Ludwig Tieck
Franz Sternbalds
Wanderungen
Eine altdeutsche Geschichte
Erstes Buch
Erstes Kapitel
"So sind wir denn endlich aus den Toren der Stadt", sagte Sebastian, indem er stille stand und sich freier umsah.
"Endlich?" antwortete seufzend Franz Sternbald sein Freund. "Endlich? Ach nur zu fruh, allzu fruh."
Die beiden Menschen sahen sich bei diesen Worten lange an, und Sebastian legte seinem Freunde zartlich die Hand an die Stirne und fuhlte, dass sie heiss sei. "Dich schmerzt der Kopf", sagte er besorgt, und Franz antwortete: "Nein, das ist es nicht, aber dass wir uns nun bald trennen mussen."
"Noch nicht!" rief Sebastian mit einem wehmutigen Erzurnen aus, "so weit sind wir noch lange nicht, ich will dich wenigstens eine Meile begleiten."
Sie gaben sich die Hande und gingen stillschweigend auf einem schmalen Wege nebeneinander.
Jetzt schlug es in Nurnberg vier Uhr und sie zahlten aufmerksam die Schlage, obgleich beide recht gut wussten, dass es keine andre Stunde sein konnte: indem warf das Morgenrot seine Flammen immer hoher, und es gingen schon undeutliche Schatten neben ihnen, und die Gegend trat rundumher aus der ungewissen Dammerung heraus; da glanzten die goldenen Knopfe auf den Turmen des heiligen Sebald und Laurentius, und rotlich farbte sich der Duft, der ihnen aus den Kornfeldern entgegenstieg.
"Wie alles noch so still und feierlich ist", sagte Franz, "und bald werden sich diese guten Stunden in Saus und Braus, in Getummel und tausend Abwechselungen verlieren. Unser Meister schlaft wohl noch und arbeitet an seinen Traumen, seine Gemalde stehn aber auf der Staffelei und warten schon auf ihn. Es tut mir doch leid, dass ich ihm den Petrus nicht habe konnen ausmalen helfen."
"Gefallt er dir?" fragte Sebastian.
"Uber die Massen", rief Franz aus, "es sollte mir fast bedunken, als konnte der gute Apostel, der es so ehrlich meinte, der mit seinem Degen so rasch bei der Hand war und nachher doch aus Lebensfurcht das Verleugnen nicht lassen konnte, und sich von einem Hahn musste eine Buss- und Gedachtnispredigt halten lassen; als wenn ein solcher beherzter und furchtsamer, starrer und gutmutiger Apostel nicht anders habe aussehen konnen, als ihn Meister Durer so vor uns hingestellt hat. Wenn er dich zu dem Bilde lasst, lieber Sebastian, so wende ja allen deinen Fleiss darauf und denke nicht, dass es fur ein schlechtes Gemalde gut genug sei. Willst du mir das versprechen?"
Er nahm ohne eine Antwort zu erwarten seines Freundes Hand und druckte sie stark, Sebastian sagte: "Deinen Johannes will ich recht aufheben und ihn behalten, wenn man mir auch viel Geld dafur bote."
Mit diesen Reden waren sie an einen Fusssteig gekommen, der einen nahern Weg durch das Korn fuhrte. Rote Lichter zitterten an den Spitzen der Halme und der Morgenwind ruhrte sich darin und machte Wellen. Die beiden jungen Maler unterhielten sich noch von ihren Werken und von ihren Planen fur die Zukunft: Franz verliess jetzt Nurnberg, die herrliche Stadt, in der er seit zwolf Jahren gelebt hatte und in ihr zum Jungling erwachsen war, aus diesem befreundeten Wohnort ging er heut, um in der Ferne seine Kenntnis zu erweitern und nach einer muhseligen Wanderschaft dann als ein Meister in der Kunst der Malerei zuruckzukehren; Sebastian aber blieb noch bei dem wohlverdienten Albrecht Durer, dessen Name im ganzen Lande ausgebreitet war. Jetzt ging die Sonne in aller Majestat hervor und Sebastian und Franz sahen abwechselnd nach den Turmen von Nurnberg zuruck, deren Kuppeln und Fenster blendend im Schein der Sonne glanzten.
Die jungen Freunde fuhlten stillschweigend den Druck des Abschieds, der ihrer wartete, sie sahen jedem kommenden Augenblick mit Furcht entgegen, sie wussten, dass sie sich trennen mussten und konnten es doch immer noch nicht glauben.
"Das Korn steht schon", sagte Franz, um nur das angstigende Schweigen zu unterbrechen, "wir werden eine schone Ernte haben."
"Diesmal", antwortete Sebastian, "werden wir nicht miteinander das Erntefest besuchen, wie seither geschah; ich werde gar nicht hingehn, denn du fehlst mir und all das lustige Pfeifen- und Schalmeigetone wurde nur ein bittrer Vorwurf fur mich sein, dass ich ohne dich kame."
Dem jungen Franz standen bei diesen Worten die Tranen in den Augen, denn alle Szenen, die sie miteinander gesehn, alles, was sie in bruderlicher Gesellschaft erlebt hatten, ging schnell durch sein Gedachtnis; als nun Sebastian noch hinzusetzte: "Wirst du mich auch in der Ferne noch immer lieb behalten?" konnte er sich nicht mehr fassen, sondern fiel dem Fragenden mit lautem Schluchzen um den Hals und ergoss sich in tausend Tranen, er zitterte, es war, als wenn ihm das Herz zerspringen wollte. Sebastian hielt ihn fest in seinen Armen, und musste mit ihm weinen, ob er gleich alter und von einer harteren Konstitution war. "Komme wieder zu dir!" sagte er endlich zu seinem Freunde, "wir mussen uns fassen, wir sehn uns ja wohl wieder."
Franz antwortete nicht, sondern trocknete seine Tranen ab, ohne sein Gesicht zu zeigen. Es liegt im Schmerze etwas, dessen sich der Mensch schamt, er mag seine Tranen auch vor seinem Busenfreunde, auch wenn sie diesem gehoren, gern verbergen.
Sie erinnerten sich nun daran, wie sie schon oft von dieser Reise gesprochen hatten, wie sie ihnen also nichts weniger als unerwartet kame, wie sehr sie Franz gewunscht und sie immer als sein hochstes Gluck angesehn habe. Sebastian konnte nicht begreifen, warum sie jetzt so traurig waren, da im Grunde nichts vorgefallen sei, als dass nun endlich der langgewunschte Augenblick wirklich herbeigekommen sei. Aber so ist das Gluck des Menschen, er kann sich dessen nur freuen, wenn es aus der Ferne auf ihn zuwandelt; kommt es ihm nahe und ergreift seine Hand, so schaudert er oft zusammen, als wenn er die Hand des Todes fasste.
"Soll ich dir die Wahrheit gestehn?" fuhr Franz fort; "du glaubst nicht, wie seltsam mir gestern abend zu Sinne war. Ich hatte meinen Gedanken so oft die Pracht Roms, den Glanz Italiens vorgemalt, ich konnte mich bei der Arbeit ganz darin verlieren, dass ich mir vorstellte, wie ich auf unbekannten Fusssteigen, durch schattige Walder wanderte, und dann fremde Stadte und niegesehene Menschen meinem Blicke begegneten; ach, die bunte, ewig wechselnde Welt mit ihren noch unbekannten Begebenheiten, die Kunstler, die ich sehn wurde, das hohe gelobte Land der Romer, wo einst die Helden wirklich und wahrhaftig gewandelt, deren Bilder mir schon Tranen entlockt hatten; sieh, alles dies zusammen hatte oft so meine Gedanken gefangengenommen, dass ich zuweilen nicht wusste, wo ich war, wenn ich wieder aufsah. 'Und das alles soll wirklich werden!' rief ich dann manchmal aus, 'es soll eine Zeit geben konnen, sie tritt schon naher und naher, in der du nicht mehr vor der alten, so wohlbekannten Staffelei sitzest, eine Zeit, wo du in alle die Herrlichkeit hineinleben darfst und immer mehr sehn, mehr erfahren, nie aufwachen, wie es dir jetzt wohl geschieht, wenn du so zuzeiten von Italien traumst; ach, wo, wo bekommst du Sinne, Gefuhle genug her, um alles treu und wahr, lebendig und urkraftig aufzufassen?' Und dann war es, als wenn sich Herz und Geist innerlich ausdehnten und wie mit Armen jene zukunftige Zeit erhaschen, an sich reissen wollten; und nun "
"Und nun, Franz?"
"Kann ich es dir sagen?" antwortete jener "kann ich es selber ergrunden? Als wir gestern abend um den runden Tisch unsers Durers sassen und er mir noch Lehren zur Reise gab, als die Hausfrau indes den Braten schnitt und sich nach dem Kuchen erkundigte, den sie zu meiner Abreise gebacken hatte, als du nicht essen konntest, und mich immer von der Seite betrachtetest; o Sebastian, es wollte mir ganz mein armes ehrliches Herz zerreissen. Die Hausfrau kam mir so gut vor, so oft sie auch mit mir gescholten, so oft sie auch unsern braven Meister betrubt hatte; hatte sie mir doch selbst meine Wasche eingepackt, war sie doch geruhrt, dass ich abreisen wollte. Nun war unsre Mahlzeit geendigt, und wir alle waren nicht frohlich gewesen, sosehr wir es auch uns erst in vielen Worten vorgesetzt hatten. Jetzt nahm ich Abschied von Meister Albrecht, ich wollte so hart sein und konnte vor Tranen nicht reden; ach mir fiel es zu sehr ein, wie viel ich ihm zu danken hatte, was er ein vortrefflicher Mann ist, wie herrlich er malt, und ich so nichts gegen ihn bin und er doch in den letzten Wochen immer tat, als wenn ich seinesgleichen ware; ich hatte das alles noch nie so zusammen empfunden, und nun warf es mich dafur auch ganzlich zu Boden. Ich ging fort und du gingst stillschweigend in deine Schlafkammer: nun war ich auf meiner Stube allein. 'Keinen Abend werd ich mehr hier hereintreten,' sagte ich zu mir selber, indem ich das Licht auf den Boden stellte; 'fur dich, Franz, ist nun dieses Bette zum letzten Male in Ordnung gelegt, du wirfst dich noch einmal hinein und siehst diese Kissen, denen du so oft deine Sorgen klagtest, auf denen du noch ofter so suss schlummertest, nie siehst du sie wieder.' Sebastian, geht es allen Menschen so, oder bin ich nur ein solches Kind? Es war mir fast, als stunde mir das grosste Ungluck bevor, das dem Menschen begegnen konnte, ich nahm sogar die alte Lichtschere mit Zartlichkeit, mit einem wehmutigen Gefuhl in die Hand und putzte damit den langen Docht des Lichtes. Ich war uberzeugt, dass ich vom guten Durer nicht zartlich genug Abschied genommen, ich machte mir heftige Vorwurfe daruber, dass ich ihm nicht alles gesagt hatte, wie ich von ihm denke, welch ein vortrefflicher Mann er in meinen Augen sei, dass er nun von mir so entfernt werde, ohne dass er wisse, welche kindliche Liebe, welche brennende Verehrung, welche Bewunderung ich mit mir nahme. Als ich so uber die alten Giebel hinubersah, und uber den engen dunkeln Hof, als ich dich nebenan gehn horte und die schwarzen Wolken so unordentlich durch den Himmel zogen, ach! Sebastian! wie wenn ihr mich aus dem Hause wurfet, als wenn ich nicht mehr euer Freund und Gesellschafter sein durfte, als wenn ich allein als ein Unwurdiger verstossen sei, verschmaht und verachtet so regte es sich in meinem Busen. Ich hatte keine Ruhe, ich ging noch einmal vor Durers Gemach und horte ihn drinnen schlafen, o ich hatte ihn gern noch einmal umarmt, alles genugte mir nicht, ich hatte mogen dableiben, an kein Verreisen hatte mussen gedacht werden und ich ware vergnugt gewesen. Und noch jetzt! sieh, wie die frohlichen Lichter des Morgens um uns spielen, und ich trage noch alle Empfindungen der dunkeln Nacht in mir. Warum mussen wir immer fruheres Gluck vergessen, um von neuem glucklich sein zu konnen? Ach! lass uns hier einen Augenblick stille stehen, horch, wie schon die Gebusche flustern; wenn du mir gut bist, so singe mir hier noch einmal das alte Lied vom Reisen."
Sebastian stand sogleich still und sang, ohne alle Vorbereitung, folgende Verse:
"Willt du dich zur Reis bequemen
Uber Feld,
Berg und Tal,
Durch die Welt,
Fremde Stadte allzumal,
Musst Gesundheit mit dir nehmen.
Neue Freunde aufzufinden
Lasst die alten du dahinten,
Fruh am Morgen bist du wach,
Mancher sieht dem Wandrer nach
Weint dahinten,
Kann die Freud nicht wiederfinden.
Eltern, Schwester, Bruder, Freund,
Auch vielleicht das Liebchen weint,
Lass sie weinen, traurig und froh
Wechselt das Leben bald so bald so,
Nimmer ohne Ach! und Oh!
Heimat bleibt dir treu und bieder,
Kehrst du nur als Treuer wieder,
Reisen und Scheiden
Bringt des Wiedersehens Freuden."
Franz hatte sich ins hohe Gras gesetzt und sang die letzten Verse inbrunstig mit, er stand auf und sie kamen an die Stelle, wo Sebastian hatte umkehren wollen.
"Grusse noch einmal!" rief Franz aus, "alle, die mich kennen, und lebe du recht wohl."
"Und du gehst nun?" fragte Sebastian; "muss ich denn nun ohne dich umkehren?"
Sie hielten sich beide fest umschlossen. "Ach nur eins noch!" rief Sebastian aus, "es qualt mich gar zu sehr und ich kann dich nicht lassen."
Franz wunschte den Abschied im Herzen voruber, es war, als wenn sein Herz von diesen gegenwartigen Minuten erdruckt wurde, er sehnte sich nach der Einsamkeit, nach dem Walde, um dann von seinem Freunde entfernt seinen Schmerz ausweinen zu konnen. Aber Sebastian verlangerte die Augenblicke des Abschieds, weil er sich durch kein neues Leben, durch keine neue Gegend konnte trosten lassen, er kannte alles genau, wozu er zuruckkehrte. "Willst du mir versprechen?" rief er aus.
"Alles! alles!"
"Ach Franz!" fuhr jener klagend fort, "ich lasse dich nun los und du bist nicht mehr mein, ich weiss nicht, was dir begegnet, ich kann dir nicht ins Gesicht sehen, und so setze ich deine Liebe, ja dich selbst auf ein ungewisses Spiel. Wirst du auch noch in der weiten Ferne an deinen einfaltigen Freund Sebastian denken? Ach, wenn du nun unter klugen und vornehmen Leuten bist, wenn es nun schon lange her ist, dass wir hier Abschied genommen haben, willst du mich auch dann nie verachten?"
"O mein liebster Sebastian!" rief Franz schluchzend.
"Wirst du immer noch Nurnberg so lieben", fuhr jener fort, "und deinen Meister, den wackern Albrecht? Wirst du dich nie kluger fuhlen? O versprich mir, dass du derselbe Mensch bleiben willst, dass du dich nicht vom Glanz des Fremden willst verfuhren lassen, dass alles dir noch ebenso teuer ist, dass ich dich noch ebenso angehe."
"O Sebastian", sagte Franz, "mag die ganze Welt klug und uberklug werden, ich will immer ein Kind bleiben."
Sebastian sagte: "O wenn du einst mit fremden abgebettelten Sitten wiederkamst, alles besser wusstest und dir das Herz nicht mehr so warm schluge, wenn du dann mit kaltem Blute nach Durers Grabstein hinsehn konntest und du hochstens uber die Arbeit und Inschrift sprachest o so mocht ich dich gar nicht wiedersehn, dich gar nicht fur meinen Bruder erkennen."
"Sebastian! bin ich denn so?" rief Franz heftig aus; "ich kenne ja dich, ich liebe ja dich und mein Vaterland, und die Stube worin unser Meister wohnt, und die Natur und Gott. Immer werd ich daran hangen, immer, immer! Sieh, hier, an diesem alten Eichenbaum versprech ich es dir, hier hast du meine Hand darauf."
Sie umarmten sich und gingen stumm auseinander, nach einer Weile stand Franz still, dann lief er dem Sebastian nach und umarmte ihn wieder. "Ach, Bruder", sagte er, "und wenn Durer den Ecce homo fertig hat, so schreibe mir doch recht umstandlich wie der geworden ist und glaube ja an die Gottlichkeit der Bibel, ich weiss, dass du manchmal ubel davon dachtest."
"Ich will es tun", sagte Sebastian und sie trennten sich wieder, aber nun kehrte keiner um, oft wandten sie das Gesicht, ein Wald trat zwischen beide.
Zweites Kapitel
Als Sebastian nach der Stadt zuruckkehrte und Franz sich nun allein sah, liess er seinen Tranen ihren Lauf. "Lebe wohl, tausendmal wohl", sagte er immer still vor sich hin, "wenn ich dich nur erst wiedersahe!"
Die Arbeiter auf den Feldern waren nun in Bewegung, alles war tatig und ruhrte sich; Bauern fuhren ihm voruber, in den Dorfern war Getummel, hochbeladene Wagen mit Heu wurden in die Scheuren gefahren, Knechte und Magde sangen und schakerten laut. "Wie viele Menschen sind mir heute schon begegnet", dachte Franz bei sich, "und unter allen diesen weiss vielleicht kein einziger von dem grossen Albrecht Durer, der mit seinen Werken meinen ganzen Kopf einnimmt, den zu erreichen mein einziges Trachten ist! Sie wissen vielleicht kaum, dass es eine Malerei gibt und doch fuhlen sie sich nicht unglucklich. Ich kann es nicht einsehn, wie man so fortleben konnte, so einsam und verlassen: und doch treibt jeder emsig sein Geschaft, und es ist gut, dass es so ist und so sein muss."
Die Sonne war indes hoch gestiegen und brannte heiss herunter, die Schatten der Baume wurden kurz, die Arbeiter gingen zum Mittagsessen nach ihren Hausern. Franz dachte daran, wie sich nun Sebastian dem Albrecht Durer gegenuber zu Tische setze und wie man von ihm sprechen wurde. Er beschloss, auch im nachsten Geholze still zu liegen, und seinen mitgenommenen Vorrat zu geniessen. Wie erquickend war der kuhle Duft, der ihm aus den grunen Blattern entgegenwehte, als er in das Waldchen eintrat! Alles war still, und nur das Rauschen der Baume schallte und sauselte in abwechselnden Gangen uber ihm weg durch die liebliche Einsamkeit, in dem Getone und Murmeln eines Baches, der entfernt durch das Geholz hinfloss. Franz setzte sich auf den weichen Rasen und zog seine Schreibtafel heraus, um den Tag seiner Auswanderung anzumerken, dann holte er frischen Atem, und ihm war leicht und wohl; er war jetzt uber die Abwesenheit seines Freundes getrostet, er fand alles gut, so wie es war. Er breitete seine Tafel aus, und ass mit Wohlbehagen von seinem mitgenommenen Vorrate, er fuhlte jetzt nur die schone Gegenwart, die ihn umgab.
Indem kam ein Wandersmann die Strasse gegangen und grusste Franzen sehr freundlich, es war ein junger rotbackiger Bursche, er schien mude und Franz bat ihn daher, sich neben ihn niederzusetzen und mit ihm vorliebzunehmen. Der junge Reisende nahm sogleich diesen Vorschlag an, und beide verzehrten gutes Muts ihre Mittagsmahlzeit und tranken den Wein, den Franz aus Nurnberg mitgenommen hatte. Der Fremde erzahlte hierauf unserm Freunde, dass er ein Schmiedegeselle sei und eben auf der Wanderschaft begriffen, er gehe nun, die hochberuhmte Stadt Nurnberg in Augenschein zu nehmen und da etwas Rechtes fur sein Handwerk bei den kunstreichen Meistern zu lernen. "Und was treibt Ihr fur ein Gewerbe?" fragte er, indem er seine Erzahlung geendigt hatte.
"Ich bin ein Maler", sagte Franz, "und bin heute morgen aus Nurnberg ausgewandert."
"Ein Maler?" rief jener aus, "einer von denen, die fur die Kirchen und Kloster die Bilder verfertigen?"
"Recht", antwortete Franz, "mein Meister hat deren schon genug ausgearbeitet."
"Oh", sagte der Schmied, "was ich mir schon oft gewunscht habe, einem solchen Mann bei seiner Arbeit zuzusehn! denn ich kann es mir gar nicht vorstellen. Ich habe immer geglaubt, dass die Gemalde in den Kirchen schon sehr alt waren, und dass jetzt gar keine Leute lebten, die dergleichen zu machen verstunden."
"Gerade umgekehrt", sagte Franz, "die Kunst ist jetzt hoher gestiegen, als sie nur jemals war, ich darf Euch sagen, dass man jetzt so malt, wie es die fruhern Meister nie vermocht haben, die Manier ist jetzt edler, die Zeichnung richtiger und die Ausarbeitung bei weitem fleissiger, so dass die jetzigen Bilder den wirklichen Menschen ungleich ahnlicher sehen, als die vormaligen."
"Und konnt Ihr Euch denn davon ernahren?" fragte der Schmied.
"Ich hoffe es", antwortete Franz, "dass mich die Kunst durch die Welt bringen wird."
"Aber im Grunde nutzt doch das zu nichts", fuhr jener fort.
"Wie man es nimmt", sagte Franz, und war innerlich uber diese Rede bose. "Das menschliche Auge und Herz findet ein Wohlgefallen daran, die Bibel wird durch Gemalde verherrliche, die Religion unterstutzt, was will man von dieser edlen Kunst mehr verlangen?"
"Ich meine", sagte der Gesell, ohne sehr darauf zu achten, "es konnte doch zur Not entbehrt werden, es wurde doch kein Ungluck daraus entstehen, kein Krieg, keine Teurung, kein Misswachs, Handel und Wandel bliebe in gehoriger Ordnung; das alles ist nicht so mit dem Schmiedehandwerk der Fall, als worauf ich reise, und darum dunkt mich, musst Ihr mit einiger Besorgnis so in die Welt hineingehn, denn Ihr seid immer doch ungewiss, ob Ihr Arbeit finden werdet."
Franz wusste darauf nichts zu antworten und schwieg still, er hatte noch nie daruber nachgedacht, ob seine Beschaftigung den Menschen nutzlich ware, sondern sich nur seinem Triebe uberlassen. Er wurde betrubt, dass nur irgend jemand an dem hohen Werte der Kunst zweifeln konne, und doch wusste er jetzt jenen nicht zu widerlegen. "Ist doch der heilige Apostel Lukas selbst ein Maler gewesen!" fuhr er endlich auf.
"Wirklich?" sagte der Schmied und verwunderte sich, "das hatt ich nicht gedacht, dass das Handwerk schon so alt ware."
"Mochtet Ihr denn nicht", fuhr Franz mit einem hochroten Gesichte fort, "wenn Ihr einen Freund oder Vater hattet, den Ihr so recht von Herzen liebtet, und Ihr musstet nun auf viele Jahre auf die Wanderschaft gehn, und konntet sie in der langen langen Zeit nicht sehen, mochtet Ihr denn da nicht ein Bild wenigstens haben, das Euch vor den Augen stande, und jede Miene, jedes Wort zuruckriefe, das sie sonst gesprochen haben? Ist es denn nicht schon und herrlich, wenigstens so im gefarbten Schatten das zu besitzen, was wir fur teuer achten?"
Der Schmied wurde nachdenkend und Franz offnete schnell seinen Mantelsack und wickelte einige kleine Bilder aus, die er selbst vor seiner Abreise gemalt hatte. "Seht hieher", fuhr er fort, "seht, vor einigen Stunden habe ich mich von meinem liebsten Freunde getrennt und hier trage ich seine Gestalt mit mir herum; der da ist mein teurer Lehrer, Albrecht Durer genannt, gradeso sieht er aus, wenn er recht freundlich ist, hier habe ich ihn noch einmal, wie er in seiner Jugend gestaltet war."
Der Schmied betrachtete die Gemalde sehr aufmerksam und bewunderte die Arbeit, dass die Kopfe so naturlich vor den Augen standen, dass man beinahe glauben konnte, lebendige Menschen vor sich zu sehn. "Ist es denn nun nicht schon", sprach der junge Maler weiter, "dass sich manniglich bemuht, die Kunst immer hoher zu treiben und immer wahrer das naturliche Menschenangesicht darzustellen? War es denn nicht fur die ubrigen Apostel und fur alle damaligen Christen herrlich und eine liebliche Erquickung, wenn Lukas ihnen den Erloser, der nicht mehr unter ihnen wandelte, wenn er ihnen Maria und Magdalena und die ubrigen Heiligen hinmalen konnte, dass sie sie glaubten mit Augen zu sehen und mit den Handen zu erfassen? Und ist es denn nicht auch in unserm Zeitalter uberaus schon, fur alle Freunde des grossen Mannes, des kuhnen Streiters, den wackern Doktor Luther trefflich zu konterfeien, und dadurch die Liebe der Menschen und ihre Bewunderung zu erhohn? Und wenn wir alle langst tot sind, mussen es uns nicht Enkel und spate Urenkel Dank wissen, wenn sie dann die jetzigen Helden und grossen Manner von uns gemalt antreffen? O wahrlich, sie werden dann Albrecht segnen und mich auch vielleicht loben, dass wir uns ihnen zum Besten diese Muhe gaben, und keiner wird dann die Frage aufwerfen: wozu kann diese Kunst nutzen?"
"Wenn Ihr es so betrachtet", sagte der Schmied, "so habt Ihr ganz recht, und wahrlich, das ist dann ganz etwas anders, als Eisen zu hammern. Schon oft habe ich es mir auch gewunscht, so irgend etwas zu tun, das bliebe, und wobei die kunftigen Menschen meiner gedenken konnten, so eine recht uberaus kunstliche Schmiedearbeit, aber ich weiss immer noch nicht, was es wohl sein konnte, und ich kann mich auch oft darin nicht finden, warum ich das gerade will, da keiner meiner Handwerksgenossen darauf gekommen ist. Bei Euch ist das auf die Art freilich etwas Leichtes, und Ihr habt dabei nicht einmal so saure Arbeit, wie unsereins. Doch warum, lieber Maler, sieht man nur immer Kreuze und Leidensgeschichten und Heiligen? Warum findet Ihr es denn nicht auch der Muhe wert, Menschen, wie wir sie in ihrem gewohnlichen Wandel vor uns sehn, selbst mit ihren Possierlichkeiten und wunderlichen Gebarden abzuschildern? Aber freilich wird dergleichen wohl nicht gekauft; auch malt Ihr ja meistens fur Kirchen und heilige Orter. Doch darin denkt Ihr gerade wie ich, ja, mein Freund, Tag und Nacht wollt ich arbeiten und mich keinen Schweiss verdriessen lassen, wenn ich etwas zustande bringen konnte, das langer dauerte wie ich, das der Muhe wert ware, dass man sich meiner dabei erinnerte, und darum mocht ich gern etwas ganz Neues und Unerhortes erfinden oder entdecken, und ich halte die fur sehr gluckliche Menschen, denen so etwas gelungen ist."
Bei diesen Worten verlor sich der Zorn des Malers vollig, er ward dem Schmiedegesellen daruber sehr gewogen und erzahlte ihm noch mancherlei von sich und Nurnberg; er erfuhr, dass der junge Schmied aus Flandern komme. "Wollt Ihr mir einen grossen Gefallen tun?" fragte der Fremde.
"Gern", sagte Franz.
"So schreibt mir einige Worte auf und gebt sie mir an Euren Meister und Euren jungen Freund mit, ich will sie dann besuchen und sie mussen mich bei ihrer Arbeit zusehen lassen, weil ich es mir gar nicht vorstellen kann, wie sich die Farben so kunstlich ubereinanderlegen: dann will ich auch nachsehen, ob Eure Bilder da ahnlich sind."
"Das ist nicht notig", sagte Franz, "Ihr durft nur so zu ihnen gehen, von mir erzahlen und einen Gruss bringen, so sind sie gewiss so gut und lassen Euch einen ganzen Tag nach Herzenslust zuschauen. Sagt ihnen dann, dass wir viel von ihnen gesprochen haben, dass mir noch die Tranen in den Augen stehen."
Sie schieden hierauf und ein jeder ging seine Strasse. Indem es gegen Abend kam, fielen dem jungen Sternbald viele Gegenstande zu Gemalden ein, die er in seinen Gedanken ordnete und mit Liebe bei diesen Vorstellungen verweilte; je roter der Abend wurde, je schwermutiger wurden seine Traumereien, er fuhlte sich wieder einsam in der weiten Welt, ohne Kraft, ohne Hulfe in sich selber. Die dunkelgewordenen Baume, die Schatten die sich auf dem Felde ausstreckten, die rauchenden Dacher eines kleinen Dorfes und die Sterne, die nach und nach am Himmel hervortraten, alles ruhrte ihn innig, alles bewegte ihn zu einem wehmutigen Mitleiden mit sich selber.
Er kehrte in die kleine Schenke des Dorfes ein, begehrte ein Abendessen und eine Ruhestelle. Als er allein war und schon die Lampe ausgeloscht hatte, stellte er sich an das Fenster und sahe nach der Gegend hin, wo Nurnberg lag. "Dich sollt ich vergessen?" rief er aus, "dich sollt ich weniger lieben? O mein liebster Sebastian, was ware dann aus meinem Herzen geworden? Wie glucklich fuhl ich mich darin, dass ich ein Deutscher, dass ich dein und Albrechts Freund bin! ach! wenn ihr mich nur nicht verstosst, weil ich eurer unwert bin."
Er legte sich nieder, verrichtete sein Abendgebet und schlief dann beruhigter ein.
Drittes Kapitel
Am Morgen weckte ihn das muntre Girren der Tauben vor seinem Fenster, die manchmal in seine Stube hineinsahen und mit den Flugeln schlugen, dann wieder wegflogen und bald wiederkamen, um mit dem Halse nickend vor ihm auf und nieder zu gehen. Durch einige Lindenbaume warf die Sonne schrage Strahlen in sein Gemach und Franz stand auf und kleidete sich hurtig an; er sah mit festen Augen durch den reinen blauen Himmel und alle seine Plane wurden lebendiger in ihm, sein Herz schlug hoher, alle Gefuhle seiner Brust erklangen gelauterter. Er hatte jetzt mit der Farbenpalette vor einer grossen Tafel stehn mogen und er hatte dreist die kuhnen Figuren hingezeichnet, die sich in seiner Brust bewegten. Der frische Morgen gibt dem Kunstler Starkung und in den Strahlen des Fruhrots regnet Begeisterung auf ihn herab: der Abend lost und schmelzt seine Gefuhle, er weckt Ahndungen und unerklarliche Wunsche in ihm auf, der Geruhrte fuhlt dann naher, dass jenseit dieses Lebens ein andres kunstreicheres liege, und sein inwendiger Genius schlagt oft vor Sehnsucht mit den Flugeln, um sich frei zu machen und hineinzuschwarmen in das Land, das hinter den goldnen Abendwolken liegt.
Franz sang ein Morgenlied und fuhlte keine Mudigkeit vom gestrigen Wege mehr, er setzte mit frischen Kraften seine Reise fort. Das rege Geflugel sang aus allen Gebuschen, das betaute Gras duftete und alle Blatter funkelten wie Kristall. Er ging mit schnellen Schritten uber eine schone Wiese, und das Geschmetter der Lerchen zog uber ihn hinweg, ihm war fast noch nie so wohl gewesen.
"Das Reisen", sagte er zu sich selber, "ist ein herrlicher Zustand, diese Freiheit der Natur, diese Regsamkeit aller Kreaturen, der reine weite Himmel und der Menschengeist, der alles dies zusammenfassen und in einen Gedanken zusammenstellen kann: o glucklich ist der, der bald die enge Heimat verlasst, um wie der Vogel seinen Fittich zu prufen und sich auf unbekannten, schoneren Zweigen zu schaukeln. Welche Welten entwickeln sich im Gemute, wenn die freie Natur umher mit kuhner Sprache in uns hineinredet, wenn jeder ihrer Tone unser Herz trifft und alle Empfindungen zugleich anruhrt. Ja, ich glaube, dass ich einst ein guter Maler sein werde, da mein ganzer Sinn sich so der Kunst zuwendet, da ich keinen andern Wunsch habe, da ich gern alles ubrige in dieser Welt aufgeben mag. Ich will nicht so zaghaft sein, wie Sebastian, ich will mir selber vertrauen."
Am Mittage ruhte er in einem Dorfe aus, das eine sehr schone Lage hatte; hier traf er einen Bauer, der mit einem Wagen noch denselben Tag vier Meilen nach seinem Wohnort zu fahren gedachte. Der alte Mann erzahlte unterwegs unserm Freunde viel von seiner Haushaltung, von seiner Frau und seinen Kindern. Er war schon siebenzig Jahr und hatte im Laufe seines Lebens mancherlei erfahren, er wunschte jetzt nichts so sehnlich, als vor seinem Tode nur noch die beruhmte Stadt Nurnberg sehn zu konnen, wohin er nie gekommen war. Franz ward durch die Reden des alten Mannes sehr geruhrt, es war ihm sonderbar, dass er erst am gestrigen Morgen Nurnberg verlassen hatte, und dieser alte Bauer davon sprach, als wenn es ein fremder wunderweit entlegener Ort sei, so dass er die als Auserwahlte betrachtete, denen es gelinge, dorthin zu kommen.
Mit dem Untergange der Sonne kamen sie vor die Behausung des Bauers an; kleine Kinder sprangen ihnen entgegen, die Erwachsenen arbeiteten noch auf dem Felde, die alte Mutter erkundigte sich eifrig nach den Verwandten, die ihr Mann besucht hatte, sie wurde nicht mude zu fragen und er beantwortete alles uberaus treuherzig. Dann ward das Abendessen zubereitet und alle im Hause waren sehr geschaftig. Franz bekam den bequemsten Stuhl um auszuruhen, ob er gleich nicht ermudet war.
Das Abendrot glanzte noch im Grase vor der Tur und die Kinder spielten darin, wie niedergeregnetes Gold funkelte es durch die Scheiben, und lieblich rot waren die Angesichter der Knaben und Madchen; knurrend setzte sich die Hauskatze neben Franz und schmeichelte sich vertraulich an ihn, und Franz fuhlte sich so wohl und glucklich, in der kleinen beengten Stube so selig und frei, dass er sich kaum seiner vorigen truben Stunden erinnern konnte, dass er glaubte, er konne in seinem Leben nie wieder betrubt werden. Als nun die Dammerung einbrach, fingen vom Herde der Kuche die Heimchen ihren friedlichen Gesang an, am Wasserbach sang aus Birken eine Nachtigall heraus, und noch nie hatte Franz das Gluck einer stillen Hauslichkeit, einer beschrankten Ruhe sich so nahe empfunden.
Die grossen Sohne kamen aus dem Felde zuruck und alle nahmen frohlich und gutes Muts die Abendmahlzeit ein, man sprach von der bevorstehenden Ernte, vom Zustande der Wiesen. Franz lernte nach und nach das Befinden und die Eigenschaften jedes Haustiers, aller Pferde und Ochsen kennen. Die Kinder waren gegen die Alten ehrerbietig, man fuhlte es, wie der Geist einer schonen Eintracht sie alle beherrschte.
Als es finster geworden war, vermehrte ein eisgrauer Nachbar die Gesellschaft, um den sich besonders die Kinder drangten und verlangten, dass er ihnen wieder eine Geschichte erzahlen solle; die Alten mischten sich auch darunter und baten, dass er ihnen wieder von heiligen Martyrern vorsagen mochte, nichts Neues, sondern was er ihnen schon oft erzahlt habe, je ofter sie es horten, je lieber wurde es ihnen. Der Nachbar war auch willig und trug die Geschichte der heiligen Genoveva vor, dann des heiligen Laurentius, und alle waren in tiefer Andacht verloren. Franz war uberaus geruhrt. Noch in derselben Nacht fing er einen Brief fur seinen Freund Sebastian an, am Morgen nahm er herzlich von seinen Wirten Abschied, und kam am folgenden Tage in eine kleine Stadt, wo er den Brief an seinen Freund beschloss. Wir teilen unsern Lesern diesen Brief mit. Liebster Bruder! Ich bin erst seit so kurzer Zeit von Dir und doch dunkt es mir schon so lange zu sein. Ich habe Dir eigentlich nichts zu schreiben und kann es doch nicht unterlassen, denn Dein eignes Herz kann Dir alles sagen, was Du in meinem Briefe finden solltest, wie ich immer an Dich denke, wie unaufhorlich das Bild meines teuren Meisters und Lehrers vor mir steht. Ein Schmiedegeselle wird Euch besucht haben, den ich am ersten Tage traf, ich denke Ihr habt ihn freundlich aufgenommen um meinetwillen. Ich schreibe diesen Brief in der Nacht, beim Schein des Vollmonds, indem meine Seele uberaus beruhigt ist; ich bin hier auf einem Dorfe bei einem Bauer, mit dem ich vier Meilen hiehergefahren bin. Alle im Hause schlafen, und ich fuhle mich noch so munter, darum will ich noch einige Zeit wach bleiben. Lieber Sebastian, es ist um das Treiben und Leben der Menschen eine eigene Sache. Wie die meisten so ganzlich ihres Zwecks verfehlen, wie sie nur immer suchen und nie finden, und wie sie selbst das Gefundene nicht achten mogen, wenn sie ja so glucklich sind. Ich kann mich immer nicht darin finden, warum es nicht besser ist, warum sie nicht zu ihrem eigenen Glucke mit sich einiger werden. Wie lebt mein Bauer hier fur sich und ist zufrieden, und ist wahrhaft glucklich. Er ist nicht bloss glucklich, weil er sich an diesen Zustand gewohnt hat, weil er nichts Besseres kennt, weil er sich findet, sondern alles ist ihm recht, weil er innerlich von Herzen vergnugt ist, und weil ihm Unzufriedenheit mit sich etwas Fremdes ist. Nur Nurnberg wunscht er vor seinem Tode noch zu sehen und lebt doch so nahe dabei; wie mich das geruhrt hat!
Wir sprechen immer von einer goldenen Zeit, und denken sie uns so weit weg, und malen sie uns mit so sonderbaren und buntgrellen Farben aus. O teurer Sebastian, oft dicht vor unsern Fussen liegt dieses wundervolle Land, nach dem wir jenseit des Ozeans und jenseit der Sundflut mit sehnsuchtigen Augen suchen. Es ist nur das, dass wir nicht redlich mit uns selber umgehen. Warum angstigen wir uns in unsern Verhaltnissen so ab, um nur das bisschen Brot zu haben, das wir daruber selber nicht einmal in Ruhe verzehren konnen? Warum treten wir denn nicht manchmal aus uns heraus und schutteln alles das ab, was uns qualt und druckt, und holen daruber frischen Atem, und fuhlen die himmlische Freiheit, die uns eigentlich angeboren ist? Dann mussen wir der Kriege und Schlachten, der Zankereien und Verleumdungen auf einige Zeit vergessen, alles hinter uns lassen und die Augen davor zudrucken, dass es in dieser Welt so wild hergeht und sich alles toll und verworren durcheinanderschiebt, damit irgendeinmal der himmlische Friede eine Gelegenheit fande, sich auf uns herabzusenken und mit seinen sussen lieblichen Flugeln zu umarmen. Aber wir wollen uns gern immer mehr in dem Wirrwarr der gewohnlichen Welthandel verstricken, wir ziehn selber einen Flor uber den Spiegel, der aus den Wolken herunterhangt, und in welchem Gottheit und Natur uns ihre himmlischen Angesichter zeigen, damit wir nur die Eitelkeiten der Welt desto wichtiger finden durfen. So kann der Menschengeist sich nicht aus dem Staube aufrichten und getrost zu den Sternen hinblicken und seine Verwandtschaft zu ihnen empfinden. Er kann die Kunst nicht lieben, da er das nicht liebt, was ihn von der Verworrenheit erlost, denn mit diesem seligen Frieden ist die Kunst verwandt. Du glaubst nicht, wie gern ich jetzt etwas malen mochte, was so ganz den Zustand meiner Seele ausdruckte, und ihn auch bei andern wecken konnte. Ruhige fromme Herden, alte Hirten im Glanz der Abendsonne, und Engel die in der Ferne durch, Kornfelder gehn, um ihnen die Geburt des Herrn, des Erlosers, des Friedefursten zu verkundigen. Kein wildes Erstarren, keine erschreckten durcheinandergeworfenen Figuren, sondern mit freudiger Sehnsucht mussten sie nach den Himmlischen hinschauen, die Kindlein mussten mit ihren zarten Handlein nach den goldnen Strahlen hindeuten, die von den Botschaftern ausstromten. Jeder Anschauer musste sich in das Bild hineinwunschen und seine Prozesse und Plane, seine Weisheit und seine politischen Konnexionen auf ein Viertelstundchen vergessen, und ihm wurde dann vielleicht so sein, wie mir jetzt ist, indem ich dieses schreibe und denke. Lass Dich manchmal, lieber Sebastian, von der guten freundlichen Natur anwehen, wenn es Dir in Deiner Brust zu enge wird, schau auf die Menschen je zuweilen hin, die im Strudel des Lebens am wenigsten bemerkt werden, und heisse die susse Frommigkeit willkommen, die unter alten Eichen beim Schein der Abendsonne, wenn Heimchen zwitschern und Feldtauben girren, auf Dich niederkommt. Nenne mich nicht zu weich und vielleicht phantastisch, wenn ich Dir dieses rate, ich weiss, dass Du in manchen Sachen anders denkst, und vernunftiger und eben darum auch harter bist.
Ein Nachbar besuchte uns noch nach dem Abendessen und erzahlte in seiner einfaltigen Art einige Legenden von Martyrern. Der Kunstler sollte nach meinem Urteil bei Bauern oder Kindern manchmal in die Schule gehn, um sich von seiner kalten Gelehrsamkeit oder zu grossen Kunstlichkeit zu erholen, damit sein Herz sich wieder einmal der Einfalt auftate, die doch nur einzig und allein die wahre Kunst ist. Ich wenigstens habe aus diesen Erzahlungen vieles gelernt; die Gegenstande, die der Maler daraus darstellen musste, sind mir in einem ganz neuen Lichte erschienen. Ich weiss Kunstgemalde, wo der ruhrendste Gegenstand von unnutzen schonen Figuren, von Gemaldegelehrsamkeit und trefflich ausgedachten Stellungen so eingebaut war, dass das Auge lernte, das Herz aber nichts dabei empfand, als worauf es doch vorzuglich abgesehn sein musste. So aber wollen einige Meister grosser werden als die Grosse, sie wollen ihren Gegenstand nicht darstellen, sondern verschonern, und daruber verlieren sie sich in Nebendingen. Ich denke jetzt an alles das, was uns der vielgeliebte Albrecht so oft vorgesagt hat, und fuhle wie er immer recht und wahr spricht. Grusse ihn; ich muss hier aufhoren, weil ich mude bin. Morgen komme ich nach einer Stadt, da will ich den Brief schliessen und abschicken.
Ich bin angekommen und habe Dir, Sebastian, nur noch wenige Worte zu sagen und auch diese durften vielleicht uberflussig sein. Wenn nur das ewige Auf- und Abtreiben meiner Gedanken nicht ware! Wenn die Ruhe doch, die mich manchmal wie im Vorbeifliegen kusst, bei mir einheimisch wurde, dann konnt ich von Gluck sagen, und es wurde vielleicht mit der Zeit ein Kunstler aus mir, den die Welt zu den angesehenen zahlte, dessen Namen sie mit Achtung und Liebe sprache. Aber ich sehe es ein, noch mehr fuhl ich es, das wird mir ewig nicht gegonnt sein. Ich kann nicht dafur, ich kann mich nicht im Zaume halten, und alle meine Entwurfe, Hoffnungen, mein Zutrauen zu mir geht vor neuen Empfindungen unter, und es wird leer und wust in meiner Seele, wie in einer rauhen Landschaft, wo die Brucken von einem wilden Waldstrome zusammengerissen sind. Ich hatte auf dem Wege so vielen Mut, ich konnte mich ordentlich gegen die grossen herrlichen Gestalten nicht schutzen und mich ihrer nicht erwehren, die in meiner Phantasie aufstiegen, sie uberschutteten mich mit ihrem Glanze, uberdrangten mich mit ihrer Kraft und eroberten und beherrschten so sehr meinen Geist, dass ich mich freute und mir ein recht langes Leben wunschte, um der Welt, den Kunstfreunden, und Dir, geliebter Sebastian, so recht ausfuhrlich hinzumalen, was mich innerlich mit unwiderstehlicher Gewalt beherrschte. Aber kaum habe ich nun die Stadt, diese Mauern, und die Emsigkeit der Menschen gesehen, so ist alles in meinem Gemute wieder wie zugeschuttet, ich kann die Platze meiner Freude nicht wiederfinden, keine Erscheinung steigt auf. Ich weiss nicht mehr, was ich bin; mein Sinn ist ganzlich verwirrt. Mein Zutrauen zu mir scheint mir Raserei, meine inwendigen Bilder sind mir abgeschmackt, sie werden mir so unmoglich, als wenn sie sich nie wirklich fugen wurden, als wenn kein Auge Wohlgefallen daran finden konnte. Mein Brief verdriesst mich; mein Stolz ist beschamt. Was ist es, Sebastian, warum kann ich nicht mit mir einig werden? Ich meine es doch so gut und ehrlich. Lebe wohl und bleibe immer mein Freund und grusse unsern Meister Albrecht.
Viertes Kapitel
Franz hatte in dieser Stadt einen Brief an einen Mann abzugeben, der der Vorsteher einer ansehnlichen Fabrik war. Er ging zu ihm und traf ihn gerade in Geschaften, so dass Herr Zeuner den Brief nur sehr fluchtig las und mit dem jungen Sternbald nur wenig sprechen konnte, ihn aber bat, zum Mittagsessen wiederzukommen.
Franz ging betrubt durch die Gassen der Stadt, und fuhlte sich ganz fremd. Zeuner hatte fur ihn etwas Zuruckstossendes und Kaltes, und er hatte gerade eine sehr freundliche Aufnahme erwartet, da er einen Brief von seinem ihm so teuern Lehrer uberbrachte. Als es Zeit zum Mittagsessen schien, ging er nach Zeuners Hause zuruck, das eins der grossten in der Stadt war; mit Bangigkeit schritt er die grossen Treppen hinauf und durch den prachtig verzierten Vorsaal: im ganzen Hause merkte man, dass man sich bei einem reichen Manne befinde. Er ward in einen Saal gefuhrt, wo eine stattliche Versammlung von Herren und Damen, alle mit schonen Kleidern angetan, nur auf den Augenblick des Essens zu warten schienen. Nur wenige bemerkten ihn, und die zufalligerweise ein Gesprach mit ihm anfingen, brachen bald wieder ab, als sie horten, dass er ein Maler sei. Jetzt trat der Herr des Hauses herein, und alle drangten sich mit hoflichen und freundlichen Gluckwunschen um ihn her; jeder ward freundlich von ihm bewillkommt, auch Franz im Vorbeigehn. Dieser hatte sich in eine Ecke des Fensters zuruckgezogen, und sah mit Bangigkeit und schlagendem Herzen auf die Gasse hinunter, denn es war zum ersten Male, dass er sich in einer solchen grossen Gesellschaft befand. Wie anders kam ihm hier die Welt vor, die er von anstandigen, wohlgekleideten und unterrichteten Leuten uber tausend nichtswurdige Gegenstande, nur nicht uber die Malerei reden horte, ob er gleich geglaubt hatte, dass sie jedem Menschen am Herzen liegen musse, und dass man auf ihn, als einen vertrauten Freund Albrecht Durers, besonders aufmerksam sein wurde.
Man setzte sich zu Tische, er sass fast unten. Durch den Wein belebt ward das Gesprach der Gesellschaft bald munterer, die Frauen erzahlten von ihrem Putze, die Manner von ihren mannigfaltigen Geschaften, der Hausherr liess sich weitlauftig daruber aus, wie sehr er nun nach und nach seine Fabrik verbessert habe und wie der Gewinn also um so eintraglicher sei. Was den guten Franz besonders angstigte, war, dass von allen abwesenden reichen Leuten mit einer vorzuglichen Ehrfurcht gesprochen wurde; er fuhlte, wie hier das Geld das einzige sei, was man achte und schatze: er konnte fast kein Wort mitsprechen. Auch die jungen Frauenzimmer waren ihm zuwider, da sie nicht so zuchtig und still waren, wie er sie sich vorgestellt hatte, alle setzten ihn in Verlegenheit, er fuhlte seine Armut, seinen Mangel an Umgang zum erstenmal in seinem Leben auf eine bittere Art. In der Angst trank er vielen Wein und ward dadurch und von den sich durchkreuzenden Gesprachen ungemein erhitzt. Er horte endlich kaum mehr darauf hin, was gesprochen ward, die groteskesten Figuren beschaftigten seine Phantasie, und als die Tafel aufgehoben ward, stand er mechanisch mit auf, fast ohne es zu wissen.
Die Gesellschaft verfugte sich nun in einen angenehmen Garten, und Franz setzte sich etwas abseits auf eine Rasenbank nieder, es war ihm, als wenn die Gestrauche und Baume umher ihn uber die Menschen trosteten, die ihm so zuwider waren. Seine Brust ward freier, er wiederholte in Gedanken einige Lieder, die er in seiner Jugend gelernt hatte, und die ihm seit lange nicht eingefallen waren. Der Hausherr kam auf ihn zu, er stand auf und sie gingen sprechend in einem schattigen Gange auf und nieder.
"Ihr seid jetzt auf der Reise?" fragte ihn Zeuner.
"Ja", antwortete Franz, "vorjetzt will ich nach Flandern und dann nach Italien."
"Wie seid Ihr grade auf die Malerkunst geraten?"
"Das kann ich Euch selber nicht sagen, ich war plotzlich dabei, ohne zu wissen, wie es kam; einen Trieb, etwas zu bilden, fuhlte ich immer in mir."
"Ich meine es gut mit Euch", sagte Zeuner, "Ihr seid jung und darum lasst Euch von mir raten. In meiner Jugend gab ich mich auch wohl zuweilen mit Zeichnen ab, als ich aber alter wurde, sah ich ein, dass mich das zu nichts fuhren konne. Ich legte mich daher eifrig auf ernsthafte Geschafte und widmete ihnen alle meine Zeit, und seht, dadurch bin ich nun das geworden, was ich bin. Eine grosse Fabrik und viele Arbeiter stehn unter mir, zu deren Aufsicht, so wie zum Fuhren meiner Rechnungen ich immer treue Leute brauche. Wenn Ihr wollt, so konnt Ihr mit einem sehr guten Gehalte bei mir eintreten, weil mir grade mein erster Aufseher gestorben ist. Ihr habt ein sichres Brot und ein gutes Auskommen, Ihr konnt Euch hier verheiraten und sogleich antreffen, was Ihr in einer ungewissen zukunftigen Ferne sucht. Wollt Ihr also Eure Reise einstellen und bei mir bleiben?"
Franz antwortete nicht.
"Ihr mogt vielleicht viel Geschick zur Kunst haben", fuhr jener fort, "aber was habt Ihr mit alledem gewonnen? Wenn Ihr auch ein grosser Meister werdet, so fuhrt Ihr doch immer ein kummerliches und hochst armseliges Leben. Ihr habt ja das Beispiel an Eurem Lehrer. Wer erkennt ihn, wer belohnt ihn? Mit allem seinem Fleisse muss er sich doch von einem Tage zum andern hinubergramen, er hat keine frohe Stunde, er kann sich nie recht ergotzen, niemand achtet ihn, da er ohne Vermogen ist, statt dass er reich, angesehen und von Einfluss sein konnte, wenn er sich den burgerlichen Geschaften gewidmet hatte."
"Ich kann Euren Vorschlag durchaus nicht annehmen", rief Franz aus.
"Und warum nicht? ist denn nicht alles wahr, was ich Euch gesagt habe?"
"Und wenn es auch wahr ist", antwortete Franz, "so kann ich es doch so unmoglich glauben. Wenn Ihr das Zeichnen und Bilden sogleich habt unterlassen konnen, als Ihr es wolltet, so ist das gut fur Euch, aber so habt Ihr auch unmoglich einen recht kraftigen Trieb dazu verspurt. Ich wusste nicht, wie ich es anfinge, dass ich es unterliesse, ich wurde Eure Rechnungen und alles verderben, denn immer wurden meine Gedanken darauf gerichtet bleiben, wie ich diese Stellung und jene Miene gut ausdrucken wollte, alle Eure Arbeiter wurden mir nur ebenso viele Modelle sein: Ihr wart ein schlechter Kunstler geworden, so wie ich zu allen ernsthaften Geschaften verdorben bin, denn ich achte sie zu wenig, ich habe keine Ehrfurcht vor dem Reichtum, ich konnte mich nimmer zu diesem kunstlosen Leben bequemen. Und was Ihr mir von meinem Albrecht Durer sagt, gereicht den Menschen, nicht aber ihm zum Vorwurf. Er ist arm, aber doch in seiner Armut gluckseliger als Ihr. Oder haltet Ihr es denn fur so gar nichts, dass er sich hinstellen darf und sagen: nun will ich einen Christuskopf malen! und das Haupt des Erlosers mit seinen gottlichen Mienen in kurzem wirklich vor Euch steht und Euch ansieht, und Euch zur Andacht und Ehrfurcht zwingt, selbst wenn Ihr gar nicht dazu aufgelegt seid? Seht, ein solcher Mann ist der verachtete Durer."
Franz hatte nicht bemerkt, dass wahrend seiner Rede sich das Gesicht seines Wirts zum Unwillen verzogen hatte; er nahm kurz Abschied und ging mit weinenden Augen nach seiner Herberge. Hier hatte er auf seinem Fenster das Bildnis Albrecht Durers aufgestellt, und als er in die Stube trat, fiel er laut weinend und klagend davor nieder und schloss es in seine Arme, druckte es an die Brust und bedeckte es mit Kussen. "Ja, mein guter, lieber, ehrlicher Meister!" rief er aus, "nun lerne ich erst die Welt und ihre Gesinnungen kennen! Das ist das, was ich dir nicht glauben wollte, sooft du es mir auch sagtest. Ach wohl, wohl sind die Menschen undankbar gegen dich und deine Herrlichkeit und gegen die Freuden, die du ihnen zu geniessen gibst. Freilich haben Sorgen und stete Arbeit diese Furchen in deine Stirn gezogen, ach! ich kenne diese Falten ja nur zu gut. Welcher ungluckselige Geist hat mir diese Liebe und Verehrung zu dir eingeblasen, dass ich wie ein lacherliches Wunder unter den ubrigen Menschen herumstehn muss, dass ich auf ihre Reden nichts zu antworten weiss, dass sie meine Fragen nicht verstehen? Aber ich will dir und meinem Triebe getreu bleiben; was tut's, wenn ich arm und verachtet bin, was weiter, wenn ich auch am Ende aus Mangel umkommen sollte! Du und Sebastian, ihr beide werdet mich wenigstens deshalb lieben!"
Er hatte noch einen Brief von Durers Freund Pirkheimer an einen angesehenen Mann der Stadt abzugeben. Er war unentschlossen, ob er ihn selber hintragen sollte. Endlich nahm er sich vor, ihn eilig abzugeben und noch an diesem Abend die Stadt, die ihm so sehr zuwider war, zu verlassen.
Man wies ihn auf seine Fragen nach einem abgelegenen kleinen Hause, in welchem die grosste Ruhe und Stille herrschte. Ein Diener fuhrte ihn in ein schon verziertes Gemach, in welchem ein ehrwurdiger alter Mann sass; er war derselbe, an welchen der Brief gerichtet war. "Ich freue mich", sagte der Greis, "wieder einmal Nachrichten von meinem lieben Freunde Pirkheimer zu erhalten; aber verzeiht, junger Mann, meine Augen sind so schwach, dass Ihr so gut sein musst, mir selber das Schreiben vorzulesen."
Franz schlug den Brief auseinander und las unter Herzklopfen, wie Pirkheimer ihn als einen edlen und sehr hoffnungsvollen jungen Maler ruhmte, und ihn den besten Schuler Albrecht Durers nannte. Bei diesen Worten konnte er kaum seine Tranen zuruckdrangen.
"So seid Ihr ein Schuler des grossen Mannes, meines teuren Albrechts?" rief der Alte wie entzuckt aus, "o so seid mir von Herzen willkommen!" Er umarmte mit diesen Worten den jungen Mann, der nun seine schmerzliche Freude nicht mehr massigen konnte, laut schluchzte und ihm alles erzahlte.
Der Greis trostete ihn mit liebevollen und verstandigen Worten und beide setzten sich freundlich und vertraut nahe zueinander. "O wie oft", sagte der alte Mann, "habe ich mich an den uberaus kostlichen Werken dieses wahrhaft einzigen Malers ergotzt, als meine Augen noch in ihrer Kraft waren! Wie oft hat nur er mich uber alles Ungluck dieser Erde getrostet! O wenn ich ihn doch einmal wiedersehn konnte!"
Franz vergass, dass er noch vor Sonnenuntergang die Stadt hatte verlassen wollen; er blieb gern, als ihn der Alte zum Abendessen bat. Bis spat in die Nacht musste er ihm von Albrechts Werken, von ihm erzahlen, dann von Pirkheimer und von seinen eigenen Entwurfen. Franz ergotzte sich an diesem Gesprach und konnte nicht mude werden, dies und jenes zu fragen und zu erzahlen, er freute sich, dass der Greis die Kunst so schatzte, dass er von seinem Lehrer mit gleicher Warme sprach.
Sehr spat gingen sie auseinander und Franz fuhlte sich so getrostet und so glucklich, dass er noch lange in seinem Zimmer auf und ab ging, den Mond betrachtete, und an grossen Gemalden in Gedanken arbeitete.
Funftes Kapitel
Wir treffen unsern jungen Freund vor einem Dorfe an der Tauber wieder an. Er hatte einen Umweg durch das bluhende Frankenland gemacht, um einige Meilen von Mergentheim seine Eltern zu besuchen. Er war als ein Knabe von zwolf Jahren zufalligerweise nach Nurnberg gekommen und auf sein instandiges Bitten bei Meister Albrecht in die Lehre gebracht; wenige Bekannte und wohlhabende weitlauftige Verwandte liessen ihm einige Unterstutzung zufliessen, die er aber kaum bei seinem grossmutigen Meister bedurfte. Es war schon lange gewesen, dass er von seinen Eltern, schlichten Bauersleuten, keine Nachricht bekommen hatte.
Es war noch am Morgen, als er vor dem Waldchen stand, das sich vor dem Dorfe ausbreitete. Hier war sein Spielplatz gewesen, hier hatte er oft in der stillen Einsamkeit des Abends voll Nachdenken gewandelt, indem die Schatten dichter zusammenwuchsen und das Rot der sinkenden Sonne tief unten durch die Baumstamme augelte, und mit zuckenden Strahlen um ihn spielte. Hier hatte sich zuerst sein Trieb zur Kunst entzundet, und er trat in den Wald mit einer Empfindung, wie man einen heiligen Tempel betritt. Er hatte vor allen einen Lieblingsbaum gehabt, von dem er sich oft kaum hatte trennen konnen; diesen suchte er jetzt eifrig mit zunehmender Ruhrung auf. Es war eine dicke Eiche mit vielen weit ausgebreiteten Zweigen, welche Kuhlung und Schatten gaben. Er fand den Baum, er war in seiner alten Schonheit, und der Rasen am Fusse desselben noch ebenso weich und frisch als ehemals. Wie vieler Gefuhle aus seiner Kindheit erinnerte er sich an dieser Stelle! wie er gewunscht hatte, oben in dem krausen Wipfel zu sitzen und von da in das weite Land hineinzuschauen, mit welcher Sehnsucht er den Vogeln nachgesehn hatte, die von Zweig zu Zweig sprangen und mit den dunkelgrunen Blattern scherzten, die nicht wie er nach einem Hause ruckkehrten, sondern im ewig frohen Leben, von glanzenden Stunden angeschienen, die frische Luft einatmeten und Gesang zuruckgaben, die das Abend- und Morgenrot sahen, die keine Schule hatten und keinen strengen Lehrer. Ihm fiel alles ein, was er vormals gedacht hatte, alle kindischen Begriffe und Empfindungen gingen an ihm voruber, reichten ihm die kleinen Hande und hiessen ihn so herzlich willkommen, dass er heftig im Innersten erschrak, dass er nun wieder unter dem alten Baume stehe und wieder dasselbe denke und empfinde, er noch derselbe Mensch sei. Alle zwischenliegenden Jahre, und alles, was sie an ihm vermocht hatten, fiel in einem Augenblicke von ihm ab, und er stand wieder als Knabe da, die Zeit seiner Kindheit lag ihm so nahe, dass er alles ubrige nur fur einen voruberfliegenden Traum halten wollte. Ein Wind rauschte heruber und ging durch die grossen Aste des Baums, und alle Gefuhle, die fernsten und dunkelsten Erinnerungen wurden mit herubergeweht, und wie Vorhange fiel es immer mehr von seiner Seele zuruck, und er sah nur sich und die liebe Vergangenheit. Alle frommen Empfindungen gegen seine Eltern, der Unterricht, den ihm seine ersten Bucher gaben, sein Spielzeug fiel ihm wieder bei und seine Zartlichkeit gegen leblose Gestalten.
"Wer bin ich?" sagte er zu sich selber und schaute langsam um sich her. "Was ist es, dass die Vergangenheit so lebendig in meinem Innern aufsteigt? Wie konnte ich alles, wie konnte ich meine Eltern so lange, fast, wenn ich wahr sein soll, vergessen? Ware es moglich, dass uns die Kunst gegen die besten und teuersten Gefuhle verharten konnte? Und doch kann es nur das sein, dass dieser Trieb mich zu sehr beschaftigte, sich mir vorbaute und die Aussicht des ubrigen Lebens verdeckte."
Er stand in Gedanken, und die Malerstube, und Albrecht, und seine Kopien kamen ihm wieder in die Gedanken, er setzte seinen Freund Sebastian sich gegenuber und horte schnell wieder durch, was sie nur je miteinander gesprochen hatten; dann sah er wieder um sich, und die Natur selbst, der Himmel, der rauschende Wald und sein Lieblingsbaum schienen Atem und Leben zu seinen Gemalden herzugeben, Vergangenheit und Zukunft bekraftigten seinen Trieb, und alles was er gedacht und empfunden, war ihm nur deswegen wert, weil es ihn dieser Liebe zugefuhrt hatte. Er ging mit schnellen Schritten weiter und alle Baume schienen ihm nachzurufen, aus jedem Busche traten Erscheinungen hervor und wollten ihn zuruckhalten, er taumelte aus einer Erinnerung in die andere, und verlor sich in ein Labyrinth von seltsamen Empfindungen.
Er kam auf einen freien Platz im Walde, und plotzlich stand er still. Er wusste selbst nicht, warum er innehielt, er verweilte, um daruber nachzudenken. Ihm war, als habe er sich hier auf etwas zu besinnen, das ihm so lieb, so unaussprechlich teuer gewesen sei; jede Blume im Grase nickte so freundlich, als wenn sie ihm auf seine Erinnerungen helfen wollte. "Es ist hier, gewisslich hier!" sagte er zu sich selber und suchte emsig nach dem glanzenden Bilde, das wie von schwarzen Wolken in seiner innersten Seele zuruckgehalten wurde. Mit einem Male brachen ihm die Tranen aus den Augen, er horte vom Felde heruber eine einsame Schalmei eines Schafers, und nun wusste er alles. Als Knabe von sechs Jahren war er hier im Walde gegangen, auf diesem Platze hatte er Blumen gesucht, ein Wagen kam dahergefahren und hielt still, eine Frau stieg ab und hob ein Kind herunter, und beide gingen auf dem grunen Plane hin und her, dem kleinen Franz voruber. Das Kind, ein liebliches blondes Madchen, kam zu ihm und bat um seine Blumen, er schenkte sie ihr alle, ohne selbst seine Lieblinge zuruckzubehalten, indes ein alter Diener auf einem Waldhorne blies, und Tone hervorbrachte, die dem jungen Franz damals ausserst wunderbar in das Ohr erklangen. So verging eine geraume Zeit, indem er das volle Antlitz des Kindes betrachtete, das ihn wie ein voller Mond anschaute und anlachelte: dann fuhren die Fremden wieder fort, und er erwachte wie aus einem Entzucken zu sich und den gewohnlichen Empfindungen, den gewohnlichen Spielen, dem gewohnlichen Leben von einem Tage zum andern hinuber. Dazwischen klangen immer die holden Waldhornstone in seine Existenz hinein und vor ihm stand gluhend und bluhend das holde Angesicht des Kindes, dem er seine Blumen geschenkt hatte, nach denen er im Schlummer oft die Hande ausstreckte, weil ihn dunkte, das Madchen neige sich uber ihn, sie ihm zuruckzugeben. Er wusste und begriff nicht, warum ihm dieser Augenblick seines Lebens so wichtig und glanzend war, aber alles Liebe und Holde entlehnte er von dieser Kindergestalt, alles Schone was er sah, trug er in des Madchens Bild hinuber: wenn er von Engeln horte, glaubte er einen zu kennen und sich von ihm gekannt, er war es uberzeugt, dass die Feldblumen einst ein Erkennungszeichen zwischen ihnen beiden sein wurden.
Als er so deutlich wieder an alles dieses dachte, als ihm einfiel, dass er es in so langer Zeit ganzlich vergessen hatte, setzte er sich in das grune Gras nieder und weinte; er druckte sein heisses Gesicht an den Boden und kusste mit Zartlichkeit die Blumen. Er horte in der Trunkenheit wieder die Melodie eines Waldhorns, und konnte sich vor Wehmut, vor Schmerzen der Erinnerung und sussen ungewissen Hoffnungen nicht fassen. "Bin ich wahnsinnig, oder was ist es mit diesem torichten Herzen?" rief er aus. "Welche unsichtbare Hand fahrt so zartlich und grausam zugleich uber alle Saiten in meinem Innern hinweg, und scheucht alle Traume und Wundergestalten, Seufzer und Tranen und verklungene Lieder aus ihrem fernen Hinterhalte hervor? O mein Geist, ich fuhle es, strebt nach etwas Uberirdischem, das keinem Menschen gegonnt ist. Mit magnetischer Gewalt zieht der unsichtbare Himmel mein Herz an sich und bewegt alle Ahndungen durcheinander, die langst ausgeweinten Freuden, die unmoglichen Wonnen, die Hoffnungen, die keine Erfullungen zulassen. Und ich kann es keinem Menschen, keinem Bruder einmal klagen, wie mein Gemut zugerichtet ist, denn keiner wurde meine Worte verstehen. Daher aber gebricht mir die Kraft, die den ubrigen Menschen verliehen ist, und die uns zum Leben notwendig bleibt, ich matte mich ab in mir selber und keiner hat dessen Gewinn, mein Mut verzehrt sich, ich wunsche was ich selbst nicht kenne. Wie Jakob seh ich im Traum die Himmelsleiter mit ihren Engeln, aber ich kann nicht selbst hinaufsteigen, um oben in das glanzende Paradies zu schauen, denn der Schlaf hat meine Glieder bezwungen, und was ich sehe und hore, ahnde und hoffe und lieben mochte, ist nur Traumgestalt in mir."
Jetzt schlug die Glocke im Dorfe. Er stand auf und trocknete sich die Augen, indem er weiterging, und nun schon die Hutten und die kleine Kirche durch das grune Laub schimmern sah. Er ging an einem Garten vorbei, uber dessen Zaun ein Zweig voll schoner roter Kirschen hing. Er konnte es nicht unterlassen, einige abzubrechen und sie zu kosten, weil die Frucht dieses Baumes ihn in der Kindheit oft erfreut hatte; es waren dieselben Zweige, die sich ihm auch jetzt freundlich entgegenstreckten, aber die Frucht schmeckte ihm nicht wie damals. "In der Kindheit", sagte er zu sich selber, "wird der Mensch von den blanken, glanzenden, und vielfarbigen Fruchten und ihrem sussen lieblichen Geschmacke angelockt, das Leben liebzugewinnen, wie es die Schulmeister in den Schulen machen, die im Anbeginn mit Sussigkeiten dem Kinde Lust zum Lernen beibringen wollen; nachher verliert sich im Menschen dieses frohe Vorgefuhl des Lebens, der Lehrer wird streng, die Arbeit fangt an, und die Lockung selbst verliert ihren Wohlgeschmack."
Franz ging uber den Kirchhof und las die Kreuze im Vorbeigehn schnell, aber an keinem stand der Name seines Vaters oder seiner Mutter geschrieben, und er fuhlte sich zuversichtlicher. Die Mauer des Turms kam ihm nicht so hoch vor, alles war ihm beengter, das Haus seiner Eltern kannte er kaum wieder. Er zitterte, als er die Tur anfasste, und doch war es ihm schon wieder wie gewohnlich, diese Tur zu offnen. In der Stube sass die Mutter mit verbundenem Kopf und weinte; als sie ihn erkannte, weinte sie noch heftiger; der Vater lag im Bette und war krank. Er umarmte sie beide mit gepresstem Herzen, er erzahlte ihnen, sie ihm, sie sprachen durcheinander und fragten sich, und wussten doch nicht recht, was sie reden sollten. Der Vater war matt und bleich. Franz hatte ihn sich ganz anders vorgestellt, und darum war er nun so geruhrt, und konnte sich gar nicht wieder zufriedengeben. Der alte Mann sprach viel vom Sterben, von der Hoffnung der Seligkeit, er fragte den jungen Franz, ob er auch Gott noch so treu anhange, wie er ihm immer gelehrt habe. Franz druckte ihm die Hand und sagte: "Haben wir in diesem irdischen Leben etwas anders zu suchen, als die Ewigkeit? Ihr liegt nun da an der Grenze, Ihr werdet nun bald in Eurer Andacht nicht mehr gestort werden, und ich will mir gewiss auch alle Muhe geben, mich von den Eitelkeiten zu entfernen."
"Liebster Sohn", sagte der Vater, "ich sehe mein Lehren ist an dir nicht verlorengegangen. Wir mussen arbeiten, sinnen und denken, weil wir einmal in dieses Leben, in dieses Joch eingespannt sind, aber darum mussen wir doch nie das Hohere aus den Augen verlieren. Sei redlich in deinem Gewerbe, damit es dich ernahrt, aber lass nicht deine Nahrung, deine Bekleidung den letzten Gedanken deines Lebens sein; trachte auch nicht nach dem irdischen Ruhme, denn alles ist doch nur eitel, alles bleibt hinter uns, wenn der Tod uns fordert. Male, wenn es sein kann, die heiligen Geschichten recht oft, um auch in weltlichen Gemutern die Andacht zu erwecken."
Franz ass wenig zu Mittage, der Alte schien sich gegen Abend zu erholen. Die Mutter war nun schon daran gewohnt, dass Franz wieder da sei; sie machte sich seinetwegen viel zu tun, und vernachlassigte den Vater beinah. Franz war unzufrieden mit sich, er hatte dem Kranken gern alle gluhende Liebe eines guten Sohnes gezeigt, auf seine letzten Stunden gern alles gehauft, was ihn durch ein langes Leben hatte begleiten sollen, aber er fuhlte sich so verworren und sein Herz so matt, dass er uber sich selber erschrak. Er dachte an tausend Gegenstande die ihn zerstreuten, vorzuglich an Gemalde von Kranken, von trauernden Sohnen und wehklagenden Muttern, und daruber machte er sich dann die bittersten Vorwurfe.
Als sich die Sonne zum Untergange neigte, ging die Mutter hinaus, einige Gemuse aus ihrem kleinen Garten, der in einiger Entfernung lag, zur Abendmahlzeit zu holen. Der Alte liess sich im Sessel von seinem Sohne vor die Hausture tragen, um sich von den roten Abendstrahlen bescheinen zu lassen.
Es stand ein Regenbogen am Himmel, und im Westen regnete der Abend in goldnen Stromen nieder. Schafe weideten gegenuber und Birken sauselten, der Vater schien starker zu sein. "Nun sterb ich gerne", rief er aus, "da ich dich noch vor meinem Tode gesehen habe."
Franz konnte nicht viel antworten, die Sonne sank tiefer und schien dem Alten feurig ins Gesicht, der sich wegwendete und seufzte: "Wie Gottes Auge blickt es mich noch zu guter Letzt an und straft mich Lugen; ach! wenn doch erst alles voruber ware!" Franz verstand diese Worte nicht, aber er glaubte zu bemerken, dass sein Vater von Gedanken beunruhigt wurde. "Ach wenn man so mit hinuntersinken konnte!" rief der Alte aus, "mit hinunter mit der lieben Gottes-Sonne! O wie schon und herrlich ist die Erde, und jenseit muss es noch schoner sein; dafur ist uns Gottes Allmacht Burge. Bleib immer fromm und gut, lieber Franz, und hore mir aufmerksam zu, was ich dir jetzt noch zu entdecken habe."
Franz trat ihm naher, und der Alte sagte: "Du bist mein Sohn nicht, liebes Kind." Indem kam die Mutter zuruck; man konnte sie aus der Ferne horen, weil sie mit lauter Stimme ein geistliches Lied sang, der Alte brach sehr schnell ab und sprach von gleichgultigen Dingen. "Morgen", sagte er heimlich zu Franz, "morgen!"
Die Herden kamen vom Felde mit den Schnittern, alles war frohlich, aber Franz war sehr in Gedanken versunken, er betrachtete die beiden Alten in einem ganz neuen Verhaltnisse zu sich selber, er konnte kein Gesprach anfangen, die letzten Worte seines vermeintlichen Vaters schallten ihm noch immer in den Ohren, und er erwartete mit Ungeduld den Morgen.
Es ward finster, der Alte ward hineingetragen und legte sich schlafen; Franz ass mit der Mutter. Plotzlich horten sie nicht mehr den Atemzug des Vaters, sie eilten hinzu und er war verschieden. Sie sahen sich stumm an, und nur Brigitte konnte weinen. "Ach! so ist er denn gestorben ohne von mir Abschied zu nehmen?" sagte sie seufzend; "ohne Priester und Einsegnung ist er entschlafen! Ach! wer auf der weiten Erde wird nun noch mit mir sprechen, da sein Mund stumm geworden ist? Wem soll ich mein Leid klagen, wer wird mit mir davon reden, dass die Baume bluhen und ob wir die Fruchte abnehmen sollen? Oh! der gute alte Vater! Nun ist es also vorbei mit unserm Umgang, mit unsern Abendgesprachen, und ich kann gar nichts dazu tun, sondern ich muss mich nur so eben darin finden. Unser aller Ende sei ebenso sanft!"
Die Tranen machten sie stumm und Franz trostete sie. Er sah in Gedanken betende Einsiedler, die verehrungswurdigen Martyrer, und alle Leiden der armen Menschheit gingen in mannigfaltigen Bildern seinem Geiste voruber.
Sechstes Kapitel
Die Leiche des Alten lag in der Kammer auf Stroh ausgebreitet, und Franz stand sinnend vor der Tur. Die Nachbarn traten herzu und trosteten ihn; Brigitte weinte von neuem, sooft daruber gesprochen wurde, sein Herz war zu, seine Augen waren wie vertrocknet, tausend neue Bilder zogen durch seine Sinne, er konnte sich selber nicht verstehn, er hatte gern mit jemand sprechen mogen, er wunschte Sebastian herbei, um ihm alles klagen zu konnen.
Am dritten Tage war das Begrabnis, und Brigitte weinte und klagte laut am Grabe, als sie den nun mit Erde zudeckten, den sie seit zwanzig Jahren so genau gekannt hatte, den sie fast einzig liebte. Sie wunschte auch bald zu sterben, um wieder in seiner Gesellschaft zu sein, um mit ihm die Gesprache fortzusetzen, die sie hier hatte abbrechen mussen. Franz schweifte im Felde umher, und betrachtete die Baume, die sich in einem benachbarten Teiche spiegelten. Er hatte noch nie eine Landschaft mit diesem Vergnugen beschaut, es war ihm noch nie vergonnt gewesen, die mannigfaltigen Farben mit ihren Schattierungen, das Susse der Ruhe, die Wirkung des Baumschlages in der Natur zu entdecken, wie er es jetzt im klaren Wasser gewahr ward. Uber alles ergotzte ihn aber die wunderbare Perspektive, die sich bildete, und der Himmel dazwischen mit seinen Wolkenbildern, das zarte Blau, das zwischen den krausen Figuren und dem zitternden Laube schwamm. Franz zog seine Schreibtafel hervor, und wollte anfangen, die Landschaft zu zeichnen; aber schon die wirkliche Natur erschien ihm trocken gegen die Abbildung im Wasser, noch weniger aber wollten ihm die Striche auf dem Papiere genugen, die durchaus nicht das nachbildeten, was er vor sich sah. Er war bisher noch nie darauf gekommen, eine Landschaft zu zeichnen, er hatte sie immer nur als eine notwendige Zugabe zu manchen historischen Bildern angesehn, aber noch nie empfunden, dass die leblose Natur etwas fur sich Ganzes und Vollendetes ausmachen konne, und so der Darstellung wurdig sei. Unbefriedigt ging er nach der Hutte seines Pflegevaters zuruck.
Seine Mutter kam ihm entgegen, die sich in der ungewohnten Einsamkeit nicht zu lassen wusste. Sie setzten sich beide auf eine Bank, die vor dem Hause stand, und unterredeten sich von mancherlei Dingen. Franz ward durch jeden Gegenstand den er sah, durch jedes Wort das er horte, niedergeschlagen, die weidenden Herden, die ziehenden Tone des Windes durch die Baume, das frische Gras und die sanften Hugel weckten keine Poesie in seiner Seele auf. Er hatte Vater und Mutter verloren, seine Freunde verlassen, er kam sich so verwaist und verachtet vor, besonders hier auf dem Lande, wo er mit niemand uber die Kunst sprechen konnte, dass ihn fast aller Mut zum Leben verliess. Seine Mutter nahm seine Hand und sagte: "Lieber Sohn, du willst jetzt in die weite Welt hineingehn, wenn ich dir raten soll, tu es nicht, denn es bringt dir doch keinen Gewinn. Die Fremde tut keinem Menschen gut, wo er zu Hause gehort, da bluht auch seine Wohlfahrt; fremde Menschen werden es nie ehrlich mit dir meinen, das Vaterland ist gut, und warum willst du so weit weg und Deutschland verlassen, und was soll ich indessen anfangen? Dein Malen ist auch ein unsicheres Brot, wie du mir schon selber gesagt hast, du wirst daruber alt und grau; deine Jugend vergeht, und musst noch obenein wie ein Fluchtling aus deinem Lande wandern. Bleib hier bei mir, mein Sohn, sieh, die Felder sind alle im besten Zustande, die Garten sind gut eingerichtet, wenn du dich des Hauswesens und des Ackerbaues annehmen willst, so ist uns beiden geholfen, und du fuhrst doch ein sichres und ruhiges Leben, du weisst doch dann, wo du deinen Unterhalt hernimmst. Du kannst hier heiraten, es findet sich wohl eine Gelegenheit; du lernst dich bald ein, und die Arbeit des Vaters wird dann von dir fortgesetzt. Was sagst du zu dem allen, mein Sohn?"
Franz schwieg eine Weile still, nicht weil er den Vorschlag bei sich uberlegte, sondern weil an diesem Tage alle Vorstellungen so schwer in seine Seele fielen, dass sie lange hafteten. Ihm lag Herr Zeuner von neuem in den Gedanken, er sah die ganze Gesellschaft noch einmal, und fuhlte alle Beangstigungen wieder, die er dort erlitten hatte. "Es kann nicht sein, liebe Mutter", sagte er endlich. "Seht, ich habe so lange auf die Gelegenheit zum Reisen gewartet, jetzt ist sie gekommen, und ich kann sie nicht wieder aus den Handen gehen lassen. Ich habe mir angstlich und sorgsam all mein Geld, dessen ich habhaft werden konnte, dazu gesammelt; was wurde Durer sagen, wenn ich jetzt alles aufgabe?"
Die Mutter wurde uber diese Antwort sehr betrubt, sie sagte sehr weichherzig: "Was aber suchst du in der Welt, lieber Sohn? Was kann dich so heftig antreiben, ein ungewisses Gluck zu erproben? Ist denn der Feldbau nicht auch etwas Schones, und immer in Gottes freier Welt zu hantieren und stark und gesund zu sein? Mir zuliebe konntest du auch etwas tun, und wenn du noch so glucklich bist, kommst du doch nicht weiter, als dass du dich satt essen kannst, und eine Frau ernahrst und Kinder grossziehst, die dich lieben und ehren. Alles dies zeitliche Wesen kannst du nun hier schon haben, hier hast du es gewiss, und deine Zukunft ist noch ungewiss. Ach lieber Franz, und es ist denn doch auch eine herzliche Freude, das Brot zu essen, das man selber gezogen hat, seinen eigenen Wein zu trinken, mit den Pferden und Kuhen im Hause bekannt zu sein, in der Woche zu arbeiten und des Sonntags zu rasten. Aber dein Sinn steht dir nach der Ferne, du liebst deine Eltern nicht, du gehst in dein Ungluck, und verlierst gewiss deine Zeit, vielleicht noch deine Gesundheit."
"Es ist nicht das, liebe Mutter!" rief Franz aus, "und Ihr werdet mich auch gar nicht verstehn, wenn ich es Euch sage. Es ist mir gar nicht darum zu tun, Leinwand zu nehmen und die Farben mit mehr oder minder Geschicklichkeit aufzutragen, um damit meinen taglichen Unterhalt zu erwerben, denn seht, in manchen Stunden kommt es mir sogar sundhaft vor, wenn ich es so beginnen wollte. Ich denke an meinen Erwerb niemals, wenn ich an die Kunst denke, ja ich kann mich selber hassen, wenn ich zuweilen darauf verfalle. Ihr seid so gut, Ihr seid so zartlich gegen mich, aber noch weit mehr als Ihr mich liebt, liebe ich meine Hantierung. Nun ist es mir vergonnt, alle die Meister wirklich zu sehn, die ich bisher nur in der Ferne verehrt habe. Wenn ich dies erleben kann, und bestandig neue Bilder sehn, und lernen, und die Meister horen; wenn ich durch ungekannte Gegenden mit frischem Herzen streifen kann, so mag ich keines ruhigen Lebens geniessen. Tausend Stimmen rufen mir herzstarkend aus der Ferne zu, die ziehenden Vogel, die uber meinem Haupte wegfliegen, scheinen mir Boten aus der Ferne, alle Wolken erinnern mich an meine Reise, jeder Gedanke, jeder Pulsschlag treibt mich vorwarts, wie konnt ich da wohl in meinen jungen Jahren ruhig hier sitzen und den Wachstum des Getreides abwarten, die Einzaunung des Gartens besorgen und Ruben pflanzen! Nein, lasst mir meinen Sinn, ich bitte Euch darum, und redet mir nicht weiter zu, denn Ihr qualt mich nur damit."
"Nun so magst du es haben", sagte Brigitte in halbem Unwillen, "aber ich weiss, dass es dich noch einmal gereut, dass du dich wieder hieherwunschest, und dann ist's zu spat, dass du dann das hoch und teuer schatzest, was du jetzt schmahst und verachtest."
"Ich habe Euch etwas zu fragen, liebe Mutter", fuhr Franz fort. "Der Vater ist gestorben, ohne mir Rechenschaft davon zu geben; er sagte mir, ich sei sein Sohn nicht, und brach dann ab. Was wisst Ihr von meiner Herkunft?"
"Nichts weiter, lieber Franz", sagte die Mutter, "und dein Vater hat mir daruber nie etwas anvertraut. Als ich ihn kennenlernte und heiratete, warst du schon bei ihm, und damals zwei Jahr alt; er sagte mir, dass du sein einziges Kind seist von seiner verstorbenen Frau. Ich verwundere mich, warum der Mann nun zu dir anders gesprochen hat."
Franz blieb also uber seine Herkunft in Ungewissheit; diese Gedanken beschaftigten ihn sehr, und er wurde in manchen Stunden daruber verdrusslich und traurig. Das Erntefest war indes herangekommen, und alle Leute im Dorfe waren frohlich; jedermann war nur darauf bedacht, sich zu vergnugen; die Kinder hupften umher und konnten den Tag nicht erwarten. Franz hatte sich vorgenommen, diesen Tag in der Einsamkeit zuzubringen, sich nur mit seinen Gedanken zu beschaftigen und sich nicht um die Frohlichkeit der ubrigen Menschen zu bekummern. Er war in der Woche, die er hier bei seinen Pflegeeltern zugebracht hatte, uberhaupt ganz in sich versunken, nichts konnte ihm rechte Freude machen, denn er selbst war hier anders, und alles ereignete sich so ganz anders, als er es vorher vermutet hatte. Am Tage vor dem Erntefest erhielt er einen Brief von seinem Sebastian, denn es war vorher ausgemacht, dass dieser ihm schreiben solle, wahrend er sich hier auf dem Dorfe befinde. Wie wenn nach langen Winternachten und truben Wochen der erste Fruhlingstag uber die starre Erde geht, so erheiterte sich Franzens Gemut, als er diesen Brief in der Hand hielt; es war, als wenn ihn plotzlich sein Freund Sebastian selber anruhre, und ihm in die Arme fliege; er hatte seinen Mut wieder, er fuhlte sich nicht mehr so verlassen, er erbrach das Siegel.
Wie erstaunte und freute er sich zu gleicher Zeit, als er drinnen noch ein anderes Schreiben von seinem Albrecht Durer fand, welches er nie erwartet hatte. Er war ungewiss, welchen Brief er zuerst lesen sollte; doch schlug er Sebastians Brief auseinander, welcher folgendermassen lautete: Liebster Franz. Wir gedenken Deiner in allen unsern Gesprachen, und so kurze Zeit Du auch entfernt bist, so dunkt es mich doch schon recht lange. Ich kann mich immer noch nicht in dem Hause ohne Dich schicken und fugen, alles ist mir zu leer und doch zu enge, ich kann nicht sagen, ob sich das wieder andern wird. Als ich von Dir an jenem schonen und traurigen Morgen durch die Kornfelder zuruckging, als ich alle die Stellen wieder betrat wo ich mit Dir gegangen war, und der Stadt mich nun immer mehr naherte; o Franz! ich kann es Dir nicht sagen, was da mein Herz empfand. Es war mir alles im Leben taub und ohne Reiz, und ich hatte vorher niemals geglaubt, dass ich Dich so liebhaben konnte. Wie wollte ich jetzt mit den Stunden geizen, die ich sonst unbesehn und ungenossen verschwendete, wenn ich nur mit Dir wieder sein konnte! Alles was ich in die Hande nehme erinnert mich an Dich, und meine Palette, meine Pinsel, alles macht mich wehmutig. Als ich wieder in die Stadt hineinkam, als ich die gewohnten Treppen unsers Hauses hinaufstieg, und da wieder alles liegen und stehn sah, wie ich es am fruhen Morgen verlassen hatte, konnt ich mich der Tranen nicht enthalten, ob ich gleich sonst nie so weich gewesen bin. Halte mich nicht fur harter oder vernunftiger, lieber Franz, wie Du es nennen magst, denn ich bin es nicht, wenn sich auch bei mir mein Gefuhl anders aussert als bei Dir. Ich war den ganzen Tag verdrusslich, ich maulte mit jedermann; was ich tat war mir nicht recht, ich wunschte Staffelei, und das Portrat, das ich vor mir hatte, weit von mir weg, denn mir gelang kein Zug, und ich spurte auch nicht die mindeste Lust zum Malen. Meister Durer war selbst an diesem Tage ernster als gewohnlich, alles war im Hause still, und wir fuhlten es, dass mit Deiner Abreise eine andre Epoche unsers Lebens anfing.
Dein Schmied hat uns besucht; er ist ein lieber Bursche, wir haben viel uber ihn gelacht, uns aber auch recht an ihm erfreut. Unermudet hat er uns einen ganzen Tag lang zugesehn, er wunderte sich daruber, dass das Malen so langsam von der Stelle gehe. Er setzte sich nachher selber nieder und zeichnete ein paar Verzierungen nach, die ihm ziemlich gut gerieten; es gereut ihn jetzt, dass er das Schmiedehandwerk erlernt, und sich nicht lieber so wie wir auf die Malerei gelegt hat. Meister Durer meint, dass viel aus ihm werden konnte, wenn er noch anfinge; und er selber ist halb und halb dazu entschlossen. Er hat Nurnberg schon wieder verlassen; von Dir hat er viel gesprochen und Dich recht gelobt.
Dass Du Dich von Deinen Empfindungen so regieren und zernichten lassest, tut mir sehr weh, Deine Uberspannungen rauben Dir Krafte und Entschluss, und wenn ich es Dir sagen darf, Du suchst sie gewissermassen. Doch musst Du daruber nicht zornig werden, jeder Mensch ist einmal anders eingerichtet als der andere. Aber strebe darnach, etwas harter zu sein, und Du wirst ein viel ruhigeres Leben fuhren, wenigstens ein Leben, in welchem Du weit mehr arbeiten kannst, als in dem Strom dieser wechselnden Empfindungen, die Dich notwendig storen und von allem abhalten mussen.
Lebe recht wohl, und schreibe mir ja recht fleissig, damit wir uns einander nicht fremde werden, wie es sonst gar zu leicht geschieht. Teile mir alles mit was Du denkst und fuhlst, und sei uberzeugt, dass in mir bestandig ein mitempfindendes Herz schlagt, das jeden Ton des Deinigen beantwortet.
Ach! wie lange wird es wahren, bis wir uns wiedersehn! Wie traurig wird mir jedesmal die Stunde vorkommen, in welcher ich mit Lebhaftigkeit an Dich denke, und die schreckliche leere Nichtigkeit der Trennung so recht im Innersten fuhle. Es ist um unser menschliches Leben eine durftige Sache, so wenig Glanz und so viele Schatten, so viele Erdfarben, die durchaus keinen Firnis vertragen wollen. Lebe wohl. Gott sei mit Dir. Der Brief des wackern Albert Durer lautete also: Mein lieber Schuler und Freund! Es hat Gott gefallen, dass wir nun nicht mehr nebeneinander leben sollen, ob mich gleich kein Zwischenraum ganzlich von Dir wird trennen konnen. So wie die Abwechselungen des Lebens gehen, so ist es nun unter uns dahin gekommen, dass wir nur aneinander denken, aneinander schreiben konnen. Ich habe Dir alle meine Liebe, alle meine herzlichsten Wunsche mit auf den Weg gegeben, und der allmachtige Gott leite jeden Deiner Schritte. Bleib ihm und der Redlichkeit treu, und Du wirst mit Freuden dieses Leben uberstehn konnen, in welchem uns mancherlei Leiden suchen irrezumachen. Es freut mich, dass Du der Kunst so fleissig gedenkst, und zwar Vertrauen, aber kein ubermutiges zu Dir selber hast. Das Zagen, das Dich oft uberfallt, kommt einem in der Jugend wohl, und ist viel eher ein gutes als ein schlimmes Zeichen. Es ist immer etwas Wunderbares darinnen, dass wir Maler nicht so recht unter die ubrigen Menschen hineingehoren, dass unser Treiben und unsre Geschaftigkeit die Welthandel und ihre Ereignisse so um gar nichts aus der Stelle ruckt, wie es doch bei den ubrigen Handwerken der Fall ist; das befallt uns sehr oft in der Einsamkeit oder unter kunstlosen Menschen, und dann mochte uns schier aller Mut verlassen. Ein einziges gutes Wort, das wir plotzlich horen, ist aber auch wieder imstande, alle schaffende und wirkende Kraft in uns zuruckzuliefern, und Gottes Segen obendrein, so dass wir dann mit Grossherzigkeit wieder an unsere Arbeit gehen mogen. Ach Lieber! die ganze menschliche Geschaftigkeit lauft im Grunde so auf gar nichts hinaus, dass wir nicht einmal sagen konnen: dieser Mensch ist unnutz, jener aber nutzlich. Es ist die Erde zum Gluck so eingerichtet, dass wir alle darauf Platz finden mogen, gross und klein, Vornehme und Geringe. Mir ist es in meinen jungeren Jahren oft ebenso wie Dir ergangen, aber die guten Stunden kommen doch immer wieder. Warst Du ohne Anlage und Talent, so wurdest Du diese Leere in Deinem Herzen niemals empfinden.
