Jean Paul
Blumen-, Frucht- und Dornenstucke
oder
Ehestand, Tod und Hochzeit des
Armenadvokaten F. St. Siebenkas
Erstes Bandchen
Vorrede zur zweiten Auflage
Was hilft es mir, dass ich diese neue Auflage des Siebenkas mit den grossten Vergrosserungen und Verbesserungen, die nur in meiner Gewalt standen, ausgestattet herausgebe? Man wird sie wohl kaufen und lesen, aber nicht lange studieren und ausfuhrlich genug beurteilen. Die kritische Pythia gab mir, wie die griechische andern Fragern, nicht gern Orakel und zerkauete hochstens die Lorbeern, ohne sie aufzusetzen, und weissagte wenig oder nichts. So erinnert sich der Verfasser dieses noch recht gut, dass er sich z.B. uber die zweite Auflage seines Hesperus gemacht mit der Baumsage in der linken Hand und mit dem Okuliermesser in der rechten und damit ausserordentlich gearbeitet am Werke; aber vergeblich sah er auf weitlauftige Anzeigen davon in gelehrten und ungelehrten Blattern auf. Und so kann er in seinen neuen Auflagen (Fixlein, die Herbstbluminen, die Vorschule, die Levana sind die Burgen und Zeugen) wirtschaften, wie er will, neue Bilder aufhangen und alte umwenden Gedanken ausquartieren und Gedanken einquartieren Charaktere dort zu bessern Auftritten und Gesinnungen anhalten und hier zu schlimmern kurz, er kann in der Auflage tausendmal gewalttatiger haushalten als wie ein Rezensent oder ein Teufel: keiner von beiden merkt es und sagt der Welt ein Wort davon; aber auf diese Weise lern' ich wenig, erfahre nicht, wo ichs recht oder schlecht gemacht habe, und busse etwaniges Lob ein.
So stehen die Sachen; inzwischen ist manches naturlich: Der allerkalteste Leser halt den Verfasser keiner kritischen Besserung fur fahig, der allerwarmste keiner fur bedurftig; beide kommen nur im Satze zusammen, dass ihm alles bloss so naturlich entfahre und entschiesse wie den Blattlausen hinten der von Bienen so gesuchte Honigtau, dass er aber nicht wie die gedachten Bienen den Honig mit dem dazu gehorigen Wachse kunstlich zubereite.
Manche wollen ordentlich, dass jede Zeile ein erster Erguss und Ausbruch bleibe als ob die Verbesserung derselben nicht auch wieder ein erster Ausbruch ware. Andere Kunstleser nehmen keine Partei, und daher lieber eine zweifache. Wollt' ich die Sache kurz ausdrucken: so braucht' ich bloss zu bemerken: sie fragen erstlich: warum lasst der Mann nicht lieber sein Herz allein reden? und setzen zweitens, wenn es einer getan, dazu: wie anders und reicher wurde sich ein solches Herz vollends durch die Sprachlehre der Kunst und Kritik aussprechen! Aber ich kann denselben Gedanken auch viel weitlauftiger, wie folgt, vortragen Bandigt sich ein Dichter zu scharf, beherzigt er weniger sein vollschlagendes Herz als das feine Adergeflechte der Kunst und zerteilt er den vollen Strom in den feinsten kritischen Schweiss: so merken sie an: wahrlich, je dicker und harter der Wasserstrahl, desto hoher treibt er sich auf und uberwaltigt und durchdringt die Luft, indes ein feiner auf halbem Wege zerflattert. Tut der Verfasser aber das Gegenteil, druckt er mit einem Drucke nichts aus als sein ubervolles Herz und lasst die Blutwellen laufen, wie sie wollen: so scharfen die gedachten Kunstrichter den Satz aber in einer andern Metapher, als ich von ihnen erwartet hatte ein: mit dem Kunstwerke sei es wie mit einem papiernen Drachen, welcher nur hoher steige, wenn ihn der Knabe an der Schnur ziehe und zugle, aber sofort sich senke, wenn ihn der Kleine nicht anhalte, sondern gehn lasse.
Wir kommen endlich auf unser Werk zuruck. Die grossten Verbesserungen darin sind wohl die historischen. Denn seit der ersten Ausgabe hatt' ich das Gluck, teils den Schauplatz Kuhschnappel selber (wie in Jean Pauls Briefen langst berichtet worden) zu besuchen und zu besehen, teils durch den Briefwechsel mit dem Helden selber ungedruckte Familienbegebenheiten zu gewinnen, zu welchen wohl auf keinem andern Wege zu gelangen war, wenn man sie nicht geradezu erdichten wollte. Sogar neue Leibgeberiana hab' ich erbeutet, die mich jetzo unsaglich erfreuen, da ich sie mitteilen kann.
Gewonnen ferner hat die neue Ausgabe durch die Landes-Verweisung aller der Auslander von Wortern, welche den geschicktesten Eingebornen den Platz weggenommen.
Bereichert hat sich weiter die neue Ausgabe durch die kritische Ausleerung von allen Genitiv-End-S in den Samm- oder Gesamtwortern. Freilich ungemein beschwerliche Ausfegungen von Buchstaben und Wortern durch vier lange Bande hindurch kann wohl niemand so hoch ansetzen, nicht einmal die Nachwelt, als der Ausfeger selber.
Verbessert wurde ferner die neue Auflage dadurch, dass ich die beiden Blumenstucke an das Ende des zweiten Bandes stelle (denn in der alten standen sie ganz im Anfange des ersten), und dass ich mit dem ersten Fruchtstucke nicht den ersten Band, sondern viel zweckmassiger den dritten abschliesse; lauter Unterschiede, die fruher nicht da gewesen.
Endlich mag es vielleicht als eine der kleinern Verbesserungen gelten, dass ich in den beiden Blumenstucken besonders in dem des toten Christus gar keine gemacht, sondern alles gelassen, wie es war, und den bunten goldnen Streusand, womit ich die Schriftzuge etwas unleserlich und hockerig gemacht, abzuschaben unterlassen.
Dies sind nun die vornehmsten Verbesserungen, uber welche ich so gern ein Urteil von guten Kunstrichtern, welche die Auflage vergleichen wollten, zum Wachstume meiner Kenntnisse, ja vielleicht meines Ruhms zu erleben wunschte. Da aber nichts verdrusslicher ist als das Gegeneinanderhalten des alten Buchs gegen das verbesserte: so hab' ich in der Realschulbuchhandlung das gedruckte Exemplar der alten Auflage niedergelegt, in welchem die ganze mit Dintenschwarze verbesserte Druckerschwarze, namlich alle durchstrichenen Stellen leicht auf einmal zu ubersehen sind, oft halbe und ganze totgemachte Seiten, so dass man erstaunt. Der entferntere Kunstrichter freilich musste, da er vielleicht ebenso ungern als der benachbarte Berlins mit Korrektors-Schiffziehen Blatt fur Blatt beider Auflagen gegeneinander abwagt, sich damit begnugen, dass er die Bande von beiden in zwei Gewurzkramerschalen legte und dann zusahe; er wird aber finden, wie sehr die neue Auflage die alte uberwiegt. Aus der Strenge gegen zweite Auflagen nun durften dann leicht beide Manner ihre Schlusse auf die Strenge gegen erste, und aus dem Ausstreichen des Gedruckten auf das fruhere des Geschriebenen ziehen; und dies ware allerdings ein Fest fur mich. Baireuth, im Sept. 1817.
Dr. Jean Paul Fr. Richter.
Vorrede
womit ich den Kaufherrn Jakob Oehrmann
einschlafern musste, weil ich seiner Tochter die
Hundposttage und gegenwartige Blumenstucke etc.
etc. erzahlen wollte
Den hl. Weihnachtabend 1794, als ich aus der Verlaghandlung beider Werke und aus Berlin in der Stadt Scheerau ankam, trat ich sogleich vom Postwagen in das Haus des Herrn Jakob Oehrmann, meines vorigen Gerichtherrn, weil ich Wiener Briefe hatte, die er recht gut gebrauchen konnte. Ein Kind kann sich vorstellen, dass ich damals keinen Gedanken an eine Vorrede hatte: es war sehr kalt schon der 24te Dezember die Laternen brannten schon und ich war so steif ausgefroren wie das Rehkalb, das als blinder Passagier mit mir auf dem Postwagen gesessen. Im Laden selber, der voll Zug- und anderen Windes war, konnte kein vernunftiger Vorredner wie ich arbeiten, weil da schon eine Vorrednerin Oehrmanns Tochter und Ladendienerin mit mundlichen Vorreden die besten Weihnachtalmanache, die man hat, begleitete und verkaufte, Duodez-Werkchen auf Loschpapier, aber mit echtem Inhalt aus dem goldenen und silbernen Zeitalter, ich meine die Phrases-Bucher voll Gold- und Silberschaum, womit der Hl. Christ wie der Herbst seine Geschenke vergoldet oder wie der Winter versilbert. Ich verdenk' es der armen Ladenzofe nicht, dass sie, von so vielen Einkaufern des Hl. Abends besturmt, auf einen alten Verkaufer so vieler hl. Abende, auf mich alten Kundmann, kaum hinnickte und mich, ob ich gleich erst aus Berlin anlangte, sogleich zum Vater hineinwies.
Drinnen war alles in Glut, Jakob Oehrmann sowohl wie sein Schreibkontor: er sass auch uber einem Buche, aber nicht als Vorredner, sondern als Registrator und Epitomator, er zog die Generalbilanz des libro maestro. Er hatte sie schon zweimal aufsummiert, aber die Kredit-Summa war und blieb um ein Schweizer-Ortlein, d.i. 13 1/2 Xr. Zurcher Wahrung, zu seinem Schrecken grosser als die Debet-Summa. Der Mann hatte mit sich und mit dem Triebel an der im Kopfe gehenden Rechnungmaschine zu tun: er sah mich kaum an, ob ich gleich sein Gerichthalter gewesen war und Wiener Briefe hatte. Fur Kaufleute, die wie ihre Fuhrleute in der ganzen Welt zu Hause sind, und denen die entferntesten andern handelnden Machte taglich Grossbotschafter und Envoyes, namlich Reisediener schicken, fur diese ists nichts Grosses, wenn man aus Berlin oder aus Boston oder Byzanz anlangt.
Ich stand, an diese kaufmannische Kalte gegen den Menschen gewohnt, ruhig am Feuer und hatte meine Gedanken, die hier zu des Lesers seinen werden sollen.
Ich untersuchte namlich am Ofen das Publikum und befand, dass ich solches wie den Menschen in drei Teile zerlegen konnte ins Kauf-, ins Lese und ins Kunst-Publikum, wie mehre Schwarmer den Menschen in Leib, Seele und Geist. Der Leib oder das Kaufpublikum, das aus Geschaftgelehrten und Geschaftmannern besteht, dieses wahre deutsche Reichscorpus callosum braucht und kauft die grossten und korpulentesten (korperhaftesten) Werke und behandelt sie wie die Weiber die Kochbucher, es schlagt sie nach, um darnach zu arbeiten. Fur diese gibt es in der Welt zweierlei ausgemachte Narren, die sich nur in der Richtung ihrer tollgewordnen Ideen unterscheiden, wovon die der einen zu sehr in die Tiefe, die der andern in die Hohe geht kurz die Philosophen und die Dichter. Schon Naudaus macht in der Aufzahlung der Gelehrten, die man ihrer Kenntnisse wegen in den mittlern Zeiten fur Zauberer gehalten, die schone Bemerkung, es sei dieses nur Philosophen, nie Juristen und Theologen widerfahren. Noch geht es den Weltweisen so, nur dass, da der edle Begriff von Zauberer und Hexenmeister, dessen spiritus rector und schottischer Meister der Teufel selber gewesen, herabgesunken ist zu dem Namen eines starken oder weisen Mannes und Taschenspielers, der Weltweise sich die letzte Bedeutung muss gefallen lassen. Mit dem Poeten steht es noch erbarmlicher; der Philosoph ist doch ein vierter Fakultist, ein Amtinhaber, und kann uber seine Sachen lesen; aber der Poet ist gar nichts und wird nichts im Staate er ware denn nicht geboren, sondern gemacht von der Reichshofkanzlei , und Leute, die ihn beurteilen konnen, werfen ihm ohne Umstande vor, er bediene sich haufig solcher Ausdrucke, die weder im Handel und Wandel, noch in Synodalschreiben, noch in General-Reglements, noch in Reichshofratsconclusis, noch in medizinischen Bedenken und Krankheitsgeschichten gang und gabe waren, und er gehe sichtbar auf Stelzen und sei schwulstig und nie ausfuhrlich oder kurz genug. Gleichwohl bekenn' ich gern, dass man auf diese Weise den Dichter so richtig rangordnet, wie Linnaus die Nachtigallen, welcher diese mit Recht, weil er von ihrem Gesang absah, unter die narrischen eckigbeweglichen Bachstelzen einrechnete.
Der zweite Teil des Publikums, die Seele, das Lese-Publikum, besteht aus Madchen, Junglingen und Mussigen. Ich werd' es weiter unten loben; es lieset uns alle doch und uberschlagt gern dunkle Blatter, worin bloss rasoniert und geschwatzt wird, und halt sich wie ein ehrlicher Richter und Geschichtforscher an Fakta.
Das Kunst-Publikum, den Geist, konnt' ich wohl weglassen; die wenigen, die nicht nur fur alle Nationen und alle Arten des Geschmacks Geschmack haben, sondern auch fur hohere, gleichsam kosmopolitische Schonheiten, solche wie Herder, Goethe, Lessing, Wieland und noch einige, kommen mit ihren Stimmen bei einem Autor auch ausser der Minderzahl derselben schon darum, weil sie ihn nicht lesen, wenig in Betracht.
Wenigstens verdienen sie nicht die Zueignung,
womit ich mir am Ofen vornahm, das grosse Kauf-Publikum zu bestechen, das eigentlich den Buchhandel erhalt. Ich wollte namlich den Hesperus oder den Kuhschnappler Siebenkas dem Gericht- und Handelherrn Jakob Oehrmann ordentlich zueignen: das war die Maske. Namlich so:
Jakob Oehrmann ist kein verachtlicher Mann: er
hatte in Amsterdam vier Jahre als Borsenknecht gedient, d.h. er lautete als kaufmannischer Glockner von 11 3/4 bis 12 Uhr die Borsenglocke. Darauf wurd' er scharrend und schindend ein gutes Haus, indem er keines machte, und stieg zur Wurde eines Siegelbewahrers von einem ganzen ritterschaftlichen Siegelkabinette, das auf den adligen Schuldscheinen zerstreuet aufgepappt sass. Er nahm zwar wie beruhmte Schriftsteller kein burgerliches Amt an, sondern schrieb lieber, aber die gemeine Stadtmiliz von Scheerau, der das Herz am rechten Orte sitzt, namlich am sichersten, und die sich kuhn durchziehenden Truppen zeigt als ein aufmerksames Beobacht-corps, notigte ihn, ihr Hauptmann zu werden, ob er gleich mit der Stelle ihres Tuchlieferers sich behelfen wollte. Er ist ehrlich genug, besonders gegen Kaufleute, und weit entfernt, wie Luther das geistliche Recht zu verbrennen, aschert er im burgerlichen kaum wenige Titel aus dem siebenten Gebote ein, ja er brennt sie nur an wie die Wiener Zensur halb verbotne Bucher; und das tut er nur gegen Fuhr-, Schuld- und Edelleute. Vor einem solchen Manne kann ich ohne Gewissensbisse einigen wohlriechenden Weihrauch machen und in dem aufziehenden Zauberdampf seine hollandische Gestalt, wie die eines Schropferischen Gespenstes, vergrossert erscheinen lassen.
Nun wollt' ich unter seinem Bilde einige Zuge vom grossen Kauf-Publikum einschwarzen; denn er ist ein tragbares im Kleinen er achtet, wie das grosse, nur Brotstudien und Bierstudien, keine Reden als Tischreden, keine gelehrtern Zeitungen als politische er weiss, der Magnet ist bloss erschaffen, um seine hinangeworfnen Ladenschlussel zu tragen, der Aschenzieher, um seine Tabakasche zu sammeln, seine Tochter Pauline, um beide zu ersetzen, wiewohl sie starkere Dinge und starker zieht als beide er kennt nichts Hoheres in der Welt als Brot und verabscheuet den Stadtmaler, der damit die Pastell-Kleckse wegscheuert er und seine in drei Hansestadte eingemauerten Sohne lesen und schreiben kein anderes und kein geringeres Buch als das Haupt- und das Schmierbuch.....
"Ich will verloren sein", dacht' ich in der Ofenhitze, "wenn ich das Kauf-Publikum feiner schildern kann als unter dem Namen Jakob Oehrmanns, der nur ein Ast oder eine Fiber von ihm ist; aber es konnte nicht wissen, was ich wollte", fiel mir ein; und dieses Rechnungsverstosses wegen wurde auf heute ein ganz neuer Plan gemacht.
Die Tochter kam gerade, als ich den Verstoss heraus hatte, hinein und brachte den von Oehrmann heraus samt der Generalbilanz-...... Jetzo sah der Vater mich an und machte etwas aus mir, und als ich die Wiener Briefe er setzt sie paulinischen und poetischen gleich als Kreditive vorzeigte, wurd' ich aus einer stummen Freskopartie an der Kontorwand etwas, das Geist und Magen hat, und wurde mit letztem zum Abendessen behalten.
Ich wills nur und hetzten auch die Kunstrichter alle deutsche Kreise gegen mich auf und gossen eine neue Turkenglocke ganz herausfahren lassen, dass ich bloss der Tochter wegen kam und blieb. Ich weiss, die Gute hatte meine neuern Werke samtlich gelesen, hatte ihr der Alte Zeit dazu gelassen; und eben daher konnt' ich mir nicht verbergen, es sei meine Schuldigkeit, den Vater in Schlaf zu reden, wenn nicht zu singen und nachher der wachen Tochter alles zu erzahlen, was ich der Welt erzahle durch den Pressbengel. Dies war ja eben bekanntlich die Ursache, dass ich gewohnlich immer kam und sprach, wenn er Posttag hatte und leicht einschlief.
Am Hl. Abend sollten gar die 45 Hundposttage fast in ebensoviel Minuten ausgezogen werden; ein langes Werk, das keinen kurzen Schlaf verlangte.
Ich wunschte, die Hrn. Redakteure der Rezensenten und Rezensionen, die mir hierin vieles verdenken, waren nur ein einzigesmal auf dem Kanapee neben meiner Namenbase Johanne Pauline gesessen: sie hatten ihr meine meisten Lebensbeschreibungen und die halbe Blaue Bibliothek in solchen guten pragmatischen Auszugen erzahlt, als sie in Rezensionen vor ganz andern Gesichtern tun; sie waren in Wonne geschwommen uber die Wahrheit in Paulinens Worten, uber die Naivetat ihrer Mienen und uber die Einfachheit sowohl als Schalkhaftigkeit ihrer Handlungen und hatten sie bei der Hand erfasst und gesagt: "Solche ruhrende Lustspiele, wie eines da neben uns sitzt, schaff' uns nur der Dichter, und dann ist er unser Mann." Ja waren die Redakteure vollends weiter gekommen im Bucherausziehen und hatten sich und Paulinen noch mehr geruhrt, als ich von so strengen kritischen Gerichthaltern kaum erwartet hatte und hatten sie dann die milde, in einen Tranennebel hintauende Gestalt gesehen oder eigentlich beinahe verloren (weil Madchen und Gold desto weicher sind, je reiner sie sind), und hatten sie, wie naturlich, in einer himmlischen Warme sich und den schnarchenden Vater fast vollig vergessen.... Beim Himmel! ich bin jetzo selber in der grossten, und die Vorrede will so bis morgen wahren. Es muss offenbar gelassener fortgefahren werden....
Ich darf es, glaub' ich, annehmen, dass der Kaufund Gerichtherr sich durch Briefschreiben am Hl. Abende so entkraftet hatte, dass ihm zum Einschlafen nichts fehlte als ein Mann, ders beschleunigte durch langstilisiertes Redenhalten. Der war ich wohl. Aber anfangs unter dem Abendessen bracht' ich freilich nur Sachen auf die Bahn, die der Prinzipal begriff. Mit dem Loffel und der Gabel in der Hand und vor dem Tischgebet war er noch zu dauerhaftem Schlaf untuchtig; ich ergotzte ihn also mit muntern Sachen von Belang, mit dem erschossnen unausgeweideten Passagier (dem obigen Rehkalb) mit einigen kleinen Kramer-Falliments unterweges mit meinen Gedanken uber den Frankreichischen Krieg und mit der Beteuerung, die Friedrichstrasse in Berlin sei eine halbe Meile lang und die dasige Press- und Handelsfreiheit gross auch merkt' ich an, dass ich durch wenige deutsche Kreise gefahren sei, worin nicht die Betteljungen noch als die Revisionrate und Leuteranten der Zeitungschreiber dienten. Die Zeitungmacher namlich flossen mit ihrer Dinte allen Toten auf dem Schlachtfelde Leben ein und konnen die Auferstandenen wieder in der nachsten Affare gebrauchen; die Soldatenjungen hingegen machen gern ihre Eltern tot und betteln auf Sterbelisten; sie schiessen fur einen Pfennig ihren Vater nieder, den der Zeitevangelist fur einen Groschen wiederaufstellt und so sind beide Wesen durch gegenseitige Lugen auf eine schone Art eines des andern Gegengift. Dies ist die Ursache, warum ein Zeitungschreiber so wenig als der Rechtschreiber sich an Klopstocks Rechtschreibregel binden kann, nichts zu schreiben, als was man hort.
Als das Tischtuch weggezogen wurde, sah ich, es sei Zeit, den Fuss auf die Wiege zu setzen, worin der Hauptmann Oehrmann lag. Der Hesperus ist zu dick. Zu andern Zeiten hatt' ich Zeit genug; sonst fing ich bloss, um diese grosse Tulpe zum Schlafe zuzuziehen, mit Krieg und Krieggeschrei an trat dann mit dem Naturrecht ein, oder vielmehr mit den Naturrechten, deren jede Messe und jeder Krieg neue liefert hatte darauf nur wenige Schritte zum hochsten Grundsatze der Moral und tauchte so den Handelmann unvermerkt mitten in den magnetischen Gesundbrunnen der Wahrheit ein oder ich hielt ihm mehre von mir angezundete neue Systeme, die ich widerlegte, unter die Nase und betaubte ihn mit dem Rauche so lange, bis er kraftlos umfiel..... Dann kam Friede, dann machten ich und die Tochter den Sternen und Blumen draussen die Fenster auf, und der armen darbenden Seele wurde von mir die schonste poetische Bienenflora vorgesetzt....
Das war sonst mein Gang.
Heute nahm ich einen kurzern. Ich naherte mich sogleich nach dem Tischgebete, so weit es tunlich war, der Unverstandlichkeit und legte dem Handelhause der Oehrmannischen Seele, ihrem Korper, die Frage vor, ob es nicht mehr Cartesianer als Newtonianer unter den Fursten gebe. "Ich meine gar nicht in betreff der Tiere fuhr ich langsam und langweilig fort , welche Cartesius fur unempfindliche Maschinen hielt, worunter also das edelste Tier, der Mensch, auch mit kame unverschuldet sondern meine Meinung und Frage soll die sein: setzen nicht mehre das Wesen eines Staats, wie der grosse Cartesius das der Materie, in Ausdehnung und wenigere dasselbe, wie der grossere Newton das der Materie, in Soliditat?"
Er erschreckte mich mit der lebhaften Antwort: nur der flachsenfingische und der **er Furst waren solide Manner, welche zahlen.
Jetzo stellte die Tochter einen Waschkorb neben den Tisch und ein Letternkastchen auf ihn, um in die Hemden ihrer bruderlichen Hanse die ganzen Namen abzudrucken. Da sie ihm eine hohe weisse Fest-Tiara aus jenem herauslangte und die niedrige SonnabendKapuze zuruckempfing: so wurd' ich aufgemuntert, so dunkel und langweilig zu werden, als die Schlafmutze und meine Absicht es begehrten.
Da er nun gegen nichts so herzlich kalt ist als gegen meine Bucher und gegen alle schon-wissenschaftlichen Facher: so beschloss ich, ihn ganz mit diesem verhassten Stoffe einzubauen und zu uberschlichten. Es gelang mir, so auszuholen: "Ich sorge fast, Hr. Hauptmann, Sie werden sich am Ende wundern, dass ich Sie noch auf keine Art, die man ausfuhrlich nennen kann, mit meinen zwei neuesten opusculis oder Werken in Bekanntschaft gebracht, worunter das altere seltsam genug Hundposttage heisst und das frischere Blumenstucke. Bring' ich aber heute nur das Wesentlichste aus den funfundvierzig Posttagen bei und hole erst uber acht Tage die Blumenstucke nach: so hab' ich vielleicht einiges wieder gut gemacht. Ich hab' es allein zu verantworten, wenn Sie gar nicht sagen konnen, was das erste Opus ist, wenn Sie es fur ein Wappen- oder fur ein Insektenwerk ansehen oder fur ein Idiotikon fur einen alten Codex oder fur ein Lexicon homericum oder fur einen Bundel Inaugural-Disputationen oder fur einen allezeit fertigen Kontoristen oder fur Heldengedichte und Epose oder fur Mordpredigten... Es ist aber nichts als eine gute Geschichte, durchwurkt jedoch mit obigen Werken schichtweise. Ich wollte selber, es ware etwas bessers, Hr. Hauptmann besonders wunscht' ich es so deutlich abgefasst zu haben, dass man es halb im Schlafe lesen konnte und halb darin machen. Ich kenne hierin, Hr. Hauptmann, Ihre kritischen Grundsatze noch wenig und kann also nicht sagen, ist Ihr Geschmack britisch oder griechisch; aber ich besorge, es tut dem Werke Abbruch, dass darin Stellen ich hoffe, es sind deren nicht viele nachzuweisen sind, worin mehr als ein Sinn steckt, oder allerlei Bildliches und Blumiges zugleich, oder ein an- scheinender Ernst, hinter welchem gar keiner ist, sondern lauterer Spass (der Deutsche aber fodert seinen Geschaftstil) und dass auch, befurcht' ich am gewissesten, in dem sonst weiten Werke die jetzigen Ritterromane, welche so oft von den alten herrlichen kunstlosen, nicht der leichten Feder, sondern des schweren Eisens machtigen Rittern selber geschrieben zu sein scheinen, kaum mit dem Erfolge von mir nachgeahmt und erreicht worden, nach welchem ich so oft gerungen. Vielleicht hatt' ich im Buche auch die Sittsamkeit und die Ohren der Damen ofter beleidigen mogen, als mancher Weltmann gefunden; da Bucher, sobald sie keine hohen Ohren, sondern nur keusche, und nicht den Staat, sondern nur die Bibel verletzen, am wenigsten anstossig sind, ja vielmehr, wenn es recht zugeht, zum Nachttischgerate und zur literarischen Gerade aus demselben Grunde geschlagen werden, warum der L. 25. . 10. de aur. arg. die Gefasse der Unehren zum mundo muliebri und mithin der sel. Hommel sie zur weiblichen Gerade rechnet"
Ich ersah hier zu spat, dass ich ihn dadurch auf einen munter machenden Gedanken gefuhrt. Ich tat zwar einen Sprung in eine andere Materie und merkte an: verbotne Bucher stelle man uberhaupt am sichersten in offentlichen Bibliotheken auf, die man mit den gewohnlichen Bibliothekaren versehen, weil ihre verdrussliche Miene besser als ein Zensuredikt das Lesen abwendet; aber Jakobus sagte doch seinen Gedanken heraus: "Pauline, erinnere mich morgen daran, die Stenzin ist die Huren-Gebuhren noch schuldig." Es war mir ungemein verdrusslich dass, wenn ich den Schlaf bis auf wenige Schritte herangekornet hatte, der Hauptmann wieder mit etwas abdruckte und losplatzte, was das beste Schlafpulver sogleich in alle Lufte blies. Keinem Menschen ist uberhaupt schwerer Langeweile zu geben als einem, der sie selber immer austeilt; leichter getrau' ich mir in funf Minuten einer vornehmen geschaftfreien Frau Langeweile zu machen als in ebenso vielen Stunden einem Geschaftmanne.
Die gute Pauline, die heute so gern die Historie horen wollte, die ich in Handschrift nach Berlin begleitet hatte, legte mir langsam folgende Buchstaben aus dem Hemde-Schriftkasten einzeln in der Hand herum: erzahlen, d.h. ich sollte dieser guten HemdSetzerin die Hundposttage heute erzahlen.
Ich griffs von neuem an und begann seufzend dergestalt: "Hr. Gerichtprinzipal, berlinische Lettern dieser Art wird meine Wenigkeit nun auch durch ihr neuestes Werk in Bewegung setzen, und auf solche feine Hemden, wenn sie der Hollander als Posthadern unter sich gehabt, werden meine Posttage gesetzt wie jetzo die Namen von Ihren drei Hrn. Sohnen. In der Tat, muss ich bekennen, hatt' ich nichts, um mich zu trosten, als ich auf der Post hineinwarts sass und den rechten Fuss unter meine Handschrift und den linken unter einen Bittschriften-Ballen steckte, der dem Scheerauer Fursten zur Armee nachreisete, ich hatte, sag' ich, weiter nichts, um mich zu trosten, als den naturlichen Gedanken: der Teufel mach' es anders. Nur tut dies niemand weniger als der. Denn, beim Himmel! in einem Zeitalter wie unserem, in einem, wo das Orchester die Instrumente der Weltgeschichte erst zu einem kunftigen Konzerte stimmt, wo mithin noch alles unerhort ineinanderschnarrt und -pfeift (daher einmal das Stimmen einem marokkanischen Gesandten am Wiener Hofe noch besser als die Oper gefiel) in einem solchen Zeitalter, wo es so schwer ist, den feigen Menschen vom mutigen, den lassigen vom tatendurstigen, den verdorrten vom grunenden zu unterscheiden, wie jetzo im Winter die fruchttragenden Baume aussehen wie die verreckten in einem solchen Zeitalter gibts fur einen Autor keinen Trost als einen, dessen ich heute noch nicht gedacht habe, den namlich: dass er doch ein Zeitalter, worin hohere Tugend, hohere Liebe und hohere Freiheit seltene Phonixe oder Sonnenvogel sind, recht gut mitnehmen und die samtlichen Vogel so lange recht lebhaft malen kann, bis sie selber geflogen kommen; alsdann freilich, wenn sie in ihren Urbildern auf der Erde ansassig sind, ist wohl uns allen das Schildern und Preisen derselben grosstenteils versalzen und zuwider gemacht und ein blosses Dreschen leeren Strohs. Nur wer nicht handeln kann, arbeitet fur Pressen."
" Die Arbeit ist nur darnach", fiel der wache Handelmann ein, "der Handel ernahrt seinen Mann; aber Bucherschreiben ist nicht viel besser als Baumwolle spinnen, und Spinnen ist das nachste am Betteln... Ihnen nicht zu nahe geredet; aber alle verdorbene Buchhalter und fallite Kaufleute fallen zuletzt aufs Fabrizieren der Rechen- und andrer Bucher."
Das Publikum sieht, wie wenig der Kauf- und Hauptmann auf mich hielt, weil ich statt der Geschafte nur Werke machte, ob ich ihm gleich sonst als sachsischer Vikariat-Notarius bei Tag und Nacht beigesprungen war zum Wechselprotest. Ich weiss, wie ausserordentliche Professoren der Sittenlehre denken; aber nach einer solchen Misshandlung getrau' ich mirs bei ihnen zu verantworten, dass ich auf der Stelle wild wurde und die Unhoflichkeiten des Mannes ohne alle Schonung ob er gleich seiner funf Sinne nicht mehr machtig blieb mit nichts Gelinderm erwiderte als mit einem treuen Vorsagen der Extrablatter im Hesperus.
Daran musst' er versterben ich meine entschlafen.....
Dann gingen tausend Glucksterne fur Autor und Tochter auf- dann brach unser Fest der sussen Brote an dann konnt' ich mich ans Vorfenster mit ihr stellen und ihr alles erzahlen, was das Publikum nun langst in Handen hat. Ich liess nichts weg als aus guten Grunden das letzte Kapitel des Hesperus, worin ich, wie bekannt, gefurstet werde. Wahrlich, Susseres gibt es nichts, als einem eingekerkerten, von Predigten belagerten, weichen, frommen Herzen, das sich auf keinem Geburttagsball und war' es der des Superintendenten und seiner Frau und an keinem Romane hatt' ihn auch der eigne Gerichthalter verfasst erwarmen darf; so linde wie Honigseim ist es, dem belagerten ausgehungerten Herzen einen allmachtigen Entsatz zu schicken und der verhullten Seele eine Masche in den dicken Nonnenschleier grosser zu reissen und ihr dadurch ein bluhendes glimmendes Morgenland zu zeigen die Tranen ihrer Traume aus aufgeschlossnen Augen zu locken sie uber ihre Wunsche zu heben und das weiche, von einem langen Sehnen gepresste und in harte Ketten gelegte Herz auf einmal losgebunden im Fruhlingwehen der Dichtkunst auf und ab zu wiegen und in ihm sanft durch einen feuchtwarmen Lenz einen bessern Blumensamen aufzuschwellen, als in dem nachsten Boden aufgeht.....
Um 1 Uhr war ich schon fertig und stand im 44ten Kapitel; denn ich hatte zu drei Teilen nur drei Stunden gebraucht, weil ich alle Extrablatter aus dem Buche als Sprecher der Weiber herausgerissen hatte. "Ist der Vater das Kauf-, so ist die Tochter das LesePublikum, und man muss sie mit nichts abmartern, was nicht rein historisch ist", sagt' ich und opferte meine liebsten Ausschweifungen auf, fur welche uberhaupt eine so reizende Nachbarschaft die Wildbahn nicht ist.....
Dann hustete der Alte fuhr aus dem Sessel fragte nach der Uhr wunschte zuerst gute Nacht schickte mich, der eben dadurch eine einbusste, fort und sah mich nicht wieder als acht Tage darnach am hl. Abend vor dem Neujahr.
Es wird noch meinen Lesern beifallen, dass ich an diesem Abende wiederzukommen verheissen, weil ich dem Prinzipal einen kurzen Bericht uber die Blumenstucke es ist eben gegenwartiges Buch erstatten wollte und sollte.
Ich beteure dem geneigten Leser, dass ich ihm jetzo die Sache nicht anders berichte, als sie war.
Ich erschien denn am letzten Abend des Jahres 1794 wieder, auf dessen rotgefarbten Wellen so viele verblutete Leichname ins Meer der Ewigkeit hineingetrieben wurden. Der Prinzipal empfing mich mit einer Kalte, die ich halb der physischen draussen denn die Menschen und die Wolfe erbosen sich im Frostwetter am starksten zuschrieb, halb auch den Wiener Briefen, d.h. dem Mangel derselben, und ich hatte Uberhaupt heute nichts beim Manne zu tun. Da ich aber ohnehin am Neujahrtage mit einer Donnerstag-Post aus Scheerau gehen und da ich der guten geliebten Pauline so gern noch einige Paulina, namlich diese Aufsatze, erzahlen wollte, weil ich wusste, sie bekomme eher alle andre Ware auf ihre Ladenbank als diese: so kann doch wahrhaftig kein Redakteur, der Grundsatze hat, daruber hitzig werden, dass ich wieder erschien. Ein solcher hitziger Kopf hore wenigstens den Plan, den ich hatte: ich wollte der stillen Seelenblume erstlich die Blumenstucke als zwei aus Blumen musivisch zusammengelegte Traume geben dann das Dornenstuck1, von dem ich die Dornen, namlich die Satiren, wegzubrechen hatte, damit fur sie nichts ubrig bliebe als eine sonderbare Geschichte und endlich sollte das Fruchtstuck zuletzt (wie im Buche selber) aufgetragen werden als ein susser Frucht-Nachtisch; und in dieser reifen Frucht (vorher hatt' ich mundlich allen philosophischen kuhlenden Eisapfelsaft ausgepresst, den nachher die Presse darin gelassen) wollt' ich am Ende selber sitzen als Apfelwurm. Dies ware ein schoner Ubergang gewesen zu meinem Abgang oder Abschied; denn ich wusste nicht, ob ich Paulinen, diesen Blumenpolypen mit seinen zuckenden markweichen Fuhlfaden, die sich ohne Augen nur aus Gefuhl nach dem Lichte wenden, je wieder sehen oder wieder horen wurde, sobald mein neuer Furstenstand auskame. Mit dem alten faulen Holze, worauf der Polype bluhte, hatt' ich ohnehin ohne Wiener Briefe wenig zu verkehren.
Aber das alte Jahr sollte sich, so nahe neben richtigen Wunschen des neuen, noch mit unerfullten schliessen.
Ich habe mir jedoch wenig vorzuwerfen; denn ich suchte dem lebendigen ostindischen Hause sogleich Langweile und Schlaf zu machen, als ich kam und dasselbe nur sass. Das einzige Angenehme, was ich ihm sagte, war, dass ich, da der Gerichtherr einige Injurien gegen meinen Nachfahrer, seinen jetzigen Gerichthalter, ausgestossen, diese ausdehnte auf alle Juristen und dadurch das Pasquill zur edlern Satire erhob und versusste: "Ich kann mir die Advokaten und die Klienten als zwei Reihen bei einer Loschanstalt des Gelddurstes vorstellen; die eine Reihe, die der Klienten, steht mit leeren Eimern oder Beuteln hinab, die andre, anwaltende Reihe reicht sich einander die vollen hinauf", sagt' ich. Das wars.
Ich denke, es war nicht unuberlegt, dass ich ihm das grosse Kauf-Publikum, da er ein kleineres, nur etliche Fuss langes und dickes ist, mit Zugen vorschilderte, die auf ihn selber passten; es wurde ja eigentlich an ihm damit bloss der Versuch gemacht, was das KaufPublikum selber sagen wurde zu folgenden Gedanken: "Das jetzige Publikum, Hr. Hauptmann, wird nach und nach eine solide nord-indische Kompagnie und macht jetzo, dunkt mich, einige Figur neben den Hollandern, bei welchen Butter und Bucher bloss ein Artikel des aktiven Handels sind und die fur das attische Salz Geschmack haben, womit Beukelszoon die Fische einpokelte, und die ich, ob sie gleich dem Erasmus, der keine ass, fur ein besseres eine Statue schenkten, doch damit rechtfertige, dass sie dem obigen Einsalzer noch fruher eine haben meisseln lassen. Selber Campe, welcher die Verfasser des Spinnrades und der braunschweigischen Mumme den Formern und Braumeistern der Heldengedichte keinesweges unterordnet, wird mir recht geben, wenn ich sage, dass jetzo aus dem Deutschen etwas werde namlich ein gesetzter grundlicher Mann ein Handelmann ein Geschaftmann ein Mann von Jahren, der Essbares von Denkbarem zu sichten und dieses wegzuschaffen weiss der Nachdrucker von Verlegern, und die Manufakturisten von beiden unterscheidet und reinigt ein Spekulant, der, so wie die Huhner vor den mit Fuchsdarmen bezognen Harfen davonfliegen, seinerseits gar keine poetische Harfe horen kann, und hatte sie der Harfener mit seinem eignen Gedarm besaitet der nun bald keine zeichnende Kunste mehr dulden wird als auf Warenballen2, keine Druckerei als auf Kattun."
Hier sah ich zu meinem Erstaunen, der Handelmann sei schon eingeschlafen und habe seinen Sinnen-Kaufladen geschlossen. Es argerte mich, ihn so lange umsonst gefurchtet und angeredet zu haben; ich war nichts als der Teufel gewesen und er der Konig Salomo, welchen der Bose fur lebendig gehalten3.
Inzwischen, um ihn nicht aufzuwecken durch einen schnellen Tonwechsel, setzt' ich ruhig das Gesprach mit ihm fort; redete ihn aber, immer weiter gegen das Fenster fortruckend und wegschleichend, mit folgendem leisen diminuendo der Stimme an: "und von einem solchen Publikum erwart' ich sehr, dass es einmal uber Altarblatter Schuhblatter setzen lernt, und dass es bei dem moralischen und philosophischen Kredit eines Professors vor allen Dingen fragt: 'ist der Mann gut?' Und ferner ist zu erwarten, dass ich jetzo, teuerste Zuhorerin (setzt' ich in unverandertem Tone dazu, um dem Schlafer dasselbe Gerausch vorzumachen), Ihnen die Blumenstucke vorerzahlen werde, die ich gar noch nicht einmal zu Papier gebracht und die ich leicht heute zu Ende fuhre, wenn Sie dort (der Vater Jakobus) so lange schlafen." Ich fing also folgendergestalt an: N.S. Es ware jedoch lacherlich, wenn ich die ganzen Blumen- und Dornenstucke, da sie schon sogleich im Buche selber auftreten, wieder in die Vorrede wollte hereindrucken lassen. Aber zu Ende dieses Buchs will ich das Ende der Vorrede und dieses hl. Abends beifugen und mich dann an das zweite Bandchen machen, damit es zu Ostern zu haben ist. Hof, den 7. Nov. 1795
Jean Paul Friedr. Richter.
Ehestand, Tod und Hochzeit
des Armenadvokaten F. St. Siebenkas
im Reichsmarktflecken Kuhschnappel
Ein treues Dornenstuck
Erstes Kapitel
Hochzeittag nach dem Respittage die beiden
Ebenbilder Schusseln-Quintette in zwei Gangen
Tischreden sechs Arme und Hande
Der Armenadvokat Siebenkas im Reichsmarktflecken Kuhschnappel hatte den ganzen Montag im Dachfenster zugebracht und sich nach seiner Braut umgesehen; sie sollte aus Augsburg fruh ein wenig vor der Wochenbetstunde ankommen, damit sie etwas Warmes trinken und einmal eintunken konnte, ehe die Betstunde und die Trauung angingen. Der Schulrat des Orts, der gerade von Augsburg zuruckfuhr, hatte versprochen, die Verlobte als Ruckfracht mitzunehmen und ihren Kammerwagen oder Mahlschatz hinten auf seinen Koffer zu binden. Sie war eine geborne Augsburgerin des verstorbenen lutherischen Ratkopisten Egelkraut einzige Tochter , wohnte in der grosser war als mancher Salon, und war uberhaupt nicht unbemittelt, da sie nicht wie pensionierte HofSoubretten von fremder Arbeit lebte, sondern von eigner; denn sie hatte die neuesten Kopf-Trachten fruher als die reichsten Fraulein in den Handen (wiewohl in einem Formate, dass keine Ente den Putz aufsetzen konnte) und fuhrte nach dem kleinen Baurisse die schonsten Hauben im grossen aus, wenn sie einige Tage vorher bestellt waren.
Alles, was Siebenkas unter dem Warten tat, waren einige Eidschwure, dass der Teufel das Suchen und seine Grossmutter das Warten ausgesonnen. Endlich erhielt er noch fruh genug statt der Braut einen Nachtboten mit einem Schreiben des Schulrats: er und die Verlobte konnten unmoglich vor Dienstags eintreffen, sie arbeite noch an ihrem Brautkleide, und er noch in den Bibliotheken der Exjesuiten und des Geheimen Rat Zapf und der Gebruder Veith und an einigen Stadttoren. Letzte bewahren bekanntlich uns noch romische Altertumer. Indes Siebenkasens Schmetterlingrussel fand in jeder blauen Distelblute des Schicksals offne Honiggefasse genug; er konnte doch am leeren Montag die letzte Arm-Feile und den Glattzahn an seine Stube legen, mit Schreibfedern den Streusand und den Staubpuder vom Tische fegen, das papierne Geniste hinter dem Spiegel ausreuten, das Dintenfass von Porzellan mit unsaglicher Muhe weisser wischen und die Butterbuchse und die Kaffeetasschen auf dem Throngeruste eines Schrankes mehr weiter hervor in Reih und Glied stellen und die Messingnagel am ledernen Grossvaterstuhl blitzgelb scheuern. Er unternahm die neue Tempelreinigung seiner Stube nur aus Langweile; denn ein Gelehrter halt bloss Ordnung der Bucher und Papiere fur eine; zweitens behauptete der Armenadvokat: "Ordnungliebe ist, geschickt erklart, nichts als die schone Fertigkeit des Menschen, ein Ding noch zwanzig Jahre lang immer an den alten Ort zu setzen, der Ort selber kann sitzen, wo er will." Er hatte nicht nur eine schone Stube, sondern auch einen langen roten Esstisch zur Miete, den er an einen niedrigen gestossen, desgleichen hohe Kropel-Stuhle; auch die Mietherren der Mobeln und der Stube, die samtlich in diesem Hause wohnten, hatt' er sich auf seinen blauen Montag geborgt gehabt; es ware sonach herrlich an diesem abgelaufen, weil die meisten Hausleute Handwerker waren und also ihrer in seinen fiel; denn bloss der Mietherr war etwas Bessers, namlich ein Peruckenmacher.
Ich musste mich schamen, einen Armenadvokaten, der selber einen bedurfte, mit meinen kostbaren historischen Farbestoffen abzufarben, wenn hier der Fall wirklich so ware; aber ich habe die VormundschaftRechnungen meines Helden unter den Handen gehabt, aus denen ich stundlich vor Gericht erweisen kann, dass er ein Mann von wenigstens zwolfhundert Gulden rhnl. war, ohne die Interessen. Nur hatt' er leider aus den Alten und aus seinem Humor eine unleugbare Verachtung gegen das Geld, dieses metallne Raderwerk des menschlichen Getriebes, dieses Zifferblattrad an unserm Werte, geschopft, indes doch vernunftige Menschen, z.B. die Kaufleute, einen Mann ebenso hoch schatzen, der es einnimmt, als den, der es wegschenkt, wie ein Elektrisierter den leuchtenden Heiligenschein um den Kopf bekommt, der Ather mag in ihn ein- oder aus ihm ausstromen. Ja Siebenkas sagte sogar vorher tat ers , man musse den Bettelsack zuweilen aus Spass uberhangen, um den Rucken fur ernsthafte Zeiten daran zu gewohnen; und er glaubte sich zu retten und zu loben, wenn er fortfuhr: es sei leichter, die Armut zu tragen wie Epiktet, als sie zu wahlen wie Antonin, so wie es leichter sei, als Sklave das eigne Bein zum Zerschlagen hinzuhalten, als andern Sklaven ihres ganz zu lassen, wenn man einen ellenlangen Zepter fuhrt. Daher behalf er sich zehn Jahre ausser Landes und ein halbes im Reichsmarktflecken, ohne nur einen Kreuzer Zinsen seiner Erbschaftmasse seinem Vormund abzufordern. Da er nun seine eltern- und geldlose Braut auf einmal als Steigerin in ein ausgezimmertes Silberbergwerk fahren lassen wollte dafur hielt er seine zwolfhundert Gulden mit ruckstandigen Zinsen : so flosste er ihr gern im Vorbeigehen in Augsburg den Glauben ein, er habe bloss das liebe Brot, und das wenige, was er erschwitze, gehe von der Hand in den Mund und Magen, nur arbeit' er wie einer und frage wenig nach einem Grossen und Kleinen Rate. "Ich will verdammt sein", hatt' er langst gesagt, "wenn ich eine heirate, die weiss, was ich rentiere; die Weiber halten ohnehin einen Ehemann fur den lebendigen Teufel, dem sie ihre Seele oft ihr Kind verschreiben, damit der Bose ihnen Hecktaler und Esswaren zutrage."
Auf den langsten Sommer- und Montag folgte eine langste Winternacht, was bloss astronomisch unmoglich ist. Am frischen Morgen fuhr der Schulrat Stiefel vor und hob aus der Kutschenarche (feine Lebensart ziert einen gelehrten Mann doppelt) einen Haubenkopf statt der Braut aus dem Wagen und befahl, das ubrige Eingebrachte derselben, das in einem weissverblechten Reisekasten bestand, abzuladen, indes er mit dem Kopfe unter dem Arme zum Advokaten hinauflief: "Ihre werte Verlobte", sagt' er, "muss gleich nachkommen; sie putzt sich draussen im Vorwerk fur das heilige Werk an und bat mich, vorauszufahren, damit Sie nicht ungeduldig wurden. Eine wahre Frau nach Salomons Sinn, zu der ich hochlich gratuliere!"
"Der Herr Advokat Siebenkas, meine Schonste? zu dem kann ich Sie fuhren, er sitzt bei mir selber, meine Beste, und ich werde Sie den Augenblick bedienen", sagte der Peruckenmacher unten an der Ture und wollte sie an der Hand hinaufgeleiten; aber da sie ihren zweiten Haubenkopf noch in der Kutsche sitzen sah, nahm sie ihn wie ein Kind auf den linken Arm (der Haarkrausler wollte den Kopf vergeblich tragen) und stieg ihm wankend in das Mannerzimmer nach. Sie reichte mit einem tiefen Kniebeugen und leisen Grussen dem Brautigam bloss die rechte Hand hin, und auf dem vollen runden Gesichtchen alles rundete sich daran, Stirn, Auge, Mund und Kinn bluhten die Rosen weit uber die Lilien hinuber, waren aber desto lieblicher zu schauen unter dem grossen schwarzen Seidenhute, und das schneefarbige Mousselinkleid mit einem vielfarbigen Strausse welscher Blumen und mit den weissen Schuhspitzen gaben der schuchternen Gestalt Reize uber Reize. Sie band sogleich weil nicht mehr Zeit zum Kopulieren und Frisieren ubrig war ihren Hut los und legte das Myrtenkranzchen darunter, das sie im Vorwerke der Leute wegen versteckt, auf den Tisch, damit ihr Kopf gehorig wie der Kopf anderer Honoratioren fur die Trauung zurechtgemacht und gepudert wurde durch den schon passenden Mietherrn.
Du liebe Lenette! Eine Braut ist zwar viele Tage lang fur jeden, den sie nicht heiratet, ein schlechtes, mageres hl. Schaubrot, und fur mich vollends; aber eine Stunde nehm' ich aus namlich die am Morgen des Hochzeittages , worin die bisherige Freiin in ihrem dicken Putze zitternd, mit Blumen und Federn bewachsen, die ihr das Schicksal mit ahnlichen bald ausreisset, und mit angstlichen andachtigen Augen, die sich am Herzen der Mutter zum letzten und schonsten Mal ergiessen; mich bewegt diese Stunde, sag' ich, worin diese Geschmuckte auf dem Geruste der Freude so viele Trennungen und eine einzige Vereinigung feiert, und worin die Mutter vor ihr umkehrt und zu den andern Kindern geht und die Angstliche einem Fremden uberlasset. Du froh pochendes Herz, denk' ich dann, nicht immer so wirst du dich unter den schwulen Ehejahren heben, dein eignes Blut wirst du oft vergiessen, um den Weg ins Alter fester herabzukommen, wie sich die Gemsenjager ans Blut ihrer eignen Fersen halten. Dann mocht' ich zu den zuschauenden und neidischen Jungfrauen auf dem Wege zur Kirche hinaustreten und sagen: missgonnt der Armen die Wonne einer vielleicht fluchtigen Tauschung nicht so sehr ach ihr sehet wie sie heute den Zank- und Schonheitapfel der Ehe nur in der Sonnenseite der Liebe hangen, so rot und so weich; aber die grune, saure, im Schatten versteckte Seite des Apfels sieht niemand. Und wenn ihr jemals eine verungluckte Ehegattin herzlich bedauert habt, welche den veralteten Brautputz nach zehn Jahren von ungefahr aus dem Kleiderfache zog, und in deren Augen auf einmal alle Tranen uber die sussen Irrtumer drangen, die sie in zehn Jahren verloren, wisst ihr denn das Gegenteil von der Beneideten so gewiss, die vor euch glanzend voruberzieht?
Ich ware aber hier nicht unerwartet in diese fremde Tonart von Ruhrung ausgewichen, wenn ich mir nicht Lenettens Myrtenkranzchen unter dem Hute (ich wollte nur oben nichts von meiner Empfindung sagen) und ihr Alleinsein ohne eine Mutter und ihr angepudertes weisses Blumengesichtchen zu lebhaft vorgestellt hatte und vollends dazu die Bereitwilligkeit, womit sie ihre jungen weichen Arme (sie war schwerlich uber neunzehn Jahre) in die polierten Handschellen und Kettenringe der Ehe steckte, ohne nur umzuschauen, an welche Platze man sie daran fuhren wurde.... Ich konnte hier die Finger aufheben und einen Schwur ableisten, dass der Brautigam so geruhrt war wie ich, wo nicht starker; zumal wie er den Aurikeln-Puder aus dem Bluten-Gesichte gelind abstrich und die Blumen darin nackt aufbluhen liess. Aber er hatte sein mit Liebetranken und Freudentranen vollgegossenes Herz sehr behutsam herumzutragen, wenn es nicht uberlaufen sollte zu seiner Schande vor dem lustigen Haarkrausler und dem ernsten Schulrate. Auch litt er das Uberlaufen nicht an sich. Er versteckte, ja verhartete gern die reinste Erweichung, weil er immer an die Poeten und Schauspieler dachte, welche die Wasserwerke ihrer Empfindung zur Schau springen lassen; und weil er uberhaupt uber niemand so oft lachte als uber sich. Deshalb war heute sein Gesicht von einer sonderbaren lachelnden Verlegenheit, die nur von den nassschimmernden Augen die bessere Bedeutung erhielt, durchzogen und ausgezackt. Da er bald merkte, dass er sich noch nicht genug verberge, wenn er bloss den Handlanger des Peruckenmachers und den Proviantkommissarius des Fruhstucks vorstelle: so griff er zu einem starkern Mittel und fing an, sich und seine bewegliche Habe vor Lenetten in ein schones Licht zu setzen, und fragte: "Liegt meine Stube nicht artig genug, Mademoiselle? Von hier aus kann ich grade in die Rathaus-Fenster auf den Sitztisch und die Dintenfasser gucken. Viele von den Stuhlen wurden im Fruhjahr um vierthalbes Geld erstanden, und sind solche vielleicht niedlich. Aber mein alter guter Grossvaterstuhl" (er hatte sich hineingesetzt und auf dessen gepolsterten Arme seine magern hingestreckt) "geht den Stuhlen vielleicht im Grossvatertanz voran; wie sie so sanft ruhen, Arm auf Arm. Mein Tischteppich hat gutgewirkte Blumen, aber das Kaffeebrett wird, hor' ich, wegen seiner lackierten Flora vorgezogen; in jedem Falle tragen beide das Ihrige in Blumen auf. Mein Leyser ziert mit seinen schweinledernen Meditationen das Zimmer sehr in der Kuche sieht es noch schoner aus, ein Topf steht am andern und das ubrige daneben, sogar der Hasenbrecher und die Hasengabel, zu denen sonst mein seliger Vater die Hasen geschossen."
Die Braut lachelte so vergnugt ihn an, dass ich fast glauben soll, sie hat bis in ihre Fuggerei durch 20 aneinander gestellte Hor- und Sprachrohre fast alles von seinen 1200 fl. rhnl. und den Interessen erhorcht; um so leichter begreif' ichs, wenn sich die Welt die Stunde zu erleben sehnt, wo er ihrs einhandigt.
Es wird meinen Leserinnen nicht unangenehm zu erfahren sein, dass der Brautigam jetzo einen leberfarbenen Ehren-Frack antat, und dass er ohne Halsstrang oder Binde und ohne Haarstrang oder Zopf zum hl. Werke in den Fruhgottesdienst mit seiner Putzmacherin schritt, unterweges zu seinem eignen satirischen Vergnugen sich die verleumderischen Augen der Kuhschnapplerinnen vorstellend, womit sie der guten Fremden uber den Markt bis zum Opferaltare ihres vaterlichen Namens nachliefen. "Massiges Verleumden", sagt' er von jeher, "sollte man einer Ehefrau, als einen geringen Ersatz ihrer verlornen Schmeicheleien, eher erleichtern als versalzen." Der Schulrat Stiefel hutete die Hochzeitstube und entwarf auf dem Schreibtische eine kurze Rezension von einem Programm. Ich sehe zwar jetzo das geliebte Paar am Altargelander knieen und konnte dasselbe wieder mit meinen Wunschen, wie mit Blumen, bewerfen, besonders mit dem Wunsche, dass beide den Eheleuten im Himmel ahnlich werden, die allemal, nach Swedenborgs Vision, in einen Engel verschmelzen wiewohl sie auf der Erde oft in der Hitze auch zu einem Engel, und zwar zu einem gefallnen einkochen, woran des Weibes Haupt, der Mann, den stossigen Kopf des Bosen vorstellt noch einmal wunschen konnt' ich, sag' ich; aber meine Aufmerksamkeit wird, so wie die aller Trauzeugen, auf eine ausserordentliche Begebenheit und Vexiergestalt hinter der Liedertafel des Chors gelenkt.
Droben guckt namlich herunter und wir sehen alle in der Kirche hinauf Siebenkasens Geist, wie der Pobel sagt, d.h. sein Korper, wie er sagen sollte. Wenn der Brautigam hinauf schauet: so kann er erblassen und denken, er sehe sich selber. Die Welt irrt; rot wurd' er bloss. Sein Freund Leibgeber stand droben, der schon seit vielen Jahren ihm geschworen hatte, auf seinen Hochzeittag zu reisen, bloss um ihn zwolf Stunden lang auszulachen. Einen solchen Furstenbund zweier seltsamen Seelen gab es nicht oft. Dieselbe Verschmahung der geadelten Kinderpossen des Lebens, dieselbe Anfeindung des Kleinlichen bei aller Schonung des Kleinen, derselbe Ingrimm gegen den ehrlosen Eigennutz, dieselbe Lachlust in der schonen Irrenanstalt der Erde, dieselbe Taubheit gegen die Stimme der Leute, aber nicht der Ehre, dies waren weiter nichts als die ersten Ahnlichkeiten, die sie zu einer in zwei Korper eingepfarrten Seele machten. Auch dieses, dass sie Milchbruder im Studieren waren und einerlei Wissenschaften, bis auf die Rechtsgelehrsamkeit, zu Ammen hatten, rechn' ich, da oft gerade die Gleichheit der Studien ein auflosendes Zersetzmittel der Freundschaft wird, nicht am hochsten an. Ja nicht einmal die blosse Unahnlichkeit ihrer ungleichnamigen Pole (denn Siebenkas verzieh, Leibgeber bestrafte lieber, jener war mehr eine horazische Satire, dieser mehr ein aristophanischer Gassenhauer mit unpoetischen und poetischen Harten) entschied ihr Anziehen. Aber wie Freundinnen gern einerlei Kleider, so trugen ihre Seelen ganz den polnischen Rock und Morgenanzug des Lebens, ich meine zwei Korper von einerlei Aufschlagen, Farben, Knopflochern, Besatz und Zuschnitt: beide hatten denselben Blitz der Augen, dasselbe erdfarbige Gesicht, dieselbe Lange, Magerheit und alles; wie denn uberhaupt das Naturspiel ahnlicher Gesichter haufiger ist, als man glaubt weil man es nur bemerkt, wenn ein Furst oder ein grosser Mann einen korperlichen Widerschein wirft. Daher wollt' ich ordentlich, Leibgeber hatte nicht gehinkt, damit man ihn nicht daran von Siebenkasen unterscheiden konnen, zumal da dieser auch sein Kennzeichen, das ihn von jenem absondern konnte, geschickt wegradiert und weggeatzt hatte durch eine lebendige Krote, die er auf dem Kennzeichen krepieren lassen; es war namlich ein pyramidalisches Muttermal neben dem linken Ohr gewesen, von der Gestalt eines Triangels oder des Zodiakalscheins oder eines aufgestulpten Kometenschwanzes, eigentlich eines Eselohrs. Halb aus Freundschaft, halb aus Neigung zu tollen Szenen, die ihre Verwechslung im gemeinen Leben gab, wollten sie ihre algebraische Gleichung noch weiter fortsetzen sie wollten namlich einerlei Vor- und Zunamen fuhren. Aber sie gerieten daruber in einen schmeichelnden Hader: jeder wollte der Namenvetter des andern werden, bis sie den Hader endlich dadurch schlichteten, dass beide die eingetauschten Namen behielten und also die Otaheiter nachahmten, bei denen Liebende auch die Namen mit den Herzen wechseln. Da es schon mehre Jahre her ist, dass mein Held durch den befreundeten Namendieb um seinen ehrlichen Namen gekommen und dafur den andern ehrlichen eingewechselt: so kann ichs nicht anders machen in meinen Kapiteln, ich muss ihn als Firmian Stanislaus Siebenkas in der Liste fortfuhren, wie ich ihn bei der Schwelle vorstellte und den andern als Leibgeber , ob mir gleich kein Kunstrichter zu sagen braucht, dass der mehr komische Name Siebenkas besser fur den mehr humoristischen Ankommling passe, den einmal die Welt noch genauer kennen lernen soll als mich selber4.
Als beide Ebenbilder einander in der Kirche erblickten, lockerten und krauselten sich ihre errotenden Gesichter sonderbar, uber die der Zuschauer so lange lachelte, bis er sie mit den im flussigen Feuer der geruhrtesten Liebe schwimmenden Augen zusammenhielt. Leibgeber zog im Chore unter dem Ringwechsel eine Schere und ein schwarzes Quartblatt aus der Tasche und schnitt von ferne das Gesicht der Braut in sein Schattenpapier hinein. Die Schattenreisserei gab er gewohnlich fur die Proviantbackerei auf seinen ewigen Reisen aus, und ich fuhre da der seltsame Mann, wie es scheint, nicht entdecken will, auf welchen Hohen sich die Quellen sammeln, die ihm unten in den Talern springen lieber gutmutig und glaubig an, dass er oft uber seine Schattenreisserei zu sagen pflegte: fallen doch schon vom Beschneiden fur den Buchbinder, den Briefsteller, den Advokaten Brotschnitte mit den weissen Papierschnitzeln ab; mit schwarzen aber, es sei von Schattenrissen oder von weissen Trauerbriefen mit schwarzen Randern, falle noch mehr ab, und verstehe man vollends die freie Kunst, seinen Nebenchristen vermittelst mehrer Glieder schwarz abzubilden, z.B. vermittelst der Zunge, was er ein wenig konne, so laute die Fortuna diese wahre babylonische Hure sich an der Essglocke und dem Wandelglockchen eines solchen Mannes halb lahm.
Noch unter dem Handeauflegen des Diakonus kam Leibgeber herunter und trat hart an den rotsamtnen Altarschemel und hielt, als es aus war, nach einer halbjahrigen Trennung und bei einer solchen Verbindung folgende etwas lange Anrede: "Guten Morgen, Siebenkas!" Mehr sagten sie einander nach Jahren nie; und so wird ihm bei der Auferstehung der Toten Siebenkas auch gerade so repartieren wie heute: "Guten Morgen, Leibgeber!" Das zwolfstundige Auslachen aber, das oft Freunde einander leicht in der Ferne drohen, wurde dem mit allem Humor vereinbarlichen Zartgefuhl durch die Ruhrung unmoglich, womit man seinen Freund in den Vorhof eines neuen labyrinthischen Gebaudes unseres unterirdischen Daseins treten sieht.
Ich bekomme jetzo vor meinen Schreibtisch die lange Hochzeittafel gestellt, bei welcher zu bedauern ist, dass kein Gemalde davon an den mit Herkulaneum untergesunknen Vasen steht man hatt' es mit herausgescharrt und in den herkulanischen Zeichnungen matt kopieret und diese Nachzeichnung konnt' ich dann statt alles hersetzen. Wenige haben eine bessere Meinung von dem Vermogen meiner Feder als ich selber; aber ich sehe vollig, dass es meines und ihres ubersteigt, nur zur Halfte und schlecht in schwarzer Manier darzustellen, wie es den Gasten schmeckte (es waren fast so viele da als Stuhle) wie noch dazu kein einziger Schelm unter den ehrlichen Leuten sass (denn der Vormund des Brautigams, der Heimlicher von Blaise, hatte sich entschuldigen und sagen lassen, er vomiere) wie der Haus- oder Mietherr, ein lustiger, schwindsuchtiger Sachse, durch sein Pudern und Trinken nicht in die Welt hinein lebte, sondern aus ihr hinaus wie man an die Glaser mit der Gabel und auf die Teller mit den Markknochen schlug, um jene zu fullen, um diese zu leeren wie im ganzen Hause niemand, weder der Schuster, noch der Buchbinder, arbeitete, ausser unter dem Essen, und wie sogar die alte unter dem mausfarbnen Tore verhokende Sabel (Sabine) heute ihren Kramladen nicht erst mit dem Tore geschlossen, sondern vorher wie nicht bloss ein Gang aufgetragen wurde, sondern ein zweiter, ein Doppelganger. Wer freilich an grossen Tafeln gegessen und da gesehen hat, wie funf Schusseln, wenn zwei Gange sind, sich nach Ranggesetzen stellen mussen: dem ist es nichts Unerhortes oder Uberprachtiges, dass Siebenkas die Peruckenmacherin hatte alles gemacht beim ersten Gange stellen liess 1. ins Zentrum den Suppen-Zuber oder Fleischbruh
Weiher, worin man mit den Loffeln krebsen konn
te, wiewohl die Krebse, wie die Biber, in diesem
Wasser nicht mehr hatten als Robespierre damals
im Konvent, namlich nur den Schwanz 2. in die erste Welt-Ecke einen schonen Rind-Torso
oder Fleischwurfel als Postament des ganzen Ess
Kunstwerks 3. in die zweite ein Eingeschneizel, eine vollstandige
Musterkarte der Fleischbank susslich traktiert 4. in die dritte einen Behemoth von Teich-Karpfen,
der den Propheten Jonas hatte verschlingen konnen,
der aber das Schicksal des Mannes selber teilte 5. in die vierte das gebackne Huhnerbaus einer Paste
te, worein das Geflugel, wie das Volk in einen
Landtagsaal, seine besten Glieder abgeschickt
hatte. Ich kann mir und den Leserinnen das Vergnugen nicht versagen, nur ein schwaches Kuchenstuck vom zweiten Gange zu entwerfen.
1. In der Mitte stand, wie ein Gartenblumenkorb, eine Panse von Kapuzinersalat 2. dann stellten sich die vier syllogistischen Figuren oder vier Fakultaten in ihre vier Winkel. Im ersten Tafelwinkel sass als erste Figur und Fakultat ein Hase, der als Gegenfussler eines Barfussers noch seinen naturlichen Pelzstiefel in der Pfanne anbehalten und der, wie Leibgeber richtig anmerkte, aus dem Felde als Widerspiel des Fussvolkes trotz den feindlichen Flinten mit gesunden Beinen in die Schussel gekommen. Die zweite syllogistische Figur wurde von einer Rindzunge gemacht, die schwarz war, nicht durch Disputieren, sondern durch Rauchern. Die dritte, Krauskohl, aber ohne die Strunke, sonst die Speise der beiden vorigen Fakultaten, wurde jetzo als das Zugemuse derselben verspeist; so steigt in der Welt der eine und fallt der andere. Die Schlussfigur bestand aus den drei Figuren des Brautpaars und eines etwanigen Tauflings, in Butter gebacken; diese drei verklarten Leiber, die wie die drei Manner unversehrt aus dem feurigen Ofen kamen und Rosinen statt der Seelen hatten, wurden von den Menschenfressern der Gesellschaft, wie Untertanen, mit Haut und Haar aufgefressen, einige Armchen des Infanten ausgenommen, der wie der Vogel Phonix noch fruher personifiziert wurde, als er da war.
Das Gemalde greift mich an. Inzwischen musst' es koloriert sein, und es war uber den Schmaus-Luxus nicht etwan dadurch wegzuwischen, dass ich ihn leicht mit einem kurfurstlich-sachsischen verglichen und erlautert hatte. Es ist wahr, Kurfursten dieses Kreises brauchen viel (daher man sie sonst alljahrlich wog), und es ist mir recht gut bewusst, dass zu Anfang des 16ten Sakulums ein sachsischer Rendant folgenden Artikel in sein Rechnungbuch eingetragen: "Heute ist unser gnadiger Kurfurst mit seinem Hofstaat zum Weine gewesen, wofur ich funfzehn Gulden habe zahlen mussen. Das heiss' ich schlampampen." Aber was wurde der sachsische Rendant geschrieben, wie wurde er die Hande vor Erstaunen in die Hohe gehoben haben, wenn er in meinem ersten Kapitel ersehen hatte, dass ein Armenadvokat noch drei Gulden sieben Groschen mehr vertan als sein Kurfurst!
Die Quellen der Lust sprangen, wie manche physische, die am Tage stocken, abends immer hoher in der Brust der Gaste auf. Die zwei Advokaten sagten zwar der Gesellschaft, es sei, wie sie sich von Universitaten her erinnerten, das Recht eines Deutschen, sich voll zu trinken, gar sehr beschnitten durch Kaiser und Reich, und die Reichsabschiede von 1512, 1531, 1548 und 1577 gestatteten keine Trunkenheit; aber sie verhielten auch nicht, dass Kuhschnappel wie jeder Reichsstand das Recht besitze, Reichsgesetze, insofern es Privatgesetze sind, auf seinem eignen Gebiete zu verwerfen. Bloss der Schulrat wusste etwas (zwanzigmal schuttelte er daruber innerlich den Kopf) gar nicht, wie ers zu nehmen habe, dass namlich zwei Gelehrte, wenigstens zwei Advokaten, mit so ungelehrten Plebejern und Ignoranten und leeren Kopfen, als hier sich auf die Ellenbogen stutzten, ganz ernsthaft zu lachen vermochten, ja zu reden uber ihre wahren Lappalien. Mehr als einmal knupfte er Faden gelehrterer Unterhaltung an uber die neuesten gefeiltesten Schulreden und uber so viele parteiische Rezensionen davon; aber die Advokaten machten sich aus den Faden nichts, sondern liessen sich vom Buchbinder die Gesellenrede hersagen, die er vor dem Meisterwerden gehalten, an welche der Schuster von selber noch die Schuhknechtrede annahte und anschuhte.
Siebenkas merkte uberhaupt vor der ganzen Tafel an, die vornehmen Zirkel seien viel ernsthafter und langweiliger und leerer als die gemeinen; dort spreche man wochenlang davon, wenn einmal ein Fest ohne verdammte Langeweile zum Umkommen ausgefallen, hier aber trage jeder zum frohen Reden-Pickenick so viel zu, dass es selten an etwas anderem fehle als an Bier. "O!" fuhr er fort, "bedachte doch jeder aus unserem Stande, um den tiefern wahrhaft zu beneiden, wie so sehr im figurlichen Sinne das zutrifft, was im eigentlichen langst wahr ist, dass grobe Leinwand besser warm halt als feine oder gar Seidenzeug, so wie ein holzernes Haus mehr heizt als ein steinernes im Sommer kuhlt es wieder weniger als dieses , oder so wie das schwarze grobe Roggenmehl nach allen Arzten ungleich nahrhafter ist als das weisse feine. So will es mir nicht einleuchten, dass in Paris Damen, welche diamantne Haarnadeln tragen, nur halb so reinheitere Jahre erleben als die Weiber, die sich dort davon erhalten, dass sie schlechte Haarnadeln aus dem Gassenkehricht auflesen; ferner mancher, der bloss mit durren Tannenzapfen heizt, die er als Tannen-Surrogat vorher selber eingetragen" (hier dachte die holzsparende Tischgesellschaft sehr an sich) "kann oft ebensogut fahren als mancher, der grune in Zucker einmachen und verspeisen kann."
"Freund Armen-Advokat", versetzte Leibgeber, "wie trefft Ihrs! In Kneip' und Krug kriegt jeder seine noch so schwere Not zum Gluck auf einmal, er bekommt seine Prugel, seine Fusstritte, seine Schimpfworte sofort plotzlich; die Lust aber steigt schon allmahlich mit der Rechnung. Anders gehts in Palasten; in einem Palais fur den palais bekommen die Lust alle auf einmal und zu gleicher Zeit ins Maul (so wie die Blattlause alle zu gleicher Zeit die Steisse heben und den Honig ausspritzen5) hier wird er namlich ebenso gleichzeitig und gesellig aufgefasst; Langeweile hingegen, Uberdruss und Ekel sind Sachen, welche erst allmahlich, geschickt unter die mannigfachen Freuden verteilt, von einem ganzen langen Festin beigebracht und mitgeteilt werden, so wie man den Hund mit einem Brechmittel ganz uberstreicht, damit ers langsam ablecke und so in sich bringe zum Vonsichgeben."
Und mehr dergleichen Reden wurden vorgebracht. Ist einmal eine Lust gross: so wird sie naturlicherweise noch grosser. Viele Gemeine aus der Sitzung machten vom Vorrechte des Trunks und der Spezialinquisition, namlich du zu sagen, untereinander Gebrauch. Ja der Herr im Rotpluschrock (der Rat trug ihn gerne in Hundstagferien) spitzte das Maul und lachelte schmelzend, wie betagte Jungfern vor betagten Junggesellen, und gab Winke, er verwahre daheim zwei echte horazische Flaschen Champagner. "Also gewiss Non-mousseux?" versetzte fragweise Leibgeber. Der Schulrat, der grade den bessern Champagnerwein fur den schlechtern ansah, antwortete mit einigem Selber-Bewusstsein: "Moussiert er nicht, nun gut, so schwor' ich, dass ich ihn allein austrinken will." Die Flaschen erschienen. Mit Vorsicht feilte Leibgeber an der ersten die Sperrkette der Fruchtsperre ab und zog ihr den Stechhelm aus und offnete sie wie ein Testament.... Ich bleibe dabei, wenn einmal die zwei Balsampappeln des Lebens, der Witz und die Menschenliebe, abgedorret sind bis an den Wipfel: so ist ihnen noch nachzuhelfen durch einen rechten Guss aus dem Sprengkrug besagter Flaschen in drei Minuten werden die Storzeln treiben. Als die Folie des Getranks, der silberne Schaum, in den Kopfen zu auflaufenden Luftschlossern geschlagen wurde: wie blinkte und gischte da jedes Gehirn! Welche bunte fliegende Blasen warfen nicht alle Ideen des Schulrats Stiefel, die einfachen sowohl als die zusammengesetzten, desgleichen die angebornen und die fixen! Kann es denn je vergessen werden, dass er keine gelehrten Anzeigen mehr machte als die von Lenettens Reizen, und dass er Siebenkasen anvertrauete, er wunsche sich zu beweiben, freilich nicht sowohl mit der zehnten Muse oder vierten Grazie oder zweiten Venus denn er wisse wohl, wer diese schon habe , aber so etwa mit einer Stiefgottin und weitlauftigen Verwandten davon. Wahrend der ganzen Fahrt, sagte er, sei er auf dem Kutschkasten ordentlich wie auf einem Predigtstuhle gesessen und habe der Braut das Gluck des Ehestandes mit allen moglichen Farben vorgehalten und es ihr so lebhaft vorgeschildert, dass er sich ordentlich selber darnach gesehnt; und der Brautigam wurde ihm gedankt haben, dass sie ihn so dankbar dafur angesehen. Und in der Tat stand der Braut alles, besonders der Abend, unbeschreiblich schon, am meisten dieses, dass sie an einem solchen Ehrentage mehr diente als bedient wurde dass sie sich leicht gemacht und in die Hauskleidung geworfen hatte dass sie so spat Privatstunden uber die Kuche bei ihren weiblichen Gasten nahm, die ihr nach eigenen Diktaten lasen und dass sie schon auf morgen Vorsorge traf. In der Begeisterung machte Stiefel sich an Dinge, die fast unmoglich waren er stellte seinen linken Arm als Stauber unter den rechten und erhielt diesen und die Fracht des pluschnen Armels waagrecht und schneuzte damit offentlich das Licht, jedoch nicht ungelenk, sondern einem Gartner ahnlich, der an einer Stange die Baumschere hinaufhalt und unten durch leichtes Zuziehen oben alles beschneidet er hielt geradezu bei Leibgebern um den Schattenschnitt Lenettens an und nachher beim Abschied versuchte er sogar (das war das einzige Unternehmen uber seine Krafte) ihre Hand zu fangen und solche zu kussen.
Endlich waren alle Freudenfeuer des kleinen frohen Bundes niedergebrannt wie die Lichter, und die Nacht grub einen Edenfluss um den andern ab. Der Gaste und Lichter wurden weniger; jetzo war nur noch ein Gast da, der Rat Stiefel (denn Leibgeber ist keiner), und ein langes Licht. Es ist eine schone erweichende Minute, nach dem Aussummen eines brausenden Gastmahl-Gelautes noch mit einigen da zu sitzen und stiller, oft truber, sich in den Nachklang der Freude zu verlieren. Endlich brach der Rat das vorletzte Zelt dieses Lustlagers ab und wich; aber er litt es nicht, dass Finger, an welche seine Lippen mit allem Schnappen nicht kommen konnten, sich um einen kalten Messingleuchter legen sollten, um ihn hinunterzuleuchten. Leibgeber musste zum Leuchter dienen. Jetzo sass, Hand in Hand, das Brautpaar zum erstenmal allein im Finstern nebeneinander....
Schone Stunde, worin in jeder Wolke ein lachelnder Engel stand und aus jeder statt der Regentropfen Blumen niederwarf, moge dein Widerschein bis auf mein Papier langen und da noch sichtbar sein!
Der Neuvermahlte hatte noch nie seine Braut gekusst. Er wusste oder glaubte, sein Gesicht sei mehr geistreich, angespannt, eckig und scharf als glattschon; und da er noch dazu seine Gestalt immer selber lacherlich machte: so meinte er, sie komme auch andern so vor. Daher bracht' er, der sich sonst uber die Augen und Zungen einer ganzen Gasse wegsetzte, doch nicht so viel Mut zusammen, um, ausser den Zeiten der freundschaftlichen Dithyramben, nur seinen Leibgeber zu kussen, geschweige seine Lenette. Er druckte ihre Hand jetzo heftiger und wandte kuhn sein Gesicht gegen ihres, zumal da er nichts sehen konnte, und wunschte, die Treppe habe so viel Staffeln wie der Munsterturm, damit Leibgeber spater mit dem Lichte erschiene. Auf einmal hupfte ein gleitender bebender Kuss uber seinen Mund und nun schlugen alle Flammen seiner Liebe aus der weggewehten Asche auf. Denn Lenette, so unschuldig wie ein Kind, glaubte, es sei die Pflicht der Braut, diesen Kuss zu geben. Er umfasste die zagende Geberin mit aufmerksamer schuchterner Kuhnheit und gluhte mit allem Feuer, das ihm Liebe, Wein und Freude gaben, auf ihren Lippen mit seinen; aber sie wandte so sonderbar ist dieses Geschlecht den gefesselten Mund von dem brennenden ab und kehrte den begluckten Lippen wieder die Wangen zu. Und hier blieb der bescheidene Gatte mit einem langen Kusse ruhen und druckte seine Wonne bloss durch unaussprechlichsusse Tranen aus, die wie glimmende Naphthatropfen auf Lenettens Wangen fielen und darauf in ihr zitterndes Herz. Sie lehnte das Angesicht immer weiter zuruck; aber im schonen Staunen uber seine Liebe zog sie ihn doch enger an sich.
Er liess sie, eh' sein Liebling kam. Der auf den Brautigam gefallene verraterische Puderschnee dieser Schmetterlingstaub, der vom kleinsten Anfassen dieser weissen Schmetterlinge an den Fingern bleibt, daher Pitt mit Bedacht 1795, eine Taxe auf den Puder legte entdeckte ihm wenig; aber alles erzahlten ihm die nassschimmernden Augen seines Freundes und der Braut. Beide Freunde sahen sich lange verlegen-lachelnd an, und Lenette blickte nieder. Leibgeber sagte zweimal hm! hm! und bemerkte endlich aus Angst: "Unser Abend war ganz schon" und stellte sich, um nicht angeschauet zu werden, hinter den Stuhl des Brautigams und legte seine Hand auf dessen Achsel und druckte diese recht herzlich; aber jetzo konnte der Gluckliche sich nicht mehr bezwingen, er stand auf, entbehrte die Hand der Braut freiwillig, und nun ruhten zwei Freunde, von Engeln verknupft, von Himmeln umgehen, nach der langen Sehnsucht des ganzen Tages gleichsam den Augenblick des heutigen Wiedersehens nachfeiernd, in mannlich-stiller Umarmung aneinander. Im steigenden Taumel wollte der Gatte, um das hohe Bundnis zu erweitern, seine Geliebte in das Umfassen seines Geliebten ziehen; aber Braut und Freund blieben geschieden auseinander und umfassten nur ihn allein. Und drei reine Himmel waren in drei reinen Herzen glanzend aufgetan und nichts war darin als Gott, Liebe und Freude und die kleine Erden-Trane, die an allen unsern Freudenblumen hangt.
Die Seligen, von ungewohnten Ruhrungen uberwunden und sich fast befremdet, hatten nicht den Mut, sich in die weinenden Augen zu sehen; und der Freund des Brautpaars verliess still das Zimmer und sagte weder Wunsch noch gute Nacht.
Zweites Kapitel
Hausscherze Besuchfahren der Zeitungartikel
verliebte Zankerei samt einigen Injurien
antipathetische Dinte an der Wand Freundschaft der Satiriker Regierung der Reichsstadt Kuhschnappel Manches Leben ist eben so angenehm zu schreiben als zu fuhren; besonders verbreitet der Stoff des gegenwartigen, gleich dem gedrechselten Rosenholz, den anmutigsten Geruch noch auf meiner Drechselbank. Siebenkas stand zwar am Mittwoch auf, aber erst am Sonntag wollt' er seiner emsigen Huldin, die heute ihren Haubenstock noch fruher als sich unter die Haube brachte, die Silberstangen der Vormundschaftkassa, in Loschpapier eingerollt, als Sturmpfahle des Lebens in die Hande geben; zumal da er nicht anders konnte, indem der Vormund bis Sonnabends ausser Landes, d.h. aus der Stadt gefahren war. "Ich kann dir gar nicht sagen, alter Leibgeber", sagte Siebenkas, "wie ich den Jubel meiner Frau daruber schon voraus durchschmecke. Wahrlich ihr zu Gefallen mocht' ich ordentlich dreissigtausend Taler haben. Die Gute lebte bisher nur von Haube zu Haube; aber wie wird sie sich am Sonntage auf einmal als eine gemachte Frau begrussen, wenn sie hundert HaushaltEntwurfe ausfuhren kann, die sie (merk' ich recht gut) schon im Kopfe herum tragt. Und dann mit dem Silber, Alter, soll gleich nach der Vesperpredigt meine Silber-Hochzeit angehen fur eine guten halben Gulden Bier soll in allen Stuben verteilet werden. Hore! warum soll die Taube oder der Spatz meines Hymens nicht so viel Bier auf die Leute spritzen, als der zweikopfige Adler in Frankfurt Wein bei der Kronung ausspeiet?" Leibgeber versetzte: "Darum nicht, weil seine Fange eine ganz andere Kelter sind und der saure Wein, eigentlich die Beerhulsen, nur das Gewolle, das kein Adler behalten mag."
Es wurde mir nichts helfen weil doch hundert Kuhschnappler im Reichs-Anzeiger mich berichtigen wurden , wenn ich hier lugen (wie ichs wohl wunschte) und berichten wollte, die beiden Advokaten hatten die kurze Woche ihres Beisammenseins mit jenem Anstand und Ernste verbracht, welcher, so wie dem Menschen uberhaupt so anstandig, noch besonders ihm als Gelehrten die Achtung der gemeinsten Seelen zusichert, geschweige kuhschnappelischer.
Leider muss ich aus einem andern Tone singen. Leibgeber zeigte im Marktflecken Kuhschnappel so wie in allen Reichs und Landstadten nichts weniger als wahren Ernst. Auch im Flecken war es sein erstes, sich in den Klub einzufuhren als fremder Kunstler, um sich in einen Kanapee-Winkel zu legen und ohne geringsten Wort- und Silbenwechsel offentlich vor der Erholung (so hiess der Klub) einzuschlafen. So halt' ers, sagt' er, gern in allen Stadten, die mit Klubs, Kasinen, Harmonien, Museen versehen waren; denn nachts ordentlich vernunftig zu schlafen in der menschenleeren Bettstelle sei wenigstens er selten imstande, bei den lauten Gedankenschlagereien in seinem Kopfe und bei den entzundeten Pulverschlangen von Bilderprozessionen, die mit einem Toben durcheinander schossen, dass man sein eigenes Ich kaum hore und sehe. Sitz' er hingegen in einem Klubkanapee zuruckgelehnt: so falle alles weg und Waffenstillstand der Gedanken stelle sich ein; das herrliche Durcheinandersprechen der Gesellschaft, das politische und andere Sprech-Pickenick trefflicher, recht zu ihrer Zeit gesprochenen Worter, von denen er bald nur eine ultima, bald nur eine antepenultima vernehme, dies laute schon einigen Schlummer ein. Geh' es aber noch grundlicher zu, werde mit wahrer Strenge ein Satz durchgefochten und von allen Seiten aufs scharfste untersucht durch einen Schrei-Kehraus: so entschlaf' er so fest wie eine Blume, die der Sturm bewegt und nicht erweckt; und sein Quecksilber sei vollig fixiert.
Ein paar Stadte, die ich kenne, mussen sich gewiss noch eines Mannes, der als Fremder immer in ihren Erholungen und Harmonien geschlafen, erinnern und noch an die heiter umblickenden Augen denken, womit er stets vom Kanapee aufstand und den Hut nahm, als wollt' er sagen: habt Dank fur meine Auffrischung!
Indes Leibgebern seh' ich in Kuhschnappel jedes Schlafen und Wachen nach, da er bald wieder in alle Welt geht; aber es kann mir nie gleichgultig sein, dass mein eigner Held, der sich da mit der Frau grade ansetzt und dessen Streiche ich darauf samt den andern Streichen, die er dafur empfangt, zu malen bekomme, sich geradeso auffuhrt, als heiss' er Leibgeber, was doch der Fall langst nicht mehr ist, da er schon seinem Vormunde angezeigt, dass er seinen Namen gegen den Siebenkas umgetauscht. War es z.B. um nur eins zu rugen nicht auf wahre Possenspiele angelegt, dass, als die Kurrende (die arme Schulerschaft der Alumnen) vor den besten geistlichen Hausern ihnen gegenuber den herkommlichen Bettel- und Gassengesang anstimmen und durchfugieren wollte, erstlich Leibgeber seinen Saufinder (ohne einen grossen Hund konnt' er nicht leben) in einer geschmackvollen Kindbetterin-Haube aus dem Fenster schauen liess? Und war es zweitens etwas Gesetzteres, dass Siebenkas im Angesichte der Singschule hastig in Zitronen einbiss und dadurch die Speicheldrusen der ganzen Schule aufschloss? Der Erfolg lehrte es genug: die Sanger konnten die Lippen vor dem gehaubten Saufinder so wenig zu ordentlichem Singen zusammenziehen, als einer, der lachen will, zu pfeifen vermag. Und wurden nicht nur durch die aufgesperrten Drusen alle Singwerkzeuge unter Wasser gesetzt, und jeder Ton musste muhsam genug durch Speichel waten? Ja war diese ganze, ordentlich lacherliche Storung samtlicher Strassensanger nicht eben die Absicht beider Advokaten?
Freilich kommt Siebenkas fast noch halb voll akademischer Freiheiten zuruck und nimmt sich daher etwa einige heraus. Auch seh' ich die kleine Uberfulle der akademischen Jugend fur den Fettkorper an, welchen nach Reaumur, Bonnet und Cuvier die Raupe wahrend ihrer Verpuppung zur Nahrung des Schmetterlings verbraucht; von der Freiheit des Junglings muss die des Mannes zehren; und ein gebogner Musensohn kann nichts anders werden als ein kriechender Beamter auf vieren.
Indes verbrachten die beiden Freunde die nachsten Tage nicht ganz ausser der Ordnung bloss mit Schreiben von Besuchkarten. Mit diesen, worauf naturlich nichts stand als: "Es empfiehlt sich und seine Frau, eine geborne Egelkraut, der Armenadvokat Firmian Stanislaus Siebenkas" mit den Papieren und mit der Frau wollten beide am Sonnabend in der Reichsstadt herumfahren, und Leibgeber sollte vor jedem Gebaude von Stand herausspringen und den Denkzettel hinauftragen. Eine nicht unvernunftige Sitte solcher Stadte, die zu leben wissen! Aber die Gebruder Siebenkas und Leibgeber gingen doch nach allem Anschein in den reichsstadtischen und reichsdorfschaftlichen Fussstapfen der vernunftigsten Gebrauche mehr nur aus satirischer Bosheit einher und machten schone burgerliche Sitten zwar richtig nach, aber sehr zum Spasse; jeder war zugleich sein eigner spielender Kasperl und seine Frontloge. Es ware beleidigend, vom Marktflecken Kuhschnappel zu glauben, dass er in Siebenkasens Diensteifrigkeit, in allen Prozessionen dieses kleinen Staats in Kirchen hinein und hinaus und auf den Romer und auf die Schutzenwiese mitzuschreiten, das Vergnugen ganz ubersehen hatte, womit er durch seinen unausgesuchten Anzug und narrenhaften Aufschritt eine denkende und ausstaffierte Wesenkette mehr zu entstellen und zu verhunzen als wirklich zu verzieren dachte, und selber den wahren Eifer, womit er zu einem Ehren- und Schiessmitglied in die kuhschnappelsche Schutzengesellschaft eingeschrieben zu werden gestrebt, wollte man weniger seiner Abkunft von einem Jager als seiner Spasssucht zuschreiben. Was Leibgeber in solchen Sachen anlangt, so ist er ohnehin des Teufels lebendig, weil er reisefertig und junger ist.
Am Sonnabend fuhren beide denn im Marktflecken vor war irgendwo etwas vom Grandat des Fleckens wohnhaft, da hielt man still, gab den Passagierzettel ab, fuhr weiter und verstiess gegen nichts. Viele Herren und Damen schossen zwar Bocke und vermengten den Zetteltrager mit dem unten sitzenden jungen Ehemann; aber der Zetteltrager verblieb ernsthaft und wusste, der Spass habe seine Zeit. Die zuweilen radierten Blatter wurden nach dem Adresskalender abgereicht, erst an die regierenden Geschlechter, sowohl im Hohen als Kleinen Rate an die 70 Herren des Grossen und an die 13 des Kleinen Rats folglich bekam (denn daraus besteht der Kleine) der Schultheiss, der Seckelmeister (d.h. Finanzprasident), die 2 Venner (d.h. Finanzrate), der Heimlicher (sozusagen der Volktribun) und die restierenden 8 Ratherren jeder sein Blatt bis der Wagen herabfuhr und die kleinern Staatbedienten in den verschiedenen Kammern und Kommissionen mit ihren Karten versorgte, als da sind die Holz-, die Jager-, die Reformationkammer, welche letzte dem Luxus begegnet, und die Fleischtaxe-Kommission, die ein einziger Metzgermeister, aber ein guter alter Mann, verwaltet.
Ich muss besorgen, ich habe mir selber ein oder ein Paar Beine untergestellt, da ich der gelehrten und statistischen Welt von der reichsstadtischen Verfassung des Reichsmarktfleckens Kuhschnappel, der eigentlich eine kleine Reichsstadt ist und eine grosse war, nichts vormappieret habe, keinen Conspectus, keinen Grundriss, gar nichts. Gleichwohl kann ich hier mitten im Schusse des Kapitels unmoglich einhalten, sondern ich muss warten, bis wir alle unten am Ende stehen, wo ich die statistische Krambude bequemer aufschlage.
Das Rad der Fortuna fing bald an zu knarren und Kot auszuspritzen; denn als Leibgeber den AchtelsAushangebogen von Siebenkasens Ehestand ins Haus des Heimlichers v. Blaise, des Vormunds, trug, empfing eine lange, hagere, in Kattun-Wimpeln eingewindelte Storstange von Frau, die Heimlicherin, ihn zwar mit Warme, aber mit derjenigen, womit man gewohnlich Menschen prugelt, und welche auch die bedenklichen Worte aussprach: "Mein Mann ist Heimlicher in der Stadt, und er ist auch ganz und gar nicht zu Hause. Bei ihm ist nichts zu siebenkasen, er ist der Tutor und dabei der Vormund von den allernobelsten Patriziern. Man kann sich sogleich wieder fortscheren; denn bei ihm kommt man an den unrechten Mann." "Letztes sollt' ich selber glauben", versetzte Leibgeber.
Der Mundel Siebenkas suchte jetzo seinen Briefoder Blatttrager etwas mit der Frau durch die Bemerkung auszusohnen, dass sie wie alle gute Hunde den Fremden erst anbelle, eh' sie ihm apportiere; und als der angstlichere Freund ihn befragte: er werde doch allen giftigen Exzeptionen, die der Vormund aus dem Umtausche des Namens gegen die Auszahlung seiner Gelder saugen konnte, juristisch vorgelogen haben, so gab er ihm den Trost, er habe schon, eh' er sich als Siebenkas niedergelassen, sich die Meinung und den Beifall seines Vormunds schriftlich geben lassen; und zu Hause soll' ers sehen.
Aber zu Hause war der Brief von Blaise nirgends zu finden in keinem Koffer in keinen akademischen Heften nicht einmal unter den leeren Papieren er blieb weg. "Bin ich doch ein Narr!" sagte der Mundel, "brauch' ich ihn denn?"
"Komm lieber (sagte plotzlich in einem tiefern Tone sein Freund, der bisher die Sonnabendzeitungen uberblattert hatte, und steckte sie ein) und mach' einen Sprung ins Feld." Draussen gab er ihm verlegen das Intelligenzblatt von Schaffhausen den Schwabischen Merkur die Stuttgarter Zeitung und den Erlanger und sagte: "Da sieh deinen tutelarischen Halunken!"
In allen diesen Blattern standen die Parallelstellen: "Nachdem Hoseas Heinrich Leibgeber, jetzo in seinem 29. Jahre stehend, anno 1774 sich auf die Akademie Leipzig begeben, seit diesem Zeitraum aber nicht das geringste von sich horen lassen: also wird auf Ansuchen seines Vetters, des Hrn. Heimlichers v. Blaise, ihm das unter seiner vormundschaftlichen Verwaltung stehende Vermogen, bestehend in 1200 fl. rhnl., da die Verschollzeit verloffen, auszuantworten und zu ubergeben, besagter Hoseas Heinrich Leibgeber dergestalt edictaliter zitiert und vorgeladen, dass er oder seine rechtmassigen Leibeserben von dato in 6 Monaten, wovon 2 Monat fur den ersten, 2 Monat fur den zweiten und 2 Monat fur den letzten peremtorischen Termin anberaumet worden, sich bei hiesiger Erbschaftskammer zu melden, hinlanglich zu legitimieren und das Vermogen in Empfang zu nehmen oder widrigenfalls zu gewartigen habe, dass solches in Gemassheit des Ratsdekrets vom 24. Jul. de anno 1699, das jeden 10 Jahre Abwesenden pro mortuo erklaret, dessen erwahntem Vetter und Vormunde Hrn. von Blaise verabfolget und zugeteilet werde. Kuhschnappel in Schwaben, den 20. August 1785.
Erbschaftskammer der unmittelbaren
Reichsstadt Kuhschnappel."
Ich brauche dem juristischen Leser nicht zu sagen, dass das Ratdekret nicht mit dem Gerichtgebrauch von Bohmen, allwo 31 Jahre zur Verschollzeit notig sind, sondern mit dem vorigen in Frankreich harmoniere, wo 10 Jahre hinreichten. Und als der Advokat die letzte Zeile hinaus hatte und sie unbeweglich anstarrte: so nahm sein Seelenbruder freundschaftlich-zitternd seine Hand und sagte: "Du Lieber, ach, daran bin ich schuld durchs Namentauschen." "Du? o du? Bloss der Teufel. Aber der Brief muss sich finden", sagte er; und sie wiederholten beide die Haussuchung aller Brief-Behausungen. Nach einer Stunde stoberte Leibgeber ein mit dem zerbrockelten Siegel des Vormunds uberpichtes Schreiben aus, dessen grobes Papier und breiter bescheid-massiger Bruch ohne Umschlag verriet, dass es keine Frau, kein Hofund kein Kaufmann, sondern ein Kiel von einem ganz andern Feder-Vieh uberschrieben habe. Gleichwohl stand auf dem Briete nichts als Siebenkasens Name von Siebenkasens Hand weiter stand aussen und innen kein Wort. Ganz naturlich; denn der Advokat hatte den Schreibfehler an sich, auf den Umschlagen der Briefe seine Feder und seine Hand zu prufen und eine fremde und seinen Namen nachzuzirkeln.
Auch der innere Brief war sonst beschrieben gewesen; aber der Heimlicher Blasius hatte, um das unglaublich verschwendete Papier zu schonen, seine Anerkennung des eingetauschten Namens mit einer Dinte geschrieben, welche von selber wieder den Papierbogen verlasst und durch Verfliegen ihn gleichsam weiss wiederherstellt und rehabilitiert in integrum.
Ich tue vielleicht manchen Personen aus den hohern Standen, welche jetzo mehr als je Wechselbriefe und andere Verbriefungen zu schreiben haben, einen zufalligen Dienst, wenn ich hier das Rezept zu dieser Dinte, die nach der Vertrocknung verfliegt, getreu aus einem bewahrten Werke6 mitteile: Der Mann von Rang schabe von einem schwarzen feinen Tuche, wie er es etwa am Hofe tragt, die Oberflache ab reibe das Abschabsel noch klarer auf Marmor zusammen schlemme den zarten Tuchstaub mehrmals mit Wasser ab dann mache er ihn mit diesem an und schreibe damit seinen Wechselbrief: so wird er finden, dass, sobald die Feuchtigkeit weggedunstet, auch jeder Buchstabe des Wechsels als Staub nachgeflogen ist; der weisse Stern halt gleichsam seinen Austritt aus der Finsternis der Dinte.
Aber auch Inhabern und Prasentanten solcher Wechsel glaub' ich vielleicht ehensosehr als den Ausstellern gedient zu haben, indem sie kunftig eine Verschreibung nicht eher sicher anzunehmen haben, als bis sie eine Zeitlang an der Sonne gelegen.
Fruher hatt' ich in diesem Werke die tuchene Dinte ganz mit der sympathetischen verwechselt, welche auch nach kurzer Zeit verbleicht und verschwindet und gewohnlich bei den Praliminar- sowohl als Hauptrezessen der Fursten verschrieben wird, die aber rot aussieht. Einen Friedenschluss, der drei Jahr alt ist, kann ein Mann in seinen besten Jahren nicht mehr lesen, weil die rote Dinte das encaustum, womit sonst nur die romischen Kaiser schreiben durften zu leicht blass wird, wenn nicht Menschen genug, woraus man jene wie die Koschenillefarbe aus den Schildlausen zubereitet, aus unnutzem Geize mit solchen Farbenmaterialien dazu genommen worden; daher oft der Traktat wieder mit guten Instrumenten, den sogenannten Frieden-Instrumenten, vorn am Schiessgewehr in die Lander eingegraben und ausgestochen werden muss.
Beide Freunde verschwiegen der freudigen jungen Frau den ersten Schlag des Gewitters, das uber ihre Ehe aufzog. Am Sonntag vormittags unter der Kirche wollten beide den Heimlicher freundschaftlich besuchen er war leider darin. Nachmittags dachten sie ihm die unterhaltende Visite zu er machte selber eine in der Waisenhauskirche, nachdem vorher die ganze verwaisete Blutenlese von Knaben und Madchen eine bei ihm abgelegt, um von ihm als Waisenhausaufseher zum Handkuss gelassen zu werden; denn das Waisenhausinspektorat war, wie er wahr, aber bescheiden sagte, seinen unwurdigen Handen anvertrauet worden. Nach der Vesperpredigt hielt er seine eigene; kurz, dreifache geistliche Altargelander schnitten die beiden Advokaten von ihm ab. Schon handelte er, dass er seine Hausgenossen an demselben Tische mit sich zwar nicht essen, aber doch beten liess. Er verbrachte lieber den Sonntag als einen Werkeltag singend mit ihnen, weil er sie von der Sabbatschanderei, die in Arbeiten fur ihre eigne Rechnung, in Nahen, Flicken etc. bestand, am besten durch Andacht abzog; und uberhaupt wurde so der Tag am besten in einem Rust- und Exerziertag der ganzen Woche verlebt, wie auch auf die Sonntage die Komodianten an den Orten, wo sie nicht spielen durfen, die Komodienproben verlegen.
Inzwischen rat' ich Kranklichen, nicht an solche schone himmelblaue Gewachse nahe zu treten oder zu riechen, die der Weinberg der Kirche nur zur Zierde hat, wie ein englischer Garten sich mit dem schonen Napellus (aconitum Nap.) und mit seinem himmeloder jesuiter-blauen7 mannshoch und pyramidalisch aufsteigenden giftigen Blumen putzt. Solche Leute wie Blaise besteigen nicht nur den Sinai und die Schadelstatte, um gleich den Ziegen unter dem Steigen zu weiden: sondern sie suchen die heiligen Hohen, um von da Angriffe herab zu tun, wie gute Generale die Hohen, besonders die Galgenstatten besetzen. Der Heimlicher erhebt sich ofter, obwohl aus gleichen Absichten, von der Erde in den Himmel als Blanchard, ja er ist imstande, halbe Tage lang seine Seele in jenem Fluge zu erhalten worin ers doch dem fliegenden Drachen des Konigs von Siam nicht nachtut, welchen Mandarinen zwei Monate lang oben in der Hohe abwechselnd zu erhalten wissen ; aber er steigt nicht wie die Lerche, um droben zu musizieren, sondern wie der edle Falke, um auf etwas zu stossen. Seh' ich ihn auf einem Olberg beten, so will er eine Olmuhle droben bauen; oder weinet er am Bache Kidron, so will er drinnen kreisen oder einen hineinwerfen. Er betet, um die Irrwische der Sunden an sich zu locken er liegt auf dem Kniee, aber wie das erste Glied, um auf den, der gegenubersteht, Feuer zu geben er streckt freundschaftlich und warm die Arme aus, um jemand, z.B. einen Mundel, in die heissesten zu nehmen, aber nur wie der geheizte Moloch, um die Inlage zu Pulver zu brennen oder er faltet die betenden Arme andachtig ubereinander, wie es auch die sogenannten eisernen Jungfern tun, zum Zerschneiden.
Endlich sahen die unruhigen Freunde, dass man, gleich Dieben, am ersten bei gewissen Leuten vorkomme, wenn man sich nicht melden lasset: noch Sonntags abends um 8 Uhr schritten sie sans facon in das Haus des Herrn v. Blaise (oder deutsch: Blasius) hinein. Alles war still und ode: sie gingen uber einen leeren Hausplatz in einen leeren Gesellschaftsaal, dessen halboffne Flugelture in die Hauskapelle sehen liess. Sie erblickten durch die Fuge bloss sechs Stuhle, auf deren jedem ein aufgeschlagenes umgesturztes Gesangbuch lag, und einen wachstuchenen Tisch mit Mullers "Himmlischem Seelenkuss" und Schlichthabers "Funffachen Dispositionen auf alle Sonn- und Festtage". Sie druckten sich durch die lange Ritze, und siehe, oben an der Tafel sass einsam der Heimlicher und setzte schlafend seine Andacht fort, mit der Federmutze unter dem Arm. Seine Haus- und Kirchendiener hatten ihm namlich (und das geschah sonntaglich) so lange vorgelesen, bis ihn der Schlaf zu einem Petrefakt oder einer Salzsaule gehartet hatte, weil ihm sowohl die gegessene als die getrunkene und die geistige Nahrung die Augen so schwer machte als den Kopf- oder auch, weil er wie alle Zuhorer unter dem Anwurf des gottlichen Samens gern die Augen zumachte, wie Leute, die sich pudern lassen oder weil Hauskapellen und Hauptkirchen noch den alten Tempeln gleichen, worin man die Orakel-Belehrungen schlafend empfing. Alsdann lasen die Bedienten immer leiser, um ihn allmahlich an das Verstummen zu gewohnen. Dann liess ihn die andachtige Dienerschaft in seiner betenden Richtung bis um 10 Uhr auf dem Stuhlbette angelehnt, und alles wanderte leise davon; um 10 Uhr (wo ohnehin die Frau Heimlicherin von Visiten wiederkam) schrie ihn der Hauskuster mit Beistand des Nachtwachters durch ein grelles Amen auf einmal aus dem Schlafe, und er setzte wieder etwas auf den kalten Kopf.
Heute fiels anders aus. Leibgeber klopfte mit dem Zwickel des Zeigefingers einige Male stark auf den Tisch, um den Vater des Marktfleckens aus dem ersten Schlafe zu bringen. Als der bei seinem Lever die beiden hagern Parodien und Kopeien voneinander erblickte: nahm er in der Bier- und Schlaftrunkenheit statt der entfallnen Mutze bloss eine glaserne Perucke herab vom Perucken-Kopf und setzte sie auf den seinigen. Sein Mundel redete ihn freundlich an und sagte, er woll' ihm hier seinen Freund vorstellen, mit dem er Namen troquiert und verstochen habe. Auch benennte er den Heimlicher gnadiger Herr Vetter und Pfleger. Leibgeber, wilder und erzurnter, weil er junger war und weil die Ungerechtigkeit nicht ihn selber betraf, feuerte um drei unhofliche Schritte naher vor den Ohren die Frage ab: "Wen von uns beiden haben Ew. Gnaden denn eigentlich pro mortuo erklaret, um ihn als einen Toten besser vorzuladen? Hier erscheinen zwei Gespenster auf einmal." Blaise wendete sich stolz von Leibgeber zu Siebenkas und sagte: "Wenn Sie nicht, mein Herr, die Kleidung so umgetauscht haben wie Dero Namen: so sind Sie die werte Person, mit der ich bisher die Ehre hatte, ofters zu sprechen. Oder sind Sie es vielleicht doch?" sagte er zu Leibgeber, der wie besessen schuttelte. "Nun fuhr er viel freundlicher fort muss ich Ihnen gestehen, Hr. Siebenkas, dass ich wirklich bisher der Meinung lebte, dass Sie dieselbe Person seien, die vor zehn Jahren von hier die Akademie bezogen und deren kleine Erbschaft ich in meine Tutel oder eigentlich Kuratel genommen. Zu meinem Irrtum, wenn es einer war, trug wohl die Ahnlichkeit das meiste bei, die Sie, mein Herr, mit meinem verschollenen Pupill praeter propter zu haben scheinen; denn manche tertia comparationis gehen Ihnen doch ab, z.B. ein Feuermal neben dem Ohr."
"Das dumme Mal", fuhr Leibgeber dazwischen, "hat er bloss meinetwegen mit einer Krote ausgewischt, weils wie ein Eselohr aussah und weil er nicht dachte, dass er mit dem Ohre zugleich einen Verwandten verscherze." "Das kann sein", sagte kalt der Vormund, "Sie mussen mir bezeugen, Hr. Advokat, dass ich schon gesonnen war, Ihnen heute die Erbschaft auszuzahlen; denn Ihre Versicherung, dass Sie Ihren vaterlichen Namen mit einem wildfremden vertauschet, konnt' ich nach Ihrem jokosen Humor recht gut bloss fur Scherz nehmen. Ich erfahr' aber in der vorigen Woche, dass Sie sich wirklich als Hr. Siebenkas proklamieren und kopulieren lassen und mehr dergleichen. Nun sprach ich mit dem Hrn. Grossweibel (Prasidenten) der Erbschaftkammer, meinem Schwiegersohn, Hrn. v. Knarnschilder, aus der Sache, der mir sagte, ich wurde gegen meine Pflicht und meine eigne Sicherheit verstossen, wenn ich die Erbschaftmasse wirklich aus den Handen gabe. 'Was wollten Sie exzipieren sagt' er ganz recht , wenn einmal der wahre Inhaber des Namens erschiene und Ihnen die zweite Extradierung der Pupillengelder abfoderte?' Und in der Tat ware es zu hart fur einen Mann, der bei so vielen Geschaften sich der beschwerlichen Kuratel, die ihm die Gesetze erlassen, bloss aus Liebe zu seinem Verwandten und aus Bruderliebe8 gegen alle seine Mitbruder unterzogen, zu hart war' es, sag' ich, wenn er dafur zum Lohne dieselbe Summe noch einmal aus seinem eignen Beutel zahlen musste. Inzwischen, Hr. Advokat Siebenkas, da ich fur mich als Privatperson die Rechtmassigkeit Ihrer Foderungen vielleicht mehr einraume, als Sie denken, da Sie aber als Rechtsgelehrter recht gut wissen, dass eine individuelle Uberzeugung noch immer keinen legalen Rechtsgrund abgibt, und dass ich hier nicht als Mensch, sondern als Tutor handeln muss: so war's wohl am besten, einer fur meine Wunsche weniger parteiischen Mittelperson, namlich der Erbschaftkammer, die Entscheidung zu uberlassen. Machen Sie mir nur bald, Hr. Advokat Siebenkas", endigte er lachelnder und die Hand auf dessen Schulter legend, "das Vergnugen, das gerichtlich bewiesen zu sehen, was ich bloss wunsche, dass Sie mein so lange verschollener Vetter Leibgeber sind."
"Sollte denn", sagte Leibgeber grimmig-gelassen und mit verschiedenen Laufern und Fugen auf dem Farbenklavier des Gesichts, "die kleine Ahnlichkeit, die Hr. Siebenkas da mit sich selber hat, namlich mit Dero Hrn. Pupill, sollte die nichts beweisend verfangen, wie eine ahnliche Ahnlichkeit bei der comparatio litterarum?" "Allerdings", sagte Blasius, "etwas, aber alles nicht: denn es gab viele PseudoNeros, und drei oder vier Pseudo-Sebastiane in Portugal und wenn Sie nun selber mein Hr. Vetter waren, Hr. Leibgeber?"
Dieser sprang schnell mit verandertem freudigen Tone auf und sagte: "Das bin ich auch, mein teuerster Hr. Vormund es war nur alles Probe und verzeihen Sie meinem Freunde da die kleine Verstellung." "Alles ganz wohl", versetzte er aufgeblasener; "aber Ihre eigenen Winkelzuge, meine Herren, mussen Sie nun doch von der Notwendigkeit einer obrigkeitlichen Indagation uberfuhren."
Das uberwaltigte den Armenadvokaten; er druckte die Hand seines Freundes, damit sich dieser bezahmte, und fragte mit einer vom Gefuhle fremden Hasses ordentlich niedergedruckten Stimme: "Haben Sie nie nach Leipzig an mich geschrieben?" "Wenn Sie mein Mundel sind", versetzte Blasius, "jawohl mehrmal; sind Sie es nicht, so haben Sie meine Briefe bloss auf eine andere Weise." Nun sagt' er noch weicher stammelnd: "Erinnern Sie sich keines Schreibens, worin Sie mir die Gefahrlosigkeit meines Namentausches versicherten, gar keines?" "Wahrhaftig, das ist lacherlich", versetzte Blaise, "dann ware die streitige Sache ja eben entschieden."
Hier legte Leibgeber an den Vater der Stadt die zehn Finger wie Nietnagel und erfasste jede Achsel wie einen Sattelknopf und machte ihn durch die Handeklammern an den Sessel fest und rollte die Worte heraus: "Kein Schreiben? keines, keines, alter ehrlicher grauer Schelm? Grunze nicht, ich erdrossele dich! Keines, o du treuer Gott! Ruhr dich nicht, Tutor, mein Hund reisst dir die Kehle heraus antworte leise kein Schreiben hast erhalten, sagst du?"
"Gern sag' ich nichts", lispelte Blasius, "da ja ohnehin im Zwange kein Zeugnis gelten kann." Jetzo zog Siebenkas seinen Freund von ihm weg, aber dieser sagte zum Saufinder: "Mordax, hui Sau!" hob vom Staatsdiener die glaserne Perucke ab und brach die wichtigsten Locken aus und sagte der Saufinder lag sprungrecht zu Siebenkas: "Schraub ihn fest, weils der Hund nicht tun soll, damit er mir zuhort, ich will ihm Fleuretten vorsagen, und lass ihn nicht Pap sagen. Hr. Heimlicher, geborner von Blasius, meine Absicht ist hier gar nicht, Ihnen Injurien anzutun oder gar improvisierte Pasquille vorzusagen, sondern ich will Sie vielmehr einen alten Spitzbuben nennen einen etwanigen Waisen-Rauber einen befirnisten Schelm und was dergleichen mehr ist, als z.B. einen polnischen Baren, dessen Fahrte wie eine Menschenspur9 aussieht. Solche Titel, die ich hier brauche, als Schelm Judas Strick" (er schlug bei jedem Worte den glasernen Turban als ein Becken bei der Janitscharenmusik gegen die andere Hand) " Schuft Blutigel, Tranenigel, solche Nominaldefinitionen sind keine Injurien und beleidigen nicht, erstlich weil man nach L. . de injur.10 die grossten Injurien ganz gut im Scherze sagen kann, und ich scherze hier und zur Verteidigung seines Rechts kann man stets injuriieren. Siehe Leyser11 Ja nach Quistorps peinlichem Rechte darf man die grobste Missetat ohne injuriandi animus vorwerfen, falls sie noch nicht untersucht und gestraft ist. Und ist denn deine Ehrlichkeit schon untersucht und gestraft, du althaariger unehrlicher Schlag? Und hast du nicht, gleich dem Heimlicher in Freiburg12, der aber ein besserer Mann sein wird, eine ganze Menge Jahre, wo man dich nicht angreifen soll.... Mordelement, aber ich greif' dich heute an, Mucker! Mordax!" Der Hund schaute nach Befehlen auf.
"Jetzo lasse nach", bat Siebenkas, welchen der niedergedruckte Sunder beklemmte.
"Den Augenblick; aber mach mich nur nicht wild", sagte Leibgeber, liess die entblatterte Perucke fallen und stellte sich auf sie und zog Schere und schwarzes Papier heraus. "Sehr gelassen will ich das ausgepolsterte Gesicht dieser betenden Schlafmutze ausschneiden und als gage d'amour mitnehmen. Ich kann doch das Ecce homunculus durch die halbe Welt herumtragen und sie bitten: prugl' ihn ab, selig ist, wer den Heimlicher Blasius in Kuhschnappel abprugelt noch vor seiner Abfahrt; ich war nur damals viel zu stark dazu."
"Den Bericht uber den Erfolg", fuhr er fort, gegen Siebenkas gewandt und einen guten Schattenriss zu Ende schneidend, "kann ich unserem Duck- und Kahlmauser da nicht eher mundlich abstatten als nach einem Jahre, weil alsdann die wenigen Injurien, womit ich den Schelm etwa konnte angetastet haben, nach den Gesetzen vollig verjahrt sind und wir wieder die vorigen Freunde geworden."
Unerwartet bat er darauf seinen Siebenkas, bei dem Saufinder zu bleiben er hatte ihn mit einem Fingerzeig als ein Beobachtcorps gegen den Heimlicher gestellt , indem er auf einen Augenblick hinaus musse. Da er namlich in Blaisens Prunksaale fur die kuhschnappelsche grosse und mittlere Welt die Papiertapeten und einen ungemein sinnreichen Ofen er war zur Gestalt der Gottin Themis ausgearbeitet, welche allerdings ebensooft versengt als erwarmt bei dem neulichen Besuche wahrgenommen: so hatt' er fur den jetzigen einen Iltispinsel und ein Glaschen Dinte mitgebracht, welche aus Kobold, in Scheidewasser aufgeloset, und einigem dazu getropfelten Salzgeiste bestand. Ungleich der schwarztuchenen Dinte, welche schon anfangs sichtbar ist und erst spater unsichtbar wird, erscheint diese sympathetische anfangs gar nicht und tritt auf dem Papier erst grun hervor, sobald dasselbe erwarmt worden. Leibgeber malte jetzo mit dem Iltispinsel auf die Papiertapete, welche dem Ofen oder der Themis zunachst stand, folgende unsichtbare Wandfibel hin:
"Die Gottin der Gerechtigkeit will sich hiermit bei allen Gasten dagegen verwahren, dass sie in effigie, in Bildnis, anstatt gehangen, sogar aufgestellt und nach Belieben erhitzt und erkaltet wird durch den InjustizMinister und den langst dem innern heimlichen Gericht verfallenen Heimlicher Blasius.
Von Rechts wegen, Themis"
Leibgeber hinterliess die stille Aussaat dieser Priestleyschen grunen Materie auf der Wand mit dem frohen Bewusstsein, dass kunftig im Winter, wenn der Saal von der Gottin recht warm geworden fur eine Prunkversammlung, auf einmal der ganze grune Markt vor ihr lustig aufschiessen werde.
So kehrte er in das Betkabinett zuruck und fand den Saufinder noch in der befohlenen offiziellen Anschauung und seinen Freund wieder in der Anschauung des Hunds. Er schied samt den andern ausserst hoflich und bat den Heimlicher sogar, ihn nicht bis auf die Gasse zu begleiten, weil Mordaxen einiges Zerreissen dann schwer zu verwehren sein mochte.
Auf der Gasse sagte er zu seinem Freunde: "Mache ja kein dummes Gesicht dazu ich flieg' ohnehin immer ab und zu bei dir begleite mich uber das Tor hinaus; ich muss heute noch uber eure Grenze wir wollen laufen, damit wir vor sechs Minuten auf furstlichen Grund und Boden kommen."
Als sie uber das Tor, d.h. uber dessen unpalmyrische Ruinen hinaus waren: stand die kristallene widerscheinende Grotte der Augustnacht aufgeschlossen und erleuchtet auf der dunkelgrunen Erde, und die Meerstille der Natur widersprach dem Sturme der menschlichen Brust; die Nacht zog die Himmeldecke voll stiller Sonnen ohne ein Luftchen uber die Erde herauf und unter sie hinab; die gefallten Saaten lagen ohne Rauschen in Garben um, und die eintonige Grille und ein harmloser alter Mann, der Schnecken fur die Schneckengrube zusammenlas, schienen allein im weiten Dunkel zu wohnen. Alles Zornfeuer war plotzlich in beiden niedergebrannt. Leibgeber sagte mit einem um zwei Oktaven herabspringenden Tone: "Gott sei Dank! das schreibt doch wieder einen friedlichen Vers um die innere Sturmglocke mir ist, als wenn die Nacht mit ihrem schwarzen Bezug meine Larmtrommel recht sanft zu einer Leichenmusik dampfte; und mit Vergnugen spur' ich mich nach so langem Gekeife etwas betrubt."
"War's nur nicht meinetwegen gewesen, alter Heinrich", versetzte Siebenkas, "dein lustiges Ergrimmen uber den abgeschabten Sunder!" "Du hattest", sagte Leibgeber, "ob du gleich sonst eine Satire den Leuten nicht so leicht ins Gesicht wirfst wie ich, an meiner Stelle noch arger getobt; man kann wohl an sich, besonders wenn man sanft ist wie ich, Misshandlungen ausstehen, aber nicht am Freunde; und leider bist du ja der Marterer meines Namens, heutiger Augen- und Blutzeuge der Sache zugleich. Sonst darf ich dir uberhaupt melden, wenn mich einmal der Teufel des Zorns reitet, oder eigentlich wenn ich ihn reite: so jag' ich gern die Mahre halbtot, bis sie umfallt, damit ich sie in einem Vierteljahre nicht wieder beschreiten kann. Aber dir hab' ich eine hubsche schwarze Suppe eingebrockt und lasse dich mit dem Loffel sitzen." Siebenkas stand schon lange in der Angst, er werde auf die 1200 Gulden Taufgelder seines Umtaufens, gleichsam auf das Abzuggeld seines Namens, kommen; er sagte daher so heiter und leicht, als es sein von der beschleunigten nachtlichen Trennung gepresster Busen erlaubte: "Ich und meine Frau haben in unsrer Konigsteinischen Festung noch Proviant genug, und wir konnen darin saen und ernten. Gott gebe nur, dass wir manchmal eine harte Nuss aufzubeissen haben; nach solchen Nussen schmeckt der Tischwein des verrauchten Lebens wieder besonders. Morgen setz' ich meine Klagschrift auf." Die Erweichung vor der bald ausschlagenden Abschiedstunde versteckten beide in komische Wendungen. Da die Doppeltganger13 vor eine Saule kamen, womit die aus England kommende **sche Furstin die Statte ihres Zusammentreffens mit ihrer von den Alpen steigenden Schwester bezeichnen lassen; und da dieses frohe Denkmal des Wiederfindens heute zu einem ganz anderen werden sollte: so sagte Leibgeber: "Jetzo marsch, zuruck! Deine Frau angstigt sich ab, es ist uber 11 Uhr. Dort ist schon euer Weichbild, der Rabenstein, eure Grenzfestung. Ich geh' ins Baireuthische und Sachsische vorderhand und schneide meinen Roggen, namlich fremde Gesichter und zuweilen meine eigenen narrischen dazu. Aus Spass seh' ich dich vielleicht nach einem Jahre und einem Tage wieder, wenn die Verbalinjurien ordentlich verjahrt sind. Im Vorbeigehen! (setzte er schnell hinzu) gib mir dein Ehrenwort, mir nur einen schwachen Gefallen zu tun." Er gabs voreilig. "Schicke mir mein Depositum14 nicht nach ein Klager braucht Verlagkosten. So lebe wohl, Teuerster!" das polterte er eilig heraus und lief nach einem geschwinden Kusse mir nichts dir nichts den kleinen Hugel hinab. Der besturzte Verlassene sah dem Laufer nach, ohne seinen Abschied mit einem Laute zu begleiten. Im Tale hielt der Laufer an und buckte sich tief und band seine Strumpfbander weiter. "Hattest du das nicht", rief Siebenkas, "da oben tun konnen?" und lief hinab und sagte: "Wir bleiben bis zum Rabensteine beieinander." Das Sandbad und das Reverberierfeuer eines edlen Zorns machte heute alle ihre welchen Empfindungen heisser, wie ein hitziges Klima Gifte und Gewurze verstarkt. Da der erste Abschied schon die Augen ubergossen hatte: so konnten sie nichts mehr beherrschen als die Stimme und den Ausdruck. "Du bist doch gesund nach der Argernis?" sagte Siebenkas. "Wenn der Tod der Haustiere den Tod des Hausherrn bedeutet, wie die Leute glauben", sagte Leibgeber, "so leb' ich ewig; denn meine Menagerie15 von Tieren ist noch frisch und gesund." Endlich stockten sie vor dem Markthaufen des Marktfleckens, vor der Gerichtstatte: "Ei nur gar hinauf!" sagte Siebenkas.
Als sie diesen Grenzhugel so manches verungluckten Daseins erstiegen hatten und als er auf den mit Grun durchbrochnen steinernen Altar so manches schuldlosen Opfers niederblickte und sich es in der verfinsterten Minute vorstellte, welche schwere gequalte Bluttropfen, welche brennende Tranen oft von gepeinigten und vom Staat und vom Liebhaber gemordeten Kindermorderinnen16 auf diese ihre letzte und kurzeste Folterbank, auf diesen Blutacker gefallen waren und als er von dieser letzten Nebelbank des Lebens uber die weite Erde blickte, um deren Grenzen und uber deren Bachen die Dunste der Nacht aufdampften: so nahm er weinend seines Freundes Hand und blickte in den freien gestirnten Himmel und sagte: "Dort druben mussen sich doch die Nebel unserer Tage einmal in Gestirne zerteilen, wie die Nebel in der Milchstrasse in Sonnen zerfallen. Heinrich! glaubst du noch nicht an die Unsterblichkeit der Seele?"
"Freund!" antwortete Leibgeber, "noch will es nicht gehen. Verdient Blasius doch kaum, einmal zu leben, geschweige zwei- und mehrmal. Freilich will mirs zuweilen bedunken, als musse ein Stuck von der andern Welt in diese mit hereingemalt werden, damit sie ganz und gerundet werde, wie ich oft an den Seiten der Gemalde fremde Dinge zur Halfte angemalt gesehen, damit die Hauptvorstellung vom Rahmen abgeloset und ein Ganzes wurde. In dieser Minute aber kommen mir die Menschen wie die Krebse vor, die die Pfaffen sonst mit Windlichtern besetzet auf den Kirchhofen kriechen liessen und sie fur verstorbne Seelen ausgaben; so kriechen wir mit unsern Windlichtern von Seelen mit den Larven Unsterblicher uber die Graber hinuber. Sie loschen vielleicht einmal aus" Sein Freund fiel an sein Herz und sagte heftig: "Wir verloschen nicht leb tausendmal wohl wir sehen uns immerfort wieder wir loschen bei meiner Seele nicht aus leb wohl, leb wohl!"
Und sie schieden. Heinrich ging langsam und mit hangenden Armen durch die Fusspfade zwischen den Stoppeln und hob keine Hand ans uberrinnende Auge, um kein Zeichen seiner Schmerzen zu geben. Den verwaiseten Geliebten aber uberfiel ein grosser Schmerz, weil Menschen, die selten in Tranen ausbrechen, sie desto unmassiger vergiessen; und so kam er zuruck und legte das erschopfte aufgeloste Herz an die sorglose Brust seiner Gattin zur Ruhe, welche nicht einmal ein Traum bewegte; aber noch lange bis in den Vorhof der Traume hinein begleiteten ihn die Bilder von Lenettens kunftigen Tagen und von des Freundes Nachtgange unter den Sternen, zu welchen dieser draussen einsam aufblickte, ohne die Hoffnung, ihnen jemals naher zu kommen; und grade uber den Freund weinte er unter nicht mehr als zwei Augen am langsten....
O ihr beiden Freunde, du, der draussen, und du, der zu Hause! Aber warum soll ich denn immerfort das alte aufquellende Gefuhl zuruckdrucken, das ihr in mir so stark wieder aufgeweckt und mit welchem mich sonst in meinen Jugendjahren die Freundschaft zwischen einem Swift und einem Arbuthnot und einem Pope in ihren Briefen gleichsam verstohlen, aber so stark durchdrungen und erquickt? Und werden nicht auch viele andere sich gleich mir erwarmt und ermannt haben an dem ruhrenden ruhigen Lieben dieser Mannerherzen unter einander, welche, obschon kalt und schneidend und scharf gegen die Aussenwelt, in ihrer gemeinschaftlichen Innenwelt zartlich und feurig fur einander arbeiteten und schlugen, gleichsam hohe Palmenbaume, langgestachelt gegen das gemeine Unten, aber im Gipfel voll kostlichen Palmenwein der kraftigsten Freundschaft?
Und wenn dies alles so ist: so darf ich wohl auf der tiefern Stufe unserer beiden Freunde etwas Ahnliches antreffen, das auch wir an ihnen nachlieben. Fragt nicht sehr, warum beide sich mit einander verbruderten; die Liebe braucht gar keine Erklarung, nur der Hass. Aller Ursprung des Besten, vom All an bis zu Gott hinauf, bedeckt sich mit einer Nacht voll zu ferner Sterne. Beide sahen in der grunglanzenden Saftzeit der akademischen Jugend zuerst einander durch die Brust ins Herz, aber mit den ungleichnamigen Polen zogen sie sich an. Siebenkas erfreuete sich vorzuglich an Leibgebers harter Kraftigkeit, ja sogar Zornfahigkeit, an dessen Flug und Lachen uber jeden vornehmen, jeden empfindsamen, ja jeden gelehrten Schein; denn er legte ein Ei seiner Tat oder seines tiefen Worts, wie der Kuntur das seinige, ohne Nest auf den nackten Felsen und lebte am liebsten ungenannt, daher er immer einen andern Namen annahm. Der Armenadvokat pflegte ihm deshalb, um sein Argern daruber zu geniessen, mehr als uber zehnmal zwei Anekdoten zu erzahlen. Die erste war, dass ein deutscher Professor in Dorpat in einer Lobrede auf den damaligen Grossfursten Alexander plotzlich sich selber eingehemmt und still geschwiegen und lange auf die Buste desselben hingeblickt und endlich gesprochen: "Das verstummende Herz hat gesprochen." Die zweite war, dass Klopstock die Prachtausgabe seines Messias an die Schulpforte abgeschickt mit dem Wunsche, der wurdigste Schulpfortner17 moge auf das Grab seines Lehrers Stubel Lenzblumen streuen, dabei des Gebers Namen Klopstock leise nennen; worauf Siebenkas, wenn Leibgeber etwas auffuhr, noch damit fortfuhr, dass der Sanger vier neue Pfortner, jeden zu drei Vorlesungen aus seiner Messiade, aufgerufen und jedem dafur eine goldene Medaille zugesagt, die ein Freund hergebe; und jetzo endlich harrte er auf Leibgebers Sprudeln und Stampfen uber einen, der (leibgeberisch zu sprechen) sich selber als sein eigenes Reliquiarium voll heiliger Knochen und Glieder anbetet.
Leibgeber hingegen fast den Morlacken ahnlich, welche nach Towinson und Fortis auf der einen Seite fur Rache und Heiligung einen Namen (osveta) haben und auf der andern sich am Altare zu Freunden trauen und einsegnen lassen hatte seine vorzugliche Freude und Liebe an der Diamantnadel, welche in seinem satirischen Milchbruder Poesie und Milde zugleich mit einem welttrotzenden Stoizismus ineinandersteckte. Und endlich erlebten beide taglich aneinander die Freude, dass jeder den andern ungewohnlich verstand, wenn er Scherz, ja sogar wenn er Ernst machte. Aber solche Freunde findet nicht jeder Freund.
Beilage zum zweiten Kapitel
Regierung des H. R. R freien Marktfleckens
Kuhschnappel
Ich hab' es schon in zwei Kapiteln zu sagen vergessen, dass der freie Reichsmarktflecken Kuhschnappel, wovon ein Namenvetter im erzgeburgischen Kreise liegen soll18, in Schwaben auf der Stadtebank von 31 Stadten als die 32ste angesessen ist. Schwaben kann sich uberhaupt fur eine Bruttafel oder ein Treibhaus der Reichsstadte halten, dieser deutschen Niederlassungen und Absteigequartiere der Gottin der Freiheit, welche Leute von Geburt als ihre Hausgottin anbeten und die nach der Gnadenwahl Sunder selig macht. Ich muss hier endlich den allgemeinen Wunsch eines guten Abrisses von der kuhschnappelischen Regierungsform erhoren; aber wenige Leser werden wie Nicolai, Schlozer und ahnliche es mir glauben, mit welcher Not und mit welchem Aufwande von Briefporto ich hinter bessere Nachrichten von Kuhschnappel gelangte, als offentlich herumlaufen, da Reichs- wie Schweizerstadte ihre Honig-Wachsgewirke ja verkleben und verbauen, als waren ihre Verfassungen gestohlne, noch mit den rechtmassigen Namen gestempelte Silbergeschirre, oder als waren die Stadtchen und Landchen Festungen (was sie doch nur mehr gegen die Burger sind als gegen die Feinde) , von welchen kein Abriss den Fremden zuzulassen.
Die Verfassung unseres merkwurdigen Reichsplatzes Kuhschnappel scheint ursprunglich der Vorriss gewesen zu sein, welchen Bern, das am Ende nahe genug liegt, in der seinigen kopierte, aber mit dem Storchschnabel ins Grossere. Denn Bern hat seinen Grossen Rat wie Kuhschnappel, dort macht er so gut Krieg und Frieden und Todesurteile wie in Kuhschnappel und besteht aus Schultheissen, Seckelmeistern, Vennern, Heimlichern, Ratherren, nur aus mehren als in Kuhschnappel; ferner hat Bern seinen Kleinen Rat gleichfalls, welcher Prasidenten, Gesandten und Gnadengelder hergibt und dem Grossen nachwachset die zwei Appellationkammern, die Holz-, Jager-, Reformationkammern, die Fleischtax- und andern Kommissionen sind offenbar (denn auf die Ahnlichkeit der Namen ist genug zu bauen) nur grobere Fraktur-Auszeichnungen der kuhschnappelischen Grundstriche.
Die Wahrheit aber zu sagen, hab' ich diese Vergleichung zwischen beiden Freistaaten nur gemacht, um Schweizern, besonders Bernern, ohne viele Worte fasslich zu werden, vielleicht auch gefallig. Denn in der Tat erfreut sich Kuhschnappel einer viel vollkommnern und mehr aristokratischen Verfassung als Bern, die noch in Ulm und Nurnberg teilweise zu finden ware, wenn beide nicht wahrend der RevolutionWitterung mehr zuruck als vorwarts gekommen waren. Vor kurzem waren Nurnberg und Ulm so glucklich, wie Kuhschnappel noch ist, dass sie nicht von gemeinen Handwerkern, sondern bloss von gutem Adel regieret wurden, ohne dass ein gemeiner Burger sich in Person oder durch Stellvertreter19 hatte im geringsten darein mischen konnen: jetzt leider scheint man in beiden Stadten das Fass des Staats, weil der obere Bierhahn saures Gesoff herausliess, unten einen Zoll hoch uber der Hefe des Pobels angezapft zu haben. Ich kann aber hier unmoglich weiter gehen, wenn ich nicht einen zu gewohnlichen Irrtum uber grosse Stadte aus dem Wege raume.
Die Behemoths und Kunturs unter den Stadten Petersburg, London, Wien sollten, wollte man, die Gleichheit der Freiheit und die Freiheit der Gleichheit allgemein einfuhren; diesen Endzweck erraten die wenigsten Statistiker, aber er ist so klar. Denn eine Hauptstadt von 2 1/4 Stunde in Umfang ist gleichsam ein Atnas-Kessel von gleichem Umkreise fur ein ganzes Land und hilft der Nachbarschaft nicht bloss, wie der Vulkan, durch ihre Auswurfe, sondern durch ihre Einfullungen (Repletionen) auf; sie saubert mit Erfolg das Land von Dorfern und spater von Landstadten diesen ursprunglichen Wirtschaftgebauden der Residenzen , indem sie von Jahr zu Jahr immer mehr auseinanderruckt und sich so mit den Dorfern vermauert und verwachst und umrankt. Man weiss, dass London schon die nachsten Dorfer in seine Gassen verwandelt hat; aber nach Jahrhunderten mussen die langer und auseinander wachsenden Arme jeder grossen Stadt nicht bloss die Dorfschaften, sondern auch die Landstadte ergreifen und zu Vorstadten erheben. Dadurch werden nun die Steige und Felder und Wiesen, die zwischen der Riesenstadt und den Dorfern lagen, wie das Bette eines Flusses uberdeckt mit einem Steinpflaster, und der Ackerbau kann folglich nur noch in Blumenscherben am Fenster bluhen. Ohne Ackerbau seh' ich nicht, was Ackerbauleute anders sein konnen als Tagediebe, die kein Staat duldet; da man aber einen Fehler besser verhutet als bestraft, so muss der gute Staat solches Landvolk, noch ehe dasselbe zu Tagedieben geworden, wegraumen, es sei durch wirksame Inhibitoriales der Bevolkerung oder durch dessen Abraupen oder durch Veredlung in Soldaten und Bedienten. In der Tat wurden in einem Dorfe, das ein eingefugter Zwickstein einer Stadt, eine eingereifte Fass-Daube des Heidelberger Residenzfasses geworden ware, noch ubrig gebliebne Bauern ebenso lacherlich als mussig sein: die Korallengehause der Dorfer mussen gleichsam ausgeleert sein, ehe sie das zusammengeturmte Riff oder Eiland einer Stadt erbauen.
Dann ist wohl der schwerste Schritt zur Gleichheit getan; jetzo mussen die innern Feinde der Gleichheit, die Burger, ebensogut wie die Bauern von der Hauptstadt bekampft und womoglich ausgereutet werden, welches mehr ein Werk der Zeit als besonderer Verordnungen ist. Inzwischen ist das, was einzelne Residenzstadte hie und da geleistet haben, wenigstens ein Anfang. Durfte man sich aber das Ideal ausmalen, dass einmal wirklich sich die zwei machtigsten Oppositionparteien und Widerlagen der Gleichheit, Burger und Bauern, aus den Riesenstadten durch eine lange Reihe von Gluckzufallen verloren hatten; ja dass mit dem Ackerbau sogar der niedere Adel, der ihm obgelegen, zugleich gefallen ware: so wurde eine edlere Gleichheit, als in Gallien war, wo nur lauter gleicher Pobel wohnte, auf die Erde kommen, es wurde lauter gleichen Adel gehen, und die gesamte Menschheit besasse dann einen Adelbrief und lauter echte Ahnen. In Paris schrieb die Revolution alles wie in den altesten Zeiten mit lauter kleinen Buchstaben; nach meiner Voraussetzung wurden dann wie in den spatern lauter Anfang oder Kapitalbuchstaben gebraucht, die jetzo nur wie Turme aus vielen kleinern vorragen. Wenn aber auch ein solcher hoher Stil, eine solche Veredlung der Menschheit nur eine schone Dichtung bliebe und man nur mit dem kleinern Glucke zufrieden sein musste, dass in den Stadten, wie jetzo eine Judengasse, so eine Burgergasse ubrig bliebe so ware genug fur die geistige Menschheit in den Augen eines jeden erbeutet, der bedenkt, wie ausgebildet der hohe Adel ist, besonders der Teil desselben, der den grossten ausbildet.
Aber diese Nobilitierung der gesamten Menschheit gewahren uns die Reichsstadte viel sicherer als die grossten Residenzstadte.
Dieses fuhrt mich auf Kuhschnappel zuruck. Man scheint in der Tat zu vergessen, dass es zu viel gefodert ist, wenn die vier Quadrat-Wersten, die eine Residenz etwan gross ist, mehr als 1000 Quadratmeilen des umliegenden Landes uberwaltigen, verdauen und in Bestandteile von sich verwandeln sollen, so wie die Riesenschlange grossere Tiere verschlucket, als sie selber ist. London hat nicht viel uber 600000 Bewohner: welche ungleiche Macht gegen die 5 1/2 Millionen des ganzen Englands, denen die Stadt allein entgegenarbeiten und Flugel und Zufuhr abschneiden soll, Schott- und Irland nicht einmal eingerechnet! So steht es mit guten Reichsstadten nicht: hier ist die Zahl der Dorfer, Bauern und Burger, die bezwungen, ausgehungert und weggetrieben werden sollen, in einem richtigen Verhaltnisse gegen die Grosse der Stadt, der Patrizier oder regierenden Geschlechter, die sich damit zu befassen haben und den ebnenden Schlichthobeln der Menschheit vorarbeiten. Hier ists nicht schwer, den Burger als einen groben Bodensatz, der im Adel schwimmt niederzuschlagen. Es ist, wenn es ihnen mit dieser Niederschlagung misslingt, bloss die Schuld der Patrizier selber, weil sie oft am falschen Orte schonen und die Burgerbank fur eine Grasbank im Garten halten, deren Gras zwar fur das Niedersitzen und Erdrucken wachset, die man aber doch immer begiesset, damit sie unter so vielen Steissen nicht verdorre. Wenn es nichts als freie Menschen, und zwar von der edelsten Klasse, namlich Reichsfreie und Semperfreie geben soll: so mussen durch Auflagen und Losungen die burgerlichen Zimtbaume ganzlich abgerindet werden welches nur pobelhafte Autoren Schinden und die Haut uber die Ohren ziehen nennen , worauf die Baume ohnehin verfalben und ausgehen. Freilich kostet diese Reichsfreiheit Menschen. Aber mich bedunkt, eine solche werde durch die wenigen Tausende von Leuten, die sie kostet, wohlfeil genug erkauft, da fruher Amerikaner, Schweizer und Hollander fur eine weit engere ganze Millionen Menschen bar auf den Tisch des Schlachtfeldes hingezahlt und hingeschossen. Auch fallen neuere Staaten selten in den Fehler der neuern Schlachtenmaler, an welchen man Uberladung mit Personen aussetzt. Vielmehr sollte man es mehr bemerken, mit welchen klug gewahlten und treibenden Mitteln mehre deutsche Lander die Bevolkerung als eine Krankheitsmaterie und Menschen-Plethora wie jeder gute Arzt tut nach unten ableiten, namlich nach dem gerade unter Deutschland liegenden Nordamerika.
Kuhschnappel hat, um zum vorigen umzukehren, vor 100 Stadten den Vorsprung. Ich gebe zu, dass Nicolai beteuert, die vorigen 60000 Nurnberger waren gerade noch halbiert da, namlich 30000, und dies ist etwas; aber gleichwohl kommen noch immer 50 Burger (und mehr) gegen 1 Patrizius zu stehen, welches stark ist. Hingegen bin ich zu jeder Stunde durch Tauf- und Sterbelisten darzutun erbotig, dass im Reichsmarktflecken Kuhschnappel beinahe nicht mehr Burger als Patrizier leben, welches um so wunderbarer ist, da die letzten wegen ihres Hungers schwerer zu leben haben. Ich frage, welcher neuere Staat kann so viele Freie aufzeigen? Waren nicht sogar im freien Athen und Rom in West-Indien ohnehin mehr Knechte als Freie, daher man jene durch keinen besondern Anzug zu bezeichnen wagte? Und sind nicht noch in allen Staaten mehr Lehn- als Edelleute, obgleich diese langst in starkerer Anzahl vorhanden sein konnten, da Bauern und Burger nur von der Natur, die Patrizier hingegen sowohl von der Natur als von der Kunst aus Reichs- und FurstenKanzeleien nachgesaet werden?
Ware die Beilage nicht eine Abschweifung, von welcher man gewohnlich Kurze fodert: so wollt' ich weitlauftig genug dartun, dass Kuhschnappel noch in mehren Vorzugen manchen Schweizerstadten, wo nicht vor-, doch gleichstehe, z.B. in gutem Abschleifen und Verlangern des Richtschwertes und uberhaupt im Handhaben eines rechten knotigen, gestachelten Stab-Wehes in der geistigen Fruchtsperre, nicht gegen das Ausland, sondern gegen das Innere, um Gedanken und hundert anderes geistiges Zeug nicht einzulassen und sogar selber im grunen Markt oder Handel mit jungen Leuten; denn was eben letzten anlangt, so ist bis heute der Absatz von jungen Kuhschnapplern nach Frankreich zu Turstehern und zu Kronvorfechtern nur darum so flau, weil die Schweizer den Markt greulich mit kraftigen Junglingen uberfahren, die sich vor jede Ture und (ists Krieg) vor jede Kanone stellen: wahrlich, sonst sollte vor mehr als einer Ture ein Kuhschnappler stehen und sagen: kein Mensch zu Hause. (Ja noch jetzo bei der zweiten Auflage darf ich behaupten, dass Kuhschnappel seinen Titel Reichsmarktflecken wie eine zweite Kurwurde noch fortbewahrt und seine alten Gedanken-Einfuhrund Nachrichten-Ausfuhrverbote und seinen Blutoder lebendigen Menschenzehent fur Frankreich so gut fortsetzt wie die Schweiz, welche dem Kastellan auf der Wartburg gleicht, der den unausloschlichen, von Luther gegen den Teufel geworfenen Dintenklecks stets auf der Wand von neuem auffarbt.)
Drittes Kapitel
Flitterwochen Lenettens Bucherbrauerei der Schulrat Stiefel Mr. Everard Vor-Kirmes die rote Kuh Michaelis-Messe the Beggars' Opera
Versuchung des Teufels in der Wuste oder das Mannchen von Ton Herbstfreuden neuer Irrgarten Die Welt konnte sich nicht starker verrechnen, als dass sie erwartete, am Montage unsern allgemeinen Helden im Trauerwagen und Leichenmantel und mit Trauermanschetten und angelaufenen Schuhschnallen als Leidtragenden uber die Scheinleiche seines Glucks und Kapitals anzutreffen.
Himmel! Wie kann aber die Welt in solchem Grade fehlschiessen? Der Advokat war nicht einmal in Viertels-Trauer, geschweige in halber, sondern so aufgeraumt, als hab' er selber dieses dritte Kapitel vor sich und fang' es grade so an wie ich hier.
Der Grund war: er fasste eine gute Klage gegen seinen Vormund Blaise ab, stattete sie mit mehren satirischen Zugen aus, die bloss er selber verstand, und reichte sie bei der Erbschaftkammer ein. Nur etwas in der Not getan, so ists schon etwas. Das Gluck schicke uns eine noch so unfreundliche frostige Herbstluft auf den Hals zerbricht es uns nur nicht wie Schwanen das oberste Flugelgelenk: so wird uns allemal das Geflatter, das wir damit machen, wo nicht in ein warmeres Klima tragen, doch ein wenig selber in Warme bringen. Der Frau verbarg Firmian Siebenkas aus Grunden der Liebe den Aufschub der Erbschaft wie den verjahrten Tausch-Handel mit seinem Namen: er vertrauete darauf, dass eine eingehegte Advokatenfrau niemals einem vornehmen Patrizier in die hausliche Karte werde schauen konnen.
Was konnte uberhaupt einem Menschen viel fehlen, der aus seiner stillen Woche eines Einsiedlers auf einmal in die Flitterwochen eines Zweisiedlers gefahren war? Jetzo erst fasste er seine Lenette recht in zwei Arme vorher hatt' er immer seinen im Leben abund zuflatternden Freund fest mit der Linken an sich gehalten , und sie konnte sich nun in seinen Herzkammern viel bequemer ausbreiten. Und die scheue Frau tat es wohl, soweit sie wagte; sie bekannte ihm, obwohl furchtsam, es sei ihr fast lieb, dass der unbandige Saufinder nicht mehr unter dem Tische liege und greulich vorgucke; ob sie aber nicht uber den wilden Herrn desselben das namliche gedacht, ware nie von der gehorsamen Gattin herauszubringen gewesen. Sie erschien dem Advokaten ordentlich als eine Tochter; und der kleinen Eigenheiten konnte sie dem hoch erwachsenen Vater gar nicht genug haben.
Dass sie ihm, wenn er ausging, so lange nachsah, als die Gasse lang war, dies war noch nicht das Halbe gegen das Nachlaufen mit der Burste bis uber die Hausture hinaus, wenn sie oben von hinten an seinem Schanzlooper unten solche Strassenpflaster anklebend angetroffen, dass sie ihn durchaus wieder ins Haus zuruck ziehen und darin den Rocksaum so sauber abbursten musste, als zolle man in Kuhschnappel das Pflastergeld wirklich fur ein Pflaster. Er hielt der Burste still und kusste sodann und sagte: "An der Innenseite sitzt wohl noch allerhand, aber keine Seele siehts, und komme ich wieder, so kratzen und schaben wirs droben miteinander heraus."
Seiner Erwartung und Foderung wurde es ordentlich zu viel aber seiner Wiederliebe nicht , dass sie jeden Wunsch und Wink nicht bloss jungfraulich erhorte, sondern auch tochterlich befolgte und bediente. "Ratskopisten-Tochter", sagte er, "sei mir nur nicht gar zu gehorsam; ich bin ja nicht dein Vater, ein Ratskopist, sondern nur ein Armenadvokat und habe dich geehlicht und schreibe mich Siebenkas meines Dafurhaltens." "Auch mein sel. Vater", versetzte sie, "hat wohl selber manche Sachen im stillen mit seiner eigenen Hand konzipiert und solche nachher ordentlich und sauber mundiert"; aber diese seltsame Kreuz- und Querantwort gefiel doch dem Advokaten sehr wohl; und wenn sie vor lauter Verehrung seiner nicht einen einzigen Spass verstand, den er uber sich selber machte es sei nun, dass sie seinem ironischen Selbererniedrigen widersprach, oder dem ironischen Selbererhohen ganz beifiel : so schmeckten dem Advokaten diese geistigen Provinzialismen seiner Gattin nicht schlecht. Sie konnte ohne Bedenken sagen: fleuch, reuch, kreuch, anstatt fliehe, rieche, krieche; diese religiosen Altertumer aus Luthers Bibel waren recht brauchbare Beitrage zum Idiotikon ihrer Empfindungen und seiner Honigwochen. Als er einmal eine sehr artige Haube, die sie voll Vergnugen den drei von ihr zuweilen leicht gekussten Haubenkopfen nacheinander aufprobiert hatte, auf ihr eigenes Kopfchen vor dem Spiegel mit den Worten stulpte und zog: "Setz auf und sieh hinein, dein Kopf ist vielleicht so gut als einer von Holz", so lachelte sie ungemein vergnugt und sagte: "Du willst unsereine nur immerdar flattieren." Man glaub' es mir, dieses naive Unverstehen ruhrte ihn so, dass er sich zuschwur, solche Scherze nirgends mehr vorzubringen als nur in sich und bei sich. Aber was ist dies gegen eine hohere Flitterwochenfreude? Diese war, dass seine Lenette ihm am nachsten Busstage durchaus nicht erlaubte, sie zu kussen, als sie ihn mit ihrer Weiss- und Rot-Blute der Jugend in den schwarzen Kopfmanschetten oder Spitzen und aus dem dunkeln Kleiderlaube dreifach verschonert anblickte: "Dergleichen weltliche Gedanken", sagte sie, "schicken sich vor der Kirche gar nicht, wenn man schon seine Busskleider anhat, sondern man wartet." "So will ich sagt' er zu sich doch wie eine Nordwest-Amerikanerin20 einen Suppenloffel funf Zoll lang und drei Zoll breit durch meine Unterlippe stechen und ihn herumtragen, wenn ich je wieder bei der andachtigen Seele auf Loffeln und Kussen falle, wann sie schwarz angezogen ist und die Glokken lauten." Und er hielt, obgleich selber kein sonderlicher Kirchenganger, ihr und sich Wort. So sind wir Manner aber in der Ehe, ihr Braute!
Daraus werdet ihr nun leicht erraten, wie selig vollends der Advokat in seinen Honigwochen wurde, als Lenette gar das, was er sonst selber, und zwar recht erbarmlich und verdrusslich tat, fur ihn auf das schonste besorgte und durch unverdrossne Feg- und BurstArbeit seine dithyrambische Karthause so sauber, grade und glatt herstellte wie eine Billardtafel; ganze Honigbaume voll Fladen pflanzte sie in seine Honigwochen, wenn sie so am Morgen wie eine fleissige Biene um ihn herumsumsete und wenn sie im kleinen Bienenkorbchen er selber prozessierte ruhig in seinen Akten weiter und bauete am juristischen Wespenneste Wachs eintrug, Zellen bauete, Zellen sauberte, fremde Korper auswarf und Ritzen zuklebte, und wenn er dann auf einmal aus seinem Wespenneste einen zufalligen Blick auf die niedliche Gestalt im nettesten Hauskleidchen warf. Wie oft legte er nicht die Feder in den Mund und hielt ihr uber das Dintenfass die aufgemachte Hand hin und sagte hinter der Feder: "Gedulde dich doch ums Himmels willen nur bis nachmittags, wo du sitzest und nahst: so sollst du ja belohnt und gekusst werden hinlanglich, wenn ich auf- und abspaziere."
Damit aber keine Leserin sich in Angst setze uber Versauerung solcher Honigwochen durch den enterbenden Spitzbuben Blaise: so frag' ich jede bloss dies: hatte der Advokat nicht eine Silberhutte und ein Pochwerk von sieben gangbaren Prozessen, die voll lauter Silberadern waren? Hatt' ihm nicht sein guter Leibgeber auf vier Gluckradern einen Regiment-Geldwagen nachgefahren, auf welchem aufgeladen waren zwei Brillentaler von Julius Herzog zu Braunschweig, ein graflich-reussischer Dreifaltigkeit-Taler von 1679, ein Schwanz- oder Zopfdukaten, ein Mucken- oder Wespentaler, funf Vikariatdukaten und eine Menge Ephraimiten? Denn er durfte ohne Bedenken dieses Munzkabinett verkalken und verfluchtigen, da es sein Freund nur aus Spott gegen die, die mit 100 Talern einen kaufen, in seinen Taschen angelegt hatte. Beide lebten uberhaupt in einer Gutergemeinschaft des Korpers und Geistes, die wenige fassen sie waren so edel geworden, dass zwischen dem Nehmer und Geber einer Gefalligkeit kein Unterschied mehr blieb, und sie schritten uber die Klufte des Lebens aneinandergeknupft, wie die Kristallsucher auf den Alpen sich gegen den Sturz in Eisspalten durch Aneinanderbinden decken.
Gleichwohl kam er an einem Marientage gegen Abend auf einen Gedanken, welcher alle geangstigten Leserinnen seiner Geschichte ganz aufrichten wird und der ihn selber seliger machte als der grosste Brotkorb mit Fruchtkorbchen oder als ein Korb Wein. Er wusste aber schon voraus, dass er den Gedanken haben wurde; im Elend sagt' er allemal: "Es soll mich wundern, was fur ein Hulfmittel ich da wieder ausspinnen werde; denn verfallen werd' ich so gewiss auf eines, als ich vier Gehirnkammern beherberge." Der begluckende Gedanke, wovon ich rede, war, das zu machen, was ich hier mache ein Buch, obwohl ein satirisches21. Hier fuhr aus den aufgezognen Schleusen des Herzens ein reissender Strom von Blut unter das Rader- und Muhlenwerk seiner Ideen hinein, und die ganze geistige Maschine klapperte, rauschte, staubte und klingelte es waren schon einige Metzen gemahlen furs Werk. Ich kenne keinen grossern geistigen Tumult kaum einen sussern in einem jungen Menschen, als wenn er in der Stube auf- und abgeht und den kuhnen Entschluss fasset, ein Buch Konzeptpapier zu nehmen und ein Manuskript daraus zu machen ja man kann daruber disputieren, ob der Konrektor Winckelmann und der Feldherr Hannibal hurtiger die Stube auf- und abliefen, als beide des ebenso kuhnen Sinnes wurden, nach Rom zu gehen. Siebenkas musste, da er eine Auswahl aus des Teufels Papieren zu schreiben beschlossen, zum Hause hinaus und dreimal um den Marktflecken laufen, um die rollenden beweglichen Ideen durch mude Beine wieder fester in die rechten Fugen einzuschutteln. Er kam, mude vom innern Vergluhen, zuruck sah nach, ob genug weisses Papier zu Manuskripten da sei und lief auf seine ruhige Haubensteckerin zu und kusste sie so schnell, dass sie kaum die Stecknadel aus den Lippen den letzten Dorn an diesen Rosen ziehen konnte. Unter dem Kusse befestigte sie, hinunterschielend, ganz ruhig mit der Nadel ein Band an einem Haubenflugel. "Freu dich doch", sagt' er, "tanze mit mir herum ich schreibe morgen ein Opus, ein Buch. Brat nur heute abends den Kalbskopf, ob es gleich wider unsere 12 Ess-Gesetztafeln lauft." Er und sie hatten sich namlich sogleich am Mittwoch als eine Speise-Gesetz-Kommission niedergesetzt; und es war unter den 39 Artikeln einer sparenden Tisch-Ordnung auch dieser durchgegangen und dekretiert, dass sie sich abends wie Brahminen ohne Fleisch behelfen wollten, ganz schlecht und nur mit Fleisches-Wertem. Er hatte aber die grosste Muhe, bis er seiner Lenette beibrachte, dass er schon mit einem Bogen von der Auswahl aus des Teufels Papieren den Kalbskopf wieder zu erschreiben verhoffen durfe und dass er nicht ohne Grund sich selber einen Fasten-Erlass erteile; denn Lenette dachte wie der gemeine Mann oder wie der Nachdrucker, ein geschriebenes Buch werde wie ein gedrucktes bezahlt, und dem Setzer gehore fast mehr als dem Schreiber. Sie hatte in ihrem Leben noch nichts von dem ungeheuren Ehrensold vernommen, welchen deutsche Autoren gegenwartig ziehen; sie war wie Racinens Frau, die nicht wusste, was ein Vers oder ein Trauerspiel ist, und die gleichwohl damit die Haushaltung bestritt. Ich meines Orts wurde aber keine an den Altar und in das Hochzeithaus fuhren, die nicht wenigstens einen Perioden in meinen Werken, uber welchem mich der Tod mit seiner Sanduhr erworfen, unter meiner Firma recht gut hinauszuschreiben wusste oder die es nicht unbeschreiblich freuen konnte, wenn ich ihr gelehrte Gottingische Anzeigen oder Allgemeine Deutsche Bibliotheken vorlase, die mich, wenn auch Ubertrieben, loben.
In Siebenkas hatte den ganzen Abend die Schreibefreude alle Blutkugelchen in ein solches Renner' und alle Ideen in einen solchen Wirbelwind gesetzt, dass er bei seiner Lebhaftigkeit, die oft den Schein der Herzen-Aufwallung annahm, ohne weitere Frage uber alles Langsame, das ihm in den Weg sich stemmte, uber den Zogerschritt des Laufmadchens oder uber die Wort-Trommelsucht desselben aufgefahren und als Platzgold losgegangen ware, hatt' er nicht auf der Stelle nach einem besondern Temperier- oder KuhlPulver gegen freudige Entrustung gegriffen und solches eingenommen. Es ist leichter, dem schleichenden Gang eines schweren truben Blutes einen Abfall und einen schnellern Zug zu geben, als die Brandungen eines frohlichen sturmenden zu brechen; aber er wusste sich in der grossten Freude stets durch den Gedanken an die unerschopfliche Hand zu stillen, die sie gegeben hatte und durch die sanfte Ruhrung, mit welcher das Auge sich vor dem verhullten ewigen Wohltater aller Herzen niederschlagt. Denn alsdann will das von der Dankbarkeit und der Freudentrane zugleich erweichte Herz wenigstens dadurch danken, dass es milder gegen andere ist. Jenen wilden Jubel, den die Nemesis zuchtigt, kann dieses Dankgefuhl am schonsten zahmen; und die, welche an der Freude starben, waren, wenn sie ein dankbares Hinaufsehen erweicht hatte, entweder nicht gestorben oder doch an einer schonern Freude.
Den ersten und den besten Dank fur das neue gerade schone Ufer, in das jetzo sein Leben abgeleitet war, bracht' er dadurch, dass er die Verteidigung mit dem grossten Feuer vollfuhrte, die er fur eine angeklagte Kindmorderin zur Abwendung der Folter zu machen angefangen. Der Stadtphysikus des Marktfleckens hatte sie nach der Lungenprobe verdammt, die ebenso richtig als die Wasserprobe Weiber zur Richtstatte hingeleitet.
Stille einsame Tage aus dem Fruhling der Ehe belegten den Steig der beiden Menschen mit einem Blumenteppich. Bloss unten am Fenster erschien einige Male ein Herr in fleischfarbener Seide, wenn Lenette am Morgen sich und den weissen Arm hinausstreckte und lange am Festriegeln der zuruckgelehnten Fensterladen arbeitete. "Ich schame mich ordentlich", sagte sie, "mich hinauszulehnen; ein vornehmer Herr steht immer drunten und zieht den Hut ab und schreibt mich auf, wie der Fleischtaxator."
In den Schulferien des Sonnabends erfullte der Schulrat Stiefel das Versprechen, das er am Hochzeittage feierlich gegeben, recht haufig zu erscheinen und wenigstens in den Schulferien der Woche nicht auszubleiben. Ich will ihn, um das Ohr mehr durch Wechsel zu erquicken, den Pelzstiefel nennen, zumal da ihn ohnehin der ganze Reichsort wegen des Grauwerks und des Hasen-Umschlags so nennt, den er als einen tragbaren holzsparenden Ofen an seinen Beinen trug. Der Pelzstiefel band schon auf dem ersten Stubenbrett Freudenblumen zusammen und steckte dem Advokaten den Strauss ins Knopfloch; er vozierte ihn zur Stelle eines Mitarbeiters an dem "Kuhschnappelischen Anzeiger und Gotterboten und Beurteiler aller deutschen Programmen" ein Werk, das bekannter sein sollte, damit durch solches auch die empfohlnen Schulschriften es wurden. Mir ist dieser Schreibvertrag von Herzen lieb, weil er doch meinem Helden einen Rezensier-Groschen wenigstens fur die Abendsuppe auswirft. Der Schulrat, der Redakteur des Anzeigers, besetzte die kritischen Gerichtstellen sonst gar nicht leichtsinnig; aber Siebenkas war in seinen Augen zum einzigen Wesen erhoben, das einen Rezensenten noch uberragt zu einem Schriftsteller, da er von Lenetten auf dem Kirchwege gehort, ihr Mann lasse ein dickes Buch in Druck ausgehen. Der Schulrat konnte nicht anders als die damalige Salzburgische Literaturzeitung fur die Heilige Schrift apokryphischen, und die Jenaische fur die Heilige Schrift kanonischen Inhalts ansehen; die einzige Stimme eines Rezensenten wurde ihm vom Echo im gelehrten Gerichthof allezeit zu 1000 Stimmen vervielfaltigt; und aus einem rezensierenden Kopfe wurden in seiner Tauschung mehre lernaische, wie man sonst glaubte, dass der Teufel den Kopf des armen Sunders mit Scheinkopfen einfasse, damit der Scharfrichter fehlerhaft kopfe. Die Namenlosigkeit verleihet dem Urteile eines Einzelwesens das Gewicht eines Kollegiums; man schreibe aber den Namen darunter und setze "der Kandidat XYZ" statt "Neue allgemeine deutsche Bibliothek" so hat man die gelehrte Anzeige des Kandidaten zu sehr geschwacht. Der Schulrat warb meinen Helden an, seiner Satire halber; denn er selber, ein Lamm im gemeinen Leben, setzte sich auf dem Rezensier-Papier zu einem Werwolf um; ein haufiger Fall bei milden Menschen, wenn sie schreiben, besonders uber humaniora und dergleichen; wie etwa sanfte gessnerische Hirtenvolker (nach Gibbon) gern Krieg anfangen und gut fuhren; oder wie der Idyllenmaler Gessner selber ein schneidender Zerrbildzeichner war.
Unser Held und neugeworbener Rezensent bot von seiner Seite an diesem Abende wieder Stiefeln Freude und die Aussicht zu mehr als einer an, namlich aus dem von Leibgeber hinterlassenen Munzkabinettchen einen Mucken- oder Wespentaler nicht um fur die Bestallung zum kritischen Wespennest ein douceur zu geben, sondern um den Muckentaler in kleineres Geld umzusetzen. Der Schulrat, der als der fleissige Silberdiener eines eigenen Talerkabinettes gern gesehen hatte, alles Geld ware uberhaupt nur fur Kabinette da er meinte aber numismatische, nicht politische , funkelte und errotete entzuckt uber den Taler und beteuerte dem Advokaten, welcher dafur nur den Natur-, nicht den Kunstwert erstattet verlangte: "Aber ich erkenne hierin den wahren Freundschaftdienst." "Nein", versetzte Siebenkas, "aber den wahren tat mir Leibgeber, der mir den Taler gar geschenkt." "Aber ich gabe gewiss dreimal mehr dafur, wenn Sie es nur fodern wollten", sagte Stiefel. "Aber (fiel Lenette, uber Stiefels Freundlichkeit und Entzuckung entzuckt, ihren Mann heimlich zum Festbleiben anstossend, mit einer Dreistigkeit ein, die mich wundert) mein Mann wills ja nicht anders; und ein Taler ist ein Taler." "Aber", versetzte Siebenkas, "dreimal weniger eher durft' ich kunftig fodern, wenn ich Ihnen mein Kabinettchen talerweise abstehe." Ihr lieben Seelen! Waren doch die menschlichen Ja immer solche Aber wie eure!
