Sophie von La Roche
Erscheinungen am See Oneida
Erstes Bandchen
Ihrer
Koniglichen Hoheit
der
Prinzessin von Wallis
gebornen
Prinzessin von Braunschweig.
Edle Wissbegierde und Menschenliebe leiteten E u e r K o n i g l i c h e H o h e i t , schon in der ersten Bluthe I h r e s Lebens zu grundlicher Kenntniss der Erde und ihrer Bewohner; die Wunder und Wohlthaten der Schopfung waren I h r e m forschenden Geiste ehrwurdig; Gluck und Verdienste I h r e r Neben-Menschen eine Angelegenheit I h r e s gutevollen Herzens. Diese Ueberzeugung sagte mir, dass E u e r K o n i g l i c h e H o h e i t die Denkblatter von dem See Oneida und seiner Insel gnadigst aufnehmen werden von
Hochst Ihrer
unterthanigsten altergebensten Dienerin
Wittwe von la Roche.
"Oft wendet eine edle, gefuhlvolle Seele ihr Auge von den Begebenheiten, welche das Schicksal als eine Folge der franzosischen Staatsveranderung zusammen reihte oft aber kehren auch ihre Blicke gegen den Schauplatz trauriger Auftritte zuruck, in der schonen Hoffnung, etwas Gutes herbey gefuhrt zu sehen."
Wissen Sie noch, meine Freundinn, wer dieses sagte, als eine werthe Hand die Morgens-ZeitungsBlatter zum Lesen fasste, und man erinnerte, Abends vorher versichert zu haben, keine mehr zu beruhren? O, gonnen Sie, nach dem Verwerfen meiner ersten Briefe, diesen Papieren auch einen der Blicke, welche auf Gutes zahlen! denn g e w i ss S i e f i n den es an dem See Oneida.
Helfen Sie meinen Freund mit mir versohnen und vergeben Sie beyde dem Verfasser des Genius unsers Zeitalters, dass er, wie Sie sagen, mich so phantastisch stimmte. Ich glaube selbst, dass ich manche weitschweiffende Ideen habe, unter welchen meine Reise nach Amerika gerechnet werden kann; aber warum sollen nur Kaufleute, Eroberer, Physiker und Maler ferne Welttheile besuchen? warum nicht auch, nach Lorenz Sterne, ein gefuhlvoller Reisender? Warum wollte man mir nur die Wanderungen auf die Berge in Europa vergeben, und nicht auch die nach dem See Oneida? Warum liebt mein Freund alles, was die alte und neue Dichtkunst hervor brachte, und sollte er mit den wahren Bildern edler Empfindung zurnen, indem der Gang meines Geistes, wie der von seinen Lieblings-Poeten, das freye Ungebundene liebt, und wie Dichter immer auf Neues sinnen, auch mit Begierde Neues sucht? Ich unterwerfe mich gerne dem Ausspruch, dass die Erstern durch einen Genius, ich nur durch Phantasie gefuhrt wurde; es bleibt doch Aehnlichkeit zwischen den vorgezogenen Gunstlingen und mir. Dichter schaffen mit ihrem Geiste das Mogliche, Grosse und Schone, welches sie in der wirklichen Welt zu sehen wunschen; und mein Herz sucht es auf, wo ich es zu finden hoffen kann. Neues lieben wir a l l e in A l l e m . Meine in Europa gemachten Reisen, zeigten meinen gesattigten Begierden und meiner immer regen Einbildungskraft keine Aussicht mehr auf ganz unbekanntes, weder in Menschen noch Dingen; denn ich wollte noch nicht nach Russland. Ostindien, wohin ein Freund mich mitnehmen wollte, hat nichts reitzendes fur mich; denn, freymuthig gesagt, ist es mir zu weit von meinem Vaterlande, und meinen Lieben; zu viel von Leidenschaften beherrscht, zu vergoldet, zu heiss, zu weichlich und zu grausam. Nordamerika war mir nahe; eine Art Sympathie zog mich an, die Wesen dieses Welttheils kennen zu lernen; mude des Denkens und Nachsuchens, uber das was seyn konnte, da ist und da war; uberzeugt in Amerika Anfang und Fortgang des Anbaues der Vernunft und der Erde zu sehen, ging ich, ohne von Ihnen und meinem Freunde Abschied zu nehmen; denn ich besorgte, mein Widerstreben gegen Ihre Vorstellungen wurde Sie unzufrieden machen; ich wollte Sie nicht vergebens reden lassen, und meinen Plan ausfuhren. Moge meine Aufrichtigkeit dem Geiste und dem Herzen meiner Freunde genugen, und ihre Gute das ubrige meiner Rechtfertigung besorgen!
Sie, meine Freundin! dachten einst nur im Scherz meine Reisebeschreibung zu fordern, aber ich weihe sie Ihnen und Ihren Wunschen fur mich. Heben Sie sie gutig in einer Ecke Ihres Cabinets auf, diese Blatter, denn sie konnen von hier aus nichts anders seyn, als Merkstabe von dem Wege meiner Beobachtungen und Gefuhle; einst werde ich sie mit Ihnen durchgehen, Ihre Fragen daruber horen, Erlauterung uber das Dunkle geben, und dem Freunde und der Freundin mundlich sagen, was sich mit Dinte nicht sagen lasst. Da ich also meine Gedanken bey Ihnen, wie auf den Altar der Muemosine niederlegen will, so muss ich genau bey meiner Abreise anfangen, und erzahle dann: Sontags den 28. Juny schiffte ich in dem Fahrzeuge Hussmann, mit einer schatzbaren Familie aus dem Hessischen, von Braak unweit Bremen ab, und kam den 29. in die Nordsee, wo alles anfing krank zu werden. Funf Tage segelten wir bey sehr gunstigem Winde, mit welchem wir in den Canal zwischen Frankreich und England kamen, wo wir beyde Kusten, doch die von Frankreich nur in den emporragenden Bergen erkannten, welche den folgenden Tag verschwanden; England aber kamen wir so nahe, dass ein Flintenschuss hingereicht hatte. Dieser Anblick erneuerte in meiner Seele den Wunsch, dieses mir so werthe Land noch einmal zu besuchen, ja es dunkte mich schon, Ihnen beyden ein Rendezvous in London zu geben, und mich freute sehr, dass wir in vier Tagen durch den Canal waren, weil ich dadurch unserer Zusammenkunft um so viel naher schien, da wir in 9 Tagen 200 teutsche Meilen zuruck gelegt hatten.
Bey dem Eintritte in das spanische Meer, begegneten uns drey englische Kriegs-Schiffe, nebst funfzehn amerikanische Kauffarthey-Schiffe, welche sie, ich weiss nicht aus welcher Ursache, genommen, und nach Brittanien fuhrten; auch fuhlten wir ihre Herrschaft auf dem Meere, denn unser Schiff musste halten, und ein englischer Officier, der zu uns an Bord kam, untersuchte Alles. Da er uberzeugt war, dass unser Schiff nach Amerika bestimmt sey, durften wir weiter segeln. Dieser Gegenstand meiner Beobachtungen war neu, und staunend der Anblick schwimmender Vestungen und Gebaude grosser Schiffe, welche auf dem unermesslichen Raume des Weltmeers, so gehorsam einen bezeichneten Weg befolgen mussen. Ich liess mir von dem Steuermann die Gegend von Albion zeigen; meine Einbildungskraft stellte mir diese Kriegsschiffe in Linien, ich dachte mir ein Seegefecht den Muth und die Grosse des menschlichen Geistes, der die hohe Kunst der Schiffarth und des Schiffbaues, zu dieser Vollkommenheit fuhrte. Denn was ist alles andre, so durch Arbeit, Kunst und Gewalt auf dem festen Lande geschieht, gegen die Unternehmungen zu Wasser? Ich betrachtete mit neuer Aufmerksamkeit unser Schiff, und machte Vergleiche mit einem Kriegsschiffe von 100 Canonen, und dem was an Menschen, Mund-Vorrath, Kugeln und hundertfachen andern Bedurfnissen da seyn muss. Was fur eine Last zwischen holzernen Wanden! Was werden die Zimmerleute, Nagelschmiede, Schlosser, Segeltuchweber und Anker-Schmiede fur wichtige Menschen, wenn ihre guten Arbeiten als Schutzgeister des Lebens und des Glucks so vieler tausend Sterblichen erscheinen! Ich suchte mit einer Art Liebe und Ehrfurcht, die Freundschaft unsers Schiffcapitains zu gewinnen, um etwas von seinen, zur Schiffarth nothigen Buchern zu lesen, weil ich nun den ausubenden Theil dieser Wissenschaft vor Augen hatte. Der gute Capitain war sehr geneigt dazu, aber da er seit 30 Jahren Seereisen macht, hatte er wenig mehr zu lernen, also auch wenige Bucher bey sich. Mein freywilliges Studiren dauerte auch nicht lange, indem ein 48 Stunden daurender Sturm uns Reisenden eine allgemeine Lection gab, welche aber sehr glucklich voruber ging, hingegen einer sehr widrigen Witterung Platz machte; denn bald hatten wir Windstille, bald eine Art Sturm. Dieses dauerte bis den 15. August, da wir nur noch einen halben Segel gebrauchen durften. Die Wellen wurden zu Gebirgen, auf deren Spitze das Schiff bald hier, bald dorthin geschleudert ward. Ich konnte nicht lange bey diesem Gleichnisse verweilen, denn ich fuhlte die Verschiedenheit zu stark, zwischen dem seligen Staunen uber Grosse, Festigkeit und feierlicher Stille der Alpen um die Senn-Hutten, gegen den schreckvollen Anblick der um unser Schiff brausenden und tobenden Berge. O! wie lieb, wie unschatzbar wird die ihre Kinder so geduldig tragende Mutter Erde in einem solchen Moment; denn niemand konnte sich aufrecht erhalten, Kisten und Kasten, welche nicht fest waren, wurden wie Balle herum geworfen. In funf Minuten war der Wind von Sudost in Nordost, und ehe man sichs versah, schlug eine Welle alle Fenster unserer Cajute in Stucken, und das Wasser stromte in den Raum. Alles glaubte nun, das Schiff sey geborsten, und wir wurden sinken. O, meine Freundin, was fur eine Erfahrung, ein solches Todund Jammer-Geschrey zu horen! Ich war stille, sagte mir aber doch sehr ernst: was hattest du hier zu thun? dann aber ruhig: sterben mussen wir, es sey auf diese oder jene Weise. Indessen hatten die Schiffsleute die Wahrheit entdeckt, und beruhigten Alle. Gross und innig war die Freude, noch zu leben, und herzlich schmeckte der Punsch, in welchem wir uns neue Gesundheit zutranken. Nun konnte ich auch bey der beruhigten See, ihre so verschiedenen ungeheuren Fische sehen, deren einige uber 50 Schuh lang waren, Meerschlangen von 25 Schuh, und den prachtigsten Farben. Ich betrachtete alle, nicht nur als Gegenstande der Neugierde und Bewunderung der Mannigfaltigkeit aller Arten Geschopfe, sondern auch mit dem Schauder erregenden Gedanken; vor wie kurzer Zeit ich in Gefahr stand, die Nahrung eines von ihnen zu werden, und in diesen Moment schien mir das glanzende Farbenspiel ihrer Schuppen duster und unangenehm; desto ergotzender war mir aber bey dunkler Nacht der Anblick der Wellen, welche alle entzundet schienen, da man staunend durch ein Feuer-Meer zu segeln glaubte, indem zugleich die ganze Luft beleuchtet war. Den 25. August ertonte von dem Mastbaume der frohe Ruf: Land! Land! Ich sah nun in meinen Reisegefahrten das Entzucken der Freude, wie ich vor wenigen Tagen den allgemeinen Jammer der Angst gesehen hatte. Wir liefen darauf den 28. August glucklich in den Hafen zu Baltimore ein; viele Teutsche kamen uns zu bewillkommen, Erfrischungen und Dienste aller Art anzubieten, aber auch tausend Fragen zu machen. Baltimore, ein hubsches Stadtchen von 2000 Hausern, zahlt 14000 Einwohner, liegt an dem prachtigen Flusse Surquehanna und vergrossert sich taglich, indem ein Theil der Handlung von Philadelphia sich hieher zog, weil dieser Fluss immer beschifft wird, und sich ein betrachtlicher Seehafen formirt. Da ich sicher bin, dass meine Freundin auch den okonomischen Theil meiner Ueberfahrt zu kennen wunscht, so will ich dieses nachholen. Ich musste, da ich in der Cajute, als dem besten Theile des Schiffes zu wohnen verlangte, 100 Thaler bezahlen; mein Bette, Wein, Zitronen-Saft in Bouteillen, gesalzne Butter, durre Zungen und Wurste, feinen Zwieback, Zucker, Caffee und Mandeln mitnehmen, welches mir auch wieder so viel kostete. Das gewohnliche Essen besteht in gesalzen Rindfleisch, Stockfisch, Bohnen und Grutze.
Ich eilte meine Reise fortzusetzen, und verliess Baltimore zwey Tage nach meiner Ankunft, um sogleich Neu-Jersey aufzusuchen, welches mir als der Garten von Nordamerika bekannt war: ein Ausdruck der auf mich wirkte, wie die Benennung der Bergstrasse, als Garten von Teutschland, in unserm Europa mich eher anlockte, als das schone Mannheim; so durchreiste ich Jersey ehe ich Philadelphia besuchte, und wahrlich ich staunte bey jedem Schritte meines Pferdes in den prachtigen Kornfluren, und zwischen den vielfachen Krautern, die so uppig da wachsen, und die Erde mit dem lieblichsten Grun schmucken. Mein mir seit meiner englischen Reise so werthes Ferren-Kraut, stand in hochster Schonheit; das zweyblattrige KolbenKraut, Indian Grass, typha latisolia, wovon man die Saamen-Woll benutzt, und aus den Stengeln geflochtene Sachen macht, traf ich in der hochsten Vollkommenheit an. Diese Freude uber die Pflanzen-Welt wurde fur mich dadurch erhoht, weil ihre, mehr als anderwarts, herrlich grune Farbe, den Eisentheilchen des Bodens zugeschrieben wird. Sie wissen, dass ich Eisen mehr als andre Metall-Arten schatze, ich freute mich also, dass mein, allen Menschen so nutzlicher, Liebling, in seinen kleinsten Theilen die Gabe der Verschonerung zeigte: die Menge prachtiger weisser Cypressen, welche zu tausenden, 120 Schuh hoch wachsen, und ihren Sumpfen den Namen; CypressenSumpfe gaben, wurden Jersey allein reich machen konnen, weil dieses Holz so dauerhaft zum Schiffbau, Zimmerholz, Bretter, Stabe und Dachschindeln ist. Magnolia, Wallnusse, rothe Cedern, Eichen, SommerLorbeer, rother Massholder zu Tischlerarbeit, Buchen, Eschen, wilde Castanien, der blumigte Fischerbaum, Accacia, Ulmen, Pech-Kiefer, P e r s i m o n , der eine Art Mispel tragt, aus welcher man eine Gattung leichtes Bier braut. O, meine Freundin! wie glucklich machte mich die Pflanzen-Welt, wovon ich die Beschreibung der Baume meinem Freunde, die schonen fruchttragenden Strauche aber Ihnen weihe. Sie haben nie solche Heidel- Johannis- Moos- Erd- und Brombeeren gesehen, so wie mir die an den Baumen sich aufschlangelnden Fuchs-Trauben, ganz unbekannt waren, welche sehr klein, in ihrer Bluthe einen herrlichen Geruch verbreiten, essbar sind, Wein geben, und deren gedorrte Beeren zu Backwerk dienen. Dieses Gewachs werde ich suchen in Ihren und meinen Garten zu pflanzen, so wie das hanfartige Apoeynum, aus welchem schon die Indier Stricke, Sacke und Dekken machten. Ich hatte jetzo die machtigen Schifftragenden Flusse: Hudson und Belavare gesehen, welche Jersey der Lange nach von Pensilvanien abschneiden. Nun ging ich nach dem Wasserfall des Passaik, welcher in einem, auf der Hohe liegenden Moor entstand; aber nach einem langsamen ruhigen Lauf zwischen zwey Reihen mit Kiefern bewachsenen Bergen stellte sich ihm auf einmal ein grosser Fels entgegen und hemmte seinen Gang. Der Druck des Wassers sprengte den Fels bis in die Tiefe, nun sturzt der Fluss durch eine 30 Fuss breite Spalte 70 Schuh hoch in einen grundlosen Schlund, in welchem er sich von dem Falle zu erholen scheint; dann ohne das mindeste Brausen zwischen den Steinmassen hervorkommt, und sich als stillfliessender Strom verbreitet, welcher auf der Abendseite durch ein hohes Ufer eingeschlossen wird, von dessen Hohe man die schonste Aussicht nach den fruchtbaren ostlichen Flachen hat. Jersey ist meist von Hollandern und Englandern angebaut, welche den Geist der Ordnung und Nettigkeit ihres Vaterlandes in allem zeigen.
Denken Sie, was fur einen ergotzenden Anblick dieser Fleck der fruchtbarsten Erde dem Auge gewahrt. Mais, 8 Schuh hoch, viel von meinem lieben wilden Spargel dazwischen; Buchweizen, der zu Kuchen, sonst aber wie Hafer zur Futterung gebraucht wird; tausend Weizen-Felder, welche Korn und Mehl zur Ausfuhr liefern; R o g g e n , der unter Mais-Mehl gemischt, ein gutes Brod giebt, welches von allen Einwohnern gebraucht wird; Erbsen, aber sehr wenig, weil ein in Amerika eignes Insect, B r u n u s genannt, sie zerstort, hingegen wird sehr viel Gerste gebaut: Obst- und Kuchen-Garten im hochsten Flor: WasserMelonen giebt es so viel, dass im Sommer die Feldarbeiter sie, wie es in Italien ublich ist, zum Labsal erhalten; grosser weisser Winterkohl, Artischocken, alle Arten Ruben, Bohnen, Zwiebeln, Knoblauch, Salatkrauter, Raute, Salbey, Senf, besonders eine Menge der schonsten Aepfel, von welchen der vortrefflichste Cider gemacht wird: jeder Bauerhof hat auch seine eigne Presse; Pfirsiche werden haufig zu Branntwein und zu Schweinsmast gezogen, Kirschen, Birnen und Wallnusse in Menge; da man weiss, dass die europaischen Obstbaume fruher bluhen, als die amerikanischen, so hat man viele gepflanzt. Sie konnen leicht denken, dass mir diese Aussicht und dieser Wasserfall eine ausserordentliche Freude machten, aber die Nachricht, dass die waldigten Theile dieses Gartens von Panther, Tieger, Wolfen, Luchse, Baren, rothen und grauen Fuchsen bewohnt waren, und noch sind, machte mich etwas ernst und missmuthig. Meine Freundin weiss, dass ich von allen vierfussigen Thieren nur Pferde, Rindvieh, Schaafe, Hirsche, Rehe, Haasen und zahme Schweine liebe, also waren mir alle oben benannte, im Walde und dem Garten zu viel; die PelzThiere, als: Waschbaren, Marder, Fischotter, Bieber, Caninchen, will ich wegen ihren warmenden Fellen, und wegen dem Nutzen der Handlung gerne dulden; wildes Geflugel sohnte mich etwas mit den rauhen Waldbewohnern aus. Fasanen, Kalkutten, PurpurDrossel, Schnepfen, Lerchen, Wachteln, Perl- Rebund Birkhuhner, Wander-Tauben, welche sich auch von Eicheln nahren, und des Jahrs viermal kommen, leicht zu fangen sind und delicates Fleisch haben, und die Wander-Drossel, sind alle in wohlthatiger Menge da. Aber wie diese Erde in allem ein Gegengewicht hat, so giebt es auch alle Arten Raubvogel: Falken, Adler, Eulen, Krahen, ja einen, der den schrecklichen Namen: Menschenfresser, hat. Hingegen wieder alle wahrhaft liebenswurdige Wasservogel: Schwanen, wilde Enten und Ganse in reichem Ueberflusse. Die Zucht zahmer Ganse aber, wird in den niedern Gegenden, durch ein mir verhasstes Geschopf, die Schildkroten gestort. See- und Fluss-Fische haben alle Provinzen in Uebermass; diesen Auszug habe ich wegen Ihnen und mir selbst niedergeschrieben. Ebelings Staats-Calender von Nordamerika belehrt Sie noch besser in Allem, und ich gehe nun nach dem beruhmten Philadelphia wirklich eine der schonsten Stadte alter und neuer Welt. Ihre breiten geraden Strassen, mit den abgesonderten Wegen fur Fussganger, welche alle Nachte beleuchtet sind; Wasser-Rinnen, Brunnen, zierliche Hauser und die, wie in London, reitzenden Kaufladen, und Reinlichkeit; aber wie sollte sich Penn wundern, die vollig europaische Pracht, in Equipagen, Hausrath, Kleidung, Gastgeboten und allen Belustigungen zu sehen! Es ist ohnmoglich, Ihnen einen Begriff davon zu geben. Die Gegend, der grosse Fluss Delavare, der Shulkyl, alles erregt Staunen, und giebt dem Begriff von Schonheit mit Grosse vereint. Nur muss ich bekennen, dass mich diese Pracht schmerzte; dass die Idee von Penn mich verfolgte, und dass, nachdem ich viele Wanderungen gemacht hatte, der lebhafte Wunsch in mir entstand: E u r o p a e r in einer neuen Anpflanzung zu sehen; um nach dem so vollkommnen Philadelphia und den schonen Garten von Jersey, ganz wilde Natur und erste arme Holzhutten zu betrachten. Ich sprach in ein Paar Familien davon, und wurde angewiesen, nach dem in Neuyorks Gebieth liegenden See Oneida zu reisen, wo ein teutscher Kaufmann, Scriba, eine grosse Strecke Landes gekauft, und einen seiner Freunde aus Holland uberredet habe, sich bey ihm ein Landguth anzubauen, und die Colonisten anleiten zu helfen, welche er hinfuhre, um nach dem Bedingnis des Congresses, in zehn Jahren eine Stadt errichtet zu sehen. Diese Leute waren noch nicht lange hingezogen, bey diesen konnte ich meine Neugierde vollkommen befriedigen. Die Jahrszeit war schon, ich bekam von einem schatzbaren Mann Emphelungsschreiben, nahm einen braven jungen Zimmermann, der auch neues Land suchte, mein Bett und andre Bedurfnisse mit mir, und machte mich in einem gemachlichen Fuhrwerke mit einem braven Philadelphier, welchem dieser Weg bekannt war, mit grossen Freuden reisefertig. In Wahrheit, das Auge des Philosophen geniesst viel, bald an prachtigen Flussen, bald durch unermessliche Walder, langst hohen Bergen und engen Thalern hin. Anfangs noch einige artige Dorfer, dann abgesonderte Wohnungen, in welchen die Menschen weise genug sind, ihr Gluck in Gemuthsruhe und in der Natur zu suchen. Wir waren bey einem dieser einsamen Pachter uber Nacht, der ehemals in einem Stadtchen wohnte und mir sagte:
"Wie wohl ist meiner guten Frau und mir, bey unserer taglichen Arbeit, welche uns Statt Besuche, und Abends die versammelte Familie Statt grosser Gesellschaft dient; das Gewuhl der Stadte hat keinen Werth fur uns, wie oft sagen wir: Baume verlaumden nicht, und verfuhren unsere Tochter nicht."
Wie soll ich aber meinen Freunden das Staunen schildern, in welches meine Einbildungskraft, meine Vernunft und meine Gefuhle versetzt wurden, als ich in dem, wenig Tage vor meiner Ankunft, durch Ahndung errichteten L o g h o u s e oder Holzhutte ankam, welche Herr Scriba mir und meinen Gefahrten einraumte, nachdem er mich seinem Freunde Vandek und seiner eigenen Familie vorstellte. Die lange, 400 englische Meilen daurende Reise; alle Naturscenen von Gebirgen, Flussen, Seen, unabsehbaren Flachen, seit Jahrhunderten nur vor Gottes Augen gebluhter und verwelkter Millionen Pflanzen und grunen Wildnissen, an welchen ich voruber gekommen; der Anblick des 18 Stunden langen See's Oneida, in welchem die Stralen der niedergehenden Sonne eine lange Feuersaule bildeten, welche sich langst einer Insel, an den Ufern des festen Landes ausdehnten, und die holzernen Hauser der Europaischen Ansiedler beleuchteten; die, in dieser weiten Einsamkeit, feyerliche Stille, zu welcher ich, von dem gerauschvollen Philadelphia an, durch bewohnte und unbewohnte Gegenden gelangt war, hier wo man nicht einmal die Rader meines Wagens tonen horte. Alles dieses hatte schon auf mich gewirkt; ja es erschien mir die Idee meiner Freunde in Europa, in einigen dunkeln Vertiefungen der Walder, mit dem Gefuhl: ach wie weit bin ich von ihnen, dem Aufenthalt einer Menge von wilden Thieren, und vielleicht auch wilder Menschen gegen uber! An dem See aber frenete ich mich innig, zu Teutschen zu kommen: lebhafte Neugierde fuhrte samtliche Huttenbewohner, welche von der Feldarbeit zuruckgekehrt vor ihren Thuren sassen, mit Nachbarn und ihren Kindern schwatzten, zu mir. Alle eilten meiner kleinen Kutsche nach, alle rusten: willkommen! obschon uns keiner kannte; alle drangten sich die spaten Ankommlinge zu sehen, und nach der freundlich erhaltenen Sitte der Gastfreyheit, beeiferten sie sich nach den Pilgern zu fragen und ihnen Herberge und Dienste anzubieten. Doch dieses war mir nicht so neu, weil ich es auf allen Reisen durch die vereinigten Provinzen erfahren hatte. Meine Briefe verschafften mir die allergunstigste Aufnahme, und ich speiste in Gesellschaft der zwey Familien sehr vergnugt zu Nacht; dennoch schlief ich spat ein, und war unruhig. Die ungluckliche Eigenschaft, Ideale zu denken, hatte mir schon einige Unzufriedenheit gegeben, und ich besorgte, bey Tages Anbruch wurden auch die ubrigen Bilder, welche ich mit so neuen lieblichen Farben ausgemahlt hatte, in den See niedersinken. Ich stand fruh auf, offnete meinen Koffer, kleidete mich an, und betrachtete den Bau meiner Stube, welche naturlich, wie die Wohnungen aller Colonisten, aus lauter auf einander gelegten, grob behauenen Baumstammen bestand, deren Zwischenraume mit Moos ausgestopft wurden. Alles Gerath ist ausserst einfach, wirklich ganz nach der Kindheit der Kunste des Zimmermanns und Schreiners. Denken Sie sich die Freude meines Kopfs, uber die so oft getadelte Anhanglichkeit an Rousseau, um dessentwillen ich Schreinerey gelernt hatte; und da ich auf so viele hundert Meilen das satyrische Lacheln meines Freundes nicht sehe, so habe ich Muth genug Ihnen zu bekennen, dass alle meine Werkzeuge, ja das Model, meines mir noch immer so lieben Sapflugs, und die kleine Drehmachine, mit mir an die User des See's Oneida kamen, und dass ich durch sie mein Andenken in der neuen Stadt grunden und verewigen will. Ich spreche noch nicht davon, aber da ich heute Nachmittag die Fruchtfelder betrachtete, und sie wegen der darauf stehenden Baumstumpen, einen unabsehlich grossen Gottesacker voll Leichensteine ahnlich fand, so habe ich mir den Augenblick vorgesetzt, meinen Freunden ihre Aecker reinigen zu helfen, und dann mit meinem Sapflug zu beweisen, dass sie Z e i t , K o r n und A r b e i t e r sparen, daneben auch bessere Erndte, und schoneres Stroh erhalten sollen. Meine Freundin wird nun sagen, dass unsre Lieblingsgrillen einen sehr langen Flug aushalten, indem sie unermudet aus einer Ecke meines schwabischen Vaterlandes, bis nach Nordamerika hinuber schwebten. Aber ich will von Ihrem kleinen Spott und meinen Phantasien hinweg, zu den wirklichen Wohnungen von 10 Familien eilen, welche diese neue Pflanzstadt bevolkern wollen. Ich ging mit herzlichem Segen umher, besuchte Alle, und wunschte ihnen die Fruchtbarkeit der Ehen, welche ich schon in andern Gegenden von Nordamerika sah, indem ich selten unter funf Kinder, mehrmal aber 7, 8, ja 11 und 12 von einer Mutter getroffen hatte. Doch dunkten mich die jungen Leute der Hollander und Teutschen nicht so stark und schon, als die Stamme der Eingebohrnen, von welchen ich einige bey einem Handel von Biberund Barenfellen sah, und mich bey ihrer Schonheit und Starke an den Auftritt des grossen englischen, in Amerika gebohrnen Mahlers: W e s t , erinnerte, welcher in Rom bey dem ersten Blick auf den Apoll des Vaticans ausrief: "O was fur eine Aehnlichkeit mit einem jungen Krieger der Mohawks, welcher den Bogen gespannt, das Aug' auf den Feind geheftet, ihn mit schnellen Schritten verfolgt!" nur diejenigen, welche wie ich, diese edlen Gestalten sahen, werden finden, dass W e s t nicht als Amerikaner, sondern als Kenner grosser edler Schonheit der Natur und Wahrheit, die Kunst in der Nachahmung zu beurtheilen wusste.
Heute wunsche ich, dass Sie alle Tage, neben dem Gebet fur mein Leben, den Himmel auch anflehen mochten, mir die Gabe des guten Erzahlens zu verleihen, damit ja nicht das mindeste von der Geschichte verloren gehen moge, welche mir der schatzbare Vandek und seine vortreffliche Frau bekannt machten. Gerne mochte ich sie dem Geiste und dem Herzen meiner Freundin ganz darstellen, weil ein Frauenzimmer von Ihrem Alter die schonste Rolle darin spielt. Ich dachte nur den Jahrhunderte gehauften Reichthum einer fruchtbaren, noch nie benutzten Erde kennen zu lernen: ursprungliche Pflanzen und Thiere zu beobachten, und zu sehen, wie Colonisten sich dabey benehmen, wie Verstand und Herz in dieser Ferne und Verschiedenheit, mit dem vaterlandischen Boden, sich in erfinderischem Fleiss und freundlicher Hulfe unter ihnen zeigen wurden. Diese Gegenstande meiner Aufmerksamkeit dunkten mich Beschaftigung genug fur meinen Geist; aber wieviel mehr wollte mir das Schicksal geben!
Der teutsche Haupt-Director hatte mich den ganzen Morgen in der Gegend und bey seinen Arbeitern umher gefuhrt: der Hollander bat uns auf den folgenden Tag zu Tische; als wir dem Hause uns naherten, wurde ich gebeten, ja nicht viel von Europa, am allerwenigsten von Frankreich zu reden, indem ein Coloniste und seine Frau mit uns speisen wurden, welchen diese Erinnerung schmerzliche Gefuhle geben konnten: ich mochte nur diese zwey Menschen beobachten.
Diese Vorbereitung spannte meine Erwartungen ungemein. Vandek, seine Frau und funf Kinder, hatte ich den Morgen in seiner, mit dem Geiste der hollandischen Reinlichkeit und Ordnung beseelten Wohnstube gesehen, der Tisch zum Mittagessen wurde im Freyen, nahe an dem User des See's gedeckt. Der Platz war auf festem Sande, sehr eben, und wie die Banke, mit schonem Moos und Waldblumen bestreut: eine herrliche Reihe von Baumen beschattete uns, und die Insel zeigte sich gegen uber. Madame Vandek schien noch im Hause beschaftigt: ich mit ihrem Manne im Gesprach auf- und abgehend, wurde sehr uberrascht, auf einmal zwischen einem Bouquet von Baumen, einen grossen jungen Mann von 27 Jahren mit leichtem edlen Schritt, und einer schonen Frau von etwa 24 Jahr, recht geschmackvoll Europaisch gekleidet, mit einem allerliebsten Knaben von drey Jahr, gegen uns kommen zu sehen. Ich betrachtete sie erst schweigend, dann bat ich aber Vandek mit einem Blicke voll Verwunderung, mir diese Art rathselhaften Auftritts zu enthullen.
"Es ist Herr und Frau von Wattines aus Flandern, die bey uns wohnen."
Eine solche Erscheinung, sagte ich, hatte ich in dieser Gegend nicht vermuthet. Je naher sie kamen, desto hoher stiegen die Gefuhle des Erstaunens in meiner Seele; mein geistvoller Vandek lachelte, und indem er auf seine Wohnung deutete, sagte er, seinen Friessrock fassend: "nicht wahr, das schlichte Gewand des Batavers passt besser zu einer Holzhutte, als die Eleganz eines Hofmanns?" Ich war nun uberzeugt, dass die zwey guten Fremdlinge zu den zerstreuten Emigrirten des franzosischen Adels gehorten, und der Ausdruck: H o f m a n n , dessen sich Vandek bedient hatte, sagte mir, dass Herr von Wattines einst bey Hofe lebte, und nun hier! tonte in meiner Seele, da ich auf das Loghouse, den See und die halbe Wildnis umher blickte. Der Mann erschien mir, als ein durch Sturm zur Erde gebogner junger Baum, den eine sorgsame Hand an einen nahstehenden Wildstamm sanft erhob, und festband, um wieder in gerader Richtung fortzuwachsen. Die Frau war mir eine schone, mit einem Sprossling, in das Gras ihrer Blatter sich bis zum Brechen neigende Nelke. Ich musste, so bald ich ihnen genannt war, mich etwas entfernen, um meine Ruhrung zu verbergen, und ging den Seribas entgegen, mich ganz zu sammeln. Wir speissten vergnugt, tranken vortreffliches Bier, auch Jerseyer Cider; doch denken Sie sich meine Empfindungen, als ich folgende Geschichte horte: nachdem ich gefragt wurde, wie mir das eingebeitzte Fleisch schmeckte? und ich bey der Antwort: v o r t r e f f l i c h ! zugleich meinen Teller hinreichte, und mir noch ein Stuck ausbat, ich aber alle mit bedeutender Miene, doch sehr freundlich aufeinander blicken sah, rief ich mit einer Art von Sorge, doch dabey lachelnd: habe ich etwas, gegen die Sitten am See Oneida, Unschickliches gethan, da ich das zweyte Stuck forderte?
Nicht das mindeste. Im Gegentheil freuen wir uns, dass ein Europaer in den ersten Tagen diese Speise freywillig isst, da wir dieses nur durch Noth lernten. Diese Bemerkung dunkte mich sonderbar, und ich dachte sogleich an Buffelfleisch, sagte es, und kaute mit eben so kluger Miene, wie Wein-Prufer Wein kosten. Alle Augen waren auf mich geheftet; ich blickte auch in der Runde nach ihnen, wobey ich zugleich wiederhohlte: dass ich dieses Fleisch sehr zart und schmakhafter fande, als unser Europaisches Ochsenfleisch. Vandek sagte nun:
Sie haben uns alle davon essen sehen; es wird Ihnen also nicht am Namen, sondern an der Sache liegen, und nicht zuwider seyn, dass es die Lende von einem Baren war, womit ich meine Gaste bewirthete. Der Gedanke wirkte mechanisch auf mich, denn ich sagte mit einem sichtbaren Stutzen:
Barenfleisch! Alle schwiegen; aber ich setzte schnell hinzu:
Sie sehen, was Gewohnheit den Worten fur eine Gewalt giebt; da ich bey dem Bilde eines Baren etwas zuruck schauderte, ohngeachtet ihr Beyspiel bey Tische, und meine so eben gemachte Erfahrung des Wohlgeschmacks dieses Fleisches, mich daoor schutzen sollten. Aber ich habe jetzt doppelte Freude; einmal, ein Vorurtheil verlohren zu haben, und, mir sagen zu konnen, dass rechtschafne Menschen in den Waldern dieses fernen Bodens, die Baren zu den angenehmen Nahrungsmitteln zahlen konnen. Sie mussen, setzte ich hinzu, mir diese Jagd bekannt machen.
Sehr gerne, sagte einer, aber nicht wie Herr von Wattines diesen Baren fieng.
Sie konnen leicht vermuthen, dass der Ton in welchem dieses gesprochen wurde, meine Augen nach Hrn. v. Wattines lenkte, und mich wunschen machte, die Geschichte dieses Fangs zu horen. Der edle Mann sagte:
Ich stimme mit meinen Freunden in den herzlichen Wunsch, dass ja niemand anders und ich selbst auch nie wieder in den Fall komme, eine solche Jagdgeschichte zu erzahlen. Nun deutete er nach einem Theil des See's, gegen die Lange des Waldes hin, und sagte:
"Dort war ich, um etwas Wild aufzujagen; der Bar kam langsam zwischen den Baumen, hervor; ich zielte, und glaubte ihn richtig gefasst zu haben, schoss, traf ihn, aber nicht todtlich; sah ihn nach mir laufen, und eilte so schnell ich nur konnte einem Kahne zu, der am Ufer lag, und stiess ab. Das Thier schwamm mit mehr Schnelligkeit, als ich rudern konnte, und war nahe dabey seine Tatzen anzulegen, wodurch er den Kahn umgesturzt, und ich also entweder damit unter das Wasser gebracht und ertrunken, oder in seine Klauen gerathen ware; denn mein Schwimmen konnte mich nicht retten, und keine Seele war in der Gegend nahe genug. Gott gab mir den Gedanken und die Kraft, aus dem Strick des Kahns, ich weiss nicht wie, eine Schleife zu machen, und schenkte mir das Gluck, gerade den Hals des Thieres zu treffen, und die Schleife zuzuziehen. Erst nach einigen Minuten war ich gefasst genug aus dem Kahne zu springen, und, meinen erstickten Feind nach mir ziehend, an das User zu schwimmen. Schauder uberfallt mich heute noch bey deutlicher Vorstellung meiner Gefahr, und selten gehe ich, an der in meinem Hause aufgestellten Haut vorbey, ohne dem Himmel fur die gesegnete Gegenwart des Geistes zu danken." Seine liebenswurdige Frau hatte wahrend der Erzahlung Thranen der Sorge und der Liebe in ihren schonen Augen. Mir war auch eine Bewegung des Entsetzens durch die Seele gegangen, und alle sprachen mit erneuter Bewunderung und Freude von dieser glucklichen Klugheit, welche ihnen einen wurdigen Freund erhielt; und, setzte Vandek hinzu, Herrn von Wattines auf immer mit uns verband.
Hier bemerkte ich, dass die Frau sich sanft gegen Frau Vandek neigte, und sie zartlich kusste; zugleich aber ihren Knaben umarmte, die Thrane im Auge zertheilte, und wieder ruhig um sich blickte. Dieser kleine Umstand zeigte mir etwas Besonderes in der Geschichte der Wattines und ihrer Verhaltnisse mit Vandek. Doch das muntre, durch die Jagd-Erzahlung unterbrochene Tischgesprach wurde wieder belebt: wir tranken guten Caffee, und ich begleitete mit Frau Vandek die Wattines nach Hause. Ernst betrachtete ich die uber eine Holzform gezogene Haut des Baren, welche wie eine Art von Trophee, mit dem Strick um den Hals aufgestellt ist, und dem kleinen Caremil zum reiten dient. Das Haus der Wattines ist viel kleiner als die andern, sie haben auch weniger Dienstboten, Kuhe und Schaafe; aber ihr Hof und Garten ist nach der Vestungsbaukunst mit Pallisaden und Graben eingefasst und beschutzt, weil sie, da ihre Landerey als der zuletzt angesiedelten Familie, an der aussersten Seite steht, den Anfallen der aus dem dichten Geholze kommenden Baren und Fuchsen am meisten ausgesetzt seyn wurden. So hatte Wattines seine als Ingenieur-Officier erlernte Wissenschaft, fur die Sicherheit seines Wohnsitzes verwendet. Ich erkannte das Vaterland dieser guten Menschen an dem Eingange in ihr Haus, da man wie in Flandern uber einen kleinen Graben an der Landstrasse hin eine schmale Brucke von einigen Schritten bis an die Hausthure geht, wo zu beyden Seiten Accacien gepflanzt sind, und zu einer Laube gebogen werden, in welcher ein paar einfache Sitze zur Abendruhe, und dem Anblick der vorubergehenden Nachbarn dienen. In der Stube fand ich nur ausserst einfaches Holzwerk, wie es einem Loghouse zukommt, aber was mich staunen machte, war eine aus 300 Banden bestehende Bucher-Sammlung der besten franzosischen Schriftsteller, und die Englische Monathschrift universelle Magazin. Der edle, bisher ganz schweigend mit uns gegangene Wattines lachelte gegen mich, sasste aber mit ernster geruhrter Miene meine Hand und sagte:
Dieses erwarteten Sie nicht in meiner Hutte, aber diese Freunde erhielten das Leben meiner Seele, wie Milch der treuen Mutter das Leben ihres Kindes, wobey er auf seine Frau deutete, welche sich eben gesetzt hatte, ihrem Sauglinge die Brust zu geben. Das aussere Betragen dieses Mannes und seiner Frau, hatte ganz die seine Form dessen, was wir unter dem Namen g r o ss e W e l t bezeichnen. Sein Aufenthalt an dem See Oneida, war mir eine Erscheinung, einiger, auf den Trummern eines Schiffs, vom Sturm an eine Insel geschleuderten Menschen. Der Ton und Gang seiner Ideen, wie richtig gestimmte aber zu schwach gespannte Sayten einer prachtigen Leyer, deren Tone nun in einer Art von Wuste verhallen. Ich fuhlte Theilnahme an ihm, und eine Art fromme Ehrfurcht fur sie, wie fur eine Martyrin des Schicksals; aber ich wagte keine Frage daruber. Der Abend neigte sich, die Schaafe kamen vom Felde zuruck. Frau Vandek nahm Abschied, und ich begleitete sie zu Hause. Nun kam ich zu meinem teutschen Landsmann, und erzahlte diesem, wie sehr mich das Wesen und die Umstande der zwey liebenswurdigen Wattines eingenommen habe: dass ich sicher sey, die Pariser Revolution habe sie aus ihrem Vaterlande getrieben, aber so weit bis zu den Ufern des See's Oneida, dunke mich noch andre Beweggrunde zu verbergen. Er antwortete mir: wenn Sie noch einige Zeit bey uns bleiben, so werden Sie alles entdecken konnen. Im Ganzen ist die Verkettung des Vandek und Wattines eine merkwurdige Erscheinung, und konnte nur durch die eiserne Hand der Gesetze der Noth hervorgebracht werden.
Wattines wurde durch die Liebe zur Fursten-Regierung, und Vandek aus Hass gegen sie hierher gefuhrt. Ersterer floh aus Europa, wo man seinen geliebten Konig von dem Thron sturzte, der Zweyte, weil Holland seinen Prinzen wieder aufnahm. Mangel des Vermogens hinderte sie, gute angebaute Landereyen oder Guther in der Nachbarschaft grosser Stadte zu kaufen: Bedurfnis des geselligen Lebens mit guten vernunftigen Menschen verband uns zusammen. Dieses kann fur Sie, der nur beobachten will, einen grossen Werth haben, und wird Sie gewiss fur Ihre Reise belohnen. Ich als erster Ankaufer dieses oden Landes, darf mich nicht mit solchen Betrachtungen aufhalten, und muss fur das Beste des Lebens meiner Famille und der Colonisten sorgen, welche aus Vertrauen auf mich hierher zogen. Wie sehr freute ich mich, als Ihre mitgebrachten Briefe, mir einen Mann verkundeten, welcher allein den Gang der Anlage einer neuen Colonie sehen will, voller Gute zu uns kam, uns gewiss gerne seine Einsichten mittheilt, so wie er unsere Erholungsstunden versusst. Vandek ist ein Gelehrter, der sich nun als Familienvater der Landwirthschaft widmet, mit welchem ich als einem gebohrnen Hollander auch von Producten und Erwerb sprechen kann. Fleiss und Sparsamkeit seines National-Characters, seine Sitten und Lehren als Geistlicher, sind mir von unschatzbarem Werthe und Nutzen fur meine Colonie. Ihm wird es auch wohl thun, hie und da ein Stundchen mit Ihnen zu sprechen, so wie ihn die Bucher von Wattines freuten. Dieser ist auf einer andern Seite viel fur uns geworden, weil wir den klagenden Colonisten sagen konnten:
Seht! diess war ein reicher junger Edelmann in Frankreich, der alles verlohr, und eben so durftig hierher kam, als Ihr, auf der Insel allein wohnte, mit seiner schonen jungen Frau arbeitete, Geduld hatte, und Gott vertraute. Wir sind gleich mit nachbarlicher Hulfe unserer eigenen Landeleute hergekommen, haben Handwerkszeug und Nahrungsmittel mitgebracht, welches alles der gute Mann und seine Frau nicht hatten. Seht, wie beyde noch arbeiten, und euch und eure Weiber noch vieles lehren konnen.
Dieses wirkte viel; denn unsere teutschen Landsleute sind noch sehr an den alten Begriff der Vorzuge des Adels geheftet, und beurtheilen das Schicksal der Wattines nach dem, was sie besassen und verlohren. Die meisten unserer Leute haben ihre Wohnung und ihre Felder auf der Insel besucht, alle kamen von Hochachtung und Mitleiden durchdrungen zuruck, und der letzte Auftritt des Hrn. v. Wattines, da seine Gegenwart des Geistes, sein Muth und seine Geschicklichkeit ihn von der augenscheinlichen Todesgefahr rettete, hat diese Gesinnungen mit einer Art hoherer Ehrfurcht verbunden, und nicht nur das, sondern unsere Jungens, und Handwerks-Gesellen, ja selbst Manner, uben sich mit Schleifen machen, und haben Pflocke mit einem Stuck Barenhaut auf einem Bret befestigt, welches einige Buben ziehen, und andre dastehende bemuhen sich, dem Pflock die Schleife uberzuwerfen, und den Baren, wie sie ihn nennen, nach sich zu schleppen; ja viele tragen jetzo einen Strick bey sich, um mit ihrer Geschicklichkeit und Starke auch einst einen Fang zu machen. Mich dunkt dieser Tag und diese Unterredung war die Halfte meiner Reise werth; aber mein Hauswirth und seine Frau endigten mit der Versicherung, dass die Wattines sich sehr uber meine Ankunft freueten, weil ich so gelaufig franzosisch sprache, und Frankreich kenne, indem sie wie alle Emigrirte, an ihrem Vaterlande, seiner Sprache und Gewohnheiten hangen. Er dankte mir dabey nochmals fur den jungen Zimmermann, welchen ich mitbrachte: ihm wird morgen nach dem Gottesdienste, ein Stuck Feld und Wald zugemessen werden. Ja der Kaufmann, der heute lange mit ihm redete, und seinen guten Verstand schatzt, will ohne Kaufschilling und ohne Pacht fur ihn sorgen. Sie konnen nicht glauben, meine Freunde! Mit was fur einem vergnugten Herzen, ich in mein Loghouse kam; diesen jungen Mann versorgt, und die Colonie mit einem n u t z l i c h e n B u r g e r bereichert zu haben. Es war ein wahres Fest, diese Aufnahme des neuen Einwohners der kunftigen Stadt, und gewiss konnte in der ganzen Christenheit kein Sonntag schoner gefeyert werden. Vandek hielt erst die Gebete, dann eine kurze ruhrende Rede; uber die gottliche Vorsicht und Bestimmung der Menschen, welche sie alle von so verschiedenen Gegenden hierher fuhrte, um den ursprunglichen Beruf, b e t e und a r b e i t e , hier auszuuben; es koste Muhe, gosse aber seeligen Trost in das Herz, als guter Hausvater und nutzlicher Mensch zu leben. Er sey sicher, dass nicht einer unter ihnen sey, der nicht mit ihm Gott danke, dass er jetzo die Schritte eines guten Zimmermanns hierher leitete, weil sie gerade noch einen solchen Mitburger gewunscht hatten, um noch in der schonen Jahreszeit ihre Wohnungen alle gesund und nutzlich auszubauen. Gewiss wurden auch alle mit ihm jeden Fussbreit Erde, der ihrem neuen Nachbar zugemessen wurde, segnen, und ihm hulfreiche Dienste leisten, wo er es brauchte; und Gott wurde diese Ausubung der Nachstenliebe an ihnen lohnen. Nun zog alles hinaus, die Messstangen wurden von jungen Leuten, in vollem Jubel getragen: kleinere Knaben, und die Madchen trugen Baumzweige und Tannenreissig, welche sie auf die gemessenen und etwas aufgehackten Striche der Felder des neuen Landmanns legten, so dass der ganze Umfang des ihm zugetheilten Bodens, eine zwey Fuss breite Einfassung hatte, die von beyden Seiten an den ausgesteckten, und mit Waldblumen verzierten Baumen endigten, welche man an der Stelle eingegraben hatte, wo das Wohnhaus hinkommen soll. Dieser, nebst dem bestimmten Hofplatz, war seit ein paar Tagen gereinigt und geebnet, und Baumstamme statt Banken umher gelegt: dort hatten wahrend dem Abmessen des Landes, die Weiber Mittagessen und Bier zugetragen, und alles, Herr und Knecht, Frauen und Magde, Kinder und Alte, verzehrten ihr Mittagbrod mit freundlicher Eintracht und Munterkeit. Ich gab gutes englisches Bier, auf die Gesundheit des Zimmermanns zu trinken, und Vandek sagte: wir sind hier in dieser Wildnis viel glucklicher als der beruhmte Lord Baco, Canzler von England, mitten in London war, da er in seinem Alter zu arm wurde, um sich gutes Bier zu kaufen. Diese wohl angebrachte Erinnerung, verhinderte jeden Wunsch nach Wein. Die Zufriedenheit wurde vermehrt, da ich einen Vorrath Braten, Schinken, Bier und Punsch zum Vesperbrod schaffte, meine Flote nahm, und ein paar junge Einwohner ihre Geigen holten, dann wechselsweise Musik machten, sangen und tanzten, nachdem alle in einer Reyhe geschlossen, den neuen Hofraum umhupften. Bey Sonnen-Untergang kehrten alle vergnugt nach Hause zuruck; indem der Ober-Anordner fruhes Schlafengehen und fruhe Arbeit mit einander verbindet. Den Morgen nachher besuchte ich das Vorrathshaus, wo Breter, Nagel, Korn, Hulsenfruchte, Mehl, gesalzen Fleisch, Oehl, Butter, Salz, Samereyen, grobes Tuch, Leinen, Kochgeschirr, Eisenwerk und so weiter liegt. Diese wichtige Hutte steht neben dem Platze, wo einst in der neuen Stadt 4 grosse Gewolber zu den Niederlagen von Lebensmitteln und Waaren erbaut werden, daneben aber mit den Mauern der zwischen ihnen laufenden breiten Gange in dem obern Stockwerke, wieder vier eben so grosse Stuben tragen, und zwischen ihnen eben solche helle Gange formiren sollen: wo die Einwohner hingehen und sicher seyn konnen, in jeder dieser Stuben an gewissen Tagen der Woche bey ihren Vorstehern einen Vorrath von K l u g h e i t und E r f a h r u n g zu benothigten Rathschlagen, G u t e und G e r e c h t i g k e i t in Streit, S i c h e r h e i t fur wichtige Urkunden, und eine allgemein nutzliche B u c h e r s a m m l u n g zu finden. Diesem doppelten Ratthause gegen uber soll die Kirche, und unmittelbar neben ihr, auf einer Seite die Wohnung des Pfarrers, auf der andern Seite die Schule und das Haus des Schulmeisters seyn. Der Raum zwischen diesen Gebauden soll den Hauptplatz der Stadt bestimmen, und zwey andre, der dritten und vierten Seite des Quadrats gegen uber stehende Hauser, soll eines dem Arzte und Chirurgo, das andre dem Mauermeister und dem Holzverwalter angewiesen werden: wo dann den aufwachsenden Knaben, bey dem Schulunterrichte zugleich von der ersten Jugend an, Bild und Begriff von Pflichten und Verdiensten nutzlicher und nothiger Menschen und Wissenschaften sich einpragen; Erwachsene aber sogleich die Hauser zu finden wissen werden, wo sie in Sorgen und Leiden der Seele und des Korpers Hulse und Erleichterung finden konnen. Zwischen diesen vier Gebauden laufen die vier Hauptstrassen in die Lange und Quere hin, an welchen nachwachsende und nachfolgende Einwohner sich nach Willen und Vermogen anbauen sollen. Langst dem Rathhause gegen den See, wird ein offner Gang, ein Warff und ein Landungsplatz fur Schiffe angelegt. Sie konnen nicht glauben, meine Freunde! wie sonderbar mein Herz bewegt wurde, als ich den kleinen rauhen Grundriss in der Hand auf den noch leeren Platz, zwischen den einzelnen Holzhutten hinblickte, und mir sagte: "diese Stelle war also seit Jahrtausenden noch nie bebaut, nie von Menschen bewohnt, nun sind welche da, die von ihrem, so viele hundert Jahre cultivirten Vaterlande, die Kunst zu dem Bau der Holzhutten mitbrachten, und, sagte meine Einbildungskraft, in zehn Jahren werden links und rechts hinlaufende Hauser entstehen: nun ist einfaches Bedurfniss, Genugsamkeit, amsiger Fleiss und Eintracht, Verehrung der Fruchtbarkeit des Bodens, einfache Wohnung, Kleidung und Speisen in diesen Hutten: und nach diesem Zeitraume werden aufkeimende Lustgarten, Verschonerungen, Geschmack und Begierden des Ueberflusses mit allen Fehlern in die Seelen der Bewohner derselben folgen; und dann auch Unmuth und Schmerz in den schatzbarsten Menschen entstehen, welche zum Entbehren bestimmt zu seyn dunkten." Dieser Spaziergang und dieses Denken kostete mich Seufzer, und verdarb mir beynahe die Halfte der ersten Freude. Ich ging zu Vandek, und erzahlte ihm diese in mir entstandene Unzufriedenheit. Er sagte mir: dieses geschieht immer, wenn wir die wirkliche Welt nach Idealen beurtheilen, denn was sollen die Bewohner dieser Ufer vornehmen? Immer in Holzhutten bleiben und ihr Korn zwischen Grabmalern fortpflanzen, wie Sie von unsern Aeckern sagten? Bedenken Sie, dass der gesunde menschliche Geist nicht gerne stille sieht, und dass wir alle aus Landern kamen, wo wir Wohlstand, Kunste und angenehmen Genuss des Lebens sahen, dass vielleicht der Kummer, es nicht so zu haben, uns hierher fuhrte. Wir sangen mit harter Arbeit an, wissen aber, dass es fur uns ist, und arbeiten um so amsiger, immer das Auge auf die Zukunft des Genusses geheftet, wie wir andre den Erfolg ihres Fleisses geniessen sahen; denn diese Ideen und Gefuhle verlieren sich nie. Und warum sollen wir fur das Vergnugen einer philosophischen Phantasie immer nur die Rollen der ersten Scene der Cultur durchspielen? Gonnen Sie uns die Aussicht der Freude des Hohersteigens, des Weiterumsehens auf der Bahn von Gluck des Erdelebens, der Krafte des Verstandes und der Kunstfahigkeit, wie unsere Vorfahren in Europa, und die fruhern Colonisten Westindiens genossen: helfen Sie uns bey unsern Anlagen durch Vortheile der Handarbeit, eine Abkurzung des muhevollen Weges finden, den wir noch vor uns haben: geben Sie uns Auszuge richtiger, fur Alle passende, Begriffe, von Bedurfniss, Gluck Pflichten; damit unser Geist auch Umwege und Zeitverlust der Vorurtheile vermeide.
Mein Freund muss sich noch der Miene erinnern, welche ich hatte, wenn mir in jungern Jahren ein begangener Fehler so deutlich bewiesen wurde, wie Vandek mich von dem Unrecht meines Wunsches uberzeugte, dass die Colonie ja nicht sobald zu den Ideen des Schonen gelangen moge. Ich suchte mich zu vertheidigen, und versicherte, dass ich weit entfernt sey, den Gang ihres Geistes und ihres Wohlstandes gehemmt zu wunschen, dass ich nur den Leidenschaften den Zugang erschweren mochte; weil diese immer das Gluck der Menschen zerstoren. Er lachelte und sagte:
Diess heisst dem Seefahrer sehr freundlich gewunscht, dass er keinem Winde ausgesetzt seyn moge, weil es sehr gefahrliche Sturme giebt; aber es ist mannlicher zu sagen: Sorgen Sie fur einen geschickten Steuermann. Dieses werden wir bey der Erziehung unserer Kinder thun, indem wir soviel moglich ihrer Vernunft zu den Kraften helfen wollen, Schiff und Seegel, bey Wind und Ruhe, nach dem bestimmten Hafen zu bringen.
Vortrefflich, sagte ich, hier und in meinem fernen Vaterlande werde ich den Himmel um Segen zu diesem Plane bitten.
Dank, recht schonen Dank und Lohn fur Ihre Liebe, erwiederte er, schwieg dann etwas nachdenkend, und ich rufte mir unsre Unterredung zuruck, um auszufinden, ob ich etwas gesagt hatte, so ihn beleidigen konnte. Da ich ihn von Moment zu Moment forschend anblickte, sagte er, ich kenne ihn wohl, den traurigen Einfluss der Leidenschaften, aber sie sind in der moralischen Welt durch eine allmachtige Hand eingefuhrt, wie nutzliche und schadliche Thiere unser liebes Amerika bewohnen. Wir Menschen haben aber die Kraft erhalten, beyde zu zahmen und zu uberwaltigen, wenn wir nur immer eben so ernsthaft fur die Ruhe unserer Seele sorgten, als Sie uns hier, unsern Schlaf, und unsere Besitzungen gegen die Einfalle der Thiere besorgen sehen. Doch, wer die Vorsicht versaumt, wird durch Schaden klug, oder durch Ungluck gestraft. Ich glaube, dass wir neuen Bewohner dieser Gegend alle, durch versaumte Vorsicht auf unserer ersten Lebensbahn Schaden genommen hatten, wunschen Sie uns nur, dass wir jetzo kluger seyn mogen... Nun erwiederte ich, vergeben Sie mir, tbeurer Vandek! mich dunkt ich habe einen Gegenstand beruhrt, der Ihnen unangenehm ist. Er sagte sanft aber ernst: blos deswegen, weil er mir mit dem Wort Leidenschaft, die Ursache meiner Entfernung von Freunden und Europa zuruck ruft. Ein in mir liegendes Ideal vollkommner Regierung und Gluck meines Vaterlandes, wurde der Gegenstand einer, wie ich glaubte, schonen und gerechten Leidenschaft meiner Seele. Ich strengte mich an, verbessern und abandern zu helfen, es wurde auch Aenderung hervorgebracht, aber nichts besseres. Ich mochte mir fruher gesagt haben: wo Menschen sind, ist Unvollkommenheit. Sey du der beste, thue das beste in deinem Beruf, aber nicht mit Leidenschaft, sie fuhrt dich zum Verderben, und erbittert die andern. Sie, junger Mann! setzte er lachelnd hinzu, leiden auch an dem Weh der I d e a l e : nehmen Sie sich in acht! das wirkliche Leben leidet darunter; wir werden unzufrieden mit dem was wir horen und sehen, werden ungerecht und strenge gegen unsern Nachsten und unser Schicksal, und was das schlimmste ist, man stiftet selten Gutes; wenigstens wunsche ich seit Jahren, dass nur Poeten und Kunstler, die gefahrlichen Reitze der Fahigkeit Ideale zu schaffen kennen mochten, weil diese ihr Gluck dadurch grunden, und das Vergnugen der andern, durch Darstellung schoner Bilder befordern.
Ich musste bekennen, dass er recht habe, sagte aber, dass ich die Gabe, Ideale zu denken, fur ein susses Geschenk der Natur halte. Schnell fasste er mich bey der Hand, und antwortete:
Gut, bleiben Sie immer bey dem Genuss des Denkens und Dichtens; aber gehen Sie nie so weit, weder von sich selbst noch von andern ungewohnliche Dinge zu fordern.
Wahrend diesem Gesprache waren wir aus seinem Loghouse herausgetreten, um noch etwas auf und ab zu gehen, als uns Wattines entgegen kam, und Vandek mir nur ganz kurz sagte:
Hier kommt ein menschliches Wesen, das wirklich zu Idealen gehort.
Wie so, sprach ich?
Das werden Sie morgen auf der Insel horen, wohin ich sie fuhren werde. Wattines war nun bey uns, und erzahlte von einem sehr glucklichen Fischfange, und dem Vorsatze, einen Versuch mit dem Einmariniren zu machen, wie sie es in Frankreich gewohnt waren. Diese Unterredung musste mit Madame Vandek fortgesetzt werden, ich ging also nach Hause, diese Blatter zu schreiben, und auf etwas zu sinnen, womit ich, wie Vandek es wunschte, den guten Menschen nutzlich werden konnte. O meine Freunde! ich war auf der Insel, und horte Vandek erzahlen. Nie, niemals wird der Eindruck erloschen, welchen dieser Besuch auf meine Seele machte, nie habe ich sussere Wehmuth und reinere Bewunderung gefuhlt, und ich mochte hinzusetzen, nie die Menschheit in einem schonern Lichte gesehen. Ein Kahn brachte uns mit einem kleinen Vorrath Vesperbrod nach der mit hohen Baumen bewachsenen Insel, deren Ufer von tausend, in Bluthen, Blatter und Formen, verschiedenen Pflanzen besetzt, sie wie ein von Nymphen geflochtener Kranz zu umfassen scheint, welcher zwischen Wurzeln prachtiger Baume durchgeschlungen, da und dort an gebogne abhangende Aeste geknupft, sich zu Bade-Lauben bilden; denn das Wasser der See ist so helle und rein, dass man Muscheln, Fische und Wasserkrauter wie in Crystal schwimmen sieht. Vandek schickte die zwey Ruderer mit dem Schischen zuruck, weil er allein mit mir bleiben wollte, und sie uns erst um acht Uhr abholen sollten. Schmale Wege zwischen dichtem Gestrauch, leiteten uns zu dem etwas erhohten Theil dieser ausserst lieblichen aber tiefen Einsamkeit; endlich war ein ziemlich freyer Platz mit Gras bedeckt vor mir, und bey dem Umwenden erblickte ich eine mit Mangolia und Accacia beschattete Hutte; zu beyden Seiten Rasenbanke und kleine Blumenstucke unter Baumen. Ich sah auf Vandek und sagte:
Ey, was fur eine Erscheinung ist das? und bemerkte zugleich, dass die Hutte zwey Schuh hoch schrag aufwarts eine Einfassung von langlichen schwarzen Muscheln hatte, welche mit grossem Fleiss und Sorgfalt eingepasst waren. Meine Blicke fragten Vandek, und er antwortete:
"Sie staunen! denken Sie sich mich mit dem Candidaten Holl, da ich aus simpler Neugierde die Insel m a c h t i h r a u f m e i n e m G e b i e t h e ? Die Frau rief ihm etwas zu, ich bemerkte, dass es franzosisch war, und sagte ihm ganz sanft in dieser Sprache, ja nicht unruhig zu seyn, wir waren Colonisten, welche sich auf der Neuyorker Seite des See's anpflanzen wollten und sehr entfernt waren die kleine Insel bewohnt zu denken. Er hatte eine Art gestricktes Hemde und Beinkleider an, aber keine Strumpfe, und seine Fusse statt Schuhen mit einem Stuck Leder umbunden, wie es auch seine Frau und Kinder hatten. Konnte ich nur, setzte Vandek hinzu, den Anstand schildern, mit welchem er sich naherte und sagte:
Seit beynahe vier Jahren, da ich hier wohne und arbeite, kam keine lebendige Seele auf die Insel, wundern Sie sich also nicht, dass wir etwas erschraken.
Vier Jahre! rief ich, und Sie erbauten die Hutte? Gott! davon horte ich in Philadelphia und Neuyork keine Sylbe.
Ich wunschte auch nicht, sagte er mit einer Art Unmuth, dass man in den prachtigen Stadten von mir sprechen mochte.
Nun schwiegen wir beyde etwas, ich bat ihn aber, dass er seine Familie versichern sollte, wir waren weit entfernt ihnen Missvergnugen oder Besorgniss zu geben, im Gegentheil versprache ich ihm, als Vorsteher der Colonie, dass wir ihnen alle Dienste guter Nachbarn erweisen wurden, welche sich rechtschaffne Menschen, in einer solchen Abgelegenheit von jeder Hulfe und Verbindung, doppelt schuldig sind. Er dankte mit edler Verbeugung und gesenktem Blick, ging nach seiner noch immer ruhig sitzenden, aber aufmerksam nach uns blickenden Frau, sprach mit ihr; sie schien ernst zuzuhoren, reichte ihm die Hand, indem sie mit ihrem Kopfe eine Bewegung gegen den Himmel machte, und er winkte uns naher zu kommen.
Die in Kummer welkende Schonheit dieser jungen Frau, und die vollbluhenden Kinder ruhrten mich so, dass ich nicht sprechen konnte, sondern mit Augen voll Thranen nach ihr und den holden Unschuldigen blickte. Sie bemerkte es, errothete sanft, und sagte mit etwas zitternd bewegter Stimme:
Sie haben gewiss eine Frau und Kinder, ich sehe es in Ihrem Blick auf meine Kleinen.
Ja, erwiederte ich, ich habe eine sehr schatzbare Gattin und funf Kinder mit mir aus den Niederlanden an die Ufer des Oneida gebracht. Hier fassten sich beyde an der Hand, blickten mit inniger Wehmuth sich an, und sagten zu gleicher Zeit mit sichtbarer Ruhrung: aus den Niederlanden, sagen Sie? Der Mann war aber schnell gefasst, und ruhig setzte er hinzu, ich habe mich einst da aufgehalten, und kenne das schone Land voll Fleiss und Ordnung. Nun war eine Pause. Ich sah nach den so vortrefflich stehenden Feldern, indem ich sagte: Sie mussen gute Leute mitgebracht haben, denn die Bestellung der Aecker ist ganz die von der netten Flandrischen Landschaft. Nun wurde der Mann roth, die schonen Augen seiner Frau waren mit Liebe und Trauer auf ihn geheftet. Er blickte einen Moment durchdringend nach ihr, und sagte dann mannlich sanft mit Stolz gemischt:
Mich freut, wenn Sie die Felder gut angebaut finden. Wir sind allein hier. Diese Arme graben um, indem er mit einem Arm uber das Feld hin reichte, mit dem andern die Hand seiner Frau fasste, setzte er hinzu, und die Hand der Tugend streuet den Saamen aus.
Mein Herz war hier auf einen hohen Grad geruhrt, so dass ich kaum stammeln konnte.
Sie allein! aber der Allmachtige segnete beydes. Nun schwiegen wir alle. Die holde Frau sah mit Zufriedenheit mich an, und sagte mit bebendem Tone, und einem sehr ausdrucksvollen Blick zum Himmel. Ja, wie er uns jetzo einen Nachbar gab. Lebhaft erwiederte ich, mit aufgehobenen Handen, und er sieht, dass ich guter Nachbar seyn will.
Diess sagte ich gegen Beyde mich hinneigend. Ich wollte nun etwas traulicher werden, wendete mich gegen die Frau, und sagte, auf die Rosenbusche deutend, gewiss haben Sie die Blumen gepflanzt!
Nein, mein Herr! es ist Sorgfalt der gutigen Liebe. Ich wunschte eine Bank nahe bey dem Felde zu haben, um meinem Carl manchmal bey seiner Arbeit zu sprechen und zu unterbrechen, damit er je zuweilen ausruhe; da fand ich eines Tages die Bank mit Moos bedeckt, und nachher sprossten die Blumen auf. Aber kommen Sie, ich will Ihnen noch mehr zeigen lieber Carl, sich zu ihrem Manne wendend, fuhre unsere Kinder mich leitete sie um diese Baume, (wo Vandek auch mich hinfuhrte), da waren Gemus-Felder so ganz Flandrisch schon, so vortrefflich geordnet, dass ich Hochachtung fur den Arbeiter fuhlte, und meinem Gefahrten sagte: Vetter! wir wollen uber nichts klagen."
Vier Jahre hier allein, o w a s k a n n d e r M e n s c h , w e n n e r w i l l , rief ich bey dem Theile dieser Erzahlung! Vandek fuhr fort:
So, mein Freund! fand ich Herr und Frau v. Wattines, die mich nun zu ihrer Hutte fuhrten, wie wir dahin zuruck wollen. Vandek ging voran, mein Gedachtniss sagte mir vieles, was ich von den Schicksalen emigrirter Familien in unserm Europa gehort hatte, aber nie ware ich fahig gewesen, mir ein Bild des Lebens zu denken, welches die Wattines hier erwartete. Auf einmal stand ich vor der Hutte, welche so lange Zeit dem hochsten Grade der Liebe, dem edelsten Muthe und dem ehrwurdigen Ungluck der Tugend zum Aufenthalte diente. Das Erdreich hatte da eine sanfte Erhohung, und mein Fuhrer sagte:
Frau Wattines bat, die Hutte da zu errichten, damit der Regen von allen Seiten ablaufen, und sie einen trocknen Wohnort haben mochten. Sorgsam schonten sie schone umher stehende Baume, welche zugleich die Hutte beschatten und ihre rauhen Aussenseiten mit ihren Aesten bedecken konnten.
Meine Freunde konnen leicht denken wie aufmerksam ich auf alles war. Die Thure, und wenige Fensterladen sind von der Hand des damals 24 Jahre alten Wattines, aus mitgebrachten Bretern uber einander genagelt, denn keinen Leim hatte er nicht: die Fenster sind mit Leinewand uberspannt. Statt der Angeln befestigte er langst der Thure und den Pfosten der einen Seite, einen Streif von Leder, denn aus Philadelphia hatte er nur zwey Kloben und Schlingen mitgebracht, um die zwey Thuren von innen zuzuschliessen, denn die, welche zu den kleinen Abtheilungen fuhrten, wurden mit einem Stuck eingeschnittenen Lederriemen an einem Nagel befestigt. Der durch die ganze Hutte laufende schmale Vorplatz, war die Wohnstube, und hatte zugleich in einer Ecke den Feuerheerd, wo man sich warmte und kochte. In dem zweyten Theile war gegen Mittag die Schlafstatte, an dieser die Art Vorrathskammer, wo sie gesammelte Fruchte und ihre kleine Habseligkeit verwahrten. An der Wand des Herdes hin, war ein Stall fur ihre mitgebrachten Huhner, neben welchem auch ihr Holzvorrath lag. Nun machte mich Vandek auf den Theil der Wand aufmerksam, welche von der Schlafstelle an, bis in die Ecke der Hutte lauft. Er deutete auf diesen Platz und sagte: denken Sie Freund! wie ich staunte, als Wattines hier, eine von seinen ubrigen Bretern verfertigte Doppelthur ofnete, und ich die vielen Bande der besten franzosischen Werke fand, die uber den Vorrath von Sagen, Hacken, Beil, Hammer, Nagel, Eisendrath, Schaufeln, Sensen, einem Degen, zwey Flinten und Pistolen aufgestellt waren. Die Armuth in allem, und der Reichthum in Buchern! Ich konnte mich nicht enthalten auszurufen: Gott! dieser Vorrath hier. Edler junger Mann! Vandek setzte hinzu, hatten Sie nur den ernsten, aber schonen Ausdruck seiner Zuge gesehen, als er mit einer Hand die Bucher, mit der andern eine Harke beruhrte und sagte: diess waren die vier Jahre hindurch die zwey Stutzen unsers Lebens.
Sie sehen mich nun auch, meine Freunde, auf diese Wand blicken, Sie horen mich gewiss wiederholen: 300 Bande hier, auf dieser Insel?
Ja, sagte Vandek, sie hatten in York und Philadelphia vieles andere zu Gelde gemacht, um Bedurfnisse fur diese Wohnung zu kaufen, aber ihre Bucher verausserten sie nicht.
Mir ward einige Augenblicke wunderlich zu Muthe, weil ich mir sagte: Himmel ich war stolz, alles von meines Vaters Erbschaft, ja selbst meine Bibliothek wegzugeben, um auf meinen Reisen ganz frey, lauter Thatsachen zu sammeln, und Wattines opfert alles, nur Bucher nicht. Er, den das Schicksal zu so viel Thatsache bestimmte! Hatte wohl dieser franzosische Edelmann weniger Eigenliebe, als ich guter Schwabe? aber ich musste die Antwort aufschieben, weil mich Vandek weiter fuhren wollte. Er schloss die Hutte, und da ich die Einfassung mit den Muscheln betrachtete, sagte er: die Geschichte dieser Arbeit werden Sie in den Noten meiner Frau erzahlt finden.
Bey der Wendung um die Hutte, zeigte er mir zwey, einen Schuh ins gevierte in die Erde gemachte Gruben: hier mein Freund, haben die guten Wattines auf einem eng geflochtenen Drathgitter, schottisches Bergbrod gebacken. Ich starrte auf die Gruben hin, und da ich weder von Bergschottenbrod, noch von dem Brodbacken uber einer Grube einen Begriff hatte, fragte ich darnach, und horte, dass Frau Wattines es besser wusste, indem sie bey dem Brodmangel auf der Insel sich erinnerte, einst gelesen zu haben:
'Die Schotten machten einen Teig von Habermehl, welchen sie auf sehr dunne, ein Schuh breit und lang, mit lauter Locherchen durchschlagnen Eisenbleche legten, und uber solchen durch Feuer erhitzten Gruben zu backen wussten. Wollten sie nun davon essen, so schlugen sie Stucken ab, wurfen sie in Wasser oder Ziegenmilch um sie etwas zu erweichen, und nahrten sich recht gut damit.'
Nun hatten Wattines kein Mehl, aber die liebe Frau kochte Mais und Buchweizen recht weich, zerrieb sie zu Brey, machte einen Teig und dunne Kuchen, wie die guten Weiber der Schotten: Wattines machte die Gruben, und da sie kein Blech hatten, so wollte sie sich der eisernen Gartenschaufel bedienen. Wir haben auch Wasser im See, um es einzuweichen, sagte sie, da leben wir wie die Bergschotten, welche mich bey der Beschreibung ihres armen Brods so jammerten, da ich noch unser gutes franzosisches Brod hatte. Ich glaube, sagte sie zu ihrem Manne, dass Gott mir um dieses Mitleids willen das Ganze in meinem Gedachtnisse bewahrte, damit ich einst auf einer oden Insel Brod hatte wie die Schotten auf ihren Bergen.
Sind Sie nicht, meine Freunde! hier eben so geruhrt wie ich? Hatten Sie nicht mit mir gesagt:
Holdes, verehrungswerthes Weib! Vandek fiel ein, gewiss ist sie beydes, setzen Sie hinzu, dass Emilie damals kaum 20 Jahre zahlte, und Wattines 24, als er hier von seinem Drath enge viereckigte Gitter uber die zwey Backgruben machte. Meine Freundin vergiebt mir, dass ich hier der jungen edlen Franzosin zu Ehren wunsche, dass unsere teutschen Frauenzimmer, welche so gerne lesen, sich auch solche Zuge der Geschichte der Menschheit zu eigen machen mochten. Ich betrachtete diese Gruben mit mehr Achtung und Empfindungen, als ich die Werkzeuge des vornehmsten Pasteten-Beckers ansehen wurde, und freuete mich herzlich, dass die liebe Frau und ihre Kinder jetzo ordentliches Brod zu essen haben. Mein letzter Blick auf diese Hutte war mit dem Gedanken verbunden:
Vier Jahre hier, von der ganzen Welt getrennt, ein junger franzosischer Edelmann und sein bluhendes Weib. Beyde fur die glanzendsten Zirkel ihres Vaterlandes gebildet! Mit Schauer setzte ich hinzu, o Schicksal! Vandek fuhrte mich weiter, und bey jedem Schritte vermehrte sich mein Staunen; denn Wattines hatte Wunder des anhaltenden Fleisses und der Geschicklichkeit gethan. Zugleich liegt in allem der Beweiss, dass guter Geschmack uns eben so naturlich werden kann, als Athem holen, und Zierlichkeit ein beynahe eben so grosses Bedurfniss fur unser Auge wird, als die Lichtstralen selbst. Urtheilen Sie, lieben Freunde, ob ich dieses nicht denken, nicht sagen musste, als ich die grossen, von Wattines Hand noch jetzo aus Dankbarkeit ganz allein und ausserst nett angebauten Felder, hier und da mit Blumenbuschen besetzt sah. Alles sieht vortrefflich, und Vandek ist mit Wattines vollig uberzeugt, dass der gute Abbee Rozier Recht hatte, als er behauptete, dass ein mit dem Spaten umgegrabenes Stuck Erdreich immer gegen die mit dem Pfluge bearbeiteten von doppeltem Ertrage seyn wurde. Zwanzig Schritte naher gegen Mittag, von den Feldern ab, stehen schlanke Pappeln, an welchen Wattines von den in Neu-Jersey so gut fortkommenden Fuchstrauben anpflanzte, welche wirklich schon von einem Baumstamme zu dem andern, in lieblichen, wie Thomson vom Geissblatte sagt, phantastichen Gewinden zusammen hangen, unter welchen einige abgesagte Baumstumpen Statt Stuhlen umher stehen. Unweit dieser Stelle endigt sich der von Wattines angebaute Theil der Insel, und man kommt zu einem schonen Waldchen, dessen Eingang Wattines ziemlich erweiterte, und den Boden mit Waldgras unterhalten hat. Aber dieser Gang wird gegen das Dickigt des Waldes schmaler und etwas gewunden. Vandek fuhrte mich unter bestandigem Sprechen und Erzahlen, bald stille stehend, bald ruckwarts blickend, zu einer noch viel unerwartetern Ansicht, als alle Vorhergehenden; denn eine Art sich unter duster verwachsene Eichen und Trauer-Birken hinziehender Waldplatz, zeigt auf einmal zwey grosse weisse Aschen-Kruge, wovon der eine in schwarzen Buchstaben die Aufschrift tragt:
Dem Andenken der Vater und
Mutter von Carl und Emilie von
Wattines geweyht.
Der andere:
Dem Oheim und den Brudern.
Der Uebergang von der Holzhutte zu den Feldern, der Moosbank und den Blumen durch einen ganz einsamen Theil des Waldes, und dann auf einmal diese Vasen von der schonsten Form zu treffen, war sehr uberraschend. Ich stand wie traumend, und blickte staunend auf die Urnen. Nun fasste mich Vandek bey der Hand und sagte:
Treten Sie naher! Dieses ist Emiliens Arbeit in Zeit von zwey Jahren. Was fand ich, Vasen und Fussgestell aus Thon, mit lauter Muscheln besteckt, und in das schattigte Dickigt gestellt, damit sie nicht von der Sonne ausgetrocknet, in Stucken springen mochten. Ich war sehr geruhrt, und auch noch nicht ganz von der Ueberraschung erholt, als mein Begleiter mir lachelnd sagte: Freund! hatten Wattines und seine Frau Unrecht, den Geschmack an Ordnung und Zierlichkeit, mit in ihre Hutte und in ihre Einsamkeit zu bringen? Sie sehen, das Feld wurde nicht vernachlassigt: nun erlauben Sie mir zu wunschen, dass unsere Stadt bald stehe, und das nach dem Riss der Ihnen missfallt, weil er so hubsch ist. Glauben Sie, theurer Freund, der Geschmack an Ordnung, Blumen und Symmetrie, verdirbt die Menschen nicht, sonst wurde Holland nicht in dem Wohlstande seyn. Begierden nach Ueberfluss und Leidenschaften, die verderben alles.
Ich war uber den Eifer betreten, mit welchem er mir meine Sorgen verwiess, dass seine Colonisten zu fruh schone Hauser und Garten haben wurden, und da er auf einen andern Weg eingelenkt hatte, folgte ich ihm schweigend nach, und kam an einem, dieses Jahr zum erstenmal angesaeten Kleestucke vorbey, in einem lichten Theile des Waldes, welchen Vandek den Hayn der Liebe nannte; weil Wattines durch seiner Emilie Muschelarbeit gereitzt, auf einem, mit Magnolia bewachsenen Platze, einen nach alter Form dreyeckigten Altar errichtete, ihn auch mit Muscheln bedeckte, und auf die drey Seiten den Namen, E m i l i a , setzte. Sie konnen nicht glauben, meine Freunde! wie alles dieses auf mich wirkte, und was dieses Denkmal edler Liebe unter den schonen, in voller Bluthe stehenden Baumen, fur einen Eindruck auf mich machte. Von da kamen wir an das Ufer des See's, wo der gute Wattines einen Platz zum Fisch- und Otterfang eingerichtet hatte. Eine Strecke davon, auf etwas erhohetem Boden traf ich Carmils ersten Garten, mit einem Laubhuttchen und zwey Banken, wo vaterliche Liebe das, fur Sonnenblumen, zu ihrem kleinen Vorrathe Oehl bestimmte Feld umarbeitete, ordnete, kleine Wege machte, und Linien zog, in welchen er Grubchen bezeichnete, wohin der Kleine die Saamenkorner einlegte, welche von den Handen der Unschuld, wie die Mutter sagte, wirklich besonders gesegnet schienen, und zu einem Waldchen en quinconce erwuchsen, worin die Kinder unter einem Blumenschatten spatzierten. Langst der Anhohe hin, machte er sorgsam eine Verzaunung, damit die Kinder keinen Schaden nahmen, und die Mutter mit ihnen, den in der Tiefe mit wirklichem Kunstfleisse und Kenntniss angelegten Endtenfang sehen, und sie durch Futterung anlocken konnten. Alles, selbst der Platz fur die Huhner, ist mit nettem geometrischen Geiste abgemessen und eingetheilt. Das nicht weit von der Hutte gegen Mittag liegende Stuck Land wurde mit unsaglicher Muhe, fur die mitgebrachten Obstbaume zubereitet und verwendet. Wattines versuchte auch den ZuckerAhorn aufzuziehen. Diese Baume stehen alle gut, und versprechen Ertrag; auch sind noch wilde Bienen da, denn mehrere der selbst gezogenen Stocke, nahmen sie mit nach der neuen Wohnung, um dort wie hier, nicht nur Wachs zu ihren Lichtern, und Honig zur Speise, sondern auch eine Art sehr guten Wein, und Essig zu erhalten.
Theurer Freund! sagte ich zu Vandek, wie viele Krafte, und wie viele Verdienste schlummern auf ewig in dem Menschen, welchen alles zur Hand gelegt und getragen wird.
Ja, erwiederte er, die Wattines konnen durch diess, was sie als zwey einzelne Menschen vier Jahre hindurch an Arbeit, Erfahrung und Nachdenken gethan haben, unserer ganzen Colonie ein lebendes Model des anhaltenden Fleisses, und ein sicherer Wegweiser, zu stillem wahrem Glucke des Erdelebens werden.
Meine geliebten, vaterlandischen Freunde sehen, dass ich heute nur mit den einfachen Umrissen und Merkstaben, des muhsamen Weges einer in Verbannung lebenden Tugend beschaftigt bin; aber Sie konnen leicht denken, dass ich alles anwenden werde, auch die eigentliche Geschichte der Wattines, die von ihrem Zuge in diese Einode, und die der Entwurfe ihres so schon verwendeten Lebens zu erfahren; denn es ist beynahe unglaublich, was dieser Mann und diese Frau bewirkten. Vandek und ich verzehrten unser mitgebrachtes Vesperbrod auf der Bank, welche Wattines an dem obersten Ende der Insel, neben schonem Gestrauche und vertieften Blumenbeten anlegte, von welcher Stelle man einen grossen Theil des See's ubersehen kann. Sie ist nicht weit von der Hutte, wo Wattines mit Frau und Kindern 4 Jahre wohnte, ohne von Jemand besucht worden zu seyn: ohne alle andre Hulfe, als G e d u l d , F l e i ss und L i e b e . Ich ausserte Vandek meine Begierde mehr von ihnen zu wissen, indem das Abmessen des Weges von Flandern und Versailles, nach dieser Insel, und die Uebersicht von allem, was diese jungen Leute hier gethan haben, meine ganze Seele beschaftigte. Er fand meine Neugierde sehr naturlich, und sagte: was er von ihnen wisse, sey, dass sie in franzosisch Flandern, diesem so sehr bevolkerten, und so schon angebautem Lande gebohren wurden, durch den Wohlstand ihrer Familien eine vortreffliche Erziehung genossen haben, und zu ausserst glucklichen Aussichten bestimmt waren. Emilie ward im 18ten Jahre durch die unselige Revolution zu einer Vater- und Mutterlosen Weise gemacht, und aller Guter beraubt, so, dass ihr beynahe nichts, als ihr Brautigam Wattines blieb, welcher, nachdem sein Oheim und sein Bruder ermordet worden, seinem eigenen Tode und dem Anblicke der Ungeheuer entfloh, welche ihm seine Verwandten und Freunde todteten Die Seele und die Grundsatze des edlen jungen Mannes waren verwundet. Der mit dem Blute seines guten Konigs und so vieler tausend rechtschafnen Menschen benetzte Boden war nicht langer Vaterland fur ihn. Er raffte das Wenige, was er und seine geliebte Emilie noch hatten, zusammen, und eilte einen Welttheil zu erreichen, wo er keine Morder der Unschuld, keine Rauber des Vermogens der Witwen und Waisen sehen wurde. Amerika war also sein Zufluchtsort, aber unsere grossen Stadte zu reich und prachtvoll. Angebaute, oder bevolkerten Orten nahe liegende Pachthofe waren ihm zu theuer, fur die kleine Summe geretteter Pfennige, wie er uns sagte. Der Zufall machte ihn mit einem alten, aber auch armen Quaker bekannt, welcher ihn nicht weit von seinem Garten, trostlos und Menschenscheu herum gehen sah, ihn anredete, ihm Theilnahme zeigte, und durch sein sanftes Zureden den Kummer seiner Seele ergiessen machte. Dieser wackere Mann sagte zu ihm:
Du bist arm, und willst weder mit Reichen noch vielen Menschen leben, willst du aber arbeiten und Gott vertrauen, so nimm einen Theil des Erdreichs an der uns abgetretenen Seite des See's Oneida, oder der Insel, die werden sehr wohlfeil gegeben, und nimm einen treuen Mann zu dir, welcher Arbeit und Ertrag mit dir theile.
Diesen Vorschlag ergriff Wattines mit Eifer. Der Quaker schafte ihn die Freyheit, die Insel zu bewohnen, half ihm alle nothigen Bedurfnisse einfach aber dauerhaft anschaffen, gab ihm Unterricht in Ansehung der auf der andern Seite des See's wohnenden Indier und ihrer Behandlung, wiess ich Fischer an, welche ihn auf die Insel begleiteten und die Holzhutte bauen halfen. Nach dieser Leitung zog er mit seinem zartlichen Weibe hierher. Wie ich sie entdeckte, habe ich Ihnen kurz erzahlt. Von dem ganzen Gange ihres Lebens auf dieser Insel konnen Sie Bruchstucke in den aufgezeichneten Erinnerungen meiner Frau finden, die Ihnen gerne alles mittheilen wird. Gewiss, alles verdient bemerkt zu werden, und Sie konnen Ihre Musse nicht besser anwenden, als dieses Bild der edlen Verwendung seines Unglucks und seiner Krafte, in ein vortheilhaftes Licht zu stellen. Ich, meine Frau und andre Colonisten haben entweder keine Zeit, oder kein Geschick dazu. Vielleicht gewinnen Sie Wattines Freundschaft, und dann erganzt er die Lucken welche in den kleinen Blattern meiner Frau seyn mussen, da sie meist nur Abends spat, ehe sie zu Bette ging, oder wahrend sie unser jungstes Kind stillte, mit Bleystift das Merkwurdigste aufzeichnete, was sie ihrem Madchen nutzlich achtete, erzahlt zu werden. wenn sie einen Abend mit der lieben Emilie verschwatzt hatte.
Bey dem Zuruckfahren erzahlte mir Vandek noch, wie sehr Wattines ihn bey seinem ersten Besuche auf der Insel bat, ja auf dem festen Lande nicht von ihm zu sprechen, und ja niemand anders von den Colonisten zu ihm heruber zu schicken; doch hatte er gerne eingewilligt, dass er seine Frau, ein paar Kinder, und wegen dem Rudern auch seinen Verwandten, den Candidaten, wieder mitnehmen konnte. Auf die Anfrage, ob er ihm nichts mitbringen solle, habe er ihm nach einigem Schweigen die Hand gedruckt und errothend gesagt: ja, etwas Brod und Salz. In dem Augenblicke aber, wo Vandek sich dem Nachen naherte, habe Wattines noch mit angelegnem Tone gesagt: o, bringen Sie doch eine Carafine Milch mit, fur meine gute Frau, welche sie so sehr liebt, und in vier Jahren keine kostete.
Regen verhinderte einige Tage den Besuch, aber dann kamen sie mit allem, was zu Thee gehort und mit ihrem vier Jahre alten Knaben auf die Insel.
Lassen Sie sich, sagte Vandek, von meiner Frau erzahlen, mit welcher Bewegung Frau von Wattines sie aufnahm, wie herzlich sie ausrief: Gott sey Dank! als die Milch auf den Tisch gestellt wurde, und die liebe Emilie sogleich um eine halbe Tasse voll fur sich bat, und Thranen von ihren schonen Augen in die Schale ranten, als sie die Halfte dieses ihr so lieben Tranks ihren Kindern zu kosten gab. Artig war es, wie der muntre junge Franzose Caremil, meinen dicken gesunden Jonas betrachtete, dann ihn freundlich bey der hand nahm und zum Laufen winkte. Meine Frau hatte von dem Spielzeuge unserer Kinder, ein kleines nurnberger Pferd fur Caremil, und dem Madchen eine Puppe mitgebracht. Diese freuete sich der Puppe, Caremil besah das kleine Pferd, welches mein Knabe in das Gras stellte, lange von ferne, und am Ende besonders die Fusse, lief aber schnell weg, und kam mit einem kleinen Kafer wieder, den er auch hinsetzte, und zu seinem Vater sagte:
Dieses Thier sey so klein und laufe, das Ding da viel grosser und bewege sich nicht.
Wir mussten alle lacheln, und sein Vater zeigte ihm, warum das Pferd nicht laufe, ging dann mit mir, dem Knaben und meinem Vetter weg, bis der Thee fertig seyn wurde. Bey unserer Zuruckkunft bemerkten wir bey Frau Wattines eine sichtbare Freude, dass sie eine europaische Familienmutter bey sich sah, und ihres guten Herzens und Verstandes sicher seyn konnte. Ihr heutiges Staunen, mein Freund, setzte er hinzu, und das Meine, so gross es bey meinem ersten Besuche war, konnen auf keine Weise der innigen Gemuthsbewegung meiner Frau zur Seite gestellt werden; denn sie fuhlte nicht nur als Gattin eines Colonisten alle Beschwerden der ungeheuern Arbeiten des Mannes, sondern auch als Mutter das unaussprechliche und vielfache Weh, h i e r Mutter zu werden, h i e r zu denken, dein Mann, der Vater deiner Kinder kann sterben! dann bist du und sie allein in dieser Einode; oder zu sagen, ich kann sterben, lass ihm ein kleines Kind, und er bleibt mit allem Jammer des Lebens belastet h i e r . Es schauderte meiner menschenfreundlichen Frau, die nicht sehr gerne an den See Oneida zog, weil sie auch zu bessern Tagen gewohnt war, aber nun dankte sie Gott fur unsern Entschluss, weil dadurch einer so verlassnen, aus aller Verbindung gerissenen Familie Trost und Hulfe zufloss. Sie war seitdem auch heiterer und glucklicher in unserer Hutte. Es kostete Muhe, Wattines zu bewegen, ein Landgut bey uns zu nehmen. An Alleinseyn gewohnt, und zu stolz jemand anders als einem Konige etwas zu danken, nahm er es nur auf bedingte Abgaben an, und da wir ihm den Genuss der Insel von dem Congress verschaffen wollten, stimmte er nur dahin ein, dass es Belohnung fur Ingenieur Dienste bey der Anlage der Stadt seyn sollte.
Sie sehen, meine Freunde! was dieser Tag fur mich seyn musste, und konnen sich die Gefuhle denken, mit welchen ich bey unserer Zuruckreise die Insel betrachtete. Ich speisste bey Vandek zu Nacht, und er sagte mir:
Sie kennen nun die Scene, wo das Schicksal zwey ausserordentlichen Personen den Beweis gab, wieviel die Menschen vermogen, wenn es ihnen Ernst ist, alle ihre Krafte, und ihr Nachdenken zu verwenden. Nun sagte er seiner Frau, dass er mir die Versicherung gegeben hatte, sie wurde mir alles mittheilen, was sie von Wattines aufgeschrieben habe.
Die gute Frau versprach es nicht allein, sondern gab mir noch den Abend alle Hefte mit nach Hause, mit dem Versprechen, Hrn. und Frau Wattines zu bewegen, sich mit mir in Erlauterungen einzulassen, wenn ich ihre Erinnerungen unvollkommen fande, oder einige Theile besser ausgefuhrt wunschte. Ich trug das kleine Packet Papiere mit mehr Freude und Sorgfalt in meine Wohnung, als ich vielleicht einen Sack mit Geld heim getragen hatte; denn ich war von den Bildern alles dessen, was ich auf der Insel sah, noch so eingenommen, dass mir die Geschichte dieser Menschen die merkwurdigste schien, welche mir vorkommen konnte. Zwey Tage lebte ich allein mit diesen Papieren, welche ich mit wahrem Heisshunger verschlang, dann stuckweise uberlas, und nachdachte, wie ich in dieser Lage gehandelt haben wurde? und ich musste hier die Verschiedenheit des National-Characters anerkennen.