Mein Weib lasst Dich grussen. Bleib nur immer der Wahrheit treu, das ist die Hauptsache. Deine fromme Empfindung, so schon sie ist, kann Dich zu weit leiten, wenn Du Dich nicht von der Vernunft regieren lassest. Nicht eigentlich zu weit; denn man kann gewiss und wahrlich nicht zu fromm und andachtig sein, sondern ich meine nur, Du durftest endlich etwas Falsches in Dein Herz aufnehmen, das Dich selber hinterginge, und so unvermerkt ein Mangel an wahrer Frommigkeit entstehn. Doch sage ich dieses gar nicht, um Dich zu tadeln, sondern es geschieht nur, weil ich an manchen sonst guten Menschen dergleichen bemerkt habe, wenn sie an Gott und die Unsterblichkeit mit zu grosser Ruhrung, und nicht mit froher Erhebung der Seele gedacht haben, mit weichherziger Zerknirschung und nicht mit erhabner Mutigkeit, so sind sie am Ende in einen Zustand von Weichlichkeit verfallen, in welchem sie die trostende wahre Andacht verlassen hat, und sie sich und ihrem Kleinsinn uberlassen blieben. Doch wie ich sage, es gilt nicht Dir, denn Du bist zu gut, zu herzlich, als dass Du je darin verfallen konntest, und weil Du grosse Gedanken hegst, und mit warmer brunstiger Seele die Bibel liesest und die heiligen Geschichten, so wirst Du auch gewisslich ein guter Maler werden, und ich werde noch einst stolz auf Dich sein.
Suche recht viel zu sehen, und betrachte alle Kunstsachen genau und wohl, dadurch wirst Du Dich endlich gewohnen mit Sicherheit selbst zu arbeiten und zu erfinden, wenn Du an allen das Vortreffliche erkennst, und auch dasjenige, was einen Tadel zulassen durfte. Dein Freund Sebastian ist ein ganz melancholischer Mensch geworden, seit Du von uns gereiset bist; ich denke, es soll sich wohl wieder geben, wenn erst einige Wochen verstrichen sind. Gehab Dich wohl, und denke unsrer fleissig. Durch Franzens Geist ergoss sich Heiterkeit und Starke, er fuhlte wieder seinen Mut und seine Kraft. Albrechts Stimme beruhrte ihn wie die Hand einer starkenden Gottheit, und er spurte in allen Adern seinen Gehalt und sein kunftiges arbeitreiches Leben. Wie wenn man oft alte langst vergessene Bucher wieder aufschlagt, und in ihnen Belehrungen oder unerwarteten Trost im Leiden antrifft, so kamen vergangene Zeiten mit ihren Gedanken in seine Seele zuruck, alte Entwurfe, die ihm von neuem gefielen. "Ja", sagte er, indem er die Briefe zusammenfaltete, und sorgfaltig in seine Schreibtafel legte, "es soll schon mit mir werden, weiss ich doch, dass mein Meister was von mir halt; warum will ich denn verzagen?"
Es war am folgenden Tage, an welchem das Erntefest gefeiert werden sollte. Franz hatte nun keinen Widerwillen mehr gegen das frohe aufgeregte Menschengetummel, er suchte die Freude auf, und war darum auch bei dem Feste zugegen. Er erinnerte sich einiger guten Kupferstiche von Albrecht Durer, auf denen tanzende Bauern dargestellt waren, und die ihm sonst uberaus gefallen hatten; er suchte nun beim Klange der Floten diese possierlichen Gestalten wieder, und fand sie auch wirklich; er hatte hier Gelegenheit, zu bemerken, welche Natur Albrecht auch in diese Zeichnungen zu legen gewusst hatte.
Der Tag des Festes war ein schoner warmer Tag, an dem alle Sturme und rauhen Winde von freundlichen Engeln zuruckgehalten wurden. Die Tone der Floten und Horner gingen wie eine liebliche Schar ruhig und ungestort durch die sanfte Luft hin. Die Freude auf der Wiese war allgemein, hier sah man tanzende Paare, dort scherzte und neckte sich ein junger Bauer mit seiner Liebsten, dort schwatzten die Alten und erinnerten sich ihrer Jugend. Die Gebusche standen still und waren frisch grun und uberaus anmutig, in der Ferne lagen krause Hugel mit Obstbaumen bekranzt. "Wie", sagte Franz zu sich, "sucht ihr Schuler und Meister immer nach Gemalden, und wisst niemals recht, wo ihr sie suchen musst? Warum fallt es keinem ein, sich mit seiner Staffelei unter einen solchen unbefangenen Haufen niederzusetzen, und uns auch einmal diese Natur ganz wie sie ist darzustellen? Keine abgerissene Fragmente aus der alten Historie und Gottergeschichte, die so oft weder Schmerz noch Freude in uns erregen, keine kalte Figuren aus der Legende, die uns oft gar nicht ansprechen, weil der Maler die heiligen Manner nicht selber vor sich sah, und er ohne Begeisterung arbeitete. Diese Gestalten, wortlich so und ohne Abanderung niedergeschrieben, damit wir lernen, welche Schone, welche Erquickung in der einfachen Naturlichkeit verborgen liegt. Warum schweift ihr immer in der weiten Ferne, und in einer staubbedeckten unkenntlichen Vorzeit herum, uns zu ergotzen? Ist die Erde, wie sie jetzt ist, keiner Darstellung mehr wert, und konnt ihr die Vorwelt malen, wenn ihr gleich noch so sehr wollt? Und wenn ihr grossere Geister nun auch hohe Ehrfurcht in unser Herz hineinbannt, wenn eure Werke uns mit ernster feierlicher Stimme anreden: warum sollen nicht auch einmal die Strahlen einer weltlichen Freude aus einem Gemalde herausbrechen? Warum soll ich in einer freien herzlichen Stunde nicht auch einmal Bauerlein, und ihre Spiele und Ergotzungen lieben? Dort werden wir beim Anblick der Bilder alter und kluger, hier kindischer und frohlicher."
So stritt Franz mit sich selber, und unterhielt seinen Geist mit seiner Kunst, wenn er gleich nicht arbeitete. Es konnte ihm uberhaupt nicht leicht etwas begegnen, wobei er nicht an Malereien gedacht hatte, denn es war schon fruhe Gewohnheit, seine Beschaftigung in allem was er in der Natur oder unter Menschen sah und horte, wiederzufinden. Alles gab ihm Antworten zuruck, nirgend traf er eine Lucke, in der Einsamkeit sah ihm die Kunst zu, und in der Gesellschaft sass sie neben ihm, und er fuhrte mit ihr stille Gesprache; daruber kam es aber auch, dass er so manches in der Welt gar nicht bemerkte, was weit einfaltigern Gemutern ganz gelaufig war, weshalb es auch geschah, dass ihn die beschrankten Leute leicht fur unverstandig oder albern hielten. Dafur bemerkte er aber manches, das jedem andern entging, und die Wahrheit und Feinheit seines Witzes setzte dann die Menschen oft in Erstaunen. So war Franz Sternbald um diese Zeit, ich weiss nicht ob ich sagen soll ein erwachsenes Kind, oder ein kindischer Erwachsener. O wohl dir, dass dir das Auge noch verhullt ist uber die Torheit und Armseligkeit der Menschen, dass du dir und deiner Liebe dich mit aller Unbefangenheit ergeben kannst! Seliges Leben, wenn der Mensch nur noch in sich lebt, und die ubrigen umher nicht in sein Inneres einzudringen vermogen und ihn dadurch beherrschen. Es kommt bei den meisten eine Zeit, wo der Winter bestandig in ihren Sommer hineinscheint, wo sie sich selbst vergessen, um es nur den andern Menschen recht zu machen, wo sie ihrem Geiste keine Opfer mehr bringen, sondern ihr eigenes Herz als Opfer auf den Altar der weltlichen Eitelkeiten niederlegen.
Als es Abend geworden war und der rote Schimmer bebend an den Gebuschen hing, war seine Empfindung sanfter und schoner geworden. Er wiederholte den Brief Durers in seinen Gedanken, und zeichnete sich dabei die schonen Abendwolken in seinem Gedachtnisse ab. Er hatte sich im Garten in eine Laube zu einem frischen Bauermadchen gesetzt, das schon seit lange viel und lebhaft mit ihm gesprochen hatte. Jetzt lag das Abendrot auf ihren Wangen, er sah sie an, sie ihn, und er hatte sie gern gekusst, so schon kam sie ihm vor. Sie fragte ihn, wann er zu reisen gedachte, und es war das erstemal, dass er ungern von seiner Reise sprach. "Ist Italien weit von hier?" fragte die unwissende Gertrud.
"O ja", sagte Franz, "manche Stadt, manches Dorf, mancher Berg liegt zwischen uns und Italien. Es wird noch lange wahren, bis ich dort bin"
"Und Ihr musst dahin?" fragte Gertrud.
"Ich will und muss", antwortete er; "ich denke dort viel zu lernen fur meine Malerkunst. Manches alte Gebaude, manchen vortrefflichen Mann habe ich zu besuchen, manches zu tun und zu erfahren, ehe ich mich fur einen Meister halten darf."
"Aber Ihr kommt doch wieder?"
"Ich denke", sagte Franz, "aber es kann lange wahren, und dann ist hier vielleicht alles anders, dann bin ich hier langst vergessen, meine Freunde und Verwandten sind vielleicht gestorben, die Burschen und Madchen, die eben so frohlich singen, sind dann wohl alt und haben Kinder. Dass das Menschenleben so kurz ist, und dass in der Kurze dieses Lebens so viele und betrubte Verwandlungen mit uns vorgehn!"
Gertrud ward von ihren Eltern abgerufen und sie ging nach Hause, Franz blieb allein in der Laube. "Freilich", sagte er zu sich, "ist es etwas Schones, ruhig nur sich zu leben, und recht fruh das stille Land aufzusuchen, wo wir einheimisch sein wollen. Wem die Ruhe gegonnt ist, der tut wohl daran; mir ist es nicht so. Ich muss erst alter werden, denn jetzt weiss ich selber noch nicht was ich will."
Siebentes Kapitel
Franz hatte sich gleich bei seiner Ausreise vorgenommen, seinem Geburtsorte ein Gemalde von sich zum Angedenken zu hinterlassen. Der Gedanke der Verkundigung der Geburt Christi lag ihm noch im Sinn, und er bildete ihn weiter aus und malte fleissig. Aber bei der Arbeit fehlte ihm diese Seelenruhe, die er damals in seinem Briefe geschildert hatte, alles hatte ihn betaubt und die bildende Kraft erlag oft den Umstanden. Er fuhlte es lebhaft wieder, wie es ganz etwas anders sei, in einer glucklichen Minute ein kuhnes und edles Kunstwerk zu entwerfen, und es nachher mit unermudeter Emsigkeit und dem nie ermattenden Reiz der Neuheit durchzufuhren. Mitten in der Arbeit verzweifelte er oft an ihrer Vollendung, er wollte es schon unbeendigt stehen lassen, als ihm Durers Brief zur rechten Zeit Kraft und Erquickung schenkte. Jetzt endigte er schneller, als er erwartet hatte.
Wir wollen hier dem Leser dieses Bild kurzlich beschreiben. Ein dunkles Abendrot dammerte auf den fernen Bergen, denn die Sonne war schon seit lange untergegangen, in dem bleichroten Scheine lagen alte und junge Hirten mit ihren Herden, dazwischen Frauen und Madchen; die Kinder spielten mit Lammern. In der Ferne gingen zwei Engel durch das hohe Korn, und erleuchteten mit ihrem Glanze die Landschaft. Die Hirten sahen mit stiller Sehnsucht nach ihnen, die Kinder streckten die Hande nach den Engeln aus, das Angesicht des einen Madchens stand vollig im rosenroten Schimmer, vom fernen Strahl der Himmlischen erleuchtet. Ein junger Hirt hatte sich umgewendet, und sah mit verschrankten Armen und tiefsinnigem Gesichte der untergegangenen Sonne nach, als wenn mit ihr die Freude der Welt, der Glanz des Tages, die anmutigen und erquickenden Strahlen verschwunden waren; ein alter Hirt fasste ihn beim Arm, um ihn umzudrehen und ihm die Freudigkeit zu zeigen, die von morgenwarts herschritt. Dadurch hatte Franz der untergegangenen Sonne gegenuber gleichsam eine neuaufgehende darstellen wollen, der alte Hirt sollte den jungen beruhigen und zu ihm sagen: "Selig sind die nunmehr sterben, denn sie werden in dem Herrn sterben!" Einen solchen zarten, trostreichen und frommen Sinn hatte Franz fur den vernunftigen und fuhlenden Beschauer in das Gemalde zu bringen gesucht.
Er hatte es nun vollendet, und stand lange nachdenkend und still vor seinem Werke. Er empfand eine wunderbare Beklemmung, die er an sich nicht gewohnt war, es angstete ihn, von dem teuren Werke, an dem er mehrere Wochen mit so vieler Liebe gearbeitet hatte, Abschied zu nehmen. Das glanzende Bild der ersten Begeisterung war wahrend der Arbeit aus seiner Seele ganzlich hinweggeloscht, und er fuhlte daruber eine trube Leere in seinem Innern, die er mit keinem neuen Entwurfe, mit keinem Bilde wieder ausfullen konnte. "Ist es nicht genug", sagte er zu sich selber, "dass wir von unsern lebenden Freunden scheiden mussen? Mussen auch noch jene befreundeten Lichter in unsrer Seele Abschied von uns nehmen? So gleicht unser Lebenslauf einem Spiele, in dem wir unaufhorlich verlieren, wo wir halb verruckt stets etwas Neues einsetzen, das uns kostbar ist, und niemals keinen Gewinn dafur austauschen. Es ist seltsam, dass unser Geist uns treibt, die innere Entzuckung durch das Werk unsrer Hande zu offenbaren, und dass wir, wenn wir vollendet haben, in unserm Fleiss uns selbst nicht wiedererkennen."
Das Malergerate stand unordentlich um das Bild her, die Sonne schien glanzend auf den frisch aufgetragenen Firnis, er horte das taktmassige Klappen der Drescher in den Scheuren, in der Ferne das Vieh auf dem Anger brullen, und die kleine Dorfglocke gab mit bescheidenen Schlagen die Zeit des Tages an; alle Tatigkeit, alle menschliche Arbeit kam ihm in diesen Augenblicken so seltsam vor, dass er lachelnd die Hutte verliess, und wieder seinem geliebten Walde zueilte, um sich von der innern Verwirrung zu erholen.
Im Walde legte er sich in das Gras nieder und sah uber sich in den weiten Himmel, er uberblickte seinen Lebenslauf und schamte sich, dass er noch so wenig getan habe. Er betrachtete jedes Werk eines Kunstlers als ein Monument, das er den schonsten Stunden seiner Existenz gewidmet habe; um jedes wehen die himmlischen Geister, die dem bildenden Sinn die Entzuckungen brachten, aus jeder Farbe, aus jedem Schatten sprechen sie hervor. "Ich bin nun schon dreiundzwanzig Jahr alt", rief er aus, "und noch ist von mir nichts geschehn, das der Rede wurdig ware; ich fuhle nur den Trieb in mir und meine Mutlosigkeit, der frische tatige Geist meines Lehrers ist mir nicht verliehen, mein Beginnen ist zaghaft, und alle meine Bildungen werden die Spur dieses zagenden Geistes tragen."
Er kehrte zuruck als es Abend war, und las seiner Pflegemutter einige fromme Gesange aus einem alten Buche vor, das er in seiner Kindheit sehr geliebt hatte. Die frommen Gedanken und Ahndungen redeten ihn wieder an wie damals, er betrachtete sinnend den runden Tisch mit allen seinen Furchen und Narben, die ihm so wohlbekannt waren, er fand die Figuren wieder, die er manchmal am Abend heimlich mit seinem Messer eingeritzt hatte, und er musste uber die ersten Versuche seiner Zeichenkunst lacheln. "Mutter", sagte er zu der alten Brigitte, "am kunftigen Sonntage wird nun mein Gemalde in unsrer Kirche aufgestellt, da musst Ihr den Gottesdienst nicht versaumen." "Gewiss nicht, mein Sohn", antwortete die Alte, "das neue Bild wird mir zu einer sonderlichen Erbauung dienen; unser Altargemalde ist kaum mehr zu erkennen, das erweckt keine Ruhrung, wenn man es ansieht. Aber sage mir, was wird am Ende aus solchen alten Bildern?"
"Sie vergehn, liebe Mutter", antwortete Franz seufzend, "wie alles ubrige in der Welt. Es wird eine Zeit kommen, wo man keine Spur mehr von den jetzigen grossen Meistern antrifft, wo die unerbittliche, unkunstliche Hand der Zeit alle Denkmale ausgeloscht hat."
"Das ist aber schlimm", sagte Brigitte, "dass alle diese muhselige Arbeit so vergeblich ist; so unterscheidet sich ja deine Kunst, wie du es nennst, von keinem andern Gewerbe auf der Erde. Der Mann, dessen Altarblatt nun abgenommen werden soll, hat sich gewiss auch recht gefreut, als seine Arbeit fertig war, er hat es auch gut damit gemeint; und doch ist das alles umsonst, denn nun wird das vergessen, und er hat vergeblich gearbeitet."
"So geht es mit aller unsrer irdischen Tatigkeit", antwortete Franz, "nichts als unsre Seele ist fur die Unsterblichkeit geschaffen, unsre Gedanken an Gott sind das Hochste in uns, denn sie lernen sich schon in diesem Leben fur die Ewigkeit ein, und folgen uns nach. Sie sind das schonste Kunstwerk, das wir hervorbringen konnen, und sie sind unverganglich."
Am Sonntage ging Franz mit einigen Arbeitsleuten fruh in die Kirche. Das alte Bild wurde losgemacht; Franz wischte den Staub davon ab und betrachtete es mit vieler Ruhrung. Es stellte die Kreuzigung vor, und manche Figuren waren ganz verloschen, es war eins von denen Gemalden, die noch ohne Ol gearbeitet waren, die Kopfe zeigten sich hart, die Gewander steif, und Zettel mit Spruchen verbreiteten sich aus dem Munde der Personen. Sternbald bemuhte sich sehr, den Namen des Meisters zu entdecken, aber vergebens; er sorgte dann dafur, dass das Bild nicht weggeworfen wurde, sondern er verschloss es selbst in einen Schrank der Kirche, damit auch kunftig ein Kunstfreund dies alte Uberbleibsel wiederfinden konne.
Jetzt war sein Gemalde befestigt, die Glocke fing zum ersten Male an, durch das ruhige Dorf zu lauten, Bauern und Bauerinnen waren in ihren Stuben, und besorgten emsig ihren festlichen Anzug. Man horte keinen Arbeiter, ein schoner heitrer Tag glanzte uber die Dacher, die alten Weiden standen ruhig am kleinen See, denn kein Wind ruhrte sich. Franz ging auf der Wiese, die hinter dem Kirchhofe lag, hin und her, er zog die ruhige heitre Luft in sich, und stillentzukkende Gedanken regierten seinen Geist. Wenn er nach dem Walde sah, empfand er eine seltsame Beklemmung; in manchen Augenblicken glaubte er, dass dieser Tag sehr merkwurdig fur ihn sein wurde; dann verflog es aus seiner Seele wie eine ungewisse Ahndung, die zuweilen nachtlich um den Menschen wandelt, und beim Schein des Morgens schnell entflieht. Es war jetzt nicht mehr sein Gemalde, was ihn beschaftigte, sondern etwas Fremdes, das er selbst nicht kannte.
So ist die Seele des Kunstlers oft von wunderlichen Traumereien befangen, denn jeder Gegenstand der Natur, jede bewegte Blume, jede ziehende Wolke ist ihm eine Erinnerung, oder ein Wink in die Zukunft. Heereszuge von Luftgestalten wandeln durch seinen Sinn hin und zuruck, die bei den ubrigen Menschen keinen Eingang antreffen: besonders ist der Geist des Dichters ein ewig bewegter Strom, dessen murmelnde Melodie in keinem Augenblicke schweigt, jeder Hauch ruhrt ihn an und lasst eine Spur zuruck, jeder Lichtstrahl spiegelt sich ab, er bedarf der lastigen Materie am wenigsten, und hangt am meisten von sich selber ab, er darf in Mondschimmer und Abendrote seine Bilder kleiden, und aus unsichtbaren Harfen niegehorte Tone locken, auf denen Engel und zarte Geister herniedergleiten, und jeden Horer als Bruder grussen, ohne dass sich dieser oft aus dem himmlischen Grusse vernimmt und nach irdischen Geschaften greift, um nur wieder zu sich selber zu kommen. In jenen beklemmten Zustanden des Kunstlers liegt oft der Wink auf eine neue nie betretene Bahn, wenn er mit seinem Geiste dem Liede folgt, das aus ungekannter Ferne herubertont. Oft ist jene Angstlichkeit ein Vorgefuhl der unendlichen Mannigfaltigkeit der Kunst, wenn der Kunstler glaubt, Leiden, Ungluck oder Freuden zu ahnden.
Jetzt hatte die Glocke zum letzten Male gelautet, die Kirche war schon angefullt, Sternbalds Mutter hatte ihren gewohnlichen Platz eingenommen. Franz stellte sich in die Mitte der kleinen Kirche und das Orgelspiel und der Gesang hub an; die Kirchtur ihm gegenuber war offen, und das Gesausel der Baume tonte herein. Franz war in Andacht verloren, der Gesang zog wie mit Wogen durch die Kirche, die ernsten Tone der Orgel schwollen majestatisch herauf, und sprachen wie ein melodischer Sturmwind auf die Horer herab; aller Augen waren wahrend des Gesanges nach dem neuen Bilde gerichtet. Franz sah auch hin und erstaunte uber die Schonheit und ruhrende Bedeutsamkeit seiner Figuren, sie waren nicht mehr die seinigen, sondern er empfand eine Ehrfurcht, einen andachtigen Schauer vor dem Gemalde. Es schien, als wenn sich unter den Orgeltonen die Farbengebilde bewegten und sprachen und mitsangen, als wenn die fernen Engel naher kamen, und jeden Zweifel, jede Bangigkeit mit ihren Strahlen aus dem Gemute hinwegleuchteten, er empfand eine unaussprechliche Wonne in dem Gedanken ein Christ zu sein. Von dem Bilde glitt dann sein Blick nach dem grunen Kirchhofe vor der Ture hin, und es war ihm, als wenn Baum und Gestrauch ausserhalb auch mit Frommigkeit beteten, und unter der umarmenden Andacht ruhten. Aus den Grabern schienen leise Stimmen der Abgeschiedenen herauszusingen, und mit Geistersprache den ernsten Orgeltonen nachzueilen; die Baume jenseit des Kirchhofs standen betrubt und einsam da, und hoben ihre Zweige wie gefaltete Hande empor, und freundlich legten sich durch die Fenster die Sonnenstrahlen weit in die Kirche hinein. Die unformlichen steinernen Bilder an der Mauer waren nicht mehr stumm, die fliegenden Kinder, mit denen die Orgel verziert war, schienen in lieber Unschuld auf ihrer Leier zu spielen, um den Herrn, den Schopfer der Welt zu loben.
Sternbalds Gemut ward mit unaussprechlicher Seligkeit angefullt, er empfand zum ersten Male den harmonischen Einklang aller seiner Krafte und Gefuhle, ihn ergriff und beschirmte der Geist, der die Welt regiert und in Ordnung halt, er gestand es sich deutlich, wie die Andacht der hochste und reinste Kunstgenuss sei, dessen unsre menschliche Seele nur in ihren schonsten und erhabensten Stunden fahig ist. Die ganze Welt, die mannigfaltigsten Begebenheiten, Ungluck und Gluck, das Niedre und Hohe, alles schien ihm in diesen Augenblicken zusammenzufliessen, und sich selbst nach einem kunstmassigen Ebenmasse zu ordnen. Tranen flossen ihm aus den Augen, und er war mit sich, mit der Welt, mit allem zufrieden.
Schon in Nurnberg war es oft fur ihn eine Erquikkung gewesen, sich aus dem Getummel des Marktes und des verworrenen gerauschvollen Lebens in eine stille Kirche zu retten: da hatte er oft gestanden, die Pfeiler und das erhabene Gewolbe betrachtet, und das Gewuhl vergessen, er hatte es immer empfunden, wie diese heilige Einsamkeit auf jedes Gemut gut wirken musse, aber noch nie hatte er diese reine, erhabne Entzuckung genossen.
Die Orgel schwieg, und man vernahm aus der Ferne uber die Wiese her das Schnauben von Pferden und einen schnellrollenden Wagen. Franz hob seine Augen auf; in demselben Augenblick eilte das Fuhrwerk der Kirche voruber, ein Rad fuhr ab, der Wagen sturzte, und zwei junge Madchen und ein alter Mann waren im Begriff zu fallen, als Franz schon hinzugeeilt war und den Wagen hielt, indem der Fuhrmann die Pferde hemmte. Die Schonste und, wie es schien, die Herrin der ubrigen, lag in seinen Armen, ihr Kopf ruhte an seinem Gesicht, geringelte blonde Haare, die durch den plotzlichen Sturz sich unter einer reichen Goldhaube losgemacht hatten, waren wie ein glanzendes Netz um beide gespreitet, aus dem grunen Atlasmantel wogte nahe an ihm ein blendend weisser Busen in heftiger Bewegung des Erschreckens. Endlich erhob sie das durchdringlich blaue Auge und dankte ihm lachelnd. Alle stiegen ab, und Franz war geschaftig, die Fremden zu bedienen, indessen der Fuhrmann seinen Wagen wieder einrichtete. Die schone Fremde betrachtete unsern Freund aufmerksam, er schien mehr erschrocken als sie, er bat sie mir geruhrtem Ton, sich zu erholen. Er wusste nicht, was er sagen sollte; die blauen Augen des Madchens begegneten ihm und er errotete, der alte Mann sprach mit der Dienerin. Die Fremde lehnte sich auf seinen Arm, wie ermudet, und so traten sie in die Kirche ein; sie liess sich auf ein Knie nieder und bekreuzte sich, nach dem Altar gewendet, sehr andachtig, was der Gemeine auffiel, dann erhob sie sich und sagte: "Welch ein herrliches, ruhrendes Altarbild!" "Ja wohl", sagte Franz, ausser sich vor Entzucken, und sie fuhr fort: "Gewiss von Durer, oder einem seiner Schuler, herrliche Werke haben die Deutschen hervorgebracht." Franz verstummte und zitterte. Indes war der Wagen wieder instand gesetzt, sie schritten wieder aus der Kirche, und Franz angstete sich, dass sie nun wieder abreisen wurde; noch gingen sie unter den duftenden Baumen auf und ab, und der Gesang scholl ihnen aus der Kirche entgegen. Nun stiegen die Fremden wieder auf, der junge Maler fuhlte sein Herz heftig schlagen, die holde Gestalt dankte ihm noch einmal, und nun flog der Wagen fort. Er sah ihnen nach, so weit er konnte; jetzt nahten sie einem fernen Gebusche, der Wagen verschwand, er war wie betaubt.
Als er wieder zu sich erwachte, sah er im Grase, wo er gestanden hatte, eine kleine zierliche Brieftasche liegen. Er nahm sie schnell auf und entfernte sich damit; es war kein Zweifel, dass sie der Fremden gehoren musse. Es war unmoglich, dem Wagen nachzueilen, er hatte auch nicht gefragt, wohin sie sich wenden wolle, und ebensowenig wusste er den Namen der Reisenden. Alles dies beunruhigte ihn erst jetzt, als er die Brieftasche in seinen Handen hielt. Er musste sie behalten, und wie teuer war sie ihm! Er wagte es nicht, sie zu eroffnen, sondern eilte mit ihr seinem geliebten Walde zu; hier setzte er sich auf dem Platze nieder, der ihm so heilig war, hier machte er sie mit zitternden Handen auf, und das erste, was ihm in die Augen fiel, war ein Gebinde wilder vertrockneter Blumen. Er blickte um sich her, er besann sich, ob es ein Traum sein konne, er konnte sich nicht zuruckhalten, er kusste die Blumen und weinte heftig: innerlich ertonte der Gesang des Waldhorns, den er in der Kindheit gehort hatte.
Auf einem Blattchen stand geschrieben: "Diese Blumchen erhielt ich von dem schonsten und freundlichsten Knaben, als ich sechs Jahr alt, meine erste Reise uber Mergentheim machte."
"So bist du es gewesen, mein Genius, mein schutzender Engel!" rief er aus. "Du bist mir wieder voruber gegangen, und ich kann mich nicht finden, ich kann mich nicht zufriedengeben. Auf diesem Platze hier sind diese Blumen gewachsen, schon vierzehn Sommer sind indessen uber die Erde gegangen, und auf diesem Platze halte ich nach so langer Zeit das teure Geschenk wieder in meinen Handen. Du warst es, Botin des Himmels, fur die ich mein erstes Bild aufgestellt habe, dein Auge musste es erleuchten, deinen Wohlgefallen hat es erregt, und du hast dein Knie in frommer Herzensdemut davor geneigt. O wann werd ich dich wiedersehen? Kann es Zufall sein, dass du mir wieder begegnet bist?"
Es gibt Stunden, in denen das Leben einen gewaltsamen, schnellen Anlauf nimmt, wo die Bluten plotzlich aufbrechen und alles sich in und um den Menschen verandert. Dieser Tag war fur Sternbald ein solcher; er konnte sich gar nicht wieder erholen, er wunschte nichts und durstete doch nach den wunderbarsten Begebenheiten, er sah uber seine Zukunft wie uber ein glanzendes Blumenfeld hin, und doch genugte ihm keine Freude, er war unzufrieden mit allem, was da kommen konnte, und doch fuhlte er sich so uberselig.
Ausserdem enthielt das Taschenbuch nichts, woraus er den Namen oder den Aufenthalt der wunderbaren Fremden, mit der er doch so vertraut zu sein wahnte, hatte erfahren konnen. Auf der einen Seite stand:
"zu Antwerpen ein schones Bild von Lukas von
Leyden gesehn."
und dicht darunter:
"ebendaselbst, ein unbeschreibliches schones
Kruzifix vom grossen Albert Durer."
Er kusste das Blatt zu wiederholten Malen, er konnte heut seine Empfindungen durchaus nicht bemeistern. Es war ihm zu seltsam und zu erfreulich, dass die Engelsgestalt, die er so fernab im Traume seiner Kindheit gesehen hatte, seinen Durer verehrte, den er so genau kannte, dessen Freund er war, dass sie ihn durch ihr Lob seines ersten Gemaldes zum Kunstler geweiht hatte. Sein Schicksal schien ein wunderbarer Einklang von Gesangen, er konnte nicht genug daruber sinnen, ja er konnte an diesem Tage vor Entzucken nicht mude werden.
Achtes Kapitel
Franz hatte seinem Sebastian diese Begebenheiten geschrieben, die ihm so merkwurdig waren; es war nun die Zeit verflossen, die er seinem Aufenthalte in seinem Geburtsorte gewidmet hatte, und er besuchte nur noch einmal die Platze, die ihm in seiner Kindheit so bekannt geworden waren: dann nahm er Abschied von seiner Mutter.
Er war wieder auf dem Wege, und nach einiger Zeit schrieb er seinem Freunde noch einen zweiten Brief: Liebster Bruder! Manchmal frage ich mich selbst mit der grossten Ungewissheit, was aus mir werden soll. Bin ich nicht plotzlich ohne mein Zutun in ein recht seltsames Labyrinth verwickelt? Meine Eltern sind mir genommen und ich weiss nicht, wem ich angehore, meine Freunde habe ich verlassen, jenen glanzenden Engel habe ich nur wie ein vorbeifliegendes Schimmerbild wahrgenommen. Warum treten mir diese Verwickelungen in den Weg, und warum darf ich nicht wie die ubrigen Menschen einen ganz einfachen Lebenswandel fortsetzen?
Ich glaube manchmal, und schame mich dieses Gedankens, dass mir meine Kunst zu meinem Glucke nicht genugen durfte, auch wenn ich endlich weiter und auf eine hohere Stufe gekommen sein sollte. Ich sage nur Dir dieses im Vertrauen, mein liebster Sebastian, denn jeder andere wurde mir antworten: "Nun, warum legst Du nicht Palette und Pinsel weg, und suchst durch gewohnliche Tatigkeit den Menschen nutzlich zu werden und dein Brot zu erwerben?" Es kann sein, dass ich besser tate, aber alle dergleichen Gedanken fallen mir jetzt sehr zur Last. Es ist etwas Trubseliges darin, dass das ganze grosse menschliche Leben mit allen seinen unendlich scheinenden Verwickelungen durch den allerarmseligsten Mechanismus umgetrieben wird; die kummerliche Sorge fur morgen setzt sie alle in Bewegung, und die meisten dunken sich noch was Rechts, wenn sie dieser Beweggrund in recht heftige Tatigkeit angstigt.
Ich weiss nicht, wie Du diese Ausserungen ansehen wirst, ich fuhle es selbst, wie notwendig der Fleiss dem Menschen ist, ebenso, wie man ihn mit Recht edel nennen kann. Aber wenn alle Menschen Kunstler waren, oder Kunst verstanden, wenn sie das reine Gemut nicht beflecken und im Gewuhl des Lebens zerqualen durften, so waren doch gewiss alle um vieles glucklicher. Dann hatten sie die Freiheit und die Ruhe, die wahrhaftig die grosste Seligkeit sind. Wie begluckt musste sich dann der Kunstler fuhlen, der die reinsten Empfindungen dieser Wesen darzustellen unternahme! Dann wurde es erst moglich sein, das Erhabene zu wagen, dann wurde jener falsche Enthusiasmus, der sich an Kleinigkeiten und Spielwerk schliesst, erst eine Bahn finden, auf der er eine herrliche Erscheinung wandeln durfte. Aber alle Menschen sind so gemartert, so von Muhseligkeiten, Neid, Eigennutz, Planen, Sorgen verfolgt, dass sie gar nicht das Herz haben, die Kunst und Poesie, den Himmel und die Natur als etwas Gottliches anzusehen. In ihre Brust kommt selbst die Andacht nur mit Erdensorgen vermischt, und indem sie glauben kluger und besser zu werden, vertauschen sie nur eine Jammerlichkeit mit der andern.
Du siehst, ich fuhre noch immer meine alten Klagen, und ich habe vielleicht sehr unrecht. Ich sehe wohl alles anders an, wenn ich alter werde, aber ich wunsche es nicht. Ach Sebastian, ich habe manchmal eine unaussprechliche Furcht vor mir selber; ich empfinde meine Beschranktheit, und doch kann ich es nicht wunschen, diese Gefuhle zu verlieren, die so mit meiner Seele verwebt scheinen, dass sie vielleicht mein eigentliches Selbst ausmachen. Wenn ich daran denke, dass ich mich andern konnte, so ist mir ebenso als wenn Du sterben solltest.
Wenn ich nur wenigstens mehr Stolz und Festigkeit hatte! Denn ich muss doch vorwarts, und kann nicht immer ein weichherziges Kind bleiben, wenn ich auch wollte. Ich glaube fast, dass der Geist am leichtesten untersinkt und verlorengeht, der sich zu blode und bescheiden betrachtet: man muss mit kaltem Vertrauen zum Altar der Gottin treten, und dreist eine von ihren Gaben fordern, sonst drangt sich der Unwurdige vor, und tragt uber den Besseren den Sieg davon. Ich mochte manchmal daruber lachen, dass ich alles in der Welt so ernsthaft betrachte, dass ich so viel sinne, wenn es doch nicht anders sein kann, und mit Schwingen der Seele das zu ereilen trachte, wonach andere nur die Hand ausstrecken. Denn wohin fuhrt mich meine Liebe, meine Verehrung der Kunstler und ihrer Werke? Viele grosse Meister haben sich gewiss recht kaltblutig vor die Staffelei gesetzt, so wie auch gewohnlich unser Albrecht arbeitet, und dann dem Werke seinen Lauf gelassen, uberzeugt, dass es so werden musse, wie es ihnen gut dunkt.
Meine Wanderung bringt oft sonderbare Stimmungen in mir hervor. Jetzt bin ich in einem Dorfe und sehe den Nebel auf den fernen Bergen liegen, matte Schimmer bewegen sich im Dunste und Wald und Berg tritt aus dem Schleier oft plotzlich hervor. Ich sehe Wanderer zu Fuss und zu Pferde ihre Strasse forteilen, und ferne Turme und Stadte sind das Ziel, wonach sie in mannigfaltiger Richtung streben. Ich befinde mich mit unter diesem Haufen, und die ubrigen wissen nichts von mir, sie gehn mir voruber und ich kenne sie nicht, jeder unsichtbare Geist wird von einem andern Interesse beherrscht, und jeder beneidet und bemitleidet auf Geratewohl den andern. Ich denke mir alle die mannigfaltigen Wege, durch Walder, uber Berge, an Stromen voruber: wie jeder Reisende sich umsieht und in des andern Heimat sich in der Fremde fuhlt, wie jeder umherschaut und nach dem Bruder seiner Seele sucht, und so wenige ihn finden, und immer wieder durch Walder und Stadte, berguber, an Stromen vorbei, weiterreisen, und ihn immer nicht finden. Viele suchen schon gar nicht mehr, und diese sind die Unglucklichsten, denn sie haben die Kunst zu leben verlernt, da das Leben nur darin besteht, immer wieder zu hoffen, immer zu suchen; der Augenblick, wenn wir dies aufgeben, sollte der Augenblick unsers Todes sein. So ist es auch vielleicht, und jene wahrhaft Elenden mussen dann an der Zeit hinsterben, und wissen und empfinden nicht, woran sie das Leben verlieren.
Ich will daher immer suchen und erwarten, ich will meine Entzuckung und Verehrung der Herrlichkeit in meinem Busen aufbewahren, weil dieser schone Wahnsinn das schonste Leben ist. Der Vernunftige wird mich immer als einen Berauschten betrachten, und mancher wird mir vielleicht furchtsam oder auch verachtend aus dem Wege gehen. Welche Gegend ihr Blick wohl jetzt durchwandert! Ich schaue nach Osten und Westen, um sie zu entdecken, und angstige mich ab, dass sie vielleicht in meiner Nahe ist, ohne dass ich es erfahren kann. Nur einmal sehn, nur einmal sprechen mocht ich sie noch, ich kann mein Verlangen darnach nicht mit Worten ausdrucken, und doch wusst ich nicht was ich ihr sagen sollte, wenn ich sie plotzlich wiederfande. Ich kann es nicht sagen, was meine Empfindung ist, und ich weiss nicht, ob Du nicht Deinen Freund belachelst. Aber Du bist zu gut, um uber mich zu spotten; auch bin ich zu ehrlich gegen Dich.
Wenn ich an die reizenden Zuge denke, an diese heilige Unschuld ihrer Augen, diese zarten Wangen wenigstens mocht ich ein Gemalde, ein treues, einfaches der jetzigen Gestalt besitzen. Tod und Trennung sind es nicht allein, die wir zu bejammern haben; sollte man nicht jeden dieser sussen Zuge, jede dieser sanften Linien beweinen, die die Zeit nach und nach vertilgt? Der ungeschickte Kunstler, der durch bestandiges Nachmalen sein Bild verdirbt, das er erst so schon ausgearbeitet hatte. Ich sehe sie vielleicht nach vielen, vielen Jahren wieder, vielleicht auch nie. Es gibt ein Lied eines alten Sangers, ich schreibe Dir es auf:
Wohlauf und geh in den vielgrunen Wald,
Da steht der rote frische Morgen,
Entlade dich der bangen Sorgen,
Und sing ein Lied, das frohlich durch die Zweige
schallt!
Es blitzt und funkelt Sonnenschein
Wohl in das grune Gebusch hinein,
Und munter zwitschern die Vogelein.
Ach nein! ich gehe nimmer zum vielgrunen
Wald,
Das Lied der sussen Nachtigall schallt,
Und Tranen,
Und Sehnen
Bewegen die bange, die strebende Brust,
Im Walde, im Walde wohnt mir keine Lust,
Denn Sonnenschein,
Und hupfende Vogelein,
Sind mir Marter und Pein!
Einst fand ich den Fruhling im grunenden Tal,
Da bluhten und dufteten Rosen zumal,
Durch Waldesgrune
Erschiene
Im Eichenforst wild
Ein susses Gebild:
Da blitzte Sonnenschein,
Es sangen Vogelein
Und riefen die Geliebte mein.
Sie ging mit Fruhling Hand in Hand,
Die Weste kussten ihr Gewand,
Zu Fussen
Die sussen
Viol und Primeln hingekniet
Indem sie still voruberzieht,
Da gingen ihr die Tone nach,
Da wurden alle Stimmen wach,
Da girrte Nachtigall noch zartlicher ihr
Ach!
Mich traf ihr wundersusser Blick:
Woher? Wohin du goldnes Gluck?
Die Schone,
Die Tone,
Die rauschenden Baume,
Wie goldene Traume!
Ist dies noch der Eichengrund?
Grusst mich dieser rote Mund?
Bin ich tot, bin ich gesund?
Da schwanden mir die alten Sorgen,
Und neue kehrten bei mir ein,
Ich traf die Maid an jedem Morgen
Und schoner grunte stets der Hain:
Lieb', wie susse Deine Kusse!
Glanzend schonste Zier,
Wohne stets bei mir,
Im vielgrunen Walde hier!
Ich ging hinaus im Morgenlicht,
Da kam die susse Liebe nicht;
Vom Baume hernieder
Schrie Rabe seine heisern Lieder:
Da weint und klagt ich laut,
Doch nimmer kam die Braut
Und Morgenschein,
Und Vogelein
Nur Angst und Pein!
Ich suchte sie auf und ab, uber Berge, talerwarts,
Ich sah manche fremde Strome fliessen,
Aber ach! mein liebend banges Herz
Nimmer fand's die Gegenwart der Sussen:
Einsam blieb der Wald,
Da kam der Winter kalt;
Voglein,
Sonnenschein
Flohen aus dem Walde mein.
Ach! schon viele Sommer stiegen nieder,
Oftmals kam der Zug der Vogel wieder,
Oft hat sich der Wald in Grun gekleidt,
Niemals kam zuruck die susse Maid.
Zeit! Zeit!
Warum tragst du so grausamen Neid?
Ach! sie kommt vielleicht auf fremden Wegen
Ungekannter Weis mir bald entgegen,
Aber Jugend ist von mir gewichen,
Ihre schonen Wangen sind erblichen,
Kommt sie auch hinab zum Eichengrund
Kenn ich sie nicht mehr am roten Mund:
O Leide!
Fremd sind wir uns beide!
Keiner kennt den andern
Im Wandern!
Wer Jungling ist der wandle munter
Den Wald hinunter,
Wohl mag's, dass ihm Treulieb entgegenziehet,
Dann bluhet
Aus allen Knospen Fruhling auf ihn ein:
Doch niemals treff ich die verlorne Jugend mein,
Drum ist mir Sonnenschein,
Die Nachtigall im Hain
Nur Qual und Pein!
Ach! Vielleicht ist fur mich auch einst der vielgrune Wald so abgestorben!
Oft mocht ich alles in Gedichten niederschreiben, und ich fuhle es jetzt, wie die Dichter entstanden sind. Du vermagst das Wesen, was Dein innerstes Herz bewegt nicht anders auszusprechen.
Ich habe endlich einen neuen Kupferstich von unserm Albert gesehn, den er seit meiner Abwesenheit gemacht hat. Du wirst ihn kennen, es ist der lesende Einsiedler. Wie ich da wieder unter euch war! Denn ich kannte die Stube, den Tisch und die runden Scheiben gleich wieder, die Durer auf diesem Bilde von seiner eignen Wohnung abgeschrieben hat. Wie oft habe ich die runden Scheiben betrachtet, die der Sonnenschein an der Tafelung oder an der Decke zeichnete; der teure Hieronymus sitzt an Durers Tisch. Es ist schon, dass unser Meister in seiner frommen Vorliebe fur das, was ihn so nahe umgibt, der Nachwelt ein Konterfei von seinem Zimmer gegeben hat, wo alles so bedeutend ist, und jeder Zug Andacht und Einsamkeit ausdruckt.
Ich gehe auf meinem Wege oft in die kleinen Kapellen hinein, und verweile mich dabei, die Gemalde und Zeichnungen zu betrachten. Ob es meine Unerfahrenheit, oder meine Vorliebe fur das Altertum macht, ich sehe selten ein ganz schlechtes Bild; ehe ich die Fehler entdecke, sehe ich immer die Vorzuge an jedem. Ich habe gemeiniglich bei jungen Kunstlern die entgegengesetzte Gemutsart gefunden, und sie wissen sich immer recht viel mit ihrem Tadel. Ich habe oft eine fromme Ehrfurcht vor unsern treuherzigen Vorfahren, die zuweilen recht schone und erhabene Gedanken mit so wenigen Umstanden ausgedruckt haben.
Ich will meinen Brief schliessen. Moge der Himmel Dich und meinen teuern Albert gesund erhalten! Dieser Brief durfte seinem ernsten Sinne schwerlich gefallen. Lass mich bald Nachrichten von Dir und von allen Bekannten horen.
In die Ferne geht die Liebe
Ungekannt durch Nacht und Schatten;
Ach! wozu dass ich hier bliebe
Auf den vaterlandschen Matten?
Wie mit sussen Flotenstimmen
Rufen alle goldnen Sterne:
"Weit muss manche Woge schwimmen,
Deine Lieb ist in der Ferne,
Jenes Bild vor dem du knietest,
Dich ihm ganz zu eigen gabst,
Ihm mit allen Sinnen gluhtest,
An dem Schatten dich erlabst
Was dein Geist als Zukunft dachte,
Dein Entzucken Kunst genannt,
Was als Morgenrot dir lachte,
Oft sich wieder abgewandt,
Sie nur ist es! Dein Verzagen
Hat sie fort von dir gescheucht,
Willst du es nur mannlich wagen,
Wird das Ziel noch einst erreicht,
Alle Ketten sind gesprungen
Und befreit ist dann dein Geist,
Jeder Knechtschaft kuhn entschwungen
Fuhlst du dich nicht mehr verwaist,
Ruckwarts flieht das zage Bangen,
Muse reicht dir dann die Hand,
Und fuhrt sicher dein Verlangen
In der Gotter Himmelsland!"
Ja, wer darf mit Kunst und Liebe
Von den Sterblichen sich messen?
In dem schonvermahlten Triebe
Wird der Himmel selbst besessen!
Diese ungeschickten Zeilen habe ich gestern in einem angenehmen Walde gedichtet; meine ganze Seele war darauf hinge wandt, und ich bin nicht errotet, sie Dir, Sebastian, niederzuschreiben: denn warum sollte ich Dir einen Gedanken meiner Seele verheimlichen? Lebe wohl.
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Franz Sternbald war uber Aschaffenburg und dem alten Mainz den schonen Rhein hinunter nach den Niederlanden gereiset. Allenthalben hatte er die Denkmale deutscher und niederlandischer Kunst aufgesucht und mit Teilnahme und Bewunderung betrachtet. Vor allen war er erstaunt uber die alten Werke des Johann van Eyck, der schon vor langer Zeit die Kunst in Ol zu malen erfunden und verbreitet hatte, dann zogen ihn die gleichzeitigen Meister an, wie die Werke des Lukas von Leyden, Engelbrecht und Johann von Mabuse. Er fuhlte in allen die Verwandtschaft zu Durers Kunstweise, obgleich sich ihm viele Betrachtungen uber die Art aufdrangten, wie jeder Kunstler den Gegenstand, den menschlichen Korper oder die Natur betrachtete.
Es war gegen Mittag, als er auf dem freien Felde unter einem machtigen Baume sass, und die grosse Stadt Leiden betrachtete die vor ihm lag. Er war an diesem Tage schon sehr fruh ausgewandert, um sie noch zeitig zu erreichen; jetzt ruhte er aus, die Sonne des Spatherbstes schien warm, er betrachtete das Bild der Stadt nachsinnend, die sich mit ihren Turmen vor ihm verbreitete.
Er hielt seine Schreibtafel in der Hand, und neben ihm im Grase lag die fremde gefundene. Er hatte den Umriss eines Kopfes entworfen, den er eben wieder ausstrich, weil er keine Ahnlichkeit hervorbringen konnte; es sollte das Gesicht der Fremden vorstellen, welche wachend und traumend seine Phantasie beschaftigte. Er rief sich jeden Umstand, jedes Wort, das sie gesprochen hatte, in die Gedanken zuruck, er sah alle die lieblichen Mienen, den susslachelnden Mund, die unaussprechliche Anmut jeder Bewegung, alles zog wieder durch sein Gedachtnis, und er fuhlte sich daruber so entfremdet, so entfernt von ihr, so auf ewig geschieden, dass ihm der helle Tag, das funkelnde Gras, die klaren Wasser trubselig und melancholisch wurden, ihm bluhten und dufteten nur die wenigen verwelkten Blumen, die er mit susser Zartlichkeit betrachtete; dann lehnte er sich an den Stamm des Baums, der mit seinen Zweigen und Blattern uber ihm lispelte, als wenn er ihm Trost zusprechen mochte, als wenn er ihm dunkle Prophezeiungen von der Zukunft sagen wollte. Franz horte aufmerksam hin, als wenn er die Tone verstande; denn die Natur scheint uns mit ihren Klangen zwar in einer fremden Sprache anzureden, aber wir ahnden doch die Bedeutsamkeit ihrer Worte, und merken gern auf ihre wunderbaren Akzente.
Er horte auf zu zeichnen, da ihm keiner seiner Striche Ausdruck und Wurde genug hatte, er betrachtete wieder die Turme der Stadt, auf deren Schieferdachern die Sonne hell glanzte. "So werde ich jetzt deine Strassen betreten", sagte er zu sich selber, "so werde ich den beruhmten Lukas sehn durfen, von dem mir Albrecht Durer mit so vieler Liebe gesprochen hat, der schon als Kind ein Kunstler war, dessen Namen man schon in seinem sechszehnten Jahre kannte. Ich werde ihn sprechen horen und von ihm lernen, ich werde seine neuesten Werke sehn, ich werde ihm sagen konnen, wie ich ihn bewundre!"
Bald uber das Bildnis der Fremden, bald uber Gemalde sinnend, indes in der feierlichen Stille des Mittags die Baume nur zuweilen rauschten, uberraschte ihn in der Ermudung der heutigen starken Tagereise ein susser Schlummer. Ein ferner Bach murmelte ihm mit einformig wiederkehrendem Platschern ein Schlaflied. Er horte alles noch leise in seinen Schlummer hinein, und ihm dunkte, als wenn er uber eine Wiese ginge, auf welcher fremde Blumen standen, die er bis dahin noch niemals gesehn hatte. Unter den Blumen waren auch die Feldblumen gewachsen, die er bei sich trug, aber sie waren nun wieder frisch geworden, und verdunkelten an Farbe und Glanz alle ubrigen. Franz betrachtete sie mit Gram, so schon sie auch waren, er wollte sie wieder pflucken, als er am Ende der Wiese, in einer Laube sitzend, seinen Lehrer Albert Durer wahrnahm, der nach ihm hinsah und ihm zu winken schien. Er ging schnell hinzu, und als er naher kam, bemerkte er deutlich, dass Albrecht emsig an einem Gemalde arbeitete: es war der Kopf der Fremden, das Gesicht war zum Sprechen ahnlich. Franz wusste nicht, was er dem Meister sagen sollte, seine Augen waren auf das Gemalde hingeheftet, und es war ihm, als wenn es uber seine Verlegenheit und Aufmerksamkeit mit susser Schalkheit zu lacheln anfinge. Indem er noch daruber sann, war er in einem dunkeln Walde und alles ubrige verschwunden; liebliche Stimmen riefen seinen Namen, aber er konnte sich aus dem Gebusche nicht herausfinden, der Wald ward immer gruner und dunkler, doch Sebastians Stimme und der Ton der Fremden wurden immer deutlicher, sie riefen ihn angstlich, als wenn irgendeine Gefahr ihm bevorstande. Da uberfiel ihn Grauen, und die dichten Baume und Gebusche umher erschienen ihm entsetzlich, er zagte weiterzugehn, er wunschte, das helle freie Feld wieder anzutreffen. Plotzlich war es Mondschein. Wie vom holden Schimmer erregt, klang von allen silbernen Wipfeln ein susses Getone nieder; da war alle Furcht verschwunden: der Wald brannte sanft im schonsten Glanze, und Nachtigallen wurden wach und flogen dicht an ihm voruber, dann sangen sie mit susser Kehle, und blieben immer im Takte mit der Musik des Mondscheins. Franz fuhlte sein Herz geoffnet, als er in einer Klause im Felsen einen Waldbruder wahrnahm, der andachtig die Augen zum Himmel aufhob und die Hande faltete. Franz trat naher: "Horst du nicht die liebliche Orgel der Natur spielen?" sagte der Einsiedel, "bete, so wie ich." Franz war von dem Anblicke hingerissen, aber er sah nun Tafel und Palette vor sich und malte unbemerkt den Eremiten, seine Andacht, den Wald mit seinem Mondschimmer, ja es gelang ihm sogar, und er konnte nicht begreifen wie, die Tone der Nachtigall in sein Gemalde hineinzubringen. Er hatte noch nie eine solche Freude empfunden, und er nahm sich vor, wenn das Bild fertig sei, sogleich damit zu Durer zuruckzureisen, damit dieser es sehn und beurteilen moge. Aber im Augenblicke verliess ihn die Lust, weiterzumalen, die Farben erloschen unter seinen Fingern, ein Frost uberfiel ihn, und er wunschte den Wald zu verlassen.
Franz erwachte mit einer unangenehmen Empfindung; es war einer der letzten warmen Tage im Herbst gewesen, jetzt ging die Sonne in dunkelroten Wolken hinter der Stadt unter, und ein kalter Herbstwind strich uber die Wiese. Er schuttelte sich in fieberhafter Stimmung, und sah mit einer gewissen Bangigkeit zum Himmel auf, denn ungeheure, kupferrote Wolken, von Violett und dunklem Blau durchzogen, glanzten hinter der untergegangenen Sonne. Im blutigen Widerschein wollte ihm die Stadt selbst, die im Mittagsglanze so anlockend vor ihm lag, wie eine furchtbare klippenvolle Einode bedunken. Er schritt vorwarts und hatte das Gefuhl, als ob ein grosses Ungluck seiner wartete. Plotzlich stand er mit einem lauten Ausruf erschreckend still. Er vermisste die fremde Brieftasche und erinnerte sich deutlich, dass er sie im Grase zuruckgelassen haben musse. Zitternd eilte er zuruck. Konnte er sie auch wiederentdecken? Mochte nicht ein fremder Wanderer, ein Arbeiter auf dem Felde den glanzenden Fund indessen schon aufgerafft haben? Er kam dem grossen Baume naher, vor Anstrengung zu sehen war er geblendet, wie ein wilder Zauberwald erschien ihm das demutige Gras, das neidisch seinen Schatz verborgen hielt. Da leuchtete ihm die goldne Einfassung wie mit Lacheln entgegen, er buckte sich und kniete nieder, und druckte das liebe Buchelchen an Mund, Herz und Augen. War es ihm doch, als hatte er die holdselige unbekannte Gestalt selbst wieder getroffen, der Wunderglaube seiner Liebe hielt dieses Wiederfinden fur eine gluckliche Vorbedeutung, dass auch die schone Besitzerin ihm nicht auf immer verborgen bleiben werde.
Er ging nach der Stadt. Das Gedrange am Tore war gross, denn jedermann eilte nun aus den Feldern und von den benachbarten Dorfern zur Stadt zuruck, er beobachtete die mannigfaltigen Gesichter: der Mond stand am hellen Himmel, und schien auf die Dacher der Kirchen und auf die freien Platze; endlich kehrte er in eine Herberge ein.
Franz fuhlte sich mude und ging bald zur Ruhe, aber er konnte lange nicht einschlafen. Die Scheibe des Mondes stand seinem Kammerfenster gerade gegenuber, er betrachtete ihn mit sehnsuchtigen Augen, er suchte auf dem glanzenden Runde und in den Flekken Berge und Walder, wunderbare Schlosser und zauberische Garten voll fremder Blumen und duftender Baume; er glaubte Seen mit glanzenden Schwanen und ziehenden Schiffen wahrzunehmen, einen Kahn, der ihn und die Geliebte trug, und umher reizende Meerweiber, die auf krummen Muscheln Lieder bliesen und Wasserblumen in die Barke hineinreichten. "Ach! dort! dort!" rief er aus, "ist vielleicht die Heimat aller Sehnsucht, aller Wunsche: darum fallt auch wohl so susse Schwermut, so sanftes Entzucken auf uns herab, wenn das stille Licht voll und golden den Himmel heraufschwebt, und seinen silbernen Glanz auf uns herniedergiesst. Ja, er erwartet uns, er bereitet uns unser Gluck, und darum sein wehmutiges Herunterblicken, dass wir noch in dieser Dammerung der Erde verharren mussen."
Er verschloss sein Auge, um zu traumen; da erschien ihm die Fremde mit allen ihren Reizen, sie winkte ihm, und vor ihm lag ein schoner dunkler Lindengang, welcher bluhte und den sussesten Duft verbreitete. Sie ging hinein, er folgte ihr schuchtern, er gab ihr die Blumen zuruck, und erzahlte ihr wer er sei. Da umfing sie ihn mit ihren zarten Armen, da kam der Mond mit seinem Glanze naher, und schien ihnen beiden hell ins Angesicht, sie gestanden sich ihre Liebe, sie waren unaussprechlich glucklich. Diesen Traum setzte Franz fort, die fruhsten Erinnerungen aus seinen Kinderjahren kamen zuruck, alle schonen Empfindungen, die er einst gekannt hatte, zogen wieder an ihm voruber und begrussten ihn. So ist der Schlaf oft ein Ausruhen in einer schoneren Welt; wenn die Seele sich von diesem Schauplatz hinwegwendet, so eilt sie nach jenem unbekannten magischen, auf welchem liebliche Lichter spielen und kein Leiden erscheinen darf: dann dehnt der Geist seine grossen Flugel auseinander, und fuhlt seine himmlische Freiheit, die Unbegrenztheit, die ihn nirgend beengt und qualt. Beim Erwachen sehn wir oft zu voreilig mit Verachtung auf dieses schonere Dasein hin, weil wir unsre Traume nicht in unser Tagesleben hineinweben konnen, weil sie nicht da fortfahren, wo unsre Menschentatigkeit am Abend aufhorte, sondern ihre eigne Bahn wandelten.
Zweites Kapitel
Am Morgen erkundigte sich Franz nach der Wohnung des beruhmten Lukas von Leyden. Man bezeichnete ihm die Strasse und das Haus, und er ging mit hochschlagendem Herzen hin. Er ward in eine ansehnliche Wohnung gefuhrt, eine Magd sagte ihm, dass der Herr sich schon in seiner Malerstube befinde und arbeite. Franz bat, dass man ihn hineinfuhren mochte. Die Tur offnete sich, und Franz sah einen kleinen, freundlichen, ziemlich jungen Mann vor einem Gemalde sitzen, an dem er fleissig arbeitete, um ihn her standen und hingen vielerlei Schildereien, einige Farbenkasten, Zeichnungen und Anatomien, aber alles in der besten Ordnung. Der Maler stand auf und ging Franzen entgegen, der Schuler war jetzt mit seinen Augen dem Gesicht des beruhmten Meisters gegenuber, und vermochte in der ersten Verwirrung kein Wort hervorzubringen. Endlich fasste er sich, nannte seinen Namen und den Namen seines Lehrers. Lukas hiess ihn von Herzen willkommen, und beide setzten sich nun in der Werkstatt nieder, und Franz erzahlte ganz kurz seine Reise, und sprach von einigen merkwurdigen Gemalden, die er unterwegs angetroffen hatte. Er beschaute wahrend dem Sprechen aufmerksam das Bild, an welchem Lukas eben arbeitete; es war eine Heilige Familie, er traf darinnen vieles von einigen Durerschen Arbeiten an, denselben Fleiss, dieselbe Genauigkeit im Ausmalen, nur schien ihm an Lukas' Bildern Durers strenge Zeichnung zu fehlen, ihm dunkte, als waren die Umrisse weniger dreist und sicher gezogen; dagegen hatte Lukas etwas Liebliches und Anmutiges in den Wendungen seiner Gestalten, ja auch in seiner Farbung, das dem Durer mangelte. Dem Geiste nach, glaubte er, mussten diese beiden grossen Kunstler sehr nahe verwandt sein, er sah hier dieselbe Einfalt in der Zusammensetzung, dieselbe Verschmahung unnutzer Nebenwerke, die ruhrende und echt deutsche Behandlung der Gesichter und Leidenschaften, dasselbe Streben nach Wahrheit.
Lukas war in seinem Gesprache ein muntrer, frohlicher Mann, seine Augen waren sehr lebhaft, und seine schnell veranderlichen Mienen begleiteten und erklarten jedes seiner Worte. Franz konnte ihn noch immer nicht genug betrachten, denn in seiner Einbildung hatte er ihn sich ganz anders gedacht, er hatte einen grossen, starken, ernsthaften Mann erwartet, und nun sah er eine kleine, sehr behende, aber fast krankliche Figur vor sich, und die Gebarden und Reden des Meisters trugen alle das Geprage eines lustigen freien Gemutes.
"Es freut mich ungemein, Euch kennenzulernen", rief Lukas mit seiner Lebhaftigkeit aus, "aber vor allen Dingen wunschte ich einmal Euren Meister zu sehen, ich wusste nichts Erfreulicheres, das mir begegnen konnte, als wenn er so, wie Ihr heut tatet, in meine Werkstatt hereintrate; ich bin auf keinen andern Menschen in der Welt so neugierig, als auf ihn, denn ich halte ihn fur den grossten Kunstler, den die Zeiten hervorgebracht haben. Er ist wohl sehr fleissig?"
"Er arbeitet fast immer", antwortete Franz, "und er kennt auch kein grosseres Vergnugen als seine Arbeit. Seine Emsigkeit geht so weit, dass er dadurch sogar manchmal seiner Gesundheit Schaden tut."
"Ich will es gern glauben", antwortete Lukas, "es zeugen seine Kupferstiche von einer fast unbegreiflichen Sorgfalt, und doch hat er deren schon so viele ausgehn lassen! Man kann nichts Sauberers sehn, als seine Arbeit, und doch leidet unter diesem Fleisse die Wahrheit und der Ausdruck seiner Darstellungen niemals, so dass seine Emsigkeit nicht bloss zufallige Zier, sondern Wesen und Sache selbst ist. Und dann begreife ich kaum die mannigfaltigen Arten seiner Arbeiten, von den kleinsten und feinsten Gemalden bis zu den lebensgrossen Bildern, dann seine Kupferarbeiten, seine saubern Figuren, die er auf Holz in erhabener Arbeit geschnitten, und die so leicht, so zierlich sind, dass man trotz ihrer Vollendung die Arbeit ganz daran vergisst, und gar nicht an die vielen muhseligen Stunden denkt, die der Kunstler daruber zugebracht haben muss. Wahrlich, Albert ist ein ausserst wunderbarer Mann, und ich halte den Schuler fur sehr glucklich, dem es vergonnt ist, unter seinen Augen seine erste Laufbahn zu eroffnen."
Franz war immer geruhrt, wenn von seinem Lehrer die Rede war; aber dies Lob, diese Verehrung seines Meisters aus dem Munde eines andern grossen Kunstlers setzte sein Herz in die gewaltsamste Bewegung. Er druckte Lukas' Hand und sagte mit Tranen: "Glaubt mir, Meister, ich habe mich vom ersten Tage glucklich geschatzt, da ich Durers Haus betrat."
"Es ist eine seltsame Sache mit dem Fleisse", fuhr Lukas fort, "so treibt es auch mich Tag und Nacht zur Arbeit, so dass mich manchmal jede Stunde, ja jede Minute gereut, die ich nicht in dieser Stube zubringen darf. Von Jugend auf ist es so mit mir gewesen, und ich habe auch nie an Spielen, Erzahlungen, oder dergleichen zeitvertreibenden Dingen Gefallen gefunden. Ein neues Bild liegt mir manchmal so sehr im Sinne, dass ich davor nicht schlafen kann. Ich weiss mir auch keine grossere Freude, als wenn ich nun endlich ein Gemalde, an dem ich lange arbeitete, zustande gebracht habe; wenn nun alles fertig ist, was mir bis dahin nur in den Gedanken ruhte: wenn man nun zugleich mit jedem Bilde merkt, wie die Hand geubter und dreister wird, wie nach und nach alles das von selbst sich einstellt, was man anfangs mit Muhe erringen und erkampfen musste, seht, das ist eine Lust, die andre Menschen vielleicht nur an Kindern, die wohlgeraten, oder gar an gelungenen Eroberungen geniessen konnen. O mein lieber Sternbald, ich konnte manchmal stundenlang davon schwatzen, wie ich nach und nach ein Maler geworden bin, und wie ich noch hoffe, mit jedem Tage weiterzukommen."
"Ihr seid ein sehr glucklicher Mann", antwortete Franz. "Wohl dem Kunstler, der sich seines Wertes bewusst ist, der mit Zuversicht an sein Werk gehn darf, und es schon gewohnt ist, dass ihm die Elemente gehorchen. Ach, mein lieber Meister, ich kann es Euch nicht sagen, Ihr konnt es vielleicht kaum fassen, welchen Drang ich zu unsrer edlen Kunst empfinde, wie es meinen Geist unaufhorlich antreibt, wie alles in der Welt, die seltsamsten und fremdesten Gegenstande sogar, nur von der Malerei zu mir sprechen; aber je hoher meine Begeisterung steigt, je tiefer sinkt auch mein Mut, wenn ich irgendeinmal an die Ausfuhrung gehn will. Es ist nicht, dass ich die Ubung und den wiederholten Fleiss scheue, dass es ein Stolz in mir ware, gleich das Vortrefflichste hervorzubringen, das keinen Tadel mehr zulassen durfte, sondern es ist eine Angst, eine Scheu, ja ich mochte es wohl eine Anbetung nennen, beides der Kunst, wie des Gegenstandes, den ich darzustellen unternehme."
"Ihr erlaubt mir wohl", sagte Lukas, "indem wir sprechen, an meinem Bilde weiterzumalen." Und wirklich zog er auch die Staffelei herbei, und vermischte auf der Palette die Farben, die er auftragen wollte. "Wenn ich Euch mit meinem Geschwatze nur nicht store", sagte Franz, "denn diese Arbeit da ist ausserst kunstreich." "Gar nicht", sagte Lukas, "tut mir den Gefallen und fahrt fort."
"Wenn ich mir also", sagte Franz, "eine der Taten unsers Erlosers in ihrer ganzen Herrlichkeit denke, wenn ich die Apostel. die Verehrungswurdigen, die ihn umgaben, vor mir sehe, wenn ich mir die gottliche Milde vorstelle, mit der er lehrte und sprach; wenn ich mir einen der heiligen Manner aus der ersten christlichen Kirche denke, die mit so kuhnem Mute das Leben und seine Freuden verachteten, und alles hingaben, was den ubrigen Menschen so viele Sehnsucht, so manche Wunsche ablockt, um nur das innerste Bekenntnis ihres Herzens, das Bewusstsein der grossen Wahrheit sich zu behaupten und andern mitzuteilen; wenn ich diese erhabenen Gestalten in ihrer himmlischen Glorie vor mir sehe, und nun noch bedenke, dass es einzelnen Auserwahlten gegonnt ist, dass sich ihnen das volle Gefuhl, dass sich ihnen jene Helden und der Sohn Gottes in eigentumlichern Gestalten und Farben als den ubrigen Menschen offenbaren, und dass sie durch das Werk ihrer Hande schwacheren Geistern diese Offenbarungen wieder mitteilen durfen: wenn ich mich dazu meiner Entzuckungen vor herrlichen Gemalden erinnere, seht, so entschwindet mir meist aller Mut, so wage ich es nicht, mich jenen auserwahlten Geistern zuzurechnen, und statt zu arbeiten, statt fleissig zu sein, verliere ich mich in ein leeres untatiges Staunen."
"Ihr seid brav", sagte Meister Lukas, ohne von seinem Bilde aufzusehn, "aber das wird sich fugen, dass Ihr auch Mut bekommt."
"Schon mein Lehrer", fuhr Franz fort, "hat mich deshalb getadelt, aber ich habe mir niemals helfen konnen, ich bin von Kindheit auf so gewesen. Doch solange ich in Nurnberg lebte, in der Gegenwart des teuren Albrecht, bei meinem Freunde, und von alle dem bekannten Gerate umgeben, konnte ich mich doch immer noch etwas aufrecht erhalten. Ich lernte mich aus Gewohnheit ein, den Pinsel zu fuhren, ich fuhlte, wie ich nach und nach weiterkam, weil es immer derselbe Ort war, den ich wieder betrat, weil dieselben Menschen mich aufmunterten, und weil ich nun auf einer gebahnten Strasse geradeaus ging, ohne mich weiter rechts oder links umzusehn. Freilich durfte ich keine neue Erzahlung horen, keinen neuen verstandigen Mann kennenlernen, ohne etwas irre zu werden; doch fand ich mich bald wieder zurecht. Aber seit meiner Abreise aus Nurnberg hat sich alles das geandert. Meine innerlichen Bilder vermehren sich bei jedem Schritte, jeder Baum, jede Landschaft, jeder Wandersmann, Aufgang der Sonne und Untergang, die Kirchen die ich besuche, jeder Gesang den ich hore, alles wirkt mit qualender und schoner Geschaftigkeit in meinem Busen, und bald mocht ich Begebenheiten in Landschaften, bald heilige Geschichten, bald einzelne Gestalten darstellen; die Farben genugen mir nun nicht, die Abwechselung ist mir nicht mannigfaltig genug, ich fuhle das Edle in den Werken anderer Meister, aber mein Gemut ist nunmehr so verwirrt, dass ich mich durchaus nicht unterstehen darf, selber an die Arbeit zu gehn."
Lukas hielt eine Weile mit Malen inne und betrachtete Sternbald sehr aufmerksam, der sich durch Reden erhitzt hatte, dann sagte er: "Lieber Freund, ich glaube, dass Ihr so auf einem ganz unrechten Wege seid. Ich kann mir Eure Verfassung wohl so ziemlich vorstellen, aber ich bin niemals in solcher Gemutsstimmung gewesen. Von der fruhsten Jugend habe ich einen heftigen Trieb in mir empfunden, zu bilden und ein Kunstler zu sein; aber von je an lag mir die Nachahmung klar im Sinne, dass ich nie zweifelhaft war oder zogerte, was aus einer Zeichnung werden sollte. Schon wahrend der Arbeit kam mir dann ein andrer Entwurf ganz deutlich in die Vorstellung, den ich ebenso schnell und ebenso unverzagt als den vorigen ausfuhrte, und so sind meine zahlreichen Werke entstanden, ob ich gleich noch nicht alt bin. Euer Zagen, Eure zu grosse Verehrung des Gegenstandes ist, will mich dunken, etwas Unkunstlerisches; denn wenn man ein Maler sein will, so muss man doch malen, man muss beginnen und endigen. Eure Entzuckungen konnt Ihr ja doch nicht auf die Tafel tragen. Nach dem, was Ihr mir gesagt habt, musst Ihr viele Anlagen zu einem Poeten haben, nur muss ein Dichter auch mit Ruhe arbeiten. Ein Reisender hat mir kurzlich etwas Ahnliches von dem grossen Meister Leonard von Vinci erzahlt, dieser, obgleich ihm alle die geheimsten Tiefen und Hulfsmittel der Kunst zu Gebote standen, war auch oft unentschlossen und zaghaft, grubelte, verwarf und studierte von neuem: und ist es nicht zu beklagen, dass er, ohngeachtet seiner Meisterschaft, ohngeachtet seines langen Lebens, nur so wenige Werke zustande gebracht hat? Das wenige, was ich von ihm gesehn habe, hat mir den Wunsch abgelockt, dass er doch immer mochte gemalt haben. Erlaubt mir, dass ich Euch noch etwas sage: Ich habe mich von jeher uber die Kunstler gewundert, die Wallfahrten nach Italien, wie nach einem gelobten Lande der Kunst anstellen, aber nach dem, was Ihr mir von Eurem Gemut erzahlt habt, muss ich mich billig uber Euch noch mehr verwundern. Warum wollt Ihr Eure Zeit also verderben? Mit Eurer Reizbarkeit wird Euch jeder neue Gegenstand, den Ihr erblickt, zerstreuen, die grossere Mannigfaltigkeit wird Eure Krafte noch mehr niederschlagen, sie werden alle verschiedene Richtungen suchen, und alle diese Richtungen werden fur Euch nicht genugend sein. Nicht, als ob ich die grossen Kunstler Italiens nicht schatzte und liebte, aber man mag sagen was man will, so hat doch jedes Land seine eigne Kunst, und es ist gut, dass es sie hat. Ein Meister tritt dann in die Fussstapfen des andern, und verbessert was bei ihm etwa noch mangelhaft war; was dem ersten schwer war, wird dem zweiten und dritten leicht, und so wird die vaterlandische Kunst endlich zur hochsten Vortrefflichkeit hingefuhrt. Wir sind einmal keine Italiener und ein Italiener wird nimmermehr deutsch empfinden. Darum soll man jedem Bilde gleich auf den ersten Blick ansehn konnen, wo es gewachsen ist; man wird nur etwas, wenn man es ganz und nichts halb wird, und so haben die echten italischen Meister auch gedacht. Wenn ich Euch also raten soll, so stellt lieber Eure Reise nach Italien ganz ein und bleibt im Vaterlande, denn was wollt Ihr dort? Meint Ihr, Ihr werdet die italischen Bilder mit einem andern als einem deutschen Auge sehen konnen? so wie auch kein Italiener die Kraft und Vortrefflichkeit Eures Albert Durer jemals erkennen wird; es sind widerstrebende Naturen, die sich niemals in denselben Mittelpunkt vereinigen konnen. Wenn Ihr hingeht, so wird jedes neue Gemalde, jede neue Manier eine neue Lust in Euch erwecken, Ihr werdet in ewiger Abwechselung vielleicht arbeiten, aber Euch niemals uben, Ihr werdet kein Italiener werden und konnt doch kein Deutscher bleiben, Ihr werdet zwischen beiden streben, und die Mutlosigkeit und Verzagtheit wird Euch am Ende nur noch viel starker als jetzt ergreifen. Ihr findet meinen Ausspruch vielleicht hart, aber Ihr seid mir wert, und darum wunsche ich Euer Bestes. Glaubt mir, jeder Kunstler wird, was er werden kann, wenn er ruhig sich seinem eigenen Geiste uberlasst, und dabei unermudet fleissig ist. Seht nur Euren Albert Durer an; ist er denn nicht ohne Italien geworden, was er ist? denn sein kurzer Aufenthalt in Venedig kann nicht in Rechnung gebracht werden: und denkt Ihr denn mehr zu leisten als er? Auch unsre besten Meister in den Niederlanden haben Italien nicht gesehn, sondern einheimische Natur und Kunst hat sie grossgezogen; manche mittelmassige, die dort gewesen sind, haben eine fremde Manier nachahmen wollen, die ihnen nimmermehr gelingt, und als etwas Erzwungenes herauskommt, das ihnen nicht steht, und sich in unsrer Gegend nicht ausnimmt. Mein lieber Sternbald, wir sind gewiss nicht fur die Bildsaulen, die man jetzt entdeckt hat und immer mehr entdeckt, und aus denen viele, die sich klug dunken, was Sonderliches machen wollen, diese Antiken verstehen wir nicht mehr, unser Fach ist die wahre nordische Natur; je mehr wir diese erreichen, je wahrer und lieblicher wir diese ausdrucken, je mehr sind wir Kunstler. Und das Ziel, wornach wir streben, ist gewiss ebenso gross als der poetische Zweck, den sich die andern vorgestellt haben."
Franz war noch in seinem Leben nicht so niedergeschlagen gewesen. Er glaubte es zu empfinden, wie er noch keine Verdienste habe: diese Verehrung der Kunst, diese Begier, Italien mit seinen Werken zu sehn, hatte er immer fur sein einziges Verdienst gehalten, und nun vernichtete ein verehrungswurdiger Meister ihm auch dieses ganzlich. Zum ersten Male erschien ihm sein ganzes Beginnen toricht und unnutz. "Ihr mogt recht haben, Meister!" rief er aus, "ich bin nun auch beinahe davon uberzeugt, dass ich zum Kunstler verdorben bin; je mehr ich Eure Vortrefflichkeit fuhle, um so starker empfinde ich auch meinen Unwert, ich fuhre ein verlorenes Leben in mir, das sich an keine vernunftige Tatigkeit hinaufranken wird, ein ungluckseliger Trieb ist mir eingehaucht, der nur dazu dient, mir alle Freuden zu verbittern, und mir aus den kostlichsten Gerichten dieses Lebens etwas Albernes und Nuchternes zuzubereiten."
"Es ist nicht so gemeint", sagte Lukas mit einem Lacheln, das seinem freundlichen Gesichte sehr gut stand; "ich merke, dass alles bei Euch aus einem zu heftigen Charakter entspringt, und freilich, in so etwas kann sich der Mensch nicht andern, wenn er es auch noch so sehr wollte. Gebt Euch zufrieden, meine Worte sind immer nur die Worte eines einzelnen Mannes, und ich kann mich ebenso leicht irren als jeder andre."
"Ihr seid nicht wie jeder andre", sagte Franz mit der grossten Lebhaftigkeit, "das fuhl ich zu lebendig in meinem Herzen, Ihr solltet es nur einmal horen, mit welcher Verehrung mein Meister von Euch spricht; Ihr solltet es nur wissen konnen, wie vortrefflich Ihr mir vorkommt, welch Gewicht bei mir jedes Eurer Worte hat. Wie viele Kunstler durfen sich denn mit Euch messen? Wer auf solche Stimmen nicht horte, verdiente gar nicht, Euch so gegenuberzusitzen, mit Euch zu sprechen, und diese Freundschaft und Gute zu erfahren."
"Ihr seid jung", sagte Lukas, "und Euer Wesen ist mir ungemein lieb, es gibt wenige solcher Menschen, die meisten betrachten die Kunst nur als ein Spielwerk, und uns als grosse Kinder, die albern genug bleiben, um sich mit derlei Possen zu beschaftigen. Aber lasst uns auf etwas anderes kommen, ich bin jetzt uberdies mude zu malen. Ich habe einen Kupferstich von Eurem Albert erhalten, der mir bisher noch unbekannt war. Es ist der heilige Hubertus, der auf der Jagd einem Hirsche mit einem Kruzifixe zwischen dem Geweih begegnet, und sich bei diesem Anblicke bekehrt und seine Lebensweise andert. Seht hierher, es ist fur mich ein merkwurdiges Blatt, nicht bloss der schonen Ausfuhrung, sondern vorzuglich der Gedanken halber, die fur mich darin liegen. Die Gegend ist Wald, und Durer hat einen hohen Standpunkt angenommen, weshalb ihn nur ein Unverstandiger tadeln konnte, denn wenn auch ein dichter Wald, wo wir nur wenige grosse Baume wahrnahmen, etwas naturlicher beim ersten Anblicke in die Augen fallen durfte, so konnte doch das nimmermehr das Gefuhl der volligen Einsamkeit so ausdrucken und darstellen, wie es hier geschieht, wo das Auge weit und breit alles ubersieht, einzelne Hugel und lichte Waldgegenden, und oben in der Ferne die sonderbare Burg, mit ihrer auffallenden Bauart. Es ist, als wenn die tote Natur hier das ganze menschliche Leben uberschaute. Ich glaube auch, dass manche Leute, die mehr guten Willen vernunftig zu sein als Verstand haben, den gewahlten Gegenstand selbst als etwas Albernes tadeln durften: ein Rittersmann, der vor einer unvernunftigen Bestie kniet. Aber das ist es gerade, was mir so sehr daran gefallt. Es ist etwas so Unschuldiges, Frommes und Liebliches darin, wie der Jagdmann hier kniet, und das Hirschlein mit seiner kindischen Physiognomie so unbefangen dreinsieht, im Kontrast mit der heiligen Ehrfurcht des Mannes; dies erweckt ganz eigene Gedanken von Gottes Barmherzigkeit, von dem grausamen Vergnugen der Jagd, und dergleichen mehr. Nun beobachtet einmal die Art, wie der Ritter niederkniet; es ist die wahrste, frommste und ruhrendste: mancher hatte hier wohl seine Zierlichkeit gezeigt, wie er Beine und Arme verschiedentlich zu stellen wusste, so dass er durch Annehmlichkeit der Figur sich gleichsam vor jedem entschuldige hatte, dass er ein so torichtes Bild zu seinem Gegenstande gemacht. Denn manche zierliche Maler sind mir so vorgekommen, dass sie nicht sowohl verschiedentliche Bilder ausfuhren, als vielmehr nur die Gegenstande brauchen, um immer wieder ihre Verschrankungen und Niedlichkeiten zu zeigen; diese putzen sich mit der edlen Malerkunst, statt dass sie ihr freies Spiel und eine eigene Bahn gonnen sollten. So ist es nicht mit diesem Hubertus beschaffen. Seine zusammengelegten Beine, auf denen er so ganz naturlich hinkniet, seine gleichformig aufgehobenen Hande sind das Wahrste, was man sehen kann; aber sie haben nicht die spielende Anmut, die manche der heutigen Welt uber alles schatzen."
Lukas ward durch den Besuch von einigen Freunden unterbrochen, mit denen er und Franz sich zu Tische setzten. Man lachte und erzahlte viel, von der Malerei ward nur wenig gesprochen.
Drittes Kapitel
Franz hielt sich langere Zeit in Leiden auf, als er sich vorgenommen hatte, denn Meister Lukas hatte ihm einige Konterfeie zu malen ubergeben, die Franz zu dessen Zufriedenheit beendigte. Beide hatten sich oft von der Kunst unterhalten, Franz liebte den Niederlander ungemein, aber doch konnte er in keiner Stunde das Vertrauen zu ihm fassen, das er zu seinem Lehrer hatte, er fuhlte sich in seiner Gegenwart gedemutiget, seine freiesten Gedanken waren gefesselt, selbst Lukas' frohliche Laune konnte ihn angstigen, weil sie von der Art, wie er sich zu freuen pflegte, so ganzlich verschieden war. Er kampfte oft mit der Verehrung, die er vor dem niederlandischen Meister empfand, denn er schien ihm in manchen Augenblicken nur ein Handwerker zu sein; wenn er dann wieder den hurtigen erfinderischen Geist betrachtete, den nie rastenden Eifer, die Liebe zu allem Vortrefflichen, so schamte er sich dieses Gedankens.
Er hatte eine Reisegesellschaft gefunden, mit welcher er um ein Billiges nach Antwerpen kommen konnte, der folgende Tag war zur Abreise bestimmt, er ging jetzt zu Meister Lukas, um ihm zu danken und Abschied von ihm zu nehmen, und wie erstaunte er, als er die Tur der Malerstube offnete, und seinen Lehrer, seinen uber alles geliebten Durer neben dem niederlandischen Maler sitzen sah! Erst schien es ihm nur ein Blendwerk seiner Augen zu sein, aber Durer stand auf und schloss ihn herzlich in seine Arme. Die drei Maler waren uberaus frohlich, sich zu sehn, Fragen und Antworten durchkreuzten sich, besonders hinderte der lebhafte Lukas auf alle Weise, dass das Gesprach nicht zu einer stillen Ruhe kam, denn er fing immer wieder von neuem an sich zu verwundern und zu freuen. Er rieb die Hande und lief mit grosser Geschaftigkeit hin und wider; bald zeigte er dem Albert ein Bild, bald hatte er wieder eine Frage, worauf er die Antwort wissen wollte. Franz bemerkte, wie gegen diese lebhafte Unruhe die Gelassenheit Alberts und seine stille Art sich zu freuen, schon kontrastierte. Auch wenn sie nebeneinander standen, ergotzte sich Franz an der ganzlichen Verschiedenheit der beiden Kunstler, die sich doch in ihren Werken so oft zu beruhren schienen. Durer war gross und schlank, lieblich und majestatisch fielen seine lockige Haare um seine Schlafe und Schultern, sein Gesicht war ehrwurdig und doch freundlich, seine Mienen veranderten den Ausdruck nur langsam, und seine schonen braunen Augen sahen feurig aber sanft unter seiner edlen Stirn hervor. Franz bemerkte deutlich, wie die Umrisse von Alberts Gesichte denen auffallend glichen, mit denen man oft den Erloser der Welt zu malen pflegt. Lukas erschien neben Albert noch kleiner, als er wirklich war, sein Gesicht veranderte sich in jedem Augenblicke, seine Augen waren mehr lebhaft als ausdrucksvoll, sein hellbraunes Haar lag schlicht und kurz um seinen Kopf.
Albert erzahlte, wie er sich schon seit lange unpass gefuhlt und die weite Reise nach den Niederlanden nicht gescheut habe, um seine Gesundheit wiederherzustellen, vorzuglich hatten ihn seine Freunde, am meisten Pirkheimer, dazu gedrangt, weil sie alle, vielleicht ubertrieben, um ihn besorgt gewesen: von Sebastian gab er unserm Franz einen Brief, der selber zwar nicht gefahrlich aber doch so krank sei, dass er die Reise nicht habe unternehmen konnen, weil er sonst in dessen Begleitung wurde gekommen sein. "Euch, Meister Lukas", so beschloss er, "zu sehen, war der vornehmste Bewegungsgrund meiner Reise, denn das habe ich mir schon lange gewunscht, ich weiss auch noch nicht, ob ich einen andern Maler besuche, wenn der Wohnort mir aus dem Wege liegt, denn soviel ich sie kenne, ist mir nach dem beruhmten Meister Lukas keiner merkwurdig."
Lukas dankte ihm, und sprang wieder durch die Stube, voller Freude, den grossen Maler Durer bei sich zu haben. Dann zeigte er ihm einige seiner neuesten Bilder und Albert lobte sie sehr verstandig. Dieser hatte einige neue Kupferstiche bei sich, die er dem Niederlander schenkte, und Lukas suchte zur Vergeltung auch ein Blatt hervor, das er dem Albrecht in die Hande gab. "Seht", sagte er, "dieses Blatt wird von einigen fur meinen besten Kupferstich erklart, es hat sich schon auch selten gemacht, es ist namlich die Familie des Till Eulenspiegel, er als Knabe, die Eltern mit ihm, reitend und gehend: ich habe das Werk mit besonderem Fleisse und Genauigkeit zu arbeiten gesucht. Es wollen einige jetzt, die sich mit der Gelehrsamkeit befassen, das Buch von seinen Schwanken verachten, und es als den Sitten und der Zucht zuwider verdammen; vielleicht mochte einiges darin besser mangeln konnen, aber ich muss gestehen, dass es mich im ganzen immer sehr ergotzt hat. Die Schalkheit des Knechtes ist so eigen, viele seiner Streiche geben zu so manchen kuriosen Gedanken Veranlassung, dass ich mich ordentlich dazu angetrieben fuhlte, seine erste Jugend in Kupfer zu bringen."
"Ihr habt es auch wacker ausgerichtet", sagte Albert Durer lachend, "und ich danke Euch hochlich fur Euer Geschenk."
"Es verstehn wohl wenige Menschen", fuhr Lukas fort, "sich an Tills Narrenstreichen so zu freuen, wie ich, weil sie es sogar mit dem Lachen ernsthaft nehmen; andern gefallt sein Buch wohl, aber es kommt ihnen als etwas Unedles vor, dies Bekenntnis abzulegen; andern fehlt es wieder an Ubung, das Possierliche zu verstehn und zu fassen, weil man sich vielleicht ebenso daran gewohnen muss, wie es notig ist, viele Gemalde zu sehn, ehe man uber eins ein richtiges Urteil fallen kann."
"Ihr mogt sehr recht haben, Meister", antwortete Durer, "die meisten Leute sind wahrlich mit dem Ernsthaften und Lacherlichen gleich fremd. Sie glauben immer, das Verstandnis von beiden musse ihnen von selbst, ohne ihr weiteres Zutun kommen. Sie uberlassen sich daher mit Roheit dem Augenblicke und ihrem dermaligen Gefuhl, und so tadeln und loben sie ohne Einsicht. Ja sie gehen mit der Malerkunst so um, dass sie davon kosten, wie man wohl ein Gemuse oder eine Suppe zu kosten pflegt, ob die Magd zu viel oder zu wenig Salz darangetan habe, und dann sprechen sie das Urteil, ohne um die Kenntnisse, die dazu gehoren, besorgt zu sein. Ich muss immer noch lachen, sooft ich daran denke, dass es mir doch auch einmal auf ahnliche Weise erging. Ohne etwas davon zu verstehen, und ohne die Anlagen von der Natur zu haben, fiel ich einmal darauf, ein Poet zu sein. Ich dachte in meinem einfaltigen Sinne, Verse musse ja wohl jedermann machen konnen, und ich wunderte mich uber mich selber, dass ich nicht schon fruher auf die Dichtkunst verfallen sei. Ich machte also ein zierlich grosses Kupferblatt, und stach muhsam rundherum meine Verse mit Buchstaben ein: sie sollten ein moralisches Gedicht vorstellen, und ich unterstund mich, der ganzen Welt darin gute Lehren zu geben. Wie nun aber alles fertig war, siehe da, so war es erbarmlich geraten. Was ich da fur Leiden von dem gelehrten Pirkheimer habe ausstehen mussen, der mir lange nicht meine Verwegenheit vergessen konnte! Er sagte immer zu mir: 'Schuster, bleib bei deinen Leisten! Albert, wenn du den Pinsel in der Hand hast, so kommst du mir als ein verstandiger Mann vor, aber mit der Feder gebardest du dich als ein Tor.'"
"Ihr musst Euch doch einige Zeit in Leiden aufhalten", sagte Lukas, "denn ich mochte gar zu gern recht viel mit Euch sprechen, und uber so viele Dinge Euer Urteil vernehmen, denn ich wusste keinen Menschen auf der Welt, mit dem ich mich lieber unterredete, als mit Euch."
"Ich bleibe gewiss wenigstens einige Tage", antwortete Durer; "seit Franz von mir fortgezogen ist, habe ich mir diese Reise vorgesetzt, und alles Geld, was ich erubrigen konnte, dazu aufgespart."
Unter diesen Gesprachen war die Mittagsstunde herangekommen; eine junge hubsche Frau, die Gattin des Niederlanders, trat herein, sie erinnerte ihren Mann mit freundlichem Gesichte, dass es Zeit sei zu essen, er mochte mit seinen Gasten in die Speisestube treten. Man setzte sich zu Tisch. Lukas hatte einen Freund aus der Stadt und dessen Frau eingeladen. Der kleine behende Mann schien nun bei Tische erst recht an seinem Platze zu sein; er wusste so gutmutig zum Essen und Trinken zu notigen, dass keiner seine Einladung auszuschlagen imstande war; dabei erwies er sich uberaus artig gegen die Frauen. Durer war viel ernster und unbeholfener, die schone junge Frau des Lukas setzte ihn eher in Verlegenheit, als dass sie ihn unterhalten hatte, seine Sitten waren ernst und deutsch, und wenn sich ihm nicht ein Scherz von selber darbot, so hielt er es fur eine unnutze Muhe ihn aufzusuchen. Franz war in einer heiligen Stimmung, es war ihm nicht moglich, seine Augen von seinem geliebten Lehrer abzuwenden, da es ihm bestandig im Sinne lag, dass er morgen fruh abreisen musse.
"Ihr musst mir erlauben", rief Lukas frohlich aus, "Meister Albrecht, (verzeiht mir, dass ich so vertraut tue, Euch bei Eurem Taufnamen zu nennen) dass ich Euer Konterfei abnehme, ehe Ihr von hier reiset, denn es liegt mir gar zu viel daran es zu besitzen, und ich will mir alle Muhe geben, es recht treu und fleissig zu malen."
"Und ich will Euch malen", sagte Albrecht, "mir ist gewiss Euer Gesicht ebenso lieb, damit ich es mit mir nach Nurnberg nehmen kann."
"Wisst Ihr, wie wir es einrichten konnen?" antwortete Lukas: "Ihr malt Euer eigenes Bildnis und ich das meinige, und wir tauschen sie nachher gegeneinander aus, so besitzt noch jeder etwas von des andern Arbeit."
"Es mag sein", sagte Durer, "ich weiss mit meinem Kopfe ziemlich Bescheid, denn ich habe ihn schon etlichemal gemalt und gestochen, und man hat die Kopei immer ahnlich gefunden. Woruber ich mich aber billig wundern muss", fuhr er fort, "ist, dass Ihr, Meister Lukas, noch so jung seid, und dass Ihr doch schon so viele Kunstsachen in die Welt habt ausgehen lassen, und mit Recht einen so grossen Namen habt; denn noch scheint Ihr keine dreissig Jahr alt zu sein."