Der hagestolze Stiefel liess sich an einem so genussreichen Abende echte Hoflichkeit gegen das weibliche Geschlecht am wenigsten nehmen, besonders gegen eine Frau, die er schon als Braut in seinem Brautwagen liebgewonnen und die ihm gar jetzo als Gattin eines solchen Freundes und als solche Freundin seiner selber doppelt lieb geworden. Er verwickelte sie daher fein genug in das bisher zu gelehrte Gesprach, indem er uber die drei Haubenkopfe gleichsam wie uber drei Pflastersteine den Ubergang zum Modejournal machte; nur aber zu schnell auf ein alteres Modejournal zuruckglitt, auf des Rubenius seines vom Putze der alten Griechen und Romer. Seine Predigten auf alle Sonntage streckte er ihr gern vor, da Advokaten als bose Christen nichts Theologisches haben. Ja als sie die entfallene Lichtschere zu seinen Fussen suchte, hielt er ihr den Leuchter tief hinunter dazu.
Wichtig fur das ganze Siebenkasische Haus oder vielmehr Zimmer wurde der Sonntag, welcher in dasselbe einen vornehmern Mann, als bisher aufgetreten, einfuhrte namlich den Venner, Hrn. Everard (Eberhard) Rosa von Meyern, einen jungen Patrizius, der in Hrn. Heimlichers von Blaise Hause taglich aus- und einging, um sich in die "Routine der Amts-Praxis einzuschiessen". Auch war der Mann der Brautigam einer armen Nichte des Heimlichers, die ausser Landes fur sein Herz erzogen und ausgebildet wurde.
Also war der Venner ein wichtiger Charakter des Marktfleckens sowohl als unsers Dornenstucks, und zwar in jeder politischen Hinsicht. Denn in korperlicher war ers wohl weniger; durch seinen blumigen Kleiderputz war sein Leib fast wie ein Span durch einen Dorf-Blumenstrauss gesteckt unter den funkelnden Magenflugeldecken eines Westen-Tierstucks22 pulsierte ein steilrechter, wenn nicht eingebogener Bauch, und seine Beine hatten im Ganzen den Wadengehalt der Holzstrumpfe womit Strumpfwirker sich an ihren Fenstern anzukundigen und zu empfehlen suchen.
Der Venner trug dem Advokaten kalt und ziemlich grob-hoflich vor, er sei bloss gekommen, ihm die Last der Verteidigung der Kindermorderin abzunehmen, da er ohnehin so viele andere Sachen auszufuhren habe. Aber Siebenkas durchsah sehr leicht den Zweck des Vorwands. Es ist namlich bekannt, dass zwar die verteidigte Inquisitin zum Vater ihres uber die Erde im Fluge gegangenen Kindes einen Musterkartenreiter adoptiert und angenommen, dessen Namen weder sie noch die Akten anzugeben wussten; dass aber der zweite Vater des Kindes, der als ein junger Schriftsteller aus Bescheidenheit nicht gern seinen Namen vor seine piece fugitive und sein Antrittprogramm setzen wollte, niemand war als der hagere Venner Everard Rosa von Meyern selber. Gewisse Dinge will oft eine ganze Stadt zu verunkennen (zu ignorieren) scheinen; und darunter gehorte Rosas Autorschaft. Der Heimlicher von Blaise wusste also, dass sie der Defensor Firmian auch wisse, und besorgte mithin, dass sich dieser fur den Raub der Erbschaft an seinem Verwandten Meyern durch eine absichtlich-schlechte Verteidigung der armen Inquisitin rachen werde, um diesem die Schande ihrer Hinrichtung zu machen. Welcher entsetzliche niedrige Argwohn! Und doch ist oft die reinste Seele zum Argwohn eines solchen Argwohns genotigt! Zum Gluck hatte Siebenkas den Blitzableiter der armen Mutter schon fertig geschmiedet und aufgerichtet. Als er ihn dem Kasual- oder Schein-Brautigam der Scheinkindermorderin vorwies: gestand dieser sogleich, einen geschicktern Schutzheiligen hatte die schone Magdalena unter allen Advokaten der Stadt nicht aufgetrieben; wenigstens keinen frommern, setzen Schreiber und Leser hinzu, welche wissen, dass er durch die Verteidigung der Unschuld dem Himmel fur den ersten Entwurf der Teufelspapiere dankbar sein wollte.
Jetzo kam plotzlich die Frau des Advokaten aus der Nachbarstube des Buchbinders von einem fliegenden Besuche zuruck. Der Venner sprang ihr bis an ihre Turschwelle mit einer Hoflichkeit entgegen, die nicht weiter zu treiben war, da sie doch erst vorher aufmachen musste, eh' er entgegen konnte. Er nahm ihre Hand, die sie ihm im ehrerbietigen Schrecken halb zulangte, und kusste solche gebuckt, aber die Augen emporblickend gedreht und sagte: "Maddamm, ich habe diese schone Hand schon seit einigen Tagen unter der meinigen gehabt." Jetzo kam es durch ihn heraus, dass er derselbe fleischfarbige Herr sei, welcher ihre Hand, wenn sie solche zum Fenster hinausgelegt, mit der Reissfeder unten weggestohlen, weil er um eine schone Dolces-Hand fur ein Kniestuck seiner abwesenden Braut verlegen gewesen, in das er aus dem Gedachtnisse einen blossen Kopf von ihr zu zeichnen unternommen. Nun tat er seine Handschuhe, in welchen er sie nur, wie manche fruhere Christen das Abendmahl, aus Ehrerbietung zu beruhren gewagt, herunter von seinem Ringfeuer und Hautschnee; denn um diesen letzten in grosstem Sonnenbrande zu bewahren, legte er selten die Handschuhe ab, es musste denn im Winter gewesen sein, der wenig schwarzt. Kuhschnappler Patrizier, wenigstens junge, halten gern das Gebot, welches Christus den Jungern gab, niemand auf der Strasse zu grussen; auch der Venner beobachtete gegen den Mann die notige Unhoflichkeit, nur aber gar nicht gegen die Frau, sondern liess sich unabsehlich herab. Schon von satirischer Natur hatte Siebenkas den Fehler, gegen gemeine Leute zu hoflich und vertraut zu sein, und gegen hohere zu vorlaut. Aus Mangel an Welt wusst' er die rechte krumme Linie gegen die burgerlichen Klassiker nicht mit dem Rucken zu beschreiben; daher fuhr er lieber gegen die Stimme seines freundlichen Herzens stangengerade auf. Ausser dem Mangel an Welt war sein Advokatenstand Ursache, dessen kriegerische Verfassung eine gewisse Kuhnheit einflosst, zumal da ein Advokat stets den Vorteil hat, dass er keinen braucht, daher ers haufig, wenn es nicht Patrimonial-Gerichtherren oder auch Klienten sind, welchen beiden er mit seinen geringen Gaben zu dienen hat, keck mit den angesehensten Personen aufnimmt. Inzwischen ruckte gewohnlich in Siebenkas Menschenlied unvermerkt den beweglichen Steg so unter seinen hochgespannten Saiten herab, dass sie zuletzt bloss den sanften tiefern leisern Ton angaben. Nur jetzo wurd' ihm gegen den Venner, dessen Zielen auf Lenette er zu erraten genotigt war, Hoflichkeit viel schwerer als Grobheit.
Er hatte ohnehin einen angebornen Widerwillen gegen geputzte Manner obwohl gegen geputzte Weiber grade das Gegenteil , so dass er oft die Flugelmannchen des Putzes in den Modejournalen lange ansah, bloss um sich recht uber sie abzuargern, und dass er den Kuhschnapplern beteuerte, wie er niemand lieber als einem solchen Mannchen Schabernack antate, einen Schimpf, einen Schaden bis zum Prugeln hinauf. Auch war es ihm von jeher lieb gewesen, dass Sokrates und Kato auf dem Markte barfuss gegangen, wogegen barhaupt gehen (chapeaubas) ihm nicht halb soviel war.
Aber eh' er sich anders als mit Gesichtzugen aussern konnte, strich die Holzknospe von Venner sich den halbwuchsigen Bart und trug sich von weitem dem Armenadvokaten als Kardinalprotektor oder Vermittler in dem bewussten Blaisischen Erbschaft-Zwiste an, um den Advokaten teils einzunehmen, teils zu demutigen. Aber dieser aus Ekel, einen solchen Gnomen zum Hausgeist und Paraklet (Troster) zu bekommen fuhr auf, jedoch lateinisch: "Zuerst soll meine Frau, ich fodere es, kein Wort von dem unbedeutenden Kartoffelkriege erfahren. Auch verschmah' ich in gerechter Sache jeden andern Freund als einen Rechtsfreund, und den letzten stell' ich selber vor. Ich bekleide meinen Posten; der Posten bekleidet freilich nicht mich in Kuhschnappel." Dieses letzte Wortspiel druckte er mit einer so wahrhaft-seltenen Sprachfertigkeit durch ein ahnliches lateinisches aus, dass ich es fast hersetzen sollte; der Venner aber, der sich weder das Wortspiel noch das ubrige so deutlich ubersetzen konnte, als wir es gelesen, gab sogleich, um sich nur loszumachen und nicht blosszugeben, in derselben Sprache zur Antwort: "imo, immo", womit er ja sagen wollte. Deutsch fuhr nun Firmian fort: "Es ist wahr, Vormund und Mundel, Vetter und Vetter waren nahe aneinander, in jedem Sinn: hat man sich aber nicht auf den besten Konzilien, z.B. auf dem zu Ephesus im funften Sakul, ausgeprugelt? Ja der Abt Barsumas und der Bischof von Alexandrien, Dioskorus, Manner von Rang, schlugen den guten Flavian bekanntlich da maustot23. Und ein Sonntag war es ohnehin, wo die ganze Sache vorgefallen. An Sonn- und Festtagen aber ist der Gottesfrieden, durch welchen in den dummen Zeiten die Fehden innehalten mussten, gerade in den Schenken aufgehoben (die Glocken und die Kruge lauten ihn aus), und die Menschen prugeln sich, damit die Gerichte doch ein Einsehen haben und dareinschlagen. In der Tat, wenn man sonst die Feste zum Mindern der Fehden vermehrte, so sollten Justizpersonen, Hr. v. Meyern, die wie wir von etwas leben wollen, eher um die Einziehung einiger gefriedigten Werkeltage und dafur um neue Apostel- und Marientage anhalten, damit Schlagereien und mit den Schmerzen auch die Schmerzengelder anliefen samt den Sporteln. Aber, trefflichster Venner, wer denkt an so was?"
Er konnte ungefahr alles dies deutsch vor Lenetten sagen; sie war langst gewohnt, von ihm nur das Halbe, das Viertel, das Achtel zu verstehen und um den ganzen Venner sich gar nicht zu bekummern. Als Meyern vornehm-kalt geschieden war: suchte Siebenkas seine handgekusste Frau noch mehr fur den Venner zu bestechen, indem er dessen ungeteilte Liebe gegen das gesamte weibliche Geschlecht, ob er gleich ein Brautigam sei, und besonders die fruhere gegen seine in Verhaft und auf den Tod sitzende Vor-Braut nach Vermogen pries; aber er nahm sie eher wider den Venner ein. "So treu bleibe dir und mir immer, du gute Seele", sagte er, sie ans Herz nehmend; aber sie wusste nicht, dass sie treu geblieben, und fragte: "wem sollt' ich denn untreu sein?"
Von diesem Tage bis zum Michaelistage, in welchen die Messe oder Kirmes der Reichsstadt fiel, scheint das Gluck den Weg bis dahin ohne besondere Blumenbeete namlich fur mich und Leser bloss mit reinem platten englischen Rasengrun fast nur in der Absicht angelegt zu haben, damit der Michaelis- und Kirmestag vor uns auf einmal wie eine schillernde blendende Stadt aus dem Tal aufsprange. In der Tat fiel wenig vor; wenigstens nimmt meine Feder, die nur wichtigern Ereignissen dienstbar ist, das kleine nicht gern auf, dass der Venner Meyern oft beim Buchbinder, der mit Siebenkasen unter demselben DachHimmelstriche wohnte, vorgesprochen; er sah bloss nach, ob die "Gefahrlichen Bekanntschaften"(liaisons) gebunden waren.
Aber der Michaelistag! Wahrlich die Welt wird daran denken. Und ist denn nicht schon selber der Rusttag vorher so auserlesen und ausgestattet, dass man ihn der Welt ohne Sorge schildern kann?
Wenigstens lese sie die Schilderung vom Rusttage und gebe dann ihre Stimme!
An diesem Tage oder dem Vorsabbate der Kirmes war wie uberall das ganze Kuhschnappel ein Arbeitund Raspelhaus fur Weiber; eine sitzende oder friedliche oder reingekleidete war im ganzen Orte nicht zu haben die belesensten Madchen machten kein Buch auf als die Vexierbucher, um Seide daraus zu nehmen, und die einzigen Blatter, die sie durchgingen, waren die der Schuhe und des Blatterteigs mittags ass fast keine die Kirmes- oder Messe-Kuchen waren das eigentliche Raderwerk der weiblichen Maschinen und ihrer kunftigen Lustbarkeit.
An einer Kirchweihe mussen die Weiber ihre Gemaldeausstellung haben, und die Kuchen sind die Altarblatter. Jede benaget und beschauet diese gebacknen Silhouettenbreter und Gedachtniswappen des Adels der andern, der Kuchen hangt an jeder als Medaillon oder, wie Bleistucke am Tuche, als Siegel des Wertes herab. Sie essen und trinken wahrlich fast nichts; aber dicker Kaffee ist ihr gesegneter Abendmahl-Wein und durchsichtiges, dunnes Gebackenes ihr gesegnetes Oblaten-Brot; nur dass bei ihren Freundinnen und Wirtinnen das letzte ihnen dann am besten schmeckt und sie es fast vor Liebe fressen, wenn es versteinert sitzen geblieben und schuss- und stichfest oder zu Beinschwarz verkohlt oder sonst erbarmlich ist; sie erkennen willig alle Fehler, welche ihre innigsten Freundinnen begangen, und suchen die Scharten auszuwetzen, indem sie sie einladen und viel anders abspeisen. Was unsere Lenette anlangt, so buk sie von jeher so, beste Leserin, dass Kenner ihre Kruste, und Kennerinnen ihre Krume vorzogen und beide beteuerten: "Nur Sie, Beste, konnten etwas Ahnliches backen." Das Kochfeuer war das zweite Element dieser Salamanderin; denn das erste der guten Nixe war das Wasser. So in einer vollen Haushaltung wie Siebenkasens seine war, der alle Ephraimiten von Leibgeber der Kirchweihe geweihet hatte sich wie in Sand zu baden, zu platschern, zu scharren, zu schnattern, das war ihr Fach. Es war heute ihrem gluhenden Gesichte kein Kuss zu applizieren, aber die Frau hatte auch zu tun denn um 10 Uhr kam gar eine neue Arbeit hinter dem neuen Arbeiter, dem Fleischer.
Ich benies' es jetzo selber, dass die Welt fur einen kurzen Bericht von der Sache mir und wer kann ihn weiter geben am Ende danken wird. Es wurde namlich schon in Sommers Anfang eine schone durre Kuh, zu deren Kaufschilling die vier Haushaltungen zusammenschossen, auf die Mastung eingestellet. Der Buchbinder, der Schuhflicker, der Armenadvokat und der Haarkrausler der sich von seinen Mietleuten nur darin unterschied, dass sie bei ihm, er aber bei seinen Glaubigern zur Miete wohnten liessen von einer geschickten Hand sie sass an Siebenkasens Armrohre ein authentisches Instrument der sprachreinigende Kolbe schnauzet hier nach seiner Gewohnheit mich Unschuldigen uber fremde Worter in einem ja romisch-juristischen Aktus an Lebens und Sterbens der Kuh halber verfertigen und aufsetzen, worin samtliche Kontrahenten sie standen alle aufmerksam um das leere Dokument, den ausgenommen, der sass und es fertigte sich anheischig machten, dass 1. jeder der vier Interessenten am Rinde das besagte
Rind alternierend melken sollte und durfte 2. dass das Kuchen- oder Mast-Personale aus einer ge
meinschaftlichen Kriegkasse das Kostgeld, den Ku
chenwagen und uberhaupt den Unterhalt des besag
ten Rinds bestreiten sollte und durfte und 3. dass die Alliierten besagtes Maststuck nicht nur den
Tag vor Michaelis, den 28. Sept. 1785, totschla
gen, sondern auch jedes Viertel desselben wieder in
vier Viertel nach dem Ackergesetz (lex agraria) fur
die vier Teilhaber zerhacken sollten und durften.
Siebenkas fertigte vier vidimierte Kopeien vom Partagetraktat aus, fur jeden eine; und nie schrieb er etwas mit ernsthafterer Lust. Heute war bloss noch der 3te Artikel von dem friedsamen Hausverein von vier Evangelisten zu erfullen, welche samtlich zum Wappentiere nur ein Kompagnie-Tier und noch dazu nur das weibliche des Lukas genommen.
Aber die Gelehrten lechzen nach meiner Kirmes ich werfe also mein Tier- und Menschenstuck nur fluchtig her. Kolbe fahrt naturlich fort und fahrt mich an. Der Septembrisierer, der Fleischer, tat noch am Ende des Fruktidors seine Pflicht gut die Vierfursten von Konviktoristen standen bei allem, und selber die alte Sabine tat viel und zog einiges. Die Quadrupelalliance speisete sich wie den erschlagnen Viehstand mit einem zusammengeschossenen Pickenick, bloss um den Metzgermeister gratis hineinzuziehen; und allerdings erschien ein Liguist, den ich unten nennen werde, in einer Verfassung und Kleidung am Tische, die nicht ernsthaft genug fur das Einschlachten vorkam die Schlacht-Hansa machte sich dann ans Divisionexempel nach der Gesellschaftrechnung, und das goldene Kalb, um das sie tanzten, wurde mit verschiedenen heraldischen Schnitten, wovon ich keine namhaft machen will als den Wellenschnitt, den Klee, den Haupt-, den Zahn-, den Stufen- und den Querschnitt, gerecht zerschnitzt und dann wars vorbei. Ich denke, ich kann keinem etwas Ruhmlichers von der ganzen zootomischen Teilung sagen, als was der Teilhaber Siebenkas selber sagte: "Zu wunschen war' es, die zwolf Stamme und in den neuern Zeiten das romische Kaisertum ware so redlich oder vielfach zerteilt worden als unsere Kuh und Polen."
Dem Embonpoint der letzten wird man sein Recht gegeben haben, wenn man folgendes Lob des Schuhflickers Fecht anfuhrt: "Dass dich alle Schock KreuzMohren-Schwerenot! Du Schwerenoterin! (Nun auf einmal mit herabgesunkener frommer Stimme:) Nun der liebe Gott hat dem lieben Vieh recht sein Gedeihen geschenkt und uns unwurdige arme Sunder uber alle Massen gesegnet." Er hatte sich als ein lustiger Springinsfeld ins schwere pietistische Kutschenzeug eingeschirrt und musste immer seine alten Fluche mit neuen Seufzern versussen. Und eben auf dieses Fechtes nicht ganz wurdige Verfassung und Kleidung zielt' ich oben, da er leider an dem ganzen EinschlachtTage keine Hosen anhatte, sondern bloss im weissen Fries-Rock seines Weibes das Zergliederhaus aufund abrennte und so seine eigne eheliche Halfte vorstellte; aber die Sozietat verdachte ihm nichts; er konnte nicht anders, denn seine schwarzledernen Bein-Duten wurden, solange als er sich im demi-neglige einer Amazone aufhielt und wie ein Hermaphrodit aussah, im Farbekessel neu aufgelegt oder gedruckt.
Aber endlich wird Kolbe mein Freund; denn ich fahre deutsch fort wie folgt.
Der Armenadvokat hatte Lenetten gebeten, abends 4 1/2 Uhr sich zu ihm zu setzen und sich nicht mehr abzuarbeiten, etwan mit dem Abendessen, er wolle sich heute eines abkargen und nichts geniessen als fur einen halben Taler Kuchen: die Flinke rannte und fegte; und wirklich schon um 6 Uhr lagen beide in den weiten ledernen Armen eines breiten Grossvaterstuhls (denn er hatte kein Fleisch, sie keine Knochen) und schaueten ruhig-begluckt wie Kinder, welche essen, die messkunstlerischgeordnete Stube an und das allgemeine Gleissen und die Kuchen-Mondsicheln in ihren Handen und das flussige Glanz- oder vielmehr Zwischgold der tiefen Sonne, das sich an dem blinkenden Zinn-Gerat immer hoher ruckend anlegte und ihr Ausruhen wurde wie der Schlaf eines Wiegenkindes von den schreienden klappernden zwolf herkulischen Abendarbeiten der andern Leute im Hause umgeben und der hellere Himmel und die neugewaschenen Fenster setzten der Lange des Tages eine halbe Stunde zu und der Glocken- oder Stimmhammer des Abendgelautes stimmte die melodischen Wunsche sanft hinauf, bis sie Traume wurden. Um 10 Uhr wachten sie auf und gingen zu Bette.....
Ich habe selber eine Freude an diesem kleinen gestirnten Nachtstuck, das mein Kopf so glimmend und verschoben gab, wie die vergoldete Halbkugel meiner Uhr tut, wenn ich sie gegen die Abendsonne halte. Auf den Abend will der gejagte ermattete Mensch in Ruhe sein; fur den Abend eines Tages, fur den Abend eines Jahrs (fur den Herbst) und fur den Abend seines Lebens tragt er seine muhseligen Ernten ein, und da hofft er so viel! Hast du aber nie dein Bild auf abgeernteten Auen gesehen, die Herbstblume oder Zeitlose, welche ihr Bluhen auf den Nachsommer verschiebt und die ohne Frucht der Winter uberschneiet und die keine erzeugt als im Fruhling darauf?
Aber wie schlagt die brausende schwellende Flut des Kirchweih-Morgens an die Bettpfosten unsers Helden! Er tritt in die weisse leuchtende Stube, die seine diebisch aufstehende Lenette vor Mitternacht unter seinem ersten Schlafe gewaschen und zu einem Arabien versandet oder uberpudert hatte; auf diese Weise hatte sie ihren und er seinen Willen gehabt. An einem Kirmesmorgen rat ich jedem, das Fenster aufzumachen und den Kopf hinauszulegen wie Siebenkas, um den fluchtigen Bauten und Mieten der kleinen holzernen Borsen auf dem Markte zuzusehen und dem Fallen der ersten Tropfen des ganzen Wolkenbruchs von Leuten. Nur bemerke der Leser, dass es nicht auf meinen Rat geschah, dass mein Held im Ubermute des Reichtums denn die Musterkarte aller Kuchen im Hause lag freilich hinter seinem Rucken zu manchem grunen Patrizier-Raupchen, das noch ubermutiger voruberlief und dessen Naturgeschichte er gern aus dessen Gesichte selber lernen wollte, herunterrief: "Ich bitte Sie, betrachten Sie einmal das Haus da: finden Sie nichts?" Hob das Raupchen die Physiognomie empor und streckte sie abschussig aus: so konnt' er das wollt' er ja letzte bequem studieren und durchlaufen. "Gar nichts finden Sie?" fragt' er. Wenn das Kerbtier den Kopf schuttelte: so fiel er oben bei und sagte: "Ganz naturlich! ich gucke seit Jahr und Tag heraus und finde auch nichts; aber ich wollte meinen Augen nicht trauen."
Unbedachtsamer Firmian! dein garender Schaum der Lust kann leicht wie an jenem Sonnabend, wo du Visitenkarten abgabest zerfallend niedersinken. Aber vorher schaumte sein Tropfen Most, den er aus den Vormittagstunden auskelterte alles war frisch und feurig. Der galoppierende Hausherr warf mit der Puder-Saemaschine Samen auf gutes Land. Der Buchbinder brachte seine Guter, die teils in leeren Schreibbuchern, teils in noch leerern Gesangbuchern, teils in Novitaten, in Kalendern, bestanden, auf der Achse zu Markt und musste zweimal fahren mit dem Schiebkarren; aber abends nur einmal zuruck, weil er die Kalender (die eigentlichen grossten Novitaten oder Neuigkeiten, da im ganzen langen Laufe der Zeiten nichts so neu ist als ein neues Jahr) an Kaufer und Verkaufer abgesetzt. Die alte Sabel hatte ihr ostindisches Haus, ihre Obstkammer und ihr Ringkabinett aus Zinn unter dem Tore geoffnet; sie hatte ihr Warenlager ihrem eignen Bruder nicht fur sechs Gulden abgelassen und war uberkaupt eine Stadt-, aber keine Landkramerin. Der Altreis flickte heute am hl. Michaelistag keinem Menschen einen Schuh als seiner Frau.
Sauge dich immer voraus, Held, an diesen feinen Raffinad-Zucker des Lebens an und leere den vormittagigen Konfekt-Teller ab; frage nichts nach dem Teufel und dessen Grossmutter, sollten beide auch ihrer Natur nach darauf sinnen, irgend einen Sauertopf und Brechbecher, ja Giftbecher aufzutreiben und dir ihn einzugeben.
Des Mannes grosste Lust ist aber noch ruckstandig namlich das unzahlige Bettelvolk. Ich will die Lust beschreiben und dadurch austeilen.
Eine Kirmes ist uberhaupt die Messe, die Bettler jedes Standes jahrlich beziehen; schon ein paar Tage vorher drehen sich alle Fusssohlen, die auf nichts zu fussen haben als auf milde Herzen, als Radien nach dem Orte, aber am Morgen der Kirchweih selber kommt erst der bettelnde Jahrgang und die Kruppelkolonne ordentlich in Gang. Ein Mann, der Furth gesehen, oder der in Ellwangen unter Pater Gassners Regierung gewesen, der kann diese Blatter aus seinem Exemplar herausschneiden; aber ein anderer hat nicht eher einen Begriff von allem, als bis ich weiter gehe und ihn zum kuhschnappelischen Tore hineinfuhre.
Der Strassen-Gottesdienst und die Sing-Standchen heben nun an. Blinde singen, wie geblendete Finken, besser, aber lauter die Lahmen gehen die Armen predigen das Evangelium selber die Taubstummen larmen sehr und lauten die Messe ein mit einem Glockchen einer fahret mitten in die Arie des andern mit seiner eignen hinein vor jeder Hausture klappert ein Vaterunser, und drinnen in der Stube kann niemand mehr sein eignes Fluchen horen einerseits werden ganze Heller-Kabinetter verspendet, anderseits eingesteckt die einbeinige Soldateska wirft in ihre Stossgebete Fluche als Pfeffer und sakramentiert entsetzlich, weil man ihr so wenig verehrt kurz, der Marktflecken, der sich heute letzen wollte, ist fast mit Sturm eingenommen vom Bettelpack.
Jetzo erscheinen erst die Kruppel und Presshaften. Wer ein verholztes Ersatz- oder Vexierbein unter dem Leibe halt und wem eine katholische Wallfahrt-Kapelle zu weit abliegt, der setzt das Nachbein samt dem langen Drittbein und Mitarbeiter, der Krucke, in Gang nach Kuhschnappel und pfahlt und pflanzt den spitzigen Fuss nahe am dortigen Tore in nasses Land und wartet, ob das Holz gedeiht und tragt. Wer keine Arme oder doch keine Hande mehr hat, der strecket beide dort aus nach einer geringen Gabe. Wen der Himmel mit dem Talente der Bettler, mit Krankheit, besonders mit den Bettler-Vapeurs, mit Gicht, massig ausgesteuert hat, der nimmt sein Pfund und seinen zur Krankheit gehorigen Korper und erhebt damit seine Romermonate von Gesunden. Wer nur uberhaupt als Kupferstich vorn vor Krankheitlehren ebensogut stehen konnte wie vor Toren: der tritt unter diese und berichtet, was ihm fehlet, und das ist vorderhand das fremde Geld. Es sind viele Beine, Nasen, Arme in Kuhschnappel zu haben, aber doch noch viel mehr Menschen; jedoch angestaunet, obwohl nicht erreicht, sondern nur beneidet wiewohl bloss von Makulaturseelen, die keinen Vorzug, ohne ihn zu fodern, sehen konnen wird ein ausserordentlicher Kerl, der nur halb noch da ist, weil seine andere Halfte schon im Grabe liegt und ihm alles, was Schenkel heisst, weggeschossen ist; denn diese Schusse setzen ihn in Stand, das Primat und Generalat der Kruppel an sich zu reissen und sich uberhaupt als einen Halbgott, dessen Geist statt eines Korperkleides nur noch ein Kollet, ein kurzes Wams, umhat, auf einem TriumphKarren vor allen herumschieben zu lassen. "Ein Soldat", sagte Siebenkas, "der noch mit einem Beine behaftet ist und der deshalb mit dem Schicksal rechten will und es wohl gar fragt: 'warum bin ich nicht zusammengeschossen wie dieser Kruppel und erfecht' ein so schmales Almosen?' der bedenkt nicht, dass auf der einen Seite noch tausend andere Krieger neben ihm sind, die nicht einmal ein holzernes Bein besitzen (geschweige mehre) und die diesen Brand- und Bettelbrief ganzlich entbehren, und dass er auf der andern Seite, wenn ihm die Kugeln noch so viele Glieder abgenommen, immer noch fragen konnte: 'warum nicht mehr?'"
Siebenkas machte sich lustig uber das Elend, weil dieses selber sich lustig macht; aber er schlug auf der andern Seite keinen staatswissenschaftlichen Larm daruber auf, wenn das Elend zuviel soff und frass wenn einmal vor einem Hirtenhause der ganze Lazarettwagen ausstieg, und wenn drinnen die Zugpflaster, die Martererkronen, die Stachelgurtel und Harenhemden abfielen und nichts ubrig blieb als ein frisches menschliches Wesen, das eine Minute aufhorte zu seufzen und wenn, da alle Menschen nicht bloss um zu leben, sondern um zuweilen besser zu leben, arbeiten, auch der Bettler etwas Besseres haben will als sein tagliches Auskommen, und wenn der Kruppel die Gottin der Freude, die unsere Tanzsale nur en masque besucht, in seine getafelte Tanzscheune als Mittanzerin hineinzieht, und wenn ihr im Walzen mit dem Kruppel die schwule Maske abfallt.
Um 11 Uhr warf der Teufel, wie ich halb vermutet, eine Hand voll Brummfliegen in Firmians Brautsuppe namlich einen Brautigam selber, den Hrn. Rosa v. Meyern, der seinen Besuch auf nachmittags (statt einer Realterrition) anbot, weil er da den Marktplatz besser uberschauen konne, hatt' er als Patrizier sagen lassen. Arme Honoratioren, die in keinem andern Hause etwas zu befehlen haben als in ihrem eigenen, machen in ihres leicht Schiessscharten, um daraus zu feuern auf den Feind, der von innen angreift. Der Advokat hatte in jede Schale seiner Themiswaage eine Unhoflichkeit gegen den Venner zu werfen und suchte bloss die kleinste herauszufinden die eine war, ihm sagen zu lassen, er moge bleiben, wo er ware, die andere war, ihn hereinzulassen und ubrigens zu tun, als sitze der Kauz im Monde. -Siebenkas wahlte die letzte als die kleinste.
Die guten Weiber mussen immer die Himmelleiter tragen und halten, auf der die Manner ins Himmelblau und in die Abendrote steigen; diese Visite wurde als eine neue Landfracht auf die zwei Tragestangen der Arme Lenettens geworfen. Die Schwemme aller beweglichen Habe und der Weihwedel aller unbeweglichen kamen wieder in Gang. Lenette war Meyern, dem Brautigam der Kindermorderin, von Herzen gram: gleichwohl wurden alle Glattmaschinen an die Stube angesetzt; ja ich glaube, Weiber putzen sich fur Feindinnen noch besser an als fur Freundinnen. Der Advokat ging mit langen Schlussketten wie ein Gespenst behangen einher und wollt' ihr den Gedanken beibringen, sich um den Hasen nichts zu scheren es half nichts, sie sagte: "Was wurd' er von mir denken!" Bloss als sie seinen alten Dintenkopf, worin er erst Dintenpulver fur die Auswahl aus des Teufels Papieren zergehen liess, als eine Kruditat der Stube vertrieben, und als sie an die heilige Arche seines Schreibtisches greifen wollte: dann richtete sich der Ehevogt auf und setzte sich auf die Hinterfusse und zeigte mit den vordern auf die Demarkationlinie.
Rosa erschien! Verfluchen oder totprugeln konnte den Jungling eigentlich keine nur ein wenig weiche Seele; man gewann ihn vielmehr allezeit in dem Zwischenraum seiner Streiche lieb. Er hatte weisses Haar an Kopf und Kinn und war uberhaupt sanft und hatte wie die Insekten fast Milch statt des Blutes in den Adern, so wie die Pflanzen, die vergiften, meistens weisse Milchsafte haben. Er vergab leicht, ausgenommen den Madchen, und vergoss abends im Theater oft mehr Tranen, als er mancher Verfuhrten abgedrucket hatte sein Herz war uberhaupt nicht von Stein oder Hollenstein, und wenn er lange betete, wurd' er andachtig und suchte die altesten Glaubenlehren hervor, um ihnen beizufallen. Der Donner war fur ihn eine Nachtwachterschnarre, die ihn aufweckte aus dem leisen Schlafe der Sunde. Durftigen griff er gern unter die Arme, zumal unter schone. Im ganzen genommen kann er selig werden, zumal da er nicht, wie etwan die Schuldner der grossen Welt, seine Spielschulden bezahlt, und da er in seinem Herzen ein angebornes Duellmandat gegen Schiessen und Hauen besitzt. Sein Wort halt er freilich noch nicht; auch wurd' er, wenn er armer ware, ohne Bedenken stehlen. Gewichtigen Leuten legt' er sich wedelnd zu Fussen, aber die Weiber zerrt' er wie ein Schosshund an der Schleppe oder setzte sich mit entblosstem Gebisse zur Wehre.
Solche biegsame Wasserschosslinge flattern vor jedem satirischen Schlage zuruck, und es ist ihnen, so sehr sie ihn verdienen, keiner beizubringen, weil die Einwirkung sich nur wie der Widerstand verhalt; und Siebenkas wunschte, Meyern ware roher und rauher; denn gerade diese nachgiebigen, bereuenden, kraftund saftlosen weichen Geschopfe stehlen Gluck, Kassenbestand, weibliche Unschuld, Amter und guten Namen und sind vollig dem Mausegift oder Arsenik ahnlich, der, wenn er echt ist, ganz weiss, glanzend und durchsichtig scheinen muss.
Rosa erschien, sag' ich; aber unendlich schon: sein Schnupftuch war eine grosse, und seine beiden Locken zwei kleine Molucken voll Wohlgeruch auf der Weste war (nach damaliger Sitte) ein ganzer gemalter Viehstand oder Zimmermanns zoologische Karte seine Beinkleidchen und sein Rockchen und alles salzte die Weiber im Hause bloss durch den Vorubergang zu Lothischen Salzsaulen ein. Mich aber, gesteh' ich, blenden mehr seine bereiften sechs Ringfinger; Schattenrisse, Gemalde, Steine, sogar Kaferflugeldekken waren schon zum goldnen Beschlage seiner Finger verbraucht.
Von der Hand kann man recht gut den Ausdruck "sie wird mit Ringen wie ein Huf beschlagen" brauchen, da man ihn ja schon langst auf den Rosshuf selber anwandte, von welchem doch Daubenton durch Zergliederung erwiesen, dass er alle Teile unserer Hand befasse. Der Gebrauch dieser Hand- oder Fingerschellen ist unschuldig, ja Ringe sind Leuten, die in den Nasen welche brauchen, an den Fingern unentbehrlich. Denn nach der angenommenen Meinung sind diese metallne Uberbeine der Finger zur Verunstaltung schoner Hande erfunden, gleichsam als Ketten und Nasenringe, um die Eitelkeit zu zahmen; daher Fauste, die an sich hasslich sind, diese Entstellung leicht entraten. Ich mochte wissen, ob ein ahnlicher Gedanke von mir selber, warum eine schone Hand eine hockerige Ringkugel (Sphara Armillaris) werden muss, auch wahr ist. Pascal trug namlich einen grossen eisernen Ring mit Stacheln um den blossen Leib, um sich durch einen kleinen Druck darauf sogleich mit Schmerzen fur jeden eiteln Gedanken abzustrafen: sollen nicht vielleicht die kleinern und schonern Ringe auf ahnliche Weise jeden eiteln Gedanken mit kleinen, aber vielen Schmerzen zuchtigen? Wenigstens scheinen sie diese Bestimmung zu haben, da gerade Eitle die meisten tragen und die beringelte Hand am meisten bewegen.
Oft laufen unwillkommne Besuche froher ab als andere: man war heute lustig genug, Siebenkas war in seinem Hause wie zu Hause er guckte mit dem Venner auf den Markt. Die Frau hatte, nach ihrer Erziehung und nach der kleinstadtischen Sitte der mittlern Stande, nicht den Mut, im Konzert eines mannlichen Gesprachs etwas anders zu sein als stumm, hochstens obligat, sie ging und trug ab und zu und versass die beste Zeit unten bei andern Weibern. Der hofliche galante Rosa Everard kehrte gegen sie seine Hexenkunst, eine Frau auf einen Platz festzubannen, fruchtlos vor. Er klagte vor dem Ehemann, in Kuhschnappel sei wenig echte Feinheit und noch kein einziges Liebhaber-Theater, worauf man spielen konne wie in Ulm die besten Moden und Bucher verschreib' er vom Auslande.
Siebenkas bezeugte ihm bloss seine Freude uber das Bettelvolk auf dem Markt. Er machte ihn aufmerksam auf die kleinen Buben, die in die rotgemalten Holztrompeten stiessen, um, wenn nicht Jericho, doch das Trommelfell zu zerblasen. Aber er fugte mit Wohlbedacht hinzu, er solle darum die andern armen Teufel nicht ubersehen, die in ihren Kappen die versprungene Nachlese des zerspalteten Klafterholzes, wie Bauinspektoren die Zimmerspane, erhoben. Er fragte ihn, ob er mit andern Kameralisten auch Lotterien und Lottos verwerfe und ob er glaube, dass das gemeine Wesen von Kuhschnappel bei der alten umgesturzten Tonne unten leide, auf deren Boden oben ein Zeiger, der um ein Zifferblatt von Pfefferkuchen und von Pfeffernussen fuhr, gegen geringen Einsatz von den Teilnehmern umgeschnellt wurde auf Gefahr des Lottodepartements, eines gierigen alten Weibstucks, da mancher Junge statt eines Nusschens einen Kuchen erwischte. Siebenkas hatte das Kleine lieb, weil es in seinen Augen ein satirischer zerrbildnerischer Verkleinerspiegel alles grossen burgerlichen Pompes war. Der Venner gewann solchen zweideutigen Darstellungen nicht den geringsten Geschmack ab; allein der Advokat hatte auch gar nicht daran gedacht, durch sie eine andere Langeweile zu zerstreuen als seine eigene. "Darf ich doch", sagt' er einmal, "mit mir selber alles laut sprechen, was ich nur will; was gehts mich an, dass ein anderer hinter meinem Rucken zuhort oder vor meinem Bauche?"
Endlich warf er sich, nicht ohne Beifall des Venners, der nun mit der Frau ein vernunftiges Wort zu reden hoffte, ganz unter das Marktvolk hinab. Everard wurde durch Firmians Entfernung erst in sein Element, in sein rechtes Hechtwasser gesetzt. Er stellte einleitend vor Lenetten ein Modell von ihrer Geburtstadt auf; er kannte viele Gassen und Leute in Augsburg und war oft vor der Fuggerei vorbeigeritten, und ihm sei es noch wie heute, sagt' er, dass er sie einmal neben einer ungemein schatzbaren Matrone, was gewiss ihre Mutter gewesen, einen Damenhut nahen sehen. Er nahm ohne Bedenken in seine rechte Hand die ihrige, die sie ihm wie aus Dank fur so teuere Erinnerungen leicht liess, und druckte diese; dann liess er plotzlich nach, um zu sehen, ob sie nicht im Gedrange der Finger etwas erwidert habe oder dem Verlust des Drucks wieder beizukommen suche aber er hatte ebenso gut Gotzens eiserne Hand mit seinen Diebsdaumen pressen konnen als ihre heisse. Er kam jetzo auf ihre Putzarbeit, sprach uber die Coiffuren-Muster als ein Mann, der die Sache verstand, und nicht wie Siebenkas, der ohne die geringste Sachkenntnis sich in dergleichen mischte, und bot ihr zwei Lieferungen sowohl von Ulmer Mustern als von kuhschnapplerischen Kundleuten an. "Ich kenne einige Damen", sagt' er und zeigte ihr in einem Taschenkalender das Verzeichnis von seinen Engagements zu den kunftigen Wintertanzen, "die ich schon zwingen kann; ich tanze mit keiner, die nicht etwas von Ihnen aufhat." "So schlimm wirds wohl nicht sein", versetzte vieldeutig Lenette. Er musste sie letztlich bitten, ein wenig vor ihm zu arbeiten, weil er den Kern ihrer kriegerischen Macht zu schwachen hatte durch Teilung, wenn sie die Augen auf die Nadeln und nur die Ohren gegen ihn postieren konnte. Sie errotete, als sie zwei Stecknadeln ergriff und eine in das rote kleine runde Nahkissen des Mundes steckte; das litt er nun nicht, er kannte die Gefahren eines Besteckens ganz eines Bedornens gegen Hasen wie er , es sei nun, dass eine dieses Stilett selber oder dass sie nur den giftigen Grunspan davon hinunterschlucke. Er zog eigenhandig das Stichgewehr aus ihrer Lippenscheide, ritzte aber wenigstens bejammerte er dieses wenig oder nicht den Amarellen-Mund. Ein rechtschaffener Venner glaubt sich in solchem Fall zu den Heilkosten und Schmerzengelde verpflichtet; Everard zog freiwillig seine englische Patent-Pomade heraus und strich sie auf ihren linken Zeigefinger und trug mit diesem Pflaster-Spatel er musste aber dabei ihre ganze Hand als den Schaft des Fingers anfassen und oft ohne seinen Willen drucken den Salben-Lack auf die unsichtbare Wunde auf. Das ungluckliche Stilett selber steckte er in sein Hemde, indem er ihr seine eigne Jabot-Nadel daraus gab und dabei seine zarte weisse Brust gern erkaltete. Ich bitte Leute, die den Dienst verstehen, instandig, meinen Helden freimutig zu beurteilen und mir im gesessenen Krieggericht die Bewegungen und Plane anzuzeigen, die falsch gewesen waren.
Daher liess er die Verwundete nicht mehr arbeiten, sondern sich bloss die ausgebaueten Aufsatze vorweisen; von einem bestellt' er ein Exemplar fur die gnadige Frau v. Blaise. Er bat sie, ihn aufzuprobieren, und ruckte selber den Aufsatz so, wie ihn die Frau v. Blaise trug. Beim Himmel! er stand noch besser, als er gedacht hatte; und er schwur, so muss' er der Heimlicherin auch lassen, da sie besonders einerlei Lange mit Madame habe. Das letzte war erlogen und diese um eine ganze halbe Nasenlange kurzer auch sagt' es Lenette, die jene in der Kirche gesehen. Rosa blieb dabei und setzte Seele und Seligkeit (denn in solchen Zwisten sprach er ordentlich ruchlos) zum Pfande, die gnadige Frau sei nicht langer, er nehme das Abendmahl darauf, er habe sich 100 mal mit ihr gemessen und sie sei einen halben Zoll langer als er selber. "Beim Himmel!" sagt' er plotzlich und sprang auf, "ich fuhre ja ihr Langenmass wie ihr Tailleur bei mir, ich darf mich ja nur mit Ihnen messen."
Ich will hier kleinen Madchen eine goldne Kriegregel, die ich selber gemacht, nicht vorenthalten: "Streite nie lange mit einem Manne, woruber es sei die Warme im Wortwechsel ist auch eine man vergisset sich und greift zuletzt zu Beweisen durch syllogistische Figuren, die der Feind begehrt und dann umsetzt in poetische, ja in plastische Figuren."
Lenette stellte sich, im schnellen Wirbel der Begebenheiten schwindelnd, gutmutig an das Rekrutenmass, an ihren Rekruten Rosa; er lehnte seinen Rucken an ihren: "So ists nichts", sagt' er "ich seh' es nicht" und schnallte seine rucklingsgebognen, gerade uber ihrer Herzgrube eingeknopften Finger wieder auf. Er sprang herum, stellte sich vor sie, umfing sie locker und wiegte sich gegen sie, um durch die Nivellierwaage des Auges zu erforschen, ob beider Stirnen in einer Ebene lagen. Seine klaffte um einen ganzen Zoll uber ihre hinaus; er umschnurte sie fester und sagte errotend: "Sie hatten doch recht; aber ich hatte nur Ihre Schonheit zu Ihrer Lange addieret" und druckte in solcher Nahe seinen roten Mund gar wie Siegellack auf die Urkunde der Wahrheit, auf ihren.
Sie wurde beschamt, verlegen, weich und unwillig, hatt' aber nicht den Mut, gegen einen vornehmen Patrizium in ihre Entrustung auszubrechen. Nun sprach sie kein Wort mehr. Er setzte sie und sich ans Fenster und sagt' ihr, er woll' ihr, hoff' er, andere Lieder vorlesen, als da unten verkauflich herumgetragen wurden. Er war namlich einer der grossten Dichter in Kuhschnappel, wiewohl er bisher mehr seine Verse bekannt gemacht, als dass diese ihn bekannt gemacht hatten. Seine Gedichte glichen wie die meisten jetzigen ganz den Musen selber, indem sie, wie die Musen, echte Kinder des Gedachtnisses waren. Jede altfrankische Stadt hat wenigstens ihren neumodischen Gecken, der die Honneurs macht; und jede kalte prosaische, reichsgerichtlich-stilisierte hat doch ihr Genie, ihren Dichter und Empfinder; oft werden beide Stellen von einem Subjekte verwaltet wie hier. Der Grosse und der Kleine Rat hiessen ihren Rosa ein Kraftgenie, von der Genie-Seuche angesteckt. Diese Seuche gleicht der Elefantiasis, welche Troil in seiner Reise durch Island im 24. Briefe richtig beschreibt und die darin besteht, dass der Patient an Haaren, Ritzen, Farbe, Beulen der Haut und allem vollig einem Elefanten ahnlich sieht, nur dass er seine Starke nicht hat und in einem kalten Klima lebt.
Everard zog eine ruhrende Elegie aus der einen oder linken Tasche, worin (ich meine in der Elegie) ein an der Liebe verfalbender Edler sich selber niedersang, und er merkte voraus an, er wolle gern solche ihr vorlesen, falls er sie anders vor Ruhrung durchbringe; aber bald presste dem Verfasser das Gedicht mehr als eine Trane und Ruhrung ab, und er musste zu seiner Ehre ein neues Beispiel abgeben, dass, wie mannlich und kalt auch er und Dichter seinesgleichen sich bei den grossten Leiden der Menschheit zu fassen wissen, sie sich doch nicht ganz bei denen der Liebe bezwingen konnen, sondern weinen mussen. Sie bereuen freilich solche Tranen nicht. Rosa inzwischen, der sich wie diebische Spieler immer an einer widerspiegelnden Flache aufhielt und war' es Wasser, Fensterscheibe oder polierter Stahl um die weibliche Physiognomie im Fluge zu treffen, nahm in einem Spiegelchen des Rings der linken Hand, worin er die Elegie vorhielt, nur einige tragische Tau-Spuren in Lenettens Augen wahr, welche sein Dichten nachgelassen. Nun holte er aus der zweiten Tasche eine Ballade (sie muss langst gedruckt sein) hervor, worin eine unschuldige Kindmorderin mit einem weinenden Abschied vom Geliebten ihrem Schwert entgegengeht. Die Ballade hatte (sehr unahnlich seinen andern poetischen Kindern) wahres poetisches Verdienst, da er zum Gluck wenigstens fur das Gedicht selber einen solchen Geliebten vorstellte und mithin aus dem Herzen zu dem Herzen sprechen konnte. Schwer zu malen ist die Ruhrung und Zerfliessung, welche in Lenettens Angesicht erschien; ihr ganzes Herz stand weinend in den blinden Augen; sie hatt' es gar nicht gewohnt, so erfasst zu werden von Wirklichkeit und Dichtkunst zugleich. Da warf der Venner die Ballade im Feuer weg und sich an Lenettens Hals und sagte:"Mitempfinderin, Edle, Hehre!"
Ich kann das Erstaunen nicht malen, womit sie, die einen Ubergang vom Weinen zum Kussen gar nicht begriff, ihn wegdruckte. Jetzo half es nichts er war in der Ruhrung er foderte ein Andenken dieser "hehren bezaubernden Minute", nur einen Flock Kopfhaare von ihr. Ihr niedriger Stand und das grossgedruckte Beiwort und uberhaupt ihr Unvermogen, nur zu begreifen, was er mit ihrem schwarzen Pelzwerk, und wenn sie ihm ganze Troddeln und Bettzopfe davon zuschnitte, machen wolle, alles das setzte ihr den dummen Gedanken in den Kopf, er wolle einen Buschel Haare, um damit zu hexen, etwan um ihr die Liebe antun zu lassen.
Er hatte sich jetzo auf der Stelle vor ihr erstechen, auseinandersabeln, lebendig pfahlen konnen sie hatte es kalt gesehen, sie hatt' ihn etwan mit ihrem Blute gerettet, aber mit keinem Harchen.
Er hatte noch ein Mittel in petto uberhaupt war ihm ein solcher Vorfall noch niemals vorgekommen er hob die Hande zum Schwur in die Hohe und beteuerte, er wolle ihr von Hrn. v. Blaise die Erbschaft ihres Mannes und die Anerkennung desselben als Vetter weil er jenem nur die Nichte sitzen zu lassen drohen durfe recht leicht verschaffen, wenn sie die Schere nahme und ihm nur ein harnes Andenken, nur so viel als ein viertels Schnurrbart betrage, abschneide.
Sie wusste vom Zwiste nichts, und er war also, zum Nachteil seines Enthusiasmus, zu einer umstandlichen prosaischen Erzahlung der species facti des ganzen Prozesses genotigt. Zu seinem wahren Glucke fuhrte er das Zeitungblatt noch in der Tasche, in welchem die Erbschaftkammer sich im Drucke nach der Existenz des Advokaten erkundigt, und konnt' ihr solches hinhalten. Da fing die geplunderte Frau bitterlich an zu weinen, nicht uber die Einbusse der Erbschaft, sondern uber das lange Schweigen ihres Mannes und am meisten uber die Zweifelhaftigkeit ihres jetzigen Namens, da sie nicht wisse, sei sie an einen Siebenkas oder an einen Leibgeber verheiratet; ihre Tranen stromten starker, und sie hatte in der Trunkenheit des Schmerzes dem Betruger vor ihr alle ihre schonen Locken hingegeben, wenn nicht, indem er knieend nur um eine bat, ein Zufall die ganze Kette dieser Minuten zerrissen hatte.
Wir wollen aber vorher nachschauen, wo ihr Ehemann herumlauft anfangs zwischen den Buden; denn das vielstimmige Getummel und die Olla Potrida von wohlfeilen Genussen und die aufgeschlagene Musterkarte der Lumpen, aus und auf denen wir Kleidermotten unsere Trachten und Gehause zusammenflicken, alles dieses senkte seine Seele in humorischmelancholische Betrachtungen uber unser aus farbigen Minuten, Staubchen, Tropfen, Dunsten und Punkten zusammengestoppeltes Musaik-Gemalde des Lebens ein. Er lachte und horte mit einer nur wenigen Lesern begreiflichen Ruhrung einen Bankelsanger an, der gellend mit seinem Rhapsoden-Stabe in der einen Hand auf das ausgespannte illuminierte grosse Blatt eines greulichen Mordes hindeutete, und in der andern gedruckte kleinere Blatter mitteilte, worin das Ungluck und der Morder mit keinen hellern Farben als mit poetischen den Deutschen vorgemalt waren. Siebenkas machte eine Bestellung von zwei Exemplaren, die er einsteckte, um sie abends zu lesen.
Das traurige Mordstuck zeichnete im Hintergrunde seiner Seele die verteidigte Kindmorderin und den Rabenstein aus, auf den die warmen Tranen gefallen waren, womit sein losgespaltnes, nur einem einzigen Menschen verstandliches Herz unter dem letzten Riss geblutet hatte. Er verliess den tobenden Marktplatz und suchte die schweigende Natur und das fur Freundschaft und Schuld zugleich bestimmte Isolatorium auf. Es ist ein sonderbares und liebkosendes Gefuhl, auf einmal aus einem wuhlenden Markte in den ruhigen Umkreis der einfarbigen Schopfung zu treten, in ihren stummen dunkeln Dom.
Er bestieg mit schwerer Brust die bekannte Statte, deren harten Namen ich weglassen will, und sah sich auf dieser Ruine in der Schopfung wie ein letztes Wesen um: weder im Blau des Himmels noch auf dem Grun der Erde fand er eine zweite Stimme. Nur eine verlorne Grille schwatzte noch einsilbig in den aufgedeckten Furchen aus den Stoppeln der abgetriebnen Ahrenwaldung. Die Vogel scharten sich unter blossen Misslauten zusammen und flogen in die haufigern grunen Garnwande, statt in den entlegnen grunen Fruhling. Uber die Auen ohne Blumen, uber die Beete ohne Ahren schweiften blasse Gespenstergebilde der Verganglichkeit, und uber den grossen ewigen Gegenstanden, uber Waldern und Bergen, hing ein nagender Nebel, als wenn sich in seinen Rauch die erschutterte staubende Natur auflosete. Aber ein lichter Gedanke zerteilte den dunkeln Staubregen der Natur und der Seele in einen weissen Nebel und den Nebel in bunten Tau und liess den Tau auf Blumen fallen; er schauete nach Nord-Osten an die Berge, die sein zweites Herz verbargen und hinter denen sein Freund, wie ein im Herbste fruher kommender Mond, in einem blassen Bilde aufstieg; und der Fruhling, an dem er seinen Heinrich besuchen und wiedersehen wollte, fing jetzo schon an, fur ihn eine breite Strasse dahin mit Grun und Blumen auszuschlagen. Wie spielt der Mensch mit der Welt um sich und kleidet sie schnell in die Gespinste seines Innern um! Jetzo senkte sich der unbefleckte Himmel mit einem nahern Blau auf die falbe Erde hernieder. Tonte nicht der kunftige Fruhling schon von weitem uber einen ganzen Winter heruber im Abendgelaute des Weide-Viehes, im Wildrufe der Waldvogel und in den ungehemmten Bachen, die in den kunftigen Blumen-Uberhang hinein flossen? Und als eine zuckende Puppe neben ihm noch in der halben eingerunzelten Raupenhulse hing und ihren Blutenkelchen entgegenschlief und als das Seelenauge der Phantasie von den Grummethaufen in die Abendpracht des Heumonats hinuberblickte und als jeder vielfarbige Baum gleichsam zum zweiten Male bluhte und als die bunten Gipfel wie vergrosserte Tulpen einen Regenbogen auf den Duft des Herbstes zogen: so jagten nun nur fruhere Mailufte dem flatternden Laube nach und wehten unsern Freund mit hebenden Wogen an und stiegen mit ihm auf und hielten ihn empor uber den Herbst und uber die Berge und er konnte uber die Berge und Lander wegschauen und siehe, er sah alle Fruhlinge seines Lebens, die fur ihn noch in Knospen lagen, wie Garten nebeneinander stehen und in jedem Fruhlinge stand sein Freund!
Er verliess den Ort; aber er streifte in den Wiesen, worin man jetzo nicht angstlich den Fusssteig zu suchen brauchte, noch lange herum, hauptsachlich damit man es seinen Augen nicht ansahe zumal da ihm heute so viele Marktleute begegneten , an wen er unterweges gedacht habe. Aber es half ihm wenig; in gewissen Verfassungen quillet die geritzte Seele wie verwundete Baume unaufhorlich und beim kleinsten Bestreifen.
Er mied Augenzeugen, besonders wie Rosa, darum, weil er, wie ich leider sagen muss, gerade in der Ruhrung, es sei aus Scham oder Lebhaftigkeit, am geneigtesten war, seinen Zustand durch Auffahren zu verbergen. Endlich fiel ihm eine Waffe zum Siege uber sich in die Hand: der Gedanke, dass er seinem Gaste noch genug fur das unhofliche Wegbleiben abzubitten und zu verguten habe.
Als er ankam welcher sonderbarer Anblick! Der alte Gast war fort ein neuer war da und neben ihm sein Weib in Tranen. Bei seinem Eintritt trat Lenette an ein Fenster, und ein neuer Tranenguss fiel nieder. "Frau Armenadvokatin", fuhr der Schulrat noch immer fort und hielt ihre Hand, "schicken Sie sich ums Himmels willen in den Willen Gottes es ist ja leichtlich zu richten und zu schlichten. Ich verstatte gern eine Traurigkeit des Herzens; aber eine gemassigte sei es." Lenette sah ihren Mann gar nicht an, sondern durchs Fenster. Der Schulrat erzahlte jetzo erstlich alles das, was ich schon erzahlt habe indes Firmian, unter dem Horchen und Blicken auf ihn, die gluhende Hand der abgekehrten Lenette fasste ; dann fuhr er fort: "Als ich hereintrat, du grosser Gott, so lag Ihro Gnaden vor der Frau Advokatin auf den Knieen mit weltlichen Tranen und war gesonnen ich muss es besorgen , ihr ihre teure Ehre zu nehmen. Ich aber riss solchen auf, ganz freimutig, und fragte ihn mit paulinischer Unerschrockenheit, die ich vor Gott und Menschen zu verantworten gedenke: 'Ew. Gnaden, sind das die Lehren, die ich Denenselben als Ihr Privatlehrer gegeben habe, soll ein Christ solchergestalt auf die Kniee fallen? Pfui, Hr. von Meyern, pfui, Hr. von Meyern!'" Jetzo geriet der Schulrat wieder in einen entsetzlichen Eifer und fuhr in der Stube, die Hande tief in den pluschnen Rocktaschen, auf und ab. Firmian sagte: "Gegen einen solchen Hasen gibt es leicht einen Feldscheu und einen Gartenzaun; aber was gehet es dich an, Liebe", sagt' er, "und uber was weinest du so sehr?" Sie fing starker an; da stemmte der Rat die Hande in die Seite und sagte zornig zu ihr: "So? Frau Armenadvokatin, solche schlechte Wurzeln fassen meine heutigen Trostungen bei Ihnen? Ich hatte mich dessen ganz und gar nicht vermutet. So hab' ich denn ganz umsonst, muss ich merken, Ihnen in meiner Kutsche, da ich die Ehre hatte, Sie von Augsburg hieher zu fahren, die grossen Gluckseligkeiten der Ehe, noch dazu, eh' Sie nur solche schon genossen, gleichsam in den Wind mit allem moglichen Feuer vorgehalten; und es ist Ihnen ordentlich alles wie weggeblasen, was ich Ihnen im Wagen sagte, wie selig eine Gattin durch einen Gatten wird, wie sie uber seinen Besitz oft beinahe vor Freude weinen muss, wie beide nur ein Herz sind und ein Leib, und beide alles miteinander teilen, Freud' und Leid, jeden Bissen, jeden Wunsch, ja das kleinste Geheimnis... Aber der Schulrat Stiefel ziehet, seh' ich, mit einer langen Nase ab, Frau Advokatin!".... Da uberfuhr und trocknete sie heftig zweimal hintereinander die Augen, blickte ihn gewaltsam heiter mit den freundlichsten Augen an und sagte tief heraufgezogen, aber linde und nicht schmerzlich, nichts als: "Ach!" Der Schulrat senkte seine Hand mit den blossen Fingern auf ihre niederhangende wie ein Priester und sagte: "Der Herr aber sei Ihr Arzt und Helfer in allen Ihren Noten (er konnte nun selber vor kommenden Tranen wenig mehr sagen), Amen, das heisset, ja, ja, es soll also geschehen." Hier umarmte und kusste er den Mann, aber sehr warm und sagte: "Schicken Sie zu mir, wenn bei der Frau Liebsten kein Trost verfangen sollte und Gott richte doch beide auf. O .... weswegen ich eigentlich da bin... Die Rezension vom Oster-Programm muss am Mittwoch fertig sein ich schulde Ihnen auch acht oder mehr Zeilen Honorar fur den letzten Wisch, dem Sie ein paar gute Wischer gegeben."
Aber als er geschieden war, blieb Lenette nicht so getrostet zuruck, als man vermuten sollte; sie lehnte am Fenster, in ein tiefes, aber verzweifelndes Staunen und Sinnen verloren. Firmian stellte ihr vergeblich vor, dass er ja seinen oder ihren jetzigen Namen niemals mehr andere und dass ihre Ehre und Ehe und Liebe ja nicht an elenden Namenzugen hangen, sondern an seiner Person und an seinem Herzen. Sie unterdruckte ihr Weinen, aber den ganzen Abend blieb sie bekummert und schweigend.
Niemand nenne aber den guten Firmian zu argwohnisch, wenn er, der erst einen verungluckten Kirchenrauber der Ehe, den Venner, losgeworden, jetzo an einen vulkanischen Ausbruch denkt, der leicht uber eine weite Strecke seines Lebens Steine und Asche werfen kann, wenn sein Freund Stiefel wirklich, wie es scheint, seine Lenette, obwohl schuldlos, liebgewonnen. Das ganze Verhalten desselben von den Hoflichkeiten des Hochzeittages bis zu seinen haufigen Besuchen und bis auf seine heutige Erbosung uber den Venner und auf seine Erweichung, alles das machte ein zusammengehorendes Gemalde einer innigen, wachsenden, obwohl rechtschaffenen und unbewussten Liebe aus. Ob ein versprungener Funke davon in Lenettens Herzen sich verhalte und nachglimme, das konnt' er noch nicht wissen; aber trotz der Rechtschaffenheit seines Freundes und seiner Frau musste bei den jetzigen Verhaltnissen sein Sorgen so stark als sein Hoffen sein.
Lieber Held! Bleib aber einer! Das Schicksal will, wie ich immer deutlicher merke, allmahlich die einzelnen Stucke zu einer guten Drill-Maschine, um den Diamanten deines Stoizismus zu durchbohren, ineinander fugen, oder auch aus Durftigkeit, hauslichem Verdruss, Prozessen und Eifersucht nach und nach britische Scher- und Seng-Maschinen geschickt zusammenbauen, um wie am feinsten englischen Tuche jede kleine falsche Faser wegzuscheren und wegzusengen. Wenn dergleichen geschieht, so komme nur als ein so herrlicher englischer Zeug aus der Presse, als je einer auf die Leipziger Tuch- und Buchhandlermesse geliefert worden, und du wirst glanzen.
Viertes Kapitel
Eheliche partie a la guerre Brief an den
haar-lustigen Venner Selbertauschungen Adams
Hochzeitrede das Abschatten und Verschatten
Ich beobachte nichts scharfer und protokolliere nichts weitlauftiger als zwei Tag- und Nachtgleichen, die eheliche, wenn nach den Flitterwochen die Sonne in die Waage tritt, und die meteorologische draussen, weil ich imstande bin, aus der Witterung in beiden das Wetter wunderbar auf lange Zeit vorauszusagen. Am wichtigsten ist mir das erste Gewitter im Fruhjahr und im Ehestand; die andern alle ziehen aus seiner Gegend her. Als der Schulrat zum Hause hinaus war: umfasste der Armenadvokat seine zurnende Huldin und uberschuttete sie mit allen Beweismitteln, mit Beweisen zum ewigen Gedachtnis, mit halben Beweisen, mit Beweisen durch Augenschein, mit Haupteiden und Schlussfiguren, womit nur eigne Zartlichkeit zu erharten oder fremde zu bekehren ist. Der Beweistermin strich ohne Nutzen vorbei: er hatte ebensogut den harten kalten Taufengel in der Hauptkirche umhalsen konnen, so kalt und stumm verblieb der seinige. Der Pelzstiefel war der blutstillende Tourniket um Lenettens offne stromende Pulsader gewesen: durch sein Fortgehen hatt' er den Lerchenschwamm seiner Zunge von ihren Augen gezogen und nun gossen sie ohne Mass darnieder.
Siebenkas ging oft ans Fenster und in die Kammer, um ihr zu verbergen, dass er sie nachahme und dass ihn ihr Schmerz, der so wenig vernunftig war, gleichwohl zu einem sympathetischen hinreisse. Man ertragt und verzeiht einen ubertriebnen Kummer leichter, den man selber machte, als den andere verursachen. Den andern Tag druckte eine unausstehliche Stille das Zimmer. Da es bloss das erste Beet in der ehelichen Samenschule war, in das die Kerne zu Zankapfeln gelegt wurden: so horte man noch kein Rauschen der Saat dabei. Eine Frau vermags im ersten Zwiste noch nicht, sondern erst im 4ten, 10ten, 10000ten ist sie imstande, zugleich mit der Zunge zu verstummen und mit dem Torso zu larmen und jeden Sessel, den sie wegschiebt, jeden Querl, den sie hinstreckt, zu ihrer Sprachmaschine und Sprachwelle zu verbrauchen und desto mehr Instrumentalmusik zu machen, je langer ihre Vokalmusik pausiert. Lenette Wendeline verrichtete und fragte alles so leise, als hatte ihr Ehe-Lehnpropst das Podagra und krummte seine wunden Fusse am zitternden Bettbrette.
Den dritten Tag fiel es dem Propste verdrusslich, und mit Recht. Ich bekenn' es, ich will mich gern und stark mit meiner Frau, wenn ich sie hatte, veruneinigen und ich bin bereit, mit ihr in einen Wortwechsel zu geraten statt in einen Briefwechsel; aber etwas wurde mir ans Leben greifen, das lange trube weinende Nachzurnen derselben, das wie der Schirokkowind einem Manne zuletzt alle Lichter, Gedanken und Freuden ausblast und am Ende das Lebenslicht selber. So ist uns allen ein heftiges Gewitter im Sommer nicht unangenehm, eher erfrischend; aber man muss es verwunschen, bloss des elenden truben nassen Wetters wegen, das darauf einfallt und einige Tage Bestand hat. Siebenkas war desto verdrusslicher, da er nichts in der Welt seltener war als eben verdrusslich. Wie andere Juristen sich selber unter die torturfreien Menschen zahlen, so hatte er sich langst selber durch den Epiktet so gegen die Folter der Seele, den Kummer, verteidigen lassen, wie er die Kindmorderin gegen eine andere verteidigt hatte. Die Juden glauben: nach der Ankunft des Messias werde die Holle ans Paradies gestossen, damit man einen grossern Tanzsaal habe, und Gott tanze vor. Siebenkas tat das ganze Jahr lang nichts als alle seine Marterkammern und Kreuzschulen an die Lustzimmer seiner Bagatelle anbauen und einfugen, um darin grossere Ballette zu tanzen. Er sagte oft, man sollte eine kleine Medaille fur den Staatsburger aussetzen, der dreihundert und funf und sechzig Tage, 5 Stunden, 48 Minuten und 45 Sekunden lang nicht knurrte und nicht brummte.
Anno 1785 hatt' er die Medaille nicht gewonnen; er war am dritten Tage, am Sonnabend, so toll uber seine schweigende Frau, dass er noch toller wurde uber den Storenfried Everard. Uberhaupt konnte dieser Minnesinger und Minnesoldner nachstens wieder ins Haus kommen und die Gottin Zwietracht, die in Voltairens Henriade als Direktrice und Ambassadrice die besten poetischen Dienste verrichtet, in das hausliche Volklied eines Advokaten einfuhren als Maschinengottin, um den Knoten des ehelichen Bandes zu losen und einen neuen zu knupfen mit dem Venner. Siebenkas schrieb ihm also folgende akademische Streitschrift: "Ew. Hochwohlgeb. Gnaden erkuhn' ich mich in diesem kleinen Memoriale die Bitte vorzutragen:
Dieselben mochten zu Hause bleiben und mir Ihre
Besuche entziehen. Sollten Sie einiger Haartouren von meiner Frau benotigt sein: so erbietet sich Endesunterschriebener zu den Lieferungen und will sie abschneiden. Wollen Dieselben ein Jus compascui oder eine Koppeljagd bei mir exerzieren und selber kommen: so werd' ich diese Gelegenheit mit Vergnugen ergreifen, mir aus Ihnen eigenhandig so viel Haare, als zu einem Andenken notig sind, mit den Wurzeln wie Monatrettige auszuziehen. Ich bin oft in Nurnberg (der hohe Rath wollt' es nicht haben) mit einem adligen betagten 'Prugelknecht24' auf die benachbarten Dorfer schmausen gegangen, d.h. mit einem Informator, der sich aus den Seitenhaaren drei kleiner Patrizier in den Lehrstunden eine schone mausfarbne Beutelperucke zusammengezauset und exzerpiert hatte, die der Mann noch aufhaben wird. Er lag diesem Seidenbau ob, oder vielmehr er blattete die kleinen Kopfe darum aussen ab, damit er besser mit seinen Strahlen die Fruchte innen zeitigen konnte, wie man im August aus denselben Grunden die Weinstocke entlaubt. Der ich ansonsten verharre etc."
Es argert mich, wenn ichs dem Leser nicht beibringen kann, dass der Advokat diesen bittern Brief ohne die geringste Bitterkeit der Seele hinschrieb: dieses holzersparende Mitglied hatte sich so sehr in die fortglanzenden Satiren der drei lustigen Weisen aus London Butler, Swift, Sterne , dieser drei Leiber des satirischen Riesen Geryon oder dieser drei Parzen gegen den Toren, hineingelesen, dass das Mitglied nicht mehr wusste, ob es bitter sei oder nicht uber das satirische Kunstwerk vergass er die Auslegung, ja er vergab sogar einer Stachelrede auf sich selber fur ihren Wuchs und Bau gern die langsten Stacheln. Ich berufe mich auf seine "Auswahl aus den Papieren des Teufels", deren satirische Giftblasen und Giftstacheln nur in seinem Dintenfasse und in seiner Schreibfeder, d.h. in seinem Kopfe, aber nicht in seinem Herzen waren.
Ich bitte die Leser hier, den Geist der Sanftmut jedem Laute weil unsere Worte mehr als unsere Taten die Menschen erzurnen , aber noch mehr jedem Blatte einzublasen; denn wahrlich wenn Ihnen Ihre Korrespondenten ein schriftliches Pereat langst verziehen haben, so schwillet doch, wenn das Sauerampfer Blattchen wieder in die Hande fallt, der alte Sauerteig des Hasses wieder auf. Dafur konnen Sie im andern Falle auf eine gleiche Ewigkeit einer erschriebenen Warme vertrauen; wahrhaftig, hatte ein langer schneidender Dezemberwind mein Herz zu allen Bewegungen fur ein anderes, das sonst wahre Johannes-Briefe weiche Hirten- und Hirtinnen-Briefe an mich erlassen, steif und unbiegsam gemacht: so verschluge dies wenig, sobald ich nur diese SchaferBriefe aus meinem Briefgewolbe voll Brieftaschen oder Brief-Ranzen wieder heraus zoge. Der Anblick der geliebten Hand, des willkommnen Siegels und der lieblichen Worte und der papierne Spielraum so mancher Entzuckung wurfe auf das starre Herz wieder den Sonnenschein der veralteten Liebe; es wurde sich wie ein beschienener Blumenkelch wieder der kleinen Vorzeit auftun, und alle Gedanken wurden, und ware ich erst vorgestern beleidigt, sagen: "Ach, ich habe dem Verfasser (der Verfasserin) bisher wohl zu viel getan." So trieben viele Heilige des 1ten Sakuls Teufel aus Besessenen aus, bloss durch Briefe.
Eben diesen Sonnabend kam wie ein judischer Sabbat der Pelzstiefel gleichsam gerufen. Ich hab' es oft gesehen, dass ein Gast das Heftpulver und Bindewerk zwischen zwei keifenden Ehehalften geworden, weil sie aus Scham und Not gezwungen waren, wenigstens so lange miteinander freundlich zu tun und zu sprechen, als der Gast zuhorchte. Jeder Eheherr sollte einen oder ein paar Gaste in Vorrat haben, welche kamen, wenn er litte unter der Eheherrin, die den stummachenden Teufel zu lange im Leibe hatte; sie musste doch wenigstens, solange die Herren blieben, reden und den eisernen Diebapfel des Schweigens der mit dem Zankapfel auf einem Aste wachset aus dem Munde nehmen. Der Schulrat stellte sich ganz dicht vor Lenette Wendeline, wie vor seine Schulerin, und fragte sie, ob sie das erste Kreuz ihrer Ehe so geduldig getragen habe wie eine Kreuzschwester Hiobs. Sie schlug tief die grossen Augen nieder und wickelte einen fingerlangen Faden an einen Zwirn-Schneeball und atmete voller. Ihr Mann vertrat sie und sagte: "Ich war ihr Kreuzbruder und trug das Querholz der Last ich ohne Murren, sie ohne Murren. Im 12ten Jahrhundert zeigte man noch den nachgelassenen Misthaufen, worauf Hiob geduldet hatte. Unsere zwei Sessel sind die Misthaufen und sind annoch zu sehen." "Gutes Weib!" sagte Stiefel mit dem sanftesten Pianissimo aus dem Grobgedackt und Schnarrwerk der mannlichen Brust und legte seine grosse blutenweisse Hand auf ihr vorquillendes Stirn-Rabenhaar. Siebenkas horte ein vielfaches sympathetisches Echo dieser Worte in seiner Seele und legte seinen Arm um die Schultern Lenettens, die uber die ehrende Freundlichkeit des andern Mannes im Amte selig errotete; er druckte sanft ihre linke Seite an seine rechte und sagte: "Wahrlich das ist sie sie ist sanft und still und geduldig und nur gar zu emsig ware nicht der ganze Heerbann der Holle in der Gestalt des Venners gegen unser kleines Gartenhaus des Glucks angeruckt, um es abzudecken: Herr Rat, wir hatten lange froh darin gehauset bis weit in den Winter unserer Jahre. Denn meine Lenette ist gut, und zu gut fur mich und fur viele andere." Hier umgurtete der geruhrte Stiefel ihre mit dem Knaul gefullte Hand am Sitz des Pulses mit seinen funf Fingern denn die leere hatte der Mann ; und das Wundwasser fur unsere Schmerzen, dessen grosse Tropfen, durch die gebundnen Hande nicht verwischt, aus ihren gesenkten Augen zitternd auf die Wangen zogen, machte die mannlichen Herzen unendlich weich; ohnehin konnte ihr Mann niemand lange loben, ohne dass ihm die Augen uberflossen. Er fuhr schneller fort: "Sie sollt' es auch recht gut bei mir haben, aber mein Mutterliches wurde mir so grausam vorenthalten. Und auch da noch hatte ich sie ohne Erbschaft glucklich gemacht wie sie mich, wir hatten keinen Zwist, keinen einzigen truben Augenblick nicht wahr, Lenette, nichts als Ruh' und Liebe hatten wir bis der Venner kam! Der nahm uns viel." Der Schulrat hob erboset die geballte Faust in die Lufte und sagte, mit ihr in diese hauend: "Du Hollenkind! Du Rauberhauptmann und Flibustier! Du seidner Katilina und Schadenfroh! Gedenkst du das und deine andern Streiche einmal zu verantworten? Hr. Armenadvokat, das erwart' ich wenigstens von Ihnen, dass Sie, wenn er wieder um Haare ansucht, ihn bei seinen Haaren hinausgeleiten oder dieser Pelz-Made, wie Sie selber sagen, mit einem Stiefelknecht auf die Achsel klopfen und mit einer Beisszange die Hand drucken mit einem Worte, ich leid' ihn nicht mehr hier."
Und hier schob Siebenkas, um fremde und eigne Ruhrung auszukuhlen, die Nachricht ein, er habe alles schon getan und dem Venner die notigen Inhibitoriales ubermacht. Der Pelzstiefel schnalzte freudig mit der Zunge und nickte billigend mit dem Kopfe; denn eine hohe Obrigkeit war ihm zwar Christi Unterkonig, und ein Graf ein Halbgott, und ein Kaiser ein ganzer; aber eine einzige Todsunde, die einer von ihnen beging, kostete diesem seine ganze gebuckte Freundschaft, und gegen einen lateinischen Donatschnitzer, der sogar aus einem kronengold-haltigen Kopfe gekommen ware, hatt' er sich ohne Bedenken in einem ganzen lateinischen Osterprogramma aufgemacht. Der Weltmann behauptet den aufrechten Anstand und die gekrummte Seele; der Schulmann hat oft beide nicht. Lenettens letzte Wolken verzogen sich alle, da sie horte, dass dem Venner ein papierner Verwahrstock und spanischer Reiter unter ihre Stubenture gesetzt worden. "Nun fleucht er also von mir? Dem Erloser sei Dank! Er leugt und treugt ja auch uberall", sagte Lenette. "So spricht man eigentlich nicht, ausgenommen schnitzerhaft, Frau Armenadvokatin, denn die unregelmassigen Zeitworter kriechen, lugen, giessen, riechen, ziehen, die als verba anomala im Imperfecto kroch, trog, log und so weiter haben, werden von guten deutschen Grammatikern im Praesens durchaus regelmassig gebeugt, namlich flektieret nur die Dichter machen ihre Ausnahmen wie leider uberall und jeder sagt daher vernunftig: man lugt, kriecht, trugt, namlich in der gegenwartigen Zeit."
"Lassen Sie doch", sagte Siebenkas, "meiner guten Augsburgerin ihre lutherischen Beugungen; sie tut mir ordentlich damit sanft, mit solchen unregelmassigen Zeitwortern; sie sind ja schmalkaldische Artikel aus der augsburgischen Konfession." Hier zog sie das Ohr ihres Mannes freundlich an ihren Mund herab und sagte: "Was koch' ich abends? Du konntest es aber dem Herrn wohl sagen, dass ichs mit meinen Reden ja gut gemeint. Und frage doch, mein lieber Firmian, wenn ich draussen bin, den geistlichen Herrn, ob unsere Ehe in der Hl. Schrift recht erlaubt ist." Er fragte sogleich jetzo; der Pelzstiefel antwortete langsam: "Wenn man auch nichts erwagt als das Beispiel der Lea, die anonym unter dem Pseudo-Namen Rahel noch in der Hochzeitnacht dem Jakob zugeschoben worden und deren Ehe die Bibel gutgeheissen: so war' uns das schon genug; wechseln denn aber die Namen oder die Leiber Ringe? und kann denn der Zweck der Ehe von einem Namen erreicht werden?" Ein gegen ihn aufgehobenes, in Milde zergangenes Angesicht und ein demutiges Auge voll Heiterkeit waren Lenettens Antwort auf seine Frage und ihr Dank fur seinen Konsistorialbescheid.
Sie ging in die Kuche, kam aber unaufhorlich wieder, um immer an den Tisch, woran beide Manner sassen, zu treten und das Licht zu schneuzen was wohl niemand in der ganzen Stube ihr als eine besondere Sehnsucht und Dankbarkeit fur Stiefel auslegen wird als hochstens ich und der Advokat ; der Schulrat inzwischen entriss ihr bestandig die Lichtschere und beteuerte: es sei seine Schuldigkeit. Siebenkas sah wohl, dass Stiefels beide Nebenplaneten von Augapfeln sich immer um seinen Uranus (Lenetten) drehten; aber er vergonnte gern dem lateinischen Ritter dieses von einer Dulzinee versusste Ritteralter und vergab, wie meistens die Manner, einem Nebenbuhler eher als einer Ungetreuen wie die Weiber hingegen mehr die Nebenbuhlerin hassen als den Ungetreuen ; er wusste noch dazu, dass Stiefel selber nicht wisse, was oder wen er wolle und liebe, und dass er alle Schulleute und Autoren leichter rezensiere als sich; denn so hielt der Rat z.B. seinen Zorn fur Amteifer, seinen Stolz fur Amtwurde, sein Leben fur ein tagliches Sterben, seine Leidenschaften fur Schwachheitsunden und diesesmal seine Liebe fur Menschenliebe. Lenettens Treue war vom Schlussstein der Religion fest gewolbt, und durch des Venners Erschutterung hatte sich das hl. Kirchengewolbe nicht im geringsten gesenkt.
Jetzo watete der Postbote herauf mit einem neuen Sternbilde, das er in den friedlichen Familien-Himmel setzte, mit diesem Briefe von Leibgeber:
Baireuth,
den 21. September 1785
Mein lieber Bruder und Vetter und Oheim
und Vater und Sohn!
Denn Deine zwei Herzohren und zwei Herzkammern sind mein ganzer Sippschaftbaum; wie Adam, wenn er spazieren ging, seine ganze kunftige Blutverwandtschaft und seine lange niedersteigende Linie noch ist sie nicht ausgezogen und zu Ende rastriert bei sich fuhrte, bis er Vater wurde und seine Frau zeugte. Wollte Gott, ich ware der erste Adam gewesen!... Siebenkas, ich beschwore Dich, lass mich diesem Gedanken besessen nachsetzen und im ganzen Briete kein Wort weiter vorbringen, als was das Kniestuck von mir als erstem Menschenvater weiter malt!
Gelehrte kennen mich wenig, welche vermuten, ich wunsche deshalb der Adam zu sein, weil Pufendorf und viele andere mir die ganze Erde als eine europaische Besitzung im Indien des Universums, als mein patrimonium Petri, Pauli, Judae und ubriger Apostel rechtlich zuerkennen, indem ich als der einzige Adam und Mensch, folglich als der erste und letzte Universalmonarch, wenn auch noch ohne Untertanen, auf die ganze Erde Anspruch machen konnte und durfte. An solche Dinge mag wohl der Papst als heiliger, wenn auch nicht erster Vater denken, oder er hat schon vor Jahrhunderten daran gedacht, da er sich als den Majorat- und Erbherrn aller der Erde einverleibten Lander aufstellte, ja sich nicht einmal schamte, auf seine Erdenkrone noch ein Paar, eine Himmel und eine Hollenkrone, zu turmen.
Wie wenig will ich haben! Bloss darum hatt' ich der alte und alteste Adam sein mogen, um an meinem Hochzeitabend mit der Eva aussen am Spalier des Paradieses in unsern grunen Tandelschurzen und in unsern Pelzen auf und ab zu spazieren und eine hebraische Hochzeitrede an die Mutter aller Menschen zu halten.
Eh' ich die Rede anfange, merk' ich an, dass ich vor meinem Falle den uberaus glucklichen Gedanken gehabt, das Vorzuglichste von meiner Allwissenheit aufzunotieren. Denn ich hatte im Stande der Unschuld alle Wissenschaften innen, die Universal- wie die Gelehrtenhistorie, die verschiedenen peinlichen und andern Rechte und die alten toten Sprachen sowohl als die lebendigen und war gleichsam ein lebendiger Pindus und Pegasus, eine tragbare Loge zum hohen Licht und gelehrte Gesellschaft und ein Taschen-Musensitz und kurzes goldnes Siecle de Louis XIV bei dem Verstande also, den ich hatte, wars damals weniger ein Wunder als ein Gluck, dass ich das Beste von meiner Allwissenheit in mussigen Stunden zu Papier brachte; als ich nachher fiel und einfaltig wurde, hatt' ich die Exzerpten oder ein rasonierendes Verzeichnis meines vorigen Wissens in Handen und schopfte daraus.
"Jungfer!" so fing ich hinter dem Paradies den Sermon an "wir sind zwar die ersten Eltern und gesonnen, die andern Eltern zu zeugen; aber du denkst an nichts, wenn du nur mit deinem Loffel in einen verbotenen Apfel-Mus fahren kannst. Ich als Mann und Protoplast sinne nach und will heute im Auf- und Abgehen der Hochzeitprediger und Strohkranzredner ich wollt', ich hatte mir einen fremden dazu gezeugt bei unserer heiligen Handlung sein und mir und dir in einer kurzen Traurede vorstellen:
Die Zweifels- und die Entscheidgrunde oder die rationes dubitandi und decidendi der Protoplasten oder das erste Eltern und Hochzeit-Paar (ich und du namlich) begriffen im Reflektieren und Betrachten und zwar wie es betrachtet
in der ersten Pars die Ursachen und Grunde, die
Erde nicht zu besamen, sondern heute noch aus
zuwandern, das eine in die alte, das andere in die
neue Welt und in der
zweiten Pars die Grunde, es dennoch bleiben zu
lassen und zu heiraten; worauf dann ein kurzer
Elenchus oder usus epanorthoticus erscheinen
und die Nacht beschliessen muss.
I. Pars
Andachtige Zuhorerin! so wie du mich da siehst im Schafpelze, ernsthaft, denkend und recht: so steck' ich doch voll Narrheiten nicht sowohl als voll Narren, die mancher Weise als Einschiebsel durchschiesst. Ich bin zwar kleiner Statur und das Weltmeer25 lief mir ziemlich uber die Knorren und besprutzte mein neues Tierfell; aber beim Himmel! ich wandle hier mit einem Saetuch umhangen, worin die Samerei aller Volker liegt, auf und ab und trage das Repertorium und die Verlagkasse des ganzen Menschengeschlechts, eine ganze kleine Welt und einen orbem pictum vor mir her, wie Hausierer ihr offnes Warenlager auf dem Magen. Denn Bonnet, der im Magen mit steckt, wird, wenn er herausgehoben wird, sich niedersetzen und es auf seinem Schreibpulte dartun, dass alles ineinanderstecke, eine Parenthese und Schachtel in der andern, dass im Vater der Sohn, im Grossvater jene beiden, im Urgrossvater folglich der Grossvater mit seinem Inserat, im Ururgrossvater der Urgrossvater mit dem Inserat des Inserats und mit allen seinen Episoden sitze und warte. Sind denn deinem Brautigam allhier denn dir, liebe Braut, kann man gar nicht fasslich genug sein nicht einverleibt alle Religionparteien und, die Praadamiten ausgenommen, sogar die Adamiten26 und alle Riesen, selber der grosse Christoffel jedes Volkerpersonale alle fur Amerika bestimmte Schiffladungen von Negern und das rot gezeichnete Packel, worin die von den Englandern verschriebene Ansbacher und Baireuther Soldateska ist? Heva, steh' ich nicht vor dir und bin, wenn man mein Inneres ansieht, eine lebendige Judengasse ein Louvre aller regierenden Haupter, die ich alle zeugen kann, wenn ich sonst will und mich nicht die erste Pars abbringt? Bewundern wirst du mich und doch auch auslachen, wenn du mich aufmerksam anschauest und die Hand auf meine Achsel legst und denkst: hier in diesem Manne und Protoplastiker sitzen nun alle Fakultaten und Manner alle philosophischen Schulen und alle Nah- und Spinn-Schulen ohne Zank die besten altfurstlichen Hauser, wiewohl noch nicht rein aus dem gemeinen Schiffvolk ausgeklaubt die ganze freie Reichsritterschaft, aber freilich noch unter ihre Zinsbauern und Hausler und Kossaten verpackt Nonnenkloster mit Monchklostern legiert alle Kasernen und Landesdeputierte, der Domkapitel nicht zu gedenken, die aus ihren Dompropsten, Dechanten, Senioren, Subsenioren und Domherren bestehen! Welch ein Mann und Enak! wirst du dazusetzen. Du hast recht, Gute! das bin ich, ordentlich der Hecktaler des Menschen-Munzkabinetts, der Gerichthof aller Gerichte, noch dazu ganz besetzt, ohne Abgang eines einzigen Beisitzers, das lebendige corpus juris aller Zivilisten, Kanonisten, Kriminalisten, Feudalisten und Publizisten: hab' ich nicht Meusels Gelehrtes Deutschland und Jochers Gelehrten-Lexikon vollstandig in mir und Jochern und Meuseln selber, der Supplementbande nicht zu erwahnen? Ich wollte, ich konnte dir den Kain vorzeigen dieses wurde, wenn mich die zweite Pars uberredete, unser erster Fechser und Ranke sein, unser Prinz von Wallis Kalabrien, Asturien und Brasilien du wurdest sehen, wenn er durchsichtig ware welches ich glaube , wie alles wie Bierglaser in ihm ineinander steckte, alle okumenische Konzilien und Inquisitionen und Propaganden und der Teufel und seine Grossmutter. Aber, Schonste, du hast vor deinem Falle nichts von deiner Scientia media niedergeschrieben wie ich und guckest also stockblind in die Zukunft hinaus. Allein ich, der ich ganz hell durch sie blicke, ersehe aus meiner Chrestomathie, dass, soll' ich mich wirklich meines Blumenbachischen nisus formativus bedienen und in das jus luxandae coxae oder primae noctis27 heute einige protoplastische Blicke werfen, dass ich nicht zehn Narren, wie etwan sonst einer tut, machen wurde, sondern ganze Billionen Zehner und die Einer dazu, angesehen alle in mir sesshafte Stockbohmen Pariser Wiener Leipziger Baireuther Hofer Dubliner- Kuhschnappler (und ihre Weiber und Tochter dazu) durch mich zum Leben kommen wurden, unter denen allemal gegen 1000000 uber 500 sein werden, die keine Vernunft annehmen und doch keine haben. Duenna, du kennst die Menschen noch wenig, bloss zwei, denn die Schlange ist keiner; aber ich weiss, was ich produziere, und dass ich mit meinem limbus infantum zugleich ein Bedlam aufmache. Beim Himmel! ich zittre und klage, wenn ich in die Jahrgange der Jahrhunderte nur zwischen die Blatter hineingucke und nichts darin sehe als Blut-Kleckse und bunte Narren-Quodlibets wenn ich die Muhe uberrechne, bis ein Jahrhundert nur eine leserliche Hand schreiben lernt, die so gut ist wie die eines Elefantenrussels oder eines Ministers bis die arme Menschheit durch die Trivial- und Winkelschulen und durch die Hausfranzosinnen hindurch ist, so dass sie mit Ehren in lateinische Lyzeen, in Fursten- und Jesuiterschulen gesetzt werden kann, bis sie gar den Fecht- und Tanzboden, die Zeichenstunden und ein dogmaticum und clinicum besuchen kann. Beim Henker! mir wird schwul dich nennt freilich niemand die Bruthenne des kunftigen Starenflugs, den Kabliau-Rogner, in welchem Leuwenhoek 9 1/2 Millionen Stockfisch-Eier zahlt; dir legt mans nicht zur Last, Evchen, aber deinem Manne, der hatte gescheuter sein (wird man sagen) und lieber gar nichts zeugen sollen als solches Gesindel, wie die meisten Rauber sind gekronte Imperatoren auf dem romischen Thron und Statthalter auf dem Romischen Stuhl, wovon jene sich nach Antonin und Casar und diese nach Christus und Petrus nennen werden und unter welchen Leute sind, deren Thronstuhl ein Luneburgischer Torturstuhl der Menschheit und ein Steinischer Geburtstuhl des Gottseibeiuns ist, wenn er nicht gar ein umgekehrter Greve-Platz wird, der zugleich zu Hinrichtungen des Ganzen und zu Freudenfesten der Einzelnen dient.28 Auch wird man mir den Borgia, den Pizarro, den hl. Dominikus und den Potemkin vorwerfen. Gesetzt auch, ich wusste den Vorwurf dieser schwarzen Ausnahmen abzulehnen: so werd' ich doch einraumen mussen (und Anti-Adams werdens utiliter akzeptieren), dass meine Abkommlinge und Kolonisten keine halbe Stunde leben konnen, ohne eine Torheit zu denken oder zu begehen dass der Riesenkrieg der Triebe in ihnen keinen Friedenschluss, selten einen Waffenstillstand erhalt dass der Hauptfehler des Menschen bleibt, dass er so viele kleine hat dass ihm sein Gewissen beinahe zu nichts dient als zum Hassendes Nachsten und zum kranklichen Gefuhle fremder Ubertretungen dass er seine Unarten nicht eher wegwerfen will als auf dem Totenbette, an das ihm ein Beichtstuhl geschoben wird, wie die Kinder vorher zu Stuhle gehen, ehe sie zu Bette gebracht werden dass er die Sprache der Tugend lernt und liebt und den Tugendhaften anfeindet, wie die Londner sich franzosische Sprachmeister halten und den Franzosen selber gram sind. Eva, Eva, wir werden schlechte Ehre einlegen mit unserer Hochzeit; Adam heisset nach dem Grundtext rote Erde, und wahrlich es werden meine Backen ganz daraus bestehen und erroten, wenn ich nur an die unaussprechliche und unausgesetzte Eitelkeit und Einbildung unserer Urenkel denke, die gerade mit den Jahrhunderten schwillt. Keiner wird sich bei der Nase zupfen als etwan einer, der sich selber rasiert der hohe Adel wird auf die Deckel der geheimen Gemacher sein Familien-Wappen brennen lassen und den Schwanzriemen seiner Gaule in seinen Namenzug verschlingen die Rezensenten werden sich uber die Skribenten, diese uber jene stellen der Heimlicher v. Blaise wird sich von Waisen die Hand kussen lassen, die Damen von jedem, und Hohere den ausgenahten Rocksaum. Heva, ich hatte meine prophetischen Extrakte aus der Welthistorie bloss erst bis ins 6te Jahrtausend fortgefuhrt, als du gerade unter dem Baum anbissest und ich aus Einfalt dir nachass und mir alles entfiel; Gott weiss, wie erst die Narren und Narrinnen der ubrigen Jahrtausende aussehen! Jungfer! wirst du jetzo den Sternocleidomastoideum, welchen Sommering den Kopfnicker nennt, gebrauchen und damit dein Ja sagen, wenn ich dir die Frage vorlege: willst du gegenwartigen Hochzeitprediger zu deinem ehelichen Gemahl haben?
Du wirst freilich versetzen: wir wollen wenigstens die zweite Pars anhoren, worin die Sache auch von der andern Seite betrachtet wird. Und wahrlich, wir hatten allerdings beinahe vergessen, andachtigste Zuhorerin, zur
II. Pars
zu schreiten und miteinander die Grunde zu erwagen, welche Protoplasten oder erste Eltern bewegen, es zu werden und sich zu kopulieren und dem Schicksal zur Sae- und Spinnmaschine des Leins und Hanfes, des Flachses und Wergs zu dienen, dessen unubersehliches Netzwerk und Zuggarn es um die Erdkugel windet. Mein Hauptbeweggrund und deiner hoffentlich auch ist nach meinem Gefuhle der Jungste Tag. Denn falls wir beide die Entrepreneurs des Menschengeschlechts werden: so werd' ich alle meine Enkel, die am Jungsten Tage aus der verkalkten Erde aufdampfen, in den nachsten Nebenplaneten sich zusammenstellen sehen zur letzten Heerschau und unter diesem Kinder- und Enkelsegen Leute antreffen, die Verstand haben und mit denen sich ein Wort reden lasst. Manner, deren Leben durch lauter Donnerwetter ging und die es in einem verloren, wie nach dem romischen Glauben die Gunstlinge der Gotter vom Donner erschlagen werden, und die gleichwohl in keinem Gewitter Augen oder Ohren zubanden. Ferner stehen dort, seh' ich die vier herrlichen heidnischen Evangelisten, Sokrates, Kato, Epiktet, Antonin, die mit ihren Kehlen wie mit angeschraubten 200 Fuss langen Feuerspritzen-Schlauchen in allen Hausern herumgingen und solche vor jeden verdammten Brand der Leidenschaften hielten und ihn ganzlich ausspritzten mit dem reinsten besten Alpen-Wasser. Uberhaupt von den vortrefflichsten Leuten werd' ich der Ur-Papa und du die Ur-Mama werden, ist es uns sonst beliebig. Ich sage dir, Eva, ich hab' es hier in meinem Exzerpten und Kollektaneen schwarz auf weiss, dass ich der Vorfahr, der Ahnherr, das Bethlehem und die plastische Natur eines Aristoteles, Platon, Shakespeare, Newton, Rousseau, Goethe, Kant, Leibniz sein werde, insgesamt Leute, die noch gescheuter denken als ihr Protoplast selber. Eva, wirkliches angesehenes Mitglied der gegenwartigen fruchtbringenden Gesellschaft oder produzierenden Klasse im Staat, die aus dir und dem Trauredner besteht, ich schwore dir, ich werde eine Stunde voll einiger seligen Ewigkeiten haben, wenn ich auf dem Nebenplaneten den Kreis von Klassikern und von Wiedergebornen fluchtig durchlaufen und endlich vor Wonne auf den Satelliten niederknieen und sagen werde: 'Guten Morgen, meine Kinder! Ihr Juden tatet sonst geheime Stoss- und Schussgebete, wenn euch ein Weiser aufstiess; aber was soll ich fur eines tun, das lang genug ist, da ich alle Weise und Fakultisten auf einmal sehe und Blutverwandten vor mir, die sich mitten im Wolfhunger der Triebe gleichwohl der verbotenen Apfel und Birnen und Ananas zu entaussern wussten und die mitten im Wahrheitdurste keinen Gartendiebstahl am Baum des Erkenntnisses begingen, indes ihre ersten Eltern das verbotne Obst angriffen, ob sie gleich nie Hunger fuhlten, und den Baum des Erkenntnisses, ob sie gleich alle Erkenntnisse schon hatten, die der Schlangennatur ausgenommen.' Dann werd' ich vom Boden aufstehen und unter den Enkel-Schwarm hineinlaufen und einem auserlesenen Nachfahrer von mir an das Herz fallen und meine Arme um ihn schlingen und sagen: 'Du treuer, guter, zufriedener, sanfter Sohn und hatt' ich meiner Heva, der Bienenmutter der gegenwartigen ImmenSchwarme um uns her, niemand als nur dich in einer Brut-Zelle sitzend zeigen konnen in der zweiten pars meines Trau-Sermons, die Frau hatt' es uberlegt und mit sich reden lassen.'"... Und der treue gute Sohn bist Du, Siebenkas, und liegst und bleibst an der heissen rauhhaarigen Brust
Deines
Freundes.
Nachschrift
und Clausula Salutaris
Verdenke mir diesen meinen lustigen Hausball und Hexentanz auf dem Lumpenpapier nicht, ob Du gleich leider ein Infinitesimal-Teil des deutschen Volkerstammes bist und als solcher einen solchen Ideentanz weder leiden noch begreifen solltest. Daher lass' ich fur die deutsche Unbehulflichkeit auch nichts drukken, sondern werfe ganze Bogen, die ich mit dergleichen schakernden Ideen-Fischchen vollgelaicht, anstatt in den Buchladen sogleich in den Ort, wohin solche Werke sonst, weil sie die Durchganggerechtigkeit durch den Buchladen ausuben, erst im Alter kommen. Ich war acht Tage in Hof; und privatisiere jetzo in Baireuth; ich schnitt in beiden Stadten Gesichter, namlich fremde Silhouetten; die meisten Kopfe aber, die meiner Papierschere sassen oder standen, mutmassten, es sei in meinem nicht richtig. Schreibe mir das Wahre von der Sache; denn es ware mir nicht gleichgultig, weil ich sowohl in Vermachtnissen als in andern burgerlichen Verrichtungen behindert wurde, falls ich, wie gesagt, wirklich nicht recht gescheut ware. Schliesse noch bei tausend Grusse und Kusse an deine fromme und schone Lenette und ein Kompliment an den Hrn. Schulrat Stiefel, nebst einer Frage, ob er mit dem Magister Stiefel, Predigern zu Holzdorf und Lochau (bei Wittenberg), von weitem verwandt ist, der das Ende der Welt (und irrig, glaub' ich) auf fruh um 8 Uhr 1533 weissagte und am Ende nur sein eignes erlebte. Auch leg' ich fur Euch beide und fur den Programmen-Anzeiger zwei Programmen vom Professor Lang allhier, die baireuthischen Generalsuperintendenten betreffend, und eines vom Dr. Frank in Pavia bei. Ein reiz-, kraft-, geist- und seelenvolles Madchen wohnt hier im Gasthofe zur Sonne vornen heraus (ich hinten hinaus). Ich samt meinem Gesichte gefall' ihr unbeschreiblich, was ich sehr gern glaube, da ich Dir so ahnlich sehe und uns beide nichts unterscheidet als bloss der Fuss, mit dem ich hinke. Ich ruhme mich daher vor Schonheiten nur meiner Schwachheit und Deiner Ahnlichkeit. Hab' ich recht gehort, so ist die Dame eine arme Nichte des alten Oheims mit der zerbrochnen Glasperucke, der sie auf seine Kosten studieren lasst fur die Ehe irgendeines vornehmen Kuhschnapplers von Stand. Es kann sein, dass der Frachtzettel sie als Brautigams-Gut bald zu Euch schickt.... So weit meine altesten Neuigkeiten! Die neueste kann erst kommen, namlich Du selber zu mir nach Baireuth, wenn ich und der Fruhling miteinander (denn ubermorgen reis' ich ihm nach Italien weit entgegen) wiederkehren und wir, ich und der Lenz, gemeinschaftlich die Welt auf eine Art ausschmucken, dass Du gewiss in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Hauser und Berge zu loben. Und so leb etwas wohl!
*
Alle schworen darauf, dass der Kuhschnappler von Stande, fur welchen die Nichte des Heimlichers studiert, niemand ist als der Venner Rosa, welcher das noch ubrige Stumpfchen von seinem herabgebrannten Herzen, das fur das Anstecken der Herzen der ganzen weiblichen Welt, wie das Gemeinlicht eines Wirtes fur das Anstecken der Kopfe einer tabakrauchenden, bisher gebrannt, zu einer Brautfackel verbrauchen und sie damit nach seinem Hause leuchten will.
Da im Briefe drei Himmel inliegend waren, fur jeden Seligen einer fur die Frau das Kompliment fur den Pelzstiefel die Programmen fur den Advokaten der Brief selber: so wurd' es mich nicht gewundert haben, wenn das beschenkte Kleeblatt und Terzett vor Freuden getanzt hatte. Der berauschte Rat denn das frohliche Blut stieg in seinen massigen Kopf- schlug die Werke, obgleich das gewurfelte Tischtuch schon aufgebreitet war, auf diesem auf und schnitt und griff hungrig die drei gedruckten Voressen und literarischen petits soupers auf dem zinnenen Teller schon vor dem Beten an, bis ihn die Bitte, zu bleiben, erinnerte, zu weichen. Aber unter dem Scheiden bat er sich als Sporteln fur die Muhe, das Austragalgericht und der Mittlermann zwischen beiden oder das bindende Laugensalz zwischen seinem Ol und ihrem Wasser gewesen zu sein, einen neuen Schattenriss Lenettens aus; denn den alten, von Leibgeber ausgeschnittenen, worauf ihn dessen Brief gebracht, und den er bekanntlich zum Geschenk bekommen, hatte er zufallig in sein Nachtkamisol gesteckt und mit diesem und dessen ahnlicher Farbengebung in die Waschwanne geschickt. "Der Riss soll noch heute vom Stapel laufen", sagte Siebenkas. Als der Schulrat die Eheleute verliess und ers Lenetten ansah, dass ihr Ringfinger jetzo einen weichern Ehering anhatte, welchen nur er weiter gefeilet und mit Seide ausgefuttert zu haben glaubte: so schuttelte er freudig ihre Hand und sagte: "Ich will ja willig so oft kommen, als nur das Kleinste vorfallt, ihr scharmanten Leute." Lenette antwortete: "Ja, recht oft." Aber Siebenkas setzte hinzu: "Noch ofter!"
Indes schien hinterher der Ring fast wieder zu drukken, und Adjunkten der philosophischen Fakultat mussen, da sie Seelenlehre lesen, sich wundern, dass der Advokat unter dem Essen wenig mit der Frau, und sie mit jenem sprach; aber der Grund war: der Leibgeberische Brief lag statt des weissen Brotes neben dem Teller und Brote, und sein feuriger Liebling glanzte aus: Baireuth uber das weite dunstige Dunkel heruber an seine Seele ihr erstes kunftiges Aneinanderfallen schwebte zauberisch seinen Seufzern vor die Hoffnung senkte ihr reinigendes Licht in den dumpfen mephitischen Schacht, worin er jetzo keuchte und grub und der kunftige Fruhling stand wie ein mit Lichtern umhangner Munsterturm hell und hoch in der Ferne und trieb seine Strahlen durch die dicke Nacht heruber.....
Endlich kam er wieder zu sich, namlich zur Frau Leibgebers Kraftbild hatt' ihn ohnehin uber die steinige spitzige Gegenwart der Zufalligkeiten weggehoben der alte Freund, der oben im Chor das Gesicht der Braut ausgeschnitten und der nachher bei der ersten Flitterwoche mitgewesen, warf ihm die Blumenkettenschlinge uber und zog ihn damit an die stille Gestalt neben sich heran: "Nu, liebste Lenette, wie ist denn dir." sagt' er erwachend und nahm die Hand der Ausgesohnten; aber sie hatte die weibliche Unart, namlich Art, dass sie ihre Versohnung noch langer verdeckte als ihre Entrustung, wenigstens verschob, und dass sie gerade dann, wann die Ehrenerklarung und die Abbitte eines Fehlers schon voruber war, auf eine neue Einsicht der Akten antrug. Die wenigsten Eheweiber leichter die Madchen reichen einem Manne eilig die Hand und sagen: ich bin wieder gut. Wendeline hielt zwar ihre hin, aber zu kalt; und zog sie hurtig zuruck, um das Tischtuch zu nehmen, das er mit spannen und brechen zu helfen gebeten wurde zum Tuch-Wurfel. Er tats und lachelte sie sah genau auf die rechte Geviertung des weissen Langvierecks endlich bei dem letzten und dicksten Viereck hielt es der Mann fest sie zerrte und wollte ernsthaft aussehen er schauete sie liebreich an sie musste doch lacheln da entriss er ihr das Tuch und druckt' es schnell auf ihre Brust und sich dazu und sagte in ihren Armen: "Diebin, wie kannst du so sein gegen den alten Kauz Siebenkas, oder wie er sonst noch heisst?" Nun bog sich der Regenbogen eines hellern Lebens uber die einsickernde Sundflut heruber, welche bisher dem Ehepaare schon bis an die Herzgrube gestiegen war.... Aber freilich, ihr Lieben, bedeuten jetzige Regenbogen oft das Gegenteil dessen, was der erste verstiess.
Der Preis, den er seiner Konigin bei diesem Rosenfeste des Herzens zuerkannte, war eine verbindliche Bitte um den Schatten ihres holden Gesichts, um morgen damit dem Pelzstiefel ein Geschenk und eine Freude zu machen. Ich bin zwar jetzt gesonnen, fur gebildete Menschen sein Abschatten hier abzuschatten; aber dies beding' ich mir, dass man nicht aufsehe, dass eine Feder ein Pinsel sei oder ein Pinsel ein Poussiergriffel oder ein Griffel ein Blumenstaubfaden, der eine Lilien- und Rosen-Generation nach der andern erschafft.
Der Advokat liess sich vom Schuster Fecht ein Silhouetten-Brett vorstrecken; namlich die Fassade einer neuen Taubenhohle. In das eirunde Portal des Brettes griff die Schulter Lenettens wie ein Einlegemesser ein ein weisser Bogen Papier war als Grundierung von de Piles darubergenagelt der schone warme Kopf wurde ans steife Papier angedruckt er setzte den Bleistift oben an der Schattenstirn enthaltsam an, so schwer es auch war, in einer solchen Nachbarschaft der Wirklichkeit nach dem blossen Schatten zu greifen und fuhr die blumige schone steile Anhohe voll Rosen und Lilien herunter... Aber es kam nicht viel Sonderliches heraus: man dachte, er habe das Hinterhaupt leidlich abgeschattet. Er schielte immer auf die farbig beseelte Flache neben seiner Hand zuruck und riss daher so schlecht ab wie ein Schachtelmaler. "Wendeline dein Kopf sitzt auch nicht eine Minute fest", sagt' er. Allerdings schwankte ihr Gesicht wie ihre Gehirnfibern vom starkern Gange des Herzens und Atems; auf der andern Seite aber stolperte seine Reissfeder uber das sanft erhobne Bildwerk der kleinen Nase, fiel in die Spalte der Lippe und strandete auf der Untiefe des Kinns. Er kusste die Lippen, die er nicht treffen konnte und die sich immer zu sehr offneten oder verschlossen, und holte einen Rasierspiegel und sagte: "Da sieh, hast du nicht mehr Gesichter als Janus oder ein indischer Gott? Der Rat muss denken, du hattest Gesichter geschnitten, und ich sie gezeichnet. Schau, da hast du gewankt, und ich bin dir nachgesetzt mit einem Gemsensprung, jetzo greift der Vorsprung des obern Gesichts uber das untere wie eine Halbmaske hinaus. Bedenke nur, wie der Rat morgen gucken wird."- "Guter, nur noch einmal; ich will ja alles tun, damit es hubsch aussieht", sagte errotend Lenette. Jetzo presste ordentlich ein erstarrender Hals das weiche Gesicht an das Reiss-Brett, aber indem der Mann mit seinem Legestachel des Risses uber die Stirn niederglitt, die ein Kugelausschnitt aus einer weissen Halbkugel zu sein schien so vernahm er statt des Atems ein zitterndes Zuruckstemmen desselben und sah ein angluhendes Angesicht vom schwellenden Atem... Hier schlug auf einmal der Argwohn, wie ein zerspringender Brander, harte Trummer seiner Freude an sein Herz, der Argwohn: "Ach liebt sie ihn vielleicht doch gewiss?" (namlich den Rat) Seine Feder blieb im stumpfen Winkel zwischen Stirn und Nase wie bezaubert eingestochen er horte nun das zitternde Ausatmen vernehmlich seine Atznadel zog schwarze Furchen am Rande des Schattens hinab, und als er auf dem zu gedruckten Munde stockte, auf dem bisher nichts Warmes gewesen war als seiner und ihre Morgenandacht, und als er dachte:
"Auch das soll mich treffen? auch diese Freude soll mir genommen werden? und ich soll mir hier eigenhandig meinen Scheide- und Urias-Brief auszeichnen?" so konnt' er nicht mehr er schnellte das Reiss-Brett von ihrer Achsel fiel an den verschlossenen Mund kusste den gefangnen Seufzer auf druckte seinen Argwohn zwischen seinem und ihrem Herzen tot und sagte immer fort: "Erst morgen, Lenette! Zurne nur nicht! Bist du denn nicht mehr wie in Augsburg? Verstehst du mich denn? Weisst du etwan, was ich will?"- Sie antwortete unschuldig: "Ach, du wirst es ubel nehmen, Firmian nein, ich weiss es nicht." Und die Gottin des Friedens nahm dem Gotte des Schlafes den Mohnkranz ab und flocht ihn in den Olkranz ein und fuhrte das Ehepaar bekranzt und ausgesohnt und Hand in Hand in die blinkenden Eisfelder der Traume in den magischen getuschten Hintergrund des grellen bunten Tages in unsere dunkle Kammer voll beweglicher Bilder einer verkleinerten Welt, wo der Mensch wie der Schopfer unter niemand wohnt als unter Geschopfen.
Ende der Vorrede und des ersten Bandchens
Der Leser wird noch aus dem Anfange der Vorrede wissen, dass ich so glucklich war, den alten Kaufmann auf eine grosse Mohngarbe zu bringen und seiner Tochter ein frohes Laubhuttenfest aus den Herzblattern des gegenwartigen Hausgartchens zu geben... Aber der bose Feind weiss einen Platzregen auf unsre schonsten Feuerwerke zu wehen. Ich tat nichts als meine Pflicht, wenn ich eine kleine Taschen-Leihbibliothek fur ein armes stilles Ding von Madchen war, dem der Alte keinen Umgang zuliess, der vernunftig war, als den mit dem Papagei und mit dem vorigen Gerichthalter.
Der erste stand in seinem Bauer neben ihrem Dintenfass und Schmierbuch und erlernte von ihr, was ein Buchhalter als Deutsch-Italiener zur Korrespondenz zu wissen braucht. Und da ein Papagei allemal durch einen Taschenspiegel am Kafig zu Sprachsachen ermuntert wird: so sahen beide, die Sprachmeisterin und der Zogling, miteinander hinein. Das andere, der Gerichthalter, war ich. Aber der Hauptmann liess sie aus Furcht vor uns verfuhrerischen Prinzessinnenraubern und Raubbienen und weil ihre Mutter tot war und weil sie in der Schreibstube zu brauchen war mit keinem Herrn reden als unter sechs Augen und vor ebensoviel Ohren. Daher kam selten ein Herr, ausser mir, anstatt dass sonst ein Vater sich durch eine bluhende Tochter ganze mannliche Insektensammlungen ins Haus lockt, wie ein Kirschbaum, der am Fenster in Blute steht, Wespen und Bienen in die Stube zieht. Es war nicht eines jeden Sache, wenn er ein gescheutes Wort d.h. eines, das der Vater nicht horte mit ihr reden wollte, erst vor diesem Argus das Flotenregister zu ziehen und eine Stunde zu orgeln und hundert grune Augen zuzusperren, um in zwei blaue zu schauen; meine Sache war es zwar, aber die Welt hore, was mir fur ein Dankpsalm und fur eine Dankadresse dafur ward.
Der Alte hatte sich namlich misstrauisch durch mein langes Dasitzen am vorigen Abend geworden an diesem nur angestellet, als schlief' er, um zu sehen, auf was ich ausginge. Sein eiliges Entschlafen, wie sich der Leser aus dem Anfange dieser Vorrede besinnt, hatte mich uberhaupt mehr frappieren sollen; ich hatte noch dazu selber schon aufs Gegenteil gerechnet und ihm deswegen Extrakte aus mehren Vorreden als dieser zu Niklasruhen oder Schlafpulvern zugedacht. Denn obgleich die Rabbinen lehren, dass zwolf Heukorbe mit leerem Gewasche vom Himmel gefallen waren und dass neun davon bloss die Weiber aufgegriffen hatten29: so ists doch nur mit der Einschrankung wahr, dass sich die Vorredner und die Rechtsfreunde besagte neun Korbe zu ihrer Nutzniessung erheiratet haben, von ihren Weibern als Eingebrachtes.
Der diebische Horcher wartete liegend meinen Rapport von den zwei Blumenstucken und von den vier Kapiteln dieses Werkleins ab: am Ende des vierten prallte er in die Hohe wie eine aufschnellende Maulwurffalle, worauf man getreten hat, und fiel mich von hinten mit folgender Huldigungpredigt an: "Hat Sie denn der lebendige Teufel beim Schopf? Sie kommen aus Berlin und wollen meiner leiblichen Tochter da atheistisches windiges Romanenzeug in den Kopf setzen, dass sie in kein Kontor mehr taugt, wie? Machen Sie mir meinen nicht warm, Herrrrr!"
"Nur auf ein Wort!" sagt' ich gelassen und zog ihn in die finstre ungeheizte Nebenstube hinaus, "Hr. Zopfhaupt, nur auf ein halbes Wort!"
In der dunkeln Sakristeistube legte ich die zwei Hande auf seine Achseln und sagte: "Hr. Zopfhaupt, denn so hiess unter Karl dem Grossen ein jeder Hauptmann, weil damals die Soldaten wie jetzo die Weiber einen Zopf statt einer Fahne vor sich hatten30. Ich beisse mich heute, wo das alte Jahr untergeht und ein neues auf, mit Ihnen nicht herum; ich beteur' Ihnen, dass ich der Sohn31 des ****en bin und dass ich Sie nicht wieder sehe und dass Sie gleichwohl alle Wiener Briefe haben sollen. Aber ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie Ihre Dlle. Tochter lesen. Jetzo lieset jeder Kaufherr, der sie heiraten kann, und jede Kauffrau, die schon einen hat: und gesponnen und gekocht wird in unsern Tagen das sehen Sie aus den Hemden und Wansten bei aller Lekture noch immer genug. Und verfuhren kann ein Leser gerade eine Leserin am schwersten und eine ABC-Schutzin am besten. Das sehen Sie an der Stenzin. Hr. Hauptmann, ich bitte Sie!"
"Ei, dass dich uber den lebendigen Windfachel! was kummert Sie mein Ding drinnen (seine Tochter)." war seine Replik. Ein wahrer Gluckhafen wars fur mich, dass ich in den zwei heiligen Abenden nichts, unter dem grossten relatorischen Feuer, nichts von der Tochter in die Hande genommen hatte als statt der ihrigen etwan fur einen Groschen Kopfhaar, das mir noch dazu in die Finger ordentlich wuchs. Es ware wenig gewesen, im biographischen Relatorium ihre Hande zu ergreifen, es ware gar nichts gewesen; aber wie gesagt, ich hatt' es bleiben lassen: du, hatt' ich zu mir gesagt, geniesse ein schones Gesicht wie ein Gemalde und eine weibliche Stimme wie einen Nachtigallenton und zerknulle das Gemalde nicht und erdrucke die Philomele nicht! Wie, muss denn jede artistische Tulpe zu einem Salat, jedes Altartuch zu einem Kamisol32 verschnitten werden? Bei solchen Grundsatzen ist jedem leicht die Angst begreiflich, in der ich sonst fast alle Abende uber den Eindruck war, den etwan meine Gestalt in Paulinens Herz nachlassen konnte, bis ich mich damit beruhigte, dass ich ein Advokat und Gerichthalter ware und dass ich mich also uber zweierlei Schonheiten Miltons erhobe, uber seine poetischen und uber seine physiognomischen, die dem Poeten den Ekelnamen Miss Milton zugezogen.
Unter allen Wahrheiten glaubt man die am letzten, dass gewisse Menschen mit keiner zu bekehren sind; dass der Zopfhaupt unter diese gewissen gehore, fiel mir spat endlich bei, und ich nahm mir vor, ihm keine andre Predigt zu halten als meine spasshafte Straf- und Osterpredigt33: "Hr. Zopfhaupt, leiser, Mademoiselle hort sonst jeden. Sie haben den guten Sommervogel ins Brief-Kopiebuch festgespiesst; aber am Jungsten Gerichte verklag' ich Sie, dass Sie ihr meine Werke nicht zu lesen geben. Ich wollte, Sie hatten sich nur wenigstens so lange schlafend gestellt, bis ich ihr die ubrigen Teile von der kuhschnappelischen Historie hatte auserzahlt gehabt, weil gerade in ihnen die wichtigsten Dinge, Siebenkasens Zank, Tod und Heirat, vorkommen. Mademoiselle! ich werde aber meinen Hrn. Verleger in Berlin ersuchen, Ihnen die folgenden Teile, sobald sie aus der Presse gehoben sind, noch feucht wie eine Zeitung zu ubermachen. Und damit Gott befohlen, Hr. Zopfhaupt, er schenke Ihnen statt des neuen Jahrs ein neues Herz und der guten Tochter ein zweites in ihres hinein."
Der Elementenstreit unsrer ungleichartigen Bestandteile wurde immer lauter; mehr sag' ich nicht, weil jeder Beisatz Rachsucht schiene. Glucklich preise das darf ich zu allen Zeiten sagen glucklich preise sich jede Tochter (aber die wenigsten erkennen es), die meine Werke lesen darf, wenn der Vater wacht. Unglucklich ist jeder Oehrmannische Bediente, weil das Zopfhaupt ihn wie einen Windhund ausgehungert zu schnellern Laufern, aber nicht auf dem Klavier, so wie die Kinder der Tanzer nichts zu essen kriegen, um besser zu springen! Und glucklich ist jeder Durftige, der nichts mit ihm zu tun hat, weil Jakob Oehrmann allen Menschen gerade so viel moralischen Kredit gibt, als sie kaufmannischen haben, an welches Rekrutenmass des Wertes ihn die Kaufleute gewohnt haben, die einander mit metallnen Ellen messen! Bloss ganz Arme hat er als Fussgestelle seiner Milde lieb, weil er Almosen, die er im Namen und aus dem Kammerbeutel der Stadt verteilt, fur seine halt... Friede sei mit ihm! Ich hatte nur damals das Friedenfest der Seele, das ich im Fruchtstucke dieses Buchs beschrieben34, noch nicht mitfeiern helfen und hatte uber das Erlassjahr, das in unserm Herzen so lange gegen alle moralische Schuldner dauern soll wie der lange Reichstag, noch wenig von dem gelesen, was ich daruber geschrieben; ich hatte sonst dem Zopfhaupte nicht einmal widersprochen.
Durch meine Abschiedrede an die Tochter argert' ich ihn leider noch einmal, weil ich ihr und ihm einerlei wunschte, um zu verbergen, wem ich wunschte: "Ich sage Ihnen, Hr. Zopfhaupt und Mademoiselle, ein langes Lebewohl ich werde Ihnen beiden keine meiner Lebenbeschreibungen in elysischen Abenden ohne Abschweifungen mehr erzahlen konnen, und die hl. Abende und die hl. Tage werden vorubergehen, ohne dass ein Mann ins Haus tritt, der Sie beide sehr ruhrt. Das Schicksal erstatte beiden die Buchermacher durch Bucher es gebe dem tragen Herzen zuweilen einen poetischen Schlag, der stillen Brust einen sussen Seufzer, der sie mit Ahndungen schwellt, Ihren beiden Augen einige Tropfen, wie sie ein Andante auspresst, und fuhre Sie aus dem heissen Sommer voll Muhe statt in einen Nachsommer in einen bluhenden singenden Lenz.... Und gute Nacht!"
Und war's mein Erbfeind: er wurde mir nahe gehen, ich beim Abschiede dachte: du siehst ihn nicht mehr. Pauline war eigentlich keine Erbfeindin. Draussen auf den Gassen liefen noch mehre NeujahrGratulanten, die Nachtwachter, herum, die ihre Wunsche in Blas-Musik setzten und in schlechte Verse. Mich bewegt allezeit ein steifer altvaterischer roher Vers, zumal aus einem ihm angemessnen Munde, inniger als ein saftloser neuer mit elenden Eis- und Federblumen, und eine ganz elende Poesie ist besser als jede mittelmassige. Ich beschloss, zum Tore hinauszugehen und die Brust voll sehr unahnlicher Bewegungen eben weil es erst 11 Uhr und die kalte Nacht voll Sterne war und weil es die letzte des Jahrs war und ich in das neue nicht wie in das zweite Leben schlafend ubergehen wollte, sondern wachend ich beschloss, die schlagende erhitzte Brust ins Freie in einen stillern Zirkel zu tragen....
Wenn man einen Menschen in eine unabsehliche leere Sarawuste laufen liesse und ihn nachher wieder in die engste Ecke druckte: so wurde ihn dasselbe sonderbare Gefuhl seines Ich anfallen der grosste und der kleinste Raum beleben gleich sehr das Bewusstsein unsers Ich und seiner Verhaltnisse. Nichts wird uberhaupt ofter vergessen als das, was vergisset, das Ich. Nicht bloss die mechanischen Arbeiten der Handwerker ziehen den Menschen ewig aus sich heraus: sondern auch die Anstrengungen des Forschens machen den Gelehrten und den Philosophen ebenso taub und blind gegen sein Er und dessen Stand unter den Wesen; ja noch tauber und blinder. Nichts ist schwerer, als einen Gegenstand der Betrachtung, den wir allzeit ausser uns rucken und vom innern Auge weit entfernen, um es darauf zu richten, zu einem Gegenstande der Empfindung zu machen und zu fuhlen, dass das Objekt das Auge selber sei. Ich habe oft ganze Bucher uber das Ich und ganze Bucher uber die Buchdruckerkunst durchgelesen, eh' ich zuletzt mit Erstaunen ersah, dass das Ich und die Buchstaben ja eben vor mir sitzen.
Der Leser sei aufrichtig: hat er nicht sogar jetzo, da ich daruber zanke, vergessen, dass er hier Buchstaben vor sich hat und sein Ich dazu?
Aber draussen unter dem schimmernden Himmel und auf einem Schneeberge, um den eine gestirnte weite starre Flache glimmte, riss sich das Ich von seinen Gegenstanden ab, an denen es nur eine Eigenschaft war, und wurde eine Person, und ich sah mich selber. Alle Zeit-Absatze, alle Neujahr- und Geburttage heben den Menschen hoch uber die Wogen um ihn heraus, er wischt die Augen ab und blicket im Freien herum und denkt: "Wie trieb mich dieser Strom und ubertaubte mein Gehor und uberflutete mein Gesicht! Jene Fluten drunten haben mich gezogen! Und diese oben, wenn ich wieder untertauche, wirbeln mich dahin!"
Ohne dieses helle Bewusstsein des Ich gibt es keine Freiheit und keine Gleichmutigkeit gegen den Andrang der Welt.
Ich will in meiner Erzahlung fortfahren. Ich stand auf einem Eisberge, obwohl mit einer gluhenden Seele der zerspaltne Mond schien hell hernieder, und die Schattenstucke der Tannenbaume um mich lagen wie zerstuckte Glieder der Nacht schwarz auf dem Liliengrund aus Schnee. Druben, weit von mir, knieete, wie es schien, ein Mensch unbeweglich auf der Strasse.
Jetzt schlug es 12 Uhr und das schlachtenvolle Jahr 1794 fiel mit seinen Stromen von Blut in das Meer der Ewigkeit; das nachsummende Wogen des Glokkentons sagte mir gleichsam: jetzo hat das Schicksal euch Hinfalligen das alte Jahr mit dem 12ten Schlage bei der Versteigerung von Minuten zugeschlagen.
Der knieende Mensch auf der Strasse stand nun auf und ging eilig davon. Ich konnte im hellen Mondlicht ihm und seinem Schatten lange nachsehen.
Ich verliess meinen Berg, den Grenzhugel zwischen zwei Jahren, und ging hinunter auf die Strasse, wo der Mann geknieet hatte. Ich fand einen Kreuzweg und ein verlornes handdickes schwarzledernes Gebetbuch in Duodez, dessen Blatter gelb gelesen waren. Auf dem einzigen weissen vornen stand der Name des Besitzers, dessen Kniee hier tiefe Spuren in das harte Glatteis gehohlt hatten. Ich kannt' ihn wohl, es war ein sogenannter Hausler, der zwei Sohne in den jetzigen Krieg stellen mussen. Als ich weiter nachsah: fand ich im Schnee einen Kreis, den der FurchtsamKecke als einen Ring gegen bose Geister gezogen hatte.
Ich erriet alles: der Blodsinnige, dessen Seele in einer ringformigen Sonnenfinsternis lebte, wollte in der feierlichen Nacht das ferne dumpfe Donnern der Gewitter in der Zukunft behorchen und hatte sich nicht mit dem Korper, sondern mit der erniedrigten Seele auf die Erde gelegt, um den Vorschritt der fernen Feinde zu horen. "Eingeschrankte bange Seele", dacht' ich, "warum sollen uber die heitre stille Nacht die kunftigen Toten mit ihren Wunden ziehen und deine schlafenden Sohne ohne Glieder? Warum willst du schon die fliegenden Flammen der so Feuerbrunste sehen und alles dustre Getummel des ungebornen Jammers, der noch keine Zunge hat, vernehmen? Warum sollen auf die Sarge, die im kunftigen Jahre noch, wie in Pestzeiten, ohne Aufschrift stehen, die Namen kommen? O, dein Salomons-Ring hat dich nicht beschirmt gegen den wurgenden Geist in unsrer Brust. Und die ungestalte Riesen-Wolke, hinter der der Tod und die Zukunft steht, wird, wenn wir nahe an sie treten, der Tod und die Zukunft selber." ...
In solchen Stunden legen wir alle gern unsern Hut und unsern Degen auf die Bahre und uns dazu die veralteten Narben brennen noch einmal, und unser falsch geheiltes Herz wird wie ein ubel eingerichteter Arm wieder gebrochen. Aber der grausame schneidende Blitz einer grossen Minute, dessen Widerschein uber den ganzen Strom unsers Lebens leuchtet und reicht, ist uns notig, um uns gegen die Irrlichter und Johanniswurmchen, die uns in jeder Stunde antreffen und fuhren, blind zu machen, und der leichtsinnige Mensch hat eine heftige Erschutterung gegen seine kleinen immerfort nagenden Bewegungen notig. Daher ist eine Neujahrnacht fur uns kleine Schaltiere, die am Schiffe der Erde saugend kleben, wie die mythologische Nacht eine Mutter vieler Gotter in uns und in einer solchen Nacht geht fur uns ein hoheres Normaljahr an als das, darin 1624 anfing. Und mir war, als musst' ich, es sei aus Demut oder Reue, in die Spuren des armen kinderlosen Vaters niederknieen.....
Jetzo trieb ein lebendiges Wehen auf einmal von der Stadt helle erheiternde Tone wie Blumenduft und Blutenstaub uber die verharteten Ebenen daher: Waldhorner und Trompeten warfen vom Turme der Stadt ihre lebendigen Tone uber die schlafende Welt und fuhrten froh und kraftig die erste Stunde des neuen Jahrs unter die angstlichen Menschen ein. Und ich wurde auch froh und kraftig: Ich hob das Auge vom weissen Schleier des kunftigen Fruhlings auf und sah nach dem Monde; und auf seinen haufigern Flekken, welche in der Nahe grunen35, sah ich unsern Erden-Fruhling in Blumen ruhen und darin mit ausgebreiteten Flugeln zucken, um bald mit andern Zugvogeln zu uns, mit Lerchentonen und Pfauenspiegeln geschmuckt, herabzufallen.
Die entfernten Neujahrtone flatterten noch immer um mich; ich wurde viel glucklicher und weicher und sah die kunftigen Schmerzen des neugebornen Jahrs, und sie glichen so schon verkleideten sie sich einigen vergangnen oder den Tonen um mich. So nimmt der Regen, der durch die grosse Hohle im Gebirge von Derbyshire fallt, in der Ferne den Klang von melodischem Getone36 an.
Aber als ich umhersah und mir die weisse Erde wie eine weisse Sonne vorkam und der stille, vom tiefen Blau beruhrte Kreis um mich wie ein FamilienZirkel verschwisterter Wesen als die Tone, wie schonere Seufzer, meinen Gedanken nachfolgten als ich am Sternenhimmel so viele tausend unverruckte Zeugen der schonen abgebluhten Minuten, deren Samen die hohere Gute weiter streuet, dankbar anschauete als ich an die schlafenden Menschen um mich dachte und ihnen wunschte: "schliesset froher morgen eure Augen auf"- und als ich an die wachenden unter mir dachte, deren eingeschlafne Seele denselben Wunsch bedarf: da wurde die Brust, die so schone Tone und die heutige Nacht langst beklemmten, nun zu voll und zu schwer, und der blaue Himmel und der blitzende Mond und die flimmernden Berge aus Schnee flossen und sanken zusammen zu einem grossen schwimmenden Schimmer. Und im und unter dem Getone hort' ich die Stimmen meiner Freunde und guter Menschen, wie sie einander bang' und weich die Wunsche eines frohen neuen Jahrs brachten; aber ihre ruhrten mich zu sehr, und ich konnte meinen kaum denken: "O, es geh' euch allen wohl in jedem Jahre!"
Zweites Bandchen
Vorrede zum zweiten, dritten und vierten
Bandchen
Es hat mich oft verdrusslich gemacht, dass ich jeder Vorrede, die ich schreibe, ein Buch anhangen muss als Allonge eines Wechselbriefes, als Beilage sub litt. A-Z. Andern privatisierenden Gelehrten werden schon ganze Bucher fertig und lebendig aus der Wiege zugeschickt, und sie brauchen nichts daran zu hangen als das goldene Stirnblatt der Vorrede und nichts mehr an der Sonne zu machen als die Aurora. Aber mich hat noch kein einziger Autor um eine Vorerinnerung ersucht, ob ich gleich schon seit einigen Jahren mehre Vorreden im voraus verfasse und auf den Kauf ausarbeite, worin ich kunftige Werke nach Vermogen erhebe. Ja, ein ganzes Munzkabinett von solchen Preismedaillen und Huldigungmunzen, die ich fur fremde Verdienste mit den besten Randelmaschinen auspragte, steht mir immer vor Augen und lauft taglich hoher an; daher schlag' ich das Kabinett am Ende es ist kaum anders zu machen im ganzen los und gebe ein Buch voll blosser praexistierender Vorreden zu gedenklichen Werken heraus.
Gleichwohl will man noch bis zur Ostermesse die Vorberichte einzeln abstehen; und Schriftsteller, die sich am ersten melden, konnen sich, da man ihnen den ganzen praludierenden Faszikel zuschickt, die Vorerinnerung ausklauben, in der ich, wie sie glauben, ein Buch am meisten lobe. Nachher aber, bei der Herausgabe der Vor- oder Lobreden im ganzen, die ich mit dem Messkatalog durchschiessen lasse, werden bloss die Gelehrten auf einmal in corpore, in coro verherrlicht, und ich biete sozusagen wie 1775, die Konigin Kaiserin der ganzen Wiener Kaufmannschaft der ganzen Gelehrtenrepublik in Pausch und Bogen den Adel an; wiewohl ich an den armen Rezensenten, die sich das ganze Jahr an Tempeln des Ruhms und an Ehrenbogen krumm und arm mauern und leimen, die betrubten Belege vor mir habe, dass weniger dabei herauskommt, wenn man die gelehrte Republik in sechs Folianten erhebt, als wenn man mit Sannazaro die venezianische in ebenso vielen Zeilen ruhmt, deren jede ein Schenkbrief von 100 Funftalerstucken fur den Dichter ward.
Zur Probe will ich eine von jenen Vorreden in diese einschichten und mich stellen, als hatte mit ihr der beruhmte Verfasser mein Buch auf Ersuchen versehen, welches noch dazu auch wirklich so ist. Ich lasse leicht mein Wesen oder Substratum in zwei Personen zerfallen, in den Blumenmaler und in den Vorberichtmacher. Ich les' aber mit Fleiss denn ganz ohne Bescheidenheit kann keiner leben fur mich die allerelendeste Vorerinnerung aus, in der wahrhaftig massig genug gepriesen wird, und die den Autor des nachstehenden Werks mehr auf einen Leichen- als Triumphwagen hinaufhebt, den noch dazu nichts zieht; die andern Vorreden hingegen schirren die Nachwelt an, diese und die Lesewelt werden darin vor den Himmelund Eliaswagen der Unsterblichkeit eingespannt und fahren die Verfasser....
Schlusslich habe ich noch anzumerken, dass der treffliche Hr. Verfasser des Hesperus die Nachsicht fur mich gehabt, meine Blumenstucke durchzusehen und solche mit folgender sehr leswerten Vorrede zu begleiten.
Vorrede vom Verfasser des Hesperus
Ich kann folgendes schlusskettenweise heischen (postulieren), und zwar in Gleichnissen.
Manche Schriftsteller, z.B. Young, zunden ihren Nervengeist an, der wie anderer Geist (eau de vie) alle Personen, die um das flimmernde Dintenfass herumstehen, mit einer tauschenden Totenfarbe anwirft und bestreicht; nur leider schaut beim Kunststuck jeder nur den andern an, und keiner in den Spiegel; in den Menschen und in den Schriftstellern wird durch die Nachbarschaft der allgemeinen Sterblichkeit um sie her nichts als ihre Empfindung der eignen exzeptivischen (ausnehmlichen) Unsterblichkeit erhoht; aber dies labt uns alle ungemein.
Daraus ergibt sich nun, dunkt mich, die Folge leicht37, dass ein Dichter im funften oder funfzigsten Stockwerk zwar Gesange, aber keine Hochzeit und Haushaltung machen kann, geschweige ein gutes Haus: gleicht er nicht den Kanarienvogeln, die zum Hecken einen grossern Bauer brauchen als zum Singen?
Und was tut denn, wenn dieses richtig ist, die Feder des Schriftstellers? Sie zieht wie eine Knabenfeder die Schrift, die die Natur schon mit bleicher Bleifeder in den Leser geschrieben, mit ihrer Dinte gar aus. Der Saite des Autors tonen nur die Oktaven, Quinten, Quarten, Terzen der Leser nach, keine Sekunden und Septimen; unahnliche Leser werden ihm nicht ahnlich, sondern nur ahnliche werden ihm gleich oder ahnlicher.
Und damit steht und fallt mein vierter Heischesatz: das Hufeisen des Pegasus ist die Bewaffnung am Wahrheit-Magnete, er zieht uns dann starker; wiewohl wir hungrige Vogel sind, welche auf die Trauben des Poeten fliegen, als waren sie wahre, und die bloss den Jungen fur gemalt ansehen, der schrecken sollte.
Jetzo macht sich der Ubergang zum funften Heischesatze von selber: dass der Mensch eine solche Achtung fur jedes Altertum hegt, dass er sie sogar fortsetzt, wenn dasselbe bloss noch der Deckel und die Larve des Giftes ist, der es aufgeloset. Ich mache hier absichtlich zwei Belege dieses Satzes gar nicht namhaft namlich die in Wurmmehl zerfressene Religion und die ebenso zerkrumelte Freiheit , sondern halte mich als Lutheraner nur an den dritten, die Reliquien, an denen man, wenn sie von den Wurmern aufgefressen worden, (nach dem Jesuiten Vasquez38) noch das anzubeten hat, was ubrig ist, die Wurmer eben. Taste daher nie den Wurmstock deiner Zeiten an, du wirst sonst sein Frass; eine Million Wurmer gelten schon einem guten Lindwurme gleich. Dieses muss angenommen werden, wenn anders der sechste Heischesatz einen Sinn haben soll: dass kein Mensch vollig gleichgultig gegen alle Wahrheiten sein kann. Ja sogar, wenn er auch nur noch poetischen Spieglungen (Illusionen) huldigt und offen steht, so ehret er eben dadurch die Wahrheit, da in jeder Dichtung gerade das Wahre der berauschende Bestandteil ist, wie in unsern Leidenschaften bloss das Moralische berauscht. Eine Spieglung, die durchaus nichts ware als eine, wurde eben deshalb keine mehr sein. Jeder Schein setzet irgendwo Licht voraus und ist selber Licht, nur entkraftetes oder vielfach zuruckgeworfenes. Nur gleichen die meisten Menschen unserer nicht sowohl aufgeklarten als aufklarenden Zeiten den Nachtinsekten, die das Taglicht fliehen oder mit Schmerzen empfinden, die aber in der Nacht jedem Nachtlicht, jeder phosphoreszierenden Flache zuflattern.
Die Graber der besten Menschen, der edelsten Blutzeugen sind gleich herrnhutischen eben und platt, und unsere ganze Kugel ist ein auf diese Art plattiertes Westminster ach wieviel Tranentropfen, wieviel Bluttropfen, welche die drei Eck- und Standbaume der Erde, den Leben-, den Erkenntnis- und den Freiheitbaum, befeuchteten und trieben, wurden vergossen, aber nie gezahlt! Die Weltgeschichte malet an dem Menschengeschlecht nicht, wie der Maler an jenem einaugigen Konig, bloss das sehende Profil, sondern bloss das blinde; und nur ein grosses Ungluck deckt uns die grossen Menschen auf, wie totale Sonnenfinsternisse die Kometen. Nicht bloss auf dem Schlachtfeld, auch auf der geweihten Erde der Tugend, auf dem klassischen Boden der Wahrheit turmet sich erst aus 1000 fallenden und kampfenden unbenannten Helden das Fussgestell, auf dem die Geschichte einen benannten bluten, siegen und glanzen sieht Die grossten Heldentaten werden zwischen vier Pfahlen getan; und da die Geschichte nur die Aufopferungen des mannlichen Geschlechtes zahlet und uberhaupt nur mit vergossenem Blute schreibt: so sind in den Augen des Weltgeistes unsere Annalen gewiss grosser und schoner als in den Augen des Welthistorikers; die grossen Aufzuge der Weltgeschichte werden nur nach den Engeln oder Teufeln geschatzt, welche darin spielen, und die Menschen zwischen beiden werden ausgelassen.
Das sind die Grunde, worauf ich mich steife, wenn ich keck genug behaupte, dass wir aus den gefullten Freudenblumen, sobald wir zu heftig an sie riechen, ohne sie ausgeschuttelt zu haben, unvermutet ein Marterinsekt hinaufschnaufen konnen durchs Siebbein ins Gehirn39; und wer, man sage mir, holt das Kerbtier dann wieder heraus? Hingegen aus Blumenstucken und deren gemalten Blumenkelchen ist wenig Bedenkliches zu schnupfen, weil ein gemaltes Gewurm, ein Wurmstuck, immer bleibt, wo es sitzt.
Das ists, was ich in Gleichnissen zu heischen habe. Was das Publikum heischet, ist meine Meinung uber gegenwartige Blumenstucke. Der Verfasser ist ein hoffnungvoller junger Mann von funf Jahren40; ich und er waren von Kindesbeinen an Freunde und konnen uns vielleicht ruhmen, dass wir, wie Aristoteles von den Freunden fodert, nur eine Seele haben. Er teilt mir alles zum Lesen und Prufen mit, was er herausgeben will. Da ich ihm nun diese Blumenstucke mit den lebhaftesten, aber aufrichtigsten Ausserungen meines Beifalls wieder zustellte: so ging er mich darum an, mein Urteil daruber bekannter zu machen, das (wie er viel zu schmeichelhaft glaubt) vielleicht einiges Gewicht habe; um so mehr, da es unparteiischer sei, und welches er deshalb den Kunstrichtern als das Lineal und Linienblatt des ihrigen in die Hande geben wolle.
Im letzten treibt ers zu weit; ich kann nichts als bloss erklaren, dass das Werkchen mir ordentlich aus der Seele geschrieben ist. Der Stoff selber nahm keinen grossern dynamischen Aufwand an, als man im Buche macht, und so gern der Verfasser darin gedonnert, gesturmt, gestromet hatte, so war doch in der Stube und Stubenkammer eines Armenadvokaten fur Rheinfalle spanische Donnerwetter tropische Orkane voll Tropen und fur Wasserhosen kein Platz, und er spart die besten Ungewitter auf fur ein kunftiges Werk. Ich habe seine Erlaubnis, den Titel dieses kunftigen Werkes vorauszusagen: "Der Titan41". In diesem Werke will er der Hekla sein und das Eis seines Klimas und sich dazu entzweisprengen und (wie der islandische Vulkan) eine kochende Wassersaule von 4 Schuh im Durchmesser in eine Hohe von 90 oder 89 Schuh auftreiben, und zwar mit einer solchen Hitze, dass, wenn die nasse Feuersaule wieder heruntergefallen ist und in den Buchladen schwimmt, sie immer heiss genug sein soll, um Eier hart zu kochen oder deren Mutter weich. "Dann (sagt er allemal, aber sehr traurig, weil er merkt, die Halfte unserer hiesigen Kampfe und Ausbeuten sei von einer Schnurrpfeiferei nicht sonderlich verschieden, und die Wiege dieses Lebens schaukle und stille uns zwar, aber sie bringe uns nicht drei Schritte weiter; dann, sagt er) mag der arbor toxicaria macasseriensis42 des Ideals, unter dem mir schon einige Haare ausgegangen sind, dann mag er mich immer vergiften und ins Land der Ideale schicken, ich habe doch unter seinem erhebenden todlichen Brausen gekniet und gebetet. Und warum stande denn an dem von der Ewigkeit gewasserten Brunnen der Wahrheit das kleine Haus fur den Wanderer fertig, das man Ruhe43 nennt, ginge keiner jemals hinein?" Er wunscht sich zu seinem breiten Deckenstucke nichts als einige (nur zwei) rechte Regenjahre, weil ein grosser, heller, offner Himmel den Menschen uberwaltigt und entruckt und die Feder-Kraft der Hand durch die Fulle des Auges lahmt; ein Punkt, worin der Buchermacher ausserordentlich von dem Papiermacher (seinem Munitionlieferanten) abgeht, der seine Muhle gerade in nassem Wetter sperrt. Noch wunsch' ich, dass man die wenigen Kapitel, die im ersten Bandchen stehen, rekapituliere und wiederlese, damit man besser wisse, was er eigentlich haben will; und in der Tat ist ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, auch nicht wurdig, dass mans einmal lieset.
Schlusslich munter' ich, obwohl als der unansehnlichste Klubbist und Stimmgeber des Publikums, den Hrn. Verfasser zu mehren Setzlingen und Infanten dieses Gelichters auf, mit dem Wunsche, dass die Lesewelt mit derselben Nachsicht, wie ich, uber das Werkchen richte. Hof im Voigtlande, den 5. Jun. 1796.
Jean Paul Fr. Richter
*
Soweit geht die Vorrede meines Freundes. Im Grunde ists freilich lacherlich; aber auch meine Vorrede muss ordentlich beschlossen werden, und dann kann ich mich leider wieder nicht anders unterschreiben, als mein obiger Robinsonscher Freitag und Namenvetter tat, namlich: Hof im Voigtlande, den 5. Jun. 1796.
Jean Paul Fr. Richter
Funftes Kapitel
Besen und Borstwisch als Passionwerkzeuge
Wichtigkeit eines Bucherschreibers
Nuntiaturstreitigkeiten uber Lichtschneuzen der
Zinnschrank die Hausnot und Hauslust
Die Katholiken zahlen im Leben Christi funfzehn Geheimnisse auf, funf freudenreiche, funf schmerzenreiche und funf glorreiche. Ich bin unserem Helden durch die funf freudenreichen, die etwan der Lindenhonigmonat der Ehe zu zahlen hat, bedachtig nachgegangen; ich komme nun mit ihm an die funf schmerzhaften, mit denen die meisten Ehen das Gefolge ihrer Geheimnisse beschliessen. Seine hat noch, hoff' ich, funf glorreiche......
Mit dem vorstehenden Absatze fing ich dieses Bandchen in der ersten Auflage unbefangen an, als war' er vollig wahr; aber zweite stark umgearbeitete Auflagen fodern von selber mich auf, verbessernd beizufugen, dass die erwahnten funfzehn Geheimnisse sich nicht hinter einander, wie Stufen und Ahnen, gestellt, sondern, wie gute und schlechte Karten, sich einander durchschossen haben. Aber auch bei diesen Mischungen des Lebens uberwiegt wenigstens durch Dauer die Lust den Schmerz, wie es ja dem Erdkorper selber ergangen, der zwar einige Jungste Tage, aber nach ihnen desto mehre Fruhlinge, mithin kleinere Schopfungtage erlebte.
Ich stelle dies alles absichtlich her, damit ich so manchen armen Schelm von Leser aus der Angst erlose, er bekomme jetzt einen ganzen Band voll Tranen zu durchwaten, die er teils liest, teils mit vergiesst; ein anderes ist ein Schriftsteller, der eine wahre Klapperschlange ist und so viele tausend Bezauberte vor sich kann so lange unruhig und angstvoll springen sehen, bis er solche hat.
Siebenkas schickte sogleich den Eifersucht- und Ehe-Teufel zu allen andern Teufeln, als er am Morgen erwachte denn der stillende Schlaf halt den FieberPuls der Seele an, und seine Korner sind die Fieberrinde gegen das kalte Fieber des Hasses wie gegen das hitzige Fieber der Liebe ; ja er legte das Schatten Reissbrett hin und nahm von der gestrigen freien Ubersetzung und Abschrift des Egelkrautschen Gesichts mit dem Storchschnabel eine verjungte und treue und schwarzte solche gehorig. Als er fertig war, sagte er zur Frau aus Liebe: "Wir wollen ihm den Riss gleich heute zuschicken. Bis er selber kommt und ihn holt, da dauerts lange." "Jawohl", versetzte sie, "bis zum Mittwochen dauerts, aber da hat ers langst vergessen." "Und doch", entgegnete Siebenkas, "war' er fruher herzubringen; ich brauchte ihm nur den graflich-reussischen Dreifaltigkeit-Taler von 1679 zum Abkaufen zu schicken: so schickte er mir keinen Heller dafur, sondern brachte selber das Geld fur den Taler, wie ers bisher immer mit dem Leibgeberschen Munzkabinett gehalten." "Oder", sagte Lenette, "schick ihm lieber den Taler und das Gesicht zusammen: so hat er eine grossere Freude." "Uber was eine grossere?" fragt' er. Sie wusste der narrischen Einspring Frage, ob sie von einer grossern uber das abgeschattete oder uber das gemunzte Gesicht gesprochen, gar nicht recht zu begegnen und sagte in der Not: "Nun uber die Sachen naturlich." Er fragte aus Schonung nicht noch einmal.
Aber der Schulrat schickte nichts als die Antwort, er sei ausser sich vor Freuden uber die herrlichen Geschenke und werde daher spatestens Ende kunftiger Woche selber kommen und sich bedanken und sich berechnen bei dem Hrn. Armenadvokaten. Das wenige Sauerliche, was in der unberechneten Antwort des sorgenlosen und zu freudenvollen Schulrates vorschmeckte, konnte der gerichtliche Pedell der Erbschaftkammer auf keine Weise dadurch versussen, dass er eben eintrat und dem Advokaten die Antwort oder den ersten Satz oder die Exzeptionen des beklagten Heimlichers von Blaise uberreichte, die in nichts als in einem Fristgesuche von drei Wochen bestanden, das ihm die Kammer gern bewilligt hatte. Siebenkas lebte als sein eigner Armenadvokat freilich der gewissen Hoffnung, dass das Gelobte Land der Erbschaft, worin Milch und Honig uber seinen Goldsand fliessen, von seinen Kindern werde erobert werden, wenn er in der juristischen Wuste auf dem Wege dahin langst verstorben sei; denn die Justiz belohnt gern die Tugend und das Recht der Vater an Kindern und KindesKindern; inzwischen aber bliebs immer unbequem, dass er nichts zu leben hatte bei seinen Lebzeiten. Denn von dem graflich-reussischen DreifaltigkeitTaler fur welchen Stiefel noch nicht einmal bezahlet hat war ohnehin nicht langer zu leben, so wie von dem einzigen noch ruckstandigen Zopfdukaten aus Leibgebers nachgelassener "Reichskriegsoperationskasse" gegen den Heimlicher. Denn dieses Gold- und jenes Silberstuck waren (ob ich es gleich bisher verschwiegen) der einzige Kassenbestand der Leibgeberischen Heilandkasse, mit welchem freilich niemand als ein Nachfolger des Heilands selber auszureichen vermochte. Es ist aber vielleicht mein Verschweigen der bisherigen Munzkabinett-Ausleerungen wieder ein Beweis, wie sehr ich den Leser, wo ich nur kann, mit sauern Sachen verschone.
"O ich will schon Rat schaffen", sagte Siebenkas ganz frohlich und setzte sich heute emsiger an sein Schreibepult, um sich durch seine Auswahl aus den Papieren des Teufels je eher je besser einen betrachtlichen Ehrensold ins Haus zu leiten. Aber nun wird ein ganz anderes Fegfeuer immer hoher um ihn angeschurt und aufgeblasen, von welchem ich bisher gar noch nichts sagen wollen und worin er schon seit vorgestern sitzt und brat. Lenette ist der Bratenkoch, und sein Schreibtisch ist der Lerchenrost. Er hatte sich namlich unter dem stummen Keifen der vorigen Tage an ein besonderes Aufhorchen auf Lenetten gewohnt, wenn er dort sass und an der Auswahl aus des Teufels Papieren schrieb: dies machte ihn vollig irre im Denken. Der kleinste Tritt, jede leise Erschutterung griff ihn wie einen Wasserscheuen oder Chiragristen an und brachte immer ein oder zwei gute junge Gedanken, wie ein grosseres Gerausche Kanarienbrut und Seidenraupen, um das Leben.
Anfangs bezwang er sich recht gut; er gab sich zu bedenken, die Frau muse sich doch wenigstens regen und konne, solange sie keinen verklarten Leib und keine verklarten Mobeln handhabe, unmoglich so leise in der Stube auftreten wie ein Sonnenstrahl oder wie ihre unsichtbaren guten und bosen Engel hinter ihr. Aber indem er bei sich diesen guten cours de morale, dieses collegium pietatis horte, kam er aus dem satirischen Kontexte und Konzepte und schrieb bloss matter weiter.
Am Morgen nach jenem Silhouettier-Abende, wo ihre Seelen sich die Hande gegeben und den Furstenbund der Liebe wieder erneuert hatten, konnt' er viel offener zu Werke gehen, und er sagte, sobald er statt des Schattenrisses nichts schwarz malte als die Urbilder, d.h. sobald er in der satirischen Russhutte arbeitete, er sagte schon voraus zur Frau: "Wenns dir tulich ist, Lenette, so mache heute kein sonderliches Getose es ist mir beinah hinderlich, wenn ich dasitze und fur den Druck arbeite." Sie sagte: "Ich dachte, du hortest mich kaum, so schleich' ich."
Wenn der Mensch uber die Tolpeljahre hinuber ist: so hat er noch jahrlich einige Tolpelwochen und Flegeltage zuruckzulegen: Siebenkas tat die obige Bitte wahrlich in einer Tolpelminute. Denn nun hatte er sich selber genotigt, unter dem Denken aufzulauern, was Lenette nach dem Empfange des Bittschreibens vornehme. Sie lief jetzo uber die Stubendiele und uber die Faden ihres hauslichen Gewerkes mit leisen Spinnenfussen. Denn sie hatte wie andere Weiber nicht widersprochen, um zu widerstreben, sondern um nur zu widersprechen. Siebenkas musste fleissig aufpassen, um ihre Hande oder Fusse zu horen; aber es gluckte ihm doch, und er vernahm das meiste. Wenn man nicht schlaft, so gibt man auf ein leises Gerausch mehr als auf ein grosses acht: jetzt horchte ihr der Schriftsteller uberall nach, und sein Ohr und seine Seele liefen, als Schrittzahler an sie angemacht, uberall mit ihr herum kurz, er musste mitten in der Satire "Der Edelmann mit seinem kalten Fieber44" abschnappen, aufspringen und zur Schleicherin sagen: "Ich horche schon seit einer Stunde auf das peinigende Trippeln hin; ich wollte lieber, du trabtest in zwei lauten Krupezien herum, die mit Eisen besohlet sind zum Takt-Stampfen45, als so geh lieber wie gewohnlich, Beste!" Sie tats und ging fast wie gewohnlich. Er hatte gern, da er schon den lauten und den leisen Gang abgeschafft, auch gar den mittlern abgeordnet; aber ein Mann widerspricht sich nicht gern an einem Morgen zweimal, sondern nur einmal. Abends ersuchte er sie bloss, sie mochte, solang' er seine Satiren entwerfe, in Socken gehen, besonders weil der Fussboden kuhle: "Uberhaupt", setzt' er hinzu, "da ich jetzt vormittags nach Brot arbeite, so wird es gut sein, wenn du unter meinen literarischen Geschaften selber weiter keine tust als gerade die allernotigsten."
Am Morgen sass er innerlich uber jede Arbeit hinter ihm zu Gericht und horte er schrieb dabei immer fort, aber schlechter eine nach der andern ab, ob sie den Freipass der Notwendigkeit bei sich habe. Der schreibende Dulder nahm manches auf die leichte Achsel; aber als Wendeline in der Schlafkammer mit einem langen Besen das Bettstroh unter den grungefarbten Ehe-Torus trieb: so wurde dieses Kreuz seinen Schultern zu schwer. Dazu kam, dass er vorgestern in den alten Ephemeriden der Naturforscher gelesen, dass der Theolog Joh. Pechmann keinen Besen horen konnen dass ihm das Rauschen desselben halb die Luft versetzet und dass er vor einem Gassenkehrer, der ihm bloss aufstiess, davongelaufen; eine solche Lekture liess ihn wider seinen Willen fur einen ahnlichen Fall aufmerksamer und intoleranter zuruck. Er rief, ohne aufzustehen, der Haus-Kehrerin in die Kammer hinaus: "Lenette, strahle und striegele jetzo nicht mit deinem Besen er lasset mich nicht denken Es war einmal ein alter Pfarrer Pechmann, der lieber zum Wiener Gassenkehren sich hatte verdammen lassen, als dass er es angehoret hatte, ja dem der Staupenschlag damit ware erwunschter gewesen als der verdammte Ton, wie ein Besen wetzt und schleift. Und ich soll noch dazu neben dem Hausbesen einen vernunftigen Gedanken haben, der vor Buchdrucker und Buchsetzer kommen soll: das beherzige nur!"
Lenette tat jetzo, was jede gute Frau und ihr Schosshund getan hatte: sie wurde stufenweise still. Ja sie dankte endlich gar den Besen ab und schob, als der Gatte so laut schrieb, als sie kehrte, bloss mit dem Borstwisch leise drei Strohahren und einige FlaumFederspulen unter die Bettlade. Der Redakteur der Auswahl aus des Teufels Papieren vernahm drinnen zum Glucke wider Verhoffen das Schieben: er stand auf und begab sich unter die Kammerpforte und sprach hinein: "Teuerste, die Hollenpein ist wohl dieselbe, sobald ichs vernehme Ja wedel das ungluckliche Kehricht mit Pfauenschwanzen und Weihwedeln unters Bettbrett, schnaub es mit einem Blasbalg hinter den Topf hinunter: ich und mein Buch drinnen baden es aus und verkruppeln notwendig." Sie versetzte: "Ich bin ohnehin fertig."
Er machte sich wieder an die Arbeit und fassete den Faden in der dritten Satire "Von den funf Ungeheuern und ihren Behaltnissen, wovon ich mich anfangs nahren wollen" (in der gedruckten Ausgabe S. 46) wieder ganz munter auf.
Lenette druckte indes langsam die Kammerture zu; er musste also von neuem schliessen, dass draussen in seiner Gehenna und Ponitenzpfarre wieder etwas gegen ihn im Werke sei. Er legte die Feder nieder und rief uber den Schreibtisch hinweg: "Lenette, ich kanns nicht genau horen; bist du aber draussen wieder uber etwas her, das ich nicht ausstehen kann: so bitt' ich dich um Gottes willen, stell es ein, mach einmal meine heutige Kreuzschule und meine Werthers Leiden darin aus lasse dich sehen!" Sie versetzte, aber mit einem vom heftigen Bewegen schwankenden Atem: "Nichts, ich mache nichts." Er stand wieder auf und offnete die Ture seiner Marterkammer. Die Frau bugelte darin mit einem grauen Flanell-Lappen und scheuerte das grune Ehe-Gitterbette ab. Der Verfasser dieser Historie lag einmal als Pockenkranker in einem und kennt also die Art; aber der Leser wird vielleicht nicht wissen, dass ein solcher gruner Schlummerkafig wie ein vergrosserter Kanarien-Heckbauer aussieht mit seinen zwei gegitterten Flugelturen oder Fallgattern, und dass dieses Traum-Gelander und Treibhaus zwar plumper, aber auch gesunder ist als unsere tief behangenen Schlafbastillenturme, die uns mit nahen Vorhangen gegen jeden frischen Windstoss einwindeln. Der Armenadvokat nahm nichts zu sich als gahling einen halben Schoppen Stubenluft und hob langsam so an: "Du fegst und burstest also, wie ich sehe, von neuem und weisst, dass ich drinnen im Schweisse sitze und fur uns beide arbeiten will und dass ich seit einer Stunde fast ohne Verstand fortschreibe himmlische eheliche Halfte, um Gottes willen kartatsch einmal aus und richte mich nicht ganzlich mit dem Lappen zugrunde." Lenette sagte voll Verwunderung: "Unmoglich, Alter, hast du es hineingehoret" und bohnte eiliger fort. Er fing ein wenig schnell, aber sanft ihre Hande und sagte lauter: "Auf horst du! Das ist aber eben mein Ungluck, dass ichs drinnen nicht horen kann, sondern alles nur denken muss und der verdammte lange Wichs- und Besengedanke setzet sich an die Stelle der besten andern Gedanken, die ich hatte zu Papier bringen konnen! Trauter Engel, niemand wurde seliger und gelassener fortarbeiten und hier sitzen als ich, wenn du bloss mit Traubenschussen und Haubitzen und Hundertpfundern hinter mir feuertest und knalltest aus den hiesigen Schiessscharten; aber einem leisen Larm bin ich nicht gewachsen."
Jetzo argerte ihn die lange Rede, und er fuhrte sie mit dem Lappen aus der Kammer und sagte: "Es fallet mir uberhaupt hart, dass, wenn ich drinnen mich ausserordentlich uberspanne, um der Lesewelt eine Freude zu machen, dass in meiner Kammer zu gleicher Zeit fur mich ein Hatzhaus aufgeschlagen wird, und dass sich das Bette eines Schriftstellers in einen Laufgraben umsetzt, aus dem ihn Bogenschusse und Dampfkugeln verfolgen. Mittags unter dem Essen hab' ich nichts zu schreiben, und da will ich vernunftig und breit mit dir aus der Sache reden."
Zu Mittag, da er die Grunde seines Morgenturniers aufstellen wollte, hatt' er vorher ein Gebetturnier zu halten: das Gebet bedeutet in Nurnberg und Kuhschnappel nicht wie bei Grossen ein besonderes Erbamt und Messgeschaft in der Hofkapelle, sondern das Lauten um 12 Uhr. Der Esstisch des Paars stand namlich dicht an der Wand und wurde nicht eher mitten in die Stube gezogen, als wenn man daran ass. Nun konnt' es Siebenkas nicht uber zweimal in seiner Ehe denn was Weiber46 einmal vergessen, das vergessen sie hernach tausendmal dahin bringen er mochte seine Lunge so trocken predigen wie eine Fuchslunge, womit man jene kuriert , dahin bracht' ers nie, sag' ich, dass die Tafel vorgeschoben wurde, eh' die Suppen-Mulde darauf dampfte: sondern erst nachher zog man beide ordentlich miteinander in die Stube, ohne jedoch unter dem Zuge mehr von der Suppenflut aufs Tischtuch zu verschutten, als man auf eine Laxier-Pille nachtrinkt.
Heute gings nicht anders: der Gatte zerkauete langsam die Pille, auf die er Suppe nachass er sah dem spatern Vorrucken (wie dem der Aquinoktien) mit Angst und mit verlangertem Gesicht und Atem entgegen und zu und zundete bei der wiedergekehrten Suppen-Libation gelassen los, aber so: "Im Grunde, Lenette, leben wir auf einem guten Schiff; denn Seefahrer verschutten ihren Suppenteller, weil das Fahrzeug immer wanket, und ich und du auch. Sieh her! Im ganzen hangt der Mittagtisch mit dem Morgen-Besen zusammen und sekundiert ihn; diese zwei Verschwornen blasen deinem Manne noch das Lebenlicht aus, um mich stark auszudrucken."