Sicher hatte ich wie Wattines gearbeitet, mich und meine Familie zu ernahren. Ich hatte Korn, Flachs, Gemus und Obstbaume gepflanzt, aber gewiss nicht daran gedacht, neben einer Bank meiner Frau Blumen aufzuziehen, oder ihren Namen dreyfach an einem Altare zu schreiben; doch sagte ich mir auch, mit Zuruckdenken an H e i n r i c h H u m e s G r u n d s a t z e d e r C r i t i k : wie er behauptet: Wohlgefallen an einer Handlung, welche wir erzahlen horen, zeige an, dass in unserer Seele eine ubereinstimmende Neigung liege, und beweise, dass wir gerne eben so handeln und denken wurden, wenn die namlichen Umstande uns dazu aufforderten. Ich schrieb mir also etwas von Humes sympathetischem Gefuhle der Tugend zu. Sie, die mich am besten kennen, werden bey dem Fortgange der Erzahlung, genau zu sagen wissen, in wie weit ich Wattines ahnlich gewesen seyn wurde, und in was der teutsche National-Character eine Verschiedenheit bezeichnet hatte.
Mein Zimmermann erleichterte mir die Annaherung zu Wattines trauterer Bekanntschaft. Er wurde, wie Sie wissen, in der Colonie aufgenommen, und bekam sein Stuck Land, gleich neben Wattines, an dem See. Letzterer fieng an zu besorgen, sein Nachbar mochte ihm durch den Bau seines Hauses, die Aussicht auf die Insel benehmen, fur welche er die grosste Anhanglichkeit hat, und ihren taglichen Anblick nicht verlieren mochte. Da ich den braven jungen Mann hieher fuhrte, und zu seinem Glucke half, so glaubte Wattines, dass ich etwas uber ihn vermogen wurde; er suchte mich also auf, erwahnte freymuthig seine Besorgnisse, und die Wunsche daruber beruhigt zu seyn. Er ist mir so werth, der Boden der mich aufnahm, sagte er, dass ich ihn nicht aus den Augen verlieren mochte. Ich fand die Ursache so schon, so sehr in die Gefuhle seines Herzens verwebt, dass ich im versprach, dafur besorgt zu seyn. Er freute sich, und bat um baldige Antwort, indem er hinzu setzte: der Mann ware gerade beschaftigt, einen Platz zu ebnen, und er habe ihn mit Schritten umgangen, welche den Plan eines Hauses bezeichneten. Ich nahm sogleich meinen Hut, und folgte ihn bis an seine Wohnung, von welcher er mir die so liebe Aussicht auf die Insel zeigte, welche er allein um Emiliens willen verlassen habe, und nur in dem taglichen Anblicke einen Ersatz fande.
Nun suchte ich meinen Zimmermann auf, und sprach eben so gerade mit ihm, als Wattines mit mir. Ich bemerkte dass mein Landsmann roth und nachdenkend wurde; diess machte mir bange, eine schwere Arbeit zu treffen, und flochte allerley schone Beweggrunde zusammen, um ihn zu dem gewunschten Entschlusse zu leiten, wurde aber sehr uberrascht, als er mit dem Lacheln der innigsten Freude sagte:
O wie froh bin ich, zu horen, dass es Ihnen und dem guten Herrn v. Wattines so sehr darum zu thun ist, dass ich meiner Hutte eine andre Stelle gebe; denn jetzo darf ich wohl auch um etwas bitten, woran mir eben so viel gelegen ist. Gewiss, antwortete ich, sage Er es nur frey heraus. Ach! erwiederte er schuchtern, es ist etwas sehr grosses, aber ich will gerne Herrn von Wattines meine Hutte ganz opfern, oder mein Gut zu seinem Hofguth machen, wie es in Teutschland gewohnlich ist, wenn er mich etwas Geometrie und Baukunst lehren wollte. Ich wurde sehr fleissig seyn, dass er nicht so viele Muhe mit mir hatte, wie mit einem andern, und danken wurde ich es ihm mein Lebelang. Richten Sie es doch aus, ich bitte Sie.
Ich hatte wahre Freude fur Wattines, und Freude an der Wissbegierde meines Zimmermanns, der so gerne sich und sein Guth verpfanden wollte, wenn er nur hoffen konnte, eine Art geschickter Baumeister zu werden. Ich sagte ihm, dass ich sogleich mit Wattines sprechen wurde, ging auch mit wirklich eilenden Schritten seiner Wohnung zu. Er hatte mit Wunschen und Verlangen nach guter Antwort auf mich gewartet, und kam, mit einem noch viel lebhaftern Gang als der meine war, mir entgegen. Ich winkte ihm von ferne das j a zu, und er dankte mir sehr geruhrt, setzte auch hinzu: konnte ich nur dem braven Manne und Ihnen, meine Dankbarkeit in der That beweisen. Er sagte dieses mit dem Ausdrucke der Wahrheit und des Wehs, so wenig zu vermogen. Sie konnen es, fiel ich schnell ein, ihn bey der Hand fassend, Sie konnen Ihren Nachbar zehnfach belohnen.
Wie, wie? ich bitte Sie, wie kann ich es?
Nun erzahlte ich ihm meine Unterhaltung mit dem Zimmermann, wie Sie eben gelesen haben, und Wattines sprach freudig:
Von ganzer Seele will ich dem rechtschafnen Manne alles mittheilen, was ihm dienen und ihn freuen kann. Sie sind doch nicht zu mude, fuhr er fort, kommen Sie mit mir zu ihm, und seyn Sie Zeuge meines Versprechens.
Das bewilligte ich gerne, und redete noch mit ihm von der Wissbegierde des Mannes, und wie er so getreu seinen Dank, nach dem hohen Werthe der Wohlthat berechnete. Wattines wurde nach gerade stille, etwas tiefsinnig, ja mich dunkte er blicke mit ernster Trauer nach mir. Sollte, dachte ich, der Mann eine Reue uber sein schnell gegebenes Versprechen fuhlen? und stand stille. Herr von Wattines, wir wollen nicht weiter. Mir scheint, Sie machten Ueberlegungen wegen der so rasch gegebenen Zusage, einen muhsamen Unterricht zu ubernehmen. Sagen Sie mir, ich bitte, Ihre Gesinnung. Er antwortete, gerne; aber mit gedampfter Stimme setzte er hinzu: das Anerbieten des ehrlichen Mannes, mir fur das, was er von mir wunschte, seine Besitzungen hinzugeben, machte mich nachdenkend. Ach, ist dieses nicht Wiederholung der Geschichte der L e h e n - R e c h t e , da Bedurfniss einer Hulfe, Begierde nach Erfullung eines Wunsches, nach etwas, so in der Gewalt eines andern war, ehemals solche Entwurfe machte, gute Menschen zu eben solchen Anerbieten leitete, welche von Rechtschafnen, ohne Missbrauch der Noth des Bittenden auf billige Bedingnisse angenommen, leider aber von den niedern habsuchtigen Seelen, zu grossern Vortheilen benutzt wurde? Der traurige Gedanke drangte sich mir auf: ach, hier auf diesem neubewohnten Boden keimte nun auch, in dem Kenntniss und Ehre liebenden Herzen dieses redlichen Mannes die Idee auf: ich will was er hat, was ich wunsche, nicht umsonst, will ihm dagegen anbieten, was in meiner Gewalt ist. Wissenschaft ist ihm, was ehedem Sicherheit gegen Feinde in dem Schutz tapferer Ritter oder Versicherung der Seligkeit von den Geistlichen, vor so vielen Jahrhunderten in Europa war, wofur sich Landleute hingaben, wie der gute Zimmermann, sich und seine Haabe fur Geometrie und Baukunst, in meine Hande geben wollte, und also einst in Amerika, die Nachkommen meines Sohnes, auch in einer Revolution ermordet, auch wieder von dem eigen angebauten und ubertragenen Feldguthe vertrieben wurden, wie ich von dem meiner Voreltern.
Mein ernster europaischer Freund wird mich nicht tadeln, wenn ich sage, dass diese unerwartete, aber in Wattines sehr naturliche Betrachtung, gerade weil sie so treffend war, mich ruhrte. Ich sagte ihm, ich ich konnte diese Erinnerung und Anwendung nicht missbilligen, und nur den angenommenen Satz grosser Philosophen entgegen stellen, dass nichts auf der Erde zweymal in der vollkommnen Aehnlichkeit erschiene.
Er lachelte, wie ein Kranker gegen den Freund lachelt, der ihn mit Hoffnung des Besserwerdens trostet, und sagte mit einem Blicke nach der sich senkenden Sonne: ach, die Geschichte der Menschheit zeigt mir einen Kreisslauf des Denkens, Handelns und der Leidenschaften, wie die Sonne und die Jahrszeiten ihre Cirkel seit Jahrtausenden beschreiben.
Ich fasste seine Hand und ging in seine Gedanken uber, indem ich sagte: Sie sahen also auch immer, von Zeit zu Zeit, einen hochst edeln Sterblichen, wie Sie es sind, auf ihres Gottes Erde wandeln.
Er druckte meine Hand, und blickte mannlich innig mich an, da er mit sanft ernstem Tone sagte: Dank, dass Sie Gottes Erde nannten, denn dieses allein hielt mich auf ihr fest, aber ich freue mich sterblich zu seyn.
Ich sagte: der Himmel wird Sie fur Ihre Familie
und zu einem Beyspiele des hier neu aufwachsenden Geschlechts erhalten.
Ein Blick und eine bescheidne edle Verbeugung
seines Kopfes war die einzige Antwort, welche er gab. Nun waren wir nahe bey dem Zimmermann, dieser eilte uns entgegen, und bald war der schone Vertrag des emsigen Fleisses, und des treuen Unterrichts in dem beyderseits gebrochnen Englischen, unter meiner Gewahrschaft geschlossen. Wattines freuete sich, und der brave Handwerker dankte mir. Bey dem Zuruckgehen fragte mich erster, ob ich noch einige Zeit dieses Sommers hier bleiben wurde? Der Ton seiner Stimme, und sein auf mich geheftetes Auge, sagten so deutlich, dass er es wunsche, dass mein Herz antwortete:
Ja! auch den Winter, wenn ich S i e oft sehen und
sprechen kann.
Ein fluchtiges Errothen, das ein schnelles Pressen
unsers Herzens hervor bringt, und eine eben so schnell und fluchtig in seinem prachtigen Auge sich zeigende und schwindende Thrane, waren unmittelbare Vorlaufer einer nach einigem Stillschweigen folgenden Antwort, wobey er stehen blieb, sich zu mir wandte und sagte: das Schicksal hat mich nach vier Jahre langer Einsamkeit wieder mit Nebenmenschen verbunden. Ich fuhlte schon oft den wohlthatigen Einfluss des gesellschaftlichen Lebens fur mich und die Meinigen, fuhlte auch durch die Bekanntschaft des Vandek wieder Empfindungen der Freundschaft erwachen: S i e erheben dieses Gefuhl zu einem Wunsche, um so mehr, da Sie aus einem Theile von Teutschland sind, dessen Einwohner ich, besonders wegen dem Geiste und Character der Furstlichen Familie liebe; denn ich war einige Zeit in Strassburg in Garnison, machte kleine Reisen nach Carlsruh, lernte den weisen menschenfreundlichen Regenten kennen, verehrte ihn, gefiel mir in dem Fleisse der Unterthanen, und der Gute ihres Landesherrn; aber wie weit war ich entfernt zu denken, wenn ich bey der Zuruckkunft mit meinen Jugend-Freunden von diesen Reisen sprach, dass ich einst ohne Freund in einem andern Welttheile leben wurde, bis ein in den baadenschen Landen gebohrner schatzbarer junger Mann, mir diese edle Menschenfreude in einem erneueten Bilde zeigte.
Wir waren jetzt am Ufer des See's. Die von einem sanften Abendwinde bewegten Wellen rauschten in dem von der niedergehenden Sonne erhaltenen Purpurlicht an uns vorbey, und in diesem Moment traf die Erinnerung an mein Vaterland, an meinen Fursten und an meine Freunde Wucherer so unverhoft an meine Seele, dass ich Wattines weinend umarmte, indem ich ausrief: Gott! die Erinnerung an Carlsruh hier! von einem Sohne Frankreichs! Wie sonderbar ist dieses Zusammentreffen!
Nicht so sonderbar, erwiederte Wattines lebhaft, als dass Carl Friedrich von Baaden und Robespierre zu gleicher Zeit als Nachbaren lebten.
Nun gingen wir den ubrigen Weg meist schweigend, gegen seine Wohnung zu. Emilie kam uns mit den Kindern entgegen. Wattines rief ihr zu: Ich habe meinen Wunsch erreicht, die Aussicht auf die Stelle, wo wir den ersten Abend auf der Insel uns umsahen, bleibt mir offen. Hier der Freund des Herrn Vandek hat mir dieses Gluck erhalten.
Die liebenswurdige Frau dankte mir fur die grosse Freude welche ich ihnen dadurch schaffte, und ersuchte mich den Abend bey ihnen zu bleiben, indem Vandeks, bey welchen ich mich zu Gaste gebeten hatte, bey ihnen essen wurden. Wattines entfernte sich, und brachte den Zimmermann mit nach Hause. Unser Tisch war in ganz altem Tone bestellt, denn der gute, bey Wattines wohnende Taglohner, seine Frau und Tochter assen mit uns ihren Antheil Wandertauben und Erdtoffeln, wie wir, tranken Sprossbier mit uns, und sprachen dann mit ihrem Herrn von der Arbeit des folgenden Tages, gingen aber fruh weg zu Bette. Nun sprach Wattines von dem Plane und den Wunschen des guten Zimmermanns, Emilie brachte eine Flasche von ihrem Honigwein, dessen wirklich angenehmer Geschmack mich in Verwunderung setzte. Ich beruhrte nun mein Verlangen etwas von ihrer Reise nach der Insel, und von ihrem einsamen und arbeitvollen Leben zu wissen.
Das sollen Sie, sagte Wattines, in sehr munterm Tone in meinen Abendstunden horen, wenn Sie Wort halten, und den Winter bey uns bleiben.
Ich versicherte dieses, und alle bezeigten ihre Zufriedenheit uber meinen Entschluss. Der edle Wattines setzte hinzu: Emilie soll Ihnen auch von ihr erzahlen, und alle Abend von ihrem Inselwein vorsetzen.
Also bin ich wirklich verbunden zu bleiben, auch wie ich die Menschen und die Gegend fand, gefalle ich mir besser am See Oneida, als in einer der Hauptstadte, wo man ganz den Wiederschein europaischer Pracht und Wohlleben findet. Hier bin ich fur alle diese Menschen sehr viel, bey den glucklichen Bewohnern einer schon eingerichteten volkreichen Stadt, nur eine Person mehr; und ich bekenne, dieser Gedanke fesselte mich auch. Vandek und seine Frau versicherten mich bey dem Nachhausegehen, dass mein Entschluss ihr Gluck vergrossere, und so ging ich selbst auch glucklich schlafen. Meine Freunde glauben gewiss ohne meine Versicherung, dass ich sehr bald einen Auszug von den Blattern der Frau Vandek notirte, uber welche ich bey Wattines noch einige Erklarungen wunschte; aber da ich irgendwo in der Ordnung anfangen musste, so wiederholte ich ihm selbst die Erzahlung, welche mir Vandek von den Beweggrunden gab, die ihn nach Amerika fuhrten. Wattines sagte: ich will Ihnen daruber schreiben, denn die Zeit und die Sammlung der Gedanken fehlen mir zum mundlichen Vortrage. Acht Tage nachher gab er mir diesen Aufsatz.
"O, wie soll ich sagen, warum ich auf der Insel war, und nun in dieser Holzhutte bin? Ich floh Frankreich, nachdem man meinen Onele und meinen altern Bruder ermordet hatte, welche ich beyde unaussprechlich liebte. Meine Schwagerin starb in Geburtswehen mit dem Kinde aus Jammer uber den Tod ihres so liebenswurdigen Mannes. Die Familienguther wurden eingezogen: die hochste Gute und Wohlwollen fur alle, konnten selbst den besten Konig nicht retten. Ungerechtigkeit und Grausamkeit siegten uberall, und Tugend verlor. Meine Seele war emport und zerrissen. Ich konnte nichts mehr thun, als mein Leben oder meine Grundsatze aufopfern. Das letzte wollte ich nicht. Mich auch morden zu lassen? zu was half ein Todter mehr? und Emilie, meine Braut, die mich liebte, hatte niemand mehr, als mich. Ich konnte mich dem Tode nicht weihen, da Emilie nur fur mich lebte. Wir flohen also, wie so viele andre Familien, nach Amerika, raften von dem, was die Rauber und Morder nicht genommen hatten, noch so viel zusammen, als wir konnten, selbst Lieblingsgegenstande von mir, Bucher und mathematische Instrumente: Emilie, meine mir nun augetraute, in Flandern gebohrne, so gern reinliche Emilie, wollte sich nicht von dem Ueberreste ihres Leinen trennen. Ich wollte nicht nach England, weil man mir sagte, es liebe uns nicht; andre europaische Staaten waren mir nicht eifrig genug zur Hulfe, und ihre Lander zu sehr mit den Nachrichten und Anhangern der Revoluzion erfullt. Mein Vater und mein alterer Bruder hatten mir Amerika oft geruhmt. Liebe zum Leben, zu Emilie, und der Wunsch, das Ende der Revoluzion zu sehen, neben dem Hass gegen die Menschen in Frankreich und Europa, fuhrten mich nach Philadelphia; aber da wurde stets und immer von den unseligen Begebenheiten meines Vaterlandes, und seinem Umsturze gesprochen, und meine tief verwundete Seele hatte schon auf der Reise durch das Geschwatz des Leichtsinns, durch leere Entwurfe der Wiederherstellung des Guten, und durch Ideen einer elenden Rache, unter den mit uns uberschiffenden Fluchtlingen gelitten. Die Pracht, die Lebensart in Philadelphia, ruften mir Paris und Brussel in das Gedachtniss zuruck; auch waren viele Emigranten mit viel mehr Hulfsmitteln als ich heruber gekommen. Ihr Character und ihr Betragen missfielen mir, ich wollte die Zeit nicht abwarten, den Gutgesinnten durch Vorschlage und Ansuchen beschwerlich zu fallen, oder den Bosgrtigen ein Gegenstand des Spottes und des Uebermuths zu werden; besonders da ich in dem Grunde meiner Seele diesen Uebermuth der Reichen und Grossen als die Ursache des Umsturzes der Monarchie betrachtete, und sie hasste, sicher war, dass diese Menschen, welche in glucklichen Tagen keine edlen Gesinnungen zeigten, auch zetzo nicht mit mir stimmen wurden. Ich fuhlte Geringschatzung fur den Geist der Manner, furchtete fur Emilien den Umgang ihrer Weiber, scheute den Vergleich zwischen meinen Umstanden und denen, in welchen sich die Bewohner der franzosischen Seekusten noch mit grossem Vortheile retten konnten. Ich suchte ein kleines Landgut in der Nahe der Stadt zu kaufen, ging daher oft zu den Besitzern der umherliegenden Bauerhofe, weil ich hoffte, einen zu treffen, der als Pachter mit mir leben, und den Kaufschilling als zurucklegenden Erwerb ansehen wurde. Ich war aber zu einem solchen Kaufe nicht reich genug. Traurig machte ich einen Abend meinen Weg zuruck: unweit eines artigen Bauerhauses blieb ich an einer Magnolia gelehnt stehen und jammerte aus voller Seele, dass mir von dem grossen Vermogen und zwey Schlossern meiner Vater, nicht einmal so viel ubrig war, eine eigne Hutte zum Obdach, und Feld zum Anbau meines Brods zu kaufen. In meinem Kummer und Nachdenken vertieft, bemerkte ich nicht, dass jemand sich mir naherte, bis auf einmal ein alter Quaker neben mir stand, und theilnehmend mich betrachtete. Ich stutzte, und grusste ihn, als er sagte: Fremder! du vergisst, dass es bald Nacht seyn wird, wenn du nach der Stadt willst, so hast du Zeit. Ich dankte ihm und war in Wahrheit etwas angstlich als ich mich umsah. Der liebe Mann bot mir an, mich den kurzesten Weg zu leiten. Mein wenig Englisch zeigte ihm deutlich, dass ich einer der neuen unglucklichen Ankommlinge sey, und seine vaterliche Treuherzigkeit bewegte mich, ihm die Ursache meines Tiefsinns zu sagen. Er erwiederte mit sanftem Ernst:
Du hast sehr irrige Begriffe aus Europa mitgebracht, da du vermuthen konntest, ein guter Landmann wurde so leicht, die von seinem Vater, oder von ihm selbst angebaute Erde verkaufen, und kein Mann, der Seele und Eigenthum hat, wird jemals Soldner werden. Ziehe tiefer in das Land, suche eine Familie die auch nicht reich ist, vereint Eure Krafte, und bauet Felder unter Gottes Segen und taglichem Fleisse, so wird sich deine Trauer und deine Sorge mindern.
Es war zu spat ihn mehr zu fragen, als, ob ich ihn wieder besuchen durfe?
Gerne, wenn ich dir was helfen kann. Schon lange hatte ich von den Quakern gehort, und es war mir eine angenehme Zerstreuung, diese mir neue Art Wesen naher kennen zu lernen; aber es verflossen einige Tage, ehe mir die Umstande erlaubten, wieder auszugehen, und Emilie wollte sich nur Abends auf dem schonen Platze eine Bewegung machen. Wahrend dem verbitterten mir die Nachrichten von der Ankunft so vieler Familien des franzosischen Adels den Aufenthalt in Philadelphia, und da ich meiner holden Emilie, die zunehmende Unruhe meiner Seele verbergen wollte, so ging ich bey einbrechender Nacht noch auf dem grossen Spatziergange allein, uber unser Schicksal nachzudenken. Ich wollte keinem meiner Landsleute mich entdecken, und dachte an den Quaker, um seinen Rath zu holen. Um ferner nachzudenken, setzte ich mich auf das oberste Ende einer Bank, welche ganz im Finstern stand. Ich war aber nicht lange da, als ich einige Stimmen franzosisch sprechen horte, und aus dem Stoff der Unterredung bemerkte, dass es der Gesandte der Pariser Patrioten mit einigen Anhangern aus Philadelphia war. Mein Herz wurde ausserst bewegt, und der Gedanke: i n A m e r i k a ward der Saame zu der unseligen Revoluzion geholt, beklemmte meine Seele. Amerika war nun nicht mehr Zufluchtsaufenthalt fur meinen Engel Emilie und fur mein Herz, es war der Boden, auf welchem unser Elend keimte. Die Gestalt meines Schicksals wurde mir furchterlich und unertraglich. Die Idee, dass ich einmal diesen verwunschten Gesandten treffen und sehen konnte, dass ich unter lauter Freunden der Neufranken lebte, dass Frankreich die Republik der Amerikaner grunden half, alles dieses besturmte meine Seele zu sehr. Ich verfluchte die Asche des Ministers von Vergennes, welcher England necken wollte, und den Verfall unsers Konigreichs bereitete. O, was fur eine Lage war die meinige! Geburts- und Zufluchtsort mit gleichem Hasse zu denken! Stellen Sie sich die Stimmung vor, in welcher ich zu Emilien zuruckkam; denn an das Verbergen meiner Gemuthsbewegung dachte ich gar nicht mehr. Sie erschrak uber den Ausdruck der Leidenschaft, welcher in meinen Zugen verbreitet war. Ich hatte sie umarmt, ohne zu sprechen. Ich holte schwer Athem, und vermied ihre Blicke.
Mit zartlicher Angst fragte sie: O, was ist in deiner Seele? rede, lass mich Antheil nehmen an deinen Jammer, Wattines! Du leidest, du bist krank, Gott, was ist dir geschehen! kann deine Emilie nichts fur dich thun? Ach! sie stand vor mir mit ringenden Handen und flehenden Blicken. Ich sturzte zu ihren Fussen, und rief:
Ja Emilie! ja, du kannst mir helfen. O, wenn du mein Leben und meine Ruhe liebest, geh mit mir in die ausserste Einsamkeit. Ich sterbe hier elend und wahnsinnig.
Sie zitterte und sank auf den Stuhl zuruck, von welchem sie aufgestanden war, bog sich aber gleich wieder vorwarts gegen mich, und lebhaft rief sie aus:
O, g e r n e ! gerne, heute noch, indem sie eine Bewegung zum Aufstehen machte. Nur lass mich wieder deine Zuge sehen, wie mein edler liebender Wattines immer war.
Sie kusste meine Stirne, und weinte in stillem Schmerze. Ich weinte auch, und bat sie, mir den Kummer zu vergeben, den sie leide; aber ihr Versprechen nicht zuruck zu nehmen, mit mir weit von Philadelphia wegzuziehen. Sie hatte mich, wahrend ich sprach von allen Seiten emsig betrachtet, meine Hande besehen, meine in Unordnung um meinen Kopf hangende Haare von beyden Seiten in die Hohe gehoben, meinen Kopf und Nacken zartlich beruhrt, und sagte nochmals mit festem Tone und ohne Thranen: Ich folge dir in jede Wuste, ja in den Tod, und das heute noch, mit all meiner Liebe.
Ihre Blicke lagen durchdringend auf meinen Augen, und die Erinnerung der nachsten Gefahr, die nach alt europaischer Sitte einen franzosischen Officier unter seinen Landsleuten begegnen konnte, verleitete sie zu der Frage: O sage, hattest du kein Duel? bist du nicht verwundet?
Aeusserst bewegt durch diese sorgsame Frage, sagte ich: nein, mein Engel! ich bin unverletzt, und habe seit ich dich verliess meist nur an dich gedacht, und mit niemand besonders gesprochen, als mit mir selbst.
Mich mit Ernst betrachtend, und mit dem Finger drohend, sagte sie: Du zweifeltest also an deiner Emilie, und ersannest die furchterliche Scene, um mich desto eher zu bewegen. O Wattines! da legte sie schweigend ihren Kopf auf mich und weinte. Ich setzte mich neben sie, umfasste sie und erzahlte ihr alles, was diesen Nachmittag in mir vorgegangen war, und die holde Liebe tadelte mich nicht, nahm Antheil an allen meinen Klagen und meinen Unmuth, ermahnte mich, einen Aufenthalt zu suchen, welcher mich und sie vor solchen Erinnerungen, und unser Gluck und Liebe zerstorenden Gemuthsbewegungen schutzen konnte.
Du willst einsam leben! fuhre mich hin wo du willst, wo nur unsere Liebe und die gutige Natur um uns seyn werden. Der ganz eigne Geist meines Wattines wird nur da glucklich seyn, und ich bin es nur, wenn er es ist; denn mein Carl! deine Liebe allein kann nie der Grund meiner Zufriedenheit werden, deine Ruhe, deine Zufriedenheit mussen damit verbunden seyn.
Sie konnen leicht denken, dass meine ganze Seele sich in Dankbarkeit ergoss, und dann schon Plane den ubrigen Abend wegnahmen; ja als Emilie durch den auf ihr Herz gesturmten Auftritt schon sanft schlummerte, wachte mein emporter Geist unter dem Hinund Herwagen eitler Entwurfe noch. Der Gedanke, morgen meinen alten Quaker aufzusuchen, ihn um Rath zu fragen, beruhigte mich endlich, und ich schlief ein, aber nicht lange. Bey dem Fruhstucke sagte ich Emilien meinen Entschluss, diesem guten Manne mich zu erofnen; sie freuete sich daruber. Ich eilte zu ihm, besuchte aber noch einen Moment ein Caffeehaus, wo immer alle Nachrichten aus Europa zuerst mitgetheilt wurden. Ach! alle Tage besuchte ich es, mit der stets eitlen Hoffnung, gute Aenderung in Frankreich zu horen, auch den Morgen waren die Sachen schlimmer als je, und ich ging mit neu gebrochenem Herzen zu meinem Quaker, nach der Benennung dieser Secte, zu einem F r e u n d e , die man immer in Stunden des Kummers aufsucht. Er empfieng mich, wie ein gutiger Weiser einen Jungling, dem er wohl vill. Ich erzahlte ihm alles, zeigte ihm Trauer, Wunsche, Liebe, Sorgen und Hass meiner Seele. Er horte mir aufmerksam zu, unterbrach mich nie, als hie und da mit dem sanften Ausrufe: a r m e M e n s c h e n ! wie verirrt, wie qualt ihr euch.
Die Erzahlung des Mordes meines Oncles, meines Bruders und des Vaters meiner Emilie, fullte seine Augen mit Thranen. Er druckte meine Hand und sagte:
Ach! der Boden von Amerika ist auch mit Blut getrankt; aber sey ruhig, deine Verwandten sind bey Gott. Er sah alles. Er hat sie getrostet. Er lohnt sie. Er hat dich erhalten und wird dich stutzen.
Nun zeigte ich ihm aufrichtig das Verzeichniss dessen, was wir retteten, was wir noch fur die Zukunft verwahren und noch zum Verkauf geben wollten, ausgenommen unsre Bucher. Nach einigem Stillschweigen sagte er: Junger Mann! du bist hitzig, du hast Vorurtheile und Stolz, hast Bedurfnisse des Lebens und bist mit allen Menschen unzufrieden. Reichthum und Gewalt fehlen dir, um deinen Menschenhass in Trotz zu zeigen, Guther zu geniessen, und mitten unter ihnen einsam zu leben. Mochtest du es wagen, mit d i r a l l e i n beschaftigt, wie unser erster Vater auf einer artigen, aber sehr abgeschiedenen Insel zu leben, wo du nicht gezwungen seyn wurdest, nur des Nachts auszugehen, oder Einoden aufzusuchen um keine Menschen anzutreffen, aber immer unter den Augen Gottes zu wandeln, auf einer Seite nichts als Waldung und Flache am Creek, auf der andern Waldung und ein kleines Dorf von guten Indianern zu sehen? Wolltest du dort die liebe Erde, durch ordentliche Feldarbeit bewegen, dir Nahrung zu geben, so will ich sorgen, dass du ohne Pacht und Kauf dahin kommst, will dir durch gute Menschen ein Loghouse erbauen lassen, und einen rechtschafnen Mitarbeiter geben; aber du musst dich bald entschliessen, wahrend meine Freunde noch in der Gegend fischen. Ich will fur alles, einem genugsamen Menschen, Nothige sorgen Deine Bucher, und das Beste so du rettetest, sollst du dabey behalten: dort kannst du lernen Menschen ertragen, Ueberfluss und Stolz verachten, den Werth mancher Krauter und Thiere, ja, den von dir selbst kennen; aber Geduld und Fleiss mussen dich geleiten.
Ich dankte ihm, und ergriff den Vorschlag mit Freuden, zeigte ihm meine Arme, und sagte: dass ich Gartner-Arbeit verstunde, und als sehr junger Mensch, meinem Oncle, welcher mich und meinen Bruder erzog, den Versuch machen half, ob der Abbee Roziers recht habe, zu behaupten, dass ein mit dem Spaten umgegrabenes Feld doppelt soviel trage, als ein nur gepflugtes. Mein Quaker freuete sich und sagte:
Nun so gehe in Segen, und werde ein guter Ackersman! Ich will fur alles Nothige sorgen, denke mit deiner Frau an massige Kleidung und auch an Weiber-Arbeitzeug. Ich eilte zu Emilien; die sanfte liebende Seele war froh, noch einen lebhaften Wunsch, noch eine Hoffnung in mir zu sehen, mit Vergnugen und Zartlichkeit folgte sie mir an den See Oneida. Ach, ich sagte ihr nicht, dass wir vielleicht ganz allein leben, oder nur Indier sehen wurden. Ich fuhlte da am lebhaftesten fur mich, dass ich fern von jeder Spur europaischer Sitte, Kunst und Regierung seyn wurde. Emilie fuhlte sich glucklich uber mein heiteres Aussehen, und fand den Entwurf auf einer Insel zu leben ganz herrlich. Die in dem Blute unserer Nation liegende Leichtigkeit alles zu fassen, alles thunlich zu finden, und im Vertrauen auf unsern Geist und Thatigkeit, alles zu unternehmen, hat immer in Krieg und Frieden unserm Vaterlande grosse Vortheile geschafft. Dieses angebohrne Selbstvertrauen beseelte uns, und versicherte uns Gluck und Vergnugen; deswegen kauften wir beynahe eben so viel Blumen- als GemusSaamen, folgten unserm Quaker in allem, nur nicht in der Wahl der Betten, indem wir auch fur den Winter nur Matratzen mit Schafwolle gestopft, statt der amerikanischen Federbetten nahmen, und allein grosse lederne Pfuhle mit Federn gefullt, nebst einigen wollenen Decken kauften; alles andre blieb der Kenntniss, und dem Gutdunken meines alten Quakers uberlassen, welcher mir in wenig Tagen ein Verzeichniss aller meiner in Kisten gepakten Sachen gab, das was ich hatte, wurde damit vereint, und gute Quaker-Kleidung fur uns auf die Reise und auf die Insel angeschaft hatte. Recepte zu Sprossbier, zu Ahornzucker, zum wilden Bienen, und Wander-Taubenfang kamen auch zu unserm Vorrathe. Ich fuhrte Emilien den Tag vor unserer Abreise zu unsern Freund, welcher ihren Muth bewunderte, und durch seinen herzlichen Segen starkte. Er hatte zwey Fuhrleute bestellt, und gab uns Briefe an die Fischer, welche wir am See Oneida treffen wurden. Bald wurden wir, setzte er hinzu, Europaer zu Nachbarn auf dem Lande erhalten, indem diese Gegend zu der Grafschaft Onotaga gehore und der Congress den schifbaren Creek-Fluss, welcher sich in den See Oneida ergiesst, zu Beforderung des inlandischen Handels benutzen, und an dem Ufer des See's Oneida eine Stapelstadt erbauen wolle. Diese Aussicht war uns sehr trostlich; mich freuete aber, dass die Stadt noch nicht stand, und ich also noch einige Zeit, weit von Menschen entfernt leben, und dabey einen Wunsch meiner Emilie erfullt sehen wurde, ohne etwas von dem meinigen zu opfern; denn bey der Bereitwilligkeit mir uberall zu folgen, hatte sie immer die Bedigniss gemacht, dass wir nahe an einem Flusse wohnen mochten. Ich hatte in meinem Herzen vieles dagegen, denn Flusse werden von Menschen und Thieren besucht, und der Vorschlag von der Insel war mir tausendmal willkommner, weil er mein Fliehen vor Nachbarn, und Emiliens Verlangen nach Wasser befriedigte. Nun war aber noch ein grosser Punkt zu besorgen; meines Quakers Freunde sollten mir einen Gehulfen schaffen, und ich wollte keinen haben; bemerkte mit Vergnugen, dass Emilie mit mir gleich dachte, aber aus Sorge, ich wurde, wenn ich allein arbeitete, meine Krafte zu sehr anstrengen, wollte sie lieber eine starke arbeitsame Magd, am liebsten eine Witwe, welcher sie die Kinder besorgen wollte, wahrend die Mutter im Felde, um zu arbeiten seyn wurde. Der Quaker fragte:
Warum willst du nicht lieber einen braven Knecht? Emilie war verlegen, und sagte: guter Vater! wie, sollten wir einen alten Mann sich viel plagen lassen? und ein junger bey uns in der Einsamkeit, wurde sich bald unglucklich fuhlen. Der leisere Ton in welchem Emilie diess sagte, das Errothen dabey, wurde von unserm Freunde so gut verstanden, dass er sie bey der Hand sasste, liebreich auf sie blickte, und wirklich wie ein Patriarch sprach:
Du hast recht, meine Tochter! Zieh hin und glaube, dass wer so fur seinen Nachsten denkt, von seinem Gotte nie vergessen seyn wird. Bereite dich aber auf das Entbehren einer Magd, denn fleissige Witwen ohne Kinder sind nicht gern in der Einsamkeit, weil sie wissen, dass man in Amerika arbeitsame und geschickte Weiber sucht, und was wurdest du mit einer tragen Gehulfin machen? Eine treue Mutter wurde beangstigt seyn, was aus ihren Kindern werden solle. Hier schwieg er, und sah auf Emilien, welche schnell antwortete:
Nein Vater, ich will keine Seele mit Sorgen beladen, und an deinen Segen glauben, dass Gott fur uns sorgen wird.
Wir schieden von diesem Manne wie von einem Vater, und er weinte mit uns. Ach, wie leicht war mir, als Emilie unterwegs versicherte, sie wurde mit mir allein viel ruhiger und zufriedner seyn, als bey dem Gedanken, dass ein andres Wesen aus Noth in unser Schicksal verwickelt wurde, welches vielleicht die Einsamkeit nicht tragen, oder unsere Lebensweise nicht lieben wurde. Doch zitterte ich oft wenn wir bey einzelnen kleinen Anlagen vorbey kamen, wo mehrere Leute arbeiteten, und Emilie nachdenkend hinblickte. Die Idee, ach vielleicht fuhlt sie nun, dass wir nicht so glucklich seyn werden, Menschen um uns zu haben, und verbirgt ihre Unruhe vor mir, wie ich mein Entzucken uber die unbewohnten Ebenen, Walder und unbeschifften Flusse. Ich webte in unsere Entwurfe oft den Gedanken: Es freue mich eine Probe der ganzlichen Einsamkeit zu machen, die Zeit gehe schnell, und die Fischer, welche uns nach der Insel fuhrten, wurden uns besuchen, und konnten uns wieder zuruck nehmen. Unter dem Ausbruche des Enthusiasmus fur Grosse und Schonheit der Natur, machte ich die holde Emilie aufmerksam auf die Scenen, an welchen wir voruber kamen, wenn hier und da ein Blick von ihr in das Dunkle dichter Walder hinschauderte, und das Aufbrechen und Fliehen wilder Thiere Emilien erschutterten, und den Gedanken in mir rege machten: wohin fuhrst du sie? so nahm ich meine Zuflucht zu ihrer innigen Liebe fur mich, und zu ihrer Religion, druckte sie an mich und sagte:
Emilie! wie prachtvoll, stark und innig verbunden ist alles, wie es aus der Hand Gottes kam, wenn Menschen noch nichts verdorben haben! Ach, da freuete sie sich der ungeheuren Walder der Gegend am Ontaria, der Wasserfalle in den Stromen, und lachelte, wenn der Knall der Peitschen unserer Fuhrleute die Indischen Huhner scheu und von den Baumen abflattern machten: die grossen Fluge der Zugtauben ergotzten sie. Endlich waren wir bey den Fischern und ihren Hutten. Es schauderte mir in meiner Seele, aber ich wollte nicht zuruck, Emilie bebte, bey dem Erheben der Blicke uber den See hin, nach der Insel. Ich fasste mich, umarmte sie und sagte: Gott sey Dank, wir sind gesund hier, und die Sonne unsers Schopfers beleuchtet den uns bestimmten Wohnplatz recht freundlich. Mit sanfter Freude sagte sie: Es ist ja auch unsers Gottes Erde, wie die Gegenden, wo wir bisher lebten. Die Fischer waren ausserst rechschafne Leute, bey denen wir den ersten Abend blieben, den andern Morgen waren bey unserm Erwachen unsere Fuhrleute schon weg, und ein Theil unserer Habe auch schon nach der Insel abgefahren. Wir assen Mittags noch von ihren guten Fischen, und wurden dann auch gelandet. Aber den ersten Moment kann ich nicht beschreiben. Ich weiss es nicht, ich hob Emilien aus dem Kahne. Sie, die mich auf der Reise nach Amerika und auf der nach dem See Oneida leicht wie ein Vogel dunkte, schien mir wie Himmel und Erde auf mir zu wagen, beynahe taumelte ich, Emilie bemerkte es, und bewundern Sie, mein Freund! die Gegenwart ihres Geistes und ihrer Liebe, indem sie ausrief: Carl, hab Sorge! oder willst du Besitz nehmen, wie Casar von Brittanien. Diess weckte meinen Muth. Ich stellte sie nieder, blickte sie und den Himmel an, konnte aber nicht reden. Sie fasste meine Hand, und folgte mit ihrem Auge meinen Blicken, sagte dann: du betetest diesen Moment fur mich, Gott erhore dich, und segne uns beyde. Ich druckte sie an meine Brust, sie kusste mich und sagte mit unaussprechlicher Sanftmuth: Carl! lachle mich an, alles lachelt auf diesem Platze; indem sie mit Heiterkeit und der ihr eigenen Grazie sich uberall umsah.
Der Landungsplatz war in der That schon, aber ich sahe und fuhlte es nicht sobald, als der holde Engel, welcher mich durch Gottes Fugung begleitete. Nun hatten die vier Fischer beynahe alles ausgeladen, und Emilie ermunterte mich ihnen zu helfen. Ich will, setzte sie hinzu, indessen die Stelle zu unserer Hutte suchen. Wirklich entfernte sie sich, meine Blicke folgten ihr, sie sank neben einem Gebusche auf ihre Kniee, und erhob ihre Arme flehend zum Himmel, stand aber schnell wieder auf, drangte sich zwischen einigen Baumen durch, und rief laut: O, w e l c h e i n schoner Platz!
Sie war 19 Jahre alt, wahre Gehulfin meines Lebens; denn Sie fuhlen selbst, dass ihre Heiterkeit und ihre Zufriedenheit mich unterstutzten, so wie die Arbeiten mich zerstreuten. Staunend bemerkte ich, dass schon viele Balken auf einem Platze lagen, und horte von den Fischern, dass sie ein Loghouse am Ufer hatten bauen wollen, aber dem Quaker alles verkauft hatten, ich mochte nur bald einen Platz wahlen, weil sie nicht langer als zwey Tage von ihrer Arbeit und ihren Gefahrten entfernt bleiben konnten. Emilie wahlte wirklich den Platz, wo Sie unsre Hutte fanden, weil der Boden eine sanfte Erhohung hatte. Wir arbeiteten vereint an ihrem Baue; es geht auch mit Errichtung dieser Hauser, wie Sie bey den Colonisten sehen, sehr schnell. Emilie war es, welche bat, die zwey Accacien-Baume neben dem Eingange der Hutte stehen zu lassen, indem sie mir zugleich liebreich sagte: diese Baume machen unsere Wohnung zum Sinnbilde des Tempels von Philemon und Baucis.
In diesem Moment wurde sie fur das susse Vergnugen belohnt, welches diese schone Idee mir gegeben hatte; denn die Fischer stellten einen Korb mit Huhnern neben ihr nieder. Ihr Entzucken uber diese unverhoffte Freude durchdrang mein Herz. Die Erbin einer Herrschaft hatte nun kein Eigenthum mehr, als einen Huhnerkorb, welchen ein guter alter Quaker ihr zum Hausgeschenk in die Einode bestimmte. Die Fischer sagten, er hatte auch zwey Ziegen geschickt, aber die trachtige sey gestorben, weil sie ubertrieben wurde. Emilie wurde bis zu Thranen geruhrt, sah gen Himmel, und rief mit dem Anedrucke des innigsten Schmerzes:
Auch hier noch Verlust! lehnte sich auf meinen Arm, ich umfasste sie mit einem unaussprechlichem Gefuhl innern Jammers, sie sah ihn uber meine Zuge verbreitet, kusste mich lachelnd, und sagte: sey ruhig, Carl! wir haben Eyer, da kann ich lait de Poule1 machen; aber es war schon von dem guten Vater John, dass er seine Kinder mit Milch und Eyer versorgen wollte. Nun gab sie den Huhnern Brod von unserm Vorrathe, streichelte sie, kusste sie, legte gebratene Fische, welche in einem Napf lagen, auf einen Balken, um an die See zu laufen, und Wasser fur ihre Huhner zu holen. Ich segnete den Quaker fur diese Freude des besten, edelsten Geschopfs, aber der Verlust der Ziege qualte mich, weil Emilie so gerne Milch ass; es war mir trauriger, als die Einsamkeit. Denken Sie, wie tief Emiliens Ausruf, a u c h h i e r n o c h V e r l u s t ! meine Seele erschutterte. Ich sah auch um mich, und dachte emport: auch hier noch Schlage des Schicksals! Warum? fragte ein erbitterter Blick, den uber mir fliessenden Himmel. Sie haben gewiss mit Achtung bemerkt, wie schnell Emilie ihre Trauer-Gefuhle uberwand, aber dieses scharfte nun die, welche mein Herz durchschnitten. Ich hatte eifrig an dem Bau meiner Hutte geholfen, eilte aber zu Emilien, nahm ihre Hand, und beschwor sie, mir zu sagen, ob sie nicht lieber zuruck wollte, da wir einen so schlimmen Anfang unsers Verhangnisses gesehen hatten.
Nein Carl! sagte sie schnell, nein, wir bleiben, Gott wird fur uns sorgen, und auf die vor uns liegenden Kisten und Fasschen blickend, setzte sie hinzu: Sieh, wie reich wir sind! und auf die prachtigen Baume deutend, wie schon ist die Natur. Wir wollen bleiben. Wir sind uns genug. Nun war sie heiter, ordnete unser weniges Kuchengerath zusammen, ich half das Haus beendigen, das am zweyten Morgen bis zu der Decke fertig war. Die Fischer hatten zwey Baren- und einige Bieberfelle mitgebracht, um darauf zu schlafen, ein kleines Segel wurde an zwey Stocken aufgehangt, um Emilien und mich wie mit einem Zelte zu decken. Schonere Witterung sah ich nie: bessere Menschen als unsere Fischer auch nicht. Den andern Tag halfen zwey Manner meine Thuren und Fensterladen im Rauhen machen, zwey andre fallten Baume, nahe bey einer Art Wiese, um den Platz zu Feldern etwas zu vergrossern; sie lehrten mich vieles von ihren Handvortheilen. Zwey von ihnen gingen den Abend bey schonem Mondschein mit einem Kahn zuruck, die zwey andern lehrten mich die Lucken zwischen den Balken mit Moos ausstopfen, und die Wande im Winter mit Bieberfellen verwahren. Da mein Dach gut gedeckt war, verschob ich die bessere Arbeit fur das Innere, auf die Regentage fur mich. Emilie raufte alle Tage Moos, und breitete es zum Trocknen auf einen leeren Platze in die Sonne. Wir fragten die Leute nach den Indianern, die jenseits des See's wohnten, und horten, dass wir nichts von ihnen zu befurchten hatten, da sie wenig an Zahl, und ein sehr gutes Volk waren, das sein Wort immer heilig halte, und nie ein abgegebenes Land betraten. Ich fand dieses auch ganz war, denn nie habe ich einen auf der Insel gesehen, aber was uns unendlich schmerzte, auch nie mehr einen von unsern Fischern, nie bekamen wir Nachricht von unserm Vater John, als von Hrn. Vandek die von seinem Tode, den wir herzlich beweinten, und nur hofften, dass er durch unsre Fuhrleute und die Fischer, die zwey kleinen Briefe erhielt, welche wir ihm schrieben. Den letzten halben Tag halfen mir die zwey guten Fischer noch mein erstes Feld ein wenig umgraben, und versprachen heilig das kommende Jahr uns zu besuchen, und neuen Vorrath Oehl, Salz und gerauchert Fleisch zu bringen, weil ich bis zu meiner eignen Erndte, Bohnen, Mais und Buchweizen genug hatte. Das Ordnen dieses Vorraths in Kisten, in welchen unsere Habe von Philadelphia kam, das Aufstellen der Bucher und des Arbeitzeugs; Emiliens Saubern und Ordnen des blechernen und eisernen Kuchen-Gerathes, erfullte die ersten Tage, nachdem uns die Fischer verlassen hatten. Wir verbargen unter unsere Schlafstatte das Wenige, so wir noch an Kostbarkeiten und letztes Hulfsmittel fur kunftige Zeiten aufhoben, legten das wenige Gute von Weisszeug und Kleidungsstucken auch zuruck, selbst die Schue, indem wir von niemand gesehen, uns gewohnten nur ein Stuck Leder um unsere Fusse zu binden. Mir als Officier, war in Vergleich eines Zeltes, mein Loghouse ein Pallast, und wenig Hausgerathe war mir auch genug: wir mussten wohl genugsam seyn, da wir erst gegen Ende des vierten Jahres, durch den Entwurf des Anbaues einer Stadt, wieder Umgang mit Menschen und wieder Hulfe nebst Darreichung ehemals gewohnten Genusses erhalten haben." Dieser Auszug von Wattines Geschichte und Denkart, machte mich nun begierig auf die in der nehmlichen Zeit bey seiner Frau erschienenen Aeusserungen, nachdem die Fischer abgereist, und die zwey Unglucklichen ganz allein waren. Mir graute vor den Moment ihrer ganzlichen Abgeschiedenheit von allen andern Menschen, und durchblatterte die Noten der Frau Vandek mit erneuetem Eifer, und Aufmerksamkeit; da fand ich zu meiner Freude Emilien uber den ersten einsamen Abend redend.
"Wattines fuhrte mich auf den Theil der Insel, der nicht weit von unserer Hutte an das Ufer des See's leitet, und zugleich zwischen den Baumen hin einen grossen Waldplatz neben unsern Feldern zeigt, von welchem er mir erst, da wir auf dem vesten Lande mit Ihnen lebten, sagte, dass er ihn oft mit Sorge betrachtet habe, weil es bey dem uppigen Wuchse aller Baume und Gestrauche der Insel nicht naturlich war, dass die Natur eine solche grosse Stelle ohne grosse Gewachse gelassen habe; sondern er war uberzeugt, dass ehemals die Indier hier Feste hielten, oder bey ihren Jagden auf der Insel ofters Feuer da hatten und Strauchwurzeln nebst Baumen ausgerottet wurden. Da die Fischer uns beruhigten, sagte er mir nichts von seinen Vermuthungen uber diesen mir so schon dunkenden Wiesengrund. Mein Herz dankt ihm heute noch dafur; denn was wurde mein Leben geworden seyn, wenn ich den schonen Rasen mit dieser Vorstellung und dem Gedanken betrachtet hatte: die Wilden konnen wiederkommen.
O, wie gutig ist die Vorsicht, wie sehr sind es die Menschen, welche uns traurige Aussichten decken! Ich ging uber dieses feine Gras sehr vergnugt an Wattines Seite nach der schonen Aussicht hin, wo er mich die ganze, von der Abendsonne beleuchtete Gegend, betrachten machte, mich dann umarmte, und nachdem er seine schonen Augen mit einem flehenden Blicke zum Himmel erhoben hatte, sagte er feyerlich:
Emilie! nun sind wir hier auf diesem fernen Theil von unsers Gottes Erde ganz allein, aber weit von den Barbaren, die uns unschuldige Nachkommlinge unserer von ihren Vorfahren verehrten Eltern, dem Tode und der Armuth weihten: hier von Einsamkeit, Ruhe und Baumen umgeben, weit von Unrecht und Bosheit, die unsere Verwandten mordete, und uns beraubte. Von schoner, fruchtbarer Erde aufgenommen, leben wir hier allein vor Gottes Augen, seinen Himmel uber uns, mit deiner Tugend und unserer Liebe. Emilie! erinnerst du dich noch, mit welchem Vergnugen du die Versicherung hortest, meine erste Liebe zu seyn, und wie entzuckt ich war, dass noch kein anderer Mann jemals den geringsten Antheil an dein Herz erhalten hatte: und unser guter Vetter, welcher noch glucklich vor der Revoluzion starb, bey dem Feste unserer Verlobung, auf dem Landguthe deines Vaters, uns das s c h o n e B i l d d e r L i e b e von St. Pierres Feder zueignete?
Kennen Sie es? fragte Emilie Frau Vandek, als diese mit nein antwortete, sagte Emilie mit Errothen; O lassen Sie mich dieses schone Stuck von einem Lieblings-Schriftsteller meines Wattines Ihnen vorlesen, weil, dem Schicksal sey Dank, noch jede Zeile Wahrheit fur uns ist.
St. Pierre: 'In dem Alter der Liebe entwickeln sich alle edle Gefuhle, Unschuld, Aufrichtigkeit, Grossmuth, Sittsamkeit, Heldenmuth und Frommigkeit, zeigen sich in unausloschlicher Anmuth in der Stellung und den Zugen zweyer jungen Liebenden; denn die Liebe nimmt in ihren Seelen den Character der Tugend und Religion an. Sie fliehen die larmende Gesellschaft der Stadte, und suchen auf einer einsamen Stelle des Feldes einen landlichen Altar, um sich ewige Liebe zu schworen. Wasserquellen, der Aufgang der Sonne, der gestirnte Himmel horen ihre Gelubde. Oft sehen sie sich fur gottliche Wesen an, das Gras, worauf sie treten, die Luft, welche sie athmen, die Schatten, unter welchen sie ruhen, dunken sie durch ihre Gegenwart geheiligt. Sie sehen in der ganzen Welt kein grosseres Gluck, als mit einander zu leben und zu sterben; werden sie getrennt, so konnen weder die Hoffnungen des Reichthums, noch Freundschaft sie trosten. Sie haben Seligkeit kennen lernen, und schmachten nun auf der Erde, schliessen sich aus Verzweiflung in Kloster, um von Gott die Hoffnung der Wiedervereinigung zu erbitten.'
Emilie! setzte er hinzu, wir leben, wir sind vereint, wir wellen mit vereintem Geiste und Herzen ihn wahr machen, den schonen Traum alter und neuer Dichter: glucklich zu seyn, in Einsamkeit durch Liebe. Er umarmte mich dann und sagte zartlich: ich will arbeiten, das Feld umgraben, du, indem er meine rechte Hand fasste, wirst mit dieser Hand, die das Gluck meines Herzens versicherte, den Saamen einstreuen, Engel und Heilige werden es sehen, und Gott mit uns um Gedeihen bitten. Ich druckte seine Hand geruhrt an meine Brust, und sah wirklich mit innerm Gebethe nach Gott in die Hohe. Wattines sprach fort: ich will nun unsere Hutte ordentlich ausbauen, Fische zu fangen suchen, auf die Wandertauben lauschen, und Achtung geben, ob nicht auch etwas Wild in den tiefern Gebuschen lebt. Morgens mache ich Feuer und helfe dir unser kleines Mahl bereiten. Sind wir ermudet, sturmt es, und denken wir zuruck an Genuss und gluckliche europaische, im schonen Flandern unter liebreichen Verwandten verlebte Tage, da werden wir dieser Erinnerung eine Thrane weihen, aber auch sagen: ach, die besten, die liebsten dieser Verwandten sind nicht mehr, sind ermordet, die andern fluchtig, unglucklich wie wir. Sie konnen uns, wir ihnen nicht helfen, und h i e r sind wir doch weit von unsern Feinden, von den Boshaften und Fuhllosen, die uns alle unglucklich machten. Unsere Blicke treffen nur auf uns oder den von Gott bewohnten Himmel und die friedliche Erde, die uns tragt und nahrt.
Ich umarmte meinen Wattines und sagte: Gott hat unsern Weg bis hieher geleitet; diese vollige Abgeschiedenheit von allen Menschen, dunkt mich, stellt uns noch naher, noch genauer vor sein allsehendes Auge; wir wollen auch, mein Geliebter! hier diese Prufungszeit so durchleben, als ob ein jeder Tag der letzte seyn konnte; in dieser Stimmung wird alles Ansehen und Vergnugen der Erde gleichgultig betrachtet, ohne Wunsch und ohne Trauer daran gedacht, und nichts erhalt einen Werth, als moralische Gefuhle gegen Gott, und das Bild von der kunftigen Welt. Wattines fand diese Ideen zu duster, und erwiederte:
Nein Emilie! ich denke mich lieber in die Lage unserer ersten Eltern, welche aus dem Paradiese wandern und allein wohnen mussten: wo noch kein andres Wesen ihrer Art lebte, und Eva, nicht so ruhig, nicht mit so unschuldsvollem Herzen auf Adam blicken konnte, als meine Emilie auf mich.
Er verlangerte den Spatziergang mit Fleiss, um mich mude zu machen, aber es erhob sich ein Wind, die Baume flusterten, die Wellen des See's rauschten, und der Wiederschein des Mondes zitterte auf dem Wasser. Es wurde kuhl, Wattines war froh, dass ich diess alles noch im Freien horte und fuhlte, also das Gerausch kenne, und nicht unruhig seyn wurde. Er fuhrte mich nach unserer Hutte, wir sahen auf unserm kleinen Wege eine Menge Leuchtkaferchen, welche mich, da ich sie liebe, sehr freueten. Wir zundeten eine Lampe an, und schliefen diese vierte Nacht auf der Insel allein, und das erstemal in der geordneten Schlafstelle unserer Hutte. Das mitternachtliche Krahen unsers Hahns, war mir eine Art trostlicher Tauschung von Nachbarschaft und Idee von Hausfreunden. Wir erwachten fruh, hatten aber sehr wohl geschlafen, und fanden sehr gut, dass wir von Philadelphia an, so viele abwechselnde Ruhestatten hatten, bis wir am Ende noch zwey Barenfellen auf der Erde, unter ein niedres Zelt von dem Segel der FischerBarke krochen; nun also den Werth unserer Hutte, der Matratze und Wolldecken mit Dankbarkeit fuhlten und, o wie glucklich machten mich zwey Eier von unsern Huhnern, und ihr trauliches Zulaufen gegen mich! Ich bat Wattines, ihnen doch sobald moglich einen kleinen Umfang anzuweisen, damit sie die Freude haben mochten, Grunes zu fressen, ohne dass ich in Gefahr kame, sie zu verlieren. Ich bin heute noch sicher, dass mein guter Mann eine ganz andre Arbeit vor hatte, aber seine Gute uberwog sein Nachdenken, und mein Huhner-Hof wurde besorgt. Ich half kleine Breter herbeytragen, holte Nagel, hielt die Aeste des Gestrauchs, welches Wattines umbiegen und einflechten wollte; aber ich muss bekennen, sagte sie halb lachelnd, dass ich damals noch Handschuhe anzog. Mein geliebter Carl machte das alles so geschickt, und so schnell, dass ich ihn bewunderte, und mit inniger Ruhrung seine Hande kusste, und nun an meinen Heerd ging, Feuer anmachte, und zwey Wander-Tauben, welche die Fischer uns noch zuruck gelassen hatten, zu dampfen Es geschah nicht ohne Thranen, dass ich mir selbst dankte, aus Liebe zu meiner Amme, welche Kuchenmagd bey meinen Eltern war, mich immer gern um sie befand, selbst da ich 12 und 13 Jahre alt war. Wenn wir auf dem Lande wohnten, mich oft in die Kuche stahl, auch bey mancher Sache, die nicht schmutzig war, mit arbeitete, und Freude hatte, etwas so gut zu machen, als Trinette.
Wie weit war ich damals mit ganz Frankreich, und so viel tausend andern Personen entfernt zu vermuthen, dass diess, was wir uns zum Vergnugen, oder als schone Kunst bekannt machten, einst Erwerb zu Lebensmittel seyn wurde, und dass ich, die meiner Milchschwester manchmal zum Scherz Vogel rupfen, oder in den Zimmern eine Arbeit bey dem Aufraumen fertig machen half, mich tausend Meilen von unserm Geburtsorte entfernt, ihrer erinnern, und sie in dem Grunde meiner Seele glucklicher achten wurde, als ich war. Gewiss, es flossen Thranen mit in den Topf, in welchem ich die Tauben kochte, aber die Sorge, meinen Wattines dadurch zu kranken, trocknete sie. Ich blieb auch etwas langer, als nothig war, an meinem Herde, um jede Spur von Trauer verschwinden zu lassen, und lief nur einen Augenblick zu Wattines, um zu fragen, ob ich ihm noch etwas helfen konnte? als er nein sagte, kehrte ich schnell um, rang dann unter Beten und Seufzen nach Heiterkeit. Einige Zeit nachher ruste mich mein theurer Carl und bat um etwas Bindfaden, damit wir den Huhnern einige Schwungfedern zusammen binden konnten, um sie am Fortfliegen zu hindern, und nun liessen wir sie auf ihrem angewiesenen Spatziergange laufen. Wattines bat mich, zu beobachten, ob sie nicht irgend in der Einzaunung durchzukommen suchten; er wolle nur noch ein wenig auf sein Feld gehen. Meine erste Bemerkung, dass er schon fruh eine andre Arbeit, als den Huhnerhof vorhatte, und dieser Austrag, machten mich den Schauder uberwinden, der mir bey dem Gedanken ankam, dass ich nun ganz allein in der Hutte seyn, und selbst Wattines nicht sehen und horen wurde. Er eilte mir nach in die Hutte, wo ich meine Bewegung verbergen wollte, er aber seinen Spaten und Rechen holte, liebevoll zu mir an den Herd kam und fragte, was ich kochte? ich den Topf aufdeckte und traurig sagte:
Carl! nur eine Speise und einen Kuss, antwortete er, mich innig an seine Brust schliessend und forteilend. Ich sah ihm nach, bis er zwischen den Baumen weg war, da fiel ich auf meine Knie, weinte, konnte nichts anders zu Gott sagen, als: O, Ewiger! erhalte ihn, und starke mich.
Diese wenigen Worte wurden gesegnet, denn ich fuhlte mich durch diese Gedanken gestarkt und selbst ermuntert: ich nahm mir vor, den Topf mit den gar gekochten Tauben in ein Tuch zu binden, auf den umgewandten Deckel einen Teller, das Messerzeug und Brod zu legen, in die andre Hand aber die noch ubrige Flasche Sprossbier zu nehmen, und so mit einem Strohhut auf dem Kopfe, wie eine gute Landfrau ihrem Manne das Essen auf den Acker zu bringen. Ich gewann dabey eine doppelte Freude; denn schon der Entwurf verscheuchte meine Furcht des Alleinseyns, und jeder Schritt naherte mich meinem Manne. O, wie war der gute Wattines geruhrt und erstaunt, wie warf er den Spaten von sich, mir entgegen zu eilen, wie traufelten Thranen der Freude uber meine Heiterkeit von seinen Wangen. Emilie! Engel Emilie! rief er, o wie edel verschonerst du mein Leben, wie ruhrst, wie lohnst du mich!
Er war sehr roth und erhitzt, und bekannte, dass er mich angstlich dachte, deswegen um so eifriger arbeitete, weil das Feld morgen angesaet werden musse, und er mich nicht langer allein lassen wollte, als bis die die Stunde des Mittagsessens gekommen seyn wurde. Wir assen sehr vergnugt unter den Baumen, auf der Stelle, wo Wattines nachher die Mosbank errichtete, und die schonen Gichtrosen dabey pflanzte, weil er wusste, dass ich sie liebe. Als er sich wieder nach seiner Arbeit umsah, wollte ich meinen Muth auf die Probe stellen und sagte, dass ich unterdessen unser Ess- und Trinkgefasse nach Hause tragen und reine machen wollte. Mein Carl lachelte mit trauervoller Zartlichkeit mich an, und ich erinnerte mich glucklicher Weise an ein kleines Duett, aus der Operette: Suson et Colin, und fieng an es zu singen. Er antwortete mir, und ich eilte weg, weil mich seine Stimme etwas zitternd dunkte: auch als ich um den Busch unserer schonen Magnolia herum war, und uber das untre Gestrauch nach ihm hinsah, erblickte ich ihn, seine Arme uber der Brust gekreutzt, den Spaten an sich drukkend, Kopf und Augen zum Himmel erhoben. Er betete. Innig vereinte sich mein Herz mit ihm, und mit desto weniger Furcht setzte ich meinen Weg fort, dachte auch da an Trinette, die oft in der Nacht allein eine halbe Stunde Wegs nach Hause gehen musste, und bat Gott, da er das Schicksal meines Lebens, zu den Beruf einer Baurin gefuhrt habe, mir auch alle Tugenden dieses Standes zu geben; wie ich ihn ehemals eben so aufrichtig um die Gabe der Verdienste meiner Geburt und meiner Aussichten gebeten hatte. Ich raumte unsere Hutte sehr nett auf, wie ich es auf unserer Reise nach der Insel, in englischen kleinen Pachthausern gesehen hatte, suchte Waldblumen, setzte sie in einem unserer kleinen, aber neu noch recht hubschen Koch-Topfen auf den Tisch, und kam dann zu Wattines zuruck. Dieser wurde mit seiner Tagarbeit bald fertig: es war noch sehr hell, und Wattines wollte einen andern Weg zu der Hutte zuruck nehmen. Er hatte sein grosses Gartenmesser und eine Hacke bey sich hatte, um niedres Gestrauch abzuschneiden, und an Baumen einen Span einzuhauen, um unsern Weg zu zeichnen, und wieder zu erkennen. Wir fanden eine Menge Thymian und bluhendes Heidekraut, welches uns Hoffnung gab, ganz gewiss auch Bienen zu finden, welche Wattines aufsuchen wollte, sobald sein ganzes Feld bestellt seyn wurde. Ich suchte nach wildem Sauerampfer, und traf welchen. Mein Mann schnitt davon und zeichnete die Stellen durch Niederbiegen der umherstehenden Pflanzen. Sauerling oder Epine vinette fand sich in Menge, nebst Erdbeeren, so uns beyde freueten; denn die ersten konnten kuhlendes Getranke geben, und die zweyten uns in Sommertagen erquicken. Wir kehrten von diesem Besuche unserer Insel vergnugt zuruck, assen unsere kalten Fische, und mit sparsamen Bissen von unserer gesalznen Butter. Wattines sagte: ich wunschte wohl zu wissen, ob sich einer unserer Pachter in Europa und seine Frau jemals einen so deutlichen Begriff von unserm Wohlstande machten, als wir uns jetzo ihre Gefuhle bey Arbeit und Entbehren vorzustellen gelernt haben. Ich wollte weder fur mich, noch Wattines, bey der traurigen Seite dieser Betrachtung verweilen, sondern antwortete: dass die Pachter meiner Eltern oft mit eben der Ergebung, welche wir jetzo ubten, unsere Wohnung, Speisen und Gerathe, als nach Gottes Willen verordnete Verschiedenheit angesehen hatten, und ich uberzeugt ware, meine Milchschwester Trinette und ihr Mann wurden uns bedauern, und gerne arbeiten helfen. Wattines sagte: er sey auch davon versichert, und setzte hinzu: Gott gebe uns nur, was der Pachter sich als das beste wunscht, G e s u n d h e i t , und mir, sagte ich: erfulle er den schonen Traum von Philemon und Baucis. So floss uns dieser Tag zu Ende: wir gewohnten uns an fruhes Schlafengehen und Aufstehen.
Die Obstbaume mussten in die Erde, alles was zu pflanzen war, besorgte der liebe gute Mann so eifrig, so gut, wie es heute noch zu sehen ist. Er suchte auch Wild auf, aber ich liebte es nicht, wenn er auf der Seite gegen die Indier jagte, weil ich besorgte, es mochte sie reizen zu uns heruber zu kommen. Die Eintheilung unserer Arbeit schaffte uns Zeit, alle Tage einen andern Theil unserer Insel zu besuchen, und bald kamen wir unvermerkt an eine, etwas mehr als alle andre, erhohte Stelle, von welcher noch nicht lange ein Theil in den See gesunken zu seyn schien, weil das abgebrochene Stuck noch gar nicht bewachsen, und auch nicht von Schlamm bedeckt war, aber eine grosse Menge weisse und schwarze susse Wassermuscheln aufgehauft da lagen. Wahrend mein nachdenkender Wattines welche auffasste und losbrach, sie betrachtete und nachsann, wie diese Menge ausgewachsener lehrer Muscheln hieher gekommen seyn mochten, da bemerkte ich glucklicher Weise, dass das Wasser kleiner Wellen, welche eine leichte Bewegung des See's anspulen machte, bey dem Zuruckweichen uber die Muschelchen herunter traufelte, und in diesem Moment kleine niedliche Cascaden bildeten, die ich mit dem grossten Vergnugen betrachtete, aber wenige Minuten nachher sagte: ach warum haben wir keinen solchen Grund bey Erbauung unserer Hutte getroffen? der Regen, welcher an dem Fuss der Balken anschlagt, wurde schneller abgelaufen seyn, und unsere Wohnung mehr Schutz gegen die Feuchtigkeit der Herbsttage haben.
Wattines gab mir Recht, setzte aber hinzu, die Sache konnte noch gut werden, wenn er so glucklich ware, etwas Thon zu finden, so wollte er davon eine zwey Schuh hohe schrage Einfassung um die Hutte machen, und diese mit Stucken dieser Muschelerde bedecken, wodurch ein doppelter Vortheil entstehen wurde, weil Thon kein Wasser durchlasse, und die schiefe Lage der mit Muscheln besetzten Lambris den schnellen Abfluss des Regens befordern wurde. O, sagte ich lebhaft, mein lieber! diese Muschelarbeit will ich machen, wie ich in Flandern die Wande einer kleinen Gartenhohle besetzt sah; mochtest du nur Thon genug finden, dann will ich unserm Hause eine schone Lambris geben. Meines guten Carls Auge ruhte, wahrend ich sprach, mit der zartlichsten Liebe auf meinen Zugen. Er lobte mein Gedachtniss, und nannte meine Aufmerksamkeit auf die Arbeit in dieser Grotte, einen G e i s t d e r A h n d u n g , der mich so lange voraus, so vieles bemerken machte, das mir nun in unserer Einsiedeley dienen konnte. Die Vandek vereinten hier ihre Betrachtungen uber den Zufall und die Verdienste der Aufmerksamkeit, welche mit den Bedurfnissen des Lebens verbunden, alle Kunste und Entdeckungen erzeugten. Wenige Tage nach diesem, fuhr Emilie fort, als ich wirklich nach Wattines Anweisung allerley Saamen in die von ihm bereiteten Felder eingestreuet hatte, welche er mit dem Rechen zudeckte, und ich zusah, erinnerte ich mich an den schonen Wunsch des englischen Dichters Thomson, den ich nur noch in der Uebersetzung kannte, aber meine ganze Seele betete mit ihm, wie ehemals fur die Feldarbeit unserer Pachter.
'Himmel, sey gnadig! denn jetzt hat der Mann, der zu der Arbeit gewohnt ist, seine Pflichten gethan. Haucht pflegende Lufte! steigt nieder nahrende Tropfen des Thaues, ihr gelinden Gusse des Regens! Mildre du alles, du diese Welt belebende Sonne, zum vollkommen Jahre!' Wattines naherte sich mir in diesem Augenblicke, er hatte bemerkt, dass ich geruhrt ihm nachsah, bis an das Ende des Feldes. Er umarmte mich und sagte: Nun haben wir der Erde die Hoffnung einer Erndte vertraut, fur welche Gott sorgen wird. Heiter, um das Aussehen meines Tiefsinns zu zerstreuen, setzte er hinzu: wir wollen heute noch etwas thun, und einen Platz zum Fischen suchen, vielleicht konnen wir dann mehrere fangen, und fur den Winter auftrocknen. Dieser Platz war nicht schwer zu finden, und neben diesem entdeckte Wattines eine Stelle zum Baden, welche durch eine Art Sanddune von dem Fischplatz abgesondert war. Die erste Stunde fieng er schon Fische, und versuchte zu baden, wozu er mich auch ermunterte, indem es gut seyn wurde, durch das von der Sonne erwarmte Wasser den Staub abzuwaschen, welchen wir bey dem Saen und Einrechen des Saamens gesammelt hatten. Ich folgte ihm, und fand in Wahrheit ein grosses Vergnugen bey dem Herumplatschern in der kleinen Bucht des Cristal klaren See's und so reinen Sandes: Wattines machte sich weiter, bis er Wasser genug zum Schwimmen bekam, wo er sich dann hin und her wand, bey meinem Rufen zuruck zu kommen, mich neckte und zu sich bat. Ich wagte so weit ich gehen konnte, mich ihm zu nahern, doch als das Wasser bis an meine Arme kam, dunkte es mich, empor gehoben zu werden, ich rufte Wattines zu Hulfe, er kam, und hegte den Wunsch, dass ich schwimmen lernen mochte: es gefiel mir, und er uberzeugte mich, dass alle Menschen schwimmen konnten, sobald ihre Furcht uberwunden sey. Ich fasste also auch Muth, und da ich beynahe jeden Abend an warmen Tagen Unterricht bekam, so erhielt ich auch bald das Zeugniss, eine Meisterin zu werden. Auf diese Weise waren die Abende schon, aber die Tage nicht so, denn Wattines suchte Bienen und Thon, da musste ich lernen allein seyn, indem es nicht moglich war, meinen Mann zu begleiten. Er ging mit Aufgang der Sonne weg, und kam nur spat wieder, und da er eine Art mathematischer Beobachtungen mit diesem Bienensuchen verbinden musste, wollte er auch ungestort seine ganze Aufmerksamkeit dazu verwenden, indem er diese Art zu verfahren nie gesehen, also nur nach der Beschreibung einen Versuch machte.
Dieser Theil von Emiliens Erzahlung war mir so werth geworden, dass ich diesen Bienenfang zu kennen wunschte, ob wir es schon in unserm Europa nicht nothig haben, so dunkt es mich den guten Menschen schatzbar zu wissen, wie andre weniger Gluckliche Schwierigkeiten uberwinden, etwas zu erhalten, was er so leicht und so nahe hat; wie die Bewohner des Furstenthums Zelle ihren Bienenstadt auf der Luneburger Heide. Ein amerikanischer Landmann lehrte Wattines Waldbienen suchen; dazu gehorte ein Glaschen Honig, ein Compass, Feuerzeug, einige platte Steine, gelbes Wachs und Carmin, nebst einem Stock mit etwas schwerem Knopfe von Eisen oder Metall. Mit diesen Werkzeugen gerustet, und eine gute Flinte dabey, geht man in den Theil des Waldes, welcher am weitesten von Dorfern entfernt ist, sucht nach den grossen Baumen, klopft mit dem Stockknopf an die obern Theile, und starke Aeste des Baumes, und horcht ob sie nicht hohl lauten. Sobald man vermuthet, dass irgendwo Bienen sind, so macht man auf einem der platten Steine ein kleines Feuer, in welchem man etwas Wachs schmelzen lasst, auf einem andern dieser Steine, lasst man einige Tropfen Honig fallen, und streut rings um diese von dem Carmin. Sobald nun die Bienen den Wachsgeruch bemerken, fuhlen sie auch durch Instinkt, dass Honig dabey ist, und fliegen zu. Die, welche von dem Honig kosten, farben sich an dem Carmin roth, und da sie ihre gefundene Beute sogleich nach ihren Zellen tragen, kommen sie mit mehreren ihrer Freundinnen zuruck. Der Jager kennt die ersten an dem roth gefarbten Kleide, und da er mit seinem Compas die Richtung ihres Fluges, und an seiner Uhr die Zeit beobachtet, welche sie zum Hin- und Herfliegen nothig hatten, indem diese Thierchen immer den geraden Weg nehmen, so folgt er ihnen nach, und betrachtet im Gehen jeden Baum; denn da der Wachsgeruch alle Bienen-Familien reitzt, so ist auch leicht die Unruhe bey ihren Wohnungen zu bemerken, mit welcher sie nach Raub fliegen. Nun werden die Baume und der Weg zu ihnen bezeichnet, die hohlen Aeste sorgsam abgenommen, und bey den Bauerhofen in Sicherheit gestellt; wodurch sie ihre Bienenzucht anlegen.
Meine Freunde konnen sich nicht vorstellen, mit welchem Vergnugen ich von dieser Bienenjagd sprechen horte, und wie eifrig ich mich verband, mit auszugehen. Indessen sagte die Fortsetzung von Emiliens Geschichte sehr artig:
Wattines und ich waren da sehr verschieden beschaftigt. Er bahnte sich einen Weg durch verwachsene Gebusche, um bald zu Baumen vorzudringen, wo er Bienen zu finden hoffte, und ich kampfte zu Hause mit meiner Angst allein zu seyn, und mit meiner Sorge um ihn. Ich musste also in meinem Geiste eben soviel Vorurtheil und weibliche Schwache auf die Seite raumen, als Wattines verwirrte Gestrauche im Walde. Es gluckte uns beyden. Er fand Honig, und ich, ruhiges Vertrauen auf den Himmel und die Natur. Heute noch achte ich die Stunde als eine der glucklichsten meines Lebens auf der Insel, in welcher ich nach uberwundenen Thranen und schmerzvoller Erinnerungen mir sagte:
Ach! wenn ich mein Nachdenken immer an die Bilder dessen verwenden will, was ich in Europa war, hatte und genoss, so vermehre ich das kummervolle Gefuhl des Mangels, und verschwende meine Krafte im Streiten gegen Wolken und Unmoglichkeit. Gott hat zugelassen, dass mein Verhangniss mich hieher fuhrte. Er sah, wie ich in glucklichen Tagen ihm nach der Anleitung der besten Mutter fur alles Gute, und auch fur die Fahigkeit es zu geniessen dankte: ich will nun hier biegsam unter seiner mich prufenden Hand das Gute aufsuchen, welches diese Insel von ihm erhielt, und mir darbietet. Ich will die Lehren der heiligen Religion ausuben, will ihm eine folgsame Schulerin des Christenthums in mir zeigen, will seinen Schutz und seine Fursorge, neben der Beruhigung meines Geistes dadurch verdienen, und meine erhaltene Erziehung, nebst der Aufmerksamkeit, welche ich immer auf alles hatte, dazu anwenden, alle Verstandes- und Leibeskrafte mit europaischer Geschicklichkeit vereint, aufzubieten, unser beschwerliches Leben zu erleichtern und angenehm zu machen.
O wie suss, wie erquickend waren die Gefuhle meines Herzens, als ich nach diesem Selbstgesprache aus unserer Hutte heraustrat, und mir laut sagte: Gott! der Allgegenwartige, sieht mich in der einsamen Hutte, und hier auf dem einsamen Felde. Nach diesem Gedanken ging ich den Abend muthig den Weg hin, meinen Wattines entgegen, welchen ich nahe an dem Ende seiner umgearbeiteten Felder, voll Freude mit einem Stuck Wachswawe in der Hand antraf. Wir vereinten unsre Thranen des Danks. Ich erzahlte ihm meine gefasste Entschliessung: er umarmte mich ausserst geruhrt, sank auf seine Knie, bat Gott um Leben, Trost und Gluck fur mich, um Starke und Weisheit fur sich selbst, um fur mich zu sorgen, und meine Liebe zu lohnen. Ich war neben ihn gekniet, konnte nicht reden, ich weinte und mein Herz betete. Wattines stand zuerst auf, half mir und umfasste mich mit einem Arme, erhob den andern und seine schonen Augen gegen den Himmel, und als ob er einen Eid ablegte, sagte er:
Ja ewiger Vater! du sollst auf deiner ganzen Erde keine bessere Kinder sehen, als uns. Einige der letzten Stralen der sich unter die fernen Ufer des See's senkenden Sonne, beleuchteten in diesem Moment seine Zuge, unsere vereinten Schatten erstreckten sich uber die Felder hin, und alles das ward mir sichtbares Zeichen von Beyfall und Segen unsers Gottes. Von da an war Resignation der Grund meines Wohls.
Wattines sagte, als wir Abends von der Entdeckung des Bienenbaums sprachen, dass gewiss kein Kaufmann von Amsterdam ein hoheres Maass Freude empfinden konnte, wenn ein fur ihn beladenes Schiff aus Ostindien glucklich anlangte, als er bey der Entdekkung eines kleinen Bienenschwarms, an der Hohle eines nicht gar hohen Baums empfand. Wir mengten von dem Honig aus der Wawe unter unsern Abendtrank, waren glucklich einen Ersatz des Sprossbiers vor uns zu sehen, und Wachs zu Lichtern zu hoffen. Wattines musste mir versprechen, dass ich den wohlthatigen Bienenbaum bald besuchen sollte.
Den zweyten Tag ging Wattines fruh aus, um einige Fische zum Mittagsessen zu fangen: Emilie dunkte ihm gegen ihre Gewohnheit mit seiner Abwesenheit zufrieden. Er fand sie auch bey seiner Zuruckkunft sehr heiter. Sie forderte ihn auf, dass er die Fische schuppen helfe; weil sie bey dem guten Baume zu Mittag essen mochte, dann trug jedes einen Theil der Mahlzeit in den Wald. Emilie fand den Weg schon gebahnt, weil der Mann schon zweymal hin und her gegangen war, auch mehrere Baume zum Fallen gezeichnet hatte. Er zeigte nun Emilien den so werthen Baum, und machte noch etwas Platz umher, damit sie sich zu ihrem Essen setzen konnten. Emilie schien das Tuch ofnen zu wollen, in welchem sie ihre kleine Last eingeknupft gebracht hatte, bat aber Wattines, er mochte etwas Wasser holen, weil sie durstete. Er eilte hinweg, und fand bey seiner Zuruckkunft den Bienenbaum mit einem Gewinde von Lowenzahn, wilden rothen Nelken, weissen Bluthen der Schaafgarben und mit schonen blauen Blumen geschmuckten Sauerampfer umgeben. Diese liebliche Idee entzuckte ihn, weil sie ihm Emiliens heitre Zufriedenheit anzeigte, indem sie ihm zugleich sagte: ich konnte der guten Dryade, welche den Honig so wohl verwahrte, meinen Dank auf keine andre Art beweisen. Wattines bekam auch einen Kranz, und sie sagte: dass dieses die Arbeit sey, welche sie den Morgen wahrend seiner kleinen Fischerey gemacht hatte.
Ihr einfaches Mittagsessen wurde dadurch unendlich angenehm, sie beredeten sich dann uber die Art den neuen Schwarm einzufangen, welches Wattines nach der Vorschrift ausfuhrte, und Emilie ihm getreu an der kleinen Schleife ziehen und tragen half. Wenige Zeit nachher entdeckte er auch Thon. Emilie suchte Muscheln und machte sie rein, dann kamen sie mit ihrem eisernen Kessel an einer Stange, und trugen mehrere Tage scherzend und munter, bald eine Last Thon, bald eine von Muscheln in die Nahe ihrer Hutte, zu einem hinreichenden Vorrath fur ihre Arbeit zusammen. Wattines besetzte nach seinen ersten Gedanken den Fuss der Hutte schrag abwarts mit Thon, und half Emilien Vortheile finden, welche das Einsetzen und Festmachen der Muscheln erleichterte.
Da war es angenehm arbeiten, sagte sie, weil Wattines immer bey mir war, und die Lambrisarbeit anordnete, welche Ihnen so wohl gefallt und auch mich sehr freute, besonders da ich mich erinnerte, in einer Reisebeschreibung von der Arbeit einer Englanderin gelesen zu haben, welche einst zwey Vasen von Kutt machte, sie mit lauter kleinen Muschelchen von allen Gattungen besteckte, und in den Ecken ihres Zimmers aufstellte. Diese Erfindung dachte ich, durch Urnen von Thon nachzuahmen, und sie in einem dicht bewachsenen Theil des Waldchens als Denkmahler unserer geliebten Verstorbenen aufzustellen. Ich sagte es Wattines, welcher diese Idee gut fand, und wahrend er die Formen machte, und auf den Platz, wo sie stehen bleiben sollten, festsetzte, sammelte ich Muscheln. Diese Arbeit zerstreute mich, aber oft fuhlte ich, dass es mehr Denkmahler meines innern Grams uber mich selbst, als die der Trauer uber den Verlust meiner Verwandten waren: denn ich achtete sie glucklich. Sie litten nicht mehr, und wurden beweint: Wattines und ich lebten in Kummer, und niemand dachte unser; doch jetzo erkenne ich, dass Beschaftigung wohlthatig ist, und die Gedanken von Schonheit und Geschicklichkeit sehr wirksam sind; denn mitten in der Trauer, welche ich bey dem Anfange der Arbeit dieser Denkmahler fuhlte, entstand in meiner Seele eine Art susses Wohlgefallen, uber den Entwurf, und uber die Fahigkeit ihn auszufuhren. Ich genoss wahres Vergnugen bey der Erinnerung, immer die Gestalten der Urnen geliebt zu haben; die Arbeit verkurzte mir die Tage, und wahre Freude durchdrang mein Herz, als Wattines mich mit Entzucken lobte; ja ich bekenne, dass die Hoffnung in mir aufkeimte, es wurden einmal gebildete Amerikaner diese Aschenkruge sehen und bewundern. Gewiss diese angenehme Vorstellung dieser moglichen Begebenheit, wurde ein grosses wohlthatiges Gegengewicht meines wirklichen Elends. Liebe und Wunsche des Lebens erwachten aufs neue, und der gute Wattines eilte, wahrend dem Eifer der phantastischen Arbeit seiner Frau, einen Theil unserer Erndte heimzubringen, um mich zu schonen: und ordnete dann, als ich fertig war, alles um die Urnen herum so schon, dass der Platz wirklich das Ansehen eines, den Todes-Gottern geweihten Hayns bekam. Der gute Wattines war weit entfernt, sich die Empfindung zu denken, welche mich einst ergriff, als ich ihn bat, mit mir in vollem Mondenschein zu den Urnen zu gehen, und wir bey dem schonen Anblicke des Ganzen, von dem liebenswurdigen Geiste der Griechen sprachen, welcher jede Idee und jede Empfindung, in edlen Bildern darzustellen wusste. Als wir nahe genug waren, die Nahmen unserer geliebten Verwandten deutlich zu sehen, erinnerte sich Wattines an den Glauben dieser seelenvollen Nation; dass die Verstorbenen oft ihre Denkmahler umschwebten, und setzte hinzu: dass unsre geliebten Verlornen uns segnen wurden, dass wir so getreu, bis in diese ferne Gegend ihr Andenken mit uns brachten. Ich dachte, ach mogen sie da seyn, und in meiner Seele den Wunsch lesen, Gott zu bitten, dass er Wattines und mich auch zu sich nehme. Es war ein hochst feierlicher und schaudervoller Moment, in welchem wir beyde stillschweigend da standen, und bey der vorubergehenden ganzlichen Beleuchtung der Urnen, sie voll Ehrfurcht und Wehmuth betrachteten, zugleich aber auch das leichte Flustern der Blatter von den umstehenden Baumen horten, und es durch ein dumpfes Gefuhl, fur das leise Gerausch von Fusstritten nahmen; denn ich zitterte ein wenig, und fuhlte an Wattines Arm, dass auch er schauderte. Ich verbarg meine Furcht, indem ich mit einer Hand auf die Inschrift von unsern Eltern deutete, und er unterdruckte seine Bewegung, da er laut ausrief: A c h Gott lohne ihre Tugend und ihre L e i d e n : ich aber hinzusetzte: und unterstutze uns in der zugemessenen Prufung; dabey verschloss ich aber meine Augen vor den sich verlangernden Schatten der Baume, und wandte mich gegen den Ruckweg. Wattines hatte diese Bewegung in mir bemerkt, sagte aber nichts, sondern warf noch feste Blicke auf die Aschenkruge, erhob mit einem halb erstickten Seufzer die Augen zum Himmel, umfasste mich mit einem Arm, und fuhrte mich langsam zuruck; aber nie mehr gingen wir des Nachts zu den Denkmahlern, nie sprachen wir von diesem Spatziergange, als erst hier, da ich ihm meine damals gehegten Gedanken sagte, er mir aber seine Besorgniss wegen den in mir liegenden Trauerphantasien erofnete, von welchen er Ueberspannung befurchtete.
Wattines bedeckte nun die Wand an dem Herd und den Rauchfang, welchen er mit vieler Muhe und Geschicklichkeit gemacht hatte, auch mit Thon, wobey er mir von den vortrefflichen Eigenschaften des Thons erzahlte, dass er die Ecke der Hutte, wo der Feuerherd war, vor Brand beschutzen wurde, welches mir unendliche Freude machte, indem mir schon oft fur unsere Hutte bange war; aber so sehr ich damals den Thon schatzte, weil er mich vor Feuer und Wassersgefahr bewahrte, so geschah kurz darauf etwas, welches mir auf lange Zeit den Gedanken, und selbst das Wort, T h o n verhasst und schmerzlich machte. Vandek sagte mir da, dass sie alle bey diesem Theile von Emiliens Erzahlung staunten, und begierig zuhorten, als die liebe Frau sagte: dass sie wegen Thon die heftigste Gemuthserschutterung erlitten habe, und die allerempfindlichste Vorstellung von ihrem Manne horte. Einen Vormittag, da ich Mais mit Sauerampfer kochte, und in meiner kleinen Vorrathskammer etwas von dem noch ubrigen geraucherten Speck holte, bemerkte ich bey dem Zuruckkommen, dass Wattines mit einem holzernen Napf in der Hand, und etwas Salz hinweg eilte, dabey aber wie mich dunkte, sehr tiefsinnig und ernst auf den Herd blickte. Da ich wusste, dass er es nicht liebte gefragt zu werden, wenn er etwas von neuer Arbeit oder Probestucken vorhatte, so schwieg ich, war aber desto begieriger unterrichtet zu seyn, indem er mit einem Theil der nachdenkenden Miene, die er bey dem Weggehen hatte, wiederkam, und den noch nassen, aber rein gespulten Napf an seine Stelle setzte, aber von ganz andern Dingen sprach, ohngeachtet er meine unruhige Wissbegierde sehr deutlich bemerkte. Erst lange nach diesem Vorgange, als unsere Gemuse, Mais, Bohnen und Buchweizen-Erndte heimgebracht war, erst da sagte er, den Napf in die Hand nehmend:
Jetzo, meine Emilie! werde ich diesen Napf gewiss nie zu dem Gebrauche nothig haben, wozu ich ihn das erstemal holte. Diese Art Vorrede spannte meine so lange genahrte Erwartung noch hoher, und er sagte:
Ich dachte bey dem Thongraben und meinen Arbeiten von ihm, an die ausserordentliche Nutzbarkeit dieser Erdart, und am Ende erinnerte ich mich, gelesen zu haben, dass die kleine Volkerschaft der Altanes in Louisiana, wenn ihnen bey langen Reisen, bey einer unglucklichen Jagd, einer missrathnen Fischerey, oder andern Zufallen die Lebensmittel fehlen, so essen sie weich gekneteten Thon. Mein Herz fing an beangstigt zu werden, und als Wattines hinzusetzte, ich war unsicher, ob ich unsere Felder geschickt genug anbaute und bepflanzte, und befurchtete, dass wir von ihrem Ertrage den Winter hindurch nicht beyde genug Vorrath haben wurden; da wollte ich mich mit diesem Nahrungsmittel bekannt machen, und es ein wenig mit Salz wurzen; aber dem Himmel sey Dank! es ist nicht nothig. Ich horte das letzte kaum, denn ich war starr vor Schrecken, uber diese Erzahlung, da ich von der Liebe, die sich selbst vergass, um nur fur mich zu sorgen, und von der Gefahr bey diesem unseligen Versuche krank zu werden, gleich stark geruhrt ward, aber auch sein Leben durch diese unnaturliche Kost angegriffen glaubte. Meine ganze Kraft war uberwaltigt, und ich sank ohnmachtig in Wattines Arme: klagte ihn, da ich mich erholte, einer grausamen Vergessenheit an, dass er mich durch diese Unternehmung zu dem aussersten Grad des Elends fuhren konnte; indem ich nicht ohne Verzweiflung an die Moglichkeit seines Verlustes zu denken wusste. Nichts beruhigte mich, als das heilige Versprechen, dass er nie mehr einen solchen Versuch wagen wurde; als wir hernach gelassener davon sprachen, sagte Wattines sanft, aber sehr ernst:
O Emilie! wie tief liegt das Andenken an die ehemals genossenen Speisen in deiner Seele, weil es da selbst deinen Glauben an die gutige Natur und deine sonst so schwesterliche Gesinnung fur die armen Amerikaner uberwog, und dich so heftig furchten machte, dass diess, was den guten Aitanern in der Noth zu Erhaltung ihres Lebens dient, mir zu Gift werden konnte.
Dieser Abend, sagte die liebe Frau, war der bitterste meines Aufenthalts auf der Insel, weil Wattines mir noch nie so ernste Vorstellungen gemacht hatte. Er bemerkte auch nachher bey unsern Spatziergangen, dass ich meine Augen immer von der Thongrube abwand, wenn wir auch nur von ferne gegen sie hinkamen, und dass ich aus der Hutte ging, als er etwas an unserm Rauchfang auszubessern hatte. Er sagte aber nichts daruber, und lachelte nur freundlich nach mir, wie auf ein Kind, das man liebt, und ihm einen Eigensinn durch Nachsicht abgewohnen will. Er sprach nie von Thon, aber dieser Verdruss machte mich nachsinnen, ob ich nicht bey unsern Nahrungsmitteln etwas verbessern, oder erfinden konnte. Die Franzosen essen gerne Brod, unser Vorrath war lange weg, kein ordentliches Brod konnte ich nicht backen, da erinnerte ich mich an das Brod der Bergschotten, welches doch immer besser als gerosteter oder gekochter Mais war. Ich rieb also gekochten Mais und Buchweizen, welcher so gute Kuchen giebt, zu einem Teige, und versuchte es erst in einer erhitzten Pfanne trocken zu backen. Wattines machte die Gitterchen und Gruben, wie Vandek schon weiss, wir versuchten es auch mit Erdtoffeln, so dass wir immer Vorrath hatten, und am Ende dieses in unsern Honigwein geweichte Brod ein kostliches Abendessen war.