Lukas sagte: "Ich bin auch noch nicht dreissig Jahr alt, sondern kaum neunundzwanzig. Es ist wahr, ich habe fleissig gemalt, und fast ebensoviel in Kupfer gestochen als Ihr; aber, mein lieber Albrecht, ich habe auch schon sehr fruh angefangen; Ihr wisst es vielleicht nicht, dass ich schon im neunten Jahre ein Kupferstecher war."
"Im neunten Jahre?" rief Franz Sternbald voll Verwunderung aus; "ich glaubte immer, im sechszehnten hattet Ihr Euer erstes Werk begonnen, und das hat schon immer mein Erstaunen erregt."
"Ich zeichnete schon Bilder und allerhand naturliche Sachen nach", erzahlte Lukas weiter, "als ich kaum sprechen konnte. Die Sprache und der Ausdruck durch die Reisskohle schien mir naturlicher als die wirkliche. Ich war unglaublich fleissig, und interessierte mich fur gar nichts anders in der Welt, denn die ubrigen Wissenschaften, so wie die Sprachen und dergleichen, waren mir vollig gleichgultig, ja es war mir verhasst, meine Zeit mit solchem Unterrichte zuzubringen. Wenn ich auch nicht zeichnete, so gab ich genau auf alle die Dinge acht, die mir vor die Augen kamen, um sie nachher nachahmen zu konnen. Die grosste Freude machte es mir, wenn meine Eltern oder andere Menschen die Personen wiedererkannten, die ich kopiert hatte. Kein Spiel machte mir Vergnugen, andre Knaben waren mir zur Last und ich verachtete sie und ging ihnen aus dem Wege, weil mir ihr Beginnen zu kindisch vorkam; sie verspotteten mich auch deshalb, und nannten mich den kleinen alten Mann. Ich erkundigte mich, wie die Kupferstiche entstanden, und einige eben nicht geschickte Leute machten mich mit der Kunst bekannt, soviel sie selbst begriffen hatten. So machte ich im neunten Jahre mein erstes Bild, das ich offentlich herausgab, und das vielen Leuten nicht missfiel; bald darauf taten mich meine Eltern auf mein instandiges Bitten zum Meister Engelbrecht in die Lehre, ich fuhr fort zu arbeiten, und im sechszehnten Jahre war ich schon einigermassen bekannt, so dass meine Werke gesucht wurden."
"Ihr seid ein wahres Wunderkind gewesen, Meister Lukas", sagte Albert Durer, "und auf die Art muss man freilich nicht erstaunen, wenn die Welt so viele Arbeiten von Euch gesehn hat."
"Wenn ich jetzt vielleicht etwas bin", sagte Lukas sehr lebhaft, "so habe ich es nur Euch zu verdanken. Ihr wart mein Vorbild, Ihr gabt mir immer neues Feuer, wenn ich manchmal den Mut verlieren wollte, denn ich glaube, es gibt auch beim eifrigsten Kunstler Stunden, in denen er durchaus nichts hervorbringen mag, wo er sich in sich selber ausruht, und ihm die Arbeit mit den Handen ordentlich widersteht; dann horte ich wieder von Euch, ich sah eins Eurer Kupferblatter, und der Fleiss kam mir mit frischer Anmut zuruck. Ich muss es gestehen, dass ich Euch meine meisten Erfindungen zu danken habe, denn ich weiss nicht wie es zugeht: einzelne Figuren oder Sachen stehen mir immer sehr klar vor den Augen, aber das Zusammenfugen, der wahre historische Zusammenhang, der ein Bild erst fertig macht, will sich nie deutlich vor den Sinn hinstellen, bis ich dann ein andres Blatt in die Hand nehme; da fallt es mir dann ein, dass ich das auch darstellen, und hie und da wohl noch verbessern konnte; aus dem Bilde, das ich vor mir sehe, entwikkelt sich ein neues in meiner Seele, das mir dann nicht eher Ruhe lasst, als bis ich es fertig gemacht habe. Am liebsten habe ich Eure Bilder nachgemacht, Albrecht; weil sie alle einen ganz eigenen Sinn haben, den ich in andern nicht antreffe. Ihr habt mich am meisten auf Gedanken gefuhrt, und Ihr werdet es wissen, dass ich viele Bilder, die Ihr ausgearbeitet habt, auch darzustellen versucht habe. Manchmal habe ich die Eitelkeit gehabt, (Ihr verzeiht mir meinen freimutigen Stolz, auch seid Ihr selbst ein grader, guter Mann) Eure Vorstellung zu verbessern und dem Auge angenehmer zu machen."
"Ich weiss es recht wohl", sagte Albert mit der gutmutigsten Freundlichkeit, "und ich versichere Euch, ich habe viel von Euch gelernt. Wie Ihr mit Eurem Korper behende und gewandter seid, so seid Ihr es auch mit dem Pinsel und Grabstichel. Ihr wisst eine gewisse Anmut mir Wendungen und Stellungen der Korper in Eure Bilder zu bringen, die mir oft fehlt, so dass meine Zeichnungen gegen die Eurigen hart und rauh aussehen; aber Ihr erlaubt mir auch zu sagen, dass es mir geschienen hat, als wart Ihr ein paarmal unnotigerweise von der wahren Einfalt des Gegenstandes abgewichen. So gedenke ich an ein paar Kupferstiche, wo vorne Leute mit grossen Manteln stehn, die dem Zuschauer den Rucken zuwenden, da sie uns wohl naturlicher das Angesicht hatten zukehren durfen. Hier habt Ihr nach meinem einfaltigen Urteil nur etwas Neues anbringen und durch die grossen Mantelfiguren die Kontrastierung mit den ubrigen Personen im Bilde verstarken wollen; aber es kommt doch etwas gezwungen heraus."
"Ihr habt recht, Albert", sagte Lukas, "ich sehe, Ihr seid ein schlauer Kopf, der mir meine Munzen wiederzugeben weiss. Ich habe mich ofter darauf ertappt, dass ich ein Bild verdorben habe, wenn ich es habe besser machen wollen, als ich es auf Euren Platten gesehn hatte. Denn man verliert gar zu leicht den ersten Gedanken aus den Augen, der doch sehr oft der allerwahrste und beste ist; nun putzt man am Bilde herum und uber lang oder kurz wird es ein Ding, das einen mit fremden Augen ansieht, und sich auf dem Papiere oder der Tafel selber nicht zu finden weiss. Da seid Ihr glucklicher und besser daran, dass Euch die Erfindung immer zu Gebote steht; denn so ist es Euch fast unmoglich, in einen solchen Fehler zu fallen. Wie macht Ihr es aber, Albrecht, dass Ihr so viele Gedanken, so viele Erfindungen in Eurem Kopfe habt?"
"Ihr irrt Euch an mir", sagte Albrecht, "wenn Ihr mich fur so erfindungsreich haltet. Nur wenige meiner Bilder sind aus dem blossen Vorsatz entstanden, sondern es war immer eine zufallige Gelegenheit, die sie veranlasste. Wenn ich irgendein Gemalde loben, oder eine der heiligen Geschichten wieder erzahlen hore, so regt sich's plotzlich in mir, dass ich ein ganz neues Gelust empfinde, gerade das und nichts anderes darzustellen. Das eigentliche Erfinden ist gewiss sehr selten, es ist eine eigene und wunderbare Gabe, etwas bis dahin Unerhortes hervorzubringen. Was uns erfunden scheint, ist gewohnlich nur aus alteren schon vorhandenen Dingen zusammengesetzt, und dadurch wird es gewissermassen neu; ja der eigentliche erste Erfinder setzt seine Geschichte oder sein Gemalde doch auch nur zusammen, indem er teils seine Erfahrungen, teils was ihm dabei eingefallen, oder was er sich erinnert, gelesen, oder gehort hat, in eins fasst."
"Ihr habt sehr recht", sagte Lukas, "etwas im eigentlichsten Verstande aus der Luft zu greifen, ware gewiss das Seltsamste, das dem Menschen begegnen konnte. Es ware eine ganz neue Art von Verruckung, denn selbst der Wahnsinnige erfindet seine Fiebertraume nicht. Die Natur ist also die einzige Erfinderin, sie leiht allen Kunsten von ihrem grossen Schatze; wir ahmen immer nur die Natur nach, unsre Begeisterung, unser Ersinnen, unser Trachten nach dem Neuen und Vortrefflichen ist nur wie das Achtgeben eines Sauglings, der keine Bewegung seiner Mutter aus den Augen lasst. Wisst Ihr aber wohl, Albrecht, welchen Schluss man aus dieser Bemerkung ziehen konnte? Dass es also in den Sachen selbst, die der Poet oder Maler, oder irgendein Kunstler darstellen wollte, durchaus nichts Unnaturliches geben konne, denn indem ich als Mensch auf den allertollsten Gedanken verfalle, ist er doch an sich naturlich und der Darstellung und Mitteilung fahig. Von dem Felde des wahrhaft Unnaturlichen sind wir durch eine hohe Mauer geschieden, uber die kein Blick von uns dringen kann. Wo wir also in irgendeinem Kunstwerk Unnaturlichkeiten, Albernheit, oder Unsinn wahrzunehmen glauben, die unsre gesunde Vernunft und unser Gefuhl emporen, da musste dies immer nur daher ruhren, dass die Sachen auf eine ungehorige und unvernunftige Art zusammengesetzt waren, dass Teile daruntergemengt sind, die nicht hineingehoren, und die ubrigen so verbunden, wie es nicht sein sollte. So musste also ein hoherer Geist, als derjenige war, der es fehlerhaft gemacht hatte, aus allem Moglichen etwas Vortreffliches und Wurdiges hervorbilden konnen."
Durer nickte mit dem Kopfe Beifall, und wollte eben das Gesprach fortsetzen, als Lukas' Frau ausrief: "Aber, lieben Leute, hort endlich mit euren gelehrten Gesprachen auf, von denen wir Weiber hier kein Wort verstehn. Wir sitzen hier so ernsthaft wie in der Kirche, verspart alle eure Wissenschaften bis das Mittagsessen voruber ist." Sie schenkte hierauf einem jeden ein grosses Glas Wein ein, und erkundigte sich bei Durer, was er auf der Reise Neues gesehn und gehort habe. Albrecht erzahlte, und Franz Sternbald sass in tiefen Gedanken. In den letzten Worten des Lukas schien ihm der Schlussel, die Auflosung zu allen seinen Zweifeln zu liegen, nur konnte er den Gedanken nicht deutlich fassen; er hatte von seinem Lehrmeister noch nie eine ahnliche Ausserung uber die Kunst gehort, es schien ihm sogar, als wenn Durer auf diesen Gedanken nicht so viel gebe, als er wert sei, dass er die Folgen nicht alle bemerke, die in ihm lagen. Er konnte auf das jetzige Gesprach nicht achtgeben, vorzuglich da die Niederlanderin anfing, sich nach allen Nurnbergischen Trachten der verschiedenen Stande zu erkundigen, und ihre Bemerkungen daruber zu machen.
Plotzlich sprang Lukas mit seiner Behendigkeit vom Tische auf, fiel seiner Frau um den Hals und rief aus: "Mein liebstes Kind, du musst es mir jetzt doch schon vergonnen, dass ich mit Meister Albrecht wieder etwas uber die Malerei anfange, denn mir ist da eine Frage eingefallen. Es ware ja Sunde, wenn ich den Mann hier in meinem Hause hatte, und nicht alles vom Herzen lossprechen sollte."
"Meinetwegen magst du es halten, wie du willst", antwortete sie; "aber was werden deine Gaste dazu sagen?"
"Daruber seid ohne Sorgen", sagte die fremde schone Frau, "konnen wir beide doch miteinander sprechen, denn mein Mann ist heut bloss des beruhmten Deutschen wegen hergekommen, da er eigentlich dringende Geschafte hat, und er ist auch einer von denen, die nie von Kunst und Buchern genug konnen reden horen, er bekummert sich nie, was in der Welt vorfallt, ausser es musste sich etwa wieder mit Martin Luther etwas zugetragen haben."
"Dass wir den Mann vergessen konnten!" rief Durer aus, indem er sein volles Glas in die Hohe hob: "Er soll leben! Noch lange soll der grosse Doktor Martin Luther leben! Der Kirche, und uns allen zu Heil und Frommen!"
Der Fremde stiess geruhrt und mit leuchtenden Blikken an, auch Lukas, welcher lachelte. "Es ist zwar eine ketzerische Gesundheit", sagte er, "aber Euch zu Gefallen will ich sie doch trinken. Ich furchte nur, die Welt wird viele Trubsale zu uberstehen haben, ehe die neue Lehre durchdringen kann."
Albrecht antwortete: "Wann wir im Schweiss unsers Angesichts unser Brot essen mussen, so verlohnt es ja wohl die Wahrheit, dass wir Qual und Trubsal ihretwegen aushalten."
"Nun, das sind alles Meinungen", antwortete Lukas, "die eigentlich vor den Theologen und Doktor gehoren, ich verstehe davon nichts. Ich wollte vorher, Meister Albrecht, eine andre Frage an Euch tun. Es hat mir immer sehr an Euren Bildern gefallen, dass Ihr manchmal die neuern Trachten auch in alten Geschichten abkopiert, oder dass Ihr Euch ganz neue wunderliche Kleidungen ersinnt. Ich habe es ebenfalls nachgeahmt, weil es mir sehr artlich dunkte."
Albrecht antwortete: "Ich habe dergleichen immer mit uberlegtem Vorsatze getan, weil mir dieser Weg kurzer und besser schien, als die antikischen Trachten eines jeden Landes und eines jeden Zeitalters zu studieren. Ich will ja den, der meine Bilder ansieht, nicht mit langst vergessenen Kleidungsstucken bekannt machen, sondern er soll die dargestellte Geschichte empfinden. Ich rucke also die biblische oder heidnische Geschichte manchmal meinen Zuschauern dadurch recht dicht vor die Augen, dass ich die Figuren in den Gewandern auftreten lasse, in denen sie sich selber wahrnehmen. Dadurch verliert ein Gegenstand das Fremde, besonders da unsre Tracht, wenn man sie gehorig auswahlt, auch malerisch ist. Und denken wir denn wohl an die alte Kleidungsart, wenn wir eine Geschichte lesen, die uns ruhrt und entzuckt? Wurden wir es nicht gerne sehen, wenn Christus unter uns wandelte, ganz wie wir selber sind? Man darf also die Menschen nur nicht an das sogenannte Kostum erinnern, so vergessen sie es gerne. Die Darstellung der fremden Gewander wird uberdies in unsern Gemalden leicht tot und fremd, denn der Kunstler mag sich gebarden wie er will, die Tracht setzt ihn in Verlegenheit, er sieht niemand so gehen, er ist nicht in der Ubung, diese Falten und Massen zu werfen, sein Auge kann nicht mitarbeiten, die Imagination muss alles tun, die sich dabei doch nicht sonderlich interessiert. Ein Modell, auf dem man die Gewander ausspannt, wird nimmermehr das tun, was dem Kunstler die Wirklichkeit leistet. Ausserdem scheint es mir gut, wie ich auch immer gesucht habe, die Tracht der Menschen physiognomisch zu brauchen, so dass sie den Ausdruck und die Bedeutung der Figuren erhoht. Daher mache ich oft aus meiner Einbildung Gewand und Kleidung, die vielleicht niemals getragen sind. Ich muss gestehen, ich setze gern einem wilden bosen Kerl eine Mutze von seltsamer Figur aufs Haupt, und gebe ihm sonst im Aussern noch ein Abzeichen; denn unser hochster Zweck ist ja doch, dass die Figuren mit Hand und Fuss und dem ganzen Korper sprechen sollen."
"Ich bin darin vollig Eurer Meinung", sagte Lukas, "Ihr werdet gefunden haben, dass ich diese Sitte auch von Euch angenommen habe; nur habt Ihr wohl mehr als ich daruber nachgedacht. Auch in manchen Sachen, die ich von Raffael Sanzius gesehn habe, habe ich etwas Ahnliches bemerkt."
"Wozu", rief Albrecht aus, "die gelehrte Umstandlichkeit, das genaue Studium jener alten vergessenen Tracht, die doch immer nur Nebensache bleiben kann und muss? Wahrlich, ich habe einen zu grossen Respekt vor der Malerei selbst, um auf derlei Erkundigungen grossen Fleiss und viel Zeit zu verwenden, vollends, da wir es doch nie recht akkurat erreichen mogen."
"Trinkt, trinkt", sagte Lukas, indem er die leeren Glaser wieder fullte, "und sagt mir dann, wie es kommt, dass Ihr Euch mit so gar mancherlei Dingen abgebt, von denen man glauben sollte, dass manche Eures hohen Sinnes unwurdig sind. Warum wendet Ihr so viele Muhseligkeit an, Geschichten fein und zierlich in Holz zu schneiden, und dergleichen?"
"Ich weiss es selbst nicht recht, wie's zugeht", antwortete ihm Albrecht. "Seht, Freund Lukas, der Mensch ist ein wunderliches Wesen; wenn ich daruber zuweilen gedacht habe, so ist mir immer zu Sinne gewesen, als wenn der wunderbarliche Menschengeist aus dem Menschen herausstrebte, und sich auf tausend mannigfaltigen Wegen offenbaren wollte. Da sucht er nun herum, und trifft beim Dichter nur die Sprache, beim Spielmann eine Anzahl Instrumente mit ihren Saiten, und beim Kunstler die funf Finger und Farben an. Er probiert nun wie es gelingt, wenn er mit diesen unbeholfenen Werkzeugen zu hantieren anfangt, und keinmal ist es ihm recht, und doch hat er immer nichts Besseres. Mir hat der Himmel ein gelassenes Blut geschenkt, und darum werde ich niemals ungeduldig. Ich fange immer wieder etwas Neues an, und kehre immer wieder zum Alten zuruck. Wenn ich etwas Grosses male, so befallt mich gewohnlich nachher das Gelust, etwas recht Kleines und Zierliches in Holz zu schnitzeln, und ich kann nachher tagelang sitzen, um die kleine Arbeit aus der Stelle zu fordern. Ebenso geht es mir mit meinen Kupferstichen. Je mehr Muhe ich darauf verwende, je lieber sind sie mir. Dann suche ich wieder freier und schneller zu arbeiten, und so wechsele ich in allerhand Manieren ab, und jede bleibt mir etwas Neues. Die Liebe zum Fleiss und zur Muhseligkeit scheint mir uberdies etwas zu sein, was uns Deutschen angeboren ist; es ist gleichsam unser Element, in dem wir uns immer wohlbefinden. Alle Kunstwerke, die Nurnberg aufzuweisen hat, tragen die Spuren an sich, dass sie der Meister mit sonderbarer Liebe zu Ende fuhrte, dass er keinen Nebenzweig vernachlassigte und gering schatzte; und ich mag dasselbe wohl von dem ubrigen Deutschlande und auch von den Niederlanden sagen."
"Aber warum", fragte Lukas, "habt Ihr nun Eurem Schuler Sternbald da nicht abgeraten, nach Italien zu gehn, da er doch gewiss bei Euch seine Kunst so hoch bringen kann, als es ihm nur moglich ist?"
Franz war begierig, was Durer antworten wurde. Dieser sagte: "Eben weil ich an dem zweifle, was Ihr da behauptet, Meister Lukas. Ich weiss es wohl, dass ich in meiner Wissenschaft nicht der Letzte bin; aber es wurde toricht sein, wenn ich dafurhalten wollte, dass ich alles geleistet und entdeckt hatte, was man in der Kunst vollbringen kann. Glaubt Ihr nicht, dass es den kunftigen Zeiten moglich sein wird, Sachen darzustellen, und Geschichten und Empfindungen auszudrucken, auf eine Art, von der wir jetzt nicht einmal eine Vorstellung haben?"
Lukas schuttelte zweifelhaft mit dem Kopfe.
"Ich bin sogar davon uberzeugt", fuhr Albrecht fort, "denn jeder Mensch leistet doch nur das, was er vermag; ebenso ist es auch mit dem ganzen Zeitalter. Erinnert Euch nur dessen, was wir vorher uber die Erfindung gesprochen haben. Dem alten Wohlgemuth wurde das Ketzerei geschienen haben, was ich jetzt male, so wurde Euer Lehrer Engelbrecht schwerlich wohl auf die Erfindungen und Manieren verfallen sein, die Euch so gelaufig sind. Warum sollen unsre Schuler uns nun nicht wieder ubertreffen?"
"Was hatten wir aber dann mit unsrer Arbeit gewonnen?" rief Lukas aus.
"Dass sie ihre Zeit ausfullt", sagte Durer gelassen, "und dass wir sie gemacht haben. Weiter wird es niemals einer bringen. Jedes gute Bild steht da an seinem eigenen Platze, und kann eigentlich nicht entbehrt werden, wenn auch viele andre in andern Rucksichten besser sind, wenn sie auch Sachen ausdrucken, die man auf jenem Bilde nicht antrifft. Ja oft geht man ruckwarts, indem man vorschreitet, vor einiger Zeit sah ich ein altes Bild Wohlgemuths wieder, und eine solche Lieblichkeit und zarte Ruhrung glanzten mich daraus an, wie ich mir nie getraue, hervorzubringen, weil meine Weise wohl starker und harter ist."
"Ja, ja", sagte Lukas still vor sich hin, "da mag was dran sein, hat doch einer sogar einmal behauptet, meine Bilder durften sich mit denen des alten Johann von Eyck nicht messen. Wer weiss, welche sonderbare Werke und kunterbunte Meinungen nach uns in der Welt entstehen!"
"Ich habe mich immer darin gefunden", fuhr Durer fort, "dass vielleicht mancher zukunftige Maler von meinen Gemalden verachtlich sprechen mag, dass man meinen Fleiss, und auch wohl mein Gutes daran verkennt. Viele machen es schon jetzt mit denen Meistern nicht besser, die vor uns gewesen sind, sie sprechen von ihren Fehlern, die jedem in die Augen fallen, und sehn ihr Gutes nicht; ja es ist ihnen unmoglich, das Gute daran zu sehn. Aber auch dieses Lastern ruhrt bloss vom bessern Zustande unsrer Kunst her, und darum mussen wir uns daruber nicht erzurnen. Und deshalb sehe ich es gerne, dass mein lieber Franz Italien besucht, und alle seine denkwurdige Kunstsachen recht genau betrachtet, eben weil ich viel Anlage zur Malerei bei ihm bemerkt habe. Aus wem ein guter Maler werden soll, der wird es gewiss, er mag in Deutschland bleiben oder nicht. Aber ich glaube, dass es Kunstgeister gibt, denen der Anblick des Mannigfaltigen ungemein zustatten kommt, in denen selbst neue Bildungen entstehn, wenn sie das Neue sehen, die eben dadurch vielleicht ganz neue Wege auffinden, die wir noch nicht betreten haben, und es ist moglich, dass Sternbald zu diesen gehort. Lasst ihn also immer reisen, denn so viel alter ich bin, wirkt doch jede Veranderung, jede Neuheit noch immer auf mich. Glaubt nur, dass ich selbst auf dieser Reise zu Euch viel fur meine Kunst gelernt habe. Wenn Franz auch eine Zeitlang in Verwirrung lebt, und durch sein Lernen in der eigentlichen Arbeit gestort wird, (und ich glaube wohl, dass sein sanftes Gemut dem ausgesetzt ist) so wird er doch gewiss dergleichen uberstehn, und nachher aus diesem Zeitpunkte einen desto grossern Nutzen ziehn." Durer erzahlte, dass er uber das Dorf gereiset sei, in welchem Sternbalds Pflegemutter wohnte, er hatte das neue Altarblatt betrachtet, und lobte, bis auf einige Verzeichnungen, alles, vorzuglich den Gedanken der doppelten Beleuchtung, der ihm selber neu und unerwartet gewesen, er erinnerte sich die fromme Ruhrung, die aus der stillen Lieblichkeit des Bildes hervorgehe. "Wahrlich", so beschloss er, "mein lieber Franz, du hast schon jetzt ubertroffen, was ich von dir erwarten konnte, und ich freue mich inniglich, dass ich einen solchen Schuler gezogen habe."
So grosse Worte waren uber den armen Franz noch niemals ausgesprochen, darum wurde er schamrot; aber innerlich war er so erfreut, so uberglucklich, dass sich gleichsam alle geistigen Krafte in ihm auf einmal bewegten und nach Tatigkeit riefen. Er empfand die Fulle in seinem Busen, und ward von den mannigfaltigsten Gedanken ubermeistert.
Lukas, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, brach eine neue Weinflasche an, und ging selber mit lustigen Gebarden um den Tisch, um allen einzuschenken. Frohlich rief er aus: "Lasst uns munter sein, solange dies irdische Leben dauert, wir wissen ja so nicht, wie lange es wahrt!"
Albrecht trank und lachte. "Ihr habt ein leichtes Gemut, Meister", sagte er scherzend, "Euch wird der Gram niemals etwas anhaben konnen."
"Wahrlich nicht!" sagte Lukas, "solange ich meine Gesundheit und mein Leben fuhle, will ich guter Dinge sein, mag es hernach werden wie es will. Mein Weib, Essen und Trinken und meine Arbeit, seht, das sind die Dinge, die mich bestandig vergnugen werden, und nach etwas Hoherem strebe ich gar nicht."
"Doch", sagte Meister Albrecht ernsthaft, "die gelauterte wahre Religion, der Glaube an Gott und Seligkeit."
"Davon spreche ich bei Tische niemals", sagte Lukas. "Aber so seid Ihr ein grosserer Ketzer als ich." "Mag sein", rief Lukas, "aber lasst die Dinge fahren, von denen wir ohnehin so wenig wissen konnen. Oft mag ich gern arbeiten, wenn ich so recht frohlich gewesen bin. Wenn der Wein noch in den Adern und im Kopfe lebendig ist, so gelingt der Hand oft ein kuhner Zug, eine wilde Gebarde weit besser, als in der nuchternen Uberlegung. Ihr erlaubt mir wohl, dass ich nach Tische eine kleine Zeichnung entwerfe, die ich schon seit lange habe ausarbeiten wollen; namlich den Saul, wie er seinen Spiess nach David wirft. Mich dunkt, ich sehe den wilden Menschen jetzt ganz deutlich vor mir, den erschrocken David, die Umstehenden und alles."
"Wenn Ihr wollt", sagte Durer, "so mogt Ihr jetzt gleich an die Arbeit gehn, da Ihr den kuhnen Entschluss einmal gefasst habt. Mir vergonnt im Gegenteil einen kleinen Schlaf, denn ich bin noch mude von der Reise."
Jetzt ward der Tisch aufgehoben. Lukas fuhrte den Albrecht zu einem Ruhebette; die beiden Frauen gingen in ein anderes Zimmer, um sich nun ungestort allerhand zu erzahlen, der fremde Gast eilte in die Stadt an sein Geschaft, und Lukas begab sich nach seiner Werkstatte.
Viertes Kapitel
Franz wunschte einsam zu sein, und stieg mit Sebastians Briefe nach einem kleinen Garten hinab, der sich hinter dem Hause des Meister Lukas ausbreitete. Hier standen alle Strauche und Gewachse in der besten Ordnung; einige hatte der Herbst schon entblattert, andre waren noch frisch grun, als waren sie eben aufgebrochen: die Gange waren reinlich gehalten, die letzten Herbstblumen standen im schonsten Flor. Franzens Gemut war vollig erheitert, er fuhlte eine holdselige Gegenwart um sich scherzen, und die Zukunft sah ihn mit freundlichen Gebarden an. Er offnete den Brief und las: Trauter Bruder. Wie weh tut es mir, dass ich unsern Durer nicht habe begleiten konnen, um Dich in den Niederlanden vielleicht noch anzutreffen. Meine Krankheit ist nicht gefahrlich, aber doch halt sie mich von dieser Reise ab. Meine Sehnsucht nach Dir wird auf meinem einsamen Lager in jeder Stunde lebendiger; ich weiss nicht, ob Du an mich mit denselben Empfindungen denkst. Wann die Blumen des Fruhlings wiederkommen, bist Du vielleicht noch weiter von mir entfernt, und dabei weiss ich nicht einmal zuverlassig, ob ich Dich auch jemals wiedersehe. Wie muhevoll und wie leer ist unser menschliches Leben! ich lese jetzt Deine Briefe zu wiederholten Malen, und mich dunkt, als wenn ich sie nun besser verstunde; wenigstens bin ich jetzt noch mehr als sonst Deiner Meinung. Ich kann nicht malen, und darum lese ich auch wohl jetzt in Buchern fleissiger als ich sonst tat, und ich lerne manches Neue, und manches, das ich schon wusste, erscheint mir wiederum neu. Ubel ist es, dass es dem Menschen oft so schwer ankommt, selbst das Einfaltigste recht ordentlich zu verstehn, wie es gemeint sein mochte, denn seine jedesmalige Lebensart, seine augenblicklichen Gedanken hindern ihn daran; wo er diese nicht wiederfindet, da dunkt ihm nichts recht zu sein. Ich mochte Dich jetzt mundlich sprechen, um recht viel von Dir zu horen, um Dir recht viel zu sagen; denn je langer Du fort bist, je mehr empfinde ich Deine Abwesenheit, und dass ich mit niemand, selbst mit Durer nicht das reden kann, was ich Dir gern sagen wurde.
Die Helden des romischen Altertums wandeln jetzt mit ihrer Grosse durch mein Gemut; sowie ich genese, will ich den Versuch anstellen, aus ihren Geschichten etwas zu malen. Ich kann es Dir nicht beschreiben, wie sich seit einiger Zeit das Heldenalter so lebendig vor mir regt; bis dahin sah ich die Geschichte als eine Sache an, die nur unsre Neugier angehe, aber es ist mir daraus eine grosse und neue Welt im Gemut und Herzen aufgequollen. Vorzuglich gern mochte ich aus Casars Geschichte etwas bilden; man nennt diesen Mann so oft, und nie mit der Ehrfurcht, die er verdient. Wenn er auf dem Nachen ausruft: "Du tragst den Casar und sein Gluck!" oder sinnend am Rubikon steht, und nun noch einmal kurz sein Vorhaben erwagt, wenn er dann fortschreitet, und die bedeutenden Worte sagt: "Der Wurfel ist geworfen!" so bewegt sich mein ganzes Herz vor Entzucken, alle meine Gedanken versammeln sich um den einen grossen Mann, und ich mochte ihn auf alle Weise verherrlichen. Am liebsten sehe ich ihn vor mir, wenn er durch die kleine Stadt in den Alpen zieht, sein Gesellschafter ihn fragt: ob denn hier auch wohl Neid und Verfolgung und Plane zu Hause waren, und er mit seiner hochsten Grosse die tiefsinnigen Worte ausspricht: "Glaube mir, ich mochte lieber hier der Erste, als in Rom der Zweite sein."
Dies ist nicht blosser Ehrgeiz, oder wenn man es so nennen will, so ist es das Erhabenste, wozu sich ein Mensch emporschwingen kann. Denn freilich, war Rom, das damals die ganze Welt beherrschte, im Grunde etwas anders, als jene kleine unbedeutende Stadt? Der hochste Ruhm, die grosste Verehrung des Helden, auch wenn ihm der ganze Erdkreis huldigt, was ist es denn nun mehr? Wird er niemals wieder vergessen? Ist vor ihm nicht etwas Ahnliches dagewesen? Es ist eine grosse Seele in Casars Worten, die hier so kuhn das anscheinend Hochste mit dem scheinbar Niedrigsten zusammenstellt. Es ist ein solcher Ehrgeiz, der diesen Ehrgeiz wieder als etwas Gemeines und Verachtliches empfindet, der sein Leben, das er fuhrt, nicht hoher anschlagt, als das des unbedeutenden Burgers, der das ganze Leben gleichsam nur so mitmacht, weil es eine hergebrachte Gewohnheit ist, und der nun in der Fulle seiner Herrlichkeit, wie als Zugabe, als einen angeworfenen Zierat, seinen Ruhm, seine glorwurdigen Taten, sein erhabenes Streben hineinlegt. Wo die Wunsche der ubrigen Menschen uber ihre eigne Kuhnheit erstaunen, da sieht er noch Alltaglichkeit und Beschranktheit; wo andre sich vor Wonne und Entzucken nicht mehr fassen konnen, ist er kaltblutig, und nimmt mit zuruckhaltender Verachtung an, was sich ihm aufdrangt.
Mir fallen diese Gedanken bei, weil viele jetzt von den wahrhaft grossen Mannern mit engherziger Kleinmutigkeit sprechen, weil diese es sich einkommen lassen, Riesen und Kolosse auf einer Goldwaage abzuwagen. Eben diese konnen es auch nicht begreifen, warum ein Sylla in seinem hochsten Glanze das Regiment plotzlich niederlegt, und wieder Privatmann wird, und so stirbt. Sie konnen es sich nicht vorstellen, dass der menschliche Geist, der hohe namlich, sich endlich an allen Freuden dieser Welt ersattige, und nichts mehr suche, nichts mehr wunsche. Ihnen genugt schon das blosse Dasein, und jeder Wunsch zerspaltet sich in tausend kleine; sie wurden ohne Stolz, in schlechter Eitelkeit Jahrhunderte durchleben, und immer weitertraumen, und keinen Lebenslauf hinter sich lassen.
Jetzt ist es mir sehr deutlich, warum Cato und Brutus gerne starben; ihr Geist hatte den Glanz verloschen sehn, der sie an dieses Leben fesselte. Ich lese viel, wozu Du mich sonst oft ermahntest, in der Heiligen Schrift, und je mehr ich darin lese, je teurer wird mir alles darin. Unbeschreiblich hat mich der Prediger Salomo erquickt, der alle diese Gedanken meiner Seele so einfaltig und so erhaben ausdruckt, der die Eitelkeit des ganzen menschlichen Treibens durchschaut hat; der alles erlebt hat, und in allem das Vergangliche, das Nichtige entdeckt, dass nichts unserem Herzen genuget, und dass alles Streben nach Ruhm, nach Grosse und Weisheit Eitelkeit sei; der immer wieder damit schliesst: "Darum sage ich, dass nichts besser sei, denn dass ein Mensch frohlich sei in seiner Arbeit, denn das ist sein Teil."
"Was hat der Mensch von aller seiner Muhe, die er hat unter der Sonnen? Ein Geschlecht vergehet, das andre kommt, die Erde aber bleibt ewiglich. Die Sonne gehet auf und gehet unter, und lauft an ihren Ort, dass sie daselbst wieder aufgehe. Der Wind gehet gegen Mittag, und kommt herum zu Mitternacht, und wiederum an den Ort da er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, noch wird das Meer nicht voller; an den Ort wo sie herfliessen, fliessen sie wieder hin. Es ist alles Tun so voll Muhe, dass niemand ausreden kann. Das Auge siehet sich nimmer satt, und das Ohr horet sich nimmer satt. Was ist's das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonnen."
Und nachher sagt er: "Ist's nun nicht besser dem Menschen, essen und trinken, und seine Seele guter Dinge sein in seiner Arbeit?"
"Wie es dem Guten gehet, so geht's auch dem Sunder. Das ist ein boses Ding, unter allem, das unter der Sonnen geschieht, dass es einem geht wie dem andern, daher auch das Herz des Menschen voll Arges wird, und Torheit in ihrem Herzen, dieweil sie leben, darnach mussen sie sterben. Denn die Lebendigen wissen, dass sie sterben werden, aber die Toten wissen nichts, sie verdienen auch nichts mehr, denn ihr Gedachtnis ist vergessen; dass man sie nicht mehr liebet, noch hasset, noch neidet, und haben kein Teil mehr auf der Welt, in allem was unter der Sonnen geschieht. So gehe hin, und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dein Werk gefallt Gott. Lass deine Kleider immer weiss sein, und deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem Weibe das du liebhast, solange du das eitel Leben hast, das dir Gott unter der Sonnen gegeben hat, solange dein eitel Leben wahret, denn das ist dein Teil im Leben, und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonnen. Alles was dir vorhanden kommt zu tun, das tue frisch, denn in dem Tode, da du hinfahrst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft noch Weisheit."
Liebster Franz, hoher bringt es der Mensch gewiss niemals, dies ist die Weisheit.
Ich habe einen Nurnberger Hans Sachs kennengelernt, einen wackern Mann, er hat sich auf die Kunst der Meistersanger gelegt, dabei ist er ein grosser Freund der Reformation, er ist Burger und Schuhmacher allhier. Doch muss nach meinem Dafurhalten die Dichtkunst anders aussehn, als sie in seinen Versen erscheint. Wo find ich einmal in deutscher oder fremder Zunge, was meine lechzende durstige Brust so recht durch und durch erquickt und sattigt?
Lebe wohl, und gib mir bald Nachrichten von Dir; Deine Briefe konnen mir niemals zu weitlauftig sein.
Sebastian.
Dieser Brief versetzte den jungen Maler in ein tiefes Nachsinnen: er wollte seinem Gemute nicht recht eindringen, und er fuhlte fast etwas Fremdes in der Schreibart, das sich seinem Geiste widersetzte. Es qualte ihn, dass alles Neue mit einem zu gewaltsamen Eindrucke auf seine Seele fiel, und ihr dadurch die freie Bewegung raubte. So lag ihm auch wieder die Gesinnung und das Betragen des Meister Lukas in den Gedanken, manches in Sebastians Briefe schien ihm damit ubereinzustimmen, und in solchen Augenblicken des Gefuhls kam er sich oft in der Welt ganz einsam vor: er mochte sich es mit Gedanken nicht deutlich sagen, aber von Lukas' Frohlichkeit und Sebastians Weisheit und Trost wandte sich sein Herz weg, weil sie dessen Sehnsucht als Verzweiflung erschienen.
Wunderlich seltsam ist das Leben der Jugend, die sich selbst nicht kennt. Sie verlangt, dass die ganze ubrige Welt, wie ein einziges Instrument, mit ihren Empfindungen eines jeden Tages zusammenstimmen soll, sie misst sich mit der fremdartigsten Natur, und ist nur zu oft unzufrieden, weil sie allenthalben Disharmonie zu horen glaubt. Sich selbst genug, sucht sie doch aussenwarts einen freundlichen Widerhall, der antworten soll, und angstigt sich, wenn er ausbleibt.
Er ging nach einiger Zeit in das Haus zuruck. Durer war schon wieder munter, und beide suchten den Meister Lukas in seiner Malerstube auf. Er sass bei seiner Zeichnung. Franz verwunderte sich sehr uber den kunstreichen Mann, der in so kurzer Zeit so viel hatte arbeiten konnen: die Zeichnung war beinah fertig und mit grossem Feuer entworfen. Durer betrachtete sie und sagte: "Ihr scheint recht zu haben, Meister Lukas, dass sich nach einem guten Trunke besser arbeiten lasst, ob ich es gleich noch nie versucht habe; denn mir steigt der Wein in den Kopf und verdunkelt mir den Gedanken."
"Man muss sich nur nicht storen lassen", sagte Lukas, "wenn einem auch anfangs etwas wunderlich dabei wird, sondern dreist fortfahren, so findet man sich bald in die Arbeit hinein, und alsdann gerat sie gewisslich besser."
Die drei Kunstler blieben mit den Frauen auch am Abend zusammen, und setzten ihre Gesprache fort. Franz war gedruckt von dem Gedanken, dass er morgen abreisen musse: so wie er unvermuteterweise seinen Durer gefunden hatte, sollte er ihn jetzt ebenso plotzlich zum zweiten Male verlassen: er sprach daher wenig mit, auch aus dem Grunde, weil er zu bescheiden war.
Es war spat, der Mond war eben aufgegangen als man sich trennte. Franz nahm von Lukas Abschied, dann begleitete er seinen Lehrer nach seiner Herberge. Durer kehrte vor dem Hause wieder um, sie durchstrichen einige Strassen und kamen dann auf einen Spaziergang der Stadt.
Der Mond schien schrage durch die Baume, die beinah schon ganz entblattert waren; sie standen still, und Franz fiel seinem Meister mit Tranen an die Brust. "Was ist dir?" fragte Durer, indem er ihn in seine Arme schloss. "O liebster, liebster Albrecht", schluchzte Franz, "ich kann mich nicht daruber zufriedengeben, ich kann es nicht aussprechen, wie sehr ich Euch verehre und liebe. Ich hab es mir immer gewunscht, Euch noch einmal zu sehn, um es Euch zu sagen, aber nun habe ich doch keine Gewalt dazu. O liebster Meister, glaubt es mir nur auf mein Wort, glaubt es meinen Tranen."
Franz war indem zuruckgetreten, und Durer gab ihm die Hand und sagte: "Ich glaube es dir."
"Ach!" rief Franz aus, "was seid Ihr doch fur ein ganz andrer Mann, als die ubrigen Menschen! Das fuhle ich immer mehr, ich werde keinen Euresgleichen wieder antreffen. An Euch hangt mein ganzes Herz, und wie ich Euch vertraue, werde ich keinem wieder vertrauen."
Durer lehnte sich nachdenkend an den Stamm eines Baumes, sein Gesicht war ganz beschattet. "Franz", sagte er langsam, "du machst, dass mir deine Abwesenheit immer trauriger sein wird, denn auch ich werde niemals solchen Schuler, solchen Freund wieder antreffen. Denn du bist mein Freund; der einzige, der mich aus recht voller Seele liebt, der einzige, den ich ganz so wieder lieben kann."
"Sagt das nicht, Albrecht", rief Franz, "ich vergehe vor Euch."
Durer fuhr fort: "Es ist nur die Wahrheit, mein Sohn, denn als solchen liebe ich dich. Meinst du, deine getreue Anhanglichkeit von deiner Kindheit auf habe mein Herz nicht geruhrt? O du weisst nicht, wie mir an jenem Abend in Nurnberg war, und wie mir jetzt wieder ist: wie ich damals den Abschied von dir abkurzte, und es jetzt gern wieder tate; aber ich kann nicht."
Er umarmte ihn freiwillig, und Franz fuhlte, dass sein teurer Lehrer weinte. Sein Herz wollte brechen. "Die ubrigen Menschen", sagte Durer, "lieben mich nicht wie du; es ist zu viel Irdisches in ihren Gedanken. Ich stelle mich oft wohl ausserlich hart, und tue wie die ubrigen; aber mein Herz weiss nichts davon. Pirkheimer ist ein Patrizier, ein reicher Mann, er ist brav, aber er schatzt mich nur der Kunst wegen, und weil ich fleissig und aufgeraumt bin. Mein Weib kennt mich wenig, und weil ich ihr im stillen nachgebe, so meint sie, sie mache mir alles recht. Sebastian ist gut, aber sein Herz ist dem meinigen nicht so verwandt als das deine. Von den ubrigen lass mich gar schweigen. Ja wahrlich, du bist mir der Einzige auf der Erde."
Franz sagte begeistert: "O was konnte mir fur ein grosseres Gluck begegnen, als dass Ihr die Liebe erkennt, die ich so inniglich zu Euch trage."
"Sei immer wacker", sagte Durer, "und lass dein frommes Herz allerwege so bleiben, als es jetzt ist. Komm dann nach Deutschland und Nurnberg zuruck, wenn es dir gut daucht; ich wusste mir keine grossere Freude, als kunftig immer mit dir zu leben."
"Ich bin eine verlassene Waise, ohne Eltern, ohne Angehorigen", sagte Franz, "Ihr seid mir alles."
"Ich wunsche", sagte Albrecht, "dass du mich wiederfindest, aber ich glaube es nicht; es ist etwas in meiner Seele, was mir sagt, dass ich es nicht lange mehr treiben werde. Ich bin in manchen Stunden so ernsthaft und so betrubt, dass ich zu sterben wunsche, wenn ich nachher auch oft wieder scherze und lustig scheine. Ich weiss auch recht gut, dass ich zu fleissig bin, und mir dadurch Schaden tue, dass ich die Kraft der Seele abstumpfe, und es gewiss bussen muss; aber es ist nicht zu andern. Ich brauche dir, liebster Franz, wohl die Ursache nicht zu sagen. Meine Frau ist zu weltlich gesinnt, sie qualt sich ewig mit Sorgen fur die Zukunft und mich mit; sie glaubt, dass ich niemals genug arbeiten kann, um nur Geld zu sammeln, und ich arbeite, um in Ruhe zu sein, oft mit unlustiger Seele; aber die Lust stellt sich wahrend der Arbeit ein. Meine Frau empfindet nicht die Wahrheit der himmlischen Worte, die Christus ausgesprochen hat: 'Sorget nicht fur euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht fur euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? Und der Leib mehr denn die Kleidung? So denn Gott das Gras auf dem Felde kleidet, das doch heute stehet, und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er das nicht vielmehr euch tun? O ihr Kleinglaubigen! Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: 'Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?' Nun lebe wohl, mein liebster Freund; ich will zuruck, und du sollst mich nicht begleiten, denn an einer Stelle mussen wir uns ja doch trennen."
Franz hielt noch immer seine Hand. "Ich sollte Euch nicht wiedersehn?" sagte er, "warum sollte ich dann wohl nach Deutschland zuruckkommen? Nein, Ihr musst leben, noch lange, lange, Euch, mir und dem Vaterlande!"
"Wie wir uns heut trennen mussen", sagte Durer, "so muss ich doch irgendeinmal sterben, es sei wenn es sei. Je fruher, je weniger Lebensmuhe; je spater, je mehr Sorgen. Aber komm bald zuruck, wenn du kannst."
Er segnete hierauf seinen jungen Freund, und betete inbrunstig zum Himmel. Franz sprach in Gedanken seine Worte nach, und war in einer frommen Entzukkung; dann umarmten sich beide, und Durer ging wie ein grosser Schatten von ihm weg. Franz sah ihm nach, und der Mondschimmer und die Baume dammerten ungewiss um ihn. Plotzlich stand der Schatten still, und bewegte sich wieder ruckwarts. Durer stand neben Franz, nahm seine Hand und sagte: "Und wenn du mir kunftig schreibst, so nenne mich in deinen Briefen du und deinen Freund, denn du bist mein Schuler nicht mehr." Mit diesen Worten ging er nun wirklich fort, und Franz verlor ihn ganzlich aus den Augen. Die Nacht war kalt, die Wachter der Stadt zogen voruber und sangen, die Glocken schlugen feierlich. Franz irrte noch eine Zeitlang umher, dann begab er sich nach seiner Herberge, aber er konnte nicht schlafen.
Funftes Kapitel
Der Morgen kam. Franz hatte eine Gesellschaft gefunden, die auf dem Kanal mit einem Schiffe nach Rotterdam fahren wollte, dort wollten sie dann ein grosseres nehmen, um vollends nach Antwerpen zu kommen.
Es war helles Wetter, als sie in das Boot stiegen; die Gesellschaft schien bei guter Laune. Franz betrachtete sie nach der Reihe, und keiner darunter fiel ihm besonders auf, ausser ein junger Mensch, der einige zwanzig Jahr alt zu sein schien, und ungemein schon von Gesicht und sehr anmutig in seinen Gebarden war. Franz fuhlte sich immer mehr zu den jungern als zu den altern Leuten hingezogen; er sprach mit den letztern ungern, weil er nur selten in ihre Empfindungen einstimmen konnte. Bei alten Leuten empfand er seine Beschrankung noch qualender, und er merkte es immer, dass er ihnen zu lebhaft, zu jugendlich war, dass er sich gemeiniglich an Dingen entzuckte, die jenen immer fremd geblieben, und dass sie doch zuweilen mit einem gewissen Mitleiden, mit einer hoffartigen Duldung auf ihn hinabblickten, als wenn er endlich allen diesen Gefuhlen und Sturmen voruberschiffen wurde, um in ihr ruhiges kaltes Land festen Fuss zu fassen. Vollends demutigte es ihn oft, wenn sie dieselben Gegenstande liebten, die er verehrte; Lob und Tadel, Anpreisung und Nachsicht aber mit so scheinbarer Gerechtigkeit austeilten, dass von ihrer Liebe fast nichts ubrigblieb. Er dagegen war gewohnt aus vollem Herzen zu zahlen, seine Liebe nicht zu messen und einzuschranken, sondern es zu dulden, dass sie sich in vollen Stromen durch das Land der Kunst, sein Land der Verheissung ergoss; je mehr er liebte, je wohler ward ihm. Er konnte sein Auge von dem Junglinge nicht zuruckziehn, die lustigen hellen braunen Augen und das gelockte Haar, eine freie Stirn, und dazu eine bunte, fremdartige Tracht machten ihn zum Gegenstand seiner Neugier.
Das Schiff fuhr fort, und man sah links weit in das ebene Land hinein. Die Gesellschaft schien nachdenkend, oder vielleicht mude, weil sie alle fruh aufgestanden waren; nur der Jungling schaute unbefangen mit seinen grossen Augen umher. Ein altlicher Mann zog ein Buch hervor und fing an zu lesen; doch es wahrte nicht lange, so schlummerte er. Die ubrigen schienen ein Gesprach zu wunschen.
"Der Herr Vansen schlaft", sagte der eine zu seinem Nachbar, "das Lesen ist ihm nicht bekommen."
"Er schlaft nicht so, Nachbar Peters, dass er Euch nicht horen sollte", sagte Vansen, indem er sich ermunterte. "Ihr solltet nur etwas erzahlen, oder ein lustiges Lied singen."
"Ich bin heiser", sagte jener, "Ihr wisst es selber; auch hab ich eigentlich seit Jahr und Tag das Singen schon aufgegeben."
Der fremde Jungling sagte: "Ich will mich wohl anbieten, ein Lied zu singen, wenn ich nur wusste, dass die Herren es mit der Poesie nicht so genau nehmen wollen."
Sie versicherten ihn alle, dass es nicht geschehn wurde, und jener sprach weiter: "Es ist auch nur, dass man sich das bisschen Freude verbittert; alle Lieder, die ich gern singe, mussen sich hubsch geradezu, und ohne Umschweife ausdrucken. Ich will also mit eurer Erlaubnis anfangen.
Uber Reisen kein Vergnugen,
Wenn Gesundheit mit uns geht:
Hinter uns die Stadte liegen,
Berg und Waldung vor mir steht.
Jenseit, jenseit, ist der Himmel heiter,
Treibt mich rege Sehnsucht weiter.
Schau dich um, und lass die truben Blicke,
Sieh, da liegt die grosse weite Welt,
In der Stadt blieb alles Graun zurucke,
Das den Sinn gefangenhalt.
Endlich wieder Himmel, grune Flur,
Gross und lieblich die Natur.
Auch ein Madchen muss dich nimmer qualen,
Kommst ja doch zu Menschen wieder hin,
Nirgend wird es dir an Liebe fehlen,
Ist dir Lieben ein Gewinn:
Darum lass die truben Blicke,
Allenthalben bluht dein Glucke.
Immer munter, Freunde, munter,
Denn mein Madchen wartet schon;
Treibt den Fluss nur rasch hinunter,
Denn mich dunkt, mich lockt ihr Ton.
Gunstig sind uns alle Winde,
Sturme schweigen, Lufte sauseln linde.
Siehst du die Sonne nicht
Glanzen im Bach?
Wo du bist, spielt das Licht
Freundlich dir nach.
Durch den Wald Funkelschein,
Sieht in den Quell;
Kuckt in die Flut hinein,
Lacht drum so hell.
So auch der Liebe Licht
Wandelt mit dir,
Loschet wohl nimmer nicht.
Ist dorten bald hier.
Liebst du die Morgenpracht,
Wenn nach der schwarzen Nacht
Auf diamantner Bahn
Die Sonne ihren Weg begann?
Wenn alle Vogel jubeln laut,
Begrussen frohlich des Tages Braut,
Wenn Wolken sich zu Fussen schmiegen,
In Brand und goldnem Feuer fliegen?
Auch wenn die Sonne nun den Wagen lenkt,
Und hinter ihr das Morgenrot erbleicht,
Lust, Heiterkeit durch alle Welt hin fleugt,
Bis sich zum Meer die Gottin senkt.
Und dann funkeln neue Schimmer
Uber See und uber Land,
Erd und Himmel im Geflimmer
Sich zu einem Glanz verband.
Prachtig mit Rubinen und Saphiren,
Siehst du dann den Abendhimmel prangen,
Goldenes Geschmeide um ihn hangen,
Edelsteine Hals und Nacken zieren,
Und in holder Glut die schonen Wangen.
Drangt sich nicht mit stillem Licht der Chor
Aller Sterne, ihn zu sehen, vor?
Jubeln nicht die Lerchen ihre Lieder,
Tont nicht Fels und Meer Gesange wider?
Also wenn die erste Liebe dir entschwunden,
Musst du weibisch nicht verzagen,
Sondern dreist dein Glucke wagen,
Bald hast du die zweite aufgefunden,
Und kannst du im Rausche dann noch klagen:
'Nie empfand ich was ich vor empfunden?'
Nie vergisst der Fruhling wiederzukommen,
Wenn Storche ziehn, wenn Schwalben auf der
Wiese sind.
Kaum ist dem Winter die Herrschaft genommen,
So erwacht und lachelt das goldene Kind.
Dann sucht er sein Spielzeug wieder zusammen,
Das der alte Winter verlegt und verstort,
Er putzt den Wald mit grunen Flammen,
Der Nachtigall er die Lieder lehrt.
Er ruhrt den Obstbaum mit rotlicher Hand,
Er klettert hinauf die Aprikosen-Wand,
Wie Schnee die Blute rot unter die Blatter dringt,
Er schuttelt froh das Kopfchen, dass ihm die Arbeit
gelingt.
Dann geht er und schlaft im waldigen Grund,
Und haucht den Atem aus, den sussen,
Um seinen zarten roten Mund
Im Grase Viol' und Erdbeer spriessen:
Wie rotlich und blaulich lacht
Das Tal, wann er erwacht!
In den verschlossnen Garten
Steigt er ubers Gitter in Eil,
Mag auf den Schlussel nicht warten,
Ihm ist keine Wand zu steil.
Er raumt den Schnee aus dem Wege,
Er schneidet das Buchsbaumgehege,
Und friert auch am Abend nicht,
Er schaufelt und arbeitet im Mondenlicht.
Dann ruft er: 'Wo saumen die Spielkameraden
Dass sie so lange in der Erde bleiben?
Ich habe sie alle eingeladen,
Mit ihnen die frohliche Zeit zu vertreiben.'
Die Lilie kommt und reicht die weissen Finger,
Die Tulpe steht mit dickem Kopfputz da,
Die Rose tritt bescheiden nah,
Aurikelchen und alle Blumen, vornehm und
geringer.
Der bunte Teppich ist nun gestickt,
Die Liebe tritt aus Jasminlauben hervor.
Da danken die Menschen, da jauchzet der Vogel
ganzes Chor,
Denn alle fuhlen sich begluckt.
Dann kusst der Fruhling die zarten
Blumenwangen,
Und scheidet und spricht: 'Ich muss nun gehn.'
Da sterben sie alle am sussen Verlangen,
Dass sie mit welken Hauptern stehn.
Der Fruhling spricht: 'Vollendet ist mein Tun,
Ich habe schon die Schwalben herbestellt.
Sie tragen mich in eine andre Welt,
Ich will in Indiens duftenden Gefilden ruhn.
Ich bin zu klein, das Obst zu pflucken,
Den Stock der schweren Traube zu entkleiden,
Mit der Sense das goldene Korn zu schneiden,
Dazu will ich den Herbst euch schicken.
Ich liebe das Spielen, bin nur ein Kind,
Und nicht zur ernsten Arbeit gesinnt.
Doch seid ihr satt der Winterleiden,
Komm ich zuruck zu andern Freuden,
Die Blumen, die Vogel nehm ich mit mir,
Wenn ihr erntet und keltert, was sollen sie hier?
Ade! Ade! ist die Liebe nur da,
So bleibt euch der Fruhling ewiglich nah!'"
"Ihr habt das Lied sehr schon gesungen", sagte Vansen, "aber es ist wahr, dass man es mit dem Texte nicht so genau nehmen muss, denn das letzte hangt gar nicht mit dem ersten zusammen."
"Ihr habt sehr recht", sagte der Fremde, "indessen Ihr kennt das Sprichwort: Ein Schelm gibt's besser, als er es hat."
"Ich habe einen guten und schonen Zusammenhang darin gefunden", sagte Franz. "Der Hauptgedanke ist der frohliche Anblick der Welt, das Lied will uns von truben Gedanken und Melancholie abziehen, und so kommt es von einer Vorstellung auf die andre. Zwar ist nicht der Zusammenhang einer Rede darin, aber es wandelt gerade so fort, wie sich unsre Gedanken in einer schonen heitern Stunde bilden."
"Ihr seid wohl selber ein Poet?" rief der Fremde aus.
Franz errotete und sagte, dass er ein Maler sei, der vor jetzt nach Antwerpen, und dann nach Italien zu gehen gesonnen sei.
"Ein Maler?" schrie Vansen auf, indem er Sternbald genau betrachtete. "O so gebt mir Eure Hand! dann mussen wir naher miteinander bekannt werden!"
Franz war in Verlegenheit, er wusste nichts zu erwidern; der Niederlander fuhr fort: "Vor allen Kunsten in der Welt ergotzt mich immer die Kunst der Malerei am meisten, und ich begreife nicht, wie viele Menschen so kalt dagegen sein konnen. Denn was ist Poesie und Musik, die so fluchtig voruberrauschen, und uns kaum anruhren? Jetzt vernehme ich die Tone, und dann sind sie vergessen sie waren und waren auch nicht; Klange, Worte, von denen ich niemals recht weiss, was sie mir sollen; sie sind nur Spielwerk, das ein jeder anders handhabt. Dagegen verstehn es die edlen Malerkunstler, mir Sachen und Personen unmittelbar vor die Augen zu stellen, mit ihren freundlichen Farben, mit aller Wirklichkeit und Lebendigkeit, so dass das Auge, der klugste und edelste Sinn des Menschen, gleich ohne Verzogern alles auffasst und versteht. Je ofter ich die Figuren wiedersehe, je bekannter sind sie mir, ja ich kann sagen, dass sie meine Freunde werden, dass sie fur mich ebensogut leben und da sind, als die ubrigen Menschen. Darum liebe ich die Maler so ungemein, denn sie sind gleichsam Schopfer, und konnen schaffen und darstellen, was ihnen gelustet."
Von diesem Augenblicke bemuhte sich Vansen sehr um Sternbald; dieser nannte ihm seinen Namen, und ward von jenem dringend gebeten, ihn in Antwerpen in seinem Hause zu besuchen und etwas fur ihn zu malen. Auf der fortgesetzten Reise geriet Franz mit dem unbekannten Junglinge in ein naheres Gesprach, und erfuhr von ihm, dass er sich Rudolph Florestan nenne, dass er aus Italien sei, jetzt England besucht habe, und nach seiner Heimat zuruckzukehren denke. Die Junglinge beschlossen, die Reise in Gesellschaft zu machen, denn sie fuhlten beide einen Zug der Freundschaft zueinander, der sie schnell vereinigte. "Wir wollen recht vergnugt mitsammen sein", sagte Rudolph; "ich bin schon mehr als einmal in Deutschland gewesen, und habe lange unter Euren Landsleuten gelebt, ich bin selbst ein halber Deutscher und liebe Eure Nation."
Franz war erfreut, diese Bekanntschaft gemacht zu haben. Er ausserte seine Verwunderung, dass Rudolph in so fruher Jugend schon von der Welt so viel gesehn habe. "Das muss Euch nicht erstaunen", sagte jener, "mein unruhiger Geist treibt mich immer umher, und wenn ich eine Weile still in meiner Heimat gesessen habe, muss ich wieder reisen, wenn ich nicht krank werden will. Wenn ich auf der Reise bin, geschieht es mir wohl, dass ich mich nach meinem Hause sehne, und mir vornehme, nie wieder in der Ferne herumzustreifen; indessen dauern dergleichen Vorsatze niemals lange, ich darf nur von fremden Landern horen oder lesen, gleich ist die alte Lust in mir wieder aufgewacht. So bin ich auch schon Spanien durchstreift, ich habe Valencia und das wundersame Granada gesehn, mit seinem herrlichen Schlosse, den fremden, seltsamen Sitten und Trachten, ich habe die Luft der elysischen Gefilde von Malaga eingeatmet, und kenne den Manserrate mit seinen Klostern und grunbewachsenen Klippen."
Ein grosser Teil der Gesellschaft kam jetzt darauf, man solle, um die Zeit der Fahrt zu verkurzen, Geschichten oder Marchen erzahlen. Alle trauten dem Rudolph zu, dass er am besten imstande sei, ihr Begehren zu erfullen; sie ersuchten ihn daher alle und auch Franz vereinigte sich mit ihren Bitten. "Ich will es gern tun", antwortete Rudolph, "allein es geht mir mit meiner Geschichte, wie mit meinem Liede, sie wird keinem recht gefallen." Alle behaupteten, dass er sie gewiss unterhalten werde, er solle nur getrost anfangen. Rudolph sagte: "Ich liebe keine Geschichte, und mag sie gar nicht erzahlen, in der nicht von Liebe die Rede ist. Die alten Herren aber kummern sich um dergleichen Neuigkeiten nicht viel."
"O doch", sagte Vansen; "nur finde ich es in vielen Geschichten der Art unnaturlich, wie die ganze Erzahlung vorgetragen wird; gewohnlich macht man doch zu viel Aufhebens davon, und das ist, was mir missfallt. Wenn es aber alles so recht naturlich und wahr fortgeht, so kann ich mich sehr daran ergotzen."
"Das ist es gerade", rief Rudolph aus, "was ich sagte! Die meisten Menschen wollen alles gar zu naturlich haben, und wissen doch eigentlich nicht, was sie sich darunter vorstellen; sie fuhlen den Hang zum Seltsamen und Wunderbaren, aber doch soll das alles wieder alltaglich werden: sie wollen wohl von Liebe und Entzucken reden horen, aber alles soll sich in den Schranken der Billigkeit halten. Doch, ich will nur meine Geschichte anfangen, weil ich sonst selber die Schuld trage, wenn ihr zu viel erwartet.
Die Sonne ging eben auf, als ein junger Edelmann, den ich Ferdinand nennen will, auf dem freien Felde spazierte. Er war damit beschaftigt, die Pracht des Morgens zu beschauen, wie sich nach und nach das Morgenrot und das lichte Gold des Himmels immer brennender zusammendrangten und immer hoher leuchteten. Er verliess gewohnlich an jedem Morgen sein Schloss, auf dem er unverheiratet und einsam lebte, seine Eltern waren vor einiger Zeit gestorben. Dann setzte er sich gewohnlich in dem benachbarten Waldchen nieder, und las einen der italienischen Dichter, die er sehr liebte.
Jetzt war die Sonne heraufgestiegen, und er wollte sich eben nach dem einsamen Waldplatze begeben, als er aus der Ferne einen Reuter heransprengen sah. Auf dem Hute und Kleide des Reitenden glanzten Gold und Edelgesteine im Schein des Morgens, und als er naher kam, glaubte Ferdinand einen vornehmen Ritter vor sich zu sehn. Der Fremde ritt eiligst voruber und verschwand im Walde; kein Diener folgte ihm.
Ferdinand wunderte sich noch uber diese Eile, als er zu seinen Fussen im Grase etwas Glanzendes wahrnahm. Er ging hinzu und hob das Bildnis einer Dame auf, das mit kostbaren Diamanten eingefasst war. Er ging damit nach dem Walde, indem er es aufmerksam betrachtete; er setzte sich an der gewohnten Stelle nieder, und vergass sein Buch herauszuziehen, so sehr war er mit dem Bilde beschaftigt."
"Wie ich gesagt habe", fiel Vansen ein, "die Malerei hat eine wunderbare Kraft uber uns: das Bild wird gewiss trefflich gemalt gewesen sein. Aber sagt mir doch: was war dieser Edelmann fur ein Landsmann?"
"Je nun, ich denke", antwortete Rudolph, "er wird wohl ein Deutscher gewesen sein, und jetzt erinnere ich mich deutlich, er war aus Franken."
"Nun so seid so gut, und fahrt fort."
"Er kam nach Hause und ass nicht. Leopold, sein vertrautester Freund, besuchte ihn, aber er sprach nur wenig mit diesem. 'Warum bist du so in Gedanken?' fragte Leopold. 'Mir ist nicht wohl', antwortete jener, und mit dieser Antwort musste der Freund zufrieden sein.
So verstrichen einige Wochen und Ferdinand ward mit seinen Worten immer sparsamer. Sein Freund wurde besorgt, denn er bemerkte, dass Ferdinand alle Gesellschaften vermied, dass er fast bestandig im Walde oder auf der Wiese lebte, dass er jedem Gesprache aus dem Wege ging. An einem Abende horte Leopold folgendes Lied singen. Ihr habt wohl nichts dagegen, dass ich es gleich selbst absinge, es nimmt sich dadurch besser aus.
Soll ich harren? Soll mein Herz
Endlich brechen?
Soll ich niemals von dem Schmerz
Meines Busens sprechen?
Warum Zittern? Warum Zagen?
Trages Weilen?
Auf, dein hochstes Gluck zu wagen!
Flugle deine Eile!
Suchen werd ich: werd ich finden?
Nach der Ferne
Treibt das Herz; durch bluhnde Linden
Lacheln dir die Sterne.
Leopold horte aufmerksam dem ratselhaften Liede zu; dann ging er in den Wald hinein, und traf seinen Freund in Tranen. Er ward bei diesem Anblick erschuttert und redete ihn so an: 'Liebster, warum willst du mich so bekummern, dass du mir kein Wort von deinem Leiden anvertraust? Ich sehe es taglich, wie dein Leben sich aufzehrt, und unwissend muss ich mit dir leiden, ohne dass ich raten und trosten konnte. Warum nennst du mich deinen Freund? Ich bin es nicht, wenn du mich nicht deines Vertrauens wurdig achtest. Jetzt gilt es, dass ich deine Liebe zu mir auf die Probe stelle, und was furchtest du, dich mir zu entdecken? Wenn du unglucklich bist, wo findest du sichern Trost, als im Busen eines Freundes? Bist du dich einer Schuld bewusst, wer verzeiht dir williger, als die Liebe?'
Ferdinand sah ihn eine Weile an, dann sagte er: 'Keines von beiden, mein lieber Freund, ist bei mir der Fall; sondern eine wunderseltsame Sache belastet mein Herz so gewaltsam, die ich dir noch nicht habe anvertrauen wollen, weil ich mich vor dir schame. Ich furchte deine Vernunft, ich furchte, dass du mir das sagst, was ich mir selber taglich und stundlich sage; ich furchte, dass du zwar deinen Freund, aber nicht seine unbegreifliche Torheit liebst. Doch will ich dir alles gestehen, und nun erfahren, welchen Rat, welchen Trost du mir geben kannst. Sieh dieses Gemalde, das ich vor einigen Wochen fand, und das seitdem meinen Sinn so ganzlich umgewandelt hat. Mit ihm habe ich mein hochstes Gluck, ja mich selber gefunden, denn ich lebte vorher ohne Seele, ich kannte mich und die Seligkeit der Welt nicht, denn ich wurde ohne alles Gluck in der Welt fertig. Seitdem ist mir, als wenn ein unbekanntes Wesen mir aus den Morgenwolken die Hand gereicht, und mich mit susser Stimme bei meinem Namen genannt hatte. Aber zugleich habe ich in diesem Bilde meinen grossten Feind gefunden, der mir keine Minute Ruhe lasst, der mich auf jeden Schritt verfolgt, der mir alle ubrigen Freuden dieser Erde als etwas Armseliges und Verachtliches darstellt. Ich darf mein Auge nicht davon hinwegwenden, so befallt mich eine marternde Sehnsucht, und wenn ich nun daraufblicke, und diesen sussen Mund, und diese schonen Augen antreffe, so ergreift eine schreckliche Beklemmung mein Herz, so dass ich in unnutzen Kampfen, in Streben und Wunschen vergehe, und mein Leben sich verzehrt, wie du richtig gesagt hast. Aber es muss sich nun endigen; mit dem kommenden Morgen will ich mich aufmachen und das Land durchziehen, um diejenige wirklich aufzufinden, von der ich bis jetzt nur den Schatten besitze. Sie muss irgendwo sein, sie muss meine Liebe kennenlernen, und ich sterbe dann entweder in oder Einsamkeit, oder sie erwidert diese Liebe.'
Leopold stand lange staunend und betrachtete seinen Freund, endlich rief er aus: 'Unglucklicher! Wohin hast du dich verirrt? An diesen Schmerzen hat sich vielleicht bisher noch keiner der Sterblichen verblutet. Was soll ich dir sagen? Wie soll ich dir raten? Der Wahnsinn hat sich deiner schon bemeistert und alle Hulfe kommt zu spat. Wenn nun das Original dieses Bildes auf der ganzen Erde nicht zu finden ist! und wie leicht kann es bloss die Imagination eines Malers sein, die dieses zierliche Kopfchen hervorgebracht hat! Oder sie kann auch gelebt haben, und ist nun schon gestorben, oder sie ist die Gattin eines andern, und Mutter vieler Kinder und Enkel, so dass du sie, vom Alter entstellt, nicht einmal kennst, wenn du sie auch wirklich finden solltest. Glaubst du, dass sich dir zu Gefallen das Wunder des Pygmalion erneuern werde? Ist es nicht ebenso gut, als wenn du die Helena von Griechenland, oder die agyptische Kleopatra lieben wolltest? Bedenke dein Wohl, und lass dich nicht von einer Leidenschaft unterjochen, die offenbar aberwitzig ist. Deine Empfindung ist so widersinnig, dass hier oder nirgend deine Vernunft auftreten und dich aus dem Labyrinthe erretten muss, und mich wundert nur, wie du sie schon so hast unterdrucken konnen, dass es so weit mit dir gekommen ist.'"
"Nun, der Mann hat doch wahrlich vollig recht", rief Vansen aus, "und ich bin neugierig, was der verliebte Schwarmer wohl darauf wird antworten konnen."
"Gewiss gar nichts", sagte Herr Peters, "er wird einsehen, wie gut es sein Freund mit ihm meint, und das wunderliche Abenteuer fahrenlassen."
"Einiges getraute ich mir wohl zu sagen", versetzte Sternbald, "wenn ich nicht die Geschichte zu unterbrechen furchtete."
Rudolph sah ihn lachelnd an, und fuhr fort: "Ferdinand schwieg eine Weile still, dann sagte er: 'Liebster Freund, deine Worte konnen mich auf keine Weise beruhigen, und wenn du mich und mein Herz kenntest, so wurdest du auch darauf gar nicht ausgehen wollen. Ich gebe dir recht, du hast vollkommen vernunftig gesprochen; allein was ist mir damit geholfen? Ich kann dir nichts antworten, ich fuhle nur, dass ich elend bin, wenn ich nicht gehe und jenes Bild aufsuche, das meine Seele ganz regiert. Denn konnte ich vernunftig sein, so wurde ich gewiss nicht einen Traum lieben; konnt ich auf deinen Rat horen, so wurde ich mich nicht in der Nacht schlaflos auf meinem Lager walzen. Denn wenn ich nun auch wirklich die Helena, oder die agyptische Kleopatra liebte, mit dieser heissen brennenden Liebe des Herzens, wenn ich nun auch ginge, und sie in der weiten Welt aufsuchte, so wie ich jetzt ein Bild suche, dass vielleicht nirgendwo ist: was konnte mir auch dann all dein Reden nutzen? Doch nein, sie lebt, mein Herz sagt es mir, dass sie fur mich lebt, und dass sie mich mit stiller Ahndung erwartet. Und wenn ich sie nun gefunden habe, wenn die Sterne gunstig auf mein Tun herunterscheinen, wenn ich sie in meinen Armen zuruckbringe, dann wirst du mein Gluck preisen, und mein jetziges Beginnen nicht mehr unvernunftig schelten. So hangt es also bloss von Gluck und Zufall ab, ob ich vernunftig oder unvernunftig handle, ob die Menschen mich schelten oder loben; wie kann also dein Rat gut sein? Wie konnte ich vernunftig handeln, wenn ich ihm folgte? Wer nie wagt, kann nie gewinnen, wer nie den ersten Schritt tut, kann keine Reise vollbringen, wer das Gluck nicht auf die Probe stellt, kann nicht erfahren, ob es ihm gunstig ist. Ich will also getrost diesen Weg einschlagen, und sehn, wohin er mich fuhrt. Ich komme entweder vergnugt, oder nicht zuruck. Hast du nie die wunderbare Geschichte von Gottfried Rudell gehort?'
'Nein,' sagte Leopold verwirrt. 'So will ich sie dir erzahlen', sprach der Liebende, 'denn sie bestatigt mein Gefuhl, das dir so einzig und widersinnig erscheint.'"
"Halt!" rief Vansen, "die Sache neigt sich zum Verwirrten, dass hier eine neue Erzahlung in die vorige eingeflochten wird."
"Und was schadet es", sagte Florestan, "wenn es Euch nur unterhalt und die Zeit vergeht?"
"Es steht nur zu besorgen", sagte Peters bedachtlich, "dass es uns nicht unterhalten werde, denn man wird gar leicht konfuse, und da die Sache an sich selbst schon nicht sehr interessiert, so wird diese Episode das Ubel nur arger machen."
"Was kann ich denn aber dafur", erwiderte Rudolph, "dass der verliebte Schwarmer seinem Freunde damals diese Historie wirklich erzahlt hat? Ich muss doch der Wahrheit getreu bleiben."
"Nun so erzahlt wie Ihr wollt", sagte Vansen, "tragt die neue Geschichte vor, aber nur unter der Bedingung, dass in dieser Historie sich nicht wieder eine neue entspinnt, denn das konnte sonst bis ins Unendliche fortgesetzt werden."
"Also denn", nahm Florestan wieder das Wort, "fing der schwarmende Ferdinand seinem vernunftigen Freunde Leopold mit diesen Worten die Geschichte des Gottfried Rudell zu erzahlen an: 'Dieser Rudell, mein teurer Freund, war einer von den Dichtern in der Provence, in jener schonen Zeit, als die Welt durch Lieder und susse Sprache, die Menschen durch Sehnsucht, die Lander durch Ritterschaft und der Orient mit Europa durch die heiligen Kriege verbunden waren. Dieser Sanger Gottfried, aus adelichem Geschlecht, machte sich durch seine lieblichen Weisen so beruhmt, dass ihm Herren und Grafen gewogen waren und ein grosser Furst sich um seine Freundschaft bewarb, und ihn niemals von seiner Seite lassen wollte. Da fugte es sich, dass Pilger, die aus dem Heiligen Lande zuruckkehrten, ihm unter den Wundern der fremden Lander auch die Grafin von Tripolis nannten, und ihm ihre hohe Tugend, ihre Schonheit und ihren Reiz beschrieben. Er sah andre Reisende, die aus der Gegend zuruckwanderten, und wieder fragte er, und wieder ruhmten sie entzuckt die uberirdische Schonheit des Frauenbildes. Seine Imagination ward von diesen Schilderungen so ergriffen, dass er begeistert das Lob der Dame in die Tone seiner Laute sang. Ein Freund sagte einmal scherzend, indem er seinen Gesang bewunderte: 'Du bist entzuckt, Dichter, kannst du denn so uber Meere hinuber vielleicht lieben, ohne den Gegenstand deiner Leidenschaft zu kennen, oder je mit irdischen Augen gesehn zu haben?' 'Wie, wenn sie mir nun selbst im Gemute, in meinem Innern wohnt, besitze ich sie dann nicht naher, als jeder andre Sterbliche?' antwortete der Sanger mit einer andern Scherzrede: 'glaubt mir, Freunde', fuhr er fort, 'von ahnlichen seltsamen Erscheinungen konnte ich euch Wunder erzahlen.'"
Vansen rausperte sich, Sternbald nickte dem Erzahler lachelnd zu, der, ohne sich storen zu lassen, so fortfuhr: "Nur zu bald wurde ernste Wahrheit aus diesen Reden. Eine unbegreifliche Sehnsucht nach dem fernen niegesehenen Wesen fasste und durchstromte die Brust des Dichters; wie alle Quellen zu den Stromen, wie alle Strome zum Meere unaufhaltsam fluten, so zogen alle Krafte seiner Seele nur ihr, der Einzigen, Ungekannten zu. Er konnte nicht mehr zuruckbleiben, er musste die weite Reise unternehmen. Seine Freunde baten, der Furst, sein Beschutzer, beschwur ihn, aber umsonst; wollten sie ihn nicht sterben sehn, so mussen sie ihn gewahren lassen. Er stieg zu Schiffe. Die Winde waren ihm zu langsam, mit den Liedern seiner Sehnsucht wollte er die Segel fullen, und den Lauf des Fahrzeuges mit Gedankenschnelle beflugeln. Unendlich schone Lieder sang er von ihr, er verglich und pries ihre Schonheit gegen alles was Himmel und Erde, Meer und Luft Reizendes und Lieblichest. Aber sein Herz brach; er sank schwerkrank darnieder, als die Schiffer vom Mast schon fern, ganz fern das ersehnte Ufer wie eine Nebelwolke erspahten. Er raffte sich auf, er spannte sein Auge an, seine Seele flog schon an das Gestade. Das Schiff lief in den Hafen ein, das fremde Volk stromte herzu, um Nachrichten aus der Christenheit zu erfahren. Auch die Prinzessin wandelte in der Nahe der Kuhlung der Palmen. Sie horte von dem Sterbenden, sie stieg zum Schiff hernieder. Da sass er, an die Schultern eines Freundes gelehnt und sahe nun den Glanz der Augen, die Schonheit der Wangen, die Frische der Lippe, die Fulle des Busens, die er so oft in seinen Liedern gepriesen hatte. 'O wie begluckt bin ich!' rief er aus, 'dass doch mein brechendes Auge noch wahrhaft sieht, was ich ahndete, und dass die Wahrheit meine Ahndung ubertrifft. Ja, so wird es mit aller Schonheit sein, wenn sie sich einst schleierlos unserm entkorperten Auge zeigt.' Der weinende Freund sagte ihr, wer sich anbetend zu ihren Fussen niedergeworfen hatte, sie kannte seinen Namen und manche seiner geflugelten Tone waren schon uber das Meer zu ihrem Ohre gekommen; sie beugte sich nieder und hob ihn auf, er lag in ihren Armen, das susseste Lacheln schwebte im Andenken seiner Wonne auf seinem bleichen Antlitz, denn er war schon verschieden. 'So liebt mich niemand mehr, so liebt auf Erden niemand', seufzte die Furstin, kusste zum ersten- und letztenmal den stummen, sonst so gesangreichen Mund, und nahm den Nonnenschleier.'
'Glaubst du denn eine Silbe von diesem alten Marchen?' fuhr Leopold auf. 'Dergleichen ist nicht moglich und gegen alle Natur, es ist nur Dichtung und Luge eines Mussiggangers.'"
"Der trifft den Nagel auf den Kopf", sagte Vansen, "dergleichen hat sich nie wirklich begeben."
"Es ist unbegreiflich", merkte Peters an, "wie der menschliche Geist nur auf dergleichen Torheiten verfallen kann: noch seltsamer aber, dass sich ein andrer Aberwitziger mit solchem Wahnsinn trosten will."
"Und ist es denn nicht dasselbe", sagte Sternbald nicht ohne Ruhrung, "diese Geschichte mag wahr oder ersonnen sein? Wer erfand sie denn wohl? Niemand als die Liebe selbst, und diese ist ja doch wundervoller, als alle Dichtungen und Lieder sie darstellen konnen?"
"Wenn Ihr in der Malerei", sagte Vansen, "ebensosehr fur das Unnaturliche eingenommen seid, wo dann Farben und Figuren hernehmen, junger Freund?"
"Nach dieser Erzahlung", so fing Florestan von neuem an, "nahm Ferdinand seinen Freund herzlich in die Arme. 'Lass mich gehen', sagte er, 'sei nicht traurig, denn du siehst mich gewiss wieder, ich bleibe gewiss nicht aus. Vielleicht andert sich auch unterwegs mein Gemut, wenn ich die mannigfaltige Welt mit ihren wechselnden Gestalten erblicke; wie sich dieses Gefuhl wunderbarlich meines Herzens bemeistert hat, so kann es mich ja auch plotzlich wieder loslassen.'
Sie gingen nach Hause, und am folgenden Morgen trat Ferdinand wirklich seine seltsame Wanderschaft an. Leopold sah ihm mit Tranen nach, denn er hielt die Leidenschaft seines Freundes fur Wahnsinn, er hatte ihn gern begleitet, aber jener wollte durchaus nur allein das Ziel seiner Pilgerfahrt suchen.
Er wusste naturlich nicht, wohin er seinen Weg richten sollte, er ging daher auf der ersten Strasse fort, auf welche er traf. Seine Seele war unaufhorlich mit dem geliebten Bilde angefullt, in der reizendsten Gestalt sah er es vor sich hinschweben und folgte ihm wie unwillkurlich nach. In den Waldern sass er oft still und dichtete ein Lied auf seine wunderbare Leidenschaft; dann horte er dem Gesange der Nachtigallen zu, und vertiefte und verlor sich so sehr in sich selber, dass er die Nacht im Walde bleiben musste.
Zuweilen erwachte er wie aus einem tiefen Schlafe, und uberdachte dann seinen Vorsatz mit kalterem Blute, alles, was er wollte und wunschte, kam ihm dann wie eine Traumgestalt vor; er bestrebte sich oft, sich des Zustandes seiner Seele zu erinnern, ehe er das Bildnis im Grase gefunden hatte, aber es war ihm unmoglich. So wandelte er fort, und verirrte sich endlich von der Strasse, indem er in einen dicken Wald geriet, der gar kein Ende zu haben schien.
Er ging weiter und traf immer noch keinen Ausweg, das Geholz ward immer dichter, Vogel schrien und larmten mit seltsamen Tonen durch die stille Einsamkeit. Jetzt dachte er an seinen Freund, ihm schien selber sein Unternehmen wahnsinnig, und er nahm sich vor, am folgenden Tage nach seinem Schlosse zuruckzukehren. Es wurde Nacht, und wie wenn eine Verblendung, eine Krankheit, eine traumende Betaubung plotzlich von ihm genommen sei, so verschwand seine Leidenschaft, es war wie ein Erwachen aus einem schweren Traume. Er wanderte durch die Nacht weiter, denn der Mond warf seinen Schimmer durch die Zweige, er sah schon seinen Freund vergnugt und versohnt vor sich stehn, er dachte sich sein kunftiges ruhiges Leben. Unter diesen Betrachtungen brach der Morgen an, die Sonne senkte ihre fruhen Strahlen durch das grune Gebusch, und neuer Mut und neue Heiterkeit ward in ihm wach. Er betrachtete das Gemalde wieder, und wusste nicht, was er tun sollte. Alle seine Entschlusse fingen an zu wanken, jedes andre Leben erschien ihm leer und nuchtern, er wunschte und dachte nur sie. Denn aus der Farbe, aus dem Schmuck bluhte wie ein voller knospenschwerer Fruhling die Sehnsucht wieder auf ihn zu und umfing ihn mit duftenden blumenden Zweigen. Da war keine Rettung, er musste sie wieder glauben, sie von neuem wunschen und suchen. 'Wohin soll ich mich wenden?' rief er aus. 'O Morgenrot! zeige mir den Weg! ruft mir, ihr Lerchen, und zieht auf meiner Bahn voran, damit ich wissen moge, wohin ich den irren Fuss setzen soll.
Meine Seele schwankt in Leid und Freude, kein Entschluss kann Wurzel fassen, ich weiss nicht, was ich bin, ich weiss nicht, was ich suche.'
Indem er so mit sich selber sprach, trat er aus dem Walde, und eine schone Ebene mit angenehmen Hugeln lag vor ihm. In der Ferne standen Kruzifixe und kleine Kapellen im Glanz der Morgensonne. Der Trieb weiterzuwandern, und den Inhalt seiner Gedanken aufzusuchen, ergriff den Jungling mit neuer Gewalt. Da sah er in der Entfernung eine Gestalt sich auf der Wiese bewegen, und als er weiterging, unterschied er, dass es eine Pilgerin sei. Die Gegenwart eines Menschen zog ihn nach der langen Einsamkeit an, er verdoppelte seine Schritte. Jetzt war er naher gekommen, als die Pilgerin vor einem Kruzifix am Wege niederkniete, die Hande in die Hohe hob, und andachtig betete. Indem kam ein Reuter vom nachsten Hugel heruntergesprengt; als er naher kam, sah Ferdinand, dass es derselbe sei, der ihm an jenem Morgen voruberflog, als er sein geliebtes Bildnis fand. Der Reuter stieg schnell ab und naherte sich der Betenden; als er sie mit einem genauen Blicke gepruft, ergriff er sie mit einer ungestumen Bewegung. Sie streckte die Hande aus und rief um Hulfe. Zwei Diener kamen mit ihren Pferden, und wollten sich auf Befehl ihres Herrn der Pilgerin bemachtigen. Ferdinands Herz ward bewegt, er zog den Degen und sturzte auf die Rauber ein, die sich zur Wehre setzten. Nach einem kurzen Gefechte verwundete er den Ritter; dieser sank nieder, und die Diener nahmen sich erschreckt seiner an. Da er in Ohnmacht lag, so trugen sie ihn zu seinem Pferde, um im nachsten Orte Hulfe zu suchen. Die Pilgerin hatte die Zeit des Kampfes benutzt, und war indessen feldeinwarts geflohen, Ferdinand erblickte sie in einer ziemlichen Entfernung. Er eilte ihr nach und sagte: 'Ihr seid gerettet, Pilgerin, Ihr mogt nun ungehindert Eures Weges fortziehen, die Rauber haben sich entfernt.' Sie konnte vor Angst noch nicht antworten, sie dankte ihm mit einem scheuen Blicke. Er glaubte sie zu kennen, doch konnte er sich nicht erinnern, sie sonst schon gesehn zu haben. 'Ich bin Euch meinen herzlichsten Dank schuldig,' sagte sie endlich, 'ich wollte nach einem wundertatigen Bilde der Muttergottes wallfahrten, als jener Rauber mich uberfiel.'
'Ich will Euch begleiten,' sagte Ferdinand, 'bis Ihr vollig in Sicherheit seid; aber furchtet nichts, er ist schwer verwundet, vielleicht tot. Doch kehrt zur Strasse zuruck, denn auf diesem Wege gehn wir nur in der Irre.'
Indem kam ein Gewitter heraufgezogen, und ein Hagelschauer fiel nieder. Die beiden Wanderer retteten sich vor dem Platzregen in einer kleinen Kapelle, die dicht vor einem Walde stand. Die Pilgerin war angstlich, indem die Donnerschlage in den Bergen widerhallten, und Ferdinand suchte sie zu beruhigen; die Furcht druckte sie an seine Brust, seine Wange trank ihren Atem. Endlich horte das Gewitter auf, und ein lieblicher Regenbogen stand am Himmel, der Wald war frisch und grun und alle Blatter funkelten von Tropfen, die Schwule des Tages war voruber, die ganze Natur durchwehte ein kuhler Lufthauch, alle Baume, alle Blumen waren frohlich. Sie standen beide und sahen in die erfrischte Welt hinaus, die Pilgerin lehnte sich an Ferdinands Schulter. Da war es ihm, als wenn sich ihm alle Sinne auftaten, als wenn auch aus seinem Gemute die druckende Schwule fortzoge, denn er erkannte nun das liebliche Gesicht, das ihm vertraulich so nahe war; es war das Original jenes Gemaldes, das er mit so heftiger Sehnsucht gesucht hatte. So freut sich der Durstende, wenn er lange schmachtend in der heissen Wuste umherirrte, und nun den Quell in seiner Nahe rieseln hort; so der verirrte Wandersmann, der nun endlich am spaten Abend die Glocken der Herden vernimmt, das abendliche Getose des nahen Dorfes, und dem nun vor allen Menschen ein alter Herzensfreund zuerst entgegentritt.
Ferdinand zog das Gemalde hervor, die Pilgerin erkannte es. Sie erzahlte, dass derselbe junge Ritter, von dem Ferdinand sie heute befreite, und der in ihrer Nachbarschaft lebe, sie habe malen lassen; sie sei elternlos und von armen Leuten auferzogen, aber sie habe sich entschliessen mussen, von dort der Liebe des Ritters zu entfliehen, weil seine Leidenschaft, sein Lobpreisen ihrer Schonheit nur ihren tiefsten Unwillen erweckte. 'Drum hab ich,' so beschloss sie, 'nach dem heiligen wundertatigen Marienbilde eine Wallfahrt tun wollen, und bin dabei unter Euren Schutz geraten, den ich Euch nie genug danken kann.'
Ferdinand konnte erst vor Entzucken nicht sprechen, er traute seiner eigenen Uberzeugung nicht, dass er den gesuchten Schatz wirklich erbeutet habe; er erzahlte der Fremden, die sich Leonore nannte, wie er das Bildnis gefunden und wie es ihn bewegt habe, wie er endlich den Entschluss gefasst, sie in weiter Welt aufzusuchen, um zu sterben, oder sein Gemut zu beruhigen. Sie horte ihm geduldig und mit Lacheln zu, und als er geendigt hatte, nahm sie seine Hand und sagte: 'Wahrlich, Ritter, ich bin Euch mein Leben schuldig, und noch gegen niemand habe ich die Freundschaft empfunden, die ich zu Euch trage. Aber kommt, und lasst uns irgendeine Herberge suchen, denn der Abend bricht herein.'
Die untergehende Sonne farbte die Wolken schon mit Gold und Purpur, der Weg fuhrte sie durch den Wald, in welchem ein kuhler Abendwind sich in den nassen Blattern bewegte. Ferdinand fuhrte die Pilgerin und druckte ihre Hand an sein klopfendes Herz; sie war stumm. Die Nacht naherte sich mehr und mehr, und noch trafen sie kein Dorf und keine Hutte; der Jungfrau ward bange, der Wald wurde dichter, und einzelne Sterne traten schon aus dem blauen Himmel hervor. Da horten sie plotzlich von abseits her ein geistliches Lied ertonen, sie gingen dem Schalle nach, und sahen in einiger Entfernung die Klause eines Einsiedels vor sich, ein kleines Licht brannte in der Zelle, und er kniete vor einem Kreuze, indem er mit lauter Stimme sang. Sie horten eine Weile dem Liede zu, die Nacht war hereingebrochen, die ganze ubrige Welt war still; dann gingen sie Hand in Hand naher. Als sie vor der Zelle standen, fragte Ferdinand das Madchen leise: 'Liebst du mich?' Sie schlug die Augen nieder und druckte ihm die Hand; er wagte es und heftete einen Kuss auf ihren schonen Mund, sie widersetzte sich nicht. Zitternd traten sie zum Eremiten hinein, und baten um ein Nachtlager als verirrte Wanderer. Der alte Einsiedel hiess sie willkommen und liess sie niedersitzen; dann trug er ihnen ein kleines Mahl von Milch und Fruchten auf, an dem sie sich erquickten. Ferdinand war sich vor Gluckseligkeit kaum seiner selbst bewusst, er fuhlte sich wie in einer neuen Welt, alles, was vor heute geschehen war, gehorte gleichsam nicht in seinen Lebenslauf; von diesem entzuckenden Kusse, der ihm alle Sinnen geraubt hatte, begann ihm ein neues Gestirn, eine neue Sonne emporzuleuchten, alles vorige Licht war nur Dammerung und Finsternis gewesen. Der Einsiedel wies Leonoren ein Lager an, und Ferdinand musste sich gegenuber in eine kleine leere Hutte begeben.
Er konnte in der Nacht nicht schlafen, seine gluckliche Zukunft trat vor sein Lager und erhielt seine Augen wach, er ward nicht mude hinunterzusehn und in dem glucklichen Reiche seiner Liebe auf und ab zu wandeln. Leonorens Stimme schien ihm bestandig widerzutonen, er glaubte sie nahe und streckte die Arme nach ihr aus, er rief sie laut und weinte, indem er sich allein sah. Als der Mondschimmer erblasste, und die Morgenrote nach und nach am Himmel heraufspielte, da verliess er die Hutte, setzte sich unter einen Baum und traumte von seinem Glucke.