Nach diesem Predigt-Eingange kam statt eines Kanzelliedes der Pritschenmeister von Kuhschnappel, welcher mit einem grossen Bogen Papier eintrat und den Advokaten als einen Honoratior zum Andreasschiessen auf den 30. Nov. invitierte. Jeder von uns hat gewiss aus dem vorigen so viel bei sich behalten, dass von Gold nichts mehr im Hause war als der Zopfdukaten. Gleichwohl konnte Siebenkas nicht gut aus der Schutzengesellschaft austreten, ohne sich selber vor der ganzen Stadt ein testimonium paupertatis (Zeugnis der Armut) zu schreiben. Am Ende war auch fur einen so guten Schutzen und Jagersohn wie er ein Schutzenlos ja nichts Geringers als eine BergwerkKuxe, eine Aktie in der Ostindischen Kompanie. Dabei konnt' er, wenn er mitschoss, seiner Frau zum ersten Male offentliche Ehre machen, welche sie als eines Ratkopisten Tochter aus Augsburg wohl erwarten durfte. Nur war dem ernsten Schutzenhanswurst der ungewohnliche Zopfdukaten gar nicht zum Auswechseln beizubringen, zumal da ihn der Advokat eigentlich erst verdachtig machte durch die Wiederholung: "Es ist in der Tat ein guter echter Schwanz- und Zopfdukaten. Ich selber", setzte er hinzu, "trage zwar keinen Zopf, aber ein Goldstuck kann dergleichen sehr gut, des preussischen Konigs wegen, der den seinigen auf ihm ausmunzen und verewigen wollen. Frau, es kann ja mein Hausherr, der Friseur, herauf, der muss am besten wissen, ob es ein Zopfdukaten ist, da er Zopfe schon ohne Dukaten taglich unter den Handen hat." Der kuhschnappelsche Pickelhering lachte daruber nicht im geringsten. Der Friseur erschien und bestatigte ganz, es sei ein Zopf, und trug sich hoflich selber zum Verwechseln an. Haarkrausler konnen laufen; in funf Minuten brachte er das Silber fur den Zopf. Nachdem der gesetzte Lustigmacher das Seinige vom Schwanzdukaten eingesteckt: so standen in Lenettens Angesicht allerlei doppelte Frag- und Ausrufzeichen umher, und Siebenkas fuhr in seiner Mittagpredigt fort: "Die Hauptgewinste, Lenette, bestehen beim Vogel in Zinngeschirr und in Geld, bei den andern Tieren, wornach wir schiessen, meist in Viktualien. Ich glaube, ich und du werden am Andreastage nicht nur aus einer neuen Bratenschussel speisen, sondern auch einen frischen Braten darin, den ich dir samt der Schussel in die Kuche schiessen kann, wenn ich mich sonst anstrenge. Uberhaupt angstige dich nicht, Schone, weil unser Geld ausgeht; stelle dich nur hinter mich, ich bin dein Erdsack oder Schanzkorb oder gar deine Tranchee-Katze, und mit meiner Kugelbuchse, besonders aber mit meinem Dintenfasse gedenk' ich den Teufel der Armut in einiger Entfernung von uns zu halten, bis mir mein ehrlicher Vormund das Mutterliche aushandigt. Nur storen musst du um Gottes willen nicht meinen Fleiss durch den deinigen; dein Besen und dein Lappen haben mich heute um bare 16 Ortstaler47 gebracht. Denn sobald ich 1 Druckbogen meiner teuflischen Papiere nur zu 8 Reichstlr. (den Rtlr. a 90 Kr.) rechne er kann freilich noch mehr betragen , so hatt' ich heute 48 Ortstaler erschreiben konnen, wenn ich ausser dem Druckbogen noch einen halben gemacht hatte. Ich musste aber mitten im Feuer in der Kammer zu dir viele Worte sagen, fur die ich keinen Kreuzer Ehrensold beziehe: du solltest mich doch endlich fur einen alten dicken Spinnen- oder Kankerkorper ansehen, den man in eine Schachtel sperrt (mein Stubennest ist gar nichts Besseres) und welcher darin mit der Zeit zu einem kostlichen Goldhorn oder Juwel eindorrt. So oft ich eintunke, zieh' ich hab' ich dir ofter gesagt ordentlich einen Goldfaden aus dem Dintenfass, denn ich habe Gold im Munde eben in der Morgenstunde.
Iss hinunter und horche aber zu: ich bringe dir jetzo das Vorzuglichste vom Werte eines Autors bei Gelegenheit bei und gebe dir den Schlussel uber vieles.... Im Schwabenland, im Sachsen- und im Pommerland sind Stadte, in denen Autorenfleischtaxatores sitzen, wie hier unser alter Metzgermeister; man nennt sie aber gemeiniglich die Schmeckherren48 oder Geschmackherrn, weil sie vorher jedes Buch kosten und nachher den Leuten sagen, ob es ihnen schmecken werde. In der Erbosung nennen wir Autores sie freilich oft Rezensenten; aber sie konnen uns gerichtlich daruber belangen. Da die Schmeckherren selten Bucher schreiben, so haben sie besser Zeit, die der fremden Leute durchzusehen und zu taxieren. Ja oft haben sie selber schlechte gemacht und wissen also sogleich, wie ein schlechtes sein muss, wenn sie eines vorbekommen. Manche sind aus demselben Grunde Schutzpatrone der Autoren und ihrer Bucher, weswegen der hl. Nepomuk den Schutzpatron der Brucken und der Leute, die daruber gehen, macht weil er namlich selber einmal von einer ins Wasser geworfen worden. Unter diesen Herren wird nun meine Schreiberei dort herumgeschickt, sobald sie in Druck gebracht worden ist, wie dein Gesangbuch. Jetzt gucken sie meine Sachen durch, ob ich recht deutlich und leserlich (weder zu grob noch zu klar) geschrieben ob ich keine falschen Buchstaben, kein kleines e statt eines grossen E, oder ein F statt eines Ph gesetzt ob die Gedankenstriche nicht zu lang und nicht zu kurz sind, und was sonst dergleichen ist ja oft urteilen sie sogar (welches ihnen aber nicht gebuhrt) uber die Gedanken selber, die ich hingeschrieben. Hobelst und wetzest du nun mit dem Besen hinter mir herum: so mach' ich vieles falsch und erzdumm, und es wird nachher so hingedruckt. Das tut aber einem Menschen wahren Schaden. Denn die Schmeckherren reissen mit ihren fingerlangen Nageln der Knopfmacher ihre sind kurzer, aber nicht die der Beschneider bei den Juden , bevor sie dem Buche, wie die Beschneider dem Judenbuben, einen Namen geben, uberall da, wo es verdruckt ist, abscheuliche Schnittwunden und Locher ins schonste Papier Dann lassen sie einen fliespapiernen Zettel draussen im Reiche, im Sachsenund im Pommerlande umlaufen, auf welchem sie mich ausfilzen und mir einen bosen Leumund machen und es vor allen Schwaben geradezu sagen, ich sei ein Esel.... Gott bewahre! Und einen solchen Staupbesen hatt' ich bloss deinem Besen zu danken Schreib' ich freilich vortrefflich und leserlich und recht mit wahrem Verstand wie denn dort kein Bogen von meinen teuflischen Papieren ohne Vernunft ausgefertigt ist , uberleg' ich jedes Wort und jedes Blatt, eh' ichs schreibe; scherz' ich auf diesem Bogen, lehr' ich auf jenem, gefall' ich auf allen: so muss ich dir auch sagen, Lenette, dass die Schmeckherren Leute sind, die so etwas zu schmecken wissen und die sich nichts daraus machen, sich hinzusetzen und Laufzettel zirkulieren zu lassen, auf denen das Geringste, was sie von mir sagen, das ist, dass ich von Universitaten etwas mit hinweggebracht habe und fur solche also wieder etwas liefern konne. Kurz, sie sagen, sie hattens nicht in mir gesucht und ich hatte Gaben. Ein dergleichen Lobpreisen aber, das dem Manne widerfahrt, Lenette, das kommt nachher auch seiner Frau zustatten; und wenn sie in Augsburg herumfragen: 'wo halt sich denn dieser beruhmte Siebenkas eigentlich auf?' so wirds in der Fuggerei allemal Leute geben, die sagen: 'in Kuhschnappel; er hat eine Ratkopisten-Tochter Egelkraut von hier geheiratet und lebt sehr vergnugt mit der Person.'"
"Wie oft", versetzte sie, "hast du mir das nicht vorerzahlt von der Buchmacherei! Der Buchbinder sagt mir auch das namliche, weil er taglich die besten Bucher in Handen hat und bindet." Dieses gar nicht tadelnd gemeinte Vorrucken seiner eignen Wiederholungen schmeckte ihm nicht recht; denn der Fehler hatte sich ihm bisher, wie ein Fieber, verlarvt. Ehemanner, sogar geistreiche und wortarme, sprechen in der ehelichen Behaglichkeit so uferlos uberfliessend aussen mit der Frau als jedermann innen mit sich selber; vor niemand aber in der Welt wiederholt man sich ofter als vor dem eignen Ich, ohne sich das Wiederholen nur abzumerken, geschweige nachzuzahlen. Letztes beides hingegen tut die Ehefrau, welche, gewohnt, taglich von ihrem Ehemann die scharfsinnigsten und unverstandlichsten Ausspruche zu vernehmen, solche ja nicht vergessen kann, sondern behalten muss, wenn sie sich wiederholen!
Unerwartet erschien wieder der Haarkrausler und brachte einen kurzen Nebel mit. Er sagte, er sei bei allen armen Sundern seines Hauses herumgegangen, habe aber vergeblich bei den Kahlmausern um so viel Vorschuss vom nahen Martini-Hauszins angehalten, als er heute bedurfe, um sein Schutzenlos einzukaufen. Die ganze Besatzung war freilich einer solchen Geldleistung schon darum sechs volle Wochen vor dem Zahltermin nicht gewachsen, weil die meisten es auch am Termine selber nicht in der Gewalt hatten. Der Sachse kam also mit seinem Gesuche zum Grandat seines Hauses, zum Dukatenherrn, wie er den Advokaten nannte. Dieser konnte die geduldige Haut, die sich uber alle vorige Nein nicht erzurnte, mit keinem neuen erschrecken er und die Frau trugen, was sie an kleiner Munze vom Dukaten ubrig hatten, zusammen und entliessen den frohen Mietherrn mit der wirklichen Halfte des Zinses, mit drei Gulden. Sie selber behielten nichts als die Angst, was sie abends anzunden wollten: nicht zwei Groschen zu einem halben Pfunde Lichter waren mehr da, nicht einmal die Lichter in natura.
Ich kann nicht sagen, dass er totenblass oder ohnmachtig oder wahnsinnig daruber wurde. Gepriesen sei jede Mannerseele, die die stoischen Eisenmolken nur einen halben Fruhling lang getrunken und die nicht, wie eine Frau, vor dem kalten Gespenste der Armut gelahmt und erfroren zusammensturzt. Die ubertriebenste Scheltrede gegen den Reichtum ist in einem Jahrhundert, dem alle bessere Sehnen entzwei geschnitten worden, nur die allgemeine des Geldes nicht, erspriesslicher und edler als die richtigste Herabwurdigung der Durftigkeit: denn Pasquille auf den Goldkot assekurieren dem Reichen das Gluck, falls auch die Gluckguter scheiterten, und dem Armen schieben sie statt herber Gefuhle den sussern Sieg daruber unter. Alles Unedle in uns, alle Sinnen, die Phantasie und alle Beispiele sind ohnedas vereinigte Lobredner des Goldes: warum will man noch der Armut ihren rechtlichen Beistand und einen chevalier d'honneur abspenstig machen, die Philosophie und den Bettelstolz?
Das erste, was Siebenkas statt des Maules aufmachte, war die Ture und in der Kuche der Zinnschrank: aus diesem hob er leis und ernsthaft eine Glockenschussel und einen Drilling von zinnernen Tellern auf einen Stuhl. Lenette konnte nicht langer schweigend zuschauen; sie schlug die Hande zusammen und sagte schamhaft leise: "Ach du barmherziger Gott! wir werden doch nicht unser Zinn verkaufen?" "Versilbern will ichs nur", sagt' er. "Wie die Fursten aus Turmglocken, so konnen wir aus der Glockenschussel Glockentaler gewinnen. Du wirst dich doch nicht schamen, elendes Essgeschirr, solche tierische Sarge, fein auszumunzen, da der Herzog Christian zu Braunschweig 1662 einen silbernen Fursten-Sarg in eigentlichem Sinne zu Geld machte, namlich zu Talern. Ist denn ein Teller ein Apostel? Und doch haben grosse Fursten viele Apostel, sobald sie von Silber waren, ein Hugo von St. Caro und andere die Werke derselben, gleichsam in Kapitel und Verse und Legenden zerfallet und sie analysiert ausgesandt aus der Munze in alle Welt!"
"Torheiten!" versetzte sie.
Wenige Leser werden hinzufugen: was sonst? Daher hatt' ich bei diesen weniger langst den Advokaten uber den fur Lenetten unfassbaren mundlichen Stil entschuldigen sollen.
Er selber rechtfertigte sich namlich hinreichend damit, dass die Frau ihn stets von weitem verstanden, auch wenn er die gelehrtesten Kunstworter und ausgesuchtesten Anspielungen gewahlt, um sich recht zu uben und zu horen; "die Weiber", wiederholte er, "verstehen alles von weiten und fernen und verschleifen daher eine Zeit, die besser anzuwenden ist, mit keinen langen Einholungen von Urteln uber die ihnen unverstandlichen Worter." Indes ist dieser Umstand doch etwas verdriesslicher fur das "Worterbuch zu Jean Pauls Levana" von Reinhold und halb fur mich.
"Torheiten!" hatte Lenette versetzt. Firmian bat sie bloss, das Zinn in die Stube mitzubringen, er wolle drinnen vernunftig aus der Sache sprechen. Er hatte ebensogut vor einer mit Heu ausgepolsterten Menschenhaut seine Grunde ausgefuhrt. Vorzuglich ruckte sie ihm vor, er habe durch den Einsatz in die Schutzenkasse seine ausgeleeret. Dadurch brachte sie ihn selber auf die beste Replik: "Ein Engel!", sagt' er, "hat mir das Einsetzen geraten; am Andreastage kann ich alles wieder verdienen und verzinnen, was ich heute versilbere. Dir zu Gefallen will ich nicht bloss die Schussel und die Teller, sondern auch das ubrige Zinngerat, das ich als Schutzenglied herunterschiesse, behalten und zum Zinnschrank schlagen. Ich gestehe dir, anfangs wollt' ich die Gewinste verhandeln."
Was war zu machen? In der Dammerung wurden die verwiesenen Essgeschirre in den Korb der alten Sabel (Sabine) gesenkt, die im ganzen Reichsmarktflecken sich in den Ruf gesetzt, dass sie ausser ihrer Propre-Handlung (Eigenhandel) diese Kommissionhandlung (Auftraghandel) mit einer schonenden Verschwiegenheit, als handle sie mit gestohlnem Gut, betreibe; "niemand", sagte sie, "konnt' es aus mir herauswinden, wem die Sachen allemal gehoren; und der selige Seckelmeister, dem ich ja all sein Hab und Gut hausieren trug, sagte oft, ich suchte meines gleichen."
Aber ihr armen Eheleute! was hilft euch aber dieser Sabbat49 oder diese Christus-Hollenfahrt in euerer Vorholle? Heute legen sich die Flammen um, und ein kuhler Seewind labet euch; aber morgen, ubermorgen steiget wieder der alte Rauch und das alte Feuer vor euern Herzen auf! Und doch will ich euern Zinnmarkt mit keiner Handelsperre belegen; denn ob man gleich entschieden weiss, dass morgen derselbe Hunger wiederkehrt, so tut man doch nicht ubel, wenn man den heutigen vertreibt.
Am andern Tage drang Siebenkas bloss darum auf eine grossere Stille um sich, weil er eine so lange Rede dafur gehalten hatte. Die gute Lenette, die eine lebendige Waschmaschine und Fegemuhle war und fur welche der Wasch- und der Kuchenzettel die Natur eines Beicht- und Einleitscheines50 anzog, gab alles eher aus den Handen fast seine als den Bohnlappen und Kehrbesen. Sie dachte, es sei nur sein Eigensinn, indes es ihrer war, gerade in der Morgenstunde, die fur ihn ein doppeltes Gold im Munde hatte, das aus dem Goldnen Zeitalter und das metallische, den Blasbalg des Pedalschnarrwerks zu treten und hinter dem Autor zu orgeln und zu brausen. Nachmittags konnte sie ein 32fussiges Register ziehen, wenn sie wollte; aber sie war nicht aus ihrem alten Gange zu bringen. Eine Frau ist der widersinnigste Guss aus Eigensinn und Aufopferung, der mir noch vorkam; sie lasset sich fur ihren Mann wohl den Kopf abschneiden vom parisischen Kopfabschneider, aber nicht die Haare daran. Ferner kann sie sich viel fur fremden Nutzen, fur eignen nichts versagen; sie kann fur einen Kranken drei Nachte Schlaf, aber fur sich, um selber besser zu schlafen, sich nicht eine Minute VorSchlummer ausser dem Bette abbrechen. Selige und Schmetterlinge konnen, obgleich beide ohne Magen sind, nicht weniger essen als eine Frau, die auf den Ball oder an den Traualtar gehen will, oder die fur Gaste kocht; verbeut ihr aber weiter niemand ein Esaus-Gericht als der Doktor und ihr Korper, so isset sie es den Augenblick. Der Mann kehret es mit seinen Opfern gerade um.
Lenette suchte, von entgegengesetzten Kraften getrieben, von seinen Ermahnungen und ihren Neigungen, die weibliche Diagonallinie zu gehen und erdachte sich das Religioninterim, dass sie ihr Fegen und Scheuern so lange abbrach, als er sass und schrieb. Sobald er aber nur zwei Minuten ans Klavier, vors Fenster oder uber die Schwelle trat, so handhabte sie die Waschbocke und Poliermaschinen der Stube wieder. Siebenkas wurde bald diesen jammerlichen Wechsel und dieses Posten-Ablosen seines und ihres Besens gewahr; und ihr wartendes Auflauern auf sein Herumgehen mattete ihn und seine Ideen entsetzlich ab. Anfangs bewies er recht grosse Geduld, soviel als ein Ehemann nur hat, namlich eine kurze; aber da ers lange im stillen ubersonnen hatte, dass er und das Publikum unter dem Stuben-Wichsen miteinander leiden und dass eine ganze Nachwelt von einem Besen abhange, der so bequem nachmittags arbeiten konnte, wenn er bloss die Akten vornehme: so platzte die zornige Geschwulst plotzlich entzwei, er wurde toll, d.h. toller, sprang vor sie hin und sagte: "Den Henker noch einmal! ich merk' dich schon: du passest auf mein Laufen. Erschlage mich lieber in der Gute und zeitig Hunger und Argernis reiben mich ohnedies vor Ostern auf. Bei Gott! ich fasse nichts; sie sieht es so klar, dass mein Buch unser Speiseschrank wird, woraus ganze Brotspenden herausfallen und doch halt sie mir den ganzen Morgen die Hand, dass nichts fertig wird. Ich sitze schon so lange auf dem Nest und habe noch nichts heraus als den Bogen E, wo ich die Himmelfahrt der Gerechtigkeit beschreibe (p. 69) Lenette! ach Lenette!" "Wie ichs aber auch mache", sagte sie, "ists nicht recht. So lasse mich ordentlich kehren wie andere Weiber." Sie fragte ihn noch unschuldig, warum ihn denn der Buchbinderjunge das sind meine Worte, nicht ihre , der den ganzen Tag auf einer Kindergeige phantasierte und Alexanders-Feste auf ihr setzte und hatte, nicht store mit seinen gellenden unharmonischen Fortschreitungen, und warum er das neuliche Essen-Kehren besser als das Stuben-Kehren habe leiden konnen. Da ers nun in solcher Eile nicht in seinen Kraften hatte, den grossen Unterschied mit wenigen Worten auseinanderzusetzen: so fuhr er lieber wieder auf und sagte: "Ich soll dir hier lange Reden gratis halten, und dort entgeht mir ein Ortstaler nach dem andern Himmel! Kreuz! Wetter! Das burgerliche Recht, die romischen Pandekten lassen nicht einmal einen Kupferschmied in eine Gasse ziehen, worin ein Professor arbeitet und meine Frau will harter sein als ein alter Jurist? ja will der Kupferschmied selber sein? Lenette, schau, ich frage wahrlich den Schulrat daruber!" Das half viel.
Jetzo langte gar der Betrag fur den DreifaltigkeitTaler noch vor dem Schulrat an; eine hofliche Aufmerksamkeit, welche niemand bei einem so kenntnisvollen Manne gesucht hatte. Es wird gewiss alle Leser so sehr erfreuen, als waren sie selber Gatten Lenettens, dass diese den ganzen Nachmittag ein Engel war; ihre Handarbeit horte man so wenig als ihre Fingeroder Naharbeit manche unnotige schob sie sogar auf eine Schwester Rednerin, die einen gottlichen Kopfputz trug, aber in den Handen zum Ausbessern, begleitete sie die ganze Treppe hinunter, nicht sowohl aus Hoflichkeit als in der zarten Absicht, die wichtigsten Nahpunkte, welche sie mit ihr abgesprochen, noch einigemale unten durchzusprechen, ohne dass der Advokat oben es horte.
Dies ruhrte den alten Larm-Abpasser und fasste ihn bei seiner schwachen und weichen Seite, beim Herzen. Er suchte lange in sich nach einem rechten Danke dafur herum, bis er endlich einen ganz neuen fand. "Hore, Kind", sagt' er und nahm sie bei der Hand unbeschreiblich freundlich, "wurd' ich mich nicht als einen vernunftigen Menschen zeigen, wenn ich abends scherzte und schriebe, ich meine, wenn der Mann schufe, wo die Frau nicht wusche? Besieh dir vorher ein solches Nektar- und Ambrosialeben: wir sassen einander gegenuber bei einem Lichte du tatest deine Stiche ich tate meine satirischen samtliche Handwerker des Hauses klopften nicht mehr, sondern waren beim Bier Haubenzubringerinnen liessen sich ohnehin so spat nicht mehr sehen und horen. Davon will ich gar nicht reden, dass naturlich die Abende immer langer werden und folglich auch mein Schreiben und Scherzen darin ebenfalls. Was denkst, oder wenn du lieber willst, was sagst du dazu, zu einem solchen neuen Leben und Wehen? Denn nimm nur noch vorzuglich dazu, dass wir eben bei Geld sind und der graflich-reussische Dreifaltigkeit-Taler ordentlich wie gefunden uns alle samtlich umpragt, Stiefel und mich zum Vater und Sohn, und dich zum Heiligen Geist, der von uns beiden ausgeht!"
"O sehr scharmant", versetzte sie; "so durft' ich doch am Morgen alle meine Sachen ordentlich machen, wie einer vernunftigen Hausfrau gebuhrt." "Jawohl", fugt' er bei, "den Morgen schrieb' ich ruhig an meinen Stachelschriften weiter und passte auf den Abend, an welchem ich da fortfuhre, wo ichs am Morgen gelassen."
Der Nektar- und Ambrosia-Abend brach wirklich an und suchte seinesgleichen unter den bisherigen Abenden. Ein Paar junge Eheleute bei einem Lichte einander an einem Tische gegenuber in harmlosen und stillen Arbeiten wissen freilich von Gluck zu sagen: er war voll Einfalle und Kusse; sie war voll Lacheln, und ihr Schieben der Bratpfanne fiel ihm nicht starker ins Gehor als ihr Ziehen der Nahnadel. "Wenn Menschen sagte er, hochst vergnugt uber die hausliche Kirchenverbesserung bei einem Lichte doppelten Arbeitlohn verdienen, so brauchen sie sich, soviel ich einsehe, nicht auf ein elendes wurmdunnes gezogenes Licht einzuziehen, wobei man nichts sieht als das einfaltige Licht selber. Morgen wenden wir ohne weiteres ein gegossenes auf."
Da ich einiges Verdienst dieser Geschichte darein setze, dass ich aus ihr nur Ereignisse von allgemeiner Wichtigkeit aushebe und mitteile: so halte ich mich nicht lange dabei auf, dass abends das gegossne Licht erschien und einen matten Zwist entzundete, weil der Advokat bei dieser Lichtkerze seine neue Lehre von der Lichteranzundung wieder zum Vorschein brachte. Er hegte namlich den ziemlich schismatischen Glauben, dass jedes Licht vernunftigerweise bloss am dikken Ende vollends ein dickes anzuzunden ware, und nicht oben am magern, und dass deswegen auch an allen Lichtern zwei Dochte vorstachen; "ein BrennGesetz", fugt' er hinzu, "wofur ich wenigstens bei Weibern von Vernunft nichts weiter anzufuhren brauche als den Augenschein, dass ein herabbrennendes Licht wie herabbrennende Schwelger durch Fettund durch Wassersucht sich gegen unten immer mehr verdickt; hat man es nun oben in Brand gesteckt, so erleben wir unten einen uberfliessenden unbrauchbaren Talgblock, Pflock und Strunk im Leuchter; hingegen aber, wie schon und symmetrisch legt sich das Flussfett der dickern Halfte allmahlich um die magere, gleichsam sie mastend, und gibt ihr Gleichmass, wenn wir die dicke zuerst anbrennen!"
Lenette setzte seinen Grunden etwas Starkes entgegen, Shaftesburys Probierstein der Wahrheit, das Lacherliche. "Wahrhaftig", sagte sie, "jeder wurde lachen, der nur abends hereintrate und es sahe, dass ich mein Licht verkehrt in den Leuchter gesteckt, und alle Schuld gabe man der Frau." Somit musste in diesem Kerzenstreit eine Konkordienformel die Paritat festsetzen, dass er seine Lichter unten, sie ihre oben ansteckte. Jetzo aber bei der Simultankerze, die schon oben dick war, liess er sich das Interim des falschen Leuchtens gefallen.
Allein der Teufel, der sich vor dergleichen segnete und kreuzigte, wusste es so zu karten, dass dem Advokaten noch an diesem Tage die ruhrende Anekdote zum Lesen in die Hande fiel, wie dem jungern Plinius die Gattin die Lampe fort gehalten, damit er bei dem Schreiben sahe. Jetzt unter dem freudigen Verfassen der Auswahl aus des gedachten Teufels Papieren verfiel nun der Advokat darauf, dass es herrlich ware und ihm die Unterbrechungen ersparte, wenn Lenette statt seiner jedesmal das Licht schneuzte. "Ei sehr gern", antwortete sie. Die ersten funfzehn bis zwanzig Minuten ging und schien alles recht gut.
Darnach hob er einmal das Kinn seitwarts gegen das Licht wie einen Zeigfinger empor, um an das Putzen zu erinnern. Wieder einmal beruhrte er zu gleichem Zwecke bloss still die Lichtputze mit der Federspitze; spater ruckte er ein bisschen den Leuchter und sagte sanft: "Das Licht!" Nun nahm die Sache mehr eine Wendung ins Ernste, indem er auf dem Papiere dem Eindunkeln scharfer aufzupassen anfing, so aber sich durch dieselbe Lichtschere, von welcher er in Lenettens Hand sich so viel Licht fur seine Arbeit versprochen, grade in seinem Gange aufgehalten fand, wie ein Herkules durch Krebsscheren im Kampfe mit der Hydra. Das elende dunne Gedankenpaar, die Lichtputze mit der Lichtschnuppe, tanzte keck Hand in Hand auf allen Buchstaben seiner scharfsten Satiren auf und ab und liess sich sehen vor ihm. "Lenette", sagt' er bald wieder, "amputiere doch zu unserer beiden Besten den dummen Schwarz Stummel!" "Hab' ichs vergessen?" sagte sie und putzte geschwind.
Leser von historischem Geist, wie ich sie mir wunsche, sehen nun schon leicht voraus, dass die Umstande sich immer mehr verschlimmern und verrenken mussen. In der Tat hielt er jetzo haufig an sich, harrte, ellenlange Buchstaben hinreissend, auf eine wohltatige Hand, die ihn vom schwarzen Dorne der Lichtrose befreiete, bis er endlich in die Worte ausbrach: "Schneuz!" Er griff zur Mannigfaltigkeit in Zeitwortern und sagte bald: "lichte!" bald: "kopfe!" bald: "kneip ab!" Oder er versuchte anmutigen Abwechsel in andern Redeteilen und sagte: "Die Lichtputze, Putzmacherin! es ist wieder ein langer Sonnenflecken in der Sonne" oder: "Ein artiges Nachtlicht zu Nachtgedanken in einer artigen CorreggiosNacht, inzwischen schneuz!"
Endlich kurz vor dem Essen, als der Kohlenmeiler in der Flamme wirklich hoch gestiegen, schlang er einen halben Strom Luft in die Brust und sagte, ihn langsam heraustropfelnd, in grimmiger Milde: "Du schneuzest und stutzest sonach, wie ich sehe, nichts, der schwarze Brandpfahl mag wachsen bis an die Decke. Nun gut! Ich will lieber selber der Komodienlichtputzer und Essenkehrer sein bis zum Tischdekken; aber unter dem Essen will ich als ein vernunftiger Mann dir sagen, was zu sagen ist." "Das tu nur!" sagte sie sehr froh.
"Ich hatte mir allerdings", fing er an, als sie ihm und sich vorgelegt hatte, jeder Person zwei Eier, "vieles Gute von meinen Nachtarbeiten versprochen, weil ich angenommen, du wurdest das leichte Schneuzen immer in den richtigen Zeiten besorgen, da ja eine vornehme Romerin fur ihren vornehmen Mann, Plinius junior, mit den Kaufleuten zu reden, sogar ein Leuchter ward und den Lampendocht gehalten. So aber ist die Sache nichts, weil ich nicht wie ein glucklicher Armkruppel mit dem Fusse unter dem Tische schreiben kann, oder wie ein Hellseher ganz im Finstern. Was ich jetzo vom ganzen Leuchter habe, ist, dass er eine alte Epiktetslampe ist, bei der ich den Stoiker mache. Wie eine Sonne hatte das Licht oft zwolf Zoll Verfinsterung, und ich wunschte vergeblich, Herzchen, eine unsichtbare Finsternis, wie man sie oft am Himmel hat. Die verfluchten Licht-Schlakken hecken eben jene dunkeln Begriffe und Nachtgedanken aus, die ein Autor bringt. O Gott, hattest du hingegen gehorig geschneuzt!"
"Du spassest gewiss", versetzte sie; "meine Stiche sind viel feiner als deine Striche, und ich sah doch recht hubsch."
"So will ich dir denn psychologisch und seelenlehrerisch beibringen", fuhr er fort, "dass es bei einem Schriftsteller und Denker gar nicht darauf ankommt, ob er mehr oder weniger sehen kann, aber die Lichtschere und Lichtschnuppe, die ihm immer im Kopfe steckt, stulpt sich gleichsam zwischen seine geistigen Beine wie einem Pferde der Kloppel und hindert den Gang Schon nachdem du kaum ordentlich geputzt hast, und ich im Lichte lebe, lauer' ich auf die Minute des neuen Scherens. Dieses Lauern nun kann in nichts bestehen, da es unsichtbar und unhorbar ist, als in einem Gedanken, jeder Gedanke aber macht, dass man statt seiner keinen andern hat und so gehen denn die samtlichen bessern Gedanken eines Schreibers vor die Hunde. Und doch sprech' ich noch immer nur vom leichtesten Ubel denn ich brauchte ja nur an ein Licht- Schneuzen so wenig zu denken als an das meiner Nase; aber wenn vollends das sehnlich erwartete Schneuzen sich nicht einstellen will das schwarze Mutterkorn der reifen Lichtahre immer langer wachst die Finsternis sichtbar zunimmt eine wahre Leichenfackel einen schreibenden Halbtoten beleuchtet dieser sich die eheliche Hand gar nicht aus dem Kopfe schlagen kann, die mit einem einzigen Schnitte ihn von allen diesen Hemmketten loszumachen vermochte: dann, meine liebe Lenette, gehort wahrlich viel dazu, wenn ein Schriftsteller nicht schreiben will wie ein Esel oder stampfen wie ein Trampeltier, wenigstens ich weiss ein Lied davon zu singen."
Sie versicherte darauf, wenn es sein wirklicher Ernst sei, so wolle sie es morgen schon machen.
In der Tat muss ihr die Geschichte das Lob geben, dass sie tags darauf ihr Wort hielt und nicht nur viel ofter putzte als gestern, sondern ordentlich ohne Aufhoren, zumal als er ihr einige Male mit Kopfnicken gedankt hatte. "Zu oft indes sagt' er endlich, aber ungemein freundlich schere denn doch nicht. Studierest du auf gar zu feine Subsubsubdivisionen (Unterunterunterabteilungen) des Dochtes, so gerat man fast in die alte Not zuruck, da ein abgekneiptes Licht so dunkel brennt als eines mit ganz freiwuchsigem Dochte was du figurlich auf Welt- und Kirchenlichter anwenden konntest, wenn du sonst konntest ; sondern nur einige Zeit nach und einige vor dem Schneuzen fallt gleichsam entre chien und loup jene schone mittlere Zeit der Seele, wo sie herrlich sieht; freilich dann ein wahres Gotterleben, ein recht abgemessenes doppeltes Schwarz auf Weiss im Licht und im Buch!"
Ich und andere freuen uns eben nicht besonders uber diese neue Wendung der Sache; der Armenadvokat legt sich dadurch offenbar die frische Last auf den Hals, die mittlere Entfernung oder den Mittelstand zwischen dem kurzen und dem langen Dochte immer unter dem Schreiben, wenn auch oberflachlich, zu berechnen und zu beobachten; welche Zeit bleibt ihm dann zur Arbeit?
Nach einigen Minuten tat er, als sie vielleicht noch zu fruh schneuzte, die Frage, obwohl mehr zweifelnd: "Ist wieder schwarze Wasche da?" Darauf, als sie wohl etwa fast zu spat schneuzte, blickte er sie fragend an: "Nu, nu!" "Gleich, gleich!" sagte sie. Endlich, als er bald darauf sich zu sehr ins schreibende Stechen vertieft hatte und die Frau sich ins nahende, traf er, erwacht auf einmal aufblickend, einen der langsten Lichtschnuppen-Spiesse am ganzen bisherigen Lichte an, noch dazu umrungen von mehr als einem Rauber "Ach Gott, das ist ja ein Jammerleben!" rief er und packte grimmig die Lichtschere an und putzte das Licht aus.
Jetzo in den finstern Ferien hatt' er die schonste Musse, an- und aufzufahren und Lenetten mehr ausfuhrlich vorzuhalten, wie sie ihn bei seinen besten Einrichtungen abmartere und, gleich allen Weibern, kein Mass halte und bald zu viel, bald zu wenig schere. Da sie aber schweigend Licht machte, setzte er sich in noch starkeres Feuer und warf die Frage auf, ob er bisher wohl etwas anderes von ihr begehrt als die allergrossten Kleinigkeiten und ob denn jemand anders sie ihm bisher samtlich abgeschlagen als sie, seine liebliche Ehefrau. "Antworte!" sagt' er.
Sie antwortete nicht, sondern setzte das angezundete Licht auf den Tisch und hatte Tranen im Auge. Es war zum ersten Male in der Ehe. Da durchschauete er, wie ein Magnetisierter, den ganzen Krankheitbau seines Innern und beschrieb ihn, zog auf der Stelle den alten Adam aus und warf ihn verachtlich in den fernsten Winkel. Dies vermochte er leicht, sein Herz stand der Liebe und der Gerechtigkeit so offen, dass, sobald sich diese Gottinnen zeigten, seine zornige Stimme aus dem Vordersatze ankam als die mildeste im Nachsatze, ja er konnte die Streitaxt einhalten mitten im Niederhieb.
Nun wurde der Hausfriede51 geschlossen, ein Paar nasse und ein Paar helle Augen waren die Friedeninstrumente, und ein Westfalischer Vertrag gab jeder Partei ein Licht und volle Scherfreiheit.
Aber diesen Frieden verbitterte bald die Empfindung, dass die Hausgottin der Armut, Penia, die eine unsichtbare Kirche und tausend Stille im Lande und die meisten Hauser zu Stifthutten und Lararien hat, wieder ihre korperliche Gegenwart und Allmacht ausserte. Es war kein Geld mehr da. Er hatte eher alles verkauft, sogar seinen Korper, wie der alte Deutsche, eh' er bei seinem wachsenden Unvermogen, heimzuzahlen, seine Ehre und seine Freiheit zu heimfallenden Pfandern verschrieben, ich meine, eh' er geborgt hatte. Man sagt, die englische Nationalschuld konne, wenn man sie in Talern auszahle, einen ordentlichen Ring um die Erde wie ein zweiter Gleicher gehen; ich habe diesen Nasenring am englischen Lowen, oder diese ringformige Finsternis, oder diesen Hof um die britische Sonne noch nicht gemessen. Siebenkas, das weiss ich, hatte eine solche negative Geldkatze um den Leib fur einen Stachelgurtel, fur einen Eisenring der Schiffzieher und fur einen herz-zusammenschnurenden Schmachtriemen gehalten. Gesetzt auch, er hatte borgen und nachher, wie Staaten und Banken, aufhoren wollen zu zahlen welches kluge Schuld- und Edelleute leicht vermeiden, indem sie gar nicht anfangen zu zahlen : so hatt' er doch, da nur ein Freund (der Rat Stiefel) und niemand weiter sein Glaubiger geworden ware, unmoglich diesen Geliebten, der ohnehin in der ersten Klasse der geistigen Glaubiger stand, in die funfte oder durchfallende setzen lassen konnen; eine solche Doppel-Sunde gegen Freundschaft und Ehre zugleich erspart' er sich, wenn er nur geringere Dinge als beide verpfandete, namlich Mobeln.
Er bestieg wieder, aber ganz allein, den Zinnschrank in der Kuche und untersuchte und besichtigte durch das Gitter, was darhinter zwei oder drei Mann hoch stehe. Ach ein einziger Teller stand wie ein doppeltes Ausrufzeichen hinter dem Vormann. Diesen Hintermann zog er heraus und gab ihm zu Reisegefahrten und Refugies noch eine Heringschussel, eine Sauciere und Salatiere mit; nach dieser Reduktion des Heeres liess er die restierende Mannschaft sich in eine langere Linie ausdehnen und losete die drei grossen Lucken in zwanzig kleine Zwischenraume auf. Dann trug er die Geachteten in die Stube und kam wieder und rief seine Lenette aus des Buchbinders seiner heraus in die Kuche: "Ich betrachte schon", fing er an, "seit einer Achtelstunde unsern Schrank: ich kann nichts merken, dass ich neulich die Glockenschussel und die Teller herausgehoben merkst du was?" "Ach, alle Tage merk' ichs", beteuerte sie.
Nun geleitete er sie, bange vor einer langern Aufmerksamkeit, eilig in die Stube vor die neuen tatigen und leidenden Absonderunggefasse und deckte ihr sein Vorhaben auf, dieses vierstimmige Quadro aus dem Zinn-Tone in den Silberton zu ubersetzen als ein guter Musikus. Er schlug ihr darum das Verkaufen vor, damit sie leichter ins Verpfanden willigte. Aber sie riss alle Register der weiblichen Orgel, das Schnarrwerk, das Flotengedackt, die Vogelstimme, die Menschenstimme und zuletzt den Tremulanten heraus. Er mochte sagen, was er wollte: sie sagte, was sie wollte. Ein Mann sucht den eisernen Arm der Notwendigkeit nicht zu halten oder zu beugen, er steht kalt dem Schlage desselben; eine Frau zieht wenigstens einige Stunden auf den tauben metallenen Ellenbogen, eh' er sie fasset, los. Siebenkas legte ihr vergeblich das gelassene Fragstuck vor, ob sie ein anderes Mittel wisse. Auf solche Frage schwimmen im weiblichen Gehirn statt einer ganzen Antwort tausend halbe Antworten herum, die eine ganze machen sollen, wie in der Differentialrechnung unendlich viele gerade eine krumme Linie bilden solche unreife, halbgedachte, fluchtige, sich nur wechselseitig schirmende Gedanken waren: Er hatte nur seinen Namen nicht andern sollen, so hatt' er die Erbschaft er konnte ja borgen draussen sitzen seine Klienten warm, und er fodert sein Geld nicht von ihnen uberhaupt sollte er nur weniger verschenken um die Defensiongebuhren von der Kindermorderin sucht er nicht einmal nach er hatte nur den halben Hauszins nicht voraus geben sollen. Denn vom letzten konnt' er wenigstens einige Tage leben. Man setze immer der Mehrzahl solcher weiblicher Halbbeweise die Minderzahl eines ganzen entgegen: es verfangt nichts; die Weiber wissen wenigstens so viel aus der schweizerischen Jurisprudenz, dass vier halbe oder ungultige Zeugen einen ganzen oder gultigen uberwiegen52. Am gescheutesten verfahrt einer, der sie widerlegen will, wenn er sie ausreden lasset und seines Ortes gar nichts sagt; sie werden ohnehin bald auf Nebendinge verschlagen, worin er ihnen Recht gibt, indes er ihnen sogar in der Hauptsache mit nichts widerspricht als mit der Tat. Sie verzeihen keinen andern Widerspruch als den tatigen. Siebenkas wollte leider mit der chirurgischen Winde der Philosophie die zwei wichtigsten Glieder Lenettens einrichten, den Kopf und das Herz, und hob derowegen an: "Liebe Frau, in der Hauptkirche singst du mit jedermann gegen die zeitlichen Guter, und doch sind sie an deinem Herzen angemacht wie Brust- und Herzgehenke. Sieh, ich geh' in keine Kirche, aber ich hab' eine Kanzel in meiner eignen Brust und setze eine einzige helle Minute uber diesen ganzen zinnernen Quark. Sei redlich, hat denn dein unsterbliches Herz bisher den traurigen Verlust der Glockenschussel verspurt, und war diese dein Herzbeutel? Kann dieses miserable Zinn, von uns in Stucken eingenommen und verschluckt, wie die Arzte es gepulvert gegen Wurmer eingeben, nicht auch fatale Herzwurmer abtreiben? Nimm dich zusammen und betrachte unsern Schuhflicker: tunkt er nicht ebenso freudig in seine blecherne Sauciere ein, in der sich zugleich der Braten ausstreckt? Du sitzest hinter deinem Nahkissen und kannst nicht sehen, dass die Menschen toll sind und schon Kaffee, Tee und Schokolade aus besondern Tassen, Fruchte, Salate und Heringe aus eignen Tellern, und Hasen, Fische und Vogel aus eignen Schusseln verspeisen Sie werden aber kunftig, sag' ich dir, noch toller werden und in den Fabriken so viele Fruchtschalen bestellen, als in den Garten Obstarten abfallen ich tat' es wenigstens, und war' ich nur ein Kronprinz oder ein Hochmeister, ich musste Lerchenschusseln und Lerchenmesser, Schnepfenschusseln und Schnepfenmesser haben, ja eine Hirschkeule von einem SechzehnEnder wurd' ich auf keinem Teller anschneiden, auf dem ich einmal einen Acht-Ender gehabt hatte Da doch die beste Welt hienieden die beste Kammer53 und die Erde eine gute Irrenanstalt ist, worin wie in einer Quakerkapelle einer um den andern als Irrenprediger vikariert: so sehen die Bedlamiten nur zweierlei Narrheiten fur Narrheiten an, die vergangnen und die kunftigen, die altesten und die neuesten ich wurde ihnen zeigen, dass ihre von beiden annehmen."
Lenettens ganze Antwort war eine unbeschreiblich sanfte Bitte: "Tu es nicht, Firmian, verkaufe nur das Zinn nicht!"
"Meinetwegen also!" (erwiderte er mit bittersusser satirischer Freude uber den Fang des schillernden Taubenhalses in der Schnait, die er so lange vorgebeeret hatte). "Der Kaiser Antonin schickte zwar sein echtes Silbergeschirr in die Munze, und mir war's noch weniger zu verargen; aber meinetwegen! Es soll kein Lot verkauft werden, sondern alles nur versetzt. Du bringst mich zum Gluck darauf; denn am Andreastage kann ich, ich mag nun den Schwanz oder den Reichsapfel herunterschiessen oder gar Konig werden, alles mit Spass auslosen, ich meine mit dem baren Gewinste, besonders die Salatiere und Sauciere. Ich lasse dir Recht: haben wir denn nicht die alte Sabel im Haus, die alles hin und wider tragt, das Geld und die Ware?"
Nun liess sie es geschehen. Das Andreasschiessen war ihr Notschuss und Fortunatuswunschhutlein, die holzernen Flugel des Vogels waren an ihre Hoffnung als ein wachsernes Flugwerk geschnallet, und das Pulver und Blei war wie bei Fursten ihre Blumen-Samerei kunftiger Freudenblumen. Du Arme in manchem Sinne! Aber eben Arme hoffen unglaublich mehr als Reiche, Daher greifen auch die Lottos wie andere Epidemien und die Pest mehr arme Teufel an als reiche. Siebenkas, der nicht nur auf den Verlust der Mobeln, sondern auch des Geldes verschmahend heruntersah, war im stillen des geheimen Vorsatzes, den Bettel beim Zinngiesser wie eine Reichspfandschaft ewig sitzen zu lassen, gesetzt auch, er wurde Konig, und bei demselben bloss, wenn er einmal unter dessen Werkstatt vorbeiginge, die Verpfandung in einen Verkauf zu verwandeln.
Nach einigen hellen, stillen Tagen legte der Pelzstiefel wieder eine Abendvisite ab. Unter den Drangsalen ihrer Fruchtsperre, bei den Gefahren des Einschwarzens und da beinahe eine Trane oder ein Seufzer als Aufschlag, der entrichtet werden musste, auf jeden Laib Brot geleget war, da hatte Firmian kaum Musse, geschweige Lust gehabt, an seine Eifersucht zu denken. Bei Lenetten muss es sich gerade umkehren, und falls sie Liebe gegen Stiefel hegt und tragt, so muss diese freilich auf seinem Gelddunger mehr wachsen als auf des Advokaten Acker voll Hungerquellen. Der Schulrat hatte kein Auge, das den versteckten Jammer eines Haushaltens unwillkurlich hinter dem Lacheln antrifft; er merkte gar nichts. Aber eben dadurch hatte dieses freundschaftliche Drei eine heitere Stunde ohne Nebel, worin, wenn nicht die Glucksonne, doch der Gluckmond (die Hoffnung und die Erinnerung) schimmernd aufstieg. Siebenkas hatte doch wieder ein gebildetes Ohr vor sich, das sich in das narrische Schellengelaute und in die Trompeterstuckchen seiner leibgeberischen Laune fand. Lenette fand sich nicht darein, und auch der Pelzstiefel verstand ihn nur, wenn er sprach, nicht wenn er schrieb. Beide Manner sprachen, wie die Weiber, anfangs bloss von Personen, nicht von Sachen; nur dass sie ihre skandalose Chronik die Gelehrten- und Literargeschichte hiessen. Der Gelehrte will alle kleine Zuge, sogar die Montierstucke und Leibgerichte eines grossen Autors kennen; aus demselben Grunde hat die Frau auf die kleinsten Zuge einer durchreisenden Grossfurstin, bis auf jede Schleife und Franse, ein ungemeines Augenmerk. Dann kamen sie von den Gelehrten auf die Gelehrsamkeit und dann flohen alle Wolken des Lebens, und im Reiche der Wissenschaften wurde das trauernde, mit dem Hungertuche verhullte Haupt wieder aufgedeckt und aufgerichtet. Der Geist ziehet die Bergluft seiner Heimat ein und blickt von der hohen Alpe des Pindus hinab, und drunten liegt sein schwerer, verwundeter Leichnam, den er wie einen Alp seufzend tragen musste. Wenn ein durftiger verfolgter Schulmann, ein durrer fliegender Magister legens, wenn ein Ponitenzpfarrer mit funf Kindern oder ein gehetzter Hauslehrer jammerlich dort liegt, mit jeder Nerve unter einem Marterinstrument: so kommt sein Amtbruder, um welchen ebensoviel Instrumente sitzen, und disputiert und philosophiert mit ihm einen ganzen Abend lang und erzahlt ihm die neuesten Meinungen der Literaturzeitungen. Wahrlich dann wird die Sanduhr der Folterstunde54 umgelegt dann tritt glanzend Orpheus mit der Leier der Wissenschaften in die physische Holle der zwei Amtbruder, und alle Qualen brechen ab, die truben Zahren fallen vom glanzenden Auge, die Furienschlangen ringeln sich zu Locken auf, das Ixionsrad rollet nur musikalisch in der Leier um, und die armen Sisyphi sitzen ruhig auf ihren zwei Steinen fest und horen zu.... Aber die gute Frau des Ponitenzpfarrers, des fliegenden Lesemagisters, des Schulmanns, was hat diese in der namlichen Not fur einen Trost? ausser ihrem Manne, der ihr eben deswegen manches nachsehen sollte, hat sie keinen.
Der Leser weiss noch aus dem ersten Teile, dass Leibgeber drei Programme aus Baireuth geschickt; das vom Dr. Frank brachte Stiefel mit und trug ihm die Rezension desselben fur den kuhschnappelschen Gotterboten deutscher Programmen an. Dabei zog er noch ein anderes Werklein aus der Tasche, das offentlich zu beurteilen war. Der Leser wird beide Werke mit Freuden empfangen, da mein und sein Held kein Geld im Hause hat und also von der Beurteilung derselben doch einige Tage leben kann. Die zweite Schrift, die aufgerollet wurde, betitelte sich: Lessingii Emilia Galotti. Progymnasmatis loco latine reddita et publice acta, moderante J.H. Steffens. Cellis 1778. Es sollen sich viele Mithalter des Gotterbotens deutscher Programme uber die spate Anzeige dieser Ubersetzung aufgehalten und den Boten gegen die Allg. Deutsche Bibliothek gehalten haben, die, ihres geraumigen allgemeinen deutschen Bezirkes ungeachtet, doch gute Werke schon die ersten Jahre nach ihrer Geburt anzeigt, zuweilen schon im dritten, so dass oft wirklich noch das Lob des Werkes in letztes eingebunden werden kann, weil sich die Makulatur davon noch nicht vergriffen. Aber der Gotterbote hat mehre Werke von 1778 nicht angezeigt und uberhaupt damals gar nicht anzeigen konnen, weil er erst funf Jahre darauf selber ans Licht trat.
Siebenkas sagte freundlich zum Pelzstiefel: "Nicht wahr, wenn ich die Herren Frank und Steffens geschickt rezensieren soll, so muss meine gute Lenette nicht hinter mir hobeln und brausen mit dem Borstwisch?" Das hatte wahrlich viel auf sich, sagte ernsthaft der Rat. Nun wurde bei ihm eine scherzhafte und gemilderte Berichterstattung aus den Akten des hauslichen Inhibitiv-(Verbiet-)Prozesses eingereicht. Wendelinens freundliche gespannte Augen suchten das rubrum (den roten Titel) und das nigrum (das Schwarze oder den Inhalt) des Stieflischen Urtels aus seinem Gesichte, das beide Farben trug, abzustehlen und wegzulesen. Aber Stiefel begann trotz seiner mit lauter Seufzern der sehnsuchtigen Liebe fur sie ausgedehnten Brust sie anzureden, wie folgt: "Frau Armenadvokatin, das geht durchaus nicht Denn etwas Edlers hat Gott nicht erschaffen als einen Gelehrten, der schreibt und denkt. Zehnmal hunderttausend Menschen sitzen in allen Weltteilen gleichsam auf Schulbanken um ihn, und vor diesen soll er reden Irrtumer, von den klugsten Volkern angenommen, soll er ausreuten, Altertumer, langst verschwunden wie ihre Inhaber, soll er deutlich beschreiben, die schwersten Systeme soll er widerlegen oder gar erst machen sein Licht soll durch massive Kronen, durch die dreifache Filzmutze des Papstes, durch Kapuzen und Lorbeerkranze dringen und die gesamten Gehirne darunter erhellen das soll er, das kann er; aber, Frau Advokatin, mit welcher Anstrengung! Es ist schwer, ein Buch zu setzen, noch schwerer, zu schreiben. Mit welcher Spannung schrieb Pindar und vor ihm schon Homer, ich meine in der Ilias! Und so einer nach dem andern bis auf unsere Zeiten. Ists dann ein Wunder, wenn grosse Skribenten in der entsetzlichsten Anstrengung aller ihrer Ideen oft kaum wussten, wo sie waren, was sie taten und wollten, wenn sie blind und taub und gefuhllos gegen alles wurden, was nicht in die funf innern geistigen Sinnen fiel, wie Blindgewordene im Traume herrlich sehen, im Wachen aber wie gesagt blind sind? Aus einer solchen Anstrengung kann ich mirs erklaren, warum Sokrates und Archimedes dort standen und gar nicht wussten, was um sie tobe und sturme warum im tiefen Denken Cardanus sein Zipperlein vergass andere die Gicht ein Franzos die Feuerbrunst und ein zweiter Franzose das Sterben seiner Frau."
"Siehst du", sagte Lenette leis und froh zu ihrem Manne, "wie will ein gelehrter Herr es horen, wenn seine Frau wascht und fegt?" Stiefel ging unerschuttert weiter im Kettenschluss: "Zu einem solchen Feuer, besonders ehe man noch hineinkommt, ist Windstille zuvorderst erforderlich. Daher wohnen in Paris die grossen Gelehrten und Kunstler bloss in der St. Viktorstrasse, weil die andern Strassen zu laut sind. So durfen eigentlich neben Professoren keine Schmiede, Klempner, Folienschlager in einer Gasse arbeiten."
Siebenkas setzte ernsthaft dazu: "Besonders Folienschlager. Man sollte nur bedenken, dass die Seele mehr Ideen als ein halbes Dutzend55 nicht beherbergen kann: tritt nun die des Getoses als eine bose Sieben ein, so macht sich eine oder die andere, die man durchdenken oder niederschreiben konnte, naturlicherweise aus dem Kopfe fort."
Stiefel foderte freilich der Frau den Handschlag als ein Pfandstuck ab, dass sie wie eine Josuas-Sonne jedesmal stillstehen wollte, wenn Firmian die Feinde schlug mit seiner Feder und Geissel. "Hab' ich nicht selber", entgegnete sie, "schon einigemal den Buchbinder gebeten, nicht so arg auf seine Bucher zu schlagen, weil mein Mann es hore, wenn er seine Bucher macht?" Sie gab indes dem Rate die Hand; und er schied zufrieden von Zufriednen und hinterliess ihnen die Hoffnung gefriedigter Stunden.
Aber ihr Guten, wozu dienet euch der Friedensetat bei euerem halben Solde, in dem kuhlen, leeren Waisenhaus der Erde, in dem ihr darbet, bei den dunkeln labyrinthischen Irr-Kluften eueres Schicksals, worin der Ariadnens-Faden selber zur Schlinge und zum Garne wird? Wie lange wird sich der Armenadvokat mit dem Pfand-Schilling des Zinns und mit dem Ertrage der zwei Rezensionen, die er nachstens machen wird, hinfristen konnen? Allein wir sind alle wie der Adam in den Epopoen und halten unsere erste Nacht fur den Jungsten Tag und den Untergang der Sonne fur den der Welt. Wir betrauern alle unsere Freunde so, als gab' es keine bessere Zukunft dort, und betrauern uns so, als gab' es keine bessere hier. Denn alle unsere Leidenschaften sind geborne Gottesleugner und Unglaubige.
Sechstes Kapitel
Ehe-Keifen Extrablattchen uber das Reden der
Weiber Pfandstucke der Morser und die
Rappeemuhle der gelehrte Kuss uber den Trost der
Menschen Fortsetzung des sechsten Kapitels Dieses Kapitel fangt sich gleich mit Geldnot an; der jammerliche, zerlechzte Danaiden-Eimer, womit das gute Ehepaar seine wenigen Groschen oder Goldkorner aus dem Paktolus aufzog, war immer in zwei Tagen wieder ausgetropft, wenigstens in dreien. Dasmal indessen konnten die Leute doch auf etwas Gewisses fussen, das nicht unbetrachtlich war, auf die zwei Rezensionen der zwei dagelassenen Rezensierstucke auf 4 fl. konnten sie gewiss rechnen, wenn nicht auf 5.
Am Morgen nach dem Kusse setzte Firmian sich wieder auf seinen kritischen Schoppenstuhl und beurteilte. Er hatte ein Heldengedicht machen konnen, so wenig sausten die bisherigen Passatwinde der Morgenstunden. Er zeigte der Welt von fruh 8 Uhr bis mittags um 11 Uhr das Programm des Dr. Franks in Pavia gunstig an, das betitelt war: Sermo Academicus de civis medici in republica conditione atque officiis ex lege praecipue erutis auct. Frank 1785. Er beurteilte, lobte, tadelte und exzerpierte das Werkchen so lange, bis er glaubte, er habe damit so viel Papier vollgemacht, dass der Ehrensold fur das Papier dem Pfandschilling fur die Heringschussel, fur die Salatiere und Sauciere und den Teller beikomme namlich einen Bogen lang war seine Meinung uber die Rede, und 4 Seiten und 15 Zeilen.
Der Morgen war unter seinem Femgericht so schon abgelaufen, dass der Feimer nachmittags ein zweites halten wollte, uber das ruckstandige zweite Werkchen. Bisher hatt' ers nicht gewagt; er hatte nachmittags nur advoziert, nicht rezensiert, und nur als Defensor (Verteidiger), nicht als Fiskal (Anklager) gearbeitet. Er konnte sich recht gut damit rechtfertigen, dass immer nachmittags die Madchen und Magde mit Hauben kamen und Mauler voll Sprachschatze mitbrachten und auftaten, dass sie, reicher als die Araber, die nur 1000 Worter fur 1 Gedanken haben, ebenso viele Redarten fur einen verwahrten und dass sie uberhaupt, wie verdorbne Orgeln, sogleich, ohne gegriffen zu sein, mit zwanzig Pfeifen floteten, sobald nur die (Lungen-) Balge gingen das war ihm gelegen; denn in den Stunden, worauf diese weiblichen Wecker gestellet waren, liess er seine juristischen losschnarren und trieb unter den Prozessen seiner Lenette seine eignen weiter. Es storte ihn gar nicht; er versicherte: "Ein Advokat ist gar nicht irre zu machen, er mag seinen Perioden eroffnen und fortstossen wie er will sein Periode ist ein langer Bandwurm, den ich ohne Schaden prolongiere, abbreviere (verlangere, abkurze) denn jedes Glied ist selber ein Wurm, jedes Komma ein Periode."
Aber mit dem Rezensieren wollt' es nicht gehen. Ich will indes so viel fur die Ungelehrten (denn die Gelehrten haben die Rezension langst gelesen) treulich niederschreiben, als er nach dem Essen wirklich fertig brachte. Er schrieb den Titel von Steffens' lateinischer Ubersetzung der Emilia Galotti hin und fuhr so fort:
"Gegenwartige Ubersetzung erfullet endlich einen Wunsch, den wir so lange bei uns herumgetragen haben. Es ist in der Tat eine auffallende Erscheinung, dass bisher noch so wenige deutsche Klassiker ins Lateinische fur Schulmanner ubersetzet worden sind, die fur uns doch fast alle romische und griechische Klassiker verdeutschet haben. Der Deutsche hat Werke aufzuzeigen, welche verdienen, dass sie ein Schulmann und Sprachgelehrter lieset; aber er kann sie nicht verstehen (obwohl ubertragen), weil sie nicht lateinisch geschrieben sind. Lichtenbergs Taschenkalender tritt zugleich in einer deutschen Ausgabe fur Englander, welche Deutsch lernen und in einer franzosischen fur den deutschen hohen Adel ans Licht; warum werden aber deutsche Originalwerke und dieser Kalender selber nicht auch Sprachgelehrten und Schulmannern in die Hande gegeben in einer guten lateinischen, aber treuen Ubersetzung? Sie sind gewiss die ersten, welche die Ahnlichkeit (in der Ode) zwischen Ramler und Horaz bemerken wurden, ware jener verdolmetscht. Rezensent gesteht gern, dass er immer grosse Bedenklichkeiten daruber gehabt, dass man Klopstocks Messiade nur in zwei Rechtschreibungen geliefert, in der alten und in seiner dass aber weder an eine lateinische Ausgabe fur Schulleute denn Lessing hat in seinen Vermischten Schriften kaum die Anrufung ubersetzt noch an eine im Kurialstil fur die Juristen, noch an eine im planen prosaischen fur Messkunstler oder an eine im Judendeutsch fur das Judentum gedacht worden."....
So weit hatt' ers; aber dann musst' er aufhoren, weil eine Hausjungfer nicht aufhorte, sondern immer wiederholte, was ihre Frau die Seckelmeisterin wiederholet hatte, wie namlich die Nachthaube gesteckt werden sollte: zwanzig Male entwarf sie den Karton und Vorriss der Haube und drang auf Eiligkeit. Lenette beantwortete und vergalt alle ihre Tautologien mit ahnlichen. Kaum hatte die Hausjungfer die Ture zugemacht, so sagte der Rezensent: "Ich habe nicht ein Wort geschrieben, solang die Windmuhle da klapperte. Lenette, ists denn eine ganzliche Unmoglichkeit, dass ein Weib sagt, es ist vier Uhr, anstatt zu sagen, es hat vier Viertel auf vier Uhr geschlagen? Kann keine sagen, morgen ist der Kopf-Lumpen fertig und damit gut? Kann keine sagen, einen Ortstaler verlang' ich dafur und damit gut? Keine, lauf' Sie morgen wieder herauf und damit holla? Kannst denn dus nicht?" Lenette versetzte kalt: "Du denkst freilich, alle Leute denken wie du!"
Lenette hatte uberhaupt zwei weibliche Unarten, uber die schon Millionen mannliche Speiteufel oder Raketen, namlich Fluche, in den Himmel aufgefahren sind die eine, dass sie dem Laufmadchen in der Stube jeden Auftrag wie ein Memoriale in zwei Exemplaren uberreichte und nachher mit ihr hinausging und ihr dieselbe Sache noch drei- oder viermal anbefahl die andere, dass sie, Siebenkas mochte schreien wie er wollte, allezeit das erstemal fragte: "wie?" oder "was sagst du?" Ich rate und preise selber den Weibern, sobald sie uber die Antwort verlegen sind, diese Foderung eines Sekundawechsels an; aber in andern Fallen, wo man von ihnen statt der Wahrheit nur Aufmerksamkeit verlangt, ist dieses ancora und bis, das sie dem eilfertigen Sprecher zurufen, ebenso beschwerlich als entbehrlich. Solche Dinge sind in der Ehe so lange Kleinigkeiten, als ihr Marterer sie nicht rugte; nach dem Rugegerichte aber sind sie noch schlimmer denn sie kommen ofter vor als Todsunden und Felonien und Bruche. Wurde der Verfasser dieses durch dergleichen Pleonasmen in seinen Arbeiten gehemmt: so wurd' er weiter nichts machen am wenigsten eine Strafpredigt als weil man ihn gerade aufmunterte folgendes
Extrablattchen uber das Reden der Weiber
Der Verfasser des Buchs uber die Ehe sagt: eine Frau, die nicht spricht, sei dumm. Aber es ist leichter, sein Lobredner als sein Junger zu sein. Die klugsten Weiber sind oft stumm unter Weibern, und die dummsten und stummsten sind oft beides unter Mannern. Im ganzen gilt vom weiblichen Geschlecht die Bemerkung uber das mannliche, dass die Menschen am meisten denken, die am wenigsten sprechen, so wie die Frosche aufhoren zu quaken, wenn man ein Licht ans Weiher-Ufer stellt. Ubrigens kommt das viele weibliche Sprechen von ihren sitzenden Arbeiten; die sitzenden Handwerker, Schneider, Schuster, Weber, haben mit ihnen nicht nur die hypochondrischen Phantasien, sondern auch das viele Sprechen gemein.
Die Arbeittischlein der weiblichen Finger sind grade die Spieltafeln weiblicher Phantasien, und die Stricknadeln werden innerlich Zauberstabchen, womit sie die ganze Stube in eine Geisterinsel voll Traume verwandeln; daher zerstreuet ein Brief oder ein Buch eine Verliebte mehr als vier Paar Strumpfe, die sie strickt. Die Affen reden nicht wie die Wilden sagen , um nicht zu arbeiten; aber viele Weiber reden eben doppelt, weil sie arbeiten.
Ich habe nachgedacht, zu welchem Zweck. Anfangs scheint es, die Natur ordne jenes Wiederholen des Gesagten zur Ausbreitung metaphysischer Wahrheiten an; denn da nach Jacobi und Kant Demonstration nichts ist als Fortschritt in identischen Satzen, so demonstrieren die Weiber, da sie immer vom namlichen zum namlichen fortschreiten, unaufhorlich. Gleichwohl ist gewiss der Natur an folgendem Nutzen mehr gelegen. Die Baumblatter verharren, wie scharfe Naturforscher behaupten, in einer flatternden Bewegung, um die Luft durch dieses stete Geisseln zu reinigen: diese Schwingung tut beinahe die Dienste eines schwachen kleinen Windes56. Es ware aber ein Wunder, wenn die sparsame Natur das viel langere, das siebzigjahrige Schwingen der weiblichen Zungen ohne Absicht veranstaltet hatte. Die Absicht mangelt aber nicht; es ist dieselbe, warum die Blatter wackeln; der ewige Pulsschlag der weiblichen Zunge soll der Erschutterung und Umruttelung der Atmosphare forthelfen, die sonst anfaulte. Der Mond hat sein Wassermeer und der weibliche Kopf sein Luftmeer, das er gesund zu schutteln hat. Daher wurde ein allgemeines pythagoreisches Noviziat in die Lange Epidemien nach sich ziehen und Nonnen-Kartausen Pesthauser. Daher nehmen unter kultivierten Volkern, die mehr sprechen, die grassierenden Krankheiten ab. Daher ist die Einrichtung der Natur wohltatig, dass die Weiber gerade in grossen Stadten ferner im Winter ferner in Zimmern und in grossen Gesellschaften am meisten sprechen; denn eben in diesen Orten und Zeiten ist die Luft am meisten verdorben, voll abgesetzten Phlogiston, und der Windfachel bedurftig. Ja die Natur tritt hierin uber alle Damme der Kunst; denn wiewohl viele europaische Weiber den amerikanischen, die, um zu schweigen, den Mund voll Wasser nehmen, es nachzutun versuchten und daher bei Besuchen ihn mit Tee oder Kaffee vollmachten: so tat doch gerade diese Flussigkeit dem wahren weiblichen Sprechen mehr Vorschub als Abbruch.
Ich bin hierin, hoff' ich, weit entfernt von jenen engbrustigen Teleologen, die jedem grossen Sonnengange der Natur noch kleine Holzwege und Endabsichten unterschieben und vorstecken; solchen mag es geziemen ich aber schame mich zu vermuten, dass das Oszillieren der weiblichen Zungen, deren Nutzen sich genugsam durch die Bewegung der Luft erweiset, vielleicht dazu diene, irgendeinen Sinn oder Gedanken geistiger Wesen z.B. der weiblichen Seele selber auszudrucken als Typus. Das gehoret unter die Dinge, von denen Kant sagt, dass man sie weder behaupten noch widerlegen kann. Ja ich wollte eher glauben, dass das Reden ein Zeichen sei, dass das Denken und innere Tatigsein aufhoret, wie in einer guten Muhle die Warnglocke nicht eher klingeln darf, als bis jene kein Getreide mehr zu mahlen hat. Jeder Ehemann weiss auch, dass die Zunge noch darum in den weiblichen Kopf eingeheftet worden, damit sie durch ihren Klang richtig ansage, wenn darin ein Widerspruch, etwas Unregelmassiges oder etwas Unmogliches herrschet57. So hat auch Hr. Muller in seiner Rechenmaschine ein Glockchen angebracht, dessen Klingeln bloss erinnern soll, dass in der Maschine ein falsches Rechenexempel oder irgendein Rechenverstoss vorkomme. Jetzo ists die Pflicht des Physikers, hierin weiter zu forschen und abzuurteln, wieweit ich etwan fehlgehe.
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Ich wills nur offenbaren: der Advokat hat dieses Blattchen gemacht58.
Er vollendete seine Rezension erst den Morgen darauf. Er wollte freilich seine wenigen Gedanken uber die Ubersetzung der "Emilia" so lange offentlich sagen, bis mit dem Gelde fur die Gedanken seine Stiefeln konnten vorgeschuhet werden anderthalb Druckbogen verlangte Fecht fur das Paar , aber er hatte nicht die Zeit dazu; noch heute musst' er mit dem Setzer-Augenmass die Handschrift ausrechnen und den Lohn erheben.
Die Rezensionen gingen ab an den Redakteur: der kritische Kostenzettel lief da fur den Bogen 2 fl., die Seite zu 30 Zeilen, kamen auf bis zu 3 fl. 4 Gr. und 5 Pf. Sonderbar! der Mensch lacht, wenn er Geistiges und Korperliches, Verstand und Ehrensold, Schmerzen und Schmerzengeld in Verhaltnis gestellet findet; ist denn aber nicht unser ganzes Leben eine Aquation (oder Gesellschaftrechnung) zwischen Seel' und Leib, und ist nicht alle Einwirkung auf uns korperlich, und alle Ruckwirkung aus uns geistig?
Das Laufmadchen brachte nichts zuruck als einen Gruss statt der Silberblatter, wozu seine Dinte sich hatte kristallisieren sollen. Der Pelzstiefel hatte gar nicht daran gedacht. Die Zerstreuung des Studierens machte den Schulrat kalt gegen eignen Reichtum und blind fur fremde Armut: er bemerkte wohl einen Hiatus, aber der musste in keinem eignen oder fremden Strumpfe, Schuhe u.s.w. sein, sondern in einem Manuskripte. Ein inneres Feuer verblendete diesen Glucklichen gegen das faule phosphoreszierende Holz um ihn; und glucklich ist jeder Schauspieler im Schuldrama der Erde, dem die hohere innere Tauschung die aussere ersetzt oder verdeckt, und vor welchem im Taumel seiner geistigen Rolle die stumperhaften Landschaften an den Theaterwanden bluhen und rauschen unter der Regenmaschine aus Erbsen, und den das Auseinanderschieben der Wande nicht weckt.
Aber unsere zwei Geliebte beunruhigte die schone Blindheit des Rates sehr; ihr kleines Sternbild, das ihnen heut leuchten sollte, sank, in Sternschnuppen aufgeloset, auf die Erde. Stiefeln tadl' ich nicht, er hatte, wenn kein Auge, doch ein Ohr fur das Elend; hingegen vor euch, ihr Grossen und Reichen, die ihr, unbehulflich im Honigfladen eures Genusses und mit klebrigen Flugeln in euerem flussigen Rosenzucker schwimmend, es nicht leicht findet, die Hand zu regen und damit aus der Geldrolle den Lohn fur die zu ziehen, welche eueren Honigbehalter fullen halfen, vor euch wird einmal eine richtende Stunde treten und euch fragen, ob ihr wert waret zu leben, geschweige zu geniessen, wenn ihr sogar die kleine Muhe des Bezahlens flohet, indes der Niedere sich der grossen des Verdienens unterzog. Aber ihr wurdet besser sein, wenn ihr bedachtet, wieviel Jammer euere gemachliche Tragheit, eine Geldrolle zu offnen oder eine kurze Rechnung zu lesen, oft unter Arme verbreite; wenn ihr euch das trostlose Zuruckprallen einer Gattin vorstelltet, deren Mann ohne Lohn umkehrt, und ihr Darben und das Durchstreichen so vieler Hoffnungen und die kummerhaften Tage einer ganzen Familie....
Der Armenadvokat nahm also wieder sein narrisches Versilbergesicht vor und ging in allen Winkeln herum und trat den Pressgang nach Mobeln, die er pressen wollte, mit dem Augenglase an. Wie ein guter Furst oder auch ein guter englischer Minister sich zu Nachts im Bette aufsetzt und den Kopf auf den Ellenbogen stutzt und darin nachdenkt, an welche Artikel oder Stamme voll Birkensaft er den Weinbohrer einer neuen Abgabe ansetzen, oder wie er, in einer andern Metapher, den Torf der Taxen so stechen soll, dass neuer nachwachst: also Siebenkas. Er untersuchte, den Kaperbrief in den Handen, jede Flagge, die ihm vorkam er hob sein Scherbecken in die Hohe und setzte es wieder hin er ruttelte die paralytische Lehne eines alten Sessels und knackte damit, er probierte ihn noch mehr, indem er sich hineinsetzte, und stand wieder auf. Ich unterbreche mich in meinem Perioden, wenn ich es fluchtig herwerfe, dass Lenette dieses gefahrliche Konskribieren und Messen der Landeskinder recht wohl verstand und dass sie in einem fort gegen dieses Pfanderspiel mit Hiobsklagen protestierte. Er hob ferner einen alten gelben Spiegel mit vergoldetem Laubwerk, der in der Kammer dem grunen Bette-Sparrwerk gegenuber hing, vom Haken herab, besah ihn an dem holzernen Unterfutter und der Aasseite, schob ein wenig die Spiegeltafel auf und ab und hing ihn wieder hin einen alten Feuerbock, desgleichen einen Kammertopf, die dreispannig da waren, namlich als Drillinge, diese beruhrte er gar nicht, sondern schob solche bloss mit dem Fuss weiter unter ihre Bedachung von einer porzellanen Butterbuchse in Gestalt einer Kuh (nach damaligem plastischen Witze) hob er fluchtig den Rucken ab und sah bloss hinein, stellte sie aber leer und voll Staub auf das Gesimse als Zier langer wog er mit beiden Handen einen Gewurzmorser und stellte ihn wieder in den Wandschrank zuruck er sah immer gefahrlicher und munterer aus er zerrete mit den zwei Armen ein Gefach aus der Kleiderkommode hervor, schob Tellertucher und einen italienischen Blumenstrauss zuruck und wollte ein Trauerkleid von grilliertem Kattun ein wenig uberblattern..... Aber hier flog Lenette auf, fiel ihm in den blatternden Arm und sagte: "Warum nicht gar! So weit solls, wills Gott, nicht mit mir kommen!"
Er druckte kalt das Gefach hinein, sperrte den Wandschrank wieder auf und hob den Gewurzmorser bedachtsam auf den Tisch heraus und sagte: "Meinetwegen! es kann also der Morser forttanzen!" Dadurch, dass er diese Schand- und Turkenglocke mit der ganzen Hand wie mit einem Dampfer umgriff, konnte er den Stossel oder Kloppel recht gut ohne Sang und Klang aus der Hohlung ziehen. Er wusste langst, dass sie eher das Kleid ihrer Seele als das grillierte Uberkleid jenes Kleides verpfande; aber er wollte absichtlich, wie der romische Hof, um die ganze Hand anhalten, um leichter den Finger zu bekommen, namlich den Morser auch hofft' er durch blosses Repetieren seiner Behauptung die Grunde derselben zu ersetzen und Lenetten durch haufiges Vorfuhren des Popanzes und Wauwaus allmahlich mit dem letzteren zu befreunden, ich meine mit dem Versatze des grillierten Kattuns. Er hob deshalb so an: "Wir haben freilich jahraus jahrein wenig zu stampfen ausser wenn wir ein Viertel Mastvieh schlagen lassen aber zu was das grillierte Kleid aufbehalten wird, das sage mir du kannst den Kattun nicht ofter antun als ein einziges Mal, wenn ich fur meine Person mit Tod abgehe. Lenette, das frisset mir das Innere an munze den Rock aus merz ihn aus ich schliesse aus meinem Kleiderschrank zwei Paar Trauerschnallen bei, mit denen ich nichts mehr einzuschnallen verhoffe!"
Sie larmte unbandig und kanzelte mit Verstand alle "leichtsinnige, luderliche Haushalter" ab, eben weil sie zu befahren hatte, er werde nunmehr alle die Mobeln, die er heute wie ein Fleischbeschauer geschatzet und befuhlet hatte, eines nach dem andern in das Schlachthaus unter das Schlachter-Messer fuhren und wohl gar du treuer Jesus! den grillierten Rock auch. "Lieber leid' ich Hunger", sagte sie, "als dass ich den Morser um ein Spottgeld verschleudere. Morgen abend kommt ja der Hr. Rat und uberbringt dir das Schreibgeld" (fur die zwei Rezensionen).
"Das lasset sich horen", sagt' er und trug den ausgerissenen Stossel waagrecht mit zwei Handen in die Kammer auf Lenettens Kopfkissen; dann trug er den Morser, als den Spielraum der Spielwelle, abgesondert nach und stellte ihn auf seines: "Wenn ihn die Leute", sagt' er, "schellen horten, so dachten sie (denn wir stossen nichts darin), ich wollt' ihn versilbern; und das mocht' ich nicht gern."
Ihre beiderseitige Zentralkasse, die sich in seiner baumwollenen grun-gelben Borse und in ihrer angehangenen breiten Geldtasche aufhielt, mochte sich auf drei Groschen gut Geld belaufen. Abends sollte ein Groschenbrot fur die Barschaft geholt werden, und der Rest des metallischen Samens musste morgen als Saat des Fruh- und des Mittagstuckes ausgeworfen werden. Das Laufmadchen lief nach Brot aus; kam aber wieder mit dem Groschen und mit der Hiobspost: es liege so spat nichts mehr auf allen Backerladen als Zweigroschenbrote der Vater (der Altreis Fecht) habe auch nichts bekommen. Das war eben erwunscht: der Advokat konnte mit dem Schuster in Kompanie treten und so, indem beide Associes ihre zwei Groschen in eine Kasse legten, leicht den Zweigroschenlaib erstehen. Die Fechtischen wurden befragt; der Schuster, der gar kein Geheimnis aus seinen taglichen Falliments machte, repartierte: Von Herzen gern! es soll' ihn Gott strafen, verzeih' es ihm Gott, wenn er und sein Lumpenpack heute etwas gefressen oder etwas ins Maul genommen hatten als Schuhdraht. Kurz, die Vereinigung des gelehrten Standes mit dem dritten hob den Brotmangel, und die zwei Bundner wogen den zersagten Laib auf einer billigen Waage gleich, auf der die Ware zugleich der Gewichtund Passierstein war. Ach! ihr Reichen! ihr wisset auf eueren Himmelbrot-Wagen nicht, wie unentbehrlich der Armut kleine Gewichte, Apothekerwaagen, Hellerbrote, eine Mahlzeit fur 8 Kreuzer, wofur noch das Hemde unter dem Essen gewaschen wird59, und ein Brotschnitthandel ist, wo blosse Brot-Scherben und schwarzer Brotpuder60 fur Geld zu haben ist und wie ein ganzer froher Abend einer Familie daran hangt, dass euere Zentner in Loten feilstehen!
Man ass sich froh und satt; Lenette war gefallig, weil sie ihren Willen durchgesetzt. Der Advokat stellte nachts leise das wartende Pfandstuck auf einen weichen Sessel. Am Morgen machte sie ihm durch Stille das Schreiben leichter. Es war aber ein gutes Zeichen, dass sie den Morser nicht aus der Kammer in den Wandschrank zurucksetzte. Siebenkas schoss ubrigens aus diesem Bombenmorser allerlei Fragen in Bogen ab; er wusste gewiss, dass heute oder morgen diese Loretto- und Harmonikaglocke gegen geringes Abzuggeld noch uber die Grenzen marschiere. Eine Frau wartet nur gern das Ausserste ab.
Abends klopfte der Pelzstiefel an. Es war lacherlich und menschlich zugleich, zu erwarten, das erste, was der Redakteur des Gotterbotens bringe, sei das kritische Macherlohn, damit man dem Redakteur wenigstens einen geheizten Leuchter und ein volles Bierglas vorzusetzen vermoge. Uber eine solche Bangigkeit geht nichts, weil die Beschamung auf einmal alle Springfedern im Menschen zerbricht. Siebenkas fragte nichts darnach, weil er wusste, Stiefel frage auch nichts darnach. Aber die arme Lenette, deren Schamrote besonders durch die Liebe gegen Stiefeln hoher wurde! Endlich zog der Rat aus der Tasche man erwartete allgemein die Erscheinung der Rezensier-Sporteln bloss seine Rappeemuhle oder sein Schnupftabakreibeisen und griff in die Rocktasche, um eine halbe Stange Rappee auf die kleine Hackselbank zu stellen. Er hatt' aber die Stange schon aufgerieben. Er griff in die Hosentasche, um Geld zu einer neuen zu holen. Wahrhaftig er hatte hier stiess er einen Fluch aus, fur den er in England Fluchgebuhren hatte geben mussen die ganze Borse samt den Beinkleidern nicht nur (es waren seine pluschene), sondern auch samt dem richtig abgezahlten Packel eingewikkelter Rezensier-Gebuhren aus Dummheit zum Schneider geschickt. Er sagte, es ware nicht das erstemal und der Meister sei recht ehrlich zum Gluck; die Sache war aber, er hatte nie den Inhalt seiner Borse auswendig gewusst. Unbefangen bat er Lenetten: ihm eine Stange Rappee zu verschaffen, morgen ubersend' er das Darlehn zugleich mit dem gelehrten Arbeitlohn. Siebenkas fugte schelmisch bei: "Lass auch Bier mit holen, Beste." Er stellte sich mit dem Pelzstiefel ans Fenster, aber er konnte wohl vernehmen, dass die arme Frau deren Herz gedruckt unter Seufzern lag und das die peine forte et dure ausstand in die Kammer schleiche und ungehort den Gewurz-Hollander (Lumpenhacker) vom Sessel in die Schurze lege.
Nach einer guten halben Stunde kam endlich Rappee Bier Geld und Freude in die Stube; die Glokkenspeise des Morsers war in eine bessere fur den Magen umgesetzt, und diese Glocke war gleichsam das Wandelglockchen gewesen, das hier nicht bloss wie bei den Papisten eine Transsubstantiation oder Brotverwandlung anzeigte, sondern sogar eine selber erfuhr. Diese Gewurz-Lohmuhle war schnell in Sageblatter fur die Rappee-Sagemuhle des Rates auseinander gelegt. Das Blut lief jetzo nicht mehr zwischen Klippen und Steinen, sondern ohne Wellen neben Wiesen uber kleine Silberkorner des Lebens hinweg. So ist der Mensch: im grossen Elend richtet ihn die nachste frohe Minute auf, im grossen Gluck schlagt ihn die entfernteste, noch unter dem Horizonte stehende trube nieder. Kein Grosser, der Kuchenmeister, Kellerschreiber, Kapaunenstopfer und Mundbacker hat, wird von dem Vergnugen, zu bewirten oder bewirtet zu werden, gelabt; er bekommt und erstattet keinen Dank; aber der arme Wirt steht mit dem armen Gast, mit dem er den Laib und die Kanne halbiert, im Wechselbunde des Dankes.
Der Abend unterband mit einer weichen Binde den Morgen des Schmerzes der Mohnsaft von 60 Tropfen Freude wurde jede Stunde eingenommen, und die Arzenei betaubte und berauschte sanft. Siebenkas gab beim Abschiede dem alten guten Hausfreund einen herzlichen dankbaren Kuss fur seinen aufheiternden Besuch, Lenette stand mit dem Leuchter in der Hand darneben. Der Mann, um sie zu entschadigen, dass er heute ihren kleinen Eigensinn im Morser zu Grutze zerstossen, sagte schnell und freundlich zu ihr: "Gib ihm noch einen dazu." Die Rote schlug wie eine Flamme an ihren Wangen hinauf, und sie bog sich zuruck, als hatte sie schon einem Munde auszuweichen. Es lag am Tage, sie ware, hatte sie nicht das Amt einer Fackeltragerin versehen, davongelaufen in die Kammer. Der Rat stand in einer leuchtenden Freundlichkeit wie etwan eine weisse Wintergegend im Sonnenschein vor ihr und passte darauf, dass sie ihn kusse. Das fruchtlose Lauern verdross ihn zuletzt und noch mehr das voreilige Zuruckkrummen; beleidigt, aber im alten freundlichen Glanze warf er die Frage auf: "Bin ich keines Kusses wert, Frau Advokatin?" Der Mann sagte: "Sie werden doch nicht erwarten, dass die Frau ihn gibt sie steckte ja mit dem Leuchter Ihr Haar und alles in Brand." Jetzo neigte sich der Pelzstiefel langsam und bedachtig und gebietend auf den umflammten Mund herab und setzte seinen heissen auf ihren, wie eine halbe Stange tropfendes Siegellack auf die andere halbe. Lenette gab ihm durch das Zuruckbiegen des Hauptes mehr Flache; jedoch muss man sagen, dass sie, indem sie den linken Arm mit dem Leuchter, der Feuergefahr wegen, weit in die Luft hinaushielt, den Rat mit dem rechten, einer andern, nahern Feuergefahr wegen, hoflich wegzustemmen vieles tat. Noch nach seinem Abgange schien sie ein wenig verlegen ihr Gang hatte etwas Schwebendes, als wenn eine grosse Entzuckung sie mit ihren Flugeln aufwehete die Abendrote hielt auf ihren Wangen immerfort an, als der Mond schon hoch stand und ihre Augen glanzten, ohne Aufmerksamkeit, ihr Lacheln kam eher als ihre Worte, und sie sagte wenige an den Gewurzmorser wurde gar nicht gedacht sie fasste alles leiser und sanfter an und sah einigemal vom Fenster in den Himmel sie hatte gar keine Esslust mehr zum halben Zweigroschenlaibe und trank kein Bier, sondern einige Glaser Wasser mehr Ein anderer, z.B. ich, hatte die Finger aufgehoben und geschworen, er seh' ein Madchen schweben, das heute vom Geliebten den ersten Kuss erlitten.
Ich wurde meinen Schwur nicht bereuet haben, wenn ich am Tage darauf in das schnelle Morgenrot gesehen hatte, das an Lenetten bei der Ankunft der Gelder fur die Rezensionen und fur den Rappee auffloh. Es war ein Wunder und eine Hoflichkeit, dass der Pelzstiefel das Anleihen zur Tabak-Pechscharre nicht zuruckzuzahlen vergessen hatte kleine Schulden von 2, 3 Gr. kamen ihm immer aus dem zerstreueten Kopf. Aber Reiche, die immer weniger Geld mit sich schleppen als Arme und die es von diesen daher entlehnen, sollten solche Klitterschulden an eine Gedachtnissaule im Kopfe schreiben, weil es ungerecht ist, in den Beutel eines armen Teufels einzubrechen, der noch dazu keinen Habedank fur seinen in den Lethefluss fallenden Groschen bekommt...
Ich gabe zwei Bogen von diesem Manuskript darum, wenn das Schwenkschiessen einmal kame, bloss weil das gute Ehepaar so sehr darauf und auf die Vogelstange bauet. Denn die Lage dieser Leute wird immer harter, die Tage ihres Schicksals gehen mit denen des Kalenders vom Oktober in den November, d.h. vom Nachsommer in den Vorwinter uber, und moralische Froste und Nachte nehmen mit den physischen zu. Ich will aber ordentlich fortfahren.
Uberhaupt ist schon der November, der die Briten novembrisieret, an sich der schlimmste Monat im ganzen Jahrgang, fur mich ein wahrer Septembriseur; ich wollt', ich hatte den Winterschlaf bis zu Anfange des Christmonats. Der funfundachtziger November hatte beim Antritte seiner Regierung einen fatalen pfeifenden Atem, eine kalte Hand wie der Tod und eine unangenehme Wolken-Tranenfistel; er war nicht auszustehen. Der Nordostwind, den man im Sommer so gern als einen Vorboten des bestandigen Wetters hinter seinen Ohren herlaufen hort, bringt im Herbste bloss eine bestandige Kalte mit. Unsern Eheleuten war die Wetterfahne eine Trauerfahne; sie zogen zwar nicht wie arme Tagelohner mit Korben und Karren aus in den Wald nach abgefallenem Ast- und Leseholz, aber sie handelten doch den Wald-Fahrern dieses Brennholz, das erst durch ein zweites abgedampfet werden musste, nach dem Gewichte wie indische Holzer ab. Das nasskalte Wetter tat aber dem Beutel des Advokaten nicht halb so viel Eintrag als seinem Stoizismus: er konnte nicht hinauslaufen und auf einen Berg steigen und sich umschauen und sich rund im Himmel das suchen, was den beklommenen Menschen trostet, was die Nebel des Lebens niederschlagt, was uns hinter einer anglimmenden Nebelbank wenigstens fuhrende Nebelsterne zeigt. Wenn er sonst auf den Rabenstein oder auf eine Hohe stieg: so hob sich die Aurora der Glucksonne unter dem Horizont glimmend herauf die Qualen des Erdenlebens lagen und schossen wie andere Vipern nur in den Kluften und Tiefen, und keine Klapperschlange konnte sich mit ihren Zahnen aufbaumen bis an seinen Berg ach da im Freien, da in der Nachbarschaft vor dem Meere des unubersehlichen Lebens und des hohen Himmels, da zieht der blaue Kohlendampf unserer erstickenden Lage tief unter uns, da fallen die Sorgen wie Blutigel vom blutenden Busen, da breitet der Erhobene die wundgedruckten losgeketteten Arme wie fliegend im reinen Ather aus und will mit ihnen alles umfassen, was uber ihm ruht, und strecket sie, gleichsam wiederkommend, nach dem unendlichen unsichtbaren Vater hin und nach der sichtbaren Mutter, nach der Natur, und sagt: "Nimm nur diese Linderung nicht zuruck, wenn ich drunten wieder in den Schmerzen und im Nebel bin." Und darum sind Gefangne und Kranke so unglucklich in ihren festen Ketten; sie bleiben in ihrer Tiefe angeschlossen, woruber sinkende Wolken gehen, und sehen nur von weitem auf die Berge hinauf, wo man, wie in Sommermitternachten auf denen der Polarlander, die unter den Horizont gefallene Sonne mit einem milden, gleichsam schlummernden Angesicht in der Tiefe glimmen sieht. Aber in solchem schlechten einsperrenden Wetter war ihm statt des Trostes der Empfindung, der sich unter dem freien Himmel entwickelt, der Trost der Vernunft beschieden, der im Treibscherben der Stube fortkommt. Sein grosster, den ich jedem anlobe, war dieser: die Menschen stehen unter einer doppelten Notwendigkeit, unter der taglichen, die sie ohne Murren dulden, und unter der jahrlichen und seltenen, die sie nur zankend tragen. Die tagliche und ewig wiederkommende ist die, dass im Winter bei uns kein Getreide bluhet dass wir nicht einmal, wie so manches Vieh, Flugel tragen oder dass wir vollends nicht uns auf die Ringgebirge des Mondes stellen konnen, um von da herab an den meilentiefen Abgrunden die hinabsteigende kostliche Sonnenbeglanzung zu verfolgen. Die jahrliche oder seltene Notwendigkeit ist, dass es in die Kornblute regnet, dass wir in manchen Erden-Sumpfwiesen nicht gut und dass wir zuweilen, weil wir Huhneraugen oder keine Schuhe haben, gar nicht gehen konnen. Allein die jahrliche Notwendigkeit ist ja so gross als die tagliche, und es ist gleich unsinnig, sich gegen Schlag-Lahmung als gegen Flugellosigkeit zu sperren; alles Vergangne und dieses allein ist der Gegenstand der Qual ist so notwendig und eisern, dass es in den Augen eines hohern Wesens derselbe Unsinn ist, ob ein Apotheker uber seine abgebrannte Apotheke murrt oder ob er daruber stohnt, dass er nicht im Mond botanisieren kann, wiewohl er in den dasigen Phiolen manches fande, was er in den seinigen vermisset.
Ich will hier ein Extrablattchen uber den Trost in unserem windigen nasskalten Leben aufsetzen. Wer wieder uber eine kurze Abschweifung ausserst verdrusslich ist und kaum bei Trost, der suche eben seinen Trost im
Extrablattchen uber den Trost
Es kann, d.h. es muss noch eine Zeit kommen, wo es die Moral befiehlt, nicht bloss andere ungequalt zu lassen, sondern auch sich; es muss eine Zeit kommen, wo der Mensch schon auf der Erde die meisten Tranen abwischt, und war' es nur aus Stolz!
Die Natur reisset zwar mit solcher Eile Tranen aus den Augen und Seufzer aus der Brust, dass der Weise nie den Trauerflor vom Korper ganz abheben kann; aber seine Seele trage keinen! Denn ist es einmal Pflicht oder Verdienst, das kleinste Leiden heiter zu ubernehmen: so muss auch das Verschmerzen des grossten noch Verdienst sein, nur ein grosseres, so wie derselbe Grund, der die Vergebung kleiner Beleidigungen gebietet, auch fur das Verzeihen der grossten gilt.
Das erste, was wir am Schmerze wie am Zorn zu bekampfen oder zu verschmahen haben, ist seine giftige lahmende Sussigkeit, die wir so ungern mit der Arbeit des Trostens und der Vernunft vertauschen und vertreiben.
Wir mussen nicht begehren, dass die Philosophie mit einem Federzuge die umgekehrte Verwandlung von Rubens nachtue, der mit einem Striche ein lachendes Kind in ein weinendes umzeichnete. Es ist genug, wenn sie die ganze Trauer der Seele in Halbtrauer verwandelt; es ist genug, wenn ich zu mir sagen kann: "Ich will gern den Schmerz tragen, den mir die Philosophie noch ubriggelassen; ohne sie war' er grosser und der Muckenstich ein Wespenstich."
Sogar der korperliche Schmerz schlagt seine Funken bloss aus dem elektrischen Kondensator der Phantasie auf uns. Die heftigsten Stiche erlitten wir ruhig, wenn sie eine Tertie lang wahrten; aber wir stehen ja eben nie eine Schmerzenstunde aus, sondern nur zusammengereihete Schmerzen-Tertien, deren sechzig Strahlen bloss die Phantasie in den heissen Stich- und Brennpunkt einer Sekunde fasset und auf unsere Nerven richtet. Das Peinlichste am korperlichen Schmerze ist das Unkorperliche, namlich unsere Ungeduld und unsere Tauschung, dass er immer wahre.
Wir wissen alle gewiss, dass wir uns uber manchen Verlust in zwanzig, zehn, zwei Jahren nicht mehr betruben; warum sagen wir nicht zu uns: "So will ich denn lieber eine Meinung, die ich in zwanzig Jahren verlasse, lieber gleich heute wegwerfen; warum will ich erst zwanzigjahrige Irrtumer abdanken, und nicht zwanzigstundige?"
Wenn ich aus einem Traum, der mir ein Otaheite auf den schwarzen Grund der Nacht hinmalte, wieder erwache und das blumige Land zerflossen erblicke: so seufz' ich kaum und denke, es war nur getraumt. Wie, und wenn ich diese bluhende Insel wirklich im Wachen besessen hatte und wenn sie durch ein Erdbeben eingesunken ware: warum sag' ich nicht da: die Insel war nur ein Traum? Warum bin ich untrostlicher bei dem Verlust eines langern Traums als bei dem Verlust eines kurzern (denn das ist der Unterschied), und warum findet der Mensch eine grosse Einbusse weniger notwendig und wahrscheinlich als eine kleine?
Die Ursache ist: jede Empfindung und jeder Affekt ist wahnsinnig und fodert oder bauet seine eigne Welt; der Mensch kann sich argern: dass es schon oder erst 12 Uhr schlagt. Welcher Unsinn! Der Affekt will nicht nur seine eigne Welt, sein eigenes Ich, auch seine eigne Zeit. Ich bitte jeden, einmal innerlich seine Affekten ganz ausreden zu lassen und sie abzuhoren und auszufragen, was sie denn eigentlich wollen: er wird uber das Ungeheuere ihrer bisher nur halb gestammelten Wunsche erschrecken. Der Zorn wunschet dem Menschengeschlecht einen einzigen Hals, die Liebe ein einziges Herz, die Trauer zwei Tranendrusen und der Stolz zwei gebogne Knie!
Wenn ich in Widmanns Hofer Chronik die angstlichen blutigen Zeiten des Dreissigjahrigen Krieges durchlas, gleichsam durchlebte; wenn ich das Hulferufen der Geangstigten wieder horte, die in den Donaustrudeln ihrer Zeit arbeiteten, und das Zusammenschlagen der Hande und das wahnsinnige Herumirren auf den zerstreueten murben Brucken-Pfeilern wieder sah, gegen welche schaumende Wogen und reissende Eisfelder anschlugen und wenn ich dann dachte: alle Wogen sind zerflossen, das Eis zerschmolzen, das Getummel ist verstummt und die Menschen auch mit ihren Seufzern: so erfullte mich ein eigner wehmutiger Trost fur alle Zeiten, und ich fragte: "War und ist denn dieser fluchtige Jammer unter dem Gottesackertore des Lebens, den drei Schritte in der nachsten Hohle beschliessen, der feigen Trauer wert?" Wahrlich wenn es erst, wie ich glaube, unter einem ewigen Schmerze wahre Standhaftigkeit gibt, so ist ja die im fliehenden kaum eine.
Eine grosse, aber unverschuldete Landplage sollte uns nicht, wie die Theologen wollen, demutig machen, sondern stolz. Wenn das lange schwere Schwert des Kriegs auf die Menschheit niedersinkt und wenn tausend bleiche Herzen zerspalten bluten oder wenn im blauen reinen Abend am Himmel die rauchende heisse Wolke einer auf den Scheiterhaufen geworfnen Stadt finster hangt, gleichsam die Aschenwolke von tausend eingeascherten Herzen und Freuden: so erbebe sich stolz dein Geist und ihn ekle die Trane und das, wofur sie fallt, und er sage: "Du bist viel zu klein, gemeines Leben, fur die Trostlosigkeit eines Unsterblichen, zerrissenes unformliches Pausch- und Bogen-Leben auf dieser aus tausendjahriger Asche gerundeten Kugel, unter diesen Erdengewittern aus Nebel, in dieser Wehklage eines Traums ist es eine Schande, dass der Seufzer nur mit seiner Brust zerstiebt, und nicht eher, und die Zahre nur mit ihrem Auge."
Aber dann mildere sich dein erhabner Unmut und lege dir die Frage vor: wenn nun der verhullte Unendliche, den glanzende Abgrunde und keine Schranken umgeben und der erst die Schranken erschafft, die Unermesslichkeit vor deinen Augen offnete und dir sich zeigte, wie er austeilt die Sonnen die hohen Geister die kleinen Menschenherzen und unsere Tage und einige Tranen darin: wurdest du dich aufrichten aus deinem Staube gegen ihn und sagen: Allmachtiger, andere dich!
Aber ein Schmerz wird dir verziehen oder vergolten: es ist der um deine Gestorbnen. Denn dieser susse Schmerz um die Verlornen ist doch nur ein anderer Trost; wenn wir uns nach ihnen sehnen, ist es nur eine wehmutigere Weise, sie fortzulieben und wenn wir an ihr Scheiden denken, so vergiessen wir ja so gut Tranen, als wenn wir uns ihr frohes Wiedersehen malen, und die Tranen sind wohl nicht verschieden....
Fortsetzung und Beendigung des sechsten
Kapitels
Der grillierte Kattun neue Pfandstucke christliche Vernachlassigung des Judenstudiums der aus den
Wolken gereichte Helfarm aus Leder die
Versteigerung
Im siebenten Kapitel wird das Schwenk- und Andreasschiessen gehalten: das jetzige fullet der winterliche dornige Zwischenraum bis dahin oder das Wolfmonat mit seinem Wolfhunger. Siebenkas wurde sich damals geargert haben, wenn ihm jemand vorausgesaget hatte, mit welchem Mitleiden sein Aktivhandelflor von mir werde beschrieben und mithin von Millionen Menschen aller Zeiten werde gelesen werden; er verlangte kein Mitleiden und sagte: "Wenn ich lustig bleibe: warum seid ihr denn mitleidig?" Die Mobeln, die er neulich gleichsam wie der Tod beruhret oder mit dem Waldhammer seiner Hand angeplatzet hatte, wurden nach und nach ausgeholzet und abgetrieben. Der geblumte Spiegel in der Kammer, der sich zum Gluck selber in keinem sah, wurde zuerst von der Toten- oder Abendglocke im Bahrtuch einer Schurze aus dem Hause gelautet. Eh' er ihn in die Reihe dieses Totentanzes zog, schlug er Lenetten einen Stellvertreter vor, das Trauerkleid von grilliertem Kattun, um sie daran zu gewohnen. Es war das censeo Carthaginem delendam (ich stimme fur die Zerstorung Karthagos), das der alte Kato alle Tage auf dem Rathaus nach jeder Rede sagte.
Darauf wurde der alte Sessel anstatt dass der Armstuhl Shakespeares lotweise wie Safran abgesetzt wird oder nach Karats im ganzen losgeschlagen, und der Feuerbock (ein Dachstuhl furs Brennholz) zog als Begleiter mit. Siebenkas war so vernunftig, dass er vorher sagte: censeo Carthaginem delendam d.h. taten wir nicht gescheuter, wenn wir den grillierten Kattun versetzten?
Sie konnten kaum zwei Tage vom Bock und vom Sessel leben.
Jetzt wurde die alchemische Verwandlung der Metalle an dem Scherbecken und dem Kammertopfe versucht, und Tafelguter und Tafelgelder daraus gemacht. Freilich sagte er vorher: censeo.
Es ist der Muhe kaum wert, dass ich bemerke, wie wenig ein Handelzweig Fruchte abwarf, der mehr ein Holz- als ein Fruchtast war.
Die magere Porzellankuh oder Butterbuchse ware nach dem Verkaufe kaum uber einen Tag lang ihre nahrende Milchkuh geworden, wenn sie nicht sieben Potentaten (namlich deren elendeste Kupferstiche) begleitet hatten als Dareingabe, wofur die Hokerin einige Schmelzbutter beischoss. Censeo, sagte er daher. Viele mussen sich noch erinnern aus meiner Erzahlung, dass er neulich, da er die Todesanzeigen unter die Mobeln austeilte, die Tellertucher, welche so nahe am grillierten Rocke lagen, nicht auffallend berucksichtigte; jetzt aber wurd' er auch diesen ein Leichhuhn und Galgenpater und reutete sie bis auf wenige aus. Als sie fort waren, merkt' er kurz vor MartinsTag beilaufig an, dass die Tellertucherpresse noch vorhanden, es aber nicht abzusehen sei, was sie anfangen und pressen wolle. "Wenn es sich gerade so trafe", fuhr er heiterer fort, "so konnte die Presse allerdings so lange Urlaub erhalten, bis wir uns selber aus der Glanz-, Ol- und Tellertucherpresse des Schicksals glatt herausgehoben hatten und die umkehrenden Tellertucher einknupfen konnten ins Knopfloch." Anfangs war er sogar willens gewesen, die Leichenprozession umzuwenden und die Presse als Vortanzerin und Vorlauf den Tellertuchern vorauszuschicken; er hatte dann mit der Prozession zugleich den Syllogismus bloss so umgekehrt: "Ich sehe nicht ab, was wir mit den Tuchern anstellen und wie wir sie glatt erhalten, bevor die Presse wieder im Hause ist."
Ich bin es fest und steif uberzeugt, dass hier die meisten, wie Lenette, uber meinen Handelkonsul Siebenkas und uber seinen hanseatischen Bund mit allen Leuten, die etwas an sich handelten, die Hande uber dem Kopf zusammenschlagen und mit ihr sagen werden: "Der leichtsinnige Mensch! So muss er zum Bettler werden: die herrlichen Mobeln!!" Firmian antwortete ihr allemal: "Ich soll demnach herknien und heulen und vor Trauer wie ein Jude den Rock zerreissen, der schon zerrissen ist, und die Haar ausraufen, da sie der Gram oft in einer Nacht ausrupft? Ists denn nicht an deinem Heulen genug, bist du nicht meine verordnete praefica und Klagefrau? Weib, ich schwore aber dir und so teuer als wenn ich auf Schweinborsten61 stande: will es Gott haben, der mich so lustig geschaffen, will ers haben, dass ich mit achttausend Lochern im Rocke und ohne Sohlen an Strumpfen und Stiefeln in der Stadt herumziehe, soll ich immer mehr verarmen (hier wurden seine Augen wider Willen feucht und seine Stimme ungewiss): so soll mich der Teufel holen und mit der Quaste seines Schwanzes totpeitschen, wenn ich nicht dazu lache und singe und wer mich bejammern will, dem sag' ich ins Gesicht, er ist ein Narr. Beim Himmel! Die Apostel und Diogenes und Epiktet und Sokrates hatten selten einen ganzen Rock am Leibe, ein Hemd gar nicht und unsereiner soll sich in diesem kleinstadtischen Jahrhundert nur ein graues Haar daruber wachsen lassen?"
Recht, mein Firmian! Verachte das enge Schlauch-Herz der grossen Kleidermotten um dich und der menschlichen Bohrkafer in den Mobeln. Und ihr, armen Teufel, die ihr mich eben leset ihr moget nun auf Akademien oder auf Schreibstuben oder gar in Pfarrwohnungen sitzen die ihr vielleicht keinen ganzen, wenigstens keinen schwarzen Hut aufzusetzen habt, richtet euch an der grossen griechischen und romischen Zeit, worin ein edler Mensch, wie das Bildnis des Herkules, unbeschamt ohne Tempel und ohne Kleider war, uber die weibische Nachbarschaft euerer Tage auf und verhutet es nur, dass euer Geist nicht mit euerer Lage verarme, und dann hebet stolz euer Haupt in den Himmel, den ein angstlicher Nordschein Uberzieht, dessen ewige Sterne aber durch das nahe blutige dunne Gewitter brechen!
Es waren nur noch einige Wochen auf das Andreasschiessen hin, auf das Lenette alle ihre Wunsche vertrostete und anwies, gleichwohl kam ein Tag, woran sie etwas Schlimmers wurde als traurig trostlos.
Der Martinitag wars; an diesem sollte den aus Lenettens Salzburg Ausgewanderten, den Tellertuchern, auch die Presse als ihre Oberin nachgehen; aber niemand im ganzen Reichsflecken wollte die Presse annehmen. Nur ein Jude blieb der einzige Anker der Hoffnung, weil in dessen Noahkasten von Kaufladen sich alle Tiere und Waren hineinretteten. Zum Ungluck aber suchte ihn die Tellertucherpresse grade an einem judischen Feiertage auf, den er strenger hielt als jedes Wort. Morgen wollt' er sehen.
Ist es aber nicht man erlaube mir ein wichtiges Wort zu seiner Zeit eine ausserst gefahrliche Nachlassigkeit der Regierungen, dass die judischen Festund Fasttage und ihre andern gottesdienstlichen Zeiten jetzo, wo die Juden in deutschen Staaten gleichsam die Generalpachter und Metallkonige der Christen sind, nicht offentlich und allgemein zum Vorteile so vieler bekannt und verkundigt werden, welche bei ihnen borgen oder sonst handeln wollen? Wer anders leidet dabei als gerade die angesehensten Klassen, Personen von Geburt, von Range, vom Stabe, welche an Festen von Haman, von Ostern, von Tempeleroberung, von Gesetzes-Freude ihre Papiere bringen und Gelder suchen, aber keine dafur haben konnen? Sollten nicht in allen Kalendern wie glucklicherweise langst in den berlinischen und bayerischen die judischen Feste bezeichnet werden, sogar bis auf Stunde ihrer Dauer, oder in Zeitungen oder durch Ausrufer verkundigt und in Schulen eingepragt? Unsere Festkalender braucht freilich der Jude nicht, da wir ihm zu Gefallen gern jeden Sonntag verschieben und aussetzen, und war' es der erste im Jahr, das Fest der judischen Beschneidung, und er wird deshalb auch kunftig, wenn die judische Universalmonarchie wirklich eintritt, seinem Judenkalender keinen Christenkalender anhangen, wie wir jetzo dem christlichen den judischen; aber die Notwendigkeit, den Christen schon in Schulen die judischen Festzeiten und ihre religiosen Gebrauche mehr einzuscharfen, wird erst kunftig recht einleuchten, wenn die Juden endlich Deutschland zu ihrem Gelobten Lande erhoben und uns den Kreuzund Ruckzug in das asiatische zu einem Heiligen Grabe und einem heiligen Schadelberge ubrig gelassen haben.
Gleichwohl sollten wir nicht (wunsch' ich, um diese Abschweifung mit einer zu schliessen) kunftig, wenn wir die christlichen Zahler judischer Nenner werden, als neue Kreuzzugler das Palastina wieder suchen, nach welchem die Juden selber wenig fragen und jagen. Gewiss werden sie kunftig gegen uns weit mehr Geist der Duldung beweisen, als wir sonst leider gegen sie gezeigt; eben ihr Handelgeist, den man ihnen bisher so sehr verdacht und aufgeruckt, wird sich zu einem Schutzgeiste fur uns arme Christen aufstellen und sich unserer annehmen, da wir ihnen zum Abkaufen und Verspeisen der weggeworfenen unpraparierten Hinterviertel des Viehs (sie durfen ohne Ausaderung ja bloss die Vorderteile geniessen) so unentbehrlich sind. Wer anders als Christen kann ihnen das Vieh, das sie am Schabbes62 nicht zur Arbeit erniedrigen durfen, vertreten und die notigen Spannund Hand-Dienste leisten, und wem wollen sie, gleich den alten Republikanern, Arbeit und Handwerke ubertragen als uns, gleichsam ihren edlern Heloten und Sklaven, fur welche sie daher gewiss mehr Schonung haben werden als fur ihre bisherigen untreuen Wechselschuldner?
Ich kehre zu unserm Armenadvokaten zuruck und berichte weiter, dass er morgens am Martinitage kein Kauf-Geld erhalten konnte und folglich auch keine Martinsgans dafur. Lenettens Jammer uber die entflogene Gans ihrer Konfession muss man selber fuhlen. Die Weiber welche weniger nach Essen und Trinken fragen als die besten aszetischen Philosophen63, ja mehr nach diesen selber als nach jenen sind gleichwohl nicht zu bandigen, wenn ihnen gerade gewisse chronologische Lebenmittel entgehen; ihr Hang zu burgerlichen Festlichkeiten macht, dass sie lieber Festlieder und Evangelien entraten als zu Weihnachten die Stollen zu Ostern die Kaskuchen am Martinitag die Gans; ihr Magen fodert, wie ein katholischer Altar, an jedem hl. Fest einen andern FestUberzug. Daher ist dieses kanonische Geback ihr zweites Abendmahl, das sie, wie das erste, nicht des Gaumens halber nehmen, sondern "der Ordnung wegen". Siebenkas fand im Antonin und Epiktet kein Mittel und keine Ersatzmanner der Gans, womit er die wimmernde Lenette hatte stillen konnen, die immer sagte: "Wir sind doch auch Christen und gehoren zur lutherischen Gemeinde: und heute haben alle Lutheraner Ganse auf dem Tisch; so wars bei meinen sel. Eltern. Aber du glaubst an nichts." Aber der Unglaubige schlich noch am spaten Judenfeiertage zum Juden, welcher einen artigen Gansestall mit dunnen und mit fetten Lebern als einen Poststall fur auswartige Glaubengenossen hielt. Er zog bei ihm eine hebraische Duodezbibel aus der Tasche und legte sie auf den Tisch mit den Worten: er find' an ihm mit Freuden einen wackern Gesetzstudierenden; einem solchen aber geb' er am liebsten seine Bibel ganz, ohne einen Heller zu verlangen; er selber konne sie als eine unpunktierte (ohne Selblauter) ohnehin nicht gut lesen, zumal da es ihm auch mit einer punktierten nicht gelinge. "Aber meine Serviettenpresse", setzte er hinzu und brachte sie unter dem Schanzlooper hervor, "mocht' ich gern hier ablegen, da sie mich beschweren wurde. Ich wunschte namlich gern aus Ursachen einen Ganser aus Ihrem Stalle mitzunehmen er kann immer zaundurr sein ; Sie mogen ihn meinetwegen an einem so heiligen Tage fur ein Almosen nehmen, das Sie mir geben. Hol' ich die Presse wieder ab: so konnen wir ja immer noch weiter aus der Sache sprechen."
So bracht' er denn wirklich, um die freien Religionubungen seiner Frau nicht zu hindern, den Kontrovers-Ganser ein, der zur Polemik und zu den Unterscheidlehren zu gehoren schien; und den Tag darauf assen die zwei Doktoranden Martinisten Lutheristen den Schmalkaldischen Artikel wie denn oft durch die schmalkaldischen Warenartikel von Eisen die theologischen verfochten wurden gar nach; und das Kapitolium des lutherischen Lehrbekenntnisses war, wie mich dunkt, leicht durch dieses Tier (das man uber einem Autodafee gebraten) errettet worden.
Aber an eben diesem Morgen kam der Peruckenmacher herauf, den er allemal mit dem grossten Vergnugen sah heute aber nicht, denn gestern, am Martinitag, war der Quatemberschoss der Hausmiete bekanntlich gefallig gewesen. Der Friseur prasentierte sich gleichsam als einen stummen Wechsel auf Sicht; aber er foderte hoflich nichts, sondern meldete bloss: den Montag vor Andreas sei offentliche Versteigerung von vielen Sachen, und wenn er etwan etwas dazu zusammensuchen wolle: so woll' er als bestandiger vom Gross- und Kleinen-Rat bestallter VerauktionierungProklamator es ihm hiemit gemeldet haben.
Er war kaum die Treppe wieder hinab, so gab Lenette die grossten, aber leisesten Zeichen des Kummers von sich, "dass er sie gemahnt habe, und dass nun alle Leute im Hause ihr unordentliches Haushalten wussten, weil er von Mobeln geredet". Es war unbegreiflich, wie nur die Frau hoffen konnte, dass bisher niemand es gemerkt habe, da Arme die Armut am ersten erraten. Indes hatte sich doch auch Firmian geschamt, zum Friseur zu sagen, er habe sich bisher das Bestallungschreiben eines Auktionators seiner eignen Mobeln zugefertigt. Hier fuhlte er, dass er vor einer Person und vor Armen mehr uber seine Durftigkeit errote als vor einer ganzen Stadt und vor Reichen und er fuhr zornig auf uber die verdammten Wind-Versetzungen der menschlichen Eitelkeit in die edelsten Teile.
Sogar dem Leser kann der mit lauter Distelkopfen eingefasste Weg zum Andreastage nicht langer vorkommen als meinem Helden, der noch dazu die Distelkopfe insgesamt anfassen und ausreissen musste; sein Garten des Lebens glich immer mehr einem guten englischen, worin nur stachlichte und leere, aber keine Obstbaume gelitten werden.
Jeden Abend, wenn er das Schloss am Gitterbette aufdruckte, sagt' er ausserst vergnugt zu seiner Lenette: "Jetzt sind nur noch 20 (oder 9, oder 18, oder 17) Tage hinauf das Schwenk schiessen." Aber nun hatte der Haarkrausler und Versteigerungausrufer Lenetten obgleich die Abende lang und dunkel und vortrefflich fur arme Pfandherren waren und den verschamten nackten Jammer der armen Leute zudeckten ganzlich verderbt; sie schamte sich vor den Leuten im Hause. Firmian, der sich uber die Unerschopflichkeit seines Kopfes und seines Hauses zugleich verwunderte und der immer zu sich sagte: "Ich bin doch neugierig darauf, was mir heute wieder beifallen wird, und wie ich mich aus dieser Affare ziehe"- Firmian hatte einige Tage nach dem Martini-Essen wieder zwei gute Mobeln im Vorschlag, einen langen Stechheber und ein breites grosses Schaukelpferd (von seiner Kindheit). "Wir haben weder ein Fass noch ein Kind", sagte er dazu; aber die Frau bat ihn um Gottes willen: "Das Schaukelpferd (sagte sie, als es in den Pfandstall gezogen werden sollte) und der Stechheber stechen zu weit aus der Schurze und aus dem Korbe heraus, und im Mondschein kanns jeder sehen tu mir um Gottes willen die Schande nicht an!"
Und doch musste etwas fort; Firmian sagte in einer sonderbaren, schneidenden und geruhrten Laune: "Sein muss es das Schicksal trommelt wie Prizel64 unten auf der Trommel, und der Hafer springt in die Hohe wir mussen aber einmal vom Trommelfelle fressen."
"Alles", sagte sie erschopft, "nur nichts Bauschendes lass mich selber suchen." Sie suchte, zog die oberste Schublade der Kommode und hob einen Strauss von italienischen Blumen empor und sagte: "lieber das da!" und weinte nicht und lachelte nicht. Er hatt' es oft gesehen, aber da er ihrs selber am vorigen Neujahr- und Verlobungtage als seiner Verlobten geschenkt hatte, und da es so romantisch schon war eine weisse Rose, zwei rote Rosenknospen und ein Einfassgewachse von Vergissmeinnicht setzten den bunten Nachschatten einer abgewelkten Flora zusammen , so hatten sich alle Fibern seines empfindlichen Herzens vor der Entausserung dieses bunten Schaugerichts aus einer reichern frohern Zeit gestraubt. Dieses verzichtende, duldsame Hingehen des Nachflors an ihrer Brust erschutterte die seinige, als wenn tausend grosse Seufzer sich darin drangten. "Lenette! (sagt' er, unendlich erweicht) es sind ja die Blumen bei unserer Verlobung."
"Aber wer wird sie viel kennen? (sagte sie froh und kalt). Und sie sind doch nicht so gross wie andere Sachen."
"Hast du es denn vergessen", stammelte er, "wie ich dir damals die Bedeutung des Strausses erklarte?"
"Ei, die Vergissmeinnicht (sagte sie noch kalter und uber ihr Gedachtnis erfreuet) wollen sagen, dass ich dein nicht vergesse und du mein nicht die Knospen bedeuten Freude nein, die Knospen bedeuten die Freude, die noch nicht ganz da ist und die weisse Rose das weiss ich wahrhaftig selber nicht mehr."....
"Schmerz bedeutet sie (sagte er hingerissen), Unschuld und Gram und ein bleiches weisses Angesicht bedeutet sie." Er fiel ihr weinend um den Hals und rief es beinahe: "Du Gute! du Gute! ich kann ja nichts dafur ich wollte dir gerne alles geben, aber ich habe nichts."....
Er horte plotzlich auf, denn sie hatte unter der Umarmung das Schubfach in die Kommode zuruckgedruckt und sah ihn mit hellen sanften Augen an, in denen keine einzige Trane war. Sie fuhr im Tone der vorigen Bitte und mit einer grossern Hoffnung fort: "Nicht wahr, ich behalte den Heber und das Pferd? Und fur den Strauss bekommen wir auch mehr." Er sagte in einem fort und in immer weichern Tonen: "Lenette! beste Lenette!"
"Warum denn nicht?" fragte sie immer sanfter; denn sie verstand ihn nicht. "Lieber den Rock vom Leibe versetzt!" antwortet' er. Aber da sie jetzo besorgte, er ziel' auf ihr grilliertes Trauerkleid, und da sie eben darum in Ruhrung kam und da sie auf einmal die warmsten Predigten gegen alles Verpfanden grosser Mobeln hielt und da er so klar ersah, ihre vorige Kalte sei keine kunstliche: so wusst' er leider alles, so wusst' er das Herbste, was kein Philosoph mit seinen sussen Tropfen mildern und versetzen kann namlich:
entweder sie lieb' ihn nicht mehr, oder sie hab' ihn nie geliebt. Nun waren die Flechsen seinen Armen entzweigeschnitten, die sonst das Ungluck wegstemmten; er konnte in der Entkraftung des (geistigen) Faulfiebers nichts sagen als das: "Mache, was du willt; mir gilts nun gleich." Daruber ging sie froh und eilig hinaus zur alten Sabel, kam aber sogleich wieder zuruck. Dies war ihm lieb, er konnte, seit drei Augenblicken viel tiefer vom Schmerze angefressen, noch das Bittere mit den ruhigen Worten nachholen: "Lege doch dein Myrtenkranzchen mit zum Blumenstrauss: so fallt er etwas mehr ins Geld und Gewicht, da das Kranzchen wirklich so schon gearbeitet ist als meine welschen Blumen nimmermehr."
"Mein Brautkranzchen?" rief Lenette, zornig errotend, und zwei harte Tranen entschossen ihr, "nein, das geb ich absolut nicht her, ich nehm' es in den Sarg mit, wie meine selige Mutter. Hast du es nicht selber an meinem Ehrentage in die Hand genommen, da ichs unter dem Frisieren heruntergetan und auf den Tisch gelegt, und hast selber gesagt, es sei dir so wichtig (ich habe die Worte genau gemerkt), ja lieber als die Trauung? Nein, ich bin und bleibe deine Frau und halte das Kranzchen wie mein Leben fest."
Jetzt bewegte sich sein Herz ganz anders und sehr nach dem ihrigen zu; er versteckte es aber hinter die Frage, warum sie so bald wiedergekommen. Die alte Sabel horte er nun war namlich bei dem Buchbinder gesessen; bei diesem wieder der Venner von Meyern, der gewohnt war, vom Pferde abzusteigen und teils beim Buchbinder nachzusehen, welche Neuigkeiten die Damen da binden liessen und wie bunt broschieren, teils beim Schuhflicker das Bein mit dem Reitstiefel auf die Werkstatt zu stellen und eine Stulpe fester nahen zu lassen und nach allerlei zu fragen. Die Welt was doch nichts anders heissen kann als so viele fleissige Zungendrescherinnen, als Kuhschnappel fur seine tauben Ahren aufzuweisen hat kann allerdings aus allem mutmassen wollen, der Venner sei ein wirklicher Heinrich der Vogelsteller fur mehr als eine Frau im Hause, welches letzte wieder fur ihn eine weibliche Voliere sei; aber ich verlange Beweise. Lenette liess sich hingegen auf keine ein, sondern ergriff ohne weiteres eine fromme Flucht vor dem Vogelsteller Rosa.
Mit keiner sonderlichen Schamrote uber die Wandelbarkeit des Menschenherzens erzahl' ich weiter, dass jetzo Firmians zusammengedruckte Brusthohle um viele Zolle weiter wurde und geraumig fur ein bedeutendes Vergnugen, bloss weil Lenette ihr Hochzeitkranzchen so fest gehalten und bei dem Venner so kurz ausgehalten; "sie ist doch treu, wenn nicht warm, oder am Ende wohl gar warm", sagte er sich. Er liess ihr daher mit Freude ihren Willen und seinen dazu, das Kranzchen in Haus und Herz zu behalten. Darauf liess er ihr, wenn auch weniger freudig, ohne weitern Strauss uber den Strauss, den andern Willen, der nicht ihr Gefuhl versehrte, sondern nur seines; die kleine Gedachtnis-Staude wurde bei einer hoflichen Frau, die den Titel Taxatrizin fuhrte, unter dem Schwure verpfandet, sie mit dem ersten Taler, der am Andreastage von der Vogelstange falle, einzulosen.
Das Blutgeld des seidenen Gebusches wurde so zerstuckt, dass man es in den kotigen Weg bis zum Sonntage vor dem Schwenkschiessen gleichsam als Steinchen zum Auftreten werfen konnte. Dieser Sonntag (27. Nov. 1785) war vor dem Montag, auf welchen die Versteigerung anberaumet war den Mittwoch steht er (hofft' er) und wir alle (hoff' ich) an der Vogelstange gewiss.
Freilich am Sonntage musst' er durch einen von mehren Gewittern angelaufnen Strom hindurch; wir wollen alle nach; aber ich sage voraus, in der Mitte ists tief.
Der Magen seines innern Menschen zeigte einen unglaublichen Ekel und eine umgekehrte peristaltische Bewegung gegen alles Verpfanden seit der Blumenaffare. Die Sache war: er konnte die Frau auf nichts mehr verweisen anfangs verwies er sie auf die Vogelstange dann, als Morser und Sessel die Festung ohne Sang und Klang geraumet hatten, Dinge, die nicht als Schutzen Preise um den Vogel hingen, da verwies er sie auf offentliche Versteigerungen, worin er alles um halbes Geld zu erstehen sich getraue zuletzt verwies er zwar immer auf jene, aber nicht um Passiv-, sondern um Aktivhandel darin zu treiben und ihnen Fabrikate nicht sowohl abzunehmen als zuzufuhren, worin Spanien hinter ihm bleibt.
Oft wird der Sieger uber grosse Beleidigungen von der kleinsten ubermannt; ebenso ists mit unsern Schmerzen: die harte feste Brust, auf welche eine qualenvolle Vergangenheit vergeblich druckte, bricht oft, wie ein lang uberspultes Eis, unter dem leichtesten Fusstritt des Schicksals ein. Er hatte bisher sich ganz gut aufrecht gehalten und seine Landfracht ungebuckt getragen und froher als viele. Er hatte bisher den Henker nach allem gefragt. Hatt' er sich nicht (um nur einiges anzufuhren) im Anzuge uber den deutschen Kaiser gesetzt, der (sagt' er) an seinem Ehrentage in Frankfurt nichts anzuziehen habe als einen entsetzlich-alten, von Karl abgelegten Kaiserrock, nicht viel besser als Rabelais' alter, indes seiner um viele Jahrhunderte junger sei als der kaiserliche? Hatt' er nicht seiner Frau, da sie trube seinen perennierenden uberstandigen Kleiderflor uberschauete, zugemutet, sich vorzustellen, er diene mit tausend andern Ansbachern in der neuen Welt und das Schiff, das ihnen neue Monturen zuzufahren habe, werde gekapert, so dass die ganze Mannschaft nichts anzuziehen behielte, als was sie hatte ablegen wollen? Und er fusste seit langem auf etwas Besseres offenbar auf echte Apathie als auf sein einziges Stiefelpaar, das sich durch zweimaliges Vorschuhen wie ein Taschenperspektiv oder eine Posaune zusammengeschoben hatte zu guten Halbstiefeln, so wie die lange Kultur auch die deutschen Korper um vieles abkurzte und aus diesem Langgewehr Kurzgewehr machte.
Aber am Sonntag, wovon ich sprechen will, machte ihn ein einziger kleiner Raub- und Ungluckvogel, der uber die ode Sarawuste seiner Lage flog, viel zu scheu. Er selber hatte eher das Gegenteil erwartet: denn da er bisher die Sitte hatte, sich gegen alle dunkle Trauerszenen voraus zu rusten durch Probekomodien, ich meine, da er alle kunftige Aktenstucke, die der Heimlicher von Blaise gegen ihn liefern konnte, im voraus durchlas und so die kunftige Last als eine gegenwartige spielend auflud, um nachher das Spiel umzukehren: so nahm es ihn sehr wunder, dass das gewisseste vorausgesehene Ubel, sobald es aus der Zukunft nahe an uns herantritt, in der Nahe langere Dornen habe als in der Ferne. Als namlich am Sonntage in den luftleeren Raum seiner Brust noch der Amtbote der Erbschaftkammer mit dem lang erwarteten dritten Fristgesuche des Heimlichers kam und mit dem dritten Ja-Dekret darauf: so wurde es seiner Seele bei diesem neuen Zug des Stiefels aus der oden Luftglocke ubel und engbrustig.
Ich habe im Schwalle meiner offiziellen Berichte das zweite Fristgesuch absichtlich unerwahnt gelassen, weil ich wohl hoffen durfte, dass jeder Leser, der nur ein halbes Schiffpfund Akten oder nur eine einzige Liquidation (Rechnung) von Rechtsfreunden in Handen gehabt, es ohnehin voraussetzen werde, dass nach dem ersten Fristgesuche notwendig das zweite erscheine. Eine Schande ist es fur unsere Justiz, dass ein redlicher, rechtlicher Beistand so viele Grunde, ich mochte sagen Lugen, aufsetzen muss, eh' er die kleinste Notfrist erficht; er muss sagen, seine Kinder und seine Frau seien todkrank, er habe Fatalien und 1000 Arbeiten und Reisen und Krankheiten; indes es hinreichen sollte, wenn er beibrachte, dass die Verfertigung der unzahligen Fristgesuche, mit denen er uberhauft sei, ihm wenig Zeit zu andern Schriften belasse. Man sollte einsehen, dass die Fristgesuche offenbar wie andere Gesuche auf die Verlangerung des Prozesses hinarbeiten, wie alle Rader der Uhr bloss zur Hemmung des Hauptrades ineinandergreifen. Ein langsamer Pulsschlag verkundigt nicht nur in Menschen, sondern auch in Rechtshandeln ein langes Leben. Ich denke, ein Advokat, der Gewissen hat, notigt gern, solang er kann, nicht sowohl dem Prozesse seines Klienten diesen schloss' er sogleich, konnt' er sonst als dem seines Gegners ein ausgedehntes Leben auf, um den Gegner teils heimzusuchen, teils abzuschrecken, oder um ihm ein gunstiges Urtel, wofur niemand stehen kann, von Jahr zu Jahr zu entrucken, so wie in Gullivers Reisen Leute mit einem schwarzen Stirn-Klecks zur Qual ein unaufhorliches Leben erhalten. Der gegenseitige Sachwalter denkt nun wieder der gegnerischen Seite dieselbe KriegsVerlangerung zu und so wickeln beide Patronen beide Klienten in ein langes Akten-Zuggarn ein, und jeder meint es gut. Uberhaupt sind Rechtsfreunde die Leute nicht, denen die Rechte so gleichgultig sind wie das Recht, und sie wollen dagegen lieber handeln als schreiben; wie Simonides auf die konigliche Frage, was Gott sei, sich einen Tag Bedenkzeit ausbat dann wieder einen und wieder einen und immer einen, weil kein Leben diese grosse Frage erschopft: so halt der Jurist nach jeder Frage, was ist Rechtens, von Zeit zu Zeit um Fristen an er kann die Frage nie auflosen ja er wurde, wenns die Richter und die Klienten wollten, seine ganze Lebenzeit mit der schriftlichen Beantwortung einer solchen Rechtsfrage zusetzen. Advokaten machen aus einer solchen Denkart, so gemein ist ihnen solche, nicht viel.
Ich komme zuruck. Siebenkas sank beinahe unter dem weltlichen eisernen Arm und dessen sechs langen Dieb- und Schreibfingern darnieder. Die Dunste auf seiner Lebenbahn zogen sich in Morgennebel zusammen diese in Abendwolken diese in Regenschauer. "Es geht manchem armen Teufel zu hart", sagt' er. Hatt' er eine lustige Frau gehabt, er hatt' es nicht gesagt; aber eine Kreuzschlepperin voll Jeremiaden, eine elegische Dichterin voll Hiobiaden war selber ein zweites Kreuz.
Er durchsann nun alles: er hatte kaum so viel, um den kunftigen Kalender zu kaufen oder einen Bund Hamburger Federn (denn seine Satiren erschopften weniger seine Krafte als die Flederwische Lenettens, so dass er manchmal den geroteten Pfeifenansatz des Pelzstiefels zu einem Schreibkiel verschneiden wollte) er wollte gern Teller in Nahrmittel (es waren aber keine da) verwandeln und den Galliern nachschlagen, die ein rundes Stuck Brot anfangs zum Teller, dann zum Nachessen verbrauchten, oder gar den Hunnen, die ihren Sattel von Fleisch, den sie gar ritten, nachher verspeiseten seine Halbstiefeln mussten fur das bevorstehende Schwenkschiessen zum drittenmal vorgeschuhet und abbrevieret werden, und es war nichts dazu da als der Artist Fecht er hatte an jenem grossen Tage uberhaupt nichts anzuziehen, nichts einzustecken und weder im Beutel etwas, noch im Kugelsack, noch im Pulverhorn...
Ein Mensch treibe nur absichtlich seine Angst aufs hochste: so fallet der Trost plotzlich, wie ein warmer Regentropfen, vom Himmel in sein Herz. Siebenkas katechisierte sich jetzt scharfer, was ihn denn eigentlich peinige: nichts als die Furcht, auf dem Schiessgraben ohne Geld, ohne Pulver und Blei und ohne die dritte Abbreviatur der Stiefeln zu erscheinen. "Weiter nichts?" antwortet' er. "Was will mich denn zwingen, uberhaupt zu erscheinen? Ich bin ja der Affe", setzt' er hinzu, "der jammert, dass er die mit Reis gefullte Pfote nicht aus der enghalsigen Flasche ohne Korkzieher bringen kann ich darf ja nur mein Schutzenlos und meine Buchse verkaufen, ich darf ja nur die Pfote aufmachen und leer herausziehen."
Er beschloss, am Auktiontage die Buchse zu holen und sie dem Proklamator und Friseur in die Versteigerung mitzugeben.
Er stieg, wundgedruckt vom Tage, ins Bette, auf dessen unbesturmten Ankerplatz er sich den ganzen Tag vertrostete: "Das Gute hat doch die Nacht an sich", sagt' er, indem er darin sitzend die Federn gleich verbreitete, "dass sie den Menschen lichtfrei, holzfrei, kostfrei, zechfrei, kleiderfrei halt, nur ein Bette muss einer haben ein Armer ist doch so lange glucklich, als er liegt, und zum Glucke steht er nur die Halfte seines Lebens." Die Ohnmachten der Seele oder des Frohsinns gleichen denen des Korpers, die nach Zimmermann65 aufhoren, wenn der Kranke eine waagrechte Lage annimmt.
War' am Bett ein Bettzopf gewesen: so hatt' ich diesen die Ankerwinde genannt, womit er sich am Montag langsam vom Ruheplatz in die Hohe drehte. Er stieg darauf zum Dachstuhl hinauf, wo in einer alten vernagelten langen Feldkiste seine Buchse gegen Missbrauch verschlossen lag. Sie war ein kostbares Erbstuck von seinem Vater, der Pikeur und Buchsenspanner bei einem grossen Reichsfursten gewesen. Er hob mit dem Baumheber, d.i. mit einem Eisenkloben, das Brett samt den Wurzeln d.h. Nageln auf; und das erste, was voran lag, war ein lederner Arm, der ihm ordentlich durch die Seele fuhr. Denn der Arm hatt' ihn sonst haufig ausgeprugelt.
Es wird mich nicht zu weit verschlagen, wenn ich nur ein einziges Wort daruber verliere. Diesen Parade-Arm hatte namlich am Leibe, wie im Felde eines Wappens, Siebenkasens Vater seit der Zeit gefuhret, dass er seinen wahren angebornen Arm in Kriegdiensten des gedachten grossen Reichsfursten zugesetzt hatte, der ihn sogleich zu einiger Belohnung als Buchsenspanner bei der Obrist-Jagermeisterei anstellte. Den adjungierten Arm trug der Buchsenspanner an einem Haken der linken Achsel, mehr wie einen Rokkelor-Armel oder verlangerten Hand- und Armschuh zur Zierde, als etwan wie einen Maulchristen von Parade-Arm. Bei der Erziehung aber tat ihm der lederne Arm die Dienste einer Schulbuchhandlung und Bibelanstalt und war der Kollaborator des fleischernen. Gemeine Fehler, z.B. wenn unser Firmian falsch multiplizierte oder auf dem Huhnerhunde ritt oder Schiesspulver aus Nascherei leckte oder eine Tabakpfeife zerbrach, solche strafte der Buchsenspanner gelinde, namlich bloss mit dem Stock, der uberhaupt in guten Schulen an den Kinderrucken als Saftrohre und Stechheber auflauft und solche mit wissenschaftlichem Nahrsafte trankt, oder der die Deichsel bleibt, woran ganze vorgespannte Winterschulen lustig ziehen. Aber zwei andere Fehler sucht' er ernsthafter heim. Wenn namlich ein Kind unter dem Essen lachte, oder wenn es in den langen Tisch- und Abendgebeten stockte oder irrte: so amputierte er schnell mit dem angebornen Arm den erworbnen und schlug mit dieser Krieggurgel sein eigner Ausdruck seine lieben Kleinen entsetzlich. Firmian erinnerte sich noch recht gut, als war' es ihm gestern begegnet, dass einmal er und seine Schwestern eine ganze halbe Stunde unter dem Essen von diesem Streitflegel alternierend gedroschen wurden, weil das eine zu lachen anfing, indem um das andere ernste dieser lange Muskel flatterte. Noch heute erbitterte das Leder sein Herz. Ich sehe recht gut den Nutzen ein, wenn Eltern und Lehrer es versuchen, mit dem organisierten Arm den leeren auszuhenken und vermittelst dieser Vereinigung und diesem Konkordat zwischen weltlichem und geistlichem Arm einen Zogling zu schlagen; aber nur muss es allezeit geschehen; uber nichts ergrimmen Kinder mehr als uber neue Marterinstrumente oder uber einen neuen Spielraum der alten. Ein an Ruckenstrafen und Lineale gewohntes Kind darf nicht mit Ohrfeigen und nackten blossen Handen angegriffen werden; ein an diese verwohntes leidet wieder Lineale nicht. Der Verfasser dieser Blumenstucke wurde einmal in seinen fruhern Jahren mit einem Pantoffel geworfen. Die Narbe von diesem Wurfe bricht noch jetzt in seiner Seele auf, indes er ordentlicher Prugel sich nur schwach erinnert.
Siebenkas zog den Zucht-Arm heraus und die Buchse dazu; aber welch ein Fund lag darunter! Jetzo war ihm geholfen. Wenigstens konnt' er doch zu Andreas mitschiessen in kurzern Stiefeln und uberhaupt konnte er doch einige Tage essen, was er wollte. Was freilich ihn und mich bei der ganzen Sache am meisten erstaunen lasst (erklaren lasset sichs aber immer), war bloss, dass er nicht eher daran gedacht hatte, da doch sein Vater ein Jager war; wiewohl ich auf der andern Seite gern gestehe, dass dieser Tag nicht besser auserlesen sein konnte, weil in ihn gerade die Versteigerung fiel.
Der Knebelspiess der Pferdeschwanz der Vorlass das Fuchseisen der Stossdegen die Hausapotheke und die Maske mit einem Halse, lauter Dinge, die er bisher in der Feldkiste nicht gesucht hatte, konnten ja den Augenblick hinabgetragen und aufs Rathaus geschoben werden, damit der frisierende Sachse sie losschluge.
Und das geschah auch. Er war nach langen Ungluckfallen warm-durchfreuet uber einen Zufall. Er zog der ganzen zur Versteigerung abgegangenen Kiste bloss die lederne Schlag-Ader und die Buchse blieb zuruck selber nach, um zu horen, was man droben biete.
Er stellte sich zunachst an den hektischen Hausherrn hinter die Versteigertafel mit seinen zu langen Halbstiefeln. Das ganze gleichsam in einer Feuergefahr oder Plunderung zusammengeworfne MobelnHeergerate, meistens verkauft von Verarmenden, meistens gekauft von Armen, machte seine Begriffe von Minute zu Minute immer kleiner von diesem zusammengesetzten Schopf- und Pumpenwerk und uberhaupt von der Maschinerie, welche den Springbrunnen einiger kleiner Lebenstrahlen im Springen und Glanzen erhalt, und er selber, der Maschinenmeister, wurde immer mannlicher. Es argerte ihn, dass sein Geist gestern ein unechter Edelstein gewesen, den ein Tropfen Scheidewasser verdunkelt und der Farbe beraubt; denn ein echter glanzet fort. Nichts macht humoristischer und gegen die Ehre der Stande kalter, als wenn man die des seinigen vertauschen muss mit der Ehre der Person oder des Werts, und wenn man uberhaupt sein Inneres immer mit Philosophie gleichsam wie ein Diogenesfass gegen aussere Verletzungen uberziehen, oder wenn man, in einer schonern Metapher, wie die Perlenmuschel, die Locher, welche Wurmer in unsere Perlenmutter bohren, mit Perlen der Maximen vollschwitzen muss. Inzwischen sind Perlen besser als eine unversehrte Perlenmutter; ein Gedanke, den ich mit Golddinte schreiben sollte.
Ich stelle so viele Philosophie mit gutem Grund voraus, weil ich den Leser dahin bringen will, dass er nicht zu viel Larm uber das erhebt, was der Armenadvokat jetzo machen will, genau betrachtet einen unschuldigen Spass, namlich den, dass er da ohnehin die gepuderte Lunge des Proklamators lieber keucht als schreiet diesem Hammerherrn den Glockenhammer der Versteigerung abnimmt und alles selber versteigert. Er tats in der Tat nur eine halbe Stunde lang und noch dazu bei seiner eignen Ware; ja er hatte sich hier bedacht, das Hammerwerk zu pachten, hatt' es nicht seiner Seele so unbeschreiblich wohlgetan, den Pferdeschwanz, den Knebelspiess, den Vorlass etc. in die Hohe zu heben und hammernd auszurufen: "Vier Groschen auf den Pferdeschwanz zum erstenmal funf Kreuzer auf den Vorlass zum zweitenmal einen halben Ortstaler auf das Fuchseisen zum erstenmal zwei Gulden auf den Stossdegen zum dritten- und letztenmal." Er tat, was ein Auktionator soll, er lobte die Ware; er blatterte vor den anwesenden Jagern (der Adler auf der Vogelstange hatte, wie Aas, entfernte hergelocket) den Pferdeschwanz auf, strich ihn nach dem Haar und wider das Haar und versicherte, er getrauete sich, mit den Schlingen davon die Dohnenschnait durch den Schwarzwald durchzufuhren. Den Vorlass setzt' er in sein Licht, er zeigte der Gesellschaft den holzernen Schnabel, die Schwingen, die Fange und den Uberzug mit dem Federspiel und wunschte, es war' ein Falke da, um das Luder auf den Vorlass zu legen und ihn zu locken.
Die Rechnungen in seinem Haushaltkalender, die ich daruber wegen meines elenden Gedachtnisses zweimal nachgesehen, setzen die Summe, die er von den vielen gegenwartigen Jagern erhob, auf 7 fl. frk. ohne die Groschen. Und dabei ist die Hausapotheke und die langhalsige Maske nicht einmal gerechnet; denn diese mochte kein Mensch. Zu Hause liess er den ganzen Kronschatz und Tilgungfonds in den breiten Gold-Tornister Lenettens laufen, wobei er sie und sich vor den Gefahren eines grossen Reichtums warnte und beiden die Exempel von ubermutigen Beguterten vorhielt, so am Ende fallieren mussten.
Im siebenten Kapitel, das ich sogleich anfangen werde, kann ich nach so viel tausend Hausplagen das gelehrte Deutschland endlich in den Schiessgraben versetzen und ihm meinen Helden vorfuhren als ein lobliches Schutzenmitglied, das Kugeln und Buchsen hat und das anstandig gekleidet weniger als gestiefelt ist: denn jetzt werden Kugeln gegossen, Buchsen gescheuert, und Stiefeln ziehen Schuhe an. Fecht naht die dreiviertels Stiefeln auf seinem Knie zu halben um und besohlet sie mit dem ledernen Arm, uber den bisher Redens genug war. In meinen Tagen, wo man sogar Badinen (Stockchen) von Leder tragt, als waren die welken Arme daraus, hatt' aus dem Jagerarm ein Stock in einem bessern Sinne gemacht werden konnen, wie man noch die Nashornfelle in Spazierstocke zerschneidet.
Siebentes Kapitel
Das Vogelschiessen das Schwenkschiessen Rosas
Herbst-Feldzug Betrachtungen uber Fluche, Kusse
und Landmilizen
Nichts tut mir bei dieser an sich schonen Historie mehr Schaden, als dass ich mir vorgenommen, sie in vier Alphabete zusammenzudrangen; ich habe mir dadurch selber allen Platz geraubt, auszuschweifen. Ich gerate hier metaphorisch in den Fall, worin ich einmal ohne Metapher war, als ich den Durchmesser und den Umkreis der Stadt Hof ausmessen wollte. Ich hatte namlich den Catelschen Schrittzahler mit einem Haken rechts an den Hosenbund und die am Schenkel niederlaufende Seiden-Schnur unten am Knie an eine krumme Stahlspitze angemacht, und die drei Weiser auf einer Scheibe denn der erste Weiser zeigt 100, der zweite 1000 Schritte, der dritte bis 20000 liefen ordentlich wie ich selber, als ein Frauenzimmer kam, das ich nach Hause fuhren sollte. Ich bat sie, mich zu entschuldigen, da ich den Catelschen Schrittzahler angetan und nun in der Langenmessung von Hof schon so viele Schritte gemacht: "Sie sehen offenbar", setzt' ich dazu, "dass der Schrittzahler, wie ein Gewissen, jeden Schritt aufschreibt und mit einem Frauenzimmer muss ich noch dazu kleinere Schritte machen und tausend in die Quere und ruckwarts; das rechnen die drei Weiser aber alles zum Durchmesser es geht gar nicht, Vortreffliche!" Jetzo sollt' es eben deswegen gehen, und man lachte mich aus. Ich schraubte mich aber fest ein und schritt nicht vor. Zuletzt versprach ich doch, dass ich sie mit meinem Schrittzahler heimfuhren wollte, wenn sie denn ich konnte mich nicht niederkrempen bis auf die Hufte zweimal nach meinen Weisern sehen und mir sie ablesen wurde, das erstemal jetzo, das zweitemal in ihrem Hause, damit ich die Schritte, die ich mit besagtem Frauenzimmer tate, von der Grosse Hofs subtrahieren konnte. Der Vertrag wurde redlich genug gehalten. Dieser kleine Bericht soll mir einmal Nutzen schaffen, falls mein perspektivischer Abriss von der Stadt Hof- die Hoffnung dazu will ich nicht genommen haben wirklich ans Licht trate, und falls Hofer, die mich mit dem Frauenzimmer und mit dem nachschleifenden Zahler am Knie gesehen, mir vorwurfen, es hinke alles und neben einem Frauenzimmer konne man kaum seine Schritte abmessen, geschweige die einer Stadt.
Der Andreastag war schon und hell und nicht sehr windig; es war ordentlich warm und nicht so viel Schnee in den Furchen, dass man damit eine Nussschale voll Wein abkuhlen oder einen Kolibri hatt' erwerfen konnen. Dienstags vorher hatte Siebenkas mit hinaufgeschauet, als die Vogelstange ihren majestatischen Bogen beschrieb und niederging, um den schwarzen Gold-Adler mit seinem offnen Flugwerk aufzuspiessen und mit ihm in die Hohe zuruckzusteigen. Er wurde bewegt, da er dachte: der Raubvogel droben halt und verteilt in seinen Fangen die angstlichen oder die heitern Wochen deiner Lenette, und unsere Fortuna hat sich in diese schwarze Gestalt zusammengezogen und verwandelt und nur die Flugel und die Kugel behalten.
Als er am Andreasmorgen in seinen abgekurzten, mit Galoschen besetzten Stiefeln von Lenetten mit Kussen schied, sagte sie: "Unser Herrgott gebe dir Gluck und Stern und bewahre dich, dass du mit dem Gewehre kein Ungluck anrichtest." Sie fragte noch etliche Male, ob er nichts vergessen habe das Augenglas oder das Schnupftuch oder den Beutel. "Uberwirf dich ja nicht (bat sie noch zuletzt) draussen mit dem Hrn. v. Meyern!" Und noch zuletzt, als vor dem Rathause schon einige Probedonnerschlage der Trommel fielen, setzte sie angstlich hinzu: "Erschiesse dich um Gottes willen nicht selber es wird mir den ganzen Vormittag eiskalt uber den Leib laufen, sooft ein Schuss geschieht."
Endlich wickelte der zusammengeringelte Schutzenknaul sich in langen Faden ab, und der wallende Zug schlug, wie eine lange Riesenschlange, unter Trommetenschall und Trommelknall laufende Wellen, und jeder Schutze war ein Schlangenbuckel. Eine Fahne, gleichsam der Kamm der Schlange, war auch dabei, und unter ihr war ein Fahnentrager angebracht, der seinen Rock als die tiefere Fahne trug. Die Stadt-Soldateska, die mehr durch Gehalt als Anzahl glanzte, durchschoss mit weissen Rockblattern den gefleckten Kalender der Schutzengesellschaft. Der versteigernde Haarkrausler tanzte als der einzige gepuderte gemeine Mann mit der bleichen Hutgriffspitze daher, in der gehorigen Entfernung von den vornehmen ledernen Zopfen, die er heute angebunden und gepudert hatte. Die Menge fuhlte, was wahre Hoheit sei, als sie gebuckt hinaufsah zum Schutzendirektor, zum Hrn. Heimlicher von Blaise, der mitzog als die Aorte des ganzen Schlagadersystems, als das Elementarfeuer aller dieser Irrlichter und Zundpulver und, kurz zu reden, als schottischer Meister der Schutzenloge. Glucklich war die Frau, die herausguckte und vor welcher der Mann vorbeizog als Schutzenglied glucklich war Lenette, denn ihr Mann war mit dabei und sah hoflich hinauf, und die kurzen Stiefeln standen ihm recht gut, die im alten und neuen Stil zugleich gearbeitet waren und wie Menschen an den alten Adam den kurzen neuen angezogen hatten.
Ich wunschte, der Schulrat Stiefel hatte etwas nach dem Andreasschiessen gefragt und herausgesehen nach seinem Orest; aber er rezensierte fort.
Als nun diese Prozessionraupen auf der Vogelwiese des Schiessgrabens wie auf einem Blatte wieder aneinanderkrochen als der Adler im Horste des Himmels wie das Wappentier der Zukunft hing als die Blasinstrumente, die bisher die wandelnde musikalische Truppe nicht fest genug am Mund ansetzen konnte, jetzt geradeaus schrieen an den Lippen der stehenden und als der Zug, laut trabend und die Gewehre auf den Boden stauchend, ins leere hallende Schiesshaus rauschte: so war, genau genommen, kein Mensch mehr recht bei Sinnen, sondern jeder seelenbetrunken; und doch war noch nicht einmal geloset, geschweige geschossen. Siebenkas sagte sich selber: "Es ist nur eine Lumperei, aber seht, wie wir alle taumeln, wie bloss eine welke ununterbrochne, zehnmal ums Herz herumgefuhrte Blumenkette von sussen Kleinigkeiten es halb erstickt und halb verfinstert." Unser saugendes Herz ist aus durstiger Brauseerde gemacht, die ein warmer Regen aufblaht und die dann im Schwellen und Steigen allen Pflanzen in ihr die Wurzeln entzweireisset.
Nun liess Hr. v. Blaise, der in einem fort meinen Helden anlachelte und die andern anfuhr mit der Grobheit der Herrschsucht, die Lose ziehen, welche die Ahnenfolge der Schutzen ordneten und entschieden. Die Leser konnen dem Zufalle nicht ansinnen, dass er das Gluckrad halte und hineingreife und hinter seiner Binde unter 70 Nummern gerade die erste fur den Advokaten herausfuhle und fange; indessen zog er doch die 12te fur ihn. Endlich gaben die tapfern Deutschen und Reichsstadter auf den romischen Adler Buchsenfeuer. Zuerst trachtete man ihm nach der Krone. Der Eifer und das Zielen der Kronwerber war der Wichtigkeit der Sache angemessen: waren nicht mit diesem goldnen Wetterdache, wenn die Kugel es herabstiess, die Kroneinkunfte von 6 fl. frk. verbunden, wobei ich betrachtliche Kronenguter nicht einmal anschlage, die in drei Pfund Werg und in einem zinnernen Barbierbecken bestehen?- Die Menschen taten was sie konnten; aber das Schiessgewehr setzte die Krone des Adlers leider nicht unserem Helden, sondern Nro. 11, seinem Vormann, dem hektischen Sachsen, auf. Der Mann braucht, es, da er wie der Prinz von Wallis die Kronschulden noch eher hatte als die Krone selber.
Nichts wendet bei einem solchen Vogelschiessen alle Langweile mehr ab als die gute Einrichtung, dass dazwischen ein Schwenkschiessen eingeschoben wird; ein Mann, der auf das langsame Viertelausschlagen von 69 Schussen mit seinen eignen warten muss, hat Kurzweile genug, wenn er unterdessen seine Buchse fur niedrigere Dinge laden kann, z.B. fur einen Kapuzinergeneral. Das Schwenkschiessen in Kuhschnappel ist namlich von dem an andern Orten eingefuhrten nicht verschieden, sondern eine Leinwand rutschet hin und her, auf der die gemalten Esswaren wie auf einem Tischtuch stehen, die man durchlochern muss, um die Originale davon einzuernten, wie die Kronprinzen die Konterfeien ihrer Braute und dadurch diese selber erheben, oder wie Hexen bloss das Abbild zerstechen, um das Urbild zu treffen. Die Kuhschnappler schossen diesesmal nach einem auf die Geh-Leinwand gefarbten Kniestuck, von dem recht viele behaupteten, es reprasentiere einen Kapuzinergeneral. Es ist mir bekannt, dass einige sich mehr an den roten Hut, den das Stuck aufhatte, hielten und es darum gar fur einen Kardinal ausgaben oder fur einen Kardinalprotektor; aber diese habens offenbar erst mit denen auszufechten, die beiden Sekten widersprechen und sagen, es stelle nur die babylonische Hure vor, namlich eine europaische. Aus diesem mag man ungefahr schliessen, was an einem andern Geruchte sein mag, dem ich in der ersten Stunde widersprach, dass namlich die Augsburger sich an dieses effigie-Arkebusieren gestossen und daher wirklich dem Reichsfiskal schriftlich vorgestellet hatten, sie fanden sich beschwert und die eine Konfession litte darunter, sobald im Hl. Rom. Reich nur ein Ordengeneral und nicht zugleich ein lutherischer Generalsuperintendent abgeschossen wurde. Ich hatte gewiss mehr davon vernommen, war's nicht blosser Wind. Ja ich mutmasse sogar, dass dieses Marchen weiter nichts sei als eine falsche Tradition von einem andern Marchen, das mir neulich ein Wiener von Geburt uber dem Essen vorlog: es hatten sich namlich in den ansehnlichen Reichsstadten, worin die Nivellierwaage des Religionfriedens ein schones Gleichgewicht der Papisten und Lutheristen festgestellt, viele lutherischerseits geregt und beschwert, dass, ob darin gleich Nachtwachter und Zensores, d.i. transzendente Nachtwachter, Wirte und Bucherverleiher in gleicher Zahl vorhanden waren, doch stets ein zahlreicheres papistisches Personale gehangen wurde, so dass recht klar, es sei nun mit oder ohne Jesuiten, ein so wichtiger und hoher Posten im Staate, als der Galgen sei, gar nicht nach jener reichsgesetzlichen Paritat wie das Reichs-Kammergericht, sondern mit einiger Parteilichkeit fur Katholiken besetzet worden. Ich wollte neulich im Dezember der Literaturzeitung offentlich gegen die Sage aufstehen; aber das Reich wollte die Einruckgebuhren nicht auf sich nehmen.
Ob man gleich aus dem Schiessstand nur auf einen Kapuziner hielt: so war doch das Schwenkschiessen in seiner Art so wichtig als das stehende. Ich muss sagen, es waren Ess-Pramien auf die verschiedenen Gliedmassen des Ordengenerals gesetzt, die anlockend waren fur Schutzen, die dachten. Ein ganzes boheimisches Schwein wurde als Purschgeld fur das Herz des gedachten Kapuziner-Peischwas gegeben, welches man aber nur durch einen einzigen Russ-Klecks, nicht grosser als eine Schmink-Musche, angedeutet hatte, um den Schutzen den Treffdank mit Fleiss recht sauer zu machen. Der Kardinalhut war leichter zu bekommen, daher war er nur mit zwei Flusshechten besetzt. Der Zierdank eines Okulisten, der den zwei Augapfeln des Protektors neue aus Kugeln einsetzte, bestand in ebensoviel Gansen. Da er mitten im Gebet gemalet war: so verlohnt' es wohl der Muhe, durch seine gefalteten zweischurigen zweimannischen Hande eine Kugel zu treiben, weils nicht weniger war, als schoss man einem rennenden geraucherten Schweine die zwei Vorderschinken unter dem Leibe hinweg. Jeder Fuss aber war gar auf einen Hinterschinken fundiert. Ich mache mir nichts daraus, es auf Kosten des Reichsflecken offentlich zu erklaren, dass nichts am ganzen Protektor schlechter mit einem schmalern Mahlschatz und Treffer salariert war als der Nabel; denn es war nichts aus ihm mit der besten Kugel zu holen als eine Bologneser Wurst. Der Advokat war um die Krone gekommen; aber das Gluck warf ihm nachher dafur den Kardinalhut zu, worin zwei Flusshechte lagen. Hingegen den Kopf des Adlers und den Kopf des Generals deckte eine echte passauische Kunst vor seinen Kugeln zu. Er hatte der babylonischen Hure wenigstens gern ein Auge ausgeschossen, um eine Gans zu fallen es ging auch nicht.
Die Purschregister, die echt sind, weil sie unter den Augen des Turniervogts v. Blaise vom Schutzensekretar geschrieben wurden, melden, dass der Kopf, der Ring im Schnabel und das Fahnlein wirklich den Nummern 16, 2, 63 in die Hande fielen.
Siebenkas hatte seiner lieben Frau wegen, die mit der Mittagsuppe auf ihn wartete, sehr gewunscht, wenigstens den Zepter, worauf man jetzo hielt, den Adlerfangen auszubrechen und an seine Buchse anzuschienen als Bajonett.
Alle Nummern, die diesen goldnen Eichenzweig zu brechen suchten, waren voruber, nur die schlimmste nicht, sein Vordermann und Hausherr dieser feuerte, und der vergoldete Harpune zitterte Siebenkas feuerte, und der Aalstachel schoss hernieder. Die Herren Meyern und Blaise lachelten und gratulierten die Quer- und Gerade-Pfeifer stiessen bei der Ankunft eines neuen Vogelgliedmasses in ihre Hifthorner (wie Karlsbader bei der Ankunft eines frischen Badgasts tun) und sahen dabei strenge und aufmerksam in ihre Partitur, ob sie gleich ihre Trompeterstuckchen schon ofter geblasen hatten wie Nachtwachter alle Infanten, ich meine alle Jungen, stellten ein Wettrennen nach dem Zepter an aber der Pritschenmeister trat zerstaubend unter sie und las den Zepter auf und handigte mit der einen Hand die Regierunginsignie dem Advokaten ein, mit der andern seine haltend, die Pritsche.
Siebenkas besah lachelnd den kleinen Holzast, an dem oft die summenden Schwarme ganzer anfliegender Staaten fortgetragen werden, und verbarg seine Freude unter diese Satire, die der regierende Heimlicher vernahm und auf sich bezog: "Ein schoner Froschschnepper! Es sollte eigentlich ein Honigvisierer sein, es werden aber die Bienen selber damit zerknickt, um ihre Honigblase auszuleeren wie Kinder bringen die Woiwoden und Dynasten die LandesBienen um und zeideln statt der Waben die Magen. Ein recht narrisches Gewehr! Es ist von Holz und etwan ein abgebrochenes, vergoldetes, zugespitztes, ausgezacktes Stuck von einem Schaferstabe, womit die Schafer oft auf der Weide das Fett aus den Schafen winden66 insofern ja!" Er fuhlt' es selber nicht mehr, wenn er die grosste satirische Bitterkeit ausgoss, von der in seinem Herzen kein Tropfen war: er verkehrte oft mit einem Scherze, den er nur aus Scherz sagte, Bekannte in Feinde und begriff nicht, was die Leute bose machte und warum er nicht mit ihnen so gut wie ein anderer spassen durfe.
Er steckte den Zepter unter den Uberrock und trug ihn, weil vor dem Essen nicht bis zu seiner Nummer herum geschossen werden konnte, in seine Behausung. Er hielt ihn straff und steif voraus wie der Schellenkonig seinen und sagte zu Lenetten: "Da hast du einen Vorlegeloffel und eine Zuckerzange in einem Stuck!" Er meinte namlich die zwei zinnernen Schiess-Pramien, den Vorlegeloffel und die Zuckerzange, die beide in Gesellschaft einer Ambe von 9 fl. frk. dieses Zepterlehn begleiteten. Es war genug fur einen einzigen Schuss. Darauf stattete er den Bericht vom Hecht-Fang ab. Lenette, von der er wenigstens erwartet hatte, sie wurde in den ersten funf Sekunden die funf Tanzpositionen in einem Haushalle durchmachen und Eulers Rosselsprung dazu auf dem Schachbrett der Stube, Lenette tat, was sie konnte namlich gar nichts, und sagte, was sie wusste namlich die Nachricht, dass die Hausherrin sich bei der Buchbinderin uber das Aussenbleiben des Mietzinses greulich aufgehalten und uber ihren eignen Mann dazu, der ein Fuchsschwanzer und Komplimentarius sei und die Leute nicht grob genug mahne. "Ich erzahle", wiederholte der Zepter-Inhaber, "ich habe heute die Flusshechte und einen Zepter glucklich geschossen, Wendeline Egelkraut!" und klopfte vor Ingrimm mit der Zepter-Zornrute auf den Tisch, auf welchen die zwei Gedecke und Bestecke getragen wurden. Sie antwortete endlich: "Lukas ist schon gelaufen gekommen und hat mir alles hinterbracht; ich habe eine rechte Freude daruber, aber ich glaube, du wirst noch viel mehr schiessen. Das sagt' ich auch zur Buchbinderin." Sie lenkte wieder ins Fahrgleis; aber Firmian dachte: "Jammern kann sie laut genug, aber jubilieren nicht, wenn unsereiner mit Hechten und Zeptern unter den Armen heimkehrt!" Geradeso war die Ehefrau des zartlichen Racine, als dieser einen geschenkten langen Beutel mit Louis XIV d'or in die Stube warf.
Woher habt ihr, liebe Weiber, die Unart her, dass ihr gerade, wenn der Eheherr gute Nachrichten oder Geschenke bringt einen unausstehlichen Kaltsinn gegen seine Fracht auskramt, und dass in euch gerade, wenn das Schicksal den Wein euerer Freude bluhen lasset, die Fasser mit dem alten trube werden? Kommts von euerer Sitte, an euch, wie euer Ebenbild, der Mond, nur die eine Seite zu zeigen, oder von einer murrischen Laune gegen das Schicksal, oder von einem sussen uberstromenden Freudengefuhl, welches das Herz zu voll macht und die Zunge zu schwer? Ich glaube, es kommt oft von allem auf einmal her. Bei Mannern und auch bei Weibern, immer bei einem unter Tausenden kanns noch von der melancholischen Betrachtung uber die Haifische kommen, die uns den Arm abreissen, mit dem wir unten im finstern Meer vier Perlen der Freude beklommen und atemlos sammeln; oder von einer noch tiefern Frage: ist nicht die innigere Wonne nur ein Olblatt, das uns eine Taube uber unsere um uns brausende ausgedehnte Sundflut hereintragt67 und das sie aus dem fernen hoch uber die Fluten steigenden sonnenhellen Paradiese abgenommen? Und wenn wir von dem ganzen Olivengarten statt aller Fruchte und Bluten nichts erhalten als nur ein Blatt, soll uns dieses Friedenblatt und diese Friedentaube mehr geben als Frieden, namlich Hoffnung?
Firmian ging mit einer Brust voll wachsender Hoffnungen auf den Schiessgraben zuruck. Das Menschenherz, das in Sachen des Zufalls gerade gegen die Wahrscheinlichkeitrechnungen kalkuliert, und das darum auf eine Terne hofft, weil es eine gewonnen denn daraus sollt' es eben das Widerspiel schliessen , oder das darauf zahlt, die Adlerklaue zu holen, weil es den Zepter dazu aufgelesen, dieses im Furchten und Hoffen unbandige Menschenherz brachte auch der Advokat auf den Graben mit.
