sich gegen mich ofneten, brannte das feinste Feuer eines liebenden Geistes in ihnen, der gleichsam seine ganze Kraft durch sie auszudrucken strebte, da seine ubrigen Organe durch die Gewalt der Krankheit gebunden waren. Ich suchte auf einem Nachttisch, der vor uns stand, krampfstillende Essenzen, und wollte das Licht aus dem Hintergrunde des Zimmers herbei holen. Um Gottes willen ruhre das Licht nicht an, rief meine Mutter mit Heftigkeit, wir sehen uns nie wieder! Diese sonderbaren Worte fullten mich mit Schrecken, ob sie gleich nur einen unverstandlichen Sinn fur mich enthielten. Ich reichte ihr die Arzneiglaser, um sie nach dem Gefuhl wahlen zu lassen. Ich musste ihr einige Tropfen eingeben. Nun setzte ich mich zu ihren Fussen, und versuchte durch ein stilleres Gesprach ihr Gemuth zu beruhigen.

Wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig, meine theure Mutter, fur die Erziehung, die Sie mir durch den ehrwurdigen Pfarrer von Hohenfels geben liessen! Mit der vaterlichsten Zartlichkeit pflegte er meiner Kindheit. Ich weiss es, meine Agnes, unterbrach sie mich. Wie freut es mich, diesen Gleichmuth in deinem Wesen wahrzunehmen, diese Massigkeit in deinem Empfinden, die deiner Mutter zu ihrem Ungluck fehlten. Mein theures Kind, mein Leben war ein Gewebe von Leiden, meine Gesundheit ist zerruttet, und ich bin erst in meinem vierzigsten Jahre, konnte mich noch lange mit dir des irdischen Daseyns erfreuen. Mein tiefstes Leiden ist, dass ich den Zeitpunkt noch nicht bestimmen kann, in dem ich offen und frei vor den Augen der Welt dich als Tochter anerkennen werde. Bist du recht vorsichtig und verschwiegen, so konnen wir ofters in geheim zusammen kommen; aber die geringste Unvorsichtigkeit, und dieses Gluck ware fur immer verloren. Deine Geburt ist rechtmassig, du bist von einem vornehmen Geschlecht. Wenn es dir nothig ist, will ich dich in Stand setzen, es zu beweisen; nach meinem Tode wirst du die Papiere, die dazu dienen, erhalten. Du wirst einmahl meine Geschichte erfahren, und wirst mit mir die ungluckliche Stellung der Umstande beweinen, die mich des sussesten Gluckes beraubte, die Sorge fur deine Erziehung selbst zu ubernehmen. In diesem Portefeuille sind zwanzigtausend Thaler in Banknoten enthalten, die dir eine unabhangige Existenz versichern, wenn du mit einer massigen Einrichtung zufrieden seyn kannst. Ich hoffe dieses von deiner Erziehung. Da ich nicht wusste, ob ich dir so viel Vermogen hinterlassen konnte, so liess ich diese so einfach und sparsam als moglich einrichten; dein Vater in Hohenfels selbst soll erst jetzt erfahren, dass du ein anstandiges Einkommen besitzest. Auf die Frage, ob ich letzterem das Gluck schreiben durfte, sie gefunden zu haben? sagte sie: Nein, er soll es nachstens durch eine sichere Gelegenheit erfahren.

Sie sprach noch manches uber meine Bildung, und schien sehr zufrieden mit dem Gang der Erziehung, welchen mein Vater eingeschlagen hatte. Beinahe, sagte sie mit einem muntern Tone, mochte ich der Vorsicht danken, dass sie mich zwang, dich von dem Kreise entfernt zu halten, in welchem ich unglucklich wurde. Eine ernste, feste Bildung des Geistes ist selten im Zirkel der grossen Welt moglich. Du warest vielleicht ein Puppchen geworden, das am Seile der Meinung hin und her getanzt hatte, und so bist du ein selbststandiges Wesen, das in der Fluth des Lebens sein besseres Selbst bewahren kann. Wie freue ich mich der Zeit, wenn du als Freundin mit mir leben kannst. Tausendmahl muss ich mir es sagen, dass ich um deines eigenen Besten willen dieses Gluck noch entbehren muss. Meine theure Mutter! rief ich aus, mein grosstes Gluck ware mit Ihnen zu leben, ach und zumahl jetzt, da ich hoffen konnte, Ihnen durch meine Pflege einige Erleichterung zu verschaffen. Welches Auge kann treuer wachen, als das Ihrer Agnes! Und glauben Sie, dass ich ruhig seyn kann, wenn ich entfernt von Ihnen in Ungewissheit uber Ihre Gesundheit bleiben muss? Was nennen Sie mein Bestes, wenn es nicht die Befreiung aus diesem angstvollen Zustand ist? Stille! verfuhrerisches Madchen, sagte sie, und legte ihren Finger auf meinen Mund, stille! Du musst dich den Massregeln, die ich jetzt fur uns beide nehmen muss, unterwerfen. Ja wenn es fur Sie ist, rief ich schmerzlich aus! Du wirst taglich Nachricht von mir erhalten, mein bestes Kind! sagte meine Mutter sanft; sie hatte eine der reinen sonoren Stimmen, die immer zum Herzen sprechen, und sie wusste ihr die mannichfaltigsten Beugungen zu geben; fur jeden Affekt der Seele hatte sie einen Ton. Uberhaupt schien sie mir eines der zartesten, feinsinnigsten Geschopfe, bei denen jedes Wort, jede leise Bewegung bedeutungsvoll ist, als Theil eines harmoniereichen Ganzen. Ihre Fusse ruhten unter einer Decke, ihr Nachtgewand war dicht und voller Falten, aber da es von einem weissen Zeuge war, erblickte ich bei dem Schimmer des truben Lichtes doch die schonen Umrisse und das richtige Verhaltniss ihrer Gestalt. Die Hande waren zart, und hatten die feinsten Formen. Eine tiefe Haube bedeckte ihr Gesicht. Stirn, Wangen und Kinn waren ganz versteckt, und von den ubrigen Zugen konnte ich in dem dustern Zimmer nur einen hochst schwankenden Umriss wahrnehmen. Nur an der lieben sanften Stimme dunkte mir, wurde ich meine Mutter unter tausend fremden Gestalten erkennen konnen.

Sobald ich bemerkte, dass sie vermied, von mir gesehen zu werden, musste ich meiner Neugier Gewalt anthun, und wagte nur fluchtige Blicke auf sie. Unter tausend zartlichen Ausserungen, unter den gefalligsten Hofnungen fur die Zukunft, sagte meine Mutter kein Wort uber ihre aussere Verhaltnisse; erst da ich wieder von ihr entfernt war, dachte ich daruber nach. Sie empfahl mir mehrmahlen dringend die grosste Vorsichtigkeit. Verbirg auch, sagte sie, dein Vermogen. Charles wird dir die Einnahme der Zinsen besorgen, und bald werde ich eine Zusammenkunft mit deinem Vater von Hohenfels veranstalten, in welcher du dich mit ihm verabreden kannst, wie dein Kapital auf eine vortheilhafte Art anzulegen ist. Dein Aufenthalt bei der Grafin ist fur jetzt unsern Zusammenkunften dienlich. Eine Wanduhr schlug Neune. Meine Agnes, ach, da schlagt die Glocke des Abschieds! Diese Stunde des Genusses war die Frucht thranenvoller Jahre, aber ich habe sie nun auch rein genossen, rein wie den Sterblichen ein Genuss vergonnt ist! So ein liebes Geschopf in der Bluthe seiner Schonheit und Unschuld vor sich zu erblicken, und der Natur danken zu konnen, dass ich das innigste zarteste Verhaltniss zu ihm habe. Ich hoffe, meine Agnes soll ein gluckliches Geschopf werden; ein ruhiges, weises Gemuth, das das Leben mit freyer Kraft ergreift, statt sich von dem schnellen Strom fortreissen zu lassen moge es dein Loos seyn! Moge dich eine gluckliche Natur in fruher Jugend schon lehren, was wir in dieser Welt sind und konnen. Mich lehrten es schmerzliche Erfahrungen! Sage mir, Liebe, hat dein Herz schon eine heftige Neigung...

Charles erschien unter der Thure, wo ich hereingekommen war. Ach es ist Zeit! rief meine Mutter, und die Wallungen, die bei ihrer Frage mein Herz bewegten, vereinigten sich mit den Thranen des Abschieds. Ihre Arme hielten mich fest umschlossen, und mit lautem Weinen und Stohnen liess sie mich los. Charles riss mich mit Gewalt von ihrem Bette, und als ich laut uber Grausamkeit klagte, meine Mutter in diesem Zustand zu verlassen, rief sie mir selbst noch zu: Gehe, gehe mein Kind! eile! Charles zog die Schelle, ehe wir das Zimmer verliessen, und sprach mir zu, ruhig zu seyn, meine Mutter sey jetzt in den Handen ihrer Kammerfrauen, die ihr innigst ergeben seyen, und von welchen sie mit der zartlichsten Sorgfalt behandelt werde.

Wir verabredeten wahrend unsrer Ruckfahrt noch die Art, wie wir uns kunftig sehen wollten, und wie ich alle Tage Nachricht von meiner Mutter empfangen konnte. Charles sollte als Zeichenmeister im Hause erscheinen, und so auf die naturlichste Art die Gelegenheit gewinnen, jeden Tag eine Stunde um mich zu seyn. Mein Herz war voll uberwallender Freude, mich in so glucklichen Verhaltnissen zu befinden. Vermogen, Stand, eine liebende Mutter, Unabhangigkeit, und die Hofnung meinem Vater in Hohenfels ein sorgenfreies Alter zu verschaffen! Wie viel reines Gluck schenkst du mir, ewige Vorsicht! rief ich aus, und fasste Charles Hand, um dem nachsten vernunftigen Geschopf mein frohes Daseyn mitzutheilen. Charles druckte meine Hand, und sagte: Welcher Genuss ist es, eine freudenwallende Seele zu sehen, die in der Fulle ihres Herzens sich zu dem ewigen Lebendigen uber den Wolken kehrt! Dank war gewiss das erste Opfer, welches ein edles Gemuth den Unsterblichen brachte. Die Bitte ist ein Zeichen der Schwachheit, das gepresste Herz seufzet nach Hulfe. Ich ehre den, der im Ungluck sich auf seine eigne Kraft zuruckstemmt, und keinen Laut des Schmerzens zum Himmel schickt; aber ein Gemuth, dem die irrdischen Bande der Sorge gelost sind, in dem das Leben rein und frey auf und ab fluthet, muss sich in Dank und Liebe der Gottheit verwandt fuhlen.

Die Wolken hatten sich zersireut, und die Sterne glanzten hell. Charles fuhr fort: Sieh wie der Himmel seine tausend Augen ofnet, um in dein freudiges Herz zu blicken, und ihm eine ewig frohliche Zukunft zuzulacheln! Das Gluck der Menschen ist wie eine hochgetriebene Woge, die nothwendig wieder zur Tiefe muss; aber die Erinnerung der Herzensfulle bleibt dem, der es als eine Erscheinung einer bessern Welt aufnahm, und sich durch keinen Genuss zum Ubermuth versuchen liess.

Am Komodienhause mussten wir uns trennen, so gern ich auch Charles langer angehort hatte. Seine sinnvollen Reden brachten Licht in meine Seele; gleichwie eine schone Dichtung der Musik dunkle Empfindungen entwickelt. Mein Innres wurde klarer, Entschlusse und Regeln fur mein kunftiges Leben reihten sich in dieser Stimmung an einander.

Ich suchte die Thure des Ballsaals, um mich unter dem Gewuhl der Masken unbemerkt mit einzudrangen, aber aus Versehen gerieth ich in ein Nebenzimmer, welches noch durch einige andere Zimmer vom Saale getrennt war. Neben der Seitenthure, durch welche ich eintrat, befand sich ein Alkove mit einem Vorhang drappirt; dieser war halb heruntergezogen. Ich horte ein paar leise flusternde Stimmen hinter dem Vorhange. Ich glaubte den Ton der Grafin zu vernehmen, und wollte deutlicher horen, ob ich nicht irre, und sie dann, nach meinem Plan, durch meine Erscheinung uberraschen. Ich hofte so jede Spur meiner Entfernung aus dem Hause zu vertilgen. Ich blieb einige Momente in der Ecke des Zimmers stehen; die Stimmen sprachen immer leiser. Schon naherte ich mich der Thure, welche ins Nebenzimmer fuhrte, als meine Augen auf einen Spiegel fielen, in dem ich die verborgenen Gestalten des Alkovens erblickte. Ich erkannte die Grafin im vertraulichen Gesprach mit einem Manne.

Sie hielt seine Hande zwischen den beiden ihrigen, und beugte ihren Kopf an seine Brust. Das Gesicht des Mannes war abgewendet, aber die grosse edle Gestalt erinnerte mich sogleich an das geliebte Bild, welches so klar in meiner Seele lag. Er ist hier, und nicht fur mich! fuhlte ich schmerzlich; nicht einmahl eine Frage nach mir .... Von bangem Zweifel ergriffen, blieb ich wie an den Boden gekettet stehen.

Jetzt richtete sich die Gestalt auf, und ich erkannte wirklich die Gesichtszuge meines Geliebten. Lassen Sie uns jetzt gehen, Liebe, sprach er, und beide naherten sich der Thur. Sehen wir uns morgen? sagte sie zartlich; ich konnte seine Antwort nicht verstehen.

Betaubt floh ich in den Saal, und sank auf einen Stuhl. Mein Herz arbeitete in gewaltigen Schlagen gegen meine Brust, und meine Sinne drohten zu erloschen. Die Grafin ging, auf den Arm meines Freundes gestutzt, dicht an mir vorbey. Ich hatte weder Bewegung noch Stimme, und zitterte vor Furcht, dass sie mich erkennen mochte. In diesem Zustande war ich unfahig, das Anschaun des geliebten Mannes zu ertragen, auch wollte ich vor ihm nicht jugendlich unbesonnen erscheinen.

Diese angstigenden Vorstellungen vermehrten mein Ubelseyn. Ich war nahe an der Ohnmacht, und da ich keine bekannte Gestalt in meiner Nahe erblickte, blieb ich starr und fuhllos auf meinen Stuhl gelehnt, in der Furcht, jeden Moment herabzusinken. Julius erschien mir als ein guter Genius. Er hatte mich erkannt, und kam auf mich zu; ich bat ihn, mich sogleich in ein anderes Zimmer zu fuhren, wo ich freie Luft schopfen konnte. Die Entfernung von der betaubenden Musik und einige Erfrischungen brachten mich wieder zu mir selbst, doch fuhlte ich mich unfahig langer in dem Getummel zu bleiben, und am unfahigsten, Nordheim mit der Fassung und Wurde zu begegnen, wie ich wunschte. Ich bat Julius, mir einen Wagen, in dem ich nach Hause fahren konnte, zu verschaffen. Er drang in mich, noch wenige Momente auszuruhen. Seine zarte Sorge, in der der Antheil des Herzens so unverkennbar war, ruhrte mich innig; dankbar druckte ich seine Hand. Meine theure Agnes, ich bin neu beseelt! rief er aus. Mir dieses Gluck! Es war das erste sinnliche Zeichen einer zarten Neigung, welches er von mir empfing; ich hatte es ihm mit dem unbefangensten Herzen gegeben; nur als ich fuhlte, wie hoch er es empfand, bereuete ich, es gethan zu haben. Er eilte auf meine wiederholte Bitte nach einem Wagen.

Mit der Unbedachtsamkeit, die einem reinen Herzen und landlich einfachen Sitten so naturlich ist, verschloss ich die Thuren des Zimmers, um nicht weiter gesehen zu werden. Ein Fenster ging auf den Vorplatz, und hinter diesem wartete ich Julius Zuruckkunft ab. Man machte verschiedene Versuche, die Thuren, welche in die Nebenzimmer fuhrten, zu offnen, und eine Gesellschaft entfernte sich nach ihrer fehlgeschlagenen Muhe mit einem unbescheidenen Gelachter. Julius kam bald zuruck, und fuhrte mich zum Wagen; er war etwas verlegen, als er die verschlossene Thur wahrnahm, und meine Erzahlung uber die Versuche, sie zu offnen, horte. Ich bat ihn, der Grafin zu sagen, dass ich auf dem Ball gewesen sey, aber dass mich ein schneller Anfall von Ubelseyn gezwungen hatte, sogleich wieder nach Hause zu gehen.

Kaum waren wir zur Thure hinaus, und auf einer engen Gallerie, als uns Nordheim entgegen kam. Es war unmoglich, ihm auszuweichen, ich hatte unterlassen meine Maske wieder vorzunehmen, weil mir Julius gesagt, dass er mich eine Seitentreppe hinunter fuhren wurde, wo uns niemand begegnen werde. Ich hielt mich mit Muhe an Julius Arme aufrecht, so gewaltig wirkte jene geliebte Erscheinung auf mich. Wir standen unter einem Wandleuchter, und Nordheims Gesicht war im vollen Licht. Wie finde ich Sie hier wieder? sagte er mit sanfter Stimme, indem sein scharfer Blick Julius mass. Meine Stimme zitterte, ich stammelte einige verwirrte Laute: Ich wollte die Grafin uberraschen ... Ich wurde nicht wohl ... Herr von Alban will die Gute haben, mich nach Hause zu begleiten. Ein Blick auf Julius machte meinen Zustand noch schmerzlicher. Eine gluhende Rothe flammte uber seine Wangen, er wagte nicht die Augen aufzuschlagen, und ich fuhlte, dass er meine Verwirrung theilte. Ich will Sie hier nicht langer aufhalten, sagte Nordheim, und verliess uns nach einer steifen Verbeugung.

Ich Unbedachtsamer, was habe ich gethan! rief Julius, als wir wieder allein waren. Erst nach mehreren Wochen erfuhr ich durch Elisen bey einer andern Veranlassung den Grund dieses sonderbaren Ausrufes, uber den mir Julius keine Erklarung geben wollte.

Julius hatte mich, in der dringenden Verlegenheit uber mein Ubelbefinden, unachtsamer Weise in ein Zimmer gefuhrt, welches die jungen Herren einer gewissen Klasse in ubeln Ruf gesetzt hatten. In Nordheims schwankendem Betragen und forschendem Blick nahm er zuerst seinen ganzen Irrthum wahr, und meine kindische Unbedachtsamkeit die Thuren zu verschliessen, machte den Vorfall noch zweydeutiger. Er wollte mir diese unangenehme Entdeckung ersparen, und behielt sich vor, Nordheim, dessen nahere Bekanntschaft er zu suchen gedachte, die nothige Aufklarung uber diesen Zufall zu geben. Wie viel musste ich durch diese in Julius Lage so naturliche Delikatesse leiden!

Julius verliess mich, auf mein dringendes Bitten, am Wagen. Mein Gemuth war verwirrt durch die Gewalt der sussen und schmerzlichen Eindrucke, die ich in dieser Nacht empfangen hatte. Mein Schlaf war nur eine fieberhafte Ermattung, und meine Traume wiederholten die empfundenen Scenen in den sonderbarsten Zusammenstellungen. Mit den Morgenstralen ging mir die Wirklichkeit in ihrem lieblichen Schimmer auf; der Gedanke an meine Mutter, der Blick auf meine so glucklich verwandelte Lage, die Ahndung einer schonern Zukunft beruhigten mein Herz uber den Verlust des Geliebten. Aber was soll ich hier, hier in diesem Hause, wenn mich seine Liebe nicht hieher rief? Warum traute ich auch Rosinens Geschwatz, und nahm das bedeutungsvolle Schweigen meines Vaters nicht einzig zum Leitstern meiner Gefuhle? Er liebt ja diese Amalie ... warum horte ich nicht auf den Nahmen, der mir in der ersten Viertelstunde warnend von seinem Ringe entgegen rief? der sich als ein ungluckweissagender Damon zwischen die ersten Wallungen meines Herzens fur ihn drangte?

Die Grafin kam in einer ungewohnlich zierlichen Morgenkleidung, mich zu besuchen. Ein freundlicher Schimmer ergoss sich um ihre ganze Gestalt, ihre Bewegungen waren leichter und der Ton ihrer Stimme sanfter. Seine Kusse schienen mir von ihren Lippen entgegen zu schweben. Nach zartlichen Fragen uber mein Ubelbefinden, von welchem sie durch Julius unterrichtet war, fragte sie, ob sie das Fruhstuck in mein Zimmer durfe bringen lassen? Aber Sie mussen sich etwas ankleiden! rief sie mir zu, als sie schon halb zur Thure hinaus war, denn ich bringe noch einen Fremden mit. Ich darf doch? Sie eilte hinweg, ohne meine Antwort abzuwarten. Ihr Betragen schien mir Spott in meinen Verhaltnissen; ich war schmerzlich bewegt, aber seit ich aus meines Vaters Hause war, hatte ich die so nothige Kunst, Meister meiner aussern Bewegungen zu werden, genugsam erlernt.

Ich will mich nicht ankleiden, beschloss ich in einem Ausbruch kranker Empfindlichkeit; ich will Amalien zeigen, dass ich nicht mit ihr uber die Vorzuge der Gestalt und des Schmuckes wetteifere! Ein blau seidnes Tuch war nachlassig um meine Haare geknupft, und uber mein alltagliches weisses Morgengewand warf ich nur ein Schawl um; wahr ists, ich legte es so, dass es den Leib eng umschloss, und die Brust und Arme nur leicht und in malerischen Falten drappirte. Du willst kalt und zuruckhaltend seyn, nahm ich mir vor, aber kaum war der geliebte Mann zum Zimmer hereingetreten, und hatte mich sanft und freundschaftlich gegrusst, so sagte ich mir: Nein, du willst wahr und einfach seyn! Eine herzliche Frage nach dem Befinden meines Vaters verbannte bald allen Zwang. Bei diesem theuren Nahmen verschwand alle Verwirrung, und ich fuhlte mich in der frohlichen Unbefangenheit meiner ersten Jugend.

Sonderbar dunkte es mir, dass er es ganz vergessen zu haben schien, wie wir uns gestern gesehen hatten. Ich musste viel sprechen, und die Grafin spielte ganz die Rolle einer gefalligen Freundin; sie gab mir Anlass, meine Ideen auf die beste Art zu entwickeln, und wusste den Faden der Unterhaltung so kunstreich fortzuspinnen, dass sich meine geringe Kenntnisse auf die naturlichste Art einflechten mussten.

Wissen Sie wohl, Nordheim, sagte sie bey einem Stillstand des Gesprachs, dass die liebe Kleine und ich uns noch sehr wenig kennen? Wir waren vielleicht nicht zwei ruhige Stunden ununterbrochen beisammen. Auch sehne ich mich aus dem Kreis der Karten und Wurfel so herzlich hinaus, wie ein Kind aus der engen dumpfigen Schule sich nach der freien Himmelsluft sehnen mag. Ware es nicht fur Sie gewesen, so hatte ich es schwerlich so lange aushalten konnen. "Ich danke Ihnen herzlich fur Ihre freundschaftliche Aufopferung, meine beste Freundinn, erwiederte Nordheim. Durch Ihre Bemerkungen bin ich kein Fremdling mehr auf dem Boden, den ich anbauen soll. Mein Hauptzweck, dem kunftigen Fursten seine Residenz angenehmer zu machen, wird sicher durch Ihr Bemuhen erreicht. Der durch Sie umgestimmte Ton gibt der Masse der Gesellschaft einen modernen Anstrich, und der Prinz wird sie der B .. schen, die ihn bisher so sehr anzog, weniger unahnlich finden. Ich wunschte, gefallige Eindrucke fesselten seine Neigung an sein Land. Ich habe das Vertrauen des Prinzen nicht gesucht; aber da ich es gewonnen habe, so will ich es ehren, und keine Aufopferung schonen, um ein edles Gemuth, durch erfullte Pflicht, im Frieden mit sich selbst zu erhalten."

"Ihre Bemerkungen uber die Menschen in D .. sind so fein, so treffend, so im einfachen Sinn der Wahrheit dargestellt, dass ich sie unsrer Agnes einmahl als ein Muster in dieser Art vorlesen werde. Entfernt von der Sucht zu spotten, die lieber das Bose wahrnimmt, weil Witz und Laune besser damit spielen konnen, und gleichweit entfernt von der schwachsinnigen Gutmuthigkeit, die nicht durch den aussern Firniss eines Karakters hindurchzuschauen vermag, erscheint Ihrem reinen, festen Blick immer die Linie der Wahrheit. In ihrem gesellschaftlichen Benehmen, in ihren Erhohlungsstunden entschleiern die Menschen ihre Individualitat am leichtesten, und am allerwichtigsten ist es, den Grundton eines Jeden zu kennen, ob Liebe, ob Egoismus das Ubergewicht in seinem Handeln hat! Es freut mich, dass Sie einige Menschen von Gehalt unter den Geschaftsleuten fanden, auf die ich bei meiner Prufung doppelt aufmerksam seyn werde."

"Die beiden Albans nennen Sie mir? Es scheinen mir Menschen von vorzuglichem Werth zu seyn, erwiederte die Grafinn. Unsre Agnes ist zu meinem Vergnugen sehr genau mit ihnen bekannt geworden, ich freute mich schweigend dieser verstandigen Wahl. Was denken Sie von ihnen, beste Agnes, und da Sie sie noch genauer als ich kennen, welchem geben Sie den Vorzug unter den beiden Brudern?" Ich erwiederte: dem Karakter nach waren sie beide gleich achtungswurdig. Beide hatten den reinsten Willen. Uber ihre Talente wage ich nicht zu entscheiden. Mir schiene der alteste einen sicherern Blick, der jungste hingegen einen schnelleren zu haben. Er ubersahe immer ein weiteres Feld als fein Bruder. Der alteste kombinire in seinem engern Zirkel meist immer richtig; der zweite in seinem weiteren freilich manchmahl falsch, aber er ehre die Wahrheit uber alles, und sey immer geneigt, jede fremde Meynung gegen die seine zu prufen. Ubrigens konne ich nicht ganz richtig urtheilen, weil ich mit Julius naher bekannt sey, als mit seinem Bruder.

Ich hatte dieses mit der grossten Unbefangenheit gesagt, aber ein schlauer Blick der Grafin brachte mich bey Julius Lobe ausser Fassung, und beinahe gerieth ich in's Stocken, weil mir die Folgerungen durch den Sinn flogen, die Nordheim uber ein zartliches Verhaltniss unter uns daraus ziehen konnte. Ich schamte mich dieser egoistischen Ansicht, und nahm mir vor, da, wo es den Vortheil eines Freundes galte, alle Launen der Liebe ausser Spiel zu setzen. Mit gluhenden Wangen und bebender Stimme fuhr ich fort: Julius schiene mir ganz gemacht, durch die rastlose Thatigkeit seines Geistes und edle Warme seines Herzens, einen grossen Kreis der Wirksamkeit wurdig zu durchlaufen.

Nordheim sass mit niedergeschlagenen Augen, und nur dann und wann traf mich ein Blick von ihm. Er antwortete nicht auf meine Ausserungen, sprach wieder von mir, sah meine Mahlereien durch, und wunderte sich, dass ich die Portraitmahlerei nur allein ube, und die Landschaft ganz vernachlassige. Ich sagte ihm offenherzig meine Gedanken dabei, dass ich diesen Zweig der Kunst nur in Rucksicht auf meine und meines Vaters in Hohenfels okonomische Lage erwahlt hatte. O liebe Seele! ... sagte er, und legte seine Hand sanft auf meinen Arm. Ich fuhlte, dass er ein grossmuthiges Anerbieten aus Feinheit zuruckhielt. Ich war bewegt, und fasste den Augenblick, um auch der Grafin in seinen Augen uber ihr Benehmen gegen mich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich fuhle es, sagte ich, an der grossmuthigen Sorgfalt, mit welcher man in diesem Hause allen meinen Wunschen zuvorkommt, dass ich auch der Sorge fur die Zukunft uberhoben seyn konnte; aber ich laugne nicht, es schiene mir Pflicht, und meinem innigsten Empfinden angemessener, mich durch eignen Fleiss zu erhalten, und die Wohlthaten gutmuthiger Menschen Unbemittelten zu uberlassen, die sich durch kein Talent forthelfen konnen. Liebes Kind, o schweig mir davon! rief die Grafin, und schloss mich in ihre Arme. Es war der erste Ausdruck einer lebhafteren Empfindung, den ich an ihr wahrnahm; sie erschien mir in erhohter Liebenswurdigkeit. Thranen glanzten in ihren Augen, als sich ihr Haupt aus meiner Umarmung wieder erhob, und mit einer ganz eignen Grazie lachelte sie unter den Thranen hervor. Die Kleine ist furwahr recht eigensinnig, Nordheim, sagte sie; meynen Sie, dass sie mir erlaubte, mich nur im geringsten in ihre Garderobe zu mischen! Ich spreche von den ersten Kleinigkeiten. Schmalen Sie mit ihr! Lieber verdirbt sie ihre schone kostbare Zeit damit, einer alten Haube eine neue Form zu geben, einen verwaschnen Zeug aufzufarben, ehe sie mir erlaubte, ihr fur ein paar Dukaten solchen Plunder zu kaufen. Wir haben schon manchen Streit daruber gehabt.

Nordheim sah uns mit stillem Wohlgefallen zu, ging in meinem Zimmer auf und ab, und verweilte vorzuglich bey meinem Bucherschrank. Er nahm meinen griechischen Homer, in welchem einige Blatter von meinen Ubersetzungen lagen. Darf ich, liebe Agnes? fragte er, indem er eines derselben herauszog. Ich antwortete etwas verwirrt, es sey eine Arbeit, die ich noch bei meinem Vater in Hohenfels, und mit seiner Hulfe unternommen hatte. Es freut mich, liebes Madchen, erwiederte Nordheim, dass Sie die griechische Sprache treiben; ich hoffe nicht, dass Sie mich fur einen der Manner ansehen, die die Krucken der weiblichen Umwissenheit gern zu ihrem eignen Fortkommen brauchen. Schon langst hielt ich es fur ein schadliches Vorurtheil, dass man den Weibern in unsern hohern Standen nicht durch eine sorgfaltigere Erziehung die Bekanntschaft mit der alten Literatur erleichtere, die die Bluthe achter Kultur fur Geist und Herz so glucklich entfaltet. Die Grafin bat mich, Nordheimen ihr von mir angefangenes Portrait zu zeigen; ich hohlte es aus dem Nebenzimmer, und als ich an der Thure war, horte ich Nordheimen folgende Worte aussprechen: Nein, es ist unmoglich bei solcher Wahrheit und solchem Geist! Sie waren mir rathselhaft, und nur durch Elisens Entdeckung uber das ungluckliche Zimmer im Komodienhause wurden sie mir in der Folge verstandlich.

Elise kam, sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen, und sprach mit der naturlichsten Unbefangenheit von meinem Ubelbefinden auf dem Ball. Nordheims ganze Aufmerksamkeit war bei unserm Gesprach, ob er gleich nur mit meinem Gemahlde beschaftigt zu seyn schien.

Aber nicht wahr, Fraulein R...., sagte die Grafin scherzhaft, die Kleine soll uns nicht mehr aus den Augen! Scheues Vogelchen, wo in aller Welt hast du nur das Herz hergenommen, dich unter solch einem Gewuhl von Menschen allein zu verlieren?

Schon schwebte mir eine feine Antwort auf den Lippen, die mich durch einen Scherz aus der Schlinge gezogen hatte, als Nordheims Blick fest und fragend auf mich fiel. Meine Kraft versagte mir; diesem gegenuber etwas Unwahres zu sagen, dunkte mir unmoglich. Mein Athem war gepresst, meine Stimme erlosch, und die gluhende Verlegenheit presste Thranen aus meinen Augen.

Elise, welche glaubte, ich fande eine Art Vorwurf in den Worten der Grafin, suchte mich aus der Verlegenheit zu reissen.

Machen Sie mich zur Hofmeisterin unsrer Agnes, gnadige Frau, sagte sie zur Grafin, uber alles was die Etiquette betrifft. Ich werde stolz seyn, sie auch nur von dieser armseligen Seite zu ubertreffen, da es mir auf jeder andern doch missglucken musste.

Ich konnte die Augen wieder aufschlagen. Nordheim stand mir sehr ernsthaft gegenuber.

Ich furchte, meine Freundin, sagte ich Elisen, Sie wurden eine zu ungelehrige Schulerin an mir finden. Ich fuhle zu sehr, dass ich nicht furs hohere Leben gemacht bin, und die susse Freiheit meiner Kindheit in Hohenfels wird es mir immer schwer machen, mich mit Leichtigkeit in die kunstlichen Schranken der Gesellschaft zu fugen.

Sie sind zu ernsthaft, liebste Agnes, sagte die Grafin. Wollen Sie nicht eine Spatzierfahrt machen? sagte Nordheim. Freie Luft und Bewegung ist die beste Arznei fur unsre Freundin. Elise war zugesagt zum Mittagsessen, und konnte nicht mit von der Gesellschaft seyn. Die Grafin und ich nahmen den Vorschlag mit Vergnugen an.

Wir fuhren in der Mittagsstunde weg, Nordheim war uns zu Pferde vorausgeeilt. Die ganze Gegend glanzte im Sonnenlicht, und mein Auge spahte sehnsuchtsvoll in der weiten Flache umher, um nur eine Spur des Hauses wieder zu finden, in dem ich gestern das reinste Gluck genossen hatte. Mein Bemuhen blieb fruchtlos, die Gegend war mit Dorfern und Landhausern so reichlich ubersaet, und von so vielen Strassen durchschnitten, dass es mir unmoglich war, den Weg, welchen ich gemacht hatte, wieder zu erkennen. In einem alten, majestatischen Tannenwald, durch welchen die Strasse fuhrte, fanden wir Nordheim wieder. Er ritt ein wildes muthiges Pferd mit grosser Geschicklichkeit, oft warf er einen freundlichen Blick in den Wagen. Sahen Sie je einen schonern Mann, liebe Agnes? sagte mir die Grafin; je einen, dessen ganzes Wesen solchen Adel, solche Grazie zeigt? Und welch eine himmlische Einheit ist in seinem ganzen Wirken und Leben! Schweigend stimmte mein Herz in ihre Gefuhle ein; sie verstand es, und schaute gedankenvoll vor sich hin.

Jetzt ofnete sich der dicht verwachsene Wald, und die reizendste Landschaft lag vor uns. Gegen Osten ergoss sich ein breiter Fluss durch eine unabsehbare Flache, und gegen Westen drangten sich seine Ufer durch zwei Gebirgketten, die die sonderbarsten Formen bildeten. Drohende Felsen neigten sich uber den Spiegel des Flusses, wechselnd mit freundlichen Wiesenflachen, an denen einfache, doch reinliche Hauser regellos hingestreut waren. Auf einem dieser Felsen lag ein Schloss, dessen graue Mauern im ernsten Charakter der Festigkeit emporragten.

Wo fuhren Sie uns hin, Nordheim? rief die Grafin; ist das nicht Ihr Landgut? Ja, erwiederte er, und ich hoffe, Sie nehmen mit der geringen Bewirthung vorlieb, die ich Ihnen fur heute anbieten kann. Der Wald war durch ein liebliches Wiesenthal mit den Felsen, auf welchen das Schloss lag, verbunden; wir wunschten dieses ganz zu geniessen, und beschlossen, es zu Fusse zu durchwandern.

Der junge Rasen unter unsern Fussen war von klaren Bachen durchschnitten, die sich aus den Felsen ergossen, und mit frischem Grun umkranzt, in sanften Linien durch das Thal rieselten. Die Pappeln und anderes Gestrauche trugen schon zarte Blatter, und der Hagedorn stand in voller Bluthe. Nur an den reinlich gehaltenen Wegen bemerkte man die Hand der Kultur in diesem Thal, in dem sonst die liebliche Freiheit der Natur herrschte.

Unser Weg fuhrte uns an einigen zierlichen Hausern vorbei, wo Obst- und Gemusepflan ungen angelegt waren. Ein alter Mann von ehrwurdigem Ansehen war in dem einen Garten beschaftigt, die Rebengelander zu ordnen. Sorgfaltigere Kultur rief hier die Erscheinungen eines mildern Himmelsstriches hervor. Die Weinranken wanden sich von Baum zu Baum, und bildeten zierliche Bogen. Der Alte grusste uns schweigend, und fuhr in seiner Arbeit fort. Aus dem zweiten Hause kam ein Madchen und ein Knabe herausgesprungen, der Grosse nach schienen sie beide zwischen vierzehn und sechszehn Jahren. Beide waren von schoner Bildung. Ihre lebhaften schwarzen Augen und dunkeln Haare, das warme Kolorit ihrer Gesichtsfarbe und ihre sprechenden Geberden gaben ihnen einen unter unserm Himmel fremden Anstrich. Warten Sie ein wenig! rief der Knabe Nordheimen auf italianisch zu, meine Schwester bringt Ihnen Veilchen. Das Madchen nahte sich bescheiden, und die zuruckgehaltene Lebhaftigkeit gab ihrem ganzen Wesen ein reizendes Spiel. Mit einer angenehmen Verbeugung gab sie Nordheimen einen Veilchenstrauss, und sprang schnell wieder fort. Wahrend dem Laufen rief sie uns zu: sie eile, um den Damen auch Blumen zu hohlen. Nein, das will ich thun! rief der Bube, und sprang ihr nach. Auf halbem Weg wendete er wieder um, und fragte Nordheimen: ob er seine Flote mitbringen durfe und seiner Schwester Guitarre, um den Damen eine Musik zu machen? Das bitten wir uns einmahl in meinem Hause aus, Battista, die Damen sind jetzt ermudet; erwiederte Nordheim, ohnerachtet die Grafin bat, den Kindern die Freude nicht zu verderben.

Als sich der Kleine entfernt hatte, sagte uns Nordheim: er habe Battista's Gesuch aus Schonung fur die Mutter abgewiesen, die durch sonderbare Schicksale verstimmt, das Anschaun jedes Fremden fliehe, oder nur zuweilen, aus Gefalligkeit, mit schmerzlichem innern Kampf aushalte. Die Schwester eilte mit ihren Veilchen herbei, Battista nahm ihr den einen Strauss ab, und uberreichte ihn mir mit einer naturlichen Feinheit, wahrend seine Schwester den ihrigen der Grafin gab. Nordheim reichte ihr seine Hand zum Abschied, die sie mit Heftigkeit an ihre Lippen druckte. Die Mutter sahen wir nur auf einen Blick durchs Fenster, ein edler ausdruckvoller Kopf einer hinwelkenden Schonheit. Sie bevolkern Ihren englischen Garten mit lebendigen Bewohnern, sagte die Grafin, und das ist freilich interessanter, als die ausgestopften Einsiedler, welche man jetzt uberall findet, und die leeren Bauernhauser, die ein wohlwollendes Herz nur mit dem Gedanken ansehen kann: Hier sollten gluckliche Menschen wohnen!

Es ist vielleicht mehr Zufall als Plan in diesen Anlagen, erwiederte Nordheim lachelnd. Wenn es unser Genius gut mit uns meynt, so halt er uns eine Pflicht vor, indem wir eben eine Thorheit begehen wollten. Sie haben es errathen, der Plan war schon gemacht, dieses Thal zum Park umzuschaffen; das eine Haus sollte eine gothische Kapelle, und das andere ein griechischer Tempel werden. Ein Freund, mit dem ich seit vielen Jahren in inniger Vertraulichkeit lebte, empfahl mir auf seinem Sterbebette eine Sangerin, die er unterhalten hatte, und die bei der Geburt seines zweiten Kindes durch eine heftige Krankheit ihre sehr schone Stimme verloren hatte. Sie und ihre Kinder wurden hulflos durch den Tod meines Freundes; und ich liess meine gothische Kapelle zum einfachen Wohnhause fur sie einrichten. Die Kinder wuchsen heran, verriethen Talent, und ich war eben um ihre Erziehung verlegen, da ich sie ungern von der Mutter trennen wollte, als eines Morgens ein alter Hofmeister von mir ankam, der mir in meiner Jugend einen wichtigen Dienst geleistet hatte, und sich jetzt, nach vielen vergeblichen Kampfen mit dem Schicksal, nach einem Zufluchtsort umsah. Er besitzt mannichfaltige und grundliche Kenntnisse und eine gute Art sie mitzutheilen. Er soll deinen griechischen Tempel bewohnen, dachte ich, bot ihm einen kleinen Jahrgehalt an, den er mit Vergnugen annahm, und von dem er, bey seiner acht philosophischen Simplicitat und in der grossten Unabhangigkeit, sehr glucklich lebt. Die Kinder sind ihm lieb geworden, und er verwendet sich mit Treue und Fleiss auf ihre Bildung. Mir ist wohl, auf dem kleinen Platzchen einen Zirkel ruhig lebender Menschen vereint zu sehen; wenn ich hier bin, verlebe ich manchen vergnugten Abend unter ihnen.

Ein bequemer Weg, mit Baumen besetzt, fuhrte von der einen Seite uber den Felsenrucken bis an eine Zugbrucke. Mannichfache anmuthige Anlagen schmuckten den Fels, und nur von einer Seite war er ganz unangebaut, und neigte seine formlosen Massen, zwischen denen wildes Gestrauch hervorwuchs, drohend uber den Fluss. Wir gingen uber die Zugbrucke in den geraumigen Hof, um das Innere des Gebaudes zu sehen. Die Thore waren mit zwei Wappen geschmuckt, und alle Verzierungen waren im alten Geschmack in Stein, rein gezeichnet und gearbeitet, und auf das beste unterhalten.

Ich habe mich sehr gehutet, sagte Nordheim, den alten Charakter dieses Gebaudes durch modernes Flickwerk zu verfalschen. Mir dunket oft, die Sprache der alten Zeit in diesen festgewolbien Hallen zu vernehmen. Aus der glatten, neuern Welt fluchte ich mich gern in diese rauhen Mauern, wo lauter feste und starke, wenn gleich etwas grelle Formen mich umgeben. Wir gingen durch einen grossen Saal, dessen Hauptverzierung aus Familienportraits in Lebensgrosse bestand, von denen die meisten durch gute Kunstler gemahlt waren. Es war eine Reihe fester biederer Gesichter, in denen die Starke der hervorstechendste Ausdruck war. Wappen und Titel standen zu ihren Fussen, und die mehresten hatten in den ersten Furstenhausern Deutschlands ansehnliche Amter bekleidet, bis auf Nordheims Vater und Grossvater, die gar keine Titel hatten.

Die Grafin bemerkte es, und Nordheim sagte lachelnd: Die Talente zum Hofgluck verloschten hier in unserer Familie, oder die Verfassungen anderten sich, und foderten andere Talente, als die wir von unsern redlichen Vorfahren ererben konnten. Was sollten die stolzen ehrlichen Ritter bey den franzosischen Kabinetskunsten? und die braven und geistvollen verachteten den mussigen Hofdienst. Mein Grossvater merkte, wo der Wind der Zeit herwehte, und zog sich auf seine Guter zuruck, nachdem er die Welt durch Reisen hatte kennen lernen. Er kaufte diese zwei Dorfer, die Sie hier langs des Flusses sehen, wieder an sich. Seit langen Jahren hatten sie der Familie zugehort, und nur unter den letzten Besitzern gingen sie verloren, weil diese lieber den grossen Diener in der Stadt spielten, als den Herrn in ihrem Hause. Mein Grossvater war ein verstandiger Landwirth und ein sorgsamer Vater seiner Unterthanen.

Ununterbrochen arbeitete er daran, seinen Nachkommen ein unabhangiges Vermogen zu verschaffen, und da seine Vorfahren oft wenig an die Nachkommen gedacht hatten, so musste er oft zu seiner Unbequemlichkeit an sie denken. Er hatte grosse Neigung zur Pracht, sein Geschmack hatte sich in den Hauptstadten Europens ausgebildet, aber er ordnete alle Liebhabereien den Grundsatzen einer weisen Sparsamkeit unter. Er lebte bequem, aber sehr einfach, und verbannte allen Luxus, der nur der Meinung frohnt, ohne einen reellen Lebensgenuss zu verschaffen. Seine Freunde waren ihm alle Tage an seiner Tafel willkommen, aber nie wurde diese mit Uberfluss besetzt. Jedem Fremden war wohl in seinem Hause. Weil er allen Zwang des eitlen Scheins abgeworfen hatte, stohrte selten etwas seine gute Laune, und ich entsinne mich noch, dass ich mich als Kind immer in des Grossvaters Hause frey fuhlte, wie ein Vogel, den man des Kafigs entlassen hat.

Mein Vater lebte auch in demselben Sinne wie mein Grossvater, und hielt sich nur oft in S** auf, weil er mit dem Fursten in freundschaftlichen Verhaltnissen stand. Und sollte ein so biederes bluhendes Geschlecht verloschen, liebster Freund! sagte die Grafin, indem sie ihre Hand auf Nordheims Arm legte. Mochte ein edler Sohn, fuhr sie fort aber ihre Stimme bebte und verloschte, eine sonderbare Bewegung war in ihrem ganzen Wesen sichtbar, ihre Wangen gluhten, und in ihren Augen zitterten Thranen. Nordheims Blicke fielen auf mich, wie in jenem Moment in Hohenfels, als er meinem Vater sagte: Mir fehlt auch nur eines, und Sie konnten mir's vielleicht geben! Er nahm die Hand der Grafin und die meine zusammen, und sagte: Uberlassen wir das der Zukunft, meine Besten! Die Bewegung der Grafin stieg immer hoher, und Nordheim fuhrte mich gegen die andere Seite des Saals, als wollte er ihr Zeit lassen sich zu sammeln. Unsere Agnes muss auch meine Eltermutter kennen lernen, sagte er. Scheinen sie nicht sanfte stillthatige Seelen gewesen zu seyn, deren Blick, gewohnt sich in einem engen Zirkel zu beschranken, tief und scharf auf das ihnen Zunachstliegende sieht? Das Blumenstrauschen in ihrer Hand, oder der goldene Trauring an ihrem Finger, scheint ihre Gedanken zu beschaftigen, und eine susse Erinnerung ihres Brauttages vor ihrer reinen Fantasie zu schweben. Die Grossmutter blickt schon freier um sich her, aber ein edles Selbstgefuhl thronet auf der offnen Stirn. Auch war sie ein braves, kluges Weib, das wahrend der Abwesenheit meines Vaters die Guter beinahe ohne mannliche Beihulfe einige Jahre hindurch ganz nach dem Sinne ihres Mannes verwaltete. Alles hatte Gedeihen und glucklichen Fortgang unter ihrer Aufsicht.

Meine Mutter fehlt hier, Sie werden sie in meinem Zimmer sehen, ich bin gerne unter ihren Augen. Auch sie hatte, wie wir es unbilligerweise ausdrucken, einen m a n n l i c h e n Geist. Die schone Fahigkeit des weiblichen Gemuths in einer neuen fremden Lage, gleichsam in seinem Innern ein neues Ressort aufzufinden, sollte von uns mehr als eine dem Geschlecht inwohnende Kraft angesehen werden, anstatt dass wir sie nur fur eine Ausnahme anerkennen wollen. Wir sind um so unbilliger in diesem Urtheil, da wir positive Vortheile gegen die Frauen haben, und mit manchen Federn geschmuckt sind, die wir am Ende doch nur unsern starkern Klauen verdanken. Die Vortheile einer fruhern wissenschaftlichen Bildung und mannichfacher Lebensverhaltnisse mussten fur Kraft des Charakters, fur Besonnenheit in schweren Lagen auf unserer Seite entscheidend seyn, wenn nicht wirklich zuweilen ein innrer Reichthum der Natur die Weiber entschadigte. Aber nicht alle hat die Natur so begunstigt; wenige nur widerstehen durch eine gluckliche Anlage der Gewalt, welche eine falsche Erziehung, schon von der fruhesten Jugend, an ihnen ausubt. Die Unwissenheit und Charakterlosigkeit, zu denen sie meistens ihre Verhaltnisse verdammen, tragen die bittersten Fruchte fur ihr ganzes Leben, und wer hat diese zu geniessen, als wir selbst? Der Ruin vieler Familien entsteht grosstentheils aus Schwachheit und Kurzsichtigkeit der Weiber. Storriger Eigensinn ist die Folge eines beschrankten Geistes, und existirt meist neben kindischer Furchtsamkeit. Die unterdruckte Natur racht sich; wir sind die Betrogenen, weil wir es seyn wollen. Weil die meisten unter uns Starke an den Weibern nicht zu tragen und nicht zu lieben vermogen, so suchen sie nur die uber alles gepriesene Sanftheit, und nehmen sie ohne Untersuchung hin. O wie ist die achte Sanftmuth, die das Leben jedes dauernden Verhaltnisses ist, so unverkennbar in der Grazie ihrer Ausserungen! Glucklich, wer sie besitzt und wer sie geniesst. Nur von solchen Gemuthern haben wir Schonung zu erwarten, wenn sich die Erbsunde des Ubermuths in uns regt; ungebildete Seelen brauchen die rohen Naturwaffen gegen uns, Verschlagenheit und List.

Die Grafin naherte sich uns, sie wunschte noch einen Gang durch die ubrigen Zimmer zu machen. An beiden Seiten des Saals waren zwei runde Thurme durch wenige Verzierungen in sehr freundliche Zimmer verwandelt. Das eine diente zum Gesellschaftssaal, das andere zur Bibliothek. Aus der Bibliothek ging man in eine Reihe zierlich eingerichteter Zimmer, deren einige trefliche Kupferstichsammlungen, und wenige, aber vorzugliche Gemahlde enthielten. Zuletzt sah man sich in einer kleinen Rotunde, die das Licht von oben empfing, und worin Abgusse der vorzuglichsten Antiken aufgestellt waren. Zum erstenmahl sah ich in solcher Vollkommenheit diese unsterblichen Werke, in denen der reinste Geist der Kunst ewig fortlebt.

Fraulein R** mit ihrer alten Tante und die beiden Albans kamen gegen Abend. Nordheim hatte sie eingeladen. Julius begrusste mich mit seiner gewohnten Unbefangenheit, aber ein Blick Nordheims, der auf uns fiel, liess mich in seinem Benehmen gegen mich etwas zu Freies finden. Aus Dankbarkeit fur die zarte Sorgfalt, mit der er mich gestern gepflegt hatte, zwang ich mich alle Zuruckhaltung gegen ihn aus meinem Betragen zu verbannen. Mit Schmerz bemerkte ich, dass Nordheim mich und Julius bei allen Gelegenheiten zusammen zu bringen suchte, wie zwei Liebende, deren zartliches Verhaltniss allgemein anerkannt ist. Er sprach viel mit Julius, bezeugte Gefallen an seinen Kenntnissen und an dem geistvollen Ausdruck, den er seinen sehr eigenthumlichen Vorstellungsarten zu geben wusste.

Wir brachten den grossten Theil des Abends bei der Antikensammlung zu, und das Anschaun der schonen Gestalten versetzte uns in eine erhohtere Stimmung.

Sinn und Verstand waren bei Nordheim gleich lebendig bewegt, und seine Bemerkungen gaben mir neue Begriffe und reinern Genuss.

Wie jeder Genuss sich in Sehnsucht auflost, so schloss sich auch unser Gesprach mit der Betrachtung, dass das erste, frohliche, schone Jugendalter der Kunst nie in seinem vollen Glanze wiederkehren werde.

Nordheim fuhrte mich in mein Zimmer. Die Glorie des Geistes schien mir um seine ganze Gestalt zu leuchten, und eine sonderbare heilige Stille war in seinem Wesen.

Wie glucklich sind wir, sagte er, wenn uns eine liebliche Gestalt begegnet, die uns in ihrer holden Einheit ein Ahnden jenes Grenzenlosen zufuhrt, das in den Kunstgestalten der Alten athmet! Die Reinheit des Sinnes findet keine Schranken, und wandelt mit himmlischer Freiheit durch das Leben. Welche Gestalt auch das Schicksal unserm Verhaltniss geben mag, sagte er, indem er meine Hand fasste, so danke ich Deinem Anschaun, holdes Wesen, ein susseres Leben!

Ich hatte keine Worte, mein Innres war in der reinsten Liebe aufgelost. Wir waren an der Thur des Zimmers, Elise stand bei mir, und er gab uns gute Nacht.

Welch ein schones Leben erwartet uns, beste Agnes! sagte Elise, als wir uns auf unserm Zimmer allein befanden. Mehr als jemahls hoffe ich mit meiner Agnes eine Familie, ein Haus auszumachen. Julius ist hoffnungsvoller seit gestern; seine Liebe ist treu und zart. Sie werden glucklich mit ihm seyn, so wie er und wir alle es unaussprechlich durch Sie seyn werden.

Wenn ich konnte, Elise, wenn ich Julius lieben konnte, wie er es verdient! erwiederte ich. Wir sprachen oft daruber, sagte Elise nach einigem Nachdenken. Ihre Kalte bei allem was auf Liebe deutet, schien uns ein Phanomen in einem so weichen liebenden Herzen. Julius behauptet, Sie waren von zu reicher hoher Natur, um eine Leidenschaft zu haben, und diese Stille des Gemuths, die nicht aus Mangel an Kraft, sondern aus hoher Richtung derselben entstunde, wurde sein Gluck eher vermehren als vermindern. Ich glaube dennoch, fuhr sie lachelnd fort, der Drache der Eifersucht wurde diese goldenen Fruchte der Weisheit mit immer offenen Augen bewachen. Ich verstehe Sie nicht, Elise, versetzte ich etwas empfindlich.

Ich kenne das heilige Herz meiner Agnes, sagte Elise, und weiss, dass es unfahig ist, Vertrauen und Liebe zu beleidigen. Ich ware der Gluckseligkeit unsers Julius an Ihrer Seite gewiss. Es war ein Scherz unter uns, der zu dem Gesagten Anlass gab. Julius war diesen ganzen Abend hindurch sehr gespannt auf die Aufmerksamkeit und Achtung, die Nordheim fur Sie bezeugte. Als Alban und ich es ihm im Scherz vorwarfen, sagte er: Dieser ware ein gefahrlicher Nebenbuhler, oder vielmehr gegen einen Mann von solchen Vorzugen finde gar keine Rivalitat statt. Alban trostete Julius mit dem allgemein bekannten Verhaltniss Nordheims mit der Grafin.

Und welches? fragte ich mit erzwungener Kalte.

Die Welt sagt, sie seyen heimlich verheurathet. Die Welt sagt freilich viel Falsches, aber da die Grafin schon seit zehn Jahren Wittwe ist, und wahrend dieser Zeit mit Nordheim in der grossten Vertraulichkeit lebt, auch seit dem Tode ihres Gemahls keinen andern Liebhaber hatte, so ist freilich hinlanglicher Grund zu dergleichen Vermuthungen vorhanden. Sie sind nicht wohl, liebes Madchen, rief Elise lebhaft aus; Ihre Gesichtsfarbe wechselt so schnell! Oder hatte ich Sie durch meine Ausserungen uber die Grafin beleidigt? Verzeihen Sie, aber Ihre Kalte gegen diese Dame, die mir oft auffiel, da sie wirklich sehr liebenswurdig ist, diese verleitete mich jetzt, so treuherzig alles uber sie herauszusagen.

Meine wechselnde Farbe hatte einen tiefern Grund, als meine gute Elise wahnte. Ich beruhigte sie, und sie uberliess mich bald der Einsamkeit und meinen Betrachtungen.

Alle jene freundlichen Zauberfarben, mit denen die Liebe uns die Zukunft erhellt, verloschten durch den Zweifel an Nordheims Neigung. Ich sah nur eine licht- und formlose Dammerung vor mir, und die Muhe, mich hindurch zu arbeiten, war das einzige was ich bestimmt erkannte. Das nothigste fur den Moment war mir, Julius aus seiner Tauschung zu reissen. Ich will ihm meine Liebe und meinen Schmerz gestehen, und eine beynahe gleiche Lage wird uns in fester Freundschaft verbinden. Julius selbst, vielleicht durch seinen Zweifel uber Nordheim angetrieben, bot mir den nachsten Morgen die Gelegenheit dazu.

Nach eingenommenem Fruhstuck zerstreute sich die Gesellschaft. Die Grafin ging auf ihr Zimmer, Nordheim in sein Kabinet, Elise ging mit ihrem Freunde in dem grossen Saal auf und ab, und ich blieb allein beim Klavier mit Julius. Er spielte mit grosser Fertigkeit einige meiner Lieblingssonaten, und sprach dann von seiner Liebe und seinen Wunschen, fur immer mit mir vereinigt zu seyn.

Sein Gesicht war so rein, so gut, so bescheiden hoffend, dass ich ihm meine Hand, die er zwischen den seinigen hielt, nicht entziehen konnte. Ach, wenn Sie in meine Wunsche einstimmen konnten, beste Agnes, rief er aus, welche gluckliche Familie wurden wir ausmachen! Mein Bruder und Elise, unsre besten nachsten Freunde, die so harmonisch mit uns denken und empfinden, wurden vereint mit uns leben. Auch Ihr Vater wurde mit uns leben, nicht wahr? Alles Leere und Unbedeutende wurden Sie aus meinem Leben verbannen. Ihr grosser Sinn wurde mich in allem meinem Wirken zum Schonsten und Edelsten leiten. Sie selbst sollten so frey, so sorgenlos leben, ganz nach der Wahrheit Ihrer schonen Natur. Konnten Sie nicht auch glucklich seyn, wenn wir alle es durch Sie sind? Ach Sie mussten es seyn! Sprechen Sie, bestes Madchen.

Das redliche Bemuhen der gutmuthigen feinen Seele ruhrte mich innig, aber je zarter ich diese Seele empfand, je mehr fuhlte ich, dass ich ihr nicht alles geben konnte, und nichts halbes geben durfe.

O beste Agnes, Sie sind bewegt, rief Julius. Reden Sie! Aber Sie schweigen; o ich verstand Sie unrecht, ich habe Sie beleidigt! rief er schmerzlich aus, und verbarg sein Gesicht in seinen Handen. Nein, beste Seele, sagte ich, nein, wie ware es moglich! Julius wenn ich konnte ach wenn ich Sie so uber alles lieben konnte, wie Sie es verdienen!

Uber alles? meine Agnes, wie konnte ich das verlangen! Tauschen wir uns nicht, meine Beste; ein Herz wie das Ihrige, in dem sich so mannichfache Krafte fruh entwickelten, dieses kann keinen Mann uber alles lieben.

Seyn Sie mir nur gut; lassen Sie mich Sie so glucklich machen, als ich kann. Ihr Gutseyn ist tausendmahl mehr, ist inniger, zarter, als das was andere Frauen Liebe nennen.

Es war ein entscheidender Augenblick; das schwankende, vielleicht nur in meiner Einbildung gewebte Verhaltniss mit Nordheim, schwebte mir vor, Julius reine zarte Liebe drang zu meinem Herzen; ich druckte seine Hand fester, und mein thranenschweres Auge verbarg sich an seinem Arm. Ein Gerausch unterbrach uns, ich erhob meine Augen Nordheim stand unter der Thure, zog sich aber augenblicklich zuruck. Werde ich nicht das Bild dieses einzig Liebenswurdigen immer mit verlangender Sehnsucht umfassen, selbst an Julius treuem Herzen? Diese Frage bewegte meine ganze Seele. Meine Lippen zitterten, und ich hatte keine Worte, so wie keine klare Empfindung.