Da sah er plotzlich den Ritter wieder aus dem Dikkicht kommen, den er gestern auf dem Felde verwundet hatte; zwei Diener folgten ihm. Eben sollte der Zweikampf von neuem beginnen, als der Eremit aus seiner Klause trat. Dieser horte den Verwundeten Bertram nennen, und erkundigte sich nach dem Orte seines Aufenthaltes und nach seinen Verwandten. Der Fremde nannte beides und der Einsiedel fiel ihm weinend um den Hals, indem er ihn seinen Sohn nannte. Er war es wirklich; als der Vater sich aus der Welt zuruckzog, ubergab er diesen Sohn seinem Bruder, der nach einiger Zeit von den Unruhen des Krieges vertrieben seinen Wohnort anderte, und so den Sohn dem Einsiedler naher brachte, als er es ahnden konnte. 'Wenn ich jetzt nur noch Nachrichten von meiner Tochter uberkame,' rief der Einsiedler aus, 'so ware ich unaussprechlich glucklich!' Leonore trat aus der Tur, weil sie das Gerausch vernommen hatte. Ferdinand ging auf sie zu, und Bertram sturzte sogleich herbei, als er die Pilgerin gewahr ward. Der Einsiedler betrachtete sie aufmerksam; 'woher, schones Kind,' fragte er zagend, 'habt Ihr diesen kunstreich gefassten Stein, der Euer Ohr schmuckt?' Leonore sagte: 'Meine Pflegeeltern haben mir schon fruh dies Geschmeide eingehangt, und mich beschworen, es wie einen Talisman zu bewahren, indem es das Andenken von einem hochst wurdigen Manne sei.'
'Du bist meine Tochter!' sagte der alte Eremit, 'ich ubergab dich jenen Leuten, als ich von meinem Wohnsitze durch der Feinde siegreiches Heer vertrieben wurde. O wie glucklich macht mich dieser Tag!'"
"Was kann das fur ein Krieg gewesen sein?" rief Vansen aus.
"O irgendeiner", antwortete Rudolph hastig. "Ihr musst die Sachen nie so genau nehmen, es ist mir in der Geschichte um einen Krieg zu tun, und da musst Ihr gar nicht fragen: Wie? Wo? Wann geschahe das? Denn solche Erzahlungen sind immer nur aus der Luft gegriffen, und man muss sich fur die Geschichte aber, fur nichts anders ausser ihr interessieren."
"Erlaubt", sagte Franz bescheiden, "dass ich Euch widerspreche, denn ich bin hierin ganz andrer Meinung. Wenn mir eine Erzahlung, sei sie auch nur ein Marchen, Zeit und Ort bestimmt, so macht sie dadurch alles um so lebendiger, die ganze Erde wird dadurch mit befreundeten Geistern bevolkert, und wenn ich nachher den Boden betrete, von dem mir eine liebe Fabel sagte, so ist er dadurch gleichsam eingeweiht, jeder Stein, jeder Baum hat dann eine poetische Bedeutung fur mich. Ebenso ist es mit der Zeit. Hore ich von einer Begebenheit, werden Namen aus der Geschichte genannt, so fallen mir zugleich jene poetischen Schatten dabei ins Gedachtnis, und machen mir den ganzen Zeitraum lieber."
"Nun das kann alles gut sein", sagte Rudolph, "das andre ist aber auch nicht minder gut und vernunftig, dass man sich weder um Zeit noch Ort bekummert. So mag es also wohl der Hussitenkrieg gewesen sein, der alle diese Verwirrungen in unsrer Familie angerichtet hat.
Der Schluss der Geschichte findet sich von selbst. Alle waren voller Freude, Leonore und Ferdinand fuhlten sich durch gegenseitige Liebe glucklich, und der Eremit blieb im Walde, sosehr ihm auch alle zuredeten, zur Welt zuruckzukehren.
Es vermehrte noch eine Person die Gesellschaft, und niemand anders als Leopold, der ausgereiset war, seinen Freund aufzusuchen. Ferdinand erzahlte ihm sein Gluck und stellte ihm Leonoren als seine Braut vor. Leopold freute sich mit ihm und sagte: 'Aber, liebster Freund, danke dem Himmel, denn du hast bei weitem mehr Gluck als Verstand gehabt.' 'Das begegnet jedem Sterblichen,' erwiderte Ferdinand, 'und wie elend musste der Mensch sein, wenn es irgendeinmal einen solchen geben sollte, der mehr Verstand als Gluck hatte?'"
Hier schwieg Rudolph. Einige von den Herren waren wahrend der Erzahlung eingeschlafen; Franz war sehr nachdenkend geworden. Fast alles, was er horte und sah, bezog er auf sich, und so traf er in dieser Erzahlung auch seine eigene Geschichte an. Sonderbar war es, dass ihn der Schluss beruhigte, dass er dem Glucke vertraute, dass es ihn seine Geliebte und seine Eltern wurde finden lassen.
Franz und Rudolph wurden im Verfolg der Reise vertrauter, sie beschlossen miteinander nach Italien zu gehn. Rudolph war immer vergnugt, sein Mut verliess ihn nie, und das war fur Franz in vielen Stunden sehr erquicklich, der fast bestandig ein Misstrauen gegen sich selber hatte. Es fugte sich, dass einige Meilen vor Antwerpen das Schiff eine Zeitlang stilliegen musste, ein Boot ward ausgesetzt, und Franz und Rudolph nahmen sich vor, den kleinen Rest der Reise zu Lande zu machen.
Es war ein schoner Tag. Die Sonne breitete sich hell uber die Ebene aus, Rudolph war willens, nach einem Dorfe zu gehn, um ein Madchen dort zu besuchen, das er vor sechs Monaten hatte kennen lernen. "Du musst nicht glauben, Franz", sagte er, "dass ich meiner Geliebten in Italien wahrhaft untreu bin, oder dass ich sie vergesse, denn das ist unmoglich, aber ich lernte diese Niederlanderin auf eine wunderliche Weise kennen, wir wurden so schnell miteinander bekannt, dass mir das Andenken jener Stunden immer teuer sein wird."
"Dein frohes Gemut ist eine gluckliche Gabe des Himmels", antwortete Franz, "dir bleibt alles neu, keine Freude veraltet dir, und du bist mit der ganzen Welt zufrieden."
"Warum sollte man es nicht sein?" rief Rudolph aus; "ist denn die Welt nicht schon, so wie sie ist? Mir ist das ernsthafte Klagen zuwider, weil die wenigsten Menschen wissen, was sie wollen, oder was sie wunschen. Sie sind blind und wollen sehen, sie sehn, und sie wollen blind sein."
"Bist du aber nie traurig oder verdriesslich?"
"O ja, warum das nicht? Es kehren bei jedem Menschen Stunden ein, in denen er nicht weiss, was er mit sich selber anfangen soll, wo er herumgreift, und nach allen seinen Talenten, oder Kenntnissen, oder Narrheiten sucht, um sich zu trosten, und nichts will ihm helfen. Oft ist unser eigenes narrisches Herz die Quelle dieser Ubel. Aber bei mir dauert ein solcher Zustand nie lange. So konnt ich mich gramen, wenn ich an Bianca denke, sie kann krank sein, sie kann sterben, sie kann mich vergessen, und dann mache ich mir Vorwurfe daruber, dass ich mich zu dieser Reise drangte, die auch jeder andre hatte unternehmen konnen. Doch, was hilft alles Sorgen?"
Sie hatten sich unter einen Baum niedergesetzt, jetzt stand Rudolph auf. "Lebe wohl", sagte er schnell, "es ist zu kalt zum Sitzen; ich muss noch weit gehn, das Madchen wird auf mich warten, ich sprach sie, als ich nach England hinuberging. In Antwerpen sehn wir uns wieder."
Er eilte schnell davon und Franz setzte seinen Weg nach der Stadt fort, da aber die Tage schon kurz waren, musste er in einem Dorfe vor Antwerpen ubernachten.
Sechstes Kapitel
Die grosse Handelstatigkeit in Antwerpen war fur Franz ein ganz neues Schauspiel. Es kam ihm wunderbar vor, wie sich hier die Menschen untereinander verliefen, wie sie ein bewegtes Meer darstellten, und jeglicher nur seinen Vorteil vor Augen hatte. Hier fiel ihm kein Kunstgedanke ein, ja wenn er die Menge der grossen Schiffe sah, die Betriebsamkeit Geld zu gewinnen, die Spannungen aller Gemuter auf den Handel, die Versammlungen auf der Borse, so kam es ihm als etwas Unmogliches vor, dass irgendein Mensch aus diesem verwirrten Haufen sich der stillen Kunst ergeben konne. Er horte nichts anders, als welche Schiffe gekommen und abgegangen waren, so wie die Namen der vornehmsten Kaufleute, die jedem Knaben gelaufig waren, es entging ihm nicht, wie selbst auf den Spaziergangen die Handelsleute ihre kaufmannischen Gesprache und Spekulationen fortsetzten, und er ward von diesem neuen Anblicke des Lebens zu sehr betrubt, als dass er ihn hatte niederschlagen konnen.
Vansen lebte hier als Kaufmann vom zweiten oder dritten Range, der nicht sehr bedeutende Geschafte machte, und daher nicht zu den bekannteren gehorte, der sich aber durch Aufmerksamkeit und gute Haushaltung ein ansehnliches Vermogen erworben hatte. Sternbald suchte ihn nach einigen Tagen auf, und das Haus seines neuen Freundes war ihm wie ein Schutzort, wie ein stilles Asyl gegen das tobende Gewuhl der Stadt. Vansen wohnte in einer entlegenen Gegend, ein kleiner Garten war hinter seinem Hause; er sprach nur selten von seinen kaufmannischen Geschaften, und hatte nicht die Eitelkeit, andern, die nichts davon begriffen, seine Spekulationen mitzuteilen: er liebte es im Gegenteil, sich von der Kunst zu unterhalten, und er suchte eine Ehre darin, fur einen Kenner zu gelten. Sternbalds kindliches Gemut schloss sich nach kurzer Zeit diesem Manne an, er hielt ihn in seiner Unbefangenheit fur mehr, als er wirklich war; denn Vansens Liebe zur Malerei war nichts als ein blinder Trieb, der sich zufalligerweise auf diese Kunst geworfen hatte. Er hatte angefangen, Gemalde zu kaufen, und nachdem er sich einige Kenntnisse erworben hatte, war es nur Eitelkeit und Sucht zu sammeln und aufzuhaufen, dass er es nicht mude ward, sich um Gemalde und ihre Meister zu bekummern. So treiben viele Menschen irgendeine Wissenschaft oder Beschaftigung, und der wahre Kunstler irrt sehr, wenn er unter diesen die verwandten Geister und die Verehrer der Kunst sucht.
Vansen hatte nur eine einzige Tochter, die er ungemein liebte. Sie galt in der Nachbarschaft fur schon, und wirklich war ihr uppiger Wuchs, ihr heitres, strahlendes Gesicht in seiner kindlichen Rundung, und ihre klare weisse und rote Farbe neben den sprechenden Augen reizend zu nennen. Der Kaufmann bat unsern jungen Maler, sich mit dem Bildnis seiner Tochter zu versuchen, und Franz machte sich hurtig an die Arbeit. Seine Phantasie war nicht gespannt, er forderte nicht zu viel von sich, und das Bild ruckte schnell fort und gelang ihm ungemein. Auch gefiel ihm das Antlitz und der volle blendende Busen um so mehr, je langer er daran malte.
Er bemerkte, dass das Madchen fast immer traurig war; er suchte sie zu erheitern und liess oft, wenn er malte, auf einem Instrumente lustige Lieder spielen, aber es hatte gewohnlich die verkehrte Wirkung, sie wurde noch trubseliger, oder weinte gar: vor dem Vater suchte sie ihre Melancholie geflissentlich zu verbergen. Franz war zu gut, um sich in das Vertrauen eines Leidenden einzudrangen, er kannte auch die Kunste nicht, oder verschmahte sie, sich zum Teilnehmer eines Geheimnisses zu machen, daher war er in ihrer Gegenwart nur in Verlegenheit.
In Vansens Hause versammelten sich oft viele Menschen, und zwar von den verschiedensten Charakteren, von denen der Wirt manche Redensart lernte, mit welchen er nachher wieder gegen andere glanzte. Franz horte diesen Gesprachen mit grosser Aufmerksamkeit zu, denn bis dahin hatte er noch nie so verschiedene Meinungen gehort, wie er hier, oft schnell hintereinander, vernahm. Vorzuglich zog ihn ein alter Mann an, dem er besonders gern zuhorte, weil jedes seiner Worte das Geprage eines eigenen festen Sinnes trug. An einem Abend fing der Wirt, wie er oft tat, an, uber die Kunst zu reden, und den herrlichen Genuss zu preisen, den er vor guten Gemalden empfande. Alle stimmten ihm bei, nur der Alte schwieg still, und als man ihn endlich um seine Meinung fragte, sagte er:
"Ich mag ungern so sprechen, wie ich daruber denke, weil niemand meiner Meinung sein wird; aber es tut mir immer innerlich wehe, ja ich spure ein gewisses Mitleiden gegen die Menschen, wenn ich sie mit einer so ernsthaften Verehrung von der sogenannten Kunst reden hore. Was ist es denn alles weiter, als eine unnutze Spielerei, wo nicht gar ein schadlicher Zeitverderb? Wenn ich bedenke, was die Menschen in einer versammelten Gesellschaft sein konnten, wie sie durch die Vereinigung stark und unuberwindlich sein mussten, wie jeder dem Ganzen dienen sollte, und nichts da sein, nichts ausgeubt werden durfte, was nicht den allgemeinen Nutzen beforderte: und ich betrachte dann die menschliche Gesellschaft, wie sie wirklich ist, so mochte ich fast sagen, es scheint, dass die Vereinigung nicht entstanden ist, um allgemein besser zu werden, sondern um sich gegenseitig zu verschlimmern. Da ist keine Aufmunterung zur Tugend, keine Abhartung zum Kriege, keine Liebe des Vaterlands und der Religion, ja es ist keine Religion und kein Vaterland da, sondern jeder glaubt sich selbst der nachste zu sein, und hauft, ohne auf den gemeinen Nutzen zu sehn, die Guter auf erlaubte und unerlaubte Art zusammen, und vertandelt ubrigens seine Zeit mit der ersten besten Torheit. Die Kunst vorzuglich scheint ordentlich dazu erfunden, die bessern Krafte im Menschen zu erlahmen, und nach und nach abzutoten. Ihre gaukelnde Nachaffung, diese armselige Nachahmung der Wirklichkeit, worauf doch alles hinauslauft, zieht den Menschen von allen ernsten Betrachtungen ab, und verleitet ihn, seine angeborne Wurde zu vergessen. Wenn unser innerer Geist uns zur Tugend antreibt, so lehren uns die mannigfaltigen Kunstler sie verspotten; wenn die Erhabenheit mich in ihrer gottlichen Sprache anredet, so unterlassen es die Reimer oder Poeten nicht, sie mit Nichtswurdigkeiten zu uberschreien. Und dass ich namentlich von der gepriesenen Malerei rede. Ich habe den Maler, der mir Figuren, oder Baume und Tiere auf Flachen hinzeichnet, nie hoher angeschlagen, als den Menschen, der mit seinem Munde Vogel- und Tiergeschrei nachzuahmen versteht. Es ist eine Kunstelei, die keinem frommt, und die dabei doch die Wirklichkeit nicht erreicht. Jeder Maler erlernt von seinem Meister eine gewisse Fertigkeit, einige Handgriffe, die er immer wieder anbringt, und wir sind dann gutmutige Kinder genug, uns vor sein Machwerk hinzustellen, und uns daruber zu verwundern. Wie da von Genuss der Kunst die Rede sein kann, oder von Schonheit, begreife ich nicht, da diese Menschen die Begeisterung nicht kennen, da ihre Schopfungen nicht aus schonen Stunden hervorgehn, sondern sie sich des Gewinstes wegen niedersetzen und Farben uber Farben streichen, bis sie nach und nach ihre Figuren zusammengebettelt haben, und nun den Lohn an Geld dafur empfangen. Wie sollen diese knechtischen Arbeiter auf edle Seelen wirken konnen, da sie es selber nicht einmal wollen? Sie dienen hochstens der Sinnlichkeit, und trachten vielleicht, elende Begierden zu erwecken, oder uns ein Lacheln uber ihre verzerrten Gestalten abzuzwingen, damit sie doch irgendwas hervorbringen. Ich meine also, dass man auf jeden Fall seine Zeit besser anwenden konne, als wenn man sich mit der Kunst beschaftiget."
Franz konnte sich im Unwillen nicht langer halten, sondern rief aus: "Ihr habt nur von unwurdigen Menschen gesprochen, die keine Kunstler sind, die die Gottlichkeit ihres Berufs selber nicht kennen, und weil Ihr Euer Auge nur auf diese wendet, so wagt Ihr es, alle ubrigen zu verkennen. O Albert Durer! wie konnte ich es dulden, dass man so von deinem schonsten Lebenslaufe sprechen darf? Ihr habt entweder noch keine guten Bilder gesehn, oder die Augen sind Euch fur ihre Gottlichkeit verschlossen geblieben, dass Ihr Euch erkuhnt, sie so zu lastern. Es mag gut sein, wenn in einem Staate alles zu einem Zwecke dient, es mag in gewissen Zeitraumen notig sein, fur das Wohl der Burger, fur die Unabhangigkeit, dass sie nur ihr Vaterland, nur die Waffen, die burgerliche Freiheit, und nichts weiter lieben; aber Ihr bedenkt nicht, dass in solchen Staaten jedes eigene Gemut zugrunde geht, um nur das allgemeine Bild des Ganzen aufrecht zu erhalten. Die Guter, um derentwillen dem Menschen die Freiheit teuer sein muss, die Regung aller seiner Krafte, die Entwickelung aller Schatze seines Geistes, diese kostbarsten Kleinodien mussen wieder aufgeopfert werden, um nur jene Freiheit zu bewahren. Uber die Mittel geht der Zweck verloren, nach welchem jene Mittel streben sollten. Ist es nicht die herrlichste Erscheinung, den Menschengeist kuhn in tausend Richtungen, in tausend mannigfaltigen Stromen, wie die Rohren eines kunstlichen Springbrunnens, der Sonne entgegenspielen zu sehn? Eben dass nicht alle Geister ein und dasselbe wollen ist erfreulich. Darum lasst der unschuldigen kindischen Kunst ihren Gang, denn sie ist es doch, in der sich am reinsten, am lieblichsten, und auf die unbefangenste Weise die Hoheit der Menschenseele offenbart, sie ist nicht ernst, wie die Weisheit, sondern ein frommes Kind, dessen unschuldige Spiele jedes reine Herz ruhren und erfreuen mussen. Sie druckt den Menschen am deutlichsten aus, sie ist Spiel mit Ernst gemischt, und Ernst durch Lieblichkeit gemildert. Wozu soll sie dem Staate, der versammelten Gesellschaft nutzen? Wann hat sich je das Grosse und Schone so tief erniedrigt, um zu nutzen? Ein neues Feuer facht der grosse Mann, die edle Tat in einem einzelnen Busen an; der Haufe staunt dumm, und begreift nicht und fuhlt nicht, er betrachtet ebenso ein noch nie gesehenes Tier, er belachelt die Erhabenheit, und halt sie fur Fabel. Wen verehrt die Welt, und welchem Geiste wird gehuldigt? Nur das Niedrige versteht der Pobel, nur das Verachtliche wird von ihm geachtet. Zufalle und Nichtswurdigkeiten sind die Wohltater des Menschengeschlechts gewesen, wenn du den hauslichen Nutzen dieser armen Welt so hoch anschlagst. Und was druckst du mit dem Worte Nutzen aus? Muss denn alles auf Essen, Trinken und Kleidung hinauslaufen? oder dass ich besser ein Schiff regiere, bequemere Maschinen erfinde, wieder nur um besser zu essen? Ich sage es noch einmal, das wahrhaft Hohe kann und darf nicht nutzen; dieses Nutzlichsein ist seiner gottlichen Natur ganz fremd, und es fordern, heisst, die Erhabenheit entadeln und zu den gemeinen Bedurfnissen der Menschheit herabwurdigen. Denn freilich bedarf der Mensch vieles, aber er muss seinen Geist nicht zum Knecht seines Knechtes, des Korpers, erniedrigen: er muss wie ein guter Hausherr sorgen, aber diese Sorge fur den Unterhalt muss nicht sein Lebenslauf sein. So halte ich die Kunst fur ein Unterpfand unsrer Unsterblichkeit, fur ein geheimes Zeichen, an dem die ewigen Geister sich wunderbarlich erkennen. Der Engel in uns strebt, sich zu offenbaren, und trifft nur Menschenkrafte an, er kann von seinem Dasein nicht uberzeugen, und wirkt und regiert nun auf die lieblichste Weise, um uns, wie in einem schonen Traum, den sussen Glauben beizubringen. So entsteht in der Ordnung, in wirkender Harmonie die Kunst. Was der Weise durch Weisheit erhartet, was der Held durch Aufopferung bewahrt, ja, ich bin kuhn genug es auszusprechen, was der Martyrer durch seinen Tod besiegelt, das kann der grosse Maler durch seine Farben auswirken und bekraftigen. Es ist der himmlische Strahl, der diesen Geistern nicht die mussige Ruhe erlaubt, sondern sie zu einer glanzenden Tatigkeit weckt. Und daher sind es wohl die schonsten, die erhabensten Stunden, die ein Meister vor seinem Werke zubringt; er legt bildlich die Liebe hinein, mit der er die ganze Welt an sein Herz drucken mochte, die Urschonheit, die Hoheit, vor der er niederkniet. Alles dies trifft der verwandte Geist in den lieblichen Zugen wieder, die dem Barbaren unverstandlich sind, er wird von diesen Winken entzuckt, er fuhlt seinen Geist in seiner Brust emporsteigen, er gedenkt alles Schonen, alles Grossen, das ihn schon einst bewegte, und es ist nun nicht mehr das irdische Bild, das ihn ruhrt, liebliche Schatten vom Himmel herab fallen in sein Gemut, und erregen eine bunte Welt von Wohllaut und susser Harmonie in ihm. O wenn uns die holde Natur lieb ist, wenn wir gern die Pracht des Morgens, die Schimmer des Abends sehn, wenn die Schonheit in Menschengestalten uns anspricht, wie konnten wir uns dann gegen die sussvertrauliche Kunst so unfreundlich bezeigen? Gegen die Kunst, die sich bestrebt, uns alles das noch werter und teurer zu machen, uns mit uns selbst zu befreunden, die aussre Welt, die oft so hart um uns steht, mit unserm weichen Herzen zu versohnen? Nein, es ist unmoglich, dass sich der Sinn irgendeines Menschen freiwillig abwende, es sind nur Missverstandnisse, die ihn vom himmlischen Genusse zuruckhalten durfen. Zweifelt nicht, dass der Kunstler in seinem schonen Wahne die ganze Welt, und jede Empfindung seines Herzens in seine Kunst verflicht; er fuhrt sein Leben nur fur die Kunst, und wenn die Kunst ihm absturbe, wurde er nicht wissen, was er mit seinem ubrigen Leben beginnen sollte. Ihr erwahnt es als etwas Schandliches, dass der arme Kunstler sich genotigt sieht, um Lohn zu arbeiten, dass er das Werk seines Geistes fortgeben muss, um seinem Korper dadurch fortzuhelfen; er ist aber deshalb eher zu beklagen, als zu verachten. Ihr kennt die Empfindung nicht, wenn ein Mann sein liebstes Werk, mit dem er so innig vertraut geworden ist, aus dem ihn sein Fleiss, und so viele muhevolle Stunden anlacheln, wenn er es nun aufopfern muss, es verstossen und von sich entfremden, dass er es vielleicht niemals wiedersieht, bloss des schnoden Gewinstes wegen, und weil eine Familie ihn umgibt, die Nahrung fordert. Es ist zu bejammern, dass in unserm irdischen Leben der Geist so von der Materie abhangig ist. O wahrlich, kein grosseres Gluck konnte ich mir wunschen, als wenn mir der Himmel vergonnte, dass ich arbeiten durfte, ohne an den Lohn zu denken, dass ich so viel Vermogen besasse, um ganz ohne weitere Rucksicht meiner Kunst zu leben, denn schon oft hat es mir Tranen ausgepresst, dass sich der Kunstler muss bezahlen lassen, dass er mit den Ergiessungen seines Herzens Handel treibt, und oft von kalten Seelen in seiner Not die Begegnung eines Sklaven erfahren muss."
Franz hielt eine kleine Weile ein, weil er sich wirklich die Tranen abtrocknete, dann fuhr er fort: "Auch kann es der Kunst zu keinem Vorwurfe gereichen, dass ihr unwurdige Menschen zu nahe treten, und sich ihr als Priester aufdrangen. Dass es in ihr Abwege und Irrtumer geben kann, beweist eben ihre Erhabenheit. Der Handwerker kann nur auf eine Art vortrefflich sein, in den mechanischen Kunsten ist eine Erfindung die beste; nicht also mit der gottlichen Malerei. Je tiefer einige sinken, um so hoher steigen andre; wenn es jenen moglich ist, den Weg zu verfehlen, so ist es diesen dafur vergonnt, das Gottliche zu erreichen, und uns wie durch himmlische Offenbarung mitzuteilen."
"Ihr habt Eure Sache recht wacker verteidigt", sagte der Alte, "ob ich gleich noch manches dagegen einwenden konnte."
Hier wurde das Gesprach durch die Nachricht unterbrochen, dass Vansens Tochter plotzlich krank geworden sei. Der Vater war in der grossten Unruhe, er schickte sogleich nach einem Arzte, und besuchte seine geliebte Sara. Der Arzt kam und versicherte, dass keine Gefahr zu besorgen sei; es war spat und die Gesellschaft ging auseinander.
Franz ging nicht nach seiner Wohnung, sondern begleitete die ubrigen. Alle hatten sich entfernt, und er war mit dem alten Manne allein. "Ihr vergebt mir wohl", fing er an, "meine Hitze, da ich Euch heute als ein junger Mensch so auffahrend widersprochen habe; es kam, ohne dass ich sagen konnte, wie es geschah."
"Wenn Ihr es so nehmt", sagte der Alte, "so musste ich Euch auch um Vergebung bitten, ich habe Euch nichts zu vergeben, Ihr seid ein wackrer Mensch und das freut mich."
"Ihr glaubt recht zu haben", sagte Franz.
"Lasst das", fiel ihm der Alte ein; "haben nicht alle Zungen recht und alle unrecht? Jeder trachte darnach, dass er es wahr und redlich mit sich meine, das ist die Hauptsache."
Franz sagte: "Wenn Ihr mir also nicht bose seid, so reicht mir zum Zeichen Eure Hand, denn mich gereut meine Heftigkeit."
Der Alte druckte ihm die Hand herzlich, dann umarmte er ihn und sagte: "Sei immer glucklich, mein Sohn, und bewahre diese Herzensliebe zu allem Guten." Franz ging zufrieden nach seiner Herberge.
Siebentes Kapitel
Rudolph war indessen nach Antwerpen gekommen, und da der Winter fast verflossen war, hatten sie ihre baldige Abreise beschlossen. Franz war damit beschaftiget, noch einige Bilder zu endigen, die er ubernommen hatte, und unter diesen auch das von Vansens Tochter, die zwar wiederhergestellt, aber doch nicht zufriedener und heiterer war, als er sie seit lange gesehn hatte.
Als man sich das nachstemal wieder bei Vansen versammelte rief dieser den jungen Maler, als er in das Haus trat, beiseit und sagte zu ihm: "Entfernt Euch heute nicht mit den ubrigen, denn ich habe etwas Wichtiges mit Euch zu sprechen." Als sie in den Saal traten, war die Rede wieder von der Kunst, und der neulich so strenge Alte schien sich heute gern belehren zu lassen. Ein angesehener Mann, der auch ein Sammler war, sagte: "Nicht ohne Ruhrung habe ich an den neulichen Streit gedacht, und mir ist ein alter Brief, oder vielmehr die Erzahlung eines auswartigen Freundes in die Hande gefallen, den ich euch heute mitteilen will, weil er sich besonders uber den Gedanken verbreitet, der neulich auch erortert wurde, wie schmerzlich es namlich dem Kunstler oft fallen musse, sich von den geliebten Werken seines Fleisses auf immer zu trennen. Mein Freund ist ebenfalls ein Enthusiast fur die Kunst, er sammelt viel, und sandte mir diese Erzahlung, weil wir uns oft unsre Gedanken uber dergleichen Gegenstande mitteilen, schon vor mehrern Jahren, und ich kann freilich nicht wissen, inwiefern sie Wahrheit enthalt, oder ob sie zum Teil eine Erfindung ist, um eine Vorstellung klarer ins Licht zu stellen."
Der Alte, so wie die ubrigen, baten, sie mitzuteilen, Sternbald besonders war begierig, und jener zog einige Blatter hervor, und las folgendes:
"Ich war auf dem gewohnten Gange nach dem Walde begriffen, und freute mich schon im voraus, dass nun das Gemalde von der Heiligen Familie vollendet sein wurde. Es war mir verdriesslich, dass der Maler so lange zogerte, dass er immer noch nicht meinen dringenden Bitten nachgab, zu endigen. Alle Gestalten, die mir begegneten, einzelne Gesprache, die ich unterwegs horte, nichts ging mich an, denn nichts davon hatte Bezug auf mein Gemalde; die ganze aussenliegende Welt war mir jetzt nur ein Anhang, hochstens eine Erklarung zur Kunst, meiner liebsten Beschaftigung. Einige alte arme Leute gingen vorbei, aber es war keiner darunter, der zu einem Joseph getaugt hatte, kein Madchen hatte Spuren vom Antlitz der gottlichen Jungfrau, zwei Alte sahen mich an, als ob sie sich nicht unterstanden, ein Almosen zu begehren; aber erst lange nachher fiel es mir ein, dass ich sie mit einer Kleinigkeit hatte frohlich machen konnen.
Es war ein heiterer Tag, die Sonne schien in die Dunkelheit sparsam hinein, nur an einzelnen Stellen sah ich die lichte Blaue des Himmels. Ich dachte: 'O wie begluckt ist dieser Maler, der hier in der Einsamkeit, zwischen schonen Felsen, zwischen hohen Baumen seinen Genius erwarten darf, dem keine andre der kleinlichen menschlichen Beschaftigungen nahetritt, der nur seiner Kunst lebt, nur fur sie Aug und Seele hat. Er ist der glucklichste unter den Menschen, denn die Entzuckungen, die uns nur auf Augenblicke besuchen, sind in seinem kleinen Hause einheimisch die hohen Gotter sitzen neben ihm, geheimnisreiche Ahndung, zartliche Erinnerung spielen unsichtbar um ihn, Zauberkrafte lenken seine Hand, und unter ihr entsteht die wundervolle Schopfung, die er schon vorher kennt, befreundet tritt sie aus dem Schatten, der sie dem Auge zuruckhalt.'
Unter diesen Gedanken hatte ich mich der Wohnung genahert, die abseits im Holze lag. Auf einem freien weiten Platze stand das Haus, hohe Felsen erhoben sich hinter seinem Rucken, von denen Tannen rauschten und krauses Gebusch sich im Winde oben ruhrte.
Ich klopfte an die Hutte. Die beiden Kinder des Malers waren zu Hause, er selbst war nach der Stadt gegangen, um einzukaufen. Ich setzte mich nieder, das Gemalde stand auf der Staffelei, aber es war ganz vollendet. Es ubertraf meine Erwartung, meine Augen wurden auf den schonen Gestalten festgehalten: die Kinder spielten um mich her, aber ich gab nicht sonderlich acht darauf, sie erzahlten mir dann von ihrer kurzlich gestorbenen Mutter, sie wiesen auf die Jungfrau, ihr sei sie ahnlich gewesen, sie glaubten sie noch vor sich zu sehen. 'Wie herrlich ist diese Wendung des Kopfs!' rief ich aus, 'wie uberdacht! wie neu! Wie wohl ist alles angeordnet! Nichts Uberflussiges, und doch, welche herrliche Fulle!'
Das Gemalde ward mir immer lieber, ich sah es in Gedanken schon in meinem Zimmer hangen, meine entzuckten Freunde davor versammelt. Alle ubrigen Bilder, die in der Malerstube umherstanden, waren in meinen Augen gegen dieses unscheinbar, keine Gestalt war so innig beseelt, so durch und durch mit Leben und Geist angefullt, wie auf der Tafel, die ich schon als die meinige betrachtete. Die Kinder beschauten indessen den fremden Mann, sie verwunderten sich uber jede meiner Bewegungen. Ihnen waren die Gemalde, die Farben alltaglich, sie wussten sich davon nichts Sonderliches, aber mein Kleid, mein Hut, diese Gegenstande waren ihnen dafur desto merkwurdiger.
Nun kam der Alte mit einem Korbe voll Esswaren aus der Stadt, er war bose, dass er die alte Frau aus dem benachbarten Dorfe noch nicht antraf, die fur ihn und seine Kinder kochen musste. Er teilte den Kindern einige Fruchte aus, er schnitt ihnen etwas Brot, und sie sprangen damit vor die Tur hinaus, larmten und verloren sich bald in das Gebusch.
'Ich freue mich,' fing ich an, 'dass Ihr das Bild fertig gemacht habt. Es ist uber die Massen wohl geraten, ich will es noch heute abholen lassen.'
Der alte Mann betrachtete es aufmerksam, er sagte mit einem Seufzer: 'Ja, es ist nun fertig, ich weiss nicht, wann ich wieder ein solches werde malen konnen; lasst es aber bis morgen stehn, wenn Ihr mir gefallig sein wollt, dass ich es bis dahin noch betrachten kann.'
Ich war zu eifrig, ich wollte es durchaus noch abholen lassen, der Maler musste sich endlich darin finden. Ich fing nun an, das Geld aufzuzahlen, als der Maler plotzlich sagte: 'Ich habe es mir seitdem uberlegt, ich kann es Euch unmoglich fur denselben geringen Preis lassen, fur den Ihr das letzte bekommen habt.'
Ich verwunderte mich daruber, ich fragte ihn, warum er bei mir grade anfangen wolle, seine Sachen teurer zu halten, aber er liess sich dadurch nicht irremachen. Ich sagte, dass ihm das Gemalde wahrscheinlich stehnbleiben wurde, wenn er seinem Eigensinne folgte, da ich es bestellt habe, und es kein andrer nachher kaufen wurde, wie es ihm schon mit so manchen gegangen. Er antwortete aber ganz kurz: die Summe sei klein, ich mochte sie verdoppeln, es sei nicht zu viel, ubrigens mochte ich ihn nicht weiter qualen.
Es verdross mich, dass der Maler gar keine Rucksichten auf meine Einwendungen nahm, ich verliess ihn stillschweigend, und er blieb nachdenkend auf seinem Sessel vor dem Bilde sitzen. Ich begriff es nicht, wie ein Mensch, der von der Armut gedruckt sei, so hartnackig sein konne, wie er in seinem Starrsinne so weit gehe, dass er von seiner Arbeit keinen Nutzen ziehn wolle.
Ich strich im Felde umher, um meinen Verdruss uber diesen Vorfall zu zerstreuen. Als ich so herumging, stiess ich auf eine Herde Schafe, die friedlich im stillen Tale weidete. Ein alter Schafer sass auf einem kleinen Hugel, in sich vertieft, und ich bemerkte, dass er sorgsam an einem Stocke schnitzelte. Als ich naher trat und ihn grusste, sah er auf, wobei er mir sehr freundlich dankte. Ich fragte ihn nach seiner Arbeit, und er antwortete lachelnd. 'Seht, mein Herr, jetzt bin ich mit einem kleinen Kunststucke fertig, woran ich beinahe ein halbes Jahr ununterbrochen geschnitzt habe. Es fugt sich wohl, dass reiche und vornehme Herren sich meine unbedeutenden Sachen gefallen lassen und sie mir abkaufen, um mir mein Leben zu erleichtern, und deshalb bin ich auf solche Erfindungen geraten.'
Ich besah den Stock, als Knopf war ein Delphin ausgearbeitet, mit recht guter Proportion, auf dem ein Mann sass, welcher eine Zither spielte. Ich merkte, dass er den Arian vorstellen solle. Am kunstlichsten war es, dass der Fisch unten, wo er sich an den Stock schloss, ganz fein abgesondert war, es war zu bewundern, wie ein Finger die Geduld und Geschicklichkeit zugleich haben konnte, die Figuren und alle Biegungen so genau auszuhohlen, und doch so frei dabei zu arbeiten; es ruhrte mich, dass das muhselige Kunststuck nur einen Knopf auf einem gewohnlichen Stokke bedeuten solle.
Der alte Mann fuhr fort zu erzahlen, dass er unvermutet ein Lied von diesem Delphin und Arian angetroffen, das ihm seither so im Sinne gelegen, dass er die Geschichte fast wider seinen Willen habe schnitzen mussen. 'Es ist recht wunderbar und schon,' sagte er, 'wie der Mann auf den unruhigen Wogen sitzt, und ihn der Fisch durch seinen Gesang so liebgewinnt, dass er ihn sicher an das Ufer tragt. Lange habe ich mir den Kopf daruber zerbrochen, auf welche Weise ich wohl das Meer machen konnte, so dass man auch die Not und das Elend des Mannes gewahr wurde, aber dergleichen war pur unmoglich, wenn ich auch die See mit Strichen und Schnitzen hatte daran machen wollen, so ware es doch nachher nicht so kunstlich gewesen, wie jetzt der Stock durch den feinen Schwanz des Fisches mit dem obern Bilde verbunden ist.'
Er rief einen jungen Burschen, seinen Enkel, der mit dem Hunde spielte, und befahl ihm das Lied abzusingen, worauf jener in einer einfachen Weise diese Worte sang:
Arian schifft auf Meereswogen
Nach seiner teuren Heimat zu,
Er wird von Winden fortgezogen,
Die See in stiller, sanfter Ruh.
Die Schiffer stehn von fern und flustern,
Der Dichter sieht ins Morgenrot
Nach seinen goldnen Schatzen lustern
Beschliessen sie des Sangers Tod.
Arian merkt die stille Tucke,
Er bietet ihnen all sein Gold,
Er klagt und seufzt, dass seinem Glucke
Das Schicksal nicht wie vordem hold.
Sie aber haben es beschlossen
Nur Tod gibt ihnen Sicherheit,
Hinab ins Meer wird er gestossen;
Schon sind sie mit dem Schiffe weit.
Er hat die Leier nur gerettet,
Sie schwebt in seiner schonen Hand;
In Meeresfluten hingebettet
Ist Freude von ihm abgewandt.
Doch greift er in die goldnen Saiten,
Dass laut die Wolbung widerklingt,
Statt mit den Wogen wild zu streiten,
Er sanft die zarten Tone singt:
'Klinge Saitenspiel!
In der Flut
Wachst mein Mut,
Sterb ich gleich, verfehl ich nicht mein Ziel.
Unverdrossen
Komm ich, Tod,
Dein Gebot
Schreckt mich nicht, mein Leben ward genossen.
Welle hebt
Mich im Schimmer,
Bald den Schwimmer
Sie in tiefer, nasser Flut begrabt.'
So klang das Lied durch alle Tiefen,
Die Wogen wurden sanft bewegt,
In Abgrunds Schluften, wo sie schliefen,
Die Seegetiere aufgeregt.
Aus allen Tiefen blaue Wunder,
Die hupfend um den Sanger ziehn,
Die Meeresflache weit hinunter
Beschwimmen die Tritonen grun.
Die Wellen tanzen, Fische springen,
Seit Venus aus den Fluten kam
Man dieses Jauchzen, Wonneklingen
In Meeresvesten nicht vernahm.
Arian sieht mit trunknen Blicken
Lautsingend in das Seegewuhl,
Er fahrt auf eines Delphins Rucken,
Schlagt lachelnd in sein Saitenspiel.
Des Fisches Sinn zum Dienst gezwungen
Naht schon mir ihm der Felsenbank,
Er landet, hat den Fels errungen,
Und singt dem Fahrmann seinen Dank.
Am Ufer kniet er, dankt den Gottern,
Dass er entrann dem nassen Tod.
Der Sanger triumphiert in Wettern,
Ihn ruhrt Gefahr nicht an und Tod.
Der Knabe sang das Lied mit einem sehr einfachen Ausdrucke, indem er stets die kunstreiche Arbeit seines Grossvaters betrachtete. Ich fragte den Hirten, wieviel er fur sein Kunstwerk verlange, und der geringe Preis, den er forderte, setzte mich in Erstaunen. Ich gab ihm mehr als er wollte, und er war ausser sich vor Freuden, aber noch einmal nahm er mir den Stock aus der Hand, und betrachtete ihn genau. Er weinte fast, indem er sagte: 'Ich habe so lange an dieser Figur geschnitzt, und muss sie nun in fremde Hande geben, es ist vielleicht meine letzte Arbeit, denn ich bin alt, und die Finger fangen mir an zu zittern, ich kann nichts so Kunstliches wieder zustande bringen. Seit ich mich darauf geubt habe, sind viele Sachen von mir geschnitten, aber noch nichts habe ich bisher mit diesem Eifer getrieben; es ist mein bestes Werk.'
Es ruhrte mich, ich nahm Abschied und begab mich auf den Weg zur Stadt. Je naher ich dem Tore kam, je mehr fiel es mir auf, je wunderlicher kam ich mir vor, dass ich mit einem so langen Stabe naher schritt. Ich dachte daran, wie es allen Einwohnern der Stadt, allen meinen Bekannten auffallen musse, wenn ich mit dem langen Holze durch die Gassen zoge, an dem oben ein grosses Bild sich zeigte. 'Dem ist leicht vorzubeugen,' dachte ich bei mir selber, und schon hatte ich meine Faust angelegt, den bunten Knopf herunterzubrechen, um ihn in die Tasche zu stecken, und den ubrigen Teil des Stocks dann im Felde fortzuwerfen.
Ich hielt wieder ein. 'Wie viele muhevolle Stunden,' sagte ich, 'hast du, Alter, darauf verwandt, um den kunstlichen Fisch mit dem Stocke zusammenzuhangen, dir ware es leichter gewesen, ihn fur sich zu schneiden, und wie grausam musste es dir dunken, dass ich jetzt aus falscher Scham die schwerste Aufgabe deines muhseligen Werks durchaus vernichten will.'
Ich warf mir meine Barbarei vor, und war mit diesen Gedanken schon in das Tor gekommen, ohne es zu bemerken. Es angstete mich gar nicht, dass die Leute mich aufmerksam betrachteten; wohlbehalten und unverletzt setzte ich in meinem Zimmer den Stock unter andern Kunstsachen nieder. Die Arbeit nahm sich zwar nun nicht mehr so gut aus, als im freien Felde, aber innigst ruhrte mich immer noch der unermudliche Fleiss, diese Liebe, die sich dem lieblosen Holze, der undankbaren Materie so viele Tage hindurch angeschlossen hatte.
Indem ich das Werk noch betrachtete, fiel mir der Maler wieder in die Gedanken. Es gereute mich nun recht herzlich, dass ich so unfreundlich von ihm gegangen war. Ihm war die Bildung seiner Hand und seiner Phantasie auch so befreundet, die er nur fur eine Nichtswurdigkeit einem Fremden auf immer uberlassen sollte. Ich schamte mich, zu ihm zu gehn und meine Reue zu bekennen, aber da standen die Gestalten der armen Kinder vor meinen Augen, ich sah die durftige Wohnung, den bekummerten Kunstler, der, von der ganzen Welt verlassen, die Baume und benachbarten Felsen als seine Freunde anredete. 'Wie einsam ist der Kunstler', seufzte ich laut, 'den man nur wie eine schatzbare Maschine behandelt, die die Kunstwerke hervorgibt, die wir lieben, den Urheber selbst aber vernachlassigen: es ist ein gemeiner, verdammlicher Eigennutz.'
Ich schalt meine Scham, die mich an dem Tage fast zweimal grausam gemacht hatte; noch vor Sonnenuntergang ging ich nach dem Walde hinaus. Als ich vor dem Hause stand, horte ich den Alten drinnen musizieren; es war eine wehmutige Melodie, die er spielte, er sang dazu:
'Von aller Welt verlassen
Bist du, Maria, nah,
Wenn Mensch und Welt mich hassen
Stehst du mir freundlich da,
So bin ich nicht verlassen
Wenn ich dein Auge sah.'
Mein Herz klopfte, ich riss die Tur auf, und fand ihn vor seinem Gemalde sitzen. Ich fiel ihm weinend um den Hals, und er wusste erst nicht, was er aus mir machen sollte. 'Mein steinernes Herz,' rief ich aus, 'hat sich erweicht, verzeiht mir das Unrecht, das ich Euch heut morgen tat.'
Ich gab ihm fur sein Bild weit mehr, als er gefordert, als er erwartet hatte, er dankte mir mit wenigen Worten. 'Ihr seid,' fuhr ich fort, 'mein Wohltater, nicht ich der Eurige, ich gebe, was Ihr von jedem erhalten konnt, Ihr schenkt mir die kostbarsten, innersten Schatze Eures Herzens.'
Der Maler sagte: 'Wenn Ihr das Bild abholen lasst, so erlaubt mir nur, dass ich manchmal, wenn es Euch nicht stort, oder Ihr nicht zu Hause seid, in Eure Wohnung kommen darf, um es zu betrachten. Eine unbezwingbare Wehmut nagt an meinem Herzen, alle meine Krafte erliegen, und das Bild ist vielleicht das letzte, das meine Hande erschaffen haben. Dazu so tragt die Muttergottes die Bildung meiner gestorbenen Gattin, des einzigen Wesens, das mich auf Erden jemals wahrhaftig geliebt hat: ich habe lange daran gearbeitet, meine beste Kunst, mein herzlichster Fleiss ist in diesem Gemalde aufbewahrt.'
Ich umarmte ihn wieder: wie herzensarm, wie verlassen, wie gekrankt und einsam schien mir nun derselbe Mann, den ich am Morgen noch glaubte beneiden zu konnen! Er wurde von diesem Tage mein Freund, wir ergotzten uns oft, indem wir vor seinem Bilde Hand in Hand sassen.
Aber er hatte recht. Nach einem halben Jahre war er gestorben, er hatte mancherlei angefangen, aber nichts vollendet. Seine ubrigen Arbeiten wurden in einer Versteigerung ausgeboten, ich habe vieles an mich gehandelt.
Mitleidige Menschen nahmen die Kinder zu sich: auch ich unterstutze sie. Ein Tagelohner wohnt mit seiner Familie nun in der Hutte, wo sonst die Kunst einheimisch war, wo sonst freundliche Gesichter von der Leinwand blickten. Oft gehe ich voruber und hore einzelne Reden der Einwohner, oft seh ich auch den alten Hirten noch. Niemals kann ich an diesen Vorfall ohne heftige Ruhrung denken."
Sternbald weinte und Vansen sagte: "Ja wohl ist dergleichen zu bejammern, und ich habe immer gern Kunstlern geholfen und von ihnen arbeiten lassen; was der Fruhling der Welt, ist die Kunst dem ubrigen Menschenleben."
"Neben jenem Punkte", sagte der Alte, "den die Erzahlung, mag sie nun offen da sein, oder nicht, erortern soll, lehrt sie auch, wie selbstsuchtig diese scheinbar zartesten Gefuhle den Menschen machen konnen, und so konnte ich, wenn ich streiten wollte, sie als eine Bestatigung meiner naturlichen Behauptungen ansehn, da sie doch gegen diese hauptsachlich zu kampfen scheint. So ist das meiste im Leben doppelt und vielfach, und es ist gut, sich zu gewohnen, die Dinge von verschiedenen, oft entgegengesetzten Seiten anzusehn."
Als sich nach dem heitern Abendessen die ubrigen Gaste entfernten, blieb Sternbald zuruck und folgte dem Vansen auf dessen Wink in ein abgelegenes Zimmer. "Lange schon", fing der Alte an, "habe ich uber eine Sache mit Euch sprechen wollen, aber noch immer nicht die gelegene Zeit dazu treffen konnen."
Sie setzten sich und Vansen fuhr in einem vertraulichen Tone fort: "Je mehr ich Euch kennenlerne, lieber Sternbald, je mehr muss ich Euch hochschatzen, denn die jugendliche Schwarmerei, die Euch zuzeiten mit sich fortreisst, wird sich gewiss mit den Jahren verlieren. Seht, das ist das einzige, was ich allenfalls gegen Euch hatte, aber sonst lieb ich Euch so sehr, wie ich bis jetzt noch keinen Menschen wertgehalten habe. Dazu bekennt Ihr Euch zu einer Kunst, die ich von Jugend auf vorzuglich verehrt habe. Ich will Euch naherkommen. Ich weiss nicht, ob Ihr das sonderbare Betragen meiner Tochter bemerkt habt, seit Ihr in unserm Hause bekannt geworden seid; meine Sara war sonst nie so melancholisch, sondern die Lustigkeit selbst; seit sie Euch gesehn hat, ist ihr ganzer Sinn umgewandt. Sagt mir aufrichtig, wie gefallt sie Euch?"
Franz versicherte, dass er sie sehr liebenswurdig finde, und der Vater fuhr fort: "Seit vielen Jahren habe ich es mir fest vorgenommen, und es ist ein Vorsatz, von dem ich gewiss nicht weiche, dass niemand als ein geschickter Maler mein Eidam werden soll. Es kommt nun bloss auf Euch an, ob ich in Euch meinen Mann gefunden habe. Ich weiss alles, was Ihr mir antworten konnt, aber lasst mich ausreden. Ich will Euch damit keinesweges von Eurer Reise zuruckhalten, sondern ich muntre Euch vielmehr selber auf, Italien zu besuchen und dort zu studieren. Meine Tochter liebt Euch, Ihr versprecht Euch mit ihr, und mein Vermogen macht Euch die Reise bequemer und nutzlicher. Ihr kommt dann zuruck, und was ich besitze sichert Euch vor dem Mangel. Ihr konnt dann Eurer Kunst, wie Ihr Euch immer gewunscht habt, mit allen Kraften obliegen. Ihr braucht nicht des Gewinstes wegen zu arbeiten, was Ihr uns neulich mit so vieler Ruhrung als das grosste Ungluck des Kunstlers vorstelltet, und wodurch ich selber bewegt wurde; Ihr werdet bekannt und beruhmt, meine Tochter ist mit Euch glucklich, und alle meine Wunsche sind erfullt."
Franz war heftig bewegt, er dankte in den warmsten Ausdrucken dem Kaufmann fur sein Wohlwollen, er bat ihn, noch jetzt keine entscheidende Antwort zu verlangen und sein Zogern nicht ubel zu deuten. Er verliess ihn, und schweifte mit tausend Vorstellungen durch die Strassen umher. So nahe auf ihn zu war das wirkliche Leben noch nie getreten, um sein inneres poetisches zu verdrangen, und doch war es ein weit hoheres, als seine Pflegemutter oder Zeuner ihm anbieten konnten; er fuhlte sich angezogen und zuruckgestossen, das schone Bild seiner Phantasie stand bald ganz hell vor ihm, bald ruckte es tief in den Hintergrund hinab. Hier bot sich ihm ganz unverhofft eine sichere Zukunft an, eine Lebensweise, wie sie immer sein Wunsch gewesen war, und man forderte nichts weiter von ihm, als einen Schatten, ein Traumbild aufzuopfern, das nicht sein war. Doch furchtete er sich wieder, so seinen Lebenslauf zu bestimmen und sich selber Grenzen zu setzen; die Sehnsucht rief ihn wieder in die Ferne hinein, seltsame Tone lockten ihn und versprachen ihm ein goldenes Gluck, das weit ab seiner warte. "Mein Leben fangt an ein Leben zu werden", rief er aus, "sich so zu gestalten, wie ich es seit fruher Kindheit nur mit Sehnsucht wunschen konnte, Liebe und Wohlwollen kommen mir entgegen und tragen das Fullhorn, das mich gegen Ungluck und Demutigungen beschutzen soll, in reichen Handen. Und was ist es denn, was sich in mir dagegen auflehnt? Ein Nachtgebild, ein Traumgespenst, das mit phantastischen fremden Wundern gekranzt ist. Kann mich das Schicksal auf gelindere Weise aus meinem Traume voll Unmoglichkeiten wecken? Ware ich nicht wahnsinnig, das gewisseste, edelste Gut gegen jenen Schatten eines Schattens auf das Spiel zu setzen?"
Er dachte, wie sehnlich Sara seiner Antwort warten mochte, und mit welchen Leiden sie sich ihm so lange verborgen habe: es schien ihm, dass er es diesem lieben Wesen schuldig sei, ihr alle diese um ihn erduldeten Schmerzen zu verguten, und in dieser Stimmung besuchte er am andern Morgen seinen Freund Rudolph. So vertraut er mit diesem war, so konnte er ihm doch nie seine Geschichte, so wie seine wunderbare Liebe entdecken, es war nur Sebastian, dem er dergleichen vertrauen durfte. Aber er erzahlte ihm jetzt Vansens Vorschlag, und bat um seinen Rat. "Wie soll ich dir hierin raten?" rief Rudolph lachend aus; "das Ratgeben ist uberall eine unnutze Sache, aber vollends bei der Ehe; jeder Mensch muss sein eigenes Gluck machen: und dann kommt auch deine Frage viel zu fruh, denn du weisst ja nicht einmal, ob dich das Madchen auch wirklich haben will."
Franz stutzte. Das Wort Ehe erweckte uberdem mancherlei Vorstellungen bei ihm. Er sah alle die Szenen einer ruhigen Hauslichkeit vor sich, Kinder, die ihn umgaben, er horte die Gesprache seines Schwiegervaters und der Freunde, er fuhlte seine frische Jugend verschwunden und sich eingelernt in die ernsteren Verhaltnisse des Lebens; seine wunderbaren Gefuhle und Wunsche, das zauberische Bild seiner Geliebten, alles hatte Abschied genommen und sein Herz hing an nichts mehr gluhend. Es war wie ein klarer geschaftiger Tag, der nach der Pracht des Morgenrots erwacht; wie eine Rede nach einem ausgeklungenen Liede. Seine Brust war beangstigt, er wusste sich nicht zu fassen und verliess unmutig den lachenden Florestan. "Wie ist es mit dem Leben?" dachte er bei sich selber, "irgendeinmal ist dieser Taumel der Jugend doch verflogen, endlich einmal nimmt mich doch jenes Leben in Empfang, dem ich jetzt so scheu aus dem Wege trete. Wie wird mir sein, wenn meine schonen Traume hinter mir liegen?"
Er nahm sich vor, sich durch ein offenes Gesprach mit der Tochter selbst bestimmen zu lassen. Mit schwerem Herzen lenkte er in die Gasse ein und zitterte, als er das Haus erblickte und betrat, doch schritt er mutiger die Treppe hinan, als wenn ihm eine frohe Ahndung entgegenkame.
Achtes Kapitel
Als Franz in das Zimmer trat, fand er die Tochter allein, die die Zither spielte; sie dunkte ihm liebenswurdiger als je. Sie lehnte sich, wie in Sehnsucht aufgelost, auf dem Ruhebette zuruck, und sang eben die letzten Verse eines schmachtenden Liebesgedichtes. Er nahte verlegen, sie bemerkte ihn endlich, aber auch zugleich seine Angstlichkeit, sie stand auf, fasste ihn zartlich bei der Hand und fragte: ob er krank sei? "O meine teure, schone, mir so freundlich liebe Sara", fing Franz an, "in meinem Herzen ist ein Sturm, eine Verwirrung, die Ihr vielleicht losen und beruhigen konnt, wenn ich Euch recht aufrichtig meine sonderbaren Leiden vertraue, und zugleich alles, was mir begegnet ist." "Setzt Euch, mein lieber Freund", sagte Sara, als die Magd hereintrat, auf welche Sara sogleich errotend zulief, sie bei der Hand nahm, und sich mit ihr in den Bogen eines Fensters stellte, um ein eifriges heimliches Gesprach mit ihr zu fuhren. Sara schien zu erschrecken und die Magd entfernte sich wieder. "Gott im Himmel!" rief das Madchen unter Tranen aus, indem sie sich auf das Ruhebett warf; "also ist es nun gewiss? Ich kann mich nicht mehr tauschen? Alles wird Wahrheit, schreckliche Wahrheit, was immer nur noch als dustre Ahndung mich umschwebte." Tranen und Schluchzen erstickten ihre Sprache, und Franz trat freundlich zu ihr, ihr einige trostende Worte zu sagen, und sich nach der Ursach ihrer Wehklage zu erkundigen. Sie liess ihn neben sich niedersitzen und richtete einen zartlichen Blick auf ihn. "Nein, mein liebster Freund", rief sie, "ich habe mich nicht mehr in meiner Gewalt, ich muss Euch mein Leiden klagen, Euch vertraue ich allein, und Ihr werdet mein Vertrauen nicht missbrauchen. Seit acht Wochen leide ich unaussprechlich. Ihr seid gut, Ihr habt Mitleid mit mir getragen, ich habe es wohl bemerkt. Was soll ich Euch sagen? Ich liebe, ich bin unglucklich, ohne Hoffnung. Ein junger Mann in unserer Nachbarschaft, ohne Vermogen, ohne Stand, aber das liebevollste Herz, die biederste Treue ach! weiss ich es, wie mein Auge, und bald darauf meine ganze Seele immer nach ihm gerichtet wurde? Begreif ich es, wie es kam, dass wir uns sprachen, uns alles sagten? Nun ist er krank geworden, krank aus Liebe, jetzt ohne Trost, und seit gestern ist sein Zustand gefahrlich, da ihm jemand erzahlt hat, dass mein Vater mich verheiraten wolle. Mein Vater kann es nicht wollen, er kann meinen Tod nicht wunschen. Geht zu ihm, Ihr mein liebster, mein einziger Freund, beruhigt ihn, trostet ihn. Ach! wollt Ihr Euch mir so gutig erzeigen? Gewiss, es glanzt eine himmlische Gute aus Euren Augen. Er wird Euch ruhren, Ihr werdet ihn auch lieben mussen, gewiss, wenn auch nicht so, wie ich."
Franz liess sich das Haus bezeichnen und eilte atemlos dahin. Er kam in eine armselige Stube, in welcher der Kranke in einem Bette lag, und vor sich Papiere hatte, auf denen er zeichnete. Als Sternbald naher kam, erstaunte er, den Schmied vor sich zu sehn, mit dem er vor Nurnberg am Tage seiner Auswanderung gesprochen hatte. "O mein lieber Freund!" rief er aus, "wie ist es moglich, dass ich Euch nicht fruher irgendwo gesehn habe? Jetzt fuhrt mich das sonderbarste Verhaltnis, der schonste Befehl zu Euch. Langst hatte ich Euch aufgesucht, wenn ich nur ahnden konnte, dass Ihr wieder in Antwerpen wart." Der junge Schmied erkannte den Maler auch sogleich wieder und hullte sich weinend in die Kissen, als Franz von Sara sprach, und er horte, welche zartliche Botschaft sie ihm sende. "O Maler!" rief er aus, "Ihr glaubt nicht, was ich ausgestanden habe, seitdem ich Euch damals gesprochen hatte. Aber uber Euch muss ich klagen, denn Ihr seid eigentlich schuld an allem: ist es doch nicht anders, als ware damals von Eurer Zunge Gift durch meine Ohren in meinen Korper geflossen, dass sich seitdem alle meine Sinne verdreht und verschoben haben, und ich daruber ein ganz anderer Mensch geworden bin. Seit ich Euren Durer sah, hatte ich keine Ruhe mehr in mir selber, es war, als wenn es an allen meinen Sinnen zoge und arbeitete, dass ich immer an Malereien und Zeichnungen denken musste; an nichts in der Welt fand ich mehr Gefallen, die Schmiedearbeit war mir zur Last. Ich zeichnete taglich etwas, und selbst in der Krankheit kann ich es nicht lassen; seht, da habe ich eine herrliche Figur von Lukas von Leyden."
Franz betrachtete sie; der junge Mensch hatte sie sehr gut kopiert, und Franz verwunderte sich daruber, dass er es ohne allen Unterricht so weit habe bringen konnen. Der Schmied fuhr fort: "So kam ich nach Antwerpen zuruck und nichts war mir hier recht. Ich hatte immer noch den Durer und seine Werkstatte im Kopf, es kam so weit, dass ich mich meines Hammers schamte, ich verdarb die Arbeit, ich konnte nicht mehr fort. Es lebt hier der alte Messys, der Maler, der auch ein Schmied gewesen ist. Ich wollte auch nicht mehr arbeiten, denn jeder Schlag auf dem Amboss ging mir durch Herz und Gehirn, weil ich glaubte, dass ich mit jedem meine Hand schwerer und unbehulflicher machte, und daruber noch weniger wurde zeichnen konnen. Ich warf den Hammer weg, wie meinen argsten Feind. Nun kamen und gingen mir Bilder hin und her, und auf und ab; alles wollte ich in Gedanken malen, ich traumte von grossen Salen, die alle dicht voll Schildereien hingen, die ich gemacht hatte. Das war aber noch nicht das grosste Ungluck, dass ich mich schon unter den ubrigen Menschen wie ein Halbverruckter umtrieb. Bis dahin hatte es auf mir nur noch wie auf kaltem Eisen gehammert, aber nun kam ich in die Glut, und da wurde vollends mein altes Wesen aus mir herausgebrannt und geschlagen als wenn viele tausend Funken bei jedem Hiebe aus Brust und Herzen flogen. O Maler, ich habe viel ausgestanden.
Seht, Freund, ich habe wohl sonst auch die Menschen, und Weiber und Madchen mit einem scharfen, guten Auge angesehen, aber seit ich mich geubt hatte, dass ich in allen schonen Linien mit meiner Seele mitging, seit ich gefuhlt hatte, was die wundersame Farbe bedeuten konne, und wie gleichsam ein ganzes Paradies von Wangen und Lippen und ein ewiges Firmament aus den Augen leuchten konne, da war ich ein verlorener Mensch, denn gerade um die Zeit, als dies Gefuhl mich, mocht ich doch sagen wie ein heisses Fieber befiel, sah ich sie, Sara, bei schonem Sommerwetter in der Ture stehn. Ich hatte sie fruher auch schon gesehn und immer gedacht: 'Ein schones, reiches Madchen!' aber sie blieb die Fremde, die mich nichts anging: aber von jener Stunde an, Malerdoch Ihr begreift es nicht, wenn ich's auch sagen wollte; von jenem Augenblick, als ich sie so im Vorbeigehn ansah und grusste, wie oft geschehn war, und sie mich grusste seht, da flog aus ihrem Auge in meins, und in meine Seele eine Angst, eine Lust, ein ganzer Himmel hinein, so dass mir mein ganzes Wesen zu enge wurde, dass es wie tausend und aber tausend Fruhlingsbaume und Blumenbeete in mir aufging, knospete, und mit allen Prachtfarben losbrach, und mein Herz von den unzahligen Bluten, wie vom dichtesten Regen uberschuttet wurde, und meine Seele vor Duft, Farben und Glanz in susse matte Betaubung sank. Und nun stand sie ganz aufrecht in meinem Herzen, und dehnte und dehnte sich, und stellte sich auf die Zehen, und die goldenen Haare fielen herunter, und so war ich darin wie eingewickelt in meinem Fieberwahn, und sie war noch grosser als Himmel und alle Baume und Blumen. Ich konnte nichts mehr zeichnen, sie und immer nur sie sass mir im Blut, und quoll aus den Fingerspitzen, und sah ich dann, wie plump die knechtische grobe Hand sie hingestellt hatte, so warf ich das Blatt gegen die Wand, dann riss ich es wieder vom Boden auf, und kusste die Zuge mit meinen Lippen weg. Nicht wahr, Maler, der Mensch kann ein rechter Narr sein, wenn es erst in ihm so recht reif dazu wird.
Wunderbar! ich wusste es, dass auch in ihr was vorging, denn der blaue ewige Strahl war doch aus ihrer Seele in mich gegangen, und sie musste fuhlen, wie viel vom eigenen Herzen sie in mich gegossen hatte. So dachte ich, und so war es auch. Ich ging wieder voruber: sie stand wie im Glanz, der sie rings umfloss, und es zog mich, dass ich mich auch in die Rote hinein zu ihr stellte. Wir sprachen, wir verstanden uns. Bin ich doch kein einzigesmal verwundert gewesen uber das, was sie mir sagte: ich erschrak vor Wonnegefuhl, dass sie mich so liebte, aber es war mir nur, als wenn ich es selbst gesagt hatte. Seht, Wandersmann, ich spreche etwas im Fieber, die vernunftigen Leute, wie Ihr, verstehn das nicht recht.
Ihr Vater hatte in Leiden Geschafte und reisete dorthin; nun sah ich sie ofter: wir gingen heimlich miteinander spazieren. Des Abends, wenn ich sie nicht sprechen konnte, zeichnete ich ihr Bild, oder stellte mich dem Hause gegenuber, und liess so die Nacht heranrucken. Ehe wir es uns versahen, kam der Vater zuruck. Nun war es mit unsern Zusammenkunften aus; ich konnte sie nur manchmal im Vorbeigehn grussen. Wie eine Decke fiel es mir von den Augen, und mein Herz wollte springen. Ich sah nun wieder den Unterschied unter uns beiden, wie mich der reiche Vater verachten musse, wie ich so nichts gegen ihn sei. Nun horte ich noch dazu, Sara wurde bald verheiratet werden; ach! und es geschieht auch gewiss. Was soll ich anfangen? Mein Handwerk ist mir ein Abscheu, alles, worauf ich mich sonst wohl freuen konnte, Meister zu werden, und bei Gelegenheit eine kunstliche Arbeit, einen Springbrunnen, Gitterwerk, oder dergleichen zu unternehmen, kommt mir nun klaglich vor. Ein Maler zu werden, dazu bin ich nun zu alt, Sara darf ich nicht sehn, nichts hoffen, so geh ich zugrunde, alles das zusammen hat mich so krank und schwach gemacht, dass ich bald zu sterben hoffe. Warum begegnen nur dem Menschen so sonderbare Gefuhle? Aber das sag ich Euch, wer sie heiratet, den bring ich um; und bin ich schon vorher tot, so reisst mich die Verzweiflung gewiss noch als Gespenst hervor, um dem Bosewicht zu schaden. Damit kann man sich doch noch trosten. O Maler, helft mir doch zum Verstande, oder zu Sara, oder macht, dass mir Verstand und Leben ganzlich entweichen."
Franz sagte mit Wehmut: "Nein, Ihr durft nicht sterben; glaubt mir, dass Ihr gewiss noch Zeit genug habt, ein guter Maler zu werden, wenn Ihr diese Liebe zur Kunst behaltet. Ihr zeichnet schon so gut, als wenn Ihr lange in der Lehre gewesen waret, und es kommt also nur auf Euch an, ein Maler zu werden. Dann durft Ihr auch auf Eure Geliebte hoffen, denn der Vater achtet die Malerei und will nur einen Malerkunstler zum Eidam haben; darum hat er mir noch heut, so arm ich auch bin, seine Tochter angetragen. Deshalb trostet Euch, sammelt wieder Lust zum Leben und Krafte, denn Ihr konnt noch recht glucklich werden."
Der Kranke schuttelte mit dem Kopfe, als wenn er nicht daran glauben konne, doch Franz fuhr so lange fort, ihn zu trosten, bis jener etwas beruhigt war. "Nun", sagte er endlich, "Ihr habt mir versprochen, sie nicht zu nehmen, und es konnte Euch auch nicht zum Gedeihn ausschlagen. O Freund, wenn ich mir das hatte einbilden konnen, als wir im Busch miteinander fruhstuckten, so wart Ihr mir nicht so mit heiler Haut davongekommen. Gebt mir noch einmal die Hand darauf, dass Ihr sie nicht wollt." Franz reichte sie ihm, und jener druckte sie so stark, dass dem Maler ein Ausruf des Schmerzes entfuhr. Er eilte sogleich zu Vansen, den er bei einer Flasche Wein und bei guter Laune antraf. "Jetzt will ich Euch meine Antwort bringen, aber Ihr musst mir mit Geduld zuhoren." Er erzahlte hierauf die Geschichte seines Freundes, und sprach von der gegenseitigen Liebe der beiden jungen Leute. "Ihr wolltet mir", schloss er, "als einem armen Menschen, der nicht mehr, als dieser Schmied besitzt, Eure Tochter geben, Ihr wolltet auf meine Zuruckkunft warten: nun so tut es mit diesem, um das Gluck Eurer einzigen Tochter zu begrunden: sie ist jung, ich versichre Euch, der Kranke ist in wenigen Jahren ein guter Maler, der Euch Ehre macht, und so sind alle Eure Wunsche erfullt."
"Und Ihr seid uberzeugt, dass er mit der Zeit gut malt?" fragte Vansen.
"Gewiss", sagte Sternbald, "seht nur diese Zeichnungen, die wahrlich einen guten Schuler verraten."
Er zeigte ihm einige Bilder, die er von Horstens Hand (so hiess der Jungling) mitgebracht hatte, und Vansen betrachtete sie lange mit prufenden Blicken; doch schien er endlich mit ihnen zufrieden zu sein. "Ihr seid ein braver junger Mensch", rief er aus, "Ihr konntet mich zu allem bewegen. So geht also zu dem armen Teufel und grusst ihn von mir, sagt, er soll nur gesund werden und wir wollen dann weiter miteinander sprechen."
Franz sprang auf. Im Vorsaal begegnete ihm Sara, der er mit wenigen Worten alles erzahlte; dann eilte er zum Kranken. "Seid getrost", rief er aus, "alles ist gut, der Vater bewilligt Euch die Tochter, wenn Ihr Euch auf die Malerei legt. Darum werdet gesund, damit Ihr ihn selber besuchen konnt."
Der Kranke wusste nicht, ob er recht hore und sehe. Franz musste ihm die Versicherung ofters wiederholen. Als er sich endlich uberzeugte, sprang er auf und kleidete sich schnell an. Dann tanzte er in der Stube herum, wobei er alte niederlandische Bauernlieder sang, bald umarmte und kusste er Sternbald, dann weinte er wieder, und trieb ein seltsames Spiel mit seiner Freude, das den jungen Maler innig bewegte. "Ist es so gekommen?" rief er dann; "so? Ei so gibt es ja da draussen auch noch was, was ebenso gut, wie die Trauer drinnen ist. Aber das soll auch dem langen breitschultrigen Burschen, meinem Schwiegervater, von Gott und von mir vergolten werden! Ich schwore, Maler, sowie ich nur erst mit den Farben umzugehn weiss, dass ich ihn Euch hinstelle, wie er leibt und lebt, mit seiner Erbse auf der Mitte der Nase, wie er sein Geld zahlt, wie er die Stucke prufend betrachtet, und die linke Hand den Geldhaufen vorsorglich und tastend deckt, alles, wie er in seiner Schreibestube herumhantiert. Die ganze Schreibestube male ich ab, auch seinen Handelsdiener, mit seinem krummen, spitzigen Rucken, und dem verfluchten Gesicht, das man durch eine Nadel fadeln konnte. Auch seine rote, gelbe Federmutze soll zu Ehren kommen. Gott verzeih' mir die Bosheit, wie oft, wenn ich ihn uber die Strasse gehn sah, und ich fuhlte so recht im Herzen seinen Hochmut, trieb mich der Teufel an, dass ich ihm die Mutze abreissen, und einen recht derben Schlag mit dem Hammer auf den Kopf geben wollte. Aber nein, nun wird er gemalt, ganz, alles an ihm, nun ist er mein Schwiegervater, und ich beweise ihm Liebe und Ehrfurcht. Kommt, lieber Franz, glaubt nicht, dass ich so bose bin, ich bin nur zu glucklich, und dumme Gedanken hat auch der beste Mensch. Ihr kriegt dergleichen wohl auch noch einmal. Kommt nun!"
Sie machten sich auf den Weg nach Vansens Hause. Auf der Strasse taumelte der Kranke, als ihn die ungewohnte freie Luft umfing; Franz unterstutzte ihn und so kamen sie hin. Das erste was sie im Hause sahen, war Sara, und Horst gebardete sich wie ein Verruckter; sie schrie laut auf, da er plotzlich so unvermutet und blass vor ihr stand. Sie kamen in das Zimmer des Vaters, der sehr freundlich war, Horst war verlegen und blode. "Ihr liebt meine Tochter", sagte der Kaufmann, "und Ihr versprecht, Euch auf die Malerei zu legen, so dass Ihr Euch in einigen Jahren als ein geschickter Mann zeigen konnt: unter dieser Bedingung verlobe ich sie Euch; aber dazu musst Ihr reisen, und trefflich studieren, ich will Euch zu diesem Endzweck auf alle Weise unterstutzen. Vor allen Dingen musst Ihr suchen, gesund zu werden."
Die beiden Liebenden kamen hierauf in Gegenwart ihres Vaters zusammen und fuhlten sich unaussprechlich glucklich. Horst musste eine bessere Wohnung beziehen, und nach einigen Tagen war er fast ganz hergestellt. Er wusste nicht, wie er unserm Freunde genug danken sollte.
Es waren jetzt die letzten Tage des Februars, und die erste Sonnenwarme brach durch die neblichte Luft. Franz und Rudolph machten sich auf die Reise. Ehe sie Antwerpen verliessen, erhielt Franz von Vansen ein ansehnliches Geschenk; der Kaufmann liebte den jungen Maler zartlich. Sternbald und Florestan hatten jetzt schon die Tore der Stadt weit hinter sich, sie horten die Glocken aus der Ferne schlagen, und Rudolph sang mit lauter Stimme:
"Wohlauf! es ruft der Sonnenschein
Hinaus in Gottes freie Welt!
Geht munter in das Land hinein
Und wandelt uber Berg und Feld!
Es bleibt der Strom nicht ruhig stehn,
Gar lustig rauscht er fort;
Horst du des Windes muntres Wehn?
Er braust von Ort zu Ort.
Es reist der Mond wohl hin und her,
Die Sonne ab und auf,
Guckt ubern Berg und geht ins Meer,
Nie matt in ihrem Lauf.
Und, Mensch, du sitzest stets daheim,
Und sehnst dich nach der Fern:
Sei frisch und wandle durch den Hain,
Und sieh die Fremde gern.
Wer weiss, wo dir dein Glucke bluht,
So geh und such es nur,
Der Abend kommt, der Morgen flieht,
Betrete bald die Spur.
Lass Sorgen sein und Bangigkeit,
Ist doch der Himmel blau,
Es wechselt Freude stets mit Leid,
Dem Glucke nur vertrau.
So weit dich schliesst der Himmel ein,
Gerat der Liebe Frucht,
Und jedes Herz wird glucklich sein,
Und finden was es sucht."
Drittes Buch
Erstes Kapitel
O Jugend! du lieber Fruhling, der du so sonnenbeschienen vorn im Anfange des Lebens liegst! wo mit zarten Augelein die Blumen umher, des Waldes neugrune Blatter, wie mit frohlicher Stimme dir winken, dir zujauchzen! Du bist das Paradies, das jeder der spatgebornen Menschen betritt, und das fur jeden immer wieder von neuem verlorengeht.
Gefilde voll Seligkeit! uberhangend von Bluten, durchirrt von Tonen! Sehnsucht weht und spielt in deinen sussen Hainen. Vergangenheit so golden, Zukunft so wunderbar: wie mit dem Sirenengesange der Nachtigall lockt es von dorther; mondliche Schimmer breiten sich auf dem Wege aus, liebliche Dufte ziehen aus dem Tale herauf, vom Berge nieder der Silberquell. O Jungling, in dir glanzt Morgenrote, sie ruckt mit ihren Strahlen und wunderglanzenden Wolkenbildern herauf: dann folgt der Tag, bis auf die Spur sogar verfliesst die himmlische Sehnsucht; alle Liebesengel ziehen fort, und du bist mit dir allein. War alles nur Dunst und bunter Schatten, wornach du brunstig die Arme strecktest?
Aus Wolken winken Hande,
An jedem Finger rote Rosen,
Sie winken dir mit schmeichlerischem Kosen,
Du stehst und fragst: wohin der Weg sich wende?
Da singen alle Fruhlingslufte,
Da duften und klingen die Blumendufte,
Lieblich Rauschen geht das Tal entlang:
"Sei mutig, nicht bang!
Siehst du des Mondes Schimmer?
Der Quellen hupfendes Geflimmer?
In Wolken hoch die goldnen Hugel?
Der Morgenrote himmelbreite Flugel?
Dir entgegen ziehn so Gluck als Liebe,
Dich als Beute mit goldenen Netzen zu fahn,
So leise lieblich, dass keine Ausflucht bliebe
Umstellen sie dich, bald ist's um dich getan."
Was will das Gluck mit mir beginnen?
O Fruhlingsnachtigall! singst du drein?
Schon dringt die sehnende Lieb auf mich ein;
Wie Mondglanz webt's um meine Sinnen.
Wie bang ist mir's, gefangen mich zu geben,
Sie nahn, die Scharen der Wonne, mit
Heeresmacht!
Verloren, vertraumt ist das fliehende Leben,
Schon rustet sich Lieb und Gluck zur Schlacht.
Der Kampf ist begonnen,
Ich fuhle die Wonnen
Durchstromen die Brust:
O selge Gefilde,
Ich komme, wie milde
Erquickt und ermattet des Lebens Lust!
Es sinket vom Himmel
Der Freuden Gewimmel
Und lagert sich hier:
Im Boden, ich fuhle
Der Freuden Gewuhle,
Sie streben und drangen entgegen mir.
Der Quellen Getone,
Der Blumelein Schone,
Ihr lieblicher Blick,
Sie winken so eigen,
Ich deute das Schweigen,
Sie wunschen mir alle zum Leben Gluck.
Nun wandelt das Kind auf grunen Wegen
Den goldglanzenden Strahlen entgegen,
Im bangen Harren geht es weit,
Es klopft das Herz, es flieht die Zeit.
Da ist's, als wenn die Quellen schwiegen,
Ihm dunkt, als dunkle Schatten stiegen,
Und loschten des Waldes grune Flammen,
Es falten die Blumen den Putz zusammen.
Die freundlichen Bluten sind nun fort
Und Fruchte stehn an selbigem Ort;
Die Nachtgall versteckt die Gesange im Wald,
Nur Echo durch Still und Einsamkeit schallt.
"Morgenrote! bist du nach Haus gegangen?"
Ruft das Kind, und streckt die Hand und weint;
"O komm! ich bin erlost vom Bangen,
Du wolltest mich mit goldnen Netzen fangen,
Du hast es gewiss nicht bose gemeint.
Ich will mich gerne drein ergeben,
Es kann und soll nicht anders sein:
Ich opfre dir mein junges Leben,
O komm zuruck, du Himmelsschein!"
Aber hoch und hoher steigt das Licht,
Und bescheint das tranende Gesicht;
Die Nachtigall flieht waldwarts weiter,
Quell wird zum Fluss und immer breiter.
"Ach! und ich kann nicht hinuberfliegen,
Was mich erst lockte, ist nun so weit,
Der Morgenglanz, die Tone mussen jenseits liegen,
Ich stehe hier, und fuhle nur mein Leid!"
Die Nachtigall singet aus weiter Fern:
"Wir locken, damit du lebest gern,
Dass du dich nach uns sehnst, und immer matter
sehnst,
Ist, was du toricht dein Leben wahnst."
Franz Sternbald und sein Freund Rudolph Florestan durchwanderten jetzt den Elsass. Es war die Zeit im Jahre, wenn der Fruhling in den Baumknospen schlaft, und die Vogel ihn in den unbelaubten Zweigen aufwecken wollen. Die Sonne schien blass und gleichsam blode auf die warme, dampfende Erde hernieder, die das erste neue Gras aus ihrem Schosse gebar. Sternbald erinnerte sich der Zeit, als er zuerst seine Pflegeeltern verliess, um bei Albrecht Durer in Nurnberg zu lernen, gerade in solchem Wetter hatte er sein friedliches Dorf verlassen. Er gedachte der kindischen Verwunderung, mit der er von Hugeln und Waldhohen die schaumenden, Schnee walzenden Bache im Glanze der ersten Warme hatte rollen sehn, welch wundersamer Duft, wie Lebenshauch, ihm aus der locker gewordenen Erde aufgestiegen, und wie im ernsten Braun hie und da die grunen Streifen ihn wie ein Lacheln angesehn, und ihm schon vom Sommer und seinem Obst erzahlt hatten: wie nach der Wanderung vieler Tage sich endlich dieses Marchen durch das Wunder der grossen Stadt im brennenden Abendgolde, und beim Schein des Lichtes mit Durers edlem Antlitz beschlossen habe. Sie gingen, indem Rudolph frohliche Geschichten erzahlte, durch die schone Gegend. Strassburg lag hinter ihnen, noch sahen sie den erhabenen Munster; in der nachsten Stadt wollten sie einen Mann erwarten, der auf der Ruckreise von Italien begriffen war.
In Strassburg hatte Franz seinem Sebastian folgenden Brief geschrieben: Jetzt, lieber Sebastian, ist mir sehr wohl, und Du wirst Dich daruber freuen. Meine Seele ergreift das Ferne und Nahe, die Gegenwart und Vergangenheit mit gleicher Liebe, und alle Empfindung trage ich sorglich zu meiner Kunst hinuber. Warum quale ich mich ab, da ich mich doch am Ende uberzeugen muss, dass jeder nur das leisten wird, was er leisten kann? Wie kurz ist das Leben; und warum wollen wir es mit unsern Beangstigungen noch mehr verkurzen? Jeder Kunstlergeist muss sich ohne Druck und aussern Zwang, wie ein edler Baum mit seinen mancherlei Zweigen und Asten ausbreiten; er strebt von selbst durch eigne Kraft nach den Wolken zu, und so erzeugt sich die erhabene oder sinnige Pflanze, sei es Eiche, Buche oder Zypresse, Myrte oder Rosengestrauch, je nachdem der Keim beschaffen war, aus dem sie zuerst in die Hohe sprosste. So musiziert jedes Vogelein seine eigentumlichen Lieder. Freilich will es unter ihnen auch jezuweilen einer dem andern nachund zuvortun; aber sie verfehlen doch nie so sehr ihren Weg, wie es dem Menschen nur gar zu oft geschieht.
So will ich mich denn der Zeit und mir selber uberlassen. Mein Freund Rudolph lacht taglich uber meine unschlussige Angstlichkeit, die sich auch nach und nach verliert. Im reinen Sinne spiegeln sich alle Empfindungen, und lassen nachher eine Spur zuruck, und selbst das, was das Gemut nicht aufbewahrt, nahrt heimlicherweise den Sinn der Kunst und ist nicht verloren. Das trostet mich und hemmt die Beklemmungen, die mich sonst nur gar zu oft uberwaltigten.
Auf eine magische Weise, (zauberisch oder himmlisch, denn ich weiss nicht, wie ich es nennen soll) ist meine Phantasie mit dem Engelsbilde angefullt, von dem ich Dir schon so oft gesprochen habe. Es ist wunderbar. Die Gestalt, die Blicke, der Zug des Mundes, alles steht deutlich vor mir, und doch wieder nicht deutlich, denn es dammert dann wie eine ungewisse, voruberschwebende Erscheinung vor meiner Seele, dass ich es festhalten mochte, und Sinnen und Erinnerung brunstig ausstrecke, um es wirklich und wahrlich zu gewahren und zu meinem Eigentum zu machen. So ist es mir oft seitdem ergangen, wenn ich die Schonheit einer Landschaft so recht innigst empfinden wollte, oder die Grosse eines Gedankens mir festhalten, oder eine wundersame Empfindung oder Blicke in das Uberirdisch-Schone, oder den Glauben an Gott. Es kommt und geht; bald Dammerung, bald Mondschein, nur auf Augenblicke wie helles Tageslicht. Der Geist ist in Arbeit, im rastlosen Streben, sich aus den Ketten aufzurichten, die ihn im Korper zu Boden halten.
Oh, mein Sebastian! wie wohl ist mir, und wie lieblich fuhl ich in mir die Regung der Lebenskraft und die heitre Jugend! Es ist herrlich, was mir die Rheinufer, die Berge um Bonn, und die wunderbaren Krummungen des Gewassers verkundigt haben. Von dem grossen Munster in Strassburg, von Koln und seinen Herrlichkeiten will ich Dir ein andermal reden, ich bin zu voll davon.
In Strassburg habe ich fur einen reichen Mann eine Heilige Familie gemalt. Es war das erstemal, dass ich meinen Kraften in allen Stunden vertraute, und mich begeistert, und doch ruhig fuhlte. In der Muttergottes habe ich gesucht die Gestalt hinzuzeichnen, die mein Inneres erleuchtet, die geistige Flamme, bei der ich mich selber sehe und alles, was in mir ist, und durch die alles vom lieblichsten Widerscheine verschont und strahlend lebt. Es war beim Malen derselbe Kampf zwischen Deutlichkeit und Ungewissheit in mir, und daruber ist es mir vielleicht nur gelungen. Die Gestalten, die wir wahrhaft anschauen, sind eben dadurch in uns schon zu irdisch und wirklich, sie tragen zu viele Merkmale an sich, und vergegenwartigen sich darum zu korperlich. Geht man aber im Gegenteil aufs Erfinden aus, so bleiben die Gebilde gewohnlich luftig und allgemein, und wagen sich nicht aus ihrer ungewissen Ferne heraus. Aus dem Mittel zwischen beiden habe ich wie etwas Ubermenschliches gesucht, und eine Gestalt hervorgebracht, die mich zauberisch von der Tafel anblickte. Sollte die Kunst vielleicht immer so verfahren, um UberirdischUnsichtbares sichtbar zu machen? Und, sonderbarer Gedanke, kann ich vielleicht nur dichtend malen, bis ich sie wiederfinde? und dann sollte wohl in ihrer Gegenwart mein Talent erloschen, weil mein Geist sie nicht mehr zu suchen brauchte? Nein, ich will es nicht glauben, festen Mutes will ich in das Gebiet der Kunst vorrucken; ich fuhle es ja, wie mein Herz fur das Edle und Schone entzuckt ist, es ist also mein Gebiet, mein Eigentum, ich darf darin schalten und mich einheimisch fuhlen.
Wirf mir nicht Stolz vor, Sebastian; denn Du tatest mir Unrecht. Ich bin und bleibe, wie ich war. Der Himmel schenke Dir Gesundheit. Nach einigen Tagen waren die Walder, Felder und Berge grun geworden, und die Obstbaume bluhten, der Himmel war heiter und blau, sanfte Fruhlingslufte spielten zum erstenmal durch den Sonnenschein und uber die frohliche Natur hin. Sternbald und Rudolph waren entzuckt, als sie von einem Hugel hinab in die uberschwengliche Pracht hineinschauten. Das Herz ward ihnen gross, und sie fuhlten sich beide neugeboren, von Himmel und Erde mit Liebe magnetisch angezogen.
"Oh, mein Freund!" rief Sternbald aus, "wie liebreizend hat sich der Fruhling so plotzlich aufgeschlossen! Wie ein melodischer Gesang, wie angeschlagene Harfensaiten sind diese Bluten, diese Blatter herausgequollen, und strecken sich nun der liebkosenden, warmen Luft entgegen. Der Winter ist fort, wie eine Verfinsterung, die ein Sonnenblick von der Natur hinweggehoben. Sieh, alles keimt und sprosst und bluht, die kleinsten Blumen, unbemerkte Krauter drangen sich hinzu; alle Vogel singen und jauchzen und flattern umher, in frohlicher Ungeduld ist die ganze Schopfung in Bewegung, und wir sitzen hier als Kinder, und fuhlen uns dem grossen Herzen der mutterlichen Natur am nachsten."
Rudolph nahm seine Flote und blies ein lustiges Lied. Es schallte frohlich den Berg hinunter, und Lammer im Tal fingen an zu tanzen.
"Wenn nur der Fruhling nicht so schnell voruberginge!" sagte Rudolph; "er ist eine Morgenbegeisterung, die die Natur selbst nicht lange aushalt."
"Oder dass es uns nur gegeben ware", sagte Sternbald, "diese Fulle, diese Allmacht der Lieblichkeit in uns zu saugen, und im hellsten Bewusstsein diese Schatze aufzubewahren. Ich wunsche nichts mehr, als dass ich in Tonen und Gesangen den ubrigen Menschen diese Gefuhle geben konnte; dass ich unter Musik und Fruhlingswehen dichtete, und die hochsten Lieder sange, die der Geist des Menschen bisher noch ausgestromt hat. Ich fuhle es jedesmal, wie Musik die Seele erhebt, und die jauchzenden Klange wie Engel mit himmlischer Unschuld alle irdischen Begierden und Wunsche fern abhalten. Wenn man ein Fegefeuer glauben will, wo die Seele durch Schmerzen gelautert und gereinigt wird, so ist im Gegenteil die Musik ein Vorhimmel, wo diese Lauterung durch wehmutige Wonne geschieht."
"Das ist", sagte Rudolph, "wie du die Musik empfindest; aber gewiss werden wenige Menschen mir dir darin ubereinstimmen."
"Davon kann ich mich nicht uberzeugen", rief Franz aus. "Nein, Rudolph, sieh alle lebendige Wesen, wie die Tone der Harfe, der Flote, und jedes angeschlagenen Instrumentes sie ernst machen: selbst die Gesange, die den Fuss mit lebendiger Kraft zum Tanz ermuntern, giessen eine schmachtende Sehnsucht, eine unbekannte Wehmut in das Gemut. Der Jungling und das Madchen mischen sich dann in den Reigen, aber sie suchen mit den Gedanken jenseit dem Tanze einen andern, geistigern Genuss."
"Oh, uber die Einbildungen!" sagte Rudolph lachend; "eine augenblickliche Stimmung in dir tragst du in die ubrigen Menschen hinuber. Wer denkt beim Tanze etwas anders, als dass er den Reigen durchfuhrt, dass er sich im hupfenden Schwarm auf eine lebendige Art ergotzt, und in diesen frohlichen Augenblicken Vergangenheit und Zukunft durchaus vergisst. Der Tanzer sieht nach dem bluhenden Madchen, sie nach ihm; ihre Augen begegnen sich glanzend, und wenn sie eine Sehnsucht empfinden, so ist es gewiss eine ganz andere, als du sie geschildert hast."
"Du bist zu leichtsinnig", antwortete Franz, "es ist nicht das erstemal, dass ich es bemerke, wie du dir vorsatzlich das schonere Gefuhl ableugnest, um einer sinnlichen Schwarmerei nachzuhangen."
"Nur nicht wieder diese grellen Unterschiede!" rief Rudolph aus; "denn das ist der ewige Punkt unseres Streites."
"Aber ich verstehe dich nicht."
"Mag sein!" schloss Florestan, "das Gesprach daruber ist mir jetzt zu umstandlich; wir reden wohl ein andermal davon."
Franz war ein wenig auf seinen Freund erzurnt; denn es war nicht das erstemal, dass sie so miteinander stritten. Florestan betrachtete alle Gegenstande leichter und sinnlicher, es war oft dieselbe Empfindung, die Franz nur mit andern Worten ausdruckte; es fugte sich wohl, dass Sternbald nach einiger Zeit denselben Gedanken ausserte, oft kam auch Rudolph spater zu dem Gefuhl, dem er kurz vorher an seinem Freunde widersprochen hatte. Wenn die Menschen Meinungen wechseln, so entsteht nur gar zu oft ein blindes Spiel des Zufalls daraus, aus dem Wunsche sich mitzuteilen erwacht die Sucht zu streiten, und wir widersprechen oft, statt uns zu bemuhn, die Worte des andern zu verstehen.
Nachdem Franz eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort: "Oh, mein Florestan, was ich mir wunsche, in meinem eigentumlichen Handwerke das auszudrukken, was mir jetzt Geist und Herz bewegt, diese Fulle der Anmut, diese ruhige, scherzende Heiterkeit, die mich umgibt. Malen mochte ich es, wie in dem Luftraume sich edle Geister bewegen, und durch den Fruhling schreiten, so dass aus dem Bilde ein ewiger Fruhling mit unverwelklichen Bluten prangte, der jedem Auge auch nach meinem Tode neu aufginge und den freundlichen Willkommen entgegenbrachte. Meinst du nicht, dass es dem grossen Kunstler moglich sei, in einem Historiengemalde, oder auch auf andere Weise, einem fremden Herzen das deutlich hinzugeben, was wir jetzt empfinden?"