Er erwischte aber die Klaue nicht. Nach den ineinandergefalteten betenden Fangen oder Handen des Kapuzinergenerals, diesen Exponenten und Devisen zweier Vorderschinken, feuerte Siebenkas gleichfalls umsonst.
Es tat nichts; es war noch immer mehr am Adler, als jetzo an Polen ware, wenn man dieses oder sein Wappen es ist ein silberner im roten Blutfelde auf einem Throne oder einer Vogelstange in die Hohe richtete und von einer Schutzengesellschaft verschiedener Armeen abschiessen liesse.
Noch nicht einmal der Reichsapfel war herunter. Nro. 69, ein schlimmer Vorfahr, Hr. Everard Rosa von Meyern, hatte zum Schusse angelegt er wollte diesen verbotenen Apfel brechen ein solcher Stettiner und Fangball fur Fursten selber war ihm zu wichtig, als dass er des Gewinstes wegen nach ihm hatte fangen wollen, ihn flammte bloss die Ehre an er schoss.... und er hatte ebensogut ruckwarts zielen konnen. Rosa, dem diese Obstart zu hoch hing, mengte sich errotend unter die Zuschauerinnen und teilte selber Apfel, namlich Parisapfel aus und sagte jeder, wie schon sie sei, um sie zu uberreden, er sei es selber. In den Augen einer Frau ist ihr Lobredner anfangs ein recht gescheuter Mensch, endlich ein ganz hubscher Mensch; Rosa wusste, dass die Weihrauchkorner der Anis sind, dem diese Tauben wie toll nachfliegen.
Unser Freund brauchte sich vor keinem Obstbrecher zu angstigen vor dem 2ten, 8ten, 9ten gar nicht als vor dem 11ten, vor der Buchse des Sachsen, der wie ein Teufel schoss. Es gab wenige unter den Siebzigern, die nicht diese verdammte Galgennummer zum Henker, wenigstens ins Pflanzenreich verwunschten, wo sie gerade mangelt68. Der Friseur druckte ab schoss dem Adler ins Bein und das Bein blieb samt der Reichskugel droben hangen.
Der Mietmann und Advokat trat ein, aber der Hausherr blieb im Schiessstand, um sich uber seinen Unstern satt zu fluchen. Jener setzte sich unter dem Anlegen seines Kugelziehers auf die erhohte Kugel vor, gar nicht auf diese zu halten, sondern auf den Schwanz des Adlers, um dieses Obst bloss herab zu schutteln.
In einer Sekunde fiel der wurmstichige Weltapfel ab Der Sachse fluchte uber alle Beschreibung.
Siebenkas betete beinahe innerlich, nicht weil eine zinnerne Senfdose, eine Zuckerdose und 5 fl. frk. mit dem Apfel in seinen Schoss niederregneten, sondern uber das gute Schicksal, uber die warme, wie ein Glanz heraustretende Sonne im Ringe eines fernen Gewolkes. "Du willst", dacht' er, "meine Seele prufen, gutes Geschick, und bringest sie daher, wie die Menschen Uhren, in alle Lagen, in steilrechte und waagrechte, in ruhige und unruhige, um zu sehen, ob sie recht gehe und recht zeige. Wahrlich, sie soll es!"
Er liess diese kleine bunte Vexier-Erdkugel von einer Hand in die andere laufen und spann und weifte folgenden Kettenschluss: "Welche Kopien-Ahnenfolge! Lauter Gemalde in Gemalden, Komodien in Komodien! Der Reichsapfel des Kaisers ist ein Bild der Erdkugel und hat eine Handvoll Erde als Kern69 mein Reichsapfel da ist wieder ein verkleinertes Bild des kaiserlichen und hat noch weniger Erde, gar keine die Senf und Zuckerdosen sind wieder Bilder dieses Bildes. Welche Reihe von Verkleinerungen, ehe der Mensch geniesset!" Die meisten Freuden des Menschen sind blosse Zurustungen zur Freude, und seine erreichten Mittel halt er fur erreichte Zwecke; die brennende Sonne des Entzuckens wird unserem schwachen Auge nur in den 70 Spiegeln unserer 70 Jahre gezeigt jeder Spiegel wirft ihr Bild dem andern milder und bleicher zu und aus dem siebzigsten Spiegel schimmert sie uns erfroren an und ist ein Mond geworden70. Er lief nach Haus, aber ohne den Apfel, dessen Ernte er seiner Frau erst abends notifizieren wollte. Es letzte ihn sehr, wenn er wahrend seiner Schiess-Vakanzen aus dem offentlichen Getummel in seine enge stille Stube schleichen, das Wichtigste hurtig erzahlen und sich dann wieder ins Getose werfen konnte. Da seine Nummer eine Nachbarin von Rosas Nummer war und da also beide dieselben Schiessferien hatten; so wunderts mich, dass er auf den Venner von Meyern nicht auf demselben Steige unter seinem Fenster traf; denn dieser wandelte seines Orts mit aufgehobenem Kopfe da wie eine Ameise auf und nieder. Wer einen jungen Herrn dieser Art erschlagen will, such' ihn unter (wenn nicht in) dem Fenster eines Madchen auf; so hebt ein vorsichtiger Gartner, der Maueresel oder Kellerasseln toten will, nur die Blumentopfe in die Hohe und merzet sie darunter in Partien aus.
Siebenkas traf den ganzen Nachmittag keinen Span mehr; den Schwanz selber, an den er sich vorher so glucklich gewandt hatte, um den Hl. Romischen Reichsapfel zu kriegen, bracht' er nicht herunter. Er liess sich spat mit der Miliz des Reichsfleckens nach Haus pfeifen und trommeln. Er machte vor der Tur seiner Frau den Ruprecht, der den Kindern am Andreastage zum ersten Male Schrecken und Obst zubringt, brummend nach und warf ihr statt aller Apfel den geschossenen ein. Man halt' ihm den Spass zu gut; ich sollte aber solche Winzigkeiten gar nicht berichten.
Als sich Firmian aufs Kopfkissen legte, sagt' er zu seiner Frau: "Morgen um diese Zeit wissen wirs, Frau, ob wir ein Paar gekronte Haupter auf diese Kopfkissen bringen oder nicht morgen unter dem Niederlegen will ich dich wieder an diese Minute erinnern." Als er aus dem Bette sprang, sagt' er: "Heute spring ich wohl zum letztenmal als gemeiner Mann ohne Krone heraus." Er konnt' es nicht erwarten, bis er den betaueten defekten Vogel voll Schusswunden und Knochensplitterungen wieder sah; aber seine Hoffnung, sich an ihm zum Konig zu schiessen, hielt nur so lange an, als er den Adler nicht sah. Er ging daher gern einen Vorschlag des listigen Sachsen ein, der immer den Kugeln seines Nummernnachbars mit seinen vorgearbeitet hatte; der Vorschlag war: "Halbpart im Gewinst und Verlust beim Vogel und Kardinal". Diese Maskopei verdoppelte die Hoffnungen des Advokaten, indem sie solche halbierte.
Aber die zwei Waffenbruder brachten den ganzen Vormittag nicht einen bunten Splitter herunter; denn nur gefarbte Spane konnen Vogelschutzen, und nur ungefarbte konnen Wespen brauchen. Jeder hielt innerlich den andern fur seinen Ungluckvogel; denn in Sachen des Zufalls will lieber der Mensch nach aberglaubigen Grunden erklaren als gar nicht erklaren. Die flatterhafte babylonische Hure wich so sprode aus, dass der Haarkrausler einmal nahe am Kerle, der sie hin und her zog, vorbeiknallte.
Aber nachmittags traf er endlich mit seinem Kupidos-Pfeil ihr schwarzes Herz und also das Schwein dazu. Firmian erschrak fast: er sagte, er nehme von diesem Schwein, diesem Herzpolypen am Herzen des babylonischen Lustmadchen, nichts an als den Kopf, er musste denn selber etwas treffen. Jetzo stand nur noch der Vogel-Torso, gleichsam das Rumpfparlament, an die Stange gepfahlt, das die Kron-Lustigen zu dissolvieren suchten. Das Lauffeuer der Begeisterung ging jetzo von Brust zu Brust, von jedem Zundpulver aufgeschurt, das von einer Buchsenpfanne aufflog; und mit dem arkebusierten Vogel zitterten allemal die ubrigen Schutzen zugleich.
Ausgenommen den Hrn. von Meyern, der fortgegangen und da er alle Menschen, besonders unsern Helden in solchen Erwartungen sah zur Frau Siebenkas marschieret war, bei der er der Konig einer Konigin und mit mehr Gewissheit als ein Schutzenkonig zu werden hoffte. Das Augenglas, hinter dem er nach jenem Adler und nach dieser Taube zielte denn er hielts wie Pariser mitten in der Stube vor , sollt' ihm, dacht' er, wenigstens die Taube erlegen helfen. Aber ich und die Leser schleichen ihm nachher alle in die Siebenkasische Stube nach.
Die 70 Nummern hatten schon zweimal vergeblich zum Konigschusse geladen: der zahe Stummel auf der Stange regte sich kaum. Die armen zappelnden Menschenherzen wurden beinahe von jeder Kugel durchbohrt und erschuttert. Die Besorgnisse wuchsen, die Hoffnungen wuchsen; aber die Fluche am meisten, diese Stossgebete an den Teufel. Die Theologen hatten im 7ten Jahrzehent dieses Jahrhunderts den Teufel oft in der Feder, als sie ihn entweder leugneten oder behaupteten; aber die Kuhschnappler Schutzen weit mehr, besonders die Patrizier.
Seneca hat unter den Mitteln gegen den Zorn das einfachste ausgelassen: den Teufel. Die Kabbalisten ruhmen zwar die Heilkraft des Schemhamphorasch, eines entgegengesetzten Namens, sehr; aber ich sehe, dass das Fleck- und Scharlachfieber des Zorns, das man leicht aus dem Phantasieren des Patienten vermerkt, vielleicht ebensogut, als ob man Amulette umhinge, nachlasset und weicht, wenn man den Teufel anruft; in dessen Ermanglung die Alten, denen der Satan ganz fehlte, blosses Hersagen des Abc's anrieten, worin freilich der Name des Teufels mit schwimmt, aber in zu viele Buchstaben verdunnet. So erlosete auch das Wort Abrakadabra, diminuendo ausgesprochen, vom korperlichen Fieber. Wider das Entzundungfieber des Zorns mussen nun desto mehre Teufel genommen werden, je mehr materia peccans (Krankheitmaterie) durch die Absonderung des Mundes abzufuhren ist. Gegen den kleinen Unwillen ist "der Teufel!" oder "alle Teufel!" hinlanglich. Aber gegen das seitenstechende Fieber das Zorns wurd' ich schon "den Satan und seine hollische Grossmutter" verschreiben und das Mittel doch noch mit einem Adjuvans (Verstarkung) von einigen Donnerwettern und Sakramenten versetzen, da die Heilkrafte der elektrischen Materie so bekannt sind. Man braucht mir nicht zu sagen, dass gegen vollige Hund- oder Zornwut solche Gaben dieses spezifischen Mittels wenig verfangen; ich wurde allerdings einen Presshaften dieser Art "von allen Schock Teufeln fortfuhren und zerreissen" lassen. Immer bleibt der Teufel offizinell: denn da sein Stich uns in Zorn versetzt, so muss er selber dagegen genommen werden, wie man den Skorpionenstich durch zerquetschte Skorpionen heilt.
Der Tumult der Erwartung ruttelte die Edelleute mit der Groschengalerie des Staats in eins zusammen; die Edelleute oder Patrizier vergessen bei solchen Gelegenheiten so auch auf der Jagd, in okonomischen Geschaften , wer sie sind, namlich etwas Besseres als Burgerliche. Einem Edelmann sollt' es meines Erachtens nie aus dem Kopfe kommen, dass er sich zum Volke verhalte, wie die Schauspieler jetzo zum Chorus. Zu Thespis' Zeiten sang der Chorus die ganze Tragodie handelnd ab, und ein einziger Schauspieler, der Protagonist hiess, fugte einige Reden ohne Gesang uber die Tragodie hinzu Aschylus fuhrte einen zweiten ein, genannt Deuteragonist Sophokles gar einen dritten, den Tritagonisten Neuerer Zeiten blieben die Spieler stehen, und der Chorus wurde gar weggelassen, man musst' ihn denn als beklatschend in Rechnung bringen. So ist nach und nach auf der Erde, dem Nationaltheater der Menschheit, der Chorus oder das Volk weggeschoben worden nur mit mehr Vorteil als auf dem engern Theater und aus Spielern, wozu man besser die Protagonisten (Fursten), die Deuteragonisten (Minister) und die Tritagonisten (Grosse) angestellt, zu richtenden und klatschenden Zuschauern erhoben worden, und der athenische Chorus sitzt bequem auf dem Parterre neben dem Orchester und Theater unserer guten Haupt- und Staataktionen.
Es war schon 2 1/2 Uhr und der Nachmittag kurz; der lecke Vogel wankte nicht. Alle Welt schwur, der Schreiner, der ihn ausgebrutet aus dem Bloch, sei eine Kanaille und hab' ihn aus zahem Astholz gebauet. Endlich schien er sich entfarbt und geschunden zu senken. Der Friseur, der wie alle gemeine Leute nur gegen einzelne Personen, nicht gegen eine Gesellschaft gewissenhaft war, nahm jetzo ohne Bedenken statt der Doppelflinte heimlich doppelte Kugeln, eine fur sich, eine fur seinen Mitschutzen, um durch dieses Zersatzmittel den Adler niederzuschlagen. "Der Satan und seine hollische Grossmutter!" sagt' er nach dem Schusse und brauchte gehorig die obengedachte kuhlende Methode.
Er fusste nun auf seinen Mietmann und gab seine Buchse dazu her. Siebenkas platzte hinauf "alle Schock Teufel", sagte der Sachse, "sollen mich zerreissen!" wobei er die Dosis der Teufel wie der Kugeln ohne Not gegen sein Fieber verdoppelte.
Beide liessen nun mutlos ihre Hoffnungen wie ihre Buchsen sinken; denn es waren mehre Pratendenten an diesen Thron vorhanden, als man deren einmal unter dem Galienus zahlte, die auf den romischen wollten und deren nur dreissig waren. Die feuernde Septuaginta hielt abwechselnd entweder Schiessrohre oder Sehrohre in Handen, um zu sehen, dass dieses im Himmel hangende Sternbild mehr Kugeln einschliesse als das astronomische des Adlers. Alle Gesichter der Zuschauer waren gegen diese Keblah des Vogels gebreitet, wie die judischen nach dem ruinierten Jerusalem. Die alte Sabel sass ohne Kunden hinter ihrem Ladentisch voll Fressmittel und guckte selber hinauf. Die ersten Nummern gaben sich gar nicht die Muhe, ein Sukzessionpulver wieder auf die Pfanne zu schutten Firmian bejammerte die dumpfen im dicken Erdenblute schwimmenden Menschenherzen, fur die jetzo die untergehende Sonne und der gefarbte Himmel und die weite Erde unsichtbar waren oder vielmehr eingekrochen zu einem zerhackten Holzstrunk; das gewisseste Zeichen, dass ihre Herzen im ewigen Gefangnis des Bedurfnisses lagen, war, dass niemand eine witzige Anspielung auf den Vogel oder auf das Konigwerden machen konnte. Der Mensch kann nur an Dingen, die seine Seele ohne Ketten lassen, Ahnlichkeiten und Beziehungen wahrnehmen. Firmian dachte: dieser Vogel ist fur dieses Volk der wabre Vorlass mit dem Federspiel, den ich versteigert habe, und das Geld liegt als das Luder darauf. Er hatte aber doch drei Grunde, weswegen er gern Konig geworden ware erstlich um sich tot zu lachen uber seine Kronung zweitens seiner Lenette und drittens des Sachsen wegen.
Allmahlich feuerte die zweite Halfte der 70 Altesten ab, und die ersten Nummern luden wieder zum Spasse wenigstens. Kein Mensch schoss mehr ohne eine zwiespannige Ladung. Unsere zwei hanseatischen Bundner naherten sich wieder dem Schusse, und Siebenkas borgte sich, da der Abend immer dunkler wurde, ein scharferes Augenglas, das er, wie einen Finder am Teleskop, auf die Buchse schraubte.
Nro. 10 hob das Vogelpraparat aus der Angel, der Schiessklotz klebte nur noch durch seine Schwere daran, weil sie das Holz fast mit Blei gesattigt und inkrustieret hatten, so wie gewisse Quellen Holz in Eisen umsetzen.
Der Sachse durfte den Adler-Rumpf nur bestreifen, so fuhr der Stosser nieder, ja nur die Stange ach, der Abendwind durfte nur einmal stark ausschnauben. Er legte an zielte ewig (denn 50 fl. hingen jetzt in der Luft), druckte los das Zundkraut verloderte allein die Musikanten hielten schon die Trompeten waagrecht und die Notenblatter steilrecht die Jungen standen schon um die Stange und wollten das fallende Gerippe auffangen der Pritschenmeister konnte vor Erwartung keinen Spass mehr machen, und seine staunende Seele sass mit oben neben dem Federvieh der gepresste Haarkrausler druckte wieder ab das Zundkraut brannte wieder allein er schwitzte, gluhte, bebte, lud, zielte, druckte und schoss entweder zwei oder drei hassfurtische Ellen hoch uber den Vogel hinaus.
Er trat still und bleich und mit kalten Schweissen zuruck und tat keinen einzigen Fluch, ja ich vermute, er schickte einige heimliche Gebete ab, damit sein Bundgenoss das Federwildpret durch Gottesgnade erangelte.
Firmian trat hin, dachte mit Fleiss an etwas anderes, um seine pochende Erwartung anzuhalten zielte nach diesem im Abenddunkel schwebenden Anker seiner kleinen Sturme nicht lange feuerte sah den Block wie Fortunens Rad sich oben dreimal umkreisen und endlich losspringen und herunterfliegen...
Wie bei der Kronung der alten franzosischen Konige allzeit ein lebendiger Vogel in den Himmel flatterte; wie bei der Apotheose der romischen Kaiser ein Adler aus dem Scheiterhaufen gen Himmel stieg: so flog bei der Kronung meines Helden einer herunter.
Die Jungen und die Trompeten schrien der eine Teil des Volkes wollte den neuen Konig wissen und sehen, der andere stromte dem Hanswurste entgegen, der das zersplitterte Kugeln- Gehause und Besteck, den Adlerbauch, emporgehalten durch die Mitlaufer trug der Krausler lief schreiend entgegen: "vivat der Konig!" und sagte, er selber sei einer mit und Firmian trat still unter die Ture und war froh, aber geruhrt....
Jetzo ist es einmal Zeit, dass wir alle in die Stadt laufen und nachschauen, was Rosa, wahrend der Ehemann den Thron bestieg, bei der Frau desselben gewann, ob einen schonern oder einen Pranger, und wie viele Stufen er zu einem von beiden hinaufkam.
Rosa klopfte vor Lenettens Tur an und schritt sogleich hinein, damit sie nicht erst herauskame und sahe, wer da sei. Er habe sich von der Schutzengesellschaft losgerissen ihr Mann komme bald nach, und er erwarte ihn hier. Die Buchse desselben sei wieder recht glucklich: mit diesen Wahrheiten ging er der Erschrocknen entgegen, aber mit einem angenommenen vornehmen kalten Erdgurtel auf dem Gesicht. Er schritt gleichgultig in der Stube auf und ab. Er fragte, ob das Aprilwetter sie gesund lasse; ihn matt' es mit einem schleichenden Fieber ab. Lenette stand furchtsam am Fenster, mit den Augen halb auf der Strasse, halb auf der Stube. Er blickte im Vorbeigehen nach ihrem Nahtisch und nahm ein rundes papiernes Haubenmesser und eine Schere und legte alles wieder hin, weil ihn einige Nadelbriefe anzogen. "Das ist gar Numero 8", sagte er, "diese Nadeln sind viel zu gross Madam71. Man konnte die Kopfe zu Schrot Nro. 1 gebrauchen. Hier haben Sie Schrot Nro. 8, namlich einen Brief Nro. 1. Die Dame muss mir danken, an der Sie ihn verstecken."
Dann trat er schnell an sie und zog ein wenig unter ihrem Herzen, wo sie einen ganzen Kocher oder eine Dornhecke von Nadeln zum Verlage stecken hatte, eine kuhn und gleichgultig heraus, hielt sie ihr unter die Augen und sagte: "Sehen Sie die schlechte Verzinnung; jeder Stich damit schwart." Er warf die Nadel zum Fenster hinaus und machte Miene, die ubrigen Nadeln aus der Gegend des Herzens, worein das Schicksal ohnehin lauter ubel verzinnte druckte, herauszuziehen und wohl gar seinen Nadelbrief in dieses schone Nahkissen zu schieben. Aber sie sagte mit einer eiskalten Gegenwehr der Hand: "Geben Sie sich keine Muhe." "Ich wunschte", sagt' er und sah nach der Uhr, "Ihr Hr. Gemahl kame; der Konigschuss muss langst getan sein."
Er nahm wieder den papiernen Hauben-Karton und die Schere zur Hand, aber als sie ihm mit einem Blikke voll Sorge, er verderbe ihr Muster, nachsah, holt' er lieber ein in Hippokrene getauchtes poetisches Blatt heraus und schnitt es zum Zeitvertreib wie einen flachen Diamanten zu konzentrischen Herzen in einer Schneckenlinie. Er, der das Herz immer wie Auguren dem Opfervieh zu stehlen suchte, dem wie einer Koketten Herzen, wie Eidechsen die Schwanze, nachwuchsen, sooft er seines verloren, er hatte das Wort Herz, das die Deutschen und die Manner fast zu erwahnen scheuen, immer auf der Zunge oder Gemmenabdrucke davon in der Hand.
Ich glaube, er liess die Nadeln und die vollgereimten Herzen darum da, weil die Weiber immer mit Liebe an einen Abwesenden denken, dessen Nachlass ihnen vor Augen steht. Rosa gehorte unter die Menschen beiderlei Geschlechts, die uberall keinen Scharfsinn, keine Feinheit und keine Menschenkenntnis zeigen, ausser in der Liebe gegen ein fremdes Geschlecht.
Er katechisierte aus ihr jetzt allerhand Koch- und Waschrezepte heraus, die sie trotz ihrer frommen Einsilbigkeit mit aller Fulle von Wortern und Zutaten verschrieb. Zuletzt macht' er Anstalt zum Abzug und sagte: die Zuruckkunft ihres Gemahls war' ihm erwunscht, da er mit ihm uber eine gewisse Sache nicht gut draussen auf dem Schiessgraben unter soviel Leuten und im Beisein des Hrn. v. Blaise sprechen konne. "Ich komme wieder", setzt' er dazu, "aber die Hauptsache will ich Ihnen selber sagen", und setzte sich mit Stock und Hut vor sie hin. Er wollte eben anfangen, als er merkte, sie stehe: er legte alles weg, um ihr einen Stuhl gegenuberzustellen. Seine Nachbarschaft schmeichelte wenigstens ihrer Schneiderischen Haut; er roch paradiesisch, sein Schnupftuch war ein Bisambeutel und sein Kopf ein Rauchaltar oder eine vergrosserte Zibetkugel. So bemerket auch Shaw, dass das ganze Viperngeschlecht einen eignen Wohlgeruch ausdampfe.
Er hob an: sie errate leicht, dass es den fatalen Prozess mit dem Hrn. Heimlicher betreffe. Der Hr. Armenadvokat verdiene zwar in der Tat nicht, dass man sich fur ihn verwende, aber er habe eine treffliche Frau, die es verdiene. (Er druckte "treffliche" durch einen fluchtigen Handdruck mit Schwabacher.) Er habe das Verdienst, dass er den Hrn. v. Blaise zu einem dreimaligen Aufschub seines Neins gebracht, weil er selber bisher nicht mit dem Hrn. Advokaten sprechen konnen. Aber jetzo nach dem neuern Vorfalle, wo ein Pasquill des Hrn. Leibgebers, dessen Hand man gut kenne, an einer Ofenstatue des Hrn. Heimlichers zum Vorschein gekommen72, sei von des letzten Seite an ein Nachgeben oder gar an ein Herausgeben der Erbschaft nicht zu denken. Daruber aber blut' ihm nun das Herz, zumal da er seit seiner Kranklichkeit zu vielen Anteil an allem nehme; er wisse recht gut, in welche missliche Lage ihre (Lenettens) hausliche Verfassung durch diesen Prozess geraten, und er habe oft uber manches vergeblich geseufzet. Mit Freuden woll' er ihr daher, was sie zum Kostenverlage brauche, vorschiessen sie kenne ihn nur noch nicht und stelle sich das, was er allein fur sechs kuhschnappelsche Armenanstalten aus reiner Menschenliebe monatlich tue, vielleicht kaum vor, er habe aber seine Belege.
In der Tat zog er sechs Quittungen der Armenkommissionen heraus und hielt sie ihr hin. Ich wurde mich nicht als den unparteilichen Mann beweisen, fur welchen ich gelte, wenn ich nicht frei eingestande, dass der Venner einen gewissen Trieb wohlzutun und aufzuhelfen gegen Durftige jedes Alters und Geschlechtes von Jugend auf in Taten gezeigt, und dass eben das Bewusstsein einer solchen weitherzigen Handelweise gegenuber der engherzigen kargen in Kuhschnappel ihm einen gewissen besondern Stolz gegen die filzigen Richter seiner freigebigen Verfuhrungen zu eigen gemacht. Denn sein Gewissen gab ihm das Zeugnis, dass er diese Sunden erst beging, wenn er, seine Verwandlung aus einer Spinne in einen wohltatigen Edelstein ruckwarts umkehrend, wieder schillernde Gewebe spann und mit ihnen voll glanzender geweinter Tautropfen einiges fing.
Fur eine solche Frau vollends wie Lenette fuhr er fort tat' er wohl andere Dinge; und ein Beweis sei schon, dass er den Gesinnungen des Heimlichers gegen ihr Haus Trotz biete und dass er selber von ihrem Mann Reden verschluckt, die er wahrlich als Patrizius noch von niemand einzustecken gewohnt gewesen. "Fodern Sie doch Geld, beim Himmel, soviel Sie brauchen", beschloss er.
Die zitternde Lenette gluhte vor Scham uber die Enthullung ihrer Armut und ihres Verpfandens. Er suchte die Wogen in ihr durch einige Tropfen glattes Ol zu stillen und tadelte daher seine Braut in Baireuth vorlaufig: "Ich wunsche", sagt' er, "dass sie, die zu viel lieset und zu wenig arbeitet, in Ihre Schule der Haushaltung gehe. Wahrlich, eine Frau von solchen Reizen wie Sie, die sie selber nicht kennt, von solcher Geduld, von solchem hauslichen Fleisse sollte ein ganz anderes Haushalten zum Spielraum haben." Ihre Hand lag jetzo im Fussblock und Personalarrest der seinigen still; die Demut der Durftigkeit band ihr die Flugel, die Zunge und die Hande. Seine Freundschaft und seine Habsucht achteten bei Weibern keine Grenzsteine, die er alle diebisch auszuheben suchte; die meisten Manner gleichen in ihrem zerstorenden Hunger dem Haher, der die Nelke zerrupft, um den Nelkensamen aufzuhacken. Er druckte jetzt an ihr niedergesenktes Auge einen langen feuchten Blick der Liebe an, liess ihn da noch fest, wenn sie es aufhob, und brachte so absichtlich indem er die Augenlider gewaltsam offen hielt und noch dazu an ruhrende Sachen dachte mehr Tropfen aus der Augenhohle herauf als notig sind, kleinere Kolibris zu erlegen. Jede erlogene Ruhrung wurde in ihm, wie in guten Schauspielern, eine wahre und jede Schmeichelei ein Gefuhl der Achtung. Er fragte, als er Tropfen genug im Auge und genug Seufzer in der Brust verspurte: "Wissen Sie, warum ich weine?" Sie sah unschuldig- und gutmutig-erschreckend auf in seine Augen, und ihre tropften. "Daruber (fuhr er aufgemuntert fort), dass Sie kein so gutes Los haben, als Sie verdienen." Selbstischer Zwerg! jetzt hattest du die bange, in allen Tranen einer langen Vergangenheit ertrinkende Seele schonen sollen!
Aber er, der nur kunstlerische, fluchtige, winzige Vexierschmerzen und nie erwurgende Qualen kannte, schonte die Gequalte nicht. Was er indes zur Brucke von seinem Herzen in ihres machen wollte, den Kummer, das wurde gerade der Schlagbaum; ein Tanz oder irgendein frohlicher Taumel der Sinne hatte ihn bei dieser gemeinen rechtschaffnen Frau weiter gebracht als drei Kannen selbstischer Tranen. Er lud hoffend seinen bluhenden, mit Kummer betrachteten Kopf auf die Hande in ihren Schoss ab....
Aber Lenette schoss in die Hohe, so dass er kaum sich nachbringen konnte. Sie schauete ihm fragend in die Augen..... rechtschaffene Frauen mussen, glaub' ich, eine eigne Theorie uber die Blitze der Augen haben, um die gelben der Holle von den reinen des Himmels abzusondern der Wustling wusste von seinem Auge so wenig, wie Moses von seinem ganzen Antlitz, dass es blitze. Ihr Auge fuhr gleichsam vor dem versengenden fremden zuruck; es ist aber auch meine historische Pflicht- da so viele tausend Leser und ich selber auf den wehrlosen Everard eindringen , es nicht zu verbergen, dass Lenette den ganzen Abend die etwas rohen und freien Zeichnungen, die ihr der Schulrat Stiefel von den Kriegschauplatzen aller Wustlinge und besonders des gegenwartigen mit einer sehr breiten Reisskohle vorgezogen hatte, im Kopfe aufbreitete und uber jeden Ruck- und Vorschritt Rosas argwohnisch stutzte.
Und doch werd' ich jetzo dem armen Schelm mit jedem Worte schaden, das ich weiter schreibe; ja viele Damen, die aus den salischen Gesetzen oder aus Meiners wussten, dass man sonst geradeso viele Strafgelder gehen musste, wenn man die weiblichen Finger beruhrte, als wenn man den mannlichen mittlern weghieb namlich 15, Schillinge, diese Damen, die schon uber Rosas Finger-Drucken sich so sehr ereifert haben und es strafen wollen, diese werden vollends nicht zu versohnen sein, wenn ich fortfahre, weil sie aus Mallet73 wissen, dass sonst Leute, die wider fremden Willen kussten, durch Urtel und Recht Landes verwiesen wurden. Ja viele jetzige Weiber beharren noch auf der Strenge der altdeutschen Pandekten und verweisen den Lippendieb da in den Rechten74 Landesverweisung und Verstrickung an einen Ort einander ablosen und ersetzen zwar nicht aus dem Zimmer, aber sie zwingen ihn doch, darin zu bleiben; auf ahnliche Art verurteilen sie einen Schuldner, dem sie ihr Herz gegeben, und ders gar behalten will, zum Einlager im Torus.
Der aufspringende Rosa hatte nach seinem Fehlsprunge nichts zur Entschuldigung seines Fehlers mehr ubrig als die Vergrosserung desselben er umhalste demnach die marmorne Gottin.... Aber es steht mir eine Bemerkung im Weg, die ich vorher machen muss. Viele gute Schonen beschirmen namlich ihr Versagen durch Gewahren; sie leisten, um sich fur ihren tugendhaften Feldzug selber zu besolden, in kleinern Dingen keinen Widerstand, sie geben mehre Besitztumer und Verschanzungen von Kleidern und Worten preis, um geschickt dem Feinde zuvorzukommen und zu begegnen, so wie kluge Kommandanten die Vorstadte abbrennen, um oben in ihrer Festung besser zu fechten.
Ich machte diese Reflexion bloss, um zu bemerken, dass sie auf Lenetten gar nicht passe. Sie hatte mit ihrem engelreinen Geiste und Korper geradezu in den Himmel eintreten konnen, ohne sich erst umzukleiden; sie konnte ihr Auge, ihr Herz, ihren Anzug, alles mit hinauf nehmen, nur ihre Zunge nicht, die ungebildet und unbedachtsam war. Sie straubte sich also gegen die Hausdieberei, die Everard an ihren Lippen veruben wollte, auf eine Art, die fur einen so kleinen Obstdiebstahl zu ernsthaft und zu unhoflich war, und die es nicht so sehr gewesen ware, wenn Lenette sich des Schulrates grelle Weissagungen von Rosa hatte aus dem Kopfe so schlagen konnen.
Rosa hatte auf einen angenehmern Grad der Weigerung gerechnet. Seine Hartnackigkeit half ihm nichts gegen die grossere. Ein Muckenschwarm von leidenschaftlichen Entschlussen sauste betaubend um ihn. Aber da sie endlich sagte sie wirds vom Schulrat haben : "Gnadiger Herr, es steht ja in den hl. Zehn Geboten, du sollt dich nicht lassen gelusten nach deines Nachsten Weib": so tat er aus dem Kreuzwege zwischen Liebe und Groll einen langen Sprung in seine Tasche und holte einen welschen Strauss heraus. "So nehmen Sie nur, Sie Hassliche, Unerbittliche, nur diese Vergissmeinnicht zum Angedenken mehr begehr' ich beim Henker ja nicht!" Er hatte den Augenblick mehr begehrt, wenn sie ihn nahm; aber sie druckte wegsehend den seidnen Strauss mit zwei Handen zuruck. Jetzt wurde die Honigwabe der Liebe in seiner Seele zu echtem Honigessig gesauert; er wurde verflucht toll und warf die Blumen weit auf die Tafel hinuber und sagte: "Es sind Ihre versetzten Blumen selber ich hatte sie ausgeloset bei der Taxatrizin Sie mussen sie wohl behalten." Nun wich er von dannen, verbeugte sich aber, und die wunde Lenette tats auch.
Sie nahm den giftigen Strauss und besichtigte ihn am helleren Fenster ach ja wohl waren es die Rosen und die Rosenknospen, an deren Eisendornen gleichsam das Blut von zwei zerstochnen Herzen hing. Indes sie so weinend und erliegend und mehr betaubt als aufmerksam durchs Fenster sah, nahm sie es wunder, dass ihr Seelenpeiniger, der laut die Treppe hinabgeflogen war, doch nicht herauskam aus der Hausture. Nach langem aufmerksamen Lauern, worin die Angst wie ein Trost den Kummer uberschrie und die Zukunft die Vergangenheit, galoppierte pfeifend und mit der Hutspitze gen Himmel zielend der gekronte Haarkrausler daher und schrie einlaufend nur vorlaufig hinauf: "Frau Konigin!" Denn er musste vor allen Dingen in seine eigne Stube einbrechen und vier Leute auf einmal zu Konigen ausrufen und zu Koniginnen.
Es ist nun Pflicht, den Leser in den Winkel mitzunehmen, wo der Venner hockt. Er war von Lenetten geradesweges zur Peruckenmacherin hinabgestiegen im doppelten Sinn, eine jener gemeinen Frauen, die das ganze Jahr gar nicht daran denken denn kein Pferd muss so viel wegarbeiten wie sie , etwan untreu zu werden, und die es nur dann werden, sobald ein Versucher kommt, den sie weder locken noch fliehen, und die vielleicht beim nachsten Brotbacken den Vorgang wieder vergessen haben. Uberhaupt ist der Vorzug, den die meisten weiblichen Honoratiores ihrer Treue vor der Treue der hohern Damen geben, ebenso gross als zweifelhaft, da es in den mitt ern Standen nur wenige Versucher gibt und nur rohe dazu. Rosa war so wie der Erdwurm zehn Herzen75 fuhrt, die von einem Ende des Wurms bis zum andern langen innen mit ebensoviel Herzen besetzt und gefuttert, als es Arten von Weibern gibt; fur feine, plumpe, fromme, sittenlose, fur alle hatt' er sein besonderes Herz zur Hand. Denn wie Lessing und andere so oft den einseitigen Geschmack missbilligen und den Kunstrichtern einen allgemeinen predigen, der die Schonheiten aller Zeiten und Volker empfindet, ebenso dringen Weltleute auf einen allgemeinen Geschmack fur lebendige zweifussige Schonheiten, der keine Manier ausschliesset, und welchen alle letzen. Den hatte der Venner. In seiner Seele war ein solcher Unterschied zwischen seinen Empfindungen fur die Peruckenmacherin und zwischen denen fur Lenetten, dass er aus Rache gegen diese sich auf der Treppe vorsetzte, den Unterschied zu uberspringen und zur Hausherrin zu schleichen, deren engbrustiger Mann sich draussen fur eine andere Kronung konfoderierte und abarbeitete. Sophia (so hiess sie) hatte immer beim Buchbinder Perucken ausgekammt, wenn der Venner dort sass und Romane seines Lebens heften liess: da hatten beide einander durch Blicke alles gesagt, was keine fremden vertragt. Meyern trat mit der kuhnen Miene in die kinderlose Stube, die einen Epopoen-Dichter verriet, der sich uber den Anfang wegsetzt. In der Stube war ein Verschlag von Brettern, worin wenig oder nichts war kein Fenster, kein Stuhl, einige Warme aus der Stube, ein Wandschrank und das Bette des Paars.
Rosa hatte sich sogleich nach den ersten Komplimenten unter die Ture des Verschlags gestellet, weil er so spat nicht gern jedem vorbeilaufenden Auge denn die Strasse ging dem Fenster vorbei eine anstossige Vermutung mitgehen wollte. Auf einmal sah Sophie ihren Gatten um das Fenster rennen. Der Vorsatz einer Sunde verrat sich durch uberflussige Behutsamkeit: Rosa und Sophia fuhren so sehr uber den Renner zusammen, dass diese dem Edelmann riet, in den Verschlag zuruckzutreten, bis ihr Mann wieder auf den Schiessgraben zuruck sei. Der Venner stolperte ins Allerheiligste zuruck, und Sophie stellte sich unter die Pforte des Verschlags und tat da ihr Mann die Tur aufmachte und hereintrat , als wenn sie aus ihr herauskame, und zog sie hinter sich nach. Er hatte kaum die Standerhohung ausgesprudelt, als er mit der Klage entfloh: "Die droben weiss es gar nicht." Die Freude und ein schneller Trunk hatten seine lichtesten Gedanken mit einem Heerrauch entkraftet; er lief an die Treppe hinaus, schrie unten hinauf denn er wollte wieder zuruck zur Schutzen-Prozession : "Madam Siebenkasin!"- Sie eilte die Halfte herab und horte zitternd den frohen Bericht und warf ihm entweder als Maske der Freude oder als eine Frucht der grossern Liebe gegen den glucklichern Gatten oder als eine andere, der Freude gewohnliche Frucht der Angst die Frage hinab: ob Hr. v. Meyern noch drunten sei. "War er denn bei mir da?" sagt' er und seine Frau versetzte ungebeten unter der Stubenture "War er denn im Hause?" Lenette antwortete argwohnisch: "Hier oben aber er ist noch nicht hinaus."
Der Haarkrausler wurde misstrauisch denn Lungensuchtige trauen keiner Frau und halten, wie Kinder, jeden Schornsteinfeger fur den Teufel mit Hornern und sagte: "Es ist nicht richtig, Sophel!" Die kurze Hirnwassersucht vom heutigen Trinken und der halbe Anteil am Throne und an den 50 fl. verstarkten seinen Mut so sehr, dass er sich innerlich vorsetzte, den Venner auszuprugeln, wenn er ihn in einem gesetzwidrigen Winkel ertappte. Er machte demnach Entdeckreisen erstlich im Hausplatz, und seine Fahrte und Witterung war Rosas wohlduftender Kopf er folgte der Weihrauchwolkensaule in die Stube nach und merkte zuletzt, der Ariadnensfaden, der Wohlgeruch, werde immer dicker und hier unter diesen Blumen liege die Schlange, wie uberhaupt nach Plinius76 wohlriechende Walder Nattern beherbergen. Sophia wunschte sich in die unterste von Dantes Hollen hinab, aber im Grunde sass sie ja schon drunten. Dem Friseur leuchtete ein, dass ihm, halte sich der Venner einmal im zugeklappten Meisenkasten des Verschlages auf, dass ihm dann der Petz gewiss bleibe im Barenfang; und er sparte sich also bis zuletzt das Gucken in diesen auf. Es ist historisch gewiss, dass er ein Frisiereisen ergriff, um mit diesem Visitiereisen den Kubikinhalt des finstern Verschlags zu messen. Drinnen schwenkt' er im Dunkeln die Zange waagrecht, stiess aber an nichts. Darauf schob er die Sonde oder den Sucher in mehr als einen Ort hinein, zuerst ins Bette, dann unter das Bette, brauchte aber jedesmal die Vorsicht, dass er die Beisszange, die nicht gluhend war, auf- und zudruckte, falls etwan eine Locke im Finstern zwischen die beiden Tellereisen fiele. Der Kloben fing nur Luft. Jetzt kam er an einen Wand- und Kleiderschrank, dessen Ture seit sechs Jahren aufklaffte; denn da in diesem luderlichen Haushalten der Schlussel vor ebenso vielen Jahren verloren war, so musste das Einschnappen des Schlosses verhutet werden; aber heute war die Ture eng angezogen der schwitzende Venner tats und stand darin. Der Krausler druckte sie gar ins Schloss hinein, und jetzo war das Zuggarn uber die Wachtel gezogen.
Er konnte nun ruhig machen, was er wollte, und allen Geschaften gelassen vorstehen; denn der Venner konnte nicht 'raus.
Er sandte die blutrote widerbellende Sophia an den Schlosser und dessen Mauerbrecher ab; sie war aber des festen Vorsatzes, bloss eine Luge statt des Schlossers mitzubringen. Nach ihrem Abmarsch holt' er den Altreis Fecht herab, damit dieser zugleich der Zeuge und der Messhelfer dessen ware, was er im Schilde fuhrte. Der Schuhflicker schlich in die Stube nach. Der Hektiker ging in den Kanarienbauer hinaus und redete den im Bauer selber inhaftierten Vogel an, indem er mit der Zange an die Pforte der Engelsburg klopfte: "Gnadiger Herr, ich weiss, Sie sitzen darin regen Sie sich jetzo bin ich noch mutterseelenallein ich breche still mit der Zange den Schrank auf und lasse Sie fort." Er legte das Ohr an die Ture dieses Spandaus und sagte, als er den Arrestanten seufzen horte: "Sie schnaufen jetzo, gnadiger Herr denn ich lieg' an der Tur wenn der Schlosser kommt und aufbricht, so sehen wir Sie alle, und ich rufe das ganze Haus her. Ich verlange aber nur ein Geringes und lasse Sie im stillen herausspringen, bloss Ihren Hut will ich und einige Groschen Geld und Ihre Kundschaft."
Endlich klopfte der Baugefangne innen an seine Klosetture und sagte: "Ja, ich stecke hier innen. Lass' Er mich nur heraus, Er soll alles haben. Ich will von innen mit aufsprengen." Der Peruckenmacher und der Altreis setzten das Brechzeug am Sprachgitter des Burgverliesses an, und der Gefangne stiess von innen heraus; wahrend dem Erbrechen der Jubelpforte unterhandelte der Friseur weiter und verfallete den Klausner in die Kosten des Schlosserlohns und endlich setzte Rosa wie eine bewaffnete Pallas aus der geoffneten Stirnhohle ans Licht. "Ohne mich", sagte Fecht, "hatt's der Hausherr gar nicht aufgebracht."
Rosa machte grosse Augen uber diesen Neben-Erloser aus dem Personalarrest nahm den wohlriechenden Hut ab (den der berauschte Krausler auf seinen Kopf und also in den Realarrest setzte) warf beiden aus der Westentasche einige Tropfen vom goldnen Regen zu und eilte aus Furcht vor ihnen und dem Schlosser barkopfig im Finstern nach Hause. Der Friseur aber, dessen Scheitel nahe an der dreifachen Krone der vorigen Kaiser77 und der jetzigen Papste war denn der Vogel warf ihm die Krone zu, der Venner den Hut, und die Frau wollt' ihm auch etwas aufsetzen der Friseur ging wohlgemutet mit der neuen Martererkrone aus Filz, die er schon unter dem ganzen Schwenkschiessen dem Venner beneidet hatte, in den Schiessgraben hinaus, um wieder hereinzuziehen mit seinem Nebenkaiser unter seinen Reichskindern und Hintersassen.
Der Peruckenmacher nahm seinen einem Mitkonige anstandigern Hut vor dem koniglichen Bruder, Siebenkas, ab und erzahlt' ihm einiges. Der Heimlicher v. Blaise lachelte wie Domitian heute freundlicher als jemals, wobei dem Vogelkaiser nicht wohl ward; denn Freundlichkeit und Lacheln macht das Herz, wie spiritus nitri das Wasser, kalter, wenn es kalt, und warmer, wenn es warm war von einer solchen Freundlichkeit war nichts zu erwarten als ihr Widerspiel, wie in der alten Jurisprudenz78 die grossere Frommigkeit einer Frau bloss bedeutete, dass sie mit dem Teufel einen Bund gemacht. Aus den Marterwerkzeugen Christi wurden heilige Reliquien oft werden aus solchen Reliquien der Heiligen erst die Folterinstrumente. Der herrliche Zug ging unter dem nickenden Blitzen des ganzen wankenden Sternenhimmels, in den neue Sternbilder zerplatzender Raketen aufzogen. Die Nummern, die nach dem Konige den Schuss gehabt, feuerten in die Luft und salutierten mit dieser Kanonade gleichsam das konigliche Paar. Die zwei Konige gingen nebeneinander, und der zur Peruckenmacher-Innung zunftige konnte vor Freude und Bier nicht recht stehen, sondern hatte sich gern auf einen Thron gesetzt. Aber daruber, uber diese 70 Junger des Adlers und uber die zwei Reichsvikarien, versaumen wir ganz andere Dinge.
Namlich die Stadtsoldaten, die mit dabei sind eigentlich die Marktfleckensoldaten79. Ich will viel uber sie denken und nur halb so viel sagen. Eine Stadtmiliz, eine Landmiliz, besonders die kuhschnappelische, ist ein ernsthafter Heerbann, der bloss zum Verachten der Feinde gehalten wird, indem er ihnen unhoflich stets den Rucken, und was darunter ist, zukehrt, so wie auch eine gut geordnete Bibliothek nur Rucken zeiget. Hat der Feind Herz: so verehret der Heerbann wie der tapfere Sparter die Furcht; und wie Dichter und Schauspieler den Affekt selber heftig empfinden und vormachen mussen, den sie mitzuteilen wunschen, so sucht der besagte Bann das panische Schrecken erst selber zu zeigen, in das er Feinde versetzen will. Um nun einen solchen Kriegsknecht oder Friedenknecht in der Mimik des Erschreckens zu uben, wird er taglich am Tore erschreckt; man nennt es ablosen. Ein Friedenkamerad schreitet gegen das Schilderhaus und fangt Feld- und Friedengeschrei an und macht nahe vor seiner Nase feindliche Bewegungen; der wachhabende schreiet auch, macht noch einige Lebensbewegungen mit dem Gewehr und streckt es sodann und lauft davon; der Sieger aber behauptet in dem kurzen Winterfeldzuge das Schlachtfeld und nimmt den Wachtrock um, den er jenem als Beute ausgezogen. Allein damit nicht einer allein auf Kosten der andern erschrocken werde: so wechseln sie mit dem Siegen ab. Ein solcher Krieger voll Gottesfrieden kann oft im Kriege sehr gefahrlich werden, wenn er gerade im Laufen ist und sein Gewehr mit dem Bajonett zu weit wegwirft und so den zu kuhnen Nachsetzer harpuniert. Kostbare Milizen dieser Art werden zu ihrer grossren Sicherheit an offentliche Platze, wo sie unverletzlich sind, z.B. unter die Tore gestellt, und so werden solche Harpunierer recht gut von der Stadt und ihrem Tor bewacht; wiewohl ich doch oft, wenn ich vorbeiging, gewunschet habe, man sollte einem solchen Ritterakademisten einen starken Knuttel in die Hande geben, damit er etwas hatte, womit er sich widersetzen konnte, falls ihm ein Durchreisender sein Gewehr nehmen wollte.
Manchem wird es vorkommen, als ob ich auf diese Art die Mangel der Landmilizen nur kunstlich verdeckte, und ich mache mich darauf gefasset; aber es ist nicht schwer einzusehen, dass dieses Lob auch auf alle kleine, auf der Furstenbank stehende Heere reiche, die angeworben werden, damit sie anwerben. Ich will mich daruber jetzt auslassen. Villaume gibt Erziehern den Rat, die Kinder "Soldatens" spielen zu lehren, sie exerzieren und Wache stehen zu lassen, um sie durch dieses Spiel an gelenke und feste Stellungen des Korpers und Geistes zu gewohnen, d.h. um sie geradezurichten und abzuharten. In Campens Institut ist dieses Soldatenspiel schon lange fur Eleven im Schwung. War es denn aber Hrn. Villaume so wenig bekannt, dass diese Schulexerzitien, die er uns vorschlagt, schon langst von jedem guten kleinen Reichsfursten eingefuhret waren? Glaubt er denn, es ist etwas Neues, wenn ich ihn versichere, dass die Fursten junge starke Kerle, sobald sie die heilige Lange haben, abholen und exerzieren lassen, um ihre Landeskinder mores, Stellung und alles zu lehren, was in der Kreuz- und Furstenschule des Staats erlernet werden muss? In der Tat verstehen oft in den winzigsten Furstentumern und Reichsgauen die Soldaten alles, was zu wirklichen gehort: sie prasentieren ihr Gewehr, stehen aufrecht an Portalen und konnen rauchen, wenn nicht feuern, lauter Dinge, die ein Pudel leicht erlernt, aber ein Bauerntolpel schwer. Ich leit' es aus diesen Kriegubungen her, dass sich viele sonst gescheute Manner bereden liessen, die Vexier-Soldateska kleiner Reichsstande fur eine wirkliche ernsthafte zu halten, da sie doch sonst hatten sehen mussen, dass mit so kleinen Heeren weder ein kleines Land zu verteidigen noch ein grosses anzufallen sei und dass es auch dieses gar nicht brauche, weil in Deutschland die Paritat der Religionen schon die Paritat der Machte vertritt. Hunger, Frost, Blosse, Strapazen sind die Vorteile, welche Villaume durch das Soldatenspiel seinen Zoglingen als ebenso viele Schulen der Geduld zu schaffen meint; das sind aber eben gerade die Vorteile, die die Staats-Realschule fur die obengedachten jungen Kerle und noch besser als Villaume gewinnt, und darauf zweckt ja alles ab. Es ist mir recht gut bekannt, dass haufig ein Drittel des Landes gar nicht zum Soldaten gemacht und mithin in nichts geubt wird; es ist aber auch das wahr, dass, wenn es nur einmal so weit gebracht ist, dass zwei Drittel des Landes die Flinte statt der Sense auf der Achsel haben, dass alsdann dem letzten Drittel, weil es betrachtlich weniger zu mahen, zu dreschen und zu leben hat, die gedachten Vorteile (des Hungers etc.) fast gratis zuwachsen, ohne dass das Drittel einen einzigen Schuss tut. Man vervielfaltige nur in einem Lande in einem Landchen in einer Land- in einer Mark- in einer Grafschaft die Kasernen in hinreichender Anzahl: so werden sich von selber die restierenden Hauser als Fuggereien und Wirtschaftgebaude um die Kasernen anlegen, ja als echte Kloster, worin die drei KlosterGelubde es ist niemand Pater Provinzial als der Furst nicht sowohl abgelegt als gut gehalten werden.
Wir horen jetzt die zwei Reichsvikarien in ihre Behausung treten. Der Friseur zuchtigt seine Frau mit nichts als mit dem Rapport der Sache und zeigt ihr den Hut. Der Advokat belohnte die seinige mit dem Kusse, den sie andern Lippen abgeschlagen. Sie machte ihm, wenn nicht mit der Erzahlung, doch mit der Erzahlerin eine Freude und versteckte uberhaupt nichts als den italienischen Strauss und dessen Erwahnung sie wollte seinen frohen Abend nicht truben und ihn nicht auf die Schmerzen und Vorwurfe jenes andern bringen, wo sie es verpfandete. Ich hatte mit vielen Lesern erwartet, Lenette werde die Botschaft der Thronbesteigung viel zu kaltsinnig aufnehmen sie betrog uns alle: viel zu freudig tat sie's; aber aus zwei guten Grunden: sie hatte die Nachricht schon vor einer Stunde erhalten, und also hatte das erste weibliche Trauern uber eine Freude der Freude daruber schon Platz gemacht; denn Weiber gleichen dem Warmmesser, der in einer schnellen Warme einige Grade sinket, eh' er um viele ordentlich steigt. Der zweite Grund, der sie so nachgiebig und teilnehmend machte, war ihr beschamendes Bewusstsein des vorigen Besuchs und des verhehlten Strausses; denn man ist oft hart, weil man stark war, und ubt Duldung weil man sie braucht. Nun wunsch' ich der ganzen konigl. Familie wohl zu schlafen und gesund im achten Kapitel zu erwachen.
Achtes Kapitel
Bedenklichkeiten gegen das Schuldenbezahlen die
reiche Armut am Sonntag Thronfeierlichkeiten
welsche Blumen auf dem Grabe neue
Distel-Setzlinge des Zanks
Siebenkas, ein Konig und doch ein Armenadvokat und holzersparendes Mitglied, stand den Morgen als ein Mann auf, der, die Spesen etc. abgerechnet, bare 40 fl. frk. jede Stunde auf den Tisch legen konnte. Er genoss den ganzen Vormittag das fur Tugendhafte mit einem besondern Reize versetzte Vergnugen, Schulden abzutragen erstlich beim Sachsen die Hausmiete bei den Fleischern, Backern und andern Krankenwartern unserer durftigen Maschine die kleinen Duodezrechnungen. Denn er glich den vornehmsten Personen, die von den geringsten nur Lebenmittel borgen und kein Geld, wie manche Richter nur mit jenen, nicht mit diesem zu bestechen sind.
Dass er ubrigens seine Schulden abfuhrt, kann ihm keiner verdenken, der weiss, dass er von geringem oder gar keinem Herkommen ist. Von einem Manne von Stande erwartet man als seiner anstandiger, dass er seine Zinsen nicht bezahle wozu ihn schon die Kreuzzuge verbinden, in welchen seine altern Ahnen mit dienten und folglich, bloss unter den Romischen Stuhl eingepfarret, nichts zu verzinsen brauchten , am wenigsten seine Schuldposten. Denn einem Mann von feinem Ehrgefuhle, z.B. einem Hofmann, etwas borgen, heisset dasselbe mehr oder weniger versehren. Diese Beleidigung seines Gefuhls sucht der feine Mann zu verzeihen und will sich also die ganze Beleidigung samt ihren Umstanden ganz aus dem Sinne schlagen; erinnert ihn der Beleidiger seines Ehrgefuhls daran, so stellet er sich mit wahrer Feinheit, als wiss' er kaum, dass er beleidigt worden. Hingegen rohe Landjunker und Offiziere auf dem Marsch zahlen wirklich aus und schlagen sich wie in Algier, wo jeder Munzgerechtigkeit hat die Munzsorten dazu selber. Auf Malta ist eine lederne Munze, von 16 Sous im Wert, gang und gabe, deren Randschrift heisset: non aes sed fides80; diese juchtene Munze, wiewohl nicht rund, sondern lang ausgepragt wie spartisches Geld daher sie noch haufiger unter dem Namen der Hund- und Reitpeitschen vorkommt , zahlen Landsassen und Personen vom Dorfadel ihren Kutschern, Juden, Schreinern und andern Leuten, denen sie schulden, so lange auf, bis Glaubigere befriedigt sind. Ja ich stand schon am Tische und sah, dass Offiziere, die auf Ehre hielten, den Degen von der Wand oder Hufte nahmen und damit dem Stiefelwichser, der sein Geld wollte, es in gedachter antiquarischer Rechenmunze und schon bei den tapfern Spartern waren Waffen zugleich Munzen wirklich hinzahlten, wobei noch dazu der Mann viel besser gewichset wurde als die meisten Stulpenstiefel, wofur er einfoderte. Und sollt' es, im ganzen und moralisch gesprochen, ein Fehler sein, wenn auch Militarpersonen vom hochsten Range ihre kleinern Schulden abfuhren und oft dem winzigsten Schneidermeister, der Metall begehrt, die eiserne Elle aus den Handen nehmen und ihm indem sie ihn noch dazu gerade mit dem Masse messen, womit er sie und ihre Pelze mass nicht blosse Rechenmunzen oder auch Assignaten, sondern ein Metall, welches das reiche Peru nicht hatte, namlich besagtes Eisen, als gutes Geld, wenn nicht in die Hand drucken, doch an einen Ort, der Konkursmassen tragen kann? Wenigstens hatten die Briten keine andere Munze als lange Eisenstabe; kurzer ist die arabische Munze von Draht, Larin genannt, einen Zoll lang, 16 kr. im Wert (s. Eulers Wechselenzyklopadie). Auf Sumatra sind die Schadel der Feinde unsere Louisdor und die Kopf-Stucke; sogar dieses Schatzgeld, den feindlichen Schadel des Professionisten, der etwas geliefert hat, greift oft der edlere Schuldner an, nur um diesem genugzutun. In der Kautelarjurisprudenz und im allerneuesten preuss. Gesetzbuch fehlet gleichwohl die Kautel: dass ein Glaubiger sich im Schuldschein sogleich ausbedingen solle, in welcher von den zwei gangbaren und alternierenden Geldsorten er von seinem hohen Gemeinschuldner wolle befriedigt werden, ob in Metall oder in Prugeln......
Siebenkas hatte diesen Donnerstags-Morgen eine kitzelnde Disputierubung uber das halbe Herz oder halbe Schwein des Kardinalprotektors, das ihm der Unterkonig, der Friseur, aufdringen wollte, um gewisser den halben Konigschuss zu bekommen. Als der Sachse den Schuss hatte, die 25 fl., stritt er kalter und liess sich endlich gefallen, dass kunftigen Sonntag das gehalftete Tier oben in Firmians Stube von ihm, von den ubrigen Hausleuten und von den zwei SchutzenLandesvatern und muttern in Gesellschaft des Schulrates rein wie ein judisches Osterlamm sollte aufgezehret werden.
Die Blumengottin unserer Tage nahm jetzo einige Finger spitzen voll Gesame jener Blumen, die schnell aufgehen und die, wie die Christwurzel oder Niesswurz, im jetzigen Dezember bluhen, und saete sie neben den Steig, den Firmian am haufigsten ging. Aber wie lange, Freudiger! wird die erzwungne Blute an deinen Tagen hangen bleiben? Und wird es deinem philosophischern Dianens- und Brotbaum, der an der Stelle der Klageiche gesetzet ist, nicht wie anderen abgehauenen Baumen ergehen, die man auch am Andreastage in die Stube und in Kalkwasser pflanzt und die nach einem fluchtigen Ertrag von gelbem Laub und dumpfer Blute auf immer verschmachten?
Den Schlaf, den Reichtum und die Gesundheit geniesset man nur, wenn sie unterbrochen worden; bloss in den ersten Tagen, nachdem die Burde der Armut oder Krankheit abgeladen ist, tut dem Menschen das Aufrechtstehen und das freie Atmen am sanftesten. Diese Tage wahrten bei unserem Firmian bis zum Sonntag. Er mauerte einen ganzen Kubikfuss von der Teufelsmauer in seiner Auswahl aus des Teufels Papieren auf er rezensierte er prozessierte er wachte listig uber den Hausfrieden, den die Einlosung der Pfander hatte storen konnen. Das will ich zuerst erzahlen, und dann erst das Platos-Gastmahl am Sonntag. Er handelte namlich schon am Konigtage eine Dutzenduhr fur 21 fl. an sich, um sein Geld nicht nach und nach auszugeben; er wollte uberhaupt einen Hoffnunganker in die Uhrtasche auswerfen. Als nun die Frau darauf antrug, die Salatiere, die Heringschussel und andere Pfander auszulosen, und da das nicht mit Kussen, sondern mit seinem halben Kapitale geschehen musste, so sagt' er: "Ich bin zwar nicht dafur in kurzem tragt sie die alte Sabel wieder fort aber wenn du willt, so tu es immer, ich stelle dirs frei." Hatt' er sie bekriegt, er hatte gemusst; so aber, da er ihr das meiste Geld in ihren Beutelhulfter goss und da sie die wachsende Ebbe taglich anzeichnete und da sie sich alle Tage an die Auslosung machen konnte: so machte sie sich eben nicht daran. Die Weiber schieben gern auf, und die Manner fahren gern zu; bei jenen gewinnt man durch Geduld, bei diesen, z.B. bei Ministern, durch Ungeduld. Ich erinnere hier alle deutsche Ehemanner, die etwas nicht auslosen wollen, noch einmal daran, dass ichs ihnen klar gesagt habe, wie sie mit ihren schonen Widerbellerinnen umzuspringen haben.
Jeden Morgen sagte sie: "Ei wahrlich, wir sollten doch einmal nach unsern Tellern schicken." Und er antiphonierte: "Meinetwegen nicht, ich lobe dich eher deswegen." So gestaltete er seinen Wunsch in ein fremdes Verdienst um. Firmian hatte Kenntnis des Menschen, nicht der Menschen er war bei jedem neuen Weibe verlegen, aber nicht bei einem alten wusste genau, wie man unter gebildeten Leuten sprechen, gehen, stehen musse, bracht' es aber nicht nach nahm jede fremde aussere und innere Unbehulflichkeit wahr und behielt seine wurde, wenn er seine Bekannten Jahre lang mit Welt und Uberlegenheit behandelt hatte, erst auf Reisen innen, dass er, unahnlich dem Weltmann, uber Unbekannte nichts vermoge. Was soll ich viel Worte machen? Er war ein Gelehrter.
Inzwischen war' er doch vor dem Sonntage, mit allen seinen Friedenpredigten und Friedenvertragen in der Brust, wieder in einen hauslichen Frosch- und Mausekrieg unversehens hineingetappt. Es ist namlich Tatsache, aus seinem eignen Munde entnommen, dass er, als Lenette unaufhorlich ihre Hande und Arme und damit zugleich hundert andere Sachen wusch, obgleich mehr mit kaltem Wasser, weil unmoglich in einem fort warmes dazu dastehen konnte, dass er, sag' ich, weiter nichts mit der allersanftesten Stimme in der Welt tat als die wahrhaft freudige Frage: "Das kalte Wasser erkaltet dich also gar nicht?" "Nein", sagte sie in einem gedehnten Tone. "Warm macht dichs vielmehr?" fuhr er fort. "Ja":, sagte sie in einem abgeschnappten. Sitten- und Seelenlehrer sind wider mein Erwarten sehr zuruck, sowohl in der allgemeinen Seelengeschichte als in der besondern dieses Buchs, welche sich uber die halbgrollende Antwort auf eine so milde Frage besonders verwundern. Lenette wusste namlich langst recht gut, dass der Advokat, gleich Sokrates, gewohnlich mit den sanftesten Lauten, wie Sparter mit Floten, seinen Krieg anfing, ja sogar fortfuhrte, um gleich jenem, bei sich zu bleiben; sie besorgte daher auch diesesmal, dass der Flotentext eine Kriegerklarung gegen die weibliche Regierform enthalte, die ihre Arbeitbezirke nach Waschwassern, wie das jetzige Bayern seine Landkreise nach Flussen, einteilt. "Aus welcher Tonart", fluchte daher der Advokat ofters, "soll nun ein Ehemann sein Stuck spielen, wenn zuletzt die weiche wie die harte klingt, frag' ich jeden?"
Aber diesesmal war er gerade mit der grossten Milde auf nichts Hartes ausgewesen, sondern auf eine Vorrede zu einem richtigen Erziehsystem kindlicher Leiber. Denn er fuhr nach ihrer Antwort fort: "Damit erfreuest du mich wahrhaft. Hatten wir Kinder, so seh' ich, du wurdest sie nach deiner Methode immer waschen, und zwar kalt und uber den ganzen Leib; das aber starkte, da es so warmte." Sie hielt ohne alle Antwort bloss die Hande zum Siegen gefaltet in die Hohe, wie jener biblische Prophet; denn ein kaltes Baden der Kinder war ihr nichts als ein Blutbad durch einen Herodes. Viel heller setzte jetzt Firmian seine Abhart- und Abgleichmethode der Erziehung ins Licht; viel heisser straubte sich die Frau mit allem ihrem Gefieder dagegen auf, bis beide endlich durch gegenseitige, geschickte Entwicklung des mannlichen und des weiblichen Erziehwesens weit genug gekommen waren, um als ein Paar Zephyrsturme gegeneinander aufzustehen, hatte nicht der Ehemann die Frage wie einen herrlichen Freischuss getan: "Wetter! haben wir denn Kinder? Warum machen wir uns denn voreinander selber lacherlich?"
Lenette versetzte: "Ich sprach nur von fremden Kindern."
Also, wie gesagt, brach kein Krieg aus, sondern vielmehr der friedliche Sonntag herein samt den Gasten, die das halbierte warme Herz oder Schwein der babylonischen Hure oder des Kardinalprotektors gewinnen und verspeisen wollen. Es war uberhaupt, als wenn jetzo ein gunstiger Stern der drei Weisen auf diesem Haus voll Hausarme stehen wollte; denn schon Freitags zuvor hatte ein Sturmwind den halben Rats-Forst glucklicherweise eingerissen und fur alle Arme den Advent-Weg so glanzend mit Zweigen und den daran hangenden Baumen uberstreuet, dass die ganze Forstdienerschaft der Ahrenlese einer solchen Weinernte nicht zu wehren vermochte; seit Jahren lag im Merbitzerschen Hause nicht so viel Holz als am Sonntage, teils gekauftes, teils kuhn geholtes.
Ist nun schon an sich ein Sonntag der Sonnen-, Mond- und Sternentag in einer Armenkaserne, wo der Mensch seine paar Bissen, seine paar Glanzkleider, seine zwolf Sitz- und zwolf Liegstunden hat und die notigen Nachbarn zum Gesprach: so lasst sich wohl denken, wie vollends in Merbitzers Hause der Sonntag aufgetreten, wo jedermann ein halbes Schwein schon so ausgemacht und umsonst im Maule hatte als vorher die Predigt im Ohr, weil der vornehmste Mietmann im Hause die Kronfeierlichkeiten als SchutzenSouveran nirgends begehen wollte als am Tische unter lauter Handwerkern.
Schon vor dem ersten Kirchengelaute war die alte Sabel da. Der Kronschatz des Schiesskonigs vertrug es ganz wohl, sie als Erbkuchenmeisterin neben der Konigin Lenette fur einige Kreuzer und einige Nebenteller anzustellen. Der Konigin selber kam jene uberflussig und wie eine Neben- oder zweite Konigin vor und im Schachbrett bekommt wirklich ein Konig zwei Koniginnen, wenn man eine Bauerfigur in die Dame bringt und er die erste Konigin noch hat, was dasselbe ist, wenn es unter einem wahren Thronhimmel geschieht ; denn Lenette hatte als wahre homerische und grosskarolinische Furstin am liebsten ganz allein gewaschen, gekocht und aufgesetzt. Der Schutzen-Souveran selber verliess das laute staubende Thron- und Baugeruste des Tags und durchstrich in einem Schanzlooper selig und frei die weite grune Ebene des stillen blauen Spatherbstes, aufgehalten von keinen durren Verbietreisern und Wache stehenden Strohwischen und keine dickern Sperrstricke durchreissend als die Faden der Spinne. Nie spazieren Gatten gemutlicher und gemachlicher im Freien, ja sogar in fremden Stuben auf und ab, als wenn in ihren die Stampf- und Zuckermuhlen und die Fegemuhlen arbeiten und toben und sie sich fur ihre Heimkunft den reinsten Mahlschatz aller Muhlgange versprechen. Mit einem dichterischen Idyllenauge schauete der Advokat aus seinen stillen Wiesen in die ferne Larmstube voll Pfannen und Hackmesser und Besen hinein und ergotzte sich wahrhaft an dem ruhigen Anschauen der fernen umherfahrenden Betriebsamkeit und an dem Hineintraumen in die freudigen Zungentraume der heisshungerigen Tischgesellschaft bis er auf einmal rot und heiss wurde: "Da tust du was Rechtes", redete er sich selber an; "das kann ich auch; aber die arme Frau fegt und kocht sich zu Hause ab, und niemand erkennt ihr Verdienst." Nun konnt' er wohl nicht weniger leisten als einen recht starken Eid, dass er, was er auch daheim geruckt und gebugelt finde, alles im hochsten Grade genehmigen und erheben wolle ohne weiteres.
Die Geschichte bestatigte es auch zu seinem Ruhme, dass, als er bei seiner Heimkunft sein Buchergestelle abgeburstet und sein Dintenfass aussen weiss gewaschen und alle seine Sachen in Ordnung, jedoch in einer neuen gefunden, er ohne das geringste Auffahren Lenetten freundlich lobte und sagte: sie habe wie aus seiner Seele gewirtschaftet und gefegt; denn gerade vor gemeinen Frauen, von denen heute ein Dreizack von Hollenrichterinnen81 erscheine, konne man nicht geburstet und gleissend genug auftreten daher er ihr absichtlich heute die General-Intendantur des Theaters uberlassen , indes sie bei gelehrten Mannern, wie Stiefel oder er selber, sich vergeblich in die beste englische Kratz- und Krempel- und Streichmaschine der Stube umsetze, weil solche Manner bei ihren hohen Gedanken auf dergleichen notige Kleinigkeiten gar nicht herunter sahen.
Aber wie leitete durch diese schone Stimmung der Prasident des Esskongresses alles lieblich und lustig ein, noch ehe der Kongress nur ankam. Nun vollends noch nachher! Wenn die dreizehn Vereinigten Staaten, namlich ihre dreizehn Deputierten miteinander an einem runden Tisch auf etwas, das sie ausgemacht, noch ein Abendmahl nehmen und durch diese Deputierte wird wenigstens so viel ausgemacht, dass, wenn dreizehn Leute an einem Tische speisen, der dreizehnte darum nicht sterbe : so halten es die vereinigten Freistaaten, weil sie aus dreizehn Kassen spielen, leicht aus, dass ihre Abgeordnete so traktieret werden wie Firmians Leute in seiner Stube. Es ist angenehm, das Weidvieh grasen zu sehen, aber nicht den Nebukadnezar, sobald er als eines herumgeht; und so ist es nur widrig, den feinern Mann, nicht aber das arme Volk mit zu vieler Lust auf der Wiese des Magens, am Esstisch, weiden zu sehen. Sie waren alle einig, sogar alle Eheleute; denn es ist der Hauptzug des gemeinen Volks, einander in 24 Stunden 12 Friedeninstrumente und ebensoviele Kriegerklarungen zu schicken und besonders jedes Essen zu einem Liebeund Versohnmahle zu veredeln. Firmian sah in gemeinen Leuten gleichsam eine stehende Truppe, die Shakespeares Lustspiele gab, und er glaubte hundertmal, dieser Theaterdichter sei der unsichtbare Souffleur derselben. Firmian hatte schon lange nach dem Vergnugen geschmachtet, eine Freude zu haben, von der er an arme Personen etwas weggeben konnte; er beneidete den reichen Briten, der fur eine Schenke voll Taglohner die Zeche bezahlt oder der wie Casar eine Hauptstadt freihalt. Der Hausarme gibt dem Strassenarmen, der eine Lazzarone dem andern, wie Schaltiere der Wohnplatz anderer Schaltiere und Regenwurmer die Wohnerde kleinerer Wurmer sind.
Abends kam der Pelzstiefel, der zu gelehrt war, um zwischen ungelehrten Plebejern Schweinfleisch oder einen Scheffel Salz zu essen. Nun konnte doch Siebenkas wieder einen Einfall haben, den niemand verstand als Stiefel. Er konnte doch den Staaten-Perpendikel, den Zepter, und die bunte Glaskugel des Reichsapfels auf den Tisch legen und als Ess- und Vogelkonig82 sagen, sein langes Flughaar diene ihm, wie den frankischen Konigen, statt der Krone, die sein Hausherr geschossen er konnte behaupten, die Einrichtung, dass bloss der, unter dessen Handen der Adler stirbt, Konig werde, das sei offenbar eine Nachahmung des Ordens der fratricellorum Beghardorum, die nur den, in dessen Handen ein Kind umkam, zum Papst ernannten83 er konne zwar uber den Reichsmarktflecken Kuhschnappel nicht so lange, sondern 14 Tage kurzer regieren, wie der Konig in Preussen uber das Reichsstift Elten, der daruber jahrlich 15 Tage herrsche er habe zwar eine Krone mit Einkunften, die sehr herabgesetzt und in Wahrheit um die Halfte beschnitten waren, und gleiche zu sehr dem grossen Mogul, der sonst jahrlich 226 Millionen einnahm und jetzo nur das Einhundertunddreizehntel davon aber bei seiner Kronung sei doch statt aller schlimmen Gefangnen ein einziger guter losgelassen worden, er selber und er sei wie Peter II. von Aragonien mit nichts Schlechterem gekront worden als mit Brot84 unter seiner ephemerischen Regierung sei niemand gekopft, bestohlen oder totgeschlagen worden, und was ihn am meisten freue, er stelle einen Fursten der alten Deutschen vor, der freie Leute beherrschte, verteidigte und vermehrte und selber darunter gehorte etc.
Die Kehlen in diesem koniglichen Appartement wurden gegen Abend hin immer lauter und trockner die Rauchfange am Munde, die Pfeifen, machten die Stube zu einem Wolkenhimmel und die Kopfe zu Freudenhimmeln draussen lag die Herbstsonne mit geflammten warmen Flugeln auf der nackten kalten Erde, um den Fruhling eher auszubruten die Gaste hatten die Quinterne, namlich die 5 Treffer der 5 Sinne, aus den 90 Nummern oder 90 Jahren des Lebenslotto gezogen jedes darbende Auge funkelte, und in Firmians Seele trieben die Knospen der Freude alle ihre Haute auseinander und schwollen bluhend heraus Die tiefe Freude fuhrt allezeit die Liebe an ihrer Hand, und Firmian sehnte sich heute unaussprechlich mit seinem freudetrunkenen schweren Herzen an Lenetten ihres, um an ihrer Brust alles zu vergessen, was ihm mangelte, oder auch ihr.
Alle diese Umstande wehten ihm einen sonderbaren Einfall in den Kopf. Er wollte namlich das verpfandete seidene Blumenwerk heute auslosen und es draussen in irgendeine schwarze Statte pflanzen, an die er Lenetten noch abends und war' es in der Nacht scherzend fuhren wollte, um sie in ein schones frohes Erstaunen uber solche Bluten zu setzen. Er schlich sich auf den Weg zum Leihhaus; aber da jeder Entschluss anfangs mit einem winzigen Funken in uns anfangt und mit breiten Blitzen beschliesset so besserte er unterwegs den Vorsatz der Auslosung in den ganz andern um, sich wabre naturliche Blumen zu erhandeln und diese als ein Ziel in den nachtlichen Spazierweg einzustecken. Weisse und rote Rosen konnt' er aus dem Treibhause eines Hofgartners des Fursten von Ottingen-Spielberg, der erst in den Ort gezogen war, leicht bekommen. Er ging um die mit Bluten verhangnen steilrechten Glasdacher herum und zum Gartner und erhielt, was er wollte, bloss keine Vergissmeinnicht, die der Mann naturlich den Wiesen uberlassen hatte. Und Vergissmeinnicht waren zur Runde der liebevollen Illusion unentbehrlich. Er ging daher mit dem authentischen Herbstflor zur Taxatrizin, in deren Handen seine Seidenpflanzen waren, um die toten tauben Kokons-Vergissmeinnicht in lebende Rosen einzubinden. Als er hinkam und die Frau darum anging: vernahm er staunend, in seinem Namen habe das Pfand schon der Hr. v. Meyern eingeloset und mitgenommen und ein so grosses Pfandgeld dagelassen, dass sie sich bei dem Advokaten noch heute bedankte. Es gehorte der ganze Widerstand eines mit Liebe gestarkten Herzens dazu, dass er dem Venner nicht noch heute mit einem Sturm uber den krieglistigen Pfandraub ins Haus lief, weil er kaum den freilich irrigen und nur durch Lenettens Verschweigen der Ubergabe erzeugten Gedanken aushalten konnte, dass zwischen Rosas diebischen Ringfingern das schone Pfand seiner reinen Liebe bluhe. Auch die schuldlose Betrogne, die Taxatrizin, ware anzufahren gewesen an einem andern, nicht so liebund freudevollen Tage; aber Firmian fluchte bloss im allgemeinen, um so mehr, da die hofliche Frau ihm auf sein Bitten fremde Seidenvergissmeinnicht zuzufuhren hatte. Auf der Gasse war er mit sich uber die Pflanzstatt der Blumen streitig; er wunschte, er hatte in der Nahe ein frisch aufgeackertes Beet mit Modererde vor sich, deren dunkler Grund das Blumenrot und Blumenblau erhohe. Endlich sah er ein Feld, das im Winter und Sommer und in der grossten Kalte zu Beeten aufgerissen wird den Gottesacker, der nebst seiner Kirche ausserhalb des Orts von einem Hugel wie ein Weinberg herabhing. Er schlich oben durch ein Hintertor hinein und sah einen frisch aufgeworfnen Grenzhugel des beschlossenen Lebens; er war gleichsam vor die Triumphpforte gewalzt, durch die eine Mutter mit ihrem neugebornen Kinde auf dem Arm in die hellere Welt gegangen war. Auf diese Bahre aus Erde steckt' er die Blumen wie einen Totenkranz und ging nach Haus.
Man hatt' ihn kaum in der glucklichen Gesellschaft vermisset, die in ihrem mit fremden Bestandteilen gefullten Elemente wie betaubte Fische schwamm, gleichsam gelahmt vom Gifte der Lust; Stiefel blieb vernunftig und sprach mit der Frau. Es ist der Welt schon aus dem ersten Teile bekannt und den Leuten im Hause sonst , dass Firmian gern aus seiner Gesellschaft weglief, um sich mit grosserer Lust wieder in sie zu werfen, und dass er sein Vergnugen unterbrach, um es zu schmecken, wie Montaigne sich aus dem Schlafe wecken liess, um ihn zu empfinden; er sagte also bloss, er sei nur draussen gewesen.
Endlich verliefen die lautesten Wellen, und es blieb nichts in der Ebbe zuruck als drei Perlenmuscheln, unsere drei Freunde. Firmian blickte die glanzenden Augen Lenettens mit zartlichen an, denn er liebte sie darum mehr, weil er ihr eine Freude aufhob. Stiefel wurde von einer so reinen und tugendhaften Liebe ausgewarmt, dass er sie ohne groben logischen Verstoss fur wahre Mitfreude erklaren konnte, besonders da seine Liebe fur die Frau der Liebe fur den Mann nicht Fesseln, sondern Flugel anlegte. Der Schulrat war bloss auf der umgekehrten Seite in Angst, ob er seine Freude und Liebe auch feurig genug ausbrechen lasse; er druckte daher die Hande der Eheleute mehrmal und zwischen seine beiden gelegt er sagte, er merke sonst wenig auf Schonheit, aber heute hab' ers mit Absicht getan, weil der Armenadvokatin die ihrige so gut gestanden unter den Arbeiten und besonders unter so vielen gemeinen Weibern, die er deshalb auch gar nicht einmal angeblickt er versicherte dem Advokaten, er seh' es ordentlich fur eine vermehrte Freundschaft gegen ihn selber an, was er Liebes fur die brave Frau tue, und dieser versprach er, seine Zuneigung, die er ihr schon in der Kutsche auf dem Wege von Augsburg durch seine Reden bewiesen, desto mehr zu verstarken, je mehr sie seinen Freund und dadurch ihn selber liebhabe.
In diesen Freudenbecher Lenettens warf Firmian naturlicherweise keine Kelchvergiftung durch die in seinen Augen neue Nachricht, dass der Venner die seidnen Blumen erobert habe: er war heute so froh, die kleine Spielkrone hatte alle blutige Offnungen seines Kopfes, von dem er die Dornenkrone ein wenig abgehoben, so weich zugedeckt und gestillt, wie Alexanders Diadem den blutenden Kopf des Lysimachus, dass er nichts wunschte, als die Nacht ware so lange wie eine Polarnacht, weil sie ebenso heiter war. In solchen Augenblicken sind allen unsern Schmerzen die Giftzahne ausgebrochen, und allen Schlangen der Seele hat ein Paulus, wie denen auf Malta, die Zungen versteinert.
Als Stiefel fortwollte, hielt er ihn nicht, drang aber darauf, dass er sich von beiden begleiten liesse, nicht bis an ihre Ture, sondern an seine. Sie gingen. Der aufgedeckte Himmel mit der Gassenbeleuchtung der Stadt Gottes durch Lampen aus Sonnen zog sie aus den engen Kreuzgangen des Marktfleckens in den ausgedehnten Schauplatz der Nacht hinaus, wo man gleichsam das Himmelblau atmet und die Ostwinde trinkt. Jedes Stubenfest sollte man schliessen und heiligen mit dem Kirchgang in den kuhlen weiten Tempel, auf dessen Kirchengewolbe die Sternen-Musaik das ausgebreitete Heiligenbild des Allerheiligsten zusammensetzt. Sie schweiften umher, von vorauseilenden Fruhlingwinden, die den Schnee von den Bergen spulen, erfrischet und gehoben; die ganze Natur gab das Versprechen eines milden Winters, der die Hausarmen ohne Holz sanft uber das finsterste Viertel des Jahrs hinuberfuhrt und den nur der Beguterte verwunscht, weil er bloss den Schlitten und keinen Schnee bestellen kann.
Die zwei Manner fuhrten Gesprache, die der erhabnen Gestalt der Nacht gehorten; Lenette sagte nichts. Firmian bemerkte: "Wie nahe und wie klein liegen jetzt die jammerlichen Austerbanke, die Dorfer, nebeneinander; wenn wir von einem Dorf zum andern reisen, so kommt uns der Steig so lang wie einer Milbe der ihrige vor, wenn sie sich auf der Landkarte vom Namen des einen Dorfs zu dem des andern walzt. Und hohern Geistern mag wohl unsere Erdkugel ein Erdball fur ihre Kinder sein, den der Hofmeister dreht und erklart." "Aber es kann", sagte Stiefel, "ja noch kleinere Erden als unsere geben, und uberhaupt muss etwas an unserer sein, da der Herr Christus fur sie gestorben ist." Das drang wie warmes Blut in Lenettens Herz. Firmian sagte bloss: "Fur die Erde und die Menschen sind schon mehre Erloser als einer gestorben und ich bin uberzeugt, Christus nimmt einmal mehre fromme Menschen bei der Hand und sagt: 'ihr habt auch unter Pilatussen gelitten'. Ja mancher Schein-Pilatus ist wohl gar ein Messias." Lenette besorgte heimlich, ihr Mann sei ein Atheist, wenigstens ein Philosoph. Er fuhrte beide in Schlangen- und Schraubengangen dem Kirchhof zu. Aber auf einmal wurden seine Augen feucht, als wenn er durch einen tiefen Nebel ginge, da er an das uberblumte Grab der Mutter und mithin an seine Lenette dachte, die keine Hoffnung gab, eine zu werden. Er suchte die Wehmut sich mit philosophischen Bemerkungen aus der Brust zu schaffen; daher sagt' er: Die Menschen und die Uhren stocken, solange sie aufgezogen werden fur einen neuen langen Tag, und er glaube, der dunkle Zwischenraum, womit der Schlaf und der Tod unsere Zustande abteile und absondere, wende das zu grosse wachsende Leuchten einer Idee, das Brennen nie gekuhlter Wunsche und sogar das Zusammenfliessen von Ideen ab, so wie die Planetensysteme durch dustere Wusten, und die Sonnensysteme durch noch grossere auseinander gehalten werden. Der menschliche Geist konne den unendlichen Strom von Kenntnissen, der durch die ewige Dauer rinnt, nicht fassen, wenn er ihn nicht in Absatzen und Zwischenraumen trinke den ewigen Tag, der unsern Geist blenden wurde, zerlegen Johannisnachte, die wir bald Schlaf, bald Tod nennen, in Tagzeiten und fassen seinen Mittag in Morgen und Abend ein.
Lenette ware aus Furchtsamkeit lieber hinter der Gottesackermauer weggelaufen; sie wurd' aber hineingefuhrt. Firmian nahm mit der in sich geschmiegten Frau einen Umweg zum Strauss. Er warf die schmalen klaffenden knarrenden Messing-Turchen zu, die den frommen Vers und den kurzen Lebenslauf bedeckten. Sie kamen zu den der Kirche nahern vornehmen Grabern, die wie ein Wassergraben um diese Festung liefen. Hier traten lauter steilrechte Grabmaler auf die stillen Mumien, und weiter hinauf oben ruhten nur liegende Fallturen auf liegenden Menschen. Er brachte einen knochernen, im Freien schlafenden Kopf ins Rollen und hob mit beiden Handen Lenette mocht' ihn immerhin bitten, sich nicht zu verunreinigen diese letzte Kapsel eines vielgehausigen Geistes auf und sah in die leeren Fensteroffnungen des zerstorten Lustschlosses und sagte: "Um Mitternacht sollte man sich auf die Kanzel drinnen stellen und diese skalpierte Maske des Ich auf das Kanzelpult statt der Sanduhr und Bibel legen und daruber predigen vor den andern noch in ihre Haute eingepackten Kopfen. Wenns die Leute nur tun wollten, so sollten sie meinen Kopf nach meinem Ableben schinden und in die Kirche, wie einen Heringkopf, an einem Seil, wie den Taufengel, aufhenken, damit die torichten Seelen einmal zu hinauf und einmal hinabsahen, weil wir hangen und schweben zwischen dem Himmel und dem Grabe. In unsern Kopfen, Herr Rat, sitzt noch der Haselnusswurm; aber aus diesem Kopfe ist er schon verwandelt ausgeflogen, denn er hat Locher und einen gepulverten Kern85."
Lenette erschrak uber diese gottlose Lustigkeit so nahe neben Gespenstern; aber sie war nur eine verkleidete Erhebung. Auf einmal lispelte sie: "Dort schauet etwas uber das Dach des Beinhauses herunter und richtet sich auf." Der Abendwind trug bloss eine Wolke hoher, und sie ruhte in Gestalt einer Bahre auf dem Dach, und eine Hand streckte sich aus ihr heraus, und ein zunachst an der Wolke blinkender Stern schien gleichsam auf die in die Nebelbahre gelegte Gestalt uber der Stelle des Herzens als eine schmukkende weisse Blute gesteckt.
"Es ist nichts", sagte Firmian, "wie eine Wolke. Wir wollen aufs Haus losgehen: so wird sie sich verstecken." So hatt' er den schonsten Vorwand, ihr das bluhende Miniatur-Eden auf dem Grabe einzuhandigen. Sie war kaum zwanzig Schritte hinaufwarts geschleppet, so wurde die Bahre vom Hause verbauet. "Was bluht denn da?" sagte der Rat. "Ei!" rief Firmian, "wahrhaftig, weiss- und rote Rosen und Vergissmeinnicht, Frau!" Sie blickte zitternd, zweifelnd, forschend auf diese mit einem Strausse bestreuete Ruhebank des Herzens, auf den Altar, unter dem das Opfer liegt. "Es ist schon gut, Firmian," sagte sie, "ich kann nichts dafur, aber du hattest es nicht tun sollen willst du mich denn immerfort qualen?" Sie fing an zu weinen und druckte die stromenden Augen auf Stiefels Arm.
Denn sie, die in nichts so fein war als im Argwohn, hatte geglaubt, es sei der seidne Strauss aus ihrer Kommode, und der Mann wisse um die Schenkung von Rosa und habe mit der Pflanzung der Blumen auf das Grab einer Kindbetterin entweder ihre Kinderlosigkeit oder sonst sie selber zum Gespott. Er musste ebenso verwirrt als verwirrend werden bei den gegenseitigen Irrtumern; er musste fremde bestreiten und eigne ablegen; denn nun vernahm er erst von Lenetten, dass Rosa ihr die ausgelosten Seidenblumen langst eingehandigt. An der grunen Distel des Misstrauens in ihre Liebe schlugen jetzt einige Bluten aus; denn nichts tut weher, als wenn eine geliebte Person uns zum ersten Male etwas verbirgt, und war' es eine Kleinigkeit. Der Advokat war sehr missmutig uber das Verbittern der Ruhrung, worein er sich und andere zu bringen gedacht. Seine an sich schon zu kunstliche welsche Blumensaat hatte der bose Feind des Zufalls durch Einstreuen welschen Unkrauts aus Bosheit und zur Strafe noch krauser verkunstelt und verkropft; und man hute sich daher, den Zufall zum Dienste des Herzens zu mieten.
Der verlegne Rat tat die Verlegenheit seines Urteils durch einige warme Fluche uber den Venner kund; er wollte letzlich einen Friedenkongress zwischen den sinnenden Eheleuten eroffnen und riet Lenetten an, dem Mann die Hand zu geben und sich auszusohnen. Aber dazu brachte sie nichts; nach langem Zaudern bekannte sie: sie wolle schon; aber nur, wenn er die Hande gewaschen hatte. Die ihrigen fuhren aus Ekel krampfhaft zuruck vor zweien Handhaben eines Totenkopfs.
Der Schulrat nahm beiden Menschen die Sturmfahne ab und hielt eine Friedenpredigt, die warm aus dem Herzen kam er stellt' ihnen den Ort vor, wo sie waren, unter lauter Menschen, die schon gerichtet waren, und neben den Engeln, die an den Grabern der Frommen Wache standen er fuhrte an, die zu ihren Fussen verwesende Mutter mit dem Saugling im Arm, deren altestem Sohn er nach Schellers Prinzipien das Lateinische beibringe, mahne sie gleichsam an, bei ihrem friedlichen Hugel nicht uber Blumen zu hadern, sondern sie davon als Olzweige des Friedens zu nehmen.... Sein theologisches Weihwasser sog Lenettes Herz durstiger ein als das reine philosophische Alpenwasser Firmians, und des letzten erhebende Gedanken uber den Tod schossen uber ihre Seele ohne Eingang hinweg. Die Versohnopfer wurden gebracht und die gegenseitigen Ablassbriefe ausgewechselt; indessen nimmt ein solcher Friede, den ein Dritter zwischen zweien schliesset, immer ein wenig die Natur eines Waffenstillstandes an. Seltsam genug erwachten beide am Morgen mit Tranen in den Augen, konnten aber durchaus nicht angehen, von welchen Traumen die Tropfen zuruckgeblieben, ob von freudigen oder von truben .
Erstes Blumenstuck
Rede des toten Christus vom Weltgebaude herab,
dass kein Gott sei86
Vorbericht
Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer Kuhnheit. Die Menschen leugnen mit ebensowenig Gefuhl das gottliche Dasein, als die meisten es annehmen. Sogar in unsere wahren Systeme sammeln wir immer nur Worter, Spielmarken und Medaillen ein, wie Geizige Munzkabinetter; und erst spat setzen wir die Worte in Gefuhle um, die Munzen in Genusse. Man kann zwanzig Jahre lang die Unsterblichkeit der Seele glauben erst im einundzwanzigsten, in einer grossen Minute, erstaunt man uber den reichen Inhalt dieses Glaubens, uber die Warme dieser Naphthaquelle.
Ebenso erschrak ich uber den giftigen Dampf, der dem Herzen dessen, der zum erstenmal in das atheistische Lehrgebaude tritt, erstickend entgegenzieht. Ich will mit geringern Schmerzen die Unsterblichkeit als die Gottheit leugnen: dort verlier' ich nichts als eine mit Nebeln bedeckte Welt, hier verlier' ich die gegenwartige, namlich die Sonne derselben; das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus zersprengt und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punkte von Ichs, welche blinken, rinnen, irren, zusammen- und auseinanderfliehen, ohne Einheit und Bestand. Niemand ist im All so sehr allein als ein Gottesleugner er trauert mit einem verwaiseten Herzen, das den grossten Vater verloren, neben dem unermesslichen Leichnam der Natur, den kein Weltgeist regt und zusammenhalt, und der im Grabe wachset; und er trauert so lange, bis er sich selber abbrockelt von der Leiche. Die ganze Welt ruht vor ihm wie die grosse, halb im Sande liegende agyptische Sphinx aus Stein; und das All ist die kalte eiserne Maske der gestaltlosen Ewigkeit.
Auch hab' ich die Absicht, mit meiner Dichtung einige lesende oder gelesene Magister in Furcht zu setzen, da wahrlich diese Leute jetzo, seitdem sie als Baugefangene beim Wasserbau und der Grubenzimmerung der kritischen Philosophie in Tagelohn genommen worden, das Dasein Gottes so kaltblutig und kaltherzig erwagen, als ob vom Dasein des Kraken und Einhorns die Rede ware.
Fur andere, die nicht so weit sind wie ein lesender Magistrand, merk' ich noch an, dass mit dem Glauben an den Atheismus sich ohne Widerspruch der Glaube an Unsterblichkeit verknupfen lasse; denn dieselbe Notwendigkeit, die in diesem Leben meinen lichten Tautropfen von Ich in einen Blumenkelch und unter eine Sonne warf, kann es ja im zweiten wiederholen; ja noch leichter kann sie mich zum zweiten Male verkorpern als zum ersten Male.
*
Wenn man in der Kindheit erzahlen hort, dass die Toten um Mitternacht, wo unser Schlaf nahe bis an die Seele reicht und selber die Traume verfinstert, sich aus ihrem aufrichten, und dass sie in den Kirchen den Gottesdienst der Lebendigen nachaffen: so schaudert man der Toten wegen vor dem Tode; und wendet in der nachtlichen Einsamkeit den Blick von den langen Fenstern der stillen Kirche weg und furchtet sich, ihrem Schillern nachzuforschen, ob es wohl vom Monde niederfalle.
Die Kindheit, und noch mehr ihre Schrecken als ihre Entzuckungen, nehmen im Traume wieder Flugel und Schimmer an und spielen wie Johanniswurmchen in der kleinen Nacht der Seele. Zerdruckt uns diese flatternden Funken nicht! Lasset uns sogar die dunkeln peinlichen Traume als hebende Halbschatten der Wirklichkeit! Und womit will man uns die Traume ersetzen, die uns aus dem untern Getose des Wasserfalls wegtragen in die stille Hohe der Kindheit, wo der Strom des Lebens noch in seiner kleinen Ebene schweigend und als ein Spiegel des Himmels seinen Abgrunden entgegenzog?
Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da traumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Rader der Turmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhulle sie mit dem Mond. Alle Graber waren aufgetan, und die eisernen Turen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Handen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der blossen Luft. In den offenen Sargen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in grossen Falten bloss ein grauer schwuler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer naher, enger und heisser herein zog. Uber mir hort' ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermesslichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhorlichen Misstonen, die in ihr miteinander kampften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfliessen wollten. Zuweilen hupfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde ruckten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd bruteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedruckt waren. Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lachelnden Angesicht stand ein glucklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lachelte nicht mehr, er schlug muhsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hande empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlangerten sich und loseten sich ab, und die Hande fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewolbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.
Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unverganglichen Schmerz aus der Hohe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: "Christus! ist kein Gott?"
Er antwortete: "Es ist keiner."
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloss die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: "Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstrassen durch die Wusten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: 'Vater, wo bist du?' aber ich horte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, uber dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem gottlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhohle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkauete sich. Schreiet fort, Misstone, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!"
Die entfarbten Schatten zerflatterten, wie weisser Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich fur das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: "Jesus! haben wir keinen Vater?" Und er antwortete mit stromenden Tranen: "Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater."
Da kreischten die Misstone heftiger die zitternden Tempelmauern ruckten auseinander und der Tempel und die Kinder sanken unter und die ganze Erde und die Sonne sanken nach und das ganze Weltgebaude sank mit seiner Unermesslichkeit vor uns vorbei und oben am Gipfel der unermesslichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebaude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewuhlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstrassen wie Silberadern gehen.
Und als Christus das reibende Gedrange der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbanke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschuttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er gross wie der hochste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermesslichkeit und sagte: "Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebaude und mich? Zufall, weisst du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestober schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorubergehest? Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, dass ich an ihr ruhe? Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schopfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Wurgengel sein?.....
Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewolkten, wankenden Bilder. Schaue hinunter in den Abgrund, uber welchen Aschenwolken ziehen Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. Erkennst du deine Erde?"
Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tranen, und er sagte: "Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glucklich, da hatt' ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermesslichen Himmel und druckte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: 'Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hulle und heb ihn an dein Herz!'... Ach ihr uberglucklichen Erdenbewohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Bluten, Glanz und Tranen auf die Knie und hebet die seligen Hande empor und rufet unter tausend Freudentranen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: 'auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfangst du mich und schliessest sie alle.' ... Ihr Unglucklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rucken in die Erde logt, um einem schonern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im sturmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren."
Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebaude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das WeltenAll gelagert hatte und die Ringe fielen nieder, und sie umfasste das All doppelt dann wand sie sich tausendfach um die Natur und quetschte die Welten aneinander und druckte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen und alles wurde eng, duster, bang und ein unermesslich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebaude zersplittern.... als ich erwachte.
Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornahren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergangliche Welt ihre kurzen Flugel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Tone aus, wie von fernen Abendglocken.
Zweites Blumenstuck
Der Traum im Traum87
Erhaben stand der Himmel uber der Erde; ein Regenbogen hob sich, wie der Ring der Ewigkeit, uber den Morgen ein gebrochenes Gewitter zog uber Wetterstangen mit einem muden Donnern unter die farbige Edenpforte in Osten und die Abendsonne schauete, wie hinter Tranen, mit einem milden Lichte dem Gewitter nach, und ihre Blicke ruhten am Triumphbogen der Natur.... Ich spielte mit meinem Entzucken und schloss uberfullt die Augen zu und sah nichts mehr als die Sonne, die warm und lodernd durch die Augenlider drang, und horte nichts mehr als das weichende Donnern. Da fiel endlich der Nebel des Schlafs auf meine Seele und uberdeckte mit seinem grauen Gewolke den Fruhling; aber bald zogen sich Lichtstreife durch den Nebel, dann bunte Schonheitlinien, und zuletzt war der ganze Schlaf um mich mit den hellen Bildern des Traums ubermalt.
Mir traumte, ich stehe in der zweiten Welt: um mich war eine dunkelgrune Aue, die in der Ferne in hellere Blumen uberging und in hochrote Walder und in durchsichtige Berge voll Goldadern hinter den kristallenen Gebirgen loderte Morgenrot, von perlenden Regenbogen umhangen auf den glimmenden Waldungen lagen statt der Tautropfen niedergefallene Sonnen, und um die Blumen hingen, wie fliegender Sommer, Nebelsterne.... Zuweilen schwankten die Auen, aber nicht von Zephyrn, sondern von Seelen, die sie mit unsichtbaren Flugeln bestreiften. Ich war der zweiten Welt unsichtbar; unsere Hulle ist dort nur ein kleiner Leichenschleier, nur eine nicht ganz gefallene Nebelflocke.
Am Ufer der zweiten Welt ruhte die Heilige Jungfrau neben ihrem Sohne und schauete auf unsere Erde herab, die unten auf dem Totenmeere schwamm mit ihrem engen Fruhling, klein und hinabgesenkt und nur vom Widerschein eines Widerscheins duster beschienen und jeder Welle nachirrend. Da machte die Sehnsucht nach der alten geliebten Erde Mariens zarte Seele weicher, und sie sagte mit schimmernden Augen:"O Sohn, mein Herz schmachtet weinend nach meinen teuern Menschen ziehe die Erde herauf, damit ich den geliebten Geschwistern wieder nah in das Auge blicken kann; ach, ich werde weinen, wenn ich lebendige sehe."
Christus sagte: "Die Erde ist ein Traum voll Traume; du musst entschlafen, damit dir die Traume erscheinen konnen."
Maria antwortete: "Ich will gern entschlafen, damit ich die Menschen traume." Christus sagte: "Was soll dir der Traum zeigen?"
"O, die Liebe der Menschen zeig' er mir, Geliebter, wenn sie sich wieder finden nach einer schmerzlichen Trennung" und indem sie es sagte, stand der Todesengel hinter ihr, und sie sank mit zufallenden Augen an seine kalte Brust zuruck und die kleine Erde stieg erschuttert herauf, aber sie wurde kleiner und bleicher, je naher sie kam.
Der Wolkenhimmel der Erde spaltete sich, und der zerrissene Nebel entblosste die kleine Nacht auf ihr; denn aus einem stummen Bache schimmerten einige Sterne der zweiten Welt zuruck; die Kinder schliefen sanft auf der zitternden Erde und lachelten alle, weil ihnen im Schlummer Maria in mutterlicher Gestalt erschien. Aber in dieser Nacht stand eine Ungluckliche in ihrer Brust waren keine Klagen mehr, nur noch Seufzer und ihr Auge hatte alles verloren, sogar die Tranen. Du Arme! blicke nicht nach Abend an das uberflorte Trauerhaus blicke nie mehr nach Morgen auf den Gottesacker, an das Totenhaus! Wende nur heute dein geschwollenes Auge ab vom Totenhause, wo dich eine schone Leiche zerruttet, die unverschlossen im Nachtwind steht, damit sie fruher erwache als im Grabe! Aber nein, Beraubte, blicke nur hin auf deinen Geliebten, eh' er zerfallt, und fulle dich mit dem ewigen Schmerz.... Da jetzt ein Echo im Gottesacker zu reden anfing, das die sanften Klaggesange des Trauerhauses nachstammelte: o, da riss dieses gedampfte Nachsingen, wie von Toten, das ganze Herz der Gebeugten auseinander, und alle unzahligen Tranen flossen wieder durch das wunde Auge, und sie rief ausser sich: "Rufst du mich, du Stummer, mit deinem kalten Munde? O Geliebter, redest du noch einmal deine Verlassene an? Ach sprich, nur zum letzten Male, nur heute!.. Nein, druben ists ganz stumm nur die Graber tonen nach aber die armen Uberdeckten liegen taub darunter, und die zerbrochne Brust gibt keinen Ton."
Aber wie schauderte sie, als das Trauerlied aufhorte und der Nachhall der Graber allein fortsprach! Und ihr Leben wankte, als das Echo naher ging, als ein Toter aus der Nacht trat und die bleiche Hand ausstreckte und ihre nahm und sagte: "Warum weinest du, Geliebte! wo waren wir so lange? Mir traumte, ich hatte dich verloren." Und sie hatten sich nicht verloren. Aus Mariens geschlossenem Auge drang eine Freudentrane, und eh' ihr Sohn den Tropfen weggenommen, war die Erde wieder zuruckgesunken mit den beiden neuen Begluckten.
Auf einmal stieg ein Funke aus der Erde herauf, und eine fliegende Seele zitterte vor der zweiten Welt, als ob sie zogere hinaufzugehen. Christus hob die entfallene Erdkugel wieder auf, und das Korpergewebe, aus dem die Seele geflogen war, lag noch mit allen Wundenmalen eines zu langen Lebens auf der Erde. Neben dem gefallnen Laube des Geistes stand ein Greis, der die Leiche anredete: "Ich bin so alt wie du; warum soll ich denn erst nach dir sterben, du treues, gutes Weib? Jeden Morgen, jeden Abend werd' ich nachrechnen, wie tief dein Grab, wie tief deine Gestalt eingefallen ist, ehe meine neben dich sinkt... Oh! wie bin ich allein! Jetzo hort mich nichts mehr; und sie nicht; aber morgen will ich ihr und ihren treuen Handen und ihren grauen Haaren mit einem solchen Schmerz nachsehen, dass er mein schwaches Leben schliesst. O du Allgutiger, schliess es lieber heute, ohne den grossen Schmerz!" Warum legt sich noch im Alter, wo der Mensch schon so gebuckt und mude ist, noch auf den untersten Stufen der Gruft das Gespenst des Kummers so schwer auf ihn und druckt das Haupt, in welchem schon alle Jahre ihre Dornen gelassen haben, mit einem neuen Schauder hinunter?
Aber Christus schickte den Todesengel mit der kalten Hand nicht: sondern blickte selber dem verlassenen Greis, der so nahe an ihm war, mit einer solchen lachelnden Sonnenwarme in das Herz, dass sich die reife Frucht ablosete und wie eine Flamme brach sein Geist aus dem geoffneten Herzen und begegnete uber der zweiten Welt seiner geliebten Seele und in stillen, alten Umfassungen zitterten beide verknupft ins Elysium nieder, wo sich keine endigt. Maria reichte ihnen liebend die beiden Hande und sagte traum- und freudetrunken: "Selige! nun bleibt ihr beisammen."
Uber die arme Erde baumte sich jetzt eine rote Dampfsaule und umklammerte sie und verhullte ein lautes Schlachtfeld. Endlich quoll der Rauch auseinander uber zwei blutigen Menschen, die einander in den verwundeten Armen lagen. Es waren zwei erhabne Freunde, die einander alles aufgeopfert hatten und sich zuerst, aber ihr Vaterland nicht. "Lege deine Wunde an meine, Geliebter! Nun konnen wir uns wieder versohnen; du hast ja mich dem Vaterlande geopfert und ich dich. Gib mir dein Herz wieder, eh' es sich verblutet. Ach, wir konnen nur miteinander sterben!" Und jeder gab sein wundes Herz dem andern hin aber der Tod wich vor ihrem Glanze zuruck, und der Eisberg, womit er den Menschen erdruckt, zerfloss auf ihren warmen Herzen; die Erde behielt zwei Menschen, die uber sie als Berge aufsteigen und ihr Strome und Arzneien und hohe Aussichten geben, und denen die niedrige Erde nichts zuschickt als Wolken.
Maria winkte traumend ihrem Sohne, weil nur er solche Herzen fassen, tragen und beschirmen konne.
Aber warum lachelst du auf einmal so selig, wie eine freudige Mutter, Maria? Etwan, weil deine liebe Erde, immer hoher aufgezogen, mit ihren Fruhlingblumen uber das Ufer der zweiten Welt hereinwanket? weil liegende Nachtigallen sich mit heissbrutenden Herzen auf kuhle Auen drucken? weil die Sturmwolken zu Regenbogen aufbluhen? weil deine unvergessliche Erde so glucklich ist im Putze des Fruhlings, im Glanze seiner Blumen, im Freudengeschrei seiner Sanger? Nein, darum allein nicht; du lachelst so selig, weil du eine Mutter siehst und ihr Kind. Ist es nicht eine Mutter, die jetzo sich buckt und die Arme weit aufschliesset und mit entzuckter Stimme ruft: "Mein Kind, komm wieder an mein Herz!" Ist es nicht ihr Kind, das unschuldig im brausenden Tempel des Fruhlings neben seinem lehrenden Genius steht, und das der lachelnden Gestalt zulauft, und das, so fruh begluckt und an das warme Herz voll Mutterliebe gezogen, ihre Laute nicht versteht: "Du gutes Kind, wie freust du mich! Bist du denn glucklich? liebst du mich denn? O sieh mich an, du Teurer, und lachle immerfort!"...
Maria wurde von der schonen Entzuckung aufgeweckt, und sie fiel sanft erbebend um ihren eignen Sohn und sagte weinend: "Ach, nur eine Mutter kann lieben, nur eine Mutter" und die Erde sank mit der Mutter, die am Herzen des Kindes blieb, wieder in den irdischen Ather hinab...
Und auch mich erweckte die Entzuckung; aber nichts war verschwunden als das Gewitter: denn die Mutter, die im Traum das kindliche Herz an ihres gedruckt, lag noch auf der Erde in der schonen Umarmung und sie lieset diesen Traum und verzeiht vielleicht dem Traumer die Wahrheit.
Drittes Bandchen
Neuntes Kapitel
Kartoffelkriege mit Weibern und mit Mannern der Dezemberspaziergang Zunder der Eifersucht Erbfolgekrieg um den grillierten Kattun Zerfallen
mit Stiefel die schmerzhafte Abendmusik
Ich wunschte, ich schweifte gelegentlich ein wenig aus; aber es fehlt mir an Mut.
Denn es gibt heutzutage wenige Leser, die nicht alles verstehen wenigstens unter den jungen und geadelten , und diese fodern (ich verarg' es ihnen nicht) von ihren Schossautoren, sie sollen noch mehr wissen, was eine Unmoglichkeit ist. Durch das englische Maschinenwesen der Enzyklopadien der enzyklopadischen Worterbucher der Konversationslexika der Auszuge aus dem grossern Konversationslexikon der allgemeinen Worterbucher aller Wissenschaften von Ersch und Gruber setzt sich ein junger Mann in wenigen Monaten bloss am Tage die Nachte braucht er nicht einmal in einen ganzen akademischen Senat voll Fakultaten um, den er allein vorstellt und unter welchem er als die akademische Jugend gewissermassen selber steht.
Ein ahnliches Wunder als ein solcher junger Mann und Hauptstadter ist mir nie vorgekommen, es musste denn der Mann sein, den ich in der Baireuther Harmonie gehort, welcher seinerseits wieder eine ganze Academie royale de musique, ein ganzes Orchester darstellte, indem er mit seinem einzigen Korper alle Instrumente trug und spielte. Es blies dieser Panharmonist vor uns Teilharmonisten ein Waldhorn, das er unter dem rechten Arme fest hielt, dieser strich wieder eine Geige, die er unter dem linken hielt, und dieser klopfte wieder zur schicklichsten Zeit eine Trommel, die er auf dem Rucken trug und oben hatt' er eine Mutze mit Schellen aufgesetzt, die er leicht mit dem Kopfe janitscharenmassig schuttelte und an die beiden Fussknorren hatt' er Janitscharen-Bleche angeschnallt, die er damit kraftig widereinander schlug; und so war der ganze Mann ein langer Klang, vom Wirbel bis zur Sohle, so dass man diesen GleichnisMann gern wieder mit etwas verglichen hatte, mit einem Fursten, der alle Staats-Instrumente, StaatsGlieder und Reprasentanten selber reprasentiert. Wo soll nun aber vor Hauptstadtern und Lesern, welche einem solchen Allspieler als Allwisser gleichen, ein Mann wie ich, der, wenn es hoch kommt, nur von sieben Kunsten Heidelberger Magister und einiger Philosophie Doktor ist, rechten Mut hernehmen, in ihrer Gegenwart kunstlich und glucklich auszuschweifen? Fortgang in meiner Erzahlung ist hier weit sicherer.
Den Advokat Siebenkas treffen wir denn unter lauter Hoffnungen, aber mit tauben Bluten wieder an. Er hatte gehofft, er werde nach dem Konigsschusse wenigstens so lang gute Tage erleben, bis das Schussgeld aufgezehret sei, wenigstens 14; aber das Trauerschwarz, das jetzo die Reiseuniform ist, sollte auch die seinige auf seiner irdischen Nachtreise bleiben, auf dieser voyage pittoresque fur Poeten. Die Menschen nicht, aber die Hamster und Eichhornchen wissen gerade das Loch ihrer Wohnung zu fullen, das gegen die kunftige Wetterseite aufsteht; Firmian dachte, sei das Loch in seinem Beutel geflickt, so fehl' ihm weiter nichts ach es ging ihm jetzt etwas Bessers ab als Geld, Liebe. Seine gute Lenette trat immer weiter von seinem Herzen weg und er von ihrem.
Ihr Verhehlen des von Rosa zuruckgelieferten Strausses setzte in seiner Brust, wie jeder fremde Korper in jedem Gefasse des Leibes, Stein um sich an. Das war aber noch wenig.
Sondern sie fegte und wischte am Morgen, er mochte pfeifen, wie er wollte
Sie fertigte alle Landtagabschiede und andere Dekrete ans Laufmadchen noch immer in einigen Duplikaten und "vidimierten Kopien" aus, er mochte protestieren, wie er wollte
Sie befragte ihn um jede Sache noch einigemal, er mochte immerhin vorher schreien wie ein Marktschreier oder hinterher fluchen wie ein Kundmann des letzten
Sie sagte noch immerfort: es hat vier Viertel auf 4 Uhr geschlagen Sie gab ihm noch immer, wenn er den muhsamsten Beweis gefuhrt, dass Augsburg nicht in Zypern liege, die grundliche Antwort: es liegt aber doch auch nicht in Romanien, nicht in der Bulgarei, nicht im Furstentum Jauer, noch bei Vaduz, noch bei Husten, zwei sehr unbedeutenden Flecken Er konnte sie nie dahinbringen, ihm offen beizufallen, wenn er ganz unbedingt verfocht und aufschrie: es liegt beim Teufel in Schwaben. Sie raumte bloss ein, es liege gewissermassen zwischen Franken, Bayern, Schweiz etc.; und nur bei der Buchbinderin gestand sie die schwabische Lage.
Solche Lasten und Uberfrachten indessen konnten noch ziemlich von einer Seele getragen werden, die sich mit den Mustern grosser Dulder starkte, mit dem Muster eines Lykurgs, der sich geduldig von Alkander das Auge, oder eines Epiktets, der sich von seinem Herrn das Bein verhunzen liess und ich habe auch aller dieser Rostflecken Lenettens schon in vorigen Kapiteln gedacht. Aber ich habe ganz neue Fehler zu berichten und stell' es parteilosen Ehemannern zum Spruche anheim, ob solche auch unter die Mangel gehoren, die ein Ehegenoss ertragen kann und soll.
Zuallererst: Lenette wusch sich die Hande des Tags wohl vierzigmal sie mochte anfassen, was sie wollte, so musste sie sich mit dieser hl. Wiedertaufe versehen; wie ein Jude wurde sie durch jede Nachbarschaft verunreinigt, und den eingekerkerten Rabbi Akiba, der einmal im grossten Wassermangel und Durst das Wasser lieber verwusch als vertrank, hatte sie mehr nachgeahmt als bewundert.
"Sie soll reinlich sein (sagte Siebenkas) und reinlicher als ich selber aber Masse muss gehalten werden. Warum trocknet sie sich denn nicht mit dem Handtuch ab, wenn ein fremder Atem daruber geflogen? Warum saubert sie ihre Lippen mit keiner Seifenkugel, wenn eine Mucke sich und mehr dazu auf solche gesetzt? Hat sie nicht unsere Stube zu einem englischen Kriegschiffe gemacht, das taglich innen und aussen uberwaschen wird, und hab' ich nicht dem Fegen so friedlich zugesehen als irgendeiner auf dem Verdeck?" Zog eine breite irlandische Wolke oder eine donnernde Wasserhose uber ihre und seine Tage: so wusste sie den Mann und seinen Mut wie eine hollandische Festung ganz unter Wasser zu setzen und gab allen Tranen ein weites Bett. Warf hingegen einmal die Glucksonne einen Dezembersonnenschein, nicht breiter als ein Fenster, in ihre Stube: so wusste Lenette hundert Dinge zu tun und zu sehen, um nur schonere nicht zu bemerken. Firmian hatte sich besonders vorgenommen, vorzuglich diese paar Tage, wo er einen Gulden hatte, recht auszuspelzen oder abzurahmen und das zweite Janusgesicht, das uber Vergangenheit und Zukunft blicken oder weinen wollte, dicht zu verhangen; aber Lenette zerschlitzte den Schleier und wies auf alles. Ihr Mann versicherte mehr als einmal: "Traute, passe nur, bis wir wieder blutarm und hundsubel dran sind: mit Freuden will ich dann mit dir achzen und lechzen!" Wenig verfing. Nur einmal gab sie ihm anstandig zur Antwort: "Wie lange wahrts, so ist doch wieder kein Pfennig im Haus." Aber darauf wusst' er noch verstandiger zu versetzen: "Sonach nicht eher willst du einen heitern stillen Tag recht geniessen, als bis man dir Stein und Bein schworen kann, dass kein elender, dusterer, wolkiger nachkommt? Dann koste ja keinen! Welcher Kaiser und Konig, und hatt' er Thronen auf dem Kopf und Kronen unter dem Steiss, kann nur auf einen Post- oder Landtag lang versichert sein, dass beide nichts Nebliges bringen? Und doch geniesst er rein seinen hellen Tag in Sanssouci oder Bellevue oder sonst, ohne weiter zu fragen, und freuet sich des Lebens." (Sie schuttelte den Kopf.) "Ich kann dir das namliche auch gedruckt und griechisch beweisen", sagt' er und trug in das aufgeschlagne Neue Testament auf Geratewohl vorlesend die Stelle ein: "Verschiebst du die innige Feier einer glucklichen Zeit so lange, bis eine andere kommt, wo lauter Hoffnungen in ungetrubter Reihe durch Jahre vor dir hinliegen: so ist auf unserer ewig wankenden glatten Kugel keine einzige innige Freude gedenkbar; denn nach zehn Tagen oder Jahren erscheint gewiss ein Schmerz; und so kannst du dich an keinem Maientage erlaben, und flatterten alle Bluten und Nachtigallen auf dich nieder, weil ganz gewiss der Winter dich mit seinen Flocken und Nachten bedeckt. Geniessest du aber doch deine warme Jugend ungescheuet vor der im Hintergrund wartenden Eisgrube des Alters, in welcher du durch immer wachsende Kalte noch einige Zeit aufbewahret wirst: so halte das frohe Heute fur eine lange Jugend und das trube Ubermorgen fur ein kurzes Alter." "Das Griechische oder Lateinische", versetzte sie, "nimmt sich schon geistlicher aus, und auf der Kanzel wird die Sache oft gepredigt, ich geh' auch jedesmal recht getrostet nach Haus, bis das Geld uns wieder ausgeht."
Noch schwerer hatt' ers, sie auf die rechten Freudensprunge zu bringen, mittags am Esstische. Rauchte namlich statt ihres taglichen Hacksels ein besonderer agyptischer Fleischtopf, ein seltner Braten, den die Grafen von Wratislaw ohne Schande hatten liefern und die von Waldstein88 mit Ehren hatten vorschneiden konnen, rauchte ein solcher Schmaus uber das Tischtuch: so konnte Siebenkas gewiss hoffen, dass seine Frau einige hundert Dinge mehr vor dem Essen wegzuarbeiten habe als sonst. Der Mann sitzt dort und ist willens anzuspiessen blickt umher, gedampft anfangs, dann grimmig wird doch seiner Meister auf einige Minuten lang denket inzwischen neben dem Braten bei so guter Musse seinem Elende nach tut endlich den ersten Donnerschlag aus seinem Gewitter und schreiet: "Das Donner und Wetter! ich sitze schon ein Sakulum da, und es friert alles ein Frau, Frau!"
Es war bei Lenetten (und so bei andern Weibern) nicht Bosheit noch Unverstand noch storrische Gleichgultigkeit gegen die Sache oder gegen den Mann sondern das Gegenteil stand durchaus nicht in ihrer Gewalt; und dies erklart es sattsam.
Inzwischen wird mein Freund Siebenkas, der diese Darstellung noch fruher in die Hand bekommt als selber der Setzer, mirs nicht verargen, dass ich auch seinen Fruhstuckfehler hab' ich ihn ja doch aus seinem eignen Munde der Welt entdecke. Lag er namlich am Morgen im Gitterbette mit zugeschlossnen Augen ausgestreckt, so fiel er darin auf Einfalle und Einkleidungen fur sein Buch, auf die er stehend und sitzend den ganzen Tag nie gekommen ware; und in der Tat sind mir mehre Gelehrte aus der Geschichte bekannt z.B. Cartesius Abt Galiani Basedow sogar ich, den ich nicht rechne , welche, zu der Wanzenart der Ruckenschwimmer (Notonectae) gehorig, nur liegend am weitesten kamen, und fur welche die Bettlade die beste Braupfanne der geistreichsten unerhortesten Gedanken war. Ich selber konnte mich desfalls auf manches berufen, was ich geschrieben, wenn ich aufgestanden war. Wer die Sache gut erklaren will, der fuhre hauptsachlich die Morgenkraft des Gehirns an, das nach den aussern und innern Ferien um so leichter und starker dem Lenken des Geistes sich bequemt, und fuge noch die Freiheit sowohl der Gedanken als der Gehirnbewegungen hinzu, welchen der Tag noch nicht seine vielerlei Richtungen aufgedrungen, und endlich noch die Macht der Erstgeburt, welche der erste Gedanke am Morgen, ahnlich den ersten Jugendeindrucken, ausubt. Solchen Erklarungen zufolge konnte nun dem Advokaten, wenn er so im warmen Treibbeete der Kissen wuchs und die besten Bluten und Fruchte trug, nichts Verdrusslicheres zu Ohren kommen als Lenettens Ruf in der Stube: "komm herein, der Kaffee ist fertig"; gewohnlich gebar er in der Eile, obgleich in steter Horchangst vor einem zweiten Marschbefehl, noch einen oder ein paar gluckliche lebhafte Gedanken in seinem Kindbette nach. Da Lenette aber seine Respekt- oder Respitminuten, die er sich zum Aufstehen nahm, vorauswusste, so rief sie schon, wenn der Kaffee erst kochte, in die Kammer hinein: "Steh auf, er wird kalt." Der satirische Rukkenschwimmer wurde wieder seines Orts dieses Vorrucken der Tag- und Nachtgleichen gewahr und blieb ganz ruhig und vergnugt voll Anstrengung zwischen den Federn und brutete fort, wenn sie erst das erstemal gerufen hatte, und antwortete bloss: "den Augenblick!" sich seines gesetzmassigen Doppel-Usos von Frist bedienend.
Dies notigte wieder die Frau von ihrer Seite noch weiter zuruckzugehen und schon, wenn der Kaffee kalt am Feuer stand, zu rufen: "Komm, er wird kalt." Auf diese Weise aber war bei einem solchen wechselseitigen Verfruhen und Verspaten, das taglich bedenklicher wuchs, nirgends Einhalt und Rettung abzusehen, sondern vielmehr eine solche Steigerung zu befahren, dass Lenette ihn um einen ganzen Tag voraus zu fruh zum Kaffee rief, wiewohl beide am Ende wieder auf die rechten Sprunge zuruckgekommen waren; so wie die jetzigen Abendessen versprechen, sich allmahlich in zu fruhe Fruhstucke zu verkehren, und die Fruhstucke in zu burgerliche und fruhe Mittagessen. Leider konnte Siebenkas sich nicht an den Notanker anhalten, dass er etwa den Kaffee hatte mahlen horen und dann nach einer leichten Berechnung zum Siedepunkte aufgestanden ware; denn aus Mangel an Kaffeetrommel und muhle wurde so wie vom ganzen Hause nur gemahlner gekauft. Freilich Trommel und Muhle hatten sich durch Lenette ersetzen lassen, ware sie zu bewegen gewesen, keine Minute fruher zum Kaffee zu rufen, als bis er auf dem Tische kochte und dampfte; aber sie war nicht zu bewegen.
Kleinere Zankereien vor der Ehe sind grosse in ihr, so wie die Nordwinde, die im Sommer warm sind, im Winter kalt wehen; der Zephyrwind aus ehelichen Lungen gleicht dem Zephyr im Homer, von dessen schneidender Kalte der Dichter so viel singt. Von nun an legte sich Firmian darauf, neue Risse, Federn, Asche, Wolken im hellen Diamant ihres Herzens wahrzunehmen Du Armer, auf diese Weise muss bald ein Stein vom bruchigen Altar deiner Liebe nach dem andern abfallen, und deine Opferflamme muss wanken und schwinden.
Er entdeckte jetzo, dass seine Lenette bei weitem nicht so gelehrt sei wie die Dlles. Burmann und Reiske kein Buch machte ihr Langweile, aber auch keines Freude, und sie konnte das Predigtbuch so oft lesen als Gelehrte den Homer und Kant alle ihre Profanskribenten zogen sich auf ein Ehepaar ein, auf die unsterbliche Verfasserin ihres Kochbuchs und auf ihren Mann, den sie aber nie las. Sie zollete seinen Aufsatzen die grosste Bewunderung, tat aber keinen Blick hinein. Drei vernunftige Worte mit der Buchbinderin waren ihr kostlicher als alle gedruckte des Buchbinders und des Buchmachers. Ein Gelehrter, der das ganze Jahr neue Schlusse und neue Dinte macht, begreift es nicht, wie ein Mensch leben konne, der kein Buch oder keine Feder im Hause hat und keine Dinte, sondern bloss die gelbe geborgte des Dorfschulmeisters. Er nahm oft eine ausserordentliche Professur an und bestieg den Lehrstuhl und wollte sie in einige astronomische Vorkenntnisse einweihen; aber entweder hatte sie keine Zirbeldruse als Rittersitz fur die Seele und deren Gedanken, oder ihre Gehirnkammern waren schon bis an die Haute mit Spitzen, Hauben, Hemden und Kochtopfen und Bratpfannen vollgestellet, vollgekeilet und gesattigt kurz, er war nicht imstande, ihr einen Stern in den Kopf zu bringen, der grosser war als ein Zwirn-Stern. Bei der Pneumatologie (Geisterlehre) hingegen hatt' er gerade die entgegengesetzte Not; in dieser Wissenschaft, wo ihm die Rechnung des unendlich Kleinen so gut zupasse gekommen ware als in der Sternkunde die des unendlich Grossen, dehnte und renkte Lenette Engel und Seelen und alles aus und warf die feinsten Geister in den Streckteich ihrer Phantasie Engel, von denen die Scholastiker ganze Gesellschaften zu einem Haushall auf eine neue Nadelspitze invitieren, ja die sie paarweise gerade in einen Ort89 einfadeln konnen, diese wuchsen ihr unter den Handen so, dass sie jeden in eine besondere Wiege legen musste, und der Teufel schwoll und lief ihr auf, bis er so gross war wie ihr Mann.
Er kundschaftete auch in ihrem Herzen einen fatalen Eisenflecken oder eine Pockenschramme und Warze aus: er konnte sie nie in einen lyrischen Enthusiasmus der Liebe versetzen, worin sie Himmel und Erde und alles vergessen hatte sie konnte die Stadtuhr zahlen unter seinen Kussen und nach dem uberkochenden Fleischtopf hinhorchen und hinlaufen mit allen grossen Tranen in den Augen, die er durch eine schone Geschichte oder Predigt aus dem zerfliessenden Herzen gedruckt sie sang betend die in den andern Stuben schmetternden Sonntaglieder nach, und mitten in die Verse flocht sie die prosaische Frage ein: "Was warm' ich abends auf?" und er konnte es nicht aus dem Kopfe bringen, dass sie einmal, im geruhrtesten Zuhoren auf seine Kabinettpredigt uber Tod und Ewigkeit, ihn denkend, aber unten anblickte und endlich sagte: "Zieh morgen den linken Strumpf nicht an, ich muss ihn erst stopfen."
Der Verfasser dieser Historie beteuert, dass er oft halb von Sinnen kam uber solche weibliche Zwischenakte, vor denen keiner Brief und Siegel hat, der mit diesen geschmuckten Paradiesvogeln in den Ather steigt und sich neben ihnen auf und nieder wiegt, und der droben in der Luft die Eier seiner Phantasien auf dem Rucken dieser Vogel90 auszusitzen gedenkt. Wie durch Zauberei grunet oft plotzlich das geflugelte Weibchen tief unten in einer Erdscholle. Ich gebe zu, dass dies nichts weiter ist als ein Vorzug mehr, weil sie dadurch den Huhnern gleichen, deren Augen so gut vom Universitatoptikus geschliffen sind, dass sie den fernsten Huhnergeier im Himmel und das nachste Malzkorn auf dem Miste bemerken. Es ist zwar zu wunschen, dass der Verfasser dieser Geschichte, falls er sich in die Ehe begibt, eine Frau bekomme, vor der er uber die notigsten Grundsatze und dictata der Geisterlehre und Sternkunde lesen kann, und die ihm in seinem hochsten Feuer nicht seine Strumpfe vorwirft; er wird aber auch zufrieden sein, wenn ihm nur eine zufallet, die kleinere Vorzuge hat, sonst aber doch imstande ist, mitzufliegen, so weit es geht in deren aufgeschlossenes Auge und Herz die bluhende Erde und der glanzende Himmel nicht infinitesimalteilchenweise, sondern in erhabnen Massen dringen fur die das All etwas Hoheres ist als eine Kinderstube und ein Tanzsaal und die mit einem Gefuhle, das weich und fein zugleich, und mit einem Herzen, das fromm und gross auf einmal ist, sogar den immer mehr bessert und heiligt, der sie geheiratet. Das ists und nicht mehr, worauf der Verfasser dieser Geschichte seine Wunsche beschrankt. So wie der Liebe Firmians die Blute, wenn auch nicht das Laub, abfiel: so stand Lenettens ihre als eine ausgebreitete uberstandige Rose da, deren Schmuck ein Stoss auseinanderstreuet. Die ewigen Disputiersatze des Mannes ermudeten endlich ihr Herz. Sie gehorte ferner unter die Weiber, deren schonste Bluten taub und unfruchtbar bleiben, wenn keine Kinder geniessend um sie schwarmen, wie die Blute des Weins keine Trauben ansetzt, wenn nicht Bienen sie durchstreifen. Sie glich diesen Weibern auch darin, dass sie zur Spiralfeder einer Wirtschaft-Maschine, zur Schauspiel-Directrice eines grossen Haushaltdrama geboren war. Wie aber die Haupt- und Staatsaktionen und die Theaterkasse seiner Wirtschaft aussahen, das wissen wir leider alle von Hamburg bis Ofen. Kinder hatten beide, gleich Phonixen und Riesen, auch nicht, und beide Saulen standen abgesondert da, durch keine Fruchtschnure aneinander gewunden. Firmian hatte schon in seiner Phantasie die scherzhaften Proberollen eines ernsthaften Kindvaters und Gevatterbitters durchgemacht aber er kam nicht zum Auftreten.
Den meisten Abbruch tat ihm in Lenettens Herzen jede Unahnlichkeit mit dem Pelzstiefel. Der Rat hatte etwas so Langweiliges, so Bedachtliches, Ernsthaftes, Zuruckhaltendes, Aufgesteiftes, so Bauschendes, so Schwerfalliges wie diese drei Zeilen; das gefiel unserer gebornen Haushalterin. Siebenkas hingegen war den ganzen Tag ein Springhase sie sagte ihm oft: "Die Leute mussen denken, du bist nicht recht gescheut", und er versetzte: "Bin ichs denn?" Er verhing sein schones Herz mit der grotesken komischen Larve und verbarg seine Hohe auf dem niedergetretenen Sokkus und machte das kurze Spiel seines Lebens zu einem Mokierspiel und komischen Heldengedicht. Grotesken Handlungen lief er aus hohern Grunden als aus eiteln nach. Es kitzelte ihn erstlich das Gefuhl einer von allen Verhaltnissen entfesselten freien Seele und zweitens das satirische, dass er die menschliche Torheit mehr travestiere als nachahme; er hatte unter dem Handeln das doppelte Bewusstsein des komischen Schauspielers und des Zuschauers. Ein handelnder Humorist ist bloss ein satirischer Improvisatore. Dies begreift jeder Leser und keine Leserin. Ich wollte oft einer Frau, die den weissen Sonnenstrahl der Weisheit hinter dem Prisma des Humors zersplittert, gefleckt und gefarbt erblickte, ein bunt geschliffenes Glas in die Hande geben, das diese scheckige bunte Reihe wieder weiss brennt es war aber nichts. Das feine weibliche Gefuhl des Schicklichen ritzet und schindet sich gleichsam an allem Eckigen und Ungeglatteten; diese an burgerliche Verhaltnisse angestangelte Seelen fassen keine, die sich den Verhaltnissen entgegenstellen. Daher gibts in den Erblanden der Weiber an den Hofen und in ihrem Reiche der Schatten, in Frankreich, selten Humoristen, weder von Leder, noch von der Feder.
Lenette musste sich uber ihren pfeifenden, singenden, tanzenden Gemahl ereifern, der nicht einmal vor Klienten eine Amtmiene zog, der leider man erzahlt' es ihr fur gewiss oft auf dem Rabenstein im Kreise herumging, von dessen Verstand recht gescheute Leute bedenklich sprachen, dem man, klagte sie, nichts anmerkte, dass er in einer Reichsstadt sei, und der sich nur vor einer einzigen Person in der Welt schamte und scheuete vor sich. Kamen nicht oft Kammerjungfern mit Hemden, die zu nahen waren, aus den vornehmsten Hausern in seines und sahen ihn mir nichts dir nichts an seinem ein- und ausgespielten Klaviere stehen, das noch alle Tasten und fast ebenso viele Saiten als Tasten hatte? Und hatt' er nicht eine Elle im Maule, auf deren herabgelassener Fallbrucke die Tone vom Sangboden zu ihm hinauf, zwischen das Fallgatter der Zahne hindurch und endlich durch die Eustachische Rohre uber das Trommelfell hinweg bis zur Seele einstiegen? Die Elle zwischen seinen Zahnen hatt' er darum als einen Storchschnabel an seinem, um mit dem Schnabel das unaufhorliche Pianissimo seines Klaviers oben in einem Fortissimo hinaufzubringen. Indes ist wahr, dass der Humor im Widerschein der Erzahlung weichere Farben annimmt als in der grellen Wirklichkeit.
Der Boden, worauf die zwei guten Menschen standen, ging unter so vielen Erschutterungen in zwei immer entferntere Inseln auseinander; die Zeit fuhrte wieder einen Erdstoss herbei.
Der Heimlicher erschien namlich mit seiner Exzeptionhandlung, worin er weiter nichts verlangte als Recht und Billigkeit, namlich die Erbschaft; es musste und konnte denn Siebenkas erweisen, dass er er sei, namlich der Mundel, dessen Vaterliches der Heimlicher bisher in seinen vaterlichen Handen und Beuteln gehalten. Dieser juristische Hollenfluss versetzte unserem Firmian der uber die vorigen drei Fristgesuche so leicht weggesprungen war wie der gekronte Lowe im gotischen Wappen uber drei Flusse den Atem und trat ihm eiskalt bis ans Herz. Die Wunden, die die Maschinen des Schicksals in uns schneiden, fallen bald zu; aber eine, die uns das rostige stumpfe Marterinstrument eines ungerechten Menschen reisset, fangt zu eitern an und schliesset sich spat. Dieser Schnitt in entblosste, von so vielen rauhen Griffen und scharfen Zungen abgeschalte Nerven brannte unsern Liebling sehr; und doch hatt' er den Schnitt gewiss vorher gesehen und seiner Seele "gare Kopf weg!" zugerufen. Aber ach! in jedem Schmerz ist etwas Neues. Er hatte sogar schon juristische Vorkehrungen voraus getroffen. Er hatte sich namlich schon vor einigen Wochen aus Leipzig, wo er studiert hatte, den Beweis kommen lassen, dass er sonst Leibgeber geheissen und mithin Blaisens Mundel sei. Ein dasiger, noch nicht immatrikulierter Notarius, Namens Giegold, sein alter Stubenbursch und literarischer Waffenbruder, hatte ihm den Gefallen erwiesen, alle die Personen, die um seine Leibgeberschaft wussten besonders einen rostigen, madigen Magister legens, der oft bei der Einfahrt der vormundschaftlichen Registerschiffe war, ferner den Brieftrager oder Lotsen, der sie in den Hafen wies, und den Hauswirt und einige andere recht gut unterrichtete Leute, die alle das Juramentum credulitatis (den Eid der Selberuberzeugung) schworen wollten diese hatte der junge Giegold samtlich verhort und dann dem Armenadvokat das Ganggebirge ihres Zeugenrotuls zugefertigt. Das Postporto dafur zu entrichten, war Siebenkasen leicht, als er Konig wurde in der Vogelbeize.
Mit dem dicken Zeugenstock beantwortete und bestritt er seinen Vormund und Dieb.
Als die Blaisische Weigerung ankam: glaubte die furchtsame Lenette sich und den Prozess verloren; die durre Durftigkeit umfasste nun, in ihren Augen, sie beide mit einem Gestrick von Schmarotzerefeu, und sie hatte keine Aussicht, als zu verdorren und umzufallen. Ihr erstes war, uber Meyern zu zanken; denn da er ihr selber neulich berichtet hatte, er habe seinem kunftigen Schwiegervater die drei Fristgesuche abgenotigt, um sie zu schonen: so konnte sie die Blaisische Exzeptionhandlung fur den ersten Dornenableger von Rosas rachsuchtiger Seele halten, weil er in Siebenkasens Wohnung erstlich Festungstrafe und Sakken, welches er alles halb Lenetten beimass, erduldet, und zweitens so viel verloren hatte. Er hatte bisher nur den Unwillen des Mannes, nicht der Frau vorausgesetzt; aber das Vogelschiessen hatte seine susse Eitelkeit widerlegt und erbittert. Da indessen der Venner ihrem Zorne nicht zuhoren konnte: so musste sie ihn gegen ihren Gatten kehren, dem sie alles schuldgab, weil er seinen Namen Leibgeber so sundlich verschenkt hatte. Wer geheiratet hat, der wird mir gern den Beweis denn er schlaft bei ihm erlassen, dass es gar nichts half, womit sich der Gatte verantwortete und was er vorbrachte von Blaisens Bosheit, der als der grosste Ischariot und Kornjude im irdischen Jerusalem der Erde ihn gleichwohl, auch wenn er noch Leibgeber hiesse, ausgeraubt und tausend Holzwege des Rechtens zur Plunderung des Mundels wurde ausgefunden haben. Es griff nicht ein. Endlich entfuhr es ihm: "Du bist so ungerecht, als ich sein wurde, wenn ich deinem Betragen gegen den Venner im geringsten die Folge daraus, die Blaisische Schrift, aufburden wollte." Nichts erbittert Weiber mehr als eine heruntersetzende Vergleichung: denn sie nehmen keine Unterscheidung an. Lenettens Ohren verlangerten sich, wie bei der Fama, zu lauter Zungen; der Mann wurde zugleich uberschrieen und uberhort.
Er musste heimlich zum Pelzstiefel abschicken und ihn befragen lassen, wo er so lange sitze, und warum er ihr Haus so vergesse. Aber Stiefel war nicht einmal in seinem eignen, sondern auf Spaziergangen an einem so prachtigen Tage.
"Lenette", sagte Siebenkas plotzlich, der haufig lieber mit dem Springstabe eines Einfalls uber ein Sumpfmeer setzte, als aus ihm muhsam watende lange Stelzen von Schlussen zog, und der wohl auch die uber Rosa herausgefahrene unschuldige, aber von Lenetten missverstandene Ausserung ganz aufheben wollte, "Lenette, hore du aber, was wir diesen Nachmittag machen! Einen starken Kaffee und Spaziergang; heute ist zwar kein Sonntag in der Stadt, aber doch in jedem Falle Maria Empfangnis, die jeder Katholik in Kuhschnappel feiert; und das Wetter ist doch beim Himmel gar zu hold. Wir sitzen dann oben in der ungeheizten Honoratiorenstube im Schiesshaus, weils draussen zu warm ist, und schauen hinunter und sehen die samtlichen Irrglaubigen der Stadt im grossten Putze auf- und abspazieren, und vielleicht unsern Lutheraner Stiefel auch dazu."
Besonders musst' ich mich tauschen, oder Lenette war sehr selig uberrascht; denn Kaffee das Taufwasser und der Altarwein der Weiber schon am Morgen wird vollends nachmittags Liebetrank und Haderwasser zugleich, obwohl letztes nur gegen Abwesende; aber welches schone treibende Wasser auf alle Muhlrader der Ideen musste ein wirklicher Nachmittagkaffee an einem blossen Werkeltage fur eine Frau wie die arme Lenette sein, welche ihn selten anders getrunken als nach einer Nachmittagpredigt, weil er schon vor der Kontinentalsperre zu teuer war.
Weiber in wahrhafter Freude brauchen wenig Zeit, ihren schwarzen Seidenhut aufzusetzen und ihren breiten Kirchenfacher zu nehmen und gegen alle ihre Gewohnheit sogleich reisefertig fur den Schiesshausgang angezogen dazustehen, indes sie sogar unter dem Ankleiden noch den Kaffee gekocht, um ihn fertig samt der Milch in die Honoratiorenstube mitzunehmen.
Beide Eheleute ruckten um zwei Uhr ausgeheitert aus und hatten alles Warme in der Tasche, was spater aufzuwarmen war.
Wie mit einem Abendglanze waren schon so fruh am Tage alle westlichen und sudlichen Berge von der gesenkten Dezembersonne ubergossen und die im Himmel umhergelagerten Wolkengletscher warfen auf die ganze Gegend freudige Lichter und uberall war ein schones Glanzen der Welt, und manches dunkle enge Leben wurde gelichtet.
Schon von weitem zeigte Siebenkas Lenetten die Vogelstange als den Alpenstock oder die Ruderstange, womit er neulich uber die nachste Not hinweggekommen. Im Schutzengebaude fuhrte er sie in den Schiessstand sein Konklave oder Frankfurter Romer der Kronung , wo er sich zu einem Vogelkaiser hinauf geschossen und aus der Frankfurter Judengasse der Glaubiger heraus, indem er bei seiner Thronbesteigung wenigstens einen Schuldner losgelassen, sich selber. Oben in der weiten Honoratiorenstube konnten beide sich recht ausbreiten, er sich an einen Tisch zum Schreiben vor das rechte Fenster setzen, und sie sich an ein anderes zum Nahen ans linke.
Wie der Kaffee das Dezemberfest in beiden erwarmte, lasst sich nicht beschreiben, aber nachfuhlen.
Lenette zog einen Strumpf des Advokaten nach dem andern an, namlich an den linken Arm, weil der rechte die Stopfnadel fuhrte, und sass mit dem unten oft offnen Strumpfe wenigstens einarmig einer jetzigen Dame ahnlich da, welche der lange danische Handschuh mit Fingerklappen aufschmuckt. Doch zog sie den Armstrumpf nicht so hoch empor, dass ihn Spaziergangerinnen auf der hoher liegenden Kunststrasse sehn konnten. Aber unaufhorlich nickte sie ihre "untertanigsten Magde und gehorsamsten Dienerinnen" zum offnen Fenster hinaus. Mehre der vornehmsten Ketzerinnen sah sie unten ihre eignen kunstlichen Haubenbauten durch die Spaziergange tragen, um Maria Empfangnis feierlich zu begehen; und mehr als eine grusste selber zuerst verbindlich zu ihrer Dachdeckerin herauf.
Nach der reichsmassigen Paritat des Reichsmarktfleckens gingen an dem katholischen Feste auch Protestanten von Stand spazieren, und ich steige hier von dem Landschreiber Borstel uber den Fruhprediger Reuel bis zum Obersanitatrat Oelhafen hinauf.
Und doch war der Armenadvokat vielleicht so selig als selber seine Frau. Zugleich beschrieb er seine Teufels Papiere und besah nicht die Hohen, sondern die Hohen des Orts.
Schon bei dem Eintritte in das Honoratiorenzimmer empfing ihn eine dagebliebene vergessne lackierte, noch nicht abgeleckte Kindertrompete erfreuend, nicht so sehr durch ihren Quak-Klang als durch ihren Farbengeruch, der ihn in diesem Christmonattage ordentlich in die dunklen Entzuckungen des Christfestes zuruck hauchte. Und so kam denn eine Freude zur andern. Er konnte von seinen Satiren aufstehen und Lenetten mit dem Schreibfinger die grossen Krahennester in den nackten Baumen und die unbelaubten Bankchen und Tischchen in den Gartenlauben und die unsichtbaren Gaste zeigen, die allda an Sommerabenden ihre Sitze der Seligen gehabt, und die sich der Sache noch heute erinnern und schon dem Wiederhinsetzen entgegensehen. Auch war es ihm ein Leichtes, Lenetten auf die Felder hinzuweisen, wo uberall heute in so spater Jahrzeit Salat von freiwilligen Gartnerinnen fur ihn geholt werde, namlich Ackersalat oder Rapunzeln, die er abends essen konnte.
Nun sass er vollends an seinem Fenster noch den rotlichen Abendbergen gegenuber, auf welche die Sonne immer grosser zusank und hinter denen die Lander lagen, wo sein Leibgeber wandelte und das Leben abspielte. "Wie schon ist es, Frau", sagte er, "dass mich von Leibgeber keine breite platte Ebene mit blossen Hugel-Verkropfungen scheidet, sondern eine tuchtige hohe Bergmauer, hinter der er mir wie hinter einem Sprachgitter steht." Ihr kam es freilich halb so vor, als freue ihr Mann sich der Scheidewand, da sie selber an Leibgeber wenig Behagen und an ihm nur den Kipper und Wipper ihres Mannes gefunden, der diesen noch eckiger zuschnitt, als er schon war; indes in solchen Dunkelfallen schwieg sie gern, um nicht zu fragen. Aber er hatte freilich umgekehrt gemeint, von geliebten Herzen sehe man sich am liebsten durch die heiligen Berge geschieden, weil wir nur hinter ihnen wie hinter hohern Gartenmauern das Blutendickicht unseres Edens suchen und schauen, hingegen am Rande der langsten Tenne von Plattland nichts Hoheres erwarten als eine umgekrummte langere. Dies gilt sogar fur Volker; die Luneburger Heide oder die preussischen Marken werden sogar dem Italiener nicht den Blick nach Welschland richten; aber der Marker wird in Italien die Apenninen anschauen und sich nach den deutschen Geliebten hinter ihnen sehnen.
Von der sonnigen Gebirgscheide zweier getrennten Geister floss freilich mitten unter dem satirischen Arbeiten dem Armenadvokaten manches in die Augen, was aussah wie eine Trane; aber er ruckte bloss ein wenig seitwarts, damit ihn Lenette nicht daruber befragte; denn er wusste und mied sein altes Auffahren uber eine Frage, was ihm fehle, dass er weine. War er heute denn nicht die leibhafte Zarte lebendig und druckte vor der Frau das Komische nur durch die ernsthaftesten Mitteltinten aus, weil er sich selber uber den frischen Wachstum ihrer von ihm gesaeten Freude ergotzte? Sie erriet zwar dieses weiche Schonen nicht; aber so wie er zufrieden war, wenn niemand als er wusste sie aber nicht , dass er die feinsten Ausfalle auf sie gemacht, so war ers auch bei den feinsten Verbindlichkeiten.
Endlich verliessen sie warm ausgefullt die weite Stube, als die Sonne sie ganz mit Purpurfarben uberkleidet hatte; im Heraustreten aus dem Schiesshause zeigte er Lenetten noch den flussigen Goldblick auf den langen Glasdachern zweier Gewachshauser, und der schon vom Gebirge entzwei geteilten Sonne hing er sich selber an, um mit ihr zu dem Freunde in der Ferne niederzugehen. Ach wie liebt sichs in die Ferne, sei es die des Raums oder der Zukunft oder Vergangenheit, und sei es vollends in die Doppel-Ferne uber der Erde! Und so hatte an sich der Abend sehr trefflich schliessen konnen; aber etwas kam dazwischen. Es hatte namlich ein oder der andere bose Geist von Verstand den Heimlicher Blaise genommen und ihn so unter den freien Himmel als Spazierganger hinausgestellt, dass ihm der Advokat in der Schuss- und Grussweite gerade an einem Feste der Empfangnis nur schoner Seelen aufstossen musste. Als der Vormund ihn vollstandig gegrusst obwohl mit einem Lacheln, das zum Gluck nie auf einem Kinderangesichte erscheinen kann , so antwortete Siebenkas hoflich, obwohl mit blossem Zerren und Rucken des Hutes, ohne ihn jedoch abzuheben. Lenette suchte sogleich das Erniedrigen des Hutes einzubringen durch ihr eigenes verdoppeltes, hielt aber, sobald als sie sich umgesehen, dem Gatten eine kleine Gardinen- d.h. Gartenbretterwandpredigt, dass er den Vormund vorsatzlich immer heimtuckischer mache. "Wahrlich, ich konnte nicht anders, Liebe", sagte er, "ich meint' es nicht bose, am wenigsten heute."
Der Umstand ist freilich der, dass Siebenkas schon vor einiger Zeit seiner Frau geklagt, sein Hut leide als ein feiner Filz schon lange durch das unablassige Abziehen in dem kleinstadtischen Marktfleckchen, und dass er keinen anderen Hut-Schirm und Panzer sehe als einen grunen steifen wachstaftnen Hutuberzug, in welchen er ihn zu stecken denke, um ihn, in diesem Stechhelm und Fallhut eingepackt, ohne das geringste Abgreifen taglich zu derjenigen Hoflichkeit zu verwenden, welche die Menschen einander im Freien schuldig sind. Der erste Gang darnach, den er mit seinem aufgesetzten Doppelhute oder Huthut tat, war zu einem Gewurzkramer, bei welchem er den feinen Unterziehhut herausweidete und fur sechs Pfund Kaffee versetzte, welcher seine vier Gehirnkammern besser durchheizte als der Hasenfilz. Mit dem Koadjutorhute auf dem Kopfe allein kehrte er ruhig und unentziffert nach Hause; und trug nun das leere Futteral durch die krummsten Gassen, mit heimlicher Freude, gewissermassen vor niemand den wahren Hut abzuziehen oder chapeau bas zu gehen oder sich kunftig noch mehre Einfalle uber den Genuss seines Hutzuckers auszusinnen.
Freilich wann er grade vergessen hatte wie es wohl heute am meisten zu entschuldigen war , das Hutfutter mit dem notigen kunstlichen Sparrwerke auszusteifen: dann brachte er das Futter zum Grussen zu schwer und quer herunter und konnt' es bloss ausserst hoflich beruhren, wie einer der vornehmsten Offiziere, musste aber so wider Willen den Charakter eines Grobians behaupten.
Und grade heute musst' er denselben behaupten und konnte auf keine Weise sein Kuvert des Kopfes abnehmen, dieses Liebebriefes an alles, was spazieren ging.
Aber dabei sollte der Spaziergang nicht verbleiben, sondern einer der obgedachten bosen Geister von Verstand verschob die Buhnenwande so hastig von neuem, dass wir wirklich etwas Geandertes erblicken mussen. Vor beiden Gatten spazierte namlich ein Schneidermeister katholischer Konfession voraus, nett angezogen, um wie jeder seiner Kon- und Profession die Empfangnis zu feiern. Zum Ungluck hatte der Schneider im engen Steige die Rockschosse es sei aus Scheu des Kotes oder aus Lust der Feier dermassen in die Hohe gehoben, dass das Anfang- oder Steissbein oder eingeflickte Ruckenmark seiner Weste von unten auf deutlich zu sehen war, namlich der Hintergrund der Weste, den man bekanntlich, wie den der Gemalde, mit weniger Leinwandfarben ausfuhrt als den nahern glanzvollen Vordergrund des Vorderleibs. "Ei Meister", rief heftig Lenette, "wie kommt Er denn hinten zu meinem Zitz?"
In der Tat hatte der Schneider von einem augsburgischen grunen Zitze, aus welchem sie sich bei ihm sogleich nach ihrem Konigin werden ein artiges Leibchen oder Mieder machen lassen, so viel als Probe fur sich beiseite gelegt und behalten, als er nach Massgabe unentgeltlicher Weinproben als notig und christlich erachten konnte. Dieses wenige von Probe hatte notdurftig zu einem sehr matten Hintergrunde seiner glanzgrunen Weste zugelangt, fur welche er eine so dunkle Kehrseite nur in der Hoffnung gewahlt und genommen, dass sie als das Untere der Karte nicht gesehen werde. Da aber jetzt der Meister ruhig, als ging' es ihn gar nicht an, mit Lenettens nachgerufenem Ruckendekret weiter spazierte: wurde in ihr das Flammchen zur Flamme, und sie schrie nach Siebenkas mochte winken und lispeln, wie er wollte : "Es ist mein eigner Zitz aus Augsburg, hort Er, Meister Mauser? und Er hat mir ihn gestohlen, Er!" Hier erst wandte der zunftige Zitzrauber sich kaltblutig um und sagte: "Das beweise Sie mir doch aber bei der Lade will ich Sie schon zitzen, wenn noch hohe Obrigkeit in Kuhschnappel regiert."
Da entbrannte sie zur Lohe Bitten und Befehle des Advokaten waren ihr nur Luft. "Er Rips-Raps, meine Sache will ich haben, du Spitzbube!" rief sie. Auf diese Nachrede hob der Meister bloss die Rockschosse mit beiden Handen ungemein hoch uber die indossierte Weste empor und versetzte, ein wenig sich buckend: "Da!" und schritt langsam, immer in der namlichen Brennweite, vor ihr her, um ihre Warme langer zu geniessen.
Am meisten war nur der arme Siebenkas an einem so reichen Feste, wo er mit allen juristischen und theologischen Exorzismen den Zankteufel nicht ausjagen konnte, zu bejammern, als zum Glucke sein Schutzengel plotzlich aus einem Seitenhohlwege aufstieg, der Pelzstiefel auf seinem Spaziergange. Weg war fur Lenette der Schneider der Zitz von einer Viertelelle lang der Zankapfel und der Zankteufel und wie das Abendblau und Abendrot stand ihr Augenblau und Wangenrot ruhig und kuhl vor ihm. Zehn Ellen Zitz und halb so viel Schneider dazu, die sie behalten und eingeflickt, waren ihr in dieser Minute leichte Federn und keines Wortes und Kreuzers wert. So dass Siebenkas auf der Stelle sah, dass Stiefel sich als der wahre tragbare Olberg zu ihr bewegte, besteckt mit lauter Olzweigen des Friedens wiewohl fur Zankteufel von anderer Seite her aus deren Oliven leicht ein Ol zu keltern war, das in kein eheliches Kriegfeuer, zu welchem eben Stiefel mit dem Loscheimer bestellt worden, gegossen werden durfte. War nun Lenette schon im Freien ein weicher weisser Schmetterling und Buttervogel, der still uber den bluhenden Steigen des Pelzstiefels schwebte und flatterte: so wurde sie gar in der eignen Stube, in welche der Rat sie begleitete, eine griechische Psyche, und ich muss es, so parteiisch ich auch fur Lenette bin, allerdings in dieses Protokoll aufnehmen sonst wird mir alles andere nicht geglaubt , dass sie leider an jenem Abende nichts zu sein schien als eine geflugelte, mit den durchsichtigen Schwingen vom klebrigen Korper losgemachte Seele, die mit dem Schulrate als sie den Korper noch umhatte vorher in Liebebriefwechsel gestanden, die aber jetzo mit waagrechten Flugeln um ihn schwebe, die ihn mit dem flatternden Gefieder anwehe, die endlich, des Schwebens mude, einer beleibten Sitzstange von Korper zusinke, und die es ist weiter kein anderer weiblicher bei der Hand in Lenettens ihren mit angeschmiegten Schwingen niederfalle. So schien Lenette zu sein. Warum war sie aber heute so? Gross war hieruber Stiefels Unwissenheit und Freude, klein beides in Firmian. Eh' ichs sage, will ich dich bedauern, armer Mann, und dich, arme Frau! Denn warum sollen denn immer den glatten Strom eueres (und unsers) Lebens entweder Schmerzen oder Sunden brechen, und warum soll er erst wie der Dnjepr-Strom nach dreizehn Wasserfallen im schwarzen Meer der Gruft einsinken? Weswegen aber gerade heute Lenette ihr volles Herz fur den Rat beinahe ohne das Klostergitter der Brust vorzeigte, das war, weil sie heute ihr Elend fuhlte, ihre Armut: Stiefel war voll gediegner Schatze, Firmian nur voll vererzter (d.h. Talente). Ich weiss es gewiss, sie hatte ihren Siebenkas, den sie vor der Ehe so kalt liebte wie eine Gattin, in ihr so lieb gewonnen wie eine Braut, hatt' er etwas zu brocken und zu beissen gehabt. Hundertmal bildet eine Braut sich ein, sie habe ihren Verlobten lieb, da doch erst in der Ehe aus diesem Scherze aus guten metallischen und physiologischen Grunden Ernst wird. Lenette ware dem Advokaten in einer vollen Stube und Kuche voll Einkunfte und zwolf Herkulischer Hausarbeiten treu genug geblieben, und hatte sich ein ganzes gelehrtes Kranzchen von Pelzstiefeln denn sie hatte stundlich kalt gedacht und gesagt: "ich habe schon" um sie herumgesetzt; aber so, in einer solchen leeren Stube und Kuche, wurden die Herzkammern einer Frau voll, mit einem Worte, es kommt nichts Gutes dabei heraus. Denn eine weibliche Seele ist naturlicherweise ein schones, auf Zimmer, Tischplatten, Kleider, Prasentierteller und auf die ganze Wirtschaft aufgetragnes Freskogemalde, und mithin werden alle Risse und Sprunge der Wirtschaft zu ihren. Eine Frau hat viel Tugend, aber nicht viele Tugenden, sie bedarf einen engen Umkreis und eine burgerliche Form, ohne deren Blumenstab diese reinen weissen Blumen in den Schmutz des Beetes kriechen. Ein Mann kann ein Weltburger sein und, wenn er nichts mehr in seine Arme zu nehmen hat, seine Brust an den ganzen Erdball drucken, ob er gleich nicht viel mehr davon umarmen kann, als ein Grabhugel betragt; aber eine Weltburgerin ist eine Riesin, die durch die Erde zieht, ohne etwas zu haben als Zuschauer, und ohne etwas zu sein als eine Rolle.
Ich hatte den ganzen Abend viel weitlaufiger vormalen sollen, als ich tat; denn an diesem fingen die Rader des vis-a vis-Wagen der Ehe nach so vielen Reibungen an zu rauchen, und das Feuer der Eifersucht drohte sie zu ergreifen. Mit der Eifersucht ists wie mit den Kinderpocken der Maria Theresia, welche die Furstin unversehrt durch zwanzig Siechkobel voll Blatternpatienten durchliessen, bis sie ihr unter der ungarischen und deutschen Krone anflogen. Siebenkas hatte die kuhschnappelische (vom Vogel) schon einige Wochen auf dem Kopf.
Seit diesem Abend kam Stiefel, der sich immer lieber in die immer hoher steigende Sonne Lenettens setzte, immer ofter und sah sich fur den Friedenrichter an, nicht fur den Friedenstorer.
Es liegt mir nun ob, den letzten und wichtigsten Tag dieses Jahrs, den 31. Dezember, mit seinem ganzen Hinter- und Vorgrund und allem Beiwerk den Deutschen auf mein Papier recht ausfuhrlich hinzumalen.
Schon vor dem 31. Dezember waren die hl. Weihnachttage da, die vergoldet werden mussten und die sein silbernes Zeitalter nach dem Konigschusse vererzten und verholzten. Das Geld ging auf. Aber noch mehr: der arme Firmian hatte sich sowohl krank gekummert als krank gelacht. Ein Mensch, der immer mit den Oberflugeln der Phantasie und mit den Unterflugeln der Laune uber alle Prellgarne und Fanggruben des Lebens weggezogen ist, dieser schlagt, wenn er einmal an die reifen Spitzen der abgebluhten Disteln angespiesset wird, uber deren Himmelblau und Honiggefasse er sonst geschwebet, blutig und hungrig und epileptisch um sich; ein Froher verfalbet unter dem ersten Sonnenstiche des Grams. Zum wachsenden Herzpolypen der Angst setze man noch seinen schriftstellerischen Taumel, weil er die Auswahl aus den Papieren des Teufels recht bald zu Ende haben wollte, um sein Leben und seinen Prozess vom Honorar zu fuhren. Er sass fast ganze Nachte und Sessel durch und ritt auf seiner satirischen Schnitzbank. Dadurch schrieb er sich ein Ubel an den Hals, das der gegenwartige Verfasser wahrscheinlich auf keine andre Art geholt als eben durch unmassige Freigebigkeit gegen die gelehrte Welt. Es befiel namlich ihn, wie mich noch, eine schnelle Pause des Atemzugs und Herzschlags, darauf ein odes Entfliegen alles Lebengeistes und dann ein stossender Aufschuss des Blutes in das Gehirn; und zwar am meisten vor seinem literarischen Spinn- und Spulrad91.
Gleichwohl bietet uns beiden Autoren dafur kein Mensch einen Heller Schmerzengeld an. Es scheint, dass Schriftsteller nicht lebendig, sondern abgeformt zu ihrer Nachwelt kommen sollen, wie man die zarten Forellen nur gesotten verschickt; man steckt uns nicht eher den Lorbeerreis, wie den wilden Sauen die Zitrone, in den Mund, als bis man uns gepurscht auftragt. Es wurde mir und jedem Kollegen wohltun, wenn ein Leser, wenn wir dessen Herz und Herzohren bewegen, nur so viel sagte: "Diese susse Bewegung des meinigen ging nicht ohne hypochondrisches Herzklopfen der ihrigen ab." Mancher Kopf wird von uns ausgelichtet und erleuchtet, der niemals bedenkt: "Das leisten beide wohl, aber Schmerzen der ihrigen, Cephalalgie, Cephalaa, halbseitige und der Nagel sind der Lohn dafur." Ja er sollte mich in solchen Satiren wie dieser unterbrechen und ruhmen: "So viele Schmerzen mir seine Satire jetzo macht, so gibt sie ihm doch noch grossere; denn meine sind glucklicherweise nur geistig." Gesundheit des Korpers lauft nur gleichgerichtet mit Gesundheit der Seele; aber sie beugt ab von Gelehrsamkeit, von grosser Phantasie' grossem Tiefsinn, welches alles so wenig zur geistigen Gesundheit gehoret als Beleibtheit, Lauferfusse, Fechterarme zur leiblichen. Ich wunschte oft, alle Seelen wurden so auf ihre Leiber oder Flaschen verfullet wie der Pyrmonter auf seine. Man lasset erst seinen besten Geist verrauchen, weil er sonst die Flaschen zertreibt; aber es scheint, dass nur bei den Seelen des Kardinalkollegiums (wenn dem Gorani zu glauben), vieler Domkapitularen u.a. diese Vorsicht gebraucht worden, dass man den ausserordentlichen Geist derselben, der ihre Leiber zersprengt hatte, vorher verdampfen lassen, eh' man sie, auf Korper gezogen, nach der Erde verschickte: jetzo halten sich die Flaschen 70, 80 Jahre ganz gut.
Mit kranker Seele also, mit siechem Herzen, ohne Geld trat Siebenkas den letzten Tag des Jahres an. Der Tag selber hatte sein schonstes Sommerkleid, namlich ein berlinerblaues, angezogen und sah so himmelblau wie der Krischna oder wie Grahams neue Sekte oder wie die Juden in Persien aus er hatte den Ballonofen der Sonne heizen lassen, und auf der feinkandierten Erde war der Schnee, wie auf gewissen kunstlich bereiften Schaugerichten, sogleich ins Wintergrun verlaufen, sobald die Kugel nur vor den Ofen getragen wurde. Das Jahr schien gleichsam mit Warme und mit einer Heiterkeit voll freudiger Tropfen sich von der Zeit zu trennen. Firmian ware gern hinausgelaufen und hatte sich auf dem feuchten Grun gesonnet; aber er musste erst den Professor Lang in Baireuth beurteilen.