Julius sass mit dem Rucken gegen die Thure, und hatte Nordheim nicht gesehen, er wahnte, Liebe fur ihn bewege mein Herz so heftig. O beste Agnes, fuhr er fort, nur ein holdes Wort von Ihren Lippen, welches die sussen Ahndungen, die ich aus diesem Schweigen nehme, zur Hofnung erhebt! Nie sah ich Sie so bewegt: ists fur mich? Ja, es ist ein sanftes Neigen Ihrer Seele gegen die meine.

Der Wahn, in dem Julius meine verwirrte Empfindungen zu seinem Vortheil auslegte, war mir innig schmerzlich. Ich fuhlte, dass ich ihm ganz wahr seyn, ihm mit Aufopferung aller Weiblichkeit den Zustand meines Gemuths rein darlegen musse. Er hielt noch immer meine Hand, und sagte sanft: Warum wenden Sie Ihr liebes Auge von mir? O Agnes, konnen Sie mich lieben? Liebte ich nicht schon, so konnte ichs, erwiederte ich mit weggewendetem Gesicht, wahrend meine Hand die seine druckte. Ach Gott! rief er mit einem Ton des tiefsten Schmerzens. Nicht fur mich! Nach einigen Momenten der lebhaftesten Bewegung, wo seine Brust einen tiefen Kummer zu verarbeiten schien, und sein Auge mit hervorsturzenden Thranen kampfte, wendete er sich wieder gegen mich, indem er ausrief: Und doch fur mich! Wer kann mir die zarte Neigung rauben, die mich belebt? Wer die innige treue Sorge, die mit meinem ganzen Daseyn verwebt ist? Fuhlte ich nicht erst die ganze Tiefe meines Wesens, seit die Gewalt dieser Liebe deiner allbesiegenden Schonheit alle Krafte in mir aufregte! Ja, fur dich will ich leben, du sollst meine zarteste Sorge seyn, wie du meine susseste Freude hattest werden konnen.

Sie sollen alles wissen, mein werther Freund, sagte ich ihm, meine Liebe, meinen Schmerz. Ach Julius! Warum musste ein fruherer Eindruck mein Herz fur Ihre Neigung verschliessen! ein Eindruck, der mich schwerlich zur Gluckseligkeit leiten wird.

Als mich Julius entschlossen sah, ihn zum Vertrauten zu machen, half er mir mit jener schonenden Feinheit, ihm mein Gestandniss abzulegen, welche die Gedanken errath, bevor sie sich noch Worte gebildet haben. Da ich endlich Nordheims Nahmen aussprechen musste, erschrack er, als hatte er etwas ganz Unerwartetes vernommen.

Ihre Liebe, meine Agnes, wird mit Leiden verbunden seyn, sagte er. Die Hulfe der Freundschaft kann vielleicht den Kummer Ihres Herzens erleichtern. Heilig gelobe ich, Ihr Freund, und nur I h r F r e u n d zu seyn. Ich verspreche nicht wenig, aber ich will und werde es halten.

Wie werth war mir Julius in diesem Moment! Ich gelobte mir selbst im Stillen sein Gluck an meinem Herzen zu tragen, und ihm immer mit unverbruchlicher Treue und Wahrheit zu begegnen.

Wir mussen jetzt zur Gesellschaft, sagte Julius; ich sehe, man versammelt sich im Garten. Wenn Sie nicht mein werden konnen, beste Agnes, so muss ich kunftig vorsichtiger in meinem Betragen seyn, um die Welt in keiner Tauschung uber unser Verhaltniss zu lassen. Verzeihen Sie, dass ich meine Empfindungen bis jetzt zu laut sprechen liess; es soll nicht mehr geschehen. Nur wenn wir allein sind, werden Sie immer mein offenes, ganz von Ihnen erfulltes Herz auf meinen Lippen finden.

Die Gesellschaft war in einem kleinen Pavillon versammelt. Nordheim sah mich nur fluchtig an, als ich mich ihm naherte, gleich als wollte er meiner Verlegenheit schonen. Er begegnete mir mit derselben feinen Achtung als zuvor, aber doch hatte sich eine gewisse kalte Hoflichkeit als eine fremde Farbe in sein Betragen gemischt, und die sanfte Vertraulichkeit war verschwunden. Mein Herz war gepresst. Er schien mir unaussprechlich liebenswurdig. Selbst die Entfernung, welche er gegen mich beobachtete, deutete auf einen zarteren Antheil seines Herzens an mir, der durch die Situation, in welcher er mich mit Julius gefunden, nothwendig beleidigt werden musste. Wie gern hatte ich meine ganze Seele offen vor ihm dargelegt! Battista und seine Schwester waren eingeladen, uns mit ihrer versprochenen Musik zu ergotzen. Beide waren zierlich gekleidet, und die bluhenden Gestalten voll jugendlichen Lebens, die unter einem Bluthenbaume sassen, und den Zauber ihrer einfachen herzlichen Melodien um sich her verbreiteten, theilten uns allen eine beinahe idealische Stimmung mit. Die Kinder spielten ein welsches Liedchen, und das Madchen legte den ganzen Sinn hinschmelzender Zartlichkeit in die susse Melodie. Unter dem Schatten der breiten Augenlieder und der langen Wimpern blitzte zuweilen ein feuriger Blick hervor; immer traf er auf denselben Gegenstand, auf Nordheim.

Bravo, Bettina! sagte Nordheim, indem er die Kleine bey der Hand fasste, und die schwarzen Locken zuruckschlug, die in der Gluth des Gesangs uber ihre Stirne herabgefallen waren. Seit wann lehrte dich deine Mutter dies Liedchen?

Auf meine Bitte, erwiederte Bettina, lehrte Sie mich's vor einigen Tagen, da wir horten, dass Sie zuruckkommen wurden.

Ich danke dir, mein Kind! sagte Nordheim freundlich. Bettina druckte seine Hand an ihre Lippen, und eilte hinweg.

Arme Bettina! rief die Grafin aus, indem sie ihr mit einem traurigen Blick nachsah.

Warum beklagen Sie Bettina, liebe Grafin? fragte Nordheim. Ich rechne selbst auf Ihre Gute, um dem anmuthsvollen kleinen Geschopf ein gluckliches Schicksal zu bereiten.

Ich dachte nicht an Bettina's aussere Lage, als ich sie beklagte, sagte die Grafin. Aber wohl schmerzte es mich, das junge Gemuth schon in der vollen Gluth der Leidenschaft auflodern zu sehen, die sie mit so ruhrender Wahrheit in ihrem Gesang aushauchte. Nordheim erwiederte: Sollen wir den grossen Anlagen der Natur misstrauen, meine Freundin? An der Glut der Leidenschaften reift das Edelste in uns. Gewiss, mein Freund, sagte die Grafin. Aber wenn ein hoher stolzer Baum vom Blitz zerschmettert vor unsern Augen hinsturzt, oder ein holdes Gemuth der Gewalt einer Leidenschaft unterliegend, in seinen besten Lebenskraften dahin stirbt, fuhlt sich unser Herz nicht von allen Schmerzen der Zerstorung ergriffen? Zumahl, setzte sie hinzu, wenn ein eigenes schmerzliches Schicksal uns das innere Gefuhl des Wesens in seiner geheimsten Tiefe erkennen lehrt?

Die Damen gingen nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden; ich nahm Bettina mit mir. Das holde Geschopf, voll Jugend und Leben, zog mich an sich, und die innigen wahren Laute der Natur in ihrer Neigung zu Nordheim trugen vielleicht nicht wenig bei, den Reiz zu vermehren, welchen ihr ganzes Wesen fur mich hatte.

Anfanglich war sie still und verlegen, aber als sie fuhlte, dass ich es wohl und treu mit ihr meynte, schwatzte sie lieblich und unbefangen uber ihr hausliches Leben, ihre Beschaftigungen und Verhaltnisse. Meine Mutter, sagte sie unter andern, spricht davon, mich in der Stadt in einem guten Hause unterzubringen, wo ich dann vielleicht mit der Zeit einen braven Mann fande, und so unserm Wohlthater die Sorge fur uns erleichtert wurde. Es sey unbescheiden, sagt sie, ihn mit unsrer ganzen Existenz zu belastigen.

Ich fuhle, dass sie Recht hat, aber ... Die arme Kleine brach in einen Strom von Thranen aus. Ich sprach ihr zu, ruhig zu seyn, Nordheim sey zu gutig, um sie zu irgend einem Schritt zu nothigen, welcher nicht mit ihrer Neigung geschahe; er selbst wurde es nicht zugeben, dass ihre Mutter sich der Freude, sie zu sehen, beraubte. Ach welchen Trost Sie mir geben! rief sie lebhaft aus; ihr schones schwarzes Auge kehrte sich gen Himmel, sie legte ihre Arme ubers Kreuz und druckte sie fest an ihre Brust. Mein ganzes Leben soll im Gebet fur das Gluck des edelsten liebenswurdigsten Mannes hinfliessen, fuhr sie fort, o ihm verdanke ich ja alles! was kann ich sonst fur ihn thun! War' ich wie mein Bruder, hatte ich Starke in meinen Armen, um ein Ross zu bandigen, konnte ich schiessen und mit Waffen umgehen, dann wiche ich nie von seiner Seite, ich folgte ihm auf Reisen als Knappe, in allen Gefahren blieb' ich bei ihm, und kein Unfall sollte ihm nahen; wurd' er verwundet oder krank, dann wollt' ich nicht von seinem Bett gehen: meine Mutter lehrte mich Wunden verbinden und Kranke pflegen. Ach und wie vorsichtig wollte ich seyn! Niemand als ich sollte ihn anruhren, und niemand sonst an seinem Bette wachen, damit der Schlaf durch keine unvorsichtige Bewegung von den lieben Augenliedern verscheucht wurde.

Eine gluhende Rothe uberzog ihr Gesicht; sie fuhlte erst jetzt, dass sie mir ihr innerstes Daseyn enthullt hatte.

Die schonen Anlagen eines starker tiefer Eindrucke fahigen Gemuths, die sich so lieblich in ihrer Rede entfalteten, flossten mir herzliche Zuneigung ein. Ich versprach ihr Liebe und Sorge fur ihr kunftiges Leben, und sie freute sich der Hofnung, mir oft schreiben zu durfen.

Durch einen Boten aus der Stadt empfing ich folgenden Brief: Eine Ihnen sehr werthe Person wunscht einige Zeilen von Ihrer Hand; vorzuglich wunscht sie eine Antwort auf die letzte Frage, die sie an Sie gethan, ehe die Glocke des Abschieds schlug. In der Stunde der Mitternacht werden Sie einen treuen Boten bereit finden. Gerade der kleinen Pforte, die in den Garten fuhrt, gegenuber, wird er Sie an der Gartenhecke, so lange Sie noch in diesem Aufenthalt sind, alle Nachte hindurch erwarten. Warten Sie Zeit und Umstande wohl ab, bis sich der gunstigste Augenblick zeigt.

Johannes Ch.

Ich eilte sogleich meiner Mutter zu schreiben, und benutzte jeden Moment des Tages dazu, wo ich mich unbemerkt von der Gesellschaft hinwegstehlen konnte. Auf die Frage: ob ich schon eine lebhaftere Neigung fur irgend einen Mann empfunden? sagte ich ihr: An e i n e geliebte Gestalt ist die Freude und die Hofnung meines Lebens in der Liebe geheftet; und trennt mich das Schicksal von dieser, so wunsche ich unverheurathet einzig fur meine theure Mutter und meinen Vater in Hohenfels zu leben.

Nordheim erhielt einen unerwarteten Besuch des Prinzen, welcher sich wegen einer Zusammenkunft mit seiner Schwester, fur einige Tage auf einem Lustschloss in der Gegend aufhielt.

Der Prinz verband eine schone Gestalt mit einem einnehmenden Betragen. Durch seinen langen Aufenthalt in fremden Landern hatten sich die scharfen Ecken abgeschliffen, welche Gewalt und Schmeicheley nothwendig in einem Charakter erzeugen. Sein Betragen war einfach und fein, doch zeigte es sich bey manchen kleinen Veranlassungen nur als erworbene Manier. Man naherte sich ihm, ohne jenes Vertrauen zu empfinden, welches nur eine schone Natur, nur eine wohlwollende Seele einzuflossen im Stand ist. Die Neigung des Prinzen fur Nordheim ausserte sich lebhaft; man fuhlte, wie er nach seiner Achtung rang, und Beyfall oder Tadel in seinen Augen zu lesen strebte.

Wahrend die Herren sich in den entfernteren Gartenanlagen umsahen, ging die Grafin auf ihr Zimmer, und bat mich, sie zu begleiten. Sobald wir allein waren, sagte sie: Liebes Madchen, unter Menschen, die sich nicht fremdartig, vielmehr durch gleiche Liebe zum Schonen und Guten mit einander verschwistert sind, kommt fruh oder spat ein Moment der innigeren Annaherung, wenn sich nicht feindselige Verhaltnisse dazwischen legen. Ich wollte jenen Moment unter uns erwarten, denn es ist mit der Neigung wie mit gewissen Fruchten, die, wenn sie auf den rechten Punkt der Reise gekommen sind, uns von selbst am schonsten zufallen. Das Gewebe sonderbarer Missverstandnisse, welches zwischen uns zu entstehen droht, anderte meinen Entschluss. Ich fuhle es, bestes Kind, meine geubtere Hand muss diese verworrnen Faden trennen, und unsern Gemuthern die schone Lauterkeit und Klarheit erhalten, fur die wir beide gebohren sind. O Agnes, das Leben ist kurz, und wir verlieren den grossten Theil desselben durch Missverstandnisse. Nicht nur wunschte ich mir, jeden Vorwurf uber dein Schicksal zu ersparen, holdes Kind, sondern vielmehr die susse Beruhigung in der Seele zu tragen, dass ich ein liebenswurdiges Gemuth vor dem Unfrieden mit sich selbst bewahrte. Ich forsche nicht nach den Geheimnissen des Herzens, aber von mir nimm die Versicherung, dass ich Nordheim nie besitzen kann.

In ungunstigen Verhaltnissen verbluhte die Jugend meines Lebens meines Herzens; ich rettete nur Trummer, und diese konnen das volle Gluck eines Mannes nicht machen, der selbst die schone Grazie eines jugendlichen Empfindens bewahrte. Ich laugne es nicht, ich halte es fur ein beneidenswerthes Loos, in der innigsten ruhigsten Verbindung mit dem liebenswurdigsten Manne zu leben; aber die Offenherzigkeit dieses Gestandnisses kann dir auch, wenn du und ich anders dessen bedurfen sollten, die Wahrheit meiner Zusicherung verburgen. Liebe Seele, sagte sie sanft, und zog mich an ihre Brust, bleibe dir selbst klar, du hast ihn geliebt; und wenn man ihn einmahl geliebt hat, kann man sein Herz von ihm wieder losreissen? Meine Lage war unglucklich und sonderbar, und meine Gemuthsstimmung wurde es auch. Der freie schone Blick ins Leben ging fruh fur mich verloren; ich habe meinem eigenen Herzen Schulden abzubussen, und nur in strenger Wachsamkeit auf mich selbst bewahre ich meinen innren Frieden. Mein Daseyn ist Kampf und Arbeit. Jetzt genug, Liebe, verlass mich, und glaube sicher, dass i c h deinem Glucke nicht im Wege stehe.

Ich sank stumm in Amaliens Arme; ihre Worte hatten mein Innres ergriffen, und Achtung und Mitleid fullten meine Brust.

Mehr noch als ihre Worte, hatte ein unaussprechlicher Ausdruck des tiefen Leidens, der mir in ihren Zugen zum erstenmahl erschien, meine Seele in inniger Neigung gegen sie erofnet. Unter der Herrschaft der Weltsitte hatte sie sich gewohnt, einen Schleier des leichten Muthes um ihren Gram zu ziehen, der ihr in diesem Augenblick der herzlichen Vertraulichkeit entfiel.

Arme Amalia! sagte ich in dem tiefsten Herzen, aus welcher schmerzlichen Verwirrung sich unser Schicksal losen soll, fasse ich noch nicht!

Die Herren kamen bald von ihrem Spatziergang zuruck, und die Gesellschaft versammelte sich zum Thee. Der Prinz sprach mit Offenheit uber seine gegenwartigen und kunftigen Verhaltnisse. Ich hoffe, sagte er, in solch einem geistvollen Cirkel ein guter Mensch zu bleiben, und Erhohlung und Lebensgenuss nach erfulltem Beruf unter Ihnen zu finden. Ich hoffe, fuhr er fort, auch meine Schwester wird von Ihnen werth gefunden werden, das Vergnugen Ihrer Gesellschaft zu theilen. Sie ist ein gutes liebenswurdiges Geschopf, und mein Hof wird, durch die Grazie ihres Umgangs belebt, eine lieblichere Gestalt gewinnen. Er zeigte der Grafin ein Portrait der Prinzessin, und hernach auch Elisen und mir. Mit welcher Gewalt ergriffen mich diese Zuge! Eine dunkle Ruckerinnerung an die Gestalt meiner Mutter erwachte in meiner Seele; ich bebte, errothete, und verbarg meine Bewegung nur mit der grossten Anstrengung vor den Augen der Gesellschaft. Der Prinz, welcher mir am nachsten stand, suchte mich mit seinem forschenden Blick zu durchschauen. Solche sanfte liebliche Formen, wie auf diesem Bildniss der Prinzessin, dichtete sich meine Fantasie zu dem zarten feurigen Blick meiner Mutter, der mir immer vor der Seele schwebte, so wie die reinen Verhaltnisse ihrer Gestalt.

Nordheim gab bey seiner jedesmahligen Ankunft den Landleuten ein kleines Fest. Dieser Abend war dazu bestimmt, und der Prinz wunschte ein Zuschauer zu seyn. In der Mitte des Dorfes war ein Rasenplatz fur die Tanzer, hohe Linden uberschatteten ihn, an beyden Seiten waren Tische mit Speisen und Getranke bereitet, und rings herum Banke fur die Zuschauer. Die frohlichen selbstgenugsamen Gesichter der Eltern, und die starke markige Jugend, die sich gleichsam der Fulle ihrer Krafte im raschen Tanz entlastete; alles zeugte von einem sichern ruhigen Wohlstand. Das bescheidne Betragen des grossern Theils und seine Massigkeit in der Freude bewies, dass diese Gottin hier keine seltene Erscheinung sey. Wir mischten uns in den kunstlosen Tanz. Nordheim bot mir die Hand. In welchen sussen einzigen Klang der Liebe loste sich gleichsam mein ganzes Wesen auf, als ich von seinen Armen umschlossen, unter dem klaren weiten Himmel dahin flog. Als der Schwindel des Tanzes meine Sinnen ergriff, und Baume und Menschen um mich her anfingen sich zu drehen und zu schwanken, dann war mirs nicht anders, als trugen uns die lauen lieblichen Fruhlingslufte empor ins granzenlose Blau des Himmels, wo irgend eine schone Insel sich niedersenken und uns aufnehmen werde. Ich bebte als wir aufhorten zu drehen; er setzte sich neben mich; Himmel, Luft und Menschen, alles war so heilig und liebevoll um mich her, und sein Blick so voll gottlicher Reinheit auf mich gerichtet.

Julius naherte sich uns, und er stieg auf, um ihm Platz zu machen. Ein Schatten der Trauer schien uber das himmlische Bild zu schweben, wahrend sein Blick mit einem Ausdruck susser Neigung sich von mir losriss, als wollte er mir sagen: "Und du willst nicht die Freude deines Lebens an meinem Herzen suchen?" Mir dunkte, ich konne dem Drang meines Herzens nicht mehr widerstehen, musste dem Geliebten nacheilen, und ihm sagen: "Du bist meine susseste heiligste Liebe!" Als ich mich durch Schaam und Anstand gebunden fuhlte, zuckte ein verwundender Schmerz gleich einem schneidenden Stahl durch meinen Busen.

Ich musste mit dem Prinzen walzen, und es war mir erwunscht, meine Gefuhle im Tanz zu zerstreuen, wenigstens zu verbergen. Ich gerieth in eine andere Verlegenheit. Als wir einigemahl rasch um die Linden herum geflogen waren, und in dem Zirkel der Tanzer nun langsam mit fortgingen, fasste der Prinz meine Hand, die in der seinen lag, fester, und sagte: Darf ich eine Frage an Sie thun, liebes Madchen? Woher entstand die sonderbare Bewegung, mit welcher Sie heute das Portrait meiner Schwester betrachteten?

Ich war in qualender Verlegenheit, und suchte vergebens nach einer passenden Antwort.

Der Prinz fuhlte es, und fuhr fort: Ich schweige, meine Beste; ich habe Ihr Vertrauen noch nicht verdient, und war unbescheiden mit meiner Zudringlichkeit. Verzeihen Sie, ich hoffe wir lernen uns besser kennen.

In Wahrheit, gnadigster Herr, sagte ich etwas gefasst, es giebt so manche Dinge, die wichtig fur ein Madchen wie mich sind, und die nur Kleinigkeiten fur Sie seyn konnten, dass ich mich schamen wurde, Sie damit zu belastigen.

Alles, was in so einem holden guten Herzen vorgeht, wird nie unbedeutend fur mich seyn, sagte der Prinz lebhaft. Glucklich ware der Bruder, wenn der zarte Antheil, welchen Sie der Schwester schenkten, auch auf eine gunstige Stimmung fur ihn deutete!

Wir wurden aufs neue in den Wirbel des Tanzes mit fortgerissen, und ich konnte nichts antworten. Ich fuhlte, dass er meine Bewegung beym Anblick des Bildes fur sich auslegte. Durch meine einfache Erziehung, und durch fruhe ernste Geistesbeschaftigungen war ich beynahe ganz unbekannt mit dem System der weiblichen Eroberungssucht geblieben, und der Ausdruck des Wohlwollens fur Manner und Weiber hatte bey mir dieselbe Farbe, um so mehr seit meine zartliche Neigung ausschliessend fur einen Einzigen sprach.

Ich dachte mir also keinen andern Sinn in den Worten des Prinzen, als dass er mir wohlwolle, und meine Freundschaft wunsche.

Wahrend des Tanzes fiel mir die grosse Ahnlichkeit seiner eignen Zuge mit dem Bildnisse seiner Schwester erst recht auf, und das Andenken meiner geliebten Mutter, welches sich auf eine sonderbare geheimnissvolle Art mit jenem Bildniss verwebt hatte, gab meinem ganzen Wesen eine Stimmung zur Zartlichkeit, welche den Prinzen in seinem Irrthum unterhielt. Er schloss mich wahrend des Tanzes fest an seine Brust, seine Augen und sein ganzes Betragen verriethen eine Gluth der aufgeregten Sinne, die mich scheu und' verschlossen machte, und mein Gemuth endlich in Widerwillen von ihm abwendete.

Das Nachtessen wurde in einer Laube von frischen Tannenzweigen aufgetragen, welche zierlich erleuchtet war. Die Tafel war mit den schonsten Blumen des Fruhjahrs geschmuckt. Der Abend war lieblich. In dem ganzen Ton des kleinen Festes herrschte eine schone Einfalt. Die landliche Musik, oft von den frohen Jubeltonen kunstloser Freude begleitet, stimmte das Herz zu reiner Frohlichkeit, weil es rings um sich her mitgeniessende Wesen wahrnahm.

In allen Anordnungen fand ich das wohlwollende Herz meines Geliebten. Er selbst war nicht heiter. Der Prinz ging den ganzen Abend hindurch nicht von meiner Seite, und mir dunkte, Nordheim vermied, sich uns zu nahern, aber er beobachtete mich von fern, und selten, wenn meine Augen ihn suchten, fehlte mir sein lieber Blick.

Auch Julius war still und traurig. Ich konnte in dieser Situation nicht ruhig bleiben. Die leiseste schmerzliche Empfindung, die meine Freunde durch mein Betragen erfahren konnten, fiel auf mein eignes Herz zuruck.

Mit Vergnugen sah ich die Pferde des Prinzen vorfuhren. Die Grafin und die ganze Gesellschaft mussten dem Prinzen versprechen, in den nachsten Tagen in D. gegenwartig zu seyn, um ihm die Langeweile des Hofes ertraglich zu machen. Beym Abschied fuhrte er mich, so sehr es der Anstand litt, bey Seite, und flusterte mir ins Ohr: Wenden Sie sich nicht von mir, susses Madchen, und verzeihen Sie es meiner angebohrnen Raschheit, wenn ich die schone Bluthe im Sturm zu erobern wahnte, die, ich fuhl' es, nur durch susse Sorge und Treue zu gewinnen ist.

Es war eine schone mondhelle Nacht; die Herren begleiteten den Prinzen. Nach einem kleinen Spatziergang mit Elisen und Bettinen, den ich dazu anwendete, um die von Charles bestimmte Gartenhecke genau zu bemerken, eilten wir in unsre Zimmer. Als ich Bettina gute Nacht gab, sagte sie mit einem sanftschwarmenden Ton: Zum erstenmahl sieht mich der Mond und die Sterne als deine Freundin, und sie sollen mich immer so sehen, so lang ich unter ihrem glanzenden Angesicht wandle! Die Neigung des guten Geschopfs hatte ganz das Madchenhaftscheue und Geheimnissvolle der ersten Liebe. Ein heftiges, lang verhaltenes Gefuhl ihres Wesens fand auf einmahl in der Freundschaft fur mich einen Ausdruck, in welchem es die ganze Kraft seines ahndungsvollen Verlangens auszuhauchen vermochte.

Unter dem Vorwand, dass ich sehr ermudet ware, und mich schlafen zu legen wunsche, hatte ich Elisen aus meinem Zimmer entfernt, um mich zu meiner nachtlichen Wanderschaft vorzubereiten. Die Herren waren gegen eilf Uhr zuruck gekommen, im ganzen Schloss herrschte tiefe Stille, und ich erwartete die Stunde der Mitternacht, um in den Garten zu eilen.

Unter allen Szenen des vergangenen Tages hatte die Erklarung der Grafin am tiefsten auf mich gewirkt. Die erste Jugendliebe will ein Ganzes besitzen, wie sie ein Ganzes giebt; sie versteht es nicht, sich mit Verhaltnissen abzufinden, die nur einen einseitigen Genuss gewahren. Die Liebe der Grafin fur Nordheim, das Mitleid fur sie, und die Unfahigkeit meines Gemuths, durch den Verlust eines andern zu geniessen, dieses alles brachte mich in eine verwirrtere Stimmung, als ich noch je gekannt hatte. Das ununterbrochene Zusammenseyn mit Nordheim nahrte auf der andern Seite die Lebhaftigkeit meiner Neigung. Die Liebenswurdigkeit seines Wesens zeigte sich in jeder veranderten Stellung der aussern Lage, in immer neuer Grazie, und mein ganzes Daseyn war Liebe fur ihn.

Als die Glocke zwolf schlug, nahm ich eine kleine Handlaterne, und eilte zu der bestimmten Gartenhekke. Ich hatte meine Gestalt so sehr als moglich verhullt, und hoffte unerkannt zu bleiben, im Fall mir jemand begegnen sollte. Mit Muhe fand ich durch die verworrenen Gange des alten Gebaudes den Weg zur Gartenthure. Charles erwartete mich schon, nahm meinen Brief in Empfang, und verliess mich schnell, weil er befurchtete uberrascht zu werden. Dringend empfahl er mir noch beym Abschied die grosste Vorsichtigkeit im Nahmen meiner Mutter. Der leiseste Verdacht auf unser Verhaltniss, sagte er, konnte uns aller Freuden der Zukunft berauben, und meine Mutter selbst lege sich die schmerzliche Trennung von mir auf, um unserer kunftigen Zufriedenheit willen. Beym Ruckwege durch den Garten verloschte der Wind mein Licht. Muhsam schlich ich mich durch die unerleuchteten Gange, und suchte die Treppe, welche zu meinem Zimmer fuhrte. Ich half mir mit den Handen an einer Wand fort, und glaubte am Ende der Gallerie die Treppe zu finden. Ich fuhlte, dass ich an mehreren Thuren vorbey kam, und die Furcht, mich durch irgend ein Gerausch zu verrathen, brachte mich in die peinlichste Lage. Innerhalb der Zimmer vernahm ich jedoch keine Bewegungen, und trostete mich mit dem Gedanken, sie seyen unbewohnt, oder ihre Bewohner liegen im tiefen Schlafe. Eben schlich ich an einer Thure vorbey, als sie sich heftig gegen mich ofnete, und mich zu Boden schlug. Der Schrecken des Falles und der gefurchteten Entdeckung nahmen mir die Besinnungskraft. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem Lehnsessel, und Julius mit einem Licht in der Hand, neben mir stehend.

Wie ist Ihnen, meine Agnes? fragte er besorgt. O, dass ich die Thure so ungestum ofnen musste! Aber wer konnte auch denken, Sie hier zu finden! Die Furcht, in Julius Zimmer angetroffen zu werden, gab mir schnell meine Krafte wieder. Ich verirrte mich ... es war ein Irrthum ... stammelte ich verlegen und ungeschickt, zundete meine Laterne an, und eilte mich zu entfernen. Lassen Sie mich Sie nur die Treppe hinauf begleiten, ich furchte Sie haben durch den Fall gelitten, sagte Julius. Zum erstenmahl sah ich in seinem so reinen liebenden Blick eine Spur des Misstrauens, und furchtete meine Weigerungen mochten eine noch schlimmere Wirkung auf ihn haben. Ich duldete also schweigend seine Begleitung, weil die Furcht, einen Freund zu beleidigen, alle andern Rucksichten verdrangte. Eilen Sie, Julius, ich beschwore Sie, bat ich, dass wir nicht gesehen werden.

Mein geheimnissvolles Wesen schien ihm unbe

greiflich, doch erfullte er meine Bitte, liess sein Licht zuruck, und fasste mich unter dem Arm, mich zu unterstutzen. Kaum waren wir einige Schritte von Julius Zimmer entfernt, als Nordheim dicht vor uns stand. Er war die Treppe herab gekommen, und es war unmoglich ihm auszuweichen; er hielt ein Licht, trat ein paar Schritte zuruck, als er mich erblickte, und nie erschutterte ein Blick so meine Seele, als der seine in diesem Moment. Gern ware ich zu seinen Fussen gesunken, aber weibliche Verlegenheit hielt mich starr und bewegungslos am Boden gekettet.

Die Furcht verkannt zu werden, und Stolz, der es

seiner unwerth fand, sich zu entschuldigen, fesselten alle meine Gedanken und Bewegungen. Ich hatte in diesem Moment eine Ahndung des Zustandes jener Wesen aus der Fabelwelt, die ihre Lebenskraft in einer Felsenmasse erstarren fuhlen.

Nordheim hatte schnell seine Besonnenheit wieder, ging an mir vorbey, als bemerkte er mich gar nicht, und sagte zu Julius: Erlauben Sie mir einen Augenblick in Ihrem Zimmer zu verweilen. Es geschieht, um Ihnen die Freiheit zu lassen, mit dieser Dame durch mein Kabinet zu gehen, aus welchem Sie sogleich auf den grossen Saal kommen, und schneller und unbemerkter zu ihrem Zimmer gelangen konnen. Verweilen Sie nur wenige Minuten in meinem Kabinet, um meinem Kammerdiener nicht auf der Gallerie zu begegnen.

Ich war auf das schmerzlichste bewegt, und konnte Nordheim nichts sagen; er war eilends in Julius Zimmer gegangen, und hatte die Thure hinter sich zugemacht. Lassen Sie mich allein gehen! rief ich schmerzlich. Ach Julius, lassen Sie mich, wie kann ich solche Krankungen ertragen! Julius selbst schien verwirrt und nachdenklich, aber seine zarte Liebe verlaugnete sich keinen Augenblick.

Ich verlasse Sie, sagte er sanft, weil Sie es wollen. Beruhigen Sie sich, beste Agnes, Nordheim soll in keinem Zweifel uber Sie bleiben. Seyn Sie ruhig, und geniessen des Schlafes. Er druckte meinen Arm sanft an seine Brust, und kusste meine Locken, die uber das Gewand zerstreut lagen. Ich eilte davon, so sehr es mir der Schmerz an meinem Fuss erlaubte, der durch den Fall gelitten hatte. Ich war in Nordheims Kabinet, Liebe durchdrang mein ganzes Wesen, goldne Bilder webten sich vor meinen Sinn. Hier wird er ruhen, sagte ich mir. Eine Lampe brannte, mir dunkte die Harmonien unsichtbarer Genien um seine Lagerstatt zu vernehmen. O mochte ihm ein Traum das reine unentweihte Bild der armen Agnes zeigen! Mit Gewalt musste ich mich dieser Zauberluft entreissen, sie hatte mit einer freundlichen Magie alle Verwirrung in meinem Busen aufgelost, die in der Einsamkeit meines Zimmers aufs neue erwachte, und den Schlaf von meinen Sinnen verscheuchte. Ich habe die Achtung des edelsten, geliebten Mannes verloren, er muss mich fur ein leichtsinniges Geschopf halten, das sich selbst vergessend, die zarten Verhaltnisse uberschreitet, ... das von Leidenschaft hingerissen ... Ich wagte es nicht auszudenken, nicht mich selbst anzuschauen mit diesen qualenden Vorstellungen.

Wird nicht jede Ausrede, die ich nehmen konnte, Nordheimen auch nur eine Ausrede dunken? und muss ich nicht die Wahrheit verschweigen, muss ein Opfer der unglucklichen Stellung der Umstande werden, die die Reinheit meines Charakters in seinen Augen beflecken!

Es wird eine Zeit kommen, sagte mir ein milder trostender Genius, wo du dein Innres entschleyern darfst, wo du von jedem Schatten des Verdachtes gereinigt, vor Nordheim erscheinen wirst.

Die gluckliche Spannkraft des Gemuths in der Jugend, wo das volle rege Leben der Einbildungskraft die Bilder der Zukunft mit der Gegenwart leicht und vielfach vermischt, half mir jenen bittern Schmerz, von meinem Geliebten verkannt zu seyn, nicht besiegen, aber wohl ertragen. Gleichwohl fuhlte ich, es sey etwas in meiner innern Existenz zerrissen, da ich die erste Ungerechtigkeit des Schicksals erfuhr, indem ich unschuldig litt. Ich scheute mich, mich selbst anzusehen, als der Tag anbrach; mein unbefangenes frohes Daseyn fand ich nicht wieder, aber eine Kraft zu leiden durchdrang meinen Busen, die ich noch nicht geahndet hatte. Ich schien mir um zehn Jahre alter an Erfahrung, und ein konzentrirteres Daseyn schien mein Wesen auf der einen Seite zu umschranken, auf der andern es in seinem Innern fester und sicherer zu grunden.

Elise kam zu mir zum Fruhstuck, aber ihre Augen, sonst so lieb und traulich, schienen mir, von meinem eigenen Misstrauen gefarbt, nur forschend, sogar beleidigend.

Ach so gewiss entflieht die Liebe mit der Unschuld, da sie schon vor einem tauschenden Schatten der Schuld entweicht! Ich schutzte Geschafte vor, um allein zu bleiben, und las in einem meiner Lieblingsschriftsteller. Es war mir beruhigend, mich in die Gedankenwelt zu fluchten, da die Welt der Empfindungen mein Herz so tief verwundete! Die ruhige Geschaftigkeit unserer Denkkraft ist dem leidenden Gemuthe, was ein starkendes Bad dem ermudeten Korper ist. Ein labender Quell spuhlet alles Beangstigende aus unsern Vorstellungen hinweg, und wir empfangen, uns selbst unbewusst, mit dieser Starkung des geistigen Vermogens, auch eine freyere Ansicht unserer aussern Lebensverhaltnisse.

Elise kam nach einigen Stunden mit verweinten Augen in mein Zimmer. Sie schloss mich mit ungewohnter Heftigkeit in ihre Arme, und rief mit einem sussen Ausdruck der Liebe und Unschuld aus: Nein, das wird mich niemand auf der Welt uberreden, dass meine Agnes so fehlen kann! Guter lieber Engel, sagte sie, indem sie ihre Hand sanft an meine Wangen legte, du dich verstellen konnen, du unwahr und falsch seyn! aber welche fatalen Umstande zwangen dich ... Was redest du, liebes Madchen, fragte ich bewegt, wer beschuldigt mich der Falschheit? Ich sollte dir schweigen, musste selbst meinem Alban versprechen, dass ich es wollte, fuhr sie fort, aber ich vermag es nicht, und ich will es nicht vermogen! Als ich von dir ging, wollte ich auf den Balkon im grossen Saal, der Morgenluft geniessen, und fand die beyden Albans in heftigem Wortwechsel auf- und abgehen. Beyde grussten mich mit so verstorten Gesichtern, dass ich meinen Alban fragte, was geschehen sey.

Wir streiten uber Agnes, sagte er mir, und ihre sonderbare geheimnissvolle Auffuhrung .... Die wir, eben weil sie geheimnissvoll ist, nicht tadeln konnen, erwiederte Julius... Aber die wir auch nicht ehren sollen, bis wir sie kennen, sagte mein Alban mit grosser Heftigkeit, nicht mit einem unaufloslichen Band in unsere eignen Verhaltnisse verflechten, und zu unserer eignen Schande machen mussen. Bruder, nur du darfst mir dieses ungestraft sagen, rief Julius, und verbiss seinen gluhenden Unmuth. Ich bat um Erlauterung uber den Anlass zu diesem Streit, und Julius erzahlte mir den Vorfall der gestrigen Nacht. Und bemerken Sie, Elise, sagte mein Alban, dass ich um dieselbige Stunde aus meinen Fenstern, die auf den Garten gehen, eine vermummte weibliche Gestalt durch denselben hereinkommen sah, die ihr Licht ausloschte, als sie sich dem Schloss naherte. Wenige Minuten nach ihr kam aus einem kleinen Pavillon am Ende des Gartens Herr von Nordheim, den ich ganz deutlich erkennen konnte, weil er ein Licht trug.

Erzahle nun weiter, Nordheims Anmuthung ... Das ist alles nichts beweisend, fiel Julius ein, gegen Personen, fur die man lang verdiente Achtung hegte. Das ist der Fall bey Agnes, aber Nordheim kennen wir personlich seit wenigen Tagen, und konnen uber seine Sitten nicht urtheilen, fiel Alban ein. Manner von so entschiedenen Verdiensten haben eine Toleranz vom Publikum zu erwarten, die sie selten vergessen in Anschlag zu nehmen. Uber das Betragen gegen die Weiber herrschen sehr schwankende Maximen in der Welt, und dass Nordheim nicht unter diejenigen gehort, die sich streng an die einmahl eingefuhrte Regel binden, das zeigt er durch sein Verhaltniss mit der Grafin. Er ist zartfuhlend, und das Mitleid fur ein liebenswurdiges Madchen wie Agnes, konnte ihn leicht bewegen, sie auf deine Unkosten aus einer Verlegenheit zu ziehen, da er deine Liebe fur sie kennt. Undankbar ist es wenigstens nicht. Menschen, die viel Verkehr mit der politischen Welt haben, gewohnen sich leicht, alles was sie umgiebt, fur Schachsteine anzusehen, die sie nach ihren Bedurfnissen hin und wieder schieben konnen. Nun bat er Julius, mir den Vorgang mit Nordheim zu erzahlen, um mich selbst urtheilen zu lassen.

Als ich in mein Zimmer zuruckkam, begann Julius, kam mir Nordheim mit ernster Miene entgegen, und sagte: Herr von Alban, ohne meine Erinnerung werden Sie wissen, was ein Mann von Ehre zu thun hat, wenn er ein liebenswurdiges Madchen in den Fall setzte, Schwachheiten fur ihn zu zeigen. Ich traue Ihnen zu viel Charakter zu, um zu befurchten, dass Sie sich durch eine Laune des Herzens berechtigt hielten, Opfer anzunehmen, die ein weibliches Herz nur der treuen festen Neigung ohne Schaden bringen kann. Wenn Sie wahrhaft lieben, bedurfen Sie keiner Erinnerung, aber sollten Sie derselben bedurfen, so bin ich nicht der Mann, in dessen Angesicht man die sanfte Hingebung eines weichen Herzens ungerugt missbraucht.

Julius sagte ihm, dass er sich irre, dass er aus einem ganz unvermutheten Zusammentreffen falsche Folgerungen ziehe, dass du, meine Agnes, einet leichtsinnigen Schwachheit so unfahig seyst, als er selbst der Verfuhrung. Die Unbesonnenheit, die er mit dem verrufenen Zimmer im Comodienhause begangen, und uber die er seit einigen Tagen Gelegenheit gesucht, sich gegen ihn zu erklaren, mit dem Zufall in dieser Nacht zusammen genommen, konnten naturlich Verdacht bey Nordheim erregen; aber dass er ungegrundet sey, versichere er ihn bey seiner Ehre, und hoffe es zu beweisen.

Elise gab mir hier zuerst Nachricht von jenem Vorfall, welchen ich fruher anfuhrte, der mich in nicht geringe Verlegenheit brachte, aber auf der andern Seite doch auch uber Nordheims ungleiches Betragen beruhigte.

Nordheim sey unuberzeugt geblieben, sagte mir Elise ferner. Mit Augen voll Unwillens, und mit verbissenen Lippen habe er lang geschwiegen, und dann zu Junus gesagt: Was soll ich von Ihnen denken? Ich hoffe nur aus jener, der wahren Liebe so naturlichen Feinheit wunschen Sie Ihr Gluck profanen Augen zu verbergen. Aber Sie thun mir Unrecht. Ich habe kein gefuhlloses Herz fur die Verirrungen einer jugendlichen Neigung. Es hangt nur von Ihrem fernern Betragen ab, ob ich Sie tadeln, oder Ihnen aufrichtig Gluck wunschen soll. Das Gluck muss den Bluthen des Genusses folgen, sonst fallt mit diesen Bluthen die beste Kraft unsers Wesens ab. Was bleibt, bey den einmahl festgestellten Verhaltnissen, einem armen Madchen, die mehr Zartlichkeit als Klugheit besass, anders, als bittre Reue? Und wenn wir nicht entartet sind, was kann uns bleiben, als der Unfrieden eines Raubers?

Julius wiederholte ihm von neuem, dass sein Verhaltniss mit dir ganz und gar nicht von der Art sey, wie er es wahne.

Herr von Alban, Sie werden wissen und fuhlen, was Sie zu thun haben, erwiederte Nordheim mit Heftigkeit. Nur noch eins erlauben Sie mir zu sagen, da ich Ihre Familienverhaltnisse ganz und gar nicht kenne, und nicht weiss, wie sehr Sie darauf Rucksicht zu nehmen haben. Als ein vertrauter Freund des Pflegevaters Ihrer Geliebten, verspreche ich Ihnen, dass Sie uber ihre Geburt, wenn es moglich ist, Aufklarung erhalten sollen. Sollte es unmoglich seyn, Ihre Wunsche uber diesen Punkt zu befriedigen, so nehmen Sie von mir die Versicherung an, dass Agnes in einen Stand erhoben werden soll, der ihre Existenz in D. glanzend machen wird. Auch soll sie ihrer Familie ein Vermogen hinterlassen, das ihren Enkeln den Verlust der Ahnen ersetzen kann.

Julius antwortete: wenn er dich glucklich machen konnte, so bedurfe er keines fremden Motivs, dich zu heurathen, als seiner Liebe. Aber er sey nie gewohnt, nach andern Gesetzen zu handeln, als nach denen, die ihm sein eigenes Herz vorschriebe. Fur heute nichts mehr, sagte Nordheim mit unterdrucktem Unwillen. Ich hoffe, Sie sind morgen einig mit mir, dem lieben Madchen alles Errothen zu ersparen. Wo nicht, so kenne ich meine Pflicht, die Unschuld in meinem Hause vor jeder Beleidigung zu beschutzen.

Ich vermuthe, es fielen noch mehrere Anzuglichkeiten unter ihnen vor. Julius hat nach der Stadt geschickt, um seine Pferde kommen zu lassen; sein Reitknecht halt am Schlossthor, auch hore ich, dass er ein Billet fur Nordheim zuruck zu lassen gedenkt.

Julius ist voll Liebe fur meine Agnes, voll Glauben an ihre reine Sitten, und wunschte nichts eifriger, als dir seine Hand zu geben, nachdem er Nordheim uberzeugt haben wurde, dass einzig der Wunsch seines Herzens eine Verbindung zwischen euch schliesse. Mein Alban ist heftig dagegen, bis du dich uber die Geschichte der vergangenen Nacht gerechtfertigt hattest. Er furchtet, Nordheim liebe dich selbst, wolle aber wegen seines Verhaltnisses mit der Grafin nicht heurathen, und wunsche dir durch eine Verbindung mit Julius ein bleibendes Etablissement in D. zu verschaffen. Auch die Neigung des Prinzen fur dich, die sich gestern Abend so lebhaft ausserte, erregte Verdacht bey ihm. O was fur unselige Umstande mussten zusammentreffen, um dieses Misstrauen in dem edlen Herzen meines Albans zu erzeugen! Elise sank an meine Brust und weinte heftig. Beste Agnes! rief sie aus, ich beschwore dich, lose diese schmerzliche Verwirrung durch ein offenherziges Gestandniss. Du kannst keine Schuld haben! und ach! die halbe Freude meines Lebens ist dahin, wenn mich der Argwohn Albans von dir trennt.

Die treue Liebe des guten Madchens stillte gleich einem labenden Thau die Glut der Verwirrung in meinem Innern. Wie friedebringend und wie achtungswerth ist der stille Sinn, der die Gestalten seiner Liebe fest und rein zu bewahren vermag, in jenem Gewirre ungunstiger Verhaltnisse!

Du vertraust meiner Unschuld mit Recht, liebstes Kind, sagte ich Elisen. Ich verdiene deine Freundschaft, und du sollst ewig die meinige besitzen. Aber wir mussen jetzt vor allen Dingen suchen, den Irrthum zwischen den zwey lieben Mannern aufzuklaren. Sage Julius, dass ich ihn vor seiner Abreise zu sprechen wunsche, und ich will Nordheim bitten lassen, auf einen Augenblick in mein Zimmer zu kommen.

In kurzem erschienen sie beyde zugleich, und waren etwas verwundert, einander anzutreffen. Ich suchte alle Verlegenheit zu uberwinden, nahm Nordheims und Julius Hand, und sagte: Da ich die ungluckliche Ursache eines Missverstandnisses zwischen zwey edlen Gemuthern bin, so wunsche ich, sie auch wieder zu vereinen.

Sie thun mir Unrecht, Herr von Nordheim, wenn Sie an meinen Sitten zweifeln: ich muss und will es ohne Vertheidigung dulden, aber wenn Sie auch keinen Glauben an mich fassen konnten, hatten Sie nicht das Andenken an meinen Vater in Hohenfels zu Hulfe rufen konnen? Sollte die Kraft zum Rechten und Guten so schnell in einem Gemuthe verbluhen, das durch seine Pflege gebildet wurde? Herr von Alban hat sich immer als ein edler grossmuthiger Freund gegen mich betragen, und eben darum konnte ich seine Hand nicht annehmen, da ich keinem Freunde eine Frau zu geben wunschte, deren Verhaltnisse sie vielleicht zuweilen nothigen konnten, den Anstand der Pflicht aufzuopfern. Auch ich, fur mich, bin ganz und gar nicht in der Lage, fur jetzt an eine solche, Verbindung zu denken.

Und nun, meine theuren Freunde, geben Sie mir die Ruhe wieder durch die Gewissheit, dass kein Zweifel mehr zwischen Ihnen Statt haben kann. Das Schicksal eines unbedeutenden Madchens soll nicht edle Manner entzweyen, die bestimmt sind, sich zu schonen Thaten zu vereinigen.

Nordheim und Julius waren bewegt. O wer, rief Nordheim aus, wer wurde nicht von dieser Sprache der Unschuld und Wahrheit, selbst gegen das Zeugniss seiner eigenen Sinne hingerissen! Herr von Alban, sagte er, indem er Julius die Hand zur Versohnung bot, wenn ich Sie durch Misstrauen beleidigte, so verzeihen Sie es der Sorge fur dieses liebenswurdige Kind, und helfen Sie mir auch von ihr Verzeihung erbitten! Julius fasste Nordheims Hand, und ich druckte die beyden lieben vereinten Hande herzlich an meine Brust. Meine Thranen flossen unaufhaltsam, mein tiefstes Wesen war aufgeregt von sussen, von schmerzlichen Empfindungen, ich musste mich entfernen.

Bettina benutzte einen gunstigen Augenblick, wo sie mich allein im Garten fand. "Ich habe eine Bitte an Sie, sagte Sie mir leise. O bewegen Sie Herrn von Nordheim und die Grafin, dass ich Sie in die Stadt begleiten darf! Ich weiss nicht, wie mich Ihr Anschaun so verwandelt hat, meine sonst so geliebte Einsamkeit scheint mir ein Grab. Ich fuhle, wie wenig ich bin, aber zugleich den Muth, noch mehr zu werden. In welch kindischer Gedankenlosigkeit verstrichen meine Tage! Jetzt weiss ich, was ich werden mochte. Ein andres Daseyn steht mir so klar hier, (sie deutete mit dem Finger auf ihre Stirn) als wie die Gestalt dieser Blume vor mir steht, ob sie gleich jetzt noch in der schwellenden grunen Knospe verborgen liegt. O ziehen Sie mich in Ihr Daseyn hinuber!" sagte sie mit dem sanftesten Ton.

Als ich Nordheim das Anliegen des guten Kindes vortrug, sagte er freundlich: Sie kommen meinen Wunschen zuvor. Bettina hat das Alter erreicht, in welchem nur der vertraute Umgang einer schonen weiblichen Seele ihre Bildung vollenden kann, denn sie hat nicht Kraft genug, durch sich selbst das rechte Gleichgewicht zu finden, aus welchem sich eine schone Form zu entwickeln vermochte. Die Mutter hat nur einzig in ihrem Talent und in ihren Reizen gelebt: seitdem sie mit der Jugend diese Existenz verloren, ist sie in jene Erschlaffung und Dumpfheit versunken, mit der eine leere Seele immer in sich selbst zuruckkehrt. Sie hat sich, in ihrem Wahn, dem Himmel, aber eigentlich den Traumen ihrer fruhen Kindereinbildung zugewendet. Die todten Formen blieben in ihr liegen, weil keine Vernunft sie belebte oder hinwegraumte, und geben jetzt einen matten Trost. Beinah scheint mir die Furcht vor jeder Art von Gesellschaft, bey dieser Frau noch auf etwas mehr verschobenes im Gemuth zu deuten, als einzig auf das peinigende Gefuhl der kleinen Eitelkeit, eine kleine Existenz uberlebt zu haben. Sie sehen aus diesem allen, fuhr er fort, dass Sie mir durch Ihre Gute fur Bettina eine Sorge vom Herzen nehmen, ich will dem guten Geschopfe herzlich wohl. Wie gern, beste Agnes, verdanke ich Ihnen dieses! Wie gern verdanke ich Ihnen alles! Er fasste meine Hand heftig, liess sie aber im Augenblick wieder los, und entfernte sich.

Die Grafin willigte sogleich in unsern Vorschlag wegen Bettina ein, und die Mutter wurde nunmehr befragt.

Nach einer halben Stunde kam Battista gelaufen, und rief: Meine Mutter wunscht die junge fremde Dame zu sprechen, welche so viel Gute gegen ihre Tochter bezeugt.

Das ist hochst sonderbar, sagte Nordheim. Ich folgte Battista durch ein zierliches Blumengartchen in das kleine Wohnhaus. Eine Frau von grosser Gestalt und sehr feinen Gesichtszugen, in denen aber eine beunruhigende Lebhaftigkeit lag, empfing mich an der Treppe; sie schien verlegen, suchte diess aber hinter einem kalten und steifen Anstand zu verbergen. Schweigend fuhrte sie mich ins Zimmer, welches mit Verzierungen uberladen war, und mehr fur Nordheims Freigebigkeit, als fur den guten Geschmack der Bewohnerin zeugte. Die Mutter befahl Battista, uns zu verlassen. Als wir allein waren, fasste sie meine beiden Hande, sah mir starr, doch freudig ins Gesicht, und rief: Ja, das ist sie! das ist die Gestalt, die du mir als meine Beschutzerin zeigtest, heilige Jungfrau! so schwebte sie aus goldnen Wolken zu mir hernieder; das sind dieselben blonden Locken, wie sie jenes himmlische Haupt umwallten. Ich erkenne das sanfte Lacheln wieder, welches die Hoheit der verklarten Zuge milderte. Ja sie wird, sie muss mir helfen!

Ich war erschrocken, und wusste nichts zu sagen.

Sie fasste sich, sass einige Augenblicke mit beinah geschlossnen Augen neben mir, und fragte dann heftig: Welche von Ihnen beiden ist die Braut unsers guten Herrn, die Grafin von Wildenfels oder Sie?

Ich antwortete, dass von keiner Heurath des Herrn von Nordheim die Rede sey.

Die Grafin ist es nicht? rief sie freudig, und Sie konnen es werden. O schones gutes Madchen, wie innig soll es mich freuen, Sie als die Gemahlin meines Beschutzers zu verehren! Gewiss Sie machen einen sonderbaren Eindruck auf ihn! Nie sah ich ihn noch so himmlisch heiter, so sanft, so leuchtend mochte ich sagen von Leben und Freude, als wie er gestern neben Ihnen einherging. Innigst freute ich mich dieser Erscheinung, aber man sagte mir diesen Morgen, er werde seine Vermahlung mit der Grafin feiern. Es drang ein kalter Schauer durch meine Adern, Sie fuhlen, ich habe mich noch nicht vom Schrecken erhohlen konnen.

Die Reden des Weibes waren mir ein unbegreifliches Rathsel, aber immer bindet es uns mit einer gewissen magischen Gewalt selbst an das gleichgultigste Geschopf, wenn wir den liebsten Wunsch unsrer Seele auch von seinen Lippen vernehmen.

Jetzt nahm sie ein verschlossnes Kastchen aus ihrem Schreibepult, ihre Hande zitterten, mit gen Himmel gerichteten Augen druckte sie das Kastchen an ihre Brust, und rief: Heilige Jungfrau! du selbst gebotest mir, ich folge deinem Wink, er kann mich nicht irre fuhren!

Starr richteten sich nun ihre Augen auf mich, indem sie fortfuhr: Seit langen Jahren vertraute ich keinem menschlichen Wesen, und seit ich durch das Bekenntniss meiner Schuld von einem frommen Vater Vergebung empfing, seit dieser Zeit beschloss ich, mein Geheimniss auf ewig in meiner Brust zu begraben. Gleichwohl drangten sich mancherley Umstande, und meiner Kinder Schicksal foderte eine schmerzliche Erofnung meines Herzens. Auf der andern Seite hiess mich auch manches schweigen. So rang ich mehrere Monathe nach einem Entschluss, und lebte im schmerzlichen Kampf. Ich flehte oft zur Mutter Gottes um einen leitenden Wink, endlich erschien sie mir im Traum, hielt eine Heilige an der Hand, und sagte zu mir: Dieser vertraue!

Ich fuhlte mich beruhigt, und wartete mit stillem Geist auf die Deutung dieses Gesichtes. Beim ersten Blick, den ich auf Sie warf, als Sie durch den Garten mit Herrn von Nordheim kamen, erkannte ich jene himmlische Traumgestalt. Um so mehr erschienen Sie mir als ein hulfreicher Engel zur schlimmsten Stunde der Noth, weil ich die Grafin neben Ihnen erblickte. Sie werden dieses in der Folge verstehen. Ich sahe Sie noch oft lange und genau an, ohne von Ihnen bemerkt zu werden, und uberzeugte mich ganz, dass ich mich nicht getauscht hatte, als ich in Ihnen die versprochne Retterin zuerst erkannte. Die schwere Last fiel von meinem Herzen durch diese augenscheinliche Hulfe des Himmels. Nun vertraue ich Ihnen mein und meiner Kinder Schicksal in den Papieren an, die dieses Kastchen enthalt. Schworen Sie mir, dass unser Herr die Grafin von Wildenfels nicht zum Altar fuhren soll, bevor Sie es erofnet, ihr den Inhalt der Papiere verkundigt, und das Versprechen von ihr empfangen haben, dass sie fur meine Kinder Sorge tragen will. Sind Sie die Braut, so werden Sie die Beschutzerin meiner Kinder, und ofnen an Ihrem Hochzeittag das Kastchen. Herr von Nordheim wird dann um Ihrentwillen der Vater meiner Kinder bleiben, wie er es jetzt durch Gute und Sorge ist. Oft fuhlte ich den Drang, meine Seele vor ihm aufzuschliessen, aber die Ehrfurcht hielt das Vertrauen gebunden.

So glaubte ich mir aus der schmerzlichen Verwirrung geholfen zu haben, fuhr sie fort, nachdem sie wenige Momente in Nachdenken versunken, unbeweglich vor mir stand. Schworen Sie mir nun, sagte sie feierlich, bei allem was Ihnen heilig ist, schworen Sie mir bey dem Allwissenden, meine Bitte zu erfullen, und geben so einer Unglucklichen die Ruhe wieder!

Ihre Augen waren mit wildem schmerzlichen Verlangen auf mich geheftet, alle ihre Zuge blieben wie erstarrt, und der Mund halb geofnet. Ich gelobte die Erfullung ihrer Bitte, sofern sie in meinen Kraften stunde, indem ich den Allwissenden zum Zeugen anrief. Jetzt fiel sie mir zu Fussen, benetzte meine Hande mit Thranen, und pries sich selig, von dem bangsten Zustande befreit zu seyn. Ich suchte sie zu den gesunden wahren Gefuhlen der Natur zuruck zu fuhren, indem ich von dem Schicksal ihrer Tochter redete, und fur sie Sorge zu tragen versprach. Mir dunkte, die Einsamkeit sey ihr schadlich, und werde sie am Ende ganz zur Schwarmerei fuhren, so wie dieses vielleicht bey jedem erfolgen muss, der sich nicht durch Beschaftigung des Verstandes im gehorigen Gleichgewicht zu erhalten weiss. Jeder braucht im gewissen Sinn das Leben mit Andern, um seiner selbst gewiss zu werden, aber Menschen von schwachen Fahigkeiten denken allein mit den Worten und Formen, die sie von Andern empfangen.

Ich sprach von Entwurfen, auch die arme verstimmte Frau, so wie ihre Tochter, wieder in das gesellige Leben zu verflechten, aber sie sagte traurig lachelnd: Nein, die Nachtigallen sind im Winter unansehnliche lastige Thiere, ich will einsam bleiben, bis ich im Chor der Engel wieder singen kann.

Bettina sollte mir noch denselben Abend das geheimnissvolle Kastchen uberliefern, ihre Mutter schien keinen vollkommenen Frieden zu finden, bis sie jedes sinnliche Zeichen ihres schmerzlichen Geheimnisses von sich entfernt hatte.

Ich begegnete Nordheim und Julius als ich durch den Garten zuruck ging. Sie schienen in einem vertraulichen Gesprach begriffen. Nordheim fasste meine Hand, und fragte: wie ich Madame Barsino gefunden?