"Ich glaube es wohl", antwortete Florestan, "und vielleicht gelingt es manchem, ohne dass er es sich gerade vorsetzt. Geh nach Rom, mein Freund, und dieser ewige Fruhling, nach dem du dich sehnst, bluht dort im Gartensaale meines Beschutzers und Freundes, des reichen Augustin Chigi. Der gottliche Raffael hat ihn dort hingezaubert, und man nennt diese Bilder gewohnlich die Geschichte des Amor und der Psyche. Diese Luftgestalten schweben dort, vom blauen Ather umgeben, und bedeutungsvoll von grossen frischen Blumenkranzen und Fruchten umschlungen. Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und die Lust der Liebe, und scherzend und wandelnd durch die Atherblaue Amor und seine Geliebte, trauernd und froh, alle Gotter im hohen Rat, und aller Ernst in milder Lieblichkeit und alle Lieblichkeit gross und gottlich, ja die ewige Jugend, der nie verbluhende Fruhling, das paradiesische Entzucken ist von dem Junglingsgeiste, dem prophetischen Raffael, in seiner schonsten Begeisterung hingezaubert, die Verkundigung der Liebe und der Blumenschonheit, dass alle Herzen der Liebe und der Sehnsucht dienen sollen: das Gottlichste, der Zauber, der den Himmel umflicht, und die Erde mit ewiger Jugend umgurtet, ist dem Menschenherzen vertraulich nahe geruckt, und den sterblichen Augen enthullen sich die Seligkeiten des Olympus. Und dann im Nebenzimmer der verkorperte Traum sussester Wollust, Galatea im Meere, auf ihrem Muschelwagen fahrend! O mein Franz, gedulde dich, bis du in Rom bist, dann tu Augen und Herz auf, und du darfst nachher sterben."
"Ach, Raffael!" sagte Franz Sternbald, "wie viel hab ich nun schon von dir reden horen; wenn ich dich nur noch im Leben antrafe!"
"Ich will dir noch ein Lied vom Fruhlinge singen", sagte Rudolph.
Sie standen beide auf, und Florestan sang. Er praludierte auf seiner Flote, und zwischen jeder Strophe spielte er einige Tone, die artig zum Liede passten.
"Voglein kommen hergezogen,
Setzen sich auf durre Aste:
'Weit, ach weit sind wir geflogen,
Angelockt vom Fruhlingsweste.'
Also klagen sie, die Kleinen:
'Schmetterlinge schwarmen schon,
Bienen sumsen ihren Ton,
Suchen Honig, finden keinen.
Fruhling! Fruhling! komm hervor!
Hore doch auf unsre Lieder,
Gib uns unsre Blatter wieder,
Horch, wir singen dir ins Ohr!
Kommt noch nicht das grune Laub?
Lass die kleinen Blattlein spielen,
Dass sie warme Sonne fuhlen,
Keines wird dem Frost zu Raub.'
'Was singt so lieblich leise?'
Spricht drauf die Fruhlingswelt:
'Es ist die alte Weise,
Sie kommen von der Reise,
Keine Furcht mich ruckwarts halt.'
Auf tun sich grune Augelein,
Die Knospen sich erschliessen
Die Vogelein zu grussen,
Zu kosten den Sonnenschein.
Durch alle Baume geht der Waldgeist
Und sumst: 'Auf, Kinder! der Fruhling ist da!
Storch, Schwalbe, die ich schon oftmals sah,
Auch Lerch und Grasemuck ist hergereist.
Streckt ihnen die grunen Arm' entgegen,
Lasst sie wohnen wie immer im schattigen Zelt,
Dass sie von Zweig zu Zweig sich regen,
Und jubeln und singen in frischer Welt.'
Nun regt sich's und quillt in allen Zweigen,
Alle Quellen mit neuem Leben spielen,
In den Asten Lust und Kraft und Wuhlen,
Jeder Baum will sich vor dem andern zeigen.
Nun rauscht es, und alle stehn in gruner Pracht,
Die Abendwolken uber Waldern ziehn,
Und schoner durch die Wipfel gluhn,
Der grune Hain vom goldnen Feuer angefacht.
Gebiert das Tal die Blumen an das Licht,
Die die holde Liebe der Welt verkunden,
Es lachelt und winkt in stillen Grunden
Des sanften Veilchens Angesicht,
Das sinnige Vergissmeinnicht.
Sie sind die Winke, die sussen Blicke,
Die dem Geliebten das Madchen reicht,
Vorboten vom zukunftgen Glucke,
Ein Auge, das schmachtend entgegenneigt.
Sie bucken sich mit schalkhaftem Sinn
Und grussen, wer vorubergeht,
Wer ihren sanften Blick verschmaht
Dem reichen sie neckend die Finger hin.
Doch nun erscheint des Fruhlings Fruhlingszeit,
Wenn Liebe Gegenliebe findet
Und sich zu einer Lieb entzundet,
Dann glanzt die Pracht der Blumen hell und weit.
Die Rosen nun am Stock ins Leben kommen,
Und brechen hervor mit liebreizendem Prangen,
Die susse Rote ist angeglommen,
Dass sie, vereinter Schmuck, dicht aneinander
hangen.
Dann ist des Fruhlings Fruhlingszeit,
Mit Kussen, mit Liebeskussen der Busch bestreut.
Rose, susse Blute, der Blumen Blum,
Der Kuss ist auf deinen Lippen gemalt,
O Ros, auf deinem Munde strahlt
Der kussenden Lieb Andacht und Heiligtum.
Hoher kann das Jahr sich nicht erschwingen,
Schoner als Rose der Fruhling nichts bringen,
Nun lasst Nachtigall Sehnsuchtslieder klingen.
Bei Tage singt das ganze Vogelchor,
Bei Nacht schwillt ihr Gesang hervor.
Und wenn Rose, suss Rose die Blatter neigt,
Dem Sommer wohl das Vogelchor weicht,
Nachtigall mit allen Tonen schweigt.
Die Kusse sind im Tal verbluht,
Dichtkunst nicht mehr durch Zweige zieht."
Zweites Kapitel
Franz hatte einen Brief aus Strassburg mitgenommen, um ihn einem Manne in einer nicht entfernten Stadt abzugeben, dessen Bekanntschaft er zu machen wunschte. Sie waren im Begriff einen Seitenweg einzuschlagen, um auf einem Umwege jene Stadt zu besuchen, als sie, auf einem anmutigen Hugel ausruhend, zwei Gestalten auf jenem Wege auf sich zuschreiten sahen. Der eine von diesen trug einen schwarzen Monchshabit, der andre hatte fast das Ansehn eines Soldaten, denn ihm wankten Federn vom Hut, er trug ein kurzes enges Kleid ohne Mantel, und war mit einem grossen Schwert umgurtet, sein Gang wie sein Ansehen waren fest und trotzig. Die Fremden liessen sich auch auf den Hugel nieder. Nach den gewohnlichen Begrussungen fragte derjenige, welcher ein Geistlicher zu sein schien, mit freundlichem Wesen, ob die Wanderer vielleicht von Strassburg gekommen waren. Franz sagte: "Wir sind vor kurzem von dort aufgebrochen, und jetzt im Begriff, einen Umweg uber jenes Stadtchen jenseit des Waldes zu machen, um einen deutschen Bildhauer aufzusuchen, fur welchen ich einen Brief mit mir fuhre." "So?" sagte der Trotzige, "und sollte dieser Mann nicht vielleicht aus Nurnberg sein und Bolz heissen?" "Allerdings", sagte Franz, "und ich verwundre mich nur, woher Ihr es wissen konnt." "Weil ich es selber bin", sagte jener, "man hat mir schon daruber geschrieben, wie gut, dass wir uns zufallig treffen, denn ich konnte dort nicht mehr verweilen, und hatte mir den Brief mussen nachsenden lassen." "Ihr kommt seit kurzem aus Italien?" fragte Franz. "Ja", sagte Bolz, "ich gehe nun uber Strassburg, und von da nach Nurnberg, meiner Vaterstadt, zuruck." "O wie glucklich seid Ihr", rief Sternbald aus, "Ihr seht die geliebte Heimat, den hochverehrten Durer, den edlen Mann in wenigen Wochen! O bringt ihm und meinem Freunde Sebastian meine herzlichsten Grusse." "Kann vielleicht geschehen", sagte der Bildhauer mit einer wegwerfenden Art. "Aber wer seid Ihr denn? Denn noch weiss ich nichts von Euch, nicht einmal Euren Namen." Franz nannte sich ihm und seinen Beruf und fragte dann begierig: "Was macht der edle Raffael von Urbin? Habt Ihr ihn gesehn?" Der Monch nahm das Wort: "Nein", sagte er, "leider hat diese schonste Zier der edlen Malerkunst die Erde verlassen; er ist im vorigen Jahre gestorben. Mit ihm ist die hochste Blute der Kunst in Italien gewelkt."
"Wie Ihr da sprecht!" rief der Bildhauer Bolz, "und was ware dann der unsterbliche Michel Angelo, der die hochste Hohe der Kunst erreichte, die Raffael niemals gekannt hat? Der uns gezeigt hat, was Erhabenheit sei? Dieser lebt noch, mein junger Freund, und er steht als Sieger am Ziel der Skulptur, Malerei und Baukunst, als ein hoher Genius, der jedem Schuler sein Streben andeutet und erleichtert."
"So ist mir dieser Wunsch meines Herzens versagt?" klagte Franz, "den Mann zu sehen, der ein Freund meines Durer war, den Durer so bewunderte, und zu dem seit Jahren ein unnennbares Sehnen mich hinzog?"
"Nun freilich", rief Bolz aus, "der altfrankische gutherzige Durer hat ihn auch wohl bewundern durfen, und fur ihn steht freilich Raffael auf einer Hohe, zu der er mit Schwindeln hinaufblicken muss. Er ist aber auch nicht imstande, etwas von Angelos Grosse zu verstehen, wenn er ein Werk von diesem erblicken sollte. Dagegen mussen ihm die kleinen Bilder, die muhsam und kunstlich ausgefuhrten Spielwerke Raffaels hochst willkommen, und im ganzen verstandlich sein."
"Erlaubt", sagte Florestan, "ich bin kein Kenner der Kunst; aber doch habe ich von Tausenden gehort, dass Raffael das Kleinod dieser Erde zu nennen sei, und wahrlich! wenn ich meinen Augen und meinem Gefuhle trauen darf, so leuchtet eine erhabene Gottlichkeit aus seinen Werken."
"Und wie Ihr von Durer sprecht!" sagte Franz, "dieser weiss wohl das Eigne und Grosse an fremden Werken zu schatzen; wie konnte er sonst selber ein so grosser Kunstler sein? Ihr liebt Euer deutsches Vaterland wenig, wenn Ihr von seinem ersten Kunstler geringe denkt."
"Erzurnt Euch nicht", sagte der Monch, "denn es ist seine rauhe, wilde Art, dass er alles ubertreibt. Ihm dunkt nur das Riesenhafte und Ungeheure schon, und der Sinn fur alles ubrige scheint ihm versagt."
"Nun, was ist es denn auch mit Deutschland und mit unsrer einheimischen Kunst?" rief Bolz ergrimmt aus. "Wie armselig und handwerksmassig wird sie ausgeubt und geschatzt! Noch kein wahrer Kunstlergeist hat diesen unfruchtbaren deutschen Boden, diesen truben Himmel besucht. Was soll auch die Kunst hier? Unter diesen kalten gefuhllosen Menschen, die sie in durftiger Hauslichkeit kaum als Zierat achten? Darum strebt auch keiner von den sogenannten Kunstlern das Hochste und Vollkommenste zu erreichen, sondern sie begnugen sich, der kalten durftigen Natur nahezukommen, ihr hin und wieder einen Zug ausser dem Zusammenhange abzulauschen, und glauben dann, wenn sie ihr Machwerk in kahler Unbedeutsamkeit stehen lassen, was Rechtes getan zu haben. So ist Euer gepriesener Albrecht Durer, Euer Lukas von Leyden, Euer Schoorel, ob er gleich in Italien gewesen ist, der Schweizer Holbein, und keiner von ihnen verdient zu den Malern gezahlt zu werden."
"Ihr kennt sie nicht", rief Franz unwillig aus, "oder Ihr wollt sie mit Vorsatz verkennen. Soll denn ein Mann allein die Kunst und alle Trefflichkeit vollig bis zum letzten Grunde erschopft haben, so dass mit ihm, nach ihm kein anderer nach dem Kranze greifen darf? Wie beengt und klein musste dann das himmlische Gebiet sein, wenn es ein einziger Geist durchschwarmte, und wie ein Herkules an den Grenzen seine Saulen setzte, um der Nachwelt zu sagen, wie weit sie gehen konne. Mir scheint es Barbarei und Hartherzigkeit, Entwurdigung des Kunstlers selbst, den ich vergottern mochte, wenn ich ihm ausschliesslich alle Kunst beilegen will. Bisher scheint mir Durer der erste Maler der Welt; aber ich kann es mir vorstellen, und er hat es selbst oft genug gesagt, wie viele Herrlichkeiten in andern Gebieten glanzen. Ich bin entzuckt, wenn ich daran zuruckdenke, welchen reichen Bilderschatz, welche Sammlung edler und lieblicher Werke der Kunst ich allein auf meiner Reise in meinem geliebten Vaterlande gesehen habe. Von Nurnberg aus hat sich durch Franken bis zum Rhein Liebe und Tatigkeit verbreitet, es ist fast kein Ort, der nicht etwas Denkwurdiges aufzuweisen hatte: und denke ich der Fulle des niederlandischen Fleisses, der grossen und alten Werke, die allein das ehrwurdige Koln in seinen Mauern bewahrt, Malereien, die wohl weit uber den Johann von Eyck hinaufzusteigen scheinen, und Grosse, Kraft und tiefen Sinn aussprechen: erinnre ich mich, welche Meisterwerke in Gewand-Figuren, in hohem Ausdruck, in Farbung und unbeschreiblicher Lieblichkeit ich von diesem alten Johann gesehn habe; und gedenke ich der unzahligen reizenden und muhevollen Werke den Rhein hinunter in allen Stadten; gehe von der fruheren Zeit die Manieren in meiner Vorstellung durch, und treffe dann meinen hochverehrten Durer am Schluss dieser deutschen Jahrhunderte mit der Palme des Verdienstes in der Hand, der gleichsam alle diese einzelnen Bestrebungen in sich vereint, oder geahndet, und fur die Zukunft noch vielfache neue Erfindungen angedeutet hat, so freue ich mich meiner Zeit und meines Vaterlandes, am meisten aber jenes edlen Mannes, der mich ihn Freund zu nennen vergonnt: und wenn ich auch gerne glauben und zugeben will, dass das sudliche Land und der hohe Michel Angelo noch ungekannte Herrlichkeiten bewahrt, so werde ich doch niemals, wie Ihr, dem deutschen Sinne ungetreu werden konnen."
"Kommt nur nach Italien", sagte Bolz, "und Ihr werdet anders sprechen."
"Nein, Augustin", fiel ihm der Monch ein. "So reich die Kunstwelt dort sein mag, so wird doch dieser junge Mann, nachdem er sie kennengelernt hat, schwerlich anders sprechen. Ihr gefallt Euch in Euren Ubertreibungen, in Eurer erzwungenen Einseitigkeit, und glaubt, dass es keinen Enthusiasmus ohne Verfolgungsgeist geben konne. Sternbald wird gewiss auch in Rom und Florenz seinem Durer getreu bleiben, und er wird gewiss Angelos Erhabenheit und Raffaels Grosse und Schone mit gleicher Liebe umfassen konnen."
"Und das soll er, das muss er!" rief Rudolph hier mit einem Ungestum aus, den man sonst nicht an ihm bemerkte. "Ihr mein ungestumer Herr Polz oder Stolz, oder wie Ihr Euch nennt, habt wenig Ehre davon, dass Ihr solche Gesinnungen und Redensarten aus dem lieblichen Italien mit Euch bringt; nach Norden, nach den Eislandern hattet Ihr reisen mussen. Ihr sprecht von deutscher Barbarei, und fuhlt nicht, dass Ihr selber der grosste Barbar seid. Was habt Ihr in Italien gemacht, oder wo hat Euch das Herz gesessen, als Ihr im Vatikanischen Palaste vor Raffaels Unsterblichkeit standet?"
Alle mussten uber den Ungestum des Junglings lachen, und er selbst lachte von Herzen mit, obgleich ihm eine Trane im Auge stand. "Ich bin ein Romer", sagte er dann, "und ich gestehe, dass ich Rom unaussprechlich liebe; Raffael ist es besonders, der Rom ausgeschmuckt hat, und seine hauptsachlichsten Gemalde befinden sich dort. Sagt nun, was Ihr wollt, ich werde Euch gewiss nicht noch einmal so heftig widersprechen."
"So ist denn dieser Raffael gestorben?" fing Franz von neuem an; "wie alt ist er denn geworden?"
"Gerade neununddreissig Jahre", sagte der Monch. "Am Karfreitage, an diesem heiligen Tage ist er geboren, und in diesen merkwurdigen Tag ist auch wieder die Geburtsstunde seines neuen Lebens im Tode gefallen. Er war und blieb sein lebelang ein Jungling, und aus allen seinen Werken spricht ein milder, kindlich hoher Geist. Sein letztes grosses Gemalde war Christi Verklarung, worin er seine eigene Vergotterung gemalt hat, denn vielleicht ist dieses Werk das Hochste und Vollkommenste, das seine Hand nur hervorbringen konnte. Oben schwebt der Erloser in himmlischer Glorie, neben ihm Elias und Moses, vom Boden erhoben, er in verklarter Gestalt, vom Glanz sind seine Lieblinge geblendet zu Boden gesunken, und unten am Berge sieht man die Apostel, in ihnen den Glauben und die Kraft, welche die Erde noch verwandeln und erleuchten sollen, aber noch ist um sie das Menschenleben dunkel, und sie konnen der entsetzlichen Not nicht abhelfen, die in Gestalt eines besessenen Knaben, der ihnen zur Heilung herbeigefuhrt wird, wild und grasslich vor sie tritt. In diesem Bilde ist auf die wundersamste Weise alles vereinigt, was heilig, menschlich und furchtbar ist, die Wonne der Seligen mit dem Jammer der Welt, und Schatten und Licht, Korper und Geist, Glaube, Hoffnung und Verzweiflung bildet auf tiefsinnige, ruhrende und erhabene Weise die schonste und vollendetste Dichtung. Raffaels Sarg stand in der Malerstube, und dieses sein letztes vollendetes Gemalde daneben, seine eigne Verklarung. Der Finger ruhte nun auf immer, der diese Bilder in Leben und Bewegung gezaubert hatte; die bunte freundliche Welt, die aus dem Gestorbenen hervorgegangen war, stand nun neben der blassen Leiche. Ganz Rom war in Bewegung, und keiner von denen, die es sahen, konnte sich der Tranen enthalten."
"Wessen Tranen", rief Franz aus, "sollten wohl bei solchem Anblicke nicht fliessen? Was konnen wir denn den grossen Kunstgeistern zum Dank anders widmen, als unser volles, entzucktes Herz, unsre andachtige Verehrung? Fur diese unbefangene, kindliche Ruhrung, fur diese vollige Hingebung unsers eigentumlichen Selbst, fur diesen vollen Glauben an ihre edle Trefflichkeit haben sie gearbeitet; dies ist ihr grosster und ihr einziger Lohn. Kommen mir doch jetzt die Tranen in die Augen, wenn ich mir den Abgeschiedenen da liegen denke, unter seinen Gemalden, seine letzte Schopfung neben ihm, die noch vor wenigen Tagen sein Kunstgeist bewegte und belebte. Oh, man sollte meinen, alle jene lebendigen Gestalten hatten sich verandern, und nur Schmerz und Verzweifelung uber den entflohenen Raffael ausdrucken mussen."
Der Bildhauer sagte: "Nun gewiss, Ihr habt eine lebhafte Imagination; am Ende meint Ihr gar, sein gemalter Christus hatte ihn wieder vom Tode erwecken konnen."
"Und ist denn Raffael gestorben?" rief Sternbald in seiner Begeisterung aus. "Wird Albrecht Durer jemals sterben? Nein, kein grosser Kunstler verlasst uns ganz; er kann es nicht, sein Geist, seine Kunst bleibt freundlich unter uns wohnen. Der Name des Feldherrn wird auch vom spaten Enkel noch genannt: aber grosseren Triumph geniesst der Kunstler, Raffael ruht neben seinen Werken glanzender, als der Sieger in seinem ehernen Grabmal: denn er lasst die Bewegungen seines edlen Herzens, die grossen Gedanken, die ihn begeisterten, in sichtbaren Bildungen, in lieblichen Klangen unter uns zuruck, und jede Gestalt bietet schon jetzt dem noch ungebornen Enkel die Hand, um ihn zu bewillkommnen; jedes Gemalde druckt den entzuckten Beschauer an das Herz Raffaels, und er fuhlt, wie ihn der Geist des Malers liebevoll umfangt und erwarmt, er glaubt das Wehen des Atems zu fuhlen, die Stimme des Grusses zu vernehmen, und ist durch diese Stunde fur seine ganze Lebenszeit gestarkt. Und aus diesen Entzuckungen stromen neue Triebe und Bildungen, die wieder wie Bluten, oft ihres ersten Stammes unbewusst, spaterhin als Fruhling, als Kunst, als Unsterblichkeit und himmlische Liebe vom grossen Lebensbaum schwankend herniederleuchten und duften."
Bolz sagte: "Ihr werdet Euer lebelang kein grosser Maler werden; Ihr erhitzt Euch uber alles ohne Not, und das wird Euch gerade von der Kunst abfuhren."
"Darin mogt Ihr nicht ganz unrecht haben", sagte der Monch. "Mit welcher Freude erinnre ich mich so mancher sinnvollen Gesprache mit jenem trefflichen Manne, den ich in den florentinischen Gebirgen kennenlernte. Wahrlich, nichts hat mir seitdem noch so gemangelt, als der Umgang mit diesem Geiste, dessen Gesinnungen wie seine Geschichte zu den lehrreichsten und sonderbarsten gehoren, von denen ich noch vernommen habe, und dieser wiederholte auch oft jene Behauptung unsers sturmischen Freundes, dass die Kunst einen ruhigen Geist fordre."
"Das ist wohl ausgemacht", sagte Rudolph; "aber warum muss Euch ein alter Herr, den wir alle nicht kennen, erst auf diesen Gedanken bringen, der doch so naturlich ist?"
"Ihr habt recht", sagte der hofliche Monch, "und ich verwundre mich selbst, dass ich an diesen so einleuchtenden Satz meine Erinnerung so gewaltsam anknupfte; sein ungewohnlicher Lebenslauf ist es, der mir so oft im Sinne liegt, und ich musste an ihn denken, seit ich Euren Freund Sternbald vor mir sah, denn so sehr, als sich Jugend und Alter nur ahnlich sein konnen, gleicht er in Antlitz und Gebarde jenem meinen teuren Freunde."
"Konnt Ihr uns nicht etwas von seiner Geschichte erzahlen?" fragte Franz.
Der Monch wollte eben anfangen, als sie Jagdhorner und Hundegebell horten. Ein Trupp Reuter jagte bei ihnen voruber und in den benachbarten Wald hinein. Die Berge gaben die Tone zuruck, und ein schones musikalisches Gewirr larmte durch die einsame Gegend.
Bolz stand auf und sagte: "Lasst um des Himmels willen Eure langweiligen Erzahlungen; freut Euch doch an diesem Konzerte, das, nach meinem Gefuhle, jede Brust erregen musste. Ich kenne nichts Schoneres, als Jagdmusik, den Hornerklang, den Widerhall im Walde, das wiederholte Gebell der Hunde und das hetzende Hallo der Jager. Als ich auf meiner Ruckreise uber Palastina ging, und nicht weit davon in abgelegener Gegend einen Bekannten besuchen wollte, war ich so glucklich, dort im dichten Walde dem schonsten Madchen, die ich noch gesehn habe, eine Jungfrau, wie sie uns sonst unsre Phantasie nur edel und reizend malt, bei einer Jagd das Leben zu retten, grosse Hirtenhunde hatten sich, aufgescheucht vom Getummel, an sie gemacht, und ich kam eben hinzu, als die wilden Tiere, die dort sehr gefahrlich sind, sie anfallen wollten, und sie, fast ohnmachtig, den Versuch machte, einen Baum hinanzuklimmen. Das, Herr Maler, war eine Szene, der Darstellung wurdig. Der grune, dunkelschattige Wald, das Getummel der Jagd, ein aufgescheuchtes Weib, mit langem fliegenden Goldhaar, das Gewand in Unordnung, der Busen fast frei, Fuss und schones Bein von der Stellung entblosst. Seht, so habe ich Euch auch aus meiner Erinnerung eine Geschichte erzahlt, denn dieses hohe himmlische Bild schwebt mir so vor, dass sie allein mich bewegen konnte, nach Italien zuruckzugehn."
Franz dachte unwillkurlich an seine Unbekannte, und der Monch sagte: "Ich kann den Gegenstand so besonders malerisch nicht finden, er ist alltaglich und bedeutungslos."
"Nachdem ihn der Maler nehmen durfte", fiel Franz ein.
Sie waren einen Berg hinangestiegen und standen nun ermudet still. Indem sie sich an der Aussicht ergotzten, und den Krummungen des Rheins durch die grunen Gefilde folgten, der sich glanzend um Hugel schmiegte, wieder erschien, und dann von Schatten und Wald verschlungen, plotzlich in entfernteren Biegungen von neuem hervorleuchtete, rief Franz aus: "Mich dunkt, ich sehe noch ganz in der Ferne den Munster!"
Sie sahen alle hin, und ein jeglicher glaubte ihn zu entdecken. "Der Munster", sagte Bolz, "ist noch ein Werk, das den Deutschen Ehre macht!"
"Das aber doch gar nicht zu Euren Begriffen vom Idealischen und Erhabenen passt", antwortete Franz.
"Was gehen mich meine Begriffe an?" sagte der Bildhauer; "ich kniee in Gedanken vor dem Geiste nieder, der diesen allmachtigen Bau entwarf und ausfuhrte. Wahrlich, es war ein seltner Geist, der es wagte, diesen Baum mit Asten, Zweigen und Blattern so hinzustellen, immer hoher den Wolken mit seinen Felsmassen entgegenzugehn, und ein Werk hinzuzaubern, das gleichsam ein Bild der Unendlichkeit ist."
Sternbald sagte: "Wie freue ich mich, dass es mir so wohl geworden ist, dieses Denkmal deutscher Kunst und Seelenhoheit gesehn zu haben. Mit welcher lauten Stimme wird der Name Erwins durch die Welt gerufen, und wie fuhlen wir im Anschauen dieses Monumentes die Unsterblichkeit des Menschengeistes. Hier ist eine Erhabenheit ausgesprochen, fur die kein andres Zeichen, keine andre Kunst, ja selbst der unendliche Gedanke nicht genugte; die Vollendung der Symmetrie, die kuhnste allegorische Dichtung des menschlichen Geistes, diese Ausdehnung nach allen Seiten, und uber sich in den Himmel hinein; das Endlose und in sich selbst Geordnete; die Notwendigkeit des Gegenuberstehenden, welches die andere Halfte erlautert und vollendet, so dass eins um des andern willen, und alles um die deutsche Grosse und Herrlichkeit auszudrucken, da ist. Es ist ein Baum, ein Wald, aber diese allmachtigen, unendlich wiederholten Steinmassen drucken auch, wenn man will, noch viel anderes im Bilde aus. Es ist der Geist des Menschen selbst, seine unendliche Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbunden, sein kuhnes Riesenstreben nach dem Himmel, seine Dauer und Unbegreiflichkeit; den Geist Erwins selbst seh ich in einer furchtbar sinnlichen Anschauung vor mir stehen. Es ist zum Entsetzen, dass der Mensch aus den Felsen und Abgrunden sich einzeln die Steine hervorholt, und nicht rastet und ruht, bis er diesen ungeheuren Springbrunnen von lauter Felsenmassen hingestellt hat, der sich ewig, ewig ergiesst, und wie mit der Stimme des Donners Anbetung vor uns selbst in unsre sterblichen Gebeine hineinpredigt. Und nun klimmt unbemerkt und unkenntlich ein Wesen, gleich dem Baumeister, oben wie ein Wurm, an den Zinnen umher, und immer hoher und hoher, bis ihn der letzte Schwindel wieder zur flachen, sichern Erde hinunternotigt wer hier nichts fuhlt und entzuckt ist, o wahrhaftig, der begeht, ein armer Sunder, die Verleugnung Petri an der Herrlichkeit des gottlichen Ebenbildes."
Hier gab der Bildhauer dem Maler die Hand und sagte: "So hor ich Euch gerne."
"Und ist es denn nun etwa", fuhr Sternbald fort, "dass diese ungeheure Masse uns Entsetzen oder Schauer erregt, wie vielleicht die Pyramiden Agyptens verursachen mogen? O vergonnt und verzeiht mir, dass ich vielleicht ein zu kuhnes Gleichnis brauche. Wie der Ewige, Unendliche, sich in die Liebe kleidete, um uns nicht zu schrecken und sich verstandlich zu machen, wie er als Kind und Freund unter uns wandelte, und der glaubige Christ so Trost und Zuflucht bei ihm, selbst vor jenem ungeheuren unermesslichen Bilde des Vaters findet, so ist hier auf ahnliche Art die Liebe in das Mittel getreten, nun diese Erhabenheit wieder in Blume, in Pflanze, in Licht und heiteres susses Spiel aufzulosen. Wohin das Auge sieht und wohin es schweift begegnet ihm dieser zarte Scherz, und schaukelt sich in Wellen, Rosen, Knospen, Bildern, Bogen, um den harten Stein und Felsen wie in Musik und Wohllaut aufzulosen. Daher das Unerklarliche, dass wir ganz so wie vor einem Wunder, vor einem Traume stehen, wenn dieses hochste Riesenwerk zugleich wie ein zarter himmlischer Luftscherz vor uns schwebt. In Steinen sehn wir die geahndete Glorie des Himmels, und auch der Fels hat seine starre Natur brechen mussen, um Hosianna! und Heilig! Heilig! zu singen."
"Phantasiert nur", sagte Bolz; "aber wahr ist es, dass diese Gebaude, die vielleicht allein den Deutschen angehoren, den Namen des Volkes unsterblich machen mussen. Der Dom zu Wien, der unvollendete machtige Bau in Koln, und jener in Strassburg sind die hellsten Sterne; und wie lieblich ist der kleine Dom druben im breisgauschen Freiburg, mancher andern in Esslingen, oder Meissen, und an andern Orten nicht zu erwahnen. Vielleicht erfahren wir auch noch einmal, dass alles, was England, Spanien und Frankreich von dieser Art Herrliches besitzt, von deutschen Meistern ist gegrundet worden. Dergleichen findet Ihr nun freilich in Italien nicht, denn der Italiener, der alles verwirft, was nicht sein ist, kennt nur als gotisch oder deutsch die unreifen rohen Steinmassen zu Mailand und Pisa, oder gar das unzusammenhangende Gebaude des Domes zu Lucca. Aber wir mussen uns trennen. Ihr kommt jetzt, junger Mann, nach Italien, indem es vielleicht seine glanzendste Epoche gefeiert hat. Ihr werdet viele grosse und verdiente Manner antreffen, und was an ihnen das Schonste ist, erkennen. Die meisten arbeiten in der Stille. Vielleicht kommt aber bald die Zeit, wo es mit der wahren, hohen Kunst zu Ende ist, denn man fangt schon an zu schwatzen statt zu handeln, von manchen grossen Meistern vererbt sich statt des Tiefsinns ein unnutzer Hang zum Grubeln, der die Kraft erlahmt, oder ein seichtes, leeres Spiel mit Gedanken und ein Tandeln mit der Kunst; oder es entsteht wohl der Afterenthusiasmus, die Luge, die das wahrhaft Edle herabwurdigen."
Sie gingen auseinander, und Franz uberdachte die letzten Worte, die ihm nicht ganz verstandlich waren.
Drittes Kapitel
Indem Rudolph und Franz ihren Weg fortsetzten, sprachen sie uber ihre Begleiter, die sie verlassen hatten. Franz sagte: "Ich kann es mir nicht erklaren, warum ich vom ersten Augenblicke einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen diesen Bildhauer empfunden habe, der sich mit jedem Worte, das er sprach, vermehrte; selbst die freundliche Art, mit der er am Ende Abschied nahm, war mir recht im Herzen zuwider."
"Der Geistliche", antwortete Rudolph, "hatte im Gegenteil etwas Anlockendes, das gleich mein Zutrauen gewann; er schien ein sanfter, freundlicher Mensch, der jedem wohlwollte. Nur mochte ich glauben, dass er dem Stande nicht angehort, dessen Kleidung er tragt, denn sein Gang war zu frei und mannlich."
"Er hatte uns", fuhr Sternbald fort, "die Geschichte des alten Mannes erzahlen sollen, von dem er sprach; eine sonderbare Neugier bemachtigte sich meiner, und es schmerzt mich, so von ihm geschieden zu sein, denn es gibt Begebenheiten, aus deren Erzahlung man fur sein ganzes Leben lernen kann."
"Und ich begreife nicht", sagte Rudolph, "was in jeder Geschichte anders noch als Geschichte sein kann, mir war es lieb, dass es nicht zur Erzahlung kam, denn schon in den Buchern ist es mir immer sehr verhasst gewesen, wenn auf eine ahnliche Frage und unnotige Veranlassung eine Novelle oder Historie vorgetragen wird, und in dem Augenblick, als er sich zum Vortrage anschickte, gemahnte es mir gerade so, als wenn ich ein solches Buch lase."
Ein Fusssteig fuhrte sie in einen dichten kuhlen Wald hinein, und sie bedachten sich nicht lange, ihm nachzugehen. Eine erquickende Luft zog durch die Zweige, und der mannigfaltigste, anmutigste Gesang von unzahligen Vogeln erschallte. Es war ein lebendiges Gewimmel in den Gebuschen; die buntgefiederten Sanger sprangen hier- und dorthin: die Sonne flimmerte nur an einzelnen Stellen durch das dichte Grun.
Beide Freunde gingen schweigend nebeneinander, indem sie des schonen Anblicks genossen. Endlich stand Rudolph still und sagte: "Wenn ich ein Maler ware, Freund Sternbald, so wurde ich vorzuglich Waldgegenstande studieren und darstellen. Schon der Gedanke eines solchen Gemaldes kann mich entzukken. Wenn ich mir unter diesen dammernden Schatten die Gottin Diana vorubereilend denke, den Bogen gespannt, das Gewand aufgeschurzt und die schonen Glieder leicht umhullt, hinter ihr die Nymphen in Eil und die Jagdhunde springend, so wird mir dies von selbst zum Bilde. Oder stelle dir vor, dass dieser Fussweg sich immer dichter in das Gebusch hineinwindet, die Baume werden immer hoher und wunderbarer, plotzlich steht eine Grotte, ein kuhles Bad vor uns, und in ihm die Gottin, mir ihren Begleiterinnen, entkleidet. Da ist die Einsamkeit, Grun, Felsen und Baum und die nackte Schonheit majestatischer, hoher und jungfraulicher Leiber vereinigt: fuge vielleicht den Aktaon hinzu, so tritt jener wundersame Schreck und die seltsame Freude noch in das Gemalde, in seinen Hunden kannst du schon die tierische Wut und den Blutdurst darstellen, so ist hier das Widersprechendste in ein poetisches Bild notwendig und schon verknupft."
"Oder", sagte Franz, "hier im tiefen Walde die Leiche eines schonen Junglings, und uber ihm ein Freund und die Geliebte im tiefsten Schmerz, vielleicht Venus und Adonis, oder ein lieblicher Knabe, von wilden Raubern erschlagen: die dunkelgrunen Schatten, unter ihnen die blendenden Jugendgestalten, der frische Rasen, die einzelnen, zerspaltenen Sonnenstrahlen von oben, die nur das Gesicht und einzelne kleine Teile hell erleuchteten, der Eber, oder die Rauber in der Ferne, wie von Gewitterschatten eingehullt, alles dies zusammen musste ein vortreffliches Gemalde der Schwermut und Schonheit ausbilden."
"Fuhlst du nicht oft", fuhr Rudolph fort, "einen wunderbaren Zug deines Herzens dem Wunderbaren und Seltsamen entgegen? Man kann sich der Traumbilder dann nicht erwehren, man erwartet eine hochst sonderbare Fortsetzung unsers gewohnlichen Lebenslaufs. Oft ist es, als wenn der Geist von Ariosts Dichtungen uber uns hinwegfliegt, und uns in seinen kristallenen Wirbel mit fassen wird; nun horchen wir auf und sind auf die neue Zukunft begierig, auf alle die Erscheinungen, die an uns mit bunten Zaubergewandern vorubergehen sollen: dann ist es, als wollte der Waldstrom seine Melodie deutlicher aussprechen, als wurde den Baumen die Zunge gelost, damit ihr Rauschen in verstandlichern Gesang dahinrinne. Nun fangt die Liebe an, auf fernen Flotentonen heranzuschreiten, das klopfende Herz will ihr entgegenfliegen, die Gegenwart ist wie durch einen machtigen Bannspruch festgezaubert, und die glanzenden Minuten wagen es nicht zu entfliehen. Ein Zirkel von Wohllaut halt uns mit magischen Kraften eingeschlossen, und ein neues verklartes Dasein schimmert wie ratselhaftes Mondlicht in unser wirkliches Leben hinein."
"O du Dichter!" rief Franz aus, "wenn du nicht so leichtsinnig warst, solltest du ein grosses Wundergedicht erschaffen, voll von gaukelndem Glanz und wandelnden Klangen, voll Irrlichter und Mondschimmer; ich hore dir mit Freuden zu, und mein Herz ist schon wunderbar von diesen Worten ergriffen."
Nun horten sie eine ruhrende Waldmusik von durcheinanderspielenden Hornern aus der Ferne; sie standen still und horchten, ob es Einbildung oder Wirklichkeit sei: aber ein melodischer Gesang quoll durch die Baume ihnen wie ein rieselnder Bach entgegen, und Franz glaubte, die Geisterwelt habe sich wohl plotzlich aufgeschlossen, weil sie vielleicht, ohne es zu wissen, das grosse zaubernde Wort gefunden hatten; als habe nun der geheimnisvolle unsichtbare Strom den Weg nach ihnen gelenkt, und sie in seine Fluten aufgenommen. Sie gingen naher, die Waldhorner schwiegen, aber eine susse Stimme sang nun folgendes Lied:
"Waldnacht! Jagdlust!
Leis und ferner
Klingen Horner,
Hebt sich, jauchzt die freie Brust!
Tone, tone nieder zum Tal,
Freun sich, freun sich allzumal
Baum und Strauch beim muntern Schall.
Kling nur Bergquell!
Efeuranken
Dich umschwanken,
Riesle durch die Klufte schnell!
Fliehet, flieht das Leben so fort,
Wandelt hier, dann ist es dort
Hallt, zerschmilzt, ein luftig Wort.
Waldnacht! Jagdlust!
Dass die Liebe
Bei uns bliebe,
Wohnen blieb' in treuer Brust!
Wandelt, wandelt sich allzumal,
Fliehet gleich dem Hornerschall:
Einsam, einsam grunes Tal.
Kling nur Bergquell!
Ach betrogen
Wasserwogen
Rauschen abwarts nicht so schnell!
Liebe, Leben, sie eilen hin,
Keins von beiden tragt Gewinn:
Ach, dass ich geboren bin!"
Die Stimme schwieg, und die Horner fielen nun wieder mit schmelzenden Akkorden darein; dann verhallten sie, und eine mannliche volle Stimme sang von einem entfernteren Orte:
"Treulieb ist nimmer weit,
Nach Kummer und nach Leid
Kehrt wieder Lieb und Freud:
Dann kehrt der holde Gruss,
Handedrucken,
Zartlich Blicken,
Liebeskuss.
Treulieb ist nimmer weit!
Ihr Gang durch Einsamkeit
Ist dir, nur dir geweiht.
Bald kommt der Morgen schon,
Ihn begrusset
Wie er kusset
Freudentran'."
Die Horner schlossen auch diesen Gesang mit einigen uberaus zartlichen Tonen.
Franz und Rudolph waren indes naher geschritten und standen jetzt still, an einen alten Baum gelehnt, der sie fast ganz beschattete. Sie sahen eine Gesellschaft von Jagern auf einem grunen Hugel gelagert, einige darunter waren diejenigen, die vorher an ihnen vorubergeritten waren. Auf der mittleren Erhohung des Hugels sass ein wundersam schoner Jungling, in einer Jagdkleidung von grunem Sammet, von einem violetten Hute schwankten bunte Federn, in einem reichen Bandelier, das uber der erhabenen Brust hing, trug er ein kurzes Schwert; er hatte das erste Lied gesungen; aus dem Anstande, der Schonheit und dem Wuchse des Junglings sahe Franz, dass er ein Madchen sei: sie glich, indem sich die schlanke Gestalt erhob, und die Hitze der Jagd in ihrem Gesichte gluhte, der Gottin der Walder. Alle Jager sprangen auf, die verschiedenen ruhenden Gruppen wurden plotzlich lebendig, und versammelten sich um sie her, die Hunde kamen herbei, die bisher teils zu ihren Fussen schnaufend, teils unter den kuhlen Baumen gelegen hatten. Ein Jagdruf der Horner erklang, und alles machte sich zur Ruckkehr fertig. Die wiehernden Rosse wurden von Dienern aus dem Schatten des Waldes herbeigefuhrt. Jetzt ward sie die beiden Reisenden gewahr und ging freundlich auf sie zu, indem sie sich erkundigte, auf welche Weise sie dorthin gekommen waren. Rudolph merkte nun erst, dass sie sich verirrt haben mussten, denn sie sahen keinen Weg, keinen Fusssteig vor sich. Auf den Befehl der Jagerin reichte man ihnen Wein in Bechern zur Erfrischung; dann erzahlten sie von ihrer Wanderschaft. Da die schone Jagerin horte, dass Sternbald ein Maler sei, bat sie beide Freunde, dem Zuge auf ihr nahe gelegenes Schloss zu folgen, Sternbald solle ausruhen, und nachher etwas fur sie arbeiten.
Franz war begeistert, er wunschte nichts so sehr, als in der Nahe dieser herrlichen Erscheinung zu bleiben, und ihr auf irgendeine Weise gefallig oder nutzlich sein zu konnen. Die Jager bestiegen ihre Pferde, und zwei von ihnen boten Franz und Rudolph ihre Hengste an. Sie stiegen auf, und Rudolph war immer der vorderste im Zuge, wobei sich seine auslandische Tracht, seine vom Hute flatternden Bander gut ausnahmen: Sternbald aber, dem diese Ubung noch neu war, schien angstlich und blieb hinten, er wunschte, dass man ihn zu Fuss hatte folgen lassen.
Jetzt eroffnete sich der Wald. Eine schone Ebene mit Gebuschen und krausen Hugeln in der Ferne lag vor ihnen. Die Pferde wieherten laut und frohlich, als sie die Ruckkehr zur Heimat merkten; das Schloss der Grafin lag mit glanzenden Fenstern und Zinnen zur Rechten auf einer lieblichen Anhohe. Ein Jager, der mit Rudolph den Zug angefuhrt hatte, bot diesem an, einen Wettlauf bis zum Schlosse anzustellen: Rudolph war willig, beide spornten ihre Rosse und flogen mit gleicher Eile uber die Ebene, Rudolph jauchzte, als er seinem Mitkampfenden Vorsprung abgewann; die ubrigen folgten langsam unter einer frohlichen Musik der Horner.
Es war um die Mittagszeit, als der Zug im Schlosse ankam, und die ganze Gesellschaft setzte sich bald darauf zur Tafel; die schone Jagerin war aber nicht zugegen. Die Tischgesellschaft war desto lustiger, Rudolph, vom Reiten erhitzt, und da er uberdies noch vielen Wein trank, war er beinahe ausgelassen, um so mehr aber belustigte er die Gesellschaft, die es nicht mude wurde, seine Einfalle zu belachen. Franz fuhlte sich gegen seine Leichtigkeit unbeholfen und ohne alle Fahigkeit Scherz und Lachen zu vernehmen. Ein altlicher Mann, der im Hause aufbewahrt wurde, galt fur einen Dichter: er sagte Verse her, die ungemein gefielen, und noch mehr deswegen, weil er sie ohne Vorbereitung singen oder sprechen konnte. Unter dem lautesten Beifall der Gesellschaft sang er folgendes Trinklied:
"Die Glaser sind nun angefullt,
Auf, Freunde, stosset an,
Der edle Traubensaft entquillt
Fur jeden braven Mann.
Es geht von Mund zu Mund
Das volle Glas in die Rund,
Wer krank ist trinke sich gesund.
Es kommt vom Himmel Sonnenschein
Und schenkt uns Freud und Trost,
Dann wachst der liebe susse Wein,
Es rauschet uns der Most.
Es geht von Mund zu Mund
Das volle Glas in die Rund,
Wer krank ist trinke sich gesund."
Da alle das Talent des Mannes bewunderten, sagte Rudolph im Unwillen: "Es geschieht dem Wein keine sonderliche Ehre, dass Ihr ihn auf solche Art lobt, denn es klingt beinahe, als wenn Ihr aus Not ein Dichter waret, der den lieben Wein nur besingt, weil er sich diesen Gegenstand einmal vorgesetzt hat; es ist wie ein Gelubde, das jemand mit Widerwillen bezahlt. Warum qualt Ihr Euch damit, Verse zu machen? Ihr konnt den Wein so durch funfzig Strophen verfolgen, von seiner Herkunft anfangen und seine ganze Erziehung durchgehn. Ich will Euch auf diese Art auch ein Gedicht uber den Flachsbau durchsingen, und uber jedes Manufakturprodukt."
"Das horen wir sehr ungern!" rief einer von den Jagern.
"Wir haben den Mann immer fur einen grossen Dichter gehalten", sagte ein andrer, "warum macht Ihr uns in unserm Glauben irre?"
"Es ist leichter tadeln, als besser machen!" rief ein dritter.
Der Poet selbst war sehr aufgebracht, dass ihm ein fremder Ankommling seinen Lorbeer streitig machen wollte. Er bot dem berauschten Florestan einen dichterischen Zweikampf an, den die Gesellschaft nachher entscheiden sollte. Florestan gab seine Zustimmung, und der alte Sanger begann sogleich ein schones Lied auf den Wein, das alle Gemuter so entzuckte, dass Franz fur seinen Freund wegen des Ausganges des Krieges in billige Besorgnis geriet.
Wahrend dem Liede war die Tafel aufgehoben, und Florestan bestieg nun den Tisch, indem er seinen Hut aufsetzte, der mit grunem Laube geputzt war; vorher trank er noch ein grosses Glas Wein, dann nahm er eine Zither in die Hand, auf welcher er artig spielte und dazu sang: "Erwacht ihr Melodieen, Und tanzt auf den Saiten dahin! Ha! meine Augen gluhen, Alle Sorgen erdwarts fliehen, Himmelwarts entflattert der jauchzende Sinn. In goldenen Pokalen Verbirget die Freude sich gern, Es funkeln in den Schalen Ha! des Weines liebe Strahlen, Es regt sich die Welle ein schimmernder Stern.
In tiefen Bergeskluften, Wo Gold und der Edelstein keimt, In Meeres fernen Schluften, In Adlers hohen Luften, Nirgend Wein wie auf glucklicher Erde schaumt.
Gern mancher sucht' in Schlunden,
Wo selber dem Bergmann graut, In felsigen Gewinden, Konnt er die Wonne finden, Die so freundlich uns aus dem Becher beschaut." Rudolph hielt inne. "Ist es mir, Herr Poet", fragte er bescheiden, "nun wohl vergonnt, das Silbenmass ein wenig zu verandern?"
Der Dichter besann sich ein Weilchen, dann nickte er mit dem Kopfe, um ihm diese Freiheit zuzugestehn. Rudolph fuhr mit erhohter Stimme fort:
"Als das Gluck von der Erde sich wandte,
Das Geschick alle Gotter verbannte,
Da standen die Felsen so kahl,
Es verstummten der Liebenden Lieder,
Sah der Mond auf Betrubte hernieder,
Vergingen die Blumen im Tal.
Sorg und Angst und Gram ohne Ende,
Nur zur Arbeit bewegten sich Hande,
Trub und tranend der feurige Blick,
Sehnsucht selber war nun entschwunden,
Keiner dachte der vorigen Stunden,
Keiner wunschte sie heimlich zuruck.
Nicht wahr", unterbrach sich Rudolph selber, "das war fur die arme Menschheit eine traurige Lage, die so plotzlich das goldene Zeitalter verloren hatte? Aber hort nur weiter:
Alle Gotter ohn Erbarmen
Sahn hinunter auf die Armen,
Ihr Verderben ihr Entschluss.
Oh, wer ware Mensch verblieben,
Ohne Gotter, ohne Lieben,
Ohne Sehnsucht, ohne Kuss?
Bacchus sieht, ein junger Gott,
Lachelnder Wang, mit Blicken munter
Zur verlassnen Erd hinunter,
Ihn bewegt der Menschheit Not.
Und es spricht die Silberstimme:
'Meine Freunde sind zu wild,
Ihrem eigensinngen Grimme
Unterliegt das Menschenbild.
Durfen sie die Welt verhohnen
Weil kein Tod uns Gottern draut?
Sollen denn nur Angst und Stohnen
Leben sein und bittres Leid?'
Aber, meine Freunde, ich bin des Singens und Trinkens uberdrussig." Und mit diesen Worten sprang er vom Tische herunter.
Unter der berauschten Gesellschaft entstand ein Gemurmel, weil sie stritten, welcher von den beiden Poeten den Preis verdiene. Die meisten Stimmen schienen fur den alten Sanger, einige aber, die durch ihre Vorliebe fur das Neue einen bessern Verstand anzudeuten glaubten, nahmen sich des Florestan mit vielem Eifer an. Auch Sternbald mischte sich scherzend in den Streit, um seinem Freunde beizustehen.
"Man weiss nicht recht, was der junge Mensch mit seinem Gesange oder Liede will", sagte einer von den altesten. "Ein gutes Weinlied muss seinen stillen Gang fur sich fortgehen, damit man brav Lust bekommt, mitzusingen, weshalb auch oft blinkt, klingt und singt darin angebracht sein muss, wie ich es auch noch allenthalben gefunden habe. Allein was sollen mir dergleichen Geschichten?"
"Freilich", sagte Florestan, "kann es nichts sollen; aber, lieben Freunde, was soll euch denn der Wein selber? Wenn ihr Wasser trinkt, bleibt ihr auch um vieles massiger und verstandiger."
"Nein", schrie ein andrer, "auch im Weine kann und muss man massig sein; der Genuss ist dazu da, dass man ihn geniesst, aber nicht so ganzlich ohne Verstand."
Rudolph lachte und gab ihm recht, wodurch viele ausgesohnt wurden und zu seiner Partei ubergingen. "Ich habe nur den Tadel", sagte Sternbald, "dass dein Gedicht durchaus keinen Schluss hat."
"Und warum muss denn alles eben einen Schluss haben?" rief Florestan, "und nun gar in der scherzenden frohlichen Poesie! Fangt ihr nur an, zu spielen, um aufzuhoren? Denkt ihr euch bei jedem Spaziergange gleich das Zuruckgehen? Es ist ja schoner, wenn ein Ton leise nach und nach verhallt, wenn ein Wasserfall immer fortbraust, wenn die Nachtigall nicht verstummt. Musst ihr denn Winter haben, um den Fruhling zu geniessen?"
"Es kann sein, dass Ihr recht habt", antworteten einige, "ein Weinlied nun gar, das nichts als die reinste Frohlichkeit atmen soll, kann eines Schlusses am ersten entbehren."
"Aber wie ihr nun wieder sprecht!" rief Florestan im tollen Mute, indem er sich hastig rundherum drehte. "Ohne Schluss, ohne Endschaft ist kein Genuss, kein Ergotzen durchaus nicht moglich. Wenn ich einen Baumgang hinuntergehe, sei er noch so schon, so muss ich doch an den letzten Baum kommen konnen, um stillzustehn und zu denken: 'Dort bin ich gegangen.' Im Leben waren Liebe, Freude und Entzukken nur Qualen, wenn sie unaufhorlich waren, dass sie Vergangenheit sein konnen, macht das zukunftige Gluck wieder moglich, ja, zu jedem grossen Manne mit allen seinen bewundernswerten Taten gehort der Tod als unentbehrlich zu seiner Grosse, damit ich nur imstande bin, die wahre Summe seiner Vortrefflichkeit zu ziehen, und ihn mit Ruhe zu bewundern. In der Kunst gar ist der Schluss ja nichts weiter, als eine Erganzung des Anfangs."
"Ihr seid ein wunderlicher Mensch", sagte der alte Poet, "so singt uns also Euren Schluss, wenn er denn so unentbehrlich ist."
"Ihr werdet aber damit noch viel weniger zufrieden sein", sagte Florestan, "doch es soll Euch ein Genuge geschehn." Er nahm die Zither wieder in die Hand, spielte und sang: "Bacchus lasst die Rebe spriessen, Saft durch ihre Blatter fliessen, Lasst sie weiche Lufte facheln, Sonnet sie mit seinem Lacheln. Um die Ulme hingeschlungen Steht die neue Pflanz im Licht, Heimlich ist es ihm gelungen, Denn die Gotter merken's nicht. Lasst die Bluten rotlich schwellen Und die Beeren saftig quellen, Furchtend die Gotter und das Geschick Kommt er in Trauben verkleidet zur Welt zuruck. Nun kommen die Menschlein hergegangen Und kosten mit sussem Verlangen Die neue Frucht, den gluhenden Most, und finden den Gott, den himmlischen Trost. In der Kelter springt der mutwillige Gotterknabe, Der Menschen allerliebste Habe, Sie trinken den Wein, sie kosten das Gluck, Es schleicht sich die goldene Zeit zuruck. Der schone Rausch erheitert ihr Gesicht, Sie geniessen froh das neue Sonnenlicht, Sie spuren selber Gotter- und Zauberkraft, Die ihnen die neue Gabe schafft. Die Blicke feurig angeglommen Zwingen sie die Venus zuruckzukommen, Die Gottin ist da und darf nicht fliehn, Weil sie sie machtig ruckwarts ziehn.
Da schauen die Gotter herab mit staunendem Blick, Es kommt beschamt die ganze Schar zuruck: 'Wir wollen wieder bei euch wohnen, Ihr Menschen bauet unsre Thronen.' 'Was brauchen wir euch und euer Geschick?' So tont von der Erde die Antwort zuruck, 'Wir konnen euch ohne Gram entbehren, Wenn Wein und Liebe bei uns gewahren.'" Nun schwieg er still und legte mit einer anstandigen Verbeugung die Zither weg. "Das ist nun gar gottlos!" riefen viele von den Zuhorern, "Euer Schluss ist das Unerlaubteste von allem, was Ihr uns vorgesungen habt."
Der Streit uber den Wert der beiden Dichter fing von neuem an. Sternbald ward hitzig fur seinen Freund, und da er ihn einigemal bei seinem Namen Florestan nannte, so ward der andere Poet dadurch aufmerksam gemacht; er fragte, er erkundigte sich, das Gesprach nahm eine andere Wendung. Man sprach von Vettern, Oheimen, Basen, in Deutschland, Italien und Frankreich, tausend Namen wurden genannt, viele Stammbaume entwickelt, und endlich fand es sich, dass die beiden Streitenden Verwandte waren: sie umarmten sich, freuten sich, einander so unverhofft anzutreffen, und es wurde nun weiter an keine Vergleichung ihrer Talente gedacht.
Viertes Kapitel
Die Gesellschaft zerstreute sich hierauf, und Franz verliess nach dem Getummel gern das Haus, um sich in den Schlossgarten zu begeben. Hier gesellte sich der Jager zu ihm, der im Walde die Antwort des Liedes mit einer schonen vollen Stimme gesungen hatte, er war ein junger Edelmann, der einen der vornehmeren Dienste bei der Herrschaft versah, Arnold war sein Name. Seine Miene hatte etwas Schwermutiges und Leidendes, auch hatte er an den Scherzen und Streitigkeiten bei der Tafel keinen Anteil genommen. Er ging mit Franz in den schattigen Gangen auf und nieder, indem sie sich vertraulich von der heutigen Jagd, von Sternbalds Reise, und von der Schonheit der Grafin unterhielten. "Da kommt sie den Lindengang heruntergeschritten!" rief plotzlich der Jungling mit einer lebhaften Empfindung aus, "seht, wie sich das reiche Gewand um den edlen Leib schmiegt, und der Purpur des Kleides mit den goldenen Spangen in der grunen Dammerung schimmert, schon fliegt der Strahl der himmlischen Augen, um mich festzuhalten, aber heute wenigstens will ich einmal einer traurigen Freiheit geniessen." Mit diesen seltsamen Worten verliess er schnell den staunenden Maler. Die geschmuckte Dame, die er anfangs nicht wiedererkannt hatte, schritt ihm im Gange freundlich entgegen, sie sah dem Jager-Junglinge vom Morgen nur wenig ahnlich. Sie begrusste ihn freundlich, ihr Blick und ihre Rede waren holdselig, nach einem kurzen Gesprache entfernte sie sich wieder. Franz lehnte sich sinnend an einen kunstlichen Springbrunnen, der mit seinen kristallenen Strahlen die Luft lieblich abkuhlte, und ein sanftes Gerausch ertonen liess, zu dem die nahen Vogel williger und angenehmer sangen. Er horte auf den mannigfaltigen Wohllaut, auf den Wechselgesang, den der spielende Quell gleichsam mit den Waldbewohnern fuhrte, und sein Geist entfernte sich dann wieder in eine entfernte wunderbare Zaubergegend.
"Bin ich getauscht, oder ist es wirklich?" sagte er zu sich selber; "ich werde ungewiss, ob mir allenthalben ihr susses Bild begegnet, oder sie meine Phantasie nur in allen Gestalten wiedererkennt. Diese Grafin gleicht ihr, die ich nicht zu nennen weiss, die ich suche und doch zogre, fur die ich nur lebe und sie doch gewiss verliere."
Eine Flote ertonte aus dem Gebusch, und Franz setzte sich auf eine schattige Rasenbank, um den Tonen ruhiger zuzuhoren. Als der Spielende eine Weile musiziert hatte, sang eine wohlbekannte Stimme folgendes Lied:
"Holdes, holdes Sehnsuchtrufen
Aus dem Wald, vom Tal herauf:
Klimm herab die Felsenstufen,
Folge diesem Locken, Rufen,
Hoffnung tut sich, Gluck dir auf.
Wohl seh ich Gestalten wanken
Durch des Waldes grune Nacht,
Die bewegten Zweige schwanken,
Sie entschimmern wie Gedanken,
Die der Schlaf hinweggefacht.
Komm Erinnrung, liebe Treue,
Die mir oft im Arm geruht,
Singe mir dein Lied, erfreue
Dieses matte Herz, der Scheue
Fuhlt dann Kraft und Lebensmut.
Kinder lieben ja die Scherze,
Und ich bin ein toricht Kind,
Treu verblieb dir doch mein Herze,
Leichtsinn nur im frohen Scherze,
Bin noch so wie sonst gesinnt.
Wald und Tal, ihr grune Hugel
Kennt die Wunsche meiner Brust,
Wie ich gern mit goldnem Flugel
Von der Abendrote Hugel
Mochte ziehn zu meiner Lust.
Erd und Himmel nun in Kussen
Wie mit Liebesscham entbrennt;
Ach! ich muss den Frevel bussen,
Lange noch die Holde missen
Die mein Herz mir ewig nennt.
Morgenrote kommt gegangen,
Macht den Tag von Banden frei,
Erd und Himmel brautlich prangen:
Aber ach! ich bin gefangen,
Einsam hier im sussen Mai.
Lieb und Mailust ist verschwunden,
Ist nur Mai in ihrem Blick,
Keine Rose wird erfunden;
Flieht und eilt ihr tragen Stunden,
Bringt die Braut mir bald zuruck!"
Es war Rudolph, der nun hervortrat, und sich zu Sternbald an den Rand des Springbrunnens niedersetzte. "Ich erkannte dich wohl", sagte Franz, "aber ich wollte dich in deinem zartlichen Gesange nicht storen; doch siehst du muntrer aus, als ich dich erwartet hatte."
"Ich bin recht vergnugt", sagte Florestan, "der heutige Tag ist einer meiner heitersten, denn ich kenne nichts Schoneres, als so recht viel und mancherlei durcheinander zu empfinden, und deutlich zu fuhlen, wie durch Kopf und Herz gleichsam goldne Sterne ziehen, und den schweren Menschen wie mit einer lieben wohltatigen Flamme durchschimmern. Wir sollten taglich recht viele Stimmungen und frische Anklange zu erleben suchen, statt uns aus Tragheit in uns selbst und die alltagliche Gewohnlichkeit zu verlieren."
"Gewiss", sagte Sternbald, "nur muss es nicht geschehn, bloss um mit uns selbst ein Spiel zu treiben, denn das Schone und Erspriessliche ist, dass diese Stimmungen und Anregungen mit goldnem Schlussel die Kammern unsers Geistes eroffnen, und uns die Schatze zeigen, die wir selber noch nicht kannten. So entsteht ein reiches und vielseitiges Leben, ein vertrauter und wohltuender Umgang mit uns selbst, und wir entfliehen jener abgeschlossenen Geistesarmut, die anfangs alles eigensinnig und sprode von sich weiset, und endlich durch nichts mehr geruhrt und entzuckt wird, denn der Mensch soll nicht sagen: 'Dieses will und werde ich niemals denken und fuhlen!' aber er soll auch die Entzuckungen seines Herzens nicht vergeuden, bloss um die Zeit auszufullen, sonst verarmt er ebenfalls, und vielleicht noch schneller, auf diesem Wege. Darum hat mir auch der Schluss deines heutigen Trinkliedes nicht gefallen wollen; vielleicht ist mir uberhaupt der Scherz und Leichtsinn unverstandlich, der nicht zugleich Tiefsinn und Ernst sein konnte."
"Nun so suche den Schlussel zu bekommen", rief Rudolph, "der dir auch diese Geisteskammer noch einmal eroffnet. Wie bist du denn heute so gar schwerfallig geworden, dass du es mit einer augenblicklichen Begeisterung so ernst und strenge nimmst? Lass doch der unschuldigen Poesie ihren Gang, wenn der klare Bach sich einmal ergiesst. Liebster, sollen wir denn nicht auch unsre Gedanken, Fuhlungen, Wunsche, Tranen und Lachen zuzeiten in die spielende Natur der Tone auflosen durfen? Ich kann der Flote, jedem Klange, der Nachtigall, dem Wasserfall, dem Baumgerausch so innig zuhoren, dass mein Seele ganz Ton wird. Man konnte sich, wenn man sonst Lust hatte, ein ganzes Gesprachstuck von mancherlei Tonen aussinnen."
"Es kann sein", antwortete Franz, "von Blumen kann ich es mir gewissermassen vorstellen. Es ist freilich immer nur ein Charakter in allen diesen Dingen, wie wir ihn als Menschen wahrzunehmen vermogen."
"So geschieht alle Kunst", antwortete Florestan; "die Tiere konnen wir schon richtiger fuhlen, weil sie uns etwas naher stehn. Ich hatte einmal Lust, aus Lammern, einigen Vogeln und andern Tieren eine Komodie zu formieren, aus Blumen ein Liebesstuck, und aus den Tonen der Instrumente ein Trauer-, oder, wie ich es lieber nennen mochte, ein Geisterspiel."
"Die meisten Leute wurden es zu phantastisch finden", sagte Sternbald.
"Das wurde gerade meine Absicht sein", antwortete Rudolph, "wenn ich mir Muhe geben wollte, es niederzuschreiben. Sieh, es ist indes schon Abend geworden. Kennst du Dantes grosses Gedicht?"
"Nein", sagte Franz.
"Auf eine ahnliche ganz allegorische Weise liesse sich vielleicht eine Offenbarung uber die Natur schreiben, wenn es dem Dichter verliehen ware, so wie der grosse Florentiner von Begeisterung und prophetischem Geiste durchdrungen zu sein. Aber lass das; versuchen wir einmal einen Wechselgesang, ob er uns heut so ohne Vorbereitung gelingt, da wir neulich unterbrochen wurden."
"Wir konnen es wenigstens wagen", sagte Franz; "aber du musst das Silbenmass setzen."
Rudolph fing an:
Wer hat den lieben Fruhling aufgeschlagen
Gleich wie ein Zelt
In bluhnder Welt?
Wer konnte Wolkennacht verjagen?
Das Tal voll Sonne,
Der Wald mit Wonne
Und Lied durchklungen:
Der Lieb ist nur so schones Werk gelungen.
Franz
Der Lieb ist nur so schones Werk gelungen
Dass Winter kalt
Entflohen bald,
Die holde Macht hat ihn bezwungen:
Die Blumen susse,
Der Quell, die Flusse,
Befreit von Banden
Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden.
Rudolph
Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden
Der Wechselsang,
Der Echoklang,
Dass sie im heitern Raum sich fanden.
Die Nachtigallen
Gesange schallen,
Die Lindendufte
Umspielen liebekosend Fruhlingslufte.
Franz
Umspielen liebekosend Fruhlingslufte
Gras, Blume, Baum,
Wie Liebestraum
Hangt Rosenbluth um Felsenklufte.
Um Grotten schwanken
Die Geissblattranken,
Des Himmels Ferne
Erhellen tausend goldne kleine Sterne.
Rudolph
Erhellen tausend goldne kleine Sterne
Die Nacht so hold,
Der Brunnen Gold
Giesst strahlend sich zur Erde gerne:
Mit Liebesblicken
Uns zu beglucken
Schaut hoch hernieder
Die Liebe, gibt uns unsre Grusse wieder.
Franz
Die Liebe gibt uns unsre Grusse wieder,
Drum Blumenwelt
Uns zugesellt,
Gesandt von ihr des Waldes Lieder:
Sie schickt die Rose
Dass sie uns kose,
Wie uns zu danken
Glanzt sie daher und lacht aus Efeuranken.
Rudolph
Glanzt sie daher und lacht aus Efeuranken?
Ja, Lilienpracht
Scheint hell mit Macht,
Ihr Glanz belebt den Liebeskranken,
Und leise drucken
Wie Kuss, Entzucken
Auf Lilien-Wange,
Dass hold die Liebe Dank von uns empfange.
Franz
Dass hold die Liebe Dank von uns empfange
Wird Madchenmund
In trauter Stund
Gekusst bei Nachtigallgesange:
Die Liebe horet
Was jeder schworet,
Sie wacht den Eiden,
Sie straft den Frevelnden mit bittern Leiden.
Rudolph
Sie straft den Frevelnden mit bittern Leiden,
Wann er ergluht
Das Madchen flieht,
Und selbst die Hasslichen ihn meiden;
In Handen welken
Ihm Ros und Nelken,
Die Himmelslichter
Erblassen ihm, er singt als schlechter Dichter.
"Und darum wollen wir lieber aufhoren", sagte Rudolph, indem er aufstand, "denn ich gehore selbst nicht zu den unbescholtensten."
Die beiden Freunde gingen zuruck. Der Abend hatte sich schon mit seinen dichtesten Schatten uber den Garten ausgestreckt, und der Mond ging eben auf. Franz stand sinnend am Fenster seines Zimmers, und sah nach dem gegenuberliegenden Berge, der mit Tannen und Eichen bewachsen war, zu ihm hinauf schwebte der Mond, als wenn er ihn erklimmen wollte, das Tal glanzte im ersten funkelnd gelben Lichte, der Strom ging brausend dem Berge und dem Schlosse voruber, eine Muhle klapperte und sauste in der Ferne, und nun aus einem entlegenen Fenster wieder die nachtlichen Hornertone, die dem Monde entgegengrussten, und druben in der Einsamkeit des Bergwaldes verhallten.
"Mussen mich diese Tone durch mein ganzes Leben verfolgen?" seufzte Franz; "wenn ich einmal zufrieden und mit mir zur Ruhe bin, dann dringen sie wie eine feindliche Schar in mein innerstes Gemut, und wecken die kranken Kinder, Erinnerung und unbekannte Sehnsucht wieder auf. Dann drangt es mir im Herzen, als wenn ich wie auf Flugeln hinuberfliegen sollte, hoher uber die Wolken hinaus, und von oben herab meine Brust mit neuem, schoneren Klange anfullen, und meinen schmachtenden Geist mit dem hochsten, letzten Wohllaut ersattigen. Ich mochte die ganze Welt mit Liebesgesang durchstromen, den Mondschimmer und die Morgenrote anruhren, dass sie mein Leid und Gluck widerklingen, dass die Melodie Baume, Zweige, Blatter und Graser ergreife, damit alle spielend mein Lied wie mit Millionen Zungen wiederholen mussten."
In der Einsamkeit spielte und sang er in leisen Tonen folgendes Lied, in welchem er die heitre Beklemmung, die susse Mudigkeit, die Traume, die schon die Stunde der Nacht im voraus besuchen, aussprechen wollte.
Mondscheinlied
Trauft vom Himmel der kuhle Tau,
Tun die Blumen die Kelche zu,
Spatrot sieht scheidend nach der Au,
Flustern die Pappeln, sinkt nieder die nachtige
Ruh.
Kommen und gehn die Schatten,
Wolken bleiben noch spat auf,
Und ziehn mit schwerem, unbeholfnem Lauf
Uber die erfrischten Matten.
Schimmern die Sterne und schwinden wieder,
Blicken winkend und fluchtig nieder,
Wohnt im Wald die Dunkelheit,
Dehnt sich Finster weit und breit.
Hinterm Wasser wie flimmende Flammen,
Berggipfel oben mit Gold beschienen,
Neigen rauschend und ernst die grunen
Gebusche die blinkenden Haupter zusammen.
Welle, rollst du herauf den Schein,
Des Mondes rund freundlich Angesicht?
Es merkt's und freudig bewegt sich der Hain,
Streckt die Zweig entgegen dem Zauberlicht.
Fangen die Geister auf den Fluten zu springen,
Tun sich die Nachtblumen auf mit Klingen,
Wacht die Nachtigall im dicksten Baum,
Verkundet dichterisch ihren Traum,
Wie helle, blendende Strahlen die Tone
niederfliessen,
Am Bergeshang den Widerhall zu grussen.
Flimmern die Wellen,
Funkeln die wandernden Quellen,
Streifen durchs Gestrauch
Die Feuerwurmchen bleich.
Wie die Wolken wandelt mein Sehnen,
Mein Gedanke, bald dunkel, bald hell,
Hupfen Wunsche um mich wie der Quell,
Kenne nicht die brennenden Tranen.
Bist du nah, bist du weit,
Gluck, das nur fur mich erbluhte?
Ach! dass es die Hande biete
In des Mondes Einsamkeit.
Kommt's aus dem Walde? schleicht's vom Tal?
Steigt es den Berg vielleicht hernieder?
Kommen alte Schmerzen wieder?
Aus Wolken ab die entflohne Qual?
Und Zukunft wird Vergangenheit!
Bleibt der Strom nie ruhig stehn.
Ach! ist dein Gluck auch noch so weit,
Magst du entgegengehn;
Auch Liebesgluck wird einst Vergangenheit.
Wolken schwinden,
Den Morgen finden
Die Blumen wieder:
Doch ist die Jugend einst entschwunden,
Ach! der Fruhlingsliebe Stunden
Steigen keiner Sehnsucht nieder.
Funftes Kapitel
Am folgenden Morgen stand der junge Maler fruh auf und durchstreifte die Sale des Schlosses. Er stand vor dem Bilde eines Mannes still, das ihm bekannt schien, der Abgebildete war in Rittertracht und das Gesicht desselben hatte einen anmutigen Ausdruck. Indem er noch sann, kam Rudolph zu ihm, welcher ihn aufsuchte, um auf einige Tage Abschied von ihm zu nehmen, weil er mit seinem dichterischen Vetter eine Reise in das Land tun wollte, um andre, noch entferntere Anverwandte zu besuchen. Franz machte ihn auf das Bild aufmerksam, und glaubte nach langerer Betrachtung jenen Monch wiederzuerkennen, welcher ihn so angezogen hatte, doch Rudolph eilte nach seiner leichtsinnigen Art uber diese scheinbare Entdeckung weg, und zog ihn zum Fruhstuck, nach welchem er sogleich abreisen wollte.
Franz trennte sich ungern von ihm, weil er sich im weitlauftigen Hause unter so vielen Menschen ohne ihn einsam fuhlte. Die Grafin liess ihn rufen, um ihr Bild anzufangen. Sie war in einem leichten, reizenden Morgenkleide und kam ihm mit der lieblichsten Freundlichkeit entgegen. "Ich habe Euch darum so fruh rufen lassen", fing sie an, "weil ich wunsche, dass Ihr mein Bild, welches Ihr fur mich malen wollt, mit der grossten Lust ausfuhrtet; ich habe aber immer geglaubt, dass auf die Kleidung, ihre Form und Farbe vieles ankomme, und darum will ich mit Euch wahlen, welche Ihr mir am zutraglichsten haltet. Ihr, als Maler, musst das am besten verstehn, und die Weiber, welche gefallen wollen, sollten die Kunstler ofter zu Rate ziehn."
Sie ging mit ihm in ein anstossendes Zimmer, dessen Fenster von aussen mit grunen verschrankten Zweigen bekleidet waren, und ein dammerndes Licht, wie in einer traulichen Kapelle bildeten; hier erschien die Grafin in ihren leichten und anmutigen Bewegungen noch reizender. Es waren Kleider von verschiedenen Farben ausgebreitet, Franz wahlte ein grunes von Sammet dessen Ausschnitte mit Gold reich und prachtvoll geschmuckt waren; er entfernte sich wieder in den Saal, und nach wenigen Minuten stand sie vor ihm, das grune Gewand weit und anmutig um sie fliessend, Armel, Saum und Busen von Golde glanzend, und auf den schweren niederhangenden Locken ein goldenes Netz, das halb das Haupt von einer Seite nur bedeckte, mit grunem Bande, wie mit Laub durchzogen. Sie nahte ihm lachelnd, und Franz fuhlte in diesem Augenblicke, welche wunderbare Macht die Schonheit uber das Herz ausuben konne, denn eine plotzliche Entzuckung traf ihn wie ein Blitz, und er fuhlte sich wie ohnmachtig. Noch bestimmter glaubte er die Unbekannte in diesem Schmucke vor sich zu sehn. Er musste sich mit ihr vor einen grossen Spiegel stellen, und er meinte in ein Zauberreich hineinzuschauen, als ihn im Spiegel die edle Gestalt mit den leuchtenden Augen und frischen Lippen schalkhaft und vertraulich anlachelte. "Nun", sagte sie, indem sie sich in einen Sessel warf, und den entblossten runden Arm mit seinem weissen Glanze auf seiner Schulter ruhen liess "wie findet Ihr mich so?" Sternbald konnte erst keine Antwort auf diese Frage finden, endlich sagte er: "Glaubt mir nur, schonste Frau, dass ich noch nie geschmeichelt habe, aber wie der, der plotzlich zum erstenmal die schonste Musik in seinem Leben horte, nicht gleich wurde sagen konnen, wie und warum sie ihn entzuckte, und welche Tone ihn am meisten hinrissen, so ist es mir bei Eurem Anblick: ich bin zu sehr von diesem Glanz uberschuttet und geblendet, um wissen zu konnen, wann Ihr am schonsten seid."
Die Grafin wurde still und nachdenkend, sie liess den reizenden Arm herunterfallen und sah vor sich hin, so dass die langen finstern Augenwimpern die feinen Wangen beschatteten. "Warum nur", sagte sie endlich, "immer wieder diese Freude an solchem Worte, und warum erschuttert es fast die Seele, wenn es so ernst und eindringlich gesprochen wird? Ich muss und will Euch glauben, dass Ihr nicht lugt und doch auch die Schonheit ist Luge, Tauschung, Traum; sie flieht wie der Fruhling, wie der Gesang, wie die Liebe, und nichts ist bestandig, als diese ungluckselige Unbestandigkeit." Mit einem tiefen Seufzer entfernte sie sich, sie sang drinnen einige wehmutige Tone, und kam in einem schwarzen Atlaskleide zuruck, indem noch ein Tranchen, wie eine Perle, in den langen Wimpern hing. Goldene Spangen umschlossen den Arm, Perlen glanzten auf dem weissen Halse, und goldene Ketten wiegten sich auf dem Busen. "Ich bin sehr ernst", sagte sie, "und will nicht Euer Lob und Eure Bewunderung; zeichnet jetzt, bei der ersten Anlage des Bildes kommt es auch nicht so sehr darauf an, wie ich gekleidet bin." Der Maler machte sich an die Arbeit. Der Ausdruck ihres schonen Angesichtes war jetzt ein sehnsuchtig schwermutiger. Indem er zeichnete, sah sie ihn oft lange stumm und bedeutend an, als wenn sie mit der Seele verlorenen Erinnerungen nachginge. Ihm wurde angstlich zu Sinne, seine Hand irrte oft, und er war endlich froh, als die Sitzung geendigt war. "Morgen", sagte die Grafin, "wollen wir heiterer sein", indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte.
Am andern Morgen fand er die Grafin auf einem Ruhebette in Tranen aufgelost, ein dunkler Purpur umhullte den schonen Leib, die reichen und lockigen Haare schwellten in lieblicher Verwirrung auf Nakken, Brust und Schultern: der junge Maler glaubte sie noch nie so schon gesehn zu haben, er war von dem Anblicke entzuckt, aber doch von ihren Schmerzen innigst bewegt. Ein junges Madchen sass neben ihr, die eine Laute in Handen hatte, worauf sie eben gespielt zu haben schien. Die Grafin setzte sich aufrecht, strich ihr schweres Haar etwas zuruck, und liess das holdste Lacheln durch die weinenden Mienen scheinen. "Vergebt mir", sagte sie, "meine Trauer, wodurch ich Eure Arbeit erschweren werde; es ist uberhaupt wohl kindisch, dass ich dieses Bild wunsche, um mich daran zu erfreuen, mich sollte gar nichts mehr freuen, denn mein Leben ist verloren, und doch geben wir auch im hochsten Leid unser Herz immer wieder dem torichten Spiel der Lust, dem lugenden Trost, der gaukelnden Hoffnung hin, und vergessen, dass nur in des Schmerzes tiefster Innigkeit fur uns die wehmutige Freude, der Himmel der ewigen Tranen wohnt."
"Wie in Euch das Leid erscheint", sagte Sternbald, "ist es etwas so Herrliches, dass ich mir wohl vorstellen kann, viele mochten wunschen, Euch diesen Zauber nachspielen zu konnen, und ich erlebe jetzt, was ich keinem Dichter geglaubt haben wurde, dass die Schonheit alles in Schonheit verwandelt, und dass aus Tranen und Weh der Reiz so suss hervorblicken kann, als aus dem schalkhaften Glanze der Augen."
"Ihr malt!" rief die Grafin scherzhaft auffahrend, "ich furchte, meine Gegenwart verdirbt Euch, da Ihr mit jedem Tage schlimmer schmeicheln lernt." Indem Sternbald arbeitete, sagte sie nach einer Pause: "Singe jetzt, Kind, eins von den Liedern, die du kennst." "Welches?" fragte das junge Madchen. "Was dir zuerst einfallt", sagte die Grafin, "nur nichts Schweres, etwas Leichtes, Schwebendes, das nur in Tonen lebt."
Das Madchen sang mit zarter Stimme:
"Laue Lufte
Spielen lind,
Blumendufte
Tragt der Wind,
Rotlich sich die Baume krauseln,
Lieblich Wahnen
Zartlich Sehnen
In den Wipfeln, abwarts durch die Blatter sauseln.
Rufst du mich,
Susses Klingen?
Ach! geheimnisvolles Singen,
Bist nicht fremd, ich kenne dich!
Wie die Tauben
Zartlich lachen, girren, kosen,
Also mir im bangen Herzen
Schlagen Fittge Lust und Schmerzen;
Zu den dunkeln Dammerlauben,
Zu den Blumenbeeten, Rosen
Wandl' ich, ruf ich, schau umher
Und die ganze Welt ist leer.
In die dichte Einsamkeit
Trag ich meiner Tranen Brand;
Ach! kein Baum tut mir bekannt,
Setz mich an des Bronnens Rand:
Vogel wild die Tone schreit,
Echo hallt,
Hirschlein springt im dunkeln Wald.
Und es braust herauf, herunter,
Waldstrom klingt durch seine Klufte,
Seine jungen Wellen springen
Auf den Felsenstufen munter,
Adler schwingt sich durch die Lufte:
Tranen, Rufen, Klagen, Singen,
Konnt ihn nicht zuruck mir zwingen?
Garten, Berge, Walder weit
Sind mir Grab und Einsamkeit."
Wahrend des Liedes schien es dem Maler, als wenn eine Verklarung mit sussem Glanz durch alle Adern des Angesichtes sich verbreite und wie ein Licht aus der schonen Stirn hervordringe; alle Zuge wurden noch sanfter und sinniger, er fuhlte sich von dieser ausstromenden Klarheit wie geblendet. Aber die Tone gaben ihm Ruhe und Heiterkeit, er konnte mit Sicherheit arbeiten, indem die Schone das Lied noch einigemal wiederholen liess.
"Nun lasst des Malens fur heute genug sein", rief die Grafin plotzlich, "es ermudet nichts so sehr, als dieses starre Vor-sich-Hinblicken, ohne Gedanken und Unterhaltung. Kommt, mein junger Freund, und erzahlt mir etwas von Euch, von Eurem Leben, von Euren Reisen, und dass es ja nur recht wichtig und lustig ist."
Sternbalds Verlegenheit wurde erneuert, er fing an von Durer, Sebastian und Nurnberg zu sprechen, dann von Florestan und ihrer Reise, und muhte sich ab, so erheiternde Gegenstande aufzufinden, als ihm seine Phantasie nur darbieten wollte. Die Grafin horte ihm freundlich zu, und nach einiger Zeit sandte sie die Sangerin mit einem Auftrage fort. "Wenn es Euch gefallt", sagte sie, "wieder an die Arbeit zu gehen, werdet Ihr mich erfreuen, denn ich bin heut in der Stimmung, recht geduldig zu sitzen." Franz fing wieder an zu malen, und bald liessen sich vom Garten herauf Waldhorner mit muntern und sehnsuchtigen Melodieen abwechselnd vernehmen. Sie wurde sehr nachdenkend, und verfiel nach einiger Zeit wieder in ihre erste Trauer. "Wie glucklich", dachte Franz bei sich selbst, "sind doch die Reichen, dass Kunst und edler Genuss sie immerdar umgeben kann, dass ihr Leben sich in ein anmutiges Spiel verwandelt, dass sie das Antlitz der Not und die strenge drohende Miene des Lebens nur von Horensagen und aus Erzahlungen kennen: immer umduftet und umlacht sie ein heiterer Fruhling; und das ist es auch wohl, warum die Sterblichen nach Schatzen geizen, und atemlos aber unermudet der blinden Glucksgottin nachrennen, um diese irdische Seligkeit zu erschaffen, obgleich die meisten nachher zu vergessen scheinen, weshalb sie ausgegangen waren." Indem er wieder von der Arbeit aufsah, fand er die schone Gestalt in Schmerzen aufgelost; sie winkte ihm, zu endigen, er stand auf und verbeugte sich, aber als er in der Ture war, rief sie ihn zuruck: "Kommt morgen um diese Zeit wieder", sprach sie und reichte ihm freundlich die Hand, "aber das Bild wird nicht gelingen, denn niemals kann ich wieder frohlich sein, in diesen Tranen und Klagen werdet Ihr mich immer finden."
Franz hatte geaussert, dass er sie noch einmal in der Jagertracht als Jungling zu sehen wunsche, und dass diese Kleidung sich vielleicht auf dem Bilde am anmutigsten ausnehmen wurde, aber dennoch war er verwundert, sie am folgenden Tage so im Saale stehen zu sehn, den Jagdspiess in der Hand, das goldne Hifthorn um die Schultern geworfen, den Hut mutig in das Auge gedruckt und von der Seite geschoben, unter welchem sich quellend die braunen Locken von allen Seiten hervordrangten. "Gefalle ich Euch denn nun so?" fragte sie ihn mit einem kecken Ausdruck. "So sehr, dass ich die Worte dazu nicht finden kann", sagte Franz lachelnd; "wer fuhlte sich nicht im voraus besiegt, wenn Ihr so kriegerisch auf ihn zuschreitet?"
Das Gemalde des Ritters war aufgestellt, und die Grafin fuhr fort: "Diesen Mann musst Ihr neben mich malen, aber so viel als moglich aus Eurer Phantasie und nach meiner Beschreibung, denn dieses Bild ruhrt von einem wahren Stumper in der edlen Kunst her, der es noch niemals gefuhlt hatte, welche Holdseligkeit, welcher Liebreiz und Ausdruck der Seele sich im menschlichen Antlitze abspiegeln kann, aber noch viel weniger diesen Zauber in den Farben nachzuschaffen wusste, drum sieht dieser Kopf freilich jenem Ritter immer noch ahnlicher, als mir oder Euch, aber von des Entfernten Wesen selbst ist auch kein Schatten dargestellt. Konnt Ihr Euch nun vielleicht eine Klarheit des Auges denken, das ebensoviel Treue als Schalkheit auf Euch blitzt, einen Mund, der mit Witz und Scherz und Liebesrede wie eine junge Morgenrose aufbluht, eine ernste Stirn, durch die es wie ein Geist hervorleuchtet, welcher allen gebietet, Wangen und Kinn so unschuldig und klug, so zartlich und wohlwollend, und wieder wie ein Spielplatz der feinen List und des harmlosen Spottes, die wie junge Liebesgotter in Blumen hupfen, und sich und andre verhohnen im lieblichen Kriege? Seht, wie kalt ist dagegen dieses Bild! O freilich darin ihm jetzt ahnlich, denn so kalt, so tot, mir und meiner Liebe abgewandt ist er selbst."
"Ihr verlangt aber auch etwas Unmogliches vom Maler", sagte Franz. "O hattet Ihr ihn nur gekannt!" rief sie aus, "dies bewegliche und doch so ruhige Gesicht, das so fein und ausdrucksvoll war, dass jede Gemutsbewegung leuchtend hindurchging, wie ein ferner Blitz durch Wolken fahrt. Wenn ich nur den Pinsel fuhren konnte, so solltet Ihr sehn, welch ein Gebild sich auf der Tafel ausbreiten sollte. Malt ihn an meiner Seite, oder knieend, oder mir zum Abschied die Hand reichend. Ach! welche selige, welche schmerzhafte Erinnerung! Ich glaube, kein Madchen hat noch so geliebt, wie ich, keine ist noch mit so schnodem Undank betrogen worden. Aber, nicht wahr, Maler, so ganz darf ich nicht als Jungling erscheinen, wenn in dem Bilde ein Sinn sein soll? Man muss es doch fuhlen und sehn, dass er mein Geliebter ist, darum malt ihn im Walde knieend zu meinen Fussen; auch muss in meiner Tracht einiges geandert werden."
Mit diesen Worten warf sie den Hut vom Kopfe, und die Fulle der schwarzen Locken ringelte sich auf Brust und Schultern hinab, sie luftete den feinen Spitzenkragen und das grunseidene Wams, und machte den glanzenden Hals und Busen etwas frei. "Kommt!" rief sie, indem sie sich niedersetzte, "Ihr habt mir noch niemals die Haare geordnet, um zu sehn, welche Art sie zu tragen am besten zu meinem Gesichte passt, und Ihr als Kunstler musst damit vorzuglich gut Bescheid wissen, ringelt Sie jetzt, wie es Euch gut dunkt, oder steckt sie auf, oder lasst einzelne Locken schweben, bedeckt die Stirn, oder macht sie frei, ganz nach Eurem Gefallen."
Franz, dem dergleichen Ubungen bei seinem Durer nicht vorgekommen waren, naherte sich schuchtern und verlegen. Die seidenen Haare wogen schwer in seiner Hand, er zitterte, indem er den weissen Nacken beruhrte, und von hinten stehend, sein Blick in den blendenden Glanz der Busenhugel fiel. Sie hatte einen kleinen Spiegel in der Hand, und da sie sein Zaudern bemerkte, sagte sie: "Nun, warum konnt Ihr Euch nicht entschliessen?" Er liess die langen dunkeln Haare von allen Seiten schweben und stellte sich dann vor sie hin, um sie zu betrachten; dann ringelte er sie in einzelnen Flechten, und endlich hob er das Gelock uber die Stirne empor, sie sah ihn freundlich und schalkhaft an und rief: "Nicht wahr, so bin ich ein ganz anderes Wesen?" Die reine Stirn glanzte, die Augen funkelten, sie war bezaubernd schon in dieser Stellung. "Wisst Ihr aber auch", fuhr sie fort, "dass Ihr, wenn man Euch so nahe ansieht, recht schone und treuherzige Augen habt?" Sie stand auf, legte ihm die Hand auf die Schulter, betrachtete ihn ganz nahe und sagte: "Wirklich, man muss Euch gut werden, wenn man Euch recht anschaut, ich denke mir, dass ein Madchen Euch einmal recht muss lieben konnen." Mit diesen Worten druckte sie ihm einen Kuss auf die Stirn und entfernte sich.
Franz ging unruhig auf und ab und sagte zu sich: "Wahrlich, ich hatte nie geglaubt, dass das Malen ein so beschwerliches Handwerk sei! Auch habe ich nie etwas von diesen Gefahren vernommen; auf diesem Wege durfte ich das wenige, was ich von der Kunst gefasst habe, ganz wieder verlernen." Die Grafin kam zuruck und hatte ein buntes seidenes Tuch nachlassig umgeschlagen, ein Barett auf das schone Haupt gesetzt, und sagte, indem sie des Malers Hand nahm: "Kommt, Ihr sollt mich auf einen Spaziergang begleiten, Ihr seid es wert, dass ich Euch meine Geschichte vertraue." Er folgte ihr, und sie gingen durch den Garten jenem anmutigen Walde zu, wo Sternbald sie zuerst gesehn hatte. Der junge Arnold kam ihnen nach, um sich zu ihnen zu gesellen, aber die Grafin wies ihn mit einem Winke zuruck. Als sie zu dem Hugel gekommen war, wo die Jagd damals um sie versammelt gewesen, liess sie sich nieder und Sternbald musste sich neben sie setzen.
"Schon fruh", so fing sie ihre Erzahlung an, "verlor ich meine Eltern. Weil mir dadurch eine grosse Erbschaft und der Besitz schoner Guter zugefallen war, so ward ich aus der Nachbarschaft wie aus der Ferne von vielen Menschen aufgesucht, die mir schmeichelten, und allen meinen schnell wechselnden Launen entgegenkommen wollten. Jung wie ich war, hielt ich mich wirklich bald fur eine seltene Erscheinung an Geist und Witz, das ubertriebene Lob meiner Bewunderer uberredete mich in kurzem, dass meine Schonheit ganz ausserordentlich sei. Die jungen wie die alteren Manner bewachten meine Schritte und jeder suchte mich auf seine Art zu gewinnen. Sie hatten mich erst stolz und ubermutig gemacht, und nicht dabei uberlegt, dass eben dieser Stolz ihre kriechenden aber anmassenden Bewerbungen, ihre plumpe Heuchelei, ihre Vergotterung meiner Gestalt und Vorzuge, hinter welcher ich nicht nur eine Geringschatzung meiner selbst, sondern des ganzen weiblichen Geschlechtes sah, aus dem Felde schlagen wurde. Ich verachtete bald alle diese eigennutzigen Wesen ohne Herz und Empfindung, und meine Lust war es, sie diese Verachtung fuhlen zu lassen, mein Triumph und Hohn wurde endlich so deutlich, dass sich einer nach dem andern zuruckzog, und ich in den Ruf kam, eine Feindin der Manner zu sein. Seitdem naherten sich mir andere und bessere, und ich bemerkte an manchem Reize und Gaben des Geistes, welche mich anzogen, doch konnte ich sie ebenso ruhig abreisen sehen, wie ich sie froh und freundlich aufgenommen hatte. Diese Ruhe meines Herzens war mein grosster Stolz, ich meinte, was ich von Liebe gehort, sei nur eine Erfindung begeisterter Dichter. Ja, ich kann es nicht leugnen, ich spielte wohl mit der bessern Empfindung manches Junglings, und freute mich, ihn von meinen Blicken abhangig zu machen, ohne dann seine Unruhe, seine Heftigkeit und Trauer zu bemerken oder zu erwidern. Aber schon nahte derjenige, den das Schicksal zu meiner Bestrafung abgesant: hatte. Ein junger Ritter kam hieher, der, wie er sagte, aus Franken geburtig war. Ich hatte noch nie die Wurde und die Liebenswurdigkeit des Mannes gesehn: sein stiller, ernster und feuriger Blick, sein holdseliges Lacheln, seine tonende Sprache, und die Wahl seiner Worte, sein Gang, die Stellung, die Art sich zu kleiden, alles, alles an ihm versetzte mich ausser mir selbst; meine Unruhe, wenn er nicht zugegen, meine susse Angst, meine peinigende Wonne, wenn er mir gegenuber stand und sass, waren unbeschreiblich, meine ganze Seele gehorte ihm schon, noch ehe ich darauf fiel, diese Empfindung, die alle meine Krafte abwechselnd erhohte und vernichtete, Liebe zu nennen.