Er machte Rezensionen, wie andre Gebete, nur in der Not; es war das Wassertragen jenes Atheners, um nachher der Lieblingwissenschaft ohne Hunger obzuliegen. Aber seinen satirischen Bienenstachel steckt' er bei Rezensionen in die Scheide; bloss aus seinem weichen Wachs- und aus dem Honigmagen nahm er die milden Uberzuge seiner Urteile. "Kleine Schriftsteller", sagt' er, "sind immer besser, und grosse schlechter als ihre Werke. Warum soll ich moralische Fehler, z.B. Eitelkeit, dem Genie vergeben und dem Dunse nicht? Hochstens jenem nicht. Unverschuldete Armut und Hasslichkeit verdienen keinen Spott; aber verschuldete ebensowenig, obgleich Cicero wider mich ist. Denn ein moralischer Fehler (und also seine Strafe) kann doch nicht durch dieselbe zufallige physische Folge, die bald kommt, bald aussenbleibt, grosser werden! Ist ein Verschwender, der zufallig arm wird, einer grossern Strafe wert als der, ders nicht wird? Hochstens umgekehrt." Wendet man dieses auf die schlechten Schriftsteller an, denen eine undurchdringliche Eigenliebe ihren Unwert verdeckt und an deren unschuldigen Herzen der Kritiker den Zorn uber den schuldigen Kopf auslasset: so darf man zwar noch bitter uber die Gattung spotten, aber das Einzelwesen werde nur sanft belehrt. Ich glaube, es ware die Gold- und Tiegelprobe eines moralisch in sich abgerundeten Gelehrten, wenn man ihm ein schlechtes, beruhmtes Buch zu rezensieren auftruge.
Ich will mich vom Dr. Merkel ewig rezensieren lassen, wenn ich in diesem Kapitel noch einmal ausschweife. Firmian arbeitete ein wenig eilig an der Rezension des Langischen Programms: Praemissa historiae Superintendentium generalium Baruthi non specialium, continuatione XX: er musste heute noch einige Ortstaler haben, und er wollte auch ein wenig an dem brutenden, mutterlichen Tage spazieren gehen. Lenette hatte schon gestern am Donnerstage das neue Jahr fiel auf den Sonnabend vorlaufige Feste der Reinigung gefeiert (denn sie wusch jetzt taglich weiter voraus); heute aber hielt sie vollends die Ahrenlese der Mobeln sie gab der Stube Abfuhrmittel gegen alle Unreinigkeiten ein sie sah den index expurgandorum nach sie trieb, was nur holzerne Beine hatte, in die Schwemme und kam mit Fleckkugeln nach kurz sie paddelte und brudelte bei dieser levitischen Reinigung der Stube so recht einmal in ihrem nasswarmen Element, und Siebenkas sass aufrecht im Feg-Feuer und gab schon seinen Brandgeruch von sich.
Er war heute schon an sich toller als sonst: erstlich weil er sich vorgesetzt hatte, nachmittags den grillierten Kattunrock durchaus und schrieen ganze Nonnenkloster darwider in Versatz zu schaffen, und weil er mithin voraussah, dass er sich noch ausserordentlich wurde ereifern mussen; und diesen Vorsatz des Versatzes fassete er heute gerade, weil er und dies ist zugleich die zweite Ursache, warum er toller war sich argerte, dass die guten Tage wieder verlebt und dass ihre Spharenmusik durch Lenettens TrauerMiserere verdorben worden. "Frau", sagt' er, "ich rezensiere eben furs Geld." Sie schabte fort. "Den Professor Lang hab' ich vor mir, und zwar das 7te Kapitel, worin er vom 6ten Baireuther Generalsuperintendent Stockfleth handelt." Sie wollte in einigen Minuten nachlassen, aber nur in dieser nicht; Weiber tun alles gern spater, daher kommen sie sogar spater auf die Welt als Knaben92. "Das Programm", fuhr er noch einmal mit kunstlicher Kalte fort, "hatte der Gotterbote schon vor einem halben Jahre beurteilen sollen: der Bote muss nicht wie die Allg. deutsche Bibliothek und der Papst erst nach 100 Jahren heilig sprechen." War' er nur imstande gewesen, sich noch eine Minute in der kunstlichen Kalte zu erhalten: so hatte er Lenettens Aussummen erlebt. Aber er konnte nicht. "So soll doch", fuhr er auf und sprang mit Hinwerfen der Feder in die Hohe, "lieber der Teufel dich und mich holen und den Gotterboten! Ich weiss nicht", fuhr er gefasset und gelahmt fort und setzte sich entnervt, als ware er mit lauter Schropfkopfen umsetzt, nieder, "was ich ubersetze, und schreib' ich hin Stockfleth oder Lang. Es ist dumm, dass ein Advokat nicht so taub93 sein soll wie ein Richter; als Tauber war' ich torturfrei weisst du, wieviel nach den Rechten zu einem Tumulte Leute gehoren? Entweder zehn oder du allein in deiner musikalischen Wasch-Akademie." Ihm war weniger darum zu tun, billig zu sein, als den spanischen Gastwirten zu gleichen, die den Gasten allezeit das Geschrei, das sie gemacht, mit in Rechnung setzen. Sie hatte ihren Willen gehabt, also war sie still in Worten und Werken.
Er vollendete vormittags das kritische Urteil und schickte es dem Vorsteher Stiefel; dieser schrieb zuruck, abends handige er ihm selber die Sportuln dafur ein; denn er haschte jetzt jeden Anlass zu einem Besuche auf. Unter dem Essen sagte Firmian, in dessen Kopf der schwule stinkende Nebel einer ubeln Laune nicht fallen wollte: "Ich fass' es nicht, wie du so wenig Reinigkeit und Ordnung liebst. Es ware doch besser, du ubertriebest es in der Reinlichkeit als im Gegenteil. Die Leute sagen: es ist nur schade, dass ein so ordentlicher Mann, wie der Armenadvokat ist, eine so unordentliche Frau hat." Dieser Ironie setzte sie allemal, ob sie gleich wusste, sie sei eine, gute formliche Wiederlegungen entgegen. Er brachte sie nie dahin, seinen Spass, anstatt zu widerlegen, ordentlich zu schmecken oder gar die menschliche Gesellschaft an seiner Seite auszulachen. So lasset eine Frau ihre Meinung, sobald sie auch der Mann annimmt, fahren; sogar in der Kirche singen die Weiber, um mit den Mannern in nichts eintonig zu sein, das Lied um eine Oktave hoher als diese.
Nachmittags ruckte die grosse Stunde heran, worin der Ostrazismus oder die Land- und Hausverweisung des grillierten Kattuns endlich vorfallen sollte als die letzte, aber grosste Tat des Jahres 1785. Er hatte dieser Losung zum Zank, dieser feindlichen roten Timurs- und Muhammeds-Fahne, dieser Ziskas-Haut, die sie immer zusammenhetzte, jetzo recht von Herzen satt; er wollte lieber, der Kattun war' ihm gestohlen, um nur von dem langweiligen, abgeschabten Gedanken an den Lumpen loszukommen. Er ubereilte sich nicht, sondern unterstutzte seine Petition mit aller Beredsamkeit, die ein Parlamentredner zu Hause hat; er liess raten, welches der grosste Gefallen gegen ihn sei, womit sie das alte Jahr beschliessen konne er sagte, es wohne neben ihm unter einem Dache ein Erbfeind und Widerchrist, ein Lindwurm, ein vom bosen Feind in seinen Weizen geworfnes Unkraut, das sie ausreuten konne, wenn sie wolle. Er zog endlich mit helldunklem Jammer den grillierten Kattun aus der Schublade: "Das ist", sagt' er, "der Stossvogel, der mir nachsetzt, das Steckgarn, das mir der Teufel aufstellt, sein Schafkleid, mein Marterkittel, mein Casems-Pantoffel Teuerste, tue mir nur das zu Gefallen und verpfand es! Antworte mir noch nicht", sagt' er, sanft die Hand auf ihre Lippen dekkend, " uberlege vorher, was doch eine dumme Gemeinde tat, deren einziger Hufschmied im Dorfe gehangen werden sollte. Sie schlug lieber einige unschuldige Schneidermeister fur den Galgen vor, die eher zu entraten waren. Und du, als eine klugere Person, solltest ja die blosse Naharbeit der Meister, da wir den Trauerkattun bei unsern Lebzeiten nicht brauchen, lieber hergeben als metallene Mobeln, aus denen wir taglich speisen! Jetzt sage aber, was du denkst, Gute?"
"Ich habe es schon lange gemerkt", versetzte sie, "dass du mich um meinen Trauerrock zu bringen suchst. Ich geb' ihn aber nicht her. Wenn ich nun zu dir sagte: versetz deine Uhr, Firmian! Es war' ebenso." Vielleicht gewohnen sich die Manner darum an, gebieterisch ohne Grunde zu befehlen, weil diese wenig verfangen und sie gerade die Widerspenstigkeit, statt zu brechen, nur waffnen. "Beim Henker!" sagt' er, "nun hab' ichs genug. Ich bin kein Truthahn und Auerochs, der sich ewig uber den farbigen Lappen erbosen will. Es wird heute versetzt, so wahr ich Siebenkas heisse."
"Du heissest ja auch Leibgeber", sagte sie. "Es soll mich der Teufel holen, wenn der Kattun da bleibt", sagt' er. Jetzo fing sie an zu weinen und uber das bittere Geschick zu wimmern, das ihr nichts mehr lasse, auch ihren Anzug nicht einmal. Gedankenlose Tranen fallen oft so ins siedende mannliche Herz wie andere Wassertropfen in geschmolzenes wallendes Kupfer: die flussige Masse springt krachend auseinander. "Himmlischer, guter, sanfter Teufel", sagt' er, "fahr herein und brich mir den Hals! Gott erbarme sich uber eine solche Frau! Nun so behalt deinen Kattun und dein Hungertuch. Aber des Henkers bin ich ich gebe mein Ehrenwort , wenn ich nicht das alte Hirschgeweih aus meines Vaters Nachlass noch heute wie ein gestrafter Wilddieb auf den Kopf stulpe und zum Verkaufe am lichten hellen Tag durch den ganzen Flecken trage, so lacherlich es allen Kuhschnapplern erscheinen mag, und ich will bloss sagen, du hast mirs aufgesetzt. Das tu' ich, zum Teufel!"
Knirschend ging er ans Fenster und sah ohne Augen auf die Gasse. Ein Dorfleichenbegangnis marschierte mit Stocken unten vorbei. Die Leichenbahre war eine Achsel, und auf ihr wankte ein schiefer Kindersarg.
Dieser Anblick ist uberhaupt schon ruhrend, wenn man uber einen kleinen verborgnen Menschen nachsinnt, der aus dem Fotusschlummer in den Todesschlaf, aus dem Amnioshautchen dieser Welt in das Bahrtuch, das Amnioshautchen der andern, ubergeht dessen Augen vor der glanzenden Erde zufallen, ohne die Eltern gesehen zu haben, die ihm mit feuchten nachblicken der geliebt wurde, ohne zu lieben dessen kleine Zunge verweset ohne gesprochen, wie sein Angesicht, ohne je gelachelt zu haben auf unserem widersinnigen Rund. Diese abgeschnittnen Laubknospen der Erde werden schon irgendeinen Stamm finden, auf welchen sie das grosse Schicksal impft; diese Blumen, die wie einige sich schon in den Morgenstunden zum Schlafe zuschliessen, werden schon eine Morgensonne antreffen, die sie wieder offnet. Als Firmian dies kalte uberhullte Kind vorubergehen sah in dieser Stunde, wo er uber das Trauerkleid, das ihn betrauern sollte, stritt jetzo neben dem letzten Tropfen des abrinnenden Jahrs, wo ihm sein mit fluchtigen Ohnmachten vertrautes Herz die Vollendung eines neuen absprach jetzo unter so vielen Schmerzen: so horte er gleichsam den Todesfluss uberdeckt unter seinen Fussen murmeln, wie die Sineser den Boden ihrer Garten mit brausenden Stromen unterhohlen, und die dunne Eisrinde, die ihn hielt, schien bald mit ihm in die winterlichen Wellen hinabzubrechen. Er sagte unaussprechlich geruhrt zu Lenetten: "Vielleicht hast du am Ende recht, dass du den Trauerrock behaltst, und es ahnet dich mein Untergehen. Tu, was du magst ich will mir den letzten Dezember nicht weiter verbittern, da ich nicht weiss, ob er nicht in einem andern Sinne fur mich der letzte ist, und ob ich in einem Jahre dem armen Saugling nicht naher bin als dir. Ich geh' jetzo spazieren."
Sie schwieg betroffen. Er entzog sich eilig einer endlichen Antwort. Seine Abwesenheit musste seine beste Oratorie sein. Alle Menschen sind besser als ihre Aufwallungen als ihre schlimmen namlich, denn alle sind auch schlechter als ihre edeln , und raumt man jenen eine Stunde zum Auseinanderfallen ein: so hat man etwas Bessers als seine Sache gewonnen, seinen Gegner. Ubrigens hinterliess er Lenetten noch ein starkes Nachdenken uber sein Ehrenwort und uber das Hirschgeweih.
Ich hab' es schon einmal geschrieben: dass der Winter nackt ohne den Lailach und das Westerhemd von Schnee auf der Erde lag, neben der trocknen durren Mumie des vorigen Sommers. Firmian sah mit einem unbefriedigten Gefuhl uber die ausgekleideten Gefilde hinweg, uber welche noch die Wiegendecke des Schnees und der Milchflor des Reifs geworfen werden musste, und an die Bache hinunter, die noch gelahmt und sprachlos werden sollten. Helle, warme letzte Dezembertage weichen uns zu einer Schwermut auf, in der vier oder funf bittere Tropfen mehr sind als in der Schwermut des Nachsommers; bis um 12 Uhr in der Nacht und bis zum 31ten des 12ten Monats macht uns das winterliche und nachtliche Bild des Vergehens enge, aber schon um I Uhr nach Mitternacht und am 1. Januar wehen lebendige Morgenwinde das Gewolke uber die Seele hinuber, und wir schauen nach dem dunkeln, reinen Morgenblau, dem Aufsteigen des Morgen- und Fruhlingsternes entgegen. An einem solchen Dezembertage beklemmt uns die falbe stockende Welt von starren blutlosen Gewachsen um uns und die unter sie niedergefallnen, mit Erde bedeckten Insektenkabinette und das Sparrwerk blosser, runzliger, verdorrter Baume die Dezembersonne, die am Mittag so tief hereinhangt als die Juniussonne abends, breitet, wie angezundeter Spiritus, einen gelben Totenschein uber die welken, bleichen Auen aus, und uberall schlafen und ziehen, wie an einem Abende der Natur und des Jahrs, lange riesenhafte Schatten, gleichsam als nachgebliebene Trummer und Aschenhaufen der ebenso langen Nachte. Hingegen der leuchtende Schnee uberzieht nur, wie ein um einige Schuh hoher weisser Nebel, den bluhenden Boden unter uns, der blaue Vorgrund des Fruhlings, der reine dunkle Himmel, liegt uber uns weit hinein, und die weisse Erde scheint uns ein weisser Mond zu sein, dessen blanke Eisfelder, sobald wir naher antreten, in dunkle wallende Blumenfelder zerfliessen.
Weh wurde dem traurigen Firmian auf der gelben Brandstatte der Natur ums Herz. Die taglich wiederkommende Stockung seines Herz- und Pulsschlages schien ihm jenes Stillestehen und Verstummen des Gewittersturmers in der Brust zu sein, das ein nahes Ausdonnern und Zerrinnen der Gewitterwolke des Lebens ansagt. Er schrieb das Stottern seines Uhrwerks einem zwischen die Rader gefallenen Pflock, einem Herzpolypen zu; und seinen Schwindel dem Anzuge des Schlagflusses. Heute war der 365te Akt des Jahrs, und sein Vorhang war im Niederfallen; was konnt' ihm dies anders zufuhren als dustere Vergleichungen mit seinem eignen Epiloge, mit dem Wintersolstitium seines abgekurzten verschatteten Lebens? Das weinende Bild seiner Lenette stellte sich jetzo vor seine vergebende, wegziehende Seele; und er dachte: "Sie hat wohl nicht recht; ich will ihr aber nachgeben, weil wir doch nicht lange mehr beisammenwohnen. Ich gonn' ihrs gern, dass meine Arme vermodernd von ihr fallen, und dass ihr Freund sie in seine nimmt."
Er stieg auf das Blut- und Trauergeruste, auf dem sein Freund Heinrich seine Umarmungen geendigt hatte. Von dieser Hohe eilten seine Blicke, sooft sein Herz zu schwer wurde, dem Wege Leibgebers bis an die Berge nach; aber heute wurden sie feuchter so als sonst, weil er nicht den Fruhling wiederzusehen hoffte. Diese Hohe war der Hugel, auf den der Kaiser Hadrian den Juden jahrlich zweimal zu steigen erlaubte, damit sie hinuber nach den Trummern der heiligen Stadt blicken und das beweinen konnten, was sie nicht betreten durften94. Die Sonne schloss das alte Jahr mit Schatten ab, und als nun abends die Sterne auftraten, die im Fruhling sonst den Morgen schmukken: so brach das Schicksal die schonsten LianenZweige voll Blute von seinem Geiste weg, und helles Wasser quoll aus ihnen: "Ich erlebe und sehe nichts mehr vom kunftigen Fruhling", dacht' er, "als sein Blau, das an ihm, wie in der Schmelzmalerei, unter allen Farben zuerst fertig wird." Sein zur Liebe erzognes Herz ruhte ohnehin immer von Satiren, von trocknen Geschaften und zuweilen von der Kalte Lenettens an der ewigen, warmen und umfangenden Gottin aus, an der Natur. Hier in das freie, enthullte, bluhende All, unter den grossen Himmel, trug er gern seine Seufzer und seinen Kummer, und er machte in diesen Garten, wie sonst die Juden in kleine, alle seine Graber. Und wenn uns die Menschen verlassen und verwunden: so breitet ja auch immer der Himmel, die Erde und der kleine bluhende Baum seine Arme aus und nimmt den Verletzten darein auf, und die Blumen drucken sich an unsern wunden Busen an, und die Quellen mischen sich in unsere Tranen, und die Lufte fliessen kuhlend in unsere Seufzer das Weltmeer von Bethesda erschuttert und beseelet ein hoher Engel, und wir tauchen uns mit allen tausend Stichen in seine heissen Quellen ein und steigen zugeheilet und mit abgespannten Krampfen aus dem Lebenwasser wieder heraus.
Firmian ging mit einem Herzen voll Versohnung und mit Augen, die er im Dunkeln nicht mehr trocknete, langsam nach Hause; er sagte sich jetzt alles, womit er seine Lenette entschuldigen konnte er suchte sich auf ihre Seite zu ziehen durch den Gedanken, dass sie nicht, wie er, den Minervens-Helm, den Fallschirm und Fallhut des Denkens, Philosophierens und der Autorschaft gegen die Stosse und Steine des Lebens nehmen konne er setzte sich noch einmal vor (er hatt' es sich schon 30 Male vorgesetzt), so verbindlich gegen sie zu sein, wie man es gegen eine Fremde ist95 ja er legte uber sein Ich schon das Fliegennetz oder das Panzerhemd der Geduld, im Falle der grillierte Kattun wirklich unversetzt zu Hause lage. So machts der Mensch, so drucket er, um nur in den Mittagschlaf der Seelenruhe zu kommen, mit zwei Handen die Ohren zu so wirft unsere Seele in der Leidenschaft allezeit, wie Spiegel- oder Wasserflachen, den Sonnenschein der Wahrheit nur mit einem blitzenden Punkte zuruck, indes die Flache um die widerscheinenden Stellen sich nur desto tiefer einschattet.
Wie ging alles anders! Gravitatisch und mit einem Kirchenvisitation-Gesicht voll Inspektionpredigten trat ihm der Pelzstiefel entgegen; Lenette richtete ihre geschwollnen Augapfel kaum gegen die Windseite seines Eintritts. Stiefel hielt das Mienen-Gestrick seines Gesichtes fest, damit es nicht vor Firmians freundlich aufgelostem zerfuhre, und hob an: "Herr Armenadvokat, ich wollt' eigentlich das Geld fur die Langische Rezension abtragen. Aber die Freundschaft heischet von mir etwas Wichtigeres: Sie zu ermahnen, dass Sie sich gegen Ihre arme Frau hier betragen wie ein wahrer Christ gegen eine Christin." "Oder noch besser", sagt' er; "aber wovon ist denn die Rede, Frau?" Sie schwieg verlegen. Sie hatte von dem Rat in dem Kattun-Prozess Rat und Hulfe begehrt, weniger, um beides zu bekommen, als um den Prozess zu erzahlen. Sie hatte namlich, als sie der Rat im bittersten Gusse ihrer Augen uberfallen, eben vorher den grillierten stachlichten Raupenbalg wirklich in Versatz gesandt, weil sie nach dem Ehrenschwure ihres Mannes vorauswusste da sie sein Worthalten sowie seine Kalte gegen das Scheinen kannte, die gerade in der Not am grimmigsten wurde , dass er ohne Bedenken das lacherliche Gehorn auf seinem Kopfe feiltragen werde durch den ganzen Ort. Sie hatte vielleicht vor dem Seelsorger geweint und geschwiegen, hatte sie ihren Willen und ihren Rock gehabt; da sie aber beides aufgeopfert hatte, so begehrte sie einen Ersatz, eine Rache. Sie hatt' ihm anfangs nur Beschwerden in unbenannten Zahlen vorgerechnet; als er aber weiter andrang, sprang ihr uberfulltes Herz auf, und alle Leiden stromten heraus. Stiefel gab, zuwider den Rechtsregeln und manchen Universitaten, immer dem Klager Recht, weil dieser eher sprach: die meisten Menschen halten die Unparteilichkeit ihres Herzens fur die Unparteilichkeit ihres Kopfes. Stiefel schwur, er wolle ihrem Manne sagen, was zu sagen ware, und der Kattun kehre noch heute zuruck.
Dieser Beichtiger klingelte vor dem Armenadvokaten mit seinem Bind- und Loseschlusselbund und erzahlte dem Gatten die allgemeine Beichte der Frau und dann den Versatz des Rocks. Wenn man von einer Person zwei verschiedene Handlungen zu berichten hat, eine argerliche und eine willkommene: so kommt die Hauptwirkung darauf an, welche man zuerst stellt; die zuerst erzahlte grundiert das Gemut, und die zuletzt nachgemalte wird nur Nebenfigur und zum Schattenwurf. Firmian hatte schon auf der Gasse hinter Lenettens Versatz gelangen sollen, und erst oben hinter die Plauderei. So aber sass der Henker darin. "Wie (das waren, wenn nicht seine Gedanken, doch seine Gefuhle) wie, meinen Nebenbuhler macht sie zu ihrem Vertrauten und zu meinem Richter ich bring' ihr eine versohnte Seele wieder, und in diese macht sie einen neuen Riss und so argert sie mich noch den letzten Tag mit dem verhenkerten Geplauder?" Mit letztem meinten namlich seine Gefuhle etwas, was der Leser nicht versteht; denn ich hab' ihm noch nicht erzahlt, dass Lenette die Unart hatte, ubel erzogen zu sein, und dass sie daher gemeine Leute ihres Geschlechtes, z.B. die Buchbinderin, zu Einnehmern ihrer geheimen Gedanken und zu elektrischen Ausladern ihrer kleinen Gewitter machte; indes sie zugleich ihrem Mann verdachte, dass er Bediente, Magde, Plebejer, zwar nicht in seine Mysterien einliess, aber doch in ihre eignen begleitete.
Stiefel las jetzo nach der Sitte aller Leute ohne Welt, die alles lehren und nichts voraussetzen von seinem Kanzelpult eine lange theologische Traurede uber die Liebe christlicher Ehegatten ab und bestand zuletzt auf der Zuruckberufung des Kattuns, gleichsam seines Neckers. Firmian wurde durch die Rede erbittert; und das bloss, weil seine Frau ohnehin dachte, er habe keine Religion oder nicht so viel davon wie Stiefel. "Es ist mir (sagt' er) aus der franzosischen Geschichte erinnerlich, dass der erste Prinz vom Geblut, Gaston, seinem Bruder einige unbedeutende Kriegunruhen gemacht, und dass er im Friedeninstrumente darauf in einem besondern Artikel sich erboten, den Kardinal Richelieu zu lieben. Allerdings sollte dieser Artikel, dass Eheleute einander lieben wollen, einen ganzen geheimen Separatartikel in den Ehepakten ausmachen, da die Liebe zwar, wie Adam, anfangs ewig und unsterblich ist, aber nachher doch sterblich wird nach dem Schlangenbetrug. Was aber den Kattun anlangt, so wollen wir alle Gott danken, dass der Zankapfel aus dem Hause geworfen ist." Stiefel, um der geliebten Lenette zu opfern und zu rauchern, drang auf den Ruckmarsch des Rocks um so leichter, weil ihm Firmians bisherige sanfte Willfahrigkeit zu kleinen Opfern und Diensten den Wahn seiner ubermannenden Oberherrschaft in den Kopf gesetzet hatte. Der bewegte Ehemann sagte: "Wir wollen abbrechen." "Nein", sagte Stiefel, "nachher! Jetzo vor allen Dingen foder' ich, dass die Frau wieder zu ihrem Kleide komme." "Hr. Rat, daraus wird nichts." "Ich schiesse Ihnen (sagte Stiefel in heissester Erbosung uber einen solchen frappierenden Ungehorsam) so viel Geld vor, als Sie, brauchen." Nun war es dem Advokaten noch weniger moglich, zuruckzutreten: er schuttelte 80 mal. "Sie oder ich sind ganz besturzt (sagte Stiefel); ich will Ihnen die Grunde noch einmal vorhalten." "Sonst waren", versetzte Firmian, "die Advokaten so glucklich, Hauskaplane96 zu haben; es war aber keiner zu bekehren und darum werden sie nicht mehr angepredigt."
Lenette weinte starker Stiefel schrie deshalb starker er musste, in der ersten Verlegenheit uber eine misslungene Erwartung, seine Foderung schroffer aufstellen, und der andre gegen sie starker andringen. Stiefel war ein Pedant, und niemand als so einer hat eine offnere, blindere Eitelkeit, gleichsam einen unaufhorlichen Wind, der aus allen 32 Ecken fortweht (denn ein Pedant kramt sogar den Korper aus). Stiefel musste, wie ein guter Schauspieldichter, seinen Charakter durchfuhren und sagen: "Entweder oder, Hr. Armenadvokat! Entweder das Trauerkleid kommt zuruck oder ich bleibe weg aut, aut. Meine Besuche konnen zwar von keinem Belange sein; aber ich setz' auch einen geringen Preis darauf, bloss Ihrer Frau Gemahlin wegen." Firmian, doppelt erzurnt erstlich uber die herrschsuchtige Unhoflichkeit eines solchen eiteln Wechselfalles, und zweitens uber den kleinen Marktpreis, wofur der Rat ihre Zusammenkunfte losschlug musste sagen: "Nunmehr kann niemand mehr Ihren Entschluss bestimmen als Sie, aber nicht ich Es wird Ihnen sehr leicht, Hr. Rat, sich von uns zu trennen, und Sie konnten anders aber mir wird es schwer, und ich kann nicht anders." Stiefel, dem so unvermutet und so nahe vor seiner Geliebten der wachserne Lorbeerkranz vom Kopf herabgeschmolzen wurde, konnte weiter nichts tun als scheiden; aber mit drei fressenden, scharfen Gefuhlen dass sein Ehrgeiz litt seine Freundin weinte sein Freund rebellierte und trotzte....
Und als der Schulrat seinen ewigen Abschied
nahm; stand in seiner Freundin Augen ein entsetzlicher Schmerz, den ich, ob ihn gleich die Hand der Vergangenheit bedeckt hat, noch starren sehe; und sie konnte den fliehenden Freund nicht die Treppe mit hinabbegleiten wie sonst, sondern ging mit dem uberfullten, brechenden Herzen allein in die unerleuchtete Stube zuruck.
Firmians Herz legte die Harte, obwohl nicht die
Kalte ab, da er seine verfolgte Frau in starrem, trocknem Gram uber den Einsturz aller ihrer kleinen Plane und Freuden erblickte, und er tat ihr mit keinem einzigen Vorwurfe mehr weh: "Du siehst", sagt' er bloss, "ich bin nicht schuld, dass der Rat nicht mehr wiederkommt er hatte freilich nichts erfahren sollen nun ists vorbei." Sie antwortete nicht. Der Hornissenstachel, der eine dreifache Wunde sticht, oder der wie von einem rachsuchtigen Italiener in sie geworfne Dolch steckte noch in der Wunde fest, die daher nicht bluten konnte. Du Arme! du hast dich um recht viel gebracht! Aber Firmian bereute doch nichts; er, der mildeste, nachgiebigste Mann unter der Sonne, spreizte gegen jeden Zwang, zumal gegen einen auf Kosten seiner Ehre, das ganze weiche Gefieder brausend auf. Geschenke nahm er an, aber nur von seinem Leibgeber oder von andern in der warmsten Stunde des Seelenvereins, und er und sein Freund waren daruber einstimmig, in der Freundschaft gelte nicht nur ein roter Heller einem Goldstucke gleich, sondern auch ein Goldstuck einem Heller, und das grosste Geschenk musste man so willig empfangen, als sei es das kleinste; daher rechnete ers unter die unerkannten Seligkeiten der Kinder, dass sie unbeschamt sich konnen beschenken lassen.
In geistiger Erstarrung setzte er sich in den Grossvaterstuhl und deckte die Hand auf die Augen und von der Zukunft flog jetzo der Nebel auf und entblosste darin ein langes durres Land voll Brandstatten, voll verdorrter Gebusche und voll Tiergerippe im Sand. Er sah, die Kluft oder der Erdfall, der sein Herz von ihrem abreisse, werde immer weiter klaffen; er sah es so deutlich und so trostlos, seine alte schone Liebe komme nie wieder, Lenette lege ihren Eigensinn, ihre Launen, ihre Gewohnheiten nie ab die engen Schranken ihres Herzens und Kopfes blieben immer fest sie lern' ihn so wenig verstehen als liebgewinnen auf der andern Seite nehme nun ihre Abneigung gegen ihn mit dem Aussenbleiben seines Freundes zu und mit beiden die Liebe gegen diesen, dessen Reichtum, dessen Ernst und Religiositat und Zuneigung das schneidende Band der Ehe mit einem vielfachern und weichern Bindwerk entzweirissen er sah trube in lange schweigende Tage voll versteckter Seufzer, voll stummer feindlicher Anklagen hinaus.
Lenette arbeitete still in der Kammer, denn das wundgerissene Herz floh Worte und Blicke als kalte grimmige Winde. Es war schon sehr finster sie brachte kein Licht. Auf einmal fing unten im Hause eine wandernde Sangerin mit einer Harfe und ihr kleines Kind mit einer Flote an zu spielen. Da war unserem Freunde, als wenn das von Blut geschwollene, gespannte Herz tausend Schnitte bekame, um sanft zusammenzufallen. Wie Nachtigallen am liebsten vor einem Echo schlagen, so spricht unser Herz am lautesten vor Tonen. O als der gleichsam dreifach besaitete Ton ihm seine alten fast unkenntlichen Hoffnungen voruberfuhrte als er tief zu dem schon hoch vom Strom der Jahre uberdeckten Arkadien hinuntersah und sich drunten mit seinen jungen frischen Wunschen erblickte, unter seinen lang verlornen Freunden, mit seinen freudigen Augen, die sich voll Zuversicht im Kreise umschaueten, und mit seinem wachsenden Herzen, das gleichsam seine Liebe und seine Treue fur ein kunftiges warmes sparte und nahrte und als er jetzo in einen Misston hineinrief: "und ein solches hab' ich nicht gefunden, und alles ist hin" und als die grausamen Tone wie eine dunkle Kammer die regen beweglichen Bilder bluhender Lenze, blumiger Lander und liebender Zirkel voruberfuhrten vor diesem Einsamen, der nichts hatte, heute nicht eine Seele in diesem Lande, die ihn liebte: so fiel sein fest stehender Geist darnieder und legte sich auf die Erde, wie zergangen, zur Ruhe, und jetzt tat ihm nichts mehr wohl, als was ihn schmerzte. Plotzlich verschwand die Nachtwandlung des Getons, und die Pause griff, wie eine stille Nachtleiche, harter ins Herz. In dieser melodischen Stille ging er in die Kammer und sagte zu Lenetten: "Trag ihnen das wenige hinunter!" Aber die zwei letzten Worte konnt' er nur stotternd sagen, weil er im Widerschein, den das Zunderbrennen aus einem Hause gegenuber gab, ihr ganzes gluhendes Angesicht voll laufender, ungetrockneter Tranen sah; denn bei seinem Eintritte hatte sie sich im Abwischen der Fensterscheiben, die von ihrem warmen Atem angelaufen waren, begriffen gestellt. Sie liess das Geld auf dem Fenster. Er sagte noch sanfter: "Lenette, du musst es wohl gleich bringen; eh' sie gehen." Sie nahm es ihre verweinten Augen glitten im Umwenden vor seinen verweinten voruber sie ging, aber beide wurden daruber fast trocken, so geschieden waren ihre Seelen schon. Sie litten in jener schrecklichen Lage, wo nicht einmal die Stunde einer gegenseitigen Ruhrung mehr versohnt und warmt. Seine ganze Brust schwoll von quellender Liebe, aber ihrer gehorte seine nicht mehr an ihn druckte in derselben Minute der Wunsch und das Unvermogen, sie zu lieben, die Einsicht ihrer Mangel und die Gewissheit ihrer Kalte. Er setzte sich in den eingemauerten Fenstersitz und lehnte den Kopf auf und ruhrte zufallig ihr nachgebliebenes Schnupftuch an, das feucht und kalt von Tranen war. Die Gekrankte hatte sich nach dem langen Drucke eines ganzen Tages recht mit dieser milden Ergiessung erquickt, wie man nach starken Quetschwunden die Ader offnen lasset. Bei dem Antasten des Tuchs lief es eiskalt uber seinen Rucken, wie ein Gewissenbiss; aber sogleich darauf bruhendheiss, da er dachte, sie habe nur uber den Verlust einer ganz andern Person geweint als der seinen. Nun fing, aber ohne die Harfe, der Gesang und die Flote wieder an, und beide walleten in einem langsamen Liede ineinander, dessen Strophen immer schlossen: "Hin ist hin, tot ist tot." Ihn umfasste der Schmerz, wie der Mantelfisch, mit seiner dunkeln erstickenden Hulle. Er druckte Lenettens nasses Schnupftuch hart an seine Augapfel und vernahm nur dunkel: "Hin ist hin, tot ist tot." Da floss plotzlich sein ganzes Innere aufgeloset bei dem Gedanken auseinander, dass sein stockendes Herz ihm vielleicht kein neues Jahr mehr ausser dem morgendlichen zu erleben gonne und er dachte sich scheidend, und das kalte Tuch lag mit doppelten Tranen kuhlend am heissen Angesicht und die Tone zahlten wie Glocken alle Punkte der Zeit, und man vernahm das Vergehen der Zeit und er sah sich in der stillen Hohle schlafend, wie in der Schlangengrotte, und statt der Schlangen leckten nur die Wurmer die heissen, scharfen Gifte des Lebens ab97.
Die Musik war voruber. Er horte Lenetten in der Stube gehen und Licht anzunden. Er ging hinaus und reichte ihr das Schnupftuch hin. Aber sein innerer Mensch war so verblutet und zerdruckt, dass er irgendeinen aussern, wer es nur sei, umarmen wollte; er musste, wenn auch nicht seine jetzige, doch seine vorige, wenn auch nicht seine liebende, doch seine leidende Lenette an diese darbende Brust andrucken. Gleichwohl vermochte und verlangte er nicht ein Wort der Liebe zu sagen. Er legte langsam und ungebuckt die Arme um sie und schloss sie an sein Herz; aber sie warf den Kopf kalt und voreilig vor einem unangebotene Kusse zuruck. Das schmerzte ihn sehr, und er sagte: "bin ich denn glucklicher wie du?" und legte sein gebucktes Angesicht auf ihr weggebogenes Haupt und presste sie wieder an sich und entliess sie dann Und als die vergebliche Umarmung voruber war, rief sein ganzes Herz: "Hin ist hin, tot ist tot."
Die stumme Stube, in der die Musik und die Worte aufgehoret hatten, glich einem unglucklichen Dorfe, aus dem der harte Feind alle Glocken mitgenommen, und worin es still ist den ganzen Tag und die ganze Nacht und stumm im Turm, als ware die Zeit vorbei.
Als sich Firmian niederlegte, dacht' er: ein Schlaf beschliesset das alte Jahr wie ein letztes, und beginnt das neue wie ein Leben, und ich schlummere einer bangen, ungestalten, tiefbehangnen Zukunft entgegen. So schlaft der Mensch an der Pforte der versperrten Traume ein, aber er weiss nicht voraus, obgleich seine Traume nur einige Minuten und Schritte von der Pforte abliegen, welche, wenn sie aufgeht, hinter ihr warten, ob ihn auflauernde, funkelnde Raubtiere oder sitzende, lachelnde, spielende Kinder in der kleinen sinnlosen Nacht umringen, und ob ihn der fest geformte Dunst erwurge oder umarme.
Zehntes Kapitel
Der einsame Neujahrtag der gelehrte Schalaster
holzernes Bein der Appellation Briefpost in der
Stube der elfte Februar und Geburttag 1786
Ich kann wahrhaftig meinem Helden zu keinem Neuen Jahres-Morgen Gluck wunschen, worin er die verquollenen Augen in den heissen Augenhohlen schwer nach der Morgenrote dreht und sich mit dem ausgepressten, betaubten Gehirne wieder an das Kissen schmiegt. Einen Menschen, der selten weinet, fallen neben den moralischen Schmerzen allezeit solche korperliche an. Er blieb uber die alte Stunde im Bette, um nachzudenken, was er getan habe, und was er tun musse. Er erwachte viel kalter gegen Lenetten, als er eingeschlafen war. Wenn die gegenseitige Ruhrung zwei Menschen nicht verknupft, wenn die Glut des Enthusiasmus kein Bindmittel zwischen zwei Herzen wird: so mischen sie sich erkaltet und sproder noch minder zusammen. Es gibt einen misslichen Zustand der unvollendeten, halben Versohnung, worin die steilrechte Zunge der Juwelierwaage im Glaskastchen vor dem leichtesten Luftchen einer andern Zunge uberschlagt: ach heute senkte sich schon bei Firmian die Waage ein wenig, und bei Lenetten ganz. Er bereitete sich aber doch und furchtete sich zugleich, einen Neujahrwunsch zu geben und zu beantworten. Er ermannte sich und trat mit dem alten herzhaften Schritt, als ware gar nichts geschehen, ins Zimmer. Sie hatte, um ihn nicht zu rufen, lieber die Kaffeekanne zu einem Kuhlfass werden lassen und stand, mit dem Rucken gegen ihn, an der herausgezognen Kommodeschublade und zerrete Herzen auseinander, um zu sehen, was hinter ihnen sei. Es waren namlich gedruckte, in Verse gebrachte Neujahrwunsche, die sie aus der schonern Zeit in Augsburg von Freunden und Freundinnen herubergebracht hatte; der freundliche Wunsch wurde von einer Gruppe ausgeschnittener, in einer Spirallinie ineinander zurucklaufender Herzen bedeckt. Wie die Hl. Jungfrau mit wachsernen, so werden die andern Jungfrauen mit papiernen Assignatenherzen umhangen; denn bei diesen holden fuhrt alle Glut und Freundschaft den Namen Herz, wie die Landkartenmacher den Umriss des heissen Afrika auch einem Herzen ahnlich finden.
Firmian erriet leicht alle sehnsuchtige Seufzer, die in der Verarmten uber so viele zertrummerte Wunsche aufstiegen, und alle trube Vergleichungen der jetzigen Zeit mit der lachenden, und was der Schmerz und die Vergangenheit einem weichen Herzen miteinander sagen: ach, wenn am Neujahrtag schon der Gluckliche seufzet, so muss ja wohl der Ungluckliche weinen durfen? Er sagte seinen guten Morgen sanft und wollte nach einer sanften Antwort seine Wunsche an die gedruckten schliessen. Aber Lenette, viel tiefer und ofter gestern verwundet als er, murrete ihm eine kalte, schnelle zuruck. Nun konnt' er nichts wunschen; sie tat es auch nicht; und so unglucklich und so hart drangten sie sich miteinander durch die Pforte eines neuen Jahrs.
Ich muss sagen, er hatte sich schon vor acht Wochen auf diesen Morgen gefreuet, auf die susse Zerfliessung ihrer zwei Herzen, auf tausend heisse Wunsche, die er ihr vorstammeln wollte, auf ihr Aneinanderschliessen und auf das trunkne Verstummen der Lippen an Lippen..... O wie war alles so anders, so kalt, so todlich kalt! Ich muss es irgendwo anders wo ich mehr Papier dazu vor mir habe ausfuhren, warum und wienach denn dem Anschein nach ist gerade das Widerspiel zu vermuten seine satirische Ader ein Garmittel oder eine Wasserung fur sein empfindsames Herz abgab, dessen er sich zugleich freuete und schamte. Am meisten half dazu der Reichsflekken Kuhschnappel, auf den, wie auf noch einige deutsche Ortschaften, der empfindsame Tau, wie auf Metalle, nicht gefallen war, und worin die Leute sich mit verknocherten Herzen versehen hatten, denen, wie erfrornen Gliedmassen, oder wie Hexen voll Stigmen des Teufels, keine Wunde von Belang zu machen war. Unter solchen Kalten nun vergibt und sucht man ubertriebene Warme am ersten. Einer hingegen, der 1785 in Leipzig etc. wohnhaft war, wo die meisten Herzen und Schlagadern mit dem Tranen-Spiritus ausgesprutzet waren, trieb leichter den witzigen Unwillen daruber zu weit; so wie die Koche in den nassen Jahrgangen mehr scharfe Gewurze an die wasserigen Gemuse reiben als in trocknen.
Lenette ging heute dreimal in die Kirche; es war aber ganz naturlich.... Beim Worte "dreimal" erschreck' ich nicht uber die Kirchenganger, die dabei selig werden konnen, sondern uber die armen Geistlichen, die an einem Tage so oft predigen mussen, dass es noch ein Gluck ist, wenn sie dabei nichts werden als, statt heiser, verdammt. Ein Mensch, der das erstemal predigt, ruhrt gewiss niemand so sehr als sich selber und wird sein eigner Proselyt; aber wenn er die Moral zum millionenstenmal vorpredigt, so muss es ihm ergehen wie den egerischen Bauern, die den egerischen Brunnen alle Tage trinken, und die er daher nicht mehr purgiert, so viele sedes er auch Kurgasten macht.
Uber dem Essen schwieg das traurige Ehepaar. Der Mann tat, da er ihre Vorkehrungen zu einem Besuche in der Nachmittagkirche gesehen, in welcher sie seit einiger Zeit nicht gewesen, bloss die Frage, wer predige. "Wohl der Hr. Schulrat Stiefel", sagte sie, "ob er gleich sonst nur vormittags die Kanzel besteigt, aber der Vesperprediger Schalaster kann nicht, Gott hat ihn gestraft, er hat sich das Schlusselbein ausgerenkt." Zu einer andern Zeit hatte Siebenkas manches uber das letzte gesprochen; aber hier schlug er bloss mit dem einen Zacken der Gabel an den Teller und fuhr mit dieser Spielwelle schnell an das eine Ohr, indes er das andere verschloss: der Trommelbass des summenden Euphons zog seine gequalte Seele in die Wogen des Tons, und dieses brausende Schallbrett, dieser zitternde Kloppel tonte ihm am neuen Jahre gleichsam zu: "Vernimmst du nicht von weitem das Auslauten der Messe deines kalten Lebens? Es ist die Frage, ob du am zweiten Neujahr noch horest, ob du nicht schon liegest und auseinandergehst."
Er sah nach dem Essen zum Fenster hinaus, weniger nach der Gasse als nach dem Himmel. Da fand er eben zwei Nebensonnen und fast im Zenith einen halben Regenbogen, den wieder ein entfarbter durchschnitt98. Wunderlich fingen die Farbengestirne uber sein Herz zu regieren an und machten es so wehmutig, als sah' er droben sein halbfarbiges, bleiches, zerstucktes Leben nachgespielt oder nachgespiegelt. Denn dem bewegten Menschen ist die Natur stets ein grosser Spiegel voll Bewegungen; nur dem satten und ausruhenden ist sie bloss ein kaltes totes Fenster fur das Aussere.
Als er nachmittags einsam in der Stube war, als der frohe Kirchengesang und der benachbarte frohe Kanarienvogelschlag gleichsam wie das Getose und Poltern lebendig begrabener Jahre der Freude seine matte Seele uberfiel und als ein heller magischer Sonnenschein seine Stube durchschnitt, und als dunne Wolkenschatten uber den lichten Ausschnitt der Diele wegglitten und das kranke, stohnende Herz mit tausend traurigen Ahnlichkeiten fragten: ist nicht alles so? entfliehen nicht deine Tage, wie Dunste durch einen kalten Himmel, uber eine tote Erde und schwimmen hin in die Nacht: so musst' er sein schwellendes Herz mit der sanften Schneide der Tonkunst offnen, damit die nachsten und grossten Tropfen des Schmerzens daraus flossen er griff einen einzigen Dreiklang auf dem Klavier und griff ihn wieder und liess ihn verwogen wie die Wolkchen flogen, starben die Tone aus, der Wohllaut schwang sich trager, zitterte nach und wurde starr, und die Stille stand da wie ein Grab Im Horchen stockte sein Atmen und sein Herz, eine Ohnmacht griff nach seiner Seele und nun, und nun warf in dieser schwarmerischen kranken Stunde der Strom des Herzens so wie Uberschwemmungen Begrabne aus Kirchen und Grabern spulen einen jungen Toten aus der Zukunft, aus der irdenen Decke unverschleiert heraus: sein Leib war es; er war gestorben. Er schauete zum Fenster hinaus ins trostende Licht und Getummel des Lebens; aber es rief doch in ihm fort: "Tausche dich nicht, ehe die Neujahrwunsche wiederkommen, bist du schon von dannen gezogen."
Wenn das schauernde Herz so entblattert ist und nackt da steht: so ist jedes Luftchen ein kaltes. Wie warm und milde hatte Lenette seines beruhren mussen, um es nicht zu erschrecken, wie Hellseherinnen Todesfrost in jeder Hand empfinden, die sie ausserhalb des magnetischen Kreises anruhrt!
Er setzte sich heute vor, in der sogenannten Leichenlotterie einzutreten, damit er bei seinem Zug in die andere Welt doch das Abzuggeld entrichten konnte. Er sagte es ihr; aber sie nahm den Vorsatz fur eine Anspielung auf das Trauerkleid. So neblig ging der erste Tag voruber, und noch regnerischer die erste Woche. Es war das Einfassgewachs und der Zaun um Lenettens Liebe gegen Stiefel ausgerissen, und diese Liebe stand frei da. An jedem Abend, wo sonst der Rat gekommen war, grub sich der Arger und Kummer tiefer in ihr junges Angesicht, das allmahlich zur durchbrochnen Arbeit des Schmerzens einfiel. Sie fragte nach den Tagen, wo er zu predigen hatte, um ihn zu horen, und trat bei jedem Leichenzuge ans Fenster, um ihn zu sehen. Die Buchbinderin war ihr korrespondierendes Mitglied, und aus ihr holte sie neue Entdeckungen uber den Schulrat heraus und repetierte mit ihr die altesten. Wieviel Warme musste nicht der Rat durch seinen Fokalabstand gewinnen, und der Mann durch seine Erdnahe verlieren. So wie die Erde gerade die kleinste Warme von der Sonne bekommt, wenn sie ihr am nachsten ist, im Winter! Zu diesem allen kam noch ein ganz neuer Grund zu Lenettens Abneigung. Es hatte namlich der Heimlicher v. Blaise unter der Hand von ihrem Manne bekannt gemacht, er sei ein Atheist, und kein Christ. Redliche alte Jungfern und Geistliche sind auf eine schone Weise von rachsuchtigen Romern unter den Kaisern verschieden, die oft den unschuldigsten Menschen fur einen Christen ausgaben, um ihm eine Martererkrone zu flechten; besagte Jungfern und Geistliche nehmen vielmehr die Partei eines Menschen, der in solchem Verdachte ist, und leugnen es, dass er ein Christ ist. So unterscheiden sie sich sogar von den neuen Romern und Italienern, welche stets sagen: es sind vier Christen da, statt vier Menschen. Das tugendhafteste Madchen bekam in St. Ferieux bei Besancon zum Preis einen Schleier zu 5 Livr.; und diesen schonen Preis der Tugend, namlich einen moralischen Schleier von 6 Livr., werfen Menschen wie Blaise gern uber gute Leute. Sie nennen daher gern Denker Unglaubige, und Heterodoxe Wolfe, deren Zahne glatten und zahnen helfen; so wird auch auf die besten Klingen ein Wolf eingezeichnet.
Als Siebenkas seiner Frau zuerst die Blaisische Nachricht hinterbrachte, dass er kein Christ, wo nicht gar ein Unchrist sei: machte sie noch nichts Besonderes daraus, da sie sich dergleichen von einem Manne, mit welchem sie ehelich kopuliert worden, gar nicht denken konnte. Nur spater fiel ihr wieder ein, dass er in dem Monate, als das Wetter zu lange trocken war, nicht bloss die katholischen Umgange, auf welche sie selber nichts hielt, sondern auch die protestantischen Wettergebete dagegen ohne Hehl verworfen habe, indem er gefragt: ob die meilenlangen Prozessionen, sogenannte Karawanen, in der arabischen Wuste mit allen ihren Wettergebeten je eine einzige Wolke zustande gebracht; oder warum die Geistlichen nur gegen Nasse und Trockenheit und nicht auch gegen einen grimmigen Winter Umgange, die wenigstens fur die Umganger ihn mildern wurden, veranstalteten, oder in Holland gegen Nebel, in Gronland gegen Nordscheine; auch wundere er sich am meisten, warum die Heidenbekehrer, die sich so oft mit solchem Erfolg die Sonne erbitten, wenn bloss die Wolken sie verdecken, nicht auch um den Sonnenkorper (was viel wichtiger ware) anhalten, wenn er in Polarlandern gar ganze Monate nicht einmal zum Vorschein komme bei hellem Himmel; oder warum wir, fragt' er endlich, gegen grosse fur uns selten erfreuliche Sonnenfinsternisse nicht vorkehren, sondern hierin uns eigentlich von den Wilden ubertreffen lassen, welche sie am Ende wegheulen und wegflehen. Wie nehmen manche Worte, an sich anfangs unschuldig, ja suss, erst auf dem Lager der Zeit giftige Krafte an, wie Zucker, der 30 Jahre in Magazinen gelegen99! Jene freien Worte griffen jetzo stark in Lenetten ein, wenn sie unter der aus lauter Aposteln gezimmerten Kanzel Stiefels sass und ihn ein Gebet nach dem andern verrichten horte, bald fur, bald wider Krankheit, Obrigkeit, Niederkunft, Saat u.s.w. Wie suss wurd' ihr nun auf der andern Seite der Pelzstiefel, und wie schon wurden dessen Predigten wahre Liebebriefe fur ihr Herz! Und ohnehin steht ja Geistlichkeit in einem nahen Verhaltnis mit dem weiblichen Herzen; daher bedeutet ursprunglich auf der deutschen Spielkarte das Herz die Geistlichkeit.
Was tat und dachte nun Stanislaus Siebenkas bei allem? Zweierlei, was sich widersprach. Hatt' er gerade ein hartes Wort gesagt: so bejammerte er die verlassene, ohnmachtige Seele, deren ganzes Rosenparterre der Freuden ausgehauen war, deren erste Liebe gegen den Schulrat im Jammer und Darben verschmachtete, und die tausend schone Reize ihres verschlossenen Innern wurde vor einem geliebten Herzen denn seines war es nicht entfaltet haben; "und seh' ich denn nicht", sagte er sich weiter, "wie ihr die Nadel oder der Nadelkopf auf keine Weise ein solcher spitzer Wetterableiter ihrer schwulen Blitzwolken sein kann als mir die spitze Feder? Wegschreiben kann man sich viel, aber nicht wegnahen. Und wenn ich vollends bedenke, was ich die Sternkunde und die Seelenkunde nicht einmal zu rechnen noch besonders an Kaiser Antoninus' 'Selbbetrachtungen' und an Arrianus' Epiktet, die beide sie nicht einmal dem Namen und Einbande nach kennt, fur Schwimmkleider und Korkwesten in den hochsten Fluten habe, und was fur Spritzenleute an ihnen, wenn ich in Zornfeuer gerate, wie vorhin, sie aber ihren Zorn allein abbrennt: wahrlich ich sollte noch zehnmal milder als wilder sein." Traf es sich freilich aber zweitens, dass er gerade harte Worte nicht ausgestossen hatte, sondern erduldet: so malte er sich auf der einen Seite das starke Sehnen nach dem Schulrat vor, das sie leicht unter der kopflosen Naharbeit heimlich so sehr vergrossern konnte als sie nur wollte, und auf der andern die unablassige Nachgiebigkeit seines zu weichen Herzens, fur welche sein Kraftfreund Leibgeber ohne weiteres ihn schelten wurde, aber noch mehr die Frau wegen des Gegenteils; und welche sie schwerlich bei ihrem starren Stiefel antrafe, wenn aus dessen neulicher greller Aufkundigung des Kapitals der Liebe etwas zu schliessen sei.
In dieser Laune tat er an einem Sonntage, wo sie wieder in die Vesperpredigt des Schulrats ging, mit zornschwerem Gemut die leichte Frage, warum sie sonst so selten in die Abendpredigt gegangen, und nun so haufig. Sie versetzte: sie hab' es getan, weil der Vesperprediger Schalaster sonst gepredigt, fur welchen seit der Ausrenkung des Schlusselbeins der Schulrat die Kanzel besteige; werde aber das Bein wiederhergestellt, so solle sie Gott bewahren, in seine Andacht zu gehen. Nach und nach bracht' er heraus, dass sie den jungen Schalaster fur einen falschen gefahrlichen Irrlehrer halte, der von der heiligen Schrift Lutheri abweiche, weil er an Mascheh, an Jasos Christos, Petros, Paulos glaube und alle Apostel bei ihm sich "ossen", so dass sich alle christlichen Seelen argern, und das himmlische Jerusalem hab' er gar auf eine Art genannt, die sie nicht einmal nachsprechen konne; er habe nun seitdem sich am Schlusselbeine einen Schaden getan, aber sie wolle nicht richten. "Dies tu auch nicht, liebe Lenette", sagte Siebenkas; "der junge Mann hat eben entweder ein schwaches Gesicht, oder ist im griechischen Testament schlecht bewandert, denn da sieht das u wie ein o aus. O, wie manche Schalaster sagen nicht in so verschiedenen Wissenschaften und Glaubenlehren Petros statt Petrus und bringen ohne Not und ohne Eckstein durch blutverwandte Selblauter die Menschen auseinander."
Nur aber diesesmal brachte Schalaster sie ein wenig zusammen. Dem Armenadvokaten tat es wohl, dass er sich bisher geirrt, und dass Lenetten nicht bloss Liebe zu Stiefel, sondern auch Liebe fur reine Religion in die Abendkirche hinein gesetzt. Schwach war freilich der Unterschied; aber in der Not nimmt man jeden Trost mit; Siebenkas freute sich demnach heimlich, dass seine Frau den Schulrat nicht in dem hohen Grade liebe, als er gemeint. Sprecht hier nichts gegen das dunne Spinnengewebe, das uns und unser Gluck tragt; haben wir es aus unserem Innern gesponnen und herausgezogen wie die Spinne ihres, so halt es uns auch ziemlich, und gleich dieser hangen wir sicher mitten darin, und der Sturmwind weht uns und das Gewebe unbeschadigt hin und her.
Von diesem Tage an ging Siebenkas geradezu wieder zum einzigen Freund im Orte, zum Schulrat, dem er den kleinen Fehltritt schon langst ich glaube eine halbe Stunde darnach von Herzen vergeben hatte. Er wusste, seine Erscheinung war ein Trost fur den verwiesenen Evangelisten im Stuben-Patmos; und fur die Frau war es auch einer. Ja er trug Grusse, die nie anbefohlen waren, zwischen beiden hin und her.
Abends waren bei Lenetten kleine hingeworfne Berichte vom Rat die grune Saat, die das scharrende Rebhuhn unter dem tiefen Schnee aufkratzt. Ich versteck' es inzwischen nicht, mich dauert er und sie; und ich kann kein elender Parteiganger sein, der nicht zwei Personen, die einander missverstehen und befehden, zugleich Anteil und Liebe geben kann.
Aus diesem grauen schwulen Himmel, dessen Elektrisiermaschinen alle Stunden luden und hauften, fiel endlich der erste grelle Donnerschlag herab: Firmian verlor seinen Prozess. Der Heimlicher war das reibende Katzenfell und der staupende Fuchsschwanz gewesen, der die Erbschaftkammer oder den Pechkuchen der Justiz mit kleinen Taschenblitzen gefullet hatte. Es wurde dem Advokaten aber von Rechts wegen der Verlust des Prozesses zuerkannt, weil der junge Notarius Giegold, mit dessen Notariatinstrumenten er sich bewaffnen wollen, noch nicht immatrikulieret war. Es kann wenig Menschen geben, die nicht wissen, dass in Sachsen nur ein Instrument gilt, das ein immatrikulierter Notar gemacht, und dass mithin die Beweiskraft eines Dokumentes in einem fremden Lande nicht starker sein kann, als sie in dem war, worin man es fertigte. Firmian verlor zwar den Prozess und fur jetzt die Erbschaft; aber sie blieb ihm doch unter jedem Rechtstreite unversehrt dastehen. Nichts sichert wohl ein Vermogen besser vor Dieben und Klienten und Advokaten, als wenn es ein Depositum oder ein Streitgegenstand (objectum litis) geworden; niemand darf es mehr angreifen, weil die Summe in den Akten deutlich spezifizieret ist (es mussten denn die Akten selber noch eher als ihr Gegenstand abhanden kommen); so freuet sich der Hausvater, wenn der Kornwurm den Kornschober ganzlich ubersponnen und weiss papillotieret hat, weil dann die ubrigen Korner, die der Spinner nicht ausgekernet hat, vor allen andern Kornwurmern ganz gedecket sind.
Niemals ist ein Prozess leichter zu gewinnen, als wenn man ihn verloren hat; denn man appellieret. Nach der Abtragung der in- und aussergerichtlichen Kosten und nach der Ablosung der Akten bieten die Gesetze das beneficium appellationis (Wohltat der Berufung an einen hohern Richter) jedem an, wie wohl bei dieser Benefizkomodie und Rechtswohltat noch andere, aussergerichtliche Wohltaten notig sind, um von der gerichtlichen Gebrauch zu machen.
Siebenkas durfte berufen er konnte den Beweis seines Namens und seiner Mundelschaft recht gut mit einem andern, aber immatrikulierten Leipziger Notarius fuhren es fehlte ihm nichts als das Werkzeug oder die Waffe des Streites, die zugleich der Gegenstand desselben war, kurz das Geld. In den zehn Tagen, innerhalb welcher die Appellation wie ein Fotus reifen muss, ging er kranklich und sinnend umher: jeder dieser Dezimaltage ubte an ihm eine von den zehn Verfolgungen der ersten Christen aus und dezimierte seine frohen Stunden. Von seinem Leibgeber in Baireuth Geld zu begehren, war die Zeit zu kurz, und der Weg zu lang, da Leibgeber, nach seinem Schweigen zu schliessen, vielleicht mit dem Springstab und Stegeisen seiner Silhouettenschere uber mehrere Berge weggesprungen war. Firmian tat auf alles Verzicht und ging zum alten Freund Stiefel, um sich zu trosten und alles zu erzahlen: dieser ergrimmte uber den sumpfigen, bodenlosen Weg Rechtens und drang dem Advokaten eine Stelze darin auf, namlich die Gelder zum Appellieren. Ach, es war dem unbefriedigten, schmachtenden Rate so viel, als fassete er Lenettens geliebte, ziehende Hand, und sein redliches, an lauter eiskalten Tagen angerinnendes Blut fing wieder aufgetauet zu laufen an. Es war keine Tauschung des Ehrgefuhls, dass Firmian, der lieber hungerte als borgte, gleichwohl von ihm jeden Taler als ein Steinchen annahm, um es in den morastigen Weg Rechtens zu pflastern und so unbesudelt daruber zu kommen. Aber die Hauptsache war sein Gedanke, er sterbe bald, und dann bleibe doch seiner hulflosen Witwe der Genuss der kleinen Erbschaft nach.
Er appellierte an die erste Appellationkammer und bestellte sich in Leipzig bei einer andern NotariatsSchmiedeesse ein neues Instrument, beim ZeugenBeichtiger Lobstein.
Diese neuen, vom Gluck erhaltenen Realterritionen und Nagelmale auf der einen, und diese Gute und diese Renten des Rates auf der andern Seite hauften neuen Sauerstoff in Lenetten an; aber der Essig ihres Unwillens wurde, wie anderer, durch ein Frostwetter verdichtet, davon ich sogleich die Wetterbeobachtungen mitteilen kann.
Lenette war namlich seit dem Zanke mit Stiefeln den ganzen Tag stumm; bloss bei Fremden genas sie von ihrer Zungenlahmung. Es muss geschickt physisch erklaret werden, warum eine Frau oft nicht sprechen kann, ausser mit Fremden; und man muss die entgegengesetzte Ursache von der entgegengesetzten Erscheinung aufspuren, dass eine Somnambule nur mit dem Magnetiseur und seinen Bundgenossen redet. Auf St. Hilda husten alle Menschen, wenn ein fremder aussteigt; Husten ist aber, wenn nicht Sprechen selber, doch das vorhergehende Schnarren des Raderwerks in der Sprachmaschine. Diese periodische Stummheit, die vielleicht, wie oft die immerwahrende, von der Zurucktreibung der Hautausschlage herkommt, ist den Arzten etwas Altes: Wepfer100 erzahlt von einer schlagflussigen Frau, dass sie nichts mehr sagen konnte als das Vaterunser und den Glauben; und in den Ehen sind Stummheiten haufig, worin die Frau nichts zum Manne sagen kann als das Allernotigste. Ein Wittenberger Fieberkranker101 konnte den ganzen Tag nicht sprechen, ausser von 12 bis 1 Uhr, und so findet man genug arme weibliche Stumme, die des Tags nur eine Viertelstunde oder nur abends ein Wort hervorzubringen imstande sind und sich ubrigens mit dem Stummenglockchen behelfen, wozu sie Schlussel, Teller und Turen nehmen.
Diese Stummheit verhartete endlich den armen Advokaten so sehr, dass er sie auch bekam. Er ahmte die Frau, wie ein Vater die Kinder, nach, um sie zu bessern. Sein satirischer Humor sah oft der satirischen Bosheit ahnlich; aber er hatte ihn nur, um sich gelassen und kalt zu erhalten. Wenn Kammerzofen ihn unter seiner schriftstellerischen Siederei und Brauerei ganzlich dadurch storten, dass sie mit Beihulfe Lenettens seine Stube zu einer Heroldkanzlei und Rednerbuhne erhoben: so zog er wenigstens seine Frau vom Rednerstuhl herab, indem er das hatt' er vorher mit ihr ausgemacht- dreimal mit dem vergoldeten Vogelzepter auf sein Schreibpult schlug so nimmt ein Zepter leicht der Schwester Rednerin die Pressfreiheit. Ja er war imstande, wenn er oft vor diesen aufgezognen redenden Ciceroskopfen sass, ohne einen Gedanken oder eine Zeile herauszubringen, und wenn er weniger seinen eignen Schaden als den andern so unzahlig vieler Menschen vom hochsten Verstand und Stand beherzigte, die durch diese Sprechkundigen um tausend Ideen kamen, er war dann imstande, sag' ich, einen entsetzlichen Schlag mit dem Zepter, mit dem Lineal auf den Tisch zu tun, wie man auf einen Teich appliziert um das Quaken der Frosche zu stillen. Besonders krankte ihn der Raub am meisten, der an der Nachwelt begangen wurde, wenn durch solches verfliegendes Geschwatz sein Buch geringhaltiger auf sie gelangte. Es ist schon, dass alle Schriftsteller, sogar die, welche die Unsterblichkeit ihrer Seele leugnen, doch die ihres Namens selten anzufechten wagen; und wie Cicero versicherte, er wurde ein zweites Leben glauben, sogar wenn es keines gabe: so wollen sie im Glauben an das zweite ewige Leben ihres Namens bleiben, taten auch die Rezensenten das Gegenteil entschieden dar.
Siebenkas macht' es jetzo seiner Frau bekannt, dass er nichts mehr sprechen werde, nicht einmal vom Notwendigsten: und das bloss deshalb, um nicht durch lange zornige Reden uber Reden, Waschen etc. sich im Schreiben zu storen und zu erkalten oder gegen sie sich zu erhitzen. Dieselbe gleichgultige Sache kann in zehn verschiedenen Tonen und Misstonen gesagt werden; um also der Frau die Unwissenheit und Neugierde des Tons, womit etwas gesagt werden konnte, zu lassen, sagt' er ihr, er werde nun nicht anders mit ihr sprechen als schriftlich.
Ich bin schon hier mit der besten Erorterung bei der Hand.
Der ernstschwere, bedachtsame Buchbinder argerte sich namlich das ganze Kirchenjahr uber niemand so sehr als uber seinen Schliffel, wie er sich ausdruckte, uber seinen luftigen Sohn, der die besten Bucher besser las als band, der sie schief und schmal beschnitt, und der dadurch, dass er die Buchbinderpresse zu einer Buchdruckerpresse einschraubte, das nasse Werk zugleich verdoppelte und verdunnte. Dies konnte nun der Vater nicht ansehen: er erboste sich so, dass er zu dem Teufels-Reichs-Kinde kein Wort mehr sagen wollte. Seine Prachtgesetze und guldnen Regeln, die er dem Sohne uber Einbande zuzufertigen hatte, diese gab er seiner Frau als Reichspostreiterin mit, die (mit der Nadel als Botenspiess) aus der fernsten Ecke aufstand und die Befehle dem Sohne, der nicht weit vom Vater planierte, uberbrachte. Dem Sohn, der seine Antworten und Fragen wieder der Eilbotenfrau miteinhandigte, war ganz wohl bei der Sache zu Mute: der Vater konnte weniger keifen. Dieser bekam es weg und wollte nichts mehr mundlich verhandeln. Er suchte zwar seine Empfindung gegen den Sohn durch Mienenspiele auszudrucken und beschoss, wie ein Verliebter, diesen, der ihm gegenuber sass, mit warmen Blicken; aber ein Auge voll Blicke ist, ob wir gleich nicht bloss Gaumen-, Zahn- und Zungen-, sondern auch Augenbuchstaben haben, immer ein verwirrter Schriftkasten voll Perlschrift. Allein da zum Glucke die Schrift- und Posterfindung einem Menschen, der auf einer nordlichen Eisscholle den Nordpol umfahrt, Mittel an die Hand gibt, mit einem, der auf einem Palmbaum unter Papageien in der heissen Zone sitzt, zu kommunizieren: so fanden hier Vater und Sohn, wenn sie, voneinander getrennt, sich am Arbeittisch gegenuber sassen, in der Erfindung des Schreib- und Postwesens Mittel, sich ihre Entfernung durch einen Briefwechsel, worein sie sich miteinander uber den Tisch weg einliessen, zu versussen und zu erleichtern; die wichtigsten Geschaftbriefe wurden unversiegelt, aber sicher da zwei Finger bei dieser Pennypost das Felleisen und Postschiff waren hin- und hergeschoben: der Brief- und Kurierwechsel ging auf so glatten Wegen und bei so guter poste aux anes zwischen beiden stummen Machten haufig und ungehindert, und der Vater konnte bei so freier Mitteilung leicht in einer Minute auf die wichtigsten Berichte schon Antwort haben von seinem Korrespondenten; ja sie waren so wenig getrennt, als wohnten sie Haus bei Haus aneinander. Sollte ein Reisender etwan noch vor mir nach Kuhschnappel kommen: so bitt' ich ihn, die zwei Tisch-Ecken, wovon das eine das Intelligenzkontor des andern war, sich abzusagen und die beiden Buros einzustecken und in irgendeiner grossen Stadt und Gesellschaft den Neugierigen vorzuzeigen, oder mir in Hof.
Siebenkas tats halb nach. Er schnitt kleine Dekretalbriefe zurecht und voraus fur die notigsten Falle. Tat Lenette eine unvorhergesehene Frage an ihn, worauf seine Brieftasche noch keine Antwort enthielt, so schrieb er drei Zeilen und langte das Reskript uber den Tisch hin. Allerhochste Handbillets oder Ratsverordnungen, die taglich wiederholt werden mussten, liess er sich abends durch ein stehendes Requisitorialschreiben zur Ersparung des Briefpapiers wiedergeben, um den andern Tag den schriftlichen Bescheid nicht von neuem zu schreiben: er langte das Abschnitzel bloss hin. Was sagte aber Lenette dazu?
Ich werde besser antworten, wenn ich vorher nachfolgendes erzahle: ein einzigesmal sprach er in dieser Stummenanstalt, als er aus einer irdenen Schussel, in der ausser eingebranntem Blumenwerk auch poetisches war, Krautsalat speisete. Er hob mit der Gabel den Salat weg, der das kleine Rand-Karmen uberdeckte, das hiess: Fried' ernahrt, Unfried' verzehrt. Sooft er eine Gabel voll weghob, so konnt' er einen oder etliche Fusse dieses didaktischen Gedichtes weiter lesen, und er tats laut. "Was sagte nun Lenette dazu?" fragten wir oben; kein Wort, sag' ich, sie liess durch sein Schweigen und Zurnen sich ihres nicht nehmen, denn er schien ihr zuletzt zur Bosheit sich zu verstocken und da wollte sie auch nicht weit zuruckbleiben. In der Tat ging er taglich weiter und schob ganz neue zerbrochne Gesetztafelchen uber seinen Tisch bis zur Ecke oder trug sie auf ihren. Ich nenne nicht alle, sondern nur einige, z.B. das Kartaunenpapierchen des Inhalts (denn er erfand sich zu Liebe immer neue Uberschriften): "Stopfe der langen NahBestie den uberlaufenden Mund, die da sieht, dass ich schreibe, oder ich fasse sie bei der Kehle, womit sie mir so zusetzt" das Amtblattchen: "Wasche mir ein wenig unreines Wasser ab, ich will meine Waschbarpfoten von Dinte rein machen". Das Hirtenbriefchen: "Ich wunsche jetzo wohl in einer oder der andern Ruhe den Epiktet uber das Ertragen aller Menschen fluchtig durchzugehen; stor mich folglich nicht" Der Nadelbrief: "Ich sitze eben uber einer der schwersten und bittersten Satiren gegen die Weiber102; fuhre die schreiende Buchbinderin hinunter zur Friseurin und sprecht da zusammen aufgeweckt" Marter-Bank-Zettel, auch Marter-Bank-Folium: "Ich habe heute vormittags vieles mogliche ausgehalten und habe mich durchgerungen durch Besen und Flederwische und durch Haubenkopfe und durch Zungenkopfe: konnt' ich nicht so etwa gegen Abend die hier vorliegenden peinlichen Akten ein Stundchen lang ungepeinigt und friedlich zur Einsicht durchlaufen?" Es wird mich niemand bereden, dass er diesen Besuchkarten, die er bei ihr abgab, ihr Stechendes und Nadelbriefliches sehr dadurch benahm, dass er zuweilen Schrift in Sprache umsetzte, und wenn andere da waren, mit diesen uber Ahnliches mundlich scherzte. So sagte er einmal zum Haarkrausler Merbitzer in Lenettens Gegenwart: "Monsieur Merbitzer, es ist unglaublich, was mein Haushalten jahrlich frisst; meine Frau, wie sie da steht allein verzehrt jedes Jahr zehn Zentner Nahrung und (als sie und der Friseur die Hande uber dem Kopfe zusammenschlugen) ich desfalls." Freilich wies er Merbitzern in Schlozern gedruckt auf, dass jeder Mensch jahrlich so viel Nahrung verbrauche; aber wer hielt es in der Stube fur moglich?
Grollen oder Schmollen ist eine geistige Starrsucht, worin, wie in der korperlichen, jedes Glied in der steifen Haltung verharrt, wo es der Anfall ergriff, und die geistige hat auch dies mit der leiblichen gemein, dass sie ofter Weiber als Manner befallt103. Nach allem diesem konnte Siebenkas gerade durch den scheinbarboshaften Scherz, womit er sich selber bloss gelassner erhalten wollte, nur das Erstarren der Gattin verdoppeln; und doch ware manches hingegangen, hatte sie nur in jeder Woche einmal den Pelzstiefel gesehen, und hatten nicht die Nahrungsorgen, die alles Zinngeschirr der Vogelstange aufzehrten und einschmelzten, in ihrem unglucklichen Herzen gleichsam den letzten frohen warmen Bluttropfen zersetzt und aufgetrocknet! Die Leidtragende! Aber so gabs keine Hulfe fur sie und fur den, den sie verkannte! Armut ist die einzige Last, die schwerer wird, je mehre Geliebte daran tragen. Firmian, wenn er allein gewesen ware, hatte auf diese Lucken und Locher unserer Lebenstrasse kaum hingesehen, da das Schicksal schon alle 30 Schritte ein Haufchen Steine zum Ausfullen der Locher hingestellt. Und in dem grossten Sturm stand ihm immer ausser der herrlichsten Philosophie noch ein Seehafen oder eine Taucherglocke offen, seine Dutzenduhr, namlich deren Kaufschilling. Aber die Frau und ihre Trauermusiken und Kyrie Eleison und 1000 andere Dinge und Leibgebers unbegreifliches Verstummen und sein wachsendes Erkranken, alles das machte aus seiner Lebenluft durch so viele Verunreinigungen einen schwulen entnervenden Schirokkowind, der im Menschen einen trocknen, heissen, kranken Durst entzundet, gegen den er oft das, was der Soldat gegen den physischen zum Loschen und Kuhlen in den Mund legt, in die Brust nimmt, kaltes Blei und Schiesspulver.
Am 11ten Februar suchte sich Firmian zu helfen.
Am 11ten Februar, am Euphrosynenstag, 1767 war Lenette geboren.
Sie hatt' es ihm oft, und ihren Nahkunden noch ofter gesagt; aber es war' ihm doch entfallen ohne den Generalsuperintendenten Ziehen, der ein Buch drukken liess und ihn darin an den eilften erinnerte. Der Superintendent hatte namlich vorausgesagt, dass an diesem 11ten Hornung 1786 ein Stuck vom sudlichen Deutschland sich durch das Erdbeben wie Lagerkorn in die Unterwelt senken werde. Mithin wurden am herabgelassenen Sargseil oder an der herabgelassenen Fallbrucke des sinkenden Bodens die Kuhschnappler in ganzen Korperschaften in die Holle gefahren sein, in der sie vorher als einzelne Abgesandte ankamen; es wurde aber aus allem nichts.
Am Tage vor dem Erdbeben und vor Lenettens Geburt ging Firmian nachmittags auf die Hebemaschine und das Schwungbrett seiner Seele, auf die alte Anhohe, wo sein Heinrich ihn verlassen hatte. Sein Freund und seine Frau standen in bewolkten Bildern um seine Seele, er dachte daran, dass von Heinrichs Abschied bis jetzt ebenso viele Hauptspaltungen in seiner Ehe vorgefallen waren, als deren Moreri in der Kirche von den Aposteln bis zu Luthern aufzahlt, namlich 124. Harmlose, stille, frohe Arbeiter bahnten dem Fruhling den Weg. Er war vor Garten vorbeigegangen, deren Baume man vom Moos und Herbstlaube entledigte, vor Bienen- und Weinstocken, die man versetzte und ausreinigte, und vor den Abschnitzeln der Weiden. Die Sonne glanzte warm uber die knospenvolle Gegend. Plotzlich war ihm und Menschen von Phantasie begegnet es oft, und sie werden daher leichter schwarmerisch als wohne sein Leben, statt in einem festen Herzen, in einer warmen, weichen Zahre, und sein beschwerter Geist drange sich schwellend durch eine Kerker-Fuge hinaus und zerlaufe zu einem Tone, zu einer blauen Atherwelle: "Ich will ihr an ihrem Geburttage vergeben (rief sein ganzes zergangenes Ich) ich habe ihr wohl bisher zuviel getan." Er beschloss, den Schulrat wieder ins Haus zu fuhren und den grillierten Kattun vorher und ihr mit beiden und mit einem neuen Nahkissen ein Geburttagangebinde zu machen. Er fassete seine Uhrkette an, und an ihr zog er das Mittel, den Elias- und Fausts-Mantel heraus, der ihn uber alle Ubel tragen konnte, namlich wenn er den Mantel verkaufte. Er ging voll lauter Sonnenlicht in allen Ecken des Herzens nach Hause und gab der Uhr einen kunstlichen Stillestand und sagte zu Lenetten, sie musse zum Uhrmacher zur Reparatur. Sie war in der Tat bisher wie die obern Planeten am Anfange ihres Uhr-Tages rechtlaufig, dann stehend, dann rucklaufig gewesen. Er verdeckte ihr damit seine Projekte. Er trug sie selber auf einen Handelplatz, schlug sie los so gewiss er wusste, er konne ohne ihr Pickern auf seinem Schreibtische nicht recht schreiben; wie nach Locke ein Edelmann nur in einem Zimmer tanzen konnte, worin ein alter Kasten stand ; und abends wurde das ausgelosete grillierte Bluthemd und Saetuch des Unkrauts ungesehen ins Haus geschafft. Firmian ging noch abends zum Schulrat und verkundigte ihm mit der neuen Warme seines beredten Herzens alles, seinen Entschluss den Geburttag die Wiederkehr des Kattuns die Bitte um einen Besuch ein nahes Sterben und seine Ergebung in alles. Dem kranken Rat, den Abwesenheit oder Liebe, wie der Kalk die Schattenpartien der Freskobilder, bleicher genaget hatte, diesem wurde warmer LebensOdem eingehaucht, dass morgen wieder die lang entbehrte Stimme (Lenette horte doch seine in der Kirche) den ganzen Saitenbezug seines Ich bewegen sollte.
Ich muss hier eine Verteidigung und eine Anklage
einschichten. Jene geht meinen Helden an, der seinen Adelbrief der Ehre fast durch die Bitte an Stiefeln zu zerknullen scheint; aber er will damit seiner gekrankten Gattin einen grossen Gefallen tun, und sich einen kleinen. Es halts namlich der starkste, wildeste Mann gegen das ewige weibliche Zurnen und Untergraben in die Lange nicht aus; um nur Ruhe und Frieden zu haben, lasset ein solcher, der vor der Ehe tausend Schwure tat, er wollte darin seinen Willen durchsetzen, am Ende gern der Herrin ihren. Das ubrige in Firmians Betragen brauch' ich nicht zu verteidigen, weils nicht moglich ist, sondern nur notig. Die Anklage, die ich verhiess, betrifft meine Mitarbeiter: darum namlich, dass sie in ihren Romanen so weit von dieser Lebensbeschreibung oder von der Natur abweichen und die Trennungen und Vereinigungen der Menschen in so kurzen Zeiten moglich und wirklich machen, dass man mit einer Tertienuhr dabeistehen und es nachzahlen kann. Aber ein Mensch reisset nicht auf einmal von einem teuern Menschen ab, sondern die Risse wechseln mit kleinen Bast- und Blumenankettungen, bis sich der lange Tausch zwischen Suchen und Fliehen mit ganzlicher Entfernung schliesset, und erst so werden wir arme Menschen am armsten. Mit dem Vereinen der Seelen ists im ganzen ebenso. Wo auch zuweilen gleichsam ein unsichtbarer, unendlicher Arm uns plotzlich einem neuen Herzen entgegendruckt: da hatten wir doch dieses Herz schon lange unter den Heiligenbildern unserer Sehnsucht vertraulich gekannt und das Bild oft verhangen, und oft aufgedeckt und angebetet. Unserem Firmian wurd' es spater abends wieder im einsamen Sorgestuhl unmoglich, mit aller seiner Liebe bis auf morgen zu warten: die Einsperrung selber machte sie immer warmer, und als ihn seine alte Besorgnis, er sterbe noch vor der Tag- und Nachtgleiche am Schlage, befiel, erschrak er ungewohnlich nicht uber den Tod, sondern uber Lenettens Verlegenheit, wie sie fur diese letzte Probe des Menschen, fur die Ankerprobe104, die Stolgebuhren erschwinge. Er hatte gerade Geld im Uberfluss unter den Fingern; er sprang auf und lief noch nachts zum Vorstehen der Leichenlotterie, damit doch seine Frau bei seinem Tod 50 fl. erbte als Eingebrachtes, um damit seinen korperlichen Senkreiser hubsch mit Erde zu uberlegen. Es ist mir nicht bewusst, wieviel er zahlte; ich bin aber dieser Verlegenheit schon gewohnt, die ein Romanschreiber, der jede beliebige Summe erdichten kann, gar nicht kennt, die aber einen wahrhaften Lebenbeschreiber ungemein belastet und aufhalt, weil ein solcher Mann nichts hinschreiben darf, als was er mit Instrumenten und Briefgewolben befestigen kann.
Morgens am 11. Febr. oder am Sonnabend trat Firmian weich in die Stube, weil uns jede Erkrankung und Entkraftung, z.B. durch Blutverlust und Schmerzen, erweicht, und noch weicher, weil er einem sanften Tag' entgegenging. Man liebt viel starker, wenn man eine Freude zu machen vorhat, als eine Stunde darauf, wenn man sie gemacht hat. Es war an diesem Morgen so windig, als hielten die Sturme ein Ringrennen und Ritterturnier, oder als verschickte der Aolus seine Winde aus Windbuchsen: viele dachten daher, entweder das Erdbeben hebe schon an, oder einer und der andere habe sich aus Furcht davor erhenkt. Firmian traf in Lenettens Angesicht zwei Augen an, aus denen schon in dieser Fruhe der warme Blutregen der Tranen auf den ersten Tag gefallen war. Sie hatte seine Liebe und seine Entschlusse nicht im geringsten erraten, sie hatte gar nicht daran gedacht, sondern nur an folgendes: "Ach! seit meine Eltern verwesen, fraget niemand mehr nach dem Tage meiner Geburt." Ihm schien es, als habe sie etwas im Sinne. Sie blickte ihm einigemal ausforschend ins Auge und schien etwas vorzuhaben; er verschob also die Ergiessung seiner vollen Brust und die Entschleierung der kleinen Doppelgabe. Endlich trat sie langsam und errotend zu ihm und suchte verwirrt seine Hand in ihre zu bringen und sagte mit niedergeschlagnen Augen, in denen noch keine ganze Trane war: "Wir wollen uns heute versohnen. Wenn du mir etwas zu Leide getan hast, so will ich dir von Herzen vergeben, und tu mir auch dergleichen." Diese Anrede zerriss sein warmes Herz, und er konnte anfangs nur stocken und sie an den beklommenen Busen reissen und spat endlich sagen: "Vergib du nur ach ich liebe dich doch mehr als du mich!" Und hier quollen, von tausend Erinnerungen der vorigen Tage gepresset, schwere heisse Tropfen aus dem vollen tiefen Herzen, wie tiefe Strome trager ziehen. Verwundert blickte sie ihn an und sagte: "Wir sohnen uns also heute aus und mein Geburttag ist heute auch, aber ich habe einen sehr betrubten Geburttag." Jetzo erst horte seine Vergessenheit des Angebindes auf, das er bringen wollte er lief weg und brachte es, namlich das Nahkissen, den Kattun und die Nachricht, dass Stiefel abends komme. Nun erst fing sie an zu weinen und fragte: "Ach, das hast du schon gestern getan? und meinen Geburttag gewusst? Recht von ganzem Herzen dank' ich dir, besonders fur das schone Nahkissen. Ich dachte nicht, dass du an meinen schlechten Geburttag denken wurdest." Seine mannlich-schone Seele, die nicht, wie eine weibliche, ihren Enthusiasmus bewacht, sagt' ihr alles heraus und seinen Eintritt in die Leichenlotterie, den er gestern getan, damit sie ihn wohlfeiler unter die Erde brachte. Ihre Ruhrung wurde so gross und sichtbar wie seine. "Nein, nein", sagte sie endlich, "Gott wird dich behuten aber den heutigen Tag, wenn wir den nur uberleben. Was sagt denn der Hr. Rat zum Erdbeben?" "Das lasse gut sein dass keines kommt, sagt' er", sagte Firmian.
Er liess sie ungern los vom erwarmten Herzen. Solang er nicht im Freien ging denn Schreiben war ihm unmoglich , schauete er ihr unaufhorlich ins helle Angesicht, aus dem sich alle Wolken verzogen. Er brauchte einen alten Kunstgriff gegen sich den ich ihm abgelernt , dass er, um einem guten Menschen recht sehr gut zu sein und alles zu vergeben, ihm lange ins Angesicht schauete. Denn auf einem Menschenangesicht finden wir, ich und er, wenn es alt ist, das Griffund Zahlbrett harter Schmerzen, die so rauh daruber gingen; und wenn es jung ist, so kommt es uns als ein bluhendes Beet am Abhange eines Vulkanes vor, dessen nachste Erschutterungen das Beet zerreissen. Ach, entweder die Zukunft oder die Vergangenheit stehen in jedem Gesicht und machen uns, wenn nicht wehmutig, doch sanftmutig.
Firmian hatte gern den ganzen Tag zumal eh' der Abend kam seine wiedergefundne Lenette am Herzen, und seine frohen Tranen im Auge behalten; aber bei ihr waren Geschafte Pausen, und die Tranendrusen samt dem Herzen Hungerquellen. Ubrigens hatte sie nicht einmal den Mut, ihn uber die metallische Quelle dieses goldfuhrenden Baches zu fragen, auf dessen sanfter Wiege sie heute schwankte. Aber der Mann entdeckte ihr gern das Geheimnis der verkauften Uhr. Heute war die Ehe, was die Vor-Ehe ist, ein Cembal d'Amour, das zwei Sangboden umgeben, die statt der Saiten deren Wohllaut verdoppeln. Der ganze Tag war als ein Ausschnitt aus dem klaren Mond gehoben, den kein Dunstkreis uberschleiert; oder aus der zweiten Welt, worein sogar aus jenem die Mondeinwohner ziehen. Lenette wurde durch ihre Morgenwarme einem sogenannten bemoosten Veilchensteinchen gleich, das die Dufte eines verkleinerten Blumenbeets austeilt, wenn man es nur warmer reibt.
Abends erschien endlich der Rat, verlegen-zitternd, ein wenig stolz-aussehend, aber unvermogend, als er Lenetten gratulieren wollte, es zu tun vor Tranen, die ebensosehr in seiner Kehle als in seinen Augen standen. Seine Verwirrung verbarg die fremde. Endlich verging der undurchsichtige Nebel zwischen ihnen, und sie konnten sich sehen. Dann wurde man recht froh: Firmian notigte sich die Zufriedenheit ab, und den beiden andern flog sie frei in die Brust.
Uber drei besanftigte, getrostete Herzen zogen die gefullten Gewitterwolken nicht mehr so tief wie sonst der weichende drohende Komet der Zukunft hatte sein Schwert verloren und floh schon heller und weisser ins Blaue hinaus, vor lichtern Sternbildern vorbei. Abends schickte noch Leibgeber einen kurzen Brief, dessen begluckende Zeilen den Abend unsers Lieblings und das nachste Kapitel schmucken.
Und so wurden an den Gehirnkammern des dreifachen Bundes wie noch eben jetzt an des Lesern seinen die eiligen, laufenden, zitternden Blumenstucke der Phantasie zu wachsenden, regen Freudenblumen, wie der Fieberkranke die wankenden Bett-Blumen seines Vorhangs fur beseelte Gestalten nimmt. Wahrlich, die Winternacht wollte, gleich einer Sommernacht, kaum erloschen und erkalten an ihrem Horizont, und als sie um 12 Uhr voneinander schieden, sagten sie: "Wir waren doch alle recht herzlich vergnugt."
Elftes Kapitel
Leibgebers Schreiben uber den Ruhm Firmians
Abendblatt
Ich habe den Leser im vorigen Kapitel aus wahrer Liebe betrogen: gleichwohl muss man ihn noch so lange im Betruge sitzen lassen, bis er folgendes Briefchen von Leibgeber durchgelesen:
Vaduz, d. 2. Febr. 1786
Mein Firmian Stanislaus!
Im Mai bin ich in Baireuth; und Du musst auch dahin. Weiter hab' ich Dir jetzo nichts Wichtiges zu schreiben; aber das ist ja wichtig genug, dass ich Dir am 1ten Tag des Wonnemonats in Baireuth anzulangen anbefehle, weil ich etwas ungemein Tolles und Erhebliches und Unerhortes mit dir vorhabe, so wahr Gott lebt. Meine Freude und Dein Gluck hangt an Deiner Reise; ich wurde Dir das Geheimnis schon in diesem Briefe offenbaren, wenn er aus meiner Hand in keine ginge als sogleich in Deine. Komm! Du konntest ja mit einem gewissen Kuhschnappler Rosa reisen, der aus Baireuth seine Braut holen will. Sollte aber der Kuhschnappler, was Gott verhute, jener Meyern sein, wovon Du mir geschrieben, und kame dieser Goldfisch angeschwommen, um seiner schonen Braut mit seinen durren, dunnen Armen mehr Kalte zu geben als Warme, wie man in Spanien ahnliche ordentliche Schlangen um die Bouteillen zum Kuhlen legt, so will ich ihr, wenn ich nach Baireuth komme, die besten Begriffe von ihm beibringen und darauf beharren, dass er zehntausendmal besser sei als der Haresiarch Bellarmin, der in seinem Leben viel ofter, namlich 2236mal die Ehe gebrochen. Du weisst, dass dieser Vorfechter der Katholiken mit 1624 Weibern einen verbotnen Umgang gepflogen; er wollte als Kardinal zugleich die Moglichkeit des katholischen Zolibats und die Moglichkeit der papstlichen Beschreibung einer Hure zeigen, welche die Glossa zu einer Regimentinhaberin von 23000 Mann erhebt. Ich wunsche herzlich, den Heimlicher von Blaise zu sehen; ich wurde ihm, wenn er mir naher stande, von Zeit zu Zeit, weil ihm immer etwas im Schlunde steckt, das er schwer hinunterbringen kann und war's eine Erbschaft oder fremdes Haus und Hof-, ich wurd' ihm, wie man zur Heilung pflegt, starke Schlage in den hohlen Rucken geben und den Ausgang erwarten, den des Bissens namlich. Ich bin seither uberall herumgehinkt mit meiner Silhouettenschere und ruhe nun in Vaduz bei einem studierenden bibliothekarischen Grafen aus, der wirklich verdiente, dass ich ihn zehnmal mehr lieb hatte; ich habe aber an Dir schon mehr als zuviel furs Herz, und ich finde uberhaupt die Menschen und den Krauterkas der Erde, in den sie sich einbeissen, taglich murber und fauler. Ich muss Dir sagen: hole der Teufel den Ruhm; ich werde nachstens verschwinden und unter die Menge rennen und jede Woche mit einem neuen Namen aufsteigen, damit mich nur die Narren nicht kennen. Oh! Es waren einmal einige Jahre, wo ich wunschte etwas zu werden, wenn nicht ein grosser Autor, doch wenigstens ein neunter Kurfurst, und wenn nicht belorbeert, doch infuliert, wenn nicht zuweilen Prorektor, doch haufig Dekan. Damals wurd' es mich geletzet haben, wenn ich die grossten Steinschmerzen und also verhaltnismassige Blasensteine hatte uberkommen konnen, damit ich aus der Blase Steine zu einem Altar oder Tempel meines Ruhms hatte edieren mogen, der noch hoher als die Pyramide gewesen ware, die Ruysch in den Naturalienkabinettern aus den 42 Blasensteinen einer ehrlichen Frau zusammenbrachte105. Siebenkas, ich hatte mir aus Wespen, wie Wildau aus Bienen, einen stachlichten Philosophenbart geknupft, um nur dadurch bekannt zu werden. "Ich lasse zu (sagt' ich damals), es ist nicht jedem Erdensohn beschert, und er soll es nicht fodern, dass ihn eine Stadt tot schlagen will, wie den hl. Romuald (wie Bembo in dessen Leben berichtet), um nur seinen hl. Leib als Reliquie wegzuschnappen; aber er kann doch, dunkt mich, ohne Unbescheidenheit sich wunschen, dass, wenn nicht seinem Pelzrocke, wie Voltairens seinem in Paris geschah, doch seinem Scheitel einige Haare zum Andenken von Leuten ausgezogen werden, die ihn zu schatzen wissen, ich meine vorzuglich die Rezensenten."
Anders dacht' ich damals nicht; aber jetzo denk' ich gescheuter. Der Ruhm verdient keinen Ruhm. Ich sass einmal in einem nasskalten Abend draussen auf einem Grenzstein und sah mich an und sagte: was kann denn im Grunde aus dir werden? Stehen dir Wege offen, gleich dem sel. Cornelius Agrippa106, Kriegsekretar des Kaisers Maximilian und Historiograph des Kaiser Karls V. zu werden? Kannst du dich zu einem Syndikus und Advokaten der Stadt Metz, zu einem Leibmedikus der Herzogin von Anjou und zu einem theologischen Professor zu Pavia aufschwingen? Bemerkst du, dass der Kardinal von Lothringen so gern bei deinem Sohne Gevatter stehen will, als ers beim Sohne des Agrippa wollte? Und war' es nicht lacherlich, wenn du aussprengtest und prahltest, dass ein Markgraf in Italien, der Konig von England, der Kanzler Merkurius Gatinaria und Margarita (eine Prinzessin aus Oesterreich) dich samtlich in dem namlichen Jahre haben in ihre Dienste ziehen wollen? war's nicht lacherlich und erlogen, nicht einmal der Schwierigkeit der ganzen Sache zu gedenken, da diese Leute alle schon viele Jahre vorher zu Niklasruh und Schlafpulver des Todes zersprangen, ehe du als Zund- und Knallpulver des Lebens auffuhrst? In welchem bekannten Werke, ich bitte dich, nennt Paul Jovius dich ein portentosum ingenium, oder welcher andere Autor zahlt dich unter clarissima sui seculi lumina? Wurden es nicht Schrockh und Schmidt in ihren Reformationgeschichten im Vorbeigehen angezeigt haben, wenns wahr ware, dass du bei vier Kardinalen und funf Bischofen und beim Erasmus, Melanchthon und Capellanus in ausserordentlichem Kredit standest? Gesetzt aber auch, ich lage wirklich mit dem Cornelius Agrippa unter derselben grossen Laube und Staude von Lorbeerkranzen: so ging' es bloss einem wie dem andern, wir faulten dunkel unter dem Buschwerke fort, ohne dass in Jahrhunderten einer kame und das Gestrippe aufzoge und nach uns beiden sahe.
Es hulfe mir noch weniger, wenn ichs gescheuter machen und mich in einem Anhange der Allgem. deutschen Bibliothek wollte preisen lassen; denn ich stande jahrelang mit meinem Lorbeerreis auf dem Hut drinnen, in diesem kuhlen Taschen-Pantheon, in meiner Nische, mitten unter den grossten Gelehrten, die um mich auf ihren Paradebetten herumlagen oder sassen, jahrelang, sag' ich, standen wir Bekranzte allein in unserem Tempel des Ruhms beisammen, eh' ein Mensch die Kirchture aufmachte und nach uns sahe oder hineinginge und vor mir kniete und unser Triumphwagen ware bloss von Zeit zu Zeit ein Karren, worauf der besetzte Tempel mit seiner Fulle in eine Versteigerung geschoben wird.
Dennoch wurd' ich mich vielleicht daruber wegsetzen und mich unsterblich machen, konnt' ich nur halb und halb hoffen, dass meine Unsterblichkeit andern Leuten zu Ohren kame als solchen, die noch in der Sterblichkeit halten. Aber kann das aufmuntern, wenn ich sehen muss, dass ich gerade den beruhmtesten Leuten, denen jahrlich der Lorbeerkranz, wie andern Toten der Rosmarin, im Sarge weiter uber das Gesicht hereinwachst, ein inneres unbekanntes Afrika bleibe; vorzuglich einem Ham, Sem, Japhet dem Absalon und seinem Vater den beiden Katonen den beiden Antoninen dem Nebukadnezar den 70 Dolmetschern und ihren Weibern den sieben griechischen Weisen sogar blossen Narren wie Taubmann und Eulenspiegel? Wenn ein Heinrich IV. und die vier Evangelisten und Bayle, der doch sonst alle Gelehrte kennt, und die hubsche Ninon, die sie noch naher kennt, und der Lasttrager Hiob oder doch der Verfasser des Hiobs nicht wissen' dass nur ein Leibgeber je auf der Welt gewesen; wenn ich einer ganzen Vorwelt, d.h. sechs Jahrtausenden voll grosser Volker, ein mathematischer Punkt, eine unsichtbare Finsternis, ein miserables Je ne sais quoi bin und bleibe: so seh' ich nicht, wie mir dies die Nachwelt, an der vielleicht nicht viel ist, oder die nachsten sechs Jahrtausende erstatten wollen und konnen.
Noch dazu kann ich nicht wissen, was es fur herrliche himmlische Heerscharen und Erzengel auf andern Weltkugeln und Kugelchen der Milchstrasse, dieser Paternosterschnur voll Weltkugeln gibt; Seraphe, gegen die ich in keine Betrachtung komme, ausgenommen als ein Schaf. Wir Seelen schreiten freilich ansehnlich auf der Erde fort und empor die Austerseele erhebt sich schon zu einer Froschseele diese steigt in einen Stockfisch der Stockfischgeist schwingt sich in eine Gans dann in ein Schaf dann in einen Esel ja in einen Affen endlich (etwas Hohers lasset sich nicht mehr gedenken) in einen Buschhottentotten. Aber ein solcher langer peripatetischer Klimax blahet den Menschen nur so lange auf, als er nicht die folgende Betrachtung macht: wir kundschaften unter den Tieren einer Klasse, worunter es so gut als unter uns Genies, gute offne Kopfe und wahre Einfaltpinsel geben muss, nichts aus als letzte, hochstens Extreme. Keine Tierklasse liegt nahe genug an unserer Sehhaut, dass nicht die feinen Mitteltinten und Abstufungen ihres Werts zusammenfliessen mussten. Und so wird es uns ergehen, wenn ein Geist im Himmel sitzt und uns alle ansieht: wegen seines Abstandes wird er Muhe haben (vergebliche), einen wahren Unterschied zwischen Kant und seinen Rasierspiegeln der Kantianer, zwischen Goethe und seinen Nachahmern zu erkennen, und besagter Geist wird Fakultisten von Dunsen, Professhauser von Irrenhausern wenig oder gar nicht zu unterscheiden wissen. Denn kleine Stufen laufen vor einem, der auf den hohern steht, vollig ein.
Das benimmt aber einem Denker Lust und Mut; und ich will verdammt sein, Siebenkas, wenn ich bei solcher Lage der Sachen mich jemals hinsetze und ausserordentlich beruhmt werde, oder mir die Muhe gebe und das scharfsinnigste Lehrgebaude aufmauere oder einreisse, oder etwas Langers schreibe als einen Brief.
Dein, nicht mein
Ich L.
N. S. Ich wollte, Gott fristete mir nach diesem Leben das zweite, und ich konnte in der andern Welt mich an Realien machen; denn diese ist wahrlich zu hohl und zu matt, ein miserabler Nurnberger Tand nur der fallende Schaum eines Lebens ein Sprung durch den Reif der Ewigkeit ein murber staubender Sodomsapfel, den ich gar nicht aus dem Maule bringen kann, ich mag sprudeln, wie ich will. O!
*
Solchen Lesern, denen dieser Scherz nicht ernsthaft genug ist, will ich irgendwo dartun, dass er es zu sehr ist, und dass nur eine beklommene Brust so lachen, dass nur ein zu fieberhaftes Auge, um welches die Feuerwerke des Lebens wie fliegende Spiel-Funken schweifen, die dem schwarzen Star vorflattern, solche Fieberbilder sehen und zeichnen konne.
Firmian verstand alles, zumal jetzt... Ich muss aber zum elften Hornung zuruck, um dem Leser die sympathetische Freude, die er uber des vereinten Kleeblatts seine verspurte, halb zu nehmen. Lenettens erschutternde Bitte, dass der Gatte ihr vergeben moge, war die Lohbeet-Frucht der Ziehenschen erderschutternden Weissagung; sie glaubte, der Boden und sie gingen unter, und vor dem nahen Tode, der schon mit dem Tigerschweife wedelte, bot sie ihrem Mann die Friedenhand einer Christin. Vor seiner entkorperten schonen Seele vergoss freilich die ihrige Tranen der Liebe und des Entzuckens. Aber sie vermengte vielleicht selber ihre frohen Bewegungen mit ihren liebenden, die Lust mit der Treue, und die Hoffnung, den Schulrat abends wieder in die warmen Augen zu fassen, druckte sich ohne ihr Wissen durch eine warmere Liebe zum Manne aus. Es ist sehr notwendig, dass ich hier einen meiner besten Ratschlage keinem Menschen vorenthalte: namlich den, bei der besten Frau in der Welt immer wohl zu unterscheiden, was sie in der jetzigen Minute haben wolle oder gar wen, worunter nicht immer der gehort, der wohl unterscheidet. Es ist im weiblichen Herzen eine solche Flucht aller Gefuhle, ein solches Werfen von farbigen Blasen, die alles, zumal das Nachste, abmalen, dass eine geruhrte Frau, indes sie fur dich eine Trane aus dem linken Auge vergiesset, weiter nachdenken und mit dem rechten eine uber deinen Vor- oder Nachfahrer verspritzen kann oder dass eine Zartlichkeit, die ein Nebenbuhler erregt, uber die Halfte dem Ehevogt zustirbt, und dass eine Frau uberhaupt bei der aufrichtigsten Treue mehr uber das weinet, was sie uberdenket, als was sie vernimmt.
Nur dumm ists, dass so viele Mannspersonen unter uns es gerade darin sind; denn eine Frau ist, da sie mehr fremde Gefuhle beobachtet als eigne, dabei weder die Betrugerin noch die Betrogene, sondern nur der Betrug, der optische und akustische.
Solche durchdachte Betrachtungen machen Firmiane uber den elften Hornung welcher tolle Name nach einigen von den Trink-Hornern der Alten abstammt, aber nach mehren von Hor oder Kot nicht eher als am zwolften. Wendeline liebte den Rat: das wars. Sie hatte mit allen verstandigen Kuhschnapplerinnen an den Generalsuperintendenten und seinen Erd-Fussstoss geglaubt, bis abends der Pelzstiefel sich frei erklarte, die Meinung sei gottlos; dann fiel sie vom prophetischen Superintendenten ab und dem unglaubigen Weltkind Firmian bei. Wir wissen alle, er hatte so gut mannliche Launen, die immer die Konsequenz ubertreiben, wie sie weibliche, die in der Inkonsequenz zuviel tun. Es war also toricht, dass er eine durch so viele kleine Gall-Ergiessungen erbitterte Freundin durch eine grosse Herz-Ergiessung wiederzugewinnen hoffte. Die grosste Wohltat, die hochste mannliche Begeisterung reissen keinen mit tausend kleinen Wurzelfasern im Herzen herumkriechenden Groll auf einmal heraus. Die Liebe, um die wir uns durch ein anhaltendes Erkalten brachten, konnen wir nur durch ein so anhaltendes Erwarmen wieder sammeln.
Kurz nach einigen Tagen zeigt' es sich, dass alles blieb, wie es vor drei Wochen war. Die Liebe Lenettens hatte durch Stiefels Entfernung so zugenommen, dass sie nicht mehr mit ihren Blattern unter der Glasglocke Platz hatte, sondern schon ins Freie wuchs. Die Aqua toffana der Eifersucht lief endlich in alle Adern Firmians herum und quoll ins Herz und frass es langsam auseinander. Er war nur der Baum, in den Lenette ihren Namen und ihre Liebe gegen einen andern eingezeichnet hatte, und der an den Schnitten verwelkt. Er hatte an Lenettens Wiegenfeste so schon gehofft, der zuruckgerufne Schulrat werde die grosste Wunde schliessen oder bedecken: und gerade er zog sie wider Wissen immer weiter auseinander; aber wie wehe tat dies dem armen Gatten! So wurd' er nun innen und aussen armer und kranker zugleich und gab die Hoffnung verloren, den 1ten Mai und Baireuth zu sehen. Der Februar, der Marz und der April zogen mit einem grossen tropfenden Gewolke, an dem keine lichte oder blaue Fuge und kein Abendrot war, uber sein Haupt.
Am 12ten April verlor er seinen Prozess zum zweitenmal; und am 13ten, am Grunen Donnerstag, schloss er auf immer sein Abendblatt (wie er sein Tagebuch nannte, weil er abends daran schrieb), um dasselbe und seine Teufels-Papiere soweit sie fertig waren statt seines bald verfliegenden Korpers nach Baireuth in Leibgebers treueste Hande zu bringen, welche ja doch lieber, dacht' er, nach seiner Seele die eben in den Papieren wohnte greifen wurden als nach seinem durren Leibe, den ja Leibgeber selber in zweiter unabanderlicher Auflage, gleichsam Mannchen auf Mannchen, an sich trug und mithin jede Minute haben konnte. Die ganze Stelle des Abendblattes, diesen nachher auf die Post geschickten Schwanengesang, nehm' ich ohne Bedenken unverandert hier herein. "Gestern scheiterte mein Prozess an der zweiten Instanz oder Untiefe. Der gegnerische Sachwalter und die erste Appellationkammer haben gegen mich ein altes Gesetz, das nicht nur im Baireuthischen, sondern auch in Kuhschnappel gultig ist, vorgekehrt: dass mit einem Notariatzeugenrotul nicht das geringste zu erharten ist; es muss ein Rotul von Gerichten sein. Die zwei Instanzen machen mir den bergaufgehenden Weg zur dritten leichter: meiner armen Lenette wegen appellier' ich an den Kleinen Rat, und mein guter Stiefel tut die Vorschusse. Freilich muss man bei den Fragen, die man an die juristischen Orakel tut, die Zeremonie beobachten, womit man sonst andere den heidnischen vorlegte: man muss fasten und sich kasteien. Ich hoffe den Staat-Schalken107 oder vielmehr den Purschmeistern mit dem Weidmesser oder Knebelspiess des Themisschwertes schon durch das Jagdzeug der Prozessordnung und durch die Jagdtucher und Prell- und Spiegelgarne der Akten durchzuwischen, nicht sowohl durch meinen wie ein Fuhlfaden dunngezogenen Geldbeutel, den ich etwan wie einen ledernen Zopf durch alle enge Maschen der JustizGarnwand zoge; nicht damit sowohl, hoff' ich, als mit meinem Leibe, der sich nahe an den hohen Netzen in Totenstaub verwandeln und dann frei durch und uber alle Maschen fliegen wird.
Ich will heute die letzte Hand von diesem Abendblatte, eh' es ein vollstandiges Martyrologium wird, abziehen. Ich wurde, wenn man das Leben wegschenken konnte, meines jedem Sterbenden geben, der es wollte. Indessen denke man nicht, dass ich darum, weil uber mir eine totale Sonnenfinsternis ist, etwan sage, in Amerika ist auch eine oder dass ich, weil gerade neben meiner Nase Schneeflocken fallen, schon glaube, auf der Goldkuste hab' es zugewintert. Das Leben ist schon und warm; sogar meines wars einmal. Sollt' ich noch eher als die Schneeflocken eintrocknen: so ersuch' ich meine Erbnehmer und jeden Christen, von meiner Auswahl aus des Teufels Papieren nichts drucken zu lassen, als was ich ins reine geschrieben, welches (inclus.) bis zur Satire uber die Weiber geht. Auch darf er aus diesem Tagebuche, in dem zuweilen ein satirischer Einfall auffliegen mag, keinen einzigen zum Druck befordern; das verbiet' ich ernstlich.
Will ein Geschichtforscher dieses Tag- oder Nachtbuchs gern wissen, was fur schwere Lasten und Nester und Wasche denn an meine Aste und an meinen Gipfel gehangen worden, dass sie ihn so niederziehen konnten und ist er noch darum desto neugieriger, weil ich lustige Satiren schrieb wiewohl ich mit den satirischen Stacheln, wie die Fackeldistel mit ihren, mich nur wie mit einsaugenden Gefassen nahren wollte : so sag' ich diesem Geschichtforscher, dass seine Neugierde mehr sucht, als ich weiss, und mehr, als ich sage. Denn der Mensch und der Meerrettig sind zerrieben am beissendsten, und der Satiriker ist aus demselben Grunde trauriger als der Spassmacher, weswegen der Urang-Utang schwermutiger ist als der Affe, weil er namlich edler ist. Gelangt freilich dieses Blatt in deine Hand, mein Heinrich, mein Geliebter, und du willst vom Hagel, der immer hoher und grosser auf meine Aussaat fiel, etwas horen: so zahle nicht die zerflossenen Hagelkorner, sondern die zerschlagnen Halmen. Ich habe nichts mehr, was mich freuet als deine Liebe, und nichts mehr, was aufrecht steht, als eben diese. Da ich dich aus mehr als einer Ursache108 schwerlich in Baireuth besuchen werde: so wollen wir auf diesem Blatte scheiden wie Geister und uns die Hande aus Luft geben. Ich hasse die Empfindelei, aber das Schicksal hat sie mir fast endlich eingepfropft, und das satirische Glaubersalz, das man sonst mit Nutzen dagegen nimmt wie Schafe, die von nassen Wiesen Lungenfaule haben, durch Salzlecken aufleben , nehm' ich aus Vorlegloffeln, so gross wie meiner aus dem Vogelschiessen, aber ohne merklichen Vorteil ein. Im ganzen tuts auch wenig; das Schicksal wartet nicht, wie die peinlichen Schoppenstuhle, mit der Hinrichtung von uns Inkulpaten auf unsere Genesung. Mein Schwindel und andere Schlagfluss-Vorboten sagen mir zu, dass man mir gegen das Nasenbluten dieses Lebens bald die gute galenische Aderlass109 verordnen werde. Ich will es deswegen nicht gerade haben; mich kann im Gegenteil einer argern, der verlangt, das Schicksal soll ihn, wie eine Mutter das Kind da wir in Leiber eingewindelt und die Nerven und Adern die Wickelbander sind sofort aufbinden, weil es schreiet und einiges Leibreissen hat. Ich wurde noch gern einige Zeit ein Wickelkind unter Strickkindern110 bleiben, zumal da ich besorgen muss, dass ich in der zweiten Welt von meinem satirischen Humor geringen oder keinen Gebrauch werde machen konnen; aber ich werde fort mussen. Wenn aber dies geschehen ist: so mocht' ich dich wohl bitten, Heinrich, dass du einmal hieher in den Reichsflecken reisetest und dir das stille Gesicht deines Freundes, der kaum das hippokratische111 mehr wird machen konnen, aufdecken liessest. Dann, mein Heinrich, wenn du das fleckige graue Neumondgesicht lange ansiehst und dabei erwagst, dass nicht viel Sonnenschein darauf fiel, nicht der Sonnenschein der Liebe, nicht des Glucks, nicht des Ruhms: so wirst du nicht gen Himmel blicken und zu Gott sagen konnen: 'und ganz zuletzt, nach allen seinen Bekummernissen hast du ihn, lieber Gott, gar vernichtet und hast ihn, als er im Tode die Arme nach dir und deiner Welt ausstreckte, so breit entzwei gedruckt, als er noch hier liegt; der Arme.' Nein, Heinrich, wenn ich sterbe, so musst du eine Unsterblichkeit glauben.
Ich will jetzo, wenn ich dieses Abendblatt ausgeschrieben, das Licht ausloschen, weil der Vollmond breite, weisse Imperialbogen voll Licht in der Stube aufbreitet. Ich will alsdann weil kein Mensch mehr im Hause auf ist mich in der dammernden Stille hersetzen, und indes ich die weisse Magie des Mondes in der schwarzen der Nacht anschaue, und wahrend ich draussen ganze Fluge von Zugvogeln in der hellen blauen Mondnacht aus warmern Landern kommen hore, in deren verwandtes Land ich abreise, da will ich ungestort gleichsam meine Fuhlhorner aus dem Schneckengehause, eh' es der letzte Frost zuspundet, noch einmal hervorstrecken Heinrich, ich will mir heute alles deutlich malen, was vergangen ist den Mai unserer Freundschaft jeden Abend, wo wir zu sehr geruhrt wurden und uns umarmen mussten meine grauen alten Hoffnungen, die ich kaum mehr weiss funf alte, aber helle, warme Fruhlinge, die mir noch im Kopfe sind meine verstorbene Mutter, die mir eine Zitrone, von der sie im Sterben dachte, sie werde sie in den Sarg bekommen, in die Hande legte und sagte: ich sollte die Zitrone lieber in meinen Blumenstrauss stecken und jene kunftige Minute meines Sterbens will ich mir denken, in welcher mir dein Bild zum letztenmal auf der Erde vor die gebrochnen Seelen-Augen tritt, und worin ich von dir scheide und mit einem dunkeln innern Schmerz, der keine Tranen mehr in die erkalteten, zerstorten Augen treiben kann, vor deiner beschatteten Gestalt schwindend und verfinstert niederfalle und aus dem dicken Nebel des Todes nur noch dumpf zu dir aufrufe: 'Heinrich, gute Nacht! gute Nacht.'
Ach, lebe wohl. Ich kann nichts mehr sagen."
Ende des Abendblattes
Zwolftes Kapitel
Auszug aus Agypten der Glanz des Reisens die
Unbekannte Baireuth Taufhandlung im Sturm
Natalie und Eremitage das wichtigste Gesprach in
diesem Werk der Abend der Freundschaft
Als Firmian in der Osterwoche einmal von einer halbstundigen Lustreise voll Gewaltmarsche heimkam, fragte Lenette: warum er nicht eher gekommen der Brieftrager ware mit einem breiten Buche dagewesen; aber er hatte gesagt, der Mann musse selber den Empfang des Packels einschreiben. In einem kleinen Haushalten gehoret so etwas unter die grossen Weltbegebenheiten und Hauptrevolutionen in der Geschichte. Die Minuten des Wartens lagen nun als Ziehglaser und Zugpflaster auf der Seele. Endlich machte der gelbe Postbote dem bittersussen Hanfklopfen aller Schlagadern ein Ende. Firmian bescheinigte den Empfang von 50 Tlr., wahrend Lenette die Frage an den Boten tat: wer es schicke, und aus welcher Stadt. Der Brief fing so an: "Mein Siebenkas! Deine Abendblatter und TeufelsPapiere habe richtig erhalten. Das ubrige mundlich!
Nachschrift:
Hore indes! Wenn Du Dir aus dem Walzer meines Lebens und aus meiner Lust und aus meinen Sorgen und Absichten nur das geringste machst wenn es Dir nicht im hochsten Grade gleichgultig ist, dass ich Dich mit Stations- und Diatengeldern bis nach Baireuth frankiere, eines Planes wegen, dessen Spinnrokken die Spinnmaschinen der Zukunft entweder zu Fall und Galgenstricken meines Lebens oder zu Treppenstricken und Ankerseilen desselben verspinnen mussen wenn fur Dich solche und noch wichtigere Dinge noch einen Reiz besitzen, Firmian: so zieh um des Himmels willen Stiefel an und komm!"
*
"Bei deiner hl. Freundschaft!" sagte Siebenkas, "ich ziehe ein Paar an, und sollte schon in Schwaben der Blitz des Schlagflusses aus dem blauen Himmel herabschlagen und mich unter einem Amarellenbaum voll Bluten treffen. Mich halt nichts mehr."
Er hielt Wort: denn in sechs Tagen darauf sehen wir ihn nachts um 11 Uhr reisefertig mit frischer Wasche am Leibe und in den Taschen mit einem Hutuberzug auf dem Kopfe, der sich heimlich wieder mit einem alten feinen Hute geladen und gesattigt in neuesten Stiefeln (das vorsundflutige Paar lag, von seinem Posten unterdessen abgeloset, in Garnison) mit einer vom Pelzstiefel entlehnten Turmuhr in der Tasche frischgewaschen, rasiert und aufgekammt neben seiner Frau und seinem Freunde stehen, die beide heute mit froher, hoflicher Aufmerksamkeit niemand anschauen als den Reisefertigen; aber sich nicht. Er nimmt noch in der Nacht von beiden Wachenden Abschied, weil er nur im grossen Sorgenstuhl ubernachten und, wenn Lenette schnarcht, um 3 Uhr sich hinausmachen will. Dem Schulrat ubertrug er das Witwenkassenamt bei der hinterlassenen Strohwitwe und das Theaterdirektorat oder doch die Gastrollen in seinem kleinen Coventgarden voll Gays Bettleropern, wovon ich das Theaterjournal hier fur die halbe Erde schreibe. "Lenette", sagt' er, "wenn du einen Rat brauchst, so wende dich an den Hrn. Rat; er tut mir die Gefalligkeit und kommt ofters." Der Pelzstiefel gab die heiligsten Versicherungen, er komme taglich. Lenette half nicht, wie sonst, den Pelzstiefel die Treppe hinab begleiten: sondern blieb oben; zog die Hand aus der genahrten Geldtasche, deren ausgehungerte Magenwande sich bisher gerieben hatten, und schnappte sie ab. Es ist nicht wichtig genug, wenn ichs anfuhre, dass Siebenkas sie bat, das Licht ihn ausschneuzen zu lassen und sich nur niederzulegen, und dass er der reizenden Gestalt mit jener verdoppelten Liebe, womit die Menschen verreisen und ankommen, den langen Abschiedkuss und das geruhrte Lebewohl und die gute Nacht beinahe unter der Edenture der Traume gab.
Die Abdankung des Nachtwachters trieb ihn endlich aus dem Schlafsessel in den gestirnten, wehenden Morgen hinaus. Er schlich aber vorher noch einmal in die Kammer an das heisstraumende Rosenmadchen, druckte ein Fenster zu, dessen kalte Zugluft heimlich ihr wehrloses Herz anfiel, und hielt seine nahen Lippen vom weckenden Kusse ab und sah sie bloss so gut an, als es das Sternenlicht und das blasse Morgenrot erlaubten, bis er das zu dunkel werdende Auge beim Gedanken wegwandte: ich sehe sie vielleicht zum letztenmal.
Bei dem Durchgange durch die Stube sah ihn ordentlich ihr Flachsrocken mit seinen breiten farbigen Papierbandern, womit sie ihn aus Mangel an Seidenband zierlich umwickelt hatte, und ihr stilles Spinnrad an, das sie gewohnlich in dunkler Morgen- und Abendzeit, wo nicht gut zu nahen war, zu treten gepflegt und als er sich vorstellte, wie sie wahrend seiner Abwesenheit ganz einsam das Radchen und die Flockchen so eifrig handhaben werde: so riefen alle Wunsche in ihm: es gehe der Armen doch gut, und immer, wenn ich sie auch wieder sehe.
Dieser Gedanke des letzten Mals wurde draussen noch lebhafter durch den kleinen Schwindel, den die Wallungen und der Abbruch des Schlummers ihm in den physischen Kopf setzten; und durch das wehmutige Zuruckblicken auf sein weichendes Haus, auf die verdunkelte Stadt und auf die Verwandlung des Vorgrunds in einen Hintergrund und auf das Entfliehen der Spaziergange und aller Hohen, auf denen er oft sein erstarrtes, in den vorigen Winter eingefrornes Herz warm getragen hatte. Hinter ihm fiel das Blatt, worauf er sich als Blattwickler und Minierraupe herumgekauet hatte, als Blatterskelett herab.
Aber die erste fremde Erde, die er noch mit keinen Stationen seines Leidens bezeichnet hatte, sog schon, wie Schlangenstein, aus seinem Herzen einige scharfe Gifttropfen des Grams.
Nun schoss die Sonnenflamme immer naher herauf an die entzundeten Morgenwolken endlich gingen am Himmel und in den Bachen und in den Teichen und in den bluhenden Taukelchen hundert Sonnen miteinander auf, und uber die Erde schwammen tausend Farben, und aus dem Himmel brach ein einziges lichtes Weiss.
Das Schicksal pfluckte aus Firmians Seele, wie Gartner im Fruhling aus Blumen, die meisten alten, gelben, welken Blattchen aus. Durch das Gehen nahm das Schwindeln mehr ab als zu. In der Seele stieg eine uberirdische Sonne mit der zweiten am Himmel. In jedem Tal, in jedem Waldchen, auf jeder Hohe warf er einige pressende Ringe von der engen Puppe des winterlichen Lebens und Kummers ab und faltete die nassen Ober- und Unterflugel auf und liess sich von den Mailuften mit vier ausgedehnten Schwingen in den Himmel unter tiefere Tagschmetterlinge und uber hohere Blumen wehen.
Aber wie kraftig fing das bewegte Leben an, in ihm zu garen und zu brausen, da er aus der Diamantgrube eines Tales voll Schatten und Tropfen herausstieg, einige Stufen unter dem Himmeltore des Fruhlings. Wie aus dem Meere, und noch nass, hatte ein allmachtiges Erdbeben eine unubersehliche, neugeschaffne, in Blute stehende Ebene mit jungen Trieben und Kraften heraufgedrangt das Feuer der Erde loderte unter den Wurzeln des weiten hangenden Gartens, und das Feuer des Himmels flammte herab und brannte den Gipfeln und Blumen die Farben ein zwischen den Porzellanturmen weisser Berge standen die gefarbten bluhenden Hohen als Throngeruste der Fruchtgottinnen uber das weite Lustlager zogen sich Blutenkelche und schwule Tropfen als bevolkerte Zelte hinauf und hinab, der Boden war mit wimmelnden Bruttafeln von Grasern und kleinen Herzen belegt, und ein Herz ums andere riss sich geflugelt oder mit Flossfedern oder mit Fuhlfaden aus den heissen Brutzellen der Natur empor und sumste und sog und schnalzte und sang, und fur jeden Honigrussel war schon lange der Freudenkelch aufgetan. Nur das Schosskind der unendlichen Mutter, der Mensch, stand allein mit hellen frohen Augen auf dem Marktplatz der lebendigen Sonnenstadt voll Glanz und Larm und schauete trunken rund herum in alle unzahlige Gassen. Aber seine ewige Mutter ruhte verhullt in der Unermesslichkeit, und nur an der Warme, die an sein Herz ging, fuhlte er, dass er an ihrem liege....
Firmian ruhte in einer Bauerhutte von diesem zweistundigen Rausch des Herzens aus. Der brausende Geist dieses Freudenkelchs stieg einem Kranken wie ihm leichter in das Herz, wie andern Kranken in den Kopf.
Als er wieder ins Freie trat, losete sich der Glanz in Helle auf, die Begeisterung in Heiterkeit. Jeder rote hangende Maikafer und jedes rote Kirchendach und jeder schillernde Strom, der Funken und Sterne spruhte, warf frohliche Lichter und hohe Farben in seine Seele. Wenn er in den laut atmenden und schnaubenden Waldungen das Schreien der Kohler und das Widerhallen der Peitschen und das Krachen fallender Baume vernahm wenn er dann hinaustrat und die weissen Schlosser anschauete und die weissen Strassen, die wie Sternbilder und Milchstrassen den tiefen Grund aus Grun durchschnitten, und die glanzenden Wolkenflocken im tiefen Blau und wenn die Funkenblitze bald von Baumen tropften, bald aus Bachen staubten, bald uber ferne Sagen glitten; so konnte ja wohl kein dunstiger Winkel seiner Seele, keine umstellte Ecke mehr ohne Sonnenschein und Fruhling bleiben, das nur im feuchten Schatten wachsende Moos der nagenden zehrenden Sorge fiel im Freien von seinen Brot- und Freiheitbaumen ab, und seine Seele musste ja in die tausend um ihn fliegenden und sumsenden Singstimmen einfallen und mitsingen: das Leben ist schon, und die Jugend ist noch schoner, und der Fruhling ist am allerschonsten.
Der vorige Winter lag hinter ihm wie der dustere zugefrorne Sudpol, und der Reichsmarktflecken lag unter ihm wie ein dumpfiges tiefes Schulkarzer mit triefendem Gemauer. Bloss uber seine Stube kreuzten heitere breite Sonnenstreife; und noch dazu dachte er sich seine Lenette darin als Alleinherrscherin, die heute kochen, waschen und reden durfte, was sie wollte, und die uberdies den ganzen Tag den Kopf (und die Hande) davon voll hatte, was abends Liebes komme. Er gonnt' ihr heute in ihrer engen Eierschale, Schwefelhutte und Kartause recht von Herzen den herumfliessenden Glanz, den in ihr Petrus-Gefangnis der eintretende Engel mitbrachte, der Pelzstiefel. "Ach, in Gottes Namen", dacht' er, "soll sie so freudig sein wie ich, und noch mehr, wenns moglich ist."
Je mehre Dorfer vor ihm mit ihren wandernden Theatertruppen voruberliefen: desto theatralischer kam ihm das Leben vor112 seine Burden wurden Gastrollen und aristotelische Knoten seine Kleider Opernkleider seine neuen Stiefeln Kothurne sein Geldbeutel eine Theaterkasse und eine der schonsten Erkennungen auf dem Theater bereitete sich ihm an dem Busen seines Lieblinges zu...
Nachmittags um 3 1/2 Uhr wurde auf einmal in einem noch schwabischen Dorfe, nach dessen Namen er nicht gefragt, in seiner Seele alles zu Wasser, zu Tranen, so dass er sich selber uber die Erweichung verwunderte. Die Nachbarschaft um ihn liess eher das Widerspiel vermuten: er stand an einem alten, ein wenig gesenkten Maienbaum mit durrem Gipfel die Bauerweiber begossen die im Sonnenlicht glanzende Leinwand auf dem Gemeindeanger und warfen den gelbwollichten Gansen die zerhackten Eier und Nesseln als Futter vor Hecken wurden von einem adeligen Gartner beschoren, und die Schafe, die es schon waren, wurden vom Schweizerhorn des Hirten um den Maienbaum versammelt. Alles war so jugendlich, so hold, so italienisch der schone Mai hatte alles halb oder ganz entkleidet, die Schafe, die Ganse, die Weiber, den Hornisten, den Heckenscherer und seine Hecken...
Warum wurd' er in einer so lachenden Umgebung zu weich? Im Grunde weniger darum, weil er heute den ganzen Tag zu froh gewesen war, als hauptsachlich, weil der Schaf-Fagottist durch seine Komodienpfeife seine Truppe unter den Maienbaum rief. Firmian hatte in seiner Kindheit hundertmal den Schafstall seines Vaters dem blasenden Prager und Schafer unter den Hirtenstab getrieben und dieser AlpenKuhreigen weckte auf einmal seine rosenrote Kindheit, und sie richtete sich aus ihrem Morgentau und aus ihrer Laube von Blutenknospen und eingeschlafnen Blumen auf und trat himmlisch vor ihn und lachelte ihn unschuldig und mit ihren tausend Hoffnungen an und sagte: "Schau mich an, wie schon ich bin wir haben zusammen gespielt ich habe dir sonst viel geschenkt, grosse Reiche und Wiesen und Gold und ein schones, langes Paradies hinter dem Berg aber du hast ja gar nichts mehr! Und bist noch dazu so bleich! Spiele wieder mit mir!" O wem unter uns wird nicht die Kindheit tausendmal durch Musik geweckt, und sie redet ihn an und fragt ihn: "Sind die Rosenknospen, die ich dir gab, denn noch nicht aufgebrochen?" O wohl sind sie's, aber weisse Rosen waren's.
Seine Freudenblumen schloss der Abend mit ihren Blattern uber ihren Honiggefassen zu, und auf sein Herz fiel der Abendtau der Wehmut kalter und grosser, je langer er ging. Gerade vor Sonnenuntergang kam er vor ein Dorf leider ists mir aus dem Gedachtnis wie ausgestrichen, obs Honhart oder Honstein oder Jaxheim war: so viel darf ich fur gewiss ausgeben, dass es eines von dreien war, weil es neben dem Fluss Jaxt und an der Ellwangschen Grenze im Ansbachschen lag. Sein Nachtquartier rauchte vor ihm im Tal. Er legte sich, eh' ers bezog, auf einem Hugel unter einen Baum, dessen Blatter und Zweige ein Chorpult singender Wesen waren. Nicht weit von ihm glanzte in der Abendsonne das Rauschgold eines zitternden Wassers, und uber ihm flatterte das vergoldete Laubwerk um die weissen Bluten, wie Graser um Blumen. Der Kuckuck, der sein eigner Resonanzboden und sein eignes vielfaches Echo ist, redete ihn aus finstern Gipfeln mit einer truben Klagstimme an die Sonne floss dahin uber den Glanz des Tages warfen die Schatten dichtere Trauerflore unser Freund war ganz allein und er fragte sich: "Was wird jetzt meine Lenette tun, und an wen wird sie denken, und wer wird bei ihr sein?" Und hier durchstiess der Gedanke: "aber ich habe keine Geliebte an meiner Hand!" mit einer Eishand sein Herz. Und als er sich die schone, zarte weibliche Seele recht klar gemalet hatte, die er oft gerufen, aber nie gesehen, der er gern so viel, nicht bloss sein Herz, nicht bloss sein Leben, sondern alle seine Wunsche, alle seine Launen hingeopfert hatte: so ging er freilich den Hugel mit schwimmenden Augen, die er vergeblich trocknete, hinunter; aber wenigstens jede gute weibliche Seele, die mich liest und die vergeblich oder verarmend geliebt, wird ihm seine heissen Tropfen vergeben, weil sie selber erfahren, wie der innre Mensch gleichsam durch eine vom giftigen Samielwinde durchzogne Wuste reiset, in welcher entseelte, vom Winde getroffne Gestalten liegen, deren Arme sich abreissen von der eingeascherten Brust, wenn der Lebendige sie ergreift und anziehen will an seine warme. Aber ihr, in deren Handen so manche erkalteten durch Wankelmut oder durch Todesfrost, ihr durft doch nicht so klagen wie der Einsame, der nie etwas verloren, weil er nie etwas gewonnen, und der nach einer ewigen Liebe schmachtet, von der ihm nicht einmal eine zeitliche ein Trugbild jemals zum Troste zugesandt.
Firmian brachte eine stille, weiche, sich traumendheilende Seele in sein Nachtlager und auf sein Bette mit. Wenn er darin den Blick aufschlug aus dem Schlummer, schimmerten die Sternbilder, die sein Fenster ausschnitt, freundlich in seine frohen hellen Augen und warfen ihm die astrologische Weissagung eines heitern Tages herab.
Er flatterte mit der ersten Lerche und mit ebensoviel Trillern und Kraften aus der Furche seines Bettes auf. Er konnte diesen Tag, wo die Ermudung seinen Phantasien die Paradiesvogel-Schwingen berupfte, nicht ganz aus dem Ansbachischen gelangen.
Den Tag darauf erreichte er das Bambergische (denn Nurnberg und dessen pays coutumiers und pays du droit ecrit liess er rechts liegen). Sein Weg lief von einem Paradies durch das andere Die Ebene schien aus musivisch aneinander geruckten Garten zu bestehen Die Berge schienen sich gleichsam tiefer auf die Erde niederzulegen, damit der Mensch leichter ihre Rucken und Hocker besteige Die Laubholz-Waldungen waren wie Kranze bei einem Jubelfest der Natur umhergeworfen, und die einsinkende Sonne glimmte oft hinter der durchbrochnen Arbeit eines Laubgelanders auf einem verlangerten Hugel wie ein Purpurapfel in einer durchbrochnen Fruchtschale. In der einen Vertiefung wunschte man den Mittagschlaf zu geniessen, in einer andern das Fruhstuck, an jenem Bache den Mond, wenn er im Zenith stand, hinter diesen Baumen ihn, wenn er erst aufging, unten an jener Anhohe vor Streitberg die Sonne, wenn sie in ein grunes Gitterbette von Baumen steigt.
Da er den Tag darauf schon mittags nach Streitberg kam, wo man alle jene genannte Dinge auf einmal erleben wollte: so hatt' er recht gut er musste denn kein so flinker Fussganger sein als sein Lebenbeschreiber noch gegen Abend die Baireuther Turmknopfe das Rot der Abend-Aurora auflegen sehn konnen; aber er wollte nicht, er sagte zu sich: "Ich ware dumm, wenn ich so hundmude und ausgetrocknet die erste Stunde der schonsten Wiedererkennung anfinge und so mich und ihn (Leibgebern) um allen Schlaf und am Ende um das halbe Vergnugen (denn wie viel konnten wir heute noch reden?) brachte. Nein, lieber morgen fruh um 6 Uhr, damit wir doch einen ganzen langen Tag zu unserem Tausendjahrigen Reiche vor uns haben."
Er ubernachtete daher in Fantaisie, einem artistischen Lust- und Rosen- und Blutental, eine halbe Meile von Baireuth. Es wird mir schwer, das papierne Modell, das ich von diesem Seifersdorfer MiniaturTal hier aufzustellen vermochte, so lange zuruckzutun, bis ich einen geraumigern Platz vorfinde; aber es muss sein, und bekomm' ich keinen, so steht mir allemal noch hinten vor dem Buchbinderblatte dazu ein breiter offen.
Firmian ging neben Fledermausen und Maikafern dem Vortrab und den Vorposten eines blauen Tages und hinter den Baireuthern, die ihren Sonntag und ihre Himmelfahrt beschlossen es war der 7te Mai und zwar so spat, dass das erste Mondviertel recht deutlich alle Bluten und Zweige auf der grunen Grundierung silhouettieren konnte, also so spat ging er noch auf eine Anhohe, von der er auf das von der Brautnacht des Fruhlings sanft uberdeckte und mit Lunens Funken gestickte Baireuth, in welchem der geliebte Bruder seines Ichs verweilte und an ihn dachte, tranen- und freudentrunkne Blicke werfen konnte..... Ich kann in seinem Namen es mit "Wahrlich" beteuern, dass er beinahe mir nachgeschlagen ware: ich hatte namlich mit einem solchen warmquellenden Herzen, in einer solchen von Gold und Silber und Azur zugleich geschmuckten Nacht vor allen Dingen einen Sprung getan in den Gasthof zur Sonne, an meines unvergesslichen Freundes Leibgebers Herz.... Aber er kehrte wieder in das duftende Kapua zuruck und begegnete noch dazu so kurz vor dem Abendessen und Abendgebet und ganz nahe an einem gut ausgetrockneten, von einer versteinerten Gotterwelt bewohnten Wasserbecken oder Streckteich nichts Geringerem als einem hubschen Abenteuer. Ich bericht' es.
An der ausgemauerten Bucht stand namlich eine ganz schwarz gekleidete, mit einem weissen Flore bezogne weibliche Gestalt, mit einem am Tage verwelkten Blumenstrauss in der Hand, worin ihre Finger blatterten. Sie war von ihm abgekehrt gegen Abend und schien halb die steinerne, ineinander gewickelte Schweizerei und Korallenbank von Wasserpferden, Tritonen u.s.w., halb einen zunachst stehenden, in einem Vexier-Einsturz begriffenen Tempel anzuschauen. Indes er langsam vor ihr voruberging, sah er von der Seite, dass sie eine Blume nicht sowohl nach als Uber ihn warf, gleichsam als sollte dieses Ausrufzeichen einen Zerstreuten aufwecken. Er sah sich leicht um, bloss um zu zeigen, dass er schon wach sei, und ging an die Glaspforte des kunstlichbaufalligen Tempels hinan, um sich neben dem Ratsel zu verweilen. Drinnen stand ihm gegenuber ein Pfeilerspiegel, der den ganzen Mittel- und Vorgrund hinter ihm samt der weissen Unbekannten in die grune Perspektive eines langen Hintergrundes herumdrehte. Firmian ersah im Spiegel, dass sie den ganzen Strauss gegen ihn werfe, und dass sie endlich als dieser nicht so weit fliegen konnte die aufgesparte Pomeranze bis beinahe unter seine Fusse kegelte. Er wandte sich lachelnd um. Eine sanfte, aber hastige Stimme sagte: "Kennen Sie mich nicht?" Er sagte: "nein!" und eh' er noch langsam dazu gesetzt hatte: "ich bin ein Fremder", war ihm die unbekannte Oberin naher getreten und hatte ihre Mosis-Flor-Decke schnell vom Gesicht geruckt und in einem hohern Tone gesagt: "Und noch nicht?" Und ein weiblicher Kopf, der vom Halse des vatikanischen Apollo abgesagt und nur mit acht oder zehn weiblichen Zugen und mit einer schmalern Stirn gemildert war, glanzte vor ihm, wie ein Marmorkopf vor der Lohe einer Fackel. Aber indem er dazu setzte, er sei ein Fremder und indem die Gestalt ihn naher und unvergittert anblickte und indem sie das Flor-Fallgatter wieder niederliess (welche Bewegungen insgesamt nicht so viel Zeit wegnahmen als eine einzige des Pendels einer astronomischen Uhr): so kehrte sie sich weg und sagte weniger verlegen als weiblich-entrustet: "Vergeben Sie!"
Es hatte wenig gefehlet, so war' er ihr beinahe mechanisch hinterdrein gezogen; er verzierte jetzt die ganze Fantaisie statt der steinernen Gottinnen mit lauter Gipsabgussen des entflohenen Kopfes, der bloss drei Pleonasmen im Gesichte hatte: zuviel Wangenrot, zuviel Biegung der Nase und zuviel Augen-Lauffeuer oder Feuerung. Er dachte, ein solcher Kopf konnte sich, wenn er geschmuckt ware, ohne Nachteil neben dem funkelnden einer Furstenbraut aus einer Hauptloge herauslegen, und er konnte ebensoviel Philosophisches fassen als rauben.
Ein solches Zauber-Abenteuer nimmt man gern in den Traum hinuber, zumal da es einem gleicht. An Firmians gebogne, zitternde Blumen steckte jetzo der Mai, wie an die andern um ihn, Stabe und band sie lose an. O wie hell schimmern sogar kleine Freuden auf eine Seele, die auf einem vom Gewolke des Grams verfinsterten Boden steht, wie aus dem leeren Himmel Gestirne vordringen, wenn wir in tiefen Brunnen oder Kellern zu ihnen aufsehen!
Am prachtigen Morgen darauf ging mit der Sonne zugleich die Erde auf. Er hatte mehr seinen ewigen Freund als die gestrige Unbekannte im Kopfe und Herzen wiewohl er doch vor dem Meere und der Muschel, woraus die gestrige Venus gestiegen war, Wunders halber den Weg vorbei nahm, obgleich ohne Nutzen und watete durch den nassen Glanz und Nebelduft der schimmernden Silbergrube und zerriss die um Blutenzweige gehangenen Perlenschnuren aus Spinnweben, worauf Tau-Samenperlen gezogen waren und im durchflatterten Gezweige, das die Tastatur einer mit bluhendem Bildwerk eingefasseten Harmonika war, streifte er eilig erkaltete Schmetterlinge und Bluten und Tropfen hinweg, um auf den gestrigen Olymp zu kommen. Er bestieg das Freudengeruste und uber Baireuth hing der brennende Theatervorhang aus Nebel Die Sonne stand als Konigin der Buhne auf dem Geburge und schauete dem Herunterbrennen des bunten Schleiers zu, dessen flatternde, glimmende Zunderflocken die Morgenlufte uber die Blumen und Garten verwehten und streueten. Endlich glanzte nichts mehr als die Sonne, von nichts als dem Himmel umgeben. Unter diesem Glanze betrat er das Lustlager und die Residenzstadt seines Geliebten, und alle Gebaude kamen ihm wie schimmernde, aus dem Ather gesunkne, festere Luft- und Zauberschlosser vor. Es war sonderbar; aber er konnte sich nicht enthalten, von einigen heraushangenden Fenstervorhangen, mit denen die Strassen-Zugluft tandelte, sich einzubilden, als man sie hineinzog, die Unbekannte tu' es, da doch um diese Zeit weils erst 8 Uhr war eine Baireutherin so wenig ihren Blumenschlaf beschlossen haben konnte als der rote Huhnerdarm oder der Alpen-Pippau113.
Jede neue Strasse erhitzte sein klopfendes Herz; ein kleiner Irrweg gefiel ihm als Aufschub oder Zuwachs seiner Wonne. Endlich kam er vor den Gasthof zur Sonne, in seine Sonnennahe, an die metallene Sonne, die diesen Irrstern, wie die astronomische, in sich riss. Er fragte unten nach der Zimmer-Nummer des Herrn Leibgebers. "Er logierte hinten hinaus Nr. 8", sagte man, "aber er ist heute ins Schwabische verreiset, er musste denn noch droben sein." Glucklicherweise kehrte jemand von der Gasse in den Gasthof zuruck, der die Sache bejahte und vor dem Advokaten wedelte; Leibgebers Saufinder tats.
Ein Treppensturmlaufen ein Einbrechen der Jubelpforte ein Fall ans geliebte Herz... alles war eins. Und nun zogen die oden Minuten des Lebens ungehort und ungesehen vor dem stummen, engen Bunde der zwei Sterblichen vorbei sie lagen ineinander geklammert auf den Fluten des Lebens, wie zwei gescheiterte Bruder, die in den kalten Wellen umschlingend und umschlungen schwimmen, und die nun nichts mehr halten als das Herz, an dem sie sterben...
Sie hatten sich noch kein Wort gesagt Firmian, den eine lange trubere Zeit weicher gemacht, weinte unverhohlen auf das wiedergefundne Angesicht Heinrich verzog seines, wie ein Schmerz beide hatten reisefertig noch Hute auf Leibgeber wusste sich verlegen an nichts zu halten als an die Klingelschnur. Der Kellner lief herzu. "Es ist nichts", sagt' er, "als dass ich nicht fortgehe." "Gott gebe (setzt' er nachher hinzu), Siebenkas, dass wir uns in ein Gesprach verwickeln! zieh mich in eines, Bruder!"
Er konnt' es recht schicklich bei der pragmatischen Geschichte, Nouvelle du jour besser de la nuit kurz bei der Stadt- oder vielmehr Land-Neuigkeit anfangen, die er gestern neben dem Flore der schonen Je ne sais quoi erlebet hatte.
"Ich kenne sie", versetzte Leibgeber, "wie meinen Puls; erzahl aber lieber jetzo nichts ich muss sonst so lange stille sitzen und aufpassen. Heb alles auf, bis wir im warmen Schoss Abrahams sitzen, in der Eremitage"; welches nach Fantaisie der zweite Himmel um Baireuth ist, denn Fantaisie ist der erste, und die ganze Gegend der dritte. Sie hielten nun eine Himmelfahrt durch alle Materien und Gassen, worein sie kamen. "Du sollst mir (sagte Leibgeber, da Siebenkas leider eine ebenso unregelmassige Lusternheit nach dessen Geheimnis verriet, als ich am Leser bemerken muss) eher den Kopf wegschlagen, wie von einem Mohnstengel, als dass ich dir schon heute oder morgen oder ubermorgen meine Mysterien aus meinem in deinen setzte; nur so viel darf ich dir entdekken, dass deine Auswahl aus des Teufels Papieren (dein Abendblatt enthalt schon mehr von Krankheitmaterie) ganz gottlich ist und sehr himmlisch und recht gut und nicht ohne Schonheiten, sondern vielleicht passabel." Leibgeber deckte ihm nun seine ganze freudige Uberraschung auf, dass er, der Advokat, in einem Kleinstadtchen, das nur Kramer- und Juristenseelen samt einiger darangehangter hoher Obrigkeit beleben, sich in seiner Satire zu solcher Kunstfreiheit und Reinheit habe erhohen konnen; und in der Tat hab' ich wohl selber, wenn ich die Auswahl aus des Teufels Papieren las, zuweilen gesagt: ich hatte nicht einmal in Hof im Voigtland, wo ich sonst manches scherzend geschrieben, dergleichen machen konnen.
Leibgeber setzte dem Lorbeerkranze die Krone auf durch die Versicherung, er konne leichter laut und mit beiden Lippen lachen uber samtliche Welt als leise und mit der Feder und nach erprobten Kunstregeln. Siebenkas war uber das Lob ausser sich vor Lust; aber es verdenke die Freude doch niemand dem Advokaten oder irgendeinem andern Schreiber welcher einsam ohne Lobredner die redlich gewahlte Kunstbahn ohne die Stutze der kleinsten Aufmunterung standhaft durchgeschritten , wenn ihn nun am Ende des Ziels der Geruch einiger Lorbeerblatter aus Freundes Hand gewurzhaft durchdringt und kraftigt und lohnt. Bedarf ja der Beruhmte, sogar der Anmassende der Nachwarmung durch fremde Meinung, wieviel mehr der Bescheidne und der Ungekannte! Aber glucklicher Firmian! In welcher Ferne, tief in Sud-Sud-West, zogen jetzt die Strichgewitter deiner Tage! Und man konnte, da die Sonne darauf fiel, nichts als einen sanft niedersteigenden Regen daran sehen.
Er nahm uber der Wirtstafel an seinem Leibgeber mit Vergnugen wahr, wie sehr der ewige Tausch mit Menschen und Stadten die Zunge lose und den Kopf offne wiewohl dann oft statt der Mundsperre die Herzsperre eintritt : Leibgeber machte sich nichts daraus (welches der eingesperrte Armenadvokat kaum nach einer grossen Flasche hatte wagen wollen), vor den grossten Regierraten und Kanzleiverwandten, die in der Sonne mit assen, von seinem Ich zu reden, und zwar ganz spasshaft. Ich will die Rede, weil sie dem Armenadvokaten auffiel, hereinmauern und auf sie die Uberschrift setzen: Tischrede Leibgebers.
Tischrede Leibgebers
"Unter allen Herren Christen und Namen, die hier sitzen und anspiessen, wurde wohl keiner mit solcher Muhe dazu gemacht als ich selber. Meine Mutter, aus Gascogne geburtig, ging namlich ohne meinen Vater, der in London blieb als Diozesan der deutschen Gemeinde in London, von da aus zu Schiff nach Holland. Inzwischen tobte und insurgierte das deutsche Meer nie so entsetzlich solang es einen Reichshofrat gibt als damals, wo es meine Mutter traf, daruber zu fahren. Schutten Sie die Holle mit ihrem zischenden Schwefelpfuhl, geschmolzenen Kupfer und ihren platschernden Teufeln in die kalte See und bemerken das Knastern das Brausen das Aufschlagen der Hollenflammen und der Meeres-Wellen, bis eines von den zwei feindlichen Elementen das andere verschluckt oder niederschlagt: so haben Sie einen schwachen, aber doch unter dem Essen hinreichenden Begriff von dem verdammten Sturm, in dem ich auf die See und zur Welt kam. Sie konnen sich vorstellen, wenn der Bauchgurtel der Dempgurtel der Nordgurtel des grossen Bramsegels (wiewohl es mit den Schoten des Schonfahrsegels noch schlechter stand) wenn ferner die grosse Stengestag, der grosse Laufer, Takel und Mantel gar nicht zu gedenken der Brassen der Bovenblindenree wenn solche des Seewesens gewohnte Dinge, sag' ich, halb ums Leben kamen: so wars ein ordentliches Meer-Wunder, wenn ein so zartes Wesen, wie ich damals war, seines darin anzufangen vermochte. Ich hatte damals nicht so viel Fleisch auf dem Leibe als gegenwartig Fett und mochte in allem vier Nurnberger Pfund mit Ausschlag wiegen, welches jetzo, wenn wir den besten anatomischen Theatern glauben durfen, das Gewicht meines blossen Gehirns allein ist. Ich war noch dazu ein blutjunger Anfanger, der noch nichts von der Welt gesehen als diesen teuflischen Sturm ein Mensch von wenig Jahren nicht sowohl als von gar keinen, wiewohl alle Leute ihr Leben um neun Monate hoher bringen, als das Kirchenbuch besagt weichlich und gegen alle medizinische Regeln gerade in den ersten neun Monaten meines Lebens zu warm und eingewindelt gehalten, anstatt dass man mich auf die kalte Luft in der Welt hatte vorbereiten sollen so viertelwuchsig, als ein solcher zarter Blutenknopf, und weichflussig wie die erste Liebe, erregte ich in einem solchen Wetter keine grosseren Erwartungen (ich quakte mit Muhe ein- oder zweimal in den Sturm), als dass ich ausloschen und ausleben wurde, noch eh' es sich aushellete. Man wollte mich nicht gern ohne ehrlichen Namen und ohne alles Christentum aus der Welt lassen, aus der man ohnehin noch weniger mitnimmt, als man mitbringt. Nun war nichts schwerer, als zu Gevatter zu stehen auf einem schwankenden Schiff, das alles umwarf, was nicht angebunden war. Der Schiffprediger lag zum Gluck in einer Hangematte und taufte herab. Mein Dot oder Taufpate war der Hochbootsmann, der mich funf Minuten lang hielt ihn hielt, weil er nicht allein so fest stehen konnte, dass der Taufer den Kopf des Tauflings mit dem Wasser treffen konnte, wieder der Unterbarbier der war an einen Buchsenschisser befestigt dieser an den Schiemann der an den Profos und dieser sass auf einem alten Matrosen, der ihn grimmig umschlang.
Inzwischen ging, wie ich nachher vernahm, weder das Schiff noch das Kind unter. Sie sehen aber samtlich, dass, so sauer es auch irgendeinem Menschen in den Sturmen des Lebens werden mag, ein Christ zu werden und zu bleiben oder sich einen Namen zu erwerben, es sei nun in einem Adresskalender oder in einer Literaturzeitung oder in einer Heroldkanzlei oder auf einer Schaumunze es doch keinem (als eben mir) so hart ging, bis er nur die Anfanggrunde eines Namens, die Grundierung und binomische Wurzel eines Taufnamens, worauf nachher der andere grosse Name aufgetragen wurde, und einiges Christentum uberkam, soviel ein Konfirmand und Katechumen, der noch saugt und dumm ist, fassen kann. Es gibt nur eine Sache, die noch schwerer zu machen ist, die der grosste Held und Furst nur einmal in seinem Leben, die aber alle Genies und selber die drei geistlichen Kurfursten, der deutsche Kaiser mit vereinigten Kraften nicht zuwege bringen, und wenn sie jahrelang in der Munzstatte sassen und pragten mit den neuesten Randel- oder Krauselwerken."
Die Wirts-Tafel drang in ihn, das zu nennen, was so schwer zu modellieren ware. "Ein Kronprinz ists", versetzte er kalt, "schon apanagierte Prinzen werden einem Regenten nicht leicht zu geben von einem Kronprinzen aber kann er (er mag es anstellen, wie er will) in seinen besten Jahren nicht mehr liefern (weil ein solcher Seminarist kein Spielwerk, sondern vielmehr das Hauptwerk, die Muhl-, Sprach- und Spielwalze eines ganzen Volkes ist), nicht mehr, sag' ich, als ein einziges Exemplar. Grafen hingegen, meine Herren, Barone, Kammerherren, Regimentstabe und besonders ganz gemeine Leute und Untertanen, kurz Schorfmoose dieser Art werden von einem Fursten als eine generatio aequivoca so ausserordentlich leicht gezeugt, dass er dergleichen lusus naturae und VorSchwarme oder Protoplasmata spielend zu betrachtlichen Quantitaten schon in seiner fruhesten Jugend von dem Poussierstuhle springen lasset, indes ers doch in reifern Jahren nicht so weit bringt, dass er einen Thronfolger erbauet. Man hatte nach so vielen Probeschussen und Waffenubungen aufs Gegenteil geschworen."
Ende der Tischrede Leibgebers Nachmittags bezogen beide das grunende Lustlager der Eremitage; und die Allee dahin schien ihren frohen Herzen ein durch einen Lustwald gehauener Gang zu sein; auf die Ebene um sie hatte sich der junge Zugvogel, der Fruhling, gelagert, und seine abgeladnen Schatze von Blumen lagen uber die Wiesen hingeschuttet und schwammen die Bache hinab, und die Vogel wurden an langen Sonnenstrahlen aufgezogen, und die geflugelte Welt hing taumelnd im ausgegossnen Wohlgeruch.
Leibgeber nahm sich vor, sein Geheimnis und Herz heute in der Eremitage aufzuschliessen vorher aber einige Flaschen Wein.
Er bat und zwang den Advokaten, vor allen Dingen ihm ein kurzes Zeitungkollegium uber seine bisherigen Begebenheiten zu Wasser und zu Lande zu lesen. Firmian tats, aber mit Einsicht: uber das Missjahr seines Magens, uber seine teuern Zeiten, uber den bildlichen Winter seines Lebens, auf dessen Schnee er wie ein Eisvogel nisten musste, und uber alle die kalte Nordluft, die einen Menschen, wie die Wintersoldaten, zum Eingraben in die Erde treibt, daruber lief er eilends weg. Ich muss es billigen; erstlich weil ein Mann keiner ware, der uber die Wunden der Durftigkeit einen grossern Larm aufschluge als ein Madchen uber die des Ohrlappchens, zumal da in beiden Fallen in die Wunden Gehenke fur Juwelen kommen; zweitens weil er seinem Freunde keine sympathetische Reue uber den Namentausch, diese Quelle aller seiner Hungerquellen, geben wollte. Aber fur seinen innigen Freund war schon das entfarbte, welke Angesicht und das zuruckgesunkne Auge ein Monatkupfer seines Eismonats und eine Winterlandschaft von der beschneiten Strecke aus seinem Lebenwege.
Aber als er auf die tiefsten verhullten Seelenwunden kam: konnt' er kaum das in die Augen steigende Blutwasser aufhalten ich meine, als er auf Lenettens Hass und Liebe geriet. Indem er aber von ihrer kleinen gegen ihn, von ihrer grossen gegen Stiefeln eine nachsichtige Zeichnung gab: nahm er zum historischen Stucke, das er von ihrer Rechtschaffenheit gegen den Venner und von Rosas Schlechtigkeit uberhaupt ausmalte, viel hohere Farben.
"Wenn du fertig bist", sagte Leibgeber, "so lasse dir sagen, dass die Weiber keine gefallnen Engel sind, sondern fallende. Beim Henker! sie setzen uns bei unserer leidenden Schaf- und Schopsenschur die Schere mehr in die Haut als in die Wolle. Wenn ich uber die Brucke zur Engelsburg in Rom ginge: so wurd' ich an die Weiber denken, weil auf ihr zehn Engel, jeder mit einem andern Marter-Werkzeug, der eine mit den Nageln, der andere mit dem Rohr, der dritte mit dem Wurfel, ausgehauen stehn. So hat jede ein anderes Marterinstrument fur uns arme Gottes-Lammer in der Hand. Wen glaubst du z.B. wohl, dass das gestrige Palladium, deine Unbekannte, mit dem Ehering wie mit einem Nasenring an den Ehebett-Fuss anschliesset? Ich muss sie dir aber erst schildern: sie ist herrlich dichterisch schwarmerisch in Briten und Gelehrte verliebt, folglich auch in mich lebt daher auch mit einer vornehmen Englanderin, die halb eine Gesellschaftdame der Lady Craven und des Markgrafen ist, draussen in Fantaisie hat nichts und akzeptiert nichts, ist arm und stolz, leichtsinnig-kuhn und tugendhaft und schreibt sich Natalie Aquiliana.... Weisst du, wen sie ehelicht? Einen so murben, verloderten Lumpen, einen so matten Geist, dessen Eierschale einige Wochen zu bald zerknickt wurde, und der jetzo mit gelbem Haargefieder auf unsern Fusszehen piepet ders dem Heliogabal, der taglich einen neuen Ring ansteckte, mit den Eheringen nachtut den ich mit der Nase uber den Nordpol hinausniesen will, und uber den Sudpol auf eine andere Art, ohne mich umzukehren und den ich dir am wenigsten zu schildern brauche, da du mir ihn eben selber geschildert hast und den du auch kennst, wenn ich ihn nenne.... Den Venner Rosa von Meyern heiratet die Holde."
Firmian fiel nicht aus den Wolken, sondern recht hinein in sie. Kurz die unbekannte Natalie ist die Nichte des Heimlichers, von der Leibgeber schon in einem Briefe des ersten Bandchens einiges geschrieben! "Hore!" fuhr Leibgeber fort, "aber ich will mich zerstucken und zerhacken lassen in kleinere Krumen als Grosspolen114, in Abschnitzel, die keinen hebraischen Selblauter bedecken sollen, wenn nun etwas aus der Sache wird; denn ich hintertreibe sie."
Da er, wie bekannt, mit dem Madchen, das an seiner unbefleckten Seele und an seinem kuhnen Geisterstand unaufloslich hing, alle Tage sprach: so hatt' er bei ihr nichts notig als eine Wiederholung und Beteuerung dessen, was Siebenkas von ihrem Brautigam erzahlet hatte um die nahe Ehe zu scheiden. Die Bekanntschaft, die er mit ihr, und die Ahnlichkeit, die er mit Siebenkas hatte, waren gestern schuld gewesen, dass sie unsern Firmian mit dem verwechselte, dem er entgegenzog.
Die meisten Leser werfen mit dem Advokaten mir und Leibgebern ein, dass Nataliens Liebe sich nicht mit ihrem Charakter, und die Heirat nach Geld sich nicht mit ihrer Kalte gegen Geld vereine. Aber mit einem Wort: sie hatte von dem bunten Fliegenschnapper Rosa noch nichts gesehen als seine Esaus-Hand namlich seine Handschrift, d.h. seine Jakobs-Stimme: er hatte ihr bloss untadelige sentimentalische Assekuranz-Briefe (Nadelbriefe voll Amors-Pfeile und Heftnadeln) geschrieben und so den papiernen Adel seines Herzens gut verbrieft. Der Heimlicher hatte seiner Nichte noch dazu geschrieben: den Pankratiustag (den 12.. Mai, also in vier Tagen) komme der Hr. Venner und stelle sich ihr vor, und wenn sie ihm den Korb gebe: so solle sie nie sagen, dass sie Blaisens Nichte gewesen, sondern in ihrem Schraplau115 in Gottesnamen verhungern.
Aber als ehrlicher Mann zu sprechen, ich habe nicht mehr als drei kaum der besten Briefe Rosas eine Minute in Handen gehabt, und eine Stunde in der Tasche; aber sie waren in der Tat nicht schlecht, sondern viel moralischer als ihr Verfasser.
Gerade als Leibgeber gesagt hatte, er wolle das Vor-Konsistorium bei Natalien machen und sie von Rosa noch vor der Trauung scheiden: kam sie mit einigen Freundinnen gefahren und stieg aus, aber ohne sie zu dem Sammelorte der Gesellschaft zu begleiten, und begab sich allein in einen einsamen Seitenlaubgang hinauf, in den sogenannten Tempel. Sie hatte in ihrer Hastigkeit ihren Freund Leibgeber nicht sitzen sehen den Pferdestallen gegenuber. Die Baireuther Gaste der Eremitage sitzen namlich in einem kleinen, durch Schatten und Zugluft stets abgekuhlten Waldchen seit langen und markgraflichen Zeiten bloss dem langgestreckten Wirtschaftgebaude gegenuber und dessen Stallungen, haben aber nahe die schonsten Aussichten hinter ihrem Rucken, welche sie leicht gegen die kahle Futtermauer des Auges eintauschen, wenn sie aufstehen und uber das Waldchen auf beiden Seiten hinaus spazieren.
Leibgeber sagte zum Advokaten, er konne ihn sogleich zu ihr bringen, da sie, wie gewohnlich, oben im Tempel sitzen werde, wo sie die Zauberaussichten uber die Kunstwaldchen hinuber nach den Stadtturmen und Abendbergen unter der scheidenden Abendsonne geniesse. Er setzte hinzu, sie kummere sich leider daher sie allein ins Hauschen hinaufgelaufen wenig um den schonsten sproden Anschein und argere dadurch ihre Englanderin stark, die, wie ihre Landsmanninnen, ungern allein gehe und ohne eine Versicherung-Anstalt oder Bibelgesellschaft von Weibern sich nicht einmal einem mannlichen Kleiderschranke zu nahen getraue. Er hab' es von guter Hand, sagte er, dass eine Britin sich nie einen Mann in ihrem Kopf vorstelle, ohne ihn zugleich mit den notigen Vorstellungen von Frauen zu umringen, die ihn zugeln und festhalten, wenn er in ihren vier Gehirnkammern sich so frei benehmen will, als sei er da zu Hause.
Beide fanden Natalie oben im offenen Tempelchen mit einigen Papieren in der Hand. "Hier bring' ich", sagte Leibgeber, "unsern Verfasser der Auswahl aus des Teufels Papieren die Sie ja gerade, wie ich sehe, lesen und stell' ihn hier vor." Nach einem fluchtigen Erroten uber ihre Verwechslung Firmians mit Leibgeber in Fantaisie sagte sie recht freundlich zu Siebenkas: "Es fehlt nicht viel, Hr. Advokat, so verwechsle ich Sie wieder, und zwar geistlicherweise mit Ihrem Freunde; Ihre Satiren klingen oft ganz wie seine; nur die ernsthaften Anhange116, die ich eben lese und die mir recht gefallen, schien er mir nicht gemacht zu haben."
Ich habe jetzt nicht Zeit, Leibgebers eigenmachtige Mitteilung fremder Papiere an eine Freundin mit langen Druck-Seiten gegen Leser zu verteidigen, welche in dergleichen ausserordentliche Delikatesse begehren und beobachten; es sei genug, wenn ich sage, dass Leibgeber jedem, der ihn lieben wollte, zumutete, er musste ihm auch seine andern Freunde mit lieben helfen, und dass Siebenkas, ja sogar Natalie in seinem kuhnen Mitteilen nichts fanden als ein freundschaftliches Rundschreiben und seine Voraussetzung dreiseitiger Wahlverwandtschaft.
Natalie sah beide, besonders Leibgebern dessen grossen Hund sie streichelte freundlich-aufmerksam und vergleichend an, als ob sie Ungleichheiten suche; denn in der Tat stand Siebenkas nicht ganz ahnlich genug vor ihr, der langer und schlanker und gesichtjunger erschien; was aber davon kam, dass Leibgeber, mit seiner etwas starkeren Schulter und Brust, das seltsame ernstere Gesicht mehr vorbuckte, wenn er sprach, gleichsam als rede er in die Erde hinein. Jung (sagt' er selber) habe er nie recht ausgesehen, sogar als Taufling seine Taufzeugen seien die Zeugen , und er werde sich auch schwerlich fruher wieder verjungen als im Spatalter bei dem zweiten Kindischwerden. Richtete sich aber Leibgeber auf und neigte sich Siebenkas ein wenig: so sahen beide einander ahnlich genug; doch sind dies mehr Winke fur ihre Passschreiber.