Mir dunkt, sagte ich, ihr Gemuth bedurfe eines starken ausseren Anstosses, um die tiefen Spuren der Vergangenheit wieder auf eine leichte Art mit der umgebenden Welt vermischen zu lernen.

Der Rest des Lebens, sagte Nordheim, muss nothwendig schaal seyn, wenn der Anfang nur der einseitigen Kultur eines Talents gewidmet war, dessen wir uns nur durch Andere erfreuen konnen. Nur Geist und Liebe tragen Frucht in jeder Region des Lebens.

Wir standen an einer Bank, uber welcher sich eine Laube wolbte. Nordheim hiess uns sitzen. Es war etwas zartlicheres in seinem Betragen, als ich noch je wahrgenommen, und der Ton seiner Stimme wurde weicher und zarter, wenn er mit mir sprach.

Ist es der Wunsch, ein angethanes Unrecht vergessend zu machen? Ist es Liebe?

Dieser Zweifel bewegte meine Seele, aber lebendig drang die holde Erscheinung zu meinem Herzen. Julius, Nordheim und ich waren in der lebhaftesten Stimmung, nur abgebrochne Worte hielten den Faden der Unterhaltung zusammen. Etwas Unaussprechliches, Unendliches fullte unsre Busen, glanzte in unsern Blicken, arm und leer schien jedes Wort, wir unterhielten uns von den entferntesten Dingen, um nur das nachste Gefuhl unsers Herzens nicht zu verrathen. Der Wunsch, mit Nordheim allein zu seyn, wechselte mit einer sonderbaren Furcht vor einem entscheidenden Augenblick, in welchem ich das Gestandniss seiner Liebe empfangen sollte, und Julius schien selbst so nach einer Gelegenheit zu suchen, uns mit Anstand zu verlassen, und nur aus Verlegenheit zu bleiben, dass ich nicht unzufrieden mit ihm seyn konnte. Ich wunschte auch eigentlich seine Entfernung nur, weil ich furchtete, es musse ihn schmerzen, wenn er den vollen Ausdruck meiner Liebe gegen Nordheim als Augenzeuge empfande. Ich hatte ihn mit mir an der Brust meines Geliebten gewunscht, selig mit mir im reinsten Genuss an dem liebeschlagenden Herzen.

Unsre lebhafte Stimmung stieg beinah bis zur schmerzlichen Spannung. Es zog sich gleich einer druckenden Gewitterwolke um uns her, die sich nur in Blitzen entlasten konnte.

Julius stand auf, und war im Begriff sich zu entfernen. Die lieblichste heiligste Ahndung einer glucklichen vollig einverstandenen Liebe bebte durch mein Wesen; aber in dem Augenblick verliess uns Nordheim mit einer fluchtigen Entschuldigung von Geschaften.

Meine Arme erhoben sich unwillkuhrlich, die geliebte Gestalt fest zu halten, mein Herz schlug gewaltig gegen meine Brust, und ein lauter Seufzer verrieth Julius meinen Zustand.

Was habe ich gethan, rief er schmerzlich aus. Warum zogerte ich, mich zu entfernen? Warum muss ich Unseliger! immer der Gluckseligkeit des liebsten Wesens im Wege stehen?

Seine Verwirrung gab mir meine Fassung wieder.

Lieber Freund, sagte ich ihm, dar Schicksal lasst sich die schonsten Blumen des Lebens nicht entreissen, sondern reicht sie nur freiwillig dar. Sollte mir noch gewahrt seyn, Nordheims Liebe zu gewinnen? Alles beinahe heisst mich zweifeln.

Ich empfand in diesem Augenblick, wie ich sprach; Furcht und Verlangen erhalten unser Gemuth nothwendig im Irrthum. Nordheim konnte selbst wunschen, mich mit einem andern Manne zu verbinden; wie kann er mich lieben? So schloss ich naturlich in dem Moment einer getauschten Hofnung.

Julius Blicke ruhten mit der zartesten Theilnahme auf mir. Vertrauen Sie m e i n e n Augen, liebste Agnes, sagte er sanft. Sie werden geliebt. Einfacher, klarer fasst eine weibliche Seele das Gefuhl der Liebe; mit mannichfachen oft streitenden Gestalten vermischt es sich in der Brust des Mannes. In einer so reichen Natur wie Nordheim, wo so hohe Krafte wirken, muss die Liebe eine ganz eigne, neue Gestalt annehmen, die zu mancher Tauschung Anlass geben kann.

Ich fuhlte mich gestarkt und beruhigt, mehr durch das Anschaun von Julius schonem Wesen, das seine Freiheit bei dem lebhaftesten Empfinden so rein zu bewahren vermochte, als durch die Hofnungen, welche er mir einzuflossen strebte.

Wir kehrten noch denselben Abend nach der Stadt zuruck. Der Prinz hatte die ganze Gesellschaft dringend eingeladen, sich bey einem Fest einzufinden, welches er seiner Schwester zu Ehren veranstaltet hatte.

Ungern trennte ich mich von dem Wohnort meines Geliebten. Die Garten, das Haus, die Zimmer und alles was sie enthielten, schienen mir als sein Eigenthum von seiner Gegenwart belebt und verschonert zu seyn. Ein freundlicher Schimmer erleuchtete alles was mich umgab; so wie ein heitrer Sonnenblick uns alle Formen einer wohlbekannten Gegend gleichsam erneut, und naher an die Seele bringt.

Die nachsten Tage waren gerauschvoll. Mir war nie wohl unter dem Gewuhl einer bunten Menge, sie brachte mich immer in eine Art von Betaubung, in welcher ich den Mangel an innrer Klarheit schmerzlich empfand.

Die Gestalt der Prinzessin ergriff mich mit sonderbarer Gewalt. Sie sass in einem Zirkel von Damen, als ich mich ihr naherte. Ihr Anstand war edel, ihr Putz einfach und geschmackvoll. Ich musste den Zirkel vermehren, und als ich ihre Gesichtszuge genauer betrachten konnte, fand ich sie alle von dem Ausdruck unaussprechlicher Lieblichkeit belebt.

Nur wenig, und sehr leise wurde von den Damen gesprochen; die Prinzessin schwieg, oder sagte ihren Nachbarinnen ein paar Worte, von denen ich nichts vernehmen konnte. Endlich wendete sie sich mit einer Frage an mich. Der Ton ihrer Stimme durchdrang mein Innres. Meine Nerven bebten. Die Verzierungen der Zimmers, die Personen der Gesellschaft schwankten vor meinen Blicken, mit Muhe hielt ich mich auf meinem Stuhle. Ich sass neben einer gutmuthigen geschaftigen Alten, sie fasste mich bey der Hand, und wiederholte mir leise die Frage der Prinzessin. Ich stammelte einige Worte gegen diese. Die gute Alte hielt meinen Zustand fur Verlegenheit, und suchte dem armen Landmadchen zu Hulfe zu kommen. Der Prinz naherte sich uns, die Prinzessin sprach viel und lebhaft, ich bekam nach und nach meine Fassung wieder, und schalt mich thoricht, einem ersten Eindruck der Macht eines Tones solche Gewalt uber mich gestattet zu haben.

Der Prinz begegnete mir im Angesicht der Gesellschaft, und vorzuglich unter den Augen seines Vaters mit zuruckgehaltener Aufmerksamkeit. Dennoch fanden die Hofleute, deren Scharfsinn nur ein einziges Feld, die Schwachheiten ihres Herrn kennt, sehr bald etwas Auszeichnendes in dem Betragen des Prinzen gegen mich. Ich musste manches Lob und manchen Tadel ertragen, ohne beides zu verdienen.

Ich fuhlte, dass Nordheim und Julius uber mein Verhaltniss mit dem Prinzen wachten; ihre gegenseitige Vertraulichkeit schien taglich inniger zu werden. So sehr es mich freute, zwei mir so werthe Menschen vereinigt zu sehen, so schmerzlich fuhlte ich doch die Veranderung in Nordheims Ton gegen mich. Die Gute eines zartlichen Vaters lag in seinem Blick, so wie in dem Sinn seiner Rede. Taglich sah ich ihn, taglich entfaltete sich sein Wesen in neuer Liebenswurdigkeit, und gerade in einer Art der Liebenswurdigkeit, die unsre ganze Weiblichkeit mit Verlangen befangt.

Der Wunsch, Liebe zu gewinnen, anzugehoren, ergreift unser Wesen nie starker und inniger, als wenn wir eine hohe Kraft in Thatigkeit erblicken. In den leichten Verhaltnissen der Gesellschaft war Nordheim hingebend, wohlwollend, voll hinreissender Grazie, aber sobald es ein ernstes Verhaltniss galt, stand er mit unerschutterlicher Festigkeit bey seinen Grundsatzen. Voll Muth und Wurde glich er einem kraftigen Lowen, der die Insekten grossmuthig in seinen Mahnen spielen lasst. Selbst die sinnloseste Menge hat die Ahndung einer unuberwindlichen Kraft, und fuhlt ihre ganze dumpfe Beschranktheit in ihrer Nahe. Des Prinzen allgemein bekannte Freundschaft fur Nordheim gab ihm Einfluss auf den Zirkel der Geschaftsleute, sein heller Verstand war die Freude der Rechtschaffenen und das Schrecken der Arggesinnten.

In der Einsamkeit meines Zimmers uberliess ich mich der Sehnsucht nach den ersten lieblichen Traumen, die mich aus dem frohen Gleichmuth der Kindheit erweckten.

Nordheim liebt mich nicht. Welchen Ersatz vermag mir das Schicksal fur den Verlust dieses einzig schonen Gluckes darzubieten?

Nur das Andenken an meinen Vater in Hohenfels, der Wunsch sein Alter zu beglucken, wie er meine Kindheit verschonerte, diese erhielten meinen Lebensmuth.

Die Sorge fur Bettina verband sich mit dem Andenken an meinen Vater, um das Gleichgewicht in meinem Gemuth zu erhalten, wenigstens jedes aussere Zeichen des Unmuthes zu unterdrucken. Bettina war viel in meinem Zimmer. So wie ich uber den ruhigen Kreislauf ihrer Beschaftigungen wachte, erinnerte ich mich selbst an Arbeiten, die meine Traume unterbrachen. Lust und Reiz war mit der Hofnung der Liebe entflohen, und mein erloschnes Auge kundigte ein Gemuth an, das in sich selbst zuruckkehrt, den Muth aufsucht, um den freudenlosen Gang durchs Leben zu vollenden.

Nordheim schien den wahren Zustand meines Innern zu ubersehen; oft schien es sogar, als hielt er sich an die falsche Seite einer erkunstelten heitern Laune, die ich der Gesellschaft darbot.

Julius kannte mein Herz, und betrug sich mit edler Feinheit. Er vermied, sich mir zu nahern, um allem Anschein von Anspruchen auszuweichen. Wenn er es irgend konnte, ohne bemerkt zu werden, sagte er mir ein herzliches Wort, das innigen Antheil an Leidenschaft verrieth. Ich fuhlte den Werth dieses Betragens, und lernte seine gleich schone und starke Seele taglich mehr schatzen.

Die Grafin verhielt sich seit der ersten und einzigen Erklarung gegen mich ganz passiv. Die Erofnung ihres Herzens schien mit einer schmerzlichen Anspannung ihres ganzen Wesens verbunden zu seyn, und sie in einen so gewaltsamen Zustand zu versetzen, den sie wo moglich zu vermeiden suchte. Sie betrug sich mit sanfter schonender Gefalligkeit, als fuhlte sie meinen Zustand, aber als habe sie die Pflicht einer Freundin schon gegen mich erfullt, und musse mich meinem Schicksal uberlassen.

Elise war zart und liebend, aber von zu wenig Energie fur solch eine Lage; auch hatte Albans Misstrauen gegen mich die Vertraulichkeit unsers kleinen Zirkels in etwas vermindert.

Der Prinz war nur mit sich beschaftigt, so sehr er auch nur mit mir beschaftigt scheinen wollte, vielleicht es selbst zu seyn wahnte.

So war ich mitten in einem Zirkel treflicher Menschen dennoch einsam und mir selbst uberlassen.

Der erste gewaltige Eindruck, welchen die Prinzessinn auf mich gemacht hatte, liess eine Art von Furcht, mich ihr zu nahern, in mir zuruck. Gleichwohl zog sie mich gewaltig an, mit einem sonderbaren Vergnugen stand ich hinter ihrem Spieltisch, ihre unbedeutendsten Worte blieben in meinem Gedachtniss, und wenn ich im Vorubergehen ihr Gewand beruhren konnte, fuhlte ich ein unbegreifliches Vergnugen. Die Prinzessin schien mich ganz zu ubersehen, aber zuweilen suchte mich ihr glanzendes Auge in einer Ecke des Saales auf, wo ich es am wenigsten erwartete. Sie ist dir nicht ungeneigt! sagte ich mir mit innigem Vergnugen, und nur meinem ersten kindischen Benehmen schrieb ich es zu, dass sie mir eine neue Verlegenheit ersparen und nicht wieder mit mir sprechen wollte.

In Augenblicken, wo ich es nicht vermeiden konnte, mit dem Prinzen allein zu seyn, sprach er von Leidenschaft. Ich wurde oft unwillig, einen Charakter, der mir anfanglich im schonen Lichte erschienen war, durch solch eine Schwachheit entstellt zu sehen. In seiner Neigung war mehr Begierde als Zartlichkeit, und, selbst mit einem ganz freien Herzen, hatte ich ihr widerstanden.

Ich stand eines Abends, als Gesellschaft beym Fursten war, mit einigen jungen Damen in einem Fenster des Saals. Der Prinz wusste sie durch einen Vorwand zu entfernen, und als ich ihnen folgen wollte, hielt er mich mit Gewalt zuruck. Agnes! verdien' ich diese Kalte? sagte er heftig. Ist es meine Schuld, dass ich gebunden bin durch unleidliche Verhaltnisse, dass ich Ihnen jetzt nur ein Herz anbieten kann? O ich bin unglucklich genug, unter dem Zirkel hirn- und herzloser Puppen, die meinem Stand und Reichthum so platt entgegen kommen, ein gutes Herz gefunden zu haben, es mit wahrer Neigung zu umfassen; und von diesem verkannt zu werden! Warum entziehen Sie mir die Bluthe Ihrer Schonheit? O wir Fursten sind Opfer der Verhaltnisse! selbst unsre Freunde entfernen sich von unsern acht menschlichen Gefuhlen, und ihr mitleidsvoller Blick wiederholt es: Ihr seyd Opfer!

Die Stadt lag vor uns am Fusse des Berges, und die Lichter in den Hausern glanzten durch die dunkle Nacht. Ich war geruhrt und sagte: Theurer Prinz, es kann nur eine trube Laune seyn, in welcher Sie Ihre Bestimmung verkennen, die den hochsten menschlichen Kraften die schonste Ubung gewahrt. Sollte es Ihrem Herzen nichts sagen, wenn Ihr Nahme in stillen Familienzirkeln als ein guter Genius genannt wird? Wenn aus Ihrem hellen Verstand, aus der Kraft Ihres Herzens der Wohlstand dieser Gegend erbluht?

O meine Agnes, sagte er, Sie entflammen nur das Verlangen nach Ihrem Besitz, indem sich Ihre geistige Schonheit vor mir enthullt. Ich will streben, das zu werden, was Sie wunschen! Nehmen Sie diesen Ring, Geliebte, fuhr er fort, zum Pfand alles Guten, was dieser Augenblick in mir entfaltet. Jene erste gluckliche Tauschung, welche ich durch ihn erfuhr, werde ich nie vergessen.

Er verliess mich in heftiger Bewegung, und der Ring blieb an meinem Finger. Es war dasselbe Bild seiner Schwester, welches ich mit so sonderbaren Regungen angesehen hatte.

Als ich wieder ins Gesellschaftszimmer gehen wollte, wickelte sich eine Gestalt aus den Vorhangen des Fensters, welches zunachst an dasjenige stiess, wo ich mit dem Prinzen gestanden. Ich eilte vorbei, aber ich fuhlte mich gehalten, und zartlich umschlungen.

Ich erkannte die Prinzessin. Gutes Kind, sagte sie, ich nehme herzlichen Antheil an Ihnen, kommen Sie, wir schwatzen ein wenig zusammen.

Ihre Stimme zitterte, aus Verlegenheit, wie ich es deutete, mich und ihren Bruder vielleicht gegen ihren Willen belauscht zu haben.

Ich musste mich neben sie setzen, und sie fuhr fort.

Ich habe Ihre Unterredung mit meinem Bruder gehort. Ob ich zufrieden mit Ihnen bin, fuhlen Sie. Ich beklage ihn, und freue mich zugleich, dass er so wahlen konnte. Leicht und beweglich wie die Farben der Iris, Kinder aller Elemente sind unsre Neigungen, und wie sie jenen gleich aus Regen und Sonnenschein entstehen, so verkunden sie doch auch nur, wie sie, aufs neue Regen. Ich wunschte Ihnen ein heiteres Daseyn unter einem blauen wolkenlosen Himmel. Darf ich einen Mann nennen, neben welchem Sie dieses finden wurden?

Ich schwieg bewegt und verlegen.

Darf ich? fragte sie aufs neue. Darf ich Julius von Alban nennen?

Er ist ein edler, achtungswerther Mann, sagte ich.

Ich habe den rechten Nahmen nicht genannt, erwiederte die Prinzessin. Ich muss Ihr Vertrauen erst verdienen lernen, liebste Agnes. Sie hielt meine Hand, ihr Bild fiel ihr in die Augen.

Das ist der Ring meines Bruders!

Trage ich ihn auch mit Ihrer Genehmigung? fragte ich. Ich leugne nicht, ich wurde mich nur mit Schmerzen von diesem lieben Ringe trennen.

Von welchen Erinnerungen sprach mein Bruder?

O von den heiligsten meines Lebens! sagte ich mit einer Offenheit, die ich mir selbst im nachsten Moment vorwarf.

Wie das? fragte die Prinzessinn heftig.

Ich war verwirrt, und fuhr fort: Er giebt mir die wunderbarste Reminiscenz durch die Ahnlichkeit mit einer sehr geliebten Person.

Lassen Sie uns zur Gesellschaft gehen, sagte sie, indem sie rasch aufstand, und mich mit sich in den Saal zog.

Charles kam den nachsten Morgen zu mir. Er brachte mir einen zartlichen Gruss von meiner Mutter, und eine Ermunterung unsre fur jetzt nothwendige Trennung ruhig zu ertragen. Der Inhalt meines Briefes habe sie betrubt, sagte mir Charles, doch werde sie nie nach einem Einfluss in mein Schicksal streben, welcher meiner Neigung Gewalt anthun konnte. Ein gesundes Gemuth werde durch sich selbst mit allen Erscheinungen im Leben fertig, und lerne seine Macht kennen, sie zu verwandeln, oder zu ertragen. Ihre Mutter, fuhr Charles fort, vertraut Ihrer guten Natur. In einem heftigen allbezwingenden Verlangen lernt unser Wesen seine ganze Kraft empfinden. Die Illusion der Leidenschaft ist in der Okonomie der menschlichen Natur, was die Bluthe in der Pflanzenwelt ist. Die Schonheit umschleiert den Moment, wo sich die Kraft und Gestalt eines Wesens entscheidet. Ich zweifle nicht, meine Agnes wird in reiner tadelloser Form aus dieser Verwandlung hervorgehen, und mit erhohter Kraft zum Leben und Wirken gerustet. Eine Seele, die im Zauber der lebendigen Fantasie ihre entflohenen Freuden und Leiden zuruckzurufen vermag, bewahrt leichter das heilige Gesetz der Billigkeit gegen andere, als lebendiges, gegenwartiges Gefuhl in der Seele. Sie werden Ihre Mutter bald wiedersehen, auch in kurzem Ihren Pflegevater in Hohenfels, und wenn Sie selbst wollen, werden Sie an seiner Seite einen Kreis der Thatigkeit finden, der Ihnen das Gluck der Liebe ersetzen kann, oder in stater Dauer bewahren wird.

Charles brachte in jeder Woche einige Morgenstunden bey mir zu. Er liess mich Zeichnungen kopieren, die er selbst nach den besten Meistern entworfen hatte. Ich wahlte eine Landschaft nach Poussin, und wahrend dieser Arbeit fielen unsre Gesprache auf die wichtigsten Gegenstande.

Charles herzlicher Antheil, und die Klarheit seiner Vorstellungen wirkten wohlthatig auf mein Gemuth. Ich wurde mir selbst klarer in seinem Umgang. Er fasste meinen Zustand, und suchte die verworrenen Bilder zu zerstreuen, welche meine Fantasie aus den grossen Cirkeln der vergangenen Abende zuruckgebracht hatte. Ich heftete mich an ihn, und ehrte ihn wie einen guten Genius, der den Faden meines geistigen Daseyns aus dem Gewuhl des Sinnlichen zu losen vermochte.

Meine kleine Kunstarbeit hatte wahrend unsrer Gesprache guten Fortgang. In jeder Darstellung eines grossen Sinnes liegt eine gewisse magische Kraft gleich als fur immer gefesselt, sie bewegt jeden fuhlenden Beobachter, er fuhlt eine fremde Gewalt, die seine Krafte aufregt und emporzieht. So wirkte auch der Geist des grossen Meisters, dessen Dichtung vor uns lag, still und erhebend auf mein Gemuth; und das Andenken an meine Mutter, das mir in Charles Gesprach beinah zu einer geheimnissvollen Gegenwart wurde, starkte mein Herz in dem zarten sussen Leben der Hofnung.

Ich war heiterer und lebendiger nach jeder Zusammenkunft mit Charles, und hatte manche kleine Spotterey der Grafin uber den Einfluss des Zeichenmeisters auf meine Laune auszustehen.

Bettina war oft gegenwartig, wahrend Charles bei mir war, sie zeigte viel Freude und Geschicklichkeit zur Kunst, und gewann Charles Neigung sehr bald.

Die Kleine hatte ihre Liebe zu Nordheim so innig mit der Neigung gegen mich vereinigt, dass wir beide gleichsam zu einem Bilde in ihrer Vorstellung zusammengeflossen waren. Je inniger sie uns in sich vereinte, je scharfer trennte sie jede dritte Erscheinung von der unsern. Jede kleine Vertraulichkeit Nordheims mit der Grafin schmerzte sie tief, sie kam traurig zu mir, und verweilte mit ihrem kindischen Geschwatz bei jedem kleinen Umstand. Sie machte auch in Charles Gegenwart oft bittre Anmerkungen uber die Grafin, und schwatzte nach und nach so viel, dass Charles den Grund ihres Herzens und des meinen erblickte. Nein, rief sie einmal heftig aus, nein, es ist unmoglich, dass Nordheim ein anderes Weib als meine Agnes lieben sollte! Ich suchte meine Bewegung durch einen Scherz zu verbergen, aber ich fuhlte es, Charles hatte mein Geheimniss errathen.

Mir selbst blieb Nordheims Verhaltniss mit Amalien immer ein Rathsel, ich scheute mich bei den Kleinheiten der Eifersucht in meinem Gemuth zu verweilen, und verstattete mir keine genauere Beobachtungen. Es fuhr gleich einem kalten Stahl durch meine Brust, wenn ich die Grafin mit Nordheim allein fand, meine Lippen bebten, und meine Worte wurden zu unsichern Lauten. Aber ein freundliches Wort von Nordheim, voll einfachen treuen Sinnes, brachte den Frieden in meinem ganzen Wesen zuruck. Was willst du? fragte ich mich selbst; nimmt er nicht Theil an dir, will dir wohl? ist das nicht schon so viel? ist es nicht genug?

Ein sonderbarer Vorfall zeigte mir auf einmahl die ganze Gewalt der Leidenschaft uber mein Herz, indem er den freundlichen Wahn der Erfullung zerstorte, welcher sich insgeheim immer an unsern heissesten Wunsch anschmiegt, so sehr unser klarer Verstand ihn auch zuruckzuweisen strebt.

Die Hindernisse, welche Elisens Verbindung im Wege standen, waren nunmehr besiegt, der Tag der Hochzeit war festgesetzt, und der Hof nebst der ganzen Gesellschaft versammelte sich bei Elisens Tante, um der Trauung beizuwohnen. Die Gesellschaft vertheilte sich bis zum Anfang der Ceremonie in mehrere Zimmer. Elise nahm mich geheimnissvoll bei der Hand, und fuhrte mich in ein Kabinet, wo ich den Prinzen fand.

"Verzeihen Sie das, was ich Ihnen zu sagen habe" redete er mich an: "es ist ein Auftrag meiner Schwester, welche uns seit wenigen Tagen verliess."

Die Prinzessin hatte mich seit der letzten sonderbaren Szene ganz vernachlassiget; ich war durch ihr Betragen gekrankt, weil etwas unaussprechlich Anziehendes fur mich in ihrem Wesen lag.

"Meine Schwester und ich," fuhr der Prinz fort, "vereinigen uns mit den Wunschen Ihrer Freundin, heut mit einem liebenden Gemahl zugleich auch eine geliebte Schwester zu besitzen."

Elise lag in meinen Armen. O meine Agnes, gewahre uns allen dieses Gluck! rief sie aus. Mein Alban bittet fur seinen Bruder, Julius bittet nur mit stiller Liebe und Treue.

Geben Sie uns allen die Freude, Sie fur immer unter uns zu sehen, sagte der Prinz. Selbst mein Vater ist von dem Zauber Ihres Betragens geruhrt, und wunscht, Sie mochten bey uns leben. Er wird Julius in eine Lage setzen, welche Ihnen eine angenehme Existenz versichert.

Der Furst trat herein, und sein freundliches gutiges Lacheln uber den ernsten Zugen, die aus allen ihren gewohnten Falten geruckt waren, ergriff mich auf eine sonderbare Art, und ruhrte mich bis zu Thranen.

Ein geschaftiges Mannchen unter den Hofleuten hatte etwas von der Szene durch die halboffne Thur gesehen, und breitete in den andern Zimmern die Nachricht aus, ich empfinge die Gluckwunsche zu meiner Heurath. Das Kabinet fullte sich, Nordheim kam mit den Ubrigen, blieb ernsthaft an der Thur stehen, ohne ein Wort zu sprechen. Julius erfuhr von Elisen die Veranlassung dieses Auftritts. Er sah mich in der peinigenden Verlegenheit, wagte nicht, sich mir zu nahern, und bat die Grafin, mich von der lastigen neugierigen Menge zu befreien.

Ich hatte mich unterdessen gefasst, und ersuchte den Prinzen, seinem Herrn Vater meinen Dank auszudrukken, nebst dem Wunsch, fur jetzt noch unverheurathet zu bleiben. Der Furst sah verdriesslich aus, und sagte halb laut: Er hatte von mir solch eine Ziererey nicht erwartet. Der Tadel des alten Mannes schmerzte mich, wie mich sein Antheil bei seiner sonstigen gewohnten Kalte ruhrte. Die Grafin zog mich in ein Fenster, und sagte nach einigen Minuten: Welch eine eigne Gestalt nehmen doch alle gewohnlichen menschlichen Verhaltnisse fur Seelen gewisser Art an! Die Liebe fur Dich, meine Agnes, scheidet sich von jedem eigennutzigen Begehren, sie will nicht sowohl b e s i t z e n , als Dein Wesen gleich einer schonen Kunstgestalt in reiner Anschauung geniessen. Dein holdes Gemuth wirkt geheimnissvoll, aber machtig auf alles, was sich Dir nahert, und bildet eine Welt feinerer zarterer Verhaltnisse um Dich her. Doch jeden, fuhr sie fort, jeden, mein bestes Kind, ergreift fruh oder spat das unbezwingliche Schicksal, und versetzt ihn in den Kreis des Bedurfnisses und der Noth, in welchen unser Daseyn gebannt ist. Nichts bleibt rein und ungemischt in diesem, und jedem Genuss folgt bittres Entbehren. Besser ist es, freiwillig den Gottinnen des Schicksals ein Opfer zu bringen, einem Gut zu entsagen, um ein andres zu gewinnen. Doch ich fuhle, sagte sie mehr sanft und betrubt, als unmuthig, ich fuhle, dass ich Ihr Vertrauen nicht besitze, ob ich gleich wahne, es zu verdienen. Wir waren allein im Kabinet geblieben, Nordheim naherte sich uns. Vertraulicher als ich es in der letzten Zeit gewohnt war, fasste er meine Hand, seine ernsten Blicke ruhten mit zartlicher Theilnahme auf mir, indem er sagte: Wie gern, beste Agnes, nahme ich noch auf eine weite Reise, die ich in kurzem antreten werde, die Uberzeugung mit mir, dass ich meine Freundin glucklich zuruckliess.

Sie wollen verreisen? sagte ich mit zitternder Stimme.

Ich muss, erwiederte er. Im Vertrauen auf die Freundschaft Ihres Vaters, wage ich es, vielleicht zudringlich zu werden. Die Wunsche Ihrer Freunde scheinen mir einen Lebensweg fur Sie zu bezeichnen, der zur Zufriedenheit fuhren wird. Der, welchen Sie aus eigner Stimmung fur jetzt vielleicht erwahlen konnten, wurde Sie nur zu Unruhe und Sorge fuhren. Trauen Sie den Blicken eines Freundes, der zartlichste Antheil macht sie scharfsichtig. Was mich selbst betrifft, so bliebe mir noch einiges zu sagen ubrig. Ich wunsche klar vor Ihnen zu stehen, ob ich gleich Ihr Vertrauen nie erwerben konnte. Sie werden mich aus meinen Briefen an Ihren Vater ganz kennen lernen, in kurzem werden diese in Ihren Handen seyn. Julius edle Liebe wird Ihr Leben beglucken, meine theure Agnes, und Ihr Gluck wird die reine Freude Ihres fernen Freundes seyn. Ich gewohnte mich seit langer Zeit, nur in dem Gluck meiner Freunde zu geniessen. Der Moment, wo ich aus diesem Daseyn heraustrat, rachte sich durch manche innre Verwirrung.

Nordheim verliess mich hier schnell.

Unendlich ist der Schmerz der Liebe, weil sie selbst ein Verlangen nach dem Unendlichen ist.

Nordheim selbst wunscht dich mit einem andern Mann verbunden! Jeder Wunsch nach dir ist also in seinem Herzen erloschen! Er liebte dich nie! Nur dieses Gefuhl klang immer aufs neue in meiner Seele wieder, meine Sinne waren wie erstarrt, und jedem aussern Eindruck verschlossen.

Die Grafin fasste meine Hand, und diese Beruhrung erweckte mich durch eine hochst widrige Empfindung. Ich hatte den Sinn ihrer Worte nicht ganz gefasst, und nur eine dunkle Vorstellung dabei gehabt, als enthielten sie den Rath, Julius meine Hand zu geben, und meiner Neigung fur Nordheim zu entsagen. Ich war schon in der widrigsten Stimmung gegen die Grafin, als sich Nordheim zu uns gesellte, und jetzt in dem schwersten Moment meines Lebens stand sie vor mir als ein feindseliger Damon, der sich meines bosen Geschicks erfreute, in welches er mich, so wahnte ich, selbst hineingezogen. Ich hatte keine Worte fur solche widrige Gefuhle; in Liebe und Stille der Seele erzogen, kannte meine Brust den kalten Hass nicht.

Mit einer unwillkurlichen Bewegung hatte ich den Arm der Grafin zuruckgestossen, und jetzt strebte ich, meinen Schmerz zu verbergen. Julius bemerkte die gewaltsame Anstrengung in meinem Wesen, und ausserte sein Missvergnugen, der Anlass zu einer so unangenehmen Szene fur mich gewesen zu seyn, der er meinen ganzen Zustand zuschrieb.

Ich hielt die Gesellschaft aus, aber man trug mich halb ohnmachtig aus dem Wagen, so sehr hatte die Gewalt, mit welcher ich mein Herz zuruckhielt, meine Nerven zerruttet. Wie wohlthatig kehren sich die Genien unsrer entflohenen guten Stunden in jenen Zeiten zu uns, wo uns eine hofnungsleere Finsterniss umgiebt!

Nachdem ich einen Strom erleichternder Thranen vergossen, standen meine lieblichen Walder von Hohensels mit ihren kuhlen Lauben vor meiner Fantasie. Dort, sagte ich mir, wo mir die ersten goldnen Jugendtraume bluhten, dort wird das Andenken an Nordheim, mein ewig lebendiger Schmerz uber seinen Verlust, ungestort wohnen!

Ich rief mir jetzt Nordheims Worte zuruck. Ausser ihrem schmerzlichen Sinn, welcher mir eine Verbindung mit einem andern Manne anrieth, lag noch etwas Rathselhaftes in seiner Ausserung.

Er warnt dich selbst, dich deiner Neigung fur ihn zu uberlassen! Auf diese Erklarung kam ich endlich zuruck, ob sie mir gleich mit seiner Bescheidenheit und Feinheit zu streiten schien.

Wir sind so geneigt, die fehlgeschlagnen Hofnungen unsers Herzens aus der Stellung der aussern Umstande herzuleiten, um die Erscheinung eines geliebten Wesens rein in unsrer Seele zu bewahren. An welchen zarten Faden hangen oft die wichtigsten Begebenheiten unsres Lebens! sagte ich mir. Ein geheimnissvolles Gewebe umspannt uns unsichtbar, aber gewaltsam, und alle Kraft unsers Herzens vermag nicht die eisernen Faden zu durchbrechen. Hatte die Grafin heut nicht zwischen uns gestanden, hatten uns statt der steifen Hofwelt, Walder und Wiesen umgeben, statt des engen Zimmers, das weite blaue Gewolbe des Himmels, o! wer weiss, ob nicht das innigste Gefuhl der Liebe in meiner Brust ein Wort, einen Ausdruck gefunden hatte, welcher Nordheims Herz mir wieder zugewendet! Alles erinnert uns an Beschranktheit in den Cirkeln der feinen Welt, sie bestehen nur durch dieselbe, und die himmlische Freiheit der Liebe fuhlt sich dort gefesselt. Welche unselige Stellung der Umstande musste den entscheidenden Moment meines Lebens umgeben! Ich habe alles verloren! fur immer verloren!

Unter diesen Selbstgesprachen nahte der Morgen. Der Entschluss, Nordheim nicht wieder zu sehen, stand hell in meiner Seele. Die Grafin kam, mich zu besuchen; ich war milder gestimmt, und sie selbst schien mir mehr ein Werkzeug des Schicksals zu meinem Ungluck, als die erste Ursache desselben. Gleichwohl blieb ich ungeruhrt von ihrem gutmuthigen Betragen, so sehr ich mich selbst daruber tadelte. Es giebt Menschen, welche uns nie von ihrem guten, und andre, welche uns nie von ihrem bosen Willen uberzeugen konnen. Ausser meiner leidenschaftlichen Stimmung, die eine unreine Farbe in das Bild der Grafin mischte, lag noch vielleicht in ihrem eignen Wesen ein gewisses Etwas, welches das Vertrauen raubte. Wo die Manier ganz vorherrscht, da scheint zuletzt der Charakter selbst nur Manier.

Der reine Klang des Herzens entlockt einzig hinwiederum dem Herzen Neigung und Vertrauen.

Man rief die Grafin bei mir ab, weil Nordheim zu ihr gekommen war.

Mein Entschluss, ihn nicht wieder zu sprechen, blieb fest, aber noch einmahl wollte ich den lebendigen Zauber seiner Gegenwart empfinden, und seine Gestalt als ein holdes Bild fur meine dunkle Zukunft bewahren.

Ich lauschte hinter meinem Fenster, bis er aus dem Hause ging. Er trug dasselbe Reisekleid, in welchem ich ihn zuerst gesehen. Er wendete sich nach meinem Fenster. Muth und Vertrauen und Vergessenheit alles Schmerzens strahlte aus dem edlen liebevollen Gesicht in meine Brust. Aber als er hinter der Ecke der Strasse verschwand, ergriffen mich alle Schauer der Zerstorung aufs neue. Zum letztenmahl es ist vorbei es ist aus, sagte ich mir. Z u m l e t z t e n m a h l , ist ein beunruhigendes Gefuhl bei der gleichgultigsten Sache, weil es an unser engbeschranktes menschliches Daseyn so innig erinnert; und zum letztenmahl! bey der hochsten Lebensfreude ergreift uns wie die kalte Hand des Todes.

Charles trat in diesem Augenblick ins Zimmer. Ich eilte ihm entgegen, und suchte mein Gemuth zu verbergen, aber er wich stumm und erschrocken bei meinem Anblick zuruck.

Haben Sie mir eine bose Zeitung zu bringen? fragte ich ihn. Nein, erwiederte er, moge ich keine von Ihnen zu vernehmen haben, und Ihre Worte Ihrem Aussehen widersprechen.

Sein herzlicher Antheil loste alle Banden meines Schmerzens, meine Thranen flossen unaufhaltsam.

Der zarte Sinn meiner Mutter schien mir von Charles Lippen entgegen zu schweben. Er nahte sich mir sanft, fasste meine Hand, und nach einem tiefen Blick in meine Seele saate er: Sollte fur dich, gutes Geschopf, der Moment schon gekommen seyn, wo die freundlichen Tauschungen der Sinnenwelt sich in qualende Gestalten verwandeln? Ist der jugendliche Wahn einmahl verschwunden, in dem wir freundlich und harmonisch mit der aussern Welt zusammenfliessen, wo unser Wesen in allem innig und ganz lebt, und eben darum keine Trennung in seinem Innern empfindet; ist jene Magie einmahl aufgehoben, und musst du den innern Bestand in dir selbst durch eignes Streben wieder herstellen, dann kann dir vielleicht der Rath eines Freundes nutzen. Dein Wesen, gutes Kind, fuhr er fort, ist Liebe und Sympathie. Genuss ist fur dich nur in der reinen Stimmung deines Innern zu finden; also lasse fruh ab von der Tauschung, die uns einen aussern Gegenstand als die hochste Wonne des Lebens vormahlt. Aber hute dich auch vor jenen Momenten starrer Apathie, in welche unser Gemuth so leicht nach einer zerstorenden Anspannung fallt. Handle nicht eher, bis der klare Blick deines Verstandes alle Dinge in ihrem rechten Mass zu wurdigen vermag. Der erste tiefe Schmerz getauschter Erwartung treibt die Seele aus dem endlichen Beschrankten empor ins Unendliche. Wir herrschen uber die Gestalten der Erde in unserm Gemuth, denen wir sonst dienten. Glucklich wenn wir in solch einer Periode innrer Klarheit und Neinheit uns selbst eine richtige haltbare Stellung in unsern innern und aussern Verhaltnissen geben! Glucklich, wenn das Schicksal uns an einem Scheideweg stehen lasst, bis wir uns selbst gesammelt haben, und das Mass unsrer Kraft zu ermessen vermogen. Wenig Gluckliche fuhrt ihr Genius ganz schuldlos durch das Leben. Manche mussen mit dem Opfer eines ganzen Lebens wenige Augenblicke bussen, in welchen sie verschmahten, auf jenen leitenden Wink zu achten. Hier hielt Charles ein, schlug die Augen nieder, und sein ganzes Wesen verrieth einen Sturm durch die Gewalt schmerzlicher Erinnerungen erzeugt. Meine Agnes, rief er aus, indem sein Auge einen Blick unaussprechlicher Liebe auf mich warf, wenn es mir gelange, dir den reinen nie getrubten Frieden der Seele zu erhalten, dann will ich jedes Leiden, das ich erduldete, als eine Wohlthat des Schicksals dankend verehren! Er stieg heftig von seinem Stuhl auf, lief ein paarmahl im Zimmer auf und ab, und kam dann mit ruhiger Miene wieder zu mir.

Sie mussen sich billig wundern uber den so lebhaften Antheil eines Unbekannten, sagte er, aber es ist meine Art so. Mein Herz nahert sich allem Liebenswurdigen mit einem innigen Verlangen, es in seiner eigenthumlichen Grazie erhalten zu sehen. Das Schicksal versagte mir zarte Naturverhaltnisse, in denen meine Liebe lebendig wirken konnte, und darum spahet mein Auge nach allen holden Gestalten, die in meinen Kreis kommen, und mein Herz schliesst ihnen seine Erfahrungen auf.

Charles Worte hatten mich lebhaft ergriffen, seine Vorstellungsart drang sich meinem Verstande auf, und die Warme seines Herzens belebte meinen Willen. Ich fuhlte die Kraft, neue Ansichten des Lebens zu fassen. Die Pflicht, die gesunde heitre Thatigkeit meines Gemuthes fur meine Mutter zu erhalten, war das erste Verhaltniss welches ich lebendig ergriff. Wenn Freude und Hofnung vom Herzen gefallen sind, finden wir nur unser Daseyn im nothwendigen, allgemeinen Gesetz unsrer Natur wieder.

Sie werden Ihre Mutter diesen Abend sehen, sagte mir Charles, und sie wird Ihnen viel Wichtiges und Neues entdecken, was die Sphare Ihrer kunftigen Thatigkeit und den Ort Ihres Aufenthalts betrift.

In Ansehung des Wunsches, sogleich zu meinem Vater nach Hohenfels zu eilen, verwies er mich auf die Unterredung mit meiner Mutter.

Ich blieb den ganzen Tag auf meinem Zimmer. Bettina's liebevolle heitre Geschaftigkeit erhielt mich in einer sanften wehmuthigen Stimmung. Das liebe Geschopf wird doch immer ein Verhaltniss zwischen Nordheim und mir erhalten; wenigstens werde ich wissen, wo er lebt, sagte ich mir. Uber Bettina wird er mir etwas zu sagen haben, und ich zu antworten. O die einzig edle, holde Gestalt wird nicht ganz fur mich in das Reich der Schatten verschwunden seyn! Ich werde zuweilen ein Zeichen seines Daseyns empfangen. Diese Gedanken gaben meiner Neigung fur Bettina etwas ruhrend Zartliches, welches ich noch nie bei ihr empfunden hatte. Ich sagte ihr manches uber ihre innre und aussre Existenz, welches sie mit lebendigem Wahrheitssinn aufnahm, denn ich selbst hatte ein sehr klares Gefuhl ihrer ganzen Individualitat. Ohne etwas besonders dabey zu denken, brachte ich meine Sachen in Ordnung, und versiegelte meine Papiere. Bettina fiel mir weinend in die Arme, und rief: Ach du willst mich verlassen! Ich lachte, und versprach ihr dann ernsthaft, sie sollte immer bey mir bleiben.

Bei einbrechender Nacht entfernte ich das Madchen, verhullte meine Gestalt so sehr als moglich, und eilte dem Stadtthor zu. Charles hatte diese Einrichtung getroffen, er schien mir bedenklicher, ja furchtsamer, als bei unsrer ersten Zusammenkunft mit meiner Mutter.

Es war eine sehr finstre Nacht. Regenwolken umhullten den Mond und die Sterne, und der Regen fing schon an zu fallen, als ich kaum einige Schritte vom Hause der Grafin entfernt war. Ich eilte so sehr ich konnte, aber ich war schwach von der schlaflosen Nacht und den mancherlei Sturmen, welche in den letzten Tagen auf mein Gemuth eindrangen. Der Wind jagte mir den Regen entgegen, und benahm mir die Luft. Athemlos lehnte ich mich fur einen Augenblick an eine Mauer, einem Laden gegenuber, welcher sehr erhellt war. Eine grosse Gestalt ging ganz dicht an mir vorbei, sie hatte den Hut tief in die Augen gedruckt. Aber in dem Moment, wo das Licht aus dem Laden das Profil des Untergesichts stark erhellte, dunkten mirs Nordheims Zuge zu seyn. Ich bebte vor Furcht und vor Freude. Ein Wort der Liebe von den geliebten Lippen zu vernehmen, und dann an der Brust der Erde mein Leben auszuhauchen, um in dem Athem des Ewiglebenden neu aufzubluhen, dieser Wunsch bewegte mein Innerstes. Wenn uns die Naturkrafte im Sturm aufgeregt erscheinen, und wir selbst dem Sturm in unserm Innern kaum entrannen, dann schmiegt sich ein Gemuth. welches das Vermogen besitzt, sich der ewigwirkenden Kraft nahe zu fuhlen, mit unendlichem seligem Verlangen an das Eine, Bleibende, in oder uber der Natur.

Die grune Erde dunkt uns wirklich der Schooss der Mutter, uber welchem ewig unwandelbares Leben weht, um uns einem neuen Daseyn zuzubilden.

Wie sonderbar geht oft eine neue ungewohnliche Stimmung in unsrer Seele einer Begebenheit zuvor, die unsern Verhaltnissen und uns selbst eine neue Gestalt giebt; gleich als gabe uns unser Genius den Wink, unsre Kraft zu sammlen! Der Wunsch nach der Auflosung unsers Wesens, bildet in gewissen Stimmungen unsrer Seele ein neues Lebensorgan, und die gestaltlose, aber lichte Zukunft, der sich unser Innres entgegendrangt, wirft auf alle Erscheinungen der Erde ein neues milderes Licht. Welcher feine Mensch, der gewohnt ist in sich selbst zuruck zu blicken, kennt nicht jene Momente des reichern hoheren Lebens, wo die Seele eine unabsehliche Kette der Gedanken durchfliegt, und die reicher an lebendigen Erscheinungen in seinem Innern sind, als oft Zeitraume von Jahren!

Ich halte solch einen Moment durchlebt, und fand mich gestarkt und erhellt, um jeder Begebenheit zu begegnen. Selbst der geliebten Erscheinung Nordheims ging ich mit Ruhe und stiller Freude, ohne Furcht und Sehnsucht entgegen.

Der Regen dauerte fort, und durch die Finsterniss und den Sturm arbeitete ich mich nur muhsam und langsam hindurch, bis zum bestimmten Ort. Als ich bei einigen erleuchteten Hausern vorbeikam, dunkte mir's, als folge mir die Gestalt, die ich zuvor sah; sie stand still, sobald ich mich nach ihr unwendete. Ich dachte nicht mehr, dass es Nordheim ware, und glaubte mit Recht, meine Einbildung habe mich betrogen.

Auf dem bestimmten Platz fand ich den Wagen. Charles bot mir die Hand zum Einsteigen, und nahm seinen Sitz neben mir. Er schien ungewohnlich bewegt, und sprach wenig. Wir waren ohngefahr eine Viertelstunde gefahren, als der Weg vom Steinpflaster abging. Einige Reiter waren uns bis dahin gefolgt, Charles sah sich oft nach ihnen um. Jetzt verliessen sie uns, und er schien ruhiger.

Wir hatten schon einen weitern Weg gemacht, als bei der ersten Zusammenkunft, als sich die Wolken zertheilten und der Himmel aufhellte. Ich offnete das Wagenfenster, um des gestirnten Himmels zu geniessen. Welch eine schone Nacht, mein Freund! sagte ich zu Charles, um seinen Trubsinn zu zerstreuen. Ist's Ihnen nicht auch, fuhr ich fort, als ob die Klarheit des Athers den innren Sinn umleuchtet, wie die Sonne die Gestalten der Erde? Alles Druckende und Verworrene lost sich auf, mit einem Blick in das grenzenlose Blau des Himmels, von dem eine Ahndung des Unverganglichen uns entgegenweht. Dieser Tag soll mir ein merkwurdiger Tag bleiben. Ihr Gesprach diesen Morgen hat mich zu mancherlei Erscheinungen in meinem eignen Wesen vorbereitet. Charles druckte meine Hand, und sagte mit zitternder Stimme: Unser eignes Daseyn ist zu ermessen und zu ertragen, aber die Sorgen der Liebe drucken uns dreifach schwer darnieder. Wer fur sich nur furchtet, furchtet nichts.

Die Reiter stiessen wieder zu uns. Charles hiess mich angstlich, mich nicht wieder aus dem Wagenfenster herauszubeugen. Sie folgten unserm Wagen seit einer halben Stunde, Charles wurde immer unruhiger, und als wir durch ein Dorf fuhren, sagte er: Wir mussen diese Leute von unsrer Spur entfernen; und bat mich, am Wirthshause auszusteigen. Man fuhrte uns in ein kleines Zimmer, dessen Fenster gegen den Garten geofnet waren. Die Dufte der vom Regen erfrischten Pflanzen wallten uns durch die helle Mondnacht entgegen. Mir war wohl und sonderbar klar in meinem Gemuth. Ich sprach mit Charles von der Freude, meine Mutter zu sehen, und von der Hofnung, dass die geheimnissvollen druckenden Verhaltnisse sich endlich einmahl auflosen wurden.

Hoffe nichts und furchte nichts, liebes Kind, sagte Charles, so hat das Schicksal keine Gewalt uber dich. Er stand trubsinnig neben mir, und gab nur unzusammenhangende Antworten.

Ein wilder Larm drang an unsre Thur. Charles verwahrte sie von innen, so gut er konnte, stellte sich mit blossem Degen davor, und bat mich, in einer Ecke des Zimmers ruhig zu bleiben.

Unter einem wilden Getose von mancherley Stimmen erkannte ich Nordheims Stimme. Mit festem gebietendem Ton befahl er dem Wirth, die Thur unsres Zimmers zu offnen. Der Wirth entschuldigte sich, es sey ein Herr mit einer Dame darinnen, welche gewiss nichts weniger als einen Uberfall erwarteten.

Nichtswurdiger! sagte Nordheim zornig, eben das Madchen fodere ich, sie ist mit Gewalt geraubt.

Wie belebend fuhlte ich in meinem ganzen Wesen Nordheims Antheil an mir! Die ganze peinigende Verworrenheit dieser Szene vermochte nicht dieses Gefuhl niederzuschlagen. Ich bat Charles, die Thur zu ofnen, und sich gegen Nordheim frei zu erklaren. Er sah mich wild an, und sagte: Du weisst nicht, was du begehrst. Du bist deiner Mutter fur immer entrissen, wenn du in die Hande des Fursten kommst, Nordheim ist sein Freund. O er ist edel, Charles! rief ich. Lassen Sie uns ihm alles vertrauen. Er kann nie ein in ihn gesetztes Vertrauen beleidigen.

Armes, hingebendes, leichtglaubiges Geschopf! sagte Charles. Du kennst das Leben noch nicht, und welche doppelte Gestalt es dem menschlichen Gemuth aufdruckt. Lass dich zu keiner Unvorsichtigkeit verleiten, die du ewig bereuen musstest.

Nordheims wiederholter Befehl, die Thur zu ofnen, machte unserm Wortwechsel ein Ende. Er befahl seinen Leuten, sie aufzuschlagen. Der Wirth gab wahrscheinlich nach. Die Thur offnete sich, Nordheim trat herein, und eine Menge von Leuten des Wirths und von seinen eigenen drangen ihm nach.

Es wage sich keiner uber diese Schwelle! rief Nordheim. Alles entfernte sich, bis auf einen von seinen Leuten, der bittend rief, indem er auf Charles wilde Gestalt deutete: Bester Herr, lassen Sie mich bleiben! Geh augenblicklich! sagte Nordheim, und schloss die Thur hinter ihm ab.

Jetzt, redete er Charles an, jetzt sagen Sie, was berechtigt Sie zu diesem Betragen? Nur die Neigung dieser Dame fur Sie kann es entschuldigen, aber nie rechtfertigen, Im Nahmen Ihres vaterlichen Freundes bitte ich Sie, sogleich nach dem Hause der Grafin zuruckzufahren, sagte er mir sehr ernsthaft. Mein Wagen erwartet Ihren Befehl. Er fasste meine Hand, legte sie in seinen Arm, und eilte der Thure zu. Ich vermochte es nicht, der sussen Gewalt zu widerstehen; ich folgte, beinah unwillkuhrlich, denn der Gedanke an meine Mutter hielt mich nicht weniger machtig zuruck. Nun schrie Charles: Ich behalte das Madchen, oder den Tod fur einen von uns beiden! Vertheidigen Sie sich. Er hatte Pistolen aus dem Gurtel gezogen, reichte die eine Nordheimen, und behielt die andre, nach ihm zielend, in der Hand.

Waffen konnen nur zwischen Menschen von gleichen Rechten und gleicher Kraft entscheiden, sagte Nordheim. Ich schlage mich mit keinem Unbekannten. Wer sind Sie? Und was treibt Sie an, die Ruhe eines edlen Madchens und ihrer Freunde zu kranken?

Ich hatte einst einen Nahmen, der mir das Recht gab, mich mit den Edelsten zu messen, sagte Charles, aber er ist aus dem Reich der Lebendigen verloscht; ich bin nichts mehr, ein Schatten, der kraft- und thatenlos umherschwebt.

Die Hand mit dem Pistol sank, und er blieb starr und unbeweglich. Es war ein Ausdruck dumpfer Verzweiflung in seinem Ton. Nordheim naherte sich ihm edel und gutig, ohne Waffen, und sagte: Was zwingt Sie, Unglucklicher, solch eine Rolle zu ubernehmen? Ist es eine unbezwingliche Leidenschaft, so werde ich Ihr Vertrauen nicht missbrauchen. Handeln Sie zur Beforderung fremder Zwecke, unter fremdem Einfluss, so kann nur ein offenherziges Gestandniss Ihnen meine Verzeihung erwerben. Dringt Sie die Noth, ein unedles Geschaft zu ubernehmen, so erwarten Sie von mir eine grossere Belohnung, wenn Sie sich davon lossagen. Reden Sie, aber widersetzen Sie sich nicht, dass ich das Fraulein zuruckfuhre, oder Sie bezahlen es mit Ihrem Leben, denn in jedem Fall bin ich entschlossen, sie nicht hier zu lassen.

Bittres Schicksal, zwingst du mich, auch noch ein Morder zu werden! rief Charles, und richtete das Pistol gegen Nordheim.

Ich hatte mich von Nordheim losgemacht, und fiel Charles in den Arm, ihn zuruck zu halten. Nordheim war mir schon zuvor gekommen, und hatte ihm das Pistol mit einer geschickten Bewegung und uberlegener Starke aus den Handen gewunden.

Wie rasch, bestes Kind! sagte mir Nordheim. Wie leicht hatten Sie sich verwunden konnen! Beruhigen Sie sich, ich werde keine Waffen gegen einen Mann fuhren, der Ihnen werth ist. Aber folgen Sie mir jetzt. Verzeihen Sie, ich muss es fordern, und ich weiss, Sie selbst werden es mir in einer ruhigen Stimmung danken.

Die reine Gute in diesen Worten zog mein Herz unaussprechlich zu Nordheim, so sehr mich auch ihr Sinn schmerzte, der ein Herzensverhaltniss mit Charles durchaus voraussetzte, und auch in meiner gluhenden Besorgniss um ihn selbst nur Liebe fur seinen Gegner sah.

Ach Nordheim, sagte ich, wie sind Sie so gutig, und so grausam zugleich! Meine Thranen flossen unaufhaltsam.

Seyn Sie uberzeugt, meine Agnes, ich wunsche nur Ihr dauerhaftes Gluck, sagte Nordheim sanft. Ich verspreche alles fur Ihre Liebe zu thun, aber fur jetzt folgen Sie mir!

Ich fuhlte, wir verwirrten uns unaufloslich. Meine vorhergegangene Stimmung hatte mich uber alles konventionelle erhoben, und ich glaubte mich wirklich in diesem Moment jugendlicher Selbsttauschung uber alle Leiden und Freuden des Lebens emporgeruckt.

Charles stand in stummer Betaubung mit dem Rukken an die Thure gestemmt, und schien entschlossen, alles zu wagen. Die Spannung zwischen ihm und Nordheim musste aufgelost werden. Nur der unendliche Himmel mit seinen glanzenden Sternen lag vor meinem Auge. Ich fuhlte eine Kraft der Wahrheit, des Vertrauens, in meinem Busen, und den Muth, als konne und musse ich diese verworrene Lage auflosen.

Horen Sie mich an, Nordheim, sagte ich. Es sind die letzten Worte, die Sie von meinen Lippen vernehmen werden. Nach diesem Augenblick werden Sie mich nie wieder sehen. Nicht Liebe fuhrte mich hierher mit diesem Manne. Ein Geheimniss, welches nicht mein gehort, und ich Ihnen also verbergen muss, hiess mich diesen und alle andere Schritte thun, welche Ihnen von jeher Verdacht gegen mich einflossten. Was Liebe und Zartlichkeit in meinem Wesen heisst, fand langst einen Gegenstand, den es fest und einzig umsasste, aber seit gestern mit tiefen Schmerz verlasst. Leben Sie wohl, sagte ich mit tiefer Bewegung, und bewahren Sie das Bild eines Wesens, welches Ihnen angehorte, rein im Andenken. Jetzt lassen Sie mich meinen Verhaltnissen, meinen Pflichten ruhig folgen. Nordheim lag zu meinen Fussen. Ist es moglich! xief er, bin ich der Gluckliche! von Ihnen geliebt! Verzeihung, beste Seele, ich wagte dieses Gluck nur vor wenig Augenblicken zu traumen. Von nun an lebe ich nur fur Sie. Konnen Sie mir verzeihen? Susser einziger Moment unsers Lebens, wo unsre heiligste Hofnung unser Herz als Wirklichkeit ergreift, und mit jenen sussen geheimnissvollen Schauern eines neuen Daseyns uberstromt!

Ich hatte keine Worte, meine Sinne waren verwirrt, ich zog Nordheim zu mir auf, seine Arme umfassten mich, und unsre Lippen beruhrten sich.

Jene sussen Augenblicke bewahrt sich selbst die Zauberkraft der Erinnerung nur in geheimnissvollen Zeichen, und wagt es nicht, sie in eine Sprache zu ubersetzen. Schwindelnd entwand ich mich Nordheims Umarmung, und da mein Herz in seinem beschrankten Daseyn seine Vergangenheit wieder fand, schwankte Amaliens Bild vor meinen Sinnen. Auch sie ruhte an dieser Brust! sagte ich mir. Vergebens wollte ich dieses Bild zuruckweisen, ein tiefes schmerzliches Mitleiden, bald mit ihr, bald mit mir selbst, bewegte meine Seele. Nordheims Blicke sprachen nur Liebe und hingebende Zartlichkeit, unter sussen Thranen bat er aufs neue um meine Verzeihung. Auch ihm schien die Vergangenheit lebendig vorzuschweben, aber nur sein schwankendes Betragen gegen mich schien ihn schmerzlich zu bewegen. O wie viel, rief er aus, nimmt uns das Leben mit der Welt, indem es das holde Vermogen zerstort, der sichern Stimme unsers Herzens zu folgen. Wir mussen uns des Glaubens entwohnen, wenn wir fur andere handeln und leben, und konnen ihn dann fur uns selbst oft nicht wieder finden. Misstrauen konnte ich der heiligen Einfalt und Wahrheit deines Herzens nie, uber jede Vergleichung erhaben stand dein schones Wesen vor mir. Oft fuhlte ich deine Liebe, hatte ich meinem Herzen gefolgt. Doch so suss ist es auch, all mein Gluck Ihrer Gute zu danken, meine Agnes.

Himmlische Ruhe, Klarheit und Treue leuchteten aus Nordheims Augen; ich fuhlte mich unaussprechlich s e i n . Von diesem heiligen Herzen kann mir nichts Boses kommen, von dem Anschaun dieser theuern Gestalt kann ich nicht scheiden, unter den verworrensten Lagen wird mich dieses Gefuhl empor halten. Der stille Entschluss, um seinetwegen alles zu tragen, uberglanzte wie ein leuchtender Schild Amaliens Bild, so stark es auch hervordrang.