Ich erschrak und zitterte doch vor Freude, als ich mir dieses Wort der Wunder und des Zaubers in meinem Herzen ausgesprochen hatte.
Wie man an heissen Tagen, schmachtend und ermudet auf weitem Gefilde, sich des Haines liebliche Kuhlung und seine rauschenden Schatten wunscht, um sich tief in der dunkeln Grune zu ergehn und immer weiter in das dicht verflochtne Labyrinth zu dringen, wie im Durst wir die Felsenquelle ersehnen, und uns den Born lieblich springend und tonend vorstellen, und meinen, nicht voll genug konnten wir das Labsal schopfen: so war es meiner heissen Seele, die sich bei ihm in die liebliche Kuhle seines Innern, in den Reichtum seiner himmlischen Gedanken und Gefuhle tief hineinzuretten suchte, um aus dem Born des frischesten Herzens den Durst zu stillen, der mich bis dahin in leerer Welt gequalt hatte, ohne gewusst zu haben, dass ich an dieser Sehnsucht erstarb. Wie holde Lauben mit Vogelgesang und Blumenranken, wie Felsentaler mit klingenden Wasserfallen, wie die Wunder ferner Welt, die oft meine Phantasie geahndet hatte, wie die reine Entzuckung, die uns aus Liedern, von Gemalden herabstrahlend umspielt: so allgenugend, so vielfach, so ganz erfullend war mir seine Gegenwart. 'Habe ich denn bisher nicht gelebt?' sprach ich zu mir selber. War es denn nicht dieselbe Sigismunde, die dachte und traumte und sang? Ich habe ja doch nun erst meine Seele, mich selbst gefunden, und hinter mir liegt mein voriges Leben wie eine wuste Steppe, oder verbrannte Heide, und jetzt erst hat mich der holdseligste Garten mit Blumen, Baumen, rauschenden Brunnen, Fruhlingsschein und Stern- und Mondglanz in Empfang genommen. O wie suss war mein Traumspiel, das jetzt mein Leben geworden war! die ganze Welt war in ruhrende Zartlichkeit aufgelost.
Welch Entzucken durchstromte meine Seele, als ich es fuhlte, wie unsre Sehnsucht sich begegnete, als er mir in einsamer Stunde seine Liebe gestand, als er beschamt erzahlte, wie sehr er gestrebt habe mir auszuweichen und sich mir zu entfremden, weil er arm und ohne Guter sei: welch seliges Gefuhl, mich und alles was ich besass vor ihn als sein Eigentum hinzuwerfen! Aber wie gefahrlich ist das Wort der Lippe, wie unverstanden und ratselhaft der Ton 'Liebe', und wie seltsam zauberisch in seinen Wirkungen, dass es schien, als rinne der Quell der Wonne schwacher in uns, seit wir jenen Laut gesprochen, als falle ein langsamer Tod auf alle Bluten unsers reichen Innern. Ich sah es, wie er sich verzehrte, eine trostlose Bangigkeit wuhlte in meinem Herzen. Oft blitzte noch wieder die alte Sehnsucht, der Gotterrausch auf, aber nur dunkler schien nachher der Kerker des Innern. Wir sprachen Worte, die wir nicht verstanden, wir waren uns fern in der nachsten Nahe: der Engel, der uns wie girrende junge Taubchen unter seine Flugel genommen hatte, war wieder hinweggeflogen, und wir fuhlten die kalte Trubsal der Welt, die tote Einsamkeit selbst in Blick und Handedruck. Hier an dieser Stelle sah ich ihn zum letztenmal, hier schien noch einmal sein kindliches, holdseliges Lacheln mich an; einen Freund wollte er besuchen, so sprach sein Mund, und ich habe ihn nicht wiedergesehn.
O ihr neidischen Machte! seitdem war er mir zuruckgegeben. Die Kluft meiner Seele fiel zu, die Strome der Liebe brachen den starren Fels, und Wunderblumen schauten wieder in die klaren Wellen, ganz, ganz war er wieder mein, der volle Fruhling wieder hereingewachsen, aber zugleich schritt nun der herbe Schmerz und die Verzweiflung auf mich zu, dass er mir verloren sei, dass ich ihn vertrieben, dass er wohl mir, ich aber nicht ihm gehore, weil sein innres Licht vielleicht noch von jener finstern Decke verhullt werde, die unsre Liebe zum Gespenst gemacht hatte. Nun rief ich dem Echo, den Felsen und Wasserquellen; die ziehenden Vogel und Wolken und meine schnelleren Liebesgedanken sandte ich ihm nach. Ach! in seltnen lieben Augenblicken war es, als kehrten seine Wunsche aus der Ferne gastlich bei mir ein, dann ist eine Seligkeit in meinen fliessenden Tranen, wie ich sie eben jetzt empfinde."
Sternbald war hingerissen, erstaunt und geruhrt, er suchte die einschmeichelndsten, lindesten Worte, und sie wie Blumen um das Herz der schonen Traurigkeit zu legen, und erzahlte von jenem verkleideten Monche, den er neulich diesem Gebiete ganz nahe gesehen habe, und der dem Ritter des Bildes so auffallend ahnlich sehe. "Er muss es sein", so schloss er; "und was anders sollte ihn wohl hiehergetrieben haben, als die namliche Sehnsucht, die neue Kraft der Liebe, die auch in ihm durch die Schrecken der Ferne wieder aufgegangen ist? Ja, jenes Lied hat Euch prophetisch geantwortet:
Treulieb ist nimmer weit,
Ihr Gang durch Einsamkeit
Ist dir, nur dir geweiht."
"Es sei, ich glaube daran", rief sie aus, "ich nehme das liebe Kind Hoffnung von neuem in meine Arme. O welchen Trost habt Ihr mir aus der Ferne herubergebracht! So sandte der Himmel frommen Einsiedlern Brot in die Wuste durch das Geflugel der Luft. Ja, wie ein Engel seid Ihr mit dieser Friedensbotschaft in mein verwaistes Haus getreten. O Waldrevier! O gruner Rasenplatz! O Felsenbach! hort ihr es wohl? Er ist wieder in eurer Nahe! Singt nun, Nachtigallen, mit doppler Macht, schlage du Herz nun freudiger fort!"
Sie lehnte sich, in sich hineinlachelnd, an den Baumstamm, und sang dann mit lauter Stimme: "Was halt ich hier in meinem Arm? Was lachelt mich an so hold und warm? Es ist der Knabe, die Liebe! Ich wieg ihn und schaukl' ihn auf Knie und Schoss, Wie hat er die Augen so hell und gross! O himmlische, himmlische Liebe! Der Junge hat schon krausgoldenes Haar, Den Mund wie Rosen hell und klar, Wie Blumen die liebliche Wange; Sein Blick ist Wonne und Himmel sein Kuss, Red und Gelach Paradiesesfluss, Wie Engel die Stimm im Gesange. Und liebst du mich denn? Da kusst er ein Ja! Und wie ich ihm tief in die Augen nun sah, Da schlagt er mir grimmige Schmerzen; O boses Kind! ei wie tuckisch du! Wo ist deine Milde, die liebliche Ruh? Wo deine Sanftmut, dein Scherzen? Da geht ein suss Lacheln ihm ubers Gesicht: Ich liebe dich nicht! ich liebe dich nicht! Da setz ich ihn nieder zu Fussen. O weh mir! so ruft nun und weinet das Kind, Du Bose, o nimm mich auf geschwind, Ich will, ich muss dich kussen. Ich heb ihn empor, er schreiet nur fort, Er hort auf kein liebkosendes Wort, Er spreitelt mit Beinen und Handen: Mich angstiget und betaubt sein Geschrei, Mich ruhren die rollenden Tranen dabei, Er will die Unart nicht enden. Und grosser die Angst, und grosser die Not, Ich wunsche mir selbst und dem Kleinen den Tod, Ich nehm ihn und wieg ihn zum Schlafe: Und wie er nur schweigt, und wie er nur still, Vergass ich, dass ich ihn zuchtigen will, Meine Lieb seine ganze Strafe. Da schlummert er suss, es hebt sich die Brust Vom lieben Atem, ich sattge die Lust Und kann genug nicht schauen: Wie ist er so still? Wie ist er so stumm? Er schlagt nicht, und wirft sich nicht wild herum, Er tobt nicht! es befallt mich ein Grauen. O konnte der Schlaf nicht Tod auch sein? Ich weck ihn mit Kussen; nun hor ich ihn schrein, Nun schlagt er, nun kost er, meine Wonne, mein
Sorgen,
Dann druckt er mich an die liebliche Brust, Nun bin ich sein Feind, dann Freund ihm und Lust: So geht's bis zum Abend vom Morgen." Der Ausdruck war unbeschreiblich, mit welchem sie diese Verse sang, die sie im Augenblicke zu erfinden schien. Franz war in ihrem Anblick verloren. Sie stand auf und lehnte sich ermudet an ihn, er musste sie durch die Baumgange bis nach dem Garten des Schlosses zuruckfuhren. "Noch einmal dank ich Euch fur die trostliche Nachricht", sagte sie mit einem Handedrucke, verliess ihn und ging hupfend in das Haus. Franz sah ihr lange nach, dann setzte er sich in einer abgelegenen Laube nieder, und dachte uber die wundersamen Gefuhle, die ihm ihr wechselndes Betragen, ihr Liebreiz und ihre Erzahlung erregt hatten. Der junge Arnold gesellte sich zu ihm, und da dieser ihn so tiefsinnig sah, sagte er: "Wie nun, mein junger Maler, wie steht es um Euch? Fuhlt Ihr auch schon die zauberischen Netze, die sich um Euch her ziehen, und denen Ihr bald nicht mehr werdet entrinnen konnen, wenn Ihr nicht kuhn sie fruh genug zerreisst? Ich sah Euch heut mit einem Gefuhl von Eifersucht und Mitleid nach; gesteht es nur, dass Ihr Euch an einem gefahrlichen Abhange befindet."
Franz erzahlte ihm treuherzig, was vorgefallen war, und verschwieg ihm den Eindruck nicht, den die Schonheit und die reizende Beweglichkeit der Grafin auf ihn gemacht hatten. "Ja", rief Arnold aus, "es ist etwas Furchtbares in dieser Schonheit, wenn sie ohne Schonung so grausam mit ihrer Macht spielen will. Ich bin seit meiner fruhen Jugend in diesem Hause, und sah dieses sonderbare und reizende Wesen sich bilden. Sie ist die Freundlichkeit und Liebe selbst, mit Wohlwollen, ja Zartlichkeit kommt sie jedem entgegen, sie weiss Vertrauen zu erregen, und bald meint der Getauschte, dass er ihr unentbehrlich sei. Doch wie ihm das lose Spiel sich in Ernst verwandelt, wie sie es fuhlt, dass jener sie sucht und wunscht, dass das leichte Verhaltnis sich fest und fester knupfen soll, so zieht sie sich zuruck, doch ohne den Faden zu zerschneiden, an welchem der Gefangene flattert. So hatten sich ihr viele Manner mancherlei Gemutes aus der Nachbarschaft und Ferne genahert, und alle waren in diese seltsame Jagd befangen worden. So gewohnt, aus dem Leben, der Liebe, der Ruhrung und dem sussen Wechsel zarter Empfindungen ein Spiel zu machen, und jeden neuen Gegenstand als Spiegel zu gebrauchen, in welchem sie sich selbst nur mit Wohlgefallen betrachtete, erschien ihr endlich jener Ritter aus Franken, von dem sie Euch erzahlt hat. Er war ein feingebildeter, ja schoner Mann, weich und poetisch wie sie selbst, ebenso in Traumen lebend und sussen Gefuhlen schwelgend. Sie wurden sich bald unentbehrlich, einer schien des andern nur bedurft zu haben, um den ganzen Reichtum seines innern Lebens zu erkennen und zu geniessen. Endlich war gefunden, was sie umsonst bisher gesucht hatte, und sie erklarten laut ihre bevorstehende Verbindung.
Das ernste Wort war ausgesprochen, welches den Liebenden seines unwandelbaren Gluckes versichert, beide aber schienen vor diesem Ernst des Lebens zuruckzuzittern, der alle ihre Traume und ihr buntes Spielwerk zu zerbrechen drohte. Und gewiss, hat die Leidenschaft nicht so alle Krafte ergriffen, die tiefste Sehnsucht das ganze Herz so durchdrungen, dass beide sich wie zum Tode gern und willig opfern, und keine Jugend mehr leben, und keine neuen Wunsche und Ruhrungen mehr finden wollen, so darf die Seele, die in den Wogen des Wohllauts schwimmt und mit Traumen der Entzuckungen gaukelt, davor erzittern, dass nun das Hochste, das letzte Ziel errungen werden soll, hinter welchem Wahrheit, Ruhe, stille Befriedigung, wie ebenso viele graue Gespenster hervorzudrohen scheinen. So denke ich mir ihren Zustand, um mir einigermassen zu erklaren, was geschah. Er mochte in sich, noch mehr aber im Gegenstande seiner Liebe fuhlen, wie das Herz noch etwas anderes als dieser Liebe bedurfe, wie sie nicht ihn selbst, sondern nur die Schimmer der Phantasie vergotterte, die aus ihr zu ihm hinuberleuchteten, und darum erweckte er sich freiwillig aus seinem Traume, und entfloh.
Sie war tief gekrankt, gestort, aber wie ich sie kenne, nicht wahrhaft unglucklich. Die Trauer und der Schmerz waren noch nie in ihre Seele gekommen, nun konnte sie sich an diesen uben, und sie zu ihren Spielgefahrten machen. Sie schmuckte sie auch so reizend auf, sie machte sie so schon, dass man zugeben musste, dass sich neue wundersame Gaben und Bezauberungen an diesem verfuhrerischen Weibe durch sie enthullten, und ich machte die Erfahrung, dass ich sie anbetete, indem ich ihr zu zurnen glaubte, dass alle jene Mangel, die ich zu kennen wahnte und in stolzer Sicherheit schalt, sich plotzlich gegen mich selbst umwandten, und mir so holde Engelsangesichter zeigten, dass ich verehrend, geblendet niederfiel, und freudig meinem Verderben entgegeneilte.
Jetzt wurde ich ihr Vertrauter und trostender Freund. Entfliehe der Mann doch diesen Klagen und Tranen eines schonen Weibes, diese Flut der geschmolzenen Perlen nimmt ihn unwiderstehlich mit, er tritt in die Vorhalle zum Herzen seiner Freundin und will bald selbst der Gegenstand ihrer Trauer und Tranen werden. Sie mochte sich nicht an dem gewohnlichen Trost, an Musik, an Zerstreuung begnugen, ihr Leben selbst wollte sie zu einem Gedichte erhohen, und ich war derjenige, der ihr zum Dichter und Maler ihrer Szenen dienen musste. Sie liest die herrlichen Liebesgedichte unsrer Vorfahren, sie kennt sie alle und ich trug sie ihr von neuem vor, und jeder ruhrende Vers, jede Schilderung, in der sie Beziehung entdeckte, ward wiederholt, hergesagt, auswendig gelernt und gesungen. Aber sie befriedigt sich damit nicht, ich muss ihr eigne neue Lieder dichten, die wir abwechselnd singen, wie Ihr denn neulich eins dergleichen bei Eurer Ankunft gehort habt, diese mussen einfach in wenigen Akzenten das Gefuhl gleichsam mehr anklingen, als aussprechen. So schweifen wir durch die Walder, jagen, singen, und erfreuen uns der Natur und der Einsamkeit, die Waldhorner mussen den Schmerz mit ihren Tonen verherrlichen, sie selbst ist schon geschmuckt in vielen abwechselnden Trachten, bald als Frau, bald als Jager und Jungling, als Amazone oder als Furstin. Zuweilen fallt es ihr ein, als Isalde, Sigune oder Enite aufzutreten, von denen sie in ihren Buchern liest, in phantastischer Kleidung schweift sie dann mit ihrer Gesellschaft durch die Taler und Haine, und mir Unglucklichen fallt es dann anheim, den sehnlich erwarteten Tristan oder Iwein darzustellen, sie tauscht sich dann selbst mit ihrer Zartlichkeit und ist glucklich, aber mir Armen, ihr so nahe, vor ihr knieend, ihre Hande und Arme fassend, in ihren schonen Locken tandelnd, leuchtet dann ein Paradies entgegen, und blitzend davor der Engel mit dem Feuerschwerte.
Nicht ist die Gefahr fur die schuldlose Jungfrau so gross, wenn sie auf solche Weise mit dem Feuer scherzt, das die Welt durchgluht und erhellt, denn nur Wohlwollen, Vertrauen, Freundschaft, hochstens Zartlichkeit erregen sich in ihrem Gemute, und nur diese verlangt sie von dem Manne, mit dem sie den Tanz zwischen den blossen Schwertern ubt. Aber wehe dem Manne! Erst entzundet sich ein susses Wohlgefallen, eine klare Heiterkeit in seiner Seele, er schwebt leicht durch die glanzenden Stunden, wie der Schmetterling durch den Fruhlingsschein, dann fasst ihn der starkere Strom, und im frischeren Leben fuhlt er sich gebadet und erquickt, er triumphiert und jauchzt auf den Wogen, die ihn heben und tragen, den bluhenden Ufern, den Traubenhugeln voruber. Bald aber genugt ihm nicht diese Ruhe, an sich und in sich will er reissen, was ihn aus der Ferne entzuckt, die Freude an der Schonheit wird im innigsten Verstandnis Anbetung, Aufopferung seiner selbst: nun blitzt das Erkennen in der tiefsten Seele auf, nicht mehr dass dieses Wesen schon und liebreizend sei, sondern nur dass es dieses einzelne bestimmte, in Ewigkeiten nicht zum zweitenmal erscheinende Wesen ist, und die flammende Liebe erwacht mit den heiligen Glutaugen, und sieht und fuhlt und denkt und weiss nichts anders als sie, nur sie. O Verzweiflung! sie wendet sich ab, und will nur Schonheit und Lockung, nicht diese Einzige sein: da mischt die Anbetung und Heiligkeit des Himmels sich mit den Greueln der Holle, die liebliche Lockung wird heisse Begier, im Genuss mochte der Ungluckliche die Verehrte entweihen und vernichten, da sie ihm Liebe, Unschuld und Himmel versagt, und wieder kampft mit diesen schwefelgelben Gewittern das sanfte Licht der Kindereinfalt, die ehemalige Heiterkeit, der Blumenfriede der glucklichen Tage, die man aber doch selbst um diese Qualen nicht zuruckkaufen mochte. Ihr seht mich staunend an, indem ich Euch diese Abgrunde male, ich fuhle, Ihr versteht mich nicht; und wohl Euch in diesem Seelenfrieden!"
Er verliess ungestum den sinnenden Jungling, der ihm lange nachsah, und die sonderbaren Erscheinungen, die an diesem Tage in ihm aufgestiegen waren, nicht genug mit Verwundern betrachten konnte, die ihm in ihrer Seltsamkeit bekannt, und doch in ihrer Nahe so fremd und fern erschienen.
Sechstes Kapitel
Schon seit lange hatte Franz viel von einem wunderbaren Manne sprechen horen, der sich in den benachbarten Bergen aufhielt, der halb wahnsinnig in der Einsamkeit lebte und seinen oden Aufenthalt niemals verliess. Was Franz besonders anzog, war, dass dieser abenteuerliche Eremit ein Maler sein sollte, der gewohnlich denen, die ihn besuchten, Bildnisse um einen billigen Preis verkaufte. Sternbald konnte der Begier nicht langer widerstehn, ihn aufzusuchen, und da Florestan immer noch nicht zuruckkam, und die Grafin wieder eine Jagd, ihre Lieblingsergotzung angeordnet hatte, so machte er sich an einem schonen Morgen auf den Weg, um den bezeichneten Aufenthalt zu suchen.
Er stand bald oben auf dem Hugel und sah im Tale die versammelte Jagd, die vom Schlosse ausritt, und sich durch die Ebene verbreitete. Es klangen wieder die musikalischen Tone zu ihm hinauf, die durch den frischen Morgen in den Bergen widerschallten. Bald verlor er die Jagd aus dem Gesicht, die Musik der Horner verscholl, und er wandte sich tiefer in das Gebirge hinein, wo die Gegend plotzlich ihren anmutigen Charakter verliess, und wilder und verworrener ward; die Aussicht in das ebene Land schloss sich, man verlor den vollen herrlichen Strom aus dem Gesichte, und die Berge und Felsen wurden kahl und unfreundlich.
Der Weg wand sich enge und schmal zwischen Felsen hindurch, Tannengebusch wechselte auf dem nackten Boden, und nach einer Stunde stand Franz auf dem hoheren Gipfel des Gebirges.
Nun war es wieder wie ein Vorhang niedergefallen, seinen Blicken offnete sich die Ebene von neuem, die kahlen Felsen unter ihm verloren sich lieblich in dem grunen Gemisch der Walder und Wiesen, die unfreundliche Natur war verschwunden, sie war mit der lieblichen Aussicht eins, von dem ubrigen verschonert diente sie selbst die andern Gegenstande zu verschonern. Da lag die Herrlichkeit der Strome, der Berge, der Walder vor ihm ausgebreitet, er glaubte vor dem plotzlichen Anblick der weiten, unendlichen, mannigfaltigen Natur zu vergehn, denn es war, als wenn sie mit herzdurchdringender Stimme zu ihm hinaufsprach, als wenn sie mit feurigen Augen vom Himmel und aus dem glanzenden Strom heraus nach ihm blickte, und mit ihren Riesengliedern nach ihm hindeutete. Franz streckte die Arme aus, als wenn er etwas Unsichtbares an sein ungeduldiges Herz drukken wollte, als mochte er nun erfassen und festhalten, wonach ihn die Sehnsucht so lange gedrangt. Die Wolken zogen unten am Horizont durch den blauen Himmel, die Widerscheine und die Schatten streckten sich auf den Wiesen aus und wechselten mit ihren Farben, fremde Wundertone gingen den Berg hinab, und Franz fuhlte sich wie ein Gebannter festgehalten, den die zaubernde Gewalt stehen heisst, und der sich dem unsichtbaren Kreise, trotz allen Bestrebens, nicht entreissen kann.
"O unmachtige Kunst!" rief er aus und setzte sich auf eine grune Felsenbank nieder: "wie lallend und kindisch sind deine Tone gegen den vollen harmonischen Orgelgesang, der aus den innersten Tiefen, aus Berg und Tal und Wald und Stromesglanz in schwellenden, steigenden Akkorden heraufquillt! Ich hore, ich vernehme, wie der ewige Weltgeist mit meisterndem Finger die furchtbare Harfe mit allen ihren Klangen greift, wie die mannigfaltigsten Gebilde sich seinem Spiel erzeugen, und uber die ganze Natur mit geistigen Flugeln ausbreiten. Die Begeisterung meines kleinen Menschenherzens will hineingreifen, und ringt sich mude und matt im Kampfe mit dem Hohen, der die Natur leise lieblich regiert, und mein Handeringen nach ihm, mein Winken nach Hulfe in dieser Allmacht der Schonheit still belachelt. Die unsterbliche Melodie jauchzt, jubelt und sturmt uber mich hinweg, zu Boden geworfen schwindelt mein Blick und starren meine Sinnen. O ihr Torichten! die ihr der Meinung seid, die allgewaltige Natur lasse sich verschonen, wenn ihr mit Kunstgriffen und kleinlicher Hinterlist eurer Ohnmacht zu Hulfe eilt! Was konnt ihr anders, als uns die Natur nur ahnden lassen, wenn uns die Natur die Ahndung der Gottheit gibt? Nicht Ahndung, nicht Vorgefuhl, urkraftige Empfindung selbst, sichtbar wandelt hier auf Hohen und Tiefen die Religion, empfangt und tragt mir gutigem Erbarmen auch meine Anbetung. Die Hieroglyphe, die das Hochste, die Gott bezeichnet, liegt da vor mir in tatiger Wirksamkeit, in Arbeit, sich selber aufzulosen und auszusprechen, ich fuhle die Bewegung, das Ratsel im Begriff zu schwinden und fuhle meine Menschheit. Die hochste Kunst kann sich nur selbst erklaren, sie ist ein Gesang, deren Inhalt nur sie selbst zu sein vermag."
Ungern verliess Sternbald seine Begeisterung, und die Gegend, die ihn entzuckt hatte, ja er trauerte uber diese Worte, uber diese Gedanken, die er ausgesprochen, dass er sie nicht immer in frischer Kraft aufbewahren konne, dass neue Eindrucke und neue Gedanken diese Empfindungen vertilgen oder uberschutten wurden.
Ein dichter Wald empfing ihn auf der Hohe, er warf oft den Blick zuruck und schied ungern, als wenn er das Leben verliesse. Der einsame Schatten erregte ihm gegen die freie Landschaft eine beklemmende Empfindung. Als er kaum eine halbe Stunde gegangen war, stand er vor einer kleinen Hutte, die offen war, in der er aber niemand traf. Ermudet warf er sich unter einen Baum, und betrachtete die beschrankte Wohnung, das durftige Gerat, mit vieler Ruhrung eine alte Laute, die an der Wand hing, und auf der eine Saite fehlte. Paletten und Farben lagen und standen umher, so wie einige Kleidungsstucke; Sternbald war wie in die uralte Zeit versetzt, von der wir so gern erzahlen horen, wo die Tur noch keinen Riegel kennt, wo noch kein Frevler des andern Gut betastet hat.
Nach einiger Zeit kam der alte Maler zuruck; er wunderte sich gar nicht, einen Fremdling vor seiner Schwelle anzutreffen, sondern ging in seine Hutte, raumte auf, und spielte dann auf der Zither, als wenn niemand zugegen ware. Franz betrachtete den Alten mit Verwunderung, der indessen wie ein Kind in seinem Hause sass, und zu erkennen gab, wie wohl ihm in seiner kleinen Heimat sei, unter den befreundeten, wohlbekannten Tonen seines Instrumentes. Als er sein Spiel geendigt, packte er Krauter, Moos und Steine aus seinen Taschen, und legte sie sorgfaltig in kleine Schachteln zurecht, indem er jedes aufmerksam betrachtete. Uber manches lachelte er, anderes schien er mit einiger Verwunderung anzuschauen, indem er die Hande zusammenschlug, oder ernsthaft den Kopf schuttelte. Immer noch sah er nach Sternbald nicht hin, bis dieser endlich in das kleine Haus trat, und ihm seinen Gruss anbot. Der alte Mann gab ihm die Hand, und notigte ihn schweigend, sich niederzusetzen, indem er sich weder verwunderte, noch ihn als einen Fremden genauer beachtete.
Die Hutte war mit mannigfaltigen Steinen aufgeputzt, Muscheln standen umher, durchmengt von seltsamen Krautern, ausgestopften Tieren und Fischen, so dass das Ganze ein hochst abenteuerliches Ansehn erhielt. Stillschweigend holte der Alte unserm Freunde einige Fruchte, die er ihm ebenfalls mit stummer Gebarde vorsetzte. Als Franz einige davon gegessen hatte, indem er immer den sonderbaren Menschen beobachtete, fing er mit diesen Worten das Gesprach an: "Ich habe mich schon seit lange darauf gefreut, Euch zu sehn, ich hoffe, Ihr zeigt mir auch einige von Euren Malereien, denn auf diese bin ich vorzuglich begierig, da ich mich selbst zur edlen Kunst bekenne."
"Seid Ihr ein Maler?" rief der Alte aus, "nun wahrlich, so freut es mich, Euch hier zu sehn, seit lange ist mir keiner begegnet. Aber Ihr seid noch sehr jung, Ihr habt wohl schwerlich schon den rechten Sinn fur die grosse Kunst."
"Ich tue mein Mogliches", antwortete Franz, "und will immer das Beste, aber ich fuhle freilich wohl, dass das nicht zureicht."
"Es ist immer schon genug", rief jener aus; "freilich ist es nur wenigen gegeben, das Wahrste und Hochste auszudrucken, eigentlich konnen wir alle uns ihm nur nahern, aber wir haben unsern Zweck gewisslich schon erreicht, wenn wir das wollen und erkennen, was der Allmachtige in uns hineingelegt hat. Wir konnen in dieser Welt nur wollen, nur in Vorsatzen leben, das eigentliche Handeln liegt jenseits, und besteht gewiss aus den eigentlichsten, wirklichsten Gedanken, da in dieser bunten Welt alles in allem liegt. So hat sich der grossmachtige Schopfer heimlicherund kindlicherweise durch seine Natur unsern schwachen Sinnen offenbart, er ist es nicht selbst, der zu uns spricht weil wir dermalen zu schwach sind, ihn zu verstehn; aber er winkt uns zu sich, und in jedem Moose, in jeglichem Gestein ist eine geheime Ziffer verborgen, die sich nie hinschreiben, nie vollig erraten lasst, die wir aber bestandig wahrzunehmen glauben. Fast ebenso macht es der Kunstler: wunderliche, fremde, unbekannte Lichter scheinen aus ihm heraus, und er lasst die zauberischen Strahlen durch die Kristalle der Kunst den ubrigen Menschen entgegenspielen, damit sie nicht vor ihm erschrecken, sondern ihn auf ihre Weise verstehn und begreifen. Nun vollendet sich das Werk, und dem es offenbart ist liegt ein weites Land, eine unabsehliche Aussicht da, mit allem Menschenleben, mit himmlischem Glanz uberleuchtet, und heimlich sind Blumen hineingewachsen, von denen der Kunstler selber nicht weiss, die Gottes Finger hineinwirkte, und die uns mit atherischem Zauber anduften und uns still den Kunstler als einen Liebling Gottes verkundigen. Seht, so denke ich uber die Natur und uber die Kunst."
Franz erschrak vor sich selber, dass er aus dem Munde eines Mannes, den die ubrigen Leute wahnsinnig nannten, seine eigensten Gedanken deutlich ausgesprochen horte, so dass seine Ahndungen in anschaulichen Bildern vor ihm schwebten.
"Wie willkommen ist mir dieser Ton!" rief er aus, "so habe ich mich denn nicht geirrt, wenn ich mit dem stillen Glauben hier anlangte, dass Ihr mir behulflich sein wurdet, mich aus der Irre zurechtzufinden."
"Wir irren alle", sagte der Alte, "wir mussen irren, und jenseit dem Irrtume liegt auch gewiss keine Wahrheit, beide stehn sich auch gewiss nicht entgegen, sondern sind nur Worte, die der Mensch in seiner Unbehulflichkeit dichtete, um etwas zu bezeichnen, was er gar nicht meinte. Versteht Ihr mich?"
"Nicht so ganz", sagte Sternbald.
Der Alte fuhr fort: "Wenn ich nur malen, singen oder sprechen konnte, was mein eigentlichstes Selbst bewegt, dann ware mir und auch den ubrigen geholfen; aber mein Geist verschmaht die Worte und Zeichen, die sich ihm aufdrangen, und da er mit ihnen nicht hantieren kann, gebraucht er sie nur zum Spiel. So entsteht die Kunst, so ist das eigentliche Denken beschaffen."
Franz erinnerte sich, dass Durer einst diesen Gedanken mit fast den namlichen Worten ausgedruckt habe. Er fragte: "Was haltet Ihr denn nun fur das Hochste, wohin der Mensch gelangen konne?"
"Mit sich zufrieden sein", rief der Alte, "mit allen Dingen zufrieden sein, denn alsdann verwandelt er sich und alles um sich her in ein himmlisches Kunstwerk, er lautert sich selbst mit dem Feuer der Gottheit."
"Konnen wir es dahin bringen?" fragte Franz.
"Wir sollen es wollen", fuhr jener fort, "und wir wollen es auch alle, nur dass vielen, ja den meisten, ihr eigner Geist auf dieser seltsamen Welt zu sehr verkummert wird. Daraus entsteht, dass man so selten den andern, noch seltner sich selber innewird."
"Ich suche nach Euren Gemalden", sagte Sternbald, "aber ich finde sie nicht; nach Euren Gesprachen uber die Kunst darf ich etwas Grosses erwarten."
"Das durft Ihr nicht", sagte der Alte mit einigem Verdruss, "denn ich bin nicht fur die Kunst geboren, ich bin ein verungluckter Kunstler, der seinen eigentlichen Beruf nicht angetroffen hat. Es ergreift manchen das Geluste, und er macht sein Leben elend. Von Kindheit auf war es mein Bestreben, nur fur die Kunst zu leben, aber sie hat sich unwillig von mir abgewendet, sie hat mich niemals fur ihren Sohn erkannt, und wenn ich dennoch arbeitete, so geschah es gleichsam hinter ihrem Rucken."
Er offnete eine Tur, und fuhrte den Maler in eine andere kleine Stube, die voller Gemalde hing. Die meisten waren Kopfe, einige Landschaften, die wenigsten Historien. Franz betrachtete sie mit vieler Aufmerksamkeit, indes der alte Mann schweigend einen alten Vogelbauer ausbesserte. In allen Bildern spiegelte sich ein ernstes, strenges Gemut, die Zuge waren bestimmt, die Zeichnung scharf, auf Nebendinge gar kein Fleiss gewendet, aber auf den Gesichtern schwebte ein Etwas, das den Blick zugleich anzog und zuruckstiess, bei vielen sprach aus den Augen eine Heiterkeit, die man wohl grausam hatte nennen konnen, andre waren seltsamlich entzuckt, und erschreckten durch ihre furchtbare Miene; Franz fuhlte sich unbeschreiblich einsam, vollends wenn er aus dem kleinen Fenster uber die Berge und Walder hinubersah, wo er auf der fernen Ebene keinen Menschen, kein Haus unterscheiden konnte.
Als Franz seine Betrachtung geendigt hatte, sagte der Alte: "Ich glaube, dass Ihr etwas Besondres an meinen Bildern finden mogt, denn ich habe sie alle in einer seltsamen Stimmung verfertigt. Ich mag nicht malen, wenn ich nicht deutlich und bestimmt vor mir sehe, was ich darstellen will. Wenn ich nun manchmal im Schein der Abendsonne vor meiner Hutte sitze, oder im frischen Morgen, der die Berge hinab, uber die Fluren geht, dann rauschen oft die Bildnisse der Apostel, der heiligen Martyrer hoch oben in den Baumen, sie sehen mich mit allen ihren Mienen an, wenn ich zu ihnen bete, und fordern mich auf, sie abzuzeichnen. Dann greife ich nach den Farben, und mein bewegtes Gemut, von der Inbrunst zu den hohen Mannern, von der Liebe zur verflossenen Zeit ergriffen, schattet die Trefflichkeiten mit irdischen Farben hin, die in meinem Sinn, vor meinen Augen erglanzen."
"So seid Ihr ein glucklicher Mann", sagte Franz, der uber diese Rede erstaunte.
"Der Kunstler", sagte der Alte, "sollte nach meinem Urteile niemals anders arbeiten; und was ist seine Begeisterung denn anders? Dem Maler muss alles wirklich sein; denn was ist es sonst, das er darstellen will? Sein Gemut muss wie ein Strom bewegt sein, so dass sich seine innere Welt bis auf den tiefsten Grund erschuttert, dann ordnen sich aus der bunten Verwirrung die grossen Gestalten, die er seinen Brudern offenbart. Glaube mir, noch nie ist ein Kunstler auf eine andre Art begeistert gewesen; man spricht von dieser Begeisterung so oft, als von einem naturlichen Dinge, aber sie ist durchaus unerklarlich, sie kommt, sie geht, gleich dem ersten Fruhlingslichte, das unvermutet aus den Wolken niederkommt, und oft, ehe du es geniessest, zuruckgeflohen ist."
Franz sah den Alten verlegen an, er war ungewiss, ob Wahnsinn oder die Sprache der Begeisterung aus ihm rede.
"Zuweilen", fuhr der Alte fort, "erregt mich auch die umgebende Natur, dass ich mich in der Kunst uben muss. Es ist mir aber bei allen meinen Versuchen niemals um die Natur zu tun, sondern ich suche den Charakter oder die Physiognomie herauszufuhlen, und irgendeinen frommen Gedanken hineinzulegen, der das Bild dadurch in eine schone Historie verwandelt."
Er machte hierauf den jungen Maler auf eine Landschaft aufmerksam, die etwas abseits hing. Es war eine Nachtszene, Wald, Berg und Tal lag in fast unkenntlichen Massen durcheinander, schwarze Wolken tief vom Himmel herunter. Ein Pilgrim ging durch die Nacht, an seinem Stabe, an seinen Muscheln am Hute kennbar: um ihn zog sich das dichteste Dunkel, er selber nur von verstohlenen Mondstrahlen erschimmert; ein finsterer Hohlweg deutete sich an, oben auf einem Hugel von fernher glanzte ein Kruzifix, um das sich die Wolken teilten; ein Strahlenregen vom Monde ergoss sich, und spielte um das heilige Zeichen.
"Seht", rief der Alte, "hier habe ich das zeitliche Leben, und die uberirdische, himmlische Hoffnung malen wollen; seht den Fingerzeig, der uns aus dem finstern Tal herauf zur mondglanzenden Anhohe ruft. Sind wir etwas weiter, als wandernde, verirrte Pilgrime? Kann etwas unsern Weg erhellen, als das Licht von oben? Vom Kreuze her dringt mit lieblicher Gewalt der Strahl in die Welt hinein, der uns belebt, der unsere Krafte aufrechthalt. Hier habe ich gesucht, die Natur wieder zu verwandeln, und das auf meine menschliche kunstlerische Weise zu sagen, was die Natur selber zu uns redet; ich habe hier ein sanftes Ratsel niedergelegt, das sich nicht jedem entfesselt, das aber doch leichter zu erraten steht, als jenes erhabene, das die Natur als Bedeckung um sich schlagt."
"Man konnte", antwortete Franz, "dieses Gemalde ein allegorisches nennen."
"Alle Kunst ist allegorisch", sagte der Maler. "Was kann der Mensch darstellen, einzig und fur sich bestehend, abgesondert und ewig geschieden von der ubrigen Welt, wie wir die Gegenstande vor uns sehn? Die Kunst soll es auch nicht: wir fugen zusammen, wir suchen dem einzelnen einen allgemeinen Sinn aufzuheften, und so entsteht die Allegorie. Das Wort bezeichnet nichts anders als die wahrhafte Poesie, die das Hohe und Edle sucht, und es nur auf diesem Wege finden kann."
Unter diesen Gesprachen war ein Hanfling unvermerkt aus seinem Kafige entwischt, denn der Alte hatte die Tur in der Zerstreuung offen gelassen. Er schrie erschreckend auf, als er seinen Verlust bemerkte, er suchte umher, er offnete das Fenster, und lockte pfeifend und liebkosend den Fluchtigen, der nicht wiederkam. Er konnte sich auf keine Weise zufriedengeben, und horte auf Sternbalds Worte nicht, der ihn zu trosten suchte.
Sternbald sagte, um ihn zu zerstreuen: "Ich glaube es einzusehn, wie Ihr uber diese Landschaft denkt, und mir scheint, Ihr habt recht. Ich will nicht Baume und Berge abschreiben, sondern mein Gemut, meine Stimmung, die mich in dieser Stunde regiert, diese will ich mir selber festhalten, und den ubrigen Verstandigen mitteilen."
"Ganz gut", rief der Alte aus, "aber was kummert mich das jetzt, da mein Hanfling auf und davon ist?"
"War er Euch denn so lieb?" fragte Franz.
Der Alte sagte verdriesslich: "So lieb, wie mir alles ist, was ich liebe; ich mache da eben nicht sonderliche Unterschiede. Ich denke an seinen schonen Gesang, an seine Freundschaft, die er mir immer bewies, warum ich mir auch diese Treulosigkeit um so weniger vermutete. Nun ist sein Gesang nicht mehr fur mich, sondern er durchfliegt den Wald, und dieser einzelne, mir so bekannte Vogel vermischt sich mit den ubrigen seines Geschlechts. Ich gehe vielleicht einmal aus und hore ihn, und sehe ihn, und kenne ihn doch nicht wieder, sondern halte ihn fur eine ganz fremde Person. So haben mich schon so viele Freunde verlassen. Ein Freund, der stirbt, tut auch nichts weiter, als dass er sich wieder mit der grossen allmachtigen Erde vermischt, und mir unkenntlich wird. So sind sie auch in den Wald hineingeflogen, die ich sonst wohl kannte, so dass ich sie nun nicht wieder herausfinden kann. Wir sind Toren, wenn wir sie verloren wahnen, Kinder, die schreien und jammern, wenn die Eltern mit ihnen Versteckens spielen, denn das tun die Gestorbenen nur mit uns, der kurze Augenblick zwischen Jetzt und dem Wiederfinden ist nicht zu rechnen. Und dass ich das Gleichnis vollende: so ist Freundschaft auch wohl einem Kafige gleich, ich trenne den Vogel von den ubrigen, um ihn zu kennen und zu lieben, ich umgebe ihn mit einem Gefangnisse, um ihn mir so recht eigentlich abzusondern. Der Freund sondert den Freund von der ganzen ubrigen Welt, und halt ihn in seinen angstlichen Armen eingeschlossen; er lasst ihn nicht zuruck, er soll nur fur ihn so gut, so zartlich, so liebevoll sein, die Eifersucht bewacht ihn vor jeder fremden Liebe, verlore jener sich im Strudel der allgemeinen Welt, so ware er auch dem Freunde verloren und abgestorben. Sieh her, mein Sohn, er hat sein Futter nicht einmal verzehrt, so lieb ist es ihm gewesen, mich zu verlassen. Ich habe ihn so sorgfaltig gepflegt, und doch ist ihm die Freiheit lieber."
"Ihr habt die Menschen gewisslich recht von Herzen geliebt!" rief Sternbald aus.
"Nicht immer", sagte jener, "die Tiere stehen uns naher, denn sie sind wie kindische Kinder, deren Liebe unterhalten sein will, weil sie ungewiss und unbegreiflich ist, mit den Menschen rechnen wir gern, und wenn wir Bezahlung wahrnehmen, vermissen wir schon die Liebe; gegen Tiere sind wir duldend, weil sie unsre Trefflichkeiten nicht bemerken konnen, und wir ihnen dadurch immer wieder gleichstehn; indem wir aber ihre dumpfe Existenz fuhlen und einsehen, entsteht eine magische Freundschaft, aus Mitleiden, Zuneigung, ja, ich mochte sagen, aus Furcht gemischt, die sich durchaus nicht erklaren lasst. Wollt Ihr mir folgen, junger Mensch, so will ich Euch kurzlich etwas von mir erzahlen, damit Ihr begreift, wie ich hiehergeraten bin."
Sie verliessen die Hutte und setzten sich in den Schatten eines alten Baumes, und der Maler fing darauf mit folgenden Worten an:
"Ich bin in Italien geboren und heisse Anselm. Weiter kann ich Euch eben von meiner Jugend nichts sagen. Meine Eltern starben fruh, und hinterliessen mir ein kleines Vermogen, das mir zufiel, als ich mundig war. Meine Jugend war wie ein leichter Traum verflogen, keine Erinnerung war in meinem Gedachtnisse gehaftet, ich hatte nicht eine Erfahrung gemacht. Aber ich hatte die entflohene Zeit auf meine Art genossen, ich war immer zufrieden und vergnugt gewesen.
Jetzt nahm ich mir vor, in das Leben einzutreten, und auch, wie andere, einen Platz auszufullen, damit von mir die Rede sei, dass ich geachtet wurde. Schon von meiner Kindheit hatte ich in mir einen grossen Trieb zur Kunst gespurt, die Malerei war es, die meine Seele angezogen hatte, der Ruhm der damaligen Kunstler begeisterte mich. Ich ging nach Perugia, weil dort Pietro in besonderem Rufe stand, und seine Bilder in ganz Italien gesucht wurden, ihm wollte ich mich in die Lehre geben. Aber bald ermudete meine Geduld, ich lernte junge Leute kennen, deren ahnliche Gemutsart mich zu ihrem vertrauten Freunde machte. Wir waren lustig miteinander, wir sangen, wir tanzten und scherzten, an die Kunst ward wenig gedacht."
Franz fiel ihm in die Rede, indem er fragte: "Konnt Ihr Euch vielleicht erinnern, ob damals bei diesem Meister Pietro auch Raffael in der Lehre stand? Raffael Sanzio?"
"Mir dunkt", sagte der Alte, "es kam in der letzten Zeit, als ich dort war, ein unbedeutender Knabe dieses Namens zu ihm, und ich verwundre mich, dass Ihr den Namen so eigentlich wisst."
"Und ich erstaune uber Eure Worte", rief Sternbald aus. "So wisst Ihr es denn gar nicht, dass dieser Knabe seitdem der erste von allen Malern geworden ist? dass jedermann seinen Namen im Munde fuhrt? Er ist seit einem Jahre gestorben, und alle Kunstler in Europa trauern uber seinen Verlust; wo Menschen wohnen, die die Kunst kennen, da ist auch er gekannt, denn noch keiner hat die Gottlichkeit der Malerei so tief ergrundet."
Anselm war eine Weile in sich gekehrt, dann brach er aus: "O wunderbare Vergangenheit! Wo ist all mein Bestreben geblieben, wie ist es gekommen, dass dieser mir Unbekannte meine innigsten Wunsche ergriffen und zu seinem Eigentume gemacht hat? Ja, ich habe wahrlich umsonst gelebt. Doch, es sei, weil es ist, ich will fortfahren, von mir zu sprechen.
Damals schien die ganze Welt glanzend in mein junges Leben hinein, ich erblickte auf allen Wegen Freundschaft und Liebe. Unter den Madchen, die ich kennenlernte, zog eine besonders meine ganze Aufmerksamkeit an sich, ich liebte sie innig, nach einigen Wochen war sie meine Gattin. Ich hemmte meine Freude und Entzuckungen durch nichts, ein blendender, ungestorter Strom war mein Lebenslauf. In der Gesellschaft der Freunde und der Liebe, vom Wein erhitzt, war es mir oft, als wenn sich wunderbare Krafte in meinem Innersten entwickelten, als beginne mit mir die Welt eine neue Epoche. In den Stunden, die mir die Freude ubrigliess, legte ich mich wieder auf die Kunst, und es war zuweilen, als wenn vom Himmel herab goldene Strahlen in mein Herz hineinschienen, und alle meine Lebensgeister erlauterten und erfrischten. Dann drohte ich mir gleichsam mit ungebornen und unsterblichen Werken, die meine Hand noch ausfuhren sollte, ich sah auf die ubrige Kunst, wie auf etwas Gemeines und Alltagliches hinab, ich wartete selber mit Sehnsucht auf die Malereien, durch die sich mein hoher Genius ankundigen wurde. Diese Zeit war die glucklichste meines Lebens. Sie war die meines wildesten Wahnsinns.
Indessen war mein kleines Vermogen aufgegangen. Meine Freunde wurden kalter, meine Freude erlosch, meine Gattin war krank und ihrer Entbindung nahe, und ich fing an, an meinem Kunsttalent zu zweifeln. Wie ein durrer Herbstwind wehte es durch alle meine Empfindungen, wie ein Traum wurde mein frischer Geist von mir entruckt. Meine Not ward grosser, ich suchte Hulfe bei meinen Freunden, die mich verliessen, die sich bald ganz von mir entfremdeten. Ich hatte geglaubt, ihr Enthusiasmus wurde nie erloschen, es konne mir an Gluck niemals mangeln, und nun sah ich mich plotzlich einsam. Ich erschrak, dass mir mein Streben als etwas Torichtes erschien, ja dass ich in meinem Innersten ahndete, ich hatte die Kunst niemals geliebt.
Ach, wenn ich an jene druckenden Monate zuruckdenke! Wie sich nun in meinem Herzen alles entwikkelte, wie grausam sich die Wirklichkeit von meinen Phantasieen losarbeitete und trennte! Ich versuchte die schmahlichsten Mittel, mir zu helfen, und fristete mich dadurch kaum von einem Tage zum andern hin. Nun fuhlte ich das Treiben der Welt, nun lernte ich die Not kennen, die meine armen Bruder mit mir teilten. Vorher hatte ich die menschliche Tatigkeit, diese mitleidswurdige Arbeitseligkeit verachtet, mit Tranen in den Augen verehrte ich sie jetzt, ich schamte mich vor dem zerlumpten Tagelohner, der im Schweisse seines Angesichtes sein tagliches Brot erwirbt, und nicht hoher hinaus denkt, als wie er morgen von neuem beginnen will. Vorher hatte ich in der Welt die schonen Formen mit lachenden Augen aufgesucht und mir eingepragt, jetzt sah ich im angespannten Pferde und Stiere nur die Sklaverei, die Dienstbarkeit, die den Landmann ernahrte; ich sah neidisch in die kleinen schmutzigen Fenster der Hutten hinein, nicht mehr um seltsame poetische Ideen anzutreffen, sondern um den Hausstand und das Gluck dieser Familien zu berechnen. Oh, ich errotete, wenn man das Wort Kunst aussprach, ich fuhlte mich selbst unwurdig, und dasjenige, was mir vorher als das Gottlichste erschien, kam mir nun als ein mussiges, zeitverderbendes Spielwerk vor, als eine Anmassung uber die leidende und arbeitende Menschheit. Ich war meines Daseins uberdrussig.
Einer meiner Freunde, der mir vielleicht geholfen hatte, war in ferne Lande weit weg verreist. Ich uberliess mich der Verzweiflung. Meine Gattin starb im Wochenbette, das Kind war tot. Ich lag in der Kammer nebenan, und alles erlosch vor meinen Augen. Alles, was mich geliebt hatte, trat in einer furchterlichen Gleichgultigkeit auf mich zu: alles, was ich fur mein gehalten hatte, nahm wie Fremdling von mir auf immer Abschied.
Die Gestalten der Welt, alles, was sich je in meinem Innern bewegt hatte, verwirrte sich verwildert durcheinander. Es war, als wenn ich mich verlor, und das Fremdeste, mir bis dahin Verhassteste mein Selbst wurde. So rang ich im Kampfe, und konnte nicht sterben, sondern verlor nur meine Vernunft. Ich wurde wahnsinnig, wie ich nachher gehort habe. Ich weiss nicht, wo ich mich herumtrieb, was mir damals begegnet ist. In einer kleinen Kapelle einige Meilen von hier fand ich zuerst mich und meine Besinnung wieder. Wie man aus einem Traume erwacht, und einen langst vergessenen Freund vor sich stehen sieht, so seltsam uberrascht, so durch mich erschreckt, war ich selber.
Seitdem wohne ich hier. Mein Gemut ist dem Himmel gewidmet. Ich habe alles vergessen. Ich brauche wenig, und dies wenige besitze ich durch die Gutheit einiger Menschen.
Jetzt, im ruhigen Alter", fuhr er nach einigem Stillschweigen fort, "ist die Natur mein vorzuglichstes Studium. Ich finde allenthalben wunderbare Bedeutsamkeit und ratselhafte Winke. Jede Blume, jede Muschel erzahlt mir eine Geschichte, so wie ich Euch eine erzahlt habe. Seht diese wunderbaren Moose. Ich weiss nicht, was alles dergleichen in der Welt soll, und doch besteht daraus die Welt. So troste ich mich uber mich und die ubrigen Menschen. Die unendliche Mannigfaltigkeit der Gestalten, die sich bewegen, die gleichsam mehr ein Leben erstreben und andeuten, als wirklich leben, beruhigt mich, dass auch ich vielleicht so sein musste, und mich von meiner Bahn niemals so sehr verirrt habe, als ich wohl ehemals wahnte."
Es war indessen spat geworden. Franz wollte gehen, ihm aber gern vorher etwas abkaufen, damit er ihm auf eine leichtere Art ein Geschenk machen konne. Er sah noch einmal umher, und begriff es selber nicht, wie ihm ein kleines Bild habe entgehen konnen, das er nun jetzt erst bemerkte. Es war das genaue Bildnis seiner Unbekannten, jeder Zug, jede Miene, soviel er sich nur erinnern konnte. Er nahm es hastig herab und verschlang es mit den Augen, sein Herz klopfte ungestum. Als er darnach fragte, erzahlte der Alte, dass es eine junge Dame vorstelle, die er vor einem Jahre gemalt habe; sie habe ihn besucht, und ihr holdseliges Gesicht habe sich seinem Gedachtnisse dermassen eingepragt, dass er es nachher mit Leichtigkeit habe zeichnen konnen. Weitere Nachrichten konnte er von der Unbekannten nicht geben.
Franz bat um das Bild, das ihm der Alte gern bewilligte. Franz druckte ihm hierauf ein grosseres Geschenk in die Hand, als er ihm anfangs zugedacht hatte. Der Alte steckte es ein, ohne die Goldstucke nur zu besehen, dann umarmte er ihn und sagte: "Bleibe immer herzlich und treu gesinnt, mein Sohn, liebe deine Kunst und dich, dann wird es dir immer wohl gehen. Der Kunstler muss sich selber lieben, ja verehren, er darf keiner nachteiligen Verachtung den Zugang zu sich verstatten. Sei in allen Dingen glucklich!"
Franz druckte ihn an seine Brust und ging dann den Berg hinunter.
Er war durch die Erzahlung des alten Mannes wehmutig geworden, es leuchtete ihm ein, dass es ihm moglich sei, sich auch uber seine Bestimmung zu irren, dabei war mit frischer Kraft das Andenken und das Bild seiner Geliebten in seine Seele zuruckgekommen. Er langte im Schlosse an, indem er den Weg kaum bemerkt hatte, von der Grafin war er schon vermisst, sie war auf ihr Bildnis begierig, und er musste gleich am folgenden Morgen weitermalen. Franz fand sie an diesem Tage mutwilliger als je, sie scherzte und lachte, und auch Franz fuhlte sich so vertraulich zu ihr, dass er ihr von seiner Wallfahrt zum alten Maler erzahlte, dessen Geschichte er ihr kurzlich wiederholte. Die Grafin sagte: "Nun wahrlich, der alte Einsiedler muss Euch auf eine ungemeine Art liebgewonnen haben, da er so viel mit Euch gesprochen hat, denn es ist sonst schon eine grosse Gefalligkeit, wenn er dem Fragenden nur ein einziges Wort erwidert, soviel ich aber weiss, hat er bisher noch keinem seine Geschichte erzahlt."
Franz zeigte ihr hierauf mir Zittern das Gemalde, das er gekauft harte. Die Grafin sagte erstaunt: "Wie? Mein eignes Bild bringt Ihr mit herunter, junger Mann? Die Aufmerksamkeit ist schmeichelhaft fur mich." "Das Eurige?" rief Franz besturzt und sich vergessend, und jetzt wurde ihm die Ahnlichkeit noch deutlicher, und auf einen Augenblick liess er sich durch den Gedanken entsetzen, dass es moglich sei. "Ach!" sagte die Grafin plotzlich, und seufzte tief: "Nein, sie ist es, meine arme, ungluckliche Schwester!"
"Eure Schwester?" sagte Franz erschrocken, "und Ihr nennt sie unglucklich?"
"Und mit Recht", antwortete die Grafin, "sie hat viel gelitten, jetzt ist sie seit neun Monaten tot."
Franz verlor die Sprache, seine Hand zitterte, es war ihm unmoglich, weiterzumalen. Jene fuhr fort: "Sie trug und qualte sich mit einer unglucklichen Liebe, die ihr Leben wegzehrte; vor einem Jahre machte sie eine Reise durch Deutschland, um sich zu zerstreuen und gesunder zu werden, aber sie reiste in ihre Heimat zuruck und starb. Der Alte hat sie damals gesehen, und wie ich jetzt erfahre, nachher gemalt."
Franz war durch und durch erschuttert. Er stand auf und verliess den Saal. Er irrte umher, und warf sich endlich weinend an der dichtesten Stelle des Geholzes nieder: die Worte, die ihn betaubt hatten, schallten noch immer in sein Ohr. "So ist sie denn auf ewig mir verloren, die niemals mein war!" rief er aus. "O wie hart ist die Weise, mit der mich das Schicksal von meinem Wahnsinn heilen will! O ihr Blumen, ihr sussen Worte, die ihr mir so erfreulich wart! Du holdselige Schreibtafel, ihr Erinnerungen, ach! nun ist alles voruber! Von diesem Tage, von heut ist meine Jugend beschlossen, alle jungen Wunsche, alle liebreizenden Hoffnungen verlassen mich nun, alles ruht tief im Grabe. Nun ist mein Leben kein Leben, mein Ziel, nach dem ich strebte, ist hinweggenommen, ich bin einsam. Das Haupt, das meine Sonne war, nach dem ich mich wie die Blume wandte, liegt nun unkenntlich im Grabe. Ja, Anselm, sie ist nun auch in den grossen weiten Wald wieder hineingeflogen, meine liebste Sangerin, die ich so gern an diesem Herzen beherbergt hatte, aller Gesang erinnert mich nur an sie, die fliessenden Waldbache hier ermuntern mich, immerfort zu weinen, so wie sie selber tun. Was soll mir Kunst, was Ruhm, wenn sie nicht mehr ist, der ich alles zu Fussen legen wollte?"
Siebentes Kapitel
Am folgenden Tage kam Rudolph zuruck, vor dem Franz sein Geheimnis nun noch geflissentlicher verbarg; er furchtete den heitern Mutwillen seines Freundes, und mochte diese Schmerzen nicht seinen Spottereien preisgeben. Rudolph erzahlte ihm mit kurzen Worten die Geschichte seiner Wanderschaft, wo er sich herumgetrieben, was er in diesen Tagen erlebt. Franz horte kaum darauf hin, weil er mit seinem Verluste zu innig beschaftigt war.
"Du hast ja hier einen Verwandten gefunden", sagte Sternbald endlich, "aber mich dunkt, du freust dich daruber nicht sonderlich."
"Meine Familie", sagte jener, "ist ziemlich ausgebreitet, ich bin noch niemals lange an einem Orte geblieben, ohne einen Vetter oder eine Muhme anzutreffen. Darum ist mir dergleichen nichts Ungewohnliches. Dieser da ist ein guter langweiliger Mann, mit dem ich nun schon alles gesprochen habe, was er zu sagen weiss. Ihr fuhrt aber ubrigens hier ein recht langweiliges Leben, und du, mein lieber Sternbald, wirst daruber ganz traurig und verdrusslich, so wie es sich auch ziemt. Ich habe also dafur gesorgt, dass wir einige Beschaftigung haben, womit wir uns die Zeit vertreiben konnen."
Er hatte alle Diener des Schlosses auf seine Seite gebracht und beredet, auch einige andre, besonders Madchen aus der Nachbarschaft eingeladen, um am folgenden Tage ein lustiges Fest im Walde zu begehn. Franz entschuldigte sich, dass er ihm nicht Gesellschaft leisten konne, aber Florestan horte nicht darauf. "Ich werde nie wieder vergnugt sein", sagte Franz, als er sich allein sah, "meine Jugend ist voruber, ich kann auch nicht mehr arbeiten, wenn ich in der Zukunft vielleicht auch geschaftig bin."
Der folgende Tag erschien. Florestan hatte alles angeordnet. Man versammelte sich nachmittags im Walde, die Grafin hatte allen die Erlaubnis erteilt, der kuhlste, schattigste Platz wurde ausgesucht, wo die dicksten Eichen standen, wo der Rasen am grunsten war. Rudolph empfing jeden Ankommling mit einem frohlichen Schalmeiliede, die Madchen waren zierlich geputzt, die Jager und Diener mit Bandern und bunten Zieraten geschmuckt. Nun kamen auch die Spielleute, die lustig aufspielten, wobei Wein und verschiedene Kuchen in die Runde gingen. Die Hitze des Tages konnte an diesen Ort nicht dringen, die Bache und fernen Gewasser spielten wie eine liebliche Waldorgel dazu, alle Gemuter waren frohlich.
Im grunen Grase gelagert, wurden Lieder gesungen, die alle Frohlichkeit atmeten: da war von Liebe und Kuss die Rede, da wurde des schonen Busens erwahnt, und die Madchen lachten frohlich dazu. Franz wehrte sich anfangs gegen die Freude, die alle beseelte, er suchte seine Traurigkeit, aber der helle, liebliche Strom ergriff auch ihn mit seinen kristallenen platschernden Wellen, er genoss die Gegenwart und vergass, was er verloren hatte. Er sass neben einem blonden Madchen, mit der er bald ein freundliches Gesprach begonn, und den runden frischen Mund, die lieblichen Augen, den hebenden Busen heiter betrachtete.
Als es noch kuhler ward, ordnete man auf dem runden Rasenplatze einen lustigen Tanz an. Rudolph hatte sich auf seine Art phantastisch geschmuckt, und glich einer schonen idealischen Figur auf einem Gemalde. Er war der Ausgelassenste, aber in ihm spiegelte sich die Frohlichkeit am lieblichsten. Franz tanzte mit seiner blonden Emma, die manchen Handedruck erwiderte, wenn sie den Reigen herunter ihm entgegenkam.
Da aber der Platz fur den Tanz fast ein wenig zu eng war, so sonderten sich einige ab, um auszuruhen; unter diesen waren Florestan, Sternbald und die Blonde. Abseits befestigten Franz und Rudolph ein Seil zwischen zwei dicken, nahestehenden Eichen, ein Brett war bald gefunden und die Schaukel fertig. Emma setzte sich furchtsam hinein, und flog nun nach dem Takte und Schwunge der Musik im Waldschatten auf und ab. Es war lieblich, wie sie bald hinauf in den Wipfel schwankte, bald wieder wie eine Gottin herabkam, und mit leichter Bewegung einen schonen Zirkel beschrieb.
"Nun, mein Freund", rief Rudolph ofter, "bist du nun nicht vergnugt? Lass alle Grillen schwinden!" Franz sah nur die reizende Gestalt, die sich in der Luft bewegte.
Als man des Tanzes uberdrussig war, setzte man sich wieder nieder, und ergotzte sich an Liedern und aufgegebenen Ratseln. Jetzt ertrug Sternbald den Mutwillen der Poesie, die in alten Reimen die Reize der Liebsten lobpries: er stimmte mit ein, und verliess die blonde Emma niemals, wenigstens mit den Augen.
Der Abend brach ein, in gespaltenen Schimmern floss das Abendrot durch den Wald, die lieblichste, stillste Luft umgab die Natur, und bewegte auch nicht die Blatter am Baume. Rudolph, dessen Phantasie immer geschaftig war, liess nun eine lange Tafel bereiten, auf die ebenso viele Blumen als Speisen gesetzt wurden, dazwischen die Lichter, die kein Wind verloschte, sondern die ruhig fortbrannten, und einen zauberischen, berauschenden Anblick gewahrten. Man ass unter schallender Musik, dann wurden die Tische auseinandergeschoben, und umher zwischen den Baumen verteilt, die Wachskerzen brannten auch hier. Nun kam ein mutwilliges Pfanderspiel in den Gang, bei dem Sternbald manchen herzlichen Kuss von seiner Blonden empfing, wobei ihm jedesmal das Blut in die Wangen stieg.
Jetzt war es Nacht, man musste sich trennen. Die Leute aus dem Dorfe und der kleinen Stadt gingen zuruck, Rudolph und Sternbald begleiteten den Zug, Laternen gingen voran, dann folgten die Spielleute, die fast bestandig ihre Musik erschallen liessen, und dadurch den Zug im Takte erhielten. Jetzt standen sie vor dem Dorfe, er nahm mit einem herzlichen Kusse Abschied; Emma war stumm, er konnte kein Wort hervorbringen.
Schweigend ging er mit Rudolph durch den Wald zuruck: als sie heraustraten, glanzte ihnen uber die Ebene heruber der aufgehende Mond entgegen: das Schloss brannte in sanften goldenen Flammen.
Achtes Kapitel
Das Bildnis der Grafin und des fremden Ritters war beendigt, sie war sehr zufrieden, und belohnte den Maler reichlicher, als es beide Freunde erwartet hatten.
Franz erstaunte oft in einsamen Stunden uber sich selber, uber die Ungenugsamkeit, die ihn peinigte. Er betrachtete dann mit wehmutiger Ungeduld das Bild seiner ehemaligen Geliebten, er wollte sie seiner Phantasie in aller vorigen Klarheit zuruckzaubern, aber sein Geist und seine Sinne waren wie mit ehernen Banden in der Gegenwart festgehalten.
"Bravo!" sagte an einem Morgen Rudolph zu seinem Freunde, "du gefallst mir, denn ich sehe, du lernst von mir. Du ahmst mir nach, dass du auch eine Liebschaft hast, die deine Lebensgeister in Tatigkeit erhalt, glaube mir, man kann im Leben durchaus nicht anders zurechtkommen. So aber verschonert sich uns jede Gegend, der Name der Dorfer und Stadte wird uns teuer und bedeutend, unsre Einbildung wird mit lieblichen Bildern angefullt, so dass wir uns allenthalben wie in einer ersehnten Heimat fuhlen."
"Aber wohin fuhrt uns dieser Leichtsinn?" fragte Franz.
"Wohin?" rief Rudolph aus, "o mein Freund, verbittere dir nicht mit dergleichen Fragen deinen schonsten Lebensgenuss, denn wohin fuhrt dich das Leben endlich?"
"Aber die Sinnlichkeit", sagte Franz, "horst du nicht jeden rechtlichen Menschen schlecht davon sprechen?"
"Oh, uber die rechtlichen Menschen!" sagte Florestan lachend, "sie wissen selbst nicht, was sie wollen. Der Himmel gibt sich die Muhe, uns die Sinnen anzuschaffen, nun, so wollen wir uns deren auch nicht schamen, nach unserm loblichen Tode wollen wir uns dann mit des Himmels Beistand zur Freude besser gebarden."
"Was war das fur ein Madchen", fragte Franz, "das du in der Gegend von Antwerpen besuchtest?"
"Oh, das ist eine Geschichte", antwortete jener, "die ich dir schon lange einmal habe erzahlen wollen. Ich war vor einem Jahre auf der Reise, und ritt ubers Feld, um schneller fortzukommen. Ich war mude, mein Pferd fing an zu hinken, die Meile kam uns unendlich lang vor. Ich sang ein Liedchen, ich besann mich auf hundert Schwanke, die mich in vielen andern Stunden erquickt hatten, aber alles war vergebens. Indem ich mich noch abquale, sehe ich eine hubsche niederlandische Bauerin am Wege sitzen, die sich die Augen abtrocknet. Ich frage, was ihr fehlt, und sie erzahlt mir mit der liebenswurdigsten Unbefangenheit, dass sie schon so weit gegangen sei, sich nun zu mude fuhle, noch zu ihren Eltern nach Hause zu kommen, und darum weine sie, wie billig. Die Dammerung war indes schon eingebrochen, mein Entschluss war bald gefasst: ohne weiter um Rat zu fragen, bot ich ihr das mude Pferd an, um bequemer fortzukommen. Sie liess sich eine Weile zureden, dann stieg sie hinauf, und setzte sich vor mich: ich hielt sie mit den Armen fest. Nun fing ich an, die Meile noch langer zu wunschen, der niedlichste Fuss schwebte vor mir, von der Bewegung entblosst, die frische rote Wange dicht an der meinigen, die freundlichen Augen mir nahe gegenuber. So zogen wir uber das Feld, indem sie mir ihre Herkunft und Erziehung erzahlte: wir wurden bald vertrauter, und sie straubte sich gegen meine Kusse nicht mehr.
Nun wurde es Nacht, und die Bangigkeit, die sie erfullte, erlaubte mir, dreister zu sein. Endlich kamen wir in der Nahe ihrer Behausung, sie stieg behende herunter, wir hatten schon unsre Abrede genommen. Sie eilte voraus, ich blieb eine Weile zuruck, dann zwang ich mein Pferd, in einer Art von Galopp mit mir vor das Haus zu sprengen. Es war ein altes weitlauftiges Gebaude, das abseits vom ubrigen Dorfe lag; das Madchen kam mir entgegen, ich trat als ein verirrter Fremdling ein, und bat demutig um ein Nachtlager. Die Eltern bewilligten es mir gern, die Kleine spielte ihre Aufgabe gut durch, sie zeigte mir verstohlen, dass sie neben der Kammer schlafen wurde, die man mir einraumte; sie wollte die Tur offen lassen. Das Abendessen, die umstandlichen Gesprache wurden mir sehr lang, endlich ging alles schlafen, meine Freundin aber hatte in der Wirtschaft noch allerhand zu besorgen. Ich betrachtete indessen meine Kammer, sie fuhrte auf der einen Seite nach dem Schlafzimmer des Madchens, auf der andern in einen langen Gang, dessen ausserste Tur geoffnet war. Freundlich schien durch diese die runde Scheibe des Mondes, das schone Licht lockt mich hinaus, ein Garten empfangt mich. Ich durchwandere auch diesen, gehe durch ein Gattertor, und verliere mich voller Erwartungen im Felde.
Man ist indessen sorgsam gewesen, alle Turen zu verschliessen, es war das letzte Geschaft des Vaters, nach allen Riegeln im Hause zu sehn. Besturzt komme ich zuruck, die Gartentur ist verschlossen; ich rufe, ich klopfe, niemand hort mich, ich versuche uberzusteigen, aber meine Muhe war vergebens. Ich verwunsche den Mond und die Schonheiten der Natur, ich sehe die Freundliche vor mir, die mich erwartet und mein Zogern nicht begreifen kann.
Unter Verwunschungen und unnutzen Bemuhungen sah ich mich genotigt, den Morgen auf dem freien Felde abzuwarten: alle Hunde wurden wach, aber kein Mensch horte mich, der mich eingelassen hatte. Oh, wie segnete ich die ersten Strahlen des Fruhrots! Die Alten bedauerten mein Ungluck, das Madchen war so verdrusslich, dass sie anfangs nicht mit mir sprechen wollte, ich versohnte sie aber endlich, ich musste fort, und versprach ihr, auf meiner Ruckreise von England sie gewiss wieder zu besuchen. Und du sahst damals, dass ich ihr auch Wort hielt.
Ich kam an: schon sah ich mit Verdruss und klopfendem Herzen den Garten mit der mir so wohlbekannten Mauer, schon suchte mein Auge das Madchen, aber die Sachen hatten sich indessen sehr verandert. Sie war verheiratet, sie wohnte in einem andern Hause, und was das Schlimmste war, sie liebte sogar ihren Mann; als ich sie besuchte, bat sie mich mit der hochsten Angst, doch ja je eher je lieber wieder fortzugehn. Ich gehorchte ihr, um ihr Gluck nicht zu storen. Siehst du, mein Freund, das ist die unbedeutende Geschichte einer Bekanntschaft, die sich ganz anders endigte, als ich erwartet hatte."
"Dir geschieht schon recht", sagte Franz, "wenn du manchmal fur deinen ubertriebenen Mutwillen bestraft wirst."
"Oh, dass ihr allenthalben Ubertreibungen findet!" rief Florestan aus, "ihr seid immer besorgt, euch in allen Gedanken und Gefuhlen zu massigen. Aber es gelingt niemals und ist unmoglich, in einem Gebiete zu messen und zu wagen, wo kein Mass und Gewicht anerkannt wird. Es freut mich, dich auch einmal verliebt zu sehn."
Franz sagte: "Ich weiss nicht, ob ich verliebt bin, aber du angstigest mich mit deinen Reden; wozu ware es auch, da wir so bald abreisen mussen?"
Florestan lachte, und gab ihm gar keine Antwort. "Nun, wie haben dir die neulichen Lieder gefallen?" sagte er, "und die Lichter, der Wald? Nicht wahr, es war der Muhe wert, frohlich zu sein?"
"Du marterst mich nur", sagte Sternbald, als Rudolph geendigt hatte, "sprich wie du willst, ich werde niemals deiner Meinung sein. Man kann sich in einem leichtsinnigen Augenblicke vergessen, aber wenn man freiwillig den Sinnen den Sieg uber sich selbst einraumt, so erniedrigt man sich dadurch unter sich selbst."
"Du willst ein Maler sein, und sprichst so?" rief Rudolph aus, "oh, lass ja die Kunst fahren, wenn dir deine Sinnen nicht lieber sind, denn durch diese allein vermagst du die Ruhrungen hervorzubringen. Was wollt ihr mit allen euren Farben darstellen und ausrichten, als die Sinnen auf die schonste Weise ergotzen? Durch nichts kann der Kunstler unsre Phantasie so gefangennehmen, als durch den Reiz der vollendeten Schonheit, das ist es, was wir in allen Formen entdecken wollen, wonach unser gieriges Auge allenthalben sucht. Wenn wir sie finden, so sind es auch nicht die Sinne allein, die in Bewegung sind, sondern alle unsre Entzuckungen erschuttern uns auf einmal auf die lieblichste Weise. Der freie unverhullte Korper ist der hochste Triumph der Kunst, denn was sollen mir jene beschleierten Gestalten? Warum treten sie nicht aus ihren Gewandern heraus, die sie angstigen und sind sie selbst? Gewand ist hochstens nur Zugabe, Nebenschonheit. Das griechische Altertum verkundigt sich in seinen nackten Figuren am gottlichsten und menschlichsten. Die Dezenz unsers gemeinen prosaischen Lebens ist in der Kunst unerlaubt, dort in den heitern, reinen Regionen ist sie ungeziemlich, sie ist unter uns selbst das Dokument unsrer Gemeinheit und Unsittlichkeit. Der Kunstler darf seine Bekanntschaft mit ihr nicht verraten, oder er gibt zu erkennen, dass ihm die Kunst nicht das Liebste und Beste ist, er gesteht, dass er sich nicht ganz aussprechen darf, und doch ist sein verschlossenes Innerstes gerade das, was wir von ihm begehren."
In einigen Tagen war ihre Abreise beschlossen; die Grafin hatte den versprochenen Brief an die italienische Familie geschrieben, den Sternbald mit grosser Gleichgultigkeit in seine Brieftasche legte; er zeigte ihn auch seinem Freunde nicht, sondern war sogar ungewiss, ob er ihn abgeben solle.
Als sie das Schloss verlassen hatten, als beide Freunde sich auf der weiten Heerstrasse befanden, war Rudolph nachdenklich, weniger frohlich und leichtsinnig, als man ihn sonst sah, er schien Erinnerungen zu bekampfen, die ihn beinahe schwermutig machten.
"Kein Mensch", rief er endlich aus, "kann seine frohe Laune verburgen, es kommen Augenblicke und Empfindungen, die ihn wie in einem Kerker verschliessen, und ihn nicht wieder freigeben wollen. Ich denke eben daran, wie ohne Not und ohne Zweck ich mich hier herumtreibe, und indessen das vernachlassige, was doch das einzige Gluck in der Welt ist. Wahrlich, ich konnte in manchen Augenblicken so schwermutig sein, dass ich weinte, oder tiefsinnige Elegien niederschriebe, dass ich auf meinen Instrumenten Tone hervorsuchte, die in Steine und Felsen Mitleiden hineinzwangen. Oh, mein Freund, wir wollen uns nicht mit unnutzem Gram den gegenwartigen Augenblick verkummern, diese Gegenwart, in der wir jetzt sind, kommt nicht zum zweiten Male wieder, mag doch ein jeder Tag fur das Seine sorgen."
Es wurde Abend, ein schoner Himmel erglanzte mit seinen wunderbaren, buntgefarbten Wolkenbildern uber ihnen. "Sieh", fuhr Rudolph fort, "wenn ihr Maler mir dergleichen darstellen konntet, so wollte ich euch oft eure beweglichen Historien, eure leidenschaftlichen und verwirrten Darstellungen mit allen unzahligen Figuren erlassen. Meine Seele sollte sich an diesen grellen Farben ohne Zusammenhang, an diesen mit Gold ausgelegten Luftbildern ergotzen und genugen, ich wurde da Handlung, Leidenschaft, Komposition und alles gern vermissen, wenn ihr mir, wie die gutige Natur heute tut, so mit rosenrotem Schlussel die Heimat aufschliessen konntet, wo die Ahndungen der Kindheit wohnen, das glanzende Land, wo in dem grunen, azurnen Meere die goldensten Traume schwimmen, wo Lichtgestalten zwischen feurigen Blumen gehn und uns die Hande reichen, die wir an unser Herz drucken mochten. Oh, mein Freund, wenn ihr doch diese wunderliche Musik, die der Himmel heute dichtet, in eure Malerei hineinlocken konntet! Aber euch fehlen Farben, und Bedeutung im gewohnlichen Sinne ist leider eine Bedingung eurer Kunst."
"Ich verstehe, wie du es meinst", sagte Sternbald, "und die freundlichen Himmelslichter entwanken und entfliehen, indem wir sprechen. Wenn du auf der Harfe musizierst, und mit den Fingern die Tone suchst, die mit deinen Phantasien verbrudert sind, so dass beide sich gegenseitig erkennen, und nun Tone und Phantasie in der Umarmung gleichsam entzuckt immer hoher, immer mehr himmelwarts jauchzen, so hast du mir schon oft gesagt, dass die Musik die erste, die unmittelbarste, die kuhnste von allen Kunsten sei, dass sie einzig das Herz habe, das auszusprechen, was man ihr anvertraut, da die ubrigen ihren Auftrag immer nur halb ausrichten, und das Beste verschweigen: ich habe dir so oft recht geben mussen, aber, mein Freund, ich glaube darum doch, dass sich Musik, Poesie und Malerei oft die Hand bieten, ja dass sie oft ein und dasselbe auf ihren Wegen ausrichten konnen. Freilich ist es nicht notig, dass immer nur Handlung, Begebenheit mein Gemut entzucke, ja es scheint mir sogar schwer zu bestimmen, ob in diesem Gebiete unsre Kunst ihre schonsten Lorbeern antreffe: allein erinnere dich nur selbst der schonen, stillen, heiligen Familien, die wir angetroffen haben; liegt nicht in einigen unendlich viele Musik, wie du es nennen willst. Ist in ihnen die Religion, das Heil der Welt, die Anbetung des Hochsten nicht wie in einem Kindergesprache offenbart und ausgedruckt? Ich habe bei den Figuren nicht bloss an die Figuren gedacht, die Gruppierung war mir nur Nebensache, ja auch der Ausdruck der Mienen, insofern ich ihn auf die gegenwartige Geschichte, auf den wirklichen Zusammenhang bezog. Der Maler hat hier Gelegenheit, die Einbildung in sich selbst zu erregen, ohne sie durch Geschichte, durch Beziehung vorzubereiten."
"Am meisten ist mir das, was ich so oft von der Malerei wunsche, bei allegorischen Gemalden einleuchtend", sagte Rudolph.
"Gut, dass du mich daran erinnerst!" rief Franz aus, "hier ist recht der Ort, wo der Maler seine grosse Imagination, seinen Sinn fur die Magie der Kunst offenbaren kann: hier kann er gleichsam uber die Grenzen seiner Kunst hinausschreiten, und mit dem Dichter wetteifern. Die Begebenheit, die Figuren sind ihm nur Nebensache, und doch machen sie das Bild, es ist Ruhe und Lebendigkeit, Fulle und Leere, und die Kuhnheit der Gedanken, der Zusammensetzung findet erst hier ihren rechten Platz. Ich habe es ungern gehort, dass man diesen Gedichten so oft den Mangel an Zierlichkeit vorruckt, dass man hier tatige Bewegung und schnellen Reiz einer Handlung fordert, wenn sie statt eines einzelnen Menschen die Menschheit ausdrucken, statt eines Vorfalls eine erhabene Ruhe. Gerade diese anscheinende Kalte, die Unbiegsamkeit im Stoffe ist das, was mir so oft einen wehmutigen Schauder bei der Betrachtung erregte: dass hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestalten mit so ernster Bedeutung aufgestellt sind, Kind und Greis in ihren Empfindungen vereinigt, dass das Ganze unzusammenhangend erscheint, wie das menschliche Leben, und doch eins um des andern notwendig ist, wie man auch im Leben nichts aus seiner Verkettung reissen darf, alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen."
"Ich erinnere mich", antwortete Rudolph, "eines alten Bildes in Pisa, das dir auch vielleicht gefallen wird; wenn ich nicht irre, ist es von Andrea Orgagna gemalt. Dieser Kunstler hat den Dante mit besondrer Vorliebe studiert, und in seiner Kunst auch etwas Ahnliches dichten wollen. Auf seinem grossen Bilde ist in der Tat das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmutige Art abgebildet. Ein Feld prangt mit schonen Blumen von frischen und glanzenden Farben, geschmuckte Herren und Damen gehen umher, und ergotzen sich an der Pracht. Tanzende Madchen ziehen mit ihrer muntern Bewegung den Blick auf sich, in den Baumen, die von Orangen gluhn, erblickt man Liebesgotter, die schalkhaft mit ihren Geschossen herunterzielen, uber den Madchen schweben andre Amorinen, die nach den geschmuckten Spaziergangern zur Vergeltung zielen. Spielleute blasen auf Instrumenten zum Tanz, eine bedeckte Tafel steht in der Ferne. Gegenuber sieht man steile Felsen, auf denen Einsiedler Busse tun und in andachtiger Stellung beten, einige lesen, einer melkt eine Ziege. Hier ist die Durftigkeit des armutseligen Lebens dem uppigen gluckseligen recht herzhaft gegenubergestellt. Unten sieht man drei Konige auf die Jagd reiten, denen ein heiliger Mann eroffnete Graber zeigt, in denen man von Konigen verweste Leichname sieht. Durch die Luft fliegt der Tod, mit schwarzem Gewand, die Sense in der Hand, unter ihm Leichen aus allen Standen, auf die er hindeutet. Dieses Gemalde hat immer in mir das Bild des grossen menschlichen Lebens hervorgebracht, in welchem keiner vom andern weiss, und sich alle blind und taub durcheinander bewegen."
Unter diesen Gesprachen waren sie an eine dichte Stelle im Walde gekommen, abseits an einer Eiche gelehnt lag ein Rittersmann, mit dem sich ein Pilgrim beschaftigte, und ihm eine Wunde zu verbinden suchte. Die beiden Wanderer eilten sogleich hinzu, sie erkannten den Ritter, Franz zuerst, es war derselbe, den sie vor einiger Zeit als Monch gesehn hatten, und den Sternbald im Schlosse gemalt hatte. Der Ritter war in Ohnmacht gesunken, er hatte viel Blut verloren, aber durch die vereinigte Hulfe kam er bald wieder zu sich. Der Pilgrim dankte den beiden Freunden herzlich, dass sie ihm geholfen, den armen Verwundeten zu pflegen, sie machten in der Eile eine Trage von Zweigen und Blattern, worauf sie ihn legten und so abwechselnd trugen. Der Ritter erholte sich bald, so dass er bat, sie mochten diese Muhe unterlassen; er versuchte es, auf die Fusse zu kommen, und es gelang ihm, dass er sich mit einiger Beschwerlichkeit und langsam fortbewegen konnte, die ubrigen fuhrten und unterstutzten ihn. Der Ritter erkannte Franz und Rudolph ebenfalls, er gestand, dass er derselbe sei, den sie neulich in einer Verkleidung getroffen. Der Pilgrim erzahlte, dass er nach Loreto wallfahrte, um ein Gelubde zu bezahlen, das er in einem Sturm auf der See getan.
Es wurde dunkel, als sie immer tiefer in den Wald hineingerieten und kaum noch den Weg bemerken konnten. Franz und Rudolph riefen laut, um jemand herbeizulocken, der ihnen raten, der sie aus der Irre fuhren konne, aber vergebens, sie horten nichts als das Echo ihrer eigenen Stimme. Endlich war es, als wenn sie durch die Verworrenheit der Gebusche ein fernes Glocklein vernahmen, und sogleich richteten sie nach diesem Schalle ihre Schritte. Der Pilger insonderheit war sehr ermudet, und wunschte einen Ruheplatz anzutreffen, er gestand es ungern, dass ihn sein ubereiltes Gelubde schon oft gereut habe, dass er es aber nun schuldig sei zu bezahlen, um Gott nicht zu irren. Er seufzte fast bei jedem Schritte, und der Ritter konnte es nicht unterlassen, so ermudet er selber war, bisweilen uber ihn zu spotten. Franz und Rudolph sangen Lieder, um die Ermudeten zu trosten und anzufrischen, sehnten sich aber auch herzlich nach einer ruhigen Herberge.
Jetzt sahen sie ein Licht ungewiss durch die Zweige schimmern, und die Hoffnung von allen wurde gestarkt, das Glocklein liess sich von Zeit zu Zeit wieder horen, und viel vernehmlicher. Sie glaubten sich in der Nahe eines Dorfs zu befinden, als sie aber noch eine Weile gegangen waren, standen sie vor einer kleinen Hutte, in der ein Licht brannte, das ihnen entgegenglanzte, ein Mann sass darin, und las mit vieler Aufmerksamkeit in einem Buche, ein grosser Rosenkranz hing an seiner Seite, uber der Hutte war eine Glocke angebracht, die er abwechselnd anzog, und die den Schall verursacht hatte.
Er erstaunte, als er von der Gesellschaft in seinen Betrachtungen gestort wurde, doch nahm er alle sehr freundlich auf. Er bereitete schnell aus Krautern einen Saft, mit dem er die Wunde des Ritters verband, wonach dieser sogleich Linderung spurte, und zum Schlafe geneigt war. Auch Franz war mude, der Pilgrim war schon in einem Winkel des Hauses eingeschlafen, nur Rudolph blieb munter, und verzehrte einiges von den Fruchten, Brot und Honig, das der Einsiedler aufgetragen hatte. "Ihr seid in meiner Einsamkeit willkommen", sagte dieser zu Florestan, "und es ist mein tagliches Gebet zu Gott, dass er mir Gelegenheit geben moge, zuweilen einiges Gute zu tun, und so ist sie mir denn heute wider Erwarten gekommen. Sonst bringe ich meine Zeit mit Andacht und Beten zu, auch lasse ich nach gewissen Gebeten immer mein Glocklein erschallen, damit die Hirten und Bauern im Walde, oder die Leute im nachsten Dorfe wissen mogen, dass ich munter bin und fur sie dem Herrn danke, das einzige, was ich zur Vergeltung fur ihre Wohltaten zu tun imstande bin."
Rudolph blieb mit dem Einsiedler noch lange munter, sie sprachen allerhand, doch liess sich der Alte nicht zu lange von seinen vorgesetzten Gebeten abwendig machen, sondern wiederholte sie wahrend ihrer Erzahlung: Franz horte im Schlummer die beiden miteinander sprechen, dann zuweilen das Glocklein klingen, den Gesang des Alten, und es dunkte ihm unter seinen Traumen alles hochst wunderbar.
Gegen Morgen schlief Rudolph auch ein, so viele Muhe er sich auch gab, wach zu bleiben.
Das Morgenrot brach liebreich herauf, und schimmerte erst an den Baumwipfeln, an den hellen Wolken, dann sah man die ersten Strahlen der Sonne durch den Wald leuchten. Die Vogel wurden rege, die Lerchen jubelten aus den Wolken herab, der Morgenwind schuttelte die Zweige. Die Schlafer wurden nach und nach wieder wach: der Ritter fuhlte sich gestarkt und munter, der Einsiedler versicherte, dass seine Wunde nichts zu bedeuten habe. Franz und Rudolph machten einen Spaziergang durch den Wald, wo sie eine Anhohe erstiegen und sich niedersetzten.
"Sind die Menschen nicht wunderlich?" fing Florestan an, "dieser Pilgrim kreuzt durch die Welt, verlasst sein geliebtes Weib, wie er uns selber erzahlt hat, um Gott zu Gefallen die Kapelle zu Loreto zu besuchen. Der Einsiedler hat mir in der Nacht seine ganze Geschichte erzahlt: er hat die Welt auf immer verlassen, weil er unglucklich geliebt hat, das Madchen, das ihn entzuckte, hat sich einem andern ergeben, und darum will er nun sein Leben in der Einsamkeit beschliessen, mit seinem Rosenkranze, Buche und Glocke beschaftigt."
Franz dachte an das Bildnis, an den Tod seiner Geliebten, und sagte seufzend: "Oh, lass ihn, denn ihm ist wohl, tadle nicht zu strenge die Gluckseligkeit andrer Menschen, weil sie nicht die deinige ist. Wenn er wirklich geliebt hat, was kann er nun noch in der Welt wollen? In seiner Geliebten ist ihm die ganze Welt abgestorben, nun ist sein ganzes Leben ein ununterbrochenes Andenken an sie, ein immerwahrendes Opfer, das er der Schonsten bringt. Ja, seine Andacht vermischt sich mit seiner Liebe, seine Liebe ist seine Religion, und sein Herz bleibt rein und gelautert. Sie strahlt ihm wie Morgensonne in sein Gedachtnis kein gewohnliches Leben hat ihr Bild entweiht, und so ist sie ihm Madonna, Gefahrtin und Lehrerin im Gebet. Oh, mein Freund, in manchen Stunden mochte ich mich so, wie er, der Einsamkeit ergeben, und von Vergangenheit und Zukunft Abschied nehmen. Wie wohl wurde mir das Rauschen des Waldes tun, die Wiederkehr der gleichformigen Tage, der ununterbrochene leise Fluss der Zeit, der mich so unvermerkt ins Alter hineintruge, jedes Rauschen ein andachtiger Gedanke, ein Lobgesang. Mussen wir uns denn nicht doch einst von allem irdischen Glucke trennen? Was ist dann Reichtum und Liebe und Kunst? Die edelsten Geister haben mussen Abschied nehmen, warum sollen es die schwachern nicht schon fruher tun, um sich einzulernen?"
Florestan verwunderte sich uber seinen Freund, doch bezwang er diesmal seinen Mutwillen, und antwortete mit keinem Scherze, weil Franz zu ernstlich gesprochen hatte. Er vermutete im Herzen Sternbalds einen geheimen Kummer, er gab ihm daher schweigend die Hand, und Arm in Arm gingen sie herzlich zur Hutte des armen Klausners zuruck.
Der Ritter stand angekleidet vor der Tur. Die Rote war auf seine Wangen zuruckgekommen und sein Gesicht glanzte im Sonnenschein, seine Augen funkelten freundlich, er war ein schoner Mann. Der Pilgrim und der Einsiedler hatten sich zu einer Andachtsubung vereinigt, und sassen in tiefsinnigen Gebeten im kleinen Hause.
Die drei setzten sich im Grase nieder, und Rudolph fasste die Hand des Fremden und sagte mit lachendem Gesicht. "Herr Ritter, Ihr durft es mir wahrlich nicht verargen, wenn ich nun meine Neugier nicht mehr bezahmen kann, Ihr seid uberdies auch ziemlich wiederhergestellt, so dass Ihr wohl die Muhe des Erzahlens uber Euch nehmen konnt. Ich und mein Freund haben Euer Bildnis in dem Schlosse einer schonen Dame angetroffen, sie hat uns vertraut, wie sie mit Euch verbunden ist, Ihr konnt kein andrer sein, Ihr durft also gegen uns nicht weiter ruckhalten."
"Ich will es auch nicht", sagte der junge Ritter, "schon neulich, als ich Euch sah, fasste ich ein recht herzliches Vertrauen zu Euch und Eurem Freunde Sternbald, daher will ich Euch recht gern erzahlen, was ich selber von mir weiss, denn noch nie habe ich mich in solcher Verwirrung befunden. Ich bedinge es mir aber aus, dass Ihr niemand von dem etwas sagt, was ich jetzt erzahlen werde; Ihr durft darum keine seltsamen Geheimnisse erwarten, sondern ich bitte Euch bloss darum, weil ich nicht weiss, in welche Verlegenheiten mich etwa kunftig Euer Mangel an Verschwiegenheit setzen durfte.
Wisst also, dass ich kein Deutscher bin, sondern ich bin aus einer edlen italienischen Familie entsprossen, mein Name ist Roderigo. Meine Eltern gaben mir eine sehr freie Erziehung, mein Vater, der mich ubermassig liebte, sah mir in allen Wildheiten nach, und als ich daher alter wurde und er mit seinem guten Rate nachkommen wollte, war es naturlich, dass ich auf seine Worte gar nicht achtete. Seine Liebe zu mir erlaubte ihm aber nicht, zu strengern Mitteln als gelinden Verweisen seine Zuflucht zu nehmen, und daruber wurde ich mit jedem Tage wilder und ausgelassener. Er konnte es nicht verbergen, dass er uber meine unbesonnenen Streiche mehr Vergnugen und Zufriedenheit als Kummer empfand, und das machte mich in meinem seltsamen Lebenslaufe nur desto sicherer. Er war selbst in seiner Jugend ein wilder Bursche gewesen, und dadurch hatte er eine Vorliebe fur solche Lebensweise behalten, ja er sah in mir nur seine Jugend glanzend wieder aufleben.