Man wunsche dem Kuhschnappler Advokaten Gluck zu Sprechminuten mit einem weiblichen Wesen von Stande und von so vielseitiger Ausbildung, sogar fur Satiren; und er selber wunschte fur sich nur, dass ein solcher Phonix, von welchem er nur einige Asche im Leben oder ein paar Phonixfedern in Buchern fliegen sehen, nicht sogleich davonflattern, sondern dass er ein recht langes Gesprach mit Leibgeber vernehmen und eigenhandig mit fortspinnen konnte: als ihre Baireuther Freundinnen gelaufen kamen und ankundigten, den Augenblick sprangen die Wasser und sie hatten alle nichts zu versaumen. Samtliche Gesellschaft machte sich auf den Weg zu den Wasserkunsten hinab, und Siebenkas suchte nichts als der edelsten Zuschauerin so nahe als moglich zu bleiben.
Unten stellten sie sich auf den Steinrand des Wasserbeckens und sahen den schonen Wasserkunsten zu, welche langst vor dem Leser werden gesprungen haben an Ort und Stelle oder auf dem Papiere der verschiedenen Reisebeschreiber, welche daruber sich hinlanglich ausgedruckt und verwundert haben. Alles mythologische halbgottliche Halbvieh spie, und aus der bevolkerten Wassergotterwelt wuchs eine kristallene Waldung empor, die mit ihren niedersteigenden Strahlen wieder wie Lianenzweige in die Tiefe einwurzelte. Man erfrischte sich lange an der geschwatzigen, durcheinander fliegenden Wasserwelt. Endlich liess das Umflattern und Wachsen nach, und die durchsichtigen Lilienstengel kurzten sich zusehends vor dem Blicke ab. "Woher kommt es aber?" sagte Natalie zu Siebenkas, " ein Wasserfall erhebt jedem das Herz, aber dieses sichtliche Einsinken des Steigens, dieses Sterben der Wasserstrahlen von oben herab beklemmt mich, sooft ich es sehe. Im Leben kommt uns nie dieses anschauliche, furchtbare Einschwinden von Hohen vor."
Wahrend der Armenadvokat noch auf eine sehr richtige Erwiderung dieses so wahren Gefuhlwortes sann: war Natalie ins Wasser gesprungen, um ein Kind, das, von ihr wenige Schritte fern, vom Beckenrand hineingefallen, eiligst zu retten, da das Wasser uber halbe Mannhohe gestiegen. Ehe die danebenstehenden Manner, die noch leichter retten konnten, daran dachten, hatte sie es schon getan, aber mit Recht; und nur Eile ohne Rechnen war hier das Gute und Schone. Sie hob das Kind empor und reichte es den Frauen hinauf; Siebenkas und Leibgeber aber ergriffen ihre Hande und hoben die Feurige und Seelenrotwangige leicht auf die Beckenkuste. "Was ists denn? Es schadet ja nichts", sagte sie lachend zum erschrocknen Siebenkas und enteilte mit den verblufften Freundinnen davon, nachdem sie Leibgebern gebeten, morgen abends gewiss mit seinem Freunde in die Fantaisie zu kommen. "Dies versteht sich, aber ich allein komme schon fruhmorgens", hatt' er versetzt.
Beide Freunde hatten jetzt sich und Einsamkeit sehr vonnoten; Leibgeber konnte, von neuem aufgeregt, die Birkenwaldung kaum erwarten, wo er das vorige Gesprach uber Firmians Haus- und Ehelage gar hinauszuspinnen vorhatte. Uber Natalie bemerkte er gegen den verwunderten Freund nur fluchtig, eben dies sei, was er an ihr so liebe, ihre entschiedene Aufrichtigkeit im Handel und Wandel und ihre mannliche Heiterkeit, in welcher Menschen und Armut und Zufalle nur als leichte lichte Sommerwolkchen schwammen und verflogen, ohne ihr den Tag zu truben.
"Was nun dich und deine Lenette anbelangt", fuhr er in der waldigen Einsamkeit so ruhig fort, als hatte er bis hieher gesprochen, "so nahm' ich, wenn ich an deiner Stelle ware, ein zerteilendes Mittel und schaffte mir den schweren Gallenstein der Ehe heraus. Wenn ihr noch Jahre lang mit eueren Haar- und Beinsagen auf dem ehelichen Bande hin und her kratzet und streicht: so konnt ihrs vor Schmerzen nicht mehr aushalten. Das Ehegericht tut einen derben Schnitt und Riss entzwei seid ihr."
Siebenkas erschrak uber die Ehescheidung, nicht als ob er sie nicht wunschte, als die einzige Wetterscheide; nicht als ob er sie und die daraus sich anspinnende Verbindung mit dem Schulrate Lenetten nicht gonnte: sondern weil er bedachte, dass Lenette, ihrer ahnlichen Wunsche ungeachtet, aus Hermesschen Grunden und burgerlicher Scham sich nie ins gewaltsame Trennen fugen wurde; dass ferner er und sie auf dem Wege zur Trennung noch grausame, schneidende Stunden voll Herzgespann und Nervenfieber durchgehen mussten, und dass sie beide kaum eine Trauung, geschweige eine Scheidung bezahlen konnten. Und ein Nebenumstand war noch: es tat ihm wehe, dass er das arme unschuldige Geschopf, das in so manchen kalten Sturmen des Lebens neben ihm gezittert hatte, auf immer aus seinen Armen und aus seiner Stube, und noch dazu mit dem Schnupftuch in der Hand, sollte gehen sehn.
Alle diese Bedenklichkeiten, manche schwacher, manche starker, trug er seinem Liebling vor und schloss mit der letzten: "Ich bekenne dir auch, wenn sie mit allem ihren Gerate von mir fortzieht und mich allein, wie in einem Erbbegrabnis, in der weiten Stube lasset und an allen den ausgelichteten, geschleiften Platzen, wo wir sonst doch in mancher freundlichen Stunde beisammensassen und Blumen um uns grunen sahen: so darf sie nachher nicht mehr, zumal mit meinem Namen, ohne doch die meine zu sein, vor meinem Fenster vorbeigehen; oder es schreiet etwas in mir: sturz dich hinunter und falle zerbrochen vor ihre Fusse.... War's nicht zehnmal gescheuter", fuhr er in einem andern Tone fort und wollte in einen aufgewecktern kommen, "man wartete es ab, bis ich oben in der Stube selber (was nutzt mir sonst mein Schwindel) auf eine ahnliche Art hinfiele und auf eine schonere zum Fenster hinauskame und zur Welt auch... Der Freund Hein nimmt sein langes Radiermesser und schabet meinen Namen ausser andern Klecksen aus ihrem Trauschein und Ehering heraus."
Das schien wider alle Erwartung seinen Leibgeber immer munterer und belebter zu machen. "Das tu", sagt' er, "und stirb! Die Leichenkosten konnen sich unmoglich so hoch wie andere Scheidekosten belaufen, und du stehst noch dazu in der Leichenkasse." Siebenkas sah ihn verwundert an.
Er fuhr im gleichgultigsten Tone fort: "Nur, muss ich dir sagen, wird fur uns beide wenig herauskommen, wenn du lange satteln und hocken und erst in einem oder zwei Jahren mit Tod abgehen willst. Fur sachdienlicher hielt' ichs fur meine Person, wenn du von Baireuth nach Kuhschnappel gingest und dich gleich nach deiner Ankunft aufs Kranken- und Totenbette legtest und da Todes verblichest. Ich will dir aber auch meine Grunde angeben. Einesteils wurde dann gerade vor der Adventzeit das Trauerhalbjahr deiner Lenette aus, und sie brauchte dann nicht erst eine Dispensation von der Adventzeit, sondern nur eine von der Trauerzeit einzuholen, wenn sie noch vor Weihnachten sich mit dem Pelzstiefel trauen lasset. Auch meinerseits war's gut; ich verschwande dann unter die Volkmenge der Welt und sahe dich nicht eher wieder als spat. Und dir selber kann es nicht gleichgultig sein, bald zu verscheiden, weil es dein Nutzen ist, wenn du fruher Inspektor wirst."
"Das ist das erstemal, lieber Heinrich", versetzte er, "dass ich kein Wort von deinem Scherze verstehe."
Leibgeber zog mit einem unruhigen Gesicht, auf dem eine ganze kunftige Welthistorie war, und das die grosste Erwartung sowohl verriet als verursachte, ein Schreiben aus der Tasche und gab es schweigend hin. Es war ein Bestallungschreiben vom Grafen von Vaduz, das Leibgebern zum Inspektor des Vaduzer Ober-Amts erhob. Er reichte ihm dann ein durchsichtiges Handbriefchen vom Grafen. Wahrend es Firmian las, brachte er seinen Taschenkalender heraus und murmelte kalt vor sich: "Vom Quatember (lauter) nicht wahr, am Quatember nach Pfingsten soll ich einziehen? Das ist von heute, als am Stanislaustag -hore, ach Stanislaustag! eins zwei drei vier vier funfthalbe Woche."
Als ihm es Firmian freudig wieder zulangte: schob ers zuruck und sagte: "Ich hab' es eher gelesen als du steck es wieder ein. Schreib aber dem Grafen heute lieber als morgen!"
Aber darauf kniete Heinrich in einer feierlichen, leidenschaftlichen und humoristischen Begeisterung, die der Wein hoher trieb und weiter gab, mitten auf einen langen schmalen Gang, der zwischen den hohen Baumen des dicksten Lusthains ein unterirdischer schien, und dessen weite Perspektive sich in Osten mit der vertieften Kirchturm-Fahne wie mit einem Drehkreuz schloss; er kniete nieder gegen Westen und sah durch den langen grunen Hohlweg starr bloss nach der auf die Erde wie eine glanzende Sternschnuppe fallenden Abendsonne, deren breites Licht wie vergoldetes Fruhling-Waldwasser oben den langen grunen Gang vom Himmel hereinschoss er sah starr in sie und fing geblendet und umleuchtet an: "Ist jetzo ein guter Geist um mich oder ein Genius von mir oder von diesem da oder lebt deine Seele uber deiner Asche noch, du alter, tief eingeschlossener, guter Vater so komme naher, alter, dunkler Geist, und tue deinem narrischen Sohne, der noch im Korper-Flatterhemd herumhinkt, heute einen, den ersten und letzten, Gefallen, und zieh in Firmians Herz und halte darin, indem du es recht auf und nieder bewegst, diese Rede: 'Stirb, Firmian, fur meinen Sohn, obwohl zum Schein und zum Spasse lege deinen Namen ab und komm unter seinem, der ja sonst deiner war, nach Vaduz als Inspektor und gib dich fur ihn aus. Mein armer Sohn will gern, wie das runde Joujou de Normandie, worauf er sitzt, das an Strahlenfaden um die Sonne fliegt, seines Orts auch noch ein wenig auf dem Joujou herumflattern. Vor euch andern Papageien hangt doch der Ring der Ewigkeit, und ihr springt darauf und konnt euch darin wiegen. Er aber sieht keinen Ring lass dem armen Sittich die Freude, auf der KafichtStange der Erde herumzuhupfen, bis die Weife, wenn sie seinen Lebenfaden sechzigmal herumgewunden hat zu einem Gebinde, klingelt und schnappt und der Faden abgerissen wird und sein Spass aus ist.' O guter Geist meines Vaters, hebe heute das Herz meines Freundes und lenke seine Zunge, damit sie nicht nein sagt, wenn ich ihn frage: willst du?" Er griff im Abend-Glanze blind nach Firmians Hand herum und sagte: "Wo ist deine Hand, Lieber? Und sage nicht nein." Aber Firmian kniete hingerissen denn in der Begeisterung des langverhaltenen Ernstes erfasste Leibgeber das Herz unwiderstehlich und ohne Sprache und voll Tranen wie ein Abendschatten kniete er vor das Herz seines Freundes hin und fiel an seine Brust und druckte sie eng und hart an sich und sagt' es ihm, aus Unvermogen, nur leise: "Ich will fur dich ja auf tausend Arten sterben, wie du willst, nenn sie nur aber nenn es recht, was du wunschest ich schwore dir alles im voraus zu, bei der Seele deines toten Vaters, ich gebe dir gern mein Leben und mehr hab' ich ohnehin nicht."
Heinrich sagte mit einer ungewohnlich-gedampften Stimme: "Wir wollen nur erst hinauf unter den Larm und unter die Baireuther Ich muss heute eine Brustwassersucht haben; oder einen ganzen heissen Gesundbrunnen, und meine Weste ist die Fassung um den Brunnen in einem solchen Dampfbad sollte ein Herz einen ordentlichen Schwimmgurtel oder Skaphander umhaben."
Oben unter den gedeckten Tischen, unter den Baumen, neben den Kirmesgasten der Fruhling-Kirchweihe, unter Frohen war der Sieg uber die Ruhrung nicht so schwer. Heinrich rollete oben den langen Bauriss seiner Luftschlosser und die Baubegnadigungen seines babylonischen Turmes eilig auf. Er hatte dem Grafen von Vaduz, dessen Ohren und dessen Herz sich nach ihm auftaten und hungernd offneten, sein heiliges Ehrenwort zuruckgelassen, wiederzukommen als sein Inspektor. Aber seine Absicht war, sich durch seinen teuern Koadjutor und Substituten cum spe succedendi, Firmian, reprasentieren zu lassen, der in Laune und Korper eine solche Tautologie von ihm war, dass der Graf und der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden beide vergeblich untersucht und gemessen hatten, um einen davon auszuklauben. 1200 Tlr. warf die Inspektion jahrlich in schlechten Jahren Einkunfte ab, also geradesoviel, als Siebenkasens ganze mit dem Prozesse plombierte Erbschaftmasse betrug: Siebenkas sollte, wenn er seinen abgelegten Namen "Leibgeber" wieder ergriff, eben das gewinnen, was er verlor, da er ihn verausserte. "Denn ertragen", fuhr Heinrich fort, "verwinden, verbeissen kann ichs nun, seitdem ich deine teuflische Auswahl gesehen, auf keine erdenkliche Weise mehr, dass du im vermaledeiten abgegriffnen Kuhschnappel noch langer brach fortsassest als Einhorn und Eintier und Einsiedler und Ungekannter! Aber konntest du dir wohl so lange Bedenkzeit dazu nehmen, als der Regierungkanzelist dorten braucht, seine Pfeife auszuschutteln, sobald ich dir sage, dass ich in der Welt kein Amt versehen kann (du aber herrlich jedes) als das eines Graciosos, und kein Rat in einem Kollegium werden als bloss ein kurzweiliger, weil ich mehr Kenntnisse besitze als einer, die ich aber nicht zum Praktizieren, sondern nur zum Satirisieren brauchen kann, weil meine Sprache eine farbige lingua franca, mein Kopf ein Proteus und ich eine schone Kompilation vom Teufel und seiner Grossmutter bin? Und konnt' ich, so mocht' ich nicht. Wie? in meiner bluhenden Jugend soll ich als ein Amtierer, als ein Staats-Gefangner im Burgverliess und Notstall der Amtstube wiehern und stampfen, ohne eine schonere Aussicht als die auf den in meinem Stand und PferdeStand hangenden Sattel und Zeug, indes draussen die herrlichsten Parnasse und Tempetaler vergeblich fur das Musenpferd offen standen? Jetzt in den Jahren, wo meine Lebens-Milch einige Sahne aufwerfen will, soll ich, da ohnehin die Jahre bald kommen, wo man sauer wird und in Molkenwasser und Quark zerfahrt, da soll ich mir das Kalber-Lab einer Bestallung in meine Morgenmilch werfen lassen?- Du aber musst anders pfeifen: denn du bist schon ein halber Amtmann und ein ganzer Ehe-Mann dazu. Ach, es wird alle Bremische Beitrage zum Vergnugen des Verstandes und Witzes, alle komische Romane und komische Opern ubertreffen, wenn ich mit dir nach Kuhschnappel fahre und du da ausloschest und vorher testierest und nachher, wenn wir dir die letzte Ehre erwiesen haben, dich ein wenig hurtig aufmachst und der noch grossern entgegenlaufst, nicht sowohl um selig zu werden, als ein Inspektor; damit du nach deinem Tode nicht sowohl vor einem strengen Richterstuhl erscheinst, als dich selber auf einen setzest! Spass uber Spass! Ich ubersehe die Folgen gar noch nicht oder schlecht die Leichenkasse muss deiner betrubten Witwe zahlen (du kannsts der Kasse wieder gut tun, wenn du zu Gelde kommst) deine Ringfinger mit dem verschwollenen Trauring und voll Fingerwurmer schneidet der Tod ab deine Witwe kann heiraten, wen sie will, sogar dich, du auch "
Auf einmal schlug Leibgeber vierzigmal auf seine Schenkel und rief: "Ei, ei, ei, ei, ei, etc.! Ich kanns kaum abwarten, dass du erblassest... Hore, dein Tod kann zwei Witwen geben... Ich berede Natalien, dass sie sich bei der Konigl. preussischen allgemeinen Witwenverpfleganstalt auf deinen Tod eine Pension von 200 Tlr. jahrlich versichern lasset117. Du kannst es der Kgl. preuss. allgemeinen Witwenverpfleganstalt wieder heimzahlen, sobald du das Notige erringst. Du musst deiner kunftigen Witwe, wenn sie dem Venner einen Korb gibt, heimlich ein Brot- und Fruchtkorbchen aufhangen. Konntest du nicht zahlen und sturbest wirklich dir selber nach: so war' ich da, und keine Kasse verlore, wenn ich wieder bei meiner ware." Leibgeber lebte namlich in einem geheimnisvollen, von ihm selber nicht erklarten Wechselfieber von Arm- und Reichwerden, oder wie ers nannte, von Aus- und Einatmen der Lebenluft (aura vitalis) des Geldes. Jeder andere als dieser spiel-keck mit dem Leben umspringende Mensch, dessen Flammenfeuer fur Recht und Wahrhaftigkeit und Uneigennutzigkeit dem Advokaten schon seit Jahren wie von PharusHohen herab geleuchtet hatte unsern Siebenkas besonders als Juristen stutzig machen, ja erzurnen, anstatt uberwaltigen mussen; aber Leibgeber durchtrankte, ja durchbrannte ihn mit seinem atherischen Spielgeiste und riss ihn unaufhaltsam hin zu einem mimischen Tauschen ohne eigennutzige Lug- und TrugZwecke.
Doch so viel Gewalt behielt Firmian uber sich in seinem Geisterrausche, dass er, wenigstens auf die Gefahr, seinen Freund selber blosszustellen, Rucksicht nahm. "Wenn man aber sagte er meinen wahren Heinrich Leibgeber, dessen Namen ich mir anraube, irgend einmal antrifft neben mir Falschnamenmunzer: was wird?"
"Man trifft mich eben nicht an", sagte Heinrich; "denn sieh, sobald du deinen alten kanonischen, echten Namen Leibgeber wieder nimmst und meinen uber einem besturmten Taufbecken geschaffnen, Firmian Stanislaus, wieder fahren lassest, welches Gott gebe: so schnell' ich mich mit ganz unerhorten Namen (es kann sein, dass ich, um 365 Namentage zu begehen, von jedem Tage die Kalendernamen borge), schnelle mich, sag' ich, ins Welt-Meer aus dem festen Lande, treibe mich mit meinen Rucken-, Bauch- und andern Flossfedern durch die Fluten und Sumpfe des Lebens und bis ans dicke Toten-Meer und dann seh' ich dich wohl spat wieder"... Er schauete starr in die hinter Baireuth herrlich sinkende Sonne seine festgehefteten Augen glanzten feuchter, und er fuhr langsamer fort: "Firmian, heute steht Stanislaus im Kalender es ist dein, es ist mein Namentag und zugleich der Sterbetag dieses wandernden Namens, weil du ihn nach deinem Scheintode ablassen musst Ich armer Teufel will doch einmal nach langen Jahren ernsthaft sein heute. Gehe du allein durch das Dorf Johannis nach Hause; ich will auf der Allee heimgehen; im Gasthofe treffen wir uns wieder Beim Himmel! hier ist alles so schon und so rot, als wenn die Eremitage ein Stuck von der Sonne ware. Bleibe freilich nicht lange!" Aber ein scharfer Schmerz ging uber Heinrichs Angesicht mit schwellenden Falten, und er kehrte das erhobne Bildwerk des Grams und die blinden Augen voll Glanz und Wasser ab und eilte schief mit einem wegschauenden Gesichte, das den Schein einer andern Aufmerksamkeit annahm, vor den Zuschauern vorbei und verschwand in den Laubengangen.
Firmian stand allein mit nassen Augen vor der sanften Sonne, die sich uber der grunen Welt in Farben aufloste. Die tiefe Goldgrube einer Abendwolke tropfte unter dem nahen Sonnenfeuer aus dem Ather auf die nachsten Hugel, und das umherrinnende Abendgold hing durchsichtig an den gelbgrunen Knospen und an den weissroten Gipfeln, und ein unermesslicher Rauch wie von einem Altare trug spielend einen unbekannten Zauber-Widerschein und flussige, durchsichtige, entfernte Farben um die Berge, und die Berge und die gluckliche Erde schien die herunterfallende Sonne widerscheinend aufzufassen.... Aber als die Sonne hinter die Erde sank so flog in die leuchtende Welt, die hinter den zwei wasservollen Augen Firmians wie eine ausgedehnte, flackernde, feurige Lufterscheinung zitterte, plotzlich der Engel eines hohern Lichts, und er trat blitzend wie ein Tag mitten in den nachtlichen Fackeltanz der hupfenden Lebendigen, und sie erblichen und standen alle. Als er seine Augen abtrocknete, war die Sonne hinunter und die Erde stiller und bleicher, und die Nacht zog tauend und winterlich aus den Waldern.
Aber das zerflossene Menschenherz schmachtete nun nach seinen Verwandten und nach allen Menschen, die es liebte und kannte, und es schlug unersattlich in diesem einsamen Kerker des Lebens und wollte alle Menschen lieben. O an einem solchen Abend ist die Seele zu unglucklich, die viel entbehret oder viel verloren hat!
Firmian ging mit susser Betaubung durch die hangenden Garten des Blutengeruchs, durch die amerikanischen Blumen, die sich vor unserem Nachthimmel auftun, durch den Schlafsaal zugeschlossener Fluren und unter tropfenden Bluten, und der halbe Mond stand auf der Zinne des himmlischen Tempels im Mittagglanz, den die Sonne aus der Tiefe zu ihm hinaufwarf uber die Erde und ihre Abendrote hinuber. Als Firmian durch das uberlaubte Dorf Johannis kam, dessen Hauser in einen Baumgarten verstreuet waren: so wiegten die Abendglocken aus den fernen Dorfern mit Wiegenliedern den schlummernden Fruhling ein, und angewehte Aolsharfen schienen aus dem Abendrot zu spielen, und ihre Melodien flossen leise in den weiten Schlaf und wurden darin Traume. Sein uberschuttetes Herz drangte sich nach Liebe, und er musste vor Sehnsucht einem schonen Kinde in Johannis, das mit einem Wasserreiser tandelte, seine Blumen eilend in die zwei weissen Hande drucken, um nur Menschenhande zu beruhren.
Guter Firmian! geh zu deinem geruhrten Freunde mit deiner geruhrten Seele, sein innerer Mensch streckt auch die Arme nach einem Ebenbilde aus, und ihr seid heute nirgends glucklich als aneinander! Und als Firmian ins gemeinschaftliche, nur von der roten Dammerung helle Zimmer trat: so wandte sich sein Heinrich um, und sie fielen einander stumm in die Arme und vergossen mit gebuckten Hauptern alle Tranen, die in ihnen brannten; aber die der Freude auch, und sie endigten die Umarmung, aber das Verstummen nicht. Heinrich warf sich in Kleidern in sein Bette und hullte sich ein. Firmian sank in das zweite daneben und weinte begluckt aus verschlossenen Augen. Nach einigen trunknen, von Phantasien, Traumen und Schmerzen erhitzten Stunden fuhr ein leichter Schein uber seine heissen Augenlider er schlug sie auf der Mond hing weissgluhend neben dem Fenster und er richtete sich auf.... Aber da er seinen Freund still und blass, wie einen Schatten des Monds an der Wand, am Fenster lehnen sah, und da jetzo aus einem nahen Garten Rusts Melodie des Liedes: "Nicht fur diese Unterwelt schlingt sich der Freundschaft Band etc." wie eine schlagende Nachtigall aufflog: so sank er unter dem Drucke einer schweren Erinnerung und einer zu grossen Ruhrung zuruck, und die truben Augen verschloss ein Krampf, und er sagte nur dumpf: "Heinrich, glaub an die Unsterblichkeit! Wie wollen wir uns denn lieben, wenn wir verwesen?"
"Still, still!" sagte Heinrich; "heute feier' ich meinen Namentag, und der ist genug; einen Geburttag hat ja der Mensch nicht und mithin einen Sterbetag desfalls nicht."
Dreizehntes Kapitel
Die Uhr aus Menschen Korbflechterin der Venner Als ich im vorigen Kapitel von Kurzschlaferinnen sprach, die um sechs Stunden fruher erwachen als ihre Gegenfusslerinnen: so tat ich, glaub' ich, wohl, dass ich das Modell einer von mir langst erfundenen Uhr aus Menschen, das ich im 12ten Kapitel nicht unter die eng aneinander stehenden Begebenheiten schieben wollte, auf das 13te aufsparte; in das trag' ichs herein und stell' es auf. Ich glaube, Linnes Blumenuhr in Upsal (horologium florae), deren Rader die Sonne und Erde, und deren Zeiger Blumen sind, wovon immer eine spater erwacht und aufbricht als die andere, gab die geheime Veranlassung, dass ich auf meine Menschen-Uhr verfiel. Ich wohnte sonst in Scheerau, mitten auf dem Markt, in zwei Zimmern; in mein vorderes schauete der ganze Marktplatz und die furstlichen Gebaude hinein, in mein hinteres der botanische Garten. Wer jetzo in beiden wohnt, hat eine herrliche vorherbestimmte Harmonie zwischen der Blumenuhr im Garten und der Menschenuhr auf dem Markt.
Es ist 3 Uhr, wenn sich der gelbe Wiesenbocksbart aufschliesset, ferner die Braute, und wenn der Stallknecht unter dem Zimmer-Mietmann zu rasseln und zu futtern anfangt. Um 4 Uhr erwachen (wenns Sonntag ist) das kleine Habichtkraut und die heiligen Kommunikantinnen, welche Sing-Uhren sind, und die Backer. Um 5 Uhr erwachen die Kuchen- und Viehmagde und Butterblumen Um 6 Uhr die Gansdisteln und Kochinnen Um 7 Uhr sind schon viele Garderobejungfern im Schlosse und der zahme Salat in meinem botanischen Garten wach, auch viele Kauffrauen Um 8 Uhr machen alle ihre Tochter, das gelbe Mausohrlein, die samtlichen Kollegien die Blumen-, Kuchen- und Aktenblatter auf Um 9 Uhr regt sich schon der weibliche Adel und die Ringelblume; ja viele Landfraulein, die zum Besuche kamen, sehen schon halb zum Fenster heraus Um 10, 11 Uhr reissen sich Hofdamen und der ganze Kammerherrenstab und der Rainkohl und der Alpenpippau und der Vorleser der Furstin aus dem Morgenschlafe, und das ganze Schloss bricht sich, weil die Morgensonne so schon vom hohen Himmel durch die bunte Seide glimmt, heute etwas Schlummer ab Um 12 Uhr hat der Furst, um 1 Uhr seine Frau und die Nelke in ihrer Blumen-Urne die Augen offen. Was noch spat abends um 4 Uhr sich aufmacht, ist bloss das rote Habichtkraut und der Nachtwachter als Kuckuckuhr, die beide nur als Abenduhren und Monduhren zeigen. Von den heissen Augen des armen Teufels, der sie erst um 5 Uhr aufschliesset, wie die Jalape, wollen wir unsere Augen traurig wegwenden; es ist ein Kranker, der solche eingenommen, und der die mit gluhenden Zangen zwickenden Fieberbilder bloss mit wachen Stichen vertauscht.
Wenns 2 Uhr war, konnt' ich nie wissen, weil da ich (samt tausend dicken Mannern) und das gelbe Mausohrlein miteinander einschliefen; aber um 3 nachmittags und um 3 am Morgen erwacht' ich als eine richtige Repetieruhr.
So konnen wir Menschen fur hohere Wesen Blumen-Uhren abgeben, wenn auf unserem letzten Bette unsere Blumenblatter zufallen oder Sand-Uhren, wenn die unsers Lebens so rein ausgelaufen ist, dass sie in der andern Welt umgekehrt wird oder BilderUhren, weil in jene zweite, wenn hier unten unsere Totenglocke lautet und schlagt, unser Bild aus dem Gehause tritt sie konnen in allen solchen Fallen, wo 70 Menschenjahre voruber sind, sagen: "Schon wieder eine Stunde vorbei! Lieber Gott, wie doch die Zeit verlauft!"
Das seh' ich an dieser Abschweifung. Firmian und Heinrich traten heiter in den benachbarten lauten Morgen, aber jener konnte den ganzen Vormittag auf keinem Sessel und Stubenbrette einwurzeln; die opera buffa e seria seines Lug-Todes zog immer vor seiner Seele ihren Vorhang auf und zeigte ihre burlesken Auftritte. Er war nun, wie allemal, humoristischer durch Leibgebers Gegenwart und Vorbild geworden, der uber ihn durch seine innere Ahnlichkeit regierte. Leibgeber, der schon vor vielen Wochen alle Kulissen und Buhnenverschiebungen des Vexier-Sterbens mit der Phantasie erschopfend ausgewandert hatte, dachte jetzo wenig daran; sein Neues war der Vorsatz, aus Rosas Brautfackel, die schon gegossen und angestrichen war, den Dacht herauszuziehen, die Braut. Heinrich war uberall ungestum, frei, kuhn, ergrimmend und unversohnlich gegen Ungerechtigkeiten; und dieser moralische Ingrimm nahm, wie hier in Rosas und Blaisens Sache, zuweilen zuviel vom Schein der Rachsucht an. Firmian war milder und schonte und vergab, oft sogar auf scheinbare Kosten seiner Ehre; er ware nicht imstande gewesen, der schonen Natalie den brieflichen Geliebten mit Heinrichs englischem Schlussel oder Pelikan aus der blutenden Seele zu ziehen. Sein Freund musste, als er heute in Fantaisie zu ihr ging, das Versprechen der weichsten Behandlung und des vorlaufigen Schweigens uber die Kgl. preuss. Witwenverpfleganstalt zurucklassen. Allerdings hatt' es Nataliens Ehrgefuhl blutig versehret, wenn man ihre moralische Trennung vom unmoralischen Venner auch nur von weitem in irgendeine Zusammenstellung mit einem metallischen Ersatze einer geistigen Einbusse hatte bringen wollen; sie verdiente und vermochte zu siegen, bei der Aussicht, zu verarmen.
Spat kam Heinrich wieder, ein wenig mit verworrenem Gesicht, aber doch mit einem erfreueten. Rosa war verworfen und Natalie verwundet. Die Englanderin war in Ansbach bei der Lady Craven und ass die Butter mit, die die letztere noch ausser den Buchern machte. Als er dieser Romerin so hiess die Britin Natalien gewohnlich das ganze schwarze Brett und Sundenregister des Venners vorgelesen hatte, zwar ernsthaft, aber ein wenig laut und treu: so stand sie in dem grossen Anstand, den die aufopfernde Begeisterung annimmt, auf und sagte: "Wenn Sie hierin so wenig getauscht wurden, als Sie tauschen konnen; und wenn ich Ihrem Freunde so viel glauben darf als Ihnen: so geb' ich Ihnen mein heiliges Wort, dass ich mich zu nichts zwingen oder bereden lasse. Aber in einigen Tagen kommt der Gegenstand ja selber, dem ich so gut wie meiner Ehre schuldig bin, ihn zu horen, da ich meine Briefe in seine Hande gegeben. Aber wie hart ists, dass ich so kalt sprechen muss!" Von Minute zu Minute erlosch auf ihrem gluhenden Gesicht das Rosenrot immer mehr in Rosenweiss; sie stutzte es auf ihre Hand, und als die Augen voller wurden und endlich tropften, sagte sie fest und stark: "Kehren Sie sich daran nicht; ich halte Wort Dann reisse ich mich, was es mir auch koste, von meiner Freundin ab und kehre nach Schraplau in meine arme Verwandtenwelt zuruck. Ich habe ohnehin in der vornehmen Welt lange genug gelebt, doch nicht zu lange."
Heinrichs seltner Ernst hatte sie uberwaltigt. Sie setzte in seine Rechtschaffenheit ein unerschutterliches Vertrauen, bloss weil er ein sonderbarer Grund! bisher sich nicht in sie verliebet, sondern nur mit ihr befreundet hatte, ohne mithin ihre Foderungen ans Herz durch seine einzuschranken. Sie wurde vielleicht auf den verheirateten Fiskal ihres Brautigams, auf Firmian, gezurnet haben, waren ihm drei oder vier der besten Entschuldigungen abgegangen namlich seine geistige Ahnlichkeit mit Leibgeber uberhaupt, dann seine physiognomische, welche sich vollends durch die Blasse so sehr verklarte, ferner sein ruhrendes Abendblatt und endlich sein ganzes mildes liebevolles Wesen. Die gestrige Bitte, ihn abends mitzubringen, tat sie nun zu Leibgebers grosster Freude zum zweiten Male, so weh es ihr auch um das ganze Herz herum war. Niemand nehme ihr aber die Halbtrauer uber den untersinkenden Venner ubel oder ihren Irrtum uber ihn, da wir alle wissen, dass die lieben Madchen so oft Empfindsamkeit mit Rechtschaffenheit, Briefe mit Taten und Dinten-Tranen mit einem ehrlichen warmen Blute verwechseln.
Nachmittags brachte Leibgeber den Advokaten zu ihr, gleichsam als seinen Beweis zum ewigen Gedachtnis, als seine syllogistische Figur, als seine rationes decidendi, da der Venner aus rationibus dubitandi bestand. Aquiliana empfing den Advokaten mit einem fliehenden Erroten und dann mit einem kleinen Stolze aus Scham, aber doch mit der Zuneigung, die sie seiner Teilnahme an ihrer Zukunft schuldig war. Sie wohnte in den Zimmern der Englanderin; das bluhende Lusttal lag draussen davor, wie eine Welt vor einer Sonne. Ein solcher voller Lustgarten hat den Nutzen, dass ein fremder Advokat den Spinnen-Faden der Rede an seine Aste leichter anzuknupfen weiss, bis der Faden, zu einem schimmernden Kunstgewebe herumgesponnen, im Freien hangt. Firmian konnte nie jene Weltleute erreichen, die nichts brauchen, um ein Gesprach anzuspinnen, als einen Zuhorer; die wie Laubfrosche an den glattesten Dingen festzukleben wissen, worauf sie hupfen; ja die sogar, was die Laubfrosche nicht einmal konnen, im luft- und sachleeren Raume sich anhalten. Aber eine freie Seele wie Siebenkas konnte sogar an einem Hofe nicht lange von der Unbekanntschaft mit den Verhaltnissen verworren bleiben, sondern sie musste bald ihre Freiheit in ihrer angebornen Erhebung uber alle Zufalligkeiten wiederfinden und durch anspruchlose Einfachheit die kunst- und anspruchvolle der Welt leicht ersetzen.
Gestern hatt' er diese Natalie im heitersten Genusse ihrer Krafte und der Natur und der Freundschaft lacheln und zaubern und sie den schonen Abend noch mit einer Opferkuhnheit kronen sehen; doch heute war so wenig von den zarten hellen Freuden ubrig! In keiner Stunde ist ein schones Gesicht schoner als in der, welche auf die bittere folgt, worin die Tranen uber den Verlust eines Herzens auf ihm vorubergezogen; denn in der bittern selber wurde uns die jammernde Schonheit vielleicht zu sehr betruben und schmerzen. Firmian ware mit Freuden fur diese holde Gestalt, die das in ihr Herz getriebene Opfermesser bedeckte und gern es darin gluhen liess, um nur das Bluten zu verzogern, er ware mit Freuden fur sie auf eine ernstere Art als er vorhatte, gestorben, wenn er ihr mehr damit hatte helfen konnen. Kann man es denn da so ausserordentlich finden, dass das Bindwerk zwischen beiden zugleich mit dem fallenden Sand im Stundenglas immer hoher und dichter wuchs, sobald man nur erwagen will, dass bei einem ungewohnlichen dreifachen Ernste denn sogar Leibgeber geriet darein sich jede Brust vor der Gala-Natur des Fruhlings mit sanften Wunschen fullte dass Firmian heute, mit seiner bleichen, kranklichen, von alten Kummernissen bezeichneten Gestalt, gefallig und wie Abendsonnenschein in ein halbverweintes wundes Auge fiel dass ihr das (sonderbare) Verdienst ihn anempfohl, ihrem Treulosen wenigstens einige Untreuen vergallet und verbauet zu haben dass er alle seine Tone aus der Molltonleiter eines sanften Herzens aussuchte, weil er es verguten und verdecken wollte, dass er dieser Unschuldigen und Unbekannten so viele Hoffnungen und Freuden auf einmal hatte verheeren mussen und dass sogar der grossere Grad von ehrender, scheuer Zuruckhaltung ihn durch den Kontrast, den er mit seinem Ebenbilde, dem vertraulichen Heinrich, machte, verschonerte? Diese Reize des Verhaltnisses, die der weiblichen Welt mehr abgewinnen und abnotigen als die verkorperten beleibten, hatte der Advokat samtlich in Nataliens Augen. Sie hatte in den seinigen noch grossere und lauter neue: ihre Kenntnisse ihre mannliche Begeisterung ihren feinern Ton und ihre schmeichelhafte Behandlung, mit der ihn vorher noch keine Schone verherrlicht hatte, ein Reiz, der viele eines weiblichen Umgangs ungewohnte Mannspersonen nicht bloss bis zum Entzucken, sondern bis zur Ehe hinreisset und noch die zwei letzten und grossten Schonheiten, dass die ganze Sache zufallig und ungewohnlich war, und dass Lenette uberall davon die Gegenfusslerin war.
Darbender Firmian! An deinem Lebenflusschen steht, wenn es auch zu einem Perlenbach wird, immer eine Galgen- und eine Warntafel! In einer solchen warmen Temperatur, wie deine jetzo war, musste dir der Ehering zu eng anliegen und dich kneipen, wie uberhaupt alle Ringe in warmen Badern pressen, und in kalten schlottern.
Aber irgendeine teuflische Najade oder ein ranksuchtiger Meergott hatte die grosste Freude, Firmians Lebens-Meer, wenn es gerade von einigen phosphoreszierenden Seetieren oder von einer unschadlichen elektrischen Materie reizend leuchtete, und wenn sein Schiff darin eine schimmernde Strasse hinzog, umzuruhren und zu truben und zu verfinstern; denn eben als das Vergnugen und die aussere Gartenpracht immer hoher wurde und die Verlegenheit kleiner die schmerzlichen Erinnerungen an den neuen Verlust versteckter als schon das Fortepiano oder das Fortissimopianissimo und die Singstucke aufgemacht waren kurz, als die Honiggefasse ihrer FreudenOrangerie insgesamt und erlaubte agyptische Fleischtopfe und ein weiter Abend- und Liebesmahls-Becher offen war: so sprang mit zwei Fussen nichts Geringers hinein als eine grosse Schmeissfliege, die schon ofters in Firmians Freudenbecher geflogen war.
Der Venner Everard Rosa von Meyern trat ein, anstandig in Safran gekleidet, um seiner Braut das Gesandten-Recht des ersten Besuchs zu geben....
Er war in seinem Leben nie anders gekommen als zu spat oder zu bald; so wie er nie ernsthaft, sondern entweder weinerlich oder schakerhaft war. Das Format von drei Gesichtern war jetzo das Langduodez bloss Leibgeber machte seines nicht auf der Ziehbank lang, sondern im Farbekessel und Brutofen rot, weil er einen eignen Ingrimm gegen alle Stutzer und Madchen-Sperber hatte. Everard hatte aus dem Stolbergischen Homer einen Antritt-Einfall mitgebracht: er wollte die homerischen Helden nachahmen und Aquilianen beim Eintritt fragen, ob sie eine Gottin oder ein Mensch sei, weil er sich nur mit letztem kampfend messen konne; aber beim Anblicke des mannlichen Paars, das der Teufel wie eine Doppelflinte gegen sein Gehirn hinhielt, wurd' in letztem alles kasig und klossig und fest; er konnte den Einfall um Kusse nicht in Fluss bringen. Erst funf Tage darauf hatt' er den geringen Inhalt seiner Kopfknochen wieder so ausgebessert, dass er den Einfall einer weitlauftigen Verwandten von mir denn wie wusst' ichs sonst? noch gut erhalten uberreichen konnte. Uberhaupt lahmte ihn in weiblicher Gesellschaft nichts arger als eine mannliche, und er sturmte leichter ein ganzes weibliches Stift als sobald ein einziger elender Mann dabei stand nur zwei Stiftfraulein, geschweige eine Stiftdame.
Eine solche stehende Theatertruppe spielte noch nicht im Schlosse von Fantaisie, als ich hier vor meinem Pinsel sehe. Natalie war in eine unhofliche Verwunderung und in ein kaltes Vergleichen dieser Originalausgabe mit ihrem brieflichen Ideal verloren. Der Venner, der ein anderes Fazit der Vergleichung voraussetzte, ware gern ein offenbarer Widerspruch und sein eigner Gegenfussler gewesen, hatt' ers machen konnen; ich meine, hatt' er sich auf einmal empfindlich-kalt gegen Natalien uber den verhassten Fund eines solchen Paars, und doch zugleich vertraulich und zartlich zeigen konnen, um das durftige Paar mit seiner Ernte und Weinlese herzlich zu argern. Er wahlte zumal da er uber ihre Gestalt ebenso, nur angenehmer, betroffen war als sie uber seine, und da ihm noch immer Zeit genug zum Rachen und Strafen blieb lieber das Prahlen, um den zwei Reichsgerichten neben ihm den Besuch durch Neid zu versalzen und zu gesegnen. Auch hatt' er vor beiden den Vorzug eines feuerfluchtigen Korpers, und er machte seine Landmacht von leiblichen Reizen geschwinder als beide die ihrige mobil. Siebenkas sann nichts Naherem nach als seiner Frau; vor Rosas Ankunft hatt' er den Gedanken daran wie eine sauere Wiese abgeweidet, weil seine Eigenliebe von der zersprungnen Borke der ehelichen Hand nicht so weich uberfahren wurde als von den mit Eider-Dunen gefullten Schnekkenfuhlfaden oder Fingern einer jungfraulichen; aber jetzo wurde aus dem Gedanken an Lenette eine susse Wiese, weil seine in zwei Orten eingepfarrte Eifersucht uber Rosan sich an Lenettens Betragen weniger stiess als an Nataliens Verhaltnissen. Heinrich nahm an Augen-Grimm zu und fuhr an Rosas Sommer-Hasenbalg von gehler Seide mit gehlsuchtigen Blicken auf und ab. Er krabbelte aus zorniger Selbtatigkeit in der Westentasche und erpackte den Schattenriss des Heimlichers von Blaise, den er, wie bekannt, als er die glaserne Perucke zertrat, ihm wie aus den Augen geschnitten hatte, und an dem ihn seit einem Jahr nichts verdross, als dass er in seiner Tasche anstatt am Galgen war, woran er ihn an jenem Abschied-Abend mit einer Haarnadel hatte schlagen konnen. Er zog die Silhouette heraus und glitt, unter ihrem Zerzausen, leicht zwischen ihr und Rosa hin und her und murmelte, indem er den Blick an den Venner befestigte, Siebenkasen zu: "a la Silhouette118!"
Everards Eigenliebe erriet diese schmeichelnden, aber unwillkurlichen Opfer der fremden beleidigten und legte, immer ubermutiger gegen den Armenadvokaten, Fragmente aus seiner Reisebeschreibung, Empfehlungen seiner Bekannten und Fragen uber die Ankunft seiner Briefe dem verlegnen Madchen zudringlich ans Herz. Die Gebruder Siebenkas und Leibgeber bliesen einander zum Abzug, aber als echte Mannspersonen; denn sie zurnten ein wenig uber die schuldlose Natalie, gerade als wenn diese dem eintretenden Sponsus und Briefgatten mit dem Handwerk-Grusse hatte entgegenschreiten konnen: "Mein Herr! Sie konnen mein Herr gar nicht werden, gesetzt auch, Sie waren nichts Schlimmers als ein Halunke Tropf Fratz Geck etc." Aber mussen wir nicht alle (denn ich glaube nicht, dass ich selber auszunehmen bin) an unsere beinerne, mit Sunden gefullte Brust schlagen und bekennen, dass wir Feuer speien, sobald scheue Madchen nicht sogleich eines auf die Leute geben, auf die wir vor ihnen Schatten und Bannstrahle geworfen haben dass wir sie ferner im Fortjagen schlimmer Schildknappen rasch erfinden wollen, da sie es doch im Annehmen derselben nicht sind dass sie sich aus den Not- und Ehrenzugen ihrer Kossaten und andern Lehnleute so wenig machen sollen als wir andern Mitbelehnten und dass wir ihnen schon gram werden, nicht uber ihre Untreue, sondern uber eine unverschuldete Gelegenheit dazu? Der Himmel bessere das Volk, wovon ich eben gesprochen habe.
Firmian und Heinrich schweiften einige Stunden in dem Zaubertale voll Zauberfloten, Zauberzithern und Zauberspiegel umher, aber ohne Ohren und Augen; das Reden uber den Vorfall schurte ihre Kopfe wie Ballonofen voll, und Leibgeber blies aus FamasTrompete a posteriori mit lauter satirischen Injurien jede Baireutherin an, die er in den Lustgangen spazieren gehen sah. Er tat dar: Weiber waren die schlimmsten Fahrzeuge, in die ein Mann sich in die offne See des Lebens wagen konnte, und zwar Sklavenschiffe und Bucentauros (wenn nicht Weberschiffe, mit denen der Teufel seine Jagdtucher und Prellgarne abwebt), und das um so mehr, da sie eben wie andere Kriegschiffe haufig gewaschen, uberall mit einem giftigen Kupfer-Anstrich gegen aussen versehen wurden und eben solches uberfirnisstes Tauwerk (Bander) fuhrten. Heinrich war mit der (hochst unwahrscheinlichen) Erwartung gekommen, dass Natalie seinen Freund als Augen- und Ohrenzeugen uber Rosas kanonische Impedimente (kirchliche Ehehindernisse) protokollarisch vernehmen werde; und dieses Misslingen nagte ihn so sehr.
Aber eben, als sich Firmian uber des Venners lispelnde, ineinanderrieselnde, um die Zungenspitze krauselnde Aussprache ohne Ausdruck aufhielt, so rief Heinrich: "Dort lauft ja die Drecklilie119!" Es war der Venner, gleichsam ein in seinem Verkaufnetz schnalzender Markthecht. Als der Specht denn der Naturforscher nennt alles Geflugel mit buntem Gefieder Spechte naher vor ihnen voruberflog, sahen sie sein Gesicht von Erbosung glimmen. Wahrscheinlich war der Leim zwischen ihm und Natalien aufgegangen und abgelaufen.
Die zwei Freunde verweilten noch ein wenig in den Schattengangen, um ihr zu begegnen. Endlich aber nahmen sie ihren Ruckweg zur Stadt, auf dem sie einer Dienerin Nataliens nachkamen, die Leibgebern folgendes Schreiben nach Baireuth zu uberbringen hatte:
"Sie und Ihr Freund hatten leider recht und nun ist alles vorbei. Lassen Sie mich einige Zeit einsam auf den Ruinen meiner kleinen Zukunft ruhen und denken. Leute mit verwundeter zugenahter Lippe durfen nicht reden; und mir blutet nicht der Mund, sondern das Herz, und dies uber Ihr Geschlecht. Ach, ich errote uber alle die Briefe, die ich bisher leider mit Vergnugen und Irren geschrieben; und fast sollt' ich es kaum. Haben Sie doch selber gesagt, man musse sich schuldloser Freuden so wenig schamen als schwarzer Beeren, wenn sie auch nach dem Genusse einen dunkeln Anstrich auf dem Munde nachliessen. Aber ich dank' Ihnen in jedem Falle von Herzen. Da ich einmal entzaubert werden musste, so war es unendlich sanft, dass es nicht durch den bosen Zauberer selber geschehen, sondern durch Sie und durch Ihren so redlichen Freund, den Sie mir recht grussen sollen von mir.
Ihre
A. Natalie"
Heinrich hatte gar auf eine Einladkarte aufgesehen, da (sagt' er) ihr ausgeleertes Herz eine kalte Lucke fuhlen musse, wie ein Finger, dem der Nagel zu scharf beschnitten worden. Aber Firmian, den die Ehe geschulet, und dem sie uber die Weiber Barometerskalen und Zifferblatter gegeben hatte, war der klugen Meinung: eine Frau musse in der Stunde, worin sie aus blossen moralischen Grunden einen Liebhaber verabschiedet habe, gegen den, der sie mit jenen dazu uberredet hatte, und war' es ihr zweiter, ein wenig zu kalt sein. Und aus demselben Grunde (das muss noch von mir dazu) wird sie gegen den zweiten sogleich nach der Kalte die Warme ubertreiben.
"Arme Natalie! Mogen die Bluten und die Blumen der englische Taft-Verband fur die Schnitte in deinem Herzen werden und der milde Ather des Fruhlings die Milchkur fur deine engatmende Brust!" wunschte Firmian unaufhorlich in seiner Seele und fuhlte es so schmerzlich, dass eine Unschuldige so gepruft und gestraft werde wie eine Schuldige und dass sie die reinigende Luft ihres Lebens anstatt von gesunden Blumen sich von giftigen holen musste120.
Den Tag darauf machte Siebenkas weiter nichts als einen Brief, worunter er sich Leibgeber unterzeichnete, und worin er dem Grafen von Vaduz berichtete, dass er krank sei und so graugelb aussehe wie ein Schweizerkase. Heinrich hatt' ihm keine Ruhe gelassen: "Der Graf", sagt' er, "hat an mir einen bluhenden und weissgluhenden Inspektor gewohnt. So aber, wenn ers schriftlich hat, findet er sich ins Wirkliche und glaubt, du bist ich. Zum Gluck sind wir beide sonst Manner, die sich in keinem Mautamt aufzuknopfen brauchen121, und die nichts unter der Weste fuhren als ihre Nabel."
Am Donnerstag stand Siebenkas unter dem Tore des Gasthofes und sah den Venner in einem Kurhabit mit einem belorbeerten Parade-Kopf und mit einem ganzen Bahrdtischen Weinberg auf dem Gesicht zwischen zwei Frauenzimmern nach der Eremitage fahren. Als ers hinauftrug ins Zimmer, fluchte und schwur Leibgeber: "Der Spitzbube ist keine wert, als die statt des Kopfes eine Schadelstatte und statt des Herzens eine gorge de Paris hat oder (die Richtung ist nur anders) einen cul de Paris." Er wollte durchaus heute Natalien besuchen und benachrichtigen; aber Firmian zog ihn gewaltsam zuruck.
Freitags schrieb sie selber so an Heinrich:
"Ich widerrufe kuhn meinen Widerruf und bitte Sie und Ihren Freund, morgen, wo der Sonnabend die schone Fantaisie entvolkert, diese eben deswegen lieber zu besuchen als den Sonntag darauf. Ich halte die Natur und die Freundschaft in meinen Armen; und mehr fassen sie nicht. Mir traumte die vorige Nacht, Sie sahen beide aus einem Sarge heraus, und ein weisser, uber Sie flatternder Schmetterling wurde immer breiter, bis seine Flugel so gross wurden wie weisse Leichenschleier, und dann deckt' er Sie beide dicht zu, und unter der Hulle war alles ohne Regung. Ubermorgen kommt meine geliebte Freundin. Und morgen meine Freunde: ich hoffe. Und dann scheid' ich von euch allen.
N.A."
Dieser Sonnabend nimmt das ganze kunftige Kapitel ein, und ich kann mir einen kleinen Begriff von des Lesers Begierde darnach machen aus meiner eignen; um so mehr, da ich das kunftige Kapitel (wenn nicht geschrieben, doch) schon gelesen habe; er aber nicht.
Vierzehntes Kapitel
Verabschiedung eines Liebhabers Fantaisie das
Kind mit dem Strausse das Eden der Nacht und der
Engel am Tor des Paradieses
Weder das tiefere Himmelblau, das am Sonnabend so dunkel und einfarbig war als sonst im Winter oder in der Nacht noch die Vorstellung, heute der trauernden Seele unter die Augen zu kommen, die er aus ihrem Paradiese von dem Sodoms-Apfel der Schlange (Rosa) weggetrieben hatte noch Kranklichkeit noch Bilder seines hauslichen Lebens allein: sondern diese Halbtone und Molltone insgesamt setzten in unserem Firmian ein schmelzendes Maestoso zusammen, das zu seinem nachmittagigen Besuch seinen Blicken und Phantasien ebensoviel Weichheit mitgab, als er draussen in den weiblichen anzutreffen erwartete.
Er traf das Gegenteil an: in und um Natalien war
jene hohere, kalte, stille Heiterkeit, deren Gleichnis auf den hochsten Bergen ist, unter denen das Gewolke und der Sturm liegt, und um welche eine dunnere, kuhlere Luft, aber auch ein dunkleres Blau und eine bleichere Sonne ruhen.
Ich tadl' es nicht, wenn ihr jetzo der Leser aufmerk
sam unter dem Bericht zuhoren will, den sie von ihrem Bruch mit Everard erstatten muss; aber der Bericht konnte um einen preussischen Taler so klein ist erster herumgeschrieben werden, wenn ich ihn nicht mit meinem vermehrte und erganzte, den ich aus Rosas eigner Feder abziehe in meine. Der Venner hat namlich funf Jahre darauf einen sehr guten Roman wenn dem Lobe der Allgem. deutschen Bibliothek zu glauben ist geschrieben, worein er das ganze Schisma zwischen ihm und ihr, die Trennung von Leib und Seele, kunstlich einmauerte: wenigstens will man es aus mehren Winken Nataliens schliessen. Das ist also meine Vauclusens Quelle. Ein geistiger Hamling wie Rosa kann nichts erzeugen, als was er erlebt, und seine poetischen Fotus sind nur seine Adoptiv-Kinder der Wirklichkeit.
Es ging kurzlich so: kaum waren Firmian und Heinrich das vorigemal unter die Baume hinaus: so holte der Venner seine Rache nach und fragte Natalien empfindlich, wie sie solche burgerliche oder verarmte Besuche erdulden konne. Natalie, schon durch die Eiligkeit und Kalte des entflohenen Paars ins Feuer gesetzt, liess dieses gegen den gelbseidenen Katecheten in Flammen schlagen. Sie versetzte: "eine solche Frage beleidigt fast" und tat noch ihre hinzu (denn zum Verstellen oder Auskundschaften war sie zu warm und zu stolz): "Sie haben ja selber oft Herrn Siebenkas besucht." "Eigentlich (sagte der Eitle) nur seine Frau; er war bloss Vorwand." "So?" sagte sie, und dehnte die Silbe so lang aus wie ihren zornigen Blick. Meyern, erstaunt uber diese allem vorigen Briefwechsel widersprechende Behandlung, die er den Zwillingduzbrudern aufrechnete, und dem jetzo seine korperliche Schonheit, sein Reichtum und ihre Durftigkeit und Abhangigkeit von Blaise und sein Ehemanns-Naherrecht den grossten Mut einflosste, dieser kuhne Leue machte sich aus dem nichts, was sich kein anderer erdreistet hatte, aus der erzurnten Aphrodite namlich, um sie mit seinen Ernennungen zu Cicisbeaten und uberhaupt mit seiner Perspektive in hundert fur ihn offne Gynazeen und Witwensitze zu demutigen er sagte ihr, sag' ich, geradezu: "Es ist so leicht, falsche Gottinnen anzubeten und ihre Kirchenturen zu offnen, dass ich froh bin, durch Ihre babylonische Gefangenschaft zur wahren weiblichen Gottheit auf immer zuruckgefuhret worden zu sein."
Ihr ganzes zerquetschtes Herz stohnte: "Alles, ach alles ist wahr er ist nicht rechtschaffen und ich bin nun so unglucklich!" Aber sie schwieg ausserlich und ging erzurnt an den Fenstern herum. Ihr Geist, der auf der weiblichen Ritterbank sass, den es immer nach ungemeinen, heroischen, opfernden Taten gelustete, und an dem eine Vorliebe zum gesuchten Grossen das einzige Kleinliche war, schlug jetzo, da der Venner auf einmal seine Prahlerei durch einen plotzlichen Ubersprung in einen leichten scherzenden Ton verguten wollte und ihr einen Spaziergang in den schonen Park als einen bessern Ort zum Versohnen vorschlug122 ein Ton, der auch bei dem kleinen Kriege mit Madchen mehr richtet und schlichtet als ein feierlicher ihr edler Geist schlug nun seine reinen weissen Flugel auf und entfloh auf immer aus dem schmutzigen Herzen dieses gebognen, silberschuppigen Hechtes, und sie trat nahe an ihn und sagte ihm gluhend, aber ohne einen nassen Blick: "Hr. v. Meyern! nun ists entschieden. Wir sind auf ewig getrennt. Wir haben uns nie gekannt, und ich kenne Sie nicht mehr. Morgen wechseln wir unsere Briefe aus." Er hatte sich im Besitze dieser starken Seele durch einen feierlichern Ton um mehre Tage, vielleicht Wochen behauptet.
Sie sperrte, ohne ihn weiter anzusehen, ein Kastchen auf und schlichtete Briefe zusammen. Er sagte 100 Dinge, um ihr zu schmeicheln und zu gefallen: sie antwortete nicht einmal. Sein Inneres geiferte, weil er alles den beiden Advokaten schuld gab. Endlich wollt' er die Taubstumme in seiner zornigsten Ungeduld zugleich demutigen und bekehren, indem er sagte: "Ich weiss nur nicht recht, was Ihr Herr Onkel in Kuhschnappel dazu sagen wird; er scheint mir auf meine Gesinnungen gegen Sie einen viel grossern Wert zu legen als Sie hier; ja er halt unser Verhaltnis fur Ihr Gluck so notwendig als ich fur meines."
Diese Burde fiel zu hart auf einen vom Schicksal ohnehin tief zerritzten Rucken. Natalie schloss eilig das Kastchen zu und setzte sich und stutzte ihr taumelndes Haupt auf den bebenden Arm und vergoss gluhende Tranen, die die Hand umsonst bedeckte. Denn der Vorwurf der Armut fahret aus einem sonst geliebten Munde wie gluhendes Eisen ins Herz und trocknet es mit Flammen aus. Rosa, dessen geloschte Rachsucht der durstigen Liebe wich, und der in selbsuchtiger Ruhrung hoffte, sie sei auch in einer uber ein zertrenntes Band, dieser warf sich vor sie auf die Knie und sagte: "Es sei alles vergessen! Woruber entzweien wir uns denn? Ihre kostlichen Tranen loschen alles aus, und ich mische die meinigen reichlich darein."
"Oh!" sagte sie sehr stolz und stand auf und liess ihn knien, "ich weine uber gar nichts, was Sie angeht. Ich bin arm, aber ich bleibe arm. Mein Herr, nach dem niedrigen Vorwurfe, den Sie mir gemacht haben, konnen Sie unmoglich dableiben und mich weinen sehen, sondern Sie mussen fortgehen."
Er zog demnach ab, und zwar wenn man als billiger Mann seine Ruckfracht von Korben aller Art und von Maulkorben dazu nachwiegt wirklich aufgerichtet und aufgeweckt genug. Besonders sticht seine Heiterkeit (wenn ich ihn loben soll) dadurch hervor, dass er sie an einem Nachmittage behalten und mit heimgenommen, wo er mit zwei seiner feinsten und langsten Hebel nicht das Kleinste in Nataliens Herz und Herzohren zu bewegen vermocht. Der eine Hebel war der alte, bei Lenetten angesetzte, in den Spiralund Schneckenlinien kleiner Annaherungen und Gefalligkeiten und Anspielungen sich wie ein Korkzieher einzuschrauben; aber Natalie war nicht weich und locker genug fur ein solches Eindringen. Von dem andern Hebel hatte man etwas erwarten sollen der aber noch weniger angegriffen und hatte solcher darin bestanden, dass er wie ein alter Krieger seine Narben aufdeckte, um sie zu Wunden zu verjungen; er entblosste namlich sein leidendes, von so mancher Fehlliebe verwundetes und durchbohrtes Herz, das wie ein durchlocherter Taler als Votivgeld an mancher Heiligen gehangen; seine Seele warf sich in allerlei Hoftrauer der Schmerzen, in ganze und halbe, hoffend, im Trauerschwarz wie eine Witib zauberischer zu glanzen. Aber die Freundin eines Leibgebers konnten nur mannliche Schmerzen erweichen, weibische hingegen nur verharten.
Indes liess er, wie schon angedeutet, die Braut Natalie zwar ohne alle Ruhrung uber ihr Selberopfern, doch auch ohne sonderlichen Ingrimm uber ihr Weigern sitzen zum Henker fahre sie, dacht' er bloss, und er konne sich kaum selig genug preisen, dass er so leicht der unabsehlich-langen Verdrusslichkeit entgangen, ein dergleichen Wesen jahraus jahrein ausstehen und verehren zu mussen in einer verdammt langen Ehe; hingegen uber alle Massen entzundete sich seine Leber gegen Leibgeber und vollends gegen Siebenkas den er fur den eigentlichen Ehescheider hielt , und er setzte in der Gallenblase einige Steine an und in den Augen einiges Gallen-Gelb, alles in bezug auf den Advokaten, der ihm nicht genug zu hassen war.
Wir kehren zum Samstag zuruck. Natalie verdankte ihre Heiterkeit und Kalte zwar ihrer Herzens-Starke, doch auch etwas den beiden Pferden und beiden Kranzeljungfern oder Rosen-Madchen, womit Rosa auf die Eremitage gefahren war. Die weibliche Eifersucht wird immer einige Tage alter als die weibliche Liebe; auch weiss ich keinen Vorzug, keine Schwache, keine Sunde, keine Tugend, keine Weiblichkeit, keine Mannlichkeit in einem Madchen, die nicht dessen Eifersucht mehr entflammen als entkraften halfe.
Nicht nur Siebenkas, sogar Leibgeber war diesen Nachmittag, um gleichsam ihre nackte, von ihrem warmen Gefieder entblosste, frierende Seele mit seinem Atem zu erwarmen, ernsthaft und warm, anstatt dass er sonst seine Pramien und Rugen in Ironien umkleidete. Vielleicht macht' ihn auch ihr schmeichelhafter Gehorsam zahmer. Firmian hatte ausser diesen Grunden noch die warmern, dass morgen die Britin kam und diese Gartenlust verdarb oder verbot dass er, mit den Stichwunden einer verlornen Liebe vertrauter, ein unendliches Mitleiden mit ihren hatte und gern den Verlust ihres Herzblutes mit dem seinigen erleichtert oder ersetzet hatte und dass er, in nackten, unscheinbaren Zimmern aufgewachsen, fur die glanzenden, vollen um ihn eine Empfindung hatte, die er naturlicherweise auf die Mietbewohnerin und Klausnerin derselben ubertrug.
Gerade die Dienerin, die uns in dieser Woche schon einmal in die Hande gelaufen ist, kam herein mit Augen voll Tranen und stammelte: sie gehe zum hl. Beichtstuhle, und wenn sie ihr etwas zuleide getan hatte etc. "Mir?" sagte Natalie mit liebenden Augen. "Aber im Namen Ihrer Herrschaft (der Britin) kann ich Ihr vergeben", und ging mit ihr hinaus und kusste sie, wie ein Genius, ungesehen. Wie schon steht einer Seele, die sich vorher kraftvoll gegen den Unterdrucker aufrichtete, das Vergeben an und das Herabneigen und Niederbucken zu einem Bedrangten!
Leibgeber nahm einen Band von "Tristram" aus der Bibliothek der Englanderin und legte sich damit hinaus unter den nachsten Baum; er wollte seinem Freunde das Anismarzipan und Honiggewirke eines solchen verplauderten Nachmittags, das fur ihn schon Hausmannkost war, ungeteilt zuwenden. Auch hatt' ihn, wenn er heute eine Miene zum Scherzen machte, Nataliens Auge bittend angeblickt: "Tu es nur heute nicht zahl ihm die Blatternarben meines innern Menschen nicht vor schone mich dasmal!" Und endlich und darauf wars hauptsachlich abgesehen sollte es sein Firmian leichter haben, der empfindlichen, nunmehr auf Achtel-Sold gesetzten Natalie den Vorschlag, seine lachende Erbin, seine apanagierte Witwe zu werden, hinter dreifachen Leichenschleiern mit verzognen Buchstaben zu zeigen.
Das war fur Siebenkas eine Schanzarbeit eine Reise uber die Alpen eine um die Welt eine in die Hohle zu Antiparos und eine Erfindung der Meerlange er dachte gar nicht daran, nur Anstalten dazu zu machen; ja er hatte auch schon fruher Leibgebern gesagt: ware sein Sterben bloss ein wahres, so sprache niemand lieber als er mit ihr davon; nur mit dem Aussprechen eines scheinbaren konn' er sie unmoglich betruben, sie musse sich auf Geratewohl und unbedingt zur Witwenschaft verstehen; "und ist denn mein Sterben so etwas ganz und gar Unmogliches?" fragte er. "Ja!" hatte Leibgeber gesagt, "wo bliebe unser spasshaftes? und die Donna muss alles aushalten." Er sprang, wie es scheint, etwas harter und kalter mit Weiberherzen um als Siebenkas, fur welchen, als einsiedlerischen Kenner seltener weiblicher Kraftseelen, freilich eine solche wunde und warme kaum genug zu schonen war; indes will ich zwischen beiden Freunden nicht richten.
Er stellte sich, als Heinrich mit Yorick hinaus war, vor ein Freskobild, das diesen Yorick neben der armen flotenden Maria und ihrer Ziege malte denn die Gemacher der Grossen sind Bilderbibeln und ein Orbis pictus, sie sitzen, speisen und gehen auf Gemalde-Ausstellungen, und es ist ihnen desto unangenehmer, dass sie zwei der grossten schon grundierten Raume nicht konnen ausmalen lassen, den Himmel und das Meer. Natalie war kaum neben ihn nachgetreten, so rief sie: "Was ist heute daran zu sehen? Weg davon!" Sie war ebenso freimutig und unbefangen gegen ihn, als er es nicht zu sein vermochte. Sie zeigte ihre schone, warme Seele bloss in etwas, worin sich die Menschen unwissend am meisten entweder entschleiern oder entlarven in ihrer Art zu loben: der erleuchtete Triumphbogen, den sie uber den Kopf der wiederkehrenden Britin fuhrte, hob ihre Seele selber empor, und sie stand als Siegerin im Lorbeerkranz und in der schimmernden Orden-Kette der Tugend auf der Ehrenpforte. Ihr Lob war das Echo und Doppelchor des fremden Werts; sie war so ernst und so warm! O es steht tausendmal schoner, Madchen, wenn ihr fur euere Gespielinnen Braut- und Lorbeerkranze schlingt und legt, als wenn ihr ihnen Strohkranze und Halseisen dreht und krummt!
Sie machte ihm ihre Vorliebe fur gedruckte und ungedruckte Britinnen und Briten bekannt, ob sie gleich erst vorigen Winter den ersten Englander in ihrem Leben gesehen, "wenn nicht", sagte sie lachelnd, "unser Freund draussen der erste war". Leibgeber schaute sich draussen auf seiner grunen Gras-Matratze um und sah durch geoffnete Fenster beide freundlich zu ihm herunterblicken; und in sechs Augen floss der Schimmer der Liebe. Wie sanft druckte eine einzige Sekunde drei verschwisterte Seelen aneinander!
Da die Kammerjungfer aus der Beichte in ihren weissglanzenden Kleidern wiederkam, welche statt leichter Schmetterlingflugel dicke Flugeldecken waren und woran noch einiges mattbunte Bandergeflugel flatterte: sah Firmian diese geputzte Bussfertige ein wenig an und nahm das schwarzgoldene Gesangbuch, das sie in der Eile hingelegt; er schnallte es auf und fand eine ganze seidene Musterkarte darin ferner Pfauengefieder. Natalie, die ihm eine satirische Reflexion uber ihr Geschlecht ansah, trieb sie sogleich ab: "Ihr Geschlecht halt so viel auf Ornate als unseres; das beweisen die Kurhabite, die Kronungkleider in Frankfurt und alle Amtkleidungen und Monturen. Und der Pfau ist ja der Vogel der alten Ritter und Dichter; und wenn sie auf seine Federn schworen oder sich damit bekranzen durften: so konnen wir doch einige aufstecken, oder Lieder damit bezeichnen, wenn auch nicht belohnen." Dem Armenadvokaten entwischte zuweilen eine unhofliche Verwunderung uber ihr Wissen. Er blatterte unter den Festliedern und stiess auf umgoldete Marienbilder und auf ein ausgestochnes Bild, das zwei bunte Kleckse, die zwei Verliebte vorstellen sollten, samt einem dritten phosphoreszierenden Herzen vorzeigte, das der mannliche Klecks dem weiblichen mit den Worten anbot: "Hast du meine Liebe noch nicht 'kennt? Schau nur, wie hier mein Herze brennt." Firmian liebte Familien- und Gesellschafts-Miniaturstucke, wenn sie elend waren wie hier. Natalie sah und las es und nahm eilig das Buch und schnappte das Gesperre zu und fragte ihn erst dann: "Sie haben doch nichts darwider?"
Der Mut gegen Weiber wird nicht angeboren, sondern erworben: Firmian war mit wenigen in Verkehr gestanden, daher hielt seine Furcht einen weiblichen, besonders einen vornehmen Korper denn bei Herren, nicht bei Damen, ist es leicht und recht, sich uber den Stand hinweg zu setzen fur eine hl. Bundeslade, an die kein Finger stossen darf, und jeden Weiberfuss fur einen, auf welchem eine spanische Konigin steht, und jeden Weiber-Finger fur eine Franklinische Spitze, aus der elektrisches Feuer spritzt. Ware sie in ihn verliebt gewesen, so konnt' ich sie mit einer elektrisierten Person vergleichen, die alle Vexier-Schmerzen und Funken, die sie gibt, selber verspurt. Indessen war nichts naturlicher, als dass seine Scheu mit der Zeit abnahm, und dass er sich zuletzt, wenn sie gerade sich nicht umsah, kein Bedenken machte, die Bandschleife ihres Kopfes dreist zwischen die Finger zu nehmen, ohne dass sie es merkte. Kleine Vorschulen zu diesem Wagstuck mochten es sein, dass er vorher die besten Dinge, die oft durch ihre Hande gegangen waren, in seine zu fassen versuchte; sogar die englische Schere, ein abgeschraubtes Nahkissen und einen Bleistift-Halter.
Auf dasselbe wollt' er sich auch bei einer wachsernen Weintraube einlassen, von der er glaubte, sie bestehe, wie eine auf Butterbuchsen, aus Stein. Er fasste sie daher in seine Faust wie in eine Kelter auf und pletschte zwei oder drei Beeren entzwei. Er reichte Bittschriften und Gnadenmittel und Indulgenzen ein, als ob er den Porzellan-Turm in Nanking hatte fallen und zerspringen lassen. Sie sagte lachelnd: "Es ist nichts verloren. Unter den Freuden gibts solcher Beeren noch genug, die eine schone reife Hulle haben und ohne allen berauschenden Most sind und ebenso leicht entzwei gehen."
Er furchtete sich, dass dieser erhabne vielfarbige Regenbogen seiner Freude zusammenbreche in einen Abendtau und heruntersinke mit der Sonne draussen; und er erschrak, da er Leibgebern auf dem bluhenden Rasen nicht mehr lesen sah. Die Erde draussen verklarte sich zu einem Sonnenlande jeder Baum war eine festere, reichere Freudenblume das Tal schien wie ein zusammengerucktes Weltgebaude zu klingen von der tiefen brausenden Spharenmusik. Gleichwohl hatt' er nicht den Mut, dieser Venus zu einem Durchgang durch die Sonne, d.h. durch die ubersonnte Fantaisie den Arm zu reichen; das Schicksal des Venners und die Nachlese umherirrender Garten-Gaste machte ihn blode und stumm.
Plotzlich klopfte Heinrich mit seinem achatenen Stockknopf ans Fenster und schrie: "'nuber zum Essen! Der Stockknopf ist die Wiener Laterne123. Wir kommen doch heute vor Mitternacht nicht heim." (Er hatte namlich in dem Gasthofchen daneben fur sich und ihn ein Abendessen sieden lassen.) Auf einmal rief er nach: "Da fragt eben ein schones Kind nach dir!" Siebenkas eilte heraus, und dasselbe liebliche kleine Madchen, dem er nach dem grossen Festabende in der Eremitage auf dem begeisterten Flugellaufe durch das Dorf Johannis seine Blumen in die Hande gedruckt, stand mit einem Kranzchen da und fragte: "Wo ist denn Seine Frau, die mich vorgestern aus dem Wasser herausgezogen? ich soll ihr ein paar schone Blumen verehren von meinem Herrn Paten; und nachstens kommt meine Mutter bald und bedankt sich recht schon; sie liegt aber noch im Bette, denn sie ist gar zu krank."
Natalie, die es oben gehort, kam herunter und sagte errotend: "Liebe Kleine, war ichs denn nicht? Gib mir nur dein Strausschen her." Die Kleine kusste, sie erkennend, ihr die Hand, dann ihren Rocksaum und endlich den Mund; und wollte die Kussrunde wieder anfangen, als Natalie den Strauss aufblatterte und unter seinen lebendigen Vergissmeinnicht und weissen und roten Rosen auch drei seidne Nachbilder derselben antraf. Auf Nataliens Frage der Befremdung, woher sie die teuere Blumen habe, antwortete die Kleine: "wenn Sie mir aber vorher ein paar Kreuzer schenkt"; und setzte, da sie solche bekommen, hinzu: "von meinem Hrn. Paten, der ist gar sehr vornehm", und lief die Gestrauche hinunter.
Allen war der Strauss ein wahres turkisches Selamoder Blumenratsel. Des Kindes schnelle Trauung Nataliens mit Siebenkas erklarte Leibgeber an sich leicht aus dem Umstande, dass der Advokat auf dem Wasserbecken-Ufer neben ihr gestanden und ihr die helfende Hand gereicht, und dass die Leute aus Irrtum uber die korperliche Ahnlichkeit dafur gehalten, anstatt Leibgeber sei niemand mit ihr so oft bisher spazieren gegangen als der Advokat.
Allein Siebenkas dachte mehr an den Maschinenmeister Rosa, der die Flickszene seines Lebens gern in jedes weibliche Spiel einflickte, und die Ahnlichkeit der welschen Blumen mit denen, die der Venner einmal in Kuhschnappel fur Lenetten ausgeloset, war ihm auffallend; aber wie hatt' er die frohe Zeit und selber die Freude uber die Votiv-Blumen des geretteten Kindes mit seinem Erraten truben konnen? Natalie bestand freundlich auf Teilung der Blumen-Erbschaft, da jedes etwas getan und sie beide wenigstens die Retterin gerettet. Sich behielt sie die weisse Seiden-Rose vor; Leibgebern trug sie die rote an der sie aber ausschlug und dafur eine vernunftige naturliche verlangte und solche sofort in den Mund steckte und dem Advokaten reichte sie das seidne Vergissmeinnicht und noch ein paar lebendige duftende dazu, gleichsam als Seelen der Kunstblumen. Er empfing sie mit Seligkeit und sagte, die weichen lebendigen wurden nie fur ihn verwelken. Darauf nahm Natalie nur einen kurzen Zwischen-Abschied von beiden; aber Firmian konnte seinem Freunde nicht genug danken fur alle seine Anstalten zum Verlangern einer Gnadenzeit, die mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde sein altes abgelebtes Leben einfasste.
Kein Konig in Spanien kann, obgleich die Reichsgesetze fur ihn Schusseln fullen und auftragen, so wenig aus nicht mehr als sechsen nehmen, als Firmian aus einer genoss. Trinken aber mocht' er wie uns glaubwurdige Geschichtschreiber melden etwas, und Wein ohnehin, und in der Eile dazu; denn fur Leibgeber konnt' er uberhaupt heute nicht selig genug sein, weil eben letzter, an und fur sich sonst nicht leicht von Herzen und Gefuhlen ergriffen, eine desto unaussprechlichere Freude daruber empfand, dass sein lieber Firmian endlich einmal einen hochsten Gluck- und Pol- und Ruhstern am Himmel uber sich bekommen, welcher ihm nun die Blutezeit seiner so dunngesaeten Blumen lind erwarme und bestrahle.
Durch seinen eiligen Doppel-Genuss gewann er der Sonne den Vorsprung ab und kam wieder vor das sonnenrote Schloss, dessen Fenster der prachtige Abend in Feuer vergoldete. Natalie stand aussen auf dem Balkon wie eine uberglanzte Seele, die der Sonne nachfliegen will, und hing mit ihren grossen Augen an der leuchtenden, erschutterten Welt-Rotunda voll Kirchengesang und an der Sonne, die wie ein Engel aus diesem Tempel niederflog, und am erleuchteten heiligen Grabe der Nacht, in das die Erde sinken wollte.
Noch unter dem Gitter des Balkons, auf den ihn Natalie winkte, gab ihm Heinrich seinen Stock: "Heb ihn auf ich habe andere Sachen zu tragen willst du mich haben, so pfeif!" Der gute Heinrich trug physisch und moralisch hinter einer zottigen Baren-Brust das schonste Menschen-Herz. Glucklicher Firmian, ungeachtet deiner Bedrangnisse! Wenn du jetzo durch die Glasture auf den eisernen Fussboden hinaustrittst: so sieht dich die Sonne an und sinkt noch einmal, und die Erde deckt ihr grosses Auge, wie das einer sterbenden Gottin, zu! Dann rauchen die Berge um dich wie Altare aus den Waldern rufen die Chore die Schleier des Tages, die Schatten, flattern um die entzundeten, durchsichtigen Gipfel auf und liegen uber den bunten Schmucknadeln aus Blumen, und das Glanzgold der Abendrote wirft ein Mattgold nach Osten und fallet mit Rosenfarben an die schwebende Brust der erschutterten Lerche, der erhohten Abendglocke der Natur! Glucklicher Mensch! wenn ein herrlicher Geist von weitem uber die Erde und ihren Fruhling fliegt, und wenn unter ihm sich tausend schone Abende in einen brennenden zusammenziehen: so ist er nur elysisch wie der, der um dich verglimmt.
Als die Flammen der Fenster verfalbten, und der Mond noch schwer hinter der Erde emporstieg: gingen beide stumm und voll ins helldunkle Zimmer hinab. Firmian offnete das Fortepiano und wiederholte auf den Tonen seinen Abend, die zitternden Saiten wurden die feurigen Zungen seiner gedrangten Brust; die Blumenasche seiner Jugend wurde aufgeweht, und unter ihr grunten wieder einige junge Minuten nach. Aber da die Tone Nataliens gehaltenes geschwollenes Herz, dessen Stiche nur verquollen, nicht genesen waren, mit warmem Lebenbalsam uberflossen: so ging es sanft und wie zerteilet auseinander, und alle seine schweren Tranen, die darin gegluhet hatten, flossen daraus ohne Mass, und es wurde schwach, aber leicht. Firmian, der es sah, dass sie noch einmal durch das Opfertor ins Opfermesser gehe, endigte die Opfermusik und suchte sie von diesem Altar wegzufuhren. Da lag der Mond plotzlich mit seinem ersten Streif, wie mit einem Schwanenflugel, auf der wachsernen Traube. Er bat sie, in den stillen, nebligen Nachsommer des Tages, in den Mondabend, hinauszugehen: sie gab ihm den Arm, ohne ja zu sagen.
Welche flimmernde Welt! Durch Zweige und durch Quellen und uber Berge und uber Walder flossen blitzend die zerschmolzenen Silberadern, die der Mond aus den Nachtschlacken ausgeschieden hatte, sein Silberblick flog uber die zersprungene Woge und uber das rege, glatte Apfelblatt und legte sich fest um weisse Marmorsaulen an und um gleissende Birkenstamme! Sie standen still, eh' sie in das magische Tal wie in eine mit Nacht und Licht spielende Zauberhohle stiegen, worin alle Lebenquellen, die am Tage Dufte und Stimmen und Lieder und durchsichtige Flugel und gefiederte emporgeworfen hatten, zusammengefallen einen tiefen, stillen Golf anfullten; sie schaueten nach dem Sophienberg, dessen Gipfel die Last der Zeit breit druckte, und auf dem, statt der Alpenspitze, der Koloss eines Nebels aufstand; sie blickten uber die blassgrune, unter den fernern, stillern Sonnen schlummernde Welt und an den Silberstaub der Sterne, der vor dem heraufrollenden Mond weit weg in ferne Tiefen versprang und dann sahen sie sich voll frommer Freundschaft an, wie nur zwei unschuldige, frohe, erstgeschaffene Engel es vor Freude konnen, und Firmian sagte: "Sind Sie so glucklich wie ich?" Sie antwortete, indem sie unwillkurlich nicht seine Hand, sondern seinen Arm druckte: "Nein, das bin ich nicht denn auf eine solche Nacht musste kein Tag kommen, sondern etwas viel Schoneres, etwas viel Reicheres, was das durstige Herz befriedigt und das blutende verschliesst." "Und was ist das?" fragt' er. "Der Tod!" sagte sie leise. Sie hob ihre stromenden Augen auf zu ihm und wiederholte: "Edler Freund, nicht wahr, fur mich der Tod?" "Nein", sagte Firmian, "hochstens fur mich." Sie setzte schnell dazu, um den zerstorenden Augenblick zu unterbrechen: "Wollen wir hinunter an die Stelle, wo wir uns zum erstenmale sahen, und wo ich zwei Tage zu fruh schon Ihre Freundin war und es war doch nicht zu fruh wollen wir?"
Er gehorchte ihr; aber seine Seele schwamm noch im vorigen Gedanken, und indem sie einem langen, gesenkten Kiesweg nachsanken, den die Schatten des Laubenganges betropften, und uber dessen weisses, nur von Schatten wie Steinen geflecktes Bette das Licht des Mondes hinuberrieselte, so sagt' er: "Ja, in dieser Stunde, wo der Tod und der Himmel ihre Bruder schicken124, da darf schon eine Seele wie Ihre an das Sterben denken. Ich aber noch mehr; denn ich bin noch froher. O! die Freude sieht am liebsten bei ihrem Gastmahl den Tod; denn er selber ist eine und das letzte Entzucken der Erde. Nur das Volk kann den himmelhohen Zug der Menschen in das ferne Land der Fruhlinge mit den Larven- und Leichenerscheinungen unten auf der Erde verwechseln, ganz so wie es das Rufen der Eulen, wenn sie in warmere Lander ziehen, fur Gespenster-Toben halt. Und doch, gute, gute Natalie! kann ich bei Ihnen nicht denken und ertragen, was Sie genannt. Nein, eine so reiche Seele muss schon in einem fruhern Fruhling ganz aufbluhen als in dem hinter dem Leben; o Gott, sie muss!" Beide kamen eben an einer vom breiten Wasserfalle des Mondlichts uberkleideten Felsenwand herunter, an die sich ein Rosen-Gegitter andruckte. Natalie brach einen grun- und weichdornigen Zweig mit zwei anfangenden Rosenknospchen und sagte: "ihr brecht niemals auf", steckte sie an ihr Herz, sah ihn sonderbar an und sagte: "Ganz jung stechen sie noch wenig."
Unten an der hl. Statte ihrer ersten Erscheinung, am steinernen Wasserbecken, suchten beide noch Worte fur ihr Herz: da stieg jemand aus dem trocknen Bekken heraus. Niemand konnte anders lacheln als geruhrt, da es ihr Leibgeber war, der hier versteckt mit einer Weinflasche neben abgebildeten Wassergottern gelauert hatte, bis sie kamen. Es war in seinem verstorten Auge etwas gewesen, das fur diese Fruhlingnacht aus solchem, wie eine Libation unseres Freudenkelches, gefallen war. "Dieser Platz und Hafen euerer ersten Landung hier", sagt' er, "muss sehr verstandig eingeweihet werden. Auch Sie mussen anstossen. Beim Himmel! von seinem blauen Gewolbe hanget heute mehr Kostbares herunter, dass mans ergreifen kann, als von irgendeinem Grunen." Sie nahmen drei Glaser und stiessen an und sagten (mehre unter ihnen, glaub' ich, mit erstickter Stimme): "Es lebe die Freundschaft! es grune der Ort, wo sie anfing! es bluhe jede Stelle, wo sie wuchs und wenn alles abbluht und alles abfallt, so dauere sie doch noch fort!" Natalie musste die Augen abwenden. Heinrich legte die Hand auf seinen achatenen Stockknopf; aber bloss (weil die seines Freundes, der ihn noch hatte, schon vorher darauf lag), bloss um diese recht herzlich und ungestum zu drucken, und sagte: "Gib her; du sollst heute gar keine Wolken in der Hand haben." Auf dem Achat hatte namlich die unterirdische Natur Wolkenstreifen eingeatzt. Diese verschamte Hulle uber den heissen Zeichen der Freundschaft wurde jedes Herz, nicht bloss Nataliens weiches, mit geruhrter Wonne umgekehret haben. "Sie bleiben nicht bei uns?" sagte sie schwach, als er fort wollte. "Ich gehe hinauf zum Wirte", sagt' er, "und wenn ich droben eine Querpfeife oder ein Waldhorn ausfinde: so stell' ich mich heraus und musiziere uber das Tal herein und blase den Fruhling an."
Als er verschwand, war seinem Freund, als verschwande seine Jugendzeit. Auf einmal sah er hoch uber den taumelnden Maikafern und verwehten Nachtschmetterlingen und ihren pfeilschnellen Jagern, den Fledermausen, im Himmel ein breites, einem zerstuckten Wolkchen ahnliches Gefolge von Zugvogeln durch das Blaue schweben, die zu unserem Fruhling wiederkamen. Hier sturzten sich alle Erinnerungen an seine Stube im Marktflecken, an sein Abendblatt und an die Stunde, wo ers unter einer ahnlichen Wiederkunft fruherer Zugvogel mit dem Glauben geschlossen hatte, sein Leben bald zu schliessen, diese Erinnerungen sturzten mit allen ihren Tranen an sein geoffnetes Herz und brachten ihm den Glauben seines Todes wieder und diesen wollt' er seiner Freundin geben. Die breite Nacht lag vor ihm, wie eine grosse Leiche auf der Welt; aber vor dem Wehen aus Morgen zuckten ihre Schattenglieder unter den beschienenen Zweigen und vor der Sonne richtet sie sich auf als ein verschlingender Nebel, als ein umgreifendes Gewolke, und die Menschen sagen: es ist der Tag. In Firmians Seele standen zwei uberflorte Gedanken, wie Schreck-Larven, und stritten miteinander; der eine sagte: er stirbt am Schlage, und er sieht sie ohnehin nicht mehr und der andere sagte: er stellet sich gestorben, und dann darf er sie nicht mehr sehen. Er ergriff, von Vergangenheit und Gegenwart erdruckt, Nataliens Hand und sagte: "Sie durfen mir heute die hochste Ruhrung vergeben ich sehe Sie nie mehr wieder, Sie waren die edelste Ihres Geschlechts, die ich gefunden, aber wir begegnen uns nie mehr Bald mussen Sie horen, dass ich gestorben bin oder mein Name verschwunden ist, auf welche Art es auch sei; aber mein Herz bleibt noch fur Sie, fur dich.... O dass ich doch die Gegenwart mit ihrer Gebirgkette von Totenhugeln hinter mir hatte und die Zukunft jetzo vor mir mit allen ihren offnen Grabhohlen, und dass ich heute so an der letzten Hohle stande und dich noch ansahe und dann selig hinuntersturzte."
Natalie antwortete nichts. Auf einmal stockte ihr Gang, ihr Arm zuckte, ihr Atem qualte sich, sie hielt an und sagte mit zitternder Stimme und mit einem ganz bleichen Angesicht: "Bleiben Sie auf dieser Stelle lassen Sie mich nur eine Minute lang auf die Rasenbank dort allein sitzen ach! ich bin so hastig!" Er sah sie wegzittern. Sie sank, wie unter Lasten, auf eine lichte Rasenbank, sie heftete ihre Augen geblendet an den Mond, um welchen der blaue Himmel eine Nacht wurde, und die Erde ein Rauch; ihre Arme lagen erstarrt in ihrem Schoss, bloss ein Schmerz, einem Lacheln ahnlich, zuckte um den Mund, und in dem Auge war keine Trane. Aber vor ihrem Freund lag jetzo das Leben wie ein aus- und ineinanderrinnendes Schattenreich, voll dumpfer, hereingesenkter Bergwerkgange, voll Nebel wie Berggeister, und mit einer einzigen, aber so engen, so fernen, oben hereinleuchtenden Offnung hinaus in den Himmel, in die freie Luft, in den Fruhling, in den hellen Tag. Seine Freundin ruhte dort in dem weissen kristallenen Schimmer, wie ein Engel auf dem Grabe eines Sauglings Plotzlich ergriffen die hereinfallenden Tone Heinrichs, gleichsam das Glockenspiel eines Gewittersturmers, die zwei betaubten Seelen wie vor einem Gewitter, und in den heissen Quellen der Melodie ging das hingerissene Herz auseinander.... Nun nickte Natalie mit dem Haupte, als wenn sie eine Entschliessung bejahte; sie stand auf und trat wie eine Verklarte aus der grunen uberbluhten Gruft und offnete die Arme und ging ihm entgegen. Eine Trane nach der andern floss uber ihr errotendes Angesicht; aber ihr Herz war noch sprachlos sie konnte, erliegend unter der grossen Welt in ihrer Seele, nicht weiter wanken, und er flog ihr entgegen sie hielt, heisser weinend, ihn von sich, um erst zu sprechen aber nach den Worten: "erster und letzter Freund, zum ersten und letzten Male" musste sie atemlos verstummen, und sie sank, von Schmerzen schwer, in seine Arme, an seinen Mund, an seine Brust. "Nein, nein", stammelte sie, "o Gott, gib mir nur die Sprache Firmian, mein Firmian, nimm hin, nimm hin meine Freude, alle meine Erdenfreuden, was ich nur habe. Aber niemals, bei Gott, nie sieh mich mehr wieder auf der Erde; aber (sagte sie leise) das beschwore mir jetzt!" Sie riss ihr Haupt zuruck, und die Tone gingen wie redende Schmerzen zwischen ihnen hin und her, und sie starrete ihn an, und das bleiche, zerknirschte Angesicht ihres Freundes zerruttete ihr wundes Herz, und sie wiederholte die Bitte mit brechendem Auge: "Schwore nur!" Er stammelte: "Du edle herrliche Seele, ja ich schwore dirs, ich will dich nicht mehr sehen." Sie sank stumm und starr, wie vom Tode beruhrt, auf sein Herz mit gebucktem Haupte nieder, und er sagte noch einmal wie sterbend: "Ich will dich nicht mehr sehen." Dann hob sie leuchtend wie ein Engel das erschopfte Angesicht auf zu ihm und sagte: "Nun ists vorbei! nimm dir noch den Todes-Kuss und sage nichts mehr zu mir." Er nahm ihn, und sie entwand sich sanft; aber im Umwenden reichte sie ihm ruckwarts noch die grune Rosenknospe mit weichen Dornen und sagte: "Denk an heute." Sie ging entschlossen, obwohl zitternd, fort und verlor sich bald in den dunkelgrunen, von wenigen Strahlen durchschnittenen Gangen, ohne sich mehr umzuwenden.
Und das Ende dieser Nacht wird sich jede Seele, die geliebt, ohne meine Worte malen.
Erstes Fruchtstuck
Brief des Doktor Viktor an Kato den Altern uber die
Verwandlung des Ich ins Du, Er, Ihr und Sie oder
das Fest der Sanftmut am 20ten Marz
Flachsenfingen, den 1ten April 1795
Mein lieber Kato der Altere!
Einen Wortbruchigen wie Sie, der so heilig zu meinem Feste zu reisen versprach und doch nicht kam, muss man nicht wie die Wilden andere Falscher ihres eignen Wortes damit strafen, dass man ihm die Lippen vernaht dabei verlore nur der Zuhorer , sondern dass man sie ihm wasserig macht. Wenn ich Ihnen unser Friedenfest der Seele recht treu und reich werde geschildert haben: so will ich mir vor dem Fluche die Ohren zuhalten, den Sie uber Ihren schlimmen Genius ausstossen. Wir philosophierten alle am Feste, und alle bekehrten sich, mich ausgenommen, der ich zu keinem Neubekehrten taugte, weil ich der Heidenbekehrer selber war.
Unsere Flotille von drei Kahnen der Furchtsamkeit der Damen wegen mussten wir den dritten nehmen lief den 20ten Marz nachmittags um 1 Uhr aus, stach in den Fluss, gewann die hohe See, und nach 1 Uhr konnten wir schon die Staubfaden und Spinnengewebe der Insel deutlich erkennen. Um 1/4 auf 2 Uhr stiegen wirklich ans Land der Professor dessen Eheliebste nebst einer Kleinen und einem Kleinen Melchior Jean Paul der Regierungrat Flamin die schone Luna (hier tun Sie Ihren ersten Fluch) der EndesUnterschriebene und die Frau desselben.
Es wurde einiger Burgunder ausgeschifft; in den Fruhlinganfang, der heute um 3 Uhr 38 Minuten bevorstand, wollten wir auf einem Strome der Zeit hineinfahren, den wir ansehnlich gefarbt und versusset hatten. Uber die Insel, Kato, waren viele ausser sich und wunschten meistens, sie hatten dieses holde bowlinggreen des Rheins, dieses Lustlager in den Wogen nur eher betreten. Luna, alterer Kato (irr' ich nicht, so haben Sie diese weiche Seele, die statt eines Korpers eine weisse Rose bewohnen und roten sollte, schon einmal gesehen), Luna weinte halb vor Entzucken (denn halb wirds Trauer uber jeden Abwesenden gewesen sein), halb vor Entzucken nicht sowohl uber die Erlen-Familien am runden Ufer oder uber die italienischen Pappeln, die trunken und zitternd in den umfangenden wiegenden Luften lagen, noch uber die grun-sonnigen Gange, sondern zwar erstlich uber alles dieses und uber den Fruhling-Himmel und uber den Rhein, der ihm seinen zweiten Himmel uber Amerika vormalte, und uber die Ruhe und Wonne ihrer Seele, aber doch hauptsachlich uber die Alpe mitten im Eilande.
Die Alpe wird bei Gelegenheit in diesem Schreiben abgeschattet. Ich fragte Lunen sogleich, wo Sie waren; "auf der Frankfurter Messe", repartierte sie. Wars denn wahr?
Eine ankommende Gesellschaft wird nicht wie die Bruchschlange von jeder Beruhrung des Zufalls in zehn zappelnde Stucke zerlegt; sogar die Weiber blieben bei uns, denen ich durch mein Anordnen des Abendessens alle Gelegenheit zu hauslichen Verdiensten abschnitt. Die Barataria-Insel sollte heute zu einem gelehrten Waffenplatz und Kriegtheater werden. Ich liebe das Disputieren; gelehrte Zankereien sind einer Gesellschaft so erspriesslich als verliebte der Liebe oder als Schlagereien der MarionettenOper. Gewisse Menschen sind gleich den Herrnhutern, die sonst den Beichtstuhl und das Beichtkind wechselnd machten und sich einander ihre Seelen malten, ihre eigne Steckbriefe und heften Anschlagzettel von ihrem Innern in dreier Herren Landen an und so bin ich: einen Fehler, den ich an mir finde oder andere, namlich einen deutschen Anzeiger davon, trag' ich sogleich durch die halbe Stadt, wie Damen den Zeugenrotul von einem fremden. Seit drei Wochen, mein lieber Kato, ist nun meine ganze Seele mit einem unverruckten Sonnenschein von Ruhe und Liebe uberdeckt, den mir der sel. Oberpikeur, der ihn selber nicht hatte, ohne sein Wissen vermachte; und jetzo rast' ich nicht, bis ich diesen kostlichen Nachlass auf euch alle weiter vererbe.
Als Polizeileutenant der Insel konnt' ich also auch Polizeianstalten uber die Gesprache auf ihr treffen; und ich lenkte unsers auf den Pikeur. Die Wespen sumsten nun aus ihrem Neste; die erste Wespe war Ihr Hr. Bruder Melchior selber, der in den Geiz des Pikeurs seinen Stachel schoss und sagte: diese Leute, die ihre Beute im Sarge erst der Armut vererbten, glichen den Hechten, die im Fischkasten den verschluckten Raub sogleich von sich geben; sie sollten es aber lieber wie Judas Ischariot machen und noch vor ihrem Hangetag ihre Silberlinge in die Kirchen werfen. Der zweite Bruder war die zweite Wespe, Hr. Jean Paul, der sagte: "Bloss Geizhalse sterben nie lebensatt, noch unter den Handen des Todes suchen sie mit ihren etwas zu verdienen und kutten sich, wie die zerschnittene Napfmuschel, noch furchterlich mit der blutigen Halfte an die Erdscholle fest." "Ach", sagt' ich, "jeder Mensch ist in irgend etwas ein ausgemachter Filz. Ich kann einen Menschen, der sich nur auf eigne Kasteiungen und Mortifikationen einschrankt, nicht mehr so bitter verfolgen, als ich sonst tat: was fur ein ausserordentlicher Unterschied ist denn zwischen einem gelehrten antiken Wardein, der alle Freuden seines Lebens destilliert, abdampfet und anschiessen lasst in den Rost eines Munzkabinetts, und was fur einer zwischen dem Filze, der die Exemplare seines Munzkabinetts wie Stimmen zugleich wiegt und zahlt? Wahrlich ein geringerer als der unserer Urtel uber beide." Nun wollt' ich geschickt auf den Pikeur uberlenken; aber man bat mich allgemein, nach der Uhr zu sehen. Den Insulanern hatt' ich als Vice-Re beim Hafen alle Uhren wie Degen abgenommen, damit sie heute ohne Zeit, bloss in einer seligen Ewigkeit lebten; nur Paul behielt seine, weil es eine von den neuen Genfern war, deren Zeiger, immer auf 12 Uhr hinweisend, erst nach dem Druck einer Springfeder die rechte Stunde angibt.
Es war schon 3 Uhr vorbei: in 38 Minuten hielt der Fruhling, dieser Vor-Himmel der Erde, dieses zweite Paradies, seinen grossen Einzug uber die murben Ruinen des ersten; aus dem Himmel waren schon alle Wolken geraumt, Fruhlinglufte hingen kuhlend um die im Blauen brennende Sonne; und druben auf einem Weinhugel des Rheins schlug schon in einem zusammengeschlichteten Gebusche von abgeschnittenen Kirschenzweigen ein vom Fruhling vorausgeschickter Vorsanger, eine Nachtigall, und wir konnten in ihrem durchsichtigen Gitterwerk die Tone in ihrem Kehlengefieder zittern sehen.
Wir stiegen auf den kunstlichen Gotthardsberg, der sich mit Rasenbanken und ausgelaubten Nischen umgurtet und auf dessen Gipfel eine Eiche statt einer Krone steht. Oben sind statt eines zwingenden Rundes aus Rasen, das jedem seine Richtung vorschreibt, bloss einzelne Rasensitze. Der Mensch, die Eintagfliege uber einer Welle Zeit, braucht uberall Uhren und Datumzeiger zu Abmarkungen am Ufer des Zeitenstroms; er muss, obgleich jeder Tag ein Geburtund Neujahrtag ist, doch einen eignen dazu munzen: es schlug in uns 38 Minuten aus dem wellenschlagenden Blau herab schwamm ein weites Wehen nieder und wiegte, im Auseinanderwallen, die quellenden Reben und die matten Pfropfreiser und die weichen Holunderfuhlfaden und die kraftige spitzige Wintersaat und warf die ziehenden Tauben hoher. Die Sonne beschauete sich trunken uber der Schweiz im glanzenden erhabnen Eisspiegel des Montblanc, indes sie unbewusst wie mit zwei Armen des Schicksals Tag und Nacht in Halften zerstuckte und jedem Lande und Auge so viel herunterwarf wie dem andern. Wir sangen Goethes Lied auf den Fruhling. Die Sonne zog uns von dem Berge in die Hohe wie Tau, und die losfallende Erde ruhrte taumelnd an unsere Fusse, und die Lethe des Lebens, der Wein, hullte das dunkle Ufer zu, worin er zog, und spiegelte bloss Himmel und Bluten ab. Klotilde sagte jetzo, als ich weghorte, nicht zu uns, sondern zu Ihrer Luna ich bin jetzt, lieber Kato, erinnerungtrunken, und ich lade Sie hiemit sogleich ein auf den loten April-: "Ach wie schon ist die Erde zuweilen, Teuerste ich glaube, wir sollten sie weniger herabsetzen sind wir nicht wie Orest in der Iphigenie und glauben in der Verbannung zu sein, indes wir schon im Vaterlande sind?"
Jeder Tritt vom Berge herab senkte uns wieder in die gewohnliche Sumpfwiese des Lebens ein. "Was hilft uns", sagte Melchior ordentlich unmutig, "alle diese Pracht in und ausser uns, wenn morgen eine einzige leidenschaftliche Erschutterung eine Lauwine von Schneeklumpen auf alles Warme und Bluhende in uns wirft. Der April im Universum verdriesst mich nicht, aber der in der Menschen Brust man ist am hartsten nach der Erweichung und bis zum Weinen zerschmolzen nach einer morderischen Erschutterung, wie das Erdbeben warme Quellen gibt. Morgen, das weiss ich, feind' ich und fahr' ich in der Sitzung wieder alles an. Jammerlich, jammerlich! Und du, Flamin, bist gar nicht besser!" Dieser sagte ruhrend-aufrichtig: "jawohl!" Luna und meine Frau nahmen die Professorin zwischen sich und jede eines ihrer Kinder auf den Schoss und setzten sich auf den untersten grunenden Wall des Berges, auf die Sonnenseite der Nachtigall: wir waren zu lebhaft zum Sitzen.
"Ach", sagte Jean Paul und lief mit hinabhangenden gefalteten Handen auf und ab und schuttelte den Kopf und warf den Hut weg, um wenigstens die Augen hoher und freier zu haben, "ach, wer ist denn anders? Den Schwur einer ewigen Menschenliebe tun wir in allen Stunden, wo wir weich sind oder jemand begraben haben oder recht glucklich waren oder einen grossen Fehler begangen oder die Natur lange betrachtet haben oder im Rausche der Liebe oder in einem irdischern sind; aber anstatt menschenfreundlich werden wir bloss meineidig. Wir schmachten und dursten nach fremder Liebe, aber sie gleicht dem Quecksilber, das sich zwar so anfuhlt wie Quellwasser und so fliesst und so schimmert und das doch nichts ist als kalt, trocken und schwer. Gerade die Menschen, denen die Natur die meisten Geschenke gemacht hat und die also andern keine abzufordern, sondern bloss zu erteilen hatten, begehren, gleich Fursten, desto mehr vom Nebenmenschen, je mehr sie ihm zu geben haben und je weniger sie es tun. Gerade zwischen den ahnlichsten Seelen sind die Misshelligkeiten am peinlichsten, wie Misstone desto harter kreischen, je naher sie dem Einklange sind. Man vergibt ohne Ursache, weil man ohne Ursache zurnte; denn ein gerechter Zorn musste ein ewiger sein. Nichts beweiset die elende Unterordnung unserer Vernunft unter unsere herrischen Triebe so auffallend, als dass wir unter den Heilmitteln gegen Hass, Kummer, Liebe u.s.w. die blosse platte Zeit aufstellen die Triebe sollen vergessen oder ermuden, zu siegen die Wunden sollen unter dem Markgrafen- oder sympathetischen Pulver des Flugsandes in der Sanduhr der Zeit versanden. Gar zu jammerlich! Was hilft aber alles und am Ende mein Klagen?"
"Die Sache ist" antwortete der helle sanfte Professor, in dessen Kolorite nur einige pedantische Tuschen gebraucht sind : "die Gefuhle der Menschenliebe125 helfen nichts ohne Grundsatze." "Und Grundsatze", sagte Paul, "nichts ohne Gefuhle."
"Folglich" fuhr der Professor fort; denn ich konnte mit meinem Pikeur nicht zum Schlagen kommen und hielt mussig mit ihm im Hintertreffen "mussen beide so verbunden sein wie Genie und Kritik, wovon jenes allein nur Meister- und Schulerwerke, und diese allein nur Alltagwerke liefern kann. Mich dunkt, der Mangel an Liebe kommt nicht von unserer Kalte, sondern von der Uberzeugung her, dass der andere keine verdiene; die kaltesten Menschen wurden die bessere Meinung von ihren Mitbrudern und die grossere Warme gegen sie zugleich bekommen."
"Muss man denn aber nicht, Hr. Professor", sagte Klotilde, "eben das Unrecht dem Feind vergeben? Das Recht soll man ja nicht vergeben?"
"Naturlich nicht" antwortete er, aber weiter wollt' er sich nicht storen lassen. "Eigentlich kann keine andere Hasslichkeit und Schadlichkeit ein Gegenstand unsers Hasses sein als die moralische."
"Ich konnte Sie hier sogleich", sagte Jean Paul, "mit grimmigen Tiergefechten und kriegenden Kinderstuben aufhalten; denn beide fuhlen keine Immoralitat des Feindes und hassen ihn doch; aber ich kann mich selber beantworten, wenigstens so so. Hasseten wir nicht blosse Immoralitat: so musste der hereinhangende Zweig, der uns entgegenschluge, und der Mensch, der ihn abgeschnitten, um dasselbe damit gegen uns zu tun, uns auf gleiche Art erbittern. Die Entrustung eines geschlagenen Kindes ist vom Abscheu des Selbsterhaltungtriebes, z.B. von dem Abscheu vor Scheidewasser oder vor Wunden, verschieden; es ist in ihm ein doppeltes, wesentlich verschiedenes Unbehagen vorhanden, das uber die Wirkung und das uber die Ursache. Wesen, die der Moralitat fahig sind, unterscheiden sich von denen, die es nicht sind, nicht im Grade, sondern in der Art; folglich kann kein nichtmoralisches mit der Zeit oder stufenweise in ein moralisches ubergehen. Wenn nun Kinder in irgendeinem Alter vollige nichtmoralische Wesen waren: so konnten sie in keinem Jahre auf einmal anfangen, andere zu werden. Kurz ihr Zorn ist nur ein dunkleres Gefuhl der fremden Ungerechtigkeit. Bei den Tieren weiss ich weiter nichts zu sagen, als dass in ihnen Verwandtschaften unserer moralischen Gefuhle sein mussen wer ihnen Seelen-Unsterblichkeit verleiht wie wir, der muss ihnen ohnehin einige Anfanggrunde und praexistierende Keime der Moralitat einraumen, waren auch diese von ihrem tierischen Wulste noch starker als das Gewissen bei Schlafenden, Wahnsinnigen und Trunknen uberschwollen.......Ach, hier ist Nacht an Nacht! Und diese Dunkelheit, Hr. Professor, sei meine Strafe fur mein Unterbrechen und Verbauen Ihres Lichts."
"Wenn also", fuhr er fort, "der Hass sich bloss gegen moralische Fehler richtet: so ists sonderbar, dass wir niemals, auch sogar fur die grossten, uns selber hassen."
"Mich dunkt", sagte Flamin, "man sei sich aber zuweilen wegen seiner Ubereilungen spinnefeind." "Auch wurden Ihre Grunde", setzte Jean Paul hinzu, "ebensogut gegen die Liebe gelten, halb wenigstens; aber antworten Sie nur dem da!"
"Uns selber", sagt' er, "hassen wir nie, sondern wir verachten oder bedauern uns nur, wenn wir gesundigt haben; gleichwohl das wollt' ich noch dazufugen feinden wir alle Menschen, unser Ich ausgenommen, der Laster wegen an. Kann das recht sein? Selberhass, Hr. Regierungrat", fuhr er mit hoherer Stimme fort, "ist nicht moglich; denn Hass ist nichts als ein Wunsch des fremden Unglucks, d.h. ein Wunsch der Strafe, nicht einer bessernden, sondern einer rachenden. Eine solche Zuchtigung kann sich aber der bussfertigste Sunder selber nicht wunschen; und sogar dieser Wunsch ware nichts als ein versteckter der Besserung, d.h. der Begluckung. Einem fremden Sunder aber gonnen wir kaum schnelle Bekehrung, wenigstens keine ohne den Durchgang durch vergeltende Bussungen. Was also in unserer Empfindung gegen fremde Fehler mehr ist als in der gegen eigne, das ist eine Verfalschung von unserer Eigensucht Der kleinste Hass begehrt das Ungluck des Feindes: das hab' ich noch zu erweisen."
Seine eigne Frau wandte ein: "Mein eignes Herz sagt mir ja deutlich, dass ich meine argste Feindin weder um Haus und Hof noch um ihre Kinder noch ins Elend bringen mochte ich hielt' es nicht einmal aus, wenn eine meinetwegen ein Auge nass machen musste."
"Recht gut!" verfolgt' er kalt, "die bessere Seele wird nie ihrem Gegenfussler einen Beinbruch vergonnen, noch ihn hulflos ohne einen Flocken von Wundfaden oder einen Wunsch der Heilung verlassen im Knochenbruch; aber ich weiss, dass dieselbe bessere Seele sich an seinen kleinern Schnittwunden des Lebens belustigt an seinen Beschamungen an seinem Spielverlust am Ruckgange seiner Schlitten-Lustfahrt an seinem komischen Gebardenspiel und Anzuge am Ausfallen seines Haars " (Hier kam er unschuldigerweise unserm Jean Paul in seines, dessen Scheitel das Schicksal der neunten Kurwurde hat.) "Die mildeste Seele verbirgt nur hinter ihre weiche Teilnahme an grossen Schmerzen das harte Wohlgefallen an kleinen, die doch das kleinere Beileid fodern. Die zartesten Menschen, die ihrem Feinde nicht die kleinste Hautwunde ritzen konnten, schlagen seinem Herzen doch mit Vergnugen tausend tiefere." "Ach, wie ist das moglich?" sagte Luna. "Es ware auch wohl nicht moglich", antwortete ihr Klotilde, "wenn der Seelenschmerz eine so bestimmte Physiognomie und so sichtbare Tranen hatte wie der korperliche."
"Ja", sagte der Professor, " das ists... Um sich gegen Lasterhafte sanfter zu machen, denke man sie sich nur ganz in seine Hande geliefert: was wurde man ihnen denn antun wollen? Die peinliche Frage oder Folter wurden wir nach dem ersten Bekenntnisse ihrer Mangel einstellen. Aber eben durch die Unmoglichkeit, die Strafe auszuteilen, wird unsere Entrustung sowohl verewigt als verdoppelt."
"Ja, wahrlich!" sagte Melchior. "Je ofter ich von den zwei lebendigen Guillotinen des Jahrhunderts, deren Lippen Parzenscheren waren, von Alba und Philipp, lese oder meinetwegen von den zwei andern Volker-Schnittern, Marat und Robespiere: desto scharfer frisst mir, da ihnen der Tod die AmnestieAkte geschrieben, das Atzwasser des Grimms ihr Strafurtel in mein eignes Herz."
"Und doch", fiel ich einmal ein und liess den Pikeur bei dem Nachtrab, "soll mir und Ihnen heute jemand den Herzog und den Konig lebendig einhandigen und zwei Kessel warmes Ol dazu... nein, ich konnte keinen hineinwerfen, es musste denn das Ol recht lange in der Kalte gestanden sein; ich wurde sie mit einer Realterrition und mit einigen hundert Infamienstrafen begnadigen. Ach, welcher eiserne Mensch ware doch das, der ein von Qualen berstendes Herz und ein Angesicht, auf das der Wurm der Pein seine Windungen zoge, nicht wenn er konnte mit einer kuhlenden heilenden Hand besanftigte und labte. Aber", fuhr ich hurtig fort, um einmal von meinem Pikeur Gebrauch zu machen, "im Affekte stellet uns die Erinnerung an alle vorige Irrtumer desselben nicht im geringsten gegen jetzige sicher."
"Sie lassen mich", fiel der Professor ein, "nur nicht zum Worte. Denn ich bin noch manche Erweise schuldig, die ich so gern abtrage. Unser Hass verkehrt als Affekt allemal jede Tat in ein ganzes Leben jede Eigenschaft in eine Person, oder richtiger, da wir die Person doch nur im Spiegel ihrer Eigenschaften erblicken, eine Eigenschaft in alle; nur in der Freundschaft, nicht im Hasse wissen wir recht leicht den verdorbenen Bestandteil von der Person zu trennen, ja bei ihr verstatten wir uns die umgekehrte Verwandlung der Attribute (Eigenschaften) ins Ich.
Wir hassen, insofern wir hassen, immer so, als hatte der Gegenstand weder vergangne Tugenden, noch Anlagen dazu, kein Mitleiden, keine Wahrheit, keine Kinderliebe, keine einzige gute Stunde, gar nichts. Kurz wir machen, da wir nur auf das Ich, nicht auf die augenblickliche Erscheinung desselben zurnen, das Wesen, dessen Strafe wir aussprechen, zu einem rein-bosen Wesen. Und doch ist nicht einmal eines denkbar; die Stimme des Gewissens, die in ihm tonte, obwohl umsonst, wurde das erste Gute sein, der Schmerz, den es fuhlte, das zweite, und jede Freude und jeder Trieb des Lebens wieder eines."
"Ach, wie schon", sagte Luna, "dass es kein so boses Wesen gibt und dass wir keines ganz zu hassen brauchen."
"Das Ich kann schon darum", schloss er weiter, "nicht angefeindet werden, weil es noch dasselbe ist, wenn es sich bessert und unsre Zuneigung erringt."
In der Eiligkeit des Kampfes wurde von den zwei Hohlspiegeln, die uns die fremde moralische Verzerrung noch wilder verzerren, einer vergessen, es war unsere Ichsucht. Wenn ich oft Frauen von gleichem Wert und Selbstgefuhle auf dem Markte keifen horte und sah, und wenn die erste mit Lust das Schimpfwort wie einen gluhenden Stein in die Brust der zweiten schleuderte, die mit Unlust in Wellen um den Stein aufsod und brauste, indes die dritte sich auf dem Mittelwege kuhl dabei verhielt: so schamt' ich mich der Menschheit, dass dieselbe Injurie oder Immoralitat, die auf alle dieselbe Wirkung machen sollte, in dem einen Menschen eine zu starke, im zweiten eine zu schwache, im dritten eine gleichgultige nachliess.
Auf den zweiten Verzerr-Spiegel zeigte Paul: auf die Sinne. Denn diese machen den Essig des Hasses um die Halfte scharfer, indem sie das Sinnliche des Feindes, seine Kleider, Mienen, Bewegungen, Tone etc. gar in den Sauertopf als Essigmutter werfen.
Hier erschien der gordische Knoten, den ich nur mit dem Pikeur zerhauen konnte: "Wer rettet uns denn von den Sinnen?" fragt' ich mit einiger Hoffnung. "Ich lasse", fuhr Melchior auf, "wenigstens meiner Menschenliebe die Sinne nicht abrechnen: sie sind das Stroh, womit das Feuer unter dem steigenden Luftball des Herzens unterhalten wird." Aber Jean Paul drangte mich von dem Knoten zuruck: "Ich bewahre", sagt' er, "ein gutes versussendes Mittel, wenn ein Sunder meine Sinne erbittert. Ich nehm' ihn und zieh' ihm wie ein siegender Feind alle Kleider aus und lass' ihm nicht einmal Hut und Zopf wenn er nun so jammerlich und kahl wie ein Toter vor mir steht (in der Phantasie namlich): so fangt der Schelm schon an, mich zu dauern. Das langt aber nicht zu: ich muss mich noch mehr versussen und gehe weiter und schlitze ihn durch einen langen Schnitt in die drei Kavitaten (Hohlungen) von oben bis unten entzwei wie einen Karpfen, so dass ich leicht das Gehirn und Herz pulsieren sehen kann. Der blosse Anblick eines roten Menschenherzens dieses Danaidengefasses der Freude, dieses Behaltnisses von so manchem Jammer macht als eine lebendige Lorenzodose mein eignes weich und schwer; und ich habe oft auf dem anatomischen Theater einem Strassenrauber nicht eher vergeben, als bis uns der Prosektor das Herz und das Gehirn des Inquisiten vorwies. Du ungluckliches, du jammervolles Herz, wie manche gluhende und wieder gefrierende Blutwellen mogen sich durch dich gewalzet haben! musst' ich allzeit mit innerster Ruhrung denken. Verfing aber alles nichts an mir: so tat ich das Ausserste und schlug den Feind tot und zog das nackte flatternde Seelchen, den Abendschmetterling, aus der Gehirnkammer-Verpuppung und hielt mir so den zappelnden Abendvogel zwischen den Fingern vors Gesicht und sah den Vogel an ohne allen, allen Groll."
"Sich den Feind", sagt' ich, "entkleidet oder entkorpert zu denken, um ihn so zu ertragen wie Tote, die man vielleicht eben deswegen so liebt, das ist ja ganz meine Operation, wenn ich oft den gehassigen Eindruck einer abscheulichen Physiognomie mir dadurch zu mildern trachte, dass ich solche schinde und dann die skalpierte Haut zuruckschlage."
Nunmehr nahm ich mir ernstlich vor, die Throninsignien und den Zepter der Unterredung nicht mehr aus meinen Handen zu geben. Ich hob also an: "Wer schenkt uns aber Kraft oder Zeit, mitten im Waffentanze der Welt, in den schnellen Evolutionen unserer Affekten uns diese wahren Grundsatze nicht bloss erinnerlich, sondern sinnlich und lebhaft zu machen? Wer kann der Ather-Flamme der Menschenliebe unter so vielen Menschen, die sie ausgiessen, ersticken und uberbauen, genug Brennstoff nachschuren? Wer halt uns fur den Mangel eines heitern milden Temperaments schadlos? wer oder was?" Als ich diesem Waffengriffe oder Schafte den Pikeur als Spitze anmachen wollte: wurde das kalte Abendessen hergetragen, und die Professorin lief weg, ihre Kinder zu holen. Denn das Essen musste vor Sonnenuntergang abgetan sein, weil es als eine neue Lage grunes Brennholz die Flamme des Enthusiasmus auf einige Zeit verschlichtet und die gerade purpurne Feuer-Pyramide zersplittert. Man wartete vergeblich auf mein Fortfahren; ich schuttelte und nickte: wenn wir wieder beisammen sind und alle sitzen.
Unter dem Essen konnte ich gemachlich meine Sprachmaschine aufstellen und drehen: "Ich fragte vor dem Essen einige Male fing ich an : wer kann uns alle Grundsatze der Menschenliebe beleben, auffrischen, tatig machen? Der Oberpikeur, versetz' ich; aber ich befahre, ich habe durch ofteres Anlaufen und Ansetzen zu meinem Fechtsprunge eine grossere Erwartung davon erregt, als mir und dem Sprunge frommen mag. Der Pikeur liess mich einen Tag vorher, ehe das Stumpchen von seinem Lebenlichte gar in den Leuchter versank und zerfloss, vor sein hartgedrucktes Krankenlager kommen und verlangte von mir kein Rezept eine Haussuchung. Er zog meinen Kopf zu seinem magern Kopfkissen nieder und sprach so: 'Sie sehen, Hr. Doktor, der Tod setzt mir sein Weidmesser schon an die Kehle. Ich fahre aber wohlgemutet dahin, und was ich Zeitliches hinter mir lasse, wend' ich der Armut zu. Ich habe mir dessen darf ich mich ruhmen in meinem ganzen Leben wenig zugute getan und bloss fur Arme gedarbt, gekargt und geschwitzt und ein solcher Christ macht sein Testament mit Freuden: er weiss, er wird dort belohnt. Aber ein harter Stein liegt mir auf dem Herzen: ich habe weder Kind noch Kegel, weder Hund noch Katz', und pfeif' ich auf dem letzten Loche, so ist die alte Frau, die mir die Stube auskehrt, ganz allein im Hause. Nun kann sie mich sie ist ein grundehrliches Ding, aber blutarm ausstehlen, eh' gerichtlich versiegelt ist. Hr. Doktor, Sie fleh' ich an, Sie sind ein Freund der Armen wie ich und rezeptieren oft gratis, Sie sollen mit dem Notarius, dem ich nicht mehr traue als meiner Vettel, zum Besten einer armen Jagerschaft und hiesigen Hausarmut, die ich gestern mit meinem sauern Schweiss testamentlich bedacht, in alle Stuben gehen und alles ehrlich inventieren und uber alles, was im Hause ist, ein Notariatinstrument ausfertigen lassen. Hier beim ersten Artikel fangt der Notarius an, bei den Hosen unter dem Kopfkissen, weil mein Geldbeutel drinnen steckt.'
Ein Mensch, dessen Stoppeln der Tod vollends umsturzt und einackert, hat bei mir ein grosseres Recht als das der ersten Bitte, er hat das der letzten. Ich erschien den andern Tag und brachte den Notarius und meinen Hass gegen den argwohnischen Sterbenden mit. Ich half mit lustiger Kalte die Effekten der Krankenstube protokollieren: seinen von der abgescheuerten Jagdtasche gebohnten Jagdrock, seine abgegriffne Gewehrkammer, die er oft in Sturmen vor dem Fuchshau als Wild-Schildwache prasentiert hatte, und sogar den ledernen Unterzieh-Schuh des Daums und die lange Mumien-Bandage der Nase, die er uber den Wunden beider getragen, als er sich solche mit seiner eignen Vogelflinte geschossen hatte.
Da wir die ubrigen stummen Zimmer, die leeren Schalengehause seiner vertrockneten Tage, durchgingen: fing schon das gefrorne Blut in mir aufzutauen an und rollte in warmere leichte Quecksilberkugelchen auseinander. Als ich aber gar mit dem Notarius in die Rumpelkammer stieg und da die Trodelbude seiner alten Schlafrocke durchblatterte, dieser Raupenbalge und Bluthemden seiner Fiebernachte, in denen ich ihn noch einmal dursten und stohnen sah ferner seinen Patenbrief und seinen daraus in Silber nachgestickten Namenzug auf den Halskragen der Huhnerhunde und das Kniestuck seiner schonen Mutter, der er als ein lachelndes Kind im Schosse sass, und das drahtene, mit gruner Seide ubersponnene Brautkranzchen seiner Frau.... (Um Gottes willen, stort mich nur jetzt nicht mit Zureden, wahrlich ich habe schon davon gegessen) als ich diese Opernkleider, diese Opernkasse und diese Theatermaschinen in die Hande nahm, womit der kranke Schauspieler unten die Proberolle eines Harpaxes zum Besten der Armen hienieden gespielt: so tat mir nicht nur der moralische Kassedefekt und der magere Freuden-Monatsold des siechen Mannes im Erdgeschosse weh, sondern ich wunschte ihm auch nicht mehr Strafe und Elend, als er sich selber wunschen wurde, wenn er sich vor dem Sturze ins tiefste Erdgeschoss aufrichtig bekehrte; nein, eher weniger Elend. Ich hatte also keinen Hass mehr; denn ich setzte mich nicht bloss in seine aussere Stelle wie andere tun, die sich bloss mit ihrer eignen ganzen Seele, ihren Wunschen und Gewohnheiten etc. in des andern physische Stelle denken , sondern in seine innere, in seine Seele, in seine Jugend, seine Wunsche, seine Leiden, in seine Gedanken. Ich sagte, indem ich die Treppe herunterging: 'Armer Pikeur, ich habe keine satirische Freude mehr an deinem nagenden Argwohn, an deinen Irrtumern und Selbgeschossen des Geizes, an deinem knikkernden Hunger du musst eine ganze lange Ewigkeit mit deinem Ich auskommen und leben wie ich mit meinem. Du musst mit ihm aufstehen und umherziehen und allein fur dasselbe sorgen und du musst dich ja lieben wie ich mich; ja wider Willen auch die Not und die Sunde an diesem Ich aushalten. Ziehe damit in Frieden hin in die andere Welt, wo statt der zerbrochnen Glaser schon neue gestimmte fur die verstimmte Harmonika deines Lebens werden zu finden sein im grossen Geister-Hause.'
Auf der Treppe schrie mir die alte Frau das Verscheiden des Mannes entgegen. Ich traf im Bette den gelben nasskalten Korper ohne Sinne an und sah, dass er bald das letzte Buhnenkleid abwerfe, den Leib. Den andern Tag verkundigte mir das Gelaute seine Zuruckkehr in die Erde, in diese theatralische AnziehStube der Seelen und Blumen wie auf andern Buhnen werden wir herein und hinausgeklingelt.
Noch unterweges probiert' ich mein gemassigteres System auch dem armen Notariat-Teufel an, und am Tage darauf wurde es den Juristen anversucht, die aus den Kollegien kamen (Jean Paul! wahrlich ich bin jetzt mild, kommuniziere uns deinen Einfall nachher, fahr mir nur jetzt nicht dazwischen) Ich tats, sag' ich, und sogar mit den Plebejern unter ihnen, die diesen Stand, den einzigen freimutigen im Staate, verunehren, konnt' ich einen Frieden meines Herzens schliessen. Denn ich durfte ja nur denen Advokaten und denen von meinen medizinischen Kollegen, denen ich oft so hitzig die von ihnen selber gemunzten Preismedaillen abschnitt und einschmolz, das Dach uber dem Kopfe abdecken, das Mauerwerk aus dem Sparrwerk brechen und ihre Stuben allen vier Winden aufmachen: dann konnt' ich hinein gucken und darin alles sehen, was mich versohnte, ihre Haushaltung, ihre schuldlosen Weiber, ihren Schlaf, d.h. ihren Schein-Tod, ihre Krankheiten, ihre Tranen, ihre Geburt- und Trauertage. Wahrlich um einen Mann zu lieben, brauch' ich mir nur seine Kinder oder Eltern zu denken und die Liebe von und zu ihm. Diese menschenliebende Seelenwanderung legt man in jeder Minute leicht zuruck, ohne den Luftball der Phantasie und ohne die Taucherglocke des Tiefsinus. Beim Himmel! es ist eine Sunde, dass ich erst dreissig Jahre alt werden musste, eh' ich darhinter kam, was die Eigenliebe eigentlich will, meine und jede nichts als Wiederholungen des Ich sucht sie um sich zu haben, sie dringt darauf, dass jeder Infant der Erde ein Pfarrsohn sei wie ich dass jeder edle Menschen verloren und gewonnen dass jeder ein Leibarzt sei und vorher in Gottingen den Wissenschaften obgelegen dass er Sebastian heisse und dass gegenwartiger Berghauptmann sein Leben in 45 Hundposttagen geschrieben kurz dass es auf der Erde 1000 Millionen Viktors gebe statt eines einzigen. Ich bitte jeden, in seiner eignen Seele Auskundschafter herumzuschicken und nachsehen zu lassen, ob sie nicht tausendmal hasse126 , weil der andere eine Speckkammer auf dem Magen tragt, oder weil er so dunn ist wie eine Fadennudel, oder weil er Kreissekretar ist, oder weil er sein Kalbfleisch mit Butter begiesset127 oder weil er katholischer Nachtwachter in Augsburg ist und einen Rock, links weiss, rechts rot und grun, tragt. Die Menschen sind so sehr in ihre Ich eingesunken, dass jeder den Kuchenzettel fremder Leibgerichte gahnend anhort und doch mit dem Intelligenzblatte der seinigen andere zu erfreuen meint."
Die befiederte Echo, die Nachtigall, schlug den Tonen der ungehorten Spharen-Musik nach und brachte sie uns hernieder; aber ich musste meinen Herabschuss vom Berge Senis gar hinaustun und gab, da ich schon das Lob des Vogels besorgte, es ihm nikkend hurtig voraus. "Gottlich! Himmlisch! Ich horche immer gelegenheitlich mit hin! Aber nur noch eines: in den Tanzsalen, in den Vorzimmern, in grossen Gesellschaften, deren heisser Lerchenrost einem Swift alles Fett ausbrat, werd' ich seit meinen empfindsamen Reisen in fremde Seelen froher und fetter. Diese Duldung des Sunders schliesst eine noch grossere des Narren und die grosste des Dunsen ein, obgleich die grosse Welt diese drei geduldeten Sekten gerade im umgekehrten Verhaltnis ihres Unwerts bekriegt. Diese Amnestie der Menschheit macht die Pflichten der Liebe leichter und die hohen Entzuckungen der Freundschaft und Liebe gerechter, weil die Glut der letztern das Herz oft fur die ubrigen Menschen verglaset und verkalkt. Daher ist die letzte und beste Frucht..."
Klotilde sah mich fragend und bittend um die Erlaubnis eines Wortes und fast zurechtweisend an, da ich mich in die Stelle derer zu setzen vergass, denen ich diese Versetzung anlobte. Ich hielt errotend inne. Jean Paul bemerkte: "Daher fahren die Zuhorer im Konzertsaale gerade bei den schonsten Adagios, die sie am meisten erweichen, am meisten uber Getose auf und fluchen und weinen in einer Minute." "Mich beschamt", sagte Klotilde, "eine eigne Erfahrung. Ich legte neulich Sillys Brief in 'Allwills Papieren' vor Tranen weg und ging voll vom Buche ins Casino; aber ich darf die harten Urteile nicht bekennen, die ich jenen Abend einige Male innerlich uber meine Bekannte fallete. Ich mutete ihnen zu, sie sollten alle in meiner Stimmung sein, da sie doch nicht gerade von Sillys Briefe herkamen."
"Das wollt' ich eben", beschloss ich, "noch beifugen: die letzte und beste Frucht, die spat in einer immer warmen Seele zeitigt, ist eben Weichheit gegen den Harten Duldung gegen den Unduldsamen Warme gegen Ichsuchtler und Menschenfreundschaft gegen den Menschenfeind."....
Es ist sehr sonderbar, geliebter Kato. Gerade eben kommt Jean Paul und erzahlt mir eine Mordgeschichte von menschlicher Ungerechtigkeit, die mir wie ein Gluheisen zischend durchs volle Herz fahrt. Alle meine Grundsatze stehen licht und klar wie Gestirne um meine Seele, aber ich muss untatig den Wellen, mit denen mein Blut auf dem unterirdischen Erdbrand kochend aufspringt, von oben herab zusehen und ihr Fallen und Auskuhlen abwarten. Ach, wir arme, arme Sterbliche! Jean Paul, der die Geschichte schon vorgestern wusste und also die kuhlende Methode ebensolange vor mir gebraucht hatte, will an meiner Stelle die Gemaldeausstellung unserer insularischen Blumenstucke besorgen und ein Nachschreiben anschliessen. Recht! Denn ich konnt' es heute wahrlich nicht. Am 10ten April hat sich die Luft gekuhlt: da kommen Sie gewiss schon der Franzosen wegen, die den 10ten ihre Wahlversammlungen anfangen: wir mussen hier von ihren grossen Festen und Messen wenigstens die Zahlwochen und Nach-Kirchweihen feiern. Ach, wie beklommen hor' ich auf. Jetzo lesen Sie weiter, aber nicht
Ihren
Viktor
Nachschreiben von Jean Paul
Guter Bruder!
Das tugendhafte Zurnen unsers Viktors wird sich bald stillen. Die Ursache, warum er (und jetzt ich) Dir die grosse Bekehrung unsrer unfriedlichen Triebe schriftlich berichten, ist, damit wir uns recht schamen mussen, wenn wir einmal langer poltern als eine Minute oder langer hassen als einen Augenblick. Diese umfangende Liebe begehrt ein Opfer, das zogernder hingegeben wird, als man denkt, das Opfer des selbstgefalligen Vergnugens, das der Zorn in den Anblick fremder Sunden, und die Satire in den der fremden Torheiten als einen versussenden Zusatz128 mengt und an deren Stelle nur das reine Mitleiden uber die ewigen Krankheitversetzungen und chronisch-blutenden Wunden und Narben der hulflosen Menschheit tritt.
Aber nun will ich mit unserer schwimmenden Insel und mit ihrem seligen Helldunkel ganz nahe vor Dein Auge rudern!
Die Sonne hatte sich uber die Nebel-Alpen herumWesten, gleichsam um bald als ein funkelndes Schild der Freiheit in seine Ebene, als ein Vermahlung-Ring des Himmels und der Erde in sein flutendes Meer hineinzufallen. Die Abendschatten uberschwemmten schon die zwei ersten Stufen des Berges, und der verfinsterte Rhein ergriff mit einem Arm der Nacht die Erde. Wir stiegen unsere kleinen Stufen hinauf, so wie die Sonne ihre grossen hinabging, und sie richtete sich immerfort gegen uns aus ihrem brennenden Grabe auf mit ihrem auferstehenden Heiligenangesicht. Der Berg erhob unsere Augen und unsere Seelen. Ich nahm, an meine Fehler erinnert, Viktors Hand und sagte: "Ach, Lieber! wenn es einmal ware, dass ein Mensch mit allen Menschen Frieden schlosse und mit sich, wenn einmal sein zerruttetes Herz mitten im Sauerteige der hassenden und gehassten Welt nur den milden sussen Lebensaft der Liebe auffasste und bewahrte, wie die Auster mitten im Schlamm nur helles reines Wasser in ihr Gehause nimmt; ach, wenn er das voraus wusste: dann konnte wohl ein froher Abend wie dieser seine durstende zerlechzte Brust erquicken und fullen und den ewigen Seufzer befriedigen." Viktor antwortete (aber er schauete sich nicht um, sondern hielt sein glanzendes und beglanztes Angesicht, das sein menschenliebendes Herz mit dem Rote eines warmern Blutes ubergoss, bloss gegen die halb aus der Erde brennende Sonne gekehrt): "Vielleicht werden wir es konnen wir werden uberall glucklich sein, wo ein Mensch lachelt, sollt' ers auch nicht verdienen wir werden nicht mehr aus Pflicht der hoflichen Verleugnung, sondern aus Liebe freundlich mit jedem Bruder sprechen, und fur Herzen, die keine innre Entrustung mehr zu decken haben, wird es keine verwickelte Lagen mehr geben. Ruhet die Fruhlingsonne heute nicht wie ein gebrochnes Mutterauge uber ihrer Welt und blicket warm an alle Herzen, an bose und gute? Ja, du Ewiger, wir alle hier geben jetzt allen deinen Wesen unsre Hand und unser Herz, und wir hassen nichts mehr, was du geschaffen hast."
Wir waren fortgerissen und umfassten uns mit Tranen ohne Worte im ersten Dunkel der Nacht. Auf der Begrabnisstelle der Sonne stand der Zodiakalschein als eine rote Grabes-Pyramide und loderte unbeweglich in die stumme blaue Tiefe hinauf.
Die Stadt Gottes, die hoch uber der Erde schwebt, erschien aus der ewigen Ferne, auf den Bogen der Milchstrasse gebauet, mit allen ihren angezundeten Sonnen-Lichtern. Wir stiegen den Berg herab jede Stelle der Erde war jetzo ein Berg eine unsichtbare Hand trug die Seele uber den dunkeln Dunstkreis, und sie schauete wie von Alpen herab, und sie sah nichts als die glanzenden Spitzen andrer Geburge, und alles Niedrige, alles Tiefe, alle Graber und alle kleine Ziele und Laufbahnen der Menschen waren mit einem grossen Dufte zugehullt.
Wir verloren uns voneinander in die Gange, aber in unsern Herzen waren wir alle beisammen wir kamen wieder zueinander, aber in unsrer Seele blieb die Stille ungestort; denn jedes Herz schlug wie das andere, und ein Gebet war von einer Umarmung in nichts verschieden als in der Einsamkeit.
Die zerstreueten Flammen unserer Gefuhle hatten sich allmahlich in unserm Geiste zusammengezogen zu einer heissen Sonnenkugel und kleine Minuten zu einer Ewigkeit, wie die Alten glaubten, dass die herumflatternden Flammen der Nachmitternacht sich am Morgen in eine Sonne verdichten129.
Ach! ich schwacher Unbekannter mit solchen Paradiesen stand unter blatterlosen Zweigen traurig vor dem gestirnten dunkelblauen Rhein, der wie ein himmlisches, zwischen zwei Republiken geknupftes Band130 wallend auf der deutschen Erde aufliegt, und mir war, als konnte der Durst und das Feuer einer so kleinen Brust nur mit seinen grossen Wellen geloscht werden. Ach, wir sind alle so: im fluchtigen Gefuhle unsrer kleinen Grosse und Wonne wollen wir alle an grossen Gegenstanden ruhen und sterben, wir wollen alle uns in den tiefen Himmel sturzen, wenn er uber uns zitternd funkelt, und an die bunte Erde, wenn sie neben uns wallend bluht, und in den unendlichen Strom, wenn er gleichsam aus der Vergangenheit in die Zukunft zieht.
Unsre Freundinnen und die Kinder hatten still den Ankerplatz so schoner Stunden verlassen ich sah sie singend wie Schwanen uber die Wellen ziehen und in diese ihre Lenzblumen werfen, damit sie als Erinnerungen an unser Insel-Ufer zuruckschwammen; und die zwei Kinder schliefen sanft in stillen Armen zwischen der Pracht des Himmels und der Erde, und die Arme und die Lieder und die Fluten wiegten sie.
Als es 12 Uhr wurde und der Fruhling seinen ersten Morgen hatte: suchte und rief uns alle Viktor auf den Berg zusammen, wir wussten noch nicht weswegen. Der Rhein klang hinauf und hinab die hellen Fruhlingtone der Nachtigall glitten zerschneidend durch sein Brausen die Sterne der zwolften Stunde fielen tropfend in das verfinsterte Grab der Sonne und loschen aus in der grauen Asche des westlichen Gewolks als plotzlich eine gerade schone Flamme in Abend aufstieg und ein harmonisches Schmettern sich durch die Finsternis riss.
"Denkt ihr denn nicht", sagte Viktor, "an euer Frankreich, fur das heute am 21ten Marz die erste Stunde des Tages anbricht, an dem die sechstausend Ur-Versammlungen sich wie Gestirne vereinigen, damit aus Millionen Herzen ein einziges Gesetz entstehe?"
Und als ich gen Himmel sah, kam mir die gebogne Milchstrasse wie der eiserne Waagbalken des bedeckten Schicksals vor, in dessen Schalen, aus Welten ausgewolbt, die zertrummerten blutigen Volker liegen und der Ewigkeit vorgewogen werden Aber die Waage des Schicksals schwankt bloss darum auf und nieder, weil die Gewichte erst seit einigen Jahrtausenden in sie geworfen worden. Wir traten zusammen und sagten, in der Begeisterung der Nacht und der Tone, unter den steigenden und fallenden Sternen, vereinigt: "Du armes Land, deine Sonne und dein Tag steige einmal hoher und werfe das Bluthemde deiner blutigen Morgenrote zuruck moge der hohere Genius dein Blut von deinen Handen und deine Tranen von deinen Augen abwischen o, dieser Genius baue und trage und schirme den grossen freien Tempel, der sich uber dich als zweiter Himmel wolbt, aber er troste auch jede Mutter und jeden Vater und jedes Kind und jede Gattin und alle Augen, die den geliebten zerdruckten Herzen nachweinen, die geblutet haben und zerfallen sind und die nun als Grundsteine unter dem Tempel liegen."
Was ich jetzt sage, kann ich nur meinem Bruder erzahlen, denn nur er wird es vergeben. Ich und Viktor stiegen in einen Kahn, den ein langes Seil ans Ufer kettete und mit welchem der Zug des Stroms spielte; wir arbeiteten uns gegen das Ufer zuruck, und dann liessen wir den Kahn wieder mit den Wellen der Mitternacht entgegen fliessen. In unsrer Seele war wie ausser uns Wehmut und Erhebung sonderbar gemischt: die Musik des Ufers wich und kam Tone und Sterne stiegen auf und sanken ein die Wolbung des Himmels stand im zitternden Rhein wie eine geborstene Glocke, und oben uber uns ruhte das von der alten Ewigkeit bewohnte Tempel-Gewolbe mit seinen festen Sonnen unerschuttert der Fruhling wehte vom Morgen her, und die Baumgerippe auf dem Totenakker des Winters wurden zum Auferstehen angeregt. Auf einmal sagte Viktor: "Mir ist, als ware der Rhein der Strom der Zeit; denn unser schwankendes Leben wird ja von beiden Stromen nach Mitternacht gerissen." Auf einmal rief mir mein Bruder auf der Insel zu: "Bruder, kehre in den Hafen zuruck und schlafe, es ist zwischen 1 und 2 Uhr."
Diese bruderliche, sich durch die Tone und die Wellen drangende Stimme warf plotzlich eine neue Welt, vielleicht die Unterwelt, in meine offne Seele: denn es leuchtete auf einmal der Blitz der Erinnerung uber mein ganzes dunkles Wesen, dass ich gerade in dieser Nacht vor 32 Jahren in diese uberwolkte, mit taglichen Nachten bedeckte Erde getreten und dass die Stunde zwischen 1 und 2 Uhr, worin mich mein Bruder in den Hafen und zum Schlafe gerufen, meine Geburtstunde gewesen sei, die so oft dem Menschen beide nimmt.
Es gibt schauerliche Dammeraugenblicke in uns, wo uns ist, als schieden sich Tag und Nacht als wurden wir gerade geschaffen oder gerade vernichtet das Theater des Lebens und die Zuschauer fliehen zuruck, unsre Rolle ist vorbei, wir stehen weit im Finstern allein, aber wir tragen noch die Theaterkleidung, und wir sehen uns darin an und fragen uns: "Was bist du jetzo, Ich?" Wenn wir so fragen: so gibt es ausser uns nichts Grosses oder Festes fur uns mehr alles wird eine unendliche nachtliche Wolke, in der es zuweilen schimmert, die sich aber immer tiefer und tropfenschwerer senkt und nur hoch uber der Wolke gibt es einen Glanz, und der ist Gott, und tief unter ihr ist ein lichter Punkt, und der ist ein MenschenIch.
Fur diese Augenblicke ist das aus schwerer Erde gebildete Herz nicht lange gemacht. Ich ging in die sussern uber, wo das volle tranentrunkne Herz nichts kann und nichts will als bloss weinen. Ich hatte nicht den Mut, meinen teuern Viktor von der erhabnen Nachbarschaft um ihn herabzuziehen auf meine Geringfugigkeiten; aber ich bat ihn, nur noch ein wenig mit mir in dieser Stille, uber diesem dustern, in die Mitternacht rinnenden Strome zu verharren. Und dann lehnt' und druckt' ich mich warm an meinen sanften Liebling, und die kleinen Tropfen der gesenkten Augen fielen ungesehen in den grossen Strom, gleich als war' er der weite Strom der Zeit, in den jedes Auge seine Zahren und so viele tausend Herzen ihre Bluttropfen fallen lassen und der darum weder schwillt noch eilt.
Ich dachte nach und sah in den Rhein: "so rinnt es und rinnt es, das gaukelnde wallende Leben, aus seiner verhullten Quelle wie der Nil. Wie wenig hab' ich bisher getan und genossen! Unsre Verdienste und unsre Freuden sind nicht gross! Unsre Verwandlungen sind grosser, unser Herz und unser Kopf kommen tausendfach verandert und unkenntlich unter die Erde, wie der Kopf der eisernen Maske131 oder wie Ermordete so lange verwundet und zerschnitten werden, bis sie nicht mehr kenntlich sind. Ach und doch werden wir nur verandert, aber wir selber verandern so wenig in der Erde, nicht einmal in uns. Jede Minute kommt uns als das Ziel aller vorigen vor. Die Saat des Lebens halten wir fur die Ernte, den Honigtau an den Ahren fur die susse Frucht, und wie Tiere kauen wir die Bluten. Du grosser Gott! welche Nacht liegt um unsern Schlaf! wir fallen und wir steigen mit geschlossenen Augen und fliegen blind und in einem festen Schlafe umher132."......Meine Hand hing in den Strom hinaus und seine kalten Wogen hoben sie. Ich dachte: "Wie brennt doch das kleine Licht in uns mitten im wehenden Sturme der Natur so gerade und unbeweglich auf! Alles um mich stosset mit Riesenkraften zusammen und ringet! Der Strom ergreift die Inseln und die Klippen, der Nachtwind tritt in den Strom und watet herauf und drangt seine Wellen zuruck und ringet mit den Waldern selber droben im friedlichen Blau arbeiten Welten gegen Welten. Die unendlichen Krafte ziehen wie Strome gegeneinander und begegnen sich wirbelnd und brausend, und auf den ewigen Wirbeln laufen die kleinen Erden um den Sonnenstrudel. Und die sanft heraufsteigenden schimmernden Reihen der Sternbilder sind bloss unabsehliche Kettengeburge von tobenden Sonnenvulkanen.... Und doch ruhet in diesem Sturme der Menschengeist so still und friedlich wie ein stiller Mond uber windigen Nachten in mir ist jetzt alles ruhig und sanft, ich seh' den kleinen Bach meines Lebens vor mir rinnen und in den Zeitenstrom mit andern tropfen der helle Geist schauet durch die brausenden Blutstrome, die ihn umziehen, und durch die Sturme, die ihn uberhullen und verfinstern, hell hindurch und sieht druben stille Auen, leise lichte Quellen, Mondschimmer und einen ruhigen schonen Engel, der langsam darin wandelt."- In meiner Seele stand ein stiller Karfreitag, windstill und regenfrei und lau, wiewohl mit einem sanften Gewolke bezogen.
Aber das klare Bewusstsein der Ruhe wird bald ihr Untergang. Ich sah hin auf drei um die Insel schwimmende Hyazinthen, die Klotilde im Scheiden den Wellen zugeworfen: "Jetzt in deiner Geburtstunde", sagt' ich zu mir, "spult das Meer der Ewigkeit tausend kleine Herzen ans steinige Ufer der Erde: ach, wie wird es ihnen einmal an der Feier ihrer Geburttage sein? Und was mogen die unzahligen Bruder denken, die mit dir vor 32 Jahren in diese Dunstkugel mit verbundnen Augen stiegen? Vielleicht erdruckt ein grosser Schmerz den Gedanken an ihren Anfang vielleicht schlafen sie tief jetzo, wie ich sonst oder noch tiefer, tiefer."... Und nun sanken alle meine jungern und altern Freunde, die schon tiefer schlafen, recht schwer auf die gebrochne Brust...
"Ich weiss wohl, was du jetzt so still ubersinnst und so stumm betrauerst", sagte mein Viktor. Ich antwortete: "nein" und nun sagt' ich ihm alles... Du gute beste Seele!
Als ich ihn lange genug umarmt hatte: kehrten wir eilig zuruck und ich umfasste meine andern Bruder und ich sehnte mich nach Dir, mein Teurer. Wir zogen endlich aus der Baustelle eines friedlichern Lehrgebaudes fur unser Herz, aus der stummen Insel fort, und der hohe Berg, das erhabne Gerust fur die Vasen unsrer Freudenblumen, die Empor im grossen Tempel, unser Leuchtturm im Hafen der Ruhe, schauete uns lange nach, und der hangende Garten unsrer Seele lag auf ihm im Sternenlicht.
Und als wir ans Ufer traten: stieg der Hesperus als Morgenstern, dieser nah' aufspringende Funke der Sonne, uber den Morgennebel auf und kundigte fruher als das Morgenrot seine bluhende Mutter an. Und als wir bedachten, dass er als der Abendstern um unsre Nacht unten herumziehe, um als Morgenstern die Nachmitternacht und den Osten mit der ersten glanzenden Tauperle zu schmucken: so sagte jedem sein froheres Herz: "und so werden alle Abendsterne dieses Lebens einmal als Morgensterne wieder vor uns treten."
Denke auch an Morgen, mein Bruder, wenn Du nach Abend siehest, und wenn vor Dir eine Sonne untergeht, so wende Dich um und siehe wieder in Morgen einen Mond aufsteigen: der Mond ist der Burge der Sonne, wie die Hoffnung die Burgin der Seligkeit. Aber komm nun bald zu Deinem Viktor und zu Deinem Bruder
J. P.
Viertes Bandchen
Intelligenzblatt der Blumenstucke
"Ich bitte meine Leser um Erlaubnis oder um Verzeihung, dass ich hier etwas drucken lasse, das sie alle nichts angeht ausgenommen den einzigen Leser, der unter dem Namen Septimus Fixlein den 23ten Mai 1796 aus Scheerau an mich geschrieben hat.
Zu guter Septimus! Ich bitte Dich sehr, schreibe mir Deinen wahren Namen; denn hier auf dem offenen Meere der Welt, mitten unter hundert Schiffen, kann ich Dir nicht durch das Sprachrohr der Presse das zuschreien, was ich Dir viel lieber nahe an Deinem Angesicht und an Deiner Brust zuflustern mochte. Ahme dem grossten Genius immer nach, aber nur nicht in der Unsichtbarkeit. Dein wahrer Name stort ja unser Verhaltnis nicht. Der Mantel der Liebe bedecket alle Fehler; aber soll denn er selber bedecket bleiben wie ein Fehler? Schreibe mir wenigstens mit Deiner Handschrift irgendeine Adresse, unter der ich sicher einige Worte meiner Seele vor Dich bringen kann. Fragst Du aber nichts nach meinem Intelligenzblatt und bleibst Du immer eingehullet: so nimm hier meinen Dank fur alle Zeichen Deiner schonen Seele an Dein Leben kehre sich wie eine Welt in sanftem Wechsel bald dem Sonnenlicht der Wirklichkeit, bald dem Mondschein der Dichtkunst zu und in allen Deinen Wolken sei nur Abendrot oder ein Regenbogen und kein Gewitter und wenn Du frohlich bist, so erinnere Dich dein Genius an den 23ten Mai und wenn Du traurig bist, so sende Dir ein guter Mensch einen Brief voll Liebe zu, wie Du mir geschrieben, ja er schreibe sogar seinen wahren Namen darunter. Hof im Voigtland, den 5. Jul. 1796.
Jean Paul Fr. Richter."
So viel stand vor zwanzig Jahren auf dem letzten Blatte der ersten Ausgabe dieser Geschichte. Diese Zeilen konnten so gut wie mehre andere aus der zweiten wegbleiben und untersinken; aber es ist ein so triftiger Grund zum Obenbleiben vorhanden, dass sie vielmehr in allen den unzahligen kunftigen Auflagen vornen im vierten Bandchen voranschwimmen sollen; und dieser Grund ist bloss, weil der Septimus Fixlein niemand anders gewesen als der alte Gleim, dem ich als einen Unbekannten mit jenen Zeilen fur ein meiner damaligen Durftigkeit angemessenes Geldgeschenk habe danken wollen. Spater lernte ich diesen echten Ur- und Gross-Deutschen naher kennen, von Angesicht zu Angesicht, wie von Tat zu Tat; und ich sehne mich herzlich nach den Stellen in meiner Lebensbeschreibung, wo ich seiner langer gedenken kann. Baireuth, den 7ten Marz 1818.
Funfzehntes Kapitel
Rosa von Meyern Nachklange und Nachwehen der
schonsten Nacht Briefe Nataliens und Firmians
Tischreden Leibgebers
Wenn man in einer feuchtwarmen, gestirnten Lenznacht den Arbeitern in einem Steinsalzbergwerk ihr breites Wetterdach von Erde uber den Kopf abhobe und sie so plotzlich aus ihrem lichtervollen engen Keller in den dunkeln, weiten Schlafsaal der Natur und aus der unterirdischen Stille in das Wehen und Duften und Rauschen des Fruhlings herausstellte: so waren sie gerade in Firmians Fall, dessen bisher verschlossenen, stillen, hellen Geist die vorige Nacht auf einmal mit neuen Schmerzen und Freuden und mit einer neuen Welt gewaltsam auseinandergetrieben und verdunkelt hatte. Heinrich beobachtete uber diese Nacht ein sehr redendes Stillschweigen, und Firmian verriet sich umgekehrt durch ein stummes Jagen nach Reden. Er mochte die Flugel, die sich gestern zum erstenmal feucht ausser der Puppe ausgedehnet hatten, zusammenlegen wie er wollte, sie blieben immer langer als die Flugeldecken. Es wurd' am Ende Leibgebern lastig und schwul; sie waren schon gestern schweigend nach Baireuth und ins Bette gegangen, und er wurde mude, wenn er die vielen Halbschatten und Halbfarben uberzahlte, die erst alle aufzutragen waren, bevor man vier tapfere, breite Striche am Gemalde der Nacht tun konnte.
Nichts ist wohl mehr zu beklagen, als dass wir nicht alle zu einerlei Zeit den Keichhusten haben oder Werthers Leiden oder 21 Jahre oder 61 oder hypochondrische Anfalle oder Honigmonate oder Mokierspiele: wie wurden wir, als Choristen desselben Freuden oder Trauer- oder Husten-Tutti, unsern Zustand in dem fremden finden und ertragen und dem andern alles vergeben, worin er uns gleicht. Jetzt hingegen, wo der eine zwar heute hustet, aber der andere erst morgen das Simultan und Kompaniehusten nach dem Kanzelliede in den Schweizerkirchen ausgenommen da der eine die Tanzstunden besucht, wenn der andere den Kniestunden in Konventikeln obliegt da das Madchen des einen Vaters uber dem Taufhekken hangt, und in derselben Minute der Junge des andern auf Seilen uber dem kurzen Grabe; jetzt, da das Schicksal zum Grundton unsers Herzens in den Herzen um uns fremde Tonarten oder doch ubermassige Sexten, grosse Septimen, kleine Sekunden greift: jetzt, bei diesem allgemeinen Mangel des Unisono und der Harmonie, ist nichts zu erwarten als kreischendes Katzen-Charivari, und nichts zu wunschen als doch einiges Harpeggieren, wenn nicht Melodie.
Leibgeber ergriff als einen Henkel der Rede oder als einen Pumpenschwengel, um drei Tropfen aus dem Herzen zu drucken, Firmians Hand und umarmte sie mit allen Fingern sanft und warm. Er tat gleichgultige Fragen nach den heutigen Lustgangen und Lustreisen; aber er hatte nicht vorausgesehen, dass ihn der Druck der Hand tiefer in die Verlegenheit senken werde; denn er musste nun (das konnte man fodern) ebensowohl uber die Hand als uber die Zunge regieren, und er konnte die fremde Hand nicht Knall und Fall fortschicken, sondern musste sie in einem allmahlichen diminuendo des Drucks entlassen. Eine solche Aufmerksamkeit auf Gefuhle macht' ihn schamrot und toll; ja er hatte meine Beschreibung davon ins Feuer geworfen; ich habe Nachrichten, dass er nicht einmal bei Weibern, die doch das Herz (das Wort namlich) immer auf der Zunge haben, wie einen heraufsteigenden globulus hystericus, dieses Wort auszusprechen vermochte: "Es ist", sagt' er, "der Giesshals und der Kugelzieher ihres Herzens selber; es ist der Ball an ihrem Facher-Rapier und fur mich eine Giftkugel, eine Pechkugel fur den Bel zu Babel."
Auf einmal entsprang seine Hand aus dem sussen Personalarrest; er nahm Hut und Stock und plauderte heraus: "Ich sehe, du bist so einfaltig wie ich: instanter, instantius, instantissime, mit drei Worten: hast du es ihr gesagt wegen der Witwenkasse? Nur ja und nein! Ich fahre sogleich zur Tur hinaus." Siebenkas warf noch schneller alle Nachrichten auf einmal hervor, um auf immer von jeder frei zu sein: "Sie tritt gewiss hinein. Ich hab' ihr nichts gesagt und kann nicht. Du kannst ihrs leichtlich sagen. Du musst auch. Ich komme nicht mehr in Fantaisie. Und nachmittags, Heinrich, wollen wir uns recht erlustigen, unser Lebenspiel soll ein klingendes sein an unsern Pedalharfen stehen ja die Erhohtritte fur Freudentone noch alle, und wir konnen darauf treten." Heinrich kam wieder zu sich und sagte fortgehend: "Am menschlichen Instrument sind die Cremoneser Saiten aus lebendigem Gedarm gedreht, und die Brust ist nur der Resonanzboden und der Kopf vollends der Dampfer."
Die Einsamkeit lag wie eine schone Gegend um unsern Freund, alle verirrte, verjagte Echos konnten zu ihm herubergelangen, und er konnte sich auf dem aus zwolf Stunden gewebten Flor, der sich vor dem schonsten historischen Gemalde seines Lebens aufspannte, das Gemalde zitternd nachzeichnen mit Kreide und tausendmal nachzeichnen. Aber den Besuch der schonen, immer weiter aufbluhenden Fantaisie musste er sich verwehren, um nicht mit einem lebendigen Zaun Natalien dieses Blumental zu verriegeln. Er musste fur seine Genusse Entbehrungen nachzahlen. Die Reize der Stadt und ihrer Nachbarschaft behielten ihre bunte Hulse und verloren ihren sussen Kern; alles glich fur ihn einem Dessertaufsatz, uber dessen glasernen Boden man in den vorigen Zeiten buntes Zukker-Pulver streuete, und den in den jetzigen nur farbiger Sand grundiert, mehr zum Stippen als zum Kauen tauglich. Alle seine Hoffnungen, alle Bluten und Fruchte seines Lebens wuchsen und reiften nun, gleich unsern hohern, wie die der unterirdischen Platterbse133, unter der Erde, ich meine in dem ScheinGrabe, in das er gehen wollte. Wie wenig hatt' er: und wie viel! Sein Fuss stand auf verdorrten, stechenden Rosenstocken, sein Auge sah rund um die elysischen Felder seiner Zukunft bedorntes Strauchwerk, borstiges Gestrippe und einen aus seinem Grab gemachten Wall gezogen; sein ganzes Leipziger Rosental schrankte sich auf das grune Rosenstockchen ein, das unaufgebluht von Nataliens Herzen an seines verpflanzt worden. Und wie viel hatt' er doch! Von Natalie ein Vergissmeinnicht seines ganzen Lebens das geschenkte seidne war nur die Rinde des immer bluhenden ; einen Seelenfruhling, den er endlich nach so vielen Fruhlingen erlebt, den, zum ersten Male von einem weiblichen Wesen so geliebt zu werden, wie ihm hundert Traume und Dichter an andern vorgemalt. Aus der alten papiernen Rumpelkammer der Akten und Bucher auf einmal den Schritt in die frischgrune blumenvolle Schaferwelt der Liebe zu tun, zum ersten Male eine solche Liebe nicht nur zu erhalten, sondern auch einen solchen Scheide-Kuss wie eine Sonne in ein ganzes Leben mitzunehmen und mit ihm es durchzuwarmen dies war Seligkeit fur einen Kreuztrager der Vergangenheit! Noch dazu konnt' er ganz hingegeben sich von den schonen Wellen dieses Paradiesesflusses ziehen und treiben lassen, da er Natalien nicht zu besitzen, nicht einmal zu sehen vermochte. In Lenetten hatt' er keine Natalie geliebt, wie in dieser keine Lenette; seine eheliche Liebe war ein prosaischer Sommertag der Ernte und Schwule, und die jetzige eine poetische Lenznacht mit Bluten und Sternen, und seine neue Welt war dem Namen ihrer Schopfung-Statte, der Fantaisie, ahnlich. Er verbarg sich nicht, dass er da er Natalien vorzusterben sich entschieden in ihr ja nur eine Abgeschiedene liebe als ein Abgeschiedener; ja als ein noch Lebender eigentlich nur eine fur ihn schon verklarte Vergangene und er tat frei die Frage an sich, ob er nicht diese in die Vergangenheit geruckte Natalie so gut und so feurig lieben durfe als irgendeine langst in eine noch fernere Vergangenheit geflogene, die Heloise eines Abalards oder eines St. Preux oder eine Dichters-Laura oder Werthers-Lotte, fur welche er nicht einmal so im Ernste starb wie Werther.
Seinem Freunde Leibgeber war er mit aller Anstrengung nicht mehr zu sagen imstande als: "Du musst recht von ihr geliebt worden sein, von dieser seltenen Seele, denn bloss der Ahnlichkeit mit dir darf ich ihre himmlische Gute fur mich zuschreiben, ich, der ich sonst so wenig gleich sehe und nirgends Gluck bei Weibern gemacht." Leibgeber und sogleich er selber hinterdrein lachelte uber seine fast einfaltige Wendung; aber welcher Liebhaber ist nicht wahrend seines Maies ein wahres gutes lebendiges Schaf?
Leibgeber kam bald wieder in den Gasthof mit der Nachricht zuruck, dass er die Englanderin auf Fantaisie habe fahren sehen. Firmian war recht froh daruber: sie machte ihm seinen Vorsatz noch leichter, sich aus dem ganzen Freudenbezirke auszuschliessen. Denn sie war die Tochter des Vaduzer Grafen und durfte also den Armenadvokaten, den sie einmal fur Leibgebern halten sollte, jetzt nicht erblicken. Heinrich aber botanisierte jede Stunde des Tages draussen im Bluten-Abhang von Fantaisie, um mit seinen botanischen Suchglasern (mit seinen Augen) weniger Blumen als die Blumengottin auszuspuren und auszufragen. Aber es war an keine Gottererscheinung zu denken. Ach! die verwundete Natalie hatte so viele Ursachen, sich von den Ruinen ihrer schonsten Stunden entfernt zu halten und die uberbluhte Brandstatte zu fliehen, wo ihr der begegnen konnte, den sie nie mehr sehen wollte!