Mein Freund, sagte ich jetzt zu Charles, ich bin bereit Ihnen zu folgen. Sie werden Herrn von Nordheim kunftig naher kennen lernen.

Charles hatte wie in einem tiefen Traum gestanden. Es ist ein Nahme, den die Welt mit Ehrfurcht nennt, sagte er, ein mir unaussprechlich theurer Nahme! Aber ein finstres Schicksal halt mich gebunden. Ich muss die liebsten und schonsten Erscheinungen als dustre kalte Schatten vor mir vorbey schweben sehen. Meine Hand darf nichts Lebendiges mit Muth und Freude ergreifen. Alles Misstrauen schwindet vor solch einer edlen Gestalt, sagte er freundlicher und indem er sich Nordheim naherte; ob Sie gleich ein Freund des Fursten von ** sind, der mich verfolgt, so fuhle ich doch, Sie konnen mir gerecht seyn.

Ich folgte Ihnen nur, erwiederte Nordheim, um das Herz meiner Agnes zu ergrunden, um sie vor einem Fehltritt jugendlicher Ubereilung zu beschutzen. Jede andre Beweggrunde sind fern von mir. Ohne irgend ein bestimmtes Verhaltniss in D., diene ich nur zu Ubungen der Gute. Ich weiss, dass der Furst aufmerksam auf Ihren Aufenthalt in der D .. schen Gegend war. In jedem Fall war meine Meinung, Ihnen auf meinen Gutern eine Freistatt anzubieten. Jenes alles sind von nun an fremde Verhaltnisse, und als der Freund meiner theuren Agnes haben Sie ein Recht an meinem warmsten Diensteifer.

Charles sah uns beide einige Minuten hindurch fest und mit scharfen Blicken an. Ist es so? sagte er leise vor sich hin, und seine Augen blieben sinnend am Boden geheftet. Dann eilte er freudig auf uns zu, indem er rief: Ja, es ist so! Reine Freude, der erste belebende Strahl der Liebe flammt in den Blicken meiner Agnes; und, indem er auf Nordheim deutete: auf solch einer Stirn wohnt keine Unwahrheit. Moge ein gutes Schicksal die heiligen Bluthen, die die Natur jedem menschlichen Wesen nur einmahl reicht, fur euch, meine Kinder, in Schutz nehmen. Moge nur die Zeit sie hold umwandeln, aber kein Sturm sie abbrechen. Verzeihen Sie mein voriges Misstrauen, Herr von Nordheim, fuhr er fort, in einem lange gepressten Herzen ist die Furcht eingewachsen. Verachten Sie mich nicht um meiner angstlichen Sorge willen. O wenn Sie wussten, warum ich leben muss!

Nordheims Augen fielen voll schmerzlicher Besorgnisse auf mich. Charles sonderbares Wesen schien ihn zu beunruhigen.

Ich hoffe, sagte er sanft zu Charles, Sie gonnen mir fur die Zukunft ein Vertrauen, welches uns beyden wohlthatig seyn wird. Sie finden auf meinem Gute alles zu Ihrem Empfang bereit, und sobald als meine Agnes es wunscht, komme ich selbst zu Ihnen.

Jetzt lassen Sie uns eilen! sagte Charles zu mir. Sobald ich Agnes wieder nach D. begleitet habe, eile ich nach Ihrem Schlosse. Bereiten Sie sich manches von mir zu vernehmen, was Sie verwundern, schmerzen, aber auch erfreuen wird.

Geht meine Agnes auch keiner neuen Gefahr entgegen? sagte Nordheim bedeutend. Ohne in Ihr Geheimniss eindringen zu wollen durfte ich Sie nicht begleiten, nur von fern Ihrem Wagen folgen, um Ihnen auf den ersten Ruf nah zu seyn?

Ich fuhle Ihre Besorgniss, sagte Charles, aber ich muss diesen Wunsch versagen.

Ich bin ein unglucklicher, aber ein ehrlicher Mann! Es lag ein furchterlicher Nachdruck in dem Ton, mit welchem er diese Worte aussprach, und sein starrer Blick, eine wilde Bewegung der Hand nach Nordheims Arm, deutete auf die ganze Bitterkeit gegen ein Schicksal, welches ihn nothigte, zu diesem Selbstgestandniss seine Zuflucht zu nehmen.

Bitten Sie Herrn von Nordheim, uns nicht zu folgen, sagte mir Charles.

Sie fuhlen, mein Theurer, sagte ich zu Nordheim, dass nur die unbezwingliche Nothwendigkeit mir gebieten kann, Ihnen einen Augenblick Unruhe zu machen. Meine Thranen flossen auf Nordheims Hande, die ich zwischen den meinigen hielt. Es ist das erste Zeichen meiner volligen Ergebenheit, liebste Agnes, sagte er sanft, ich gestehe dass es mir viel kostet, aber ich werde Ihrem Befehl folgen. O meine theure Liebe, wie schnell gewohnt sich doch unser Herz an das Gluck! Schon ist mir's, als konnte ich mich nicht fur wenige Stunden von dir trennen. In einer sussen Umarmung strebten unsre Herzen sich auf ewig zu vereinigen, und schon schwebt drohend die kalte Hand des Schicksals uber uns, die ein menschliches Daseyn unaufhaltbar in der Fluth der Begebenheiten fortdrangt. Unsre Thranen flossen unaufhaltsam. Gute Seelen! sagte Charles bewegt. Uberlassen Sie mir das Madchen getrost, Nordheim, sagte er halbscherzend. Sie horten von Ihrem Vater den Nahmen eines alten unglucklichen Freundes?

Ist es moglich? rief Nordheim freudig. Mit ihm beschaftigte sich mein Vater in seiner Todesstunde, vertraute mir Papiere fur ihn, und manches meinem Gedachtniss, was zu gefahrlich furs Papier war. Sonderbare Ahndung, du hast mich also nicht betrogen!

Auch haben Sie etwas, um sich auf das weitere, welches ich Ihnen fur morgen verspreche, zu vertrosten, sagte Charles, und fasste meinen Arm. Leben Sie wohl bis dahin. Wohl mir! rief er aus, ich werde den treuen Sinn meines entschlafenen Freundes noch einmahl vernehmen. Die Zeit verstattet fur jetzt keine weitere Erklarung.

Er zog mich fort. Nordheims Auge strahlte Freude und Ruhe, und auch aus meiner Brust entflohen die Sorgen in seinem heitern Blick. Zwar lag mir ein Schleyer uber meinen Verhaltnissen, aber es war der duftige Rosenschleyer eines Fruhlingsmorgens, hinter welchem das neusprossende Leben der Natur waltet, um den Schooss der Erde mit jungen Blumen zu schmucken.

Ich grubelte nicht uber Charles Rede, und genoss die Fulle susser Ahndungen. Morgen finden wir uns wieder, sagte Nordheim als er mich in den Wagen hob, und ein Kuss auf meine Hand aus dem Wagenfenster goss eine belebende Flamme durch mein Wesen.

Ihre Mutter, sagte Charles als wir im Wagen sassen, muss morgen diese Gegend verlassen. Der Trost, Sie noch einmahl zu sehen, war zu ihrer Erhaltung nothwendig.

Ich musste Charles von meiner Liebe reden. Wir durchflogen eine goldene Zukunft; Charles hatte eine innige Empfindung meines Gluckes, die mich tief ruhrte.

Ich gabe die Momente meines Zwistes mit Nordheim nicht um Jahre einer langern Bekanntschaft, sagte er unter andern. Die Art, wie sich ein Mann in solchen Lagen benimmt, ist entscheidend fur Charakter und Herz.

Welche Grosse und Festigkeit war in seinem Betragen! Der wahre Muth, der aus Kraft des Charakters entspringt, Besonnenheit und heller Blick in der Gefahr, bleibt immer die Krone des Mannes.

Das Lob des Geliebten ist die susseste Musik; ich war verloren in Entzucken und sussen Hofnungen.

Wir fuhren an der langen Mauer hin, die ich beim ersten Besuch bemerkt hatte. Bald hielt der Wagen. Charles stieg aus. Statt des Stillen und Geheimnissvollen bei unserm ersten Empfang, sah ich ihn von Leuten umringt, die mit Lichtern und Geschrey durch einander liefen. Ich horte heftigen Wortwechsel mit Charles, zwey Schusse, nach denen ich meines Freundes Stimme nicht wieder vernahm.

Ich wollte mich aus dem Wagen werfen, man stiess mich ungestum zuruck. Der Gewalt konnte ich nicht widerstehen, und lag in dem schmerzlichsten Zustand der gebundenen Kraft bei dem regesten Willen, in Krampfen auf dem Boden des Wagens. Man spannte andere Pferde vor, und fuhr weiter. Ein fremder ganz unbekannter Mann richtete mich auf, und setzte sich neben mich. Er gab keine Antwort auf meine Fragen, doch bezeugte er Mitleid bei den Ausbruchen meines Schmerzens.

Es soll Ihnen kein Ubel widerfahren! wiederholte er mir ofters.

Ich fiel in Fieberhitze, dann in Ermattung und Ohnmacht, endlich verlor ich alles Bewusstseyn.

Als ich aus diesem Zustand erwachte, lag ich in einem kleinen dustern Zimmer. Eine Frau sass an meinem Bette, es war eine kleine zusammengefallene Gestalt, ihre Gesichtszuge trugen die Spuren mancher widriger Schicksale, und die Freundlichkeit, die sie anzunehmen suchte, machte sie ganz zur Larve. Seit acht Tagen, sagte sie mir, lagen Sie hier, ohne ein Zeichen des Bewusstseyns von sich zu geben; Sie sind mir theuer empfohlen, und Ihr Zustand machte mich sehr besorgt.

Wo bin ich aber? fragte ich aufs neue; und sie erwiederte: Beunruhigen Sie sich nicht, Sie sind an einem Ort, wo Sie sich bald Ihrer volligen Genesung erfreuen werden. Die Lage ist anmuthig, die Luft gesund, und man wird sich ein Vergnugen daraus machen, alles zu Ihrem Zeitvertreib beizutragen, was die Umstande nur immer erlauben.

Ich horte an der Aussprache, dass die Frau keine Deutsche war, sondern eine Franzosin. Der Mann hatte sich entfernt. Die Kraft der Jugend und meine gute Natur hatten die Macht der Krankheit besiegt, mein Blut ging seinen ruhigen Kreislauf aufs neue, und mein Gedachtniss fing an, die Faden der wirklichen Begebenheiten aus dem Gewirre der Erscheinungen zu losen, die meine Einbildungskraft wahrend der Fieberhitze erzeugt hatte.

Kalt und zerstohrend ergriff mich die Entfernung von meinem geliebten Freunde. Das Gefuhl des Fremden und Unbekannten um mich her ergriff mich mit Grauen, ein wilder Schmerz bewegte krampfhaft meine Brust, und mein Daseyn drohte aufs neue in dumpfer Fuhllosigkeit zu vergehen, als ein guter Genius meine jugendliche Phantasie neu und heiter belebte, und mein Herz auf eine wundersame Art mit Glauben und Hofnung starkte.

Ein lieblicher kleiner Knabe trat herein, und brachte einen Teller voll der schonsten Fruchte. Ich empfand ein inniges Vergnugen bei diesem Anblick, er knupfte sich auf eine sonderbare Art an eine meiner vergangenen Erscheinungen, die ich wahrend der Fieberhitze gehabt hatte, und die sich jetzt als ein liebliches Bild in meiner Seele wieder ordnete. Mit unaussprechlich lebhafter Farbe stellten sich alle jene Traumgestalten vor mich, nur ein leichter duftiger Nebelschleyer schien zwischen ihnen und der Wirklichkeit zu liegen.

Ich sass neben Nordheim in einem bluhenden Garten. Er hielt mich ernst und schweigend bei der Hand. Ein grosser bunter Vogel mit den glanzendsten Farben geschmuckt, flog auf uns zu, und hielt ein Korbchen voll der schonsten Fruchte in seinem Schnabel. Wir reichten beide nach den Fruchten, aber der Vogel flatterte bei uns vorbei, lachte und rief Nordheimen zu: Noch nicht, sobald noch nicht, denn sie liebt dich nicht! Nordheim zog seine Hand aus der meinen, und eilte sich zu entfernen, ich warf mich zu seinen Fussen, weinte, wollte ihn zuruck halten, aber vergebens, er war verschwunden. Ich suchte ihn auf, aber wo ich auch hinfloh, so zog sich ein Kreis von Gebuschen, meist von wilden Rosen um mich her, und versperrte mir den Ausgang. War ich einmahl durch eine Lucke der Hecke entwischt, so bildete sich gleich wieder ein neuer Kreis, der zu einer schauerlichen Hohe empor wuchs. Julius stand mitten in solch einem Kreis, er trug die Rustung eines alten Ritters, und uber die Brust eine breite weisse Binde, die Blutflecken hatte. Ich naherte mich, er riss die Binde auf, und aus seiner Brust wuchs eine Blume von sonderbarer Gestalt und Farbe, die ich nie gesehen. Reiss mir die Blume von der Brust, sagte er mir ernsthaft, und ich befreie dich. Ich gab mir alle Muhe, die Blume abzubrechen, aber vergebens. Er sah mir lachelnd zu, beruhrte die Rosenhecke um uns her mit seinem Degen, und es ofnete sich ein kleiner Fusspfad. Bald zertheilten sich die Gebusche, vor uns lag Nordheims Schloss. Nordheim selbst naherte sich uns freundlich, und als wir alle drey dicht bei einander standen, flog derselbe bunte Vogel auf uns zu. Langsam liess er sich uber unsern Hauptern nieder, und als er die Erde beruhrte, sahen wir statt seiner einen wunderschonen Knaben. Er hielt denselben Teller mit Fruchten, welchen uns der Vogel erst versagt hatte, wir eilten alle drei, das Kind zu umarmen.

Der Zauber dieser Traumgestalten wirkte belebend auf mein Gemuth, wie die Gegenwart eines Freundes, und die alte Frau freute sich der sonderbaren Veranderung, die der Anblick des Kindes in mir bewirkt hatte.

In kurzem erschien der Arzt, ein Mann von mittlerem Alter, mit einer angenehmen Bildung und wohlwollenden Miene; er naherte sich mir mit Anstand, und erkundigte sich mit bescheidnen Fragen nach meinem Befinden.

Ich bemerkte bald, dass ihm die Gegenwart der Alten Zwang auflegte; als sie sich auf ein paar Augenblicke entfernen musste, sagte er sanft: Vor allem wird es zu Ihrer Genesung beitragen, wenn Sie sich uber Ihre, ich gestehe es, freilich sonderbare Lage an diesem Ort, keine beunruhigenden Gedanken machen. Haben Sie Muth, und sorgen jetzt einzig und allein fur Ihre Genesung! Die Alte kam zuruck, ehe ich antworten konnte, und das Betragen des Arztes gegen sie, hiess mich jede Frage in ihrer Gegenwart unterdrucken.

Als sie auch entfernt auf meine Gemuthsstimmung deutete, und mich Muth fassen hiess, antwortete ich kalt, dass ich mir nichts bewusst ware, wodurch ich ein boses Schicksal verdient hatte, und dass ich also auch keins befurchtete.

Der Arzt sagte hierauf: alles lage daran, jede trube Vorstellung zu entfernen, und mich auf eine angenehme Art zu zerstreuen. Die Alte sollte mir leichte und anmuthige Geschichten vorlesen, die meiner Phantasie freundliche Bilder zufuhrten. Sie haben ja die Schlussel zu der Bibliothek, sagte er, und das Fach der Mahrchen ist gewiss gut besetzt.

Ich wusste es dem Arzt herzlichen Dank, dass er mich durch diesen Vorschlag von der unertraglichen Alten lastigem Gesprach befreite. Die Feinheit und der gute Wille, welchen dieses Mann gegen mich bezeigte, waren mir sehr trostend, und gaben mir Hofnung, bald Nachricht von meinen Freunden zu erhalten. Charles Schicksal fullte mein Herz mit Bangigkeit, und lag immer als ein dunkler Schatten vor den sussen Ruckerinnerungen jenes letzten Abends, der dem gewaltsamen Zustand, aus welchem ich eben erwacht war, voranging.

Alle kleinen Zuge jener seligen Zeit erfrischten sich in meiner Vorstellung, und des Gefuhl: Du besitzest Nordheims Liebe! gab mir ein neues, wundersames, kraftigeres Daseyn. Er war mir auf eine unaussprechliche Art immer gegenwartig, Verlangen und Sehnsucht nach seinem lebendigen Daseyn waren zart und lieblich, aber nicht ungestum. Die Kraft, alles zu werden, was hoch und treflich ist, fuhlte ich nie so tief und lebendig. Seine Sorge um mich war das Schmerzlichste, was ich empfand; und doch, welcher geheimnissvolle unaussprechliche Reiz gab auch dieser Sorge eine sanfte Farbe!

Nur zuweilen flog durch meinen von der Krankheit geschwachten Kopf, in welchem Traum und Wahrheit noch schwankten, ein beunruhigender Zweifel, ob mein Gluck auch kein Traum sey? Mit welchem Vergnugen fand ich bei meinen Kleidern, die auf einem Stuhl am Fuss des Bettes lagen, ein Tuch mit Nordheims Nahmen gezeichnet! Ich verwahrte das Tuch an meinem Herzen als das liebste, was ich besass, und gleich als vermochte es die Fulle lieber Erinnerungen mit dem Schleyer der Wahrheit zu bedecken und fest zu verwahren.

Der Arzt kam taglich, aber meine Alte bewachte mich mit Drachenaugen, und ein besondres Gesprach mit ihm war unmoglich.

Zweyter Theil

Wahrend der Genesung von einer schweren Krankheit, ist das Gemuth zum stillen Hoffen und Dulden mehr als zum heftigen Verlangen gestimmt. Das Gefuhl, eine freudenreiche lebenvolle Gegenwart nicht mit vollen Sinnen geniessen zu konnen, beruhigt uber einen freudenlosen Zustand.

Unser Gemuth ergreift Vergnugen und Schmerz mit gleicher Gewalt, und eben so stehen Sorge und Verlangen in gleichem Verhaltniss. Auf diese Art ertrug ich meine hochstsonderbare Lage mit einer Ruhe, die mir in der vollen Thatigkeit meiner Gemuthskrafte unbegreiflich war.

Das gute wohlmeynende Wesen des Arztes, sein heller Blick, der mit offenbarem Vergnugen auf mir verweilte, gaben mir sogar Muth. Hatte mir dieser Mund ein Ungluck zu verkundigen, er wurde mir nicht so heiter zulacheln! sagte ich mir oft.

Nur die Unruhe um Charles verfolgte mich mit qualenden Bildern. Sein Verstummen nach dem Schuss, welchen ich an jenem unglucklichen Abend gehort, liess mich oft seinen Tod befurchten.

Der Verlust eines so treuen Freundes war mir innig schmerzlich; und er war auch das einzige Band zwischen meiner Mutter und mir! Wo sollte ich die geliebte Stimme aufsuchen, die mir nur korperlos, wie ein Laut des Echo aus der Wildniss zutonte!

Als mich der Arzt den nachsten Tag besuchte, sagte er: Die Musik ist ein sehr wirksames Mittel, um den schwachen, verstimmten Nerven wieder Ton zu geben; ich habe eben in dem nachsten Dorfe zwei kleine Musikanten gefunden, zwei liebliche Knaben; ich nahm sie mit hierher, um Ihnen ein kleines Concert zu machen.

Er ofnete die Thur ins Nebenzimmer, und ich horte ein liebliches Vorspiel einer Guitarre und Flote. Es war dieselbe Melodie, welche Bettina in Nordheims Garten gespielt hatte.

Mein Busen wallte in sonderbaren anmuthigen Erwartungen; der Arzt beobachtete mich genau, winkte mir freundlich zu, und sagte lachelnd: O, ich bin der guten Wirkung dieses Mittels gewiss!

Die Alte setzte ihre Brille auf, und schuttelte den Kopf; so that sie zu allem, was sie nicht verstand. und wobey sie sich doch ein bedeutendes Ansehn geben wollte.

Jetzt tonte eine reine volle Stimme in die Saiten; ich erkannte Bettina. Meine Augen fullten sich mit sussen Thranen, und ein sanfter Schauer bebte durch meine Nerven. Der Arzt fasste meine Hand und sagte: Sie mussen den einen Knaben sehen, es ist ein so liebliches Kind! Komm herein, Kleiner! rief er; aber geh und sprich ja leise!

Ein Knabe trat schuchtern an die Thur. Er stand im Schatten, und ich erkannte die Gesichtszuge nicht. Nur naher! winkte der Arzt; und jetzt stand Bettina in Knabenkleidern mitten im Zimmer.

Sie sank auf ihre Knie, sah mich mit einem Blick an, in dem sich ihr ganzes Wesen aufzulosen strebte, und verbarg dann ihr Gesicht in ihre beiden Hande.

Der Arzt gebot ihr aufzustehen, zog sie zu sich, und sie stand jetzt dicht an meinem Bette.

Ich reichte ihr meine Hand, der sie einen heissen Kuss aufdruckte, und als sich ihr Haupt wieder erhob, flusterte sie mir leise auf Italianisch zu: Nordheim sendet mich zu dir, er ist nicht weit. Gott, was litten wir um dich!

Die Alte schob ihre Brille zurechte, hustete, fand das alles sehr sonderbar; doch wagte sie keine Bemerkung. Der Arzt wusste sie mit unerschopflicher guter Laune zu unterhalten.

Bettina und ich selbst waren jetzt gefasst genug, um ein gleichgultiges Gesprach vor der Alten anzuknupfen. Sie musste ihren Bruder auch aus dem Nebenzimmer zu mir bringen, beide Kinder betrugen sich mit grosser Feinheit. Battista machte sich an Madame Imbert, und wusste durch tausend Schakereyen ihre Aufmerksamkeit von mir abzulenken.

Bettina spielte mir geschickt einen Brief in die Hande; ich erkannte Nordheims Handschrift, und verbarg ihn in meinen Busen.

Ich hoffe Ihnen morgen einen Spatziergang im Garten verordnen zu durfen, sagte der Arzt.

Die Alte wollte Einwendungen machen, aber eine scherzhafte Antwort des Arztes brachte sie zum Schweigen.

Auch meine kleine Hofkapelle bringe ich Ihnen bald wieder mit, sagte er beym Abschied.

Bettina kusste meine Hande noch einmahl, und wahrend sich ihr Bruder mir naherte, ergriff sie eine Scheere, die auf dem Tischchen am Bette lag, und schnitt eine Haarlocke ab, die uber meiner Schulter lag; schnell hatte sie ihren Raub in ihr Westchen verborgen, druckte die Hand auf ihre Brust, und flusterte mir leise zu: Es ist fur ihn!

Ich erwartete die Ruhestunde der Alten mit klopfendem Herzen. Als ich horte, dass sie in tiefem Schlafe lag, wagte ich es, meinen lieben Brief zu erofnen.

"Endlich, meine geliebte Agnes, kenne ich Ihren Aufenthalt. Die qualvollsten Tage meines Lebens folgten auf die schonste Stunde desselben. Aber der Augenblick, welcher uns wieder vereinigen wird, ist nicht fern; unser Leben soll bis dahin ganz der Hofnung gehoren. Ich ware zu Ihnen geeilt, hatte mich der Arzt nicht zuruckgehalten. Er furchtete, eine so ganz unerwartete Erscheinung mochte zu heftig wirken.

"Der Arzt ist einer meiner liebsten Freunde den ich von nun an als den Schutzengel meines Lebens verehre, weil er meine geliebte Agnes erhielt.

"Furchte nichts mehr, meine einzig Geliebte! Du bist von den Armen der Liebe umgeben, keine Gefahr soll dir mehr nahen. Furchte auch nicht fur die, die dir werth sind, sie sind gerettet, um sich eines schonen Lebens mit uns zu freuen.

"Sobald der Arzt die Reise zutraglich fur Sie findet, bitte ich Sie, diesen Aufenthalt zu verlassen.

"Alles wird sich freundlich auflosen.

"Ich schicke meiner sussen Geliebten hier einen Ring, welcher nie von meiner Hand kam; mir dunkte, ihre lieben Blicke ruhten oft darauf, und schienen eine gewisse verworrene Empfindung auszudrucken. Er lose jetzt alle Zweifel des besten Herzens, dessen Vertrauen ich ganz verdienen will."

Wie sonderbar ward mein Gemuth bewegt, als ich den Ring mit Amaliens Nahmen aus einem Papier wickelte! Die reine Gute meines Geliebten, der treue zarte Sinn dieses Briefes, die seelenstarkende Hofnung, wirkten als wohlthatige Zaubermittel auf mein ganzes Wesen. Alle Sorgen um Charles und meine Mutter fielen von meinem Herzen, das sich ganz in seliger Hofnung erhob.

Arme Amalie! seufzte ich uber den Ring mit einer unaussprechlich wehmuthigen Empfindung, als ich ihn wieder einwickelte, um ihn zu verwahren. Aber der erste Abend, wo er von Nordheims Hand in die meine fiel, stand vor meiner Seele, und ich verlor mich in den schonsten Traumen, die die Zukunft an die Vergangenheit knupften.

Der Arzt fand mich am folgenden Morgen so stark, dass er darauf bestand, ich sollte einige Stunden der freien Luft im Garten geniessen.

Ich sah die ganze Facade des Hauses, worin ich mich befand. Es war ein altes, aber sehr grosses Gebaude, und schien ganz unbewohnt. Der Garten war ringsum von einer massig hohen Mauer umgeben, und einige Durchsichten waren angebracht, wo man durch eiserne Stabe in die umliegende Gegend blickte. Der Garten stiess an einen anmuthigen Wald, aber die ganze Gegend schien ode und menschenleer, und nur in weiter Entfernung lagen einige Dorfer.

Aus wiederholten Fragen, mit welchen ich die Alte oft uberraschte, hatte ich mir zusammengesetzt, dass dieser Ort ohnweit U. lage, welches zehn Meilen von D. entfernt war.

Wem dieses Landhaus zugehore, hatte ich bis jetzt nicht bestimmt erfahren konnen, aber als ich im Garten uber den Thoren des Schlosses das Wappen des Fursten von ** bemerkte, blieb mir kein Zweifel, durch welche Autoritat ich hiehergebracht worden sei, so unergrundlich mir auch die Ursache dieses Benehmens war.

Der Arzt ging an meiner Seite, aber Madame Imbert ging an der andern, und es wurde uns unmoglich, etwas Zusammenhangendes zu sprechen.

Sie werden Herrn von Nordheim sehen! flusterte mir der Arzt zu, ich konnte ihn nicht langer zuruckhalten; aber halten Sie sich, und verbergen sich vor der Alten so viel wie moglich!

Mein Herz schlug hoch, der Athem fing an zu entgehen, und mein gebrochnes Auge richtete sich nach dem unendlichen Blau des Himmels, um Starke zu sammlen.

Der Arzt warf einen besorgten Blick auf mich, unterstutzte mich mit seinem Arm, und sagte mir ins Ohr: Wenn Sie sein Anschaun nicht still zu ertragen vermogen, so eile ich ihn aufzuhalten.

Nein, sagte ich, es ist schon besser, Sie sollen mit mir zufrieden seyn.

An einem Platz wo man die freie Aussicht auf den Wald hatte, bat mich der Arzt auszuruhen. Es war ein heitrer Herbstmorgen. Der Himmel glanzte im reinsten Licht, und der Wald, der vor uns lag, im Schmuck der mannichfachsten Farben.

Ein Duett von Waldhornern schallte aus der Ferne, und naherte sich uns in immer wachsenden Tonen. Bald vernahmen wir den Larm von Pferden und Hunden, und jetzt sahen wir die Reuter aus dem Dickicht des Waldes sich uns nahern.

Der Arzt hielt meine Hand, und ein freundlicher Wink verkundigte mir Nordheims Ankunft.

Er wird nicht mit Ihnen sprechen, flusterte er mir ins Ohr, nur unter dieser Bedingung erlaubte ich ihm zu kommen.

Es ist Herr von U. mit seiner Jagdgesellschaft, sagte er laut.

Nordheims Gestalt leuchtete mir sogleich aus allen ubrigen hervor. Welche Zauberkraft fesselte alle meine Sinnen! Mein Herz flog ihm entgegen, und alles hielt mich zuruck. Die Gewalt des Verlangens bewegte mein Herz aufs neue bis zum schmerzlichen Krampf; aber jetzt naherte sich der Geliebte, ich sah die reinen grossen Formen von hohem, stillem Geist belebt, und jeder Sturm in meinem Busen schwieg. Wie im Anschaun der reinen Schonheit, fuhlte ich nur ein hohes stilles Vergnugen, in dem mein eignes Wesen sich starkte und erhob.

Seine Augen ruhten auf mir mit sussem Verlangen, mit zarter Besorgniss. Wie fuhlte ich die Allgewalt, mit der die Seele sich durch dieses Organ auszudrukken vermag! In wenig Augenblicken stand die ganze Seele meines Geliebten in reiner Klarheit vor mir, wie nach einem sanften Gesprach, und Hofnung belebte mein ganzes Wesen.

Auch Julius war in Nordheims Gesellschaft, und sein sanfter Gruss zeigte mir sein liebendes Herz. Bettina und ihr Bruder folgten. Gleich einer himmlischen Erscheinung wallten die lieben bekannten Gestalten vor mir vorbey, um mir Heiterkeit und Trost zuzulacheln.

Die Vereinigung derer die wir lieben, ist einer der zartesten Genusse des Herzens. Meine heitern Blicke dankten dem guten Arzt, der den innigsten Antheil an meiner Freude nahm. Bewahren Sie diese sanfte Geduld nur noch wenige Tage, sagte er mir wahrend einer kurzen Entfernung der Alten. Treue Liebe wacht uber jeden Ihrer Schritte. Mit Engels Unschuld wandeln Sie ohne Furcht in Licht und Klarheit. Ich danke Nordheim alles was ich bin, und das Schicksal konnte mir keine grossere Wohlthat erzeigen, als die Gelegenheit, mich dankbar zu beweisen. Im Grunde ist wenig Verdienst hierbey, denn ich war entschlossen, alles fur Sie zu thun, sobald ich Sie kennen lernte. Halten Sie sich ruhig fur heute, sagte er, als die Alte zuruckkam, und nahm Abschied.

Als ich aus dem Garten zuruckging, begegneten mir ein paar alte verlebte Gestalten, die gleich den Schatten der Vorwelt, in den langen Gangen und den oden Gemachern nur noch eine Spur des entflohenen Lebens zu bezeichnen schienen. In der einen erkannte ich den widrigen kleinen Mann, der mir beim ersten Erwachen aus meiner Krankheit den Puls fuhlte. Die zweite war ein freundlicher Alter, der mir gutig und vertraulich zulachelte.

Verschiedene Gemacher waren geofnet, man war beschaftigt sie zu reinigen und auszuluften. Der freundliche Alte bezeigte mir sein Verlangen, mich mit den Seltenheiten, welche sie enthielten, bekannt zu machen, aber mein alter Argus warf einen unwilligen Blick auf ihn, und alle Hausgenossen schienen unter demselben Joch, welches auch mich druckte, zu seufzen. Endlich gelang es doch meinem neuen Freund, der als ein alter Hofdiener auch etwas jener kleinen Kunste, welche die grosse Welt regieren, erlernt haben mochte. Er schwang den Zauberstab der Schmeicheley, und die tausend Augen der Vorsichtigkeit schlossen sich gefallig. Wollen Sie nicht in jenem Cabinet der jungen Dame Ihr Bildniss zeigen? sagte er der Alten. Es ist von wunderbarer Schonheit, und seltner Ahnlichkeit. Sie werden daruber erstaunen, sagte er mir, und schon nahmen unsre Schritte eine andere Richtung. Alle Falten des alten Gesichts klarten sich auf, und legten sich in einen selbstgefalligen Zirkel um Mund und Wangen. Das alte Weib hupfte uns selbst voran, die Thur zu offnen. Wir standen vor einer Diana, und ihre Redseligkeit war in vollem Strom, uns die Situation, in welcher das Bild gemacht war, und die Leidenschaft des Fursten, der es begehrt hatte, zu vergegenwartigen. Es konnte uns kein Zweifel mehr ubrig bleiben, dass man diese Gottin hier nur wegen des Kontrastes gewahlt hatte.

Der gute Mann lachelte und winkte mir sein Vergnugen uber die gute Laune zu, in welche er die Alte versetzt hatte. Wir besahen nun mehrere Zimmer, ich wurde weniger streng bewacht, und er gewann die Gelegenheit sich mir zu nahern. "Erschrecken Sie nicht, wenn sich in dieser Nacht eine Tapetenthur in Ihrem Zimmer eroffnet, und folgen Sie Still dem Wink, welchen man Ihnen geben wird."

Ich suchte die Alte diesen Abend zeitig zur Ruhe zu bringen, indem ich mich selbst bald zu Bette legte. Als sie im Nebenzimmer in tiefem Schlaf lag, stand ich auf, zog mich an, und erwartete, welche neue Begebenheit meinen neuen gegenwartigen Zustand freundlich auflosen, oder auch vielleicht tiefer verwirren wurde.

Ich fand wirklich eine verborgne Thur, die ich noch nie bemerkt hatte, und nach der Mitternachtsstunde vernahm ich ein Gerausch an derselben.

Ich bebte vor ungeduldigem Verlangen. Jetzt offnete sich die Thur, eine verhullte Gestalt bog sich herein und winkte mir. Ich folgte, und die Hofnung, meine Mutter in dieser Gestalt zu finden, bewegte mein Herz in susser Freude. Aber eine starke mannliche Hand fasste die meine, und fuhrte mich durch einige finstre Gange.

Sollte es Nordheim seyn? dachte ich, aber mein Herz schwieg, und empfand nichts von dem nahmenlosen Zauber, welcher uns in der Nahe eines geliebten Wesens ergreift. Jetzt offnete sich vor uns ein erhelltes Zimmer, die Gestalt warf einen langen Mantel von sich, und ich erkannte den Prinzen.

Ists moglich? Sie hier? sagte ich. O Sie kamen gewiss, um das Unrecht Ihres Vaters wieder gut zu machen, mich aus diesem Ort zu befreien und meinen Freunden wieder zu geben!

Gutes, vertrauendes Geschopf! erwiederte er, ich komme, um Sie Ihrer Mutter zuzufuhren. Mein Herz eilte dieser glucklichen Entdeckung ungestum zuvor, als es sich Ihnen im ersten Augenblick mit Liebe und Verlangen naherte. O meiner Schwester Gluck im Besitz einer so lieben Tochter ist gross und einzig!

Ihrer Schwester? rief ich aus. Meine Mutter .... O so war jene wunderbare Ahndung keine Tauschung!

Die Seitenthur offnete sich, und die Prinzessin trat herein.

Bestes Kind! rief sie aus, indem sie mich in ihre Arme schloss, der Augenblick ist endlich gekommen ... Meine Tochter ... Ich lag zu ihren Fussen, sie zog mich an ihre Brust, und unsre Herzen schlugen unter sussen Thranen gegen einander.

Nach den ersten Momenten susser Verwirrungen, in denen mich auch der Prinz als seine Nichte umarmte, blieb ich allein mit meiner Mutter.

Du bist die Frucht der heiligsten, aber der unglucklichsten Liebe, sagte sie, die unter dem Druck der schwersten Verhaltnisse sich von Thranen und Entbehrungen nahrte. Meine Freunde, die die furchterliche Gewalt kannten, mit welcher mein Herz die Gegenstande seines Verlangens ergreift, entrissen dich mir. Ich beweinte dich als eine Todte, wahrend du in holdem Leben aufbluhtest. Jetzt da ein langeres Leben mir stilles Dulden und Geniessen lehrte, jetzt gab dein Vater dich mir wieder. Ach und beinah verlor ich ihn selbst! Eine tiefe Finsterniss liegt noch auf unserm Schicksal. Stolz, Harte, kalte Eitelkeit sammlen undurchdringliche Wolken um uns her. O die Menschen konnen viel Boses beginnen, wenn ihr Herz dem Strahl der Liebe undurchdringlich ist! Unsre zarten, sussesten Neigungen dunken ihnen dann nur leichte Opfer!

Ich lag zu den Fussen meiner Mutter, mein Haupt ruhte in ihrem Schooss, und ihr tiefer, schwermuthiger Blick losete jede Kraft meines Busens auf. Eine unaussprechliche Bangigkeit fasste mich, doch suchte ich ruhig zu scheinen.

Ich habe noch wenig Erfahrung, meine theure Mutter, aber doch fuhlte ich schon oft, wie uns das Herz in der Gefahr wachst, und wie in dringender Noth gleichsam ein guter Engel in den Lauf des Schicksals greift, um die Umstande freundlich zu uns zu fugen. Lassen Sie uns Vertrauen schopfen.

Armes Kind! sagte meine Mutter mit einem sussen schmerzlichen Lacheln, du ahndest nicht, welches Opfer man von dir fordert! ...

Sie verlangte eine kurze Erzahlung meiner Begebenheiten in jener Nacht, und meines Aufenthaltes an diesem Ort.

Mit dem sussen Vergnugen, mit welchem wir innig Vertrauten die glucklichen Momente unsers Lebens mitzutheilen streben, weil sie ihnen zum eignen Genuss werden, und mit jener Schuchternheit einer hochbewegten Seele, die sich ihr reinstes Gluck kaum selbst auszusprechen wagt, entdeckte ich meiner Mutter Nordheims Liebe, unser erstes Zusammentreffen, meine Hofnungen und meinen Schmerz, bis zur glucklichen Stunde, wo sich mir das schonste, edelste Herz ergab.

Meine Mutter war hochst bewegt, antwortete nichts, und schloss mich weinend in ihre Arme.

Er ist das Opfer! tonte es in meinem Innersten; und gleich der kalten Hand des Todes, ergriff ein starres Entsetzen meinen Busen. Mogen sich diese Augen auf ewig schliessen, wenn sie sich zu seinem Anschaun nie wieder erheben sollten, sagte ich in mir selbst. Nur eine schaudervolle Ode fand ich in meinem Innern; der Wunsch, mich selbst darin zu verlieren, war mein klarstes Gefuhl.

Meine Mutter hiess mich fortfahren, und fragte nach allen kleinen Umstanden der unglucklichen Stunde, die mich hier her versetzte.

Ich sprach lebhaft von meiner Sorge um Charles; ob mich gleich Nordheims Zeilen von der Furcht befreiten, ihn verloren zu haben, so sagten sie mir doch auch nichts Bestimmtes uber seinen jetzigen Zustand. Wo ist der gute, treue Mann, dem ich so viel zu verdanken habe? O du hast ihm noch mehr zu danken, als du weisst, sagte meine Mutter. Alles er ist dein Vater! und welch ein Vater, welch ein Mann er ist, wirst du aus einer kleinen Lebensgeschichte sehen, die ich seit unserer ersten Zusammenkunft fur dich aufschrieb.

Du hortest von deinem Pflegevater den Nahmen Hohenfels gewiss mit Verehrung nennen. Ich weiss es, er war der gute Engel jener Gegend, den man bis zur Anbetung verehrt, wie der fromme Wahn einen entschlafenen Schutzheiligen. Und dieser Mann entzog sich der Welt, in welcher ihn die schonsten Verhaltnisse fest hielten, entzog sich dem grossen Cirkel seiner Wirksamkeit aus Liebe fur mich, fur dich, mein Kind. Sein glanzendes Leben verschwand wie ein schoner Stern vom Himmel. Alle Augen suchten ihn mit Sehnsucht. Er erhielt, ernahrte unsre Herzen mit seinem heiligen Feuer. Du wirst es fuhlen, liebstes Kind, wenn sich der ganze Lauf seines Lebens vor dir enthullt; wir konnen nie, nie genug fur ihn thun!

Welche Freude empfand ich, in diesem edlen geliebten Mann, der mir gleich anfangs als ein guter Genius erschienen war, meinen Vater zu finden! Die Freude, welche mein Vater von Hohenfels uber diese gluckliche Erscheinung seines so lang beweinten Freundes fuhlen wurde, erhohte mein eignes Gluck.

Aber dieser edle Mann, fuhr meine Mutter fort, ist jetzt in den Handen meines Vaters! Warum muss ich es aussprechen! meines Vaters, in dessen ehernem Busen nie ein sanftes Gefuhl der Natur keimte. Fuhllosigkeit und Misstrauen sind das Loos derer, die auf einer hoheren Stufe zu stehen wahnen, wenn nicht eine besonders reiche Natur ihr bessres Gefuhl erhalt. Die Sklaverey des Scheins unterdruckte die freie Regungen seines Herzens, die Convenienz wurde aus seiner Tyrannin seine Gottin. Wie sein eignes Daseyn, so opfert er dieser auch jede andere Existenz, die ein ungluckliches Schicksal an die seinige knupfte. Gutes Kind! musste dich meine unvorsichtige Neigung auch in dieses feindselige Gewebe ziehen!

Lies dieses, sagte sie, indem sie mir zwey versiegelte Papiere gab: das erste enthalt einen fluchtigen Umriss meiner Lebensgeschichte; das zweite, Briefe meines Bruders, aus welchen du die gegenwartige Lage der Dinge sehen wirst.

Ich fordre nichts von dir ..., sagte sie mit zitternder Stimme: mein Herz wird nur Ruhe finden, wenn es aufgehort hat zu schlagen. Dein grossmuthiger Vater fordert nichts von dir, er hat jedes Gluck dieser Welt fur sich aufgegeben, nur das deine kann ihn noch ruhren. Fordre nichts von dir selbst, was deinen Frieden fur immer stohren konnte. Ich ahnde eine hohere Kraft in dir, welche mir die Natur versagte; ohne dieses, und ohne den dringenden Rath meines Bruders, hatte ich dir diese Papiere jetzt nicht uberliefert.

Der Prinz trat herein, und bat meine Mutter, sich zu entfernen. Hochst bewegt lag sie in meinen Armen, und konnte sich nicht von mir losreissen. Bald riss sie die Papiere, welche sie mir eben zugestellt hatte, aus meinen Handen, und rief: Nein, ich will die Ruhe deiner Liebe nicht morden! Bald gab sie mir sie wieder mit den Worten zuruck: Rette deinen edlen Vater!

Als sie mir sie aufs neue entreissen wollte, stellte sich der Prinz zwischen uns, fasste meine Mutter sanft bey der Hand und sagte: Schwester, fasse dich! Unsre Agnes hat den Sinn und den Muth, das Edelste zu wahlen. Dein armes Herz hat so viel gelitten, dass deine gesunde Vorstellungsart davon erkrankte. Wer kann zweifeln in deiner Lage? Agnes muss alles wissen; die Pflicht wird in ihrem schonen Herzen siegen.

Meine Mutter rief mit wildem Blick: Ja, und die Liebe wird es im Todeskampf brechen. O nur ein Mann, nur mein Gemahl konnte lieben, konnte ein weibliches Herz verstehen. Ihr andern spielt mit euch selbst mit der Leidenschaft, und mit uns. Ich kenne e u r e Siege! Ihr umfasst nichts mit der ganzen Kraft eures Wesens, und vermogt darum von allen zu scheiden, und euch noch dazu in eurem eitlen Sinn zu uberreden, die Starke habe errungen, was die Schwachheit aufgab. Nein, von der vollen Hingebung eines weiblichen Herzens, von der Gewalt seiner Neigung, habt ihr weder Gefuhl noch Begriff. Auch nicht von der Zartheit, mit welcher wir in ein anderes Daseyn uberfliessen, und wie seine Leiden unsern Busen zerreissen. Diese tausend feinen Faden unsers Wesens, die allen Schmerz der weiten Natur zu dem unsern machen, und diese Gewalt, die uns ganz und einzig in einer Liebe hinreisst und ewig fest halt, offnet uns eine eigne Welt des Leidens. Trauriges Geheimniss unsrer Existenz! Ihr vermogt euch in eurem Innren zu trennen, mit dem Verstand wahrzunehmen, mit den Sinnen. Wir umfassen alles mit unserm ganzen Wesen, der Schmerz zerstohrt uns auch ganz. O verzeih, mein Bruder, ich kenne dein edles treues Herz. Ich folge deinem Rath, aber aller Muth ist mir entgangen in der Ahndung i h r e s Leidens. Sie zog mich an ihre Brust.

Ich fuhlte nur ihren schmerzlichen Zustand. In meinem Innern war es finster, nur eine schreckenvolle Gestalt bewegte sich schauervoll in dieser Finsterniss, die Furcht Nordheim zu verlieren.

Ich weiss nicht was ich soll, noch kann, meine theure Mutter, sagte ich: aber ich w i l l alles, was Ihnen Ruhe gewahrt.

Schone dich, bestes Kind! sagte meine Mutter. O, muss dieser neue Kampf deine noch schwache Gesundheit schon wieder besturmen! Ubermorgen sehen wir uns wieder.

Der Prinz sagte mir noch: Der alte Bediente ist von uns gewonnen, verlassen Sie sich ganz auf seine Treue. Wir sind nicht weit von Ihnen entfernt, in wenig Tagen leben Sie in dem Kreise Ihrer Freunde.

Der vertraute alte Diener brachte mich wieder in mein Zimmer. Mit bebender Hand eroffnete ich die folgenden Blatter, welche das Geheimniss meines Schicksals enthielten, und wendete den Rest der Nacht dazu an, sie zu durchlesen. "Ich wurde in jener Beschrankung erzogen, zu welcher so oft die isolirte Lage eines hohern Standes fuhrt.

Meine Mutter hielt streng auf einmahl hergebrachte Gewohnheiten, und in allen einfachen frohlichen Genussen der Jugend klirrten die Fesseln der Etikette mit ein. Tausend Ermahnungen, die Schicklichkeit, zu der meine Geburt mich verpflichtete, ja niemahls aus den Augen zu setzen, begleiteten jeden meiner Schritte. Naturlich waren diesen Vorstellungen fur mich seelenlose Tone, wie alle conventionellen Begriffe es fur uns sind, ehe wir die Verhaltnisse kennen, aus denen sie sich erzeugen.

Alles was mich umgab zweckte darauf ab, mich zu isoliren, und mein weiches liebe-bedurfendes Herz strebte, mich mit allem zu verbinden. Meine ganze Natur gewann mehr Starke des Empfindens durch den Widerspruch, den sie von aussen erfuhr, als sie vielleicht in einer andern Lage gewonnen hatte.

Ein erhohter Zauber von magischen Farben umstrahlte alle kleinen Verbindungen, die ich in den seltenen Gelegenheiten anknupfte, wo ich mit mehreren Kindern meines Alters zusammenkam. Kein Ball, keine Assemblee verging, wo mir nicht irgend eine Gestalt erschien, welcher ich mich mit Liebe naherte, und nach der ich in den folgenden Tagen eine leidenschaftliche Sehnsucht empfand.

Mein Verstand entwickelte sich nicht im gehorigen Verhaltniss zu meiner Einbildungskraft. Meine Lehrstunden waren nur mechanische Ubungen. Ich gewann Kenntnisse und Fertigkeiten; aber ohne ausgezeichnetes Talent zu besitzen, schlossen sie sich zu keinem Ganzen in meiner Seele, und beschaftigten mich also auch nur einseitig. Es war immer etwas Unbeschaftigtes, etwas Uberflussiges in mir, welches nach einem Organ zur Wirksamkeit rang.

Meine Fantasie, die in keiner Kunstschopfung erbluhen konnte, waltete bildend uber meinem gewohnlichen Lebenskreis, wo sie nur Tauschung und Verwirrung erfuhr und erzeugte. Sie lag als eine Wolke zwischen mir und der Wirklichkeit, meine Genusse und Leiden bildeten sich nur in diesem Medium, und mein Wesen trat aus dem Kreise der gewohnlichen allgemein verbindenden Vorstellungen beynah heraus. Ich fuhlte es, man fasste mich nicht, und so verlor auch ich das Vermogen, die Menschen um mich her rein zu verstehen. Zu meinem Ungluck lagen auch nur lauter verschobene verwirrte Naturen in meinem naheren Kreise. Ein gesundes, starkes, lieblich gestimmtes Gemuth, welches sich dem meinigen zugeneigt, hatte vielleicht die Harmonie unter meinen Seelenkraften, und zu meinen aussern Verhaltnissen wieder herstellen konnen. Aber der belebende Hauch der Liebe blieb mir fremd wahrend meiner ersten Bildung. Mein Herz verschloss sich allen ungefalligen Gestalten meines altern Cirkels, und die einzige holde Gestalt, die mich umgab, meine altere Schwester, wurde fruh verheyrathet, und schwebte, als sie mich verliess, noch selbst zu sehr in jenem magischen Duft, der auch meinen Gesichtskreis bewolkte, um klar und bestimmt auf mich zu wirken. Mein jungerer Bruder wurde ganz von mir getrennt erzogen.

Ich war der genaueren Aufsicht einer alten Franzosin ubergeben. Diese wachte sorgfaltig uber mein Ausseres, uber den Anstand mit welchem ich in ein Zimmer eintrat, und uber die Art und Weise, wie ich jedem Mitglied der Gesellschaft zu begegnen hatte. Sie selbst glaubte durch den Wiederschein meines Ranges zu glanzen, und erhielt mich nach den Maximen meiner Mutter, in einer strengen Zuruckhaltung gegen alles was mich umgab.

Meine Vernunft blieb unkultivirt, aber glucklicherweise blieb mein Herz gesund in seinem besten Vermogen. Ich ehrte die Wahrheit uber alles, und war durch die Lebendigkeit meiner innern Erscheinungen zu einer gewissen Erhabenheit des Sinnes gestimmt, die mich uber allen kleinen Collisionen erhielt, in denen unsre Gutmuthigkeit oft scheitert.

Ich verlebte meine Tage in einer sonderbaren Wehmuth, zu der ein unbestimmtes Verlangen hinneigt. Die edlen Seiten meiner angebohrnen Verhaltnisse wurden nie durch klare Vorstellungen, die einzig ansprechen, an mein Herz gelegt. Das Leben und Wirken fur Andere, die immerwahrende Sorge und Thatigkeit fur ein Ganzes, die gleichsam das reinste Element ist, in welchem ein menschliches Gemuth das reichste und reinste Daseyn gewinnt, diese hatte man mir nie in der nothwendigen Verbindung mit mancher Beschrankung meiner Lage gezeigt.

Wer fur andere wirken will, muss seiner selbst gewiss seyn, und die kunstlichen Schranken, welche die Grossen oft um sich herlegen, sind immer als Symbole, die reelle Eigenschaften erzeugen oder ersetzen sollen, achtenswerth. Ruhe Besonnenheit, Massigung gesellen sich gern zu einem gleichformigen feierlichen Gang des Lebens. Man legte mir zuweilen diese Verhaltnisse vor, aber es geschah ohne Klarheit und Warme. Wie so selten geniessen wir einer andern Erziehung als die der Umstande, und wie tausend kleine Begebenheiten machen uns endlich zu dem was wir sind!

Die Musik war das einzige Organ zarter menschlicher Empfindungen um mich her; ich ergab mich ihr, und lernte sie mit Leidenschaft.

Meine Bucher waren einer strengen Wahl unterworfen, aber wie die Vorsichtigkeit immer der Natur eine Lucke geoffnet lassen muss, so schlich sich auch unter dem Vorwande der Sprachstudien, manches Contrebande mit ein.

Die Aneis beruhrte gewisse zarte Saiten in meinem Wesen am ersten, und wahrend mein alter Lehrer nur Construktionen, Substantive und Adjektive sah, drang die machtige Stimme der Leidenschaft, in den Schicksalen der armen Dido, an mein Gemuth.

Diese bestimmt gezeichneten Bilder schoben sich meinen italienischen Arien unter, die ich mit grosser Wahrheit des Ausdrucks singen lernte.

Ein sanftes, zartliches Madchen, die wie ich, unter dem Druck einer sogenannten feinen Erziehung seufzte, bekam auf einer Landparthie, wo ich meine Mutter begleitete, Gelegenheit sich mir zu nahern.

So ungestort hatte ich noch selten der freien Natur genossen! Ein Garten mit alten verschnitzten Hecken, ein Weg durch eine Allee, dahin begranzten sich meine Wanderungen. Ich blickte in die herrliche Gegend, die ich aus meinem Fenster ubersah, wie in eine Zauberwelt, zu welcher mir die Brucke hinweggebrochen war. Die schonen Formen der Gebirge, die hohen dunkeln Baume am Ufer des Flusses, zogen mich an, wie lebendige Wesen, die vielleicht Antheil und Liebe fur mich fuhlen konnten. Zuweilen wurde ausgefahren, und. ich grusste die schonen Gegenden, an denen ich vorbey flog, mit stillen Seufzern der Sehnsucht.

Wenn ich zuruck in mein hohes dunkles Zimmer kam, rief ich mir die Zauberbilder wieder zuruck, und gleich den Gestalten der Fata Morgana schwebten die durchstreiften Gegenden um mich her an den hohen Wanden meines Zimmers, die sich gegen den Plafond in eine angenehme Dammerung hullten. Diese Lebhaftigkeit meiner innren Darstellung war mein schonster Genuss.

Mein Gluck war unaussprechlich, als ich mit meiner Mutter fur ein paar Tage auf ein entferntes Lustschloss ging, und mit meiner Freundin in den kunstlosen Garten, die sich in einem anmuthigen Waldchen verloren, frey umherschweifen konnte. Ein sanftes empfindendes Wesen mir so nahe zu fuhlen, meinen Genuss an der Natur aussprechen zu konnen, und ihn aus der Bewegung eines gleichgestimmten Herzens verstarkt zuruck zu empfangen, war fur mich ein ganz neuer Zustand. Mein innerstes Wesen erschloss sich in seinen tiefsten heiligsten Quellen in jenen Tagen, und die Fahigkeit zu Liebe und Genuss, die ich bis jetzt nur in mir geahndet hatte, gab mir ein starkeres Gefuhl des Daseyns. Ich hatte jetzt einen bestimmten Wunsch, in welchem sich die Krafte meines Gemuths vereinten: Liebe und Freiheit.

Meine Freundin war liebenswurdig, die feinste Gestalt und das reinste Gemuth zeigten sich in der sanften Gefalligkeit des Betragens.

Auch ich war ihre erste Neigung in der weiblichen Welt, die erste Freundin, die ihren asthetischen Sinn beruhrte, der in der Kindheit mehr als man gemeiniglich annimmt, entscheidet.

Der Zauber jugendlicher Traume, der unsern ersten Blick ins Leben begleitet, giebt auch der ersten Madchenfreundschaft jenen unaussprechlichen Reiz einer unbegranzten Empfindung.

Das vollste Vertrauen belebte alle unsre Gesprache. Meine Freundin hatte unter dem Kreise ihrer Bekannten einen liebenswurdigen Jungling gefunden, den sich ihr junges Herz bald zu seinem Abgott erkohr. Meine dunkeln Traume hatten noch keinen Gegenstand, und meine Fantasie dichtete sich den schonsten.

Das Waldchen hinter dem Garten war unser Lieblingsaufenthalt. Eine Gatterthur, die zu einer freien Strasse durch den Wald fuhrte, war uns als die Granze unserer Wanderungen vorgeschrieben, und bey jedem Ausflug begleitete uns die strenge Warnung der Franzosin, sie niemals zu uberschreiten. Naturlich wurde das Gatterthor jetzt das Ziel unsrer Neugierde. Die breite Strasse durch den Wald lud uns so lieblich ein, und die Ahndung tausend frohlich-sonderbarer Abentheuer schwebte uns auf ihr entgegen.

Nach wiederholten vergeblichen Versuchen fanden wir das Gatter eines Abends offen. Wir flogen hindurch, und wandelten unter den alten himmelhohen Fichten umher, mit klopfendem Herzen, als wurden sie uns anreden, wie in Armidens verzaubertem Wald.

Bey unsrer Ruckkunft fanden wir das Gatter verschlossen. Welcher Schrecken! Angstvoll versuchten wir das Unmogliche, bald uns durch eine kleine Lucke des Zauns hindurchzudrangen, bald uber das Gatter zu klettern; und als jedes Bemuhen vergebens war, sanken wir ins hohe Gras nieder, und liessen unsern Thranen freien Lauf. Oft hatte unsre Freundschaft sich Gelegenheit gewunscht, durch irgend ein heroisches Opfer ihre Starke zu beweisen. Jede wollte sich allein alle Schuld an diesem unglucklichen Zufall beimessen. Die Sonne war nah am Untergang, und senkte ihre schiefen Strahlen durch den blaulichten Dampf des Waldes; die ganze breite Strasse durch den Wald hindurch, welcher sie gerade gegenuber unterging, glanzte im rothlichem Lichte.

Wir geriethen in die hochste Unruhe, als wir in einem benachbarten Dorfe die Stunde schlagen horten, die uns zu unsrer Zuruckkunft im Schlosse bestimmt war. Die Furcht, unsre schone, kaum errungene Freiheit mit einemmahle wieder zu verlieren, erfullte uns mit tausend Sorgen. Wir hielten uns weinend umfasst, und machten noch einen neuen verzweifelnden Versuch auf das Gatter. Einige Reuter kamen jetzt die Strasse durch den Wald her. Der Eine, dem die ubrigen zum Gefolge dienten, hatte eine edle Gestalt, die uns gleichsam aus den Strahlen der Abendsonne hervorging, und deren Zuge sich nach und nach aus dem Lichtglanz enthullten. Immer wurde die Gestalt edler und schoner, und als endlich die lieblichen Formen des Angesichts aus dem rothlichten Schimmer hervorglanzten, dunkte es uns einen freundlichen Bothen des Himmels zu sehen, welcher kame, um uns aus der Noth zu erretten.

Schon war er uns nah, als meine Freundin und ich uns den Gedanken zuflusterten, ihn um Hulfe anzurufen. Zu gleicher Zeit hatten wir beide diesen Einfall gefasst; aber als der Ritter, der uns erlosen sollte, dicht vor uns war, hatte ich den Muth verloren, und suchte vergebens nach Worten. Er grusste uns, und ich war verloren im Anschauu der edlen grossen Zuge dieses Gesichts, wie mir noch nie eines erschienen war. Schon wendete er uns den Rucken, als meine Freundin ihm nachrief: Mein Herr! Wir sind hier in grosser Verlegenheit. Ich bitte ... Schnell wendete er sich wieder gegen uns, und war im Augenblick vom Pferde gestiegen. Was steht zu Ihrem Befehl? sagte er freundlich, und meine Freundin trug ihm unser Anliegen vor. Da denk' ich wohl Rath zu schaffen, sagte er, indem seine Augen die Hohe des Zauns massen. Nein, das ware zu gefahrlich, sagte er vor sich hin, und ging zum Thore. Mit starkem Arm griff er in die Stabe des Gatters, und hob den einen Thorflugel aus den Angeln.

Meine Freundin hupfte hindurch, ich folgte; sie rief einen fluchtigen Dank aus, ich wendete mich noch einmahl gegen unsern freundlichen Erretter, es zog mich eine fremde Gewalt zuruck, aber ein Wink meiner Freundin beflugelte meine zweifelnden Schritte.

Und wir haben ihm nur so fluchtig gedankt! war mein erstes Wort gegen Theresen, und mein Gefuhl wahrend der nachsten Tage.