Was mich aber mehr als alles ubrige bestimmte und begeisterte, war ein junger Mensch von meinem Alter, der sich Ludovico nannte, und bald mein vertrautester Freund wurde. Wir waren unzertrennlich, wir streiften in Romanien, Kalabrien und Oberitalien umher, denn die Reisesucht, das Verlangen, fremde Gegenden zu sehn, das in uns beiden fast gleich stark war, hatte uns zuerst aneinandergeknupft. Ich habe nie wieder einen so wunderbaren Menschen gesehn, als diesen Ludovico, ja ich kann wohl sagen, dass mir ein solcher Charakter auch vorher in der Imagination nicht als moglich vorgekommen war. Immer ebenso heiter als unbesonnen, auch in der verdriesslichsten Lage frohlich und voll Mut: jede Gelegenheit ergriff er, die ihn in Verwirrung bringen konnte, und seine grosste Freude bestand darin, mich in Not oder Gefahr zu verwickeln, und mich nachher steckenzulassen. Dabei war er so unbeschreiblich gutmutig, dass ich niemals auf ihn zurnen konnte. So vertraut wir miteinander waren, hat er mir doch niemals entdeckt, wer er eigentlich sei, welcher Familie er angehore, sooft ich ihn darum fragte, wies er mich mit der Antwort zuruck: dass mir dergleichen vollig gleichgultig bleiben musse, wenn ich sein wirklicher Freund sei. Oft verliess er mich wieder auf einige Wochen, und schwarmte fur sich allein umher, dann erzahlten wir uns unsre Abenteuer, wenn wir uns wiederfanden."
"So gibt es doch noch so vernunftige Menschen in der Welt!" fiel Rudolph heftig aus, "wahrlich, das macht mir ganz neue Lust, in meinem Leben auf meine Art weiterzuleben! Oh, wie freut es mich, dass ich Euch habe kennen lernen, fahrt um Gottes willen in Eurer vortrefflichen Erzahlung fort!"
Der Ritter lachelte uber diese Unterbrechung, und fuhr mit folgenden Worten fort: "Es war fast kein Stand, keine Verkleidung zu erdenken, in der wir nicht das Land durchstreift hatten, als Bauern, als Bettler, als Kunstler, oder wieder als Grafen zogen wir umher, als Spielleute musizierten wir auf Hochzeiten und Jahrmarkten, ja der mutwillige Ludovico verschmahte es nicht, zuweilen als eine artige Zigeunerin herumzuwandern, und den Leuten, besonders den hubschen Madchen, ihr Gluck zu verkundigen. Von den lacherlichen Drangsalen, die wir oft uberstehen mussten, so wie von den verliebten Abenteuern, die uns ergotzten, lasst mich schweigen, denn ich wurde euch in der Tat ermuden."
"Gewiss nicht", sagte Rudolph, "aber macht es, wie es Euch gefallt, denn ich glaube selbst, Ihr wurdet uber die Mannigfaltigkeit Eurer Erzahlungen mude werden."
"Vielleicht", sagte der Ritter. "Von meinem Freunde glaubte ich heimlich, dass er seinen Eltern entlaufen sei, und sich nun auf gut Gluck in der Welt herumtreibe. Aber dann konnte ich wieder nicht begreifen, dass es ihm fast niemals an Gelde fehle, mit dem er verschwenderisch und unbeschreiblich grossmutig umging. Fast so oft er mich verliess, kam er mit einer reichen Borse zuruck. Unsre grosste Aufmerksamkeit war auf die schonen Madchen aus allen Standen gerichtet; in kurzer Zeit war unsre Bekanntschaft unter diesen ausserordentlich ausgebreitet, wo wir uns aufhielten, wurden wir von den Eltern ungern gesehn, nicht selten wurden wir verfolgt, oft entgingen wir nur mit genauer Not der Rache der beleidigten Liebhaber, den Nachstellungen der Madchen, wenn wir sie einer neuen Schonheit aufopferten. Aber diese Gefahrlichkeiten waren eben die Wurze unsres Lebens, wir vermieden mit gutem Willen keine.
Die Reiselust ergriff meinen Freund oft auf eine so gewaltsame Weise, dass er weder auf die Vernunft, noch selber auf meine Einwurfe horte, der ich doch Tor gern genug war. Nachdem wir Italien genug zu kennen glaubten, wollte er plotzlich nach Afrika ubersetzen. Die See war von den Korsaren so beunruhigt, dass kein Schiff gern uberfuhr, aber er lachte, als ich ihm davon erzahlte, er zwang mich beinahe, sein Begleiter zu sein, und wir schifften mit glucklichem Winde fort. Er stand auf dem Verdecke und sang verliebte Lieder, alle Matrosen waren ihm gut, jedermann drangte sich zu ihm, die afrikanische Kuste lag schon vor uns. Plotzlich entdeckten wir ein Schiff, das auf uns zusegelte, es waren Seerauber. Nach einem hartnackigen Gefechte, in welchem mein Freund Wunder der Tapferkeit tat, wurden wir erobert und gefangen fortgefuhrt. Ludovico verlor seine Munterkeit nicht, er verspottete meinen Kleinmut, und die Korsaren beteuerten, dass sie noch nie einen so tollkuhnen Wagehals gesehen hatten. 'Was soll mir das Leben?' sagte er dagegen in ihrer Sprache, die wir beide gelernt hatten, 'heute ist es da, morgen wieder fort; jedermann sei froh, so hat er seine Pflicht getan, keiner weiss, was morgen ist, keiner hat das Angesicht der zukunftigen Stunde gesehn. Spotte uber die Falten, uber das Zurnen, das uns Saturn oft im Voruberfliegen vorhalt, der Alte wird schon wieder gut, er ist wacker, und lachelt endlich uber seine eigne Verspottung, er bittet euch, wie Alte Kindern tun, nachher seine Unfreundlichkeit ab. Heute mir, morgen dir: wer Gluck liebt, muss auch sein Ungluck willkommen heissen. Das ganze Leben ist nicht der Sorge wert.'
So stand er mit seinen Ketten unter ihnen, und wahrlich! ich vergass uber seinen Heldenmut mein eignes Elend. Wir wurden ans Land gesetzt und als Sklaven verkauft: noch als wir getrennt wurden, nickte Ludovico mir ein freundliches Lebewohl zu.
Wir arbeiteten in zwei benachbarten Garten, ich verlor in meiner Durftigkeit, in dieser Unterjochung allen Mut, aber ich horte ihn aus der Ferne seine gewohnlichen Lieder singen, und wenn ich ihn einmal sah, war er so freundlich und vergnugt, wie immer. Er tat gar nicht, als ware etwas Besondres vorgefallen. Ich konnte innerlich uber seinen Leichtsinn recht von Herzen bose sein, und wenn ich dann wieder sein lachelndes Gesicht vor mir sah, war aller Zorn verschwunden, alles vergessen.
Nach acht Wochen steckte er mir ein Briefchen zu, er hatte andre Christensklaven auf seine Seite gebracht, sie wollten sich eines Fahrzeugs bemachtigen und darauf entfliehen: er meldete mir, dass er mich mitnehmen wolle, wenn dieser Vorsatz gleich seine Flucht um vieles erschwere; ich solle den Mut nicht verlieren.
Ich verliess mich auf sein gutes Gluck, dass uns der Vorsatz gelingen werde. Wir kamen in einer Nacht am Ufer der See zusammen, wir bemachtigten uns des kleinen Schiffs, der Wind war uns anfangs gunstig. Wir waren schon tief ins Meer hinein, wir glaubten uns bald der italienischen Kuste zu nahern, als sich mit dem Anbruche des Morgens ein Sturm erhob, der immer starker wurde. Ich riet, ans nachste Land zuruckzufahren, um uns dort zu verbergen, bis sich der Sturm gelegt hatte, aber mein Freund war andrer Meinung, er glaubte, wir konnten dann von unsern Feinden entdeckt werden, er schlug vor, dass wir auf der See bleiben, und uns lieber der Gnade des Sturms uberlassen sollten. Seine Uberredung drang durch, wir zogen alle Segel ein, und suchten uns so viel als moglich zu erhalten, denn wir konnten uberzeugt sein, dass bei diesem Ungewitter uns niemand verfolgen wurde. Der Wind drehte sich, Sturm und Donner nahmen zu, das emporte Meer warf uns bald bis in die Wolken, bald verschlang uns der Abgrund. Alle verliess der Mut, ich brach in Klagen aus, in Vorwurfe gegen meinen Freund. Ludovico, der bis dahin unablassig gearbeitet und mit allen Elementen gerungen hatte, wurde nun zum ersten Male in seinem Leben zornig, er ergriff mich und warf mich im Schiffe zu Boden. 'Bist du, Elender', rief er aus, 'mein Freund, und unterstehst dich zu klagen, wie die Sklaven dort? Roderigo, sei munter und frohlich, das rat ich dir, wenn ich dir gewogen bleiben soll, denn wir konnen ins Teufels Namen nicht mehr als sterben!' Und unter diesen Worten setzte er mir mit derben Faustschlagen dermassen zu, dass ich bald alle Besinnung verlor, und den Donner, die See und den Sturm nicht mehr vernahm.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich Land vor mir, der Sturm hatte sich gelegt, ich lag in den Armen meines Freundes. 'Vergib mir', sagte er leutselig, 'wir sind gerettet, dort ist Italien, du hattest den Mut nicht verlieren sollen.' Ich gab ihm die Hand, und nahm mir im Herzen vor, den Menschen kunftig zu vermeiden, der meinem Glucke und Leben gleichsam auf alle Weise nachstellte; aber ich hatte meinen Vorsatz schon vergessen, noch ehe wir ans Land gestiegen waren, denn ich sah ein, dass er mein eigentliches Gluck sei."
Rudolph, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehort hatte, konnte sich nun nicht langer halten, er sprang heftig auf, und rief: "Nun, bei allen Heiligen, Euer Freund ist ein wahrer Teufelskerl! Wie lumpig ist alles, was ich erlebt habe, und worauf ich mir wohl manchmal etwas zugute tat, gegen diesen Menschen! Ich muss ihn kennenlernen, wahrhaftig, und sollte ich nach dieser Seltenheit bis ans Ende der Welt laufen!"
"Wenn er nur noch lebt", antwortete Roderigo, "denn nun ist es schon langer als ein Jahr, dass ich ihn nicht gesehen habe. Ich habe euch diesen Vorfall nur darum weitlauftiger erzahlt, um euch einigermassen einen Begriff von seinem Charakter zu geben. Meine Eltern priesen sich glucklich, als sie mich wiedersahen, aber Ludovico hatte mich bald wieder in neue Abenteuer verwickelt. Ich wollte die Schweiz und Deutschland besuchen, er wollte ohne meine Gesellschaft eine andre Reise unternehmen, es war nichts Geringeres, als dass er nach Agypten gehen wollte, die seltsamen uralten Pyramiden, das wunderbare Rote Meer, die Sandwusten mit ihren Sphinxen, der fruchtbare Nil, diese Gegenstande, von denen man schon in der Kindheit so viel hort, waren es, die ihn dorthin riefen. Unser Abschied war uberaus zartlich, er versprach mir, in einem Jahre nach Italien zuruckzukommen; ich nahm auf ebenso lange von meinen Eltern Urlaub, und trat meine Reise nach Deutschland an.
Ich fuhlte mich ohne meinen Gefahrten recht einsam und verlassen, der Mut wollte sich anfangs gar nicht einstellen, der mich sonst aufrecht gehalten hatte. Die hohen Gebirge der Schweiz und in Tirol, die furchtbare Majestat der Natur, alles stimmte mich auf lange Zeit traurig, ich bereute es oft, ihm nicht wider seinen Willen gefolgt zu sein und an seinem Wahnsinne teilzunehmen. Einigemal war ich im Begriff, zu meiner Familie zuruckzukehren, aber die Sucht, ein fernes Land, fremde Menschen zu sehn, trieb mich wieder vorwarts, auch die Scham, einer Lebensart untreu zu werden, die bis dahin mein hochstes Gluck ausgemacht hatte. Ich will euch die einzelnen Vorfalle verschweigen, und mich zu der Begebenheit wenden, die Ursache ist, dass ihr mich hier angetroffen.
Nach manchen lustigen Abenteuern, nach manchen angenehmen Bekanntschaften langte ich in der Gegend des Schlosses an, wo ihr gekannt seid. Ich sass auf einer Anhohe und uberdachte die Mannigfaltigkeiten meines Lebenslaufs, als eine frohliche Jagdmusik mich aufmerksam machte. Ein Zug von Jagern kam naher, in ihrer Mitte eine schone Dame, die einen Falken auf der Hand trug; die Einsamkeit, ihr schimmernder Anzug, alles trug dazu bei, sie ungemein reizend darzustellen. Meine Sinne waren gefangengenommen, ich konnte die Augen nicht von ihr abwenden: alle Schonheiten, die ich sonst gesehn hatte, schienen mir gegen diese alltaglich, es war nicht dieser und jener Zug, der mich an ihr entzuckte, nicht der Wuchs, nicht die Farbe der Wangen oder der Blick der Augen, sondern auf geheimnisvolle Weise alles dies zusammen. Es war ein Gefuhl in meinem Busen, das ich bis dahin noch nicht empfunden hatte, es durchdrang mich ganz, nur sie allein sah ich in der weiten Welt, jenseit ihres Besitzes lag kein Wunsch mehr in der Welt.
Ich suchte ihre Bekanntschaft, ich verschwieg ihr meinen Namen. Ich fand sie meinen Wunschen geneigt, ich war auf dem hochsten Gipfel meiner Seligkeit. Wie arm kam mir mein Leben bis dahin vor, wie entsagte ich allen meinen Schwarmereien! Der Tag unsrer Hochzeit war festgesetzt.
Oh, meine Freunde, ich kann euch nicht beschreiben, ich kann sie selber nicht begreifen, die wunderbare Veranderung, die nun mit mir vorging! Ich sah ein bestimmtes Gluck vor mir liegen, aber ich war an diesem Glucke festgeschmiedet: wie wenn ich in Meeresstille vor Anker lage, und nun sahe, wie Mast und Segel vom Schiffe heruntergeschlagen wurden, um mich hier, nur hier ewig festzuhalten.
'Oh, susse Reiselust!' sagte ich zu mir selber, 'geheimnisreiche Ferne, ich werde nun von euch Abschied nehmen und eine Heimat dafur besitzen! Lockt mich nicht mehr weit weg, denn alle eure Tone sind vergeblich, ihr ziehenden Vogel, du Schwalbe mit deinen lieblichen Gesangen, du Lerche mit deinen Reiseliedern! Keine Stadte, keine Dorfer werden mir mehr mit ihren glanzenden Fenstern entgegenblicken, und ich werde nun nicht mehr denken: Welche weibliche Gestalt steht dort hinter den Vorhangen, und sieht mir den Berg herauf entgegen? Bei keinem fremden liebreizenden Gesichte darf mir nun mehr einfallen: Wir werden bekannter miteinander werden, dieser Busen wird vielleicht am meinigen ruhn, diese Lippen werden vielleicht mit meinen Kussen vertraut sein.'
Mein Gemut ward hin- und zuruckgezogen, hausliche Heimat, ratselhafte Fremde; ich stand in der Mitte, und wusste nicht, wohin. Ich wunschte, die Grafin mochte mich weniger lieben, ein anderer mochte mich aus ihrer Gunst verdrangen, dann hatte ich sie zurnend und verzweifelt verlassen, um wieder umherzustreifen, und in den Bergen, im Talschatten, den frischen, lebendigen Geist wiederzusuchen, der mich verlassen hatte. Aber sie hing an mir mit allem Feuer der ersten Liebe, sie zahlte die Minuten, die ich nicht bei ihr zugebracht: sie haderte mit meiner Kalte. Noch nie war ich so geliebt, und die Fulle meines Glucks ubertaubte mich. Sehnsuchtig sah ich jedem Wandersmann nach, der auf der Landstrasse voruberzog; 'wie wohl ist dir', sagte ich, 'dass du dein ungewisses Gluck noch suchst! ich habe es gefunden!'
Ich ritt aus, um mich zu sammeln. Ich hielt mir in der Einsamkeit meinen Undank vor. 'Was willst du in der Welt als Liebe?' so redete ich mich selber an; 'siehe, sie ist dir geworden, sei zufrieden, begnuge dich, du kannst nicht mehr erobern: was du in einsamen Abenden mit aller Sehnsucht des Herzens erwunschtest, wonach du in Waldern jagtest, was die Bergstrome dir entgegensangen, dies unnennbare Gluck ist dir geworden, ist wirklich dein, die Seele, die du weit umher gesucht, ist dir entgegengekommen.'
Wie kam es, dass die Dorfer mit ihren kleinen Hausern so seltsamlich vor mir lagen? dass mir jede Heimat zu enge und beschrankt dunkte? Das Abendrot schien in die Welt hinein, da ritt ich vor einem niedrigen Bauernhause vorbei, auf dem Hofe stand ein Brunnen, davor war ein Magdlein, das sich buckte, den schweren gefullten Eimer heraufzuziehen. Sie sah zu mir herauf, indem ich stillhielt, der Abendschein lag auf ihren Wangen, ein knappes Mieder schloss sich traulich um den schonen vollen Busen, dessen genaue Umrisse sich nicht verbergen liessen. 'Wer ist sie?' sagte ich zu mir, 'warum hat sie dich betrachtet?' Ich grusste, sie dankte und lachelte. Ich ritt fort, und rettete mich in die Dammerung des Waldes hinein: mein Herz klopfte, als wenn ich dem Tode entgegenginge, als mir die Lichter aus dem Schlosse entgegenglanzten. 'Sie wartet auf dich', sagte ich zu mir, 'freundlich hat sie das Abendessen bereitet, sie sorgt, dass du mude bist, sie trocknet dir die Stirn. Nein, ich liebe sie', rief ich aus, 'wie sie mich liebt.'
In der Nacht tonte der Lauf der Bergquellen in mein Ohr, die Winde rauschten durch die Baume, der Mond stieg herauf und ging wieder unter: alles, die ganze Natur in freier, willkurlicher Bewegung, nur ich war gefesselt. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als ich wieder durch das Dorf ritt, es traf sich, dass das Madchen wieder am Brunnen stand: ich war meiner nicht mehr machtig. Ich stieg vom Pferde, sie war ganz allein, sie antwortete so freundlich auf alle meine Fragen, ich war in meinem Leben zum erstenmal mit einem Weibe verlegen, ich machte mir Vorwurfe, ich wusste nicht, was ich sprach. Neben der Tur des Hauses war eine dichte Laube, wir setzten uns nieder; die schonsten blauen Augen sahen mich an, ich konnte den frischen Lippen nicht widerstehen, die zum Kuss einluden, sie war nicht strenge gegen mich, ich vergass die Stunde. Nachdenkend ritt ich zuruck, ich wusste nun bestimmt, dass ich in dieser Einschrankung, in der Ehe mit der schonen Grafin nicht glucklich sein wurde. Ich hatte es sonst oft belacht, dass man mit dem gewechselten Ringe die Freiheit fortschenkte, jetzt erst verstand ich den Sinn dieser Redensart. Ich vermied die Grafin, ihre Schonheit lockte mich wieder an, ich verachtete mich, dass ich zu keinem Entschlusse kommen konnte. Der Hochzeitstag war indes ganz nahe herangeruckt, meine Braut machte alle Anstalten, ich horte immer schon von den kunftigen Einrichtungen sprechen; mein Herz schlug mir bei jedem Worte.
Man erzahlt, dass man vor dem letzten Ungluck des Markus Antonius wunderbare Tone wie von Instrumenten gehort habe, wodurch sein Schutzgott Herkules von ihm Abschied genommen: so hort ich in jedem Lerchengesange, in jedem Klang einer Trompete, jeglichen Instruments das Gluck, das mir seinen Abschied wehmutig zurief. Immer lag mir die grundammernde Laube im Sinne, das blaue Auge, der volle Busen. Ich war entschlossen. 'Nein, Ludovico', rief ich aus, 'ich will dir nicht untreu werden, du sollst mich nicht als Sklav wiederfinden, nachdem du mich von der ersten Kette losgemacht hast. Soll ich ein Ehemann werden, weil ich liebte? Seltsame Folge!'
Ich nahm Abschied von ihr, ich versteckte mich in die Kleidung eines Monchs, so streifte ich umher, und so traf ich auf jenen Bildhauer Bolz, der eben aus Italien zuruckkam.
Ich glaubte in ihm einige Zuge von meinem Freunde anzutreffen, und entdeckte ihm meine seltsame Leidenschaft. Er ward mein Begleiter. Wie genau lernte ich nun Laube, Haus und Garten meiner Geliebten kennen! Wie oft sassen wir da in den Nachtstunden Arm in Arm geschlungen, indem uns der Vollmond ins Gesicht schien! In der Kleidung eines gemeinen Bauern machte ich auch mit den Eltern Bekanntschaft, und schmeckte nun nach langer Zeit wieder die Sussigkeiten meiner sonstigen Lebensweise.
Dann brach ich plotzlich wieder auf; nicht weit von hier wohnt ein schones Madchen, die die Eltern dem Kloster bestimmt haben, sie beweint ihr Schicksal. Ich war bereit, sie in dieser Nacht zu entfuhren; ich vertraute dem Gefahrten meinen Plan, dieser Tuckische, der sie anbetet, lockt mich hierher in den dichten Wald, und versetzt mir heimlich diese Wunde. Darauf verliess er mich schnell. Seht, das ist meine Geschichte.
Unaufhorlich schwebt das Bild der Grafin nun vor meinen Augen. Soll ich sie lassen? kann ich sie wiederfinden? soll ich einem Wesen mein ganzes Leben opfern?"
Franz sagte: "Eure Geschichte ist seltsam, die Liebe heilt Euch vielleicht einmal, dass Ihr Euch in der Beschrankung durchaus glucklich fuhlt, denn noch habt Ihr die Liebe nicht gekannt."
"Du bist zu voreilig, mein Freund", sagte Florestan, "nicht alle Menschen sind wie du, und genau genommen, weisst du auch noch nicht einmal, wie du beschaffen bist."
Der Einsiedler kam, um nach der Wunde des Ritters zu sehn, die sich sehr gebessert hatte.
Franz Sternbald suchte den Ritter wieder auf, nachdem Florestan ihn verlassen hatte, und sagte: "Ihr seid vorher gegen meinen Freund so willfahrig gewesen, dass Ihr mich dreist gemacht habt, Euch um die Geschichte jenes alten Mannes zu bitten, dessen Ihr an dem Morgen erwahntet, als wir uns hinter Strassburg trafen."
"So viel ich mich erinnern kann", sagte der Ritter, "will ich Euch erzahlen. Auf einer meiner einsamen Wanderungen kam ich in ein Geholz, das mich bald zu zwei einsamen Felsen fuhrte, die sich wie zwei Tore gegenuberstanden. Ich bewunderte die seltsame Symmetrie der Natur, als ich auf einen schonen Baumgang aufmerksam wurde, der sich hinter den Felsen eroffnete. Ich ging hindurch, und fand einen weiten Platz, durch den die Allee von Baumen gezogen war, ein schoner heller Bach floss auf der Seite, Nachtigallen sangen, und eine schone Ruhe lud mich ein, mich niederzusetzen und auf das Platschern einer Fontane zu horen, die aus dichtem Gebusche herausplauderte.
Ich sass eine Weile, als mich der liebliche Ton einer Harfe aufmerksam machte, und als ich mich umsah, ward ich die Buste Ariosts gewahr, die uber einem kleinen Altar erhaben stand, unter dieser spielte ein schoner Jungling auf dem Instrumente."
Hier wurde die Erzahlung des Ritters durch einen sonderbaren Vorfall unterbrochen.
Viertes Buch
Erstes Kapitel
In der Klause entstand ein Gerausch und Gezank, gleich darauf sah man den Eremiten und Pilgrim beide erhitzt heraustreten, aus dem Walde kam ein grosser ansehnlicher Mann, auf den Roderigo sogleich hinzueilte, und ihn in seine Arme schloss. "Oh, mein Ludovico!" rief er aus, "bist du wieder da? Wie kommst du hierher? geht es dir wohl? bist du noch wie sonst mein Freund?"
Jener konnte vor dem Entzucken Roderigos immer noch nicht zu Worte kommen, indessen die heiligen Manner in ihrem eifrigen Gezank fortfuhren. Da Florestan den Namen Ludovico nennen horte, verliess er auch Sternbald, und eilte zu den beiden, indem er aufrief: "Gott sei gedankt, wenn Ihr Ludovico seid! Ihr seid uns hier in der Einsamkeit unaussprechlich willkommen!"
Ludovico umarmte seinen Freund, indem Sternbald voller Erstaunen verlassen dastand, dann sagte er lustig: "Mich freut es, dich zu sehn, aber wir mussen doch dort die streitenden Parteien auseinanderbringen."
Als sie den fremden schonen Mann auf sich zukommen sahen, der ganz so tat, als wenn es seine Sache sein musste, ihren Zwist zu schlichten, liessen sie freiwillig voneinander ab. Sie waren von der edlen Gestalt wie bezaubert, Roderigo war vor Freude trunken, seinen Freund wieder zu besitzen, und Florestan konnte kein Auge von ihm verwenden. "Was haben die beiden heiligen Manner gehabt?" fragte Ludovico.
Der Eremit fing an, seinen Unstern zu erzahlen. Der Pilger sei derselbe, der seine Geliebte geheiratet habe, diese Entdeckung habe sich unvermutet wahrend ihrer Gebete hervorgetan, er sei daruber erbittert worden, dass er nun noch zum Uberfluss seinem argsten Feinde Herberge geben musste.
Der Pilgrim verantwortete sich dagegen: dass es seine Schuld nicht sei, dass jener gegen die Gastfreiheit gehandelt und ihn mit Schimpfreden uberhauft habe.
Ludovico sagte: "Mein lieber Pilger, wenn dir die Grossmut recht an die Seele geheftet ist, so uberlass jenem eifrigen Liebhaber deine bisherige Frau, und bewohne du seine Klause. Vielleicht, dass er sich bald hierher zurucksehnt, und du dann gewiss nicht zum zweiten Male den Tausch eingehen wirst."
Rudolph lachte laut uber den wunderlichen Zank und uber diese lustige Entscheidung. Franz aber erstaunte, dass Einsiedler, heilige Manner so unheiligen und gemeinen Leidenschaften, als dem Zorne, Raum verstatten konnten. Der Pilgrim war gar nicht willens, seine Frau zu verlassen, um ein Waldbruder zu werden, der Eremit schamte sich seiner Heftigkeit.
Alle Parteien waren ausgesohnt, und sie setzten sich mit friedlichen Gemutern an das kleine Mittagsmahl.
"Du hast dich gar nicht verandert", sagte Roderigo.
"Und muss man sich denn immer verandern?" rief Ludovico aus; "nein, auch Agypten mit seinen Pyramiden und seiner heissen Sonne kann mir nichts anhaben. Nichts ist lacherlicher, als die Menschen, die mit ernsthaftern Gesichtern zuruckkommen, weil sie etwa entfernte Gegenden gesehn haben, alte Gebaude und wunderliche Sitten. Was ist es denn nun mehr? Nein, mein Roderigo, hute dich vor dem Anderswerden, denn an den meisten Menschen ist die Jugend noch das Beste, und was ich habe, ist mir auf jeden Fall lieber, als was ich erst bekommen soll. Eine Wahrheit, die nur bei einer Frau eine Ausnahme leidet. Nicht wahr, mein lieber Pilgrim? Du selbst kommst mir aber etwas anders vor."
"Und wie steht es denn in Agypten?" fragte Florestan, der gern mit dem seltsamen Fremden bekannter werden wollte.
"Die alten Sachen stehn noch immer am alten Fleck", sagte jener, "und wenn man dort ist, vergisst man, dass man sich vorher daruber verwundert hat. Man ist dann so eben und gewohnlich mit sich und allem ausser sich, wie mir hier im Walde ist. Der Mensch weiss nicht, was er will, wenn er Sehnsucht nach der Fremde fuhlt, und wenn er dort ist, hat er nichts. Das Lacherlichste an mir ist, dass ich nicht immer an demselben Orte bleibe."
"Habt Ihr die seltsamen Kunstsachen in Augenschein genommen?" fragte Franz bescheiden.
"Was mir vor die Augen getreten ist", sagte Ludovico, "habe ich ziemlich genau betrachtet. Die Sphinxe sehn unsereins mit gar wunderlichen Auen an, sie stehn aus dem fernen Altertum gleichsam spottisch da, und fragen: 'Wo bist du her? was willst du hier?' Ich habe in ihrer Gegenwart meiner Tollkuhnheit mich mehr geschamt, als wenn vernunftige Leute mich tadelten, oder andre mittlern Alters mich lobten."
"Oh, wie gern mochte ich Euer Gefahrte gewesen sein!" rief Franz aus, "die Gegenden wirklich und wahrhaftig zu sehn, die schon in der Imagination unsrer Kindheit vor uns stehn, die Orter zu besuchen, die gleichsam die Wiege der Menschheit sind. Nun dem wunderbaren Laufe des alten Nils zu folgen, von Ruinen in fremder, schauerlicher, halbverstandlicher Sprache angeredet zu werden, Sphinxe im Sande, die hohen Pyramiden, Memnons wundersame Bildsaule, und immer das Gefuhl der alten Geschichten mit sich herumzutragen, noch einzelne lebende Laute aus der langst entflohenen Heldenzeit zu vernehmen, ubers Meer nach Griechenland hinuberzublicken, zu traumen, wie die Vorwelt aus dem Staube sich wieder emporgearbeitet, wie wieder griechische Flotten landen oh, alles das in unbegreiflicher Gegenwart nun vor sich zu haben, konnt Ihr gegen Euer Gluck wirklich so undankbar sein?"
"Ich bin es nicht", sagte Ludovico, "und mir sind diese Empfindungen auch oft auf den Bergen, an der Seekuste durch die Brust gegangen. Oft fasste ich aber auch eine Handvoll Sand, und dachte: 'Warum bist du nun so muhsam, mit so mancher Gefahr, so weit gereist, um dies Teilchen Erde zu sehn, das Sage und Geschichte dir nun so lange nennt? Ist denn die ubrige Erde junger? Darfst du dich in deiner Heimat nicht verwundern? Sieh die ewigen Felsen dort an, den Atna in Sizilien, den alten Schlund der Charybdis. Und musst du dich verwundern, um glucklich zu sein?' Ich sagte dann zu mir selber: 'Tor! Tor!' und wahrlich, ich verachtete in eben dem Augenblicke den Menschen, der diese Torheit nicht mit mir hatte begehen konnen."
Unter mancherlei Erzahlungen verstrich auch dieser Tag, der Einsiedel sagte oft: "Ich begreife nicht, wie ich in eurer Gesellschaft bin, ich bin wohl und sogar lustig, ja meine Lebensweise ist mir weniger angenehm, als bisher. Ihr steckt uns alle mit der Reisesucht an; ich glaubte uber alle Torheiten des Lebens hinuber zu sein, und ihr weckt eine neue Lust dazu in mir auf."
Am folgenden Morgen nahmen sie Abschied; der Pilgrim hatte sich mit dem Einsiedel vollig versohnt, sie schieden als gute Freunde. Ludovico fuhrte den Zug an, die ubrigen folgten ihm.
Auf dem Wege erkundigte sich Ludovico nach Sternbald und seinem Gefahrten Florestan, er lachte uber diesen oft, der sich alle Muhe gab, von ihm bemerkt zu werden, Sternbald war still, und begleitete sie in tiefen Gedanken. Ludovico sagte zu Franz, als er horte, dieser sei ein Maler: "Nun, mein Freund, wie treibt Ihr es mit Eurer Kunst? Ich bin gern in der Gesellschaft von Kunstlern, denn gewohnlich sind es die wunderlichsten Menschen, auch fallen wegen ihrer seltsamen Beschaftigung alle ihre Launen mehr in die Augen, als bei andern Leuten. Ihr Stolz macht einen wunderlichen Kontrast mit ihrem ubrigen Verhaltnis im Leben, ihre poetischen Begeisterungen tragen sie nur zu oft in alle Stunden uber, auch unterlassen sie es selten, die Gemeinheit ihres Lebens in ihre Kunstbeschaftigungen hineinzunehmen. Sie sind schmeichelnde Sklaven gegen die Grossen, und doch verachten sie alles in ihrem Stolze, was nicht Kunstler ist. Aus allen diesen Misshelligkeiten entstehen gewohnlich Charaktere, die lustig genug ins Auge fallen."
Franz sagte beschamt: "Ihr seid ein sehr strenger Richter, Herr Ritter."
Ludovico fuhr fort: "Ich habe noch wenige Kunstler gesehen, bei denen man es nicht in den ersten Augenblicken bemerkt hatte, dass man mit keinen gewohnlichen Menschen zu tun habe. Fast alle sind unnotig verschlossen und zudringlich offenherzig. Ich habe mich selbst zuweilen geubt, dergleichen Leute darzustellen, und es niemals unterlassen, diese Seltsamkeiten in das hellste Licht zu stellen. Es fallt gewiss schwer, Mensch wie die ubrigen zu bleiben, wenn man sein Leben damit zubringt, etwas zu tun und zu treiben, wovon ein jeder glaubt, dass es ubermenschlich sei: in jedem Augenblicke zu fuhlen, dass man mit dem ubrigen Menschengeschlechte eben nicht weiter zusammenhange. Diese Sterblichen leben nur in Tonen, in Zeichen, gleichsam in einem Luftreviere wie Feen und Kobolde, es ist nur scheinbar, wenn man sie glaubt die Erde betreten zu sehen."
"Ihr mogt in einiger Hinsicht nicht unrecht haben", sagte Franz.
"Wer sich der Kunst ergibt", sagte jener weiter, "muss das, was er als Mensch ist und sein konnte, aufopfern. Was aber das schlimmste ist, so suchen jene Leute, die sich fur Kunstler wollen halten lassen, noch allerhand Seltsamkeiten und auffallende Torheiten zusammen, um sie recht eigentlich zur Schau zu tragen, als Orden oder Ordenskreuz, in Ermangelung dessen, damit man sie in der Ferne gleich erkennen soll, ja sie halten darauf mehr, als auf ihre wirkliche Kunst. Hutet Euch davor, Herr Maler."
"Man erzahlt doch von manchem grossen Manne", sagte Franz, "der von dergleichen Torheiten frei geblieben ist."
"Nennt mir einige", rief Ludovico.
Sternbald sagte: "Zum Beispiel der edle Malergeist Raffael Sanzio von Urbin."
"Ihr habt recht", sagte der heftige Ritter, "und uberhaupt", fuhr er nach einem kleinen Nachdenken fort, "lasst Euch meine Rede nicht so sehr auffallen, denn sie braucht gar nicht so ganz wahr zu sein. Ihr habt mich mit dem einzigen Namen beschamt und in die Flucht geschlagen, und alle meine Worte erscheinen mir nun wie eine Lasterung auf die menschliche Grosse. Ich bin selbst ein Tor, das wollen wir fur ausgemacht gelten lassen."
Roderigo sagte: "Du hast manche Seiten von dir selbst geschildert."
"Mag sein", sagte sein Freund, "man kann nichts Bessers und nichts Schlechters tun. Lasst uns lieber von der Kunst selber sprechen. Ich habe mir in vielen Stunden gewunscht, ein Maler zu sein."
Sternbald fragte: "Wie seid Ihr darauf gekommen?"
"Erstlich", antwortete der junge Ritter, "weil es mir ein grosses Vergnugen sein wurde, manche von den Madchen so mit Farben vor mich hinzustellen, die ich wohl ehemals gekannt habe, dann mir andre noch schonere abzuzeichnen, die ich manchmal in glucklichen Stunden in meinem Gemute gewahr werde. Dann erleide ich auch zuweilen recht sonderbare Begeisterung, so dass mein Geist sehr heftig bewegt ist, dann glaube ich, wenn mir die Geschicklichkeit zu Gebote stande, ich wurde recht wunderbare und merkwurdige Sachen ausarbeiten konnen. Seht, mein Freund, dann wurde ich einsame, schauerliche Gegenden abschildern, morsche zerbrochene Brucken uber zwei schroffen Felsen, einem Abgrunde hinuber, durch den sich ein Waldstrom schaumend drangt: verirrte Wandersleute, deren Gewander im feuchten Winde flattern, furchtbare Raubergestalten aus dem Hohlwege heraus, angefallene und geplunderte Wagen, Kampf mit den Reisenden. Dann wieder eine Gemsenjagd in einsamen, furchtbaren Felsenklippen, die kletternden Jager, die springenden, gejagten Tiere von oben herab, die schwindelnden Absturze. Figuren, die oben auf schmalen uberragenden Steinen Schwindel ausdrucken, und sich eben in ihren Fall ergeben wollen, der Freund, der jenen zu Hulfe eilt, in der Ferne das ruhige Tal. Einzelne Baume und Gestrauche, die die Einsamkeit nur noch besser ausdrukken, auf die Verlassenheit noch aufmerksamer machen. Oder dann wieder den Bach und Wassersturz, mit dem Fischer, der angelt, mit der Muhle, die sich dreht, vom Monde beschienen. Ein Kahn auf dem Wasser, ausgeworfene Netze. Zuweilen kampft meine Imagination, und ruht nicht und gibt sich nicht zufrieden, um etwas durchaus Unerhortes zu ersinnen und zustande zu bringen. Ausserst seltsame Gestalten wurde ich dann hinmalen, in einer verworrenen, fast unverstandlichen Verbindung, Figuren, die sich aus allen Tierarten zusammenfanden und unten wieder in Pflanzen endigten: Insekten und Gewurme, denen ich eine wundersame Ahnlichkeit mit menschlichen Charakteren aufdrucken wollte, so dass sie Gesinnungen und Leidenschaften possierlich und doch furchtbar ausserten; ich wurde die ganze sichtbare Welt aufbieten, aus jedem das Seltsamste wahlen, um ein Gemalde zu machen, das Herz und Sinnen ergriffe, das Erstaunen und Schauder erregte, und wovon man noch nie etwas Ahnliches gesehn und gehort hatte. Denn ich finde das an unsrer Kunst zu tadeln, dass alle Meister ohngefahr nach einem Ziele hinarbeiten, es ist alles gut und loblich, aber es ist immer mit wenigen Abanderungen das Alte."
Franz war einen Augenblick stumm, dann sagte er: "Ihr wurdet auf eine eigene Weise das Gebiet unsrer Kunst erweitern, mit wunderbaren Mitteln das Wunderbarste erringen, oder in Euren Bemuhungen erliegen. Eure Einbildung ist so lebhaft und lebendig, so zahlreich an Gestalt und Erfindung, dass ihr das Unmoglichste nur ein leichtes Spiel dunkt. Oh, wie viel billigere Forderungen muss der Kunstler aufgeben, wenn er zur wirklichen Arbeit schreitet!"
Hier stimmte der Pilgrim plotzlich ein geistliches Lied an, denn es war nun die Tageszeit gekommen, an welcher er es nach seinem Gelubde absingen musste. Das Gesprach wurde unterbrochen, weil alle aufmerksam zuhorten, ohne dass eigentlich einer von ihnen wusste, warum er es tat.
Mit dem Schlusse des Gesanges traten sie in ein anmutiges Tal, in dem eine Herde weidete, eine Schalmei tonte heruber, und Sternbalds Gemut ward so heiter und mutig gestimmt, dass er von freien Stukken Florestans Schalmeilied zum Ergotzen der ubrigen wiederholte; als er geendigt hatte, stieg der mutwillige Ludovico auf einen Baum, und sang von oben in den Tonen einer Wachtel, eines Kuckucks und einer Nachtigall herunter. "Nun haben wir alle unsre Pflicht getan," sagte er, "jetzt haben wir es wohl verdient, dass wir uns ausruhen durfen, wobei uns der junge Florestan mit einem Liede erquicken soll."
Sie setzten sich auf den Rasen nieder, und Florestan fragte: "Welcher Inhalt soll denn in meinem Liede sein?"
"Welcher du willst", antwortete Ludovico, "wenn es dir recht ist, gar keiner; wir sind mit allem zufrieden, wenn es dir nur gemutlich ist, warum soll eben Inhalt den Inhalt eines Gedichts ausmachen?"
Rudolph sang:
"Durch den Himmel zieht der Vogel Zug,
Sie sind auf Wanderschaft begriffen,
Da hort man gezwitschert und gepfiffen
Von Gross und Klein der Melodien genug.
Der Kleine singt mir feiner Stimm,
Der Grosse krachzt gleich wie im Grimm
Und einge stottern, andre schnarren,
Und Drossel, Gimpel, Schwalbe, Staren.
Sie wissen alle nicht, was sie meinen,
Sie wissen's wohl und sagen's nicht,
Und wenn sie auch zu reden scheinen,
Ist ihr Gerede nicht von Gewicht.
'Holla! warum seid ihr auf der Reise?'
'Das ist nun einmal unsre Weise.'
'Warum bleibt ihr nicht zu jeglicher Stund?'-
'Die Erd ist allenthalben rund.'
Auf die armen Lerchen wird Jagd gemacht,
Die Schnepfen gar in Dohnen gefangen,
Dort sind die Voglein aufgehangen,
An keine Ruckfahrt mehr gedacht.
'Ist das die Art mit uns zu sprechen?
Uns armen Vogeln den Hals zu brechen?'
'Verstandlich ist doch diese Sprache',
So ruft der Mensch, 'sie dient zur Sache,
In allen Natur die Sprache regiert,
Dass eins mit dem andern Kriege fuhrt,
Man dann am besten rasoniert und beweist,
Wenn eins vom andern wird aufgespeist:
Die Strome sind im Meere verschlungen,
Vom Schicksal wieder der Mensch bezwungen,
Den tapfersten Magen hat die Zeit,
Ihr nimmermehr ein Essen gereut,
Doch wie von der Zeit eine alte Fabel besagt
Macht auf sie das Jungste Gericht einst Jagd.
Ein' andre Speise gibt's nachher nicht,
Heisst wohl mit Recht das letzte Gericht.'"
Rudolph sang diese tollen Verse mit so lacherlichen Bewegungen, dass sich keiner des Lachens enthalten konnte. Als der Pilgrim wieder ernsthaft war, sagte er sehr feierlich: "Verzeiht mir, man wird unter euch wie ein Trunkener, wenn ihr mich noch lange begleitet, so wird aus meiner Pilgerschaft gleichsam eine Narrenreise."
Man verzehrte auf der Wiese ein Mittagsmahl, das sie mitgenommen hatten, und Ludovico wurde nicht mude, sich bei Roderigo nach allerhand Neuigkeiten zu erkundigen. Roderigo verschwieg, ob aus einer Art von Scham, oder weil er vor den beiden die Erzahlung nicht wiederholen mochte, seine eigne Geschichte. Er kam durch einen Zufall auf Luthern und die Reformation zu sprechen.
"Oh, schweig mir davon", rief Ludovico aus, "denn es ist mir ein Verdruss zu horen. Jedweder, der sich fur klug halt, nimmt in unsern Tagen die Partei dieses Mannes, der es gewiss gut und redlich meint, der aber doch immer mit seinen Ideen nicht recht weiss, wo er hinaus will."
"Ihr erstaunt mich!" sagte Franz.
"Ihr seid ein Deutscher", fuhr Ludovico fort, "ein Nurnberger, es nimmt mich nicht wunder, wenn Ihr Euch der guten Sache annehmt, wie sie Euch wohl erscheinen muss. Ich glaube auch, dass Luther einen wahrhaft grossen Geist hat, aber ich bin ihm darum doch nicht gewogen. Es ist schlimm, dass die Menschen nichts einreissen konnen, nicht die Wand eines Hofs, ohne gleich darauf Lust zu kriegen, ein neues Gebaude aufzufuhren. Wir haben eingesehn, dass Irren moglich sei, nun irren wir lieber noch jenseits, als in der geraden lieblichen Strasse zu bleiben. Ich sehe schon im voraus die Zeit kommen, die die gegenwartige Zeit fast notwendig hervorbringen muss, wo ein Mann sich schon fur ein Wunder seines Jahrhunderts halt, wenn er eigentlich nichts ist. Ihr fangt an zu untersuchen, wo nichts zu untersuchen ist, ihr tastet die Gottlichkeit unsrer Religion an, die wie ein wunderbares Gedicht vor uns daliegt, und nun einmal keinem andern verstandlich ist, als der sie versteht: hier wollt ihr ergrubeln und widerlegen, und konnt mit allem Trachten nicht weiter vorwarts dringen, als es dem Blodsinne auch gelingen wurde, da im Gegenteil die hohere Vernunft sich in der Untersuchung wie in Netzen wurde gefangen fuhlen, und lieber die edle Poesie glauben, als sie den Unmundigen erklaren wollen."
"Oh, Martin Luther!" seufzte Franz, "Ihr habt da ein kuhnes Wort uber ihn gesprochen."
Ludovico sagte: "Es geht eigentlich nicht ihn an, auch will ich die Missbrauche des Zeitalters nicht in Schutz nehmen, gegen die er vornehmlich eifert, aber mich dunkt doch, dass diese ihn zu weit fuhren, dass er nun zu angstlich strebt, das Gemeine zu sondern, und daruber das Edelste mit ergreift. Wie es den Menschen geht, seine Nachfolger mogen leicht ihn selber nicht verstehn, und so erzeugt sich statt der Fulle einer gottlichen Religion eine durre vernunftige Leerheit, die alle Herzen schmachtend zurucklasst, der ewige Strom voll grosser Bilder und kolossaler Lichtgestalten trocknet aus, die durre gleichgultige Welt bleibt zuruck und einzeln, zerstuckt, und mit ohnmachtigen Kampfen muss das wiedererobert werden, was verloren ist, das Reich der Geister ist entflohn, und nur einzelne Engel kehren zuruck."
"Du bist ein Prophet geworden", sagte Roderigo, "seht, meine Freunde, er hat die agyptische Weisheit heimgebracht."
"Wie konnt Ihr nur", sagte der Pilgrim, "so weise und so torichte Dinge in einem Atem sprechen und verrichten? Sollte man Euch diese frommen Gemutsbewegungen zutrauen?"
Rudolph stand auf und gab dem Ludovico die Hand, und sagte: "Wollt Ihr mein Freund sein, oder mich furs erste nur um Euch dulden, so will ich Euch begleiten, wohin Ihr auch geht, seid Ihr mein Meister, ich will Euer Schuler werden. Ich opfere Euch jetzt alles auf, Braut und Vater und Geschwister."
"Habt Ihr Geschwister?" fragte Ludovico.
"Zwei Bruder", antwortete Rudolph, "wir lieben uns von Kindesbeinen, aber seitdem ich Euch gesehn habe, fuhle ich gar keine Sehnsucht mehr, Italien wiederzusehn."
Ludovico sagte: "Wenn ich uber irgend etwas in der Welt traurig werden konnte, so ware es daruber, dass ich nie eine Schwester, einen Bruder gekannt habe. Mir ist das Gluck versagt, in die Welt zu treten, und Geschwister anzutreffen, die gleich dem Herzen am nachsten zugehoren. Wie wollte ich einen Bruder lieben, wie hatte ich ihm mit voller Freude begegnen, meine Seele in die seinige fest hineinwachsen wollen, wenn er schon meine Kinderspiele geteilt hatte! Aber ich habe mich immer einsam gefunden, mein tolles Gluck, mein wunderliches Landschwarmen sind mir nur ein geringer Ersatz fur die Bruderliebe, die ich immer gesucht habe. Zurne mir nicht, Roderigo, denn du bist mein bester Freund. Aber wenn ich ein Wesen fande, in dem ich den Vater, sein Temperament, seine Launen wahrnahme, mit welchem Erschrecken der Freude und des Entzuckens wurde ich darauf zueilen und es in meine bruderlichen Arme schliessen! Mich selbst, im wahrsten Sinn, fande ich in einem solchen wieder. Aber ich habe eine einsame Kindheit verlebt, ich habe niemand weiter gekannt, der sich um mein Herz beworben hatte, und darum kann es wohl sein, dass ich keinen Menschen auf die wahre Art zu lieben verstehe, denn durch Geschwister lernen wir die Liebe, und in der Kindheit liebt das Herz am schonsten. So bin ich hartherzig geworden und muss mich nun selber dem Zufalle verspielen, um die Zeit nur hinzubringen. Die schonste Sehnsucht ist mir unbekannt geblieben, kein bruderliches Herz weiss von mir und schmachtet nach mir, ich darf meine Arme nicht in die weite Welt hineinstrecken, denn es kommt doch keiner meinem schlagenden Herzen entgegen."
Franz trocknete sich die Tranen ab, er unterdruckte sein Schluchzen. Es war ihm, als drangte ihn eine unsichtbare Gewalt aufzustehn, die Hand des Unbekannten zu fassen, ihm in die Arme zu sturzen und auszurufen: "Nimm mich zu deinem Bruder an!" Er fuhlte die Einsamkeit, die Leere in seinem eignen Herzen, Ludovico sprach die Wunsche aus, die ihn so oft in stillen Stunden geangstigt hatten, er wollte seinen Klagen, seinem Jammer den freien Lauf lassen, als er wieder innerlich fuhlte: Nein, alle diese Menschen sind mir doch fremd, er kann ja doch nicht mein Bruder werden, und vielleicht wurde er nur meine Liebe verspotten.
Unter allerhand Liedern, gegen die der andachtige Gesang des Pilgers wunderlich abstach, gingen sie weiter. Roderigo sagte: "Mein Freund, du hast nun ein paarmal deines Vaters erwahnt, willst du mir nicht endlich einmal seinen Namen sagen?"
"Und wisst Ihr denn nicht", fiel Rudolph hastig ein, "dass Euer Freund dergleichen Fragen nicht liebt? Wie konnt Ihr ihn nur damit qualen?"
"Du kennst mich schon besser, als jener", sagte Ludovico, "ich denke, wir sollen gute Kameraden werden. Aber warum ist dein Freund Sternbald so betrubt?"
Sternbald sagte: "Soll ich daruber nicht trauern, dass der Mensch mich nun verlasst, mit dem ich so lange gelebt habe? Denn ich muss nun doch meine Reise fortsetzen, ich habe mich nur zu lange aufhalten lassen. Ich weiss selbst nicht, wie es kommt, dass ich meinen Zweck fast ganz und gar vergesse."
"Man kann seinen Zweck nicht vergessen", fiel Ludovico ein, "weil der vernunftige Mensch sich schon so einrichtet, dass er gar keinen Zweck hat. Ich muss nur lachen, wenn ich Leute so grosse Anstalten machen sehe, um ein Leben zu fuhren, das Leben ist dahin, noch ehe sie mit den Vorbereitungen fertig sind."
Unter solchen Gesprachen zogen sie wie auf einem Marsche uber Feld, Rudolph ging voran, indem er auf seiner Pfeife ein munteres Lied blies, seine Bander flogen vom Hute in der spielenden Luft, in seiner Scharpe trug er einen kleinen Sabel. Ludovico war noch seltsamer gekleidet; sein Gewand war hellblau, ein schones Schwert hing an einem zierlich gewirkten Bandelier uber seine Schulter, eine goldene Kette trug er um den Hals, sein braunes Haar war lockig. Roderigo folgte in Rittertracht, neben dem der Pilgrim mit seinem Stabe und einfachen Anzuge gut kontrastierte. Sternbald glaubte oft einen seltsamen Zug auf einem alten Gemalde anzusehn.
Es war gegen Abend, als sie alle sehr ermudet waren, und noch liess sich keine Stadt, kein Dorf antreffen. Sie wunschten wieder einen gutmutigen stillen Einsiedel zu finden, der sie bewirtete, sie horchten, ob sie nicht Glockenschall vernahmen, aber ihre Bemuhung war ohne Erfolg. Ludovico schlug vor, im Walde das Nachtlager aufzuschlagen, aber alle, ausser Florestan, waren dagegen, der die grosste Lust bezeigte, sein Handwerk als Abenteurer recht sonderbar und auffallend anzufangen. Der Pilgrim glaubte, dass sie sich verirrt hatten, und dass alles vergebens sein wurde, bis sie den rechten Weg wieder angetroffen hatten. Rudolph wollte den langern Streit nicht mit anhoren, sondern blies mit seiner Pfeife dazwischen: alle waren in Verwirrung, und sprachen durcheinander, jeder tat Vorschlage, und keiner ward gehort. Wahrend des Streites zogen sie in der grossten Eile fort, als wenn sie vor jemand flohen, so dass sie in weniger Zeit eine grosse Strecke Weges zurucklegten. Der Pilgrim sank endlich fast atemlos nieder, und notigte sie auf diese Weise, stillezuhalten.
Als sie sich ein wenig erholt hatten, glanzten die Wolken schon vom Abendrot; sie gingen langsam weiter. Sie zogen durch ein kleines, angenehmes Geholz, und fanden sich auf einem runden, grunen Rasenplatz, vor ihnen lag ein Garten, mit einem Stakete umgeben, durch dessen Stabe und Verzierungen man hindurchblicken konnte. Alles war artig eingerichtet, das Gelander war allenthalben durchbrochen gearbeitet, eiserne Turen zeigten sich an etlichen Stellen, kein Palast war sichtbar. Dichte Baumgange lagen vor ihnen, kuhle Felsengrotten, Springbrunnen horte man aus der Ferne platschern. Alle standen still, in dem zauberischen Anblicke verloren, den niemand erwartet hatte: spate Rosen gluhten ihnen von schlanken, erhabenen Stammen entgegen, weiter ab standen dunkelrote Malven, die wie krause gewundene Saulen die dammerndgrunen Gange zu stutzen schienen. Alles umher war still, keine Menschenstimme war zu vernehmen.
"Ist dieser Feengarten", rief Roderigo aus, "nicht wie durch Zauberei hierhergekommen? Wenn wir mit dem Besitzer des Hauses bekannt waren, wie erquicklich musste es sein, in diesen anmutigen Grotten auszuruhen, in diesen dunkeln Gangen zu spazieren, und sich mit sussen Fruchten abzukuhlen? Wenn wir nur einen Menschen wahrnahmen, der uns die Erlaubnis erteilen konnte!"
Indem wurde Ludovico einige Baume mit sehr schonen Fruchten gewahr, die im Garten standen, grosse saftige Birnen und hochrote Pflaumen. Er hatte einen schnellen Entschluss gefasst. "Lasst uns, meine guten Freunde", rief er aus, "ohne Zeremonien uber das Spalier dieses Gartens steigen, uns in jener Grotte ausruhen, mit Fruchten sattigen, und dann den Mondschein abwarten, um unsre Reise fortzusetzen."
Alle waren uber seine Verwegenheit in Verwunderung gesetzt, aber Rudolph ging sogleich zu seiner Meinung uber. Sternbald und der Pilgrim widersetzten sich am langsten, aber indem sie noch sprachen, war Ludovico, ohne danach hinzuhoren, schon in den Garten geklettert und gesprungen, er half Florestan nach, Roderigo rief den Ruckbleibenden ebenfalls zu, Sternbald bequemte sich, und der Pilgrim, den auch nach dem Obste gelustete, fand es bedenklich, ganz ohne Gesellschaft seine Reise fortzusetzen. Er machte nachher noch viele Einwendungen, auf die niemand horte, denn Ludovico fing an aus allen Kraften die Baume zu schutteln, die auch reichlich Obst hergaben, das die ubrigen mit vieler Emsigkeit aufsammelten.
Dann setzten sie sich in der kuhlen Grotte zum Essen nieder und Ludovico sagte: "Wenn uns nun auch jemand antrifft, was ist es denn mehr? Er musste sehr ungesittet sein, wenn er auf unsre Bitte um Verzeihung nicht horen wollte, und sehr stark, wenn wir ihm nicht vereinigt widerstehen sollten."
Als der Pilger eine Weile gegessen hatte, fing er an, grosse Reue zu fuhlen, aber Florestan sagte im lustigen Mute: "Seht, Freunde, so leben wir im eigentlichen Stande der Unschuld, im goldenen Zeitalter, das wir so oft zuruckwunschen, und das wir uns eigenmachtig, wenigstens auf einige Stunden erschaffen haben. O wahrlich, das freie Leben, das ein Rauber fuhrt, der jeden Tag erobert, ist nicht so ganzlich zu verachten: wir verwohnen uns in unsrer Sicherheit und Ruhe zu sehr. Was kann es geben, als hochstens einen kleinen Kampf? Wir sind gut bewaffnet, wir furchten uns nicht, wir sind durch uns selbst gesichert."
Sie horchten auf, es war, als wenn sie ganz in der Ferne Tone von Waldhornern vernahmen, aber der Klang verstummte wieder. "Seid unverzagt", rief Ludovico aus, "und tut, als wenn ihr hier zu Hause waret, ich stehe euch fur alles."
Der Pilgrim musste nach dem Springbrunnen, um seine Flasche mit Wasser zu fullen, sie tranken alle nach der Reihe mit grossem Wohlbehagen. Der Abend ward immer kuhler, die Blumen dufteten susser, alle Erinnerungen wurden im Herzen geweckt. "Du weisst nicht, mein lieber Roderigo", fing Ludovico von neuem an, "dass ich jetzt in Italien, in Rom wieder eine Liebe habe, die mir mehr ist, als mir je eine gewesen war. Ich verliess das schone Land mit einem gewissen Widerstreben, ich sah mit unaussprechlicher Sehnsucht nach der Stadt zuruck, weil Marie dort zuruckblieb. Ich habe sie erst seit kurzem kennengelernt, und ich mochte dir fast vorschlagen, gleich mit mir zuruckzureisen, dann blieben wir alle, so wie wir hier sind, in einer Gesellschaft. O Roderigo, du hast die Vollendung des Weibes noch nicht gesehn, denn du hast sie nicht gesehn! all der susse, geheime Zauber, der die Gestalt umschwebt, das Heilige, das dir aus blauen verklarten Augen entgegenblickt: die Unschuld, der lockende Mutwille, der sich auf Wange, in den liebreizenden Lippen abbildet; ich kann es dir nicht schildern. In ihrer Gegenwart empfand ich die ersten Jugendgefuhle wieder, es war mir wieder, als wenn ich mit dem ersten Madchen sprache, da mir die andern alle als meinesgleichen vorkommen. Es ist ein Zug zwischen den glatten schonen Augenbraunen, der die Phantasie in Ehrfurcht halt, und doch stehn die Braunen, die langen Wimpern wie goldene Netze des Liebesgottes da, um alle Seele, alle Wunsche, alle fremde Augen wegzufangen. Hat man sie einmal gesehn, so sieht man keinem andern Madchen mehr nach, kein Blick, kein verstohlenes Lacheln lockt dich mehr, sie wohnt mir aller ihrer Holdseligkeit in deiner Brust, dein Herz ist wie eine treibende Feder, die dich ihr, nur ihr durch alle Gassen, durch alle Garten nachdrangt; und wenn dann ihr himmelsusser Blick dich nur im Vorubergehn streift, so zittert die Seele in dir, so schwindelt dein Auge von dem Blick in das rote Lacheln der Lippen hinunter, in die Lieblichkeit der Wangen verirrt, gern und ungern auf dem schonsten Busen festgehalten, den du nur erraten darfst. O Himmel, gib mir nur dies Madchen in meine Arme, und ich will deine ganze ubrige Welt, mir allem, allem was sie Kostliches hat, ohne Neid jedem andern uberlassen!"
"Du schwarmst", sagte Roderigo, "in dieser Sprache habe ich dich noch niemals sprechen horen."
"Ich habe die Sprache noch nicht gekannt", fuhr Ludovico fort, "ich habe noch nichts gekannt, ich bin bis dahin taub und blind gewesen. Was fehlt uns hier, als dass Rudolph nur noch ein Lied sange? Eins von jenen leichten, scherzenden Liedern, die die Erde nicht beruhren, die mit luftigem Schritt uber den goldenen Fussboden des Abendrots gehn, und von dort in die Welt hineingrussen. Lass einmal alle Liebe, die du je empfandest, in deinem Herzen aufzittern, und dann sprich die Ratselsprache, die nur der Eingeweihte versteht."
"So gut ich kann, will ich Euch dienen", sagte Rudolph, "mir fallt soeben ein Lied von der Sehnsucht ein, das Euch vielleicht gefallen wird.
Warum die Blume das Kopfchen senkt,
Warum die Rosen so blass?
Ach! die Trane am Blatt der Lilie hangt,
Vergangen das schon frische Gras.
Die Blumen erbleichen,
Die Farben entweichen,
Denn sie, denn sie ist weit
Die allerholdseligste Maid.
Keine Anmut auf dem Feld,
Keine susse Blute am Baume mehr,
Die Farben, die Tone durchstreifen die Welt
Und suchen die Schonste weit umher.
Unser Tal ist leer
Bis zur Wiederkehr,
Ach! bringt sie gefesselt in Schone
Zurucke ihr Farben, ihr Tone.
Regenbogen leuchtet voran
Und Blumen folgen ihm nach,
Nachtgall singt auf der Bahn,
Rieselt der silberne Bach:
Tun als ware der Fruhling vergangen,
Doch bringen sie sie nur gefangen,
Wird Fruhling aus dem Herbst alsbald,
Herrscht uber uns kein Winter kalt.
Ach! ihr findet sie nicht, ihr findet sie nicht,
Habt kein Auge, die Schonste zu suchen,
Euch mangelt der Liebe Augenlicht,
Ihr ermudet uber dem Suchen.
Treibt wie Blumen die Sache als frohlichen
Scherz,
Ach! nehmet mein Herz,
Damit nach dem holden Engelskinde
Der Fruhling den Weg gewisslich finde.
Und habt ihr Kinder entdeckt die Spur,
Oh, so hort, oh, so hort mein angstlich Flehn,
Musst nicht zu tief in die Augen ihr sehn,
Ihre Blicke bezaubern, verblenden euch nur.
Kein Wesen vor ihr besteht,
All's in Liebe vergeht,
Mag nichts anders mehr sein
Als ihre Lieb allein.
Bedenkt, dass Fruhling und Blumenglanz
Wo ihr Fuss wandelt, immer schon ist,
Kommt zu mir zuruck mit leichtem Tanz,
Dass Fruhling und Nachtgall doch um mich ist;
Muss dann spat und fruh
Mich behelfen ohne sie,
Mit bittersussen Liebestranen
Mich einsam nach der Schonsten sehnen.
Aber bleibt, aber bleibt nur wo ihr seid,
Mag euch auch ohne sie nicht wiedersehn,
Blumen und Fruhlingston wird Herzeleid,
Will indes hier im bittersten Tode vergehn.
Mich selber zu strafen,
Im Grabe tief schlafen,
Fern von Lied, fern von Sonnenschein
Lieber gar ein Toter sein.
Ach! es bricht in der Sehnsucht schon
Heimlich mein Herz in der treusten Brust,
Hat die Treu so schwer bittern Lohn?
Bin keiner Sunde mir innig bewusst.
Muss die Liebste alles erfreun,
Mir nur die qualendste Pein?
Treulose Hoffnung, du lachelst mich an:
Nein, ich bin ein verlorner Mann!"
Es war lieblich, wie die Gebusche umher von diesen Tonen gleichsam erregt wurden, einige verspateten Vogel erinnerten sich ihrer Fruhlingslieder, und wiederholten sie jetzt wie in einer schonen Schlafrigkeit. Roderigo war durch seinen Freund beherzt geworden, er erzahlte nun auch sein Abenteuer mit der schonen Grafin, und seine Freunde horten ihn die Geschichte gern noch einmal erzahlen. "Und nun, was soll ich euch sagen?" so schloss Roderigo, "ich habe sie verlassen, und denke jetzt nichts, als sie; immer sehe ich sie vor meinen Augen schweben, und ich weiss mich in mancher Stunde vor peinigender Angst nicht zu lassen. Ihr edler Anstand, ihr munteres Auge, ihr braunes Haar, alles, alle ihre Zuge sah ich in meiner Einbildung. So oft bin ich in den Nachten unter dem hellgestirnten Himmel gewandelt, von meinem Glukke voll, zauberte ich mir dann ihre Gestalt vor meine Augen, und es war mir dann, als wenn die Sterne noch heller funkelten, als wenn das Dach des Himmels nur mit Freude ausgelegt sei. Ich sage dir, Freund Ludovico, alle Sinne werden ihr wie dienstbare Sklaven nachgezogen, wenn das Auge sie nur erblickt hat: jede ihrer sanften, reizenden Bewegungen beschreibt in Linien eine schone Musik, wenn sie durch den Wald geht, und das leichte Gewand sich dem Fusse, der Lende geschmeidig anlegt, wenn sie zu Pferde steigt und im Galopp die Kleider auf- und niederwogen, oder wenn sie im Tanz wie eine Gottin schwebt, alles ist Wohllaut in ihr, wie man sie sieht, mag man sie nie anders sehn, und doch vergisst man in jeder neuen Bewegung die vorige. Es ist mehr Wollust, sie mit den Augen zu verfolgen, als in den Armen einer andern zu ruhn."
"Nur Wein fehlt uns", rief Florestan aus, "die Liebe ist wenigstens im Bilde zugegen."
"Wenn ich mir denke", sprach Roderigo erhitzt weiter, "dass sich ein andrer jetzt um ihre Liebe bewirbt, dass sie ihn mit freundlichen Augen anblickt, ich konnte unsinnig werden. Ich bin auf jedermann bose, der ihr nur vorubergeht: ich beneide das Gewand, das ihren zarten Korper beruhrt und umschliesst. Ich bin lauter Eifersucht, und dennoch habe ich sie verlassen konnen."
Ludovico sagte: "Du darfst dich daruber nicht verwundern. Ich bin nicht nur bei jedem Madchen, das ich liebte, eifersuchtig gewesen, sondern auch bei jeder andern, wenn sie nur hubsch war. Hatte ich ein artiges Madchen bemerkt, das ich weiter gar nicht kannte, das von mir gar nichts wusste, so stand meine Begier vor ihrem Bilde gleichsam Wache, ich war auf jedermann neidisch und bose, der nur durch den Zufall zu ihr ins Haus ging, der sie grusste und dem sie hoflich dankte. Sprach einer freundlich mit ihr, so konnte ich mir diesen Unbekannten auf mehrere Tage auszeichnen und merken, um ihn zu hassen. Oh, diese Eifersucht ist noch viel unbegreiflicher als unsre Liebe, denn wir konnen doch nicht alle Weiber und Madchen zu unserm Eigentum machen; aber das lusterne Auge lasst sich keine Schranken setzen, unsre Phantasie ist wie das Fass der Danaiden, unser Sehnen umfangt und umarmt jeglichen Busen."
Indem war es ganz finster geworden, der mude Pilgrim war eingeschlafen, einige Hornertone erschallten, aber fast ganz nahe an den Sprechenden, dann sang eine angenehme Stimme:
"Treulieb ist nimmer weit,
Nach Kummer und nach Leid
Kehrt wieder Lieb und Freud,
Dann kehrt der holde Gruss,
Handedrucken,
Zartlich Blicken,
Liebeskuss."
"Nun werden die Obstdiebe ertappt werden", rief Ludovico aus.
"Ich kenne diese Melodie, ich kenne diese Worte", sagte Sternbald, "und wenn ich mich recht erinnere "
Wieder einige Tone, dann fuhr die Stimme fort zu singen:
"Treulieb ist nimmer weit,
Ihr Gang durch Einsamkeit
Ist dir, nur dir geweiht.
Bald kommt der Morgen schon,
Ihn begrusset
Wie er kusset
Freudentran'."
Jetzt kamen durchs Gebusch Gestalten, zwei Damen gingen voran, mehrere Diener folgten. Die fremde Gesellschaft war indes aufgestanden, Roderigo trat vor, und mit einem Ausruf des Entzuckens lag er in den Armen der Unbekannten. Die Grafin war es, die vor Freude erst nicht die Sprache wiederfinden konnte. "Ich habe dich wieder!" rief sie dann aus, "o gutiges Schicksal, sei gedankt!"
Man konnte sich anfangs wenig erzahlen. Sie hatte, um sich zu zerstreuen, eine Freundin ihrer Jugend besucht, dieser gehorte Schloss und Garten. Von dem Unerlaubten des Ubersteigens war gar die Rede nicht.
Die Abendmahlzeit stand bereit, der Pilgrim liess sich nach seiner muhseligen Wanderschaft sehr wohl sein, Franz ward von der Freundin Adelheids (dies war der Name der Grafin) sehr vorgezogen, da sie die Kunst vorzuglich liebte. Auch ihr Gemahl sprach viel uber Malerei, und lobte den Albrecht Durer vorzuglich, von dem er selbst einige schone Stucke besass.
Alle waren wie berauscht, sie legten sich fruh schlafen, nur Roderigo und die Grafin blieben langer munter.
Franz konnte nicht bemerken, ob Roderigo und die Grafin sich so vollig ausgesohnt hatten, um sich zu vermahlen, er wollte nicht langer als noch einen Tag zogern, um seine Reise fortzusetzen, er machte sich Vorwurfe, dass er schon zu lange gesaumt habe. Er harte gern von Roderigo sich die Erzahlung fortsetzen lassen, die beim Eremiten in ihrem Anfange abgebrochen wurde, aber es fand sich keine Gelegenheit dazu. Der Herr des Schlosses notigte ihn zu bleiben, aber Franz furchtete, dass das Jahr zu Ende laufen, und er noch immer nicht in Italien sein mochte.
Nach zweien Tagen nahm er von allen Abschied, Ludovico wollte bei seinem Freunde bleiben, auch Florestan blieb bei den beiden zuruck. Jetzt fuhlte Sternbald erst, wie lieb ihm Rudolph sei, auch ergriff ihn eine unerklarliche Wehmut, als er dem Ludovico die Hand zum Abschiede reichte. Florestan war auf seine Weise recht geruhrt, er versprach unserm Freunde, ihm bald nach Italien zu folgen, ihn binnen kurzem gewiss in Rom anzutreffen. Sternbald konnte seine Tranen nicht zuruckhalten, als er zur Tur hinausging, den Garten noch einmal mit einem fluchtigen Blicke durchirrte. Der Pilgrim war sein Gefahrte.
Draussen in der freien Landschaft, als er nach und nach das Schloss verschwinden sah, fuhlte er sich erst recht einsam. Der Morgen war frisch, er ging stumm neben dem Pilger hin, erinnerte sich aller Gesprache, die sie miteinander gefuhrt, aller kleinen Begebenheiten, die er in Rudolphs Gesellschaft erlebt hatte. Sein Kopf wurde wust, ihm war, als habe er die Freude seines Lebens verloren. Der Pilgrim verrichtete seine Gebete, ohne sich sonderlich um Sternbald zu kummern.
Nachher gerieten sie in ein Gesprach, worin der Pilger ihm den genauen Zustand seiner Haushaltung erzahlte. Sternbald erfuhr alle die Armseligkeiten des gewohnlichen Lebens, wie jener ein Kaufmann von mittelmassigen Glucksumstanden sei, wie er darnach trachte, mehr zu gewinnen und seine Lage zu verbessern. Franz, dem die Empfindung druckend war, aus seinem leichten poetischen Leben so in das wirkliche zuruckgefuhrt zu werden, antwortete nicht, und gab sich Muhe, gar nicht darnach hinzuhoren. Jeder Schritt seines Weges ward ihm sauer, er kam sich ganz einsam vor, es war ihm wieder, als wenn ihn seine Freunde verlassen hatten und sich nicht um ihn kummerten.
Sie kamen in eine Stadt, wo Franz einen Brief von seinem Sebastian zu finden hoffte, von dem er seit lange nichts gehort hatte. Er trennte sich hier von dem Pilgrim und eilte nach dem bezeichneten Mann. Es war wirklich ein Brief fur ihn da, er erbrach ihn begierig, und las: Liebster Franz! Wie Du glucklich bist, dass Du in freier, schoner Welt herumwanderst, dass Dir nun das alles in Erfullung geht, was Du sonst nur in Entfernung dachtest, dieses Dein grosses Gluck sehe ich nun erst vollkommen ein. Ach, lieber Bruder, es will mir manchmal vorkommen, als sei mein Lebenslauf durchaus verloren: aller Mut entgeht mir, so in der Kunst, als im Leben fortzufahren. Jetzt ist es dahin gekommen, dass Du mich trosten konntest, wie ich Dir sonst wohl oft getan habe.
Unser Meister fangt an, oft zu krankeln, er kam damals so gesund von seiner Reise zuruck, aber diese schone Zeit hat sich nun schon verloren. Er ist in manchen Stunden recht melancholisch: dann wird er es nicht mude, von Dir zu sprechen, und Dir das beste Schicksal zu wunschen.
Ich bin fleissig, aber meine Arbeit will nicht auf die wahre Art aus der Stelle rucken, mir fehlt der Mut, der die Hand beleben muss, ein wehmutiges Gefuhl zieht mich von der Staffelei zuruck. Du schreibst mir von Deiner seltsamen Liebe, von Deiner frohlichen Gesellschaft: ach, Franz, ich bin hier verlassen, arm, vergessen oder verachtet, ich habe die Kuhnheit nicht, Liebe in mein trauriges Leben hineinzuwunschen. Ich spreche zur Freude: was machst du? und zum Lachen: du bist toll! Ich kann es mir nicht vorstellen, dass mich einst ein Wesen liebte, dass ich es lieben durfte. Ich gehe oft im truben Wetter durch die Stadt, und betrachte Gebaude und Turme, die muhselige Arbeit, das kunstliche Schnitzwerk, die gemalten Wande, und frage dann: Wozu soll es? Der Anblick eines Armen kann mich so betrubt machen, dass ich die Augen nicht wieder aufheben mag.
Meine Mutter ist gestorben, mein Vater liegt in der Vorstadt krank. Sein Handwerk kann ihn jetzt nicht nahren, ich kann nur wenig fur ihn tun. Meister Durer ist gut, er hilft ihm und auf die beste Art, so dass er mich nichts davon fuhlen lasst, ich werde es ihm zeitlebens nicht vergessen. Aber warum kann ich nicht mehr fur ihn tun? Warum fiel es mir noch im sechszehnten Jahre ein, ein Maler zu werden? Wenn ich ein ordentliches Handwerk ergriffen hatte, so konnte ich vielleicht jetzt selber meinen Vater ernahren. Es dunkt mir toricht, dass ich an der Ausarbeitung einer Geschichte arbeite, und indessen alles wirkliche Leben um mich her vergesse.
Lebe wohl, bleibe gesund. Sei in allen Dingen glucklich. Liebe immer noch
Deinen Sebastian.
Franz liess das Blatt sinken und sah den Himmel an. Sein Freund, Durer, Nurnberg und alle ehemaligen bekannten Gegenstande kamen mit frischer Kraft in sein Gedachtnis. "Ja, ich bin glucklich", rief er aus, "ich fuhle es jetzt, wie glucklich ich bin! Mein Leben spinnt sich wie ein goldener Faden auseinander: ich bin auf der Reise, ich finde Freunde, die sich meiner annehmen, die mich lieben, meine Kunst hat mich wider Erwarten fortgeholfen, was will ich denn mehr? Und vielleicht lebt sie doch noch, vielleicht hat sich die Grafin geirrt. Leben nicht Rudolph und Sebastian noch? Wer weiss, wo ich meine Eltern finde. O Sebastian, warst du zugegen, dass ich dir die Halfte meines Mutes geben konnte!"
Zweites Kapitel
Als Sternbald durch die Stadt streifte, glaubte er einmal in der Ferne den Bildhauer Bolz zu bemerken, aber die Person, die er dafur hielt, verlor sich wieder aus den Augen. Franz ergotzte sich, wieder in einem Gewuhl von unbekannten Menschen herumzuirren. Es war Jahrmarkt, und aus den benachbarten kleinen Stadten und Dorfern hatten sich Menschen aller Art versammelt, um hier zu verkaufen und einzukaufen. Sternbald freute sich an der allgemeinen Frohlichkeit, die alle Gesichter beherrschte, die so viele verworrene Tone laut durcheinander erregte.
Er stellte sich etwas abseits, und sah nun die Ankommenden, oder die schon mit ihren eingekauften Waren zuruckgingen. Alle Fenster am Markte waren mit Menschen angefullt, die auf das verworrene Getummel heruntersahen. Franz sagte zu sich selbst: "Welch ein schones Gemalde! und wie ware es moglich, es darzustellen? Welche angenehme Unordnung, die sich aber auf keinem Bilde nachahmen lasst! Dieser ewige Wechsel der Gestalten, dies mannigfaltige, sich durchkreuzende Interesse, dass diese Figuren nie auch nur auf einen Augenblick in Stillstand geraten, ist es gerade, was es so wunderbar schon macht. Alle Arten von Kleidungen und Farben verirren sich durcheinander, alle Geschlechter und Alter, Menschen, dicht zusammengedrangt, von denen keiner am Nachststehenden Teil nimmt, sondern nur fur sich selber sorgt. Jeder sucht und holt das Gut, das er sich wunscht, mit lachendem Mute, als wenn die Gotter plotzlich ein grosses Fullhorn auf den Boden ausgeschuttet hatten, und emsig nun diese Tausende herausraffen, was ein jeder bedarf."
Leute zogen mit Bildern umher, die sie erklarten, und zu denen sich eine Menge Volks versammelte. Es waren schlechte, grobe Figuren auf Leinwand gemalt. Das eine war die Geschichte eines Handwerkers, der auf seiner Wanderschaft den Seeraubern in die Hande geraten war, und in Algier schmahliche Sklavendienste hatte tun mussen. Er war dargestellt, wie er mit andern Christen im Garten den Pflug ziehen musste, und sein Aufseher ihn mit einer furchterlichen Geissel dazu antrieb. Eine zweite Vorstellung war das Bild eines seltsamlichen Ungeheuers, von dem der Erklarer behauptete, dass es jungst in der mittellandischen See gefangen sei. Es hatte einen Menschenkopf und einen Panzer auf der Brust, seine Fusse waren wie Hande gebildet und grosse Flossfedern hingen herunter, hinten war es Pferd.
Alles Volk war erstaunt. "Dies ist es", sagte Franz zu sich, "was die Menge will, was einem jeden gefallt. Ein wunderbares Schicksal, wovon ein jeder glaubt, es hatte auch ihn ergreifen konnen, weil es einen Menschen trifft, dessen Stand der seinige ist. Oder eine lacherliche Unmoglichkeit. Seht, dies muss der Kunstler erfullen, diese abgeschmackten Neigungen muss er befriedigen, wenn er gefallen will."
Ein Arzt hatte auf der andern Seite des Marktes sein Gerust aufgeschlagen, und bot mit kreischender Stimme seine Arzneien aus. Er erzahlte die ungeheuersten Wunder, die er vermittelst seiner Medikamente verrichtet hatte. Auch er hatte grossen Zulauf, die Leute verwunderten sich und kauften.
Er verliess das Gewuhl, und ging vors Tor, um recht lebhaft die ruhige Einsamkeit gegen das larmende Gerausch zu empfinden. Als er unter den Baumen auf und ab ging, begegnete ihm wirklich Bolz, der Bildhauer. Jener erkannte ihn sogleich, sie gingen miteinander und erzahlten sich ihre Begebenheiten. Franz sagte: "Ich hatte niemals geglaubt, dass Ihr imstande waret, einen Mann zu verletzen, der Euch fur seinen Freund hielt. Wie konnt Ihr die Tat entschuldigen?"
"Oh, junger Mann", rief Augustin aus, "Ihr seid entweder noch niemals beleidigt, oder habt sehr wenig Galle in Euch. Roderigo ruhte mit seinen Schmahworten nicht eher, bis ich ihm den Stoss versetzt hatte, es war seine eigene Schuld. Er reizte mich so lange, bis ich mich nicht mehr zuruckhalten konnte."
Franz, der keinen Streit anfangen wollte, liess die Entschuldigung gelten, und Bolz fragte ihn: wie lange er sich in der Stadt aufzuhalten gedachte? "Ich will morgen abreisen", antwortete Sternbald. "Ich rate Euch, etwas zu bleiben", sagte der Bildhauer, "und wenn Ihr denn geneigt seid, kann ich Euch eine eintragliche Arbeit nachweisen. Hier vor der Stadt liegt ein Nonnenkloster, in dem Ihr, wenn Ihr wollt, ein Gemalde mit Ol auf der Wand erneuern konnt. Man hat schon nach einem ungeschickten Maler senden wollen, ich will Euch lieber dazu vorschlagen."
Franz nahm den Antrag an, er hatte schon lange gewunscht, seinen Pinsel einmal an grossern Figuren zu uben. Bolz verliess ihn mit dem Versprechen, ihn noch am Abend wiederzusehn.
Bolz kam zuruck, als die Sonne schon untergegangen war. Er hatte den Vertrag mit der Abtissin des Klosters gemacht, Sternbald war damit zufrieden. Sie gingen wieder vor die Stadt hinaus, Bolz schien unruhig, und etwas zu haben, das er dem jungen Maler gern mitteilen mochte; er brach aber immer wieder ab, und Sternbald, der im Geiste schon mit seiner Malerei beschaftigt war, achtete nicht darauf.
Es wurde finster. Sie hatten sich in die benachbarten Berge hineingewendet, ihr Gesprach fiel auf die Kunst. "Ihr habe mich", sagte Sternbald, "auf die unsterblichen Werke des grossen Michael Angelo sehr begierig gemacht, Ihr haltet sie fur das Hochste, was die Kunst bisher hervorgebracht hat."
"Und hervorbringen kann!" rief Bolz aus, "es ist bei ihnen nicht von der oder der Vortrefflichkeit, von dieser oder jener Schonheit die Rede, sondern sie sind durchaus schon, durchaus vortrefflich. Alle ubrigen Kunstler sind gleichsam als die Vorbereitung, als die Ahndung zu diesem einzig grossen Manne anzusehn: vor ihm hat noch keiner die Kunst verstanden, noch gewusst, was er mit ihr ausrichten soll."
"Aber wie kommt es denn", sagte Sternbald, "dass auch noch andere ausser ihm verehrt werden, und dass noch niemand nach dieser Vollkommenheit gestrebt hat?"
"Das ist leicht einzusehn", sagte der Bildhauer. "Die Menge will nicht die Kunst, sie will nicht das Ideal, sie will unterhalten und gereizt sein, und es versteht sich, dass die niedrigern Geister dies weit besser ins Werk zu richten wissen, weil sie selber mit den Geistesbedurfnissen der Menge, der Liebhaber und Unkenner vertraut sind. Sie erblicken wohl gar beim echten Kunstler Mangel, und glauben uber seine Fehler und Schwachen urteilen zu konnen, weil er vorsatzlich das verschmaht hat, was ihnen an ihren Lieblingen gefallt. Warum kein Kunstler noch diese Grosse erstrebt hat? Wer hat denn richtigen Begriff von seiner Kunst, um das Beste zu wollen? Ja, wer von den Kunstlern will denn uberhaupt irgendwas? Sie konnen sich ja nie von ihrem Talente Rechenschaft geben, das sie blindlings ausuben, sie sind ja zufrieden, wenn sie den leichtesten Wohlgefallen erregen, auf welchem Wege es auch sei. Sie wissen ja gar nicht, dass es eine Kunst gibt, woher sollen sie denn erfahren, dass diese Kunst eine hochste, letzte Spitze habe. Mit Michael Angelo ist die Kunst erst geboren worden, und von ihm wird eine Schule ausgehn, die die erste ist und bald die einzige sein wird."
"Und wie meint Ihr", fragte Franz, "dass dann die Kunst beschaffen sein wird?"
"Man wird", sagte Bolz, "die unnutzen Bestrebungen, die schlechten Manieren ganz niederlegen, und nur dem allmachtigen Buonarotti folgen. Es ist in jeder ausgeubten Kunst naturlich, dass sie sich vollendet, wenn nur ein erhabener Geist aufgestanden ist, der den Irrenden hat zurufen konnen: dorthin meine Freunde, geht der Weg! Das hat Buonarotti getan, und man wird nachher nicht mehr zweifeln und fragen, was Kunst sei. In jeglicher Darstellung wird dann ein grosser Sinn liegen, und man wird die gewohnlichen Mittel verschmahen, um zu gefallen. Jetzt nehmen fast alle Kunstler die Sinnen in Anspruch, um nur ein Interesse zu erregen, dann wird das Ideal verstanden werden."
Indem war es ganz dunkel geworden. Der Mond stieg eben unten am Horizont herauf, sie hatten schon fernher Hammerschlage gehort, jetzt standen sie vor einer Eisenhutte, in der gearbeitet wurde. Der Anblick war schon; die Felsen standen schwarz umher, Schlacken lagen aufgehauft, dazwischen einzelne grune Gestrauche, fast unkenntlich in der Finsternis. Vom Feuer und dem funkenden Eisen war die offene Hutte erhellt, die hammernden Arbeiter, ihre Bewegungen, alles glich bewegten Schatten, die von dem hellgluhenden Erzklumpen angeschienen wurden. Hinten war der wildbewachsene Berg so eben sichtbar, auf dem alte Ruinen auf der Spitze vom aufgehenden Monde schon beschimmert waren: gegenuber waren noch einige leichte Streifen des Abendrots am Himmel.
Bolz rief aus: "Seht den schonen, bezaubernden Anblick!"
Auch Sternbald war uberrascht, er stand eine Weile in Gedanken und schwieg, dann rief er aus: "Nun, mein Freund, was konntet Ihr sagen, wenn Euch ein Kunstler auf einem Gemalde diese wunderbare Szene darstellte? Hier ist keine Handlung, kein Ideal, nur Schimmer und verworrene Gestalten, die sich wie fast unkenntliche Schatten bewegen. Aber wenn Ihr dies Gemalde sahet, wurdet Ihr Euch nicht mit machtiger Empfindung in den Gegenstand hineinsehnen? Wurde er die ubrige Kunst und Natur nicht auf eine Zeitlang aus Eurem Gedachtnisse hinwegrucken, und was wollt Ihr mehr? Diese Stimmung wurde dann so wie jetzt Euer ganzes Inneres durchaus ausfullen, Euch bliebe nichts zu wunschen ubrig, und doch ware es nichts weiter, als ein kunstliches, fast tandelndes Spiel der Farben. Und doch ist es Handlung, Ideal, Vollendung, weil es das im hochsten Sinne ist, was es sein kann, und so kann jeder Kunstler an sich der Trefflichste sein, wenn er sich kennt und nichts Fremdartiges in sich hineinnimmt. Wahrlich! es ist, als hatte die alte Welt sich mit ihren Wundern aufgetan, als standen dort die fabelhaften Zyklopen vor uns, die fur Mars oder Achilles die Waffen schmieden. Die ganze Gotterwelt kommt dabei in mein Gedachtnis zuruck: ich sehe nicht nur, was vor mir ist, sondern die schonsten Erinnerungen entwickeln sich im Innern meiner Seele, alles wird lebendig und wach, was seit lange schlief. Nein, mein Freund, ich bin innigst uberzeugt, die Kunst ist wie die Natur, sie hat mehr als eine Schonheit."
Bolz war still, beide Kunstler ergotzten sich lange an dem Anblick, dann suchten sie den Ruckweg nach der Stadt. Der Mond war indes heraufgekommen und glanzte ihnen im vollen Lichte entgegen, durch die Hohlwege, die sie durchkreuzten, uber die feuchte Wiese heruber, von den Bergen in zauberischen Widerscheinen. Die ganze Gegend war in eine Masse verschmolzen, und doch waren die verschiedenen Grunde leicht gesondert, mehr angedeutet, als ausgezeichnet; keine Wolke war am Himmel, es war, als wenn sich ein Meer mit unendlichen goldenen Glanzwogen sanft uber Wiese und Wald ausstromte und heruber nach den Felsen bewegte.
"Konnten wir nur die Natur genau nachahmen", sagte Sternbald, "oder begleitete uns diese Stimmung nur so lange, als wir an einem Werke arbeiten, um in frischer Kraft, in voller Neuheit das hinzustellen, was wir jetzt empfinden, damit auch andre so davon ergriffen wurden, wahrlich, wir konnten oft Handlung und Komposition entbehren, und doch eine grosse, herrliche Wirkung hervorbringen!"
Bolz wusste nicht recht, was er antworten sollte, er mochte nicht gern nachgeben, und doch konnte er Franz jetzt nicht widerlegen, sie stritten hin und her, und verwunderten sich endlich, dass sie die Stadt nicht erscheinen sahen. Bolz suchte nach dem Wege, und ward endlich inne, dass er sich verirrt habe. Beide Wanderer wurden verdrusslich, denn sie waren mude und sehnten sich nach dem Abendessen, aber es schoben sich immer mehr Gebusche zwischen sie, immer neue Hugel, und der blendende Schimmer des Mondes erlaubte ihnen keine Aussicht. Der Streit uber die Kunst horte auf, sie dachten nur darauf, wie sie sich wieder zurechtfinden wollten. Bolz sagte: "Seht, mein Freund, uber die Kunst haben wir die Natur vernachlassigt; wollt Ihr Euch noch so in eine Gegend hineinsehnen, aus der wir uns so gern wieder herauswickeln mochten? Jetzt gabt Ihr alle Ideale und Kunstworter fur eine gute Ruhestelle hin."
"Wie Ihr auch sprecht!" sagte Sternbald, "davon kann ja gar nicht die Rede sein. Wir haben uns durch Eure Schuld verirrt, und es steht Euch nicht zu, nun noch zu spotten."
Sie setzten sich ermudet auf den Stumpf eines abgehauenen Baumes nieder. Franz sagte: "Wir werden hier wohl ubernachten mussen, denn ich sehe noch keinen moglichen Ausweg"
"Gut denn!" rief Bolz aus, "wenn es die Not so haben will, so wollen wir uns auch in die Not finden. Wir wollen sprechen, Lieder singen, und schlafen, so gut es sich tun lasst. Mit dem Aufgange der Sonne sind wir dann wieder munter, und kehren zur Stadt zuruck. Fanget Ihr an zu singen."
Sternbald sagte: "Da wir nichts Besseres zu tun wissen, will ich Euch ein Lied von der Einsamkeit singen, es schickt sich gut zu unserm Zustande.
Uber mir das hellgestirnte Himmelsdach,
Alle Menschen dem Schlaf ergeben,
Ruhend von dem muhevollen Leben,
Ich allein, allein im Hause wach.
Trube brennt das Licht herunter;
Soll ich aus dem Fenster schauen,
'nuber nach den fernen Auen?
Meine Augen bleiben munter.
Soll ich mich im Strahl ergehen
Und des Mondes Aufgang suchen?
Sieh, er flimmert durch die Buchen,
Weiden am Bach im Golde stehen.
Ist es nicht, als kame aus den Weiden
Ach ein Freund, den ich lange nicht gesehn,
Ach, wie viel ist schon seither geschehn,
Seit dem qualenvollen, bittern Scheiden!
An den Busen will ich ihn machtig drucken,
Sagen, was so ofte mir gebangt,
Wie mich inniglich nach ihm verlangt,
Und ihm in die sussen Augen blicken.
Aber der Schatten bleibt dort unter den Zweigen,
Ist nur Mondenschein,
Kommt nicht zu mir herein,
Sich als Freund zu zeigen.
Ist auch schon gestorben und begraben,
Und vergess es jeden Tag,
Weil ich's so ubergerne vergessen mag;
wie kann ich mich an seinem Anblick laben?
Geht der Fluss murmelnd durch die Klufte,
Sucht die Ferne nach eigner Melodie,
Unermudet sprechend spat und fruh:
Wehn vom Berge schon Septemberlufte.
Tone fallen von oben in die Welt,
Lustge Pfeifen, frohliche Schalmein,
Ach, sollten es Bekannte sein?
Sie wandern zu mir ubers Feld.
Fernab erklingt es, keiner weiss von mir,
Alle meine Freunde mich verlassen,
Die mich liebten, jetzt mich hassen,
Kummert sich keiner, dass ich wohne hier.
Ziehn mit Netzen oft lustig zum See,
Hore oft das ferne Gelach;
Seufze mein kummerlich Ach!
Tut mir der Busen so weh.
Ach! wo bist du Bild geblieben,
Engelsbild vom schonsten Kind?
Keine Freuden ubrig sind,
Unterstund mich, dich zu lieben.
Hast den Gatten langst gefunden;
Wie der fernste Schimmerschein,
Fallt mein Name dir wohl ein,
Nie in deinen guten Stunden.
Und das Licht ist ausgegangen,
Sitze in der Dunkelheit,
Denke, was mich sonst erfreut,
Als noch Nachtigallen sangen.
Ach! und warst nicht einsam immer?
Keiner, der dein Herz verstand,
Keiner sich zu dir verband.
Geh auch unter Mondesschimmer!
Losche, losche letztes Licht!
Auch wenn Freunde mich umgeben,
Fuhr ich doch einsames Leben:
Losche, losche letztes Licht!
Der Ungluckliche braucht dich nicht!"