Als Emilie sich gewohnt hatte allein zu bleiben, und mit heiterer Miene fur ihre kleine Hausarbeit und Huhner zu sorgen, wurde Wattines dadurch auch viel ruhiger in seinem Gemuthe, arbeitete leichter und konnte mehr um seine Emilie seyn. Die Einrichtung des Endtenfangs hatte ihm, nach Heimfuhrung der Bienen die meiste Muhe gekostet; aber diese Endten gaben ihnen Fleisch und Federn zu warmen Decken fur den kalten amerikanischen Winter. Die Beschreibung des Wandertaubenfangs konnten sie nicht benutzen, weil sie keine Locktauben hatten, um die vorbeyfliegenden einzuladen und zu fangen. Jetzo hat man welche bey der Colonie, und ich war mit dabey, als auf einmal 14 Dutzend gefangen wurden. Diess erinnerte mich an die Freude, welche ich in meiner Jugend in Oberschwaben hatte, wenn wir bey unserm weisen und gutevollen Graf Stadion zu Warthausen, bey dem Finkenstrich im November, das grune Jagerhaus und den mit Tannen umgebenen Finkenherd besuchten, und sehr oft bey 800 dieser kleinen, etwas bittern Vogelchen habhaft wurden. Wie entschieden ist hierin der Vortheil der Amerikaner mit ihren Wandertauben, indem diese des Jahrs drey bis viermal, und oft in solcher Menge kommen, dass sie die Luft verfinstern, und man von diesen fetten und vortrefflich wohlschmekkenden Tauben eine unzahlbare Menge fangt, welche den Armen Nahrung und Federn geben. Es ist sonderbar, dass man noch nicht weiss, wo sie herkommen, und wo sie bruten, indem es nur Vermuthung ist, dass die Ebenen langst des Ohio, wo viel wilder Haber und Reiss wachst, ihr Vaterland seyn musse. Sicher ist, dass ein Einwohner der Grafschaft Carlile in der Provinz Pensilvanien, in dem Kropfe einer dieser Tauben noch unverdauten Reiss fand, und daraus schloss, dass entweder diese Vogel wahrend dem Fliegen nicht verdauen, oder dass ihr Flug von einer solchen Geschwindigkeit sey, dass sie vom Fressen bis zum ganzlichen Verdauen 560 englische Meilen zurucklegen; indem das nachste Reissfeld von Carlile in dieser Entfernung liege.
O meine Freunde! auf wie vielen Seiten lerne ich hier grossern Reichthum, grossere Mannichfaltigkeit der Natur, und in beyden Wattines, mehr unschatzbare Eigenschaften der moralischen Menschenwelt kennen, als ich in Buchern und der wirklichen cultivirten Welt nicht traf.
Emilie sagte einst bey Vandek: Einige unserer Sommerabende waren unaussprechlich schon und voll seliger Gefuhle; denn die Zerstreuung, welche das Tageslicht durch Beleuchtung aller Gegenstande mit sich bringt, wurde der vielfaltigen Sorge fur unsere Erhaltung, Abends und Nachts aber, wo alle ausser uns liegenden Gegenstande sich in Dunkel hullen, wo man sich und seine Ideen sammelt, diese Stunden wurden unserm Geiste und seinen Betrachtungen gewidmet. Wie die einer sternhellen Nacht, da wir von der kleinen freien Anhohe unweit unserer Hutte an dem obern Ende der Insel, den prachtig gestirnten Himmel uber uns sahen, und ihn Hand in Hand anfangs stillschweigend betrachteten, Wattines dann sich freuete etwas von der Astronomie zu wissen, und mir einige der Sternbilder dieses Welttheils nennen zu konnen. Ich freuete mich auch und sagte: mich dunke bey dem Anblicke dieser Menge erhabener und sich bewegender Geschopfe, dass wir weniger allein sind, und da ich nun einige Namen von ihnen weiss, so ist mir, als ob freundliche edle Wesen auf uns blicken. Ich war dabey etwas bewegt, und legte meinen Kopf an Wattines Brust. Er kusste meine Stirne und sagte lachelnd:
Du hast recht, meine Emilie! diese Sterne als liebreiche Nachbarn anzusehen, welche nach Untergang der Sonne, bey sanftem Lichte eine stille Wache fur uns halten. Die Luft war so ruhig, dass wir den Wiederschein der Gestirne auf der glatten Oberflache des Wassers sahen. Wattines machte mich darauf aufmerksam, indem er sagte:
Theure Emilie! sind wir nicht in diesem Moment zwischen zwey Himmel? und mit einem Arme mich umfassend, mit dem andern auf den See und die Sterne deutend, setzte er hinzu: hier bey dem nahen Ebenbilde des Himmels uber uns, bist du mein Engel, der sanfte Tugend und Vorschmack der Seligkeit in meine Seele giesst. Ich dankte ihm zartlich, da ich aber dabey einen Seufzer unterdruckte, vielleicht auch etwas traurig um mich blickte, wollte er die Ursache wissen, und ich antwortete: dass ich uns eher als zwey, aus beyden Himmeln, an die Granze verbannte Ungluckliche betrachtete. Ich fuhlte an seinem mich umfasst haltenden Arme, dass er schauderte; er seufzte, schwieg lange, endlich umarmte er mich lebhaft, und sagte wie in Begeisterung: Nein Emilie! der Anblick dieser zahllosen Welten uber uns, und das Gefuhl unserer moralischen Verbindung mit ihrem und unserm Schopfer, erhebt meine Seele uber alles Wohl und Weh unserer Erde. Diese Gestirne und Gott uber uns, d u , deine Liebe fur mich und unsere auf dieser Insel ausubende Tugend, erfullen alle meine Gedanken. Nach einigem Stillschweigen von uns beyden, sagte ich: mein Carl erinnert sich wohl an den schonen Ausspruch eines grossen Alten:
Dass die Gottheit kein angenehmer Schauspiel kennt, als den rechtschafnen Mann mit dem Unglucke k a m p f e n z u s e h e n ; ist dieses nicht die Lage meines Carls? Wattines staunte uber diesen Gedanken seiner Frau, umarmte sie ausserst geruhrt, und sagte dann mannlich ernst:
Diesen Anblick soll der Himmel in mir geniessen.
Sie waren bey dieser Stimmung des Geistes sehr vergnugt, und gingen, wie Emilie sagte, durch diese Betrachtungen zu jeder edlen That, und zu der Kraft allein zu seyn gestarkt, zufrieden in ihre Hutte zuruck, wo der zum Sprechen sehr aufgemunterte Wattines noch sagte:
Alleinseyn und stillschweigen, wurde immer als die harteste Strafe fur uns junge Franzosen angesehen, und diess war der Grund, warum so grassliche Bilder von dem Gefangniss der Bastille gemacht wurden, weil unsere Minister vornehme Bosewichter dort einsperrten; dennoch ruhte neben diesem Zuge unsers National-Characters, ganz genau der Beweis entgegengesetzter Ideen; denn Frankreich hatte mehr Kloster von dem so streng, einsam und schweigenden Orden de la Trappe, als das ganze ubrige Europa: Emilie horte gern und aufmerksam ihm zu. Er fasste sie bey der Hand und sagte mit daurender Lebhaftigkeit: Ja, theure Emilie! verkehrte Begriffe von Gott, von seiner Gute und den Pflichten gegen ihn, auch zu weit getriebener Hass gegen die Fehler der Menschen, fuhrten ehemals Einsiedler in Wusteneien, und in neuern Zeiten viele unserer besten Landsleute in diesen harten Orden; wie mich der Abscheu vor den Mordern unserer Verwandten hierher brachte: denn, ach Emilie! gerade in der vollen Bluthe aller Krafte bestimmt der junge Mann sein Schicksal, der e d l e g u t e will mit warmen Eifer alles bessern, der s t o l z e , h e r s c h s u c h t i g e alles andern. Geht es nicht, wie die ersten wunschen, so reissen sie sich von allem los, gehen mit dem Geiste der Religion in Kloster, und mit dem meinigen an den See Oneida: die zweyten vereinigen sich, wie es in Frankreich geschah, zerstoren das Alte, morden was sich widersetzt. Enthusiasmus der Frommigkeit hielt die Einsiedler fest, und die Monche in ihren Zellen. Ich sahe einst eines dieser Kloster nahe bey Lyon, einer unserer grossten und volkreichsten Stadte, das Gelubde verbot ihnen irgend jemand zu sehen und zu sprechen: wir meine Emilie! sind durch das Schicksal einsam, sehen, sprechen und lieben uns. Sollte der Enthusiasmus unserer Tugend sich nicht erhalten und uns hier glucklich machen?
Diese Unterredung freuete die sanfte Emilie, denn sie stutzte ihren Muth; doch, sagte sie, war ich froh, dass Wattines fur seinen und meinen Unterhalt arbeiten musste, weil ich gelesen hatte, dass jedes nur durch uberspannte Ideen entzundete Feuer der Gesinnungen auslosche, und nicht nur Kalte, sondern Erstarren aller Krafte und Missmuth des Geistes zuruck bleibe, wo man nichts mehr wunsche noch liebe. Dieser Zustand der Seele war das grosste Uebel, das Emilie sich fur ihren so feuervollen Wattines denken konnte.
Er fallte nun, wie er es von den Fischern gelernt hatte, einige Baume, um einen Vorrath Winterholz zu sammeln; machte eine Tragbare, damit Emilie nach ihrem Verlangen, ihm Stucke Holz und Buschel nach der Hutte bringen helfen konnte. Es war Pflicht meinem Mann die Arbeit zu erleichtern, sagte sie, und diente ja uns beyden. Es erinnerte mich wie oft ich diese Arbeit von den armen Bauersleuten in dem Dorfe meines Vaters sah, und nun Gott dankte, dass ich niemals sie belachte oder mit Verachtung ansah, sondern immer bedauerte; so dass ich meine beschwerliche Arbeit nicht als Strafe ansehen durfte.
Mich dunkt, meine Freunde! Sie mussen nun die beyden freywillig Verbannten eben so sehr lieb gewinnen, als ich selbst.
Ein paar Tage nach dem Schreiben der letzten Blatter ging ich mit Frau von Wattines am See spatzieren. Ich sprach von ihrer Familie, durch welche mir dieser Theil von Amerika unvergesslich bleiben wurde, und dass ich selbst in meinem Vaterlande oft nach dem See Oneida zuruckblicken wurde. Ich weiss nicht, dachte die holde Emilie, dass ich auf dem Wege sey ihr etwas Galantes zu sagen, und mir eine Sperre machen wollte, indem sie sogleich das Wort auffasste und sagte: ich liebe ihn sehr den guten See. Er verschonerte nicht nur unser Leben durch seinen Anblick, sondern auch durch unsern Fisch- und Endtenfang und die vielen Arten Wasservogel, welche wir auf ihm sahen. Wattines gab mir auch ihre Geschichte zu lesen, und dieses machte mich sehr glucklich, denn er hatte bis gegen den Herbst immer nur die Bilder einsamer Liebenden und die Naturgeschichte von Baumen und Pflanzen in unserm Buchervorrathe aufgesucht. Ich fand es naturlich, weil alles, was zur Nahrung gehorte, ihn zuerst anziehen musste, aber ich bemerkte auch, dass er mit einer Art von Sorgfalt vermied, von Poesien, Comedien und andern Schriften der schonen Litteratur zu sprechen, und ich suchte bey erster Gelegenheit die Ursache zu erforschen.
Der Anblick vieler Schwanen und ihrer Spiele reitzte mich, ihre Geschichte zu wissen, Wattines war bereit und sagte, meine Emilie hat recht, wir leben in der einfachen Natur, wir wollen sie ganz kennen lernen und unsern Buffon lesen. In diesem Moment war Wattines zu uns gekommen, und hatte das letzte gehort. Er sagte:
Emilio war bey einer Erlauterung: ja, sagte sie, aber sie ist zu Ende, wollte auch nicht fortsprechen, sondern ging nach Hause, da nahm Wattines das Wort und sagte:
Emilie will nicht von sich reden, weil sie mir bey diesem Anlasse ihren Geist auf einer ganz neuen Seite zeigte, denn nachdem ich Buffons Naturgeschichte zu lesen vorgeschlagen hatte, setzte sie sich lachelnd zu mir, und sagte mit ihrer Miene: nicht wahr, Lieber! du wolltest bisher nicht, dass ich an Europa und sein geselliges Regentenleben zuruck denken sollte, deswegen hindertest du immer das Lesen der Menschen-Geschichte, wegen der Idee von Menschen-Gesellschaft. Ich war in etwas verlegen, und blickte nur traurig nach ihr, Sie umarmte mich und erwiederte: guter Carl! du hattest nicht ganz unrecht, die dadurch entstehende Ruckerinnerungen oder Wunsche zu besorgen, weil dir deine Emilie nicht ganz bekannt war: vergieb mir den Stolz dieses zu sagen, und lass mich die Betrachtung beyfugen, dass der Weg welchen du nahmst, nicht der sicherste war; nicht allein weil Evens Kinder immer das Verbothne und Versagte lieben; sondern wenn meine Seele an das Bild des geselligen Lebens geheftet gewesen ware, so wurden ja schon Bucher an sich, und nun Buffons Beschreibung von den Kunstfahigkeiten und Sitten der Thiere, seine Kenntniss und seine Feder, mir die allein in grosser menschlicher Gesellschaft erlangten Verdienste zuruck gerufen haben; denn Lieber! diese Einsamkeit konnte keinen Buffon hervorbringen. Vereinte Krafte des Geistes vieler Menschen bildeten ihn. Hast du mich nicht selbst gelehrt, dass von den geschafnen Wesen keines einzeln wirken kann, dass ein Lichtstrahl keinen heitern Tag, ein Wassertropfen keinen fruchtbaren Regen geben kann, dass viele Feuertheile vereint werden mussen, um uns zu warmen, und nun hier unser schottisches Brod zu backen, so wie unzahlbare Sand- und Staubtheilchen dazu gehoren, die Stellen unserer Aecker zu fullen?
Mit liebevollem Ernst setzte sie hinzu: Sammelten wir nicht auch in der Gesellschaft, wo wir ehemals lebten, die Krafte, mit Nachdenken und Zufriedenheit alles zu tragen, zu entbehren oder selbst zu schaffen? aber ich bekenne das Alleinleben druckte mich bey Erinnerung an genossene Vortheile in der geselligen Menschen-Verbindung doch nie so schmerzhaft, als wenn ich dich uber deine Krafte arbeiten, und das thun sah, wozu in einer Stadt oder einem Dorfe mehrere Personen erfordert wurden, und dann Gott bat um Nachbarn; aber heute bitte ich meinen Carl, schatze sie genug deine Emilie und ihre Liebe, um mit mir von dem Vergangnen und Gegenwartigen, bey jedem Anlasse offenherzig zu reden, und lass uns mit Klugheit und Ruhe unsern Bucher-Vorrath geniessen; welches dann auf die Regentage, und die nun naher kommenden langen Winterabende beschieden wurde. Emilie suchte fur sich zu lesen, alle Artikel auf, welche ihr kleines Hauswesen betreffen konnten: Bienen, Huhner, Eier, Mais, Oehl, welches sie aus den Kornern der Sonnenblumen zu erhalten hoffte, das Verwahren der Gemus-Pflanzen u.s.w. Wattines aber brachte beynahe zwey Monate zu, um eine brauchbare kleine Oehlpresse mit ihrer Schraube zu verfertigen, wahrend Emilie auf ihrer Seite nachdachte, ob nicht aus diesen Kornern das Oehl durch Zerstampfen und auskochen gewonnen werden konnte.
Ihre Flachserndte freuete sie unendlich, weil sie nun sicher war, Strumpfe verfertigen zu konnen. Wattines half ihn nach der Vorschrift in ihren Buchern bereiten, und klopfen. Er machte auch von starken Drath, welchen er spitzte, eine Art von Hechel, um den Flachs etwas fein zu kammen, aber der Drath bog sich, und das erschwerte die Arbeit; da kam Emilie aus ihrer armen Vorrathskammer mit vier zweyzinkigten eisernen Essgabeln; deren der gute Quaker ihnen 6 gekauft hatte, und die liebe Frau sagte zu Wattines: sie glaube, dass wenn er diese Gabeln in einem Stucke Holz befestigen konnte, so wurde sie eine recht gute Art Hechel erhalten. Ich habe, meine Freunde, da die guten Menschen alles aufhoben, was ihnen auf ihrer geliebten Insel gedient hatte, diese zwey Nothhecheln gesehen, ja ich wunsche sehr, dass meine liebenswurdige Baase sich bey diesem Blatte in ihrem Hause und Keller umsehe, um sich dann einen Begriff von der Freude zu machen, welche die gute Emilie empfand, als sie nach einigen Versuchen so glucklich war, eine Art Honigwein und Honigessig zu kochen, wodurch sie einen gesunden Trank erhielten, und Fische theils in Essig zum Speisen abkochen, theils gebraten mit Essig besprengen und aufheben, und nach vielen Tagen, neben einer Schussel gekochter Bohnen auftischen konnte. Im Winter aber, da sie mit unendlicher Muhe Sonnenblumenohl erhalten hatten, assen sie auch, wie ihr grunes Gemuse verzehrt war, Bohnen als Sallat. Ihr Freund der Quaker hatte an vieles, aber nicht an alles gedacht. Sie trosteten sich indess auf das kommende Fruhjahr, wo sie durch die wiederkommenden Fischer Nachrichten und neue Hulfsmittel zu erwarten hatten. Der gute alte Freund, welcher ihnen einen Knecht oder Magd mitzunehmen gerathen hatte, hatte alles fur drey Personen berechnet, womit sie nicht nur bis zu ihrer Erndte, sondern bis zu der neuen Fischzeit reichen wurden. Da sie nun allein waren, und Emilie sehr sorgfaltig wirthschaftete, kamen sie uber dieses Ziel hinaus. Wattines fieng einige Biber und Fischottern, wovon seine Frau die zartesten Theile zum Essen bereitete, das Fett aber sorgsam auskochte, um davon bey Mangel des Mondscheins, in den langen Winternachten, welche sie furchteten, eine Lampe zu unterhalten; Wattines aber die Felle, nach Anweisung der Encyclopadie, auf eine geschickte Art bewahren und weich zu machen lernte. Als sie Flachs hatten, musste er Spindeln schnitzen, so wie er auch eine recht artige, aber sehr einfache Haspel verfertigte, und am Ende selbst spinnen lernte; wobey er sich an die Geschichte des Herkules und der Omphale erinnerte, Emilie aber zu ihm sagte:
Ach, die Aehnlichkeit ist sehr klein, da wir beyde nur Sterbliche sind, ich keine Prinzessin und Wattines kein Halbgott ist; da wir, wo diese nur spielten, sehr ernsthaft arbeiten mussen. Wir lachelten bey diesem Theile der Erzahlung, und die holde Frau sagte:
Sie sehen, dass wir auch Mittel fanden, manchmal mit unserm Kummer zu scherzen, und diess war sehr nothig, denn mein guter Wattines war nur zu oft ernsthaft. Da sie mit diesem Worte aus dem Zimmer ging, sah er mit Blicken voll Liebe und Bewunderung ihr nach, dann aber stillschweigend auf mich, der ihn fragte: ist es wahr, dass sie oft zu ernsthaft waren?
Er antwortete nach einiger Ueberlegung: ja, ich wurde es in den allerglucklichsten Stunden meines Lebens, wenn ich an den hohen Werth des Engels dachte, der alles verlassen hatte, und ohne Klagen oder Murren, mir hieher gefolgt war. O Emilie weiss nicht, wie oft ich mit mir selbst kampfte, wenn nun die Stunde kam, nach meiner Hutte zuruck zu gehen, und ich manchmal die Ermudung bey einer schweren Arbeit, auf einen Grad fuhlte, dass mich der Gedanke von Moglichkeit meines Krankwerdens fasste. O, da lag ich vor Gott, flehte um Leben, um Barmherzigkeit und Unterstutzung, nur um Emiliens willen. Denken Sie sich, was fur eine Menge von Ideen und Empfindungen ich unterdrucken musste, um mit einer etwas heitern Miene in meine Hutte zu treten, und dem doppelt scharfen Blicke ihres Verstandes und ihrer Liebe zu entweichen, und ihre Aufmerksamkeit von mir abzulenken. Oft machte ich unvermuthet eine Frage, welche sie mit dem liebenswurdigsten Geiste beantwortete, und hundertmal meine Seele zwischen Schmerz und Entzucken theilte.
Wattines sah, dass ich eine dieser Scenen zu kennen wunschte, und erzahlte mir, dass er einst zwey schone Fische und eine wilde Endte in seinem Hute nach Hause brachte, seinen Fang aber auf grossen Blattern, und mit Waldblumen geziert zu Emiliens Fussen niederlegte, woruber sie viel Vergnugen bezeugte und munter sagte: Carl! ich bin froh, dass wir nicht mehr in der Zeit der Griechen oder unter einem amerikanischen Jagerstamme leben, weil ich auf die Vermuthung gerathen konnte, Diana selbst oder eine reizende Sqwa beschenkte dich so oft mit ausgewahlter und geschmuckter Beute.
Da ich ihr nun die Geschichte der kleinen Jagd erzahlte, und sie meine Geschicklichkeit mit so vieler Zartlichkeit lobte, sagte ich wie sehr mich ihre Zufriedenheit mit meinen landlichen Talenten freue, und setzte hinzu:
Emilie! ich wunsche schon lange zu wissen, was in dem Innern deiner Seele fur ein Bild von mir liegt? sie blickte mich forschend an, sagte aber gleich mit fester Stimme: das von einem edlen, feuer- und gutevollen liebenswerthen Manne.
Ich war geruhrt, umarmte sie dankbar, sagte aber mit einer Art Schmerz: ach Emilie! edel und gutevoll suchten meine Eltern mich zu bilden, aber das Feuer welches die Natur in mir legte, verzehrte und verwustete vieles davon. Das holde liebe Weib kusste mich und sagte lachelnd: der See Oneida hat alles zu Feurige gedampft. Hier erwiederte ich schnell, also fandest du mich auch zu feurig?
In deiner Liebe nicht, aber deine zu lebhaften Empfindungen bey Gesprachen und Urtheilen, machten mich erst oft vor Duellen, und dann vor der Guillotine zittern, aber dem Himmel sey Dank, diese Sorge habe ich hier nicht mehr. Nun fragte ich: Emilie! war diess alles, was du von meinem Feuer dachtest?
O ich wunschte es selbst in den glucklichen Konigstagen, naturlich noch bey der unseligen Revoluzion mindern zu konnen, aber bald erschien es mir als verehrungswerther Eifer, des edlen, wohldenkenden, gegen Unrecht, Niedertrachtigkeit und Bosheit emporten jungen Mannes.
Ich sasste sie in meine Arme, und dankte ihr; aber ich war nun im fragen, und setzte, doch etwas stokkend, hinzu: theure gute Emilie! aber was ist es dir hier? hier in dieser Einode, wohin der wilde Theil dieses Feuers dich an meiner Seite trieb?
Sie nahm meine Hand und sagte zartlich: Es ist immer Theil meines Carls, dieses Feuer, und hier mehr als anderswo, denn dieses Feuer half unsre Hutte bauen, Bieber, Fische und Endten fangen; bestellte unser Feld mit Korn und Gemus; belebt deine Liebe, deine Kenntnisse und unsere Hoffnung zu kunftigem Glucke.
Ich hatte ihr staunend zugehort und rief aus, Gluck? Emilie, Gluck? hier fur dich, fur uns o Beste? Ernst, aber voll Liebe, erwiederte sie, ja Carl! Gluck unserer Lage fur jetzt, ist fur mich in deinem Leben und deinem Geiste; kunftiges Gluck fur uns beyde, ruhet noch in der Hand Gottes, der durch deine Hand es geben wird. Sie kusste hier meine Hand, druckte sie an ihre Brust, und indem sie bittend und zartlich auf mich blickte, sagte sie noch: lass, mein Geliebter! keinen Zweifel unsere erworbene Ruhe und unsere trostende Hoffnung storen; denn so lange Gottes Himmel uber mir und deine Tage neben mir hinfliessen, so kann meinem, Gott und dich liebenden, Herzen kein Wohl fehlen, das ich wunsche.
Wattines schwieg hier einige Minuten: ich war voll Bewunderung uber den Geist und Character dieser so jungen Frau, denn sie war damals erst 20 Jahr alt. Ich ergriff Wattines Hand und sagte innig: o wie glucklich waren Sie in Ihrer Verbannung durch Ihre vortreffliche Frau!
Ach, mein Freund! antwortete er mir seufzend, hochst glucklich, und hochst elend.
Wie das? fragte ich schnell. Er antwortete lebhaft, wie das, sagen Sie? konnte ich wohl mit einem wahren innern Gefuhl von Gluck sehen, wie getreu meine liebenswurdige Emilie den wirklich harten Befehl des obersten Gesetzgebers erfullte, ihrem Manne unterthan zu seyn, alles mit ihm zu theilen, und wenn ich bedachte, wie verschieden die Liebe in ihr und in mir wirkte, sie mir alles opferte, ich ihr nichts? Ach, nur seit der Ankunft des Vandek genoss ich den Trost, auch etwas fur Emilien zu thun, das den Namen eines Opfers verdient, da ich meine vorzugliche Liebe fur die Insel, den Hang des Alleinseyns, den Wunsch des Alleinbleibens aufgab, und das Land von Vandek annahm, weil ich sah, dass meine Emilie das so lange entbehrte Gluck des Umgangs mit einer Freundin zu geniessen wunschte.
Ich sagte ihm: Sie mussen doch finden, dass es so besser ist. Er antwortete: ja nach dem Ernst der Vernunft, aber fragen Sie sich selbst, ob es nicht viel kostet, eine geliebte und gewahnte Phantasie zu opfern?
O wie sehr fuhlte ich, dass Wattines recht hatte, als er von der Gewalt der Phantasten sprach; denn ich weiss wie stark man sich an sie heftet, aber ich tadelte ihn, dass er sich bey der Liebe fur seine Insel dieses Ausdrucks bediente; denn diese Anhanglichkeit ruhet auf bessern Grund, als dem von einer Phantasie: Er fand fur sich und Emilie einen Schutz, als sie Vaterland und Menschen flohen; sie vergnugte taglich seine Liebe fur die Schonheiten der Natur; sie trug Nahrungsmittel und Blumen wie er sie wunschte; er hatte viele Theile von ihr angebaut und verschonert, Krafte und Erfindung dazu verwendet, hatte da Leiden getragen, Tugenden geubt: dieses waren schone Bande, welche sein Herz mit Dankbarkeit an den Boden und den Gewachsen der Insel festhielten. Er war g a n z f r e y und H e r r von allem. Alles dieses lag in der Wagschale, wenn er Insel und festes Land verglich; aber ich will ihn forterzahlen lassen.
Oft machte ich Betrachtungen uber die Macht der
christlichen Moral, welche Emilien vergeben, Fehler meiden und Uebel tragen lehrte; meine stolzen Grundsatze aber mir Hass erlaubten, und mich durch das Gefuhl meiner Ohnmacht, Rache auszuuben, straften: mich auf diese unbewohnte Insel trieben, wo ich, nach aller Gerechtigkeit, in Erfullung meiner feindseligen Gesinnungen, in dem Jammer des Mangels, in harter Arbeit und Verlassenheit meine Zuchtigung finden sollte; denn bey dem Genusse des Trostes, dass ein sichtbarer Engel mein Elend theilte und alles bittre meiner Lage versusste, ergriff mich tausendmal der zerreissende Gedanke, diesen Engel an die Granzen eines unabsehbaren Jammers gefuhrt zu haben; auch dunkte mich oft in dem Blicke ihres grossen seelenvollen, zum Himmel erhobenen Auges, das Gebet zu lesen:
Ewiger Vater! du siehst, wie geduldig ich dem von
dir bezeichneten Pfade meines traurigen Schicksals folge.
Ich konnte nicht mit dem Vertrauen zu dem Erhabenen blicken. Er war fur meine Seele nicht ein mich prufender Vater, wie er Emilien erschien. Er war mir beobachtender machtiger Richter. Ich musste mir sagen:
Ach, in meiner Jugend wurde ich wie Emilie gelehrt, dass wir alle zu ausubender Tugend berufen sind; aber ich fasste nicht wie Emilie den Gedanken, dass Leiden und Ungluck die Prufungen fur diese ausubende Tugend sind. Ich sah immer nur die Storer der Ruhe meines Vaterlandes, fuhlte mit innern Klagen gegen die Vorsicht und mit Emporung meines Geistes, die Oberherrschaft, welche unsere Feinde erhalten hatten; durch die meine Leiden, wie ein unaufhaltbarer wilder. Strom auf mich flossen: ich floh das Ungewitter und glaubte alles gethan zu haben, da ich Emilien rettete und entfernte.
Er dauerte mich und ich sagte theilnehmend: theurer Wattines! Sie sind zu streng gegen sich selbst, Sie berechnen Ihre Leiden, Ihre muhvollen Arbeiten und die errungene Tugend des standhaften Ausdauerns zu gering. Er antwortete: o mein Freund! sagen Sie nichts in diesem Tone, auf der einsamen Insel des See's Oneida lernt man den innern Werth jeder Wahrheit und jedes Verdienstes kennen. Was habe ich denn gethan als die Erde bearbeitet, wie jeder redliche Landmann in Europa und hier, fur die Erhaltung seines Lebens und seiner Familie thut? Ich hatte doch unendlich mehr Erleichterung als ein anderer durch meine Bucher, meine Erziehung, durch die Liebe des Schonen, und in dem Geiste und der Zartlichkeit meiner Frau: wir lernten beyde an dem See Oneida den Werth der Zeit kennen, wenn jede Stunde wohl benutzt wird; denn alle unsere Arbeiten wurden besorgt, und wir hatten noch Musse zum Lesen. Ich sprach nun, von meinem Staunen uber den Geist der Zierlichkeit, welchen ich auf der ganzen Insel bemerkt hatte, indem mir ehemals dieser Geschmack nur als Eigenthum des Wohlstandes und des Ueberflusses bekannt war. Er erwiederte:
Sie haben recht, es wurde auch in der ersten Zeit meines Hierseyns, eher eine Art Wahnsinn, als ruhige Fassung angezeigt haben; doch dauerte es nicht lange, das erste innere dumpfe Gefuhl von Wildniss und Abgeschiedenheit von allen Menschen, so wie sich die Furcht vor den Indiern und wilden Thieren verlor, welche anfangs alle Gegenstande um uns her, durch einen truben Nebel scheinen machten; aber bald gab Emiliens Liebe fur mich mit ihrem kindlichen Vertrauen auf Gott vereint, ihr die Kraft, alle Zufriedenheit zu zeigen und mich bey meiner Feldarbeit zu erheitern; wir machten auch die Erfahrung, dass die Gesetze der Noth und der Nahrungssorgen die dringendsten Beschaftigungen vorschreiben, und sagten uns mit einer Art Freude;
Ach, so wie jetzt der Gedanke unser Feld zu bestellen und unsere Wohnung gut zu versorgen, alle andre Ideen aus unserer Seele entfernt, so ist es in dem Leben der guten Landleute. Ihre Arbeiten und die Hoffnung des glucklichen Erfolgs ihrer Muhe hindern sie auch, wie jetzo uns, mit unnutzen Kummer ruckwarts und um sich zu sehen: wir leiden also nicht mehr wie sie trokne Zeit zum Pflugen und Graben, sanfter Regen nach den ersten Tagen der Saat, und Sonnenstrahlen zum Bluhen und Reifen der Fruchte, sind die lebhaftesten Wunsche ihrer redlichen Her zen, wie es jetzo die unsern sind. Grune Wiesen mit ihren Blumen, erfreuen sie, wie uns hier die schonen Rasenplatze zwischen den Baumen, mit ihren bluhenden Waldpflanzen uns bey jedem Blicke ein sanftes Gefuhl des Vergnugens gewahren, und, setzte Emilie hinzu, noch mehr, ich bin uberzeugt, dass die ruhige Zufriedenheit der Landleute mit ihrem Stande und Berufe darin besteht, dass sie alles von dem gutigen Himmel und der Erde hoffen, also mehr Sicherheit fur die Erfullung ihrer Wunsche haben, als wenn ihre Erndten von dem Willen der Menschen abhiengen. Wie froh bin ich, sagte das liebreiche Geschopf, dass alle diese reinen Gefuhle in das Looss der Pachter meiner Familie verwebt sind, wie die Feldarbeiten in ihre tagliche Beschaftigung.
Solche Unterredungen erleichterten unsere Lage: Trieb der Erhaltung, Sorge fur Emilie machten mich arbeiten. Die Umstande hatten mich schon lange entbehren und nachdenken gelehrt. Nationalcharacter, Farbe und Falten, welche ihm die Erziehung, die Gesetze und Landesgewohnheiten geben, verliert sich niemals. Beobachten Sie unsern Hollander, ob nicht der still amsige Geist der Ordnung, des Fleisses, des Ausdauerns, der Sparsamkeit und Reinlichkeit in allem wirksam ist. Sollte nicht die Gabe des leichten Denkens und Vergessens, des muntern Tragens einer Beschwerde, und das Erfinden der Hulfsmittel, welches man alles den Galliern zuschreibt, mit uns hieher gekommen seyn? Die Bildung des Geschmacks fur das Schone und Artige, konnte sich nicht aus unsern Empfindungen verlieren, weil wir ehemals zu vieles Vergnugen dabey genossen hatten, und wer sucht nicht die Gefuhle der Freude zu erneuen?
Also, da nun die Hutte fertig, die Felder besaet, und so die ersten Bedurfnisse befriedigt waren, Sicherheit der Nahrung im Fischen und Endtenfang, bis zur Erndte uns beruhigte, wir auch das einsame Leben gewohnt wurden, so erhob sich wieder das seine Gefuhl fur das Schone. Ich suchte jede Anmuth der Insel auf, um Emilien zu zerstreuen, und durch den Genuss der Reitze in den Wundern der Natur, die Erinnerungen an das Reitzende der Kunste zu schwachen. Die angeborne Stimmung ihrer hochst moralischen Seele leitete sie mit Lebhaftigkeit auf die Bahn dieser edlen einfachen Empfindungen; denn sie achtete es eine heilige Pflicht gegen Gott zu seyn, alles Gute dankbar zu bemerken, welches seine vaterliche Hand um unsern Aufenthalt verbreitet hatte. Ich nahrte diese sanft trostenden Gesinnungen, durch Aufsuchen aller Stellen von Schaferleben und Auszugen der vortrefflichen, obschon sehr kleinen, philosophischen Betrachtungen in dem englischen Journal universal Magazine, welche uns wirklich schone Stunden gaben; mir kam glucklich ein Theil der Abhandlung: Ueber das Gefuhl des Schonen in der Natur, in das Gedachtniss zuruck, wo ein Schriftsteller beweisst, dieses Gefuhl erhebe die Seele uber n i e d r e B e g r i f f e u n d N e i g u n g e n . Ich nenne diese Erinnerung glucklich, weil sie mich uberzeugte, dass Emiliens geduldiges Tragen alles Ungemachs unserer Lage, und in mir das Aufbieten meiner Krafte diese Lage zu bessern, s c h o n s e y . Selbst da ich mir innerlich mit Schmerz bekennen musste, dass mein zu weit getriebener Abscheu gegen die Menschen, uns hieher brachte, und ich mir nicht erlaubte, den Himmel mit Bitten oder Klagen uber ein selbst gegebenes Weh zu ermuden, dunkte mich diese freiwillige Art von Busse und Selbstbestrafung auch s c h o n , wie der Muth, mit welchem ich mir sagte: Habe ich Kummer um mich gehauft, so will ich alles anwenden ihn zu vermindern. Die Kraft diesen Entschluss zu fassen, dunkte mich ebenfalls schon: und ich weiss nicht, ob es mir wirklich ging, wie man von Einsiedlern sagte, dass alle ihre Gefuhle uberspannt wurden, oder ob es Folge der Empfindung von dem W e s e n d e r S c h o n h e i t war, welche immer, sie mag durch den Anblick eines schonen Madchens, eines grossen Kunstwerks oder edlen Gedanken wirken, uns stets aus der naturlichen Stimmung in eine Art Entzucken ausser uns versetzt; gewiss ist, dass mich dauchte, bey dem Gedanken des Worts s c h o n erhobe sich mit sanfter Empfindung begleitet, eine starkende Triebfeder in meiner Seele, welche mir die Ahndung gab: Gott wurde das redliche Anerkennen meines Unrechts, das Versagen der Erleichterung im Erguss der Wehmuth und den Aufruf meiner von ihm erhaltenen moralischen Krafte in Ausubung jeder Tugend meiner Umstande, mit eben soviel Beifall anblicken, als Emiliens sanfte Ergebung; denn ich fuhlte ihn ganz den Unterschied zwischen mir und ihr. Ich suchte alles gute zu thun, um Fehler auszuloschen und das Unrecht zu ersetzen. Ich unterdruckte jede Ungeduld, jeden leidenschaftlichen Jammer, um durch gelassenes Dulden der Strafe meines Trotzes gegen das Schicksal und meines Menschenhasses, Gnade und Vergebung zu verdienen.
Hier dachte ich an unsern Schiller, welcher die Menschen durch die E m p f i n d u n g d e s S c h o n e n z u d e r M o r a l f u h r e n w i l l . Wie weit ist er aber entfernt, sich einen solchen Schuler in den Waldern von Nordamerika zu denken! Wattines, der mir alle freie Stunden dieses Tages schenkte, fuhrte seine Erzahlung fort.
Ich freuete mich Emiliens frommer Ruhe, die in allen ihren Ideen und Handlungen herrschte, da hingegen in mir bald dumpfer, bald heftiger Schmerz entstand. Zum Beweiss, ich hatte viel Blumensaamen mit nach der Insel gebracht, Sie konnen leicht denken, dass ich Emiliens Lieblinge am sorgsamsten pflegte. Ich zog ein schones Beet voll nach einer englischen Anlage, zwischen Gestrauchen und Baumen versteckt, bis sie in Bluthe standen, und fuhrte dann Emilie zu dem unerwarteten Anblick. Ihre dankbare Freude ruhrte mich in dem Innersten meiner Seele, trauervoll sagte ich:
O Emilie! wie ungerecht war ich gegen diese Blumen und dich. Ihr verbluht beyde ungesehen und unbekannt in dieser Einsamkeit. Mochte ich ihnen aber Emiliens Blick beschreiben, und den anmuthsvollen obgleich ernsten Ton der Gute angeben konnen, mit welchem sie erwiederte:
Mein Carl! wie kannst du dieses sagen, da Gott, du und die Sonne uns sehen, und Bienen die Blumen besuchen, indem sie dadurch von deiner Hand ein neues Gastmahl geniessen, wie ich, dass die Gestalt deiner Emilie deinem Auge so werth ist.
Sagen Sie, war nicht Emiliens Resignation reines Gefuhl der Ueberzeugung, dass die Vorsicht immer Gutes will, und dass Gott, gegen dessen Befehle sie nie handelte, liebreich und zufrieden auf sie blicken musse? Ich konnte diess nicht denken, nicht hoffen! Nach einigem Schweigen sagte er, mir die Hand drukkend, und sich von mir nach Hause wendend: sehen Sie Freund! so verschieden wirkten bey dem nehmlichen Gegenstande die Gefuhle der Unschuld und die der Reue auf der lieben Insel.
Ich war auch geruhrt und wollte ihn nicht aufhalten, denn die Unterredung hatte schon lange gedauert. Die Bewegung seiner Seele war mir ehrwurdig, und ich wusste aus eigner Erfahrung, dass man bey einem gewissen Gange der besten Ideen und Erinnerungen gerne ganz allein ist. Ich wollte ihm auch nicht nachsehen, sondern ging einige Schritte nach dem neu umgegrabenen Felde zuruck, wo mir bey der Uebersicht der ganzen Anlage der Gedanke kam, dass ich auf diesem, erst jetzo von Menschen bewohnten und angebauten Stucke Erde, in Wattines und Emiliens Seele die Wirkung des in Europa seit Jahrhunderten geubten Anbaues der moralischen Welt bemerken konne, wo Kenntnisse und Leidenschaften schon so lange sich zeigten, und zwey auf die nehmliche Bahn gewiesene Menschen, in der innigsten Verbindung der Liebe und der Schicksale, beynahe in allem so verschieden denken, und dennoch, wie richtig gestimmte Saiten, den edelsten Einklang der starken und raschen, schwachen und sanften Tone geben. In dem Manne dunkte mich eine durch philosophische Moral gebildete Heldenseele, voll edlen Stolzes zu seyn, der sich kraftvoll fuhlt, und eher mit ausserster Anstrengung selbst tragt, als um Hulfe ruft. Emilie aber mir das Bild darstellt, welches G r a y , der englische, mir so liebe Dichter, in seiner Ode an die Widerwartigkeit beschreibt. Was er von der Tugend sagt, kann man von Emilien sagen: S i e , die unter der eisernen Hand der Widerwartigkeit, die ernste Zucht dieser strengen hartherzigen Pflegerin manches Jahr hindurch mit Geduld trug, von sanfter Weisheit in entzuckte tiefsinnige Gedanken verhullt begleitet wurde, das stolze Gemuth ihres Mannes erweichte, nicht verwundete, und den beynahe ausgeloschten edelmuthigen Funken in seiner Seele wieder belebte, ihn lehrte lieben und vergeben, eigene Fehler richtig wagen, was andre sind fuhlen, und daran zu denken, dass wir alle unvollkommne Menschen sind.
Zweytes Bandchen
Meine theuren Freunde schatzen gewiss diese Emilie und ihren Wattines mit mir unendlich hoher als viele Menschen, welche wir in grossem Ansehen wissen.
Da beyde Wattines mich nochmals versicherten, dass ich von ihnen alle Erlauterungen erhalten sollte, welche ich bey den unvollkommnen Noten der Frau Vandek, von ihrer kleinen Inselgeschichte wunschte, so vermehrte ich meine Fragen, wie sich auch die Gelegenheit sie zu beantworten vermehrte, indem ich beynahe immer mit Wattines lebe, weil ich an dem Theile ihres Gartens arbeiten helfe, wo er von seinem zu Feldern angewiesenen Stuck Waldes gegen Norden 20 Baume stehen liess, um langst dem gezogenen Graben hin sogleich eine schattige Allee zu haben. Vielleicht arbeite ich darum eifriger, weil dorten wieder eine mit Gichtrosenbuschen umgebne Bank fur Emiliens Ruhestunden angelegt wird, von welcher sie nicht nur den ganzen Garten und ihren Hof, sondern auch wie auf ihrer Insel-Bank, die Feldarbeiten sehen kann. An der Mittagsseite sind vier Morgen Land mit Zukker-Ahorn, und vier Morgen mit Aepfel- und andern Obstbaumen besetzt; so wie von dem Hofe an eine Laube mit Fuchstrauben den ganzen Garten gegen die Felder hin durchlauft. In Wattines Scheune habe ich eine Samaschine zu schnitzeln angefangen, weil er sich mit so vielem Vergnugen an diesem mir so lieben Gedanken anschloss, der Zimmermann sich auch daruber freuete, und in mancher Ruhestunde nicht nur mir zusah, sondern alles nachahmte: und da jetzo ein Huttchen fur die Schreinerarbeit und Drehbank errichtet wird, indem ich Wattines diese Kunste eben so getreu lehren will, als er meinen Zimmermann die Geometrie lehrt; so will ich ihm zu meinem Andenken alle meine Werkzeuge lassen. Mit dem Zimmermanne habe ich verabredet, dass wir beyde zwey Morgen Land von den Baumstumpen reinigen wollen; indem man sonst meinen Sapflug nie gebrauchen kann. Bey alle dem vergass ich meine Fragen nicht, und suchte eine besonders bezeichnete Scene auf, welche selbst in den Noten der Frau Vandek die Aufschrift hat: zweyter und letzter Kummer, welchen Wattines seiner Frau machte.
Als die Regenzeit einfiel, sagte Emilie: lieber Carl! nun werden wir in vielen Wochen keine so schone sternhelle Nacht von unserm Belvedere, wie sie den obern Theil der Insel nannten, sehen, wie die war, in welcher wir unsre himmlischen Nachbarn zuerst betrachteten.
Ist dir dieser Platz so vorzuglich werth, meine Emilie? fragte Wattines zartlich.
Ja Bester! ich werde sie auch nie vergessen, die Gefuhle, welche der Anblick des so herrlich gestirnten Himmels und seines Wiederscheins in der ruhigen See mir gab, und nie sah ich ihn, selbst bey Tage nicht, ohne mich an den Wunsch zu erinnern, welchen ich damals hegte. Wattines fragte schnell und eifrig: was fur einen Wunsch, meine Liebe? Emilie fasste die Hand ihres Mannes, druckte sie an ihre Brust und sagte: Ich wunschte, dass mein Carl mir einmal versprache, dass wenn ich hier sturbe, er mich in einer solchen Nacht, von der Anhohe des Belveders in die See senken wolle. Wattines stand auf, warf sich mit einem Ausdruck der bittersten Schmerzen zu ihren Fussen und rief: o Emilie! diess wunschtest du!
Lachelnd und ihn kussend erwiederte sie: ja, herzlich wunschte ich es, weil es mir eine schone Bestimmung zu seyn dunkte, dass wenn nun meine Seele zu dem Himmel uber uns aufgestiegen seyn wurde, auch ihre Hulle aus den Armen meines Carls, zwischen den Abglanz der Sterne, sanft nach dem Grunde der reinen See hinabgleitete. Wattines umfasste sie mit Heftigkeit, druckte sie an sein pochendes Herz, legte seinen Kopf auf einen ihrer Arme, und ihre Blicke vermeidend rief er: o Emilie! was fur ein Bild! und welche Erinnerung kommt mir von einem dieser ersten Abende in die Seele zuruck.
Er schwieg dann, sah tiefsinnig und mit bewegtem Herzen vor sich hin, als ob er etwas uberlegte, endlich wie mit sich selbst sprechend, sagte er:
Ich will bekennen, dass ich auch einen Todesgedanken hatte, und dann leise hinzu setzte, als wollte er es nur denken, und mit etwas Stocken: Ach Rousseau! mit Heloise auf dem Felsen Meillerie! Seine Arme, welche bis auf diesen Moment Emilien umfasst hielten, offneten sich und fielen wie erstarrt zuruck. Mich schauderte, sagte Emilie noch bey dem Erzahlen.
O Gott rief ich, was fur eine Verschiedenheit zwischen Mann und Frau. Ich dachte unter dem schonen Himmel, an den mich zu Gott rufenden Tod und du! die Scene deiner und meiner Zerstorung. O Rousseau! wie viel Uebel hast du bey Erwachsenen gestiftet, wie sehr wurdest du diesen schrecklichen Ausbruch deiner Leidenschaft bedauern, wenn du diese Wirkung deiner gefahrlichen Beredsamkeit auf das beste edelste Herz wissen konntest! sie faltete ihre Hande, und unwillkuhrlich aber ernst sagte sie, ihre Augen zum Himmel hebend: Ewiger! ich danke dir fur die Kraft zu tragen, ich will sie nicht, die Gewalt des Zerstorens, des Niederwerfens. Nun war aber alle ihre Starke erschopft, sie weinte voll innigem Schmerz. Wattines war ausserst geruhrt, umfasste ihre Kniee und bat: O vergieb Emilie! dass ich deinem gefuhlvollen Herzen diesen Schmerz verursachte, vergieb Rousseau'n! ach, tiefgefuhlter Jammer wirkt so, wenn jede Hoffnung entflohen ist,
O wie nah, sagte Emilie, war meinen Lippen zu sagen, du und dein Rousseau, sind auf diesem Punkte sehr klein, aber stolze Manner tragen das nicht, dachte ich, weil ihr hoher Geist, das Wort k l e i n so sehr herunter wurdigt, trugen es am wenigsten, wenn eine Thatsache als Zeuge neben dieser Anklage da stunde; und dann befurchtete ich auch, dass Wattines denken mochte, eine Idee von etwas Kleinem in seiner Seele, wurde nothwendig meine Liebe fur ihn mindern, welche in dieser Einsamkeit einen so grossen Werth fur ihn hatte, und diesen Kummer wollte ich ihm nicht machen, sondern sagte zartlich ernst, meinen Kopf auf seinen hinbiegend:
Carl! dein Freund unter den Alten, welcher von dem Vergnugen der Gotter sprach, wenn sie Tugend mit dem Ungluck ringen sehen, dieser Mann war grosser und besser als Rousseau, obschon gewiss nicht weniger leidend als er; denn wie sollte ein glucklicher Mensch zu einer solchen Betrachtung gelangen.
Ware ich in diesem Moment bey meinen Freunden in Europa, so traulich allein, wie in den seligen mit Ihnen verlebten Abendstunden, so fragte ich hier meine Baase: hat Emilie bey ihrer Sanftmuth nicht mehr Stolz als Wattines und andre Manner? aber hat sie nicht im Ganzen eine hochst edle Denkart, und habe ich wohl Unrecht, meine Freunde! wenn ich mit Bewunderung von Emiliens Character schreibe? dennoch wird mir alle Tage uberzeugender wahr, was beyde Wattines aus Erfahrung sagen: dass das einsame Leben des moralischen Menschen seine Gefuhle erhoht, und allen seinen Ideen einen starkern Ton giebt. Dieser oben erzahlte Auftritt, noch mehr aber die Folge der vollkommensten Aussohnung dieser edlen Unglucklichen, dunkt mich ein grosser Beweiss dieses Ausspruchs zu seyn; denn als Emilie, mit welcher ich die Blatter von der Beschreibung dieses ausserordentlichen Auftritts las, mir alle abgebrochne Anzeigen der Frau Vandek berichtigt hatte, sagte ich freimuthig: dass ich zu wissen wunschte, wie sie die ersten Tage nach diesen erschutternden Erklarungen durchlebten? sie antwortete voll Wurde: sehr glucklich. Wattines war mit erneueter Zartlichkeit um mich, wir sprachen ernst und vernunftig von Leben, Tod und der bessern Welt, Gott, unser Schicksal, und wenn ich so sagen darf, unsere, durch diese Unterredung gewiss uber gewohnliches Leben erhohte und veredelte Tugend und die Gesetze der Natur wurden uns heiliger und werther, als zuvor. Mein liebenswurdiger Wattines sohnte sich mit einer strengen moralischen Empfindlichkeit aus, ich mich mit seinem Rousseau; und da er theils wegen der schonen Idee der Alten: E r d e r u h e l e i c h t a u f i h r e r B r u s t , theils weil die Bewegung des Wassers, das sanfte Bild des ruhigen Schlafes der Begrabenen storte, auch mir dabey sagte, dass, da sein Herz bey dem Versenken in den See, keinen sichern Platz treffen konnte, den geliebten Staub zu besuchen, er nichts von meinem Wunsche horen wollte; so endigte sich unser kleiner Streit mit dem Entwurf, zu beyden Seiten des Belveders, in der Nahe unserer Hutte, gemeinschaftlich wie die frommen Monche de la Trappe, unsere Grabstatte zu bereiten, sie wie Rousseaus Ruheplatz auf der Insel zu Ermenonville auch mit jungen Pappeln und den schonen Bluthe tragenden Gestrauchen unseres Eilandes zu umpflanzen. Sonne und Mond wurden unsere Ruhestatte bescheinen, und Vogel auf den Baumen bey unserm Grabhugel, im Fruhjahr, das Lob unsers Schopfers singen; ja wir freueten uns bey der Vorstellung, dass diese Pflanzen durch die aufgelossten Theile unsers Wesens einen starkern und schonern Wuchs erhielten, also die Zierde der Insel seyn wurden, welches der Genius der Griechen gewiss als ein Dankopfer fur den auf der Insel genossenen Schutz angesehen hatte. Das Ganze wurde noch vor dem Anfange des Winters fertig, und war die letzte Arbeit im ersten Jahre unserer Einsamkeit, und diese Scene die letzte, in welcher eine schmerzhafte Verschiedenheit der Ideen zwischen Wattines und mir vorkam.
Ich kann Ihnen nicht sagen, meine Freunde, welchen Eindruck der Gedanke dieser Arbeit und der Vorstellung dieses Bildes auf mich machte. Ich konnte nicht reden, wollte auch nicht weiter fragen, sondern sagte nur: Gott sey Dank, seltene ehrwurdige Frau! dass alles in Ihrem Schicksale anders wurde. O wie innig war der Blick, mit welchem sie mit gefaltenen Handen zum Himmel sah und sagte: gewiss es hergeht kein Tag, ohne dass meine ganze Seele der ewigen Gute fur diese gluckliche Aenderung dankt.
Ich erwiederte aber, dass ich diese, ihrer letzten Ruhe bestimmten Platze noch nie bebemerkt habe, ob ich schon vier Wallfahrten zu der mir heiligen Zelle und den zwey Sitzen der liebenden Einsiedler der Insel Oneida machte. Emilie antwortete mir lachelnd:
Sie waren doch sehr nahe dabey, denn die zwey nun mit Mooss bedeckten Sitze auf dem Belvedere, entstanden von der aus den Grabern gehobenen Erde, und die zwey etwas tiefer liegenden Blumenbeete zwischen den Pappeln sind die von uns selbst verfertigten Ruheplatze; denn da ich die Idee, dass Wattines meinen Korper in den See bringen sollte, ganz aufgegeben hatte, und wir viel vom Tode sprachen, erneuerte sich in meinem Gedachtnisse die Vorstellung, welche meine vortreffliche Mutter mir einst nach einem alten Schriftsteller von dem Bilde des Todes gab: dass er weit entfernt, von der schreckenden Gestalt eines Gerippes, als machtiger, liebreicher Genius, die Strasse des Lebens auf- und abschwebe, um die von Kummer und Leiden ermudeten Sterblichen zur Ruhe des Grabes zu tragen; da forderte ich meinen Carl auf, einmal die Stelle dieses Genius zu vertreten, und mich vom Kampf ermudet in mein letztes Bette zu legen. Er versprach es mit Zartlichkeit, und ich bat ihn, meinen Grabhugel mit unsern Lieblingsblumen zu schmukken, wie er stets wahrend meinem Leben die Gegend meines Aufenthalts mit dem Flor der Jahrszeit verschonerte.
Den kommenden Fruhling fand ich die Gruben, und die zum Decken der Verstorbenen bestimmte Erde, mit feinen wohlriechenden Krautern und holden niedrig wachsenden Blumen, wie mit einem Teppich uberzogen. Als Wattines mich bey diesem Anblicke so dankbar geruhrt sah, betrachtete er meine ganze Gestalt mit aufmerksamer Liebe, und sagte, indem er mich an seine Brust druckte: wenn meine so angenehm bluhende Emilie hier dahin welkt, so soll sie auch nach ihrem Wunsche von mir zur Ruhe gebracht werden, und hier in dem Schoosse der Blumengottin schlafen.
Dieser unerwartete Gedanke erhohte meine Gemuthsbewegung, ich umarmte Wattines und sagte: Lieber wie schon und gutig ist dieses. Nun erzahlte er mir, dass er diese Idee einer Reise nach Berlin danke, als es Mode war, die Revue der Armeen des grossen Friedrichs zu besuchen, hatte er in den prachtigen Garten zu Sans-Souci, die so vortreffliche Idee ausgefuhrt gesehen, dass Flora in anmuthsvoller Stellung daliegend, ihren Kopf auf eine Hand gestutzt mit lachelnder Miene auf einem Grabe schlaft; wodurch der grosse Mann in dem herrlich gearbeiteten Marmorbild, nicht nur den sanften Schlummer des Todes anzeigte, sondern den edlen trostenden Sinn des Wiederauflebens und Auferstehens zum ewigen Fruhling damit verband. Sehr artig setzte Emilie hinzu: finden Sie nicht, dass ich recht hatte zu behaupten, lange Einsamkeit schafft Erscheinungen bey frommen Seelen in Klostern und bey liebenden Unglucklichen auf der Insel Oneida?
Ich fasste den Gang des Gesprachs auf, indem ich sagte, dass die Vorstellung des Sterbens, der Trennung und der andern Welt, zu allen Zeiten auf schone gefuhlvolle Seelen wirkte: bey den Griechen das Bild von Elysium, und bey den Christen das von himmlischer Seligkeit hervorbrachte, so wie Liebe und Freundschaft die Denkmahler der Verstorbenen errichtete, und fugte hinzu, dass diese Empfindungen, und selbst ein Spiel des Zufalls mich in den Stand setzte, ihr von mir selbst, und in Personen meiner Nation ganz neue Beweise von dem Einflusse zu geben, welche die Erinnerung an Grab und geliebte Todte, immer haben wurde; Sie forderte mich auf, ihr das alles bekannt zu machen: ich suchte nun in meiner Briestasche das kleine Gemalde eines mit V e r g i ss m e i n n i c h t bepflanzten Grabes, welches mir um eines unvergesslichen Freundes willen so werth geworden war, weil er diese Blumchen vorzuglich liebte, und ich dem Andenken dieses geliebten Freundes zu Ehren, sehr oft zwischen Lerchenbaumen einen schmalen Bergpfad bestieg, wo Schloss und Garten der Grafen von Stadion lag, um den Theil der Anlage zu besuchen, wo zwischen hohen grunen Wanden ein einsamer Springbrunnen lag, dessen Wasserbecken mit einem zwey Schuhe breiten Kranz von tausend und tausend V e r g i ss m e i n n i c h t umgeben war. Dort wo ich in fruher Morgen- oder in der Abendstunde bey Auf- und Niedergang der Sonne, das Haus sehen konnte, in welchem er geboren war, unser Franz von la Roche, welchen wir in der vollen Bluthe von mannlichem Geiste, Tugend und Gestalt verloren. Ich zeigte Emilien die Einfassung, welche meine schatzbare Baase von dem aus diesem Kranze gepfluckten Blumchen, um den Nahmenszug meines Freundes machte; dieser Kranz, wo sein schones Auge diese Blumchen zuerst sah, und sein noch schoneres, zur edelsten Freundschaft gebildetes Herz, sie zuerst lieben lernte. Ich bekenne, dass ich mich in diesem Andenken ganz verlor, aber doch bemerkte, dass Emilie mir gerne zuhorte, und als ich ihr von der Betrachtung sagte, welche ein edler Teutscher uber die V e r g i ss m e i n n i c h t schrieb, so wollte sie den Inhalt kennen.
"Es ist als hatte die Natur uberall die V e r g i ss m e i n n i c h t als ein Memento fur das Herz hingesaet, denn wo ist der Mensch, dem nicht irgend in der Schopfung etwas zurufe: v e r g i ss m e i n n i c h t ? Das gefuhlvolle Madchen druckt dem scheidenden Jungling die Hand, v e r g i ss m e i n n i c h t ! die Mutter dem Sohne, der Freund dem Freunde, v e r g i ss m e i n n i c h t ! Wehe dem Unglucklichen der in der weiten Welt nichts gefunden hat, woran ihn dieses Blumchen erinnern konnte! doch ihr holden blauen Wesen! wenn Ihr kein Memento seyd fur Liebende, Mutter und Freunde, dem Verlassnen, ruft der aus Euch zu, der Euch gebildet hat, v e r g i ss m e i n n i c h t !"
Ich dankte Emilien fur ihre theilnehmende Aufmerksamkeit und fragte: ob sie nicht bey dem kleinen Bilde des Grabes in meiner Brieftasche, auch etwas von der sanft melancholischen Schwarmerey fande, welche die Monche von la Trappe und die edlen Wattines zu ihren eigenen Grabern fuhrten? ja, sagte sie, ich denke es ist der nehmliche Geist, welcher gute grosse Romer die Aschenkruge in ihren Grabmalern beleuchten liess, und, erwiederte ich, Emilien von Wattines zwey Jahre an Errichtung der Urnen ihrer geliebten Verwandten arbeiten machte. Sie senkte bescheiden ihr Auge zur Erde, fasste sich aber und sagte: Sie sprachen auch von einem Spiel des Zufalls, welches mit diesen ruhrenden Gegenstanden unserer Unterredung verbunden seyn solle.
Ich zog Schillers K l a g e n d e r C e r e s aus meinen Papieren hervor, wobey ich fragte: Ist es nicht ein sonderbarer Zufall, dass in dem einzigen Paquet Briefe meiner Freunde, welches ich hier bekam, gerade ein vortreffliches Gedicht von einem der schatzbarsten Genies von Deutschland mit eingeschlossen ist, dessen Inhalt so ganz zu Friedrichs Flora und dem Andenken meines Freundes passt, auch Ihrem gutevollen Mutterherzen gefallen wird, weil es die Trauer der Mutter meines geliebten Freundes in etwas milderte?
Ich gab ihr nun im Ganzen einen Begriff von den in dem Gedicht gegebenen, jeder edlen sanften Seele heiligen und willkommnen Beweiss, dass durch die auf den Grabern der Geliebten entsprossnen Pflanzen eine Verbindung mit den zuruckgelassenen unterhalten wurde. Ich suchte Emilien so viel moglich eine Idee von der schonen Poesie zu geben, und ubersetzte die Verse, wo Ceres sagt:
Nein, nicht ganz ist sie entflohen,
nein! nicht ganz sind wir getrennt:
haben uns die Ewighohen
eine Sprache doch vergonnt!
wenn des Fruhlings Kinder sterben,
von des Nordes kalten Hauch,
Blatt und Blumen sich entfarben,
traurig sieht der nackte Strauch;
nehm ich mir das hochste Leben
aus Vertumnus reichem Horn
opfernd es dem Styx zu geben,
mir des Saamens goldnes Korn:
traurend senk ichs in die Erde,
leg es an des Kindes Herz,
dass es eine Sprache werde.
meiner Liebe, meines Schmerz's.
Fuhrt der gleiche Tanz der Horen
freudig nun den Lenz zuruck,
und wird alles neu geboren
von der Sonne Lebensblick;
Keime, die dem Auge starben,
in der Erde kaltem Schooss,
in das heitre Reich der Farben
ringen sie sich freudig loss.
Wenn der Stamm zum Himmel eilet,
sucht die Wurzel scheu die Nacht,
gleich in ihre Pflege theilet
sich des Styx, des Aethers Macht;
halb beruhren sie der Todten,
halb der Lebenden Gebieth;
ach, sie sind mir theure Boten
susse Stimmen vom Cozyt,
halt er gleich sie selbst verschlossen
in den schaudervollen Schlund,
aus der Fruhlings jungen Sprossen
Redet mir der holde Mund:
dass auch fern vom goldnen Tage,
wo die Schatten traurig ziehn,
liebend noch der Busen schlage,
zartlich noch die Herzen gluhn.
O so lasst Euch froh begrussen
Kinder der verjungten An!
Euer Kelch soll uberfliessen
von des Nectars reinstem Thau;
tauchen will ich euch in Stralen,
mit der Iris schonstem Licht,
will ich Eure Blatter malen
gleich Aurorens Angesicht;
in des Lenzes heiterm Glanze
lese jede zarte Brust,
in des Herbstes welken Kranze
meinen Schmerz und meine Lust.
Ich wunschte Sie hatten die Aufmerksamkeit der vortrefflichen Frau gesehen, mit welcher sie auf jedes meiner Worte horchte, und wie schnell dem Gefuhle ihres reinen Herzens, meine Uebersetzung und der feine edle Sinn der Verse deutlich wurden.
Ich wusste ihr von unserm Franz la Roche erzahlen, und da sie als Beweiss ihrer zartlichen Theilnahme an dem Kummer seiner Mutter und dem Verdienste des Sohnes, mich um einige Blumchen von den Vergissmeinnicht bat, schenkte ich ihr die Einfassung mit dem Namenszuge, indem ich sagte: dass es bey meiner Zuruckkunft in mein Vaterland eine meiner sussesten Freuden seyn wurde, eine Blume von seinem Grabe zu pflucken, um dadurch nach der Anweisung des herrlichen Gedichts, noch meine Verbindung mit dem edelsten und besten jungen Manne zu fuhlen.
Hier stossen Thranen von ihren Augen, und sie sagte mit innigem Schmerze: ach wenn ich nach Frankreich zuruck kame, ware ich nicht so glucklich, Blumen auf der Ruhestatte meiner geliebten Freunde zu finden.
Diese Anwendung meines Gedankens war mir unerwartet, ich blickte ausserst geruhrt nach ihr hin, aber sie verliess mich. Ich sah ihr nach und bemerkte, dass sie ihren Carmil bey seinem Spiele in dem Hofe aufgesucht hatte, und ihn lange in ihren Armen hielt. Der Kleine betrachtete sie, und bemuhte sich dann mit seinen Handchen ihre Thranen abzuwischen. Ich war ihr langsam gefolgt, und hielt mich ferne, weil ich ihre Bewegung still verehrte und ruhig voruber gehen lassen wollte; aber Wattines kam gerade von dem Felde zuruck, und wusste naturlich keine Ursache zu denken, warum seine Frau bey dem Kinde in Thranen schwamm, und fragte angstlich:
Emilie! warum diese Trauer?
Sey ruhig, mein Bester! es ist nichts geschehen, sagte sie. Meine Wehmuth entstand bey einem schonen Gedichte, und aus Mitleiden fur eine arme Mutter in Teutschland.
Diess war ihm noch immer unverstandlich. Nun erzahlte ich, mit dem Bilde des teutschen Grabes in der Hand, den Anlass zu Emiliens so schon sympathisirender Trauer. Sie lachelte hier ruhig und sprach von dem so neuen und ruhrenden Gedanken des teutschen Gedichts, mit so viel Empfindung und Klarheit, dass ich an die Harmonie schoner Seelen glauben musste, wenn ich auch niemals davon gehort oder eine Ahndung gehabt hatte; denn der Auszug, welchen diese Frau, von dem tief moralischem und schonen muthologischem Sinne von Schillers Gedicht, in ihrer Landessprache machte, war eine neue herrliche Abbildung von dem Originalideen in franzosischen Glanzflor gehullt, der die Farben nicht verloschte, sondern nur etwas dammernd schimmern machte: ich staunte daneben uber die Starke und Feinheit des Geistes dieser Frau, indem sie, um ihren Mann zu schonen, mit keiner Sylbe die Erinnerung an ihre verlornen Freunde beruhrte, und nur von der sanften Wehmuth sprach, welche ihr das Gedicht einflosste; so wie das Mitleiden fur die teutsche Mutter ihre Seele erweichte und ihre Liebe fur Carmil erhohte.
Wattines nahm nun das Wort und sagte: alles was ich von dem Inhalte dieser Poesie hore, macht mich bedauern, dass ich es nicht im Original lesen kann; aber es erinnert mich auch an einem meiner LieblingsSchriftsteller unserer Nation, Bernardin de St. Pierre, welcher, setzte er gegen mich lachelnd hinzu: obschon geborner Franzose, dennoch eine schone Abhandlung uber das Vergnugen der fuhlbaren Seele bey den Grabern schrieb; nun besann er sich ein wenig, und sagte zu mir: wir wollen dieses Stuck einmal auf der Insel lesen.
Dieser Vorschlag freuete mich, denn da konnte ich nach der S t e l l e v o n d e n G r a b e r n fragen. Unsere folgenden Unterhaltungen waren nicht von so ruhrender, aber doch nicht minder angenehmer Art, denn sie betrafen die Antworten auf meine Fragen, uber ihre Herbst- und Wintertage. Wattines sagte: an diese gewohnen sich Europaer nur mit der aussersten Muhe, indem Amerika nur drey Jahrszeiten hat, Sommer, Herbst und Winter; vom September bis November ist das Clima paradiesisch, aber wie im November die Blatter fallen, so kommen kalte, abgesetzte Regengusse und Schneegestober, Nordwestwinde fuhren um Weihnachten den strengen Winter uber das ganze Land, die Erde wird hoch mit Schnee bedeckt, die Lust zu Eiss; aber der Himmel ist reiner Azur. Unsere Blicke, Wunsche und Bitten konnten stets, ohne von Nebel oder Wolken aufgehalten zu werden, zu unserm Urheber in die Hohe steigen, denn die Sonne leuchtet taglich hervor. Anfangs Mai schmilzt der Schnee und acht bis zehn Tage nachher, stehen Baume, Felder und alles in Flor.
Diese Beschreibung freuete mich sehr fur die guten Wattines, denn sie sahen also doch in ihrer tiefen Einsamkeit, zwischen den entblatterten Baumen und Gestrauchen hindurch, wie der Abbe Reyrac in seiner Hymne sagt:
"Alle Tage einen stets warmen Freund, die S o n n e ."
Als nun Wattines zu seinen Geschafften eilte, nahm Emilie die Fortsetzung des Erzahlens auf und sagte: unser Herbst und Winter wurden auch schon durch neuen Kunstfleiss, bey Lichtern und Lampen, fur mich aber durch Wattines freigebige Mittheilung aller seiner Kenntnisse.
Ich fragte nach dem Kunstfleisse, welcher fur mich immer viel Anziehendes und Schatzbares hat, hier aber um so mehr hatte, wenn ich bedachte, dass weder Wattines noch seine Frau zu Mangel geboren, oder zu rauher Handarbeit erzogen waren. Aus den Bibern, Fischottern und fetten Vogeln, welche er gefangen hatte, kochte Emilie das verschiedene Fett sorgsam aus, und mengte es mit dem Vorrathe Oehl, welchen sie mitbrachten. Die Dochte verfertigte sie aus ausserst schmal geschnittnen Streifen Mouselin, von einigen Halstuchern, welche sie dann zusammen drehte, Lampen- und als sie im zweyten Jahre Wachs genung hatten, und es zu behandeln wussten, auch Kerzdochte davon machte: Wattines aber, um den starken Lampendampf abzuziehen, erbaute, nahe an der Wand, von Thon einen kleinen Rauchfang, welchem er einen guten Zug zu geben wusste. Was fur eine Wohlthat in den langen Winternachten, wo Lesen und Arbeit der einzige Genuss von Erleichterung ihrer Noth und des schrecklichen Wehs, der langen Weile war. Ihre ihnen Eier gebende, bis zu 15 Stuck angewachsene Huhner, wohnten des Tages mit in ihrer Stube. Wattines hatte sich einen Weg zum Fischen und Wasserholen offen gehalten, wodurch der Wechsel unserer Speisen, wie auch die Mittel zu unserm Honigwasser und der Reinlichkeit gesichert war. Unser Flachs, sagte Emilie, war gut gerathen, und noch in den letzten Herbsttagen ziemlich bereitet. Ich spann ganz artiges Garn, Wattines etwas starkes. Hier verliess sie mich, und kam mit zwey Spindeln voll Garn und einer Handvoll Flachs zuruck. Sehen Sie! da sind noch Reste von unserer Arbeit, und Spindeln welche mein Wattines so nett und muhsam schnitzelte: dass er Netze stricken konnte, beruhre ich nicht, denn dieses muss ja immer ein guter Jager verstehen, aber das Garn dazu verfertigen, lehrte ihn die Nymphe des Hayns auf der Insel Oneida. Ich bezeugte ihr meine Freude dieses alles gesehen zu haben, und bat sie, mir Flachs, Garn und eine Spindel zu schenken. Sie bewilligte es gerne, ich dankte und setzte hinzu, ach! was fur Erinnerungen ruft Ihnen diese Arbeit zuruck! sie erwiederte, o diese Tage waren suss, denn Hoffnung der Ruckkunft unsrer Fischer war damit verbunden. Wir arbeiteten bald in die Wette, dann auch unter wechselseitigem Lesen.
Da ich den eigentlichen Unterschied zwichen der mannlichen und weiblichen Erziehung von unserm Stande wissen wollte, so erzahlte mir mein guter Carl, soweit er sicher zuruck denken konnte, den Gang der Leitung seines Geistes und seiner moralischen Gefuhle; wie nun etwas wissenschaftliches vorkam, wurde ein Band der Encyclopadie genommen, das Ganze vorgelesen und erklart; so dass ich dadurch mit Wattines eine vollige Wiederholung aller seiner Studien machte, ihn wegen dem was er wusste hoher schatzte, wegen dem, was er mich lehrte, dankbarer liebte. Er musste mich den Nutzen und den Gebrauch aller mathematischen Instrumente lehren, ja ich plagte ihn mit der Begierde das Latein zu wissen. Ich lachelte, und wiederholte das Wort: p l a g t e .
O gewiss es war Plage, denn wir hatten keine Grammatik, kein Dictionaire mitgegebracht, nur Ciceros Werke und Briefe, da auf einer Seite Latein, auf der andern die franzosische Uebersetzung war, eben so der Horaz, nur Virgil war ganz in seiner Sprache da. Alle diese Schriften las Wattines mit mir, und ich lernte eifrig, kam auch durch mein gutes Gedachtniss so weit, um so ziemlich alles was in andern Buchern vorkam zu verstehen, und o wie sehr lernten wir beyde den Werth der Kenntnisse verehren! Buchdrukkerkunst war uns gottliches Verdienst; denn durch sie waren wir in der Zeit, wo das Schicksal uns von allen Lebenden getrennt hatte, mit den besten die jemals lebten, umgeben, und konnten uns immer die nutzlichste angenehmste Gesellschaft wahlen. Wie oft sagte ich mit dem grossten Staunen: o wie viel schones hat der menschliche Geist hervorgebracht! ja, als ich das Gluck des Wissens kannte, segnete ich unsere Einsamkeit, ohne welche Wattines nie Zeit gefunden hatte, weder mich zu belehren, noch fur sich zu wiederholen. Er wurde uns sogar werth, der Zustand der Armuth und des Mangels an allem, was Gluck des physischen Lebens ist, da wir den hochsten Reichthum, aller seit Jahrtausenden gesammelten Schatze des Geistes um uns sahen. Dieser wirklich schone Gang unseres Schicksals, welchen wir selbst in unsere Umstande verwebt hatten, und uns einzig in seiner Art schien, gab uns durch das angenehme, welches der Ausdruck e i n z i g unter Millionen jungen Leuten unsers Alters zu seyn, mitten in unserer tiefen Einsamkeit, die edelste Freude der Eigenliebe zu kosten, und wurde, ich bin es gewiss, wahre Stutze unsers Lebens und unserer Krafte. Wir genossen darin nicht allein das Gluck, dass wir uns liebten, sondern auch hochschatzten, und so, edel vergnugt, die Wahrheit des Gedankens fuhlten: dass U n w i s s e n h e i t die Armuth des Reichthums, K e n n t n i ss und T u g e n d , Reichthum der Armuth sey. Wir bemerkten auch wohl, dass dieser unterscheidende Zug unsers Wesens, bey der Ankunft der Colonie sehr fur uns sprach. Unsere Jugend ruhrte die guten Herzen, der Anblick unserer schon bearbeiteten Felder erregte freudiges Staunen; aber unsere vielen und vortrefflichen Bucher, die hochste Bewunderung, vielleicht um so mehr, da wir von der franzosischen Nation, und von der Classe waren, welche sich durch Leichtsinn und Begierde nach Vergnugen ausgezeichnet hatte.
Unsere Erfahrung und unsere Bucher gaben uns richtige Begriffe von T u g e n d , V e r d i e n s t , G l u c k und J a m m e r . Diese richtigen Begriffe wurden Grundpfeiler des Gebaudes unserer Ruhe; denn wie viele Arten Wohl und Weh werden uns in Stadten und grossen Gesellschaften durch die Einbildung zugefuhrt, welche wir am See Oneida nicht mehr horten und sahen. Wir waren gegen das Lachen der Thorheit und gegen die tyrannische Herrschaft der Mode geschutzt, unsere Leiden und Freuden der Sinne kamen aus der Hand der Natur, und je langer wir auf unserer Insel unter ihrer Aufsicht und Pflege waren, desto mehr fuhlten wir, dass sie sich gegen gute, ihr immer nahen Kinder wahrhaft mutterlich zeigt; denn unsere Gesundheit und unsere Krafte vermehrten sich, nie hinderte Unverdaulichkeit unsern Schlaf, nie plagte uns Langeweile. Sie sehen nun auch, wie sehr ich Recht hatte zu sagen, der Herbst und Winter waren eine reiche Erndtezeit fur meinen Verstand und fur mein Herz. Sie kennen meinen Wattines durch den mannlich sanften Ton der Freundschaft und das gefallig Ernste, wenn er mit Mannern uber einen wissenschaftlichen Gegenstand spricht: denken Sie sich die Stimme der edlen wahren Liebe, welche nicht nur die besten Gefuhle des Herzens, sondern auch die besten Guther des Verstandes mitzutheilen sucht. Sie wissen, dass in dem ersten rauhen Loghouse keine Fensterscheiben sind, aber Noth und Nachdenken lehren vieles: unsre kleinen mit welsrem Leinen bespannten Fenster, wurden einen mir unschatzbar gewordenen Unterricht eben so sehr unterbrochen haben, als sie das vollige Eindringen der Lichtstralen hinderten; aber Wattines nahm den ohngefahr einen Schuh grossen Spiegel, welchen ich zwischen die Bucher gepakt hatte, und sagte mir: er wolle die Halfte des mit Quecksilber auf das Glas befestigten Staniols abmachen, so wurde dieser Theil Fensterscheibe werden, der andre Spiegel bleiben, und wir also den dreyfachen Nutzen vereinen, bey Wind und Regen, dennoch die Ansicht unserer Insel zu geniessen, mitten im Winter Sonnenstralen aufzufangen, und zugleich die Ordnung unserer Haare und unsers Gesichts zu beobachten Sie konnen sich, sagte sie mit wahrer weiblicher Freude, keinen Begriff von dem Vergnugen machen, welches ich uber diesen Gedanken meines Carls empfand, und was fur eine Quelle edlen reinen Genusses sich damit fur uns offnete. Lesen und Arbeiten wurden erleichtert, und wir konnten nun, ohne den Wind, das Schneegestober oder den Regen bey dem Aufmachen eines Fensters einsturmen zu sehen, alles bemerken, was auf dieser Seite vor unserer Hutte lag oder sich zutrug. Sonne, Mond, Sterne, Baume und Erde, die Luft und der See, waren nun selbst in ubler Witterung frey vor unsern Augen, weil Wattines uns durch Aushauen einiger Baumaste eine Aussicht langst dem See geschafft hatte. Da ich, setzte sie hinzu, in meinem englischen Nahzeuge noch ein kleines Spiegelchen besass, welches mir zu meinem Putze auf der Insel genugte, so bat ich Wattines, den ganzen Spiegel zur Fensterscheibe zu nehmen. Ein Gefuhl von Gluck durchdrang unser Herz bey dem ersten Genuss dieser Aussicht: wie gerne hatten wir dem Oberherrn der Insel eine englische Fenstertaxe bezahlt, wenn sie jemand gefordert haben wurde. Da dieses liebe Fenster nahe bey unserm Heerde war, und wir uns freistehend, sowohl warmen als umsehen konnten, sagte Wattines: gewiss der Generalpachter in Paris, welcher uber seinen Camin statt eines grossen Spiegels ein eben so hohes prachtiges Glas einsetzen liess, um bey dem warmenden Feuer zugleich die Aussicht auf der volkreichsten Strasse der Stadt zu geniessen, dieser fuhlte gewiss bey diesem kostbaren Kunstwerke kein so hohes Maass Vergnugen als wir, bey der kleinen eine Spanne hohen Scheibe. Die liebe Frau fuhrte mich nun gleich zu dem so sehr geschatzten Fensterchen, welches etwas schief zwischen dem Hausbalken befestigt war, gerade das Kammerchen beleuchtet, wo alle ihre Inselgerathschaften aufgestellt sind, und Wattines in warmen Tagen auf dem kleinen Tischen aus der Hutte arbeitet.
Das Opfer meines Spiegels wurde reichlich bezahlt, indem mich mein Carl in den sturmenden Tagen des Novembers, uber die Naturgeschichte der Winde, des Regens, der Wolken und des Schnees belehrte: da ich noch kein Englisch verstand, ubersetzte er mir alle die schonen Herz erhebenden Betrachtungen eines Philosophen im universal Magazin: zeichnete mir dabey die feinen Stern gebildeten Schneepflocken, welche ich seitdem in Vandeks Hause, im Catechismus der Natur, nach zwolf abgeanderten sehr schonen Gestalten sah. Des Englanders Betrachtung uber den Schnee reizte mich zum Fleiss seine Sprache zu lernen, weil er immer Kenntniss der Sache selbst, moralische Empfindungen, Auszuge aus den vortrefflichsten Dichtern neuerer Zeit, mit den Ideen der Alten verband, und ich diese Lehrart unendlich liebte: wie er zum Beispiel vom Entstehen des Schnees sagte, Homers Bild war: In des Winters dunkler unfreundlicher Regierung deckt eine Ueberschwemmung von Schnee die Ebne. Jupiter heisst die Winde schweigen und die Wolken
schlafen,
dann stosst er das flille Unwetter dick und tief herab: zuerst umhullt es die Spitzen der Berge, nach dem die grune Flur und auch sandige Wusten. Das Gewicht des Schnees fesselt die Bewegung der
Baume,
und ein weit verbreitetes glanzendes Weiss verbirgt
alle Werke der Menschen,
nur der bey ihrem Fall sich in lauter kleine Cirkel
theilende See verschlingt sie
und trinkt seine aufgelosten Flocken wie sie fallen. Der Philosoph Aristoteles nannte den Schnee kurz und richtig, e i n e g e f r o r n e W o l k e , wie er den Hagel g e f r o r n e s W a s s e r nannte. P l i n i u s , welcher dreyhundert Jahre nach ihm lebte, also eine noch gewissere Idee von dieser Lufterscheinung geben konnte, verirrte sich doch wieder zu der poetischen Phantasie, zu sagen: es sey der Schaum, welchen das in den obern Luftgegenden zusammen geschlagne himmlische Ge wasser hervorbringe. In dem englischen Dichter der Jahrszeiten aber findet man den Wiederhall der Stimme des Vaters aller Poeten, Homers; denn Thomson sagt: Siehe! sie kommen, die strengen Witterungen;
aufdampfend
aus dem schwarzgelben Osten, aus scharf
durchdringendem Norden
steigen die dicken Wolken; in ihrem Schooss liegt eine Dunstuberschwemmung, zu Schnee gefroren. Siehe, sie rollen schwer durch ihre wolligte Welt hin; und der Himmel ist traurig, beym dicht versammelten
Sturme,
durch die gestillte Luft steigt ein weisser Schauer
herunter,
welcher dunn zuerst wirbelt; und endlich fallen die
Flocken
breit und weit und geschwind, so dass sie den Tag
selbst verdunkeln
in bestandiger Flut. Die werthgeschatzten Gefilde nehmen ihr Winterkleid vom allerreinsten Weissen, alles glanzt; nur nicht wo der neugefallne Schnee schmilzt, langst den labyrinthischen Bach. Hier unterbrach die liebe Frau das Lesen der Verse und sagte: o wie sehr fuhlte ich, dass der Dichter recht hatte, als er anmerkte, dass im freien ofnen Felde alles glanzte, nur nicht am labyrinthischen Gange, langst den Bach. L a b y r i n t h e haben gewiss nichts glanzendes, nichts helles, jeder Schritt ist mit Furcht und Ungewissheit umgeben, kleine, wie Schneeflocken von ferne hellscheinende Aussichten und Hoffnungen, verlieren sich in einem Labyrinthe in dunkle Ungewissheit, wie die weissen Flocken im Wasser. Wundern Sie sich nicht, setzte sie hinzu, dass mein Herz hierin das Bild unsers Schicksals erblickte, so wie mein Geist in Thomsons Beschreibung des Winters die vollkommenste Aehnlichkeit mit dem von Amerika, so wie ich glaube, dass meine Aufmerksamkeit mich nicht tauschte, als ich eine Aehnlichkeit zwischen Homers und Thomsons Wintergemahlden fand; es musste nur in Popens Uebersetzung des ersten etwas gefehl seyn; denn Sie glauben wohl, dass ich weder Homer noch Pope im Original kenne? doch da ich unuberlegt von zwey grossen Mannern sprach, so muss ich noch einen Punkt der Aehnlichkeit zeigen, die ich zu sehen glaubte, da Thomson auch sagt:
"Es beugen die Walder jetzt ihr bereistes Haupt, das Antlitz der Erde ist tief verborgen, gefroren, eine blendende Wuste welche der Menschen Werke begrabt."
Ich konnte nicht anders, ich musste etwas uber den Eifer der guten Frau lacheln, mit welchem sie von den zwey aufgefassten Auszugen sprach. Ich sah noch den alt franzosischen Geist darin, wo artige Weiber alles beurtheilten. Emilie bemerkte aber mein Lacheln: ein Schimmer von Rosenfarbe uberzog ihr Gesicht, ich war bange, ihr Missvergnugen verursacht zu haben, und wurde in Wahrheit mehr verlegen als sie es seyn konnte; auch dieses bemerkte sie, und sagte freimuthig:
Lacheln Sie nur ganz offenherzig, ich weiss wohl, dass Ihr Manner Eure Sprachkenntniss und alten Schriftsteller wie Heiligthumer betrachtet, welche wir guten Geschopfe nicht beruhren sollen. Wattines lachelte auch, als ich mit ihm davon sprach. Er war aber aufrichtiger als Sie, und sagte wie zu einem vorschnellen guten Kinde: ich sehe darin, dass der Winter in Homers Vaterland nach den ewigen Gesetzen der Natur dieser Jahrszeit sich zeigte, wie in den kalten Gegenden von England. Ich fuhlte diese Wahrheit, und liebte die Betrachtungen des englischen Philosophen je mehr ich seine Landessprache kennen lernte, desto inniger, ja Thomson war auch mein Freund, weil ich in mir Sympathie mit ihm fand, da er alles was vom Himmel auf die Erde kommt, rein und schon nannte. Er wurde mir mehr als Homer durch seine edle Bitte an Gott:
"Vater des Lichts und des Lebens! lehre du mich was gut ist, fulle meine Seele mit Einsicht, mit innerem Frieden, mit reinster Tugend, mit heiliger, wesentlicher und nie welkender Wonne."
Diese Anhanglichkeit an das universal Magazin und der lange Auszug welchen die liebe Frau gemacht hatte, bewogen mich, das Heft zu begehren. Sie ging und brachte alle. In allen waren die Stucke der Betrachtungen bezeichnet. Sie machte auch im Febr. 1796 die uber den Schnee. Sie ist in Wahrheit sehr schon. Als ich nun sagte, dass ich mir diese Monatsschrift selbst anschaffen wollte, und gewiss nie vergessen wurde, bey welcher Gelegenheit sie mir bekannt wurde, sagte sie mit Wurde und Freundschaft:
O es wird Sie immer freuen, das vortreffliche Werk zu besitzen, wie es mich freut, dass Sie es bey uns kennen lernten, und bey jeder Betrachtung uber die Gute der Natur, auch an die zwey g u t e n W a t t i n e s in Amerika denken werden.
Diese Aeusserung uberraschte mich. Ich ward durch das Bild meiner Entfernung von diesen wirklich guten Menschen bewegt, wollte nicht in geruhrtem Tone sprechen, und lobte nur Emiliens Fleiss im Lesen, ihren Geschmack an Kenntniss, und ihre Bemerkungen. Sie lachelte und erwiederte ganz heiter:
Meine Bemerkungen bey dem Lesen auf der Insel machten sehr oft meinen Wattines lacheln, schafften mir aber auch die Freude, von seinen eigenen Gedanken unterrichtet zu werden, wie es einst bey der sehr ernsthaften Gelegenheit geschah, da er mit mir von den wesentlichen Verdiensten aller Wissenschaften sprach, wo naturlich auch Sittenlehre vorkommen musste, und ich sagte: ach Manner! warum habt ihr in so vielen Jahrhunderten die Gesinnungen und das Betragen der Menschen gegen einander, wovon das Gluck des Lebens fur alle abhangt, nicht unter so unwandelbaren Gesetzen befestigt, als die Regeln Eurer Sprachen, Eurer Geometrie, Mathematik und Kunste! Mein guter Carl lachelte, wie Sie bey meiner Aeusserung uber Thomson und Homer, sagte aber bald, und wie mich dunkte seufzend: ich furchte, gute Emilie! das konnte nicht seyn, weil in der moralischen Welt der G e s i n n u n g e n unserer Seele vollkommne F r e i h e i t ist; aber fur das was wir t h u n w o l l e n , hat unsere sinnliche Welt G e s e t z e , diese werden schwer gemissbraucht, F r e i h e i t immer.
Ich wollte, sagte sie, nicht weiter gehen, denn n i e , ach nie horte ich ihn das Wort Freiheit aussprechen, oder von andern in seiner Gegenwart nennen, ohne zu bemerken, dass seine Seele an den grausamen Gang der franzosischen Freiheit dachte und er dann litte.
Auch ich konnte nun diese liebenswurdige Frau
weder lange fragen, noch Auslegungen uber die geausserten Gedanken ihres Wattines vorlegen, besonders da er alles, selbst das Ernsthafte so leicht und artig einkleidet, dass es naturlich seiner Frau stets das beste und vorzuglichste seyn muss, und auch, weder das grundliche noch schwankende seiner eigenen Ideen auf der Insel Oneida, keine besondern Folgen haben konnte. Aber indessen bekommt Wattines Geist und Charakter immer mehr anziehendes fur mich, so dass ich mit ausserster Sorgfalt alle Zuge davon zu haschen suche: noch mehr, es liegt mir unendlich starker daran, zu bemerken, auf was fur eine Art er sich bey seiner Frau in dem unterrichtenden Tone zeigte, als zu beobachten, was er fur mich oder andre Manner seyn mochte; denn da, wo wir uns unter einander zeigen, durchdringen wir uns sehr oft bey der schwachen Ecke, Lustigkeit, Unmuth, Eitelkeit oder Leidenschaften, verrathen uns auch eher als wir denken. Nun wird Wattines seiner Frau keine Ideen geben, die er nicht gern in ihrem Geiste einheimisch sehen mochte. Sie spricht mit Vergnugen von seinen Gedanken und seinen Thaten, so, dass meine Neugierde nur durch die Sorge beunruhigt ward, dass ich nichts als abgebrochne Stucke erhalten wurde; weil Emilie auch mit ihren Kindern und ihrem hauslichen Wesen so getreu beschaftigt ist, dass ich gewiss bin, hatte sie mir nicht versprochen, uber alles zu antworten, sie schenkte mir wenig Zeit; denn bey ihr mochte ich nicht auf die gewohnliche Gesprachigkeit der franzosischen Damen zahlen. Demnach urtheilen Sie, wie sehr ich wunschen musste, die ganze Reihe folgender Gedanken zu wissen, da er zu seiner Frau einmal sagte: dass er den Verstand und die Seele fur sehr verschiedene Wesen halte, und glaube, dass der erste nur fur das beste der Geschafte dieses Lebens, wie ein erhohter Naturtrieb zu den Kunsten des vornehmsten Geschopfs unter den Thieren bestimmt sey; auch hatte Gott nirgends dem vorzuglichsten Verstande, sondern nur der vorzuglichsten Seelengute eine Belohnung verheissen.
Ein andermal sagte er: bald mochte ich hohe Tugenden, die schonen Kunste der moralischen Welt nennen, unter welchen in so vielen Jahrtausenden, die Menschengeschichte alter und neuer Zeiten, nur wenige einzelne Bilder des Verdienstes, der Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und hulfreichen Grossmuth aufzeichnen konnte. So wie die Kunstwelt auch nur Einzelne: einen A p o l l , eine V e n u s , nur einmal die holde Idee der G r a z i e n aufstellte; das Urbild des Cirkels als Laufbahn der Sonne, der Gestirne, Welten und Jahrszeiten, nur einmal Sinnbild des Unendlichen wurde. Es war naturlich, dass Menschen, welche selbst gut und edel sind, die Modelle der hohen Tugend eines Socrates und Mare Aurels verehrten und schon fanden; wie das Auge des feinen Geschmacks, der Kunste, seit mehr als tausend Jahren die Meisterstukke der griechischen Bildhauer und Baumeister bewundert und liebt. Naturlich entstanden in der moralischen Denk- und der materiellen Kunst-Welt, Millionen Copien und Versuche der Nachahmung und des Bestrebens, die schone Hohe des Verdienstes der Alten zu erreichen; man lernte ihre Sprachen, um die Modelle ihrer Gedanken zu besitzen. Man mass und zeichnete ihre Bildsaulen und die edlen Bruchstucke, welche die Zeit und barbarische Kriege von ihren Gebauden ubrig gelassen haben, aber dieser Gang der Ideen schien Emilien nicht der angenehmste zu seyn, denn sie unterbrach ihn mit einer sehr muntern Bemerkung und Frage, indem sie sagte: mich dunkt, mein Carl hat eine sehr neue Anwendung von der griechischen Bildhauerkunst gemacht. Sage mein Bester! was sind wir auf unserer Insel? sollten wir unter Copien oder Originale gezahlt werden?
Wattines antwortete mit sanftem Ernst: unsere Lage, meine Emilie! ist nicht ganz Original, weil es schon oft geschah, dass zwey gute Menschen, durch Schiffbruch, Treulosigkeit ihrer Reisegefahrten, oder wie wir durch Ungluck geleitet, auf einem unbekannten und unbewohnten Eilande einsam lebten, und wie wir, ohne alle fremde Hulfe harren und fur sich sorgen mussten, bis das erzurnte Verhangniss wieder mit ihnen ausgesohnt, ihre Erlosung veranstaltete: doch ist gewiss die Ursache unsers Hierseyns etwas eigenes, und alles was du, meine Emilie, gethan hast, e i n z i g , dass es auch selbst in der andern Welt als Urbild einer der schonsten Erscheinungen in der Menschheit aufgestellt zu werden verdient.