Es war etwas Zufriednes in seinem Blick, als ich ihn zuletzt ansah; aber gleichwohl dachte ich mit einer unaussprechlichen Ruhrung an den Jungling, und warf mir immer von neuem vor, ihn durch meine schnelle Flucht beleidigt zu haben.

Sein Bild, das Bild der ganzen Scene blieb lebhafter als noch irgend ein anderes Andenken, in meinem Gemuth. Meine Traume hatten jetzt einen Gegenstand gefunden. Die Gestalt des Junglings stand als ein Riesenbild in meiner dunkeln Zukunft, in dem sich alle ubrige Lebensgestalten verloren.

Bald nahm meine Freundin den tiefen Eindruck wahr, welchen mein Gemuth empfangen hatte, und das schwankende Ahnden und Verlangen wurde in unsern Gesprachen zu bestimmten Erwartungen und Planen.

Meine Freundin forschte nach dem Nahmen und Stand des Junglings, aber lange blieb jedes Bemuhen fruchtlos. Er war entflohen, wie eine holde uberirdische Erscheinung, und ich uberliess mich der innigsten Sehnsucht nach ihrer Wiederkehr um so ungestorter, weil sich diese Empfindung ganz von dem Kreise der wirklichen Welt, die mich umgab, abtrennte.

Die Fantasie flog uber alle Schranken, und erhielt das Herz durch Traume und Hoffnungen in den Banden der Leidenschaft.

Der Prinz von *** kam, um bey meinen Eltern um meine Hand zu werben. Welche Gestalt gegen das zauberische Bild voll Kraft und Leben, das in meiner Seele stand! Kein Funken der Kraft noch des Geistes leuchtete aus den schlaffen Zugen; selbst die leichten frohlichen Regungen der Jugend schienen in den tiefen Falten des Alters erstarrt zu seyn. Seine Reden waren, wie seine Gestalt, ohne Klarheit und Sinn, und jeder Ausdruck, der irgend eine Empfindung darstellen sollte, wurde durch seine klanglose Stimme, die sich oft in einem grinsenden Gelachter verlor, zur widrigsten Karrikatur.

Die Convenienz stimmte fur die Verbindung mit dem Prinzen; sie herrschte als Tyrannin in dem Gesichtskreise meiner Eltern: ich sollte aufgeopfert werden.

Meinen Eltern zu widersprechen, war mir undenkbar; eben so undenkbar, dem Prinzen meine Hand zu geben. Ich wurde auch nie um meine Einwilligung gefragt. Meine Mutter beschaftigte sich mit meiner Ausstattung, ich horte von den Festen bey meiner Verlobung, und in einer tauben Fuhllosigkeit ware ich vielleicht dem Drang der Umstande gefolgt bis zum Altar, wo mich die Verzweiflung erweckt hatte.

Die Gewohnheit in den Traumen der Einbildung zu leben, giebt unserer ganzen Existenz, unserer Art zu handeln, etwas Unterbrochnes, etwas Verwirrtes, welches fur den klaren Verstand an das Unbegreifliche granzt. Wie der Nebel in einem tiefen Thal die Formen der Gebirge verbirgt, dass nur dann und wann, wenn er sich trennt, eine Felsenkuppe hervorragt, so liegt die Fantasie vor unserm Leben. Nachdem dieser oder jener Theil der Gegend vor uns aus dem Nebel steigt, lenken wir unsre Schritte, und unser Thun und Handeln bleibt ein Fragment fur den klaren Verstand, der die ganze Aussicht im hellen Morgenlichte erblickt.

Meine innern Erscheinungen ruhrten mich tiefer, als die Wirklichkeit, und mit einer unglaublichen Verschlossenheit des Sinnes ging ich in einem dumpfen Traum meinem Schicksal entgegen. Nur der sorgenvolle Blick meiner Freundin warnte mich vor dem Abgrund, der sich vor mir ofnete; in ihren Thranen las ich mein ganzes trauriges Loos.

Wir fassen so fruh die Gewohnheit, uns mit den Schranken, die jeden unsrer freien Schritte hemmen, durch Ausweichen oder Uberspringen abzufinden, dass wir so selten edles Dulden oder muthiges Widersetzen lernen. So oft beugt das Ungluck mit unserm Muth unsern Charakter.

Meine Freundin fand den Gedanken, sich zu widersetzen, so unmoglich als ich, und da sie mich resignirt wahnte, erlaubte sie sich nicht die kleinste Bemerkung, die meinen Frieden hatte stohren konnen.

Der Hof war zu einem kleinen Fest versammlet. Stumm und gedankenvoll stand ich mit meiner Freundin in einer Ecke des Saals, als mein Vater mit einigen Fremden hereintrat.

Kaum wagte ichs meinen Augen zu trauen, vor denen alle Gegenstande anfingen zu schwanken und in farbigen Lichtstrahlen zu zittern. Unter den Fremden war der junge Mann, das geliebte Bild meiner Traume.

Er ists! flusterte mir meine Freundin zu, indem sie mir die Hand reichte, mich zu unterstutzen. Bald naherte er sich uns; mit einem feinen Lacheln gab er sich das Ansehen einer ganz neuen Bekanntschaft, und nur als er mit meiner Freundin und mir allein blieb, gedachte er unsers Abentheuers. Diese kleine Begebenheit stellte bald eine eigene Vertraulichkeit unter uns her.

Ich fuhlte nichts mehr als den Zauber seiner Gegenwart. Meine Freundin hatte von seinen Begleitern seinen Nahmen und seine Verhaltnisse ausgefragt. Ein altlicher uberall geschatzter Mann hatte viel zu dem Lobe meines Geliebten gesagt, hatte in wenig Worten ein Bild seines Charakters und Lebens entworfen, das sich mit Flammenzugen in mein Herz schrieb.

Dieser Mann war Nordheims Vater. Sein geubter. Blick, sein klarer Verstand flosste allen seinen Bekannten unbegranztes Zutrauen ein.

Nach seinem Zeugniss schien mir die Stimme der Vernunft fur meine Leidenschaft entschieden zu haben. Ich uberliess mich dem neuen zarten Gefuhl meines Herzens, und wagte zu hoffen, da, wo meine Lage mich verzweifeln hiess. Ich fuhlte, dass Hohenfels mich liebte, ob er gleich seinem Betragen strenge Zuruckhaltung auflegte. Meine Freundin stand zwischen uns beiden, und von ihren Lippen vernahmen wir Beide das Gestandniss einer Neigung, welcher eiserne Verhaltnisse ein tiefes Schweigen hatten auflegen mussen.

Der Schmerz, welchen Hohenfels uber meine Verbindung mit dem Prinzen ausserte, erweckte jede unbekannte Kraft in meinem Gemuth. Ich begegnete dem Prinzen mit einer Verachtung, die selbst seinem Stumpfsinn nicht entging, und auf die Vorwurfe meiner Mutter uber dieses Betragen, gab ich die hochstbestimmte Erklarung, dass ich mich nie zu dieser Verbindung entschliessen wurde.

Ich ertrug alle schmerzlichen Scenen, welche dieser Erklarung folgten, mit Festigkeit, und da man endlich alle Versuche, meinen Entschluss umzustimmen, fruchtlos fand, bekam der Prinz seinen Abschied; aber mein Vater war so aufgebracht gegen mich, dass meine Mutter mich zu meiner alteren Schwester schickte, um mich den lauten Ausbruchen seines Zorns zu entziehen.

Den Tag meiner Abreise empfing ich durch meine Freundin einen Brief von Hohenfels. Er wollte meinen Lebensfrieden nicht langer stohren, sagte er mir; nachdem ich der Gefahr entronnen ware, mich mit einem unwurdigen Manne zu verbinden, sollte ich um seinetwillen nicht langer die Eintracht mit meiner Familie unterbrechen. Ich sollte ihn vergessen, und er wollte lernen sich meines Gluckes zu freuen, wenn er auch nur durch das schmerzlichste Entsagen etwas zu demselben beizutragen vermochte.

Ich sank in Ohnmacht, als ich den Brief gelesen. Meine Freundin stand weinend an meinem Bette, und suchte mich durch die Hofnung aufzurichten, dass eine gluckliche unerwartete Begebenheit unserm Schicksal eine andere Wendung geben konnte. Sie kannte mein Vermogen, das Unmogliche erreichbar zu denken, und hoffte mich so zu heilen.

Wir lasen den Brief noch einmahl, und sein edler Sinn nahrte meine Liebe, und gab ihr die Allmacht, welche diese Leidenschaft selbst aus der Hofnungslosigkeit schopft, wenn sie sich, nur bestehend auf sich selbst, als ein Kind des Himmels empfindet, und aller Aussicht auf irdisches Gluck entsagt hat.

Die Erde fordert uns nur allzubald zuruck, so lange wie ihr noch angehoren. Verlangen und Sehnsucht zerstorten meine Gesundheit. Die Arzte glaubten mich dem Tode nahe.

Ich fand an dem Hofe meiner Schwester mehrere Bekannten meines Geliebten. Ich folgte seinem Schicksal mit meinen Gedanken, wusste den jedesmahligen Ort wo er sich aufhielt, und meine Fantasie dichtete sich die kleinsten Umstande seines Lebens. Mein verspannter kranker Sinn lebte in einer Welt erdichteter Genusse und Leiden, und wenn unser Herz nur in der Dichtung lebt, und keinen Ruhepunkt in der existirenden Welt um sich her findet, dann drohet der Stimmung unsers ganzen Wesens Auflosung oder wilde Zerruttung.

Eine Gestalt, von der ich wusste, dass er sie kurzlich gesehen, bewegte mein Blut in wildem Kreislauf.

Ganze Tage brachte ich einsam in den Garten zu, und wiederholte jedes Wort, welches ich in den Tagen unsers Zusammenseyns von seinen Lippen vernommen.

Alle Kleider, welche ich in jener Zeit getragen hatte, bewahrte ich als Reliquien auf, und beruhrte sie nie, ohne dass ein susser Schauer durch mein Wesen drang, wie in der Gegenwart des Geliebten.

Oft starkte mich ein wunderbares Gefuhl seiner Gegenwart, und der susse Wahn, dass die Gedanken der Liebenden durch ein eignes feineres Element sich zu begegnen vermogen, erhielt mich in der Zuversicht von seiner daurenden Liebe.

Ich war in einem immerwahrenden Traum, und das Gegenwartige blieb oft von mir ungefuhlt, oder falsch vernommen.

Meine Nerven fielen, durch die daurende Verspannung zerruttet, in wilde Verzuckungen, und in der Erschlaffung, die darauf folgte, brach der dunne Faden, der unsre innere Erscheinungen an die aussere Welt knupft, oft ganz ab. Ich blickte nur in mich selbst, und die Harmonie der innren Krafte, die uns der aussern Welt zustimmt, war in fieberhaften Traumen zerstort.

Meine Schwester liebte mich zartlich. Meine abgebrochnen Reden gaben ihr hinlangliche Einsicht in die Krankheit meines Herzens. Sie liess meine Freundin zu sich kommen, und wurde mit meinem ganzen Zustand genau bekannt.

Das Mitleid wird in zarten reizbaren Gemuthern zur Leidenschaft, und sieht, wie diese, nur den Augenblick. Meine Schwester selbst suchte eine Gelegenheit zu finden, bey welcher sie Hohenfels dringend und bestimmt zu sich einlud.

Ich sass an meinem einsamen Platz im Garten, als sich mir meine Schwester, meine Freundin und Hohenfels naherten.

Er fuhr erschrocken bey meinem Anblick zuruck, lag zu meinen Fussen, die Natur sprach laut, und bald allein, in unsern Herzen. Wir hatten die fesselnden Verhaltnisse der Welt vergessen und gelobten uns ewige Liebe und Treue, als ob die Freiheit des goldnen Weltalters uns lachelte. Mit der Hofnung gewinnt die Liebe allbesiegenden Muth und Schlangenklugheit. Ein Priester aus einem kleinen benachbarten Freistaat wurde gewonnen, um uns zu trauen; ich sollte so viel wie moglich an dem Hofe meiner Schwester leben, Hohenfels auf einem Gut in der Nahe, und so hoften wir unsre Verbindung und unser Gluck den Augen der Welt zu entziehen. List und Verschlagenheit dunkten uns die naturlichen Waffen gegen ungerechte Anmassungen der Gesellschaft. Aber gute einfache Seelen rechnen immer falsch, wenn sie sich in Kampf mit der Arglist und den tausend kleinen Leidenschaften wagen, die sich in dem Kreise jeder willkuhrlichen Gewalt eben so nothwendig, wie die Irrlichter in sumpfigten Gegenden, bilden.

Wir waren in den ersten seligen Tagen unsrer Vereinigung, und genossen das unaussprechliche Gluck des tiefsten Friedens in dem regsten Leben der Leidenschaften.

Meine Gesundheit kehrte zuruck, die Arzte gaben Hofnung zu meiner volligen Genesung, und jedes Gefuhl meiner wiedergewonnenen Krafte wurde zum Dank gegen die zarte Pflege der Liebe, die gleich Prometheus belebendem Funken mein Gemuth erhellte.

Die wirkliche Welt sprach mich in ihren tausend holden Formen wieder rein an. Alle schweren Traume waren aus meiner Seele hinweggenommen, und verwandelten sich in leichte liebliche Gestalten. Fast jeden Moment genoss ich das lebhafte Vergnugen eines Erwachenden, dem ein druckendes ungeheures Traumbild im goldnen Strahl der Morgensonne zerrinnt.

Die innigsten wahresten Bande der Natur geben uns nur alle Kraft und allen Reichthum unsers Wesens zu empfinden. Die Hofnung Mutter zu werden, giebt unserm Daseyn eine unendliche Tiefe, und wir fassen die Natur in ihrem zartesten Gewebe und ihren starksten Banden.

So verlebte ich einige gluckliche Monate, die schonsten meines Lebens, denn ein wohlthatiger Schleier ruhte auf allen meinen druckenden Verhaltnissen. Nur zuweilen erinnerte mich ein so sorgenvoller Blick meiner Freundinnen an die unsichere Bluthe meines Glucks.

Mein Gemahl schien in einem edlen Selbstvertrauen uber jede Besorgniss erhoben. Die reine Thatigkeit in der sein Leben hinfloss, sein immerwahrendes Wirken fur fremdes Wohl, und sein Leben mit der Natur, gaben seinem Gemuth jene schone seltne Einfachheit und Klarheit, zu der nothwendig auch ein freundliches Geschick mitwirken muss.

Sein Herz hatte die schone Gewohnheit gefasst, nur durch Sympathie zu geniessen und zu leiden, und selbst seine Leidenschaft fur mich war nur eine lebhaftere Farbe dieser Sympathie. Seine Liebe hatte mich aus dem traurigsten Zustand gerissen, und seine Freude an meiner Genesung erhohte den Genuss der Leidenschaft.

Welch seltnes Talent zur Gluckseligkeit lag in dem Gemuth deines Vaters! Welches Vermogen zum reinen freien Leben in dem schonsten und hochsten!

Aber ein feindliches Schicksal zerstohrte dieses schone zarte Daseyn, und warum musste es meine Hand dazu leihen? Durch mich musste die reine Natur deines Vaters alle schmerzlichen Gestalten des Lebens kennen lernen, Gewalt der Leidenschaften und den Druck qualender Verhaltnisse, vor welchen sein milder Sinn, der sich nie vor dem Ausspruch seines klaren Verstandes entschied, ihn vielleicht immer beschutzt hatten.

Er hielt sich so viel an dem Hofe meiner Schwester auf, als es nur immer unsre Lage und die strengste Vorsichtigkeit, welche wir uns auflegen mussten, erlaubte.

Wir glaubten unser Gluck jedem neidischen Auge verborgen. Meine Freundinnen wachten uber jeden allzulebhaften Ausdruck der Bewegungen meines Herzens, und ihr inniger Antheil an meinem Gluck loste mein ganzes Wesen in Genuss und Liebe auf. Meine Schwester war sehr unglucklich verheurathet, und hatte eine zartliche Leidenschaft uberwunden, als ich zu ihr kam. Die tiefe Wunde, welche ihr Herz davongetragen, machte sie empfanglicher meinen Schmerz zu verstehen und zu theilen. Sie freute sich, mich einem Schicksal entzogen zu haben, dessen Bitterkeit sie jede Minute empfand, und suchte sich, so viel als moglich, mit mir in die freundliche Tauschung zu versetzen, als sey das Geheimniss meines Gluckes fur immer gesichert.

Mein Gemahl war fur einige Tage auf seine Guter gereist, als sich der Minister meines Vaters ganz unerwartet bey meiner Schwester anmelden liess, und sich sogleich des Auftrags entledigte, dass er nach dem Befehle meiner Eltern mich wieder zu meiner Mutter bringen sollte; der Unwille meines Vaters ware besanftigt, und meine Mutter wunschte meines Umgangs wieder zu geniessen.

Meine Schwester verbarg mit Muhe ihre Verlegenheit, suchte tausend Ausfluchte: meine schwachliche Gesundheit, den allzuheftigen Eindruck, den jedes harte Benehmen meines Vaters auf mich machen wurde; aber vergebens. Der Befehl meiner Mutter war so bestimmt, dass ich ohne offenbaren Ungehorsam nothwendig abreisen musste.

Meine Lage machte jedes Ausserordentliche in meinem Betragen gefahrlich; meine Schwester und meine Freundin selbst riethen mir, fur einige Zeit nach D. zu gehen, um jeden Eindruck, den die Welt vielleicht gefasst haben konnte, so am besten wieder zu vertilgen.

Meine Schwester fand nichts Bedenkliches in dem Auftrag des Ministers, meine Freundin eben so wenig; aber ich las mein Ungluck in der falschen, hochst widrigen Mine dieses Mannes, auf dessen Gesicht jeder Ausdruck des Wohlwollens fremd und furchtbar wurde.

Meine Freundin begleitete mich. Ich schied von dem Schlosse meiner Schwester, wie ein Sterbender von dem goldnen Licht des Tages scheidet, ohne Hofnung es wieder zu geniessen. Wir kamen an, und eine erzwungene Freundlichkeit in dem Benehmen meiner Mutter bestatigte meine bosen Ahndungen.

Ich zitterte vor der strengen Mine meines Vaters, und bald bemerkte ich, dass man jeden meiner Schritte bewachte. Die alte Franzosin durchsuchte alle meine Papiere, und meine Freundin hielt man ganz von mir entfernt. Nur bey offentlichen Gelegenheiten, wo man sie ohne Beleidigung nicht von der Gesellschaft ausschliessen konnte, wurde sie eingeladen, und dann gab ich ihr einen Brief fur meinen Gemahl, oder empfing einen von ihr.

Mein Gemahl und meine Schwester vermahnten mich zur Geduld. Die letztere versprach mich bald wieder abzuhohlen, und meine Freundin wendete alles an, mich von einem verzweifelnden Entschluss abzuhalten, indem ich oft meinen Eltern alles entdecken wollte.

In dieser beunruhigenden Lage vergingen einige Monathe, als ich meine Freundin in der Nacht vor meinem Bette erblickte. Ich furchte, wir sind entdeckt, flusterte sie mir zu. Morgen muss ich zu einer meiner alten Verwandten auf das Land; durch tausend Schwierigkeiten gewann ich diesen Augenblick, um Sie noch einmahl zu sehen.

Ich war aus dem ersten Schlummer erwacht, und fuhlte meine ganze Lage in der schauderhaftesten Verwirrung. Getrennt von meinem Gemahl, umgeben von Schlingen der Arglist, in einem Zustand, der mich der schrecklichsten Verlegenheit aussetzte, wo sollte ich Rettung finden vor der qualenden Sehnsucht, vor den tausend Besorgnissen die meinen Busen fullten. Ich sah keinen Ausweg, vor meiner umwolkten Vorstellung, als die Flucht zu meiner Schwester.

Meine Freundin umarmte mich, als sie mich entschlossen sah, und versprach mich nicht zu verlassen.

Wir packten die wichtigsten Sachen zusammen, mein Schmuckkastchen und meine Borse, und eilten, durch die langen matt erleuchteten Gange, einer Thur zu, die in den Garten fuhrte; dort hofften wir uber die niedrige Mauer leicht ins Freie zu kommen.

Meine Leute vermissten mich, noch ehe wir an der Gartenmauer waren. Meine Mutter wurde sogleich von meiner Flucht benachrichtigt. Sie folgte nur ihrer Heftigkeit, es wurde mehr Larm gemacht, als die Klugheit anrieth.

Meine Freundin und ich suchten, wie scheue Vogel, das dichteste Laub und die finstersten Gange durch den Garten, da es eine mondhelle Nacht war; aber bald sahen wir uns von einer Menge Menschen umringt; meine alte Franzosin und ein Cavalier meiner Mutter waren dabey, und befahlen in ihrem Nahmen sogleich zuruck zu kehren.

Meine Freundin wendete alles an, um durch ein unbefangenes Betragen glaubend zu machen, wir seyen nur auf einem Spatziergang begriffen; aber die Alte hatte mein Schmuckkastchen, welches ich unter meinem Arme trug, entdeckt. Ich wurde allein in das Zimmer meiner Mutter gefuhrt, so wie man meine Freundin nach dem Hause ihres Vaters zuruckschickte.

So ist es denn wahr! sagte meine Mutter, als sie mich erblickte: Du hast dich und uns alle entehrt. O Gott, was muss ich erleben! Ich war hochst verwirrt und hatte nur Thranen zur Antwort. Noch nie sah ich ihren Unwillen mit dieser Farbe des Schmerzens vermischt, und der erste Laut der Empfindung, den ich von ihr vernahm, losete alle Bande, welche seit langen Jahren ihre Kalte jedem Ausdruck des Herzens auflegte.

Mein Zustand gab mir den Muth der Verzweiflung, und ich rechnete um so sicherer auf Schonung, da mein Schicksal unwiderruflich bestimmt war. Ich bat meine Mutter, ihre Kammerfrauen wegzuschicken, und als wir allein waren, versuchte ich Natur und Liebe in ihrem Busen zu erregen. Vor ihrem Bette lag ich zu ihren Fussen, zum erstenmahl druckte ich ihre Hand an meine Brust, und nun wagte ich, ihr meinen ganzen Zustand zu entdecken. Sie horte mir mit starrer Aufmerksamkeit zu, und als sie vernahm, dass ich vielleicht in kurzem Mutter werden wurde, sank sie halb ohnmachtig zuruck, ihre kalte Hand stiess mich krampfhaft von sich, und als sie durch meine und ihrer Frauen Hulfe wieder zu sich kam, war ihr erstes Wort ein Befehl fur mich, sie augenblicklich zu verlassen.

Ich wurde streng in meinem Zimmer bewacht. Mein Zustand granzte an den Wahnsinn, nachdem alle meine Hofnungen auf das Herz meiner Mutter mich so bitter getauscht hatten.

Den dritten Tag kam der Minister zu mir. Er wendete alle Kunste an, um einen unangenehmen Auftrag in einen Schleier zweideutiger Worte zu hullen; aber das Resultat war nicht weniger schmerzlich fur mich. Meine Eltern hielten meine Heurath fur falsch und ungultig, Hohenfels fur einen Rauber meiner Ehre, und wenn wir uns nicht beide mit blindem Gehorsam allen Massregeln unterwerfen wurden, welche mein Vater zu nehmen fur gut fande, so wurde er lieber die Sache bey den Reichsgerichten zur Verhandlung bringen, mich ganz aus seiner Familie verstossen, und in lebenslanglicher Gefangenschaft halten, als den geringsten Anschein haben, dass er mein Betragen aus vaterlicher Schwachheit entschuldige.

Ihr Herr Vater ist entschlossen, seine beleidigte furstliche Ehre auf das bitterste zu rachen, sagte mir der Minister: Sie kennen seinen Einfluss am kaiserlichen Hofe, und was hat nicht Hohenfels zu furchten, wenn der Furst mit aller Macht dort gegen ihn wirkt? Der Befehl Ihres Herrn Vaters fur Sie ist, sich ruhig zu halten; den geringsten Schritt, welchen Sie thun wurden, sich Hohenfels wieder zu nahern, wird sein unausbleibliches Verderben nach sich ziehen. Den Vorfall der letzten Nacht sucht man als eine jugendliche Unbesonnenheit zu bemanteln. Ihr Herr Vater war langst durch einen sichern Mann vom Hofe Ihrer Schwester von dem Aufsehn unterrichtet, welches Ihre Neigung gegen Hohenfels dort gemacht, und darum wurden Sie zuruck gefordert. Ein ausserst abgemessenes strenges Betragen kann Ihren Ruf wieder herstellen. Geben Sie den Umstanden nach, und ersparen Ihren Eltern die bittere Krankung einer beleidigten Ehre. Mit dem Befehl meiner Mutter, nie wieder ein Wort gegen sie von der unglucklichen Begebenheit zu erwahnen, machte der Minister den Beschluss, und uberliess mich meinen qualenden Gedanken.

Die Furcht, Hohenfels in Unglucksfalle zu ziehen, die Sorge fur mein Kind, gaben mir einen noch nie gefuhlten Muth, mich zu verstellen, um Gelegenheit zu gewinnen, meiner Schwester Nachricht von mir zu geben, und ich vermochte es, mit gefasster Mine vor meinen Eltern zu erscheinen. Das Verbot meiner Mutter liess mich doch auf die Furcht geruhrt zu werden schliessen, und die Hofnung einen gunstigen Augenblick zu finden, erschien mir aufs neue, um so mehr, da sie von meinem ganzen Zustand unterrichtet, nothwendig auf Hulfe fur mich denken musste.

Selbst die Verzweiflung muss neue Krafte sammlen, wenn sie das Herz nicht ganz zu brechen vermag, und ein Traum der Hofnung ist dem siechen Gemuth die Schlummerstunde eines Kranken, eine Erhohlung der Natur zu neuem Leiden.

Einige Tage gingen so hin, als eines Abends ein paar gleichgultige gute Geschopfe, die ich nicht ungern sah, auf meinem Zimmer versammelt waren.

Neuigkeiten waren der Gegenstand des Gesprachs, als eine unter ihnen mit der grossten Unbefangenheit erzahlte: der liebenswurdige Herr von Hohenfels sey durch die Unvorsichtigkeit eines Jagers auf der Jagd erschossen worden; seine Leute suchten den Thater uberall auf in der bittersten Wuth.

Ich sank ohnmachtig zur Erde, und als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich in der furchterlichsten Zerstohrung. Der einzige Gedanke, in dem sich mein Wesen zu einem klaren Bewusstseyn zu sammeln vermochte, war, mir den Tod zu geben. Schon hielt ich ein Federmesser, welches ich mir wahrend einer Unachtsamkeit meiner Wachter verschafft hatte, in der Hand, als es mir im Gefuhl des kleinen Wesens, welches meinem schmerzlichen Daseyn entkeimte, wieder entsank.

Ich sah niemand als meine Leute und den Arzt um mich her, und blieb mir selbst und meinem granzenlosen Schmerz ganz uberlassen. Keine Thrane des Mitleids linderte die Glut der schmerzlichen Verwirrung in meinem Innern, und rief einen schwachen Laut des Lebens in mein Wesen zuruck.

Nachdem ich einige Tage in diesem Zustande gelegen, erblickte ich Herrn von Nordheim unter den kalten todten Gestalten, die mich bisher umgaben. Sein Anblick wirkte wie ein Lichtstrahl in ein dunkles Gewolbe, und rief mich ins wahre Leben zuruck.

- Er war ein Freund meines Geliebten, und eine lebendige Gegenwart alles dessen, was wir verloren, ist nie ohne einen zarten Wiederschein des entflohenen Glucks in irgend einer, dunklen Gegend in unsrer Seele. Er nahte sich mir und sagte leise: Trosten Sie sich, Ihr Geliebter ist nicht todt! Sie werden ihn wieder sehen. Aber sprechen Sie gegen niemand uber diese Entdeckung.

Meine Lebenskraft kehrte zuruck. Ich konnte den nachsten Tag vor meinen Eltern erscheinen, und mit Verwunderung bemerkte ich an ihrem Betragen, dass sie den ganzen Vorfall vergessen wollten. Meine Mutter liess mich Abends in ihr Cabinet rufen und sagte:

Ich habe dir vergeben, wende jetzt nur die moglichste Vorsichtigkeit an, um die unglucklichen Folgen deines Leichtsinns zu verbergen; wenn es die Zeit fordert, werde ich dich entfernen. Dank' es der Vorsicht und deinem Vater, dass die Spuren deines Fehlers vertilgt werden konnen.

Nach einigen Tagen gab mir Herr von Nordheim einen Brief deines Vaters. Er enthielt nur die Versicherung seines Wohlseyns, die Bitte mich fur jetzt allen Massregeln meiner Eltern zu unterwerfen, und die Hofnung, dass wir bald wieder vereint werden wurden.

Herr von Nordheim schien das volle Vertrauen meines Vaters zu besitzen. Er sagte mir nur oft verstohlen einige Worte des Trostes, denen sein edler sichrer Blick eine sonderbar uberzeugende Kraft gab. Er bat meine Mutter, einige Tage auf seinem Landgut zuzubringen, und dort entdeckte er mir die ganze Lage meines Gemahls.

Schon langst hatten meine Eltern die Geschichte meiner heimlichen Heurath vernommen, doch sich noch immer mit der Hofnung eines unsichern Geruchts getauscht, bis mein Gestandniss endlich alle Zweifel aufloste.

Unglucklicherweise, fuhr Herr von Nordheim fort, war in jenem entscheidenden Moment niemand als der Minister von C. um Ihren Vater, der bey jeder, auch entfernt scheinenden Begebenheit, eine Beziehung auf seinen Eigennutz zu finden wusste, und diesem hellen Punkt jede andere Rucksicht unterordnete.

Dass Ihr Vater je in Ihre Heurath willigen sollte, war fur ihn eine Unmoglichkeit. Streng musste er, nach seiner, durch lange Gewohnheit eisern gewordenen Vorstellung, diese Schmach seiner Ehre rachen, und alle Bande trennen, die den reinen Glanz seines Geschlechts verdunkelten.

Der Minister wurde von Ihrem Vater mit dem Auftrag an Hohenfels abgeschickt: er musste Deutschland auf eine unbestimmte Zeit verlassen, jedes Recht auf Sie aufgeben, und um Ihnen Ihre volle Freiheit wiederzugeben, und Ihnen jede Hofnung auf die Zukunft zu benehmen, musse man Ihnen mit Wahrscheinlichkeit glaubend machen konnen, Hohenfels sey gestorben. Offentliche Entehrung, lebenslangliche Gefangenschaft wurde Ihr Loos seyn, wenn Hohenfels nicht in diese Bedingungen willigte.

Hohenfels schrieb eilends an Ihre Schwester; Sie war furchtsam geworden durch das Betragen ihrer Eltern, und furchtete Verdruss mit ihrem Gemahl, wenn die ganze Sache nicht unterdruckt wurde. Mit dem Anschauen des Glucks flieht so leicht auch der Muth der Freunde.

Hohenfels, der nur in dem Gluck anderer lebte, hatte keinen Muth frey zu handeln, da der Ausgang hochst zweifelhaft war. Er willigte in alles, um das Verderben seiner Geliebten zu verhuten.

Herr von C. erhielt als eine Nebensache von Hohenfels, dass sein Schwager, als Lehnsfolger seine Guter wahrend seiner Abwesenheit administriren sollte, und um dieses zu erhalten, hatte er die ganze Sache, die gewiss einer andern Verhandlung fahig gewesen ware, zu diesem Extrem gefuhrt.

Vor einigen Wochen kam Ihr Gemahl bey mir an, und vertraute mir die ganze Geschichte. Er bat mich, eilends nach D. zu reisen, um Sie von dem falschen Gerucht seines Todes zu benachrichtigen. Man war mir doch zuvorgekommen, und ich konnte den schon empfundenen Schmerz nur wieder heilen.

Herr von Nordheim gab mir einen Brief von meinem Gemahl. Dieser hielt sich unter einem fremden Nahmen in einer benachbarten Reichsstadt auf, wo er in der grossten Eingezogenheit lebte; nur fur meine Ruhe besorgt, sagte er mir, dass er in meiner Nahe bleiben wurde, um die erste Gelegenheit zu ergreifen, wo er mich ohne Gefahr sehen konnte. Er sagte mir nicht ein Wort uber den Verlust seiner Guter und der wirksamen friedlichen Existenz, an welcher sein ganzes Gemuth hing, und suchte nur mich mit freundlichen Aussichten auf eine unsichre Zukunft zu trosten.

Vor der Hand bat er mich, den Frieden in meiner Familie mit jeder Aufopferung und um jeden Preis, zu erhalten. Er wurde mir in dem entscheidenden Moment nahe seyn, um die Sorge fur das geliebte kleine Wesen, die heiligste Bluthe unsrer Liebe, mit mir zu theilen.

Herr von Nordheim wachte seit diesem uber das Geheimniss unsrer Liebe; in seinem Herzen ruhte unser Schicksal, und wir empfingen jede Zusammenkunft, jeden glucklichen Moment von seiner Hand.

Sein sichrer Blick in alle Verhaltnisse wachte uber unsre Unachtsamkeit. Er und Hohenfels suchten mich mit sanften Trostungen bis zu meiner Niederkunft hinzuhalten, und Frau von Nordheim, die auch in unser Geheimniss gezogen wurde, versprach, da sie das Vertrauen meiner Mutter besass, es bey dieser dahin zu bringen, ihr die Sorge fur mich und fur die nothwendigen Massregeln bey dieser Gelegenheit ganz allein zu ubertragen.

Wie bitter tauschte das Schicksal, oder die kalte Politik meiner Mutter, die mit allen wahren Verhaltnissen spielte, meine freundlichen Erwartungen!

Kurz vor meiner Niederkunft (denn jede Bitte, mich fruher zu entfernen, blieb unerhort,) liess mich meine Mutter entlegenere Zimmer des Schlosses beziehen, und ubergab mich der Wartung einer alten Hofmeisterin, und einem Arzt, der ihr ganzes Vertrauen besass.

Meine Mutter selbst war in den entscheidenden Augenblicken gegenwartig.

Wie unaussprechlich reich belohnt fur jede Sorge, jeden Schmerz fuhlte ich mich durch deinen ersten Anblick, mein geliebtes Kind!

Ein neues, reineres Daseyn bewegte die Elemente meines Lebens. Starker fuhlte ich mich von der Natur umschlungen, und reicheren verdoppelten Sinns, sie in ihrer Endlosigkeit zu fassen. Jeder Kampf dunkte mir ein leichtes Spiel; so erhohte das geliebte kleine Wesen jedes Gefuhl meiner Kraft.

Wenige Stunden hattest du an meiner Brust geschlummert, als meine Mutter befahl, dich, aus Schonung fur meine durch die Niederkunft erschopften Krafte, in ein entfernteres Zimmer zu bringen.

Noch einen Kuss druckte ich auf deine Stirn, als man dich schlummernd von mir trug: es war der letzte.

Als ich dich den nachsten Morgen zu sehen begehrte, antwortete man verlegen: das Kind sey nicht ganz wohl. Bald erschien meine Mutter und verkundigte mir deinen Tod.

Auf meine Thranen, auf meine verzweiflungsvollen Klagen, gab sie mir die kalte Antwort:

Die Zeit wird dich lehren, der Vorsicht zu danken, dass sie jede Spur deines Fehlers vertilgte. Dem armen kleinen Geschopf ist wohl!

Meine Mutter war gutiger als jemahls gegen mich. Sie glaubte meinen Ruf jetzt ganz gerettet, und ich genoss aller Freiheit, die ich nur wunschen konnte. Um meine Heiterkeit wieder herzustellen, machte sie mir selbst Gelegenheit, viel mit der Nordheimischen Familie zu leben.

Mit welchem Schmerz umarmte ich deinen Vater, bey unsrer nachsten Zusammenkunft!

Ein unerschopfliches Meer von Genuss und Leiden lag in meinem Busen, und das Bild meines Kindes, die wenigen Stunden, wo ich mich des sussen Geschopfs gefreut, verdrangten die Erinnerungen meines ganzen vergangenen Lebens. Mein innigster Wunsch war, dass mein Gemahl seines Anschauens auch nur fur einen Moment genossen haben mochte.

Ich fuhlte eine neue Kraft zum Leiden in mir, nachdem ich die starksten Gefuhle meiner Natur durchlaufen, und die ganze Tiefe meines Wesens in Freude und Schmerz kennen gelernt hatte.

Ich selbst drang in deinen Vater, Reisen in entfernte Lander zu unternehmen, um sich aus dem angstlichen Zustand zu befreien, worin er seit unsrer Verbindung lebte. Er reiste, und besuchte mich alle Jahre auf wenige Tage.

Die Sehnsucht verzehrte mich, ich lebte aufs neue nur in Erinnerungen, und es schien gleichsam als habe die Natur mich durch den Reichthum des innern Lebens fur jedes Entbehren, das mir die schwere Hand des Schicksals auflegte, schadlos halten wollen.

Die Schwermuth, die aus dem staten Ruckblick in sich selbst entsteht, und meine wankende Gesundheit, hatten meine Eltern von jedem Gedanken, mich zu verheurathen, zuruckgebracht, und ich war wenigstens vor neuen Verfolgungen und gewaltsamen Scenen sicher.

Wahrend der Abwesenheit meines Gemahls, verloren wir unsern vertrauten Freund, den Beschutzer unsrer Liebe, Herrn von Nordheim; seine Gemahlin war kurz vor ihm gestorben.

Ich empfing durch Theresen folgendes Billet von ihm; es war kurz vor seinem Tode, mit zitternder Hand geschrieben:

'Fur Sie, gutes ungluckliches Paar, hatte ich gewunscht noch langer zu leben. Ich fand mich verpflichtet, da mich der Tod ubereilt, meinem Sohn einige Dinge zu entdecken, die in der Folge sehr wichtig werden konnen, und die Hohenfels Guter betreffen. Ihre Verbindung weiss er nicht, diese ist Ihr Geheimniss.

Ich sage es mit freudigem Herzen, indem ich diese Welt verlasse: meine Freunde gewinnen mehr an meinem Sohn, als sie an mir verlieren.'

Ich horte von dem jungen Nordheim als von dem edelsten, liebenswurdigsten Manne sprechen. Ich bat meinen Gemahl bey seiner Zuruckkunft sich gegen ihn zu erofnen; aber er schien keine Neigung dazu zu haben, und antwortete mir immer: Die Zeit ist noch nicht gekommen, wir konnen jetzt nur schweigen und dulden.

Auch meine Mutter starb in dieser Zeit, und nach ihrem Tode erlangte ich von meinem Vater, dass meine Freundin Therese bey mir leben durfte. Er schien von vielen kleinen Zugen jener Begebenheiten nicht unterrichtet zu seyn, und wusste vielleicht nicht, dass Therese einen Antheil daran genommen hatte. Herr von Salm hatte mit Hohenfels vermeintem Tode was er wunschte erreicht, und bezeigte sich gegen mich sehr gefallig.

Therese half mir jetzt bey dem Briefwechsel, und den Zusammenkunften mit meinem Gemahl, und wir konnten weiterer Hulfe entbehren.

Nordheim lebte in entfernten Gegenden, und dein Vater hatte durch sein trauriges Verhaltniss, das ihn zur Zuruckhaltung zwang, auch von seinem Glauben an die Menschheit verloren.

Meine Mutter hatte mich immer von meiner Schwester entfernt gehalten, und diese hatte ihre Vergebung niemahls erhalten konnen.

Tiefes eignes Leiden hatte die letztere von der anhaltenden Aufmerksamkeit auf mein Schicksal abgebracht, und als ich sie nach dem Tode meiner Mutter wiedersah, fand ich sie so verandert und muthlos, dass ich eine Vertraulichkeit fur keine von uns Beiden rathsam fand.

Sie mass dem allgemeinen Gerucht von Hohenfels Tode naturlich Glauben bey, und der Aussage meiner Mutter nach, glaubte sie wie ich auch, mein Kind sey gestorben.

Sie beobachtete ein tiefes Stillschweigen uber die Vergangenheit, und so wurde es auch mir leichter, mein Herz, dessen volles Vertrauen sie noch immer besass, gegen sie zu verbergen.

Mein Gemahl hatte seit der Zuruckkunft von seinen Reisen den Ort seines Aufenthaltes oft gewechselt. Seit dem Tode unsres Freundes waren unsre Zusammenkunfte mit grosseren Schwierigkeiten verbunden. Mit dem thatigen heitern Leben deines Vaters, entflog der jugendliche Muth. Aus zartlicher Besorgniss fur mich, deren Leben daran hing, in seiner Nahe zu seyn, ihn oft zu sehen, unterwarf er sich der peinigendsten Vorsichtigkeit. Aus Furcht, auf einen Verrather oder Unvorsichtigen zu stossen, entbehrte er allen Umgang, und sein schones Gemuth, das nur in Mittheilung und wohlwollender Liebe gelebt hatte, bekam gleichsam im Uberfluss der zuruckgedrangten Lebenskraft, eine Unruhe, die sich oft in beinahe phantastische Menschenscheue verwandelte.

Die Mahlerey war seine einzige Beschaftigung, aber sein ganzes Wesen, das nach lebendigem Wirken hinstrebte, fand mehr eine Trosterin, als eine freundliche liebevolle Gesellin in dieser Kunst.

So verstrichen die Jahre. Der Zustand meines Gemahls schmerzte mich tief, und ein innerer Vorwurf, sein friedliches schones Leben unterbrochen zu haben, erwachte immer starker in meinem Herzen, je mehr mir alle Verhaltnisse des Lebens aus dem Schleier jugendlicher Tauschung hervortraten.

Ich erkannte nur zu sehr, dass es fur ein zartes Gemuth unbezwingliche Hydern auf dem Wege zur Gluckseligkeit giebt.

Aller sanfte Trost deines Vaters war vergebens, nachdem ich einen klaren Blick ins Leben gethan hatte. Ich sah, so wie viele andere, erst, nachdem ich durch Irrwege auf den Gipfel des Berges gekommen war, die bessere Strasse; und das Gefuhl, ein inniggeliebtes Wesen von der ebenen heitern Bahn des Glucks, in Dunkelheit und Verworrenheit gezogen zu haben, wurde zum immer regen, nagenden Schmerz in meinem Busen.

Als mein Gemahl wahrend einer unsrer geheimen Zusammenkunfte alles versucht hatte, um mich durch die heitersten Ansichten unsres Schicksals zu beruhigen, und ich dennoch weinend an seine Brust sank, erhob er mich sanft, und blickte mir mit himmlischer Heiterkeit ins Auge. Nun wohl, so lass auch unser Leben voll schmerzlicher Entbehrungen seyn; unsrer Liebe entbluhte ein Wesen, reich an tausend schonen Kraften, des reinsten klarsten Daseyns fahig. Du hast eine Tochter, in ihr lass uns leben und geniessen.

Mein starrer, auf deinen Vater gehefteter Blick, suchte den Sinn dieser Rede zu ergrunden; noch wagte mein Herz nicht, sich in Hofnung zu erheben.

Deine Tochter lebt! sagte dein Vater, indem er mich an seinen Busen druckte. Verzeih, dass ich dir es bis jetzt verbergen konnte; ich nahm dir ein unaussprechliches Gluck, aber welche Unruhe, welche schmerzliche Sorge nahm ich dir nicht zugleich!

Ich glaubte, wie du, ein ganzes Jahr hindurch der Nachricht von dem Tode unsres Kindes.

Auch Nordheims waren davon uberzeugt.

Du weisst, wie mein sonderbares Leben mich oft und am liebsten an die entlegensten Orte fuhrte. So kam ich bey meiner ersten Ruckreise aus Italien, Abends an einen einsamen Pachthof unweit D. an. Ein junges Weib sass vor der Hausthur, und hielt zwey Kinder auf ihrem Schoosse, die sie wechselnd saugte. Ich fragte: Sind diese Kinder Zwillinge? Sie antwortete errothend: 'Ja.' Ich spielte mit den Kindern, von denen das eine eine entzuckende Bildung hatte; hohe reine Formen leuchteten aus der lieblichen Fulle der Kindheit hervor, und schon lag in dem Blick der grossen blauen Augen eine gewisse susse Bedeutung.

Ich war verloren in dem Anschauen des holden Geschopfs, als die Frau einen lauten Schrey that, die zwey Kinder unter die Arme fasste, und der Hausthur zurannte.

Ein Stier hatte sich aus den Stallen losgemacht, und lief wuthend auf dem kleinen, rings verschlossenen Hofplatz umher.

Die Hausthur hatte sich unglucklicher Weise beym Zuschlagen verschlossen. Ich nahm meinen Stock, stellte mich vor die Frau, und suchte sie so zu vertheidigen.

Aber der Schrecken nahm ihr die Besinnungskraft; sie setzte das schone Kind auf einen Pfeiler neben der Hausthur, wo es im Augenblick herabsturzen musste, und sprang mit dem andern nach einer kleinen Thur in der Ecke des Hofes.

Als ich mich wendete, das Kind zu fassen, wollte der Stier gerade auf dasselbe losstossen. Lachelnd streckte das kleine Geschopf die Handchen nach den Hornern des Stiers aus, als waren diese Werkzeuge seines Todes ein unschuldiges Spielzeug. Ich hatte das Kind in meinen linken Arm gefasst, und gab dem Stier mit dem rechten einen derben Schlag zwischen die Horner, dass er zuruckprallte.

Die Knechte waren herbeygekommen, das wuthende Thier wurde eingefangen, und als ich mich nach der Frau umsah, fand ich sie in der Ecke des Hofes vor ihrem Kinde knieend.

Ich uberreichte ihr die Kleine, die ich gerettet hatte. Sie warf einen freundlichen Blick auf sie, aber alle ihre Zartlichkeit und Unruhe schien einzig auf das andere Kind gerichtet zu seyn.

Diese Sonderbarkeit in dem Betragen der sonst gutmuthigen Frau fiel mir auf, um so mehr, da ich einen herzlichen Antheil an dem Kinde nahm, das viel schoner und liebenswurdiger war, als der Liebling der Mutter.

Ich ubernachtete in dem Hause, und brachte den Abend unter der Familie zu. In Gegenwart des Vaters bemerkte ich die Kalte der Mutter gegen das liebliche Geschopf, welches auf meinem Schoosse ruhete, und machte ihr sanfte Vorwurfe daruber. Sie errothete und wurde hochst verlegen.

Warum willst du dem Herrn, der es so gut mit uns meynt, eine Unwahrheit sagen? fiel der Mann ein: es ist nicht unser Kind.

Die Leute wurden immer treuherziger, und ich erfuhr nach und nach so viel, dass das Kind von einem vornehmen Herrn aus D. in ihre Verwahrung gegeben worden sey, dass man ein grosses Jahrgeld dafur bezahle, und sich die tiefste Verschwiegenheit ausbedungen habe. Um sich gegen jeden Fremden aus der Verlegenheit zu ziehen, liessen die Leute das Kind fur die Zwillingsschwester ihres eigenen Kindes gelten.

Ich erkundigte mich genau nach der Zeit, in welcher sie das Kind bekommen, und mit sonderbaren Bewegungen horte ich den Tag nennen, an welchem das unsre gestorben war. Es fiel mir jetzt gleich einem Schleier von dem Gesicht der holden Kleinen; ich sah deine Zuge in anmuthiger Verjungung, dein Lacheln, deine Minen. Ich wagte es nicht zu hoffen, aber ich genoss gleich eines holden Morgentraumes dieser Erscheinung. Ich fragte nach allen Umstanden, und erkannte in einer genauen Bezeichnung der Person, welche diesen Leuten das Kind ubergeben, die alte Hofmeisterin, welche um dich war.

Ich eilte Herrn von Nordheim meine Begebenheiten zu erzahlen. Er dachte einige Minuten lang nach, und sagte: ich finde Ihre Muthmassungen nicht ganz unwahrscheinlich; aber Ihrer Gemahlinn kein Wort davon, auch wenn wir der Sache auf die Spur kommen sollten.

Ihr Herz hat sich jetzt an den Schmerz des Verlustes gewohnt, und die Unruhe des Besitzes und der nothwendigen Entfernung ihres Kindes wurde ihr Gemuth nur in neue Sturme aufregen.

Er kannte alle Personen und Verhaltnisse in D. und in kurzem, umarmte er mich, und brachte mir die freudige Nachricht, das holde kleine Geschopf, zu dem die geheime Kraft der Natur mich hingezogen, sey meine Tochter.

Herr von Nordheim verschafte den Leuten auf dem Pachthof eine bessere Pachtung, und entfernte sie aus der Gegend. Bald gelang es uns, durch Geld und Vorstellungen das Kind von ihnen zu bekommen.

Wie reich fuhlte ich mich im Besitz des lieben Geschopfs, und wie viel kostete es mir, dir die Freude vorzuenthalten!

Aber ich fuhlte zu sehr, dass der Rath meines Freundes mit der Klugheit ubereinstimmte.

Erst nach dem Tode deines Vaters sollte Agnes dir ubergeben werden, nichts zwang dich dann bey dem Aufenthalt in einem fremden Lande, sie wieder von dir zu entfernen. Ich wollte dir ein reines Gluck aufbewahren.

Mein unstater Aufenthalt, meine schnellen Reisen, erlaubten mir nicht Agnes bey mir zu behalten, und wem sollte ich sie mit mehr Ruhe anvertrauen, als meinem vortreflichen Prediger zu Hohenfels!

Ich kannte sein edles Gemuth, und die Allmacht seines Geistes auf menschliche Bildung zu wirken. Ich hatte noch einen Freund ohnweit Hohenfels, welcher Arzt in einem kleinen Stadtchen war. Er hatte als Feldarzt mehrere Feldzuge mitgemacht, und in den mannichfachsten, oft hochst verworrenen Verhaltnissen, in denen er gelebt, solch eine Kraft des Charakters in sich entwickelt, die ihn in dem vollkommensten stoischen Gleichmuth erhielt.

Er lebte nur der Ubung seiner Kunst, ohne Familien- oder irgend einer andern nahen Verbindung. Wo es auf Liebe und Mitempfindung ankam, war der Prediger mein erster Freund; wo es nur Rath, kalte Besonnenheit, und den sichern Uberblick der Verhaltnisse galt, da nahm ich meine Zuflucht zu dem Arzt.

Auch jetzt entdeckte ich ihm mein ganzes Verhaltniss. Wir beschlossen, die reine einfache Seele des Predigers nicht mit einem Geheimniss zu belasten, das ihn oft in Verwirrung setzen, und zu Unwahrheiten nothigen konnte, denen sein himmlisch-reiner Sinn sich nur mit schmerzlicher Verwirrung unterzogen hatte.

Ich war seiner Liebe, seiner zartesten Sorge fur Agnes gewiss, und unter dem Druck der Meinungen und Vorurtheile, die mein Leben so furchterlich zerstort hatten, war es mir ein wohlthatiges Gefuhl, mein Kind entfernt von allen kunstlichen Schranken der Gesellschaft zu halten, und nur durch Wahrheit und Natur die Kraft seines Herzens entwickelt zu sehen.

Meine Tochter sollte alles durch sich selbst zu erreichen vermogen, was den wahren Werth des Lebens ausmacht, und die unsichren Geschenke des Gluckes sollten weder durch ihren Genuss noch ihr Entbehren ihr bessres Wesen aus seinem Gleichgewicht zu bringen vermogen.

Oft hatte es der Prediger bereut, nicht in fruheren Jahren geheurathet zu haben, um jetzt in seinen Kindern wieder aufzuleben.

Ich gebe ihm eine Tochter, sagte ich dem Arzt, und wie gross wird seine Freude seyn, wenn er einst die unaussprechliche Dankbarkeit seines Freundes empfinden wird!

Der Arzt selbst trug das Kind eines Abends in der Dammerung zum Hause des Predigers. Er sagte ihm, dass er ihm ein Kind, welches durch sonderbare Umstande hulflos geworden sey, ubergabe, um es als sein eignes zu erziehen; die kleinen Ausgaben, die es veranlasse, wolle er mit ihm theilen.

Der Prediger sey durch die Schonheit und den sanften Ausdruck des Kindes so geruhrt worden, dass er es sogleich aus Liebe und Neigung aufgenommen habe.

Um die Neugierigen von jeder Spur zu entfernen, wurde ausgemacht, dass Agnes fur des Predigers Bruderstochter gelten sollte.

So wuchs unsre Tochter. Kein Kind genoss je einer liebevolleren Sorgfalt.

In des Arztes Hause sah ich Agnes zuweilen unbemerkt, und die Erinnerung der lieben Gestalt begleitete mich wie ein guter Genius.

Sechszehn Jahre waren so verstrichen, als der schnelle, ganz unvorgesehene Tod des Arztes mich in die grosste Unruhe setzte, indem ich gezwungen wurde, auf andere Massregeln zu denken.

Ich finde keinen Menschen in der Gegend von Hohenfels, den es rathsam ware in unser Vertrauen zu ziehen; ich muss dort, der Salmschen Familie wegen, die grosste Vorsichtigkeit beobachten. Und sollen wir so ganz geschieden von jeder Erscheinung, jeder Spur des nachsten liebsten Wesens, unsre Tage vertrauren? Selbst wenn wir dieses Opfer bringen wollten, so zwingen uns doch die ubrigen Verhaltnisse zu einem verschiedenen Betragen.

Ich umarmte meinen Gemahl mit einem neuen unaussprechlichen Gefuhl, nach dieser Erzahlung. Dein geliebtes Bild, meine Agnes, war zwischen uns, und lauterte unsre Wesen, gleich einer reinen Flamme, zu einem neuen heiligern Daseyn.

Wir durchflogen tausend Plane, um dich in unsre Nahe zu bringen, aber immer war ihre Ausfuhrung mit Schwierigkeiten verbunden, die uns Schrecken einflossten.

Eine Veranderung musste vorgenommen werden; hatten wir auch unser eignes Gluck aufopfern wollen, so waren die Umstande an sich dringend.

Du warst in dem Alter, um an die Zukunft denken zu mussen. Der Prediger war alt, und seine zartliche Liebe fur dich musste tausend Sorgen erzeugen. Er hatte von dem Arzt nur kleine Summen angenommen, und aus Liebe fur dich alles allein tragen wollen, da er zumal wusste, dass der Arzt selbst nicht wohlhabend war. Mein Gemahl hatte es bis jetzt geschehen lassen, weil er dich selbst gern zur Unabhangigkeit von allen aussern Dingen gewohnt sehen mochte, und wusste, dass er es fur die Zukunft in seiner Hand hatte, dem Pfarrer alles zu verguten.

Aber jetzt, da der Tod des Arztes dich ganz von deinem Vater trennte, und er auch keinen ausserordentlichen Schritt thun mochte, welcher zu sonderbaren Combinationen hatte Anlass geben konnen, jetzt waren wir deinetwegen in der grossten Verlegenheit.

Mein Vater lag in dieser Zeit an einer gefahrlichen, von den Arzten unheilbar geachteten Krankheit darnieder.

Sein Tod veranderte alle Verhaltnisse fur uns, und wir beschlossen den Ausgang dieser Krankheit abzuwarten, ehe wir eine Veranderung in deiner Lage unternahmen.

In dieser Zeit begegnete dir mein Gemahl auf deiner ganz unerwarteten Reise nach D.

Naturlich hatte dein Pflegevater nach dem Tode des Arztes, von welchem er doch noch eine Aufklarung deines Schicksals erwarten konnte, die Gelegenheit ergriffen, um dich in eine bessere Lage zu versetzen.

Ich nahm diesen Zufall, der dich ohne unser Mitwirken in unsre Nahe brachte, fur einen gutigen Wink des Schicksals an.

Ich kannte die Grafin als eine gebildete kluge Frau, man sprach von ihrer Heurath mit Nordheim, und das Vertrauen, welches mir die letzten Worte des Vaters gegen den Sohn einflossten, beruhigte mich uber alle weitere Folgen.

Meine. Sehnsucht nach dir, die nur den Moment ihrer Befriedigung sah, stellte alle diese Grunde in das gunstigste Licht. Dein Vater sagte mir: Agnes fuhlt tief, aber still; die Krafte ihres Herzens und Geistes stehen in einem schonen Verhaltniss, und nach einigen Jahren der Welterfahrung, wird sie die Kunst erlernen, allen Schlingen der Arglist mit ihrem hohen sichren Blick, und einer feinen Gewandtheit des Betragens zu entgehen. Wir entdecken ihr dann unser ganzes Schicksal, und du geniessest vielleicht das Gluck sie immer um dich zu sehen.

Der lange Zeitraum, in welchem ich das Vertrauen meines Vaters wieder zu geniessen schien, machte uns zu kuhn. Er schien alles vergessen zu haben, wenigstens empfing ich kein Zeichen des Misstrauens von ihm, und nie hatte er ja mein Herz gegen sich eroffnet, weil das seine, ewig verschlossen, nur eine starre Kalte um sich her ergoss.

Ich vermied anfanglich, dich vor der Welt zu sehen, weil ich mein Herz zu verrathen furchtete; aber bald uberflog meine Ungeduld alle Schranken. Meine Freundin, meine einzige Vertraute, hatte sich an einem entfernten Ort verheurathet, und mein Gemahl wagte jetzt selbst nach D. zu kommen; da auch meine Gesundheit aufs neue harte Anfalle litt.

Die Zeit hatte seine ganze Gestalt verandert, und er hatte die Fertigkeit angenommen, seinem Betragen tausend wechselnde Formen zu geben.

Bald gab mein Gemahl meinen dringenden Bitten nach, die Sehnsucht rieb meine Lebenskrafte auf, er musste oft furchten, dass ich aus der Welt gehen musste ohne meine Tochter umarmt zu haben, und bald veranstaltete er unsre erste Zusammenkunft.

Nach dieser durfte ichs wagen, dich vor fremden Augen zu sehen.

Welchen Kampf kostete es mir, dir kalt und fremd zu begegnen! Aber welchen sussen Genuss fand mein Herz im Anschaun deines liebenswurdigen Wesens! Jedes Herz fuhlte sich von zartlicher Theilnahme und sussem Verlangen in deiner Nahe ergriffen.

Mein Bruder liebte dich mit Leidenschaft Selbst die kalte Brust meines Vaters schien ein sanfter Zug der Natur mit Liebe fur dich zu beleben. Oft ergriff mich ein beinah unwiderstehliches Verlangen, das tiefe Geheimniss meines Herzens an das seine zu legen, wenn ich ihn dir freundlich zulacheln sah, aber die Furcht lahmte meine Zunge.

Ich bemerkte, wie sehr Julins Alban dich liebte, ich wunschte dein Schicksal durch eine Heurath mit ihm bestimmt zu sehen, es konnte in der engen Verbindung mit solch einem reinen, treuen Gemuth nicht anders als glucklich seyn; aber bald entdeckte ich durch dein eigenes Gestandniss deine vorgefasste Neigung. Dein Vater fuhlte die ganze Gewalt hoffnungsloser Leidenschaft in deinem Busen. Er fand dich durch dieses allgewaltige Gefuhl so schnell in die Mittagshohe des Lebens versetzt, fand dein ganzes Wesen solch einer Energie fahig, um das Geheimniss unsers Schicksals zu tragen.