Indem horten sie nicht weit von sich eine Stimme singen:
"Wer lustgen Mut zur Arbeit tragt
Und rasch die Arme stets bewegt,
Sich durch die Welt noch immer schlagt.
Der Trage sitzt, weiss nicht wo aus
Und uber ihm sturzt ein das Haus,
Mit vollen Segeln munter
Fahrt der Frohe das Leben hinunter."
Der Singende war ein Kohlenbrenner, der jetzt naher kam. Bolz und Sternbald gingen auf ihn zu, sie standen seiner Hutte ganz nahe, ohne dass sie es bemerkt hatten. Er war freundlich und bot ihnen von freien Stucken sein kleines Haus zum Nachtlager an. Die beiden Ermudeten folgten ihm gern.
Drinnen war ein kleines Abendessen zurechtgemacht, kein Licht brannte, aber einige Spane, die auf dem Herde unterhalten wurden, erleuchteten die Hutte. Eine junge Frau war geschaftig, den Fremden einen Sitz auf einer Bank zu bereiten, die sie an den Tisch schob. Alle setzten sich nieder, und assen aus derselben Schussel; Franz sass neben der Frau des Kohlers, die ihn mit lustigen Augen zum Essen notigte. Er fand sie artig, und bewunderte die Wirkung des Lichtes auf die Figuren.
Der Kohler erzahlte viel vom nahen Eisenhammer, fur den er die meisten Kohlen lieferte, er hatte noch so spat einen Weiler besucht. Ein kleiner Hund gesellte sich zu ihnen und war ausserst freundlich, die Frau, die lebhaft war, spielte und sprach mit ihm, wie mit einem Kinde. Sternbald fuhlte in der Hutte wieder die ruhigen, frommen Empfindungen, die ihn schon so oft begluckt hatten: er pragte sich die Figuren und Erleuchtung seinem Gedachtnisse ein, um einmal ein solches Gemalde darzustellen.
Als sie mit dem Essen beinahe fertig waren, klopfte noch jemand an die Tur, und eine klagliche Stimme flehte um nachtliche Herberge. Alle verwunderten sich, der Kohler offnete die Hutte, und Sternbald erstaunte, als er den Pilgrim hereintreten sah. Der Kohler war gegen den Wallfahrter sehr ehrerbietig, es wurde Speise herbeigeschafft, die Stube heller gemacht. Der Pilgrim erschrak, als er horte, dass er der Stadt so nahe sei, er hatte sie schon seit zwei Tagen verlassen, sich auf eine unbegreifliche Art verirrt, und bei allen Zurechtweisungen immer den unrechten Weg ergriffen, so dass er jetzt kaum eine halbe Meile von dem Orte entfernt war, von dem er ausging.
Der Wirt erzahlte noch allerhand, die junge Frau war geschaftig, der Hund war gegen Sternbald sehr zutunlich. Nach der Mahlzeit wurde fur die Fremden eine Streu zubereitet, auf der sich der Wallfahrter und Bolz sogleich ausstreckten. Franz war gegen sein Erwarten munter. Der Kohler und seine Frau gingen nun auch zu Bette, der Hund ward nach seiner Behausung auf den kleinen Hof gebracht, Sternbald blieb bei den Schlafenden allein.
Der Mond sah durch das Fenster, in der Einsamkeit fiel des Bildhauers Gesicht dem Wachenden auf, es war eine Physiognomie, die Heftigkeit und Ungestum ausdruckte. Franz begriff es nicht, wie er seinen anfanglichen Widerwillen gegen diesen Menschen so habe uberwinden konnen, dass er jetzt mit ihm umgehe, dass er sich ihm sogar vertraue.
Bolz schien unruhig zu schlafen, er warf sich oft umher, ein Traum angstigte ihn. Franz vergass beinahe, wo er war, denn alles umher erhielt eine sonderbare Bedeutung. Seine Phantasie ward erhitzt, und es wahrte nicht lange, so glaubte er sich unter Raubern zu befinden, die es auf sein Leben angesehn hatten, jedes Wort des Kohlenbrenners, dessen er sich nur erinnerte, war ihm verdachtig, er erwartete es angstlich, wie er mit seinen Spiessgesellen wieder aus der Tur herauskommen wurde, um sie im Schlafe umzubringen und zu plundern. Uber diese Betrachtungen schlief er ein, aber ein furchterlicher Traum angstigte ihn noch mehr, er sah die entsetzlichsten Gestalten, die seltsamsten Wunder, er erwachte unter druckenden Beklemmungen.
Am Himmel sammelten sich Wolken, auf die die Strahlen des Mondes fielen, die Baume vor der Hutte bewegten sich. Um sich zu zerstreuen, schrieb er folgendes in seiner Schreibtafel nieder:
Die Phantasie
Wer ist dort der alte Mann, In einer Ecke festgebunden, Dass er sich nicht ruhrt und regt? Vernunft halt uber ihn Wache, Sieht und erkundet jede Miene. Der Alte ist verdrusslich, Um ihn in tausend Falten Ein weiter Mantel geschlagen. Es ist der launige Phantasus, Ein wunderlicher Alter, Folgt stets seiner narrischen Laune, Sie haben ihn jetzt festgebunden, Dass er nur seine Possen lasst, Vernunft im Denken nicht stort, Den armen Menschen nicht irrt, Dass er sein Tagsgeschaft In Ruhe vollbringe, Mit dem Nachbar verstandig spreche Und nicht wie ein Tor erscheine. Denn der Alte hat nie was Kluges im Sinn, Immer tandelt er mit dem Spielzeug Und kramt es aus, und larmt damit Sowie nur keiner auf ihn sieht und achtet. Der alte Mann schweigt und runzelt die Stirn, Als wenn er die Rede ungern vernahme, Schilt gern alles langweilig, Was in seinen Kram nicht taugt. Der Mensch handelt, denkt, die Pflicht Wird indes treu von ihm getan; Fallt in die Augen das Abendrot hinein, Stehn Schlummer und Schlaf aus ihrem Winkel auf Da sie den Schimmer merken. Vernunft muss ruhn und wird zu Bett gebracht, Schlummer singt ihr ein Wiegenlied: Schlaf ruhig, mein Kind, morgen ist auch noch ein Tag! Musst nicht alles auf einmal denken, Bist unermudet und das ist schon, Wirst auch immer weiter kommen, Wirst deinem lieben Menschen Ehre bringen, Er schatzt dich auch uber alles, Schlaf ruhig, schlaf ein. "Wo ist meine Vernunft geblieben?" sagt der
Mensch,
"Geh Erinnrung, und such sie auf." Erinnrung geht und trifft sie schlafend, Gefallt ihr die Ruhe auch, Nicht uber der Gefahrtin ein. "Nun werden sie gewiss dem Alten die Hande frei
machen",
Denkt der Mensch, und furchtet sich schon. Da kommt der Schlaf zum Alten geschlichen, Und sagt: "Mein Bester, du musst erlahmen, Wenn dir die Glieder nicht aufgeloset werden, Pflicht, Vernunft und Verstand bringen dich ganz
herunter,
Und du bist gutwillig, wie ein Kind." Indem macht der Schlaf ihm schon die Hande los, Und der Alte schmunzelt: "Sie haben mir viel zu
danken,
Muhsam hab ich sie erzogen, Aber nun verachten sie mich alten Mann, Meinen ich wurde kindisch, Sei zu gar nichts zu gebrauchen. Du, mein Liebster, nimmst dich mein noch an, Wir beide bleiben immer gute Kameraden." Der Alte steht auf und ist der Banden frei, Er schuttelt sich vor Freude: Er breitet den weiten Mantel aus, Und aus allen Falten sturzen wunderbare Sachen Die er mit Wohlgefallen ansieht. Er kehrt den Mantel um und spreitet ihn weit umher, Eine bunte Tapete ist die untre Seite. Nun hantiert Phantasus in seinem Zelte Und weiss sich vor Freuden nicht zu lassen. Aus Glas und Kristallen baut er Schlosser, Lasst oben aus den Zinnen Zwerge kucken, Die mit dem grossen Kopfe wackeln. Unten gehn Fontanen im Garten spazieren, Aus Rohren sprudeln Blumen in die Luft, Dazu singt der Alte ein seltsam Lied Und klimpert mit aller Gewalt auf der Harfe. Der Mensch sieht seinen Spielen zu Und freut sich, vergisst, dass Vernunft Ihn vor allen Wesen herrlich macht. Spricht: "Fahre fort, mein lieber Alter." Und der Alte lasst sich nicht lange bitten, Schreiten Geistergestalten heran, Zieht die kleinen Marionetten an Faden Und lasst sie aus der Ferne grosser scheinen. Tummeln sich Reiter und Fussvolk, Hangen Engel in Wolken oben, Abendroten und Mondschein gehn durcheinander. Verschamte Schonen sitzen in Lauben, Die Wangen rot, der Busen weiss, Das Gewand aus blinkenden Strahlen gewebt. Ein Heer von Kobolden larmt und tanzt, Alte Helden kommen von Troja wieder, Achilles, der weise Nestor, versammeln sich zum
Spiel
Und entzweien sich wie die Knaben. Ja, der Alte hat daran noch nicht genug, Er spricht und singt: "Lass deine Taten fahren, Dein Streben, Mensch, deine Grubelein, Sieh, ich will dir goldne Kegel schenken, Ein ganzes Spiel, und silberne Kugeln dazu, Mannerchen, die von selbst immer auf den Beinen
stehn,
Warum willst du dich des Lebens nicht freun? Dann bleiben wir beisammen, Vertreiben mit Gesprach die Zeit, Ich lehre dich tausend Dinge, Von denen du noch nichts weisst." Das blinkende Spielwerk sticht dem Menschen in die
Augen,
Er reckt die Hande gierig aus! Indem erwacht mit dem Morgen die Vernunft, Reibt die Augen und gahnt und dehnt sich: "Wo ist mein lieber Mensch? Ist er zu neuen Taten gestarkt?" so ruft sie. Der Alte hort die Stimme und fangt an zu zittern, Der Mensch schamt sich, lasst Kegel und Kugel fallen, Vernunft tritt ins Gemach. "Ist der alte Wirrwarr schon wieder los geworden?" Ruft Vernunft aus, "lassest du dich immer wieder
locken
Von dem kindschen Greise, der selber nicht weiss Was er beginnt?" Der Alte fangt an zu weinen, Der Mantel wieder umgekehrt Ihm um die Schultern gehangt, Arm' und Beine festgebunden, Sitzt wieder gramlich da. Sein Spielzeug eingepackt, Ihm alles wieder ins Kleid gesteckt Und Vernunft macht 'ne drohende Miene. Der Mensch muss an die Geschafte gehn, Sieht den Alten nur von der Seite an Und zuckt die Schultern uber ihn. "Warum verfuhrt ihr mir den lieben Menschen!" Gramelt der alte Phantasus, "Ihr werdet ihn matt und tot noch machen, Wird vor der Zeit kindisch werden, Sein Leben nicht geniessen. Sein bester Freund sitzt hier gebunden, Der es gut mit ihm meint. Er verzehrt sich und mocht es gern mit mir halten, Aber ihr Uberklugen Habt ihm meinen Umgang verleidet Und wisst nicht, was ihr mit ihm wollt. Schlaf ist weg und keiner steht mir bei." Der Morgen brach indessen an, die ubrigen im Hause wurden munter, und Franz las dem Bildhauer seine Verse vor, der daruber lachte und sagte: "Auch dies Gedicht, mein Freund, ruhrt vom Phantasus her, man sieht es ihm wohl an, dass es in der Nacht geschrieben ist; dieser Mann hat, wie es scheint, Spott und Ernst gleich lieb."
Das dunkle Gemach wurde erhellt, der Kohler trat mit seiner Frau herein. Franz lachelte uber seine nachtliche Einbildung, er sah nun die Tur, die er immer gefurchtet hatte, deutlich vor sich stehn, nichts Furchtbares war an ihr sichtbar. Die Gesellschaft fruhstuckte, wobei der muntere Kohler noch allerhand erzahlte. Er sagte, dass in einigen Tagen eine Nonne im benachbarten Kloster ihr Gelubde ablegen wurde, und dass sich dann zu dieser Feierlichkeit alle Leute aus der umliegenden Gegend versammelten. Er beschrieb die Zeremonien, die dabei vorfielen, er freute sich auf das Fest, Sternbald schied von ihm und dem Pilgrim, und ging mit dem Bildhauer zur Stadt zuruck.
Sternbald liess sich im Kloster melden, er ward der Abtissin vorgestellt, er betrachtete das alte Gemalde, das er auffrischen sollte. Es war die Geschichte der heiligen Genoveva, wie sie mit ihrem Sohne unter einsamen Felsen in der Wildnis sitzt, und von freundlichen, liebkosenden Tieren umgeben ist. Das Bild schien alt, er konnte nicht das Zeichen eines ihm bekannten Kunstlers entdecken. Denkspruche gingen aus dem Munde der Heiligen, ihres Sohnes und der Tiere, die Komposition war einfach und ohne Kunstlichkeit, das Gemalde sollte nichts als den Gegenstand auf die einfaltigste Weise ausdrucken. Sternbald war willens, die Buchstaben zu verloschen und den Ausdruck der Figur zu erhohen, aber die Abtissin sagte: "Nein, Herr Maler, Ihr musst das Bild im ganzen so lassen, wie es ist, und um alles ja die Worte stehenlassen. Ich mag es durchaus nicht, wenn ein Gemalde zu zierlich ist."
Franz machte ihr deutlich, wie diese weissen Zettel alle Tauschung aufhoben und unnaturlich waren, ja wie sie gewissermassen das ganze Gemalde vernichteten, aber die Abtissin antwortete: "Dies alles ist mir sehr gleich, aber eine geistliche, bewegliche Historie muss durchaus nicht auf eine ganz weltliche Art ausgedruckt werden, Reiz, und was ihr Maler Schonheit nennt, gehort gar nicht in ein Bild, das zur Erbauung dienen und heilige Gedanken erwecken soll. Mir ist hier das Steife, Altfrankische viel erwunschter, dies schon tragt zu einer gewissen Erhebung bei. Die Worte sind aber eigentlich die Erklarung des Gemaldes, und diese gottseligen Betrachtungen konnt Ihr nimmermehr durch den Ausdruck der Mienen ersetzen. An der sogenannten Wahrheit und Tauschung liegt mir sehr wenig: wenn ich mich einmal davon uberzeugen kann, dass ich hier in der Kirche diese Wildnis mit Tieren und Felsen antreffe, so ist es mir ein kleines, auch anzunehmen, dass diese Tiere sprechen, und dass ihre Worte hingeschrieben sind, wie sie selbst nur gemalt sind. Es entsteht dadurch etwas Geheimnisvolles, wovon ich nicht gut sagen kann, worin es liegt. Die ubertriebenen Mienen und Gebarden aber sind mir zuwider. Wenn die Maler immer bei dieser alten Methode bleiben, so werden sie sich auch stets in den Schranken der guten Sitten halten, denn dieser Ausdruck mit Worten fuhrt gleichsam eine Aufsicht uber ihr Werk. Ein Gemalde ist und bleibt eine gutgemeinte Spielerei, und darum muss man sie auch niemals zu ernsthaft treiben."
Franz ging betrubt hinweg, er wollte am folgenden Morgen anfangen. Das Gerust wurde eingerichtet, die Farben waren zubereitet; als er in der Kirche oben allein stand, und in die truben Gitter hineinsah, fuhlte er sich unbeschreiblich einsam, er lachelte uber sich selber, dass er den Pinsel in der Hand fuhre. Er fuhlte, dass er nur als Handwerker gedungen sei, etwas zu machen, wobei ihm seine Kunstliebe, ja sein Talent vollig uberflussig war. "Was ist bis jetzt von mir geschehen?" sagte er zu sich selber, "in Antwerpen habe ich einige Konterfeie ohne sonderliche Liebe gemacht, die Grafin und Roderigo nachher gemalt, weil sie in ihn verliebt war, und nun stehe ich hier, um Denkspruche, schlecht geworfene Gewander, Hirsche und Wolfe neu anzustreichen."
Indem hatten sich die Nonnen zur Hora versammelt, und ihr feiner, wohlklingender Gesang schwung sich wundersam hinuber, die erloschene Genoveva schien darnach hinzuhoren, die gemalten Kirchenfenster ertonten. Eine neue Lust erwachte in Franz, er nahm Palette und Pinsel mit frischem Mut und farbte Genovevens dunkles Gewand. "Warum sollte ein Maler", sagte er zu sich, "nicht allenthalben, auch am unwurdigen Orte, Spuren seines Daseins lassen? Er kann allenthalben ein Monument seiner schonen Existenz schaffen, vielleicht dass doch ein seltener zarter Geist ergriffen und geruhrt wird, ihm dankt, und aus den Trubseligkeiten sich eine schone Stunde hervorsucht." Er nahm sich namlich vor, in dem Gesichte der Genoveva das Bildnis seiner teuren Unbekannten abzuschildern, so viel es ihm moglich war. Die Figuren wurden ihm durch diesen Gedanken teurer, die Arbeit lieber.
Er suchte in seiner Wohnung das Bildnis hervor, das ihm der alte Maler gegeben hatte, er sah es an, und Emma stand unwillkurlich vor seinen Augen. Sein Gemut war wunderbar beangstigt, er wusste nicht, wofur er sich entscheiden solle. Dieser Liebreiz, diese Heiterkeit seiner Phantasie bei Emmas Angedenken, die lusternen Bilder und Erinnerungen, die sich ihm offenbarten, und dann das Zauberlicht, das ihm aus dem Bildnisse des teuren Angesichts aus herrlicher Ferne entgegenleuchtete, die Gesange von Engeln, die ihn dorthin riefen, die schuldlose Kindheit, die wehmutige Sehnsucht, das Goldenste, Fernste und Schonste, was er erwunschen und erlangen konnte, daneben Sebastians Freude und Erstaunen, dazwischen das Grab.
Die Verworrenheit aller dieser Vorstellungen bemachtigte sich seiner so sehr, dass er zu weinen anfing, und keinen Gedanken erhaschte, der ihn trosten konnte. Ihm war, als wenn seine innerste Seele in den brennenden Tranen sich aus seinen Augen hinausweinte, als wenn er nachher nichts wunschen und hoffen durfte, und nur ungewisse, irrende Reue ihn verfolgen konne. Seine Kunst, sein Streben, ein edler Kunstler zu werden, sein Wirken und Werden auf der Erde erschien ihm als etwas Armseliges, Kaltes und jammerlich Durftiges. In Dammerung gingen die Gestalten der grossen Meister an ihm voruber, er mochte nach keinem mehr die Arme ausstrecken; alles war schon voruber und geendigt, wovon er noch erst den Anfang erwartete.
Er schweifte durch die Stadt, und die bunten Hauser, die Brucken, die Kirchen mit ihrer kunstlichen Steinarbeit, nichts reizte ihn, es genau zu betrachten, es sich einzupragen, wie er sonst so gern tat, in jedem Werke schaute ihn Verganglichkeit und zweckloses Spiel mit truben Augen, mit spottischer Miene an. Die Muhseligkeit des Handwerkers, die Emsigkeit des Kaufmanns, das trostlose Leben des Bettlers daneben schien ihm nun nicht mehr, wie immer, durch grosse Klufte getrennt: sie waren Figuren und Verzierungen von einem grossen Gemalde, Wald, Bergstrom, Gebirge, Sonnenaufgang waren Anhang zur truben, dunkeln Historie, die Dichtkunst, die Musik machten die Worte und Denkspruche, die mit ungeschickter Hand hineingeschrieben wurden. "Jetzt weiss ich", rief er im Unmute aus, "wie dir zumute ist, mein vielgeliebter Sebastian, erst jetzt lese ich aus mir selber deinen Brief, erst jetzt entsetze ich mich daruber, dass du recht hast. So kann keiner dem andern sagen und sprechen, was er denkt; wenn wir selbst wie tote Instrumente, die sich nicht beherrschen konnen, so angeschlagen werden, dass wir dieselben Tone angeben, dann glauben wir den andern zu vernehmen."
Die Melodie des Liedes von der Einsamkeit kam ihm ins Gedachtnis, er konnte es nicht unterlassen, das Gedicht leise vor sich hinzusingen, wobei er immer durch die Strassen lief, und sich endlich in das Getummel des Marktes verlor.
Er stand im Gedrange still, und ihm fiel bei, dass vielleicht keiner von den hier bewegten unzahligen Menschen seine Gedanken und seine Empfindungen kenne, dass er schon oft selbst ohne Arg herumgewandert sei, dass er auch vielleicht in wenigen Tagen alles vergessen habe, was ihn jetzt erschuttre, und er sich dann wohl wieder kluger und besser als jetzt vorkomme. Wenn er so in sein bewegtes Gemut sah, so war es, als wenn er in einen unergrundlichen Strudel hinabschaute, wo Woge Woge drangt und schaumt, und man doch keine Welle sondern kann, wo alle Fluten sich verwirren und trennen, und immer wieder durcheinanderwirbeln, ohne Stillstand, ohne Ruhe, wo dieselbe Melodie sich immer wiederholt, und doch immer neue Abwechselung ertont: kein Stillstand, keine Bewegung, ein rauschendes, tosendes Ratsel, eine endlose, endlose Wut des erzurnten, sturzenden Elements.
Kaufer und Verkaufer schrien und larmten durcheinander, Fremde, die sich zurechtfragten, Wagen, die sich gewaltsam Platz machten. Alle Arten von Esswaren umher gelagert, Kinder und Greise im Gewuhl, alle Stimmen und Zungen zum verwirrten Unisono vereinigt. Nach der andern Seite drangte sich das Volk voll Neugier, und Franz ward von dem ungestumen Strome mit ergriffen und fortgezogen, er bemerkte es kaum, dass er von der Stelle kam.
Als er naher stand, horte er durch das Gerausch der Stimmen, durch die oftere Unterbrechung, Fragen, Antworten und Verwunderung folgendes Lied singen:
"Wie uber Matten
Die Wolke zieht,
So auch der Schatten
Vom Leben flieht.
Die Jahre eilen
Kein Stillestand,
Und kein Verweilen,
Sie halt kein Band.
Nur Freude kettet
Das Leben hier,
Der Frohe rettet
Die Zeiten schier.
Ihm sind die Stunden
Was Jahre sind,
Sind nicht verschwunden
Wer so gesinnt.
Ihm sind die Kusse
Der goldne Wein
Noch mal so susse
Im Sonnenschein.
Ihm naht kein Schatten
Verganglichkeit,
Fur ihn begatten
Sich Freud und Zeit.
Drum nehmt die Freude
Und sperrt sie ein,
Dann musst ihr beide
Unsterblich sein."
Es war ein Madchen, die dieses Lied absang, indem kam Franz durch eine unvermutete Wendung dicht an die Sangerin zu stehn, das Gedrange presste ihn an sie, und indem er sie genau betrachtete, glaubte er Ludovico zu erkennen. Jetzt hatte ihn der Strom von Menschen wieder entfernt, und er konnte daher seiner Sache nicht gewiss sein, ein Leierkasten fiel ihm mit seinen schwerfalligen Tonen in die Ohren, und eine andre Stimme sang:
"Aus Wolken kommt die frohe Stunde,
O Mensch gesunde,
Lass Leiden sein und Bangigkeit
Wenn Liebchens Kuss dein Herz erfreut.
In Kussen webt ein Zaubersegen,
Drum sei verwegen,
Was schadet's, wenn der Donner rollt,
Wenn nur der rote Mund nicht schmollt."
Franz war erstaunt, denn er glaubte in diesem begleitenden Sanger Florestan zu erkennen. Er war wie ein alter Mann gestaltet, und verstellte, wie Sternbald glaubte, auch seine Stimme; doch war er noch zweifelhaft. In kurzer Zeit hatte er beide aus den Augen verloren, sosehr er sich auch bemuhte, sich durch die Menschen hindurchzudrangen.
Die beiden Gestalten lagen ihm immer im Sinne, er ging zum Kloster zuruck, aber er konnte sie nicht vergessen, er wollte sie wieder aufsuchen, aber es war vergebens. Indem er malte, kam die Abtissin mit einigen Nonnen hinzu, um ihm bei der Arbeit zuzusehn, die grosste von ihnen schlug den Schleier zuruck, und Franz erschrak uber die Schonheit, uber die Majestat eines Angesichts, die ihm plotzlich in die Augen fielen. Diese reine Stirn, diese grossen dunkeln Augen, das schwermutige, unaussprechlich susse Lacheln der Lippen nahm sein Auge gleichsam mit Gewalt gefangen, sein Gemalde, jede andre Gestalt kam ihm gegen diese Herrlichkeit trube und unscheinbar vor. Er glaubte auch noch nie einen so schlanken Wuchs gesehen zu haben, ihm fielen ein paar Stellen aus alten Gedichten ein, wo der Dichter von der siegenden Gewalt der Allerholdseligsten sprach, von der unuberwindlichen Waffenrustung ihrer Schone. Ein altes Lied sagte:
Lass mich los, um Gottes willen
Gib mich armen Sklaven frei,
Lass die Augen dir verhullen,
Dass ihr Glanz nicht todlich sei.
Musst du mich in Ketten schleifen
Starker als von Demantstein?
Muss das Schicksal mich ergreifen,
Ich ihr Kriegsgefangner sein?
"Wie", dachte Sternbald, "muss dem Manne sein, dem sich diese Arme freundlich offnen? dem dieser heilige Mund den Kuss entgegenbringt? Die Grazie dieser ubermenschlichen Engelsgestalt ganz sein Eigentum!"
Die Nonne betrachtete das Gemalde und den Maler in einer nachdenklichen Stellung, keine ihrer Bewegungen war lebhaft, aber wider Willen ward das Auge nachgezogen, wenn sie ging, wenn sie die Hand erhob, das Auge war entzuckt, in den Linien mitzugehn, die sie beschrieb. Franz gedachte an Roderigos Worte, der von der Grafin gesagt hatte, dass sie in Bewegungen Musik schriebe, dass jede Biegung der Gelenke ein Wohllaut sei.
Sie gingen fort, der Gesang der Nonnen erklang wieder. Franz fuhlte sich verlassen, dass er nicht neben der schonen Heiligen knien konnte, ganz in Andacht hingegossen, die Augen dahin gerichtet, wohin die ihrigen blickten, er glaubte, dass das allein schon ein hochst seliges Gefuhl sein musse, nur mit ihr dieselben Worte zu singen, zu denken. Wie widerlich waren ihm die Farben, die er auftragen, die Figuren, die er neu beleben sollte!
Auf den Abend sprach er den Bildhauer. Er schilderte ihm die Schonheit, die er gesehn hatte, Augustin schien beinahe eifersuchtig. Er erzahlte, wie es dasselbe Madchen sei, das in kurzem das Gelubde ablegen werde, von der der Kohler gesprochen habe, sie sei mit ihrem Stande unzufrieden, musse sich aber dem Willen der Eltern fugen. "Ihr habt recht", fuhr er gegen Franz fort, "wenn Ihr sie eine Heilige nennt, ich habe noch nie eine Gestalt gesehn, die etwas so Hohes, so Uberirdisches ausgedruckt hatte. Und nun denkt Euch diesen zuchtigen Busen entfesselt, diese Wangen mit Scham und Liebe kampfend, diese Lippen in Kussen entbrannt, das grosse Auge der Trunkenheit dahingegeben, dies Himmlische des Weibes im Widerspruch mit sich selbst und doch ihre schonste Bestimmung erfullend oh, wer auf weiter Erde ist denn gluckseliger und gebenedeiter, als dieser ihr Geliebter? Hohere Wonne wird auf dieser magern Erde nicht reif, und wem diese bescheret ist, vergisst die Erde und sich, und alles!"
Er schien noch weitersprechen zu wollen, aber plotzlich brach er ab, und verliess Sternbald, der im unnutzen Nachsinnen verloren war.
Franz hatte noch keine seiner Arbeiten mit dieser Unentschlossenheit und Beklemmung gemacht, er schamte sich eigentlich seines Malens an diesem Orte, besonders in Gegenwart der majestatischen Gestalt. Sie besuchte ihn regelmassig und betrachtete ihn genau. Ihre Gestalt pragte sich jedesmal tiefer in seine Phantasie, er schied immer weniger gern.
Die Malerei ging rascher fort, als er sich gedacht hatte. Die Genoveva machte er seiner teuren Unbekannten ahnlich, er suchte den Ausdruck ihrer Physiognomie zu erhohen, und den geistreichen Schmerz gut gegen die unschuldigen Gesichter der Tiergestalten abstechen zu lassen. Wenn die Orgel zuweilen ertonte, fuhlte er sich wohl selbst in schauerliche Einsamkeit entruckt, dann fuhlte er Mitleid mit der Geschichte, die er darstellte, ihn erschreckte dann der wehmutige Blick, den die Unbekannte von der Wand herab auf ihn warf, die Tiere mit ihren Denkspruchen ruhrten ihn innerlich. Aber fast immer sehnte er sich zu einer andern Arbeit hin.
Manchmal glaubte er, dass die schone Nonne ihn mit Teilnahme und Ruhrung betrachte, denn es schien zuweilen, als wenn sie jeden seiner Blicke aufzuhaschen suchte, sooft er die Augen auf sie wandte, begegnete er ihrem bedeutenden Blicke. Er wurde rot, der Glanz ihrer Augen traf ihn wie ein Blitz. Die Abtissin hatte sich an einem Morgen auf eine Weile entfernt, die ubrigen Nonnen waren nicht zugegen, und Sternbald war gerade unten am Gemalde beschaftigt, als das schone Madchen ihm plotzlich ein Papier in die Hand druckte. Er wusste nicht, wie ihm geschah, er verbarg es schnell. Die wunderbarste Zeit des Altertums mit allen ihren ungeheuren Marchen, dunkte ihm, ware ihm nahegetreten, hatte ihn beruhrt, und sein gewohnliches Leben sei auf ewig vollig entschwunden. Seine Hand zitterte, sein Gesicht gluhte, seine Augen irrten umher, und scheuten sich, den ihrigen zu begegnen. Er schwur ihr im Herzen Treue und feste Kuhnheit, er unternahm jegliche Gefahr, ihm schien es Kleinigkeit, das Grasslichste um ihrentwillen zu unternehmen. Er sah im Geiste Entfuhrung und Verfolgung vor sich, er fluchtete sich schon in Gedanken zu seiner Genoveva in die unzugangliche Wuste.
"Wer hatte das gedacht", sagte er zu sich, "als ich zuerst den steinernen Fussboden dieses Klosters betrat, dass hier mein Leben einen neuen Anfang nehmen wurde? dass mir das gelingen konne, was ich fur das Unmoglichste hielt?"
Indem versammelten sich die Nonnen auf dem Chor, die Glocke schlug ihre Tone, die ihm ins Herz redeten, man liess ihn allein, und der herzdurchdringende, einfache Gesang hob wieder an. Er konnte kaum atmen, so schienen ihn die Tone wie mit machtigen Armen zu umfassen und sich dicht an seine entzuckte Brust zu drucken.
Als alles wieder ruhig war, als er sich allein befand, nahm er den Brief wieder hervor, seine Hand zitterte, als er ihn erbrechen wollte, aber wie erstaunte er, als er die Aufschrift: An Ludovico, las! Er schamte sich vor sich selber, er stand eine Weile tief nachsinnend, dann arbeitete er mit neuer Inbrunst am Antlitz seiner Heiligen weiter, er konnte den Zusammenhang nicht begreifen, alle seine Sinne verwirrten sich. Das Gemalde schien ihn mit seinen alten Versen anzureden, Genoveva ihm seine Untreue, seinen Wankelmut vorzuwerfen.
Es war Abend geworden, als er das Kloster verliess. Er ging uber den Kirchhof nach dem Felde zu, als ihm wieder die dumpfen Leiertone auffielen. Der Alte kam auf ihn zu und nannte ihn bei Namen. Es war niemand anders als Florestan.
Sternbald konnte sich vor Erstaunen nicht finden, aber jener sagte: "Sieh, mein Freund, dies ist das menschliche Leben, wir nahmen vor kurzem so wehmutig Abschied voneinander, und nun triffst du mich so unerwartet und bald wieder, und zwar als alten Mann. Sei kunftig niemals traurig, wenn du einen Freund verlassest. Aber hast du nichts an Ludovico abzugeben?"
Sternbald ahndete nun den Zusammenhang, mit zitternder Hand gab er ihm den Brief, den er von der Nonne empfangen hatte. Florestan empfing ihn freudig. Als Franz ihn weiter befragte, antwortete er lustig: "Sieh, mein Freund, wir sind jetzt auf Abenteuer, Ludovico liebt sie, sie ihn, in wenigen Tagen will er sie entfuhren, alle Anstalten dazu sind getroffen, ich fuhre bei ihm ein Leben wie im Himmel, alle Tage neue Gefahren, die wir glucklich uberstehn, neue Gegenden, neue Lieder und neue Gesinnungen."
Franz wurde empfindlich. "Wie?" sagte er im Eifer, "soll auch sie ein Schlachtopfer seiner Verfuhrungskunst, seiner Treulosigkeit werden? Nimmermehr!"
Rudolph horte darauf nicht, sondern bat ihn, nur einen Augenblick zu verweilen, er musse Ludovico sprechen, wurde aber sogleich zuruckkommen. Vor allen Dingen aber solle er dem Bildhauer Bolz nicht ein Wort davon entdecken.
Franz blieb allein und konnte sich uber sich selbst nicht zufriedengeben, er wusste nicht, was er zu allem sagen solle. Er setzte sich unter einem Baume nieder, und Rudolph kam nach kurzer Zeit zuruck. "Hier, mein liebster Freund", sagte dieser, "diesen Zettel musst du morgen deiner schonen Heiligen ubergeben, er entscheidet ihr Schicksal."
"Wie?" rief Franz bewegt aus, "soll ich mich dazu erniedrigen, das herrlichste Geschopf vernichten zu helfen? Und du Rudolph kannst mit diesem Gleichmute ein solches Unternehmen beginnen? Nein, mein Freund, ich werde sie vor dem Verfuhrer warnen, ich werde ihr raten, ihn zu vergessen wenn sie ihn liebt, ich werde ihr erzahlen, wie er gesinnt ist."
"Sei nicht unbesonnen", sagte Florestan, "denn du schadest dadurch dir und allen. Sie liebt ihn, sie zittert vor dem Tage ihrer Einkleidung, die Flucht ist ihr freier Entschluss, was geht dich das ubrige an? Und Ludovico wird und kann ihr nicht niedrig begegnen. Seit er sie kennt, ist er, mochte ich sagen, durchaus verandert. Er betet sie an, wie ein himmlisches, uberirdisches Wesen, er will sie zu seiner Gattin machen, und ihr die Treue seines Lebens widmen. Aber lebe wohl, ich habe keine Zeit zu verlieren, sprich zum Bildhauer kein Wort, ich lasse dir den Brief, denn du bist mein und Ludovicos Freund, und wir trauen dir beide keine Schandlichkeit zu."
Mit diesen Worten eilte Florestan fort, und Sternbald ging zur Stadt zuruck. Er wich dem Bildhauer aus, um sich nicht zu verraten. Am folgenden Morgen erwartete er mit Herzklopfen die Gelegenheit, mit der er der schonen Nonne das Billet zustecken konne. Sie nahm es mit Erroten, und verbarg es im Busen. Uber ihr lilienweisses Gesicht legte sich ein so holdes Schamrot, ihre gesenkten Augen glanzten so hell, dass Franz ein vom Himmel verklartes Wesen vor sich zu sehen glaubte. Sie schien nun ein Vertrauen zu Franz zu haben und doch seine Augen zu furchten, ihre Majestat war sanfter und um so lieblicher. Franz war im innersten Herzen bewegt.
Die Zeit verging, die Arbeit am Gemalde nahte sich ihrer Vollendung. Bolz schien mit einem grossen Unternehmen schwanger zu gehen, seinem Freunde Sternbald sich aber nicht ganz vertrauen zu wollen. An einem Morgen, als er wieder zum Malen ging, es war der letzte Tag seiner Arbeit, fand er das ganze Kloster in der grossten Bewegung. Alle liefen unruhig durcheinander, man suchte, man fragte, man erkundigte sich, die schone Novize ward vermisst, der Tag ihrer Einkleidung war ganz nahe. Sternbald ging schnell an seine Arbeit, sein Herz war unruhig, er war ungewiss, ob er sich etwas vorzuwerfen habe.
Wie freute er sich, als er nun das Gemalde vollendet hatte, als er wusste, dass er das Kloster nicht mehr zu besuchen brauche, in welchem die Schonheit nicht mehr war, die seine Augen nur zu gern aufgesucht hatten. Er erhielt von der Abtissin seine Bezahlung, betrachtete das Gemalde noch einmal, und ging dann ubers Feld nach der Stadt zuruck.
Er zitterte fur seine Freunde, fur die schone Nonne; er suchte den Bildhauer auf, der aber nirgends anzutreffen war. Er verliess schon am folgenden Morgen die Stadt, um sich endlich Italien zu nahern, und Rom den erwunschten Ort zu sehn.
Gegen Mittag fand er am Wege den Bildhauer Bolz liegen, der ganz entkraftet war. Franz erstaunte nicht wenig, ihn dort zu finden. Mit Hulfe einiger Voruberwandernden brachte er ihn ins nahe Stadtchen, er war verwundet, entkraftet und verblutet, aber ohne Gefahr.
Franz sorgte fur ihn, und als sie allein waren, sagte Augustin: "Ihr trefft mich hier, mein Freund, gewiss gegen Eure Erwartung an, ich harte Euch mehr vertrauen, und mich fruher Eurer Hulfe bedienen sollen, so ware mir dies Ungluck nicht begegnet. Ich wollte die Nonne, die man in wenigen Tagen einkleiden wollte, entfuhren, ich beredete Euch deshalb, Euch im Kloster dort zu verdingen. Aber man ist mir zuvorgekommen. In der verwichenen Nacht traf ich sie in Gesellschaft von zwei unbekannten Mannern, ich fiel sie an und ward uberwaltigt. Ich zweifle nicht, dass es ein Streich von Roderigo ist, der sie kannte, und sie schon vor einiger Zeit rauben wollte."
Franz blieb einige Tage bei ihm, bis er sich gebessert hatte, dann nahm er Abschied, und liess ihm einen Teil seines Geldes zur Pflege des Bildhauers zuruck.
Drittes Kapitel
Aus Florenz antwortete Franz seinem Freunde Sebastian folgendermassen: Liebster Sebastian! Ich mochte zu Dir sagen: sei gutes Muts! wenn Du jetzt imstande warest, auf meine Worte zu horen. Aber leider ist es so beschaffen, dass wenn der andre uns zu trosten vermochte, wir uns auch selber ohne weiteres trosten konnten. Darum will ich lieber schweigen, liebster Freund, weil uberdies wohl bei Dir die truben Tage vorubergegangen sein mogen.
In jedem Falle, lieber Bruder, verliere nicht den Mut zum Leben, bedenke, dass die traurigen Tage ebenso gewiss als die frohlichen vorubergehen, dass auf dieser veranderlichen Welt nichts eine dauernde Stelle hat. Das sollte uns im Ungluck trosten und unsre ubermutige Frohlichkeit dampfen.
Wenn ich Dich doch, mein Liebster, auf meiner Reise bei mir hatte! Wie ich da alles mehr und inniger geniessen wurde! Wenn ich Dir nur alles sagen konnte, was ich lerne und erfahre, und wie viel Neues ich sehe und schon gesehen habe! Es uberschuttet und uberwaltigt mich oft so, dass ich mich angstige, wie ich alles im Gedachtnis, in meinen Sinnen aufbewahren will. Die Welt und die Kunst ist viel reicher, als ich vorher glauben konnte. Fahre nur eifrig fort zu malen, Sebastian, damit Dein Name auch einmal unter den wurdigen Kunstlern genannt werde, Dir gelingt es gewiss eher und besser als mir. Mein Geist ist zu unstet, zu wankelmutig, zu schnell von jeder Neuheit ergriffen; ich mochte gern alles leisten, und daruber werde ich am Ende gar nichts tun konnen.
So ist mein Gemut aufs heftigste von zwei neuen grossen Meistern bewegt, vom venezianischen Tizian und von dem allerlieblichsten Antonio Allegri von Correggio. Ich habe, mocht ich sagen, alle ubrige Kunst vergessen, indem diese edlen Kunstler mein Gemut erfullen, doch hat der letztere auch beinahe den erstern verdrangt. Ich weiss mir in meinen Gedanken nichts Holdseligers vorzustellen, als er uns vor die Augen bringt, die Welt hat keine so liebliche, so vollreizende Gestalten, als er zu malen versteht. Es ist, als hatte der Gott der Liebe selber in seiner Behausung gearbeitet und ihm die Hand gefuhrt. Wenigstens sollte sich nach ihm keiner unterfangen, Liebe und Wollust darzustellen, denn keinem andern Geiste hat sich so das Glorreiche der Sinnenwelt offenbart.
Es ist etwas Kostliches, Unbezahlbares, Gottliches, dass ein Maler, was er in der Natur nur Reizendes findet, was seine Imagination nur veredeln und vollenden kann, uns nicht in Gleichnissen, in Tonen, in Erinnerungen oder Nachahmungen aufbewahrt, sondern es auf die kraftigste und fertigste Weise selber hinstellt und gibt. Darum ist auch in dieser Hinsicht die Malerei die erste und vollendeteste Kunst, das Geheimnis der Farben ist anbetungswurdig. Der Reiche, der Correggios Gemalde, seine Leda, seine badenden schonsten Nymphen besitzt, hat sie wirklich, sie bluhen in seinem Palaste in ewiger Jugend, der allerhochste Reiz ist bei ihm einheimisch, wonach andre mit gluhender Phantasie suchen, was Stumpfere mit ihren Sinnen sich nicht vorstellen konnen, lebt und webt bei ihm wirklich, ist seine Gottin, seine Geliebte, sie lachelt ihn an, sie ist gern in seiner Gegenwart.
Wie ist es moglich, wenn man diese Bilder gesehen hat, dass man noch vom Kolorit geringschatzend sprechen kann? Wer wurde nicht von der Allmacht der Schonheit besiegt werden, wenn sie sich ihm nackt und unverhullt, ganz in Liebe hingegeben, zu zeigen wagte? Das Studium dieser himmlischen Jugendgeister hat die grosse Zauberei erfunden, dies und noch mehr unsern Augen moglich zu machen.
Was die Gesange des liebenden Petrarka wie aus der Ferne heruberwehen, Schattenbilder im Wasser, die mit den Wogen wieder wegfliessen, was Ariosts feuriger Genius nur lustern und in der Ferne zeigen kann, wonach wir sehen und es doch nicht entdecken konnen, im Walde fernab die ungewissesten Spuren, die dunkeln Gebusche verhullen es, sosehr wir darnach irren und suchen; alles das steht in der allerholdseligsten Gegenwart dicht vor uns. Es ist mehr, als wenn Venus uns mit ihrem Knaben selber besuchte, der Genuss an diesen Bildern ist die hohe Schule der Liebe, die Einweihung in die hochsten Mysterien, wer diese Gemalde nicht verehrt, versteht und sich an ihnen ergotzt, der kann auch nicht lieben, der muss nur gleich sein Leben an irgendeine unnutze, muhselige Beschaftigung wegwerfen, denn ihm ist es verborgen, was er damit anfangen kann.
Eine Zeichnung mag noch so edel sein, die Farbe bringe erst die Lebenswarme, und ist mehr und inniger, als der korperliche Umfang der Bildsaule.
Auch in seinen geistlichen Kompositionen spiegelt sich eine liebende Seele, der Gurtel der Venus ist auch hier verborgen, und man weiss immer nicht, welche seiner Figuren ihn heimlich tragt. Auge und Herz bleiben gern verweilend zuruckgezogen; der Mensch fuhlt sich bei ihm in der Heimat der glucklichsten Poesie, er denkt: ja, das war es, was ich suchte, was ich wollte und es immer zu finden verzweifelte. Vulkans kunstliches Netz zieht sich unzerreissbar um uns her, und schliesst uns eng und enger an Venus, die vollendete Schonheit an.
Es herrscht in seinen Bildern nicht halbe Lusternheit, die sich verstohlen und ungern zu erkennen gibt, die der Maler erraten lasst, der sich gleich darauf gern wieder zuruckzoge, um viel zu verantworten zu haben, sich aber auch wirklich zu verantworten; es ist auch nicht gemeine Sinnlichkeit, die sich gegen den edlern Geist emport, um sich nur blosszustellen, um in frecher Schande zu triumphieren, sondern die reinste und hellste Menschheit, die sich nicht schamt, weil sie sich nicht zu schamen braucht, die in sich selbst durchaus gluckselig ist. Es ist, so mocht ich sagen, der Fruhling, die Blute der Menschheit: alles im vollen, schwelgenden Genuss, alle Schonheit emporgehoben in vollster Herrlichkeit, alle Krafte spielend und sich ubend im neuen Leben, im frischen Dasein. Herbst ist weitab, Winter ist vergessen, und unter den Blumen, unter den Duften und grunglanzenden Blattern wie ein Marchen, von Kindern erfunden.
Es ist, als wenn ich mit der weichen, ermattenden und doch erfrischenden Luft Italiens eine andere Seele einzoge, als wenn mein inneres Gemut auch einen ewigen Fruhling hervortriebe, wie er von aussen um mich glanzt und schwillt und sich treibend bluht. Der Himmel hier ist fast immer heiter, alle Wolken ziehen nach Norden, so auch die Sorgen, die Unzufriedenheit. Oh, liebster Bruder, Du solltest hiersein, die Harfenstimmen der Geister, die Blumenhande der unsichtbaren Engel wurden auch Dich beruhren und heilen.
In wenigen Tagen reise ich nach Rom. Ein verstandiger Mann, der die Kunst uber alles liebt, ist mein Begleiter, er und seine junge schone Frau reisen ebenfalls nach Rom. Er heisst Castellani.
Ich habe mancherlei unterdessen gearbeitet, womit ich aber nicht sonderlich zufrieden bin: doch erleichtert mir mein Verdienst die Reise. Lass es mir doch niemals an Nachrichten von Dir mangeln. Lebe wohl, liebe immer wie sonst
Deinen Franz Sternbald.
Viertes Kapitel
Franz blieb langer in Florenz, als er sich vorgenommen hatte, sein neuer Freund Castellani ward krank, und Sternbald war gutherzig genug, ihm Gesellschaft zu leisten, da jener zu Florenz fast ganz fremde war. Er konnte den Bitten seiner jungen Frau, der freundlichen Lenore, sich nicht widersetzen, und da er in Florenz fur seine Kunst noch genug zu lernen fand, so gereute ihn auch dieser Abschub nicht.
Es ereignete sich ausserdem noch ein sonderbarer Vorfall. Es fugte sich oft, dass er bei seinen Besuchen seinen Freund nicht sprechen konnte, Lenore war dann allein, und noch ehe er es bemerken konnte, war er an sie gefesselt. Er kam bald nur, um sie zu sehen. Lenore schien gegen Franz sehr gefallig, ihre schalkhaften Augen sahen ihn immer lustig an, ihr mutwilliges Gesprach war immer belebt. An einem Morgen entdeckte sie ihm unverhohlen, dass Castellani nicht mit ihr verheiratet sei, sie reise, sie lebe nur mit ihm, in Turin habe sie ihn kennengelernt, und er sei ihr damals liebenswurdig vorgekommen. Franz war sehr verlegen, was er antworten solle; ihn entzuckte der leichte, flatterhafte Sinn dieses Weibes, obgleich er ihn verdammen musste, ihre Gestalt, ihre Freundlichkeit gegen ihn. Sie sahen sich ofter und waren bald einverstanden; Franz machte sich Vorwurfe, aber er war zu schwach, dies Band wieder zu zerreissen.
Es gelang ihm, mit einem Maler in Florenz in Bekanntschaft zu geraten, der niemand anders war, als Franz Rustici, der damals in dieser Stadt und Italien in grossem Ansehn stand. Dieser verschaffte ihm ein Bild zu malen, und schien an Sternbald Anteil zu nehmen. Sie sahen sich ofter, und Franz ward in Rusticis Freundschaft aufgenommen.
Dieser Maler war ein lustiger, offener Mann, der ernst sein konnte, wenn er wollte, aber immer fur leichten Scherz Zeit genug ubrigbehielt. Franz besuchte ihn oft, um von ihm zu lernen und sich an seinen sinnreichen Gesprachen zu ergotzen. Rustici war ein angesehener Mann in Florenz, aus einer guten Familie, der bei Andrea Verocchio und dem beruhmten Leonard da Vinci seine Kunst erlernt hatte. Franz bewunderte den grossen Ausdruck an seinen Bildern, die wohluberdachte Komposition.
Nachdem sich beide oft gesehen hatten, sagte Rustici an einem Tage zu Sternbald: "Mein lieber deutscher Freund, besucht mich am kunftigen Sonnabend in meinem Garten vor dem Tore, wir wollen dort lustig miteinander sein, wie es sich fur Kunstler ziemt. Wir machen oft eine frohliche Gesellschaft zusammen, zu der der Maler Andrea gehort, den Ihr kennt, und den man immer del Sarto von seinem Vater her zu nennen pflegt; dieser wird auch dort sein. Die Reihe, einen Schmaus zu geben, ist nun an mich gekommen, Ihr mogt auch Eure Geliebte mitbringen, denn wir wollen tanzen, lachen und scherzen."
"Wenn ich nun keine habe, die ich mitbringen kann", antwortete Franz.
"Oh, mein Freund", sagte der Florentiner, "ich wurde Euch fur keinen guten Kunstler halten, wenn es Euch daran fehlen sollte. Die Liebe ist die halbe Malerei, sie gehort mit zu den Lehrmeistern in der Kunst. Vergesst mich nicht, und seid in meiner Gesellschaft recht frohlich."
Franz verliess ihn. Castellani war nach Genua gereist, um dort einen Arzt, seinen Freund, zu sehen, seine Geliebte war in Florenz zuruckgeblieben. Franz bat um ihre Gesellschaft auf den kommenden Schmaus, die sie ihm auch zusagte, da sie sich wenig um die Reden der Leute kummerte.
Der Tag des Festes war gekommen. Lenore hatte ihren schonsten Putz angelegt, und war liebenswurdiger, als gewohnlich. Franz war zufrieden, dass sie Aufmerksamkeit und Flustern erregte, als er sie durch die Strassen der Stadt fuhrte. Sie schien sich auch an seiner Seite zu gefallen, denn Franz war jetzt in der bluhendsten Periode seines Lebens, sein Ansehn war munter, sein Auge feurig, seine Wangen rot, sein Schritt und Gang edel, beinahe stolz. Er hatte die Demut und Schuchternheit fast ganz abgelegt, die ihn bis dahin immer noch als einen Fremden kennbar machte. Er geriet nun nicht mehr so, wie sonst, in Verlegenheit, wenn ein Maler seine Arbeiten lobte, weil er sich auch daran mehr gewohnt hatte.
Sternbald fand schon einen Teil der Gesellschaft versammelt, die ganz aus jungen Mannern und Madchen oder schonen Weibern bestand. Er grusste den Meister Andrea freundlich, der ihn schon kannte, und der ihm mit seiner gewohnlichen leichtsinnigen und doch bloden Art dankte. Man erwartete den Wirt, von dem sein Schuler Bandinelli erzahlte, dass er nur noch ein fertiges Gemalde in der Stadt nach dem Eigentumer gebracht habe, und eine ansehnliche Summe dafur empfangen werde.
Der Garten war anmutig mit Blumengangen geschmuckt, mit schonen grunen Rasenplatzen dazwischen und dunkeln, schattigen Gangen. Das Wetter war schon, ein erfrischender Wind spielte durch die laue Luft, und erregte ein stetes Flustern in den bewegten Baumen. Die grossen Blumen dufteten, alle Gesichter waren frohlich.
Francesco Rustici kam endlich, nachdem man ihn lange erwartet hatte, er naherte sich der Gesellschaft freundlich, und hatte das kleine Korbchen in der Hand, in dem er immer seine Barschaft zu tragen pflegte. Er grusste alle hoflich, und bewillkommte Franz vorzuglich freundschaftlich. Andrea ging aufgeraumt auf ihn zu, und sagte: "Nun, Freund, du hast noch vorher ein ansehnliches Geschaft abgemacht, lege deinen Schatz ab, der dir zur Last fallt, vergiss deine Malereien, und sei nun ganz mit uns frohlich."
Francesco warf lachend den leeren Korb ins Gebusch, und rief aus: "Oh, mein Freund, heute fallen mir keine Geldsummen zur Last, ich habe nichts mehr."
"Du bist nicht bezahlt worden?" rief Andrea aus, "ja, ich kenne die vornehmen und reichen Leute, die es gar nicht wissen und nicht zu begreifen scheinen, in welche Not ein armer Kunstler geraten kann, der ihnen nun endlich seine fertige Arbeit bringt, und doch mit leeren Handen wieder zuruckgehen muss. Ich bin manchmal schon so bose geworden, dass ich Pinsel und Palette nachher in den Winkel warf und die ganze Malereikunst verfluchte. Sei nicht bose daruber, Francesco, du musst dich ein paar unnutze Gange nicht verdriessen lassen."
"Er ist bezahlt", sagte ein junger Mann, der mit dem Maler gekommen war.
"Und wo hat er denn sein Geld gelassen?" fragte Andrea verwundert.
"Ihr kennt ja seine Art", fuhr jener fort, "wie er keinen Armen vor sich sehen kann, ohne ihn zu beschenken, wenn er Geld bei sich hat. Kaum sahen sie ihn daher heute aus dem Palast kommen und seinen bekannten Korb an seinem Arm, als ihm auch alle Bettler folgen, die mit seiner Gutherzigkeit bekannt sind. Er gab jedem reichlich, und nahm es nicht ubel, dass einige darunter waren, denen er erst gestern gegeben hatte; als ich es ihm heimlich sagte, antwortete er lachend: 'Mein Freund, sie wollen aber heute wieder essen.' Ein alter Mann stand von der Seite und sah dem Austeilen zu, er heftete die Augen aufmerksam auf den Korb, und seufzte fur sich: 'Ach Gott, wenn ich doch nur das Geld hatte, das in diesem Korbe ist!' Francesco hatte es unvermuteterweise gehort. Er geht auf den Alten zu, und fragt, ob es ihn glucklich machen wurde? 'Oh, mich und meine Familie', ruft jener, 'aber seid nicht bose, ich dachte nicht, dass Ihr es horen wurdet.' Sogleich kehrt mein launiger Francesco den ganzen Korb um, und schuttet ihn dem alten Bettler in seine lederne Mutze, geht davon, ohne auch nur den Dank abzuwarten."
"Ihr seid ein edler Mann!" rief Sternbald aus.
"Oh, Ihr irrt", sagte der Maler, "es ist gar nichts Besonderes, ich kann den Armen nicht sehen, es jammert mich, und so gebe ich ihm wenigstens, da ich nicht mehr tun kann. Bei diesem Alten fiel mir ein, wie manche unnutze Ausgaben ich in meinem Leben schon gemacht hatte, wie wenig ich aufopfre, wenn ich mir eine Tapete oder ein kostbares Hausgerat versage. Ich dachte: 'Wenn du nun kein Geld bekommen, wenn du das Gemalde gar nicht gemalt hattest?' Ich sah Kinder und seine alte zerlumpte Gattin in Gedanken vor mir, die mit so heisser Sehnsucht seine Ruckkehr erwarteten."
"Aber wenn du so handeln willst", sagte Andrea, "so kannst du deinem Geben gar keinen Einhalt tun."
"Das ist es eben, was mich betrubt", fuhr Rustici fort, "dass ich meine Gutherzigkeit einschranken muss, dass alles, was wir an Wohltaten tun konnen, nichts ist, weil wir nicht immer, weil wir nicht alles geben konnen. Es ist eine sonderbare Fugung des Schicksals, dass Uberfluss und Pracht und druckender Mangel dicht nebeneinander bestehen mussen, die Armut auf Erden kann niemals aufgehoben werden, und wenn alle Menschen gleich waren, mussten sie alle betteln, und keiner konnte geben. Das allein trostet mich auch oft daruber, wenn mir einfallt, dass ich mich bei meiner Kunst wohl befinde, indessen andre, die weit hartere Arbeiten tun, die weit fleissiger sind, Mangel leiden mussen. Hier ist auf Erden See und Weltmeer, hier stromen grosse Flusse, dort leiden die heissen Ebenen, die wenigen Pflanzen ersterben aus Mangel am notigen Wasser. Einer soll gar nicht dem andern nutzen, jedes Wesen in der Natur ist um sein selbst willen da. Doch, wir mussen uber das Gesprach nicht unsers Gastmahls vergessen."
Er versammelte hierauf die Gesellschaft. Ein schoner Knabe ging mit einem Korbe voll grosser Blumenkranze herum, jeder musste einen davon nehmen und ihn sich auf die Stirn drucken. Nun setzte man sich um einen runden Tisch, der auf einem schattigen kuhlen Platze im Garten gedeckt war, an allen Orten standen schone Blumen, die Speisen wurden aufgetragen. Die Gesellschaft nahm sich sehr malerisch aus, mit den grossen, vollen, bunten Kranzen, jeder sass bei seiner Geliebten, Wein ward herumgegeben, aus den Gebuschen erschallten Instrumente von unsichtbaren Musikanten.
Rustici stand auf, und nahm ein volles Glas: "Nun zuerst", rief er aus, "dem Stolze von Toskana, dem grossten Manne, den das florentinische Vaterland hervorgebracht hat, dem grossen Michael Agnolo Buonarotti!" Alle stiessen an, alle liessen ihr "Er lebe!" ertonen.
"Schade", sagte Andrea, "dass unser wahnsinniger Camillo uns verlassen hat, und jetzt in Rom herumwandert, er wurde uns eine Rede halten, die sich gut zu dieser Gelegenheit schickt."
Muntere Trompeten ertonten zu den Gesundheiten, und Floten mit Waldhornern gemischt klangen, wenn sie schwiegen, vom entfernten Ende des Gartens. Die Schonen wurden erheitert, sie legten nun auch den Schleier ab, sie losten die Locken aus ihren Fesseln, der Busen war bloss. Franz sagte: "Nur ein Kunstler kann die Welt und ihre Freuden auf die wahre und edelste Art geniessen, er hat das grosse Geheimnis erfunden, alles in Gold zu verwandeln. In Italien ist es, wo die Wollust die Vogel zum Singen antreibt, wo jeder kuhle Baumschatten Liebe duftet, wo es dem Bache in den Mund gelegt ist, von Wonne zu rieseln und zu scherzen. In der Fremde, im Norden ist die Freude selbst eine Klage, man wagt dort nicht, den voruberschwebenden Engel bei seinem grossen goldenen Flugel herunterzuziehen."
Ein Madchen gegenuber nahm den Blumenstrauss von der weissen Brust, und warf ihn Franzen nach den Augen, indem sie ausrief: "Ihr solltet ein Dichter sein, Freund, und kein Maler, dann solltet Ihr lieben, und Euch taglich in einem neuen Sonette horen lassen."
"Nehmt mich zu Eurem Geliebten an", rief Sternbald aus, "so mogt Ihr mich vielleicht begeistern. Diese Blumen will ich als ein Andenken an Eure Schonheit aufbewahren."
"Sie welken", sagte jene, "der liebliche Brunnquell, aus dem ihr Duft emporsteigt, versiegt, sie fallen zusammen, sie lassen die Haupter sinken, und freilich vergeht alles so, was schon genannt wird."
Franz war von der wundervollen Versammlung, von den Blumen, den schonen Madchen, Musik und Wein begeistert, er stand auf und sang:
"Warum Klagen, dass die Blume sinkt
Und in Asche bald zerfallt:
Dass mir heut ein lustern Auge winkt
Und das Alter diesen Glanz entstellt.
Ihm mit allen Kraften nachzuringen,
Fest zu halten unsrer Schonen Hand
Ja, die Liebe leiht die machtgen Schwingen
Von Verganglichkeit, sie knupft das Band.
Sagt, was ware Gluck, was Liebe?
Keiner betete zu ihr
Wenn sie ewig bei uns bliebe,
Schonheit angefesselt hier.
Aber wenn auch keine Trennung droht,
Eifersucht und Ungetreue schweigen,
Alle sich der Liebe neigen,
Furchten gleich Geliebte keinen Tod
Ach! Verganglichkeit knupft schon die Ketten,
Denen kein Entrinnen moglich bleibt,
Lieb und Treue konnen hier nicht retten,
Wenn die harte Zeit Gesetze schreibt.
Darum geizen wir nach Kussen,
Beugen Schonen unser Knie,
Winke, Lippen, Lacheln grussen
Allzuoft zur Freude nie."
Als er geendigt hatte, schamte er sich seines Rausches, und Rustici rief aus: "Seht, meine Landsleute, da einen Deutschen, der uns Italiener beschamt! Er wird uns alle unsre Schonen abtrunnig machen."
Andrea sagte: "Ein Gluck, dass ich noch Brautigam bin, fur meine Frau wurd ich sehr besorgt sein. Aber seht ihn nur an, jetzt sitzt er so ernsthaft da, als wenn er auf eine Leichenrede dachte. Mir fallt dabei mein Lehrer Piero di Cosimo ein, der immer von so vielen recht trubseligen Gedanken beunruhigt wurde, der sich vor dem Tode uber alle Massen furchtete, der sich unter sonderbaren Phantomen abangstigte, und sich doch wieder an recht reizenden, ja ich mochte beinahe sagen, leichtfertigen Phantasieen ergotzte."
Rustici sagte: "Er war gewiss eins der seltsamsten Gemuter, die noch auf Erden gelebt haben, seine Bilder sind zart und vom Geiste der Wollust und Lieblichkeit beseelt, und er sass, gleich einem Gefangenen, in sich selber eingeschlossen, seine Hand nur ragte aus dem Kerker hervor, und hatte keinen Teil an seinem ubrigen Menschen. Seine Kunst lustwandelte auf gruner Wiese, indem seine Phantasie den Tod herbeirief, und tolle, schwermutige Maskeraden erfand."
Das Gesprach der Maler ward hier unterbrochen, denn die Madchen und jungen Leute sprachen von allerhand lustigen Neuigkeiten aus der Stadt, wodurch die Sprechenden uberstimmt wurden. Das lebhafte Madchen, das Laura hiess, erzahlte von einigen Nachbarinnen aus der Stadt uberaus frohliche Geschichten, die keiner als Franz anstossig fand. Er sass ihren schwarzen Augen gegenuber, die ihn unablassig verfolgten, bei jeder lebhaften Bewegung, wenn sie sich voruberbog, machte sie den schonsten Busen sichtbarer, ihre Arme wurden ganz frei, und zeigten die weisseste Rundung. Lenore ward etwas eifersuchtig, und entblosste ihre Arme, um sie mit denen ihrer Gegnerin zu vergleichen, die ubrigen Madchen lachten.
Andrea und Francesco hatten sich abseits unter einen Baum gesetzt, und fuhrten ein ernsthaftes Gesprach; beide waren von Wein begeistert. "Du verstehst mich nicht", sagte Rustici mit vielem Eifer, "der Sinn dafur ist dir verschlossen, ich gebe aber darum doch meine Bemuhungen nicht auf. Glaube nur, mein Bester, dass zu allen grossen Dingen eine Offenbarung gehort, wenn sie sich unsern Sinnen mitteilen sollen, ein Gast muss plotzlich herabsteigen, der unsern Geist mit seinem fremden Einfluss durchdringt. So ist es auch mit der erhabenen Kunst der Alchimie beschaffen."
"Es ist und bleibt immer unbegreiflich", sagte der langsamere Andrea, "dass du durch Zeichen und wunderbare, unverstandliche Verbindungen so viel ausrichten willst."
"Lass mich nur erst zum Ende kommen", eiferte Francesco, "so sind diese Verbindungen nicht mehr wunderbar, so erscheint alles einfach und klar vor unsern Augen. Die anscheinende Verwirrung muss uns nur nicht abschrecken, es ist die Ordnung selbst, die in diesen Buchstaben, in diesen unverstandlichen Hieroglyphen uns gleichsam stammelnd oder wie aus der Ferne anredet. Treten wir nur dreist naher hinzu, so wird jede Silbe deutlicher, und wir verwundern uns denn nur daruber, dass wir uns vorher verwundern konnten. Ein guter Geist hat dem Sternbald eingegeben, zu sagen, dass sich alles unter der Hand des Kunstlers in Gold verwandle. Wie schwierig ist der Anfang zu jeglicher Kunst! Und wird nicht alles in dieser Welt verwandelt und aus unkenntlichen Massen zu fremdartigen Massen erzogen? Warum soll es mit den Metallen anders sein? Schweben nicht uber die ganze Natur wohltatige Geister, die nur Seltsamkeiten aushauchen, nur in einer Atmosphare von Unbegreiflichkeiten leben, und so wie der Mensch alles sich gleich oder ahnlich macht, sie ebenso alle Elemente umher, wenn sie noch so feindselig sind, noch so trage in der Alltaglichkeit sich herumbewegen, anruhren und in Wunder umschaffen. An diese Geister mussen wir glauben, um auf sie zu wirken; du musst der Begeisterung beim Malen vertrauen, und du weisst nicht, was sie ist, woher sie kommt, die Geisteratmosphare umweht dich und es geschieht: mit unserm innerlichen Seelenothem mussen wir jene Geisterwelt herbeisaugen, unser Herz muss sie magnetisch an sich reissen, und siehe, sie muss ihrer Natur nach, durch ihre blosse Gegenwart das unbegreifliche Wunder wirken."
Andrea wollte etwas antworten, als die Trompeten laut ertonten, und ihr sonderbares Gesprach unterbrachen. "Ihr seid", sagte die schalkhafte Laura, "sehr ernsthaft geworden."
"Verzeiht", antwortete der freundliche Rustici, "ich kann meine Natur nicht immer ganz beherrschen, und alle sussen Tone der Instrumente und der Sangerin ziehen sie zur Melancholie. Ich habe mich oft gefragt: woher? warum? aber ich kann mir selber keine Rechenschaft geben."
"Ihr werdet vielleicht dadurch an trubselige Gegenstande erinnert", sagte Laura.
"Nein, das ist es nicht", fuhr der Maler fort, "sondern mir ist im Gegenteil innerlich dann sehr wohl, meine Freude, die wie ein gefangener Adler in Ketten gesessen hat, schlagt nun mit einem Male die muntern, tapfern Schwingen auseinander. Ich fuhle, wie die Kette zerreisst, die mich noch an der Erde hielt, uber die Wolken hinaus, uber die Bergspitzen hinuber, der Sonne entgegen mein Flug gewendet. Aber nun verlieren sich unter mir die Farben, und die Abwechselungen und Absonderungen der bunten Welt. Ich bin frei, aber die Freiheit genugt mir nicht, ich kehre zuruck und reisse mich von neuem empor. Es ist, als wenn Stimmen mich erinnerten, dass ich schon einst viel glucklicher gewesen sei, und dass ich auf dieses Gluck von neuem hoffen musse. Die Musik ist es nicht selbst, die so zu mir spricht, aber ich hore sie wie abgebrochene Laute aus einer ehemaligen verlornen Welt, die ganz und durchaus nur Musik war, die nicht Teile, Abgesonderheit hatte, sondern wie ein einziger Wohllaut, lauter Biegsamkeit und Gluck dahinschwebte, und meinen Geist auf ihren weichen Schwanenfedern trug, statt dass er auch jetzt noch auf den sussesten Tonen wie auf Steinen liegt, und sein Ungluck fuhlt und beklagt."
"So ist Euch nicht zu helfen, phantastischer lieber Maler und Freund", sagte Laura lachend, indem sie ihm die weisse Hand reichte, die er ehrerbietig kusste. Dann drehte sie sich von ihm, und sprach im Getummel der ubrigen Madchen umher, sie hatten beschlossen, dass sie nun, da es kuhl geworden war, einen muntern Tanz auffuhren wollten, wie ihn die frohlichen Landleute in Italien zu tanzen pflegen.
Der Tanz ging vor sich, aber Sternbald und Lenore blieben zuruck, weil er es nicht wagen mochte, diese leichten, schnellen und ihm ungewohnlichen Bewegungen mitzumachen, um die ubrigen nicht durch seine Ungeschicklichkeit zu verwirren. Laura tanzte von allen am zierlichsten, ohne alle Bemuhung gelangen ihr die schwierigsten Stellungen und die schnellsten Veranderungen. Franz ergotzte sich an den leichten, flatternden Gewandern, an den schon verschlungenen Figuren. Die zierlichsten Fusse schwebten, trippelten und sprangen auf und ab, im Schwunge des Rocks ward das leichte, wohlgeformte Bein sichtbar, weisse Arme und Busen, uppige Huften, die das Gewand deckte und verriet, zogen das Auge nach sich, und verwirrten es in dem frohlichen Tumult. Laura und einige andre junge Madchen waren ausgelassen, wenn sie im Sprunge in den Arm ihres Tanzers flogen, hob dieser sie im Schwunge hoch, und in der Luft schwebend sangen sie Stellen aus Liebesliedern in die Musik hinein.
Der wilde, bacchantische Taumel war beschlossen, ein andrer Tanz, der Zartlichkeit ausdruckte, wurde angeordnet, auch Lenore und Sternbald schlossen sich dem Reihen an. Eine sanfte Musik erklang, die Paare umschlangen sich und schwebten hinauf und hinab, die Hande und Arme begegneten sich wieder, und Busen an Busen geschmiegt, begann eine neue Wendung. Da sah man die verfuhrerischsten Stellungen knupfen, alle Gelenke wurden biegsamer, Franz war wie in Trunkenheit verloren. Die Luft duftete ihnen Wonne und Freude entgegen, wie auf den Wellen der Musik schwebte er an Lauras oder Lenorens Arm einher, in jedem tanzenden Gesicht kam ihm ein schalkhafter Engel entgegen, der ihm Entzucken predigte. Er druckte Lauras Hand, die seine Zartlichkeit erwiderte.
Man ruhte im Schatten der Baume aus. Knaben gaben kuhlende, wohlschmeckende Fruchte herum, die Schonen lagerten sich im Grase. Andrea war vom Tanz erhitzt und sagte: "Seht, mein Freund Sternbald, so musst ihr Deutsche erst nach Italien kommen, um zu lernen, was schon sei, hier erst offenbart sich euch Natur und Kunst. In eurem truben Norden ist es der Imagination unmoglich, ihre Flugel auszudehnen und das Edle zu empfinden."
"Mein Lehrmeister, Albrecht Durer", sagte Franz, "den Ihr doch fur einen grossen Mann erkennen musst, ist nicht hier gewesen."
Andrea sagte: "Wie sehr wunschen aber auch alle Kunstfreunde, dass er sich mochte hierherbemuht haben, um erst einzusehn, wie viel er ist, und dann zu lernen, was er mit seinem grossen Talente ausrichten konne. So aber, wie er ist, ist er merkwurdig genug, doch ohne Bedeutung fur die Kunst, der Italiener mit weit geringerem Talente wird doch immer den Sieg uber ihn davontragen."
"Ihr seid unbillig", fuhr Sternbald auf, "ja undankbar, denn ohne ihn, ohne seine Erfindungen wurden sich manche Eurer Gemalde ohne Figuren behelfen mussen."
"Ihr musst nicht heftig werden", sagte der lindernde Francesco, "wahr ist es, Durer ist Andreas hulfreicher Freund, und vielleicht verlastert er ihn eben darum, weil er sich der Dienste zu gut bewusst ist, die jener ihm geleistet hat. Aber wir wollen lieber ein Gesprach abbrechen, das Euch nur erhitzt."
Die Musik larmte dazwischen, Andrea, der wenig streitsuchtig war, gab seine Meinung auf, die Tanze fingen von neuem an. Es wurde Abend: manche von der Gesellschaft gingen nach Hause, einigen wurden von ihren Dienern Pferde gebracht. Rustici liess eins der schonsten Pferde in den Garten kommen, und setzte sich hinauf, indem er durch die Baumgange ritt, die mutwillige Laura liess sich zu ihm hinaufheben, und in einem leichten Galopp ritt sie hin und her, indem sie vor dem Maler sass, der sie mit seinen Armen festhielt. Franz bewunderte das schone Gemalde, er glaubte den Raub der Dejanire vor sich zu sehn, der Kranz in ihren Haaren schwankte und drohte herabzufallen, leicht sass sie oben, und doch von einer kleinen Angstlichkeit beunruhigt, die sie noch schoner machte: das Pferd hob sich majestatisch, auf seine Beute stolz. Zwei Trompeten bliesen einen mutigen Marsch, die prachtigen Tone begleiteten die Bewegungen des Rosses; und der gewandte und starke Rustici sass wie ein Gott oben.
Die zuruckgebliebenen Freunde fuhrte Francesco nun nach einem andern Teile seines Gartens. Hier war ein runder Zirkel von Baumen, und Festons und Girlanden von allerhand Blumen hingen in den Zweigen und schaukelten im Abendwinde, farbige Lampen brannten dazwischen, dammernde Lauben waren in den Baumnischen angelegt. Wein und Fruchte wurden genossen: die zartlichen Paare sassen nebeneinander, Musik ermunterte sie, ihr Liebesgesprach zu fuhren.
Funftes Kapitel
Castellani war zuruckgekommen, Franz hatte in seiner und Lenorens Gesellschaft Florenz verlassen. Jetzt waren sie vor Rom, die Sonne ging unter, alle stiegen aus dem Wagen, um den erhabenen Anblick zu geniessen. Eine machtige Glut hing uber der Stadt, das Riesengebaude, die Peterskirche, ragte uber allen Hausern hervor, alle Gebaude sahen dagegen nur wie Hutten aus. Sternbalds Herz klopfte, er hatte nun das, was er von Jugend auf immer mit so vieler Inbrunst gewunscht hatte, er stand nun an der Stelle, die ihm so oft ahndungsvoll vorgeschwebt war, die er schon in seinen Traumen gesehn hatte.
Sie fuhren durchs Tor, sie stiegen in ihrem Quartiere ab. Sternbald fuhlte sich immer begeistert, die Strassen, die Hauser, alles redete ihn an.
Castellani war ein grosser Freund der Kunst, er studierte sie unablassig, und schrieb daruber, sprach auch viel mit seinen Freunden. Sternbald war sein Liebling, dem er gern alle seine Gedanken mitteilte, dem er nichts verbarg. Er hatte in Rom viele Bekannte, meistens junge Leute, die sich an ihn schlossen, ihn oft besuchten und gewissermassen eine Schule oder Akademie um ihn bildeten. Auch ein gewisser Camillo, dessen Andrea del Sarto schon erwahnt hatte, besuchte ihn. Dieser Camillo war ein Greis, lang und stark, der Ausdruck seiner Mienen hatte etwas Seltsames, seine grossen feurigen Augen konnten erschrecken, wenn er sie plotzlich herumrollte. Seine Art zu sprechen war ebenso auffallend, er galt bei allen seinen Bekannten fur wahnsinnig, sie behandelten ihn als einen Unverstandigen, den man schonen musse, weil er der Schwachere sei. Er sprach wenig, und horte nur zu, Castellani war freundlich gegen ihn, nahm aber sonst mit ihm wenige Rucksicht.
Sternbald besuchte die Kirchen, die Gemaldesammlungen, die Maler. Er konnte nicht zur Ruhe kommen, er sah und erfuhr so viel, dass er nicht Zeit hatte, seine Vorstellungen zu ordnen. Dabei gab er sich Muhe, mit jedem Tage in seinen Begriffen weiterzukommen, und in das eigentliche Wesen und die Natur der Kunst einzudringen. Er fuhlte sich zu Castellani freundschaftlich hingezogen, weil er durch diesen am meisten in seiner Ausbildung, in der Erkenntnis gewann; er besuchte die Gesellschaften fleissig, und bestrebte sich, kein Wort, nichts, was er dort lernte, wieder zu verlieren.
Castellanis Begriffe von der Kunst waren so erhaben, dass er keinen der lebenden oder gestorbenen Kunstler fur ein Musterbild, fur vollendet wollte gelten lassen. Er belachelte oft Sternbalds Heftigkeit, der ihm Raffael, Buonarotti, oder gar Albrecht Durer nannte, der sich ungern in Vergleichungen einliess, und meinte, jeder sei fur sich der Hochste und Trefflichste. "Ihr seid noch jung", sagte dann sein alterer Freund, "wenn Ihr weiterkommt, werdet Ihr statt der Kunstler die Kunst verehren, und einsehn, wie viel noch einem jeden gebricht."
Sternald gewohnte sich mit einiger Uberwindung an seine Art zu denken, er zwang sich, nicht heftig zu sein, nicht seine Gefuhle sprechen zu lassen, wenn sein Verstand und Urteil in Anspruch genommen wurden. Er sah jetzt mehr als jemals ein, wie weit er in der Kunst zuruck sei, ja wie wenig die Kunstler selbst von ihrer Beschaftigung Rechenschaft geben konnten.
Es ward so eingerichtet, dass sich die Gesellschaft zweimal in der Woche versammelte, und jedesmal wurde uber die Kunst disputiert, wobei sich Castellani besonders mit seinen Reden hervortat. Sie waren an einem Nachmittage wieder versammelt, auch Camillo war zugegen, der abseits in einer Ecke stand und kaum hinzuhoren schien.
"Wenn man", sprach Castellani, "erst mehr die Frage untersuchen wird: Was soll Kunst sein? was kann sie sein? so werden wir auf diesem Wege weiterkommen. Ich bin gar nicht in Abrede, und es ware toricht von mir, dergleichen zu leugnen, dass Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist, nur ist es wohl Ubereilung des Zeitalters, ihn und Raffael uber alle ubrigen Sterblichen hinuberzuheben, und zu sagen: seht, sie haben die Kunst erfullt!
Jegliche Kunst hat ihr eigentumliches Gebiet, ihre Grenzen, uber die sie nicht hinausschreiten darf, ohne sich zu versundigen. So die Poesie, Musik, Skulptur und Malerei. Keiner muss in das Gebiet des andern streifen, jeder Kunstler muss seine Heimat kennen. Dann muss jeglicher die Frage genau untersuchen: was er mit seinen Mitteln fur vernunftige Menschen zu leisten imstande ist. Er wird seine Historie wahlen, er wird den Gegenstand uberdenken, um sich keine Unwahrscheinlichkeiten zuschulden kommen zu lassen, um nicht durch Einwurfe des kalten, richtenden Verstandes seinen Zauber der Komposition wieder zu zerstoren. Den Gegenstand gut zu wahlen ist aber nicht genug, auch den Augenblick seiner Handlung muss er fleissig uberdenken, damit er den grossten, interessantesten heraushebe, und nicht am Ende male, was sich nicht darstellen lasst. Dazu muss er die Menschen kennen, er muss sein Gemut und fremde Gesinnungen beobachtet haben, um den Eindruck hervorzubringen, dann wird er mit gereinigtem Geschmacke das Bizarre vermeiden, er wird nur tauschen und hinreissen, ruhren aber nicht erstaunen wollen. Nach meinem wohluberdachten Urteil hat noch keiner unsrer Maler alle diese Forderungen erfullt, und wie konnte es irgendeiner, da sich noch keiner der erstgenannten Studien beflissen hat? Diese mussen erst in einem hohen Grade ausgebildet sein, ehe die Kunstler nur diese Forderungen anerkennen werden.
Um namentlich von Buonarotti zu sprechen, so glaube ich, dass er durch sein Beispiel die Kunst um viele wichtige Schritte wieder zuruckgebracht hat, statt ihr weiterzuhelfen, denn er hat gegen alle Erfordernisse eines guten Kunstwerks gesundigt. Was will die richtige Zeichnung seiner einzelnen Figuren, seine Gelehrsamkeit im Bau des menschlichen Korpers, wenn seine Gemalde selbst so gar nichts sind? Was soll ich aber geniessen und fuhlen, wenn die Ausfuhrung auch gar keinen Tadel verdiente?"
"Nichts!" rief Camillo aus, indem er mit dem hochsten Unwillen hervortrat. "Glaubt Ihr, dass der grosse, der ubergrosse Buonarotti daran gedacht hat, Euch zu entzucken, als er seine machtigen Werke entwarf? Oh, ihr Kurzsichtigen, die ihr das Meer in Bechern erschopfen wollt, die ihr dem Strome der Herrlichkeit seine Ufer macht, welcher unselige Geist ist uber euch gekommen, dass ihr also verwegen sein durft? Ihr glaubt die Kunst zu ergrunden, und ergrundet nur eure Engherzigkeit, nach dieser soll sich der Geist Gottes richten, der jene erhabene Ebenbilder des Schopfers beseelt. Ihr lastert die Kunst, wenn ihr sie erhebt, sie ist nur ein Spiel eurer nichtigen Eitelkeit. Wie der Allmachtige den Sunder duldet, so erlaubt auch Angelos Grosse, seine unsterblichen Werke, seine Riesengestalten dulden es, dass ihr so von ihnen sprechen durft, und beides ist wunderbar."
Er verliess im Zorne den Saal, und alle erhuben ein lautes Lachen. "Was er nicht versteht", sagte Sternbalds Nachbar, "halt er fur Unsinn." Sternbald aber war von den Worten und den Gebarden des Greises tief ergriffen, dieser enthusiastische Unwille hatte ihn mit angefasst, er verliess schnell die Gesellschaft, ohne sich zu entschuldigen, ohne Abschied zu nehmen.
Er ging dem Alten durch die Strassen nach, und traf ihn in der Nahe des Vatikans. "Verzeiht", sagte Sternbald, "dass ich Euch anrede, ich gehore nicht zu jenen, meine Meinung ist nicht die ihrige, immer hat sich mein Herz dagegen emport, so mit dem Ehrwurdigsten der Welt umzugehn."
"Ich war ein Tor", sagte der Greis, "dass ich mich wieder, wie mir oft geschieht, von meiner Hitze ubereilen liess. Wozu Worte? Wer versteht die Rede des andern?"
Er nahm Franz bei der Hand, sie gingen durch das grosse Vatikan, der Alte eilte nach der Kapelle des Sixtus. Schon fiel der Abend und seine Dammerung herein, die grossen Sale waren nur ungewiss erleuchtet. Er stellte ihn vor die Propheten und Sibyllen, und ging schweigend wieder fort.
In der ruhigen Einsamkeit schaute Sternbald das erhabene Gedicht mit demutigen Augen an. Die grossen Gestalten schienen sich von oben herabzubewegen. Er stand da, und bat den Figuren, dem Geiste Michael Angelos seine Verirrung ab.
Die grossen Apostel an der Decke sahen ihn ernst mit ihren ewigen Zugen und Mienen an, die Schopfungsgeschichte lag wunderbar da, der Allmachtige auf dem Sturmwinde herfahrend. Er fuhlte sich innerlich neu verandert, neu geschaffen, noch nie war die Kunst so mit Heeresmacht auf ihn zugekommen.
"Hier hast du dich verklart, Buonarotti, grosser Eingeweihter", sagte Franz, "hier schweben deine furchtbaren Ratsel, du kummerst dich nicht darum, wer sie versteht."
Sechstes Kapitel
Franz fand den bisherigen Leichtsinn seiner Lebensweise nuchtern und ungenugend, er bereute manche Stunde, er nahm sich vor, sich inniger der Kunst zu widmen. Er brach den Umgang mit der schonen Lenore ab, er fuhlte es innig, dass er sie nicht liebe. Sein Freund Castellani verspottete ihn, und bedauerte seine Anlagen, die nun notwendig verderben mussten, aber Franz empfand die Leerheit dieses Menschen, und achtete jetzt nicht darauf.
Eine neue Liebe zur Kunst erwachte in ihm, sein Jugendleben in Nurnberg, sein Freund Sebastian traten mit frischer Lieblichkeit vor seine Seele. Er machte sich Vorwurfe, dass er bisher so oft Durer und Sebastian aus seinem Gedachtnisse verloren. Er nahm seine geliebte Schreibtafel hervor, und kusste sie, die verwelkten Blumen ruhrten ihn zu Tranen: "Ach, du bist nun auch verwelkt und dahin!" seufzte er. Auch das Bildnis, das er vom Berge mitgenommen hatte, stellte er vor sich. Ihm fiel der Brief der Grafin in die Hande, den er bis dahin ganz vergessen hatte.
Er beschloss, die Familie noch an diesem Tage aufzusuchen, er fuhlte ein Bedurfnis nach neuen Freunden. Franz nahm den Brief und erkundigte sich nach der Wohnung, sie ward ihm bezeichnet. Die Leute, die er suchte, lebten vor der Stadt in einem Garten. Ein Diener empfing ihn, und leitete ihn durch angenehme Baumgange, der Garten war nicht gross, aber voller Obst und Gemuse. In einem kleinen niedlichen Gartenhause, sagte der Diener, wurde er die Tochter finden, die Mutter sei ausgegangen, der Vater schon seit sechszehn Jahren tot. Franz bemerkte durch das Fenster einen weissen runden Arm, eine schone Hand, die auf einer Zither spielte. Indem begegnete ihm ein alter Mann, der fast achtzig Jahre alt zu sein schien, er verliess das Gartenhaus, und ging durch den Garten nach dem Wohnhause zuruck. Franz trat in das Zimmer. Das Madchen legte die Zither weg, als sie ihn bemerkte, sie ging ihm entgegen.
Beide standen sich gegenuber und erstaunen, beide erkannten sich im Augenblicke. Franz zitterte, er konnte die Sprache nicht wiederfinden, die Stunde, die er so oft als die seligste seines Lebens herbeigewunscht hatte, uberraschte ihn zu unerwartet. Es war das Wesen, dem er nachgeeilt war, die er in seinem Geburtsdorfe gesprochen, die er mit aller Seele liebte, die er verloren glaubte. Sie schien fast ebenso bewegt, er gab ihr den Brief der Grafin, sie durchflog ihn schnell, sie sprach nur von dem Orte, wo sie ihn vor anderthalb Jahren gesehn und gesprochen. Er nahm die teure Brieftasche, er reichte sie ihr hin, und indem horte man durch den Garten ein Waldhorn spielen. Nun konnte sich Franz nicht langer aufrecht halten, er sank vor der schonen bewegten Gestalt in die Knie, weinend kusste er ihre Hande. Die wunderbare Stimmung hatte auch sie ergriffen, sie hielt die vertrockneten Blumen schweigend und staunend in Handen, sie beugte sich zu ihm hinab. "Oh, dass ich Euch wiedersehe!" sagte sie stammelnd; "allenthalben ist mir Euer Bild gefolgt." "Und diese Blumen", rief Sternbald aus, "erinnert Ihr Euch des Knaben, der sie Euch gab? Ich war es; ich weiss mich nicht zu fassen." Er sank mit dem Kopfe in ihren Schoss, ihr holdes Gesicht war auf ihn herabgebeugt, das Waldhorn phantasierte mit herzdurchdringenden Tonen, er druckte sie an sich und kusste sie, sie schloss sich fester an ihn, beide verloren sich im staunenden Entzucken.
Franz wusste immer noch nicht, ob er traume, ob alles nicht Einbildung sei. Das Waldhorn verstummte, er sammelte sich wieder. Ohne dass sie es gewollt hatten, fast ohne dass sie es wussten, hatten beide sich ihre Liebe gestanden. "Was denkt Ihr von mir?" sagte Marie mit einem holdseligen Erroten. "Ich begreife es ewig nicht, aber Ihr seid mir wie ein langstgekannter Freund, Ihr seid mir nicht fremde."
"Ist unsre eigne Seele, ist unser Herz uns fremd?" rief Sternbald aus. "Nein, von diesem Augenblicke an erst beginnt mein Leben, oh, es ist so wunderbar und doch so wahr. Warum wollen wir's begreifen? Seid Ihr glucklich? Bist du meine susse Geliebte? Bin ich der, den du suchtest? Findest du mich gern wieder?"
Sie gab ihm beschamt die Hand und druckte sie. Der alte Mann kam zuruck, und meldete, dass er ausgehn musse, Franz betrachtete ihn mit Erstaunen, er erriet, dass es derselbe sein musse, der musiziert habe, den er schon in der Kindheit auf dem grunen Rasenplatze gesehn. Die Baume rauschten draussen so wunderbar, er horte aus der Ferne das Gerausch auf der Landstrasse, jedes andre Leben erschien ihm traurig, nur sein Dasein war das freudigste und glorreichste.
Er ging, weil er die Ruckkehr der Mutter nicht erwarten wollte, er versprach, seine Geliebte am folgenden Tage zu besuchen.
Durchs Feld schweifte er umher, er sah noch immer sie, den Garten, ihr Zimmer vor sich. Er war in der Stadt, und konnte sich nicht besinnen, welchen Weg er gekommen war. In seiner Stube nahm er seine Zither und kusste sie, er griff in die Tone hinein, und Liebe und Entzucken antwortete ihm in der Sprache der Musik. In der ganzen Natur vernahm er Gruss und Gluckwunsch. Er wollte seinem Sebastian schreiben, aber er konnte nicht zur Ruhe kommen. Er fing an, aber seine Gedanken verliessen ihn, er schrieb folgendes nieder:
Sanft umfangen
Vom Verlangen,
Abendwolken ziehn,
Oh, gegrusst sei holdes Glucke,
Endlich, endlich meinem Blicke,
Langst gepflanzte Blumen bluhn.
Abendrote winkt herunter:
Hoffe auf den Morgen munter;
Winde eilen, verkunden's der Ferne,
Blicken auf mich nieder die freundlichen Sterne.
Keiner, der nicht grussend niederschaute:
Ist es, singen sie, dir gelungen?
Welche Tone ruhren sich in der Laute,
Von unsichtbarer Geisterhand durchklungen?
Von selbst erregt sie sich zum Spiele,
Will ihre Worte gern verkunden,
Kennst du, Vertraute, die Gefuhle,
Die qualend, begluckend mein Herz entzunden?
O tone, ich kann das Lied nicht finden,
Das Leid, das Gluck, das mich bewegt,
Und Klang und Lust in mir erregt.
Will ich von Gluck, von Freude singen,
Von alten, wonnevollen Stunden?
Es ist nicht da und fern verschwunden,
Mein Geist von Entzucken festgebunden,
Beengt, beschrankt die goldnen Schwingen.
Geht die Liebe wohl auf deinem Klange
Ist sie's, die deine Tone ruhrt?
Und dieses Herz mit strebendem Drange
Auf deinen Melodien entfuhrt?
Mit Zitherklang kam sie mir entgegen,
Mein Geist in Netzen von Tonen gefangen,
Ich fuhlte schon dies Beben, dies Bangen,
Entzucken uberstromte, ein goldner Regen.
Sie sass im Zimmer, wartete mein,
Die Liebe fuhrte mich hinein,
Erklang das alte Waldhorn drein.
Dein voller Klang
Mein Herz schon oft durchdrang,
Meiner Liebe vertraut,
Von deinem Ton mein Herz durchschaut.
Nun verstummen nie die Tone,
Lautenklang mein ganzes Leben,
Herz verklart in schonster Schone,
Wundervollem Glanz und Weben
Hingegeben.
Nachrede
So weit hatte ich vor sechsundvierzig Jahren dies Jugendwerk gefuhrt. Es sollte nun nach einigen Monden die Besturmung und Eroberung von Rom erfolgen. Der Bildhauer Bolz, der auch nach Rom gekommen, sollte beim Sturm die Geliebte des Sternbald entfuhren, dieser aber trifft sie im Gebirge, und entreisst sie dem Bildhauer nach einem hartnackigen Kampfe. Sie retten sich in die Einsamkeit von Olevani.
Nachher, auf einer Reise durch das florentinische Gebiet trifft in Bergen, auf einem reichen Landhause Franz seinen Vater: Ludovico ist sein Bruder, den er als Gemahl der schonen Nonne wiederfindet. Alle sind glucklich: in Nurnberg, auf dem Kirchhofe, wo Durer begraben liegt, sollte in Gesellschaft Sebastians die Geschichte endigen. Oft hatte ich, in dieser langen Reihe von Jahren, die Feder wieder angesetzt, um das Buch fortzusetzen und zu beendigen, ich konnte aber immer jene Stimmung, die notwendig war, nicht wiederfinden.
Aus der kurzen Nachrede, die ich in meiner Jugend dem ersten Teile des Buchs hinzufugte, haben viele Leser entnehmen wollen, als wenn mein Freund Wakkenroder wirklich teilweise daran geschrieben hatte. Dem ist aber nicht also. Es ruhrt ganz, wie es da ist, von mir her, obgleich der Klosterbruder hie und da anklingt. Mein Freund ward schon todlich krank, als ich daran arbeitete.
Berlin, im Julius 1843.
L. Tieck.