Emilie erwiederte: diess wurden vielleicht hofliche Manner sagen, welche mich als junge Frau von 21 Jahren hier fanden; aber meines Carls Pariser und Versailler Freundinnen konnten am aller staunenswurdigsten finden, dass ein junger franzosischer Hofmann, dessen liebenswerther Geist die glanzendsten Cirkel belebte, sich aller Bewunderung entzog, um freiwillig mit einer einfachen Landnymphe in dieser Einode zu leben, und gewiss, sollten sie sehen, was der schone Wattines auf dieser Insel fur meine Unterhaltung und fur mein Vergnugen unternahm, so wurden alle mein Looss nur zu glucklich achten.
Dieses kleine Gesprach, meine Freunde! zeigt Ihnen doch ganz, einen Grundzug der Nation, welche stets einen so hohen Werth auf Scherz und Hoflichkeit legte, dass weder Ungluck den ersten verbannen, noch die haussliche Verbindung die zweyte vertilgen konnten; aber gehoren diese zwey Eigenschaften nicht mit unter die wirklichen Nationalvorzuge? Ich erinnere mich in diesem Moment, dass einmal in unserer kleinen Abendgesellschaft, von dem Scherze bey Kummer, und von Hoflichkeit unter Eheleuten gesprochen wurde, wo die Gattin meines Freundes sagte:
Sie wunsche sich nicht das Talent, mit dem Unglucke zu scherzen, weil sie es fur die erzwungne, unnaturliche Wirkung des Stolzes der wilden Iroquesen halte; aber dass sie den Himmel bitte, ihr die Kraft zu geben, den Kummer ruhig zu tragen, und wie die schone leidende Englanderin ihrem Jammer zuzulacheln, smile and griefs, denn dieses allein sey wahre edle Starke der Seele. Hoflichkeit im Ehestande, schien ihr vor ihrer Heurath der einzige beneidenswerthe Vorzug der adelichen Damen zu seyn, weil ihre Manner die Ebenburtigkeit ihrer Gattinnen mit Achtung behandeln, und also jede rauhe, die Liebe todtende Vertraulichkeit vermeiden mussten; aber jetzo, fugte sie hinzu, da ich den besten, hoflichsten Mann der ganzen Gegend mein nenne, habe ich keinem Frauenzimmer auf der weiten Erde etwas zu beneiden.
Meine Base wird, hoffe ich, mit mir zufrieden seyn, wenn sie bemerkt, dass das Meer und die grosse Entfernung von Ihnen, ja selbst die schone romantische Erscheinung der Wattines, das Andenken Ihres Hauses und Ihres Umgangs nicht aus meinem Gedachnisse verdrangte, und dass ich herzliche Wunsche zu dem Himmel schicke, mich wieder gesund zuruck zu fuhren, damit ich die Erinnerungen meiner Reise und alles dessen, so mich hier freute, mit Ihnen theilen, und aufs neue das Gluck Ihrer Freundschaft geniessen konne. Ich werde mir auch ein Stuck Feld neben Ihrem Garten kaufen, und dort eine Hutte bauen, wie Wattines Hutte auf der Insel ist, welche ich mit Baumen, Gestrauchen, Pflanzen und Blumen von der Insel Oneida umgeben werde, die ich mitbringen und einheimisch machen will; wie ich es mit dem Z u k k e r - A h o r n e versuchen werde, welcher eine wahre Wohlthat ist, indem jeder Baum, der wie bey uns die Birken, angezapft wird, funf Kannen Saft giebt, aus welchem funf Pfund Zucker gekocht wird. Ein Mann kann mit drey bis vier Knaben oder Madchen in einem Monat 1500 Pfund Zucker sammeln, wenn die Kinder nur stark genug sind, die Gefasse mit dem Safte zu dem Kessel zu tragen, und ein leichtes Feuer zu unterhalten wissen, wobey sich der Saft auflost. Wenn die Baume geschont werden, so konnen sie mehrere Jahre dauern. In Europa konnte man sie zwischen die Obstbaume setzen, da sie zwey Schuh weit von einander stehen mussen, und ein Morgen uberhaupt 140 Stamme sasst, da erhielten wir Zucker, von welchem das Pfund nur 8 Kreuzer kostete.
Die amerikanischen Indier machen mit diesem Safte und Maismehl einen Teig zu ihrer Nahrung auf Reisen, oder auch bey Jagden und fur Kinder. Bey diesen Anlagen meines Landguts, welches O n e i d a heissen wird, soll auch die schone Moossbank vor den Buschen der Jerich oder Peonien-Rosen als Vorbild einer artigen Gartenverzierung zu stehen kommen; dort werden wir den Ahorn-Zucker quellen sehen, und ich also zweyfacher Wohlthater meines Vaterlandes werden.
Bald nach diesem Tage, an welchem Frau von Wattines mit mir mit so vieler Gefalligkeit, als geistvoll von ihrem ersten vollig einsamen Winter gesprochen hatte, verwiess sie meine fernern Fragen an ihren Mann, indem sie artig bescheiden sagte; da ich bis zu dem Anfange der neuen Feldarbeiten meines Wattines vieles von ihm lernte, so wurde das Zeugniss meines Fleisses in meinem Munde nicht so anstandig lauten, als das, welches mein liebreicher Lehrmeister mir geben kann, auch, setzte sie mit geruhrter Stimme und sanft errothend mit niedergesenktem Kopfe hinzu, wurde meine Rolle im Fruhjahre sehr wichtig. Ich wusste dass ich Mutter war, und es zu Ende Juny ganz werden sollte: aber ich verbarg dem theuren Wattines diesen Zustand so lange als moglich, um sein edles zartliches Herz noch einige Zeit von diesen neuen Sorgen befreit zu halten. Ich konnte es um so leichter, da wir nun von der Zeit der Ruckkunft unserer Fischer sprachen, und jeden Tag, da die Sonne hoher stieg, lachelten wir ihnen mit mehr Freude entgegen, mehr, in Wahrheit mehr, als dem wiederaufbluhenden Fruhlinge und dem schonen Abglanze des Himmels, der Baume und der Blumen am Ufer des See's. Wir hofften durch sie so viel von Freund John, auch von Europa zu horen, und wieder Menschen, bekannte, gute Menschen zu sehen. O k a u m , kaum, selbst in den glucklichen Tagen, des noch koniglichen Frankreichs, als mein Herz der Ankunft des geliebten Wattines entgegen klopfte, ach kaum da waren meine Hoffnungen so suss, so lebhaft, und gewiss sah ich nicht so oft nach der Landstrasse, von welcher Wattines kommen musste, als nach dem Theile des See's, von wo die Fischer kommen sollten. Nun schwieg sie, nahm ihren Carmil in ihre Arme, und sagte dann so innig zu ihm: Lieber Unschuldiger! du theiltest diese Sehnsucht und diese Hoffnungen unter meinem Herzen mit mir, ach, du wirst in kunftigen Tagen deines Lebens auch grosse und kleine Wunsche kennen lernen, moge Gott die besten immer erfullen.
Ich bemerkte die Thrane sehr nahe in ihrem Auge, und entfernte mich, um Wattines aufzusuchen, welcher mir mit dem Zimmermanne begegnete, da sie von der Arbeit eines neuen Hausbaues zuruckkamen, wobey der edle rechtschaffne Wattines eben so fleissig hilft und angreift, als die ubrigen; auch durch seine grossere Geschicklichkeit und seinen erfindungsreichen Geist, bey hundert Anlassen, den andern das Anstrengen ihrer Krafte erleichtert, abkurzt und die Arbeit verbessert. Er hat den Vorschlag gethan, dass man die ersten Wohnhauser auf der Stelle des kunftigen Hofes oder eines Seitengebaudes errichten solle, um einst die Arbeit des bessern grossern Hauses gut beobachten zu konnen, ohne der, beym Bauen so angenehmen und dem Ordnung liebenden Auge so nothigen Symmetrie zu schaden. Als ich ihm von Emiliens Anweisung auf seine Nachrichten sagte, willigte er sogleich ein, mit dem mir so erfreulichen Zusatze, dass er morgen mit mir einen Theil des Sonntags auf der Insel feiern wolle, indem bey den Erinnerungen der wichtigsten Vorgange, in der Geschichte des zweyten Jahres ihres Aufenthalts in der Insel-Hutte, einige Auftritte vorkamen, welche mich auf der Stelle selbst mehr freuen wurden, als irgend eine Erzahlung. Dieser Entwurf entzuckte mich, weil ich viel mehr erwarten konnte, als er jemals in seinem Hause und Garten gesagt haben wurde.
Wir nahmen, nach Vandeks wirklich schoner Predigt, ein gutes Fruhstuck ein, und schifften uber. Wattines lenkte den Kahn selbst, befestigte ihn an einem Baume, und ging lebhaft der Hutte zu, ofnete, sie und sagte: ich weiss, Sie haben die gute Hutte schon gesehen, aber treten Sie doch auf einige Augenblicke mit mir hinein; denn, ob ich Sie schon weiter fuhren will, so ist mir doch unmoglich, an der lieben Hutte vorbey zu gehen, in welcher die allermerkwurdigsten Tage meines Lebens voruber flossen. Ich erwiederte: gewiss! ich betrachte sie mit neuen Gefuhlen, da ich sie mit Ihnen besuche. Er druckte mir die Hand, blickte voll Freundschaft mich an, und sagte: es ist mir auch neu, das Gefuhl, mit einem Freunde meines Alters zu seyn, und das hier in dieser Hutte, wo ich vier Jahre lang weit von dieser schonen Hoffnung lebte.
Ich erwiederte hierauf: indessen war sie Tempel der Liebe, diese einfache, mir dadurch heilig gewordene Hutte.
Haben Sie Dank, fur diesen Ausdruck, sagte er, mich umarmend. Emiliens Tugend hat sie zum Tempel geweiht, denn es ist keine Stelle hier, wo sie nicht als eine Heilige dachte und handelte.
Der Tisch und die Bank zwischen der Schlafkammer und dem grossen Bucher- und GartnerzeugSchrank sind noch da, Wattines wusste, bey welchem Punkte seiner Geschichte meine Fragen stehen geblieben waren. Er blickte nachdenkend auf die Ecke der Bank, deutete nachher dahin, und sagte: diese Stelle wird mir unvergesslich seyn, hier las ich Emilien vor, und auf eine andre Stelle zeigend, da sass sie in den truben Tagen des ersten Winters mir gegen uber und arbeitete, weil unsere kleine Fensterscheibe, da gerade beyden leuchtete, und wir zugleich die Aussicht uber einen Theil der Insel, des See's und der Luft vor uns hatten, ja manchmal mit so vieler Freude Vogel vorbey fliegen sahen.
Emilie zogerte, so lange sie konnte, mir zu sagen, Carl! ich glaube du bist Vater. Ich bemerkte es fruh genung, und einige Minuten genoss ich die susse erschutternde Freude, ein Kind von meiner Emilie zu hoffen, ganz rein und ungemischt; da ich aber wusste, dass sie es noch verbergen wollte, so ging ich mit meiner innigen Freude ausser der Hutte, auf den schon erhohten Platz, welchen wir Belvedere genannt hatten, dort sagte mir aber der weite Blick auf den See, und das feste Land, ach, und die grosse, grosse Stille um mich her: Emilie ist in diesem Zustande hier allein! Nun war sie fort, meine Freude, mein vor wenigen Augengenblicken so ausgedehntes Herz wurde beklemmt, tausend Ideen kreutzten sich in meiner Seele, Reue, hier zu seyn, Reue, Vater zu werden, erneuerter Hass gegen die Menschen der Revolution, ach! alles, alles sturmte in meinem Innern. Ich sah nach der Hutte, meine fur Emilien umher gepflanzten Blumen und feinen Gestrauche wiegten sich durch die sanfte Bewegung der Luft, welche mein Gesicht und meine Brust kuhlte. Die Beleuchtung des See's und unserer Insel, war ausserordentlich schon. Mein Herz wurde geruhrt, ich warf mich nieder vor dem Schopfer von allen mich umgebenden Wesen, meiner Emilie und meines Kindes Schopfer. Denken Sie sich, was ich bat und wunschte, sagte er meine Hand fassend: gewiss haben Sie auch schon erfahren, wie ein aufrichtiges Gebet in unserer Seele wirkt, meiner Worte waren wenig. Du siehst, du horst mich, Allmachtiger! Nun trat auch die Hoffnung auf die Ankunft der Fischer vor mich, und flusterte mir zu, dass diese verheuratheten Manner uns Rath geben: uns auf einen Pachthof fuhren, oder jemand zu uns bringen konnten, wie es schon der gute Quaker gleich anfangs haben wollte. Hoffnung lachelt gern und macht lacheln, mein Herz war durch sie erleichtert, und ich fuhlte nur noch, dass ich jetzo keine nahere Pflicht hatte, als Emilien ihr Leben und ihren Zustand so angenehm als moglich zu machen; doch setzte ich mir zugleich vor, zu beobachten, wie lange sie noch daruber schweigen wurde. Ich musste ihr in den ersten Wintermonaten von meiner erhaltenen Erziehung und Bildung meines Verstandes sehr genau erzahlen, ja sie manches lehren, und Sie konnen nicht glauben, mein Freund! wie schnell und richtig sie fasste, wie fleissig sie sich in der Sprachkenntniss ubte, aber meist nur auf dem abgekurzten Wege, sich nach Uebersetzungen einige Ausdrucke und Verbindungsworter bekannt zu machen, und dadurch in den Sinn der andern zu dringen. "Ich will, sagte sie, nur den Geist der grossen Menschen horen, welche in dieser Nation lebten und dachten, dazu muss ich wohl etwas von ihrer Sprache wissen, aber ich mochte es mit dieser ausserlichen Einkleidung ihrer Gedanken halten, wie mit den Gewandern der Statuen und Basreliefs, wo man sogleich das Amt, den Stand und das Alter kennt, ohne alle Buge des Faltenbruchs aufzuzahlen und durchzumessen." D e n k und S i t t e n s p r u c h e , abgesetzte Lehrsatze, Ausdrucke der Freundschaft und der Liebe, suchte sie auf, fasste sie rein und lebhaft; denn ob sie schon eine geborne Franzosin ist, so kann sie Wortspiele gar nicht leiden. Der W i t z muss sehr sanft und geistvoll seyn, wenn Emilie bey ihm verweilen soll. Als sie nach Uebersetzungen, welche neben den Originalen standen, einige Vergleiche mit dem Franzosischen und Latein machen konnte, und in dem universal Magazin so viele Auszuge der Alten fand, dann auch die Uebersetzung von den Werken des Hesiodes eifrig gelesen hatte, so sagte sie eines Tages mich umarmend: "Lieber Carl! ich finde, dass zu allen Zeiten die besten geistvollsten Manner, wie du bist, ihren Gott, ein Weib und das Landleben liebten." Sie kennen sie selbst, und werden mit mir sagen, setzte er hinzu, dass die immer wirksame Liebe, das aufmerksame und doch leichte Durchlesen meiner Buchersammlung, und die mit so viel Jammer verbundene Einsamkeit meiner Emilie, zu einem der edelsten Weiber bildeten,
Meine Freunde finden es gewiss auch, aber das Schicksal hatte doch die Liebenswurdigkeit der Frau von Wattines, auf einen zu hohen Preiss gesetzt. Meine theure Base wird es selbst sagen, wenn sie nun folgende Erzahlung liesst.
In einiger Zeit, sagte Wattines, misch-Emilie Fragen in unsere Gesprache, von dem was meine Mutter zu meiner Ausbildung beygetragen habe, und bey diesen Fragen hieng sie an meinen Blicken auf die Antwort harrend, liebkosste jeden Zug meines Gesichts mit der aussersten Zartlichkeit, und war so dankbar fur jeden Beweiss meiner Liebe, dass ihr und mein Schweigen mir bald unertraglich wurde, und ich auf Mittel sann, wie ich sie zum Sprechen leiten konnte. Nach einigen sehr schonen warmen Tagen, munterte ich sie auf, wieder einmal mit mir zu baden und zu schwimmen. Sie versagte es zartlich errothend, und von etwas anderm sprechend; doch begleitete sie mich an das Wasser und sagte: ihr Auge musse sich wieder an die Schwimmkunst gewohnen, sie wolle mir zusehen. Den andern Morgen nahm ich einen Band der Encyclopadie, und suchte den Artikel: P f l e g e d e r Gesundheit einer schwangern Frau auf. Ich las, wahrend Emilie unser kleines Mittagsmahl bereitete, sehr eifrig, wobey ich von Zeit zu Zeit voll Liebe und Ruhrung nach ihr hinblickte.
Der Winter war meist unter Lehrstucken aus der Sie kusste mich zartlich und sagte: ach theurer WatIch staunte uber diese Bitte, und antantwortete: ja Sagen Sie, redete er mich an, war dieses nicht eine s c h e n ; denn wir selbst, und die ganze Menschheit, erhielten um des kleinen anfangenden Wesens willen in unserm Geiste und Herzen einen hohern Werth, und von dort an, war unser Denken, unser Lesen und unsre Arbeit nur fur unser Kind berechnet. Meine Feldgeschafte wurden mir leicht, meine Krafte schienen mir verdoppelt, wenn ich Mutter und Kind mir dachte. Emilie durchsuchte unsern kleinen Vorrath Weisszeug, und machte sorgsam etwas davon fur den Dienst des kleinen kommenden Fremdlings auf dieser Insel zurecht. Sie arbeitete mit zartlichen Blicken auf ihre Nadel und das Leinen blickend, auf einer Ecke des Feldes sitzend, wo ich zu thun hatte. Sie war wohl und heiter, aber bald wurde es trube um uns, da jeder Tag Emilien und ihr Kind der Zeit naher fuhrte, wo beyde eine Hulfe bedurften, die ich nicht geben konnte, und wir nun die zum Fischen bestimmte Zeit, immer vergebens nach der Seite der Insel gegangen waren, wo unsere guten Fischerleute herkommen mussten; da fuhlten wir zugleich unsere jammervollen Sorgen und Zweifel. Einen Nachmitag, da wir lange und oft in tiefem schmerzvollem Schweigen nach der ganzen Lange des See's hingeblickt hatten: da der Abend naherte, und nichts einen Kahn ahnliches erschien, druckten wir uns die Hand, sahen mit Seufzen, mit beklemmten Herzen nach dem Himmel; ich konnte nicht reden, ich war beynahe ausser mir. Emilie fasste sich zuerst, und sagte ruhig fest; Lieber! wir wollen uns nicht mehr schmeicheln. Ich bin uberzeugt, die guten Leute kommen dieses Jahr nicht, denn vielleicht betrifft ihr Fang Zugfische, die nicht alle Jahre nutzbar sind, und auch ihre Zeit zum wachsen nothig haben. Vielleicht ist es eine Gattung, welche der Creek-Fluss nur alle zwey oder drey Jahre herbeyfuhrt: wir armen guten Kinder vergassen, selbst da wir von den schmackhaften Fischen assen, nach ihren Namen und eigentlichem Vaterlande zu fragen; denn es ist gewiss, keine Art von allen Fischen, welche Du in dem See fingest, waren denen, von der Fischergegend ahnlich. Nach einigem Stillschweigen setzte sie hinzu, Carl! ich bin gewiss, wir werden dieses Jahr nichts horen, nichts sehen was andre Menschen betrifft. Diese Ueberzeugung war auch in der Tiefe meiner Seele, wo sich Verzweiflung erhob. Emilie umarmte mich mit inniger Zartlichkeit, und sagte feierlich: Lieber, wir bleiben uns! Gott ist mit uns, Hoffnung war unsere Gesellschaft, und tauschte uns ein ganzes langes Jahr.
Sie schwieg wieder und rief endlich: mogen die guten Leute und unser Freund John glucklich seyn, die gottliche Vorsicht wird fur uns sorgen. Ich sagte nur A m e n , die Welt lag auf meiner Brust, und ich bemerkte, dass Emilie nicht weiter sprechen wollte, nur im nach Hause gehen sagte sie, noch einmal ruckwarts blickend, und die Hand nach der Fischereigegend hin, wie zum Abschiede bewegend, adieu Hoffnung, und zu mir gewendet, Lieber Carl! wir wollen nie mehr von verlornen Dingen sprechen, aber desto mehr an Gott, und an unsere von ihm erhaltenen Krafte denken.
Nun fuhrte mich Wattines nach der andern Seite des See's zu seinem Endtenfang. Ich suchte diesen, sagte er, zu einer Art Vollkommenheit zu bringen, wie Sie noch Spuren sehen. Die warmen Tage gaben Emilien ofters Lust zu baden, und das Schwimmen zu uben. Ost fragte sie mich scherzend: Geometer! wie weit ist jene Ecke der Insel von dem Platze wo wir nun sind? oder auch, wie weit ist das nachste Ufer?
Wahrend dem Erzahlen fuhrte mich Wattines ein langes Stuck am See hin, blieb manchmal stehen, sah mit bewegter doch vergnugter Seele sich um, bis wir zu einigen, in einen halben Kreiss gesetzten jungen Baumen kamen, und uns auf eine der vier Banke zwischen den funf schonen Pappeln setzten, welche dadurch wie mit einem breiten Gurd von vielfarbigtem Moos zusammen verbunden schienen, so wie der sanfte Abhang, welchen die Insel gegen den See hatte, wie mit einem grunen Sammtteppich bedeckt war. Ich hatte, als wir unweit von Wattines Endten- und Fischfangplatzen langst dem Ufer, einen schmalen ungleichen Pfad betraten, wohl die sorgsam gepflegte Einfassung von tausend Waldblumen bemerkt, welche nur durch kleine Gestrauche unterbrochen, an dem bald fur zwey, bald nur fur eine Person passenden Pfad hinlauft, bis er am Ufer sich endet, aber ich wollte den vorangehenden und schweigenden Wattines durch keine Frage unterbrechen, weil ich sicher einen Aufschluss erwarten konnte. Auf diesen Platz mein Freund! sagte er, sollen Sie den grossen Character meiner Emilie ganz kennen lernen. Wir sprachen nicht mehr von unsern Fischern, vermieden aber, ohne es verabredet zu haben, beyderseits den Spaziergang von der Seite, welche wir einige Wochen taglich mit so viel Eifer besucht hatten. Emilie war in meiner Gegenwart immer sehr heiter, aber wenn sie allein zu seyn dachte, bemerkte ich, dass sie viel betete, besonders bey dem Auf- und Abgehen an dem Ufer des See's, wovon sie nur die Seite zu lieben schien, welche wir so eben herkamen. Da sie diesen Weg so oft nahm, so belauschte ich sie durch Umwege in den Gebuschen, und beobachtete, dass sie unruhig bis an die ausserste Spitze von diesem Platze hier ging, und sehnsuchtsvoll nach den zwischen den Baumen des festen Landes, an dem jenseitigen Ufer versteckten Hutten der Indier blickte, und vermuthete sehr naturlich die Ursache in den Wunschen nach dem Beistande einer Person ihres Geschlechts. Von meinen Empfindungen dabey, will ich keine Beschreibung machen: der edle, gefuhlvolle Mann, mit welchem ich spreche, der Emilie und mich kennt, empfindet sie selbst. Einst da ich keine besondre nothige Arbeit hatte, und darauf sann, ihr meine Ahndungen uber die einsamen Spatziergange zu entdecken, nahm sie mich schweigend aber mit Zartlichkeit bey der Hand, fuhrte mich einen Weg, welchen ich vorher nie betreten hatte, auf diese Stelle, welche, wie Sie sehen, sich am weitesten in den See gegen das Land erstreckt, und sagte mit ernster liebevoller Miene, indem sie zugleich errothete, und mit einer zitternden Thrane im Auge, auf ihren stark erhohten Leib blickte:
Bester Mann! der Tag wird bald kommen, an welchem die Natur uns ein geliebtes Unterpfand unsrer Liebe geben wird: hier hielt sie voller Bewegung inne, fasste sich aber und fuhr fort: ich mochte dieses Pfand unserer treuen Liebe gesund in deinen Armen sehen; ich habe es unter meinem Herzen vor aller heftigen Bewegung meines Leibes geschutzt, und machte auch sorgfaltige Schritte, damit es nicht schadlich erschuttert wurde; ich suchte auch meine Krafte zu erhalten, um den so entscheidenten Moment seiner Geburt gesund zu uberleben, und unser Kind unter meiner Pflege aufwachsen zu sehen, aber nun schwieg sie, schmiegte sich mit einem Arme an mich, legte ihren Kopf an meine Brust, die mit banger Angst erfullt, sich nur durch langsames Athemholen bewegte. Ich druckte Emilien an mich, aber kaum konnte ich sagen: was aber! o meine Emilie! was? Sie blickte zartlich auf, kusste mich und sagte: deine und meine ganzliche Unwissenheit in allem, was zum Besten des geliebten Unschuldigen, zur Erleichterung seines Eintritts in die Welt, und zu meiner Erhaltung geschehen muss, diess machte mich schon lange sorgen, und erweckte am Ende einen innigen Wunsch in mir.
Ich dachte, sie wurde mir vorschlagen, hinuber zu schwimmen, und eine Indianerin zu holen, und antwortete schnell, welchen Wunsch meine Emilie! kann ich ihn erfullen? Sie fasste eine meiner Hande, druckte sie an ihre Brust, und mir ins Auge sehend sagte sie mit festem Tone: ja Carl! du kannst es fur mich und fur dein Kind. Schwimme mit mir hinuber zu den Hutten unserer Nachbarn, da finde ich erfahrne Personen meines Geschlechts, denn die Natur machte in nichts, was zu dem physischen Leben gehort, einen Unterschied, und Weiber wissen zu gut, dass wir in diesem Zustande hulfsbedurftig sind. Unsere Fischer haben gesagt, dass diese Indier sehr gut sind, wir fanden es auch in der Treue, mit welcher sie das dem Congress gegebene Versprechen halten, die Insel und das gegenseitige Ufer nie zu betreten. Meine Seele, lieber Carl! ist fur alles, was uns bey dieser Reise und Aufenthalt betreffen kann, voll Vertrauen auf Gott und auf die Herzen dieser, wie w i r aus seiner Hand stammenden Menschen.
Emilie bemerkte, dass mein Geist mit Staunen, und mein Herz mit tausend Empfindungen erfullt waren, sah, dass ich gleichsam mechanisch, bald auf sie, bald nach dem jenseitigen Ufer blickte, und sagte, indem sie mit zartlicher Miene mich streichelte, als ob sie die Zuge der Sorgen aus meinem Gesichte verwischen wollte:
Ich sehe, Lieber! dein geometrisches Auge misst den Weg, welchen ich machen muss, und deine Gute befurchtet meine susse Last wurde mir das Schwimmen erschweren; denke an beladene Schiffe, die im Sturme uber das grosse Weltmeer gehen, wir werden bey heiterm Himmel und ruhiger Luft, nur quer uber den kleinen Arm eines Land-See's, wie im Baden spielend, an das andere Ufer schwimmen. Ich habe seit vielen Tagen den schmaleften Theil des Wassers gesucht, um den Weg abzukurzen, ich fand ihn hier, mit der innern Ueberzeugung, dass Gott mich mit seinem Schutze zu der Erfullung einer mir von ihm auferlegten Pflicht geleiten wird.
Wattines hielt nun mit seiner Erzahlung inne, sah, wie ich, nach dem gegenuber liegende Lande, und fuhr fort: Sie konnen leicht glauben, mein Freund! dass ich diesen Tag und diese mutterlich heroische Entschliessung meiner Emilie nie vergessen kann. Wir sassen hier auf einer kleinen mit Moos bedeckten Erhohung; ich warf mich beynahe ausser mir zu ihren Fussen, bereuete das Gluck ihrer Liebe und ihres Besitzes, druckte sie mit Bewunderung, Schmerz und Leidenschaft an meine Brust, und rief aus, ach warum mit edelmuthiger Eile schloss sie meinen Mund mit einer ihrer Hande, und sagte ernst:
O sprich ihn nicht aus, den schwarzen, deiner und meiner Liebe unwurdigen Gedanken. Sey zartlicher, sorgsamer Vater, wie ich treue Mutter seyn will! und geleite mich einen dieser schonen Tage hinuber.
Ich fragte, ob es nicht besser fur sie seyn wurde, wenn ich eine von den Indianerinnen holte, aber Emilie wollte es nicht, und erwiederte: es ist gegen die Sitte dieser Leute, und gewiss, die beste von diesen Weibern hat eigene Kinder und einen Mann der sie liebt, wie soll sie ihre Kinder verlassen, und der Mann seine Frau ruhig mit einem Fremden davon schwimmen sehen? nein, mein Carl! wir wollen zu ihnen, der erste Blick auf meinen Zustand wird fur mich reden.
Ich nannte sie eine heldenmuthige Mutter, schnell und munter antwortete sie, ich hoffe auch Mutter eines Helden zu werden; denn ein Madchen wurde mich mich nicht zu dieser Unternehmung treiben, sondern mich still ergeben, mein Schicksal erwarten lassen.
Bey dem Zuruckgehen nach unserer Hutte sprach sie von den Zurustungen zu unserer Reise; den Morgen darauf fand ich, dass Emilie schon fur alles gesorgt hatte, und fur sich eine Art blauen leinenen Mannsschlafrock zurecht hielt, den sie als Staubrock auf der Reise trug; Linnen fur ihr Kind, ein paar Hemden fur sie, und meine Matrosen-Sommerkleidung, sollte in ein paar Bieberfelle gepackt, und diese Bundels im Ueberschwimmen vor uns hergestossen werden. Unsere ubrige Haabe war geordnet und dem gutigen Schicksale empfohlen, nur fur unsere Huhner war ihr bange, da wir nicht wussten, wie lange unsere Abwesenheit dauern wurde, und wir sie nicht verlieren wollten, so machte ich eine gedeckte und wohlverwahrte Einzaunung, wo sie Gras hatten, streute ihnen Futter umher, bald mehr, bald weniger, trug morastigen Boden hin, damit sie Wurmer suchen konnten, grub hie und da von unserm kleinen Vorrathe Schusseln ein, welche ich den Tag unsers Weggehens mit Wasser fullte. Wie es mir bey alle dem zu Muthe war, unternehme ich nicht zu beschreiben. Gott sah es, Gott stutzte mich.
Die Hast und die Eile, mit welcher Emilie alles betrieb, wie ich sie der Hutte, den Huhnern und Blumen Abschied sagen horte, und da, wo man bey den dicht bewachsenen Buschen gegen die See geht, Felder und Hutte nur noch ein wenig sieht, ihre Hande kusste, noch gegen die Platze hinblickte und sagte: Himmel! schutze den Zufluchtsort den du uns gabest, liebe Felder! ihr werdet eurer Reife nahe seyn, wann ich wiederkomme alles dieses walzte Centner Lasten auf mein Herz. Eine Thrane war in ihrem Auge, ihre Stimme war so zartlich, wie wenn man von Freunden scheidet. Bald waren wir am Ufer des See's, Emilie rustete sich muthvoll, und selbst scherzend zum Schwimmen. Sie umarmte mich noch einmal, und blickte, an meine Brust gelehnt, auf zum Himmel. O mein Freund! was fur ein Gebet stieg in diesem Blikke zu Gott! Ich konnte nicht reden, aber mein Auge erhob sich auch flehend zu dem Allmachtigen um seinen Beystand. Ich schloss Emilien in meine Arme, aber sie wand sich los und sagte: komm mein Carl, denn die Sonne muss uns noch hinuber begleiten; damit eilte sie nach dem See. Ich folgte ihr mit gepresster Seele, und flehte im Stillen um Krafte zu ihrer Unterstutzung. Denken Sie sich meine Lage, als wir so weit von dem Ufer waren um Wasser genung zum Schwimmen zu haben, ich immer nur Emilien beobachtete, sie dann gegen das Ufer binuber blicken, und zugleich eine Hand kussen sah, mit welcher sie das Wasser um sich her streichelte, und mit bittender Stimme sagte: o Ewiger! beweise deinen Namen an mir! Sey wirklich Arm, der mich an das andere Ufer tragt!
Diese unerwartete Einkleidung ihrer innern Besorgnisse, ruste mir unglucklicher Weise die Bitte des jungen liebenswurdigen Prinz Arthur, aus einem Stucke des Shakespear in mein Gedachtniss zuruck, welches einen unausloschlichen Eindruck auf mein Herz gemacht hatte: da der holde Knabe auf der Mauer seines Gefangnisses stehend, ehe er heruntersprang, die Steine bat, ihn sanft aufzunehmen, und das Schicksal den Unschuldigen den Kopf zerschmettern lasst. Mich ergriff der Gedanke, Emilie konnte in ihrem Zustande durch Erkaltung einen Krampf bekommen und sinken. Ich litte unaussprechlich bey dieser Vorstellung, war aber fest entschlossen, sie zu retten, oder mit ihr zu sterben. Gott schutzte uns, wir kamen glucklich, ohne die mindeste Gefahr an das Land, wo wir uns fur Freude zitternd umarmten und Gluck wunschten. Ich half Emilien ihren armen Schlafrock anziehen, band ihr das Stuck Leder, so uns statt Schuhen diente, um die Fusse: ihre schonen Haare waren mit einem dunnen groben Filet von Zwirn und Garn, meiner ersten Spinnprobe umbunden, ein leichter Gurt unter ihrer Brust, machte ihren hohen Leib um so sichtbarer, und dieser Anblick durchdrang mein Herz. Dennoch, so ausserst beangstigt der bevorstehende Auftritt bey den Indianerinnen mich machte, fuhlte ich mit Entzucken die naturliche Anmuth, welche stets meine Emilie umgab, und mich versicherte, dass selbst die Wilden von ihr eingenommen werden mussten. Ich hatte eine kleine Flasche Honig-Wasser an meinem Hals hangend, mit hinuber gebracht, wir tranken davon, und die leere Flasche begrub ich bey einem Baume; denn die Indier denken bey einer Bouteille gleich an Rumm, und wir hatten keinen mitzubringen. Nun gingen wir langsam und wahrlich beyde etwas bebend die Hutten aufzusuchen, welche wir hinter dichtes Gebusche trafen. Gleich bey der ersten sassen zwey gute Weiber mit ihren Kindern, welchen sie gekochten Mais zu essen gaben. Sie betrachteten uns mit Staunen. Eine von ihnen stand auf, sah sorgsam weiter nach dem Wege, wo wir herkamen, ob nicht mehr Leute bey uns seyn mochten. Emilie errieth ihre Sorge, winkte ihr nein, zeigte dabey auf mich, und mit einer Hand die gute Indianerin fassend, mit der andern auf ihren hohen Leib deutend, sagte sie in ihrem wenigen Englisch ihre Bitte mit so ruhrender Stimme und Wesen, dass die Frau, ob sie schon die Worte nicht verstand, durch die Pantomime belehrt wurde. Ich beobachtete sie, ihre Zuge sprachen sehr deutlich von Gute und Verstand. Ich fasste nun ihre noch freie Hand, welche ich an mein Herz druckte, mich auf ein Knie warf, auf Emilien zeigte und auch in meinen Ausdrucken um Hulfe fur sie bat. Die gute Sqwa legte nun auch eine Hand auf ihre Brust, und indem sie in abgebrochenen kurzen Sylben, doch ziemlich sanft etwas sprach, streichelte sie zu gleicher Zeit Emilien die Hande, zeigte ihr den Eingang der Hutte, und liess sie neben sich sitzen, besah sie nochmals, fuhlte ihr Kleid an, und winkte voll Ungeduld dass Emilie ihren Gurtel sogleich auflose, indem sie lebhaft deutete, dass er ihr und ihrem Kinde schaden wurde. Die andre Frau, welche wie verschwunden gewesen, kam mit eilenden Schritten nebst einem starken jungen Manne, der einen kleinen sehr muntern Knaben an der Hand fuhrte, gegen uns.
Der Mann fragte sogleich auf Englisch, was wir wollten, wo wir herkamen? und blickte dabey scharf in mein Auge. Ich sagte auch kurz, wie seine Frage war! von der Insel. Emilie, uber meinen Ton beangstigt, eilte zu antworten, ehe ich mehr sagte. Da sie schon bey seiner Annaherung aufgestanden war, und sich an mich anschmiegte, bog sie sich nach dem kleinen Indier, reichte liebreich nach ihm, und sagte dem Alten: o lass mich hier, um deines Sohnes willen, diesem guten Manne (auf mich deutend) auch einen Sohn gebahren! Aber nun war ihre ganze Kraft dahin, sie sank halb ohnmachtig in meine Arme. Ich war im hochsten Jammer.
Die Weiber halfen Emilien stutzen und zurecht bringen. Eine holte eine Barenhaut aus der Hutte, um sie darauf zu legen, der Indier blickte voll Empfindung auf uns erhob dann seine Hand zum Himmel, und sagte:
"B e y d e m G o t t d e r S o n n e u n d d e r Erde! du sollst sicher wohnen und H u l f e h a b e n ," lief fort wie ein Reh, und kam eben so schnell wieder, mit weich geklopften Bieberfellen unter einem Arme, breitete sie an dem Eingange der Hutte aus, und winkte Emilien, sich darauf zu legen. Sie scheuete sich und fragte warum? Er sagte freundlich: du musst ruhen, denn dein Sohn wird dich oft mude machen, bis er so gross ist wie dieser, seinen vier Jahr alten schon gebildeten Knaben kussend. Emilie war geruhrt, weinte und kusste die Hande des Knaben, da kam auch eine Thrane in mein Auge, der Indier wischte sie mir ganz rasch ab, und sagte dabey: komm, sey Mann! lass das Weib bey Weibern. Meine Schwester ist gut. Ich stutzte: Emilie war gefasster als ich, denn ich wollte nicht gehen, wollte sie nicht verlassen: aber sie bat mich, dem Manne zu folgen, sie sey in Gottes Schutz und voll Vertrauen zu den Tochtern der Natur. Ich verliess sie ungern, erfullte aber ihren Wunsch. Der gute Indier suchte mich zu zerstreuen, und ich horte von ihm, dass die Manner von den zwey Sqwas, mit andern jungen Leuten, sehr weit von dem Dorfe auf der Jagd waren, dass die Weiber sich liebten, und indessen in einem Wigwham beysammen wohnten, welches ich fur eine gluckliche Bedeutung fur uns hielt. Nun fuhrte er mich zwischen bluhenden Accacien an den See, zeigte mir unsere Insel, wie jemand der sein vaterlich Haus liebt, einem andern seine Heimath zeigt. Zwischen den Baumen dort steht dein Wigwham, sagte er sehr freundlich auf mich blickend, und schien mit dem Ausdrucke der Sehnsucht zufrieden zu seyn, mit welcher ich unsere Insel betrachtete, und wirklich den innigen Wunsch hegte, mit meiner Emilie und meinem Kinde wieder glucklich da zu seyn. Meine Augen sahen lange hinuber, und folgten mit Trauer dem zunehmenden blauen Nebel der sie deckte. Mein Begleiter schwieg immer, nur als ich um mich sah, zeigte er mir seinen Beifall uber die Liebe zu meiner Erde. Hast du auch Mais und Squash? ich sagte ja M a i s , aber das andre kenne ich nicht. Du sollst es haben, und dann deine Erde noch mehr lieben. Ich fragte ihn nun, wo er das Englische lernte? er antwortete mir mit einem Gemisch von Trauer, Stolz und Freude: von meinem Vater Nesquehiounah, welcher als Obrist Louis den Amerikanern ihre Freiheit erwerben half. So war ich auf einmal in einer Familie, mit welcher mein Vater und mein Oncle gegen die Englander gekampft hatten, und der Sohn eines Indianers, dessen Geschichte ich in meinem Vaterlande mit Widerwillen anhorte, war nun in dem Wohnsitze seines Vaters Schutzgeist meines Lebens und meiner Familie. O die Alten hatten recht, an ein Wesen zu glauben, das sie Verhangniss nannten.
Von diesem Nesquehiounah hatte ich nie etwas sagen horen, die Ausdrucke, in welchem Wattines von dem Manne und seinem Sohne sprach, mussten mich begierig machen, mehr zu horen. Ich bat ihn daher, mir diese von ihm geausserte sehr wichtige. Anmerkung bey dem Aufenthalte unter den Oneidas zu sagen. Er antwortete: vielleicht, mein Freund! liegt das Besondere welches ich in dem zufalligen Zusammentreffen mit einem Sohne des Colonel Louis sah, nur in der durch mein Schicksal und die Einsamkeit gescharften Einbildungskraft, welche mir alles, was mich betraf, mit einem eigenen Werthe und Farbe darstellt; aber von dem Vater meines Wohlthaters will ich Ihnen erzahlen:
Er war eigentlich ein Iroquese, diente den Amerikanern mit Geist und Eifer, so gut, dass er zum Obrist gemacht wurde. Er hatte ganz europaische Kleidung, Waffen und Sitten angenommen, sprach englisch, franzosisch und selbst hollandisch. Man konnte ihn fur den Rechtsgelehrten und Geographen seines Vaterlandes halten; denn er kannte alle Jagddistriete und Gerechtsame jedes Stammes und jeder Nation seiner Landsleute; die Lage und Lange der Gebirge, den Lauf der Flusse, die Anzahl der Dorfer und wehrhaften Indier. Er war muthvoll, von einem vortrefflichen Character, hatte mehrere Jahre mit Europaern gelebt, und am Ende des Kriegs erschien die Macht der Gewohnheit so unuberwindlich in dieser schatzbaren mannlichen Seele, dass er unvermuthet 1785 zu einem seiner amerikanischen Freunde in Neuyork kam, noch einmal mit ihm zu fruhstucken und zu rauchen, ehe er abreise. Da er schon ganz wieder in der Kleidung eines Mohawks war, staunten ein paar Europaer, welche gerade aus dem Schiffe gestiegen waren, ihn mit einer Art von Schauer an, staunten aber noch mehr, als er ihrem gemeinschaftlichen Freunde die Hand schuttelte, und in sehr deutlichem Englisch sagte: "habe ich dir gestern nicht versichert, dass der Obrist Louis das Letztemal bey dir sey, dass der Weg, welcher zu meiner Hutte fuhrt, geebnet und gereinigt ist? Die Oneidas haben mir ein Stuck Land und Wald an dem See hier gegeben, (indem er auf die Charte deutete) mein Weib und meine Kinder haben schon meinen Wigwham dort aufgerichtet und mein Feuer angezundet, ich kann nicht mehr nach meiner alten Wohnung in Canada zuruck; weil die Kriegsleute des Konigs Georg wissen, was durch mich geschehen ist, wurden sie sich rachen wollen, und ich und die Meinigen stritten wieder gegen sie; aber die Blatter des Baums meines Lebens fangen an abzufallen, der Kopf des Nesquehiounah wird weiss, nachdem ich mich so viele Monden bewegt und bemuhet habe, will ich nichts mehr als meine Pfeife in Ruhe rauchen, unter dem Schutze meines Wigwham gegen Wind und Regen, wo ich bey Sonne und Mond in dem Schatten schlafen kann, wo sollte ich sonst meine Barenfelle hintragen, als an einen Ort des Friedens? Meine Augen werden dunkel und meine Ohren verrostet; ich bin zum Jagen zu alt. In dem nahen Flusse bey meinem Wigwham will ich Salmen fangen, mein Weib wird sie rauchern und aufheben, meine Kinder gehen auf die Jagd und pflanzen Mais. Ruhe ist Reichthum und Nahrung der Alten, deswegen habe ich die europaische Schale abgelegt, und meine Rinde wieder genommen." Nun sagten die Fremden auf franzosisch zu dem Hausherrn: ist diess nicht ein Wilder? aber wie erschraken sie, als der Indier ihnen in ihrer Sprache ganz rasch erwiederte:
"Ein Wilder! Ihr Leute vom Aufgang der Sonne seyd sonderbar. Ich ein Wilder! O, ich habe lange genug bey den Weissen gelebt, um uberzeugt zu seyn, dass sie, nicht die Menschen im Walde, Wilde genannt werden sollten. Haben wir Gefangnisse und Prozesse? Sind wir nicht frei wie die Vogel, und sie Sclaven wie Hunde? haben wir so viel Leidenschaften, Laster, Krankheiten und Kummer als sie? Nein, wir ehren das Alter und sie verachten es. Ihre brennenden Wasser machen uns oft toll, aber ich und die Meinigen sagen: das Land, wo der Tag anfangt, ist ein boses Land, die Sonne geht nur vorbey, es ist nicht so gut wie das Unsere, wo sie zur Ruhe geht. Hort ihr! ein Jesuit sagte mir in meiner Jugend, dass unser Leben zu leer sey. Ich weiss jetzo, dass der Europaer ihres zu voll ist; dass ein boser Geist sie treibt und ihnen keine Ruhe lasst, bis sie sterben. Kitchy Manithu wird fur uns sorgen. Er ist gut und der Vater aller Menschen. Er gebe dir gute Gedanken, bis du nach Osten gehst," sagte er seinem amerikanischen Freunde; als er ihm die Hand schuttelte und Abschied nahm: "wenn du jemals an die Gewasser des grossen Ontario gehst, so kommst du nahe zu einem Dorfe der Oneidas, ehe du dein Feuer an den See anzundest, frage nach den Wigwham des Nesquehiounah, du wirst unter seiner Baumrinde Schutz und zu Essen finden."
Ich horte dieses vor eilf Jahren erzahlen, und argerte mich als junger Offizier, der nichts grosseres kannte, als ein mit Ruhm und Belohnung umgebner Obrist zu seyn. Dieser Mann legte alles zuruck und wurde Oneida. Musste mir nicht hier, als ich seinen Namen horte, der Gedanke eines Verhangnisses vor die Seele kommen, und ich mir sagen: ohne Nesquehiounahs Liebe zu den Sitten seiner Vater, stunde kein Dorfchen am See Oneida, wo meine Emilie ihre Wochen halten, und ich mit einem Sohne dieses ausserordentlichen Mannes zu ihrem Besten reden konnte?
Diese kleine Ausschweifung in Wattines Geschichte war mir sehr angenehm, ich dankte ihm, aber er bemerkte, dass ich mehr von seinem Aufenthalte bey den Indiern zu horen wunschte, und knupfte den Faden wieder an, indem er sagte: ich fragte den jungen Mann, ob er nicht auch bey den Englandern gewesen ware? Er sagte j a , e i n i g e Z e i t . Nun fragte ich weiter: warum er nicht geblieben sey, da er doch viel Gutes und Gemachliches bey ihnen sah? Er blickte mit einer Art spottischem Lacheln mich an, und sagte kurz: nichts als viele Arbeit, welche die guten Oneidas nicht brauchen und ruhen konnen.
Ich blickte da etwas sorgsam nach ihm, nun liess er mich aus seiner Pfeife rauchen, fuhrte mich zu seiner Hutte, gab mir eine eigene Pfeife, zundete sie an, und als ich einige Zuge daraus gethan hatte, tauschte er mit mir, und versicherte mich seiner Freundschaft, zeigte mir die Stelle seiner Hutte, wo sein Vater starb, und freuete sich, als ich mit Hechachtung von seiner Tapferkeit und Klugheit sprach; aber mein Herz war voll Unruhe, immer mit dem Gedanken an Emilien beschaftigt. Ich sagte es meinem Indier und bat ihn, mich zu meinem Weibe zuruck zu fuhren. Emilie sass in der Hutte zwischen den zwey Weibern, welche ihr freundlich zuredeten. Sie schien glucklich zu seyn mich wieder zu sehen, sagte mir aber, dass sie gewiss sey, bald Mutter zu werden, weil die Bewegung des Schwimmens und die Erschutterung ihrer Seele bey dem Anblicke und Wesen dieser guten, aber uns sehr fremden Leute stark auf sie gewirkt habe. Die Weiber gaben uns von einem unter der Asche gebratenen grossen Kurbis Squash zu essen, und legten statt Loffel langlichte Muschelschalen hin. Diese Kurbis haben wirklich, auf solche Art bereitet, einen vortrefflichen Geschmack, welches mich wegen Emilien unendlich freuete, indem sie es auch sehr gut fand, auch den gerosteten Mais kostete. Da sie mir nun sagte, sicher zu seyn, dass die Weiber mich nicht in der Hutte dulden wurden, sie aber sehr wunschte, dass ich die Nacht in der Nahe bliebe, so vertraute ich diese Bitte unserm Indier. Er fasste meine Sorge, und machte mir mit einem Barenfelle, mit funf Stangen und einigen Birkenrinden ein Lager und Zelt, oder halben Wigwham.
O was ist eine Wilden-Hutte oder Wigwham fur eine Erscheinung, besonders fur einen Mann, der wie ich eine geliebte junge Frau hat, welche als Braut zu der Auswahl zwischen zwey prachtigen FamilienSiren bestimmt war, und sie nun nahe der Stunde ihrer ersten Niederkunft, in einer solchen Hutte sieht!
Denken Sie sich einen ebenen Platz zu Anfang oder Seite eines Waldes, der gegen die heftigen Winde schutzt, hier werden 15 bis 20 Fuss hohe junge Tannen oder Birkenstangen in einem etwas mehr als halben Cirkel eingesteckt, und oben etwas zusammengebogen; an diesen befestigen die Indier Birkenrinde, welche in Stucken zu drey bis vier Schuh geschnitten, und mit Fischdarmen zusammen genaht sind. Diese Decke machen sie nett und dicht, und am allerdichtesten an der Stelle wo die Alten schlafen. Zwischen der Thure, das heisst, wo die Stangen am weitesten von einanderstehen, wird das Feuer gemacht, wobey immer auf den Wind geachtet wird; denn wenn er sich andert, wird ein Fleck Rinde auf eine andre Seite gehangt, und das Feuer bekommt eine andre Stelle. Die Stucken Rinden liegen, wie die Fischdarme, in Vorrath da, so wie immer einige Bieber- und Barenfelle innen umher hangen, welche Abends beym Schlafengehen in der Hutte ausgebreitet werden. Ein mittelmassig grosser Kessel, ist der ganze Hausrath, darin kochen und rosten sie ihren Mais. Wildpret essen sie roh, oder nur etwas am Feuer gesengt. So mein Freund, sagte Wattines, sah die Wohnung meiner Emilie, in diesen fur ihren Tod oder fernern muhvollen Leben entscheidenden Stunden aus; so waren die Sitten unserer, an dem See Oneida, erhaltenen Freunde. Musste ich da nicht an das schone l'Isle in Flandern, am Wohnsitze unserer Bekannten denken? Litte ich nicht auf das ausserste fur Emilien und unser Kind?
Unser guter Indier blieb noch bey uns, und sagte ohne Zweifel seiner Schwester, dass sie neben dem Eingange der Hutte einige Rindenstucke wegheben solle, damit es ein wenig heller werde, und wir noch sprechen konnten. Wir dankten ihm sehr; denn es machte Emilien und mir wahre Freude, uns noch ganz zu sehen. Ich bat den Mann, seiner Schwester zu sagen, Emilien zu lieben wie eine Tochter, weil ihre Mutter und Vater, wie auch mein Bruder ermordet seyen. Er bedauerte mich, und die Frau blickte, da er von dem Tode unserer Eltern erzahlte, trostend und theilnehmend nach Emilien und mir; aber da er von dem Tode meines Bruders sagte, bemerkte ich, wie sehr sie ihren Bruder liebte, denn sie fasste, mit so viel Ausdruck wahrer Zartlichkeit, seine beyden Hande, und druckte sie an ihre Brust, indem sie in hochst sanften Tonen zu ihm sprach, sich dann gegen mich wandte, und mit Bewegung ihres Kopfs etwas sagte, welches der Bruder mir in die Worte ubersetzte: Alha sagt, dass du weisser Mann unglucklich bist, keinen Bruder mehr zu haben. Ich sah immer auf Emilien, und bemerkte, dass sie viel litt; da ich aber von meinem Kummer wegen ihrer Schmerzen, und Mangels an schicklicher Hulfe sprach, lachelte das holde edle Weib und sagte: vor 21 Jahren litte meine Mutter um meinetwillen eben so viel. Gott wird fur mich die Gesetze der Natur nicht andern, aber gewiss auch nicht erschweren. Ich fuhle Krafte in mir, und traue fest auf den Himmel. Sey auch ruhig mein Geliebter, und freue dich unserer Hoffnung.
Die Weiber und der Indier bemerkten ihren Muth in ihrem Tone und ihren Blicken, und bezeigten ihren lauten Beyfall. Ich wurde mit der einbrechenden Nacht angstlicher und gepresster, die Weiber schlossen den Wigwham ganz zu, der Indier ging auch schlafen, und ich, der nicht in die Hutte kommen durfte, ging in das Freie, warf mich nieder, betete. Ach nie, niemals war meine Seele bedrangter! Die schone Sommernacht war mir trube. Die hochste Ruhe war in der ganzen Natur, und in mir die unruhigste Sorge. Ich blieb etwas uber eine Stunde weg, als ich zuruckkam, war Feuer in der Hutte, aber doch keine besondere Bewegung, die Weiber sprachen sanft, aber sehr wenig mit Emilien, sie aber lispelte kaum. Ich blieb vor der Hutte liegen und lauschte, bald ward alles stille. Ich wunschte den Tag. Endlich dachte ich die guten Weiber und meine Emilie im Schlafe, und kroch unter meine aufgehangte Barendecke. Von Angst und Kummer ermudet schlief ich ein, weiss aber nicht, wie lange es dauerte; aber noch ehe es Tag wurde, durchdrang das zitternde Schreien eines Kindes mein Herz. Wie mir bey dem Gedanken war, m e i n K i n d , das kann ich nicht sagen. Ich sprang auf, war gleich an der Hutte, rief Emilien, und suchte zugleich hinein zu dringen. Emilie antwortete mir heiter: Lieber Carl! sey ruhig! und danke Gott fur das Leben deines Sohnes. Ich bin wohl, aber ich wurde dir in diesem Moment selbst in dem Hause meines Vaters den Zutritt versagen. Sey ohne Sorge, und gieb mir keine durch deine Unruhe. Ich versprach alles und schwieg, blieb aber vor der Hutte, horchte, dankte der Vorsicht fur das Leben der Mutter und des Kindes. Bald war alles wieder stille. Als der Himmel sich rothete, kam mein guter Indier sich nach mir umzusehen, ehe er auf die Jagd ging; gab mir eine schon angezundete Pfeife zu rauchen, und freuete sich wahrhaft uber die Geburt meines Sohnes. Lange dauerte es meinem Herzen, bis ich Mutter und Kind sah; aber dann war ich vor Entzucken ausser mir, zu den Fussen meiner Emilie, zugleich voller Qual bey dem Gedanken, sie als Wochnerin in dieser Hutte zu sehen, Sie bat mich, ja keinen Kummer, sondern Dank und Freude zu zeigen. Aber denken Sie, mein Freund, was fur ein Bild war vor meiner Seele? Hier Emilie auf Bieberfellen liegend, ihren Sohn in ihren Armen mit der Haut eines Fischotters gedeckt. Zwey indische Weiber mit drey Kindern, auf Barenfellen, nicht weit von ihr in tiefem Schlafe. Emilie beobachtete mich, und kannte mich zu genau, um nicht in meiner Seele zu lesen, und allen den Jammer zu sehen, der mich zerriss, als ich da knieend sagte: ach Emilie! du und unser Sohn hier!
"Gott sey dafur gedankt, sagte sie, denn gewiss, in Paris, wo Gluck und Stolz der Wissenschaften und der Kunste wohnen, in Paris, welches der Kriegsgeist seiner Konige und seines Adels, zu der grossten Macht erhoben hatten, ach da wurden Robespierres Fischweiber die Edelfrau und ihren Sohn nicht so liebreich gepflegt haben, als ich und dein Kind es in dieser Hutte sind.
Sie konnen leicht denken, was diese Betrachtung in mein Gedachtniss zuruck rufen musste; aber Emilie fand eine edle Zerstreuung fur meinen innern Jammer darin, indem sie sagte: Lieber! wir haben nichts bey uns, womit wir diese guten Weiber belohnen konnten, gieb einer deinen Trauring, ich gebe den meinigen der andern; denn hier (indem sie unsern Sohn an ihre Brust druckte) ist ein mehr als goldenes Unterpfand unserer Liebe. Nun wunschte Emilie, dass ich, ehe die Weiber erwachten, unsern Sohn taufen sollte. Knieend nahm ich aus dem holzernen Napfe, der neben Emilien stand, einige Tropfen Wasser, welches unnothig war, denn meine und seiner Mutter Thranen netzten seine Stirne und Kopf. Ich wollte ihm nur den geliebten Namen Emil beylegen, aber ich musste den meinen dazu nehmen, und ihn Carl Emil nennen, wodurch in der Abkurzung am Ende das heutige C a r m i l entstand. Als die Weiber erwachten, kochten sie Mais, gaben ihren Kindern und mir davon, stellten Emilien einen Theil mit einer Muschel hin, und wollten nach ihrer Arbeit auf das Feld. Ich fasste die Hand von Alha, deutete auf Emilie und mein Kind, sagte in zartlichen Tonen meinen Dank, und gab ihr den Ring, so wie Emilie den ihrigen zu gleicher Zeit der andern Frau. Beyde schienen vergnugt, belehrten Emilien noch mit ihrer Pantomime und abgebrochenen Tonen, wie sie ihr Kind behandeln solle, und gingen ihrer Arbeit nach. Ich blieb bey Emilien: ihr Wohlseyn dunkte mich wundervolle Gute Gottes: ich ergoss mich in Dank- und Freudenthranen; und da wir uns erinnerten, dass die Indier es gerne haben, wenn man ihre Namen annimmt, so beschlossen wir Abends, wenn der Jager nach Hause kommen wurde, unsern Sohn in seiner Gegenwart Nesquehiounah zu nennen. Ich hob also, da er zu der Hutte kam und mich fragte, ob ich noch froh sey? meinen Sohn unter der Thur gegen Morgen empor, wobey ich den Namen Nesquehiounah ausrief, woruber mein Indier und seine Schwester sehr viele Zufriedenheit bezeigten. Was mich dabey ruhrte, war, dass der Mann eine Hand meines Kindes fasste und sagte: Kitchy manitou soll dich leben lassen und stark machen, ich will dich jagen und fischen lehren; dann auf einmal seinen Hund rufend und ihn streichelnd, sagte er mir: wenn du einmal deinen Sohn im Walde verlierst, wie Derik, der Hollander verloren wurde, so rufe mich und meinen Hund, da finden wir dein Kind, wie Tewenissa und sein Hund Oniah, den Sohn Derik gefunden haben.
Ich dankte ihm, und bat ihn, mir die Geschichte zu erzahlen, welche ich nachher besser horte. Ein Colonisie an dem Fusse der blauen Berge, verlor einen Knaben von vier Jahren; die Eltern und ihre Freunde waren voll Angst, suchten und ruften das Kind, erhielten keinen Laut. Der Gedanke, wilde Thiere hatten es zerrissen, durchbohrte ihr Herz. Ein Indier, der mit Pelzwerk handelte, will den Colonisten besuchen, und erfahrt die traurige Nachricht. Ruf deinen Herrn, sagt er einer alten Sclavin, ich will ihm Gutes sagen. Die Frau stosst ins Horn, welches gewohnlich geschieht, wenn der Herr auf dem Felde ist, und jemand zu ihm kommt und ihn sprechen will. Der Mann kommt. Der Indier sagt: gieb mir Schuhe und Strumpfe deines Sohnes, die er kurz zuvor getragen hat, nun lasst er seinen Hund daran riechen, und zieht mit der Hand einen Cirkel in die Luft. Der Hund lauft fort, bald giebt er einen Laut, welches anzeigte, dass er auf der Spur sey. Der Indier geht seinem Hunde nach, konnte auch, wie alle seine Landsleute, geschwinder laufen, als die Europaer, und bald trifft er das Kind unter einem Baume halb verschmachtet, weil es beynahe in 24 Stunden nichts genossen, und die Nacht da gelegen hatte. Der Colonist gab seinem Sohne auch den Namen Tewenissa, aus Dankbarkeit fur den Mann, welcher sein Leben rettete. War es nicht schon, dass mein Indier, mir und meinem Sohne den nehmlichen Dienst gelobte, und ist es nicht, setzte Wattines hinzu, ein schoner obwohl sehr dunner Faden der Verbindung des Denkens und der Gesinnung der Europaer und Indier, dass der wechselseitige Namentausch, ihre wehre Freundschaft bestatigt? Ich ging diesen zweyten Abend glucklicher unter meine Barenhaut, schlief wohl, und genoss gleich bey Sonnen-Aufgang den sussesten Anblick fur das Auge eines treuen jungen Vaters, meinen Sohn an der Brust seiner Mutter. O gewiss, in keinem Momente ist eine schone Frau schoner, als mit einem Saugling an der reinen Brust! Wie soll ich Worte finden, Ihnen das Gefuhl zu beschreiben, welches meine Seele durchdrang, als eine innere Stimme mir sagte: hier saugt dein Kind Leben und Tugend ein; aber urtheilen Sie, von dem Eindruck welchen ein Gedanke meiner Emilie auf mich machte. Sie wissen wie sehr sie uber den Verlust der Ziegen gejammert hatte, weil sie, die ihr ganzes Leben so gerne Milch ass, nun keine hoffen konnte, mich nun, da ihr Kind von ihren reinsten Lebens-Saften Milch erhielt, bey der Hand fasste und sagte: O wie glucklich bin ich, mein Carl! durch die Anordnung der Natur: das Schicksal beraubte mich des angenehmen Genusses der Milch, und die Natur giebt mir Milch fur unser Kind. O ich freue mich, das ich es nun glucklicher sehe als ich bin.
War ich nicht in diesem Augenblick der allerglucklichste Gatte und Vater auf der ganzen Erde? Wir waren wieder den ganzen Tag allein, ausgenommen ein hubsches Madchen von acht Jahren, welches sich vor unsere Hutte setzte, und von Maisblattern recht artige Korbchen flocht. Dieses freute meiner Emilie ungemein; sie wunschte mit dem guten Geschopfe sprechen zu konnen, und dieses Flechten von ihr zu lernen, um auch Korbe zu unserm Gebrauche auf der Insel zu machen; aber besonders eine Art Fussdecken zu verfertigen, auf welchen unser Carl Emil in unserer Hutte sitzen, spielen, auch liegen und kriechen konne, ohne sich auf der gestampften Erde Hande und Fusse zu besudeln. Ich musste auch Abends den Indier bitten, dass seine Schwester mit dem Madchen reden solle. Ich rauchte mit ihm vor den Baumen der Hutte, seine Schwester brachte jedem ein grosses Stuck geraucherten Salmen und Wasser, ich sprach mit ihm von dem Glanze der untergehenden Sonne, und horte bey dieser Gelegenheit das ganz einfache, und in Wahrheit eben so reine Ideengemalde ihrer Religion. "Sie glauben an ein machtiges oberstes Wesen, von welchem alles da ist, das in dem Aufgange der Sonne wohnt, und zu welchem alle gute Menschen kommen. Die Gewitter halten sie fur Kennzeichen seines Zorns, machen dann Gelubde und bieten alles zum Opfer an, was sie besitzen: die Stille und Sonnenblicke nach einem Sturme, ist ihnen Beweiss der Versohnung und Gute, Tanz und Gesang der Ausdruck ihres Danks. Sie ehren das Alter, wie ich schon bemerkte, dass wo diese ihre Schlafstelle im Wigwham haben, doppelte Rindenstucke ausgehangt werden, um sie am besten vor Wind, Regen und Kalte zu schutzen; aber einen Zug daruber hatten Sie eben so wenig erwartet, als ich vermuthete; nehmlich durch Wald-Indier an das schone Jahrhundert von Ludwig dem XIV. erinnert zu werden. Wenn ein alter Mann oder Krieger auf der Jagd oder einer Reise ermudet, sich auf Laub oder Gras hinwirft und einschlaft; so erbauen sie in der grossten Geschwindigkeit und mit feierlicher Stille einen Wigwham uber ihn, damit er Schatten und vollige Windstille geniessen konne. Die Soldaten machten dem braven ermudeten Herzog von Vendome eine Decke und Schatten von eroberten Fahnen im spanischen Erbfolgekriege. Ich liebe sie, sagte er, die verschwisterten Ideen der Menschenliebe und der Kennzeichen der Hochachtung fur Verdienste. Liebe fur unsere Kinder haben wir auch, wie die Indier; aber in der Ehrfurcht und der Sorge fur das Alter, in der Begierde ihre Erfahrungen zu benutzen, darin kommen wir ihnen nicht gleich.
Unsere Tage flossen sich sehr ahnlich dahin. Die Gesundheit meiner Emilie und meines Kindes war vollkommen, diess machte uns glucklich, erhohte aber Emiliens ungeduldige Wunsche nach unserer Ruckreise auf die Insel. Ich verlangte auch wieder da zu seyn, aber wie sie am eifrigsten davon sprach, heftete ich meine Blicke voll Angst und Zartlichkeit auf unsern Sohn. Sie bemerkte es und sagte: Carl! ich brachte ihn unter meinem Herzen hieher, du sorgtest fur unsere in Bieberfelle gewickelte Kleidung, nun machst du einen kleinen Kahn von Baumrinden, wie die Indier fur sich, in diesen legen wir unsere Biberfelle, binden unsern Sohn hinein, und du stossest den Kahn mit deiner Brust vorwarts, ich schwimme neben dir und ihm. Sie konnen denken, mein Freund! dass ich sie etwas staunend ansah. Emilie sagte aber: ich kenne kein ander Mittel, und finde mich doch viel glucklicher, als die Mutter des kleinen Moses war, die ihren Sohn in dem Schilfkorbchen, den Gewassern des Nils ubergab, und mit dem unaussprechlichen Kummer der mutterlichen Liebe im Herzen zuruck bleiben musste. Unser Carmil wird Vater und Mutter bey sich haben. O wie glucklich werde ich auf unserer Insel mit meinem Kinde, seinem Vater und meiner neu erhaltenen Gesundheit seyn. Ich wunsche wirklich auf der ganzen Welt nichts anders." Wie viel sagte der Blick, welcher die Kusse begleitete, die Emilie in diesem Moment mir und unserm in meinen Armen ruhenden Carmil gab! Dieser Blick druckte mehr aus, als ich beschreiben kann. Sie sah mich ausserst geruhrt an, und konnte wohl schliessen, dass ich geneigt seyn musse, alle ihre Wunsche zu erfullen, denn sie wiederholte mit so vielem Eifer die Bitte um unsere baldige Abreise, war so heiter, so voll Vertrauen auf Gottes Fursorge, durch welche sie hier so glucklich aus Land kam, wohl und stark blieb, und gewiss auch so zuruck kommen wurde. Ich gab ihr das Versprechen, fleissig an Carmils Schifchen zu arbeiten, und so bald dieses fertig seyn wurde, den ersten hellen und ruhigen Tag abzureisen. Ich verband also nach einer kleinen Anweisung meines Indiers, einige Weidenstabe in die Lange und Quere mit einander, bog sie in Form eines Kahns, und befestigte innen und aussen grosse Platten Birkenrinde umher, wodurch in Wahrheit ein recht gutes Schifchen entstand, in welchem mein Carl Emil, ja selbst ein viel grosseres Kind, ganz sicher und bequem liegen und ubergefuhrt werden konnte. Emilie lernte eben so fleissig, wie man die Maisblatter zusammen flechten kann, sagte mir dann, sie wolle unserer kleinen Indianerin auch etwas lehren, ich sollte Bindgras und Waldblumen holen; von diesen band sie nun Arm- und Fussringe, einen Kranz auf den Kopf, ein Blumengewinde uber die Achsel, nebst einer Art von Gurtel mit abhangenden Blattern zusammen, schmuckte das gute Madchen damit aus, wie eine Opern-Tanzerin in der Vorstellung eines indischen Ballets seyn konnte. Ich fuhrte das hellbraune, mit gelben und rothen Blumen verzierte Madchen, an das User des See's, damit sie sich in seinem Wasser betrachten konne, sie freuete sich und hupfte unsern Hauswirthinnen entgegen, welche Emilien dankten. Unsere kleine braune Blumenkonigin, welche wir Flora nannten, lernte auch mit vieler Geschicklichkeit die Blumengewinde machen. Ich machte Pfeifchen, wollte auch ein paar Jungens auf dem Blatte blasen lehren, die Pfeifen nahmen sie, hatten aber die grosste Freude an scharfen abgebrochenen Tonen, die auf den Blattern schienen jung und alt zu weich; aber Flora lernte sie gerne und ganz artig. Nun sprachen wir von unserer Abreise, die guten Weiber schienen damit eben so zufrieden, wie mit unserer Ankunft. Der Indier sagte doch, in seinem und ihrem Namen: wir konnten bleiben, oder wiederkommen, bey ihrem Feuer uns warmen und ich mit ihm aus seiner Pfeife rauchen. Ich gab ihm ein gutes Messer, welches ich mitgebracht, und immer verborgen gehalten hatte. Es war ihm recht, aber er nahm es, mit der Gleichmuthigkeit, mit welcher die Indier alles ansehen, was nicht geradezu auch fur ihre Leidenschaften und Ideen passt. Sie zeigten auch nicht die geringste Begierde, uns wegschwimmen zu sehen, oder uns zu helfen, sondern die Weiber gingen morgens mit ihren Kindern weg wie sonst. Emilie hatte bemerkt, dass Flora in ihren Blumenzierrathen geschlafen, und sie auf der Barenhaut zerknickt hatte, und schmuckte sie mit einer neuen Guirlande, wovon sie die andere Halfte um Carmils Schifchen band, der Flora aber bedeutete, sich in den andern Wigwhams zu zeigen. Ich liess mein Matrosenwams in der gastfreien Hutte zuruck, und trug unsern auf Moos und einem mitgebrachten Bieberfell in sein Schifchen gelegten Carmil an das User, mit welchen Wunschen und welcher Sorge, lasse ich Sie urtheilen. Hier band sich Emilie das andre Biberfell uber ihre Brust, deckte ihren Sohn mit ihrem Kleide, wovon sie eine Ecke zum Schirm gegen die Sonne machte, und unsern Sohn mit zu dunnen Stricken gedrehten Bindgras in dem Kahne befestigte. Wir kussten beyde den schlafenden Engel, und umarmten uns schweigend. Emilie kniecte, bat Gott um Schutz, und indem sie auf mich deutete, sagte sie: diess ist mein alles auf dieser Erde, Ewiger! du weisst es. Nun stand sie auf, winkte mir, mit dem kleinen Kahn in den See zu gehen, sah noch einmal nach der Gegend der indischen Hutten, kusste beyde Hande gegen sie, mit einem herzlichen, Gott segne Euch, rauste noch eine Hand voll Krauter von dem Ufer, warf sie auf Carmils Decke, und eilte zu schwimmen Die Idee der Geschichte des Moses kam ihr wieder in das Gedachtniss, denn sie sagte so eifrig zum Himmel: ach du hast den kleinen Moses auf dem Nil geschutzt, schutze auch mein Kind! Ich hatte meine Augen stets nach der kleinen in den See sich erstreckenden Spitze der Insel, Emilie die ihrigen auf mich und ihr Kind gerichtet, war stets sehr nahe bey mir. Ich war bange der Kleine mochte weinen, aber er schlief sanft bey der Bewegung welche das Rudern meiner Arme in dem Wasser um ihn her machte: mir wurde sonderbar zu Muthe. Anfangs war ich angstlich, dann voll Vertrauen dass Gott den Engel Emilie, um ihrer selbst willen, und mich um meines unschuldigen Kindes willen erhalten wurde; denn was konnte ich fur mich hoffen? war ich nicht Ursache an unserm Jammer? Mir schauderte vor mir selbst, als meine Einbildung mir sagte: der Bosewicht Nero, nahm im Ungewitter auch unschuldige Kinder in die Arme. Ich litte viel, sehr viel, aber Gott half, Gott schutzte uns. Wir landeten glucklich. Emilie kusste mit Entzucken die Erde, sprang auf, band ihr Kind los, fasste es in ihre Arme. Der Kleine schrie bey der heftigen Bewegung, und suchte gleich die Brust. Emilie wurde blass, und dann wieder feuerroth, riss heftig an den kleinen Riemen, mit welchem sie das Bieberfell uber ihre Bruste befestigt hatte: ich eilte ihr zu helfen, sie reichte, die Augen zum Himmel erhoben, dem Kinde stehend die Brust, der Kleine sog begierig und bekam zu viel in seinen kleinen Mund. Nun sah sie auf ihn, und rief laut, mit einer Art wilder Freude: o ich habe Milch, ich habe Milch!
Ich war durchdrungen, umfasste und stutzte sie, denn sie taumelte beynahe fur Freude. Ich war bange. Emilie! theures Weib! was ist in deiner Seele? Mit einem Seufzer und in Thranen zerfliessend antwortete sie: ach, ich hatte besorgt, das Schwimmen und das Wasser habe die Milch zuruck getrieben, was wurde da aus unserm Kinde geworden seyn!
Das Weinen erleichterte ihr gepresstes Herz, und ich fuhrte sie bis zu diesen Baumen, wo sie auf meinem Schoosse sitzend, den Carmil vollig stillte. Diess, mein Freund! setzte er hinzu, ist die Ursache, warum dieser Platz besonders geordnet und besorgt ist; so wie ich den Lieblings-Fusspfad meiner Emilie in etwas auszeichnete, wo sie allein voll Sorge eine gunstige Stelle zu unserm leichten Ueberschwimmen suchte. Als der Kleine gesattigt war, stand sie auf, hob ihn gegen den Himmel, und rief: Dank, o Dank gutiger Gott! aber nicht mehr von hier, als zu dir, Vater der Welt!
Dieses Gebet, so schnell, so eifrig aus ihrer Seele gesprochen, zermalmte mein Herz; denn ich dachte sie musse in der indischen Hutte, von den Weibern mehr gelitten haben, als sie mir nicht sagte, und die Ruckerinnerung an die auf dem jenseitigen Ufer zugebrachten 10 Tage blieb lange wie Dolchstiche in meiner Seele. Bey dem Aufsuchen unserer Hutte genoss ich eine Freude, fur welche ich dem Himmel wegen Emilien innigst dankte, als ich das Vergnugen bemerkte, mit welchem sie auf dem Wege zu unserer Wohnung auf Baume, Gestrauche, Felder und Blumen sah, mit ihren Blicken alles grusste, bey einem Lieblingsstuck stehen blieb, das Kind kusste, und mit Hoffnung im Auge mir sagte: ach wenn einst unser Knabe hier die Blumen pflucken wird, welche du fur seine Mutter pflanztest!
Mein zu volles Herz erlaubte mir nicht, viel oder munter zu reden, ich erwiederte nur ausserst geruhrt: da werde ich hochst glucklich seyn. Sie uberhorte aus Eile nach der Hutte den abgeanderten Ton meiner Stimme, und horchte allein auf das Gackern unserer Huhner, woruber sie viel Vergnugen zeigte. Denken Sie sich selbst den Eintritt in unsere Hutte. Ach, sie war uns ein Pallast, unsere kleine Habe wurde zu Reichthum, Kleidungsstucke, Weisszeug und Hausgerath, so wir ganz unverruckt wieder fanden, gaden uns Gefuhl von Sicherheit und Ueberfluss. Emilie hatte Freudenthranen im Auge, kusste ihre Hemden und den armen aber reinen Schlafrock, welchen sie anzog, beynahe hatte ich auch meine Weste umarmt; denn ob wir schon in der indischen Hutte sahen, wie wenig der Mensch zum taglichen Fortleben bedarf, so konnten wir das Wohlseyn, welches das Mehrere mit sich fuhrt, nicht vergessen, nicht aufhoren es zu wunschen. Wir ofneten Thuren und Fenster, um wieder frische Luft und Sonnenstralen in unsere Wohnung zu sammeln. Ich machte ein grosses Feuer, Emilie bat mich Wasser zu holen, und welches aufzustellen, Carmil schlief noch in seinem Schifchen, seine Mutter eilte zu den Huhnern mit einem Vorrathe klein gestossnen Mais, welchen sie noch vorfand. Sie wollte sich ihnen wieder bekannt machen und Eier suchen, sie fand einige Huhner zerstreut, brachte sie mit Jubel zu dem Herde, glaubte aber eines verloren zu haben, welches ich ihr zu suchen versprach. Wir kochten Eier, assen sie mit unendlichem Vergnugen. Emilie trank herzlich vom Honigwasser, und ich bat sie, sich niederzulegen, und neben unserm Carmil zu schlafen, denn die jahe Eile, mit welcher sie alles vornahm, die ausserordentlich schnellen Bewegungen, welche sie machte, gaben mir viele Sorgen: da noch keine 14 Tage von ihrer Entbindung an verflossen waren, furchtete ich ein Fieber. Sie schlief recht sanft bis gegen Abend, neben unserm Liebling, Ich war zu sehr erschuttert um ruhen zu konnen, und setzte mich vor unsere Hutte. Das Bild einer Krankheit meiner Emilie trat vor mich mit allen qualenden Ideen trauriger Nebenumstande fur Carmil und mich: tiefer Jammer bemachtigte sich meines Geistes, alle vergangnen Scenen meines Lebens zogen in meinem Gedachtnisse voruber. Der Mittelpunkt, auf welchem ich bey dieser Hutte war, ruckwarts verlornen Wohlstand, gemordete Verwandte und Freunde, verlornes Vaterland, und meine ohnmachtige Wuth gegen Bosewichter, hier ich mit der liebenswurdigsten Frau und einem Kinde allein: die Zukunft, die mit einer ernsten innern Stimme mich fragte: was willst du ferner thun? O mein Freund, die Sprache hat keine Worte fur die Beschreibung des Kummers der meine Seele zerriss, als ich mir sagte, was soll aus ihnen werden? In den Staub gebeugt, auf der Erde krummend flehte ich: O lass sie nicht leiden die Unschuldige, fur ihre Liebe zu dem heftigen, trotzbietenden Manne, fur den Trost, fur die Freude welche sie in mein Herz goss! o es ist zerreissend, das Gefuhl, Unrecht gethan zu haben! Es ist wirklich in der fuhlbaren Seele der Wurm, der immer nagt, und keine Empfindung von Gluck und Zufriedenheit zu reiner Bluthe gedeihen lasst. Er untergrabt die Scheingrunde, welche die Leidenschaften uns gegen anerkannte Pflichten auffuhren helfen. Ja, mein Freund! es ist fur eine moralisch edle Seele nichts trauriger und schrecklicher, als zu sagen: ich hatte Unrecht. Wie viele Vorwurfe, sagte er nach einigem Schweigen, machte ich mir nicht, dass ich meinen Indier nicht genauer nach den amerikanischen Fischern fragte, nicht weiter in ihn drang, als er mir kurz sagte, es seyen keine mehr da: ich verheelte es Emilien, und trostete mich mit den dunkeln Ahndungen, welche uns der alte Quaker mitgegeben hatte, dass bald eine Colonie Europaer nach den Ufern des Oneida kommen wurde, welche gewiss wie wir ein hartes, ungerechtes Vaterland fliehend, die kleinen Ueberreste ihres Vermogens und ihrer Krafte anstrengen wurden, sich und ihren Kindern einen sichern Aufenthalt und Nahrung zu schaffen. Mit welchen Schmerz rang ich meine Hande, indem ich sagte, ach wann kommt sie! die Colonie, wann? Sie wissen, dass wir noch zwey volle Jahre einsam blieben. Gott sey Dank, sie sind vorbey, aber ich schaudre heute noch, wenn ich an sie denke. Emilie erwachte wohl, und wie sie sagte erquickt.
Lieber, hast du unser Huhn gesucht, fragte sie angelegen? Ich sagte, dass ich sie und Carmil nicht hatte allein lassen wollen, ich wurde jetzo hingehen, weil es noch helle genug sey. Es freuete sie. Stellen Sie sich das Entzucken vor, als ich ihr sagte, dass ich nicht nur das Huhn, sondern als Bruthenne in einer Grube unter dem Gebusch der Einzaunung gefunden habe. Wie ein Pfeil war Emilie von ihrem Bette, und eilte unaufhaltbar, selbst ohne auf den schlafenden Carmil zu sehen, nach dem Huhnerplatz. Freudenthranen flossen von ihren Wangen uber dieses so unerwartete Gluck. Bald lief sie zuruck, holte Mais, und unsern einzigen kleinen Napf welchen wir hatten, mit Wasser gefullt fur die brutende Mutter. Ich musste noch eine kleine Umzaunung machen, dass unsere ubrigen Huhner diese mit ihrem Mussiggange nicht storten. Wir glaubten bald an eine gute Vorbedeutung, und assen eine Suppe von Buchweizen zu Nacht.
Freunde! was fur eine Geschichte beschreibt Emiliens erstes Wochenbett! Gewiss meine schatzbare Base hat wahrend dem Lesen dieser Blatter, an sich und andre Frauenzimmer, auch an gute Burgerweiber in ihrer Nachbarschaft gedacht. Wie glucklich muss sie sich und alle geschatzt haben, wenn sie an das Schicksal der holden jungen Frau von Wattines sich erinnerte. Ich konnte den guten Mann mit keiner Frage unterbrechen, welche ihn zu einem grossern Detaile seiner Leiden gefuhrt haben wurde. Eine solche neugierige Frage dunkte mich, wie das Sondiren in einer Wunde, von welcher man die Tiefe untersucht, welches allein dem heilenden Arzte, aber auf keine Weise einem bloss Neugierigen erlaubt seyn darf. Ich zeigte dem schatzbaren Wattines mein Staunen, meine Theilnahme und Verehrung nur in kurzen abgebrochenen Ausdrucken, doch so, dass es ihm Trost, Zufriedenheit mit sich selbst und das susse erleichternde Gefuhl gab, welches den Beyfall eines guten vernunftigen Menschen uns gewahrt. Ich umarmte ihn mit der innigsten Hochachtung und wahrer Liebe. Er sah, dass ich tief geruhrt war, als ich ihm dankte, dass er meinen Wunsch, nach diesem Theile seiner Geschichte, so freundlich erfullte, und es freuete ihn als ich ausrief: Sie und Emilie sind Zierden der Menschheit, sind Modelle fur Tausende, und machen ihrem Schopfer Ehre. Es war spat als wir zuruck kamen. Ich sollte mit ihnen zu Nacht essen, aber ich konnte es nicht, denn als ich Emilien erblickte, dachte ich sie schwimmend auf dem Wasser, das ich heute sah. Die Hutten, die indischen Weiber, alles war vor mir. Ich sagte, ich musste fort, um alles aufzuschreiben, wie sie es erlaubt hatten. Sie gingen mit mir bis an die Granzen ihres Hauses und Gartens: ich konnte nicht reden, reichte beyden meine Hande, druckte die ihrigen an meine Brust und rief: Edle, edle Wesen! Gott segne Euch! O er muss es! und so eilte ich heim, ass Brod, trank etwas Wein, und fieng an zu schreiben: dachte mir diesen Wattines, als jungen schonen Officier in Versailles um seinen Konig, dann in glanzenden Cirkeln in Paris, dachte seine Aussichten und Emilie als eine bluhende Rose auf den schonen Gutern ihres Vaters, ihre Bestimmung, noch vor funf Jahren, und jetzo, beyde hier? O Verhangniss: wie spielst du mit uns traumenden, armen Geschopfen. Diese Gedanken begleiteten mich auf mein Kopfkussen, und ich traumte wirklich die sonderbarsten Dinge. Wattines kam fruh zu mir, ehe er auf sein Feld ging, fragte nach meiner Gesundheit, und sagte: er und Emilie, hatten gestern mit vieler Dankbarkeit von meinem theilnehmenden Herzen gesprochen, und ich hatte ihn glucklich gemacht, denn nun lebte sie wieder in seiner Seele, die Ueberzeugung, dass jemand sein Herz kenne, und sich an seine Stelle zu setzen wisse, indem es ein Mann von seinem Alter, und mit den Sitten seiner Nation bekannt seyn musste; die andern guten Einwohner von Oneida waren das nicht, konnten es nicht seyn; noch setzte er hinzu, dass Emilie gestern von meinem Segen und dem Kennzeichen meiner Verehrung fur sie beyde sehr geruhrt war, sie wolle auch das Bild ihres Aufenthalts bey den Indianerinnen erganzen, wenn ich glaubte, in seiner Erzahlung leere Stellen bemerkt zu haben. Ich dankte und dachte: ja es fehlen mir alle feine Zuge und Schattirungen, welche allein durch eine Frau wie Emilie gesehen und bemerkt werden konnten.
Wie er sich entfernt hatte, schrieb ich alle Erinnerungen von gestern nieder, und machte Auszuge aus den Noten der Frau Vandek. Diese hatte Emilien gefragt, wie sie zu dem Entschlusse gekommen sey hinuber zu schwimmen? da antwortete sie: "durch das Gefuhl der Selbsterhaltung und der Liebe fur mein Kind und seinen Vater; auch war kein ander Mittel der Hulfe fur mich da. Es war kein Krieg mit den Indiern, und ich wusste, dass sie im Frieden treu und gut sind, damit verband ich mein volliges Hingeben in die gottliche Fugung, wenn ich nun alles gethan haben wurde, was er meiner Vernunft und den Umstanden erlaubte."
Aber, sagte Frau Vandek, warum warteten Sie so lange mit Ihrem Uebergange? denken Sie, wie schnell ihre Entbindung folgte.
"Daruber mussen Sie, meine Freundin, sich nicht wundern, ich war unwissend und unerfahren, meine Seele hatte viel bey der Trennung von unserer Insel gelitten, und nie werde ich den Auftritt und mein inneres Zittern vergessen, als ich der Hutte und den beyden indischen Weibern mich naherte. Denken Sie sich zwey grosse braun gebrannte Frauenspersonen in langen Beinkleidern und Wams nebst Kappe von groben braunen Tuch, glatte, schwarze, uber Gesicht und Schultern hangende Haare, einen kurzen Rock uber die Beinkleider, und diess alles dabey sehr unreinlich, tief liegende etwas duster blickende Augen. Gewiss es kostete mich mehr Muhe den Widerwillen meiner Augen zu uberwinden, als die Vorstellung der Gefahr des langen Schwimmens, aber ich strengte mich gegen Wattines an, heiter und vertraut zu scheinen; doch bald waren die Tone der Weiber gefalliger als ihre Blicke und ihr Aussehen, auch war es gut, dass ich europaische und philadelphische Bilder aus meinem Geiste entfernte, und nur an Wahrheit und Bedurfniss des Moments dachte. Indische in Waldern lebende Weiber, konnten weder in Kleidung noch Sitten denen ahnlich seyn, an welche ich in meinem Vaterlande, oder wo sonst europaische Sitten ublich sind, gewohnt war. Ich fuhlte, dass es ungerecht und thoricht sey, allein nach einem verwohnten Auge zu urtheilen, und nahm mir vor, genau bey den einfachen Bedurfnissen der Natur, und bey Wahrheit stehen zu bleiben. Ich fuhlte mich ubel, und war froh, als der Indier meinen Mann wegfuhrte. Die Weiber und ihre Hulfe waren liebreich, mein Glaube, dass die Natur mir nicht mehr auflegen wurde, als andern Muttern, der kleine, aber mir ausserst wichtige Umstand, dass alle Mohawks wohl gewachsen sind, dieses stutzte meine Hoffnung fur die gute Besorgung meines Kindes. Ich bat Gott, mir meinen Verstand und mein Leben zu erhalten, damit ich mit dem ersten alles bemerken konne, was bey diesen Umstanden nothig ist, weil diese Tochter der Natur in nichts eingebildete Bedurfnisse haben, und keine unnutzen Dinge vornehmen, der Himmel aber in meiner Seele lesen konnte, dass ich nur fur mein Kind zu leben wunschte. Gott erhorte meine Bitte, ich genass, und das sehr bald. Die uberstromende, alle andre Gefuhle ubertreffende Freude der guten Mutter, mein Kind in meinen Armen zu halten und der ewigen Gute fur meinen schonen Sohn zu danken: dieser schon vor seiner Geburt beraubte Erbe grosser Guter und zwey schoner Wohnsitze edler Ahnen, lag mit seiner Mutter unter Birkenrinden auf der von einem Indier gelehnten Barenhaut, hatte wie Kinder der Indier von seiner Mutter nichts als ihre Liebe und die Milch ihrer Brust, von seinem Vater Unterricht im Feldbau und Fischerei, zu Erhaltung eines Lebens zu erwarten, das sie, von ihm ungewunscht, ihm gaben. Hatte wohl eine Rivalin, welche an dem Tage meiner Verlobung mit Wattines, alle Hoffnung auf sein Herz verlor; mich beneidete und hasste, hatte mir diese wohl mehr Jammer wunschen konnen? Wer hatte mir an diesem, meinem Herzen so schonen, glucklichen Tage gesagt: von allen, welche dich als gesunde, heitere Braut sehen, wird in den Tagen des Kummers keiner um dich seyn, und wahrend dem Gefuhl der Geburtsschmerzen deines ersten Kindes wirst du sein und dein Leben in den Handen von zwey Indianerinnen sehen.
Es war sonst meine Gewohnheit, bey Schmerzen ruhig und stille, mit zugeschlossnen Augen auf Linderung zu warten, diessmal war ich auch stille, aber ich deckte meine Augen nicht: immer waren meine Blicke mit Aufmerksamkeit und bittend, auf die Mienen und Zuge der zwey Sqaws gerichtet. Mich dauchte auch, dass sie meine Stille, meine Geduld und mein Achtung geben auf ihre Zeichen und Winke, unter sich lobten, und dass sie mit mir, meiner glucklichen Entbindung sich freuten, und die Beweise meiner uberfliessenden Liebe fur mein Kind gut fanden. O, in der Hutte meiner Indianerinnen wurde ich uberzeugt, dass die Natur keinen Unterschied macht, dass meine Schmerzen, meine Bedurfnisse, bey der Geburt meines Sohnes, und sein hulfloses Wesen, der Zustand jedes gebahrenden Weibes und jedes neugebohrnen Kindes ist.