Jener Abend, den die Arglist des Ministers zu unserm Untergang ausersehen hatte, war fur die schonsten Genusse der Liebe und des Vertrauens bestimmt.

Ich erwartete sehnsuchtsvoll meinen Geliebten in meinem einsamen Zimmer. Euer langeres Aussenbleiben angstigte mich schon, als ich den furchterlichsten Larm auf dem Hofe horte. Ich ging an ein verborgenes Fenster, sah euern Wagen mit Lichtern umgeben, horte schiessen, und sank ohnmachtig zuruck.

Meine Kammerfrauen horten den Fall, und kamen mich zu Bett zu bringen. Als ich meine Krafte nach wenigen Stunden wieder gewonnen, wollte ich nach der Stadt fahren. Meine Leute waren verstohrt und stumm, und meine Befehle, vorzufahren, blieben unerfullt.

Ungeduldig uber das lange Zogern, drang ich auf eine Antwort. Meine Kammerfrau fiel mir weinend zu Fussen, und sagte mir: man durfte mich nach dem Befehl meines Vaters nicht nach der Stadt fahren, und uberhaupt nicht aus dem Schlosse lassen.

Ein Raub der bangsten Unruhe, der seelen-zerreissendsten Furcht, verlebte ich zwey der schrecklichsten Stunden meines Lebens. Mein Gemahl hatte mehr als gewohnliche Besorgnisse bey den Veranstaltungen zu unsrer letzten Zusammenkunft geaussert. Jedes Wort, jeder kleine, vorher ubersehene Umstand trat jetzt ins klarste Licht meines Gemuths, und meine Angst vermehrte sich mit jedem Augenblick.

Endlich kam mein Bruder, und sein Anblick verscheuchte die Furie der Ungewissheit, die furchterlichste von allen, aus meiner Einbildung.

Ich vernahm, dass mein Gemahl und meine Agnes ausser Gefahr waren.

Sonst hatte er mir nur traurige Wahrheiten zu verkundigen; aber alles wirkliche Ubel erscheint uns doch sogleich begrenzt, und ruft unsern Muth wieder zum Kampf, der unter den Riesengestalten der Fantasie erlag.

Mein Bruder machte mir sanfte Vorwurfe, ihm mein Vertrauen nicht fruher gegonnt zu haben, und entrathselte mir hernach die Begebenheiten der letzten Nacht, und ihre Veranlassungen.

Der Minister war der erste, welcher meinen Vater mit der Eroffnung deiner Verhaltnisse uberraschte, sagte mir mein Bruder. In der ersten Aufwallung des Unwillens zog mich mein Vater in die Vertraulichkeit. Der Minister schien es ungern zu sehen, weil er meine Freundschaft fur dich kennt, und mir uberhaupt nicht recht traut. Auch bewog er meinen Vater, mir seine fernern Massregeln geheim zu halten.

Aus verschiedenen Gesprachen mit dem Minister, aus den verlegenen Antworten, welche ich ihm oft durch unerwartete schnelle Fragen entlockte, konnte ich mir ohngefahr zusammensetzen, auf welche Art er selbst zu seinen Entdeckungen gekommen war.

Nach dem, was mir mein Bruder ferner hieruber angab, und welches ich mit meiner eigenen Kenntniss der Verhaltnisse und Charaktere verband, schlossen wir auf folgenden Zusammenhang:

Der Herr von Salm in Hohenfels hatte bei dem lebhaftesten Interesse an der Entfernung meines Gemahls, auch den scharfsten Blick auf unser Verhaltniss. Jeden unrechtmassigen Besitz umwinden die Schlangen des Verdachts und der Furcht.

Herr von Salm hatte durch Nachforschungen in der Gegend bald entdeckt, dass der Fremde, welcher sich bei dem Prediger aufgehalten, Herr von Nordheim war. Die Freundschaft meines Gemahls mit der Nordheimischen Familie war ihm nicht unbekannt, und Nordheims besonderer Antheil an Agnes, welcher ihm durch tausend kleine Umstande zu Ohren kam, dass man sogar von einer Heurath sprach, dieses alles erweckte seine Besorgnisse.

Die Neugierde trug sich schon langst mit verschiedenen Geruchten uber Agnes Geburt, zu denen die Aussage eines alten Bedienten des verstorbenen Arztes den ersten Stoff gegeben. Dieser Mensch hatte nahmlich ausgesagt, Agnes sey nicht die Bruderstochter des Predigers.

Man legte sich jetzt aufs weitere Nachforschen bei dem alten Bedienten. Zum Gluck hatte sein Herr seine Geheimnisse wohl zu verwahren gewusst; doch erfuhr man: dass Agnes, als einjahriges Kind, durch einen fremden Mann erst in des Arztes Haus gebracht worden sey, und dieser sie hernach dem Prediger ubergeben habe.

Die Furcht, welche der Ungerechtigkeit unzertrennliche Begleiterin ist, gab allen diesen ausschweifenden Geruchten eine feste Gestalt im Gemuth des Herrn von Salm.

Agnes Abreise von Hohenfels gab von neuem Stoff zu den sonderbarsten Muthmassungen.

Herr von Salm schrieb an seinen Schwager uber seine gemachten Entdeckungen. Alles was Intrigue hiess, hatte einen naturlichen Reiz fur den alten Minister, und die krummen Wege, zu denen ein geheimes Verhaltniss zwingt, entgingen seinem geubten Blick weniger, als die gerade einfache Strasse, auf welcher die Unbefangenheit wandelt. Er selbst hatte auf der Furstin Befehl, die kleine Agnes den Leuten auf dem Pachthof ubergeben lassen, und hatte nach der Veranderung ihres Aufenthaltes, die Nachricht von dem Tode des Kindes von ihnen empfangen. Wir hatten diesen Ausweg selbst an die Hand gegeben, weil er allen Nachforschungen am besten Einhalt that.

Der Minister lockte die Leute durch grosse Versprechungen zu sich, und es war ihm ein Leichtes, ihre gutmuthige Treuherzigkeit in die Schlinge seiner List zu ziehen. Er erfuhr jetzt, dass ein Fremder und der verstorbene Herr von Nordheim sie uberredet hatten, ihnen das Kind zu uberlassen.

Agnes, welche sogleich die allgemeine Aufmerksamkeit in D. erregte, wurde von dem Minister genau beobachtet. Er kam unsrer ersten Zusammenkunft auf die Spur, und die sonderbare Gestalt des Mahlers, welcher zuweilen in D. erschien, und so vertraut mit Agnes war, erregte seine ganze Aufmerksamkeit. In kurzem blieb ihm kein Zweifel mehr ubrig.

Er uberraschte den Fursten vor wenigen Tagen mit der Entdeckung: dass Hohenfels gegenwartig in D. sey, dass wir beide Mittel gefunden hatten, unser Kind aus den Handen der Leute wieder zu bekommen, denen es meine verstorbene Mutter ubergeben, und dass wir wahrscheinlich nur auf einen gunstigen Zeitpunkt warteten, unsere Ehe fur gultig zu erklaren.

Mein Vater entbrannte naturlich im heftigsten Unwillen. Nichts emport das Gemuth bitterer, als getauschtes Vertrauen, und jeder Beweis der Gute, welchen mit mein Vater in den letzten Zeiten gegeben, entflammte jetzt seine Brust zum unversohnlichsten Hass.

Er liess meinen Bruder rufen, erzahlte ihm die jetzigen Begebenheiten, und meine fruhere Geschichte, von welcher mein Bruder nur schwankende Geruchte vernommen, uber die er mich selbst aus Feinheit nie befragen mochte.

Jetzt beschwor mein Vater meinen Bruder und den Minister, auf Mittel zu sinnen, wie die Ehre seiner Familie zu schonen und zu rachen sey.

Der Verwegene muss sogleich entfernt werden! sagte der Minister. Mein Bruder widersprach ihm nicht, um das Vertrauen meines Vaters in der Sache zu gewinnen, und fur mein Bestes handeln zu konnen.

Aber wo ist jenes Kind, fragte der Furst: jener ungluckselige Zeuge unsrer Schande?

Sie werden sich uber die Kuhnheit des Plans wundern, erwiederte der Minister. Es lebt an Ihrem Hofe. Die sogenannte Agnes von Lilien

O Gott, rief der Furst geruhrt: warum hat das Madchen keinen andern Vater!

Mein Bruder baute auf diese Aufwallung der Natur in dem Herzen meines Vaters die schonsten Hoffnungen. Aber der Minister wusste sie geschickt zu dampfen, indem er Ehrgeiz und Unwillen wieder erregte, und in ihrer ersten Aufwallung meinem Vater einen Plan des Betragens in unsrer Sache vorlegte.

Mein Vater war gewohnt, nur durch diesen Mann zu handeln. Die Gewohnheit ist die Tyrannin leidenschaftsloser Gemuther, deren Ruhe nicht aus innerem Gleichgewicht, sondern aus Schlaffheit des Herzens entsteht.

Mein Bruder fand den nachsten Tag meinen Vater nie allein, sondern immer in der Gesellschaft des Ministers. Beide waren verschlossen, doch fand er noch immer in meinem Vater die starkste Abneigung gegen alle gewaltsame Massregeln, und hoffte, es wurde vor der Hand nichts entscheidendes geschehen.

Auch der Minister schien zur Milde gestimmt zu seyn, und zeigte besonders die grosste Furcht vor dem Herrn von Nordheim. Er wusste, wie frey dieser zu Werke ging, und hatte schon mehr als eine Beschamung durch ihn erfahren.

Nordheims lebhafte Theilnahme an deinem Schicksal war unverkennbar, sie mochte nun Zartlichkeit oder allgemeines Wohlwollen zum Grunde haben.

Es war dem Minister, so wie jedem, der Nordheimen handeln gesehen, wohl bekannt, wie sicher jeder Unterdruckte auf seinen Schutz rechnen durfte, und seine Freunde ruhten vertrauungsvoll, wie unter der Aegide der Pallas, an seiner Brust.

Unabhangig durch seinen Charakter, seine Tapferkeit, den hellen Blick seines Geistes und seine aussere ganz freie Lage, war er der zuverlassigste Freund, aber ein furchtbarer Gegner.

Mein Vater selbst hatte eine an Furcht granzende Achtung fur ihn, und dass er auch hier seinen machtig wirkenden Einfluss furchtete, nahm ich an dem Befehl wahr, welchen er meinem Bruder gab, von der ganzen Geschichte nicht mit Nordheim zu sprechen.

Diesen Morgen, fuhr mein Bruder fort, kaum nach Tages Anbruch, liess mich der Furst rufen. Ich fand ihn sehr bewegt, er schien ermattet nach einer heftigen Anspannung. Mit zitternder Stimme befahl er mir, an seinem Bette niederzusitzen, und sagte: Der Verfuhrer deiner Schwester ist jetzt in meinen Handen in guter Verwahrung, und wir sind vor jedem unvorsichtigen Schritt sicher. Ich liess ihn gestern Abend, eben wie er zu einer Zusammenkunft eilte, gefangen nehmen, und auf das Schloss ** bringen. Er wagte es, sich gegen meine Leute zu vertheidigen, und empfing eine zum Gluck leichte Wunde. Blut will ich nicht vergiessen, sondern nur der verhassten Auffuhrung deiner Schwester Einhalt thun. Die Welt soll nicht mit Spott, gleich als auf einen weichherzigen Comodien-Vater auf mich deuten, welcher am Ende die Thorheiten seiner Kinder durch seine Vergebung kront.

Auch fur die Kleine ist gesorgt, sie wird nicht wieder in dieser Gegend erscheinen, aber versorgt soll sie werden; ich will dem Madchen wohl, und was kann das unschuldige Geschopf fur die Thorheit seiner Eltern?

Ich sende den jungen Herrn von Salm, den Neffen des Ministers, in besondern Angelegenheiten nach Frankreich. Agnes empfangt eine Aussteuer von mir, die ihre Hand wunschenswerth machte, besasse sie auch keine weitere Vorzuge, und der junge Mann wird sich zur immerwahrenden Entfernung aus seinem Vaterlande um diesen Preis gern verstehen, wie mir sein Oheim versichert.

Eile zu deiner Schwester und hinterbringe ihr diese Nachrichten, nebst meinem Befehl, sich von ihrem Schlosse nicht zu entfernen. Nur der strengste Gehorsam kann ihr die Hofnung auf meine Vergebung erhalten.

Mein Bruder trostete mich mit den zartlichsten Versicherungen, meinem Gemahl die Freiheit bald wieder zu verschaffen, und meine Agnes solch einem verhassten Geschick zu entziehen. Er verliess mich beruhigt, und versprach mir jeden Tag Nachricht zu geben.

Sieh nun, bestes Kind, aus folgenden Briefen den Fortgang der Begebenheiten die Lage deines Vaters das Opfer welches man deinem Herzen abzwingen will und das Ungluck deiner Mutter."

1. Der Prinz von * an seine Schwester.

"Als ich von dir zuruck kam, liebste Schwester, erfuhr ich, Nordheim habe schon zweimahl nach mir gefragt.

Nach wenigen Augenblicken kam er selbst.

Er grusste mich ernsthafter als gewohnlich. Es war etwas schmerzlich Bewegtes in seinen Minen, welches mein Gemuth gewaltig ergriff. Ich hatte ihn nie leidend gesehen, und der Schmerz welcher uber seine edle Gestalt ergossen war, gab seinem ganzen Wesen gleichsam etwas uberirdisches. Ich fuhlte die Gewalt einer regeren starkeren Natur, die in ihrem inneren Leben gereizt, dennoch ihre Kraft unzerstreut und im schonsten Gleichgewicht empfand.

Er frug mich sogleich, ob ich etwas um die Begebenheiten der letzten Nacht wisse? ob mir der Ort bekannt sey, wo man Agnes hingebracht?

Ich hatte die besten Vorsatze gefasst, das Vertrauen meines Vaters zu respectiren; aber bey Nordheims geradem vertraulichem Benehmen, vor seinem Blick, der immer mein ganzes Herz zu durchschauen gewohnt war, entfiel mir aller Muth ihm etwas zu verbergen.

Gleichwohl vermochte ich zu sagen: Seyn Sie unbesorgt um Agnes Schicksal, mein Freund, und beruhigen auch die Grafin. Agnes ist in sichren achtungswerthen Handen. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen nichts weiteres sage, es ist das Geheimniss meines Vaters.

Ihr Herz hat keinen Theil an der ganzen Begebenheit? fragte mich Nordheim.

Als ich diese Frage mit Nein beantwortet, sagte er: Nun so eile ich, den Fursten sogleich selbst zu befragen.

Es war mir lieb, dem Minister Nordheims thatigen Antheil an dieser Sache lebhaft fuhlen zu lassen, und ich erwartete ein schonenderes Betragen gegen Hohenfels, wenn Nordheim in die ganze Verhandlung gezogen wurde. Diese Hofnung war, so wie ich die Lage der Sachen damahls einsah, nicht schimarisch.

Ich begleitete Nordheim zu meinem Vater, der eben mit dem Minister arbeitete. Dieser zog sich hochst verlegen in ein Fenster zuruck.

Ich komme, sagte Nordheim laut, Ihro Durchlaucht um Schutz zu bitten, gegen ein hochst sonderbares, unbegreifliches Benehmen. Ein unschuldiges liebenswurdiges Madchen wurde gestern gewaltsam ihren Freunden entrissen. Niemand hat ein starkeres Recht sich dieser Beleidigung anzunehmen als ich, denn sie schenkte mir ihre Liebe, und ist seit gestern meine Verlobte.

Mein Vater gerieth in die gluhendste Verlegenheit, dennoch antwortete er nach wenig Augenblicken kalt und sicher: Es sind gewisse Verhaltnisse, Herr von Nordheim, eine sehr sonderbare Lage, welche mich bewogen hat, Agnes von Lilien unter meinen Schutz zu nehmen. Was eine Verbindung mit ihr betrift, so muss ich Sie bitten, diesen Plan aufzugeben.

Aufzugeben? sagte Nordheim mit zuruckgehaltener Heftigkeit: ich kenne nichts in der Welt welches mich hierzu nothigen konnte, so lange ich hoffen darf, das Gluck meiner Geliebten zu machen.

Mein Vater wurde nun immer verlegner und verwirrter in seinen Antworten. Nordheim bestand kuhn darauf, von Agnes Aufenthalt unterrichtet zu werden, er zeigte ungemeine Gewandtheit des Geistes, und ehrne Festigkeit des Willens in der ganzen Unterredung. Gegen meinen Vater betrug er sich mit Schonung, aber der Minister bekam manchen drohenden Wink.

Alles ist demnach vergebens sagte er, indem er aufstand um Abschied zu nehmen. Ich habe gezeigt, wie gern ich in den Grenzen der Massigung und schuldigen Achtung bleibe. Aber jetzt werden mir Ihro Durchlaucht verzeihen, dass ich mich fur ungebunden halte, alle Massregeln zu ergreifen, die ich nur immer vor meinem eignen Herzen verantworten kann.

Ich wollte Nordheim folgen, mein Vater hielt mich zuruck. Er uberliess sich den heftigsten Ausbruchen des Unwillens. Der Minister wusste geschickt, durch seine angenommene Ruhe und Kalte, der Flamme nur noch mehr Ol zuzugiessen. Mein Vater that die furchterlichsten Gelubde, durch welche schwache Charaktere immer ihren eignen unrechtmassigen Entschlussen Festigkeit zu geben suchen: nie wurde er eine Verbindung zwischen Nordheim und Agnes zugeben.

Nordheims hochst sichres und festes Benehmen vermehrte die Furcht meines Vaters, das Geheimniss seiner Familie in seinen Handen zu sehen. Alle Handlungen, deren Motive im Herzen zu suchen sind, liegen ganz ausser dem Gesichtskreise meines Vaters; und wenn er ein Interesse hat, sich solche zu erklaren, so schiebt er naturlich falsche Bewegungsgrunde unter. Uberdem giebt er den Verhaltnissen des Standes und Ranges, die einmahl seine Natur ausmachen, auch eine alles uberwiegende Wichtigkeit. Unbegreiflich wird es ihm dunken, dass Nordheim die Anspruche auf Agnes Geburt, nicht geltend machen, oder sie aus Liebe aufgeben konnte. Mein Vater glaubt Nordheim von der ganzen Geschichte deiner Heurath durch seinen Vater unterrichtet; furchtet, dass das Recht, welches er dir selbst in gewissen Momenten zugestehen muss, durch Nordheims Kuhnheit und hoheren Geist geleitet, noch obsiegen, und dahin fuhren mochte, deine Verhaltnisse vor der Welt bekannt zu machen.

Wie der Schwache jede Kraft furchtet, deren Wirkungen er nicht zu ermessen vermag, so sieht er auch lauter Poltergeister um sich her. Gute und Starke sind die naturlichen Poltergeister eines schwachen Sinns.

Nordheims hoheres Wesen fiel meinem Vater auf, als eine neue Erscheinung, welche seine Achtung erzwang. Aber jetzt, da er selbst in Collision mit jenem hoheren reineren Gemuth tritt, verwandelt sich die Achtung in Furcht. Die Furcht verwirrt den Verstand, und verhartet das Herz. Was bleibt uns zu thun und zu hoffen ubrig?

Unsre Agnes muss nicht aufgeopfert werden. Ich vermag es nicht zu denken, das sanfte holde Geschopf, das Schonheit und Wahrheit mit solch einem regen unverstimmbaren Sinn ergreift, sollte fur immer an einen Thoren gefesselt werden? Der junge Mensch ist herz- und geistlos. Es wuchs mit Agnes auf, und der Onkel sprach gegen mich von einer Leidenschaft, die er aus Gehorsam gegen seine Eltern unterdruckte, und die jetzt auf einmahl in vollen Flammen auflodert.

Du weisst, was ich von dem denke, und dass ich gewisse Gesichter lieber vom Galgen und Rad, als von Liebe und Tugend reden hore.

Agnes muss gerettet werden; aber dass mein Vater fur Nordheim zu bewegen ist, daran zweifle ich. Wir werden einen dritten Weg einschlagen mussen, auf welchem wir vielleicht leichter mit meinem Vater zusammentreffen.

Ich benutzte den ersten freien Augenblick, um zu Nordheim zu eilen.

Ich war entschlossen ihm alles zu entdecken, da ich den innigen Antheil seines Herzens fur Agnes empfunden hatte, und mit ihm gemeinschaftliche Massregeln zu nehmen; aber er war schon abgereist.

Ich suchte die Grafin auf, sie war unruhig und verschlossen, und wollte, oder wusste mit uber Nordheims Aufenthalt nichts zu sagen.

Die kleine Bettina fiel mir im Vorzimmer zu Fussen und rief: Wenn Sie ein Herz haben, die Leiden der Trennung zu fuhlen, so sagen Sie mir, wo ist meine Agnes?

Morgen denke ich den Aufenthalt unsrer Agnes zu erfahren. Die Leute, die ich auf Kundschaft ausgeschickt, mussen zuruckkommen."

2.

"Hohenfels ist ausser Gefahr, das Wundfieber war nur leicht, und ist jetzt schon voruber. Die Wunde ist im besten Zustand, und wir werden uns in kurzem seiner volligen Genesung erfreuen. Man begegnet ihm gutig, aber ubrigens wird er streng bewacht. Er ist einem alten Officier ubergeben, der sich streng an die Befehle meines Vaters bindet, und von unbestechbarer Rechtschaffenheit ist. In allem was nicht gegen seine Pflicht lauft, ist er mild und gefallig, und hat mir versprochen, Hohenfels mit der grossten Aufmerksamkeit zu begegnen. Beruhige dich also, liebe Schwester, uber Hohenfels Schicksal, welches an sich nicht unglucklich ist, und unverandert bleiben wird, wenn der Unwille meines Vaters nicht auf das neue gereizt wird. Der Lauf der Natur erinnert mich an den Zeitpunkt, wo es in meiner Gewalt stehen wird, jeden Kummes von deinem Herzen zu nehmen; ruste dich bis dahin mit Starke und Geduld.

Unsre Agnes ist auf das Jagdschloss B. gebracht worden. Einer alten Franzosin, einer ehemahligen Liebe des Ministers, an welcher mein Vater auch fur kurze Zeit Geschmack fand, ist sie ubergeben. Alle Zugange sind dort fur uns offen, da ich einen meiner vertrautesten Leute an diesem Ort habe, einen alten Bedienten, der mir seit meiner Kindheit manchen Dienst that.

Der Mensch ist sehr schlau, und hat sein ganzes Leben hindurch gesucht sich durch das Auslernen fremder Schwachheiten der Dienstbarkeit zu entziehen, ja sich oft zum Herrn seiner Herrschaft zu machen.

Mochte ich dir uber die Gesinnungen meines Vaters auch etwas zu sagen finden, welches deinen Wunschen gemass ware! Aber noch immer fand ich seinen Sinn unbeugsam, so oft ich Nordheims Nahmen nannte. Die entfernteste Ausserung uber Agnes Verbindung mit ihm wies er mit dem heftigsten Unwillen zuruck.

Ich fuhle wie der Minister darauf arbeitet, meinen Vater immer mehr gegen Nordheim zu entrusten, um diesen aus dem ganzen Verhaltniss zu entfernen.

Mein Vater ist in dem Zustand einer kranken Reizbarkeit, und sein emporter Starrsinn stosst jede milde Empfindung zuruck. Ich furchte, er konnte in diesem Zustand einer harten, ungerechten Handlung fahig seyn; hochst gefahrlich ware es, ihn zu reizen, so lange Hohenfels in seinen Handen ist. Er kennt keinen Frieden, bis Agnes verheurathet und entfernt ist. Die fieberhafte Verspannung seines Wesens, bey seiner Ermattung, seinen dumpfen Vorstellungen, flosset mir inniges Mitleid ein.

Wie furchtbar sind die starken Zuge des Gemuths im Alter, wenn sie nicht von der Wahrheit belebt werden!

Ich deutete schon gestern auf eine Idee, die vielleicht alle Partheien vereinte. Meinem Vater war sie nicht fremd, da er sich schon sonst einmahl dafur interessirt hatte.

Der sche Hof wunschte schon langst Julius als seinen Geschaftstrager in England. Wenn wir meinen Vater bewegen konnten, Julius statt des jungen Salm als einen Gemahl fur Agnes zu wahlen, so ware ihr Schicksal, wo nicht ganz der Wunsch ihres Herzens, doch gewiss sorgenlos und heiter. Wusste ich Nordheims Aufenthalt, ich wurde ihn zuerst mit der ganzen Lage bekannt machen, und alles der Leitung seines hoheren Sinns uberlassen.

Indess sind die Umstande dringend. Hohenfels muss befreit werden. Bald sollst du deine Tochter sehen, wir mussen alles versuchen, ihr Herz zum Gehorsam zu stimmen." Diese Blatter zogen mich in eine Welt neuer Verhaltnisse und Gefuhle. Seit meiner Jugend war mein Leben nur durch ein einziges Band gehalten. Die Zufriedenheit meines Vaters in Hohenfels, war, nach der innren Regel des Rechts in meinem Gemuth der einzige feste Gesichtspunkt, nach dem sich alle meine Handlungen richteten. Meine ganze Wirksamkeit strebte nach diesem Ziel. Fur meinen Vater hatte jeder meiner Schritte Bedeutung, und ich fuhlte mein Gluck oder Ungluck nur in seinem Herzen. Seitdem Nordheims Bekanntschaft mein Wesen den Sturmen der Leidenschaft offnete, in Momenten wo die Hofnung entfloh, der Puls des Lebens in meinem Herzen stockte, und starre Fuhllosigkeit mich ergriff, da erhielt mich das Andenken meines Vaters. Uber den Antheil, den er an meinen Leiden nehmen wurde, vergoss ich lindernde Thranen, und meine Seufzer nach dem Unendlichen, in dem wir die ganze Verkettung unsers Schicksals denken, hatten den Sinn: Mache mich glucklich, damit mein Vater sich meines Glucks erfreue!

Nordheims Liebe hielt mich mit einem neuen allgewaltigen Band umschlungen. Die Sorge fur sein Gluck begleitete jeden Pulsschlag meines Herzens. Jetzt erschienen die Gestalten meiner liebenden Eltern, die an meinem Herzen Ruhe suchten, und in meinem heitern Leben Trost, Freude, und Ersatz fur ihr eignes schmerzliches Schicksal finden wollten!

Unaussprechliches Mitleid fullte mein ganzes Wesen. Mein eignes Daseyn verlor sich gleichsam in diesem Gefuhl; ich hatte alles aufopfern konnen selbst das Gluck meiner Liebe nur nicht Nordheims Zufriedenheit. Wenn ich ihn leidend dachte, leidend durch mich! dann versagte mir jede Kraft, und alle Faden meines Daseyns rissen entzwey.

Physische Ermattung umzog endlich alle diese Vorstellungen gleichsam mit einem Nebel. Das stille Gefuhl meines Herzens, jedes eigne Gluck der Ruhe meiner Eltern aufopfern zu wollen, stimmte mich zu einer beruhigenden Einheit, in der ich bald einschlief.

Ein paar Akkorde auf der Guitarre erweckten mich wieder. Das Instrument schien dicht unter meinem Fenster gespielt zu werden. Bald ertonte Bettina's Stimme; sanft und halb leise sang sie folgende Worte:

Du liegst im bangen Schlummer,

Ich irr' im dunklen Wald;

Entferne jeden Kummer,

Dein Freund erscheint dir bald.

Schon flimmert Licht im Schlosse,

Die Knappen rasten nicht,

Gezaumet stehn die Rosse

Im grauen Morgenlicht.

Er schwingt sich auf den Rappen,

Fliegt uber Berg und Thal,

Ein Sturm, mit seinen Knappen

Langt an im Abendstrahl.

Und in der Dammrung Hulle

Birgt sie das hohe Korn,

Jetzt schallt durch Nacht und Stille

Der wackern Jager Horn.

Es sturmt wie ein Gewitter

Der ganze Tross feldein,

Es sturzen Thor und Gitter,

Der Liebste ziehet ein.

Des Thurmes Riegel schwirren,

Die Wachter sind entflohn;

Vernimm's, der Waffen Klirren

Sey dir der Liebe Ton.

Ich eilte zum Fenster, und erkannte die Gestalt des guten Madchens in der Morgendammerung. Sie stand dicht an einem Spalier an der Mauer unter mir, und vernahm sogleich meinen leisen Ruf.

Leicht wie ein Vogel schwang sie sich auf dem Spalier empor bis zu den Gittern meines Fensters. Ich musste ihr die Hand reichen, die sie an ihren Mund und an ihre Brust druckte.

Nachdem sie sich beruhigt hatte, vernahm ich von ihr die Lage meines Freundes und den Sinn ihres Liedes.

O, ich konnte deine Entfernung und die Ungewissheit deines Schicksals nicht langer aushalten! rief sie aus. Nordheim war wenige Tage nach dir weggereist, ich erfuhr von der Grafin, es sey um dich aufzusuchen.

Die Angst und Sorge um dich verzehrten mich, ich hatte Tag und Nacht keine Ruh. Ich war ganz mir selbst uberlassen, die Grafin war durch einen sonderbaren Vorfall in die tiefste Schwermuth verfallen, sie hatte mich ihrer Kammerfrau ubergeben, und uns allen befohlen, sie allein zu lassen.

In deinem Zimmer hatte sie das Kastchen gefunden, welches dir meine Mutter in Verwahrung gegeben.

Ich kam dazu, als es geoffnet vor ihr stand. Bleich, auf den Stuhl zuruck gelehnt, ein Papier in der Hand haltend, auf das ihre Augen starr geheftet waren, so fand ich sie.

Was ist Ihnen? rief ich, und auf meinen Ruf erwachte sie wie aus einem Traum.

Weisst du wie dieses Kastchen hieher kam? fragte sie heftig.

Von meiner Mutter, sagte ich, durch ihre Heftigkeit erschreckt: sie ubergab es an Agnes, als ich in die Stadt kam.

Sie umarmte mich unter heissen Thranen, versprach mich zu lieben, fur mich zu sorgen wie fur ihre eigne Tochter, und bat mich sie allein zu lassen. Ich beklagte sie herzlich, ob ich gleich von dem allen nichts verstand.

Ich sah wie sie das Kastchen in ihr Zimmer trug; den ganzen Tag wurde niemand vorgelassen.

Mein Bruder war eben in die Stadt gekommen, er fand mich entstellt und bleich wie ein Schatten.

Er hatte von Nordheims Leuten erfahren, dass er sich in der Gegend von U. aufhalte. Lass uns gehn, Agnes aufzusuchen, sagte ich meinem Bruder, und ich will ruhig werden.

Der Weg nach U. war uns bekannt, wir waren ehemahls mit meiner Mutter da gewesen. Mein Bruder ging nach Hause zuruck und hohlte ein Kleid fur mich, und seine Flote. Meiner Mutter sagte er, er solle in der Stadt bey mir bleiben. Nun gingen wir des Abends aus dem Hause der Grafin. So wie die Reise fortging wurde mir leichter, ich sah dich immer am Ziele der selben.

So kamen wir ohne Hinderniss nach U. Schon den andern Tag begegnete mein Bruder einem von Nordheims Bedienten auf der Strasse. Er hiess uns ruhig bleiben wo wir waren; den Abend kam ein Wagen uns abzuhohlen. Ich zitterte vor Furcht, man mochte uns zuruck bringen, in wenigen Stunden kamen wir in einem Hause an, wo uns deine Freundin Elise empfing.

Dort war ich bald in meinem Element, denn alles war nur mit dir beschaftigt. Elise sagte mir, dass du ausser Gefahr seyest, und dich auf einem Schloss aufhieltest, welches nicht weit von ihrem Landgut entfernt lage.

Nordheim und Julius kamen den nachsten Tag. Ich furchtete, Nordheim mochte meine Flucht von D. missbilligen. Aber die Liebe fur dich entschuldigte alles. Bald bemerkte ich, dass noch etwas geheimnissvolles in deinen Verhaltnissen sey, uber welches man sich nicht in meiner Gegenwart erklarte.

Julius und Nordheim waren oft abwesend, und unzertrennlich verband sie die Sorge um dich. Nordheim sendete mich jetzt zu dir, mit dem Arzt, er selbst schrieb mir genau vor, wie ich mich zu betragen hatte, und als ich zuruck kam, konnte er mit Fragen uber dein Aussehen, deine Mienen, deine Stimmung nicht fertig werden. Er ist jetzt fur einige Tage verreist, ich bemerkte bald, dass man Anstalten macht, dich diesem Aufenthalt zu entreissen.

Elise sagte mir diesen Abend, dass morgen Nordheim wieder ankommen wurde, um dich mit Gewalt zu befreien, wenn alle andere Mittel fehlschlagen sollten.

Dein einsamer Zustand und meine Sehnsucht zerrissen mir die Seele, bey der einbrechenden Nacht trieb es mich fort. Mir war es, als hiesse mir eine innre Stimme dir Muth und Hofnung zusingen.

Ich fand mich in der mondhellen Nacht leicht auf dem Waldpfad, der mir durch den Arzt bekannt wurde, hierher.

Gutes treues Geschopf! rief ich Ja, dir gab ein guter Genius den Anschlag ein, zu mir zu kommen.

Ich schrieb folgende Zeilen an Nordheim:

"Mein Schicksal steht mit dem Leben meines Vaters in der genausten Verbindung. Unternehmen Sie es nicht, mich diesem Aufenthalt zu entziehen!"

"Wie gern folgte ich dem Wink der Liebe, der fur mich auch die Leitung eines hohern Sinnes ist! Aber Umstande, die mein geliebter Freund nicht kennt, halten mich gebunden."

Ich bat Bettina zuruck zu eilen, und bey Nordheims Ankunft sogleich ihm dieses Billet zu ubergeben. Sie eilte von mir, wie ein leichter Morgentraum, dessen freundliche Erscheinung uns wahrend dem Lauf des Tages begleitet, um uns als ein Friedensbote bessrer Zeiten, Freyheit und Hofnung zuzuwinken.

Die Sonne ging auf. Der Zauber des Morgenlichts wirkte, im tiefsten Schmerz, im hochsten Gluck, immer lebendig auf mein Gemuth. Nordheims Liebe umfasste mein ganzes Wesen mit freundlicher Gewalt.

Ich habe es genossen, das hochste, zarteste Leben! sagte ich mir selbst. Nichts vermag mir diese Erinnerung, dieses ewig lebendige Daseyn in seinem Herzen zu rauben. Was fur wechselnde Erscheinungen auch die Zeit mit sich fuhren mag, alle mussen sich auflosen in der Ewigkeit der Liebe.

Ich las die Blatter meiner Mutter von neuem. Meiner Eltern Schicksal ergriff mein Herz mit einer schauervollen Gegenwart, und ich fuhlte die Nothwendigkeit, diesen theuren Unglucklichen mein Leben und alle Krafte meines Geistes und Herzens aufzuopfern.

Fur meinen Grossvater fuhlte ich mehr Mitleiden als Unwillen.

Ich sagte mir, noch fordre die Zeit keinen Entschluss, aber ein lebhaftes klares Gefuhl sieht immer die Strasse, die es zu wandeln hat, vor sich, ehe der Verstand die Verhaltnisse abgewogen, und die Vernunft einen Vorsatz gefasst hat.

Nordheim hatte mein Wort, ihm sollte die ganze Lage vorgelegt werden, von ihm erwartete ich die Richtschnur meines Betragens.

Ich schopfte sonderbaren Muth und Trost aus diesem Vorhaben. Mein Schicksal mochte nun bitter oder lieblich werden, aber es sollte nur von ihm kommen.

Ich hofte, wenn ich an seinen Muth, den tiefen heitern Blick seines Geistes dachte, der dem ganzen Verhaltniss vielleicht eine neue Wendung geben konnte. Ich lebte, wenn ich die Kraft seines Herzens ermass, dem Rechten und Schonen alles Gluck seines Lebens aufzuopfern. Von Julius, wusste ich, konnte mir nichts Boses kommen, ich war seines Edelmuthes gewiss. Aber das Bild meines gefangenen Vaters drangte sich allen diesen Vorstellungen entgegen, und mein Herz zerfloss in Angst und Kummer.

Eine bestimmte Thatigkeit entriss mich der Verworrenheit meines eignen Wesens Das Kind, welches mir meinen lieblichen Traum zuruckgerufen hatte, war seit dieser zeit fast immer um mich gewesen, und ich sehnte mich jeden Morgen nach dem heitern Anblick seiner Liebenswurdigkeit und Unschuld. Kaum war es diesen Morgen in mein Zimmer getreten, als es einen Anfall von Krampfen bekam. Das arme kleine Geschopf wollte nicht von meinem Schoosse, klammerte seine Handchen um meinen Hals, gleich als konnte es nur an meiner Brust genesen.

Der Anblick des physischen Schmerzens ruft unsre ganze Natur auf.

In der Pflege des Kindes vergingen die Stunden des Tages, die sich durch meine unruhigen Vorstellungen zu Jahren des Leidens verlangert hatten.

Der Arzt kam, seinen gewohnlichen Abendbesuch abzustatten. Die Alte war theils mit dem Kinde beschaftigt, theils schien sie von den Begebenheiten der vergangnen Nacht unterrichtet, und weit entfernt ihren kunftigen Herrn durch allzugewissenhafte Treue fur den gegenwartigen zu beleidigen, bezeigte sie sich nachgiebiger und gefalliger gegen mich, da sie auf ein ernsthaftes Interesse des Prinzen schliessen musste.

Der Vorschlag des Arztes, mich allein in den Garten zu fuhren, wurde angenommen.

Der Arzt, las bedenklich auf moinem Gesicht, wo er die Heiterkeit und Ruhe, die er erwartet hatte, vollig vermisste. Er fuhrte mich ans Ende des Gartens in eine Laube, und fragte, ob er einen Freund zu mir bringen durfe? Nordheim trat aus dem Gebusch hervor, lag zu meinen Fussen, schloss mich an seine Brust. Susses heiliges Leben der Liebe, vor dem die Zukunft und Vergangenheit verschwindet, durchflammte uns. In der ersten sussen Verwirrung der Freude war jede Last von meinem Herzen gesunken. Der Arzt entfernte sich. Nordheim hielt zartlich meine Hand, und als wir wieder Worte finden konnten, strebten unsre Wunsche nach einer Zukunft, die uns vereinen, und unser gegenwartiges Gluck uns fur immer versichern sollte. Alle Schwierigkeiten meiner Lage fielen jetzt mit furchtbarer Gewalt auf mein Herz.

Ich habe Ihren Vater gesprochen, sagte mir Nordheim: mit seiner Einwilligung machte ich den Plan, Sie so bald als moglich diesem Aufenthalt zu entreissen. Warum befahlen Sie mir ihm zu entsagen?

Ich sagte ihm die Besorgnisse meiner Mutter. Er war von dem ganzen Verhaltniss durch meinen Vater unterrichtet.

Nordheim hatte dem Commandanten der Vestung ein Vertrauen einzuflossen gewusst, das ihm vollig freien Zugang zu meinem Vater gestattete. Auch von D. aus hatte er Nachrichten, die ihn mit dem Widerwillen meines Grossvaters gegen unsre Verbindung bekannt machten.

Mit sanften Bitten suchte er meinen Entschluss zu bestimmen. Ich fuhlte, dass mir die Kraft fehlte, ihm zu widerstehen, und gleichwohl hielt mich das meiner Mutter gegebene Versprechen. Schonen Sie mich, Nordheim! sagte ich. O, Sie kennen die Gewalt Ihrer Bitten nicht.

Seine Augen ruhten mit innigster Zartlichkeit auf mir. Welcher Himmel wohnte in den klaren heitern Blicken, die im vollen Vertrauen der Liebe mein ganzes Wesen umfassten!

Da war kein Zweifel, kein scharfes Beobachten mehr, aber die selige Freiheit eines Wesens das sich ganz hingiebt, und ein reines Herz ganz und rein empfangt.

Wie konnte ich ein solches Herz missverstehen, solche himmlische Unbefangenheit! rief Nordheim aus. Bitter racht das Schicksal meinen Irrthum, mein Zogern, meine Untreue an mir selbst, da ich der bessern Uberzeugung des Herzens entfloh.

Ich wunschte nicht meine theure Agnes zu uberreden, sondern zu uberzeugen, fuhr er fort. Der Drang der Verhaltnisse muss meine grelle Darstellung unsrer Lage entschuldigen. Ihr Grossvater ist ein schwacher unempfindlicher Mann; Ihre Mutter zartlich, hingebend und durch lange Leiden muthlos. Ihr Onkel keines tiefen Eindrucks fahig, giebt fremde Empfindungen eben so leicht wie seine eignen auf, und wird immer in seinen Handlungen von aussern Rucksichten hingerissen, so sehr sein reiner Verstand sich zu einer entgegengesetzten Handlungsweise bekennt. Was haben wir von dem Zusammenfluss dieser Charaktere zu erwarten? Der Furst wird nur der Nothwendigkeit nachgeben, und diese allein wird Ihre Mutter und Ihren Onkel zu einem festen Betragen bewegen.

Ich bin gewiss, dass der Minister kein Verbrechen wagt, auch ist Ihr Vater durch die Treue und Redlichkeit des Commandanten geschutzt.

Hohenfels Gefangennehmung ist ein Eingrif in die Vorrechte unsres Standes, der nicht ungeahndet bleiben wird. Die Stimme der Freiheit, die uns nicht mehr ins Feld zum ofnen Kampf gegen die Unterdruckung lockt, ist darum nicht verstummt. Der Geist jeder Zeit liefert Waffen gegen ungerechte Unterdruckung, fur den der sie zu gebrauchen versteht.

Die kalte arglistige Politik, mit welcher der Minister gegen uns wirkt, soll vor dem Geradsinn des Rechts und der Unschuld zu Schanden werden. Ich darf es hoffen, der Furst selbst wird sich zu uns wenden, wenn wir ihn aus den Banden der Gewohnheit gerissen haben.

Diese armseligen Menschen, die sich zu allem brauchen lassen, deren erstes Gut die Gunst ihres Herrn ist, ziehen die edelsten Charaktere in ihr niedriges Gewerbe herab. Julius, ihr Vater und ich, sollten wir nicht den Kampf mit einem eigennutzigen schadlichen Thoren wagen?

Ein edler Unwille gluhte auf Nordheims Stirn. Ich fuhlte mich hingerissen, aber die Besorgnisse meiner Mutter um die Sicherheit meines Vaters, die Furcht ein unwiederbringliches Gut zu verlieren, kampfte mit meiner Neigung, dem Geliebten zu folgen.

Geben Sie mir ein Recht, meine Agnes, Sie vor jeder Gewalt zu beschutzen, sagte Nordheim zartlich. Nachdem wir den Segen Ihres Vaters von Hohenfels empfangen haben, eilen wir nach England. Unsre Entfernung wird den Fursten beruhigen. In kurzem wird er einsehen, wie entfernt mein Herz von jedem Streben des Ehrgeizes ist, und dass ich mit meiner Agnes jede Freude des Lebens besitze. Giebt der Furst Ihrem Vater die Freiheit, so ist alles vergessen. In der Verborgenheit, wie es ihre Verhaltnisse fordern, wird Ihre Mutter die Ruhe des Herzens im Gluck ihrer Geliebten finden. Ihr Vater wird bald mit uns, bald mit ihr leben.

Ich schwieg, verloren in dem Glanz der schonen seligen Zukunft, und sah Nordheim lachelnd an.

Eine neue Welt offnet sich mir in der himmlischen Klarheit deines Wesens, sagte Nordheim mit dem zartlichsten Ausdruck. Zum erstenmahl giebt sich mein Herz ganz, und der seligste Traum meiner Jugend steigt, wie die Sonne aus Nacht und Dammerung, strahlend aus den Wogen des Lebens empor. Da ist keine Tauschung des jugendlichen Sinnes, der den Gegenstand seines Begehrens, vom Glanz seines eignen Feuers umleuchtet, erblickt.

Mannichfache Gestalten haben sich in meinem Herzen abgedruckt, sie erregen manch sanftes Andenken, die Liebe ist so heilig, dass selbst ihre Tauschungen uns werth bleiben. So oft sich mein Herz jener zarten sussen Gewalt der Schonheit uberliess, so oft versank es in eine furchtbare Leere zuruck, denn Mangel und Beschranktheit zog es in kurzem von jedem Gegenstand wieder ab. Nur deine schone Natur, die sich im freien Spiel lieblicher Neigungen vor mir entfaltete, erhielt die Regungen des Verlangens in meinem Busen. Nur die innre Freiheit eines Wesens, die angebohrne Grazie des Gefuhls, zieht uns in jene Ahndung des Unendlichen, ohne die unser Leben in dumpfer Beschrankung entflieht. Nur die Liebe lehrt unsere Herzen ein Leben ahnden, fur dessen Begrif, Verstand und Sinn schwindeln. Holdes Wesen, die Natur in deiner schonen freien Seele ist unendlich, ein rastloses Streben nach dem Hochsten und Schonsten ist ihr innres Leben. Jeder niedre Zweck, jede Kleinheit des Sinnes, ja selbst das edelste, jeder Kampf das Rechte und Schone zu erringen, giebt ein Gefuhl des Mangels und der Eingeschranktheit. Eine selige Fulle ist in deinem lieblichen Wesen. Das Rechte ist dein Instinkt, die Schonheit dein Element, und deine liebliche Fantasie, als ein unerschopflicher Quell des neuen Lebens, bildet dein eignes Selbst in tausend wechselnden reizenden Formen.

Lass mich es aussprechen, was du bist, sagte Nordheim, indem seine Augen sich mit Thranen fullten. Fuhle mein Gluck in der hohen Gestalt deines Wesens, und zwinge so deine holde Bescheidenheit auf deinem Bilde zu verweilen.

Gleichwie vor einer Verklarten schwand die Erde vor mir, und ein Himmel des reinsten Genusses offnete sich.

Ewiges Wesen! seufzte ich, gieb mir das Vermogen die Gestalt des Innren zu bewahren, die das Gluck meines Geliebten macht!

Das Leben hat vielleicht manche Klippe die mir noch unbekannt ist, sagte ich zu Nordheim. Wie manche gute Natur wird vom Schicksal zerstohrt. Mein theurer Freund, lehre mich selbst die Existenz zu bewahren, die das edelste Herz zu mir zog.

Wir durchflogen den Cirkel unsrer Freunde, und wunschten sie alle mit dem Gefuhl unsers Glucks zu beleben. Uber Julius sagte mir Nordheim: Seine schone reine Liebe flosst mir oft die Furcht ein, meiner Agnes den Verlust solch eines Herzens nie ersetzen zu konnen.

Ich wagte es nicht von der Grafin zu sprechen, aber

Nordheim selbst sagte: Mein ganzes vergangenes Leben werde ich meiner Agnes enthullen, nachdem uns irgend eine Spur der Gegenwart darauf fuhrt. Wir sehen uns selten rein, wenn wir eigentlich darauf ausgehen, unser innres Daseyn als ein Ganzes vor eine fremde Vorstellungsart zu halten. Und hier, wo der Eindruck so wesentlich zu meinem Gluck ist, misstraue ich meiner Unbefangenheit. Amalie selbst wird unser Verhaltniss gegen Sie aussprechen, dass in i h r e r zarten weiblichen Seele eine schonere Gestalt gewinnt.

Ein paar gluckliche Stunden waren entflogen. Jedes

Wort meines Geliebten war voll des heiligen Sinnes der Gute und Liebe. Immer kam er auf seine Bitte zuruck, dass ich ihm diesen Abend zu Elisen folgen sollte.

Mein Entschluss schwankte, aber ich fuhlte dass

mein Herz mich zwang, seinen Bitten nachzugeben. Das Schicksal gab den Ausschlag.

Der Arzt kam eilends zu uns, und meldete, dass der

Furst, die Prinzessin und der Prinz so eben angekommen waren. Die Alte sey in der furchterlichsten Angst, er selbst hatte ihr versprochen, mich unverzuglich auf mein Zimmer zu bringen.

Nordheim kusste meine Hand mit einem traurigen Blick. Eine Blume, die ich eben zwischen den Fingern hielt, verbarg er in seinen Busen.

Ich fuhlte, dass er sich nur aus Schonung fur den Arzt entfernte, leise flusterte er mir zu:

"Um zehn Uhr bin ich wieder an diesem Platz."

Kaum war ich in meinem Zimmer, als meine Mutter hereintrat.

Der Furst ist hier und will dich sehen, sagte sie mir. Die Arzte verordneten ihm das sche Bad.

Ich und mein Bruder begegneten ihm ganz unvermuthet. Er errieth w o ich gewesen war, aber er war mild gestimmt, und ausserte selbst den Wunsch, dich von diesem Ort zu entfernen. Deine Freundin Elise wohnt in der Nahe, und ich erlangte die Erlaubniss meines Vaters, dich auf einige Tage zu ihr zu bringen.

Die Gefalligkeit, mit welcher der Minister selbst an diesem Plan arbeitete, befremdete mich nicht wenig.

Aber deine Entfernung von diesem einsamen Ort, deine Vereinigung mit deinen Freunden, ist immer ein Gewinn, welchen wir eilend ergreifen mussen.

Meine Mutter befahl mir, mich so sorgfaltig anzukleiden, als die Kurze der Zeit es gestattete. Gutig und besorgt um den Eindruck welchen ich machen sollte, half sie mir selbst. Wie sanft bewegte ihre Liebe, ihre susse Sorge mein Herz!

Ich hatte die Alte weggeschickt, um mir Nachricht von dem Befinden des Kindes zu bringen. Sie kam zuruck und brachte es selbst mit, man hatte sein ungestumes Verlangen nach mir nicht anders befriedigen konnen.

Ich hielt es einen Augenblick in meinen Armen, um es zu beruhigen, als der Prinz hereintrat.

Er naherte sich mir, wollte mit dem Kinde scherzen, aber eine gluhende Rothe flog uber seine Wangen, als er dessen Zuge genau betrachtete. Ich hatte die Mutter des Kindes nie gesehen, und Madame Imbert hatte mir gesagt, dass sie sich seiner aus Mitleiden, als eines hulflosen Geschopfes angenommen.

Der Prinz that mit dem lebhaftesten Ausdruck ein paar heimliche Fragen an die Alte, und wendete sich dann mit einem zartlichen Blick gegen das Kind. Er zog meine Mutter in ein Fenster, und diese sagte der Alten:

Sie wenden sich kunftig an mich uber alles was dieses Kind betrifft, ich ubernehme seine Erziehung.

Ich war glucklich uber die gute Wendung, welche das Schicksal dieses kleinen Geschopfs genommen, dem ich so manche gute Stunde in meiner Einsamkeit verdankte, und druckte meiner Mutter und des Prinzen Hand an mein Herz.

Das Schicksal hat Sie einmahl zu meinem guten Genius gemacht, liebste Agnes, sagte der Prinz. Die sanften Neigungen Ihres Herzens fuhren mich zu meinen Pflichten. O warum kann uns nicht das zarteste Band verbinden, und mir fur den reichen Gehalt meines Lebens burgen!

Meine Mutter sagte geruhrt: Mein gutes Madchen wird unser aller Leben verschonern, und uns immer zur Wahrheit und Natur fuhren, wie ein freundlicher Sonnenblick ins freye Feld lockt.

Wir waren an dem Vorzimmer des Fursten.

Ich bebte vor dem Anschauen der ernsten strengen Gestalt, von welcher ich den tiefsten Schmerz meines Lebens empfangen sollte, die Trennung von meinem Geliebten; gleichwohl zog mich eine geheimnissvolle, zarte Regung der Natur zu ihr hin.

Der Furst schien anfanglich noch ernster und kalter als gewohnlich. Er sah mich scharf an, und ich fuhlte, dass die Gewalt, die er durch eine lange Gewohnheit uber seine aussern Bewegungen erlangt hatte, doch in diesem ausserordentlichen Fall nicht ganz zureichte. Seine Kalte hatte dennoch nichts unfreundliches, und schien mir nur ein Misstrauen gegen sich selbst anzudeuten.

Er fragte nach meiner Gesundheit. Ich dankte, und mein Herz riss mich hin, mich nach seiner Hand zu beugen. Er zog sie heftig zuruck, kusste mich auf die Stirn und sagte: Ich will Ihnen herzlich wohl, gutes Kind, und hoffe Sie werden meiner guten Meinung fur Sie nicht widerstreben.

Eine Thrane hing in seinen Augenwimpern, er strebte die Regungen der Natur zu uberwinden, und wendete sich von mir.

Unaussprechlich ruhrte mich der Antheil dieses sonst so kalten Herzens. Ich zitterte vor Furcht, er mochte mir sein Begehren deutlicher aussprechen, und vor der Nothwendigkelt, ihm widerstehen zu mussen.

Wenn das Alter Wurde mit Liebe vereint, dann wirkt es mit uberirdischer Gewalt auf unser Gemuth, und der Blick eines Greises vor dem die Welt in Erfahrungen und Begriffe aufgelost daliegt, deutet uns immer mit einem Wink strenger Warnung auf die Strasse des Lebens.

Der Minister kam zur Gesellschaft, und mein Innres emporte sich vor dem Anschauen eines Mannes, durch den meine Eltern so viel gelitten hatten, und der auch so feindselig in mein und Nordheims Schicksal zu greifen versuchte.

Das Spiel dampfte die so ganz disharmonirende Stimmung unsers kleinen Cirkels. Mit welchem Flitter umkleidet der Gang der Gesellschaft unter den hohern Standen, die einfache Wahrheit des Lebens! Das Gewebe kleiner mechanischer Beschaftigungen umstrickt den Geist und schlafert das rege Herz ein. Jeder lernt endlich so, neben dem was ihm am heterogensten ist, aushalten.

Der Prinz hatte sich entfernt, ich wurde zur Whistpartie unentbehrlich.

Meinem Grossvater, meiner Mutter gegenuber, musste mein Herz sein zartestes Empfinden verschliessen. Die kostbaren Augenblicke eines einzigen Genusses, mussen sie in dieser Nichtigkeit vergehen? sagte ich mir selbst. Es drangte mich beinah unwiderstehlich, die zitternde Hand meines Grossvaters von den Karten zuruck zu halten, und zu seinen Fussen mein Innerstes auszusprechen. Die Zeit versammlet uns nur einmahl auf diesem Erdball, und unsre unselige Zerstreuungssucht betrugt uns noch um die rasch entfliehenden Momente!

Jede Viertelstunde, deren Verstreichen mir durch eine grosse Wanduhr verkundigt wurde, machte mich zittern. Die Stunde nahte, in der Nordheim sich im Garten einfinden sollte. Ich rechnete auf seine Einwilligung, bey Elisen den Ausgang unsrer Verhaltnisse zu erwarten. Aber sollte er vergebens, ohne einen Laut von mir zu vernehmen, zuruckgehen? vielleicht durch mein Stillschweigen in Sorge gerathen, oder zu einem kuhnen Unternehmen gereizt werden? Die Unruhe verwirrte meine Vorstellungen immer mehr. Jeder Schlag der Uhr trieb den Angstschweiss auf meine Stirn. Endlich war ich entschlossen, ein schnelles Ubelbefinden vorzuschutzen, welches den Arzt herbeyrufen wurde, dem ich alsdann einen Auftrag an Nordheim geben konnte.

Der innre Scheu vor solch einer Unwahrheit liess mich zogern. Die Besorgniss meiner Mutter, der meine Unruhe nicht entging, gab mir die Sprache. Meine Lippen offneten sich zu der Bitte, mich entfernen zu durfen, als die Thur aufging und Nordheim hereintrat.

Ich bebte vor Freude, und bald vor Furcht einer bittern Erklarung zwischen ihm und dem Fursten.

Wie angenehm fuhlte ich mich uberrascht, als ihn der Furst freundlich willkommen hiess, als einen sehnlich Erwarteten, und ich Nordheim sagen horte, dass er vor wenigen Stunden erst die Befehle des Fursten vernommen.

Nordheim grusste mich zartlich, und hatte ein so unbefangenes offnes Betragen, wie nur ein Herz einflossen kann, das sich seiner Gefuhle erfreut, und sich durch ihre Starke uber jede Rucksicht erhaben empfindet.

Sanfte Freude fullte meine Brust im Gefuhl der vielfachen zarten Bande, die sich an mein Herz knupften. Welch eine neue Welt der Liebe! Nur die Liebe bezeichnete den Kreis meines Wirkens, meines zartesten Lebens, ich kannte kein anderes Daseyn. Fur wenige Momente konnte ich mich dem Gefuhl meines Glucks uberlassen. Meine Mutter und Nordheim standen in der Vertiefung eines Fensters. Ich hielt ihre Hande vereinigt in den meinen, druckte sie an meine Lippen, und empfing ihre zartlichen Kusse. Wir waren alle drey zu bewegt um zu sprechen.

Noch ein Herz wird bald an dem unsern schlagen, sagte Nordheim zu meiner Mutter. Ach, erwiederte sie sanft: Dann bin ich zu glucklich! Ich war gestern bey ihm, sagte Nordheim, und empfing seinen Segen. Wie gross ist sein Herz in der Gewohnheit geworden, fur seine Geliebten zu leiden! Meine theure Mutter, ich wage den sussen Nahmen, lassen Sie jede Sorge an meinem Herzen ruhen. Ich nehme den Olzweig, welchen mir der Minister vor wenigen Stunden reichte, an; aber mit keiner unbewaffneten Hand, denn leicht konnte er sich in einen Dornstrauch verwandeln. Furchten Sie kein gewagtes Spiel, ich gelobe es Ihnen, ich will die theure Hand Ihrer Agnes nicht eher begehren, bis ich sie aus dem freien Arm ihres Vaters empfange.

In wenigen Tagen sehe ich Sie bey Albans wieder, sagte er mir sanft. O wenn es mir gelange, den guten edelgesinnten Greis zur Theilnahme an unserm Gluck zu bewegen!

Der Furst bat Nordheim, ihm in sein Kabinet zu folgen, und als sie zum Abendessen zuruckkamen, dunkte es mir, als hatten sich einige leichte Wolken vor der Stirn meines Geliebten gesammelt.

Jeder spielte seine Rolle den Abend hindurch, so gut er konnte. Nordheim allein spielte keine, sondern war mit der hochsten Freiheit und Unbefangenheit gegen jeden, was die Natur seines Wesens und des Verhaltnisses forderte. Nachgebend und schonend gegen den Fursten, wie es uberlegene Starke und Mitleid gegen Alter und Schwachheit gebot; kalt, zuweilen schlau gegen den Minister, sanft und gefallig gegen meiner Mutter, leicht und angenehm mit dem Prinzen, und ohne Zuruckhaltung zartlich gegen mich.

Seine Freiheit verbreitete eine allgemeine, fur die verworrenen Verhaltnisse beinah unbegreifliche Heiterkeit.

Der Furst wollte fruh abreisen. Der Prinz, meine Mutter und der Minister begleitete ihn ins Bad. Auch Nordheim sollte ihm fur einige Tage folgen, wegen Geschafte, uber die er mit ihm zu sprechen hatte.

Der Furst fragte mich beym Abschied, wie ich mit dem Betragen seiner Leute gegen mich auf diesem Schlosse zufrieden sey? Ich lobte ihre Gefalligkeit. Er uberreichte mir beym Abschied ein goldnes Etui, in dem ich eine Rolle Louisd'ore fand.