Einige Tage darauf beehrte der Venner Rosa von Meyern die Tischgesellschaft in der Sonne mit der seinigen... Wenn die Zeitrechnungen des Verfassers nicht ganz trugen: so speisete er damals selber mit am Tische; ich erinnere mich aber der zwei Advokaten nur dunkel, und des Venners gar nicht, weil Festhasen seiner Art ein eisernes Vieh und weil ganze Wildbahnen und Tierspitaler davon zu bekommen sind. Ich bin mehr als einmal auf Personen lebendig gestossen, die ich nachher von der Glatze bis auf die Sohle abgebosselt und in meinem biographischen Wachsfigurenkabinett herumgefuhrt habe; ich wunschte aber, ich wusste es halfe dem Flor meines biographischen Fabrikwesens in etwas auf es allezeit voraus, welchen ich gerade unter den anwesenden Leuten, womit ich esse oder reite, abkonterfeien werde. Ich wurde tausend winzige Personalien einsammeln und in mein Briefgewolbe niederlegen konnen; so aber bin ich zuweilen genotigt (ich leugn' es nicht), kleinere Bestimmungen z.B. ob etwas um 6 oder 7 Uhr vorging geradezu herzulugen, wenn mich alle Dokumente und Zeugen verlassen. Es ist daher moralisch gewiss, dass, hatten an demselben Morgen noch drei andere Autoren sich mit mir niedergesetzt, um Siebenkasens Ehestand aus denselben geschichtlichen Hulfquellen der Welt zu geben, dass wir vier, bei aller Wahrheitliebe, ebenso verschiedene Familiengeschichten geliefert hatten, als wir von den vier Evangelisten schon wirklich in Handen haben; so dass unserem Tetrachord nur mit einer Harmonie der Evangelisten ware nachzuhelfen gewesen, wie mit einer Stimmpfeife.
Meyern ass, wie gesagt, in der Sonne. Er sagte dem Armenadvokaten mit einem Triumph, der etwas von einer Drohung annahm, dass er morgen zuruckreise in die Reichsstadt. Er tat eitler als je; wahrscheinlich hatt' er funfzig Baireutherinnen seine eheliche Hand verheissen, als war' er der Riese Briareus mit funfzig Ringfingern an hundert Handen. Er war auf Madchen wie Katzen auf Marum verum erpicht, daher jene Blumen und dieses Kraut von den Besitzern mit Drahtgittern uberbauet werden. Wenn solche Wildschutzen, die uberall Jagdfolge und Koppeljagd ausuben, von Geistlichen mit dicken Eheringen lebendig auf ein Wild geschmiedet werden, das mit ihnen durch jedes Dickicht rennt, bis sie verbluten: so schreiben uns menschenfreundliche Wochenblatter, die Strafe sei zu hart; allerdings ist sie es fur das unschuldige Wild.
Den andern Tag liess Rosa wirklich beim Advokaten fragen: ob er nichts an seine Frau bestellen solle; er reise zu ihr.
Natalie blieb unsichtbar. Alles, was Firmian von ihr zu sehen bekam, war ein Brief an sie, den er aus dem Postbeutel schutten sah, als er taglich nach einem von seiner Frau nachfragte. Zu einem Billet brauchte Lenette vielleicht nicht mehr Stunden, als Isokrates Jahre zu seiner Lobrede auf die Athener bedurfte; nicht mehr, sondern gerade zehn. Der Brief an Natalien kam, der Hand und dem Siegel zufolge, vom Landes-(Stief-)Vater v. Blaise. Du gutes Madchen! (dacht' er ) wie wird er nun mit dem aus dem Eis seines Herzens gegossenen Brennspiegel den stechenden Brennpunkt langsam um alle Wunden deiner Seele fuhren! Wie viele verdeckte Tranen wirst du vergiessen, die niemand zahlt; und du hast keine Hand mehr, die sie trocknet und bedeckt, ausser deiner!
An einem blauen Nachmittage ging er allein in den einzigen fur ihn nicht zugesperrten Lustgarten, in die Eremitage. Uberall begegneten ihm Erinnerungen, aber nur schmerzlich-susse, uberall hatte er da verloren oder hingegeben, Leben und Herz, und hatte von der Einsiedelei sich ihrem Namen gemass zum Einsiedler machen lassen. Konnt' er die grosse dunkle Stelle vergessen, wo er neben dem knieenden Freunde und vor der untergehenden Sonne zu sterben geschworen und sich von seiner Gattin und seiner Bekannten-Welt zu scheiden versprochen?
Er hatte den Lustort verlassen, das Angesicht nach der sinkenden Sonne gerichtet, die mit ihren fast waagrechten Flammen die Aussicht verbauete, und zog nun die Stadt im Bogen weit voruber, immer mehr nach Abend bis in die Strasse nach Fantaisie dahin. Er sah mit einem bewegten Herzen dem sanft auflodernden Gestirne nach, das, gleichsam in die gluhenden Kohlen von Wolken zerbrockelnd, in jene Fernen hinabzufallen schien, wo seine verwaisete Lenette mit dem Angesicht voll Abendrot in dem verstummten Zimmer stand. "Ach, gute, gute Lenette", rief es in ihm, "warum kann ich dich nicht jetzt, in diesem Eden, an diesem vollen weichen Herzen selig zerdrucken ach, hier wurd' ich dir lieber vergeben und dich schoner lieben!" Du gute Natur voll unendlicher Liebe bist es ja, die in uns die Entfernung der Korper in Annaherung der Seelen verwandelt; du bist es, die vor uns, wenn wir uns an fernen Orten recht innig freuen, die freundlichen Bilder aller derer, die wir verlassen mussten, wie holde Tone und Jahre voruberfuhrt, und du breitest unsere Arme nach den Wolken aus, welche uber die Berge herfliegen, hinter denen unsere Teuersten leben! So offnet sich das abgetrennte Herz dem fernen, wie sich die Blumen, die sich vor der Sonne auftun, auch an den Tagen, wo das Gewolk zwischen beide tritt, auseinander falten. Der Glanz losch aus, nur die blutige Spur der gefallnen Sonne stand im Blau, die Erde trat hoher mit den Garten hervor und Firmian sah auf einmal nahe an sich das grunende Tempetal der Fantaisie, ubergossen von roter Wolken- und von weisser Bluten-Schminke, vor sich schwanken und rauschen; aber ein Engel stand aus dem Himmel mit dem Schwerte eines funkelnden Wolkenstreifs davor und sagte: geh hier nicht ein; kennst du das Paradies, aus dem du gegangen bist?
Fimian kehrte um, lehnte sich im Helldunkel des Fruhlings an die Kalkwand des ersten baireuthischen Hauses, um die Wundenmale seiner Augen auszuheilen und vor seinem Freunde mit keinen Zeichen zu erscheinen, die vielleicht erst zu erklaren waren. Aber Leibgeber war nicht da; jedoch etwas Unerwartetes, ein Blattchen an diesen von Natalie. Ihr, die ihrs empfindet oder betrauert, dass immer und ewig eine Mosisdecke, ein Altargelander, ein Gefangnisgitter, aus Korper und Erde gemacht, zwischen Seel' und Seele gezogen ist, ihr konnt es nicht verdammen, dass der arme, geruhrte, einsame Freund ungesehen das kalte Blatt an den heissen Mund, an das zitternde Herz anpresste. Wahrlich fur die Seele ist jeder Korper, sogar der menschliche, nur die Reliquie eines unsichtbaren Geistes, und nicht etwa der Brief, den du kussest, auch die Hand, die ihn schrieb, ist wie der Mund, dessen Kuss dich mit der Nahe einer Vereinigung tauschet, nur das sichtbare, von einem hohen oder teuern Wesen geheiligte Zeichen, und die Tauschungen unterscheiden sich nur in ihrer Sussigkeit.
Leibgeber kam an, riss es auf, las es vor:
"Morgen um 5 Uhr liegt Ihre schone Stadt hinter meinem Rucken. Ich gehe nach Schraplau. Ich hatte nicht, o teurer Freund, aus diesem holden Tale weichen konnen, ohne noch einmal vor Sie mit der Versicherung meiner langsten Freundschaft und mit dem Danke und Wunsche der Ihrigen zu kommen. Ich wurde gern von Ihnen auf eine lebendigere Art als auf diese Abschied genommen haben; aber das lange Trennen von meiner britischen Freundin ist noch nicht voruber, und ich habe jetzt ihre Wunsche, wie vorher meine, zu bekampfen, um mich in meine burgerliche Einsamkeit zu begraben oder vielmehr zu fluchten. Mit Freuden und Schmerzen hat mich der schone Fruhling verwundet; doch bleibt mein Herz wie Cramners seines wenn ich so fremd vergleichen darf in der Asche des Restes auf dem Scheiterhaufen einsam-unversehrt fur meine Geliebten. Aber Ihnen geh' es wohl, wohl! Und besser, als es mir, einem Weibe, je gehen kann. Ihnen kann das Geschick nicht viel nehmen, ja nicht einmal geben; auf allen Wasserfallen liegen Ihnen lachende ewige Regenbogen; aber die Regenwolken des weiblichen Herzens farben sich spat und erst, wenn sie lange getropft, mit dem wehmutigen heitern Bogen, den die Erinnerung an ihnen erleuchtet. Ihr Freund ist gewiss noch bei Ihnen? Drucken Sie ihn feurig an Ihr Herz und sagen ihm, alles, was ihm Ihres wunscht und gibt, wunscht meines ihm; und nie wird er und sein Geliebter von mir vergessen.
Ewig
Ihre Natalie"
Firmian hatte sich unter der Vorlesung mit dem gegen den Abendhimmel gekehrten Gesicht voll Tranen auf das Fenster gestutzt. Heinrich griff mit freundschaftlicher Feinheit seiner Antwort vor und sagte, ihm ansehend: "Ja, diese Natalie ist wirklich gut und tausendmal besser als tausend andere, aber ich lasse mich radern von ihrem eignen Wagen, pass' ich ihr nicht morgen um 4 Uhr auf und setze mich dicht neben sie: wahrlich! Ich muss ihre Ohren fassen und fullen, oder meine sind langer als die an einem Elefanten, der seine zu Fliegenwedeln gebraucht." "Tu es, lieber Heinrich", sagte Firmian mit der heitersten Stimme, die aus der zugepressten Kehle zu ziehen war, "ich will dir drei Zeilen mitgeben, um nur etwas einzubringen, da ich sie nie mehr sehen darf." Es gibt eine lyrische Trunkenheit des Herzens, worin man keine Briefe schreiben sollte, weil nach 50 Jahren Leute daruber geraten konnen, denen das Herz und die Trunkenheit zugleich abgeht. Firmian schrieb denn doch; und siegelte nichts; und Leibgeber las nichts.
"Ich sage zu Ihnen: lebe auch wohl! Aber ich kann nicht sagen: vergiss mich nicht! O vergiss mein! Nur mir lass das Vergissmeinnicht, das ich bekommen. Der Himmel ist voruber, aber das Sterben nicht. Meines kommt bald; und fur dieses nur tu' ich und noch starker mein Leibgeber eine Bitte an Sie, aber eine so seltsame Natalie, schlage sie ihm nicht ab. Deine Seele hat ihren Stand hoch uber weiblichen Seelen, welche jede Sonderbarkeit erschreckt und verwirrt; Du darfst wagen; Du wagst nie dein grosses Herz und Gluck. So hab' ich denn an jenem Abende zum letzten Male gesprochen und am heutigen zum letzten Male geschrieben. Aber die Ewigkeit bleibt mir und dir!
F. S."
Er schlief die ganze Nacht nur traumend, um Leibgebers Wecker zu sein. Aber um 3 Uhr morgens stand dieser schon als Brieftrager und Requetenmeister unter einer Riesenlinde, deren Hangebette mit einer schlafenden Welt uber die Allee hineinsank, wodurch Natalie kommen musste. Firmian spielte in seinem Bette Heinrichs Rolle des Wartens nach und sagte immer zu sich: jetzt wird sie von der Britin Abschied nehmen jetzt einsitzen jetzt vor dem Baum vorbeifahren, und er wird ihr in die Zugel fallen. Er phantasierte sich in Traume hinein, die ihn mit einem peinlichen Wirrwarr und mit wiederholten Versagungen seiner Bitte wund stiessen. Wie viele trube Tage werden oft, im physischen und im moralischen Wetter, von einer einzigen sternhellen Nacht geboren! Endlich traumte ihn, sie reich' ihm aus ihrem herrollenden Wagen die Hand, mit weinenden Augen und mit dem grunen Rosenzweige vor der Brust, und sage leise: "Ich sage doch nein! Wurd' ich denn lange leben, wenn du gestorben warest?" Sie druckte seine Hand so stark, dass er erwachte; aber der Druck wahrte fort, und vor ihm stand der helle Tag und sein heller Freund und sagte: "Sie hat ja gesagt; aber du hast fest geschlafen."
Bei einem Haare, erzahlte er, hatt' er sie verpasset. Sie war mit ihrem Ankleiden und Abreisen schneller fertig geworden als andere mit ihrem Auskleiden und Ankommen. Ein betaueter Rosenast, dessen Blatter mehr stachen als seine Dornen, lag an ihrem Herzen, und ihre Augen hatte der lange Abschied rot gefarbt. Sie empfing ihn liebreich und freudig, obwohl erschrocken und horchend. Er gab ihr zuerst, als Vollmacht, Firmians offnen Brief. Ihr brennendes Auge gluhte noch einmal unter zwei grossen Tropfen, und sie fragte: "Und was soll ich denn tun?" "Nichts", sagte Leibgeber, kunstlich zwischen Scherz und Ernst, "Sie sollen bloss leiden, dass Sie von der preussischen Kasse, sobald er gestorben ist, jedes Jahr an seinen Tod erinnert werden, als waren Sie seine Witwe." "Nein", sagte sie gedehnt mit einem Tone, hinter dem aber nur ein Komma auftritt, und kein Punktum. Er wiederholte Bitten und Grunde und setzte dazu: "Nur wenigstens meinetwegen tun Sie es, ich kann es nicht sehen, wenn er eine Hoffnung oder einen Wunsch verliert; er ist ohnehin ein Tanzbar, den der Barenfuhrer, der Staat, im Winter fortzutanzen zwingt, ohne Winterschlaf; ich hingegen bringe die Tatzen selten aus dem Maul und sauge bestandig. Er hat die ganze Nacht gewacht, um mich aufzuwecken, und zahlt nun zu Hause jede Minute." Sie uberlas den Brief noch einmal von einem Buchstaben zum andern. Er bestand auf keinem Entscheidespruch, sondern zwirnte ein anderes Gesprach aus dem Morgen, aus der Reise und aus Schraplau zusammen. Der Morgen hatte schon hinter Baireuth seine Feuersaulen aufgerichtet, die Stadt trat mit immer mehren Rauchsaulen heran; er musste in wenigen Minuten vom Wagen herab. "Leben Sie wohl", sagte er im sanftesten Tone, mit einem Fuss im Wagenfusstritte hangend, "Ihre Zukunft ahme den Tag um uns nach und werde immer heller. Und nun, welches letzte Wort geben Sie mir an meinen guten, teuern, geliebten Firmian mit?" (Ich will nachher eine Bemerkung machen.) Sie zog den Reiseflor wie einen Vorhang des ausgespielten Buhnenlebens nieder und sagte eingehullt und erstickt: "Muss ich, so muss ich. Auch dies sei! Aber Sie geben mir noch einen grossen Schmerz mit auf den Weg." Allein hier sprang er herab, und der Wagen rollte mit der vielfach Verarmten uber die Trummer ihrer Tage dahin.
Hatt' er statt des abgequalten Ja ein Nein erhalten: er ware ihr hinter der Stadt wieder nachgekommen und wieder als blinder Passagier aufgesessen.
Ich versprach oben, etwas zu bemerken: es ist dieses, dass die Freundschaft oder Liebe, die ein Madchen fur einen Jungling hat, durch die Freundschaft, die sie zwischen ihm und seinen Freunden wahrnimmt, unter unsern Augen wachst und solche polypenartig in ihre Substanz verwendet. Daher hatte Leibgeber aus Instinkt die seinige warmer offenbart. Uns Liebhabern hingegen wird dergleichen elektrische Belegung oder magnetische Bewaffnung unserer Liebe durch die Freundschaft, die wir zwischen unserer Geliebten und ihrer Freundin bemerken, nur selten beschert, so sehr auch durch die Bemerkung unsere Flamme wuchse; alles, was uns zufallet, ist der Anblick, dass unsere Geliebte unsertwegen gegen alle andere Menschen erstarret und ihnen nur Eistassen und kalte Kuche prasentiert, um uns einen desto feurigern Liebetrank zu kochen. Aber die Methode, das Herz, wie den Wein, dadurch geistiger, starker und feuriger zu machen, dass man es um den Siedpunkt herum eingefrieren lasset, kann wohl einer blinden, eigensuchtigen, aber nie einer hellen, menschenfreundlichen Seele gefallen. Wenigstens bekennt der Verfasser dieses, dass er, wenn er im Spiegel oder im Wasser ersah, dass der Januskopf, der vor ihm auf dem einen Gesicht liebend zerfloss, sich auf dem abgekehrten hassend gegen die ganze Erde verzog er bekennt, dass er auf der Stelle ein oder ein paar solcher feindseliger Gesichter selber nachgeschnitten habe gegen den Januskopf. Verleumden, schelten, hassen sollte ein Madchen, des Abstichs halber, wenigstens so lange nicht, als es liebt; ist es Hausmutter, hat es Kinder und Rinder und Magde, so wird ohnehin kein billiger Mann gegen massiges Ergrimmen und gegen ein bescheidenes Schmahen etwas haben.
Natalie hatte aus vielen Grunden in den sonderbaren Antrag gewilligt; weil er eben sonderbar war weil ferner der Name "Witwe" fur ihr schwarmendes Herz noch immer ein Trauerband zwischen ihr und Firmian zusammenwebte, das sich reizend und phantastisch um den Auftritt und den Eid jener nachtlichen Trennung schlang weil sie heute von einer Empfindung zur andern gestiegen war und nun in der Hohe schwindelte weil sie uneigennutzig ohne Grenzen war und mit hin nach dem moglichen Schein des Eigennutzes wenig fragte und weil sie endlich uberhaupt nach dem Scheinen und dem Urteilen daruber weniger fragte, als wohl ein Madchen darf.
Leibgeber streckte nach dem Erreichen aller seiner Ziele nur einen freudigen langen Zodiakalschein aus; Siebenkas warf seinen Trauer-Nachtschatten nicht hinein, sondern einen Halbschatten. Nur jetzt aber war er unvermogend, die beiden Lustgegenden Baireuths, Eremitage und Fantaisie, zu besuchen, welche fur ihn Herkulaneum und Portici waren. Und uber letztes musst' er ja ohnehin bei seiner Abreise ziehen und da manches Versunkne wieder ausgraben. Dieses wollte er nicht lange hinaussetzen, da nicht nur die Luna untergegangen war, welche von ihrem Himmel auf alle weissen Blumen und Bluten des Fruhlings einen neuen Silberschein geworfen, sondern weil auch Leibgeber sein Memento mori-Totenkopf war, der ohne Zunge und Lippe immer deutlich sagte: man erinnere sich, dass man sterben muss in Kuhschnappel zum Spass. Leibgebers Herz brannte nach aussen in die Weite, und die Flammen seines Waldbrandes wollten auf Alpen, auf Inseln, in Residenzstadten ungebunden umherschiessen und spielen; der Aktenwasserschatz in Vaduz, dieses papierne Parade- und Wochenbette der Justiz lit de justice ware fur ihn ein schweres, dumpfes Siechbette gewesen, mit welchem die Leute sonst den auf ihm erliegenden Wasserscheuen zuletzt selber erstickten aus Mitleid. Freilich konnte eine kleine Stadt ihn so wenig ausstehen als er sie; denn verstehen konnte sie ihn noch weniger. Sassen ja sogar im grossern Baireuth an der Wirts-Tafel in der Sonne mehre Justizkommissarien (ich habe die Sache aus ihrem Munde selber), welche seine Tafelrede (im 12ten Kapitel) uber die den Fursten so schweren Palingenesien von Kronprinzen fur eine formliche Satire auf einen lebenden Markgrafen angesehen, indes er bei allen Satiren auf niemand anders zielte als auf samtliche Menschen zugleich. Freilich, wie unbesonnen fuhrte er sich nicht in den elenden acht Tagen, die er in unserem Hof im Voigtlande verbrachte, auf offentlichem Markte auf? Wollen mirs nicht glaubhafte Varisker wie die alten Voigtlander zu Casars Zeiten nach einigen hiessen, nach andern aber Narisker bezeugen, dass er in den besten Kleidern neben dem Rathause Bergamottebirnen und in der Brotbank Gebacknes dazu offentlich eingekauft? Und haben ihm nicht Nariskerinnen nachgesehen, die beschworen wollen, dass er besagtes Speisopfer da doch Stallfutterung allgemein empfohlen wird im Freien verzehrt habe, als war' er ein Furst, und im Gehen, als war' er eine romische Armee? Man hat Zeugen, die mit ihm gewalzt, dass er Maskenballen in Schlafrock und Federmutze beigewohnt, und dass er beide schon den ganzen Tag im Ernst getragen, eh' er sie zum Spasse abends anbehalten. Ein nicht unverstandiger Narisker voll Memorie, der nicht wusste, dass ich den Mann unter meinen historischen Handen hatte, ging mit folgenden frechen Reden Leibgebers heraus: Jeder Mensch sei ein geborner Pedant. Wenige hangen nach, fast alle vor dem Tode in verdammten Ketten, ein Freimann bezeichne daher in den meisten Landern nur einen Profos oder auch einen Scharfrichter. Torheit als Torheit sei ernsthaft, man verube daher so lange die kleinste, als man scherze. Er halte den Geist, der schaffend auf der Dinte der Kollegien schwebe, wie bei Moses auf den Wassern, mit vielen Kirchenvatern fur Wind. In seinen Augen seien die ehrwurdigen Konzilien, Konferenzen, Deputationen, Sessionen, Prozessionen im Grunde nicht ohne alles komische Salz, als ernsthafte Parodien eines steifen leeren Ernstes betrachtet, um so mehr, da nur meistens einer unter der Kompanie (oder gar seine Frau) eigentlich referiere, votiere, dezidiere, regiere, indes das mystische corpus selber mehr nur zum Scherze an dem grunen Sessiontische vexierend angebracht sei; so hange zwar an Flotenuhren aussen ein Flotenspieler angeschraubt, dessen Finger auf der kurzen, aus dem Mund wachsenden Flote auf und niedertreten, so dass Kinder uber die Talente des holzernen Quanzes ausser sich geraten; inzwischen wissen alle Uhrmacher, dass innen eine eingebauete Walze gehe und mit ihren Stiften versteckte Floten anspiele. Ich antwortete: "Solche Reden verraten sehr einen frechen und vielleicht spottischen Menschen." Es ware wohl zu wunschen, jeder konnt' es dem Verfasser dieses nachtun, der hier die Narisker aufzufodern imstande ist, ihn, wenn sie konnen, eines Schrittes oder Wortes zu zeihen, das satirisch oder nicht genau nach dem Hut- und Haubenstock eines pays coutumier geformet gewesen; er verlangt freien Widerspruch, wenn er lugt.
Ein Briefchen war die Wurfschaufel, die den Armenadvokaten am andern Tage aus Baireuth fortwarf, namlich eines vom Grafen zu Vaduz, der Leibgebers kaltes Fieber und Talg-Aussehen freundschaftlich bedauerte und zugleich den schnellern Regierantritt des Inspektorats bestellete. Dieses Blattchen legte sich an Siebenkas als Flughaut an, womit er seinem scheinbaren Kokons-Grabe zueilte, um daraus als frischer Inspektor aufzufliegen. Im nachsten Kapitel kehrt er um und raumt die schone Stadt. In diesem nimmt er noch bei Leibgebern, dessen Rolle ihm zustirbt, im Silhouetten-Schneiden Privatstunden. Der Schneider-Meister und Mentor in der Schere tat hiebei nichts, was durch mich auf die Nachwelt zu kommen verdiente, als das, wovon ich in meinen Belegen kein Wort antreffe, was ich aber aus dem Munde des Hrn. Feldmanns, Gasthof-Inhabers, selber habe, der gerade an der Tafel vorschnitt, als es vorfiel. Es war nichts, als dass ein Fremder vor der Wirtstafel stand und unter mehrern Tischgenossen auch den Silhouetten-Improvisatore Leibgeber ausschnitt in Schattenpapier. Dieser ersah es und schnitt unter der Hand und unter dem Tellertuche seinerseits den Supernumerarkopisten des Gesichtes nach und als dieser den einen Nachschnitt hinreichte, langte jener den andern hin, sagend: "Al pari, mit gleicher Munze bezahlend!" Der Passagier machte ubrigens ausser den Schatten-Holzschnitten noch Luftarten; worunter ihm keine gelang als die phlogistische, die er leicht mit seiner Lunge verfertigte, und in der er, gleich den Pflanzen, gedieh und sich farbte: sie ist einatembar und bekannter unter dem Namen "Wind", um sie von den andern, untrinkbaren phlogistischen zu unterscheiden. Als der phlogistische Windmacher, der von Stadt zu Stadt aus dem tragbaren Katheder seines Leibes gute Vorlesungen uber die andern Luftarten hielt, das Macher- und Schneiderlohn und sich fortgetragen hatte, so bemerkte Heinrich nur folgendes: "Reisen und dozieren zugleich sollten Tausende; wer sich auf drei Tage einschrankt, kann sicher darin uber alle Materien als ausserordentlicher Lehrer lesen, von denen er wenig versteht. So viel seh' ich schon, dass sich jetzt uberall leuchtende Wandelsterne um mich und andere drehen, die uns uber Elektrizitat, uber Luftarten, uber Magnetismus, kurz, uber die Naturlehre ein fliegendes Licht zuwerfen; aber das ist nur etwas: ich will an diesem Entenflugel erstikken, wenn solche Kathederfahrer und Kurrendlehrer (nicht Kurrendschuler) nicht uberhaupt uber alles Wissenschaftliche lesen konnen, und mit Nutzen, uber die kleinsten Zweige besonders. Konnte nicht der eine auf das erste Jahrhundert nach Christi Geburt oder aufs erste Jahrtausend vor derselben, weil es nicht langer ist vorlesend reisen, ich meine namlich, solches den Damen und Herren in wenigen Vorlesungen beibringen, der zweite aufs zweite, der dritte aufs dritte, der 18te auf unseres? Solche transzendente Reiseapotheken fur die Seele kann ich mir gedenken. Ich freilich fur meine Person bliebe dabei nicht einmal, ich kundigte mich als peripatetischer Privatdozent in den allerkleinsten Kapiteln an z.B. ich wurde an kurfurstlichen Hofen Unterricht uber die Wahlkapitulation erteilen, an altfurstlichen bloss uber die Furstenerianer exegetisch an allen Orten uber den 1. Vers im 1. Buch Mosis uber den Seekraken uber den Satan, der halb dieser sein mag uber Hogarths Schwanzstuck, mit Beiziehung einiger Vandykischen Kopfe auf Gold- und Kopfstucken uber den wahren Unterschied zwischen Hippozentauren und Onozentauren, den der zwischen Genies und deutschen Kritikern134 am meisten aufhellet uber den ersten Paragraph von Wolf oder auch von Putter uber Ludwigs (XIV.) des Vergrosserten Leichenbier und Volkfeste unter seiner Bahre uber die akademischen Freiheiten, die ein akademischer kursorischer Lehrer sich ausser dem Ehrensold nehmen kann, und deren grosste oft der Torschluss des Horsaals ist uberhaupt uber alles. So und auf diesem Wege (will es mir vorkommen), wenn hohe circulating schools135 so gemein wurden wie Dorfschulen, wenn die Gelehrten (wie man doch wenigstens angefangen) als lebendige Weberschiffe zwischen den Stadten auf und niederfahren und den Faden der Ariadne, wenigstens der Rede, uberall anhangen und zu etwas verweben wollten; auf einem solchen Wege, wenn jede Sonne von einer Professur nach dem ptolomaischen System ihr Licht selber um die finstern, auf Halse befestigten Weltkugeln herum truge welches wohl offenbar nichts vom kopernikanischen hatte, nach welchem die Sonne auf dem Katheder stille steht, mitten unter den herreisenden und umlaufenden Wandelsternen oder Studenten auf diesem Wege konnte man sich endlich einige Rechnung machen, dass aus der Welt etwas wurde, wenigstens eine gelehrte. Weisen wurde der blosse Stein der Weisen, das Geld, den Toren aber wurden die Weisen selber zuteil, und Wissenschaften aller Art und noch mehr die Wiederhersteller der Wissenschaften kamen auf die Beine es gabe keinen Boden mehr als klassischen, worauf man mithin ackern und fechten musste jeder Rabenstein ware ein Pindus, jeder Nacht- und jeder Furstenstuhl eine delphische Hohle und man sollte mir dann in allen deutschen Kreisen einen Esel zeigen. Das folgte, wenn alle Welt auf gelehrte und lehrende Reisen ginge, der Teil der Welt freilich ausgenommen, der durchaus zu Hause sitzen muss, wenn jemand da sein soll, der hort und zahlt gleich dem point de vue, wozu man bei Heerschauen oft den Adjutanten erlieset."
Auf einmal sprang er auf und sagte: "Wollte Gott, ich ginge einmal nach Bruckenau136. Dort auf Badezubern ware mein Lehrstuhl und Musensitz. Die Kauffrau, die Ratin, die Landedelfrau oder deren Tochter lage als Schaltier im zugemachten Bassin und Reliquienkasten und steckte, wie aus ihrer andern Kleidung, nichts heraus als den Kopf, den ich zu bilden hatte welche Predigten wollt' ich als Antonius von Padua erobernd der weichen Schleie oder Sirene halten, wiewohl sie mehr eine Festung mit einem Wassergraben ist! Ich sasse auf der holzernen Hulfter ihrer feurigen, wie Phosphor unter Wasser gehaltenen Reize und dozierte! Was war' aber das gegen den Nutzen, den ich stiften konnte, wenn ich mich selber in ein solches Besteck und Futteral einschobe und drinnen im Wasser wie eine Wasserorgel ginge und als Flussgott meine wenigen Amtgaben an der Schulbank auf meiner Wanne versuchte; wenn ich zwar die Lehr-Gestus unter dem warmen Wasser machte, weil nur der Kopf mit dem Magisterhut aus der Scheide, wie ein Degenknopf, herauslangte, indessen aber doch schone Lehren, uppige unter Wasser stehende ReisAhren und Wasserpflanzen, einen philosophischen Wasserbau und dergleichen aus dem Zuber heraustriebe und alle Damen, die ich jetzt ordentlich mein Quaker- und Diogenes-Fass umringen sehe, mit dem herrlichsten Unterricht besprenget entliesse? Beim Himmel! ich sollte nach Bruckenau eilen, als Badgast weniger denn als Privatdozent."
Sechzehntes Kapitel
Abreise Reisefreuden Ankunft
Firmian schied. Er reisete aus dem Gasthofe, der fur ihn ein rheinisches Monrepos oder mittelmarkisches Sanssouci gewesen war, nicht gern dem Vertausche schoner Zimmer gegen kahle entgegen. Ihm, der keine Bequemlichkeiten, gleichsam die weichen Ausfutterungen dieses harten Lebens, noch gekannt und noch keinen andern Knecht als den Stiefelknecht, hatt' es ungewohnlich wohl getan, dass er auf sein Zimmertheater so leicht mit der Klingel den ersten Schauspieler, den Kellner Johann, aus dem Kulissen-Stockwerke herauf lauten konnte, noch dazu mit Teller und Flasche in der Hand begabt, wovon der Schauspieler nicht einmal etwas bekam und genoss, sondern nur er und das Publikum. Noch unter dem Tore des Gasthofs zur Sonne warf er Herrn Feldmann, dem Besitzer, das mundliche Lob das dieser sogleich als ein zweites Glanzschild von mir gedruckt erhalten soll, sobald es aus der Presse ist mit den Worten zu: "Bei Ihnen fehlt einem Gaste nichts als der wichtigste Artikel, die Zeit. Ihre Sonne erreiche und behalte das Zeichen des Krebses." Mehre Baireuther, die dabei standen und das Lob horten, nahmen es fur eine elende Satire.
Heinrich begleitete ihn etwan 30 Schritte uber die reformierte Kirche bis zum Gottesacker hinaus und riss sich dann leichter als sonst weil er ihn in wenig Wochen auf dem Sterbebette wiederzusehen hoffte von seinem Herzen los. Er begleitete ihn darum nicht nach Fantaisie, damit sich sein Freund stiller in das Zauber Echo verlieren konnte, das ihm heute der ganze Garten von den Geisterharmonien jenes seligen Abends zuruckgeben wurde.
Firmian trat allein in das Tal, wie in einen heiligen, schauerlichen Tempel. Jedes Gestrauch schien ihm von Licht verklart, der Bach aus Arkadien hergeflossen und das ganze Tal ein versetztes, aufgedecktes Tempe-Tal zu sein. Und als er an die heilige Statte kam, wo Natalie ihn gebeten hatte: "denk an heute": so war ihm, als wurfe die Sonne einen himmlischern Glanz, als kame das Bienengetone von verwehten Geister-Stimmen, als musst' er auf die Stelle niederfallen und sein Herz an das betauete Grun andrucken. Er ging auf diesem zitternden Resonanzboden den alten Weg zuruck, den er mit Natalien gemacht, und eine Saite um die andere gab bald in einem Rosenspalier, bald aus einer Quelle, bald auf dem Balkon, bald in der Laube wieder den verklungnen Ton. Seine Brust schwoll trunken an bis zum Schmerz; seine Augen deckte ein feuchter, durchsichtiger, bleibender Schimmer, der zu einem grossen Tropfen einlief; nur der Morgenglanz und das Blutenweiss drangen noch von der Erde durch das tranentrunkne Auge und durch den Blumenflor aus Traumen, in deren Lilienduft die Seele betaubt und schlummernd niedersank. Es war, als ob er im Genusse seines Leibgebers bisher nur in halber Kraft die Liebe fur Natalien empfunden hatte; so neumachtig und himmelluftig wehte ihn in dieser Einsamkeit die Liebe wie mit atherischen Flammen an. Eine jugendliche Welt bluhte in seinem Herzen.
Plotzlich rief in sie das Gelaute von Baireuth hinein, das ihm seine Abschiedstunde schlug; und ihn uberfiel jene Bangigkeit, mit welcher man nach dem Scheiden noch zu lange in der Nahe der geraumten Freudenstadt verweilt. Er ging.
Welcher Duftglanz fiel auf alle Auen und Berge, seitdem er an Natalie dachte und an den unverganglichen Kuss! Die grune Welt hatte jetzo Sprache fur ihn, die auf der Herreise ihm nur als Gemalde erschienen. Den ganzen Tag trug er in seinem dunkelsten Innern einen Lichtmagneten der Freude, und mitten unter Zerstreuungen und Gesprachen fand er, wenn er auf einmal in sich hineinblickte, dass er immer selig geblieben.
Wie oft kehrt' er sich nach den Baireuther Bergen um, hinter welchen er zum ersten Male Tage der Jugend gelebt! Natalie zog hinter ihm nach Morgen weiter, und Morgenlufte, die um die ferne Einsame geflattert, wehten heruber, und er trank Atherflut wie einen geliebten Atem.
Die Berge sanken ein in das Himmelblau war sein Paradies untergetaucht sein Westen und Nataliens Osten flohen mit doppelten Flugeln weiter auseinander.
Eine geschmuckte Ebene nach der andern trat fliehend hinter ihn zuruck.
Wie vor Jugendjahren eilte er, wechselnd zwischen Sehen und Geniessen, vor den mit Blumen uberdeckten Gliedern des ausgedehnten Fruhlings vorbei.
So kam er abends im Taldorfe an der Jaxt, wo er auf der Herreise uber seine liebeleeren Tage weinend hingeblickt hatte, mit einem andern Herzen an, das voll war von Liebe und Gluck; und das wieder weinte. Hier wo er damals unter den auflosenden Zauberlichtern des Abends sich gefragt: welche weibliche Seele hat dich je geliebt, wie dein alter Traum der Brust so oft vorgespiegelt? und wo er sich eine traurige Antwort gegeben hier konnt' er an den Baireuther Abend denken und zu sich sagen: ja, Natalie hatte mich geliebt. Nun stand wieder der alte Schmerz aber verklart vom Tode auf. Er hatte ihr den Schwur der Unsichtbarkeit auf Erden getan er zog jetzt seinem Sterben entgegen, um sie nie mehr zu sehen sie war vorausgezogen und ihm gleichsam vorgestorben, und sie hatte bloss die Schmerzen, zweimal geliebt und verloren zu haben, in die langen dunkeln Jahrgange ihres Lebens mitgenommen. "Und hier wein' ich und schaue in mein Leben!" sagt' er mude und schloss die Augen zu, ohne sie zu trocknen.
Am Morgen ging in ihm eine andere Welt auf, nicht die bessere, sondern die ganz alte. Ordentlich als hatten die konzentrischen Zauberkreise von Natalie und Leibgeber nicht weiter gereicht und nicht mehr umschliessen konnen als bloss noch das kleine Sehnsucht-Tal an der Jaxt: so trug jeder Schritt nach der Heimat die Dichtkunst seines bisherigen Lebens in poetische Prose uber. Die kalte Zone seiner Tage, der Reichs-Marktflecken, lag ihm schon naher; die warme, auf der noch die abgebluhten Blatter der ephemerischen Freudenblumen nachflatterten, war weit hinter ihm.
Aber auf der andern Seite ruckten die Bilder seines hauslichen Lebens immer lichter heran und wurden zu einer Bilderbibel, indes die Gemalde seines Wonnemonats in ein dunkles Bilderkabinett zuruckwichen.
Ich mess' es in etwas dem Regenwetter bei.
Gegen das Ende der Woche andert sich ausser dem Beichtkinde und dem Kirchenganger auch das Wetter, und der Himmel und die Menschen wechseln da Hemden und Kleider. Es war Sonnabends und wolkig. Im feuchten Wetter geht es an unsern Gehirnwanden zu wie an Zimmerwanden, deren Papiertapeten es einsaugen und sich zu Wolken aufrollen, bis das trockne Wetter beide Tapezierungen wieder glattet. Unter einem blauen Himmel wunsch' ich mir Adlerschwingen, unter einem bewolkten bloss einen Flederwisch zum Schreiben; dort will man in die ganze Welt hinaus, hier in den Grossvaterstuhl hinein; kurz acht Wolken, zumal wenn sie tropfen, machen hauslich und burgerlich und hungrig, das Himmelblau aber durstig und weltburgerlich.
Diese Wolken vergitterten ordentlich das Baireuther Eden; er sehnte sich bei jedem schnellern grossen Tropfen, der in die Blatter schlug, an das eheliche Herz, das ihm gehorte und das er bald verlieren sollte, und in seine enge Stube. Endlich, als die Eisschollen von schroffen Wolken in einen grauen Schaum sich aufgeloset hatten, und als die untergehende Sonne wie eine Teichdocke aus diesem hangenden Weiher gezogen war und es mithin tropfelte, da erschien Kuhschnappel. Misslaute, uneinige Gefuhle erzitterten in ihm. Der spiessburgerliche Marktflecken erschien ihm, im Abstich mit freiern Menschen, so zusammengeknullet, so kanzleistilig mit Leber- und Magenreimen, so voll Troglodyten dass er sein grunes Gitterbette am lichten, hellen Tage auf den Markt hatte walzen und darin unter lauter vornehmen Fenstern schlafen konnen, ohne etwas nach dem Gross und Kleinen-Rat darhinter zu fragen. Je naher er dem Theater seines Sterbens kam, desto schwerer kam ihm diese erste und vorletzte Rolle vor; an fremden Orten wagt, zu Hause zagt man. Auch frass ihn der Huttenrauch und Schwaden an, der allein uns alle so sehr druckt, dass selten einer den Kopf ganz emporhebt, uber den Schwaden heraus. Im Menschen nistet namlich ein verdammter Hang zu stillesitzender Gemachlichkeit, er lasset sich wie ein grosser Hund lieber tausendmal stechen und necken, eh' er sich die Muhe nimmt, aufzuspringen, anstatt zu knurren. Ist er freilich nur einmal auf den Beinen, so legt er sich schwer die erste heroische Tat kostet, wie (nach Rousseau) der erste gewonnene Taler, mehr als tausend neue hinterdrein. Unsern Siebenkas stach auf dem Polster der Hauslichkeit, zumal unter dem tropfenden Gewolke, die Aussicht auf die lange, beschwerliche, gefahrliche Finanzund chirurgische Operation eines theatralischen Sterbens.
Aber je naher er dem Rabenstein, diesem Mauseturm seines vorigen engen Lebens, trat, desto schneller und greller loseten in seiner bangen Brust die Gefuhle seiner vorigen herzzerdruckenden Stampfmuhlen und die Gefuhle seiner kunftigen Erlosung einander ab. Er dachte immer, er musse sich wieder sorgen und gramen wie sonst weil er den offnen Himmel seiner Zukunft vergass; so wie man sich nach einem schweren Traume noch immer angstigt, ob er gleich voruber ist.
Als er aber die Wohnung seiner so lange verstummten Lenette erblickte: verschwand alles aus seinem Auge und Herzen, und nichts blieb darin als die Liebe und ihre warmste Trane. Seiner Brust, die bisher jeder Gedanke mit Funken der Liebe voll geladen hatte, war das Band der Ehe zu einer Ausladekette vonnoten!
"O, reiss' ich mich nicht ohnehin so bald von ihr auf immer ab und presse ihr irrige Tranen aus und geb' ihr die schwere Wunde der Trauer und eines Leichenbegangnisses! Wir sehen uns dann nie mehr, nie mehr, du Arme!" dacht' er.
Er lief eiliger. Er drangte sich mit zuruckgekrummtem, nach den obern Fenstern blickendem Kopfe dicht an den Fensterladen seines Neben-Kommandeur Merbitzer vorbei. Dieser spaltete im Hause Sabbatholz, und Firmian winkte, ihn durch kein Schildwachengeschrei zu verraten; der alte Neben-Zar winkte sogleich mit ausgestreckten Fingern zuruck, Lenette sei namlich oben allein in der Stube. Die alten gewohnten Ripienstimmen des Hauses, das zankende Gellen der Buchbinderin, der Sing-Dampfer des eifrigen Beters und Fluchers Fecht, fiel ihm unter dem Hinaufschleichen der Treppe wie susses Futter entgegen. Der abnehmende Mond seiner fahrenden Zinn-Habe glanzte aus der Kuche ihm herrlich und silbern entgegen, alles war gescheuert aus dem Bade der Wiedergeburt gestiegen, eine kupferne Fischpfanne die so lange keinen Essig vergiftete, als man sie nicht flicken liess gluhte ihn aus dem Kuchenrauch des Einheizens, wie die Sonne aus dem Heerrauch, an. Er zog leise die Stubenture auf: er sah niemand darin und horte Lenetten in der Kammer betten. Er tat, mit einem Hammerwerk in der Brust, einen weiten leisen Schritt in die geputzte Stube, die schon ein Sonntaghemde aus weissem Sand angelegt, und woran die bettende Flussgottin und Wassernymphe alle Wasserkunste versucht hatte zu einem ausgefeilten Kunstwerk. Ach, alles ruhte so friedlich, so eintrachtig nebeneinander vom Gewuhle der Woche aus. Uber alles war das Regengestirn aufgegangen, nur sein Dintenfass war eingetrocknet. Seinen Schreibtisch behaupteten ein paar grosse Kopfe, welche als Haubenkopfe schon das sonntagliche Kopfzeug trugen, damit von ihnen als den Geschlecht-Vormundern (Curatores sexus) das Zeug morgen auf die verschiedenen Kopfe der Frauen vom Rate uberwanderte.
Er trieb die offne Kammerture weiter auf und sah nach so langer Entfernung seine geliebte Gattin, die mit dem Rucken gegen ihn stand. Jetzo war ihm, als vernehm' er auf der Treppe den Walkmuhlen-Gang des Pelzstiefels, und um die erste Minute ohne ein fremdes Auge an ihrem Herzen zuzubringen, sagte er sanft zweimal: "Lenette!" Sie prallete herum, rief: "Ach Herr Gott, du?" Er war schon auf ihr Herz gesturzt und ruhte an ihrem Kuss und sagte: "Guten Abend, guten Abend, was machst du denn? wie ging es dir?" Seine Lippen erdruckten die Worte, die er begehrte plotzlich stemmte sie sich straubend aus seinen Armen und ihn ergriffen zwei andere hastig, und eine Bassstimme sagte: "Wir sind auch da willkommen, Herr Armenadvokat, Gott sei Lob und Dank." Es war der Schulrat.
Wir fieberhaften, von eignen und von fremden Mangeln abgetriebnen und von ewigem Sehnen wieder zusammengefuhrten Menschen, in welchen eine Hoffnung von fremder Liebe nach der andern verdurstet, und in denen die Wunsche nur zu Erinnerungen werden! Unser mattes Herz ist doch wenigstens glanzend und recht und voll Liebe in der einen Stunde, wo wir wiederkommen und wiederfinden, und in der zweiten Stunde, wo wir trostlos scheiden, wie alle Gestirne milder, grosser und schoner erscheinen, wenn sie aufsteigen und wenn sie untersinken, als wenn sie uber uns ziehen. Wer aber immer liebt, und niemals zurnt, dem fallen diese zwei Dammerungen, worin der Morgenstern der Ankunft und der Abendstern des Abschieds geht, zu trube auf die Seele, er halt sie fur zwei Nachte und ertragt sie schwer.
Siebenzehntes Kapitel
Der Schmetterling Rosa als Minierraupe
Dornenkronen und Distelkopfe der Eifersucht
Das vorige Kapitel war kurz wie unsere Tauschungen. Ach es war auch eine, armer Firmian! Nach der ersten sturmischen gegenseitigen Katechetik, ferner nach den erhaltenen und erteilten Berichten wurde er immer mehr gewahr, dass aus Lenettens unsichtbarer Kirche, worin der Pelzstiefel als Seelenbrautigam stand, recht klar eine sichtbare werden sollte. Es war, als wenn das Erdbeben der vorigen Freude den Vorhang des Allerheiligsten, worin Stiefels Kopf als Cherubim flatterte, ganz entzweigerissen hatte. Aber ich sage hier, die Wahrheit zu sagen, eine Luge; denn Lenette suchte absichtlich eine besondere Vorliebe fur den Rat an den Tag zu legen, der vor Freude daruber sich von Arkadien nach Otaheite, von da nach Eldorado, von diesem nach Walhalla verflatterte; ein gewisses Anzeigen, dass sein bisheriges Gluck in Firmians Abwesenheit kleiner gewesen war. Der Rat erzahlte, dass Rosa mit dem Heimlicher gebrochen, und dass der Venner, den dieser zu einer Spinnmaschine brauchen wollte, sich zu einer Kriegmaschine gegen ihn umgekehrt habe: der Anlass sei die Nichte in Baireuth, die vom Venner den Korb erhalten, weil er sie im Kusse eines Baireuther Herren angetroffen. Firmian wurde brennend rot und sagte: "Du elender Kakerlak! Der jammerliche Schwindelhaber hat einen Korb bekommen, aber nicht gegeben. Hr. Rat, werden Sie der Ritter des armen Frauenzimmers und durchbohren Sie diese Missgeburt von einer Luge, wo Sie sie finden von wem haben Sie dieses Unkraut?" Der Stiefel wies gelassen auf Lenetten: "von Ihnen da!" Firmian fuhr zusammen: "Von wem hast denn du es?" Sie sagte mit einer uber das ganze Gesicht ausgelaufnen Wangenglut: "Hr.v. Meyern waren hier bei mir und erzahlten es selber." Der Rat fuhr dazwischen: "Ich wurd' aber sogleich hergeholet und schaffte ihn geschickt beiseite." Stiefel hielt um die verbesserte Geschichte der Sache an. Firmian stattete furchtsam und mit wechselnder Stimme einen gunstigen Bericht von dem Rosenmadchen ab im dreifachen Sinne eines, wegen der Rosen auf den Wangen, wegen ihrer siegenden Tugend, wegen der Gabe der grunen Rosenknospen ; er bewilligte ihr aber Lenettens wegen nur das Akzessit, nicht die goldene Medaille. Er musste den verraterischen Venner, als den Widder, an der Stelle Nataliens auf den Opferaltar binden oder ihn wenigstens vor ihren Triumphwagen anschirren als Sattelgaul und es frei erzahlen, dass Leibgeber die Verlobung verhutet und sie durch die satirischen Skizzen, die er von Meyern entworfen, gleichsam beim Armel zuruckgezogen habe vom ersten Tritte in die Hohle des Minotaurus. "Aber von dir", sagte Lenette, aber ohne den Frageton, "hatte doch Hr. Leibgeber alles erst?" "Ja!" sagt' er. Die Menschen legen in einsilbige Worter, zumal in Ja und Nein, mehr Akzente, als die Sineser haben; das gegenwartige Ja war ein herausgeschnelltes, tonloses, kaltes Ja, denn es sollte bloss einem "Und" gleichgelten. Sie unterbrach eine abirrende Frage des Rats mit einer Kernschuss Frage: wann Firmian bei ihr mit gewesen? Dieser merkte endlich mit seinem Kriegperspektiv in ihrem Herzen allerlei feindliche Bewegungen: er machte eine lustige Schwenkung und sagte: "Hr. Rat, wann besuchten Sie Lenetten.?" "Dreimal wenigstens in jeder Woche, oft ofter, immer um gegenwartige Zeit", sagt' er. "Ich will weiter nicht eifersuchtig werden", sagte Firmian mit freundlichem Scherz, "aber geben Sie acht, meine Lenette wird es, dass ich mit Leibgebern zweimal, einmal nachmittags, einmal abends, bei Natalien gewesen und in Fantaisie spazieren gegangen: nun, Lenette?" Sie warf die Kirschen-Lippe auf, und ihr Auge schien Voltas elektrischer Verdichter zu sein.
Stiefel ging, und Lenette warf ihm aus einem Angesicht, auf dem zwei Feuer, das Zornfeuer und ein schoneres, zu brennen schienen, einen Funken voll Augenliebe uber die Treppe nach, der die ganze Pulvermuhle eines Eifersuchtigen in Brand hatte stecken konnen. Das Ehepaar war kaum droben, so fragte er sie, um ihr zu schmeicheln: "Hat dich der verwetterte Venner wieder gequalt?" Jetzo knatterte ihr Feuerwerk, dessen Gerust schon lange im Gesichte gestanden, zischend los: "Ei, du kannst ihn freilich nicht leiden, deiner schonen gelehrten Natalie wegen bist du auf ihn eifersuchtig. Denkst denn du, ich weiss es nicht, dass ihr miteinander die ganze Nacht im Walde herumgegangen, und dass ihr euch geherzet und gekusset habt! Schon! Pfui! Das hatt' ich aber nicht gedacht Da musste freilich der gute Hr. von Meyern die reizende Natalie mit aller ihrer Gelehrsamkeit sitzen lassen. Defendier dich doch!"
Firmian antwortete sanft: "Ich hatte den unschuldigen Punkt, der mich betrifft, vor dem Schulrat mit erzahlt, hatt' ich dirs nicht schon angesehen nehm' ichs denn ubel, dass er dich unter meiner Reise gekusset hat?" Das entflammte sie noch mehr, erstlich, weil es ja Firmian nicht gewiss wusste denn richtig wars , zweitens, weil sie dachte: "Jetzo kannst du leicht vergeben, da du eine Fremde lieber hast als mich"; aber aus demselben Grunde, da sie ja auch einen Fremden lieber hatte als den Mann, hatte sie ja auch verzeihen mussen. Anstatt seine vorige Frage zu beantworten, tat sie, wie gewohnlich, selber eine: "Hab' ich noch jemanden seidne Vergissmeinnicht gegeben, wie eine Gewisse einem Gewissen getan? Gottlob, ich habe meine ausgeloset noch in der Kommode." Jetzo stritt Herz mit Herz in ihm; sein weiches wurde innig von dem absichtlosen Zusammenbinden so unahnlicher Vergissmeinnicht durchdrungen; aber sein mannliches wurde heftig aufgereizt durch ihr verhasstes Schutz- und Trutzbundnis mit dem, der das von Natalie gerettete einfaltige Madchen, wie es jetzt am Tage lag, in die Fantaisie als ein Schiesspferd hingeschickt, um darhinter sich und sein Rachgewebe zu verstecken. Da nun Siebenkas mit zorniger Stimme seinen Richterstuhl zu einem Armensunderstuhl des Venners machte, diesen einen weiblichen Knospenkafer schalt und einen Taubenhabicht und Hausdieb der Eheschatze und einen Seelenverkaufer gepaarter Seelen und da er mit dem hochsten Feuer beschwur, dass nicht Rosa eine Natalie, sondern sie einen Rosa ausgeschlagen und da er naturlich seiner Frau jede Verbreitung des Vennerischen lugenden Halbromans gebieterisch untersagte: so verwandelte er die arme Frau vom Fuss bis auf den Kopf in einen harten, beissenden Rettig aus Erfurt.... Lasset unsere Augen nicht zu lange und nicht zu richterlich auf dieser Hitzblatter oder auf diesem Eiterungfieber der armen Lenette bleiben! Ich meines Orts lasse sie stehen und falle lieber hier das ganze Geschlecht auf einmal an. Ich werde das tun, hoff' ich, wenn ich behaupte, dass die Weiber nie mit fressendern Farben malen so dass Swifts schwarze Kunst dagegen nur eine Wasserkunst ist , als wenn sie korperliche Hasslichkeiten fremder Weiber abzufarben haben; ferner, dass das schonste Gesicht zu einem hasslichen aufbirst, aufquillt und sich auszackt, wenn es, statt der Trauer uber den Uberlaufer, Entrustung uber die Werboffizierin verrat. Genau genommen, ist jede auf ihr ganzes Geschlecht eifersuchtig, weil demselben zwar nicht ihr Mann, aber doch die ubrigen Manner nachlaufen und so ihr untreu werden. Daher tut jede gegen diese Vice-Koniginnen der Erde den Schwur, den Hannibal gegen die Romer, die Konige der Erde, ableistete und ebensogut hielt. Jede hat daher die Kraft, die Fordyce allen tierischen Korpern beilegt, die andern kalt zu machen; und in der Tat muss jede ein Geschlecht verfolgen, das aus lauter Nebenbuhlerinnen besteht. Daher nennen sich viele, z.B. ganze NonnenKloster, die Herrnhuterinnen, Schwestern oder auch verschwisterte Seelen, um etwan, weil gerade Geschwister sich am meisten veruneinigen, durch diesen Ausdruck das Verhaltnis ihrer Gesinnung zum Teil zu bezeichnen. Daher bestehen die parties carrees de Madame Bouillon aus drei Mannern, und nur aus einer Frau. Das hat vielleicht den hl. Athanasius, Basilius, Scotus137 und andere Kirchenlehrer gezwungen, anzunehmen, dass die Weiber bloss die Maria ausgenommen am Jungsten Tage als Manner auferstehen, damit im Himmel kein Zank und Neid entstehe. Nur eine einzige Konigin wird von vielen l000 ihres Geschlechts geliebt, genahrt, gesucht die Bienenkonigin von den Arbeitbienen, die nach allen neuern Augen Weibchen sind.
Ich will dieses Kapitel mit einem Vorwort fur Lenetten ausmachen. Der bose Feind Rosa hatte, um Gleiches mit Gleichem oder mit noch etwas Schlimmerem zu vergelten, ganze Saetucher voll Unkraut ins offne Herz Lenettens ausgeleert und vor ihr anfangs Komplimente und Nachrichten von ihrem Manne, und zuletzt Verkleinerungen ausgepackt. Sie hatte ihm schon darum sehr geglaubt, weil er ein gelehrtes Madchen anschwarzte, verliess und aufopferte. Ihr Groll aber gegen den Schuldigen, Siebenkas, musste unendlich wachsen, bloss weil sie den Ausbruch desselben verschieben musste. Zweitens hassete sie an Natalien die Gelehrsamkeit, durch deren Mangel sie selber so zu Schaden gekommen; sie hielt mit mehren Weibern an einer Venus, wie viele Kenner an der medizeischen, den Kopf nicht fur echt. Es brachte sie am meisten auf, dass Firmian einer Fremden mehr beistand als seiner Frau, ja auf Kosten derselben; und dass Natalie aus Hochmut fur einen solchen reichen Herren, wie Meyern war, einen Korb statt eines Netzes geflochten und dass ihr Mann alles eingestanden, weil sie seine Offenheit bloss fur herrschsuchtige Gleichgultigkeit gegen ihren Widerwillen nehmen musste.
Was tat Firmian? Er vergab. Seine zwei Grunde dazu werden von mir gutgeheissen: Baireuth und das Grab jenes hatte ihn so lange von ihr getrennt, und dieses wollte ihn auf immer von ihr scheiden. Ein dritter Grund konnt' auch dieser sein: Lenette hatte im Punkte seiner Liebe gegen Natalien so ganz und gar unrecht nicht.
Achtzehntes Kapitel
Nachsommer der Ehe Vorbereitungen zum Sterben Ob es gleich Sonntag war und der Spezial (der Superintendent) so wenig als seine Zuhorer ein Auge aufmachte, weil er, wie viele Geistliche, mit zugedruckten physischen Augen predigte: so holte doch mein Held beim Spezial seinen Geburtschein ab, weil dieser bei der brandenburgischen Witwenkasse unentbehrlich war.
Leibgeber hatte das ubrige zu besorgen unternommen. Genug davon! denn ich spreche nicht gern viel von der Sache, seitdem mir vor mehren Jahren der Reichs-Anzeiger als schon langst die Siebenkasische Kassenschuld bei Heller und Pfennig berichtigt gewesen offentlich vorgehalten, ich brachte durch den letzten Band des Siebenkas Sitten und Witwenkassen in Gefahr, und er, der Anzeiger, habe mich deshalb nach seiner Art derb vorzunehmen. Aber bin ich und der Advokat denn eine Person? Ist es nicht jedem bekannt, dass ich wie mit meiner Ehe uberhaupt, so noch besonders mit der preussischen Zivilwitwenkasse ganz anders umgehe als der Advokat und dass ich dato weder zum Schein noch im Ernste mit Tod abgegangen, so viele Jahre hindurch ich auch schon in gedachte preussische Kasse ein Bedeutendes eingezahlt? Ja will ich nicht sogar ich darf es wohl versichern der Kasse noch recht lange Zeiten fort, wenn auch zu meinem Schaden, jahrlich das Gesetzte entrichten, so dass sie bei meinem Tode von mir mehr soll gezogen haben als von irgendeinem Einsetzer? Dies sind meine Grundsatze; aber dem Armenadvokaten darf ich nachruhmen, dass die seinigen wenig von meinen abweichen. Er war bloss in Baireuth dem freundschaftlichen Sturm und Drang seines Leibgebers mit seinem sonst wahren Herzen gegen einen Freund erlegen, welchem er jeden Wunsch, am meisten sein eignes Versprechen erfullte. Leibgeber hatte ihn in jenem begeisterten Augenblicke mit seiner wilden weltburgerlichen Seele berauscht, welche auf ihrer bandlosen Seelenwanderung des ewigen Reisens zu sehr das Leben fur ein Karten- und Buhnenspiel, fur ein Gluck- und Kommerz-Spiel zugleich, fur eine Opera buffa und seria zugleich ansah. Und da er noch dazu Leibgebers Geldverachtung und Geldmittel kannte und seine eignen dazu: so ging er eine an sich unrechtliche Rolle ein, deren strafende Peinlichkeit unter dem Durchfuhren er so wenig voraussah als die Busspredigt aus Gotha.
Und doch hatt' er von Gluck zu sagen, dass nur der Beckersche Anzeiger hinter den Strohwitwenstuhl Nataliens gekommen war, und nicht Lenette. Himmel! hatte vollends diese mit ihrem seidnen Vergissmein in der Hand (das Nicht war fort) Firmians Adoptiv-Ehe erfahren! Ich mag die Frau nicht richten lassen und nicht richten. Aber hier will ich allen meinen Leserinnen besonders einer darunter zwei auffallende Fragen herschreiben: "Wurden Sie nicht meinem Helden fur sein frommes und warmes Betragen gegen dieses weibliche Paar, wenn nicht einen Eichen-, doch Blumenkranz oder wenigstens (weil er auf seinem Herzen eine Doppelsonate durch vier weibliche Hande spielen lasset) nur ein Brustbukett von Ihrem Richterstuhle herunterreichen? Teuerste Leserinnen, Sie konnen unmoglich schoner richten, als Sie eben gerichtet haben, wiewohl meine Uberraschung nicht so gross ist als mein Vergnugen. Meine zweite Frage soll niemand an Sie tun als Sie selber; jede frage sich: 'Gesetzt, du hattest diesen vierten Teil in die Hande bekommen, warest aber jene Lenette selber und wusstest nun alles haarklein: wie wurde dir das von deinem Eheherrn Siebenkas gefallen, was wurdest du tun?'"
Ich wills sagen: weinen sturmen138 keifen grollen schweigen brechen etc. So furchterlich verfalschet die Selbsucht das feinste moralische Gefuhl und besticht es zu doppelten Richterspruchen uber einerlei Rechtssache. Ich helfe mir, wenn ich uber den Wert eines Charakters oder eines Entschlusses schwankte, sogleich dadurch, dass ich mir ihn nass aus der Presse kommend und in einem Roman oder einer Lebensbeschreibung vorgemalet denke heiss' ich ihn dann noch gut, so ist er sicher gut.
Es ist schoner, wenn in den alten Satyrs und im Sokrates Grazien steckten, als wenn in den Grazien Satyrs wohnen; der in Lenetten ansassige stiess mit sehr spitzen Hornern um sich. Ihr unerwiderter Zorn wurde spottisch, denn seine Sanftmut machte mit seinen vorigen Hiobs-Disputationen einen verdachtigen Abstich, woraus sie die vollstandige Erstarrung seines Herzens abzog. Sonst wollt' er, wie ein Sultan, von Stummen bedienet sein, bis sein satirischer Fotus, sein Buch, mit dem Roonhuysischen Hebel und dem Kaiserschnitt des Federmessers in die Welt gehoben war; wie Zacharius so lange stumm verblieb, bis das Kindlein aufhorte es zu sein, und geboren wurde und zugleich mit dem Alten schrie. Sonst war ihre Ehe oft den meisten Ehen ahnlich, deren Paare jenen Zwillingstochtern139 gleichen, die, mit den zwei Rucken ineinandergewachsen, sich immer zankten, aber niemals erblickten und immer nach entgegengesetzten Weltgegenden zogen, bis die eine mit der andern auf und davon lief. Jetzt hingegen liess Firmian alle Misstone Lenettens ohne Zorn ausschnarren. Auf ihre Ekken, auf ihre opera supererogationis im Waschen, auf die Wasserschosslinge ihrer Zunge fiel nun ein mildes Licht, und die Farbe des Schattens, den ihr aus dunkler Erde geschaffnes Herz wie jedes warf, verlor sich sehr ins Himmelblaue, wie (nach Mariotte) sich die Schatten unter dem Sternenlicht so blauen wie der Himmel daruber. Und stand nicht der grosse blaue Sternenhimmel in der Gestalt des Todes uber seiner Seele? Jeden Morgen, jeden Abend sagt' er sich: "Wie sollt' ich nicht vergeben; wir bleiben ja noch so kurz beisammen." Jeder Anlass, zu vergeben, war eine Versussung seines freiwilligen Abschieds; und wie die, welche verreisen oder sterben, gern verzeihen, und noch mehr die, so beides sehen: so wurde in seiner Brust den ganzen Tag die hohe warmende Quelle der Liebe nicht kalt. Er wollte die kurze, dunkle Allee aus Hangeweiden, die aus seinem Hause bis zu seinem leeren Grabe ach ein volles fur seine Liebe lief, nur an werten Armen zurucklegen und auf jeder Moosbank darin zwischen seinem Freund und seinem Weibe, in jeder Hand eine geliebte, ausruhen. So verschonert der Tod nicht nur, wie Lavater bemerkt, unsere entseelte Gestalt, sondern der Gedanke desselben gibt dem Angesicht auch schon im Leben schonere Zuge und dem Herzen neue Kraft, wie Rosmarin zugleich sich als Kranz um Tote windet und mit seinem Lebenwasser Ohnmachtige belebt.
"Mich wundert sagt hier der Leser dabei nichts; in Firmians Fall dachte wohl jeder so, wenigstens ich." Aber, du Lieber, sind wir denn nicht schon darin? Macht die Ferne oder die Nahe unserer ewigen Abreise denn einen Unterschied? O, da wir hienieden nur als trugerisch-feste und rot gefarbte Gebilde neben unsern Hohlen stehen und gleich alten Fursten in Gruften staubend einfallen, wenn die unbekannte Hand das murbe Gebilde erschuttert: warum sagen wir denn nicht wie Firmian: "Wie sollt' ich nicht vergeben; wir bleiben ja noch so kurz beisammen." Es waren daher fur uns vier bessere Buss-, Bet- und Fasttage als die gewohnlichen, wenn wir jahrlich nur vier harte, hoffnungslose Krankentage hintereinander auszuhalten hatten; weil wir auf dem Krankenlager, dieser Eisregion des Lebens neben dem Krater, mit erhohten Augen auf die einschrumpfenden Lustgarten und Lustwalder des Lebens niedersehen wurden weil da unsere elenden Rennbahnen kurzer, und nur die Menschen grosser erscheinen und wir da nichts mehr lieben wurden als Herzen, keine andern Fehler vergrossern und hassen als unsere, und weil wir mit schonern Entschlussen das Siechbette verlassen, als wir es bestiegen. Denn der erste Genesungtag des uberwinterten Korpers ist die Blutezeit einer schonen Seele, sie tritt gleichsam verklart aus der kalten Erdenrinde in ein laues Eden, sie will alles an den schwachen, schwer atmenden Busen ziehen, Menschen und Blumen und Fruhlinglufte und jede fremde Brust, die am Krankenbette fur sie geseufzet hatte, sie will alles, wie andere Auferstandene, eine Ewigkeit hindurch lieben, und das ganze Herz ist ein feuchtwarmer, quellender Fruhling voll Knospen unter einer jungen Sonne.
Wie wurde Firmian seine Lenette geliebet haben, wenn sie ihn nicht gezwungen hatte, ihr zu verzeihen, statt ihr liebzukosen! Ach, sie hatte ihm sein kunstliches Sterben unendlich erschweret, ware sie so wie in den Flittertagen gewesen!
Aber das vorige Paradies trug jetzt eine Ernte reifer Paradieskorner so nannte man sonst die gesunden Pfefferkorner. Lenette heizte die Vorholle der Eifersucht und briet ihn darin fur den kunftigen Vaduzer Himmel gar. Eine Eifersuchtige ist durch kein Handeln und kein Sprechen zu heilen; sie gleicht der Pauke, die unter allen Instrumenten am schwersten zu stimmen ist und die sich am kurzesten in der Stimmung erhalt. Ein liebevoller warmer Blick war fur Lenette ein Zugpflaster denn mit jenem hatt' er Natalien angesehen ; sah er frohlich aus: so dachte er offenbar an die Vergangenheit; machte er eine trube Miene: so wars schon wieder derselbe Gedanke, aber voll Sehnen. Sein Gesicht musst' er als einen offnen Steckbrief oder Anschlagzettel seiner Gedanken darhinter herumtragen. Kurz der ganze Ehemann diente ihr bloss als gutes Geigenharz, womit sie die Pferdhaare rauh machte, um die viole d'amour den ganzen Tag zu streichen. Von Baireuth durft' er sich wenig Worte entfallen lassen, kaum den Namen; denn sie wusste schon, woran er dachte. Ja er konnte nicht einmal Kuhschnappel stark heruntersetzen, ohne den Argwohn zu erregen, er vergleich' es mit Baireuth und finde dieses (aus ihr wohlbekannten Grunden) viel besser; daher schrankte er ob im Ernste oder aus Nachgiebigkeit, weiss ich nicht den Vorzug meines jetzigen Wohnortes vor dem Reichsmarktflecken bloss auf die Gebaude ein und wollte das Lob nicht bis auf die Einwohner ausdehnen.
Nur uber einen Gegenstand kannte er im Nennen und Preisen gar keine Rucksicht auf missdeutende Argernis, namlich uber seinen Freund Leibgeber; aber gerade dieser war Lenetten durch Rosas Anschwarzungen und durch Helfershelferei in Fantaisie jetzt noch unleidlicher geworden, als er ihrs schon fruher in ihrer Stube mit seinem Wildtun und seinem grossen Hunde gewesen. Auch Stiefel, wusste sie, hatte bei ihr mehrmals manche Verstosse gegen gesetztes Wesen an ihm aussetzen mussen.
"Mein guter Heinrich kommt nun bald, Lenette", sagte er. "Und sein garstiges Vieh auch mit?" fragte sie.
"Du konntest wohl", versetzte er, "meinen Freund ein bisschen mehr liebhaben, gar nicht wegen seiner Ahnlichkeit mit mir, sondern wegen seiner freundschaftlichen Treue; dann wurdest du auch gegen seinen Hund weniger haben, wie du ja wohl bei mir tatest, wenn ich einen hielte. Er braucht nun einmal auf seinen ewigen Reisen ein treues Wesen, das durch Gluck und Ungluck, durch dick und dunn mit ihm geht, wie der Saufinder tut; und mich halt er fur ein ahnliches treues Tier und liebt mich mit Recht so sehr. Es bleibt ohnehin die ganze treue Gespannschaft nicht lange in Kuhschnappel", setzte er hinzu, an manches denkend. Indes gewann er mit keiner Liebe seinen Prozess um Liebe. Ich falle hier auf die Vermutung, dass dies ganz naturlich war und dass Lenette durch die bisherige warme Nahe des Schulrats sich in einer Temperatur der Liebe verwohnt und verzartelt hatte, wogegen ihr freilich die des Gatten wie kuhlende Zugluft vorkam. Die hassende Eifersucht handelt wie die liebende; die Nulle des Nichts und der Kreis der Vollendung haben beide ein Zeichen.
Der Advokat musste endlich durch sein scheinbares Erkranken sein scheinbares Erliegen vorbereiten und grundieren; aber dieses willkurliche Uberbucken und Aufsinken aufs Grab gab ein Trug bei seinem Gewissen noch fur blosse Versuche aus, Lenettens erbitterte Seele zu gewinnen. So erhebt der betorende und betorte Mensch immer sein Blendwerk entweder zu einem kleinern oder zu einem wohlwollenden!
Die griechischen und romischen Gesetzgeber erdichteten Traume und Prophezeiungen, worin die Baurisse und zugleich die Baubegnadigungen und Baumaterialien ihrer Plane enthalten waren, wie z.B. Alcibiades eine Weissagung von Siziliens Eroberung vorlog. Firmian tats in seiner Haushaltung passendabgeandert nach. Er sprach oft in Stiefels Gegenwart davon denn dieser nahm an allem zartlichern Anteil und folglich wurde seiner ihrer , dass er bald auf immer von dannen gehen werde dass er bald Versteckens spielen werde, ohne je von einem alten freundschaftlichen Auge mehr gefunden zu werden dass er hinter den Bettschirm und Bettvorhang des Bahrtuchs treten und entschlupfen werde. Er erzahlte einen Traum, den er vielleicht nicht einmal erdichtete: "Der Schulrat und Lenette sahen in seiner Stube eine Sense140, die sich von selber bewegte. Endlich ging das leere Kleid Firmians aufrecht in der Stube herum. 'Er muss ein anderes anhaben', sagten beide. Plotzlich ging unten auf der Strasse der Gottesacker mit einem unbegrunten Hugel vorbei. Aber eine Stimme rief: 'Suchet ihn nicht darunter, es ist doch vorbei.' Eine zweite sanftere rief: 'Ruh aus, du Muder!' Eine dritte rief: 'Weine nicht, wenn du ihn liebst.' Eine vierte rief furchterlich: 'Spass, Spass mit aller Menschen Leben und Tod!'" Firmian weinte zuerst und dann sein Freund und endlich mit letztem seine zurnende Freundin.
Aber nun wartete er sehnlichst auf Leibgebers Hand, die ihn schoner und schneller durch den dustern Vorgrund und die schwule Vorholle des kunstlichen Todes fuhrte: er wurde jetzo zu weich dazu.
Einst an einem schonen Augustabend war ers mehr als sonst; auf seinem Angesicht schwebte jene verklarende Heiterkeit der Ergebung, der tranenlosen Ruhrung und der lachelnden Milde, wenn der Kummer mehr erschopft als gehoben ist; wie etwan zuweilen Uber den blauen Himmel der bunte Schlagschatten des Regenbogens fallet. Er beschloss, heute bei der geliebten Gegend den einsamen Abschiedbesuch zu machen.
Draussen hing (fur seine Seele, nicht fur sein Auge) uber die lichte Landschaft ein dunner, wehender Nebel herein, wie Berghems und Wouvermans' Pinsel uber alle Landschaften einen weichenden Duft statt eines Schleiers werfen. Er besuchte, er beruhrte, er beschauete, gleichsam um Lebewohl zu sagen, jede volle Staude, an deren Ruckenlehne er sonst gelesen hatte, jeden dunklern kleinen Wellenstrudel unter einem abgespulten Wurzeldickicht, jeden duftenden, grunenden Felsenbloch, jede Treppe aus steigenden Hugeln, auf denen er sich kunstlich den Auf- oder Untergang der Sonne vervielfacht hatte, und jede Stelle, wo ihm die grosse Schopfung Tranen der Begeisterung aus der uberseligen Brust getrieben hatte. Aber mitten unter den hochstammigen Ernten, unter der wiederholten Schopfunggeschichte, im lebenwimmelnden Brutofen der Natur, in der Samenschule des reifen, unabsehlichen Gartens dehnte sich eine dumpfe, zerborstene Stimme durch den hellen Trommetenklang des Alexanders-Festes der Natur und fragte: "Welches Totengebein wandelt durch mein Leben und verunreinigt meine Bluten?" Es kam ihm vor, als sing' es aus der tiefern Abendrote ihn an: "Wandelndes Skelett mit dem Saitenbezug von Nerven in der Knochenhand, du spielest dich nicht; der Atem des weiten Lebens wehet tonend die Aolharfe an, und du wirst gespielet." Aber der trube Irrtum sank bald unter und er dachte: "Ich tone und spiele zugleich ich werde gedacht und denke die grune Hulse halt nicht meine Dryade, meinen spiritus rector (den Geist) zusammen, sondern er sie das Leben des Korpers hangt ebensosehr vom Geiste als er von jenem ab. Uberall drangt sich Leben und Kraft; der Grabhugel, der modernde Leib ist eine Welt voll arbeitender Krafte wir vertauschen die Buhnen, aber wir verlassen sie nicht."
Als er nach Hause kam, lag folgendes Blattchen von Leibgeber an ihn da: "Ich bin auf dem Wege; mache dich auf deinen! L."
Neunzehntes Kapitel
Das Gespenst Heimziehen der Gewitter im August
oder letzter Zank
Kleider der Kinder Israel
Einmal abends gegen 11 Uhr geschah unter dem Dachstuhl ein Schlag, als wenn einige Zentner Alpen hineinfielen. Lenette ging mit Sophien hinauf, um zu sehen, ob es der Teufel oder nur eine Katze sei. Mit mehlichten und ausgedehnten, winterlichen Gesichtern kamen die Frauen wieder "ach dass sich Gott erbarme", sagte die fremde, "der Hr. Armenadvokat liegt droben, wie eine Leiche, auf dem Gurtbette." Der lebendige, dem mans erzahlte, sass in seiner Stube; er sagte, es sei nicht wahr, er wurde doch auch vom Knalle gehoret haben. Aus dieser Taubheit errieten nun alle Weiber, was es bedeute, namlich seinen Tod. Der Schuster Fecht, der heute durch die Thronfolge regierender Nachtwachter war, wollte zeigen, wo ihm das Herz sasse, und versah sich bloss mit dem Wachterspiess das war sein ganzer Artilleriepark , steckte aber ungesehen noch ein Gesangbuch, schwarzgebunden, als eine heilige Schar zu sich, falls etwan doch der Teufel droben lage. Er betete unterweges viel vom Abendsegen, der eigentlich heute von ihm als Wachter-Archont, da ohnehin sein Stundengesang ein ausgedehnter, in Gassen abgeteilter Abendsegen ist, nicht gefodert werden konnte. Er wollte mutig gegen das Gurtbette vorschreiten, als er leider auch das weissgepulverte Gesicht vor sich sah und hinter dem Bette einen Hollenhund mit Feueraugen, der die Leiche grimmig zu bewachen schien. Er stand sogleich verglaset, wie zu einer Leichenwache aus Alabaster gehauen, in Angstschweiss hartgesotten, da und hielt seinen Raufer hin, das Stossgewehr. Er sah voraus, wenn er sich umwendete, um uber die Treppe hinabzuspringen, so werde ihn das Ding von hinten umklaftern und ihn satteln und hinabreiten. Glucklicherweise tropfte eine Stimme unten wie ein Kordialund Couragewasser ins Herz, und er legte seinen Sauspiess an, willens, das Ding tot zu stechen oder doch den Kubikinhalt zu visieren mit dem Visierstab. Aber als jetzt das eingeschneiete Ding langsam in die Hohe wuchs; so wurd' es ihm auf seinem Kopfe, als hab' er eine feste Pechmutze auf und jemand schraub' ihm die Kappe samt den inliegenden Haaren je langer, je mehr ab und den Aalstachel konnt' er mit zwei Handen nicht mehr halten (unten am Schaft hielt er ihn), weil der Speer so schwer wurde, als hinge sich der alteste Schuhknecht daran. Er streckte das Stichgewehr und flog kuhn von der obersten, dreimal gestrichnen Oktave der Treppe wehend herunter zur Kontrabasstaste oder stufe. Er schwur drunten vor dem Hausherren und vor allen Mietleuten, er wolle sein Nachtwachteramt ohne Spiess versehen, der Geist halte solchen in der Haft; ja es schuttelte ihn Frost, wenn er nur mit den Augen dem Armenadvokaten lange in den Zugen des Gesichts herumging. Firmian war der einzige, der sich erbot, das Rapier zu holen. Als er hinaufkam, traf er an, was er vermutet hatte seinen Freund Leibgeber, der sich mit einer alten erschutterten Perucke eingepudert hatte, um bei den Leuten allmahlich Siebenkasens Kunst-Tod einzuleiten. Sie umarmten einander leise, und Heinrich sagte, morgen komm' er die Treppe herauf und ordentlich an.
Drunten bemerkte Firmian bloss, es sei oben nichts zu sehen als eine alte Perucke da sei der Spiess des schnellfussigen Spiessers, und er zahle hier zwei furchtsame Hasinnen und einen Hasen. Aber der ganze Konventikel wusste nun wohl, was er zu denken habe man musste keinen Verstand im Kopfe haben, wenn man noch einen Kreuzer fur Siebenkasens Leben geben wollte, und die Geisterseher und seherinnen dankten Gott herzlich fur den Todesschrecken als Pfandstuck des eignen weiteren Lebens. Lenette hatte die ganze Nacht nicht das Herz, sich aufzusetzen im Gitterbette, aus Angst, sie sehe ihren Mann, wie er leibt und lebt.
Am Morgen stieg Heinrich mit seinem Hunde die Treppe herauf, in bestaubten Stiefeln. Dem Armenadvokaten war, als musse dessen Hut und Achsel voll Bluten aus dem Baireuther Eden liegen er war ihm eine Gartenstatue aus dem verlornen Garten. Fur Lenetten war eben darum diese Palme aus Firmians ostindischen Besitzungen in Baireuth vom Saufinder wollen wir nicht einmal sprechen nichts als eine Stechpalme; und nie konnte sie weniger als jetzo Geschmack einem solchen Stachelbeerstrauche, einem solchen Distelkopf der so schon war, als kam' er eben aus Hamiltons Pinsel141 abgewinnen. Allerdings ich will es geradezu sagen begegnete er aus inniger Liebe gegen seinen Firmian Lenetten, die ebensoviel Schuld als Recht hatte, ein wenig zu kahl und zu kalt. Wir hassen nie eine Frau herzlicher, als wenn sie unsern Liebling qualt, so wie umgekehrt eine Frau dem Plagegeist ihrer Schossjungerin am meisten gram wird.
Der Auftritt, den ich sogleich zu geben habe, lasst mich am starksten fuhlen, welche Kluft zwischen dem Romanschreiber, der uber das Verdrussliche wegsetzen und alles sich und dem Helden und den Lesern verzuckern kann, und zwischen dem blossen Geschichtschreiber wie ich, der alles durchaus rein historisch, unbekummert um Verzuckern und um Versalzen, auftragen muss, immer bleiben wird. Wenn ich daher fruher den folgenden Auftritt ganz unterschlagen habe: so ist dies wohl ein Fehler, aber kein Wunder in den Jahren, wo ich lieber bezauberte als belehrte und mehr schon malen wollte als treu zeichnen.
Lenetten war namlich schon vor geraumer Zeit der ganze Leibgeber nicht recht zum Ausstehen, weil er, der weder Titel noch Ansehen hatte, mit ihrem Manne, einem langst eingeburgerten Kuhschnappler Armenadvokaten und Gelehrten, offentlich so gemein und bekannt tat und ebensogut als ihr von ihm verfuhrter Mann ohne Zopf ging, so dass viele mit den Fingern auf beide wiesen und sagten: "Ei, seht das Paar oder par nobile fratrum!" Diese Reden und noch schlimmere konnte Lenette aus den echtesten historischen Quellen schopfen. Freilich heutigentages gehort fast so viel Mut dazu, sich einen Zopf anzuhangen, als damals, sich seinen abzuschneiden. Ein Domherr hat in unsern Zeiten nicht notig, wie in den vorigen, sich einen Zopf und dadurch den angenehmen Gesellschafter zu machen, und er braucht ihn also nicht erst zweimal jahrlich, wie einen Pfauenschweif, abzuwerfen, um seine tausend Gulden Einkunfte gesetzmassig zu verdienen, indem er im Chore zur Vesper erscheint mit rundem Haar; er tragts schon am Spieltische wie am Chorpulte. In den wenigen Landern, wo etwa der Zopf noch herrscht, ist er mehr Dienst-Pendel und Staats-Perpendikel, und langes Haar, das schon die frankischen Konige als Kron-Abzeichen (Kron-Insignie) haben mussten, ist bei Soldaten, sobald es nicht wie bei jenen fliegend und ungebunden getragen wird, sondern fest geschnurt und gefangen vom Zopfband, ein ebenso schones Zeichen des Dienens. Die Friesen taten langst ihren Schwur mit Anfassen des Zopfes, und hiess solcher der Bodel-Eid142 so setzt denn in manchen Landern der Soldaten- oder Fahneneid einen Zopf voraus; und wenn bei den alten Deutschen schon ein auf der Stange getragener Zopf eine Gemeinde vorstellte143, wie naturlich muss eine Kompanie, ein Regiment, wovon jeder einzelne Soldat den seinigen hinten tragt, nicht gleichsam einen Kompaniezopf der vaterlandischen Vereinigung bilden und deutsches Wesen zeigen!
Lenette machte nun vor ihrem Manne kein Geheimnis daraus denn ihr stand Stiefel von weitem bei , dass sie sich im Grund wenig uber Leibgeber und sein Betragen und sein Tragen erfreue. "Mein Vater Seliger war doch lange Rats-Kopist", sagte sie in Leibgebers Gegenwart, "aber er betrug sich immer wie andere Leute in Kleidung und sonst."
"Als Kopist", versetzte Siebenkas, "musste er freilich immer kopieren, so oder so, mit Federn oder Rokken; mein Vater hingegen spannte Fursten die Buchsen und schor sich um nichts, und was fiel, das fiel. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden Vatern, Frau!" Sie hatte schon fruher bei Gelegenheit den Kopisten gegen den Buchsenspanner gehalten und gemessen und von weitem angedeutet, dass Siebenkas keinen so vornehmen Vater wie sie und folglich auch nicht die vornehme education gehabt, wodurch man Manieren bekommt und uberhaupt lernt wie man sich tragt. Dieser lacherliche Herabblick auf seinen Stammbaum verdross ihn immer so, dass er oft uber sich selber lachte. Indes fiel ihm der kleine Seitenschlag auf Leibgeber weniger auf als ihre ungewohnliche korperliche Zuruckziehung von ihm; sie war nicht zu bewegen, seine Hande anzufassen, und gar ein Kuss von ihm, sagte sie, ware ihr Tod. Mit allem peinlichen Eindringen und Fragen uber den Grund holte er keine andere Antwort aus ihr heraus als die: sie woll' es sagen, wenn er fort sei. Aber dann war er selber leider auch fort und im Sarge, d.h. auf dem Wege nach Vaduz.
Auch diese ungewohnliche Hartnackigkeit eines starren Haubenkopfes wurde von ihm noch leidlich ertragen in einer Zeit, wo sich das eine Auge am Freunde warmte, und das andere am Grabe kuhlte.
Endlich kam noch etwas dazu, und niemand erzahlt es gewiss treuer als ich; daher man mir glauben sollte. Es war abends, ehe Leibgeber in seinen Gasthof (ich glaube zur Eidechse) zuruckging, als die tiefschwarze Halbscheibe eines Gewitters sich stumm uber den ganzen Westen der Sonne wolbte und immer weiter heruberbog auf die bange Welt, da war es, dass beide Freunde uber die Herrlichkeit eines Gewitters, uber das Beilager des Himmels mit der Erde, des Hochsten mit dem Tiefsten, uber die Himmelfahrt des Himmels nach der Erde, wie Leibgeber sagte, sprachen, und dass Siebenkas bemerkte, wie eigentlich nur die Phantasie hier das Gewitter vorstelle oder ausbilde, und wie nur sie allein das Hochste mit dem Niedrigsten verknupfe. Ich wollte, er hatte dem Rate von Campe und Kolbe gefolgt und statt des fremden Wortes Phantasie das einheimische Einbildungkraft gebraucht; denn die Puristin und Sprachfegerin Lenette fing an zuzuhoren, sobald er nur das Wort ausgesprochen. Sie, die in der Brust nichts hatte als Eifersucht und im Kopfe nichts als die Fantaisie, hatte alles auf die Baireuther Fantaisie bezogen, was nur der menschlichen Phantasie von beiden Mannern nachgeruhmt wurde, z.B. wie sie (die markgrafliche Fantaisie namlich, dachte Lenette) selig mache durch die Schonheit ihrer hohen Geschopfe wie nur im Genusse ihrer Schonheiten ein Kuhschnappel zu ertragen sei (freilich, weil man an seine Natalie denkt, dachte sie) wie sie das kahle Leben mit ihren Blumen uberkleide (mit ein paar seidnen Vergissmeinnicht, sagte Lenette zu sich) und wie sie (die markgrafliche Fantaisie) nicht nur die Pillen des Lebens, auch die Nusse, ja den Paris-Apfel der Schonheit selber versilbere.
Himmel, welche Doppelsinnigkeiten von allen Ekken! Denn wie trefflich hatte Siebenkas den Irrtum der Verwechslung der Phantasie mit Fantaisie widerlegen konnen, wenn er bloss gezeigt hatte, dass von der dichterischen wenig in der markgraflichen zu finden sei und dass die Natur schone romantische Taler und Berge gedichtet, welche der franzosische Geschmack mit seinen rhetorischen Blumen- und Periodenbauten und Antithesen behangen und ausstaffiert, und dass Leibgebers Wort von der Phantasie, die den ParisApfel versilbere, in einem andern Sinne auf Fantaisie passe, von deren Apfeln der Natur man erst das gallische Weihnachtsilber abzuschaben habe, eh' man sie anbeisst.
Kaum war Leibgeber zum Hause hinaus und nach seiner Gewohnheit unter das Gewitter hinein, das er gern im Freien genoss: so brach Lenettens Gewitter noch vor dem himmlischen aus. "So hab ichs doch mit meinen eignen Ohren vernommen", fing sie an, "wie dieser Atheist und Storenfried dich in Baireuth in der Phantasie verkuppelt; und dem soll eine Frau eine Hand geben oder mit einem Finger beruhren?" Sie liess noch einige Donner nachrollen; aber es ist meine Pflicht gegen die arme, durch vielerlei Gemisch zu einem Garbottich umgesetzte Frau, ihr nicht alle Aufbrausungen nachzuzahlen. Inzwischen brauseten nun auch die Sauern des Mannes auf; denn seinen Freund vor ihm zu schelten gleichviel, aus welchem Missverstandnis, und er fragte gar nicht uber dasselbe, da keines sie entschuldigen konnte blieb ihm eine Sunde gegen den Heiligen Geist seiner Freundschaft; und er donnerte demnach tuchtig zuruck. Es kommt als Entschuldigung dem Manne zustatten freilich der Frau auch , dass die Gewitterluft die feurigen Kohlen auf seinem Haupte noch mehr in Flammen blies und dass er demnach wie toll in der Stube aufund abfuhr und geradezu den Vorsatz, Lenetten vor seinem Sterben alles nachzusehen, in die Luft sprengte; denn er wollte und durfte nicht leiden, dass dem letzten Freunde seines Lebens und Sterbens von der Erbin seines Namens unrecht begegnet wurde in Worten oder Werken. Von den vulkanischen Ausbruchen des Advokaten, die ich ihm zuliebe gleichfalls alle verschweige, geb' ich einen Begriff, wenn ich berichte, dass er, mit dem Gewitter jetzt um die Wette donnernd, ausrief: "einem solchen Manne!" und eine Ohrfeige mit den Worten: "du bist auch ein Weiberkopf!" einem Haubenkopf erteilte, der schon einen kuhnen Hut mit Federn aufhatte. Da der Kopf Lenettens Favoritsultanin unter den andern Kopfen war und oft von ihr gestreichelt wurde: so war nach einem solchen Schlage billig nichts weiter zu erwarten als ein so heftiges Auftoben, als war' er ihr selber widerfahren (wie Siebenkas gleicherweise fur seinen Freund aufgebrauset); aber es kam nichts als ein mildes volles Weinen. "O Gott, horst du das schreckliche Gewitter nicht?" sagte sie bloss. "Donner hin, Donner her!" versetzte Siebenkas, welcher einmal uber seinen bisherigen philosophischen Ruhegipfel hinausgerollt nun nach geistigen und physischen Fallgesetzen die Gewalt des Sturzes wachsen liess bis zum Versinken, "das Wetter sollte nur allem kuhschnappelschen Gesindel heute auf den Kopf fahren, das meinen Heinrich anschwarzt." Da das Gewitter noch heftiger wurde, sprach sie noch sanfter und sagte: "Jesus, welcher Schlag! Sei doch bussfertig! Wenn er dich nun in deinen Sunden trafe!" "Mein Heinrich geht draussen", sagt' er; "o wenn ihn der Blitz nur jetzt erschluge und mich gleich mit durch einen Strahl: so war' ich alles elenden Sterbens entubrigt; und wir blieben beieinander!"
So trotzig und Leben und Religion verachtend hatte die Frau ihn noch nie gesehen, und sie musste daher jede Minute gewartig sein, dass der Blitz in das Merbitzersche Haus herabschiesse und ihn und sie erlege, um ein Exempel zu geben.
Jetzo deckte ein so heller Blitz den ganzen Himmel auf, und ein so brechender Donner fuhr ihm nach, dass sie ihm die Hand hinreichte und sagte: "Ich will gern alles tun, was du begehrst sei nur um Gottes willen wieder gottesfurchtig ich will ja Herrn Leibgeber auch die Hand geben und den Kuss, er mag sie abgewaschen haben oder nicht, wenn ihn der Hund abgeleckt und ich will nicht hinhoren, wenn ihr auch noch so stark die versilbernde und bluhende Phantasie der Baireuther herausstreicht."
Himmel! wie tief ihm der Blitz jetzt in zwei Irrgange Lenettens hineinleuchtete und ihm ihre unschuldige Verwechslung der Phantasie mit Fantaisie, wovon ich schon gesprochen, sehen liess und dann seine eigne Verwechslung ihres Ekels mit ihrem Hasse. Letztes war namlich so: Da ihr weibliches Reinlichhalten und ihr Putzen sich leichter den Katzen anschloss als den Hunden, welche beides und die Katzen selber nicht achten: so war ihr Leibgebers Hand, wenn gerade des Saufinders Zunge darauf gewesen, eine Esaus-Hand voll Chiragra und ein Daumenschrauben fur die ihrige der Ekel litt kein Beruhren , und Heinrichs Mund vollends war, und ware der Hund vor zehn Tagen daran mit seinem gesprungen, das grosste Schreckbild, welches nur der Abscheu fur ihre Lippen hinstellen konnte; sogar die Zeit galt ihr fur keine Lippenpomade144.
Aber diesesmal brachten die entdeckten Irrtumer nicht Frieden wie sonst, sondern das erneuerte Gebot der Trennung. Zwar traten ihm Tranen in die Augen, und er reichte ihr die Hand und sagte: "Vergib zum letztenmal! Im August ziehen ohnehin die Gewitter heim"; aber er konnte keinen Kuss der Versohnung anbieten oder annehmen. Unwiderruflich sprach sein neuester Abfall von den warmsten Entschlussen der Duldung die Weite ihrer innern Trennung aus. Was hilft Einsehen der Irrungen bei dem Bestehen ihrer Quellen? Was half' es, dem Meere ein paar Flusse abschneiden, wenn ihm die Wolken und die Wogen bleiben? Die Realinjurie gegen den Haubenkopf schmerzte in seiner Brust am meisten nach; er wurde fur ihn ein Gorgonenkopf, der immer drohte und rachte. Er suchte nun seinen Freund, wie mit neuer Liebe weil er fur ihn geduldet , so mit neuem Eifer auf, um den Sterbeplan mit ihm abzureden. "An welcher gefahrlichen Krankheit", fing Heinrich die medizinische Beratschlagung an, "gedenkst du am liebsten deinen Geist aufzugeben? Wir haben die besten, todlichsten Zufalle vor uns. Verlangst du eine Luftrohrenentzundung oder eine Darmentzundung oder ein entzundetes Zapfchen oder ist dir mehr mit Hirnwut gedient oder mit Steckkatarrh oder ist dir Braune, Kolik und der Teufel und seine Grossmutter lieber? Auch haben wir die notigsten Miasmen und anstekkenden Materien bei der Hand, die wir brauchen und wenn wir den August, den Erntemonat der Schnitter und Arzte, als Giftpulver dazu mischen: so uberstehest du es nicht." Er versetzte: "Du hast wie der Meister-Bettler145 alle Schaden feil, Blindheit und Lahmung und alles. Ich fur meine Person bin ein Freund von dem Schlagfluss, diesem volti subito, dieser Extrapost und Jagdtaufe des Todes ich habe aller prozessualischen Weitlauftigkeiten satt." Leibgeber merkte an: "Der ist wohl das Summarissimum des Todes inzwischen mussen wir, nach den besten Pathologien, die ich kenne, uns zu einem dreifachen Schlagfluss entschliessen. Wir konnen uns hier nicht nach der Natur, sondern nach dem medizinischen Grundgesetz richten, dass der Tod allezeit einen Tertiawechsel vorausschicke, ehe sie einen dort akzeptieren und honorieren, oder einen dreimaligen Hammer-Schlag des Versteigerns. Ich weiss, die Arzte lassen nicht mit sich reden: nimm den dreifachen Schlag!" Aber Siebenkas sagte komischheftig: "Beim Henker! wenn mich der Schlagfluss zweimal recht trifft: was kann ein Arzt mehr fodern? Nur kann ich vor drei oder vier Tagen nicht erkranken, ich muss auf einen wohlfeilern Sarg-Baumeister warten." Die Sarg-Baute hausieret bekanntlich unter den Tischlern herum, wie ein Reiheschank. Man muss nun einem solchen Schiffzimmermann der letzten Arche zahlen, was er fodert, weil der Nachlass eines Verstorbnen der Leichen-Regie, den Akzisoffizianten des Todes, wie der Palast eines verstorbnen Doge und Papstes, zum Plundern stets muss preisgegeben werden.
"Diese Galgenfrist", versetzte Leibgeber, "kann noch einen andern Nutzen haben. Sieh hier habe ich mir eine alte Haus-Postille um halbes Sundengeld erhandelt, weil nirgends so eindringliche Leichenpredigten gehalten als in diesem Werke, und zwar in dessen holzernem Deckel, worin ein lebendiger Prediger wie in einer Kanzel eingepfarrt sitzt." Es sass namlich im Deckel der Kafer, den man die Totenuhr, auch den Holzbohrer, Trotzkopf nennt, weil er angeruhrt den Schein eines Scheintoten unter allen Martern fortsetzt, und weil seine Schlage, die nur ein Turklopfen fur das geliebte Weibchen sind, fur Anklopfen des wahren Todes genommen werden; daher sonst ein Hausgerat, worin er schlug, als bedeutendes Kaufund Erbstuck gegolten. Leibgeber erzahlte ihm weiter: da ihm nichts in der Welt so verhasst sei als ein Mensch, der aus Todes-Furcht Gott und den Teufel durch schnelle Bekehrung zu uberlisten suche: so stecke er gern bei solchen hollenscheuen Sundern die Postille auf einige Tage unvermerkt unter die Mobeln, um sie durch die Leichenpredigten recht zu qualen, die der Kafer voraushalte, ob er gleich dabei seinerseits, so gut wie mancher Pfarrer, gerade nur an Weltliches denkt. "Konnt' ich aber nicht fuglich die Postille mit dem Leichenprediger so unter deine Bucher schieben, dass deine Frau ihn horte und dann an das Sterben dachte, namlich an deines, und sich immer mehr daran gewohnte?"
"Nein, nein", rief Firmian, "sie soll mir nicht so viel vorausleiden, sie hat genug vorausgelitten." "Meinetwegen", versetzte Heinrich, "denn sonst reimte sich mein Kafer wohl mit dir, da der Trotzkopf oder ptinus pertinax sich ebensogut totzustellen weiss als du wirst."
Ubrigens freuete er sich, dass alles so schon ineinander hakle, und dass er gerade vor einem Jahre auf die Glasperucke Blaisens gestiegen und oben injuriert oder geschimpft, ohne sich selber den geringsten Schaden zu tun. Injurien namlich verjahren in einem Jahre, es mussten denn kritische sein, deren Regiment nicht langer dauert als das des Rektors in Ragusa, 1 Monat, d.h. solange das Zeitungblatt im Lesezirkel umlauft. Ein Buch selber hingegen, das die Diktatorwurde in der gelehrten Republik bekleidet, darf eben seines grossen Einflusses wegen nicht langer regieren als ein romischer Diktator, 6 Monate, d.h. von der Geburtmesse bis zur Seelen- oder Totenmesse, und ist, gleich Buchermachern, entweder im Fruhling tot oder im Herbst.
Sie kamen zuruck in eine neugekleidete und neugestellte Stube. Lenette tat, was sie konnte, um die Risse ihrer Haushaltung wie Risse des Porzellans mit Blumen zu ubermalen, und sie legte immer Partituren auf, worin gerade die abgesprungne Saite eines Mobels nicht anzuschlagen war. Firmian opferte diesesmal ihrer Bemuhung, uberall spanische Wande um die Steppen und Brachacker ihrer Armut herumzufuhren, gern mehr lustige Einfalle auf, als er sonst, oder als Heinrich jetzo tat. Alle Weiber, sogar die ohne Geist, sind uber Dinge, die sie naher angehen, die feinsten Zeichendeuterinnen und prophetischen Hellseherinnen. Lenette beweiset es. Abends war Stiefel da, man disputierte, und dieser liess es frei merken, dass er mit Salvian und mit mehren guten Theologen146 glaube, dass die Kinder Israel, deren Kleider 40 Jahre in der Wuste kein Loch bekamen, des Anzugs wegen immer in einem Wuchse blieben, ausgenommen Kinder, an denen der Rock, den man ihnen aus dem abgelegten Kleidernachlass der Verstorbenen zugeschnitten, zugleich mit dem Korper in die Hohe und Breite wuchs; "auf diese Weise", setzte er hinzu, "werden alle Schwierigkeiten des grossen Wunders leicht durch kleine Nebenwunder aufgeloset." Leibgeber sagte mit einem funkelnden Auge: "Das glaubt' ich schon im Mutterleibe. Im ganzen israelitischen Heerzug konnt' es kein Loch geben, ausser was man von Agypten mitgebracht, und das wurde nicht grosser. Ja gesetzt, einer riss sich in der Trauerzeit ein Loch in die Backe und in den Rock: so nahten sich beide Locher selber miteinander wieder zu. Jammer und schade ists, dass diese Armee die erste und die letzte blieb, bei der die Montur eine hubsche Art von Uber-Korper war, der mit der Seele wuchs, um die er lief und wo allmahlich der polnische Rock zu einem Kur-Habit erstarkte, aus einem microvestis zu einem macrovestis heranwuchs. Ich seh' es, in der Wuste war Essen eine Tuchfabrik, Manna die englische Wolle und der Magen der Webstuhl. Ein Israelit, der sich gehorig mastete, lieferte damals das notigste Landes- und Wustenprodukt. Ich wurde, war' ich damals auf einem Werbplatz gestanden, nur den Rock des Rekruten unten an das Rekrutenmass gehangen haben. Wie ists aber in unsrer Wuste, die nicht ins Gelobte Land, sondern nach Agypten fuhrt? Bei den Regimentern wachsen das ganze Jahr die Gemeinen, aber kein Rock; ja die Monturen sind nur fur durre Jahre und durre Leute gefertigt, in nassen ringeln sie sich zusammen als gute Feuchtigkeitmesser, und der Schweiss stiehlt mehr Tuch als der Kompanieschneider und selbst der Lieferant. Der Chef, der etwan auf eine Periphrase und einen Streckteich der Montierstucke gerechnet hatte, weil er ausser den Israeliten auch an den Kleidermotten und Schnecken ein Beispiel sahe, die sich nicht nach der Decke, sondern nach denen sich die Decke strecket, ein solcher Chef wurde, weil die Regimenter dann fast in einem Zustand wie die alten Athleten fochten, des Henkers daruber werden, und die Regimenter des Teufels."
Diesen unschuldigen Sermon, der nur Stiefels exegetischen Wahnsinn beschiessen sollte, glaubte Lenette auf ihren Kleiderschrank gerichtet. Diese Deutsche war wie der Deutsche, der hinter jeder Rakete und Pulverschlange der Laune einen besondern satirischen Kernschuss sucht. Siebenkas bat ihn daher, seiner armen Frau, auf deren Herz jetzt ohnehin so viele scharf-gezahnte Schmerzen abgeschleudert wurden, die unvermeidliche, unuberwindliche Unwissenheit ihrer Exegese nachzusehen oder lieber gar zu ersparen.
Es ging endlich ein Kuhschnappler Bader mit Tod ab, der dem teuern Tischler unter den Hobel fiel. "Nun hab' ich", sagte Firmian lateinisch, "mit dem Schlagfluss keine Minute zu passen; wer steht mir dafur, dass mir kein Mensch vorstirbt und den wohlfeilen Tischler wegfangt?" Daher wurde auf den nachsten Abend das Erkranken anberaumt.
Zwanzigstes Kapitel
Der Schlagfluss der Obersanitatrat der
Landschreiber das Testament der Rittersprung
der Fruhprediger Reuel der zweite Schlagfluss
Abends riss Heinrich den Vorhang des Trauerspiels voll lustiger Totengraberszenen auf, und Firmian lag mit dem schlagflussigen Kopfe auf dem Bette, stumm und an der ganzen rechten Seite gelahmt. Der Patient konnte sich uber seine Verstellung und uber die Qualen, womit sie Lenetten durchschnitt, nicht anders beruhigen als durch den innern Schwur, ihr als Vaduzer Inspektor die jahrliche Halfte seiner Einnahmen namenlos zu senden, und durch die Vorstellung, dass sie durch seinen Tod zugleich Freude und Freiheit und ihren Liebhaber gewinne. Das Mietpersonale schloss einen Kreis um den Schlagflussigen; aber Leibgeber trieb alles aus der Kammer und sagte: "Der Leidende braucht Ruhe." Es tat ihm ordentlich wohl, dass er in einem fort scherzhaft lugen konnte. Er versah das Reichserbturhuteramt und schlug vor dem Doktor, den man verordnen wollte, die Tur ins Schloss: "Ich will dem Kranken (sagt' er) wenig verschreiben, aber das wenige gibt ihm doch einstweilen die Sprache. Die verdammten Todesflusse von Mixturen, Hr. Schulrat" (denn dieser wurde sogleich hergeholt), "sind wie die Flusse, die jedes Jahr einen Toten haben wollen." Er rezeptierte ein blosses Temperierpulver: "Recipe", schrieb er laut:
"R. Conch. citratae Sirup. I.
Nitri crystallisati gr. X.
D. S. Temperierpulver.
Vor allen Dingen", setzt' er gebietend hinzu, "muss man die Fusse des Patienten in laues Wasser stellen."
Das ganze Haus wusste, es helfe alles nichts, da sein Tod durch das Mehl-Gesicht nur gar zu gewiss verkundigt worden, und Fecht hatte eine mitleidige Freude, dass er nicht fehlgeschossen.
Der schwache Mann brachte das Temperierpulver kaum hinunter, so war er schon imstande, zum Erstaunen der ganzen Todes-Assekuranzkammer in der Stube wieder vernehmlich (aber nicht stark) zu sprechen. Der Haus-Feme wars fast nicht recht. Der gute Heinrich hatte aber wieder einen Vorwand, seine frohe Miene zu erneuern. Er trostete die Advokatin mit den Spruchen: der Schmerz sei hienieden nichts mehr als ein hoheres Hanseln oder die Ohrfeige oder der Schwertschlag, womit man zu einem Ritter befordere.
Der Kranke hatte aufs Pulver eine recht leidliche Nacht; und er selber schopfte wieder Hoffnung. Heinrich gab es nicht zu, dass die gute Lenette mit den Augen voll Tranen und voll Schlafs die Nachtwachterin seines Bettes wurde; er wolle nachts dem Patienten beispringen, sollt' es gefahrlich werden, sagt' er. Das letzte war aber nicht moglich, da beide erst eben in dieser Nacht den Vertrag miteinander machten und zwar lateinisch, wie einen furstlichen , dass morgen abends der Tod oder der funfte Akt dieser Einschiebtragodie, die in der Tragodie des Lebens selber nur ein Auftritt ist, sich ereignen sollte. "Es ist morgen", sagte Firmian, "schon zu lange meine Lenette kummert mich unaussprechlich. Ach, ich habe, wie David, das elende Auslesen unter Teuerung, Krieg und Pest, und keine Wahl als seine. Du, lieber Bruder, du bist mein Kain und richtest mich hin und glaubst auch so wenig wie er von der Welt, in die du mich schickst147. Wahrlich, eh' du mir das Temperierpulver vorgeschrieben, das mich zu reden notigte, wunscht' ich in meiner stummen Dusterheit, aus Spass wurde Ernst. Einmal muss ich hindurch, durchs Tor unter der Erde, das in die umbauete Festung der Zukunft fuhrt, wo man sicher ist. O, guter Heinrich, das Sterben schmerzet nicht, aber das Scheiden, das von werten Seelen mein' ich." Heinrich versetzte: "Gegen diesen letzten Bajonettstich des Lebens halt uns die Natur ein breites Achilles-Schild vor: man wird auf dem Totenbette fruher moralisch- als physischkalt, eine sonderbare hofmannische Gleichgultigkeit gegen alle, von denen wir zu scheiden haben, kriecht frostig durch die sterbenden Nerven. Vernunftige Zuschauer sagen nachher: seht, so verzichtend und vertrauend stirbt nur ein Christ! Lass es, guter Firmian; die paar schlimmen, heissen Minuten, die du bis morgen auszuhalten hast, sind ein hubsches warmes Aachner Bad fur den kranken Geist, das freilich verdammt nach faulen Eiern riecht; nach einiger Zeit aber, wenn das Bad erkaltet ist, riecht es wie das Aachner nach nichts."
Am Morgen pries ihn Heinrich so: "Wie der jungere Kato in der Nacht vor seinem Tode ruhig schlief die Geschichte konnte ihn schnarchen horen , so scheinest du heute nacht ein erneuertes Beispiel dieser Seelengrosse in so entkrafteten Zeiten gegeben zu haben: war' ich dein Plutarch, ich gedachte des Umstandes." "Aber ernstlich", versetzt' er, "ich wunschte wohl, dass ein gescheuter Mann, ein literarischer Historienmaler West, meinen sonderbaren Primatod nach vielen Jahren, wenn der Tod schon den Sekundawechsel geschickt, einer guten Beschreibung wurdigte fur die Presse."... Derselben hat ihn nun, wie es scheint, ein biographischer West gewurdigt; aber man lasse mich es frei heraussagen, dass ich mit unglaublicher Freude diese Bett-Rede und diesen Wunsch, den ich so ganzlich erfulle, unter den Dokumenten angetroffen habe. Leibgeber sagte darauf: "Die Jesuiten in Lowen edierten einmal ein schmales Buch, worin das schreckliche Ende Luthers gut, aber lateinisch beschrieben war. Der alte Luther erwischte das Werk und vertierte es wie die Bibel und fugte bloss hinten bei: 'Ich D. M. Luther habe diese Nachricht selbst gelesen und verdolmetscht.' Das wurd' ich an deiner Stelle, wenn ich meinen Tod ins Englische ubersetzte, auch darunter schreiben." Schreib es immer darunter, lieber Siebenkas, da du noch lebst; aber vertiere mich nur!
Der Morgen gibt sonst seine Erfrischungen unter dem menschlichen Lagerkorn herum, es sei, dass einer auf dem harten Krankenbette oder auf der weichern Matratze liege, und richtet mit dem Morgenwind gebuckte Blumen- und Menschenhaupter auf; aber unser Kranker blieb liegen. Es setzte ihm bedenklich zu, und er konnte nicht verhehlen, dass es mit ihm zuruckgehe wenigstens wollt' er auf allen Fall sein Haus bestellen. Dieses erste Viertel, das die Totenglocke zur Sterbestunde schlug, druckte einen schweren scharfen Glockenhammer in Lenettens Herz hinein, aus dem der warme Strom der alten Liebe in bittern Zahren brach. Firmian konnte dieses trostlose Weinen nicht ansehen; er streckte verlangend die Arme aus, und die Gepeinigte legte sich sanft und gehorsam zwischen sie an seine Brust, und nun vereinigte die heisseste Liebe ihre doppelten Tranen, ihre Seufzer und ihre Herzen, und sie ruhten, obwohl an lauter Wunden, glucklich aneinander in so geringer Entfernung vom Grenzhugel der Trennung.
Er tat es daher der Armen zuliebe und besserte sich zusehends; auch war diese Herstellung vonnoten, um die gute Laune zu erklaren, womit er seinen Letzten Willen besorgte. Leibgeber gab seine Freude zu erkennen, dass der Patient wieder imstande war, auf der Serviette des Deckbettes zu speisen und eine tiefe Krankensuppen-Schussel wie einen Weiher vollig abzuziehen. "Die lustige Laune", sagte Leibgeber zum Pelzstiefel, "die sich beim Kranken wieder einstellet, gibt mir grosse Hoffnungen; die Suppe aber frisset er offenbar nur der Frau zuliebe hinein." Niemand log so gern und so oft aus Satire und Humor als Leibgeber; und niemand feindete ernste Unredlichkeit und Verschlagenheit unduldsamer an als er; er konnte l000 Scherzlugen, und keine 2 Notlugen vorbringen; bei jenen standen ihm alle tauschende Mienen und Wendungen zu Gebote, bei diesen keine.
Vormittags wurden der Schulrat und der Hausherr Merbitzer ans Bette vorgefodert: "Meine Herren", fing der Kranke an, "ich gedenke nachmittags meinen Letzten Willen zu haben und auf dem Richtplatz der Natur drei Dinge zu sagen, welche ich will, wie mans in Athen durfte148; aber ich will jetzo schon ein Testament eroffnen, eh' ich das zweite mache oder vielmehr das Kodizill des ersten. Meine samtlichen Schreibereien soll mein Freund Leibgeber einpacken und behalten, sobald ich selber eingepacket bin ins letzte Kuvert mit Adresse. Ferner will und verordne ich, dass man sich nicht weigere da ich die danischen Konige, die alten osterreichischen Herzoge und die vornehmen Spanier vor mir habe, wovon sich die ersten in ihrer Rustung, die zweiten in Lowenfellen, die dritten in elenden Kapuzinerbalgen beisetzen lassen man soll sich nicht weigern, sag ich, mich ins Beet der andern Welt mit der alten Hulse und Schote zu stecken, worin ich in der ersten grunte; kurz, so wie ich hier bin und testiere. Diese Verordnung notigt mich, die dritte zu machen, dass man die Totenfrau bezahle, aber sogleich fortweise, weil ich in meinem ganzen Leben zwei Weibern auffallend gram geblieben, der einen, die uns herein-, und der andern, die uns hinausspulet, obwohl in einem grossern Badezuber abscheuert als jene: der Hebamme und der Totenfrau; sie soll mit keinem Finger an mich tippen, und uberhaupt gar niemand als mein Heinrich da." Sein Groll gegen diese Dienerschaft des Lebens und des Todes kann, wie ich vermute, aus demselben Anlass fliessen wie der meinige: namlich aus dem herrischen und sportelsuchtigen Regiment, womit uns diese beiden Pflanzerinnen und Konviktoristinnen der Wiege und der Bahre gerade in den zwei entwaffneten Stunden der hochsten Freude und der hochsten Trauer keltern und pressen.
"Weiter will ich, dass Heinrich mir mein Gesicht, sobald es die Zeichen meines Abschiedes gegeben, mit unserer langhalsigen Maske, die ich oben aus dem alten Kasten heruntergetragen, auf immer bedachen und bewaffnen soll. Auch will ich, wenn ich aus allen Fluren meiner Vergangenheit gehe und nichts hinter mir hore als rauschende Grummethugel, wenigstens an meine Brust noch den seidnen Strauss meiner Frau, als Spielmarke der verlornen Freuden, haben. Mit einer solchen Schein-Insignie geht man am schicklichsten aus dem Leben, das uns so viele Pappendeckelpasteten voll Windfulle vorsetzt. Endlich soll man nicht, wenn ich fortgehe, hinter mir, wie hinter einem, der aus Karlsbad abreiset, vom Turm nachklingen, wie man uns sieche, fluchtige Brunnengaste des Lebens ebenso wie Karlsbader mit Musizieren auf den Turmen empfangt, zumal da die Kirchendienerschaft nicht so billig ist wie der Karlsbader Turmer, der fur An- und Nachblasen nur auf 3 Kopfstucke aufsieht." Er liess sich nun Lenettens Schattenriss ins Bette reichen und sagte stammelnd: "Meinen guten Heinrich und den Hrn. Hausherrn ersuch' ich, nur auf eine Minute abzutreten und mich mit dem Hrn. Schulrate und meiner Frau allein zu lassen."
Da es geschehen war: so blickte er lange stumm und warm den kleinen, teuern Schatten an; sein Auge trat, von Schmerzen durchbrochen, uber wie ein zerrissenes Ufer; er reichte den Schattenriss dem Rate zu, stockte uberwaltigt und sagte endlich: "Ihnen, getreuer Freund, Ihnen allein kann ich dieses geliebte Bildnis geben. Sie sind ihr Freund und mein Freund O Gott, kein Mensch auf der ganzen weiten Erde nimmt sich meiner guten Lenette an, wenn sie von Ihnen verlassen wird Weine nur nicht so bitterlich, Gute, er sorgt fur dich O mein teuerster Freund, dieses hulflose, schuldlose Herz wird brechen in der einsamen Trauer, wenn Sie es nicht beschirmen und beruhigen: o verlassen Sie es nicht wie ich!" Der Rat schwur bei dem Allmachtigen, er verlasse sie nie, und nahm Lenettens Hand und druckte sie, ohne die Weinende anzusehen, und hing mit tropfenden Augen gebuckt auf das Angesicht seines verstummenden Freundes herein aber Lenette drangte ihn weg von der Brust ihres Gatten und machte ihre Hand frei und sank auf die Lippen nieder, die ihr Herz so sehr erschuttert hatten und Firmian schloss sie mit dem linken Arm ans erquickte Herz und streckte uberdeckt den rechten nach seinem Freunde aus und nun hielt er an die gedruckte Brust die zwei nachsten Himmel der Erde geknupft, die Freundschaft und die Liebe...
Und das ists eben, was mich an euch betorten und uneinigen Sterblichen ewig trostet und freuet, dass ihr euch alle herzlich liebet, wenn ihr euch nur in reiner menschlicher Gestalt erblickt, ohne Binden und Nebel dass wir alle nur erblinden, wenn wir furchten, dass wir erkalten, und dass unser Herz, sobald der Tod unsere Geschwister uber das Gewolke unserer Irrtumer hinausgehoben, selig und liebend zerfliesset, wenn es sie im durchsichtigen Ather, ohne die Entstellung der hiesigen Hohlspiegel und Nebel, als schone Menschen schweben sieht und seufzen muss: ach in dieser Gestalt hatt' ich euch nie verkannt! Daher strecket jede gute Seele ihre Arme nach den Menschen aus, die der Dichter in seinem Wolkenhimmel wie Genien unsern tiefen Augen zeigt, und die doch, wenn er sie auf unsere Brust heruntersinken lassen konnte, in wenig Tagen auf dem schmutzigen Boden unserer Bedurfnisse und Irrtumer ihre schone Verklarung verloren; wie man das kristallene Gletscherwasser, das, ohne zu erkalten, erfrischet, schwebend, wenn es vom Eis-Demante tropft, auffangen muss, weil es sich mit Luft verunreinigt, sobald es die Erde beruhrt149.
Der Schulrat ging fort aber bloss zum Doktor. Dieser vornehme Generalissimus des Freund Heins der den Titel Obersanitatrat nicht umsonst fuhrte, sondern fur Geld war ganz geneigt, den Kranken zu besuchen, erstlich, weil der Schulrat ein Mann von Ansehen und Vermogen war, und zweitens, weil Siebenkas als ein Konviktorist der Leichenlotterie, deren korrespondierendes Mitglied und frere servant auch der Doktor war, nicht sterben durfte; denn diese Leichenkasse war nur eine Reichsoperationskasse voll Notpfennige fur Honoratiores. Leibgeber erschrak todlich vor dem in Schlachtordnung anruckenden Obergesundheitrate; er musste besorgen, durch den Doktor konnt' es wirklich schlimmer werden, so dass Siebenkas den Ruhm Molierens nachliesse, der auf dem Theater am Spiele des eingebildeten Kranken verstarb. Er fand zwischen Arzten und Patienten das Verhaltnis so unbestimmt, als es noch das zwischen Spechten oder Borkenkafern und Baumen ist, indem noch daruber gestritten wird, ob die Baume vom Bohren und Eierlegen dieser Tiere verfalben, oder ob umgekehrt diese Tiere geflogen kommen, weil die Borke schon wurmstichig und der Stamm schon abgestorben ist. Ich glaube, in Hinsicht der Kafer und Spechte auch der Arzte , sie sind beides abwechselnd, Ursache und Wirkung, und das Dasein keines Tieres kann eine Zerstorung voraussetzen, weil sonst bei der Bildung der Erde auch ein krepierter Gaul fur die Schmeissfliegen und ein grosser Ziegenkase fur die Kasemilben hatte geschaffen werden mussen.
Der Obersanitatrat Oelhafen ging, mit zorniger Unhoflichkeit gegen die Gesunden, gerade auf den Kranken los und machte sich sogleich uber den Sekundenzeiger des Lebens, uber die medizinische Wunschelrute her, uber den Puls: Leibgeber setzte den Pflug des satirischen Grimms in sein Gesicht und zog krumme Furchen und wahlte Tiefackern. "Ich finde", sagte der Heilkunstler, "eine wahre Nerven-Apoplexie von Uberladung man hatte den Arzt eher rufen sollen der volle harte Pulsschlag verkundigt Wiederholung des Schlages Ein Brechpulver, das ich hiegegen verordne, wird vom besten Erfolge sein." Und hier zog er kleine Brech-billet-doux, wie Bonbons eingewickelt, heraus. Er hatte die Vomitive im Selbverlage und trieb diesen unschuldigen Land-Handel hausierend als Schnurrjude. Es gab wenige Krankheiten, wobei er nicht sein Brechmittel als Gnadenmittel, Wagenwinde, Pumpenstiefel und Fegefeuer ansetzen konnte; besonders arbeitete er fleissig mit diesem Brech- und Arbeitzeug bei Schlagflussen, Brustentzundungen, Migranen und Gallenfiebern er raume, sagt' er, zuvorderst in den ersten Wegen auf, und daruber raumte er den Inhaber der ersten Wege selber mit auf, der nachher leicht den letzten Weg alles Fleisches einschlug. Leibgeber knetete sein tolles Gesicht um und sagte: "Herr Kollege und Protomedikus Oelhafen, wir konnen ganz gut ein concilium oder consilium oder collegium medicum hier halten. Es will mir vorkommen, als sei mein Temperierpulver ratsam gewesen, da es apoplectico gestern wieder zur Sprache verholfen." Der Protomedikus hielt ihn fur einen Heilpfuscher und sagte zum Pelzstiefel, ohne seinen Kollegen nur anzusehen: "Lassen Sie laues Wasser bringen, ich will ihm es eingeben."- Leibgeber fuhr zornig auf: "Wollen wirs miteinander einnehmen, da unsere zwei Gallenblasen sich ergiessen der Patient darf nicht, soll nicht, kann nicht." "Sind Sie ausubender Arzt, mein Herr?" sagte der Obersanitatrat verachtendstolz.
"Jubeldoktor", sagt' er, "bin ich, und zwar seitdem ich kein Narr mehr bin. Es muss Ihnen aus Haller erinnerlich sein, dass einmal ein Narr behauptete, er sei gekopft, bis man ihn durch einen Hut aus Blei herstellte; ein Kopf, mit Blei uberdachet und infuliert, fuhlet sich so deutlich als einer, der damit ausgegossen ist. Hr. Kollege, ich war fast derselbe Tor; ich hatte eine Gehirnentzundung und erfuhr zu spat, dass man sie schon geheilet und geloschet habe. Kurz, ich bildete mir ein, mein Haupt habe sich abgeblattert, wie die murben Fusse gleich Krebsscheren abspringen, wenn man zu viel Mutterkorn genossen. Kam der Balbier und warf seinen purpurnen Arbeitbeutel und Kocher ab: so sagte ich: 'Mein lieber Hr. Obermeister Sporl, Fliegen, Schildkroten, Nattern lebten zwar, wie ich, noch fort, wenn der Kopf herunter war; aber zu rasieren war an ihnen wenig Er ist ein vernunftiger Mann und sieht, dass ich so wenig geschoren werden kann als der Torso in Rom wo gedacht' Er mich einzuseifen, Hr. Sporl?' Kaum war er hinaus, so kam der Peruckenmacher herein: 'Ein andermal, Hr. Peisser', sagt' ich, ' wenn Sie nicht die Luft um mich oder die Brusthaare in Locken schlagen wollen: so stecken Sie nur Ihre Kamme wieder in die Westentasche. Ich lebe seit Nachmitternacht ohne Fries und Karnies und stehe wie der babylonische Turm ohne Kuppel da Wollen Sie aber draussen in der Nebenstube meinen Kopf suchen und dem caput mortuum einen Zopf und ein Toupet machen: so nehm' ichs an und will den Kopf als eine Zopfperucke aufsetzen.' Zum Gluck kam der Rektor magnificus, ein Arzt, und sah meinen Gram, wie ich die Hande zusammenschlug und ausrief: 'Wo sind meine vier Gehirnkammern und mein corpus callosum und mein anus cerebri und mein eiformiges Zentrum, wo nach Glaser die Einbildungkraft sitzt? Wie applizieret ein Rumpfparlament sich Brillen und Horrohre? Die Ursachen sind ganz bekannt. Ist es so weit mit dem besten eingehausigen Kopf in der Welt gekommen, dass er keinen hat, der sein Samengehause ware?' Der Rektor magnificus liess aber einen alten, engen Doktorhut aus den Universitatschranken herholen und passete mir solchen mit einem leichten Schlage auf und sagte: 'Die Fakultat setzet ihren Doktorhut nirgends hin als auf Kopf auf einem Nichts konnt' er gar nicht haften.' Und durch den Hut wuchs meiner Phantasie, wie gekopften Schnecken, ein neuer Kopf nach. Seit ich nun kuriert bin, kurier' ich andere."
Der Obersanitatrat drehte einen Basiliskenaugapfel von ihm weg und liess sich aufgebracht an seinem Stockband wie einen Warenballen die Treppe hinab, ohne das aufgebrochne Vomitiv (ein Komitiv fur die andere Welt) zu sich zu stecken, das nun dem Patienten aus seinem eignen Beutel zu bezahlen bleibt.
Der gute Heinrich hatte aber in einen neuen Krieg gegen Stiefeln und Lenetten zu ziehen; bis sich Firmian mit der Versicherung als Vermittler darein schlug, er hatte ohnehin das Brechpulver weggewiesen, da sich damit ach, er meint' es bildlich eine alte Brustkrankheit und einige gordische Lungenknoten, die Knoten seines Erdenschauspiels, schlecht vertrugen.
Inzwischen war doch nicht zu verhehlen er mochte sich verstellen, wie er wollte , dass es mit ihm schlechter und schlechter werde; jeden Augenblick stand der Rikoschettschuss des Schlages bevor. "Es ist Zeit", sagte Firmian, "dass ich testiere; ich sehne mich nach dem Landschreiber." Dieser Schreiber setzt bekanntlich, nach dem kuhschnappelischen Dorf- und Stadtrechte, alle Letzte Willenverfugungen auf. Endlich trat er herein, der Landschreiber Borstel, eine welke, eingedorrte Schnecke, mit einem runden, scheuen, horchenden Knopfplatten-Angesicht voll Hunger, Angst und Aufmerksamkeit. Das Fleisch, dachten viele, sei nur, wie die neue schwedische Steinpappe, uber die Knochen aufgeschmiert. "Was solle (begann Borstel) Denenselben heute niederschreiben?" "Mein zierliches Kodizill", sagte Siebenkas; "lassen Sie aber vorher eine und die andere verfangliche Frage, wie man vor Testatoren pfleget, an mich ergehen, um unter der Hand auszuholen, ob ich meinen Verstand noch habe." Dieser fragte: "Fur wen nehmen Selbige mich?" "Fur den Hrn. Landschreiber Borstel", antwortete Patient. "Das ist (versetzte Borstel) nicht nur recht richtig, sondern es legt auch an den Tag, dass Sie wenig oder nicht phantasieren und es mag denn ohne weiteres zum Letzten kodizillarischen Willen geschritten werden."
Letzter Wille des Armenadvokaten Siebenkas
"Endesunterschriebener, der mit andern Augustapfeln jetzo gelbt und abfallet, will, so nahe am Tode, der die korperliche Leibeigenschaft des Geistes aufhebt, noch einige frohe Ruck- und Seitenpas und Grossvatertanze machen, drei Minuten vor dem Basler Totentanz."
Der Landschreiber hielt innen und fragte staunend: "Mehr und dergleichen bring' ich zu Papier?"
"Zuerst will und verordn' ich Firmian Siebenkas, alias Heinrich Leibgeber, dass Hr. Heimlicher von Blaise, mein Tutor, die 1200 fl. rhnl. Vormundschaftgelder, die er mir, seinem Pupillen, gottlos abgeleugnet, binnen Jahr und Tag an meinen Freund, Hrn. Leibgeber, Inspektor in Vaduz150, einhandigen solle und wolle, der sie nachher meiner lieben Frau wieder treulich ubermachen wird. Weigert Hr. v. Blaise sich dessen, so heb' ich hier die Schwurfinger auf und leiste auf dem Totenbette den Eid ab: dass ich ihn nach meinem Ableben uberall, nicht gerichtlich, sondern geistig, verfolgen und erschrecken werde, es sei nun, dass ich ihm als der Teufel erscheine oder als ein langer weisser Mann oder bloss mit meiner Stimme, wie es mir etwa meine Umstande nach dem Tode verstatten."
Der Landschreiber schwebte mit dem befederten Arme in der Luft und brachte seine Zeit mit blossem schreckhaften Zusammenfahren hin: "Ich sorge nur, mich nehmen (sagt' er) der Herr Heimlicher, schreib' ich solche Sachen nieder, am Ende beim Flugel." Aber Leibgeber schnitt ihm mit seinem Korper und Gesicht die Flucht uber das Hollentor der Kammer ab.
"Ferner will und verordne ich, als regierender Schutzenkonig, dass kein Sukzessionkrieg mein Testament zu einem Sukzessionpulver fur unschuldige Leute mache dass ferner die Republik Kuhschnappel, zu deren Gonfaloniere und Doge ich durch die Schutzen-Kugeln ballotiert worden, keine Defensivkriege fuhren soll, weil sie sich nicht damit defendieren kann, sondern bloss Offensivkriege, um die Grenzen ihres Reichs, da sie schlecht zu decken sind, wenigstens zu mehren und dass sie solche holzersparende Mitglieder sein sollen, wie ihr todlich kranker Landesund Reichsmarktflecken-Vater war. Jetzo, da mehr Walder verkohlen als nachwachsen, ist das einzige Mittel dagegen, dass man das Klima selber einheize und in einen grossen Brut-, Darr- und Feldofen umsetze, um die Stubenofen zu ersparen; und dieses Mittel haben langst alle gute forstgerechte Kammern ergriffen, die vor allen Dingen die Forstmaterie, die Walder, ausreuten, die voll Nachwinter stecken. Wenn man bedenkt, wie sehr schon das jetzige Deutschland gegen das von Tacitus mappierte absticht, bloss durch das Lichten der Walder ausgewarmt: so kann man leicht schliessen, dass wir doch endlich einmal zu einer Warme, wo die Luft unsere Wildschur ist, gelangen werden, sobald es ganz und gar kein Holz mehr gibt. Daher wird der jetzige Uberfluss daran, um die Flosse zu steigern wie man 1760 in Amsterdam offentlich fur 8 Millionen Livres Muskatennusse verbrannte, um ihren alten Preis zu erhalten , gleichfalls eingeaschert.
Ich als Konig vom kuhschnappelischen Jerusalem will ferner, dass der Senat und das Volk, Senatus populusque Kuhschnappeliensis151, nicht verdammt werden, sondern selig, besonders auf dieser Welt dass ferner die Stadt-Magnaten nicht die kuhschnappelischen Nester (Hauser) zugleich mit den indischen verschlucken und dass die Abgaben, die durch die vier Magen der Hebbedienten durch mussen, durch die Panse, durch die Mutze, den Psalter und den Fettmagen, am Ende doch aus Milchsaft zu rotem Blute (aus Silber zu Gold) verarbeitet, und wenn sie durch die Milchgefasse, den Milchsack und Milchgang geflossen, ordentlich ins Geader des Staats-Korpers getrieben werden. Ich will ferner und verordne ferner, dass der Grosse und der Kleine Rat..." Der Landschreiber wollte aufhoren und schuttelte auffallend den Kopf; aber Leibgeber spielte scherzend mit der ausgehenkten Buchse, womit der Testator sich auf den Schutzenthron geschwungen anstatt dass andere sich an fremden Springstaben von Ladstocken darauf heben , und Borstel schrieb in seinen Morgenschweissen weiter nieder:
"Dass also der Schultheiss, der Seckelmeister, der Heimlicher und die acht Ratherrn und der Grossweibel mit sich reden lassen und keine andern Verdienste belohnen als die Verdienste fremder Leute, und dass der Schuft von Blaise und der Schuft von Meyern aneinander taglich prugelnde Hande als Verwandte legen sollen, damit doch einer da ist, der den andern bestraft...."
Da sprang der Landschreiber in die Hohe, berichtete, es versetz' ihm die Luft, und trat ans Fenster, um frischere zu schopfen, und als er ersah, dass drunten in geringer Schussweite vom Fensterstock ein GerberlohHugel emporstehe, hob und setzte ihn der nachschiebende Schrecken von hinten auf die Brustung hinaus; nach einem solchen ersten Schritte tat er, eh' ihn ein Testamentzeuge hinten fangen konnte, einen zweiten, langen in die nackte Luft hinein und schlug als die eigne Zunge seiner Schnellwaage uber den Fensterstock hinaus, so dass er dem niedrigen Poussierstuhl ich meine der Gerber-Loh leicht begegnen konnte. Als fallender Kunstler konnt' er nach seiner Ankunft nichts Besseres vornehmen, als dass er sich seines Gesichtes als eines Grabstichels und einer plastischen Form und Kopiermaschine bediente und damit sein Bild in vertiefter Arbeit matt in den Hugel formte; auf letztem lagen seine Finger als arbeitsame Poussiergriffel und kopierten sich selber, und mit dem Notariatpetschaft, das er neben das Dintenfass gestellt und mitgenommen hatte, kontrasignierte er aus Zufall den Vorfall. So leicht kreiert ein Notarius einem Pfalzgrafen gleich einen zweiten; Borstel aber liess den Konotarius und das ganze Naturspiel liegen und dachte im Heimgehen an andere Sachen. Die Herren Stiefel und Leibgeber hingegen sahen zum Fenster heraus und hielten sich, als er unter Dach und Fach verschwunden war, an seinen zweiten ausserlichen Menschen, der ausgestreckt unten auf dem anatomischen Theater lag und nach Juchten roch woruber der Verfasser dieses nicht ein Wort mehr sagen will als das von Heinrich: "Der Landschreiber hat unter das Testament ein grosseres Petschaft drucken wollen, das keiner nachsticht, und solches mit seinem Leibe untersiegelt und drunten sehen wir ja den ganzen sphragistischen Abdruck."
Der Letzte Wille wurde von den Testamentzeugen und dem Testator unterzeichnet, so weit der Wille ging und mehr als ein solches halb militarisches Testament war unter solchen Umstanden kaum zu fodern.
Jetzo neigte sich der Abend herein, wo sich der kranke Mensch, wie seine Erde, von der Sonne abwendet und sich bloss dem dammernden Abendstern der zweiten Welt zukehrt, wo die Kranken in diese ziehen, und wo die Gesunden nach dieser schauen und wo Firmian ungestort dem teuern Weibe den Abschiedkuss zu geben und langsam zu ermatten hoffte, als leider der gewitterhafte Helfer (Diakonus) und Fruhprediger Reuel152 in die Stube rauschte. Er stellte sich in der kirchlichen Rustung, in Ringkragen und Scharpe, ein, um den Kranken, dem er das Band der Ehe in doppelte Schleifen unter dem Halse gebunden hatte, hinlanglich auszuhunzen, dass er als Beichtpfennig-Defraudant den Zoll der Kranken- und der Gesunden-Kommunion auf dem Himmel- und Hollenwege umfahren wolle. Wie (nach Linne) die altern Botaniker, ein Croll, Porta, Helvetius, Fabrizius, aus der Ahnlichkeit, die ein Gewachs mit einer Krankheit hatte, den Schluss machten, dass es solche hebe daher sie gelbe Pflanzen, Safran, Kurkumei, gegen Gelbsucht verschrieben Drachenblut, japanische Erde gegen Dysenterie Kopfkohl gegen Kopfweh spitze Dinge, Fischgraten gegen Seitenstich , wie also die offizinelle Pflanze sich wenigstens von weitem dem Gebrechen nahert, wogegen sie wirkt: so nehmen auch in den Handen guter Fruhprediger die geistigen Heilmittel, Predigten, Ermahnungen, die Gestalt der Krankheiten, des Zorns, des Stolzes, des Geizes, an, wider welche sie arbeiten, so dass oft zwischen dem Bettlagerigen und dem Arzte kein Unterschied ist als der der Stellung. Reuel war so. Vorzuglich dacht' er darauf, in einer Zeit, wo der lutherische Geistliche so leicht fur einen heimlichen Jesuiten und Monch verschrieen wird, sich von letztem, der nichts sein nennt und der kein Eigentum haben darf, nicht durch Worte, sondern durch Handlung zu unterscheiden und daher recht augenscheinlich nach Eigentum zu jagen und zu schnappen. Hoseas Leibgeber suchte ein Sperrstrick und Drehkreuz fur den Prediger zu werden und hielt ihn mit der Anrede auf der Schwelle auf: "Es wird schwerlich viel verfangen, Ew. Hochehrwurden ich wollt' ihn gestern ebenso im Flug, volti subito, citissime bekehren und ummunzen; aber am Ende warf er mir vor, ich ware selber nicht bekehrt, und das ist auch wahr: denn im Sommer-Raps meiner Meinungen sitzen ketzerische Pfeifer an Pfeifer und nagen." Reuel versetzte, zwischen Moll- und Durton schwankend: "Ein Diener Gottes wartet und pflegt seines hl. Amts und sucht Seelen zu retten, es sei nun vom Atheismus oder von andern Sunden; aber der Erfolg bleibt ganz den Sundern heimgestellt."
Das schwarze Gewitter zog also voll Sinai-Blitze in die dunkle Kammer hinaus der Helfer schwenkte den wehenden Schlauch-Armel, wie eine ehrlich machende Fahne, uber den aufs Bettuch hingestreckten Atheisten, wofur er ihn hielt er saete den guten Samen so auf den Patienten, wie die Bauern in Swedieland den Rubensamen, den sie namlich auf die Beete bloss speien und sagte ihm in einer Krankenvermahnung (dem gewohnlichen Gegenstuck der Leichenpredigt), die mich und den Leser vielleicht auch einmal unter dem letzten Deckbette einholet, die ich also nicht von Baireuth nach Heidelberg zum Druck abschicke, da sie unterwegs in jeder Krankenstube zu horen ist, darin sagt' ers ihm, als ein gerader Mann, ins Gesicht, er sei ein Teufelsbraten und eben gar. Der gare Braten machte die Augen zu und hielt aus. Aber sein Heinrich, den es schmerzte, dass der Fruhprediger die geliebten Ohren und das geliebte Herz mit gluhenden Zangen zwickte, und den es argerte, dass ers nur tat, um den Kranken an den Beichtstuhl zu scheuchen, Heinrich fing den fliegenden Armel und erinnerte leise: "Ich hielt es fur unhoflich, Hr. Fruhprediger, es vorauszuschicken, dass der Kranke harthorig ist, und Sie zum Schreien anzufeuern er hat bisher kein Wort vernommen Hr. Siebenkas, wer steht da? Sehen Sie, so wenig hort er Arbeiten Sie einmal mich bei einem Glas Bier um, das gefallet mir eher, und ich hor' auch besser. Ich sorge, er hat jetzt Phantasien und halt Sie, wenn er Ihrer ansichtig wird, fur den Teufel, weil Sterbende mit solchem den letzten Fechtergang zu machen haben. Schade ists, dass er die Rede nicht vernommen; sie wurde ihn, denn beichten will er nicht, recht herzlich geargert haben, und hinlangliche Argernis fristete nach dem 8ten Band von Hallers Physiologie Sterbenden oft das Leben auf Wochen. Eine Art wahrer Christ ist er aber doch, ob er gleich so wenig beichtete wie ein Apostel oder Kirchenvater; Sie sollen nach seinem seligen Hintritte von mir selber es horen, wie ruhig der rechte Christ verscheidet, ohne alle Verzuckungen und Verzerrungen und Todes-Angsten; er ist ans Geistliche so gewohnt wie die Schleiereule an die Kirchturme; und so wie diese auf dem Glockenstuhl mitten unter dem Gelaute sitzen bleibt: so bin ich Mann dafur, dass auch unser Advokat unter dem Anschlagen der Totenglocke gelassen verharren wird, weil er aus Ihren Fruhpredigten die Uberzeugung gewonnen, dass er nach dem Tode noch fortlebt." Es war freilich einiger harter Scherz uber Firmians Schein-Sterben und Unsterblichkeit-Glauben in der Rede; ein Scherz, den nur ein Firmian zugleich verstehen und verzeihen konnte; aber Leibgeber wollte auch ernsthaft die Leute anfallen, welche zufallige Korperstille des Sterbenden fur geistige nehmen und Korpersturm fur Gewissensturm.
Reuel versetzte nichts als: "Sie sitzen, wo die Spotter sitzen, der Herr wird sie finden meine Hande hab' ich gewaschen." Da er sie aber noch lieber gefullet hatte, und da er doch das Teufelskind in kein Beichtkind umsetzen konnte: so ging er rot und stumm davon, demutig von Lenette und Stiefel unter fortdauernden Verbeugungen hinabgefuhrt.
Man mache die Gallenblase des guten Heinrichs, die seine Schwimmblase und leider oft seine aufsteigende hysterische Kugel ist, nicht grosser als sie ist; sondern man richte uber diesen Naturfehler darum gelinder, weil Heinrich schon an so vielen Sterbebetten solche geistliche freres terribles, solche Galgenpatres stehen sehen, die auf das sieche, welke Herz noch Salz ausstreueten, und weil er mit mir glaubte, dass der Religion unter allen Stunden des Menschen seine letzte die gleichgultigste sein musste, da sie die unfruchtbarste ist und kein Same in ihr aufgeht, welcher Taten treibt.
Wahrend der kleinen Entfernung des hoflichen Paars sagte Firmian: "Ich bins satt, satt, satt ich mache nun keinen Spass mehr in zehn Minuten sag' ich meine letzte Luge und sterbe, und wollte Gott, es ware keine. Lasse kein Licht hereinsetzen und hulle mich sogleich unter die Maske, denn ich seh' es schon voraus, ich werde meine Augen nicht beherrschen konnen, und unter der Larve kann ich sie doch weinen lassen, wie sie wollen o du mein Heinrich, mein Guter!" Das infusorische Chaos in Reuels Ermahnung hatte doch den muden Figuranten und Mimiker des Todes ernst und weich gemacht. Heinrich nahm aus feiner, liebender Sorge ihm alle Lugenrollen willig ab und machte sie selber; und rief daher angstlich und laut, als das Paar in die Stube trat: "Firmian, wie ist dir?" "Besser", sagte dieser, aber mit einer geruhrten Stimme, " in der Erdennacht glimmen Sterne an, ach ich bin an den Schmutz geknupft, und ich kann nicht hinauf zu ihnen o das Ufer des schonen Fruhlings ist steil, und wir schwimmen auf dem Toten Meer des Lebens so nahe am Ufer, aber die Eintagfliege hat noch keine Flugel." Der Tod, diese erhabene Abendrote unsers Thomastages, dieses herubergesprochene grosse Amen unserer Hoffnung, wurde sich wie ein schoner, bekranzter Riese vor unser tiefes Lager stellen und uns allmachtig in den Ather heben und darin wiegen, wurden nicht in seine gigantischen Arme nur zerbrochene, betaubte Menschen geworfen; nur die Krankheit nimmt dem Sterben seinen Glanz, und die mit Blut und Tranen und Schollen beschwerten und befleckten Schwingen des aufsteigenden Geistes hangen zerbrochen auf den Boden nieder; aber dann ist der Tod ein Flug und kein Sturz, wenn der Held sich nur in eine einzige totliche Wunde zu sturzen braucht; wenn der Mensch wie eine Fruhlingwelt voll neuer Bluten und alter Fruchte dasteht, und die zweite Welt plotzlich wie ein Komet nahe vor ihm vorubergeht und die kleine Welt unverwelkt mitnimmt und mit ihr uber die Sonne fliegt.
Aber gerade jenes Erheben Firmians wurde in scharfern Augen, als Stiefel hatte, ein Zeichen des Erstarkens und Genesens gewesen sein: nur vor dem Zuschauer, nicht vor dem Niedergebrochnen wirft die Streitaxt des Todes einen Glanz; es ist mit der Totenglocke wie mit andern Glocken, deren erhebendes Brausen und Tonen nur der Entfernte, und nicht der vernimmt, der selber in der summenden Halbkugel steht.
Da in der Sterbenstunde jede Brust aufrichtiger und durchsichtiger wird, wie der siberische Glasapfel in der Zeit der Reife nur eine glaserne Hulse, ein durchsichtiges susses Fleisch uber seine Kerne deckt: so ware Firmian in jener dithyrambischen Stunde, so nahe an der blanken Schneide der Todessichel, imstande gewesen, alle Mysterien und Bluten seiner Zukunft aufzuopfern, d.h. aufzudecken, hatt' es nicht sein Wort und seinen Freund zugleich verletzt; aber jetzo blieb ihm nichts gelassen als ein duldendes Herz, eine stumme Lippe und weinende Augen.
Ach, war denn nicht jeder scheinbare Abschied ein wahrer; und als er seinen Heinrich und den Schulrat mit zitternden Handen auf sein Herz herunterzog, wurde denn nicht das letzte von der traurigen Gewissheit gedruckt, dass er den Rat morgen und Heinrich in einer Woche auf ewig einbusse? Daher war folgende Anrede blosse Wahrheit, aber eine trube: "Ach, wir werden auseinandergetrieben in kurzer Zeit o, die menschlichen Arme sind morsche Bande und reissen so bald! Nur geh' es euch recht wohl und besser, als ich es je verdiente: der chaotische Steinhaufe euerer Lebenstage rolle euch nie unter die Fusse und nie auf den Kopf, und die Felsen und Klippen um euch uberziehe ein Fruhling mit Grun und Beeren! Gute Nacht auf ewig, geliebter Rat! und du, mein Heinrich"... Diesen riss er an seinen Mund und schwieg im Kuss und dachte an die Nahe der wahren Scheidung.
Aber er hatte durch diese Stacheln des Abschieds seinem Herzen keinen solchen fieberhaften Reiz erteilen sollen er horte seine verdeckte Lenette hinter seinem Bette weinen und sagte mit einem weiten Todesriss im gefullten Herzen: "komm, meine teure Lenette, komm zum Abschied!" und breitete wild die Arme nach der unsichtbaren Geliebten aus Sie wankte hervor und sank hinein bis an sein Herz und er blieb stumm unter zermalmenden Gefuhlen und endlich sagte er leise zur Bebenden: "Du Geduldige, du Getreue, du Geplagte! wie oft hab' ich dir wehgetan! O Gott, wie oft! Wirst du mir vergeben? Willst du mich vergessen?" (Ein Krampf des Schmerzens drangte die Erschutterte fester an ihn.) "Ja, ja, vergiss mich nur ganz; denn du warst ja nicht glucklich bei mir".... Die schluchzenden Herzen erstickten die Stimme, und nur die Tranen konnten stromen ein durstiger, saugender Schmerz schwoll auf dem ermattenden, ausgeleerten Herzen, und er wiederholte: "Nein, nein, bei mir hattest du wahrlich nichts, nichts, nur Tranen aber das Schicksal wird dich beglucken, wenn ich dich verlassen habe." Er gab ihr den letzten Kuss und sagte: "Lebe nun froh und lasse mich ziehen!" Sie wiederholte unter tausend Tranen: "Du wirst ja gewiss nicht sterben." Aber er drangte und hob die Zusammenfallende von seinem Herzen weg und rief feierlich: "Es ist voruber- das Schicksal hat uns geschieden es ist voruber." Heinrich zog die Weinende sanft hinweg und weinte selber und verwunschte seinen Plan und winkte den Schulrat nach und sagte: "Firmian will jetzt ruhen!" Dieser kehrte sein schwellendes, von Qualen zerstochenes Angesicht ab gegen die Wand. Lenette und der Rat trauerten zusammen in der Stube Heinrich wartete das Zusammensinken der hohen Wogen ab dann fragt' er ihn leise: "Jetzt?" Firmian gab das Zeichen, und sein Heinrich schrie sinnlos: "o, er ist gestorben!" und warf sich mit wahren heissen Tranen, die wie Blut aus dem nahen, blutigen Risse sturzten, uber den Unbeweglichen, um ihn gegen jede Untersuchung zu bedecken. Ein trostloses Paar sturzte aus der Stube ans zweite Lenette wollte uber den abgekehrten Gatten fallen und rief schmerzlich: "Ich muss ihn sehen, ich muss noch einmal Abschied nehmen von meinem Mann." Aber Heinrich befahl, vertrauend, dem Rate, die Trostlose zu halten und hinauszubringen. Das erste war er imstande wiewohl seine eigne Fassung nur eine erkunstelte war, die den Sieg der Religion uber die Philosophie erweisen sollte , aber er vermochte sie nicht hinauszuziehen, da sie sah, dass Heinrich die Todesmaske ergriff: "Nein", rief sie zornig, "ich werde doch meinen Mann noch einmal sehen durfen." Heinrich hielt die Larve empor, drehte sanft Firmians Gesicht herum, auf dem noch die halb verwischten Tranen des Abschieds standen, und deckt' es mit ihr zu und trennte es durch sie auf ewig von dem weinenden Auge der Gattin. Der grosse Auftritt hob sein Herz, und er starrete die Maske an und sagte: "Eine solche Maske legt der Tod uber alle unsere Gesichter So strecke ich mich auch einmal im Mitternachtschlaf des Todes aus und werde verlangert und falle mehr ins Gewicht. Du armer Firmian, war denn deine Lebens-Partie a la guerre der Lichter und der Muhe wert? Zwar wir sind nicht die Spieler, sondern die Spielsachen, und unsern Kopf und unser Herz stosset der alte Tod als einen Ball uber die grunende Billardtafel in den Leichensack hinunter, und es klingelt mit der Totenglocke, wenn einer von uns gemacht wird. Du lebst zwar in einem gewissen Sinne noch fort153 wenn anders das Freskogemalde aus Ideen ohne Schaden von dem zerfallenden Korper-Gemauer154 abzunehmen ist , o es moge dir da in deinem Postskript-Leben besser ergehen Was ists aber? Es wird auch aus jedes Leben, auf jeder Weltkugel, brennet einmal aus die Planeten alle haben nur Kruggerechtigkeit und konnen niemand beherbergen, sondern schenken uns einmal ein, Quittenwein Johannisbeersaft gebrannte Wasser meistens aber Gurgelwasser von Labewein, das man nicht hinunterbringt, oder gar sympathetische Dinte (d.i. liquor probatorius), Schlaftranke und Beizen dann ziehet man weiter, von einer Planeten-Schenke in die andere, und reiset so aus einem Jahrtausend ins andere o du guter Gott, wohin denn, wohin, wohin? Inzwischen war doch die Erde der elendeste Krug, wo meistens Bettelgesindel, Spitzbuben und Deserteure einkehren, und wo man die besten Freuden nur funf Schritte davon, entweder im Gedachtnis oder in der Phantasie geniessen kann, und wo man, wenn man diese Rosen wie andere anbeisset, statt anzuriechen und statt des Dufts das Blattermus verschluckt, wo man nichts davon hat als sedes155..... O es gehe dir, du Ruhiger, in andern Tavernen besser, als es dir gegangen ist, und irgendein Restaurateur des Lebens mache dir ein Weinhaus auf statt des vorigen Weinessighauses!"
Einundzwanzigstes Kapitel
Dr. Oelhafen und das medizinische Chaussieren
Trauer-Administration der rettende Totenkopf
Friedrich II. und Standrede
Leibgeber quartierte vor allen Dingen die Leidtragende unten beim Haarkrausler ein, um dem Toten den mittlern Zustand nach dem Tode bequemer zu machen: "Sie sollen", sagt' er zu ihr, "vor den traurigen Denkmalern um uns her so lange auswandern, bis der Selige weggebracht ist." Sie gehorchte aus Gespensterfurcht; er konnte also dem Erblassten leicht zu essen geben: er verglich ihn mit einer eingemauerten Vestalin, die in ihrem Erbbegrabnis eine Lampe, Brot, Wasser, Milch und Ol vorfand, nach dem Plutarch im Numa: "wenn du nicht (setzt' er hinzu) dem Ohrwurm gleichst, der sich, wenn er entzweigeschnitten ist, umkehrt, um seinen eignen Wrack zu verzehren." Er heiterte wenigstens wollt' ers durch solche Scherze die wolkige und herbstliche Seele seines Lieblings auf, um dessen Auge lauter Trummern des vorigen Lebens lagen, von den Kleidern der verwitibten Lenette an bis zu ihrem Arbeitzeug. Den Haubenkopf, den er unter dem Gewitter geschlagen, musste man in einen unsichtbaren Winkel stellen, weil er ihm, wie er sagte, gorgonische Gesichter schnitte. Am Morgen hatte der gute Leibgeber, der Leichenbesorger, die Arbeiten eines Herkules, Ixions und Sisyphus miteinander Es kam ein Kongress und Pikett nach dem andern, um den Erblasser zu sehen und zu loben denn man beklatschet die Menschen und die Schauspieler bloss im Weggehen und findet den Toten moralisch-, wie Lavater ihn physiognomisch-verschonert; aber er trieb das Volk von der Leichenkammer ab: "Mein sel. Freund", sagt' er, "hat sichs in seinem Letzten ausgebeten."
Dann trat die Zofe des Todes auf, die Leichenfrau, und wollte ihn abscheuern und anputzen; Heinrich biss sich mit ihr herum und bezahlte und exilierte sie. Dann musst' er sich vor der Witwe und dem Pelzstiefel anstellen, als stell' er sich an, als woll' er sein blutendes Herz mit einem aussern Entsagen bedecken; "ich sehe aber (sagte der Rat) leichtlich hindurch, und er affektiert den Philosophen und Stoiker nur, da er kein Christ ist." Stiefel meinte jene eitle Harte der Hofund Welt-Zenos, die jenen holzernen Figuren gleichen, denen eine angeschmierte Rinde von Steinstaub die Gestalt von steinernen Statuen und Saulen verleiht. Ferner wurde die Leichenkuxe und Ausbeute oder Dividende aus der Leichenkasse erhoben, die vorher einen Pfennigmeister mit dem sammelnden Teller unter den Interessenten und Teilhabern der Korperschaft herumgejagt hatte. Dadurch erfuhrs auch der Obersanitatrat Oelhafen, als zahlendes Mitglied. Dieser benutzte seinen zur Kranken-Runde bestimmten Vormittag und verfugte sich ins Trauerhaus, um seinen Kunstbruder, Leibgeber, ungewohnlich zu erbosen. Er stellte sich daher, als sei ihm von der Todes-Post nichts zu Ohren gekommen, und erkundigte sich zuerst nach des Kranken Befinden. "Es hat sich nach dem neuesten Befundzettel (sagte Heinrich) ausbefunden: er ist selig eingeschlafen, Hr. Protomedikus Oelhafen im August, Marz, September hat der Tod seinen Pressgang, seine Weinlese." "Das Temperierpulver", versetzte der rachsuchtige Arzt, "hat, wie es scheint, die Hitze hinlanglich temperiert, da er kalt ist." Es tat Leibgebern weh, und er sagte: "Leider, leider! Inzwischen taten wir, was wir konnten, und brachten ihm Ihr Brechpulver hinunter er gab aber nichts von sich als die schlimmste Krankheitmaterie des Menschen, die Seele. Sie sind, Hr. Protomedize, Zent- oder Fraisherr, mit dem Gericht uber Blutrunst oder mit der hohen Frais beliehen; da ich aber als Advokat nur die niedere Gerichtbarkeit ausube: so durft' ich auf keine Weise etwas wagen, am wenigsten das Leben des Mannes, oder was wurde er sonst nicht fur ein Gesicht dazu gemacht haben."
"Nu, er hat auch eins dazu gemacht, und ein langes, das hippokratische", versetzte nicht ohne Witz der Arzt; freundlich erwiderte jener: "Ich muss es Ihnen glauben, da ich als Laie dergleichen Gesichter selten zu sehen kriege, Arzte aber die hippokratische Physiognomik taglich bei ihren Kranken treiben konnen; wie denn der Arzt von Praxis sich durch einen gewissen Scharfblick auszeichnet, womit er den Tod seiner Patienten voraussagt; eine Unmoglichkeit fur jeden andern, der kein Heilkunstler ist und nicht viele hat abfahren sehen."
"Sie als ein so exzellenter Kunstverstandiger", fragte Oelhafen, "haben naturlicherweise Senfpflaster dem Kranken auf die Fusse appliziert; nur dass sie freilich nicht mehr zogen?"
"Auf die Gedanken und Sprunge versetzte Leibgeber kam ich wohl, dem Seligen kunstgemass die Fusse mit Senf und Sauerteig zu besohlen und die Waden mit Zugpflastern zu tapezieren; aber der Patient, von jeher, wie Sie wissen, ein spottischer Patron, nannte dergleichen das medizinische Chaussieren und dabei uns Arzte die Schuster des Todes, die dem armen Kranken, wenn die Natur schon ihm zugerufen: 'gare, Kopf weg!' noch spanische Fliegen als spanische Stiefel anlegten, Senfpflaster als Kothurne, Schropfkopfe als Beinschellen, als wenn ein Mann nicht ohne diese medizinische Toilette und ohne rote Absatze von Senf-Fersen und ohne rote Kardinalstrumpfe von Zugpflastern in die zweite Welt einschreiten konnte. Dabei stiess der Selige mit den Fussen kunstlich nach meinem Gesichte und dem Pflaster; und verglich uns Kunstverstandige mit Stechfliegen, die sich immer an die Beine setzen."
"Er mag wohl bei Ihnen mit der Stechfliege recht gehabt haben; auch Ihrem Kopfe caput tribus insanabile konnte ein Schuster des Todes unten etwas anmessen", versetzte der Doktor und verfugte sich schleunigst davon.
Ich habe oben etwas von dessen Brechmitteln fallen lassen; diesem fug' ich nun bei: richtet er wirklich mit ihnen hin, so bleibt immer der Unterschied zwischen ihm und einem Fuchs156, dass dieser von weitem, nach den alten Naturforschern, sich um Hunde zu locken und anzufallen anstellt, als vomiere ein Mensch. Gleichwohl muss der grosste Freund der Arzte gewisse Einschrankungen ihres peinlichen Gerichts oder Konigsbannes anerkennen. Wie nach dem europaischen Volkerrecht kein Heer das andere mit glasernen oder giftigen Kugeln niederschiessen darf, sondern bloss mit bleiernen; wie ferner keines in feindliche Lebenmittel und Brunnen Gift einwerfen darf, sondern nur Dreck: so verstattet die medizinische Polizei einem (die obere Gerichtbarkeit) ausubenden Arzte zwar narcotica, drastica, emetica, diuretica und die ganze Heilmittellehre zu seinem freien Gebrauch, und es ware sogar polizeiwidrig, wenn man ihn nicht machen liesse; hingegen wollt' es der grosste Stadt- und Landphysikus wagen, seinem Gerichtbezirke statt der Pillen ordentliche Giftkugeln, statt heftiger Brechpulver Rattenpulver einzugeben: so wurde es von den obersten Justizkollegien ernsthaft angesehen werden er musste denn den Mausgift bloss gegen das kalte Fieber verschreiben ; ja ich glaube, ein ganzes medizinisches Kollegium wurde nicht von aller Untersuchung frei bleiben, sucht' es einem Menschen, dem es mit Lanzetten jede Stunde die Adern offnen darf, solche mit dem Seitengewehr zu durchstechen und ihn mit einem Instrument, das ein kriegerisches, aber kein chirurgisches ist, uber den Haufen zu stossen: so findet man auch in den Kriminalakten, dass Arzte nicht durchkamen, die einen Menschen von einer Brucke ins Wasser sturzten anstatt in ein kleineres, entweder mineralisches oder anderes Bad.
Sobald der Friseur von dem Einlaufen der Leichenlotterie-Gelder in den Nothafen vernommen hatte: so kam er herauf und erbot sich, seinem entschlafnen Hausmann einige Locken und einen Zopf zu machen und ihm den Kamm und die Pomade mit unter die Erde verabfolgen zu lassen. Leibgeber musste fur die arme Witwe sparen, die ohnehin unter so vielen Fresszangen und Geierfangen und Fangzahnen der Leichendienerschaft schon halb entfiedert dastand, und er sagte, er konne nichts, als ihm den Kamm abkaufen und in die Westentasche des Erblassten stecken, dieser konne sich damit die Frisur nach seinem Gefallen machen. Dasselbe sagte er auch dem Bader und fugte noch bei, im Grabe, worin bekanntlich die Haare fortwachsen, truge ohnehin die ganze geheime und fruchtbringende Gesellschaft, gleich 60jahrigen Schweizern, schone Barte. Diese beiden Haar-Mitarbeiter, die sich als zwei Uranus-Trabanten um die namliche Kugel bewegen, zogen mit verkurzten Hoffnungen und verlangerten Gesichtern und Beuteln ab, und der eine wunschte, er hatte jetzt im Gefuhle der Dankbarkeit den Leichenbesorger Heinrich zu balbieren, und der andere, ihn zu frisieren. Sie murmelten auf der Treppe: so war' es nachher kein Wunder, dass der Tote im Grabe nicht ruhte, sondern herumginge und schreckte.
Leibgeber dachte an die Gefahr, den Lohn der langen Tauschung einzubussen, wenn jemand, wahrend er nur etwan in der nachsten Stube sei denn bei jedem langern Ausgang schloss er die Tur ab , nach dem sel. Herrn sehen wolle. Er ging daher auf den Gottesacker und steckte aus dem Beinhause einen Totenkopf unter den Uberrock. Er handigte ihn dem Advokaten ein und sagte ihm: wenn man den Kopf unter das grune Gitterbette worin defunctus lag schobe und mit einem grunen Seidenfaden in Verbindung mit seiner Hand erhielte, so konnte der Kopf doch wenigstens im Finstern als eine Belidorsche Druckkugel, als ein Eselkinnbacke gegen Philister hervorgezogen werden, die man zuruckzuschrecken hatte, wenn sie warme Tote in ihrer Ruhe storen wollten. Freilich im hochsten Notfall ware Siebenkas aus seiner langen Ohnmacht wieder zu sich gekommen und hatte wobei noch dazu den medizinischen Systemen ein Gefallen geschehen ware den Schlagfluss zum dritten Male repetiert; indessen war doch der Totenkopf besser als der Schlag. Firmian hatte eine wehmutige Empfindung beim Anblick dieser Seelen-Mansarde, dieses geistigen, kalten Brutofens, und sagte: "Der Mauerspecht157 hat sicherer darin ein weicheres, ruhigeres Nest als der ausgeflogene Paradiesvogel."
Leibgeber hausierte nun bei der Kirchen- und Schul-Dienerschaft und trug die Stolgebuhren, den Bruckenzoll, unter leisen Fluchen ab und sagte: ubermorgen in aller Stille bringe man ohne Sang und Klang den Seligen zur Ruhe; es hatte niemand etwas dabei zu tun als das, was sie willig taten das Postporto, womit man die Leichen in die andere Welt frankieret, einzustecken, einen alten armen Schuldiener ausgenommen, der sagte, er hielt' es fur Sunde, einen Kreuzer von der durftigen Witwe zu nehmen, denn er wisse, wie Armut tue. Das konnten aber die Reichern eben nicht wissen.