Ach! nur in den Gefuhlen und Bedurfnissen der Natur ist sie, die wahre einzige Gleichheit, welche Frankreichs neue Philosophen durch das ganze Leben und in allen Verhaltnissen der Menschen haben wollen. Aber zu was dienen diese Betrachtungen? Ich befand mich wohl, und war eine gluckliche Mutter, nur einen Jammer hatte ich noch zu uberstehen: die eine Frau lief weg, blieb einige Zeit aus und brachte etwas auf einem Blatte, wovon sie meinem Kinde einen Theil von ihrem Finger abzusaugen gab. Ich war mit der grossten Geschwindigkeit bey ihr, um es zu wehren, indem ich befurchtete, es mochte meinem europaischen Kinde schaden. Ich weinte, als ich beyde Weiber mich so ernst zuruckweisen sah, sie bedeuteten mir, es sey gut. Ich war ruhig aus Angst sie zu erzurnen und trostete mich ganz, als sie mir gleich darauf meinen Knaben zum Saugen an die Brust legten, indem ich hoffte, dass meine Milch diesen Saft verdunnen und weniger schadlich machen wurde; und nun wunschte ich Wattines zu sehen, und bat ihn, er solle den Indier fragen, was man unserm Sohne gegeben habe Er sagte: Ein Pulver von guten Krautern mit Honig, diess beruhigte mich ganz. Meine Nahrung war, dunner, zerriebener Maisbrey. Ich genoss ihn mit Dank, und schatzte es als eine liebe Nahrung; denn mein Kind fand immer Milch und war wohl. Mir fehlte gar nichts, Wattines war immer um mich so dass ich ihn oft bat, mir Blumen und Krauter von den Wiesen und aus dem Walde zu holen, weil ich sie kennen lernen wollte, aber ich that es, um ihn zu zerstreuen und Bewegung zu verschaffen; denn Blumen und Pflanzen dieser Seite waren wie die von unserer Insel. Der Indier nahm ihn ein paarmal mit auf die nahe Jagd. Ich wurde bange, es mochte diese alte Edelmannsfreude wieder in ihm erwachen, und ich liebte ihn mehr als Bauer und Gartner, als ich ihn wie Jager lieben wurde. Traurige Betrachtungen konnte ich bey mir nicht verhindern, wenn ich, wahrend die Indianerinnen und ihre Kinder schliefen, bey dem schwachen Lichte des Feuers in der Hutte umher blickte, und mir zuruck rufte, wie meine Tante in ihrem Wochenbette lag, und wie ohne die Revolution, ich und mein Kind in den Armen geliebter Anverwandtinnen und Freundinnen gepflegt seyn wurden; hier traf mein Auge auf niemand, den mein Gedachtniss mir nannte, doch verscheuchte ich diese unwillkommnen Erinnerungen, dachte an meine Gesundheit, mein Kind, Wattines und den Allwissenden, Allgutigen, welcher in meinen Blicken um mich her, in den Thranen, welche auf meinen Saugling fielen, und in diesen Erinnerungen meine Bitten und Wunsche sah. Die guten Weiber gingen morgens mit ihren Kindern nach ihrer Arbeit auf dem Felde, hatten aber die Sorgfalt, mir ein liebes Madchen von acht Jahren vor die Hutte zu setzen, welche das Feuer unterhalten musste, und mir von Zeit zu Zeit, in einer grossen Muschel von dem Maisbrey oder Wasser brachte. Dieses Madchen lehrte ich Kranze und Blumengewinde machen, so wie ich von ihr Korbchen zu flechten lernte. Oft war ich ganz allein, an die Hutte gewohnt, dachte ich an Philadelphiens und Europens Gebaude, musste mir sagen: wie unendlich ist der Abstand zwischen einfachem Bedurfniss der begranzten Gefuhle des physischen Lebens, und der mit dem Anbau unseres Verstandes sich vermehrenden Begierden, welche bey uns den Wechsel des neuen, und die Menge in allen Dingen zur Nothwendigkeit machten. Diese Hutte fasst alles, was eine Familie der Oneidas zu ihrem Glucke wunschet. Die Begriffe ihres Verstandes von einem obersten Wesen und von andern Geschopfen um sie her, sind eben so einfach und beschrankt wie ihre Wohnung, ihre Geschafte, Essen und Kleidung; dennoch ist die Seele dieser Menschen, wie ihr Korper mit allen Fahigkeiten begabt, die wir ubrigen stolzen, glucklichen Europaer an uns kennen. Aber musste ich nicht zugleich denken, dass auch in unserm Europa die Seele einen gleichen Schritt mit dem Korper halt, wie man es in abgelegenen Wohnungen, bey Armen, die wenig Umgang baben, und bey den meisten Landleuten findet, welche man nur fur Besorgung der Bedurfnisse des Leibes beschaftigt sieht, indem ihre Seele eben so wenig und so einfache Begierden nach Kenntniss zeigt, als man bey Millionen Menschen einfache Gefuhle und Wunsche fur korperliches Wohl und ausserliche Umstande antrifft. Wir Europaer kennen mehr Vergnugen und mehr Weh der Einbildungskraft als die Indier; diese wunschen nur heftig, was zu unmittelbarem Genusse fuhrt; S t a r k e , Geschicklichkeit bey der Jagd und Fischerei, T a p f e r k e i t im Kriege, Genuss der Rache und des Ueberwindens; weil es mehr Kraft beweisst. Emilie glaubt auch, dass der Hass, und alle in der einfachen Natur liegenden Leidenschaften, bey den ungebildeten Volkern um so heftiger sind, weil sie, wie ein in unbewohnter Gegend aus einer reichen Quelle fliessender Bach, auf keiner Seite in Ableitungen getheilt, und also der Hauptstrom nie geschwacht ward; daher ihre Freuden, Trauer und Hass unbandig, tobend und schreyend sind. Ich war dankbar und gerecht gegen die Natur, dass sie mir in einem der wichtigsten Auftritte meines Lebens unter ihren eigentlichen Kindern Hulfe gab; diese Erfahrung, und die Beobachtung meines eigenen Kindes, der drey und funf Jahr alten Indier, und yon unserer acht Jahr alten Flora, uberzeugten mich von der Wahrheit des Glaubens und des Ausspruchs unsers schatzbaren Bernardin de St. Pierre, welcher sagt:
"Die Natur hat den Menschen gut geschaffen, wenn sie ihn hatte ubelthatig haben wollen, so wurde sie, die in allen ihren Werken die Folgen bedachte, dem Menschen auch entweder Klauen, einen Rachen oder Gift, und andre angebohrne Waffen gegeben haben, wie sie viele andre Thiere ausrustete; aber sie hat ihm nicht allein keine Vertheidigungs- und Angrifsmittel gegeben, sondern sie schuf ihn, als das armste und hulfsbedurftigste von allen, gewiss um ihn als Gegenstand der Menschenliebe und Gute zu zeigen, und die nehmlichen Gefuhle fur andre in ihm zu erwecken. Die Natur schuf nirgends eine Nation von lauter neidischen, verlaumderischen, ehrg e i z i g e n , h a r t h e r z i g e n Menschen; eben so wenig, als man Gegenden trifft, wo alle a u s s a t z i g , f i e b e r h a f t oder mit den B l a t t e r n behaftet gewesen waren. Diese physischen Uebel kommen von schlechter Nahrung, und die moralischen Fehler von irrigen Begriffen des Verstandes!" Diese Betrachtung erweckte aufs neue meine Dankbarkeit fur meine erhaltene Erziehung, fur Kenntniss der Religion. Kenntniss meines Gottes und der Verdienste der Menschheit. Meine verfeinerten Sinnen, meine gebildeten und geweckten Fahigkeiten, machten mich selbst h i e r , mitten in dem grossten Mangel, glucklich. Meine Indianerinen entbehren vieles, ohne Kummer, weil sie wenig kennen, ich entbehre, mit dem sussen Gefuhle, einer ausubenden Tugend, geduldiger Unterwerfung in dem gottlichen Willen, und schaffe mir auch Hulfe durch meinen angebauten Verstand. Ich wunschte mir nicht die Zufriedenheit meiner Indier, freute mich fur sie, dass sie es sind, weil ich nichts fur sie thun kann, aber ich hoffe doch, dass der allmahlige Umlauf der Kenntnisse und Wissenschaften, auch fur s i e ein edleres Gluck hervorbringen wird: aber wie lange mag es noch dauern, bis diese Volkerschaften einmal ihre Kinder die ganze Wurde der Menschheit lehren, und ihnen sagen werden: was fur grosse und gluckliche Vorzuge hat der Mensch durch die Gestalt und Fahigkeiten seines Korpers! wie viel mehr aber durch seine Vernunft, vor allen andern Wesen. Jedes schadliche Thier weis er aus dem Wege zu raumen, jedes nutzliche sich zu eigen zu machen. Beyder Arten bemachtigt er sich nach Gefallen, sie mogen fliehen wie sie wollen: denn, sind sie starker und schneller als er, so ersetzt seine Vernunft beydes: diese hat an dem Elephanten und an dem Pferde die empfindlichen Theile entdeckt, so dass er als Knabe sie leitet wohin er will. Er machte Netze fur Fische, Fallen fur Mause und andre schadliche Thiere, die Pfeife um Vogel in sein Garn zu locken, und das Gewehr, womit man den Hirsch in weiter Ferne zu Boden streckt. Viele der nutzlichen Thiere hat er zahm gemacht, braucht sie zu Arbeiten, und auch zur Speise; dem packt er seine Lasten auf; diess muss ihn tragen und ziehen; jenes ihn kleiden und nahren. Fuchs, Wolf und Bar erkennt er an ihren Fusstritten, vergebens fliehen sie in die Walder. Er fangt sie, nimmt ihnen ihre Pelze fur sich zu einer warmern Kleidung ab. Bey den P f l a n z e n herrscht er eben so willkuhrlich. Er entdeckte alle die, welche zu Speise, Trank und Kleidung taugten. Schneidet den Kohl, presst den Saft der Traube, das Oehl der Olive, schuttelt das Obst, arntet den Weizen, hechelt den Flachs, wirft die Eiche zu Boden, sturzt ganze Walder um sich Hauser zu bauen, im Winter sich zu warmen, seine Mahlzeiten zu kochen, und das ubrige andern zum Schiffbau und Gerathschaften zuzufuhren. Er heilt mit Krautern seine Wunden, weiss sie, Wurzeln und Rinden zu seiner Gesundheit zu gebrauchen, pflanzt Blumen, geniesst ihre schonen Farben, ihren balsamischen Geruch, und pfluckt sie zu Strausser und Kranzen.
Das S t e i n r e i c h steht ihm auch zu Gebot. Er grabt E r z aus den Eingeweiden der Erde; verfertigt die herrlichsten, nutzlichsten Werkzeuge, Gefasse und die schonsten Zierrathen daraus. Sammelt Edelsteine zum Schmuck, bricht den Kalkstein, seine Mauern zu verbinden, den Schiefer, seine Dacher zu decken. Sprengt Felsen, zu Landstrassen, grabt und pflugt die Erde auf, und sie muss ihm Fruchte tragen, welche er will; findet er die Oberflache zu durftig, so bohrt er tiefer, und wuhlt die untere bessere Erde herauf; grabt Brunnen, tragt die Hohen ab, ebnet das Ungleiche, pflanzt Alleen, verwandelt Sumpfe in Wiesen, Sandfelder in Garten; das Meer selbst muss sich seiner Herrschaft unterwerfen, denn seine Vernunft lehrte ihn Fahrzeuge bauen, mit welchen er uber unermessbare Oceane von einem Welttheile zu dem andern segelt; er mag Land sehen oder nicht, so leitet ihn der Compas. Er bringt Feuer hervor, und loscht es wieder; dem Wasser setzt er Granzen durch Erddamme. Er baut Brucken uber die Flusse, und verbindet sie durch Canale, leitet den Blitz ab und zertheilt Regenwolken durch Canonendonner; alle Stadte, alle Dorfer, alle fruchtbaren Felder und Auen sind sein Werk. Er hat durch sorgsame Pflege alle Getraidearten, Blumen und Fruchte veredelt. Ach, wie lange mag es noch dauren, bis alle Gegenden der Erde zu dem seligen Genuss dieser Kenntnisse und dieser Betrachtungen gelangt seyn werden? Wie lange, bis einst ihre Nachkommen die Encyclopadie kennen und lieben werden, wie ich und Wattines sie lieben und kennen, durch vermehrte Wissenschaft glucklich, durch erhohte Gefuhle der Tugend gestarkt und getrostet werden?"
Hier, sagte Emilie, muss ich Ihnen die muntre Antwort mittheilen, welche Wattines mir gab, als er die Frage las: Wann wird die Zeit kommen, dass unsere guten Indier Kenntnisse haben werden wie wir.
Das will ich gleich ausrechnen, sagte er, und ging zu unsern Buchern. Frau Vandek und ich dachten, er habe nur den Anlass genommen wegzugehen, weil er, wenn von meinen Erinnerungen auf der Insel gesprochen wurde, sich immer entfernte, so bald er bemerkte, dass er genennt werden konnte: nun kam er aber mit einem Papiere in der Hand zuruck, und las in Wahrheit eine Berechnung vor, indem er sagte:
Als Casar nach Brittannien kam, lebten die meisten Einwohner, wie jetzt die Nordamerikaner, in Gebirgen und Waldern, wussten nichts vom Ackerbaue, mahlten sich den Korper wie Nesquehiounah, als er wieder Mohawk wurde, und deckten sich mit Thierhauten. Von dort an, bis zu der Zeit, wo England einen Bacon und Newton sah, verflossen 900 Jahre, also mussen die Oneidas, wenn sie nicht von den Europaern ausgerottet werden, noch 937 Jahre warten, bis ein Gelehrter von diesem hohen Verdienste unter ihnen erscheint. So wie die Griechen 514 Jahre bestanden, ehe ein S o c r a t e s , und die Romer 642 zahlten, ehe C i c e r o kam, unser Vaterland aber sagte er zu mir, von Casar an 1700 Jahre durch alle Stuffen der Kenntnisse gehen musste, bis ein B u f f o n entstehen konnte.
Der muntre Einfall dieser Berechnung dunkte mich sehr in dem franzosischen Nationalgeiste zu seyn, dessen angeborne Heiterkeit wohl auf einige Zeit bewolkt wird, aber bey jedem Anlasse wieder mit Leichtigkeit hervorbricht. Ich setzte nun mit einer Art doppeltem Stolze hinzu, dass wir Teutschen von Casar an auch 1700 Jahre zurucklegen mussten, ehe wir unsern L e i b n i t z sahen. Mein Stolz ruhte in der That auf zwiefachem Grunde. Einmal dass L e i b n i t z , welchen Wattines in seiner Encyclopadie mit so vielem Ruhme genannt finden kann, u n s g e h o r t : und weil ich die Jahre von Casar bis auf ihn, ohne Bucher nachzuschlagen, sogleich nennen konnte. Ich erinnerte mich auch, dass unser grosser Wieland einmal bey dem edlen weisen Graf Friedrich von Stadion, dessen letzte Lebensjahre er verschonerte, und die Freundschaft des geistvollen Ministers genoss, einmal von den Wanderungen der Wissenschaften sprach, und auch eine Art von Rechnung gemacht wurde, wie lange die Musen ihre griechische Heimath bewohnten, und dann durch das Verhangniss zu einer Pilgrimschaft getrieben, bis in nordliche Gegenden kamen. Wieland versicherte, dass eine Zeit kommen musste, wo seine Gedichte in Lappland, auf der Toilette jeder schonen Dame neben Rosengewinden liegen, und sie von ihren Verehrern fordern wurden, ihnen seine Werke vorzulesen. Diese Unterredung verwandelte Wattines Holzhutte in eine Art von einfachen Tempel schoner Kenntniss der ersten Zeit. Ich sagte Emilien, wie oft ich schon ihre und ihres Gemahls Erziehung segnete, durch welche sie in ihren Leiden und ihrer Einsamkeit so wundervoll unterstutzt wurden, und wodurch sich auch ihr Herz in der Borkenhutte der Indier in so vollem Glanze zeigte.
Ach, erwiederte sie, in der Stunde, wo mein Herz so viele Wunsche fur die Indier machte, musste ich mir auch sagen: da habe ich nun die glucklichen Vorzuge der Europaer gegen den Mangel der Indier abgewogen, habe an die durch Kenntniss vermehrten Tugenden gedacht, und vollig vergessen, dass in Paris, wo der Sitz des hochsten Grads der Wissenschaften und Kunste war, die Quelle alles Elends und aller Ungerechtigkeiten entstand, der Mord unsers guten Konigs, der von meinen Verwandten und so vieler tausend Unschuldigen, durch Menschen von grossen Talenten beschlossen und entschuldigt ward. Alle Abscheulichkeiten wurden von Parisern begangen, welche meine gutmuthigen Indier wegen ihrer Unwissenheit verachten und belachen wurden. Denken Sie, was in der indischen Hutte die Betrachtung mir werden musste, dass von so vielen hunderttausend geistvollen Bewohnern dieser Stadt, welche gegen das Dorfchen der Oneidas eine ganze Welt ist, so wenige gut waren, und ach! Manner voll Kenntnisse rotteten die von Jugend auf gepflegten Ideen und Gefuhle, von Gott, Religion, Menschenliebe, Gute und Mitleiden aus ihrer Seele, opferten dem Ehrgeiz und der Herschsucht jede Tugend, und das Wohl, das Leben so vieler Tausende.
Wie sehr wurde ich in diesem Momente uberzeugt, dass der Gelehrte recht hatte, welcher sagte: der Mensch ist oft nicht so weit von den Thieren verschieden, als Menschen von Menschen; denn waren nicht die Oneidas, bey welchen ich Schutz und Hulfe gefunden hatte, Engel gegen das Volk der Pariser? Dennoch, ich bekenne es, dachte ich mit Abscheu an den Entschluss, eines durch den Krieg verarmten Amerikaners, der ein geborner Irrlander war, und mit Frau und Kindern zu einem Stamme der Indianer uberging, und aus einem guten Bauer ein Waldmann wurde, seine Frau und seine Tochter zwang, sich zu kleiden und zu leben wie die gebornen Indianerinnen. O, ich hatte mehr verloren, als der Irrlander, war an alles Gute, Schone und Angenehme gewohnt. Wattines wurde auch beraubt, und war uber seine Landsleute emport, aber wir entsagten nicht auf Vortheile unserer Erziehung, nicht auf das Gluck, alle Tage unsern Geist zu bereichern, und diess, was wir wissen, zur Verbesserung unserer Umstande anzuwenden. Einfacher zu leben, als ich von Jugend auf gewohnt war, geringer gekleidet, als ich tausend und tausend Familien ehemals weit unter uns kannte, ach das haben wir mit Unterwerfung in den gottlichen Willen gerne gethan, aber entsagen auf Wissen, auf verbesserte Sitten, und zuruckgehen auf die niederste Stuffe der Vernunft, o n e i n , n e i n , lieber sterben, als erworbne Kenntnisse verlieren." Emilie sagte dieses mit Eifer, mit einer Thrane im Auge und mit auf ihre Brust gefalteten Handen. Wir waren alle geruhrt, so wie wir alle uberzeugt waren, dass beyde Wattines als die edelsten Beweise des Werths der Kenntnisse, vor uns stehen. Aber, meine Freunde! welch ein Character in Emilien, dieser so jungen, schonen Frau! Sie sagte freimuthig: ihre Betrachtungen in dem indischen Wigwham hatten ihre Begierde, nach der Insel zuruckzukehren vermehrt. Unsere Blumen, unsere so schon und ordentlich angebauten Felder, die Aussichten auf den See, unser Loghouse, die Schlafstelle, die Fenster darin, die Abtheilung, mein Herd und weniges Kochgeschirr, mein schottisches Brod, meine Huhner und Eier, meine kleine Kochkunst, wurden viel fur mich, im Vergleiche des armseligen Zustandes und der Unreinlichkeit eines Wigwhams und seiner Bewohner. Denken Sie selbst, was unsere Buchersammlung gegen die Unwissenheit der Indier fur mich werden musste. Ich vergoss Freudenthranen, als ich sie wiedersah, wie ich Freudenthranen vergiessen wurde, wenn ich liebe Verwandte und Freunde an meine Brust drucken konnte. Ich wusste, dass der Zustand dieser Volker einst der von unsern Voreltern war, als auch diese in Waldern wohnten, und wie Wattines berechnete, so viele Jahrhunderte nothig hatten, um alle Fahigkeiten ihres Geistes und alle Eigenschaften ihrer Nebengeschopfe kennen zu lernen, wie sie jetzo dem so glucklichen Europaer bekannt sind. Ach bey allem Mangel, bey allem Leiden dankte ich Gott, in dieser spatern Zeit geboren zu seyn, selbst der Mangel eines geliebten Guts, dessen Beraubung ich, so lange wir auf der Insel wohnen, mit tiefem innerlichen Schmerze trug, selbst dieser Mangel wurde in der Borkenhutte eine Quelle mutterlicher Freuden fur mein Herz. Milch war meine Lieblingsnahrung, ich hatte keine fur mich zu hoffen, aber (setzte sie mit sanftem zartlichem Errothen hinzu) meinem Kinde konnte ich Milch geben. O wie deutlich fuhlte ich, dass die treue Mutter ihr Kind mehr liebt, als sich selbst, denn wie innig sagte ich: o mag die susse Nahrung mir auf mein ganzes Leben fehlen, wenn nur mein Carmil die Milch hat, so lange sie ihm nothwendig ist. Wattines besuchte den andern Morgen nach unserer Zuruckkunft seine Felder, wahrend ich unsern Sohn und meine kleine Wirthschaft, besonders meine Huhner besorgte, kam wieder, durchsah, ordnete und putzte, mit erneuetem Vergnugen und Eifer, alle seine Werkzeuge; der Nachmittag war uns eine Art festlicher Spatziergang, unsere gluckliche Ruckkunft zu feiern, uns und unser Kind den Baumen, den Feldern, Blumen und Gestrauchen zu zeigen; als wir zu Ende dieser lieben Wallfahrt auf eine der Moosbanke des Belvedere uns gesetzt hatten, unsern See zu betrachten, und wieder den Niedergang der Sonne zu geniessen, sah ich auf einmal meinen Wattines auf das nun ganz vollbluhende Blumenbeet meines Grabes blicken, dann sein Auge voll Thranen und Dank zum Himmel erheben, schnell sich gegen mich wenden, Carmil und mich umfassend rief er: Gutiger Gott! Ewig sey dir fur das Leben meiner Emilie und meines Sohnes gedankt.
Ich war durch diese unvorgesehene Bewegung erschreckt und geruhrt, kusste ihn und sagte: theurer, geliebter Vater meines Carmils! woher entsteht diese Art von Schmerz in deiner Seele? lass mich Antheil nehmen, mein Bester! ich bitte dich, denn ich bin voll Unruhe. Nun bat er mich, wegen der auch ihm unerwarteten Erschutterung um Verzeihung: er hatte bey dem Blicke auf mein bestimmtes letztes Ruhebette, an den schrecklichen Gedanken sich erinnert, welcher ihm auf seinem Lager vor der Wildenhutte qualte. Da er sich meinen Tod moglich dachte, und mein Begrabniss als Folge hinzu setzte, erschien auch die Frage: wie willst du Emiliens Wunsch erfullen, ihre geliebte schone Hulle in ihr selbst bereitetes Blumenbeet zu tragen? Was soll aus ihrem Kinde, aus mir werden? alle diese kummervollen Ideen hatten sein Dankgefuhl mit schmerzhaften Erinnerungen gemischt, welche er nicht mehr unterdrucken konnte. Ich weinte aus zartlicher Freude uber seine Liebe und mein Leben mit ihm, ja ich muss bekennen, dass es mir unangenehm gewesen seyn wurde, mir ein andres Grab, als diess auf meiner Insel zu denken, ob ich schon weiss, dass die Erde uberall des Herrn ist, so war dieser Widerwillen doch selbst mit den Ergebungen verbunden, welche ich Gott bey den ersten Geburtsschmerzen zeigte. Die lebhafte Einbildungskraft meines Wattines war noch weiter gegangen, er wollte mit unserm Kinde, bey dem Orte meines Begrabnisses bleiben, und genoss eine Art Beruhigung in der Geschichte eines Sclaven, welche St. Pierre erzahlt, welcher zwey Jahre lang, in der wenigen Ruhezeit, die man diesen Unglucklichen bey der harten Arbeit lasst, alle Tage mit seinen zwey Kindern zu dem Grabe der Mutter ging und dort weinte; da er auch wusste, wie sehr die Indier den Staub ihrer Voreltern lieben, so hoffte er, sie wurden ihn nicht hindern, meinen Grabhugel zu besuchen, oder seinen Wigwham daneben aufzurichten. Ich dankte dem Himmel aber herzlich, dass alle diese Trauerbilder in dem Nebel der Vergangenheit versanken. Nach einigen Tagen, als wir ganz ruhig unsere Bemerkungen uber die Indier uns mittheilten, fanden wir, dass sich der Vorzug unserer Sitten und unserer Denkart taglich erhohte, und die Gleichgultigkeit der Indier gegen alles, was sie aus ihrem gewohnten Gange fuhren konnte, dunkte uns wahres Ungluck zu seyn; so wie die Wissbegierde den Werth hat, nicht allein den Geist zu unserm Vergnugen und Nutzen zu bereichern, sondern auch die Fahigkeit vermehre, unsern Nebenmenschen in hundert Gelegenheiten angenehme Dienste zu beweisen; denn die Gleichgultigkeit der Indier machte uns viel Leiden, da sie nichts von den nahen Wohnungen der Europaer wussten, also die Sorgen unserer Herzen nicht erleichtern konnten, welche wir wegen dem Ausbleiben der Fischer, und wegen der volligen Unwissenheit uber Leben und Tod unsers wohlthatigen Freundes des Quakers fuhlten. Auch, um aufrichtig zu seyn, litten wir empfindlich, gar nichts von Europa zu horen; denn, sagen Sie! war es moglich Europa zu vergessen? erinnerte uns nicht jeder Band unserer Bucher daran, ob wir schon beyde vermieden davon zu reden? aber die Betrachtung uber die Gleichgultigkeit der Indier, brach den Damm, welchen wir unsern innern Wunschen durch das Schweigen gesetzt hatten. Ich will nicht wiederholen, was unser Schmerz und unsre Thranen sagten, uns aber auch genauer an die Idee von Gott und moralischen Gesinnungen hefteten, um die Barmherzigkeit und den Schutz unsers Urhebers zu verdienen. Bey diesem Anlasse dachten wir wieder an religiose Einsiedler, welche sich auch von allen Verhaltnissen mit der Welt losrissen, und nur desto eifriger eine Verbindung mit den Ideen der Ewigkeit suchten. Wattines ruste sich das Leben und die Pflichten des Ordens de la Trappe zuruck, und fand eine grosse Klugheit, ja selbst Menschenfreundlichkeit, nicht nur in dem Verbot, sich zu sprechen, sondern auch in den grossen Kappen, welche verhindern, dass sie sich sehen, weil Mittheilen alle Gefuhle vermehrt, und man mit Blicken eben so deutlich sprechen konne, als mit Worten; also jeder die Leiden und die Wunsche des andern in seinen Augen lesen konnte, wodurch der Kummer des edlen Herzens vergrossert wurde. Bey dem Schweigen des Mundes und der Blikke aber, jeder in seiner Resignation eine Tugend fur sich ubte, und die andern sie ausuben sah. Da ich in diesem Moment auf Wattines blickte, setzte er hinzu: Emilie! schwiegen wir nicht auch bey unserm Weh, ohne unter den Befehlen einer harten Ordensregel zu stehen? Ich wollte nicht in diesem Tone fortreden, und sagte nur: wahre Geduld schweigt immer, und findet darin die Kraft zum tragen.
Glucklich unterbrach Carmil alles Folgende. Wattines fischte wieder, fieng Endten und arbeitete an der Verschonerung des Weges, auf welchem ich den Platz zu unserm Schwimmen nach dem festen Lande gesucht hatte, und belegte unsern Landungsplatz mit Rasen, so wie er Ruhebanke zwischen den Pappeln errichtete. Ich will nicht ganz in die Gefuhle gehen, die mich froh machten, dass Wattines mehrere Tage langer abwesend blieb, als gewohnlich, indem er an diesen Arbeiten beschaftigt war, welche ich nicht wissen sollte, ich aber auch etwas vorhatte, das ich ihm zu verbergen wunschte. Ich sage nicht wie mir war, als ich meinen Carmil das erstemal zu den Denkmahlern seiner Grosseltern trug, ihn ihrer Furbitte bey Gott zu empfehlen, und den Weg an den Baumen zuruckkam, in welche die Anfangs-Buchstaben der Namen unserer liebsten Freunde eingeschnitten waren, und ich seufzend sagte: k e i n e r , ach k e i n e r von allen den Lieben, wird je meinen Sohn, den Sohn meines Wattines sehen, k e i n e r wird je wissen, dass ihre Erinnerung uns heilig war, dass ich ihre geliebten Namen auf ihren Festtagen mit Blumen bekranzte, welche von meinen Thranen benetzt wurden. Wie oft habe ich auf den einsamen Wegen, wenn ich Wattines entgegen ging, oder bey seiner Feldarbeit ihn aussuchte, den guten Carmil zum Himmel empor gehoben, und flehte um seiner Unschuld willen die gottliche Gute an, uns wieder bessere Umstande, und Nebenmenschen sehen zu lassen, aber ach, noch mehr als zwey volle Jahre dauerte dieses hoffnungslose Gebet, und doch ruhte auf diesem Gebete mein Leben, ruhte darauf als wir noch allein waren. Denken Sie, wie ich betete, als ich Mutter war, und den Vater meines Sohnes so viel arbeiten sah, dass mir fur seine Gesundheit bange wurde. Glucklich entdeckte ich wie genau er mich beobachtete, und dass ein truber Blick von mir, oder eine tiefsinnige Miene von mir seine Seele verwundete. Gewiss! wir konnen immer sagen: es war eine gluckliche Stunde, in welcher ich den Entschluss zu einer guten That fasste! denn ich segne heute noch den Augenblick, in welchem ich sagte, dass ich Gott und allen Heiligen gefallig seyn wurde, wenn ich ohne davon zu reden, nur von ihnen gesehen und gehort, der Gemuthsruhe meines Mannes, den Kummer und die Wunsche meines Herzens opferte, ihm Zufriedenheit und die feste Hoffnung zeigte, Gott wurde uns und unser Kind vaterlich besorgen Auch war es nicht verloren das Opfer, denn Wattines wurde glucklicher und ruhiger in seinem Geiste. Sie sehen, meine Freunde! wie viel ich von den Ideen der lieben Frau sammelte, und naturlich meine zu sehr andringende Fragen wieder etwas zuruck halten musste. Ich blieb auch zwey Tage von ihrem Hause entfernt, um mich bey andern Colonisten umzusehen, und fand es aufs neue schon, das amsige Gewuhl, das Anpflanzen, Baume fallen, umgraben und aufraumen der Platze, wie auch das Heimtragen kleiner Burden von Futterkrautern, Spanen, Moos, und selbst einzelner Strohhalme, welche hier noch selten sind, und meist nur durch ankommende Packwagen zerstreut werden, zu deren Sammlung einige arme Familien ihre Kinder gewohnen: von welchen viere mir sehr schatzbar sind, weil sie sich des verdienstvollen Herrn Doctor Hirzel philosophischen Bauern zum Muster nehmen, und, wie dieser, durch unausgesetzten Fleiss, Sparsamkeit und Ordnung, Vermogen sammeln und besonders Kleinjoggs Gedanken von verschiedenen Dungergruben ausfuhren wellen; weil dieser Bauer, die schnelle und langsame Verwesung dieses Krauts, jenes Blatts, und aller andern Sachen beobachtete, und dadurch nach Anweisung der Natur, welche immer einen Kreislauf von Welten, Verwesen, Keimen und Wachsen macht, mit Ueberlegung ihren Weg befolgt, so, dass allen Landleuten sein Beyspiel nutzen kann. Ich wunsche bey dieser Gelegenheit herzlich, dass auf diesem neu angebauten Stuck Erde, der schone Ehrgeiz in den Seelen seiner Bewohner entstehe, immer der beste ihrer Klasse zu seyn.
Ich bin nun die zwey Tage bey allen Feldern und Colonisten herum gewandelt, und habe ein paar Traumer der vollkommnen Gleichheit hergewunscht, um hier diese seltsame Idee zu berichtigen, indem mir dieser Aufenthalt der wahre Standpunkt zu seyn scheint; denn die Umstande dieser Colonisten sind alle gleich, alle haben nur Holzhutten, keiner hat Hoffnung zu Wohlstand, als in der Viehzucht und dem Anbaue seiner Felder und Garten. Aber wie sehr verschieden ist doch schon alles, in und um die Hutten herum: alles arbeitet amsig, aber die eine, wie die hollandische Familie, verbindet den hochsten Grad der Ordnung und Reinlichkeit mit ihrem Fleisse, eine andere muss sich doppelte Muhe geben, um so weit zu kommen wie ihre Nachbarn, die dritte ist in steter Eile und Bewegung, aber da sie kein Nachdenken damit verbindet, so bleibt der Nutzen ihres Bestrebens, weit hinter dem Fortgange der ubrigen zuruck; im Ganzen aber ist vieles geschehen, und da wieder vier Familien neuer Ansiedler angelangt sind, so wird der Wetteifer vermehrt, und die freudige Aussicht auf die Stiftung einer Stadt vergrossert sich. Aber ich habe auch bemerkt, dass Handwerksleute und ihre Frauen, welche mit den ersten Colonisten anlangten, sich schon als Altburger ansehen, und die neu angekommenen mit stattlichem Wesen auf den Platz fuhrten, welcher fur das Rathhaus, die Kirche und Schule bestimmt ist. Wattines und Emilie waren anfangs sehr beangstigt, es mochten franzosische Emigrirte dabey seyn, und scheinen sehr zufrieden, nichts als Teutsche und Hollander um sich zu sehen, indem sie sagten: dass ihre Landsleute eine besondre Anhanglichkeit von ihnen fordern wurden, und alles nach ihrer Sitte haben wollten, und auch sie beyde durch Landessprache und Erzahlungen, immer zu den Bildern und Erinnerungen ihres Jammers zuruck fuhren wurden. Mir war die Beobachtung sehr viel werth, welche ich uber die neuen Ankommlinge und die schon langer hier wohnenden Colonisten machte. Die ersten waren froh, durch erfahrne Leute mit der Landschaft und ihrem Anbaue bekannt zu werden, die zweyten genossen das Vergnugen der Eigenliebe, den andern eine Anweisung zu geben, mehr Menschen zu sehen, und wieder von andern Gegenden sprechen zu horen. Characterzuge, welche sich bey allen in etwas eivilisirten Nationen finden. Vandek und Scriba erhielten auch Briefe, in welchen die Nachricht einer sehr wichtigen Naturerscheinung Wattines und mich ausserst beunruhigte. Es war die Beschreibung von dem Erdbeben, welches einen Theil des Felsen lossriss, der den Wasserfall des Niagara bildet, wovon die Umstande sehr beangstigend sind, indem, wenn noch eine solche Erschutterung kommen sollte, und noch ein Stuck von 15 Klaftern vollig einsturzte, so wird sich der See Erie mit solcher Gewalt in den See Ontario ergiessen, dass nicht nur alle niedre Gegenden seiner Ufer, sondern auch der grosste Theil von Ober- und Unter-Canada an dem Lorenzo-Fluss uberschwemmt wurden, und also den Untergang der schonsten Landschaft mit so vielen Dorfern und Wohnsitzen guter Familien auf mehr als 40 Meilen hervorbringen wurde. Bey diesem Theile der Unterredung zwischen Wattines und mir, da auf einer Ecke des Tisches die Landeharte vor uns lag, und Emilie auf der andern Seite mit ihrer Autonette auf dem Schoosse ihr Suppe gab, und Carmil neben ihr auch welche ass, zeigte sich ein schoner Theil von Emiliens Seele, indem sie auf die Charte blickte, als wir den Umfang des Landes bezeichneten, welches mit diesem Unglucke bedrohet ist. Sie wurde ausserordentlich geruhrt, und der Instinkt mutterlicher Liebe wirkte zugleich in dem hohen Grade, dass sie ihre Kinder an sich druckend, in Thranen ausbrach und sagte: Ach Gott! wie viele Mutter mussten da ihre Kinder ohne Hulfe umkommen sehen! Man bemerkte dabey, dass ihre Seele schauderte und gepresst war, aber wie schon war diese Bewegung!
Mein Freund weiss aus Herrn Ebelings Beschreibung von Amerika, dass der Landstrich des See's Erie 300 englische Fuss hoher liegt, als die Gegend des Ontario, dass der Sturz des Falls durchaus steil, und 2226 Fuss breit und 273 Fuss hoch ist, also unserm so prachtigen Rheinfall bey Schafhausen das Ansehen der Cascade eines Bachs geben wurde, wenn man beyde in kurzer Zeit nach einander sehen konnte. Sicher ist es, dass man das Getose von dem Fall des Niagara auf 20 englische Meilen hort. Da ich diesen Wasserfall und die herrliche Landschaft umher kenne, so war mir diese Nachricht eben so schmerzhaft, als mir die von dem Ergusse einer gluhenden Lava des Vesuvs uber die Elysaischen Gefilde seyn wurde, welche an seinem Fusse verbreitet liegen. Der edle kenntnissvolle Wattines ofnete seinen Bucherschrank, holte einen Band der schonen Edition von Buffons Naturgeschichte, und bat mich, sogleich mit ihm die Abhandlung uber die Erdbeben zu lesen. O mein Freund! wer wie Sie, die Werke des grossen verehrungswerthen Mannes las, und in seinem Geiste einzugehen wusste, nur der kann fuhlen, was die Schonheit und Wurde seiner Schreibart, auf Wattines und mich wirkte. Je weiter wir kamen, desto hoher gluhten die Wangen des schatzbaren Wattines, von edlem Stolze bey den prachtigen Bildern und Ideen der edelsten, den Wundern der Schopfung ganz angemessenen Beredsamkeit des grossen Buffons. Er war unser, sagte Wattines, dieser einzige Mann, um welchen die stolzen Englander uns beneideten. Schon war der riefe Schmerz, mit welchem Wattines aufstand und ausrief, o Buffon! und deinen Sohn mordete man auch. Der edle, das Verdienst seines Vaters fuhlende Sohn, sprach noch seinen Namen aus: i c h h e i ss e B u f f o n ! dennoch wurde er gemordet. Nun kusste Wattines mit einer Thrane seine Emilie, druckte meine Hand und ging in seinen Garten, indem er deutete, dass er allein zu bleiben wunsche. Seine Frau sah mit Thranen, ich mit Ruhrung und Verehrung ihm nach. Ich nahm den kleinen Carmil auf meinen Schooss, und konnte, ihn an mich druckend, mich nicht enthalten laut zu sagen: liebenswurdiger Knabe! Gott lasse den Geist und das Herz deiner Eltern vereint auf dir ruhen. Emilie dankte mir sanft errothend, und mit einem Blicke zum Himmel um die Erfullung dieses Wunsches betend. Ich nahm den Band von Buffon wieder in die Hand, fuhlte mich glucklich in einer Zeit zu leben, und eine Erziehung erhalten zu haben, welche mich fahig machte, nicht nur den grossen Geist, der vor Jahrtausenden lebenden Griechen und Romer, sondern auch Englands Bacon und Newton, unsere grossen Teutschen und Buffon zu kennen. Der Wasserfall des Niagara, wurde mir Quelle edler geistiger Freude; denn ich setzte mir vor, diesen Herbst und Winter Buffons Epoques de la nature hier zu lesen. H i e r , wo seit der ersten Erschutterung, seit der ersten Ueberschwemmung der Erde noch niemand wohnte. Hier die Geschichte der Erde und aller ihrer Geschopfe wieder zu lesen, dunkte mich einzig und hochst interessant, da ich zugleich die Geschichte des Menschen vor mir haben werde. Mein Geschmack an Reisebeschreibungen, und selbst Reisen zu machen, wurde mir ein hohes Verdienst, als ich bedachte, dass Buffon alle moglichen Reisebeschreibungen alter und neuer Zeiten las, Vergleiche zwischen ihnen machte, und gleichsam die Mehrheit der Stimmen, fur den Beweiss einer Naturbegebenheit sammelte, welche in fernen Landen, und in entfernten Zeiten beobachtet wurde. Ich konnte dieses nicht ganz allein denken, sondern druckte meine Bewunderung und Liebe fur Buffon auch bey Frau Wattines mit vielem Eifer aus, und machte sie lacheln; doch sagte sie auch ernst: "ich glaube sehr gerne, dass Ihrem die Natur und schone Kenntniss liebenden Geiste, Buffons Werke sehr schatzbar sind, uns war er wohlthatiger Genius, der in der engen Hutte auf der Insel, die ganze Grosse unsers Schopfers uns zeigte; die Geschichte der Gestirne und der Erde mit ihren Bewohnern vor uns vorbey fuhrte, und uns dadurch gluckliche Tage schenkte."
Wattines kam mit dem guten Zimmermanne zu uns zuruck, weil dieser sich bey ihm wegen der Angelegenheiten der neuen Colonisten befragte: wie er ihre Wohnungen besser und auch hubscher, als die bisher gewohnlichen erbauen konnte. Er bekam die vortrefflichste Anweisung zu allem, weil der edle Wattines mit dem Bleistifte in der Hand, seine Ideen doppelt deutlich und nutzlich machte; auch ging der Mann mit einem frohen, dankerfullten Herzen weg. Ich gab Wattines die Hand, und dankte ihm fur alle Gute, welche er dem Fremdlinge bewiese. Er erwiederte den Druck meiner Hand, und sagte mannlich wahr:
"O mein Freund! Nutzbarkeit fur andre, und Thatigkeit sind wirklich gute Genien, die jeden traurigen ubelthatigen Damon verjagen." Emiliens holdes Gesicht glanzte fur Freude, ihren angebeteten Carl wieder ruhig zu sehen. Es war mein Fragetag, aber ich hielt es in Wattines Stimmung fur unschicklich, nur im mindesten davon zu reden. Er sagte aber selbst: sind heute keine Noten der Frau Vandek in Ihrer Tasche? und lachelte mich an.
Nein! antwortete ich, der Niagara hat sie weggeschwemmt.
Das soll nicht seyn, bleiben Sie den Abend bey uns und fragen; denn es gehen doch wieder Tage vorbey, ehe die grosse Reihe an mich kommt. Emilie war beschaftigt, Wattines nahm mich noch in den Garten, wo wir ernst schweigend bis an das Ende, bey den Alleen von grossen Waldbaumen, dann wieder auf den freien Platz in der Mitte zuruck gingen, wo er stille stand und sagte: O wie lieb sind mir Luft und Erde! sie tragen und umfassen mich so beruhigend, und ein Blick auf die Ferne zeigt mir das schone Ziel, wo der Lauf meines Lebens sich enden wird, wie der tagliche Lauf der Sonne. Ich stutzte in mir selbst uber diesen Ton, aber ich wollte mit einstimmen und sagte: ja, so soll es, aber nur am spaten Abend des langsten Tages, an welchem ein gluckliches Schicksal, Sie mit Lacheln auf den zuruckgelegten Weg blicken heisst, seyn.
Mit Ernst sagte Wattines: Dank mein schatzbarer Freund! aber wo sind Ihre Fragen? Weil ihm nun so viel daran gelegen zu seyn schien, so sagte ich freimuthig, ich wunsche zu wissen, welche ihrer landlichen Arbeiten die beschwerlichste war. Meine Presse zum Sonnenblumenohl, antwortete er, denn ich musste die Schraube von festem Holze mit vieler Muhe und Sorgfalt schneiden, dann eine dichte Holzplatte durchsagen, in die zwey Halften die Schraube passend einarbeiten, und diese mit Drath und Nageln verbinden. Die gemeinsame Muhe fur Emilien und mich war, die Korner zu dorren, von den Schalen zu reinigen, damit das Oehl zu unserm Salate suss bliebe. Dieses alles erforderte Fleiss; aber wir hatten alle Stunden des Tages fur uns, da konnten wir vieles unternehmen. Keine Besuche, keine Einladungen, kein Spiel- und Putztisch storten oder verhinderten unsere Beschaftigungen, und raubten uns unsere Zeit. Meine zweyte Erndte war reich in allem, denn wir hatten auch G e r s t e von welcher wir eine Art leichtes Bier kochten, und hatten daneben auch schone, und eine Menge Erdtosseln, so dass ich sicher war, dass Emilie, mein Sohn und ich, keinen Mangel leiden wurden. A l s o a u c h , sagte ich, seine Hand fassend, keine Schussel mit Thon nothig war. O, mein Freund, was fur eine Erinnerung! Sprechen Sie ja bey Emilien, in meiner Gegenwart nie von Thon und der Nation der A l t a nen.
Ich versicherte es ihm, und bedauerte, ihm diese unangenehme Scene zuruckgerufen zu haben.
Mir ist es lieb dass ich Sie warnen konnte, meine Emilie ja nie damit zu betruben. Die Sache schmerzte mich nur wegen ihr, da ich bey dem Versuche doch sagen konnte, die A l t a n e s sind Menschen wie ich, vielleicht tragt die Luft des nehmlichen Landes, das ich jetzt bewohne, etwas zur Verdauung einer Speise bey, welche ich in Europa nie gekostet haben wurde; doch wusste ich von meinem Grossvater, welcher unter dem Marschall von Belleisle mit in Bohmen war, dass dort die armen Landleute, unter ihre Erbsen und Korn, einen Theil Baumrinden malen. Ich habe auch gelesen, dass die Islander Fischgraten dorren, stossen, sein malen und mit ihrem Brodteig vermengen; so wie in Hungersnoth das Bergmehl oder Mondmilch gebraucht wird, welches man in den Kluften der Berge findet; dieses Bergmehl aber gewiss sehr wenig nahrende Eigenschaften hat, da es nichts als feines Kalkpulver ist.
Ich war nun sehr mit mir selbst zufrieden, von der Thongeschichte gesprochen zu haben, weil ich dadurch aufs neue einen Beweiss erhielt, wie sehr schatzbar die Aufmerksamkeit auf alle, die Menschheit betreffende Gegenstande ist, und jungen Leuten nicht genug empfohlen werden kann. Ich sagte Wattines auch: ich verehre den Fleiss ihrer Jugendjahre, mit welchem Sie alles bemerkten, und segne dabey den Boden Ihrer Insel, dass er eben so fruchtbar war, als Ihr Geist.
Er dankte mir mit bescheidnem Lacheln, und setzte hinzu: die Eide der lieben Insel ist in Wahrheit so fruchtbar, dass ich oft bedauerte, keine Hausthiere, seyen es Schaafe, Rindvieh, Ziegen oder Schweine, zu haben, welche die herrlichen und reichen Gras- und Krauterarten benutzen konnten, die die Natur ihren verschiedenen Gattungen bestimmte.
Denken Sie, meine Freunde, wie ich uberrascht wurde, als Wattines zu mir sagte: es ist noch helle genug, um in der freien Luft noch etwas zu sehen: warten Sie einige Augenblicke auf meine Zuruckkunft, dann forteilte, und mit zwey von Maisblattern geflochtenen Korben wiederkam, in welchen auf grossen getrockneten Pflanzen und Baumblattern, ja selbst auf dunne abgezogene Birkenrinden, alle Krauter, Blumen und Bluthen seiner Insel, sorgfaltig getrocknet und geordnet lagen. Die Blumen alle auf grossen oder kleinern Blattern, die Pflanzen auf den Rinden, besonders aber alle Grasarten oder Gramen in einer Reihe aufgeheftet waren. Ich staunte sie an. Sie wundern sich, sagte er, uber die vielen Exemplare des Grases. Ich wusste, dass unser Korn nur eine durch Anbau verbesserte Grasart ist, deswegen habe ich einige Halme wild erhalten, ihren Saamen in gebesserte Erde gesaet, und auch von diesen welche aufgehoben, um ihre Veredlung zu bemerken, wie Emilie, als sie horte, dass die schonfarbigten und gefullten Blumen, welche sie so sehr liebt, nur seit 160 Jahren in Frankreich bekannt, und in Holland so vollkommen sind, durch den Fleiss der Gartner, die herrlichen Schattirungen und Grosse erhalten haben; so wollte sie auch Wiesen-Ranunkel, kleine. Pferdnelken und andre Blumchen sich unter ihrer Pflege verschonern sehen; aber auch den kleinen Anfang bemerken. Sie trocknete also die Blumchen aller Art, und sorgte fur ihre Anpflanzung.
Drey Jahrgange davon sind aufgehoben, und zwischen Birkenplatten verwahrt.
Wir hatten kein Papier, und mussten uns helfen wie wir konnten, sagte Wattines, und wahr ist es, ohne die Borkenhutte der Indier ware uns auch dieses Mittel verborgen geblieben.
Meine Freunde konnen glauben, dass mir unter allen Krautersammlungen der ganzen Erde, keine schatzbarer seyn konnte, als diese. Meine Augen waren auch bald auf die Sammlung der Pflanzen, bald auf die nett geflochtenen Korbe geheftet. Mein Herz war von Bewunderung durchdrungen, und ich sagte zu ihm, ach, wenn der Gluckliche seine Guter mit eben der dankbaren Achtsamkeit fur ihren Urheber behandelte, wie Sie theure Wattines, die karglichen Geschenke ihrer armen Insel! schnell erwiederte er:
Nein, nein! Ihr Wunsch soll nie erfullt werden, denn da wurde der Reiche wie wir, zuerst nur fur sich geniessen, und dann das ubrige aufheben, und so traufelte von dem Ueberflusse niemals etwas auf den Armen. Nun bemerkte er meine Blicke auf die Korbe, fasste beyde an der Handhabe, und mit dem Ausdrucke des Zurucksehens auf eine schone Gegend, sagte er mit geruhrtem Tone: diese Korbe enthalten manche der sussesten Stunden meines Lebens auf der Insel, denn der Entwurf zu dieser Sammlung verursachte meiner Emilie viele Freude, indem sie gleich die mutterliche Berechnung machte, dass unser Carmil einst vieles Vergnugen daruber haben, Pflanzenkunde dabey lernen, vielleicht glucklicher als seine Eltern, die Werke des Linne' und die Abbildung aller Pflanzen und Blumen besitzen wird, und mehr Papier als sein guter Vater, welcher die Namen der Krauter, welche er kannte, nur mit Bleistift auf die aus einem Buche geschnittenen Blatter bezeichnen konnte. Ich schrieb, fuhr er fort, dieses kleine Gesprach der Mutter auf ein anderes ausgeschnittnes Blatt, welches ich seitdem mit Tinte copirte, das erste dabey legte, Emilie aber hinzusetzte, vielleicht wird dann Carmil einem edlen Freunde von seinen Eltern erzahlen, welche diese Sammlung fur ihn machten.
Die Geschichte des Korns und seiner vielen Gattungen machten Emilien unendliche Freude, besonders aber die Versicherung in unserm St. Pierre, welcher im Homer fand, dass uberall Korn wachse, und der grosse Sanger deswegen die Erde Z e i d o r a , Korntragerin, nannte. Nur die Beobachtung schmerzte sie, dass weder die Sud- noch Nordamerikaner Ackerbau oder Viehzucht liebten, also diese, der naturlichen Anlage zu Gute und stiller Arbeitsamkeit, so gunstige Beschaftigung mit dem Pfluge und dem Gartenspaten, noch lange nicht kennen, und von gesellschaftlichen Verbindungen entfernt bleiben wurden. Wie sehr wunschte sie, nach dem Auszuge des St. Pierre aus dem Linne, alle die Krauter zu kennen, welche nach der genauen Beobachtung und Kenntniss des grossen Mannes den verschiedenen Hausthieren von der Natur angewiesen und bekannt gemacht sind; denn wahrlich, Naturtrieb ist gegebne Kenntniss. Die K u h e haben 286 Krauter, welche sie besonders lieben, 184 aber nur bey dem grossten Mangel und Hunger abweiden: die S c h a a f e fressen eifrig 417 Arten, und meiden 110; die Z i e g e n finden Geschmack an 458 Gattungen von Pflanzen und Blattern, verwerfen nur 74; das P f e r d zieht 278 allen andern vor, und lasst 207 unberuhrt; die S c h w e i n e suchen begierig 107 und versagen 190.
Die gute Emilie segnete und verehrte den Linne innigst, wegen dieser Aufmerksamkeit auf die nutzlichen Hausthiere, und behauptete dabey: er wurde nicht so gut gewesen seyn, wenn er nicht die Pflanzen vorzuglich geliebt hatte; weil die stille Schonheit und Verdienste dieser Geschopfe, das Herz auch mit sanften, wohlwollenden Gesinnungen erfulle. Aber wie sehr dankte sie dem Himmel, fur die herrliche Gabe, welche er den Menschen schenkte, Gemus und Blumen zu veredeln und zu vermehren; mit wie viel Freude war ihr Staunen verbunden, als sie lernte, dass die Sorgfalt der Gartner, aus der erst einzelnen Art L a t t i c h und C i c h o r i e n , welche nicht sehr wohlschmeckend, und etwas herbe waren, jetzo mehr als funfzig sehr nahrhafte und angenehme Gattungen ziehen. Bey dem Artikel der Naturgeschichte der Thiere, wunderte sie sich, dass nur 300 Gattungen vierfussige und 1500 Vogel gezahlt werden, und dass unter diesen die Menschen nur ungefahr 20 auswahlten; aber diese so vermehrten und verbesserten, dass sie dadurch einen grossern Theil Gluck auf der Erde verbreiteten, als die ubrige Menge beyder Thierarten geben. Wie glucklich, wie unendlich glucklich war ich in meinem Elende, dass Emilie, die junge bluhende Emilie, Gott, mich und die Natur so innig liebte. Und was fur ein gesegnetes Geschenk der Gottheit war unser Carmil, dessen Daseyn und Liebenswurdigkeit das ganze Herz seiner Mutter erfullte, und sie in der Uebung der Pflichten ihres Erdenlebens glucklich machte: K i n d e r z u e r z i e h e n , wie ich dem ursprunglichen Beruf folgte, das F e l d z u b a u e n und damit Mutter und Kind zu ernahren. Carmil war aber noch mehr als Kind fur uns, er war Gesellschafter, und gab uns das Vergnugen eines sussen Wechsels, zwischen Arbeit, Buchern und uns selbst zu kosten; denn ach! der Herbst kam, aber keine Fischer mit ihm, auf welche wir doch beyde, nach gegenseitigem Gestandnisse, in dem Innern unserer Seele, den ganzen Sommer hofften. Wir suchten also nur unsern Vorrath gut zu ordnen. Unsere Huhner hatten uns sehr glucklich gemacht, indem wir 20 Kuchelchen bekamen, welche wir fur den Winter, und zu jungern Nachzucht aufbewahrten. Emilie erinnerte sich, dass in ihrem vaterlichen Hause ofters schon gebratenes Geflugel, in Topfen, mit zerlassenem Fette ubergossen, sich lange essbar erhielt, und versuchte es mit unsern wilden Endten, mit dem aus mehrern von ihnen ausgekochten Fett, so wie wir auch welche raucherten. Was Emilie am meisten wunschte und betrieb, war die Zubereitung von unserm Flachs. In den letzten schonen Tagen aber fuhrte sie mich auch auf Stellen der Insel, auf welchen Moos und langes Strickgras war, wovon sie auch eine Aernte zu machen wunschte. Ich mahte also Gras, sie raufte Moos, und Carmil lag auf einer ausgebreiteten Decke nahe bey uns; als wir genug hatten, und beydes trocken war, trugen wir es auf unserer kleinen Tragbare aufgebunden, unsern Carmil oben liegend, nach der Hutte, wo Emilie mir dann ihre geheime Absicht erofnete, welche darin bestand, unsere Bettmatratzen aufzutrennen, die Wolle auszunehmen, und sie dagegen mit dem Strickgrase in der Mitte, unten und oben mit Moos zu fullen, um die Wolle den Herbst und Winter uber zu spinnen, wovon sie dann einen hohern Nutzen zu ziehen hoffte, als auf der Wolle zu schlafen, weil im Sommer das Moos kuhl und eben so weich sey, im Winter aber eine unserer wollenen Decken daruber gelegt, uns warm halten wurde. Carmil schlief in seinem mit Moos belegten Schifchen, wie in einer Wiege zwischen unsern beyden Schlafstellen, und Emilie bestimmte ihm eine, mit den Federn unserer gefangenen Endten gefullte Decke, welche sie aus einem ihrer Kleider verfertigte. Ich nahm sehr gerne Antheil an allen Arbeiten, welche sie ersann, besonders weil sie einst sagte, dass sie Gott danke, dass ich taglich Arbeit hatte, meinen eifrigen und thatigen Geist zu zersirenen und zu beschaftigen. Ich bemerkte aber auch sehr wohl, dass Nachsinnen und Arbeit auch sehr gut fur Emilie war, und freuete mich, wenn sie auf neue Gedanken und Erfindungen kam; denn ihre Stille und Tiefsinn, kurz nach der Zuruckkunft auf unsere Insel, waren mir sehr schmerzlich, und ihre anhaltenden Besuche mit Carmil bey den Urnen unserer Eltern, machten mir Kummer, Mich dauchte immer, sie gehe hin ihre Klagen uber ihr Schicksal zu ergiessen, und ich konnte sie dort nicht belauschen, wie ich bekenne, es zu thun wunschte; denn diese Vermuthungen durchwuhlten mein Herz. Bald aber stellte sie diese mich qualenden Wallfahrten ein, ohne dass ich mir nur das mindeste verlauten lassen, und trug nun den Liebling ihrer Seele ofter auf den Platz, an dem Ufer des See's, welchen wir, wie Sie wissen, Belvedere nannten. Einen der schonsten Abende, welcher mir auf immer unvergeblich bleiben wird, glaubte sie mich ohne Zweifel langer bey meiner Arbeit mit den Obstbaumen beschaftigt, welche, wie sie wusste, meine Lieblingsarbeit war, und ging mit Carmil auf dem Arme nach dem Moosgrunde, an der Spitze der Insel. Ich sah sie von ferne, und folgte ihr wie ein von Eifersucht uber einen Liebhaber gequalter Mann thun konnte, auf einem andern Wege in die nahen dichten Gebusche. Sie setzte sich, gab dem Kleinen die Brust, an welcher er einschlief. Emilie raffte mit der rechten Hand so viel Moos zusammen, als sie erreichen konnte, breitete ihr Halstuch daruber, und legte voll Sorgfalt das Kind darauf, bewegte sich lange nicht, und beobachtete zartlich ob es fortschlafe. Leise stand sie auf, ging einige Schritte naher zum Ufer, blickte, ich sah es, mit einem Ausdruck voll tiefer Gefuhle auf das Wasser und die Baume umumher, dann auf unser Kind und nach dem Himmel, kniete sich vor Carmil, faltete ihre erhobenen Hande und sagte:
Ewiger, Allmachtiger! dein Himmel fliesst uber alle Geschopfe deiner Erde, auch uber uns, du siehst uns, wie alles. O erhalte und starke das Leben des guten Vaters dieses Unschuldigen und mich! S c h u t z e und segne uns um dieses Kindes w i l l e n ! Ihre Hande und Arme breiteten sich mit einer schnellen convulsivischen Bewegung uber den Kleinen hin, ihre Blicke sanken voll Mutterliebe auf ihn, und Thranen erstickten ihre Stimme: sie trocknete sie ab, und hauchte in ihre Hande, wie man gewohnlich thut, wenn die Spuren des Weinens verwischt werden sollen. Ich war von tausend Gefuhlen durchdrungen, traute mir kaum zu athmen, denn ich wollte nicht, dass sie nur im mindesten vermuthe, von mir gesehen und gehort zu seyn. Emilie war mir heilig, dreymal heilig, weil nicht eine Sylbe von Klage uber ihr Schicksal mit ihrer Bitte fur Carmil und mich vereinigt war. Nur Verehrung Gottes, und Liebe fur Vater und Kind. O, wie schien Emilie mir so glucklich, dass sie so beten konnte! Still, tief in meiner Seele sagte ich, Ewiger! erhore sie, und gieb mir einen Theil ihrer Tugend! Emilie nahm unsern kleinen Engel sanft von dem Moos, und eilte nach Hause. Ich kam ruhiger und glucklicher zuruck in die Hutte, als ich nie war, weil nun meine Sorge wegen Emiliens geheimen Leiden und Klagen ganz gehoben war; dieses innern Schmerzes befreit, erleichterte mein Herz von einer qualenden Last. Ich kam Emilien noch entgegen, nahm unsern erwachten Sohn in meine Arme, trug ihn zur Hutte, und sah seine englische Mutter durch meine Heiterkeit vergnugt.
Bald naherte sich der amerikanische Winter, mit den starken Regen, da machten wir Plane zu Winterarbeit und Lesen. Carmil wurde ein wichtiger Beweggrund, die Geschichte des Menschen mit aller Aufmerksamkeit vorzunehmen, und den Vorsatz zu fassen, die Bemerkungen des edlen Buffons und der Encyclopadie bey unserm Carmil Schritt vor Schritt nach dem Gange der Natur zu berichtigen, und bey der Erziehung des Knabens zu befolgen. Diese Verwendung unserer Bucher und unserer Tage, machte uns doppelt glucklich, indem wir auch wahre Achtung fur uns selbst bekamen, und den Himmel mit dem Zeugnisse unserer Herzen anblicken konnten, dass wir getreu und geduldig alle Pflichten erfullten, welche der Schopfer den ersten Eltern, in Sorge fur Kinder und Anbau der Erde aufgelegt hatte. Wir fanden uns auch unendlich glucklicher, als Adam und Eva nicht waren, weil sie nur wussten, dass sie eine unzahlbare Nachkommenschaft haben wurden, wir aber in unserer Moral, Natur- und Kunstgeschichte sehen konnten, was diese Millionen und Milliarden von ihren Enkeln durch Jahrtausende hin, mit sich, ihren Fahigkeiten und allen ubrigen Geschopfen der Welt gemacht hatten. Wie reich, wie unterhaltend wurden unsere leeren Wintertage und die Einsamkeit. Was fur ein Vergleichpunkt in dem Menschenleben und der Kunstgeschichte, wurde mir die Borkenhutte in dem Dorfe der Oneidas, und die Erinnerung von Versailles. Alles, alles innere und ausserliche p h y s i s c h e , im Bau, in der Bestimmung und in den Bedurfnissen so ahnlich, wie verschieden aber die Verwendung korperlicher Fahigkeit, durch die verschiedenen Anstalten des Wesens, welches in den Menschen wohnt und sie belebt. Emilie bemerkte den schnellen Wachsthum unsers Carmils, naturlich dachte sie an Bedurfniss seiner Kleidung, und kam auf den glucklichen Einfall, ihm von unserm Flachsgarne Rockchen zu stricken: mich lehrte sie von der Wolle unserer Matratzen grobes wollenes Garn spinnen, und da sie sich dunkel erinnerte, ihre Amme bey dem Zwirnen der Faden beobachtet zu haben, machte sie auch einen Versuch damit, der vortrefflich gelang; und von diesem warmen Garne bekam Carmil auch ein Wamschen, welches mir Lust gab, eine Weste fur mich zu stricken. Sie wissen dass ich Eisendrath von mehrerer Gattung zu Vogelbauern mit auf die Insel brachte, und dann schon im ersten Jahre noch Stricknadeln fur Emilien machte, nun verfertigte ich welche von grosserer und dickerer Art fur mich, und brachte wirklich eine Weste zu Stande, welche mir meine zwey tuchenen Kleider schonen half, so dass ich recht hatte zu behaupten, dass Phantasie, welcher man meist nur die Ideen der Verschonerung zuschreibt, bey mir die Grundlage einer wahren Wohlthat wurde; denn nach strengem und gerechtem Urtheile der Vernunft, war der Ankauf von so vielem Drathe zu Vogelbauer nach den Umstanden in welchen ich Philadelphia verliess, eine wahre tadelhafte Phantasie, aber durch den Gebrauch welchen das Bedurfniss einer Presse, Strickund Webnadeln mich davon machen lehrte, erhielt diese Phantasie den Werth der Weissheit; wurde also mehr als der Z u f a l l , welcher oft Gutes findet, und Nutzliches schafft.
Ich lachelte hier ein wenig, Wattines sagte munter: ich bin sicher, ernster Teutscher! dass Sie in diesem Augenblicke an die franzosische National-Eigenliebe dachten, welche immer das, was sie vornimmt, mit einem erhohten Glanze umgiebt. Diese Aeusserung war mir auffallend und unerwartet, und setzte mich in Verlegenheit, denn wahrlich, ich wurde bey Wattines niemals an die beruchtigte franzosische Eitelkeit gedacht haben, weil er es gewiss nicht verdient, und mein Herz ihn und seine Frau mit Verehrung betrachtet und denkt; auch versicherte ich ihn, dass ich, weit entfernt ihn so zu beurtheilen, selbst fur das seiner Nation zugeschriebene leichte Denken, eine wahre Hochachtung hege, und wenn alle seine Landsleute das edle Geschenk des schnellen Laufs ihrer Lebensgeister so schon verwendeten wie er und seine Emilie, so achtete ich es fur das hochste Gluck dieser Erde.
Machen Sie keine Entschuldigung, mein Freund, da Sie wirklich durch dieses rasche Wogen unserer Gedanken, sich beleidigt halten konnen.
Ja, dachte ich, denn gewiss lag, unter der Hulle des Ausdrucks: ernster Teutscher! ein versteckter Sinn, welcher auf das gelindeste, schwerfalliger Teutscher, sagen wollte. Ich vermied aber die fernere Erklarung, und sagte: er konne mir alles ersetzen, wenn er den noch ubrigen Raum des Abends mit seiner Geschichte ausfullte, und mir furs erste sogleich sagte, was er mit einer W e b e n a d e l andeuten wollte? Gefallig, wie der gute und wohlerzogne Franzmann es immer ist, sagte er sogleich, sehr gerne.
Emilie beobachtete, dass meine gestrickte Weste sich zu sehr in die Lange zog, und machte mich erst eine lange Nadel verfertigen, mit welcher sie meine Weste mit Faden von einem Moose durchzog, also die Maschen am Ausdehnen hinderte, nachdem aber leinene Faden von der Lange eines Mannsreckes an zwey Staben aufspannte, diese aber vermittelst einer halben Elle langen Nadel von meinem Drath, welche ich unten rund spitzte, oben gluhend machte und dann platt klopfte, dann mit einem spitzen Nagel in das platte Theil ein Oehr schlug, worin sie Garn fasste, und mit einer erstaunenden Sorgfalt und Fleiss, mit dieser Nadel durch die aufgespannten Faden, einen andern quer durchzog, indem sie einen der langen Faden auf die Nadel hob, den andern liegen liess, bis sie am Ende der Breite war, dann bey dem Umwenden den obern niederbog und den liegenden ausfasste, und dadurch in Wahrheit eine Art recht guter grober Weberey hervorbrachte, wodurch ich, als die Stucken zusammen genaht waren, eine Art kurzen Schlafrock erhielt, der mich in der Arbeit nicht hinderte, aber doch in den noch kuhlen Tagen des Fruhjahrs, auf dem Felde warmte und gegen Erkaltung sicherte. Meine holde Emilie hatte unaussprechliche Freude, mich durch diese Erfindung noch auf einige Zeit gegen Kleidermangel gesichert zu sehen, sie strickte auch Hemden fur Carmil, um nichts von unserm Weisszeug zu verschneiden; aber aus mutterlicher Sorgfalt machte sie es so, dass die gewohnliche Aussenseite innen kam, weil die Maschen der verkehrten Seite etwas rauhes haben. Wie freundlich lachelte Emilie auf unsere Flachsbluthe, weil sie uns durch Wamschen, welche sie schon in Zukunft, auch fur sie und mich strikken wollte, mehr Wechsel der Wasche, also auch mehr Reinlichkeit versicherte. Sie sehen, setzte er hinzu, dass wir ihn ganz kosteten den sussen Reichthum der Armuth und der Kunst Hulfsmittel bey Arbeit, und Beweggrunde der Heiterkeit in uns selbst zu finden; doch waren wir aufrichtig genug zu bekennen, dass wir ohne Arbeit und ohne Bucher, selbst bey dem erfullten Wunsche der Liebenden, die so gerne allein sind, doch sehr unglucklich seyn wurden; ja wir fanden, dass der venetianische Gesandte sehr richtig urtheilte, als er seinen Freund von einer heftigen Leidenschaft heilen wollte, das artigste Lusthaus fur ihn miethete, wo er ohne alle andre Gesellschaft als seine Geliebte, ohne Bucher und Beschaftigung nicht Tage leben sollte; die zwey zartlichen Mussigganger, anfangs uber den Vorschlag entzuckt, sehr glucklich abreissten, aber ehe die Woche um war, sich unertraglich fanden, und in den Wirbel der Welt zuruck eilten. Unsere Bedurfnisse erweckten die Fahigkeiten des Erfindens, dieses und die Bereicherung unseres Geistes wurden alles fur uns: wie gross und schon war daruber ein Gedanke meiner Emilie, als sie einst auf der Grasbank in meiner Ruhestunde neben mir sitzend sagte:
Lieber Carl! wir sind hier wirklich in den Armen der reinen einfachen Natur, von niemand gesehen, als von unserm Urheber. Wir wollen die physischen Wunder und Guter seiner Erde ganz kennen lernen, und ihm in unsern Herzen das schonste und beste zeigen, was die moralische Welt fur sein gottliches Auge haben kann.
Gewiss sagt meine theure schatzbare Verwandtin, dass dieser Abend mir unendlich werth seyn musste, gewiss wurde sie gerne Antheil daran genommen haben; denn die Unterhaltung bey unserem angenehmen, aber massigen Nachtessen, war wie sanfter Nachhall einer schonen deutlichen Stimme, welche beym Niedergange der Sonne, in einem einsamen aber reitzenden Thale, bey Felsen, oder einem verlassenen Gebaude, das Echo ruft, und sich bey ihm theurer abwesender Freunde erinnert; denn der Geist und die Tugend der Wattines ruften mir Gesprache und Gesinnungen meiner liebsten Freunde in Teutschland zuruck, welche auch bey dem kleinen landlichen Mahle, welches Ihre erst so beschrankten Einkunfte Ihnen vorschrieben, statt Ueberfluss der Speisen, Reichthum und Heiterkeit der Seele mittheilten. Ein kleiner Zufall, welcher Wattines bey dem Springen uber einen Graben begegnete, und ihn einige Tage von seinen Feldern entfernt zu Hause hielt, verschaffte mir einen schnellern Fortgang seiner Geschichte, welche in Ruckerinnerungen des zweyten Winters und dritten Fruhjahrs bestanden, und mir hochst schatzbar waren; denn da ich die Insel und die Hutte kenne, in welcher die lieben Einsiedler vier Jahre hinbrachten, so musste mir der Ausruf sehr angenehm seyn, mit welchem Wattines auf meine Bitte, den vor ein paar Tagen abgebrochnen Faden der Erzahlung wieder ausfasste, da er mich fragte, wo habe ich Sie denn gelassen, mein Freund! und ich antwortete: bey dem Bilde Ihres zweiten Winters in Oneida.
O, sie waren schon, diese Wintermonate, durch den Gebrauch unsers Lebens und unserer Krafte: sie flohen schnell, die truben Tage, und innig fuhlten wir die Wiederkehr des Fruhlings; so wie ich mit erneutem Eifer auf meinen Feldern und an Verschonerung jeder Stelle arbeitete, welche Emilie vorzuglich liebte. Pflanzen, Vogel, Insecten, alles hatte einen erhohten Werth in unsern Augen, da wir ihren Bau ihren Nutzen, und menschlich zu reden, die vielfache Muhe kannten, welche der Schopfer an sie verwendet hatte. Emilie glaubte zwar schon im ersten Jahre, wir schatzten die Thiere auch, weil sie eine Art von Seele zeigten, durch Leben, Bewegen, Bau der Nester und Sorge fur ihre Jungen, uns daher in allem naher, als die Pflanzen, und eine Gesellschaft seyen, und nun machte sie beynahe mir und sich selbst Vorwurfe, dass wir unsern Carmil gewiss nicht rein als Kind, Frucht und Unterpfand des zartlichsten Bundes, sondern auch als menschliches Wesen ausser uns und als einen Gesellschafter liebten, der unser Herz neu beschaftige, und uns neue Empfindungen gab. Ich musste sie daruber beruhigen, denn sie glaubte sich beynahe des Kindes unwurdig zu seyn. Meine fur den Knaben verdoppelte Liebe allein, gab ihr wieder Zufriedenheit. Die angenehmste Zerstreuung aber traf ich fur Emilie, in Buffons Berechnung der wahrscheinlichen Lange des Lebens, indem wir beyde die sichere Hoffnung darin sahen, unsern Sohn aufwachsen zu sehen, und noch so viele Jahre ungetrennt zu leben, also gewiss wieder Europaer zu sehen. Unsere arme Nahrung wurde uns nun doppelt lieb, weil sie durch ihre Simplicitat, die Reinheit unserer Safte und unsers Blutes versicherte, welche so viel zu einem verlangerten Leben beytragen; also Carmil auch Krafte und mehrere Jahre zu erwarten habe, weil die Milch seiner Mutter, ihm diese Grundlage schenkte.
Ich hatte meine im Freien gezognen Blumen bedeckt, andre ausgehoben und in der Hutte uberwintert, war auch so glucklich, keine zu verlieren, und verwendete jede Stunde der ersten schonen Fruhlingstage zu Ausfuhrung eines im Winter fur mich gemachten Plans, einen schonen lichten Theil unsers Waldchens mit den besten Blumen zu schmucken, einen dreiekkigten Altar von Muscheln, mit Emiliens Namen zu errichten, und zu sorgen, dass alles auf Carmils Geburtstag in voller Ordnung und Flor seyn moge. Ich trug Erde zu der kleinen mit Blumen bepflanzten Erhohung, an deren Fuss ich den Altar zwischen schonen ihn zur Halfte beschattenden Stranchen stellen wollte; ich rettete funf Baume aus, weil sie der Ordnung im Wege standen, welche ich zu der Form meines Naturtempels nothig hatte, Emilie sollte vor dem bestimmten Tage nichts wissen, nichts sehen. Den noch im verstossnen Jahre geordneten und verzierten Pfad langst dem See, und die Sitze bey den Pappeln, und der schone Grassteppich, mit welchem ich unsern Abreise- und Landungsplatz bedeckte, kannte sie, und waren ihr als Denkmahler ihrer mutterlichen Liebe sehr angenehm; aber der doppelte Weg zu meiner neuen Anlage blieb ihr verborgen, weil sie glucklicher Weise wahrend meiner Arbeit sehr mit Carmil beschaftigt wurde, indem dieser Zahne bekam, und daneben gehen lernte. In der Halfte des Junys konnte er schon Papa und Mama stammeln, woruber wir eine doppelt susse Freude genossen. Ich hatte doch auch das Feld fur Buchweizen besorgt, und da ich wusste, dass Abanderung der Saamen, die nehmlichen Aecker in gutem Ertrage erhalt, so hatte ich die Stelle, welche erst Kohl trug, fur unsern Mais umgegraben und besorgt, die Sonnenblumen ruckten naher zum Endtenfang, die Erdtoffeln zu unserer Hutte, und auf die warmsten Stellen gegen Mittag kam etwas Tobak, weil Emilie die Bluthen davon so gerne sieht, auch begierig war die Saamenkorner zu zahlen, mich aber auch wirklich plagte, einen Versuch zu Verfertigung einer kleinen Wage zu machen, damit sie sehen konne, ob es ganz wahr sey, dass 1012 Tobak-Saamen-Korner, nur ein Gerstenkorn schwer seyen; ich wunschte mir den Geruch der Blatter zuruck, und war fleissig bey dem kleinen Felde. Unsere reiche Huhnerzucht machte u n s glucklich, und der gute Wach sthum unserer Jerseyer Fuchstrauben beynahe noch mehr; indem Emilie die noch zarten Ranken in kleine Stucken schnitt und mit den grunen Beeren in dem von Honigwein verfertigten Essig verkochte, wodurch dieser mehr Scharfe bekam, welches fur uns einen unendlichen Werth hatte, weil unser Salzvorrath sehr geschont werden musste. Wir und der gute Quaker hatten auf die jahrliche Ankunft der Fischer gerechnet, welche uns frischen Proviant und also auch neues Salz mitbringen sollten, aber da sie auch das zweyte Jahr wegzubleiben schienen, dankten wir dem Himmel, den auf einen Knecht oder Magd gerechneten Scheffel oder 80 Pfund, nebst mehr als 40 Pfund der fur uns gezahlten 2. Scheffel erubrigt zu haben; denn die kleine Probe, aus Holz- und wilder Sauerampfer-Asche, durch Ablangen eine Art Salz zu ziehen, misslang schon an sich selbst, auch fand Emilie den Geschmack davon unangenehm. Sie wissen, dass unser franzosisches Brod ganz suss ist, unser schottisches war es auch. Unsern Carmil wollten wir gar nicht mit dem Salze bekannt machen, sondern ihn wie unsere ersten Landsleute, die alten Gallier, und wie Plinius von den ersten drey Jahrhunderten der Romer erzahlt, mit Brei von unsern Feldfruchten ernahren, wozu Emilie etwas Honig mischte.
So lebten wir in immer regem Fleisse vergnugt unsre Tage hin, bis ein Zufall durch die Hand meines mich verfolgenden Verhangnisses, aufs neue etwas Wermuth in die Schaale meiner sussesten Hoffnung goss Die zweyte Halfte des May's war ausserst schon, alles stand in herrlichem Wuchse, Carmil war gesund, stark, bluhend, wie unsere jungen Baume, lief auch im Juny schon mir mit seiner angebeteten Mutter entgegen, aber den Tag, an welchem ich ihn zu dem Altare seiner Mutter tragen, und wie in dem Tempel der Tugend segnen und einweihen wollte, in der Stunde wo ich hin ging, meine heimlich gezognen und gepfluckten Blumen um den Altar und die Baume zu streuen, einen schon geflochtnen Kranz auf ihn zu legen, welchen ich mit Emilien vereint unserm Lieblinge aussetzen, und ihn mit einem zahm gemachten Vogel, in einem mit hundert kleinen Blumchen umgebnen feinen Drathkasich beschenken wollte, in dieser Zeit, wo mein Herz voll Wonne alles dieses veranstaltete, hatte ihn seine Mutter zu den Urnen, zu dem Andenken alles unsers Jammers getragen, hatte mir nichts von diesem Vorhaben gesagt. Ich kam hupfend zur Hutte, um sie und unsern Sohn zu holen, fand sie nicht, rufte und suchte sie vergebens bey dem Belvedere, als mir die unseligen Urnen in das Gedachtniss kamen. Ich wollte sie nicht storen, aber alle meine Freude war dahin, und die Empfindungen, welche Emilie bey den Denkmahlern der gemordeten Verwandten sammelte, machten auch sie der Freude unfahig. Ich ging lange Zeit traurig halb ausser mir, von Emiliens Bank zu der Hutte, und von der Hutte zu der Bank hin und wieder, immer mich umsehend, endlich kam sie langsam, ihren Kopf auf Carmil gebogen, zwischen den Baumen hervor, blickte eifrig um sich her, und als sie mich an ihrer Bank stehen sah, verdoppelte sie ihre Schritte, staunte aber etwas zuruck, als sie mich, wie auf den Boden angewurzelt fand. Ich, der sonst ihr entgegen eilte, mit meinen Blicken schon sie umarmte, stand mit zu der Erde geheftetem Auge da, und erhob nur eine Hand matt gegen sie, die ihre roth geweinten Augen in einer Beugung gegen das Kind verbergen wollte.
Der Kleine rief: Papa, und reichte mit seinen Aermchen nach mir hin: diess losste mein Starren, und zugleich meine Thranen, ich eilte nach meinem Sohne, fasste ihn, druckte ihn hastig an meine Brust. Emilie sah mit dem hochsten Schmerz auf mich, hieng sich an meinen Arm, und schluchzend sagte sie:
Carl! o Carl! was ist in deiner Seele? und diess auf den Geburtstag unsers Carmils, ich antwortete mit zitternder Stimme: ach Emilie! ich wollte ihn auch feiern, den lieben Tag, aber nicht mit Thranen des innersten Jammers, indem ich traurig auf sie hinblickte. O, rief sie aus, giebt es andre Thranen auf dieser Stelle?
Diese Frage schmerzte mich tief, und ich erwiederte mit gedampftem Tone: ich hoffte es, aber nun ist alles entflohn.
Emilie schwieg einige Augenblicke, sah um sich, und dann auf mich, wobey sie eine meiner Hande fasste, und angstlich sagte: Carl, eine Freude dir entflohn? durch mich? O verzeih mir! Nun war ich geruhrt und sagte: theure Emilie! ich hatte Unrecht dich zu verlassen, dir nicht gleich zu sagen: komm mit mir! nimm fur dich, nimm fur Carmil, was ich hier geben kann; aber wo soll jetzt ein Gefuhl der Freude herkommen, da du deine Seele bey den Urnen mit tiefem, bitterem Kummer erfulltest? Sie schwieg wieder einige Zeit still weinend, und sagte dann ernst, ob schon sehr sanft:
Carl! ich habe dort fur unsern Sohn gebetet, und unsere Mutter angerufen, fur ihn und uns vor Gottes Throne zu beten, und brachte ihn dann zu dir zuruck. Soll da keine Ursache zum Vergnugen seyn?
Ich furchte es Emilie! aber ich habe ein kleines Geschenk fux Carmil aufgestellt, das wollen wir holen, und schweigend ging ich mit meinem Sohne im Arme voran, gegen den kleinen Hayn.
Sie konnen nicht glauben, meine Freunde, wie traurig mich bey diesem Theile der Erzahlung der Gedanke machte, dass selbst unter den besten edelsten Menschen, bey sehr geringen Anlassen Missverstandnisse erscheinen, welche die schonsten Tage verderben. Wattines fuhr fort: Sie wissen, dass man bey Emiliens Ruhebank vorbey, den gebognen Weg zwischen den Gestrauchen nach Elysium gehen muss, wie wir von dem Tage an diesen kleinen Theil des Waldes genannt haben. Emilie folgte mir nachdenkend mit langsamen Schritten: ich hielt auch ein mit meinem raschen Gange, kehrte mich am Ende des Ganges gegen Emilie, stellte Carmil auf die Erde und sagte, geh, und hole Mama. Sie staunte auf die mit einem Blumengewinde zu einem Bogen verbundenen Aeste von zwey prachtigen Accarien hin, sah dann mit Blicken voll Liebe und Thranen nach mir, unsern Sohn an der linken Hand haltend, und mit der rechten nach mir hinreichend, sagte sie mit dem zartlichsten Tone: Carl! mein Carl! hole du mich.
Ich umfasste sie, und sagte ausserst geruhrt: komm meine Emilie! komm! mit Liebe und Zufriedenheit, zu einem Platze, welchen dein Name zu meinem Elysium machte; und so leitete ich sie unter dem schattenden Bogen zu dem Anblicke des Ganzen, woran mein Herz von den ersten Fruhlingstagen her gearbeitet hatte. Emilie schien entzuckt, ich setzte unsern Carmil auf dem Altar, und stellte den Kasich mit dem abgerichteten Vogel neben ihn, welcher alles, was man ihm darreichte, mit artigem Flattern, aus den Fingern wegpickte. Carmil jauchte laut, seine Mutter fiel auf ihre Knie und sagte, ihre Hande an dem Altare erhebend: o G o t t ! S e g n e d e n V a t e r m e i n e s S o h n e s ! ich bog mich zu ihr, um sie aufzuheben, indem ich hinzu setzte: j a E w i g e r ! S e g n e s e i n e M u t t e r u n d i h n ! Emilie stand auf, ich umfasste sie und unserm Carmil an ihrem Altare. Wir kussten und segneten vereint unsern geliebten Erstling, und von dort an war ich immer glucklich, denn nun entstand kein Missverstandniss mehr, weil wir beyde bey ruhigem Denken gerecht und edel erkannten, dass unser Ungluck, unsere Einsamkeit, und der innere in uns nagende Kummer, die angeborne und durch sanfte Erziehung genahrte Fuhlbarkeit zu reitzbar gemacht habe, und wir uns vorsetzten dagegen zu arbeiten, um nicht das Schmerzbare unsers Schicksals, durch uns selbst zu vergrossern. Emilie machte nicht nur weniger Wallfarthen zu den Urnen, sondern besuchte mit Carmil und mir vereint den Blumenhayn, welchen ich immer in moglichster Schonheit zu erhalten suchte. Emilie ausserte einst den tief traurigen Gedanken, wir hatten recht, diesen reitzenden Theil unserer Insel Elysium zu nennen, indem wir ja, wie in dem Schattenreiche der Griechen lebten, well uns hier nichts als Erinnerungen umgeben, welche in Wahrheit nichts als Schattenbilder der voruber gegangenen wirklichen Begebenheiten seyen.
Ich fasste diesen artigen, aber im Grunde sehr dustern Gedanken heiter und zartlich auf, indem ich ihr umarmend sagte: Emilie! jeder Augenblick deines Lebens auf der Insel, widerlegt, was du vorstelltest; denn ausubende Tugend ist gewiss in den Augen des Himmels kein Schattenbild, sondern hat ewigen Werth. Diese Antwort kam meiner guten Emilie unerwartet, denn sie schien etwas erstaunt, sagte aber, meine Hand fassend: O, mein Carl! wie viel mehr kann ich dieses von dir, deinen Sorgen und Arbeiten fur Weib und Kind sagen.
Der Tag war sanft bewolkt, und die Luft ruhig, also auch diese Stunden von der Natur selbst zum Nachdenken geschickter, als der hell glanzende Sonnenschein, und ich leitete unsere Betrachtungen ausser uns, da ich den Vergleich zwischen unserm einsamen Leben auf dieser Insel und den mehreren tausend Menschen machte, welche in Bergwerken arbeiten, von denen viele niemals, andre wenige sehr selten an das Tageslicht kommen, also die sussen Gefuhle nie kennen lernten, nie genossen, die schonen mit Baumen, Blumen, Thieren aller Art, mit Fruchten, Wasser und Krautern geschmuckte Erde zu sehen, welches alles uns so reichlich zu Theil wurde. Wir wollen also, theure Emilie! immer wie du, geduldig ergeben, das in Erwagung ziehen, was Gott unsern glucklichen Jugendjahren, durch Unterricht und Erziehung schenkte, und den Reichthum schatzen, welchen er an Gefuhlen fur Tugend Gute und Schonheit der Natur in unsere Seele legte. Emilie nahm diese Ideen mit Vergnugen auf, und setzte hinzu, dass sie schon oft fur uns selbst, und alle andre Menschen, dem Himmel in ihrer Seele, fur die wohlthatige M a c h t d e r G e w o h n h e i t dankte, welche wie ein hochst gutiges Wesen unvermerkt fur das Gluck unsers Lebens sorgte, jede beschwerliche Beschaftigung erleichtre, das erst Unangenehme und Widrige nach und nach gefallig mache, wie uns schottisches Brod und gerosteter Maisbrei, durch die sanfte allmahlige Wirksamkeit des Angewohnens, wohlschmeckende Nahrung wurde. Sie erinnerte sich auch von ihrer vortrefflichen Mutter, in einem aus dem Englischen ubersetzten Aufsatz gelernt zu haben, dass die Gewohnheit Gutes zu denken und Gutes zu thun, unserm Geiste schon in diesem Leben, die Gefuhle der Seligkeit bekannt mache, welche den Tugendhaften in der bessern Welt der vollkommnen Weisheit und des vollkommnen Glucks erwarten.
Denken Sie sich, mein Freund! sagte er, die edle, bluhende, erst 22 Jahre alte Emilie, wie sie bey den letzten Worten eine meiner Hande fasste, an ihre Brust druckte, und mit ihrer seelenvollen Stimme sagte:
O wie glucklich ist es, in unserer Einsamkeit, mein Carl! nichts kann uns hindern, diese seligen Gefuhle zu geniessen, und jede Tugend unsers Berufs zu erfullen; die lebhafte Erinnerung alles dessen, woran unser Auge gewohnt war, als Blumen und Verzierung der Garten zu sehen, hat uns alle Sorge eingeflosst, so viel moglich diese Anmuth um uns zu verbreiten. Dein mathematischer Geist, welcher an Ordnung gewohnt alles nett auszuarbeiten, giebt unsern Kornund Gemus-Feldern das Ansehen der schonsten Gartenbeete. Gewohnheit reichte mir die Hand, einsame Wege ruhig zu durchwandeln, minderte meine Furcht, ohne Nachtlampe zu schlafen, und macht die selige Uebung, alle Tage etwas Nutzliches zu lesen und meine Kenntnisse zu vermehren, zum Bedurfniss meines Lebens und zum Gefuhl des grossten Glucks der Erde.
Nun kam Emilie zu uns, und ich sagte zu Wattines: Dank! Edler, wahrhaft glucklicher Freund! fur das so schon ausgemalte Bild verdienstvoller Tage, und er erwiederte auf seine Frau deutend:
Emilie, Emilie allein, war die Triebfeder des Besten von allem was geschah. Sie horte dieses und fragte, wovon die Rede sey? Wattines machte einen kurzen Auszug von dem, was er mir erzahlte, sie lachelte und sagte: nun bleibt mir fur Ihren nachsten Besuch beynahe nichts zu thun ubrig, als die Probestucke unserer Kunstarbeiten und Erfindungen vorzulegen: mit dieser mir so angenehmen Aussicht auf einen der folgenden Tage, ging ich nach Hause und schrieb einige, Ihnen meine Freunde, und mir selbst versprochene, Blatter.
Drittes Bandchen
Ich glaube fest, dass selbst Philosophen, ja auch Frauenzimmer, eben so begierig gewesen seyn wurden, wie ich es war, die neuere Fortsetzung der EinsiedlerGeschichte unserer Wattines durch Emilie zu horen. Mich dunkt, dass diese Erzahlung dadurch das Ansehen einer denkwurdigen Medaille bekommt, welche bey einer besondern Gelegenheit gepragt wurde. Der innere Gehalt ist durchaus von gleichem Werthe, aber beyde Seiten wurden auf verschiedene Art, in Beziehung auf die Geschichte bezeichnet.
Wattines Arbeiter fragte mich den zweyten Abend, wann ich wieder zu seinem Herrn zu kommen gedachte? es fiel mir etwas auf, aber ich vermuthete, dass Wattines, welcher nun ganz hergestellt war, eine Feldarbeit vorhabe, warum er es wissen wollte: der Mann sagte auch, des Nachmittags erwarteten sie mich bald, das war mir lieb, weil Scriba, bey welchem ich speiste, gerne fruh vom Tisch aufstand. Ich machte mich also zu meinen Wattines, fand ihn in einer ungewohnlichen Jacke an seinem Tische sitzend, einen Band der schonen Ausgabe des Buffons vor sich, Emilie aber eifrig beschaftigt, an etwas vor ihr hangendes zu arbeiten.
Die Loghouses sind nicht helle genug, dass jemand, welcher von der freien Luft eintritt, sogleich alles unterscheiden kann. So sah ich nach einigen Minuten erst, dass Wattines strickte, Emilie ein halb graues Wamschen trug, und Antonette in dem kleinen Schifchen lag, in welchem Carmil nach der Insel gebracht wurde, und es zu seiner Schlafstatte hatte. Beyde lachelten uber mein staunendes Kucken; Wattines sprach zuerst, und sagte: kommen Sie, Freund! und sehen eine kleine Wiederholung eines unserer auf der Insel verlebten Tage: als Carmil nicht grosser wie Antonette war, Emilie fur mich webte, und ich bald etwas vorlas, bald fleissig strickte.
Ich kannte die einsame Hutte, in welcher sie wohnten, Wattines hatte mir die Platze gezeigt, welche sie da einnahmen, nun waren sie mit ihrer damaligen Beschaftigung und Kleidung, selbst mit dem Stucke Leder um ihre Fusse, auch in einer Holzhutte lebend vor mir. Dieser Austritt, welcher fur das feine, leicht stromende franzosische Blut nichts als eine Theaterscene zu seyn schien, bewegte und durchdrang mein teutsches Herz auf das innerste. Trauer und Hochachtung erfullten meine Seele, sie bemerkten es beyde dankbar, und es schien ihnen leid, ihre Rolle zu gut gespielt zu haben. Ich dachte mitten in dem Schauer, mit welchem ich ihr Leben von diesem Zeitpunkte durchblickte, und ihre Vorstellung so ruhrend fand:
Ach sie sind wie der Schauspieler der Alten, welcher bey einer Trauerscene, den Aschenkrug seines einzigen Sohnes umfasste, also den Jammer eines Vaters so eindringend spielen konnte, wie diese guten Menschen die Erinnerungen ihrer Kummertage. Nachdem sagte ich, naher zu ihnen tretend: Sie haben mich, meine wurdigen Freunde mit einer fur Sie ehrenvollen, und fur mich ausserst wehmuthigen Scene uberrascht, von welcher ich den Eindruck niemals vergessen werde. Gott erfulle die Wunsche, welche mein Herz fur Sie macht. Wattines stand auf und umarmte mich, indem er sagte: dass er des Wohlwollens meines Herzens fur sich und die Seinigen ganz versichert sey. Emilie setzte mit sehr sanftem Tone, sich anmuthsvoll gegen mich beugend, hinzu:
Unser Herz ist gewiss auch dankbar dafur. Nun schwiegen wir alle einige Zeit, Emilie arbeitete fort und rief mir dann zu: Wollen Sie nicht meine Weberei naher sehen?
Ich betrachtete sie nun aufmerksam, und sah zu, bis wirklich eines Fingersbreit fertig war. Wattines nahm munter sein Strickzeug, indem er sagte: ich will auch meine Kunst zeigen. Nun sprach aber Emilie, als er wegging, um noch seinen Arbeitern nachzusehen, und ich meine Hochachtung fur ihren muhvollen Fleiss bezeigte: die mechanischen Kunste, welche das Bedurfniss in unserer Einsamkeit uns lehrte, gingen langsam und mit wankenden Schritten voran, es war ganz anders mit den Saamen, welchen wir der Erde anvertrauten, denn diese folgte nach ewigen Gesetzen, der Bestimmung ihrer Wirksamkeit. Thau, Sonnenblicke und Regen, finden in der Erde weniger Hindernisse, als die Versuche der Handarbeit fur den ungeubten Menschen. Wir hatten nur Erinnerungen, wie Traumende, keine Modelle, keine Werkzeuge, keine Helfer die Rath gaben, unsre Anstrengungen zu erleichtern, oder uns durch Beyfall zu belohnen. Wattines sagte einmal: er sey wirklich unter der Hand des Schicksals, in der Lage der russischen Soldaten, welche man auf den Marsch zu allen Arbeiten commandirt; ein Rad des Wagens geht entzwei, da giebt der Officier dem nachsten Manne den Befehl: schaffe ein neues Rad! i c h k a n n d a s n i c h t , sagt der arme Mann, das sollen Schlage dich lehren, ist die Antwort: nun fangt der Mensch zitternd und ungewiss die Arbeit an, denkt dabey nach, und so entwickelt sich sehr oft ein ausserst nutzliches Talent unter dem Zwange der Furcht vor Schmerzen, wie bey mir, unter den Gesetzen des Mangels. Ehe ich etwas daruber sagen konnte, fasste Emilie den von den Indianerinnen von Maisblattern geflochtenen Korb, und fragte: ob ich da nicht in dem Verschlingen der Blatter viel dichtere und nettere Arbeit bemerkte, als sie bey ihrem Gewebe hervorbrachte? Ich erwiederte: wie viele Jahre mogen die Sqwas schon daran gelernt haben; aber wie viele Tugenden haben Sie auf Ihrer Insel geubt!
Mit Wurde und Ernst antwortete sie: ach Gott war unsere einzige Hoffnung und Stutze. Die Lehre von seiner Allgegenwart, seiner Allwissenheit, wirkten auf unsere moralischen Gefuhle, welche um so schneller zu einer mehr als gewohnlichen Hohe kamen, weil wir mehr und inniger, als andre Menschen uberzeugt waren, dass wir das Wohlwollen des hochsten moralischen Wesens, nur durch moralisches Betragen erhalten konnten. Religiose oder politische Heuchelei, durch welche man sich selbst und andre durch ausserlichen Schein verblendet, half auf unserer Insel zu nichts, alles musste wahr seyn, wie die Natur um uns und Gott uber uns. Und gewiss, Wattines und ich waren von ganzer aufrichtiger Seele, was wir seyn sollten.