Er entzog seine Hand meinem Kusse nicht, sondern druckte die meine bewegt, und wendete sich schnell von mir.

Meine Mutter und Nordheim verlangten, dass ich augenblicklich zur Ruhe gehen sollte. Ich musste sie durch die Zimmer fuhren, wo ich krank gelegen, ihre Liebe, ihre Freude an meiner Genesung belohnten mich fur jedes Leiden.

Wie sanft schlief ich ein in der Nahe meiner Geliebten! Leicht und gestarkt erwachte ich, und eilte diesen Aufenthalt zu verlassen. Heilige Erinnerungen bezeichneten diese Mauern.

Madame Imbert sagte mir, dass alles zu meiner Abreise bereit sey. Herr von Nordheim habe es so eingerichtet, dass ich in seinem Wagen reisen sollte, der Doktor sey da, um mich zu begleiten. Sie selbst nahm einen ruhrenden Abschied, und schien hochst zufrieden uber das gute Zeugniss, welches ich ihr beym Fursten gegeben.

Ich empfahl ihr das Kind, und eilte in das Vorzimmer, den Arzt zu grussen. Welche susse Uberraschung! Ich fand Nordheim bey ihm, der sich mit Fleiss verspatet hatte, um mich noch einmahl zu sehen. Er starkte mein Herz mit Liebe und Hofnung, sprach von der seligen Zeit, die uns fur immer vereinen sollte, und wir schieden leicht und frohlich im Gefuhl des nahen Wiedersehens. Wir flogen uber die breite Strasse durch den Wald, Nordheim folgte uns, und unsre Wagen begegneten sich noch einmahl.

Eine gluckliche Vorbedeutung! rief mir Nordheim lachelnd zu.

Durch die Hulfe des Arztes verliess ich diesen Ort gesund und heiter Er fuhlte sich glucklich in meiner Dankbarkeit.

Nordheim, den er bis zur Anbetung verehrte, war der Gegenstand unsers Gesprachs.

Elise und ihr Mann empfingen mich mit herzlicher Liebe. Julius kam so eben von einem Spatzierritt zuruck. Er schien heiter. Aber die letzte Zeit hatte eine tiefe Spur der Unruhe in seinen sanften Zugen zuruckgelassen, alle Umrisse waren scharfer und bestimmter geworden.

Julius fand mich unerwartet. Elise hatte meine Ankunft erst vor wenigen Stunden durch Nordheim erfahren.

Mein Herz offnete sich in dem lieben Cirkel, wie in den Tagen unsren ersten Verbindung. Ich dachte mit Elisen der Zeit, wo sie mich zuerst in ihren kleinen Cirkel zog. Glucklich, unsre Freundschaft schon in solcher Vergangenheit gegrundet zu finden, riefen wir aus: Alles ist wieder wie in D.!

Nein, alles ist nicht so, sagte Julius. Eine der Gottinnen fehlt, die Hofnung! Schnell fasste er sich wieder, sah mich heiter an und sagte: Bleibt doch die himmlische Schwester, immer mogen die zwey irdischen fehlen.

Ich musste mit meinen Freunden uber meine letzten Begebenheiten sprechen.

Uber vieles waren sie unterrichtet. Nordheim hatte grosstentheils mit ihnen gelebt, und lebhaft beschrieben sie mir ihre Unruhe, mich in dieser Nahe zu wissen, ohne mich sehen zu konnen.

Die Verhaltnisse meiner Mutter schienen ihnen unbekannt zu seyn, und mit diesen also der eigentliche Grund meines Aufenthaltes auf dem Jagdschlosse.

In der ersten sussen Verwirrung des Wiedersehns liebender Freunde wird nichts genau bestimmt, und wahrend wir uns noch in dieser befanden, liess sich die Grafin von Wildenfels anmelden.

Die Sorge um Bettina, und der Wunsch sich mir zu nahern, schienen sie zu dieser Reise bestimmt zu haben.

Nachdem wir die Grafin empfangen, und die Begebenheiten, die sich seit unsrer Trennung zugetragen, im Verlaufe des Tages gemeinsam besprochen hatten, lud sie mich am Abend zu einem einsamen Spatziergange ein.

Beym ersten Blick hatte ich eine sonderbare Veranderung in ihrem ganzen Wesen wahrgenommen. Die Leichtigkeit und Grazie ihres Betragens hatte sich in Stille und Ernst verwandelt. Sie schien den aussern Eindruck ganz aufzugeben; ihr Junres schien durch Vorstellungen bewegt, die sich an eine hohere Ordnung der Dinge knupften. Es war eine stille Hoheit um sie her, die sich mit dem Entsagen auf alles was Schein ist, naturlich gattet. Ihre Kleidung war hochst einfach, die sorgfaltigste Reinlichkeit schien der einzige Schmuck zu seyn, nach welchem sie strebte.

Sie horte einen jeden sanft und geduldig an, da sie ihre grosse Lebhaftigkeit sonst zu mancher Unaufmerksamkeit hinriss. Naturliches Wohlwollen, und eine bestandige Resignation ihrer selbst, gab ihrem Betraen eine einnehmende Ruhe.

Ich fragte mich selbst, ob diese bemerkte Veranderung vielleicht nur der Wiederschein meines eignen ruhig gewordenen Herzens sey, das bey ihrem Anblick sonst so selten ohne den Krampf der Leidenschaft geblieben war. Aber meine Freunde hatten mir gleich gefuhlt, und theilten mir ihre Bemerkungen noch fruher mit, als sie die meinen vernahmen.

Ein tiefes Mitleiden fullte meine Brust, ich hatte zu den Fussen dieser edlen reinen Gestalt sinken mogen, um sie uber den Besitz eines Gluckes um Verzeihung zu bitten, dessen ich sie so wurdig fand.

Ich folgte ihr hochst bewegt durch den Garten. Sie sprach mit vertraulichem Wohlwollen uber meine ganze Lage, die sie durch meine Mutter, nebst dem Gestandniss ihrer eignen Verhaltnisse vernommen. Sie gab mir Hofnung, dass der Sinn des Fursten sich vielleicht noch gunstig zu unsrer Verbindung beugen wurde, die er dem Lauf der Natur nach, doch in wenigen Jahren nothwendig voraus sehen musste. Ich fand schon oft diese sonderbare Erscheinung, sagte sie, dass Menschen, die nicht eine tiefere Ahndung der Seele zum Glauben an eine Zukunft hinreisst, ein ganzliches Unvermogen besitzen, ihre Rolle auf dem Schauplatz dieses Lebens als ausgespielt zu denken. Sie versuchen mit aller Macht in den Lauf der Begebenheiten einzugreifen, und schmieden Fesseln fur die fernsten Generationen.

Glucklicher Weise ist Ihr und Nordheims Verhaltniss ganz ausser dem Einfluss jenes irren Willens. Wenn Sie Ihren Vater frey und Ihre Mutter ruhig sehen, so kann sich Ihr Herz ungetheilt dem Gluck der Liebe hingeben.

Ihr Schicksal ist schon und einzig, bestes Kind! rief sie mit einem sanften Lacheln aus. Eine heitre Jugend, in der sich alle Krafte des Gemuths frey und schon entfalteten, eine edle Liebe, in der sie sich erhohten und zu dem lebenreichsten Ganzen vereinten, und das stille reine Verhaltniss der Ehe, in dem Friede und Ruhe des Himmels liegt, wenn achte Liebe es webte! Wie verschieden vertheilt das Schicksal seine Gaben! Mein bessres Wesen musste untergehen die Harmonie des Gluckes beruhrte es auf Momente aber immer loste sie sich in furchterliche Sturme auf, spat empfange ich mich selbst aus dem Strohm zuruck, um dem bessern Erkennen und Wollen noch wenige Jahre der reinen freien Thatigkeit zu widmen.

Die Thranen sturzten uber meine Wangen, ich sank an ihre Brust und sagte ihr leise: Ach, ist mein Gluck das Opfer Ihres Herzens, so nehmen Sie es zuruck: ich kann so nicht glucklich seyn; durch keinen Raub es seyn.

Mit himmlischer Heiterkeit blickte sie mir ins Auge, druckte mich an ihre Brust und sagte:

Bestes Kind, der Moment ist gekommen, wo mein ganzes Gemuth der reinen Mitempfindung deines Gluckes fahig ist. Wie fuhl' ichs doch aufs neue so wahr, dass nur in der vollen Klarheit und Einheit des Willens zwey feinfuhlende Menschen sich in achter Liebe begegnen.

Ich empfand es oft, du k o n n t e s t mich bis jetzt nicht lieben! Seit wenigen Tagen lernte ich mein Innres ganz kennen.

Mein klarstes Erkennen, mein reinster Wille gonnte, wunschte dir Nordheims Liebe seit wir uns kannten. Ich darf es sagen, in sehr verwickelten Lagen, in Lagen, wo die Selbsttauschung fur mich beinah unvermeidlich wurde, habe ich keine Handlung begangen, kein Wort gesprochen gegen das Interesse deines Herzens. Mein folgendes Bekenntniss wird diese Selbsterhebung entschuldigen.

Immer fand ich eine unvertilgbare Schwachheit auf dem Grunde meines Herzens. Den Mann, der mir einzig liebenswurdig schien, ob ich ihn gleich nicht besitzen konnte, vermochte ich doch auch nicht, ohne den bittersten Schmerz, in den Armen eines andern Weibes zu denken. Jetzt reisst das Schicksal mit gewaltiger Hand auf einmahl einen Vorhang vor meinem Leben hinweg, fremde Gestalten treten hervor, und ergreifen mein Innres mit einer Gewalt, die seine ganze Vergangenheit umsturzt.

Ich kann jedes Ubel, welches mein jugendlicher Leichtsinn stiftete, wieder verguten, und die Thranen der Reue, die ich einer Entschlafenen weinte, werden sich in thatiges Wohlwollen, in Ubungen der Liebe verwandeln.

Ich will Ihnen in wenigen Zugen die Geschichte meines Lebens vorlegen, und dein gutes zartes Herz wird aus der neuen Wendung meines Schicksals den Frieden eines ungestorten Genusses schopfen.

In meinem sechzehnten Jahre wurde ich aus der Kinderstube gezogen. Meine Mutter sagte mir, es sey meinem Vater ein vortheilhafter Heurathsantrag fur mich geschehen, mein Brautigam werde in zwey Monaten ankommen, und ich sollte diese Zeit ja gut anwenden, um recht liebenswurdig vor ihm zu erscheinen.

Meine Mutter war ganz ohne Wahrheit und Herz, die Welt hatte ihr gesundes Empfinden zerstort, sie lebte nur im Aussern und liebte auch ihre Kinder nur, in sofern sie ihnen eine glanzende Existenz zu verschaffen gedachte, die auf sie selbst zuruckstrahlte.

Mein Vater lebte in seinen Geschaften. Meine zwey Bruder hatte er einem verstandigen Hofmeister ubergeben, die Erziehung der Tochter uberliess er der Mutter, und diese ubergab uns einer alten Franzosin, die weder Herz noch Kopf hatte, und uns als Puppen behandelte, mit denen sie nach Laune spielte, oder sie in Winkel warf.

Das alte Weib hatte eine leichtfertige Imagination, und sie unterhielt uns grosstentheils mit Geschichtchen, bey denen sie sich immer angenehmer Zeiten erinnern mochte. Wir empfingen ein treues Gemahlde der Weltsitten, aber unsre Gemuther verloren, wo nicht den zarten Duft der Unschuld, dennoch jenen heiligen Scheu, dem ein unwurdiges Betragen als ein unmogliches erscheint.

Meine Schwestern beschutzte ihre kalte trage Natur, aber ich fasste lebhaft und schnell, und mein Verstand, der ganz unkultivirt blieb, kombinirte die wenigen Eindrucke, die er empfing, desto sorgfaltiger und mannichfacher.

Meine Bildung war gefallig, und vor meinem Spiegel traumte ich mich oft in tausend Situationen, zu denen immer die Bilder meiner Franzosin die Grundlinien lieferten.

So ist die Welt! sagte mir alles was mich umgab, aber so sollte sie nicht seyn! sagte mir eine innre Stimme, die sich durch nichts ubertauben liess.

Der Tanzmeister, Schneider und Friseur hatten, wie es meine Mutter begehrte, am meisten fur meine Liebenswurdigkeit gearbeitet. Jetzt kam der Tag, an welchem mein Brautigam in unserm Hause erscheinen sollte. Er kam, gefuhrt von einem alten Oheim, der mich lorgnirte, ein paar Fragen an mich that, und mich dann mit seinem Neffen allein liess. Dieser, der wahrend der Unterredung mit dem Onkel bescheiden an der Thur stehen geblieben war, naherte sich mir jetzt, und seine Blicke, sein ganzes Wesen stimmte zu den Worten, die einen gluhenden Liebesantrag enthielten. Meine Brust wallte ihm entgegen, von dem ersten Hauch jugendlichen Verlangens entzundet.

Unsre Verbindung erfolgte in wenigen Tagen. Wir verlebten das erste Jahr in dem Taumel einer neuen Lage. Die Welt umflocht uns mit tausend Verbindungen, wir kehrten nie in uns selbst zuruck, und unsere Neigung, die vielleicht in der Einsamkeit, oder in Lagen, die sie zu Proben aufgefordert hatten, einen ernsten dauerhaften Charakter wurde gewonnen haben, verflog jetzt in ihrem ersten Genuss.

Ich bekam kein Kind, die Natur hatte mir sonst vielleicht das Rathsel des Lebens gelost, das noch verworren in meinem Innren lag; und in der Thatigkeit des Instinkts, der die Mutter zur Sorge fur ihr Kind treibt, hatte sich vielleicht meine Vernunft entwickelt, und mir eine wahre Seite des menschlichen Daseyns gezeigt.

Der Glanz der Jugend und des Reizes zog die gedankenlose Menge an mich, die nur von der Neuheit gefesselt wird. Die verloschende Zartlichkeit meines Gemahls machte vielen Mannern Herz zu Unternehmungen. Einige versuchten es, mich durch die Sprache einer ernsthaften Leidenschaft zu verfuhren, andere durch leichtsinnige Grundsatze. Die Gesellschaft, in welcher ich lebte, spottete uber jede feine und edle Empfindung. Achtung gegen sich selbst tragen, nannten sie Beschranktheit; Schonung fur andere, Schwachsinn.

Ohne innre Festigkeit wurde meine Auffuhrung ein Nachhall dieser Grundsatze. Ich uberliess mich jedem fluchtigen Geschmack, jedem Reiz der Augen, und schamte mich beinah wenn ich einige Wochen durchlebte, ohne ein lebhaftes Interesse zu erregen und zu fuhlen. Ein eitler herzloser Mann, ein Abgott aller Frauen unsers Cirkels, gab sich endlich das Ansehen mich ausschliessend gefesselt zu haben. Er ruhmte sich eines vollkommenen Sieges; aber, Dank sey es meinem Genius! er ruhmte sich ohne Grund. Ich muss es gestehen, mein Betragen gegen ihn hatte die Farbe der Leidenschaft, die mein Herz zu fuhlen wahnte; ich wurde seinen Anblick noch jetzt nicht ertragen. Die Grazien des Vertrauens und der Freundschaft bluhen nur da, wo zwey schone Seelen in heisser Liebe gluhten; wenn der ganze Werth des Geliebten mit der Tauschung der Leidenschaft entflieht, dann bleibt nur Scham und Verachtung in der kalten Brust zuruck.

Die Wahrheitsliebe war das einzige Gut, das mir unverloren geblieben war; diese verhinderte meinen Fall. Die innre Nothwendigkeit, die mich zwang ein unwurdiges Betragen zu gestehen, hielt mich davon zuruck.

Ich lebte mit meinem Gemahl in einer Entfernung, die seinem Uberdruss und meiner Lebensweise gleich willkommen war. Er fragte mich nie uber meine Verhaltnisse; diese Gleichgultigkeit riss mich immer mehr hin. Ein zarteres Betragen hatte meinen Ruf gerettet, der jetzt unwiederbringlich verloren ging.

Mein Gemahl machte eine Reise nach einem entlegenen Landgut, welches der Familie zugehorte, und als er zuruckkam, fand ich eine grosse Veranderung in seiner Lebensweise.

Er suchte die Einsamkeit, verlebte ganze Tage in seinem Kabinet, und wenn er eine Gesellschaft zu sich bat, so waren es Menschen von Geist und Kenntnissen, denen ich unter dem grossen Haufen nie begegnet war.

Er war sanfter gegen mich gestimmt, und empfing mich auf die gefalligste Art, so oft ich ihn aufsuchte. Er bereitete mich auf die Ankunft eines Freundes vor, mit dem er die ersten Jugendjahre verlebt, und dessen Bekanntschaft er wahrend seines Aufenthalts auf seinen Gutern erneuert hatte. Mit Bewunderung, mit Entzucken sprach mein Gemahl von Nordheim; in kurzem erschien dieser in unserm Hause. In der ersten Bluthe der Schonheit, von jeder Grazie geschmuckt, entflammte er mein Herz fur sich. Ich suchte seine Gunst zu erobern, aber zum erstenmahl fuhlte ich mich verlegen, ich war furchtsam in seiner Gegenwart, und jeder Anschlag verungluckte.

Anstatt meine Vorzuge zu bewundern, gab er mir oft auf eine feine Art meine Fehler zu verstehen.

Mein Gemahl hatte eine gute Erziehung bekommen. Er besass Kenntnisse, und das Verlangen sie zu erweitern entstand naturlich in einem unterrichtenden geistvollen Umgang. Uberhaupt gehorte er zu der Gattung von Menschen, die nur durch eine aussere Gewalt einen innern Zusammenhang gewinnen konnten. Im Uberfluss erzogen, von Menschen umgeben, die seinen Launen schmeichelten, von Natur mehr leicht und schnell als tiefempfindend, verlor sein Wesen in einer zu grossen Flache. Hatte das Schicksal seine Kraft auf sich selbst zuruckgedrangt, hatte das Bedurfniss ihn fruher zur Arbeit genothigt, vielleicht hatte er eine Tiefe gewonnen, die die Natur ohne Hulfe des Schicksals nur seltnen Wesen verleiht.

Der ganze Ton unsers Hauses war seit Nordheims Ankunft verandert. Meine Eitelkeit fuhlte sich beinahe in jedem Augenblicke beleidigt, aber mein Herz unaussprechlich angezogen. Meinen sorgfaltigsten Anzug, der bisher meine Morgenstunden anfullte, bemerkte er hochstens nur mit einem leichten Scherz.

Ich hatte nie gelesen, und war nie mit unterrichteten Menschen umgegangen. Jetzt empfand ich das Bedurfniss, von den Gegenstanden, die oft in Nordheims Unterhaltung vorkamen, doch wenigstens die Anfangsgrunde zu kennen. Ich besuchte meines Mannes Buchersammlung. Mein lebhafter Sinn fasste und verband schnell, und bald zog mich das Interesse meiner eignen Neugier weiter fort. Nordheim half mir auf die gefalligste Art. Ich war immer beschaftigt. Meine wirklich schone Stimme war gar nicht entwickelt, ich wusste nicht was Fleiss und Anwendung war; jetzt lernte ich dieses Talent uben, und Nordheims Beifall oder Tadel lehrte mich eine richtige Methode finden. Eben so entfaltete sich ein Talent zur bildenden Kunst in mir, das meinem Geschmack Sicherheit und Reinheit gab.

Mein vergangnes unbedeutendes Leben flosste mir Eckel ein, seit die Liebe mein Daseyn beseelte. Nordheims Antheil an meiner Bildung erhielt die Hofnung ihm zu gefallen. Ich wusste, dass er der Liebe nicht unempfanglich war; durch meinen Gemahl hatte ich erfahren, dass er sonst eine schone Tanzerin unterhalten hatte, und nachdem er ihrer bald mude geworden, sie mit einem ansehnlichen Jahrgehalt entlassen. Wie die wahre Leidenschaft immer ein Ganzes vor sich sieht, dessen Grenzen sich im unermesslichen Dunkel verlieren; so wusste ich mir auch nicht klar zu gestehen, was ich wunschte und hoffte, aber doch hoffte ich.

Aus den seligsten Traumen, die meine Beschaftigungen unterbrachen, riss mich wohl oft eine Ausserung seines Gleichmuths, seiner volligen Geistesfreiheit. Immer war er bloss durch die Sache interessirt, mit der wir uns eben beschaftigten; ich sah immer nur ihn in der Sache.

In einem Menschen, dessen Fahigkeiten ein richtiges Verhaltniss haben, findet keine einseitige Bildung statt. Wie der Verstand anfangt thatig zu seyn, blickt er auf die innren Verhaltnisse unsers Wesens, und die Stimme der Vernunft erwacht.

Wie schrecklich beleuchtete ihr erster Strahl mein vergangnes Leben! Gleich einer Schreckengestalt, der wir nicht zu entfliehen vermogen, ergriff mich das Bild meines Leichtsinns, und mahte mit der eisernen Sense des Todes jede keimende Bluthe des Glucks und der Hofnung vor mir nieder.

Die Gesellschaft, der ich mich seit Nordheims Umgang entzogen hatte, fiel jetzt mit unbarmherziger Verlaumdung uber mich her. Der Mann, der meinen Leichtsinn benutzt hatte, war unedel und unvorsichtig genug sich seines Sieges uber mein Herz laut zu ruhmen; und die Frauen von ublem ruf schonten mich naturlich so wenig als sich selbst.

Die Geschichte kam meinem Gemahl zu Ohren. Der Mann, der seine Ehre beleidigt hatte, betrug sich auf die niedrigfle Art. Ein Zweikampf erfolgte, wahrend dem ich mit Todesqualen rang. Nordheim, als der vertrauteste Freund unsers Hauses, erfuhr alles. Mein Schmerz grenzte an Verzweiflung, und in seinen bittersten Augenblicken musste ich mir noch selbst vorwerfen, dass meine Thranen weniger die Furcht der Reue, als meiner unglucklichen Liebe waren, die jetzt nur Verachtung statt der Gegenliebe erwarten durfte.

Ich will deine sanfte reine Seele nicht mit dem Gemahlde eines Zustandes kranken, uber den eine hohere Natur sie erhebt.

Die Grafin sank weinend in meine Arme, und nachdem sie ihre Fassung wieder gewonnen, fuhr sie fort:

Mein Gemahl, durch Nordheims Rath, und vielleicht durch manchen leisen Verweis uber sein eignes Betragen geleitet, betrug sich auf eine grossmuthige Art gegen mich. Wir beschlossen unsern Wohnort zu verandern, und er schien einen Fehler vergessen zu wollen, der ein Verhaltniss, welches nur auf Achtung und Vertrauen gegrundet ist, fur immer zerstort.

Nordheim trennte sich von uns, um eine weitere Reise anzutreten.

In den Tagen meines heftigen Leidens hatte er mir unaussprechliche Milde und Schonung gezeigt, mit ruhrender Sorgfalt uber meine Gesundheit gewacht, und jede schmerzliche Ruckerinnerung zu entfernen gesucht.

Ich weiss nicht, ob meine tausendfachbewegte Seele sich in jenen Tagen durch irgend eine unwillkuhrliche Ausserung verrieth, aber in der kurzen Zeit die wir noch zusammen verlebten, fand ich Nordheim gedruckt und verlegen in meiner Gegenwart. Ich hielt die, einer zarten Seele eigne Feinheit, mit welcher sie sich einer unerwiederten Empfindung nahert, fur die Verwirrung der Leidenschaft.

Den letzten Abend vor unsrer Trennung gewann er seine volle Freiheit wieder. Er bat mich zartlich, jetzt an meiner Ruhe und an der Gluckseligkeit seines Freundes zu arbeiten. Er sprach im sanften ruhigen Ton eines Freundes; meine Seele gluhte, aber sein hoherer Sinn hatte sich gleichsam in meine Brust ergossen. Ich gelobte mir selbst in jenen Augenblicken, nur fur meinen Mann zu leben.

Ein verwohntes Gemuth, das lange der Gewalt jedes Eindrucks nachgab, gewinnt das ruhige Gleichgewicht, in welchem es der Pflicht grosse Opfer zu bringen vermag, so leicht nicht wieder.

Wir waren auf ein Familiengut gezogen, das in einer menschenleeren Gegend lag. Die Einsamkeit erhielt die innre Glut die mein Wesen verzehrte, jede stille Beschaftigung wurde zu einem Traume der Liebe.

Mein Gemahl empfand es, dass ich unglucklich war, dass unsre Herzen sich nicht wieder begegnen konnten, ohne die Ursache zu kennen. Heitre Laune, ein immer gleiches gefalliges Betragen hatten mir vielleicht seine Liebe und sein Vertrauen wieder erworben, aber die Leidenschaft zieht sturmische Wolken um unsern Geist, wie um unsre Stirne.

Weder mein Gemahl, noch ich, hatten je an hausliche Einrichtung gedacht, und der Mangel der Ordnung u n d Sparsamkeit fing jetzt an, sich in bittern Folgen fuhlen zu lassen.

Ich schadete dadurch, dass ich nichts erhielt; aber mein Gemahl brauchte grosse Summen, und mein Vermogen war zuerst verschwendet, da es in Capitalien bestand. Mein Gemahl machte oftere Reisen nach den zunachstliegenden Stadten, und jetzt hauften sich auch die Schulden auf unsern Gutern.

Ich fuhlte, wie nothig meinem Mann Zerstreuungen waren, und machte bey den unsinnigsten Ausgaben nie eine Einwendung.

Mit seinem guten Genius, mit Nordheim, war die Freude an stillen Beschaftigungen verschwunden, und geistlose Zerstreuungen wurden aufs neue hervorgesucht.

Ich machte mir das stille Dulden, zu dem mich meine immerwahrenden Traume ohnediess hinneigten, zur Tugend, und empfand eine Art von Selbstzufriedenheit dabey.

Bald erfuhr ich, dass mein Gemahl eine Sangerin unterhielt, und meine Leidenschaft, der jeder Schimmer einer Rechtfertigung willkommen war, hatte ihre stille Freude an diesem Verhaltniss.

Als Nordheim von seiner Reise zuruckkam, sah ihn mein Gemahl in der Stadt; er schrieb mir theilnehmende freundschaftliche Briefe, aber er besuchte mich ausserst selten, und nie allein.

In kurzem entwarf mein Mann den Plan nach Paris zu reisen, um dort in der grossten Eingezogenheit zu leben. Mich bat er in eine Stadt zu ziehen, und mich mit einem massigen Jahrgelde einzurichten. Die Guter sollten wahrend dem nach einem strengen okonomischen Plan verwaltet werden.

Ich merkte wohl, wer diesen Plan entworfen hatte. Naturlich willigte ich in alles. Mein Mann schied mit sonderbarer Ruhrung von mir. Wir beweinten beide unser Schicksal, wie wir es nannten, dem doch nur die Schwachheit unsers eignen Herzens diese traurige Gestalt gegeben.

Ich hatte wahrend meines Aufenthalts auf dem Lande, im Ganzen an wissenschaftlicher Bildung gewonnen. Der Prediger des Orts war ein gelehrter und gebildeter Mann, der meine Wissbegierde lebendig erhielt, so sehr sie auch immer wieder von den Traumen der Leidenschaft unterbrochen wurde.

Vor leerer Gesellschaft beschutzte mich mein gebildeter Geschmack, als ich jetzt wieder in der Stadt lebte. Ich liebte die Einsamkeit, und vertauschte sie nur gern mit einem Cirkel, wo Bildung und Geschmack herrschte. Zum Gluck fand ich einen solchen, in dem ich mit Liebe empfangen wurde. Aller Umgang, aus dem ein zartliches oder leichtsinniges Verhaltniss entstehen konnte, war mir verhasst, weil er meine Empfindung fur Nordheim beruhrte, und ich fand in kurzem keine Liebhaber mehr, sondern Freunde.

Die Verwirrung meiner ersten Jugend hatte mir den heitern Frieden der Unschuld fur immer geraubt. Ich fuhlte eine schreckliche Lucke in meinem Daseyn; nur in einem stillen guten Wirken fand ich eine Art von Ruhe, von Einheit in meinem Innern. Meine Liebe wurde dann von einem Schimmer der Hofnung erhellt, und sie war und blieb das Element meines Daseyns. Die Hofnung erhielt mein Leben.

Nordheim schrieb oft und freundschaftlich von einem Posttag zum andern. Jeden Brief entfaltete ich mit der Ahndung eines zartlichen Inhalts; immer wurde diese getauscht, aber immer fand doch auch mein Herz einen neuen Faden, an dem sich seine goldene Traume fortspannen.

Mein Gemahl schrieb mir, in der ersten Zeit seiner Entfernung, alle Woche, hernach alle Monate, und endlich nur von Vierteljahr zu Vierteljahr. Seine letzten Briefe verriethen Unruhe und den Zwang sie zu verbergen.

Was fuhlte ich, als nach funf Jahren der Trennung Nordheim in mein Zimmer trat!

Er brachte mir die Nachricht von dem Tode meines Mannes, und Trauer und Unruhe mischte sich in den sussesten Genuss des Wiedersehns.

Der Tod verandert unser Herz, und der Charakter eines Verstorbenen erscheint immer in anderm Licht, weil er uns getrennt von allen Verhaltnissen erscheint, die Furcht und Hofnung in unsrer Brust erzeugten. Er macht alles unwiderruflich. Spuren, die der Gang des Lebens vertilgt hatte, bleiben jetzt wie in Erz gedruckt stehen.

Das Bild eines beleidigten unversohnten Schattens verfolgte mich, und innre Vorwurfe zerrissen meine Seele.

Der letzte Wille meines Mannes zeigte nur Gute, ja das reinste zarteste Wohlwollen fur mich an. Alles von seinen Besitzungen, was nicht Lehnguter waren, hatte er mir zugetheilt, und Nordheim zeigte mir einen Brief, in dem er ihn ausdrucklich und dringend bat, fur mein Bestes zu sorgen.

Wir gingen auf das Gut, wo die Geschafte hinriefen, Nordheim, ich und eine Freundin, ein gutes Geschopf, das sich unaussprechlich an mich geheftet hatte.

Diese zwey Monate waren die sussesten meines Lebens, obgleich Schmerz, Reue und Hofnung sich sonderbar in mein Innres theilten.

In Nordheims Gegenwart schwiegen Schmerz und Reue, gleich wie aus dem Hain der Gottin die rachenden Erinnyen entfliehen.

Den ganzen Tag sah ich meinen geliebten Freund fur mich beschaftigt; den Abend versammelten wir uns. Mit sanfter Heiterkeit suchte er mich zu unterhalten.

In edlen Seelen nimmt das Mitleid so leicht die Farbe der Zartlichkeit an. Das glanzende Auge, die sanfter bewegte Stimme tauschen ein liebegluhendes Herz, ohnediess so geneigt an die Empfindung zu glauben, die es fuhlt und wunscht.

Wie schrecklich erwachte ich aus meiner Tauschung, als Nordheim bey unsrer Abreise vom Lande sogleich die Anstalten zu einer neuen langen Entfernung von mir machte!

Dieses Umsturzen aller meiner Erwartungen erzeugte eine heftige Krankheit, an der meine Natur langst gearbeitet hatte. Ich fiel in ein hizziges Fieber. Meine Freundin und Nordheim verliessen mich nicht. Ich lag am Tode. Nur selten hatte ich einen hellen Augenblick wahrend meiner Krankheit. Ich freute mich in solchem uber die Hofnung, aus der Welt zu gehen, und sah Nordheims Sorgfalt fur mich mit der zartlichsten Ruhrung.

Wie verwundert, wie angenehm uberrascht wurde ich, als ich bey meiner Genesung wahrnahm, dass Nordheim seinen Reiseplan geandert hatte.

Als er mich stark genug fand, um wieder an die Zukunft denken zu konnen, bat er mich um meine Hand.

Ich bebte zuruck vor dem Glanz eines unaussprechlichen Glucks; es war eine hohe Erscheinung, die ich nicht zu umfassen wagte; sie kam zu unerwartet, und eine dunkle Ahndung hielt meine Seele gebunden, dass mein Schicksal mir solch ein Gluck nicht gewahre. Nur Massigung und Dulden hielt die rachenden Gottinnen von mir entfernt; ich ahndete, dass die labenden Fruchte des Genusses vor meinen Lippen verschwinden wurden.

Ich willigte gleichwohl in alles, was Nordheim wunschte. Sein Betragen blieb sich gleich. Er war der gefalligste zartlichste Freund, aber einsam fuhlte ich mich neben ihm in der Glut meines Herzens.

Der Besitz verandert jeden Gegenstand. Ich fing an zu furchten, zu zweifeln, und eine rachende Stimme in meinem Innren rufte mir unaufhorlich zu: ich sey eines solchen Glucks nicht werth.

Jetzt dachte ich mir Nordheims edle hohe Gestalt, als meinen Gemahl, im Angesicht des Mannes fur den ich schwach gewesen war; der entscheidende Augenblick war gekommen, ich fuhlte es, ich musste der geliebten Hand entsagen.

Ich war unruhig bis ich meinen Entschluss Nordheim entdeckt hatte, und meiner Freundin, die mein ganzes Herz kannte, kundigte ich ihn zuerst an. Sie fand mein Benehmen grillenhaft, sie kannte mein vergangnes Leben nicht ganz. Als wir einmahl im Gesprach auf Nordheims so schnell aufgegebenen Reiseplan kamen, sagte sie:

Ach es war in jener furchterlichen Zeit, wo du mit dem Tode rangest! Sein edles Herz vermochte dein Leiden nicht zu ertragen.

Meine Freundin kannte das Gewicht dieser Worte nicht. Nach und nach lockte ich ihr die ganze Geschichte ab.

Alle meine Fieberfantasien waren voll von einer unglucklichen hofnungslosen Liebe. Nordheim hatte dieses oft aufmerksam und hochst bewegt vernommen.

An einem Abende, nachdem ich mit einem schmerzlichen Schrey aus dem Schlaf erwachte, hatte ich ausgerufen: Der Reisewagen fahrt vor! o ich werde wahnsinnig werden! aber still, dass er nicht erfahrt warum; es wurde ihn betruben!

Als ich dann mein Haupt lautweinend ins Kopfkissen verborgen, sey Nordheim vor meinem Bette niedergekniet, habe meine Hande mit tausend Thranen benetzt und ausgerufen: Theures, ungluckliches Wesen, wenn ich dich retten kann, so nimm mein ganzes Daseyn!

Hierauf habe er zu meiner Freundin gesagt: Diese Scene bleibe ewig ein Geheimniss fur unsre Freundin! und sich in der grossten Bewegung entfernt.

Ich dankte meinem Genius, dass mein Entschluss dieser Entdeckung zuvorgegangen war. Zum erstenmahl in meinem Leben hatte ich ein Gefuhl meiner selbst vor Nordheim, als ich ihn mit der Erofnung meiner Gesinnung uberraschte. Er gab mir tausend Beweise, dass sein Antrag das volle Gefuhl seines Herzens war, dass mein Gluck in gewisser Art unzertrennlich von dem seinen sey. Als er aber meinen Entschluss unwiderruflich fand, gestand er mir frey, ich hatte das edelste erwahlt.

Unsre Gemuther begegneten sich nun in himmlischer Freiheit. Unaussprechlich ist das Verhaltniss zarter Seelen, die auf ihre gegenseitige Starke zu rechnen wagen. Er sagte mir frey, dass er mich nie in dem Sinn geliebt hatte, wie es vielleicht meine volle Gluckseligkeit erforderte, dass er das Vermogen zu einer tiefern hohern Empfindung in sich truge, die als Ideal des hochsten Gluckes vor ihm schwebe, und sich noch nie auf e i n e n Gegenstand gesammlet habe.

Welches Gluck fand ich darinne, die hohe Seele meines Freundes im holden Vertrauen aufzufassen! welche Erhebung meines eignen Wesens! Mein Zustand war ein Wechsel von Genuss und Leiden. Meine geistigen Krafte blieben in rascher Ubung, ich hatte mein Gefuhl immerwahrend zu bekampfen. Nordheim blieb mein zartlicher Freund; Gewohnheit und Gewissheit des Besitzes, so hoffte er, wurden die Dornen der Liebe aus meinem Gemuthe reissen.

Ich genoss seines Umgangs in langen Zeitraumen ungestort. Wenn die Welt unser Verhaltniss falsch auslegte, so zeigte sie ihren gewohnlichen Kurzsinn; gerade seine Reinheit burgte mir fur seine Dauer. Nordheim und ich hatten uns vielleicht zu sehr gewohnt mit dem Beyfall unsers Herzens zufrieden zu seyn. Es mochte wohl mit unter auch ein guter Mensch an uns irre werden, aber wer uns genau kennen lernte, kam von seinem Irrthum zuruck.

So vergingen die Jahre. Je mehr ich in die Welt, in die mannichfachen Lebensweisen der Menschen blickte, je mehr lernte ich die reinen, ersten Naturverhaltnisse der Ehe und der elterlichen Liebe ehren. Es schmerzte mich, dass mein Freund sie entbehren sollte; wie ich dir sagte, liebstes Kind, mein bessres Wesen wunschte sein reines Gluck, und besiegte die Schwachheiten des Herzens.

Ich darf es hoffen, sie blieben sogar den Augen meines Freundes unbemerkbar, aber keine Gestalt hatte ihn gefesselt, obwohl er nicht immer ungeruhrt blieb.

Endlich fand er dich, und ich fuhlte sein Herz getroffen, seine Seele voll Verlangen, und voll neuer Bilder des Lebens.

Deine sonderbare hulflose Lage, der Gedanke, dein Schicksal in jedem Fall verbessern zu konnen, stimmte in seinen Plan. Er wollte das Herz, dem er die Ruhe seines Lebens vertraute, ganz kennen, in seiner Kraft des Empfindens, in der Gewalt seiner Neigungen, in dem Vermogen einzig durch Liebe begluckt zu werden. Er erofnete sich gegen deinen Vater in Hohenfels, der dich uns anvertraute.

Bald entstand ein gespanntes Verhaltniss zwischen uns beiden, und jedes verlor an innrer Klarheit und freiem Blick.

Nordheims unaussprechliche Bescheidenheit und Zartheit war mit den zunehmenden Jahren beinah zur Krankheit geworden, die seinen sonst so scharfen Blick umdammerte.

Er wollte ein einziges reines Gluck dem Herzen, das er liebte, gewahren, und schwankte zwischen Verlangen und Furcht.

Bald bemerkte er Julius Neigung, und war entschlossen, jeden Anspruch aufzuopfern, um dein Gluck zu machen. Deine sonderbare verwickelte Lage kam dazu, ich selbst fing an irre zu werden. Ach nur in einem ganz klaren Gemuth fasst das Misstrauen nie Wurzel!

Nordheim empfand die ganze Gewalt der Leidenschaft, und wollte alle ihre Schwachheiten bekampfen; ein schweres Unternehmen, dem seine Riesenkraft selbst zuweilen unterlag.

Daher sein ungleiches Betragen, sein heftiges Ergreifen und schnelles Verlassen, das dich gute Seele qualte.

Als ein Genius wachte er uber deinem Gluck, und die zartlichste Sorge eines liebenden Vaters beherrschte selbst sein Hoffen und Begehren nach dir.

Ich war entschlossen dich kalt zu prufen. Ach du fuhlst was das in meiner Lage hiess, und welche Schwachheiten ich zu besiegen hatte!

Die Tage nach deinem Verschwinden waren unruhig und angstvoll; Nordheim sagte mir sein volliges Einverstandniss mit dir, sein reines Gluck in deiner Liebe; ich theilte sein Empfinden ja gewiss aber gleichwohl fuhlte ich meinen Busen gepresst bis zum Zerspringen.

Nordheims Weib, war eine Gestalt die mir undenkbar war, und die mich gleichwohl angstigte, wie ein Gespenst, mit dem man unsre Kindheit schreckte, uns noch jetzt angstigen kann, wenn wir uns in einem halbwachenden Zustand befinden.

In dieser Stimmung war ich, als ich in deinem Zimmer jenes Kastchen von Madam Barcino fand. Es war eine kleine Reisechatouille, die ich meinem Gemahl geschenkt hatte, ein sonderbares Kunststuck von Schreinerarbeit.

Ich zog an einem verborgenen Fach, um mich ganz zu uberzeugen, und sogleich fiel mir ein Blatt von der Handschrift meines Gemahls in die Augen.

Es war eine alte Rechnung, die von ohngefahr in das Fach gekommen zu seyn schien; aber wie verwundert war ich, als ich das Datum am Ende der Schrift besah. Es war vom zweiten Jahre nach dem Tode meines Mannes, und aus Batavia.

Kaum konnte ich meinen Sinnen trauen. Meine Ungeduld kannte keine Schranken, ich erbrach das Kastchen, und fand dass mein Gemahl noch am Leben ist, und dass der edle Grund seiner Entfernung, meine innigste Dankbarkeit, mein ganzes Herz, mein ganzes Leben fordert.

Ich umarmte Amalien unter herzlichen Thranen.

Die ruhrende Wahrheit, mit der sie mir ihr Gemuth darlegte, der dustre Sinn ihres Schicksals, ein Daseyn, das in der Knospe schon zernichtet wurde; alles dieses senkte eine unaussprechliche Wehmuth in mein Herz. Ihre schone anspruchlose Liebe warf ein himmlisches Licht um ihre ganze Gestalt, und mein Wesen wallte in seinen zartesten Regungen gegen sie.

Ich eile jetzt, einen Freund meines Gemahls, der in der Schweiz lebt, aufzusuchen, sagte die Grafin. Nach den Nachrichten, die ich von diesem empfangen werde, folge ich meinem Gemahl vielleicht in einen andern Welttheil, vielleicht dass ich ihn zur Ruckkehr nach Europa bewegen kann.

Vergebens bat ich sie, dieses Unternehmen aufzugeben, und die Ruckkehr des Grafen im Schooss ihrer Freunde zu erwarten.

Nein, rief sie schmerzlich, auf den sturmischen Wogen des Meeres wird mein Herz ruhiger schlagen. Nur einem schuldlos Leidenden wird jede Stunde stiller Trauer zum Segen! Aber wenn eine dustere Vergangenheit in unserm eignen Herzen, und nicht allein in dem Gewebe unsers Schicksals hangt, wenn wir unser eignes Wesen nicht rein aus den entflohenen Begebenheiten zu scheiden vermogen, dann sind die rachenden Gottinnen des Schicksals nur durch Thaten, Muhe und Leiden zu versohnen.

Lesen Sie die Briefe des Unglucklichen, den die Kraft eines starkern Herzens, als das meine war, vielleicht in dem Sonnenschein des Glucks erhalten hatte.

Sie gab mir folgenden Brief:

An Emilie Barcino.

Das Gluck, gute Emilie, scheint vor dem thorichten Leichtsinnigen zu fliehen, der es einmahl muthwillig von sich gestossen.

Bis jetzt zeigte sich mir noch keine Gelegenheit zu einer vortheilhaften Unternehmung, die mir Hofnung machen konnte, unser aller Schicksal zu verbessern.

Wahrscheinlich werde ich in dieser entfernten Weltgegend mein Grab finden, ehe ich meine Glucksumstande wieder hergestellt habe.

Ich kenne Nordheims Grossmuth, und bin gewiss, dass du versorgt bist, und meine Kinder gut erzogen werden. Gleichwohl qualt mich der Gedanke, dass die armen Geschopfe nur Wohlthaten empfangen, keine Rechte besitzen sollen. Sollen selbst meine Kinder das Andenken ihres Vaters nicht segnen? Soll es ganz ungesegnet verloschen?

Ich rechnete auf einen fruheren Lohn meiner Arbeit, als ich nach Indien ging, und es that meinem Herzen wohl, meiner Gemahlin meinen guten Willen zu zeigen. Die wenigen Guter die ich noch zuruckliess, schienen mir eine geringe Entschadigung fur den Verlust ihres schoneren Lebens, ihres ansehnlichen Vermogens, dass sie an meiner Seite verlor.

Meine schwankende Gesundheit, die von diesem Klima bald ganz zerstohrt werden wird, und der unvorgesehene langsame Gang meiner Unternehmungen, beunruhigen mich uber das Schicksal meiner Kinder.

Ich sende dir hier durch einen sichern Freund, der eben nach Europa zuruckgeht, einen Brief an meine Gemahlin, aber mit dem ausdrucklichen Befehl, ihn erst dann zu ubergeben, wenn du die Nachricht meines Todes durch eben diesen Freund empfangen hast.

Lebe wohl, gute Seele! Ach, meine Kinder haben ihren Vater schon beweint! Gluckliches Alter, wo der Tod und ein unersetzlicher Verlust sinnlose Worte sind!

Lebe wohl!

An Amalie von Wildenfels.

Diese Zeilen sagen Ihnen, dass ein Unglucklicher noch einige Jahre durch litt, wo Sie ihn schon in der Ruhe des Grabes wahnten.

Mein Leben war ein Gewebe leichtsinniger Schwachheiten; nur wenigen Glucklichen vergonnt das. Schicksal, die Folgen ihrer Thorheiten auszuloschen.

Ich wunschte aus einer Welt zu verschwinden, wo ich nur Verwirrung anrichtete und empfand.

Zweymahl riss mich mein edler Freund Nordheim vom Abgrund des Verderbens, rettete meine Existenz, meine Ehre. Heisse Gelubde folgten dem Gefuhl dringender Noth, aber ein Charakter, ein Leben, dem einmahl die Folge gebricht, findet sie nur durch die Hulfe eines bessern Genius wieder. Aufs neue hingerissen, fiel ich aufs neue in dringende Schulden. Sollte ich noch einmahl beladen mit unverzeihlicher Schwachheit und Schuld vor meinem edlen Freund stehen? Je gewisser ich seiner Hulfe war, jemehr scheute ich die Hoheit und Gute dieses Wesens.

Ich will seine Achtung gewinnen, oder nie wieder vor ihm erscheinen, beschloss ich, als ich meine Reise nach Indien unternahm.

Ihnen, theure Amalie, wollte ich eine Freiheit wiedergeben, die Sie zu Ihrem Ungluck zu fruh an mich verloren; an einen Mann, der Sie nicht zu schatzen, Ihre Jugend nicht zu leiten verstand. Die Gesetze unsrer Kirche erlauben Ihnen keine Heurath, so lange ich am Leben bin, und warum sollen Sie Fesseln tragen, die das Gluck Ihres Lebens vergiften? Mein ganzliches Verschwinden allein losete die Verworrenheit, die ich verursachte.

So fuhlte ich, als ich Madame Barcino mit der Nachricht meines Todes zu Nordheim schickte. Ich hatte das arme Geschopf von der Nothwendigkeit meines Verschwindens vom Schauplatz uberzeugt, und ein heiliges Gelubde ihrer Verschwiegenheit empfangen.

Ich hoffte bald durch Arbeit und Anstrengung ein kleines Vermogen zu erwerben, mit dem ich meine Kinder versorgen konnte, aber das Schicksal spielte mit meinen Entwurfen.

Wahrscheinlich unterliegt meine geschwachte Gesundheit in kurzem der Gewalt dieses feindseligen Klima's. Von Ihrem guten Herzen wage ich etwas zu bitten, und bin der Erhorung gewiss.

Geniessen Sie die Einkunfte des geringen Vermogens, welches ich Ihnen zurucklassen konnte, so lange Sie leben, ungetheilt; aber nach Ihrem Tode gehe es nicht in fremde Hande uber, sondern werde ein Besitzthum fur meine Kinder. Erst jetzt, da ich das Bittere der Armuth und harten Arbeit unter einem fremden Himmel empfinde, fuhle ich den Stachel der Sorge fur die Zukunft dieser armen Geschopfe.

Sollten sie sich als v e r l a s s e n von ihrem Vater ansehen?

Mein Andenken bleibe von Ihnen nicht ungesegnet. Mein Wille war nie, Sie unglucklich zu machen, aber was ist der Wille einer kraftlosen Brust?

Jetzt, da mich die Einsamkeit des Geistes und Herzens in mich selbst zuruckfuhrt, jetzt labt mich oft nach anstrengender Arbeit ein Traum von Ihnen, von allem was wir hatten fur einander werden konnen; aber die Schlange der Reue liegt unter diesen bluhenden Traumen. Alles ist vorbey, ich bin schon fur Sie nicht mehr. Auch der Nachhall meines Daseyns, das Schattenleben das ich hier fuhre, wird bald verloschen. Ein Wunsch fur Ihr Gluck wird die letzte Regung meines Herzens seyn. Danken Sie Nordheim fur seine Treue an meinen Kindern. Das Herz entgeht mir im Andenken dieses edlen Freundes, und die Zuge meiner Hand verloschen in Thranen. Leben Sie wohl auf ewig! Nach diesen Briefen hatte ich allen Muth verloren, Amaliens Entschluss fur jetzt zu bekampfen. Nachdem ich des Unglucklichen Schicksal mit ihr beweint hatte, fuhr sie fort:

Ich eilte sogleich zu Madame Barcino, nachdem ich diese Briefe gelesen. Aus wenigen Ausserungen meines lebhaft bewegten Herzens fuhlte sie, dass ich ihr Geheimniss wusste. O Gott! rief sie aus: Sie wissen, dass Ihr Gemahl noch lebt, wissen es, ohne dass ich meinen Eid verletzte! Welches Wunder deines Erbarmens! sagte sie, und sank vor einem Marienbild in stillem Gebet nieder.

Ich erfuhr von ihr, dass sie seit diesen Briefen noch einige von meinem Gemahl erhalten. Alle waren traurig, in demselben Sinn niedergeschlagener Hofnungen wie der erste, und enthielten nur Fragen nach den Kindern. Der Freund, durch welchen der Briefwechsel gefuhrt wurde, und der uber meines Mannes Schicksal naher als sie selbst unterrichtet schien, lebte in der Schweiz.

Das arme Weib war ein Raub der schmerzlichsten Gefuhle, die ihr Gemuth bis zum Wahnsinn verspannt hatten. Sie horte von einer Heurath Nordheims mit mir, von der sich das Gerucht oft verbreitete.

Da sie von dem Leben meines Mannes uberzeugt war, trieb sie ihr Gewissen an, solch eine Entweihung des Sakraments zu verhindern. Ihr abgelegter Eid, das Geheimniss von meines Mannes Leben nie zu entdekken, die Sorge um das Schicksal ihrer Kinder, dieses alles erregte einen furchterlichen Sturm in der Armen Gemuth, das endlich den friedebringenden Traum als ein Rettungsmittel ergriff. Sie beschwor mich jetzt, da sie mein Gelubde fur ihre Kinder zu sorgen empfangen, ihr einen Zufluchtsort in einem Kloster zu verschaffen.

Ich werde mit Nordheim daruber sprechen, und glaube beinah selbst, ihre Fantasie, die von solchem Wahn nur befangen und erkrankt ist, wird auch am besten durch Wahn geheilt werden. Die Grafin verliess uns den folgenden Tag, versprach mir aber noch einen Besuch vor ihrer Reise nach der Schweiz.

Die alte holde Vertraulichkeit unsers Cirkels umfing mich so sanft in dem stillen hauslichen Leben meiner Freunde! Das Stillschweigen, welches ich uber meine Verhaltnisse beobachtete, stohrten ihren Antheil an mir nicht. Es schien ihnen bekannt, dass mein Schicksal in einer entscheidenden Crise lag. Die feine Sitte burgte mir vor jeder indiskreten Frage; aber mehr als das, ich fuhlte auch den stillen Sinn meiner Freunde, der mich dem ungestohrten Genusse des ahndungsvollen, sanfthoffenden Zustandes meiner Seele uberliess. Julius schien sehr beschaftigt, und suchte nicht mich allein zu finden.

Ich schrieb an meinen Vater. Mit welch innigem Antheil rief ich mir jeden kleinen Umstand unsrer ersten Bekanntschaft zuruck! Jedes bedeutende Wort, welches ich von ihm vernommen, die geheimnissvolle Kraft seiner Reden enthullte sich mir jetzt; der Sinn des Vaters hatte meine ahndende Seele getroffen.

Auch dem Prediger von Hohenfels schrieb ich, beruhigte ihn uber die sonderbare Begebenheit, deren Entzifferung ich ihm mundlich versprach. Mein Gluck, in dem volligen Einverstandniss mit Nordheim, legte ich an sein theilnehmendes Herz. Nordheim hatte ihm schon fruher geschrieben.

Von Nordheim empfing ich jeden Tag liebevolle Zeilen, die mich mit der Hofnung trosteten, dass unser Gluck keine Opfer kosten wurde.

Als die Grafin nach D. zuruckging, sollte Bettina sie begleiten, sie bat dringend bey mir bleiben zu durfen. Auf die Anspannung, in der sie ihre Sorge um mich erhalten hatte, folgte eine Art von kranker Ermattung. Sie weinte an meinem Busen uber mein Gluck in Nordheims Verbindung, und es blieb mir und ihrem eignen unschuldvollen Herzen unentschieden, ob der Krampf des Schmerzens oder der Freude diese Thranen hervorpresste.

Sie war verandert, und schien einen Ruckblick auf sich selbst zu bekommen, den ihre grosse Lebhaftigkeit, und die Ungebundenheit ihres Wesens in allen seinen Empfindungen, bis jetzt immer gestohrt hatte. Ihre Weiblichkeit erwachte, und suchte naturlich nach den Gesetzen des Anstandes, der der innern Sittsamkeit auch einen aussern Ausdruck zu geben strebt.

Julius und Nordheim lebten in der innigsten Verbindung, und wechselten beinah taglich Briefe. Julius sann nur auf unser Gluck, und wenn ich ein Wort des Dankes gegen ihn aussprechen wollte, hiess er mich zartlich schweigen, und sagte sanft: Wer sollte nicht sein Daseyn in dem Gluck zweier solchen Menschen finden konnen!

Nach einer Entfernung von wenigen Tagen kam Julius des Morgens auf mein Zimmer. Er gab mir einen Brief von Nordheim, der mich auf eine neue Wendung unsrer Lage, die ich von Julius vernehmen sollte, vorbereitete, und der sich mit den Worten schloss:

"Meine Agnes allein wird meinen Entschluss bestimmen. Seit das beste Herz an dem meinen schlug, ist sein Gluck die erste nachste Bestimmung meines Daseyns geworden, und ich furchte nur zu sehr in diesem Fall seine Starke, die ich schon erfuhr."

Julius sagte mir jetzt, dass eine Veranderung in den Constellationen der politischen Welt es fur den Fursten und das ganze Land ausserst wichtig mache, eine Negotiation, die Nordheim auf seiner letzten Reise an einem nordischen Hofe angeknupft habe, weiter zu verfolgen. Der entscheidende Moment sey nun gekommen, und von Nordheims personlichen Eigenschaften und Lokalkenntnissen konne man sich einzig den glucklichsten Erfolg versprechen.

Der Minister fuhle das, er selbst habe dem Fursten die Nothwendigkeit, Nordheim wieder zu gewinnen, vorgestellt.

Uber das Verhaltniss mit mir zeige er jedoch eine unbegreifliche Unbiegsamkeit. Der Prinz und die Prinzessin glaubten beyde, dass das Gemuth ihres alten kranklichen Vaters so sehr von Furcht und Zweifeln uber diese Heurath umstrickt sey, dass es dem Minister jetzt unmoglich falle, die selbst geschlungenen Knoten wieder aufzulosen. Das Verhaltniss sey fur Nordheims Edelmuth zart, und schwierig zu behandeln. Er verschmahe es, meine Hand, als den Preis eines zu leistenden Dienstes zu fordern. Da er gegen den Minister nicht zeigen durfe, dass er von den Verhaltnissen der Prinzessin unterrichtet sey, so konne er dem Fursten gar keine Gewalt uber Agnes zugestehen. Bey dem Fursten sey die Sache noch schwerer, und leide beinah gar keine Beruhrung. Der Prinz und die Prinzessin scheuen es, in den alten Mann zu dringen; ruhige Vorstellungen anzuhoren sey er unfahig, und jede Aufwallung des Zorns drohe die schwache Natur zum Kampfe des Todes aufzureizen.

Uber Hohenfels hingegen habe Nordheim hochst muthig und bestimmt mit dem Fursten und Minister gesprochen, und beyden deutlich gesagt: er konne keinem Herrn dienen, der mit einer Ungerechtigkeit beladen sey. Auch habe er das Wort des Fursten empfangen, Hohenfels solle in einem Monat befreit werden.

In jedem Fall werde Nordheim in Gemeinschaft mit Julius Massregeln fur Hohenfels Sicherheit nehmen.

O warum, meine theure Agnes, sagte Julius, indem er meine Hand fasste: warum ist Ihrem schonen Herzen nicht der volle Genuss seines Glucks gegonnt! Nordheims Abwesenheit kann wenigstens ein halbes Jahr dauern, denn mancher Berg ist zu ubersteigen oder zu untergraben; die verschiedendsten Interessen sind zu vereinigen, und auf die verschiedensten Gemuther ist zu wirken: welcher Verlust ware diese Trennung fur die Liebe!

Nordheim drang bey Ihrer Mutter darauf, mit Ihnen vor seiner Abreise getraut zu werden, damit er Sie bitten durfte, ihm nach Hohenfels Befreiung, an den Ort seiner Bestimmung zu folgen. Die Prinzessin fand den Plan zu gewagt, und furchtete, der Furst mochte davon unterrichtet werden.

Nordheim wollte sodann den Auftrag ganz ablehnen. Der Prinz und die Prinzessin besturmten ihn mit Bitten, ersterer aus Staatsinteresse, und die gute milde Seele in der Hofnung, dass nach vollbrachtem Geschaft, die Heurath mit der Einwilligung des Fursten geschehen wurde. Nordheim musste endlich beiden in so weit nachgeben, dass die ganze Lage der Sache Ihnen dargelegt werden sollte, und versprach sich nach Ihrer Entscheidung zu betragen.

Mein erstes Gefuhl war ungetheilt fur die Reise, und es stand als ein Entschluss in meiner Seele, welcher alle folgenden Augenblicke der Schwachheit bekampfte.

Meinem Verstande war es klar, dass das Interesse furs Allgemeine die schmerzlichen Gefuhle meines Herzens uberwiegen musste, dass es sogar unwurdig sey, sie gegen dasselbe nur abwagen zu wollen. Aber die Sehnsucht der Liebe umschwebte mich mit einer ahndenden schauervollen Gegenwart. Schmerz und Freude tonen mit verstarkter Gewalt von einem Herzen, welches die Liebe in seinen zartesten Saiten bewegt. Ein leichtes Wolkchen wird zu einem schwarzen Gewitterhimmel, eine Trennung von wenig Monden scheint eine Trennung fur die Ewigkeit.

Meine Augen blieben zur Erde geheftet, als Julius ausgeredet hatte. Ein Druck seiner Hand entriss mich der innern Verworrenheit, und als mein Auge seinen klaren Blicken begegnete, fuhlte ich die volle Kraft meines Wesens in dem Entschluss des muthigen Duldens.

Nordheim wird reisen, sagte mir Julius sanft, ich lese es in Ihrem Auge.

Ja, mein Freund, erwiederte ich. Konnte ich es versuchen ihn aufzuhalten, ware ich dann seiner, ware ich meiner Freunde werth?