Abends ging Heinrich zum Friseur und zu Lenetten hinab und liess den Schlussel an der Ture, weil die oben herum wohnenden Mietleute seit dem neulichen Geistergeruchte viel zu furchtsam waren, um nur aus der ihrigen den Kopf zu stecken. Der Haarkrausler, der noch zornig war, dass er das Haarwerk des Verstorbenen nicht krauseln durfen, verfiel auf den Gedanken, es ware doch etwas, wenn er hinaufschliche und den Haar-Forst gar abtriebe. Der Vertrieb von Haaren und von Brennholz zumal da man jene zu Ringen und Lettern schlingt ist starker als ihr Nachwuchs, und man sollte keinem Verstorbenen einen Sarg oder ein eignes Haar lassen, das schon die Alten fur den Altar der unterirdischen Gotter wegschoren. Merbitzer wiegte sich daher auf den Zehen in die Stube und hielt schon die Fresszangen der Schere aufgezogen. Siebenkas schielte in der Kammer leicht aus den Augenhohlen der Maske und erriet aus der Schere und aus der Gewerkschaft des Hausherrn das nahende Ungluck und Popens Lockenraub. Er sah, in dieser Not konnt' er weniger auf seinen Kopf als auf den kahlen unter dem Bette zahlen. Der Hausherr, der furchtsam hinter sich die Ture zum Ruckzug aufgesperret gelassen, ruckte endlich an die Pflanzung menschlicher Scherbengewachse und hatte vor, in diesem Erntemonat als Schnitter zu verfahren und den Bartscherer mit dem Haarkrausler zu vereinigen und zu rachen. Siebenkas spulte mit den bedeckten Fingern, so gut er konnte, um den Totenkopf herauszuhaspeln; da das aber viel zu langsam ging Merbitzer hingegen zu hurtig , so musst' er sich dadurch einstweilen helfen, dass er unter der Zwischenzeit besonders da bose Geister den Menschen so haufig anhauchen dem Hausherren einen langen Nachtwind aus der Mundspalte der Larve entgegenblies. Merbitzer war nicht imstand, sich das bedenkliche Geblase zu erklaren, das ihm wahre Stickluft und einen todlichen Samiel-Wind entgegentrieb, und seine warmen Bestandteile fingen an, zu einem Eiskegel anzuschiessen. Aber leider hatte der Selige den Atem bald verschossen, und er musste die Windbuchse langsam von frischem laden. Dieser Stillestand brachte den Lockenrauber wieder zu sich und auf die Beine, so dass er neue Anstalten traf, den Troddelwipfel der Nachtmutze anzufassen und diesen dunnen, fliegenden Sommer, die Mutze, der Haar-Flur abzuziehen. Aber mitten im Greifen vernahm er, dass unter dem Bette sich etwas in Gang setze er hielt still und wartete es gelassen ab da es eine Ratte sein konnte , in was sich etwan das weitere Getose auflose. Aber unter der Erwartung verspurt' er plotzlich, dass sich etwas Rundes an seinen Schenkeln heraufdrehe und daran aufwarts dringe. Er griff sogleich mit der leeren Hand denn die andere hielt die Schere offen hinab, und diese legte sich ohnmachtig wie ein Tasterzirkel um die steigende, schlupferige Kugel an, die an ihr immer heben wollte. Merbitzer wurde zusehends beinhart und klossig aber ein neues Aufheben der liegenden Hand und ein Blick auf den kommenden Knauf teilten ihm, bevor er sich kasig und geronnen zu Boden setzte, einen solchen Fussstoss des Schreckens mit, dass er leicht uber die Stube flog, wie ein Kernschuss dahingetrieben vom Kartaunenpulver der Angst. Er setzte unten mitten in die Stube hinein mit aufgesperrter Schere in der Hand, mit aufgesperrtem Maul und Auge und mit einem Bleichplatz auf dem Gesichte, wogegen seine Wasche und sein Puder Hoftrauer waren; gleichwohl hatt' er in dieser neuen Stellung so viel Besonnenheit welches ich ihm gern zur Ehre berichte , dass er kein Wort vom ganzen Vorgang entdeckte; teils weil man Geistergeschichten ohne den grossten Schaden nicht vor dem neunten Tage erzahlen darf; teils weil er die Haarschur und Kaperei an keinem Tage uberhaupt erzahlen konnt Firmian machte seinem Freund nachts um 1 Uhr die ganze Sache mit der Treue bekannt, die ich jetzt selber gegen den Leser zu beobachten gesucht. Dies gab Leibgebern den guten Fingerzeig, vor die hohe Leiche eine tuchtige Leichenwache zu stellen, zu welcher er in Ermanglung von Kammerherrn und andern Hofbedienten niemand anstellen konnte als den Saufinder.
Am letzten Morgen, der unserem Siebenkas, die Hausmiete aufkundigen sollte, kam die casa santa des Menschen, unsere chambre garnie, unsere letzte Samenkapsel, der Sarg, fur den man zahlen musste, was begehret wurde. "Es ist die letzte Baubegnadigung dieses Lebens, der letzte Betrug der Zimmerleute", sagte Heinrich.
In der Nachmitternacht, um 12 1/2 Uhr, als keine Fledermaus, kein Nachwachter, kein Biergast, kein Nachtlicht mehr zu sehen war und bloss noch einige Feldgrillen in Garben und einige Mause in Hausern zu horen , sagte Leibgeber zum bangen Geliebten: "Jetzt marschier ab! Du warst ohnehin, seitdem du das Sterbliche ausgezogen und in die Ewigkeit gegangen bist, nicht eine Minute selig und frohlich. Ich sorge fur das ubrige. Warte auf mich in Hof an der Saale; wir mussen uns nach dem Tode noch einmal wiedersehen." Firmian legte sich schweigend und weinend an sein warmes Angesicht. Er durchlief in der dammernden Stunde noch einmal alle bluhende Statten der Vergangenheit, hinter denen er wie in eine Gruft versank, sein erweichtes Herz legte gern auf jedes Kleid seiner truben, geraubten Lenette, auf jede Arbeit und Spur ihrer hauslichen Hand die letzten Tranen nieder er steckte ihren Verlobungsstrauss aus Rosen und Vergissmeinnicht hart an die heisse Brust und druckte die Rosenknospen Nataliens in die Tasche und so schlich er stumm, zerdruckt, mit uberwaltigtem Schluchzen und gleichsam durch ein Erdbeben aus der Erde hinausgeworfen an die Eiskuste einer fremden, die Treppe hinter seinem besten Freunde hinab, druckte ihm unter der Haustur die helfende Hand, und die Nacht bauete ihn bald mit dem Grabhugel ihres grossen Schatten zu. Leibgeber weinte herzlich, sobald er verschwunden war; Tropfen fielen auf jeden Stein, den er einsteckte, und auf den alten Block, den er in die Arme auffassete, um in die SargMuschel das Gewicht eines Leichnams einzubetten. Er fullete den Hafen unsers Korpers und sperrte die Bundeslade zu und hing sich den Sargschlussel wie ein schwarzes Kreuzchen auf die Brust. Jetzo schlief er das erstemal im Trauerhause ruhig: alles war getan.
Am Morgen macht' er kein Geheimnis vor den Tragern und vor Lenetten daraus, dass er den Leichnam mit grosser Muhe mit seinen zwei Armen eingesargt. Sie wollte ihren sel. Herrn noch einmal sehen; aber Heinrich hatte den Hausschlussel zum bunten Gehause in der Finsternis verworfen. Er half, indem er den Schlussel herumtrug, darnach eifrig suchen aber es war ganz vergeblich, und viele Umherstehende mutmassten bald, Heinrich betruge bloss und wolle nur den verweinten Augen der Witwe nicht gern noch einmal den zusammengehauften Stoff des Schmerzes zeigen. Man zog mit dem blinden Passagier im Quasi-Sarg hinaus auf den Kirchhof, der im Tau unter dem frischen blauen Himmel glimmte. In Heinrichs Herz kroch eine eiskalte Empfindung herum, als er den Leichenstein durchlas. Er war vom herrnhutischen plattierten Grabe des Grossvaters Siebenkasens abgehoben und umgesturzt, und auf der glatten Seite glanzte die eingehauene Grabschrift: "Stan. Firmian Siebenkas ging 1786 den 24. August..." Dieser Name war sonst Heinrichs seiner gewesen, und sein jetziger "Leibgeber" stand unten auf der Kehrseite des Monuments. Heinrich dachte daran, dass er in einigen Tagen mit weggeworfnem Namen als ein kleiner Bach in das Weltmeer falle und darin ohne Ufer fliesse und in fremde Wellen zergehe es kam ihm vor, dass er selber mit seinem alten und neuen Namen herunterkomme in die Grube; da wurde ihm so gemischt zu Mute, als sei er auf dem eingefrorenen Strom des Lebens angewachsen, und droben steche eine heisse Sonne auf das Eisfeld herab, und er liege so zwischen Glut und Eis. Noch dazu kam jetzt der Schulrat gelaufen, mit dem Schnupftuch an der Nase und an den Augen, und teilte im stotternden Schmerze die eben im Marktflecken eingelaufene Neuigkeit mit, dass der alte Konig in Preussen den 17ten dieses verstorben sei. Die erste Bewegung, die Leibgeber machte, war, dass er auf zur Morgensonne sah, als werfe aus ihr Friedrichs Auge Morgenfeuer uber die Erde. Es ist leichter, ein grosser als ein rechtschaffener Konig zu sein; es ist leichter, bewundert als gerechtfertigt zu werden; ein Konig legt den Ohrfinger an den langsten Arm des ungeheuern Hebels und hebt, wie Archimedes, mit Fingermuskeln Schiffe und Lander in die Hohe, aber nur die Maschine ist gross und der Maschinist, das Schicksal aber nicht der, der sie gebraucht. Der Laut eines Konigs hallet in den unzahligen Talern um ihm als ein Donner nach, und ein lauer Strahl, den er wirft, springt auf dem mit unzahligen Planspiegeln uberdeckten Geruste als gluhender dichter Brennpunkt zuruck. Aber Friedrich konnte durch einen Thron hochstens erniedrigt werden, weil er darauf sitzen musste, und ohne die so eng umschliessende Krone, den Stachelgurtel und Zauberkreis des Kopfes, ware dieser hochstens grosser geworden; und glucklich, du grosser Geist, konntest du noch weniger werden; denn ob du gleich in deinem Innern die Bastille und die Zwinger der niedrigern Leidenschaften abgebrochen, ob du gleich deinem Geiste das gegeben, was Franklin der Erde, namlich Gewitterableiter, Harmonika und Freiheit; ob du gleich kein Reich schoner fandest und lieber ausdehntest als das der Wahrheit; ob du dir gleich von der Hamlings-Philosophie der gallischen Enzyklopadisten nur die Ewigkeit, nicht die Gottheit verhangen liessest, nur den Glauben an Tugend, nicht deine eigene: so empfing doch deine liebende Brust von der Freundschaft und von der Menschheit nichts als den Widerhall ihrer Seufzer die Flote , und dein Geist, der mit seinen grossen Wurzeln, wie der Mahagonibaum, oft den Felsen zertrieb, worauf er wuchs, dein Geist litt am grellen Kampfe deiner Wunsche mit deinen Zweifeln, am Kampfe deiner idealen Welt mit der wirklichen und deiner geglaubten, ein Misslaut, den kein milder Glaube an eine zweite sanft verschmelzte, und darum gab es auf und an deinem Thron keinen Ort zur Ruhe als den, den du nun hast.
Gewisse Menschen bringen auf einmal die ganze Menschheit vor unser Auge, wie gewisse Begebenheiten das ganze Leben. Auf Heinrichs aufgedeckte Brust sprangen scharfe Splitter des niedergesunkenen Gebirges, dessen Erdfall er vernahm. Er stellte sich an das offne Grab und hielt diese Rede, mehr an unsichtbare Zuhorer als an sichtbare: "Also die Grabschrift ist die versio interlinearis des so kleingedruckten Lebens? Das Herz158 ruhet nicht eher, als bis es so wie sein Kopf in Gold gefasset ist? Du verborgner Unendlicher, mache das Grab zum Souffleurloch und sage mir, was ich denken soll vom ganzen Theater! Zwar was ist im Grabe? Einige Asche, einige Wurmer, Kalte und Nacht beim Himmel, oben daruber ist auch nichts Bessers, ausgenommen dass mans noch dazu fuhlet. Hr. Rat, die Zeit sitzt hinter unsereinem und lieset den Lebens-Kalender so kursorisch und schlagt einen Monat nach dem andern um, dass ich mir vorstellen kann, dieses Grab, dieser Schlossgraben hier um unsere Lustschlosser, dieser Festunggraben stehe verlangert neben meinem Bette, und man schuttele mich aus dem Betttuche, wie herabgeschuttelte aufgefasste spanische Fliegen, in dieses Kochloch nur zu, wurd' ich sagen nur zu, ich komme entweder zum Alten Fritz oder zu seinen Wurmern und damit basta! Beim Himmel! man schamt sich des Lebens, wenn es die grossten Manner nicht mehr haben Und so holla!"
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Durchreise durch Fantaisie Wiederfund auf dem Bindlocher Berg Berneck, Menschen-Verdoppeln Gefrees, Kleiderwechsel Munchberg, Pfeifstuck Hof, der frohliche Stein und Doppel-Abschied samt
Topen
Heinrich bewegte jetzo mehre Flugel als ein Seraphim, um seinem Freunde fruher nachzufliegen. Eilig packt' er die Schreibereien desselben ein und uberschrieb sie nach Vaduz das zu gesiegelte Testament des Landschreibers wurde der Orts-Obrigkeit ubergeben von dieser wurden die Totenscheine ausgestellt, damit die preussische Witwenkasse sahe, dass man sie nicht betroge und dann stiess er ab und stellete noch einige wichtige Trostgrunde und einige wichtige Dukaten der gebeugten Strohwitwe zu, die in ihrem grillierten Kattun so trauerte, wie sichs gehort.
Lasset uns jetzt fruher als er seinen Verstorbenen einholen und begleiten. In der ersten Stunde des Nachtganges kampften in Firmians Herzen noch verworrene Bilder der Vergangenheit und der Zukunft durcheinander, und ihm war, als gab' es fur ihn gar keine Gegenwart, sondern zwischen Vergangen und Zukunftig sei Ode. Aber bald gab der frische reiche Erntemonat August ihm das weggespielte Leben zuruck, und als der glanzende Morgen kam: so lag die Erde vor ihm sanft erhellet mit einem niedergefallenen Donnerwetter, das nur noch schonere Blitze aus Tropfen der Ahren warf, wie von einem Monde uberschienen es war eine neue Erde, er ein neuer Mensch, der durch die Eierschale des Sarges mit reifen Flugeln durchgebrochen war o eine breite, sumpfige, uberschattete Wuste, in der ihn ein langer, schwerer Traum herum getrieben, war mit dem Traum zersprungen, und er blickte weit und wach ins Eden lang, lang hatte besonders die letzte Woche die Krummungen des Leidens ausgedehnet, die unserem kleinen Leben eine Uberlange anlugen, wie man den kurzen Gangen eines Gartens durch Krummungen derselben eine tauschende Ausdehnung zuteilt. Auf der andern Seite wurde seine leichtere, von alten Lasten entladene Brust durch einen grossen Seufzer halb bang, halb froh geschwellet er war namlich zu weit in die Trophonius-Hohle des Grabes gegangen und hatte den Tod zu nahe gesehen daher kam es ihm vor, als lagen um den Vulkan des Grabhugels mit seinem Krater die Landhauser und unsere Lustschlosser und Weingarten angebauet, und die nachste Nacht verschutte sie. Er schien sich allein, ausgehoben und ein verstorbner Wiederkommling zu sein, und daher glanzte ihn jedes Menschengesicht an wie das eines wiedergefundenen Bruders: "es sind meine auf der Erde zuruckgelassenen Geschwister", sagte sein Herz, und eine fruhlingwarme, fruchtbare Liebe dehnte darin alle Fibern und Adern aus, und es wuchs um jedes fremde mit weichen festen Efeutrieben verstrikkend herum, aber das teuerste fehlte ihm noch zu lange; er zog daher recht langsam weiter, damit ihn Leibgeber, vor welchem er Weg und Zeit voraushatte, fruher einholen konnte als in der Stadt Hof. Hundertmal wandt' und sah er sich unterwegs fast unwillkurlich nach dessen Nachschreiten und Einholen um, als ware dieses schon jetzo zu sehen.
Endlich langte er in der Baireuther Fantaisie an einem Morgen an, wo die Welt glanzte von den Tautropfchen an bis zu den Silberwolkchen hinauf; aber still war es uberall; alle Luftchen schwiegen, und der August hatte in seinen Buschen und in seinen Luften keine Sanger mehr. Ihm war, als durchwandle er als Abgeschiedner von den Sterblichen eine zweite verklarte Welt, wo die Gestalt seiner Natalie mit Augen der Liebe, mit Worten des Herzens frei ohne Erdenfesseln neben ihm gehen und ihm sagen durfte: "Hier hast du dankbar zur Sternennacht aufgeblickt hier hab' ich dir mein wundes Herz gegeben hier sprachen wir die irdische Trennung aus und hier war ich oft allein und dachte mir das kurze Erscheinen." "Aber hier", sagte er zu sich, als er vor dem schonen Schlosse stand, "hat sie zuletzt geweint im schonen Tale, weil sie von ihrer Freundin schied."
Jetzo war allein sie die Verklarte; er war sich bloss der Zuruckgebliebene, der zu ihr hinubersah. Er fuhlt' es, dass er sie nicht mehr sehe auf der Welt; aber die Menschen, sagt' er sich, mussen sich lieben konnen, ohne sich zu sehen. Seine ganze karge Zukunft wird bloss von verklarten Traumbildern erleuchtet. Aber wie der Baum (nach Bonnet) so gut in die Luft oder den Himmel gepflanzt ist als in die Erde und sich aus beiden nahrt: so der rechte Mensch uberhaupt; und so lebte Firmian noch mehr kunftig als bisher nur mit wenigen Wurzelasten seines Selbst in der sichtbaren Erde; der ganze Baum mit Zweigen und Gipfel stand im Freien und sog mit seinen Bluten an der Himmelluft, wo ihn eine bloss unsichtbare Freundin und ein unsichtbarer Freund erquicken sollten.
Endlich verdickte sich der schone Duft des Traumens zu einem Nebel. Nataliens Trauer uber sein Sterben schwebte ihm vor, und sein Einsamsein druckte auf das Herz, und die von Liebe wundgepresste Brust schmachtete unsaglich nach einem lebendigen Wesen, das da stande und ihn herzlich liebte; aber dieses Wesen lief erst hinter seinem Rucken und suchte ihn zu erreichen, sein Heinrich.
"Herr Leibgeber", rief plotzlich eine nachlaufende Stimme, "so stehen Sie doch! Ich bring' Ihnen Ihr Schnupftuchlein wieder, ich hab' es drunten gefunden."
Er blickte sich um, und dasselbe Madchen, das Natalie aus dem Wasser gezogen, lief ihm mit einem weissen Schnupftuch entgegen. Da er nun seines noch hatte und die Kleine ihn verwundert uberschauete und sagte, es sei ihm vor einer Stunde unten am Bassin herausgefallen, aber er habe keinen so langen Rock angehabt: so sturzte ein Freudenguss in sein Herz Leibgeber war nachgekommen und unten gewesen.
Im Sturme und mit dem Schnupftuche lief er nach Baireuth. Das Tuch war feucht, als waren die weinenden Augen seines Freundes darin gewesen; er druckte es auf seine eignen heissen, aber er konnte sie nicht mehr damit trocknen; denn er malte sich aus, wie Heinrich in der Einsamkeit lebe und seinen eignen Ausspruch bewahre: wer das Gefuhl schont und verpanzert, der er halt es am empfindlichsten, wie unter dem Fingernagel die wundeste Gefuhlhaut liegt. Im Gasthofe zur Sonne vernahm er vom Kellner Johann, Leibgeber sei wirklich angekommen und vor einer halben Stunde abgegangen. Rechts und links blind und taub rannte Firmian ihm nach auf der Hofer Strasse und mit einem solchen sturmischen Verfolgen des Freundes, dass ihn nicht einmal das feuchte Tuch mehr beschaftigte.
Spat erblickte er ihn auf der hinter dem Dorfe Bindloch aufsteigenden langen Anhohe, einer Bergstrasse im eigentlichen Sinne, auf der weder ab- noch aufwarts zu eilen war. Nach Vermogen schnell watete Leibgeber hinauf, um den Advokaten unerwartet einzuholen schon vor Hof, etwan in Munchberg oder in Gefrees, wenn nicht gar in Berneck, das wenige PostStunden von Baireuth abliegt.
Aber sollte alles nicht noch zehnmal besser gehen? Erblickte nicht Siebenkas am Fusse des Berges ihn endlich oben unweit der Gipfelebene und rief seinen Namen, und er horte es nicht? Lief er nicht ausserordentlich mit dem Schnupftuch in der Hand dem langsamen bergmuden Freunde nach, und kehrte dieser sich oben nicht zufallig und zum Uberschauen der sonnigen Landschaft um und sah ganz Baireuth, ja zuletzt gar den laufenden Freund? Und stiessen endlich nicht beide, der eine bergab, der andere bergauf eilend, aneinander, aber nicht wie zwei feindliche Heere, sondern wie zwei bekranzte schaumende Becher der Freude und der Freundschaft?
Heinrich nahm bald wahr, dass in der Brust seines Freundes viel Gewaltsames und Auflosendes, vergangene und kunftige Zeit, durcheinander arbeite; er suchte daher alle "Najaden der Tranenwellen" zu versohnen und zu besanftigen. "Alles ging gottlich, und jedermann war gesund", sagte er, "jetzo bist du frei wie ich die Ketten sind abgetan die Welt ist aufgemacht da fahre nur recht frisch hinein wie ich und hebe dein Leben ordentlich erst an." "Du hast recht", sagte Firmian, "ich habe ein Wiedersehen wie nach dem Tode, heiter und still und warm steht der Himmel uber uns." Er hatte deshalb auch nicht den Mut, nach seinen Hinterbliebenen, besonders nach der Witwe zu fragen. Leibgeber ausserte viele Freude, dass er ihn schon vier Poststationen vor Hof eingeholt und jagdbar gemacht; und es sei ihm dies um so lieber, da er sich auf diese Weise noch recht lange von ihm konne begleiten lassen, bevor sie in Hof auseinander mussten; welches letzte eigentlich das war, was er sagen und einscharfen wollte.
Jetzo fingen nun um jeder wechselseitigen Ruhrung vorzubauen seine Scherze uber das Sterben an, die ordentlich wie Meilenzeiger oder Steinbanke auf der Kunststrasse bis Hof fortgingen und die wir alle auf dieser Reise mitnehmen mussen, wenn wir nicht umkehren wollen. Er fragte ihn, ob die Diaten zugelangt, die er ihm, wie die alten Deutschen und Romer und Agypter ihren andern Toten, mitgegeben er gestand, Firmian musse sehr fromm sein, da er, als er kaum das Sterbliche ausgezogen, schon wieder von Toten auferstanden sei; und er bestatigte Lavaters Lehre, dass es zwei Auferstehungen gebe, die fruhere fur die Frommen, die spatere fur die Gottlosen. Er brachte ferner bei: "Du hattest nach deinem todlichen Hintritt keinen besseren Archimimus159 haben konnen als mich; und jede Fliege, die ich auf deiner Hand weglaufen sah, war in meinen Augen ein Schirmvogt der Romer, die es wohl einsahen, dass der Vogt nichts auf der Hand zu machen habe, und daher einen Knaben mit einem Fliegenwedel vor jeden Toten postierten, was ich sundlich unterlassen habe." Leibgebers Geist und Korper sprangen mehr als sie gingen: "Ich bin frohlich und frei", sagt' er, "solang' ich im Freien bin unter den Wolken hab' ich keine Wolken. In der Jugend pfeifet einem der rauhe Nordwind des Lebens nur auf den Rucken; und beim Himmel, ich bin junger als ein Rezensent."
In Berneck ubernachteten sie zwischen den hohen Bruckenpfeilern von Bergen, zwischen welchen sonst die Meere schossen, die unsere Kugel mit Gefilden uberzogen haben. Die Zeit und die Natur ruhten gross und allmachtig nebeneinander auf den Grenzen ihrer zwei Reiche zwischen steilen, hohen Gedachtnissaulen der Schopfung, zwischen festen Bergen zerbrockelten die leeren Bergschlosser, und um runde grunende Hugel lagen Felsen-Barren und Stein-Schollen, gleichsam die zerschlagenen Gesetztafeln der ersten Erdenbildung.
Beim Eintritt sagte Heinrich: "Die Pfarrer von hier bis Vaduz mussen nicht wissen, dass du das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hast: sonst wurden sie dir die Stolgeburen abfodern, die jede Leiche in jedem Pfarrort entrichten muss, wodurch sie geht. Waren wir im alten Rom und nicht in Berneck", sagte er vor dem Wirtshaus, "so liesse dich der Wirt nirgends ins Haus als durch den Rauchfang; und wars in Athen: so brauchtest du, gerade als wenn du in ein geistliches Amt wolltest, bloss durch einen Reifrock zu kriechen160." Er konnte in einem solchen Fall voll Witz nie aufhoren welches ihn zu seinem Nachteil von mir unterscheidet und sagte, es sei mit Gleichnissen und Ahnlichkeiten wie mit Goldstucken, von denen Rousseau sagt, das erste sei schwerer zu erhalten als das nachste Tausend.
Daher stand es nicht in seinem Vermogen, abends keinen Einfall zu haben, als er den Advokaten die Nagel beschneiden sah: "Ich begreife nicht, da ichs an dir sehe, warum sichs Katharina Vicri, der man 50 Jahre nach ihrem Tode die Nagel sauber abkneipen mussen, nicht so gut selber getan hat wie du jetzt nach deinem Geistaufgeben." Und als er ihn im Bette sich auf die linke Seite kehren sah: bemerkte er bloss, der Armenadvokat lasse gerade sein Oberbette so aufund niedersteigen wie der Evangelist Johannes seines161 aus Erde, das Grab, noch bis auf diese Stunde.
Am Morgen regnete es ein wenig in diese Blumen des Scherzes. Der Advokat hatte, als Leibgeber seine lowenhaarige Brust kalt wusch, einen kleinen Schlussel zuruckschieben sehen und gefragt, was er sperre. "Auf nichts", sagte er, "aber zu hat er das plombierte Cenotaphium162 gesperrt." Firmian musste sich mit den Augen uber das Fenster herauslehnen und sie ungesehen trocknen; dann sagte er, mit dem Kopfe draussen: "Gib mir den Schlussel es ist der in Wachs gedruckte eines kunftigen ich will ihn zum Musikschlussel meiner innern Tone machen und will ihn hinhangen und taglich ansehen, und wenn mein Vorsatz, besser zu werden, etwan abgelaufen ist, will ich ihn mit diesem Uhrschlussel wieder aufziehen." Er bekam ihn. Da sah Leibgeber zufallig in den Spiegel: "Fast sollt' ich mich doppelt sehen, wenn nicht dreifach", sagt' er; "einer von mir muss gestorben sein, der drinnen oder der draussen. Wer ist hier in der Stube denn eigentlich gestorben und erscheint nachher dem andern? Oder erscheinen wir bloss uns selber? He, ihr meine drei Ich, was sagt ihr zum vierten?" fragte er und wandte sich an ihre beiden Spiegelbilder und dann an Firmian und sagte: "Hier bin ich auch"! Es lag etwas Schauerliches fur seine Zukunft in diesen Reden, und Firmian, welchen mitten in seinem bewegten Herzen der kuhlere Verstand den gefahrlichen Wachstum dieser metamorphotischen Selberspiegelung durch die Einsamkeit des Reisens befurchten liess, ausserte zartlich besorgt: "Lieber Heinrich, wenn du auf deinen ewigen Reisen kunftig immer so einsam bliebest: ich furchte, es schadet dir. Ist doch Gott selber nicht einsam, sondern sieht sein All."
"Ich kann in der grossten Einsamkeit immer zu dritt sein, das All nicht einmal gerechnet", antwortete Leibgeber, durch den Sargschlussel seltsam aufgeruhrt, und trat vor den Spiegel und druckte mit dem Zeigfinger den Augapfel seitwarts, so dass er in jenem sein Bild zweimal sehen musste; "aber du kannst freilich die dritte Person darin nicht sehen." Doch fuhr er etwas aufgeweckter fort, um den damit wenig erheiterten Freund zu entwolken, und sagte, ihn ans Fenster fuhrend: "Drunten auf der Gasse hab' ichs freilich besser und viel grossere Gesellschaft; ich setze meinen Zeigfinger am Augapfel an: sofort liefer' ich von jedem, wer er auch sei, den Zwilling und habe jeden Wirt so gut doppelt wie seine Kreide. Da geht kein Prasident in die Sitzung, der seinesgleichen sucht, dem ich nicht seinen Urang-Utang gabe, und beide gehen vor mir tete a tete. Will ein Genie einen Nachahmer, ich nehme meinen Schreib- und Zeigfinger, und ein lebendiges Fac-simile ist auf der Stelle gezeugt. Neben jedem gelehrten Mitarbeiter arbeitet ein Mitarbeiter mit, Adjunkten werden Adjunkte adjungiert, einzige Sohne in Duplikaten ausgefertigt; denn, wie du siehst, ich trage meine plastische Natur, meinen Staubfaden, meinen Bossiergriffel bei mir, den Finger. Und selten lass' ich einen Solotanzer anders als mit vier Beinen springen, und er muss als ein Paar in der Luft hangen; was ich aber durch solches Gruppieren eines einzigen Kerls und seiner Gliedmassen gewinne, solltest du schatzen. Schlage endlich die gewonnene Volkmenge an, wenn ich gar ganze Leichen- und andere Prozessionen zu Doppelgangern verdopple, jedes Regiment um ein ganzes Regiment Flugelmanner verstarke, die alles vor- und nachmachen; denn, wie gesagt, ich habe wie eine Heuschrecke den Legestachel bei mir, den Finger. -Aus allem schopfest du, Firmian, wenigstens die Beruhigung, dass ich mehr Menschen geniesse als ihr alle, namlich gerade noch einmal soviel, und noch dazu lauter Personen, die als ihre Selberaffen in jeder Bewegung durch etwas wahrhaft Lacherliches so leicht ergotzen!"
Darauf sahen beide einander ins Gesicht, aber voll freudiger Zuneigung und ohne ein boses Nachgefuhl des vorigen wilden Scherzes. Ein Dritter hatte in dieser Stunde sich vor ihrer Ahnlichkeit gefurchtet, da jeder der Gipsabguss des andern war, aber die Liebe machte beiden ihre Gesichter unahnlich; jeder sah im andern nur das, was er ausser sich liebte; und es war mit ihren Zugen wie mit schonen Handlungen, die uns wohl an andern, aber nicht an uns selber in Ruhrung oder gar in Bewunderung versetzen.
Als sie wieder im Freien und auf der Strasse nach Gefrees zogen, und der Sargdieterich samt den vorigen Gesprachen ihnen immer den Abschied vor die Seele brachte, dessen Todes-Sense mit jedem Meilenzeiger sich naher auf sie hereinbog: so suchte Heinrich einige rosenfarbene Strahlen in Firmians Nebel dadurch einzubeugen, dass er ihm ein genaues Protokoll alles dessen, was er an jedem Tage mit dem Grafen von Vaduz abgetan und abgeredet hatte, in die Hande gab: "Der Graf (sagt' er) dachte zwar, du hattest die Diskurse nur vergessen aber so ists doch besser du hast dich wie ein Negersklave umgebracht, um in die Freiheit und auf die Goldkuste deiner Silberkuste zu kommen und da war's verdammt, wenn du noch verdammt wurdest nach deinem Verscheiden." "Ich kann dir nie genug danken, du Bester", sagte Firmian, "aber du solltest mirs nicht noch mehr erschweren und wie eine Hand aus den Wolken zuruckfahren, wenn du deine ausgeleeret hast. Warum soll ich dich nach unserem Abschied nicht mehr sehen, sage?" "Erstlich", antwortete er gelassen, "konnten die Leute, der Graf, die Witwenkasse, deine Witwe darhinter kommen, dass ich in zwei Ausgaben daware, welches in einer Welt ein verdammtes Ungluck ware, wo man kaum in der ersten, im Originalexemplar, einsitzig, einschlaferig gelitten wird. Zweitens hab' ich vor, mir auf dem Narrenschiff der Erde eine und die andere Rupels-Rolle auszulesen, deren ich mich so lange nicht schame, als kein Teufel mich kennt. Ach ich wusste mehr Grunde von Belang! Auch tuts mir wohl, mich so unbekannt, abgerissen, ungefesselt, als ein Naturspiel, als ein diabolus ex machina, als ein blutfremdes Mond-Lithopadium unter die Menschen und auf die Erde zu sturzen vom Mond herunter. Firmian, es bleibt dabei. Ich schicke dir vielleicht nach Jahren einen und den andern Brief, um so mehr da die Galater163 an die Verstorbnen Briefe auf den Scheiterhaufen wie auf eine Postaufgaben. Aber anjetzo bleibts dabei, wahrlich." "Ich wurde mich nicht so leicht in alles fugen", sagte Siebenkas, "wenn mir nicht doch ahnete, dass ich dir bald einmal wieder begegnen werde; ich bin nicht wie du; ich hoffe zwei Wiedersehen, eines unten, eines oben. Wollte Gott, ich brachte dich auch zu einem Sterben wie du mich, und wir hatten dann unser Wiedersehen auf einem Bindlocher Berge, blieben aber langer beisammen!"
Wenn die Leser sich bei diesen Wunschen an den Schoppe im Titan erinnert finden: so werden sie betrachten, in welchem Sinne das Schicksal oft unsere Wunsche auslegt und erfullt. Leibgeber antwortete bloss: "Man muss sich auch lieben, ohne sich zu sehen, und am Ende kann man ja bloss die Liebe lieben; und die konnen wir beide taglich in uns selber schauen."
In Gefrees tat Leitgeber ihm den Vorschlag, im Gasthofe bei so schoner Musse, da in und ausser der eingassigen Stadt nichts zu sehen sei, die Kleider gegeneinander auszuwechseln, besonders deswegen fuhrte er als triftigen Grund an , damit der Graf von Vaduz, der ihn seit Jahren nicht anders als in gegenwartigem Anzuge gesehen, sich bei dem Advokaten an nichts zu stossen brauche, sondern alles genau so wie sonst antreffe, sogar bis auf den Schuhabsatz mit Nageln herab. Das fiel ordentlich wie ein breiter Streif warmer Februarsonne auf des Advokaten Brust, der Gedanke, kunftig von Heinrichs Armeln gleichsam umarmt und von allen seinen aussern Reliquien umfasst und erwarmt zu werden. Leibgeber ging ins Nebenzimmer und warf zuerst seine kurze grune Jacke durch die halboffne Thur hindurch und rief: "Schanzlooper herein" dann nach der Halsbinde und Weste lange Beinkleider mit Lederstreifen, sagend: "kurze herein!" und endlich gar sein Hemde mit den Worten: "das Totenhemd her!"
Das hereingeworfne Hemd wurde dem Advokaten auf einmal der Zeichendeuter Leibgebers, er erriet, dass dieser mit der Korperwanderung in Kleider auf etwas Hoheres ausgelaufen als auf einen Rollenanzug fur Vaduz; namlich auf das Bewohnen des Gehauses oder der Hulle, die seinen Freund umschlossen hatte. In einem ganzen Band von Gellertischen oder Klopstockischen Briefen voll Freundschaft, in einer ganzen Woche voll Leibgeberscher Opfertage lag fur den Advokaten nicht so viel Liebes und Susses als in diesem Kleider-Beerben. Er wollte seine begluckende Ahnung nicht durch Aussprechen entheiligen; aber bestarkt wurd' er darin, als nun Leibgeber, zu einem Siebenkas umgekleidet, heraustrat und sich mit sanften Blicken im Spiegel ansah und darauf seine drei Finger stumm auf Firmians Stirn auflegte, was das grosste Zeichen seiner Liebe war; daher ich zu meiner und Firmians Freude berichte, dass er das Zeichen unter dem Mittagessen (das Gesprach drehte sich um die gleichgultigsten Sachen) uber dreimal wiederholte. Welche andere und lange Scherze wurde uber das Mausern Leibgeber zu anderer Zeit, bei andern Gefuhlen getrieben haben! Wie wurde er, um nur einiges zu mutmassen, das wechselseitige Umbinden ihrer zwei Foliobande nicht benutzt haben, um den Herrn Lochmuller (den Gastwirt in Gefrees) in die grossten und lustigsten Verlegenheiten zu verstricken, aus denen der hofliche Mann sich keine Minute fruher gewickelt hatte, als bis ihm dieser vierte Band zu Hulfe gekommen ware, der erst gegenwartig in Baireuth und nicht einmal unter der Presse ist! Doch Leibgeber tat von allem nichts; und auch von Einfallen bracht' er nur die wenigen schwachen vor uber beide als Wechselkinder und deren Wechselkinderei uber schnellen franzosischen Ubergang der Leute en longue robe in die en robe courte; und auch sagte er etwa noch, er nenne nun Siebenkas nicht mehr einen seligen Verklarten in Stiefeln, sondern einen in Schuhen, was sich eher schicke und etwas erhabener klinge.
Mit besonderem Erfreuen sah er zu, wie sein Hund, der Saufinder, zwischen den alten Korpern und den neuen Kleidern, gleichsam zwischen zwei Feuern der Liebe, sich in nichts recht finden konnte und mehrmals mit langer Nase abzog von dem einen zum andern; das Konkordat zwischen beiden, die Verkurzungen der einen Partei, die Vergrosserungen der andern machten das Vieh stutzig, aber nicht klug. "Ich schatze ihn wegen seines Betragens gegen dich noch einmal so hoch", sagte Leibgeber; "glaube mir, er wird mir gar nicht untreu, wenn er dir treu ist." Etwas Verbindlicheres konnt' er dem Advokaten schwerlich sagen.
Auf dem ganzen kahlen Wege von Gefrees nach Munchberg gab sich der Advokat aus Dankbarkeit die grosste Muhe, das Sonnenlicht der Heiterkeit, in das ihn Heinrich immer zu fuhren suchte, auf ihn zuruckzuwerfen. Es wurd' ihm nicht leicht, besonders wenn er seinem Schreiten im langen Rock nachsah. Am meisten strengt' er sich in Munchberg an, der letzten Poststation vor Hof, wo ihnen die korperlichen Arme, womit sie sich aneinander schlossen, gleichsam abgenommen werden sollten durch ein langes Entfernen.
Indem sie mehr schweigend als bisher auf der Hofer Landstrasse und Leibgeber vorausging: so hob dieser, den das Fichtelgebirge zur Rechten wieder erquickte, sein gewohnliches Reisepfeifen an, frohe und trube Melodieen des Volkes, die meisten in Molltonen. Er sagte selber, er halte sich nicht fur den schlechtesten Stadt- und Strassenpfeifer und er fuhre, glaub' er, das angeborne Fussbotenposthorn mit Ehren. Aber fur Firmian waren, so kurz vor dem Abschiede, diese Klange, die gleichsam aus Heinrichs langen vorigen Reisen wiederzukommen und aus seinen kunftigen einsamen entgegenzutonen schienen, eine Art von Schweizer Kuhreigen, die ihm ins Herz rissen; und er konnte, zum Glucke hinter ihm gehend, sich mit aller Gewalt nicht des Weinens enthalten. O bringt die Tone weg, wenn das Herz voll ist und doch nicht uberfliessen soll!
Endlich brachte er so viel Ruhe in der Stimme zusammen, dass er ganz unbefangen fragen konnte: "Pfeifst du gern und oft unterwegs?" Im Fragtone lag aber so etwas, als mach' ihm das Floten nicht so viele Freude als dem Musiker selber. "Stets", versetzte Leibgeber, "ich pfeife das Leben aus, das Welttheater und was so darauf ist und dergleichen vielerlei aus dem Vergangenen auch pfeif' ich wie ein Karlsbader Turmer die Zukunft an. Missfallts dir etwa? Fugier' ich falsch, oder pfeif' ich gegen den reinen Satz?" "O nur zu schon", sagte Siebenkas.
Darauf fing Leibgeber von neuem an, aber zehnmal kraftiger und trug ein so schones schmelzendes Mundorgelstuck vor, dass Siebenkas ihm vier weite Schritte nachtat und indem er zu gleicher Zeit mit der Linken das Tuch uber seine nassen Augen deckte und die Rechte sanft auf Heinrichs Lippen legte zu ihm fast stotternd sagte: "Heinrich, schone mich! Ich weiss nicht wie; aber heute ergreift mich jeder Ton gar zu stark." Der Musiker sah ihn an Leibgebers ganze innere Welt war im Augapfel dann nickte er stark und schritt schweigend heftig voraus, ohne sich umzuschauen oder angeschauet zu werden. Doch setzten die Hande, vielleicht unwillkurlich, in kleinen Taktregungen einiges von den Melodieen fort.
Endlich erreichten sie beklommen das Grubstreet oder die Munz-Stadt, wo ich gegenwartige Assignate fur halbe Welten kutte und farbe164 Hof namlich. Es ist freilich mein Vorteil nicht, dass ich damals von allem nichts erfuhr, was nun halb Europa erfahrt durch mich ich war damals noch junger und sass einsam zu Hause als Kopfsalat, willens, mich zu einem Kopf zu schliessen, welches Schliessen, sowohl beim Menschen als beim Salat, durch nichts mehr gehindert wird als durch nachbarliches Beruhren des Nebensalats. Es ist fur einen Jungling leichter, susser und vorteilhafter, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft uberzutreten (aus dem Gewachshause in den Garten), als umgekehrt aus dem Markte in den Winkel. Ausschliessende Einsamkeit und ausschliessende Geselligkeit sind schadlich, und, ihre Rangordnung ausgenommen, ist nichts so wichtig als ihr Tausch.
In Hof bestellte Siebenkas zwei Zimmer bei dem Gastwirte, weil er glaubte, erst am Morgen trenne sich Leibgeber von ihm. Aber dieser welchen sein eignes Vorausbestimmen des Scheidens und das Furchten vor demselben langst geargert hatte sich innerlich geschworen, noch heute den Riss zu tun zwischen zwei Geistern und nachher davon zu laufen ins Sachsische, war's auch in der Nacht um 11 3/4 Uhr, aber in jedem Falle doch heute. Gefallig bezog er sein Zimmer, riegelte die Scheideture am Siebenkasischen auf und dachte an die Pfeifmelodien, die ihm wie dem Advokaten noch im Kopfe steckten, wenn nicht im Herzen; aber bald lockte er ihn aus dem ausgeleerten taubstummen Zimmer in den zerstreuenden Wirrwarr der Wirtstube; verharrte auch da nicht lange, sondern bat ihn, als das erste Viertel des Monds gerade als brennende Lampe uber einem Laternenpfahl auf dem Markt stand, die Stadt mit ihm zu umschiffen. Beide gingen und kletterten die Allee hinauf und sahen in die Hofer Garten im Stadtgraben hinab, die vielleicht verdienen, die kunstlichen Wiesen zu verdrangen, da sie mehr als andere Wiesen fur das Vieh besaet sind. Daraus leit' ichs ab, dass Leibgeber, der in der Schweiz gewesen, nachts so spat die Bemerkung machte denn die von der Natur geschmuckte und adoptierte und von der Kunst enterbte Gegend dehnte sich vor ihm hin-, dass die Hofer den Schweizern glichen, deren ganzes Land ein englischer Garten ware, ausgenommen die wenigen Garten darin.
Beide zogen immer weitere Parallelen um die Stadt. Sie kamen uber eine Brucke, von der sie einen bloss mit Gras besetzten Rabenstein erblickten, der sie an jene andere Eisregion mit ihrem Krater erinnerte, wo sie gerade vor einem Jahre in der Nacht voneinander geschieden waren; aber mit der schonern Hoffnung eines fruhern Wiedersehens. Zwei solche Freunde wie diese haben in ahnlichen Lagen immer gleiche Gedanken; jeder ist, wenn nicht das Unisono, doch die Oktave, die Quinte, die Quarte des andern. Heinrich suchte im dunkeln Klag- und Trauerhaus seines Freundes wieder einiges Licht durch die Vogelstange anzustecken, die, wie ein Kommandostab und Brandpfahl, nicht weit von der Stelle des Konigsbannes stand, und merkte an: "Ein Schutzenkonig hat hier neben dem Springstab und Hebebaum, woran du dich zum grossen Negus und grossen Mogul von Kuhschnappel aufschwangest, auf eine schone Art seinen Rabenstein, seinen malefizischen Sinai an der Hand, auf dem er seine Gesetze sowohl geben als rachen kann... Buffons Naturgesetz, dass jedem Hugel allemal ein zweiter von gleicher Hohe und Materie gegenuberstehe, fasset viele korrespondierende Hohen unter sich, z.B. hier Rabenstein und Thron in grossen Stadten grosse Hauser und petites maisons die beiden Chore in den Kirchen das funfte Stockwerk und den Pindus Schaubuhnen und ausserordentliche Lehrstuhle."
Als Firmian, in trubere Ahnlichkeiten eingesunken, schwieg: so schwieg er auch. Er fuhrte ihn nun denn er war in der ganzen Gegend bewandert einem andern Stein mit einem schonern Namen entgegen, auf den"frohlichen Stein". Firmian tat endlich, indem sie sich dazu den Berg hinaufarbeiteten, an ihn die mutige Frage: "Sage mirs, ich bin gefasset, geradezu und auf deine Ehre: wann gehest du auf immer von mir?" "Jetzt", antwortete Heinrich. Unter dem Vorwand, den bluhenden, in duftende Bergkrauter gekleideten Bergrucken leichter zu ersteigen, hielt sich jeder an die Hand des andern an, und unter dem Hinaufarbeiten wurde jede aus scheinbar-mechanischem Zufall gedruckt. Aber der Schmerz durchzog Firmians Herz mit wachsenden grossern Wurzeln und spaltete es weiter, wie Wurzeln Felsen. Firmian legte sich auf dem grauen Felsen-Vorsprung nieder, der abgetrennt in die grunende Anhohe, wie ein Grenzstein, eingeschlagen war; aber er zog auch seinen scheidenden Liebling an seine Brust herab: "Setze dich noch einmal recht nahe an mich", sagt' er. Sie zeigten, wie Freunde tun, alles einander, was jeder sah. Heinrich zeigte ihm das um den Fuss des Berges aufgeschlagene Lager der Stadt, die wie eingeschlummert zusammengesunken schien, und in der nichts rege war als die flimmenden Lichter. Der Strom ringelte sich unter dem Monde mit einem schillernden Rucken wie eine Riesenschlange um die Stadt und streckte sich durch zwei Brucken aus. Der halbe Schimmer des Mondes und die weissen durchsichtigen Nebel der Nacht hoben die Berge und die Walder und die Erde in den Himmel, und die Wasser auf der Erde waren gestirnt, wie die blaue Nacht daruber, und die Erde fuhrte, wie der Uranus, einen doppelten Mond, gleichsam an jeder Hand ein Kind.
"Im Grunde", fing Leibgeber an, "konnen wir uns alle beide immer sehen, wir durfen nur in einen gemeinen Spiegel schauen, das ist unser Mondspiegel165." "Nein", sagte Firmian, "wir wollen eine Zeit ausmachen, wo wir zugleich aneinander denken an unsern Geburttagen und an meinem pantomimischen Sterbetag und am jetzigen." "Gut, das sollen unsere vier Quatember sein", sagte Leibgeber.
Auf einmal druckte des letzten Hand auf eine wahrscheinlich von Schlossen erlegte Lerche. Er fassete plotzlich Firmians Achsel und sagte, ihn aufziehend: "Steh auf, wir sind Manner was soll das alles? Lebe wohl! Gott soll mich mit tausend Donnerkeilen zerknirschen, wenn du mir je aus dem Kopfe und aus dem Herzen kommst. Du sitzest mir ewig so warm in der Brust wie ein lebendiges Herz. Und so gehab dich denn wohl, und auf dem Berghemschen Seestuck deines Lebens sei keine Welle so gross wie eine Trane. Fahre wohl!" Sie wuchsen ineinander und weinten herzlich, und Firmian antwortete noch nicht: seine Finger streichelten und druckten das Haar seines Heinrichs. Endlich lehnt' er bloss sein Halbgesicht an die geliebten Augen; vor seinen schimmerte das weite Gekluft der Nacht, und seine vom Kusse abgewandten Lippen sagten, aber ohne allen Tonfall: "Lebe wohl, sagst du zu mir? Ach, das kann ich ja nicht, wenn ich meinen treuesten, meinen altesten Freund verloren habe. Die Erde bleibt mir nun so verschattet, wie sie jetzt um uns steht. Es wird mir einmal hart fallen im Tode, wenn ich in meiner Finsternis mit der Hand herumgreife nach dir und im Fieber denke, das Sterben sei wieder verstellet wie dasmal, und wenn ich sage 'Heinrich, drucke mir wieder die Augen zu, ich kann ohne dich nicht sterben.'" Sie schwiegen in einem krampfhaften Umschlingen. Heinrich lispelte in seine Brust herab: "Frage mich, was ich dir noch sagen soll, dann soll mich Gott strafen, wenn ich nicht verstumme." Firmian stotterte: "Wirst du mich fortlieben, und seh' ich dich bald wieder?" "Spat", antwortete er; " und ohne Aufhoren lieb' ich dich." Unter dem Abreissen hielt und bat ihn Firmian: "Wir wollen uns nur noch einmal ansehen." Und sie bogen sich mit den von den Stromen der Ruhrung zerrissenen Angesichtern auseinander und blickten sich zum letztenmal an, als der Nachtwind, wie der Arm eines Stroms, sich mit dem tiefen Flusse vereinigte und beide in grossern Wellen fortbrausten, und als das weite Gebirge der Schopfung sich unter dem truben Schimmer gebrochner Augen erschutterte. Aber Heinrich entriss sich, machte eine Bewegung mit der Hand, gleichsam als "alles sei aus", und nahm seine Flucht an der Anhohe hinunter.
Firmian wurd' ihm nach einiger Zeit, ohne es zu wissen, vom Stachelrad des Schmerzes nachgestossen, und der von Blutschrauben taub gequetschte innere Mensch fuhlte jetzo die Abnahme seines Gliedes nicht. Beide eilten, obwohl von Talern und Bergen auseinandergeworfen, denselben Weg. Sooft Heinrich einmal stand und zurucksah, so tat Firmian beides auch. Ach nach einem solchen schwulen Sturm erstarren alle Wogen zu Eisspitzen, und das Herz liegt durchstochen auf ihnen. Klang es nicht unserem Firmian, da er mit diesem zerbrochenen Herzen uber unkenntliche, dammernde Pfade lief, klang es ihm nicht, als lauteten hinter ihm alle Totenglocken als floge vor ihm das entrinnende Leben dahin und da er den blauen Himmel durchschnitten sah von einem schwarzen Wetterbaum166, der auf den Sternen wie eine Bahre fur die Zukunft stand, musst' es da nicht um ihn rufen: mit diesem Massstab aus Dunst nimmt das Schicksal von euch und euerer Erde und euerer Liebe das Mass zum letzten Sarge?
Heinrich wurd' endlich aus der Fortdauer desselben Zwischenraums zwischen ihm und der abgekehrten Gestalt gewahr, dass sie ihm folge, und dass sie nur stocke, wenn er halte. Er nahm sich daher vor, im nachsten Dorfe, das seinen Stillestand verdeckte, der nachschleichenden Gestalt zu stehen. Im nachsten, in ein Tal versenkten Dorfe Topen wartete er die Ankunft des nachfolgenden unkenntlichen Wesens im breiten Schatten einer blinkenden Kirche ab. Firmian eilte uber die weisse, breite Strasse, trunken vom Schmerz, blinder im Mond, und erstarrete nahe vor dem Abgetrennten. Sie waren einander gegenuber, wie zwei Geister uber ihren Leichen, und hielten sich, wie der Aberglaube das Getose der lebendig Begrabnen, fur Erscheinungen. Firmian zitterte, aus Furcht, dass sein Liebling zurne, und machte von ferne die bebenden Arme auf und stotterte: "ich bins, Heinrich" und ging ihm entgegen. Heinrich tat einen Schrei des Schmerzens und warf sich an die treue Brust, aber der Schwur hielt seine Zunge und so druckten die zwei Elenden oder Seligen, stumm und blind und weinend, ihre zwei schlagenden Herzen noch einmal recht nahe aneinander. Und als die sprachlose, qualenvolle, wonnevolle Minute voruber war: so riss sie eine eiserne, kalte auseinander, und das Schicksal ergriff sie mit zwei allmachtigen Armen und schleuderte das eine blutige Herz nach Suden, und das andere nach Norden und die gebuckten, stillen Leichname gingen langsam und allein den wachsenden Scheideweg weiter in der Nacht.... Und warum bricht denn mir mein Herz so gewaltsam entzwei, warum konnt' ich schon lange, eh' ich an diese Trennung kam, meine Augen nicht mehr stillen? O es ist nicht, mein guter Christian, darum, weil in dieser Kirche die ruhen und zerfallen, die an deinem und meinem Herzen gewesen waren. Nein, nein, ich hab' es schon gewohnt, dass in der schwarzen Magie unsers Lebens an der Stelle der Freunde plotzlich Gerippe aufspringen dass einer davon sterben muss, wenn sich zwei umarmen167 dass ein unbekannter Hauch das dunne Glas, das wir eine Menschenbrust nennen, blaset, und dass ein unbekannter Schrei das Glas wieder zertreibt. Es tut mir jetzo nicht mehr so weh wie sonst, ihr zwei schlafenden Bruder in der Kirche, dass die harte, kalte Todeshand euch so fruh vom Honigtau des Lebens wegschlug, und dass euere Flugel aufgingen, und dass ihr verschwunden seid o ihr habt entweder einen festern Schlaf als unsern oder freundlichere Traume als unsere oder ein helleres Wachen als unseres. Aber was uns an jedem Hugel qualt, das ist der Gedanke: "Ach wie wollt' ich dich gutes Herz geliebet haben, hatt' ich dein Versinken vorausgewusst." Aber da keiner von uns die Hand eines Leichnams fassen und sagen kann: "du Blasser, ich habe dir doch dein fliegendes Leben versusset, ich habe doch deinem zusammengefallenen Herzen nichts gegeben als lauter Liebe, lauter Freude" da wir alle, wenn endlich die Zeit, die Trauer, der Lebens-Winter ohne Liebe unser Herz verschonert haben, mit unnutzen Seufzern desselben an die umgeworfenen Gestalten, die unter dem Erdfall des Grabes liegen, treten und sagen mussen: "O dass ich nun, da ich besser bin und sanfter, euch nicht mehr habe und nicht mehr lieben kann o dass schon die gute Brust durchsichtig und eingebrochen ist und kein Herz mehr hat, die ich jetzt schoner lieben und mehr erfreuen wurde als sonst" was bleibt uns noch ubrig als ein vergeblicher Schmerz, als eine stumme Reue und unaufhorliche bittere Tranen? Nein, mein Christian, etwas Bessers bleibt uns ubrig, eine warmere, treuere, schonere Liebe gegen jede Seele, die wir noch nicht verloren haben.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Tage in Vaduz Nataliens Brief ein
Neujahrwunsch
Wildnis des Schicksals und des Herzens
Wir finden unsern Firmian, der nach seinem Abschiede aus der Welt, wie Offiziere nach dem ihrigen, hoher gestiegen war namlich zum Inspektor , in der Inspektorwohnung zu Vaduz wieder. Er hatte sich jetzo durch so viele verwachsene Stechpalmen und Dornenhecken durchzuwinden, dass er daruber vergass, er sei allein, so ganz allein in der Welt. Kein Mensch wurde die Einsamkeit verwinden und dulden, wenn er sich nicht die Hoffnung einer kunftigen Gesellschaft oder einer jetzigen unsichtbaren machte.
Bei dem Grafen hatte er nichts zu scheinen als das, was er war; dann blieb er dem freien Leibgeber am ahnlichsten. Er fand in ihm einen alten Weltmann, der einsam, ohne Frau, Sohne, ohne weibliche Dienerschaft, seine grauen Jahre mit den Wissenschaften und Kunsten die langsten und letzten Freuden eines ausgenossenen Lebens nachfullte und schmuckte und der auf der Erde den Spass daruber ausgenommen nichts mehr recht lieb hatte als seine Tochter, mit welcher eben Natalie unter den Sternen und Bluten der Jugendtage geschwarmt.
Da er in fruherer Zeit alle Krafte des Geistes und Leibes daran gesetzt, um die schlupfrigsten und hochsten Cocagnebaume der Freude zu erklettern und abzuleeren: so kam er mit beiden Teilen seines Wesens etwas matt von ihnen herunter; sein geistiges Leben war jetzt eine Art von Pflegen und Liegen in einer lauen Badwanne, aus welcher er nicht ohne Regenschauer sich aufrichten konnte und in welcher immer Warmes nachgegossen werden musste. Der EhrenPunkt des Worthaltens und das hochste Gluck seiner Tochter waren die einzigen unzerrissenen Zugel, womit ihn das moralische Gesetz von jeher festgehalten; indes er andere Bande desselben mehr fur Blumenketten und Perlenschnure nahm, die ein Weltmensch so oft in seinem Leben wieder zusammenknupft.
Da man sich leichter hinkend als gerade gehend stellen kann, so hatt' es Siebenkas hierin leichter, den lieben hinkenden Teufel, seinen Leibgeber, zu spielen. Der Graf stutzte bloss uber seine naturliche weisse Schminke auf dem Gesicht und uber seine Trauermiene und uber eine Menge unnennbarer Abweichungen (Varianten und Aberrationen) von Leibgeber; aber der Inspektor half dem Lehnherren durch die Bemerkung aus dem Traum, dass er sich selber kaum mehr kenne und sein eigner Wechselbalg oder Kielkropf geworden sei, seit dass er krank gewesen und dass er seinen Universitatfreund Siebenkas in Kuhschnappel habe einschlafen und aus der Zeitlichkeit gehen sehen. Kurz, der Graf musste glauben, was er horte wer denkt an eine so narrische Historie, als ich hier auftrage? und ware damals mein Leser im Zimmer mit dabei gestanden, so hatte er dem Inspektor mehr als mir selber beigepflichtet, bloss weil sich Firmian noch mehr von seinen vorigen Unterredungen mit dem Grafen freilich aus Leibgebers Tagebuch entsann als der Graf selber.
Indes, da er als der Geschafttrager und Lehntrager seines geliebten Heinrichs zu sprechen und zu handeln hatte: so war er wenigstens zweierlei in einem hohen Grade zu sein gezwungen, lustig und gut. Leibgebers Laune hatte eine starkere Farbengebung und freiere Zeichnung und einen poetischern, weltburgerlichern und idealern Umfang168 als Firmians seine; daher musste dieser seinen Kammerton zu jenes Chorton hinaufstimmen, um ihn, wenn nicht zu erreichen, doch nachzuahmen. Und dieser Schein einer heitern Laune setzte sich am Ende in eine wahre um. Auch trug sein feines Gefuhl und seine Freundschaft immer Heinrichs vergrossertes, glanzendes Bild, auf dessen Haupt sich der Strahlenreif und Lorbeerkranz durchflochten, vor ihm, wie an einer Mosis-Wolkensaule, auf seinem Lebenswege her, und alle Gedanken in ihm sagten: "Sei herrlich, sei gottlich, sei ein Sokrates, bloss um dem Geiste, dessen Abgesandter du bist, Ehre zu machen." Und welchem von uns war' es moglich, den Namen einer geliebten Person zu nehmen und unter diesem zu sundigen?
Niemand wird in der Welt so oft betrogen nicht einmal die Weiber und die Fursten als das Gewissen; der Inspektor machte dem seinigen weis: er habe ja ohnehin in fruhern Jahren, wie bekannt, Leibgeber geheissen, gerade so, wie er sich jetzo schreibe auch tu' er dem Grafen Vorschub genug und wer sei mehr entschlossen als er, einmal wenn sichs schickt, diesem alles haarklein zu beichten, den, wie leicht vorauszusehen, eine solche humoristische, juristische Falschmunzerei und malerische Tauschung schoner uberraschen musse als alle notwendige Vernunftwahrheiten und responsa prudentum, nicht zu erwahnen der graflichen Freude, dass hier derselbe Freund und Humorist und Jurist zweikopfig, zweiherzig, vierbeinig und vierarmig, kurz in duplo zu haben sei. Aber erwahnen muss' er doch dieses, dass er mehr Not- als Scherzlugen vorbringe, indem er an die vergangenen Unterredungen und Verhaltnisse Leibgebers so ungern als selten anstreife und sich ofter uber seine eignen nachsten, die keine Wahrheit ausschliessen, verbreite.
So ist nicht der Inspektor, sondern der Mensch; dieser hat einen unbeschreiblichen Hang zur Halfte vielleicht weil er ein auf zwei Welten mit ausgespreizten Beinen stehender Kolossus und Halbgott ist , namentlich zu Halbromanen zum Halbfranko des Eigennutzes zu halben Beweisen zu Halbgelehrten zu halben Feiertagen zu Halbkugeln und folglich zu ehelichen Halften.
Die neuen Anstrengungen aller Art verbargen ihm in den ersten Wochen (wenigstens solange die Sonne schien) seine Schmerzen und seine Sehnsucht. Den grossten Freudenzuschuss lieferte ihm aber des Grafen Zufriedenheit mit seinen juristischen Kenntnissen und punktlichen Arbeiten. Als ihm dieser gar einmal sagte: "Freund Leibgeber, Ihr haltet brav, was Ihr mir fruher versprochen; Euere Einsicht und Punktlichkeit in Geschaften macht Euch neue Ehre; denn ich gestehe gern, dass ich einige Zweifel daruber bei aller meiner Achtung fur Euere andern Talente nicht gern gehegt; denn Geschafte trenn' ich wie Euer Friedrich II. durchaus von Gesprachen, und fur jene foder' ich jeden nur moglichen schulgerechten und punktlichen Gang" da dachte und frohlockte er heimlich in sich: "So hab' ich doch meinem Lieben einen Tadel abund ein Lob zugewandt, das er am Ende, sobald ers nur gewollt, auch selber sich hatte erringen konnen."
Nach einer solchen Opferfreude will der Mensch wie Kinder tun, die immer, wenn sie etwas gegeben, nicht nachlassen wollen zu geben immer starkere Opferfreuden haben und Opfer bringen. Er packte seine Auswahl aus des Teufels Papieren aus und gab sie dem Grafen und sagte ihm ganz unverhohlen: er habe sie gemacht. "Ich tausch' ihn damit nicht im geringsten", dacht' er, "ob er sie gleich Leibgebern zuschreibt; denn ich heisse jetzo eben nicht anders." Der Graf konnte die Papiere gar nicht genug lesen und loben, und besonders erfreuete er sich an dem treuen Eifer, womit der Verfasser von seinen beiden Landsleuten, dem britischen Zwillinggestirn des Humors, Swift und Sterne, sich die rechten Wege des Scherzes zeigen lassen. Siebenkas horte sein Buch mit solchen Genusse und mit einem so seligen Lacheln loben, dass er ordentlich wie ein eitler Autor aussah, indes er nichts als ein Verliebter in seinen Heinrich war, auf dessen Namen und Gestalt in des Grafen Seele er einige Lorbeerkranze mehr hatte spielen konnen.
Aber dieses einzige Erfreuliche war ihm auch als Trost und Labsal fur ein Leben vonnoten, das beschattet und kalt zwischen zwei steilen Ufern von Aktenstossen fortschoss, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat; ach, er horte nichts Bessers bloss den guten Grafen ausgenommen, dessen ungewohnliche Gute noch warmer seinen Busen umflossen hatte, wenn er ihm dafur unter fremdem und eignem Namen zugleich hatte danken durfen ich sage, er horte nichts Bessers als die Wellen seines Lebens, die zuweilen murmelten. Er kam taglich in die wiederholte harte Lage eines Kunstrichters der er auch gewesen , namlich das lesen zu mussen, was er richten musste, sonst Autoren, jetzt Advokaten er sah in so viel leere Kopfe, in so viel leere Herzen; in jenen so viel Dunkelheit, in diesen so viel Schwarze er sah, wie sehr das gemeine Volk, wenn es zur EgerienQuelle der juristischen Dintenfasser reiset, um sich Blasensteine weg zu bringen, den Karlsbader Gasten gleiche, denen die heisse Quelle alle verheimlichten Krankheitmaterien auf die aussere Haut herausjagt er sah, dass die meisten alten und schlimmsten Advokaten bloss darin eine schone Ahnlichkeit mit den Giftpflanzen behaupten, dass sie, wie diese, in ihrer Jugend und Blutenzeit nicht halb so giftig sind, sondern mehr unschadlich; er sah, dass ein gerechtes Urteil oft so viel schade als ein ungerechtes, und dass man gegen beide appelliere er sah, dass es leichter und ekelhafter zugleich sei, ein Richter als ein Advokat zu sein, nur dass beide durch ein Unrecht nichts verlieren, sondern dass der Richter fur ein kassiertes Urteil so gut bezahlt wird als der Advokat fur einen verlornen Prozess und sie also vom Rechtsfalle wie Schaffhauser vom Rheinfalle gemachlich leben dass man bei den Untertanen den Grundsatz der Stallbedienten handhabe, welche die Striegel fur die halbe Futterung des Pferdes halten er sah endlich, dass niemand schlimmer daran fahrt als eben der, ders sieht, und dass der Teufel nichts seltener hole als Teufel....
Unter solchen Arbeiten und Ansichten ziehen sich die weichen Herzadern gerinnend zusammen, und die offnen Arme des innern Menschen werden gelahmt der beladene Mensch behalt kaum den Wunsch zu lieben, geschweige die Zeit. Stets lieben und suchen wir Sachen auf Kosten der Personen, und der Mensch, der zu viel arbeitet, muss zu wenig lieben. Der arme Firmian horte jeden Tag nur an einer einzigen Statte die Bitten und Wunsche seiner weichen Seele an, namlich auf dem Kopfkissen, dessen Uberzug sein weisses, auf seine nassen Augen wartendes Schnupftuch war. Uber seiner ganzen alten Welt stand eine Sundflut aus Tranen, und nichts schwamm darin empor als die beiden schlaffen Totenkranze der gestorbnen Tage, Nataliens und Lenettens VorsteckBlumen, gleichsam die versteinerten Arzneiblumen seiner erkrankten Seele, die Einfassgewachse verheerter Beete.
Vom Reichsmarktflecken konnt' er, da er so abgerissen und in keinem Winkel des elliptischen Gewolbes stand, so wenig zu Ohren bekommen als von Schraplau; von Lenetten und Natalien nichts. Bloss aus dem Anzeiger und Gotterboten deutscher Programmen ersah er, dass er Todes verfahren sei, und dass das kritische Institut sich um einen seiner besten und emsigsten Mitarbeiter verlustigt sehe welcher Nekrolog den Inspektor fruher belohnte als irgendeinen deutschen Gelehrten, und nicht spater als den olympischen Sieger Euthymus169, dem ein Ausspruch des delphischen Orakels Opfer und Vergotterung noch bei seinen Lebzeiten zuerkannte. Ich weiss nicht, welche Ohren die deutsche Famas-Trompete lieber anblaset, ob taube oder lange.
Und doch bewahrte Siebenkas mitten im Eismonate seines Liebe flehenden Herzens und in der Wuste seiner Einsamkeit noch eine lebendige prangende Blume und dies war Nataliens Abschiedkuss. O, wusstet ihr, die ihr an unsrer Unersattlichkeit verhungert, wie ein Kuss, der ein erster und ein letzter ist, durch ein Leben hindurch bluht als die unvergangliche Doppelrose der verstummten Lippen und gluhenden Seelen, ihr wurdet langere Freuden suchen und finden. Jener Kuss befestigte in Firmian den Geisterbund und verewigte die Liebe auf ihrem Blutengipfel; die stillen Lippen sprachen fort vor ihm das Geisteswehen von Hauch zu Hauch webte fort und so oftmals er auch in seinen Nachten hinter den geschlossenen nassen Augen Natalien mit ihren erhabnen Schmerzen von sich scheiden liess und verschwinden in die dunkeln Laubengange: so wurd' er doch des Abschieds und der Schmerzen und der Liebe nicht satt.
Endlich nach sechs Monaten an einem schonen Wintermorgen, als die weissen Berge mit ihren schneekristallenen Waldern sich gleichsam im Rosenblute der Sonne badeten, und als die Flugel der Morgenrote langer aufgeschlagen sich auf die blinkende Erde legten da flog ein Brief, wie von Morgenwinden eines kunftigen Lenzes fruher hergetrieben, in Firmians leere Hand er war von Natalien, die ihn, wie jeder, fur den vorigen Heinrich ansah.
Teurer Leibgeber!
Langer kann ich nicht uber mein Herz gebieten, das jeden Tag vor dem Ihrigen auseinandergehen oder zerspringen wollte, bloss um Ihnen alles zu zeigen, was darin verwundet ist. Sie waren ja doch einmal mein Freund: bin ich ganz vergessen? Hab' ich Sie auch verloren? Ach, gewiss nicht, Sie konnen nur vor Schmerz nicht mit mir reden, weil Ihr Firmian an Ihrem Herzen starb und nun totenkalt auf der schmerzenden Stelle ruht und zerfallt. O warum haben Sie mich beredet, Fruchte, die auf seinem Grabe wachsen, anzunehmen und mir jedes Jahr gleichsam seinen Sarg offnen zu lassen?170 Der erste Tag, wo ichs bekam, war bitter; bitterer als je einer. Wie mir zuweilen ist, das sehen Sie aus einem kleinen Neujahrwunsch, den ich an mich selber gerichtet, und den ich beilege. Eine Stelle darin geht einen weissen Rosenstock an, dem ich im Zimmer einige blasse Rosen mitten im Dezember abgewann. Mein Freund, nun geben Sie einer Bitte Gehor, die der Anlass dieses Schreibens ist, meiner heissesten Bitte um Schmerzen, um grossere: dann hab' ich Trost; zeigen Sie mir nur an, weil es niemand weiter vermag und ich niemand kenne, wie die letzten Stunden und Minuten unsers Teueren waren, was er sagte und was er litt, und wie sein Auge brach, und wie sein Leben aufhorte; alles, alles, was mich durchschneiden wird, das muss ich wissen was kann es mich und Sie kosten als Tranen? Und diese laben ja ein krankes Auge. Ich bleibe
Ihre
Freundin
Natalie A.
N. S. Wenn mich nicht so viele Verhaltnisse zuruckzogen, so wurde ich selber nach seinem Wohnort reisen und mir Reliquien fur meine Seele sammeln; wiewohl ich fur nichts stehe, wenn Sie schweigen. Ich wunsche Ihnen Gluck zu Ihrer neuen Stelle; und ich hoffe, es einmal mundlich tun zu konnen, mein Inneres heilet doch so einmal zusammen, dass ich meine geliebte Freundin bei ihrem Vater aufsuchen und Sie erblicken kann, ohne zu sterben vor Schmerz uber die Ahnlichkeiten, die Sie mit Ihrem nun unahnlichen, versenkten Geliebten haben.
*
Das schone Gedicht, das in englischen Versen war, wag' ich so zu ubersetzen:
Mein Neujahrwunsch an mich selber
Das neue Jahr offnet seine Pforte: das Schicksal steht zwischen brennenden Morgenwolken und der Sonne auf dem Aschenhugel des zusammengesunknen Jahrs und teilt die Tage aus: um was bittest du, Natalie?
Um keine Freuden ach alle, die in meinem Herzen waren, haben nichts darin zuruckgelassen als schwarze Dornen, und ihr Rosenduft war bald zerlaufen neben dem Sonnenblick wachst die schwere Gewitterwolke, und wenn es um uns glanzt, so bewegt sich nur das wiederscheinende Schwert, das der kunftige Tag gegen den freudigen Busen zieht. Nein, ich bitt' um keine Freuden, sie machen das durstige Herz so leer, nur der Kummer macht es voll.
Das Schicksal teilet die Zukunft aus: was wunschest du, Natalie?
Keine Liebe O wer die stechende weisse Rose der Liebe an das Herz drucket, dem blutet es, und die warme Freudenzahre, die in ihren Rosenkelch tropfet, wird fruh kalt und dann trocken am Morgen des Lebens hangt die Liebe bluhend und glanzend als eine grosse rosenrote Aurora im Himmel o, tritt nicht in die glimmende Wolke, sie besteht aus Nebel und Tranen Nein, nein, wunsche keine Liebe: stirb an schonern Schmerzen, erstarre unter einem erhabenern Giftbaum, als die kleine Myrte ist.
Du knieest vor dem Schicksal, Natalie: sag' ihm, was du wunschest!
Auch keine Freunde mehr nein wir stehen alle auf ausgehohlten Grabern nebeneinander und wenn wir nun einander so herzlich an den Handen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hugel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefullten Hohle Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde auf der ewigen Welt beisammen stehen, dann schlage warmer die festere Brust, dann weine froher das unvergangliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm' zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.
O du verlassene Natalie, um was bittest du denn auf der Erde?
Um Geduld und um das Grab, um mehr nicht. Aber das versage nicht, du schweigendes Geschick! Trockne das Auge, dann schliess es! Stille das Herz, und dann brich es! Ja, einstmals, wann der Geist in einem schonern Himmel seine Flugel hebt, wann das neue Jahr in einer reinern Welt anbricht, und wann alles sich wiedersieht und wiederliebt: dann bring' ich meine Wunsche.... Und fur mich keine denn ich wurde schon zu glucklich sein...
*
Mit welcher Sprache konnt' ich die innere Sprachlosigkeit und die Erstarrung ihres Freundes zeichnen, da er das Blatt gelesen hatte und immer noch behielt und anblickte, ob er gleich nichts mehr sehen und denken konnte. O die Eisschollen des Gletschers des Todes wuchsen immer weiter und fullten ein warmes Tempe nach dem andern der einsame Firmian hing durch kein anderes Band mehr mit den Menschen zusammen als durch das Seil, das die Totenglocke und den Sarg bewegt und sein Bette war ihm nur eine breitere Bahre und jede Freude schien ihm ein Diebstahl an einem fremden entblatterten Herzen. Und so wurde der Stamm seines Lebens, wie mancher Blumen ihrer171, immer tiefer hinabgezogen, und der Gipfel wurde zur verborgnen Wurzel.
Uberall war der Abgrund einer Schwierigkeit offen und jedes Tun so misslich wie jedes Unterlassen. Ich will die Schwierigkeiten oder Entschlusse in der Reihe, wie sie durch seine Seele zogen, vor die Leser bringen. Im Menschen fliegt der Teufel allemal fruher auf als der Engel, der schlimme Vorsatz eher als der gute172: sein erster war nicht moralisch, der namlich, Natalien zu antworten und zu erzahlen, d.h. vorzulugen. Der Mensch findet den Trauerrock sowohl schon, wenn man ihn fur ihn anlegt, als warm, wenn er ihn fur andere umtut. "Aber ich lose ihr schones Herz (sagt seines) mit einer fortgesetzten Wunde und Luge in einen neuen Kummer auf: ach, nicht einmal mein wahrer Tod ware einer solchen Trauer wert. Ich schweige also gar." Aber dann musste sie denken, Heinrich zurne, auch dieser Freund sei eingebusset; ja sie konnte dann nach dem Reichsmarktflecken reisen und vor seinen Grabstein treten und diesen als eine neue Burde auf die gebuckte, zitternde Seele laden. Beide Falle teilten noch die dritte Gefahr, dass sie nach Vaduz hinkomme, und dass er dann die schriftlichen Lugen, die er sich ersparet, in mundliche verwandeln musse. Noch ein Ausweg lief vor ihm hinauf, der tugendhafteste, aber der steilste er konnte ihr die Wahrheit sagen. Aber mit welcher Gefahr aller seiner Verhaltnisse war dieses Bekenntnis verknupft, wenn auch Natalie schwieg und auf seinen guten Heinrich fiel in Nataliens Augen ein schrages, gelbes Licht, zumal da sie Uber die Grossmut seiner Zwecke und Lugen keinen Aufschluss hatte. Gleichwohl litt sein Herz auf dem unsichern Wege der Wahrheit am wenigsten; und er beharrte endlich auf diesem Entschluss.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Nachrichten aus Kuhschnappel Antiklimax der
Madchen
Eroffnung der sieben Siegel
Das setzet mich eben oft ausser mir, dass wir, wenn wir immerhin einen von der Tugend auf uns ausgestellten Wechsel annehmen und honorieren, ihn doch erst nach so vielen Doppel-Usos und so vielen Respekttagen auszahlen, indes der Teufel wie Konstantinopel von keinen wissen will. Firmian machte keine andern Einreden mehr als verzogerliche: er schob bloss seine Beichte auf und dachte, da Apollo der schonste Troster (Paraklet) der Menschen ist, und da Natalie dem Basilisk des Grams sein eignes Bild im Spiegel der Dichtkunst gewiesen, so werde er an seinem Bildnis umkommen. So werden alle tugendhafte Bewegungen in uns durch die Reibungen der Triebe und der Zeit entkraftet.
Ein einziger neuer Brief schob alle Wande seines Theaters wieder durcheinander. Er kam vom Schulrat Stiefel.
Hoch-Edelgeborner,
Insonders hochzuehrender Herr Inspektor!
Ew. Hoch-Edelgeboren erinnern sich noch mehr als zu gut der testamentarischen Verfugung, die unser beiderseitiger Freund, der sel. Hr. Armenadvokat Siebenkas, getroffen, dass namlich Hr. Heimlicher v. Blaise seine Pupillengelder auszahlen solle und zwar, wie bekannt, an Dero werte Person, die solche wieder an die Witib zu extradieren habe , widrigenfalls wolle Testator als Gespenst auftreten. Letztem sei, wie ihm wolle: so viel ist stadtkundig, dass allerdings seit einigen Wochen ein Gespenst in Gestalt unsers sel. Freundes dem Hrn. Heimlicher uberall nachgesetzt hat, der daruber so bettlagerig geworden, dass er das heilige Abendmahl genommen und den Entschluss gefasst, besagte Gelder wirklich herauszugeben. Nun frag' ich hier an, ob Sie solche vorher haben wollen, oder ob solche, wie fast naturlicher, sofort der hinterlassenen Witwe einzubandigen sind. Noch hab' ich anzumerken, dass ich letztere, namlich die gewesene Frau Siebenkas, wirklich nach dem Willen des Erblassers seit geraumer Zeit geheiratet habe, wie sie denn jetzt gesegneten Leibes ist. Sie ist eine treffliche Haus- und Ehefrau; wir leben in Ruhe und Einigkeit; sie ist gar keine Thalaa173 und sie liesse ihr Leben so freudig fur ihren Mann, wie er fur sie und ich wunsche oft nichts, als dass mein Vormann, ihr guter, unvergesslicher erster Eheherr, Siebenkas, der zuweilen seine kleinen Launen hatte, ein Zuschauer des Wohlbefindens sein konnte, worin gegenwartig seine teuere Lenette schwimmt. Sie beweint ihn jeden Sonntag, wo sie vor dem Gottesacker vorubergeht; doch bekennt sie auch, dass sie es jetzo besser habe. Leider muss ich erst so spat von meiner Frau vernehmen, in welchen erbarmlichen Umstanden sich der Selige mit seinem Beutel befunden; wie wurde ich sonst ihm und seiner Gattin unter die Arme gegriffen haben, wie es einem Christen gebuhrt! Wenn der Selige, der jetzo mehr hat als wir alle, in seinem Glanze herabsehen kann auf uns: so wird er mir gewiss verzeihen. Ich halte ergebenst um eine baldige Antwort an. Ein Grund der Herausgabe der vormundschaftlichen Gelder mochte dies mit sein, dass Hr. Heimlicher, der im Ganzen ein rechtschaffener Mann ist, nun nicht mehr vom Hrn. von Meyern verhetzet wird; beide haben sich nun stadtkundig ganz miteinander uberworfen, und letzter hat sich in Baireuth von funf Verlobten losgemacht und tritt gegenwartig mit einer Kuhschnapplerin in den Stand der hl. Ehe.
Meine Frau ist ihm so gram, als es die christliche Liebe nur erlaubt, und sie sagt, wenn er ihr begegne, sei ihr wie einem Jager, dem am Morgen eine alte Frau in den Weg tritt. Denn er habe zu manchem unnutzen Verdrusse mit ihrem Manne geholfen; und sie erzahlt mir oft mit Vergnugen davon, wie hubsch Sie, hochgeehrtester Hr. Inspektor, manchmal diesen gefahrlichen Menschen abgekappt. In mein Haus wagt er jedoch keinen einen Tritt. Fur heute verspare ich noch eine ausfuhrlichere Bitte, ob Sie nicht die noch erledigte Stelle des Verstorbnen in dem Gotterboten deutscher Programme welcher, darf ich sagen, in den Gymnasien und Lyzeen von Schwaben bis Nurnberg, Baireuth und Hof mit Beifall gehalten wird als Mitarbeiter besetzen wollten. An elenden Programmensudlern ist eher Uberfluss als Mangel und Sie sind daher (lassen Sie sich dies ohne Schmeichelei sagen) ganz der Mann dazu, der die satirische Geissel uber dergleichen Froschlaich in den kastalischen Quellen zu schwingen wissen wurde, wie wahrlich nur wenige. Jedoch kunftig mehr! Auch meine gute Frau schliesset hier die herzlichsten Grusse an den hochgeehrten Freund ihres sel. Mannes bei; und ich selber verharre unter der Hoffnung baldiger Bittegewahr
Ew. Hochwohlgeboren
ergebenster
S. R. Stiefel,
Schulrat.
Das Menschenherz wird durch grosse Schmerzen gegen das Gefuhl der kleinen gedeckt, durch den Wasserfall gegen den Regen174. Firmian vergass alles, um sich zu erinnern, um zu leiden, um sich zuzurufen: "So hab' ich dich ganz verloren, auf ewig O du warest allemal gut, nur ich nicht Sei glucklicher als dein einsamer Freund, den du mit Recht jeden Sonntag beweinest." Er warf auf seine satirischen Launen jetzt alle Schuld seiner vorigen Eheprozesse und schrieb seiner eignen unfreundlichen Witterung den Misswachs an Freuden zu.
Aber er tat sich jetzt mehr Unrecht als sonst Lenetten. Ich will auf der Stelle die Welt mit meinen Gedanken daruber beschenken. Die Liebe ist die Sonnennahe der Madchen, ja es ist der Durchgang einer solchen Venus durch die Sonne der idealen Welt. In dieser Zeit ihres hohen Stils der Seele lieben sie alles, was wir lieben, sogar Wissenschaften und die ganze beste Welt innerhalb der Brust; und sie verschmahen, was wir verschmahen, sogar Kleider und Neuigkeiten. In diesem Fruhlinge schlagen diese Nachtigallen bis an die Sommersonnenwende: der Trautag ist ihr langster Tag. Dann holet der Teufel zwar nicht alles, aber doch jeden Tag ein Stuck. Das Bastband der Ehe bindet die poetischen Flugel, und das Ehebette ist fur die Phantasie eine Engelsburg und ein Karzer bei Wasser und Brot. Ich bin oft in den Flitterwochen dem armen Paradiesvogel oder Pfau von Psyche nachgegangen und habe in der Mause des Vogels die herrlichen Schwung- und Schwanzfedern aufgelesen, die er verzettelte: und wenn dann der Mann dachte, er habe eine kahle Krahe geehlicht, setzt' ich ihm den Federbusch entgegen. Woher kommt dies? Daher: Die Ehe uberbauet die poetische Welt mit der Rinde der wirklichen, wie nach Descartes unsere Erdkugel eine mit einer schmutzigen Borke uberzogene Sonne ist. Die Hande der Arbeit sind unbehulflich, hart und voll Schwielen und konnen den feinen Faden des Idealgewebes schwer mehr halten oder ziehen. Daher ist in den hohern Standen, wo man statt der Arbeitstuben nur Arbeitkorbchen hat, und wo man auf dem Schoss die Spinnradchen mit dem Finger tritt, und wo in der Ehe die Liebe noch fortdauert- oft sogar gegen den Mann , der Ehering nicht so oft wie in den niedern Standen ein Gygesring, welcher Bucher, Ton-, Dicht-, Zeichen- und Tanz-Kunste unsichtbar macht; auf den Hohen bekommen Gewachse und Blumen aller Art, besonders die weiblichen, gewurzhaftere Krafte. Eine Frau hat nicht wie der Mann das Vermogen, die innern Luft- und Zauberschlosser gegen die aussere Wetterseite zu verwahren. An was soll sich die Frau nun halten? An ihren Ehevogt. Der Mann muss immer neben dem flussigen Silber des weiblichen Geistes mit einem Loffel stehen und die Haut, womit es sich uberzieht, bestandig abschaumen, damit der Silberblick des Ideals fortblinke. Es gibt aber zweierlei Manner: Arkadier oder Lyriker des Lebens, die ewig lieben wie Rousseau in grauen Haaren solche sind nicht zu bandigen und zu trosten, wenn sie an der mit goldnem Schnitt gebundenen weiblichen Blumenlese nichts mehr vom Golde wahrnehmen, sobald sie das Werklein Blatt fur Blatt durchschlagen, wie es bei allen umgoldeten Buchern geht zweitens gibt es Schafknechte und Schmierschafer, ich meine Meistersanger oder Geschaftleute, die Gott danken, wenn die Zauberin sich, wie andere Zauberinnen, endlich in eine knurrende Hauskatze umsetzt, die das Ungeziefer wegfangt.
Niemand hat mehr Langeweile und Angst daher ich einmal in einer komischen Lebenbeschreibung das Mitleiden darauf hinlenken will als ein feister, schiebender, gewichtvoller Bassist von Geschaftmann, der, wie sonst romische Elefanten, auf dem schlaffen Seile der Liebe tanzen muss, und dessen liebendes Mienenspiel ich am vollstandigsten bei Murmeltieren antreffe, die ins Bewegen nicht recht kommen konnen, wenn die Stubenwarme sie aus dem Winterschlaf aufreisset. Bloss bei Witwen, die weniger geliebt als geheiratet sein wollen, kann ein schwerer Geschaftmann seinen Roman auf der Stufe anfangen, wo alle Romanschreiber die ihrigen ausmachen, namlich auf der Trau Altarstufe. Ein solcher im einfachsten Stil gebaueter Mann wurde eine Last vom Herzen haben, wenn jemand seine Schaferin solange in seinem Namen lieben wollte, bis er nichts mehr dabei zu machen hatte als die Hochzeit; und zu so etwas, namlich zu diesem Last- oder Kreuzabnehmen, bezeigt niemand mehr Lust als ich selber; ich wollt' es oft in offentliche Blatter setzen lassen (ich sorgte aber, man nahm' es fur Spass), dass ich erbotig ware, ertraglichen Madchen, zu deren Liebe ein Mann von Geschaften nicht einmal die Zeit hat, so lange platonische, ewige Liebe zu schworen, ihnen die notigen Liebeerklarungen als Plenipotentiar des Brautigams zu ubermachen und kurz, solche als substitutus sine spe succedendi oder als Gesellschaftkavalier am Arme durch das ganze unebene Breitkopfische Land der Liebe zu fuhren, bis ich an der Grenze die Fracht dem Sponsus (Brautigam) selber vollig fertig ubergeben konnte, welches dann mehr eine Liebe als eine Vermahlung durch Gesandte ware. Wollte einer (nach einem solchen systema assistentiae) den Schreiber dies, da doch auch in den Flitterwochen noch einige Liebe vorkommt, auch in diesen zum Lehnsvormund und Prinzipalkommissarius anstellen, so musste er so viel Verstand haben und es sich vorher ausbedingen...
In Siebenkasens Lenette war, ohne seine Schuld, sogleich vor dem Traualtar die ideale, selige Insel meilentief hinabgesunken; der Mann konnte nichts dafur; aber er konnte auch nichts dagegen. Uberhaupt, lieber Erziehrat Campe, solltest du nicht so laut mit dem Schulbakel auf dein Schreibpult schlagen, wenn eine einzige Froschin im nachsten Teich etwas quaket, was in einem Almanach eingesandt werden kann ach reisse den guten Geschopfen, die die schonsten Traume voll Phantasieblumen ins leere Leben sticken, doch den kurzen einer empfindsamen Liebe nicht weg: sie werden ohnehin zu bald, zu bald geweckt, und ich und du schlafern sie mit allen unsern Schriften nicht wieder ein! Siebenkas schrieb an demselben Tage dem Schulrat kurz und eilig zuruck: es sei ihm recht lieb, dass er sich an das Testament und an die Gesetze gehalten, und er schicke ihm hier die ganze Vollmacht zur Gelder-Erhebung; nur bitte er ihn als einen grossen Gelehrten, der oft dergleichen weniger verstehe als zu verstehen hoffe, alles bloss durch einen Advokaten abzumachen, da ohne Juristen kein Jus helfe, ja oft mit ihnen kaum. Programme zu rezensieren hab' er keine Zeit, geschweige zu lesen, und er grusse herzlich die Gattin.
Es ist mir nicht unangenehm, dass alle meine Leser es, wie ich sehe, von selber herausgebracht, dass das Gespenst oder der uberirdische Wauwau oder Mumbo Jumbo175, der dem Heimlicher v. Blaise besser als Reichs-Kammergerichtsexekutions-Truppen den Erbschaftraub aus den Klauen gezogen, niemand weiter gewesen als Heinrich Leibgeber, der sich seiner Ahnlichkeit mit dem sel. Siebenkas bediente, um den revenant (Wiederkommling) zu spielen; ich brauche also dem Leser das nicht erst zu sagen, was er schon weiss.
Wenn der Mensch endlich eine jahe Alpe mit Laubfroschhanden aufgekrochen ist: so ist oft die erste Aussicht droben die in eine neue klaffende Schlucht: Firmian sah eine neue Tiefe unter sich er musste seinen neulichen Vorsatz fortweisen ich meine, er durfte Natalien nicht ein Wort von seiner Auferstehung aus dem Bein-Luz, nicht eine Silbe von seiner Fortdauer nach dem Tode sagen. Ach das Gluck seiner Lenette, die, obwohl unverschuldet, zwei Manner hatte, war dann auf eine Zungenspitze gestellt er hatte die Schuld, Lenette den Jammer gehabt. "Nein, nein (sagt' er), die Zeit wird schon nach und nach in Nataliens gutem Herzen auf meinem blassen Bild Staub ansetzen und ihm die Farben ausziehen."
Kurz er schwieg. Die stolze Natalie schwieg ebenfalls. In diesem abscheulichen Stande neben dem harten, ewigen Knoten des Schauspiels bracht' er seine Stunden auf dem Theater angstlich zu uber jeden Reiz des Fruhlings warf der Rabenzug der Sorgen den gaukelnden Schatten, und in seinen Schlummer fielen die giftigen Traume wie Mehltau. Jede Traumnacht zerschnitt den fallenden, niedersteigenden Planetenknoten und sein Herz dazu. Wie rettete ihn das Schicksal aus diesem Qualm, aus dieser Stickluft der Angst? Wie heilte es seinen Fingerwurm im Ehering Finger? Dadurch dass es den Arm abnahm. Namlich an einem langen Abende war der Graf kurz vor dem Bettegehen so vertraulich gegen ihn geworden als Weltleute konnen. Er sagte, er habe ihm etwas sehr Angenehmes zu berichten; nur moge er ihm eine Vorerinnerung vergonnen. Er komme ihm fuhr er fort wahrend seines Amtes nicht mehr so aufgeweckt und humoristisch vor, als er ihn vor demselben gefunden; ja vielmehr, wenn ers sagen sollte, zuweilen niedergeschlagen und zu sentimental; und doch habe er fruher selber gesagt (dies war aber der andere Leibgeber), er hore lieber jemand uber ein Ubel fluchen als jammern, und man konne ja die Fusse in dem Winter und doch die Nase in dem Fruhling stecken haben und im Schnee an eine Blume riechen. "Ich verzeih' es gern, denn ich errate vielleicht die Ursache":, setzte er hinzu; aber sein Verzeihen war eigentlich nicht ganz wahr. Denn wie alle Grosse war ihm alles Starke der Gefuhle, sogar liebender, am meisten aber trauernder, ein Verdruss, und ein starker Handdruck der Freundschaft ein halber Fusstritt; und vor ihm sollte der Schmerz nur lachelnd, das Bose nur lachend, hochstens ausgelacht voruberziehen, wie denn die kaltesten Weltleute dem physischen Menschen gleichen, dessen grosster Warmegrad sich in der Gegend des Zwerchfells aufhalt176. Folglich musste dem Grafen der vorige Leibgeber dieser sturmwindige und dabei heitere tiefblaue Himmel mehr zusagen als der angebliche. Aber wie anders als wir, die wir den Tadel ruhig lesen, horte Siebenkas ihn an! Diese Sonnenfinsternisse seines Leibgebers, welche keine eignen Sonnenflecken waren, sondern die er selber durch seine Stellung scheinbar hervorbrachte, warf er sich als so schwere Sunden gegen seinen Lieben vor, dass er fur sie durchaus Beichte und Busse haben musste.
Als nun gar der Graf fortfuhr: "Euere Empfindsamkeit kann sich wohl nicht bloss auf den Verlust Eueres Freundes Siebenkas beziehen, von dem Ihr mir uberhaupt nach seinem Tode nicht mit so viel Warme mehr gesprochen als bei seinem Leben; verzeiht mir diese Offenheit" : da durchschnitt ein neuer Schmerz uber Leibgebers Verschattung seine Stirn, und mit Not liess er seinen Gerichtherrn sich zu Ende erklaren. "Aber bei mir, bester Leibgeber, ist dies kein Vorwurf, sondern ein Vorzug um Tote soll man nicht ewig trauern, hochstens um Lebendige. Und eben das letzte kann bei Euch in kunftiger Woche aufhoren, denn da kommt meine Tochter und " (dies sprach er langgezogen) "ihre Freundin Natalie mit; sie sind sich unterwegs begegnet." Hastig sprang Siebenkas auf, stand fest und stumm da, hielt sich die Hand vor die Augen, nicht als einen Facher, sondern als einen Lichtschirm, um die ubereinander stehenden und widereinander laufenden Wolkenreihen von Gedanken recht durchzuschauen und zu verfolgen, eh' er seine Antwort gab.
Aber der Graf, ihn als Leibgeber in allen Punkten schief sehend und seine empfindsame Umwandlung auf Nataliens Rechnung und Entbehrung schreibend, ersuchte ihn, bevor er spreche, ihn nur gar auszuhoren und seine Versicherung anzunehmen, mit welcher Freude er alles tun wurde, um die schone Freundin seiner Tochter auf immer in seiner Nachbarschaft zu behalten. Himmel! wie verwickelte der Graf alles Einfache so tausendfaltig!
Jetzt musste der von neuen Windecken gesturmte Siebenkas um einen Bedenkaugenblick ersuchen denn hier standen ihm drei Seelen auf dem Spiel ; aber er hatte kaum einige heftige Gange durch das Zimmer gemacht, als er wieder fest stand und zum Grafen und zu sich sagte: "Ja, ich handle recht!" Darauf tat er die fragende Bitte an ihn um sein Ehrenwort, dass er ein Geheimnis, das er ihm vertrauen wolle, und das weder ihn selber noch seine Tochter im geringsten betreffe oder beschadige, bei sich verwahren wolle. "In diesem Falle, warum nicht?" versetzte der Graf, dem ein aufgedecktes Geheimnis das Lichten einer Sperrwaldung vor einer weiten Aussicht war.
Da schloss Firmian sein Herz und sein Leben und alles auf; es war ein losgelassner Strom, der in einem neuen Kanale sich ubersturzt und mit Blicken noch nicht zu ubermessen ist. Mehrmals hielt ihn der Graf durch neues Missverstehen auf, weil er eine Liebe Nataliens gegen den eigentlichen Leibgeber bloss voraussetzend sich erdichtet und die wahre gegen Siebenkas von niemand erfahren hatte.
Jetzt uberraschte wieder der uberraschte Gerichtherr von seiner Seite und zeigte dem Inspektor unter so vielen Gesichtern, die in solchen Fallen zu machen waren beleidigte, zornige, besturzte, verlegne, entzuckte, kalte , bloss eines der zufriedensten. Vorzuglich erfreu' ihn nur, sagte er, dass er doch an so manchem sich gestossen und Licht sich angezundet und dass er in einigen Punkten von Leibgeber nicht zu gut und in andern nicht zu blind gedacht; am meisten aber sei er uber das Gluck entzuckt, auf diese Weise einen Leibgeber doppelt zu haben und den abgereisten in keiner Trauer um einen verstorbenen Freund zu wissen.
Uber des Grafen Heiterbleiben wundere sich doch niemand, der nur irgendeinen hellen Ordenstern auf einer bejahrten erloschenen Brust funkeln sehen. Wenn unser alter Weltmann so den auf- und abfliegenden Weberschiffchen dieser freundschaftlichen Kette nachsah, dem Lieben und Opfern auf jeder Seite und die dadurch zusammengewirkte glanzende Raffaels-Tapete der Freundschaft in der Hand hielt und besah, so uberkam er nach so langer Zeit den Genuss von etwas Neuem; so dass er bisher in seiner ersten Loge vor einem lebendigen komisch-historischen Schauspiel gestanden, das er sich selber schon entwickelte und das sich jede Minute in seinem Kopfe wiedergeben liess. Auch sein Inspektor wurde fur ihn zu einem neuen Wesen voll frischer Unterhaltung dadurch eben, dass er von der Buhne wegging, sich umkleidete und als der Pseudo-Selige, Siebenkas, in seine Stube eintrat und ihm in der Zukunft von nichts als dem Erzahler selber recht viel erzahlen konnte. Und so wurden ihm beide Freunde gleich schmeichelhaft-lieb durch eine sich andrangende Teilnahme an ihm, mit welcher sie gegenseitig ihren Seelenbund durchflochten hatten.
Wer die Seligkeit, wahr zu bleiben, genossen, der begreift die neue, mit welcher Siebenkas sich jetzt uber alles, uber sich und uber Heinrich und Natalie, ungehemmt ergiessen konnte, indem er die weggeworfne Last erst nachfuhlte, die leichte Scherzluge des Augenblicks zu einem jahrlichen Lustspiel von 365 Aufzugen zu verarbeiten. Wie leicht eroffnete ers dem Grafen, dass er vor der Ankunft Nataliens, die er weder forttauschen noch enttauschen konne, fliehen wollte, und zwar geradezu nach dem Reichsmarktflekken Kuhschnappel. Da der Graf aufhorchte: so sagte er ihm alles, was ihn trieb und reizte: Sehnsucht nach seinem Grabstein und unheiligen Grabe, ordentlich um zu bussen Sehnsucht, Lenetten von fernen ungesehen zu sehen, ja vielleicht in der Nahe ihr Kind Sehnsucht, uber ihren Gluck- und Ehestand mit Stiefeln das Rechte von Augenzeugen zu erfahren; denn Stiefels Brief hatte ihm die Blumenasche der vergangnen Tage in die Augen geweht und die eingeschlafne Blume der ehelichen Liebe aufgeblattert- Sehnsucht, den Schauplatz seiner niederbeugenden Lage dort mit abgelegter Burde aufrecht und romantisch zu durchwandern Sehnsucht, im Marktflecken etwas Neues von seinem Leibgeber zu vernehmen, der ja erst vor kurzem da gewesen Sehnsucht, seinen Totenmonat, den August, einsam zu feiern, wo es ihm wie dem Weinstock ergangen, dem man im August die Blatter abbricht, damit die Sonne starker auf die Beeren steche.
Mit drei Worten denn weshalb viele Grunde, da man nur einmal wollen darf, so kanns nachher an Grunden dazu nicht fehlen er reiste ab.
Funfundzwanzigstes und letztes Kapitel
Die Reise der Gottesacker das Gespenst das
Ende des Elendes und des Buchs
Ich sehe jeden Tag mehr, dass ich und die ubrigen 1000000099 Menschen177 nichts sind als Gefullsel von Widerspruchen, von unheilbaren Nullitaten und von Vorsatzen, deren jeder seinen Gegenmuskel (musc. antagonista) hat andern Leuten widersprechen wir nicht halb so oft als uns selber ; dieses letzte Kapitel ist ein neuer Beweis: ich und der Leser haben bisher auf nichts hingearbeitet als auf das Beschliessen des Buchs und jetzo, da wir daran sind, ist es uns beiden ausserst zuwider. Ich tue doch etwas, wenn ich soviel ich kann das Ende desselben, wie das Ende eines Gartens, der auch voll Blumenstucke ist, etwa bestens verberge und manches sage, was das Werklein allenfalls verlangert.
Der Inspektor sprang mit der Burg einer muskulosen, vollen Brust ins Freie unter die Kornahren, der Alp des Schweigens und Tauschens druckte nicht mehr so schwer auf ihn. Die Schlaglauwine seines Lebens war uberhaupt unter seiner jetzigen Glucksonne um ein Drittel zerlaufen; die elektrische Belegung mit reichern Einkunften und selber die haufigern Geschafte hatten ihn mit Feuer und Mut geladen. Sein Amt war ein mit einem solchen silbernen und goldnen Geader durchschossener Berg, dass er schon in diesem Jahre namenlose Beisteuern zur preussischen Witwenkasse ablaufen lassen konnte, um seinen Betrug anfangs zu halbieren, und zuletzt gar aufzuheben und gutzumachen. Ich wurde diese Pflichthandlung gar nicht vor die Augen des Publikums befordern, wenn ich nicht zu besorgen hatte, dass Kritter in Gottingen, der den Torschluss dieser Kasse aufs Jahr 1804 verlegt, oder auch noch glimpflichere Rechner, die ihre Letzte Olung auf 1825 herausrechnen, dass diese etwan von meinen Blumenstucken Gelegenheit nehmen mochten, gar dem Inspektor den Totentanz der Witwenkasse aufzuburden. Es wurde mich ungemein reuen, der ganzen Sache nur in den Blumenstucken erwahnt zu haben.
Er nahm seinen Weg nicht uber Hof oder Baireuth und uber die alten romantischen Reisewege; er furchtete, Natalien mit seinem Scheinkorper von der hinter den Wolken saenden Hand des Schicksals entgegen gebracht zu werden. Und doch hoffte er von derselben Hand ein wenig, dass sie ihn zufallig auf seinen Leibgeber stossen lasse, da dieser erst neulich in den kuhschnappelschen Wassern gekreuzet. Ohnehin hatte er sich unterwegs wieder in dessen Hemd und Jacke und ganzes Aussen verkorpert, das er von ihm im Gefreeser Wirthaus eingewechselt; und der Anzug war ihm ein Spiegel, der ihm in einem fort den Entfernten zeigte. Ein Saufinder wie der Leibgebersche , der in einem Forsthause den Kopf nach ihm aufhob, gab ihm einen Stich der Freude ins Herz; aber die Nase des Hundes kannte ihn so wenig wie dessen Herr.
Indes, je naher er gegen die Berge und Walder vorschritt, hinter deren sinesischer Gottesackermauer seine zwei leeren Hauser, sein Grab und seine Stube, standen: desto enger zog die Beklommenheit ihr Zugnetz um sein Herz zusammen. Es war nicht die Furcht, erkannt zu werden; dies war (wegen seiner jetzigen Ahnlichkeit mit Leibgebern) unmoglich; ja man hatt' ihn eher fur seinen eignen Poltergeist und Propheten Samuel genommen als fur den noch lebenden Siebenkas; sondern ausser der Liebe und der Erwartung macht' ihn noch etwas anders angstlich, was mich einmal einklemmte, da ich unter den herkulanischen Altertumern meiner Kindheit herumreisete. Es warfen sich wieder um meine Brust die eisernen Banden und Ringe, die sie in der Kindheit zusammenzogen, worin der kleine Mensch noch vor den Leiden des Lebens und dem Tode hulf- und trostlos zittert; man steht mitten innen zwischen dem abgerissenen Fussblock, den aufgesperrten Hand- und Beinschellen und zwischen dem hohen brausenden Freiheitbaume der Philosophie, die uns in den freien offnen Waffenplatz und in die Kronungstadt der Erde fuhrte. Firmian sah in jedem Gebusche, um das er sonst in seinem armen, leeren Winzer-Herbst spazieren gegangen, den abgestreiften Balg der Schlangen hangend, die sich sonst um seine Fusse gewunden hatten die Erinnerung, dieser Nachwinter der harten, rauhen Tage, fiel in die schonere Jahreszeit seines Lebens ein, und aus der Nahe solcher unahnlicher Gefuhle, des vorigen Kettendrucks und der jetzigen Freiheitluft, floss ein drittes, bittersusses, banges zusammen.
In der Dammerung ging er langsam und aufmerksam durch die mit verzettelten Ahren bezeichneten Gassen der Stadt; jedes Kind, das mit dem Nachtbier vor ihm voruberlief, jeder bekannte Hund und jeder alte Glockenschlag waren voll Schieferabdrucke von Freudenrosen und Passionblumen, deren Exemplare langst auseinandergefallen waren. Als er vor seinem vorigen Hause wegging, hort' er oben in seiner Stube zwei Strumpfwirkerstuhle schnarren und klappern mit ihrem gezognen Schnarrkorpus-Register.
Er quartierte sich im Gasthofe zur Eidechse ein, der nicht das glanzendeste Hotel im Marktflecken gewesen sein kann da der Advokat darin Rindfleisch auf einem Zinnteller bekam, der nach den Schnitten und Stigmen durch ein Fac-simile seines eignen Messers sich unter seinen verpfandeten Teller-Ausschuss eingeschrieben ; indes aber hatte der Gasthof das Gute, dass Firmian das drei Treppen hohe Stubchen Nro. 7 nehmen und darin eine Sternwarte oder einen Mastkorb der Beobachtung anlegen konnte, gerade der tiefern Studierstube Stiefels gegenuber. Aber seine Lenette kam nicht ans Fenster. Ach, er ware, hatte er sie erblickt, in die Stube vor Wehmut hingekniet. Bloss als es sehr dunkel wurde, sah er seinen alten Freund Pelzstiefel ein gedrucktes Blatt hochst wahrscheinlich einen Korrekturbogen des Anzeigers deutscher Programme , weil es zu finster war, gegen die Abendrote zum Fenster heraushalten. Es wunderte ihn, dass der Rat sehr eingefallen aussah und eine Florscharpe oder Binde um den Armel hatte: "Sollte denn", dacht' er, "das arme Kind meiner Lenette schon verstorben sein?"
Spat schlich er sich zitternd nach dem Garten, aus dem nicht jeder wiederkommt, und an welchen der hangende Eden-Garten des zweiten Lebens stosset. Im Kirchhof war er vor nahen Zuschauern durch die Gespenstergeschichten gedeckt, womit Leibgeber dem Vormunde die Mundelgelder aus den Handen gerungen. Da er an sein leerstehendes unterirdisches Bette nicht sogleich gelangen konnte: so kam er vorher vor der Kindbetterin vorbei, auf deren damals schwarzen, jetzo grasigen Hugel er den Blumenstrauss gepflanzet hatte, der dem Herzen seiner Lenette eine unerwartete Freude machen sollte und nur einen unerwarteten Kummer machte. Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. "Wenn nun diese steinerne Fallture auf deinem Angesichte lage und den ganzen Himmel verbauete?" sagt' er zu sich und dachte daran, welches Gewolke und welche Kalte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde, herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen er hielt jetzt seine Nachaffung der letzten Stunde fur sundlich der Trauerfacher einer langen, finstern Wolke war vor dem Monde ausgebreitet sein Herz war bang und weich, als plotzlich etwas Buntes, was nahe an seinem Grabe stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.
Es stand namlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer holzernen, ubermalten Einfassung, ahnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang' es sein uberstromendes Auge lesen konnte: "Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St.F. Siebenkas. Sie trat zum zweitenmal 1786 den 20. Okt. in die Ehe mit dem Schulrate Stiefel allhier und entschlief, nachdem sie 3/4 Jahre mit ihm in einer ruhigen Ehe gelebet, den 22. Jul. 1787 im Kindbette und liegt hier mit ihrem totgebornen Tochterlein und wartet auf eine frohliche Auferstehung.".....
"O du Arme, du Arme!" mehr konnt' er nicht denken. Jetzo, da ihr Lebenstag heller und warmer wurde, schlingt die Erde sie ein; und sie bringt nichts hinunter als eine Haut voll Schwulen der Arbeit, ein Angesicht voll Runzeln des Krankenbettes und ein zufriedenes, aber leeres Herz, das, in die Hohlwege und Schachten der Erde hinabgedruckt, so wenig Gefilde und wenig Gestirne gesehen hatte. Ihre Leiden hatten sich allemal so eng und schwarz und gross uber sie heruber gezogen, dass keine malende Phantasie sie durch das Farbenspiel der Dichtung mildern und verschonern konnte, so wie kein Regenbogen moglich ist, wenn es uber den ganzen Himmel regnet. "Warum hab' ich dich so oft gekrankt, sogar durch meinen Tod, und deinen unschuldigen Launen so wenig vergeben?" sagt' er bitter weinend. Er warf einen Regenwurm, der sich aus dem Grabe drangte und ringelte, weit hinweg, als wenn er eben aus dem geliebten, kalten Herzen satt gefullet kame, da ihn doch das sattigt, was uns am Ende auch satt macht, Erde. Er dachte an das zerstaubende Kind, das wie ein eignes die welken, dunnen Arme um seine Seele legte, und dem der Tod so viel, wie ein Gott dem Endymion, gegeben: Schlaf ewige Jugend und Unsterblichkeit. Er wankte endlich langsam von der Trauerstatte hinweg, als die Tranen sein Herz nicht erleichtert, nur ermudet hatten.
Als er im Gasthof eintrat: sang eine Harfenistin in Begleitung eines kleinen Flotenspielers der Wirtstube ein Lied vor, dessen Wiederkehr war: "Tot ist tot, hin ist hin." Es war dieselbe, die am hl. Abend vor dem neuen Jahre, als seine nun zerstorte und gestillte Lenette mit der brechenden Brust voll Qualen, weinend und verlassen, ihr verzognes Angesicht ins Schnupftuch druckte, gespielet und gesungen hatte. O die heissen Pfeile der Tone zischten durch sein zerstochnes Herz der Arme hatte keinen Schild "Ich habe sie damals sehr gemartert (sagt' er unaufhorlich); wie sie seufzete, wie sie schwieg! O wenn du doch mich jetzt sahst aus deinen Hohen, da du gewiss glucklicher bist; wenn du meine vollgeblutete Seele erblicktest, nicht damit du mir vergabest nein, damit ich nur den Trost hatte, deinetwegen etwas zu leiden o wie wollt' ich jetzt anders gegen dich sein!"
So sagen wir alle, wenn wir die begraben, die wir gequalet haben; aber an demselben Trauerabende werfen wir den Wurfspiess tief in eine andere, noch warme Brust. O wir Schwachlinge mit starken Vorsatzen! Wenn heute die zerlegte Gestalt, deren verwesende, von uns selber geschlagene Wunden wir mit reuigen Tranen und bessern Entschlussen abbussen, wieder neu geschaffen und jugendlich uberbluht in unsere Mitte trate und bei uns bliebe: so wurden wir bloss in den ersten Wochen die wiedergefundne, liebere Seele vergebend an unsern Busen, aber dann spater sie doch wie sonst in die alten, scharfen Marterinstrumente drucken. Dass wir dieses sogar gegen unsere lieben Verstorbenen taten, seh' ich daraus die Harte gegen die Lebenden noch ungerechnet , weil wir in den Traumen, wo uns die versunknen Gestalten wieder besuchen, gegen sie alles wiederholen, was wir bereuen. Ich sage das nicht, um einem Wehklagenden den Trost der Reue oder des Gefuhles zu nehmen, dass er das verlorne Wesen schoner liebe; sondern nur um den Stolz auf diese Reue und auf dieses Gefuhl zu schwachen.
Als Firmian noch spat das von der Trauerzeit ausgesogne, zernagte Angesicht seines alten Freundes, dessen Herz so wenig mehr besass, gen Himmel blikken sah, als wenn er da zwischen den Sternen die geraubte Freundin suchte: so druckte der Schmerz die letzte Trane aus dem ausgepressten Herzen, und im Wahnsinn der Qual gab er sich sogar die Leiden seines Freundes schuld, als hatte dieser sie ihm nicht fruher zu verdanken als zu vergeben gehabt.
Er erwachte mit der Mudigkeit des Schmerzes, d.h. mit der Verblutung aller Gefuhle, die sich endlich in ein susses Zerfliessen und ein totliches Sehnen aufloset. Er hatte ja alles verloren, sogar das, was nicht begraben war. Zum Schulrate durft' er aus Besorgnis nicht gehen, dass er sich verrate; dass er wenigstens die Ruhe des unschuldigen Mannes, der mit der Heirat einer noch verheirateten Frau weder sein orthodoxes Gewissen noch seinen Ehrgeiz hatte versohnen konnen, auf ein zweideutiges Spiel zu setzen wage.
Aber den Friseur Merbitzer konnt' er mit einer verminderten Gefahr, sich zu verraten, besuchen und von ihm eine grossere Aussteuer von Nachrichten mitnehmen. Ubrigens hatte jetzt die Sense des Todes mit den Banden der Liebe zugleich alle seine Ketten und Knoten zerhauen; er schadete nun niemand als sich, wenn er vor andern, ja vor der trauernden Natalie seine Totenlarve abzog und sich unvermodert darstellte um so mehr, da ihm sein Gewissen an jedem schonen Abend und bei jeder guten Tat die Verzogerzinsen der ruckstandigen Wahrheit-Schuldenmasse abfoderte und alle Moratorien verweigerte. Auch schwur sein Ich wie ein Gott seinem Ich, dass er nur diesen Tag noch bleibe und dann niemals wiederkehre.
Der Friseur ersah am Hinken sogleich, dass es niemand anders sei als der Vaduzer Inspektor Leibgeber. Er setzte, gleich der Nachwelt, dem vorigen Mietmann Siebenkas die dicksten Rosmarinkranze auf und beteuerte: sein jetziges Spitzbubenzeug von Strumpfwirkern oben sei gegen den sel. Herrn gar kein Vergleich, und das ganze Haus krache, wenn sie oben traten und schnarrten. Er brachte dann bei, dass der Selige die Frau in Jahrfrist nachgeholt habe dass diese nie Merbitzers Haus vergessen konnen, dass sie oft bei Nacht in ihrer Trauerkleidung, worin man sie auch beerdigen mussen, eingesprochen und Red' und Antwort von ihrer Veranderung gegeben: "sie lebten", sagte der Haarkrausler, "wie zwei Kinder miteinander namlich Stiefel und sie." Dieses Gesprach, dieses Haus und endlich sein eignes, jetzt so larmendes Zimmer zeigten nichts als leere Statten des zerstorten Jerusalems wo sein Schreibtisch war, stand ein Strumpfwirkerstuhl etc. und alle seine Fragen nach der Vergangenheit waren die Brandkollekte, welche die niedergebrannten Lustschlosser wieder aus der Phonixasche heben sollte. Die Hoffnung ist das Morgenrot der Freude, und die Erinnerung ihr Abendrot; aber dieses tropfet so gern in entfarbtem grauen Tau oder Regen nieder, und der blaue Tag, den das Rot verspricht, bricht freilich an; aber in einer andern Erde, mit einer andern Sonne. Merbitzer schnitt, unwissend, den Spalt tief und weit, in den er die abgeschnittenen Blutenzweige der alten Tage dem Herzen Firmians einimpfte und als seine Frau zuletzt erzahlte, dass Lenette nach dem Krankenabendmahl bei dem Vesperprediger angefragt: "ich komme doch nach meinem Tod zu meinem Firmian?" so kehrte Firmian von diesen blinden Dolchstichen seine Brust weg und eilte fort, aber ins Freie hinaus, um keinem Menschen zu begegnen, den er belugen hatte mussen.
Und doch musst' er sich nach einem Menschen sehnen, und ware einer nicht anders zu finden als unter seinem niedrigsten Dache im Gottesacker. Der gewitterhafte Dampf- und Dunstkreis des Abends brutete alle Wunsche der Wehmut an; der Himmel war mit unreifen zerstuckten Gewitterflocken durchzogen, und am ostlichen Horizont warf schon ein brausendes Gewitter seine entzundeten Pechkranze und seine vollen Wolken auf unbekannte Gegenden nieder. Er ging nach Hause; aber indem er vor den hohen Staketen des Blaisischen Garten vorbeilief, glaubt' er eine Gestalt wie Natalie, schwarz gekleidet, in die Laube schlupfen zu sehen. Erst jetzo fiel ihm die vorige Nachricht Merbitzers mehr auf, dass eine vornehme Trauerdame sich vor einigen Tagen alle Stuben seines Hauses zeigen lassen und sich besonders in den Siebenkasischen aufgehalten und nach vielerlei erkundigt habe. Nataliens Umweg auf der Reise nach Vaduz war immer nach ihrer kuhnen und romantischen Denkweise nicht unwahrscheinlich, da sie ohnehin Firmians Wohnort nie gesehen und der Inspektor ihr auf nichts geantwortet da Rosa verheiratet war und Blaise sich seit der Gespenstererscheinung ausgesohnt hatte und da Firmians Sterbmonat sie am naturlichsten zu einer Wallfahrt nach seinem letzten Orte einladen konnen.
Ihr Freund musste nun wohl den ganzen Abend mit schmerzlicher Warme an die letzte denken, die noch als der einzige unbedeckte Stern aus dem uberzognen Sternenhimmel seiner vorigen Tage schimmerte. Es wurde nun dammernd; es wehte kuhl; die Gewitter hatten sich schon an andern Landern erschopft; bloss schwarzrotes, zertrummertes Gewolke, gleichsam glimmende, halbverkohlte Brande, waren im Himmel ubereinander gehauft. Er ging zum letztenmal nun an den Ort, wo der Tod die rote, zugleich mit der Knospe abgeschnittene Nelke eingelegt hatte; aber in seiner Seele wehete es, wie ausser ihm, nicht mehr so schwul, sondern frischer die Bitterkeit des ersten Schmerzes hatten Tranen verdunnt er fuhlte sanfter, dass die Erde nur der Zimmerplatz, nicht die Baustelle der Menschen sei im Morgen glanzte mit aufsteigenden Sternen ein blauer, langer Streif uber den versunknen Gewittern der Lichtmagnet des Himmels, der Mond, lag wie eine Strahlenquelle auf der Folie einer gespaltenen Wolke, und das weite Gewolke schmolz ein und ruckte nicht.
Als Firmian naher am geliebten Grabe das gesunkne Haupt aufhob, ruhte eine schwarze Gestalt darauf. Er stockte, er blickte scharfer hin: es war eine weibliche, deren Angesicht, ins Eis des Todes eingefroren und eingeschmiedet, gegen ihn hinstarrete. Als er naher trat, war seine teuerste Natalie am bunten Grabgeruste niedergebrochen angelehnt, vor dem Herbstatem des Todes waren die Lippen und Wangen mit weisser Schminke angelaufen und die offenen Augen erblindet, und nur die Tranentropfen, die noch um sie hingen, zeigten an, dass sie erst gelebt, und dass sie ihn fur die Geistererscheinung gehalten, wovon sie so viel gehort hatte. Da sie in der schwarmerischen Trauer uber seinem Grabe ihrem starken und oden Herzen die Geistererscheinung gewunschet hatte, und da sie ihn nun kommen sah: so dachte sie, das Geschick erhore sie; und dann zerdruckte die metallene Hand des kalten Entsetzens die rote Rose zur weissen. O! ihr Freund war unglucklicher; sein weiches, nacktes Herz lag zwischen zwei aneinandersturzenden Welten zermalmt. Mit jammernder Stimme schrie er: "Natalie, Natalie!" Die Lippe zuckte auf, und das Auge warmte ein Hauch von Leben an; aber als der Tote noch vor ihr stand, schloss sie das Auge und sagte schaudernd: "Ach Gott!" Vergeblich warf seine Stimme sie ins stechende Leben zuruck; sobald sie aufblickte, gerann ihr Herz vor der nahen Schrecklarve, und sie konnte nur seufzen: "Ach Gott!" Firmian riss an ihrer Hand und rief: "Du himmlischer Engel, ich bin nicht gestorben blicke mich nur an Natalie, kennst du denn mich nicht mehr? O guter Gott! strafe mich nicht so grasslich und nimm ihr das Leben nicht durch mich!" Endlich hob sie langsam die schweren Augenlider auf und sah den alten Freund neben sich zittern, mit den Tranen der Angst und mit dem wechselnden Angesicht, das unter den Giftstacheln der Qualen aufschwoll er weinte froher und starker und lachelte sie schmerzlich an, als sie die Augen offen liess: "Natalie, ich bin ja noch auf der Erde und leide wie du Siehst du nicht, wie ich zittere deinetwegen? Nimm meine warme Menschenhand! Bist du noch in Furcht?" "Nein", sagte sie erschopft, aber sie blickte ihn scheu, wie einen uberirdischen Menschen, an und hatte keinen Mut zur Frage uber das Ratsel. Er half ihr unter sanften Tranen auf und sagte: "Aber verlassen Sie, Unschuldige, diese Trauerstatte, auf die schon so viel Tranen gefallen sind fur Ihr Herz hat das meinige kein Geheimnis mehr ach ich kann Ihnen alles sagen, und ich sag' Ihnen auch alles." Er fuhrte sie uber die stillen Toten hinauf durch die Hinterpforte des Gottesackers hinaus; aber sie hing, unter dem Ersteigen der nachsten Anhohe, schwer, matt und immer zusammenschaudernd an seinem Arm, und bloss die Tranen, welche die Freude, die aufgelosete Angst, der Kummer und die Ermattung miteinander aus ihren Augen trieben, fielen wie erwarmter Balsam auf das kalte, zerspaltene Herz.
Auf der schwer erklommenen Hohe setzte sich die mude Kranke nieder und die schwarzen Walder der Nacht lagen, von weissen Ernten gegittert und von dem stillen Lichtmeer des Mondes durchschnitten, vor ihnen, die Natur hatte den gedampften Lautenzug der Mitternacht gezogen, und neben Natalien stand ein teuerer Auferstandner. Er erzahlte nun Leibgebers Bitten seine kurze Sterbens-Geschichte seinen Aufenthalt beim Grafen alle Wunsche und Tranen seiner langen Einsamkeit seinen festen Entschluss, sie lieber zu fliehen, als ihr schones Herz mundlich oder schriftlich zu belugen und zu verwunden und die Entdeckungen, die er dem Vater ihrer Freundin schon gemacht. Sie hatte bei dem Berichte seiner letzten Minute und seines ewigen Abschiedes von Lenetten geschluchzet, als ware alles wahr gewesen. Sie dachte an vieles, als sie bloss sagte: "Ach Sie haben sich bloss fur fremdes Gluck geopfert, nicht fur eignes. Doch werden Sie jetzt alle Tauschungen aufheben oder gutmachen." "Alle, so weit ich kann (sagt' er), meine Brust und mein Gewissen kommen endlich wieder in Freiheit: hab' ich nicht sogar Ihnen den Schwur gehalten, Sie nicht eher zu sehen als nach meinem Tode?" Sie lachelte sanft.
Beide sanken in ein trunknes Schweigen. Plotzlich fiel ihm, als sie einen vom kalten Tau gelahmten Trauermantel178 auf den Schoss legte, ihre Trauer auf, und er fragte voreilig: "Sie betrauern doch nichts?" Ach sie hatte sie ja seinetwegen angelegt. Natalie antwortete: "nicht mehr!" und setzte, den Schmetterling ansehend, mitleidig dazu: "Ein paar Tropfen und ein wenig Kalte machten den Armen starr." Ihr Freund dachte daran, wie leicht ihn das Schicksal fur seine Kuhnheit mit dem Erstarren des schoner geschmuckten, obwohl ebenso schwarz bekleideten Wesens neben ihm hatte strafen konnen, das ohnehin schon in den Nachtfrosten des Lebens und im Nachttau kalter Tranen gezittert hatte; aber er konnte ihr nicht antworten vor Liebe und vor Schmerz.
Sie schwiegen nun, im gegenseitigen Erraten, halb in ihre Herzen, halb in die grosse Nacht verloren. Alles Gewolke ach nur das am Himmel hatte der weite Ather aufgesogen Luna bog sich mit ihrem Heiligenschein wie eine umstrahlete Maria naher aus dem reinen Blau zu ihrer bleichen Schwester auf der Erde herein der Strom schlug sich ungesehen unter niedrigen Nebeln fort, wie der Strom der Zeit unter den Nebeln aus Landern und Volkern hinter ihrem Rucken hatte sich der Nachtwind auf ein gebogenes, rauschendes Ahrenstroh gebettet, das blaue Kornblumen bestreueten und vor ihnen hinab lag die umgelegte Ernte der zweiten Welt, gleichsam die in der Fassung von Sargen liegenden Edelsteine, die durch den Tod kalt und schwer179 geworden und der fromme, demutige Mensch sank, als Gegenbild der Sonnenblume und des Sonnenstaubchens, als Mondblume gegen den Mond und spielte als Mondstaubchen in seinem kuhlen Strahl und fuhlte, nichts bleibe unter dem Sternenhimmel gross als die Hoffnungen.
Natalie stutzte sich nun auf Firmians Hand, um sich daran aufzurichten, und sagte: "Jetzt bin ich schon imstande, nach Hause zu kommen." Er hielt ihre Hand fest, aber ohne aufzustehen und ohne anzureden. Er blickte das erhartete Stachelrad des alten, von ihr gereichten Rosenzweiges an und druckte sich unwissend und unempfindlich die Stacheln in die Finger langere und heissere Atemzuge hoben die beladene Brust empor gluhende Tranen hingen sich vor sein Auge, und das Mondlicht zitterte vor ihnen nur in einem Leuchtregen hernieder und eine ganze Welt lag auf seiner Seele und auf seiner Zunge und erdruckte beide. "Guter Firmian", sagte Natalie, "was fehlet Ihnen?" Er kehrte sich mit weiten, starren Augen gegen die sanfte Gestalt und zeigte mit der Hand auf sein Grab hinunter: "Mein Haus drunten, das schon so lange leer steht. Denn der Traum des Lebens wird ja auf einem zu harten Bette getraumt." Er wurde irre, da sie zu sehr weinte, und da ihm das in himmlische Milde zerschmolzene Gesicht zu nahe war. Er fuhr mit der bittersten, innersten Ruhrung fort: "Sind denn nicht alle meine Teuern dahin, und gehst du nicht auch? Ach warum hat uns allen das folternde Geschick das wachserne Bild eines Engels auf die Brust gelegt180 und uns damit ins kalte Leben gesenkt? O das weiche Bild zerbricht, und kein Engel erscheint Ja, du bist mir wohl erschienen, aber du verschwindest, und die Zeit zerdruckt dein Bild auf meinem Herzen und das Herz auch: denn wenn ich dich verloren habe, bin ich ganz allein. Lebe aber wohl! Bei Gott, ich werde doch einmal im Ernste sterben und dann erschein' ich dir wieder; aber nicht wie heute, und nirgends als in der Ewigkeit. Dann will ich zu dir sagen: 'O Natalie, ich habe dich drunten mit unendlichen Schmerzen geliebt: vergilt mirs hier!'" Sie wollte antworten; aber die Stimme brach ihr. Sie schlug ihr grosses Auge zum Sternenhimmel auf; aber es war voll Tranen. Sie wollte aufstehen; aber ihr Freund hielt sie mit der Hand voll Dornen und Blut und sagte: "Kannst du mich denn verlassen, Natalie?" Hier stand sie erhaben auf, bog das Haupt gegen den Himmel zuruck, riss schnell die Tranen weg, die sie uberstromten, und die fliegende Seele fand die Zunge, und sie sagte mit betenden Handen: "Du Alliebender ich hab' ihn verloren ich hab' ihn wiedergefunden die Ewigkeit ist auf der Erde mach ihn glucklich bei mir!" Und ihr Haupt sank zartlich und mude auf seines, und sie sagte: "Wir bleiben beisammen!" Firmian stammelte: "O Gott! o du Engel im Leben und Tode bleibst du bei mir." "Ewig, Firmian!" sagte leiser Natalie; und die Leiden unsers Freundes waren voruber.
Fussnoten
1 So wurden wirklich alle Stucke im ersten Bande der ersten, unverbesserten Auflage geordnet, aber der guten Pauline verschlagt es gewiss nichts, dass ich in der zweiten, so sehr verbesserten mehr an ganz Deutschland denke und alles viel anders reihe. 2 Ich bitte instandig denjenigen Teil des Publikums, mit dessen Schilderung es auf den Haupt- und Kaufmann gemunzt ist, solche nicht auf sich zu beziehen; ich scherze oben offenbar, und meine Absicht ist ja klar. 3 Die Teufel mussten, sagt der Koran, dem Salomo dienen. Nach seinem Tode wurd' er ausgestopft und durch einen Stab in der Hand und durch einen andern, ans Steissbein gestemmten auf einen so scheinbar-lebendigen Fuss gesetzt, dass es die Teufel selber nicht fruher merkten, als bis die Hinterachse von Wurmern zernagt wurde und der Souveran umkugelte. S. Boysens Koran in Michaelis' Orientalischer Bibliothek. 4 "Und zwar in der langsten, aber besten Biographie, die ich je geschrieben und zu welcher mir taglich ganze Karren mit Aktenstucken, Urkunden Attestaten u.s.w. vor die Tur geschoben werden, weil ich kein Diese ganze Note stand in der fruhern Auflage; ist aber wohl in der gegenwartigen entbehrlich, da der Titan langst in aller Handen ist. 5 Wilhelmis Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Insekten. B. 1. 6 Spielerleben etc. etc. Gotha 1813 7 Himmelblau ist die Ordenfarbe der Jesuiten, wie des indischen Krischna und des Zorns. Die Hypothese des Physikers Marat, dass Blau und Rot das Schwarze geben, sollte man untersuchen, indem man dem Jesuiterblau das Kardinalrot zusetzte. Er selber brachte spater in der Revolution aus Blau und Rot und Weiss das schonste Elfenbeinschwarz heraus oder den chinesischen Tusch, womit spater Napoleon zeichnete. 8 Er nennt die Menschen, wie viele Herrnhuter und Monche und Fursten einander, seine Bruder, aber vielleicht mit Recht, da er sie ebenso gut wie ein morgenlandischer Furst die seinigen behandelt, ja noch viel sanfter dazu, ohne korperliches Kopfen, Blenden und Verschneiden bei einigem geistigen. 9 Dieselbe raubende und wurgende Tatze verbirgt sich bei beiden unter dem Schein eines Menschentritts. 10 L. 15. . 38 de injur 11 Sp. 547. n. tr. 12 Der Heimlicher in Freiburg ist drei Jahre lang unverletzbar in seinem Amte und drei Jahre nach dem Austritte daraus. Hanseatische Zeitung No. 415, 1816. 13 So heissen Leute, die sich selber sehen. 14 Es bestand meistens in Schatzgelde, in funf Vikariatdukaten u.s.w. 15 Plato malt bekanntlich unsere niedrigern Leidenschaften als einen im Unterleibe zappelnden Viehstand ab. 16 Er hatte gerade eine angebliche Kindermorderin zu verteidigen. 17 Deutscher Merkur von 1809. 18 Nach neuen Berichten ists mehr ein Reim als ein Vetter, das Dorf Potschappel bei Dresden. 19 Denn die wenigen sogenannten Ratfreunde (aus dem Burgerstande), die in Nurnberg und Kuhschnappel unter den Patriziern sitzen, haben zwar ihren Sitz, aber keine andere Stimme als eine fremde; und der ubrigen ruhigen Stellvertreter, wodurch der dritte Stand wirklich Sitz und Stimme in der Regierung hat, lich durch Steuergelder, deren konnen sogar nie genug vorhanden sein. 20 An der Kuste des nordwestlichen Amerika vom 50. bis 60. Grad nordlicher Breite tragen die Weiber in der durchlocherten Unterlippe holzerne Suppenloffel, und zwar desto grossere, je vornehmer sie sind; bei einer Frau war der Loffel 5 Zoll lang und 3 Zoll breit. Langsdorfs Bemerkungen auf einer Reise um die Welt, Bd. 2 21 Das Buch kam 1789 in der Beckmannschen Buchhandlung in Gera unter dem Titel: "Auswahl aus den Papieren des Teufels" heraus. Ich werde weiter hinten meine Meinung uber jene Satiren zu aussern wagen. 22 Auf den damaligen Gillets waren Tiere und Blumen abgebildet. 23 Mosheims Kirchengeschichte, 3. T. S. Anmerkung von Hrn. Einem. 24 so hiess man sonst (s. Klubers Anmerkungen zu de la Curne de Sainte-Palaye vom Ritterwesen) die Aufseher bei den Turnierubungen, deren schwache Nachbilder noch einige adlige Hauslehrer geben. Damals nannte man die ritterschaftlichen Hofmeister "Bubenzuchtmeister", und man will wunschen, dass einer Zeit, die alle guten Reste des Ritterwesens wieder hervorsucht, wenn nicht fuhren, doch verdienen. 25 Der franzosische Akademist Nikolaus Henrion zerrete den Adam bis zu 123 Fuss 9 Zoll lang, Hevam 118 Fuss 9 3/4 Zoll. Die Rabbinen berichten das Obige, dass Adam nach dem Fall durch den Ozean gelaufen. S. den II, bibl. Discours von Saurin. 26 Die bekannte Sekte, die unbekleidet in die Kirche ging. 27 Im eigentlichen Sinn die erste Nacht, weil Eva nach vielen Gelehrten schon am Morgen ihrer Schopfung die Obstdiebin wurde. 28 Es scheint fast auf die Ineinanderverleibung des ernsten Tigers und des spielenden Affen hinzudeuten, dass der Greve-Platz in Paris zugleich die Richtstatte der Missetater und das Lustlager offentlicher Volkfeste ist, dass auf demselben Raum Pferde einen Konigmorder zerreissen und Burger einen Konig feiern und dass die Feuerrader der Geraderten und die Feuerrader der Feuerwerker benachbart nacheinander spielen schauerliche Gegensatze, die man nicht haufen darf, wenn man nicht selber in die Nachahmung derer, die zur Ruge den Anlass gegeben, verfallen will. 29 Buxt. lex. p. 221. 30 Mosers Osnabruckische Geschichte etc. I. Tl. 31 Wer den Hesperus spater lieset als diese Vorrede, dem muss die unschuldige Neubegierde gelassen werden. Der andere hat sie schon gestillt. 32 Prokulus, Landpfleger des Genserichs, stahl alle orthodoxe Kirchen in der Zeugitianischen Provinz in Afrika aus und liess die Altartucher zu Kamisolern und Hosen verarbeiten. Simonis Christl. Altertum. p. 286. 33 In dem Mittelalter wurde am ersten Ostertage auf der Kanzel Spass gemacht, den man ein christliches Ostergelachter hiess. 34 "Das Fest der Sanftmut am 20ten Marz." Es beschliesst das dritte Bandchen. 35 Nach Schroters Beobachtungen stellen sich uns die grunenden Strecken des Mondes als Flecken dar, weil sie weniger Licht zuruckwerfen als kahle weisse. 36 S. Moritz Reise durch England. 37 Da der obige Kettenschluss als solcher seinen Zusammenhang haben muss: so hab' ich ihm einigen durch blosse Worte und Ubergange zu erteilen gesucht und die Glieder der Schlusskette in etwas durch den Faden der Rede verbunden; und man mag sie etwas der ein eigner, privatisierender, idiopathischer Wurm ist. 38 Dictionnaire philosophique. Art. Reliques. 39 Im 3ten Stuck des Lichtenbergischen Magazins fur die Physik etc. wird das Beispiel einer Frau erzahlt, die aus einer Blume einen Wurm ins Gehirn hinaufzog, der sie mit Wahnsinn, Kopfschmerzen u.s.w. marterte, bis er lebendig wieder aus der Nase zuruckging. 40 Voltaire bringt heraus, dass einer, der 23 Jahr alt wird, eigentlich nur 3 1/2 Jahr im eigentlichen Sinn gelebt habe. Bei mir nehmen oft Leute das gouter ein, die keine Funftels-Sekunde alt sind, ja einer davon starb ohne alles Alter ab. Unser guter alter Kant hingegen mag schon seine vollen 25 Jahre auf dem Nakken haben, wenn nicht mehr. 41 Das Werk, das der Hr. Vorredner als Vorlaufer ankundigt, wie ich selber schon tat im ersten Bandchen, wird wirklich diesen Namen fuhren und soll mir (insofern ich kann) statt einer Dispensationbulle, statt einer Absolution in articulo mortis, statt einer poenitentiaria gegen so viele asthetische Sunden dienen, die ich schon begangen habe. (Jetzt, nach der Herausgabe des Titans, hab' ich bloss nachzutragen, dass an die Stelle meiner Schosssunden die meisten Kritiker ihre eignen im Beurteilen desselben gesetzt.) 42 Der giftige Boa Upas, unter dem man schon in wenigen Minuten das Haar verliert. 43 Die mittlern Deutschen baueten an die Brunnen ihrer Burgen ein kleines Haus Ruhe genannt fur mude Pilger auf. 44 Auswahl aus den Papieren etc. S. 41. 45 Die Musici der Alten hatten sie an. Bartholin. de Tib. Vet. III. 4. 46 Manner ebenfalls, nur in kleinerem Grade. Ein Mann, welcher taglich 90 Sachen mit regelmassiger Erinnerung abtut, soll eine 91ste ein- oder zweimal vergessen haben so vergisst er sie fort bei allem anderweitigen Gedachtnis. Es gibt hier keinen andern Arzt als einen Menschen oder einen Umstand, der gerade in dem Augenblicke des Vergessens erinnernd eintritt. Hat er nun einmal einmal zu vergessen aufgehort, so vergisst er nicht mehr weiter. 47 Ein Ortstaler gilt 6 Gr. 48 Schmeckherren nennt man in verschiedenen Stadten die Bier- Polizeileutenants, welche umhergehen und den Wert der Biere kosten. 49 Nach den Rabbinen setzet am Sabbate die Qual der Verdammten aus; nach den Christen am Hollenfahrttage Christi. 50 Testimonium integritatis, das priesterliche Zeugnis, dass eine Verlobte nie etwas mehr gewesen. 51 Ich wunschte, schon damals hatte Market in Kothen seine treffliche Lampe (viel wohlfeiler und augendienlicher als eine von Argand) erfunden gehabt, welche man in einem Thomasabend nur einmal zu schneuzen braucht und die, mit Rubol genahrt, (mir seit Jahren) ein stilles reines helles Licht gewahrt, wie andern sogar uber Billardtafeln. 52 In Bern und im Pays de Vaud sind zu einem vollen Beweise entweder zwei mannliche oder vier weibliche Zeugen notig. Roslins Weibl. Rechte, 1775. 53 In Holland bedeutet die beste Kammer das geheime Gemach. 54 So lange die Tortur fortwahrt, steht die messende Sanduhr aufrecht. 55 Wirklich behauptete Bonnet, dass sie nicht mehr als sechs Ideen auf einmal haben konne. S. Hallers grosse Physiologie. 56 Nur kann man nicht sagen, dass der Wind durch Verjagen boser Dunste nutze, weil er ja fur alle brachte, mir wieder alle schlimme meines Vormanns zugefuhret hatte, und weil das stehende Wasser nicht darum modert, weil kein fliessendes den Moder wegschwemmt. 57 Denn es wird besonders der Frau viel leichter nachzugeben und stillzuschweigen, wenn sie recht als wenn sie unrecht hat. 58 Und die ganze "Auswahl aus des Teufels Papieren" ist in jenem Tone geschrieben; aber die ScheinHarte desselben, die sich gegen ganze Stande und Geschlechter richtet, war bloss die asthetische Bedingung einer rein durchgefuhrten Satire. 59 Solche Restaurateurs fur Bettler gibts in London. 60 In Paris wird mit den von den reichen Tafeln fallenden Brotkrumen und Brot-Pulvern ein ansehnlicher Handel-Verkehr getrieben. 61 Auf einer Schweinehaut musste sonst der Jude mit nackten Fussen stehen und schworen. 62 Das Vieh darf am Schabbes gar nichts tragen; sogar die Lappchen der Unterscheidung werden den Huhnern abgenommen, so muss der Jude nur Unjuden melken lassen; nicht einmal Tau oder Staub darf er von sich ab kehren. Der Jude, oder altes und neues Judentum. B. 2. S. 481 etc. 63 Es ist Pflicht zweiter, verbesserter Auflagen, hier die Esslust der Damen an Hoftafeln auszunehmen. Lange Sitzung, lange Weile, lange Gewohnheit und Tischgefalligkeit legen ihnen so viel in den Mund, als etwa der kantische Magen eines magern Philosophen vertruge, aber kein Kurialmagen. Indes gehoren eben Unverdaulichkeiten unter die Honneurs, welche Hofdamen zu machen haben. 64 Man muss gelesen haben, dass Prizelius Bataillenpferde an die trommelnde Schlacht so gewohnt, dass er ihren Hafer auf die Trommel schuttet und auf deren zweitem Felle unten trommelt, wahrend sie vom ersten das hupfende Futter fressen. 65 Von der Erfahrung B. 1. p. 444. 66 Der Stoff der Allegorie ist leider wahr: die Schafer wissen lebendigen Schafen mit Staben das Fett aus dem Unterleibe zu drehen. 67 Bellarmin und die Rabbinen sagen, dass die Taube das Blatt, das sie dem Noah zutrug, aus dem Paradies abgeblattet, das zu hoch fur die Sundflut lag. 68 Denn bekanntlich gibt es keine Gewachse mit eilf Staubfaden. 69 Wenigstens schreibts ein wittenbergischer ChroniNurnberger aufschneiden durfte. Wagenseil de civ. Norimb. p. 239. 70 Dr. Hooke rat den Sternsehern, sich das Sonnenbild so lange von Planspiegeln zuruckwerfen zu lassen, bis es erloschen scheint. Priestleys Geschichte der Optik. 71 Den Lesern sag' ichs, dass eine grosse Nummer grosse Nadeln, und den Leserinnen sag' ichs, dass eine grosse kleinen Schrot anzeigt. 72 Es erinnert namlich jeder sich noch aus dem zweiten Kapitel, welche ehrenruhrige Anrede an Blaise Leibgeber auf den die Gerechtigkeit vorstellenden Ofen mit sympathetischer Dinte geschrieben. Als daher einmal an einem kalten Herbsttage die Themis fur eine grosse Gesellschaft geheizet werden musste: so war das kurze Pasquill, das ihn einen Injustizminister und dergleichen nennt, schon dem grossern Teil der Gaste durch die Hitze lesbar geworden, eh' man nur daran gedacht, es abzukratzen. Von Blaise machte aber kein Hehl daraus, dass es entweder Leibgeber oder Siebenkas gemacht. 73 Dessen introduction dans l'histoire de Dannemarc. 74 Art. 159. P. G. O. 75 Der Bruder des Doktor Hunters fand sie. S. van Dalems Reise durch England. 76 Pl. H. N. XII. 17. 77 Bekanntlich wurde dem Romischen Kaiser eine goldne Krone in Rom aufgesetzt, eine silberne in Aachen, eine eiserne in Pavia. Ein Konig hat einen Kopf, der alle Kronen zu tragen vermag, Kronen von allen Landern, von allen Metallen, sogar von Quecksilber. 78 Zanger und Heil vermuten aus dem haufigern Seufzen beim Namen Jesu, aus dem fruhen Kommen in die Kirche, aus dem spaten Gehen nichts Gutes; etwas ist an der Sache und ein solches Wesen nicht ganz vom Teufel rein. 79 Wenig oder nichts gebuhrt der jetzigen Landwehr von dem Lobe, das ich der vorigen in der ersten Auflage gegeben; viel gerechter durften dasselbe sich die regelmassigen Soldatenheere der kleinren Souverane jetzo zueignen. 80 Etudes de la nature, T. III. p. 220. Der Verfasser, ein Schuler Rousseaus, ist fur Freunde Rousseaus. 81 Die Haarkrauslerin, die Schusterin, die Buchfinderin: denn die alte Sabel selber, das Erbamt bei der koniglichen Tafel verwaltend, bring' ich nicht in Anschlag. 82 Griechen und Romer hatten bekanntlich bei Gastmahlen einen Zeremonienmeister oder Speise-Gonfaloniere, dessen Regierung so lange dauerte als das Essen. 83 Wolf Memorab. Cent. XIII. p. 540. Es ist freilich nur Verleumdung; aber in den finstern Zeiten griff man mehr die Handlungen und jetzo mehr die Lehrsatze der Ketzer an, weil jetzo Rechtglaubige und Andersglaubige doch wenigstens im Handeln ubereinkommen. 84 Diese Kronung des Peters mit ungesauertem Brot (s. Jagers Historische Tabell.) ist wie die jetzigen mit den Kaufmitteln des Brots nichts als eine rhetorische Figur, die pars pro toto heisset. 85 zwei Locher an einer Haselnuss deuten an, dass der Kafer, der darin als Wurmchen den Kern zernagte, verpuppet ausgekrochen ist. 86 Wenn einmal mein Herz so unglucklich und ausgestorben ware, das in ihm alle Gefuhle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstoret waren; so wurd' ich mich mit diesem meinem Aufsatz erschuttern und er wurde mich heilen und mir meine Gefuhle wiedergeben. 87 Wie die Griechen und Romer der Sonne ihre Trauschen Furstin (Lichnowsky), die ihn veranlasst hatte, da sie die Reise von Wien nach Baireuth machte, um ihren Sohn der aus dem Boden seines Standes in die Gartenerde eines weisen und edlen Erziehers (Hofrat Schafer) versetzt war zu umarmen. 88 Jene versehen bei der Krone Boheim das Erzkuchenmeister-, diese das Erbvorschneideramt. 89 Die Scholastiker glauben, zwei Engel haben Platz an einer und derselben Stelle. Occam. 1. qu. quaest. 4 u.a. 90 Man fabelte, das Mannchen des Paradiesvogels brute, bloss im Ather hangend, die Eier auf dem Rukken des Weibchens aus. 91 Besonders an kalten hellen Winter-Morgen und Abenden. Seit mehr als zwanzig Jahren heg' ich Siebenkas desfalls diese Krankheit, die eben jetzo am 24ten kalten Dezember bei ihrem Malen mir wieder sitzt, in mir. Sie ist nichts als eine Lahmung der Lungen-Nerven besonders des umherschweifenden Nerven (nerv. vag.) und kann mit der Zeit (denn man sieht, dass ihr zwanzig Jahre noch nicht hinreichen) jenen Lungenschlagfluss erwirken, den Leveille in Paris und neulich Hohnbaum als eine neue Gattung aufstellen, und welchen man wohl, nach Ahnlichkeit des Millars-Husten, den Siebenkasischen oder J. Pauls-Schlagfluss nennen konnte. 92 Buffon uber die Erzeugung. 93 L. I. . 3. D. de postulando. 94 Nach Justin; s. Bastholms Judische Geschichte, aus dem Danischen. 1785. 95 Der Ehemann sollte mehr den Liebhaber, und dieser mehr jenen spielen. Es ist nicht zu beschreiben, welchen mildernden Einfluss kleine Hoflichkeiten und unschuldige Schmeicheleien gerade auf die Personen haben, die sonst keine erwarten und erlangen, auf Gattinnen, Schwestern, Verwandte; sogar wenn sie Hoflichkeit fur das halten, was sie ist. Diese erweichende Pomade fur unsere rauhen zersprungenen Lippen sollten wir den ganzen Tag auflegen, wenn wir nur drei Worte reden; und eine ahnliche Handpomade sollten wir im Handeln haben. Ich halte, hoff' ich, meinen Vorsatz, keiner Frau zu schmeicheln, und sogar meiner eignen nicht; aber 4 1/2 Monate nach der Trauung fang' ich an, ihr zu schmeicheln, und fahre fort mein lebelang. 96 S. Klubers Anmerkung zu de la Curne de SaintePalaye, uber das Ritterwesen. 97 In die Schlangengrotte bei Civita Vecchia brachte man sonst halb vermoderte Kranken, denen, wahrend sie in einem aus Opium gemachten Schlafe da ruhten, Schlangen die Wundenmaterie ableckten. Labats Reis. VI. p. 81. 98 Ganz dieselbe Erscheinung bemerkte wieder der Verfasser dieses in Baireuth den 19ten Janner 1817. 99 Sander uber das Grosse und Schone der Natur. Tl. 1. 100 Wepf. hist. apoplect. p. 468. 101 Repub. des lettres, Octobr. 1685. V. 1091. 102 Teufels-Papiere S. 427. Unter der Einkleidung: "Gutgemeinte Biographie einer neuen, angenehmen Frau von blossem Holz, die ich erfunden und geheiratet." Auf die starke Sauere dieser Satire mag wohl Lenette mit ihren Sonnenstichen zeitigend eingewirkt haben. 103 Tissot von den Nervenkrankheiten. 104 Diese besteht darin, dass man den Anker auf ein tiefes, hartes Lager niederwirft. 105 Dictionnaire des Merveilles de la nature par Sigaud de la Fond. T. II. Die Art, wie eine agyptische Konigin eine Pyramide aus losen Steinen aufschichtete, und zwar hoher, aber mit geringern Schmerzen als die obige Frau, ist bekannt und gehort nicht unter Sigauds Merveilles de la nature. 106 Dieses und alles folgende, was Agrippa ward und hatte, steht in Naude (Naudai) Abhandlung von den Gelehrten, die man fur Zauberer gehalten, unter dem Namen Agrippa. 107 Schalk hiess sonst Diener, jetzo nicht selten umgekehrt. 108 Aus Mangel an Geld, an Gesundheit. 109 So heisset eine bis zur Ohnmacht getriebene. 110 So heissen die vom heimlichen Gericht Verurteilten. 111 Das hippokratische nennt man das verzogene in der Sterbstunde. 112 Jede Reise verwandelt das Spiessburgerliche und Kleinstadtische in unserer Brust in etwas Weltburgerliches und Gottlichstadtisches (Stadt Gottes). 113 Das erste Gewachs offnet sich morgens nach 8 Uhr, der Pippau um 11. 114 Er meint nicht die spatere genauere Analyse von Polen, sondern die erste 115 Ein Stadtchen in der Grafschaft Mansfeld, gehorig dem Kurfursten von Brandenburg. 116 Poetisch-philosophische Kapitel in der nun seit vielen Jahren in Gera gedruckten und als Makulatur reissend abgegangenen Auswahl. 117 "Der Vater darf fur seine ledige Tochter, der Bruder fur die Schwester etc., jede ledige oder verheiratete Mannsperson fur die ledige Weibsperson eine Pension versichern lassen, ja sie kann sich selber eine Mannsperson wahlen, auf deren Tod die Versicherung gestellet wird. Beide werden als Eheleute angesehen, und sie behalt wie eine wahre Witwe bei der Heirat die Halfte." Reglement fur die Kgl. preuss. allgemeine Witwenverpflegungsanstalt vom 28. Dez. 1775. 29. 118 Vom Generalkontrolleur Silhouette hat der Schattenriss seinen zweiten Namen. Ein leeres odes Gesicht heisst in Paris eines a la Silhouette. 119 Die gelbe Gold- oder Asphodillwurzel. 120 Bekanntlich hauchen auch Giftpflanzen Lebenluft aus. 121 Z.B. in Engelhardszell knopfet die osterreichische Maut jeden Schmerbauch auf, um zu sehen, ob der Speck kein Tuch sei. 122 Da Madchen den Eiteln am ersten durchschauen: seine Paradewache, als seine Ehrenpforte zum Prahlen gebrauchen und in der besuchten Fantaisie vorfuhren wollte. 123 Uns ist allen schon aus den Zeitungen bekannt, dass durch die Wiener "Gala-Redouten" eine PapierLaterne mit der Aufschrift wandert: "es ist aufgetragen", welches man das Wiener Laternisieren nennen kann. 124 Der Tod den Schlaf, der Himmel den Traum. 125 Im ganzen Aufsatze ist nicht von der praktischen Menschen- und Feindes-Liebe, die sich durch Taten und durch Enthalten von Rache aussert und die keinem Rechtschaffenen schwer sein kann, sondern von den misanthropischen und philanthropischen Gefuhlen die Rede, woruber die blosse Moral wenig vermag, von der innern Liebe ohne Taten, von der peinlichen geheimen Entrustung uber Sunder und Toren. Es ist leichter, sich fur die Menschen aufzuopfern als sie zu lieben, es ist leichter, dem Feinde Gutes zu tun als ihm zu vergeben. Die Sehnsucht und die Seltenheit der Liebe hat erst einen Maler gehabt F. Jacobi; wir brauchen keinen zweiten. 126 Wenigstens starker, da, wenn man einmal kalt gegen jemand ist, alles Ausserliche, das Schone wie das Hassliche, die Kalte nur mehret. 127 Ein Franzos beschwor es, er konne die Englander nicht ausstehen, parce-qu'ils versent du beurre fondu sur leur veau roti. 128 Die wachsende Menschenliebe bricht dem satirischen Vergnugen an fremder Torheit immer mehr ab, die Torheit eines Busenfreundes macht uns nichts als bittern Schmerz: warum wollen wir nicht alle Menschen als Busenfreunde behandeln? 129 Pomp. Mel. de S. O. 1. 18. 130 Schweiz und Holland. 131 Bekanntlich wurde das Gesicht des sogenannten Mannes mit der eisernen Larve nach seinem Tode mit so vielen Wunden verstummelt, bis diese die eiserne durch eine andere ersetzten. 132 Eine Art Seevogel schlaft fliegend und woget sich auf und nieder, und die Beruhrung des Meers weckt sie oft. Marollas Reise nach Afrika. 133 Die Platterbse hat zwar uber der Erde einige Blumen und Fruchte, aber unter ihr die meisten, obwohl weisse. Linne, Abhandlung von der bewohnten Erde. 134 Die Ahnlichkeit, die sie mit den Onozentauren haben sollen, bezieht sich wahrscheinlich auf den Reiter Bileam, der ungunstig rezensieren sollte und es doch nicht vermachte. 135 Sind von Dorf zu Dorf reisende und lehrende Schulhalter in England. 136 Seite 163 des Taschenbuchs fur Brunnen- und Badegaste 1794 steht die Nachricht dass vor Damen, wahrend sie in den Badewannen eingeriegelt liegen, auf den Deckeln der letzten junge Herren sitzen, um sie unter dem Wasser zu unterhalten. Dagegen kann freilich die Vernunft nichts haben da das Wannenholz so dicht ist wie Seide, und da in jedem Falle jede allemal in einer Hulle stecken muss, in der sie ohne Hulle ist aber wohl das Gefuhl oder die Phantasie, und zwar aus demselben Grunde, warum ein Deckbette, 1/4 Elle dick, keine so anstandige und dichte Kleidung ist als ein Florhabit fur einen Ball. Sobald nicht die Unschuld der Phantasie geschonet wird so ist keine andere weiter zu schonen; die Sinnen konnen weder unschuldig noch schuldig sein. 137 Locor. Theol. a Gerhard. Tom. VIII. p. 1170. 138 Die weissbluhende wird weinen, die rotbluhende wird sturmen, wie der bleiche Mond Regenwetter, und der rotliche Sturmwind ansagt (pallida luna pluit, rubicunda flat). 139 In der Komorner Gespannschaft. Windisch, Geochen Doppelgeburt in Schottland. 140 Nach dem Aberglauben, dass sich das Scharfrichter-Schwert von selber bewege, wenn es jemand zu toten bekomme. 141 Der sich durch gemalte Disteln, wie Swift durch andere, auszeichnete. 142 Dreyers Miszellen. S. 105. 143 Westenrieders Kalender von 1791. 144 Nichts ist unvernunftiger, unbezwinglicher und unerklarlicher als der Ekel, dieser widersinnige Bund des Willens mit der Magenhaut. Cicero sagt: der Schamhafte bringt nicht gern den Namen der Schamhaftigkeit dieses transzendenten Ekels auf die Zunge, und so geht der Ekle mit dem Ekel um, besonders da korperliche und moralische Reinheit Nachbarinnen sind, wie der reinliche und keusche Swift an sich zeigt. Sogar der korperliche Ekel, dessen Stoff mehr ein phantastischer als physischer ist, nimmt mehr das sittliche Gefuhl in Anspruch, als man denkt. Gehe mit einem Magen, der Unverdautes oder Brechwein bei sich hat, uber die Gasse: so wirst du an zwanzig Herzen und Gesichtern und, wenn du nach Hause kommst, an noch mehren Buchern ein innigeres sittliches und asthetisches Missfallen empfinden 145 Ein Bettler in England der eine Bude voll Krukken, Augenpflaster, falscher Beine etc. besitzt, die jeder haben muss, der lahm, blind, hinkend sein will. Brit. Annal., I. B. 146 Bibliotheque ancienne et mod. T. IV. p. 59. 60. Solche Rezensionen, wie Le Clerc in dieser und in der Bibliotheque choisie verfertigte, sind zum Gluck abgekommen, da sie sich von Buchern in nichts unterscheiden als in der Kurze und Fulle. 147 Die Rabbinen behaupten namlich, Kain habe seinen Bruder erschlagen, weil dieser ihn widerlegen wollte, da er (Kain) die Unsterblichkeit der Seele etc. bestritt. Also der erste Mord war ein Autodafe und der erste Krieg ein Religionkrieg. 148 Drei solche Dinge durfte in Athen jeder Verurteilte offentlich sagen, nach Casaubon in seiner XVI. Exerc. gegen Baron. Annal., ders wieder aus dem Suidas haben will. 149 Nach De Luc, s. den 3. Bd. der Kleinen Reisen fur Reise-Dilettanten. 150 Das ist er selber. Er will darum seine Verlassenschaft an sich, und nicht an seine Frau ausgehandigt haben, um es genauer zu wissen, da sie vielleicht wahrend dieses Termins konnte reich geheiratet haben; auch erfahrt er so den Fall des Unterlassens leichter und kann also die Drohung erfullen, die er sogleich ausstossen wird. 151 So steht auf den offentlichen Gebauden des Marktfleckens; wiewohl es durch den Abstich lacherlich wird, dass ein solcher Reichs-Bologneser danische Reichs-Doggen nachahmt, wie z.B. Nordlingen, Bopfingen, die freilich mit ein wenig grosserem Rechte auf ihre offentlichen Gebaude und Ukasen setzen: Senatus populusque Bopfingensis, Nordlingensis. 152 Reuel, und nicht Reul, wie ich sonst geschrieben, heisst er, und es ist mir um so lieber, da ein solcher theologischer Helfer nicht den Klangnamen eines medizinischen Helfers, wie der edelherzige freigeistige Reil gewesen, unnutz fuhren soll. 153 Leibgeber meinet zugleich das zweite Leben, das er niche glaube, und Firmians Fortsetzung des ersten in Vaduz. 154 In Italien nimmt man grosse Freskogemalde unbeschadigt von der Mauer ab. 155 Rosenblatter wirken im Magen wie Sennesblatter. 156 Plin. H. N. VIII. 30. 157 Dieser macht bekanntlich als eine grossere Psyche in Schadel sein Nest. 158 Bekanntlich kommt ein Konigherz in ein goldenes Sarg-Besteck. 159 Es war bei den Romern der Schauspieler, der bei dem Leichenbegangnis den Toten mit seinem ganzen Mienenspiel nachmachte. Pers. Sat. 3. 160 Beides mussten sich die gefallen lassen, die man fur tot gehalten und als solche eines Leichenbegangnisses gewurdigt hatte. Potters Archaol. von Rambach ubersetzt. S. 530f. 161 Augustin. commentar. ad Johan. XXI. 23. 162 So oder auch tumulus honorarius hiess das leere Grabmal, das Freunde einem Toten baueten, dessen Korper nicht zu finden war. 163 Alexand. ab Alex. III. 7. 164 Es ist von 1796 die Rede. 165 Pythagoras machte, dass alles, was er mit Bohnensaft auf einen Spiegel schrieb, im Mond zu lesen war. Cael. Rhodogin IX. 13. Als Karl V. und Franz I. sich uber Mailand bekriegten, konnte man durch einen solchen Spiegel alles, was in Mailand am Tage vorging, ohne Muhe zu Paris zu nachts am Monde lesen. Agrippa de occ. philos. c. 6. 166 Eine lange Wolke mit Streifen wie Aste, die Sturmwetter verkundigt. 167 Der Aberglaube wahnt, dass von zwei Kindern, die sich kussen, ohne reden zu konnen, eines sterben muss. 168 "Daher ich voraussehe, dass die Leibgeberischen Hirtenbriefe in diesen Blumenstucken fur die meisten Leser unausstehliche Absage- oder Ausfoderbriefe sind. Die meisten Deutschen verstehen dies soll man ihnen nicht nehmen Spass, nicht alle Sehen, wenige Humor, besonders Leibgeberschen. Deshalb wollte ich anfangs weil doch ein Buch leichter zu andern ist als ein Publikum alle seine Briefe verfalschen und fasslichere unterschieben; aber man kanns noch immer in der zweiten Auflage so anordnen, dass man die verfalschten ins Werk einmacht und seine wahren hinten anhangweise nachbringt." Dies wurde gar nicht notig gemacht. Aber Himmel! wie konnen erste Auflagen so fehlschiessen und so viele Leser falsch nehmen, fur welche nachher zweite sich mit aufrichtiger Warme erklaren! 169 Plin. H. N. VII. 48. 170 Sie meint das Witwengehalt. 171 Bei den Ranunkeln und bei der Braunwurz senket sich jedes Jahr das Unterste des Stengels tiefer in die Erde ein und wird der Ersatz der wegfaulenden Wurzel. 172 Im Enthusiasmus ist die umgekehrte Rangordnung. Um deine fest liegenden Grunde von moralischem Werte viel gewisser zu kennen als aus Entschlussen und Handlungen, so merke nur auf die Freude oder Betrubnis, welche zuerst in dir bei einer moralischen Anfoderung, Nachricht, Abweisung blitzschnell aufsteigt, aber sogleich wieder verschwindet durch das spatere Besinnen und Besiegen. Welche grosse faulende Stucke vom alten Adam findet man da oft! 173 Die Ehefrau des Pinarius, Thalaa, unter der Regierung des Tarq. superb. war die erste, die mit ihrer Schwiegermutter Gegania gezanket hat. Plut. im Numa. Vielleicht stellet einmal die deutsche Geschichte noch ehrenhafter die erste Gattin auf, die nicht mit ihrer Schwiegermutter gekeifet; wenigstens sollte ein deutscher Plutarch auf eine solche Jagd machen. 174 Der bekannte Wasserfall pisse vache sturzt sich in einem solchen Bogen vom Felsen, dass man unter ihm weggehen kann und also gegen Regen zuge175 Ist ein Popanz, 9 Fuss hoch, aus Baumrinde und Stroh, womit die Mandingoer ihre Weiber schrecken und bessern. 176 Walthers Physiologie. B. 2. 177 1000 Millionen bekriechen diese Kugel. 178 Ein Tagschmetterling mit schwarzen, weiss geranderten Flugeln. 179 Kalte und Schwere hat der echte Edelstein in grosserem Masse als der unechte. 180 Man gab sonst den Toten wachserne Engelbilder mit ins Grab.