Nun schwieg sie, nach einem nur der allerkurzesten Blicke, wenn ich so sprechen kann, gen Himmel, und dem eben so schnellen Niedersenken ihres Auges zur Erde, einige Minuten stille, wahrend welchen sie ihre Weberei aufwickelte, das Strickzeug des Wattines ordnete, beydes in den Oneida-Korb legte, in der Kammer verwahrte, und in der gewohnlichen Kleidung wiederkam, heiter und sehr gefallig sagte:
Ein Gang in den Garten wird Sie nicht ermuden, und es ist nicht zu kuhl, den Rest des Tagebuches zu fullen. Ich war es zufrieden, und sie sagte mit schonem dankbarem Ausdruck der Stimme und Mienen: der Sommer war sehr schon, bis lange nach der Reise unserer Erndte, welche sehr reich war, da lasen wir am Ufer des See's die Naturgeschichte des Schwans und anderer Wasservogel. Hier fiel ich ein, da hatten Sie auch die von den Alcyonen lesen sollen, welche im hochsten Sturme ihre Schwungkraft nicht verlieren, wie Wattines und seine Gemahlin mitten im grossten Unglucke, sich in Geist und Character uber alles erhoben. Die holde edle Frau staunte, lachelte, errothend und mit dankbarer Verbeugung gegen mich, sagte sie ausserst bewegt:
Nein, die so schon angezeigte Geschichte lasen wir nicht, aber die von Fischen und Muscheln, wodurch unser Herz eine desto grossere Verehrung fur den Schopfer fuhlte, Ach oft, wenn wir die Anstalten bewunderten, welche er, selbst fur die Erhaltung der Wurmer und Insecten gemacht hatte, gaben wir uns die Hand, blickten auf unsern, in seiner Grube, mit Steinen, Gras, Kafern und Muscheln spielenden Carmil, und sagten: O, der fur die Kafer und Wurmer sorgte, wird unser Kind nicht vergessen.
Ich frug, was sie unter Carmils Grube verstehe, und horte, dieses Hulfsmittel bey Kindern habe sie in dem kleinen Dorfe der Oneidas gesehen, welche um junge Kinder, die noch nicht fest gehen konnen, vor dem Fallen und andern Beschadigungen zu bewahren, an der Seite ihrer Hutte, oder wo die Mutter arbeiten wollten, eine runde Grube machten, welche dem Kinde bis unter die Arme reichte, innen legten sie Gras, ringsum Steine, Holzastchen, eine grosse Muschel mit Essen, womit sich die Kinder auf allen Seiten im Spielen unterhalten, bis die Mutter wieder fur sie sorgen konnen. Die holde Frau fuhrte mich zugleich auf ihren Lieblingsplatz im Garten, wo sie mir eine solche Grube zeigte, welche fur Antonette bestimmt war, wenn die Mutter im Freien arbeiten wollte, und Emilie beschaftigt sich viel mit der Nadel, seitdem sie auf dem festen Lande die kleine Colonisten-Familie haben, welche jede grobe Haus- und Kuchengeschafte besorgt, wie Wattines durch den Mann bey seiner Feldarbeit einen furtrefflichen Gehulfen hat, welcher wie seine Frau und Tochter, es fur Pflicht der Liebe gegen ihre gute Herrschaft, und auch als Ehre ansehen, eben so fleissig und eben so geschickt zu arbeiten als sie selbst. Manche der andern Colonisten nehmen einen Umweg nach ihren Feldern, um bey Wattines Anlagen vorbey zu kommen, und ihn arbeiten zu sehen. Sie staunen dann uber seine Aemsigkeit, und schatzen ihn aufrichtig.
Ja, da sie seine Herkunft, und sein Ungluck kennen, so hat der vortreffliche Anbau der Insel, und diess, was sie auf seinen Feldern, in seinem Hause und Garten beobachten, ihren Begriffen von Vorzugen des Adels, die schonste Wendung gegeben; indem sie nun uberzeugt sind, dass Wattines Gewandheit, und der Geist der Verschonerung, welcher alles was er beruhrt, auszeichnet, ganz eigentlich dem gebornen Adel gegeben sey. Einige der Colonisten freuen sich, dass er nun auch Feldarbeit versuchen musste, aber die besten von ihnen bedauren und bewundern ihn. Ich sagte es den Wattines, es freute beyde, und Emilie sagte errothend und vor sich hin lachelnd: also keimte die in unserm Vaterlande ausgerottete Idee der Classe des Adels, in den Wusten von Onotaga, in den Gemuthern der neuen Bewohner wieder in die Hohe.
Nun fiel ich mit der Bemerkung ein: dass der Adel der Seele niemals seine Wirkung verliere. Indessen bin ich von Carmils Grube hinweg gekommen, wo ich doch so etwas artiges von Emilien horte, indem sie bey meinem Lobe dieser einfachen mutterlichen Erfindung sagte: sie hatte diesen Gruben noch etwas zu danken, denn als Wattines unsers Carmils Freude und Begierde nach Kafern und Papilions bemerkte, behauptete er, es sey Trieb der Geselligkeit, etwas sich ihm naherndes, wie er sich bewegendes um sich zu haben, und fieng an, Kafer um ihn zu sammeln. Hier machte mich aber Mutterliebe und Muttersorge ein Vorurtheil uberwinden. Da ich diese Insecten nie liebte, aber meinen Carmil seine Freude nicht nehmen wellte, las ich mit Eifer die Naturgeschichte dieser Geschopfe, um zu wissen, ob etwas fur Carmil zu besorgen seyn konnte, und fand dadurch eine neue Quelle von Kenntniss und Freude fur mich selbst.
Ich sagte ihr nun auch von der Freude, welche die edelmuthige Gute ihres Gemahls, durch seinen Unterricht, in der Seele meines guten Zimmermanns und in meinem Herzen verbreitete. Sie versicherte mich, mit dem schonen Tone des edlen Stolzes, in welchem eine rechtschafne Frau von dem Geiste und Verdiensten ihres Gatten spricht: dass ihr wirklich grossmuthig gesinnter Wattines sich glucklich fuhle, Gutes zu thun, und ein so lange Jahre ruhendes Talent wieder zu uben; denn der Mangel des Papiers auf der Insel und das Entbehren des Vergnugens der Zeichenkunst, hatte ihn lange und tief geschmerzt. Ich bemerkte es, sagte sie mit Seufzen, an der Miene seines so sanft mannlichen Gesichts, wenn er manchmal auf der Insel Gebaude, Festungswerke oder Gartenanlagen mit einem Stock in den Sand zeichnete, sie still denkend eine Zeitlang ansah, dann mit Lebhaftigkeit wieder ausloschte. Wenn ich daruber jammerte, machte er den Boden wieder glatt, und stellte etwas anderes vor. Ich will ihm sagen, er soll Ihnen die Arbeiten seiner Reissfeder zeigen, welche er machte, seitdem er wieder das Vergnugen genoss, etwas Papier zu besitzen. Ach, Papier war auch das erste, wornach er sich in dem Magazine der Colonie umsah, das erste, was er mit eben dem Eifer suchte, mit eben dem kleinen Zittern der Freude in der Hand hielt, wie ich Leinewand und Nahzwirn zu Hemden fur meine Kinder; aber, setzte sie hinzu, ich muss Ihnen bey dieser Gelegenheit auch von einer edlen Feinheit der Empfindung meines Wattines erzahlen, welche mich ausserst ruhrte: niemals zeichnete er in unsern Sandgrund bey der Hutte, Gegenden oder Gebaude, welche mir bekannt waren; nur Erinnerungen von Phantasten, von italienischen Gebauden, schroffen Felsen, oder einen Gegenstand, wozu das Lesen einer Poesie oder deutlichen Beschreibung den Anlass gab. Diese Bilder in dem Sande waren oft angenehmer Zeitvertreib in Sommerabenden, so wie er einmal den muntern Gedanken fasste, einige Minuten ehe die niedergehende Sonne eine Seite des Ufers beleuchtete, mir die die Stellung einer Bildsaule der Flora mit einem Blumenkranze in der Hand zu geben, und dann meinen Schatten abzeichnete, indem er sagte: diese Statue der Flora sey auch uber Lebensgrosse, wie jetzo mein Schatten mich uber die naturliche Hohe zeigte. O wie oft, in wie vielen Stellungen, mit und ohne unsere Kinder, zeichnete der gute liebe Wattines mich auf diese Art! Einst sagte er, a c h E m i l i e , wenn ich so glucklich gewesen ware, wie der auf eine unbewohnte Insel verbannte Grieche, hier einen weissen Marmorbruch zu finden, ich weiss, die Liebe hatte auch mich zum Bildhauer gemacht. Lachelnd fuhr sie fort: wenn Sie einmal unsere Insel ganz nahe an dem Ufer des See's umgehen wollen, so finden Sie noch ein Denkmahl der Kunst, der Liebe, und wie Sie oft sagten, von der lebhaften, leicht beflugelten Einbildungskraft des franzosischen Ritters an dem See Oneida, von dem letzten Jahre unsers einsamen Aufenthalts. Hinter dem obern Busche, unweit unserer Hutte, gegen den Endtenfang, hatte Wattines die Erde aus dem kleinen Keller, welchen er den zweyten Fruhling grub, gegen den Abhang aufgeschuttet: die immer wirkende Natur, entwickelte in dieser an frische Luft und Sonne gebrachten Erde, die in ihrem Schooss versteckten Grassund Pflanzenkeime, oder die Winde trugen sie in Menge herbey; denn im folgenden Jahre war dieser Abhang ganz grun bedeckt. Wattines legte nahe an dem Ufer, wo vieler Sand angeschwemmt war, eine Art Vestungsban, mit einem kleinen Graben an, welches ich fur lebhaftes Andenken alter Studien und Beschaftigungen ansah; denn der liebe Mann sagte, er wolle mir einen Begriff von dieser Art Arbeit geben. Nun hatte er schon weiter oben eine Bank angelegt, von welcher ich ihn graben, Linien ziehen und alles ordnen sehen konnte. Einen Nachmittag als Wattines schwimmen wollte, ging ich mit Carmil dahin, welcher in dem von seinem Vater fur ihn gezognen Laufgraben wohl besorgt war, hin- und hergehen, und dem Schwimmen des Vaters zusehen konnte, welcher auch mit ihm spielte, bald sich naherte, ihn mit Wasser bespritzte, und dann sich wieder entfernte. Ich hatte erst gearbeitet, dann ein paar Bouquette von Wiesenblumen zusammen gebunden, welche ich Carmil gab, um sie Wattines zuzuwerfen, gegen Abend legte ich meine Arbeit zusammen, rollte sie mit Wattines Weste zu einem Pack, legte mich auf die Bank, und stutzte mit einem Arme mich auf das Paquet, ihm noch ruhig zuzusehen; als er mit der neigenden Sonne gegen das Ufer und die Bank zuruckkam, bat er mich diese Stellung zu behalten. Ich lachte, wollte wissen warum? und stand auf, Carmil zu holen.
O Emilie! diese Stellung muss ich nach dem Umrisse deines Schattens in den Rasen eingraben, morgen kommen wir wieder her, und da werde ich mit vielem Vergnugen diese Idee ausarbeiten. Es war mir unmoglich zu errathen, was er damit sagen wollte, aber den zweyten Tag musste ich seinen Bitten nachgeben, und mit Carmil um die nehmliche Stunde hin, mich wieder auf eine Rolle legen, und als mein Schatten sich auf dem grunen Hintergrunde ganz deutlich zeigte, raufte er mit dem grossten Eifer das Gras aus dem innern Umrisse, an dem kleinen uber die Bank erhabenen Hugel, und anderte mehrere Tage so lange daran, bis es wirklich in einer gewissen Ferne das Ansehen hatte, als als ob eine weibliche Gestalt langst der Anhohe auf der Bank liege. Diese Phantasie dunkte mich ausserst neu, Wattines sagte aber, dass es eine Erinnerung von seiner Reise durch England sey, wo er bey einem Dorfe, die Colossalgestalt eines Pferdes auf diese Art an der Seite einer schonen Anhohe eingegraben sah, und horte, dass es alle Jahre ein grosse Fest fur die jungen Bauersleute sey, den Umriss des Pferdes von dem Grase zu reinigen, damit es ja recht weit gesehen werden konnte, welches bey dem kalkartigen Boden sehr leicht seye. Er hatte diesen vortheilhaften Grund nicht gefunden, hoffte aber doch, die Dame seines Herzers sichtbar zu machen.
Nun pflanzte er einige Gestrauche naher an den Abhang, grub den Umriss tiefer, vergrosserte und rundete die ganze Gestalt, machte auch den Zusatz, sie den rechten Arm ausstrecken zu lassen, als ob sie nach einem uberhangenden Ast des Gestrauches greifen wollte; und um das Ganze weiss zu halten, damit es sicher von ferne gesehen werde, besteckte er es ganz enge mit Muscheln und weissen Kieselsteinen, machte zu den Fussen des Bildes eine Vertiefung, welche einen Wasserkrug vorstellte, wozu er die wenigen, von dem Wasser angeschwemmten Steine verwendete. Mehrere Wochen gingen hin, bis dieser Einfall das gewunschte Ziel erreichte, und ich muss bekennen, dass das Ganze wirklich bey anfangender Dammerung oder bey Mondschein, einen ausserordentlichen Eindruck machte. Wattines hoffte auch, dass kunftige Schiffer auf dem See Oneida, sich freuen wurden, die weisse Frau zu sehen, weil es klares Wetter anzeige, wenn die Ufer der Insel helle seyen, munter setzte er hinzu:
Die Gestalt meiner Emilie wird den Stoff zu kunftigen Feen- und Nymphengeschichten geben, meine Liebe fur dich, Anfang zu schonen Mahrchen und zur Bildhauerkunst der Bewohner der Grafschaft Onotaga werden, welche dann meinen Namen auch aufbehalten werden, wie die Griechen den von der Topferstochter Dibutade verewigten, welcher man die Entstehung der Zeichenkunst zuschreibt. Vielleicht erzahlen die Oneidas einmal: die da liegende weisse Frau, sey zweymal zu ihren Grossmuttern ubergeschwommen, ihre Wochen zu halten; nachdem aber verschwunden, bis man sie in einer schonen Nacht, auf einer Moosbank an dem Ende der Insel schlafen sah, wo sie aber durch das Platschern der Ruder neugieriger Schiffer geweckt, das Gestrauche herunter ziehen und sich verstecken wollte, aber aus Schrecken und Angst vor den rauhen Fischern in Stein und Muscheln verwandelt wurde.
Als ich uber diese scherzhaften Traumereien lachelte, sagte Wattines ganz ernsthaft: Meine Emilie! wenn wir zuruck gehen zu den Griechen der ersten alten Zeit, so war diese Art Vorstellung und Ideen der Anfang ihrer Dichtkunst und ihrer Geschichte. Wer weiss also, was die Imagination der kunftigen Poeten dieses Landes aus der einfachen Erzahlung der Fischerfamilien des See's Oneida, fur schone Heldengedichte machen werden, da sie schon an Halbgotter glauben, welche mit Erlaubniss des grossen Gottes, der in Suden wohnt, die Dinge dieser Welt besorgen. Sie verehren schon Sonne und Mond, halten den Donner fur die Stimme der obersten Gottheit, beten, bringen Suhnopfer. Sind sie nicht auf dem Wege, einst eine schon zusammenhangende Mythologie, einen Homer und Ossian zu haben? Vielleicht haben wir in der Hutte der Indier durch die Blumengewinde und Kranze des kleinen Madchens, die Sage von einer Flora oder Venus gestiftet. Einer der grossten griechischen Geschichtschreiber, Thueydides sagte, dass man in den Sitten der noch rohen und sogenannten barbarischen Volker den Character der ersten Griechen kennen lernte; so wie man gewiss auch in den Bildern, welche die auf ihre Macht und Grosse so stolzen Romer von andern Nationen darstellten, den Zustand und die Gesinnungen sehen konnte, in welchen sie sich selbst, bey dem Anfange ihrer beruhmten Stadt befanden.
Ich wurde, setzte Emilie hinzu, sehr aufmerksam und blickte nachsinnend auf Wattines hin, er bemerkte es und sagte lachelnd: Ja, meine Emilie! wie die Romer uns Gallier kennen lernten, betrachteten sie uns als Barbaren; denn sie hatten schon weiche BettPolster und Throne, als unsere Fursten noch auf zusammen gebundenen Heubundeln sassen; und als sie das erstemal nach Britannien kamen, trafen sie die Bewohner der glucklichen Insel, wie die Englander in den neuern Zeiten die nordamerikanischen Wilden fanden; denn Newtons und Bacons Landsleute wussten damals auch noch nichts von Ackerbau, bemahlten ihren Korper, und deckten sich im Winter mit den Fellen wilder Thiere. Bedenke nun, meine Emilie, was Gallien und Brittannien seitdem geworden sind.
Die Natur machte keinen so grossen Unterschied in der ursprunglichen Anlage, nur das Verhangniss schaft Aenderung, durch die Verschiedenheit der Umstande.
Der nackte, arme, rohe Mensch, hat alle Leidenschaften des gebildeten. Er liebt das Spiel, ist stolz unter seines gleichen, und so arm als er ist, liebt er den Putz und ist eitel.
Hier, meine Freunde! sagte ich mir, ist Urbild eines Franzosen von einem ihrer besten Landsleute aus dem Gedachtniss gemahlt. Urtheilen Sie auch von meinem Staunen, als ich zugleich darin einen Theil des Auszugs erkannte, welchen ich in meiner Brieftasche habe und mit mir fuhre, weil ich ihn aus Betrachtungen nahm, welche uber die Geschichte wilder Nationen, und das Vergleichen mit civilistrten Volkern gemacht wurden, und ausserst auf mich wirkten. Ja ich bekenne noch mehr, dass diese Betrachtung eine der grossten Triebfedern meiner Reise nach Amerika wurde.
Emilie setzte ihre Erzahlung fort, indem sie sagte: Wattines sprach mit mir auch von den Verdiensten der Wilden, dass sie bey armer Sprache beredt sind, wie ihre Liebe und ihr Hass alle Energie zeigen. Auf der Jagd der listigsten Thiere bemerkt man in ihnen eine Feinheit, eine Urtheilskraft und einen Scharfsinn, welche ein Schuler des Locke, in Aufsuchung der tiefsinnigsten Wahrheit und Wissenschaft nicht vollkommner zeigen konnte; und diese Klugheit finden sie auf dem Wege der Natur, welche ihnen oft mehr Grosse der Seele giebt, als alle unsere Schulen und Gesetze nicht geben konnen; weil diese Grosse aus den innern Gefuhlen des Herzens kommt, nicht aus buchstablichen Lehren stiesst. Denn ach! was bringt Religion und Philosophie hervor, wenn das Herz nicht damit ubereinstimmt?
Emilie musste, wahrend sie sprach, eine ungewohnliche Bewegung in meinen Zugen bemerkt haben, auch blickte sie mich fragend an. Ich sagte, indem ich mein Taschenbuch vornahm, mit einer Art Entzucken, wie ich mich glucklich fande, auf einem Puncte der Sympathie mit ihrem Gemahl zu stehen, da ahnliche Betrachtungen mich nach Amerika fuhrten, um Natur und Kunst an ihren Granzen zu vergleichen. Ich las ihr dann einen aus dem Mereure de france 1783 gemachten Auszug vor, und fragte, ob sie nicht einen Grund ubereinstimmenden Geschmacks und Ideen darin fande, weil diese Gedanken sich so tief in Ihres edlen Wattines Seele pragten, um sie ganz aus dem Gedachtnisse zu wiederholen, ihren Einfluss auf mich aber durch meine Reise nach dem See Oneida bewiesen hatten? Sie sagte mit gefalliger Miene, ja, schwieg aber gleich wieder und sah mit einem Ausdruck von Staunen und Trauer vor sich hin. Ich war nun auch stille, endlich sagte sie: Vergebung fur mein langes Schweigen! es kam zum Theil von einer Betrachtung in dem Innern meiner Seele, uber Wattines und Sie. Meine Blicke hefteten sich fragend auf ihr Auge, als sie hinzu setzte: ich sagte mir, ach, mein Carl ist hier, weil er bey der unglucklichen Revolution, die allercultivirteste Nation in Barbarey zurucksinken sah, und Sie, weil Sie das Erheben aus der Unwissenheit und Rohheit beobachten wollten. Gott sey Dank! sagte sie mit gefalteten Handen, dass ich an der aussersten Granze von beyden, in der Rindenhutte einer Indianerin die Menschenliebe fand, welche einem Kinde das Leben erhielt, dessen Grossvater in dem Wohnsitze des feinsten Geistes und der schonen Kunste, wegen dem Stande ihrer Eltern ermordet wurden.
So naturlich diese Ruckerinnerungen bey jedem Anlasse in Emiliens Seele emporstiegen, so sehr bedauerte ich den Gedanken der Sympathie mit Wattines, indem ich damit die traurigen Gefuhle in der guten Frau hervorrief; aber als Wattines selbst kam, und sie ihm von meiner zufalligen Bemerkung sagte, so bezeugte er eine Art von Freude daruber, als ob ich die Beweise einer nahen Verwandtschaft vorgelegt hatte. Vielleicht war dieses die Wirkung eines moralisch wahren Gefuhls, indem man sicher behaupten kann, dass Uebereinstimmung der Ideen eine Verbindung der Seelen andeute. Wattines wollte nun den in meiner Brieftasche verwahrten Auszug mit mir lesen, und ich musste ihm eine Abschrift versprechen. Ich bewunderte die Lebhaftigkeit mit welcher er das Lob der griechischen Mythologie auffasste und ausrief:
O wie wahr ist alles, was der Mann von dem gefalligen und einnehmenden Geiste der griechischen Einbildungskraft erzahlt, welche heute noch Dichter und Kunstler beseelt, und nach verflossenen Jahrtausenden, noch so wohlthatig fur mich war, dass ich durch sie nicht nur Tage lang meinen Kummer vergass, sondern auch durch den Geschmack der Zierlichkeit, welchen der Genius von Griechenland bis auf uns verbreitete, so glucklich war, meiner Emilie angenehme Stunden zu geben: nicht allein durch meine Anstalten in Elysium, sondern auch, weil ich kleine Blumenbeete, wie Kranze um den Fuss dieses oder jenes einsam stehenden Baumes oder artigen Busches anlegte, wo ich wusste, dass Emilie betend oder nachdenkend hinging, dann auch den eingeschlafnen Carmil hinlegte, oder nicht weit von unserer Hutte unsere Obstbaume mit Wunschen und Seegen besuchte, da ich nahe dabey einige Waldbaume von der Natur so gestellt fand, dass ich nur einiges Gestrauch zwischen ihnen wegzuraumen, die untern Aeste abzunehmen, und ein paar umschlingende Pflanzen an ihnen aufzuziehen hatte, um einen grunen Tempel der Gottheit des Hanns vor mir zu haben. Wie glucklich, sagen Sie selbst, wie hochst glucklich war es fur Emilie und mich, dass unser Herz nicht allein das Ganze der Wunder und Schonheiten der Natur mit dankbarer Verehrung ihres und unsers Schopfers liebten; dann aber auch in unserer eigenen noch bluhenden Jahrszeit des Lebens, bey den kleinen Wiesenstucken der Insel an Navaen, und bey den schon aufgewachsenen tausendfachen Blumen an der Griechen ihre Blumengottin dachten. Wir dankten dennoch unserem erkannten Gott, mit frommer Verehrung fur jedes Kornchen Mais und Gerste, fur jedes Blatt unseres Gemuses; aber die holden Phantasien der griechischen Dichter, welche zuerst landliche Arbeit und die einsame Hutte der Liebe besangen, dieser, den Griechen allein zuerst bekannt gewordene Geist, der alles mit einer gefalligen und wohlthatigen Anmuth beseelt, dieser begleitete und lenkte unsere Spatziergange und unsere Gefuhle, machte uns lacheln und an den Fruhling der Welt und die guten Kinder der Natur denken, wo Gesetze und Ordnung noch keine Stuffenfolge unter den Menschen gemacht, und den bosen niedern Neid noch nicht geweckt hatten. Ich wollte den edeln gefuhlvollen Wattines nicht an der Reihe dieser Ideen stehen lassen, sondern ihn sobald moglich ablenken, doch denken meine Freunde gewiss noch nicht, dass ich hiezu das Andenken an einen Monch und einen Pabst zu Hulfe nahm. Ich bin gewiss, meine Base lachelt, uber diese seltsame Mischung mit griechischem Genius, Haynen und Nymphen einen dustern Kloster und den Vatican. Mich dunkte, dass Wattines sich entschuldigen wollte, so vielen Werth auf mythologische Bilder und Ideen zu legen, auch vielleicht vermuthete, ich hatte von ihm lauter ernsthaft moralische Vorstellungen gefordert, weil poetische Ideen in seiner Lage zu tandelnd seyen. Alles dieses wollte ich in den guten Mann verscheuchen, und sagte ihm: dass er mache, dass ich die Fabeln und die Dichtkunst der Griechen aufs Neue segne, da dieser liebenswurdige Genius seine bittre Einsamkeit versusste; so wie er dem schatzbaren Ganganelli in seinem Kloster erschien, und ihn liebreich trostete; wie es ein kleines Gedicht anzeigte, welches er zu der Theorbe gesungen haben soll. Da ich es nur in der Uebersetzung kenne, sagte ich Wattines den mir stets interessanten Inhalt des Liedes, so gut als moglich in seiner Sprache, weil mich dunkte, Gefuhle verstehen sich leichter, als gelehrte Gedanken.
Lichtgeist! der vor Gottes Throne
Anmuth uber Engel giesst,
und durch den auf jeder Zone
eine Schonheitsquelle fliesst.
Aus dem Gitter meiner engen Zelle
seh ich oft den Wiederschein von dir,
plotzlich wird die dunkle Clause helle
und den ganzen Himmel zeigst du mir.
In des Himmels weiter Ferne
und hier auf der nahen Flur,
Folget Glanz im Abendsterne,
und dort Blumen deiner Spur.
Lieg ich einst auf jenem Todeshugel
den dein Fuss auf ewig flieht,
o! dann wehe mit dem Purpurflugel
bis auf meinem Grab ein Blumchen bluht.
Wattines fasste den Sinn dieses Liedes so richtig, dass er geruhrt wurde und sagte: edler Monch, unglucklicher Pabst! dein Herz verdiente ein besseres Schicksal; aber ware Europa noch, was es vor zehen Jahren gewesen, und ich hatte diese Anecdote in Versailles gehort, so wurde ich einen Urlaub von drey Monaten erbeten, und die Reise nach Rom gemacht haben, um diese Verse in ihrer Ursprache, mit der Theorbe begleitet, singen zu horen; denn, sagte er nach einigem Schweigen: nun liegt Ganganelli vergiftet in der Peterskirche begraben, und ich wohne hier. Der Geist seines Gedichts soll aber neben dem Bilde seines Lebens und seiner schonen Briefe in meinem Gedachtnisse bleiben.
Ich war unendlich erfreut, unserer Unterredung die
sen Ton gegeben zu haben. Wattines folgte nun seinen Geschaften, und ich ging die Erlaubniss zu benutzen, meine Fragen bey Emilien fortzusetzen, denn ich wollte ihr ganzes Leben auf der Insel kennen, zog also die Noten der Frau Vandek aus meiner Brieftasche, und ordnete meine Blatter und Fragen. Mit Verehrung muss ich sagen, dass Madame Wattines stets in gelassenem ruhigen Tone und gleichmuthig von ihrem erlittenen Jammer sprach, wahrend ich sehr oft mit Schauer an die 4 Jahre zuruck dachte, welche die vortreffliche Frau auf der oden Insel verlebte: oft auch segnete ich in dem Grunde meiner Seele, die Liebe des Schonen und zierlichen, durch welchen die schatzbaren Wattines so viel kleinen freundlichen Trost, Zerstreuung und Vergnugen fanden. Gartnerey, Poesie, Blumen, ja die Zeichenkunst, alles ist mir werther, und auf gewisse Art heilig geworden, indem ich sie alle als gute untergeordnete Wesen ansehe, welche nach der Weisung des Oberherrn unserer Schicksale, die arme Wattines stutzen, sanft erheitern, und an dem Zauberfaden angenehmer Gefuhle, von den traurigen Aussichten ihres einsamen labyrinthischen Pfads ablenken sollten.
Ich arbeite viel in Wattines Garten, wenn ich bemerke, dass Emilie mit ihren Kindern, oder mit sich selbst allein seyn mochte, wie sie auch freimuthig bekennt, dass alleinseyn ein Bedurfniss fur sie geworden sey, und dass sie Muhe hatte, sich ohngeachtet ihrer Freude, Europaer zu sehen, an die Erscheinung vieler Leute zu gewohnen. Nur fur Carmil hatte ich Sorge auf der Insel, fur Carmil liebte ich das feste Land und die Verbindung mit Menschen. Er schien so glucklich mit Kafern und andern Insecten, mit den kleinen Fischen am Ufer, denn die ruhige Schonheit und das stille Verdienst der Blumen und Pflanzen konnten fur den muntern, immer in Bewegung lebenden Knaben nicht seyn, was sein Vater und seine Mutter darin fanden. Als ich bemerkte, wie sehr ihn der Gesang der Vogel anzog, suchte ich meine Stimme wieder hervor, und Wattines machte eine Art Flote, auf welcher er nach einiger Uebung recht artige Liedchen und Tanze spielen konnte. Ja der gute Wattines machte einen Versuch, die erste Leyer nachzuahmen, wie er sie in den Kupfern der Idyllen des edlen sanftmuthvollen Gessner sah, aber es mangelte nun an Verschiedenheit des Draths, doch spannte er sieben Sayten auf, und brachte auch da fur Carmil gefallige, und fur mich durch ihre Einfachheit ausserst ruhrende Tone hervor.
Ich sagte Emilien da aus vollem durchdrungnen Herzen, o, was fur ein schatzbarer und grosser Beweiss sind Sie und Ihr Gemahl, von dem Werthe des wahren Geistes und wahrer moralischer Starke!
Ach, erwiederte sie, unser Gluck war, dass nur Abschen vor Bosheit und Niedertrachtigkeit uns von Menschen entfernt hatte, diese Gesinnung konnten wir dem Himmel zeigen, daurender Hass gegen unsere Verfolger, hatte uns keine ruhige Ergebung in unser Schicksal, keine Hoffnung auf Gottes Beystand einflossen konnen. Wahr ist es, Fleiss und Nachdenken stutzten uns auch, wir sind jetzo um so viel glucklicher in allem, ja in Wahrheit die glucklichsten aller Colonisten; denn diese haben keine vollige Abgeschiedenheit von Menschen, keinen so ganzlichen Mangel aller Hulfe empfunden, konnen also nicht sagen, wie viel ein guter Nachbar werth ist. Wattines scherzte manchmal uber die Wunsche des Alleinseyns der Liebenden, welchen alle andre Gesellschaft zu viel und zuwider ist. Wir liebten uns, aber gewiss, ohne moralische Gefuhle, ohne edle Kenntniss und ohne Arbeit, wurde unser Elend unaussprechlich gewesen seyn. O, schatzen Sie meinen Wattines fur alles was er that und ist! so viel Feuer! so sehr an grosse Welt gewohnt, und auf der Insel Taglohnerarbeit, bey armer Nahrung, dann so viese Ueberwindung und Opfer zur Stutze und Erheiterung fur mich, und doch bey jedem Anlasse so schone liebenswurdige Ideen, welche ihm bey seinen Griechen selbst ein Verdienst gegeben haben wurden. Eines Abends, da wir vom Belvedere mit unserm Knaben nach der Hutte zuruckgingen, und Wattines, um mir und Carmil allen Raum zu lassen, sich naher an den Baumen und Gestrauchen hindrangte, also keinen Schatten machen konnte, ich aber die vor uns sich hinstreckenden schonen Gestalten der Baumschatten mit vielem Vergnugen bemerkte, sagte er so unerwartet schmeichelhaft:
Ich bin glucklicher als du, meine Emilie! denn ich sehe die Schatten von zwey Engeln neben mir hinwallen, indem er auf die Stelle deutete, wo mein Umriss, und der von unserm Carmil hinschwebten. Er ubte sorgsam die Fahigkeit, schone Bilder und Gedanken zu schaffen, damit selbst seine muhvolle Feldarbeit in meinen Augen immer in neuer Gestalt als Spiel der ergotzenden Gartnerey erscheinen moge, wie er im dritten Jahre des Aufenthalts auf der Insel, unser Sonnenblumenfeld langst dem Endtenfange hin, ausserst sorgfaltig umarbeitete, in Felder und Gange abtheilte, Linien zog, welche sich zwischen zwey kleinen Wegen immer durchkreutzten, wo er dann kleine Grubchen machte, und mir sagte, unserm Carmil das Korbchen von Maisblattern zu geben, welches ich von den Indianerinnen hatte. Wattines nahm das Mass Saamenkorner mit zu dem Felde, fullte Carmils Korbchen, und zeigte ihm, wie er in jede Grube ein Kornchen werfen solle. Der liebe Knabe war erst zwey Jahre, fasste es aber sehr leicht, trat nicht aus dem von seinem Vater angewiesenen Weg, und ubersah kein Grubchen; gleich als ob der Geist der geometrischen Ordnung mit ihm geboren ware. In der Mitte des Ganges pflanzte Wattines eine Laubhutte von Bohnen, fur Carmil, welcher dann, als unsere Blumen ganz aufgeschossen waren, zwischen den Reihen der hohen Stengel, wie in einer Allee hin und her gehen, und uber das von seinem guten Vater gemachte Gelander hin, dem Schwimmen und Platschern der Endten zusehen konnte. Vandek und seine Frau haben es noch gesehen, das liebe mit Blumen besetzte Feld, fanden es schon, staunten aber sichtbar darauf hin, als ob sie die Menge der Sonnenblumen fur uberspannte Einsiedlerideen, oder ubertriebene Phantasie der Vaterliebe hielten; aber am Ende freuten sie sich des Gedankens von Sonnenblumenohl, welches ich ihnen zu kosten gab, und bey diesem Anlasse das lang entbehrte Gluck, a n d e r n z u n u t z e n , wieder genoss; denn die vortrefflichen Vandek setzten sich vor, diese Pflanzung bey der Colonie, als etwas sehr vortheilhaftes einzufuhren; doch wusste die liebe Frau die Thranen nicht zu begreifen, welche bey dieser Aeusserung ihres Mannes meine Augen netzten, aber als sie mich die Hand meines Wattines fassen sah und sagen horte: O mein bester Freund! wir aus unserer armen Hutte, einer ganzen Colonie Dienste leisten, da umarmte sie mich, weinte auch die schone Thrane des Mitgefuhls, und schatzte von da an eine Eigenschaft meines Herzens, welche sie taglich ausubt; denn niemand kann wohlthatiger seyn, als diese wurdige Frau und ihr Mann es sind. Das schmeichelhafte Lob, welches sie unserm Oehle gegeben hatten, weckte oder reitzte vielmehr meine Eigenliebe, zu sagen: ich hoffte mich noch durch eine andre Einsiedlerkunst mit Frau Vandek zu verbinden; wenn sie eine gluckliche Bienenjagd gemacht haben wurden, wollten wir eine Honigweinfabrik anlegen, wovon ich alle Vortheile wusste und geubt hatte. Beyde lachelten daruber, aber ich fullte nun die Tassen in welchen sie mir wieder Thee und Milch zu kosten gegeben hatten, mit einer Probe Honigwein, und erhielt neben der Freude, sie dieses Getranke loben zu horen, einen schonen Beweis der Gute ihres Herzens, denn sie segneten die Stunde, in welcher ich den Versuch dieser kleinen Brauerey machte, weil uns in diesem angenehmen Weine eine Art von Erquickung zufloss.
Nun kam ich wieder mit meinen Fragen uber das letzte Prufungsjahr hervor, indem ich beynahe eilte, daruber wegzukommen, da mir der Gedanke ihres langen einsamen Wohnens auf der Insel ganz peinlich wurde, so dass ich sehr vergnugt war, als Frau Wattines sagte:
Ich will Ihnen das immer auflebende und wieder hinschwindende Bild der Hoffnung auf die Ankunft unserer Fischer nicht wieder vorzeichnen, denn sie wurden nur die tiefer eingegrabenen Zuge eines innern Jammers sehen, welchen wir uns beyde zu verbergen suchten; noch viel weniger kann ich, sagte sie mit holder schoner Verwirrung, von meinem zweiten Ueberschwimmen nach den indischen Hutten erzahlen, nur glaube ich sagen zu durfen, dass mir hier die Pflicht, Mutter zu seyn, durch das Schicksal zehnfach erschwert wurde. Ich kam wieder sehr glucklich auf unsere Insel zuruck, aber der tagliche Anblick unserer zwey liebenswerthen Kinder, wirkte unendlich auf Wattines und mich: tausendmal sagten wir im letzten Herbste in unsern Herzen, was soll aus ihnen werden, wenn eines von uns ihnen fehlt? Aber am Ende des langen traurigen Winters sagten wir uns traulich und offen, dass, wenn wir im kunftigen Jahre noch einen einsamen Fruhling durchleben sollten, wir den Sommer mit unsern Kindern auf einem kleinen Floss zu den Oneidas gehen, und durch sie den Weg nach einer europaischen Pflanzung suchen wollten, wo wir wohl jemand treffen wurden, der mit Wattines nach unserer Insel zuruckreiste, um sich mit uns zum Anbau zu vereinen, oder Mittel treffen wurde, unsere kleine Habe wegzubringen, und uns zu einem Guthe bey Nachbarn zu helfen, auch den Rath und Nachricht von unserm liebreichen Quaker schaffen wurde. Dieser fest gefasste Entschluss verschonerte die truten Tage, milderte die Strenge des Winters, und verscheuchte meinen Kummer, wenn ich mir sagte:
Es ist der letzte Winter in dieser Einode. Meine Kinder werden unter Europaern wohnen, werden Freundschaft, Gute und Kunstfleiss kennen lernen, werden auch arbeiten mussen, aber nicht so muhsam wie ihre Eltern, weil sie durch hundertfaches Handwerkszeug erleichtert, sich alles geschwinder und besser werden verschaffen konnen, und in Mangel erzogen, nie mit glanzendem Glucke bekannt, werden sie keine schmerzhaften Vergleiche mit dem Vergangnen zu machen finden, also auch diesen Theil des Kummers ihrer Eltern nicht zu uberwinden und nicht zu tragen haben. Felder umgraben, ansaen, Blumen pflanzen, Fische fangen, konnte sich Carmil schon von seinem guten Vater erinnern, wie er die Schwester von der Mutter tragen, ihn dabey liebkosen und das Essen zubereiten sah. Eine Holzhutte war ihm von Jugend auf bekannt, sie wurde auch an einer andern Stelle sein Auge nicht schmerzen, und mein Herz wusste von nun an, dass meine Kinder bessere Nahrung, Kleidung und Hulfe haben wurden, als ihr Vater und ich. Diese Ueberzeugung machte mich nun die sussen Mutterfreuden ungestort geniessen; denn wie oft wurde das so naturliche Vergnugen, an Bluthe der Gestalt und der Fahigkeiten unserer Kinder in den bittersten Schmerz verwandelt, wenn Mutterliebe, Muttersorge mir dabey sagten: zu was bluhen sie hier, diese Blumen? was soll aus ihnen werden? war ihnen ihr Vater und ihre Mutter nicht mehr schuldig, als das arme physische Leben? ist es nicht Pflicht, sie so weit zu fuhren, wie Naturtrieb die jungen Thiere von den Alten fuhren lasst, bis sie Starke und Kenntniss haben, sich selbst zu besorgen? O was lag fur ein eisernes Gewicht in der Frage: bin ich, ist Wattines sicher, dass wir die lieben Unschuldigen in dieser Einode so weit fuhren werden? Wie traurig war es, die auf den Baumen um unsere Hutte ausgebruteten Vogel glucklicher zu achten, als meine so liebenswerthen Kinder! Wie oft sagten es unsre Blicke, wenn wir die Alten bemuht sahen, den ersten Flug der nun ganz fluck gewordenen Jungen zu leiten, und sie dann ihrem Schicksale in der weiten Luft ubergaben; wie oft bemerkte ich, dass die Frage nach dem Gluck unserer Kinder Wattines Herz durchdrang, wenn ich ihm Mich dunkte in diesem Augenblick das Wortchen Eigensinns noch langer einsam leben, aber u n s e r e K i n d e r !"
Wie schon eignet sie hier ihrem Manne die Halfte ihres Nachdenkens fur ihre Kinder zu! Wie verehrungswurdig war sie mir! Sie bemerkte aus einen meiner auf sie gehefteten Blicke, dass ich im Begriff war etwas daruber zu sagen, und wich meiner Lobesergiessung durch den schnell einfallenden Gedanken aus:
Mein Herz wollte aber diesen Entschluss mit einem Festtag feiern, und dieses bey den Urnen, aber nicht heimlich, weil es meinen Wattines wieder geschmerzt hatte, sondern ich bat ihn um einige Blumen, welche Carmil in seinem Korbchen, Antonette in ihrer Decke zu den Fussen der Denkmahler ihrer Grosseltern, als ein Dankopfer bringen sollten, weil sie ihnen so gute Eltern gebildet hatten. Mein gutevoller Wattines war es sehr zufrieden, und brachte uns den Morgen nachher eine Menge lieblicher Blumen, verliess uns mit zartlichen Kussen, eilte zu seiner Arbeit, und ich auf meine Wallfarth, wo ich mit aussersten, aber sussem Staunen die zwey Aschenkruge mit Blumengewinden geziert erblickte, welche um den obern Theil der Urnen gehangt, die Inschriften zu beyden Seiten umfassten. Ich naherte mich innigst geruhrt, und sah noch Thranen meines Carls auf dem Aschenkrug seiner Eltern glanzen. Die meinigen vermischten sich damit, und da meine Antonette unruhig wurde, ging ich zu der Urne unserer Mutter, liess die Blumen zu ihren Fussen fallen, setzte mich, um mein Madchen zu stillen, und sagte dann zu Carmil, seine schonen Blumchen bey dem Denkmahle der Vater auszustreuen, und liess ihn die Namen kussen. Was ich da bey den Erinnerungen an die besten Eltern fuhlte, kann ich nicht aussprechen, aber es war unendlicher Dank damit verbunden, weil die Idee in meiner Seele lag, dass die Furbitte unserer Eltern, Wattines bewegt habe, sich zu der Abreise von der Insel zu entschliessen. Ich rufte Gott und sie fur meine Kinder an, Antonette schlief auf meinem Schoosse. Wattines kam, setzte sich mit dem zartlichsten Gefuhle zu mir, und wunschte, dass einst unsere Kinder fur uns gesinnt seyn mochten, wie wir fur unsere Eltern.
Meine Freunde kennen mich, und sagen sich gewiss bey dem Lesen dieser Scene, dass ich bey der Erzahlung sicher eben so geruhrt war, als Wattines selbst. Dieses ist auch so; doch beschafftigte ich mich sogleich mit der Vorstellung, dass dieser Auftritt unter den Handen eines gefuhlvollen Kunstlers, ein ausserst schones Bild werden konnte. Frau Wattines sah mich von tausend Gefuhlen durchdrungen, und schien zu bereuen, meine Empfindungen so sehr bewegt zu haben. Sie schwieg einige Zeit, lachelte dann etwas vor sich hin, nachdem auch gegen mich und sagte:
Es ist in Wahrheit eine sonderbare Sache um die Verbindung und das Wecken der Ideen, denn da ich so eben von dem dicht mit Baumen besetzten Platze sprach, welcher den heiligen geliebten Denkmahlern gewidmet war, kam mir bey Erinnerung unsers Ruckweges langst den zur Seite frei stehenden Stammen, eine Phantasie von Wattines in das Gedachtniss zuruck, welche ich Ihnen als einen neuen Beweis vorlegen will, dass Einsamkeit die Einbildungskraft lebhafter Menschen auf mancherley Art beschaftigt. Die Vermuthung, dass die feindenkende Frau meine Ideen von dem mit so ruhrenden Farben gemalten Bilde der Wallfarth zu den Urnen abziehen wolle, gab mir um so viel mehr Aufmerksamkeit, auf die Art, wie sie es anfangen wurde, und ich bat sie angelegen, wenn das Erzahlen sie nicht ermude, so wunschte ich den Anlass zu ihrem Lacheln zu horen: ich wusste wohl, setzte ich hinzu, dass unsere Seele sehr schnell die entferntesten Gegenstande mit einander verbande, und diese Uebergange in einer Seele wie die Ihrige, wurden mir immer ausserst wichtig seyn. Ihr Errothen und die kleine Verlegenheit, in welche sie kam, zeigten mir aufs neue, dass ich richtig urtheilte, als ich die Besorgniss in ihr dachte, ich mochte am Ende zu viel Antheil an ihr nehmen! welches sie vermeiden und also einen zu gefuhlvollen Eindruck verwischen wollte. Sie sagte mit Ruhe und gefasstem Tone: Sie legen zu viel Werth auf eine vorubergehende Idee, von dem leicht hin- und herschwankenden Geiste einer Frau; aber Sie sollen es wissen: als Wattines unsere Obstbaume pflanzte, fallte er mehrere von den Wildstammen, welche den ersten die Mittagssonne benahmen, die welche in einiger Entfernung stehen blieben, konnten sich aber um so mehr ausbreiten. Eines Tages, da Wattines seine Obstbaume besorgte, und ich unser kleines Vesperbrod, den schottischen, in Honigwein gelegten Brodkuchen brachte, und auf die Rasenbank neben ihm mich setzte, jeden Bissen seines hart erworbenen Abendbrods segnete, so wie ich Antheil an der Freude nahm, welche er uber den Wachsthum der guten Fruchtbaume ausserte, ich aber bey Betrachtung der prachtigen Wald-Stamme wunschte, dass die Obsttragenden auch so stark und dauerhaft werden mochten, Wattines mich aber ganz daruber belehrte.
Endlich aber sagte mein theurer Carl: er habe in einer Ruhestunde diese Baume als Sinnbild des menschlichen Geistes betrachtet, wie unser geliebter Bernardin de St. Pierre das Bild des menschlichen Schicksals darin erblickte, und sagte:
"Alle Aeste und Zweige unsers Lebens sind sterblich wie der Stamm selbst es ist. Unser Gluck, unser Ruhm, unsere Freundschaften, unsere Liebe, alle Gegenstande unserer liebsten Neigungen vergehen und verfallen sehr oft vor uns. Wie oft scheinen gluckliche Umstande einer Familie zu glanzen, wie der weit verbreitete, den Wald verschonernde Gipfel einer machtigen Eiche, welche unerwartet vom Donner zerschmettert fallt." Diese Erinnerung war mir nicht lieb, und ich sagte zu Wattines: Bester Mann! d e i n e Betrachtung wird doch nicht so duster seyn wie diese?
Nein, aber vielleicht nicht so nahe bey der Wahrheit. Meine Traumerey entstand aus der Erinnerung, dass unsere grossen Gelehrten in der Encyclopadie sagten: a l l e u n s e r e I d e e n u n d K e n n t n i s s e erhalt unser Geist durch die Sinne: also durch sinnliche irdische Hulfsmittel, des Fuhlens und Sehens, wie Baume, welche nach dem Gesetze der Natur aus der Erde stammen, von ihr festgehalten und ernahrt werden, die Kraft des Erhebens und Ausbreitens durch sie bekommen, durch die Wurzeln unaufhorlich Safte und Krafte sammeln, und diese in dem freien Luftraum in Aesten, Zweigen, Blattern und Fruchten, in tausendfacher Richtung und Biegungen zeigen, weil sie in der Luft sich frey und willkuhrlich ausbreiten konnen, ihre Bewegung aber nur durch zufallige, schwache oder starke Erschutterung erhalten. Ist es, dachte ich, nach dem Grundsatze der Gelehrten und dem Stammbaume der Wissenschaften nicht eben so? Da sie durch die Sinne, also durch die mit unserer Erde verbundenen Wesen entstehen, und durch sie unterhalten werden? Erheben und verbreiten sich die Ideen der Menschen nicht in dem unermesslichen Spielraume der moralischen Welt des Denkens, bald in machtigen fruchtbaren Aesten grosser und nutzlicher Wissenschaften, bald in tausend grossern und kleinern Zweigen der Dichtkunst, wohl auch in Tandeley und Phantasien? Sind die Werke des Geistes nicht auch zufalligen Meinungen, oder Erschutterung fremder Gewalt unterworfen?
Ich lachelte nun auch, und stimmte mit Frau Wattines ein, dass die Einsiedler sehr oft Erscheinungen und Traume fur wahr halten, und uberhaupt ihre Denkkraft einen besondern Gang nehme; doch ist Wattines Vergleich, da er sich auf seine geliebte Encyclopadie grundet, nicht so schief, besonders da er ihn nur seiner Frau in einer Erholungsstunde vorlegte, und gewiss niemals bey einer Akademie damit auftreten wird. Wie sehr wunsche ich uber diese und alle andre in meinen Blattern enthaltene Gedanken und Bilder, etwas von den Bemerkungen und Noten meines theuren Freundes zu horen. Aber es wird noch viele Zeit hinfliessen, ehe ich dieses angenehme Gluck meines Geistes geniessen kann. Leben Sie indessen Beste beyde wohl, und wunschen Sie, dass auch ich leben moge. Mit einem innigen Gefuhle von Freude sage ich, die Tage an dem See Oneida haben auch nur 24 Stunden, wie in unserm Vaterlande, und gehen bey nutzlicher Arbeit eben so geschwind zu Ende, doch machen mich die Nachrichten aus Europa wunschen, dass der so schnelle Lauf der Zeit, doch bald, sehr bald, alle gute Leidende, mit den schonen Vers unseres edlen Haller einstimmend sagen lasse:
ja, ja die Zeit tragt auf geschwinden Flugeln,
das Ungluck weg, und unser Wohl heran,
und mein Herz wiederholte leise:
geliebte Luft! auf vaterlichen Hugeln
wer weiss, ob ich dich nicht bald schopfen kann;
denn ich fuhle, der Schwabe liebt sein Vaterland, wie der Schweizer. Meine nachsten Fragen betrafen den dritten Winter, welchen die guten Wattines auf der Insel verlebten. Sanft sagte die edle Frau:
Es war alles einformig, wie die zwey ersten Jahre, und Gewohnheit hatte mit ihrer wohlthatigen, sanft wirkenden Macht, schon vieles versusst und erleichtert. Gewiss erheiterte auch der Gedanke, im kunftigen Sommer wegzuziehen oder Leute zu uns zu nehmen, unsere truben Stunden, wie eine Trennung dichter Regenwolken, durch den Anblick des blauen Aethers, an die wiederkommende Sonne denken und ihr entgegen lacheln macht. Sie wissen, dass Lesen und Arbeit unsere einzige Stutze war. Die zwey ersten Winter wollten wir nur die Naturgeschichte ganz kennen, als mein Carmil da war, wiederholten wir die von dem Menschen und seiner Seele, indem wir dadurch in den Stand gesetzt wurden, unsern Sohn um so besser zu erziehen, und ihn um so glucklicher zu machen. Nun da das Bild von Wiedervereinigung mit Menschen vor unsern kunftigen Tagen schimmerte, so bat mich Wattines, die Wiederholung der historischen Geopraphie mit ihm zu theilen. Sie konnen leicht denken, dass ich gerne einwilligte, aber ich glaube auch, dass es Ihnen nicht moglich ist, sich die Summe der glucklichen Gefuhle zu denken, welche mein Herz und mein Geist in unserer Holzhutte genoss, wenn mein edler thenrer Carl mir kurze Auszuge mittheilte, welche als Abbild des Ganzen in seiner Seele waren, indem er mich auf den Character aller grossen und kleinen Nationen alter und neuer Zeiten aufmerksam machte, mir das Entstehen, die Dauer und den Zerfall der Verbindungen, Regierungsarten, Furstenthumer, Monarchien und Republiken bekannt machte, und mit eben so viel Empfindung als Kenntniss in dem mir so lieben Gang seiner Ideen, mir in einer Betrachtung sagte: alle Millionen Menschen, welche in den verflossenen Jahrtausenden auf unserer Erde lebten, erhielten von der Natur die nehmlichen Gefuhle fur korperliches Wohl und Weh, wie wir, wurden von der nehmlichen Erde getragen, von ihren Fruchten genahrt, von der nehmlichen Sonne beleuchtet; alle Keime der Leidenschaften unserer Seele, alle Fahigkeiten des Geistes wurden mit mutterlicher Hand unter sie wie unter uns ausgestreut; alle Menschengeschlechter hatten einen gleichen Antheil an Tugenden und Fehler. Weissheit und Thorheit flossen durch alle Jahrhunderte der Geschichte der Menschheit, wie Wasser durch alle Gegenden der Erde; alle vor uns lebenden genossen den Wechsel der Jahrszeiten, Blumen im Lenz, KornErndten im Sommer, Fruchte im Herbste und tiefe Ruhe im Winter. Ein Philosoph behauptete, dass T u g e n d , W i s s e n s c h a f t , G l u c k und s c h o n e Kunst die Menschheit durchwandeln, wie die Jahrszeiten unsere Erde, und Wattines erzahlte mir nun auch die Geschichte des Geistes der Kenntnisse und moralischer Begriffe. Mir war der Wechsel der Jahrszeiten in dem Gebiethe der Seele ausserst unangenehm, denn die Idee des Winters der Menschheit, der jeden Anbau des Verstandes deckt, jede Quelle der Wissenschaften stocken macht, schmerzte mich noch mehr als die begranzten Einsichten unserer Oneidas. Wattines sagte, ich will also dieses Gleichniss nicht weiter fuhren, besonders da die Naturgeschichte der Erde beweisst, dass das irrdische Paradies nur einmal unter dem Monde erschien, und mit der Unschuld verschwand. Unter allen Himmelsgegenden fand einer der grossten Seefahrer nur durch ein Ungefahr auf der kleinen Insel T i n i a n , den Ueberrest eines Landes, wo immerwahrender Fruhling herrscht, viel merkwurdiger ist, dass sie unbewohnt war, diese liebliche Insel, auf welcher der englische Admiral Ansen, und alle Leute seiner Flotte, ihre verlorne Gesundheit und ihre Heiterkeit wieder fanden. Ich fragte ob T i n i a n jetzo in der Gewalt von Grossbrittannien sey? nein sagte er, sie ist auch noch nicht bevolkert, die schone wohlthatige Insel, und dieses wie man sagt, aus gemeinsamen Neide der Seemachte, weil Tinian zu klein ist, um von ihnen allen Colonisten aufzunehmen, so kamen sie zum Besten der Menschheit uberein, die Natur ungestort in dem schonen Besitze zu lassen, damit immer nothleidende Schiffer sicher seyn konnten, auf Tinian Erquickung und Ruhe zu finden.
Dieses machte mir Freude, sagte Emilie, dadurch behalt die liebe Insel ganz den schonen Character des Fruhlings, der allen Menschen Wohlthat und Freude ist. Der Nahme T i n i a n , dunkte mich fur eine bluhende Gegend geschaffen, und ich wunschte die Nation zu kennen, in deren Sprache die sanfte Benennung entstand. Lange war meine Seele nicht so angenehm bewegt, als bey der Idee von dieser Insel, indem mein Herz sagte: Tinian ist also fur das physische alles was man wunschen kann, wie reine Tugend und Weissheit alles fur das wahre Gluck der Seele sind. Wattines fand mein Gleichniss wahr, und setzte hinzu: man sucht aber den stillen sichern Hafen nur, wenn die Schiffe durch Sturme beschadigt sind, und die ruhige Weissheit, wenn uns die Leidenschaften unglucklich gemacht haben. Wir waren nun beyde einige Momente stille, bis Wattines mit etwas bewegter Stimme sagte:
Wie soll ich nun meiner Emilie alles erzahlen, was man durch Anson von der lieben Insel weiss, welche dich so sehr anzieht? Wie konnte ich gleichgultig bleiben, mein Bester! bey ewigem Fruhling, bey Zuflucht gegen Sturme und Krankheit. o, sage mir ja alles, was du von Tinian weisst. Nun horte ich, dass dieser reitzende Garten der Erde einst von Menschen voll schoner Gefuhle bewohnt war; denn Admiral Anson traf in einem Dickigt von Baumen und Strauchen noch einige schwanke Pfeiler, welche oben mit Blumenkorben von vortrefflicher Bildhauerarbeit besetzt waren. Anson wurde dadurch begierig noch mehr Entdeckungen zu machen, aber es fand sich nirgends eine andre Spur von Gebauden, nirgends Einwohner, die etwas erklaren, oder nach alten Sagen ihrer Vorzeit erzahlen konnten. T i n i a n beschaftigte nun meine ganze Seele, diese Insel dunkte mich der hochste Theil eines grossen, in das Meer versunkenen Eylandes zu seyn. Die schonen Pfeiler mit den Blumenkorben umfassten vielleicht den Vorhof eines ofnen, dem guten Gott der Welt geweihten Tempels, welcher von allen Seiten, jeder an der Seite des Berges und in der Plane wohnenden Familie, sichtbar gewesen seyn musste, gegen welchen die guten Menschen bey Auf- und Niedergang der Sonne, ihre Augen mit einem Dankgebet erhoben; und gewiss lehrte jede Mutter ihr Kind auf dem Arme, seine Blicke nach dem schonen Berge zu richten, und seine Handchen dabey zu falten. Wie oft mag eine in bluhender Wiese knieende Mutter ihre betenden Hande, uber denen des vor ihr stehenden Kindes geschlossen haben, von dem Urheber der Sonne, der Erde und des Meers, Gluck und Leben fur das geliebte Kind zu erflehen: gewiss fluchteten bey dem ersten Weichen des Bodens unter ihren Fussen, viele nach dem geliebten Berge, sahen den Untergang der andern, und zitterten fur sich. Gewiss viele wurden gerettet. Wo sind ihre Nachkommen? Wattines antwortete mit traurigem Ernst:
Vielleicht hat Begehrlichkeit und Neid der benachbarten Insulaner, mit dem kleinen geretteten Ueberreste des Volks von Tinian um den Besitz des schonen Berges gestritten, und sie vollig ausgerottet. Und dieser Neid, sagte ich, hinderte gewiss auch, dass man nichts von der Tugend und den Verdiensten dieser einst so glucklichen Tinianer horte. Nur der Geist des schonen Geschmacks, und der Genius der Kunst, haben vereint die letzten Fusstapfen der guten wurdigen Bewohner von Tinian bewahrt, und den Staub dieser, von der ganzen Welt vergessnen, edlen Menschen, nahrt noch Pflanzen, welche Kranke heilen und erquicken, Tinians ewigen Fruhling verschonern, und den Wuchs der schattenden Baume vergrossern; auch ruht stets noch ein Theil des Segens der genesenen erheiterten Seeleute auf ihrer Asche, der reine, nie getrubte Himmel fliesst uber sie, ihre Seelen sind bey ihrem Schopfer und hier fiel Wattines mit der liebreichen Anmerkung ein, ihr Andenken wird von dem edelsten Herzen, mir so vieler Theilnahme gefeiert, wobey er zartlich nach mir blickte. Unbedachtsam erwiederte ich diesen Blick mit dem Wunsche, ach, wenn unser Carmil auf Tinian erzogen wurde! plotzlich erschien nicht nur in Gesichtszugen und Augen, sondern in der ganzen Gestalt meines Carls ein Ausdruck von Ernst und Schmerz, der mich staunen machte. Erst waren seine Augen zur Erde geheftet, dann erhob er sie mit der Thrane des innern Unmuths benetzt gegen mich, reichte mit der Hand uber sein Buch nach mir, und sagte:
Bekenne theure Emilie! dass dieser Wunsch fur Carmil nur ein kleiner Umweg fur die erregten Wunsche deines eignen Herzens war. T i n i a n ist dir mehr als unsere Insel geworden. Vergiss aber doch nicht, dass die Bewohner Tinians aus dem Schoosse des ewigen Fruhlings verschwanden, und dass wir auf Oneida mit Carmil ruhig leben.
Ich starrte ihn an, und da er bey der zuletzt ausgesprochenen Sylbe meine Hand nur einen Moment druckte, und die seine sogleich zuruckzog, warf ich meine Arbeit weg, umarmte ihn und sagte an seinem Halse weinend:
O Gott sey Dank fur den Entschluss des Wegziehens, denn die Einsamkeit dieser Insel wirkt trauriger auf meinen edlen Carl als auf mich, sein ofner, gutevoller Character wird misstrauisch, selbst auf seine Emilie, wird ungerecht gegen sich selbst. Sage Lieber! wie sollte ich mit einer Idee meines Kopfs, oder mit einem Gefuhle meines Herzens einen Umweg nehmen? Verdient dein Character und deine Liebe nicht alles Vertrauen meiner Seele, und wurde mir nicht das Blid deines scharfsinnigen Geistes immer zeigen, dass alle meine Feinheit ganz platt vor deinem Auge liege? Dass ich unserm bluhenden Carmil einen immerwahrenden Fruhling wunschte, sagt nicht, dass ich Elysium vergass, welches deine Liebe hier fur mich schuf.
Wattines wurde uberzeugt, dass ich gerecht fur ihn dachte, und diese Betrachtung besanftigte ihn ganz: sie war ihm leid die Strenge, mit welcher er eine kleine Phantasie meines mutterlichen Herzens beurtheilt hatte. Mir war dieser kleine Auftritt sehr viel zur Beleuchtung eines neuen Theils in Wattines Character und Lage.
Ich dankte mit Emilien dem Himmel, dass er sie aus dem peinlichen einsamen Leben zog, denn als der Enthusiasmus der Reue und der Trauer, die holde Emilie hieher gebracht zu haben, nur einen Augenblick einem Zweifel gegen ihre Gesinnungen Raum gab, so wankte eine Stutze des in Wahrheit kunstvollen Gebaudes ihrer Gluckseligkeit, und mir wurde auf der andern Seite wegen Emiliens Bemerkung, uber den Einfluss von Oneidas Einsamkeit bange; aber sie wusste ihren Ideen und Ausdrucken so schnell eine liebliche Wendung zu geben, dass sein Verstand und sein Herz eben so umfasst wurden, als er selbst von ihren Armen umschlungen ward. Ich erkannte den hohen Werth der Feinheit des Gefuhls einer mit einem Hitzkopfe verbundenen Frau, denn wie viel vermag da sanftes Schweigen und Klugheit, den schicklichen Moment zu einer liebreichen Unterredung zu finden. Ich wunsche diesen Geist jedem Frauenzimmer, wie ihn Frau Wattines hat; aber ich konnte ihr diese Betrachtungen nicht mittheilen, und auch nicht langer auf diesem Gegenstande verweilen, sondern ich zeigte ihr auf einmal einen grossen Unmuth uber Englands Barden, dass noch keiner die Geschichte von T i n i a n zu dem Gegenstande eines Gedichts wahlte, wo der Poet einen so reichen und edlen Stoff vor sich hat; den Character des Seehelden Anson, dann Sturm, Melancholie der Seeleute, und endlich die Entdeckung des herrlichen T i n i a n s . Englander haben so viele Empfindung fur Natur und grosse, schone Charactere, mussen wir nicht sagen, dass Madame Wattines ganz nahe bey dem Entwurfe eines entzuckenden Gedichts war? Bild des fruchtbaren, mit Einwohnern und Wohlthaten der Erde versunkenen Landes, nur die Anhohe mit dem Tempel gerettet. Die Mutter welche ihr Kind beten lehrt. Zwey Schutzgeister welche in Ueberresten schoner Kunst, das Andenken der ersten Besitzer dieser Insel aufbewahren.
Emilie verliess mich auf einige Zeit, und ich dachte
an unsers schatzbaren Professors Jacobi in Freyburg nicht genug bekanntes, nur zu kleines Werk: N e s s i r u n d Z u l i m a , worin man wirklich in ein moralisches Tinian versetzt wird; e i n f a c h e , w a h r e , s c h o n e , g u t und g l u c k l i c h machende Begriffe von allem, was der Menschheit am meisten angelegen seyn kann erhalt. Frau Wattines kam mit einer heitern, doch sehr aufmerksamen Miene zuruck, nahm ihre Arbeit wieder und sagte:
Warum haben Sie meine Geschichte von Tinian mit
einem Ausfalle auf die englischen Poeten abgebrochen? Ich sagte ihr von dem Ernst meiner Unzufriedenheit, dass ich Tinian noch nie besungen fand, lachelnd antwortete sie: ich glaube an diesen Unwillen, aber gewiss ists doch auch, dass Sie nichts weiter fragen wollten, weil die Idee des kleinen Zwistes zwischen Wattines und mir vor Ihnen stand.
Ich war wegen ihrem scharfen Auge etwas betreten,
sagte aber freymuthig: w e r s o l l t e d a w e i t e r f r a g e n ? Lebhaft und mit freundlichem Tone erwiederte sie: ein Freund sollte es, der Wattines und mich als gute Menschen kennt, die wohl manchmal auf dem Wege ihres Lebens ein paar Schritte von einander abweichen, aber sich immer wieder einholen, und zurufen, um Hand in Hand weiter zu wandeln, Blumen zu pflucken, oder sich bey beschwerlichen Stellen zu wechselseitiger Stutze zu dienen.
Ich konnte mich nicht enthalten zu sagen: vereh
rungswurdige Frau!
Warum dieser grosse Ausruf bey einer so erstau
nend einfachen Gelegenheit? Geht in Ihrem Teutschland das eheliche Leben so ganz ohne Missverstandnisse hin? hat man nie Anlass dem Manne zu sagen: Vereine mit der Obergewalt edle G u t e ! und der Frau zuzustustern, s e y s a n f t u n d k l u g ? muss man letzteres nicht bey Freunden und Bekannten beobachten, so lange wir und sie keine Engel treffen? Aber ich will meine durch Wattines unterrichtende Gesprache verkurzten und verschonerten Winter wieder vorsuchen, da wir gerade auf einen Beweiss kommen, dass die Eigenschaften der Engel sich selten mit irdischen Wesen vermengen. Mein Carl liess mich bey dem so ausserst angenehmen Vorlesen der historischen Geographie, in dem Character aller Zeiten, das ungleiche Mass der Talente und Glucksguter, der Tugenden und der Kunste bemerken. Meine Emilie, sagte er, bedauerte in der Borkenhutte der freien Indier, die so sehr engen Granzen ihrer Kenntnisse, hier, indem er die Charte von Europa ausbreitete, in diesem, auf seine allgemeine Cultur so stolzen Welttheile, leben unter dem Scepter moralischer und politischer Gesetze, Halbwilde, an welchen man nichts zu achten scheint, als ihre korperlichen Krafte zum Kriegsdienst und Landbau. Er zeigte mir Provinzen aller Machte von Europa, uber welche weder Philosophen noch Politiker und Theologen sprechen durfen, deren Europa so viele hat, sie, fur welche unsere Konige so viele Ehrenstellen, so viele Belohnungen bereitet hatten: und, zeigten sich nicht in Frankreich, in Paris, tausend und tausend Verwilderte, Rohe, Grausame, Unwissende, wie in irgend einem Stamme der wildesten Nordamerikaner? Sie wissen, setzte Emilie hinzu, dass Wattines die Erinnerung des an dem jungen Grafen Buffon begangenen Mordes nicht ertragen konnte, und dass er voll edlen Schmerzes und Unmuths uns verliess, um sich unter Gottes freiem Himmel wieder zu sammeln; eben so eilend verliess er bey diesem Punkte seiner Betrachtungen, mich und unsere Hutte. Ich sah aus unserer kleinen Fensterscheibe, wie er den Weg durchlief, welchen er sich zum Wasserholen von der Hutte zu dem See, in dem so viele Schuhe hohen Schnee gebahnt hatte. Die Luft war kalt aber heiter, die Baume mit gefrornem Duft ubersilbert, und die Sonne beleuchtete meinen Carl und seinen Weg. Ich betete fur ihn, und er kam ziemlich gefasst zuruck, lass in der Encyclopadie den Artikel G e s e t z , nahm dann die Lebensbeschreibung unsers grossen Montesquieu, aber diess erinnerte ihn an das Werk von dem Geist der Gesetze, und dass 34 Jahre nach dem Tode dieses Mannes a l l e G e s e t z e mit Fussen getreten wurden. Die Seele meines theuren Wattines war dusterer, als der einbrechende Abend, doch konnte er die Idee von Montesquieu nicht verlassen, und las in einem Bandchen seiner Briefe, welche ihn endlich zerstreuten. Nun bat ich um das Vorlesen einiger Blatter im Bernardin de St. Pierre, welchen Wattines besonders liebt, und dessen Art die Natur zu betrachten, unserer Lage und unsern Gefuhlen nah und sympathetisch war, also immer am meisten auf uns wirkte, so wie die Natur stets sanfte Wehmuth, die Menschengeschichte aber, meist bittre Gefuhle in Wattines Seele goss. So wechselte der Gang unserer Tage und Empfindungen mit nothiger Arbeit, mit Besorgung des so schon aufwachsenden Carmils, zwischen ungerufnen Erinnerungen, und mit Nachdenken aufgesuchter Beschaftigung unsers Geistes.
Sie konnen nicht glauben, meine Freunde! wie diese Unterredung meine ganze Seele mit Theilnahme und Hochachtung erfullte. Ach, wie oft zitterte ich, bald fur das Gluck der Zufriedenheit, bald fur das Leben dieser ausserordentlichen Menschen, in ihrer eben so ausserordentlichen Lage. Wie gutig wurden sie durch die Vorsehung vor sich selbst gerettet; denn sollte der so viel Schones erschaffende Enthusiasmus der Liebe und des Heldenmuths in Wattines zu Misstrauen, in seiner Frau zu Aengstlichkeit geworden seyn, gutiger Himmel! was fur eine Verwandlung, was fur Jammer auf ihr Leben! Ich war froh in diesen Ideen gestort zu werden, denn ich gerieth da in einen traurigen Ton.
Nun hatte sich Wattines erinnert, dass er mich auf die Insel fuhren, und dort etwas von seinem Lieblinge St. Pierre mit mir lesen wolle, ich freute mich sehr, mit ihm allein uberzufahren, denn da ich auch rudern und steuern gelernt hatte, so konnte ich ihm vorschlagen, dass wir auf unserer Seefarth abwechseln wollten. Ich speiste mit ihnen zu Mittag, welches schon nach englischer Gewohnheit etwas spat ist, und setzten sodann uber den See. Wattines schien entzuckt, seine geliebte Insel wieder zu sehen, und mich dunkte, dass in seinen Blicken auf das Ufer, auf seine ehemalige Wohnhutte, seine Felder und Obstbaume ein Ausdruck von Liebe und Freude des Wiederdaseyns herrschte, welche mich innig ruhrte. Ich sagte zu ihm: ich verehre Ihre Anhanglichkeit an diesen Boden. Er antwortete mit sanfter Stimme und ernster Miene:
Wie undankbar ware mein Herz, wenn ich ihn nicht liebte und segnete, den Boden, der mich aufnahm und beynahe vier Jahre mit Frau und Kinder nahrte. Nun gingen wir stille miteinander gegen die Seite des Belveders, durch einen etwas engen, an dem Ufer hinlaufenden ungleichen Weg. Ich vermuthete, dass er mich zu den Grabern fuhren wollte, von welchen Emilie mir gesagt, und wovon ich seit dem ersten Besuche auf der Insel ein Bild in dem Gedachtnisse behalten hatte; namlich zwey schmale Blumenbeete und zwey Moosbanke zu ihrer Seite. Urtheilen Sie aber, wie ich staunte, auf einer zwischen zwey Baumen sich vordrangenden stumpfen Pyramide eine runde, halb von den Zweigen der Pappeln bedeckte kupferne Tafel zu erblicken, welche wie die zwey Blumengraber und das Gebusche umher, zur Halfte beleuchtet war. Ich trat wirklich bey der unerwarteten Erscheinung in dem Halbdunkel etwas zuruck, besonders da ich bey einem Blicke nach dem See mich der Veranlassung zu diesen Grabern erinnerte. Wattines stand neben mir und sah vor sich hin, ich druckte seine Hand und sagte:
Hier wollten Sie ruhen? Er antwortete: O, mein Freund! was wurde aus mir geworden seyn, wenn ich Emilien hier begraben hatte. Er setzte sich dabey, wie unter der Last dieser Vorstellung ermattet, auf die eine Bank nieder, ich wandte mich von ihm ab, und ging zwischen den zwey in Blumenbeete verwandelte Ruhestatten gegen die Pyramide, welche in der Mitte stand, und fand wahrlich in englischer und franzosischer Sprache folgende Inschrift: Zwey junge treue Gatten, von der Classe des unglucklichen franzosischen Adels, fluchteten sich, nachdem der Convent von Paris ihre Verwandte ermordet hatte, 1791 im May auf diese unbewohnte Insel, bauten Felder an, bereiteten diese Graber, und hofften auf Gottes Gute.
Emilie und Carl von Wattines
Sie wissen meine Freunde, dass ich gerne bey Denkmahlern welle, und vermuthen, dass mich dieses besonders anziehen musste. Ich blieb auch von tausend Gefuhlen durchdrungen lange dabey stehen. Jugend, Schicksal, Verdienste und Sorgen dieser guten Menschen umschwebten mich: Wehmuth, Wunsche, theilnehmende Freundschaft und Bewunderung wechselten in meiner Seele. O wie ganz anders war der Gedanke des Todes hier, neben den ofnen Grabern dieser zwey Edlen in der ganzlichen Einsamkeit, als Todesideen, welche in grossen Kirchen und eigen erbauten Capellen, bey Marmor und Wundern der Bildhauerkunst mich an mein eignes Sterben und Staubwerden erinnerten. Die Stille umher, die Blumen und Pflanzen in den Grabbeeten, ein Blick auf den schonen, jungen, abgeharmten Wattines, der auf der Bank sass, welche er aus der Erde formte, die aus Emiliens letztem Ruhebette ausgehoben war, auf welches seine Augen geheftet waren. Ach, alles dieses wirkte sehr auf mich. Ich kam mit der Thrane der Ruhrung im Auge zu dem lieben Manne zuruck, setzte mich neben ihn und umarmte ihn schweigend. Nach einigen Minuten sagte er, mich bey der Hand fassend:
Nicht wahr! sie finden naturlich, dass ich wunschte unsere kleine Geschichte zuruck zu lassen? Es ist so traurig, ganz, ganz vergessen zu seyn.
Ich erwiederte: Sie haben recht, aber ich danke Gott, dass er durch Colonisten zu Hulfe kam, und ich hoffe er thut noch mehr.
Seufzend sagte er: ich wunsche es, beten Sie meiner guten Kinder wegen, um mein und Emiliens Leben. Imsigst, gewiss innigst, theurer Wattines.
Nach einer Pause von etlichen Minuten fragte ich: wo haben Sie denn die Platte zu dem Denkmahl bekommen? nun lachelte er und sagte: ich brachte sie mit aus Philadelphia.
Ich sah mit einer Miene voll Zweifel nach ihm. Er wiederholte aber:
Ja, mein Freund! ich brachte sie mit, aber in einer andern Gestalt, welche Sie den Abend sehen werden. Es dauerte lange bis die arme Inschrift fertig war, und ich das Mittel gefunden hatte, sie mit einiger Sicherheit zu befestigen, indem ich sagte: nachkommende Besitzer dieser Insel, finden hier keine Ruinen von Gebauden und prachtigen Denkmahlern alter, kunstvoller Bewohner, wie auf den Inseln Griechenlands; aber mit dem guten Traumer Bernardin de St. Pierre hoffte ich, edle Seelen der kunftigen Colonisten, wurden bey diesem einsachen Denkmahle der Liebe und des unverschuldeten Unglucks, das melancholische Vergnugen des Anblicks eines Grabes geniessen. Ich nahm es weg, als wir auf das feste Land zogen, und brachte es heute sehr fruh heruber, damit Sie meine Phantasie sehen sollten; aber wir sind, furchte ich, etwas zu ernsthaft geworden, und, (indem er ein Buch aus der Tasche zog) diese versprochenen Blatter werden uns nicht ermuntern.
Ich erwiederte, warum? dieser Ernst hat wirklich seinen Anmuth. Sie mussen gesehen haben, dass Todte und Graber mir werth sind; lesen Sie mir immer die Blatter, deren Inhalt Ihnen so werth ist. Ich achtete es fur meine Pflicht, dem guten Wattines diese Bitte zu machen, denn er hatte mit so vieler Achtsamkeit auf meine teutschen Grabgeschichten gehorcht, warum sollte ich nicht zeigen, dass die Ideen von seinem geschatzten Landsmanne, mir auch angenehm seyn wurden. Er las mir also eine Betrachtung uber d a s V e r g n u g e n b e y G r a b e r n vor.
"Es giebt kein Denkmahl, welches mehr Eindruck macht, als Graber, und es ist merkwurdig, dass der grosste Theil civilisirter Volker die Graber ihrer Voreltern zum Mittelpunkt ihrer Frommigkeit, und zu einem Theile ihrer Religion machten. Die Graber der Voreltern sind bey den Chinesen die Hauptzierde ihrer Vorstadte und landlicher Hugel. Indische Stamme, weichen man sagte, z i e h t a n d e r s w o h i n , antworteten: konnen wir den Gebeinen unserer Eltern sagen, steht auf! und zieht mit uns in andre Lander?"
"Graber haben Young und Gessner die ruhrendsten Bilder gegeben, selbst Wollustlinge kommen manchmal zu diesen naturlichen Gefuhlen zuruck, und erbauen in ihren Garten kunstliche Graber. Woher kommt dann dieses Trauergefuhl mitten in dem Genuss des Vergnugens? Ist es nicht von der Empfindung, dass etwas nach unserm Leben besteht? denn es ist nicht die von der Kurze des Lebens, und dass wir in ein Grab verschlossen werden, dieses wurde ihre Phantasie emporen, und die meisten von ihnen furchten den Tod. Nein, das Anziehende der sussen Trauer bey einem Grabe, entsieht aus den zwey entgegen gesetzten Gefuhlen, unserer wenigen Dauer auf Erden, unb unserer Unsterblichkeit."
"Dieser stille Gedanke ist es, welcher sich bey dem Anblicke dieser letzten Wohnung der Menschen in unserer Seele erhebt. Ein Grabmahl ist wie ein Granzstein zwischen dieser und jener Welt; es zeigt das Ende des Gewuhls des Lebens auf Erden; ist Sinnbild der ewigen Ruhe, und giebt das Gefuhl einer unaufhorlichen Gluckseligkeit. Diese Ueberzeugung ist um so starker, je tugendvoller der Verstorbene war. Dieser Gedanke ist so richtig, dass gewiss niemand die Asche des Nero, selbst in einer silbernen Urne, in einem Garten haben mochte, und hingegen die von Socrates, sollte sie nur in einem irdenen Topfe seyn, gewiss gerne verwahren wurde. Graber verdienstvoller Personen flossen uns Verehrung ein. Man wird bey dem kleinen Hugel geruhrt, welcher die Asche eines liebenswurdigen Kindes verschliesst, indem man an seine Unschuld denkt," und ach! setzte er seufzend hinzu, ein Blick auf das Grab einer schonen, tugendvollen jungen Frau! "Erz und Marmor geben da keinen Werth, ein einfacher Grabhugel erhalt mehr Thranen als Trauergeruste. Der bey einem bemoosten Grabe des Dorfkirchhofs stehende Eibenbaum ruhrt mehr als Pyramidenbaue und Grab, bleiben auch in Verbindung mit der ganzen Natur: der Aufgang der Sonne, das Rauschen der Luft, die Abendrothe und das Dunkel der Nacht, die harteste Arbeit, der niedrigste Stand erloschen dieses Gefuhl niemals; man erinnert sich, dass zwey Jahre lang ein Neger nach dem Tode seiner Frau, in seinen Ruhestunden ihr Grab mit seinen Kindern besucht und dabey geweint habe. "
O denken Sie, was dieses Bild fur mich war, sagte Wattines, wenn ich mit Emilien und Carmil hieher kam, und wusste, dass sie zum zweytenmal Mutter werden sollte, und ich sagen musste: ach die Schwangere, die Gebahrerin giebt von ihren Lebenskraften mehr als der Mann bey dem Graben des Feldes; wenn ich nun, wie dieser arme Neger, mit zwey Kindern bey dem Grabe ihrer Mutter weinte!
Ich antwortete ihm hier nur mit einem Blicke, und durch Erwiederung des Drucks von seiner Hand; denn was hatte der grosste Redner in diesem Moment sagen konnen? Er nahm aber sein Buch wieder, und machte, indem er auf eine Linie deutete, die Anmerkung:
Hier hat St Pierre ganz die Lage gemahlt, in welche das Schicksal mich brachte; denn er sagt: die erste Wirkung des Unglucks macht unsere Seele starren, die zweyte zermalmt sie. In der ersten Bewegung erhebt sich der gute Ungluckliche zu Gott, mit der zweyten wird er zu dem Gefuhle des Mangels aller korperlichen Bedurfnisse hinunter gebogen. Eine Stimmung, in welcher ich den Weg von meiner Hutte hierher oft zuruck legte.
Ich konnte es begreifen, und mein Herz wunschte des edlen S a l i s G e d i c h t a n d i e W e h m u t h mit dem schatzbaren Wattines lesen zu konnen, es schien als ob Wehmuth in meinen Zugen sich ausdruckte, weil mir Wattines in seinem schonen mannlichen Tone sagte:
Ich besorge, dass ich ihr theilnehmendes Herz mit den Trauerideen des meinigen plagte. Lassen Sie mich von dieser Stelle nur noch etwas von meiner Emilie erzahlen. Sie machte es wie alle gefuhlvolle Seelen, welche das beste immer ohne Zeugen zu thun wunschen, und ich belauschte sie gerne, besonders wenn ich was vorzuglich Nachdenkendes oder Zartliches gegen unsre Kinder bemerkte. In einer solchen Stunde, nach unserm Fruhstucke, war ich bey der Pyramide, hier zwischen den Baumen, kurz nachdem Emilie von ihrer zweyten Reise nach den indischen Hutten zuruck war; sie glaubte mich lange bey meiner Fischerey, und kam mit unserer, in ein Tuch gewickelten Antonette und Carmil an der Hand hierher, legte die kleine neben die Moosbank meines Grabes, fasste aber da knieend Carmil in ihre Arme, zeigte ihm die Blumen, dann den zwischen den Baumen so klar blinkenden Himmel, faltete seine Handchen und lehrte ihn beten: guter Gott! der du die Sonne und die Blumen machst, lasse meine Eltern leben, und gieb mir meines Vaters Geist. Nun zerfloss sie in Thranen, fasste sich aber, dem sie traurig anstaunenden Carmil zu Liebe, und zeigte ihm wo er Blumen pflucken solle. Ich war ausserst bewegt, bemerkte aber doch, dass sie Carmil zu den Blumen ihrer Ruhestatte gewiesen hatte, und fragte sie einst bey dem Bekenntnisse sie belauscht zu haben, nach der Ursache dieser Abtheilung zwischen der Stelle des Betens, und des Geschenks der Blumen. Sie antwortete mit Zartlichkeit: mein Herz wunschte das bluhende Sinnbild deines Lebens langer dauren zu sehen als meines.
Ich hoffe, sagte ich, Sie edle beyde! sollen diese Bluthen noch oft sehen. Wattines dankte mir, legte sein Buch hin, und forderte mich auf ihm zu helfen, die Platte seiner Inschriften loszumachen, indem es Zeit ware wieder nach Hause zu schiffen. Ich wollte Hand anlegen, sah ihn aber lachelnd sich wenden, zur Seite einen Stock ausziehen, nachher hinter die Pyramide gehen, Erde abwerfen, und der Platte einige Stosse mit dem Stocke geben, so dass sie vorwarts ruckte, und am Ende eine flache drey Zoll hohe, und 1 1/2 Schuh weite gelbkupferne Schussel mit zwey Handhaben vorkam, auf deren umgekehrten Bodenseite die Inschrift eingegraben war, das ganze in dem obern Theile der Erdpyramide eingeschoben, und der Stock zur Seite durch die Handringe gesteckt, dann alles mit Erde gefullt und gedeckt war, so dass man nicht leicht diese Erfindung errathen konnte.
Ich ausserte Wattines meine Bewunderung, er sagte: dringende Noth und heftige Begierden machen immer erfinderisch; und so endigte dieser Tag mit einem neuen Beweise, des immer thatigen, und so leicht in tausend Gestalten erscheinenden Geistes der franzosischen Nation. Ich speisste bey Wattines zu Nacht, und horte, dass sie allein um ihrer Kinder willen Verbindung mit Europaern wunschten.
Den folgenden Tag fragte ich nach dem Reste des letzten einsamen Fruhjahrs, weil sie den Sommer zu ihrem Abzuge bestimmten, und Wattines zu den Oneidas gehen, ihnen seine Hutte und seine Felder empfehlen, und sie nur ersuchen wollte, ihnen den Weg zu den nachsten europaischen Colonisten zu weisen. "Hoffnung und Ungewissheit kampften in unsrer Brust, bey jedem Blicke auf dem schonen Wachsthum unsrer Felder, und auf unsere Bucher, sagte Frau Wattines, welche wir nebst allem andern auf einige Zeit dem Zufalle uberlassen mussten." Beynahe waren sie entschlossen noch langer zu bleiben, als mitten in diesem Hin- und Herwanken Vandek erschien, und ihr Herz mit Freude uberstromte. Emilie weinte und zitterte noch, als sie davon erzahlte, ja weder Wattines noch sie vermochten mir einen deutlichen Begriff von ihren Gefuhlen zu geben. Wattines sagte:
Der ungewohnliche Ton der Stimme, mit welchem Emilie rief, Carl! Europaer! machte mir die Worte unverstandlich, und ich sah eifrig nach ihr, allein um die Ursache dieses durchdringenden Tons zu erforschen; aber ihre ausgehobne Hand deutete, und ihre Blicke waren auf den nehmlichen Ort geheftet, da sah auch ich den vortrefflichen Mann, der sich uns naherte, und von der Stunde an so viel vaterlichen Antheil an uns nahm.
Nun schwiegen beyde, Emilie fasste sich zuerst, und sagte gegen mich: O, glauben Sie, dass mein Herz den weisen, gutigen Vandek die ganze Ewigkeit hindurch danken wird!
Sie kennen, meine Freunde, die Geschichte der Entdeckung aus den ersten Blattern meines Tagebuchs, nach der Erzahlung des guten Vandek, welcher aber nicht sehen konnte, dass Wattines an dem aussersten Rande des Wassers einen Baumstamm umfasst hielt, und seinem kleinen Kahne nachsah, so weit sein Auge reichen konnte. Vandek wusste nicht, dass Wattines wie ein Betrunkener zu Emilien zuruckkam, welche er mit ihren Kindern dem Ufer zueilend fand, und ihm zurufen horte: Wattines, zeige mir den Weg, welchen unser guter Engel nahm: konntest du ihn landen sehen? Ich konnte ihn nicht begleiten, meine Fusse wankten zu sehr. Vandek sah sie nicht fliessen die Thranen der Freude und des Danks zum Himmel. Er horte den Segen nicht, welcher ihm bis an das Gestade nachfolgte; aber Gott sah uns, Gott horte uns, sagte Emilie. Wir umarmten uns und unsere Kinder, und waren nahe dabey, Bucher, Hausrath und Kleidung zu kussen, welche wir seit vielen Tagen mit innerer Trauer des Verlassens angesehen hatten; nun sicher behalten und in glucklichern Tagen geniessen wurden. Die Gefuhle, und die Unterredung dieses Abends sind in Wahrheit unbeschreiblich, jedes von uns wollte schonere, edlere Zuge in Vandek gesehen haben. Wir, welche unsere Hutte und unsere schlafenden Kinder des Abends niemals verliessen, schlossen unsere Thure und eilten noch an das Ufer, um zu sehen, ob wir Lichter oder Nachtfeuer der Colonisten entdecken konnten. Es war gut, dass ein, mehrere Tage anhaltender, Regen das Aussenbleiben von Vandek rechtfertigte, denn bey schoner Witterung wurde meine Seele von Jammer durchdrungen gewesen seyn. Die wenigen Minuten, wo der Regen aufhorte, war eines von uns am Ufer. Gewiss man empfindet sie nicht zweymal die Bewegung des Herzens, welche schon der Anblick des zu uns rudernden Kahns, und der Anblick einer europaischen Frau in mir hervorbrachte; wie diese Frau meine Sprache redete, und meine Kinder so theilnehmend umarmte. Ich kann es nicht ausdrucken das Gefuhl, welches der Gedanke mir gab: meine Kinder, Wattines, ich, haben nun Freunde, Nachbarn, Hulfe zu hoffen. Was wurde die Vorstellung, Milch, Leinwand, Brod, Salz! Niemand, ach niemand kann ohne Erfahrung sich einen Begriff von dieser Empfindung machen. Ich dankte Gott fur die Aussicht auf dieses so lang entbehrte, so unerwartete Gluck. Ich sprach nun mit ihr von den Noten, welche Frau Vandek uber ihren Character und uber ihre Leiden gemacht habe, und erzahlte ihr auch von der Achtung, welche die fleissige, Hausshalt verstandige Hollanderin fur die Ordnung und die Arbeiten der Frau Wattines in der Hutte auf der Insel bezeigte. Es freute Emilie, und lachelnd sagte sie: ich habe sie also recht wohl angewendet, die Muhe, unsere Hutte und kleinen Haussrath auf das moglichste zu ordnen, als ich wusste, dass eine Niederlanderin auf unsere Insel kommen wurde.
Ich bat jetzo, dass sie mir den ganzen Vorrath ihrer Arbeitswerkzeuge weisen solle, indem ich wisse, dass sie wie Reliquien geordnet und aufbewahrt wurden. Lebhaft erwiederte sie:
Ja, es sind mir heilige Ueberreste von Geist, Liebe und Tugend meines Mannes; denn diese drey Eigenschaften mussten vereint seyn, um bey dem hochsten Kummer und Leiden hervorzubringen und auszurichten, was er vier Jahre hindurch fur Frau und Kinder that.
Ihr Ton und etwas in ihrem Aeussern machte mich unruhig, und ich ersuchte sie, mir eine Frage zu erlauben, ganz gerne, antwortete sie, vor sich hinsehend: ich besorge, etwas gesagt zu haben, dass Ihnen missfiel. Sie errothete ein wenig, sagte aber sehr sanft: ich bekenne, der Ausdruck, dass ich die Arbeitswerkzeuge von Wattines wie Reliquien aufbewahrte, deuchte mich Spott, und verwundete mein Herz.
Ich fuhlte nun auch, dass diese gesuchte Wendung, bey einer ganz einfachen Idee, in Wahrheit unschicklich war, und die liebe Frau doppelt beleidigen konnte, um so mehr da sie von einer Kirche ist, welche die Reliquien verehrt, und daher dieses unbesonnene Gleichniss, in dem Munde eines Protestanten wirklich Spott wurde, gewiss auch alles was Emilie und ihr Mann, in den harten Prufungsjahren ihrer Einsamkeit ertragen und erfunden hatten, keine zweydeutige Benennung verdiente. Ich war unaussprechlich unzufrieden mit mir selbst, denn wenn man sagen wollte: Frau Wattines sey durch lange getragenes Weh zu empfindlich geworden, so hatte man unrecht. War es nicht eine Pflicht ihres Herzens, alles mit Dank und Liebe zu umfassen, was ihr Mann mit so viel Sorgfalt und Beschwerde verfertigte? und ich fuhle mit Schmerzen, dass ich ohne Verstand, und sehr ungerecht gehandelt hatte. Ich stand in dem kleinen Kammerchen neben Emilie tief schweigend, und in dem Moment, wo ich eine Entschuldigung herstammeln wollte, erschien Wattines. Meine innere Demuthigung wurde nun mit Verlegenheit gemischt, welche ich etwas verbergen wollte, und mich gegen das kleine Fenster wandte, wo meine Augen gerade auf die Insel trafen, wo das ganze Bild von dem Leben dieser Edlen vor mir stand, mich ruhrte, und meine Blicke mit wehmuthsvoller Ehrerbietung bald auf Wattines, bald auf die verschiednen Werkzeuge heftete. Der schatzbare Mann schwieg einige Zeit, bemerkte dass mein Auge auf rund gebogne Stucken Drath geheftet waren. Er fasste den Drath und sagte: Ihnen allein, mein Freund! darf ich die Idee mittheilen, dass ich hier an die grossen und kleinen Zirkel denke, welche beseelte und unbeseelte Wesen dieser Erde, von Anfang ihres Entstehens, bis zu ihrem Ende neben einander durchlaufen.