Julius suchte mein Herz zu stillen, indem er mit mir auf allen meinen Verhaltnissen verweilte, denen er eine gunstige Wendung prophezeihete. Sein Herz genoss diese Stunden stiller Vertraulichkeit, und das meine fuhlte sich erleichtert.

Des andern Morgens meldete man mir die Ankunft des Prinzen. Ich eilte in das Gesellschaftszimmer: nach der ersten Bewillkommung fuhrte er mich in ein Fenster und sagte:

Meine Agnes, welche Probe hat Ihr Herz zu bestehen? Ist sie nicht zu schwer fur solch ein zartes liebendes Wesen? Zwar kenn' ich auch Ihre Starke ....

Meine Starke ist meine Liebe, erwiederte ich. Sollte ich Nordheim von einem wichtigen guten Unternehmen zuruckhalten, von einer Kraftausserung, die ihn zum reinsten Lebensgenuss fuhrt? Sollte ich ihm nicht gern auch die Freude noch danken wollen, durch ihn Ihr Bestes, die Ruhe meiner Mutter befordert zu sehen?

Ein reiches Gemuth gab Dir die Natur, liebstes Madchen! sagte der Prinz. Nordheim, fuhr er fort, wird vielleicht morgen fruh hier seyn. Ich bat ihn, die Anstalten zu seiner Reise zu machen, wahrend ich Ihre Einwilligung fur ihn abhohlte, aber das schlug er rund ab. Es ist nicht Misstrauen gegen Sie, noch der Wunsch Agnes Willen zu lenken, sagte er, aber ich muss sie sprechen ich muss es wissen, fuhlen, dass dem besten Herzen keine Gewalt geschieht, dass es der volle Einklang ihres Wesens ist, aus dem sie handelt, nicht ein Moment der Selbstentsagung, deren das schone Herz so fahig ist. Gern will ich dem Gesetz gehorchen, welches ich erkenne; aber ich sage Ihnen, es steht auf Agnes Stirn geschrieben, und alle andere Rucksichten werde ich dieser aufopfern.

O nie kann ich dieser himmlischen Gute werth seyn! rief ich aus, indem susse Thranen mein Auge fullten.

Sie sind es, bestes Kind, sagte der Prinz geruhrt, da Sie den freien Kreis seiner Thatigkeit respektiren. Nordheim kennt die Gewalt, die ihm die Natur uber Menschen und Begebenheiten gab, nicht ganz. Die Resultate seiner Wirkungen nennt er nur eine Gunst des Glucks. Da er alles Grosse mit Leichtigkeit vollbringt, wirkt er stille, sich selbst unbewusst, wie die Natur. Bescheiden wahnt er, ein anderer konne seine Stelle ersetzen, die unersetzbar ist. Wusste er ganz was er vermag, er hatte jetzt nicht zweifeln konnen. Verzeihen Sie, Beste! er hatte es nicht gekonnt, selbst aus Liebe fur Sie nicht.

So eben fuhr Nordheims Wagen zum Thore herein.

Erhalten Sie Ihren Muth, liebstes Kind, sagte der Prinz.

Alles eilte Nordheimen entgegen. Das Feuer seines Blicks schien gedampft, still nahm er beym Fruhstuck seinen Platz neben mir ein, und wagte selten mir ins Auge zu schauen. Klar und immer gegenwartig, wie gewohnlich, war sein Geist, aber es war eine Milde, eine Sussigkeit in dem Ton seiner Stimme, vor der mein Innerstes erbebte.

Ich sehne mich nach einer stillen Stunde mit Ihnen, meine Liebste! flusterte er mir leise zu. Die Gesellschaft zerstreute sich, ich ging auf mein Zimmer, und in wenigen Momenten folgte mir Nordheim mit Julius, der uns sogleich wieder verliess.

Nordheim druckte meine Hand sanft an seine Brust, an seine Lippen, und sagte: Ich komme die Befehle meiner Agnes zu vernehmen, sie hat mich zu ihrem Eigenthum gemacht, ich muss und will alles seyn, was ihr holdes Herz begluckt.

Die susse Gewalt der Liebe ergriff mein ganzes Wesen. Mein Entschluss, jede Kraft meines Busens zerrann wie in einem goldnen Morgennebel; ich fuhle mich leicht und gestaltlos wie Luft, die nur zum Ton in dem Athem des Geliebten werden konnte.

Rechneten Sie nicht zu viel auf die Kraft eines Liebe-erfullten Herzens, Bester? sagte ich.

Er hielt mich in seinen Armen, mein Gesicht war an seine Brust gelehnt, und als mein Auge dem seinen zu begegnen wagte, glanzte Hoffnung und Freude in seinem feurig-fragenden Blick.

Ach, ich musste mich des hochsten Lebensgluckes unwurdig achten, fuhr ich fort, wenn ich nicht fahig ware, es durch ein Opfer zu erringen. Nie konnte ich mit mir zufrieden seyn, wenn mein Herz mir jetzt seine Kraft versagte, wenn ich Sie zuruck zu halten strebte, da Sie mir mit so viel Gute einen Einfluss auf Ihren Entschluss gestatten.

Ich gehe also! sagte Nordheim, und seine Augen blieben einige Minuten hindurch starr am Boden geheftet.

Ich wusste es! fuhr er fort, indem er seinen hellen Blick nach mir kehrte, aber mein Herz horte dennoch auf die Zaubergesange der Hoffnung.

Ich fuhlte einen leisen Vorwurf in diesen Worten, und in dem Ton, mit welchem Nordheim sie aussprach. Mein Busen wallte in Schmerz und Liebe, meine Thranen flossen. Nordheim umfasste mich sanft, und blickte voll ruhrender Zartlichkeit in mein Auge.

Leise flusterte ich ihm zu:

Mein Einziggeliebter, ach Du fuhlst meine Liebe nicht in diesem schmerzlichen Kampfe!

Ja, meine theure Seele, rief er hochst bewegt, ich fuhle es, Du scheidest nicht ohne Schmerz von den ersten Wallungen Deines zartlichen Herzens. Ich scheide mit wunder Seele von der schonsten Bluthe vielleicht weniger Tage! Aber ich furchte es ganz, D u kannst nicht anders handeln.

Mit sussen Worten suchte er nun mein Herz in Frieden zu wiegen. Dann sprach er von seinem Geschaft, von seinen Massregeln in Ansehung meines Vaters und meiner. Er wunschte, ich mochte mit der Grafin sogleich in die Schweiz reisen, mein Vater und Julius sollten uns nachkommen. Er selbst wurde uns dort wieder finden, und in unsrer Nahe leben, bis alle Hindernisse unsrer Verbindung hinweggeraumt waren.

Die Zukunft stand halb vor meinem Gemuthe, der Zwischenraum der Trennung rollte sich in seiner dustern Einformigkeit immer enger zusammen.

Wir standen an einem Fenster, und blickten in die weite Gegend, die im Glanz der Mittagssonne schimmerte.

Hell wie die Natur sey unser Gemuth im Scheiden, sagte Nordheim Wie sich ihre Strahlen ewig verjungen, so hat auch das Gluck unsrer Liebe eine ewige Jugend. Ich eile jetzt von Dir, meine Agnes; wenn wir uns wiederfinden, liegen Jahre der Vereinigung vor uns.

Sein Abschiedskuss gluhte auf meinen Lippen, sein Auge, in welchem Thranen rollten, kehrte sich noch einmahl nach mir, und er war verschwunden.

Nach wenigen Minuten sah ich seinen Wagen vorfahren. Bald erschien er selbst, von Julius begleitet Er wendete sich nach meinen Fen stern, ich winkte ihm noch ein Lebewohl zu. Welche geheimnissvolle All gewalt ist zwey liebenden Herzen gegeben! Der dumpfe zerstohrende Schmerz, mit welchem ich Nordheim sonst verliess, eh sich sein Herz zu mir gewendet, war jetzt in ein unaussprechliches lebendiges Verlangen verwandelt, in dem meine Seele der Unendlichkeit entgegen bluhte.

Auch sein Herz blieb bey mir zuruck. Eine gluhende Kette des ewig regen zarten Verlangens zog mich ihm nach, und die guten Geister des Himmels webten goldne Traume, die Entfernten zu laben.

Ich sah seinem Wagen auf der langen Strasse nach, und als er sich endlich im Gebusch verlor, und des Schmerzens kalte Hand mein Herz zusammenpresste, rief mir eine freundliche Stimme aus der lichten glanzenden Luft: Er wird liebend wiederkehren!

Wie todt und kalt scheinen uns selbst die lieblichen Gestalten des Lebens, nach dem atherischen Daseyn der Liebe! Matt und strahlenlos, wie eine Gegend, in der das purpurne Abendlicht ausgebrannt ist, scheint das ganze Leben.

Julius hatte den letzten Handedruck meines Geliebten empfangen. Er wusste das Segel der Hofnung in meinem Gemuth mit sanften Worten zu schwellen. Aber ich bemerkte eine schmerzliche Anspannung in seinem Wesen, die mir mit jedem Trost von seinen Lippen auch einen Stachel des Schmerzens in den Busen warf.

Der Prinz war nach D. gereist, meine Mutter noch immer mit dem Fursten im schen Bade. Ich hatte sie nach Nordheims Wunsch um die Erlaubniss gebeten, die Grafin in die Schweiz zu begleiten, aber sie bat mich, noch einige Wochen ruhig bey Elisen zu bleiben. Die Gesundheit des Fursten sey sehr schwankend, er schiene nicht mehr so angstlich auf meine Entfernung zu dringen. Nach dem Bade wurde er noch die schonen Herbsttage auf dem Lustschloss, wo ich mich befunden, zubringen, und ihr sey es ein Trost, mich in ihrer Nahe zu denken. Sobald mein Vater seine Befreyung erhalten, konnte ich sodann mit ihm reisen.

Ich wusste hierauf nichts zu erwiedern, so gern ich auch nach Nordheims Sinn gehandelt hatte, der mir fur die Reise noch andere Grunde als mein Vergnugen zu haben schien.

Der Furst sey hochst zufrieden von Nordheims Betragen, schrieb mir meine Mutter, sie hoffe auf die schonste Entwickelung unserer Verhaltnisse.

Alban und Julius waren haufig abwesend, meine gute Elise war meinem Gemuth gleichsam ein sanfter Nachhall seiner Gefuhle. Der Genuss des Landlebens, das Interesse, das ich aus der Bekanntschaft mit dem Gang der Landwirthschaft, aus allen. seinen einfachen Beschaftigungen schopfte, erhielt mich in stiller Erwartung. Nordheims Briefe voll Geist und Leben, voll der unaussprechlichen Einfachheit eines grossen liebenden Herzens, waren die Sonnenblicke in diesem Daseyn, welche uber das Ganze einen sanften Dammerschein ergossen.

Die Zeit nahte heran, wo wir die Befreiung meines Vaters erwarteten, aber statt der frohen Erwartungen, nahmen die Briefe meiner Mutter einen ungewohnlich traurigen Ton an. Auch in dem Cirkel meiner Freunde herrschte Traurigkeit, Unruh und Missbehagen.

Es war ein dumpfes Missbehagen, das die Lippen vor jeder vertraulichen Frage zusammenpresste.

Julius besonders schien hochst gereizt und missmuthig gegen seinen Bruder, und hatte nur gegen mich die ganze gewohnte sanfte Gefalligkeit des Betragens beybehalten.

Ich glaubte, es sey eine Familienstreitigkeit, die mich unter so edlen innigvereinten Naturen schmerzte, aber naturlich jede Frage unterdrucken hiess. Julius vermied mit mir allein zusammen zu treffen.

Ein Gesprach uber Julius Gesundheit, das ich selbst anfing, weil ich seit einiger Zeit besorgt darum war, fuhrte endlich zu einer Erklarung. Alban sagte mir, dass Julius nach einer sehr schnellen erhitzten Reise Blut ausgeworfen hatte. Ich ahndete, die Reise sey zu meinem Vater gewesen. Die Besorgniss um meinen Freund, der etwas rauhe vorwurfsahnliche Ton des Bruders, bebte durch meinen Busen. Ich entfarbte mich, und eilte zum Fenster, um meine Thranen zu verbergen.

Und wie er's treibt! fuhr Alban fort, als bemerkte er mich nicht; dieser schmerzlichste Kampf der Seele, diese zerstohrende Thatigkeit des Korpers mussten die starkste Natur aufreiben. Jetzt, da sich alle Verhaltnisse von selbst fugen, gleichsam aufdringen, jetzt dem Gluck des Herzens entsagen zu mussen, das kann wohl einer zarten Natur den letzten Stoss geben. Den talentvollen liebenswurdigen Jungling so zu Grunde gehn zu sehen, ist wahrhaftig seelenzerreissend, sagte Elise.

Mein Herz war wie auseinandergesprengt, alle meine Nerven zuckten vor Schmerz, ich sank auf einen Stuhl, verbarg meine Thranen nicht langer, und rief aus: O Gott! was vermag ihn zu retten!

Elise fasste meinen Kopf an ihre Brust, sah schmerzlich auf mich nieder, und sagte: Du!

Unmoglich, unmoglich! rief ich. Er selbst wird diese Hulfe verschmahen.

Alban hielt meine Hand und sagte: Fassen Sie sich, liebste Agnes! Da Elise und ich einmahl von unsern Herzen hingerissen wurden, da Sie einmahl das wichtigste wissen, so muss ich, ohngeachtet des Versprechens, das ich meinem Bruder gab, Ihnen nun auch alles noch ubrige entdecken. Vereint wollen wir fur unsern Julius sorgen.

Ich lag in dem bangsten Zustand an der Brust meiner Freundin.

Nachdem ich meine Thranen getrocknet hatte, folgte ich Elisen zu Alban.

Er eroffnete mir, dass der Furst durch den Minister, Julius den Antrag hatte thun lassen, in Diensten des schen Hofes nach England zu reisen, und ihm dabey zu verstehen gegeben, wie er sich um meine Hand bewerben mochte. Julius habe den Minister abgewiesen; Er werde nie die Verlobte seines Freundes und sich selbst durch solch ein Betragen beleidigen. Der Minister habe erwiedert: die Heurath mit Nordheim werde nie geschehen; und ernst hinzugesetzt: Sie wissen nicht, was fur Folgen aus dieser Unbeugsamkeit entstehen konnen! Julius hochgestimmtes Gefuhl und des Ministers glattgeschlissner Weltsinn waren sich gegenseitig so unverstandlich geblieben, dass sie nur gehaltlose Worte mit einander gewechselt hatten. Er selbst hatte sich aus des Ministers Reden von den Schwierigkeiten meiner Verbindung mit Nordheim uberzeugt. Auch mit dem Prinzen und der Prinzessin hatte er uber das Verhaltniss gesprochen; beyde sahen diese Heurath als das einzige Mittel an, den Fursten zu beruhigen, und die ganze verworrene Lage aufzulosen.

Julius gluht von heisser Leidenschaft fur Sie, sagte Alban, und arbeitet gleichwohl sich selbst entgegen. Ist das menschliche Gemuth gemacht, solch einen Kampf zu bestehen, da er die geheimsten Faden des Lebens trennt? Ich will nicht in Sie dringen; aber wenn Ihre Hofnungen scheiterten, und Ihr Herz wendete sich zu spat gegen das im Lebenskampf ermattete Ihres Freundes ...

Ich war verwundet bis in mein Innerstes. Aber die falsche Ansicht meines Verhaltnisses, die Alban mir, vielleicht sich selbst unterzuschieben suchte, stumpfte den Pfeil der Empfindung ab, den er an mein Herz warf.

Der Ausdruck einer Empfindung, der nicht trifft, thut immer eine entgegengesetzte Wirkung, und bewafnet den Verstand gegen das Herz.

Es ist hier nicht allein von Gefuhlen, von Gluck und Ungluck die Rede, sondern von der Nothwendigkeit, von Recht und Unrecht, meine theuern Freunde, sagte ich. Ich gab Nordheim mein Wort, wie mein Herz. Was kann ich sonst thun? soll ich mich entfernen?

Elise und Alban baten mich innigst zu bleiben, Julius wurde es nicht ertragen.

Wie manche Verwirrung richten gute Seelen im Leben an, wenn sie den Gesichtskreis e d l e r Naturen mit ihren schwacheren Augen beherrschen wollen?

Julius kam noch denselben Abend zuruck. Er war heftig, zerstohrt; meine Brust war gepresst bis zum Ersticken, in seinem Anschaun wurde mein Herz in Wehmuth aufgelost.

Den nachsten Morgen liess er mich um eine Unterredung bitten.

Seine sanften Zuge waren entstellt; Fieberrothe gluhte auf seinen Wangen.

Mit zitternder Hand reichte er mir einen Brief. Lesen Sie, sagte er heftig. All mein Bestreben, Ihnen dieses zu ersparen, war fruchtlos. Lesen Sie.

Mit bebenden Fingern erbrach ich den Brief. Er war von meiner Mutter.

"Wir sind verrathen, mein bestes Kind, alle unsre Hofnungen sind zernichtet Deinem edlen Vater droht lebenslangliche Gefangenschaft. Der bose arglistige Mann kundigte mir in Gegenwart meines Vaters an, Staatsraison erlaube durchaus nicht deinem Vater die Freyheit zu geben, wenn er solche furchtbare Stutze an Nordheim zum Schwiegersohn bekame. Er werde auf eine sche Vestung transportirt werden, wenn wir auf der Heurath bestunden.

Die Albansche Familie sey sehr geneigt zu einer Verbindung mit Julius, diese lose den ganzen verworrenen Handel auf, wir mussten dich dazu bewegen. Mein Bruder kann fur jetzt nicht wirken, dein Vater ist in dringender Gefahr, Julius war mir ein guter Engel, berathe dich mit ihm. Was kann ich sagen? was rathen? meine Seele ist an den Grenzen des Wahnsinns! Jeder Gedanke bricht ab. Der Furst will dich selbst in den nachsten Tagen sprechen."

Julius Zustand hielt meine Sinnen beysammen, wie sehr auch mein Gemuth durch den Brief erschuttert war. Ich behielt ihn sprachlos und sinnend in Handen, ob ich gleich keinen klaren Gedanken festhalten konnte.

Ich las diese Zeilen! rief Julius. Der tuckische schandliche Mensch! Staatsraison Wohl uns, dass diese Nuanz der Schelmerey ein Fremdling auf unsrer Zunge ist. Die Albansche Familie wunscht die Heurath? Ja, so sind diese alten eingerosteten Staatsmaschienen. Jedes individuelle Interesse suchen sie ins Collective zu spielen, zu vernichten. Das ganze lebendige Herz wird so zum leeren Schall, zum todten Zeichen, ein altes Familien-Dokument. Verzeihen kann ichs meinem Bruder nie, dass er einen Augenblick von den Schlingen des listigen Alten umfangen wurde.

Er fasste sich jetzt, sah mich sanft an und sagte: Was zu thun ist, liebe Agnes? Mir Ihre Hand zu geben? ein schmerzliches Lacheln verzog seine Lippen. Nicht wahr, das ware so in der Manier des Herrn Ministers? Aber mir Ihre Hand geben, und gleich nach der Trauung mit Ihrem Vater nach der Schweiz reisen, wahrend ich nach England abgehe, das ist der Ausweg, den Sie zur Rettung Ihres Vaters vielleicht erwahlen mussen!

O Julius! rief ich hochst bewegt, und druckte seine Hand an mein Herz: Mit dieser edlen Hand, die das unaussprechlichste Gluck eines freyen Herzens machen musste, mit dieser edlen Hand soll und muss kein leichtsinniges Spiel getrieben werden!

Beste Seele! sagte er mit dem Ton himmlischer Ruhe; was konnen treue wahre Menschen anders thun, als den unausweichbaren Leiden ihres Schicksals, mit klarem reinem Sinn, fest vereint begegnen! Das holde Vertrauen, mit welchem Sie meiner Liebe entgegen kamen, ist vielleicht ein so unauflosliches Band, als die Gegenliebe selbst. Bleiben Sie immer frey vor mir, und lassen sich von einem Moment der Schwachheit nicht irre machen. Jeder fuhlt wohl zuweilen die z w e y Seelen in sich streiten; aber das Vertrauen der Freunde macht stark und gross, und giebt der b e s s e r n das Ubergewicht.

Nordheim betrug sich gegen mich als gegen einen Starken, und ich wurde es. Und warum sollte ich auch bedurftig und schwach seyn?

Was heisst denn Selbstgenuss, wenn nicht die Wirksamkeit fur das Gluck geliebter Wesen?

Sein Auge glanzte gleich als im uberirrdischen Lichte in diesem Augenblick, und druckte den hochsten Zustand des Gemuths aus, eine Klarheit, nur wurdig, sich im endlosen Blau des Athers zu spiegeln.

Aber in seinem Lacheln war etwas, welches auf ein Unvermogen der Natur deutete, sich der Individualitat ganz zu entziehen, in der die Angeln unsers jetzigen Daseyns ruhen.

Sein Empfinden erschien in der Sphare des menschlichen Seyns als Tugend, wahrend aus dem Blick des fessellosen Geistes die Freyheit des Himmels strahlte.

O Julius, sagte ich, meine Achtung fur Sie ist grenzenlos. Ihr grosser reiner Sinn ist mir zum Schutzgeist gegeben. Er soll mich leiten. Was soll ich thun? Wie konnen wir meinen Vater befreyen?

Aller Schein der Widersetzlichkeit ist in diesem Moment gefahrlich, sagte Julius. Wenn Sie zum Fursten kommen, willigen Sie in alles. Noch habe ich Hofnung, Ihnen den entscheidenden Schritt, der Ihre Feinheit beleidigen muss, zu ersparen; fallt diese .... Sein Blick sank zur Erde, eine feine Rothe flog uber sein Gesicht, aber schnell sah er mir wieder klar ins Auge und sagte: Doch warum sollte es Ihnen zuwider seyn, sich und Ihren Vater durch den Nahmen Ihres Freundes allen weitern Verfolgungen zu entziehen? Sie erwarten Nordheim in der Schweiz. Er lachelte still, schuttelte den Kopf und sagte: Es ist sonderbar, dass mir das Schicksal diese Illusion weniger Momente an Ihrer Seite noch vergonnt!

Es war ein inniges Widerstreben in meinem Gemuth, dem diese Worte seine volle Bedeutung gaben. Die Furcht, Nordheim zu kranken, war es nicht allein, was mich bis jetzt qualte.

Du solltest spielen mit der Ruhe der besten Seele! solltest ihre Traume eines einmahl heiss ersehnten Glucks mit gluhenden tauschenden Farben aufs neue beleben! Ich bebte vor mir selbst zuruck. Aber dein Vater liegt gefangen! so drang eine schneidende Stimme durch mein Innres, und ich musste der Nothwendigkeit allein gultigem Ausspruch folgen.

Ich war verwirrt und suchte vergebens nach einem Ausdruck. Sanft und schonend sagte Julius: Ich reise diesen Abend zu Ihrem Vater, vielleicht gelingt mir ein gutes Unternehmen. Nordheim hatte vieles vorbereitet, er traute schon bey seiner Abreise nicht recht.

Ich bat Julius innig, sich auf der Reise zu schonen, da seine Brust litte.

Ich ahndete es doch, rief er aus, da ich gestern Abend die zuruckgehaltenen Perlen in Ihrem Auge sah, man hat Sie auch mit kleinlichten Besorgnissen gequalt!

Ich bat ihn, mild mit seinem leidenden Bruder und Elisen zu seyn, und sich fur uns alle zu schonen.

Seyn Sie unbesorgt, Beste, sagte er beim Abschied, ein Leben fur Sie hat immer seinen Werth. Bewahren Sie in jedem Fall die himmlische Unbefangenheit Ihres Gemuths gegen mich. Diese und die grosse Seele Ihres Geliebten heilten mich von jeder Schwachheit, die die gutmuthige Angstlichkeit meines Bruders unvertilgbar wahnte.

Mir selbst uberlassen verlebte ich einige hochst unruhvolle Tage. Die Nothwendigkeit musste mir gebieten, aber immer sah ich neue mogliche Falle, die ihren strengen Schluss abzuandern vermochten.

Rege Lebensmomente sind es, wo wir selbst die Wagschale unsers Lebens in der Hand zu halten wahnen! Uns ists wie dem Wandrer, der im Schooss der Gebirge im Morgennebel wallt. Alle Gestalten schweben in schwankenden Umrissen vor ihm. Bald erblickt er einen furchterlichen Abgrund, bald eine lachende Ferne. Aber wenn wir wahlen sollen unter den Schmerzen, die unserm Entschluss nothwendig folgen, wenn eines unsrer Geliebten leiden muss, dann drangen sich alle Rathsel unsers engbeschrankten menschlichen Daseyns um uns her, und unser Herz erliegt unter ihrer Last. Die Stimme des Rechts, der innren Nothwendigkeit unsers Wesens, selbst diese spricht nicht stark genug. Wir vermogen uns selbst aufzuopfern, aber ein geliebtes Wesen zu kranken, da versagt unsre Kraft. Unser Herz treibt unsern Verstand im Zirkel des Wahnsinns herum, vergebens versucht er in tausend neuen Combinationen der Verhaltnisse, sich dem unausweichbaren Geschick zu entziehen. Glucklich, wem sein Genius hier erscheint, der seinen heiligen Schleier um unser Auge hullt, und uns mit freundlicher Gewalt fortzieht!

Den dritten Tag nach Julius Abreise kam ein Bothe von meiner Mutter, mit einer Einladung des Fursten an uns alle, ihn noch heut auf dem Lustschloss zu besuchen.

Ich bemerkte ein geheimnissvolles Wesen zwischen Alban und Elisen. Elise war geschaftiger als je, mich zu schmucken; als sie meine Haare mit Rosen durchflochten hatte, sagte sie: Und die Myrthenkrone haltst du deiner Freundin verborgen, oder Julius wird sie dir erst reichen?

Ach die Myrthe ist kein Baum der Gluckseligkeit fur uns, sagte ich. Sie schwieg traurig. Alban war nachdenkend auf dem Wege. Es schmerzte mich, dass die guten Seelen Erwartungen schopften, denen mein Innres widersprach.

Der Furst empfing mich gutig. Meine Mutter nahm mich in ein Fenster, kusste mich weinend und sagte: Mein Kind, wie kann ich dir danken!

Ich bemerkte lange Gesprache zwischen Alban und dem Minister, geheime Winke des Fursten. Etwas ausserordentliches schien im Werke zu seyn, alle Augen waren auf mich gerichtet. Madam Imbert hielt mich in einem Vorzimmer mit einem weitlauftigen Gluckwunsch auf, der alte treue Diener flusterte mir leise den seinen zu. Alles schien zu einem Feste geordnet. Mein Herz schlug voll angstlicher Erwartung.

Der Abend war heiter, die Gesellschaft stand auf einem Balcon, vor dem ein weiter Grund lag, den die breite Landstrasse in Krummungen durchschnitt.

Ein Wagen fuhr rasch dem Schlosse zu. Es ist meines Bruders Wagen! rief Alban.

Der Minister fragte den Fursten, ob er in den Saal gehen wollte, Herr von Alban wurde sogleich hier seyn.

Der Furst bot mir die Hand; ich zogerte ihm die meine zu reichen, und bebte zitternd zuruck. Ein sorgsamer Blick meiner Mutter, und ich folgte ihm ohne Widerrede.

Die Ruhe, die Sie uber die letzten Stunden eines Greises verbreiten, sagte mir der Furst im Gehen, werde ein Segen fur Sie.

Die zitternde dumpfe Stimme des Greises, die bebende Brust, die zitternde Hand in der meinen gab diesen Worten eine Gewalt, die in allen meinen Nerven wiedertonte. Guter Mann, sagte ich in meinem Innren: warum trennen mich die unvertilgbaren Zuge des Vorurtheils von deinem Herzen!

Kaum waren wir in den Saal getreten, als ein Geistlicher erschien, der mich mit tiefen Verbeugungen und einem langen Gluckwunsch empfing.

Der Brautigam wird sogleich hier seyn, sagte der Furst.

Eine Seitenthur in eine kleine Kapelle ofnete sich. Die Lichter glanzten auf dem Altar, der Geistliche stand mit der Agende in der Hand vor demselben. Die Kirche war dichtgedrangt voll Zuschauer, und ein feierlicher Kirchengesang schallte dumpf aus den Hallen des Gewolbes.

Ich athmete schwer, mein Herz zog sich krampfhaft zusammen; bald gluhte ich, und bald schuttelte ein Fieberfrost meine Glieder durch einander. Meine Nerven wirbelten vom Kopf bis zur Ferse, mir war als sanke ein Flor vor meine Augen, der immer undurchdringlicher wurde.

Als meine Sinne sich wieder den gegenwartigen Erscheinungen eroffneten, fuhlte ich meine Hande sanft gehalten, und meine Blicke fielen auf den Arzt, auf meine Mutter. Der Anblick des Arztes versetzte mich in andere Zeiten, aber ich schauderte, als ich die Wande des Saales wieder um mich erblickte.

Der Arzt sagte mir: Die Trauung wird nicht vollzogen, Julius sendete mich zu Ihnen. Beruhigen Sie sich, und lesen Sie diese Zeilen.

Er entfernte sich, und ich las:

"Ich war glucklich. Ihr Vater ist frey. Jede Sorge falle jetzt von Ihrem Herzen. Der Arzt wird alles ubrige einleiten!"

Das hochste gluhendste Leben schwellte meinen Busen, ich sprang auf, lag sprachlos zu den Fussen meiner Mutter, und hielt ihr die Zeilen vor.

Der Arzt kehrte zuruck und sagte uns, dass er an Herrn von Alban den Auftrag seines Bruders ausgerichtet, welcher dem Fursten sogleich gemeldet hatte, dass Julius, von einem schnellen Ubelbefinden angefallen, sich fur heute entschuldigen musse, die Ceremonie zu unterbrechen. Der Furst habe sich missmuthig auf sein Zimmer begeben, und Herr und Frau von Alban warteten auf mich, um wegzufahren, er selbst wollte uns begleiten.

Elise kam, sich nach meinem Be finden zu erkundigen; sie war mehr sanft traurig, als verstimmt.

Ich versprach meiner Mutter, den folgenden Morgen Nachricht durch den Arzt zu senden, und Alban fuhrte mich zum Wagen.

Wir fahren uber E. zuruck! sagte er dem Kutscher beym Einsteigen. E. war der Nahme eines kleinen Guts, welches sich Julius besonders eingerichtet hatte.

Der Arzt war ein Vertrauter des Albanschen Hauses. Er wusste Nordheims Liebe fur mich; aus meiner Abneigung gegen eine andere Heurath schloss er, wie naturlich, dass der Minister mich zur selben zwingen wollte; diess befremdete ihn weiter nicht, denn man war seiner krummen Wege, und seiner Einmischung in Familienverhaltnisse schon gewohnt.

Julius sey bey ihm vorgefahren, sagte er uns, habe ihn gebeten, eilends in seinem Wagen nach dem Lustschloss zu fahren, und die Briefe an mich und Alban zu bestellen. Wahrend dem sey jener mit noch einem Fremden in eine Postchaise gestiegen, und eilend weggefahren.

Der Wagen des Arztes folgte uns, und wo sich die Strasse theilte und nach dem Stadtchen zog, stieg er aus, mit dem Versprechen mich den nachsten Morgen bey Albans zu besuchen.

Alban sagte mir, als wir allein waren, wir wurden Julius selbst in E. finden, mit noch einem Freunde.

Sein bedeutender Blick sagte mir, dass er wohl wusste, wer dieser Freund sey. Mein Herz ergoss seinen Dank, seine Bewunderung fur Julius mit Entzukken.

Die Gemuther meiner Freunde waren rein gestimmt, um ein edles Betragen zu empfinden, ob sie gleich nicht immer die Energie hatten es zu ihrem eignen zu wahlen. Mit ihrer ganzen Herzlichkeit fassten sie mich aufs neue, und im Gefuhl des hohen Sinnes eines geliebten Bruders, verbanden wir uns wie in einem neuen Element zur zarten Freundschaft.

Julius empfing mich in E. am Wagen, und fuhrte mich in ein entlegenes Zimmer, wo ich die Gestalt meines verehrten Vaters erblickte. Frey lag ich jetzt mit unaussprechlicher Liebe an der treuen Brust, die so oft schon mein Wesen in seinem Innersten vernommen hatte.

Im Gefuhl einer Wurde, die nicht furchten darf erkannt zu werden, hatte meines Vaters Gestalt einen Ausdruck von ruhiger Kraft genommen, der stille Verehrung gebot.

Julius wollte sich entfernen, wir baten ihn beyde, sich nicht von dem Glucke unsers Herzens, seinem eignen Werke, zu trennen. Ich vernahm jetzt die Geschichte der Befreiung meines Vaters, von der mich Julius aus zarter Schonung erst nach dem glucklichen Erfolg unterrichten wollte.

Schon damahls, als Nordheim mich selbst gewaltsam aus dem Schlosse des Fursten entreissen wollte, hatte er auch den Anschlag mit Julius gefasst, meinen Vater zu befreien.

Mein Vater verwarf den Vorschlag, hoffte, der Sinn des Fursten wurde sich durch mildere Massregeln am ersten gegen ihn verandern, nur mich wunschte er in Nordheims Handen zu sehen.

Man hatte den Prinzen zu keinem Unternehmen gegen seinen Vater ziehen wollen.

Jetzt, wahrend Nordheims Abwesenheit, wurden die Umstande dringender. Die neuen Drohungen gegen Hohenfels, das Bemuhen, mich von Nordheim zu trennen, bewogen Julius nach D. zu eilen, und den Prinzen zu meines Vaters Befreiung aufzurufen.

Ausserst entrustet uber die Unverschamtheit des Ministers, der den Fursten von Ungerechtigkeit zu Ungerechtigkeit hinriss, beschamt durch die Untreue an Nordheim, entschloss er sich zur lebhaften Wirksamkeit. Er liess den alten Osficier zu sich rufen, entdeckte ihm die Nothwendigkeit Hohenfels zu befreien, und entzog ihn selbst aller Verantwortung, indem er ihn mit einer guten Pension ausser Landes schickte. Julius war wahrend dem auf dem festen Schlosse, und die ubrige Garnison wurde bestochen. Mein Vater gab den dringenden Umstanden nach, und entschloss sich zur Flucht.

Nach einer Zusammenkunft mit meiner Gemahlin reise ich sogleich ab, sagte mein Vater, um unsern Freund in keine weitern Verlegenheiten zu setzen. Wird mir meine Agnes nach der Schweiz folgen? Wird unser edler Freund uns gern begleiten?

Wahrend der ersten Tagereise, sagte Julius, wo ich Ihnen vielleicht dienen kann; hernach versprach ich dem Prinzen, in D. bey ihm zu bleiben.

Wir blieben in Julius Hause, weil es dem Zufluss der Fremden weniger ausgesetzt war.

Den nachsten Morgen kam der Arzt auf mein Zimmer; er hatte meine Mutter schon gesprochen, da er wegen der Krankheit des Fursten auf das Lustschloss gerufen worden.

Meine Mutter schrieb mir, der Prinz sey angekommen, der Minister sey demuthig gegen ihn, da er uns mit keinem ublen Einfluss auf Hohenfels Schicksal mehr drohen konne, und habe versprochen, Hohenfels Entweichung dem Fursten ganz zu verbergen, ihn auch uber die fehlgeschlagene Trauung zu trosten, und ihm meine Entfernung aufs neue als ein hinlangliches Mittel, das Geheimniss zu verwahren, anzuempfehlen.

"Mussen uns aus dieses bosen Mannes verschobenem Gehirn, wie aus der Buchse der Pandora, alles Ubel, alle unglucklichen Begebenheiten hervorgehen? rief mein Vater. Traurig ists, dass die Wirkung des Bosen einen rascheren Gang haben muss, als die des Guten. Der Bose verfolgt nur sein Ziel, tritt ohne Zogern die bluhenden Saaten darnieder, durch welche der Gute mit mildem Herzen einen schlangelnden Pfad sucht. Er fuhlt, dass er nur die Wirkung des nachsten Augenblicks zu bestimmen vermag, und dass diese, vom raschen Schicksal ergriffen, in die Fluthen des regen Lebens versinkt. Rein menschlich ist es, keinen Augenblick Boses wirken wollen. Nur einem hoheren Genius ist die Zukunft auch zugleich die Gegenwart."

Wir freuten uns, dass das Gemuth des Fursten nicht in den letzten Tagen seines Alters noch durch Widerspruche gereizt werden sollte. Ich entschloss mich, ihn noch einmahl zu besuchen, und den Frieden seines Busens ganz herzustellen.

Meine Mutter hatte eine Zusammenkunft mit meinem Vater in einem entlegenen Waldchen in Julius Garten. Wir uberliessen diese theuren Augenblicke den gluhenden zarten Seelen ganz unentweiht.

Ich begleitete meine Mutter nach dem Lustschloss. Susse Augenblicke, wo ich ihr Herz ruhig und liebeschlagend an dem meinen fuhlte! An Entbehrungen gewohnt, achtete sie selbst nicht die Entfernung ihrer Geliebten, uber dieser ihrer glucklichen Vereinigung.

Der Furst horte es gern, als ihm meine Mutter sagte, dass ich mich bey ihm beurlauben wollte. Er lag auf einem Ruhebette, und beugte den Kopf freundlich, als ich mich ihm naherte. Ich war tief bewegt, mir war als risse die kalte unsichtbare Hand des Todes alle goldene Lebenshofnungen aus meinem Busen.

Ich sagte ihm: der Antheil den er an meinem Schicksal genommen, machte es mir zur Pflicht, es fur die Zukunft ganz in seine Hande zu legen.

Ich schwore Ihnen, sagte ich, indem ich an seinem Bette niederkniete, auf das heiligste schwore ich es, nie eine Heurath als mit Ihrer Bewilligung zu schliessen.

Er legte seine zitternden Finger an meine Wangen, Thranen rollten in seinen erloschnen Augen, und sanft sagte er: Wir gehoren uns selbst nicht an, der Glanz unsers Hauses ist ein Gut, das wir unsern Nachkommen zu uberliefern schuldig sind; darnach beurtheile mich auch du, gutes Madchen!

Er umarmte mich und sagte: Was ich fur dich thun kann, soll geschehen. Nimm meinen ganzen Segen.

Schmerzlich riss ich mich von ihm los, im Gefuhl, dass ich ihn nie wiedersehen wurde.

Durch die Thur sah ich ihn noch einmahl, dass er heiter gen Himmel blickte, und horte, dass er meine Mutter freundlich zu sich rief.

Meine Mutter und der Prinz waren mit meinem Betragen hochst zufrieden, und wir verliessen uns unter zartlichen Umarmungen.

Als Bettina die Reiseanstalten fur mich machen sah, drang sie auf das lebhafteste in mich, mich begleiten zu durfen.

Es schmerzte mich, dem lieben Geschopf, von dem ich so viele Beweise der treusten Liebe empfing, diese Bitte abzuschlagen, aber ich hatte einen Brief von der Grafin erhalten, in welchem sie mich bat, ihr Bettina zuzusenden. Battista war schon bey ihr, und wurde als ihr Sohn gehalten und erzogen.

Die Grafin selbst hatte sich auf unser aller Zureden entschlossen, die Seereise aufzugeben, und ihren Gemahl in Holland zu erwarten. Durch den Freund aus der Schweiz hatte sie die Nachricht seines jetzigen Aufenthalts erfahren. Er war nach dem Vorgebirge der guten Hofnung zuruck gereist, wo er auf einer kleinen Besitzung muhselig lebte.

In Holland wollte die Grafin selbst die besten Anstalten zu seiner Reise nach Europa treffen. Ihre Guter hatten sich unter Nordheims Verwaltung in guten Stand gesetzt, und sie dachte dort mit ihrem Gemahl kunftig zu leben.

Bettina wollte immer durch ein leidenschaftliches romantisches Interesse befangen seyn. Ich erzahlte ihr das Schicksal der Grafin, ihr nahes Verhaltniss zu ihr, die Hofnnug ihren Vater wieder zu sehen, und ihr reines zartes Gemuth ergriff nun seine Pflichten mit aller Gewalt der Neigung. Ja, ich will leben fur die gute ungluckliche Frau, rief sie aus, und will mich auszubilden suchen zu deiner und ihrer Freude!

Julius begleitete uns, und schied von uns, in lauter Glanz und Klarheit gehullt, wie ein Bothe des Himmels, der sich bewusst ist, uns auch unsichtbar gegenwartig zu bleiben.

Mein Genius hatte mich beim Scheideweg meines Lebens gewaltsam ergriffen und in eine veranderte Laufbahn gezogen. Das ewig reine rege Verlangen meines Wesens nach Nordheim, das mir seit seinem ersten Anschaun durchs Leben folgte, erhielt mich in einem sonderbaren abwechselnden Zustand. Wenn die Zeitraume, welche wir durchleben, mehr nach dem Kreis unsrer innern Erscheinungen bezeichnet werden mussen, als nach den aussern Eindrucken und Spuren, die wir von der Welt um uns her empfangen, oder ihr geben, so sind Tage der Liebe reicher und lebenvoller, als Jahre der Gleichmuthigkeit.

Schmerz und Vergnugen entreissen sich wechselnd die fluchtigen Momente, und der immer lebendige Strom der durch unsre Seele rinnt, nimmt oft das Bewusstseyn mit hinweg. Das Gedachtniss hat keine Zeichen fur diese bewegliche Fluth innrer Regungen, das geheimnissvolle Wesen der Musik ist am vertrautesten mit ihnen, die Tone folgen den Zaubereien unserer Gefuhle in ihre feinsten Beugungen, in ihr starkstes unerschopfliches Leben.

Die raschen schnellen Wurfe des Schicksals, die einem so stillen einformigen Leben folgten, drangten mich gleichsam in mich selbst zuruck. Mir war oft, als hatte ich Nordheim durch mein dem Fursten gegebenes Versprechen gekrankt. Dann war es, als durfte ich keine Gestalt mehr fest halten, alles entflog mir unter der Hand, als ein tauschender Schatten. Zur heitern Ruhe und Sicherheit des Daseyns konnte ich auf diese Art nicht kommen, und in meinen klarsten Augenblicken fuhlte ich hart ihren Mangel. Unser Wesen scheint so sehr auf eine nothwendige Harmonie mit der uns umgebenden Welt berechnet zu seyn, dass ein gewisses klares Gefuhl des Daseyns uns doch einzig aus dieser zuwachst. Und ist nicht am Ende dieses klare Gefuhl unsrer Selbst in einem lebenreichen Ganzen, die bleibende Gestalt, in der wir den tausendfach wechselnden Proteus, die Gluckseligkeit, fassen?

Mein Vater verstand meinen ganzen Zustand mit seinem gewohnten zarten Sinn. Vergebens hatte ich ihn gebeten, den Freund meiner Jugend in Hohenfels auf unsrer Reise zu sehen. Erwarte eine gunstigere Gemuthsstimmung, liebes Kind, sagte mir mein Vater sanft. Der edle Greis ist von jeder Wallung der Leidenschaft so fern, dass ihm der Zustand worin du jetzt bist, unvernehmbar oder zerstohrend seyn muss.

Ich fuhlte diesen Grund nur allzurichtig, und gab meinen Wunsch auf.

Die Zerstreuungen der Reise wirkten bald wohlthatig auf mein Gemuth.

Welchen neuen Ton giebt es unserm innern Sinn, wenn unsre Tage im wechselnden Reiz der Naturerscheinungen verfliessen, wenn unser Gesichtskreis sich mit immer neuen Bildern fullt, die im Wechsel des Morgen- und Abendlichtes tausend zauberische Verwandlungen annehmen.

Die weite Natur hat eine beruhigende Antwort fur jeden Zustand unsers Gemuths. Wenn wir in dem frischen Duft des Waldes unter einem Gewolbe von Laub in stille Betrachtung versinken, bis alle Schauer wehmuthiger Erinnerungen sich um uns her drangen, dann auf einmahl in eine weite Ferne schauen, wo die feinste Linie am Horizont in den blauen Himmel verfliesst, und wo mannichfache Stadte und Thurme aus der Ebene steigen; dann wird unsre Fantasie in eine Welt neuer Bilder und Lebensweisen hinubergezogen, und unser Herz erhebt sich aus den Fesseln seines Grams zum freundlichen Antheil an dem Leben und Wirken um sich her.

Wir fuhlen unsre Einschrankung, der Kreis unsrer innren Sorgen fangt an sich freundlich und mild aufzulosen, und wir schweben in eine freiere Region hinuber. Die umgebende Welt spricht uns wieder laut an; sie schien uns eine todte Masse, so lang der Kummer auf unserm Busen lastete, und eine lebendige Sympathie verbindet uns wieder mit den Wirkungen des mannichfachen Lebens.

Wir flogen in einem leichten Wagen durch manche liebliche Gegend, und endlich durch den schonsten Theil Oberschwabens der Schweiz zu. Architektur und Mahlerei waren neben den Naturschonheiten, die Hauptgegenstande unsrer Beobachtungen, und mein ungeubter Sinn schloss sich unter der Leitung meines Vaters auf.

Das harmonische Gefuhl, welches die reinen Verhaltnisse der Baukunst geben, bewegte meine Seele tief, und von allen Schauern der Grosse und Erhabenheit durchdrungen, stand ich vor den Monumenten gothischer Kunstfantasie.

Es war mir ein unvergesslicher Augenblick, als ich zuerst die Eisberge empor steigen sah. Wir selbst scheinen in eine neue Existenz hingezogen, wenn wir unsern Wohnplatz, die Erde, sich mit den Massen der Wolken vermischen sehen. Der Bodensee mit seinen lieblichen Ufern und ernstfeierlichen Bergen, entschleierte sich nach und nach vor uns, und nun eilten wir von einem schonen erhabenen Gegenstand zum andern.

In dieser herrlichen Natur, sagte mein Vater geruhrt, wo wir uns auf jedem Schritt von den Zauberformen der Schonheit umfangen fuhlen, hier ist der Ort fur zwei liebende Herzen, denen das Schicksal nach einem sturmischen Leben noch wenige freundliche Tage vergonnt. Hier wird auch dein sehnendes Herz sich wieder zu den glucklichen Traumen der Zukunft starken, bis Nordheim zuruck kehrt. Hier wollen wir uns einen einsamen Wohnplatz aussuchen!

In der nachsten Stadt, wo wir ubernachten sollten, fand mein Vater einen Brief, den er mit sichtbarer Bewegung las.

Der Furst ist todt! sagte er mir, als er ausgelesen hatte. Der Prinz und meine Gemahlin wunschen unsre schnelle Ruckkehr.

Alles ist also aufgelost, sagte ich. Traurig ist es, dass nur der Tod eines guten Mannes die Verwickelung unsers Schicksals losen musste! Sein Leben hatte unser reinstes Gluck machen konnen. Sein Herz war geschaffen, um uns zu lieben.

Mit Wehmuth, mit Verehrung dachte ich an den letzten Augenblick, wo ich den Greis gesehen. Wie rege war sein Herz! Warum mussten Eigennutz und Arglist es umstricken, seine freien Bewegungen fur uns hemmen! O welche heilige Kraft der Liebe unterlage nicht dem weitgesponnenen Gewebe tausend kleiner Leidenschaften! Jedes sanfte Gefuhl verwandelte sich zum Schmerz in seinem Busen, wo noch ein Traum von Liebe aufdammerte.

Mein Vater entdeckte mir den Entschluss, seine Ehe fur immer in den Schleier des Geheimnisses zu verhullen.

Meine Gemahlin und ich ehren so den Willen des Entschlafenen, sagte er. Es lehrte mich nicht nur mein eignes Schicksal, sondern auch der freie Blick ins Leben, dass das stille Fugen in manche Verhaltnisse, der Gewohnheit zur Tugend gunstiger ist, als das Uberspringen derselben. Ich mag mich durch meine Handlungsweise nicht laut zum letzteren bekennen. Mein Vater wollte mich fur seine Tochter, aus einer wahrend seiner Abwesenheit von Hohenfels geschlossenen Ehe, erklaren, die der Tod wieder getrennt hatte.

Wir beschleunigten unsre Ruckreise so sehr als moglich, und nahmen den kurzesten Weg nach D.

Mein Gemuth konnte die heitre Zukunft nicht fassen.

In mehreren Paketen von nachgeschickten Briefen hatte ich keinen von Nordheim gefunden. Tausend Besorgnisse qualten mich, und alle schonen Traume, die mir in der ersten Zeit seiner Entfernung, in dem Zauber eines ununterbrochenen Briefwechsels gebluht hatten, verkehrten sich zu furchtbaren Gestalten. Er hat dein Betragen ubel gedeutet, sagte ich mir, und schweigt darum.

Wenn die gluckliche Liebe einmahl von der Sorge umschlungen wird, dann ist ihr Schmerz unaussprechlich, weil er zwei Herzen in einem trifft. Die Hofnung schweigt vor dem allgewaltigen Drang des Verlangens, und wird von gluhenden Erinnerungen verzehrt. Jedes Geschaft dunkt uns eine Zerstreuung, der Lauf des Tages nur ein muhevoller Wechsel der Arbeit, jedes gleichgultige Wort eine Wunde.

Wenn die Sterne in Osten entglimmen, dann dringt etwas Lebendiges an unser Wesen. Es ist als ob eine sanfte Hand uns fasste, die Seele loste, und hinzoge in das tiefe Blau der unendlichen Ferne.

Das Bild unsrer Liebe wird gleichsam eins mit den Sternen, es ist die geliebte Gestalt, die uns ergreift! Dann hat gleichsam die Unendlichkeit ein Zeichen, einen Ring, an dem wir uns in ihr fest halten, und unser Schmerz lost sich, wenn die Banden des Raums von uns fallen.

Das heilige Leben der Natur, ihre zarten nie verbluhenden Gestalten ziehen uns ins Reich der unermesslichen Krafte.

Der unendliche Himmel liegt vor unserm Auge, das Gerausch der Wasserstrome, Symbole des nie stokkenden Lebensquelles der Natur, tonen in unserm Ohre; so dringt heilige, unendliche Fulle durch unsre Sinne, und der Sturm der Sehnsucht verwandelt sich in ein laues Luftchen.

Aber jetzt schallt der Ton einer Glocke durch die Nacht, und wir kehren mit unserm Empfinden in das engbegrenzte menschliche Seyn, in die Bande der Zeit zuruck.

Unser Herz sucht den Geliebten aufs neue, und findet nur seine Sehnsucht wieder.

Mein Vater, gewohnt in meiner Seele zu lesen, folgte meiner Stimmung. Die Sehnsucht wahrer Liebe hat keine Sprache, aber meine Besorgnisse, meine Unruhe, die sich auf jeder Post vermehrten, wo ich Briefe erwartete und nicht fand, beantwortete er oft nur mit einem stillen Lacheln, oft mit dem sanften Vorwurf:

Und alles dieses um einen ausgebliebenen Brief, der so tausend Zufallen unterworfen ist?

Es war etwas Fremdes in diesem Betragen, was mein Herz verschloss und meine Unruh vermehrte.

Das Wetter fing an trube zu werden, ein trauriger Nebel lag auf allen Gegenden, wie auf meiner Seele.

Wir fuhren eines Abends tiefer in die Nacht hinein als gewohnlich. Wir waren beide still in die Ecken des Wagens gedruckt. Nur zuweilen druckte mir mein Vater lebhaft die Hande. Als der Wagen hielt, stieg mein Vater rasch aus, zog an einer Glocke. Ein Licht erschien in der Thur. Mein Vater gab mir den Arm, wir folgten schnell dem Diener, der das Licht trug, und ich verbarg meine Augen vor dem Schimmer, der mich nach der Dunkelheit blendete.

Die Thur ofnete sich, ein Licht stand ihr gegenuber; bekannt und vertraulich sprach mich die ganze Anordnung beim ersten Blicke an. Es dunkte mir das Zimmer meines Pflegevaters. Wie in einem Zauberkreis von meiner Verwunderung gefesselt, wagte ich nicht, vorwarts zu gehen. Zwei Gestalten erhuben sich vom Kamin. In der Dammerung, welche die Tiefe des Zimmers umhullte, schwankte ihr Umriss vor meinen geblendeten Augen. Jetzt fielen die Lichtstrahlen auf sie, und ich lag in Nordheims, in meines Pflegevaters Armen.

Die Strome der reinsten unnennbaren Wonne flutheten so gewaltig um mein Herz, dass die Bewegungen des gewohnlichen Lebens stockten. Schwindelnd sank ich in Nordheims Arme, zog meinen Vater an mein Herz, und aufgelost in Harmonie, verhallte mein Bewusstseyn in dem grenzenlosen Genuss der Liebe.

Ich befurchtete es, dass der Eindruck zu stark auf sie wirken wurde, waren die ersten Worte, die ich wieder vernahm. Mein Vater hatte sie ausgesprochen, und der Prediger antwortete: Die Wallungen der Freude hemmen den Lauf des Lebens nur, um ihn mit neuen Schwingen zu beflugeln; sie wird bald wieder bei sich seyn.

Der goldne Duft war vor meinen Augen zerronnen, ich sah die geliebten Gestalten hell vor mir. Nordheim kniete an meiner Seite, und unterstutzte mich mit seinen Armen. Ich las nur Zartlichkeit in seinem Auge, keine Spur des Vorwurfs.

Jedes suchte nun den holden Schatz seiner Empfindungen im eignen Busen zu versenken, um mich mit ihrem allzugewaltigen Ausdruck nicht anzugreifen.

Unser Gluck wurde ein sanfter erstohlner Genuss, wir wahnten, uns gegenseitig unsre zeither durchlaufenen Verhaltnisse aus einander zu legen, aber augenblicklich ergriff uns wieder die susse Verwirrung liebender Herzen, denen jeder Ausdruck der Sprache schwach und langsam dunkt.

Unser gluckliches Zusammentreffen klarte sich jedoch aus dem folgenden Zusammenhang der Begebenheiten auf.

Nordheim hatte sein Geschaft mit einer nur ihm gegebenen Gewalt uber die Gemuther schnell und glucklich beendigt. Julius Nachrichten von der Falschheit und Wortbruchigkeit, zu welcher der Minister den Fursten bewogen, die Nachricht von der Gefahr, in der Hohenfels schwebte, die Gewalt, mit der man mein Verhaltniss mit Nordheim, durch eine andere Verbindung aufzuheben strebte; dieses alles erfuhr Nordheim erst durch die Briefe, die den Tag vor seiner Abreise ankamen.

Im Zweifel, wie die Sachen stehen mochten, wagte er nicht, mir zu schreiben, sondern reiste selbst mit unglaublicher Schnelligkeit nach D.

An dem Tag seiner Ankunft erfolgte der Tod des Fursten. Er wollte mir nachreisen, der Prinz bat ihn instandig zu bleiben, auch furchtete er, wir mochten uns verfehlen. Er schrieb mir; der Prinz, der den Brief zum Einschluss bekam, behielt ihn zuruck. Er hatte die Idee einer frohen Uberraschung zu lebhaft gefasst, und leitete alles dahin, sie auszufuhren.

Der Minister bekam seinen Abschied, und trug die Schande und den Missmuth fehlgeschlagner Plane des Eigennutzes mit in die Einsamkeit.

Julius ubernahm seine Geschafte. Sein edles Herz, das jede Thatigkeit in ihrer tiefsten und hochsten Beziehung ergriff, schien in der Wirkung auf ein grosses lebenvolles Ganze ein neues Leben zu athmen.

Sein Bruder war sein treuer Mitarbeiter.

Der Prinz bat Nordheim, mit der Salmschen Familie wegen Hohenfels Gutern zu verhandeln. Man wollte wegen des ganzen Verhaltnisses kein Aufsehen machen, sie wurde mit einer Geldsumme abgefunden. Nordheim musste selbst, um die Guter zu ubernehmen, nach Hohenfels reisen, und wollte dort die Nachricht meiner Zuruckkunft und Reiseroute erwarten, um die er mich in dem untergeschlagnen Briefe gebeten, um mir sodann mit dem Prediger entgegen zu reisen.

Von Nordheim hatte mein Pflegevater die Ruckkehr seines geliebten Gutsherrn vernommen, und in diesem auch den Vater seiner Agnes, einen unnennbar verpflichteten Freund kennen lernen.

Herr von Salm war schon abgereist, und alles zum Empfang meines Vaters bereit.

Mein Vater wurde von dem Prinzen benachrichtigt, dass er Nordheim in Hohenfels treffen wurde, und dringend gebeten, ihm die Freude unsrer gegenseitigen Uberraschung nicht zu verderben.

Meine Mutter genoss unser Gluck in der Entfernung, wie es ihre Lage forderte, aber mit dem ganzen Entzucken, dessen ihre zarte Seele fahig war. Ihre warme Einbildung zauberte sie in die Gegenwart ihrer Geliebten, keine Trennung war fur sie.

Die gute treue Rosine umarmte mich mit tausend Freudenthranen, hatte mit sibyllinischer Weisheit vorhergesagt, wie es kommen wurde, und bediente uns mit unerschopflicher Redseligkeit. Wie lieblich flogen die guten Geister meiner Jugend um mich her! Aller Hausrath der stillen einformigen Wirthschaft, jeder Winkel des Hauses rief mir eine holde Erinnerung zuruck. Bildend wirkten die Spuren der Vergangenheit auf mein Gemuth; mochte ich bleiben wie hier alles blieb, rein, einfach und still!

Mein Vater sollte den nachsten Tag einen feierlichen Einzug ins Schloss halten; man wollte den guten Leuten, bei denen noch die Feste ein Ausdruck des Herzens sind, die lebendigste Erinnerung dieses Tages schenken.

Man sprach von den Anstalten zu meiner Trauung, sie sollte im Schloss vor sich gehen. Mein Vater, sagte ich zum Prediger, ich wunschte, sie mochte hier seyn, hier in diesem Zimmer voll heiliger Erinnerungen der ersten Stunde der Liebe. O jener Abend, mein Vater, ist er Ihnen nicht auch so unvergesslich?

Nordheim dankte zartlich, stimmte lebhaft in meinen Wunsch ein, und flusterte mir sanft zu: Wenn es hier seyn darf, meine Agnes, warum nicht heute, warum nicht jetzt? Darf ich Ihren Vater bitten?

Der Prediger hatte Nordheims Wunsch vernommen, und rief lebhaft: Sie haben Recht, der Becher der Freude muss voll werden! Es giebt keinen schonern Augenblick, um Euer Bundniss zu schliessen!

Mein Vater bat mich, einzuwilligen.

Rosine wand einen Myrthenstrauch zum Kranzchen, und schmuckte mein ehemahliges kleines Wohnzimmer zum Brautgemach.

So reicht mir auch die Vorsicht noch diesen Genuss, rief der Prediger, indem er mich Nordheim zufuhrte. Ich sehe das Gluck meiner Agnes in wurdigen Handen.

Ich empfange alles mit ihr, sagte Nordheim. Was ist das Leben, wenn es nicht unser Herz zu einem Ganzen macht? Am Ziel der Wissenschaft, der Tugend fuhlt der Mensch immer nur das Wachsthum seiner Kraft, die ganze Kraft selbst fuhlt er nur in seiner Liebe!

Man hatte im Dorfe die frohen Begebenheiten vernommen, alles drangte sich zu, und der Abend verging unter rauschender, aber herzlicher Frohlichkeit.