Ich sah auf ihn und lachelte, er sagte aber: ja mein Freund! nicht wahr? Eisentheilchen verbanden sich in dem Innern der Erde zu Erz, dieses wurde ausgegraben, geschmolzen und zu Drath verarbeitet, da kaufte ich ihn zu Gitter eines Vogelhauses; aber die Gesetze der Noth, welche nach dem alten Sprichwort Eisen bricht, anderten, wie es auch oft mit Menschen geschieht, die erste Bestimmung dieses Draths, machte ihn theils zur Gitterflechte, fur unsere schottitische Brodkuchen, theils zu grossen und kleinen Stricknadeln, zum Band fur meine Oehlpresse, und zwey lange Stucke wurden Nahnadeln, mit welchen Emilie eine Art Gewebe hervorbrachte, endlich wurde ein Theil zum Vogelbauer fur meinen Carmil verbraucht, und werden wohl hier in Rositheilchen aufgelost, vielleicht neben der Asche meiner Kinder liegen, mit dem Ganzen vereint werden, damit die ersten wieder neue Eisenerze, die andre aber Pflanzen nahren, welche zum Dienst des Lebens nachfolgender Menschengeschlechter berufen seyn mogen.
Ich sagte zu ihm: Sie haben Ihren Drath in eine zusammenhangende Kette artiger Betrachtungen eingeflochten.
Er hob das Wortchen a r t i g aus, indem er fragte, warum sagten Sie nicht geradezu p h a n t a s t i s c h e Betrachtungen. Ich antwortete ernst, weil es mir nicht in den Sinn kam, und wirklich Ihre Ideen mehr als Phantasien sind.
Nun fasste er den Vogelkafich, und sagte munter: es hatte mir nicht missfallen, denn ich habe selbst den Gedanken eines Vogelkafichs fur die Insel Oneida als Phantasie geachtet, nur da ich den vielfachen Nutzen meines Draths bemerkte, sagte ich mir: in der grossen Welt dient Phantasie nur zu Verschonerung des erfundenen Nutzlichen, auf meiner einsamen Insel ist eine meiner Phantasien Grundlage einer vielfachen Wohlthat fur meine Familie geworden.
Mein Herz freuet sich, wenn ich Wattines bey einem freyen Gange seiner stets regsamen Einbildungskraft, mit einer Art von besonderer Zufriedenheit in dem Felde des Denkens herum wandeln sehe. Ich fasste den Faden von dem labyrinthischen Wege seiner Gleichnisse auf, und lenkte das Gesprach mit erneuten Kennzeichen der Theilnahme, auf die Betrachtung ihres so ausgezeichneten Schicksals, Wattines fand es sehr gut und sagte:
Sie haben recht, wir wurden zu dem Zustande der Probe berufen, zu was L i e b e , R e l i g i o n , V e r s t a n d , E r z i e h u n g und die dem Menschen gegebenen Kunstfahigkeiten dienen. Denken Sie in wie kurzer Zeit wir von einem aussersten Ende zu dem andern gefuhrt wurden, in Philadelphia noch alles sahen, was Pracht, Reichthum und Wohlleben bey Menschen vermogen; auf der Insel Oneida, vollige Einsamkeit und Mangel; bey Indier, Naturmenschen und ihre zufriedne Armuth, gegen die wir in unserer Hutte uns reich dunken konnten; hier fiel Emilie ein: es war aber sehr gutig von der Vorsehung, dass sie uns durch das einfache Denken und Handeln eines Quakers zu dem noch einfachern Naturleben vorbereitete, und sagte ich, Sie durch arme Colonisten wieder zu gesellschaftlichen Verbindungen zuruckfuhrte. Emilie erwiederte, und diess zu meinem ewigen Dank gegen Gott, durch die Hand eines weisen, tugendhaften Mannes wie Vandek ist. Seine Erscheinung wirkte auf meine Seele, wie der Regenbogen nach geendigter Sundfluth auf Noah, weil er die Befriedigung des strafenden Schicksals zeigte,
Sagen Sie, meine Freunde! ist diese Frau nicht immer auf dem schonen Pfade edler frommer Gesinnungen, kann meine ehrerbietige Bewunderung ihres vortrefflichen Geistes und Characters nur im mindesten zu viel oder zu tadeln seyn? Wie sehr wunschte ich, gleich mit der Colonie hierher gekommen, und mit Vandek das erstemal auf die Insel gereist zu seyn, gewiss dann ware alles aufgezeichnet worden, was mit Wattines seit ihrer Verpflanzung auf das feste Land vorging; denn wie viel ausserst interessantes hatte man bemerken konnen, als Wattines wieder einmal Nachrichten von Europa horte, begierig und angstlich nach Frankreichs Begebenheiten fragte u.s.w. aber sie schrieben wenig auf, nur weniges hatte dem Vetter des schatzbaren Vandek besonders merkwurdig geschienen, wie zum Beyspiel die Aeusserung, als Emilie mit tiefem Kummer ihres Herzens ihren Mann fragte, wodurch wurde denn unser franzosischer Nationalconvent so grausam und blutdurstig? warum wurde keines von diesen tausend und tausend Schlachtopfern gerettet? sagte Wattines, ach meine Emilie! ich habe einst eine traurige Betrachtung daruber gelesen, welche mir nun ganz in das Gedachtniss zuruckkommt, und vielleicht damals durch den Geist meines Schicksals so tief in die Seele gepragt wurde, weil er wusste, dass ich einst diese Beleuchtung des tiefsten, schwarzesten Abgrunds des menschlichen Herzens nothig haben wurde. Der Aufsatz sagte: "wenn der auf seine Vorzuge stolze und machtige Mensch, aus Leidenschaft oder Uebereilung jemand unglucklich macht, oder verurtheilt, und es vor Zeugen that, so wurde er selbst bey dem Gefuhle, dass er unrecht und grausam handle, fortfahren, wurde seinen Verstand verwenden, zu beweisen, dass der arme Ungluckliche seine Leiden verdiene, wurde immer harter, immer grausamer werden, um die Zeugen glaubend zu machen: dass ein Mann von seinem Geiste und Character nicht so handeln wurde, wenn es der Verurtheilte nicht verdiente," und so verwandelt Stolz und Rachbegierde selbst das Mitleid der fremden gefuhlvollen in Beyfall der Grausamkeit. Dieser unseelige Geist der stolzen Eigenliebe verwandelte die Halfte der sonst so liebenswurdigen Bewohner Frankreichs in gefuhllose Tieger.
Emilie weinte da sanft auf Frau Vandeks Brust gelehnt, und sagte: ach meine Freundin! wie glucklich sind die Verstorbenen! Wattines las mit Eifer in den Heften fort, und traf die Nachricht der Verbindung des spanischen Hoses mit der jetzigen Regierung in Frankreich. Seine erste Bewegung soll unaussprechlichen Schmerz gezeigt haben, wobey er ausrief: Bourbon, gegen Bourbon! O Menschen! nachher aber sagte er mit bitterm Lacheln: aber da war schon lange voraus gegangene Sympathie, und sehr naturlich dass die Spanier den Neufranken alle Grausamkeiten des Fanatismus der Freiheit vergaben, da sie schon so lange an die Unmenschlichkeit des religiosen Fanatismus der Inquisition gewohnt sind, und der Pariser Convent hat noch einen Vorzug der Redlichkeit, vor der Regierung zu Madrit, denn unsere franzosischen Oberherren verlaugneten zuerst den Glauben an den Gott der Gute und Gerechtigkeit, ehe sie ihre barbarischen Grundsatze ausubten: sie schlossen die Kirchen, verbannten die Lehrer der christlichen Religion, welche Sanftmuth und Wohlthatigkeit predigten, und erst nachher folgten sie den Eingebungen ihres bosen Geistes. Die Spanier hatten christlichen Gottesdienst, und den Namen Christi, neben der qualenden Inquisition.
Er ging auch mit ringenden Handen aus der Stube des Vandeks; und suchte Milderung seines Jammers in der stillen weiten Einode eines ausgerotteten Stuck Waldes, unweit Vandeks Feldern. O wie erneute sich hier mein Wunsch, von alle diesem Zeuge gewesen zu seyn, alle Ideen bemerkt zu haben, welche sich nach einem 4 Jahre gedauertem Schweigen empor drangen, also den hohen Werth erster Ergiessung seiner wahren Gefuhle hatten; denn nun werden meine Fragen uber seine jetzige Lage und uber die Menschen um sie her, nicht mehr so freymuthig beantwortet, als die, welche ihr Leben auf der Insel betrafen; denn mit ernenten europaischen Verbindungen ist, zugleich die kluge Besorgniss, dass sie zuviel sagen mochten, in ihre Seele zuruck gekommen, und verhindert alle Eroffnung uber Denken und Sitten ihrer neuen Freunde. Mir ist es ehrwurdig, dass sie nur in dem ganz innern ihres Hauses, mit sich, ihren Kindern und hie und da einer Speise acht franzosischer Art behalten, und in allem andern, wie Vandek und Scriba leben. Wattines arbeitet auf dem Felde, wie jeder andre Colonist, nur dass bey allem was er vornimmt, mehr Geist, Leichtigkeit und Gewandheit sichtbar ist, wodurch aber auch bey den jungen Leuten, welche nur ein wenig Anlage hatten, ein schoner Wetteifer geweckt wurde, welcher, neben den Einfluss von Vandeks Lehren und Lebensart, diese anwachsende Colonie als ausserst schatzbare Menschen zeigen wird.
Die Predigt, welche Vandek bey vollendeter Ansaat der neuen Felder hielte, war das schonste Stuck Beredsamkeit des Herzens, so ich jemals horte, und wahre Einsegnung der Saamenkorner; ich bin auch uberzeugt, kein Colonist verliess die Kirche, ohne Gott um Erfullung dieses Segens zu bitten. Ich beobachtete den Ausdruck der Physiognomien aller Zuhorer, niemand zeigte eifrigere Wunsche als Wattines, und niemand innigere Gottesfurcht als seine Frau. Nach der Predigt gingen die meisten Zuhorer nach ihren Feldern, um diesen, wie ich behauptete, die Furbitte ihres gutigen Lehrers zu uberbringen. Vandek, Wattines und Scriba durchwanderten langsam die Strasse langst dem See; ich blieb zuruck, und schlich in eine Ecke von Wattines Garten, wo ich alle bemerken konnte, und dachte: wie sonderbar ist das menschliche Schicksal! Wer wurde vor zehen Jahren dem Hollander Vandek gesagt haben: jetzo gehst du unter den Schatten der Baume an des prachtigen Amsterdams Canalen, zwischen Kauffartheyschiffen und einer Menge zierlicher Gebaude, welche mit allem erfullt sind, was Reichthum von dem Geiste der Kunst, und von den Wundern der Natur in allen Welttheilen sammeln konnte; aber 1796 wirst du an den Ufern des noch nie beschifften See's Oneida, zur Seite einiger von rohen Baumstammen und verflochtenen Baumasten gebauten Hutten, nach deinen frisch bearbeiteten Aeckern eilen, auf welchen die Hoffnung des Wohlstandes deiner Kinder keimen wird. Wer hatte damals dem schonen glucklichen Wattines und seiner bluhenden Braut, die schreckende Aussicht gezeigt, dass sie, statt des reitzenden Wechsels zwischen Lille, Paris und Versailles, dem Schicksale fur eine unbewohnte Insel danken wurden, wenn ihr guter Konig und ihre geliebten Verwandten ermordet, alle Grossen verjagt, umher irrend, nichts mehr wurden helfen konnen, Wattines alsdann vier Jahre lang die Erde seiner einsamen Insel bearbeiten, und am Ende durch die Hand eines, von Ungluck verfolgten, teutschen Kaufmanns, in Nordamerika, wieder zu gesellschaftlicher Verbindung zuruckkommen wurden?
Innere Trauer und Ernst erfullten mein Herz, und ich war froh, mir selbst entzogen zu werden, weil ich bey dem Kaufmanne zu Mittag speiste. Ich achte ihn glucklicher als alle andre, auch hat er wirklich die schonste Rolle. Er bahnte allen ubrigen den Weg zu neuer Hoffnung von Gluck und Zufriedenheit des Lebens, alle seine Entwurfe sind gut durchdacht, seinen Colonisten und ihrer Lage angemessen, welches nicht bey allen neuen Anstalten beobachtet wird. In dem Gange der Unterredung ausserte Hr. S. den Wunsch recht genau bemerken zu konnen, welche Wendung die so verschiedenen Grundsatze des Vandek und Wattines am Ende nehmen wurden. Ich behauptete, dass er beyde als vollkommne Muster guter Familienvater und Landwirthe, die Zierde seiner Colonie nennen konnte. Hr. S. gab es zu, zeigte mir aber eine Sorge in Ansehung des Characters, Geburt und Geist von Wattines, indem dieser auf der Insel allein nach Willkuhr seiner Ideen und Gefuhle lebte, wo Bedurfniss der Lebensmittel, die einzige Art von Gesetzen war, welche seinen Gehorsam forderten. Diesen Forderungen unterwerfe man sich in jedem Stande und jeder Lage: dass alles was Wattines aus Liebe fur Frau und Kinder that, mit susser, naturlicher Freude verbunden war, und er in seiner Familie, keinen Gedanken und keine Leidenschaft fand, welche den seinen entgegen standen, sie in ihrem Gange hindern oder stossen konnten; jetzo aber, da er wieder mit Vielen und verschieden Gesinnten leben musste, wo der Name C o l o n i s t , jedem gleiche Rechte und gleiche Pflichten gebe, alle aber aus so verschiedenen Gegenden unsers Europa kamen, also verschiedene Erziehung und Gewohnheiten mitbrachten, wodurch leicht eine Gelegenheit entstehen konnte, in Wattines das Gefuhl angebohrner Vorzuge zu erwecken, und eine unfreundliche Leidenschaft zu reitzen. Ich sagte hier freymuthig, dass ich das sicherste Verwahrungsmittel gegen diese Gefahr, in dem Festhalten und Einpragen der englischen Grundgesetze sahe: Freyheit zu lassen, mit sich und seinem Eigenthume zu thun was man will, nur nichts gegen das gemeine Beste und gegen andre. Dieses wurde alle und jeden glucklich machen, wobey ich wirklich versichern konnte, dass Wattines nie dagegen fehlen wurde. Ich ersuchte daneben den Hrn. S. um stillen Schutz fur das vorzugliche Verdienst, um es nie dem Neide und Widerwillen gewohnlicher Menschen auszusetzen, und war sehr froh, die Versicherung geben zu konnen, dass Wattines niemals eine andre Beschaftigung annehmen wurde, als was mit Ingenieur und Bauwesen in Verhaltniss stunde, im ubrigen aber nur als fleissiger Landmann und Lehrer seiner Kinder leben, und arbeiten wollte. Dienste zu leisten sey ihm heilige Pflicht vor Gott, und Vergnugen fur sein Herz. Mehr wollte ich nicht zu seinem Besten sagen, weil man oft durch zu viel Gutes ruhmen schadet; und da ich schon bemerkt hatte, dass Wattines mehr beobachtet wird als andre, so freute mich ein Zug von Klugheit, welchen er mit einem artigen Plane zu dem Besten unsers Zimmermanns, und Verschonerung der Anlage verband. Da noch kein Steinbruch und keine Ziegelbrennerey im Gange ist, und man Holz genug hat, so soll der Zimmermann sein Haus nach der Gewohnheit in der Ukraine bauen, wo auch die Steine fehlen, aber das Holz alles so behauen und bearbeitet wird, als ob es Quaderstucke des besten Steines waren, welche dann mit Oehlfarbe angestrichen, sehr schone Gebaude darstellen. Wattines wollte sein Haus nicht zuerst auf diese Art unterscheiden, weil er sich in nichts auszuzeichnen sucht. Bey dem Baumeister sieht es als Lockspeise aus, einem reichen Colonisten die Begierde nach einem so schonen Hause zu geben, und also etwas mehr zu verdienen als bey einem Loghouse. Diesen Winter will Wattines zu einer solchen Bekleidung seiner wirklich stehenden Gebaude, selbst Hand anlegen, da er in allem die Bahn des mannlich thatigen Lebens so lebhaft und eifrig befolgt. Jagd freut ihn, aber seine Meyerey noch viel mehr, doch tief, sehr tief hat der Kummer, wie unsere Karschin sagte, mit diamantnem Pfluge Furchen in sein Herz gegraben; denn als er mir den Plan von dem Bezirke seiner Felder, Garten und Waldung vorgelegt, und mir alles auf dem freyen Platze seines Hofes zeigen wollte, sagte seine Frau: er solle doch die Zeichnung seines vaterlichen Hauses mit dazu nehmen, und es mir auch weisen. Hier bemerkte ich, dass er mit einem Zuge des innersten Schmerzens gegen die Thure des kleinen Kammerchens ging und die Rolle holte. Die mit Antonette auf dem Schoosse da sitzende Emilie, reichte, da er vorbey wollte, mit der Hand nach ihm, kusste seine Hand, blickte mit so wahrer Zartlichkeit ihn an, dass sein schones Auge auch lachelte, als er einen Kuss auf ihre Stirne und ihre Hand druckte, dann aber mit mir dem Hofe zueilte, wo ich ihm den zu Wasche und Weiberarbeit bestimmten Tisch, naher zu den Baumen tragen half. um dort seine Papiere auszubreiten. Der Zufall schickte es, dass das Bild von dem prachtigen Wohnsitze seiner Voreltern, und das gerade von ihm daneben gelegte Blatt, mit der Zeichnung seines Loghouses, in dem Moment von der Sonne beleuchtet wurden, als er mit seinem Bleistifte in der Hand auf das erste deutend sagte: h i e r W o h n u n g d e s V a t e r s , und, indem er das zweyte beruhrte, mit einer etwas geanderten Stimme und einem unterdruckten Seufzer hinzu setzte, h i e r d i e d e s S o h n e s . Bey den uber alles verbreiteten Stralen, ergriff er schnell das Bild des Schlosses von Wattines, hielt es mit ausgestrecktem Arme gegen die Sonne, indem er mit einem mir auf immer unvergesslichen Tone sagte: O, du sahest den schonen Wohnsitz meiner Voreltern grunden und diese Hutte bauen, du reiftest die Saaten ihrer durch Gerechtigkeit und Gute glucklichen Pachter so viele Jahrhunderte, o reife auch die, welche die Hand ihres unglucklichen Enkels hier in dieser fernen Gegend ausstreute! Ich war ausserst geruhrt, umfasste ihn und sagte: Edler, schatzbarer Mann! der Gott der Sonne sieht Sie, Ihre Leiden und Ihre Tugend, gewiss lohnt er Sie!
Innig blickte er mich an und antwortete seufzend, ach mein Freund! ich wunsche nichts fur mich, aber fur Emilie und meine Kinder. Nun eilte er nach seiner Gewohnheit hinweg, nach irgend einer einsamen Ecke zwischen Baumen und Gestrauchen, damit er durch schnelles Gehen, durch die Bewegung der Luft, durch das Eindringen, Anstreifen und den Widerstand der kleinen verwachsenen Aeste in dichten Gebuschen einen Theil der Emporung seiner Seele und seines Blutes verliere, bis er sich am Ende etwas ermudet umsieht und Freude fuhlt allein zu seyn, keinen Menschen zu erblicken, nur von seelenlosen Geschopfen umgeben zu seyn. Einst sagte er, in diesen Momenten bin ich nicht einmal ein guter Grieche der schonen alten Zeit, da ich in einer solchen truben Stunde, selbst die sanft auf mich wirkenden Gestalten und Farben der Pflanzen nicht sehen wollte, einen dastehenden Baum umklammerte, und mein Gesicht mit geschlossnen Augen gegen seine Rinde andruckte, und wirklich eine Wohlthat darin empfand, als die Idee der Lehre von Dryaden vor mir erschien, und mich von dem umarmten Baums fliehen machte; aber dann folgen ganz andre Gefuhle: ich bedaure niedergestampfte Pflanzen, zerrissne Zweige, suche meinen Ruckweg, freue mich der sich erweiternden Aussicht, und des fernen Horizonts, und eine, das Weh meiner Seele mildernde, Thrane fullt mein nun zum Himmel erhobnes betendes Auge, und langsam, halb erschopft, halb beruhigt komm ich zuruck.
Wer, meine Freunde! kann diesen Ausdruck der schmerzvollen Ruckerinnerung tadeln? Die Zeit wird das Gefuhl davon schwachen, aber nie ganz erloschen. Wattines kam auch jetzo bald und erheitert wieder zuruck, druckte mir die Hand und sagte: ich hoffe, Sie finden meine etwas lebhafte Erinnerung doch nicht ungegrundet? ich antwortete: gewiss nicht, ja noch mehr, ich finde sie gerecht und naturlich.
Diess schien ihm zu gefallen, und er sprach nun ganz gelassen von allem, was seine verlornen Guter und seine Familie betraf. Ach, er verlor viel, sehr viel, der gute Wattines! Mein Abend war dem Vandek versprochen, welchem ich die kleine Scene von Wattines erzahlte, dieser sagte mir, indem er einen Pappendeckel ofnete, und einige Quartblatter aushob: ja, ja, es wird noch oft unruhige Momente seiner Seele geben, ehe alles so ganz in einer daurenden Stimmung seyn wird, wie er einst hoffte, und sich damals bey meinem Lobe seiner Gelassenheit gegen mich ausserte, indem er hier schrieb:
"Gutiger Vandek! Sie loben meine Gleichmuthigkeit, meine Ruhe bey dem Andenken dessen was ich war, hatte und verlor, ach, das Ungluck und die Einsamkeit, welche mich in moralischen Gefuhlen und Ideen Hulfe suchen machte, zeigte mir auch den wahren Werth aller Dinge dieser Erde; das Schicksal meiner Verwandten und tausend andrer schatzbaren Menschen verbietet mir zu klagen; Nachdenken und Ergeben heisst mich den Mangel des gewohnten Wohlstandes durch ausubende Tugend meiner Lage ersetzen. Der Himmel hat mir unendlich viel Gutes gethan, da er mir in Ihnen einen Freund gab, der alter und weiser als ich, doch auch durch uberfliessenden Eifer fur das, was er seinem Vaterlande das beste zu seyn achtete, auch den Schauplatz dieses standhaften Eifers verlassen musste. Unsere Erinnerungen von Menschen, die unter alten Gesetzen aufwuchsen, unsere Erfahrung des gewaltsamen Abanderns, konnen hier unsere Beobachtung uber Fahigkeiten, Leidenschaften und Neigungen der menschlichen Seele zum Besten unserer Kinder berichtigen helfen. Ich wurde beraubt, Sie opferten alles auf. Unsere Lage, unsere Miteinwohner und die Natur lehren uns, glaube ich, wahres Wohl und Weh bestimmen. Mich dunkt, wir werden unser Gluck grunden, wenn Geduld und unser Fleiss eben so wirksam und anhaltend bleiben, als der Unmuth war, durch welchen wir hierher getrieben wurden." Vandek fuhr fort: Sie sehen hierin den edlen raschen jungen Mann von philosophischer Moral und schoner Kenntniss beseelt, welche seinen Gesichtspunkt bald glanzend bald trube machen. Seine Frau zeigte sich ganz anders, schon freute sie sich, wieder bey Menschen zu wohnen, und sagte zu meiner Frau: ach wie viel Gluck ist durch Ihre Ankunft auf mein Leben verbreitet! Ich bin wieder unter denkenden Menschen, geniesse Freundschaft, Mittheilung der Gefuhle, Theilnahme an mir, und dabey das edle Vergnugen, hier und da Gutes zu thun; denn ich litte auf der Insel, selbst durch die Wirkung der besten Grundsatze. Meine geliebte Mutter hatte die Pflichten der Wohlthatigkeit und Nachstenliebe so tief und so fruh in meine Seele gegraben, dass w o h l t h u n in meinem Herzen nicht nur zu den Ideen der Tugend gehorte, sondern mit den Gefuhlen des sussen innerlichen Glucks verbunden war. Ach dieses Gluck fehlte mir nun ganz; ich fuhlte mich nur glucklich durch das geduldige Tragen dieses Mangels, weil er dadurch ein Verdienstopfer wurde. In solchen Stunden empfand ich den starkenden Einfluss der Religion, stand nach Weinen und Gebet, wenn Wattines beym Fischen war, von meinen Knieen auf, ging mit ausgebreiteten Armen auf den freyen Platz vor der Hutte, von welchem ich einen grossen Theil des uber mir fliessenden Himmels sehen konnte, der mir dann, mit innigst empfundener Wahrheit der Wohnsitz meines Gottes war, zu welchem ich einst berufen werden sollte, wenn ich nach dem Willen unsers Urhebers alles Gute gethan haben wurde, wozu mir mein Schicksal den Fingerzeig gab. Diese Gedanken, welche mich beruhigten, machten mich meine Erziehung und meine Religion segnen; riefen mir aber die schreckliche Handlung des Nationalconvents zuruck, welcher dem Volke alle Religion genommen hat, so, dass diese armen Geschopfe keine grosse Triebfeder zum Guten in glucklichen Tagen, keinen heilig wirkenden Trostsrund in Ungluck sahen. Dieses schmerzte mich aus Menschenliebe, selbst in meiner Entfernung von meinem Vaterlande, wie mich ehemals in dem vollen Genusse meiner glucklichen Tage schmerzte, wenn ich einen Leidenden wusste, dem Nahrung, Kleidung und Arzeney fehlte.
Vandek setzte hinzu, Frau Wattines erfullt nach dem Zeugnisse meiner erfahrnen Frau, ihren hauslichen Cirkel mit allen Verdiensten der guten Mutter und Hauswirthin, lasst sich aber gerne in gesellige Gesprache ein, von welcher mein Vetter noch eines aufzeichnete, weil es ihm so voll Kenntniss und Herzensgute schien.
Die zwey Freundinnen redeten einen Nachmittag von ihrem Vaterlande und seinen Vorzugen und Gewohnheiten; da mussten wohl Vergleiche zwischen Europa und Amerika vorkommen, naturlich beyde sich an die traurigen Ursachen erinnern, welche sie an den See Oneida fuhrten. Nehmen Sie aber, was hier in der Seele von Frau Wattines vorging, als sie ganz ernst sagte: wir bewohnen nun diesen Theil der Erde, welcher Amerika heisst, wir wissen was Europa in Geist und Kunsten ist, wir haben erfahren, was ein Theil unserer Landsleute fur uns wurden, und gewiss wir klagten oft uber unser Schicksal; aber was fur ein Loos traf Nord- und Sudamerika durch die Hande der Europaer, welche so stolz auf die Namen C h r i s t und Philosophen sind? Fielen nicht die ursprunglichen Bewohner des sudlichen Theils, die mir so lieb gewordenen Kinder und Verehrer der Sonne, in die Gewalt des moralischen Ungeheuers, der Inquisition, welche sie durch Feuer, das von Gott zum Besten aller Geschopfe gegeben worden, zu den grausamsten
Unterricht eines Mexicaners fur
L i t e r a t u r v o n L u t h e r b i s T u c h o l s k y
seinen Sohn.
"Mein Sohn, du kommst von dem Leibe deiner Mutter, an das Licht der Sonne, wie das Huhn aus dem Ey, und bist jetzo wie diese bestimmt in die Welt zu fliegen. Ich weiss nicht, wie lange mir Gott das Kleinod gonnen will, welches ich in dir besitze; aber ich werde ihn stets bitten, dich zu schutzen. Er hat dich erschaffen, du bist sein Eigenthum. Er ist dein Vater und liebt dich mehr, als ich dich nicht lieben kann; wende deine Gedanken nach ihm, bete morgens und Abends zu ihm; verehre das Alter; verachte niemand; sey niemals taub bey den Bitten der Unglucklichen und sage ihnen Worte des Trostes, Ehre deine Eltern, erweise ihnen Gehorsam und Dienste, und meide das Beyspiel boser Sohne, welche wie unvernunftige Thiere handeln, ihre Eltern gering achten, und sich weder bessern noch belehren lassen, und auf ihrem eignen Wege dem Unglucke oder wilden Thieren zum Raube werden. Spotte nie weder des Alters, noch der Unvollkommenheiten der andern; verachte niemand der fehlt, sondern hute dich, den Fehler zu begehn, der dir missfallt. Geh nirgend hin, ohne dass du gerufen bist, und menge dich nie in fremde Dinge. Bemuhe dich in deinen Reden und Handlungen deine gute Erziehung zu beweisen. Lege bey einer Unterredung niemals die Hand auf einen andern. Sprich nie andern, auch wenn es thoricht ware, wenn du nicht verpflichtet bist, ihn zu bessern; musst du dieses, so bedenke was du sagen willst: rede nicht mit Stolz, damit die Ermahnung gut aufgenommen werde. Spricht jemand mit dir, so hore ihm aufmerksam und in einer anstandigen Stellung zu; spiele nicht mit deinen Fussen, und nimm die Ecke deines Mantels nicht in den Mund; spucke nicht zu oft aus und blicke nicht viel hin und her; stehe nicht von deinem Sitze auf, denn alles dieses ist gegen gute Erziehung. Bey Tische iss nicht begierig, und zeige keinen Widerwillen gegen eine Speise. Kommt jemand unerwartet zu deinem Essen, so theile gerne mit ihm was du hast, und wenn du mit jemand sprichst, so starre ihn nicht zu fest an. Wenn du ausser Haus gehest, so gieb acht, niemand zu stossen, sondern weiche dem entgegen kommenden aus. Gehe nie einem altern vor, als wenn es nothig ist oder dir befohlen wird. Wenn du mit Alten zu Tische bist, iss und trink nie fruher als sie; sondern betrage dich ehrerbietig, damit du ihr Wohlwollen erhalten mogest. Wenn sie dir etwas geben, nimm es mit Dankbarkeit: ist das Geschenk gross, so werde desswegen nicht eitel oder toll vor Freude: ist die Gabe klein, verachte sie nicht, um den Geber nicht zum Misvergnugen zu reitzen. Wenn du reich wirst, sey nicht ubermuthig, und blicke nicht mit Verachtung auf den Armen, sondern besorge, dass dir die Gotter den Reichthum, welchen sie dir schenkten, um des Stolzes willen wieder nehmen wurden. Ernahre dich von deinem Fleisse; dein Essen wird dir besser schmecken. Ich, mein Sohn, habe dich bis jetzo durch meine Arbeit erhalten, und ohne fremde Beyhulfe alles Nothige angeschafft, mache es auch so. Erzahle nie eine Unwahrheit, denn es ist eine gehassige Sunde; wenn es nothig ist, einem dritten mitzutheilen, was ein andrer dir sagte, so setze nichts zu und sage die einfache Wahrheit. Rede von niemand Boses, werde kein Neuigkeitstrager, und sae nie Zwietracht, wenn du zu jemand geschickt wirst, und die Botschaft missfallt, sage nicht wieder was dem Menschen im Zorne entfiel, sondern suche alles zu besanftigen: scheine das Bose nicht zu horen, und vermeide Missverstandnisse zu vergrossern; denn es wurde dich gereuen. Bleibe auf dem Marktplatze nicht langer als nothig ist, denn auf diesen Platzen ist die grosste Gefahr fur die guten Sitten, Wird dir eine Stelle angetragen, ergreife sie nicht zu schnell, als ob du glaubtest dass andre nicht so viel Verdienst hatten als du, sondern zeige bescheidnen Zweifel in dich selbst, so wirst du mehr geschatzt werden. Lebe niemals sittenlos; denn die Gotter werden dich mit Schande strafen. Halte dich von den Madchen entfernt, du bist noch jung mein Sohn! warte bis die Gotter dir deine bestimmte Gattin zeigen. Verbinde dich nicht ohne die Einwilligung deiner Eltern, es mochte dir Ungluck bringen. Raube niemand nichts, spiele nicht; du machst sonst deine Eltern und dich selbst elend, wenn du gegen ihre Lehren handelst; wenn du aber tugendhaft bist, so wird dein gutes Beyspiel den bosen beschamen und bessern. Nun nichts mehr, mein Sohn, ich habe alles gesagt, was die Pflicht eines Vaters fordert, ich wollte mit diesen Rathschlagen deinen Verstand starken, verwirf sie nicht, denn das Gluck deines Lebens hangt daran." So unterrichteten die Mexicaner ihre Sohne uberhaupt, und jeder Vater sprach noch von den besondern Pflichten jedes Standes. Nun folgen die
Lehren der guten mexicanischen
Mutter.
"Meine Tochter! du bist aus den besten Saften meines Lebens entstanden, ich habe dich mit meiner Milch genahrt, mit vieler Muheerzogen, und mit ausserster Sorge so weit gebracht, als du nun bist. Dein Vater hat deinen Verstand bearbeitet und polirt, wie einen Smaragd, damit du in den Augen aller Menschen, als ein Kleinod erscheinen mogest. Befleissige dich immer gut zu seyn, denn wer wurde dich sonst zu seiner Frau wunschen? du wurdest von allen verworfen werden. wir mussen uns bestreben, die Guter zu verdienen, welche uns die Gotter geben sollen; also durfen wir nicht trage und nachlassig bleiben, sondern eifrig und fleissig in allem seyn. Liebe die Ordnung und bemuhe dich, eine gute Haushaltung zu fuhren. Gieb deinem Manne Wasser fur seine Hande und backe gutes Brod fur seine Hausgenossen. Wohin du deine Schritte wendest, gehe eines bescheidnen und gesetzten Ganges, ohne zu eilende Schritte, oder laut mit den Bekannten zu lachen welche du antriffst, oder deine Blicke gedankenlos hierhin und dahin zu werfen. Sorge, dass dein guter Ruf nicht besudelt werde; gieb aber allen, welche mit dir sprechen, hofliche Antwort. Sey fleissig in Spinnen und Weben, in Saumen und Sticken; denn durch diese kunstlichen Arbeiten, wirst du deine Nahrung und Kleidung erwerben. Schlafe nicht zu lange. Suche nicht immer den tiefen Schatten, sondern gehe in die freye Luft und ruhe dort; denn Weichlichkeit bringt Mussiggang und andre Laster mit sich. Bey allem was du thust, denke an die Verehrung der Gotter und an die Freude deiner Eltern. Wenn dich dein Vater oder deine Mutter rufen, bleib nicht stehen, bis du ihre Stimme zum zweytenmale horst, sondern gehe gleich hin, wo du etwas zu ihrem Vergnugen thun kannst, damit deine Langsamkeit sie nicht erzurne. Gieb niemand eine rauhe Antwort, zeige niemals einen Mangel an Gefalligkeit; kannst du das, was man fordert nicht ausfuhren, so mache eine bescheidene Entschuldigung. Wird eine andre Person gerufen, und kommt nicht gleich, so komme du, hore was man verlangt, und verrichte es auf das beste: betruge niemand; denn die Gotter sehen alle deine Handlungen. Lebe mit allen Menschen in Frieden, zeige allen ein aufrichtiges und anstandiges Wohlwollen; so wirst du auch bey allen beliebt seyn. Sey nicht geizig mit den Gutern, welche du hast, und nicht begierig nach dem, was du siehst, das andern gegeben wird. Gieb dem Neide niemals eine Stelle in deinem Herzen; denn die Gotter theilen ihre Guter nach ihrem Gefallen. Wenn du kein Missvergnugen erfahren willst, so gieb auch den andern keines. Hute dich vor jeder Vertraulichkeit mit Mannern. Horche nicht auf verfuhrerische Wunsche, und auf strafbare Begierden deines eignen Herzens, oder du wirst den Vorwurfen deiner Familie ausgesetzt seyn, und dein eignes Gemuth beflecken, wie Morast das klareste Wasser trubt. Meide die Gesellschaft sittenloser Lugnerinnen und Mussiggangerinnen, oder du wirst von ihrem Beyspiele wie durch eine ansteckende Krankheit ergriffen, Wenn du spatzieren gehen willst, warte auf die Gesellschaft deiner Familie, gehe nicht leichtsinnig aus geringen Ursachen aus dem Hause, und lass dich nicht viel auf der Strasse sehen, oder auf Platzen, wo dein Ungluck bereitet werden kann. Erinnere dich, dass das Laster, wie ein vergiftetes Kraut den Tod bringt, wenn man es nur kostet; wenn es aber in die Seele gedrungen ist, so ist es schwer zu vertreiben. Triffst du auf der Strasse einen artigen jungen Mann, zeige ihm keine besondre Aufmerksamkeit, sondern vermeide seinen Anblick und gehe weiter: sagt er dir etwas, horche nicht, folgt er dir, wende deine Augen von ihm; er wird dich mehr lieben und in Frieden gehen lassen. Tritt nie ohne dringende Ursache in ein fremdes Haus, damit ja niemals etwas Nachtheiliges von dir gesagt werden konne; wenn du aber zu einem Verwandten gehst, so zeige dich gegen alle hoflich, bleibe aber keinen Augenblick mussig, ergreife sogleich eine Spindel, oder nimm eine andere Beschaftigung vor. Wenn du verheyrathet wirst, verehre deinen Gatten, gehorche ihm, und befolge alles was er verlangt. Vermeide ihm zu missfallen, zeige ihm niemals eine uble Laune, sondern alle deine Zartlichkeit; auch wenn er arm ist, und von deinem Vermogen lebte. Wenn er Dinge von dir fordert, welche dir unangenehm sind, zeige ihm dein Missvergnugen nicht sogleich, sondern richte seine Befehle aus, und mache deine Vorstellung fur die Zukunft, auf eine sanfte liebenswurdige Art. Empfange seine Freunde mit Achtung, und erweise ihnen alle Hoflichkeit: ist dein Mann unbesonnen, so befleissige dich der Ueberlegung in allem was du thust: geht er leichtsinnig mit seinem Vermogen um, so ermahne ihn mit aller Gute und besorge seinen Nutzen auf das beste. Bezahle alle, welche fur dich arbeiten, zu rechter Zeit, und hute dich, dass niemand durch deine Nachlassigkeit schaden leide. Fasse, meine Tochter, diese Vorschriften in dein Herz: ich bin alt und kenne die Welt; ich bin deine Mutter und liebe dich; wenn du gegen meinen Rath lebst, so ist dein Ungluck deine eigne Schuld."
Vandek setzte nun hinzu, dass Frau Wattines sagte: ich will, meine Freundin, von diesen einfachen Rathschlagen nicht erst sagen, dass sie beweisen, dass die Mexicaner civilisirt waren, wie wir Europaer; denn die Lehren des Vaters zu allgemeiner Gute und Hoflichkeit, beweisen es, so wie der Unterricht der Mutter zu klugem Betragen bey dem Liebhaber und Ehemann in jede unserer Familien passen wurde, mussen wir meine Freundin nicht sagen: gewiss waren unter den Gemordeten, unter denen in die Goldgruben Gestossenen viele tausende, welche nach den Grundsatzen dieses Vaters und dieser Mutter erzogen wurden. Ach was litten diese an Leib und Seele! Was fur ein Anblick fur Gott, Engel und Heilige, in der Verschiedenheit des Gebrauchs, welchen die Mexicaner von ihrem Golde, und die Europaer von ihren Wissenschaften machten! Wie traurig ist es zu sagen: die aus der heissen Region von Spanien gekommenen Christen, qualten die Amerikaner in Suden durch Feuer zu Tode, verachteten ihre moralischen Gefuhle, und unterdruckten jede Kenntniss ihres Geistes. Die aus den kaltern Gegenden angelandeten Englander und Hollander jagten sie aus den freundlichen Ebnen in die Walder zu wilden Thieren, und liessen sie mit vieler Gleichgultigkeit unwissend. Raynals Geschichte der beyden Indien zeigte mir auch Franzosen und Portugiesen eben so ungerecht, eben so grausam. O, wenn Thranen, welche ich uber das Schicksal der guten Indier und Africaner vergoss, etwas zur Erleichterung ihres vielfachen Jammers beytragen konnte, so haben sie gewiss Linderung gefuhlt. Ich betete fur sie, in meinen noch glucklichen Tagen, als ich meinem Oncle das schone wichtige Werk vorlesen musste, und mich damals in meiner Seele schamte, dass auch Franzosen ihre Obermacht in Kunst und Geist, so hart und treulos gegen diese guten Kinder der Natur gebrauchten.
Ach wie weit war ich in den Jahren 1787 und 1788 entfernt, zu vermuthen, dass so bald eine Zeit kommen wurde, wo ich das ungerechteste Betragen eines Theils Franzosen gegen Franzosen, und den Martertod meiner nachsten Verwandten beweinen, und froh seyn wurde, in Amerika's einsamen Gebuschen einer Insel, weit von meinem Vaterlande zu wohnen, und Gott danken wurde, dass die Hutte einer armen Indianerin mich aufnahm, mein und meines Sohnes Leben rettete, welches ich mir in Paris nicht versprechen konnte, da ich zu der nun so sehr verachteten Classe des Adels gehorte. Ach gewiss, meine Freunde! setzte sie hinzu, der Hass verblendet den Geist mehr, als die Liebe niemals gethan hat, diese wendet unsere Gefuhle und unser Denken nur von der Klugheit und Sorge fur unser eignes Wohl ab, der Hass aber entfernt uns von Gute und Gerechtigkeit: L i e b e giebt Starke zum T r a g e n , H a ss die zum N i e d e r t r e t e n : L i e b e ubersieht alle Fehler, H a ss jede Tugend: Liebe opfert sich selbst so gerne, Hass sucht Opfer seiner Rache. Das Herz des guten Menschen muss auch einen Widerwillen gegen die Falschen und Bosen haben, aber er verfolgt sie nicht, er flieht nur ihre Gegenwart, wie Ihr Mann und mein Carl die Europaer flohen.
Finden Sie nicht, meine Freunde! dass Frau Wattines immer in allem einen sehr schonen Character zeigt? war es nicht schon dass ihre gefuhlvolle Seele das Weh der Mexicaner eben so lebhaft fuhlte, als ihr eigenes? und, sagen Sie nicht auch mit mir, dass die Familie der Vandeks sehr schatzbar ist, da sie die Zuge des fremden Verdienstes so gerne sammelt und bekannt macht? wie ich sogleich noch eine Note abschreiben kann.
Einmal, da Frau Wattines ihren Carmil mit den Kindern der Vandeks spielen sah, druckte sie ihr die Hand und sagte:
Liebe Freundin! ist es Ihnen nicht ein susser Trost in dieser Einsamkeit, dass unsere Kinder nichts als das Beyspiel ihrer guten Eltern zum Vorbilde ihres Lebens und ihrer Sitten haben? Erzahlen Sie einmal meiner Tochter von den Tugenden der Madchen ihres Vaterlandes, ich will den Ihrigen von den Verdiensten junger Personen unseres Geschlechts in Frankreich erzahlen, aber nie nichts von Leidenschaften, nie, sondern von abwechselndem Fleisse, Heiterkeit, Kenntniss, Gute und dem Geschmack am Schonen. Ja das wollen wir, sagte Frau Vandek, fur unsere Tochter thun, denn unsere Knaben werden durch ihre Vater zu mannlichem Sinn und Kraft des Denkens gebildet.
Ich wunsche, sagte Frau Wattines, dass unsere Manner einen kurzen Auszug des Besten aus den Gesetzen machten und hier einfuhrten. Frau Vandek erwiederte lachelnd: Ihr Wunsch wird schon zu der Halfte erfullt, denn Vandek macht wirklich einen Auszug aus der Moral, welcher gewiss gerne befolgt werden wird, weil alles ganz einfach diesem Leben und Pflichten angemessen, nicht ubertrieben und nicht uberladen seyn wird. Frau Wattines erwiederte lebhaft:
O, unsere Kinder werden es gerne annehmen, denn ihre Seelen sind, wie der Boden dieses Aufenthalts, noch neu, und wie dieser gerne Saamen auffasst, werden ihre reinen Seelen Ideen annehmen und zur Vollkommenheit bringen. Mogen diese einfachen Vorschriften nur so lange ungestort wirken, als der Bau unserer Stadt dauern wird; denn unsere jungen Colonisten wurden indessen neben der fleissigen Handarbeit an die Befolgung dieser Gesetze gewohnt, und genossen das Gluck des ausubenden Guten.
Einmal fragten die Vandeks unsere holde Emilie; ob sie auf der Insel nie an den Tod ihres Mannes dachte, was sie da fur Entwurfe machte? Die liebe Frau schauderte und sagte: ach! an was fur Tage erinnern Sie mich! Nach einigem Schweigen setzte sie sanft nachdenkend hinzu. Ehe ich Kinder hatte, war dieser Fall so schrecklich in meinen Augen, dass ich nichts vor mir sah, als mein Leben in dem See zu endigen, indem ich fest uberzeugt war, dass mir Gott in dieser furchterlichen Lage, diese willkuhrliche Erscheinung vor seinem Throne vergeben wurde; aber als ich Mutter war, wollte ich Carmil und etwas Kleidung in das Rindenschifchen binden, welches Wattines zu seinem Vergnugen verfertigte, und damit zu den guten Oneidas hinuber schwimmen, welche mich gewiss aufgenommen, und dann zu Europaern gebracht haben wurden, welchen ich dann von meinem Schicksale, von meiner Hutte und der Anlage auf der Insel erzahlt, und sie gebeten hatte, die kleine Habe meines Waysen zu retten.
Frau Vandek sagte hier, als ich sie weiter fragte: Ach das war eine sehr melancholische Unterredung, und ich bereuete sehr, der lieben Frau Wattines eine so schmerzliche Erinnerung erneuet zu haben: bereuete es um so mehr, da sie mir den nehmlichen Abend einen ruhrenden Beweis des edelsten fuhlbarsten Herzens zuruck liess, indem sie mir, ehe sie nach Hause ging, dieses Papier als Uebung im Englischen gab.
Vielleicht kennen Sie es, meine Freunde, schon lange, das schone Stuck englischer Phantasie, aber ich kann mir doch das Vergnugen nicht versagen, diesen neuen Beweis von Emiliens Denkart, in meine Blatter zu verweben, ob ich schon sicher bin, niemals nur das mindeste zu vergessen, was eine Familie betrifft, welche die Vorzuge der edlen Menschheit so glanzend zeigt, Emiliens Papier sagte:
"Ihre Gute, Ihre Theilnahme an meiner Familie und an mir, rufen meinem Gedachtnisse eines der ersten englischen Stucke zuruck, welches ich wie aus einer Art von Ahndung, vorzuglich liebte, weil es mir gegenwartiges und kommendes Schicksal zeigte.
Liebe und Freude.
In der Zeit des goldnen Weltalters schuf Zeus L i e b e und F r e u d e , ein Zwillingspaar, und men sprossten Blumen, und verschonerte sich die Natur, aber zu gleicher Zeit verliessen die Menschen den Weg der Unschuld und Gute. Astraa floh mit der Freude und ihrem Gefolge die mit Blut besudelte Flur, die Liebe allein blieb zuruck. Die Hoffnung, ihre Amme, hatte sie aus dem Haufen der bosen verdorbnen Menschen entwandt, und nach Arkadien gebracht, wo sie unter schuldlosen Hirten auferzogen wurde; aber der erzurnte Zevs vermahlte sie mit dem Schmerze, der Brautkranz war von Cypressen und Wermuth, aus dieser Verbindung entsprang eine Nymphe, welche mit ihren beyden Eltern viel ahnliches hatte; Kummerzuge des Vaters, und das susse Liebenswurdige der Mutter. Die Hirtenmadchen versammelten sich um sie, und nannten sie M i t l e i d . Ein Rothkehlchen baute in der Laube worin sie geboren war, und eine vom Habicht verfolgte Taube floh in ihren Busen. Sie war von etwas ernstem melancholischen Ansehn, hatte aber einen so einnehmenden Blick, das sie, wo sie sich zeigte, geliebt wurde. Ihre Stimme war leise, aber von unaussprechlicher Lieblichkeit. Viele Stunden weilte sie unter hangenden Weiden, am Ufer eines klagenden Stroms, und sang zur Laute. Sie lehrte die Menschen weinen, und oft, wenn die Madchen zum Abendspiele versammelt waren, schlich sie in ihre Reihen, und nahm ihre weichen Herzen durch schmelzende Hirtengedichte und suss klagende Elegien ein. Auf ihrem Haupte trug sie einen Kranz von den Cypressen des Vaters, und den ihrer Mutter geweyhten Myrthen. Zevs befahl ihr, den Schritten des Schmerzes durch die Welt zu folgen, und Balsam in Wunden zu traufeln. Sie folgte auch mit ofnem, hoch klopfenden Busen, ihr Gewand wurde oft von Dorngestrauchen zerrissen, ihr Fuss blutend von Steinen des rauhen Weges. Die Nymphe ist sterblich, wie ihr Vater der Schmerz; wenn ihr Weg auf der Erde geendet ist, werden sie in einem Grabe verschlossen, und die Liebe wieder mit der Freude vereint.
Ich bitte, meine gutige Freundin Vandek, diese un
vollkommne Uebersetzung aufzuheben, weil mein Herz dabey sagte: ach, mit Liebe und Freude folgte ich Wattines auf die Insel, Schmerz und Jammer folgten nach: meine Vandek kam, wie die trostende Nymphe des edlen Mitleidens und goss Balsam in unsere verwundeten Seelen. Ihr Blick, ihre Stimme waren liebreich, und an ihrer Hand kam sanfte Weisheit und Freundschaft, uns aus den labyrinthischen Gang des Kummers, auf den ebnen Weg geselliger Arbeit und Menschenliebe zuruck zu fuhren. Treue Liebe wohnte immer in meiner einsamen Hutte, Gott leitete aber die verdienstvollen Vandeks, um uns fur alles erlittene Weh zu belohnen, den harten Verlust vieles Guten leichter zu vergessen, und unsere Tugend zu starken."
Tadeln Sie mich nicht, meine Freunde, wenn ich sage, dass ich nicht weiss, was ich dem Verhangniss antworten wurde, wenn es mich fruge: ob ich als Beyspiel eines schatzbaren Reichen, oder wie Wattines, als Vorbild der verehrungswurdigsten Armuth aufgestellt seyn wollte? denn sagen Sie, ist es nicht schon das Bild der Beschreibung, wie Wattines sein Ungluck tragt, oder wenn Sie den Ausdruck s c h o n bey einer solchen Last von Jammer unschicklich finden, so mussen Sie doch den grossen und wahren Gedanken der Konigin Christina von Schweden auf Wattines anwenden lassen; dass eine edle Seele alles adelt was sie thut. Fragen Sie sich aber auch selbst, wie ich mich fragte, und horchen Sie, ob nicht in dem Innersten Ihres Herzens eine Stimme tonen und sagen wird; ja, lieber Wattines auf der Insel Oneida, als einer der Regenten Frankreichs, welche den so guten schuldlosen Ludwig XVI. zum Tode verdammten, und wegen des elenden Neides uber Titel und eines Platzes in den Zimmern der Konige, den Adel hassten, und viele tausende von ihnen mordeten, und hundert tausende unglucklich machten.
O, wie viel lernte auch ich an den Ufern des Oneidas. Wie gerne gabe ich die Halfte der Heiligen- und Heldennamen, welche man aufzeichnete, fur den Namen des weisen Menschenfreundes der Alten, welcher zuerst den schonen Wunsch ausdruckte: der Himmel gebe dir eine gesunde Seele in einem gesunden Korper; denn gewiss meine Freunde, n i c h t s fasst den wahren Werth alles dessen in sich, was man Gluck nennt, als dieser so einfache Wunsch, und diese wahren Guter des Lebens erhielten Wattines und seine Gattin in dem grossten Kummer. Zeigten sich nicht beyde in Arbeit, Denkart und Leiden, auf ihrer einsamen Insel, zeigen sie sich nicht heute noch, als zwey durch Erfullung dieses Wunsches begluckte Sterbliche? O wusste ich ihn diesen Namen, so wurde ich Sie bitten, ihn dem nachstkommenden Ihrer Sohne beyzulegen; alle welche der Himmel mir schenkte, mussten ihn tragen, und ich fuhrte eine liebliche Gewohnheit der katolischen Kirche in meinem Hause ein, sich dem Schutze und den Eingebungen seines N a m e n s p a t r o n s zu empfehlen.
Sie glauben nicht, mit wie vielem Vergnugen ich heute meine Feder ergreife, da ich einen so vortrefflichen Beweis meiner gestern aufgestellten Gedanken zu bezeichnen habe.
Frau Wattines erzahlte uns von einem Spatziergange an den Saatfeldern hin, wo einige Colonisten ihnen begegneten und eine gute Nacht wunschten, Emilie ihnen dankte und sagte: mochten auch meine guten Nachbarn einen erquickenden Schlaf geniessen. Diese gegenseitigen Wunsche, und die Ruhe der Gegend um uns her, flossten ausserst sanfte Empfindungen in Wattines Seele. Er sah den Leuten nach, blickte uberall um sich, und sagte dann:
Nicht wahr, Emilie! man liest oft in den besten Stunden der grossen Welt das Lob der Natur, der reinen einfachen Gefuhle, bey Schonheit und Anmuth einer stillen landlichen Gegend, wie oft auch, wenn man alles gekostet hat, was die Kunst- und Lustgarten, was Reichthum und Ueberfluss in Pallasten geben konnen, eilt man begierig zu dem Anblick der Felder und Wiesen, und besucht die einfache mit einigen Baumen umgebne Bauerhutte. Wie entzuckte uns einst der in die Gartenhecke verwachsene Rosenstock, und das Beet voll Lilien, welche unsere Pachterin langst ihrem Salat- und Petersilienfelde gezogen hatte. Wie innig wurden wir geruhrt, als sie uns sagte: so lang' es weisse Lilien giebt, opfern sie meine zwey Madchen der allerheiligsten Jungfrau, und bitten sie dabey um ein reines Herz. Nun schwieg er einige Zeit, hob die kleine, das Gehen ubende Antonette auf, kusste sie, und druckte sie an seine Brust, gab sie der Mutter zu kussen, stellte sie dann wieder hin, und sagte: Ich will auch Lilien fur dich pflanzen, und deine englische Mutter soll dich ihre Bedeutung lehren.
Nach einer Pause setzte er hinzu: Unser vortreflicher Prinz Conde zu Chantilly, unsere gute ungluckliche Konigin zu Triauon, und die Gemahlin des Grafen von Provence, bauten zu Ende der prachtigen Garten kleine Dorfchen, um die durch den Glanz der Hofe ermudeten Augen an dem kunstlosen Anblick wieder zu starken, und sich da zu erholen. Ach, Emilie! nicht einmal diese Bauerhuttchen sind ihnen geblieben! Wir haben einen Pachthof, ruhige wohlmeinende Nachbarn, friedliche Stunden zu Arbeit und Schlaf, konnen, wenn unsere, dem Leben der Erde nothige Haus- und Feldarbeit besorgt ist, den Anbau unsers Geistes, durch unsere Bucher fortsetzen, und den edlen Ehrgeitz zu vergnugen suchen, Modell einer verdienstvollen Pachterfamilie zu werden, welche dem Staat durch gute Kinderzucht nutzliche Bewohner bildet. Er umarmte hier seine in sanfte Trauer gesunkene Emilie, und sagte: wir wollen uns, meine Beste! in die Zeiten des Adels der Normandie und der Schweiz versetzen, wo der erste von dem Konig unterjocht, der andre, wie wir, von dem Volk ihrer grossen Guter beraubt wurden, und kaum einen armen Meyerhof erhielten, ihr Brod anzubauen. Die Normandie hat Frankreich, in dessen unterdruckten und verarmten Familien, eine Pflanzschule vortreflicher Seeoffiziere gegeben, in welchen die Namen alter Barone nicht mehr wegen Reichthum und Macht, aber durch Verdienst und Kenntniss neues Ansehen erhielten; wie man von den Schweizerfamilen sagt, dass sie durch Tapferkeit in fremden Kriegsdiensten, und durch Regentenweisheit in ihrem Vaterlande, ihren alten geschatzten Namen neue Verehrung erwarben. Unser Carmil soll hier nie von dem Adel seines Namens sprechen, aber den moralischen Adel der Seele in Wissenschaft und mannlicher Tugend beweisen. Ein, durch seinen Vater angebauter, zu reichem Ertrag und einfacher Naturschonheit gebrachter, Bauerhof, soll sein Erbtheil werden. Die Geschichte seiner Eltern soll er auch finden. Ich werde ihm sagen, dass sein Grossvater der Nordamerikanischen Regierung das so schone Recht erkampfen half, den Orden des Cincinatus zu errichten Ich werde ihm von den Ehrenzeichen erzahlen, welche seine Voreltern in Europa erworben hatten, und will ihn zu den Tugenden bilden, welche den Namen des Cincinatus verewigten, und unserm Carmil einst gerechte Anwartschaft auf eine Stelle in diesem Orden geben sollen. Und so, meine Emilie, stehen wir nun zwischen den in der alten Welt niedergerissenen und zu Boden getretnen Vorzugen unsrer Familien, und der aufbluhenden Hofnung, in der neuen Welt den Namen Wattines auf der Hohe des edlen nutzlichen Verdienstes neu glanzen zu sehen.
Wie innig waren unsre Blicke auf Carmil geheftet, und dann zum Himmel erhoben, welcher uns gunstig schien, sagte Frau Wattines; denn nie hatten wir schonere Abendwolken gesehen: die holden jugendlichen Zuge unsrer Kinder waren so schon beleuchtet, und die ganze Landschaft glanzte in dem Schimmer der Abendrothe. Wattines sah mit Entzucken auf uns, und sagte dann lachelnd: ich hoffe, dass es zu den Zeiten des Glaubens an Vorbedeutung auch einen jungen Vater gab, welcher in einer so lieblichen Stunde von Verdiensten und Gluck seiner Kinder traumte, wie es mir so eben begegnete; war die Mutter eine Emilie, so genoss der alte Grieche oder Romer gewiss eine unaussprechliche Freude bey diesem prachtigen Niedergang der Sonne, weil es ihm Anzeige der Erfullung seiner Wunsche war. Auf meine Einbildungskraft wirkte es nur halb, indem unsere Lehrsatze jede Deutung verwerfen, und ich jetzt auch alles in einen grauen Nebel sinken sehe. Dieser Nebel ist mir, sagte Emilie, das Sinnbild des Schleyers, hinter welchem die gottliche Vorsicht, der ich mich und alles was ich liebe uberlasse, die Begebenheiten unserer kunftigen Tage verbirgt, aber gewiss unsere Wunsche und Entwurfe nicht ubel nimmt.
Mit diesen sanft dammernden Ideen gingen sie nach Hause, und freuten sich, dass der letzte Sonnenstrahl, welcher den ganzen See durchstreifte, noch einen Augenblick auf ihrer Hutte weilte.
Er musste, sagte die holde Emilie, an der Insel und unserer alten Wohnung vorbey, ehe er den kleinen Theil unsers jetzigen Aufenthalts beruhrte, und dann an den Wipfeln der hohen Baume verschwand, welche Wattines, von dem Geist des wahren Schonen geleitet, hatte stehen lassen. Meine Blicke folgten der Beleuchtung des letzten Blatts, und ich dachte trostend: der erste Lichtstrahl, welcher die Nacht endigt, kommt wie der Hauch des Lebens meiner Seele von dem Himmel, und beyde gehen zu ihm zuruck, Mein Abendgebet war durch Wattines Betrachtungen, uber das Vergangene, und durch seine Entwurfe fur unsere Kinder, inniger geworden. Er seufzte und betete auch ganz leise, aber wir schliefen beyde einen recht erquickenden Schlaf, wie die ganze Natur; denn der schone Herbstmorgen war nicht heiterer als wir. Nun hat Wattines Garten seine vollige Eintheilung, und fur die ersten Jahre bestimmten Anbau erhalten: alle Arten von Gemuspflanzen finden eine Stelle, alle haben auch schon ihre eigenen Vlumen zu Gefahrten angewiesen bekommen. Sie nehmen nicht viel Platz ein, und geben bey der grossen Ordnung des Ganzen, dem Garten einen Reitz, den kostbare Blumenstucke nicht haben. Als ich mit Wattines davon sprach, antwortete er lachelnd: ich glaube, dass diese Phantasie ein Ueberrest des Eindrucks ist, welchen ein gesellschaftliches Gesprach auf mich machte, worinnen Poeten und Maler den Kunst- und Weingartner, prosaische Schriftsteller aber, den Weitzen und Gemusbauer ahnlich gefunden wurden. Die ersten ergotzten und die zweyten nahrten. Mein Garten verbindet beydes, und ich kann sagen, meine Gemus-Felder sind mit Blumen verziert, wie oft ein sehr nutzliches prosaisches Werk mit poetischen dazu passenden Auszugen geschmuckt wird
Diese kleine Unterredung war in Wattines Garten. Carmil lief umher und suchte noch alle mogliche Wiesenblumchen zusammen, brachte sie seiner Mutter, legte sie auf ihren Schooss und uberstreute Antonettens Bettchen, brachte den Kuhen die, von welchen man sagte, dast sie sie liebten, auch wollte er die Bucher des Papa's und das Arbeitszeug der Mama mit Blumen uberdecken. Wattines lehrte ihn Bouquete binden, sie auf seinem Hute befestigen, und in die Knopflocher seines kleinen Westchens stecken, und fuhrte den mit Kinderstolz erfullten Carmil, so geputzt seiner Mutter entgegen, welche gerade mit einem Blatte Papier in der Hand zu uns kommen wollte. Sie kusste ihren Sohn, lobte die schonen Blumen, und der Knabe hupfte weg, um sich dem Gesinde und den Nachbarn zu zeigen. Ich sprach von seiner ausserordentlichen Liebe zu Blumen. Ein Zug von Besorgniss, und ein Blick voll sanfter Wehmuth nach einigen noch umher stehenden Blumen, war auf wenige Momente in Emiliens schnell von mir gewendetem Gesichte merkbar, und mit geruhrter Stimme sagte sie: ach moge Carmils Blumenliebe keine Ahndung seyn, wie es bey mir war.
Wie sollte dieses, bey einer so hochst unschuldigen Sache, zu einer traurigen Ahndung werden konnen, wie Sie anzudeuten scheinen? sagte ich, sie erwiederte: meine Mutter und meine Warterinnen erzahlten mir immer, dass ich von den ersten Kinderjahren an, eine solche Freude an Blumen zeigte, dass ich mitten in dem starksten Weinen und Weh, auf dargereichte Blumen lachelte, in dem Blumengarten alles andre vergass, und nie glucklicher war, als wenn ich mit meiner Puppe, zwischen den hohen Buschen der Gicht-Rosen spielen, und sie dort neben mich setzen konnte. Sie sehen hierin, setzte sie lachelnd hinzu, die Ursache, warum mein liebreicher Wattines mit so vieler Sorgfalt Gichtrosen um meine Ruhebank pflanzte. Ich war so Blumen gierig, dass man hatte den Garten verwusten mussen, um mich zu befriedigen, und die Magde brachten mich nach den Wiesen, wo sie meine Aermel, mein Brust stuck und Schurze mit Blumen besetzen mussten. Dieser Geschmack blieb machtig in mir, denn die wildwachsenden Blumen der Insel, und die, welche mein Carl fur mich erzog, gossen immer durch die Anmuth ihrer Gestalt und ihrer Bewegung, durch ihre stille bescheidne Verschonerung der Erde und in der Luft verbreitete Wohlgeruche, bey jedem blicke auf sie Besanftigung in mein Herz, und Erquickung in meine Brust. Tausendmal sagte ich mir in unserer Einsamkeit auf der Insel: Gott legte dieses lebhaft wirkende Gefuhl fur die Schonheit der Pflanzenwelt von Jugend auf in deine Seele, weil er vorhersah, dass ich einst alle andre Freuden des Lebens, alles was Gesellschaft der Menschen geben kann, verlieren, und in dem stillen, sussen Genusse dieser Geschopfe, einen Ersatz finden wurde. Verzeihen Sie mir jetzo nicht einen Theil, der kunftiges Weh ahnenden Sorge, fur die erwachsenen Jahre meines Sohnes, wenn ich in seinen kindlichen Tagen, das ganze Bild der meinigen erneuert vor mir sehe?
Sehr gerne, antwortete ich, versprechen Sie mir nur, bey diesem zufalligen Auffinden von Carmils Aehnlichkeit mit ihrer Blumenliebe, auch an ahnliche Zuge des heroischen Geistes seiner Eltern, an die in ihm vereinten moralischen Gefuhle, und die im Ganzen abgeanderte Lage zu denken. Sie haben in einem Sturme alle Ihre Glucksguter verloren, aber ihr aus doppelten Ursachen unschatzbares Leben wundervoll gerettet. Diess, was Sie beyde am meisten liebten, Tugend und Kenntnisse wurden mit Ihnen geborgen: bedenken Sie, was diese hohen Krafte edler Seelen fur Sie bewirkten, und fur Ihre Kinder thun werden, und geniessen Sie die Freude ungetrubt; sich zu sagen: dass gewiss kein menschliches Wesen unter einem gunstigern Einfluss entstand, als Ihr Carmil. In den Armen der reinen Natur, unter dem Schutze ausubender Tugend, als Frucht der schonsten Liebe! Alles in ihm verkundet Morgenrothe eines von Gott bezeichneten heitern Tages. Er wird, wie sein wurdiger Vater, Blumen und Baume pflanzen; wie seine verehrungswerthe Mutter, alles Gute und Schone lieben, und o, glauben Sie meiner Ahndung, er wird durch Sie beyde, als Vorbild des hier aufwachsenden Geschlechts aufbluhen, und gewiss das edelste Erdengluck wird sein Loos. O wie war die Mutter geruhrt! mit welchem Ton der Stimme sagte sie mir: Gott erfulle diese Prophezeyhung, und krone einst dieses vorhergesagte Gluck meines Sohnes, durch die Freundschaft eines Mannes wie Sie.
Ich dankte ihr durch eine Verbeugung, und da wir am Ende der hohen Baumalles Wattines und Carmil zuruckkommen sahen, und bemerkten, dass er dem Kleinen, die in beyden Ecken angelegten halben Lauben, und einander gegenuber liegende Gartchen zeigte, welche er fur ihn und Antonette bezeichnet hatte, so sagte Frau Wattines: jetzo ist es gerade noch schicklich, meine kleine Uebersetzung aus dem Englischen zu lesen, mit welcher ich in den Garten kam: als der Anblick meines blumigten Carmils mich auf meine Kinderjahre zuruckfuhrte.
Indessen waren wir Vater und Sohn nahe genug, um Carmil schon die kleinen Wege durchlaufen zu sehen, und dass Emiliens Stimme Wattines horbar wurde, als sie sagte: gluckliches Kind! mogest du in allem die von der Hand deines Vaters bezeichneten Wege mit so freudigen Schritten durchlaufen, und diese mir so liebe Betrachtung, einst deiner Denkungsart und deinem Glucke angemessen seyn.
Da sie bey dieser kleinen, nicht ohne Bewegung der Seele ausgesprochenen Rede, das Papier auseinander faltete, so werden meine Freunde sehr naturlich finden, dass Wattines und ich auf den Inhalt begierig wurden: es waren wenige aber schon gedachte Zeilen:
Ueber die Gartnerey.
"Man hat sie s c h o n e K u n s t u n d u p p i g e P r a c h t l i e b e des glucklichen Ackerbaues genannt, mich dunkt sie der anstandigste, tugendvollste Zeitvertreib, des mit Reichthum gesegneten Mannes zu seyn. Sie ruft ihm die unschuldige Beschaftigung des landlichen Lebens zuruck, und die Ausgaben, welche er zu Verzierung seiner Garten verwendet, gewahrt ihm die Befriedigung seines Geschmacks am Schonen, und der Neigung zu Aufwand, welche immer mit grossen Glucksgutern verbunden ist; ohne gegen die moralischen Gefuhle zu handeln. Liebe der Gartnerey ist weit von den gewohnlichen Vergnugungen der Hofe und der grossen Welt entfernt; denn sie besanftiget die emporten Leidenschaften der Seele, und jeder Blick in ihrem holden Gebiethe, scheint die zarten reinen Bande zwischen uns und der Natur zu verstarken." Diese letzte von Emilie dem englischen Original zugegebne Idee ruhrte mich, und ich sagte der frommen Frau: Sie werden auch so lange, als die Welt und Menschen, dauern, diese schonen, von Gott selbst im Paradiese geknupften Bande, aber ich sehe in diesem Gedanken auch den Faden von der edlen sympathetischen Verbindung zwischen Ihnen beyden und Ihrem Lieblinge St Pierre. Wie das? fragte Wattines sehr schnell. Weil mir das schone wehmuthsvolle Stuck in Erinnerung kam, welches Sie mir auf der Insel vorlasen, wo St. Pierre von dem Grabe unter dem Eibenbaume so ruhrend sagt: u n s e r Staub bleibt da durch Thau und Regen, durch die Stralen der Sonne und des Mondes, durch den Wind, welcher die Grashalme auf unserm Hugel bewegt, in Verbindung mit der ganzen Natur, und Sie edler gefuhlvoller Freund! setzte ich gegen Wattines hinzu, welcher auf der lieben Insel das Gebieth der Verwesung in eine Blumenflur verwandelte, Sie werden meine Bemerkung nicht unrecht angewendet finden. Wattines druckte meine Hand und sagte:
O nein! mir ist im Gegentheile Ihre Aufmerksamkeit fur alles was die Wattines der neuen Welt betrifft, Unterpfand Ihrer Liebe und Ihrer Theilnahme, und nun mussen Sie eine so eben entstandne Bitte meines Herzens erfullen und hier in der Ecke des Gartens, nahe bey dem von dem Dach meiner Scheune halb bedeckten Platz, neben Carmils Garten, funf Zuckerahornbaume pflanzen, welche in einem Halbzirkel stehend, unsere Namen tragen sollen. Ihr Friedrichsbaum in der Mitte, Emilie, ich, und unsere zwey Kinder zu beyden Seiten. Diese von Ihnen gepflanzten Baume, werde ich besorgen, und Blumen zwischen ihnen pflanzen, dort werde ich mit Emilien mich erinnern, dass Sie unsere Felder, welche man von der Stelle alle sieht, segneten, und unsern Garten anpflanzen halfen; dort soll ein Tisch und Stuhle hinkommen, dort mein Carmil das erstemal die Geographie von Deutschland horen, bey Ihrem Namen soll er den Werth der edlen Wissbegierde, und die Eigenschaften eines edlen jungen Freundes kennen lernen, und bey dem Punkt von C a r l s r u h , wo Sie die erste und endliche Bildung Ihres Geistes erhielten, werde ich ihm den Weg der Kenntnisse bezeichnen, Begriffe von den Landern geben, welche Sie durchreisten, von Ihrem Aufenthalt bey uns erzahlen, und ihm sagen, mit wie viel dankbarer Verehrung Sie sich stets Ihres verdienstvollen Lehrers der Mathematik, und das edle Beyspiel des Denkens und Lebens vom Rath Wucherer erinnerten, und dadurch so schon eine Tugend und Vorschrift des wurdigsten der Kaiser befolgten; da Marc-Aurels Leben beweist, wie er noch als Regent des grossten Reichs der Erde, das Andenken seiner Lehrer segnete. So will ich Ihr Andenken feyern. Ihre in der schonen Jahreszeit uns zukommenden Briefe sollen auch hier gelesen werden. Wenn unsere Felder gut stehen, wenn alles im Garten bluht, will ich Carmil sagen: die Wunsche der wahren Freundschaft wirken noch uber Berge und Meere heruber auf unsere kleine Besitzungen. Er soll auch jeden Fruhling die Blumen besorgen helfen, welche zwischen den Baumen gezogen sind, und bald, sehr bald, hoffe ich, soll er die Bedeutung fassen, welche ich damit verbinden werde: dass schone Kenntnisse und abwechselnde angenehme Unterredungen, uns mit Ihnen Ihre wohlwollende Gute und Geduld, S i e mit uns verband, wie diese funf Baume durch die Blumengewinde verbunden seyn werden. Er soll dort horen, dass ich am Ende Muhevoller Tage in Ihrem Umgange mich erholte, neue Starke und Heiterkeit des Geistes sammelte, wie der Schatten der lieben Baume mir in heissen Stunden erquickende Ruhe schafte, und Ihr Zuckersaft bittres Getrank versusste.
Diesesmal brachte mich Wattines durch das liebliche Gemalde meines mir gewidmeten Denkmals auch zum Fliehen, denn er hatte dadurch meiner Einbildungskraft, meine Abreise und weite Entfernung so vorgestellt, dass ich die Pferde schon gesattelt, und einen Wagen zum Abfahren fertig sah. In dieser Empfindung umarmte ich ihn, ohne ein Wort zu sagen, und verliess ihn eben so eilig, als ob ich die Schmerzen des Abschiednehmens vermeiden und abkurzen wollte. Er hielt mich nicht zuruck, weil seine lebhafte Beschreibung eben so sehr auf ihn gewirkt hatte als auf mich. Ich dachte zu Hause nach, ob ich nicht auch etwas finden konnte, welches Wattines zum fuhlbaren Andenken bleiben mochte, und ich glaube einen guten Gedanken auszufuhren, bey welchem mein Zimmermann mich unterstutzen wird. Da Wattines bey den funf Baumen auch einen Tisch und Stuhle nannte, so will ich nicht nur die erstern pflanzen, sondern auch diese verfertigen, und dabey, wie er von dem Ankauf seines Eisendraths sagte: es war Phantasie, welche am Ende ernsthaft nutzte so sage ich, in meinem Vaterlande erschien meine genaue Befolgung der Grundsatze des Rousseau, die Schreinerey zu lernen, auch als Phantasie, und jetzo hilft sie hier meinen Freunden, einen Dienst erweisen, und Vergnugen zu machen. Mit dieser Arbeit wird mein Winter sehr angenehm verfliessen, denn ich will jedem Stuck den hochsten Grad Vollkommenheit geben, der in meinen Kraften steht. Vielleicht wird dieses Vorhaben zum Beweis, dass die Freundschaft einen Schwaben zu einen eben so geschickten Schreiner machte, als die Liebe einen Hollander zum Maler schuf. Aber ehe ich an diesem Entwurf Hand anlegen kann, werde ich mit der ganzen Colonie an einem Tempel der treuen Liebe arbeiten helfen, wovon ich hier die kleine Geschichte erzahlen will. Vorgestern kam noch eine neue Colonistenfamilie hier an, welche in einem jungen Weber, seiner Mutter, einem Bruder und Schwester besteht. Da es schon spat in der Jahreszeit ist, waren wir alle verwundert, noch Leute ankommen zu sehen. Neugierde fuhrte alles zusammen. Ich ging mit, und sah gerade noch, wie ein ziemlich hubscher junger Mann einer altlichen Frau mit grosser Sorgfalt von dem Wagen half, sich unter den vielen Menschen eifrig umsah, den Hals nach den abgesetzten Hausern ausstreckte, und jemand fragte: wohnt der Becker Illig weit weg? Ja, sagte ich, am obersten Ende der Strasse. Er wurde roth, blickte traurig auf die alte Frau, welche er bey der Hand fasste, und zu mir sagte: O lieber deutscher Herr! w o l l e n S i e n i c h t e i n e n Augenblick bey meiner guten Mutt e r b l e i b e n , bis ich wieder von dem Becker komme.
Ich will gewiss gleich wieder zuruck seyn, sagte er gegen die Frau, sie lachelte unter Thranen, und antwortete liebreich: geh in Gottes Namen und fort war er wie ein Pfeil, langst der Strasse hinauf. Alle sahen ihm staunend nach, die Blicke der Mutter blieben auf ihn geheftet; endlich sagte sie, ihre Augen zum Himmel erhebend: Guter Philipp! Gott helfe dir! dann wandte sie sich zu mir, und fragte: ob der Becker und seine Kinder noch lebten? Bey der Antwort ja, dankte sie Gott mit freudigem Wesen, und gegen ihre Tochter: ach jetzt wird ihm wohl seyn.
Indessen war der Fuhrmann mit dem andern Sohne und einem Colonisten zu Herrn Scriba gegangen, und die Tochter der alten Frau sprach bescheiden und gutartig mit den Leuten umher, bat einen Mann, ihr einen Pack von dem Wagen heben zu helfen, damit ihre Mutter sich setzen konne, bis die Bruder wieder kamen. Die Mutter wollte es nicht, sondern sagte, sie wurde ein wenig mit mir sprechen, und kehrte sich etwas ab, als ob sie mit mir dem Sohn nachgehen wollte. Traulich sah sie in mein Auge, und sagte: Herr! Sie sind gewiss ein guter Landsmann, Ihnen will ich auch sagen, warum mein Sohn so fortlief. Des Beckers alteste Tochter ist schon zwey Jahre seine Braut, da ist es ja naturlich, dass er sie gleich besucht. Ich fand es auch so, indem ich aber fragen wollte, so rief die Tochter, auf die Strasse deutend: Mutter, da kommt Philipp und Suse gelaufen. Wirklich kamen sie, und diese eilte auch entgegen. Die arme Suse war ganz ausser Athem, als sie uns erreichte, und der alten Frau um den Hals fiel, indem sie rief: Mutter, Mutter! Diese hielt das Madchen umsasst, und sagte: liebe, liebe Susanna! Der Sohn, ausserst geruhrt, nahm eine Hand von Suse, und wiederholte: o gewiss, liebe, liebe Susanna! Wir alle nahmen Antheil an dieser Familienscene.
Indessen hatte Herr Scriba die Zeugnisse und nothigen Schreiben gelesen, und kam mit Herrn Vandek, mit den Leuten zu sprechen. Der Becker war nun auch da, und bot der Frau und Tochter sein Haus an. Ich trat auf, und sicherte den zwey Brudern die Abtheilung meiner Stube, Wattines gab seine Scheune, um ihr Gepacke dort abzuladen und zu verwahren; andere sagten zum Becker, sie wollten zum Essen beytragen, alle gingen mit der Freude uber neue Landsleute beschaftigt nach Hause. Ich besorgte den Schlafplatz der jungen Leute, welche ich, da sie nach dem Abendbrod bey dem Becker zu mir kamen, ausfragte: Warum seyd Ihr nicht fruher aus Europa heruber gereist? Treuherzig sagte Philipp: Ach, mein Vater konnte nicht fruher sterben, und dann weinte die Mutter so lange, dass viele Zeit hinging, ehe das Haus und Gutchen verkauft wurde. Helfen Sie, lieber Herr, aber doch hier, dass meine Mutter in dem neuen Hause ein gutes Stubchen bekommt, meine Schwester wohnt dann bey ihr, ich und meine Braut in der grossen Stube, und mein Bruder will nur ein Winkelchen. Ich versprach ihm, mit dem Zimmermann zu reden, sagte aber nicht, dass mir die Mutter etwas von der Braut gesagt habe, und fragte scherzend: also hat er eine Braut mitgebracht? Ach nein, so glucklich war ich nicht! Susanna ist schon ein Jahr mit ihren Eltern in Amerika, ich durfte nicht mit, weil mein Vater dem Grabe zuging; aber da meine gute Mutter wusste, dass ich ohne Susanne nicht leben konnte, versprach sie mir, sobald der Vater bey Gott seyn wurde, mit uns allen heruber zu gehen. Sie hat Wort gehalten, die gute Mutter, wir sind hier; Susanna und ich wollen ihr auch Wort halten, dass sie bey uns glucklich seyn soll, in gesunden und kranken Tagen, ohne dass sie viel arbeite.
Meine Freunde erkennen hierin mit mir nach dem alten allgenieinen Zeugniss, einen runden redlichen Schwaben. Ich wollte nun meine Fragen Schritt vor Schritt fortsetzen: Wo ist denn seine Susanna? Ey hier in dem holzernen Dorfe, sonst wurde ich nicht hergekommen seyn; aber ich ginge noch viel weiter nach ihr, wenn es seyn musste, doch danke ich Gott, dass wir da sind. Es ist schon an dem hellen Wasser, es gefallt auch der Susanne recht wohl, und sobald unser Haus fertig ist, wird uns, hat sie gesagt, ein recht braver Geistlicher einsegnen, und wir wollen recht gut haushalten.
Wer sind die Eltern seiner Susanne? Die braven Beckersleute, welche Ihr gutes Brod backen, und gewiss dabey die besten Kornbauer sind. Ich habe nie nichts von ihnen gehort, sagte ich. Er staunte, und erwiederte schnell: Das wundert mich, denn er ist der rechtschaffenste Mann, und seine Tochter Suse war immer das schonste Madchen in unserm Dorfe, schon in der Schule, und dann bey dem Tanz. Ernsthaft fragte ich: Versteht sie aber auch die Feld- und Hausarbeit von einer guten Landwirthin? O das werden Sie sehen. Sie ist fleissiger und geschickter, als zehen andere, und immer gut und lustig dabey. Nun so wird sie eine gute und schatzbare Amerikanerin werden; denn diese sind munter, sehr fleissig, und wie die Englanderinnen in allem reinlich.
Ich konnte alle weibliche Verdienste nennen, Susanne ubertraf alles. Sie war uber das Meer gegangen, und liebte ihn wie vorher, hatte vielen andern gefallen, wollte aber nur fur ihn leben, und ich wurde sehen, wie glucklich sie sich in ihrer treuen Liebe fanden. Nun war der erste Zug von Gluck, dass unser Zimmermann schon behauene Baume daliegen hatte, welche heute auf den Platz des neuen Hauses gefuhrt wurden, und alles Hand bot, damit es bald in wohnbaren Stand komme. Die Braut kam Abends mit Mutter und Schwester, uns Kuchen auszutheilen, uns zu danken, zu beweisen, dass sie eine recht artige Hausfrau seyn wurde. Sie hatten in der Fruhe bey dem Vorsteher als Brautleute sich gemeldet, und als die zwey Madchen mit Korben voll Kuchen, Philipp und sein Bruder aber ein Fass gutes Bier herbeybrachten, liefen kleine Jungens und Madchens mit Blattern und kleinen Baumasten um sie her, und riefen: G l u c k z u , junge Frau! Gluck zu, junger M a n n ! und streuten die Blatter und Zweige vor ihnen her. Die alte Mutter fand dieses schon und von guter Vorbedeutung. Der Kuchen und das Bier wirkten auch so stark auf die freywilligen Arbeiter, dass der Zimmermann versicherte, morgen Abend fertig zu seyn, und bat Weiber und Madchen zu Hulfe bey dem Ausstopfen der Fugen und Lucken, denn kleine Knaben und ganz junge Madchen rauften Moos dazu. Die Dankbarkeit der neu angelangten Familie war ausserst ruhrend, da sie sich Gluck wunschten, unter so guten Nachbarn zu leben. Ich stand unweit Philipps Mutter, welche mit ihren Blicken bald ihrem Sohn, bald Susannen folgte, welche, wahrend die andern nach dem Vesperbrod noch Balken und Breter tragen halfen, mit einem Rechen die Spahne zusammenraffte, und einer Frau, die ihr zurief: o das Holz ist ja umsonst! antwortete; ich spar' es doch, es ist Gottes Gabe. Da rollten der alten Frau Thranen von den Backen, indem sie zu mir sagte: Lieber Herr! bekommt mein Sohn nicht eine gute Frau? Ich versicherte sie, dass ich es glaubte. Nun sprach sie fort O ich habe ihr alles von Jugend auf angesehen, sie ist auch mein Pathchen. Dieses letzte dauchte mich mit dem Tone gesagt zu seyn, als ob sie der alten Sage sich erinnerte, welche in unserm Vaterlande zu Hause ist: dass die Kinder den neunten Theil des Charakters ihrer Taufpathen bekommen.
Philipp hatte so eben einen Balken zu dem innern Theil des Hauses getragen, kam zuruck, wieder einen zu holen, bot Susanna vorbeyeilend die Hand, und wollte weiter; die Mutter rief ihn, und streichelte seine Achsel, indem sie fragte: hat dich der Balken nicht zu schwer gedruckt? Nein, liebe Mutter! er war zu Eurer Stube, und sie wird bald fertig seyn.
Schon war diese Antwort, und schnell war er aus unsern Augen. Die Mutter blickte auf mich, gleich als ob sie sagte: Habt Ihr gehort, wie mein Sohn denkt? Ich erwiederte: Gute Frau! Sie hat recht gute Kinder, ich wunsche Ihr Gluck! Mit Thranen im Auge dankte sie mir, und setzte hinzu: Ja Gottlob! es sind gute brave Kinder, und es freut mich sehr, dass es schon einer von den Herrn in diesem fremden Lande weiss.
Susanna, welche neben ihrer Arbeit immer nach ihrer Schwiegermutter blickte, bemerkte nun, dass sie sich die Augen wischte, liess ihren Rechen fallen, und kam zu uns gelaufen, fasste die Hand der alten Frau: Mutter, was fehlt Euch? sagte sie sehr sanft, indem sie dabey forschend in ihr Gesicht blickte. Weil die gute Frau fortweinte, und nicht sogleich sprechen konnte, sagte ich: Sey Sie ruhig, gute Susanne, die Mutter weint aus Freude uber ihre schatzbaren Kinder. O das ist recht, erwiederte sie munter, der Mutter die Hand druckend, mir war Angst, es reue Euch, hieher gezogen zu seyn, und das ware mir und Eurem Philipp recht leid. Freundlich sagte die alte Frau: Furchte das nie, liebe Suse! ich bin gern da, und wurde noch kommen, wenn ich nicht da ware. Suse druckte ihr die Hand, und sagte: es soll Euch auch nie, n i e reuen, bey uns zu seyn.
Den Moment sah sie einen Mann Breter herbeytragen, und eilte, sie gleich abheben zu helfen. Mich freute, sie arbeiten zu sehen- und von ihrer Schwiegermutter segnen zu horen, eilte auch, von meinem Zimmermann gute Dielen zu begehren, und half sie an der Wand von dem Stubchen der Mutter annageln, die andern uberlegten das Dach, alles war fleissig. Wir hatten Donnerstag, am Sonntag sollten die treuen Liebenden getraut werden. Uebermorgen fruh wird der Platz vor dem Hof und Garten vollkommen geraumt, und beyde ringsum mit Persimonbaumen bepflanzt seyn. Dieses ist ein sehr nutzlicher amerikanischer Pflaumenbaum, mit langen schmalen Blattern, welcher schwarze mittelmassig grosse Pflaumen, von sehr sussem Fleisch und drey harten Kornern tragt, die man aber nicht gleich von dem Baum weg geniessen kann, sondern einige Zeit liegen lassen muss, nachdem aber dient sie dem Amerikaner, ein schmackhaftes Bier daraus zu kochen, durch Gahrung einen Cyder zu erhalten, Branntwein daraus zu brennen, und durch sorgfaltige Auswahl eine sehr angenehme Speise bey dem Nachtisch zu haben.
Mein Freund muss diese kleine hausliche Ausschweifung ubersehen, weil ich gewiss bin, dass sie meiner theuren Base gefallen wird; denn sie verachtet nicht den Lebenslauf des Armen, welcher nur einfache Freuden, und so vielfache Muhe in sich fasst. Theilnehmend segnet sie seine Arbeit und kargliche Kost, dankbar erhebt sie ihr Auge zum Himmel fur ihr glucklich gefallenes Loos, und betet fur die andern. Sie mag sich bey diesen wenigen Zeilen des Tages erinnern, an welchem sie Grays Elegie auf einem Landkirchhofe mit mir las, und ich sie von dem schonen Gedichte so eingenommen sah, dass ich ihr damals meine ganze Hochachtung widmete. Sie kannte ihren fur ihr ganzes Leben bestimmten Freund noch nicht, sonst wurde er vielleicht mit bey dem Spatziergange gewesen seyn, und hatte schon damals die Ahndung haben konnen, dass Luise W. einst sein edles Herz in allem unterstutzen wurde, was er fur das Beste der Landleute zu thun wunschte. Es war ein schoner, sehr schoner Nachmittag; wir sassen auf der niedern Kirchhofmauer, von welcher man einen Theil der Gegend, und den Ruheplatz der guten Bauern von Ottheim ganz ubersieht. Luise hatte die prachtige Auflage von Grays Gedicht in ihrem Arbeitsbeutel mitgebracht, und las sogleich, nach den Grabern umher blickend: Nicht die kuhle Einladung des Weyrauch athmenden
Morgen,
nicht die von dem Dach der Strohhutte
herabzwitschernde Schwalbe,
nicht die schwirrenden Tone des Hahns, noch das wiederschallende Horn, nichts, wird sie kunftig wieder aus ihrem niedern Bette wecken. Fur sie wird der flammende Herd nicht mehr brennen, keine geschaftige Hausfrau fur sie die Abendsorgen
erfullen,
keine Kinder werden mehr laufen des Vaters
Ruckkunft zu erzahlen
oder an seinen Knieen aufklimmen des beneideten
Kusses zu geniessen.
Oft hat ihre Sichel die Erndte abgemahet, oft hat ihre gezogene Furche den harten Erdkloss
gebrochen,
frohlich fuhrten sie ihren Wagen auf das Feld und der Wald buckte sich unter ihren nachdrucklichen
Streichen.
Dass doch der Ehrgeitz ihrer nutzlichen Arbeiten, ihrer baurischen Freuden, und ihres dunklen
Schicksals nicht spotte;
dass doch die Hoheit nicht mit einem verachtungsvollen Lacheln den kurzen und einfachen Lebenslauf
des Armen hore.
Vielleicht liegt in diesem ungeachteten Fleckchen ein Herz, das ehmals von einem himmlischen Feuer
beseelt war;
vielleicht Hande, welche das Scepter der Herrschaft
mit Weisheit gefuhrt
oder die lebhafte Leyer zu Entzuckung gespielt haben
wurden;
aber die Erkenntniss offnete ihnen niemals ihr grosses, durch die Beute der Zeiten bereichertes Buch, und kalte Durftigkeit that ihrem edlen Eifer Einhalt; doch weit von unedlen Begierden des bethorten
Haufens
lernten ihre gemassigten Wunsche niemals
auszuschweifen.
In dem kuhlen sichern Thale des Lebens, setzten sie gleichmuthig und ohne Gerausch ihren
Weg fort.
Unzahlbare Edelgesteine von den reichsten und
heitersten Stralen,
liegen in des Oceans finstern unergrundlichen Tiefen
begraben;
unzahlbare Blumen werden geboren, ungesehen zu
bluhen und
ihre sussen Geruche an eine einsame Luft zu
verschwenden.
Meine Freunde sehen, dass ich unsers geliebten Gray schones Gedicht noch ganz im Gedachtnisse habe, noch mehr, ich erinnere mich wie heute, dass eine Thrane in Luisens Auge glanzte, als sie diese Verse las, und dass wir auf dem Ruckwege bey einer etwas einsam wohnenden Baurin einkehrten, bey welcher wir alles so reinlich fanden, sie in dem muntersten Tone und mit vielem Verstande von ihren Arbeiten reden horten, sehr gutes Brod und Butter bey ihr assen, und dabey schone dunkelrothe Nelken auf den Weg bekamen; die Frau wollte nichts von uns annehmen, und versagte es wie eine Art Beschimpfung, als sie Geld in unsern Handen sah. Luise beruhigte sie, und sprach mit dem kleinen 6 Jahr alten Madchen der Baurin, welche uns durch einen Heckengang naher zum Amthause fuhren sollte. Wir dankten, und die Baurin verbot dem Kinde, ja kein Geld anzunehmen. Luise machte aber die schwarze Schnur, mit dem kleinen goldnen Kreutzgen von ihrem Halse, und band sie der kleinen zum Andenken um den ihrigen, die nun voll Freude davon lief, wahrend Luise mir sagte:
Sie haben bey den vielen schwarzen Kreuzen auf a c k e r genannt wird, weil gewiss der erste, welcher sich dieses Ausdrucks bediente, die trostliche Idee der Auferstehung damit verband, und uns, als die fur unsern Schopfer gemachte Aussaat betrachtete. Diese Idee fuhrte mich zu dem Andenken von Ottheim, zum Spaziergang mit Luise und zu Gray's Gedicht, welches ich in meinen Gedanken den hiesigen Landleuten widmete, und zu Wattines sagte: dass ich wunschte, Grays Elegie mochte einst durch ein eben so edles Madchen als meine Base, an den Ufern des Oneida bekannt gemacht werden. Wattines antwortete: wunschen Sie zuerst, dass die Bewohner dieser Stadt die Zueignung dieses edlen Bildes verdienen mochten. Vandek, welcher sich uns in diesem Moment naherte, hatte die letzten Worte gehort, und fragte, was fur einen Gegenstand Wattines mit dem Beynamen, edles Bild bezeichnete? ich erzahlte es. Vandek, welcher mit Grays Gedicht bekannt war, sprach mit Verehrung von dem Geiste welcher darin athmet, und setzte hinzu: wenn alle nachfolgenden Colonisten von dem Gefuhle der guten Weberfamilie beseelt hieher kamen, so wurde ein Nordamerikanischer Gray gewiss den Stoff zu einem Gesange der landlichen Tugend finden: er wunsche diesem guten Lande keine bessern Bewohner, und sich keine bessern Pfarrkinder. Wir vereinten unser Lob uber das was wir wussten. Vandek erzahlte uns aber einen viel schonern Zug. Schon diese Nacht hatte Susanna und ihre Schwagerin der Frau des Kranken zu seiner Wartung beygestanden, diesen Morgen aber, sagte der junge Hausswirth, seine Wohnung wurde heute Abend ganz eingerichtet seyn, Susanne und er wunschten auch morgen nach der Predigt getraut zu werden, aber sie wollten nicht die geringste Lustbarkeit anstellen, da in der kleinen Gemeinde eine ganze Familie in Trauer versenkt sey, so wurde seine Schwester bey der betrubten Frau bleiben, bis alles voruber gegangen, und sie wieder im Stande seyn wurde, ihre Kinder und Haushalt ruhig zu besorgen: indessen wolle Susanne die Stelle seiner Schwester bey der Mutter vertreten, damit dieser nichts an ihrer Wartung mangeln moge.
Der vortreffliche Vandek freute sich uber die schonen Gefuhle der Menschenliebe und der Ordnung, welche sich in der ganzen Anstalt des jungen Mannes so thatig zeigten. Der Ueberrest meines Abends wurde mir in Wattines Holzhutte noch sehr angenehm gemacht, indem unser Zimmermann noch zu uns kam und erzahlte: Susanna und ihr Brautigam seyen mit ihm uberall herum gegangen, hatten auch frey von den Bewohnern gesprochen, und bey Wattines gesagt, dieser Herr und Frau wohnen wie wir, und pflanzen ihren Garten und ihre Felder auch mit Muhe, wir wollen alles nachahmen, was wir mit der Arbeit unserer Hande nachahmen konnen. Es ist in dem Garten den Sommer gewesen, wie im Paradiese, sagte Susanne, das wolle sie ablernen, weil es nichts koste als Achtung geben; so konnte es ja ein guter Arbeitsmann und seine fleissige Frau auch so machen. Ich dachte an meine Vorbedeutung, dass Frau Vandek das Beyspiel der Reinlichkeit, Frau Wattines das von gutem Geschmack und Geschicklichkeit in allem geben wurde; alles Nette und Angenehme des Milchkellers, werden wir der Hollanderin; Mariniren der feinen Fische und gute, mit Gartenkrautern zugerichtete Speisen der Franzosin zu danken haben; und so wird das Beyspiel des Fleisses, und das angenehme Gefuhl, welches der Anblick des Schonen und der Ordnung hervorbringt, die Anlage unserer kleinen Stadt beleben, sie wird nicht prachtig, nicht glanzend, aber anziehend seyn, wie von jeher eine reine landliche Nymphe des friedlichen Hayns und der blumigten Wiesen war, und auf diese Art wird Oneida den vortrefflichen Grundsatz des Amerikanischen Pachters befolgen: dass die Einwohner die Erde durch ihre Gegenwart verschonern, und durch ihre Arbeit bereichern sollen. Wattines, der Zimmerman und ich, bereiten wirklich noch zwey Spatziergange an den beyden Enden der jetzigen Granze der Stadt, am Ufer des See's mit Banken und Baumen besetzt. Wird Oneida einmal gross, so konnen diese Platze als Nachahmung der englischen Squarres dienen, und bis diese rings umher mit steinernen Hausern besetzt sind, werden Grossvater und Enkel der jetztlebenden, die guten Menschen segnen, welche ihre Vaterstadt verschonerten, und ihnen einen erquickenden Erhohlungsplatz verschafften. Unser Vorsteher hat einen Schiffsbau verstandigen Zimmermann begehrt, wodurch die Bewohner der neuen Stadt, bey dem 18 Stunden grossen See, durch Abkurzung und Erleichterung der Zufuhr und des Fischens grosse Fortschritte machen konnten. Vandeks Vetter besorgt den gewohnlichen Unterricht der Schulen schon sehr gut, und der edle, thatige Wattines, will die jungen Leute schwimmen lehren, weil es ihm ausserst nothwendig dunkt, dass die Bewohner der Ufer einer See es wissen. Sein und Emiliens Beyspiel zeigen den Nutzen, und ihn freut, den jungen Nachfolgern einige Meister in dieser, Leben und Vermogen wichtigen Kunst zu bilden; denn unsere guten teutschen Landsleute hier, sind nur mit dem festen Boden bekannt, und wurden bis jetzo noch niemand von dem Ertrinken retten konnen.
Wir hatten heute einen sehr schonen Tag und noch schonern Abend, die Vandeks, Wattines und ich assen unser Vesperbrod ganz im Freyen. Herr Scriba mit seiner Familie kam auch nach unsern schon halb geebneten Spazierplatz, und die lieben Manner besuchten noch vor dem Niedergange der Sonne, die von Wattines zum Schwimmen bezeichnete Stelle. Wahrend er mit den beyden Fuhrern der Colonisten daruber sprach, waren sie ihm schweigend zur Seite, als er endigte, ergriff jeder von ihnen eine seiner Hande: Vandek segnete ihn, Scriba dankte ihm innig fur dieses menschenfreundliche Vorhaben, und Vandek sagte mit sanft eindringendem Eifer:
O lieben Sie immer den Boden, auf welchem Sie so viele Tugend ubten, vergegeben Sie ihrem Schicksal, welches Sie hier zum Beyspiel des Verdienstes aufstellen wollte, und freuen Sie sich, durch die Stiftung der Schwimmschule einer der Schutzgeister von Oneida zu werden. Mit edler Bescheidenheit erwiederte Wattines: Sie legen mir zu viel Gutes bey, mein wurdiger Freund, aber ich verspreche Ihrem Herzen, dass ich den Boden nie verlassen werde, auf welchen ich durch Ihre Hand geleitet wurde.
Ich bemerkte eine Art Feyerlichkeit in Wattines Mine und Stimme, welche mir bedeutend schien, doch konnte ich ihn diesesmal nicht gleich fragen, und musste mich bis morgen gedulden. Vandek und der Vorsteher waren eben so geruhrt als ich. Die allgemeine Unterredung stockte, und endigte sich bald nachher; doch lag etwas ausserst angenehmes in dem Tone, in welchem sie sich gute Nacht zuruften. Der Wohlstand forderte, dass ich mit meinem Hausherrn zuruck ging, und wohl mir, denn ich horte noch etwas die Menschheit ehrendes von ihm, als ich freymuthig sagte: mich dunkt, die Unterhaltung dieses Abends hat einen ganz ungewohnlichen Gang genommen. Sie haben nicht unrecht, erwiederte er, aber der Gang war doch gut, und ich hoffe der Grund der Stimmung unseres Freundes Vandek, und der meinige soll Ihnen lieb seyn; denn wir hatten so eben, mit allen Colonisten eine Vorstellung an den Congress unterschrieben, in welchem wir die Geschichte und die Verdienste der Wattines, nebst unsern Wunschen bekannt machten, dass der vortreffliche Wattines als Ingenieur und Baumeister der Stadt Oneida angestellt werde, und die kleine von ihm angebaute Insel zum Eigenthume erhalte.
Denken Sie sich den ganzen Umfang meiner Freude, uber das Gluck der Wattines, und die edle Handlung der Bewohner dieses Ufers! Ich umarmte den Vorsteher, segnete ihn und seine Burger, sagte aber doch auch: o mogen Sie alle es so lebhaft fuhlen, wie ich, wie schon es ist die Tugend zu belohnen. Wie herrlich verwalten Sie ihr Amt, mein theurer Freund! Freuen Sie sich, dass die Stiftung der Stadt Oneida, durch Ihre Hand sich so gut grundet, und dass Sie stets als der wurdigste Vorsteher verehrt seyn werden. Er zeigte mir viele Zufriedenheit mit meinen Ideen des Lobes und Vorhersagung von seinem Namen und Thaten, setzte aber hinzu: Vandek und ich zweifelten nicht, dass die Aussicht auf den Besitz der Insel Wattines erfreuen wurde, so wie er gewiss auch einen Werth auf unsere Hochachtung und unsere Vorstellung bey dem Congress legen werde; aber wir wollten ihn vorher auf die Probe stellen, wie er im Innern fur uns denkt, und wie er die Wunsche beantworten wurde, ihn immer bey uns zu sehen. Mein Herz wurde geruhrt da wir ihn gleich auf dem schonen Platze fanden, welchen Oneida ihm zu danken hat, und Sie horten in dem, was Vandek sagte, wirklich den Wunsch von uns allen. Wattines Antwort war schon, und bewegte mich besonders, da ich von der Betrachtung durchdrungen wurde, es sey ungerecht, den edlen Mann bey uns anfesseln zu wollen, da moralische Schwarmerey ein herrschender Zug seines Characters zu seyn scheint, so ist er fahig, aus Dankbarkeit gegen die innern Wunsche seines Herzens zu handeln. Mich beruhigte der Gedanke, dass wir ein gewisses Mittel in Handen haben, dieses Uebermass der Dankbarkeit zu hindern; denn er soll bey der Uebergabe der Insel, der Freyheit versichert werden, mit ihr zu thun was er will.
Diese Erklarung des Vorstehers machte mir viel Vergnugen, und gewiss nach allem was Sie von unsern Colonisten wissen, werden Sie mit mir sagen: die Stadt Oneida wird unter glucklichen Anzeigen gegrundet. Ich konnte nicht einschlafen, hundert Bilder von der kunftigen Gestalt der Insel, Begierde sogleich zu wissen, wie sich Emilie und Wattines bey Ankundigung des Geschenks von dem Congress benehmen wurden, und andre Phantasien erlaubten mir nichts als abgebrochnen Schlummer. Fruh war ich auf dem Platze, welcher noch bearbeitet werden musste. Ich speiste bey Wattines, und in der kleinen Ruhestunde fragte ich nach der Ursache des so feyerlichen Tons seiner Antwort an Vandek, und bekannte freymuthig, dass ich es erklart wunschte, indem mich dunkte etwas ausserordentliches darin bemerkt zu haben. Er lachelte mir zu und sagte:
Ihre genaue Achtsamkeit auf die Bewegungen meiner Seele, ist mir sehr schmeichelhaft, und mich freut, dass alle so sind, dass ein rechtschafner Mann sie ohne Widerwillen betrachten kann. Ich war gestern in Wahrheit ernsthaft gestimmt, wozu mich der Auszug des Lebens der St. Johns gefuhrt hatte: ich wollte erst nur die Beschreibung der Bienenjagd nachlesen, um ihren Vortheil durch meine Erfahrungen auf der Insel deutlicher und nutzlicher zu machen. Das ganze Bild dieser Familie von St. John ist aber so anziehend, dass ich es mit erneuter Aufmerksamkeit las, und uber das Schicksal seines Vaters nachdachte, der auch edler Franzose war, durch den Fanatismus der Religion aus seinem Lande nach Amerika getrieben wurde, wie mich der Fanatismus der neuen politischen Regierung durch ihre Grausamkeit hierher jagte. Ich war wie der Vater von St. John, froh, weit von meinen Verfolgern entfernt, Sicherheit des Lebens und Ackerland gefunden zu haben; welches durch meine Arbeit mich und die meinigen ernahrt. Schon dieses Gefuhl machte mir den Boden lieb, auf welchem ich wohne, dann aber ward ich ganz St. John, wo er sagt: "der Gedanke, dass ich fur eine geliebte Frau arbeitete, machte mir mein Haus und meine Felder angenehm, alles wurde mir leicht, wenn sie mich mit ihrer Arbeit in der Hand, auf meinen Acker begleitete, und in dem Schatten eines Baumes sitzend, meine schon gezogne Furchen, die braune fruchtbare Erde, und die Folgsamkeit meiner Pferde lobte. Ich baute mein eigen Feld, liebte, war geliebt, war froh, unabhangig und ohne Schulden, hatte schone Wiesen, grosse Baumgarten um meinen Cyder zu machen, 450 hochstammige Pfersichbaume zu Mastung fur meine Schweine, und Brantewein zu brennen, ein gutes Wohnhaus und eine grosse Scheune. Ich salze alle Jahre 15 bis 20 Centner Speck, und zwolf Centner Rindfleisch ein, gebe bey der Erndte 6 fette Hammel, und habe Korn, Gemus, Butter und Kase in Ueberfluss fur mich, meine Familie und Gaste. Meine Neger sind treu, gesund und vergnugt. Ich gab ihnen immer den Sanistag frey zu ihrer Arbeit, und Land zu Tobak, so viel sie brauchen. Die zwey altesten verkaufen alle Jahre fur 300 fl. Tobak, sie essen die nehmlichen Speisen wie ich, und sind mit dem nehmlichen Tuche bekleidet. Ich habe keinen Prozess, und kenne den Geist unserer Gesetze hinreichend genug, um meine Geschafte so zu fuhren, dass ich den Schutz des Gesetzes zu verehren, aber seine Strenge niemals zu furchten habe. Als mein erstes Kind geboren ward, offneten sich neue Aussichten vor meinem Auge, tausend Gegenstande bekamen einen hohern Werth, meine Frau wurde mir schatzbarer, neue Bande knupften mich an Feld und Haus, die Eigenschaft des Familienvaters, gab mir Achtung fur mich selbst, und ich machte das Gelubde, mich niemals von meinen Anpflanzungen zu trennen, im Gegentheil ein neues Stuck anzubauen, welches den Namen meines ersten Sohns bekam, und so bey jedem Kinde fortzufahren. Ich lebte nicht mehr fur mich, sondern fur sie und ihre Mutter. Ich erfand einen kleinen Sitz, welchen ich auf dem Pfluge befestigte, und meinen Sohn damit auf das Feld fuhrte. Die Bewegung der Maschine und der Pferde, machte ihn glucklich, und indem ich dieses Vergnugen mit meiner nutzlichen Arbeit verband, ersparte ich der Mutter einige Muhe, und sie gewann Zeit zu andrer Arbeit. Die angenehmen Ausdunstungen der Erde starkten mich und mein Kind. Wenn jemals Genuss des Glucks eine Pflicht fur den Menschen ist, wenn uns jemals der Himmel mit Erquickung segnet, so ist es auf dem Lande im Fruhjahre, wenn wir mit gesundem Verstande und reinem Herzen die verschiedenen Auftritte der Natur beobachten, und diese allgemeine Mutter ihre Fruchtbarkeit unter dem Sinnbilde von tausend und tausend Blumen verkundet. In dieser Jahrszeit danke ich dem hochsten Wesen noch viel inniger als in jeder andern, weil der Anblick der Bluthen mir als Versprechen seiner Gute erscheint. Mir ist es leid, dass ich nicht mit der Gabe der Dichtkunst geboren wurde, ich besange die Najaden von Amerika, die Schonheit unserer Wiesen, die Majestat der Flusse und den Reichthum unserer Kornfluren. Oft sang ich mit dem ersten der Vogel, welcher den Morgen begrusste: wir hatten die nehmlichen Gefuhle, von der frischen Luft, den balsamischen Geruchen und dem neuen Glanze, welchen Aurora uber alle Gegenstande verbreitete. War jemals ein Mensch ohne entzuckende Bewegung in einem bluhenden Obstgarten? Es ist das edelste Fest fur unsre Sinne: das Auge wird entzuckt, der Geruch vergnugt, und das Ohr ergotzt sich an den Harmonien der Vogel. So zeigt sich die Gute unsers Schopfers bey dem Anbruche des Tages. Wie begierig wurden die Menschen diesen herrlichen Anblick zu geniessen suchen, wenn er ihnen nur alle Jahre einmal erschiene. Mit wie vieler Verehrung wurden wir ihn betrachten, indem wir gewiss nichts schoners und nichts prachtigers denken konnen. Auch darin, setzte Wattines hinzu, stimmte ich mit ihm, und konnte mich nicht von dem Gemalde der seligen Tage eines wohldenkenden Pachters trennen, wie er in seiner Laube sagt: O du wohlthatiger Geist der Menschheit, der alle Theile der Natur belebt, Quelle glucklicher Gesinnung und neuer Gedanken, ich hore deine Eingebungen in dem sanften Rausche der Blatter, und in dem erquickenden Hauche des Zephirs! Dir sey die Stunde des sussen Ausruhens geweiht! hier will ich auf deine Lehren horchen, leite mich zu dem Nachdenken, welches uns in Betrachtung der Schonheit der Natur, moralische und menschenfreundliche Gefuhle, Zufriedenheit und Sanftmuth lehrt."
Auf meinem Felde, sagte Wattines, will ich diesen Herbst noch eine solche achteckigte Laube hauen, will sie gross machen, dass einst meint Arbeitsleute sich mit Vergnugen darin sehen, vielleicht auch moralische Empfindungen darin kennen lernen: sie soll auch mit wilden Reben, Geissblatt und Hopfen umpflanzt werden, wie St. John seine Laube beschattete.
Denken Sie, lieben Freunde! dass mir Wattines hier immer ein Stuck von dem Aufsatze des St. John vorlas, und dann mit dem ganzen schonen Eifer seiner Seele Noten dabey machte. Ein Blatt weiter sagte er: Sehen Sie, wie hier in der zweyten Generation das Gefuhl fur Verdienste des Vaterlandes, schon so innig wirkt, da St. John nach Beschreibung eines amerikanischen, aus den blauen Gebirgen sich erhebenden Gewitters, mit wahrem Stolze, den Nationen von Asien und Afrika zuredet. "Seyd ruhig! glaubt nicht, dass eine zurnende Gottheit auf den Flugeln des Sturms herbeykomme, euch zu strafen: folgt uns, und ihr werdet glauben, dass die Natur immer Gutes will, und dass die Gewitter uber euren Hauptern, die Luft reinigen, welche ihr einathmet, und die Erde fruchtbar machen, welche ihr anbaut. Ist es nicht wunderbar, fahrt er fort, dass die Bewohner der alten Welt, noch vor den Wirkungen des Donners und des Blitzes zittern, wahrend die glucklichen Amerikaner, welche erst seit gestern da sind, unter ihren aufgerichteten Eisenspitzen ruhig schlafen, und die Gewitter als nothige und nutzliche Lufterscheinung betrachten? Wie weit war der Erbauer von Boston 1626 von der Vermuthung entfernt, zu denken, dass auf dieser Halbinsel eine der reichsten Stadte entstehn, und 78 Jahre nach ihm, dort ein Mann, Benjamin Franklin, geboren wurde, welcher sein Genie zu den Wolken erheben, und ihren Blitzen einen abgeanderten Weg vorzeichnen wurde! Wie sehr sollten die Griechen diesen Mann verehrt haben, da sie dem Triptoleme und die Ceres vergotterten. Diese einfachen Ideen und Betrachtungen erfullen meine mussigen Augenblicke, aber bald wird die Entwickelung der Vernunft und des Characters meiner Kinder, mir eine edlere Beschaftigung darbieten. Schon fuhre ich sie auf das Feld, leite ihre Gedanken und Gefuhle, lege den ersten Saamen der allgemeinen Moral in ihre jungen Seelen. Rechtschaffenheit, Wahrheit, Menschenliebe, Gehorsam gegen die Gesetze, den Geschmack an Landbau und einfachen Sitten. Der Friede und die Einigkeit in meinem Hause, der tagliche Fleiss welchen sie sehen, wird ihnen, hoffe ich, die nehmlichen Neigungen und den nehmlichen Geschmack einflossen, welche das ruhige Gluck meines Lebens grundeten."
Wattines fragte mich nun, ob ich nicht, wie er, in dem Bilde des taglichen Lebens dieses Colonisten, etwas ungemein anziehendes fande? Ich konnte nicht anders als ja sagen, und dabey allen Landleuten diese Grundsatze wunschen. Jetzo sagte Wattines etwas ernst: ich bin uberzeugt, dass Sie in Ihrem Herzen dieses denken, aber wenn Sie, wie ich, Familienvater und Landmann waren, so wurden Sie auch stuffenweis mit St. John bis zu dem Enthusiasmus gestiegen seyn, welcher meine Seele durchgluhte, als ich unserm vortrefflichen Vandek versprach, ihn nie zu verlassen, den Boden, auf welchen er mich fuhrte; denn musste nicht Dankbarkeit in meinem Herzen reden? hat nicht Vandek als vaterlicher Freund an mir gehandelt? hat er nicht bey dem Vorsteher alles fur mich erhalten, und floss nicht aus Vandeks Hand erquickender Trost auf das Leben meiner Emilie und meiner Kinder? Habe ich nicht bemerkt, dass ich, dass meine Familie einen hohen Werth bey Vandek haben? Kann ich an das denken, was er fur mich und die Meinigen war, und nicht wunschen, etwas fur ihn, fur die Seinigen zu thun? Emilie liebt den Boden wo noch kein Blut floss, der noch nicht von Bosheit und Grausamkeit besudelt wurde. Was wir in Europa liebten ist nicht mehr. Ich musste vor meinen Landsleuten fliehen, hier fassten mich fremde in ihre Arme: dort wurde ich meiner Guter beraubt, hier gab mir die schonste Freundschaft einen reichen Ersatz; und, lassen Sie mich, mein Freund! noch ein paar Sandkorner auf die Wagschale legen, dort wurde mein Jammer und meine Arbeiten verlacht, h i e r sah ich Thranen des Mitleides und Verehrung meines Fleisses. Dieses sind starke Bande fur das Herz des redlichen Mannes, wie viel mehr, fur meine fromme, Gott und der Natur so sehr ergebnen Emilie. Aller Prunk ist ihrem Herzen zu Staub geworden. Sicherheit meines Lebens und Hoffnung des Unterhalts fur unsere Kinder, ist alles was sie von der Erde wunscht, und sie sagt: Gott wollte uns hier haben, bleiben wir, und erfullen die stille Laufbahn, mit Tugend und Wohlthun. In Frankreich mussten wir das Brod fur unsere Kinder in einer Mordergrube betteln, unter Raubern und Mordern leben. Wir wollen in Oneida werden, was St. John in Virginien ist.
Emilie ging noch weiter, sie wunschte eine Negerfamilie, eine Wittwe mit Kindern, oder auch lauter Waisen auf unserm Gute zu haben, damit nicht Bruder von Brudern. Kinder von Eltern getrennt wurden. Diese Familie wollte sie recht glucklich machen, und ihre Liebe verdienen. Dieser Wunsch keimte schon in ihrer Seele als wir in Philadelphia die Negerschule besuchten, welche ein Abkommling des, wegen Religionsverfolgung gefluchteten Benezets aus der Picardie errichtete, und Emilie nur bedauerte, so wenig Englisch zu verstehen, indem sie die Stelle einer Lehrerin in der Madchenschule gesucht hatte, da sie von dem Zeugniss der Fahigkeiten und Folgsamkeit der guten schwarzen Madchen so ausserordentlich geruhrt war, dass ich bey dieser Bewegung, bey ihren Thranen und Umarmungen der Negerkinder in die Sorge kam, in meinem ersten Kinde einen sogenannten Negrillon zu erblicken. Sie hatten die Ehrfurcht sehen sollen, welche sie dem Negerarzt D e r h a m erzeigte. Fragen Sie sie nach dem alten Neger Fuller: und bemerken Sie den Eifer, mit welchem sie Ihnen von dem Geiste und dem Gedachtnisse dieses Mannes sprechen wird, der in 2 Minuten die grosse Rechnung bestimmte, wie viel Secunden in anderthalb Jahren, das Jahr zu 365 Tagen gezahlt, verfliessen? Es sind, sagte er, 47 Millionen 304 tausend Secunden.
Wie muhsam und fleissig lernte Fuller, ohne dass er lesen oder schreiben konnte, indem die Geschichte seiner Rechenkunst darin bestand, dass einer seiner Nebensclaven ihn bis hundert zahlen lehrte, er aber nachdem sich in Berechnung der Korner eines Scheffels Weitzen ubte, und am Ende genau wusste, wie viele Korner zu der Ansagt dieses oder jenes Stuck Feldes erfordert wurden. Hier sagte Emilie: was wurde eine edelgesinnte, menschenfreundliche Herrschaft aus einem solchen Genie, mit solchem Fleisse vereint, gebildet haben! Warum gab ihn das Schicksal nicht in die Hande des vortrefflichen Benezet? was wurde Fuller fur ihn, wie viel fur seine Schule gewesen seyn, der Schuler B e w e i s der unendlichen Fahigkeiten der Negers, der Lehrer B e w e i s , dass Europa Herzen voll Gute und Gerechtigkeit hat. Wie wurde Fullers edle Seele die Hand gesegnet haben, die seinen Geist in allem angebaut hatte. Er, welcher seiner Herrschaft dankte, weil sie ihn nicht verkaufen wollte. Ich bekenne, setzte Wattines hinzu, dass es mir Freude machte, als ich horte, dass die schone Seele voll Menschenliebe dieses Benezet aus Frankreich stammte; doch vereinte sich mit der gerechten Bewunderung dieses grossen Characters, sehr bald die schmerzvolle Betrachtung, dass ich hier, in dem Herzen von Nordamerika, die uberfliessende Gute eines Franzosen segnen und wunschen muss, dass Frankreichs Adel und Geistlichkeit, in der Nationalversammlung, einen solchen menschenfreundlichen Vertheidiger gefunden haben mochten, als die Negers in der Seele unsers Benezet trafen. Nun schwieg er ernsthaft vor sich hinsehend, und ich bemerkte, wie tief diese Vergleichung sein Herz verwundete, und ihm Trauerscenen zuruckrief. Ich suchte ein Mittel, ihn von dieser Vorstellung abzulenken, aber ehe ich eines finden oder wahlen konnte, zeigte sich Wattines Herz durch Betrachtung fremder Tugend, und des Wohls anderer Menschen gestarkt und erheitert, indem er ausrief: Wie glanzend erscheint zu beyden Seiten der englische Nationalgeist, denn dieser unterstutzte Venezets Bemuhungen zum Besten der Negers mit Gold und mit Fursprache bey der Negierung; so wie dieser edle Geist jetzo, tausend und tausend verfolgte Ungluckliche, des franzosischen Adels und der Geistlichkeit, unterstutzte und aufnahm.
O, meine Freunde, wer kann es Wattines ubel nehmen, wenn bey solchen Anlassen Ruckerinnerungen, Trauer und Wunsche in seiner Seele entstehen? Wer sollte ihn nicht bedauern und doppelt lieben, wenn man den schmerzvollen aber schonen edlen Gang seines Denkens und seines Lebens beobachtet? Mir wird er auch immer unvergesslich bleiben, und mit ausserstem Kummer werde ich mich von ihm trennen. Indessen will ich seine Verdienste um die Colonie nachahmen, und daneben mein Andenken in einigen Familien stiften; denn ich habe mich zum Unterricht im Zeichnen erboten. Da werden nun alle Tage funf Knaben auf zwey Stunden zu mir in die Lehre gehen, mit welchen ich von der Nutzbarkeit und dem Vergnugen der Zeichenkunst sprechen, und davon bey der Ausarbeitung des Tisches und der Gartenstuhle Beweise geben will; wobey sie zugleich die Anfangsgrunde und Handgriffe der Schreinerey lernen konnen; und da ich aus freundschaftlicher Phantasie meines Herzens diese Stucke fur Wattines alle allein verfertigen werde, so kann ich den Knaben daneben vorzeichnen, ihre Versuche korrigiren, und mit ihnen reden; so konnen sie dabey den Werth der Eintheilung der Zeit, und des uberlegten Fleisses eines einzelnen Menschen kennen lernen.
Ich sprach ehegestern mit den edlen Wattines von dieser Idee; sie fanden fur seht gut, aber da ich hinzu setzte, dass ich den Jungens zugleich von alle dem sagen wurde, was Herr Wattines bisher allein gearbeitet habe, so bat er mich, es ja nicht zu thun, indem es schon allen Einwohnern bekannt sey. Lassen Sie meine Felder und meine Blumen von Nutzen und Vergnugen meines Tagewerks reden, und gonnen Sie mir den Genuss Ihrer vorzuglichen Freundschaft, ohne die Besorgnisse, eines Fremden Schmerz uber ihren Mangel, oder des Neides darein zu mischen. Ich bitte Sie darum, sagte er, mir die Hand druckend; aber indem ich die Klugheit, Bescheidenheit und Menschenkenntniss, des Mannes bewunderte, stand Frau Wattines von ihrer Arbeit auf, ging an den Bucherschrank, und holte, da sie den Ausdruck T a g e w e r k in der Unterredung ihres Mannes bemerkt hatte, den kleinen Band, des von Gin ubersetzten Hesiodus, reichte ihm mit anmuthsvoller Errothung und einem halben Blick nach mir, ihrem Wattines dar, wobey sie sagte: Lieber! unser Freund will mit den guten Knaben von nutzlichem Tagewerk reden, du willst nicht genannt seyn, konnte nicht aus dem guten alten Hesiod etwas zu ihrer Belehrung gezogen werden?
Was ist, meine Freunde, mein Zeichnen, mein Schreiben, da ich nicht fahig bin, diese Frau mit dem Buch in der Hand darzustellen, oder die Miene und den Ton zu beschreiben, welche ich sah und horte. Wie viel weiblicher Geist, Feinheit und Wohlwollen liegt hier vor uns! Ich war da, staunend und ausserst geruhrt, Wattines sah auf mich und sie, lachelte, nahm das Buch, und sagte gegen mich: In Wahrheit, Emilie hat das beste fur Ihre Absicht gefunden. O benutzen Sie ihn, den guten Hesiodus, indem er mir ihn darreichte.
Ich wusste wohl, dass die Griechen einen Dichter dieses Namens hatten, kannte die Zweifel, ob er vor oder nach Homer lebte; aber da ich die griechische Sprache nicht kenne, und nie eine Uebersetzung von ihm las, so bewunderte ich um so mehr Emiliens feine Empfindung und Berechnung dessen, was zu meiner Absicht taugte; denn Sie konnen wohl glauben, dass ich ein von Emilie auf eine so unerwartete Weise vorgeschlagnes Buch mit dem grossten Eifer und Aufmerksamkeit durchlas. Wirklich hat sich auch dadurch der Plan meiner Winterbeschaftigungen weiter ausgedehnt, als ich dachte, indem ich den Knaben der Landleute am See Oneida einen Auszug des Lebens und der Schriften des Hesiodus und des Virgils machen, und ihnen eine kleine, durch Gefuhl und Wahrheit verschonerte Geschichte des Ackerbaues und aller landlichen Arbeit und Freuden, dieser so weit von uns entfernten Zeiten und Nationen fur sie schreiben, und dabey ganz genau die einfachen Vorschriften und Ermahnungen des Hesiodes, und die seinem Bruder vorgelegte, auf alle Zeiten passende moralischen Grundsatze damit verbinden werde. Alles dieses werde ich in einem heitern Lichte darstellen; Ackerbau, Gartnerey und Viehzucht in lauter angenehmen Bildern zeigen, und die gute Landwirthschaft eines vernunftigen und rechtschaffenen Mannes als sicherste Quelle des wahren unabhangigen Glucks der besten Menschen in allen Jahrhunderten zeigen. Der liebe Wattines wird mir einen Theil dieses, wie ich glaube, nutzlichen Werkchens, verschonern helfen, indem ich den guten Knaben, nach dem Beispiel des Hesiodes, auch die Gestirne bekannt machen mochte, welche man von den Ufern dieses angenehmen See's beobachten kann. Ich hoffe meinen Zoglingen dadurch mit neuen Gefuhlen fur ihr Herz, und mit neuen Begriffen fur ihren Verstand zu bereichern, und Wattines will die Knaben noch diese letzten Herbstabende, die Namen der uber uns stehenden Sternbilder lehren.
Emilie, welche jetzt diesem Entwurfe mit Vergnugen zuhorte, sagte mit edler Theilnahme: Wie sehr, mein Carl, erhohest du hiermit den Werth der Spatziergange, welche du an dem See anlegtest, die der arbeitende Mann und die Lehrlinge nur nach Untergang der Sonne besuchen konnen, und sich gewiss glucklich achten werden, wenn sie nun die Namen ihrer sie sanft beleuchtenden Nachbarn zu nennen, und ihre Stellen zu bezeichnen wissen. Wie glucklich wird der Abend seyn, an welchem sie sagen werden: hier, nach geendigtem Tagewerk, dient der stille Glanz dieser erhabnen Geschopfe zu vermehrter Freude bey unsern Erholungsstunden; den Seefahrern aber ist ihre Erscheinung, nach uberstandnen Sturmen und irre getriebnem Lauf der Schiffe, ein wahrer Trost, weil sie durch die holden niemals von ihrer Bahn abweichenden Sterne, auf den Weg ihrer Bestimmung zuruck geleitet werden.
Diese Betrachtung ist ein wahres Geschenk, welches Emilie meinen Zoglingen aus der Fulle ihrer vier Jahre lang gesammelten Gedanken macht; denn ihr waren ja damals die Gestirne einzige liebreiche Nachbarn. Mich freut, dass die Knaben damit zugleich die schone Verbindung sehen, in welcher eine edle Seele die Gefuhle ihrer Freuden mit dem Wohl ihrer Nebenmenschen vereint. Lange, meine Freunde, hatte ich nichts von Ihnen gehort, aber Sie haben mich mit dem letzten Paquet entschadigt, und mehr als dieses, Sie haben mich so reich und glucklich gemacht, wie ich es hier nach meinem Charakter und nach meiner Lage nur immer werden konnte. In welch einer seligen Stunde lispelte Ihnen der Geist der Freundschaft den wohlthatigen Gedanken ein, mir des vortreflichen Herders B r i e f e z u r B e f o r d e r u n g d e r H u m a n i t a t z u m Stoff meiner Herbst- und Winter-Unterhaltungen zu schikken. Lange hatte ich nicht an die Verschiedenheit des mannlichen und weiblichen Geistes gedacht, und hier sah ich ihn so liebenswurdig gleich nach der vollkommensten Uebereinstimmung erscheinen. Diese sagte: u n s e r F r e u n d i n A m e r i k a m u ss H e r d e r s B r i e f e h a b e n : der Mann will mit dem ersten Postwagen, das ganze allgemein nutzliche nach Hamburg senden: die Frau aber sucht, beherzigt und schreibt Auszuge, welche in diesem Moment fur mich passen, und giebt sie sogleich der Briefpost.
O meine Base! wie soll ich Ihnen dieses vergelten? wie belohnen? Glucklich ist, wer mit einem solchen Charakter, mit einem so ausgebreiteten Wohlwollen, wie Sie, sich die Freude wunschet, eine schone Absicht erreicht zu haben Und dieses ist geschehen, meine theure, mit einer unschatzbaren Feinheit begabte Luise! Diese von Ihrer Hand gemachte Copie ist fruher angelangt, als das Ganze nicht kommen kann. Was diese Blatter mir fur eine Freude machten, kann nur der fassen, welcher einst die gewunschte Versicherung ewiger Liebe erhielt; denn Sie, meine liebenswurdige Base, haben mich damit in den Stand gesetzt, mit den edlen Wattines aufs neue von Menschen zu sprechen, welche in diesem Welttheil ihrem Herzen doppelt heilig sind, und ich genoss das edle Vergnugen, von einem unsrer verdienstvollen Landsleute zu erzahlen, welcher mit dem hohen Gefuhl von den verehrungswurdigsten Freunden der Menschheit spricht, wie Herder von dem spanischen Bischof las Casas, welcher sich der sudlichen Amerikaner erbarmte, und an dem Hof zu Madrit fur sie bat, wofur Emilie noch seine Asche segnete, und sich freute, dass der franzosische Bischoff F e n e l o n sogleich in die Reihe der Menschenfreunde gestellt wurde, nicht nur, well er Frankreichs Volker durch den Telemach einen weisen, gutigen Regenten bilden wollte, sondern weil er dem Erbprinzen, von dem damals herrschenden Religionshass und Religionsverfolgung abmahnte. Beyde Wattines schienen mit unserm Herder ausserst vergnugt, da er den Liebling der besten Menschen von der ganzen Nation mit Verehrung nannte, aber Wattines wurde entzuckt, seinen B e r n a r d i n d e S t . P i e r r e den Schuler Fenelons nennen zu horen, und indem er sagte: O er war es, er kannte Fenelons Geist ganz! hatte er schon den ersten Band von den Studien der Natur geholt, und sagte im blattern:
Ihr Freund schatzte Fenelon, weil er gegen gewaltsame Religionsbekehrungen eiferte. Sehen Sie, wie sein Schuler diese Seite des Charakters des wahren Bischoffs darstellt, da er von den Zeiten spricht, sagte er gegen Emilie lachelnd, wo unsere Voreltern noch vor Freude hupften, wenn sie einen wilden Pflaumenbaum entdeckten, oder in den Ebnen der Normandie ein Reh im Laufen gefangen hatten, und ihre Priester, die Druiden, ihnen eine Menge Vorurtheile und Grausamkeiten im Namen ihrer Gottheit einflossten, unser Fenelon mit seiner Tugend zu ihnen getreten, und gesagt haben wurde: Wie irrend angstigt Ihr Euch und das Volk durch furchterliche Begriffe von unserm Urheber, welcher diese Ausbreitung falscher Ideen an Euch selbst durch bange Erwartungen straft! Spricht er nicht zu den Menschen durch tausend um sie verbreitete Wohlthaten? Ihr sucht sie durch Furcht zu regieren Meine Religion ist, sie durch Liebe zu leiten, und wie die Sonne Gute und Bose beleuchtet, gegen beyde wohlthatig zu seyn. Gewiss hatte er ihnen zugleich Geschenke der Natur bekannt gemacht, und den Nutzen der Waizengarbe, des Traubenstocks und der Schafwolle gezeigt. O wie wurden unsere Voreltern ihm gedankt und seine Religionsgrundsatze befolgt haben!
Dieser Geist, setzte er hinzu, verband unsern St. Pierre als Schuler mit Fenelon, und, fiel ich ein, schaffte ihm an Herders Hand eine Stelle neben seinem Lehrer, weil jede von Bernardin Schriften, bis auf die kleinste Erzahlung, im Geist der Menschenliebe geschrieben wurde, da er so gerne die Natur mit der Geschichte der Menschheit verbindet, von welcher er das Gute mit so viel Freude, das Bose mit so viel Milde erzahlt. Mit Recht setzte Herder den guten A b t S t . P i e r r e unter die Menschenfreunde, weil er Gerechtigkeit, Tugend, Vernunft und Wohlthatigkeit lehrte. Emilie wurde uber das Lob der Quaker ausserst geruhrt, da Herder sagt, dass sie von Penn an eine Reihe verdienstvoller Manner nennen, welche zum Besten der Menschheit mehr gethan haben, als tausend a n m a ss e n d e W e l t v e r b e s s e r e r : die thatigsten Bemuhungen zu Abschaffung des Negerhandels und des Sklavendienstes kamen von Quakern, und auf dem Denkmahl im Vorhof des Tempels a l l g e m e i n e r M e n s c h l i c h k e i t , dessen Bau kunftigen Zeiten bevorstehet, werden die Namen von Quakern glanzen.
Kaum hatte ich diese Stelle ubersetzt, als Wattines und Emilie sich bey der Hand fassten und sagten: O wir wollen den Namen unsers wohlthatigen Freundes John eingraben! Thranen der Ruhrung und der Dankbarkeit fullten ihre Augen, und ich kann wortlich sagen, ihr Mund uberfloss von dem Ruhm der Tugend und der Weisheit des vaterlichen Freundes. Dass Herder auch M o n t e s q u i e u unter die Wohlthater der Menschheit stellte, hatte einen Ausruf der Freude hervorgebracht, indem wir alle den vortreflichen Mann mit gleichem Eifer lieben und ehren. Hier behauptete ich aber einen Vorzug, weil ich die schone Wallfahrt der Hochachtung zu dem Wohnsitz seiner Familie bey Bordeaux machte, das alte einfache Schloss la Brede, mit der grossen Halle voll Bucherschranken, die getafelten Zimmer und hundertjahrige Tapeten, wie Reliquien verehrte, und mich so sehr freute, das Haus zu kennen, in welchem Montesquieu gebohren wurde, und das kleine Kabinet gesehen hatte, in welchem er das grosse Werk uber den Geist der Gesetze schrieb. Wir sachten in der Encyklopadie und dem Dictionaire des Hommes illustres die Namen aller dieser Manner, auch Penn nach, feyerten das Andenken ihrer Verdienste, und machten Wunsche, dass sie Nachfolger haben mochten.
Doch horen Sie, wie einer der schonsten Zuge aus des edlen Montesquieu Leben, durch Emilie verherrlicht wurde, indem sie ihn ihrem Mann zueignete, als wir auf die Stelle kamen: M o n t e s q u i e u suchte das Gluck seines Lebens nicht in der grossen Welt und grosse Gesellschaften, denn er floh stets sobald als moglich in das gothische und einsame Wohnhaus seiner Voreltern zuruck, wo ihn seine P h i l o s o p h i e , seine B u c h e r und R u h e erwarteten. In seinen mussigen Stunden war er von Landlenten umgeben, wo er nach erschopfter Kenntniss des Geistes der Nationen und des Zirkels der Gelehrten, in diesen von der Natur allein unterrichteten Menschenseelen sich umsah, und oft behauptete, von ihnen gelernt zu haben. Er sprach vertraulich mit ihnen, und suchte, wie Sokrates, ihren Geist durch Fragen zu uben und zu entwickeln, entschied und verglich ihre Streitigkeiten, und unterstutzte sie in allen ihren Bedurfnissen.
Ich bemerkte wohl, dass Wattines Stimme sich immer mehr anderte, je weiter er las, endlich zu stark geruhrt, das Buch hinlegte, und sagte: Montesquieu war Prasident eines Parlaments, wo ist sein Geist der Gesetze? Emiliens Auge glanzte, und war voll Zartlichkeit auf ihren Mann geheftet, als sie seine Hand fasste, und mit sanftem ernsten Tone sagte: Theurer Carl! Montesquieu hat fur unser ausgeartetes Vaterland vergebens gelebt, aber die besten schatzbarsten Eigenschaften des guten grossen Mannes ruhen in deiner Seele, vielleicht bist du berufen fur die Bewohner der Ufer des Oneida zu seyn, was Montesquieu fur die Landleute an der Garonne war. Du warest auch einst in der grossen Welt, und wunschtest dich nie zuruck. Deine Tugend und das Wohl deiner Familie genugten seit funf Jahren zu dem Gluck deines Lebens. Der Kreis deiner Wohlthatigkeit wird durch jede neue Colonistenfamilie erweitert, und so wachst dein Vergnugen in gleichem Masse; denn Montesquieu half den Leuten a la Brede auch unangebautes Land in Aecker und Wiesen zu verwandeln. Wattines hatte seiner Frau mit einer Art von Staunen zugehort, kusste voll Empfindung ihre Hand, und antwortete geruhrt: Theure, edle Emilie! gerne, sehr gerne will ich seyn, was du wunschest, gerne thun, was der Himmel mir auf dieser Stelle gebietet.
Sie sehen, meine Freundin, wie schon und mit wie viel Klugheit Frau Wattines die emporsteigenden Trauergefuhle ihres geliebten Mannes, in die edelste Empfindung gerechter und verdienstvoller Eigenliebe verwandelte, ihm dadurch das dustre Bild des Vergangenen aus den Augen ruckte, ohne ihn von Montesquieu abzuziehen, und dabey alle edle Grundsatze in ihm zu wecken. Jeden schonen Auftritt dieses Abends haben Sie mir bereitet, meine theure Verwandtin, denn ohne die Lebhaftigkeit, mit welcher Sie mir so schnell als moglich Herders Ideen von den Quakern und den Wohlthatern der Amerikaner mittheilen wollten, wurde ich vielleicht diese angenehmen Stunden nie erlebt haben, welche im Ganzen das waren, was der Englander ein Fest der Vernunft, a feast of reason, nennt, welches auch gewiss der Fall ist, wenn schatzbare Lebende sich verdienstvoller Verstorbenen erinnern, oder gemeinnutzige Entwurfe fur Wissenschaft und Kunste, fur Sitten und Wohlstand machen. Ungewiss bin ich, wie Sie die endliche Wirkung dieser mir so ausserst schatzbaren Blatter beurtheilen werden: gewiss hatten Sie die edelste Absicht fur die guten Landleute am See Oneida, als Sie das vortrefliche Gedicht von dem hohen Werth der Arbeitsamkeit kopirten. Sie waren sicher, dass es mir Freude machen wurde, dachten aber nicht, dass damit eine lang gewaltsam unterdruckte Lieblingsphantasie mit neuer Starke erhoben und zur Ausfuhrung kommen sollte. Diese ist meine, aus Italien und dem Berner Gebiet mit mir wandelnde Z i t h e r und meine Stimme am See Oneida ertonen zu lassen, und bey meinen Schulern nicht nur den Geschmack an schon schreiben und zeichnen, sondern auch die Liebe des Gesangs und der Musik anzufachen.
Die Wattines, mit welchen ich davon sprach, nannten diesen Entwurf den Ehrgeiz in den Waldern und den Jahrbuchern von Oneida als nordamerikanischer Orpheus zu glanzen; aber ich werde mich nicht irre machen lassen, sondern hier diese leichte und angenehme Musik bekannt und beliebt zu machen suchen, durch welche in Italien und in dem Dorfe Langen in der Schweiz die Dammerung und Abende verschonert werden. Sie wissen, dass ich bey meiner Zuruckkunft so manche Stunde spielte und sang, ohne dem Klavier nur eine Seele zu entwenden. Erinnern Sie sich meiner Klagen, dass jede Art einfaches Vergnugen verkannt wurde, dass man lauter muhevolle, gekunstelte Dinge aufsuche, und weil sie gewohnlich kostbar sind, aus Eitelkeit nur bey diesen eine Freude zeige, und das Naturliche allenthalben geringschatze? Ich verschloss meine Zither, und redete nicht mehr von ihr; aber wohlbehalten kam sie mit mir nach Philadelphia, von wo ich sie werde kommen lassen, dort schon nach den Ankauf einer zweyten Zither fragte, auch Drathsaiten verlangte, weil ich suchen werde, durch meine Schreinerkunst eine zu verfertigen. Sie wird doch immer besser seyn, als die erste, welche in Italien entstand. Bis mein Koffer kommt, habe ich dem schonen Gedicht gewiss schon auch eine schone Melodie angepasst. Sehr artig finde ich das Spiel des Zufalls, welcher wollte, dass ich in Europa dem auf I h r e H a n d stolzen Fortepiano meine arme demuthige Zither opferte, welche nun so viele hundert Meilen entfernt, in Amerika durch S i e so ruhmvoll als wohlthatig erscheinen wird. Ich habe auch mit Vandek und dem Vorsteher von den Gedichten und den Blattern gesprochen. Beide fuhlten sogleich den Werth. Vandek wurde geruhrt von dem Inhalt des H i m m l i s c h e n . Er fand es so wahr, so ehrfurchtsvoll, so wurdig des Stifters unserer Religion.
Heil und Gebet dem Mann im Himmelsglanz,
Zu dessen Fussen jetzt die Sterne wallen;
Wie Mond und Sonne glanzt sein Angesicht.
Er denke unser, wenn wir beten, wenn
Sich unser Herz zum Armen freundlich neigt,
Und lasse jeden Wandrer Schatten finden,
Und jedem Durstigen zeig' Er den Quell.
Er war es selber einst, der Menschlichkeit
Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmuth
Und Milde zur Religion uns gab.
Heil und Gebet dem Mann, der Menschlichkeit
Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmuth
Und Milde zur Religion uns gab.
Der Vorsteher fand es eine unsers gottlichen Lehrers wurdige Hymne; aber als Oberaufseher uber das gemeine Beste, uberzeugt von dem hohen Werth des Fleisses in unserer Lage, wurde er von den so ernst, schon und belehrenden Versen, d a s G e g e n g i f t , ganz eingenommen, wunschte auch, es bey unserer Gemeine bekannt zu machen, aber eher unter der freundlichen Aufschrift: W e r t h d e s F l e i ss e s , weil er glaubt, dass, da diese Tugend wirklich von allen Bewohnern dieser Ufer ausgeubt werde, jedes von ihnen einen Theil an dem Lobe nehmen, und die Lehren desto lieber fassen wurde.
Preis sey dem Geber! jede seiner Gaben
ist Huld und Weisheitsvoll. Er theilte sie,
Er wog sie ab zur langen Dauer und
Vollkommenheit der Schopfung.
Seine Erde gab Er nicht Engeln,
Menschen gab Er sie.
Der Menschen b e s t e r ist, der selten strauchelt,
ihr e d e l s t e r , der bald vom Fall aufsteht.
Tief keimte das Laster in der neu
geschafnen Erde; wild schoss es empor,
Gift seine Bluthe, seine Fruchte Tod.
Da schuf er ihm ein machtig Gegengift,
fur Thorheit ein Verwahrungsmittel, A r b e i t ,
die macht er uns zum heiligen Gesetz, den Fleiss
zur Pflicht.
Arbeitsamkeit verriegelt
die Thur dem Laster, das dem Mussigen
zur Seite schleicht, und hinter ihm das Ungluck.
Willst du dem Feinde fluchen, wunsch' ihm Musse,
Auf Musse folgt viel Boses, und des Kummers viel.
Arbeitsam wirkt die Seele froh,
langweiliger Mussiggang beschaftigt sie
zur Reue, zum Verderben; Thorheit leitet
den Mussigen; Muthwill und Vorwitz fuhren
ins Dunkel ihn, wo Gott nicht ist.
Arbeitet! Ihr Weisen in dem Volk,
befordert Euer und Vieler Gluck!
Wo wohnt Beruhigung? wo Segen der liebreichen
Gottheit? Wo Genuss der Tage? wo das edelste
Vergnugen? nur in der A r b e i t .
Diese zwey Gedichte scheinen mir zu einem Wechselgesange geeignet, und selbst das erste kann zu Anfang und Ende durch einen Chorgesang feyerlich gemacht werden. Ich bekenne, mein Herz heftet sich an die Idee, welche mir sagte: wie schon ware es, wenn die guten Menschen hier durch mich, ehe sie eine Orgel bauen konnen, bey ein paar gleich gestimmten, von ihren Kindern gespielten Zithern, das Lob der Religion und der Arbeit horten. Wer hatte das Recht zu sagen: nur die Hayne Griechenlands sollen das Lob der Gottheit und Lehren der Moral neben den Tonen der Lyra horen, nur in Spanien und im Berner Gebieth, sollen die Abende durch die sanfte Zither verschonert werden? warum nicht auch die prachtigen Gegenden von Nordamerika? Alle meine Wunsche vereinen sich nun in dem, dass ich in Philadelphia noch eine Zither finde, oder das Talent erwerbe, eine zu verfertigen: schon habe ich die Beschreibung ihres Baues in der Encyclopadie auswendig gelernt, und mich gefreut, in ihrer Geschichte gefunden zu haben, dass ihre Erfindung so alt ist, als die von der Harfe, dass ihre Tone sanft bescheiden, und etwas melancholisch genannt werden, dass man, um sie recht zu geniessen, sie nur an stillen Orten spielen kann. Da sind ja die Ufer unseres Oneida und die Spatzierplatze, welche der edle geschmackvolle Wattines bereitete, wirklich die Gegend, in welcher die Zither tonen soll. Kein Gerausch der reichen grossen Welt, kein Larmen der berauschten Geringen, stort Abends nach vollbrachtem Tagewerk die Ruhe der Erholungsstunden, nur das leise Flustern der Blatter der die Banke beschattenden Baume, nur das abgesetzte sanfte Anschlagen der kleinen, vom Abendwinde getriebenen Wellen sind horbar. Wenn nun Vater und Mutter hier sitzend, ihre jungen Leute die Zither spielen, und Herders Lied d e r F r e u d e singen horten. O meine Freunde! moge ich die Bewohner dieses Theils von Nordamerikas Waldern mit den sanften einfachen Tonen der Zither bekannt, und sie ihnen angenehm machen, ich habe ein paar Schuler, die meine Hoffnung stutzen, und es verdienen werden dieses Lied anzustimmen. Freue dich, edles Herz, das hold der Freude ist! Schuf nicht der Schopfer der Welt alles zur Freude? Wer sich freuet erfullet der Schopfung Zweck. Susse Gabe des Gebers, giesse dich ganz in mich! Noch ist mein Herz von Tucke nicht befleckt. So hupfe dann das vergangliche Paradies hindurch du! nicht mit druckenden Lasten beschwertes Herz. Sey froh des Vergangnen! jeglicher Labung froh, die du dem muden Pilger darreichen konntest; danke dem Herrn der Welt, der dir zu reichen sie gab. Hauser, die deine Hande gestutzt, Hutten, die deine Hande befestigten! Siehe sie froh! besuche des Greises Grab, der sich an deinen Troststab lehnte. Komme der grosse Tag, an welchem der Schopfung
Herr
Gericht halt! wann die Schaaren um ihn stehn voll heiliger Erwartung, sanfte Stille sich verbreitet die sieben Himmel hindurch. Du trittst, ein Jungling mit tausendmal tausend hervor anzubeten, der Spruch des Richters ist: was ihr der Menschheit thatet, thatet ihr Mir selbst. Geht ein zu eures Herren Freude. Ich hoffe mit meiner Schule glucklich zu seyn, und dann meinen schonen lieben Traum auszutraumen, und mit dem hier so schnell auf den Winter folgenden Fruhling, eine mir ausserst lieb gewordene Phantasie zur Wirklichkeit zu fuhren, da die Feldarbeit, mit den, nach dem Schmelzen des Schnee's hervorbrechenden Blattern der Baume, und schnellen Wachsthum des Grases anfangt, so will ich meine besten Sparpfennige zu der Stiftung verwenden, dass alle Fruhjahr, wenn die Baume der Spazierplatze das erste Laub tragen, das Gedicht von dem Werthe der Arbeitsamkeit, mit zwey Zithern begleitet gesungen, und den Schulkindern eine kleine, aber nach einem von mir gezeichneten Stempel gepragte Munze ausgetheilt werde; der Gehalt wird nur 6 Kr. unsers Geldes seyn, aber auf einer Seite soll ein Baum, ein Pflug und ein Fischernetz mit der Aufschrift: A r b e i t , auf der Gegenseite ein Obstzweig, eine Garbe und ein Fisch mit dem Worte S e g e n , gepragt seyn. Jahrlich dazu bestimmte 25 Fl. werden lange hinreichen, bis die Gemeinde und die Zahl der Schulkinder eine Vermehrung fordern. Wattines soll der Beschutzer dieses kleinen Andenkens meines Hierseyns werden. Emilie bezeigte, als ich den Plan vorlegte, und die ubersetzten Gedichte las, wahre Freude, und sagte sehr schon gegen ihren Mann: hat man nicht immer bey cultivirten Nationen wichtige Begebenheiten durch besondre Munzen im Gedachtnisse zu erhalten gesucht? und dienten diese Munzen nicht als Belege der Geschichte eines Volks? Ja meine Liebe! dieses ist wahrer Begriff von den Denkmunzen, antwortete er, und sie erwiederte mit dem Tone edler Wunsche und Hoffnung: wie schon ware die Vorbedeutung der ersten Munze in der Grafschaft Onotaga! wie schatzbar musste einst die Sammlung davon den Enkeln seyn, wenn F l e i ss stets den Chargeter der Einwohner, und S e g e n immer ihr Schicksal bezeichnete!
Wattines und ich waren uber diese Wendung ihrer Ideen geruhrt, er sagte: das wird auch seyn, meine Emilie! so lange als im Fruhling die Feyer des Gedichts der A r b e i t heilig und geliebt seyn wird.
Ich bedauerte, nicht reich genug zu seyn, um die Stiftung, zu dem Werthe und Grosse eines Silberthalers zu setzen. Nein! sagte Emilie lebhaft, das wunschte ich nicht, indem ich besorgt ware, dass man sie wie die Piaster in zwey und drey Stucken zu Scheidemunze machte. Ich sah mit etwas Verwunderung nach ihr, und horte dass es wirklich geschieht. Spanische Piaster, welche stets von dem feinsten Silber sind, entzwey zu schneiden um halbe Piaster zu haben, oft sollen die Eigenthumer auch einen Streif in der Mitte ausschneiden, und die zwey Seitenstucke doch einen halben Piaster gelten. Die theuren Wattines bedauerten aber meinen so vervielfachten Arbeitsplan, weil sie mich weniger sehen, und die Hoffnung verloren werde, etwas Teutsch zu lernen, wie sie beyde es fur die Wintertage bestimmt hatten, um die Muttersprache des geliebten Freundes zu kennen, und mit seinen guten Landsleuten an dem See von ihm zu reden: bey Vandek und Scriba, werden Sie, sagte Wattines, sehr oft Gegenstand der Unterredung seyn, aber ich wunsche ihre Erinnerung in allen Einwohnern, besonders auch in Ihren Schulern zu umfassen, und so vielfach zu erneuern als Colonisten hier sind.
Ich war ausserst geruhrt und dankbar fur diese schmeichelhafte Anhanglichkeit, und werde ihnen die meinige beweisen so lange ich lebe, aber sicher die Eintheilung meiner Herbst und Wintertage so machen, dass sie gewiss mich oft sehen, und im Fruhjahr teutsch sprechen sollen. Es ist unhoflich gegen Sie, meine Freunde! wenn ich sage, dass mich meine Trennung von Oneida, von Wattines sehr, sehr viel kosten wird, aber es ist Wahrheit und Gerechtigkeit gegen Wattines und die Natur, welche mir beyde alles zeigten, alles fur mich sind, was ich zu sehen und zu geniessen wunschte.
Diese letzten Herbsttage theilte ich noch eine allgemeine Freude, die Ankunft, das Austheilen und Pflanzen von einer Ladung Apfel- und Birnbaume. Sie konnen sich keinen grossern Jubel denken, als den, mit welchem jede Familie ihren Antheil nach ihrem Hause trug, die Alten sich schon des Apfelweins, und die Jungen sich der Birnen freuten, welche nun bald wachsen wurden. Vortrefflich war das Betragen des Vorstehers, und eben so schon das von den Colonisten. Die Fuhren brachten Vorrath fur den Winter an Kleidungszeug, Leinwand, Flachs und Wolle. Alles lief zu, alles half nach Anweisung des Vorstehers den Vorrath in das dazu bestimmte grosse Loghouse zu bringen und zu ordnen, die Weiber machten aber Anstalt, fur Essen und Lager der Fuhrleute zu sorgen. Der Wagen mit den Baumstammen war der letzte zum abladen, da es noch helle genug war, sagte der Vorsteher, d i e H a u s v a t e r sollten sich in zwey Reihen stellen, er wollte ihnen sogleich bey dem Abladen, jeden seinen Antheil von den Baumchen geben. Ein Wagen hatte lauter Birn- der andre lauter Aepfelstammchen. Die Madchens und Jungens jeder Familie wollten tragen helfen, und stunden an den Wagen, von der Seite wo ihre Vater sich gestellt hatten. Ordnung und Vorsicht wurde geboten, und die Namen ausgerufen, wie immer nach der Reihe das Austheilen kam. Keiner hatte einen Vorzug, selbst der Vorsteher und Vandek nicht. Wattines sagte, er habe Obstbaume auf der Insel, und schon welche in seinen Garten, seine Mitburger sollten also diese allein unter sich vertheilen. Nein, Sie sind auch Coloniste, riefen sie; Sie sollen Ihren Antheil nehmen. Er gab nach und stellte sich auch in die Reihe, indem er mit grosser Freundlichkeit allen dankte. Vandek stellte sich ihm gegenuber, seine Kinder konnten Stammchen tragen, ich besorgte die fur Wattines, und bekenne, dass ich ihn mit innerer Ruhrung ansah, den schonen vortrefflichen Mann, da in der Reihe, mit alle seinem Geiste und Talenten; aber er betrug sich so einfach, wie sein brauner Colonistenfrack es wollte. Mein Zimmermann erhielt seinen Theil aus den Handen des jungern Bruders von dem Weber Philipp, dieser aber die seinigen durch seine Schwester, diese zwey braven Teutschen zeichneten sich mit einem schatzbaren Gedanken aus, denn sie machten den Vorschlag, ihrem braven Lehrer Vandek, jeder zwey Stammchen zu Vergrosserung seines Antheils zuzulegen, und ihn zu bitten, es als einen kleinen Beweis ihrer Liebe und Verehrung anzunehmen, und dabey zu denken, dass diese Gesinnungen fur ihn immer wachsen und zunehmen wurden, wie die Baume seines Gartens.
Alle Colonisten stimmten mit Vergnugen ein, und es war ein schoner Auftritt, erst die Aemsigkeit zu sehen, mit welcher die Vater die schonsten Stammchen aussuchten, und dann ihre Kinder zu dem Pfarrer abschickten. Philipps jungere Geschwister sagten sehr treuherzig: unser Bruder und der brave Zimmermann haben noch keine Kinder, da schicken sie uns, Ihnen zu sagen, dass wir den Herrn Pfarrer lieben und ehren, wie alle andre thun. Vandek war geruhrt, dankte allen ausserst freundlich, und versprach diesen Baumchen einen besondern Platz und Sorgfalt zu widmen. Wattines bat sich von dem Vorsteher die Anweisung des Gartens fur den kunftigen Schullehrer aus, indem er dort in dem Namen seiner eigenen und aller Colonisten-Kinder, seinen Antheil pflanzen wolle; alle sahen auf ihn und nickten ihm Beyfall zu, der Vorsteher lachelte gegen alle und trat dabey etwas vorwarts indem er sie anredete:
Meine Freunde und Miteinwohner haben mir beynahe nichts zu thun ubrig gelassen, als ihren Lehrern zu der Liebe Gluck zu wunschen, welche man ihnen bezeigte: ich bitte aber nun alle! ihre Obstbaumstammchen als ein Herbstgeschenk von meiner Hand anzunehmen.
Der Ausdruck des Staunens auf den Gesichtern, und das eifrige Zudringen so vieler Hande, welche jede die Hand des Gebers fassen und danken wollten, die Freude, mit welcher jede Familie ihren Antheil heim trug, machte diese Stunde zu einer der schonsten des ganzen Jahres, sagte der Vorsteher. Philipp und der Zimmermann freuten sich aber sehr, den Gedanken des Geschenks fur den guten Herrn Pfarrer gefasst zu haben, ehe sie wussten, dass sie die Baumchen umsonst erhalten wurden. Vandek segnete den Vorsteher fur die wohl ausgedachte Gabe an seine Gemeinde, und Wattines drang darauf, das Persprechen zu haben, den folgenden Morgen den Schulgarten ausgemessen zu bekommen. Ich, der als Zeuge des schonen Wetteifers, welcher alle Bewohner der freundlichen Hutten beseelte, so viel Vergnugen genossen hatte, war begierig auch etwas zu thun, und sagte: dass ich wunschte, den Arbeitslohn fur die Umzaunung des Schulgartens zahlen zu durfen, und auch dieser Wunsch wurde gut aufgenommen.
Der Vorsteher hatte nun noch mit den Fuhrleuten Geschafte zu besorgen. Ich ass mit Vandeks zu Nacht, freuten uns noch dieses Abends, und fanden, dass viel Gutes geschehen und geweckt werden kann, wenn die Vorsteher mit einer menschenfreundlichen Ueberlegung, in die Bedurfnisse ihrer Untergebnen eingehen, und ihnen in einem schicklichen Moment eine Wohlthat erweisen. Wattines, welcher, wie beynahe alle seine Landsleute, ein gebohrner Obstgartner ist, ging den andern Tag bey den Colonisten umher, ihnen bey dem Pflanzen ihrer Baumchen guten Rath zu geben, und besetzte den Schulgarten recht artig. Junge Leute kamen, ihm arbeiten zu helfen, und von ihm zu lernen. Der edle Mann ist ein wahrer Segen fur diese Colonie, durch die Begierde, welche sich unter alle Colonisten verbreitet, auch so geschickt und so schon zu arbeiten, wie er. Nun ist wirklich der nordamerikanische Herbstregen eingetreten. Solche Wassergusse sah ich nie, und wie glucklich finde ich mich in meiner kleinen Schule und bey meiner Schreinerey, wie viel mehr aber in Wattines Bibliothek. Nun fuhlte ich die Wahrheit des Ausspruchs von dem edlen Lord Falkland, i c h b e k l a ge den Unwissenden, an einem Reg e n t a g e . Schauer uberfiel mich bey dem Gedanken, was unsere theuren Wattines auf ihrer einsamen Insel ohne die Hulfe ihrer Bucher geworden seyn wurden. Beyde segnen auch die Anwendung, welche sie von dem Lehrsatze machten, dass man bey Veranderung eines Landes zu dem andern, wegen seiner Gesundheit das C l i m a , wegen Ruhe und Sicherheit d i e G e s e t z e , sich bekannt machen solle: ihr guter Schutzgeist aber ihnen dabey zuflusterte, bey dem Wechsel von Europa mit Amerika, nicht nur diese Vorsicht fur ihr korperliches Wohl, sondern auch gegen die Leiden der Seele, bey einem vielleicht einsamen Wohnsitz, und Entfernung von allen geselligen Vergnugen zu befolgen.
Diese innere Stimme habe ihnen gesagt, ihre Buchersammlung mitzunehmen, weil W i s s e n s c h a f t ein so wesentlicher Theil des Glucks edler Menschen sey, und man in wohlgewahlten Buchern, immer den Umgang einsichtsvoller und erfahrner Manner aller Zeiten und aller Nationen geniesse. Ach diese belehrten uns auf der einsamen Insel, dass Regengusse und Sturme, Hitze und Frost, der Fruchtbarkeit der Erde eben so nutzlich sind, als Widerwartigkeit und Beschwerden des Lebens der Menschheit, welche die Tugend ihrer Seele, und die Fahigkeiten ihres Geistes ubten, gute Bucher also immer treue Freunde und lehrreiche Gesellschaft sind.
Dieses Gefuhl der Ehrfurcht und Liebe, mit dem lebhaftesten Ausdruck der Dankbarkeit verbunden, erscheint in Wattines schonen Zugen, so oft er einen Band seiner Bibliothek fur sich, oder fur Vandeks oder mich holt; oft auch bemerkte ich es, wenn sein Auge auf den Bucherschrank geheftet war, wenn von der Insel oder Einsamkeit gesprochen wurde, und Vandek wahrend der Regentage einen Besuch machte, und von ungefahr eine Klage uber die Witterung horbar wurde; da lachelten die Wattines sich zu, blickten zum Himmel und auf ihre Bucher, Emilie aber sagte: o mein theurer Freund! wie ertraglich wurden sie diesen Regen neben der Hutte eines Nachbars finden, wenn Sie ihn drey Jahre alle Herbst mit Sturm in ganz einsamer Gegend rauschen horten, und kein Obdach hoffen konnten, wenn das Ihrige einsturzte. Mein Herz wusste wohl, dass es die Stimme der Allmacht meines Gottes war, aber ich zitterte oft halbe Nachte hindurch, bey der Vorstellung der Moglichkeit des Verlusts unserer Hutte. Wohin mich retten mit den Kindern? war eine Herz zerreissende Frage, in dem Brausen der Windstosse; aber nun wurde ich bey Vandeks Tugend und Freundschaft Schutz finden, wobey sie seine Hand fasste und an ihre Brust druckte. Vandek war ausserst geruhrt, und sprach dann von den Eindrucken des ersten Winters auf ihn und seine Familie, welches aber, wie er es wohl erkannte, mit den Beschwerden auf der Insel in keinem Falle zu vergleichen war, auch sie alle sich jetzo keine Klagen erlauben wurden. So wahr ist es, dass die Betrachtung welche wir uber den Zustand der weniger Glucklichen anstellen, uns zufriedener mit unserem Schicksal, und menschenfreundlicher gegen andre macht.
Die hier angesiedelten Familien aus unserm Vaterlande haben eine in Oberschwaben ubliche Gewohnheit eingefuhrt, alles spinnt, weil im Felde nichts zu thun und alles Ackerwerkzeug ausgebessert ist, so kommen sie nach der Reihe in den Nachbarshausern zusammen, bringen ihr Abendbrod mit, und die Hausfrau giebt jedem einen Becher Milch oder im Hause gebrautes leichtes Bier, dabey wird gesungen, in die Wette gearbeitet und frohlich schlafen gegangen. Bey Wattines ist alle Tage das alte Bild der Schlosshallen in verflossenen Zeiten sichtbar, an dem grossen Camine wird gekocht, unweit davon die einfachen Mahlzeiten genossen und wenn alles gesaubert und aufgeraumt ist, spinnt die Frau und der Mann, welche als Knecht und Magd bey ihnen leben, das Madchen lernt von Madame Wattines nahen und stricken, Carmil und Antonette spielen, Wattines halt sich so lange es Tag ist, mit dem Zimmermanne in der Arbeitshutte, um die Bekleidung seines Hauses bald zu endigen, ich bin fleissig an meinem Tisch und Stuhlen, wenn aber Licht nothig ist, mit meiner Feder bey den Auszugen beschaftigt. Scriba, Vandek und Wattines nebst mir, leben auch gesellschaftlich, lesen auch zweymal die Woche in Scribas Hause einmal die Zeitungen, das andremal etwas die Landwirthschaft betreffendes, und sprechen mit den Colonissen daruber. Fischfang beschaftigt auch, wenn es der Regen erlaubt, auch haben wir schon getanzt, fernere Arbeits- Handels- Bau- und Reichthumsplane gemacht, so fliessen selbst Wintertage im Genusse des Fleisses, des Mittheilens, der Entwurfe und Erofnung der Aussichten auf gluckliche Zeiten, schnell und angenehm voruber, so schnell, dass ich mich abwende von dem Gedanken des Fruhjahrs, weil meine Abreise damit verbunden ist. Eine Lieblingsidee habe ich heute noch, in dem liebenswurdigen und so ausserst thatigen Geiste des edlen Wattines niedergelegt, meinen S a e p f l u g , welcher jetzo noch nicht brauchbar ist, indem noch Jahre hingehen werden, ehe der Ackerboden so genau von den Baumwurzeln gereinigt seyn wird, dass man ebenes Feld genug vor sich haben kann, um den dreyfachen Nutzen der Safurchen Aussaat, Egge und Ersparnis von zwey Drittel des Saamenkorns zu geniessen: ich erhalte dafur von den schatzbaren Wattines getrocknete Pflanzen von ihrer Insel, nebst einem von Emiliens Handen aus Maisblattern geflochtenen Sonnenhut und Korbchen, welche, ich bekenne es, mehr, unendlich mehr fur mich seyn werden, als alle meine Schreinerarbeit fur sie seyn kann. Meine Schuler sind gute junge Leute, welche mir noch die Uebung ihrer verbesserten Handschrift zu danken haben, denn wie ich meine Auszuge und kleine Noten blattweis im Reinen habe, so mussen sie solche abschreiben, damit jeder ein Exemplar bekomme, und sich den Inhalt um so tiefer einprage: bey diesem Anlasse sprach ich mit ihnen von der Buchdruckerkunst und dem hohen Werthe dieser Erfindung, wodurch der Geist aller Nationen und aller Jahrhunderte, sich mittheilt und bekannt wird. Der Unterricht, welchen ich diesen Knaben gebe, ist fur mich eine angenehme Wiederholung dessen, was ich lernte, und in Wahrheit, im Mittheilen mich bereichere, weil alles neu und deutlich auf einem abgekurzten Wege vor mir voruber geht. In der eigentlichen Schule wird ihnen die Geschichte von Amerika und den europaischen Colonisten erzahlt und zu Leseubung gegeben, welches ich als vortreffliche Anstalt des Vorstehers betrachte, weil es sie mit der englischen Sprache, welche sie ohnedem verstehen mussen, und mit den Vorbildern ihres Schicksals und der Verdienste des Fleisses und des Nachdenkens bekannt macht.
Meine geliebten Wattines nehmen doppelte Lehrstunden im Teutschen, einmal mit mir, dann spricht der Zimmermann mit ihnen. Der holde Carmil wachst mit der Kenntniss von drey Sprachen auf, und gab dadurch im Vandekschen und seinem eigenen Hause schon manche liebliche Scene, wenn er nun seine Gespielen oder seiner Schwester neue Worter lehren will, welche er haschte. Sein Vater lehrt ihn zugleich lesen und schreiben, welches bey dem Franzosischen sehr leicht geht, da aus ihrem c oder halben Ring so viele Buchstaben gebildet werden konnen, wobey die Kinder ihr Lieblingsvergnugen geniessen, allen Dingen eine andre Gestalt zu geben. In vielen, oder vielmehr im Ganzen wird sein junger Geist und Gefuhl nach den Ideen und den Empfindungen des St. Pierre gebildet werden. Was mich dabey innigst freut, ist, dass Wattines ihn auch Latein lehren wird. Nun giebt es keine Blumen mehr zu suchen, keine Insecten mehr zu haschen, da sucht Carmil in den wenigen Zwischenstunden des Windes und des Regens, unter den, von dem letzten rein gewaschnen Steinchen, die verschieden farbigten zu sammeln, mit welchen er dann, in Gesellschaft der zwey kleinen Hollander Vandek, auf dem offenen Platze der Scheunen ihrer vaterlichen Wohnungen, in glatt gestreuten Sand, Garten und Blumenstucke anlegen, auch in der Werkstatt von Wattines, die Stuckchen Holz nach Grosse und Form ordnen, Triangel, Quadrat und Zirkel, gerade Linien oder halbe Bogen beschreibende Zuge damit auslegen, welches alles fur ihr junges Auge eine hochst nutzliche Uebung ist, und nicht an der, Kindern so gesunden, Bewegung hindert.
Heute fand ich Wattines, um die Zeit meiner deutschen Lehrstunde, mit seinem St. Pierre in der Hand, den er mir mit der Bitte entgegen reichte: O lassen Sie mich heut einige Lieblingsblatter ubersetzen! Ich antwortete: Sehr gerne, lieber Freund! und als ich das Buch gefasst hatte, traf ich die herrliche Betrachtung uber Mannigfaltigkeit und entgegengesetzte Farben und Gestalten aller Wesen unserer Erde, alles aus dem schonen Gesichtspunkt der Verehrung des Schopfers, und in der lieblich glanzenden Einkleidung der Mythologie dargestellt: ausserst ruhrende Stellen waren von Wattines mit Bleystift unterstrichen, oder am Rande bezeichnet, wie z.B.: "Ein Hain am Ufer der See, welcher von den ersten Stralen der aufgehenden Sonne beleuchtet, hier dichte, dort sanft durchsichtige Schatten auf die Wiesen wirst, dunkles, und mit Silberglanz vermischtes Grun der verschiedenen Baume, zeigt sich in Abschnitt mit dem Azur des Himmels, ihr Wiederschein schimmert im Wasser, und was weder Dichtkunst noch Malerey abbilden konnen, der Wohlgeruch von Blumen und Krautern, das leise Rauschen der von dem Morgenwinde bewegten Blatter der Baume, das Summen der Insekten, der Gesang der Vogel, das dumpfe, mit ganzlichem Stillschwelgen unterbrochne Brausen der an dem Ufer anschlagenden Wellen, und alle diese, nebst dem fernen Echo, sich auf der Flache der See verlierende Tone, scheinen die Stimme der Nereiden zu seyn: A c h w e n n L i e b e o d e r P h i l o s o p h i e dich in diese Einsamkeit fuhren, so wird dein Aufenthalt angenehmer seyn, als in einem Pallast" ... Mit erstaunend kleinen Buchstaben war am Ende dieses Gemaldes geschrieben: E r s t e r F r u h l i n g m i t E m i l i e n a u f d e r I n s e l O n e i d a . Gleich auf dem andern Blatte fand ich die kaum noch sichtbaren Zuge des Entwurfs zu dem Gemalde der Insel Lemnos, mit Lorbeer- und Olivenbaumen, um das Grab des edlen Philoktet, unfern einer Grotte, in welcher man den holzernen Wasserkrug und arme Kleidung sieht, welche die Grausamkeit der Griechen ihm in dieser Einsamkeit gelassen hatten: ich konnte mir die Ursache dieses Entwurfs denken, forschte also nicht nach Erklarung. Wattines selbst machte mich diesen Theil gleich uberschlagen, und ich konnte kaum die Aufschrift des Grabes lesen:
Hier ist Ruhe nach einem wohlthatigen Leben,
und Schutz gegen Bosheit der Menschen.
Ich wunderte mich nicht, dass er die Zeilen unterstrichen hatte, wo St. Pierre sagt: "Ohne Instrumente, ohne Naturalienkabinet kann man die Natur beobachten, ihre reizenden, abwechslungsvollen Bilder kennen lernen. Die Sonne, welche mit ihren Strahlen die halbe Erde umfasst, wahrend die Nacht die andre mit ihren Schatten deckt, doch ist keine Stelle, wo nicht Anbruch des Tages, Dammerung. Morgenrothe, hoher feuriger Mittag, dann glanzender Sonnenuntergang, sternhelle, oder ernst dunkle Nacht sich folgen. Die Jahreszeiten geben sich die Hand, wie die Stunden: der Fruhling mit Blumen bekranzt; der Sommer mit Korngarben umgeben; der Herbst mit seinem Fullhorn voll Fruchte; vergebens streben Winter und Nacht die Wirkung der Sonne zu hemmen, ihre Feuerpfeile zerstoren das aufgethurmte Eis, sie zieht Wasser in die Luft, und lasst es als Strome und Bache die Erde durchfliessen. Sie setzt Gewitter und Sturmwinde in Bewegung, und befiehlt den unsichtbaren Kindern der obern Luft, die Wolken zu leiten. Oft verbreiten sie diese wie goldne Schleier und in schonen Farben gestreiften Seidenzeug, oder rollen sie zu furchterlichen Gestalten mit Donner und Blitzen erfullt; bald lassen sie diese gesammelten Dunste als Thau, Regen, Schnee und Hagel die Erde ubergiessen, jeder Fluss bekommt seine Urne, jede Najade ihren Wasserkrug gefullt; bald ruhen sie, und lassen das Meer wie einen unermesslichen Spiegel glanzen; bald krauseln sie seine Oberflache mit sanftem erfrischenden Hauch, andre erheben sie zu grunen und blauen Wogen; starkere, unruhigere aber sturzen sie wie Gebirge von Schaum und Gewasser zusammen; jeder Kreis der Erde hat seine Eis- und Feuerberge, jeder hat Flachen und Hugel, in jedem fliessen Strome nach allen Richtungen, und bey allen diesen Erschutterungen, Lasten und einander widersprechenden Bewegungen, setzt unsere Erdkugel ihren Lauf ununterbrochen durch die Luft fort."
Aufmerksam sass Emilie mit ihrer Arbeit bey Wattines, als er diese ausgewahlten Stellen ubersetzte; aber mit sussem zufriedenen Lacheln blickte sie auf das Buch, als die Reihe an sie kam, und wie billig wahrend ihrem Lesen jede Schonheit unserer Erde bey uns voruberschwebte, wo St. Pierre sagt: "Ganz andere Verzierungen schmucken das Aeussere unserer Erde: Ein Gurtel von Palmbaumen, welche die Datteln und Kokosnusse tragen, umfassen sie zwischen den heissen Zonen, moosigte Fichtenwalder bekranzen die beyden Pole, tausend und tausend andre Pflanzen dehnen sich wie Strahlen von Mittag gegen Norden, bis sie in verschiedenen Stufen der Kalte verschwinden der Bananier2, dessen Fruchte und Blatter so nutzlich sind, wachst in Menge von der Linie bis an die mittellandische See Der Pomeranzenbaum kam uber das Meer zu uns, und umfasst die Ufer der mittaglichen Gegenden mit seinen goldenen Fruchten. Die nothigsten Gewachse, wie Korn und Gras, dringen viel weiter, und stark in ihrer Schwache, breiten sie sich in dem Schutz der Thaler von den Ufern des Ganges bis an das Eismeer aus. Pflanzen des rauhen Nords, kommen von den Hohen des Taurus, unter der Decke des Schnees, bis an den heissen Gurtel der Erde. Tannen und Cedern kronen die Berge in Arabien und das Konigreich Cachemir, indem sich zu ihren Fussen die brennenden Ebnen von Oden und Lahor erstrecken, wo man Datteln und Zuckerrohr sammelt; andre Baume und Gestrauche, welche Hitze und Kalte scheuen, haben ihren Wohnsitz in den gemassigten Gegenden genommen. Der Weinstock krankelt in Deutschland und in Senegal, der Apfelbaum ist meinem Vaterlande eigen (der Normandie), und hat niemals die Sonne gerade uber sich, oder in einem Kreise um sich herum gesehen seine schonen Fruchte zu reifen; und so hat jedes Stuck Erde seine Flora und seine Pomona; Felsen, Sumpfe und sandigte Gegenden haben ihre Pflanzen, selbst die steilen Ufer des Meers sind fruchtbar. Der Cocosbaum liebt diese sandigen Gestade, von welchen sich seine sussen milcherfullten Fruchte, uber die gesalzenen Fluthen hinbeugen. Waldchen von Moos bedecken Steine, verschiedene Pflanzen den Grund des Meers, zwischen welchen Fische und Muscheln herumgehen, und alle, alle tragen Blumen. Manche sind der Luft, den Jahreszeiten und Stunden des Tages gewidmet, so dass Linnens sie nach der Ordnung des Calenders und der Uhren pflanzte. Wer kann die unendliche Mannigfaltigkeit ihrer Gestalten und Farben beschreiben, den Nutzen und die Anmuth erzahlen, welche durch sie uber die ganze Erde schweben, in Lauben, Gangen und Pyramiden voll Fruchte! Wie viel kostliche und ergotzende Gastmale werden in ihrem Schatten genossen, und nichts von ihnen geht verloren! Vierfussige Thiere essen ihre zarten Blatter, Vogel ihre Samen, andre Thiere ihre Wurzeln und Rinden, die Bienen ihren Blumensaft zu Honig, ihren Staub zu Wachs."
Ich will nicht weiter gehen, als diese von Emilie gewahlte Uebungsblatter mich fuhrten, aber ich glaube, es wird meine Base freuen, bey diesem Theile meines Tagebuchs eine geographische Wanderung auf den Landkarten ihres Saals zu machen, und den Blumen und Baumen nachzugehen, welche St. Pierre auf ihrem stillen Wege uber die Erde beobachtete, und mit so edler Verehrung des Schopfers, mit so inniger Liebe seiner Mitmenschen begleitete. Emilie ruhrte mich durch eine Anwendung auf ihr Schicksal, denn bey der wirklich schonen Betrachtung: dass Felsen, Sandboden und Sumpfe, durch die wohlthatige Hand der Natur, mit eigenen Blumen geschmuckt, und mit nutzlichen Pflanzen begabt sind, blickte sie innig auf ihren Mann, und sagte: Konnten wir nicht, mein Carl! in dem Geist deines Freundes St. Pierre behaupten, dass es in der moralischen Welt mit dem Verhangniss der Menschen eben so gutig, ja mit noch grosseren Vorzugen geordnet ist; denn so hart, so ungunstig und traurig die Begebenheiten des Lebens sind, so hangt es von dem Willen unserer Seele ab, durch ausubende Tugend, mit Kenntniss vereint, die bittersten Leiden zu versussen, trube Tage zu erheitern, und mit unserm Geiste das Nutzliche des Fleisses und des Nachdenkens, wie das Schone der Geduld und der Ergebung zu finden, welche unsere Tage als unsterbliche, der Ewigkeit geweihte Blumenkranze zieren, wie unser Auge reitzende Bluthen und nahrhafte Pflanzen, fur das angenehme des physischen Lebens bemerkt und aufsucht.
Wattines war noch starker geruhrt, als ich, fasste ihre Hand, und mit einem zugleich ernst und zartlichen Blick, auf die holde, edle Frau, sagte er mit bewegtem doch mannlichen Tone: Ja, meine Emilie! diese Grundsatze deiner Seele haben nicht nur unser Leben auf der Insel verschonert, sondern unsere Krafte erhalten. In dir sah ich die wohlthatige Wirkung wahrer Religion und wahrer Liebe, dein auf Gottesfurcht ruhender Muth, dein sanftes Tragen jeder Beschwerde starkte mich; deine voll kindlichen Vertrauen zum Himmel erhobenen Blicke, erhoben auch mein Herz zu der Ueberzeugung, dass der ewige Vater uns erhalten und fur uns sorgen werde; dadurch ward meine Arbeit Freude, unsere Bucher und die Schonheit der Natur meine Erquickung. Sie druckte seine Hand an ihre Brust, und sagte ihn unterbrechend: O nichts mehr, mein Carl! nichts mehr von mir! Ich war glucklich an deiner Seite, gleichen Schritt den Weg unserer Prufung zuruckzulegen, ohne den Gang deines edlen Geistes zu hemmen, oder deine Gefuhle zu lange bey traurigen Gegenstanden festzuhalten. Er hat glucklich geendet, der einsame, von dir mit Blumen bestreute Pfad, Ruhe und Freundschaft erfullen unsere Wintertage, setzte sie mit einer anmuthsvollen Verbeugung gegen mich hinzu, und dieses verspricht mir eine noch schonere Zukunft an unserm lieben See.
War diese Anwendung von St. Pierres Ideen nicht ungemein schatzbar und uberraschend? Ist diese Frau nicht in allen Gelegenheiten eine der verehrungswurdigsten Personen ihres Geschlechts? kann man jemals Starke des Characters und Feinheit der Gefuhle, liebenswerther verbunden sehen? sollte man nicht wunschen, dass alle Glucklichen die physische Welt betrachten wie St. Pierre, und alle Unglucklichen ihr Schicksal mit so viel Geist und Tugend tragen, als Wattines und seine edle Frau. Nun sind die Regentage voruber und der prachtigste Winterfrost eingetreten. Wohl uns, dass kein Mangel an Holz ist; denn kalt ist es mehr als ich ausdrucken kann, und wir haben es versehen Schlitten zu machen. Nun sind alle damit beschaftigt, damit wir mit unsern wenigen Pferden doch diese Winterfreude geniessen, indem wir daneben mit Handarbeit und Entwurfen fur den Fruhling beschaftigt sind. Alle unsere Schuler machen gute Fortschritte, zeigen Verstand, und haben Freude an den Gedanken, vernunftige und geschickte Leute zu werden. Ich spreche mit den Meinigen sehr oft von dem allgemeinen Ruhme, welchen bisher die teutschen Colonisten erhalten haben, und die guten Jungens setzen sich alle vor die besten unter den Guten zu werden. Meine Arbeit geht sehr vorwarts, und Wattines lernt nicht nur die teutsche Sprache, sondern mit meinem liebsten Schuler die Zither gleichsam in die Wette spielen; dieses bestimmt mich zu einem Opfer. Ich werde ihm meine geliebte Zither, welche mich seit Italien nie verlassen hat, zum Andenken unserer harmonischen Gesinnungen geben, er aber mir das Gelubde ablegen, diese sanfte Musik am See Oneida fortzupflanzen. Schon wird sie den guten Einwohnern sehr angenehm, und ich habe dafur gesorgt, dass wenigstens vier bey Wattines in Vorrath gelegt werden. Meine Auszuge mehren sich und werden recht gut, da ich sie den Knaben vorlese, und mit ihnen daruber spreche, sind sie mit Eifer zu den Abschriften gekommen.
Alle Sontag Abend spiel ich die Zither bey dem Vorsteher, singe dabey, dann giebt er einen Kuchen, gutes Bier und Tanz fur unsere wenigen aber wackern jungen Leute. Wechselsweise wird bey Vandek und Wattines der Abend mit Lesen zugebracht, dann beysammen gespeisst, und die Frauenzimmer im Schlitten nach Hause gebracht. So gehen sie auch in 24 Stunder voruber die langweiliger Wintertage. Ich schreibe nicht mehr viel an meinen Denkblattern, wie Sie sehen werden, denn ich mochte meine Schreinerarbeit bald endigen. Ich mache jetzo einen Plan zu meiner Ruckreise, ohne mit jemand davon zu reden, weil alle zeigen, dass sie meine Entfernung ungern sehen; doch bekenne ich, dass ofters ein Wunsch nach Europa in mir entsteht. Ich habe gesehen was ich wunschte, und noch mehr als ich erwartete.
Ich dachte nur an ein Abbild der Bemuhungen unserer ersten Vorfahren, Baume zu Hutten zu ordnen, Felder zu Kornbau anzulegen. Ich fand es, dieses Bild des ersten Bestrebens, Bedurfnisse zu befriedigen, und Beschwerden zu bekampfen, aber auch kann ich sagen, dass jede Stuffe menschlichen Verdienstes in Arbeit und Denken, auf diesem kleinen Platze vereint vor meinem Auge war. Ein Zimmermann, der die Loghouse mit rohen Baumstammen erbaut; geschickte Landleute; einen Kaufmann der sie anweisst, die Producte ihres Fleisses fur das beste ihrer Kinder und eigenen Wohlstandes zu gebrauchen; einen Geistlichen, welcher sie die moralischen Krafte der Seele kennen lehrt, und auf einem einfachen Wege, zu der Liebe ihres Schopfers und ihrer Pflichten fuhrt; in Wattines Hutte Abglanz des feinsten Anbaues der Sitten, und Wirkung wahrer Kenntniss und Tugend; denn, liegt nicht in dem Leben dieser zwey merkwurdigen Menschen das grosste, schonste Vorbild eines edlen starken moralischen Characters, und fand ich nicht in ihrer Buchersammlung den Schatz aller seit Jahrtausenden gesammelten Wissenschaften? Sah ich nicht alles, was Menschen b e d u r f e n , v e r m o g e n und a u s f u h r e n ? Wie tief ist dieses alles in meine Seele gegraben! Wie heilig, wie lieb werden diese Erinnerungen mir mein ganzes Leben seyn! Wie oft sagte ich schon hier meinen Schulern, wenn ich mit ihnen von Wattines sprach: wie viel kann der g u t e , f l e i ss i g e Mensch thun! und wenn ich die Encyclopadie sah, wie viel kann unser Geist denken, wissen und entdecken! Wir haben die Briefe eines Amerikaners aufs neue mit grosser Aufmerksamkeit durchgelesen, dieser sagt einmal:
Warum kommen die Europaer nicht zu uns, neue Tugend und Gluck zu sehen? warum gehen sie in das ausgeartete Griechenland, in das alte Italien, wo sie nichts mehr von dem alten Glanze finden, wo niemand das Grab des Socrates und des Aristides, des Catons und des Fabius zeigen kann? sonst wurde ich selbst diese Reise machen, kommt, besteigt statt des Aetna und Vesuv unsere Apalaches, betrachtet von einer Seite, was wir auf 900 Meilen angebaut, auf der andern noch anbauen werden, setzt an die Stelle der alten Trauererinnerungen von Italien in seinen Ruinen den belehrenden und angenehmen Anblick von vier Millionen angebauten Ackerland, 600000 Hauser. Die grosse Scheune voll Garben des fleissigen Colonisten soll euch wohl mehr Freude geben, als die Ueberreste eines Tempels der Ceris. Unsere Gesetzgebung, unsere Mechanik, unser Landbau und schonen Stadte, Schulen und liebreiche Versorgungshauser der Armen, was fur schonen Stolz, welchen, lassen Sie mich es meinen geliebten Britten zu gerechtem Ruhme hinzusetzen, edlen, auf Gluck und Verdienst gestutzten Stolz konnte der Amerikaner nicht haben, wenn er nicht unter dem Einflusse des Geistes der englischen Gesetze und Sitten geboren und erzogen ware. Ich sage gewiss andern Reisenden: geht an den See Oneida, lernt diese neue Colonie kennen, bittet um die Bekanntschaft der Familie Wattines, lasst euch die Insel zeigen, wo sie vier Jahre einsam wohnten, sprecht mit ihnen, betrachtet ihre Arbeiten und uberdenkt ihr Schicksal, und eure Seele wird den Werth der ausubenden Tugend, der hohen Krafte der Menschen und der Kenntnisse schatzen lernen.
Sonderbar, meine theuren Freunde, ich war einige Zeit nicht ganz wohl, und bekenne, dass ich da mehr an Europa zuruck dachte, aber weit, weit entfernt war, nur den geringsten Gedanken zu hegen, dass in der nehmlichen Zeit ein eigenes Weh an den Lebenskraften meines geliebtesten Freundes nage. Ich wunschte wohl den Fruhling bald zu sehen, um Nachrichten aus Europa zu erhalten, und dann auf einem, wahrend dem Winter, gut gebautem Kahne mit Wattines einen Besuch bey der Hutte der Indier zu machen, in welcher Emilie zweymal wohnte. O jetzo bleibe ich nicht mehr so lange, werde mich n i r g e n d s , n i r g e n d s mehr aufhalten, eile ubermorgen von hier, die guten lieben Menschen alle fuhlen mit mir. Sie wissen was Freundschaft ist, ich theile meine Haabe unter sie aus, jeder muss ein Andenken haben, Schreiner-Handwerkszeug, Zither und andres Wattines. Morgen in der Nacht werden durch den Zimmermann der Tisch und die Stuhle in den Garten gestellt: ich nehme wenig mit mir zuruck. Einer unserer rechtschaffnen Landleute fuhrt mich zu dem nachsten Ort, ich schreibe den Wattines meinen Abschied, ich kann es nicht mundlich thun. Der Vorsteher und der wurdige Vandek allein wissen die Stunde, alle sehen und fuhlen dass ich nicht mehr bey ihnen bin, dass meine Seele in Europa ist, meinen leidenden Freund, seine Gattin, seine Kinder umschwebt. Ich werde es nicht feyern, das Fest der Uebergabe der Insel an Wattines, wozu alle Hoffnung ist, werde nicht dabey seyn, wenn das erstemal das Lob der Arbeit gesungen wird, aber die Denkpfennige sind fertig, ich werde sie von Piladelphia aus schicken, und hoffe von dort bald, bald absegeln zu konnen, denn ich glaube, da der Himmel meine auf gewisse Art phantastische Reise hieher begunstigte, o so wird er die sichere schnelle Erfullung der heiligsten Pflicht segnen. O was werde ich empfinden, wenn ich mitten in der Nacht Wattines Wohnung vorbey gehe, dieses Haus, die ganze Anlage, den See und die Waldungen mit den Feldern noch im Mondschein betrachten werde, denn der Zimmermann und mein Fuhrwerk erwarten mich am aussersten Ende der Landstrasse, ach wie herzlich werde ich sagen: ich lasse euch Gott und eurer Tugend.
Fussnoten
1 Eygelb mit heiss Wasser geruhrt, Huhnermilch. 2 Paradies-Feigenbaum, Bananas-Baum, Patanen.